Ferdinand Gregorovius Römische Tagebücher Auszüge 1852 - 1889 Gregorovius im Alter von 40 Jahren 1852 Bastia, Korsika, 4. 9. 1852 Am 2. April 1852 verließ ich die Stadt Königsberg, wo tags zuvor der letzte Sohn meines ältesten Bruders Rudolf, der herrliche Richard, im Alter von dreizehn Jahren gestorben war. Die Leiche sollte zum Vater ins Pfarrhaus nach Rogehnen gebracht werden, wohin ich zunächst ging. Auch der Bruder Julius kam von Graudenz dorthin. Es waren schwere, schmerzvolle Stunden. Wir erwarteten den Sarg. Es war Nacht. Wir gingen ins Freie auf die Chaussee, immer horchend, ob der Wagen komme. Es war Frühling in der Luft. Kraniche zogen über uns vom Süden her. Am nächsten Tage reiste ich ab von Neidenburg, wo ich von der Stiefmutter und der Schwester Abschied nahm, und ging über Posen nach Wien. Dort übergab mir Lenaus Schwester, Frau Schurz, die andere Todesnachricht. Mein Freund Ludwig Bornträger, ein junger talentvoller Maler, war zu Pisa am 5. April gestorben. Calvi in Korsika, 22. 7. 1852 Am 19. April betrat ich das Land Italien, in Venedig. Von dort eilte ich nach Florenz, wo ich die Mutter des Freundes fand. Nach einigen Tagen brachte ich Frau Bornträger bis nach Trient, wo wir uns trennten. Ich kehrte sofort nach Florenz zurück. Ich wohnte dort in einem Privathause auf der Piazza Santa Maria Novella mehrere Wochen lang. Es war sehr heiß geworden. Alle meine Lebensgeister, so hatte ich mir eingebildet, sollten sich in diesem Lande steigern und schöpferische Ideen in Fülle sich in mir entzünden. Doch nichts regte sich in meiner Seele, und dieser öde Zustand machte mich sehr unglücklich. Ich verzweifelte daran, daß in mir noch etwas Zukunftsvolles lebe. Ich gab mich fast verloren. Anfang Juli ging ich nach Livorno, wo mich Heinrich Hirsch empfing. Der Anblick der sonnigen Meeresweiten, der fernen Eilande und endlich die Erzählungen eines Griechen von der Schönheit seiner Heimatinseln erweckten mir das heftigste Verlangen, eine Insel zu sehen, und so beschloß ich, nach Korsika hinüberzufahren. Am 14. Juli nachts landete ich in Bastia. Aus demselben Hafen kehrte ich am 5. September nach Livorno zurück. Korsika entriß mich meinen Bekümmernissen, es reinigte und stärkte mein Gemüt; es befreite mich durch die erste Arbeit, deren Stoff ich der großen Natur und dem Leben selbst abgewonnen hatte; es hat mir dann den festen Boden unter die Füße gestellt. Am 23. September fuhr ich mit Hirsch nach Elba, wo ich ein paar Tage blieb. Am Dienstag den 28. von Livorno nach Siena. Am 20. September von dort in einem Vetturinwagen nach Rom, in Gesellschaft der römischen Familie Serny. Erste Nacht in Scala, zweite in Bolsena, dritte in Ronciglione.   Capanne Timozzo, Monte Rotondo, Korsika, 28. 7. 1852 Rom, 4. Oktober 1852 Via Felice, Nr. 107 Von Ronciglione um 7 Uhr morgens abgefahren nach Monte Rosi. Um 10 Uhr erreichten wir Baccano. Man sagte mir, daß von den Hügeln droben Rom zu sehen sei. Ich stieg hinauf, allein, in großer Aufregung. Ich suchte Rom und fand es nicht, da ich den Weg verfehlte und große Schäferhunde mich zum Rückzuge nötigten. Herr Serny führte mich den rechten Weg und zeigte mir in der Feme Rom. Weiter über La Storta, wo einst Veji lag. Ich bin in Rom eingefahren durch die Porta del Popolo, am 2. Oktober 1852, 4-1/2 nachmittags. Ich stieg ab im Hotel Cesari, am Corso. Il »Frate di Monte«, Korsika, 29. 7. 1852 Mein erster Gang war aufs Kapitol und Forum; noch spät ins Kolosseum, darüber der Mond stand. Worte habe ich nicht zu sagen, was da alles auf mich einstürmte. Napoleons Haus in Ajaccio, Korsika, 2. 8. 1852 Am Sonntag wanderte ich auf gut Glück umher, mich selbst zu überraschen, wenn ich dieses oder jenes mir aus Abbildungen bekannte Bauwerk plötzlich vor mir sah, wie die Trajanssäule, das Pantheon, den Vestatempel, die Pyramide des Cajus Cestius. Ein Teil des Tages wurde mit Suchen einer Wohnung hingebracht. Ich fand dies kleine Zimmer unter dem Dach, bei einem Bildhauer, Vincenzo. Von hier kann ich Rom übersehen. Ich bin heute darin eingezogen. Ajaccio vom Castel Vecchio, Korsika, 10. 8. 1852 Noch eine Woche lang will ich Rom planlos durchstreifen, denn in das innere Wesen der Stadt kann ich mich noch nicht wagen. Ich bin hier angekommen ohne Briefe an irgendeine Person, ich habe keinen einzigen Bekannten hier außer meinen Reisegefährten. Im Kalender fand ich, daß der 2. Oktober, der Tag meiner Ankunft, dem Angelo Custode , Engel-Wächter, geweiht ist. Die Straße, in der ich wohne, heißt Via Felice. Dies sind glückliche Omina.   Rom, 10. November Zu dieser Zeit habe ich Rom unablässig durchwandert. Ich schrieb eine zweite Reihe von Artikeln über Korsika nieder, und entwarf einen Plan zu einem Drama ›Sampiero‹. Rom ist so tief still, daß man hier in göttlicher Ruhe empfinden, denken und schaffen kann. 5000 Mann Franzosen halten die Stadt besetzt. Mit dem englischen Architekten Bandcher war ich am 24. Oktober zu Fuß nach Tivoli gegangen.   30. November Ich bin jedem Morgen in der Bibliothek der Dominikaner. Mir fehlen Materialien zur Geschichte Korsikas. Ich habe deshalb nach Florenz geschrieben. 1853 Rom, 27. Januar Vieles gearbeitet an ›Korsika‹. Vieles gesehen. Freude und Kummer gehabt.   21. Mai Am 2. April habe ich das Buch ›Korsika‹ beendigt. Ich schrieb es gleich ins Reine. Der Äther Roms wirkt auf mich wie Champagner. Diese sonnige Himmelsluft dringt zu mir wie aus seligen Fernen. Am 11. April habe ich das Manuskript der Post übergeben. Es ging ab am 13. und kam glücklich in Stuttgart an. Nach langem Warten und Sorgen traf die Antwort Cottas ein. Am 25. April habe ich an die ›Allgemeine Zeitung‹ geschickt die ›Römischen Figuren‹, am 20. Mai den ›Ghetto und die Juden in Rom‹.   Rom, 25. Mai Ich fuhr Sonnabend nach Tivoli und ging nach Vicovaro zum Fest. Nachtigallenlieder überall, und köstliche Blütenpracht. Abends am Sonntag kehrte ich zu Fuß nach Tivoli zurück. Dort fand ich einen Frankfurter. Mit ihm ritt ich am 23. nach Monticelli. Am 24. zu Fuß nach Rom.   Villa Hadriana, 27. 5. 1853 Genzano, 4. Juni Am 28. Mai mit Carl von Dietrichs nach Albano. Mit diesem Kurländer von der reinsten und edelsten Natur habe ich mich befreundet. Wir zogen am 29. in die Casa der Carolina Mazzoni, Via Sforza, 57, in Genzano – drei gute Zimmer, treffliche Bewirtung. Eine schöne Woche verlebt; heute wieder nach Rom zurück.   Rom, 17. Juni Friedrich Althaus aus Detmold besuchte mich –. Resultate von Rom: Das Buch ›Korsika‹, die Artikel Elba, Figuren, Ghetto – Entschiedener Sinn für die Plastik, weniger für die Malerei. In Rom war der Berliner Dichter Paul Heyse, ein Jüngling von fast mädchenhafter Schönheit. In so jungen Jahren scheint er schon völlig fertig zu sein.   Neapel, 24. Juni San Lucia Nr. 28 Am Sonnabend den 18. Juni fuhr ich von Rom ab, mit einem Vetturin. Ein piemontesischer Bildhauer, ein Römer und eine wunderliche alte Gräfin Montini waren meine Reisegefährten. In Genzano besuchte ich Mazzoni und Dietrichs. Wir übernachteten in Velletri. Die Pontinischen Sümpfe sind jetzt ein Blumenmeer. Der Blick auf das Kap der Circe zauberhaft. Mittags in For'Appio, wo die Linea Pia beginnt. Nachts in dem schönen, südlichen Terracina. Am 20. weiter ins Neapolitanische hinein. Wüstes Wesen in Fondi, das von Bettlern wimmelt. Zyklopische Mauern. Blühende Granatbäume. In einer Höhle bei der Stadt rettete einst Sejan dem Tiberius das Leben. Itri (Urbs Mamurrarum) höchst malerisch mit vielen Türmen und alten Mauern. Mittags in Mola di Gaëta – üppige Vegetation von Reben und Orangen. Die Vorstadt Molas ist Castellone (Formiae) , die Lästrygonenstadt. Den Liris oder Garigliano auf einer Kettenbrücke passiert bei Minturnae. Malerische Ruinen – antike Wasserleitung. Nachts zu S. Agata, in einem Gasthause unterhalb Sessa. Die neapolitanischen Städte sind heiterer als die römischen; überall weiße Häuser, von Blumenschmuck lachend. Am folgenden Tage nach Capua. Freundliche Stadt am Volturnus, in einer reichen Ebene. Ländlicher Stadtplatz mit grünen Bäumen. Unansehnliche Kirchen. Viel Militär. Nachmittags über Aversa nach Neapel. Hier angelangt um ½6 Uhr abends. Es stand ein strahlender Regenbogen über dem Vesuv. Zaubervolle Mondnacht auf dem dunkeln Golf. Vesuv, 2. 7. 1853 Am 23. in Pompeji. Dies ist ein Wesen, welches entzückt und abstößt. Die Häuser stehen da wie leere Särge; Straßenreihen, Tempel, Theater, Forum – alles totenstill, vom Sommerzauber flimmernd. Nie fühlte ich solche Wehmut. Nur Dichter können sie sagen. Abends zurück zu Fuß nach Torre dell'Annunziata. Dann nach Torre del Greco und weiter nach Neapel. Am 2. Juli auf Monte Somma; am 5. auf Monte Barbaro, in heiterer Gesellschaft; am 7. in Herculaneum. Bajae, 11. 7. 1853 Am 10. mit Althaus in Pozzuoli und Cumae. Wir ruderten nach Cap Miseno, dann über Procida nach Ischia, wo wir eine Nacht blieben. Inselparadiese ganz namenlosen Zaubers – Trunkenheit von Licht, das man statt der Luft einzuatmen glaubt. Der Ceres-Tempel in Paestum, 20. 7. 1853 Am 18. mit Jacob Burckhardt aus Basel, dem Freunde Kuglers, mit dem Hofbaurat Demmler aus Schwerin und Althaus nach Castel a Mare. Dort nächtigten wir. Am 19. über Pompeji nach Nocera, La Cava, Salerno. Hier zu Nacht. Am 20. in Paestum. Die drei Tempel herrlich und groß, wie eine Trilogie des Äschylus. Ringsum eine feierlich erhabene Landschaft und das purpurblaue Meer. Säulen im Neptun-Tempel in Paestum, 20. 7. 1853 Mit Althaus weiter nach Amalfi und Sorrent zu Fuß gewandert. Am 24. schifften wir nach Capri. Blick von Anacapri auf Capri, 27. 7. 1853 Aufenthalt in Capri bis zum 22. August. Ich schrieb hier die Beschreibung der Insel nieder. Capri, San Giacomo 8. 8. 1853   Neapel, Bella Venezia, 30. August Am Montage, den 22. August, mit der Barke des Felice nach Neapel zurückgekehrt von Capri, das tags zuvor auch der Professor Enver und Maler Stökler verlassen hatten. Heiße und fruchtlose Tage in Neapel verlebt. Capri, Arco Naturale, 8. 8. 1853 Am 26. in der Villa Carfoli, beim Professor der Chemie, eine köstliche Wohnung am Fuße des Vesuv. Am 28. sonntags mit dem Pharmazeuten Becker aus Breslau auf dem Vesuv. Wir nahmen in Resina Pferde, brauchten zwei Stunden, um an den Kegel zu kommen; erstiegen den Kegel leicht in ¾ Stunden; sahen den alten und den neuen Krater – ein ungeheurer Anblick, diese gelben, roten, blauen weißlichen Schwefelwände rauchend zu sehen. Groß ist der Blick auf Kampanien, Neapel und das Meer. Wir sahen nicht über das Sorrenter Ufer hinaus. Sonnenuntergang mit Scirocco. Nachts Heimkehr. Das Pferd warf mich ab, doch nicht gefährlich; ging meist zu Fuß auf der Fahrstraße. Sah deutlich den Kometen, meinen Zwillingsbruder. Zuletzt fand ich noch eine Vettura und schöne Gesellschaft des Arztes, des Freundes von Poërio. Capri, Porto Tragara, 10. 8. 1853 Gestern, am 29., montags, war das Fest Centesimo, hundertjähriger Besuch der Madonna beim König, der sich vertreten ließ. Große Prozession von Piedigrotta aus, bunt und schreiend. Wundervoller Blick auf das Menschengewühl der Chiaja und der Villa Reale und den Golf, auf welchem sechs aufgeflaggte Kriegsschiffe feuerten. Heute war ich in der Incoronata – schöne Fresken Giottos – und in S. Martino – schöne Grablegung des Spagnoletto. Ich schreibe ungern von den Vasen des Museums, gern von Neapel. Morgen fahre ich nach Palermo mit dem »Polyphem«. Bald sehe ich Syrakus – ich freue mich wie ein Kind, griechische Luft zu atmen.   Palermo, 1. September Gestern abgefahren mit dem Dampfer »Polyphem«, um 4 Uhr nachmittags, in Gesellschaft des Dr. Bursian. Wir hatten auf dem Schiffe Schauspieler aus Oberitalien, eine beständig in Krämpfen liegende Ballettänzerin, einen Sänger, der aussah wie Franz Moor, und seine zwei reizenden Töchter, welche sich nachher als Marie Piccolomini nebst Schwester entdeckten – sie sind für sechs Monate in Palermo engagiert – eine Familie aus der Insel Ustica, die eines Prozesses wegen vier Jahre in Neapel zugebracht hatte und nun fröhlich heimkehrte. Es war in Angelegenheiten einer Erbschleicherei. Im Angesicht von Ustica war die Freude dieser Menschen rührend anzusehen. Die Mutter hatte, wie sie sagte, der heiligen Rosalie eine Wallfahrt gelobt und heute wollte sie das Gelübde einlösen. Das Schiff war überfüllt von Soldaten, die Nacht böse in der Koje. Das Morgenrot erheiternd. Wir sahen Ustica, wo auch Exilierte leben, nahe vor uns. Später tauchten die Berge Siziliens auf, in weißem Lichtnebel schimmernd. Ich unterschied Kap Gallo und Pellegrino. Um 2 Uhr waren wir im Hafen. Durch drei Doganen durchgearbeitet. Abgestiegen in der »Fortuna« im Toledo. Der Eindruck Palermos von der See aus war unter dem Erwarten, da Genua und Neapel großartiger sind; doch weit über jenen stehen die Formen der Berge. Kap Gallo ist muschelförmig, für den klassischen Pellegrino war mir Capri Vorstudie. Ich durchwanderte gleich den Toledo, aß zum erstenmal dieses Jahr Weintrauben, sah einen großen Thunfisch vorbeitragen. Palermo überraschte mich durch seine maurisch originelle Bauart, oder vielmehr den arabisch-normannischen Stil der Paläste und Kirchen. Alles ist hier fremd, märchenhaft schön. Grazie vorherrschend. Die Umgebung klassisch groß – die braunen Berge ringsum dorisch stilvoll. Man merkt den Zug, den die Dorer für diese Natur haben mußten, wie in Paestum. Mein erster Blick ins Innere war der Dom, und ich stand am Grabe des größten deutschen Kaisers, Friedrich II. Ich ging hinaus bis durch das Tor am Ende des Toledo – der Blick in die braunen Berge ist ganz unsagbar. Sieht man den Toledo hinab, endigt er im Meere. Gegen Neapel fiel mir auf die Stille, die Reinlichkeit – man fühlt sich doch auf der Insel, und weit weg. Abends machte ich einen Gang auf den herrlichen Kai nach der Flora – rechts und links Berge: links Kap Gallo und Pellegrino, rechts die Punta Mongerbina und Capo Zaffarano, welche den Golf schließen. Der Himmel wie ein bläuliches Milchglas – Lichtnebel – das Abendglühen der Berge in feinerem Ton als in Neapel und länger anhaltend, die Formen abgemessener. Hier ist das Ufer gruppiert, in Gestalten gesondert, die alle mächtig und schön sind; nicht so in Neapel. Viele Pfaffen. Keine Bettler. Kein Zudrang von Lazzaroni.   Itinerarium Am 4. September in Begleitung des Dr. Bursian von Palermo abgeritten nach Segesta.   Nachts in Alcamo. Am 8. Ankunft in Agrigent. Am 10. zurückgeritten nach Palermo. Am 15. abends mit der Post über Castro Giovanni (Enna) nach Catania. Am 18. nach Syrakus. Am 23. Ätnafahrt von Catania aus über Nicolosi. Am 24. morgens auf dem Ätnagipfel. Am 26. in Taormina. Am 27. in Messina. Am 29 abends Abfahrt auf dem Schiff »Duca di Calabria« nach Neapel.   Fahrt von Palermo nach Catania Am 15. September, Donnerstag abends, fuhr ich mit zwei Franzosen von Palermo ab, mit der Corriera (170 Miglien). Es ging über Misilmeri. Ödes und kahles Land, wenig Orte: Valle Longa, S. Caterina. Durch den Salso (Himera) durchgaloppiert. Villa Rosa mit dampfenden Schwefelminen. Castro Giovanni, das alte Enna, liegt schön auf einem Hügel. Mein Gefährte fand die Ähnlichkeit mit der Akropolis von Athen überraschend. Gegenüber liegt Calascibetta. Der ganze Berg ausgehöhlt, Höhlen über Höhlen – ein wunderbarer Anblick. Ebenso, doch weniger, bei Castro Giovanni. Unten ein einsames Posthaus, Misericordia. Abends prächtiges Glühen der Berglandschaft. Dann Leonforte, ein höchst malerisch auf einem Hügel gelegener schwarzer Ort – Wildheit der Einwohner, Schmutz, Ärmlichkeit, Einsamkeit. Weiter hinauf liegt Assoro, uralt, schwarz aussehend. Heller Mondschein. Schon abends großer Blick auf den Ätna. Nachts am Ätna hingefahren. Morgens am 17. September in Catania. Offene Stadt, mit geraden breiten Straßen, wie Palermo im Kreuz durchschnitten vom Corso, der auf das Tor der Marina und die Säule der Madonna an der anderen Seite der Marina geht, und von der besten Straße Stesicorea, deren Fortsetzung gegen den Ätna die Strada Etnëa ist. Die Mauern und der Hafen von wüstem Anblick, da das Ufer von schwarzer felsig aufgetürmter Lava umfaßt ist; auch das Wasser ist schwarz von Lavafarbenteilen. Wenig grün die Marina am Elemora-Hafen, wo ein Spaziergang. Es ist eine Lavastadt, Lavapflaster, Lavamauern – die Fassaden der Häuser und Kirchen oft unvollendet, auf einer halbzerstörten Vorderseite aufgesetzt. Wüstheit und Zerstörung überall. Wir besahen die Kirchen. Alle restauriert, ohne eigentliche Architektur, die Fassaden ähnlich den römischen, aus Travertin. Am interessantesten ist der Konvent der Benediktiner am Ende der Stadt, gegen den Ätna hin, mit Rokoko-Garten auf Lava, großer, schöner, doch moderner Kirche mit halber Fassade, über die ein Lavamauerwerk blickt und wo oben ein Telegraph und Telegraphenhäuschen steht. Schöne Aussicht auf Meer und Ätna aus dem Garten. Das griechische Theater aus Lava gebaut. Drei Korridore; die Stufen waren einst mit Marmor belegt. Eine Wasserleitung, die vom Ätna kommt, tief, klar, schönes Wasser, woraus wir schöpften, denn mit einem Strick läßt man oben einen Krug hinab. Biscari hat es ausgegraben vor 70 Jahren. Sein Enkel hat nicht gleiche Liebe zu den Altertümern. Vom Amphitheater nur ein Korridor und Stück Außenmauer erhalten. Die Arena liegt bedeckt. Gesimse von Lava. Der äußerste Korridor etwa ¼ Miglie im Umfang. Oben über dem Amphitheater die Kapuziner und die modernen Katakomben. Trauriger Eindruck der Altertümer von Catania.   Syrakus, Latomien der Kapuziner, 21. 9. 1853 Fahrt von Catania nach Syrakus Ich fuhr mit drei Franzosen am 18. September, morgens 2 Uhr, von Catania ab, in einer Vettura di Posto. Acht Miglien vor der Stadt fließt der Sebetus, der auch im Sommer Wasser hat. Wir setzten auf einer Fähre über. Der Übergang erinnerte mich an den Silarus, nur ist der Sebetus nicht so breit. Die Landschaft ist kornreich, doch öde; hügelig, dann hinter Lentini eben, jetzt ganz kahl. Viel Baumwollpflanzung, Öl, Kaktus. Man passiert auf der ganzen Tour kaum fünf Orte. Zuerst Lentini, am Sumpf Biviere, in ungesunder Gegend und etwas auf Hügeln. Das alte Lentini lag höher. Die schöne blauweiß gemalte Kirche. Es war Sonntag. Alle Einwohnerschaft draußen, in weißen Schleiern und Mützen. Ich ging nach dem alten Lentini. Zwei Hügel, getrennt durch ein Tor, das mächtig in den Fels gehauen, größer als die Porta aurea bei Girgenti. Von dem einen Hügel sind die Ruinen verschwunden; ein Kaktuswald, wie ich ihn nie schöner sah, bedeckt ihn. Der andere Hügel ist kahl: Umfassungsmauern des alten Kastells aus Quadern aufrecht, der natürliche Fels zum Teil in kolossaler Dimension behauen, ein Stück davon heruntergefallen, wie in Girgenti. Hie und da Gemäuer des Kastells – in der Mitte Gräber und ein Gewölbe aus den schönsten Quadern, herrlich hineinragender Efeu – viele Kammern. Unter dem Hügel ein Bach – Wäscherinnen. Auf der einen Seite ein tiefes Tal, voll Gärten üppigster Vegetation, ganz von Hügeln umschlossen. Überall zyklopische Mauern, Gräber mit Nischen – eine besonders groß, mit Malereien, Heiligen in ganzen Figuren, Santo Mauro. Wenig höher hinauf ein neuer Ort, Carlentini, wo wir frühstückten. Karl V. hat die Mauern gebaut. Dann steigt die Straße wieder gegen das Meer. Man sieht Augusta und seine Kastelle im Wasser – die ganze Küste flach, kalkig, das Meer zurückgezogen. Man erkennt noch die alten Ufer. Hierauf Príolo, oder Paese novo , ein 40 Jahre altes, elendes Paese, gegründet vom Marchese Gargallo, Übersetzer des Juvenal und Horaz, dessen Denkmal aus Marmor in der Kirche, von einem neapolitanischen Künstler, uns der Geistliche zeigte. Der Wirt unserer Locanda nannte es »Museum«. Derselbe hielt eine Flasche Wein für 13 Bajocchi so teuer, daß er uns nichts davon sagen wollte. Als wir um die Rechnung baten, meinte er, wir sollten geben, was wir wollten, worauf er 15 Groschen verlangte. Wir gaben ihm 30, er war sehr zufrieden. Das Volk ist hier ganz unverdorben. Theater Taormina, 26. 9. 1853 Salinen und Salzberge vor der Halbinsel Magnisi. Nun immer längs der Küste. Man sieht vor sich die Hochebene, worauf Syrakus stand. Man sieht die Stadt zuerst von einem Casale, einem pittoresken Hause oben mit Garten, auf dessen Balkon zwei Liebende standen.   Rückkehr von Syrakus nach Catania, Besteigung des Ätna und Fahrt nach Messina   Catania, 23. September Locanda del Etna Abgefahren von Syrakus mit einer Vettura di Ritorno, nachmittags 2 Uhr am 21. September. Von hier rechne ich auch meines Lebens Herbst. Wir nächtigten in einer Locanda an der Straße. Ich schlief in einem Heuschober. Morgens weiter. Zu Mittag in Lentini, wo die Wirtin für ein Weniges 8 Carlini haben wollte. Mir schenkten zwei Lentineserinnen drei Granatäpfel. Ich besah noch das Kastell nach der anderen Seite. Seine Mauern sind aus Quadern, doch mit Mörtel. Mächtig ist die Vegetation im Tal. Auch Lentini hat Steinbrüche. Über den Sebetus halb gefahren, halb huckepack getragen. Angekommen in Catania am 22. September, eine Stunde nach Ave Maria.   Messina, 29. September Am 23. zu Maultier von Catania geritten bis Nicolosi, durch blühendes Weingartenland, durch drei oder vier kleine blühende Örter, wie Sofia, Gravina, Mascalucia etc. Merkwürdige Architektur derselben und Nicolosis, aus Lava, wovon selbst die Kirchen – der Boden schwarz. Mich unterhalten mit Dr. Gemmellaro, – sein Haus und Sammlung von Laven, seine Modelle der Ätnahäuser, seine Bibliothek, seine Manuskripte über den Ätna und sein sizilianisches Wörterbuch. Unglücklichste Position eines Schriftstellers auf der Lava! Um 8 Uhr abends bei Regen zu Maultier bis zum Bosco, wo ich den eigentlichen Führer traf. Dann weiter in der Nacht bis Casa Inglese. Den Aschenkegel vor Sonnenaufgang erstiegen; mehr Schwierigkeit als bei dem des Vesuv: Gasausströmungen, heiße Dämpfe, Schwefelgestank. Oben zwei Krater-Trichter. Malerische Farbenbildungen, diabolisch namentlich der Anblick der Montagnola im schönsten Schwarz. Wolken, halbe Blicke in das rotglühende Meer, auf die Küste von Palermo, den Golf von Cefalù, ins Innere – die Schattenpyramide des Ätna, unsere eigenen Schatten, Lava- und Aschenwüsten. Nun hinab durch die Wüste. Ermüdung, Fieber, Halt am Bosco, endlich Nicolosi, wo ich drei Stunden schlief. Dann wieder zu Maultier. Ein flammendes Gewitter hinter mir; rettete mich in eine Kapelle, wo das Volk betend auf den Knien lag. Weiter in ein Landhaus große Gastlichkeit. Bei Sternenschein nach Catania zurück. Ich blieb noch Sonntag den 25. in Catania und fuhr dann am 26. in der Frühe nach Taormina. Schöne Fahrt an der Küste, viele Örter, Lava-Ufer. Dann das reizende Acireale. Vorher jenes Kastell Acicastello und der kleine Hafen Porto Ulisse, wo die drei Klippen des Zyklopen, welche der Zyklop dem Ulysses nachwarf. Mittags in Taormina. Am 27. morgens ritt ich zu Maultier von Taormina bis Forza, 14 Miglien weit. Immer längs der Küste, durch viele neue Orte. Köstlich die Lage von Alessio, an einem Kastell mit runden Türmen, eine Art Engelsburg hoch am Meere. In Forza setzte ich mich auf die Diligenza. Durch viele Orte gekommen. Blick auf Kap Spartivento, den Ätna und Reggio. Ankunft in Messina abends den 29. Morgen nach Neapel.   Genzano, Sonntag den 9. Oktober Den 29., Donnerstag abends, von Messina abgefahren mit dem »Duca di Calabria« in Begleitung der drei Franzosen, um 7 Uhr. Nur in der Nacht den Faro gesehen. Morgens den 30. in Paola angehalten. Die Küsten Kalabriens sind schön gefaltet, oft herrlich grün. Sonnabend, um 3 Uhr morgens, mit dem Stern Orion in den Hafen eingelaufen, die Sonne aufgehen sehen. Sonntag früh den 1. Oktober abgefahren mit einer Vettura, in Begleitung des Malers Stöckel, des Malers Catell und seiner Frau und Fräulein Giuditta Arnoldis. Genächtigt in S. Agata, die zweite Nacht in Terracina, die dritte in Velletri. Pontinische Sümpfe, Foro Appio, 4. 10. 1853 Am 4. Oktober, morgens früh, in Genzano eingetroffen und eingezogen in die Casa Mazzoni. Habe am 6. die ›Eumeniden‹ fortgesetzt und heute 80 Verse geschrieben; hoffe das Gedicht hier zu beendigen. Aufenthalt in Genzano bis zum 24. Oktober, wo ich wieder mein Quartier in Rom bezog. 1854 Pinien der Villa Borghese, Rom, 30. 3. 1854 Am 16. Januar begann ich die Abhandlung: ›Die Grabmäler der römischen Päpste‹   Rom, 31. Januar Ich habe in dieser Zeit eine pompejanische Novelle zu schreiben angefangen: ›Der bronzene Kandelaber‹, wozu mich der Anblick eines solchen im Museum Neapels begeistert hatte. Morgen fange ich die ›Kulturfragmente aus Sizilien‹ niederzuschreiben an. Roma Torre de' Schiavi 23. 5. 1854   Rom, 9. Mai Der Frühling ist über mich gekommen, ehe ich dessen gewahr wurde. Die Mandeln haben abgeblüht, die Akazie steht voll. Ich war wochenlang krank. Unterdeß erschien ›Korsika‹. Einige Poesien des Sizilianers Meli habe ich übersetzt. Die ›Grabmäler der Päpste‹ am 2. Mai an Cotta abgeschickt. Ich lebe ganz einsam, muß tüchtig schaffen, um mich über dem Wasser zu erhalten. Es kam Hofbaurat Demmler aus Schwerin, liberaler Mecklenburger; auch der Dichter Titus Ulrich aus Berlin, ein fein organisierter, geistreicher Mensch. Gianicolo bei der Acqua Paola, Rom, 9. 5. 1854   Rom, 15. Juli Am 8. suchte ich mir eine Sommerwohnung in Genzano – Casa Mazzoni.   Genzano, 3. Oktober Cholera überall. Drei Monate lang war ich hier. Ich übersetzte viele Lieder Melis, wovon ich Proben in das Cotta'sche ›Morgenblatt‹ gab. Am 10. August begann ich die Novelle vom Kandelaber in Hexameter umzuwandeln. ›Euphorion‹ soll der Name des Gedichts sein. Ich schrieb die ›Idyllen vom Lateinischen Ufer‹ für die ›Königsberger Zeitung‹, und für die ›Allgemeine Zeitung‹ die ›Fragmente aus Syrakus‹. Russell Martineau schrieb aus Schottland und bat mich um Autorisation seiner Übersetzung des Buchs »Korsika«, welches Lord Ellesmere in der ›Quarterly Review‹ sehr günstig besprochen und wovon er Stücke selbst übersetzt hatte. Ariccia, 13. 10. 1854 Ich beabsichtigte, die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter zu schreiben. Für diese Arbeit bedarf es, so scheint mir, einer höchsten Disposition, ja, so recht eines Auftrags vom Jupiter Capitolinus selbst. Ich faßte den Gedanken dazu, ergriffen vom Anblick der Stadt, wie sich dieselbe von der Inselbrücke S. Bartolomeo darstellt. Ich muß etwas Großes unternehmen, was meinem Leben Inhalt gäbe. Den Plan teilte ich dem Dr. Braun mit, dem Sekretär des Archäologischen Instituts. Er wurde aufmerksam und sagte dann: »Dies ist ein Versuch, an dem jeder scheitern muß.« Übermorgen fahre ich nach Rom zurück. Cestius-Pyramide, Rom , 25. 11. 1854   Rom, 31. Dezember Via della Purificazione Nr. 63 Casa der Signora Marzia Pellicani Am 5. Oktober kam ich nach Rom, am 9. bezog ich die neue Wohnung. Die Straße ist schlecht, das Logis gut, zwei Zimmer, dürftig möbliert. Carl von Dietrichs kam bald darauf aus Neapel zurück. Er ist sehr leidend. Der Dichter Salvator Viale aus Bastia schrieb an mich. Abgedruckt wurden die ›Grabmäler der Päpste‹, das ›Fest in Nola‹ und ›Syrakus‹. Am ›Euphorion‹ weiter gearbeitet. Am 8. Dezember war die feierliche Verkündigung des absurden Dogmas von der unbefleckten Empfängnis. Ich sah im St. Peter die Prozession von 250 Bischöfen. Täglich Feste und Kirchenmusik. Gestern wurde die große Säule, welche auf Piazza di Spagna errichtet werden soll, von Galeerensklaven auf den Platz gezogen. Man entdeckte vor dem nomentanischen Tor die Basilika des Papsts Alexander. 1855 Rom, Ponto Rotto   Rom, 10. Februar In das neue Jahr trat ich mit frischer Kraft ein. Ich war sehr tätig. Zweimal zu Tisch beim Geheimrat Alertz, dem Leibarzt Gregors XVI., einem schönen, gebildeten Manne. Er gleicht in seiner imposanten Gestalt eher einem Staatsmann als einem Arzt. Ich nehme viele Bücher aus seiner Bibliothek.   Rom, 30. Mai Der arme Dietrichs starb am 27. April um 5 Uhr nachmittags. Ich war bei ihm mit David Grimm aus Petersburg. Kurz vor dem Sterben forderte er von mir, ihm etwas aus der Bibel zu lesen. Ich las ihm den 90. Psalm. Er horchte darauf mit Anstrengung, dann verschied er. Ein herrlicher und edler Mensch ist hingegangen, mir ein treuer Freund. Den ganzen Mai über arbeitete ich an den ›Figuren‹, für Brockhaus, der mich in seinen Verlag ziehen zu wollen scheint. Ich schrieb auch auf seine Aufforderung ›Die letzten zehn Jahre des Königreichs Neapel‹, für die Zeitschrift ›Gegenwart‹. Ich war beim Enkel Goethes, der hier Legationsrat ist. Er ist im Gespräch gar nicht so verschroben, wie es seine ganz unglaublichen Gedichte sind. Aber auf seiner Stirn steht der Vers seines Großvaters: Weh dir, daß du ein Enkel bist! Den König Ludwig von Bayern gesehen – eine sonderbar bewegliche Gestalt, fast Karikatur zu nennen. Am 12. April, 5 Uhr abends, brach der Fußboden im Hause bei S. Agnese unter dem Papst ein. Viele Kardinäle, der französische General, der österreichische Graf Hoyos und mehr als hundert Propagandaschüler stürzten mit ihm ins Untergeschoß. Der Sturz des Papsttums ist dadurch sinnbildlich angezeigt; doch hatte er noch keine Folgen. Ich sah Pius IX. bald darauf vor dem Tor del Popolo fahren; er sah ganz verklärt aus. Jeden Sonntag mache ich Campagna-Spaziergänge mit den Malern Frey und Müller und dem Bildhauer Mayer. Die einzige Tochter des Malers Cornelius hat soeben einen Grafen aus Cagli geheiratet. Ich lernte Cornelius in dem Weinhaus neben Trinità dei Monti kennen und treffe jetzt oft mit ihm zusammen. Ein entschiedener Wille spricht aus allem, was er sagt und tut. Eitelkeit und Nichtgeltenlassenwollen der Bestrebungen anderer scheinen seine Fehler. Er hat Adleraugen. Er ist ein Geist. Thomas Constable in Edinburgh trug mir Übersetzungen meiner Schriften für seinen Verlag an. Für Hackländers ›Hausblätter‹ schrieb ich die ›Briefe aus Neapel‹.   Rom, 27. Juni So lange Zeit bin ich Sommers noch nicht in Rom geblieben. Mich halten meine Arbeiten und die Erwartung der Cotta'schen Briefe zurück. Ich habe die Übersetzungen aus Meli am 24. Juni ganz beendigt. Den Hexameter beherrsche ich jetzt vollkommen. Am 10. fuhr ich in heiterer Gesellschaft mit Frey, Mayer und anderen Künstlern nach Castel Fusaro. Gestern abend kam der junge König von Portugal nach Rom. Er fuhr in einem geschlossenen Sechsspänner. Ich suchte auf der Minerva die Geschichte Giannones. Da dies Werk auf dem Index steht, so wird mir nur erlaubt, neben dem Bibliothekar darin zu blättern. Welche Absurdität im Jahre 1855! Theodor Heyse verkauft seine Bibliothek, um nach Florenz zu ziehen. Das freut mich; irgendein gewaltsamer Entschluß kann ihn beleben – er verdumpft in seiner Einsiedelei. Der alte Maler Rhoden kam noch im vorigen Jahrhundert nach Rom, mit dem Zopf seines Zeitalters. Er ist hier der Veteran der Deutschen. Ich hasse Louis Napoleon. Er hat keine geniale Tugend – er ist nur ein Erbschleicher.   Rom, 7. Juli Mir träumte, daß ein Pinienbaum auf meinen Schreibtisch fiel, und da lag alles an der Erde durcheinander. Vielleicht ist der Pinienbaum Cotta.   Rom, 23. Juli Meine Pläne sind zerstört und jener Traum ist erfüllt. Am 18. Juli lehnte Cotta ab. Am 19. schrieb ich an Brockhaus und schickte ihm am 21. die Übersetzung des Meli. Ich bleibe nun hier, in brütender Hitze. Das dänische Blatt ›Fädrelandet‹ übersetzte meine ›Römischen Figuren‹. Ich habe mehrere Studien von Bildhauern besucht: Gibson, Tenerani, Achterman, Imhof.   Rom, 31. Juli Eben kamen die zwei englischen Übersetzungen ›Korsikas‹ von Morris und Martineau. Ich schrieb in dieser Zeit mehrere Lieder, auch den ›Klagegesang der Kinder Juda in Rom‹.   Rom, 11. August Ich habe den vierten Gesang des ›Euphorion‹ überarbeitet und mehrere Gedichte geschrieben, auf daß die Muse über den Wassern bleibe. Eröffnung der Kirche Minerva – prächtige doch bunte Restauration. Unechter Marmor ist eine Schande für Rom. Fünf Tage lang Musik in der Kirche und draußen, wo der Platz schön illuminiert war. Heute war der alte Bildhauer Martin Wagner sehr liebenswürdig. Er erzählte viel von Parga und Prevesa. Ich glaube, daß er bisweilen Menschen sucht. Er ist von büffelartiger Grobheit. Als der witzige Riedel einmal an den Mauern Roms spazierte und Wagner daherkommen sah, stellte er sich hinter eine jener Verzäunungen, die man zum Schutz der Fußgänger gegen Ochsen hie und da an den Mauern aufgestellt hat, und ließ Wagner vorbeipassieren. Der alte Brummbär mußte über diesen Einfall doch laut lachen. Ein Priester zwischen dem Menschen und Gott ist nur wie ein schwarzgeräuchertes Glas, wodurch man die Sonne sehen soll.   Rom, 13. September Sorgen und Scirocco. Es kam Dr. Altenhöfer von der Augsburger ›Allgemeinen Zeitung‹. Mit ihm verbrachte ich einige angenehme Tage. Ich traf ihn im Mausoleum des August, wo man die ›Maria Stuart‹ in der Übersetzung Maffeis spielte. Vorgestern fuhr ich mit ihm nach Tivoli. In Neapel gärt es. Auch hier agitiert Mazzini. Alles ist in Spannung. Die Cholera wütet auf Sardinien.   Nettuno, 28. September Am 19. fuhr ich nach Porto d'Anzio und logierte mich hier ein bei Donna Vittoria, im Palast, der ehemals der Olympia Maldachini gehört hatte. Meereseinsamkeit. Vollmond. Bäder. Ich schrieb hier die Gedichte: ›Nettuno‹, ›Der sterbende Hadrian‹ und ›Astura‹. Ich gehe morgen wieder nach Rom. Die Cholera ist in Porto.   Rom, 4. Oktober Hochzeitstag der Schwester Ich reiste von Nettuno ab am 1. Oktober. Am Tag vorher gab mein Wirt Felice noch ein großes Pranzo . Der Wein in zwei Fuß hohen gläsernen Amphoren.   Rom, 24. Oktober Der alte würdige Platner starb. Er ist bekannt als einer der Mitarbeiter an der römischen Stadtbeschreibung, wofür er die Partien über das Mittelalter und die Geschichte der Kunst bearbeitet hatte. Er war noch Freund Niebuhrs gewesen. Am 18. feierte Riepenhausen sein 50jähriges Jubiläum in Rom durch ein Gastmahl, welches ihm die deutsche Künstlergesellschaft gab. Ich lernte eben den Grafen Paul Perez von Verona kennen. Er war ehemals Professor der Literatur in Padua, dann seit 1848 in Graz. Er ist ein großer Kenner Dantes, mit dessen Geschlecht er durch die Serego Alighieri verwandt ist. Er kam nach Rom, um den dreijährigen Kursus der thomistischen Philosophie in der Minerva durchzumachen. Perez hat ein sehr gewinnendes Wesen, voll Sanftmut und schwermütigem Ernst.   Rom, 26. November Neun Druckbogen der ›Figuren‹ kamen von Leipzig. Abgedruckt ist im ›Morgenblatt‹: das ›Gelübde des Petrus Cyrnäus‹, Übersetzung nach Viale; und im 10. Bande der ›Gegenwart‹: die Geschichte der letzten zehn Jahre Neapels. Seit dem Oktober habe ich mich an die Vorstudien zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter gemacht. Ich arbeite in dem schönen Saal der Angelica von 8 bis 12 Uhr. Erst will ich den Stoff übersehen. Dies sind meine köstlichsten Stunden. Ich brachte einen Abend angenehm bei Cornelius zu, welcher schöne Räume im Palast Poli bewohnt. Sein Karton für den Campo Santo ließ mich kalt. Diese Allegorien sind schon besser vorhanden. Cornelius ist ein großer Künstler, aber kein Maler. Er besitzt die Kraft, ganz rein auszusprechen, was er will. Bei ihm war Professor Balzer, Anhänger der Günther'schen Philosophie oder Doktrin und in Angelegenheiten von dessen Prozeß als sein Verteidiger hierher gekommen.   2. Weihnachtstag Viel an der Chronik von Rom gearbeitet. Es ist ein Ozean, auf den ich mich wage, so allein auf mich gewiesen, und so mittellos, daß ich mir kaum ein Buch erschwingen kann. Haufenweise schleppe ich geliehene Bücher aus der Bibliothek von Alertz oder der vom Kapitol in meine Wohnung. Wie häßlich ist diese via Purificazione! Gesindel haust darin, Modelle für Künstler. Den Ghetto deutscher Künstler nennt man diese schmutzige Straße. Ich war beim Empfange des Dominikaner-Kardinals Gaude und bei Villecourt, demselben französischen Bischof, der einst Johannes Voigt zum Katholizismus bekehren wollte, nachdem dieser sein Buch über Gregor VII. geschrieben hatte. Auf einer Soirée beim preußischen Gesandten von Thile lernte ich Bethmann-Hollweg kennen. Er ist eine imponierende Gestalt, groß und stark, von steifen Formen. Ein Maler Jonas schrieb aus Berlin, daß er, angeregt von meinem Buch, Korsika besuchen wolle, dort Studien zu machen. Cornelius sagte mir letzthin auf einem Spaziergange, daß niemals die Seele eines Weibes auf sein Wesen und Schaffen Einfluß gehabt habe. Er sprach sich mit Verachtung gegen die Frauen aus; ihre Inferiorität beweise schon dies, daß Gott dem Adam seinen Geist eingeflößt, das Weib aber nur anatomisch aus der Rippe des Mannes genommen habe. Nur die Sinnlichkeit ließ er gelten: der Künstler bedürfe ihrer für seine Schöpfungen, wovon sie ein Element sei.   Jahresschluß Im Jahre 1855 habe ich geschrieben: die letzten zehn Jahre Neapels; manches Lyrische; fast vollendet das Gedicht ›Euphorion‹; abgeschlossen den Band ›Figuren‹. Vollendet Meli; begonnen die Studien zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. 1856 Rom, 7. Januar Am 2. Januar begann ich wieder in der Angelica zu arbeiten. Ich nehme die ›Scriptores‹ des Muratori durch, um erst die Übersicht zu gewinnen. Herr Headly Parish kam zu mir, ehemals Diplomat in Konstantinopel und Verfasser eines Buchs über das moderne Griechenland. Er interessiert sich für meine Beziehungen in England. Ich besuchte Antonio Coppi, den Fortsetzer der Annalen Muratoris und Verfasser der Geschichte des Hauses Colonna (Rom, 1855). Er wohnt in der Via Magnanopoli, in einem Palast, aber hoch unter dem Dach: ein alter Abbate von schwerfälliger Art – er lallt, statt zu sprechen. Er redigiert das ›Giornale di Roma‹, als Papist vom reinsten Wasser. Zwar beschenkte er mich mit vielen Broschüren und versprach mir seine Dienste für meine Arbeit, aber nur mit Phrasen, und offenbar willens, mir hinderlich zu sein. Vom Archiv Colonna behauptete er, daß es keine Urkunden zur Geschichte der Stadt Rom enthalte; und das ist sicherlich eine Unwahrheit. Über meine Arbeit sage ich: Fortia agere et pati Romanum. Der alte Riepenhausen stirbt. Ich fand ihn im Bett, über ihm die Kartons seiner Jugendarbeiten, zu Häupten die Büste Homers. So erwartet er seinen Tod in Verlassenheit. An seinem Lager saß sibyllenhaft seine Haushälterin, die mit ihm gealtert ist. Riepenhausen war eine echte Künstlernatur, von großer Leichtigkeit der Produktion. Dr. Emil Braun, ein absprechender, schnell fertiger Sophist, läßt ihm keine Gerechtigkeit widerfahren. Der Enkel Goethes hat in seinem Zimmer den Stich von Sodomas ›Hochzeit Alexanders mit Roxane‹, und Braun nannte dort Sodoma den Riepenhausen des Altertums. Aber ich finde, daß Sodoma in klarer Sinnlichkeit eine Größe besitzt, die dem Tizian nahe kommt. Rom, Quattro Capi, 17. 7. 1855 Ich lese jetzt wieder Gibbon. Auch ihn, wie Villani, begeisterte Rom zu seinem Werke. Ihm kam der Gedanke dazu auf dem Kapitol; mir kam er auf der Brücke Quattro Capi, oder vielmehr S. Bartolomeo, im Anblick Trasteveres und der Kaiserpaläste. Ich weiß den Tag nicht mehr. Der Prinz Corsini, Ex-Senator Roms, starb zu Anfang Januar, 90 Jahre alt. Der Tote wurde im offenen Wagen geführt, zwischen kerzenhaltenden Priestern. Sein kolossaler Kopf und seine gewaltige Nase ragten weit hinaus. Es folgten viele Wagen mit Fackeln. Ich war öfter bei Cornelius. Er zeigte mir die Abbildungen der Skulpturen des Nicola Pisano auf einem Pfeiler des Doms zu Orvieto – sehr graziöse und sinnvolle Dichtungen. Cornelius ist von scharfem Verstande. Diesen bewies er, als ich eines Abends als Rätsel die Frage aus den ›Cento Novelle Antiche‹ aufgab, wo die Weisen von Alexandria darüber streiten, ob und wie der Dampf aus einer Garküche, den ein Armer mit seinem Brot aufgefangen hatte, zu bezahlen sei. Auf der Stelle fand Cornelius das Äquivalent auf.   Rom, erster Ostersonntag, 24. März Am 24. Februar mußte ich in der Bibliothek meine Arbeiten abbrechen, weil ich die Kraft dazu verlor. Ich habe seither einen dumpfen Monat hingebracht. Das sind die Folgen überangestrengter Arbeit. März und April sind für mich schwarze Monate; da ist mir das Beste hinweggestorben. Am 16. habe ich mein Testament gemacht und alles geordnet. Die Geschichte der Stadt Rom steht in meinen Nächten über mir wie ein fernes Gestirn. Sollte mir das Schicksal doch verstatten, sie zu vollenden, so würde kein Leid in der Welt groß genug sein, daß ich es nicht standhaft ertrüge. Vor einigen Tagen sah ich eine ganz antike Szene, wie aus den Schutzflehenden des Äschylus. Es hatte sich ein Dieb nach S. Giacomo auf dem Corso geflüchtet, und dort saß er an einem Altar, sein Gesicht mit den Händen bedeckt. Anstarrendes Volk umher, und zwei Häscher vor der Barriere der Kapelle, in Zivil gekleidet, welche auf ihn lauerten, aber ihn nicht angreifen durften. Der Dieb saß so da, wie man mir sagte, bis zum Abend. Nachts haben ihn die Mönche entschlüpfen lassen. Gestern besuchte ich Frau von Suckow, welche unter dem Namen Emma Niendorf schriftstellert. Sie hat ein bekanntes Buch ›Lenau in Schwaben‹ geschrieben. Sie muß sehr schön gewesen sein und stellte sich liebenswürdig und bescheiden dar. Ihr Vater war der Erbmarschall und Feldzeugmeister Pappenheim. Sie offenbarte sich als Anhängerin Justinus Kerners und seiner kindlichen Dämonenlehre.   Rom, 6. April Vorgestern träumte mir, daß ich den König von Neapel zu Roß hoch am Himmel fliegend an einem Stricke festhielt, und er zog so stark, daß ich ihn nicht anhalten konnte. Ich erinnerte mich nachher, daß ich vor vielen Jahren in Königsberg träumte, ich hielte das mittelländische Meer an einem Strick in der Luft, wobei ich große Angst hatte, es möchte herunterfallen und das Land ersäufen. Ich habe niemals so wunderbare Träume gehabt. Eines Nachts sah ich mich im Theater: statt der Schauspieler traten die Stadtmauern Roms auf die Bühne, wo sie einen großartigen Tanz aufführten. Am Ende erschien Iphigenia und hielt eine Rede an mich, der ich der einzige Zuschauer im Theater war. Ich erinnere mich, daß ich als junger Mensch einmal einen wirklich prophetischen Traum hatte. Vor dem Abiturientenexamen im Gymnasium zu Gumbinnen träumte mir, daß der Professor die Ode Justum ac tenacem propositi virum mir zu erklären gab. Ich übte sie sofort gut ein. Als ich nun am Tage der Prüfung mit meinen Mitschülern in den Saal ging, sagte ich ihnen, daß und wodurch ich wüßte, welches meine Aufgabe sein werde. Sie lachten mich aus. Der Professor Petrany griff nach dem Horaz und sagte zu mir: Schlagen Sie die Ode auf Justum ac tenacem propositi virum . Die Mitexaminanden sahen mich staunend an, und ich bestand sehr glänzend. Am vorigen Sonntag, da ich auf der Via Appia ging, läuteten alle Glocken in Rom, und das war der Friede nach dem Krimkriege, welchen die Telegraphen eben verkündigt hatten. Hier ist die Prinzessin Torlonia wahnsinnig geworden. Sie ist eine schöne Dame vom alten Haus Colonna. Als der Bankier ihre Hand gewann, sagte er: sie ist eine antike Statue, und ich habe das Postament von Gold, sie darauf zu stellen. Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo: Schlußphrase eines Chronisten.   Rom, 30. April Am 14. habe ich in der Angelica meine Folianten wieder vorgenommen. Ich bin im IX. Bande des Baronius und las viele andere Schriften, darunter des Rutilius Itinerarium, welches ich Perez zum Übersetzen empfohlen habe. Gedruckt sind von mir in diesem Monat im ›Museum‹ von Prutz die drei Gedichte ›Klagegesang der Kinder Juda in Rom‹, der ›Turm von Astura‹ und ›Nettuno‹. In den Hackländer'schen ›Hausblättern‹ ›Die Monumente von Florenz‹. Ferner die Lieder Melis von Palermo, welche Brockhaus gut ausgestattet hat. ›Euphorion‹ habe ich reingeschrieben und nehme ihn mit mir in die Gebirge, im Juni, um ihn druckfertig zu machen. Ich lernte den Marchese Matteo Ricci aus Macerata kennen, Übersetzer der ›Politik‹ des Aristoteles und Verfasser des ›Saggio sugli ordini politici dell'antica Roma‹. Sein Vater ist, wenigstens der Erscheinung nach, das Musterbild eines feingebildeten Signore; seine Frau, die Tochter des Massimo d'Azeglio und die Enkelin Manzonis, eine junge mädchenhaft schüchterne Dame, was unter Italienerinnen eine Seltenheit ist. Ich war auf der letzten Abendgesellschaft im Palast Caffarelli. Es kamen dorthin die Kardinäle Antonelli, Altieri und Reisach, Antonelli war nur mit Damen beschäftigt. Man hält ihn für einen sehr geistreichen Mann. Am 25. April, Tassos Todestage, ging ich mit Emma Niendorf und Perez nach S. Onofrio; dort aber ließen die Mönche unsere Begleiterin nicht ein, worüber sie sehr unglücklich war. Am 27. war ich mit Perez in der kleinen Villa Torlonia, wo die Akademie der Quiriten das Fest Roms feierte. Der Prinz Giovanni las einen Discorso, worin er sagte, die Florentiner sprächen nur deshalb so schön italienisch, weil Florenz nicht weit von Rom läge. Hierüber lachte Perez herzlich. Auch eine alte und eine junge Dichterin trugen Sonette vor. Dann wurde Musik gemacht: ein schönes Konzert auf der Violine von Ettore Pinelli und dergleichen. Manchmal läßt sich Rom gar nicht sehen. Es deckt sich vor dem inneren Sinne zu. Ich saß einmal auf dem Monte Mario, da habe ich Rom gesehen. Rom ist der Dämon, mit welchem ich ringe. Wenn ich siegreich den Kampf bestehe, das heißt, wenn ich dies überwältigende Weltwesen zu einem Objekt der durchdringenden Betrachtung und der künstlerischen Behandlung für mich selbst bezwinge, dann werde ich auch ein Triumphator sein. Perez hatte einen guten Gedanken. Er wollte einen Aufsatz schreiben über die Bekenntnisse des Augustinus, des Marc Aurel und Rousseaus. Der erste, so sagte er, beichtet vor Gott, der andere vor sich selbst als Stoiker, der eitle Rousseau vor der Welt, um deren Gunst er buhlt. Heute las mir Perez das erste Kapitel seiner Übersetzung meines ›Korsika‹ vor, welche er der Gräfin Gozzadini widmen will.   Rom, am 1. Pfingsttage, 10. Mai Ich war mit Emma Niendorf und Perez nach S. Pietro ad Vincula gegangen. Darauf verirrten wir uns in eine Vigna, wo wir plötzlich über den Ruinen der Titusthermen standen. Da war es seltsam, in diese wüsten Korridore hinunter zu sehen – Alles ringsum grün, wehendes Gras und Rosen. Um die Trümmer der Sette sale Orangenbäume in Blüten. Dort standen wir unter, weil es regnete. Schön ist der Blick auf den Coelius: im Mittelgrunde die burgartigen Massen der »Vier Gekrönten«, der Rundbau S. Stefano, die zerbrochene Wasserleitung, dann das Kolosseum, hinterwärts die Türme der Capocci aus dem Grün der Gärten aufragend. Hierauf gingen wir in die Thermen. Der Regen floß melancholisch herab, wie in einer Stalaktitenhöhle. In einem Saal trauerte ein verlassenes Mädchen, ein Freskobild an der Decke, wie im Kerker. Ich habe mit Perez lebhafte Gespräche über das Wesen der italienischen Poesie gehabt, in welcher das germanische Element des Sehnsüchtigen und Mysteriösen ganz fehlt. Auch Dante hat es nicht, obwohl sein Gedicht durchaus ein gotischer Dom ist. Der Herzog von Sermoneta, Don Michele Caetani, hat einen Plan zur Dante'schen Hölle gezeichnet, auch das Planeten- oder Sphärensystem in einer Karte dargestellt. Dieser geistreiche Mann zeichnet vortrefflich.   Corpus Domini, 22, Mai Heute erhielt ich vom Maler Jonas den ersten Brief aus Korsika. Er ist entzückt von der Schönheit der Insel. Das Land habe sich in diesen Jahren verändert, man baue jetzt den Acker, keine Flinte noch Dolch werde gesehen. Napoleon hat Korsika entwaffnet. Ich war also der Letzte, welcher das wilde Antlitz dieser Heldeninsel gesehen hat. Gestern ging ich nach S. Pancrazio, die Grabinschrift des Crescentius zu suchen, doch die alten Inschriften sind dort verschwunden. Ein Karmeliter dort sagte mir, daß er im Jahre 1850 in Aleppo gewesen sei und den General Josef Bem gekannt habe. Dieser habe kurz vor seinem Tode einen Geistlichen verlangt. Er, der Erzähler, habe sich als Türke verkleidet, um dem Sterbenden die Sakramente zu bringen, aber wie er mit dem Konsul Lesseps an die Wohnung Bems gekommen, sei der General verschieden. Hierauf habe der Pascha ihn als Türken begraben lassen. 28. Mai Seit sechs Tagen war ich elend, in Folge einer Kolik, die sich erst gestern gestillt hat, da mir Freund Alertz Medikamente gab. Ich habe die Arbeiten in der Bibliothek ausgesetzt. Ich ging täglich nach der Villa Medici, dort unter den Taxushecken zu sitzen. Für den Sommer habe ich eine Wohnung gemietet in Genazzano, hinter Palestrina. Ich kann die Zeit der Abreise kaum erwarten; die Wut des Arbeitens hat mich ganz ermüdet. Ich lese gern die alte Sprache der Chroniken, sie gleicht der Sprache der Bilder von Giotto, Lippi, Ghirlandaio. Von Inschriften der Grabsteine des Mittelalters habe ich viele gesammelt. Meine ›Grabmäler der Päpste‹ vermehre ich und mache ein Büchlein daraus. Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo.   Rom, 24. Juni, S. Johann In diesen heißen Tagen mußte ich meine Geschichte der Stadt ruhen lassen; doch förderte ich die ›Grabmäler‹ bis zum Saeculum 1300. Wenig umher gewesen. Gestern war ich mit Perez auf dem Kapitol, wo wir die Statuen der Päpste sahen und die seltsame Figur Karls von Anjou. Neulich kam der Dichter Salvatore Viale aus Bastia zu mir. Er schenkte mir die neue Ausgabe der ›Canti popolari‹ der Korsen und ich ihm die Edinburgher Übersetzung meines Buchs. Viale ist ein Greis, unverheiratet wie seine Brüder, der Leibarzt des Papsts, und der Kardinal. Sie rechnen im Stillen auf das Papsttum des letzteren, welcher Bischof von Bologna ist. Abgedruckt sind die ›Fragmente von Agrigent‹ im ›Deutschen Museum‹.   Genazzano, 30 Miglien von Rom, 16. August Am 25. Juni fuhr ich von Rom ab, mit Annunziata Spetta, einer Venetianerin, welche in Genazzano ein Haus und Weinberge besitzt. Sie wird meine Pflegemutter sein, eine Frau von unermüdlicher Redseligkeit und Geschäftigkeit. Ich habe ein kleines Dachzimmer. Es ist sehr heiß; auf dem Dache sonnen sich Schlangen. Nachts funkelt die Campagna von schwebenden Lichtern. Der Sommerzauber ist entzückend. Was ich suchte, ist hier. Einsamkeit und Frieden. Perez, der mir nachzufolgen versprochen hatte, ist nicht gekommen, weil er plötzlich nach Ferrara abgerufen wurde. Ich lese das Trostbuch des Boethius oft in einem Kastanienbusch, bisweilen auf dem Rücken eines Esels. Je älter der Mensch wird, desto mehr tritt die Philosophie an ihn in moralischer Gestalt. Die ›Papstgräber‹ habe ich vollendet. Am 7. August war ich nach Rom gefahren, das Manuskript auf die Dogana zu bringen. Nachts kehrte ich hierher zurück. Genazzano, 19. September In dieser sonnigen Stille habe ich das Gedicht ›Euphorion‹ vollendet. Ich habe vieles, was mein Inneres bewegte, darin verwoben. Darauf schrieb ich das Gedicht ›Ustica‹ nieder. Hier erhielt ich einen schönen Brief von Humboldt. Er schreibt in unleserlichen Charakteren, wie in Hieroglyphen. Er hat ›Korsika‹ dem Könige vorgelesen. Perez schrieb endlich aus der Villa Ronzano bei Bologna. Welch ein rätselhafter Mensch! Er wird Rosminianer in Rom. Fata trahunt. Alles war vergebens. Es ist eine tiefsinnige Richtung in ihm, welcher er blindlings folgen muß. Endlich kam er. Er überraschte mich abends am 14. September. Wir blieben die Nacht zusammen: sie war aufregend und peinvoll. Folgenden Tags am Mittag begleitete ich ihn bis Palestrina, wo ich auf der Stätte des alten Fortuna-Tempels von ihm Abschied nahm. Ich verliere meinen besten, geistvollsten Gefährten in Rom, und für immer. Er ließ mir als Andenken den Giannone, den Casti, den Layard und einen Virgil aus seiner Bibliothek. Am 23. ritt ich mit dem Campagnolen Francesco Romano, einem Mann von riesiger Gestalt, nach Anagni. Wir rasteten in Pagliano, und erreichten am Abend Anagni. Dort besuchte ich eine der angesehensten Familien, die Ambrosi. Ich logierte gut hinter dem Stadthaus, welches auf mächtigen Arkaden ruht. Am 24. ritt ich nach Pagliano und kehrte abends wieder hierher zurück. Mein schon dreimonatlicher Aufenthalt in Genazzano ist beendigt. Ich hatte schöne Stunden der Weihe in diesem entzückend gelegenen Ort. Morgen kehre ich zurück nach Rom, wo ich den ersten Band der ›Geschichte der Stadt im Mittelalter‹ beginnen will. Bald wird es sich zeigen, ob mir dieses Werk von Gottes Gnaden bestimmt ist oder nicht.   Rom, 2. Oktober Am Freitag, den 26. September, kehrte ich nach Rom zurück. Mich begrüßte ein schöner Brief von Althaus; er ist ein wahrer Freund. Ich war traurig um Perez. Am 28. September nahm er das geistliche Gewand. Der Padre Luigi und der Rosminianergeneral Bertetti haben dies Opfer umstrickt. Die Gräfin Gozzadini schrieb mir dies am 25. September, und sie hofft noch, daß mein Einfluß stark genug sein werde, ihn zu befreien. Gestern sah ich ihn am Piè di Marmo. Er kam mit zwei anderen, seinen Genossen, schon in geistlicher Tracht. Wie er mich erblickte, bewegte er sich und bedeckte das Gesicht. Ich sah ihn an voll Kummer. Wir machten uns stumme Zeichen. So ging er weiter. Er darf niemand sprechen, noch an jemand schreiben; alle seine Freiheit hat er dahingegeben, und zu welchem Ziel und Zweck? Gestern kam ein Brief von Brockhaus, der die ›Papstgräber‹ angenommen hat. Am 28. abends traf hier die Kusine Aurora ein, begleitet von einer edeln Landsmännin, Pauline. Heute sind es vier Jahre, daß ich nach Rom kam. Seither vollendete ich: ›Korsika‹, die ›Figuren‹, den Meli, die ›Grabmäler der Päpste‹, ›Euphorion‹, vieles andere Zerstreute, und ich sammelte viel Material zur ›Geschichte der Stadt Rom‹. Ich fand hier tot Emil Braun. Er starb am Anfange des September an der Perniciosa. Braun war ein Sophist, doch er hatte Züge von echter Liberalität und Großartigkeit. Es starben bald nach ihm die beiden berühmten Archäologen Canina und Orioli.   Rom, 12. November Mittwoch. Vollmond Heute um 9 Uhr des Morgens habe ich den ersten Band der ›Geschichte Roms im Mittelalter‹ zu schreiben angefangen, im 5. Jahre meines Aufenthalts in Rom, meines Lebens im 35., im 11. Jahre des Papsts Pius IX. Nachdem ich nachmittags die Feder weggelegt hatte, ging ich auf das Forum. Es regnete, dann ward es klar. Da sah ich im Kolosseum das herrlichste Wolkenphänomen bei untergehender Sonne. Es ergoß sich ein Purpurstrom über die Ruinen des Palatin, das Amphitheater stand im magischen Brande. Ich hatte eine weihevolle Stunde, und so kam ich heiter zurück. Don Giovanni Torlonia sagte mir mit Recht, daß die Sonette die Italiener um die Natur in der Poesie gebracht haben. Pauline, welche ich alle Abende sehe, hat einen tiefen Kummer gehabt. Sie ist edel und klar, und großgesinnt. Hochmut, so sagte sie, ist die Frucht, die am Baum der Erkenntnis wächst, und ich entgegnete ihr, diese Frucht heiße vielmehr Demut. Perez schrieb zweimal, heimlich, auf meine heimlichen Zettel. Er hat ein rätselhaftes Experiment an sich vollzogen, vielleicht aus innerem Gram sich selbst für immer in Fesseln gelegt. Das Leben ist ein Strom, worauf einige wie toll und blind auf bunten Schiffen in den Ozean fahren, und andere bleiben nachdenklich am Ufer stehen – und es fließt vorüber. Si passa! Si passa!   Rom, letzter Tag des Jahres 1856 Das Jahr war gut, eins der fruchtbarsten meines Lebens. Ich bin oft bei Caroline Ungher. Sie war einst Braut Lenaus; dann heiratete sie, das Theater verlassend, den geistvollen Franzosen Sabatier, einen um zwanzig Jahre jüngeren Mann. Sie ist eine mächtige Natur von weitverbreitetem Leben. Noch singt sie ausdrucksvoll oder trägt vielmehr ohne Stimme vor. Eines Abends schlug dort der Walliser Thomas schön die Harfe. Zanth, mit Hittdorf Herausgeber von Zeichnungen sizilianischer Bauwerke, zeigte mir Farbenabdrücke seiner maurischen Wilhelma. Die Namen von Architekten, so behauptete letzthin Cornelius, erhalten sich seltener als die der bildenden Künstler, weil Gebäude nichts Persönliches haben, sondern wie Werke der Natur sind. Gestern beendigte ich das 5. Kapitel der ›Geschichte der Stadt‹. Am 18. Dezember wurde die Madonnensäule auf dem spanischen Platz enthüllt. Vom spanischen Gesandtschaftshotel aus sah der Papst diesem Monument seiner mystischen Narrheit und Eitelkeit zu. In Wahrheit, es machte mich recht lachen. Die Welt, so sagt Alertz, ist ein allgemeines Narrenhaus; nur sind die größten Narren nicht eingesperrt. Der Tod Hammer-Purgstalls wird gemeldet. Ich schickte die letzten Korrekturen der ›Grabmäler der Päpste‹ nach Leipzig zurück am 22. Dezember. Eben habe ich Adolf von Schack kennengelernt. Er sieht sehr krank aus. Alertz behandelt ihn – vielleicht ist die Krankheit mehr Einbildung als reell. Kein Medikament kann Schack vertragen. Lachend sagte mir Alertz, er habe ihm letzthin einige Tropfen reinen Wassers verordnet, und Schack habe sich nach dem Gebrauch heftig beklagt, daß diese Arznei ihm Beschwerden mache. Ich ging mit Schack auf dem Pincio spazieren. Er kennt Spanien gründlich, auch viel von der orientalischen Literatur. Das Zusammentreffen mit ihm betrachte ich als ein schönes Geschenk des scheidenden Jahrs. 1857 Rom, 14. Juni In diesem Jahre habe ich von meinem Tun noch nichts aufgezeichnet, weil ich in der Geschichte der Stadt versunken war. Der Winter war kalt und streng. Eine ausgezeichnete Geselligkeit verschönerte ihn. Die edle Pauline reiste in ihr Vaterland zurück am 17. April. Ich konnte beruhigend auf ihr Gemüt wirken und sie aus ihrem Kummer in ideale Regionen erheben. Eine neue Welt ist ihr in Rom aufgegangen. Am 21. März, dem Frühlingsanfang, trug sie selber (denn so wollte sie es) das Manuskript ›Euphorion‹ in den Tempel Antonins, wo sich die Dogana befindet, und wohl in Wachsleinwand verpackt, reisten diese Pompejaner ab. Im März kamen die ›Grabmäler der Päpste‹ aus Leipzig. Am 25. April wurde das Tasso-Monument von Fabri in S. Onofrio enthüllt, und man brachte die Gebeine des Poeten in die neue Gruft unter demselben. Ich habe über diese Feier und das miserable Machwerk von Monument einen längeren Artikel für das ›Morgenblatt‹ geschrieben. Und dies war meine einzige kleine Nebenarbeit. Unausgesetzt schrieb ich an der ›Geschichte der Stadt‹ bis zum 18. Mai, wo ich das dritte Buch beendigte. Am 14. Mai sah ich mit de Rossi, mit der Improvisatorin Giovanna Milli und der Dichterin Teresa Guoli die Katakomben von S. Calixtus. Mit dem preußischen Gesandten von Thile sah ich das Kirchersche Museum. Mit einer französischen Familie war ich zum erstenmal in der Engelsburg. Es liegen dort noch viele Schießkugeln von Marmor. Die Wappenschilder Alexanders VI. haben die Republikaner von 1848 vandalisch zerstört. Überall liest man französische Inschriften, so daß dies Mausoleum Hadrians zu einer Bastille geworden ist. Den Winter über war hier der Kunsthistoriker Schnaase, ein kränklicher Herr, fein und still, vorsichtig und gründlich, und von der liebenswürdigsten Natur. Sehr religiös. Er hat einen Zorn gegen die Philosophie des 18. Jahrhunderts, gegen Voltaire und Gibbon. Er glaubt, daß der Protestantismus die Kunst regenerieren wird. Den Moses Michel Angelos hält er nicht für das bedeutendste plastische Kunstwerk der modernen Zeiten. Er behauptete, daß es in gotischen Domen Deutschlands schönere gäbe; doch er nannte sie mir nicht. Sabatier will seine Geschichte der Kunst übersetzen. Ich war vor kurzem zu einem sehr luxuriösen Frühstück in der Villa Torlonia, zusammen mit de Rossi, Visconti, Ampère, Lehmann, Henzen und Dr. Brunn. Dies Fest gaben Torlonia Vater und Sohn. Der schlaue Fra Luigi kam zu mir und beklagte sich im Namen von Perez, daß ich unsichtbar geworden sei; er erbot sich, mir einen Besuch zu vermitteln. Dies zeigte mir, daß sie seiner bereits sicher geworden sind. Ich sprach Perez allein. Ich nahm noch einmal alle meine Gründe zusammen, seinen Entschluß zu bekämpfen; doch es fruchtete nichts mehr. Das Kolosseum und alle Monumente des Forum wurden für die russische Kaiserin bengalisch erleuchtet. Der Papst ist auf Reisen im Kirchenstaat. Man hat für ihn Triumphe künstlich zurechtgemacht, auf daß er den Glauben in Israel mit Augen sehe.   19. Juni Vorgestern war ich im Studio des Bildhauers Jacometti. Seine Pietà ist ein treffliches Werk. Seinen Judas hat er an der Scala Santa aufgestellt. Tenerani ist der größte jetzt lebende Bildhauer in Rom. Von Deutschen sind namhaft Emil Wolf, der Schweizer Imhof, der Nazarener Achtermann. Jung aufstrebend ist Kopf, eines Bauern Sohn, von viel Talent. Heute ziehen Galeerensklaven eine der Piedestalfiguren für die Madonnensäule durch die Via dei due Macelli. Ich habe aus der Nachlassenschaft Caninas einige feine Bücher erkauft. Andre kaufe ich in den Auktionen, worauf sich der römische Buchhandel meist beschränkt.   Subiaco, 2. Juli Am 28. Juni fuhr ich hierher. Ich hatte mich erhitzt und erkältet, so daß ich eine Augenentzündung bekam. Dazu trat gestern heftige Kolik. Ich sah die Klöster und das Schloß und las die handschriftliche Geschichte Subiacos, die mir ein Bürger lieh.   Olevano, 16. August Am 3. Juli nahm ich hier Wohnung bei der Donna Regina. Bis heute lebte ich hier – die ersten drei Wochen heiß, träge und geistlos. Ich las viel Spanisch, Griechisch etc. Die Muse verachtete mich. Das Elend in diesem zertrümmerten Ort ist grenzenlos. Um S. Lorenzo verwüstete Hagel die Weinberge, und im Wildwasser ertrank ein armes Weib. Mit tropischer Heftigkeit entladen sich Gewitter am Nachmittage. Ich erhielt in dieser Einsamkeit die Korrekturbogen des Gedichts ›Euphorion‹. Geschrieben habe ich hier die Geschichte des Klosters Subiaco. Im Ganzen war es die schlechteste Art von Stilleben. Es ist nichts um mich her und in mir vorgegangen. Olevano, 16. 7. 1857   Genazzano, 25. August Nun merke ich, daß mir die dünne Luft des hochgelegenen Olevano schädlich war; denn kaum war ich am 17. August nach Genazzano zurückgekehrt, als auch eine gleichmäßige, ja lösende Stimmung durchdrang. Die Elemente sind hier meiner Natur homogen. Sofort schrieb ich das ›Fischermärchen aus Syrakus‹. Im Haus der Signora Annunziata sind nur Amerikaner, darunter ein junger wüster Poet, Buchanan Read, mit einer kleinen blonden Frau, die wie ein Opferlamm aussieht. Genazzano, 31. August Am 27. früh ritt ich ins Land – es war feucht und kalt. Mein Begleiter war wieder Francesco Romano. Über Pagliano und Anagni nach Ferentino, wo ich nächtigte. Am 28. nach Trisulti, durch herrliche Bergwildnisse. Am 29. frühe nach Veroli und Ferentino rückwärts. Gestern kehrte ich hierher zurück.   Rom, 5. September Am 1. September fuhr ich die Nacht durch nach Rom. In meinem Zimmer fand ich neue Tapeten und alles in bester Ordnung. Während meiner Abwesenheit starb der Staatsrat Brunner, ein schöner, begabter Mann, der in Angelegenheiten des Konkordats von der Regierung Badens nach Rom geschickt worden war. Heute kam der Papst von seiner Reise zurück. Am Ponte Molle hatten die Mercanti di Campagna Triumphbogen und Tribünen errichtet. Die Porta del Popolo war nach dem Modell Michel Angelos verkleidet, und der Senat hatte am Corso einen großen Triumphbogen aufgestellt, durch welchen der beglückte Pio Nono einzog. Ich hatte gehofft, für die Geschichte der Stadt eine Szene zu gewinnen, aber dies Spektakelstück fiel gar dürftig aus. Man illuminiert die Stadt drei Tage lang und verteilt den Armen Brot für 7000 Scudi. Der Papst strahlt von Wohlsein und Freude. Er glaubt sich wieder angebetet vom Volk, wie in früheren Zeiten. Morgen fahre ich mit dem preußischen Gesandten nach Albano.   Rom, 17. September Ich habe acht Tage im gastlichen Hause des Herrn v. Thile verlebt. Seine Kenntnis in vielen Literaturen ist wirklich groß. Die Stellung eines Diplomaten begünstigt die Aneignung der Weltbildung. Am 13. machten wir, eine Gesellschaft von 12 Personen, einen Ritt zu Esel nach dem Monte Cavo. Ich sah das lateinische Gebirge nach drei Jahren zuerst wieder. Auch Cornelius wohnt in Albano. Am 14. ritt ich nach Frascati, wo ich Henzen besuchte. Er wohnt in der Villa Piccolomini, und auch dort setzte er seine Arbeiten für das Inschriftenwerk fort, in welchem er ganz aufgeht. In Rom fand ich die Madonnensäule auf dem spanischen Platz enthüllt. Dies schlechte Machwerk sieht aus wie ein umgekehrter Champagner-Propfen. Pasquino hat es mit Satiren überschüttet. Da an der Statue des Moses der Mund zu klein geraten ist, ruft ihm Pasquino zu: parla! Der Moses mit zugekniffenem Mund: non posso. Der Pasquino: dunque fischia! Der Moses: sì, io fischio lo scultore.   Rom, S. Silvester Das Jahr war gut. Es erschienen darin meine ›Grabmäler der Päpste‹ und (am 6. November) ›Euphorion‹. An die ›Hausblätter‹ sandte ich die Novelle ›Die Großmütigen‹, Bearbeitung einer Erzählung, die ich in einem Chronisten von Siena gefunden hatte. Sabatier und Frau waren wieder hier, doch nur einen Monat lang, da sie am 19. nach Palermo reisten. Er übersetzte in dieser Zeit meine ›Grabmäler‹ ins Französische. Ampère und der Abbé Aulannier haben dafür gestimmt, daß die Einleitung fortbleiben solle, was mir sehr unlieb ist. Doch habe ich mich diesem Zensurgericht unterwerfen müssen. Herr v. Thile reiste am 24. November nach Berlin, hingerufen durch den Tod der Witwe Gräfes, seiner Schwiegermutter. Es vertritt ihn Reumont, der am 29. November angekommen ist. Am 19. Dezember war ich beim Herzog von Sermoneta. Er hat mir sein Archiv zur Disposition gestellt. Sehr schön wurde ich am Weihnachtsabend überrascht: ein eiserner Ofen stand geheizt in meinem Zimmer, und das war die Wirkung der edlen Pauline aus der Ferne. Abends fand ich ein gesticktes Fußkissen für die Bibliotheken auf dem Tisch liegen, Gabe der Frau Sabatier. Ich bin viel bei der Generalin Smyrnow, zu welcher die hier anwesende russische Aristokratie kommt. Bei ihr lernte ich Turgenjew kennen, den Verfasser der viel gelesenen ›Szenen aus dem Leben eines russischen Jägers‹. Er ist ein großer, stattlicher Mann, von ganz deutscher Bildung, von viel Belesenheit und Intelligenz. Am 16. Dezember Erdbeben in der Basilicata. Viele Städte sind zerstört worden. Άγαδή τύχη das gute Schicksal Hier schließt das Jahr 1857. 1858 Rom, 10. Juni So weit ist das Jahr vorgerückt, ohne daß ich eine Zeile aufgezeichnet habe. Ich beendigte die beiden ersten Bände der ›Geschichte Roms‹ gestern, wo ich die letzten Nachträge in der Augustinerbibliothek beschloß. Am 6. Januar wurde ich der Großfürstin Helene vorgestellt. Sie ist die Witwe Michaels, des Bruders des Kaisers, eine stattliche, schöne Frau von seltener Bildung und lebhaften Interessen für alle Zweige der Kultur, deren Missionärin sie in Rußland ist. An ihrem kleinen Hofe versammelte sich in diesem Winter die beste Gesellschaft Roms. Ihre Hofdamen sind die Fürstin Lwoff, die Baronin von Rhaden und Fräulein von Staël; ihre Kammersängerin ist Fräulein Stubbe aus Berlin. Die Russen schwärmen für die Emanzipation der Leibeigenen. Sie haben kühne Ideen und halten Rußland noch für jung. Ihre Projekte gehen auf Konstantinopel, Prag und Lemberg, kurz auf die Herstellung des oströmischen Reichs durch den Panslawismus. Aber Rußland ist ein halbmongolisches Wesen, ohne Genie und Tatkraft. Der Deutschenhaß dort fließt aus dem Bewußtsein der geistigen Abhängigkeit vom Germanentum, vielleicht aus der instinktiven Ahnung eines bevorstehenden Zusammenstoßes mit Deutschland, wenn dieses ein einiges Reich geworden sein wird. Solchen Haß zeigte selbst Turgenjew und der Prinz Tscherkeski, selbst Frau Smyrnow. Turgenjew schenkte mir seine Jäger-Novellen. Ich machte die Bemerkung, daß die Russen kein künstlerisches Formgefühl besitzen. Sie sind noch nicht geistig frei. Sie photographieren, wenn sie schildern, ähnlich den altdeutschen Malern, die jedes einzelne Haar auf einem Kopf zur Darstellung bringen. Auf den Wunsch der Großfürstin habe ich ihr und ihren Damen zweimal Abschnitte aus meiner ›Geschichte‹ vorgelesen. Nichts macht aufmerksamer auf die Formfehler als eine Vorlesung, welcher achtsam zugehört wird. Die Großfürstin sagte mir, daß mein Stil tendu sei. Sie traf das Rechte: in den ersten Kapiteln bin ich unsicher, und deshalb »angestrengt«. Ich habe mich leichter zu machen. Ich habe auch Ampère ein Kapitel gelesen, wobei Reumont zugegen war. Ampère ist einer der geistreichsten Franzosen, gutmütig, wohlwollend, beweglich und, was selten bei ihnen gefunden wird, ohne Eitelkeit. Er hatte Goethe in Weimar besucht, da er noch jung war und mit Thiers und Guizot an der Redaktion des ›Globe‹ sich beteiligte. Er hat viele Länder gesehen und in vielen Wissenschaften sich umgetan – er weiß von allen Dingen zu reden. Mit der Großherzogin und dem Prinzen Nikolaus von Nassau fuhr ich nach den Ausgrabungen an der Via Latina. Am 26. April machten wir in größerer Gesellschaft eine schöne Partie nach Tivoli. Dr. Erhardt beleuchtete den Sibyllentempel bengalisch. Nemi, 18. 8. 1854 Im Mai ging ich für einige Tage nach dem Nemi-See, aus Bedürfnis der Sammlung in der Einsamkeit. Multum esset scribendum quod dimitto in calamo. Unter den Personen, welche bei der Großfürstin verkehrten, zeichnete sich der alte Baron von Haxthausen aus, ein Westfale, der sich durch ein Werk über Rußland bekannt gemacht hat. Er besitzt eine wunderliche Neigung für das Traumleben. Eines Abends erzählte er vor einem Kreise im Hause der Frau Lindemann stundenlang Gespenstergeschichten, wobei die Lichter bei Seite gestellt waren. Er war unerschöpflich, ja genial. Frau von Smyrnow teilt diese Neigungen. Bei ihr lernte ich den Engländer Palmer kennen, einen Peregrinus Proteus , welcher endlich im Hafen der katholischen Kirche eingelaufen ist. Er lebte viele Jahre in Asien und kennt die religiösen Zustände der Völker genau. Im Mai traf Gutzkow hier ein. Ich hatte mir von diesem virtuosen Sophisten unserer Literatur ein Bild gemacht wie von einem dünnen, geistreich aussehenden Menschen, mit scharf zugespitzter Nase, und ich fand einen gedrungenen, sehr kräftigen Mann mittlerer Größe. Seine Gesichtszüge sind derb und verzwickt, seine Augen voll Mißtrauen, und seine Stimme hat einen herben, schneidenden Klang. Er stieß mich ab, ich fand nichts in ihm, was vom Wesen eines Dichters Zeugnis gab. Nur einmal machte ich mit ihm einen kleinen Gang, und dann, auf Haxthausens Aufforderung, eine Fahrt nach den Katakomben von S. Calisto, wobei uns das geistreiche und lebhafte Fräulein S. begleitete. Gutzkow kam her, um für einen Roman, ›Der Zauberer von Rom‹, Szenen zu suchen. Da ich mit so vollem Ernst die Geschichte Roms schreibe, widerte mich das frivole Hereinstöbern auf diesem tragischen Theater der Stadt heftig an. Gutzkow schimpfte beständig auf Rom; er blieb nur in der niedrigen Luftschichte der Stadt, aus welcher er sich in die höhere nicht erheben konnte. Ich bemerkte ihm einmal, daß man in Rom nur dasjenige finde, was man für dies Weltwesen schon mit sich bringe. Seine ganze Art zu denken und zu sein wirkte auf mich wie eine Dissonanz. Er reiste ab nach Neapel, sehr unzufrieden, wie ich glaube, mit Rom, wo man keine Notiz von ihm genommen hatte. Denn was bedeuten wir hier? Wir sind nur wie Spreu und Stroh, das durch die Straßen wirbelt. Im Januar brachte mir eine Dame aus Weimar einen Brief des Großherzogs, worin sich derselbe auf sehr liebenswürdige Art über meine literarischen Bestrebungen aussprach, und mich bat, an ihn zu schreiben. Kaum hatte ich dies getan, so kam ein zweiter Brief von Carl Alexander, veranlaßt durch ›Euphorion‹, welchen er eben gelesen hatte. Alertz war in diesem Winter gefährlich krank, ja bereits aufgegeben. Er ist genesen. Nun reist er als Kurier nach Berlin. Er nannte die Homöopathie sehr gut eine mystische Medizin. Der Kapellmeister Landsberg starb am Ende des April. Er war hier der Apostel der deutschen Musik. Er hatte selbst einen Gesangverein gebildet, an dem viele Römerinnen vom höchsten Adel teilnahmen. Die weltliche Macht des Papsts neigt sich dem Ende zu. Die französischen Truppen halten sie noch als Larve aufrecht, und deshalb dürfen sie Rom nicht verlassen. Man erkennt, daß alle vom Katholizismus beherrschten Länder moralisch und politisch verfallen sind, so Spanien, Österreich und Italien, so vielleicht selbst Frankreich, welches nur ein übertünchtes Grab ist.   18. Juni Am Ende 1857 veranstaltete Fortunati Ausgrabungen an der Via Latina, drei Miglien vor der Stadt, und entdeckte daselbst die Ruinen der von Leo I. erbauten Kirche S. Stefano. Bald darauf kamen zwei wohlerhaltene antike Grabkammern ans Licht, zu denen steinerne Treppen führen. Man sieht darin schöne Stukkaturen und auch Wandmalereien. Mehrere Sarkophage, einer mit der Geschichte der Phädra, sind daselbst gefunden worden.   25. Juni Heute habe ich meine zwei ersten Bände der ›Geschichte der Stadt‹ auf die Dogana gebracht, und sie werden morgen nach Stuttgart abgehen. Von dorther schrieb mir Baron Cotta einen sehr ermunternden Brief. Der Padre Guglielmotti sagte mir, daß in der Vaticana sich die ältesten Zeitungen Roms befinden, welche ehedem handschriftlich zirkulierten: ›Avvisi di Roma e di Anversa‹. Vom Advokaten Ciampi hörte ich, daß gewisse Statuten der römischen Kaufmannschaft aus der Zeit Colas di Rienzo vorhanden seien.   Rom, 30. Juni In dieser Zeit schrieb ich den Artikel: ›Aus den Bergen der lateinischen Campagna‹ für die ›Allgemeine Zeitung‹. Ampères Artikel über meine Schriften erschien im ›Journal des Debats‹ vom 20. und 22. Juni. Gestern war ich in den Grotten des Vatikan. Die Girandola war herrlich, aber der Platz del Popolo blieb leer, aus Furcht vor Tumulten. Viel französisches Militär war dort aufgestellt. 8. Juli Vorgestern fuhr ich mit der Eisenbahn nach Frascati, um Herrn von Thile zu besuchen, dessen einziger Sohn bedenklich erkrankt ist. Ich traf Ampère in der Villa Muti, wo er bei seinem Freunde Chevreux wohnt. Abends zurück mit Dr. Erhardt. Die Lokomotive, die uns zog, hieß »S. Johann«. Die alten Apostel waren Männer des Fortschritts in ihrer Zeit.   Rom, 10. Juli Von Perez erhielt ich durch die Gräfin Gozzadini ein paar Zeilen. Er geht nach dem Lago Maggiore, wo die Rosminianer ein Haus haben. Seit Weihnachten, da mir diese die Tür verschlossen, sah ich ihn nicht mehr. Ich bin im Begriff, nach Florenz zu reisen. Ich schmachte nach Bewegung und Erquickung in sicheren Lüften.   Florenz, Dienstag 13. Juli Villa Concezione Am 10. abends bin ich mit der Post in Begleitung des Malers Rudolf Lehmann nach Civitavecchia gefahren, wo wir um 7 Uhr früh eintrafen. Lehmann reiste nach Marseille, ich wartete auf das Schiff »Pompeji«, welches sich wegen stürmischer See verspätete. Ich angelte im Hafen und fing viele kleine Fische. Um 4 Uhr nachmittags fuhr ich ab. Auf dem Schiff fand ich den Bildhauer Achtermann, der seine große Gruppe in Livorno auf ein holländisches Fahrzeug verladen wollte. Es waren an Bord viele Franzosen und Spanier. Unruhiges Meer. Viele Seekranke. Korsika tauchte am Horizont auf. Die Sonne sank drüber weg ins Meer. Es sind sechs Jahre vergangen, seit ich auf jenem Eiland wanderte, und viel liegt für mich in diesem Ring von Zeit eingeschlossen, viele Erfahrungen, Freuden, Leiden, Mühen, Neigungen, wie viele Irrtümer und Täuschungen. Nachts funkelte Venus wie damals über dem Meer, und das Schiff hielt auf den Stern zu. Ich war allein auf dem Deck und saß beim Steuermann an der erleuchteten Bussole. Es mag sein, daß auch der Mensch eine solche in sich trägt, als inneres Gesetz des Lebens; aber sie ist entweder nicht durch das Licht des Verstandes erhellt, oder wir verstehen nicht, danach zu steuern. Es war eine herrliche Nacht – oben fest und klar, von tausend Sternen in ewiger Ordnung funkelnd, unten wildes wüstes Meer, und darauf ein forttaumelndes Schiff. Um 8 Uhr frühe im Hafen von Livorno. Ich besuchte das Grab Ludwigs, wo ich vor sechs Jahren in denselben Tagen den Oleanderbaum gepflanzt hatte, ehe ich nach Korsika ging. Abends nach Florenz. Ich kam auf der Villa Sabatier um 9 Uhr an und trat in eine Gesellschaft. Es ist hier schön und still, ein einfacher und gediegener Wohlstand. Von der Terrasse eine herrliche Ansicht der Stadt in ihrer reichen Campagna. Villa Sabatier, 15. Juli Gestern war ich in Florenz. Die Stadt bezauberte mich wieder. Ich fand Heyse auf der Laurenziana. Reumont war zum kranken König nach Berlin gefahren. Ich ging nach den Uffizien. Eine bildschöne junge Dame sah ich dort die Bella di Tiziano kopieren, was das reizendste Gemälde gab. Fast jeden Abend ist Gesellschaft auf der Villa. In den Nebenhäusern wohnt die Sängerin T. und die Gräfin Argyropulos. Stimmung zur Produktion findet sich nicht. Caroline Ungher zieht die Traditionen ihres Lebens auf der Bühne noch nach sich, selbst auf dieses Landhaus. Es schwärmt hier von Sängern des Theaters.   Ebendaselbst, 31. August Ich verlebte hier acht Wochen. Am 25. Juli reiste Frau Sabatier nach Karlsbad, ich blieb mit Sabatier allein. Unsre Abendgesellschaft bestand aus den Damen Argyropulos und der Marquise d'Albergo. Manchmal kamen die Maler Dalton und Spangenberg, der Sizilianer Perez und Pasquale Villari, Verfasser einer Biographie Savonarolas. Ich lernte auch Emiliano Giudici und den Geschichtschreiber Vanucci kennen. Auch der korsische Dichter Viale war in Florenz. Den alten Herrn Vieusseux besuchte ich. Sodann kamen plötzlich Chevreux, Ampère und Aulannier, die sich in der Villa Capponi eingerichtet haben, wo ehemals der Geschichtschreiber Colletta lebte und starb. Heyse ging nach Elba. Ich las viel französische Literatur aus Sabatiers Bibliothek, schrieb die Abhandlung: ›Die Poeten Roms in der Gegenwart‹, dichtete mehrere lyrische Stücke und übersetzte ›Toskanische Melodien‹ nach Tigri. Sabatier ist ein enzyklopädisch gebildeter Mann. Sein Wesen ist mir zu heftig, aber voll Großmut und Edelsinn. Morgen verlasse ich dies schöne Haus, da Sabatier auf sein Gut La Tour bei Montpellier geht. Ich gehe nach Florenz und werde in seinem Palast ai Renai wohnen.   Florenz, Palast Ungher-Sabatier, 13. September Ich arbeitete viel in der Magliabecchiana, wo Atto Vannucci mich dem Bibliothekar Piccioli empfahl. Ich las bis jetzt etwa zehn Handschriften durch und belehrte mich über das, was mir für später zu tun bleibt; und davon sehe ich kein Ende ab. Ampère machte mich bekannt mit Bonaini, dem Archivar des Staats. Ich schrieb an den Minister Baldasserone und erwartete die Erlaubnis zur Benutzung des Archivs. Bei Vieusseux sah ich den alten großartigen Marchese Gino Capponi, den Grafen Conestabile von Perugia, Graf Ugolino von Urbino, und Alberti, den Herausgeber der Gesandtschaftsberichte Venedigs. In Turin übersetzte Gaetano de' Pasquali meinen ›Euphorion‹ in versi sciolti , wovon der erste Gesang in der ›Rivista Contemporanea‹ erschien. Gleichzeitig schrieb über meine Arbeiten Gustavo Stufforella Feuilletonartikel in der ›Gazzetta Piemontese‹. Die Italiener wüten über Lamartine, weil er Italien das Land der Toten genannt und Dante sogar die poetische Ader abgesprochen hat. Ferrari hat ihn deshalb in einer Nummer des ›Courrier Franco-Italien‹, welcher in Paris erscheint, zur Rede gestellt. Am 5. September, dem Jahrestag meiner Rückkehr aus Korsika, unterzeichnete ich in diesem Palast, in meines Freundes Sabatier Wohnzimmer, den Cotta'schen Kontrakt wegen der ›Geschichte Roms im Mittelalter‹, und ich bin von dieser Sorge befreit. Es ist ein wichtiger Tag für mich. Ich feierte ihn in der Villa di Parigi durch ein Mittagsmahl, wozu ich Theodor Heyse einlud. Viel Freundliches widerfuhr mir in Florenz, und vergleiche ich meine gegenwärtige Lage mit jener, in der ich mich hier vor sechs Jahren befand, so überkommt mich ein frohes Gefühl. Ich habe mich unter heißen Mühen emporgearbeitet, und festes Land bildet sich unter meinen Füßen. Ein Korse, Francesco Ventura von Cervione, schrieb mir einen lebhaften Dankbrief wegen der Geschichte der Korsen und namentlich des Sampiero, und er bietet mir Gastfreundschaft und seine Dienste. Die Luft ist hier fein und trocken; vielleicht sind davon die Florentiner so geistreich. Auf dem Staatsarchiv habe ich für die früheren Epochen nichts gefunden. Bonaini und die Assistenten Milanesi, Passeroni und Guasti erzeigten mir die größte Artigkeit. Ich arbeite jetzt auf der Laurenziana, deren Bibliothekare, Ferrucci und del Furia, nicht minder zuvorkommend sind. Am 12. machte ich mit Heyse eine kleine Fahrt über Prato nach Pistoia. Dies Städtchen ist reizend gelegen, und seine Kirchen enthalten viele Schätze – so vor allen die Kanzel von Giov. Pisano in S. Andrea, aus dem Jahre 1301. Wir traten in S. Domenico ein und überraschten die Nonnen in der Kirche, wo eine schöne Szene anzusehen war. In der Mitte eine Art dreiseitigen Sarkophags mit abgebildeten Totenschädeln, ringsum Kerzen, die weißgekleideten Nonnen am Altar beschäftigt – feierliche Stille. Die Kathedrale S. Jacopo enthält das Monument des Poeten Cino (1337): der Dichter und Jurist vortragend, vor ihm auf Bänken Zuhörer. Oben auf dem Monument Cinos sitzende Figur. In der Kapelle S. Jacopo die in Silber getriebenen Altartafeln von verschiedenen Meistern. Schön ist auch die Villa Puccini – die Inschriften auf verschiedenen Monumenten zeigen einen glühenden Patrioten, einen gebildeten Menschenkenner, ein exzentrisches Gemüt. Niccolo Puccini, häßlich, verwachsen, geistreich, starb vor kurzem und hinterließ seinen Besitz, den sein Onkel sich als Chirurg erworben hatte, den Armen. Die Inschrift auf dem Monument für Kolumbus lautet: Cristoforo Colombo quanto facesti quanto patisti quanto amasti quanto docesti disprezzare gli uomini! – Für Tasso am Schluß: perchè gli infelici non disperino esser grandi. Es ist eine der reizendsten Villen, die ich gesehen habe. An einem andern Tage fuhr ich mit Heyse nach Montelupo – elender Ort, eine einzige Kirche, darin ein toskanisches Bild.   Florenz, 19. September Gestern traf ich den Bibliothekar Calefati von Monte Cassino, der für seine Sammlung byzantinischer Dokumente reist. Seine Bekanntschaft ist für meinen künftigen Aufenthalt in jener Abtei die Einleitung. Ich sah den Pariser Advokaten Jules Favre, den Verteidiger Orsinis, bei Somigli. Er sieht kräftig, aber plump und banal aus. Morgen gehe ich nach Rom zurück. Francesco Marmocchi, mein Freund von Bastia her, starb am 13. September in Genua, in der Blüte seines Lebens, und wohl in Folge der Bekümmernisse des Exils.   Rom, 3. Oktober Am 28. September reiste ich nach Livorno; mein Begleiter war der Korse Ventura. Er führte mich in das Haus der Korsin Verico, wo ich sehr gut logierte. Am 29. schiffte ich mich abends 5 Uhr auf dem Schraubendampfer »Hermus« von der Messagerie Française nach Civitavecchia ein. Das Meer war ruhig, der Himmel klar, noch ein halber Mond, und das prächtige Phänomen des Kometen Donati am nördlichen Himmel. Nach 10 Uhr, da sich das Verdeck von Passagieren leerte, horchte ich noch den Erzählungen eines Neapolitaners von dem Zusammenstoß des »Herculanum« und der »Sicilia«, von dem Ertrinken der Passagiere und seiner eigenen Rettung. Eine halbe Stunde später weckte mich ein entsetzliches Getöse wie eines Donnerschlags. Da ich auf das Deck stürzte, sah ich einen großen Dampfer an unsrer Seite. Der »Hermus« hatte den »Aventin« aufgerannt, ein Schiff derselben Kompanie. Die Szene war unbeschreiblich. Wir wußten nicht, welches Schiff sinken würde – dann sank der »Aventin«. Das große Fahrzeug war mitten durchbrochen, das Vorderteil schon von der Flut überschwemmt. Passagiere und Mannschaft, Spanier, Griechen, Franzosen, Deutsche, Russen, Italiener stürzten sich über schnell gelegte Brücken in unser Schiff. In sechs Minuten war alles vorbei. Der »Aventin« überschlug sich zuletzt, sein Schlot stieß eine Feuersäule aus, brüllte noch einmal auf, und mit einem Donnerschlag sank er in die Tiefe des Meeres. Dies unvergeßliche Schauspiel erschütterte mich gewaltig, aber Todesfurcht verspürte ich nicht. Es war merkwürdig, die Wirkungen des Entsetzens auf die verschiedenen Menschen wahrzunehmen. Keine Klagestimme wurde gehört. Die Spanier waren ruhig und ernst. Ein Franzose lehnte zitternd an mir und hob dann und wann sein blasses Angesicht gen Himmel, Gott ohne Tränen dankend. Ein mailändischer Kapuziner beschrieb mit dem Humor der Verzweiflung seine Rettung und wies lachend auf seine Ledertasche, in der er vier Fetzen alter Predigten geborgen habe. Fliehend hatte er noch einem durch Balken eingeengten Priester die Absolution erteilt. Ein Professor der Medizin aus Berlin, eben dem Tode entronnen, schien sich zu ärgern, daß ich seinen Namen nicht kannte. Er prahlte mit einer Preisaufgabe, die er vor Jahren gelöst, sprach mit Herablassung von Humboldt, erklärte den Menschen für einen Gott, die Planeten für tote Dinger etc. Ich versorgte den Halbgott mit einem Paar Strümpfe. Nichts hatte der Mann von seinen Sachen gerettet; alle seine in Sizilien gemachten Sammlungen lagen auf dem Meeresgrunde. Das Unglück ereignete sich an der Insel Giglio um 11 Uhr nachts. Unser Schiff war stark beschädigt. Wir kehrten nach Livorno zurück um 6 Uhr morgens. Dort sah ich den Dampfer »Pompei« reisefertig nach Neapel, und es schien mir Euphorion zu winken, getrost dieses Fahrzeug zu besteigen. Der Korse Ventura kam an Bord. Ich nahm Platz auf dem »Pompei« und fuhr um 5 Uhr abends am 30. September ab. Die Nacht war trübe. Auf dem Schiff befand sich der Bildhauer Gibson, der aus England zurückkehrte. Wir erreichten Civitavecchia erst um 9 Uhr morgens. Mittags fuhr ich nach Rom und traf hier ein um 10 Uhr nachts am 1. Oktober. Hier fand ich tot den alten originellen Bildhauer Wagner. Sein Vermögen (man fand große Summen bar, in allerlei Kisten und Ecken versteckt) hat er seiner Vaterstadt Würzburg vermacht. Sonderbarerweise äußerte er während seiner Krankheit den Wunsch, daß ich seine Biographie verfassen möchte. Auch Kyniker sind eitel.   Rom, 8. November Ich habe meine Arbeiten zum dritten Bande kräftig aufgenommen, nachdem ich den Sommer durch das Gedicht ›Hermus‹ abgeschlossen hatte. Die wachsende Menge des Materials macht mir Schrecken, aber die Darstellung der finsteren Jahrhunderte von 800 bis 1000 ist aller Mühe wert. Am 5. erhielt ich den ersten Korrekturbogen der ›Geschichte der Stadt‹ und feierte dessen Ankunft bei Alertz durch ein würdiges Mahl. Michael Levy in Paris druckt die Übersetzung der ›Grabmäler der Päpste‹. Stille, regnerische Tage. Arbeit und Einsamkeit.   9. November Heute starb Don Giovanni Torlonia, Sohn des Herzogs von Poli, in seinem Palast an der Via Condotti. Er erreichte kaum 27 Jahre. Dies ist ein Verlust für Rom. Ich verkehrte mit diesem gebildeten und liebenswürdigen Manne seit einigen Jahren. Seine Witwe, Donna Francesca, vom Haus Ruspoli, gilt für eine der schönsten Frauen Roms.   14. November Um 11 Uhr abends folgte ich Torlonias Leichenzuge vom Palast nach S. Lorenzo in Lucina. Er war die Zierde seiner Familie. An seinem Sarge trauern der Reichtum und die Philosophie, welche sich selten zu einer Handlung vereinigen. Heute ist der stärkste Scirocco, den ich noch erlebte. Die Häuser triefen, die Luft ist kochend heiß. Sie wirkte in dieser Nacht so stark auf meine Nerven, daß ich im Traum ein Haus vom Erdbeben fallen und viele Menschen erschlagen sah. Das geraubte Judenkind Mortara befindet sich im Palast der Neophyten im Rione Monti. 700 französische Jäger sind eingerückt. Sie liegen im Palast der Inquisition.   15. November Mein Traumbild war Abspiegelung eines wirklichen Erdbebens. Heute erzählten mir viele Leute, daß sie dasselbe gespürt, und Signora Annunziata sagte mir, daß nachts in ihrem Zimmer die unberührte Glocke geläutet habe. Man hört von viel Unglück auf dem Meere und vom Austreten der Flüsse.   25. November Stark gearbeitet; zehn Druckbogen der ›Geschichte‹ revidiert. Anhaltender Scirocco. Im Theater Metastasio sah ich Ferraris ›Prosa‹ von Dilettanten gut aufführen. Der Grundgedanke des Stücks ist der von Hyacinth und Rosenblütchen. Der Dichter, ein Modenese, welcher mehrere Literaturkomödien geschrieben hat, wie Parini und seine Satire, Goldoni etc., wurde oftmals gerufen. In der Argentina hörte ich die ›Vestalin‹ von Mercadante. Heute kam zu mir Alessandro Zannini und brachte mir Grüße aus Korsika, nebst Poesien Multados. Er sprach gut deutsch. Gestern war ich bei Frau Salis-Schwabe, einer reichen Dame aus Manchester, Freundin Bunsens. Heinrich Hirsch zeigte mir herrliche Münzen von Cellini: seinen achteckigen Taler, den er in der Engelsburg prägte, und jene Münze Clemens VII. mit Christus, der den sinkenden Petrus aus den Wellen zieht, zu ihm fragend: Quare dubitasti? Die päpstlichen Münzen jener Epoche haben schöne Sinnsprüche. Auch am Gelde kann man sehen, wie nüchtern die Welt geworden ist.   Rom, 31. Dezember, abends Am Weihnachtsabend wurde ich mit der Hälfte des dritten Bandes fertig, bis Anno 900. Vorgestern besuchte ich Frau Ristori, welche mir aus Florenz einige Bücher mitbrachte, darunter den Froissard. Sie ist von einer wahrhaft königlichen Gestalt, noch schön, von imponierender Ruhe. Den heutigen Tag feierte ich durch einen Spaziergang nach S. Paul, wo ich im Klosterhof merkwürdige Inschriften las. Kurz zuvor war de Rossi zu mir gekommen. Er ist der größte Gelehrte in Rom, in den Katakomben gleichsam aufgewachsen und von staunenswertem Wissen in der christlichen Archäologie. 1859 Rom, 2. April Heute vor sieben Jahren verließ ich das Vaterland; ich diente also schon sieben Jahre um Rahel. Am 24. März schloß ich den dritten Band der ›Geschichte der Stadt‹, so daß ich ihn zum Herbst vollendet durchführen kann. Der Winter wurde gut hingebracht, während angenehme Geselligkeit mit angestrengter Arbeit wechselte. Ich war oft im Hause der Frau Salis-Schwabe. Wir machten kleine Ausflüge, so nach dem Grabmal des Nero, nach Grotta Ferrata etc. Von Engländern lernte ich kennen Cartwright, ein Original, von deutscher Erziehung gleich Odo Russell, der hier diplomatischer Agent Englands ist. Vor einem Monat kam Heinrich Brockhaus aus dem Orient, ein lebenskräftiger und einfacher Mann; desgleichen der Kirchenhistoriker Karl Haase aus Jena. Ich erhielt Briefe von Lionardo Vigo und von dem Sizilianer Gallo, dem Schüler Melis. Ampère kam und brachte mir seine dramatischen Szenen ›Cäsar‹, die unpoetisch sind. Oft sah ich ihn diese Verse im Gehen notieren; denn wenn er in Rom wandert, hat er stets Papier und Bleistift in der Hand. Stets kaut er an einer Zigarre, statt sie zu rauchen. Müßig ist er niemals. Der Karneval war sehr schön. Wegen der Anwesenheit des kranken Königs von Preußen, des Prinzen von Wales und der Herzöge von Leuchtenberg hatte man Masken gestattet. Ich besuchte den Maskenball im Apollo-Theater. Die drohende Kriegsfurie hat Rom nicht aufgeregt. Auf dem faulsten Fleck Europas lebt man wie im Traume fort. Und doch sind es nur die fremden Mächte, welche diese Mumie verteidigen, die noch Kirchenstaat heißt. Die Franzosen bleiben weiter in Rom, die Österreicher in den Marken. Ein Kongreß soll in Baden-Baden zusammentreten. Abgedruckt sind im ›Morgenblatt‹ ›Die römischen Poeten der Gegenwart‹. Sonst schrieb ich nichts Kleineres. Hier trat Salvini auf, der beste Schauspieler Italiens. Ich sah ihn als Orosman, dann als Othello. Sein Naturell ist größer als das der studierten Ristori. Der Frühling ist gekommen. Alles blüht. Mir bangt vor dem Sommer.   Rom, 2. Mai Die Aufregung wird groß. Widersprechende Gerüchte gehen hin und her. Am 27. April erklärte Toskana sich für Piemont, der Großherzog floh, eine provisorische Regierung ward eingesetzt. Novus rerum nascitur ordo . Täglich ziehen Römer zur Freiheitsarmee ab. Weil so viele Schustergesellen fort sind, hat Pasquino gesagt: »Corrono accommodar lo stivale d'Italia; la Trancia vi mette la sola, l'Austria la pelle, i preti lo spago.« Ich arbeite in der Sessoriana, in der reizendsten Einsamkeit, wohin ich jeden Morgen durch die öden, feldartigen Viertel Roms wandre. Dort benutzte ich die Abschriften Fatterchis von den Urkunden aus Monte Amiata und Subiaco. Die Mönche, die schon im Jahre 1848 entfliehen mußten, fürchten sich. Ich lernte dort Monsignor Liverani kennen, der das Leben Johannes X. schreibt. Mit den Damen war ich einmal in Albano und Nemi, dann in Frascati.   Abends, 2. Mai Die Florentiner provisorische Regierung hat dem König von Sardinien die Ordnung des toskanischen Staats übertragen. Ulloa, einst Verteidiger Venedigs, kommandiert die toskanische Armee. Heute Gerücht: Parma habe sich pronunciert, Bologna sich erhoben und die Österreicher verjagt. Es wird schwül in Rom, wie als brütete ein Verhängnis in der Luft. Heute kamen mit der Post acht Aushängebogen vom zweiten Bande der ›Geschichte Roms‹. Ich ahne, daß ich heimkehren muß – wenn nämlich hier der Sturm losbrechen sollte.   Rom, 11. Mai Die Österreicher haben am 29. April den Ticino überschritten. Giulay kommandiert sie. Rom ist still und schwül, wie aus der Welt verloren, wie in sich eingesponnen und verzaubert. Der Scirocco weht auch immerdar. Die aufgeregtesten Momente der Zeit fallen hier wie tonlos in die Ewigkeit nieder. Ich kann nichts arbeiten. Am 29. April kündigte die ›Allgemeine Zeitung‹ den ersten Band meiner ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ an. So fällt ihr Beginn in diese dem Anschein nach alles umwandelnde Revolution Italiens; und in welche Zeit wird wohl ihr nicht abzusehendes Ende fallen? Werde ich überhaupt diese große Aufgabe je vollenden dürfen? Ich bin aufgeregt: unter mir wanken die kaum mit großer Mühe gelegten Fundamente meines Daseins.   Rom, 27. Mai Tiefe, sonderbare Ruhe hier. Heimlich reisen viele Römer nach Piemont ab. Buoncompagni ist des Königs Kommissar in Toskana. Die Österreicher rückten ganz närrisch hin und her in der Lomellina, statt sich kühn auf Turin zu stürzen. Am 12. Mai kam Napoleon nach Genua; Hauptquartier in Alessandria. Am 20. Niederlage der Österreicher bei Montebello und Corteggio. Am 21. sonntags starb König Ferdinand von Neapel, und sein junger Sohn Franz II. bestieg den blutbefleckten Thron. Auch dort bricht demnach ein neuer Zustand ein. Am 24. Mai begann ich meine Arbeiten in der Vaticana. Die gute Aufnahme, die ich dort beim Kustoden San Marzano fand, verdanke ich wohl dem Briefe Reumonts an Kardinal Antonelli. Ampère kam aus Paris mit der fertig gedruckten französischen Übersetzung meiner ›Grabmäler‹. Er nennt die gerechte Sache Italiens durch den Abenteurer Napoleon vergiftet und ist dadurch in peinlichen Widerspruch mit seiner Vaterlandsliebe oder doch seinem Franzosentum geraten. Ampère ist Orléanist.   Rom, 9. Juni Die Ereignisse sind reißend schnell einander gefolgt. Am 31. Mai wurden die Österreicher bei Palestro, am 4. Juni bei Magenta geschlagen. Gestern hielten Napoleon III. und Viktor Emanuel ihren Einzug in Mailand. Der österreichische Kaiser ist in Verona. Alles verwundert sich über Giulays schlechte Führung. Die Nachricht von Magenta erweckte hier einen wahren Freudentaumel. Sie kam um 5 Uhr abends an. Das Volk wogte durch den Corso; man pfiff die Gensdarmen aus. Am 6. abends große Illumination. Zuvor hatte der General Goyon eine Proklamation erlassen, worin er die Römer zur Ruhe aufforderte. Der Korso war gedrängt voll, aber alles bewegte sich still vorwärts. Überall Bildnisse Napoleons und seiner Generale, Viktor Emanuels und Garibaldis in seinem phantastischen Kostüm. An allen Fenstern sieht man die Schlachten von Marengo, Roveredo, Arcole, Lodi etc. – Diese Epoche scheint wieder da; der Neffe des Onkels erschöpft die Nachahmung vielleicht bis zu Waterloo. Der Klerus zittert. Was wird Preußen tun? Prinz Napoleon ist in Florenz eingezogen. Neapel blieb still. In S. Maria Maggiore war Totenmesse für den König Bomba, und abends sah ich die Kirche festlich drapiert und einen großen Katafalk darin aufgerichtet. Ich war mit Alertz da; es war eine sehr schöne Szene. Die letzten Druckbogen von Band II sind angekommen und zurückgeschickt. Ich arbeite fort in der Vaticana. Abends spaziere ich auf dem Pincio, wo es schön still ist. Rom in tiefstem Schweigen, die Luft warm und klar.   Rom, 16. Juni Gestern kamen Nachrichten, daß die Österreicher Ancona und Bologna geräumt, wo eine Munizipalregierung unter Pepoli eingesetzt ist, und daß in Perugia der Aufstand ausgebrochen sei. Es rückte deshalb das päpstliche Schweizerregiment unter Oberst Schmidt eilig dorthin ab. Baraguay d'Hilliers hat die Österreicher bei Melegnano geschlagen, und sie haben sich vielleicht schon über den Oglio zurückgezogen. Sie haben auch Pavia und Lodi geräumt, das Kastell von Piacenza in die Luft gesprengt – und sie konzentrieren sich an der großen Mincio-Linie. Schlick hat an Stelle Giulays den Oberbefehl. Heute kam die Nachricht vom Tode Metternichs. Er starb am 11. Juni, 87 Jahre alt. Der letzte Repräsentant der veralteten Zeit erlebte noch den kläglichen Sturz seines habsburgisch-papistischen Lügensystems. Die Lombardei ist für Österreich verloren, und das wird ein Glück sein. Dieser Rest der mittelalterlichen Reichsgewalt hat Deutschland nur Unheil gebracht, da seinetwegen Österreich zum engsten Anschluß an das Papsttum und zum Aufgeben seiner Mission an der Donau genötigt worden ist. Alle hiesigen Deutschen sind fanatisch für Österreichs Sache, und ich schweige still. Ich war gestern oben auf Aracoeli, und genoß dort der schönsten Ansicht von Rom, namentlich auf der Seite, wo die Türme delle Milizie, Colonna, del Grillo, Conti, Capocci, kurz das wesentliche Mittelalter sichtbar werden. Vor drei Monaten wurde Napoleon hier verwünscht, Orsini war ein Heros, Mazzini der um Italien hochverdiente einzige wahre Patriot – heute ist Napoleon ein Gott, Orsini ein Fanatiker, Mazzini nur noch ein Narr. Wenn ich den Italienern in ihrer Begeisterung für diesen Napoleon dessen Vergangenheit vorhalte und aus seiner Stellung und eigenen Notwendigkeit Schlüsse ziehe, so sagen sie mir: Wenn der Teufel selbst uns ein Bündnis anbietet, so verschreiben wir uns ihm, wenn er uns nur Österreich vom Halse schafft. In dieser ganzen Umwälzung wird mir das Merkwürdigste sein die Gestaltung der Dinge im Kirchenstaat. Roma stat antiquis erroribus .   24. Juni Vorgestern kam die Nachricht, daß das Schweizerregiment Perugia nach einem dreistündigen Kampf genommen habe, wobei acht Mann Tote, von den Perugianern einige siebenzig Tote blieben. Der Papst hat den Oberst Schmidt sogleich zum General gemacht. Fast alle Städte der Romagna haben sich unter die Zentral-Giunta Bolognas gestellt; Ancona hat die päpstlichen Truppen in das Kastell gesperrt und eine Munizipalregierung eingesetzt. Aber der Antrag dieser Städte an Viktor Emanuel, die Regierung in die Hand zu nehmen, ist abgelehnt worden, da dies dem Versprechen, die Neutralität des Kirchenstaats zu achten, zuwiderläuft. Die Romagna ist dadurch in große Verlegenheit geraten; man spricht sogar vom Eintreffen einer bolognesischen Deputation an den Papst. Die Stimmung in Rom wird düsterer. Die Demonstrationen des Volks vor S. Luigi dei Francesi, wohin der französische General Goyon sonntags zur Messe fährt, unterbleiben nur, weil das Militär sie auseinandertreibt. Auch das Café im Corso, wo die Bulletins geschmiedet werden, wird überwacht. Fast 5000 Römer sind zum Kriege abgegangen und die patriotischen Gaben sehr bedeutend. Seit zehn Tagen bleibt die lombardische Post aus, daher auch die deutsche. Ich bin ohne Zeitung und ohne Briefe. Die Prozession zu Corpus Domini war sehr dürftig. Das Volk blieb aus, und von den Kardinälen hatten viele plötzlich Husten, Fieber, Katarrh und lahme Beine.   Rom, 26. Juni Die Einnahme Perugias war blutig. Diese fremden Söldner, der Auswurf von ganz Europa, haben wie in einer türkischen Stadt gehaust, dreizehn Stunden lang geplündert, in den Häusern massakriert, und man sagt selbst Nonnen geschändet. Eine toskanische Deputation ist an Napoleon abgegangen, ihm diese Greuel vorzutragen. Wenn der Papst nur Tage gewartet hätte, so würde Perugia von selbst sich unterworfen haben. Die Lust, wieder einmal den Fürsten zu machen, wird ihn viel kosten. Die Römer sind erbittert. Wären hier nicht 4000 Mann Franzosen, so würde man manchen Priester an die Laternenpfähle hängen. Gestern kam das Bulletin von der großen Schlacht bei Solferino vom 24. Juni. Die Österreicher haben nach einem Verlust von 30 Kanonen und 6000 Gefangenen die erste Mincio-Linie aufgeben müssen. Die Sache kämpft gegen sie. Preußen hat sechs Armeekorps mobil gemacht!!! Eine große Zukunft bereitet sich vor. Aber ich fürchte, Deutschland wird eine schreckliche Krisis durchmachen, ehe es sich neu organisiert. In die Hände Preußens ist das Wohl und Wehe des Vaterlandes gelegt.   Rom, 2. Juli Der Papst hat das Konsistorium der Kardinäle versammelt und eine Allokution gehalten, worin er die Unruhestifter im Kirchenstaat mit der Exkommunikation bedroht. Der König von Sardinien ist nicht namentlich erwähnt. Am Schluß tröstet sich der Papst mit dem Gedanken, daß »Unser vielgeliebter Sohn« Napoleon III. erklärt habe, die Unabhängigkeit des Kirchenstaats zu respektieren. Gleichwohl las ich gestern im ›Monitore di Toscana‹, daß Pinelli als Kommissar Sardiniens gekommen ist und der Zentral-Giunta gemeldet habe, es werde Massimo d'Azeglio nächstens eintreffen, um die Romagna militärisch zu organisieren. Demnach scheint Viktor Emanuel dennoch vorgehen zu wollen, und das Prinzip der Neutralität des Kirchenstaats wird umgestoßen. Hier sprengt man das Gerücht aus, daß 18 000 Bolognesen nach Perugia marschieren wollen, diese Stadt zu befreien. Obwohl Ancona und andere Städte der Marken sich wieder unterworfen haben, so ist doch ihr Abfall vorauszusehen. Der Papst zieht Truppen zusammen gegen Bologna. Die Lage Roms wird immer sonderbarer. Ein Funke reichte hin, die Mine zu sprengen und den gesamten Klerus fortzufegen. Aber die Bevölkerung richtet sich nach der Vorschrift Napoleons und Viktor Emanuels. Alles ist still – nur hie und da Gruppen auf den Straßen, namentlich vor den Schaufenstern, wo die Porträts der französischen und piemontesischen Generale und selbst der österreichischen Anführer aushängen, und grelle Bilder von den Schlachten bei Montebello und Palestro zu sehen sind. Die Gesichter der Römer sind lebendige Thermometer der Ereignisse. Wenn Bulletins kommen, sieht man Menschen mit ihnen in der Hand durch die Straßen gehen; in allen Cafés werden sie abgeschrieben. Die Stadt ist in zwei große Parteien geteilt, die klerikale und die nationale – dazu kommen die Franzosen und die Deutschen, welche wieder in zwei Parteien zerfallen, die miteinander hadern. Sechs Tage lang kamen keine Depeschen nach den ersten von Solferino. Die Römer schwebten in großer Pein; es hieß, die Österreicher hätten wieder die Oberhand. Auch heute sind noch keine Nachrichten da, außer daß die Alliierten den Mincio überschritten haben. Die Mobilmachung Preußens macht alles bestürzt, zumal die Absichten verhüllt sind. Ich fürchte für die Lombardei, daß sie am Ende doch nur eine halbe Freiheit gewinnt. Schon jetzt bemerke ich Zeichen der Uneinigkeit bei den Italienern, denn die Genuesische Zeitung spricht sich in scharfen Artikeln gegen gewisse partikulare Gelüste in Toskana aus. Hier in Rom erlaubt die Polizei keine andren Zeitungen als die Genuesische, die ›Débats‹ und die ›Allgemeine‹. Die Italiener sind wie Kinder; sie glauben, in zwei Monaten frei sein zu können. Wäre dies auch der Fall, so werden sie doch ein Chaos zu ordnen haben. Und was werden schließlich die Absichten Frankreichs sein? In Venedig haben die Österreicher einen Tumult unterdrückt. Nachrichten aus Sizilien sprechen von großer Gärung im Lande. Der König von Neapel hat eine Amnestie erlassen, Filangieri ins Ministerium genommen. Doch dies reicht nicht hin. Ich war wieder am Fest S. Peter und Paul in den Grotten des Vatikan, und dachte am Grabe Ottos II. über die Geschicke Italiens und Deutschlands nach. Die Kuppelbeleuchtung war herrlich, das Schauspiel der Girandola durch nichts gestört. Die Abendstunden in der Villa Borghese sind jetzt das reizendste, was ich genieße. Gestern kamen wieder Aushängebogen der ›Geschichte der Stadt‹ durch die österreichischen Heere durch; ich habe sie teuer bezahlt. Die Cotta'schen Wechsel trafen richtig, wenn auch stark verspätet, ein. In dieser großen Spannung, im ewigen Widerstreit von Befürchtungen, Hoffnungen, Meinungen, kann ich nichts arbeiten, außer kleinen Verbesserungen am dritten Bande. Ich bereite alles vor, daß ich abreisen kann, wenn es sein muß. Ich betrachte die Unabhängigkeit Italiens als ein heiliges Nationalrecht; und wenn jeder Österreicher in der Lombardei mein leiblicher Bruder wäre, ich wollte selbst die Italiener antreiben, ihn zu verjagen. Nur kann ich den Gedanken nicht vertragen, daß sich ein Mensch wie Napoleon mit dem Ruhm, ein Volk befreit zu haben, schmücken darf. Deutschland wird sich verjüngen: Preußen ist das Piemont in ihm. Das protestantische Prinzip wird siegen, aber durch die mögliche Zerstörung der weltlichen Gewalt des Papstes wird sich der Katholizismus wieder energisch konzentrieren, und ein religiöser Prinzipienkampf steht bevor.   Nettuno, 11. Juli Die Hitze trieb mich aus Rom. Ich reiste am 7. um 5 Uhr morgens hierher, und logierte mich in der Casa Fiorilli ein. Gestern ritt ich mit Müller nach Astura, durch den herrlichen Wald. Pasquale ist nicht mehr Lieutenant im Turm; die Besatzung war des Kriegs in den Legationen wegen herausgenommen, bis auf den Marschall. Hier keine Zeitung – keine Briefe – kein Gerücht – alles wie aus der Welt nur Fische und Fischer, Himmel und Meer. Ich will noch acht Tage lang hier baden und sonst nichts tun.   Nettuno, 14. Juli Am 9. wurde zu Villafranca der Waffenstillstand abgeschlossen und unterzeichnet vom General Heß und Marschall Vaillant. Gestern fuhren hier fünf große Dampfer in einer Reihe am Kap der Circe vorbei, ein schönes Schauspiel und das letzte Zeichen des Krieges. Heute kam die Nachricht vom Frieden. Das Bulletin lautet so: der Friede ist geschlossen zwischen den Kaisern. Der Kaiser von Österreich tritt die Lombardei an den Kaiser von Frankreich ab, welcher damit dem König von Sardinien ein Geschenk macht. Österreich reserviert sich II Veneto . Jemand, der aus Rom kam, erzählte mir, daß die Enttäuschung dort groß sei. Man spricht von der Einrichtung eines italienischen Bundes, an dessen Spitze der Papst treten soll – eine Ungeheuerlichkeit. Offenbar will Napoleon die Freiheit Italiens nicht, um seine Hand hier auf dem Lande zu halten. Neben mir wohnt als Badegast eine Frau aus Marino, vom Mittelstande, welche von dem italienischen Krieg nicht ein Sterbenswort wußte, und von nichts anderm gehört hatte als von der guerra di Perugia . Als ich mich darüber wunderte, meinte sie: nur in den Cafés wüßten die Menschen von dem, was in der Welt vorgeht; denn da seien die Zeitungen, sie aber lebe nur für ihr Haus.   Nettuno, 15. Juli Heute schickte mir Alertz aus Rom das Friedensbulletin, datiert Paris 12. Juli. Venezien, welches Österreich behält, wird gleichwohl zur italienischen Konföderation gehören, deren Ehrenhaupt der Papst sein soll. Dieser Friede ist demnach nur von Stroh.   Rom, 22. Juli Am 20. morgens 4 Uhr fuhr ich mit dem Maler Müller nach Rom zurück. Der Friede hat hier tiefe Bestürzung hervorgebracht, nur der Klerus jubelt. Seit heute ist ein dreitägiges Dankfest in den Kirchen angeordnet. Kein Mensch weiß sich das plötzliche Nachgeben Napoleons zu erklären. Die Römer sind stumm. Die Stadt, schon wegen der Sommerhitze ausgestorben, bietet das eigentümlichste Schauspiel dar. Noch hängen in den Schaufenstern die Bildnisse der Kriegsfürsten, die Schlachtszenen, aber kaum ein Mensch steht davor. Gestern wurde noch im Café dei Convertiti ein Bulletin angeheftet, welches die Rede Napoleons vor dem gesetzgebenden Körper vom 20. Juli bringt, worin er sagt, daß er im Angesicht des bewaffneten Europas, welches ihn würde zu gleicher Zeit am Rhein wie an der Etsch zum Kriege gezwungen haben, den Frieden habe annehmen müssen; daß die italienischen Fürsten zugesagt hätten, Reformen einzuführen. Heute verbreitet sich das Gerücht, der Papst wolle eine Konstitution erlassen (!). Massimo d'Azeglio hat Bologna verlassen, wo übrigens alles Volk in Waffen steht, willens, dem Papst zu trotzen. Die Einmischung Viktor Emanuels in der Romagna hat der italienischen Sache geschadet – Napoleon ist deshalb einem Bündnis mit der anwachsenden Revolution aus dem Wege gegangen.   Genazzano, 28. August Dienstag abends am 26. Juli fuhr ich von Rom nach Genazzano, wo ich in der Casa Gionne sehr gut wohne. Hier sind Lindemann und die estländische Familie Mohrenschild. Ich begann sofort am 28. den ersten Akt eines Dramas ›Otto III.‹, den ich beendigt habe. Ich schreibe hier die Abhandlung über die Volkslieder Siziliens. Die Tage gehen still und schön dahin, ich lese viel Virgil. Zwei Ausritte habe ich gemacht, am 23. August nach Palestrina, am 25. nach Pisciano über S. Vito. Die Hitze war auch hier sehr groß. In Rom stieg sie auf 35 Grad. Dann kamen zu Anfang August mehrtägige Regen und ein starkes Gewitter mit Hagel, welches einen Knaben erschlug. Die letzten Aushängebogen des zweiten Bandes sind angelangt. Die politische Lage Italiens wird durch die Stärke des Nationalprinzips verändert. Dies dürfte die Pläne Napoleons und die des Papsts doch durchkreuzen. Bologna und die Romagna stehen in Waffen; Toscana, dessen Großherzog am 21. Juli zu Gunsten seines Sohnes Ferdinand abgedankt hat, erklärte soeben durch Landesversammlung den Anschluß an Piemont. Das Heer kommandiert Garibaldi. Parma und Modena, wo Farini Diktator ist, weigern sich, unter die Herzöge zurückzukehren. Unterdessen ist der Kongreß in Zürich versammelt. England rüstet mit großem Geräusch seine Küstenverteidigung.   Rom, 14. September Am 11. ritt ich mit dem Maler Müller nach Segni, am 13. von Norma nach Cori. Abends um 8 Uhr trafen wir wieder in Rom ein.   Rom, 29. September Die Legationen stehen in Waffen. Überall wird die Vereinigung mit Piemont erklärt. Wie unter einem Zauber bildet sich ein neues Italien. Viktor Emanuel hat die Abgesandten empfangen, zwar die Vereinigung der Länder nicht direkt angenommen, aber diese zum kräftigen Ausharren ermahnt. Der Papst zieht Truppen bei Pesaro zusammen, aber seine Übereinkunft mit Spanien wegen eines Hilfskorps ist mißglückt. Völlige Ruhe in Rom. Ich gehe morgen nach Monte Cassino, wohin mich Calefati eingeladen hat.   Sora, am Liris, 4. Oktober Am 30. September kam ich nach Genazzano. Von dort ritt ich am 2. Oktober mit Francesco Romano über Paliano und Anagni nach Ferentino. Es war hier das Fest der S. Maria del Rosario. Die schöne Tracht der Campagnolen machte ein prächtiges Gemälde, aber der wüste Götzendienst erregte mir Ekel. Wird dies heidnische Wesen noch lange fortdauern? Ist es nicht endlich Zeit, diese Religion der Zauberei abzuschaffen? Ich empfand Sehnsucht nach meinem Vaterlande. Am 6. Oktober ritt ich nach Veroli, von dort weiter bis Casamari, und so nach Sora am Liris.   Arpino, 5 Uhr nachmittags Ich bin hierhergefahren von Sora, wo ich übernachtet hatte.   Monte Cassino, 6. Oktober Am 5. fuhr ich auf einem Char-à-Banc von Arpino weiter. Überall neapolitanische Truppen, Lanzenreiter und Infanterie. Sie zogen nach den Abruzzen, wohin bereits 40 Kanonen abgegangen sind, da man dort den Einmarsch der Garibaldischen fürchtet. Hie und da verlassene Burgen. Die Straße biegt vor San Germano um. Man durchzieht einen Eichenhain und sieht die freundliche Stadt vor sich unter einem Felsen liegen, den die schöne Burg Janula krönt. Man kommt an dem Amphitheater vorbei. Rings blaue Berge im Halbkreise. Der Fluß Rapido durchfließt die Ebene, woraus inselartig der Monte Trocchino aufsteigt. Ich ritt zu Esel den 3 Miglien langen Weg zur Abtei hinauf. Freundlich empfing mich Calefati, und bald darauf der berühmte Tosti, der mir im Refektorium beim Abendessen Gesellschaft leistete. Ich schlief gut zu Nacht, wanderte am Morgen um die Abtei her, sah die zyklopischen Mauern, die Kirche, die Höfe und arbeitete sodann im Archiv. Das hat 800 Codices und viele tausende von Urkunden. Heute früh spazierte ein prächtiger Rabe in mein Zimmer. Als ich ihn streicheln wollte, biß er mir den Finger blutig. Wie in Subiaco werden also auch hier diese heiligen Raben ernährt.   abends Vorhin kam Tosti zu mir herein und erzählte, daß Nachricht von Frosinone gekommen sei: die Franzosen rückten gegen die Grenzen Neapels, und in Civitavecchia seien neue Truppen ausgeschifft. Es scheint eine Kombination zwischen Österreich, Rom und Neapel getroffen, eine Gegenbewegung zu veranstalten. Das projektierte neue System in Folge des Friedens von Villafranca soll im Keim erstickt werden. Hier sind die Polizeimaßregeln sehr streng. Ein Ministerialbefehl kam aus Neapel, welcher verordnet, jeder Mönch von Monte Cassino müsse, wenn er seinen Ort verlassen wolle, in seinem Paß angeben: den Zweck seiner Reise und sein Domizil an dem Bestimmungsort. Seit 1848, wo Tosti exiliert war, hat er sein Kloster nicht mehr verlassen. Die Dinge in Neapel nehmen eine böse Wendung. In diesen Tagen sind viele Edle in der Stadt eingekerkert worden. Das Regiment ist in den Händen der bigotten Königin-Witwe und des österreichischen Ministers. Das hiesige Klosterseminar zählt über 120 Schüler, aus allen Teilen des Königreichs. Sie sind jetzt auf Ferien. Nur einige kräftige Jünglinge, aus Aquila und Tagliacozzo, blieben hier. Ich machte heute mit ihnen einen Spaziergang nach dem Berg Cairo. Sie fragten mich, ob es wahr sei, daß in Preußen, welches der Musterstaat überhaupt sei, alle Menschen studieren müßten, selbst auf den Dörfern. Sie wußten alle von Humboldt, und selbst der Doganenbeamte in Isola sprach gleich von ihm, als er hörte, daß ich ein Preuße sei. Derselbe Mann wußte nichts von der Existenz des Horaz. Ich speise im Refektorium, eine Stunde später als die Mönche, in Gesellschaft eines Neffen von Ernst Moritz Arndt, der hier ehedem zwei Jahre Novize gewesen war, dann aber nach Neapel ging, wo er jetzt Lehrer an einer Militärschule ist. Er erzählte mir von der Rebellion der Schweizer und sagte, sie sei durch französisches Gold angestiftet worden. Die Mönche haben auch ein Billardzimmer, wo ein Laienbruder nach Wunsch Café einschenkt.   Monte Cassino, 7. Oktober Ich arbeite von 8 bis 1 Uhr im Archiv; dann Mittagstisch; darauf wieder Arbeit bis 4, hierauf Spaziergang. Im Archiv hängt das Bildnis des Polizeiministers del Caretto in voller Uniform, was mich befremdete. Tosti klärte mich über den Grund davon auf. Vor der Revolution von 1848 war es dieser verhaßte Mann, welcher dem Kloster eine eigene Druckerei bewilligte und auf den Plan Tostis und des Abts einging, ein allgemeines Journal, das Athenäum Italiens, zu gründen, an welchem alle italienischen Gelehrten jeder Farbe, selbst die Verbannten, teilnehmen sollten. Es sollte in Monte Cassino erscheinen. Programme, Briefe wurden ausgesendet. Cesare Balbo hatte dafür sein Kompendium italienischer Geschichte zugesagt, Gioberti sein Werk ›del Primato d'Italia‹. Rosmini, Silvio Pellico, Manzoni, Cantù, alle wollten Beiträge liefern; und so begann die unitarische Bewegung Italiens eigentlich in diesem Kloster. Gioberti sprach sich öffentlich mit Entzücken darüber aus; er griff in einem seiner Werke die Jesuiten an und erhob dagegen die Benediktiner als die liberale Schule der Wissenschaft. Dies machte böses Blut; das Projekt wurde angefeindet und Monte Cassino als Zentrum des Unglaubens und der Demokratie denunziert. Bald darauf trat die Reaktion ein. Die Druckerei wurde den Cassinesen entzogen; mehrere wurden verbannt, darunter Tosti, welcher nun eine Zeit lang in Rom und in Toscana lebte. Das Bild del Carettos blieb als Denkmal einer schönen Hoffnung, wozu dieser berüchtigte Minister unwissend beigetragen hatte. Die klugen Benediktiner hatten ihn an seiner Eitelkeit gefaßt. Seit zehn Jahren ist das Verhältnis zwischen der Regierung und dem Kloster nicht mehr hergestellt, und Tosti nennt diese Zeit il decennio plumbeo . Er erzählte mir, daß er als Knabe von acht Jahren ins Kloster gekommen sei. Er habe damals noch alte Mönche, Gelehrte aus dem vorigen Jahrhundert gefunden, wie Alfonso Federici, de Fraga, ferner einen Urneffen des verdienten Gattula. Diese bestäubten Figuren einer alten Zeit, mit der Patina der Vergangenheit umzogen, wie er sich treffend ausdrückte, weihten ihn in die historische Tradition des Klosters ein, so daß er schon als Jüngling von 18 Jahren seine Geschichte Monte Cassinos begann. Seit Petrus Diaconus, dem Fortsetzer des Leo Marsicanus, so sagte er, habe sich bis auf das Ende des 18. Jahrhunderts die Tradition der Cassinischen Geschichtschreibung erhalten, und er beklagte, daß dieser große Charakter erloschen sei. Der jedesmalige Archivist (heute Don Sebastiano Calefati) ist beauftragt, das Journal des Klosters und der Zeitereignisse zu führen. Ich besuchte eben den Abt, welcher gestern von einer Reise zurückkam. Papalettere ist ein stattlicher Mann in den Fünfzigern, groß und korpulent. In seinen einfachen, aber doch eleganten Zimmern kam er mir mit Würde entgegen, das goldne Kreuz an einer Kette auf der Brust. Er macht den Eindruck eines Abtes, der sich auch in der Zeit des Verfalls bewußt ist, daß seine Vorgänger fürstlichen Rang hatten und einen Feudalstaat regierten. Er war ehemals Anhänger der deutschen Philosophie und fing an, deutsch zu lernen, kam aber nicht weit damit, sondern beauftragte für diese Wissenschaft seinen Schüler Nicola d'Orgemont, einen jungen Belgier, der als Kind von 8 Jahren hergekommen war, und nun schon 25 Jahre in Monte Cassino lebt. D'Orgemont zeigte mir in seiner Zelle die Werke von Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Klopstock und vieler unserer Philosophen, sowohl im Original als in französischen Übersetzungen. Eine philosophische Tradition hat sich seit Pythagoras in Süditalien erhalten, welches Thomas von Aquino, Giordano Bruno, Campanelli, Genovesi und zuletzt Galuppi, einen Empiristen mit Anlehnung an die schottische Schule Stewarts, hervorgebracht hat. Galuppi hat das Verdienst, die philosophischen Studien wieder belebt zu haben. D'Orgemont rühmte mir den Scharfsinn und Eifer der Abruzzesen, deren es manche im hiesigen Kollegium gibt, welches etwa 20 Schüler begreift, und im Seminar, wo 120 unterrichtet werden. Die Zahl der Benediktiner beschränkt sich gegenwärtig auf nur 20. Calefati, der als zehnjähriger Knabe ins Kloster kam, sammelt Dokumente bezüglich auf die byzantinische Epoche Neapels. Dies Unternehmen ist vom Direktorium des Kultus angeordnet. Heute kam hier die Nachricht von der Erhebung Roms und der Flucht des Papsts; doch dies sind wohl Märchen.   Monte Cassino, 12. Oktober In diesen Tagen war hier Augustin Theiner. Er gleicht einem ergrauten Eremiten. Nichts Freies, Geniales, Menschliches ist in dieser Persönlichkeit zu erkennen. Die Wissenschaft Theiners ist nur geistloser archivalischer Stoff. Tosti las mir gestern aus seinen Prolegomenen zur Geschichte der Kirche vor. Das hiesige Archiv ist in musterhafter Ordnung. Die Diplome der Kaiser, Fürsten, Päpste belaufen sich auf circa 3400, die cartae minores auf 30 000. Für meinen Zweck fand ich wenig, außer einigen Dokumenten im Registrum des Petrus Diaconus, und einigen Diplomen, Campagna-Orte betreffend, wie Ferentino, Babuco, Veroli, Ceccano.   Monte Cassino 13. Oktober Heute habe ich zwölf Stunden gearbeitet. Die Mondnächte sind jetzt feenhaft schön, – die Berge von Cervara und Rocca d'Evandro in silberne Lichtschleier gehüllt. Auf der Campagna brennen Feuer, Hunde schlagen in fernen Orten an. Dann und wann ein Nebelphantom, welches plötzlich wie ein Vorhang zehn Schritte an meinem Fenster vorüberzieht. Des Morgens ist in der Regel tief unten die Campagna mit weißem Gewölk bedeckt. Gestern hörten wir deutlich ein Kanonieren in Gaeta. Heute besuchte das Archiv die Familie des Fürsten Pallavicini-Rospigliosi, durchreisend nach Rom. Jeden Tag hospitieren die Mönche Gäste; gestern speisten deren 47 im Refektorium. Mein Zimmer ist hoch und im Kreuz gewölbt. Es erinnert mich an mein väterliches Schloß Neidenburg.   Monte Cassino, 15. Oktober Heute schenkte mir Tosti seinen ›Bonifazius VIII.‹; Er erzählte mir eine seiner ungedruckten biblischen Poesien in Prosa, unter dem Titel ›Uriel‹, welche voll von dichterischer Phantasie ist. In diesem außerordentlichen Menschen flammt ein tiefer und schöner Geist. Es ist alles Intuition in ihm, er arbeitet oder studiert wenig, er schöpft alles aus sich selbst. Wenn er spricht, lacht er herzlich – es ist das Lachen eines glücklichen Gemüts, das von Ehrgeiz niemals gequält wurde. Trotzdem liegt in seinem Blick etwas von überlegener Klugheit, was plötzlich den Stoff zu einem Kirchenfürsten verrät; es ist der ererbte Geist der Benediktiner-Aristokratie in ihm. Tosti lebt im Zusammenhange mit den Geistern, die von Monte Cassino aus in die Welt gewirkt haben. Er sprach sehr gut über das Zölibat und den genealogischen Menschen im höheren wie niederen Sinne. Calefati ist still und kränklich. Seine Welt sind seine Diplome. Er erzieht sich seinen Nachfolger an Cesare Wandel. Oft stören ihn die Besuche Neugieriger, die er immer mit Gleichmut befriedigt.   Monte Cassino, 16. Oktober Ich war unten in San Germano, sah das alte Amphitheater, wo jetzt geackert wird, die Hügel, auf denen einst die Villa Varros stand, und mietete ein Fuhrwerk nach Ceprano für übermorgen. Eben war Tosti bei mir. Er erzählte mir viel aus der Zeit der Verfolgung der Benediktiner im Jahr 1849, wo Papalettere mehrere Monate im Gefängnis saß. Auch Tosti war beschuldigt, der Sekte der Pugnalatori anzugehören, wurde im August jenes Jahres vor die Polizeipräfektur nach Neapel zitiert, und entging nur durch den Einfluß wohlwollender Freunde dem Gefängnis. Lord Temple hatte ihm ein Schiff nach Smyrna zur Flucht angeboten; Gladstone, der damals in Neapel war, enthusiasmierte sich für ihn. Damals war auch der Papst dort. Tosti ging zu diesem und erschütterte ihn durch kühne und energische Reden; denn Pius IX. hieß alles gut, was der König, welcher die Benediktiner, wie jedes literarische Talent, haßte, gegen den Orden im Schilde führte. Er stellte Tosti die Wahl zwischen einem Dekret der Säkularisation und einem Paß für seine Staaten. Das erste verwarf Tosti als unwürdig seiner und des Papsts, das andere nahm er an und lebte eine Zeit lang im Exil zu Rom und Florenz. Damals hatte er seinen ›Abälard‹ geschrieben. Im letzten Jahre Gregors XVI. war Tosti zum Kardinal vorgeschlagen, und Gregor starb darüber. Es wäre sehr zu wünschen, daß er Kardinal würde. Papalettere war beschuldigt worden, in seinen Lektionen der Philosophie pantheistische Lehren zu verbreiten. Er ist seit anderthalb Jahren Abt. Jetzt werden die Äbte nur auf sechs Jahre gewählt.   Monte Cassino, 17. Oktober, Montag Es ist die Absicht des Archivars Calefati, ein Regestum sämtlicher Diplome Jahr für Jahr zu edieren, in Weise der Regesten Böhmers und Jaffes. Desgleichen beabsichtigt er ein Corpus legum, in welchem das langobardische Gesetz, das kanonische Recht, die Konstitutionen der Äbte von Monte Cassino, namentlich in Beziehung auf die Kolonial- und Zivilverhältnisse ihrer Besitzungen, die normannischen und die schwäbischen Gesetze usw. nach den Epochen enthalten sein sollen. Diese Sammlung soll mit dem ältesten Gesetzbuch des mittelalterlichen Italiens, mit der Regel Benedikts, beginnen. Das langobardische Recht hat sich in Monte Cassino bis ins 13. Jahrhundert aufrecht erhalten, und Fälle von Anwendung des Justinianischen Codex kommen nicht vor. Der Justinianische Codex Nr. 49, den ich heute sah, ist aus Saeculum X. Bluhme sah ihn im Januar 1822 und hat auf die Aufforderung des Archivars Fraga Frangipane eine Note in den Katalog geschrieben, worin er die große Wichtigkeit desselben beglaubigt. Ich sah heute Autographe der Vittoria Colonna, mehrere Briefe an das Kloster – auf schlechtem Papier, mit sehr ausgeschriebener, fast männlicher Hand. Tosti, Calefati und Wandel nahmen mit mir in einem schönen Zimmer ein solennes »historisches« Mittagsmahl ein. Tosti erzählte viel von Carlo Troya, namentlich seiner Häuslichkeit. Darnach scheint er ein zweiter Neander gewesen zu sein. Zuletzt sah ich noch das Münzkabinett, worin ausgezeichnete Münzen aus Großgriechenland von Calefati gesammelt sind. Eine schöne Goldmünze von Gisulfus von Benevent (Revers Carlus Rex ) ist ein historisches Dokument für die Souveränität Karls in jenen Gegenden. Münzen von Metapont mit der Ähre; von Agathokles von Syrakus; von Neapel mit dem Minotaurus – langobardische Schmucksachen aus Bronze, namentlich sehr massive Nadeln oder Hefteln. Ich schenkte Tosti eine römische Münze aus der Zeit Gregors XI. von Limoges: S. Petrus. Urbis Romae ; und er gab mir drei kleine langobardische, die in Hernia mit einem ganzen Haufen gefunden wurden. Ich habe mich beim Abt verabschiedet, den ich nur selten sah, weil er fast immer draußen war. De Vera und d'Orgemont sind in San Germano. Morgen verlasse ich diesen Berg Benedikts. Viel echte Menschlichkeit habe ich hier unter den Klosterbrüdern gefunden. Wenn auch das Archiv in Bezug auf meine Arbeiten nicht völlig den Erwartungen entsprach, nehme ich doch manches mit, namentlich einige unedierte Urkunden aus dem Diplombuch Gaetas, dessen Herausgabe sehr zu wünschen ist. Unschätzbar ist mir der Einblick, den ich hier in das Mönchtum des Mittelalters getan habe. Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo.   Frosinone, 18. Oktober, Dienstag abends Um 6 Uhr stieg ich von Monte Cassino herab. Ich besuchte in San Germano im Palast der Abtei flüchtig d'Orgemont, konnte aber de Vera nicht sehen, welcher krank war. Da mein Sensale unverschämt wurde, verließ ich ihn und mietete einen kleinen Wagen nach Ceprano, eine sogenannte Cittadina. Der dichte Nebel lag auf der Campagna, aber Monte Cassino war licht und ätherklar. Als ich aus jener Region der Klarheit in das vernebelte San Germano hinabgestiegen war, überraschte mich dieser Gegensatz, der mir wie die Hälften der Transfiguration Raffaels erschien. Drei Miglien weiterhin biegt der Weg nach Aquino ab, den ich einschlug. Der Nebel hatte sich unterdeß verzogen. Noch am Wege steht der Turm S. Gregor, wo dieser Papst ein Landhaus soll besessen und dem Kloster geschenkt haben. In einer Viertelstunde erreichte ich Aquino, die Vaterstadt des Juvenal, des Pescennius Niger und die Feudalherrschaft der Grafen, von denen S. Thomas den Namen führt. Aquino hat also wunderlicherweise hervorgebracht einen Satiriker, einen Kaiser und den größten Philosophen mittelalterlicher Scholastik. Von Aquino fuhr ich auf die Via Latina zurück und bei Melfa über den Melfafluß; dann weiter in das Hügelland von Arce, welches die Wasserscheide zwischen dem Melfa und dem Liris bildet. Überall, bis zur Grenze des Kirchenstaats, standen Vedetten, als wäre Kriegszustand. Der Weg nach Ceprano biegt hinter Arce ab. Bald erreichten wir die Grenzstation, wo mitten auf dem Wege der Militärposten sein Mittagsmahl verzehrte. Da ungestempelte Pferde die Grenze nicht ohne hohen Zoll überschreiten dürfen, so mußte ich dort aussteigen, und ein junges schönes Mädchen ward gerufen, welches meine Bagage auf dem Kopf bis nach Ceprano trug. Sie hieß Angiolina und war aus Arce zu Hause; sie baute, wie sie mir in köstlicher Naivität sagte, einen Palast am Wege, das heißt, sie trug für Tagelohn Steine zum Bau. Sie war 16 Jahre alt; ihre wundervolle Gestalt glich der einer Nymphe, und das Kostüm jener Gegend gab ihr ein reizendes Ansehen. So wanderten meine Diplome auf dem Kopf dieses entzückenden Mädchens fort nach Ceprano, welches wir in einer halben Stunde erreichten. Ceprano liegt hart am Liris, dessen weidenüberhängtes Wasser hier smaragdgrün aussieht. Eine hölzerne Brücke führt über den Fluß, und dies war die Stelle, wo der König Manfred verraten ward. Der Ort hat keine mittelalterlichen Erinnerungen mehr. Ich fand zum Glück ein Wägelchen reisefertig, das ein römischer Offizier aus Benevent gemietet hatte, um seine Frau in Rom abzuholen. Durch eine schöne Landschaft fuhren wir 13 Miglien weit bis Frosinone, das wir um 5 Uhr nachmittags erreichten. Dieser Ort, seiner Lage wegen Hauptstadt der Provinz, ist unansehnlich und schlecht gebaut. Nur der Palast der Delegation ist ein stattliches Gebäude. Hier schließt sich mein Sommer. Er war einer der angenehmsten meines Wanderlebens, und seine Blüte Monte Cassino. Morgen um 6 Uhr fahre ich mit der Post nach Rom.   Rom, 13. November Am 19. Oktober abends langte ich über Valmontone in Rom an. Scirocco und Regen. Die Stadt leer und öde. Fremde kommen nicht wegen der Unruhen, obwohl der Züricher Friede am 18. Oktober abgeschlossen ist. Ich ging gleich an die Abschrift des dritten Bandes. Am 10. November haben wir die Schillerfeier würdig begangen. Wir waren sechs an Zahl zu einem Festkomitee zusammengetreten: Dr. Brunn, Maler Grosse aus Dresden, Bildhauer Kropp aus Bremen, Maler Tom Dien aus Oldenburg, Architekt Barvitius aus Wien und ich. Die Säle des Künstlervereins im Palast Poli wurden gut ausgeschmückt, im ersten die Büste Schillers aufgestellt, die Wände mit den Namen seiner Zeitgenossen, seiner Werke, mit Lorbeerkränzen verziert. 120 Deutsche versammelten sich. Der österreichische Botschafter Freiherr von Bach, der Gesandtschaftsrat Baron von Ottenfels, der preußische Minister Freiherr von Canitz, sein Sekretär Graf Wesdehlen waren anwesend. Der deutsche Kardinal Reisach, den wir eingeladen hatten, war nicht gekommen. Cornelius lag krank. Dr. Brunn hielt die Festrede an der Schiller-Büste, nach einer einleitenden Musik von Beethoven; hierauf sprach ich das Festgedicht – an seinem Schluß fiel die Musik mit einem Hymnus von Beethoven ein. Dann krönte ich die Büste mit dem Lorbeer Roms. Beide Gesandte legten jeder einen Kranz auf das Postament nieder. Beim Festmahl saß ich neben dem österreichischen Botschafter. Bach ist ein Mann in noch kräftigen Jahren, von materiellem Aussehen, häßlich zu nennen. Er hat das berüchtigte Konkordat abgeschlossen. Man sagt, er sei gelehrt. Brunn brachte den Toast auf Deutschland aus, Dr. Steinheim einen auf die Zeitgenossen Schillers, ich einen auf die Künste, im Auftrage des alten Cornelius. Nadorp improvisierte gut in Versen.   Rom, 31. Dezember Vor kurzem ist die Broschüre von Laguéronnière ›Le Pape et le Congrès‹ erschienen. Sie ist offenbar erlassen, um den Kongreß unmöglich zu machen. Sie stellt als Prinzip auf, daß die Mächte, welche im Jahre 1815 den Kirchenstaat restaurierten, im Jahre 1860 das Recht hätten, ihn aufzulösen. Der Papst soll auf Rom und das Patrimonium beschränkt und in der Ewigen Stadt ein angelischer Zustand hergestellt werden, worin die Römer in seliger Apragmosyne nur den Rosenkranz zu beten und an ihre große Vergangenheit mit Rührung zu denken haben. Die ›Römische Zeitung‹ bringt einen offiziellen Artikel dagegen, den sie mit verzweifeltem Blick auf den »König der Könige« schließt. Die Kirche hat einige schwache Verteidigungsschriften aufgestellt, vom Vicomte La Tour, von Gerbert, Bischof von Perpignan, und einige Artikel der ›Civiltà Cattolica‹ und des ›Univers‹. Der tapferste Kämpfer für Rom ist der Bischof Dupanloup von Orléans. Die Bewegung des Episkopats zu Gunsten Roms dauert noch fort, und täglich laufen Adressen ein. Buoncompagni ist als Vizeregent für den Prinzen von Carignan nach Florenz abgegangen. Garibaldi hat auf einen Wink Napoleons sein Kommando niedergelegt. Fanti kommandiert in Bologna. Die Universität Pisa ist wieder eröffnet. Einige meiner Freunde sind dort angestellt. Ich habe meine Arbeiten in der Vaticana fortgesetzt. Am 22. Dezember beendige ich die Abschrift des dritten Bandes der Geschichte von Rom. Um die Weihnachtszeit faßte ich den Plan zu dem Gedicht ›Ninfa‹. Hier schließt das merkwürdige Jahr 1859. In ihm erschienen die zwei ersten Bände der Geschichte von Rom und ward der dritte vollendet. Sonst schrieb ich die Abhandlung ›Die Volkspoesie der Sizilianer‹, anderthalb Akte ›Otto III. › und das Gedicht zur Schillerfeier. An bedeutenden Menschen lernte ich kennen Theodor Parker, den amerikanischen Theologen, bei der Familie Apthorp, am 28. Dezember. Ich trat in Briefwechsel mit Bunsen. 1860 6. Januar Eben meldet man den Rücktritt Walewskis und die Ernennung Thouvenels; das ist die Antwort auf die heftige Rede, welche der Papst am Neujahrstage an den General Goyon wegen der Broschüre ›Le Pape et le Congrès‹ gerichtet hat. Garibaldi hat eine Proklamation erlassen, worin er sich an die Spitze einer Nationalarmee stellt und die Italiener auffordert, zu seinen Fahnen zu eilen. Das Jahr 1860 scheint schwere Ereignisse heraufbringen zu wollen.   Rom, 27. Januar Napoleon hat am 31. Dezember einen Brief an den Papst gerichtet. Er fordert darin die Abtretung der Romagna. Von allen Ländern laufen Adressen der Bischöfe, Städte, Gemeinden ein. Darunter prangte die der sieben preußischen Bischöfe im ›GiornaIe di Roma‹. Das Ministerium Ratazzi trat am 15. Januar ab, und Cavour kehrte an seine Stelle zurück. Damit ist die Annexion entschieden, die man Anfang Februar erwartet. Der römische Adel hat dem Papst eine Ergebenheitsadresse überreicht von 134 Unterschriften, an ihrer Spitze der Marchese Antici, Senator von Rom, der Prinz Domenico Orsini und Marcantonio Borghese. Mehrere Fürsten schlossen sich aus, wie die Caetani, beide Torlonia, Doria, Pallavicini, Gabrielli, Piombino, Buonaparte, Buoncompagni, Fiano, Cesarini und andre. Heute ging das V. Buch der Geschichte von Rom durch den österreichischen Kurier, mit preußischen Depeschen, über Ancona und Wien, nach Stuttgart ab. Es besuchte mich Herr Kervyne de Lettenhove aus Brügge, Historiker, adressiert von Bunsen. Vorigen Donnerstag (22. Januar) fand eine große Demonstration beim französischen Zapfenstreich auf dem Platz Colonna statt. Man schrie » Evviva Napoleone e Vittorio Emanuele! « Das Gerücht sagt, die Franzosen bewerkstelligten diese Auftritte, um den Papst zur Flucht zu nötigen und sich des Regiments zu bemächtigen.   Rom, 6. Februar Am 19. Januar, meinem Geburtstag, erließ der Papst die Enzyklika an alle Erzbischöfe und Bischöfe der Christenheit. Sie ist in einem mäßigen, aber festen Ton abgefaßt. Er erklärt darin, was er Napoleon auf seinen Brief vom 31. Dezember geantwortet habe, nämlich, daß er die rebellischen Provinzen nicht abtreten könne. In Folge eines Artikels und Kommentars über die Enzyklika ist der ›Univers‹ aufgehoben worden: der erste Schlag, den Napoleon gegen den Klerus geführt hat. Für das päpstliche Dominium Temporale haben sich in Paris erklärt Villemain in einer Broschüre, Sylvestre de Sacy in den ›Débats‹. In Neapel gärt es; in Trani verlangte man die Konstitution. In Oberitalien und Mittelitalien finden die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Ricasoli wurde in Pavia gewählt. Man glaubt, daß die Annexion dadurch entschieden werden wird, daß man den Deputierten Toscanas und Mittelitaliens Sitz im sardinischen Parlament gibt. Ich habe in diesen Tagen den Aufsatz ›Von den Ufern des Liris‹ geschrieben, dessen erste Hälfte ich heute nach Augsburg schicke. Der französische Schriftsteller Gruyer kam zu mir, mit Delâtre. Ich lese jetzt alle Stücke des Terenz und Plautus durch.   Rom, 9. Februar Gestern abend fand ich die Via Condotti und das spanische Palais illuminiert. Es war die Nachricht von der Einnahme Tetuans durch die Spanier angekommen. Cavour hat ein Rundschreiben an alle Agenten Sardiniens erlassen, worin er das Prinzip der Annexion an Piemont unumwunden als die einzige Rettung Italiens ausspricht.   Rom, 8. März Zu Anfang des Karneval wurde ich krank an Rheumatismus und dann an gastrischem Fieber. Ich habe gegen drei Wochen das Zimmer gehütet, lag aber nur einige Tage zu Bette. Am 26. Februar fuhr ich zum erstenmal wieder aus, nach dem Tal der Egeria. Meine Krankheit war Folge des Scirocco, der seit dem 19. Oktober anhielt. Es ist der schlechteste Winter, den ich in Italien erlebt habe. Der Karneval war leer. Die Römer demonstrierten, indem sie ihn vor die Porta Pia verlegten. Eines Tages ließ dort die schwarze Partei den Henker spazieren gehen. Man fängt an, sich des Zigarrenrauchens zu enthalten, wie in Mailand. Am 1. März eröffnete Napoleon die Legislative mit einer sehr geschickten Rede. Die Annexion von Savoyen und Nizza scheint eine Tatsache werden zu wollen. Der englische Konsul Newton stellte die Zeichnungen seiner Ausgrabungen in Halikarnaß im Palast Caffarelli aus. Ich habe am 1. März die Arbeiten zum IV. Bande angefangen.   Rom, 20. März Gestern war S. Giuseppe, zugleich Namenstag Garibaldis. Des Morgens versammelte sich die Kongregation der Sapienza in der dortigen Kirche. Nach der Messe stimmten die Studenten das Tedeum an für den glänzenden Ausfall der Wahlen in Toscana und Mittelitalien zu Gunsten der Annexion an Piemont, und es gab einen Tumult. Für den Abend war eine Demonstration angesagt; aber Militär besetzte die Via Nomentana vor dem Tor, und Streifwachen durchzogen den Corso. Dort fand ein Auflauf statt; die päpstlichen Gensdarmen hieben ein, und das Volk zerstreute sich in wilder Flucht. Ich saß gerade in der Nähe im Café bei einem Glase Wein, als viele Fliehende hereinstürzten. Der Wirt schloß sogleich das Lokal. Heute Nacht sind mehrere Römer verhaftet und sofort exiliert worden. Abends durchziehen französische Patrouillen den Corso, stets zu sechs Mann, mit einem Gensdarmen an der Spitze und dicht hintereinander. Dabei wimmelt der Corso von Spazierengehenden. Die Franzosen unterdrücken scheinbar die Aufstände, und doch provozieren ihre Agenten dieselben. Sie werden nächstens das Heft der Regierung ganz in die Hand nehmen. Auf den Straßen verkauft man die Depesche Antonellis an den päpstlichen Nuntius in Paris, vom 29. Februar, die Antwort auf das Zirkular Thouvenels. Die Regierung hat ein Avviso angeschlagen, wonach die Brotpreise verringert werden sollen.   Rom, 22. März Der Vorfall am Montag war schlimmer, als ich glaubte. Die wie besessen einhauenden Dragoner haben 100 Menschen verwundet; einer ist gestern gestorben, ein armer Wirt, der eben aus der Messe von S. Carlo kam. Zwei in Zivil gekleidete französische Offiziere sind verwundet. Der amerikanische Konsul, eben im Begriff, in seinen Wagen zu steigen, wurde nur durch einen Offizier gerettet, der seinen Degen zog. Die Dragoner sind pro Mann mit fünf Scudi von der Regierung belohnt worden. Die Römer sind erbittert, daß Goyon den Vorfall gutgeheißen hat; das französische Offizierkorps soll dagegen protestiert haben. Man schreit Verrat, man beklagt sich, daß Napoleon diese Agitationen in Szene setze, und daß dann sein General die auf das Volk einhauenden Gendarmen belobe. Gestern lernte ich den Geschichtschreiber Munch aus Christiania kennen, der hier für seine Geschichte Norwegens arbeitet.   28. März Ich erhielt die erschreckende Nachricht, daß die erste Hälfte meines Bandes III nicht in Stuttgart angekommen sei. Ich habe nach Wien geschrieben. So kann ich durchaus nicht zur Ruhe gelangen. Eben sah ich auf Monte Citorio ein Plakat, vor dem viele Menschen standen. Es ist die Exkommunikation vom 26. März, im allgemeinen gerichtet gegen die Usurpatoren der päpstlichen Rechte. Stilgemäß wird die Exkommunikationsbulle angeheftet an die Curia, an die Basiliken St. Peter und St. Johann und auf dem Campo de' Fiori, dem alten Hinrichtungsplatz, wo Giordano Bruno verbrannt worden ist. Reumont ist definitiv nach Berlin abberufen worden; seine italienische Laufbahn ist nun zu Ende. Ich machte die Bekanntschaft des ausgezeichneten englischen Poeten Browning, der mit seiner kranken Frau, einer geistvollen Dichterin, seit Jahren in Florenz lebt.   Rom, 29. März Heute große Demonstration der schwarzen Partei im St. Peter, wohin der Papst jeden Freitag mittags beten geht. Rossi de Sales ist von Piemont hergeschickt, dem Papst zu versichern, daß Viktor Emanuel, in die Notwendigkeit versetzt, die Emilia an sich zu nehmen, seine Oberhoheit achten wolle. Man spricht davon, daß Lamoricière in Ancona eingetroffen sei, um sich an die Spitze der päpstlichen Armee zu stellen. Viele Römer werden gefänglich eingezogen. Dies widerfuhr auch Herrn Moneta, einem meiner Bekannten. Er wurde nachts aus einem Caféhause nach Monte Citorio geschleppt und zu 15 Banditen gesetzt, aber am Morgen wieder freigelassen. Am 24. März ist der Vertrag in Turin vollzogen worden, wonach Piemont Savoyen und Nizza für immer an Frankreich abtritt. Seit gestern weht ein erstickender Scirocco.   Rom, 1. April Palmarum Gestern nachmittag ging ich nach dem St. Peter, der durch Prozessionen sehr belebt war. An den beiden Säulen des Eingangs zum Vestibulum war die Exkommunikationsbulle aufgeklebt, und so zogen die heiligen Prozessionen des Osterfestes zwischen zwei Flüchen hindurch in den Tempel Gottes. Zufällig waren über diesen Plakaten noch alte Zettel angeheftet, Warnungen, nicht zu fluchen. Man las unmittelbar über der Proklamation des Papstes: » Bestemmiatori! pentitevi, pensateci bene! Nel momento stesso del bestemmiare potete precipitare nell' inferno.« In der ›Römischen Zeitung‹ des 29. März steht eine Erklärung Goyons, welcher das Einhauen der Gendarmerie am 19. März nicht allein billigt, sondern erklärt, daß es auf seinen ausdrücklichen Befehl geschehen sei, da die Franzosen in Rom ständen zum Zwecke, den Papst zu unterstützen.   Rom, 5. April Am 3. April fuhr ich mit Lindemann und den norwegischen Damen Frau von Chateauneuf und Frau Kolban nach Veji. Ich war zum erstenmale da, trotz meines schon langen Lebens in Rom. Das Gefilde ist von einem großen tragischen Ernst und sehr öde. Isola Farnese, ein kleiner Ort von höchstens 80 Einwohnern, steht auf der Stelle der alten Burg. An Merkwürdigkeiten nur das etrurische Grab mit rohen Malereien und einigen Urnen. Ein Helm ward uns gezeigt, den ein homerischer Lanzenwurf durchbohrt hatte; der Krieger war daran gestorben. Der Ponte Sodo ist ein künstlicher Durchbruch eines Felsens, durch den die Cremera geleitet ist. Am 23. März wurden exiliert die Mercanti di Campagna Ferri, Silvestrelli, Titoni, de Angelis, welche sich in Civitavecchia nach Livorno einschiffen mußten. Zwanzig andere von der gegenpäpstlichen Partei sind verhaftet; darunter wurde auch mein armer Advokat Sellini, der stets in einem schlechten Mantel, wie Cassius, umherging, nachts aus dem Café abgeholt. Ob er nach Michele abgeführt worden sei, weiß ich nicht. Die europäische Politik hat in Folge der Annexion Savoyens und Nizzas an Frankreich einen Umschwung erhalten. Am 26. März erklärte Lord John Russell im Parlament, daß das Ministerium von Napoleon betrogen und es Zeit sei, sich nach anderen Allianzen auf dem Kontinent umzusehen. Die ›Times‹ nannte Napoleon Münchhausen und Cäsar Borgia oder Machiavelli. Die piemontesischen Truppen verließen Nizza am 31. März unter dem Geschrei des Volkes. Der Einschiffung sah der russische Hof zu. Am 1. April rückten die Franzosen dort ein. Am 29. März hielt der Prinz von Carignan als Vizekönig Piemonts seinen Einzug in Livorno und Florenz. Vor einigen Tagen langte Lamoricière in Rom an, um die Führung der päpstlichen Truppen zu übernehmen. Er wurde bereits zum Kriegsminister ernannt. Die Lage des Papsts ist sonderbar. In seiner Exkommunikation ist Napoleon mit einbegriffen, und zugleich steht der Papst im Schutz von dessen Truppen; die Franzosen sind noch hier, und zugleich demonstriert Pius IX. gegen sie durch die Anstellung des Republikaners Lamoricière als Generalissimus seiner Armee. Die Priester lächeln wieder und hoffen auf eine Koalition Europas und den Sturz Napoleons. 3000 Mann päpstlicher Truppen versammelt man in Ancona. Lamoricière wird die Garnisonen besichtigen.   Rom, 9. April Die ›Römische Zeitung‹ vom 7. brachte die Ernennung Lamoricières zum General der päpstlichen Armee. Er hat eine Ehrenwache verlangt, welche die französische Behörde verweigerte. Ein Kompetenz-Konflikt hat sich erhoben; Grammont droht, die Pässe zu verlangen. Man hat nach Paris telegraphiert und die Weisung erhalten, die Sache nicht ernst zu nehmen. Lamoricière hat 15-16 000 Mann vorgefunden. Offiziere fehlen. Gestern besuchte ich den kranken Theodor Parker. Er sagte sehr energisch: »Der Papst ist ein Narr in vier Buchstaben.« Heute kam ein Korse zu mir, der Abbate Venturini. Ich war nach der Minerva gegangen. Vor dem Hotel, in welchem Lamoricière wohnt, standen päpstliche Schildwachen. Nun liegen in dem Dominikanerkloster Franzosen; sie starrten nach dem Hotel hinüber auf die Ehrenwache des Mannes, welcher eine ruhmvolle französische Vergangenheit repräsentiert: Algier, Abdel Kader, die Republik, Cavaignac. Lamoricière hat sich ausbedungen, nur vom Papst abhängig zu sein, immer freien Zutritt zu ihm zu haben; weder von den violetten noch von den purpurroten Monsignoren will er sich dreinreden lassen. Er hat 100 000 Scudi zu seinen Ausgaben erhoben. Er will zehn Batterien und zwei Reiterregimenter schaffen. Man spricht davon, daß die Orléans unter ihm dienen werden – für jetzt sind ihm drei päpstliche Adjutanten beigegeben, darunter der Marchese Zappi. Es heißt, daß die Familie Larochefoucauld dem Papst eine Million zur Ausrüstung eines Regiments geschenkt habe. Gestern gab der Papst den Segen im St. Peter. Der Vorhang über der Loggia wurde vom Sturm zerrissen wie der am Tempel in Jerusalem. Am 4. April brach in Palermo ein Aufstand aus, der jedoch niedergedrückt wurde. Sabatiers schrieben mir von dort, daß die drei Tage (vom 4.-6.) gräßlich waren. Sie flüchteten nach Neapel. Noch auf dem Meere hörten sie das Schießen.   Rom, 12. April Die ›Römische Zeitung‹ vom 10. versichert, daß der bisher eingegangene Peterspfennig 260 000 Scudi betrage. Gestern brachte die Zeitung den ersten Tagesbefehl Lamoricières, der einen dogmatischen und polemischen Ton anschlägt, welchen seine Soldaten nicht verstehen werden. Heute fand ich ein Sonett zur Feier des 12. April angeschlagen, des Tags der Rückkehr Pius' IX. aus dem Exil und der Restauration in Rom durch die Waffen der französischen Republik; zugleich des Tags, da vor fünf Jahren Pius IX. in S. Agnese den gefährlichen Sturz machte. Jeder Vers beginnt: » Esulta o Roma « etc. Man beabsichtigte eine große Demonstration, mit Ausspannen der Pferde von dem päpstlichen Wagen; aber der Papst will nicht nach S. Agnese hinaus. Die Stadt soll beleuchtet werden. Es regnet fort und fort. Tiefe Melancholie liegt auf Rom. Kein Mensch erinnert sich ähnlicher Ostern. Die Girandola und die Kuppelbeleuchtung sind unterblieben. Ich besuchte die Tochter Azeglios, die Marchesa Ricci, welche hier angekommen ist.   Rom, 21. April Der Papst war doch in S. Agnese. Eine große Demonstration fand statt. Die Wagen, die ihm nach St. Peter zurückfolgten, waren zahllos. Man schwenkte die Tücher und rief: » Evviva Pio IX .« Abends Illumination, vollständig und allgemein. Antonelli konnte dem heiligen Vater die Stadt zeigen und dieser ausrufen: » Fili, non credebam invenire tantam fidem in Israel .« Die Römer schämen sich dieser ihrer plötzlichen Erleuchtung, zu welcher natürlich die Pfarrer ihnen verholfen haben. Lamoricière erfüllt den Klerus mit großer Zuversicht. Am 18. wurde der Graf de Merode zum Prominister des Krieges ernannt. Lamoricière ist nach Ancona abgereist. Truppen werden ausgehoben. Man sieht überall Rekruten. Vor einigen Tagen brachte mir Prinz Friedrich von Schleswig-Holstein-Augustenburg einen Brief von den Sabatiers. Ich besuchte ihn in den »Isles Britanniques« – ein junger angenehmer Mann in den letzten 20. Er scheint sehr gebildet zu sein. Sabatiers schwärmen für ihn. Er war lange im Orient.   Rom, 25. April Man sagt, daß M. de Courcelles, der Begleiter Lamoricières, die Polizei übernehmen werde. Dessen Hauptquartier wird Spoleto sein. Zwei Regimenter Reiterei werden eingerichtet. Nach den letzten Nachrichten ist der Aufstand im Innern Siziliens noch nicht unterdrückt. Heute abend, am Festtage St. Marcus, des Schutzpatrons Venedigs, fand der feierliche Empfang im venetianischen Palast statt, da der österreichische Minister von seinem Posten Besitz nahm. Die Honneurs machte die Duchesse de Grammont – Madame la France , neben Österreich, welches, nach empfangener Züchtigung, die französische Rute zu küssen schien. Madame hielt einen Blumenstrauß in der Hand, als Sinnbild der schönen Phrasen von Villafranca. Viele Kardinäle waren da; Antonelli sah blaß und interessant aus; die große Gestalt des Kardinals Wiseman mit dem roten Weinküfergesicht tauchte wie ein Riff aus der Masse hervor. Odescalchi kam, als Herzog von Sirmien, in einem slawischen Pelz; ein Schotte erschien mit nackten Beinen. Auch Cornelius und Overbeck waren zu sehen, wie überhaupt viele Deutsche. Diese betreßte Komödie, worin Menschen ihr Nichts bekomplimentieren, war auch sehenswert genug.   Rom, 8. Mai Am 1. Mai kam der erste Korrekturbogen vom dritten Bande. Der Aufstand in Sizilien scheint unterdrückt; die Königlichen haben die Stadt Carini gestürmt. Viktor Emanuel ist im Triumph durch Toscana gereist, hat den Grundstein zur Fassade des Florentiner Doms gelegt, ist am 1. Mai in Bologna eingetroffen. Der König wurde vom Klerus im Dom S. Petronio empfangen und mit dem Tedeum begrüßt. Man läßt hier drei Heilige gen Himmel fliegen. Vorgestern, Sonntag den 6. Mai, wurde die Seligsprechung des Österreichers Sarcander im St. Peter vollzogen; die beiden anderen folgen nach. Ich war am 6. Mai nach Frascati gefahren, ging bis Monte Porzio, las einige Episteln des Horaz in der Villa Conti, kam abends heim. Der Eisenbahnzug blieb drei Miglien vor der Stadt sitzen, und ich ging gern zu Fuß nach Hause. In diesen Tagen war ich bei Newton, dem Entdecker von Halikarnaß, in einer Gesellschaft. Ich sah dort manche treffliche Skizze aus Kleinasien. Ich lernte den Professor Stickel von Jena kennen, welcher das Etruskische durch die hebräische Sprache erklären will.   Rom, 14. Mai Die sizilianische Revolution ist nicht beendigt. Heute meldeten Depeschen, daß die Garibaldischen in Marsala gelandet seien. Die ›Genuesische Zeitung‹ berichtet, Garibaldi sei insgeheim aus Genua abgesegelt, mit 1400 Alpenjägern und 24 Kanonen. Die Regierung hat die Miene angenommen, seine Expedition zu hindern. Er hat seine Demission als Abgeordneter von Nizza und als piemontesischer General gegeben und eine Proklamation an die Armee gerichtet, worin er sagt, sie möge fest unter der Fahne Viktor Emanuels bleiben; obgleich feige Räte ihm zuflüsterten, so hoffe er doch, daß er sie wieder zur Befreiung auch der letzten Provinzen führen werde. Heute sagte mir ein Römer, Garibaldi sei in Orbetello mit 4000 Mann gelandet, Viterbo sei aufgestanden. Andere verkünden den Angriff bei Cattolica, für den 16. Mai. Die Stadt ist in großer Aufregung. Heute marschierten anderthalb päpstliche Batterien nach Civitavecchia ab, und Carabinieri sprengten zum Tor del Popolo hinaus. Lamoricière kam von Ancona zurück. 1000 Irländer werden dort erwartet. Der französische General Buyer hat um Erlaubnis nachgesucht, ins päpstliche Militär treten zu dürfen. Heute ließ man wieder einen Heiligen gen Himmel fliegen, den Italiener de Rossi. Nach acht Tagen wird ihm Labré folgen, ein Franzose. Ich habe große Hoffnung für Italien. Es erscheint in der ›Allgemeinen Zeitung‹ mein Aufsatz ›Von den Ufern des Liris‹. Das Tal des Liris bei Arpino, 1859 Heute geht das Gerücht, daß die Garibaldischen in Corneto gelandet seien, weshalb man gestern päpstliche Truppen mit der Eisenbahn nach Civitavecchia befördert habe. Auch sagt man, daß Cialdini in Pesaro einmarschiert sei. Garibaldi selbst soll in Marsala, nach anderen in Girgenti gelandet sein. Die heutige ›Genuesische Zeitung‹ schildert die Aufregung in Neapel als sehr groß: der König sei in Gaeta, alle disponiblen Truppen seien bereits eingeschifft, die Armee in Sizilien überall in den Städten konzentriert, in Palermo alle Tore vermauert, bis auf vier, die Truppen kampierten draußen, die Verbindung mit dem Innern sei abgeschnitten, die Bauern alle mit gezogenen Flinten bewaffnet; Agenten überall, welche jedem Freiwilligen 4 Tari pro Tag zahlen.   Rom, 20. Mai Garibaldi landete am 11. Mai in Marsala. Ein englisches Schiff unterstützte die Ausschiffung der Freischaren. Gestern brachte die ›Römische Zeitung‹ Depeschen, welche sagen: die königlichen Truppen hätten die Garibaldischen bei Calatafimi zerstreut, ihre Fahne genommen; einer ihrer Führer sei gefallen. Die Römer sind bestürzt. Man wird indeß einen casus belli daraus machen. Die Entsetzung des letzten Bourbon in Italien scheint beschlossen. Die ›Times‹ wirft Liebesblicke auf Sizilien und erinnert an die goldne Zeit der Insel unter dem Regimente des Lord William Bentinck. Napoleon hofft, den neapolitanischen Thron zu besetzen. Es kam die Nachricht vom Tode des Erzbischofs von Bologna, des Kardinals Viale, Bruder meines Freundes, des Poeten Salvator aus Korsika. Der Klerus der Romagna hat bei der Anwesenheit Viktor Emanuels eine Ergebenheitsadresse überreichen müssen. Lamoricière ist sehr tätig. Jeder Freiwillige erhält 40 Scudi Handgeld; aber die Leute laufen ihm davon. Er hat alle Kanonen aus den Strandtürmen nehmen lassen. Die Römer sagen spottend: es gelingt Torlonia nicht, den Lago di Fucino trockenzulegen, aber Lamoricière trocknet die Finanzen des Papstes aus.   Rom, 23. Mai Am vorigen Sonntag stieg wieder ein Heiliger im St. Peter auf, der Pilger Labre aus Amettes in der Normandie. Heute steht die wundertätige Madonna aus S. Maria di Campitelli in der Minerva aus, und über der Tür der Kirche sagt eine große Inschrift: »Der alte Krieg gegen die Kirche erneuert sich. Wir, o Römer, setzen ihr unsere Waffen entgegen, die Gebete.« Kreuze, wundertätige Bilder, Prozessionen, Heiligsprechungen, all der vermoderte Plunder des Aberglaubens von Jahrhunderten wird hier in Bewegung gesetzt. Freischaren schwärmen bei Canino und Montalto; man sagt, es sei ein von Orbetello angekommenes Korps der Garibaldischen unter Medici. Es hat einen Zusammenstoß mit den päpstlichen Jägern gegeben. Alle Truppen hat Lamoricière aus Rom dorthin geschickt.   Rom, 1. Juni Die beiden Pfingstfeiertage habe ich in Genzano zugebracht, im Hause Mazzoni. In Folge des Konstitutionsfestes Sardiniens am 12. Mai hatten sich mehrere Bischöfe geweigert, dies in ihren Kirchen zu feiern. Sie sind unter Prozeß gestellt. Der Erzbischof von Ferrara, der Bischof von Faenza, der Generalvikar von Bologna sind verhaftet, der Bischof von Parma ist auf der Flucht nach Mantua. Der Erzbischof-Kardinal von Pisa wurde mit Eskorte nach Turin gebracht. Man geht energisch gegen den Klerus vor. Nachdem Garibaldi die Neapolitaner bei Calatafimi geschlagen, ist er vor Palermo gerückt. Zu ihm stoßen Scharen von Sizilianern unter dem Sohn des Barons S. Anna von Alcamo, unter Rosolino Pilo, Capeza, Castiglia und andern. Garibaldi hat in Salemi die Diktatur im Namen des Königs angenommen. Gestern kam die Nachricht, daß er am 27. Mai morgens 6 Uhr nach einem heißen Kampf in Palermo eindrang, wo er im Senat Posto faßte. Die königlichen Truppen, beschränkt auf den Palazzo Reale und die Festung Castellamare, begannen um 7 Uhr das Bombardement der Stadt. Hier bricht die Depesche ab. Der Verlust Siziliens wird unermeßliche Folgen haben; der Sturz der Bourbonen ist gewiß. Meine Korrekturbogen bleiben seit dem 9. Mai aus. Vor kurzem bewilligte mir der Abbate Zanelli im Namen des Kardinals Marini die Einsicht in das Manuskript Crescimbenis, die Geschichte von S. Nicolo in Carcere, die als Depositum in Viscontis Händen ist. Visconti zeigte mir ein Manuskript, enthaltend die Akten und Rechnungen der Spiele auf der Navona. Im künftigen Monat will ich Rom verlassen, meine erste Reise in die Heimat anzutreten. Am 16. Mai starb Theodor Parker in Florenz.   Rom, 5. Juni Nach den letzten Depeschen war in Palermo ein Waffenstillstand abgeschlossen bis zum 3. Juni. In Catania sind die Aufständischen zurückgeschlagen worden. Am 2. war hier große Prozession, da man das wundertätige Kreuz von S. Carlo al Corso nach dem Gefängnis Petri wieder zurückbrachte. Drei Kardinäle gingen mit, Pietri, Patrizi und Andrea. Das Gerücht sagt, der Papst sei verkleidet in der Prozession mit einhergegangen. In vielen Kirchen stehen die Reliquien aus. In S. Andrea della Valle sah ich eine heilige Madonna über dem Hochaltar ausgestellt mit der Inschrift: Tu nos protege ab Hostibus.   Rom, 7. Juni Gestern kamen wieder zwei Druckbogen des Bandes III. Ich sah im Corso den Fürsten Chigi als gemeinen Artilleristen umhergehen; er ist in die päpstliche Armee getreten. Auch ein Odescalchi und ein Rospigliosi haben darin Dienste genommen. Doch das rettet den Kirchenstaat nicht. In wenig Monaten dürfte er auf Rom beschränkt sein. Heute geht das Gerücht, daß nach einem abgeschlossenen Waffenstillstand der General Lanza im Kastell von Palermo kapituliert habe, um sich mit allen Truppen einzuschiffen. Ganz Sizilien sei frei bis auf Messina. Sizilien ist das Land abenteuerlicher Dinge, und seine ganze Geschichte ist ein fortgesetzter Roman. Wie man auch den Überfall Garibaldis betrachten mag, er wird immer einer der genialsten Züge des Heldenmuts bleiben. Der ›Siècle‹ behauptet, daß es bald Zeit sei, den Rhein zu nehmen. Der Krieg ist vor der Tür. Aber ich vertraue jetzt auf die unendlich gesteigerte moralische Kraft des deutschen Volkes – und Preußen hat eine freie Verfassung, es ist nicht mehr das bezopfte Junkerland von 1805.   Rom, 14. Juni Die Oktave von Corpus Domini ist heute zu Ende. Ich sah die Prozession vom Lateran. Die Kirche, in ihrem Schmuck und voll von Kerzen, vom Volke leer, welches draußen war, mit weit geöffneten Türen, bot einen Prospekt ganz einziger Art. Ich dachte der Kräfte so langer Jahrhunderte, welche zusammenwirkten, um dies Ganze zu schaffen, das nun als Symbol einer Epoche der Menschheit dasteht. Auch sie wird vorübergehen, andere Tempel werden erstehen, und der Efeu wird die Ruinen von S. Johann und S. Peter umschlingen wie die von Ninfa. Von Sizilien dies: die Kapitulation ist abgeschlossen worden. Erst hatte der König sie verworfen, aber der General Letizia, den er nach Palermo geschickt, erklärte ihm, daß die Truppen sich weigerten, weiter zu kämpfen. Am 29. Mai hielt man im neapolitanischen Schloß einen Familienrat, von dem allein der Graf von Syrakus ausgeschlossen war; er soll 11 Stunden gedauert haben. Man gab nach. So wurde die Kapitulation vollzogen zwischen Lanza, dem Alter Ego des Königs, und Garibaldi, die an Bord des englischen Kriegschiffs »Hannibal« sich unterredet hatten. 25 000 Neapolitaner wichen vor den Scharen Garibaldis; sie sollen zwischen dem 6. und 15. Juni sich nach Neapel mit ihren Waffen einschiffen. Dies ist der Untergang des Königreichs Neapel. Starke Waffensendungen gehen nach Sizilien. Die Städte Italiens steuern Geld bei. Hier dumpfe Ruhe. Die Contrerevolution schreitet nicht recht vorwärts. Lamoricière soll bereits seiner Aufgabe überdrüssig sein. Vor einigen Tagen riefen Unteroffiziere der päpstlichen Truppen im Café Nuovo, vom Weine erhitzt; »Tod Napoleon! Via Henri V!« Es waren Legitimisten. Sie ließen sich einen Kalbskopf geben, zerschnitten ihn in kleine Stücke, und bramarbasierten dabei, daß sie so den Kopf Napoleons zerstückeln wollten. Cathélineau, ein Greis, noch aus dem Vendée-Krieg, ist hier. Er hat dem Papst versprochen, ein Regiment Vendéer nach Rom zu bringen. Die Malteser Ritter wollen auch ein Regiment aufstellen. Welche Possen! Der Papst hat gesagt, man behandle ihn wie ein Kind, man verberge ihm den Zustand der Dinge. Man hatte ihm versichert, Garibaldi sei aufgerieben, und tags darauf berichtete der Telegraph, er sei im Besitze Palermos. Lamoricière und Merode suchen Antonelli zu stürzen; sie wollten Herrn de Courcelles ins Ministerium der Finanzen bringen, aber der Kardinal siegte und machte einen ganz unbedeutenden Menschen, Constantini, zum Minister. De Martini, Gesandter Neapels, war nach Neapel berufen, und ist bereits zurück. Der neapolitanische Hof ist ratlos. Die Königin-Witwe hat ihren Sohn zum Könige von Sizilien vorgeschlagen. Die projektierte päpstliche Anleihe hat erst die Summe von 400 000 Scudi erreicht. Ich habe am 11. traurige Briefe von Hause erhalten. Am 27. Mai, am ersten Pfingsttag, starb mein Schwager, Dr. Elgnowski, in Insterburg.   Rom, 15. Juni Heute waren an S. Luigi dei Francesi und am französischen Casino Zettel angeklebt, welche ausriefen: Morte a Napoleone, viva Pio Nono, viva Henri V! Die Legitimisten machen hier viel Lärm. Lamoricière und Merode sind hier tief verhaßt; sie mögen sich auf Schlimmes gefaßt machen. Der Papst soll von Torlonia ein Anlehen begehrt haben, der Bankier ihn aber an die römischen Fürsten und namentlich an Antonelli gewiesen haben, der zwei Millionen in die englische Bank geschafft habe. Rom ist wegen der vielen fremden Papisten, darunter Abenteurer jeder Gattung, ein wahrer Turm von Babel geworden. Man sieht viel absonderliche Gestalten, namentlich Polen. Auch das Lamoricièresche Militär sieht komödiantenhaft aus. Garibaldi will sich nach Kalabrien werfen und Messina liegen lassen. Ich rechne darauf, daß man in Neapel in drei Wochen zu Ende sein wird; dann wird man Latium und die Marittima insurgieren. Eine Proklamation Garibaldis wird hinreichen, den Kirchenstaat zu sprengen. Das Papsttum geht seinem Untergang entgegen. Im Monat August wird viel geschehen sein. Ich bedauere, daß ich dann nicht mehr hier bin.   Rom, 23. Juni In diesen Tagen schrieb mir Baron von Thile, daß die preußische Regierung mir jährlich 400 Taler Subvention geben will zur Geschichte von Rom. Mitgewirkt hat dazu Bunsen. Am 16. fand die Zusammenkunft der deutschen Fürsten mit Napoleon in Baden statt. Hier nichts als Gebete und Prozessionen. Ein Triduum war vom 19.–21. im Pantheon angesagt. Der Tag der Thronbesteigung Pius' IX. (21. Juni) wurde durch Illumination gefeiert. Der Papst hatte erklärt, er werde sich nur durch Gewalt aus Rom führen lassen. Gestern beendigte ich den Artikel ›Aus den Bergen der Volsker‹. Auch für die amerikanische Zeitung habe ich den Aufsatz ›Rom seit dem Anfang des Jahres 1860‹ geschrieben. Ich bin viel in Kirchen gewesen, der Inschriften wegen. Gestern kamen 250 Irländer auf Tiberschiffen hier an. Man hat sie in einer Kaserne bei S. Maria Maggiore einquartiert. Sie verlangen statt 5 Bajocchi 12 und wollen nur unter ihren eigenen Offizieren dienen.   Rom, 26. Juni Ich habe alles gepackt und berichtigt. Morgen reise ich ab. Heute um 4 Uhr bin ich noch zu Tisch bei C. Serny, abends bei Alertz. Nach acht Jahren des Wanderns und schwerer Lebenskämpfe werde ich das Vaterland wiedersehen. Gestern sah ich einrücken den Oberst Pimodan mit der Schar Carabinieri von le Grotte . Einige Papisten schrien »Via Pio Nono« , und zwei Reiter stürzten.   Florenz, in der Fontana, 30. Juni Am 27. morgens 6 Uhr fuhr ich von Rom ab; Alertz begrüßte mich an der Station. In kaum drei Stunden langte ich in Civitavecchia an. Von dort fuhr ich ab auf dem Dampfer »Quirinal« um fünf Uhr abends. Die herrlichste Nacht; der Komet am Himmel, wie vor 2 Jahren. Der Mars ging prachtvoll im Süden auf. Reisegesellschaft der Graf Malatesta aus Rom, mehrere ostpreußische Damen. Früh morgens im Hafen von Livorno. In Folge der Annexion sind die meisten Plackereien gefallen; die Visitation auf der Dogana, der Paß etc. verursachen keinen Aufenthalt mehr. Die italienische Revolution zeigt sich überall ins Leben des Volkes eingedrungen. Nationalfahnen, Porträts, Plakate zur Unterstützung Garibaldis in Sizilien auffordernd; kein anderes Gespräch als Politik und in jedem Mund der Name Garibaldi. Die Nachricht war angekommen, daß der König von Neapel am 26. die Konstitution verkündigt habe. Man hofft, die Neapolitaner werden dies Danaergeschenk nicht annehmen. Gestern um 5 Uhr nachmittags fuhr ich ab nach Florenz – in den Waggons von nichts die Rede als von Garibaldi und Sizilien. Heute besuchte ich den Professor Vannucci. Amari war soeben nach Sizilien abgereist. Sabatiers sind nicht hier. Alle Gesichter in Florenz sind heiter – in Rom alles ernst und finster. Der Gegensatz kann nicht greller sein.   Florenz, 6. Juli Ich habe alle meine Freunde besucht. Die sizilianische Familie Perez reist heute nach Palermo ab. Im Palast Riccardi nahm ich die zwei Handschriften des Cencius Camerarius durch. Dort ist Bibliothekar Bulgarini. Seit ich die Dinge hier in der Nähe betrachte, habe ich die lebhafteste Hoffnung für den Bestand der Bewegung. Emiliano Giudici schwor mir gestern zu, daß in sechs Monaten Rom die Hauptstadt des italienischen Reiches sein werde. Die Nachrichten aus Sizilien sind gut. Garibaldi hat als Diktator die Jesuiten ausgewiesen, die schon am 23. und 24. Juni in Scharen nach Rom gekommen sind. Eine Armee wird organisiert. Die Annexion soll durch Boten am 18. Juli durchgeführt werden. Mazzini ist in Sizilien, aber sein Anhang ist klein; hier lacht man über seine Ideen, – der Republikanismus ist durch die Idee der Einheit verdrängt. Die Neapolitaner haben die Konstitution mit Stillschweigen aufgenommen. Die Lazzaroni mißhandelten den französischen Gesandten Brenier. Man mordet die Polizei, auch im Innern des Landes. Die Hauptblätter in Florenz sind die ›Nazione‹ und der ›Monitore‹. Der ›Contemporaneo‹, ein regierungsfeindliches Blatt, wird von einem Sarden redigiert und ist verachtet. Viele Witz- und Karikaturblätter. An vielen Häusern die Bilder Viktor Emanuels und das Wappen Sardiniens. Giudici und Perez wollen auf Nationalsubskription den Dante neu edieren, und zur Feier des neuen Reichs soll sein kolossales Monument in Rom aufgestellt werden. Die Florentiner sprechen von Napoleon mit Zurückhaltung oder nennen ihn geradezu einen Betrüger. Das Nationalgefühl Italiens hat seine Pläne durchkreuzt. Die Bibeln des Diodati, Produkte der englischen Assoziation, verkauft man hier öffentlich in den Cafés für einen Spottpreis.   Genua, 10. Juli Am 8. abgefahren von Florenz; am 9. abends mit dem Dampfer »Abbatucci« abgefahren von Livorno. Angekommen in Genua heute früh 2 Uhr. Die herrliche Stadt durchwandert.   Isola Bella, 11. Juli Heute um 6 Uhr von Genua nach Arona. In meinem Waggon saßen zwei junge Männer aus Modena, welche eben aus der Gefangenschaft in Gaeta zurückgekommen waren. Sie hatten sich auf dem Dampfer »Mile« befunden, den die Neapolitaner am Kap Corso aufgebracht, als er nach Sizilien gehen wollte. Fast täglich schiffen sich Freiwillige in Genua nach Sizilien ein. Bei Novara sah ich das berühmte Schlachtfeld Radetzkys. Wie anders sind die Zeiten geworden! Der Dampfer »S. Bernardino« führte mich um 12 Uhr von Arona nach Isola Bella. Die letzte Nacht in Italien wollte ich auf dieser reizenden Insel verbringen. Der Simplon wird weit im Hintergrunde sichtbar mit seinem weißbeschneiten Haupt. Schön ist auch das Eiland dei Pescatori, worauf nur Fischer leben. Ich nahm ein Bad auf Isola Madre und kehrte eben hierher zurück. Es wohnen viele reiche Engländer an den Ufern, einer auch auf der Isola dei Pescatori.   Heyden, im Kanton Appenzell, 18. Juli Am 12. fuhr ich von Isola Bella ab. Bei S. Bartolomeo ist die Grenze zwischen der Schweiz und Italien; der erste Schweizerort heißt Birago. Von Magadino geht die Fahrt aufwärts bis Bellinzona. Wir passierten den Bernardin, 6400 Fuß über dem Meere. Er hatte noch Schnee. Die riesige Alpennatur, die Wasserfälle und Wälder, die Almen und Matten in jener Höhe sah ich nicht mit freiem Blick. Mich überfiel Schwermut, weil ich Italien verlassen hatte. Ich wäre am liebsten wieder umgekehrt. Manches ist mir in acht Jahren fremd geworden, Bauart der Häuser, nordische Menschengesichter, Lebensweise, Natur; ich machte auch Entdeckungen von dem, was mir einst alltäglich gewesen war, wie zum Beispiel von gedielten Fußböden, worauf die Schritte schallen. In Chur um 6 Uhr des Morgens am 13. Juli. Ich fuhr gleich nach Hof Ragaz. Dort schlief ich ein paar Stunden und wanderte dann nach dem großartigen Bade Pfäffers hinauf. Noch an demselben Abend nach Rheineck. Am Morgen des 14. nahm ich ein Wägelchen nach Heyden, wo ich die Familie des Baron von Thile wiederfand. Ich wohne in ihrem Hause. Mein Blick fällt auf den nahen Bodensee und die Rheinmündung; an seinem Rande stehen Lindau, Friedrichshafen, Arbon deutlich sichtbar, und drüben liegen Baden, Württemberg, Bayern, Österreich vor mir ausgebreitet. Die Appenzeller Bauart erschien mir barbarisch, und des Grüns, welches alle Berge bedeckt, war mir zu viel. Wir speisen im »Freihof« an der table d'hôte ; es sind dort lauter Deutsche und Schweizer. Meine Druckbogen 14–19 habe ich hier erhalten. Nichts Neues aus Italien. Garibaldis Lage ist rätselhaft. Er hat Lafarina aus Sizilien verwiesen. In Neapel Anzeichen der nahen Revolution. Das Parlament ist zum 10. September einberufen. Von Rom nichts Neues.   Stuttgart, 25. Juli Am 23. fuhr ich nach St. Gallen. Ich besuchte dort die Benediktinerbibliothek. Dr. Henne zeigte mir die Handschrift des Nibelungenliedes, die auch den Parcival enthält, einige alte Dokumente und Elfenbeinschnitzereien des Tutilo. Um 11 Uhr nach Rorschach und über den See. Um 2 Uhr kam ich in Friedrichshafen an, wo gegenwärtig der Großherzog Leopold von Toscana wohnt. Das Land ist flach und uninteressant. Es hat gar nichts Monumentales. Biberach ist der Geburtsort Wielands. Ich sah dort den ersten Storch wieder. Über Ulm nach Stuttgart, wo ich vor 11 Uhr abends eintraf und im Hotel Marquardt abstieg. Am folgenden Morgen besuchte ich den alten Baron Cotta. Er redet sehr gut, aber in einer etwas gezierten, diplomatischen Sprache. Was ich über die ›Geschichte von Rom‹ hörte, war günstig. In einem Jahre sind gegen 500 Exemplare abgesetzt. Ich besuchte auch Emma Niendorf, Hauff und Edmund Höfer. Heute war ich bei Wolfgang Menzel. Er wohnt in einem Gartenhause; seine Zimmer sind klein, sauber, mit einem lyrischen Anflug – eine Efeulaube über seinem Sofa, in der Ecke Tabakspfeifen. Alles gründlich, germanisch, philisterhaft. Menzel ist ein Mann von 63 Jahren, noch ziemlich frisch, groß und stark. Er sagte mir mit Genugtuung, daß Graf Montalembert ihn besucht habe.   Nürnberg, 28. Juli Am 26. nach Augsburg. Ich stieg ab im Fuggerschen Haus zu den drei Mohren, wo ich die Redaktion der ›Allgemeinen Zeitung‹ besuchte. Kolb war in Kissingen, daheim Altenhöfer und Dr. Orges. Ich sprach ihnen meine Ansicht über die österreichische Haltung ihres Blattes aus und suchte sie für Italien zu gewinnen. Orges, ein intelligenter junger Mann, war ursprünglich preußischer Offizier. Er ist als Doktrinär in ein philosophisches Systemmachen verrannt. Er führte mich durch Augsburg. Altenhöfer sagte mir, daß hier kein geistiges, nicht einmal ein geselliges Leben existiere. Nur 60 Exemplare der Zeitung würden in Augsburg selbst abgesetzt. Alles drehe sich um materielle Interessen und Wohlleben. Am 27. ging ich nach Nürnberg. Diese Stadt ist das Florenz von Deutschland; die Gotik und italienisches Rokoko setzen ihre reiche Architektur zusammen. Es ist ein künstlerischer Formensinn ausgesprochen, doch Licht und Farbe und Grazie fehlen. Der Untergrund des Nürnberger Wesens ist trübe und schwer. Manchmal erscheint mir Nürnberg wie die wahre Stadt des Faust. Ein urdeutscher Hauch weht mich hier an. Ich besuchte das seit sieben Jahren gegründete Germanische Museum. Viele Skulpturen sind sehenswert, die Bildersammlung weniger bedeutend, ausgezeichnet die Sammlung von Drucken, Inkunabeln, Handschriften. Die Bibliothek ist im Entstehen. Kaulbachs Bild: Otto III. das Grab Karls des Großen öffnend, hat mich nicht befriedigt. An der Mittagstafel lernte ich den Engländer Charles Boner kennen, der in München lebt, und den General von Hunoldstein. Diese Herren führten mich zu zwei Patrizierhäusern. Das Pellersche hat schon einen starken Zusatz von Rokoko, wie überhaupt der Einfluß Italiens in Nürnberg deutschen und italienischen Stil mitunter mischte. Die großen räumlichen Dimensionen fehlen.   Leipzig, 31. Juli Am 29. verließ ich Nürnberg und traf in Leipzig abends gegen 10 Uhr ein. Gestern suchte ich Brockhaus auf, doch keiner der Herren war anwesend. Ich fuhr vergebens nach Gohlis, Hermann Marggraf zu sehen; ich fand in seinem kleinen Hause seine Familie, neun blühende blondgelockte Kinder eines armen deutschen Poeten. Sie umringten mich alle, und ihr Anblick rührte mich tief. Ich verbrachte den kalten Regentag lesend auf meinem Zimmer. Heute kam Heinrich Brockhaus von Dresden, den ich eben gesprochen habe. Ich werde um 2 bei ihm essen und dann um 5 Uhr nach Berlin weiterreisen. Mich friert hier. Ich sehne mich nach dem Süden zurück, wo jetzt die Sonne so warm auf den Sabinischen Bergen liegt.   Danzig, 6. August Am 1. nach Berlin, über Wittenberg. Es regnete beständig. In Berlin angekommen um 11 Uhr nachts, abgestiegen im ›Hotel de Rome‹. Am folgenden Tage suchte ich Gräfe auf, dessen Klinik ich nachmittags sah. Der Anblick der Kranken und des Verfahrens mit ihren Augen (Einpinseln, Einbohren von Lanzetten etc.) wurde mir unerträglich, worüber Gräfe herzlich lachte. Diesen merkwürdigen Mann in seinem Reich wie einen Magus schalten zu sehen, machte mir große Freude. Die Jahreszeit war ungünstig, die meisten Personen, die ich sehen wollte, verreist. Ich fand Titus Ulrich und lernte den Maler Jonas kennen, der auf meine Veranlassung nach Korsika gegangen war. Pertz war abwesend. Auf der Bibliothek führten mich Dr. Sybel und Dr. Raspe umher, und ich fand, daß der Katalog der italienischen Literatur, selbst an Spezialitäten der römischen Stadtgeschichte, sehr reich sei. Der Kultusminister Bethmann-Hollweg empfing mich am 3. 6 Uhr abends mit ministerieller Gemessenheit. Er sagte mir, es sei ein Schreiben an mich abgegangen, mit der Bewilligung einer Subvention von 400 Talern auf zwei Jahre. Ich habe das neue Museum gesehen. Es ist eine luxuriöse und stattliche Einrichtung, die alles darin Aufgestellte beinahe erdrückt. Am letzten Tag Diner bei Gräfe, wo unter anderen Ärzten auch Virchow war. Flüchtig sah ich noch den ›Tannhäuser‹ im Opernhause, oder vielmehr nur den zweiten Akt davon. Am 3. nachts nach Danzig. Am 4. um 11 Uhr vormittags fand ich meine Brüder Julius und Rudolf auf der Station in Dirschau meiner wartend. So sahen wir uns nach acht Jahren wieder, und ich habe den schönsten Tag meiner Heimkehr erlebt.   Königsberg, 19. August Elf Tage blieb ich beim Bruder Julius in dem schönen Danzig. Am 14. ging ich nach Königsberg. Harder und Köhler empfingen mich auf der Station. Ich wohnte bei Harder. Königsberg ist für mich die Stadt persönlicher Vergangenheit. Ich kann hier heute fast unerkannt umhergehen, als trüge ich eine Maske. Und diese Veränderungen haben nur acht Jahre bewirkt. Ich fand auch Menschen wieder, die stille gestanden auf dem Punkte, wo ich sie verlassen hatte, so den edeln Alexander Jung, der mir mit derselben Misère, Klagen und lyrischen Ergüssen entgegentrat. Rosenkranz ist abwesend. Drumann fand ich in seinem Arbeitszimmer, still, ernst und wohlwollend, der wahre Typus immenser deutscher Gelehrsamkeit. Giesebrecht ist ein Mann der Ordnung, des Stillstands und der Regel. Ruhig und sich wohlfühlend. Er schimpfte auf Garibaldi, welchen er aufhängen wollte. Er beteuerte seine Liebe zu Italien, aber ich nannte diese platonisch. Manchmal dringt die Stimme der Vergangenheit zu mir, so im Rauschen des Juditter Waldes, wo ich hinausgefahren war. Die acht Jahre in Rom sind eine große, ja unermeßliche Epoche für mich gewesen; das merke ich hier zumeist.   Nordenthal, 31. August Ich bin fünf Tage in Insterburg geblieben. Die Schwester fand ich krank, und die Stiefmutter leidend. Alles verändert. Von meines Vaters Welt wankt hier nur noch ein Schatten, doch auch in ihm ist noch Wärme genug. Wir redeten nur von Vergangenem. Auch der Bruder Rudolf kam von Schippenbeil herüber, aber nicht Julius, welcher seine Batterie nach Graudenz hatte führen müssen. Am 27. fuhr ich nach Gumbinnen. Dort habe ich die schönsten Kinderjahre vom 11. bis zum 17. auf dem Gymnasium verlebt, und ich hatte den Ort seit 21 Jahren nicht wiedergesehen. Ich eilte in das Haus meines Onkels. Es war neu ausgebaut; die Pappeln des Hofs sind verschwunden, aber im Garten begrüßte mich die alte traulich schattige Buchenallee. Ich suchte nach den Vogelnestern, und fand solche in denselben Bäumen wieder. Die Empfindungen der Kindheit drangen mächtig auf mich ein. So hat mich nicht Pompeji bewegt, als es dieser Garten meiner Jugendspiele tat. Ich suchte das Grab des Onkels auf, und da ich es verfallen fand, sorgte ich für seine Wiederherstellung. Alle Namen der Häuser, alle Stellen meiner Schulzeit lebten wieder in mir auf. Mittags speiste ich beim Direktor Hamann, meinem ehemaligen Lehrer im Deutschen und in der Geschichte. Er fragte mich plötzlich ganz ernsthaft, ob alles, was ich in meinem Buche über Korsika als erlebt oder geschehen geschildert habe, dies wirklich sei? Um 2 Uhr fuhr ich mit der Post nach Goldap. Die Fahrt dauert fünf Stunden in wilder Gegend, ohne Chaussee. Der Sommerhimmel hat hier nur ein schwermütiges slawisches Lächeln, und Berg, Heide, Wald und See, oft schön, stimmen melancholisch. Einen Tag blieb ich bei den Verwandten dort, die ein bescheiden genügsames Hauswesen führen, glücklich, vielleicht beneidenswert in ihrer aus der Welt verlorenen Einsamkeit. Am 29. reiste ich mit dem Nordenthaler Fuhrwerk nach Oletzko, und eine Schar von Verwandten wuchs plötzlich aus dem Boden auf. Sie kamen aus allen Häusern, von allen Seiten; alle wollten sie den Vetter sehen, der aus Rom gekommen war. Am Abend erreichte ich Nordenthal, das Gut meiner edlen Freundin Pauline. Die Welt ist hier enge, aber die Häuslichkeit von echt preußischer Gediegenheit und Güte. Das Haus Hillmann ist weit und breit in Ostpreußen durch seine Gastlichkeit und sein humanes Wirken berühmt. Der alte Herr ist tot; die Mutter, eine edle Greisin, das Muster preußischer Matronen, lebt noch in ihrem Witwenhause. Die Fichten und Tannen rauschen immer fort: ein Fluß, die Lega, schleicht vorüber – rings finstre Wälder, hie und da Kirchentürme in einsamster Wildnis. Drüben Polen. Ich habe hier einen Kreis geschlossen und an meine Kindheit, an die Epoche der polnischen Revolution von 1830, wieder angeknüpft.   Nordenthal, 2. September Gestern fuhren wir nach der polnischen Grenze. Wir überschritten sie in Lipowden und gingen mit jungen polnischen Damen in ein Haus, wo eine derselben auf dem Klavier spielte. Es war mir seltsam zu Sinne, mich in Polen zu finden, nach meiner römischen Periode. Dies unglückliche Volk hatte meine ersten historischen und dichterischen Regungen erweckt. Zugleich ist jene Gegend für mich väterlich: der Vater war in der Epoche Neu-Ostpreußens in den nahgelegenen Städten Szeiny, Kalwaria und Szuwalki Gerichtsherr und lernte meine Mutter in Mariampol kennen. Ich wünschte dem polnischen Land die Auferstehung, wenn je Tote auferstehen. Ich sprach polnisch, so viel ich noch wußte, aber es mischte sich das Italienische hinein. Alles Land ist dort eine trauervolle Wüste, im Schatten schwarzer Wälder. Der Graf Pacz, ein Bekannter meines Vaters, einer der reichsten Edelleute Polens und ein Haupt der Revolution von 1830, hatte dort seine Güter.   Insterburg, 14. September Am 2. nächtigte ich in Stradaunen, nachdem ich das Kirchdorf Gontzken, wo mein Vater geboren wurde, besucht hatte. Am 3. früh brachte mich Surminsky nach Goldap. Morgens am 4. fuhr ich mit der Post nach Gumbinnen und kam nachmittags hierher. Am 5. frühe über Wehlau nach Gerdauen, wo mich Rudolf empfing. Wir fuhren nach Schippenbeil. Dort erschreckte mich die enge und dumpfe Welt, in welcher mein Bruder, bei so lebhaftem Geist, ausdauern muß. Ich blieb bei ihm bis zum 8. und fuhr am 9. hierher zurück. Am 10. kam der Bruder Julius. Morgen trete ich meine Rückreise nach Königsberg an.   Berlin, 25. September Am 15. traf ich wieder in Königsberg ein und wohnte bei Harder. Am 18. kamen die Naturforscher zur Versammlung, wodurch die Stadt sehr belebt wurde. Der alte Professor Ratke, Zoologe, starb an demselben Tage, aus Furcht vor dem Präsidium bei diesen Sessionen; und so starben während meiner Anwesenheit zwei berühmte Königsberger, er und Lobeck. Ich fand Rosenkranz beredt und geistreich, wie ich ihn verlassen hatte, Lehrs fast verjüngt. Außer ihnen Ludwig Friedländer, mit einer liebenswürdigen Frau. Ich war oft im Börsengarten, wo ich viele Bekannte wiedersah. Am 22. reiste ich hierher. Tags zuvor telegraphierte mir Editha von Rhaden, daß die Großfürstin Helene am Sonntagabend von Berlin nach Königsberg abreise. Ich traf hier um 5 Uhr morgens am Sonntag ein, schlief einige Stunden und ging in das russische Gesandtschaftshotel. Die Großfürstin empfing mich, unterhielt sich einige Minuten mit mir und bestellte mich um 3 Uhr wieder. Sie hatte Besuch vom Prinzregenten, nach welchem ich vorgelassen wurde. Ich blieb etwa eine Stunde, worauf sie mich freundlich verabschiedete. Abends speiste ich mit den Hofdamen. Heute besuchte ich Pertz auf der Bibliothek. Er war von einer kalten Liebenswürdigkeit. Er reist sofort nach München ab. Bei ihm war auch der Geschichtschreiber Lappenberg.   Berlin, 1. Oktober Ich besuchte Olshausen und Render. Auf der Bibliothek arbeite ich jeden Tag. Ich habe die Vorrede zu den ›Siciliana‹ abgeschickt und heute die letzten Revisionsbogen des Bandes III. Ich sehne mich nach geordneter Arbeit. Morgen verlasse ich Berlin.   Lyon, Hotel de Bordeaux, 5, Oktober Am 2. reiste ich von Berlin ab, über Magdeburg. Ich berührte Wolfenbüttel, fuhr an Göttingen vorbei und Hannoverisch Münden, welches, wie das Fuldatal, mir als das reizendste erschien, was ich noch in Deutschland gesehen hatte; und weiter, schon am Abend, über Marburg und Gießen nach Frankfurt. Am 3. besuchte ich dort den Architekten Cornil, einen Bekannten aus Rom, welcher die schöne junge Römerin Salvatori zur Frau hat. Er führte mich durch die Stadt. Ich sah die Paulskirche, den Römer, das Museum Bethmann, das Städelsche Museum, worin die Gemälde von Lessing, sein Huß und Ezzelino, unter meiner Erwartung blieben. Sie sind von vollendeter Technik, aber nur geistreich, ohne Größe und Kraft. Huß sieht wie ein Sophist aus; er trägt einen sehr schönen Pelz. Ich besuchte auch Dr. Böhmer, den Bibliothekar der Stadt, Verfasser der Regesten der Kaiserzeit und Sammler der ›Fontes‹, einen schon ältlichen, aber lebhaften Mann, der mir sehr wohl gefiel. Er tadelte Giesebrechts Geschichte der Kaiserzeit als weitschweifig, langweilig und von matter Begeisterung. Er stellte Raumers ›Hohenstaufen‹ höher. Nachmittags nach Heidelberg. Das Wetter war trübe. Ich besuchte den Physiker Kirchhof, der sich als der grimmigste Verächter Italiens erwies. Der alte Schlosser ist unzugänglich; Gervinus wohnt jenseits des Neckar; Häusser war verreist. Um 9 Uhr fuhr ich weiter nach Straßburg. Ich kam an Karlsruhe und der Festung Rastatt vorbei, wo man mir den Preußenstein von 1849 zeigte, und ganz schwermütig rollte ich über die Brücke von Kehl, über den alten deutschen Rhein, der mächtig gegen die entstehende Eisenbahnbrücke braust. Ich betrat Frankreich zum erstenmal am 4. Oktober. Nur drei Stunden blieb ich in Straßburg, voll Schmerz, daß diese schöne deutsche Stadt nun für immer französisch bleiben muß. Das ganze Elsaß gleicht einem Garten. Über Schlettstadt und Colmar nach Mülhausen, wo ich das letzte Deutsch sprach. Dann weiter nach Belfort, durch herrliche Gegenden. Hier nächtigte ich. Am 5. nach Lyon. Die schönsten Partien des Jura durchfahren, mit herrlichen Blicken auf den Fluß Doubs und seine Täler. Es war kalt, Reif und Eis auf den Wegen. Bei Besançon hörte der Jura auf. Die Stadt liegt schön unter der alten Zitadelle, und hier wird Land und Bauart südlicher. Bei Auxonne passierte ich die Saône, die ausgetreten war. In Dijon blieb ich zwei Stunden mittags und besah die alte Kathedrale. Weiter über Beaune und Chalons – großartige Blicke auf die Saône, deren Wasser sich über die Flächen ergoß – grandiose Flußlandschaften, lange Linien, unabsehbare Pappelreihen, herrliches Gebüsch, daraus Städte mit spitzen Türmen auftauchen, weit dahinter ein paar schneeweiße Alpenhäupter in fernster Ferne: Gegenden für Claude Lorrain. Ein Charakter von monotoner Großartigkeit, alles Länge und Weite, in Übergangsfarben zum Süden, bei klarster Luft. Abends fuhr ich in Lyon ein, dessen zahllose Lichter phantastisch über der Saône aufblitzten. In Avignon war ich am 6. und 7., in Arles am 8. Oktober. Nichts zeichne ich hier auf. Meine Reise durch diese köstlichen Länder ist nur ein Schwalbenflug.   An Bord des »Hermus« auf der Höhe von Elba, 9. Oktober Gestern habe ich das Museum in Arles besehen, das einige dort gefundene Altertümer, namentlich römische und christliche Sarkophage, besitzt. Um 8 Uhr nach Marseilles – die Luft voll Nebel. Marseilles ist ein Chaos; so viel Bewegung von Menschen mag man nur in Paris und London sehen. Ich wohnte im Hotel des Empereurs in der Hauptstraße. Ich ließ mich gegen Chateau d'If hinausrudern. Die Häfen sind großartig. Der »Hermus« war reisefertig, dasselbe Schiff, auf dem ich den »Aventin« vor zwei Jahren in Grund gebohrt hatte; der Zufall wollte es sogar, daß ich dieselbe Kabine erhielt. Das Schiff ist voll von französischem Militär (selbst Pferde stehen auf Deck) für Civitavecchia. Außerdem befinden sich Zuaven darauf, Franzosen in der von Lamoricière erfundenen kleidsamen, halbtürkischen Tracht, von blaugrauem Tuch mit rotem Besatz. Sie sprechen nicht viel mit den anderen Franzosen und sehen finster und traurig aus. Auch Österreicher sind auf dem Schiff, welche, wie diese Zuaven, sich aus der Schlacht von Castelfidardo gerettet zu haben scheinen und nun auf Umwegen nach Rom zurückkehren; außerdem mehrere Schweizer, die sich für den Papst haben anwerben lassen. Eben erzählte ein Deutscher in Zivil, neben dem ich zufällig stand, daß er wöchentlich 80 Mann anwerbe. Diese Herren, Österreicher, nach ihrer Sprache zu urteilen, sehen vornehm aus. Sie speisten auch an der Table d'hôte im Hotel des Empereurs. Die Nacht schlief ich gut. Den ganzen Tag ging das Meer hoch, besonders bei Korsika, dem wir so nahe vorbei kamen, daß ich die Orte darauf erkennen konnte. Wir fuhren bei starkem Wind um das Kap Corso. Noch eine Nacht, und um den Morgen laufen wir in Civitavecchia ein. Der Ring meiner Reise schließt sich.   Rom, 16. Oktober Der Seesturm zwang uns, vor dem Eingang in den Kanal von Piombino die Nacht liegen zu bleiben. Wir langten erst um 4 Uhr in Civitavecchia an, und ich mußte dort nächtigen. Am 11. Oktober morgens 10 Uhr war ich in Rom. Ich bezog sogleich die neue Wohnung, Via Gregoriana Nr. 13, beim Bildhauer Meier, drei kleine Zimmer mit entzückender Aussicht auf Rom zu meinen Füßen. Die Stadt wimmelt von französischem Militär; die Besatzung ist auf 10 000 Mann verstärkt. Am 12. besetzten die Franzosen Viterbo. Am 14. abends kam Lamoricière hier an, als Märtyrer von Castelfidardo.   Rom, 25. Oktober Heute gehen Gerüchte um vom Falle Capuas, wo Garibaldi eingedrungen sein soll. In Folge der Zusammenkunft in Warschau hofft der Klerus auf eine nordische Koalition. Der russische Gesandte ist von Turin abberufen; Preußen hat eine Erklärung gegen das Memorandum Cavours gerichtet. Die Art, mit welcher Piemont sich des Kirchenstaates bemächtigte und in Neapel eindrang, versetzt allerdings in die Zeit Ludwigs XIV. zurück. Erst wenn die italienische Revolution ein großes nationales Resultat erlangt hat, wird man nicht mehr auf die dazu gebrauchten Mittel sehen. Lamoricière arbeitet seinen Bericht über die Ereignisse bis zur Schlacht von Castelfidardo und dem Fall Anconas aus. Dann wird er Rom verlassen. Er ist auch von Frankreich arg getäuscht worden; denn eine Depesche Grammonts an den französischen Konsul in Ancona hatte noch vor dem 18. September erklärt, daß der Kaiser an Viktor Emanuel geschrieben habe, er werde sich jedem Einrücken in den Kirchenstaat mit Gewalt widersetzen. Der niedere Klerus ist der nationalen Sache hold, selbst im Kirchenstaat. Die Franzosen haben Viterbo, Montefiascone, Ronciglione, Sutri, Nepi, Narni besetzt, die Viterbesen wandern in Scharen aus, und in Orvieto sammelt man Unterschriften für eine Adresse an Napoleon. Ich besuchte Perez; er gab mir die schreckliche Nachricht, daß sein Bruder mit der ganzen Familie Arvedi im Lago di Garda umgekommen sei, auf demselben Schiff, welches durch Zerspringen des Dampfkessels versank. Ich habe meine Arbeiten noch nicht begonnen; ich schreibe an ›Ninfa‹ weiter und meinem Bericht über Avignon. Reumont ist hier angekommen. Ruinen in Ninfa, 1859   Rom, 27. Oktober. Der Kirchenstaat umfaßte bisher diese zwei Divisionen: 1. Mediterraneo, mit 10 Provinzen und 1 187 484 Einwohnern. 2. Adriatico, mit 10 Provinzen und 1 937 184 Einwohnern. Er zählte demnach 3 124 668 Einwohner. Davon sind dem Papst genommen alle 10 Provinzen des Adriatico und 5 des Mediterraneo. Man hat ihm gelassen: Rom und Comarca, Civitavecchia, Frosinone und Pontecorvo, Velletri und Viterbo, mit im Ganzen 684 791 Einwohnern.   Rom, 30. Oktober Die Voten in Neapel sind fast einstimmig für die Annexion ausgefallen. Der König von Sardinien rückt langsam gegen Neapel zu. Aber Cialdini ist am 27. und 29. an der Brücke des Garigliano zurückgeschlagen. Franz II. hat aus Gaeta Proteste an die Höfe erlassen. In den Abruzzen royalistische Aufstände; ein Giacomo Giorgi führt Banden, welche in Avezzano die Liberalen überfallen haben. Lamoricière ist noch hier. Er hat seinen Bericht fertig, aber derselbe wird in Brüssel gedruckt. Man fürchtet sich vor ihm im Vatikan; er wird die heillosen Zustände der römischen Verwaltung aufdecken und Antonelli bloßstellen. Monsignor Berardi, verflochten in die staatsverräterische Affaire seines Bruders, Kreatur Antonellis, von ihm zum Unterstaatssekretär erhoben, hat dieser Tage seine Entlassung einreichen müssen. Mehr als ein skandalöser Prozeß würde hier an den Tag kommen, beleuchtete man die Fäulnis dieses Staats. Lamoricière hat den Herzog von Grammont wegen jener Depesche an den Konsul in Ancona als Lügner gebrandmarkt. Die ersten vier Druckbogen meiner ›Siciliana‹ sind angekommen.   Rom, 7. November Capua ist am 2. November gestürmt worden. Vorgestern kam Meldung: ein flüchtiges neapolitanisches Korps habe die Grenze bei Terracina überschritten und in den Sümpfen Posto gefaßt. Ein Bataillon Franzosen marschierte gestern dorthin ab. Die Katastrophe nähert sich Rom. Die Geschichte der päpstlichen Stadt ist an ihrem vorletzten Kapitel angelangt. Nach dem Fall Gaetas wird die römische Frage brennend werden. Es ist ein wunderbares Schauspiel, das neue Reich Italien wie durch Zauber entstehen zu sehen. Wenn die Zeit jene Vorgänge hinter den Kulissen wird verhüllt und alles, was daran abenteuerlich und perfide ist, verwischt haben, so werden Cavour, Viktor Emanuel und Garibaldi doch als Helden dieser Epoche hervorragen. Während ich die Kämpfe und Leiden Roms im Mittelalter schreibe, ist die Beobachtung der Gegenwart, welche ein Werk ausführt, woran die Jahrhunderte verzweifelt haben, etwas gar nicht genug zu Schätzendes für den Geschichtschreiber. Die Finanzen Roms sind erschöpft; der Staat hat nur bis zu Neujahr Mittel. Der Peterspfennig brachte bis jetzt 1 600 000 Scudi ein, und der Lamoricièresche Sommernachtstraum kostete 12 Millionen. Noch immer kommen päpstliche Gefangene von Genua an; gestern trafen 30 Offiziere und 300 Gemeine ein. Die Jesuiten aus den Marken, aus beiden Sizilien, die Ordensbrüder und Beamten der verlorenen Provinzen – alles dies flüchtet sich nach Rom. Und was wird man mit den Scharen der Abbati, der Monsignori, der Palastoffizianten mit und ohne cappa und spada , und mit den Kreaturen der abgesetzten Kardinallegaten machen, die Brot und Beförderung wie bisher verlangen. Pius IX. befindet sich in einem Labyrinth, dessen Ausgang er nicht sieht, nicht einmal zu suchen scheint. Seine Lage im verräterischen Schutze Frankreichs, welches ihn immer hinhält, immer täuscht, immer demütigt, ist Mitleid erregend. Aber dieser weichherzige Romantiker seufzt Gebete an die Madonna, und in seinen weibisch erschlafften Zügen prägt sich kein großes Gefühl, nur Ermüdung aus. Trotz dieser Lage nimmt die ›Civiltà Cattolica‹ den Mund recht voll und stempelt jeden Unglücksschlag der Kirche zu einem Triumph. Sie rühmt die Großmut der ketzerischen Junker in Mecklenburg ( I nobili del Mecklenburgo ), weil sie dem Papst eine Ergebenheitsadresse geschickt; sie rühmt die Beisteuern des Peterspfennigs der ganzen Welt; aber sie schmäht die Fürsten, welche bewaffnet dastehen, ohne dem bedrängten Stuhl Petri beizuspringen. Obgleich diese Leute es nicht wagen, das Dominium Temporale geradezu für einen kanonischen Glaubensartikel zu erklären, so sind sie doch nicht weit davon entfernt. Im übrigen nimmt man wahr, daß der niedrige Klerus im Kirchenstaat der nationalen Sache freundlich ist. Das Institut der Bischöfe aber ist seit langem herabgekommen und ohne Bedeutung. Ich habe auch die letzten Korrekturbogen vom Bande III erhalten, und so ist er in meinen Händen. Morgen werde ich die Ausarbeitung des Bandes IV beginnen.   Rom, 8. November Am 6. reiste Lamoricière nach Frankreich ab. Abends vorher hatte ihn der Papst empfangen, der bereits seinen Bericht über die Epoche seines Kommandos in Händen hatte. Er sagte ihm: »General, Sie haben das mit einer angelischen Feder geschrieben« (l'avete scritto con una penna angelica) . Nun bleibt Merode der Gegenpartei allein gegenüber. Heute erzählte mir Alertz, daß Merode ihm sagte, es würde alles besser gehen, wenn sechs Personen im Vatikan nicht wären. Er meinte Antonelli und dessen Kreaturen. Als Alertz bei dem kranken Merode war, wurde die Fahne des Marc Antonio Colonna gebracht, welche dieser berühmte General von Lepanto nach Loreto gestiftet hatte. Lamoricière hat sie von dort nach Rom schaffen lassen. Die Königin von Spanien hat heute in goldenen Kutschen ihre Auffahrt nach dem Vatikan gehalten. Sie wohnt im Palast Albani, ihrem jetzigen Eigentum, einst Sitz der Muse Winckelmanns, nun einer abgelebten Hetäre. Franz II. wird erwartet. Zwei seiner Adjutanten sind hier; sie haben in Augenschein genommen drei Paläste, den Quirinal, die Consulta und den Palast Farnese, welcher seit Jahren verwahrlost ist.   Rom, 11. November Nach dem ›Giornale di Roma‹ sind gegen 30 000 neapolitanische Truppen übergetreten. Man hat sie in verschiedenen Orten verteilt, 2000 stehen in Frascati und dem Lateinergebirg; die Villa Conti ist von ihnen erfüllt; andere in Frosinone; bis Scrofano und Ronciglione hin andere. Darunter sind Galeerensklaven, ganze Familien von Royalisten, Freischaren, Fremdenbataillone. Ihr Unterhalt soll dem Papst täglich 6000 Scudi kosten. Die Truppen verkaufen Revolver zu 3 Paul, Pferde um ein paar Scudi. Es sind 5000 Mann Reiterei darunter und 63 Geschütze. Dies erinnert mich an die Zeit der polnischen Revolution, als die Korps von Romarino und Gielgud nach Preußen übertraten. Die päpstliche Regierung hat Waffen gekauft. Viele neapolitanische Offiziere sind in Zivil hier. Die Priester sind erbittert, daß 30 000 Mann, statt sich zu schlagen, als Heuschrecken über das päpstliche Land gefallen sind. Man hat Kunde von den Abstimmungen in den Marken und in Umbrien, die am 4. November begonnen haben. Sie sind fast einstimmig, wie die in Neapel. Selbst in den noch römischen Gebieten stimmt man bei den Notaren, und die Bevölkerung der Sabina zieht nach Poggio Mirteto, um ihre Stimmen abzugeben; denn dort stehen noch Piemontesen. Priester führen die Züge mit Fahnen; alle Häuser sind mit den Bildnissen Viktor Emanuels und Garibaldis geschmückt. Selbst aus Viterbo sind die Bewohner zu den Voten gezogen. Seit Wochen gehen die Landleute mit einem Zettel auf dem Hut umher, worauf ein großes Si prangt. Die Lage im Vatikan ist jetzt diese, daß Antonelli die gemäßigte Partei vertritt, während der Fanatiker Merode die Ultras führt. Die gemäßigten Kardinäle sind Amati, di Pietro, Andrea und Morichini, welchen letzteren Lamoricière ins Kollegium brachte, um Antonelli zu verdrängen. Merode drängt den Papst, Rom zu verlassen, und der schwache Mann ist ratlos. Alle Hoffnung auf Österreich ist geschwunden. Der Staat hier löst sich auf. Am 25. Oktober ist durch ein Dekret des Prodiktators Pallavicini bestimmt worden, daß der alte Dukat Benevent dem Reich Italien wieder einverleibt sei. Am 7. ist Viktor Emanuel in Neapel eingezogen. Man sagt, Garibaldi sei wieder nach der Insel Caprera gegangen. Der Telegraph zwischen Gaeta und Rom arbeitet nicht mehr, da die Piemontesen in Fondi stehen; und überhaupt gehört ihnen jetzt die ganze Terra di Lavoro. Am 8. November habe ich den vierten Band angefangen, am Fest der Quattro Coronati .   Rom, 22. November Vorgestern kam die Königinwitwe von Neapel mit ihrer Familie von Gaeta hier an. Antonelli empfing sie an der Station und geleitete sie nach dem Quirinal, wo sie abgestiegen ist. Gestern machte ihr der Papst seinen Besuch. Die Szene soll ergreifend gewesen sein; die Königin und ihre Kinder warfen sich schluchzend zu den Füßen des Papsts, der laut weinte. Vor zwölf Jahren war er selbst ein schutzflehender Gast dieser Königin, nun nimmt er sie als Exilierte auf, selber im Begriff, ins Exil zu gehen. Rom beherbergt also zwei verwitwete und gestürzte Königinnen, Marie Christine und die von Neapel; aber die Beziehungen der Tochter des Erzherzogs Karl zu jener dürften nicht die freundlichsten sein. Die dritte Königin wird erwartet, die unglückliche bayerische Prinzessin, die in so zarter Jugend eine so verhängnisvolle Krone tragen sollte. Heute kam das diplomatische Korps von Preußen, Österreich und Rußland aus Gaeta hier an. Der König Franz wird immer einsamer. Das Bombardement soll beginnen. Hier wurden in einem langen Zuge 32 Kanonen von Neapolitanern nach Castel San Angelo gebracht, wo die Waffen niedergelegt werden. Nur zwei Kardinäle, di Pietro und Santucci, sollen noch für das Bleiben des Papsts sein. Farini ist Stellvertreter Viktor Emanuels in Neapel, Montezemolo in Sizilien. Garibaldi ist am 7. November wirklich nach Caprera gegangen, aber er hat als General der Armee nur einen Urlaub von drei Monaten. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; seine Freischar wird aufgelöst. Mein dritter Band ist am 16. November in der ›Augsburger Zeitung‹ angekündigt. Auch die ›Siciliana‹ sind bei Brockhaus erschienen.   Rom, 29. November Hier heißt es immer: Laissez faire et passer. Die Mehrzahl der Kardinäle, animam, non facultates ponere parati , ist wieder für das Ausharren des Papsts. Gaeta ist ein großes Hindernis für die Pläne Piemonts; außerdem mehren sich die royalistischen Aufstände in den Abruzzen. Bereits fallen Greuel vor wie in der Epoche des Kardinals Ruffo. Auch die Auflösung der Garibaldischen Freischaren, die man nach Hause geschickt hat, macht böses Blut und verstärkt die Partei Mazzinis. Überdies ist die Verschleuderung des Staatsvermögens und die Demoralisation aller öffentlichen Zustände grenzenlos. Der Jesuitengeneral Beckx hat am 24. Oktober einen Protest an Viktor Emanuel erlassen, wegen der Auflösung und Beraubung des Ordens Jesu. Dieser hat verloren: drei Häuser in der Lombardei, sechs in Modena, elf im Kirchenstaat, fünfzehn in Sizilien, neunzehn in Neapel. Im ganzen zählt der Orden Jesu gegenwärtig 7144 Mitglieder. Der Peterspfennig hat in Rom in drei Monaten eingebracht 11500 Scudi. Der Papst hat den Brüdern und Schwestern der Arci-Konfraternität, die ihn einsammelt, Indulgenzen in Hülle und Fülle zugesagt. Prinz Chigi-Albani ist Vizepräsident, Schatzmeister der Marchese Patrizi Montoro. Die französische Regierung hat indeß die Bildung von Kommissionen zu solchem Zwecke in ihrem Land verboten; außerdem alle Akte der Bischöfe als stempelpflichtig erklärt. Der Peterspfennig hat bisher eingebracht 2 Millionen Scudi; davon kommen auf das verhungerte Irland allein 2 Millionen Franken (die einzige Diözese Dublin steuerte 400 000 Franken bei); aus New York liefen ein 200 000 Franken. Alle Pfarreien Roms (ihrer sind 44) haben Totenmessen für die bei Castelfidardo und Ancona gefallenen »Märtyrer« gehalten. Am 23. November besetzten die Franzosen Terracina. Sie decken also die ganze Südgrenze; sie stehen zahlreich in Palestrina, Frosinone und Velletri. Am 26. sind die Freischaren Montanaris, ehemaligen Postmeisters in Montefiascone, in Bagnoregio und Aquapendente eingefallen. Dies erzählte heute Merode an Alertz, der es mir zu wissen gab. Es ist eine Pause der Ermüdung eingetreten. Der Protest Antonellis vom 4. November wegen der Voten Umbriens und der Marken trägt die Spuren derselben an sich.   Rom, 2. Dezember Am 24. November hat Napoleon die Gesetze dekretiert, welche die Befugnisse des Senats und der Legislative erweitern, und namentlich die Diskussion zugelassen. Der Stern des falschen Smerdes beginnt zu sinken. Die Papisten legen diese Zugeständnisse zu ihren Gunsten aus; sie sehen darin ein Gefühl der Unsicherheit, eine Schwächung der Autokratie. Gerüchte von Tumulten in Paris gehen hier um, und die Reise oder das Exil der Kaiserin Eugenie wird mit Machinationen zu Gunsten Roms, an deren Spitze sie stehen soll, in Zusammenhang gebracht. Nach einer anderen Version soll sich offenbart haben, daß der kaiserliche Prinz untergeschoben sei, weshalb Eugenie die Crinoline erfand. Es gibt hier ein geheimes National-Comité. Dasselbe hat auch hier Voten sammeln wollen, wie in Viterbo, indeß diese sind nicht zu Stande gekommen. Die heutigen Römer verbrennen sich nicht gern die Finger, geschweige denn den Arm wie Scaevola. Es ist Tatsache, daß man im Vatikan voll Hoffnung ist. Vom Exil wird nicht mehr gesprochen. Man stellt wieder ein Regiment Carabinieri auf. Zuaven laufen in den Straßen umher und mit ihnen Irländer, ihnen ähnlich und ganz komödiantenhaft gekleidet, in grünen Jacken und Pluderhosen, mit gelben Aufschlägen und Achselbändern, wie Eiersalat anzusehen. Rom ist öde. Fremde sind nicht hier, außer Russen und Neapolitanern. Armut und Bettelei nehmen auf schreckenerregende Weise überhand. Gestern war ich bei einer intimen Freundin Garibaldis, der Frau Schwartz, welche jetzt sein Leben bei Campe in Hamburg herausgibt. Sie will von ihm selbst Dokumente erhalten haben und schilderte interessant ihren Besuch bei ihm auf Caprera, wie auch ihre Abenteuer als Agentin in Sizilien.   Rom, 18. Dezember Die Pläne Napoleons bleiben verhüllt. Nicht Tiberius hat so die Kunst verstanden, doppelt zu sein. Er spielt mit beiden Parteien. Er hat die Marken und Umbrien an Viktor Emanuel preisgeben, die päpstliche Armee bei Castelfidardo vernichten lassen, und zwingt zugleich den Papst zu bekennen, daß er sein einziger Beschützer sei; denn Goyon hat die Piemontesen von der Südmark fortgedrängt und Terracina besetzt, wie er Viterbo besetzt hat. Napoleon fördert die italienische Revolution und hindert sie zugleich. Sein Admiral Barbier de Tinan schützt Gaeta von der Seeseite und zwingt die Piemontesen von der Landseite zu einer Sisyphusarbeit in strömendem Regen. Mit seiner Erlaubnis wird Neapel annektiert, und Franz II. ruft aus, daß, nachdem die Welt ihn verlassen habe, Napoleon sein einziger Beschützer sei. Die Mächte machen Miene zu einer Koalition, und die Piemontesen rufen aus, daß Napoleon ihr einziger Beschützer sei. Ist Gaeta gefallen, dann wird die römische Krisis entschieden werden. Nach dem exzentrischen Plane des Advokaten Gennarelli soll Rom zwischen dem König von Italien und dem Papst geteilt werden. Jener wohnt im Quirinal und die Stadt ist sein; dieser wird in der Leonina wie in einem Ghetto eingemauert oder darin wie ein großer Abt in einer Klosterfreiheit wohnen, umgeben von reich dotierten Kardinälen, selber mit einer glänzenden Zivilliste beschenkt, beschützt von Ehrenwachen aller katholischen Mächte, 300 Garden befehlend; und er wird dann und wann das Pförtchen an der Engelsbrücke öffnen, um den König oder Kaiser als Gast zu empfangen und ihm ohne Eifersucht die Benediktion zu geben. Alle Vergleichsvorschläge Cavours sind hier abgelehnt. Der Papst bleibt in Rom; kein Plan ist gefaßt; der Fall Gaetas wird entscheiden. Wenn die Franzosen, wie die Römer hoffen, ihre Truppen zurückziehen, so werden die Piemontesen einziehen, und der Papst wird dann die Stadt verlassen. Die Furcht vor dem Schisma oder vor protestantischen Ketzereien ist groß. Die Bischöfe Umbriens und der Marken haben Hirtenbriefe erlassen, in denen sie das Lesen der Bibeln Diodatis und der zur Häresie führenden Schriften als peccatum mortale verbieten. Mit diesen Bibeln und Schriften wird jetzt Italien überschwemmt. Aber es erhebt sich kein reformatorischer Geist, kein Diodati, Ochino, Aonio Palencio, sondern nur Karikaturen der Reformation, wie ein Padre Gavazzi und Pantaleone. Vor einigen Tagen wurde ein Russe, der im Café Greco das Porträt Napoleons aus einer illustrierten Zeitschrift riß, von dem französischen Generalkommando ohne weiteres in die Engelsburg abgeführt, wo er noch festsitzt. Der russische Gesandte wagte nicht, den Einfältigen zu schützen. Vorgestern schloß die Polizei das Café Nuovo, weil eine Tricolore darin gefunden wurde, und heute waren die Straßenecken mit den Wappen Savoyens beklebt, welche das unterirdische National-Comité über Nacht angeheftet hatte. Die Polizei riß sie ab. Ich habe die vier ersten Kapitel des vierten Bandes geschrieben und will rüstig arbeiten, ehe die Piemontesen mich zu sehr aufregen.   Rom, 26. Dezember Am 17. hat der Papst eine Allokution gehalten. Er beklagt die Annullierung des Badener Konkordats; er seufzt über die Gewaltakte Pepolis und Valerios in den Marken und Umbrien; er vergißt sich sogar so weit, die Broschüre Coylas ›Pape et Empereur‹ einer Widerlegung zu würdigen, ohne sie freilich mit Namen zu bezeichnen. Hoffnungslosigkeit spricht aus dieser Allokution, sowie aus den Protesten der Bischöfe gegen die Aufhebung der Inquisition, des geistlichen Forums, der Klöster (nach dem Gesetz Siccardi), gegen die Einziehung der Kirchengüter und die Zivilehe. Gaeta hält sich. Franz II. hat eine Proklamation an seine Völker gerichtet; sie ist gut geschrieben. Heute wurden drei päpstliche Zuavenoffiziere durch die Polizei aus dem Hotel Serny abgeholt, weil sie im Verdachte standen, Diebe zu sein. Das Weihnachtsfest ist still dahingegangen. Am 23. war Rom den ganzen Tag mit Schnee bedeckt und bot einen prächtigen Anblick dar. Der Papst hat in der Scala santa eine eigene Kapellanei gestiftet, unter dem Titel Castelfidardo und befohlen, jährlich 100 Seelenmessen für die Gefallenen zu lesen. Alle päpstlichen Soldaten, die an der Kampagne teilgenommen, sind mit einer Medaille dekoriert: ein Ring von Silber, darin das umgekehrte Kreuz Petri. Man stellt das irische Regiment St. Patrick wieder auf; die Uniform ist jener der Zuaven ähnlich. Ich finde, daß in der Geschichte Italiens drei Typen beständig wiederkehren: Machiavelli, Cäsar Borgia und der Condottiere.   Rom, Silvesternacht 1860 auf 1861 Eine Demonstration zu Gunsten des Papstes sollte heute bei der Silvesterfeier vor sich gehen. Das römische National-Comité richtete deshalb einen Brief an den General Goyon, worin es ihm sagte, wenn er diese Kundgebung nicht unterdrücke, werde er entstehende Exzesse zu verantworten haben. Zugleich forderte es die Römer auf, jeden Zusammenstoß mit den Franzosen zu vermeiden, wozu die Sanfedisten sie drängen wollen. Die Zeit der Befreiung sei nahe. Wenn erst das Banner Savoyens über Gaeta flattere, so werde Italien Rom aufrufen, die Hauptstadt des Reichs zu sein. Niemand kennt die Häupter dieses National-Comités, noch den Ort seiner Versammlungen. Die Demonstration beschränkte sich auf Hochrufen und Tücherschwenken, als der Papst auf- und abfuhr. Die Feier in der Kirche Gesù war kurz. Die versammelte Volksmenge in diesem bunten Gemisch von Guelfen und Ghibellinen, die doch ihrem Haß nicht freien Ausdruck geben dürfen, bot einen sonderbaren Anblick dar: französische Soldaten von Magenta und Sebastopol mit ihren Medaillen; »Märtyrer« von Castelfidardo mit ihren Peterskreuzen; Zuaven von St. Patrick grün kostümiert wie Erin; verzückte Frauen mit weißen Tüchern; Priester, Mönche, Armenier, Mulatten und Mohren, auch im Zuavenkostüm, neugierige Sekretäre aller Gesandtschaften; Sanfedisten, Mazzinisten, Demokraten; römische Sbirren, das lange Dolchmesser unter dem Mantel, ein Gegenstand für Salvator Rosa; verwundete neapolitanische Offiziere von Cajazzo und Capua, in Zivil, elend und jammervoll; die Garde der lateranischen Pfalz; mittelalterliche Schweizer – all dies ein bunter Knäuel, des Papstes harrend, – dann frenetischer Ausbruch der Sanfedisten mit Tücherschwenken und »Evviva Pio Nono!« Das Jahr 1860 schließt etwas dunkel für Italien. Die Dinge in Neapel sind heillos; Farini geht im Chaos unter, und das Volk verlangt zu seinem Stellvertreter Liborio Romano. Viktor Emanuel ist plötzlich am 27. über Ancona abgereist nach Turin. Gaeta hält sich; die Franzosen bleiben im Hafen, denn Rußland und Spanien drohen, ihre Flotten aufzustellen, wenn jene abfahren sollten. Franz II. wird von Österreich, Preußen und Rußland ermutigt, und diese Mächte dringen in den Papst, auf alle Fälle in Rom auszudauern. Antonelli steht wieder fest, und Merode wird weichen; Grammont wird seinen Posten verlassen, aber Bach wird bleiben. Es scheint, daß Capua der Höhepunkt der italienischen Nationalbewegung war; sie stockt in Neapel und Gaeta. Man bezeichnet bereits den Tag, an welchem Franz II. in seine Hauptstadt wieder einziehen soll, und eine Erhebung Kalabriens scheint organisiert. Ich nehme Abschied von dem guten Jahr 1860. Es war reich an Glück für mich. Ich habe das Vaterland und die Meinen wiedergesehen nach achtjähriger Trennung; ich habe einen schönen Teil Deutschlands und Frankreichs kennengelernt. Die Regierung hat mir für einige Zeit Hilfsmittel zugesichert. Der dritte Band der ›Geschichte Roms‹ ist erschienen, der vierte begonnen; auch die ›Siciliana‹ sind in Druck gekommen. Das neue Jahr sei mir freundlich! Es gebe meiner Arbeit Gedeihen, meinem Leben Frieden, – es gebe Italien die Freiheit und meinem Vaterlande die einige Kraft! 1861 Rom, 5. Januar Täglich erscheinen Hirtenbriefe der Bischöfe; die von Ferrara und Narni haben den Protestantismus mit fanatischer Wut als das Werk Satans gebrandmarkt. Ihr Zorn ist besonders gegen Produkte der Tagesliteratur gerichtet, welche in Umbrien verbreitet sind. Ich habe heute die verpönten ›Quattro parole d'un sacerdote ai popoli dell' Umbria e delle Marche‹ erhalten. Dies Pamphlet beabsichtigt, das Landvolk für die Annexion zu stimmen. Es weist nach, daß die Blüte des Landes die Liberalen seien, daß die Revolution nur das Wohl des Volkes bezwecke, daß die legitimen Fürsten keine solche seien, daß der Papst es nicht sei, weil er auch von nicht italienischen Kardinälen gewählt werde und keine Nation bekenne. Die Päpste haben ihr Dominium Temporale mit List und Gewalt erworben: der Kirchenstaat ist in Händen von Monsignoren und Kardinälen, die nicht den Provinzen angehören, das Volk nicht lieben und von Geschäften nichts verstehen. Es wird die Mißregierung gut und klar geschildert. Die wahre Legitimität sei im Volk und seiner Wahl. Die Italiener bekriegen nicht den Papst, sondern den unnationalen und despotischen Fürsten in ihm, den König von Rom. Das Patrimonium St. Peters sei ein Unding, denn Petrus habe nichts auf der Welt besessen. Der Papst nenne sich Vikar Christi, aber Christus, obgleich er von königlichem Stamme war und sein Volk ihn zum Könige machen wollte, wies die Krone von sich, er wollte sie nicht, »neppure per suffragio universale; e disse chiaramente che il suo regno era il regno dei cieli, e non del mondo« . Die Italiener bekriegen nicht die Kirche; denn das Dominium Temporale ist nicht die Kirche, und Papst und Klerus sind nicht die Kirche, sondern diese ist die Kongregation aller Gläubigen. Der Papst hat Unrecht, die politische Sache des Kirchenstaats mit der Kirche selbst zu vermengen. Die Aufhebung der Klöster und Kirchengüter wird gut geheißen, da diese nicht mehr zeitgemäß seien. Es ist in der ganzen Schrift nichts Ketzerisches gegen das Dogma enthalten.   Rom, 6. Januar Am 25. und 26. Dezember hat Pontecorvo für die Annexion gestimmt. Man sagt, daß der Papst Truppen dorthin senden werde. Auf allen Straßen sieht man Zuaven; sie führen Dolche bei sich, und selbst die Polizei, in welche viele versprengte Neapolitaner aufgenommen sind, ist mit Dolchen bewaffnet. Die Römer sagen, dies sei Bewaffnung nicht für ehrlichen Krieg, sondern für Raubmord. Sie nennen die Medaillen der Päpstlichen passa pensieri , weil sie wie Maultrommeln aussehen. Die Truppen von Castelfidardo nennen sie la truppa di Gambe-fidando . Ein gutes Pasquill geht um. Pasquino kocht sich in einem Topf Pataten (Venedig), Maccaroni (Neapel), Rüben (die Geistlichen); er prüft diese Dinge, ob sie gar seien. Zu den Kartoffeln sagt er: »sono fatte« , zu den Maccaroni: »ci vuol un altro po' di tempo« ; bei den Rüben zieht er ein saueres Maul und sagt: »duri! duri! duri!« Marforio kommt herzu: habe ich dir nicht gesagt, daß Napoleon dir geraten hat, sie am langsamen Feuer zu braten? – »non ti ho detto, che Napoleone ti consiglia di cuocergli a fuoco lento?« Es ist unsagbar, was man hier für Erscheinungen sieht, welche schleichende, finstre, zerlumpte, heuchlerische und fanatische Gestalten. Die Finsterlinge, die Knechte der Despotie, scheinen hierher, wie Eulen, aus allen Ruinen der Welt zusammengeflogen zu sein. Alle Cafés sind von ihnen voll. Der Anblick dieser biedern Märtyrer erfüllt mich mit Ekel. Überall diese gelben, bettelnden, zerlumpten Neapolitaner. Ich schreibe indeß rüstig an der Geschichte von Rom weiter und bin jetzt bei Gregor VII. Vorgestern kam Meldung von dem Tode des Königs von Preußen. Wilhelm I. besteigt den Thron; dies ist ein Glück. Nun wird er hoffentlich auch den Rest der alten Staatsromantik abtun und aufnehmen, was die Zeit ihm bietet.   Rom, 12. Januar Gestern meldete eine Depesche, daß in Gaeta Waffenstillstand abgeschlossen sei bis zum 19. Januar, an welchem Tage die französische Flotte den Hafen verlassen werde. Für Franz II. werden fortdauernd von Rom aus Reaktionsversuche gemacht; dieselben konzentrieren sich in Sora. Auch Civitella del Tronto, eine kleine Felsenfestung, hält sich für ihn und wird von Pinelli belagert. Farini hat seine Demission gegeben; ihn ersetzt der Prinz von Carignan mit dem Ritter Nigra. Die Wahlen zum Parlament, welches am 17. Februar in Turin sich versammeln soll, gehen vor sich. Der Vatikan kehrt sein Prinzip dem neuen Italien entgegen und wird nicht nachgeben. Die ›Armonia‹ von Turin berichtet über die Propaganda der Genfer evangelischen Sozietät, die sich die Protestantisierung Italiens zur Aufgabe macht; von Süden her reicht ihr die Malteser Bibelgesellschaft die Hand, und Amerika ist der dritte in diesem Bunde.   Rom, 19. Januar Am 16. reiste das bei Franz II. beglaubigte diplomatische Korps von hier wieder nach Gaeta, unter dem Vorwand, ihm zu seinem Namenstage zu gratulieren, in Wirklichkeit aber mit einer geheimen Mission. Der Waffenstillstand soll heute ablaufen. Die Welt steht in Waffen, aber ich glaube eher an einen Kongreß als an einen Krieg. In Neapel dauern die Reaktionen fort, Sizilien ist in Aufruhr. Man berechnet, daß der Prodiktator Mordini während der kurzen Dauer seines Amts nicht weniger als 53 Gesetze und 651 Dekrete erlassen hat. Die Gemäßigten hoffen noch, daß Garibaldi sich von seinem wahnsinnigen Zuge nach Venetien werde abhalten lassen. Gestern war das Fest der Cattedra oder der Stiftung des heiligen Stuhls. Am Portal des St. Peter las man Sonette zum Preis Pius IX. mit der Aufschrift: An Pius IX, den obersten Priester, den legitimen König der Marken, Umbriens und der Romagna. Als ich in den herrlichen Dom trat, wo das Volk umher kniete und die feierlichen Gesänge erschallten, kam er mir wie eine sturmfreie Festung vor. Abends war Illumination. Indeß die Marken und die Romagna werden schwerlich den frommen Tauben der Sintflut gleichen wollen, welche aus der Arche fortflogen und mit einem Ölzweig wiederkamen. Heute ist mein 40. Geburtstag. Mir wurde es schwer, diesen Rubikon des männlichen Alters zu überschreiten. Ich ging nach dem Lateran, trank ein Glas Wein in der Osteria auf den Trümmern der Bäder des Trajan und fand dort die ersten blühenden Mandelbäume, welche meine einzigen Gratulanten waren. Eben kam ich von Professor Munch, der mir viele abschriftliche Urkunden zeigte. Ich habe heute die Einnahme Roms durch Robert Guiscard dargestellt. Die ›Allgemeine Zeitung‹ brachte seit dem 1. Januar meine Artikel über Avignon.   Rom, 26. Januar Vom diplomatischen Korps sind aus Gaeta nur der preußische und der russische Stellvertreter zurückgekommen, dageblieben sind die Gesandten von Spanien, Portugal, Bayern, Österreich und Sachsen. Franz II. hat diesen vornehmen Briefträgern einen schönen Streich gespielt, da er sie in die Kasematten sperrte, wo sie Pulver statt Pomade riechen. Bis zum 19. war die Stadt fast gar nicht beschädigt, aber schon einwohnerleer. Den Dom S. Francesco hatte keine Kugel getroffen. Der König und die Königin wohnten in zwei elenden Gemächern, ohne Teppich und schlecht möbliert. Die Garnison bestand aus 9000 Mann, darunter 2000 Deutsche und Schweizer. Auf Land- und Seeseite waren 1100 Kanonen postiert. Der Photograph Reiger kam eben von Gaeta. Er zeigte mir die dort aufgenommenen Bilder der Stadt und Festung und der französischen und spanischen Schiffe im Hafen. Die Königin sieht ruhig und energisch aus; sie ist nicht ohne Anmut, aber kokett; sie trägt ein Jäckchen mit Gold verbrämt und einen Kalabreserhut. Der junge König steht nachdenklich da, sieht sehr unbedeutend und melancholisch aus, recht wie ein Mann, der in einen Abgrund blickt. Die französische Flotte hat am 19. wirklich den Hafen verlassen und Persano ihn darauf in Blockade gelegt. Seit gestern wissen wir von Terracina her, daß die Kanonade am 22. begonnen hat, daß sie am 23. furchtbar gewesen ist. Man sagt heute in der Stadt, die Bresche sei gelegt worden. Für den Fall Gaetas hat man hier eine große Demonstration vor. Man hofft, daß Napoleon das Manöver von dort wiederholen, das heißt, seine Truppen aus Rom zurückziehen werde, mit einer Erklärung, wie er sie im ›Moniteur‹ wegen Gaetas veröffentlicht hat. Am 23. überfielen die Piemontesen das schöne Kloster Casamari, welches ich im Sommer 1859 besuchte. Sie drangen mit Artillerie von den schneebedeckten Bergen Trisultis vor und vertrieben eine Bande von Neapolitanern und päpstlichen Volontärs, welche dort ein abenteuernder Graf de Christen und der Advokat Ricci aufgestellt hatten. Sie haben das Kloster geplündert; die Apotheke ging in Feuer auf; glücklicherweise ist die herrliche gotische Kirche nicht beschädigt worden. Das piemontesische Korps kam wahrscheinlich von Sora, wo der General Sonnaz steht. Der Aufstand in Ascoli ist durch Pinelli erdrückt, der dort die blutige Rolle des Generals Manchès spielt. Er hat Orte eingeäschert und viele Einwohner füsiliert. Der kleine Campagnakrieg rast in den Abruzzen, um Sora und Civitella del Tronto, fort. Vor kurzem haben die päpstlichen Zuaven in Correse 70 Mann mobiler Nationalgarde aufgehoben. Dies kann zu einem ernstlichen Zusammenstoß führen. Die Piemontesen haben als Repressalie den Bischof von Poggio Mirteto nach Rieti gebracht. Die Jesuiten verbreiten einen Almanach für 1861: ›Il vero amico del Popolo‹, welcher gegen die englische Propaganda gerichtet ist und die Protestanten, Luther, Calvin, die Könige Englands etc. als wahre Teufel abschildert.   Rom, 30. Januar Ein Rest von Sanfedisten hatte sich unter Chiavone in Bauco, bei Veroli, gesammelt; die Piemontesen marschierten 2000 Mann stark von Sora her und vertrieben sie am 28. Sie stürmten ein anderes Nest der Reaktionäre unter de Christen in Scurgola. Sie besetzten zugleich Ceprano, zogen sich aber dann zurück; nirgends sind die piemontesischen Wappen aufgerichtet. Die Reaktion in Ascoli und Avezzano ist erstickt. Giorgi von Avezzano, Haupt der Sanfedisten in den Abruzzen, ist hier; das Volk erkannte ihn sonntags auf dem Corso und pfiff ihn aus. Garibaldi steht von dem wahnsinnigen Projekt auf Venedig ab.   Rom, 14. Februar Gestern um 10 Uhr traf die Depesche vom Fall Gaetas ein. Die Explosion von drei Pulvertürmen am 6., der Typhus (es starben die Generale Ferrari und Sangro), vielleicht auch die Italien günstige Abstimmung der preußischen Kammer, trieben Franz II. zu dem bitteren Entschluß der Übergabe. Heute nacht wird der König hier eintreffen, wie man sagt, um nur wenige Tage zu bleiben und dann nach Bayern zu gehen. Heute abend wogten wohl 20 000 Menschen durch den Corso; sie hatten ihre Führer, welche sie zur Ordnung ermahnten. Vor dem Palast, worin die Familie Trapani wohnt, stockte die Menge, aber viele Stimmen riefen: Schweigen und Gehorsam! Endlich hieß es: nach Hause!, und diese Tausende verloren sich wie von einem Spaziergang. Alle Balkons waren gefüllt und einige Paläste erleuchtet. Man glaubt, daß die Franzosen Rom nicht eher verlassen werden, bis die europäischen Mächte die geistliche Unabhängigkeit des Papsts auf irgendeine Weise garantiert haben; doch spricht man davon, daß eine piemontesische Division einrücken und friedlich neben den Franzosen garnisonieren werde. Die Stütze der Hierarchie ist somit gefallen, und der Kirchenstaat hat sein Ende erreicht. Der Fall Gaetas ist eine große Friedensbotschaft und das schönste Augurium für die Versammlung des ersten italienischen Nationalparlaments. Hoffentlich wird dies ein deutsches Nationalparlament zur Folge haben. Ich hatte noch vor einem Monat nicht geglaubt, daß Italien sich einigen würde. Aber die Tatsache, daß die Parlamentswahlen in so großer Majorität ministeriell ausgefallen sind, gibt Bürgschaft für eine ruhige Ordnung der Dinge. Die Partei Bertani, Crispi, Pianciani, Mordini kommt nicht mehr auf. Dies ist ein roter Tag in Rom: er kündigte eine neue Ära im Völkerleben an; die hierarchischen und legitimistischen Zeiten sind in Gaeta begraben. Ich habe das siebente Buch der ›Geschichte der Stadt Rom‹ beendigt.   Rom, 15. Februar Franz II., seine Gemahlin Maria, der Graf von Trani, der General Bosco sind heute früh um 1 Uhr von Terracina hier angekommen, im ganzen 28 Personen. Vor dem Eintreffen des Königs ereignete sich ein sonderbares Omen: die Gardinen seines Bettes gingen in Flammen auf, als man es zurichtete. Am Tor St. Johann empfing die Flüchtlinge Monsignor Borromeo, am Quirinal Antonelli, dem König und Königin die Hand küßten. Eine Menge Legitimisten hatte sich hier aufgestellt und rief: Viva il Re . Französisches Militär hatte von Terracina bis Rom Eskorte gemacht. Der Papst besuchte den letzten König Neapels heute um 4 Uhr auf dem Quirinal. Mich bewegt als Geschichtschreiber das Ende dieses berühmten Königreichs, dessen Stiftung durch die Normannen ich nur kurz zuvor geschildert hatte. Starke Piquets Franzosen ziehen durch den Corso, aber keine Demonstration findet statt. Die Zuaven sollen bei Nazzano von Mesi geschlagen sein, als sie den Übergang über den Tiber versuchten. Der Papst hat den Padre Passaglia nach Turin geschickt; er sinnt auf einen ehrenvollen Rückzug. Man meint, er werde in Rom bleiben.   Rom, 17. Februar Franz II. hat nach einer erschütternden Szene mit dem Papst eine unnatürliche Heiterkeit gezeigt. Die Sanfedisten brachten ihm ein Lebehoch vor dem Quirinal, als er dem Papst entgegenging und ihn an den Wagen begleitete. Als Pius die Nachricht vom Falle Gaetas erhielt, sagte er: adesso tocca a noi . Man erzählte in der Stadt, Antonelli habe einen Schlaganfall gehabt. Die Finanzen sollen nur noch für einen Monat reichen; das tägliche Budget ist gegenwärtig 35 000 Scudi. Man weiß nicht, welche Entschlüsse im Vatikan gefaßt sind. Die Mehrzahl der Kardinäle dringt auf das Bleiben des Papsts. Viele verwundete Deutsche, vom Volturnus her, betteln hier und werden von ihren Landsleuten unterstützt. Ein Preuße, der durch eine Granate am Fuß verwundet worden ist, war eben bei mir, um sich Kleidungsstücke abzuholen. Er erzählte mir, daß der bourbonische General von Mecheln sich sehr schlecht benommen habe und daß sein Sohn von einer Kugel getötet wurde, nachdem er einem um sein Leben flehenden piemontesischen Kapitän den Kopf gespalten hatte.   Rom, 25. Februar Nach dem Falle Gaetas erwartete man schnelle Ereignisse in bezug auf die römische Krisis; da sie nicht eingetreten sind, fühlt man sich enttäuscht. Man glaubte, daß der erste König Italiens das erste Nationalparlament mit feierlichen Orakeltönen eröffnen werde, doch die Thronrede vom 18. Februar sagt nichts Neues, und sie schwieg über Venedig und Rom. Die Franzosen bleiben hier; eine Note Thouvenels hat das den katholischen Mächten erklärt; ein Kongreß soll entscheiden. Die Broschüre Laguéronnières ›La France, Rome et l'Italie‹ las ich gestern. Sie ist fast wichtiger als ›Le Pape et le Congrès‹, denn sie zieht den Papst persönlich auf die Anklagebank. Sie resümiert alles, was Napoleon für ihn getan, und überläßt dem Papst, aufzuzählen, was er selbst nicht für ihn getan hat. Die drei Hauptklagepunkte sind: die Erhebung einer politischen Frage zu einer religiösen; die Weigerung, den Vikariat Piemonts anzunehmen; die Weigerung, katholische Besatzung und katholische Subsidien anzunehmen. Antonelli hat in der ›Römischen Zeitung‹ erklären lassen, daß die Widerlegung dieser Anklagen in den Enzykliken des Papsts längst gegeben sei. Die Franzosen marschierten gestern nach Frosinone. Rom und die Campagna sind ruhig. Aber in Folge der Demonstration vom 19. wurden 20 Personen exiliert, darunter mein guter Freund Sellini, und Haussuchungen finden noch immer statt. Jeden Abend stellt sich ein Bataillon Franzosen auf dem Platz Colonna auf. Die beiden Fremdenregimenter werden aufgelöst. Auch die neapolitanischen Schweizeroffiziere verschwinden allmählich. Franz II. besuchte sein Besitztum, die farnesischen Gärten. Sie bestehen aus dem Schutt der Kaiserpaläste; der ist ihm geblieben. Am 21. starb der Kardinal Brunelli, Erzbischof von Osimo und Cingoli. Das römische Sprichwort sagt: »Es sterben immer drei Kardinäle auf einmal.« Diesmal waren es Gaude, della Genga und Brunelli. Die General-Leutnantschaft in Neapel hat dort alle Klöster aufgehoben, das Kirchengut eingezogen, das Konkordat von 1818 für erloschen erklärt. Sebastopol wurde belagert und fiel, Ancona wurde belagert und fiel, Gaeta wurde belagert und fiel; aber es gibt kein Belagerungsgeschütz, welches Rom zur Kapitulation nötigen könnte. So sagt die ›Armonia‹ von Turin. Auf einer Gesellschaft sah ich Jochmus Pascha, Kriegsminister des Deutschen Reichs im Jahr 1848, ein großer und stattlicher Mann. Gestern abend brachten die Franzosen 800 Sanfedisten von jener Bande de Christen nach Rom, welche in Bauco kapituliert hat. Sie wurden dort vom französischen Militär entwaffnet.   Rom, 2. März Auf die Schrift Laguéronnières hat man hier durch eine Broschüre ›Esame d'un opusculo Francese »La France, Rome et l'ltalie»‹ geantwortet, welche am 28. Februar ausgegeben ist. Weil das Papsttum sich heute im Kampf mit der Nation und der Freiheit Italiens befindet, so kann der Verteidiger über die Wahrheit nicht anders hinwegkommen, als indem er sie leugnet. Der Papst und Antonelli sagen daher, dem Papsttum stehe nicht Italien gegenüber, sondern eine revolutionäre Sekte, die piemontesische oder unitaristische Fraktion; mit dieser verwechsle Frankreich das wahre Italien, welches katholisch, legitimistisch, dem Papstkönig innig befreundet, ja dessen einziger Stolz es sei, den Papst zum Zentrum zu haben. Man werde gern auf die Basis von Villafranca zurückkommen und macht jetzt das Zugeständnis, daß die Konföderation die Italien naturgemäße Form der Einheit sei. Endlich der Satz: »Ein Vertrag des Papsttums mit der piemontesischen Sekte, welche sich Italien nennt, ist gerade so gut möglich wie die Vereinigung Christi mit Belial.« Die Adresse des französischen Senats auf die Thronrede stimmt der Politik Napoleons in Italien bei, anerkennt die Nichtintervention, sagt, die katholische Welt vertraue das Papsttum Italien an und hofft, daß der Kaiser, als ältester Sohn der Kirche, die Unabhängigkeit des Papsts sichern werde. Die Franzosen werden Rom für jetzt nicht verlassen. Die merkwürdigste Frage des Jahrhunderts scheint nur durch Gewalt lösbar. Viktor Emanuel wird schnell vorgehen, sobald er zum König Italiens ausgerufen ist. Man hält seit einigen Tagen die französischen Zeitungen zurück, wahrscheinlich wegen der heftigen Rede des Prinzen Napoleon im Senat gegen den Papst oder wegen der Boten jener Körperschaft überhaupt. Fergola hat erklärt, Messina bis aufs Äußerste halten zu wollen; Persano ist dorthin abgesegelt; Civitella del Tronto wird bombardiert. Die Campagna ist ruhig.   Rom, 15. März Rom ist so passiv, daß es einer Stadt gleicht, auf der ein Bann oder ein Zauber liegt. Man wartet auf die piemontesische Entzauberung. Auch die päpstliche Partei ist widerstandslos. Kein Entschluß ist gefaßt, kein Antrag von Piemont gestellt. Man läßt die Dinge kommen und gehen. Alle Freitag (es sind die Märzenfeiertage) betet der Papst im St. Peter. Ich sah ihn heute. Hinter ihm und den Kardinälen kniete die Witwe König Ferdinands in Trauer, mit ihren Töchtern und Söhnen, alle schwarz gekleidet – eine höchst melancholische Szene. Der St. Peter ist so oft das Asyl für die Seufzer gestürzter Größen gewesen; sie nehmen sich darin gut und historisch aus. In diesem großen Dom verschwindet das persönliche Maß. Selbst der stolzeste Despot Rußlands sah darin gerade nur so groß aus wie jeder Bettler neben ihm. Die Versammlung dort bestand aus Legitimisten aller Nationen; man sah ihr auf den ersten Blick an, daß sie ganz unrömisch, ganz unitalienisch sei. Diese Herren tragen jetzt die Medaille von Castelfidardo in Silber und Gold als Busennadeln. Die Römer wiederum tragen ihre Heroen versteckt in Ringen, oder sie sehen in kleinen goldenen Tuben das mikroskopische Bild des ersten Parlaments Italiens durch eine Linse.   Rom, 16. März Am 13. kapitulierte Messina. Auswärtige Blätter bringen den Protest Franz II., datiert von Rom 16. Februar, und die Note Antonellis an den Sekretär des Nuntius in Paris, Moniglia, als Entgegnung auf die Broschüre Laguéronnières, datiert vom 26. Februar. Heute fand ein demonstrierender Spaziergang der Römer nach dem Kapitol und Forum statt. Alle Abend bedeckt sich der Corso bis zum Platz del Popolo mit französischem Militär, auch das Kapitol wird besetzt. Heute am Morgen waren viele Plakate, sardinische Wappen und Trikoloren, im Corso heimlich angeheftet; auch auf Aqua Paola wehten italienische Fahnen. In Rom ein seltsamer Zustand ergrimmter Passivität. Die Lage der Franzosen, der Römer, des Papsts ist gleich unnatürlich und falsch; die des Papsts ist einzig in der Geschichte. Er ist der Schützling derselben Macht, deren Gefangener er ist, die ihn auf die Anklagebank von Europa zieht und in Libellen mißhandelt: eine erwürgende Retterin. Pius IX. ist wie ein Weib schwach und halsstarrig zugleich. Er wird Rom nicht verlassen und darf es auch nicht; sollten die Franzosen sich nach Civitavecchia zurückziehen, welches sie neu befestigen, oder sollten sie piemontesische Garnison neben sich aufnehmen, so wird er die Kardinäle rufen, neben ihm am St. Peter zu wohnen und dort das Konsistorium für permanent erklären. Ich habe auf der Vaticana eine Weile gearbeitet, am Register von Farfa. Aber Ermüdung lähmte mich diese Zeit über. Ich lernte den Maler Gallait kennen, welcher den Papst im Auftrage Belgiens malt; er klagt, daß er ihm kaum fünf Minuten sitzen wollte. Er sitzt ja überhaupt auf Kohlen. Gallait ist eine angenehme, einfache, menschliche Persönlichkeit. Ich bin oft beim Geschichtsschreiber Munch aus Christiania – norwegisch-schwedisch-deutsch-französische-römische Gesellschaft dort, jeden Freitag. Ampère sah ich mehrere Male.   Rom, 17. März Auch heute fand eine massenhafte Bewegung des Volks über das Forum nach dem Lateran statt. Die Römer demonstrieren durch friedliches Spazierengehen. Die Franzosen sind erbittert, daß sie in der Kälte jeden Tag von 6 bis 10 Uhr abends in Waffen sein müssen. Auf dem Kapitol, auf Colonna und Popolo stehen Bataillons. Heute geht das Gerücht, daß Frankreich entschlossen sei, dem Papste Rom zu lassen; Zusicherungen seien dieserhalb gemacht. Auch sagt man, sie werden nach Pontecorvo und Benevent marschieren, und bringt damit eine contrerevolutionäre Bewegung in Zusammenhang, die in Neapel ausgebrochen sein soll. Azeglio hat eine Schrift ›Questioni urgenti‹ ausgehen lassen worin er sich gegen die Erhebung Roms zur Hauptstadt erklärt und Florenz vorschlägt. Auch Civitella del Tronto hat sich an den General Mezzocapo ergeben, am 13. März.   Rom, 21. März Am 14. wurde Viktor Emanuel als König Italiens proklamiert. Am 17. erließ er das Gesetz, daß er fortan den Titel Viktor Emanuel II. König von Italien annehme. Rom hat dies große Ereignis mit unglaublicher Passivität hingenommen. Am 18. hielt der Papst eine Allokution. Sie ist dadurch merkwürdig, daß er das Bekenntnis ablegt, das Papsttum befinde sich im Konflikt mit der modernen Gesellschaft, dem Liberalismus, dem Fortschritt und der Zivilisation; das heißt, er sagt: es kämpfen zwei Prinzipien miteinander, der sogenannte Fortschritt und die apostolisch-katholische Religion, welche die Gerechtigkeit repräsentiert. Er verdammt das erste Prinzip weniger aus innern Gründen als aus den Tatsachen der Gegenwart, welche seien: Beraubung der Kirche, Häresie, Zulassung der Akatholischen zu allen Staatsämtern, Verfolgung der Gläubigen, Vernichtung aller legitimen Rechte der Bischöfe, wie namentlich in Bezug auf den öffentlichen Unterricht. Der Papst sagt: man verlange von ihm, sich mit der modernen Gesellschaft und ihren Ideen, sich mit Italien zu versöhnen; aber diese hinterlistigen Vorschläge laufen darauf hinaus, ihn zu zwingen, sich aller seiner Rechte zu entkleiden, eine vandalische Plünderung der Kirche gutzuheißen und die Ungerechtigkeit als Gerechtigkeit anzuerkennen. Dies könne nie geschehen. Er brauche sich mit niemand zu versöhnen, er habe selbst aus Italien hunderttausende von Zuschriften empfangen. Am Ende verheißt er Verzeihung allen seinen Feinden, wenn sie in sich gehen. Das ist die Antwort auf die Broschüre Laguéronnières, auf die Erklärung Viktor Emanuels zum Könige Italiens, die Versuche gütlicher Verständigung und auf die Reden in den französischen Kammern und sonstwo in der Welt. Die Allokution ist milde gehalten. Es geht ein Hauch durch sie wie von Sehnsucht nach der Lösung dieser Krisis. So spricht kein Papst, der noch irgend einen Rückhalt ins Feld stellen kann.   Rom, Palmsonntag Ich war heute bei der Feier im St. Peter. Ich hatte meinen Platz unmittelbar an der Tribüne, wo die ganze Familie des gestürzten Königshauses von Neapel saß. Franz II. sah sehr gelangweilt und misanthropisch aus. Seine Haltung war ungezwungen, weder militärisch noch fürstlich; er sieht älter aus als seine Jahre. Die Königin Marie bleich und leidend. Der Herzog von Trapani häßlich und unbedeutend, wie alle übrigen Prinzen. Die zwei Prinzessinnen, junge Mädchen, elende und traurige Gestalten. Die Mutter, Tochter des berühmten Erzherzogs Carl, gleicht eher einer Handwerkerfrau als einer Königin. Die ganze königliche Gesellschaft erschien mir im St. Peter wie ein Häuflein zusammengewehter welker Blätter. Auch General Bosco war da. Von Gesandten waren anwesend Grammont, Bach, Miraflores von Spanien und der von Belgien. Franz II. stieg zuerst die Stufen des päpstlichen Throns hinan, um kniend die Palme zu empfangen. Ein gestürzter König, welcher die Palme der Resignation aus den Händen eines stürzenden Papstes nimmt, ist ein Anblick von geschichtlichem Wert. Dazu die herrlichen Klänge des Stabat mater . Als der Papst in Prozession durch den St. Peter getragen wurde, stellten sich Franz II. und seine Gemahlin unter die Zuschauer im Hauptschiff, und das vorausgehende diplomatische Korps, Grammont an der Spitze, huldigte ihnen durch achtungsvolle Verbeugung, jeder die Palme in der Hand, mit welcher sie ihrem Unglück gleichsam salutierten.   Rom, 4. April Nach der ausgezeichneten Rede Cavours, womit er die Interpellation Oudinots über die römische Frage am 27. März beantwortete, wurde die Tagesordnung Buoncompagni einstimmig angenommen: Rom müsse die Hauptstadt Italiens sein; sobald Rom mit Italien vereinigt sei, werde man die Unabhängigkeit des Papsts und die Freiheit der Kirche sichern. Die Rede ist Epoche machend. Sie ist Ausgangspunkt für eine neue Phase in der Zivilisation. Ich habe die Ostern schlecht zugebracht, da ein häßlicher Katarrh mich ans Zimmer fesselte. Meine ehemalige Padrona, Signora Narzia, starb den 28. März nach zweitägiger Krankheit. Ich habe sechs Jahre bei ihr gewohnt und in ihrem Hause drei Bände der Geschichte Roms geschrieben. Rom ist ruhig; das National-Comité bewegt sich nicht. Die Bourbonen sind noch hier. Die Passivität, mit welcher Rom sein Schicksal erwartet, grenzt ans Rätselhafte. Die Italiener gleichen einem Gärtner, der einen Baum in der Hand hält und das Loch nicht hat, worin er ihn pflanzen soll. Das unermeßliche Ereignis: Rom zur Hauptstadt eines italienischen Reiches heruntergesetzt, Rom, die kosmopolitische Stadt seit 1500 Jahren, das moralische Zentrum der Welt, zum Sitz eines Königshofs geworden, wie alle anderen Hauptstädte, will mir gar nicht recht begreiflich sein. Ich ging mit diesem Gedanken durch Rom, und fand, daß man hier auf jedem Schritt nur Erinnerungen und Monumente der Päpste sieht, Kirchen, Klöster, Museen, Fontänen, Paläste, Obelisken mit dem Kreuz, die Kaisersäulen mit St. Peter und Paul auf ihren Gipfeln, tausend Bildsäulen von Päpsten und Heiligen, tausend Grabmonumente von Bischöfen und Äbten – eine von dem Geist der Ruine, der Katakomben und der Religion durchdrungene Atmosphäre, kurz ganz Rom ein Monument der Kirche in allen ihren Epochen, von Nero und Konstantin hinab bis zu Pius IX. Alles Zivile, Politische, Weltliche verschwindet darin oder taucht nur auf als die graue Ruine einer Vorzeit, wo Italien nichts war als eine Provinz von Rom und die Welt nichts als eine Provinz von Rom. Die Luft Roms taugt nicht für ein frisch auflebendes Königtum, welches an seiner Residenz eines leicht zu behandelnden Stoffes bedarf, dem es sich schnell eindrücken kann wie Berlin und Paris oder Petersburg. Der König von Italien wird hier nur die Figur machen wie einer der dakischen Kriegsgefangenen vom Triumphbogen des Trajan; größer wird er hier nicht aussehen. Alles wird Rom verlieren, seine republikanische Luft, seine kosmopolitische Weite, seine tragische Ruhe.   Rom, 12. April Heute ist der Jahrestag der Rückkehr des Papsts aus dem Exil von Gaeta. Er fuhr nicht am Morgen nach S. Agnese, sondern erst nachmittags, sei es, weil er noch leidend ist, oder eine Demonstration vermeiden wollte. Die päpstliche Partei hat die Stadt illuminiert, und viele ghibellinische Häuser sind von ihrem Licht oder von der Furcht mit angesteckt worden. Am meisten zeichnen sich die Kirchen aus, welche außerdem einen Nimbus frommer Population um sich her haben. Man hatte an vielen Orten Transparente aufgestellt; ein sehr großes am Eingang des Borgo, das raffaelische Stanzenbild, Petrus im Kerker, den der Engel befreit; ein anderes im Corso, das Schiff mit den Jüngern und dem schlafenden Christus auf dem stürmenden Meer, dazu im Hintergrund der St. Peter, vom Nimbus Christi bestrahlt, mit einer die Situation bezeichnenden Inschrift. Alle Madonnenbilder an den Straßenecken waren illuminiert und mit Sonetten versehen. Am prächtigsten hatte sich das Collegium Romanum ausgezeichnet; seine Fassade trug die Inschriften: In te speravit, Et salvabis eum. Militär stand auf Popolo und Colonna. Keine Störung geschah. Die Römer begnügten sich, des Morgens Plakate anzuheften, worauf geschrieben stand: mettegli pure lampioni fanali – sono del Papa i funerali. Der Papst wurde vor acht Tagen in der Sixtina ohnmächtig. Man fürchtet für ihn, er hat die Wassersucht. Als seinen Nachfolger bezeichnet man de Angelis, Erzbischof von Fermo, einen klugen und reichen Prälaten, der schon sechs Monate in Verbannung zu Turin ist. Auch Riario Sforza von Neapel hat Stimmen ( papeggia , sagen die Römer). Eine Bulle existiert, welche auch eine Minorität von Kardinälen ermächtigt, augenblicks nach des Papsts Tode die Wahl zu vollziehen. Es könnte sein, daß die katholische Welt dann ihren neuen Papst erst aus Turin befreien müßte.   Rom, 24. April Die von hier aus angezettelte bourbonische Contrerevolution in Neapel ist mißglückt. 2000 bewaffnete Royalisten hatten in Venosa und in Melfi am 5. oder 8. April eine provisorische Regierung eingesetzt, die Städte gebrandschatzt und schreckliche Exzesse begangen. Die Nationalgarden haben sie herausgeschlagen und die letzten Banden in den Silawald zersprengt. Die Verwirrung in der Administration Neapels soll grenzenlos sein. Nach Sizilien ist della Rovere als General-Gouverneur abgegangen an Montezemolos Stelle. Im Turiner Parlament gab es eine heftige Szene, da Garibaldi dort seinen Sitz (für Neapel) einnahm und Cavour wegen der Mißhandlung seines Freischarenkorps heftig interpellierte. Er sprach von Brudermord. Der Präsident bedeckte sich und ging fort. Man will nun Garibaldi dadurch beschwichtigen, daß man die Südarmee neu organisiert und die Freischaren ihr einreiht. In diesen Tagen wurde Rom auch durch einen politischen Mord aufgeregt. Ein belgischer Graf de Lemminge wurde meuchlings am Kolosseum erschossen; er schleppte sich noch bis ins Hotel der Minerva, wo er starb. Man hielt sein Hochamt in der Minerva. Er war Zuavenoffizier gewesen. Die Franzosen bleiben. Pius empfängt täglich Geldsendungen. Bis heute sind 60 Millionen Franken als Peterspfennige eingelaufen. Die Cousine Aurora und Fräulein von Babetti sind seit einigen Tagen hier. Aus Spanien kamen die beiden von Freyberg, die mir Briefe brachten. Ich habe heute das dritte Kapitel des Buches VIII angefangen. Diese große Arbeit ist mein wahrhaftes Leben. In diesen Tagen heiratete der 78 Jahre alte Cornelius seine dritte Frau, das junge Dienstmädchen seiner verstorbenen Tochter, der Gräfin Marcelli, welches von ihr aus dem Hause gejagt, von ihm in sein Haus genommen und in Seide gekleidet wurde. Aethiops senex non dimittit pellem suam, nec pardus, quando senescit, diversitatem.   Rom, 13. Mai Das dritte Kapitel zum Buch VIII ist vollendet. Nach der mißglückten Contrerevolution keine Bewegung in Neapel. Chiavone, der Bandenchef, ist wieder in Rom. Vor einigen Tagen lernte ich den Märchendichter Andersen kennen. Er sieht ungeschlacht und tölpisch aus, ist sehr eitel; aber seine Eitelkeit ohne Hochmut gleicht der eines Kindes. In einer Soirée las er drei kleine Sachen vor; es war komisch, diese unschuldigen Maikäfergeschichten in Rom zu hören. Es war dort auch der Poet Browning, und ein norwegischer Dichter Bjornstine Björnson von dem ich nichts kenne. Es belästigen mich Fremde. Es wird heiß, und Scirocco liegt auf der Stadt. Am 2. Mai eröffnete der österreichische Kaiser das Nationalparlament mit einer Rede, die sehr begeisternd wirkte. Österreich stellt sich her, und Preußen sinkt wieder in den zweiten Rang herunter. Es ist in Berlin kein Genie, nicht einmal mittelmäßiges politisches Talent.   Rom, 2. Juni Rom kehrt das Mittelalter wieder stark hervor. Der Papst weihte beim Fest des Filippo Neri seinen neuen Wagen ein (die Vergoldung kostet 6000 Scudi); ihm ritt vorauf der Crucifer auf einem weißen Maultier, in ganz mittelalterlicher Weise, wie sonst nur bei den Possessen des Laterans geschieht. Die welfische Demonstration war sehr stark; gelb und weiße Fahnen an den Fenstern und Huldigungsrufe ohne Ende. Am Donnerstag fand die Prozession von Corpus Domini statt; der neapolitanische Hof betrachtete sie auf einer Loge, wo man auch die greise Gestalt des Generals Stabella sah. Der Papst, in den Anblick der Monstranz versunken, sah tief bekümmert und leidend aus. Der General Goyon führte die Franzosen im Zuge, Kanzler die Päpstlichen, und der Marchese Patrizi trug als erblicher Gonfaloniere das Banner der Kirche. Am 17. Mai hielt der Papst bei Fiumicino Heerschau über das Artillerielager. Er thronte dort, umgeben von Kardinälen und Prälaten, auf einem Hügel; wohl hätte er sich besser, wie Heinrich VI., auf einen Maulwurfshügel setzen sollen. Am 21. Mai ging die Adresse der Römer an Viktor Emanuel ab, die ihn aufforderte, Besitz von Rom als der Hauptstadt Italiens zu nehmen. Sie zählt 10 000 Unterschriften. Ihr Umgang war der Polizei einen Monat lang unbekannt geblieben. Adel, Census, Intelligenz sind darin stark vertreten. Doria und Torlonia haben religiöse Bedenken gehabt. Buoncompagni Ludovisi hat zuerst unterschrieben. Der Zustand Neapels ist drohend; bourbonische Banden in Apulien und der Basilicata. Sie werden von den Legitimisten-Klubs in Rom geleitet, deren einen die französische Polizei am Ende des Mai geschlossen hat. Der König Franz läßt Geld prägen, welches nach Neapel heimlich, selbst auf dem Landwege, geschafft wird. Auch Waffentransporte gehen dorthin ab. Die französische Polizei hat mehrere aufgefangen und unter Eskorte an das General-Kommando abgeliefert. De Christen und Chiavone, die Chefs der Sanfedisten, hat die römische Regierung aus der Stadt ausweisen müssen. Franz II., welcher den Palast Feoli in Albano zur Sommerwohnung gemietet hatte, wird dort nicht hingehen, aus Furcht, er könne aufgehoben oder ermordet werden. Der Papst wollte ihm zwei Kompanien nach Albano zur Bedeckung mitgeben. Er hat alles abbestellt und 1000 Scudi Abstand für den Palast gezahlt. Gestern früh sah ich ihn und die Königin gegen Popolo hin fahren, beide sehr bekümmert aussehend. Die Königin hat sich hier beim Photographen Alessandri wohl in 50 Stellungen und Kostümen abbilden lassen.   Rom, 8. Juni Cavour starb am 6. Juni 6 Uhr morgens. Der Baumeister ist vom Gerüst gefallen; wer wird sein Werk weiterführen? Wer die Revolution leiten, die Parteien zügeln, die Schleichwege des Bonapartismus kreuzen? Das ist ein großes Unglück für Italien. Das piemontesische Schreckbild weicht nun weiter vom Vatikan zurück, wo man freier atmet. Auf Grund ihres Unterschreibens der Adresse gehen morgen ins Exil der Fürst Piombino-Ludovisi und der Herzog Fiano-Ruspoli. Jenen hatte der Papst gerufen. Es hat eine heftige Szene gegeben.   Rom, 16. Juni Der Tod Cavours hat überall große Bestürzung erregt. Selbst die Feinde dieses Mannes halten ihm, oder seinen Talenten, eine Lobrede. Viel Aufsehen erregte der Nachruf, den ihm die ›Armonia‹ widmete. Daß er als Katholik gestorben ist, hat Eindruck gemacht. Der Anblick dieser Leiche, das Kruzifix zwischen den Händen, ist sehr tröstlich gewesen. Bei der Todesnachricht rief der Papst aus: er war nicht von den Schlimmsten; die schlimmeren Feinde der Kirche kommen hinter ihm. Er hat sogar eine Seelenmesse für Cavour gelesen. Aus vielen Städten Italiens laufen Berichte über die Totenfeier ein. Nur Rom zeigte, daß es noch außerhalb Italiens liegt. Kein Aufruf, keine Fahne, nichts gab die Trauer kund. Im Stillen sammeln die Römer Unterschriften für ein Monument, welches sie Cavour in Rom setzen wollen, wenn diese Stadt das geworden ist, wozu sie der große Staatsmann machen wollte. Er starb wie Moses auf dem Berg Nebo, das Gesicht kühn nach dem gelobten Lande gewandt, welches er nicht betreten sollte. Das neue Ministerium ist gebildet. Ricasoli hat ein Programm ausgegeben, worin er sagt, daß er das Werk Cavours weiterführen werde mit arditezza und prudenza . Es scheint nicht, daß der Todesfall den Gang der Dinge aufhalten oder ändern werde. Im Gegenteil steht die Anerkennung Italiens von Seiten Frankreichs bevor. Bisher haben folgende Mächte die Anerkennung gegeben: England, die Schweiz, die Vereinigten Staaten, die Türkei und Marokko. Heute sagte mir Graf M., daß schon bei der ersten Krankheit Cavours das Abkommen getroffen war, die Franzosen aus Rom nach Civitavecchia zurückzuziehen. Dafür verlangte jedoch die französische Regierung Bürgschaft, daß innerhalb dreier Monate in Rom keine Ruhestörung vorfallen werde. Cavour wurde gefragt, ob er diese Garantie geben könne. Er fragte durch Silvestrelli bei dem römischen National-Comité an, und das gab die Antwort, daß es seinerseits jede Bewegung des Volks zurückhalten werde, aber für die Ruhe dennoch nicht einstehen könne, so lange so viel Polizeigesindel im Solde Antonellis stände. Denn man würde Tumulte von jener Seite her entstehen lassen, um die Franzosen zu zwingen, Rom weiter zu besetzen. So unterblieb demnach jener Plan. Der Papst erreicht am 21. Juni sein 15. Regierungsjahr. Man wird dazu das neue Artilleriearsenal im Borgo einweihen; und man wirft am Porto Leonino eine Pontonbrücke, um die Artillerie herbeizuführen.   Rom, 28. Juni Frankreich hat den König von Italien anerkannt. Die französischen Truppen sollen so lange in Rom bleiben, bis Garantie gegeben ist, daß der Friede Europas nicht gestört werde. Am 18. wurde die Anerkennung dem Vatikan notifiziert, mit Versicherungen phrasenhafter Art. Der Papst ist krank; er soll manchmal irre reden. Man feierte den Tag seiner Thronbesteigung durch Illumination, aber Rom blieb teilnahmlos. Der General Kanzler sagte mir heute: die päpstliche Armee zähle jetzt 8000 Mann kriegsbereiter Truppen; davon 5000 Mann Infanterie, nämlich 3 Bataillone Italiener, ein Zuavenbataillon Franzosen und Belgier, ein Schweizer Bataillon. Artillerie ist nach Frosinone marschiert; in der Nähe Roms soll ein Lager bezogen werden. Die Soldaten seien zuverlässig; man werde dem Feinde begegnen. Die Furcht eines Schisma regt sich wieder. Es kann veranlaßt werden durch die vakanten Bischofsitze, für welche Viktor Emanuel die päpstlichen Kandidaten nicht angenommen hat. In Italien sind gegenwärtig 40 Bischofsitze erledigt, darunter einige ersten Ranges: Mailand, Ravenna, Turin, Bologna, Fermo und neuerdings auch Messina. Binnen Jahresfrist dürften die Vakanzen sich auf das Doppelte belaufen, und besetzt müssen sie endlich doch werden. Das Nationalfest vom 2. Juni hat den italienischen Klerus in zwei Teile getrennt. Der Anhänger des neuen Italiens, welche die schismatische Partei genannt werden könnten, gibt es von 40 000–50 000 Priestern vielleicht 10 000; darunter freilich nur zwei Bischöfe, von Acciano und Conversano. Heute ist die Vigilie des St. Peterfestes. An diesem Tage pflegt der Papst jedesmal eine Medaille auszugeben. Die heutige zeigt auf der einen Seite sein Bildnis, auf der andern bedeutungsvoll Daniel in der Löwengrube.   Rom, 3. Juli Der Papst, obwohl leidend, war beim Petersfeste; er fügte dem üblichen Protest wegen Parma, Piacenza, Neapel etc. noch den wegen allen neueren Spoliationen hinzu. Am 29. abends nach dem Ende der Girandola fand ein Tumult im Corso statt. Als die Volksmenge heimkehrte, wurde in einem Hause ein Transparent sichtbar, darstellend einen Genius, welcher Viktor Emanuel auf dem Kapitol krönt. Man rief: es lebe Italien! Die Gensdarmen hieben ein; aber ein Dolchstoß streckte einen derselben tot nieder. Der Mörder wurde ergriffen. Die Nationalen hoffen, daß Rom noch vor dem Winter fallen werde. Der Termin sei festgesetzt. Vielleicht nimmt Ricasoli Anlaß von dem Asyl Franz' II., dessen Entfernung aus Rom jetzt nachträglich verlangt wird. Heute sagte mir de Rossi, eine Depesche sei angekommen, welche in Aussicht stellt eine allgemeine Abstimmung wegen der Inkorporation Roms in Italien.   Genazzana, 9. Juli Am 7. nachmittags fuhr ich hierher, mich eine Weile in meinem Lieblingsort aufzuhalten. In der Stadt war alles unverändert. Die Ereignisse des Tags waren die Noten Thouvenels, Ricasolis und Rechbergs. Das österreichische Aktenstück an Frankreich faßt Napoleon gleichsam in einer Schlinge und will ihn zwingen, seinem Wort nach das wacklige Papsttum zu schützen. Der Klerus hat wieder Mut gefaßt und belächelte die Rede Ricasolis wegen Rom. Der Papst war gesund. Ich habe ungerne den Pincio verlassen und mich ungerne von den Freunden getrennt. Ich wohne gut in Lisas Zimmern. Der Ort begrüßte mich als alten Bekannten. 100 Mann Artillerie liegen hier im Schloß Colonna.   Genazzano, 29. Juli Ich habe diese drei Wochen durchaus nur der Muse gewidmet. Das Poëm ›Ninfa‹ beschäftigt mich alle Tage, ich hoffe es hier und bald zu vollenden. Die Hitze ist groß. Völlige Einsamkeit. Wenig Briefe. Hier rückte eine Kompanie päpstlicher Jäger ein. Fast jeder Flecken in der Campagna hat Truppen; da sie meist reiche Leute unter sich haben, gereicht das den Orten zum Gewinn. Die Franzosen stehen in Palestrina, in Valmontone, in der ganzen Marittima (selbst in dem versumpften Cisterna) und in Terracina. Sie wechseln alle 3 Monate. In Anagni liegen 500 Zuaven. Sie kommen bisweilen zum Besuch her. Die Banden Chiavones streifen wieder um Sora. Aber die römische Campagna ist still. Einige Orte sind gänzlich schwarz oder päpstlich gesinnt wie Paliano. Nichts Neues aus Rom. Die Zeitungen sind voll von Berichten über die Reaktion in Neapel. 40 Menschen wurden in Montemileto lebendig verbrannt. S. Martino ist am 15. Juli von seinem Posten in Neapel abgetreten und durch den General Cialdini ersetzt. Dieser verspricht, das Land von den Banden zu reinigen, und Pinelli müht sich in den Abruzzen ab.   Genazzano, 13. August Seit Beginn dieses Monats steigerte sich die Sonnenglut zu einem ungewöhnlichen Grade. In Rom soll sie unerträglich sein. Ich habe an dem Gedicht ›Ninfa‹ weiter geschrieben. Das Gebirge durchstreifte ich bis Mentorella. Sehr merkwürdig sind die kleinen Felsennester Rocca di Cave und Capranica. Jenes hat eine zerstörte Burg, einen isolierten Rundturm, der von einer Mauer umschlossen ist. Wenn die Mannschaft diese nicht mehr halten konnte, zog sie sich in den Turm zurück, welcher keine Pforte hat. Man stieg auf Leitern durch das Hauptfenster ein. Die Burg liegt sehr malerisch auf den wildesten Felsen. Ein Weib, welches darin wohnte, hatte ganz die Züge einer Sibylle. Ringsum wenige Häuser. Die Armut dort übersteigt jedes Vorstellen. Kümmerlicher Bau von Korn und Mais in jenen Felsen, welche hie und da kleine Flächen darbieten; alles nackter Stein, in zyklopischer Wüstheit rings verstreut. Herrlichste Blicke auf das Meer in der Ferne, die große Kette des Serrone und die Volskerberge, welche Latium zwischen sich halten. Im Ort ein Priester und ein Medicus. Genazzano, 30. 7. 1856 Am 11. August ritten wir nach dem hochgelegenen Capranica auf einem Felsenwege. Am Fuß des Berges steht eine kleine Waldung von Kastanien, welche den Ort versorgt; spärlicher Weinbau; einige terrassierte Flächen für Korn. Die Verlassenheit des Orts ist grenzenlos. Hier wohnt in schwarzen, höhlenartigen Häusern von Stein ein elendes, bettelarmes Volk. Sie haben kein Wasser als in weiter Entfernung unten, von wo sie es täglich auf dem Kopf in bronzenen Kesseln herauftragen. Den Ziegen gleich, von denen ihr Ort den Namen hat, müssen sie zu ihren Geschäften auf und ab klettern. Sie sammeln Reisigbündel, tragen sie stundenweit auf dem Kopf über den Berg herab, um sie dann für 5 Baiocchi in Genazzano oder Cave zu verkaufen. Sie essen selbst gefallne Pferde und Esel, welche die gleich armen Cavesen nicht anrühren. Man sagte mir, daß sie einen toten Esel so rein aufzehren, daß nur das weiße Gebein von ihm übrig bleibt. Die frische und strenge Luft greift die Nerven an; jede versteckte Krankheit bricht dort sofort aus und wird entweder schnell tödlich oder schnell geheilt. In der Sakristei der kleinen Kirche wird das Relief eines Engels gezeigt, welches die Umschrift als Werk Michelangelos ausgibt. Wer wird diesem armen Volk den Glauben nehmen wollen, daß Michelangelo für sie gearbeitet hat? Dieses eine Kunstwerk bringt Capranica mit der Welt in Zusammenhang. Ehemals gehörte der Ort den Baronen, die von ihm den Titel führen; heute ist er ein Besitz der Borghese. Durch großartige Berge von zyklopischen Ausschichtungen ritten wir nach Guadagnolo, dem höchst gelegenen Orte in der Campagna Roms. Er steht über schroffen Felsen. Wir berührten ihn nicht, sondern ritten nach der Mentorella, einer alten Basilika, welche der Legende des St. Eustachius geweiht ist. Ihre Gründung wird dem Papst Silvester und der heiligen Helena zugeschrieben. Basilika und Kloster, wo slawische Mönche sich befinden, liegen auf dem riffartig herausspringenden Felsen in unbeschreiblich schöner Einsamkeit. Von hier übersieht man ganz Latium; der große Serrone verkleinert sich zu einem Höhenzuge, hinter welchem noch drei andere gigantische Gebirgsketten sichtbar werden. Sie bilden das Hochland der Abruzzen, worin das Seebecken des Fucino liegt. Die kleine Basilika zeigt außen romanische Gotik, namentlich an den Fenstern. Der Reliquienschrein bewahrt kostbare Leuchter byzantischen Stils, ein bronzenes Skulpturwerk barbarischer Form, die Apostel darstellend, und manches andere Altertum. Der Hauptschatz ist eine Holzschnitzerei, welche die Legende des Eustachius und die Gründung des Wallfahrtsorts darstellt. Eine Inschrift sagt: »Men, Oc. D.XXIV. Dedicatio Beatae Mariae Wulturilla« . Eine andere »Magister Guillelmus fecit hoc opus« . Das Tabernakel im Stile jenes von S. Lorenzo fuori le Mura gehört dem 12. Jahrhundert an. Die Charaktere von Inschriften auf einigen Wandbildern lassen eine noch spätere Zeit erkennen. Einige Fresken beziehen sich auf die Geschichte Silvesters, und ich schrieb mir folgende Inschrift ab: » Con l'acque battesimal il Vicedio lava l'imperator e'l rende pio .« Der Papst, ein Vizegott – und als solchen betrachtet er sich noch heute – dies war mir denn doch noch nicht vorgekommen. In brennender Sonnenhitze machten wir uns auf, den steilen Berg hinunter zu klimmen, um nach Pisoniano zu gelangen. Wir irrten lange umher, die Esel nach uns ziehend, wobei der meinige 20 Fuß hinabrollte, sich mehrmal überschlagend, ohne sich zu beschädigen. Hier ist eine der wildesten Bergpartien, die man sehen kann. Die Aussicht ist überall hinreißend. Gegen Tivoli zu stehen auf den Felsen Ciciliano, das alte Ciculi (verdorben aus Equicoli, ein Ort der Aequer), Sarracinesco (Saracunna aus saec. XI?), Sambuci, Cerreto und Gerano; auf den Bergen von Subiaco Cervara, Rocca Canterano und S. Stefano.   Genazzano, 19. August Ich reise heute abend nach Rom zurück. Die ungewöhnliche Hitze hat meine Beschäftigung gehindert; die Resultate von 44 Tagen sind sehr gering. Genazzano, Porta Romana, 30. 6. 1856   Rom, 23. August Am 20. August traf ich in der Frühe in Rom ein. Ich fand die Hitze noch sehr groß und die Stadt tot. Sonst keine Veränderungen. Am 21. abends fuhr ich nach Castelgandolfo, Frau Lindemann und die norwegischen Mädchen, die Töchter Munchs, zu besuchen. Sie wohnen im Palast del Drago. Morgen frühe um 3 Uhr reise ich mit einem Vetturin nach Perugia.   Foligno, 26. August Am 24. fuhr ich mit der Post nach Civitacastellana, wo ich nächtigte; folgenden Tags von dort nach Terni und weiter nach Foligno. Mit mir war Graf Borgia aus Velletri, römischer Emigrant, der jetzt Rieti bewohnt. Er beklagte sich über die Mattigkeit der Revolution. Entweder müsse das italienische Volk schnell auf Rom marschieren und die Hauptstadt den Franzosen abnehmen, welche es nicht wagen würden, eine Invasion abzuhalten, oder es müsse Rom bei Seite liegen lassen und die Hauptstadt irgendwo anders hinverlegen. Er klagte über den Mangel an Talenten im Parlament wie in der Regierung. Ricasoli sei ein Charakter, aber nicht gemacht, eine politische Tat zu tun; Garibaldi sei beseitigt worden und mußte es werden, weil die Diktatur neben der ordentlichen Regierungsgewalt nicht bestehen könne; andere Männer seien abgenutzt wie Massimo d'Azeglio, welcher durch seinen letzten Brief an den Senator Matteucci sich selbst unmöglich gemacht habe. Dieser edelsinnige Brief ist gegen die Erschießungen im Königreich Neapel gerichtet. Die piemontesische Polizei ist von allem unterrichtet, was in Rom geschieht. Sie besoldet in der Nähe des Vatikans ihre Spione. B. sagte, die Ausgabe dafür sei enorm; es seien päpstliche Beamte, die von allem Nachricht gäben. Man wisse genau die Personen mit Namen und das Datum, wann sie nach Neapel gingen, mit welchem Auftrage, mit wie viel Geld. Aber sie seien nicht immer zu erreichen. Sie gehen auch aus diesen Provinzen nach Neapel.   Perugia, 27. August Die Universität hier ist reich an Sammlungen etruskischer Inschriften, worunter sich eine sehr wortreiche befindet. Es waren Vakanzen. Ich sah keinen der Professoren. Der Graf Gian Carlo Conestabile befindet sich zum Besuch in Irland. Er ist streng päpstlich gesinnt. Überhaupt ist die Aristokratie Perugias zum großen Teil reaktionär. Die Priester betragen sich vorsichtig und klug, wenn auch hie und da ein Ausbruch des Hasses erfolgt. So schoß vor kurzem ein Geistlicher eine Flinte auf einen Knaben ab, der Viva l'Italia rief. Die Klöster sind nicht alle aufgehoben. Es bestehen die Benediktiner, in deren Abtei in S. Pietro Truppen liegen; ferner die Zoccolanti und die Kapuziner.   Florenz, 31. August Palast Ungher Am 28. August 3 Uhr morgens fuhr ich auf der Post von Perugia nach Florenz. Der Mond leuchtete. Es war sehr frisch, wie überhaupt der Luftwechsel in Perugia empfindlich ist. Um 6 Uhr erreichten wir den Lacus Trasimenus. Während der ganzen Fahrt trafen wir kaum einen Ort; außer geringen Flecken. Cortona, hoch auf einem Berghang gelegen, fuhren wir vorbei. Dann stiegen wir in das Val di Chiana ab, wo ehemals der Großherzog von Toscana reichen Besitz hatte. Nicht weit davon liegt die Eisenbahnstation Sina Lunga. Von hier gelangte ich in 6 Stunden nach Florenz, wo ich um 8 Uhr abends eintraf. Zufälligerweise war Sabatier in seinem Hause; ich traf ihn in der Fontana, wo ich abgestiegen war, und nächtigte sodann bei ihm. Ich habe meine Arbeiten in der Magliabecchiana angefangen.   Florenz, 17. September Ich habe Michele Amari kennengelernt. Er ist Senator geworden. Der dritte Band seiner Geschichte der Muselmanen ist im Druck begonnen; er gab mir die Probebogen. Gegenwärtig publiziert er arabische Urkunden aus dem Florentiner Archiv. Ein anderer ausgezeichneter Mann ist der Graf Miniscalchi von Verona, tüchtiger Orientalist. Bei ihm lebt der Druse Matteo aus Rom, sein Lehrer. Villari war verreist; Vannucci kam aus Berlin zurück. Bei Vieusseux lernte ich den griechischen Poeten Tibaldo kennen, Freund Tommaseos, der jetzt erblindet ist. Am 14. September hielt der König seinen Einzug in die Stadt; neben ihm saß Carignan, ihm gegenüber die Minister Ricasoli und Cordova. Die Stadt war festlich geschmückt; die Bevölkerung füllte die Straßen; man klatschte in die Hände. Am 15. wurde die Ausstellung eröffnet durch eine Rede Ridolfis, welchem der König einige unverständliche Worte erwiderte. Dann Vortrag einer Hymne von der Sängerin Piccolomini. Abends prachtvolle Illumination des Lungarno und eine mäßige in der Stadt. Die erste allgemeine Kunst- und Industrieausstellung Italiens, in Florenz eröffnet, hat ihr Lokal im ehemaligen Livorneser Bahnhof. Eine schrecklich-lächerliche Reiterstatue Viktor Emanuels, von bronziertem Gips, steht vor dem Eingange. Im Innern die Statue des Bischofs Salustio Bandini, des ersten Staatsökonomen Italiens, noch vor Adam Smith. 6000 Aussteller haben Artikel geliefert. Auch Römer haben ausgestellt. Die Heiligenmalerei ist fast ganz verschwunden; die Historie stark vertreten. Das Genre verliert sich, wie die Landschaft. Die Kämpfe um die Befreiung sind hie und da zum Gegenstand gewählt worden; doch nicht eins dieser Bilder ist bedeutend. Die Skulptur hat sich auf einer größeren Höhe erhalten als die Malerei; wenigstens haben die Italiener keine Maler, die im Range ihrer Bildhauer stehen, wie Tenerani, Dupré, Fedi, Bartolini (der vor einigen Jahren starb). Die Produkte der Industrie bilden den Glanz der Ausstellung. Man muß auch hier die Ungunst der Zeitverhältnisse in Rechnung nehmen.   Rom, 29. September Am 20. fuhr ich von Florenz ab, nachdem ich abends vorher das Abschiedsmahl bei Sabatiers auf der Villa eingenommen hatte; dazu war auch ein Wiener Professor des Rechts, Herr Unger, gekommen, ein noch junger und geistreicher Mann, Virtuos auf dem Klavier. In Livorno schiffte ich mich ein auf dem Dampfer »Provence«, um 5 Uhr abends. Der Maler Müller war auf dem Schiff; einige Russen und Deutsche; wenige Gesellschaft. Die Mondnacht herrlich, die Fahrt schnell. Schon um 7 Uhr des Morgens, am Sonnabend, waren wir im Hafen. Nach überstandener Plackerei durch römische Dogane, Facchini und andre Drangsale fuhr ich mit der Eisenbahn ab und traf hier um 2 Uhr nachmittags ein. Gewitter und Scirocco. Ich habe mich gleich an die Revision der ersten Kapitel des Bandes IV gesetzt und die Florentiner Exzerpte benutzt. Rom unverändert; tiefe Ruhe, tiefe Erbitterung, tiefes Dunkel. Am 19. hatte die Vermählung des jungen Großherzogs von Toscana mit der neapolitanischen Prinzessin stattgefunden. Der Papst segnete das Paar ein und hielt bei dieser Gelegenheit eine heftige Rede gegen die Zivilehe. Die Exkönigin von Neapel lebt im Zerwürfnis mit ihrer Schwiegermutter und mit den Priestern gespannt, deren Ratschlägen sie den Sturz ihres Throns zuschreibt. Sie hat bei der Tafel im Vatikan keine Speise berührt. Grammont hat seine Abschiedsaudienz gehabt. Lavalette, sein Nachfolger, wird erwartet. Man sagt, er bringe das von Napoleon modifizierte Ultimatum Ricasolis an den Papst. Völlige Abdikation von der weltlichen Gewalt wird verlangt; von dem lächerlichen Projekte, dem Papst die Jurisdiktion in der Leonina zu geben, ist keine Rede mehr. Vorgestern schoß eine reaktionäre Bande auf einen französischen Posten bei Veroli. Mit dem Bajonett attackiert, entfloh sie und ließ in den Händen der Franzosen einen Sack voll Geld und Papiere.   Rom, 17. Oktober Zu Ende September versuchten Spanier unter einem ehemaligen Lieutenant Cabreras, Borges mit Namen, von Malta her, Kalabrien aufzuwiegeln. Sie landeten bei Pizzo; ihre Bande wurde zerstreut. Die Rasse der Donquixote stirbt nicht aus. Die Bande Mittica ist vernichtet. Chiavone hält sich noch bei Sora. Immer neue Werbungen gehen von hier, von Civitavecchia oder Malta nach Neapel. Am 30. September hielt der Papst eine heftige Allokution gegen die »piemontesischen Räuber«; er machte sieben neue Kardinäle, darunter Bedini, Guaglia, Sacconi und Panebianco. Die Römer spotten über diese ordinären Namen. Großes Aufsehen erregte die Schrift des Exjesuiten Passaglia ›Ad Episcopos Catholicos, pro causa Italica‹. Passaglia ist derselbe Theologe, der das Dogma der unbefleckten Empfängnis in drei Foliobänden verteidigt hat; jetzt schreibt er gegen das Dominium Temporale , nachdem Döllinger widerrufen hat. Eine wahre Komödie der Irrungen. Passaglia kam aus Florenz nach Rom. Vor einigen Tagen hielt die Polizei Haussuchung bei ihm; sie fahndete namentlich auf ein Manuskript eines Jesuiten, des Kardinals Tolomei, aus dem vorigen Jahrhundert, welches viele Enthüllungen enthalten soll. Man stellte Passaglia unter polizeiliche Aufsicht. Vorgestern entwischte er, und heute kam die Meldung, daß er glücklich die Grenze erreicht hat. Das Ultimatum Ricasolis hat sich, wie es scheint, in die offiziöse Pariser Broschüre ›Les Garanties‹ verwandelt. Morgen nimmt der König Wilhelm die Krone; dies richtet meine Gedanken nach dem alten Königsberg.   Rom, 1. Dezember In dieser Zeit war ich unausgesetzt an der ›Geschichte der Stadt‹ beschäftigt; ich habe das V. Kap. des Buchs VIII angefangen. Am 20. November wurde das Turiner Parlament eröffnet; Ricasoli legte den Brief an den Papst vor, welchen Frankreich übermitteln sollte, aber ablehnte. Er enthält alle die bekannten Garantien, die der Unabhängigkeit des Heiligen Stuhls schon vordem geboten wurden, und droht mit dem Schisma. Der Brigantenkrieg in Neapel währt fort. Chiavone hat Castelluccio verbrannt, wurde aber bei Rocco Guglielmo geschlagen. Auch die Franzosen haben bei Veroli seine Bande angegriffen. Das Theater dieser Greuel ist die Basilicata, wo der Spanier Borgès wieder auftaucht, ein Legitimist Langlois als General Franz' II. fungiert, und Grocco, Ninconanco usw. ihr Wesen treiben. Um die Mitte November legte Cialdini in Neapel sein Amt nieder; jetzt ist Generallieutenant Lamarmora. Der Graf Goyon kehrt als Oberkommandant der französischen Okkupationsarmee zurück. Im Quirinal wird eifrig geworben. Von ehemaligen neapolitanischen Generalen sind hier Clary, Bosco, Vial, Vater und Sohn, welche letztere in meinem Hause wohnen. Die Königin lebt in unglücklicher Ehe, ebenso die Herzogin von Trani, ihre Schwester. Man erzählt vielerlei Geschichten. Die Exkönigin fährt noch immer mit ihrer Schwester allabendlich auf dem Corso und exponiert sich zu sehr der Menge. Sie reitet, raucht, schießt mit Pistolen im Quirinal, kutschiert mit vier Pferden vom Bock. Der unglückliche Exkönig dagegen läßt sich oft sehen in irgendeiner Straßendroschke; so sah ich ihn am Kolosseum fahren. Der Oberarzt der französischen Armee in China, Herr Castelneau, kam zurück und erzählte viel von dem dortigen Treiben. Den neugebackenen Kardinal Bedini lernte ich kennen auf einer Soiree bei Mad.* Er ist sehr schön und facil; muß ihr Liebhaber gewesen sein. Heute höre ich vom Tod des korsischen Poeten Salvator Viale von Bastia.   Rom, Donnerstag, 26. Dezember Ich habe das Buch VII der Geschichte druckfertig gemacht. In dieser Zeit klaren Frostes erfreut mich nachts vor meinem östlichen Fenster die herrlichste Konstellation: Orion, Sirius, Procyon, Aldebaran im Stier, Plejaden und Castor und Pollux. Ich sah und floh Ludmilla Assing. Jüdin, Berlinerin, alte Jungfer – und Blaustrumpf – eine Konstellation unglücklicherer Eigenschaften kann es nicht geben. Der neue französische Botschafter Lavalette kam vor 14 Tagen an. Er begehrte die Abreise Franz II; der Papst verweigerte sie; der Exkönig hat die Kaiserpaläste auf dem Palatin, die Farnesischen Gärten dort, schon im Sommer an Napoleon verkauft. Der Quirinal wird von französischen Gensdarmen überwacht. Mit dem Könige kann man kein Mitleid mehr haben. Man würde ihn achten, stellte er sich an die Spitze eines Heers, um sein Reich wiederzuerobern; aber das Anwerben und Hinauswerfen von Banditen ist schimpflich. Die Reaktion in Neapel ist fast erstickt. Bei Tagliacozzo wurde Borges mit siebzehn anderen Spaniern gefangen und erschossen. Ihr Leben, ihre Flucht aus Kalabrien nach den Abruzzen, mit verhängtem Zügel, ist ein schrecklicher Roman. Der Ausfall der Wahlen in Preußen ist liberal. Herrliche Stille in Rom. Auf der Vaticana habe ich ein paar Mal gearbeitet. Niebuhr schreibt schon A. 1814 in einem Briefe aus Berlin von Italien: »Auf eine oder die andere Art wird doch dieses Land im Laufe eines oder einiger Menschenalter zu einem Reich verbunden.« (Leben und Briefe Bd. II, p. 130).   Rom, Sonntag, 29. Dezember Heute ist die Lokomotive nach Ceprano gegangen, die lateinische Eisenbahn zu versuchen. Ihre nächste Eröffnung erfüllt mich mit Freude, da sie mir Latium näher bringt. Die Station vor der Porta Ostiensis wird aufhören, denn den Zentralbahnhof verlegt man nach den Thermen des Diokletian. Deshalb wird die Bahn von Civitavecchia hinweggehen über den Tiber, durchschneiden die Via Ostiensis, beide appische Straßen, die Straße von Palestrina und die aurelianische Mauer dicht an der Porta Maggiore durchbrechen. Eine Öffnung ist dort bereits gemacht, hart an der Marmortafel Clemens' XI. Ein neuer Donquixote, Tristany, ehedem Guerilla unter Don Carlos, wird die Rolle von Borges übernehmen. Er hat bereits mit dem Exkönig gesprochen; auch Chiavone war heimlich hier. Während Franz II. und seine Gemahlin auf dem Pincio spazierenfahren, schlagen sich Spanier und andere Abenteurer für sie in Kalabrien – doch eben nur scheinbar für sie; denn diese Angelegenheit hat ihre neapolitanische Farbe verloren; sie gehört den Legitimisten Europas, welche unter der Fahne Bourbon und St. Peter für ihr untergehendes Prinzip streiten. Lavalette dringt auf die Entfernung des Exkönigs; der Papst besteht auf dem Asylrecht; Franz II. will nur der Gewalt weichen und vom Quirinal in den Palast Farnese hinüberziehen. Die Zuaven des Papsts liegen jetzt in St. Paul; sie graben ein verschanztes Lager in dem alten prätorianischen aus, welches der Kriegsminister de Merode angekauft hat. Ein wunderlicher Einfall, das untergehende Papsttum an die Erinnerungen der altrömischen Soldatendespotie anzuknüpfen. Unter den Zuaven sah ich auch Mohren: Mutantur tempora, mores et Mori!   Rom, Dienstag, 31. Dezember Hier endet das Jahr 1861. Es hat sich für mich in einer mittleren Sphäre gehalten, ohne eigentlich innere Erscheinungen, noch ohne Blüten des Augenblicks. Ich habe es in Tätigkeit hingebracht. Heute gelangte ich im Kap. VI des achten Buchs bis zum Tode Lucius' III. im Jahr 1185; und so nähert sich auch dieser Band dem Abschluß. Die Sonne dieses Jahrs ging ekliptisch unter. Die Verfinsterung begann um 2 ¾ Uhr, und so wanderte Helios umschleiert in die Zukunft hinüber. Ich sah das Phänomen vom Monte Pincio, wo es sehr ominös neben dem Vatikan versank. Zu derselben Zeit fuhr der Papst nach der Kirche del Gesù. Tausende hatten sich dort versammelt und schwenkten weiß-gelbe Fahnen. Auf dieser großen legitimistischen Demonstration lag der ekliptische Flor. »Einst wird kommen der Tag, wo die heilige Ilion hinsinkt.» Man meldet, daß der Bandenchef Cipriano della Gala gefangen und erschossen sei. Lavalette ist mit Antonelli gespannt. Desgleichen herrscht Spannung zwischen Portugal und Rom. Im letzten Konsistorium ward des Todes des portugiesischen Königs gar nicht gedacht. Explicit annus. 1862 Rom, Dienstag, 21. Januar Ich habe das Jahr tätig begonnen; das VII. Buch, Band IV, ging durch Gelegenheit an die preußische Gesandtschaft in Frankfurt am Main ab und von dort nach Stuttgart. Die Witterung ist schlecht, und meine Gesundheit schlecht; ich habe die Bibliotheken aussetzen müssen. Die hiesigen Zustände sind um nichts geändert. Franz II. und seine Generale werben Banden nach wie vor. Ich sehe den König oft auf dem Pincio unter der Menge; seine Persönlichkeit ist auffallend genug, sein Gang plump, seine Art unfürstlich. Bei Alertz treffe ich bisweilen den neapolitanischen Chef Lagrange, einen Deutschen, mit dem Zunamen Klitsche, eine herkulische Gestalt von rohen Formen. 2000 Neapolitaner sollen hier im Exil leben; darunter befindet sich der höchste Feudaladel. Diese Herren unterzeichneten eine Liste für das durch den Ausbruch des Vesuv verunglückte Torre del Greco, und so wurden ihre Namen bekannt: die Prinzen von Sanseverino (Bisignano), Colonna, S. Antimo, Monte Mileto, Scondita, Monterotondo, Sepino, Pignatello, Ruffo, Borgia, Riario, Caracciolo, Ripalda; der Kardinal Caraffa; die Marchesi Imperiale, Cosentino, Sersale, Strevi, Dragonetti, Brancaccio, Ruffo di Scaletta; die Herzöge von Ascoli, Castellaneta, Regina, Monteleone, Casalmaggiore, Graf Chiaramonte, Statella usw. Alle diese sind dem Könige gefolgt, dessen Schicksal sie teilen, während die Emigration in Paris eine mittlere Stellung einnimmt und noch auf Rückkehr hoffen kann. Der wilde Chiavone hält sich noch bei Sora; er wohnt in Scifelli. Er ist geboren 1828. Sein Großvater war Adjutant des berühmten Bandenchefs Mannione. Am 6. Januar brach eine bourbonistische Reaktion in Castellamare bei Alcamo in Sizilien aus. Viel Blut ist geflossen. Vorwand derselben: die Konskription. Der Peterspfennig hat bisher die nicht kleine Summe von 3 800 000 Scudi eingetragen. Im Juni hat die liberale Partei im Klerus ein Wochenjournal ›Il Mediatore‹ gestiftet, an dessen Spitze der Exjesuit Passaglia steht. Der ganze Episkopat Italiens steht indeß wie ein Mann zum Papst. Das beweisen seine letzten Proteste gegen das Rundschreiben des Ministers Minghetti.   Rom, Dienstag, 28. Januar Gestern wurde die lateinische Bahn eröffnet, ohne den Papst. Der provisorische Bahnhof an der Porta Maggiore war in ein Festlokal (Tempel und Hallen) umgewandelt; auf den Frontispizen wehten die gelb-weißen Fahnen über den Abbildern des Erdglobus, und die Lokomotive wie die Waggons waren reich geschmückt. Statt des Papsts weihte Hohenlohe, Erzbischof von Nisibis in partibus , die Bahn ein, an einem Altar. Auf Tribünen saßen der hohe Klerus, die Generalität, die Diplomatie, andere Körperschaften. Man fuhr ab gegen 11 Uhr, nach Velletri. Es ist seltsam, daß das große Unternehmen gerade in der Epoche des Falls des Kirchenstaats vollendet wurde. Es ist ein Werk, welches das Mittelalter und das Dominium der Päpste vernichten hilft. Gregor XVI. nannte die Eisenbahn eine Erfindung des Teufels. Die Dinge in Italien stehen schlecht; das Ansehen Ricasolis sinkt, Sizilien wird unruhig, und kurz, die italienische Einheit wird durch die unlösbare römische Frage selbst in Frage gestellt. Ich arbeite jetzt am letzten Kapitel des Bandes IV. Im Mai hoffe ich, alles hinter mir zu haben und aufzuatmen.   Rom, Sonntag, 23. Februar Italien wurde durch die Veröffentlichung der Note Thouvenels an Lavalette vom 11. Januar und dessen Antwort an jenen vom 18. Januar aufgeregt. Napoleon nahm darin die Miene an, die piemontesischen Forderungen wegen der Hauptstadt Rom zu unterstützen. In vielen Städten fanden Demonstrationen gegen das Dominium Temporale statt. Franz II. ist völlig verarmt. Seine Einkünfte sind in Neapel fundiert und also eingezogen. Er hat für den verunglückten Brigantenkrieg alles ausgegeben. Borgès erhielt freilich nur 7000 Francs. Es heißt, daß zum Frühjahr ein Aufstandsversuch in größeren Dimensionen veranstaltet werden soll. Ein Franzose, Graf Bisson, ist hier und unterhandelt deshalb mit dem Exkönig. Franz II. ist von elenden Abenteurern umgeben. Diese Mysterien des Quirinals mögen traurig genug sein. Schlechter Karneval. Nichts als Militär und Polizei. Im Monat Mai soll das Konzil zusammenkommen, welches die Märtyrer aus Japan zum Vorwande hat. Am 20. langte der erste Korrekturbogen von Bd. IV an.   Rom, Sonntag, 2. März Der Karneval hat Rom wieder in zwei Faktionen gespalten; die Legitimisten strengen sich an, ihn auf dem Corso in Gang zu bringen, die Nationalen feiern ihn auf dem Forum. Am Donnerstag gingen dort einige Tausende vom Kapitol aus zum Kolosseum schweigend hin und her; die großartige Trümmerwelt bot dazu die Kulissen dar, aber sie drückte die dürftig aussehenden Schauspieler herab. Wenn ich sie so durch den Titusbogen sich drängen sah und mir vorstellte, daß dies die Römer sind, welche heute nichts mehr begehren, als die Herrschaft eines ohnmächtigen Priesters abzuwerfen und ihre alte Weltstadt zur Hauptstadt Italiens zu machen, und daß sie diese Wünsche durch stummes Spazierengehen ausdrücken, so konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Als die demonstrierende Masse vom Kapitol wieder in die Stadt zurückströmte, stieß sie mit dem legitimistischen Karneval zusammen; es gab Verwundungen und Verhaftungen. Am Freitag war im Werk, die Demonstration auf den Corso zu verlegen; aber Goyon sperrte diesen durch Militär ab. Gestern war der Corso fast ganz leer, die Balkone geschmückt, aber meist verlassen. Vor wenigen Tagen hob die Polizei eine Menge Korrespondenzen des National-Comités auf; der Fang wurde bei einem Maccaronaro auf dem Platz S. Apollinare gemacht und eine Dame Diotesalvi eingezogen. Man soll sich in Besitz der Liste der Comitémitglieder gesetzt haben; viele Verhaftungen haben stattgefunden. Theodor Mommsen befindet sich hier. In seiner Erscheinung ist ein eigentümliches Gemisch von Juvenilität und von schulmeisterlicher Gewissenhaftigkeit. Dies erklärt mir vieles im Wesen seines durch kritische, destruktive Schärfe und Gelehrsamkeit ausgezeichneten Werks, welches aber eher ein Pamphlet als eine Geschichte ist.   Sonntag, 16. März In Turin starb der Direktor der ›Armonia‹, Marchese Bisago, und vorgestern der Gründer der ›Civiltà Cattolica‹, Padre Bresciani. Die beiden Hauptblätter der klerikalen Presse haben ihre Führer verloren. Großer Zudrang zu den Fastenpredigten, namentlich des Hyacinth Romanini, vom Orden der Dominikaner in der Minerva. Mit schamlosem Fanatismus werden dort die Eroberungen des Genies, selbst Gas, Telegraphie, Eisenbahnen, als Wunder des Teufels verdammt.   Palmsonntag, 13. April Die römische Frage rückt nicht fort, obwohl Lavalette, mit Goyon im Zerwürfnis, nach Paris reiste, dem Kaiser Vorstellungen zu machen. Man erwartet ihn zurück, und der General bleibt. Der Klerus hofft. Die Legitimisten sind in großer Tätigkeit. Der Bandenkrieg in Neapel erneuert sich. Chiavone führt wieder Guerillas bei Sora. Am 25. März hielt der Papst eine Rede an die Geistlichkeit in der Minerva; er sprach sich dahin aus, daß das Dominium Temporale nicht ein Glaubensartikel, aber notwendig zur Unabhängigkeit des Heiligen Stuhles sei. Er betonte die Machinationen von Turin aus, den Klerus Italiens aufzureizen, daß er eine Erklärung gegen das Dominium Temporale unterzeichne. Diese Formulare sendete Passaglia aus. Gestern große klerikale Demonstration und Beleuchtung, zum Jahrestag des Falls des Papsts in S. Agnese, und seiner Rückkehr aus dem Exil. Ein Transparent am Obelisken auf Popolo hatte die Inschrift: Al Pontifex Re il Popolo Romano , – und der Platz war gänzlich menschenleer. Garibaldi reiste im Triumph durch die Lombardei. Er scheint sich aufzubrauchen. In Preußen neue Wahlen zu einer hoffentlich bald überwundenen Reaktion. Ich habe Liszt kennengelernt: auffallende, dämonische Erscheinung; groß, hager, lange graue Haare. Frau v. S. meinte, er wäre ausgebrannt, und nur noch die Wände ständen von ihm, worin ein gespenstisches Flämmchen herumzüngelte. Ich habe auf der Vaticana gearbeitet, wo auch Mommsen, welcher in diesen Tagen nach Dalmatien reiste.   Rom, 27. April Die Anzahl der Fremden betrug zu diesem Osterfeste 35 000; der St. Peter war überfüllt; die Benediktion am Ostersonntag machte wegen der unerhörten Volksmenge großen Eindruck. Die Girandola glänzender als sonst. Ponte d' Anzio, 27. 6. 1854 Am 23. fuhr der Papst nach Porto d'Anzio, wo er 14 Tage bleiben will. Seine Truppen haben ein Zeltlager zwischen Albano und dem Meer bezogen. Am 26. ist ihm dort die Flotille vorübergefahren, welche Viktor Emanuel, den Salmanassar dieser römischen Gegenwart, nach Neapel führte. Mit einem guten Fernrohr hat Pius IX. die Trikolore auf den Masten sehen können. Der Klerus ist guter Dinge, und Franz II. hofft auch baldige Restauration; woher, ist unbekannt. Die Haltung Preußens, welches sich Österreich wieder nähert, mag mit unter die Ursachen dieser Hoffnungsfreudigkeit gehören. Franz II. hat sich von Napoleon losgesagt und nähert sich England. Arthur Russell sagte mir, daß der Exkönig seinen Bruder Odo, den hiesigen englischen Agenten, dringend zu sich eingeladen habe; darauf habe er ihm offene Bekenntnisse gemacht: daß er den Thron durch seine schlechten Räte in unreifer Jugend verloren habe; daß er die Zuversicht hege, bald in seine Staaten zurückzukehren, wo er konstitutionell regieren wolle, und an England einen Freund zu finden hoffe. Der Rat des Königs ist Marchese Pietro Ulloa. Im St. Peter sah ich die junge Exkönigin mit ihrer Schwester Trani; beide schwarz gekleidet (die Schwestern sind immer gleich gekleidet und immer unzertrennlich), beide sich fest aneinander haltend, saßen sie an einer Säule, umringt von neugierigen Zuschauern. Vor wenigen Tagen warf der Oberst Lopez, der in Rom kommandiert, einen Teil der Chiavonischen bei Veroli auf das römische Gebiet zurück; die Franzosen wollten sie entwaffnen: sie feuerten; ein Handgemenge fand statt, in welchem mehr als 20 Franzosen geblieben sein sollen. Goyon hat Befehl erhalten, dem Bandenwesen Einhalt zu tun. Die römische Polizei fing den berüchtigten Maremmenkönig Scoppa, einen toskanischen Räuber, der 14 Mordtaten verübt hat, vor dem Tor del Popolo. Dieser schreckliche Mensch kam auf einem arabischen Pferd und war im Begriff, nach Alexandria zu gehen. Ein Wechsel, den er bei einem Bankier dorthin ziehen wollte, verriet ihn, auch verfolgte ihn der Sohn Adamis, seinen von ihm ermordeten Vater zu rächen. Ich habe den vierten Band fertig gemacht. Morgen gehen die drei ersten Kapitel des Buchs VIII nach Stuttgart. Pietro Rosa, Intendant des Palatin, zeigte mir die dortigen Ausgrabungen. Er hat den Clivus Palatinus aufgefunden. Er sagte mir, daß Napoleon häufig an ihn schreibe, ihm die genauesten Fragen behufs seiner Geschichte Cäsars stelle, und er wundere sich, wie ein Monarch, auf dessen Schultern jetzt die so ungeheure politische Last liege, Zeit zu solchen Arbeiten übrig haben könne. Er schreibe und frage, als wäre er ein Professor, der nichts täte, als über Büchern sitzen. 400 Bischöfe sind angemeldet, die Kanonisation findet am 8. Juni statt.   Rom, Montag, 12. Mai Vorgestern gab ich die letzten vier Kapitel des vierten Bandes dem Kirchenhistoriker Stahl mit, der nach Jena zurückreiste. Die Römer behaupten mit Zuversicht die nahe Lösung, aber ich glaube nicht an den Abzug der Franzosen. Die Hoffnung der Nationalpartei stützt sich auf die Abberufung Goyons (er ist gestern abgereist); auf die Broschüre Pietris; auf die Erklärung Viktor Emanuels beim Bankett in Neapel; auf die Reise des Prinzen Napoleon nach Neapel. Auch Hudson, britischer Botschafter in Turin, reiste dorthin, und zwar durch Rom. Kurz, es herrscht eine gehobene Stimmung in der Nationalpartei. Man sagt, der Papst habe Befehl gegeben, alles zu seiner Abreise zu rüsten. Er wird nach Venedig gehen, selbst wenn die Franzosen bleiben, und eine piemontesische Garnison zulassen. Die Bischöfe kommen an. Ketteler von Mainz ist schon hier; er predigte gestern in der Anima. Man erwartet etwa 310. Viele Franzosen; und wer nicht kommt, schickt einen Vikar. Man rüstet den St. Peter oder verunstaltet ihn durch ungeheuerliche Überladung mit Schmuck für die Kanonisationsfeier. Fingierte Säulen tragen in den Pfeileröffnungen die Kanonisationsbilder: ein Fries aus buntem Papier, Engel, welche Blumengirlanden halten, läuft um die Kirchenschiffe, Mosaik nachahmend. Päpstliche Wappen. Viele 60 Fuß hohe Kandelaber von Holz und mit Goldschaum bezogen. Viele Kronenleuchter. Selbst die riesigen Pilaster mit gelbmarmoriertem Papier beklebt. Der St. Peter ist unkenntlich geworden. Ich sah vor einigen Tagen einen gefangenen Briganten in das Kastell einbringen, geführt von französischen Soldaten. Er war halb als Ciocciare, halb als neapolitanischer Soldat gekleidet. Er ging stolz und frei einher, und mit ritterlichem Anstand verschwand er im Tor der Engelsburg.   Rom, Sonntag, 25. Mai Vor acht Tagen reiste Goyon nach Paris ab; der nächstkommandierende General versieht seine Stelle. Lavalette ist noch nicht eingetroffen; ob er überhaupt zurückkehren wird, ist fraglich. Ereignisse in der Lombardei verwirren die Zustände noch mehr. Die Garibaldischen Freischaren beabsichtigen einen Einfall in Welsch-Tirol; die Regierung ließ viele verhaften, darunter den Oberst Cattabeni und den Colonel Nullo, den sie aus Garibaldis eigner Wohnung in Trescone abholen ließ. Die Mazzinisten suchten die in Brescia Eingesperrten zu befreien; das Militär gab auf das Volk Feuer; einige fielen. In Folge dessen droht zwischen der Regierung und der mazzinistisch-garibaldischen Fraktion ein Krieg auszubrechen. Im Vatikan ist man ruhig. An Flucht wird nicht mehr gedacht. Täglich kommen Bischöfe. Den italienischen hat die Regierung die Reise verboten; die Portugiesen kommen nicht. Es sind schon viele aus Frankreich, 24 Bischöfe aus Spanien hier, Griechen, Dalmatiner, Kanadier, Engländer, Deutsche, Nordamerikaner. Die Kardinäle von Burgos und von Compostela nahmen den Hut im spanischen Hotel, wo große Feste gefeiert wurden. Das Sakrament ist in den Hauptbasiliken ausgestellt. Der Papst schwimmt in Wonne; man will ein förmliches Konzil halten und manche kanonische Gesetze erlassen. Kein Bischof kommt mit leeren Händen. Außerdem strömen Geistliche aller Grade nach Rom; es ist das große Priesterfest; in allen Gasthäusern und Cafés, in allen Straßen und Kirchen sieht man Pfaffen. Es ist eine kirchliche Okkupationsarmee, und 28 gen Himmel fliegende Heilige führen sie. Pasquino sagt: der Papst wird bald abreisen, denn er packt schon den St. Peter ein (già incarta S. Pietro) . Die Feier der Kanonisation soll 80 000 Scudi kosten; allein für 10 000 wird man Wachs verbrennen. Am 22. ist Viktor Emanuel aus Neapel zurückgekehrt. Der Prinz Napoleon ist noch dort geblieben. Am 19. wird die neue Kammer in Berlin eröffnet. Gestern habe ich angefangen, in der Chigiana zu arbeiten. Mein Manuskript, enthaltend die drei ersten Kapitel des Buchs VIII, ist noch nicht in Stuttgart angelangt. Dadurch wird der Druck unterbrochen.   Rom, 10. Juni Am 8., dem Pfingstfest, fand die Kanonisation der 28 japanesischen Märtyrer statt. Die Prozession begann um 7 Uhr. Diese göttliche Komödie ist das größte Theaterstück, welches die Kirche seit langem aufgeführt hat. 13 000 Wachskerzen, die obersten 8 Fuß lang, brannten im Dom und verloren sich in dem herrlichen Raum wie Sterne vierter oder fünfter Größe am Himmelsgewölbe. Die Menschenmenge war zahllos. Gestern hielt der Papst ein Konsistorium. Die Bischöfe (gegen 390) überreichten ihm eine Adresse, worin sie erklären, daß das Dominium Temporale notwendig sei. Ihr Veto wird den Sturz der weltlichen Gewalt des Papsts vielleicht einen Augenblick lang hemmen, doch verhindern schwerlich. Die Führer des bischöflichen Parlaments sind Dupanloup und Wiseman. Die Franzosen haben oft in den Kirchen gepredigt. Ein Bischof aus Limousin predigte vor Tausenden im Kolosseum, auf der Kapuzinerkanzel. Man agitiert auf jede Weise. Lavalette kam vor einigen Tagen als Sieger zurück. Goyon bleibt in Paris, und die Okkupationsarmee wird auf die Hälfte, 10 000 Mann, reduziert. Man hofft, daß nun die Italiener den Kirchenstaat bis auf 5 Meilen vor Rom besetzen werden.   Rom, 22. Juni Die Versammlung der Bischöfe schloß mit einer Allokution des Papsts, worin die italienische Revolution aus der lutherischen und irreligiösen Richtung der Zeit abgeleitet, der Krieg gegen die Kirche beklagt und die Verdammung der Usurpation wiederholt wird. Die Bischöfe verlasen darauf eine Adresse: sie rühmen den Widerstand des Papsts, verdammen, was er verdammt, und erklären den Fortbestand des Dominium Temporale als Bedingung für die Unabhängigkeit des Papsts im Geistlichen. Zustimmungsadressen sind eingelaufen von den umbrischen Bischöfen und von den neapolitanischen. Das Turiner Parlament hat auf Grund dieser römischen Adresse eine öffentliche Erklärung an Viktor Emanuel erlassen. Vorgestern traf der neue Befehlshaber der französischen Okkupationsarmee, General Montebello, hier ein. Einige tausend Mann Franzosen sind bereits in Civitavecchia nach Frankreich eingeschifft worden. 10 000 bleiben zurück. Die Prälaten sind abgereist; einige wurden im Hafen von Marseille mit Zischen und Pfeifen empfangen; die französische Regierung hat daher den Befehl hieher geschickt, die Abfahrt der Schiffe, welche Priester als Fracht haben, so einzurichten, daß sie erst nachts in Marseille landen. Ein spanisches Schiff liegt in Civitavecchia, die neapolitanische Königsfamilie aufzunehmen; der König Franz will, so sagt man, allein zurückbleiben. Chiavone und Tristany haben ihre Banden vereinigt und setzen die Abruzzen in Schrecken.   Rom, 6. Juli In diesen Tagen waren alle Truppen in den Kasernen konsigniert, und Patrouillen durchziehn die Stadt. Es ging das Gerücht, daß die Aktionspartei in ganz Italien sich erheben wolle; damit wird die Anwesenheit Garibaldis in Palermo in Verbindung gebracht. Ferner glaubte man, Viterbo wolle, nach dem Abmarsch einiger Kompanien Franzosen, aufstehen und die Piemontesen rufen. Die Stadt ist ganz still. Der Papst hat seit sieben Tagen den Vatikan nicht verlassen. Er ist leidend. Die Königin Marie von Neapel reiste ab nach Deutschland, über Marseille. Legitimisten-Kongreß in Luzern. Hier ist man fest überzeugt, daß die Restauration von 1815 eine zweite Auflage erleben werde. Beim Ausgraben für den Zentralbahnhof entdeckte man antike Malereien. Ich besuchte den in der Vigna Randanini bei S. Sebastian ausgegrabenen Judenkirchhof. Er ist höchst merkwürdig. Nur griechische und lateinische Inschriften. Selbst die Namen romanisiert, und nur der siebenarmige Leuchter verrät die Hebräer. An der Porta Maggiore leitet man die Aqua Felice ab; man hat dort die Mauern bloßlegen müssen; sie standen so tief, als sie hoch sind, im Boden. Gestern schloß ich die Arbeit auf der Vaticana; vorher die in der Chigiana. Rom ist so entzückend schön, auch nicht heiß, und meine Stimmung so friedlich, daß ich gar keine Lust habe wegzureisen.   Rom, 18. Juli Das Ereignis des Tages ist die Anerkennung Italiens durch Rußland. Auch Preußen wird dasselbe tun. Die Heilige Allianz ist für immer gebrochen. Selbst in Spanien regen sich Stimmen, welche die Anerkennung verlangen. Rom totenstill, der Klerus erbittert, die Römer voll Hoffnung. Ich habe Bogen 30 und 31 revidiert. Ich bereite mich zur Abreise nach Genua und der Schweiz; aber ohne innere Lust.   Rom, 20. Juli Gestern kam die Nachricht, daß die Anerkennung Preußens Tatsache sei. An der Küste von Corneto kreuzten verdächtige Schiffe. Ein Regiment Franzosen ging daher mit der Eisenbahn nach Civitavecchia ab. Eine garibaldische Landung wird gefürchtet. Nach andern sind es Reaktionäre, die von Neapel zurückgewiesen seien.   Mailand, 24. Juli Ai tre Svizzeri Am 21. Juli fuhr ich nach Civitavecchia und weiter über Livorno nach Genua, wo ich gestern um 6 Uhr morgens eintraf. Ich blieb dort bis um 3 Uhr mittags und langte, über Alessandria, in Mailand gestern nacht an. Heute war ich auf dem Dom, im Palast Brera, in der Academia scientifico-letteraria , wo ich den Professor Nennarelli besuchte und die Professoren Conti und Brondelli kennenlernte. Der Widerwille, Rom zu verlassen, war groß, und noch heute kehrte ich sehr gern wieder um.   Mailand, 26. Juli Ich habe auf der Ambrosiana den Katalog der Handschriften und mehrere Codices durchgesehen, finde aber nichts für meine Zwecke. Matalori und Sessi haben alles bereits ausgebeutet. Der Orientalist Ceriani und der Historiker Dozio erzeigten mir viel Gefälligkeit. Gestern besuchte ich Cesare Cantù (Via di Tor Morigio Nr. 1). Ich erwartete, einen alten Mann zu finden, es trat mir in einem Bibliothekzimmer, welches auf den Garten hinausgeht, ein frischer Fünfziger entgegen, von kleiner Statur, mit geistreichen Zügen und funkelnden Augen. Cantù machte einen sehr angenehmen Eindruck. Seine Tätigkeit ist enorm und seine Popularität als Historiker für das Volk groß. Er schenkte mir eine Schrift über Beccaria. Seine politischen Ansichten sind der Einheit Italiens abgewandt. Er ist Föderalist und Papist. Er fällte das Urteil, daß die Piemontesen sich nicht einmal mit den Lombarden befreunden können, und sagte mir, daß sie in Mailand völlig abgeschlossen leben müssen. Das wissenschaftliche Leben hier schilderte er als sehr gering. Gegenwärtig liegen die Studien in ganz Italien darnieder; das ist freilich kein Wunder. Die Jugend läuft hinter den Waffen her; selbst Knaben sah ich auf der Piazza d'Armi Schießübungen machen. In den beiden deutschen Buchhandlungen fand ich viele Klagen und wenig Bücher. Ganz Mailand ist voll von Gerüchten über eine garibaldische Landung in Rom. Die Bewegung der Italiener nach Rom hin ist seit der Anerkennung von Rußland und Preußen mächtiger geworden.   St. Moritz im Engadin, 30. Juli Am 27. fuhr ich von Mailand nach Como, dann über den See nach Chiavenna. Weiter durch herrliche Alpenlandschaften, dem verschütteten Plurs vorbei, über Silvaplana nach St. Moritz. Ich fand Aufnahme in der Pension Bavier. Nun lebe ich hier, 6180 Fuß über dem Meer, zwischen den beschneiten Alpenhäuptern des Julier, des Langaro, Plaschurz und der Maloja – unten braust der junge Inn durch einen Alpensee, an Arvenwäldern vorbei. Dort liegt das Kurhaus. Die Landschaft ist groß, ernst und kalt, von einer versteinernden Erhabenheit. Wasserfälle, brausender Inn, ewiges Rauschen der Arven, Wolken und Schnee – Regen, bisweilen die Iris als himmlische Botin. Die Alpenwelt ist ein kaltes und stummes Wunder. Warum die Schweizer prosaische Menschen sind, lehren diese Berge. Sprache: lingua romanscha , wie altprovencalisch und katalonisch, im ganzen Engadin. Gesellschaft: Mailänder, ein paar Engländer, meist Schweizer; in Pensionen zerstreut – etwa 60 bei uns an table d'hôte , wozu ein wandernder Musikant die Handharmonika spielt. Der plötzliche Gegensatz der römischen Glut zu dieser kalten Alpenluft ist zu groß. Er bringt eine Revolution in mir hervor. St. Moritz, 13. August Erst häßliche Regentage, dann fiel am 10. August Schnee. Es ist bitter kalt. Ich trinke und bade. Die Kur strengt an. Ich lernte hier die beiden Reisenden kennen, Moritz Wagner und den Weltumsegler Carl Scherzer von der Novara, beide Männer von liebenswürdiger Persönlichkeit. Mit Cartwright und Dr. Erhardt erstieg ich die Furka, am Piz Corvatsch. Wir störten viele Murmeltiere auf; frühstückten auf einem Gletscher. Wir stiegen zu den herrlichen Rosetschgletschern hinab und weiter durch das schöne Tal nach Pontresina, dem reizendsten Ort der ganzen Gegend. Gewöhnliche Spaziergänge Campfer, Silvaplana, Cresta, Celerina, Samaden. Je länger man hier ist, desto mehr gewinnt man doch von dieser großen Bergwelt, mit ihren naiven Bewohnern, in kleinen, frostig reinlichen und wohlhabenden Dörfern. Das Inntal ist 19 Stunden lang, 7 Stunden davon nimmt Engadinôta (alta) ein. Ich habe die romanische Sprache zu lernen angefangen. Aber ernste Studien darf ich hier nicht treiben. Die ersten zehn Druckbogen vom Band IV sind hier von mir revidiert worden. Nach den Äußerungen von Moritz Wagner zu schließen, möchte mich der König Max nach München ziehen wollen. Die Ereignisse in Italien, wo Garibaldi sich nach der Proklamation des Königs von ihm losgesagt hat und an der Spitze von 10 000 Freischärlern in Sizilien steht, regen mich auch hier auf. »Rom oder der Tod« ist das Feldgeschrei in allen Städten. Garibaldi will die Küste Neapels gewinnen und auf Rom marschieren. Die Franzosen werden schwerlich mit ihm kapitulieren. Der Gedanke, bei einer möglichen Reformation Roms fern zu sein, beunruhigt mich. Herr von Thile wird mich von hier abholen. Ich sehne mich zurück nach Rom.   St. Moritz, 18. August Wir hatten wieder zwei Regentage; heute wird es hell. Mit Scherzer angenehme Nachmittagsgänge. Major von Wirsing aus Stuttgart kennengelernt und Dr. Sigmund aus Wien; Konsul Hirzel aus Palermo. Die romanische Sprache teilt sich in zwei Dialekte, die vom Oberland und die vom Engadin. Das Deutsche absorbiert sie nach und nach; sie ist eine absterbende Sprache. Ich ermunterte Herrn Alfons von Flugi aus St. Moritz, einen der wenigen Dichter des Engadins (neben Anna Camenisch), die Volkslieder des Landes herauszugeben. Ihre Zahl ist nicht groß, und, wie er sagte, sind sie von italienischer und deutscher Poesie beeinflußt. Das neue Testament existiert in der Übersetzung von Menni (Pfarrer in Samaden). Etwa 60 Schriften im romanischen Idiom sind geschrieben. Eine romanische Zeitung: ›Fögl D'Engiadina (Organ del public)‹ erscheint in Zuoz. Der Vater der Engadiner Geschichte ist Campell, dessen lateinisches Werk in Chur ungedruckt liegt. Es ist bearbeitet worden von Mohr (Advokat in Chur), welcher auch einen Codex Diplomaticus der Engadiner Geschichte herausgegeben hat. Eine populäre Geschichte als Kompendium für Volksschulen schrieb Kaiser. Ein Wörterbuch und eine Grammatik verfaßte O. Carisch. Die Auswanderung der Engadiner, bis nach Australien und Kalifornien, ist sehr stark. Es ist seltsam zu denken, daß aus einer so heroischen Natur Zuckerbäcker hervorgehen.   Zürich, 23. August Am 20. St. Moritz verlassen. Fahrt über den Julier. Ankunft in Zürich am 21. Ich habe gestern Wilhelm Rüstow besucht, der ehemals Offizier in Königsberg war, wo ich ihn im Jahre 1848 kennenlernte; er diente als Freischaren-Oberst unter Garibaldi und machte von sich reden durch seinen (mißglückten) Sturm auf Capua. Ich fand ihn im roten Garibaldihemde, schreibend. Er scheint wütender Mazzinist zu sein. Rüstow erklärte, die Unternehmung Garibaldis in Sizilien sei eine Dummheit. Ich besuchte hierauf den Ästhetiker Vischer; ein kleiner, untersetzter Mann mit rotem Bart, in den Vierzigern, schwäbischen Dialekt redend; sehr natürlichen und einfachen Wesens, voll Wissen und Geist. Jeder Schweizer sieht so aus, als trage er eine Hellebarde, die er nur irgendwo an die Wand gelehnt habe. Vischer bemerkte: es gäbe hier keine Damen, nur Frauen. Die Bildung in der Schweiz sei importiert; nachdem sich das Volk von der deutschen Kultur, der es angehört, losgerissen habe, besitze es nichts eigenes mehr. Heiden, 27. August In St. Gallen traf ich Professor Ullmann aus Karlsruhe, ehedem mit Umbreit Herausgeber der ›Studien und Kritiken‹ – ein würdiger Herr von feinen, konsistorialrätlichen Manieren. In Heiden fand ich bei Herrn von Thile auch Gräfe mit seiner jungen Frau. Die Nachrichten aus Italien beunruhigen mich. Garibaldi zog, ungehindert von den Königlichen, in Catania ein; er hat die Rebellenfahne aufgepflanzt; die Regierung sendet gegen ihn Cialdini, seinen erklärten Gegner, und gibt den Oberbefehl über die Flotte an Persano.   München, 3. September Am 31. August fuhr ich nach Ragaz zur Großfürstin Helene. Ich fand bei ihr nur Fräulein v. Rhaden. Wir frühstückten und tafelten allein mit dem russischen Gesandten aus Bern, Herrn Uwaroff; später kam noch der Leibarzt Dr. Arneth. Ich ersah sehr bald, daß die Gerüchte, die Großfürstin sei exiliert, nichts als Erfindungen seien. Sie kehrt sehr bald wieder nach Rußland zurück. Bei ihr las ich die Depeschen, welche meldeten, Garibaldi sei am 29. August bei Aspromonte vom Oberst Pallavicini gefangen und verwundet worden. Der Unselige spielte an jenen Küsten die Ballade vom Taucher. Die Götter schonen kühner Einfalt nur einmal. Augsburg war wiederum der Ort, welcher durch Heimatsgefühl auf mich wirkte. Eine protestantische Beerdigung, der ich herumwandernd beiwohnte, rührte mich tief. Diese Feier ist seelenvoll. Die deutschen Kirchhöfe und die deutschen Kinder sind es, welche am schönsten die unendliche Seelengüte unseres Volks offenbaren. Ich frühstückte auf der Redaktion der Augsburger ›Allgemeinen Zeitung‹ bei Hermann Orges, mit dem Freiherrn v. Freiberg, den ich in Rom kennengelernt hatte. Auch sah ich Kolb, den Chefredakteur, welcher ganz gelähmt ist. Das Redaktionspersonal lebt seit Jahren in der tiefsten Zerfahrenheit: Altenhöfer und Kolb grenzen wohnend aneinander und machen seit etwa 15 Jahren alle ihre Geschäfte brieflich ab. Um 2 Uhr nach München. Im Cottaschen Hause fand ich Band IV der ›Geschichte von Rom‹ vor. Abends sah ich ›Hamlet‹. Heute besuchte ich Adolf v. Schack in seinem schönen Hause.   München, 8. September Der Bruder Julius kam am 5. September. Schack gab mir zu wissen, daß der König, welcher gegenwärtig in Berchtesgaden sich befindet, mich hier in München zu halten wünsche oder doch mich verpflichten wolle, drei Monate lang im Jahr an diesem Ort zu bleiben. Ich kann mich dazu nicht entschließen. Die Freiheit steht mir zu hoch, und zu lange habe ich sie an den Brüsten der römischen Wölfin eingesogen. Meine Arbeit verlangt mein Bleiben in Rom. Kurz, ich legte diese Sache wieder in die Hände Schacks zurück. Für Schack hat Genelli zwei schöne Bilder gemalt, die in seinem Hause sich befinden. München ist die kulissenhafte Schöpfung einiger Könige. Das Fürstenhaus hat diese Stadt zu einer großen und schönen Residenz machen wollen. Riesige Entwürfe, voll Geist, sind hier verzwergt, weil sie außer dem Verhältnis zum Volk und dessen Bedürfnissen stehen. Man wollte die Münchener über Nacht zu Florentinern machen. Dieser Stadt fehlen drei Dinge: Phantasie, Vornehmheit, Grazie. Das Bier macht das Volk stumpf. Nicht weit von der Bavaria Schwanthalers steht ein Bierhaus; dies ist charakteristisch. Immer aber wird es bewundernswürdig sein, was ein geistreicher Fürst hier geschaffen hat. Die Künste blühten hier wirklich: Cornelius, Schwanthaler, Schnorr, Rottmann, Klenze, Veit, Overbeck, Ohlmüller, Gärtner etc. Die Sammlungen in den Pinakotheken und der Glyptothek würden selbst Florenz und Rom zieren. München, 10. September Bei Schack zu Mittage mit Julius v. Mohl, dem Orientalisten und Übersetzer des Firdusi ins Französische; auch war dort der Professor Julius Braun, geistvoller Archäolog und Kulturhistoriker. München, 12. September Heute fuhr der Bruder über Salzburg nach Wien. Ich gehe morgen über Lindau nach Genf. Meine Bibliothek-Arbeiten schloß ich. Ich habe mich orientiert und einiges gesehen, was ich notwendig brauchte. Ich kehre, so hoffe ich, im künftigen Jahr hierher zurück. Meine Heimatsreise war zu kurz. Einst will ich doch wieder unter meinem Volke leben. Hier ist kein Haß gegen Preußen. Aber eine Annexion ließe man sich nicht gefallen. Das Jahr 1859, oder die Politik der freien Hand, hat Süddeutschland von Preußen abgewendet. Um Österreich schwebt auch jetzt noch der Nimbus des Reichs. Dies wird man hier gewahr. Julius von Mohl sagte, der Rhein sei ein Axiom in Frankreich. Napoleon wird dort seine letzte Karte ausspielen. Dies fürchte ich auch. Schlimme Zeiten stehen uns bevor. Aber unsere Nationalkraft muß siegreich daraus hervorgehen.   Genf, 15. September Am 13. über Lindau und Romanshorn nach Zürich, wo ich nächtigte. Am 14. über Solothurn nach Lausanne. Das Haus Gibbons ist jetzt ein Hôtel; man zeigt dort den Garten, in welchem er an seiner Geschichte schrieb. Heute am 15. nach Genf. Luxuriöse Straßen und Läden, herrliche Lage an der Rhone und am See. Köstliche Promenaden. Die Altstadt minder schön, aber ernst und streng im Stil. Die Kathedrale (St. Pierre), ein gotisches Gebäude mit romanischer Beimischung, verunstaltet durch eine Tempelfront im Renaissancegeschmack. Drinnen die Kanzel Calvins; vielmehr ist nur sein Stuhl und der Baldachin aus seiner Zeit und das Grabmal des Duc de Rohan – sonst keine Monumente. Ich fuhr nach Ferney. Man erreicht den Sitz Voltaires in 30 Minuten. Das Schloß in einem Park, von alten Bäumen umgeben, die Voltaire selbst mochte gepflegt haben. Ein restauriertes und modernisiertes Gebäude, zweistöckig, im Renaissancestil. Voltaires Schlafgemach, worin sein Bett, und ein kleiner Salon davor. Darin einige Gemälde. Die Einrichtung ohne Luxus, in Rokoko. Heute wohnen reich gewordene Baumwollenkrämer fürstlicher. Ein Porträt Friedrichs des Großen (sehr schlecht) hängt dort, wahrscheinlich ein Geschenk, und das Porträt Katharinas von Rußland in Lebensgröße, wie die Inschrift sagt ihr Geschenk. Zwei Bilder, Endymion und Diana vorstellend; ein Gemälde, welches ein Hoffest vergegenwärtigt, bei dem Voltaire selbst figuriert. Ein Relief und ein Porträt von ihm. Seine Zeitgenossen, Diderot, Delille, Washington, Franklin etc. Neben dem Schloß (oder vielmehr Landhaus) die kleine Kirche mit der bekannten Aufschrift: Deo Erexit Voltaire . Ich habe demnach die zwei Wiegen der französischen Revolution gesehen, Ferney und das Haus Rousseaus in Genf.   Genua, Donnerstag, 18. September Von Genf am 16. abgefahren durch einen Teil Frankreichs (Departement de l'Ain). In Culóz beginnt die Eisenbahn »Viktor Emanuel«, welche über Chambéry, St. Jean de Maurienne bis nach St. Michel reicht. Das schöne Savoyen durchjagten wir im Fluge. Von St. Michel Post über den Mont Cenis bis Susa. Wir kamen an dem Ort vorbei, wo der Berg durchgraben wird. Man sagte mir, daß man in sieben Jahren mit diesem riesigen Unternehmen zu Ende sein werde. Lange eiserne Tuben führen längs der Straße den Arbeitern Luft zu. Großartig ist die Lage der Festung Exilles; sie steht auf einem Kalkgebirg von roter Farbe. Unten braust die Isère in schwindelnder Tiefe, an deren Rand der Wagen hinrollt. Dann kamen wir nach Loras le Bourg und über den Gipfel des Passes um Mitternacht. Um 2 Uhr in Susa; am 17. um 4 Uhr in Turin. Turin ist ganz modern, prächtig, voll fürstlicher Paläste. Sein Charakter, daß es keinen Charakter hat. Es erinnert an Berlin. Doch sind die Höhen über dem Po, wo die Superga steht, malerisch. Ich besuchte den Saal im Palast Carignano, wo das Parlament seinen Sitz hat; er ist neugebaut, ohne Luxus und klein. Im königlichen Schloß, welches denselben dürftigen Eindruck macht, rüstete man die Säle zur Vermählung der Prinzessin Pia mit dem König von Portugal. Man gestattete dem Publikum den Zutritt. Carl Promis führte mich auf die Bibliothek des Königs und in die der Universität, wo ich den Vize-Präfekten Abbate Peyron kennenlernte. Für meine Geschichte von Rom ist dort keine Ausbeute. Seitdem ich dies schöne, aber kalte, unhistorische Turin sah, erkannte ich auch, daß Italien von hier aus nicht zu regieren ist. Alle Monumente, die Turin besitzt, sind modern und piemontesischer Nationalität angehörig. Promis sagte mir, in Turin herrsche die Ansicht, daß Garibaldi und der König in Bezug auf die kalabrische Expedition einverstanden gewesen seien. Der König zeige sich gar nicht mehr, es sei denn nachts, wo er nicht fürchten dürfe, erkannt zu werden. Promis schien mit Widerwillen von ihm zu reden. Hoffnung für die Einheit Italiens hatte er nicht. Ich fuhr mit dem Schnellzug um 5 Uhr nach Genua und traf hier um 11 Uhr abends ein. Heute abend will ich mit dem Schiff »Solferino« nach La Spezia fahren.   Florenz, 20. September Fontana Auf dem Schiff befand sich Elpis Melena, d. h. Frau von Schwartz, welche zur Pflege ihres Freundes Garibaldi nach Varignano ging. Wie Fliegen eine Wunde, so umschwärmen Frauen den wunden Helden. Ich landete in Spezia um 3 Uhr morgens und suchte Lindemanns auf und Frau Schwabe, von welcher ich schon in den Turiner Blättern gelesen hatte, daß sie Garibaldi pflege. Sie erzählte von seinem Zustand, da sie den gestrigen Tag bei ihm verbracht hatte. Der verwundete Löwe liegt im Fort Varignano; ich konnte vom Ufer aus das Fenster seines Zimmers sehen. Von drei hohen Gebäuden nebeneinander, bestimmt zu Lazaretten und der Wohnung des Gouverneurs, ist es das äußerste, worin er sich befindet. Galeoten liegen im alten Kastell auf der Spitze der Landzunge und in dem Wrack eines Kriegsschiffes. Der Volksheld befindet sich unter Galeerensklaven. Eine sonderbare Ironie hat es gefügt, daß das Linienschiff, welches vor Varignano ankert, »Garibaldi« heißt. Jetzt ist der Zutritt zu Garibaldi freier; am Anfange waren die Befehle Ratazzis sehr streng. Seine beiden Söhne, ein paar gefangene Offiziere sind bei ihm. Man sendet ihm Erfrischungen aus vielen Teilen des Landes; aber anfangs war er vom Nötigsten entblößt; das erste frische Hemde ließ ihm Frau Schwabe nähen. Der Chirurg Partridge erklärt sich über seine Wunde zweifelhaft. Knochensplitter gehen ab. Man weiß noch immer nicht, ob die Kugel heraus sei. Sitzt sie noch im Knochen, so wird eine Amputation nötig sein. Der Verwundete schweigt fast immer; über Politik äußert er sich nie. Er liest Tacitus, wie Cola di Rienzo Livius im Gefängnis las. Spezia ist leer. Der Anblick des Hauses, wo Garibaldi liegt, verbreitet dort eine melancholische Lazarettatmosphäre, die alles durchdringt und auch die Menschen am Ufer stille zu machen scheint. Auch hier herrscht die Ansicht, daß Garibaldi anfangs mit dem König einverstanden gewesen, aber dann preisgegeben sei. Man ist aufgebracht, daß der König kein Zeichen von Mitgefühl für den Mann kund gab, dem er die italienische Krone verdankt. An einen offiziellen Prozeß glaubt niemand. Ich verließ Spezia um 11 Uhr auf einem Wägelchen und fuhr über Sarzana, Luni (heute das elende Avenza) und Massa nach der Station Querceta und von dort über Pisa und Lucca nach Florenz, wo ich gestern um 10 Uhr abends ankam.   Florenz, 20. Oktober Über vier Wochen bin ich hier gewesen. Ich wohnte im Palast der Caroline Ungher, und habe viel gearbeitet, sowohl auf der Magliabecchiana als im Staatsarchiv. Kurz vor mir war Moritz Hartmann im Palast zu Gast gewesen. Ich las einige fünfzig lateranische Urkunden und kopierte viele andre Aktenstücke. Es kam Lindemann und brachte mir die Nachricht von der schweren Erkrankung des Dr. Alertz in Luzern; sie bestätigte Reumont, der zur Fürstin Rospigliosi fuhr. Ich schrieb nach Luzern, habe aber keine Antwort. Jeden Sonntag fuhr ich mit Michele Amari bis zur Lastra und dann auf die Villa. Auch Villari sah ich mehrmals. Sabatier ist noch in Frankreich. Thouvenel hat seine Entlassung gegeben, Drouyn de Lhuys nimmt seine Stelle ein. Die Garibaldi-Amnestie wurde stillschweigend aufgenommen. Doch die Einheit Italiens ist gesichert. Ich gehe morgen zu Schiff nach Rom.   Rom, 25. Oktober Nach einer guten Seereise kam ich hier an, am 22. Oktober 3 Uhr nachmittags.   Rom, 20. November Ich habe die ganze Zeit tüchtig gearbeitet, auch in der Vaticana. Am 27. Oktober stürzte in Griechenland der Thron Ottos I. zusammen. Am 16. September starb mein armer Bruder Gustav in New York, einst Philhellene, und im Heer unter jenem Könige. So viel schwere Schicksale, so viel Ungunst im Leben und so viel Leiden hat selten jemand so männlich bekämpft als er.   Rom, 30. November Buoncompagni und die Garibaldischen, selbst Männer von der Rechten, greifen das Ministerium Ratazzi mit großer Heftigkeit an. Anklagepunkte Aspromonte, Brigantaggio, Unfähigkeit, Rom zu nehmen, die Note Drouyns, welche Durando sich mußte gefallen lassen, die Abhängigkeit von Frankreich. Vor einigen Tagen fiel der preußische Gesandte hier, von Canitz, in Wahnsinn; er erschien in dem Zimmer, wo der Kronprinz von Preußen, die Kronprinzessin und der Prinz von Wales bei Tafel saßen, gekleidet in sein türkisches Morgengewand, worin ich ihn so oft gesehen habe. Man hat ihn ins Palais des Herzogs Caetani gebracht, dessen Frau seine Schwägerin ist. Canitz war ein Ehrenmann, obwohl von nur wenigen geistigen Interessen, mit einziger Ausnahme der griechischen Philologie. Passaglia hat viele Priester gewonnen, die Adresse zu unterzeichnen, welche den Papst auffordert, dem Dominium Temporale zu entsagen. Vor wenig Jahren hätte auch der beredteste Prophet nicht vermocht, ein paar Pfaffen unter die Fahne der Rebellion gegen einen von der Kirche sanktionierten Zustand zu versammeln. Die Zeit schreitet vor. Der Keim eines Schismas politischer Natur ist sichtbar. Das Dogma freilich bleibt aus dem Spiele; die Italiener wie unsere Zeit überhaupt, sind indifferent gegen die Religion. Ich war bei Don Vincenzo Colonna. Er stellte mir das Archiv seines berühmten Hauses zur Verfügung. Er sagte: unter Paul III. und Paul IV. habe dies Archiv viele Plünderung erlitten; es sei sprungweise ausgestattet. Ganze Epochen fehlen, zumal die früheste. Valesius habe eine Geschichte der Colonna geschrieben, die im Original auf dem Kapitol, in Abschrift in jenem Archiv sei. Die Dokumente, welche er dafür mit sich nach Hause nahm, seien leider nach seinem Tode verschwunden. Erst nach dem Sacco di Roma beginne die Vollständigkeit der Urkunden. Ich werde dies Archiv am Donnerstag besichtigen. Ich arbeite rüstig am fünften Bande. Das Material ist riesengroß, und ich möchte oft verzweifeln, diesen Ozean zu durchschwimmen. Aber es muß geschehen.   Rom, 14. Dezember Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Preußen sind vor etwa zehn Tagen abgereist. Sie verlangten mich zu sehen; ich ging in den Palast Caffarelli und wurde gütig aufgenommen, auch nach Berlin eingeladen. Der Kronprinz hat ein offenes und einnehmendes Wesen; seine Gemahlin ist schlicht und einfach, voll klaren Verstandes. Man hat es dem Kronprinzen verdacht, daß er beim Exkönig Franz II. einen Besuch machte; aber dies war gut und menschlich. Der Papst erwähnte bei seinem Abschiedsbesuch der alten Kölner Angelegenheit; der Kronprinz sagte mir davon und daß er etwas erwidert habe, um »das Andenken seines Großvaters nicht kränken zu lassen«. Er sprach die Hoffnung aus, daß die jetzige Krisis in Preußen sich bald beschwichtigen werde; da er mich um meine Ansicht über die römischen Dinge befragte, sagte ich sie auch unverhohlen. Hier ist auch Gisela von Arnim mit ihrem Manne Hermann Grimm. Die Tochter Bettinas hat etwas von ihrer Mutter; wenigstens etwas vom »Kinde« ist in ihrem Wesen. Ihre zusammenhanglose Art mißfiel mir anfangs; jetzt erkenne ich, daß sie einen liebenswürdigen Geist besitzt. Die Eisenbahn nach Neapel ist am 1. Dezember eröffnet worden. Die Zentralstation ist nach den Bädern des Diokletian verlegt. Ein großes Ereignis in den Annalen der Stadt. Das Ministerium Ratazzi ist erlegen. Farini hat ein neues Kabinett gebildet; darunter ist auch Freund Michele Amari als Minister des Unterrichts. Am Donnerstag traf hier der neue französische Botschafter ein, Latour d'Auvergne; mit ihm sind Baron Baude und Graf Chateaubriand, welche das Gesandtschaftspersonal bilden.   Rom, 31. Dezember Den Abend des Weihnachtsfestes brachte ich sehr schön bei Lindemann zu, wo die norwegischen Mädchen Volkslieder ihrer Heimat sangen. Das Jahr war gut. Meine Arbeit ist grenzenlos. 1863 Rom, 1. Februar Das Jahr hat mit Verstimmung angefangen; das Wetter, schlecht und regnerisch, machte mich krank, so daß ich meine Arbeiten aussetzen mußte. Erst seit vorgestern bin ich wieder wacker dabei. Hiesige Verhältnisse; das Papsttum hat eine Frist gewonnen durch die Politik Napoleons. Das beste Einvernehmen herrscht zwischen Rom und Paris. Als Pius am Neujahrstage die französischen Offiziere empfing, sprach er sehr warm seinen Dank für Frankreichs Schutz aus. Die Kirche, oder eitler Weise sich selbst, verglich er mit dem Engel, gegen welchen Jakob rang, bis er ihn am Morgenlicht erkannte. Reformen sollen im Rest des Kirchenstaats eingeführt werden: die Vorstellungen Frankreichs, wie sie das »gelbe Buch« enthält, haben den Papst zu diesen Zugeständnissen vermocht. Aber sie werden sich nur auf die Gemeinden erstrecken, in denen die Wahl der Munizipalräte fortan freigegeben werden soll. Der Brigantaggio in Neapel nimmt kein Ende, in Sizilien herrscht Anarchie. Eine neue Sekte von Pugnalatori ist in Palermo entdeckt worden. Willisen, Bruder des hier kranken Generals, kommt als preußischer Gesandter nach Rom. Der pfäffische Theiner hat wieder die Buchhandlung Spithöver vor dem Verkauf meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹ gewarnt. Ich fürchte sehr, man wird sie verbieten. Ich arbeite noch im Archiv Colonna.   Rom, 22. Februar Am 1. Februar starb plötzlich der Baron v. Cotta zu Stuttgart im 67. Jahre seines Lebens. Eine persönliche Beziehung von großem Wert ist mir verlorengegangen. In Cotta lebte auch die Tradition der großen Literatur-Epoche des Vaterlandes; dies war von Bedeutung. Ich habe gestern nach Stuttgart geschrieben. Willisen ist angekommen; er sieht nicht militärisch aus, sondern hat ein bureaukratisches Hohenzollern-Gesicht: scheint human und aufgeklärt. Alertz kam zurück von Genf, noch leidend. Vorigen Sonntag brannte das Theater Alibert bis auf die Fundamente ab, was vom Pincio schön anzusehen war.   Rom, 8. März Großes Aufsehen macht die Verhaftung des Cavaliere Fausti, des Vertrauten Antonellis, Beamten der Dataria, Ritters der Ehrenlegion, Spediteurs Frankreichs für die geistlichen Angelegenheiten. Das Tribunal der Consulta ließ diesen Mann plötzlich im Corso aufgreifen, als er aus der Messe kam; dies auf Grund von Briefen, welche man unter den Papieren jenes Venanzi fand, der im vorigen Jahre als eins der Häupter des National-Comités festgenommen worden ist. In Folge dessen reichte Antonelli seine Entlassung ein; aber der Papst weinte, beschwichtigte ihn, und beschwor seinen kleinen Richelieu, ihn nicht zu verlassen. Fausti sitzt noch in S. Michele; zu einer Genugtuung Antonellis soll der Minister des Innern, Monsignore Pila, entlassen werden. Den Schritt des Staatssekretärs veranlaßten noch andere Ursachen: so die Angelegenheit Odo Russells in Betreff der Anfrage des Papsts, ob er in England ein Asyl finden könne, welche darauf der schwache Pius gestellt zu haben leugnete, endlich die Spannung zu Merode. Die Kurie ist gespalten in die Faktion jenes anmaßenden Belgiers, der von den Jesuiten (namentlich dem Kardinal Altieri) gehalten wird, und in die Partei Antonellis, welcher unter den Kardinälen wenig Freunde zählt, aber auf alle diejenigen rechnen darf, die den Einfluß de Merodes hassen. Man nennt als liberaler gesinnte Kardinäle nur Grassellini, Mertel, di Pietro und Andrea. Die Jesuiten haben einen ersten Ausfall gegen mich gemacht, auf dessen Folgen ich gefaßt sein muß. In der ›Civiltà Cattolica‹ vom 21. Februar 1863, p. 398 steht Folgendes: »Incredibili sono le tragedie che contra questa lettera di Stefano III sono state mosse dai nemici della S. Chiesa, cominciando dai Centuriaiori di Magdeburgo, i quali primi la stampanno, infino a questi di che il protestante Gregorovius, degno alunno dei Centuriatori, l'ha qualificata per un capolavoro di barbarie grottesca, e violenta, degna dei più tenebrosi tempi dell' umana società.«   Rom, 5. April, Ostertag Die Stadt ist von Fremden überfüllt. Ich habe die Ostervespern besucht in Gesellschaft der beiden schottischen Frauen Grant Duff, bei denen ich viel verkehre. Eine andere neue Bekanntschaft ist die Fürstin Carolath-Beuthen aus Schlesien, zu welcher mich Reumont einführte. Ein Korse Costa besuchte mich, mir für ›Korsika‹ zu danken; in derselben Absicht kam ein Herr Rivinus aus Philadelphia. Der Papst, völlig wohl, hat allen Funktionen beigewohnt. Fausti ist noch im Gefängnis; die Stimme der Stadt bezeichnet ihn als wirklichen Verräter. Solcher mag es im Vatikan mehrere geben. Vor etwa 14 Tagen flüchtete sich die Bande Tristany aus dem Neapolitanischen in die pontinischen Sümpfe nach Campomorto, welcher Ort seit Alters das Asylrecht hat. Sie begingen dort greuliche Exzesse. Hierauf hat die päpstliche Regierung jenes Asylrecht aufgehoben, Gendarmen abgeschickt, und etwa 40 Briganten festgenommen. Der berüchtigte Pilone vom Vesuv, und sogar ein Neffe des Generals Bosco, ist darunter; zu gleicher Zeit wurde der Brigantenchef Cipriano la Gala bei Bracciano festgenommen. Diese Menschen sitzen jetzt in den Carceri nuove fest, von wo man sie wohl mit gutem Wind wieder wird absegeln lassen. Wo der spanische Donquixote Tristany geblieben, ist unbekannt. Die Kirche hat Glück, wenigstens fehlt es ihr nicht an Stoff zu satirischen Ausfällen. Cavour starb, Garibaldi ist ein sentimentaler Romantiker geworden, der von Caprera phantastische Briefe in die Welt ausstreut, und der Chef des italienischen Ministeriums Farini ist verrückt geworden. Man brachte ihn in das Kloster Novalesa, welches er selbst zuvor aufgehoben hatte. Im übrigen geht der Kampf des Staats gegen die Kirche vorwärts; viele Klöster werden aufgehoben und das Dekret vom 5. März unterwirft alle Bullen und Breven geistlicher Behörden dem Exequatur der Regierung. Es kamen nach Rom die jungen Töchter Alexander Herzens mit Fräulein Meysenburg.   Rom, 20. April Von Fremden kamen zu mir Franz Löher aus München, welcher nach Sizilien geht; Ulrich von Hutten, aus dem alten Huttenschen Geschlecht, geschickt vom Colonel Rüstow; Arthur Russell und der Übersetzer des ›Korsika‹, Russell Martineau. Derselbe erzählte mir, daß Longman 3000 Exemplare abgezogen habe, wovon im ersten Jahr 1500 abgesetzt wurden, die übrigen seien in einem Brande verunglückt. Am 11. nahm Frau Grunelius mit nach Deutschland die Revision der ›Figuren‹ für die zweite Auflage. Ich rüste zum Druck den zweiten Band der ›Wanderjahre‹, unter welchem Titel nun das Ganze erscheinen soll. Am 12. große Demonstration für den Papst; die Stadt war prachtvoll illuminiert. Pilone ist freigelassen und treibt sein Wesen weiter auf dem Vesuv. Viel Aufsehen erregt hier die plötzliche Entwendung aller politischen Prozeßakten (Venanzi und Fausti); der von Turin erkaufte Dieb hat sich damit davongemacht. Am 18. kam Munch aus Christiania, seine Familie abzuholen. Er bleibt noch zwei Monate hier. Er hat sich verjüngt; sieht stark und blühend aus und ist kindlich heiter.   Rom, 26. April Am 20. wurde bei Prima Porta, wo man die Ruinen einer Villa der Cäsaren ausgräbt, eine schöne Statue des Augustus gefunden. Herrlicher Frühling. Die Exkönigin Maria kam zurück; sie wohnt im Palast Farnese.   Rom, 10. Mai Antonelli hatte wiederum seine Demission gegeben. Die Partei der Legitimisten und Sanfedisten, an deren Spitze Merode steht, ist jedoch nicht mächtig genug, den Kardinal zu verdrängen, auf dessen Bleiben der Papst besteht. Er hat die Gegner zu einer offiziellen Versöhnung gezwungen. Der Papst wollte am 6. in die Campagna und Marittima gehen. Diese Reise, welcher sich Antonelli widersetzte, ist das Werk de Merodes. Man will einen päpstlichen Triumphzug durch Latium veranstalten; zugleich soll die Annäherung des heiligen Vaters an die neapolitanische Grenze die dortige Reaktion neu beleben. Provisorisch ward die Eisenbahnstrecke von Rom nach Monterotondo, doch nur für drei Tage, eröffnet. Sobald das Eisenbahnsystem fertig ist, wird Rom der wahre Mittelpunkt Italiens sein. Gestern kamen die schottischen Frauen aus Neapel zurück.   Rom, 17. Mai Der Papst fuhr am 11. ab. Er besuchte Velletri, Norma, Sermoneta, Frosinone, Veroli. Er ist heute in Alatri. Er wird bis Ceprano gehen, aber in seinem Wagen, um die neapolitanische Grenzstation zu vermeiden. Diese finstern lateinischen Städte haben lange keinen Papst gesehen. Im Mittelalter lebten die Päpste dort im Exil. In Anagni wird er den neuen Aquädukt einweihen. Das Landvolk hat ihn überall mit Enthusiasmus aufgenommen. Vielleicht ist es die letzte Reise, die ein Papst als weltlicher Fürst in der schönen Domäne St. Peters macht. Ich bin jetzt wieder sehr tätig, versenkt in die lateinischen Schriften des Petrarca. Plötzliche Erkrankung Munchs, da die Familie eben im Abreisen war. Es scheint ein Sonnenstich; er kam aus dem Vatikan erhitzt und ließ sich an einer Fontaine des St. Peter den Kopf begießen. Zu Hause fiel er in Ohnmacht. Alle Glieder schmerzen.   Rom, 28. Mai Am 25. war Munch so weit hergestellt, daß er zum erstenmal ausfahren wollte. Die endliche Abreise nach Norwegen war festgestellt. Am Abend ging ich zu Frau Lindemann. Ich fand das Haus leer; die Dienerin sagte, alle seien zu Munch hinüber, welcher plötzlich in Ohnmacht gefallen sei. Ich eilte dort hin und holte Alertz. Der Kranke lag bewußtlos; Alertz verschrieb ein Medikament und ging fort. Nach einer halben Stunde war Munchs Zustand schlimmer. Ich holte Alertz von neuem. Wie wir kamen, war Munch schon tot. Welche Nacht in dem Hause! Die vier Töchter um die geisteskranke, auf dem Boden kauernde Mutter her – alles von einem einzigen Schlag zerschmettert, nach der Freude des Wiedersehens, im Begriff der Abreise. – Seither zwei schreckliche Tage. Wir begruben Munch gestern um 5 Uhr nachmittags an der Pyramide des Cestius. Dietrichson von Upsala hielt die Grabrede; dann sprach ich ein paar Worte und legte im Namen der deutschen Wissenschaft einen Lorbeerkranz auf den Sarg. Norwegen wird Munchs Kinder adoptieren; ein Telegramm kam gestern von der Regierung. Lindemann hat an den König von Schweden telegraphiert. Der einzige Sohn, Offizier in seinem Dienst, wird kommen. Munch wurde 52 Jahre alt. Seine ›Geschichte Norwegens‹ blieb unvollendet. Es sind von ihr innerhalb der Jahre 1852 und 1862 sieben starke Bände erschienen, reichend bis 1371. Dieser riesige Torso sichert ihm den Nachruhm in seinem Lande. Er war ein stattlicher und schöner Mann, lebhaft, fast unruhig, immer erregt. Sein Gedächtnis unglaublich stark; sein Wissen ungewöhnlich. Sein Naturell harmlos bis zur Kindlichkeit.   Rom, 7. Juni Munchs sind gefaßt. Der Sohn kommt in diesen Tagen. Der König von Schweden hat an die Witwe telegraphiert. Das Gras fängt an, auch über diesem Grab zu wachsen. Ich habe meine Arbeiten in der Vaticana wieder aufgenommen.   Rom, 17. Juni Am 13. kam Eduard Munch, Offizier in der Garde, vom König von Schweden abgeschickt, die Familie heimzuholen. Nur Julie war in der Stadt, die übrigen waren nach Frascati gefahren, wo sie der Konsul Marstaller in die Villa Piccolomini genommen hatte. Ich fuhr mit Lindemann am 14. des Morgens nach Frascati, den Bruder anzumelden, welcher nach ein paar Stunden kam. Sie reisen zu St. Johann. Ich habe meine Bibliothekarbeiten geschlossen, – die Hitze wird groß. Ich sehe jetzt alles durch, was ich an Material gesammelt habe, um eine Übersicht zu gewinnen. Vor einigen Tagen war ich nach Prima Porta gefahren, die Ausgrabungen zu sehen. Es ist das Lokal der Maxentiusschlacht. Dort auf dem Hügel über dem Fluß stand die Villa der Livia (ad Gallinas) ; im Mittelalter hieß der Ort Lubra. Man hat die Villa nur teilweise aufgefunden; ein Zimmer, blau gemalt, mit Landschaftsbildern, ist wohlerhalten. Die Statue des Augustus war schon nach Rom gebracht, wo ich sie im Atelier Teneranis sah, der mit ihrer Restauration beauftragt ist. Sie ist wahrhaft schön; die Reliefs auf dem Panzer von der feinsten Arbeit. Der Kopf herrlich, doch offenbar in den Rumpf eingesetzt, von dem er übrigens sich getrennt fand.   Rom, St. Johann Noch einige Tage verlebte ich mit Munchs. Die Anwesenheit des Bruders hatte Kraft gegeben, der Schmerz war milder geworden; der Sinn wurde durch die Zurüstungen zur Reise beschäftigt. Heute um 6 Uhr morgens fuhren wir alle hinaus auf die Station nach Civitavecchia. Sie reisten ab um 7 Uhr. Es waren merkwürdige und originelle Menschen; sie hatten alle etwas Harmloses und Kindliches im höchsten Grade, wie auch der Vater selbst. Ihr Wesen steckte noch in den Elementen, als hätten sie sich von den Naturmächten noch nicht losgemacht. Norwegen hat ein reiches Legat für Munchs Kinder gestiftet. Er konnte nicht schöner sterben als hier in Rom, auf der Höhe des Ruhms, geliebt von seiner Heimat, die er doch nur eben verlassen hatte. Die italienische Regierung geht energisch gegen den Klerus vor. Am 11. Juni wurde Arnaldi, Erzbischof von Spoleto, festgesetzt. Täglich werden Klöster aufgehoben. Am verwichenen Sonnabend erhielt ich Zutritt in das geheime Archiv des Kapitols. Der Sekretär ist Pompili Olivieri, Verfasser einer Geschichte des römischen Senats im Mittelalter; der Archivar ist der Advokat Vitte. Ich durchsah die Kataloge; ich fand wenig für meine Zwecke. Das meiste datiert vom Beginn des Saeculum XVI. Der Sacco di Roma hat dort aufgeräumt.   Rom, 7. Juli Ich reise morgen mit dem Schiff »Aunis« nach Genua. Im vorigen Jahre verließ ich Rom mit Widerwillen fast um dieselbe Zeit; diesmal bedrückt mich Gleichgültigkeit. Ich hoffe indeß den Moschusgeruch loszuwerden drüben in den Alpen. In München will ich einige Wochen arbeiten.   Brunnen am Vierwaldstätter See, 14. Juli Am 8. Juli des Morgens reiste ich von Rom ab; ich schiffte mich in Civitavecchia ein. Auf dem Schiff fand ich die Fürstin Carolath, die von Neapel kam. Ich brachte sie in Livorno ans Land. Hier besuchte ich die mir bekannten Familien. Das Haus des Predigers D. scheint ein Asyl für romantische Ehen, die er einsegnet, wie der Schmied von Gretna Green; ich fand dort eine junge Hamburgerin, eben verheiratet an einen schleswig-holsteinischen Abenteurer, welcher die Garibaldi-Expedition in Sizilien mitgemacht hatte, und von ihm betrogen und verlassen. Über Genua, wo ich von Morgen bis Mittag blieb, fuhr ich nach Turin, wo ich am 10. anlangte. Ich suchte Amari auf, fand ihn aber weder im Ministerium des öffentlichen Unterrichts noch im Parlamentsgebäude. Ich wohnte einer Sitzung der Kammer bei; am Ministertisch nur Venosta und Minghetti. Es handelte sich um die Besteuerung des mobilen Vermögens; der Finanzminister machte eine Kabinettsfrage daraus. Die Diskussion war ohne Lebhaftigkeit. Am Morgen des 11. kam Amari ins Hotel; leider konnte ich ihn nur einige Minuten sprechen, da ich schon im Begriff war, den Omnibus zu besteigen. Über Novara nach Arona, an den Lago Maggiore. Weiter bis Mogadino. Von Bellinzona um Mitternacht abgefahren. Morgens am 12. Ankunft in Airolo, dem letzten italienischen Ort, am Fuß des S. Gotthard, dann über den Berg. In Amsteg eine Probe von der Erziehung des Schweizervolks: ein Passagier und der Postillon prügelten sich sitzend, im Wagen, mit furchtbarem Barbarengeschrei in der schönen Landessprache. Am 13. des Morgens auf dem Dampfschiff nach Brunnen. Hier nahm ich Logis im Hôtel l'Aigle d'or. Etwa 50 Menschen speisten daselbst an einer langen Tafel, wo man eng zusammengepreßt sitzen muß. Es dünkte mich ein Gefängnis; ich ließ die letzten Gänge im Stich. Der Blick auf den See ist schön, aber beengt. Die Berge sind wüst und formlos. Die Gesellschaft (viele Berliner) ohne Reiz. Gestern ging ich nach Schwyz. Dieser ländliche Ort liegt schön im Grün zu Füßen des Mythensteins. Wandernde Trupps von Schülern mit ihren Lehrern; einer trägt die rote Kantonsfahne vorauf. Auch auf dem Lago Maggiore nahm das Schiff eine solche Schar auf; sie war aus Granson, der Führer ein alter Pedant, mit einem dicken Alpenstock, immer heiter und vergnügt. Ich sehe alles mit Gleichgültigkeit und bewege mich nur, weil die Bewegung gut ist. Auch sind es nur neun Monate, daß ich die Schweiz verlassen habe.   Hotel Witrig, Dachsen, am Rheinfall, 23. Juli Am 16. von Luzern nach Basel. Von Olten ab waren die Bahnhöfe wegen des Schützenfests in La Chauxdefonds mit Emblemen und Nationalfahnen verziert. Ich sah auch den deutschen Reichsadler und die deutschen Farben an jeder Station, zur Begrüßung der deutschen Schützen. Eine Inschrift sagte irgendwo: Freiheit den Völkern und ihrem Verkehr, Keine Despoten und Zollschranken mehr. Abends in Basel. Ich ging zum Münster hinauf, welches noch einige Teile romanischen Stils besitzt. Das Museum daselbst bewahrt Andenken an Erasmus, Überreste von Holbeins Totentanz, Fresken aus der ehemaligen Franziskanerkirche. Die Schweizer haben einen besonderen Sinn für diese tristen Gegenstände. In mehreren Kirchen hier zu Lande sah ich die Heiligen als Gerippe über den Altären sitzen, in prachtvolle goldgestickte Gewänder gehüllt. Nichts Sehenswertes sonst in dieser grauen, monotonen Stadt. Am 17. auf der neuen badischen Eisenbahn, über Waldshut, nach dem Rheinfall beim Schloß Lauffen. Ich wollte weiter nach Konstanz; aber die Einsamkeit der Station Dachsen reizte mich. Ich blieb diese Tage über hier, zehn Minuten vom Rheinfall, eine halbe Stunde von Schaffhausen entfernt. Nach dieser Stadt gehe ich in der Regel morgens. Sie liegt sehr schön am Rhein, in Laub und Weinreben. Die Statue Johannes von Müllers ist oben auf dem Spaziergang aufgestellt, in einer parkartigen Anlage. Sehenswert ist der Munoth, ein Kastell aus Saeculum XVI, ein Rundturm, wie jener der Caecilia Metella und vielleicht nach ihrem Muster gebaut. Gestern ging ich über den Rhein in das Badische, nach Rheinau, ein altes, von den ersten Welfen gegründetes Benediktinerkloster, welches die Züricher Regierung im vorigen Jahr aufgehoben hat. Nur zehn Mönche sind hier übrig geblieben, Elentiere oder Elendtiere einer aussterbenden Zivilisation. Die Schweiz bietet im Sommer den Anblick eines ewigen Festes dar; alle Welt ist auf Vergnügungsreisen. Hierher kommen täglich Hunderte, den Rheinfall zu sehen; ganze Schulen reisen; vorgestern hielt eine wandernde Schule, 380 Mädchen und Knaben, ein Fest. Sie singen nicht, sie johlen oder brüllen; sie schmausen nicht, sie verschlingen. Gestern kamen die Züricher Eisenbahnbeamten und Arbeiter, 400 Mann stark, anjubiliert. Täglich brausen an mein Fenster zehn Bahnzüge heran. Ich habe hier acht Tage schöner Ruhe verlebt. Acht lyrische Gedichte sind die Frucht davon. Der Rhein, die Rebenberge, die friedlichen Dörfer und ihre freundlichen Menschen, all dies versetzte mein Gemüt in eine dichterische Stimmung.   Konstanz, 25. Juli Gestern nach Konstanz. Ich stieg ab in Hohentwiel, um jenen isolierten Berg nebst Burg zu sehen. Der schlechte Bau der Feste ist vielleicht aus Huttens Zeit, der hier im Exil lebte. Der Berg, ein häßlich unförmlicher Kegel von Basalt, bietet eine weite und schöne Aussicht dar. Alles Land ist hier katholisch. Im Regen weiter nach Konstanz, wo ich um 4 Uhr nachmittags eintraf. Die Stadt liegt schön am See, der eine große und träumerische Fläche darbietet. Pappeln und andere Bäume umher; altdeutsche Bauart, oft häßlich; dann Häuser wie aus Papier. Ich sah den Konziliensaal, wo Martin V. gewählt wurde. Der Saal ganz modern, von Holz, zeigte noch seine Zurüstung zum Einweihungsfest der badischen Seebahn. Wappen badischer und schweizerischer Städte an den Wänden. Oben bewahrt das Museum einige auf Huß und noch ältere Epochen bezügliche Antiquitäten. Zwei kindische Wachspuppen stellen Huß und Hieronymus dar. Alte Schilde von Kreuzfahrern, sehenswert; einige historische Porträts; römische Altertümer, Bronzen, Münzen; heidnische Idole der Konstanzer Vorzeit. Einige alte Drucke; das Meßbuch Martins V.; der Sessel, in dem beim Konzil der Kaiser Sigismund gesessen. Im Brühl vor der Stadt bezeichnet ein im Jahr 1862 gesetzter Stein die Ruhestätte des Huß. Das Denkmal ist gut und passend; zuerst ein Steinhaufen, umschlungen von Efeu, darüber ein kolossaler Block, worauf nur der Name Johannes Huß, gestorben 6. (14.) Juli 1415; auf der andern Seite in gleicher Weise die Erinnerung an Hieronymus von Prag.   München (Max Josephstraße Nr. 1), den 7. August Am 26. Juli von Konstanz nach Lindau; von dort nach München, wo ich im strömenden Regen abends eintraf. Da man ein Schützenfest hielt, konnte ich schwer unterkommen. Man nahm mich im Bayerischen Hof auf, sodann mietete ich am 29. ein Privatlogis, nicht weit von den Propyläen. Ich besuchte Giesebrecht, mit dem ich in den ersten Tagen sehr angenehme Stunden zubrachte. Er sagte mir, daß der König mich in München plazieren wolle, und ich erklärte, daß ich nichts annehme und in keinem Fall mich in den Dienst einer privaten Gnade begeben wolle. Da nun der König gewünscht hatte, mich zu sehen, so zeigte ich seinem Generaladjutanten, dem Herrn von Spruner, meine Anwesenheit an. Am 3. August wurde ich ins Schloß Nymphenburg beschieden. Der liebenswürdige König empfing mich allein. Er sieht nervös und leidend aus, hat etwas Timides. Wir hatten nur ein wissenschaftliches Gespräch, zumal über die Stadt Rom. Er sagte mir, daß er im Winter nach Rom kommen werde, und beim Abschied, daß er wünsche, mit mir sehr nahe bekannt zu werden. Ich war nie in irgendeinem Dienst. Meine Natur erträgt das nicht. Ich verdanke alles mir selbst, und ich will frei bleiben; diese Unabhängigkeit ist mein einziges Gut. Schack sah ich nur flüchtig, er reiste nach Genf ab; Giesebrecht nach Reichenhall. Auf der Bibliothek arbeite ich alle Tage von 9–12 Uhr. Konstantin Höfler von Prag suchte mich dort auf. Ich besuchte Döllinger; er ist ein feiner, kalter, trockner Mann, der sich mit Klugheit ausspricht. Er anerkannte die vorurteilsfreie Stellung meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹. Im Theater sah ich ›Donna Diana‹ von Moreto.   München, 17. August Einsame Tage, da fast alles draußen ist, auch Döllinger, bei welchem ich zu Tische war, nebst den zünftigen Historikern Höfler, Professor Ficker aus Innsbruck, Professor Cornelius von hier. Höfler machte Invektiven gegen Preußen, welches er zu hassen scheint. Es war eben die Einladung des Kaisers von Österreich zum Fürstentag ausgegangen, welche auch München aufregte. Ich traf bei Charles Boner Julius Fröbel, den ich noch nie gesehen hatte. Fröbel ging, vom Fürstentag begeistert, nach demselben Frankfurt, wo er vor 15 Jahren den Umsturz der Fürsten gepredigt hatte. Er sprach sich voll Unwillen über die nationalen Bestrebungen der Polen und selbst der Italiener aus. Fröbel! – Ich stellte gegen seine Politik die Hoffnung hin, daß Italien doch einmal in den Besitz Venedigs kommen werde, welches ihm gehöre. Fröbel hat in Österreich eine offiziöse Stellung. Man will ihm in Wien sehr wohl, obgleich er dort der K.K. Hofdemokrat heißt. Er sieht, wie es scheint, aufrichtig in Österreich das Heil und den Anker Deutschlands. Welcher Irrtum in einem sonst so klaren und durch das Leben gebildeten Geist! Seine Persönlichkeit ist männlich und schön. Am 14. kam der Kaiser Franz Joseph auf seiner Fahrt zum Fürstentage hier durch. Das Volk akklamierte, wenn auch ohne Begeisterung. Gestern kam der König von Preußen, nach Baden-Baden durchfahrend – man empfing ihn mit tiefstem Stillschweigen – er fuhr entblößten Hauptes eine Zeitlang. Die Junkerwirtschaft hat Preußen noch verhaßter gemacht – es steht auch in Deutschland allein.   Reichenhall 1. September Am 30. August schloß ich meine Arbeiten auf der Münchner Bibliothek. Ich sah im National-Theater die Oper ›Faust‹ von Gounod. Gretchen, Fräulein Stehle, vollendet und hinreißend. Mephistopheles, Kindermann, nicht minder ausgezeichnet. Faust, mittelmäßig. Die Oper, deren Musik nicht genial ist, zeigt, was ein bedeutendes Sujet wirkt. Die Dekorationen, besonders in der Gartenszene bei Mondschein, von feenhafter Schönheit. Bei Cornelius, dem Professor der Geschichte, gewesen. Die Münchner Professoren scheinen noch immer stark päpstlich gesinnt; sie wollen von dem Sturz des Dominium Temporale nichts wissen. Gestern fuhr ich nach Reichenhall; zufällig traf ich auf der Eisenbahn mit Professor Unger aus Wien zusammen, und wir plauderten bis Teisendorf, wo wir uns trennten. Ich traf Giesebrecht und seine Frau zu Hause. Wir machten einen Spaziergang nach dem Thumsee. Abends prachtvolles Gewitter, dann strömender Regen.   Salzburg, 4. September Am 3. September fuhr ich nach Berchtesgaden. Dieser Ort ist entzückend durch seine Lage in einem reichen und schönen Bergtal unter dem Watzmann. Tiefdunkle Berge, tiefes, saftiges Grün, schwermütige und ernste Farben, alles groß, fest und heldenmäßig. Ich ging nach dem Königssee, und fuhr auf ihm bis S. Bartolomä. Mittags nach Berchtesgaden zurückgekehrt, suchte ich Carl Hegel auf, den Sohn des Philosophen, Professor in Erlangen, und bekannt durch sein treffliches Werk über die Verfassung der Städte Italiens. Er ist ein Fünfziger, schon ergraut, ein feiner und ruhiger Mann, schöner und bedeutender Kopf; er soll seinem Vater gleichsehen. Ich verlebte mit Hegel lebhafte Stunden, da wir miteinander Berührungspunkte genug haben. Er zeigte sich freisinnig, sowohl in der deutschen wie italienischen Sache. Er verdammte die an Unfreiheit streifende Farblosigkeit Giesebrechts, welcher gleich von vornherein in München sich auf die Seite der Ultramontanen geneigt habe. Gestern fuhr ich mit Giesebrecht und seiner Frau hieher. Giesebrecht zeigte mir den mythischen Birnbaum auf dem Walserfelde, unter dem Untersberge. Salzburg ist so ganz italienisch gebaut, daß ich mich in Spoleto zu befinden glaubte. Die alten Fürstbischöfe standen in lebhaftem Verkehr mit Rom; eine italienische Welle schlug von dort herüber. Es ist Jesuiten-Stil vom Anfang Saeculum XVII. Der berühmteste Architekt in Salzburg war ein Italiener, Solaro. Die Lage ist unvergleichlich. Ich sah nichts Schöneres in Deutschland. Dies ist der einzige Fleck deutscher Erde, welcher ideale südliche Formen hat. In dem nur ¼ Stunde entfernten Schloß Leopoldskron wohnt jetzt der König Ludwig und der vom Thron gestürzte Otto von Griechenland. Mozarts Bildsäule von Schwanthaler ist einfach und schön. In der Franziskanerkirche liegt Haydn begraben und hat Neukomm eine Gedenktafel; in der Stephanskirche ist das Grabmal des Paracelsus. Es liegen 400 Mann ungarischer Husaren und Kroaten hier. Die Stadt ist erfüllt von den Frankfurter Ereignissen. Man schwärmt für die »Große Tat« des Kaisers, welcher heute in Wien ankam und einen prachtvollen Triumph des Empfangs feierte. München, 9. September Am 5. September kam ich hierher zurück. Die Stadt war ausgeflaggt, weil man tags zuvor den von Frankfurt zurückkehrenden König festlich empfangen hatte. Ich arbeitete noch auf der Bibliothek, wo ich heute abschloß. Gestern zum Abendessen bei Professor Cornelius, wo auch Balzer aus Breslau war, mir von Rom her bekannt; vorher zu Mittag bei Charles Boner. Der Major von Wirsing kam aus Gastein zurück. Ich gehe morgen nach Heyden in die Schweiz. Ungern verlasse ich das Vaterland.   Heyden, 12. September Am 10. früh nach Augsburg. Gisela von Arnim hatte mich in München auf ein Bild Leonardos aufmerksam gemacht, das in Augsburg sei. Ich besuchte daher die städtische Galerie. Der Direktor Eigner führte mich darin umher – schöne Bilder aus der altdeutschen Schule, obwohl stark restauriert. Das Bild von Leonardo (?), ein Frauenkopf, wunderbar dämonisch, wie eine Medusa Rondanini – plastisch, wie gemeißelt. Ich nächtigte in Lindau. Gestern kam ich hier an und wurde mit gewohnter Herzlichkeit empfangen. Gräfe ist auch hier. Es war mir belehrend, aus dem Munde Thiles, des jetzigen Unterstaatssekretärs, manches über die Zustände in Preußen zu vernehmen. Auch er schildert die Lage als trostlos; er ist keineswegs ein völliger Anhänger der Bismarckischen Politik, dessen junkerhaften Hochmut er tadelt, wie die Fehler seiner Regierung. Er meint, die Kammer würde ganz liberal ausfallen. Die Pietät gegen die Dynastie sei geschwunden; das monarchische Prinzip, wie überall, in Gefahr; das Zerwürfnis zwischen König und Kronprinz ein Faktum; die von dem letzteren geschriebenen Briefe an seinen Vater, welche indiskreterweise veröffentlicht wurden, seien authentisch, wenn auch nicht dem Wortlaut gemäß wiedergegeben. Der Kaiser von Österreich habe den König Wilhelm in Gastein wirklich überrumpelt, und der König sei nahe daran gewesen, nach Frankfurt zu gehen.   Mailand, 16. September Am 14. nach Chur. Auf der Station Sargans machte ich die Bekanntschaft Berthold Auerbachs, welcher mit der Fürstin von Hohenzollern und einem Schwarm von anderen Leuten nach Ragaz fuhr. Auerbach ist ein kleiner, dicker Mann von auffallend jüdischen Manieren. Seine Augen sind groß und klug, sein Benehmen von gesuchter Natürlichkeit. Wir sprachen 25 Minuten miteinander, während er eine Unmasse von Pflaumen aus der Tasche aß. In Chur blieb ich die Nacht. Am 15. morgens auf der Via Mala. Die Nacht durchgefahren über Chiavenna und den Comersee. In Colico, schlaftrunken auf das Schiff steigend, sah ich die Brücke nicht, sondern taumelte gerade nach dem Wasser hin; ich hätte den Tod des Fiesco gefunden, wenn mich nicht ein großer Offizier plötzlich mit den Armen umschlungen hätte. Mille grazie! – Niente, Signor . – Ich sah meinen Retter nicht wieder. Es war wie ein Zustand im Traum. Angekommen in Mailand um 8 Uhr morgens am heutigen Tag. Das große Leben dieser prächtigen Stadt faßte mich gleich wieder, wie die italienischen Laute und die edle Schönheit der Rasse. Ich eilte nach der Ambrosiana, wo ich Henzen an Inschriften sitzen fand; ich sah mit Entzücken die Galerie und die Brera, wo eine Bilder-Ausstellung war. Ich beschloß den Tag in S. Ambrosio.   Bologna, 20. September Am 17. fuhr ich nach Parma, um die Bildergalerie wiederzusehen. Parma macht den Eindruck tiefster Verrottung. Auf der Bibliothek war Odorici abwesend, welcher jetzt in die Stelle des Angelo Pezzana getreten ist. Nachmittags weiter nach Bologna. Ich fand Briefe Amaris auf der Post, die mich an den Grafen Carlo Pepoli empfahlen, den Syndikus Bolognas, Vetter des jetzigen Gesandten in Petersburg. Ich stellte mich ihm vor im Palast der Kommune und wurde von ihm freundlich aufgenommen. Der Graf ließ den Bibliothekar Frati vom Arciginnasio rufen, der mich in das Archivio publico im Palazzo del Podestà einführte, wo einst König Enzius gefangen saß. Aldini ist dort Konservator. Man gab mir unumschränkte Freiheit, und ich arbeite dort seit vorgestern. In einem großen Saal sind Berge von Dokumenten aufgehäuft, ungeordnet und dem Staub überlassen. Dagegen sind die Notariats-Akten der späteren Epoche, wie überall in Italien, trefflich gehalten. Unter dem Regiment der Päpste hätte man mir nimmer diese Freiheit gestattet; jetzt ist alles der Forschung zugänglich. Trefflich ist die Einrichtung des Arciginnasio, wo die öffentliche Bibliothek der Stadt in schönen Räumen aufgestellt ist. Man vergrößert dies Institut und will dort Archive und Museen vereinigen. Was Bologna für ein Vermögen besaß ersieht man aus den alten Gebäuden und den Kirchen. Rom hat keine Paläste früher Jahrhunderte, die den hiesigen gleichkommen. Die Häuser der bolognesischen Nobili waren förmliche Kastelle, so der Palast Pepoli, ein riesiger Bau; noch sind viele kreneliert. Ein ernstes, großes, gediegenes Wesen überall; mannhaftester Geist des Bürgerstandes, geadelt durch das Wissen, den wahren Grund der Libertas! Der Papst hat keine Aussicht, diese Perle seines Dominiums wieder zu erhalten. Bologna ist stark befestigt. Als Zentrum dreier großer Eisenbahnlinien hat es eine Zukunft vor sich. Monteremolo ist hier Präfekt und Cialdini Kommandant der Division. Ich lernte Michelangelo Gualandi kennen, einen namhaften Antiquar. Heute nachmittag fahre ich zum Grafen Gozzadini zu Tisch nach einer Villa in Sasso.   Bologna, 21. September Auf der Fahrt nach Sasso traf ich mit Graf Gamba zusammen, welcher auch zu Gozzadini fuhr. Dieser empfing uns auf der Station; wir fuhren nach dem Landhaus. Ich verlebte zwei herrliche Stunden mit diesen ausgezeichneten Menschen aus dem berühmten bologneser Geschlecht. Die Gräfin sieht geistreich aus, spricht viel und lebhaft. Wir sprachen von Perez, und die ganze Liebe zu diesem Verlorenen wurde wieder in mir wach. Ich arbeite im Archiv – viele Pergamente, elendiglich gehalten, Mottenbeute. Ich habe noch nie so viel in Staub gewühlt; ich war von ihm bedeckt wie ein Maurer. Mich ekelte; die Muse sträubte sich in mir. »Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!« – Das Volk hier ist voll Verachtung gegen das alte Pfaffenregiment. Doch die hiesigen Priester halten wie eine Kette zusammen und intrigieren, wo immer sie können. Man richtet viele Primärschulen ein. Die Konskription geht besser vonstatten.   22. September Ich habe im Archiv merkwürdige Sachen durchgesehen. Dabei dachte ich in jenen Räumen an König Enzius, und mir war es, als wenn sein Geist vor mir stand und mir mit trauriger Ironie zusah. Was muß er gefühlt haben, als zu ihm nach und nach die Kunde vom Tode des Vaters, von dem Konrads IV., vom Fall Manfreds und Konradins in seinen Kerker drang! Es ist unglaublich, in welchem Zustand man das köstliche Material hier den Motten preisgibt. Ich schreibe dieserhalb an den Minister nach Turin. Mich suchte heute Herr Vital auf, ein reicher hier ansässiger Schweizer, um mir für ›Korsika‹ zu danken, was er herzlich und warm tat. Dieser Mann sagte mir manches über die hiesigen kirchlichen Verhältnisse. Die Schweizer in Bologna, Reggio und Modena haben eine protestantische Gemeinde gestiftet, deren Zentrum Bologna ist. Sie versammeln sich zum Gottesdienst im Palast Bentivoglio. Sie unterhalten ihren Prediger und setzen ihn ab, wenn er mißfällt, wie in der Schweiz. Die reformierte Kirche in Italien suchten die Waldenser, die ihren Hauptsitz in Turin haben, zu beherrschen; sie schickten auch den ersten reformierten Prediger nach Bologna, welchen Detroit von Livorno hier einführte. Hinter den Waldensern steht die evangelische Mission in England, welche Geld und Bibeln hergibt. Die Schweizer in Bologna, Modena und Reggio wollen sich von den Waldensern frei machen, um nicht in Turin einen Ober-Episkopat aufkommen zu lassen. Außerdem gibt es hier eine akatholische Gemeinde, aus National-Italienern bestehend; sie nennt sich evangelisch und ist eine späte Fortsetzung der häretischen Kirche Italiens, wie sie schon im 12. Jahrhundert entstand. Die Waldenser sind auch hier das Mittelglied. Von höheren Ständen ist niemand übergetreten. Nur in den bürgerlichen Schichten gibt es Konvertiten. Man zählt deren 300–400; stärker ist die Gemeinde in Livorno und Florenz. Den Armen lockte das Evangelium, welches ihm neu ist; außerdem die Befreiung vom Beichtzwang, von häuslichen Visitationen und Abgaben mancherlei Art. Andere treibt der Priesterhaß in das reformierte Lager. Große Eroberungen wird der Protestantismus trotzdem hier nicht machen.   24. September Gestern zu Tisch bei Herrn Vital vor der Porta. S. Isaya auf seinem Landhaus. Er sprach vortrefflich über den Charakter der Italiener. Er führte mich in den Campo Santo, eine herrliche Anlage, welche der Stadt Ehre macht. Ich verabschiedete mich heute vom Grafen Pepoli im Palast des Senats. Er erzählte mir von seiner Gefangenschaft in Venedig, von seinem Exil in London, wo er Bunsen kennengelernt hatte, von seiner Tätigkeit zur Hebung der Stadt. Er ist voll Hoffnung, und überhaupt ist es eine Freude, das Streben aller zu sehen, aus Bologna so viel sie vermögen herauszubilden. Ich habe hier großes Wohlwollen erfahren und verlasse diese berühmte Stadt mit warmen Wünschen. Auf ihren Mauern steht das schönste Wort des Altertums: Libertas! Libertas!   Ravenna, 25., 26. September Spada d'Oro Kleine, moderne Häuser, tote Straßen – überall Kirchen, äußerlich unscheinbar, innen reich an Monumenten byzantinischer und gotischer Zeit. Für Geschichte und Kunst sind hier staunenswerte Schätze. Graf Pepoli hatte mich an den Conte Alessandro Cappi empfohlen, Direktor des hiesigen Museums und Bibliothekar der Stadt. Der schöne, ältliche Herr führte mich in das Archiv des Erzbistums. Hier ist noch viel zu gewinnen, für später. Alles ist mir zugänglich. Florenz, 28. September Fontana Am 27. nächtigte ich noch in Bologna und fuhr gestern früh nach Vergato, denn bis dorthin ist die Bahn fertig. Bis Pistoia sechs Stunden mit der Post, sanfte Steigung am Reno entlang; die Höhe heißt Collina; von hier herrlicher Blick auf Toscana. In Florenz angelangt gestern um 4 Uhr. Sabatiers sind hier. Ich lernte bei ihnen Tommaso Gar kennen, den Freund Manins; er geht nach Neapel als Bibliothekar. Ich war nur einmal auf der Villa und blieb dort die Nacht von Montag auf Dienstag. Alle Bekannte gesehen, bis auf den armen Bonaini, welcher im Irrenhaus zu Perugia geheilt werden soll. Siena, Albergo della Scala, 4. Oktober Am 30. September fuhr ich von Florenz hierher. Folgenden Tags begann ich meine Arbeiten auf dem Archiv in der Präfektur. Amari hatte mich von Turin aus empfohlen. Große Ausbeute. Hier ist Archivar Polidori und unter ihm Banchi. Ich arbeite von 9–3 Uhr. Die Abende sind lang, die Stadt tot, und ohne Kultur. Die herrlichen Sodomas gesehen in S. Domenico und im Stadthaus, wo auch schöne Fresken von Taddeo di Bartolo und von Simon Martini. Heute im Dom die Fresken Pinturicchios, welche die Geschichte Pius' II. darstellen. Siena enttäuschte mich; ich hielt die Stadt für graziös. Sie ist eng und finster gebaut wie Bologna. Kein Lebensprinzip hier. Alle Mittelstädte Italiens verrotten; die Eisenbahn schafft nur große Zentren; sie erwürgt die kleineren Städte. Bald sind es drei volle Monate, daß ich dies zerstückte und kostspielige Wanderleben führe. Ich sehne mich nach Ruhe.   Siena, 7. Oktober Ich habe hier viele Ausbeute gehabt. Einige angenehme Stunden mit Filippo Polidori, einem Mann noch aus Perticaris und Montis Schule. Sonst furchtbare Öde des Lebens. Morgen gehe ich nach Orvieto.   Orvieto, 9. Oktober Gestern über Chiusi nach Ficulle; von dort mit Post vier Stunden lang nach Orvieto, wo ich um 6 Uhr abends eintraf. Gaetano Milanesi von Florenz hatte mich an einen hiesigen Edelmann Leandro Mazzochi empfohlen. Derselbe kam heute zu mir und führte mich zum Syndikus der Stadt, Herrn Razza; aber dessen Ausflüchte zeigten mir, daß mir das Archiv würde verschlossen bleiben. Ich habe darauf verzichtet, und fahre noch des Abends nach Rom, wenn ich einen Platz finde. Orvieto hat heute nur 9000 Einwohner. Mazzochi führte mich in das Theater, welches jetzt gebaut wird. Dies ist das einzige Lebenszeichen der Gegenwart, welches die Stadt aufweist. 40 Aktionäre haben jeder 1000 Scudi hergegeben, das Munizipium 10 000. Das Theater soll Anno 1865 eröffnet werden. Orvieto ist voll von Gebäuden aus dem höchsten Mittelalter. Ich sah heute deren um S. Domenico, welche mindestens 6–700 Jahre alt sein müssen. Alles aus kleinen rötlichen Kalksteinquadern gebaut; alles verrottet, Kirchen, Paläste, Türme, so besonders der alte Palast des Podestà. Man will hier nichts mehr vom Papst wissen. Auf dem alten Gefängnisturm prangt jedoch eine Tafel, welche der ersten Amnestie Pius' IX. vom Jahre 1846 gewidmet ist. Die Stadt hat keine Industrie. Sie zieht nur den berühmten weißen Wein. Sie scheint sehr arm. Wie bedaure ich, daß ich mir nicht Briefe von Turin geben ließ. Ein Befehl des Ministers des Innern hätte den Herrn Syndikus beweglich gemacht.   Orvieto, 10. Oktober Der Syndikus öffnete mir heute das Archiv des Stadthauses. Er hatte sich geschämt, es mir zu zeigen, weil es in unbeschreiblicher Verwirrung sich befindet. Ich habe nie ein ähnliches Chaos gesehen. Das kostbarste Material, Regesten aus der Zeit des Albornoz, Bullen, hunderte von Pergamenten verfaulen hier; ebenso die libri condemnationum et absolutionum mehrerer Podestà aus Saeculum XIII. Nur eine Reihe von Bullen und glücklicherweise die vielen Bände der Deliberationes cosilii (von 1295 bis in's XVI. Saeculum) hat vor etwa 20 Jahren der Marchese Gualterio geordnet. Ich habe einiges kopiert (zwei Briefe des Königs Ladislaus und der Königin Johanna II.); am Ende dankte ich dem Syndikus herzlich, beschwor ihn aber, dies Archiv zu retten, was er versprach. Ich habe an den Minister Amari einen energischen Brief nach Turin abgehen lassen, betreffend die Mißhandlung des Gemeindearchivs von Bologna und den Ruin des Grabmals Theoderichs in Ravenna. Vielleicht fruchtet dies. Hierher müßte ich zurückkehren; die grenzenlose Verwirrung läßt jetzt nur ein Hineingreifen auf gut Glück zu. Ich fand heute eine Römerin, welche vor zwei Monaten der Polizei Merodes entflohen war und zu Fuß den Weg bis hierher machte. Sie hatte einen Liberalen in ihrem Hause beherbergt.   Rom, 14. Oktober Am 11. fuhr ich auf einem kleinen Wagen von Orvieto über Montefiascone nach Viterbo. Ich nächtigte dort in der Aquila nera. Am 12. weiter über Vetralla und Monte Romano nach Civitavecchia. Strömender Regen, wie Sintflut. Wir konnten nicht über den Mignone, welcher ausgetreten war. Wir kehrten um, nach Corneto, welches wir um 5 Uhr erreichten. So führte mich der Zufall in diese Stadt, die ich immer zu besuchen wünschte. Ich stieg ab im großen Palast des Kardinal Vitelleschi, worin jetzt eine Locanda eingerichtet ist. Viel französisches Volk lag darin. Ich suchte den Grafen Falzacappa auf, den Freund Ballantis und Sernys, und traf ihn beim Apotheker, wo die Reunion der Cornetaner Gesellschaft zu sein scheint, wie in ›Hermann und Dorothea‹. Er versprach mir den Codex der Margherita Cornetana zum Kopieren zu geben, sobald er nach Rom komme. Damit würde ich einen großen Erfolg erzielen und so den Zufall preisen können, welcher mich nach Corneto verschlug. Am Morgen des 13. fuhr ich nach Civitavecchia ab; eben waren Wagen des Königs von Bayern in Corneto angelangt, denn dieser war durch Seesturm an jene Küsten verschlagen worden. Der Fluß hatte sich verlaufen, wir kamen schon um 9 Uhr nach Civitavecchia. Die Kanonen donnerten im Kastell, den König zu salutieren, welcher eben sich ausschiffte. Der Zufall fügte es, daß ich mit ihm in demselben Bahnzug nach Rom einfuhr. Als ich an der Pyramide des Cestius vorüberkam, gedachte ich Munchs – wenige Monate sind verflossen, seit ich dort an seinem Sarge stand. Die Seinigen sind schon in Norwegen eingewohnt, und ich selbst sauste mit dem Dampfzug vorbei. Der König wurde beim Aussteigen von den Bourbons begrüßt. Er eilte auf die unglückliche Königin Maria zu; sie sieht bleich und schön aus und hustet wie eine Schwindsüchtige. Er führte sie am Arm an ihren Wagen. Ich beobachtete ihn aus der Ferne; vor wenig Wochen sah ich ihn im Schloß Nymphenburg und zuletzt neben dem Kaiser von Österreich in München, als dieser zum Fürstentage fuhr. Ich erreichte Rom gestern um 12 ½ Uhr. Ich habe jetzt schon alles wieder geordnet, meine Manuskripte (welche im Archiv der Gesandtschaft lagen und ganz feucht geworden sind) über die Zimmer zum Trocknen ausgebreitet und fange morgen die ewige Mühe in der ewigen Stadt wieder an.   Rom, 1. November Ich habe die Arbeiten im Kapitolinischen Archiv wieder aufgenommen und einen schönen Fund gemacht. Olivieri Pompilio gab mir Kunde von der Existenz eines alten Codex der Statuten der Kaufleute Roms. Mit Hilfe Ballantis glückte es mir dahinterzukommen. Der Sekretär des Archivs jener Zunft, Giovanni Rigacci, war bereit, mir diesen Schatz zur Benützung zu geben. Dies einzige alte Statut römischer Zünfte, welches erhalten ist, beginnt mit 1319 und reicht bis 1717. In den Morgenstunden arbeite ich im Hause Rigaccis mit großer Leidenschaft. Morgen beginne ich den fünften Band niederzuschreiben. Es kamen hier schon viele Fremde an. Auch Herr von Fahrenheid und von Salpius. Alle Gewalt ist jetzt in den Händen des Fanatikers Merode. Antonelli hat nur die diplomatischen Geschäfte behalten. Der französische Gesandte Latour d'Auvergne verläßt Rom; seine Stelle nimmt Sartiges ein, vordem Minister in Turin. Es sind wundertätige Marienbilder, welche die Augen verdrehen, aufgetaucht. So in Vicovaro, in Rom selbst in S. Maria di Monticelli. Man wagte es indeß nicht, hier dieses Mirakelstück in Szene zu setzen; vielleicht aus Scham vor dem König von Bayern, dessen Anwesenheit übrigens heilsam sein könnte. Der König ist krank; er hält sich ganz zurückgezogen.   Rom, 22. November Angestrengt und gut am Bande V gearbeitet; fast zwei Kapitel niedergeschrieben. Die Tage schön und sonnig. Gestern kam Frau Grunelius. Mittwochs Soireen beim Gesandten. Dort lernte ich den General von der Tann kennen. Die Aufforderung Napoleons zum Kongreß hat großes Mißfallen im Vatikan erregt. Man wird einen Kongreß nicht beschicken, welchen Napoleon mit der Erklärung einleitet, daß die Verträge von 1815 aufgehört haben. Als eben ein erlogenes Telegramm die Nachricht brachte, daß Napoleon dem Papst die Präsidentschaft angetragen habe, bewies der ›Osservatore Romano‹, daß der Papst der von Gott berufene Schiedsrichter der Könige und Völker und alles Unheil über die Welt nur dadurch gekommen sei, daß man sein Tribunal verleugnet habe. Ich sah heute an der Eisenbahnbrücke die Trümmer der Waggons aus dem Fluß heben, welche dort (10 an der Zahl) vor kurzem hinabstürzten. Die Fahrt für Schiffe ist noch gehemmt. Auch die neuen Tabaksfabriken in Trastevere besuchte ich. Sie haben drei Höfe mit doppelten Hallen; Durchmesser von 480 Fuß. Der Papst hat Geld vollauf.   Rom, 20. Dezember Ich habe das vierte Kapitel des Bandes V beendigt. Die schleswig-holsteinischen Aufregungen hatten auch mich ergriffen, doch mit wenig Hoffnung blickte ich auf das verworrene Vaterland. Es wäre jetzt der günstigte Augenblick für Deutschland, sich zur Macht zu gestalten – geht er vorüber, so sinken wir für lange Zeit in den politischen Tod zurück. Der König Max wurde von seinem Lande zur Rückkehr aufgefordert und verließ Rom sofort, vor 14 Tagen. Kurz vor seiner Abreise war ich bei ihm in der Villa Malta zu Tisch; auch Reumont war dort und Wendtland aus Paris. Der König sagte mir viel Schönes über die ›Geschichte der Stadt Rom‹. Er bedauerte, Rom verlassen zu müssen, wo er sich für den ganzen Winter eingerichtet hatte. Der Papst hat die Aufforderung zum Kongreß angenommen. Sein Brief wird von der klerikalen Presse als ein Meisterstück gepriesen. Die Kirche erinnert sich daran, daß sie einst das hohe Tribunal und Schiedsgericht der streitenden Menschheit war. Sie möchte wieder der Schwerpunkt in ihr sein, indeß diese Epoche ist abgelaufen. Aus diesen verrottenden Zuständen wird sich die Welt wohl nur durch einen Krieg befreien. Man hat den Plan, im vatikanischen Feld des Nero eine neue Stadt zu bauen. Er geht von neapolitanischen Emigranten, dem Grafen Trani und dem Prinzen della Rocca, einem Abenteurer, aus. Das mittelalterliche Rom verschwindet mehr und mehr. San Lorenzo wird von Grund aus hergestellt.   Rom, 31. Dezember Vor einigen Tagen haben die Franzosen in Albano 24 päpstliche Carabinieri, Belgier, die Exzesse begingen, nach Castelgandolfo verfolgt, 2 totgeschossen und 7 verwundet. Der dortige Colonel hat den Kapitän dafür belobt. Merode ist nach Castelgandolfo gefahren, den Exequien dieser Elenden beizuwohnen, als seien sie auf dem Feld der Ehre gefallen. Merode ist noch mächtig; er beherrscht das Zentrum der Legitimisten und macht die Geldquellen nach Rom fließen. Deshalb hat er beide Schlüssel zum Herzen Pius' IX. Die wahren Freunde des Papsttums haben Antonelli gebeten, seine Entlassung nicht einzureichen, weil dann alles kopfüber ginge. Der Papst hat 5 Bischofstühle in den ehemaligen Provinzen des Kirchenstaats besetzt, darunter Bologna, wozu er den Dominikaner-General Guidi ernannte – alles in partibus infidelium oder rebellantium . Es kam zu mir Herr Plattnauer, Flüchtling aus London, mit zwei jungen Lords Downshire. Heute, am Schluß des Jahres, bin ich bis Anno 1243 der ›Geschichte‹ vorgerückt. 1864 Rom, 24. Januar Das neue Jahr begann mit einem Wolkenbruch, dann trat klarer Frost ein, einigemal nachts bis zu 4 Grad unter Null. Der Brunnen des Tritonen war in Eis verschleiert und bot ein phantastisches Bild dar. Ich bin vorgeschritten im Bande V. Der Prinz Don Baldassarre Boncompagni versorgt mich jetzt aus seiner Privatbibliothek. Ich war erstaunt, sie gleichsam zu entdecken – ein herrlicher Saal im Palast Simonetti, angefüllt mit mathematischen und historischen Werken. Kein Mensch liest und arbeitet darin. Zwei Abende in der Woche englische Lektüre bei Frau Lindemann. Graf Alexis Tolstoi kam aus Petersburg. Alles still in Rom. Noch immer öffentliche Gebete gegen Renans Buch, das ›Leben Jesu‹. Hat die Kirche je von Luthers Schriften so viel Wesen gemacht, so vor ihnen gezittert?   Rom, 27. Februar Rom wurde in diesen Tagen durch einen Raubmord in Schrecken gesetzt; man erdolchte auf dem Platz S. Lorenzo in Lucina zwei Geschäftsführer in einer Droschke, welche 10 000 Scudi aus einer Bank mit sich führten. 60 Menschen sind festgenommen. Andere Fälle dieser Art und das wiederholte Werfen von Bomben haben einen panischen Schrecken unter den Fremden verbreitet. Gestern besuchte mich Fürst Suwarow, Enkel des berühmten Generals, dem er nicht ähnlich sieht – ein korpulenter Herr, sanftmütig, freundlich und musikalisch. Italien rüstet. Das Brigantentum in Neapel nimmt ab. Man hofft, Venedig im Frühjahr angreifen zu können. Dies sind Chimären. Die Aktionspartei Mazzini-Garibaldi ist beseitigt. Ich bin tüchtig im fünften Bande vorgeschritten; schon beim Einzug Konradins in Rom. Dieses anhaltende Arbeiten und Bewältigen eines so großen Materials greift mich sehr an. Die Nächte meist schlaflos. Dupanloup von Orleans predigt jetzt täglich im Gesù – man nennt ihn einen Schwätzer. Neuer preußischer Legationssekretär, Kurd von Schlözer, ein intelligenter, lebhafter Mann.   Rom, 27. März, Ostertag Am 10. des Monats starb König Max von Bayern. Sein Tod hat mich schmerzlich berührt. Ein Mann ist dahin, der mir ein ungesuchtes, reines Wohlwollen schenkte. Ich habe eben das Kapitel IV im Buch X beendigt. Noch drei Kapitel sind am Bande V zu schreiben. Oft bin ich bei Graf Alexis Tolstoi, welcher als Poet einen guten Namen hat. Sein ›Iwan der Schreckliche‹ ist eine merkwürdige Dichtung. Ich lernte auch Baron von Meyendorf kennen, den russischen Legationssekretär; seine Frau ist eine Tochter des Generals Gorczakow. Der Papst ist krank; er hat die Benediktion in coena Domini nicht erteilt. Die Osterfeste verloren ihren Reiz durch seine Abwesenheit – man spricht von seinem nahen Tode. Sonst tiefe Ruhe in der Stadt, wo die Exzesse aufgehört haben. Garibaldi ist nach England gegangen. Man wird ihn dort in einer Flut festlicher Phrasen umbringen und dann neben Kossuth beisetzen. Wenn ihn die Kugel bei Aspromonte statt ins Bein in das Herz getroffen hätte, so würde er für ewig als ein tragisches Opfer des Patriotismus fortleben. Der Papst will die Aqua Marcia herstellen und eine neue Brücke zwischen Ponte Sisto und der Drahtbrücke bauen. Der Aufstieg zum Quirinal ist fast vollendet. Ich war mit Tolstoi auf den Kaiserpalästen. Pietro Rosa hat die dortigen Ausgrabungen nach französischer Manier mit prahlerischen Inschriften versehen. Ich bemerkte eine im »Tablinum«, welche behauptet, daß Heraklius von Byzanz dort gekrönt sei, was ganz unhistorisch ist. Ich habe auf ihre Entfernung angetragen, welche der Intendant auch versprach. Ich war beim Empfang des französischen Botschafters Sartiges im Palast Colonna. Viel Volk in den herrlichen Räumen – viel Brillanten auf leeren Köpfen. Der Kardinal Antonelli kam hinzu, sich mit Frau von Kielmannsegge zu unterhalten. Die obere Partie seines Gesichts ist klar und fast schön, die untere Hälfte endet im Tier. Fräulein von S. behauptet, daß dieser Gegensatz bei allen Menschen zu finden sei – vom Maul ab sei es nur Tierbildung. Liszt gab vor einigen Tagen in der neuen Kaserne auf dem Prätorianerlager sein großes Konzert ( Academia Sacra ) zu Gunsten des Peterspfennigs. Viele Legitimisten und neugierige Fremde waren dort versammelt. Vier Kardinäle redeten; Liszt spielte, die päpstliche Kapelle sang; am Ende dankte Monsignor Nardi für die reiche Teilnahme zu Gunsten » del più generoso e del più povero monarca dell' Europa « – ungeheurer Applaus im prätorianischen Lager. Liszt zeigt sich fanatisch katholisch. Man erwartet den Kaiser von Mexiko. Österreich opferte dem ersten französischen Kaiserreich eine Tochter, dem zweiten opfert es einen Sohn. So wird der Moloch gefüttert. Der alte würdige Kirchenrat Hase aus Jena ist wieder hier.   Rom, 18. April Am 28. März starb zu Pau Jean Jacques Ampère. Er war ein Mann von seltner Bildung, von fast enzyklopädischem Wissen und einer unglaublichen Lebhaftigkeit des Geistes. Er besaß die liebenswürdigste Natur, eine Harmlosigkeit, deren Quelle sein immer frisches Lebensgefühl war – ein Mensch von Unabhängigkeit des Charakters dem napoleonischen Regiment gegenüber. Ampere wurde 64 Jahre alt. Er ließ mir als Denkmal seines Wohlwollens die schöne Einleitung, die er zu Sabatiers Übersetzung der ›Grabmäler der Päpste‹ schrieb. Guizot und Villemain hielten ihm die Leichenrede. Es machte mich mutlos, daß er hinweggerafft wurde, ehe er seine ›Histoire Romaine à Rome‹ beendigte; doch ich arbeite unbekümmert weiter. Morgen beginne ich das sechste Kapitel im Buch X. Am 12. April war Rom feenhaft beleuchtet – es galt die gewohnte Feier dieses Jahrestags der Rückkehr des Papsts aus Gaeta und seiner Rettung in S. Agnese. Die Navona und das Forum strahlten in unbeschreiblicher Schönheit – alle Obelisken Feuersäulen –, über allen Fontänen gotische, in Licht strahlende Tempel. Man warf jedoch eine Bombe; 15 Menschen wurden verwundet. An demselben Tage war ich in Ostia mit Tolstoi, Lady Cooper, der Schwiegertochter Palmerstons, und Graf Pahlen. Visconti führte uns – manches Neue ist ausgegraben worden; besonders merkwürdig eine kleine Mithraskapelle mit Mosaikinschrift auf dem Boden. – Welche miserable Kulte im alten Rom! und so ganz ähnlich dem jetzigen Wesen! Heute hat der Papst die neue Konfession in Sta. M. Maggiore eingesegnet, wobei die heilige Krippe ausgestellt war – darf man in ihrem Angesicht über den Mithrasdienst lachen? Ich kam eben aus den Grotten von Cervara zurück, wohin ich mit Tolstois gefahren war. Die Gräfin ist in aller Literatur bewandert und wissensbegierig. Obwohl sie wie eine Mongolin aussieht, bezaubert sie doch jeden, der ihr naht. Ihr Geist ist nicht originell, aber ihre Seele ist schön; ihr Angesicht ist immer von innen illuminiert. Bei Frau Grunelius lernte ich Bluntschli aus Heidelberg und Eisenlohr aus Karlsruhe kennen. Bluntschli ist ganz Schweizer in Gestalt und Sprache. In seinem kräftigen Ausdruck liegt geistige Sicherheit. In diesen Tagen kam Schack aus München. Er reist nach Spanien. Er gab mir die ›Nibelungen‹ Hebbels – ich erstaune über die Gewöhnlichkeit in der Auffassung, Darstellung und Sprache dieses letzten Produkts des jüngst verstorbenen Dichters. Nichts von echter Tragik; Menschen ohne Blut; Helden nirgends; kein großer Zug; alles ins Bürgerliche abgeplattet, trotz eingemischter Edda-Phantastik. Sollten diese Dinge nur durch die Luft und das Licht Roms glanzlos werden, und erscheinen sie vielleicht in ihrem heimischen Klima bedeutender? Aus dem Nibelungenstoff könnte nur etwas werden unter dem großen Griffe eines Äschylus.   Rom, 24. April Am 18., an welchem Tage die Düppler Schanzen erobert wurden, traf hier der neue Kaiser von Mexiko ein. Er blieb nur 1 ½ Tag. Sein Absteigequartier war der Palast Mariscotti, welcher Guttierez d'Estrada, einem seiner Minister, dem Haupt der monarchischen Partei in Mexiko, angehört. Der Papst hat nie einen Fürsten mit solcher Rührung gesegnet und mit so heißen Glückwünschen entlassen. Die Römer haben ein ominöses Epigramm gemacht, welches sie Maximilian auf den Weg gaben. Am Donnerstag war ich nachts mit Tolstoi, Trubetzkoi, Graf Bobrinski und den Gräfinnen Pahlen nach dem Kolosseum und der Pyramide des Cestius gefahren. Ich suchte das Grab Munchs, doch ich konnte es nicht finden. Eine offene Gruft war frisch gegraben und darin lag heller Mondschein – ein trefflicher Leichenredner. Gestern sollte in der Villa Albani das Shakespearefest von den Engländern gefeiert werden, unter Vorsitz des Lord Fielding. Das Comité hatte mich eingeladen, im Namen Deutschlands an den Reden mich zu beteiligen. Doch die ganze Feier fiel, aus Uneinigkeit der Engländer, ins Wasser. Garibaldi mußte vorgestern England wieder verlassen, nachdem er dort als wunder Löwe am Rosenbande durch die Salons geführt worden war.   Rom, 29. Mai Ich habe diesen Monat so anstrengend gearbeitet, daß ich nichts in diese Blätter schreiben konnte. Alle meine Freunde dieses Winters sind abgereist. (Tolstoi ging über Ravenna); nur Fräulein Meysenburg und die Fräulein Herzen sind noch hier. Auch Herzens einziger Sohn, Assistent bei Schiff in Florenz, kam hierher. Er hat eine schöne Reise nach Island gemacht. Der Papst ist wiederhergestellt. Ich komme um das Konklave. Neue Arbeiten angefangen: im Archiv des Herzogs von Sermoneta, im Archiv Conti-Ruspoli. Das Haus Conti, welches 1808 ausstarb, ging an die Cesarini und Ruspoli über. Die letzteren haben das Archiv geerbt. Bei Caetani finde ich merkwürdige und noch nicht benutzte Urkunden.   Rom, 5. Juni Vorgestern war ich mit den Kindern Herzens und Fräulein Meysenburg nach Genzano zum Blumenfest gefahren. Die Blumenteppiche vollendet schön; man zeichnete die Figuren mit Kreide auf das Straßenpflaster; Groß und Klein füllte sie mit Blumenblättern aus. Das Fest war seit 19 Jahren nicht gehalten worden, aber die Tradition ist geblieben. Man stellte Embleme, Wappen, alexandrinische Mosaike dar, mit ganz bewunderswertem Geschick. Das Volk sah mit heiterem Behagen diesem sinnvollen Tun zu. Nur in diesem Lande ist ein solches Spiel der Anmut möglich.   Rom, 19. Juni Amari schickte mir den Orden St. Mauritius und Lazarus. Ich lehnte ihn ab, weil ich frei sein will. Ich schreibe die Geschichte der Stadt für keine andere Partei als die der Wahrheit. Ich glaube auch, daß unter meinen vielen Fehlern und Schwächen Eitelkeit nicht die erste Stelle einnimmt. Vorgestern war ich mit Schlözer auf der Engelsburg. Der Blick auf Rom und die neronischen Wiesen ist hinreißend. Es sollte jemand ihre Geschichte schreiben. Vielleicht tue ich es später. Man erzählte mir gestern, daß der liberal gesinnte Kardinal de Andrea, schon längst im Zerwürfnis mit dem Papst, plötzlich über Ceprano nach Neapel gegangen sei. Er hatte öfters verlangt, in die Bäder von Ischia gehen zu dürfen, was ihm der Papst abschlug. Nun machte er sich ex propriis von dannen. Großes Aufsehen in Rom.   Rom, 11. Juli Ich reise heute um 5 Uhr abends mit der Post nach Perugia, die Archive Umbriens zu durchsuchen.   Todi, Sonntag, 17. Juli Es war auf meiner Fahrt hierher erstickend heiß und ein drückender Scirocco. Der Mond schien schwermutsvoll auf die Felder; eine feuchte Fieberluft wehte. Civitacastellana war prachtvoll anzusehen, von dem Glutofen einer Kohlenbrennerei beleuchtet. Ponte Felice erreichte ich im Morgengrauen und die erste Wache der Italiener. Dann über Otricoli nach Narni, wo ich um 7 Uhr morgens ankam. Meine Augen waren entzündet, mein Kopf angestrengt; die Hitze und der Sonnenreflex verursachten mir Pein. Ich hatte Mühe, den Marchese Eroli aufzusuchen, den Antiquar dieser Stadt. Am 13. fuhr ich mit der Post durch entzückendes Land nach Todi. Am folgenden Morgen suchte ich den Syndikus auf; der Turiner Ministerialbrief und ein Schreiben des Präfekten waren angelangt. Der Archivar von S. Fortunatus, Herr Angelini Angelo, wurde herbeigerufen, und wir gingen frisch ans Werk. Das Archiv liegt in der Sakristei der Kirche S. Fortunatus. Ein kleines Gemach mit Schränken; alles in schmachvoller Unordnung – Pergamente, Bullen, meist mit Saeculum XIII beginnend, liegen haufenweise in Schränken. Viele Stöße von Büchern vermodert. Perugia (Albergo del Trasimeno), 23. Juli Ich blieb und arbeitete in Todi mit großem Erfolg bis zum 18. Juli, wo ich abends mit der Briefpost, allein in meinem kleinen Wagen, nach Perugia fuhr. Die Nacht war mondhell, feucht und warm. Ich war im Traumschlaf. Kein Ort wurde passiert außer Deruta. Um 6 Uhr des Morgens am 19. langte ich hier an. Ich mußte den ganzen Tag aus Ermüdung liegenbleiben. Erst am 20. ging ich zum Präfekten Marchese Tanari, einem Bolognesen, der mich freundlich empfing. Er klagte über die Menge seiner Arbeiten bei unzureichendem Personal. 28 000 Aktenstücke seien Jahr über zu absolvieren. Der neue Zustand bereite große Schwierigkeit, doch gehe die Aushebung jetzt ohne Hindernis vonstatten. Über Rom war er zweifelhaft, so lange als Pius IX. lebe. Die Offenheit, mit welcher sich ein Präfekt zu einem ihm Unbekannten äußerte, erschien mir naiv; doch dies ist italienisch. Diese Menschen haben nichts von deutscher Bureaukratie an sich. Tanari wies mich an den Syndikus und seinen Sekretär; beide Herren sind Brüder, die Grafen Ansidei. Ich trat meine Arbeiten im Decemviral-Archiv am 21. an, überzeugte mich aber sehr bald, daß ich hier weniger finden werde als in Todi. Die Dokumente der Stadt in bezug auf ihr Verhältnis zur römischen Republik sind nicht mehr vorhanden. Das Registrum vetus bietet sehr wenig dar. Dasselbe ist in Beziehung auf die Reichsgeschichte zu sagen. Ich werde hier in wenig Tagen fertig sein. Der Professor Adamo Rossi führte mich in die Gemeindebibliothek, wo einige merkwürdige Handschriften vorhanden sind. Ich habe heute den Grafen Conestabile besucht. Er ist Archäolog und Professor der Universität; der reichste Mann Perugias. Vier Jahre war er auf Reisen, auch in Deutschland. Er konnte sich zwar nicht mit dem neuen Regiment befreunden, hat sich aber gefügt, wie mancher andere Aristokrat. Ich lernte ihn vor Jahren in Florenz kennen.   Perugia, 26. Juli Ich habe zum Teil sehr anstrengend gearbeitet. Die Hitze ist groß. Im Archiv war mir Luigi Belforti, Maestro di Casa, behilflich, dessen Vater Giuseppe Verdienste um die Ordnung der Pergamente hat.   Assisi, 28. Juli Gestern besuchte ich die Gräber der Volumnier und gelangte abends nach Assisi, in mörderischer Hitze. Man führte mich in eine kleine Locanda zu artigen Leuten. Die Stadt ist im Mittelalter stehengeblieben; Häuser aus rötlichem Kalkstein, totenstille Straßen; alles verstorben. Die Kommunalpaläste auf dem Markt nicht großartig – ein mächtiger Turm aus saec. XIV steht neben dem schönen Rest eines alten Minervatempels. Noch nie sah ich so die Charaktere der beiden Epochen aneinander gestellt – mittelalterlicher Turm und heidnischer Tempel. S. Francesco mit seinen zwei Kirchen übereinander, ein Werk des Lapo, ist großartig. Die obere mit den Malereien Cimabues und Giottos ganz Licht und Farbe, die untere, mit zahllosen verdunkelten Malereien, ganz Finsternis und Schwermut. Darunter liegt der Heros der Armut in einer von Gold und Marmor strahlenden Gruftkapelle. Die Darstellungen Giottos über dem Hochaltar: Armut, Gehorsam, Keuschheit, endlich die Glorie des heiligen Franziskus, ergriffen mich lebhaft – besonders die Verlobung des Heiligen mit der Armut durch Christus. Die Keuschheit sitzt in einem Turm, wie Danae. Der Gehorsam, Christus, den Finger am Mund, legt einem knienden Mönch das Joch auf. Die Paupertas ist ein zerlumptes, hageres, sibyllinisches Weib (die zehnte Muse nach Herder). Ein Mann in Purpur wirft Steine nach ihr; ein Mann im blauen Kleide streckt eine Dornrute nach ihr aus; ein Hund bellt sie an. Christus legt ihre Hand in die des Franziskus. Alles naiv und groß. Giotto habe ich erst hier verstehen gelernt. Es ist tiefsinnige Unschuld in diesem Meister – alles vom höchsten Adel der ersten unbeirrten Natur. Die Frauen hier sind noch die echten Modelle für die umbrische Malerei, die aus diesem Volkstypus ihr Ideal genommen hat. Auf gut Glück trat ich heute in den Kommunalpalast, stellte mich dem Stadtsekretär vor und bat ihn um Erlaubnis, die Reste des Archivs zu sehen. Ich durchlas mehrere Bullen und kopierte ein Privilegium Philipps von Schwaben vom Jahre 1205. Der Liberalität dieser Herren gegen einen ihnen völlig Fremden, der gar nichts von Empfehlungsbriefen mit sich hatte, will ich eingedenk bleiben. Von oben herab, wo die alte Rocca auf dem Berg Subasio steht, hinreißender Blick auf das umbrische Tibertal, worin sich S. Maria degli Angeli schön hervorhebt, und auf Perugia rechts, links die Berge von Spoleto. Dies ist ein entzückendes Land – ein Garten des Friedens und des Glücks. Dem Gesetz der Klosteraufhebung unterliegt auch das Konvent S. Francesco. Doch dürfen die Mönche (heute noch 53) im Kloster bleiben, bis sie auf drei herabsinken. Die Güter sind unter Sequester der Cassa ecclesiastica . Sie werfen 6000 Scudi Rente ab. In diesen Tagen ist der Indult oder Perdono – er zieht noch gegen 18 000 Menschen herbei. Ich fand heute sogar Ciociaren aus Sora, alte Bekannte. Wenn das Kloster aufgehoben sein wird, fällt auch diese Erwerbsquelle der armen Stadt fort.   Terni, 30. Juli alle III colonne Gestern frühe fuhr ich auf einem Wägelchen von Assisi nach Foligno – eine köstliche Fahrt auf dem Rande des Tals von Spoleto. In Foligno setzte ich mich auf die Post. Nach 1 ½ Stunden war ich in Spoleto, welches ganz neu erschien – die Stadt ist im Umbau begriffen. Junges Leben in der alten Residenz der Langobardenherzöge Faroald und Grimoald. Nachmittags in Terni. Ich gab den Brief des Grafen Ansidei ab. Heute öffnete man mir das Gemeindearchiv, welches in großer Unordnung ist. Ich kopierte Diplome Friedrichs I., Ottos IV., einen Brief Heinrichs VII.; eine mir höchst schätzbare Urkunde, worin Brancaleone figuriert. Man ließ mich vertrauensvoll allein. Hier steht italienische Reiterei. Man ist voll Mut und Eifer. Ich besuchte eine neugegründete Schule. Ein Kastell mit dem schönen Namen Miranda steht in der Nähe der Stadt auf den Marmorbergen. Mir aus Urkunden bekannt. Morgen fahre ich nach dem schrecklichen, wegelosen Aspra. Das ist meine letzte Etappe auf dieser archivalischen Reise.   Aspra, 1. August Gestern bin ich um 4 Uhr frühe von Terni auf einem Wägelchen abgefahren. Schöne Berglandschaften – kleine Orte oder Höfe. In Vacone eine Stunde gerastet. Weiter über Torri, die alte Residenz der Crescentier. Prächtiger Blick auf den Soracte und die Ebene, auf die Abhänge der Sabina, wo Aspra, Cantalupo, Rocca Antica, Monopoli, Poggio Mirteto stehen. Ich erreichte Aspra, wohin man um ein tiefes Tal fahren muß, in der Mittagszeit. Der Ort, wie alle in der Sabina, ist ein ummauerter Häuserklumpen. Enge, schreckliche Straßen. Keine Locanda, kein Unterkommen. Abends fand sich ein sauberes Zimmer in einem geräumigen Hause der Familie Perroni. Ich durchsuchte das kleine Archiv, doch bietet es wenig dar.   Rom, 3. August Gestern ritt ich um 4 Uhr des Morgens von Aspra ab, über Cantalupo, um Correse zu erreichen. Prachtvolle sabinische Berglandschaft voll Eichenwuchs. Bei Montorso der Tiber. Man baut dort an der Eisenbahn. Weiter hinaus erblickte ich die Abtei Farfa. Mein Verlangen dorthin war heftig, doch mußte ich diesen Besuch aufschieben. Ich ritt über die Brücke des Farfaflusses weiter. Die Sonnenglut war groß, aber die Luft rein. Correse erreichte ich um 10 Uhr. Hier ist die Grenzstation zwischen dem Fetzen des römischen Kirchenstaates und dem Reich des freien Italiens. Im italienischen Grenzbureau forderte man meinen Paß; man sah mich mürrisch an, und ich hörte flüstern: «Spagnuolo!» Man hielt mich für einen Spanier, welcher ins Päpstliche ging, Dienste zu nehmen. Diesen Argwohn benahm ich den wunderlichen Menschen. Die Eisenbahn ist bis Correse fertig und wird bald dem Gebrauch übergeben sein. Um 4 Uhr nachmittags abgefahren. Um 7 ½ Uhr in Rom eingetroffen. Eine schöne, fruchtreiche Reise von drei Wochen liegt hinter mir. Aber ich bin sehr angestrengt durch Arbeit und Sommersonne.   Neapel, 15. August Hôtel Washington Am 7. August fuhr ich mit Lindemanns auf der Eisenbahn nach Neapel, bei drückendem Scirocco. Der Eintritt in Neapel, wo ich seit elf Jahren nicht gewesen war, beängstigte mich – ameisenartiges Gewühl, schreckliches Lärmen. Am folgenden Tage suchte ich Gar auf, der jetzt Bibliothekar der Universität ist. Er hat viel für die Vergrößerung der Bibliothek getan, 3000 deutsche Bände angeschafft, ein Lesekabinett errichtet, wo 21 deutsche Zeitschriften aufliegen. Er machte mich mit einigen Professoren bekannt; ich sah Volpicella, einen ältlichen Mann von zeremoniösen Formen, gründlichen Kenner der neapolitanischen Geschichte, namentlich der Familien des Landes; Giuseppe de Blasiis, ein noch junger Mann, Professor der Geschichte; als politischer Verbannter nahm er im Jahre 1854 Dienst in der Türkei, wurde von den Russen in Armenien gefangen, kehrte nach Neapel zurück, befehligte während der Diktatur Garibaldis die Expedition nach Benevent, und jetzt schreibt er hier eine Geschichte des langobardischen Neapel. Im Staatsarchiv nahm mich der Direktor Trinchera freundlich auf. Dies glänzende Institut befindet sich in dem aufgehobenen Benediktinerkloster S. Severino, dessen große Räume für dasselbe nicht ausreichen. Es ist der Augapfel der bourbonischen Regierung gewesen, vortrefflich und bequem eingerichtet; auch für eine paläographische Schule ist gesorgt. Die Regesten des Hauses Anjou befinden sich im oberen Stock, wo ich jetzt täglich von 10 Uhr ab arbeite. Ein junger Mann, Federico Morgotti, geht mir dort zur Hand. Ich lernte Del Giudice kennen, den Herausgeber des Codex Diplomaticus des Hauses Anjou. Er klagte bitter über Mangel an Unterstützung von Seiten der Regierung. Man betreibt in Neapel jetzt mit Leidenschaft die deutsche Sprache, hauptsächlich der Philosophen willen. Es ließ sich mir ein junger Mann aus den Abruzzen, Cherubini, vorstellen, welcher für seine Jahre eine bewundernswürdige Kenntnis der deutschen Literatur besitzt. Er spricht geläufig deutsch, lernte alle Kultursprachen, auch die orientalischen. Gar hält ihn für ein großes Talent. Vor einigen Tagen war ich mit Fiorelli, dem Direktor der Ausgrabungen in Pompeji. Man arbeitet dort mit Glück nach einem besseren System. Viel Neues ist aufgefunden worden – ein zweistöckiges Haus hergestellt; die vier in Gips ausgegossenen Körper von pompejanischen Flüchtlingen, welche in den dramatischen Bewegungen der Flucht gleichsam versteinert sind, machen eine unbeschreibliche Wirkung – es ist unmittelbares Leben aus jener schrecklichen Tragödie – namentlich dasjenige Mädchen, welches sich in Verzweiflung zum Todesschlaf niedergelegt hat; die Form so graziös, wie von einer schlummernden Hermaphroditenfigur. Ich ging lange in Pompeji umher, auch im Haus des Diomedes, und ich bedachte meinen eignen Lebenslauf, zumal jene Zeit, wo ich das Gedicht ›Euphorion‹ schrieb. Auch dies alles ist schon mit Asche verschüttet; die Empfindungen, die mich damals belebten, sind verklungen; kaum vernahm ich davon einen leisen Nachklang im Haus des Diomedes, oder vor dem alten Kandelaber in den Studien. Ich war gestern mit Gar, de Blasiis und der Baronin Prohaska nach Capodimonte gefahren. Schöne Räume im Schloß; viele moderne Bilder darin. Herrlicher Park von ganz deutscher Anlage; bezaubernde Blicke auf Meer, Land und Stadt. Die wichtigste Veränderung, welche ich in Neapel gefunden habe, ist die Freiheit selbst. Die Wirkung würde unermeßlich sein, wenn die Tatsache schon Zustand geworden wäre. Aber der Charakter des Volks läßt sich nicht über Nacht umwandeln. Generationen sind nötig, um den Neapolitanern eine politische und sittliche Erziehung zu geben. Alles ist hier unsicher und auf den Moment gestellt. Sie würden morgen Franz II. in Blumen begraben und übermorgen das Gleiche mit Viktor Emanuel tun. Indeß die Camorra ist ausgerottet; und dies ist viel. Vom Brigantenwesen wird man nichts gewahr. An den Schaufenstern hängen die Photographien der Banditenchefs. Die Straßen sind sicher. Aber bei Benevent und Sora, in Molise und der Basilicata mordet und brandschatzt man weiter fort. Der Adel ist in Rom beim Bourbon oder in Paris. Was hier von ihm übrig blieb, zählt als Null. Der Klerus wühlt fort. Bourbonische Comités bestehen hier unter seiner Leitung im Geheimen. Alles was reaktionär ist, sammelt sich unter dem Schilde der Institute der Beneficenza. Ich sah gestern zwei junge Mönche in grauen Kapuzen mit weißen Stricken um den Leib, eine mir neue Erscheinung; als ich darum fragte, antwortete man mir, daß dies ein eben gestifteter Orden der Wohltätigkeit sei. Diese Orden haben nämlich allein das Privilegium des Fortbestandes. Das Institut von St. Vincent und Paul, die Paolotti, wie man sie nennt, greift mächtig um sich und scheint durch geschickte Organisation die Jesuiten zu ersetzen. Aus Frankreich her dringt es nach Italien und in alle Schichten des Volks; Prinzen wie Handwerker werden darin aufgenommen. In Toscana stehen die Paolisten in Blüte. Man tadelt die Regierung, daß sie den halben Mut hat, Kardinäle gefangen zu nehmen, und nicht den ganzen, sie zu verurteilen. Viktor Emanuel könne, so sagt man hier, als König beider Sizilien mit der Gewalt eines apostolischen Legaten ausgerüstet, im ganzen Reich seinen eigenen Klerus einsetzen. Die Entfernung der Heiligenbilder von den Straßen ist glücklich gelungen, ohne daß irgend ein Aufstand stattfand. Aber das Volk bleibt im dichten Aberglauben. Es gibt in der Kirche del Carmine auf dem Mercato eine Figur des Heilandes, welche die Eigenschaft besitzt, daß ihr Haar und Bart wachsen. Seit Jahren begab sich dorthin an einem herkömmlichen Tage der Magistrat, um der Zeremonie des Bartschneidens ex officio beizuwohnen (far la barba di Gesù) . Auch in diesem Jahre ging er dorthin – aber die Freigeister empfingen ihn mit solchem Geschrei und Gepfeife, daß er erklärte, dieser Funktion fortan entsagen zu wollen. Dagegen herrscht Voltairianismus in den gebildeten Schichten und durchweg in der studierenden Jugend, welche wütenden Haß gegen die katholische Kirche zur Schau trägt. So sprach sich Cherubini gegen mich aus. Ich habe Settembrini kennengelernt. Er war im Jahr 1848 zum Tode verurteilt, dann zur Deportation mit vielen anderen begnadigt. Der von ihnen gewonnene Kapitän setzte ihn bei Cork in Irland aus, wo sie einige Jahre lebten. Settembrini war Advokat – ein robuster, etwas roh aussehender Mann – er hat den Lukian trefflich übersetzt.   Neapel 21. August Am 16. erkrankte ich plötzlich, – Unmut und Anstrengung warfen mich darnieder. Fieberschauer – zwei Tage lang gelegen – behandelt vom Dr. Obenaus. Heute bin ich wohler. Ich habe meine Arbeiten im Staatsarchiv einstellen müssen. Morgen gehe ich mit Lindemanns zur Erholung nach Sorrent.   Sorrent, 31. August Wir nahmen hier Logis im Hôtel de Rome. Nach langem Suchen fand ich eine Wohnung in der Hauptstraße. Meine Kräfte haben in dieser Stille wieder zugenommen. Anfangs enttäuschte mich Sorrent; überall Mauern, enge Straßen, dichter Staub. Jetzt habe ich mich angewöhnt, und der Spaziergang nach Massa entschädigt mich. Ich stehe um 6 Uhr auf, frühstücke, gehe spazieren und lese in dieser tiefen Ruhe bis um 1 Uhr Dante oder in den Büchern, welche mir Don Bartolomeo Capasso gegeben hat, ein hier wohnender Gelehrter (sehr bewandert in den Geschichten Neapels), an welchen mich de Blasiis wies. An der table d'hôte sitzen etwa zwanzig Menschen, meist Russen, zwei Griechen aus Korfu, ein Franzose und ein Deutscher. Manche sind brustleidend. Es geht still und schattenhaft zu. Wir haben einige schöne Spaziergänge gemacht. Gestern ritten wir (mit dem Maler Lehmann und seiner Frau) nach Massa. Capri ganz nahe, fast mit Händen zu greifen, erhebt sich märchenhaft aus der Flut. Ein Schiff zog unten mit weißen Segeln vorüber, und eine in den Gärten verborgene Musik brachte die Wirkung hervor, als tönte sie aus diesem Fahrzeug selbst, dal legno che cantando varca . Es war ein zauberischer Gruß vom Meere, wie von Geistern, die zu Küsten der Seligen steuerten. Vor elf Jahren lebte ich drüben auf Capri einen Monat lang – in diesem Ringe von Zeit liegt so viel eingeschlossen, und meine Lebenskonstellation ist weit von damals hinweggerückt. Und doch, im Grunde wandle ich noch an diesen Küsten, aber ein festes Ziel vor Augen, beruhigt und losgesprochen: fuor sono delle erte vie, fuor sono dell' arte .   Sorrent, 15. September Ich habe mich in dieser balsamischen Luft wieder erholt. Ich schrieb nichts, las nur einige Bücher und zweimal Dante durch. Wir machten oft Ausritte nachmittags, nach Camaldoli, nach Massa und S. Agata, oder fuhren. Ich ging auch allein nach Massa, von wo der Anblick Capris so hinreißend ist. Es ist odysseisches Land und Meer. Heute auf dem Deserto, einem alten versinkenden Kloster, erweckte mir der Anblick des Kaps Licosa wieder Sehnsucht nach Sizilien. Man schreibt mir aus Deutschland von beständigem Regen und Kälte – ich bin froh, Blick und Sinn noch in diesem herrlichen Äther zu baden. Wenn ich reich wäre, kaufte ich mir Haus und Orangengarten in Massa und schriebe darüber parva domus, magna quies – etwa die Villa Sersale mit dem herrlichen Piniental. Wenig Menschen gesehen – niemand von Bedeutung. Mit Capasso verkehrt, welcher ein gelehrter Mann ist. Alle Augenblicke sind hier Feste mit Illumination, die durch kleine Ampeln an schwebenden Myrtengirlanden zierlich dargestellt wird. In S. Antonio hängt eine Votivtafel, welche zwei zusammengestoßene Dampfschiffe zeigt, wovon das eine sinkt – darunter die Namen »Hermus« und »Aventin« –, ein ehemaliger Koch, jetzt Gastwirt in Sorrent, der sich auf dem »Aventin« befunden, als das Ereignis geschah, hat das Ex voto gestiftet. Sonderbares Zusammentreffen – ich stiftete bereits meine Votivtafel. Ich wohnte hier gut und still, in einem schönen Quartier – meine Wirtin rühmte sich, mit Tasso verwandt zu sein. Sie gehört zu der heruntergekommenen Familie Spasian; Tassos Schwester heiratete zuerst einen Nobile von Sorrent mit Namen Sersale, darauf den Ritter Spasian. Der Kardinal de Andrea ist hier; er lebt im Gasthof Tasso und will den Winter über hier bleiben. Ich sah ihn im Frühling eines Abends bei Willisen. Thile schreibt mir heute, daß über seinen Nachfolger im Gesandtschaftsposten noch nichts bestimmt sei. Ich denke morgen nach Neapel zu gehen. Es wird mir schwer, diese elysischen Ufer zu verlassen.   Neapel, 24. September Hôtel Washington Am 16. fuhr ich mit zwei jungen Griechen aus Korfu von Sorrent nach Castellamare. Ich blieb dort einige Stunden, wanderte nach dem schönen Schloß Quisiana hinauf und langte abends in Neapel an. Ich fand Gar und die Baronin Prohaska unwohl. Am 17. nahm ich meine Arbeiten wieder auf und habe mit besserem Erfolg die Regesten des Hauses Anjou angegriffen. Neapel ist kühler geworden; es hat mehrmals geregnet; auch erscheint mir der Lärm nicht mehr so betäubend. Ich lernte kennen dell' Ongaro, einen namhaften Poeten, welcher die verlorene und nur im Skelett der Fabel bekannte Komödie Menanders, ›Fasma‹, recht geschickt bearbeitet hat. Dell' Ongaro ist ein kräftiger Mann in den ersten Fünfzig. Ehedem war er Mönch, wie Emiliano Giudici. Der Professor Lignana kam; Orientalist, Piemontese; sehr intelligent und reich; er spricht gut deutsch; nachlässig im Äußern, auf einem Fuße hinkend. Er machte die italienische Gesandtschaftsreise nach Persien mit. Zu meiner großen Freude sah ich Don Luigi Tosti von Monte Cassino; man sagte mir im Staatsarchiv, daß er unten im Palast der Sitzung der archäologischen Akademie beiwohne, wo ich ihn gleich aufsuchte. Er hat nicht gealtert; sieht noch immer prächtig aus und ist voll Humor. Calefati starb vor kurzem. Am vorigen Sonntag fuhr ich allein nach Pompeji. Ich wanderte dort ungestört umher und ich saß lange auf der Terrasse des Hauses Diomedes, wo mir Euphorion und Jona wieder erschienen, schon schattenhafte, aber freundliche Wesen aus jener Vergangenheit, als ich mich zum Licht des Ideals emporgerungen hatte. Auch heute war ich wieder in Pompeji, mit Fiorelli, Gar, Prohaska, Lindemann und einem Deutschen. Ich fand dort den Genfer Max Monnier, welcher über die Zustände Neapels seit 1859, namentlich über die Camorra, treffliche Bücher geschrieben hat. Fiorelli erklärte uns vieles und teilte uns seine Pläne mit. Dieser Mann von sehr sympathischem Äußern hat sich bereits unsterbliche Verdienste um Pompeji erworben. In vier Jahren hat er ein Drittel der Stadt ausgegraben. Man gräbt jetzt horizontal, nicht vertikal. Wir aßen in Torre dell' Annunziata und kehrten um 5 Uhr im Regen zurück. Am 15. September ist die Konvention zwischen Italien und Napoleon abgeschlossen worden. Ihr Wortlaut ist noch nicht bekannt; die Folge davon wird die Verlegung der Hauptstadt nach Florenz sein. Eine fieberhafte Aufregung hat sich Italiens bemächtigt. Lignana prophezeite den Verzicht auf Rom. Die meisten aber hoffen, daß Florenz die letzte Etappe vor Rom sein werde. Ich glaube nicht an eine Versöhnung mit dem Papsttum, welches stets seine Provinzen reklamieren wird. Die Krisis ist groß. Italien spielt die va banque . Entweder siegt das Programm Cavour oder das Land fällt in Anarchie. Viktor Emanuel hat das größeste Wagnis begangen, indem er die Monarchie mit ihren Wurzeln aus dem Stammlande Piemont riß. Sie steht jetzt in der Luft, denn das Königtum Italiens ist noch eine unrealisierte Idee. Turin bewegte sich krampfhaft; am 20. und 21. fanden Aufläufe statt; das Militär schoß, und viel Blut ist geflossen. Wenn Italien die Probe dieses Opfers wirklich besteht, so ist es für immer gerettet. Diese Katastrophe ist aufregend. Ich halte die Hoffnung fest; ich glaube an die fortschreitende Bewegung der Geschichte. Neapel ist ruhig; aber die Presse gibt nun Turin den Vorwurf des Munizipalismus schadenfroh zurück.   Neapel, 28. September Heute fand im Wintergarten eine Volksversammlung unter dem Vorsitz des Generals Poppuli, Chef der Nationalgarde, statt; ihr Zweck war, die Erklärung abzugeben, daß das neapolitanische Volk an dem Prinzip der Einheit festhalte, daß es nimmer auf Rom als Hauptstadt noch auf Venedig verzichte und daß jede Rücksicht auf munizipale Interessen ein Verbrechen sei. Redner: Graf Ricciardi, Settembrini, Nicotera, dell' Ongaro; Mazaro, Mönch del Prato von der Società emancipatrice ; ein Mann aus dem Volk. Das Programm wurde mit Jubel genehmigt. Die Haltung war musterhaft. Neapel zeigt große Ruhe und Würde in diesen Tagen. Alles voll Aufregung – selbst meine Freunde sind in zwei Parteien geteilt; Hoffende, Zweifelnde; die letzten sind die geringeren, darunter der geistvolle Lignana. Lamarmora bildet das neue Ministerium. Ich schloß meine Arbeiten vorgestern im Archiv und mußte mich sofort zu Bette legen. Das alte Übel kehrte wieder. Morgen geht es endlich nach Rom. Was wird Rom in dieser großen Katastrophe sein?   Rom, 16. Oktober Am 29. September reiste ich mit meinen Freunden Lindemann von Neapel ab, morgens um 10 Uhr. Der Tag war entzückend schön; wir genossen ihn voll Freude, in das alte Rom zurückzukehren. Immer herrlicher wird die Landschaft von S. Germano aufwärts. Der Blick bei Velletri auf die Marittima, das Meer, das Kap der Circe, beim Schein des Abends, ergriff uns nun alte Römer und wir sagten uns alle, daß die Zauber Neapels von der ernsten Heldenschönheit Latiums in Schatten gestellt werden. Die Physiognomie der Stadt ist unverändert; der Eindruck der Septemberkonvention unmerklich. Der Papst und Antonelli wollen keine Armee aufstellen, was implicite die Annahme der Konvention wäre. Man lebt hier von der Hand zum Mund; man ist im Vatikan ratlos. Eine offizielle Erklärung der Kurie oder Antwort auf die Septemberkonvention ist noch nicht ausgegangen; sie wird es schwerlich vor der Eröffnung des Parlaments in Turin; die wahrscheinlich stürmischen Debatten desselben wird man erst abwarten. Als Geschichtschreiber der Stadt sehe ich mit Verwunderung dies ewig fortgesetzte Streben der nationalen und politischen Gewalt Italiens nach Rom, um welches wie um das Empyreum oder das coelum immobile die Geschichte noch immer kreist. Der Papst glaubt nicht daran, daß die Franzosen fortgehen werden. Die ›Civiltà Cattolica‹ tröstet die bestürzten Priester mit dem Satz, daß Rom höchst verhängnisvoll sei (Roma è stranamente fatale) , wie die alte und die neue Geschichte dies lehre. Cavour sei in sechs Monaten, nachdem er die Hauptstadt Rom proklamiert, gestorben, Garibaldi mit dem Ruf »Roma o morte« bei Aspromonte erlegen; und kaum sei die Konvention bekannt geworden, so habe ihr das Blutbad in Turin geantwortet. »Christus, Christus regnat et imperat – egli è il formidabile occupatore di Roma« – so sagen diese Jesuiten. Im Palast Pio, jetzt Righetti, auf den Trümmern des Pompeiustheaters, wurde beim Legen der Fundamente eines Neubaus die kolossale bronzene Figur eines als Herkules vorgestellten Kaisers (es scheint Domitian) gefunden – ich sah diese Statue aus ihrem Grabe auferstehen, woraus sie mit Stricken, Schrauben und Winden herausgezogen ward –, Volk, Arbeiter ringsumher, alle voll Anteil und heiterem Ernst – eine echt römische Szene. Da es wenig Bronzen in Rom gibt, so ist dieser Fund kostbar genug. Ich habe meine Arbeiten angefangen, die gesammelten Materialien der Reise sind im Band V bereits eingefügt – mein Winter wird leicht sein. Vor einigen Tagen kam mein alter und herrlicher Freund Alertz wieder. Fremde haben mich noch nicht belästigt.   Rom, 13. November Seit dem 4. November ist das Turiner Parlament beisammen. Die Debatten über die Septemberkonvention gehen lebhaft – die Majorität ist der Regierung gesichert. Notenwechsel zwischen Frankreich und Turin und Spannung über die verschiedene Auslegung der Konvention; die italienische Regierung interpretiert im Sinne Cavours; die französische beschwichtigt Rom – das ganze ist eine Komödie, da beide Kontrahenten darin einig sind, daß die Versöhnung mit dem Papst, das heißt seine Absetzung von der souveränen Gewalt, nicht durch gewaltsame Mittel, sondern durch einen moralischen Prozeß errungen werden soll. Unter dem moralischen Prozeß versteht man hier sehr richtig die Revolution, welche nicht ausbleiben wird, sobald der letzte Franzose Rom verlassen hat. Die vatikanische Taktik ist: nichts zu tun, kein Heer zu bilden und dadurch die Franzosen zur Fortsetzung der Besetzung zu nötigen. Wenigstens ist diese Haltung wahr; denn man bleibt bei dem Prinzip, während sich die Gegner in diplomatische Masken hüllen und aus den doppelsinnigen Erklärungen, am Wortlaut der Konvention festzuhalten, die reservatio mentalis hervorsieht. Man wird hier nicht ohne Größe, nicht ohne den Glanz des Märtyrertums fallen. Das Papsttum wird sich bis zum letzten Augenblick treu bleiben. Graf Montebello und Sartiges bestürmen die Kurie, 15 000 Mann Truppen zu werben, welche als hinreichend bezeichnet werden. Sie fordern außerdem Reformen im Staat, namentlich was das Gerichtsverfahren betrifft. Herr von Meyendorf erzählte mir heute, daß de Merode entgegnet habe: Reformen an den Kirchenstaat wenden, hieße so viel, als dem Pascha von Ägypten den Rat erteilen, die Pyramide des Cheops mit einer Zahnbürste zu reinigen. Die Stimmung hier ist so tragisch, daß sie zum Humor wird. Ein großer Wendepunkt ist eingetreten – es ist eine wunderbare Zeit; in Turin die Debatten; das überschwemmte Florenz sich rüstend, das Königtum Italiens aufzunehmen, um dann durch die neue dort vereinigte Gewalt den unwiderstehlichen Druck auf Rom auszuüben. Rom ist in ein schicksalvolles Schweigen gehüllt, und der Klerus hat das sardonische Lächeln des Sterbenden. Mir rufen diese Tage die Geschichten des Mittelalters herbei – Viktor Emanuel ist nur die letzte Folge von Aistolf, Desiderius, den Ottonen, Heinrichen, den Hohenstaufen, welche alle auf dies eine Ziel, den Sturz des weltlichen Papsttums, und alle vergebens, ihre verzweifelte Kraft gerichtet hatten. Meine Ansicht war immer: Rom zur Republik zu erklären, dem Papst die Stadt und ihren Distrikt zu lassen, den Römern aber das italienische Bürgerrecht zu geben. So bliebe der kosmopolitische Charakter Roms erhalten. Wenn er ausgelöscht wird, so wird eine Lücke in der europäischen Gesellschaft entstehen. Der Klerus glaubt noch nicht an den Abzug der Franzosen; aber Sartiges und Montebello sprechen sich mit Heftigkeit gegen diese Ansicht aus; so sagte mir heute Schlözer, der es aus ihrem Munde hörte. Wie man immer die Konvention auslegen mag, sie hat diesen praktischen Fortschritt in der römischen Frage herbeigeführt: daß sie dieselbe aus dem Bereich der allgemeinen katholischen Angelegenheiten herausgenommen und zum Gegenstand eines internationalen Vertrags zwischen Frankreich und Italien herabgesetzt hat; endlich daß sie den Grundsatz der Nichteinmischung auch auf Rom angewendet hat. Mit diesen Grundsätzen, welche das Papsttum niemals anerkennen darf, ist dessen Urteil gefällt – das Übrige ist nur ein Prozeß der Zeit. Ich schrieb in diesen Wochen am letzten Kapitel des fünften Bandes. Stille, ernste, gedankenvolle Tage.   Rom, 11. Dezember Ich bin seither beim Abschreiben des ersten Teils vom fünften Bande und dies Manuskript kann in der Mitte des Januar zum Druck abgehen. Ehlert kam, ein Königsberger Landsmann, tüchtiger Komponist, wie man sagte; er ist kränklich und will den Winter über im Süden bleiben. Auch Ernst Boretius, ein anderer Landsmann, Mitarbeiter der ›Nationalzeitung‹, ein sehr gebildeter Mensch. Ich mache die Erfahrung, daß mein langes römisches Leben und langer Aufenthalt in einer von den gegenwärtigen Interessen des Tags (wenigstens was Preußen betrifft) abgezogenen weltgeschichtlichen Neutralität der Studien mich diesen Landsleuten gegenüber fremd und unzugänglich erscheinen läßt. Sie treten selbst als Fremdlinge in diese kosmopolitische Welt von Rom ein, worin sie sich nicht orientieren können, weil sie ihr häuslicher Horizont beengt, aus dem sie ihre Parteirichtungen mit sich bringen. Sie können es nicht begreifen, daß man hier nicht an ihren preußischen Tagesdebatten lebhaft Teil nimmt. Frau Grunelius stellte mich der Fürstin Hohenlohe vor, einer Stiefschwester der Königin von England und Schwiegermutter des Herzogs von Augustenburg. Sie ist eine Frau von ernstem deutschen Wesen. Ihren Begleiter, den Legationsrat von Klumpp aus Stuttgart, hatte ich schon auf einem Diner bei Meyendorf kennengelernt. Der Herkules von Bronze liegt jetzt im Palast Pio in einem Zimmer, welches mit einfachen Mitteln dekoriert ist, auf einem rotbedeckten Untergestell, ganz golden, da die Goldbekleidung voll und schön hervorgetreten ist – ein verstorbener Gott auf dem Paradebette. Man betrachtet ihn bequem von einer zu diesem Zweck errichteten Balustrade. Der Bildhauer Achtermann, welcher zugegen war, verdarb mir den Anblick durch sein unleidliches Geschwätz über die Fehler der Modellierung dieser Statue. Man sagt, der Papst habe den Herkules für 70 000 Scudi angekauft; er bleibe in Rom. Ich wünschte, daß man ihn irgendwo öffentlich aufstellte, etwa auf dem Monte Pincio, wo er im Sonnenschein prächtig leuchten würde. Doch die Bronze ist zu dünn und schadhaft. Dieser seltene Fund hat die Phantasie der Römer entzündet, und die alte Mythe von verborgenen Schätzen läuft wieder um. Vor kurzem erschien ein gewisser Testa im Bureau des Ministeriums des Innern, erklärte, daß er ein Dokument gefunden habe, welches die Stelle eines im Kolosseum vergrabenen Schatzes genau angebe, und bat um die Erlaubnis nachzugraben. Sie wurde ihm bewilligt; seit 10 Tagen gräbt man wirklich nach dem Schatz unter dem hinteren Eingangsbogen des Kolosseums nach dem Lateran zu. Eine Öffnung von wohl 20 Fuß ist gemacht worden. Schwarze Schlammerde liegt hoch aufgeschichtet; eine Dampfmaschine pumpt das Wasser empor, welches sich bereits als ein trüber Bach um das Kolosseum her nach Süden ergießt. Soldaten stehen mit geschultertem Gewehr dabei, Zuschauer umher, die Arbeiter wühlen in einem Schacht – doch dieser öffentliche Vorgang, welcher in Berlin zahllose Volksmassen herbeiziehen würde, lockt hier keineswegs solche heran. Die Römer, ein Volk ohne Neugierde, sind an solche Schatzgräbermythen, namentlich im Coliseo, gewöhnt. Man erzählte mir, daß dies in diesem Jahrhundert der dritte Fall sei und daß jedesmal die Arbeit abgebrochen werden mußte, weil man des Wassers nicht Herr werden konnte. Ich war zweimal an Ort und Stelle, das erste Mal an einem Freitag, wo die Brüderschaft der Via Crucis den Umzug im Kolosseum hielt. Während der Kapuzinermönch auf der hölzernen Kanzel vom himmlischen Jenseits predigte, umringt von alten Weibern und frommen Zuhörern, grub man mit des Papsts Willen, einige Schritte davon entfernt, offizieller Weise nach einem großen irdischen Mammon: Extreme, welche in einem echt römischen Bilde das Wesen des Papsttums darstellten. Wenn der Papst den Schatz finden sollte, so würde er ihm in seiner Finanznot sehr zustatten kommen, und die Gläubigen würden Mirakel schreien, weil sich selbst die schwarzen Höhlen des Kolosseums auftun, zum St. Peterspfennig beizusteuern. Testa versichert, daß alle in jenem Pergament angegebenen Zeichen, Lage der Steine, Gewölbe etc. bis jetzt eingetroffen seien; er gräbt also fort. Herr Cavinci erklärte mir bedeutungsvoll, daß dieser Schatz von den Frangipani dort vergraben sei; andere lächeln, aber im Grunde glaubt ganz Rom an diese unterirdischen Schätze. Die Mythe erscheint schon in dem alten Kuriosum, wo in der Region XIII zu lesen ist: Herculem sub terram medium cubantem, sub quem plurimum aurum positum est. Heute vor 14 Tagen fand die Seligsprechung des Petrus Canisius statt. Die Jesuiten feierten ihren Ehrentag. Canisius aus Nymwegen war der erste Deutsche, welcher in den Orden Jesu trat, in welchen ihn Ignazius Loyola selbst zu Rom, im Jahr 1547, aufnahm. Dieser gelehrte Professor von Ingolstadt, Zeitgenosse Luthers, Melanchthons, mit dem er in Worms disputierte, und Calvins, zweimal als Theolog des Kardinals Truchseß von Augsburg anwesend auf dem Tridentiner Konzil, war das Werkzeug der katholischen Reaktion gegen die Reformation in Deutschland. Er hat sie dort aufgehalten, in Bayern namentlich und in Österreich. Die Lutherischen nannten ihn nur den Canis Austriacus . Selbst in Polen wirkte er. Sein Katechismus war seine reformationsmörderische Waffe. Vor dem Eingang des St. Peter rühmte den neuen Heiligen eine Inschrift als »Bezwinger Melanchthons und anderer gottloser Ketzerhäupter«. Der Papst kam nachmittags in den Dom. Ich sah ihn nie so hinfällig; er hinkt nach der Seite; ist ganz verfallen. Antonelli, wie es mir schien, in absichtlich lebhaft munterem Gespräch mit seiner Umgebung. Ich bemerkte unter den Zuschauern den österreichischen Botschafter Bach; ich hätte ihm gerne zugeflüstert: propter te fabula Canisii narratur. Der pfäffische Bach hat aus Österreich nichts mit nach Rom zurückgebracht als wertlose Komplimente, den Rat, sich mit Frankreich so gut als möglich zu stellen, und wahrscheinlich beängstigende Andeutungen von der Unhaltbarkeit des Konkordats. In demselben Österreich, wo der Canis Austriacus die Reformierten um ihre bürgerlichen Rechte brachte, haben sich jene, trotz des Konkordats, heute ihre Gleichberechtigung im Staat errungen. Die am 17. November in Turin vollzogenen Noten über die Verlegung der Hauptstadt und die Annahme der Konvention haben mit großer Majorität, von 317 Stimmen gegen 71, der Regierung den Sieg gegeben. Die Haltung des Parlaments war maßvoll und patriotisch; das Land zeigt sich gereift und opferbereit. Der Einheitsgedanke ist durchgedrungen, das Prinzip des Kirchenstaats ist tot, und die römische Frage wird dem geschichtlichen Prozeß überlassen, dem sie verfallen ist. Ein fossiles Märtyrertum ist alles, was hier übrig bleibt. Nur die Presse erhebt hie und da einen Verzweiflungsschrei, namentlich über den Gesetzesvorschlag Vaccas zur Aufhebung auch jeder noch übrigen geistlichen Körperschaft. Dies in derselben Zeit, wo ein russischer Ukas die Klöster in Polen aufgehoben hat. Vorgestern machte ich Besuch beim Prinzen Santa Croce. Die römischen Magnaten wohnen in Palästen der Renaissance, unter einem kalten und veralteten Luxus. Irgendein Kardinal der Familie ist in der Regel die Mythe des Hauses – so hier Prospero Santa Croce, aus der Epoche der Bartholomäusnacht. Der Prinz führte mich durch den Palast. In seinem Archiv gibt es nichts Bedeutendes für mich, da die Familie erst aus dem 15. Jahrhundert stammt. Freilich auch hier der römische Wahnsinn fabelhafter Abstammung von Publicola. Santa Croce ist ein lebenskräftiger, lebenslustiger, gutmütiger Mann; er bat mich wiederzukommen, was ich tun will. Ich lese jetzt abends das Leben Fichtes. Die Zeit geht an mir vorüber, wo Königsberg auf der Hochwacht des deutschen Geistes stand, der Leuchtturm in jenem barbarischen Osten. Pauline schickte mir in diesen Tagen das Bild des Neidenburger Schlosses auf Pergament, als Lichtschirm geformt. Das ehrwürdige Schloß war ein großer Faktor in meiner kleinen Lebensgeschichte – es geht davon ein Bezug auf die Engelsburg in Rom. Ohne jene Neidenburger Rittertürme hätte ich vielleicht die ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ nicht geschrieben.   Rom, 31. Dezember Der Papst hat am 8. Dezember eine Enzyklika und einen damit verbundenen »Syllabus« veröffentlicht, worin er alle politischen und philosophischen Irrlehren der Zeit zusammenfaßt und verurteilt. Der Syllabus besteht aus 80 Sätzen, worunter das Prinzip des Non-Intervento ; der Schluß verurteilt als Nr. 80 folgende Ansicht: »Der römische Papst kann und darf mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und der modernen Zivilisation einen versöhnlichen Vertrag schließen.« Die Klerikalen sehen in diesen Manifesten eine weltgeschichtliche Tat, alle Vernünftigen nur die Unfähigkeitserklärung des Papsttums, sich in der Zeit fortzuentwickeln, und seinen Absagebrief an die menschliche Kultur. Die Anmaßung im Jahre 1864, die einzige Quelle aller Macht und alles Rechts, ja aller Zivilisation zu sein, diese antiquierte Sprache Innozenz III. und Bonifazius' VIII. im Munde eines schwächlichen Träumers, ist ganz lächerlich. Der syllabierte Blödsinn beweist nur das kindisch gewordene Alter dieses Instituts. Ich war gestern auf einem Ball bei Meyendorf, der mich dem Kardinal Silvestri vorstellte, und mit Verachtung von dem Syllabus sprach, was freilich der Kardinal nicht hörte. Dort lernte ich auch den alten Fürsten Massimo kennen. Ich hoffte hinter die Dokumente seines Hauses zu kommen, Massimo schien jedoch auszuweichen, und vielleicht ist dem wirklich so, daß sich dort nichts erhalten hat. Rom, Gisant vom Grabmal Bonifaz VIII. in den Grotten des Vatikan Der neue preußische Minister Baron von Arnim kam mit Schlözer – ein noch junger Mann von schönem Äußeren. Er scheint, nach dem ersten Gespräch, papstfreundliche Instruktionen mit nach Rom gebracht zu haben und behandelte die gegenwärtige Krisis von Rom als Bagatelle. Sir John Acton kam, Enkel Dalbergs – ein englischer Katholik, Schüler Döllingers, sehr belesen in aller Literatur. Wöchentlich musikalischer Abend bei Lindemann, wo Franzosen spielen, und Bertha, ein Schüler von Liszt. Vorgestern kam Frau Salis Schwabe, ihren hier erkrankten Sohn zu pflegen. Mein ältester Bekannter unter den Römern, Enrico Serny, mit dem ich am 2. Oktober 1852 in Rom einzog, starb vor kurzem. Dr. Steinheim feierte seine goldene Hochzeit. Das Jahr 1864 geht zu Grabe. Es war von angestrengter Arbeit; der fünfte Band ward zu Ende geführt; der erste Teil davon bereits druckfertig gemacht; der Sommer schön und fruchtbar durch die umbrische Reise, später peinlich, wieder sich aufheiternd durch das bessere Ende. 1865 Rom, 15. Januar Ich war bei der Fürstin Hohenlohe. Sie sprach von der Bismarck'schen Politik in Schleswig-Holstein, indem sie ihren Schwiegersohn oder dessen mißliche Stellung milde beklagte. Ihr Neffe ist Monsignor Hohenlohe, Liebling des Papsts. Es kam hieher Professor Thomas aus München, bekannt durch seine venezianischen Forschungen, ein liebenswürdiger und belebter Mensch; ferner Levin Schücking, der mir sehr wohlgefiel, fein und geistreich im Aussehen und Gespräch, und der talentvolle Engländer Bryce, Verfasser von ›The Holy Roman Empire‹.   Rom, 1. Februar Am 22. sonntags ging der erste Teil des fünften Bandes mit dem Kurier der französischen Gesandtschaft über Paris in die Druckerei. Der zweite Teil ist bis ins sechste Kapitel gefördert. Ich habe den leichtesten Winter. Die Folge davon ist, daß ich mir eine größere Teilnahme an der Gesellschaft erlaubt habe. Bei Sermoneta traf ich Mr. Pentland und Lord Grey, ehemals Minister. Mit der Fürstin Hohenlohe war ich nach dem Grabmal des Nero gefahren. Mehrmals bei Meyendorf, der noch immer hier Rußland vertritt. Öfters bei Frau Schwabe. Von bedeutenden Menschen ist nicht viel in Rom; die Stadt dies Jahr wenig besucht. Brockhaus kündigt mir eine neue Auflage der ›Siciliana‹ an. Lindemann macht Zeichnungen von schönem Wert für ›Capri‹. Das tragische Schicksal Gutzkows erschütterte mich. Wie viel Krankheitsstoff in der Literatur, im Fühlen und Denken dieser geistreichigen Zeit! Gutzkow, dessen ich mich hier in Rom nicht erfreuen konnte, hat keine Humanität in sich; er ist über sein eigenes Ich gefallen. Hier ist man entzückt über die Unterwerfung des französischen Episkopats unter Enzyklika und Syllabus; selbst Montalembert, de Falloux, Broglie, Dupanloup huldigen diesem mittelalterlichen Wahnsinn. Das ist die gerühmte Regung des freien Geistes in Frankreich – Frömmler und fanatische Legitimisten –, es ist eine Schande. Gestern war Empfang bei Pacheco, dem neuen spanischen Botschafter. Zahlloses Volk, dichtestes Gedränge. Anderer Aufzug: der bronzene Herkules wurde aus dem Palast Pio nach dem Vatikan gebracht. Man sagt, die päpstliche Regierung wolle das Pantheon freilegen. Wenn sie dies täte, wollte ich ihr den Syllabus verzeihen.   Rom, 27. Februar Cotta meldet die richtige Ankunft des ersten Teils von Band V über Paris. Seither habe ich an der Druckfertigkeit des zweiten Teils gearbeitet und die ›Siciliana‹ zur zweiten Auflage durchgesehen. In einem Strom von geselligen Vergnügen gelebt. Am 8. Februar großer Ball von 1200 Personen auf der österreichischen Gesandtschaft – glänzende Erleuchtung, Pracht und Bewirtung. Die Honneurs des Festes machte die Prinzessin Corsini. Mehrere Abendgesellschaften bei Meyendorf. Oft mit der Fürstin Hohenlohe ausgefahren. Ich erfuhr erst jetzt, daß ihre an den Herzog von Augustenburg verheiratete Tochter Napoleon den ersten Korb gegeben hat. Eine Nachtfahrt mit Schotten und Engländern nach dem Kolosseum, welches wir bei Fackellicht bestiegen, bei scharfer Kälte und trübem Mond. Frau S. hatte Punsch mitgenommen, ging mit einer großen Flasche in der Runde – dies zufällig am Kreuz, in der Mitte des Kolosseums –, ringsum Fackeln, und französische Wachtposten. Der Blick vom Gipfel des Kolosseums ist bei Nacht wunderbar. Es kam zu mir Georg Samarine aus Rußland, von der Großfürstin gesendet – mit Miliutin, vorgeblichem Reorganisator der ländlichen Verhältnisse Polens. Er sprach noch von der Erschaffung einer polnischen Nationalität, wozu ich lachte. Auch Tchicherine kam, aus der Begleitung des russischen Thronfolgers. Er ist seitdem Professor des Staatsrechts in Moskau geworden und bereits ein Mann von wissenschaftlichem Ruf. Der Staatsrat Lenz, mit dem ich eben erst bei Meyendorf war, wurde plötzlich vom Schlage gerührt. Gestern starb Dr. Kunde an der Schwindsucht. Wir begraben ihn heute. Als man ihn vor seinem Sterben fragte, ob er noch etwas wünsche, sagte er ruhig: den Tod! und starb. Karneval – diesmal von dem Römern besucht – wüst und unerquicklich. Ich habe ihn nicht ein einziges Mal gesehen.   Rom, 11. März Die Korrekturen des Bandes V sind angekommen. Ich habe dem Venezianer Antonelli das Recht, neue italienische Ausgaben der ›Geschichte der Stadt Rom‹ zu machen, abgetreten. Die Übersetzung soll sofort in Angriff genommen werden. Seit gestern arbeite ich in der Bibliothek des Grafen Casimir Falzacappa von Corneto, eines schon bejahrten Herrn, welcher viele Manuskripte über cornetanische Geschichte gesammelt hat. Graf Sartiges war vor 8 Tagen beim Papst und zeigte ihm an, daß Napoleon die Septemberkonvention genau aufrechthalten und demnach seine Truppen von Rom zurückziehen werde. Es hat tiefe Bestürzung im Vatikan gegeben. Die Sache wird ernst. Viktor Emanuel hat Florenz wieder verlassen, sich mit Turin ausgesöhnt, wird aber nächstens nach Florenz zurückkehren, wo man ernstlich die Residenz einrichtet.   Rom, 9. April Palmarum Der Zudrang der Fremden ist groß, ich werde alle Tage beunruhigt. Unter den Neuangekommenen wurde mir wert die Tochter von Prokesch-Osten, welche mit dem Freiherrn von Reyer, österreichischem Bevollmächtigten in Darmstadt, verheiratet ist, eine Frau voll Geist und Leben. In der Villa Albani lernte ich zwei rheinische Dichter kennen: Wolfgang Müller von Königswinter und Matzerath. Rom, Villa Albani von der Porta Pia, 3. 7. 1855 Pauline schreibt mir aus Florenz, daß Ludmilla Assing damit umgehe, Korrespondenzen ihres Onkels herauszugeben, welche ein Licht auf den Charakter Wilhelms von Humboldt werfen und dessen moralische Versumpfung an den Tag bringen sollen. P. ist ganz entrüstet darüber als über ein Attentat gegen den Glauben an die Größe jener wenigen Charaktere, deren Kultus der Nation heilig geworden. Ich werde mit Brockhaus darüber konferieren, den Druck dieses neuen Skandals zu hindern. Alles still in Rom. Persigny soll gestern angekommen sein. Man sagt, mit einer Mission Napoleons. Dessen erster Band von Cäsars Leben, eine oratio pro scelere commisso , macht einiges Aufsehen und fand an Rogeards ›Labienus‹ eine vortreffliche Satire.   Rom, 30. April Am 19. April war Rom feenhaft beleuchtet. Der Tiber an Ponte S. Angelo, wo illuminierte Schiffe lagen, und der Borgo zauberisch schön. Ich fuhr durch die Stadt mit der Fürstin Hohenlohe und Herrn von Klumpp. Am 21. gab Liszt im Palast Barberini sein Abschiedskonzert. Dilettanten sangen und spielten; er spielte die Aufforderung zum Tanz und Erlkönig – ein sonderbarer Abschied von der Welt. Niemand ahnte, daß er schon die Abbatenstrümpfe in der Tasche trug. Am folgenden Sonntag erhielt er im St. Peter die Tonsur und erste Weihe von Monsignor Hohenlohe. Er trägt jetzt das Mäntelchen des Abbé, wohnt im Vatikan, soll, wie Schlözer mir gestern erzählte, gut aussehen und vergnügt sein. Dies ist das Ende des genialen Virtuosen, einer wahrhaft souveränen Persönlichkeit. Ich bin froh, daß ich Liszt noch spielen hörte; er und das Instrument schienen mir zusammengewachsen als wie ein Klavier-Kentaur. Heute vor acht Tagen war ich in Ostia. Eine geteilte Gesellschaft: elf Preußen fanden sich dort zusammen. Seit 14 Tagen ist Vegezzi hier, Finanzminister Italiens im Jahr 1860, jetzt Unterhändler Viktor Emanuels. Der Papst hat an den König geschrieben, ihn aufzufordern, der Verwirrung in Kirchensachen ein Ende zu machen. Darauf hat man Vegezzi hergeschickt. Die italienische Regierung will den Eid der Bischöfe fallen lassen – ein großes Zugeständnis –, und eben heißt es, daß sie das Gesetz über die Aufhebung der geistlichen Korporationen zurückgezogen habe. Ich habe den 17. Korrekturbogen des Bandes V erhalten. Das letzte Manuskript nahm vor einigen Tagen Frau Grunelius mit. Ich war im Archiv Santa Croce. Die Ausbeute ist nicht groß.   Rom, 7. Mai Heute ein Abschiedsfrühstück in der Titusosterie mit Schücking und den Freundinnen Meysenbug und Herzen. Darauf großer Café in Villa Wolkonski. Am 2. Mai Fahrt in das Tal des Nero. Vorgestern bei der Fürstin. Sie erzählte viel von ihrer Tante, der Witwe des Großfürsten Konstantin, welche lange Jahre in derselben Villa Boissière gewohnt hatte, die jetzt Herzen gemietet hat, und wohin seine Töchter nun bald abreisen werden. Es ist in Rom ein ewiges Weben und Trennen des Gewandes der Penelope. Dies Leben ist reich, aber es verzehrt die Gefühle, mit denen es bezahlt werden muß. Ich sah gestern Liszt als Abbate gekleidet – er stieg aus einem Mietwagen; sein schwarzseidenes Mäntelchen flatterte ironisch hinter ihm her – Mephistopheles als Abbé verkleidet. So endet Lovelace. Ich arbeite wenig. Die Begeisterung in mir wich der philosophischen Ruhe. Das Schaffen ist ein langsames Entfernen von dem ersten Trieb, davon man ausging und worin ein Beseligendes lag.   Rom, 14. Mai Mittwoch am 10. war ich nach Albano hinausgefahren, von der Fürstin Hohenlohe Abschied zu nehmen. Der Tag war drückend und schwül. Wir fuhren durch die Galerien nach Ariccia. Überall tauchten vor mir Szenen der Vergangenheit auf; alle diese Orte sind für mich mit Erscheinungen bevölkert. Ich bin nun in die römische Stille zurückgetreten, welche ernst und gedankenvoll sein soll. Viktor Emanuel hat seinen Sitz am 12. Mai nach Florenz verlegt. Vegezzi reiste ab, Instruktionen zu holen. Doch ist der Kreis der Unterhandlungen nur auf das Kirchliche beschränkt. Die Aktionspartei schreit Verrat.   Rom, 4. Juni Stille Tage. Ich habe meine Wanderungen in Rom wieder mit Schlözer aufgenommen, einem lebhaften Menschen von noch immer jugendlichem Wesen. Vormittags arbeite ich in den Bibliotheken. Die Korrektur des Bandes V nähert sich dem Ende.   Rom, 11. Juni Diner beim Herzog von Sermoneta mit Graf Gotze. Nach Tisch kam der Prinz Santa Croce mit seinen Töchtern. Gestern bei Meyendorff; es war dort Baron Hübner, österreichischer Botschafter zu Paris im Jahr 1859 und bekannt durch die Kriegserklärung Napoleons zu Neujahr. Er ist außer Staatsdienst und sucht hier Material für eine Geschichte Sixtus' V. Ein feiner Mann, schlau und geistreich, und wie es scheint, selbständig. Er erzählte viel vom Pariser Hof, nannte Morny » un Fra Diavolo de la bonne compagnie «. Schlözer reist übermorgen nach Sizilien. Ich arbeite in der Minerva, das Material zum Band VI zu vervollständigen, und kopiere römische Familienwappen bei Chigi. Der Prinz Campagnano hat mir das Archiv ganz freigegeben. Gestern schickte ich den 40. Korrekturbogen des Bandes V zurück. Der Druck ist beendigt. Vegezzi hier wieder angekommen. Der Gang der Verhandlungen bleibt im Dunkel.   Rom, 18. Juni Gestern bei Sermoneta. Es wird bestätigt, daß die Unterhandlungen mit der italienischen Regierung abgebrochen sind. Diese besteht auf drei Forderungen: Eid der Bischöfe, Exequatur und Verminderung der bischöflichen Stühle in Italien. Dies will man im Vatikan nicht bewilligen. So ist dieser Versuch der Versöhnung gescheitert. Die Jesuiten und die Mazzinisten werden jubeln. Man steht hier wieder auf der confusio omnium rerum et providentia dei wie im alten römischen Reich. Im Archiv Chigi findet sich auch der Baron Hübner ein, welcher bald abreist. Ich habe die letzte Korrektur des Bandes V abgeschickt. Die Stadt wird leer – ich sehe nur noch Russell, Meyendorff, Sermoneta, Gotze, Lindemann.   Rom, 24. Juni Die Krankheit Paulinens ist so bedenklich geworden, daß ich die Abreise nach Florenz beschlossen habe. Ich wollte heute fahren, aber gestern telegraphierte mir Frau Sabatier, ich solle noch nicht kommen. Ich habe ihr zurücktelegraphiert, daß ich heute nicht abreise, aber nächstens komme. Der Gedanke, diese hochherzige und treue Freundin könne sterben, ohne daß ich ihr noch Lebewohl gesagt hätte, ist mir unerträglich. Ich denke morgen abzureisen, sie mögen es wünschen oder nicht. Rom so still und schön. Ich nahm gestern von Odo Russell Abschied, welcher mit dem Portugiesen Lobo in Ariccia ist.   Florenz, 16. Juli Am 25. Juni, sonntags früh, nach Florenz abgefahren über Civitavecchia. Angekommen nachts 12 Uhr. Am folgenden Morgen ging ich zu Sabatiers. Pauline ist sehr krank. Sie hat sich in der nassen, kalten Wohnung ein Fieber zugezogen. Meine Gegenwart belebt sie; sie steht zweimal des Tags auf. Ich lebe hier im Palast – Sabatier ist in Frankreich. Amari kommt täglich ins Haus. Ich lernte die Familie Pulszky kennen. Pulszky, zuerst Anhänger Kossuths, zehn Jahre im Exil in London, dann seit zwei Jahren hier, ist zur gemäßigten Partei übergegangen, wie auch Klapka, und wird gern nach Ungarn zurückkehren. Auch Dr. Schiff, hier Professor der Physik und neben Moleschott eine Zelebrität, habe ich gesehen. Mehrere Korrespondenten französischer Journale kommen ins Haus. Sonst ist die Stadt leer. Die Hitze entsetzlich. Florenz ist eine abgestorbene Lokalbühne mit reizenden Kulissen. Die Verlegung der Hauptstadt ist noch nicht fühlbar. Die großen Elemente, aus denen sich diese formen könnte, fehlen in der Stadt der Grazien. Ich arbeite auf dem Staatsarchiv. Viele Dokumente aus der Zeit der Rückkehr von Avignon abgeschrieben. Ich unterzeichnete hier den Venezianer Kontrakt in bezug auf die von mir autorisierte Übersetzung der ›Geschichte der Stadt‹; seltsamerweise unterzeichnete ich in eben diesem Palast vor acht Jahren die Cotta'schen Kontrakte.   Kufstein am Inn, 29. Juli Am 22. reiste ich von Florenz ab. Paulinens Zustand war besser geworden. Das Haus löste sich auf. Pulszky und Amari waren schon in den Bädern von Lerici. Die Hitze ist grenzenlos. In einer Tour fort nach Mailand. Ich hatte des Morgens noch Zeit, nach dem Dom zu gehen, und fuhr dann weiter. In Verona zwei Stunden Rast. Abends am 23. in Bozen, wo die Eisenbahn endet. Am 24. weiter über Brixen. Am 25. um 7 Uhr morgens in Innsbruck. Ich blieb dort den Tag. Es regnete. Mich fror. Am 26. des Morgens abgefahren. Ich wollte nach Reichenhall. Als ich in Kufstein Halt machte, gefiel mir die Lage des Orts so sehr, daß ich beschloß, hier zu bleiben. Dunkle Berge umstellen ein grünes Tal, durch welches der wilde Inn fließt. Schöne Gänge im Wald, der frommen Sagen Aufenthalt. Alles voll Blumen und Grün. Ich ging heute im Walde. Da fand ich die reizendste Szene. Ein großer Baum; daran war die verstümmelte Figur eines weißen Engels aus Holz angenagelt; ein junges Mädchen mit langen blonden Zöpfen und blauen Augen stand davor, hatte eine Menge Blumen neben sich und war beschäftigt, den Engel damit zu schmücken.   Kufstein, 30. Juli Vorgestern sah ich das Volksschauspiel ›Faust‹ (Bearbeitung von Klingemann) in einem Wirtshaussaal – Faust als Buchdrucker vorgestellt, mit Vater, Weib und Kindern. Szene im Spessart. Vier Todsünden: Mord des Weibes mit dem Kind im Mutterleib, des Vaters, und Nro. 4 das Pactum mit dem Teufel. Höllenabfahrt! Gestern das Passionsspiel in Thiersee. Die Bauern spielen dort alle zehn Jahre, wie in Oberammergau. Ein hölzernes Gebäude ist das Theater, mit mehreren Sitzreihen. Vormittags von 8-1 Uhr die Passion bis zur Kreuzigung, dann Pause. Um 2 Uhr Wiederanfang, bis 5 Uhr, wo die Auferstehung dargestellt wird. Die Himmelfahrt macht den Schluß. Das Ganze mit handwerksmäßigem Naturalismus vorgetragen – es blickte zuweilen hervor Pyramus und Thisbe, zuweilen war es wie eine dramatische Durchführung der Bilder von Wolgemut und Holbein. Plattverse – Tonart von Hans Sachs. Köstliche Magdalena, ein Bauernmädchen; andere Frauen: Maria, Veronika, die Gemahlin des Pilatus – zwei Engelgestalten, stets zum rechten Moment auftretend mit Gesang, wie ein antiker Chor, das Irdische mit dem Himmlischen vermittelnd. Eine uralte Tradition wird hier wirkliches Leben. Wie wenn die Quellen der Poesie, Kunst, Sitte, Religion und des ganzen geistigen Prozesses der christlichen Gesellschaft aufgedeckt würden. Daß man diese erhabene Mythe acht Stunden lang spielen kann, ohne in Karikatur zu fallen, daß die Gestalt des großen Genius der Menschheit von einem Bauer kann dargestellt werden und die tiefsten Probleme des Lebens diesen Landleuten künstlerisch begreiflich sind, spricht überzeugender als alles für die echte Menschlichkeit des ursprünglichen Christentums. Dies urdeutsche Wesen einmal gesehen zu haben, macht mich ganz glücklich.   Reichenhall, 16. August Gasthaus zur Post Am 31. Juli fuhr ich von Kufstein nach Hopfgarten, wo ich nächtigte. Ich erstieg die Hohe Salve am 1. August in der Frühe – ein herrliches Alpenpanorama von gegen 200 Pyramiden, bis zum Ortler hin, war der Lohn dieser geringen Anstrengung. An demselben Tage nach Kufstein zurück, wo ich noch bis zum 5. August blieb. Es regnete viel. Ich schrieb einen Bericht über das Thierseer Passionsspiel für die ›‹National-Zeitung‹. Am 5. mit der Eisenbahn nach Teisendorf. Der Regen strömte. Dann Post nach Reichenhall. Das Fuhrwerk wollte nicht fort; ich mußte mit meinem Reisegefährten eine Strecke im Regen zu Fuß gehen. Ich langte nachmittags in Reichenhall an. Seither lebte ich hier 12 Tage, von denen etwa sechs gut und sonnig waren, nur im Umgang mit Giesebrecht und Professor Sanio aus Königsberg. Wir machten viele Partien: Paddinger Alp, Thumsee, Schloß Staufeneck (das mich sehr an Neidenburg erinnerte). Am 10. in Salzburg; vorgestern in Berchtesgaden, wo es stark regnete. Ich traf dort flüchtig Paul Heyse. Einmal mit der Sängerin Tutschek und Professor Werther eine Partie gemacht. Ich fand keine Stimmung, auch nur das Geringste zu produzieren und kaum welche, etwas zu lesen. Der fünfte Band der ›Geschichte der Stadt Rom‹ kam an – so wird vom Leben ein Scheit nach dem andern ins Feuer geworfen, bis der Baumstamm verbrannt ist. Giesebrecht fragte mich, ob ich gesonnen sei, eine Professur in Deutschland anzunehmen, da man ihn darum frage; so hätte Leo in Halle sich danach erkundigt und der sächsische Minister, der mich nach Leipzig habe ziehen wollen. Ich erklärte, daß ich für solche Stellung nicht passe, sondern mich nur als einen Schriftsteller betrachte, welcher historische Studien treibe, ohne einen praktischen Lehrberuf damit zu verbinden, wie viele englische Historiker. Ich begehre nichts als Freiheit und Unabhängigkeit, oder deren Sicherung auf angemessene Weise, für meine noch übrige Lebenszeit.   Station Lambach, Sonnabend, 19. August 5 Meilen vor Linz Noch am 16. August nach Salzburg. Schützenfest am 17. Man rüstete den Empfang des Kaisers, welcher am 19. mit dem König von Preußen dort zusammentreffen sollte, um die Gasteiner Unterhandlungen wegen Schleswig-Holstein abzuschließen. Am 18. nach Lambach. Dieser Ort hat ein Benediktinerkloster. Ein Gymnasiast aus Klagenfurt sagte mir unterwegs, daß er die Gastlichkeit der Mönche beanspruchen wolle – er sah sehr zerlumpt aus, und doch machte er, wie er sagte, eine Vergnügungsreise. Als ich ins Kloster kam, sah ich über einer Türe mit goldnen Buchstaben geschrieben: »Für Arme und Reisende«. Ich trat in ein unfreundliches Zimmer, wo mein Gymnasiast saß und aus einem irdenen Teller aß. Man hatte ihm nur eine schwarze Wassersuppe ohne Brot dazu gegeben. Ich gab ihm Geld, sich solches zu kaufen. Die Benediktiner in Subiaco und Monte Cassino würden ihre Gäste nicht so elend abgespeist haben – und dazu die goldnen Buchstaben für eine Wassersuppe.   Passau, Montag, 21. August Im Grünen Engel Von Lambach des Morgens nach Linz. Kurz zuvor war auf jener Station der Großherzog von Hessen angekommen, um nach Salzburg zu fahren – ein starker Mann in österreichischer Uniform, steif und finster wie ein Korporal. Der Wirt hatte seine Gäste im Gastzimmer ausgesperrt und dies hergerichtet. Er stand mit der Serviette unter dem Arm vor der Türe, wo er Kratzfüße machte; aber der hohe Durchreisende warf keinen Blick auf ihn, sondern stieg in den Wagen. Linz ist im italienischen Rokokostil gebaut, namentlich so der schöne und große Markt, der beste Teil der Stadt. Am 20. zu Dampfschiff stromauf nach Passau. Zu beiden Seiten bewaldete Ufer, welche hie und da einen Strand bilden, worauf Ortschaften stehen. Bisweilen in der Höhe eine Burg, wie Rana, das Schneiderschlössel, und Fichtenstein, welches aus einem finstern Wald hervorragt. Holzflöße kommen mächtig daher, mit langen Rudern vorn und hinten gesteuert, während in der Mitte eine Bretterbude steht; auch Salzkähne kommen vorüber, beladen mit Fässern, vom Inn herauf die Schätze des Salzkammerguts nach Wien führend. Die Dampfschiffahrt zwischen Linz und Passau ist auf zwei Schiffe beschränkt. Das meinige zählte kaum sechs Passagiere, welche sich noch während der Fahrt verminderten, denn das Schiff hält etwa viermal an den Strandorten an, die mit ihren gekuppelten Kirchen und weißen Häusern in idyllischen Flußuferlandschaften einsam dastehen.   Regensburg, 22. August Goldenes Kreuz Nach Regensburg gekommen, um 3 Uhr nachmittags. Ich besuchte das Rathaus, welches ohne historischen Charakter ist, den Dom, der sehenswert, das Schloß Thurn und Taxis mit schönem Park, die steinerne Brücke über die Donau, welche hier wüst und verkommen aussieht, und wanderte kreuz und quer durch die Straßen. Morgen will ich fort nach München.   München, 28. August In der Blauen Traube Am 23. bin ich hier eingetroffen. Die Stadt ist leer; alle meine Bekannte sind draußen, die Bibliothek ist geschlossen. Langweilige Tage bei herrlichen Wetter. Zweimal im Theater gewesen, die Hugenotten gehört und gestern des wunderlichen Raimund ›Verschwender‹ gesehen. Wenig Briefe erhalten. Am 28. sah ich ›Clavigo‹ im Residenztheater, zu Goethes Geburtstage, bei fast völlig leerem Hause. Das Stück ist quälend. Am 29. nahm ich Abschied mit der Vorstellung des ›Wintermärchens‹, in der Bearbeitung von Dingelstedt.   Bologna, 4. September Hotel Brun München verließ ich am 31. August. Nachts in Innsbruck; am 2. September in Bozen. Dort besuchte ich den Bürgermeister Streiter, den Grenzwächter des deutschen Wesens in diesem Tirolerland, dessen durch gemischte Bevölkerung zerrissener Zustand mich an Posen erinnerte. Fallmerayer war oft hier zu Gast und rühmte die »attischen Nächte« von Bozen. Heute besuchte ich Professor Frati im Archigymnasium, Giordani auf der Pinakothek, der mir ein Schreiben an den Prior des spanischen Kollegs mitgab.   Rom, 14. September In Bologna fand ich auf der Albornoziana nichts für meine Zwecke, reiste daher schon am 5. nach Florenz, wo ich die Schwester Paulinens besuchte und den Zustand der Kranken unverändert fand. Sabatiers noch in Karlsbad; Amari anwesend. Pulszky in den Bädern von Lucca. Ich nahm Abschied von der edeln Freundin. Am 7. in Pisa, wo ich die Nacht blieb. Ich sah das Haus wieder, wo Ludwig starb. Am 8. nach Rom. Als ich das Grenzamt Montalto erreichte, wurde ich, weil mit einem anderen Reisenden aus Bologna kommend, in die Quarantäne abgeführt. Diese war in einem wüsten Hause mit zwei Zimmern eingerichtet. Eine Bank bildete die Demarkationslinie; der Ausgang, um frische Luft zu schöpfen, wurde untersagt. Am 9. stellte man uns frei, nach Orbetello ins Italienische zurückzugehen, was wir sofort taten. Orbetello liegt an einem Haff hinter dem Kap Argentaro. Acht graue Türme stehen melancholisch am Sumpf, durch den ein Damm nach dem öden Kap führt – eine Seelandschaft von großartiger Schwermut. Das Gasthaus »Alle chiave d'oro« war gut. Mein Bett sogar mit Seide bezogen. Man gab uns treffliche Fische und guten Wein. Lyrische Stimmung überkam mich, ich schrieb dort die Verse ›Quarantäne in Orbetello› – auf meiner ganzen Reise die erste produktive Stimmung. Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, dort noch vier Tage zu leben. Da kam am 10. abends Meldung, daß der Konsul in Civitavecchia meine Befreiung ausgewirkt habe. Ich reiste am 11. ab. In Montalto empfing mich ein Beamter der Post, alles war in Richtigkeit. In Gesellschaft zweier schöner Römerinnen und ihrer Männer, welche ebenfalls in Orbetello hatten Quarantäne halten müssen, fuhr ich über Civitavecchia weiter und langte in Rom an in der Morgenfrühe des 12. September. Gestern ist der Papst aus Castelgandolfo zurückgekehrt. Die Kanonen donnerten.   Rom, 8. Oktober Am 22. September habe ich Band VI niederzuschreiben angefangen. Das erste Kapitel ist vollendet; ich rücke schnell vor, in dieser noch ruhigen Zeit, wo Fremde nicht hier sind. Schöne und stille Tage. Die Franzosen werden den Kirchenstaat räumen – dies ist dem Papst erklärt worden. Sie sollen sich auf Rom, Civitavecchia und Viterbo konzentrieren. Es schlägt 11 Uhr im Vatikan. In diesen Tagen sah ich ein herrliches Schauspiel: Die Palme von S. Francesco a Ripa wurde auf den Pincio verpflanzt – 14 Campagnaochsen, mit ihren Treibern zur Seite, zogen dieselbe auf einem hohen zweirädrigen Karren in einer Riesenvase von Holz –, sie ragte wie ein Triumphator empor, als der Zug um den Obelisken auf der Piazza del Popolo bog. Wir begruben den Maler Johann Frey aus Basel an der Pyramide des Cestius. Er war einer meiner ältesten römischen Freunde, ein erfahrener Weltwanderer, einst mit Lepsius in Ägypten, ein Ehrenmann. Auch der Konsul Marstaller starb (in Frankfurt), und der Herzog Torlonia. Der fünfte Band ist angekündigt.   Rom, 22. Oktober Vorgestern schickte der Papst Merode die Entlassung als Kriegsminister. Die Stadt ist voll von diesem Ereignis; alles jubelt. Mit Merode ist die jesuitisch-legitimistische Fraktion unterlegen und die nationale Partei unter Antonelli wieder am Ruder. Es kostete große Anstrengung, jenen Fanatiker zu stürzen. Man stellte dem Papst vor, daß durch die Unbesonnenheit Merodes auch die Marittima und Campagna verlorengehen würde, wie Umbrien und die Marken. Dies wirkte. Außerdem wurde der Sturz des Günstlings von Frankreich gefordert. Man hat sich im Vatikan überzeugt, daß Österreich nicht Krieg führen kann; auch hat die Anerkennung Italiens durch Spanien große Bestürzung erregt. Heute beginnen die Wahlen zur neuen Kammer in Italien. Kaum einige Fremde zeigen sich. Palleske schickte mir zwei Künstlerinnen aus Weimar. Ich bin tätig. Vorgestern fing ich Kapitel III des Bandes VI an.   Rom, 12. November Ich habe das vierte Kapitel beendigt. Die Franzosen sind, 3000 Mann stark, wirklich nach Civitavecchia abgezogen, wo sie eingeschifft werden sollen; es wird Ernst. Das Central-Comité verbreitet Instruktionen, welche befehlen, sich nicht ohne einen Wink von Florenz her zu erheben. Man fürchtet eine Revolution in Rom. In Folge des Abzugs der Franzosen hat der neue Waffenminister General Kanzler, Merodes Nachfolger, Truppen nach Latium geschickt. Sie stehen unter dem Oberst Azzanesi und besetzen die Hauptorte bis Ceprano hin. Der Major Charette kommt mit sechs Kompanien Zuaven nach Velletri. Rom ist niedergedrückt – dumpfe Stimmung – Verluste durch Ausbleiben der Fremden; Cholerafurcht. In Neapel sterben täglich im Durchschnitt 80 Menschen. Stille, schöne, arbeitsame Tage. Morgen will ich nach der Vaticana gehen; ich werde dort erkennen, wie man zu mir gesonnen ist.   Rom, 26. November Auf der Vaticana gearbeitet; das fünfte Kapitel gestern beendigt. Ich lese mit Genuß die Werke Petrarcas. Er bezeichnet die Epoche, wo die Barbarei abgestreift ist; ein Kolumbus der Renaissance. Ich habe den neuen österreichischen Botschafter Baron von Hübner besucht. Er hat sechs schön gebundene Bände von Materialien zur Geschichte Sixtus V. auf seinem Tische liegen. Er ist intelligent. Der Dichter Andreas Munch aus Christiania kam, ein Vetter des verstorbenen Geschichtschreibers, weniger bedeutend als jener, doch geordneter. Er sagte mir, daß er die Legende der Veronica aus meiner ›Geschichte der Stadt‹ zu Romanzen verarbeitet habe, welche großen Beifall gefunden hätten. Der Erbprinz von Weimar kam, in Begleitung Kuno Fischers. Ich fand Liszt bei Fräulein von Stein, als Abbate. Man sagt, daß er bereits seine Metamorphose bereue. Bayern und Sachsen haben Italien anerkannt. Dies hat tiefen Eindruck in Rom gemacht. Nicht minder fühlbar ist das Gewicht der Thronrede Viktor Emanuels. 4000 Franzosen sind eingeschifft. Selbst von Velletri haben sie sich zurückgezogen; sie besetzen noch Frascati und Albano. Die Päpstlichen sind in ihre Stellungen in der Campagna eingerückt, von wo täglich Depeschen über Kämpfe mit den Briganten einlaufen. Eine Bande hat S. Lorenzo bei Frosinone überfallen, ist dort umzingelt und verlangt Kapitulation. Der Kommandierende hat dieserhalb nach Rom telegraphiert. Panischer Schrecken herrscht in der Campagna, wo kein wohlhabender Bürger Alatri, Anagni, Frosinone verläßt, es sei denn unter Bedeckung. Die Forderung, eine Bürgermiliz aufstellen zu dürfen, hat die römische Regierung abgeschlagen, aus Furcht, dem Lande Waffen in die Hand zu geben.   Rom, 17. Dezember Ich habe den Erbgroßherzog von Weimar kennengelernt, aus dessen Verhalten ich merkte, daß meine Ablehnung (Jahre sind darüber hingegangen) am dortigen Hofe so gewürdigt worden ist, wie ich beabsichtigt hatte. Der Erbgroßherzog ist ein junger Mann von 20 Jahren, einfach und liebenswürdig erzogen. Ich war mit ihm und seinen Begleitern in Tusculum. Unter diesen ist Kuno Fischer, der einzige Deutsche, der mir in Rom als ein besonderer Mann erschienen ist. Seit neun Jahren ist er Professor in Jena; das kleinliche Universitätsleben dort schilderte er mir als abschreckend und pries mich glücklich, um meiner Freiheit willen. Auch Strauß, so meinte er, wäre unfähig, die Gebundenheit eines Amts zu ertragen. Er sprach auch viel von den Miseren Weimars und der »Nullität« von D., dessen höchstes Streben ein Kammerherrenschlüssel sei. Schopenhauer nannte er eine Mischung von Kant und Buddha. Ich bin in der Hälfte des Kapitels VII im Buch XI angelangt. Ich habe dieses Jahr einen Vorsprung von zwei Kapiteln. Die päpstliche Regierung hat am 7. Dezember ein drakonisches Edikt erlassen; ein Militärgericht ohne Appellation; 500–1000 Scudi Preis für Einbringung von Briganten. Täglich finden Gefechte statt. Die Finanzkrisis wird drohender. Man sagt, Frankreich wolle die Rente der auf den annektierten Provinzen lastenden Schuld übernehmen und sich dann von Italien bezahlt machen. Die römische Münze prägt monatlich 60 000 Scudi in Papettistücken von 20 Baiocchi Wert. Torlonia kauft die Villa Albani für drei Millionen Francs von Castelbarco. Der Herzog von Sermoneta hat sich operieren lassen. Wahrscheinlich bleibt er blind. Ich war mehrere Male dort; er leidet sehr. Schlözer reist mit Depeschen nach Berlin. Schlimme Nachrichten aus Florenz. Ich habe in diesen Tagen die Lage des Hauses Colas di Rienzo festzustellen gesucht und entscheide mich für Nr. 1 in der Via della Regola. Nichts angenehmer als solche Wanderungen, die ich im Frühjahr wieder fortsetzen will. Forcella hat Aussicht, seine Inschriftensammlung auf Kosten Don Baldassares Buoncompagni zu drucken. Er kam deshalb zu mir. Es ist Zeit, die mittelalterlichen Inschriften zu retten, ehe sie ganz verschwinden.   Rom, 31. Dezember Am 22. Dezember beendigte ich Kapitel VII. Dies war mein Weihnachtsgeschenk. Die Tage sind still hingegangen – wenig Fremde von Bedeutung. Am zweiten Weihnachtstage traf ich Kuno Fischer im Lateran; er war durchdrungen vom Eindruck, welchen die Kirche und ihr Kultus als geschichtlicher Organismus auf ihn macht. Rom ist ein Weltknoten; es läßt sich durch protestantische Kritik nicht auffasern. Im übrigen ist es gut, daß nicht zu oft Philosophen hierherkommen. Ich war einmal zum Diner bei Herrn von Hübner – später kam der Herzog von Maddaloni Caraffa, ein schöner Mann, bizarren Geistes, echter Neapolitaner, allem opponierend; erst antipäpstlich, jetzt papistisch – er hat mehreres geschrieben, auch Dramen. Heute in S. Martino ai Monti gewesen und die merkwürdige Grottenkirche gesehen. Ricasoli war hier, auch Boggio. Ein neuer Brot- und Fleischtarif gibt dem Volk Erleichterung. Das Jahr 1865 geht zu Ende. Es war gut, im Anfang verwirrend, in der Mitte öde, am Ende stark durch männliche Arbeit. Ereignisse waren für mich: das Erscheinen des fünften Bandes, die zweite Auflage der ›Siciliana‹, der Übersetzungskontrakt mit Venedig, die Vollendung der ersten Hälfte des Bandes VI und die wenn auch flüchtige Heimatsreise. Alle Täuschungen sind abgetan. 1866 7. Januar Entzückende Wintertage. Wenig Fremde. Rom ist noch nie so still und leer gewesen. Heute kam der Dichter Andreas Munch zu mir. Wir sprachen viel über seinen toten Vetter und dessen Geschichte von Norwegen. Am Nachmittag fuhr ich mit Alertz und Lindemann nach Villa Lante. Diese herrliche Besitzung gehört der Herzogin Fleury, welche sie von Nonnen gekauft hat. Am vorigen Mittwoch führte Liszt in Araceli eine Kantate auf, Komposition zum Stabat mater speciosa des Fra Jacopone, dies ging ziemlich lahm. Er strich an mir vorüber und sagte: »Kirchenmusik! Kirchenmusik!«   Rom, 21. Januar Am 18. habe ich das erste Kapitel im Buch XII beendigt. Am 17. war der große Empfang beim österreichischen Botschafter; die Honneurs machte die Prinzessin Aldobrandini, Ungarin vom Haus Hunyady. Zahllose Menschen durchströmten die Säle. Eine glänzende Ausstellung von Eitelkeiten. Meyendorff hat zu Neujahr einen Auftritt mit dem Papst gehabt; er soll ihm gesagt haben: der Katholizismus ist die Revolution, worauf ihn der Papst fortwies. Alle Blätter sind davon voll. Ich traf Meyendorff auf dem Pincio, wo er mir sagte, die Berichte seien übertrieben. Er habe dem Papst nur gesagt, daß die katholische Geistlichkeit das zur Revolution aufreizende Element in Polen gewesen sei. Zur Neujahrsgratulation war auch dies schon stark genug. Meyendorff wird seinen Posten verlassen. Der Papst hat einen Traktat mit Frankreich gemacht. Napoleon überläßt ihm 2000 Mann als Söldner. Sie werden päpstliche Uniform tragen. Man ist ruhig im Vatikan. Der Septembervertrag wird ausgeführt; Rom wird nicht Hauptstadt Italiens, der gegenwärtige Kirchenstaat bleibt bestehen. Ich sehe oft Kuno Fischer. Gestern machten wir einen Gang nach S. Pietro in Montorio. Ein männlicher, bestimmter und entschiedener Denker, fähig, die Geschichte Roms vom höchsten Standpunkt zu betrachten, von Parteischranken frei. Ich lese seine ›Geschichte der neuen Philosophie‹, das beste und klarste Werk der Art, was wir besitzen. Fischer findet sich beengt in den Winkel Jena, von dessen professorischer Beschränktheit er mir das schwärzeste Bild entwirft. Er wünscht einen größeren Wirkungskreis, etwa in Berlin. Von Rosenkranz sprach er mit ungerechtester Geringschätzung; doch hat Rosenkranz hohe Verdienste um die Popularisierung der Philosophie und außerordentliche um das geistige Leben in der preußischen Ostprovinz. Fischer ist voll von sich selbst, er läßt wenige gelten. Am meisten bewundert er die Anspruchslosigkeit Roms, welche er den Charakter dieser Weltstadt nennt. Traurige Nachrichten aus Florenz. Pauline scheint ganz gelähmt. Ihr schrecklicher Zustand verdüstert meine Tage.   Rom, 4. Februar Das Kapitel II des zwölften Buches am 31. Januar beendigt. Ruhetage. Schlözer kam aus Berlin zurück, wo er meine Sache selbst in die Hand genommen und sich als wahrer Freund bewiesen hat. Graf Tolstoi kam wieder – herrliche Menschen, echt und treu und voll Geist. Ich werde oft mit ihnen sein. Ich war bei Frau Robinson aus Amerika, in Deutschland als Frau Talvj bekannt, Übersetzerin der Serbischen Volkslieder, welche sie in unsere Literatur eingeführt hat – eine ältliche Dame von feinem Ausdruck. Da sie Prätension machte, von mir in Rom herumgeführt zu werden, bin ich weggeblieben. Der Papst sucht eine Anleihe, 50 Millionen, 60 für 100; sie kommt nicht zustande, die Finanzverlegenheit ist groß. Der Bankerott vor der Türe. Die Geschichte der Stadt Rom ist eine Finanzfrage geworden. Der berühmte Bildhauer Gibson starb und wurde an der Pyramide des Cestius begraben. Weil er Ritter der Ehrenlegion war, schickte der General Montebello ein Detachement französischer Soldaten auf den Kirchhof, ihm eine Ehrensalve zu geben. Die Sitte, mit Flinten ins Grab zu schießen, ist ganz lächerlich und barbarisch. Gibson hat schwerlich jemals ein Pistol abgefeuert, er würde gegen solche Ehre protestiert haben. Eine englische Dame flüchtete sich bei dem Schießen in die Nähe des Grabes Shelleys, setzte sich dort nieder und brach in Tränen aus. Gibson war 78 Jahre alt geworden, noch sechs Jahre lang Schüler Canovas gewesen. Sein Hauptwerk ist Phaëton – er war ein Meister des strengen Stils, vom reinsten Schönheitsgefühl, ohne große Originalität, fast akademischer Richtung. Er kam arm nach Rom und hinterließ mehr als zwei Millionen Franken Vermögen. Er lebte unverheiratet, in der größten Bedürfnislosigkeit. Jeden Morgen fand er sich im Cafe Greco ein. Gestern Diner beim Erbprinzen von Weimar, wo Visconti und Pietro Rosa zugegen waren. Visconti ist geistreicher Höfling, ein Sophist und Improvisator, doch weiß er vieles und besitzt eine beneidenswerte Gegenwart des Geistes.   Rom, 15. Februar Gestern habe ich das Kapitel III von Buch XII beendigt. Der Karneval störte mich. Beim Prinzen von Weimar zum Diner gewesen mit Liszt. Liszt war sehr liebenswürdig; er wollte sich mir nähern und sagte mir beim Weggehen, er hoffe, ich würde zu ihm Vertrauen fassen. Dies wird schwer sein, da ich keinen Punkt der Berührung mit ihm habe. Er ist sehr alt geworden, sein Gesicht ganz eingeschrumpft, doch ist seine Lebhaftigkeit noch immer hinreißend. Die Gräfin Tolstoi erzählte mir gestern, daß eine hier lebende Amerikanerin den Überzug eines Stuhls, worauf Liszt saß, eingerahmt und an die Wand gehängt habe. Sie habe es Liszt gesagt, der anfangs sich entrüstet gestellt, dann aber gefragt habe, ob es wahr sei. Wenn solch ein Mann nicht die Menschen verachtet, muß man es ihm hoch anrechnen. Am Dienstag abend, den 12., mit Kuno Fischer bei Tolstoi gegessen, wo auch Meyendorff war. Der Abend war angenehm. Fischer ist einer der klarsten und präzisesten Köpfe, die mir begegnet sind. Er stellt eine Epoche in der philosophischen Wissenschaft vor, welche die historisch abschließende sein möchte. Er scheint überhaupt der Literaturhistoriker der deutschen Philosophie zu sein. Er ist mit dem Prinzen am Aschermittwoch nach Neapel und Sizilien abgereist. Meyendorff triumphiert; der Kaiser hat ihn anerkannt; die russische Gesandtschaft ist eingezogen; die Wappen bleiben noch; alles ist gegen Antonelli entrüstet, welcher nicht den Mut hatte, Meyendorff die Pässe zuzuschicken. Große Finanznot. Man sieht mit Spannung auf die Adressedebatten im Pariser Senat; sie scheinen als Resultat der Stimmung dies zu ergeben: daß Florenz Hauptstadt und Rom mit dem letzten Fetzen des Kirchenstaats dem Papst verbleibt. Der Winter ist unnatürlich schön. Nie Regen, immer heiterer Sonnenschein. Man erinnert sich eines solchen Klimas in Rom nicht. Rückert starb, ein großer Künstler, seine Poesie ein Kunstgarten. Er schaut seine Gefühle an und macht sie zum Gegenstand der Kunst. Er faßt sie wie Diamanten ein. Er bespiegelt sich selbst darin. Daraus kommt Kälte und Künstelei.   Rom, 11. März Tätig gewesen; das Kapitel IV des Buchs XII beendigt; die italienische Vorrede zur Venezianer Ausgabe abgefaßt. Ich bin viel aus gewesen, woran Tolstoi Schuld hat; viel in der russischen Welt, wo ich jetzt sonderbarerweise am meisten verkehre – in Rom! Liszt gab seine Dante-Symphonie in der Galleria Dantesca; er erntete noch als Abbé einen Nachsommer der Huldigung. Die Damen des Paradieses überschütteten ihn mit Blumen von oben herab; Frau L. hätte ihn mit einem großen Lorbeerkranz fast erschlagen. Die Musik wird von den Römern als formlos, scharf mitgenommen. Es ist Geist darin, doch reicht er nicht hin. Liszt ging nach Paris. Am Tage vor seinem Abgange frühstückte ich mit ihm im Garten bei Tolstoi. Er spielte eine Stunde lang und ließ sich dazu willig von einer jungen Fürstin S. zwingen, einer Dame von auffallend kolossalen Formen, aber von ebenso auffallender Intelligenz. Vorgestern traf ich bei Meyendorff Constantin Tischendorf, der hier einen Bibelcodex in der Vaticana studiert – ein Leipziger Professor mit fast jüdischen Manieren. Er sprach nur von sich selbst und seinen Leistungen. Man hat 10 bis 12 Chefs von Bankhäusern allmählich nach Rom kommen lassen, ohne ein Geschäft zustande zu bringen. Auch die päpstliche Schuld ist noch nicht geordnet. Die französische Fremdenlegion bildet sich in Antibes; sie wird in die Engelsburg zu liegen kommen, als Leibwache für den Papst. Vor einigen Tagen lief ein Walfisch auf den Strand bei Civitavecchia – man hielt ihn für eine neue Art von Trojanischem Pferd, in dessen Bauch die Piemontesen steckten, bis sich die Balena als Fisch erwies. Andere sagen, Garibaldi habe ihn von Caprera abgeschickt, den Papst zu verschlingen wie Jonas. Doch Jonas ist die Fabel von dem Papsttum überhaupt – heute verschluckt, morgen wieder ausgespuckt. Dies ist der Sinn der ganzen Geschichte des Dominium Temporale , wie ich es in den Historien der Stadt Rom nachgewiesen habe. Bessere Nachrichten von Pauline aus Florenz. Schöne Frühlingstage. Alles in Blüte   Rom, 18. März Gestern war ich mit Cartwright und Parker nach St. Paul zum ehemaligen Abt von Monte Cassino gefahren, der dort im Exil lebt. Wir sahen die bronzenen Türen, welche nicht, wie man glaubt, im Jahre 1823 gänzlich verbrannt, sondern in Stücken fast ganz erhalten sind. Sie liegen in einer Geröllkammer, in zwei großen Holzkasten verschlossen. Dem Papst wurden sie gezeigt, auf dem Boden zusammengesetzt; die Mönche baten um die Wiederherstellung, welche auf 10 000 Scudi veranschlagt ist, aber Antonelli will neue Türen machen lassen und die alten in einem Museum aufstellen. Das Metall in niello ist herausgenommen; alle Gesichter fehlen, kurz, alles was erhoben war; nur die Umrisse sind geblieben, das heißt die Eingrabungen in der Eisenplatte. Die Inschriften noch völlig lesbar; das Ganze sehr gut herzustellen. Der Abt bat mich, einen Artikel für eine deutsche oder englische Zeitung zu schreiben und darin über die Verwahrlosung dieses Schatzes Klage zu führen. Dies will ich tun. Heute nahm ich Abschied von Meyendorff, welcher abends nach Petersburg reist. Die russische Gesandtschaft ist geschlossen; die Kapelle soll aufgehoben, die Wappen sollen abgenommen werden. Ich verkehrte einige Jahre lang in seinem Hause und lernte dort manchen merkwürdigen Menschen kennen. Bankerottes Jahr. Große Aufregung und Erwartung einer Katastrophe.   Rom, 8. April Am 3. April, abends um 7 Uhr, starb die edle Pauline zu Florenz, nach langem Leiden. Ein guter Genius ist von mir geschieden. Sie war mir eine wahre Freundin, groß im Denken und Empfinden, frei von den meisten Fehlern der Frauen, ohne Eitelkeit und Selbstsucht, von einer Klarheit des Geistes, die selten zu nennen war. Sie nahm Teil an meinem geistigen Leben, und das war ihr ein Ersatz geworden für den Verlust aller ihrer Lebenshoffnung, nachdem B. sie treulos verlassen hatte. Sie war die hochherzigste Seele, die mir im Leben begegnet ist; selbst ihre Täuschungen hatten sie nicht verbittert, nur edler und völlig selbstlos gemacht. Gestern brachte mir Schlözer einen Brief von Thile, welcher mir mitteilt, daß die Regierung in Berlin mir die Unterstützung von 400 Talern jährlich, die ich seit 1860 empfangen habe, auf 200 für zwei Jahre heruntersetzen will. Ich habe es abgelehnt. Viele Fremde, für die ich keine Stimmung habe. Ich versenke mich tiefer in meine Arbeit. Am 22. März beendigte ich das sechste Kapitel im Bande VI; aber jetzt fehlt mir für immer die ermunternde Teilnahme der edlen Freundin, die nicht mehr ist.   Rom, 21. April Ich habe unausgesetzt in den Bibliotheken gearbeitet. Mit Tolstoi, Bobrinski und Prinz Sanguczko fuhr ich eines Tags nach Galéria, einer in Efeu versunkenen Stadt des Mittelalters. Eines Abends ließ der Prinz von Weimar die vatikanische Galerie mit Fackeln erleuchten; Visconti führte und erklärte. Der goldene Herkules nimmt sich nicht gut aus; er erdrückt die edle Gesellschaft von Statuen, in die er nicht paßt. Ich mag den Herkulestypus nicht leiden – es ist brutale Muskelkraft; und doch ist der moralische Sinn der Mythe so großartig: ein Mensch, der die irdische Welt bezwingt durch Arbeit, sich vergöttlicht, wie ein Phönix sich verbrennt und Hebe, die ewige Jugend, zum Lohn erhält. Eine geistvolle Dame nannte ihn den griechischen Christus; doch der ist Prometheus, in einem höheren Sinn. Er stürzt die alten Götter und bringt den Menschen ein neues Heil. Der Papst hat die ›Civiltà Cattolica‹ zu einem literarischen Institut in der Kirche erhoben, ihre Redaktoren als Collegium scriptorum unter dem General der Jesuiten mit allen Rechten einer moralischen Körperschaft ausgestattet und ihnen einen dauernden Sitz im Borgo angewiesen. Dies Journal soll eine bleibende Kraft im Organismus der Kirche sein. Tischendorf ist mit einem schmeichlerischen Breve ausgezeichnet worden. Der Papst sagt darin, er hoffe, seine Forschungen würden ihn bald so weit bringen, daß er ihm seine Arme nicht mehr als einem Fremdling, sondern als seinem geliebten Sohn öffnen könne. Die Schwester Paulinens verläßt Florenz im Mai, um in die Heimat zurückzukehren. Pauline hat selbst ihr Leichenbegängnis bestimmt; sie verbat sich die Rede am Grabe; sie wollte auch keinen Stein haben, »nur grünen Rasen, worüber der Wind weht«. Ihre Qualen waren namenlos; seit Monaten konnte sie kein Glied bewegen. Ich habe ihr ihre letzten Jahre in der Welt, die sie betrogen hatte, weniger schwer gemacht – dieses Bewußtsein tröstet mich; so konnte ich doch ihr bis zum Tode, auch in der Ferne, ein Freund sein.   Rom, 6. Mai Der italienisch-österreichische und auch preußische Krieg scheint unvermeidlich. Die italienische Nation reißt die Regierung mit sich fort. Das Parlament hat dem Könige Vollmacht gegeben, über die Finanzen Gesetze zu erlassen. Man hat eine Anleihe von 250 Millionen der Nationalbank dekretiert, und Italien wird mit Papier überschwemmt. Die Regierung muß siegen oder untergehen. Der ganze Sturm ist über Nacht gekommen. Der furchtbare Krieg wird das Schicksal Italiens, des Papsttums und auch Deutschlands entscheiden. Frankreich steht lauernd am Rhein; es wird Schiedsrichter sein und seinen Lohn fordern. Gestern hieß es, 25 000 Italiener sollen an Rom vorbeiziehen, um auf der Eisenbahn nach Ancona fortgeschafft zu werden. Franzosen sollen wieder in Civitavecchia landen. Der Neffe Paulinens kam von Florenz. Ich gehe eben mit ihm nach Albano.   Rom, 10. Juni Eine tiefe Erkältung, welche ich mir in Albano zugezogen, machte mich fast 14 Tage lang untauglich. Unterdeß konnte ich wenigstens das Manuskript des sechsten Bandes durchsehen. Aus dem Ruin, dem wir entgegentreiben, wollte ich diese Arbeit retten – ich habe das Kapitel VII zu schreiben angefangen. Die Italiener werden ihre Probe abzulegen haben. Sie sind jetzt ein freies Volk, welches vor der Welt sein Recht zurückfordert. Ich hoffe auf ihren Sieg. Der Sieg Österreichs wäre nur die Rückkehr des Mittelalters. Wir stehen an der Schwelle unberechenbarer Ereignisse, welche die Weltgeschichte ändern werden. Mit Venedig wird auch das Schicksal des Papsttums entschieden. Wenn die Italiener dort einziehen, endet das Dominium Temporale des Papsts. Die Bourbonisten träumen von Restauration. Man bereitet einen Zug nach Neapel vor; sollten die Italiener eine Schlappe erleiden, so wird man eine Schilderhebung in Kalabrien versuchen. Der Haß der Pfaffen brütet Ungeheures aus. Die Stimmung in Rom ist düster. Teuerung, Geldkrisis; das Silber verschwindet. Es kursiert nur noch entwertetes Papier. Die Briganten schon vor den Toren, selbst in Frascati. Alle Straßen unsicher. Unter solchen Verhältnissen muß ich in der Sommerhitze in Rom bleiben. Der Papst hat fünf Kardinäle ernannt: Hohenlohe, Matteucci, Erzbischof Cullen von Dublin, Monsignor Consolini und den erst 37 Jahre alten Barnabiten Felice Bilio, einen Ultramontanen vom reinsten Wasser. Man sagt, daß er auch Monsignor Bonaparte zum Kardinal machen will. Antonelli war krank – die Gicht fuhr ihm in den Magen –, es heißt aus Verdruß, weil er durch den Fall einer englischen Bank 300 000 Scudi verloren hat. Der Papst ließ Alertz rufen, um ihn wegen des Befindens des Kardinals zu befragen. Liszt kam aus Paris. Er zieht, da Hohenlohe den Vatikan verläßt, wieder auf den Monte Mario. Ich kam öfter mit seiner Freundin, der Fürstin Sayn-Wittgenstein, zusammen. Sie hat ein Wesen, welches mich abstößt, aber sie sprüht von Geist. Alle Russen sind Omnivoren der Bildungsstoffe des Abendlands. Sie haben einen Heißhunger der Aneignung, weil sie unproduktiv sind. Aus Rußland, so sagte mir eine geistvolle Frau, wird nie etwas werden; es fehlt diesen Völkern alle Initiative des Willens; Peter der Große erkannte die Unfähigkeit der Russen, sich national zu entwickeln; deshalb zog er ihnen mit Gewalt den europäischen Rock über den Leib. Es kam zu mir Harms, württembergischer Konsul aus Lübeck, und Herr Brooks aus Rhode-Island, Übersetzer Jean Pauls und anderer deutscher Autoren. Der erste Band der ›Geschichte der Stadt‹ ist in Venedig freilich gedruckt, aber wurde seit seiner Ausgabe des Krieges wegen zurückgehalten.   Rom, 27. Juni Große Ereignisse in Deutschland, welche Europa umgestalten werden. Gestern kam die erschreckende Nachricht, daß die Italiener eine Niederlage erlitten haben bei Custozza und Valeggio. Sie sind über den Mincio zurückgeworfen. Die Unmöglichkeit, das Festungsviereck zu durchbrechen, ist dadurch bewiesen. Ich las die Depesche gestern um 6 Uhr, im Bureau des ›Osservatore Romano‹ am Palast Poli, wohin ich täglich um diese Stunde eile; das Volk stürmte in fieberhafter Ungeduld fast das Haus. Es ist ein tiefer Widerspruch in all dieser Zeit. Welchen Sieg soll man bejubeln, welche Niederlage beklagen? Alles verzerrt durch Schuld, Eigensucht und Irrtum. Das formale Recht hat Österreich; man hat es von Seiten Italiens und Preußens unablässig mit Hohn und Übermut herausgefordert – das höhere Recht hat es nicht. Die Italiener sind bestürzt und enttäuscht. Der berühmte Orientalist Abbate Lanci sagte mir vor seiner Abreise nach Fano: »Mit vier Schlachten haben wir alles abgetan – und jetzt?« Italien hat keine kriegerische Kraft. Seit dem Fall des römischen Reichs litt dies Land nur die Invasionen der Fremden und stand stets nur auf der Defensive. Es hat keine Epoche, wo es erobernd aufgetreten wäre. Ich habe heute den sechsten Band der ›Geschichte der Stadt Rom‹ beendigt. Auf sechs Bände war dies Werk ursprünglich angelegt. Meine Arbeit begleitete die geschichtliche Bewegung Roms, welche durch die Umwälzung Italiens und das Sinken des Papsttums die wichtigste in Europa wurde. Nun aber tritt durch den nahen großen Weltkampf Rom bald in den Hintergrund zurück. So ist auch mein Werk getan, und ich stehe vor einer moralischen Grenze. Die Weltbewegung der Gegenwart wird eine solche Grenze für alles geistige Leben bilden. Sie scheidet zwei Generationen; was drüben steht, wird veralten, was hüben, wird dem Genius auf neuen Bahnen folgen. Ich denke, wir werden eine Epoche sehen, wie im Jahr 1813. Es ist ein Weltkampf, daraus der Geist der Völker verjüngt hervorgehen wird, ein Scheidungsprozeß, worin die morschen Autoritäten der alten Zivilisation untergehen. Rom hält noch deren Formel, es hat sie im »Syllabus« ausgesprochen. Diesen römischen Weltknoten wird eine Revolution Europas im letzten und wichtigsten Drittel des XIX. Jahrhunderts gewaltsam lösen. Der Kaiser Franz Joseph hat eine Erklärung vom Papst verlangt, daß die Sache Österreichs die des Rechts sei. Der Papst hat sie abgelehnt. Der mephistophelische Blick des Mannes an der Seine, mit seinem Brief an Drouyn, läßt die Hand Pius' IX. niedersinken, wenn sie sich zum Segen über Österreich erheben will. Die päpstliche Regierung hat ein neues Münzsystem eingeführt: Lire oder Franken – das Volk ist darüber verwirrt, das Kupfer ist im Wert gefallen, die Preise der Lebensmittel sind hoch gestiegen.   Rom, 8. Juli Am 23. Juni starb zu Königsberg mein herrlicher Bruder Rudolf plötzlich, wie es scheint am Hirnschlage. Das ist ein großes Unglück für uns alle. Er war ein hochherziger Mensch, ein feuriger Geist, von hinreißender Beredsamkeit – religiöse Zweifel hatten in der letzten Zeit Trübsinn in ihm erzeugt. Er fürchtete, blind zu werden. Er wurde heute vor acht Tagen in Schippenbeil begraben. Das schrieb mir der Bruder Julius, welcher jetzt die Trümmer von des Vaters Hause versammelt. Es sind traurige Zeiten – ein schweres und furchtbares Jahr. Am 3. Juli gewann Preußen die Entscheidungsschlacht bei Königgrätz; die österreichische Armee ist vernichtet. Die Nachricht kam am 5. hier an, abends. Am 6. des Morgens gab der ›Osservatore‹ die Depesche aus, zugleich mit der Meldung von der Abtretung Venedigs an den französischen Kaiser. Der Eindruck davon war unbeschreiblich. Leser auf allen Straßen. Nirgend ein Zug der Freude. Die Patrioten sind durch den Gedanken gedemütigt, daß Italien Venedig als Almosen aus der Hand Napoleons empfangen soll, statt es durch eine große Nationaltat erkämpft zu haben. Der ganze Feldzug der Preußen ist ohnegleichen in der Weltgeschichte. Diese Schnelligkeit, prachtvoll wie Gewittersturm, reißt alles zur Bewunderung hin. Eine Karikatur zeigt hier Benedek, reitend auf einer Schildkröte, und den Prinzen Friedrich Carl auf einem geflügelten Roß. Die Geister Luthers und des alten Fritz, die von 1813 und die unserer großen Denker, sie sind alle den preußischen Bataillonen voraufgezogen – wer konnte denken, daß Österreich so alt und morsch sei? – Der Vatikan erzittert von den Schlägen der Preußen. Man kommt nicht zum Nachdenken mehr; die Tatsachen überholen jede Reflexion. Es ist das Schauspiel eines losbrechenden Stroms geschichtlicher Ereignisse nach so langer fauler Stagnation in Deutschland – ich bin wie im Traum –, ich fasse es noch nicht. Der Puls der Weltgeschichte geht heute beschleunigter, durch Telegraphen, Eisenbahnen, Erfindung, Wissen und politische Gereiftheit. Wozu Friedrich der Große sieben Jahre brauchte, das vollenden seine Enkel in sieben Tagen. Außerdem: was jetzt geschieht, ist nur Resultat von Prozessen ganzer Zeiträume – es ist alles reif. Darum diese elektrischen Machtschläge. Hier schreckliche Hitze und peinvolle Geldkrisis; kaum Münze mehr zu sehen. Nur unwechselbares Papier. Tolstois fuhren ab am 4. Juli. Ich brachte sie auf die Eisenbahn.   Rom, 14. Juli Die Schlacht bei Sadowa stellt sich als eine der furchtbarsten der Geschichte heraus, wohl wird sie auch eine der wichtigsten sein. Benedek hat Böhmen geräumt und will nur die Defensive auf der Donaulinie halten. Deutschland nimmt jetzt für immer Abschied von Italien, nach einer tragischen Geschichte von 14 Jahrhunderten! Wie glorreich hätte dieser Abschied sein können, wenn Österreich nach der gewonnenen Schlacht von Custozza den Italienern Venedig mit Großmut ausgeliefert hätte! Eines solchen Aktes der Selbstüberwindung und Weisheit war Franz Joseph nicht fähig – vielleicht wäre kein König dessen fähig gewesen. Doch die listige Absicht Österreichs ist nicht erreicht. Zwar hat es, zum Unglück Deutschlands, Napoleon herbeigezogen, aber die Sympathien der deutschen Bundesgenossen dadurch erschüttert, diese Form der Cession ist die moralische Abdankung Österreichs vom deutschen Kaisertum. Der von Napoleon angetragene Waffenstillstand ist weder von Preußen noch Italien angenommen; und darum war es doch Österreich zu tun, um sich neu zu sammeln und seine Truppen aus Venedig nach dem Norden zu ziehen. Die Preußen sind schon tief in Mähren und rücken auf Wien. Ich fürchtete vor drei Wochen einen deutschen Bürgerkrieg; nun ist es eine europäische Revolution. Das aufgeregte Deutschland, die größte Geistesmacht der Welt, wird diese so tief umwandeln, wie einst durch die Reformation. Die Folgen der Schlacht von Sadowa sind zum mindesten diese: die Einigung Deutschlands durch Preußen, die Vollendung der italienischen Nationalunabhängigkeit, der Fall des Dominium Temporale , die Absetzung Frankreichs von der über Europa angemaßten Herrschaft. Napoleon III. hat seinen Zenit erreicht. Am 9. Juli wurde in Florenz das Gesetz der Aufhebung aller Klöster verkündet durch den Prinzen von Carignan, den Stellvertreter Viktor Emanuels. Der Bruder schrieb vom Leichenbegängnis Rudolfs. Warum durfte dessen für Geschichte so tief empfänglicher Geist nicht diese Epoche erleben? Ich denke viel an ihn und an Pauline; aber die große Zeit hebt über alles Persönliche hinweg und macht es leichter tragen.   Rom, 29. Juli Die Italiener haben am 20. Juli eine Seeschlacht bei Lissa verloren. Die Flotte ging nach Ancona zurück – das Land ist in grenzenloser Aufregung. Die Italiener haben sich sehr schwach gezeigt. Ihr Feldzug war jammervoll. Trotz der günstigen Verhältnisse haben sie nicht den zehnten Teil der Kraft aufzuweisen gehabt, mit dem das kleine Griechenland die Türkei bekämpfte. Von den Niederlanden nicht zu reden. Wortgepränge ohne sichtliche Tatkraft, ausschweifende Phantasie, Unredlichkeit gegen sich selbst und der Mangel bürgerlicher Tugend. Hier tut eine innere Reformation Not. Preußen hat mit ruhiger Heldenkraft seine Siegesbahn vollendet. Es steht vor Wien. Das veraltete Österreich ist widerstandslos. Es hat sich als besiegt erkannt und den Waffenstillstand am 25. Juli angenommen, dessen Hauptbedingung sein Ausscheiden aus Deutschland ist.   Rom, 17. August Waffenstillstand überall. Friedens-Unterhandlungen. Tiefe Niedergeschlagenheit der Italiener. Ansprüche Napoleons auf den Rhein zurückgewiesen. Ich bin unfähig zur Arbeit.   Caserta, 1. September Am 19. August verließ ich Rom, um nach Neapel zu fahren; denn dort mußte ich, zur Vervollständigung des Bandes VI, das Staatsarchiv einsehen. Ich wohnte wieder im Hotel Washington, wo ich den alten Commeter fand, der bis jetzt mein Gefährte ist. Ich sah Gar, Lignana, Trinchera und lernte Minieri Riccio, den Direktor der Bibliothek S. Giacomo, kennen. Einmal in Pompeji und Castellamare gewesen; einmal nach Capodimonte gefahren. Viel abends in der Villa. Neapel begann mich zu erwärmen, da mußte ich fort; die Cholera war im Wachsen, und die römische Regierung hatte eine Quarantäne von 15 Tagen eingerichtet. Ich nahm deshalb schon am 25. August meinen Paß, mit Commeter, und reiste gestern nach Caserta in der Hoffnung, hier die Quarantäne abfertigen zu können. Wir haben ein vortreffliches Logis in einem ganz neuen Gasthause und uns für 9–10 Tage eingerichtet. Caserta ist jetzt, statt Capuas, die Hauptstadt der Provinz Terra di Lavoro. Das berühmte große Schloß steht leer. Am 12. August starb meine ehrwürdige Stiefmutter. Ich erhielt die Nachricht ihres Todes in Neapel. Welch ein schwarzes, todbringendes Jahr!   Sora in Campanien, 8. September Ein Cholerafall zwang uns zur schleunigen Abreise, um nicht die Reihe von gewonnenen Quarantänetagen zu verlieren. Wir gingen fort am 3. September, in Begleitung des Marquis Waddington und seiner Frau aus Perugia, welche sich in demselben Falle befanden. In Rocca Secca stiegen wir auf die Post und fuhren längs des Liris nach Sora. Ich war hier vor sieben Jahren. Seit dem 3. wohnen wir in einem neuen Gasthof am Liris. Die Briganten lagern zwar in der Nähe der Stadt auf den Bergen von Balsorano, aber dies Land ist nicht gerade unsicher. Nur sind wir verhindert, nach dem Lago di Fucino oder Avezzano zu fahren, welches man in sechs Stunden erreicht. Ein deutscher Ingenieur, der in Isola lebt, erzählte grauenvolle Dinge von der Zeit, als vor dem Fall Capuas 10 000 neapolitanische Marodeurs unter Klitsche Isola und Sora besetzten (im Jahr 1861) und bald darauf das Bandenwesen begann. Chiavone selbst war aus Sora und das Hauptquartier dieser Räuber bildete das nahe Casamari. Sie drangen bis vor die Stadt, so daß die Piemontesen von der Lirisbrücke mit Kanonen auf sie feuerten. Hier ist als Unterpräfekt Mastricola, ein Römer, den ich besucht habe. Genazzano, 29. 6. 1856 Wir fuhren heute zur Fiera der Madonna dell' Elce, einer unter Eichen in der prächtigsten Gebirgslandschaft gelegenen Kapelle, auf deren Türe geschrieben steht: Columba mea in foraminibus petrae . Dort waren die Soraner in ihrer schönen Tracht zusammengeströmt, und Zelte und Buden standen aufgeschlagen. Das Schauspiel dieser Menschen, schöner, herrlich gebauter Männer und anmutiger Frauengestalten, auf dieser Gebirgsszene war hinreißend. Ich gedachte lebhaft der Zeit, wo ich die Pilgerzüge der Soraner in Genazzano an eben diesem 8. September bewundert hatte. Ein Telegramm von Ceprano ist an den Syndikus gelangt mit der Erlaubnis für uns, die Grenze zu passieren.   Velletri, 22. September Am 9. September verließen wir Sora, wurden in Ceprano geräuchert und so als nicht infekte Gegenstände nach Rom befördert. Ich blieb dort bis zum 14. September und ging dann nach Velletri, wo ich angenehme Tage mit Lindemanns verlebt habe. Heute kehre ich nach Rom zurück, um rüstig an mein Werk zu gehen.   Rom, 30. September Die französische Legion von Antibes kam, beschäftigte die Neugierde der Römer einige Tage und ging nach Viterbo. Sie ist 1100 Mann stark, unter dem Befehl des Colonel d'Argy.30 Viele Soldaten tragen die Kriegsmedaillen der Krim und der Lombardei. Der Papst segnete die Truppen im prätorianischen Lager und verteilte Bilder der Madonna unter sie. Die Kaiserin Charlotte von Mexiko ist gegenwärtig in Rom. Sie wohnt im Hotel di Roma auf dem Corso. Ihre Ehrenwache besteht aus 60 Mann Franzosen mit einer Fahne. Sie machte dem Papst sofort Besuch, welchen er gestern erwidert hat, bei zahllosem Zulauf neugieriger Menschen. Am 16. September überfielen Banden unter Bantiogna Palermo und bemächtigten sich der Stadt, wo sie sechs Tage lang Herren waren. Am 21. eroberten die italienischen Truppen die Stadt wieder, welche teilweise in Trümmern liegen soll, da sie drei Tage lang von acht Kriegsschiffen beschossen ward. Eine Generation reicht nicht aus, um Süditalien auf einen menschlichen Zustand zu erheben. Ich habe Nachrichten von dem plötzlichen Tod der geistreichen Frau und der schönen Tochter Pulskys, mit dem ich im vorigen Jahr so oft in Florenz verkehrt habe.   Rom, 17. Oktober Das Tagesgespräch bildet der Zustand der unglücklichen Kaiserin Charlotte. Sie ist geisteskrank. Ihre Begleitung, fast durchaus Mexikaner, hat sie entlassen und ins Hotel Minerva geschickt. Sie drang in den Papst, ihr Wohnung im Vatikan zu geben. Am letzten Dienstag wollte sie nicht sein Zimmer verlassen; sie blieb von 10 bis 12 Uhr bei ihm, kam dann am Nachmittag wieder und blieb bis Ave Maria. Der Papst war in Verlegenheit. Sie fragte ihn wiederholt, ob auch er Gegengifte brauche. Er sagte: »Ja! den Rosenkranz und das Gebet.« Sie fragte, ob der auf dem Tisch liegende Becher der seinige wäre und ob sie ihn nehmen dürfe. Sie steckte ihn ein und schöpfte später daraus Wasser aus der Fontäne auf dem St. Peterplatz. Sie schöpfte auch Wasser aus dem Brunnen Trevi. Sie umwandelte die Säule des Marc Aurel und trank eine Limonade bei einem dortigen Limonaro . Sie fuhr um 9 Uhr nochmals nach dem Vatikan, wo sie schlafen wollte. Man mußte ihr ein Zimmer herrichten, doch sie ging nicht zu Bette. Der Papst ist sehr aufgeregt; wenn er von einer Ausfahrt nach Hause kommt, fragt er ängstlich, ob die Kaiserin da sei. Er hat einmal gesagt: tutto ci viene a noi; ci mancava ancora, che una donna s'impazzisse al Vaticano . Die Kaiserin ließ einmal den Kardinal Antonelli um 11 Uhr nachts rufen – aber der Kardinal ließ sich entschuldigen. Es scheint, daß der kalte Empfang, den sie beim Kaiser Napoleon gefunden hat, sie ganz erschütterte. Der Elende läßt sein Opfer Maximilian untergehen. Sie spricht ihren Abscheu gegen alles Französische aus. Sie verließ eines Tages die Kirche S. M. Maggiore, als sie bemerkte, daß französische Gendarmen dort eintraten. Der Herzog von Brabant wird erwartet, seine Schwester abzuholen. Dies ist das klägliche Ende des Abenteuers von Mexiko. Am 3. Oktober wurde der Wiener Friede zwischen Österreich und Italien abgeschlossen.   Rom, 21. Oktober Wie sonderbar ist das mysteriöse Schweigen des Papsts und sein langes geheimnisvolles Leben! Als er zur Regierung kam, war er die magische Gewalt, welche das neue Europa in Bewegung brachte – ein Wirbelwind ergriff ihn und zwang ihn, ein Zauberwort auszusprechen, welches Italien und halb Europa elektrisierte und in Revolution stürzte –, heute eine Mumie, zehnmal totgesagt und doch immer wieder auflebend, Napoleon selbst vielleicht überlebend. Neben ihm Antonelli, fossil geworden, wie sein Gebieter. Rom droht über diesen Menschen zusammenzufallen; sie regen sich nicht und schweigen. Schon bewegt sich deshalb der Klerus in Frankreich; in seinem Hirtenbrief sagt Dupanloup: »Ich muß es aussprechen: unsere Feinde besitzen die Kunst, uns einzuschläfern, wir bleiben stehen mit gekreuzten Armen und mit geschlossenem Mund; wir wagen nicht einmal Proteste der Ehre zu erheben. Freilich, solche Proteste würden ohnmächtig sein, aber wenigstens doch ein Akt der Rache. Denn der Schimpf wider Ehre und Gewissen ist unzerstörlich; die Schuldigen tragen ihn stets auf der Stirn als unauslöschliches Zeichen. Aber nein, als ob alles sich lautlos vollziehen sollte, so betrachtet man, so schweigt man, erwartet man, gleichsam wie angedonnert, die unausbleibliche Katastrophe.« Am 19. Oktober zogen die Italiener in Venedig ein und der österreichische General Alemann schiffte sich ein nach Triest. Es ist ein tiefer Zug der Notwendigkeit darin, daß Italien und Deutschland durch einander ihre Einheit erringen mußten. Die Fürstin Wittgenstein sagte mir heute, da wir über den zweiten Teil des ›Faust‹ sprachen: »Ich erinnere mich, wie mir eines Abends Humboldt die Mündung des Orinoko beschrieb: ein großer Strom, der ins Unendliche, in den Ozean, mündet, macht ein Delta und bildet viele kleine zusammenhanglose Inseln. Das ist der zweite Teil des Faust.«   Rom, 4. November Die Septemberkonvention wird ausgeführt. Am letzten Oktober verkauften die Franzosen bereits ihr Inventar in der Engelsburg. Es gab eine Jahrmarktszene, denn der ganze Ghetto war herbeigeströmt. Die Legion von Antibes, welche in Viterbo Garnison hat, scheint sich aufzulösen. Massenhafte Desertionen finden statt. Die Regierung will sie und alle Fremdenkorps (die Zuaven) nach Rom ziehen, dagegen sollen die italienischen Regimenter in das Landgebiet rücken. Fremde werden eher auf das Volk schießen als Italiener. Jedoch fürchtet man kaum ein blutige Katastrophe. Das päpstliche Regiment wird am Marasmus erlöschen. Es heißt, der Papst will nach Malta. Was aber ist der Papst außerhalb Rom? Er würde mit seinen Kardinälen und Prälaten auf Malta nur eine Art Verbrecherkolonie darstellen. Gladstone ist hier. Er hat alle Kardinäle, Monsignoren, Äbte und einflußreiche Klerikale gesehen, um sich über Meinungen und Dinge zu belehren. Er riet dem Papst, der Notwendigkeit Rechnung zu tragen. Bin ich es, rief derselbe, der die Versöhnung von sich weist? Ich bin Italiener; warum schickt man mir nicht meinen guten alten Vegezzi? – Und doch hielt er bald darauf die heftige Allokution. Es besuchte mich Arthur Stanley, Dekan von Westminster, ein ältlicher und schwächlich aussehender Herr, der außer englisch nur schlecht französisch spricht. Er fragte viel über Zeremonienwesen der Kirche und drückte sich sonst zurückhaltend über die Lage Roms aus. Viele andere Engländer werden erwartet; indiskrete Gäste, welche aus den Fenstern ihrer Hotels den Fall Trojas und des Priamus ansehen wollen. Alertz liegt im Sterben. Er kann keine Nahrung zu sich nehmen. Seit 14 Tagen genießt er kaum eine Tasse Bouillon. Der Papst schickte ihm seinen Segen. Heute las Merode die Messe bei ihm und gab ihm die Sakramente. Welch ein schreckliches Jahr!, und es ist noch nicht zu Ende! Der Tod von Alertz wird eine Lücke in mein römisches Leben reißen.   Rom, 18. November Am 10., morgens 10 Uhr, starb Alertz in seinem 66. Jahre. Ich war noch um 7 Uhr dort gewesen, ohne ihn zu sehen. Er kämpfte schon mit dem Tode; es war seit der Nacht das erste Mal, daß er klagte. Ich hörte seinen Todeskampf und ging. Er entschlief ohne Qual. Als der Papst die Nachricht hörte, sagte er: » i buoni sene vanno, i cattivi restano .« In S. Giacomo in Augusta auf dem Corso wurden am 12. vormittags seine Exequien gefeiert. Den Vatikan vertrat de Merode. Von Gesandtschaften waren anwesend Preußen und Holland (Graf Duchatel). Nachmittags um 3 Uhr zog der Leichenzug von jener Kirche nach dem Campo Santo der Deutschen im Vatikan. Er war höchst ärmlich, wie es einem Weisen geziemte, welcher seinem persönlichen Wert eine ausgebreitete Beziehung zur Welt verdankte, aber selbst in Armut stand. Die Beerdigung dauerte, nach katholischer Sitte, lange, fast zwei Stunden. Ein Kastellan hielt eine schwülstige Grabrede. Die Brüderschaft der Deutschen umstand mit Fackeln den Sarg von weißem Holz, den man noch einmal öffnete, um die Wirklichkeit der Leiche zu bestätigen. So ging einer meiner besten römischen Freunde von mir, mit welchem ich fast täglich verkehrte und hundert Berührungen wegen meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹ hatte. Aus seiner Bibliothek entnahm ich die ersten Bücher dazu. Er selbst besaß ein seltenes Wissen vom Papsttum, zumal moderner Zeit. Er hatte Jahre lang hinter den Kulissen des Vatikans sich umgesehen und eine unglaubliche Menge von Bekanntschaften mit den höchsten Prälaten der katholischen Welt. Die römische Kirche steht in derselben Situation fest. Nur das ist unzweifelhaft, daß Napoleon die Septemberkonvention ausführt. Die Römer fürchten die Abreise des Papsts. Ginge er, so würde er Italien in Parteikämpfe stürzen und am Ende das Ausland hereinziehen. Die Papisten selbst dürfen sich erinnern, was die Folge des Exils von Avignon gewesen ist. Gestein besuchte ich Herrn von Hübner. Von Politik wurde nicht gesprochen. Es kamen hierher Adolf Stahr und Fanny Lewald. Stahr ist leidend. Er machte mir einen besseren Eindruck, als ich in Berlin von ihm hatte und überhaupt erwartete.   Rom, 2. Dezember In der letzten Hälfte des Novembers wurde eine Schrift ausgegeben: ›II Senato di Roma e il Papa di Roma‹, unter dem Namen Stefano Porcaro und mit dem Druckort ex aedibus Maximis . Gespenster gehen wieder in Rom um und alte Ideen erwachen, gleich den Siebenschläfern von Ephesus. Die Schrift fordert die Römer auf, nach Abzug der Franzosen, auf dem Kapitol den Senat und die munizipale Gewalt wiederherzustellen. Wenige Tage darauf erschien das Zirkular Ricasolis an die Präfekten. Ich sehe oft nachts aus meinem Zimmer den finsteren Vatikan, wo nur ein einsames Licht geisterhaft brennt. Ist es das Licht, bei welchem der sorgenvolle Papst wacht? Man spricht davon, daß Waffen in den Klöstern aufgehäuft werden, daß Briganten heimlich hereinkommen, um zur Zeit losgelassen zu werden. Rom ist ruhig. Die Physiognomie der Stadt unverändert. Morgen geht das 85. Linienregiment nach Civitavecchia ab, um sich einzuschiffen. Der Abzug der Franzosen beginnt. Das Buch XI meines Manuskripts ging am 20. November über Paris an Cotta ab. Gervinus ist hier angekommen. Ich sah ihn noch nicht.   Rom, 7. Dezember Die Rede ging, daß der Papst am 4. Dezember nach Civitavecchia reisen sollte, um die neuen Hafenbauten zu besichtigen, oder, wie man meinte, um zu prüfen, ob er dort unter dem Schutz seiner Truppen seinen Sitz nehmen könne. Eine Karikatur stellte ihn als Reisenden am Hafenstrand dar; alle Marinekapläne der Schiffe, welche die fremden Mächte dort hingeschickt haben, eilen auf ihn zu, jeder mit ausgestrecktem Finger rufend: » vengo ?« (wie Droschkenkutscher rufen). Vegezzi hat die Übernahme der Vermittlung abgelehnt; statt seiner sollen Tonello und Maurizio nach Rom kommen. Am Sonnabend waren die Drucker der ›Stamperia camerale‹ im Vatikan unter Verschluß. Sie druckten, niemand wußte zu sagen was; es hieß, Dokumente über das tyrannische Verfahren Rußlands mit dem Klerus in Polen, Instruktionen an die Bischöfe, Manifeste an Europa, Korrespondenzen, welche die am Heiligen Stuhl begangene Treulosigkeit Napoleons offenbar machen sollen. Heute in der Frühe rückte auch das 71. Linienregiment nach Civitavecchia ab. Gestern verabschiedete sich der kommandierende General Montebello mit allen Offizieren im Vatikan.   7. Dezember Heute übergaben die Franzosen auch die letzten Posten in Rom an die Päpstlichen, bis auf die Engelsburg, welche am 12. übergeben werden soll. Römische Wachen haben alle Tore bezogen, das Kapitol und die ehemalige Hauptwache auf Platz Colonna. Ich war eben dort und traute meinen Augen nicht. Die Römer, seit 17 Jahren an den Anblick dieser französischen Krieger gewöhnt, von denen ein jeder ein Ritter zu sein scheint, staunen jetzt die päpstlichen Bleisoldaten an, welche an deren Stelle getreten sind. Ich besuchte eben die römischen Wachen im Tor del Popolo – ein sonderbarer Anblick bei finstrer Nacht. Um römisch 1 Uhr nachts rasselte sonst der französische Zapfenstreich durch den Corso, und tags erschallten die kriegerischen Märsche der Bataillone durch die Straßen – jetzt ist alles grabesstill. Im Volk geht die Rede, daß am 20. Unruhen stattfinden werden. Man warnt einander, Häuser und Läden zu schließen. 20 000 Mann stehen auf der italienischen Grenze; schwere Kavallerie steht bis Narni. Die dortigen Offiziere bestellen unter der Hand Quartier in Rom, als ob ihr Einrücken eine ausgemachte Sache sei. Ich sah den Papst heute am Schluß der Novena der Immaculata in Santi Apostoli. Der Platz war dichtgedrängt voll Menschen. Es waren nicht allein die Klerikalen, es waren auch die Römer überhaupt, die diesen unseligen Greis betrachten wollten. Als er abfuhr in dem prachtvollen Aufzuge, welcher für Rom so charakteristisch ist, grüßte ihn alles entblößten Haupts und mit Zuruf. Er zeigte sich nicht am Wagenfenster. Wohl hielt ihn tiefe Bewegung zurück; denn vielleicht ist es das letzte Mal, daß Pius IX. die festliche Stimme Roms vernommen hat. Gestern am Abend war ich beim Duca di Sermoneta, wo ich den Grafen und die Gräfin Rzewuski aus Krakau kennenlernte. Vorher war ich mit Schlözer in die Villa Massimo gegangen, die ehedem Sixtus V. gebaut hatte, und dann in das prätorianische Lager. Es ist ein Glück, daß ich in dieser geschäftlichen Krisis freie Hand und freien Sinn habe, Rom zu beobachten. Denn in vier Tagen ist auch der letzte Teil des sechsten Bandes druckfertig. Wenn ich ihn jetzt erst schreiben sollte, wie wäre das in diesen Aufregungen möglich?   Rom, 10. Dezember Morgen läuft die Septemberkonvention ab. Heute in der Frühe war ich nach Castel S. Angelo gegangen, um zu sehen, ob noch die französischen Wachen dort ständen. So war es; man wußte mir nicht zu sagen, wann die Übergabe stattfinden würde. Gestern zog Montebello die französische Fahne im Palast Ruspoli ein, wo er wohnte. Auch das Platzkommando hörte auf. Die Banca Romana bleibt heute Nacht ohne Wache. Morgen werden die Franzosen verschwunden sein, bis auf die Reste der Intendantur und ein paar Batterien. Auch die Husaren sind noch hier; alles Fußvolk ist abgerückt. Seit vier Tagen weckte mich jeden Morgen zwischen 4 und 5 Uhr der Abmarsch von Truppen, die mit klingendem Spiel durch die Stadt zogen, teils Franzosen und teils Päpstliche, die ins Landgebiet abgingen. Es ist heute ein geschichtlicher Tag. Denn der Abzug der Franzosen von Rom bezeichnet eine Epoche im Leben des Papsttums, dessen weltliche Gestalt untergeht; Europa entzieht ihm seinen Schutz und verurteilt es dadurch zum Tode oder zu einer unserer Gesellschaftsverfassung entsprechenden Reform. Mexiko, Preußen, Rom sind die Rückzugslinien der Macht Napoleons, welcher jetzt seine Aufgabe vollbracht hat und dessen Stern niedersinkt. Große Zeiten sind im Aufsteigen. Sie werden sich bewegen um die neue deutsche Weltmacht und die katholische Reform. Gestern sah ich einen Transport Zuaven durch das Tor S. Lorenzo hereinkommen. Morgen rückt ein ganzes Regiment ein. Davon sind drei Kompanien nach Viterbo beordert, neben den päpstlichen Jägern die Antibianer abzulösen. Die Zuaven werden den Borgo und das Kastell beziehen; die Antibianer das Viertel Monti und den Platz Barberini. Im Ganzen werden 7000 Mann die Garnison Roms bilden. Die Stadt ist tief ruhig. Man glaubt, daß sie das bleiben werde. Doch rechnet man auf die Erhebung Viterbos. Die Schweizergarde richtet sich so ein, daß sie jeden Augenblick Rom mit dem Papst verlassen kann. Heute spricht man wieder davon, daß die Kaiserin Eugenie doch nach Rom kommen wird. Es sind wundervolle Tage – ein sonniger Winter, frisch und stählend. Man weiß jetzt, was die päpstlichen Setzer im Vatikan druckten. Es waren die Dokumente über das Verfahren Rußlands mit dem Klerus in Polen. Sie sind in einem Bande zusammengefaßt, welcher an die Gesandten verteilt worden ist. Der Papst ist im Besitz einer großen Korrespondenz mit Napoleon III. seit 1849. Wenn man diese Briefe kennte! Der Papst wollte sie drucken lassen und in die Welt schicken. Aber man drohte ihm aus Paris, und so unterblieb es.   Rom, 11. Dezember Heute um 9 Uhr morgens sagte mir Cartwright, daß er eben von der Engelsburg komme, die um 8 Uhr übergeben sei. Ich war erstaunt, denn gestern nachts hatte mir Cesare Tommasi vom Kriegsministerium gesagt, daß die Übergabe schon um 5 Uhr nachmittags geschehen sei. So bin ich um diesen Moment gekommen. Ich ging indeß zur Engelsburg; da flatterte das päpstliche Banner hoch neben dem ehernen Erzengel. Die Zuaven sind alle eingerückt. Heute um 3 Uhr zogen auch die Antibianer ein. Ich sah vier Zuaven, von päpstlichen Jägern gefangen, in die Engelsburg abführen.   Rom, 16. Dezember Am 14. haben sich die letzten französischen Truppen in Civitavecchia eingeschifft, so daß heute in der Tat in ganz Italien kein fremdes Banner mehr weht. Das hebt Viktor Emanuel in seiner gestrigen Thronrede hervor. Tonello ist vom Papst empfangen worden. Seine Mission bezieht sich nur auf geistliche Angelegenheiten, nämlich die Ernennung der Bischöfe Italiens. Seit dem 7. legt man in der Romagna Hand an die Kirchengüter, welche zum Fiskus geschlagen werden. Loreto allein wird auf 5 Millionen Francs geschätzt. Die bisher in Rom exilierten Bischöfe sind abgereist; Riario Sforza, Erzbischof von Neapel, hat von dort bereits einen Hirtenbrief erlassen. Ich habe mit Gervinus ein Gespräch über die Zustände in Deutschland gehabt. Er ist ein Feind von allem, was durch Preußen geschehen ist. Er weissagt Unheil aus der Vereinigung Deutschlands durch diese Macht. Sein Ideal sind die Vereinigten Staaten; und nach seiner Ansicht sollte Deutschland ein föderativer Staat sein. Diese Grundsätze hat er schon in seiner Einleitung zur ›Geschichte des 19. Jahrhunderts‹ ausgesprochen, an deren Schluß er als Zukunft Deutschlands voraussagte, daß es, zur Kraft gelangt, die Aufgabe haben werde, seine Nachbarstaaten zu zwingen, sich in föderative Körper aufzulösen. Auch ich halte die föderative Verfassung für die in Deutschland als historisch begründete. Aber wie sollten wohl Frankreich, Rußland, Italien die gewonnene Einheit preisgeben und sich in Provinzen auflösen? Ich bemerkte Gervinus, daß heute nicht mehr möglich sei, was vor Dezennien möglich war, da die Geschichte, welche früher mit kleinem Kapital gewirtschaftet hat, jetzt mit großem arbeitet. Dies ist die Folge der Eisenbahnen und Telegraphen, welche Reiche zusammenschrumpfen lassen und daher mit Notwendigkeit die politischen Unterschiede innerhalb der Nationen austilgen müssen. Es wird die Zeit kommen, wo Europa selbst eine Föderativrepublik sein wird, gebildet aus wenigen Nationen, den Familien dieses Weltteils. Vorgestern sprach ich mit ihm über das Papsttum. Er meinte, daß die Welt schon reif sei, den Papst abzuschaffen. Ich zeigte auf die noch unzerbrochene Maschinerie der katholischen Kirche, die den Papst, den großen Stift, um welchen sich dieselbe bewegt, nicht kann fallen lassen, ohne selbst auseinanderzufallen. Ich zeigte auf den Klerus in Frankreich und das eines reformatorischen Gedankens unfähige Italien, Spanien usw. Und ich erinnerte ihn an den Ausspruch Macaulays: »Das Papsttum wird noch dauern, wenn einst ein Reisender aus Neuseeland auf einem zerbrochenen Bogen von London Bridge steht, um die Ruinen von St. Paul zu betrachten.« Gervinus überträgt Theorien vom Arbeitstisch auf das praktische Leben, wie die meisten deutschen Gelehrten. Den Geist der Italiener wagte er zu beurteilen nach zufälligen Schimpfreden über den Papst, die er auf der Reise aus dem Munde Einzelner gehört hatte. So legte er Wert darauf, daß ihm ein paar Frauen in Rom gesagt hatten, sie würden sich nichts daraus machen, wenn der Papst fortginge, um nie zurückzukehren. Er legte der offenen Feindschaft Garibaldis gegen den Katholizismus Wichtigkeit bei. Ich sagte ihm, daß dies nichts Neues wäre, daß der Papst und das Priestertum zu jeder Zeit in Italien Gegenstand der Satire gewesen seien und doch Italien stets beherrscht haben. Ich erinnerte ihn an die Anekdote Boccaccios von dem in Rom belehrten Juden und sagte ihm, daß die Römer, wenn sie den Papst aus einem Tor verjagt haben, ihn unfehlbar zu dem anderen hereinrufen würden. Gervinus ist ein stattlicher Mann von bedeutender Erscheinung, doch von professorenhafter Schwerfälligkeit im Wesen. Er sagte mir, daß die Auflage seiner ›Geschichte des 19. Jahrhunderts‹ 8000 Abzüge stark sei. Hier beschäftigt er sich mit einer Schrift über Musik.   Rom, 31. Dezember Am 25. Dezember ging auch das Buch XII mit einem preußischen Kurier nach Deutschland. So ist das Manuskript befördert worden. Die Vollendung des sechsten Bandes war das einzige reale Gute, was mir in diesem Jahre der Trauer widerfahren ist. Das Jahr 1866, groß und heilsam für die Menschheit, verderbend und zerstörend für so viele Einzelne, geht dahin, und seine letzten Stunden erscheinen mir selbst wie die letzten Tropfen aus einem Wermutsbecher. 1867 Rom, 10. Februar Die Bestätigung des Empfanges meiner Manuskripte in Stuttgart fehlte seit dem November. Auf ein Telegramm antwortete man am 16. Januar, daß das erste Manuskript angelangt sei, das zweite nicht. Bald darauf schrieb die Buchhandlung, daß sie sich geirrt habe: das zweite Manuskript sei angekommen, das erste nicht. Schlözer telegraphierte an Gasparini in Paris, worauf dieser schrieb, daß das Manuskript noch im Bureau des Ministeriums des Auswärtigen liege, um durch diplomatische Gelegenheit nach Stuttgart befördert zu werden. Am 4. Februar telegraphierte Cotta, daß das Manuskript angelangt sei. Dies war eine peinvolle Zeit. Drei Wochen lang war Grant Duff hier, der wahre Freund der deutschen Nation, deren Rechte er zur Zeit des schleswig-holsteinischen Kriegs im englischen Parlament bereits verteidigt hat. Auch Maltzahn kam, welcher sich durch sein kühnes Eindringen in Mekka einen europäischen Ruf gemacht hat. Er ist ein noch junger Mann, blond und nordisch aussehend, eher schwächlich als kraftvoll. Bei jenem Diner, wo ich ihn kennenlernte, waren auch Gervinus, Stahr und Liszt. Ich schrieb in den ersten Tagen des Januar die Abhandlung ›Das Reich, Rom und Deutschland‹, eine Entwicklung der Reichsidee, bei Gelegenheit des trefflichen Buchs von J. Bryce ›The Holy Roman Empire‹. Diesen Aufsatz habe ich an die ›Allgemeine Zeitung‹ geschickt, für welche ich seit einigen Jahren nichts mehr geschrieben hatte. Rom ist ruhig. Es gibt hier zwei Parteien, das National-Comité, welches die Parole des Abwartens von der Florentiner Regierung erhält, und die Mazzinisten, die einen gewaltsamen Zusammensturz herbeiführen wollen. Heute nacht um 12 Uhr warf man an vielen Orten in der Stadt Petarden. Ich war im Einschlafen, als mich diese heftigen Schüsse weckten. Ich zündete Licht an und öffnete das Fenster. Rom war von einem magischen Glanz umflossen. Das Schießen wiederholte sich. Heute des Morgens fragte ich den Wachtposten auf Monte Pincio nach der Ursache der Schüsse: es war der Jahrestag der römischen Republik (10. Februar 1849), den man hatte feiern wollen. Wo sich Zuaven zeigen, in Gasthäusern und Cafés, meidet man sie. Im Januar wurde ein Zuave in Trastevere ermordet. Das National-Comité hat den Besuch des Theaters und auch des Karnevals untersagt. Es starben die Kardinäle Villecourt und Canziano de Azevedo. Man hat vor kurzem die siebente Station der Wächterkohorte bei S. Crisogono in Trastevere entdeckt. In der Tiefe von mehr als 20 Fuß zeigen sich wohlerhaltene Mosaikböden und vieles Gemäuer, worauf man Graphitinschriften gefunden hat, diese sind für die Epoche des Alexander Severus wichtig. Es ergibt sich aus ihnen der 1. Oktober als sein Geburtstag.   Rom, 10. März Am 22. Februar kamen die ersten Druckbogen des Bandes VI. Die ›Allgemeine Zeitung‹ brachte meinen Aufsatz: ›Das Reich, Rom und Deutschland‹. Ich sammle das Material zum siebenten Bande. Das nahende Ende meiner Arbeit erschreckt mich. Mir träumte eines Nachts, daß ich Rom verlassen mußte, und sträubend mich an einen Telegraphenpfahl fest anklammerte – unten lag eine nebelnde und häßliche Welt. Bei Kolb zum Diner gewesen, zu Ehren des Grafen von Württemberg und dessen Gemahlin, einer Prinzessin von Monaco. Dies Duodezländchen hat sogar einen Vertreter beim Heiligen Stuhl, Herrn Saldini. Der Karneval war ein Zuavenfest, der traurigste von allen, die ich erlebt habe. Man sagt, daß Hübner sehr aufgeregt sei. So erschien es mir, als ich das letzte Mal bei ihm war. Selbst die geringsten Prälaten im Vatikan rümpfen jetzt die Nase, wenn der österreichische Botschafter erscheint, der früher mit den tiefsten Bücklingen, als Alter ego und Patricius des mächtigen Kaisers empfangen wurde. Die italienische Kammer wurde aufgelöst, weil sie das Projekt Scialoja zurückgewiesen hat. Ricasoli blieb Minister. Heute finden die Neuwahlen statt. Die Briganten zeigen sich selbst in der Nähe Roms. In einer Vigna bei S. Lorenzo wurden drei Räuber erschossen. Man setzte die Toten öffentlich auf Stühlen aus und photographierte sie unter dem Zuruf des Volks Die Fürstin Wittgenstein schrieb eine Schilderung der Sixtinischen Kapelle für die ›Revue du Monde Catholique‹ – ein brillanter Artikel, lauter Feuerwerk, wie ihre Rede. Sie beginnt mit der Beschreibung des Jüngsten Gerichts von Michelangelo, worin sie sich vorweg erschöpft, so daß das Übrige ganz abfällt. Das Jüngste Gericht läßt mich kalt; es ist eine gemalte Dogmatik, zugleich ein Paradestück von Leibern, die behandelt sind, wie Rubens Pferdestürze behandelt hat. Wie anders wirken in der Sistina die malerischen Dichtungen Michelangelos, die Schöpfung des Menschen, die Sibyllen und die Propheten.   Rom, 7. April Die Herzogin von Sermoneta führte mich zu ihrer Schwester, Miss Knight, welche sich schon seit 20 Jahren nicht aus dem Bette erheben kann. In Folge eines Sturzes ist sie in diesen Zustand gekommen, den sie mit heroischer Kraft erträgt. Sie erinnert mich an Pauline. Reumont reiste ab. Sein erster Band der ›Geschichte der Stadt Rom‹ ist unter der Ankündigung erschienen, daß dies Werk auf Quellenstudium beruhe. Doch dies sind spalle proprie, roba altrui . Wenn Reumont seine ihm von König Max gestellte Aufgabe eines Kompendiums der ganzen Stadtgeschichte in zwei Bänden in angenehmer Darstellung gelöst hätte, so würde er etwas sehr Dankbares geliefert haben. Ein solches Buch fehlt dem Reisenden in Rom. Reumont hat einen guten Tatsachensinn. Er speichert auf, was er liest. Den höheren, künstlerischen Sinn und die Gestaltungskraft besitzt er nicht. Gedanken fehlen ihm. Sein Gedächtnis und seine Promptheit sind bewundernswert. Gozzadini und Aleardi schrieben mir, daß sie das italienische Kultusministerium veranlassen werden, den Buchhändler Antonelli bei der Fortsetzung der Übersetzung meiner Geschichte zu unterstützen. Da der italienische Buchhandel ganz darniederliegt, so wagt Antonelli nicht weiterzudrucken. Diese Übersetzung hat mich schon mehr Briefschreiberei gekostet, als fast alle meine literarischen Verbindungen in Deutschland zusammengenommen. Gestern zirkulierte ein Blatt mit der Unterschrift Il Centro dell' Insurrezione di Roma , 1. April 1867. Dies neue Comité ruft die Römer auf, sich zu erheben, und das Joch der Priester abzuschütteln. Garibaldi sei zum Haupt der Insurrektion ernannt. Er habe das Mandat angenommen. Gleichzeitig wird ein Brief Garibaldis an das »Zentrum der Insurrektion« abgedruckt, datiert S. Fiorano, 22. März, worin er sich bereit erklärt, dem Ruf zu folgen. Im März ist ein Edikt vom Delegaten Pericoli in Frosinone erlassen worden. Die Briganten sind vogelfrei; wer einen ihrer Anführer erschießt, erhält 6000 Francs Belohnung. Wenn ein Räuber den anderen angibt oder tötet, bekommt er Lohn und Straflosigkeit. Ein gleiches Edikt wurde zum letztenmal unter Pius VII. erlassen. Die Briganten halten den Argwohn nicht lange aus. In der Tat erzählte gestern der General Kanzler, daß die Banden mit der Regierung unterhandeln. Sie wollen die Waffen niederlegen, unter Gewähr ihrer Freiheit – man bietet ihnen das Leben und Gefängnis oder Fortschaffung. Herrliche Zustände! Zum Fest des Königs Wilhelm wurde der erneuerte Saal im Palast Caffarelli eröffnet. Preußen nimmt größere Verhältnisse auch auf dem Kapitol an.   Rom, Gründonnerstag Die Beleuchtung am 12. April war minder glänzend als in früheren Jahren. Zauberhaft schön nahmen sich die illuminierten Rossebändiger auf dem Quirinal aus – wie alabastern am dunkeln Himmel sich abhebend. Die Beteiligung des Volks war gering, aus Furcht, da die Mazzinisten Drohungen verbreitet hatten. Die Truppen waren konsigniert. Am 9. hatte auch das National-Comité eine Proklamation ausgegeben, worin es die Römer ermahnte, sich nicht zu Unsinnigkeiten verführen zu lassen. Der Vatikan lebt nur von der Ohnmacht Italiens. Wenn dieses stark wird, so könnte Viktor Emanuel Rom mit einem Handbillet erobern. Finstere Kriegswolken am Horizont, wegen Luxemburgs. Hier wünschen die Liberalen den Krieg; sie hoffen auf den Sturz Napoleons. Der Krieg wird auf jede Weise den Fall des Papsttums mit sich führen. Gervinus gab ein Diner bei Ponte Molle. Er ist jetzt zugänglicher, doch noch immer entschiedener Feind Preußens und gegen die gewaltsame Umwälzung Deutschlands unversöhnlich. Ich fuhr mit ihm und seiner Frau eines Tags nach dem Grabmal des Nero, von wo wir durch das Tal nach Aqua Traversa gingen. Gestern begannen die Osterfeierlichkeiten. Ich war abends nach dem St. Peter gegangen. Um die Konfession lagen scharenweise Zuaven, dem Allerheiligsten so nahe wie möglich zu sein, namentlich den Reliquien, wenn sie von der Veronikaloge gezeigt wurden. Auf manchem dieser Dickköpfe sah man den krassen Ausdruck fanatischer Dummheit. Das Erscheinen der Reliquienmänner in der weißen Sottanen oben auf der Loge, wobei geklingelt wurde, ihr Hin- und Herwenden mit den blitzenden Heiligtümern, die unten kniende Menge der Fanatiker: dies machte ganz den Eindruck eines solennen Akts der Zauberei. Zauberei ist überhaupt ein Bestandteil der katholischen Religion, und zwar ein sehr wesentlicher. Gestern wollten die Zuaven bei einer Predigt im Kolosseum einen Spanier zerreißen, welcher dem predigenden Kardinal nachäffte. Monsignor La Bastide rettete ihn – die Szene soll furchtbar gewesen sein, wie ante bestias –, Cartwright sah sie und erkannte auch den Spanier, Don José Herrera, der im Hause Guizots erzogen ist. Guizot muß ihm eine schlechte Erziehung gegeben haben. Man sagt, daß der Tölpel ins Gefängnis geführt sei. In Paris laufen Calembourgs um: »Wer verdient die größte Ausstellungsmedaille?« Napoleon, parcequ'il a exposé la France . Was ist Napoleon? Une incapacité méconnue . Thiers soll den Luxemburger Handel so charakterisiert haben: Wenn ein Jäger sich schämt, mit leeren Taschen zurückzukehren, so geht er zu einem Wildhändler, von dem er ein Kaninchen kauft; er steckt's in die Jagdtasche und läßt dessen Ohren heraushängen. Voilà le Luxembourg . In Paris fragt man nicht mehr: haben wir Luxemburg? sondern avons-nous le lapin ? Cornelius ist tot. Seine Exequien wurden in der Anima gefeiert.   Rom, 28. April Ich war an den Ostertagen jeden Abend im St. Peter und sah auch die Prozession am Sonntag. Eine Frau vom Lande stand neben mir. Als sie die Bischöfe mit ihren hohen Mitren kommen sah, fragte sie in der naivsten Weise: » sono tutti Papi? « Sind das alles Päpste? Die Stimme Pius IX. schallte noch sonor, wie immer, über den Platz. Obwohl er viel von seinem nahen Ende spricht, kann er doch noch einige Jahre vorhalten. Der Abzug der Fremden von Rom, die große Hedschra, hat begonnen. Vor acht Tagen reiste Gervinus mit seiner Frau nach Heidelberg. Sie verließen Rom ungern. Tags vor der Abreise nahmen wir noch in größerer Gesellschaft eine Merenda in der Vigna gegenüber S. Agnese ein, wo wir recht heiter waren. Gervinus erklärte, daß er die Bewunderung der Ranke'schen Geschichtsschreibung nicht begreifen könne. Ein ähnliches Gespräch hatte ich früher mit Acton. Ranke kennt nur die Diplomatie in der Geschichte – »das Volk« kennt er nicht. Er hat die feinste Kombinationsgabe und logische Schärfe, aber keine Gestaltungskraft. Seine Menschen und Dinge zeigen ihr inneres Gefaser, aber nur wie auf einem anatomischen Theater. Ranke geht durch die Geschichte wie durch eine Bildergalerie, wozu er geistreiche Noten schreibt. Ich vergleiche ihn als Geschichtsschreiber dem, was Alfieri als Dichter ist. Abends, da Nachrichten über den drohenden Krieg kamen, wurde Gervinus warm. Er stellte die schwärzesten Ansichten auf, selbst von einem Abfall Süddeutschlands an Frankreich, wie in den Zeiten des Rheinbundes. Er meinte, die Kluft zwischen dem Süden und dem preußischen Wesen sei unausfüllbar. Außer seiner Theorie vom Föderativstaat ist es der moralische Widerwille gegen die Bismarckische Politik, welcher ihn in seinen Urteilen bestimmt. Sein Rechtssinn ist tief empört. Wir bestritten seine Befürchtungen lebhaft. Ich hoffe auf die allgemein gewordene Kraft des Nationalbewußtseins. Es ist ein ernstes und sehr gediegenes Wesen in Gervinus, ein großer in der Breite angelegter Verstand: Prosa im edelsten und mächtigsten Sinne. Er lebte in anspruchsloser Zurückgezogenheit in Rom; viel mit musikalischen Studien beschäftigt. Er schwärmt für Händel. Seine Frau singt Händel'sche Musik mit Vorliebe, ohne viel Stimme, aber mit gut geschultem Ausdruck. Es kam Professor Justi aus Marburg, Verfasser eines Buchs über das Leben Winkelmanns, von dem der erste Band erschienen ist, ein, wie es scheint, ausgezeichneter Gelehrter. Der mögliche Krieg macht mir Schrecken. Die Anzeichen und die Aufregung haben denselben Charakter wie in denselben Tagen vor einem Jahr. Offiziell rüstet niemand ab, und doch rüstet alles. Es muß früher oder später die Entscheidung durch die Waffen getroffen werden. Deutschland ist heute geistig mächtiger als Frankreich – es hat außer der noch ungelösten nationalen Aufgabe höhere kulturgeschichtliche Ziele, daher ist ihm der Sieg gewiß. Graf Rzewuski ist abgereist. Ich habe Hébert kennengelernt, den Direktor der französischen Akademie. Er ist Freund Sabatiers. Ein melancholischer, schöner Kopf. Gestern mit Donna Ersilia, der Gräfin Ugarte und Cartwright in der Villa Patrizi, wo ich noch niemals war – Scirocco –, alles war trist und finster, trotz des Frühlings, der seine grünen Schwingen in allen Villen entfaltet hat. Man spricht von einem Bündnis zwischen Italien und Frankreich. Dies ist die Bedeutung des Ministeriums Ratazzi. Es wäre ein jammervolles Zeugnis inneren Elends und Italien einer Soldbande zu vergleichen, käuflich dem Meistbietenden. Die Verbindung mit Preußen brachte den Italienern zwei große Gewinnste: Venedig und die Möglichkeit, sich vom Protektor Napoleon zu befreien.   Rom, 8. Juli Ich arbeitete viel in den Bibliotheken, mit gutem Erfolg auch in der Barberina. Ich habe die zwei ersten Bände der ›Geschichte der Stadt‹ neu durchgearbeitet. Sie sind die Fundamente des Werks. Mit dem dritten Bande steigt das Gebäude selbst auf. Es war das Jahr 1859, welches mir einen Schleier von den Augen nahm, so daß ich die Grundgedanken des Mittelalters, und vor allem das Verhältnis des Papsttums zu Rom, klarer erkannte. Das Werk wuchs mir unter den Händen; seine erste Anlage war ein Keim, dessen Entwicklungskraft ich nicht kannte. Der Juni brachte die Mekkapilger. Das Centenarium Petri versammelte gegen 490 Prälaten und Bischöfe, alle Patriarchen des Morgenlandes und etwa 14 000 Priester. Selbst in meinem Hause lagen Spanier, der Erzbischof von Barcelona und der von Palencia mit Gefolge. Das ganze Haus roch von Morgen bis Abend nach Ölgeschmore. Unaufhörlich warf die Eisenbahn schwarze Scharen nach Rom. Die italienische Presse nannte dies höhnisch den Wanderzug der Krähen (il passaggio delle cornachie) . Rom war ganz finster geworden. Alle Gasthäuser, Cafés, Wohnungen erfüllt von Priesterinvasion. Auf einem Gang von 50 Schritten begegnete man in jeder Straße wohl an 50 Pfaffen aller Nationen. Franzosen: am zivilisiertesten aussehend; kleine, bewegliche Gestalten, voll Selbstgefühl, als der »großen Nation« angehörend, und sich bewußt, daß der Geist der katholischen Kirche in ihrem Lande sei. Spanier: mit Don Bartolohüten, fest und ruhig, die Bischöfe elegant und würdevoll. Italiener, namentlich Römer: die klassischen Stamm- und Musterkleriker, vom freiesten und natürlichsten Benehmen, mit dem Bewußtsein, die wahre alte Garde der Kirche zu sein; alle anderen erscheinen gegen sie wie klerikale Landwehr. Deutsche: meist Landgeistliche aus Tirol, Bayern und Österreich; vierschrötige Menschen, hohe Zylinderhüte tragend, äußerlich ohne Kultur. Slawen mit Schnurrbärten. Orientalen: wie wirkliche Patriarchen, noch vom alten Testament her, den Zusammenhang des Kultus mit dem Orient darstellend, in prächtigen Kostümen. Auch Chinesen und Mohren sah man. Ein Erzbischof soll einen Ring in der Nase getragen haben. Es gab ein fortgesetztes Fest von Prozessionen, Erleuchtungen, musikalischen Aufführungen für Isis und Osiris und den Ochsen Apis. Der St. Peter bot in seiner Beleuchtung am 29. Juni einen feenhaften Anblick dar. In der großen Prozession, wo mehr als 400 Erzbischöfe und Bischöfe mit hohen Mitren oder Kronen, in goldstarrenden Gewändern, Kerzen in der Hand, einherwandelten, zwei volle Stunden lang, wurde die ganze katholische Hierarchie entfaltet. Die Fahnen der neuen Heiligen, mit Abbildern ihrer Martern, wurden einhergetragen. Verwandte oder Landsleute der Heiligen trugen die Quasten dieser Bilder, welche gut gemalt waren – viereckige Tableaus, 20 Fuß hoch. Als die Standarte des gräßlichen Inquisitors Pedro de Arbues aus den Kolonnaden trat, sank sie zu Boden und riß ein paar Menschen mit sich. Ich sah das mit großer Schadenfreude. Pius IX. hat ein Konzil für 1868 verkündigt. Die Jesuiten hatten im Plan, den Papst für infallibel zu erklären. Um dies Dogma vorzubereiten, machte die ›Civiltà Cattolica‹ den Vorschlag, alle Priester und Gläubige sollten zum Centenarium des Apostels auf dessen Grabe das Gelübde niederlegen, für den Satz der Infallibilität auf Tod und Leben einzustehen. Mit wahnsinniger Wut und Schamlosigkeit drückten sie sich so aus: bisher hätten die Gläubigen St. Peter nur materielle Opfer dargebracht, entweder Geld oder ihr Blut (als Zuaven und Söldner des Papsts), jetzt handle es sich darum, den Verstand zu opfern. Sie haben indeß diesen perfiden Zweck nicht erreicht, sondern Fiasco gemacht. Das Papsttum ist eine lateinische Form und wird nur mit der lateinischen Rasse selbst aufhören. Wenn Gervinus die vielen Tausende gesehen hätte, welche bei diesem Fest zusammenströmten, so würde er seine Ansicht über die Dauer des Papsttums geändert haben. Die Urteile der Protestanten leiden in dieser Beziehung alle an der falschen Auffassung der lateinischen Welt, welche sie nicht kennen und deren geistige Bewegung sie nach germanischem Maße messen. Papsttum und Katholizismus sind aber der lateinischen Nationalität fest eingeprägte Formen, und in ihnen wird sich ihr Leben noch lange darstellen. Seit drei Tagen wissen wir von der Erschießung Maximilians. Er hatte das Los der Tierbändiger, die zuletzt doch von den wilden Bestien zerrissen werden. Die prophetischen Verse, welche Pasquino dem Unglücklichen zurief, als er am 18. April 1864 nach Rom kam, haben nun ihre Bestätigung gefunden. Der Herzog Caetani sagte mir bei Gelegenheit der Frage, ob die versammelten Bischöfe eine Deklaration über das Dominium Temporale machen werden, einen Vers, den ihm einst Sarti aus einem vatikanischen Codex abgeschrieben hatte: Pontifices muti, De suo jure male tuti, Quamvis cornuti, Non audent cornibus uti. Bei Heiligsprechungen ist dies Gebrauch: jeder Postulant einer Sanktifikation bringt dem Papst vor den Thron folgende Gaben: zwei Brote, eins vergoldet, das andere silbern, mit den Wappen des Papsts darauf; zwei Fäßchen Wein, eins golden, das andere versilbert; drei zierliche Vogelbauer: in dem einen zwei Turteltauben, in dem andern zwei weiße Tauben, in dem dritten bunte Vögel. Die Fürstin Wittgenstein zeigte mir davon eine Taube, welche ihr der Papst geschenkt hatte. Sie saß ganz aufgeblasen da, als wäre der heilige Geist in ihr.   Rom, 10. Juli Ich reise heute ab nach Stuttgart, wo ich den Bruder am 19. oder 20. treffen soll.   Bern, 17. Juli Schweizerhof Am 10. abends reiste ich von Rom nach Florenz; der Zug verspätete wegen der Choleradurchräucherung in Narni, was mit ziemlicher Brutalität vor sich ging; ich glaube, um die vielen Priester zu ärgern, welche in ihre Heimat zurückkehrten, meist Franzosen, die ich bis nach Lausanne zu Begleitern hatte. Ich blieb nur anderthalb Stunden in Florenz, warf mich in den Wagen und eilte auf den Kirchhof an Paulinens Grab. Eine Säule aus grauem Stein steht darauf mit ihrem Namen. Am 12. kam ich nach Stresa am Lago Maggiore. Hier fand ich Perez im Haus der Rosminianer. Er ist tätig und zur Resignation entschlossen. Er besorgt die Ausgaben der Werke Rosminis. Am 13. Weiterfahrt über den Simplon. Nachts ein paar Stunden in Sion. Dann weiter nach Lausanne. Abends am 14. in Bern. Ich arbeite in der Stadtbibliothek täglich sechs Stunden. Die Schweizerpresse spricht wegen Maximilian ihre Genugtuung über die Belehrung der Könige aus, daß vor dem Tribunal von Republikanern dynastische Rücksichten nichts gelten. Der Kaiser ist nach demselben Gesetz erschossen worden, nach welchem er die republikanischen Generale Arteaga und Salazar erschießen ließ. Ich lese die Reden von Thiers und Jules Favre in Folge der Katastrophe von Mexiko. Welch ein perfides Wesen und welcher Schmutz wird nun aufgedeckt! Und wie steht Napoleon vor der öffentlichen Meinung der Welt da! Sollten nicht die Folgen davon zu einem Umsturz in Frankreich führen?   Berg hei Stuttgart, 27. Juli Am 18. fuhr ich nach Thun; Landschaft, Strom und Wasser entzückten mich. Ich aß an der Aar in einem sauberen Gasthof – alles lief an die Fenster, die Japanesen zu sehen, welche die Schweiz auf deren Kosten bereisten, von Paris her. Man erzählte mir, daß sie ohne Umstände an die Buffets, wo sie deren trafen, gingen und nahmen, was ihr Herz begehrte, im Glauben, dies sei so Stil in Europa. Am 20. über Zürich nach Romanshorn; dort mittags über den See nach Friedrichshafen und weiter, wie vor sieben Jahren, nach Stuttgart. Der Bruder kam erst am 22. Ich hatte ihn seit fünf Jahren nicht gesehen. Wir mieteten eine Wohnung hier in Berg. Am 22. besuchte ich Roth, den Geschäftsführer der Cotta'schen Buchhandlung, welcher der Leiter des ganzen Verlags ist. Er sprach sich sehr befriedigt über den Gang der ›Geschichte der Stadt‹ aus. Dann sah ich Baron Reischach den älteren und später den jungen Cotta. Ich ging am 22. auf die Bibliothek (400 000 Bände), eine der vollständigsten Deutschlands, wo ich den mir von Rom her bekannten Bibliothekar Professor Heyd traf. Später kam Stälin, der Direktor der Bibliothek. Es herrscht in Stuttgart keine Verstimmung gegen Preußen; der Krieg von 1866 ist, wie eine Rauferei unter Brüdern, fast schon vergessen. Das Einheitsgefühl ist lebhaft; nur fürchtet man die Neigung zum Absolutismus in Preußen und das dortige Korporalwesen. Hier ist der General Obernitz, mir von Rom bekannt, welcher als militärischer Bevollmächtigter Preußens die württembergische Heeresorganisation leitet. Wir waren in Ludwigsburg und fuhren dann nach Marbach, das Schillerhaus zu sehen. Heute bei Reuchlin, dem Verfasser der neueren Geschichte Italiens, einem ehemaligen Landpfarrer bei Tübingen, welcher jetzt in behaglichen städtischen Verhältnissen lebt. Dort war auch der Abgeordnete Holder, Führer der preußisch gesinnten Partei, welche hier sich zu vergrößern scheint, und Dr. Lang, Redakteur des preußenfreundlichen ›Schwäbischen Merkur‹.   Heilbronn, 31. Juli Unsere gestrige Reise nach Heilbronn war nicht vom Wetter begünstigt. Es war so schneidend kalt, daß ich meine Winterkleider anzog und mich doch nicht erwärmen konnte. Am Nachmittage nach Weinsberg, zur Burg Weibertreu hinauf, am Hause Justinus Kerners vorüber, wo ich lebhaft Kerners gedachte. Kerner starb vor vier Jahren; sein Denkmal steht an der Straße nahe bei seinem Hause, worin jetzt sein Sohn, ein Arzt, wohnt.   Heidelberg, 1. August Darmstädter Hof Gestern am Morgen stiegen wir in Heilbronn auf das Neckarschiff, bei gutem Wetter, und fuhren nach Heidelberg. Gervinus und Frau fand ich heute mich erwartend in ihrem Hause in der Leopoldstraße. Um 10 Uhr fuhren wir mit ihnen nach Neckarsteinach, wo wir zu Mittag aßen und unter angenehmen Gesprächen schöne Stunden verlebten. Gervinus' Ansichten in bezug auf Deutschland sind dieselben geblieben, wie er sie in Rom ausgesprochen hatte. Beide äußerten lebhafte Sehnsucht nach ländlichem Leben oder nach einem wiederholten Aufenthalt in Rom. Frau Gervinus erzählte mir von der musikalischen Arbeit ihres Mannes, auf welche sie mich sehr neugierig machte. Sie entstand, wie sie sagte, aus ihrem zehnjährigen Spiel von Händels Musiken.   Mainz, 3. August Zur Stadt Koblenz Nachdem wir den letzten Abend in Heidelberg bei Gervinus zugebracht hatten, wo auch Professor Wattenbach war, fuhren wir gestern nach Mannheim. Dann nach Ludwigshafen. Die Uferluft wehte kühl und scharf, wie ein Seewind, was mir überhaupt an diesem Strome auffiel. Weiter nach Speyer, den Dom zu sehen. Er ist in vielen Teilen durch König Ludwig hergestellt. Von Kaisergräbern nichts mehr vorhanden als das Grabmal Rudolfs von Habsburg. Bedeutender ist der Dom zu Worms, wohin wir von Speyer fuhren. Diese kleine reizende Stadt und ihre köstliche Umgebung am Rhein entzückte uns. In Mainz kamen wir gestern des Abends an. Am Morgen kam Harder von Wiesbaden. Wir fuhren zu Dampfschiff nach Biebrich, wo Julius und Harder auf der Eisenbahn nach Wiesbaden weitergingen, während ich allein am Rhein entlang über Kastell zurückkehrte. Mainz ist eine, obwohl vielfach moderne, doch ganz originelle von geschichtlicher Kraft durchdrungene Stadt. Hier stehen ein paar tausend Mann Preußen. Ich sah sie hier zuerst in Massen. Man will ihnen in Hessen und Nassau noch nicht wohl; doch überall hörte ich hinzusetzen: dies würde nach zwei Jahren aufhören. In jedem Orte begegnete mir das stark ausgesprochene Gefühl der deutschen Zusammengehörigkeit und das Bewußtsein unfehlbarer Vereinigung in naher Zukunft. Ein Knabe, den ich in Worms fragte, ob er Preuße sei, sagte lachend: »auch bald! auch bald!« In Biebrich, wo der Herzog von Nassau ein schönes Schloß besitzt, schien die Anhänglichkeit an ihn und der Widerwille gegen das neue Regiment noch stark – doch wenn ich solche Hemmungen mit denen in Italien verglich, so erkannte ich wohl, daß wir, trotz des Bürgerkriegs von 1866, uns schneller und mit mehr Ruhe vereinigen können als die Italiener. In Mainz selbst, wo der König von Preußen vor einigen Tagen war, empfing man ihn, wie ich hörte, sehr kühl; nicht so in Wiesbaden, wo sein Empfang ihn selbst überrascht hat. Im Übrigen sind alle Zustände in Deutschland von so gründlicher Ordnung und innerer Stärke, daß man die große Umwälzung der jüngsten Zeit nirgends gewahr wird.   Heidelberg, 8. August Academiestraße Nr. 2 Wir fuhren am 4. August zu Schiff nach Biebrich und setzten die Rheinreise fort bis Koblenz. Das Wetter war trübe, auch ging die Rheinluft kalt und heftig. Im Ganzen enttäuschte mich die Rheinfahrt; doch gab es bisweilen schöne Strombilder und Städteansichten, wie Kaub, Bingen, S. Goar, welche, wenn sie Farbe hätten, prächtig sein müßten. Wir nächtigten in Koblenz im »Riesen« sehr gut, sahen dies freundlich langweilige Städtchen und seine Anlagen am Rhein, besuchten Ehrenbreitstein und fanden die Familie Schickert vor. Am 5. August mit der Eisenbahn nach Bonn, wo wir uns ein paar Stunden aufhielten, den Dom, die Universität, das Monument Arndts, Poppelsdorf usw. sahen. In Köln kamen wir nachts an, fuhren vor einem kleinen Gasthaus vor, wurden dort nur von zwei schönen Frauen empfangen, welche uns geheimnisvoll fragten, ob wir an sie empfohlen seien, während sich kein Portier, noch Hausknecht, noch Wirt sehen ließ. Dies machte uns stutzig; wir gingen von unserem Zimmer auf die Straße und fragten einen Dienstmann nach der Beschaffenheit dieses Hotels. Er sagte mir verblümt, daß er gehört habe: dies Haus nehme Herren mit ihren Damen auf. Die Folge davon war, daß wir auszuziehen beschlossen. Dies gab eine komische Szene, und wir blieben, um bald unseren Irrtum und die Verleumdung des Dienstmanns einzusehen. Wir logierten dort sehr gut. Köln ist finster und massiv und stieß mich ab. Der Dom aber ist eine große Offenbarung einer ganzen Zivilisation. Nachmittags 3 Uhr trennten wir Brüder uns. Julius fuhr nach Kassel; ich nach Mainz zurück. So war das Beste meiner Vaterlandsfahrt hinter mir. Von hier ging ich wieder romwärts und trat eigentlich schon meine Rückreise an. Ich blieb in Mainz drei Stunden. Um 11 Uhr nachts fuhr ich über Darmstadt weiter und langte morgens in Heidelberg an. Ich mietete gestern ein sauberes Logis in der Academiestraße. Ich begann, auf der Bibliothek zu arbeiten. Dr. Bähr ist Bibliothekar nebst Dr. Thibaut und Bender. Abends zu Gervinus. Ich fand ihn und seine Frau im Begriff auszugehen, um die Beleuchtung des Schlosses zu sehen, welche die hiesige Studentenschaft veranstaltete. Sie führten mich jenseits des Neckars in das Haus des Professors Röder, wo ich eine zahlreiche Gesellschaft fand. Stark, Kopp, Lembke, der holländische Exminister Thorbeke, mehrere Damen (Frau Feuerbach unter andern). Die prachtvolle Schloßruine, der Fluß, die Barken, die dunkeln Berge, ein Fackelzug der Studenten, ein beleuchtetes Dampfboot, auf welchem das Corps Vandalia herangefahren kam, alles dies gab ein schönes Gemälde und brachte mir die deutsche Romantik mit ihrem unverwüstlichen, kindisch-genialen Jugendleben wieder zurück. Ich sah mehrere Fackelzüge und Fahrten der Studenten. Das altfränkische zopfige Wesen hat sich in den Corps noch erhalten. Für jeden Nicht-Deutschen muß es ganz unbegreiflich sein, wie eine intelligente Jugend so viel Kraft, edles Gefühl, ja Begeisterung an so absurde Nichtigkeiten verschwenden kann. Die sinnlosen Formen, welche sie in ihren schönsten Jahren beschäftigen und die sich noch in das spätere Lebensalter hinausziehen, sind ohne alle Frage mit Schuld daran, daß sich die politische Reife unserer Nation so lang verspätet hat. Ich äußerte dies zu Gervinus, welcher es vollkommen bestätigte.   Heidelberg, 18. August Ich habe diese zehn Tage gut auf der Bibliothek verwendet. Ich fand zwei Handschriften vor, welche schon an sich meinen Aufenthalt belohnen. Dieser wird durch Gervinus sehr angenehm. Wir genießen die Nachmittage gemeinschaftlich. Ich lernte die Umgegend kennen – Ziegelhausen, Wolfsbrunnen, Handschuhsheim, Roßbach, Neuenheim usw. Als Gäste bei Gervinus waren mehrere Tage anwesend der Advokat Baumgarten und Frau von Wolfenbüttel. Einmal zu Abend gewesen bei Professor Kopp, dem Chemiker, wo ich den Philosophen Zeller kennenlernte, einen verdienten Mann mit transparenter Physiognomie, die mich an Rosenkranz erinnerte. Auch war dort eine Tochter Baurs aus Tübingen und Wattenbach; Sir John Acton kam eines Tags. Er lebt auf seinem Schloß bei Worms, wo seines Großvaters Dalberg Güter lagen. Bluntschli gilt hier als ein Preußenfreund aus Ambition. Nach seiner Ansicht ist die Einheit Deutschlands gesichert, aber Süddeutschland würde noch einen langjährigen Prozeß durchmachen, ehe es sich für die Union mit dem Norden bestimmt. Bluntschli ist eine derbe Schweizernatur, ohne gefällige Form in seinem Wesen. Welker soll an der Spitze der partikularistischen Partei in Baden stehen. Gervinus lebt, wie ich aus seiner Häuslichkeit ersah, sehr abgeschlossen. Die hiesige Gesellschaft ist einseitig und in sich zersplittert. Alles dreht sich um das Fach, worin die Menschen aufgehen. Die wenigsten haben außer ihrem Beruf liegende allgemein menschliche Interessen. Heidelberg ist eine akademische Stadt, worin andere Stände nicht zur Geltung kommen. Es ereignet sich hier nichts. Alles verengt sich und stereotypiert sich. Das Beste ist die Natur. Man ist mit einem Schritt in Berg und Wald. Eine reizende Klause, doch zu beengend. Es gibt nichts Langweiligeres, als täglich die eine langgestreckte Hauptstraße oder hohle Gasse zu durchwandern. Eine gute Anstalt ist das Museum oder Lesekabinett, wohin mich Gervinus führte. Es scheint hier der junge Sohn von Mendelsohn-Bartholdy durch sein Talent schnellen Aufschwung zu nehmen. Er gibt eben einen Briefwechsel zwischen Gentz und seinen Freunden heraus. Man hat ihn und Lembke zu Professoren gemacht. Aus Rom her nur Düsteres. Die Cholera wütet dort und namentlich in dem schönen Albano. Daselbst starb die Exkönigin von Neapel, ihr Sohn Januarius und Kardinal Albinzi. Panischer Schreck soll in Rom herrschen. Am 14. August kam Freund Härder aus Wiesbaden. Er blieb eine Nacht bei mir; folgenden Tags gingen wir zusammen nach Mannheim, wo wir den Vormittag schön zubrachten. Dort nahm ich Abschied vom Vater Rhein.   Berg bei Cannstatt Am 19. August war ich mit Gervinus, Maiers und Dr. Parthey aus Berlin nach Schwetzingen gefahren, wo wir uns in dem schönen Park sehr gut unterhielten. Am 20. mit Gervinus noch bis in die Nacht auf dem Schloß zu Heidelberg und Abschiedstrunk gehalten. Ich verließ Heidelberg ungern am 21. August; es war heißer als in Rom. Dann über Maulbronn nach Stuttgart, wo ich um zwei Uhr ankam. Ich bezog sofort eine Wohnung in Berg. Am 22. besuchte ich Reischach. Es stellte sich heraus, daß eine zweite Auflage der ›Geschichte der Stadt‹ nötig sei. Ich sah Moritz Hartmann, welcher seit vier Jahren hier lebt; er ist Redakteur der Wochenausgabe der (Allgemeinen Zeitung) und des Blattes ›Freia‹, wütender Preußenfeind. Er machte mich mit Rümelin bekannt, dem ehemaligen Kultusminister. Dessen Schrift über und gegen Shakespeare, von realistischem Standpunkt aus, machte einigen Lärm. Die Stuttgarter haben Napoleon auf seiner Durchreise nach Salzburg mit großen Ehren empfangen, was mich tief verstimmte. Hartmann schob die Schuld auf französische Agenten; Gervinus sah darin Rheinbundsgelüste, welche er als unausbleiblich behauptet. In Augsburg und Salzburg selbst wurde Napoleon kühl empfangen. Er kam vor einigen Tagen wieder über Stuttgart zurück, ohne sich aufzuhalten. Die Einheitspartei macht in diesem Lande täglich mehr Fortschritte. Mit Professor Heyd, dem jungen Stälin und Professor Großmann fuhr ich nach dem Hohenstaufen. Dort genießt man den schönsten Blick in das Herz des Schwabenlandes. Gestern kam Reischach zu mir mit Berthold Auerbach. Auerbach ist noch ein frischer Mann. Er strahlt von Gesundheit und von Glück – sein Roman ›Auf der Höhe‹ macht Aufsehen und erscheint jetzt in der fünften Auflage. Ich begleitete ihn nach dem alten Bade, wo er in dem schmutzigen Neckar sich untertauchte. Dann gingen wir durch den Park gegen Stuttgart hin. Auerbach ist Enthusiast für Preußen. Er sagte, Stuttgart würde viel schöner sein, wenn jeder dritte Mensch darin ein Preuße wäre. Er kam von Bingen. Er fand mich, wie fast alle Menschen, sehr jung aussehend und im Widerspruch zu meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹, und er bemerkte, daß dies daher komme, weil ich nicht Professor geworden sei. Ich arbeite täglich vor- und nachmittags auf der Bibliothek. Die Cholera scheint in Rom nachzulassen.   Berg, 11. September Ich lebte hier gerade 21 Tage in angenehmer Zeit, obwohl tagsüber in Stuttgart beschäftigt. Wir machten einige Fahrten, so nach der alten Abtei Lorch und Gmünd; vorgestern nach der Solitüde. Schwaben ist ein heiteres und anmutiges Land, welches mich immer mehr anzieht. Klumpp kam zurück. Er zeigte mir die schöne Weingartner Handschrift der Minnesänger in der königlichen Bibliothek. Ich speise mit ihm und Tribunalrat Kraus im Hotel St. Petersburg. Ich lernte Notter kennen, welcher Dante übersetzt. Auch fand ich den Diogenes Ludwig Walesrode wieder. Er ist so preußenfeindlich wie Hartmann. Ich besuchte den Grafen Wilhelm von Württemberg (Herzog von Urach) in seinem Hause in der Neckarstraße – er sieht jammervoll verfallen aus und erschreckte mich, als er durch den Garten schlich. Eines Tages erschien San Marzano, der Kustos der Vaticana, auf der Bibliothek. Ich habe mein Material, auch die Nachträge für die beiden ersten Bände, gesammelt und verlasse Stuttgart mit guten Erfolgen. Heute gehe ich nach Baden für zwei Tage und dann südwärts.   Arona, 17. September Hôtel d'Italie Am 11. September fuhr ich nach Baden. Es empfingen mich Lindemann, der von Rom gekommen war, und Erhardt. Ich nahm Wohnung im ›Goldenen Stern‹, war aber sonst Gast in dem schönen Hause der Frau Grunelius. Zwei herrliche Tage verstrichen in diesem glücklichen Familienkreise; der Reichtum tritt daselbst in einfachster Gediegenheit auf. Ich besuchte die Fürstin Hohenlohe, welche dort ein einfach schönes Haus bewohnt. Die Königin von Preußen fuhr eben von ihr. Jene edle Frau schwärmt noch für Rom. Den Fall ihres Schwiegersohns von Schleswig-Holstein erträgt sie mit Seelengröße; sie ist entschieden Preußen freundlich gesinnt. In Baden sah ich S. wieder nach zehn Jahren; ihr Mann war nach Petersburg zurückgegangen. Sie ist noch schön; noch unruhig und nicht glücklich. Sie nannte die Ehe eine Monstruosität. Am 14. reiste ich nach Freiburg. Am 15. nach Basel. Ich fand dort S. mit ihrer Schwester. Wir fuhren dann zusammen nach Luzern, der Regen strömte. Gestern auf dem See nach Flüelen. Von dort fuhren die Frauen nach Luzern zurück und ich gleich über den Gotthard. Ich nächtige in Arona. Es gewittert prachtvoll über dem See; die Luft ist schwül. In Rom, so heißt es, soll die Cholera noch nicht erloschen sein.   Ronzano bei Bologna, 21. September Bologna erreichte ich nachts 11 ½ Uhr und stieg wieder im Hotel Brun ab. Morgens am 19. suchte ich Frati im Archigymnasium auf. Er begleitete mich zum Palast Gozzadini, von wo ein Hausbedienter mich nach Ronzano führte. Ich fand die Gräfin hier unter Blumen und etruskischen Totenschädeln, welche ihr Mann, ein eifriger Entdecker alter Nekropolen, ausgräbt und sie mit unglaublicher Geschicklichkeit zusammenzusetzen versteht. Tische und Canapés liegen voll von diesen Knochen. Dies machte mir erst Widerwillen – es sprach so überzeugend von dem »Land der Toten«, wo alles Vergangenheit ist, und ich gedachte mit Sehnsucht an die lebendigen Freuden auf der Villa Grunelius in Baden. Ronzano ist ein altes Kloster der Frati Gaudenti, von denen Dante spricht. Die Fenster haben Eisengitter; ein Klosterhof, finstere Zypressen in der Nähe, Inschriften auf den Wänden – Dante-Kultus – kein Ton aus dem frischen Leben, kein Klang und Sang. Die junge Tochter, Gräfin Zuchini, ist in Paris und scheint diese Öde zu fliehen, worüber ihre Mutter gestern bitter klagte. Ronzano liegt schön auf einer Höhe, gegenüber dem prächtigen Tempel S. Luca. Die ganze Emilia und Romagna sind hier zu Füßen ausgebreitet mit hundert Orten, Gütern und Städten, bis zum Adriatischen Meer. Bei klarer Luft ist der Turm S. Marco von Venedig sichtbar, so auch der Dom Ravennas; Parma, Modena zeigen sich. Gestern hing ein prachtvolles Gewitter über dem Adriatischen Meer und entlud sich auch auf Ronzano als Hagel. Ich war unten in der Stadt, wo ich die Pinakothek besuchte, Salvinis großen Koloß, Viktor Emanuel, für Florenz bestimmt, wo er in Bronze gegossen werden soll, als Modell sah und mich mit Giordani unterhielt. Meine Reisemüdigkeit ist groß. So angenehm der Verkehr mit diesen einfachen, hochgebildeten und guten Menschen ist, bei denen ich zu Gaste bin, so drückt doch die tonlose Stille mich nieder. Ich reise heute über Ancona nach Rom. Gozzadini schilderte mir die Zustände der Romagna als sehr bedenklich – Anarchie und Raub nehmen überhand –, republikanische Wühlereien an vielen Orten. Man prophezeit den Ausbruch der Garibaldischen Invasion und eine Erhebung Roms als unausbleiblich in diesen Tagen.   Rom, 6. Oktober Am 21. September fuhr ich von Bologna ab und erreichte Rom über Falconara folgenden Tags um 9 Uhr abends. Eine schreckliche Sciroccoglut, welche sechs Tage anhielt, empfing mich, und die Cholera forderte noch täglich ihre Opfer. Rom ist leer. Mein Haus ist öde; es starben darin an der Cholera drei Frauen. Ich stürzte mich mit Leidenschaft in meine Arbeit und verwertete die in Heidelberg und Stuttgart gesammelten Nachträge für die zweite Auflage der zwei ersten Bände. Deutschland und Welschland sind so grundverschiedene Wesen, daß sie keine Brücke verbindet; daher versinkt mir Rom sofort, wenn ich drüben, und das Vaterland, wenn ich hier bin. Doch fühle ich, wie die heimische Luft mir wohlgetan und manche Sciroccowolken aus meiner Seele hinweggefegt hat. Die Garibaldische Invasion hat schon ihre Geschichte. Garibaldi wurde in Asinalunga verhaftet, am 23. September, nach Alessandria abgeführt und dann nach Caprera entlassen, nachdem in mehreren Städten, namentlich in Genua, heftige Demonstrationen zu seinen Gunsten stattgefunden hatten. Trotzdem sind die Garibaldiner im Kirchenstaat, und seit dem 1. Oktober gibt es einen Guerillakrieg. Gestern hieß es, daß die Päpstlichen bei Bagnorea, wo 600 Garibaldiner unter dem Obersten Leali von Ronciglione eingebrochen sind, eine Niederlage erlitten haben. Fast alles Militär ist aus Rom abgerückt. Auch Veroli soll von Freischaren besetzt sein und Frosinone unruhig werden. Wenn dies Wesen größere Verhältnisse annimmt, so würde die Katastrophe unausbleiblich sein – es handelt sich nur darum, ob Napoleon eingreift oder nicht. Die Nationalpartei glaubt im ersten Fall, daß Nunziante sofort in den Kirchenstaat einrücken werde, um den Franzosen in Rom zuvorzukommen. Ich bin also zu einer merkwürdigen Zeit zurückgekehrt. Vor acht Tagen besuchte ich die Caetani in Frascati. Ein Sturz aus dem Wagen hatte den Herzog beinahe getötet; er blieb lange bewußtlos; die Herzogin verwundete sich am Kopf. Alle sehen elend und schattenhaft aus, selbst Donna Ersilia und die Kinder. Es war gerade des Herzogs Namenstag (S. Michele), weshalb viele Freunde aus Rom gekommen waren. Man gab ein großes Diner; wir waren 21 Personen. Ein Herr Tocco unternimmt Ausgrabungen im Hof von S. Cosma und Damiano. In einer Tiefe von 20 Fuß stieß er auf antike Fundamente, entdeckte einen marmornen Fußboden und im Schutt weitere Fragmente des kapitolischen Stadtplans, welcher vor Jahren an eben derselben Basilika gefunden wurde. Ich sah diese Fragmente; auf dem einen stehen die Worte Porticus Liviae . Es scheint, daß sich für dies Lokal die Stelle des alten Macellum am Forum herausstellt. Das Prachtwerk ›Capri‹, mit Zeichnungen von Lindemann, ist fertig gedruckt. Gestern erhielt ich die letzten Korrekturen.   Rom, 13. Oktober Ich war wieder bei den Caetani in Frascati. Mit Donna Ersilia fuhr ich ins Schloß Marino, den alten, kranken Don Vincenzo Colonna zu besuchen. Er nahm uns nicht an. Man erwartet seinen Tod. Die Tochter führte uns in den Räumen umher. Viele Familienbilder hängen dort, einige unbekannten Ursprungs. Das älteste ist das Porträt Martins V. Im Untergeschoß eine Sammlung von Papstporträts. Der kleine Krieg dauert im Patrimonium fort. Die Freischaren bemächtigen sich dieses und jenes Orts, werden daraus von den Päpstlichen vertrieben und tauchen an einer anderen Stelle wieder auf. So wird die kleine Armee des Papsts aufgerieben. Am 5. Oktober erstürmten die Päpstlichen Bagnorea, wo 70 Garibaldiner tot blieben, 110 gefangen wurden – sie sitzen jetzt in der Engelsburg. Gestern sagten mir Castellani und Papalettere, daß die italienische Regierung mit Frankreich einig sei. Napoleon kann das Bündnis Italiens nicht missen, der Preis dafür ist das Papsttum. Es stürzt, so meint man hier, in vier Wochen. Ein Prälat sagte mir, daß man im Vatikan den Abzug rüste. Subiaco, S. Scolastica, 2. 7. 1857 Menotti Garibaldi führt 1000 Mann bei Subiaco, wo er indeß vorgestern herausgeschlagen sein soll. Es ist Tatsache, daß nirgends eine Erhebung in den Provinzen stattgefunden hat. Niemand will sich kompromittieren. Rom ist in tiefer Ruhe. Am 8. Oktober formte sich das National-Comité wieder und erließ eine Proklamation, welche energisches Handeln verheißt. Die Moderados haben die Zeitung übernommen.   Rom, 18. Oktober Es haben mehrere Zusammenstöße stattgefunden, wobei die Garibaldiner stets unterlegen sind. Heute sagte mir ein Priester, daß 500 den Freischaren abgenommene Flinten nach Rom gebracht seien, so schlechter Art, daß sie kaum zur Vogeljagd tauglich sind. Gegenwärtig sitzen 160 Garibaldiner in der Engelsburg. Man behandelt sie gut; sie erhalten sogar Zigarren und gehen frei im Hofe des Kastells umher. Schlözer sah sie dort. Gestern erwartete man ein Gefecht bei Nerola, vier Miglien von Monte Rotondo, wo die Söhne Garibaldis an der Spitze von 2000 Mann stehen. Aber sie nahmen den Kampf nicht an, sondern verließen ihre Stellung. Dies sagte mir heute der Zuavencolonel Alette, mit dem ich im ›Falcone‹ bei Tisch zusammentreffe. Die Päpstlichen schlagen sich gut, Kanzler hat ihnen Disziplin beigebracht. Ihre Stellung macht einen Strich durch die Rechnung der Italiener, welche auf eine Erhebung gehofft haben. Die Regierung verhaftet täglich und nächtlich Bürger – schon sollen mehr als 500 aufgehoben sein. Die Truppen werden oft konsigniert. Soeben, da ich schreibe, fallen Schüsse in der Stadt – wahrscheinlich wirft man Petarden. Gestern haben die Garibaldischen unter Major Ghirelli, welcher eine römische Legion kommandiert, den Eisenbahnzug bei Orte überfallen und die Bahn unfahrbar gemacht. Der heutige Zug ging nicht ab; gestern und heute kamen keine Briefe und Zeitungen. Die Aufregung steigt; das Gold verschwindet. Silber ist gar nicht mehr sichtbar.   Rom, 23. Oktober Am 18. griff Charette mit den Zuaven Nerola an und nahm es nach zweistündigem Kampf. 134 Gefangene. Napoleon ist endlich aus seinem Schweigen herausgetreten; am 18. d.M. erhielt Armand den Befehl, sich zum Papst zu begeben und ihm zu sagen: daß Frankreich ihn beschützen werde, daß die Truppen zur Einschiffung bereit seien. Der Bandenkrieg im Patrimonium verliert dadurch seine Bedeutung, zumal die päpstlichen Truppen diese Scharen überall zurückgeschlagen haben. Napoleon kommt nicht mehr aus dem Dilemma heraus. Auch die Lage Italiens ist kritischer als die des Papsts. Es ist gar kein Zweifel, daß die italienische Regierung die Invasion nicht allein geduldet, sondern gefördert hat. Man sagt, daß Ratazzi seine Entlassung eingereicht habe, daß Florenz im Aufstand sei. Alle Telegraphen sind in Untätigkeit; die Posten unregelmäßig; alle drei Eisenbahnen durch Ausheben der Schienen unterbrochen. Nur Gerüchte dringen zu uns. Gestern war die Aufregung der Stadt fieberhaft. Sie wurde durch zwei Ursachen erzeugt, durch das Gerücht von einem bevorstehenden Aufstand am Abend und die Verteidigungsmaßregeln, welche das Generalkommando trifft. Schon gestern nachts warf man an allen Toren Schanzen auf. Ich ging vor die Tore del Popolo und Angelica, diesen Arbeiten zuzusehen, die mich an das Mittelalter erinnerten, wo man so häufig die Tore vermauerte. Den Arbeitern sah das Volk im Regen zu, con amore , wie hier alles, selbst das Tragische, in Szene geht. Ein Anschlag der Polizeibehörde sagt, daß fortan folgende Tore ganz geschlossen bleiben: Porta Maggiore, S. Lorenzo, Salara, S. Pancrazio, S. Sebastiano, S. Paul. Man hat in der Stadt beide Brücken, Ponte Rotto und die neue an der Lungara, durch Ausheben der Bohlen ungangbar gemacht. Nun sollte gestern abend der Tumult ausbrechen, welcher schon vorgestern angesagt war, aber wegen des Regens, so hieß es, abbestellt wurde. Mit der größten Offenheit sprach man davon. Ich war bei Tisch im ›Falcone‹, wo mir zwei junge Männer erklärten, daß in einer Stunde der Aufstand beginnen werde; denn etwas müsse geschehen, um die Römer von dem Schimpf der Feigheit zu befreien. Diese Maulhelden erhoben sich in Hast, von anderen abberufen, um an ihre Heldentaten zu gehen. Ich eilte zur kranken Frau Lindemann und blieb dort im Hause die Nacht, da niemand sonst da war als die anderen Frauen, und diese fand ich in großer Angst. Sie baten mich, eine preußische Fahne am Fenster aufzustecken. Ich lachte und bezweifelte den Ausbruch der Revolution. Ich ging noch um 7 Uhr (gestern am 22.) auf den Corso; dort, wie in anderen Straßen, waren alle Läden geschlossen; nur Patrouillen waren sichtbar. Die Nacht verfloß ruhig; die große Heldentat blieb aus. Doch heute am Morgen erzählte man mir, daß eine Mine bei S. Angelo gesprengt worden sei, wodurch viele päpstliche Soldaten ums Leben kamen; auch habe man eine Schildwache ermordet. Nachts waren auf Popolo Kanonen aufgefahren, den Corso zu bestreichen. So scheint hier der feige Meuchelmord wieder sein Spiel zu beginnen wie im Jahre 1848. Die Bürgerschaft bewegt sich nirgends. Ich komme soeben von dem Ort, wo die Mine gesprungen ist. Sie hat die Ecke des Palasts Serristori am Borgo zerstört, worin Zuaven als Wache lagen. Mehr als 20 Menschen sind im Schutt begraben, meistens zum Musikkorps gehörig und Waisenkinder von Rom; auch einige in Arrest gelegte Soldaten befanden sich darunter. Die Pompieri hatten den Schutt weggeräumt; Volk stand umher; zwei junge Zuaven gingen als Schildwachen auf und ab mit flammenden Blicken und solcher Zornesmiene, daß man ihnen ansah, sie hätten gern ihr Gewehr dem ersten besten dieser Gaffer in den Leib gestoßen. Die vordere Wand des Palasts ist herabgestürzt; man sieht in die leeren Stockwerke, wo noch an den Nägeln Kleidungsstücke der Zuaven hängen. Gestern war an mehreren Orten ein Aufstandsversuch gemacht worden, am Kapitol, auf der Navona und bei S. Paolo. Auch die Kaserne bei S. Crisogono war unterminiert; doch konnte ihr Aufspringen verhindert werden. Heute abend ist ein Aviso an die Straßenecken angeheftet, worin der General Zappi bekanntmacht, daß auf das Zeichen von fünf Kanonenschüssen vom Kastell jedermann sich nach Hause zu begeben habe und Rom in Belagerungszustand gesetzt werde.   Rom, 24. Oktober Die Nacht war ruhig. Eisenbahnzüge gingen hin und her – wahrscheinlich kamen Truppen in die Stadt. Wir sind ganz in Dunkelheit. Keine Depeschen, keine Nachrichten. Nichts vom Kommen der Franzosen, noch von dem der Italiener. Doch scheinen die Banden stark auf Rom zu drängen. Sie sollen schon bei Acqua Acetosa liegen, wo gestern abend ein Kampf stattgefunden haben soll. Ich ging heute in der Frühe nach Popolo. Viel Volk stand dort: Zuaven und Reiterei waren aufmarschiert; sie zogen durchs Tor hinaus; man sagte, nach Acqua Acetosa. Große Aufregung in der Stadt. Es ist ein Glück, daß ich nicht mehr am sechsten Bande zu schreiben habe. Ich kann mir mit dem siebenten Zeit lassen und habe in diesen Wochen auch Band I und II für die zweite Auflage beinahe fertig gemacht.   Rom, 25. Oktober Die Unruhen haben sich gestern abend wiederholt. Man warf Petarden, welche Vorbeigehende entweder töteten oder verwundeten. Man schoß auf den Posten am Platz Pellegrino, worauf die Häuser durchsucht und viele Personen verhaftet wurden. Heute früh sah ich im Corso einen wohlgekleideten Herrn von vier Soldaten abführen. Es ist nachts 9 Uhr – ich höre Petarden knallen. Der Himmel ist hell und klar. Unten liegt das große Rom, wie ein Fieberkranker – es sind Zuckungen der Geschichte. Dort liegt finster der Vatikan; das Verderben pocht an seine Pforte. Was mag der Papst tun? – er betet –, er soll ruhig und gefaßt sein. Es ist der Todeskampf der weltlichen Kirche. Ihre Haltung in dieser Stunde ist achtunggebietend. Wieder Petardenschüsse. Heute wurde der Belagerungszustand über Rom verhängt, auch die Entwaffnung anbefohlen. Die Freischaren sind unterdeß von den Mauern abgeschlagen oder abgezogen. Die Bande auf Monte Parioli unter Enrico Cairoli, welcher tapfer kämpfend gefallen ist, war wenig mehr als 100 Mann stark. Diese Vorgänge hielten Rom zwei Tage lang in solcher Aufregung, daß der geringste Zufall, wie gestern das Entspringen eines Gefangenen, Tausende in Flucht durch die Straßen trieb. Im Volk ging die Rede, daß 8000 Garibaldiner die Stadt umzingelten. Als ich gestern am Palast Rondanini stand, um Verwundete hereinbringen zu sehen, während Militär die Straße sperrte, sagte mir eine Frau mit sichtbarer Freude: »Die Garibaldiner sind schon in der Villa Borghese.« Die Banden sind fort, doch auf wie lange? Heute sagte mir Schlözer, daß ihm Antonelli erklärt habe, alles sei eine abgekartete Komödie, die er vorausgesehen; die Garibaldische Bewegung nehme überhand; Namen bedeutender Menschen tauchten schon unter den Freischaren auf, so Graf Valentini, Graf Colloredo aus Udine, beide gefangen. Hundert Gerüchte gehen durch die Stadt; an jedem Tag, ja zu jeder Stunde werden die Italiener angemeldet, aber sie kommen nicht. Ich war heute nachmittags vor die Porta Nomentana gegangen. Der Weg dort ist wieder bis Ave Maria frei. Ich sah an der Barrikade bauen; vier Reihen Schanzkörbe übereinander, mit zwei Schießscharten für Kanonen. Dann ging ich an das verschlossene Tor der Salara. Es ist von innen mit Erde verschüttet. Ich höre viele Petarden und Flintenschüsse, während ich dies schreibe. Man sagt mir, daß in Trastevere gekämpft wird.   Rom, 26. Oktober Ich bin hier der ruhige Zuschauer dieser Ereignisse und urteile so: der Septembervertrag ist durch das Kabinett Ratazzi gebrochen worden; offen sind Tausende von Garibaldinern über die Grenze befördert, und Parlamentsmitglieder (Acerbi,, Nicotera) haben sich an ihre Spitze gestellt. Diese Tausende sind überall von den Truppen des Papsts, die man so verlachte, geschlagen worden. Nur Schamlosigkeit kann eine Invasion zur Insurrektion stempeln. Kein Ort im Römischen hat sich erhoben; Rom selbst hat sich nicht erhoben. Nachmittags. Gestern fand ein wütender Kampf in Trastevere statt. Man stürmte das Haus Ajani, wo der Polizei eine Bombenniederlage verraten war. 40 Menschen tot oder verwundet. Das Haus liegt neben der neu ausgegrabenen siebenten Wächterkohorte, und Castellani erzählte mir, daß der harmlose Visconti sich mitten in diesem Sturm befand, weil er gerade die Ausgrabungen besichtigen wollte. Von den Gefangenen des Monte Parioli wird genannt ein Acton aus Neapel, ein Graf Colloredo aus Mailand. Der letztere ging auf einen Offizier vom Regiment Esteri zu, der ihn als Österreicher erkannte, und ihm verwundert zurief: »Sie hier, Herr Graf?« Er gab sich ihm gefangen. Um seinen Leib hatte er einen Gürtel voll Napoleond'ors. Ein anderer wurde gefangen, welcher Hemdknöpfe von Brillanten trug. Auch ein Graf Valentini ist eingebracht. Das beweist, daß es nicht bloß »Canaille« ist, die das rote Hemd trägt. Mittags marschierten Zuaven und Jäger nach Porta Pia, im Sturmschritt. Es heißt, Garibaldi in Person stürme mit 800 Mann Monte Rotondo. Über dieses Trauerspiel vom Todeskampf des Papsttums wölbt sich der sonnigste Oktoberhimmel. Ich kann nichts mehr arbeiten. Diese Gegenwart ist auch ein Stück Geschichte der Stadt, und sie hier zu erleben für mich unschätzbar. Rom aus dem Garten Colona, 9. 7. 1855 Die Bahnzüge gehen wieder zwischen hier und Livorno. Ich bekam Briefe, und zwar unerbrochene. Don Vincenzo Colonna starb am 10. Oktober im Schloß seiner Ahnen, Marino. So ist wieder eine einflußreiche römische Beziehung für mich dahin. Ein Glück, daß ich mit der Benutzung des Archivs Colonna fertig bin. Auch der Prinz Santa Croce starb in Florenz.   Rom, 27. Oktober Die Nacht war ruhig. Ich hörte nur hie und da das Feuern der Schildwachen. Ravioli erzählte mir, daß gestern vormittag Garibaldi mit 3000 Mann Monte Rotondo gestürmt habe. Die Hälfte der Zuaven sei erstochen, die andere habe sich in den Baronalpalast geworfen und dort die weiße Fahne aufgezogen. Die gestern um Mittag ausgerückten Truppen kamen zu spät und kehrten heute wieder zurück. Wir gingen nach der Porta Nomentana; sie war passierbar. Trotz des Belagerungszustandes strömten Hunderte durch das Tor, Flüchtlinge und Verwundete zu sehen, die indeß nicht kamen. Die Nachricht vom Siege Garibaldis machte keine sichtliche Wirkung. Ich ging mittags zu Sermoneta, wo ich auch zum ersten Mal seine Schwiegertochter, die schöne junge Prinzessin Teano sah; ich brachte ihnen die erste Meldung. Alle waren erfreut. Nachmittags ging ich nach der Engelsburg. La Porta bestätigte mir die Niederlage. Ich sah das Kastell mit Kanonen bewehrt – viel Truppen in Bewegung, alle müd und elend fortschleichend –, junge, kreideblasse Holländer-Zuaven. Artillerie zog fort, ich weiß nicht wohin. Beim Rückweg sagte mir Schlözer, daß er heute bei Armand gewesen sei. Derselbe habe eine Depesche aus Toulon empfangen, welche nichts weiter enthält als dies: Die Truppen haben sich eingeschifft. – Also doch Intervention! Als ich um 6 Uhr nach Hause ging, fiel 200 Schritte von mir auf dem spanischen Platz eine Bombe. Alles stob auseinander, und die Läden schlossen sich im Augenblick. Es ist Ave Maria. Alle Teufel sind wieder los. Während ich dies schreibe, donnern in nur minutenweiser Unterbrechung Petarden in der Stadt, und dazu läuten wohl 100 Glocken. Die letzte Stunde des weltlichen Papsttums mag geschlagen haben. Doch der Besitz Roms ist Italien noch keineswegs sicher. Es fordert diese Weltstadt heute nicht aus Kraft, sondern aus Schwäche; und vielleicht war es ein großer Irrtum Cavours, daß er die Idee von Rom als Erisapfel mitten in sein Volk warf, ehe es zur politischen Nation geworden war. Das gestrige Journal brachte die Enzyklika des Papsts an die katholische Kirche vom 17. Oktober. Sie ist ein Angstschrei eines anständigen Mannes im Ertrinken. Man weiß nicht, wo Garibaldi geblieben ist; ob er sich den Mauern nähert oder nicht. Ponte Molle und Ponte Salaro sind miniert und vielleicht schon jetzt gesprengt. Wieder Petardenschüsse! Wachen sperren alle Plätze ab. Eine Kanone ist auf Platz Colonna, andere auf dem Kapitol, andere auf Popolo aufgefahren. Ich sprach gestern Monsignor Lichnowski, den Bruder des zu Frankfurt Ermordeten. Er meinte, die italienische Monarchie würde eher fallen als das Papsttum – was ich bestritt.   Rom, 29. Oktober Die Eroberung Monte Rotondos wird amtlich bestätigt, jedoch waren Zuaven nicht dabei. Auch gestern machte diese Niederlage keinen Eindruck auf Rom. Zwar hieß es, daß Garibaldi bis Marcigliana, neun Miglien vor Rom, gedrungen sei, und man erwartete den Angriff zur Nacht. Doch nichts geschah. Es war für ihn leichter, den morschen Thron Neapels umzuwerfen, als die kleine Armee des Papsts zu schlagen, in welcher kein einziger Fall von Desertion vorgekommen ist. Am Ende kann er von Glück sagen, daß er nicht als Gefangener in die Engelsburg eingebracht worden ist. Der Benediktinerabt Papalettere sagte mir bei Castellani, daß Garibaldi nach Tivoli gerückt sei. Sein Nichtvorgehen erklärt sich aus politischen Hindernissen. Auf die Drohung Frankreichs hat sich in Florenz am 26. Oktober das Ministerium Menabrea gebildet und am 27. der König einen Aufruf an Italien erlassen, worin er die Invasion verdammt. Zugleich meldet man von Civitavecchia, daß die französische Kriegsflotte in den Hafen eingelaufen sei und die Truppen ausschiffe. Italien scheint nicht einmal so viel Kraft zu haben, um gleichzeitig mit Frankreich ins Patrimonium einzurücken; denn die Nachrichten, daß die Armee den Tiber überschritten habe, bestätigen sich nicht. Mit dem heutigen Tag wird sich Rom aus dem unheimlichen Zustande befreien, in welchem es seit mehr als acht Tagen liegt. Vorgestern kam der Befehl, alle Truppen auf die Stadt zurückzuziehen. Die Provinzen sind geräumt. Gestern kam der Legat von Frosinone hier an, Monsignor Pericoli. Mit den Truppen zugleich zogen auch die lateinischen Bundesgenossen ein, in Gestalt von Ciocciaren aus Kampanien, aus welchen man Hilfskorps gebildet hat. Sie tragen rote Militärmützen mit einer Feder, den Bundschuh an den Füßen und eine Flinte auf der Schulter. Man sagt, daß sie alle mehr oder weniger Briganten seien. Das sind die Verteidiger des päpstlichen Throns. Truppenzüge hin und her. Als ich gestern abends nach Hause kam, zog ein Trupp Soldaten mit Fackeln über den Platz Barberini, was ein prachtvolles Bild gab.   Rom, 30. Oktober. Dies ater! Zwei Bataillone Franzosen rückten mit klingendem Spiel um 5 Uhr nachmittags über den Quirinal herab. Ich stand mit Henzen auf dem Platz Trajans. Viel Volk stand dort; alles schwieg wie von Scham niedergedrückt. Es war ein finsterer Empfang, wie im Jahr 1849, als die Franzosen unter Oudinot einzogen. Wir erfahren nichts Gewisses über das, was in der nächsten Nähe Roms geschieht. Heute sagten mir Castellani und der Herzog von Caetani, daß Velletri, Albano, Frascati und Marino die italienische Fahne aufgezogen hätten. Truppen gingen dorthin schon gestern ab. Albano soll eine Bürgermiliz aufgestellt haben und sich gegen die Zuaven verteidigen.   Rom, 3. November Der Ausbruch der Revolution in Florenz bestätigt sich nicht; der Einheitsgedanke und die Monarchie scheinen die Krisis zu überdauern. Außerdem kamen Nachrichten, daß die italienische Armee die Grenzen überschritten habe. Sie hat Civitacastellana, Castel Nuovo und Frosinone besetzt. Überall richtet sie die Wappen der Kirche wieder auf, aber sie befestigt neben ihnen zugleich die Fahne der Nation. Auch war am Tage des Einzugs der Franzosen ein italienischer Oberst als Commissarius in Rom, um mit dem französischen General zu reden, wahrscheinlich über die bei der Okkupation einzuhaltende Linie. Die Gesichter der Priester werden wieder lang. Man schreit Verrat und daß alles abgekartetes Spiel ist. Die Franzosen besetzen Viterbo und Corneto. In der Stadt nehmen sie ihre alten Kasernen wieder ein. Auf der Engelsburg wehen die Fahnen des Papsts und Frankreichs. Wir sind von der Welt abgeschnitten. Seit fünf Tagen kommen weder Telegramme noch Briefe. Doch hört man, daß in vielen Orten des Kirchenstaats die Vereinigung mit Italien ausgerufen sei. Dies geschah im Albanergebirg und in Velletri. Dort ward gekämpft und mancher Exzeß begangen: man hat Priester ermordet. Velletri hat sich verbarrikadiert. Wo Garibaldi sei, erfährt man nicht. Der Belagerungszustand in Rom ist nicht aufgehoben. Man baut an den Barrikaden der Tore fort. Selbst auf dem Monte Mario legen die Franzosen eine Schanze an.   Rom, 4. November Die Garibaldiner sind bei Mentana geschlagen und zersprengt worden. Ich sah mittags etwa 400 Gefangene, von Päpstlichen und Franzosen geleitet, hereinkommen. Ich ging nachmittags bis zum Ponte Nomentano, den Einzug der anderen Gefangenen zu sehen. Tausende zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen waren bei S. Agnese in Bewegung – eine Stunde lang bis zum Tor machte Militär Spalier und so weiter in die Stadt hinein, wo die Menge immer dichter wurde. Ich erblickte den österreichischen Botschafter von Hübner. Er sagte mir, daß er eben Kanzler gesprochen habe; die Garibaldiner seien vernichtet, mehr als 1500 gefangen und Garibaldi entflohen. Ich erwiderte darauf: »Dies hat sein Ende, aber was wird jetzt Italien tun?« Er sagte mit einer Miene voll Verachtung: «L'Italie! ah! c'est une autre affaire!» 7000 Franzosen sind hier. 20 000 sollen den Kirchenstaat besetzen. Es kommt nun alles darauf an, ob die Italiener über die Grenzen zurückgehen werden oder nicht. Man scheint von französischer Seite den Krieg mit Italien zu fürchten; denn man fährt fort, Rom zu befestigen. Velletri hat eine Deputation nach Rom geschickt; denn Nicotera, welcher diese Stadt mit 3000 Mann besetzt hatte, ist daraus abgezogen. Heute traf der kommandierende General de Failly ein und stieg im Hotel di Roma ab. Man arbeitet fortdauernd an der Verschanzung Roms. Gegen wen und wozu?   Rom, 6. November Heute um 4 Uhr nachmittags kamen die Truppen des Papsts und Napoleons von Mentana in die Stadt zurück. Ihren Einzug hatte der ›Osservatore‹ als Triumph angekündigt. Ich sah sie wider Willen, da ich über den Quirinal ging und in den Menschenschwarm verwickelt wurde. Es waren etwa 4000. Zahllose Wagen voll von Priestern und Legitimisten, viele Tausende von Neugierigen, stumpfsinnigem oder verpfafftem Volk, bildeten Spalier, schwenkten Tücher und schrien. Viele dieser Mietlingssoldaten trugen Blumensträuße, die man ihnen zugeworfen hatte. Dazu dieser Papst, mit seinem stereotypen faden Lächeln und den zum Segen erhobenen Fingern der weibischen Hand, welche indeß recht tief in Blut getaucht ist. Zum Schluß sah ich folgende Szene: ein Karren fuhr durch die dichte Menschenmenge, worauf vier Garibaldiner lagen oder saßen, wie es scheint verwundet. Ihr Hauptmann, ein schöner Mann mit schwarzem Bart, mit dem roten Hemd und der roten Mütze bekleidet, saß auf einen Stab gestützt im Wagen, vor sich hinstierend, ohne den Blick zu erheben, mit einer Miene unaussprechlichen Schmerzes. Am 1. November hat Napoleon gegen den Einmarsch der Italiener in den Kirchenstaat protestiert: es sei dies eine Verletzung des Völkerrechts. Die ohnmächtige Regierung hat alle Aufforderungen päpstlicher Orte wie Viterbos, ihr Plebiszit zu Gunsten der Vereinigung mit Italien anzunehmen, abgelehnt; und heute sagt man, daß die italienischen Truppen auch Civitacastellana geräumt haben, um sich hinter die Grenze zurückzuziehen. So beugt sich dies unglückliche Land wieder unter das Joch des Protektors, und seine Unabhängigkeit war ein Traum. Man gibt hier Aufklärungen über das Mißlingen der Insurrektion Roms. Sie sollte am 24. stattfinden; Waffen und Menschen waren hinreichend bereit; Sizilianer und Neapolitaner leiteten die Erhebung. Napoleon selbst wußte darum und wartete das Ereignis ab. Aber die römische Regierung verwendete 4000 Scudi zum Erkauf des Verrats. Als der Aufstand nicht erfolgte, war Napoleon gezwungen, die Intervention zu vollziehen. Noch immer sind die Telegraphen untätig. Ich erhalte keine Briefe. Gestern begann ich in der Chigiana die Auszüge aus den Tagebüchern Burkhards. Ich kann fast nichts mehr in einer Folge arbeiten. Ich sehe hier viele Zuaven, die voll Hohn erbeutete Garibaldimützen öffentlich tragen; sie sind rot und haben eine grüne Borte und weiße Streifen. Unglücklicher Garibaldi! Heute sagte mit jemand, daß Garibaldi in Florenz einer Dame erklärt habe: ich bin meines Lebens müde; ich hoffe im Kampf zu fallen; wenigstens lasse ich dann meine Leiche zwischen Italien und dem Papsttum. Am 10. November fuhr ich mit Lovatelli und Donna Ersilia nach Mentana, das Schlachtfeld zu sehen.   Rom, 1. Dezember Von allen durch die Garibaldiner vorher besetzten Orten sind kriechende Ergebenheitsadressen an den Papst eingelaufen. Borghese hat das Offizierkorps bewirtet. Zu Hunderten schickt die Pfaffheit aus Frankreich und Belgien Rekruten nach Rom. Ein neues Zuavenregiment soll errichtet werden. Ich war heute am gesprengten Ponte Salaro – er gewährt ein sehr malerisches Bild. Auch die Eisenbahnbrücke ist unfahrbar. Die Nomentanische rettete vor der Zerstörung der Hauptmann de Vaux, welcher bald darauf bei Mentana fiel, so erzählte mir Hübner. Arnim kam vorgestern. Liszt brachte mir Grüße von Kaulbach aus München. Ich bin oft bei Lovatelli. Den Artikel ›Mentana, fünf Wochen römischer Geschichte‹ habe ich vor acht Tagen an die ›Allgemeine Zeitung‹ abgeschickt.   Rom, 31. Dezember Das Jahr schließt nicht gut. Seit Wochen bin ich von tiefer Erkältung ergriffen – seit sechs Tagen an's Zimmer gebannt. Ich schrieb bisher drei Kapitel des letzten Bandes. 1868 Genzano, 28. April Zu diesem Jahre habe ich noch keine Aufzeichnungen gemacht, weil ich wegen fortdauernden Unwohlseins und überhäufter Arbeit daran verhindert wurde. Der rauhe Winter hielt bis in den April an; er war der schlechteste, den ich in Rom erlebt habe. Der Zudrang der Menschen machte mir nicht minder viel Unbequemlichkeit. Am Karfreitag beendigte ich die Winterarbeit im Rohen, das erste Buch des siebenten Bandes der ›Geschichte der Stadt‹. Ich bin durch die langen Mühen angegriffen, und am Schluß, dem ich mich nähere, verzweifle ich fast, diesen Stein auf dem Gipfel aufzurichten. Ich habe Zugang zum Archiv Orsini, durch Vermittlung des Prinzen Teano. Von neuen Bekanntschaften bemerke ich Frau von Gablentz die Gemahlin des österreichischen Feldmarschall-Lieutenants. Ich verkehrte eine Zeitlang viel mit dieser Dame von liebenswürdigem Naturell, aber großer Unruhe. Aus Amerika kamen die Professoren Adams und Curtis; ferner Bayard Taylor, ein namhafter Schriftsteller, ein ernster, kraftvoller, fast heldenmäßig aussehender Mann. Aus England Lord Houghton, unter dem Namen Monckton Milnes als Poet bekannt. Von Deutschland waren in Rom Ernst Curtius und Sauppe aus Göttingen; Hase aus Jena, Erdmann aus Halle; Prinz Wilhelm von Hessen. Von Rußland: der Senator Brevem, welcher die Geschichte der abenteuerlichen Prinzessin Tarrakanow aus den Akten herausgegeben hat. Von Brüssel Gachard. Canitz kam zum Besuch seiner kranken Schwägerin nach Rom. Er ist ganz hergestellt. Am 25. d.M. fuhr ich nach Genzano. Ich nahm wieder Wohnung bei Carolina Mazzoni. Ein Sohn ist im Exil, eine Tochter (Isabella) tot – im Ort unter den Familien alles verändert –, eine neue Generation emporgewachsen, die frühere gehört jetzt, wie ich, zum sinkenden Geschlecht.   Rom, 17. Mai Seit dem Januar wird das alte Emporium bei der Marmorata ausgegraben. Dieser Stapelplatz der kaiserlichen Stadt für ihren Marmorbedarf liefert einen Beweis mehr für die Größe Roms. Allem Anschein nach erstreckt sich die Marmorlage bis gegen S. Paul hin. 30 Fuß hoher Schutt, teils Tiberschlamm, teils Material zerstörter Bauten, bedeckt das alte Emporium. Daß die Marmorblöcke noch bis ins 10. Jahrhundert hinein dort zu Tage lagen, beweist der damals gebräuchliche Name Ripa Marmorea für jenes ganze Tiberufer. Im Mittelalter baute man Mauern und Türme über dem verschütteten Emporium: an einer Stelle befanden sich riesige Marmorblöcke, welche später einem aufgesetzten Gemäuer als Felsenfundament gedient haben, ohne daß bei ihrem Bau sich der Werkmeister dessen bewußt war. Der alte Aufstieg vom Flußufer ist als eine mit Ziegelfliesen gepflasterte Straße an den Tag gekommen; auf ihr gingen die Lastträger. Sie ist nur 4 Fuß breit, und darüber steigt eine das Ufer haltende Mauer von Netzarbeit auf. Zwei Marmorsteine mit runder Öffnung dienten zum Festbinden der Barken. Die ganze Uferstrecke war ungefähr so eingefaßt, wie heute die gegenüberliegende Ripa Grande. Man hat mehr als 600 Stücke Serpentin gefunden, dessen man sich für das Opus Alexandrinum bediente; auch fand man Stücke des köstlichen SteinsMurrha, wovon der Papst einige den Jesuiten geschenkt hat, den Hochaltar ihrer Kirche damit zu zieren. Schon jetzt stellt der Fund edler Marmorsteine ein großes Kapital dar, und das Material ist hinreichend, die Fußböden aller Kirchen mit alexandrinischer Arbeit zu bedecken, wie überhaupt alle Basiliken der Stadt mit Schmuck zu versorgen. Der Papst hat zu Ehren Viscontis eine goldene Medaille prägen lassen mit der Inschrift: P.H.VISCONTI V.C. OB EMPORIVM ET MARMORA AD TIBERIM REPERTA OPTIME DE PRINCIPE ET PATRIA MERITO A. MDCCCLXVIII. Visconti strahlt vor Freude und Glück. Er führte mich dort umher und stellte mich dem Grafen Sartiges und dem Kardinal Berardi vor. Es ist Absicht der Direktion, die angeschwemmten Gelände am Fluß wegzuräumen und diesem die alte Uferlinie wiederzugeben. Der Tiber hat sein Bette im Lauf der Jahrhunderte beträchtlich erhöht. Bei Gelegenheit der Legung eines Wasserkanals auf dem Pincio, dem Lokal lukullischer und domitischer Gärten, grub man folgende Inschrift aus, die ich vom Marmor abschrieb: SILVANO SACRVM TYCHICVS GLABRIO NIS CV SER VILICVS HORTORVM. Vor 14 Tagen starb der österreichische Botschafter Graf Crivelli plötzlich auf einem Ritt an den Stadtmauern. Sein Pferd kam ohne ihn zurück – man fand ihn sterbend am Boden liegen, in der Nähe der Porta Pinciana. Seine Frau wartete im Wagen am Tor del Popolo auf seine Rückkehr; sie fuhr zu jener Stelle, sah ihren Mann dort liegen, brachte ihn nach Hause; er starb, ehe er den venetianischen Palast erreichte. Die Leichenfeier wurde mit großem Pomp in der Anima abgehalten. Crivellis Stellung als Botschafter war unhaltbar geworden; wegen der Konkordatsfrage befand er sich als streng konservativer Katholik in Spannung mit Beust. Meysenburg soll als außerordentlicher Gesandter nach Rom kommen. Am 15. Mai starb der unglückliche Kardinal de Andrea im Palast auf Monte Giordano. Lucian Bonaparte wurde am 13. März zum Kardinal von S. Pudenziana gemacht; der erste Bonaparte, der im heiligen Kollegium sitzt. Tiefe Stille in Rom; die Fremden sind abgereist. Ich arbeite wieder mit Lust in Bibliotheken und Archiven. Der Druck der zweiten Auflage schreitet vor.   Rom, 14. Juni Der Juni ist kühl und feucht. Ich arbeite im Archiv Orsini, wo ich Auszüge aus dem Register des alten Hausarchivs von Bracciano machte, welches ich zu meiner großen Freude vorfand. Leider sind die Urkunden verlorengegangen. Einige Journale vergleichen meine ›Geschichte der Stadt Rom‹ mit der von Reumont, wobei mich katholische Fanatiker, wie in Münster, zu verschwärzen suchen. Diese Vergleiche sind lächerlich. Die Arbeit Reumonts ist eine Kompilation, wozu er für das ganze Mittelalter ein Jahr gebraucht hat; meine Arbeit ist ein Originalwerk, entstanden aus Quellenforschungen von fast schon sechzehn langen Jahren; sie ist das Resultat eines Lebens und das Produkt innerer Leidenschaft. Die Glocke, die ich gegossen habe, wird noch von manchem Küster geläutet werden. Die Briganten machen das Stadtgebiet wieder unsicher. Sie verhinderten mich an einer Fahrt nach Bracciano. Rom ist still geworden. Ich genieße diese herrliche Einsamkeit mit vollen Zügen. Gestern sagte mir der Abt P. aus Monte Cassino manches über den Palast Farnese, in welchem die Vermählung des Grafen von Girgenti mit der spanischen Königstochter neues Leben gebracht hat; man hofft auf baldige Restauration. Man träumt von einem Kriege Frankreichs mit Italien, wobei ein Korps Spanier in Neapel landen soll. Der Abt sagte mir, daß er im Palast Farnese einen Menschen eingeführt habe, welcher sich über alles unterrichte, was täglich in der bourbonischen Familie vorgehe; alle 15 Tage werde dieser Bericht als ein Diarium abgeschickt. Diese freiwillige Mitteilung des heiligen Mannes machte mich tief erstaunen und noch mehr die Naivität, womit er seine Handlungsweise preisgab. Eben kam der König von Neapel vorbeigefahren, welcher den Abt freundlich grüßte. Ich machte mich von dem Pfaffen los, den ich nie mehr sehen werde. Unsere Bekanntschaft datiert von Monte Cassino. Sollte wohl Tosti diese jammervolle Spionage billigen? Der Pfaff sagte mir auch, daß die italienische Regierung einen Menschen erkauft habe, welcher von einem bourbonischen Comité an König Franz gesendet wurde. Jetzt geht derselbe Agent als Spion Italiens im Palast Farnese aus und ein. Welch ein Abgrund von Niederträchtigkeit würde hier sichtbar werden, wenn man die Vorhänge heben könnte! Ein neues mazzinistisches Comité hat sich in Rom gebildet und erläßt Proklamationen.   Rom, 4. Juli Am letzten Sonntag war ich in Albano und Ariccia, wo ich die Gräfin Lovatelli und Carolina Mazzoni besuchte. Vor 14 Tagen in Frascati zum Besuch bei Donna Ada Teano. Am 29. Juni wurde die Bulle verlesen, welche das Konzil zum 8. Dezember 1869 beruft – dies geschah mit mittelalterlichem Zeremoniell. Eine Kanzel stand auf der Plattform des St. Peter; dorthin begab sich der Notar, andere päpstliche Notare saßen dabei auf Bänken, dazu acht Schweizergarden und vier Fedeli des Senats, welche vor der Verlesung der Bulle in Trompeten stießen. Sodann hefteten sie die Bulle an die Türen von St. Peter, warfen sich in Wagen und fuhren fort, um sie an den herkömmlichen Orten anzuschlagen: St. Johann, Santa Maria Maggiore, Cancelleria und Campo di Fiore. Dies ökumenische Konzil, welches 300 Jahre nach dem Tridentiner zusammentreten soll, wird sich unter schlimmen Auspizien versammeln. Diese sind: das neu sich bildende deutsche Reich unter einem protestantischen Oberhaupt; das neue Italien; das neue Österreich, welches das Konkordat gebrochen hat und deshalb vom Papst ein Moratorium empfing. Die Enthüllung des Lutherdenkmals in Worms durch den König Wilhelm hat hier einen tiefen Eindruck gemacht; diese Demonstration des protestantischen Geistes fand gerade an den Vigilien des S. Peterfestes und der Verkündigung der Konziliumsbulle statt. Der Papst will diesesmal keine Gesandten der Mächte zum Konzil zulassen, was doch deren Recht ist. Die päpstlichen Truppen haben das Sommerlager auf dem Feld des Hannibal bezogen, wo sie der Papst gestern besucht hat. Vom Juni an regnet es täglich; in der Regel schwärzt sich der Himmel um 1 Uhr, worauf sich ein Gewitter entladet. Schlözer war in Berlin; er kam von dort vor acht Tagen zurück und brachte mir den Erlaß des Kultusministers, wonach man mir zur Vollendung der ›Geschichte Roms‹ wieder auf zwei Jahre je 400 Taler bewilligt hat.   Rom, 11. Juli Wir haben alle Tage Gewitterregen. In den letzten Tagen arbeitete ich viel mit Erfolg im Archiv Caetani. Morgen will ich nach Spoleto abreisen, das dortige Archiv zu sehen; dann wieder über Urbino und Rimini nach Venedig und nach München.   Gubbio, 16. Juli Am 13. morgens von Rom abgefahren; angekommen in Spoleto um Mittagszeit. Im Gasthaus zur Eisenbahn fand ich den Kanzler der Camaldulenser von S. Gregor, verkleidet als Canonicus, weil er nach Ascoli ging; ich quälte mich zu erraten, wer dieser mir bekannte Geistliche sei. Graf Campello war abwesend; ich fand am Ort die beiden Brüder Francesco und Luigi, Grafen Pianciani, welche einen schönen Palast besitzen. Ich gab ihnen den Brief Castellanis (für den abwesenden Carlo, ihren Bruder), worauf Francesco mich in das Haus des Archivars Achille Sanzi führte. Leider war derselbe in Foligno, und ich konnte das Archiv nicht sehen. Spoleto durchwandert, den schönen Lo Spagna im Gemeindehaus gesehen, eine Inschrift auf Friedrich I. dort kopiert, Monte Luco und die Brücke besucht. Ich nächtigte in der Stadt. Vorgestern nach Foligno. Dort ging ich auf das Gemeindehaus, wo man mir das Stadtarchiv öffnete und mich darin allein ließ. Ich kopierte einige Urkunden. Das Archiv besitzt eine Reihe von Libri Reformationum und noch zahlreiche Original-Pergamente. Um 1 Uhr nach Fossato; von dort auf einem Wagen durch schönes Gebirgsland nach Gubbio gefahren, wo ich gegen 7 Uhr anlangte. Ich traf den Chirurg Piccini, den Mann der trefflichen Lisa, meiner Bekannten von Genazzano her. Mit Mühe fand ich Logis bei einem Bürger, der ehedem eine Locanda hielt, sie aber eingehen ließ. Piccini machte mich mit dem Syndikus Marchese Barbi bekannt. Man öffnete mir das Archiv, wo ich gestern und heute arbeitete. Dasselbe befindet sich in dem aufgehobenen Camaldulenserkloster S. Pietro. Gubbio erinnert mich an Todi. Die Häuser sind aus dem rötlichen Kalkstein des Gebirges gebaut – vorherrschend die Gotik des 14. Jahrhunderts –, Spitzbogen oder romanische Halbgotik. Das Gemeindehaus dominiert die Stadt, ein prachtvoller Bau vom Jahre 1337, großartig und doch graziös – es ist seltsam, daß dieses Gebäude nur zwei Säle enthält, die wohl für Parlamente gedient haben. Daneben steht der Palast Ranghiasci, das ansehnlichste Privathaus der Stadt. Viele Kirchen, darunter der Dom in gotischem Stil, ähnlich der Mittelkirche des St. Franziskus in Assisi, S. Maria Nuova, S. Pietro, S. Francesco (sehr schöne gotische Kirche). Es gab bis zur letzten Revolution 18 Klöster in diesem Ort von nur 7000 Einwohnern. Die Kirchen sind reich an Malereien aus der umbrischen Schule, worunter einige Meisterwerke von Raffaello dal Colle, Ottaviano Nelli, Giannicola, Timoteo della Vite und Nucci. Man klagt über die jetzige Regierung; alles sei tot und öde. Gubbio ist, wie viele andere Städte, nun ein verwittertes Monument des Mittelalters, dessen Geist hier überall sichtbar ist. Die Eugubinischen Tafeln gesehen; sie befinden sich jetzt in S. Pietro, dem herrlichen Konvent, wo gegenwärtig die Bureaus der Kommune sich eingerichtet haben.   Urbino, 19. Juli Am 17. nach Fossato zurück, morgens um 5 Uhr. Meine Begleiter waren drei Bürger aus Gubbio, welche nach Serra di S. Ciriaco fuhren, alte Bilder aufzukaufen. Diese Leute von gewöhnlichem Stande zeigten sich in Kunst und Malerei sehr bewandert. Liebe zur Kunst scheint in Gubbio einheimisch zu sein, wo schöne Kunstwerke die Leidenschaft zum Sammeln befördern. Der Graf Benamati dort zeigte mir seine kleine Sammlung und so auch der Camaldulenserprior, welcher eine Handzeichnung Tizians zu seinem Bilde S. Pietro Martire besitzt. Fossato ist das Schlachtfeld Totilas, eine herrliche Berglandschaft bis zu Gualdo Tadino hin. Überall hier historisches Land. Als ich zuvor bei Narni die Nera passierte, gedachte ich des Parcival d'Auria, General des Königs Manfred, wie er beim Übersetzen über diesen reißenden Fluß ertrank. Nun fügte es sich, daß ich im Archiv Gubbio ein Edikt Parcivals fand aus der Zeit, da er Rektor der Marken für Manfred war. Die Fahrt durch diese Apenninen ist schön. Grüne Matten wie in der Schweiz, prachtvolle Täler, welche Flüsse durchrauschen; dann wieder großartige Felsenwände, wie bei S. Ciriaco. Jesi liegt schon am Abhang der Apenninen, ein stattlich aussehender Ort, wo Friedrich II. geboren wurde. Dies ist eine der schönsten Fahrten, die man machen kann. In Ancona kam ich um 1 Uhr mittags an und durchwanderte den Ort von ansehnlicher Architektur sieben Stunden lang. Groß und frei ist die Lage von S. Ciriaco, der ältesten Kirche Anconas auf dem Vorgebirge. Der Triumphbogen Trajans am Hafen ist das schönste Monument dieser Gattung, das ich sah. Abends 10 Uhr kam ich nach Fano. Der Bilbiothekar Luigi Masetti führte mich gestern ins Gemeindearchiv. Eine Kammer dort ist massenhaft mit Scripturen angehäuft. Die Diplome lagen in Kasten versiegelt. Ich fand nur eine Reihe von Libri Reformationum vor, die mit Anno 1416 beginnen. Daraus kopierte ich einigesaus der Zeit, da Cesare Borgia dort gewaltig war. Man versprach mir, die Diplomespäter aufzuschließen. Fano ist ein offener Ort, ganz abgestorben, aber in der reichsten Campagna am Meere liegend. Es ist die Vaterstadt Lancis und Polidoris, der in Siena starb. Heute nach Pesaro: eine freundliche Stadt mit schönem Platz und dem Schloß der Sforza, wo jetzt die Präfektur sich befindet. Ich sah darin die Sammlung von Majoliken, die meist aus Gubbio stammen, wo im 16. Jahrhundert eine ausgezeichnete Fabrik dieser Art Terrakotten sich befand. Um 1 Uhr mit der Post nach Urbino, wo ich um 5 Uhr eintraf. Der Anblick des Schlosses des Herzogs Federigo ist großartig; es beherrscht die Stadt auf der Höhe und ist ihr monumentaler Charakter. Urbino liegt auf einem steilen Berge zusammengedrängt, so klein und unansehnlich, daß man Mühe hat zu glauben, hier sei einst ein Hauptzentrum der italienischen Bildung gewesen. Ich suchte das Haus Raffaels auf, ein zweistöckiges Gebäude aus Ziegelstein mit vier Fenstern Front und einer Renaissancetüre. Dann ging ich zum Dom und ins Schloß, vor welchem Ballschläger ihre Künste zeigten – es war Sonntag –, dann ins Freie, wo man die Berge von S. Marino sieht – ringsum sparsam bebautes Kalkgebirg, welches die nächste Umgebung düster macht. Ich komme eben (abends 9 Uhr) von der öffentlichen Promenade zurück, unterhalb der großen Hinterseite des Schlosses. Dort liegt ein Cafehaus – die Urbinaten saßen auf Stühlen umher oder lustwandelten, beleuchtet von den Strahlen einer großen Laterne. Ich habe einen Brief an den Grafen Carlo Pompeo Gherardi, den ich morgen abgeben will, damit dieser für gelehrt geltende Mann mir das Archiv zugänglich macht.   Rimini, Aquila d'Oro, 21. Juli In Urbino sah ich gestern das Innere des Palasts, eines der schönsten Monumente der Renaissance. Die Marmortüren und Fenster besonders bewunderswürdig. Ich traf Gherardi im Lesekabinett, dem Zimmer eines Cafes, wo einige veraltete Journale aufliegen; er führte mich in das Institut der schönen Künste, wo er Professor der Geschichte ist. Seit vier Jahren ist diese Anstalt entstanden, durch rühmlichen Eifer der Bürger. Man hat in einigen Sälen Abgüsse antiker Statuen und auch Gemälde aufgestellt. Unter den letzten das Hauptwerk von Giovanni Santi. Im Gemeindearchiv sah ich ein Manuskript, welches eine Geschichte der Zeit Cesare Borgias enthält, und machte daraus Auszüge. Ich besuchte die Bibliothek Albani im Palast der Familie dieses Hauses, welche von Urbino stammt; daher Clemens XI. manches für die Stadt getan hat. Die Bibliothek besitzt 8000 Bände und viele Handschriften bezüglich auf die Geschichte Urbinos. Sie benutzte Dennistoun für sein Werk. Ein Kanonikus führte mich dort umher; er war mit Don Vincenzo Colonna bekannt gewesen. Die Schwarzen sind in Urbino stärker als die Liberalen, und fast überall in den Marken hängt der hohe Adel dem gestürzten Regiment an. Schöne Gemälde im Dom, auch zwei gute Baroccio. Dieser Maler war gleichfalls Urbinate. Von Urbino nach Pesaro, dann nach Rimini. Diese Stadt der Malatesten ist geräumig und freundlich, aber unmonumental, wie im Grunde die meisten Städte der Marken. Die größte Merkwürdigkeit ist der Dom mit den Gräbern jener Tyrannen, ein Bau des Leon Battista Alberti. Ich nahm eben ein Bad im Meer – von der alten Römerbrücke sah ich S. Marino auf dem Kamm eines hohen Berges und eine schöne Landschaft mit mäßigen Gebirgszügen im Hintergrunde –, alles weit und sonnenhaft an der Meeresfläche hingelagert.   Venedig, Stadt München , 28. Juli Von Rimini nachts nach Venedig, wo ich am 22. des Morgens anlangte. Ich war hier vor sechzehn Jahren, am 19. April 1852, von Königsberg ankommend, und dies war mein Eintritt in Italien gewesen. Das Bild der Stadt hatte sich mir bereits in den Einzelheiten verwischt. Nun übte dies Zauberwesen einen ganz frischen Reiz auf mich aus. Ich eilte gleich zu Gar in das Archiv ai Frari. Ich arbeite täglich sechs Stunden, erst auf der Marciana, dann im Archiv. Dort finde ich Schätze in den Diarien des Marin Sanuto, hier in einer unglaublich großen Zahl wichtiger Papiere. Ich habe viele Abschriften gemacht, der Geschichte der Borgia kann ich ein ganzneues Licht geben. Die Hitze ist groß; ich milderte sie durch Lagunenbäder. Meine Arbeiten lassen mir wenig Zeit, die Stadt zu sehen, doch machte ich vorgestern eine lange Fahrt. Gestern aß ich bei Münster, worauf die Frauen mich nach dem einzigen großen Privatgarten Venedigs führten, dessen Besitzer Papadopuli ist. Ich wohnte eines Abends einer öffentlichen Vorlesung des Professors Fulin im Athenäum bei, vor einem gemischten Publikum, bei zerschmelzender Hitze. Fulin sprach über die Anfänge der venezianischen Geschichte, aber ohne Zusammenhang und Kraft. Ich lernte mehrere Herren kennen, so auch den Präfekten Venedigs, Torelli. Der Maler Nerli, der schon 30 Jahre lang in Venedig lebt, erzählte mir vom Tode des Sohnes Goethes in Rom, den er gepflegt hatte. Die deutsche Kolonie ist hier seit 1866 sehr zusammengeschmolzen; auch viele Legitimistenfamilien haben die Stadt verlassen; der Palast Bourbon steht leer. Vor einigen Tagen hatte ich Gar, Fulin und Manzato, den Übersetzer meiner ›Geschichte der Stadt‹, zu Tisch. Manzato ist noch ein ganz junger Mann. Das Fahren auf der Gondel, so einwiegend, still hingleitend und geheimnisvoll, zumal abends, wenn man in die kleineren Kanäle einlenkt, ist wahrhaft bezaubernd – diese Art der Bewegung eines ganzen Volks auf der lautlosen Flut mag auch dazu beigetragen haben, Venedig den Charakter des Geheimnisses zu geben –, die Maske fand sich von selbst dazu ein. Die ganze Regierung dieses aristokratischen Staats, so furchtbar streng und verschwiegen, war maskiert. Die Genialität Tintorettos ist mir erst hier klar geworden. Es ist eine mächtige, dem Staatswesen entsprechende Großheit in allen diesen venezianischen Meistern. Ganz Venedig ist ein Poem, das schönste, was ein Volk geschaffen hat, und dies war ein praktisches Volk von Fischern, Schiffern und Handelsleuten. Nirgends sonst in Italien erkennt man so deutlich die wunderbare schöpferische Phantasie und die Grazie, mit welcher diese Nation begabt ist. Der Präfekt Torelli schickte mir eine Abhandlung über die Zustände Venedigs mit einem liebenswürdigen Brief; ich antwortete ihm abreisend, wobei ich die Hoffnung aussprach, daß es fremden Einflüssen nicht gelingen werde, das Bündnis zwischen dem neuen Italien und dem neuen Deutschland zu zerstören. Dies in bezug auf die boshafterweise von Lamarmora eben veröffentlichte Note Usedoms, welche ein so großes Geschrei gemacht hat.   München, vom 1. bis 19. August Am 31. Juli verließ ich Venedig. Ich war von der Hitze und den Archivarbeiten sehr angestrengt. In Padua, einem mächtigen Wesen von Stadt, ein paar Stunden geblieben – ebenso in Verona, welches ich sehr liebe. Nachts über Ala – ohne Schlaf, in elender Verfassung – weiter nach Innsbruck. Am 1. August traf ich auf der Station Rosenheim zufällig Giesebrecht, der mit Frau und Onkel Ludwig Giesebrecht, dem Verfasser der ›Wendischen Geschichte‹, nach Kufstein abreiste. Trüber Tag – trüber Eindruck vom Vaterland. Um 4 Uhr nachmittags in München angelangt. Eine Nacht in der »Blauen Traube« logiert, dann folgenden Tags Wohnung genommen in der Frühlingsstraße Nr. 19. Schack getroffen. Ich fand ihn verjüngt; wie es scheint, hat der Erfolg seiner Schriften diesen schönen Einfluß auf ihn geübt. Er schenkte mir seine neue Ausgabe des ›Firdusi‹ und seine ›Araber in Spanien‹. Seine Bildergalerie hat sich ansehnlich vermehrt. Er zeigte mir seinen persischen Sonnenorden. Wenn man einen Orden tragen soll, so gibt es für einen intelligenten Menschen freilich keinen besseren als den des Ritters von der Sonne. Bei Döllinger zu Abend gewesen mit Kaulbach, zu dem er mich geführt hatte. Döllinger sprach mit Freimut über die sinnlosen Manöver des heutigen Papsttums und mit Geringschätzung von dem zusammenberufenen Konzil, für welches keine einzige dringende Frage vorliege. In bezug auf die Anfeindungen, die meine Geschichte von katholischen Fanatikern, namentlich in Münster, erfahren hatte, sagte er mir, daß ich mit der größten Mäßigung die kirchlichen Verhältnisse behandelt habe und daß er selbst sich in manchen Punkten viel schärfer würde ausgedrückt haben. Kaulbach ist ein Mann von geistreicher Lebenskraft, ununterbrochener Tätigkeit. Ein günstiges Glück und ein selten schönes Familienleben haben ihn jung erhalten. Eine solche Natur muß, was auch immer die Menschen reden, viel innere Güte in sich tragen. Er sprach bitter über Cornelius, den er einen Narren des Hochmuts nannte; und ich erinnerte mich der Mißachtung, mit welcher Cornelius oft von Kaulbach geredet hatte. Auf der Bibliothek traf ich Hal und Föhringer. Auch Jaffé lernte ich dort kennen. Er sieht geistreich und verarbeitet aus. Wattenbach traf ich ebendaselbst und aß mit ihm in einem Garten. Er kam aus Spanien, sagte mir, daß Gervinus' Frau augenleidend sei. Ich schrieb nach Heidelberg, lehnte aber die Einladung ab. Mein Zweck ist die Vervollständigung meines Materials in München, was jetzt geschehen ist. München ist leer. Julius Braun und seine Frau traf ich in Starnberg, wohin sie auf meinen Wunsch gekommen waren. Wir verbrachten den Nachmittag angenehm und gingen am See fort bis Tutzing, wo ich mich auf die Eisenbahn setzte.   Bad Schachert bei Lindau, 20. September Am 20. August nach Kufstein. Ich traf dort Giesebrecht und seinen Onkel. Dr. Erhardt mit Familie kam aus Jenbach zum Besuch. Wir verlebten schöne Tage in Kufstein. Am 24. August wieder nach München zurück. Am 26. nach Augsburg; ich besuchte Altenhöfer auf der Redaktion der ›Allgemeinen Zeitung‹ und besprach den Weiterdruck der ›Geschichte der Stadt Rom‹ mit dem dortigen Faktor Pohl. Man riet mir, meinen Sommersitz in Immenstadt zu nehmen, wohin ich an demselben Tage abreiste. Ich nächtigte dort, doch war Immenstadt unwohnlich, und die Gegend erschien mir düster und leer. Ich reiste am 26. August nach Lindau. Am folgenden Tag nahm ich Wohnung in dem Dorfe Schachen, welches unmittelbar am See liegt, im »Schlößli«. In dieser reizenden Einsamkeit stellte sich meine Kraft wieder her. Die Seeufer bilden einen meilenweiten Garten. Es ist ein fortgesetzter Obstbaumwald, in welchem nahe bei einander Weiler und Dörfer stehen. Ich sah nie einen solchen Segen von Früchten. Es ist kein Baum, der nicht zehnfach gestützt wäre. Einige sah ich umgesunken, wie Helden in ihrer vollen Kriegsrüstung – ein schönes Ende fruchtbaren Lebens. Alle Augenblicke fallen Äpfel nieder – dieser Ton erweckte mir Erinnerungen an die Kindheit. In diese bin ich hier zurückgekehrt, und seit ich in Rom lebe, habe ich mich überhaupt nie mehr so ganz in die heutige Natur zurückversenkt als hier. Mein liebster Spaziergang war nach Wasserburg und Nonnenhorn. Jenes steht mit seinem alten Schloß der Grafen Montfort und seiner stattlichen Kirche auf einer in den See eingreifenden Landzunge. Von dem nahen Hoyerberg übersieht man am besten den See und die Berge, die ihn umstellen; selbst der Münsterturm von Konstanz zeigt sich. Dies Gemälde ist herrlich, auch in seinen blassen Tönen – der Bodensee von vergißmeinnichtblauer Farbe, bisweilen auch smaragdgrün. Daß man beständig auf drei so verschiedenartige Ländergebiete blickt, die an ihn grenzen, Österreich, Deutschland, die Schweiz, bringt einen völkergeschichtlichen Zug in diese Natur. Ich wanderte viel und täglich – denn die Witterung war beispiellos schön, so etwa wie in Oktobertagen zu Rom. Ich ging nach Bregenz, dann nach Langenargen und fuhr über den See nach Rorschach und von dort nach S. Gallen. Mittags und abends esse ich in dem kleinen Bade, wo bisher etwa 60 Gäste gespeist haben. Meist waren es Schweizer und Süddeutsche. Ich habe viele Landleute kennengelernt. Ihre Weinberge sind ihr Stolz; diese tragen einen für mich ungenießbaren Traubenessig, welchen sie »Seewein« nennen. Traubenwächter halten Wache; bisweilen sitzen sie auf einer hohen Stange frei in der Luft und klappern mit einer Handklapper. Dies gilt den Staren, die jetzt nach Italien massenweise auf der Wanderung sind. Ein Lindauer Kaufmann Gruber hat zwei schöne Landhäuser, Lindenhof und Allwind, angelegt, welche die Zierden dieser Gegend sind. Der glückliche Mann starb in seinem 45. Jahre; er liegt im Park begraben. Viele andere Landhäuser laden hier zum Wohnen ein. Ich besuchte die Villa des Kaufmanns Lingg, eines Bruders des Dichters der Völkerwanderung. Er hat in einem Zimmer einige Barbarenkönige aus diesem Gedicht in Fresko malen lassen, nebst der Germania und Roma, worauf er nicht wenig stolz zu sein scheint. Ich versuchte die ›Völkerwanderung‹ zu lesen, blieb aber darin stecken; es ist versifizierte Chronik, und Geschichtschroniken haben wir bessere in den Originalen. Ein Epos darf nicht Geschichte zu seinem Inhalt haben, sondern nur wenige Charaktere aus ihr, um welche sich die Handlung bewegt, wie die ›Ilias‹ um Hektor und Achill. Gervinus ist mit seiner leidenden Frau in Wildbad; wir verzichteten darauf, uns diesmal zu treffen.   Rom, 5. Oktober Am 23. September nach München. Am 26. nach Innsbruck, wo ich nächtigte. Am folgenden Tage nach Verona. Am 28. nach Bologna, wo ich nächtigen wollte, um dann nach Florenz zu fahren. Weil aber Bergwasser die Eisenbahn bei Porretta zerstört hatte, fuhr ich weiter über Ancona. Am 29. früh um 9 Uhr kam ich nach Rom zurück. Es besuchte mich vor einigen Tagen der Dante-Übersetzer und Hohepriester des Dante-Kultus, Carl Witte aus Halle. Ich sah ihn zum ersten Mal – ehedem ein Wunderkind, jetzt ein Wundergreis, voll Feuer und Kraft. Fremde beginnen sich zu zeigen. Die spanische Revolution versetzt alles in Aufregung. Die letzte der romanischen Nationen tritt in den modernen Prozeß des Lebens und wendet sich dem Mittelalter ab. Es wird Licht auch in jenem bigotten Lande. Man erwartet jeden Tag die vertriebene spanische Sultanin, petens Romam refugium peccatorum .   Rom, 26. Dezember Ich war so sehr in meine Arbeit versunken und später durch das Gesellschaftsleben zerstreut, daß ich nichts in diesen Blättern verzeichnet habe. Vom vierzehnten Buch der ›Geschichte der Stadt‹ schrieb ich drei Kapitel ganz nieder und brachte das vierte bis zum Sacco di Roma, aber es kam dazwischen manches innerlich Aufregende, so daß ich meine Arbeiten mußte ruhen lassen. Ich sah die alte Gräfin Brühl, Tochter des Helden Gneisenau und mir deshalb ehrwürdig. Die Donnerstag-Soireen bei Arnim sind wieder eröffnet – viele Österreicher dort, darunter lernte ich den fanatischen Grafen Blome kennen. Eines Tags stellte mich Visconti auf der Marmorata dem Exkönig von Neapel und der Königin vor. Der unglückliche König, jetzt männlicher aussehend, war die Artigkeit selbst; die Königin sagte kein Wort, sie lächelte nur als wie über einen Landsmann erfreut. Ich war bei Hübner einen Abend. Nachdem er aus dem Orient zurückgekehrt ist, hat er sich eine Wohnung im Palast Barberini eingerichtet und arbeitet dort seine Geschichte Sixtus' V. aus. Sie kann gut werden. Hübner ist ein feiner und geistreicher Mann, doch glatt wie ein Aal. Der Bildhauer Kopf wurde vor wenigen Tagen auf Grund der Denunziation eines persönlichen Feindes, auch eines Bildhauers, bei Nacht von der Polizei abgeholt und auf Monte Citorio unter gemeinen Verbrechern festgesetzt. Arnim wußte von dem Verhaftsbefehl und hinderte dessen Ausführung nicht, was hier böses Blut unter den Deutschen gemacht hat. Erst am folgenden Tage bemühte er sich um die Freilassung, und diese war der Energie des Marchese Zappi, eines päpstlichen Generals, zu verdanken, welcher der Polizei drohte, Kopf mit militärischer Gewalt freizumachen. Wir haben dies zu einer deutschen Angelegenheit gemacht und durch eine Adresse Herrn von Arnim aufgefordert, Genugtuung von den römischen Behörden zu verlangen. Aber leider ist Kopf Württemberger, und Arnim weigerte sich, die Mainlinie zu überschreiten. Auch hier zeigte sich wieder die noch fortdauernde Zerrissenheit unserer deutschen Verhältnisse. Von den Serristori-Pulververschwörern wurden vor 14 Tagen Monti und Tognetti in Rom hingerichtet; darüber hat Italien einen Schrei der Entrüstung erhoben und diese für Geld erkauften Meuchelmörder zu Märtyrern des Vaterlandes erklärt. Den Weihnachtsabend brachte ich erst bei Lindemanns zu und fuhr dann mit der Prinzessin Teano zu Lovatelli, wo ein Baum aufgestellt war. Am 30. im Apollotheater. Am Silvesterabend auf der Soiree bei Arnim; dort lernte ich den Grafen Galen und Frau kennen – er war Gesandter in Madrid. Ich habe mit Kraft meine unterbrochene Arbeit wieder aufgenommen: das Ziel meiner Lebensmühen soll durch keine Illusion mehr von mir entfernt werden; alles andere ist sekundär. 1869 Rom, 14. Februar In der Mitte des Januar gelangte ich zum Ende des letzten historischen Kapitels; da überfiel mich so große Schwermut, daß ich den Schluß nicht niederschreiben konnte; ich verschob ihn bis zum Herbst. Ich habe mich an die kulturgeschichtlichen Teile des letzten Bandes gemacht. Schlözer erhielt einen Ruf als Geschäftsträger nach Mexiko, wohin er am 27. Januar abging; er hat Rom nach einem Aufenthalt von fünf Jahren mit großem Trauern verlassen, und so sahen auch wir ihn ungern scheiden. Es ist übrigens gut, daß sich Schlözer den Salons in Rom entrissen hat. Er arbeitete nichts mehr, las nie mehr ein Buch, kaum eine Zeitung. Am 26. Januar gab Arnim Schlözer das Abschiedsdiner; ich lernte dort Savigny kennen, den ehemaligen Gesandten am Bundestage, Unterstaatssekretär, und wie man sagte, Rivale Bismarcks. Er ist streng katholisch, sprach sich aber mit einem Schein von Freisinnigkeit aus, doch vermied er die römische Frage. Bei der Fürstin Wittgenstein sah ich Longfellow: ein schöner Kopf, große Verhältnisse in den Zügen, frei und offen, weißes Haar und weißer Bart, beginnendes Greisenalter bei voller Kraft. Er spricht vortrefflich deutsch, wie alle anderen Kultursprachen. Man rühmt seine Dante-Übersetzung als vorzüglich. Am Dienstag werde ich bei Frau Terry, der Witwe des amerikanischen Bildhauers Crawford, mit ihm im Palast Odescalchi zusammentreffen. Es kam hierher Dr. Gustav Kühne, als Mitglied des jungen Deutschland bekannt; ein ältlicher Herr, der einen etwas burschenschaftlich aussehenden Mantel und rotes Halstuch trägt. Man rühmt ihn als anspruchlos, was viel wäre, da er dem jungen Deutschland angehörte. Geistreiche Frauen sind mit Kühne, von denen eine sogar ein Gedicht vorlas, wozu sie mein Leben in Rom veranlaßt hatte.   Rom, 11. April Der Papst feiert heute sein 50jähriges Priesterjubiläum, und diese persönliche Angelegenheit ist zu einem großen Ereignis der katholischen Welt geworden. Alle Länder haben Deputationen, Adressen und Geschenke geschickt, welche täglich in den Vatikan einliefen. Gregor XVI. hatte also Unrecht, die Erfindung der Eisenbahnen und Telegraphen ein Werk des Teufels zu nennen, denn ohne sie könnten heute so großartige Demonstrationen nicht in Szene gesetzt werden. Dies Fest soll der Welt dartun, daß Rom noch immer der große Opferaltar für die zahlende Menschheit ist. Als ich gestern das Gewühle des römischen Volks um den Vatikan sah, wünschte ich Gervinus herbei, damit er sich von der Lebensfähigkeit des Papsttums überzeuge. Die Kundgebungen des katholischen Deutschlands sind sehr groß, alle Journale reden davon. Das Zentralkomitee der dortigen Vereine hat eine Riesenadresse eingesandt mit einer Million Unterschriften in 17 prachtvollen Bänden; jede Diözese hat Geld geschickt; die katholischen Hauptstädte schickten besondere Festgaben, so Köln das Bild seines Doms. Man berechnet, daß eine Million Taler allein aus Deutschland eingegangen sei. Auch der »sehr protestantische« König von Preußen hat durch seinen Abgesandten, den Herzog von Ratibor, ein Gratulationsschreiben und eine Vase geschickt. Er hat fast mehr getan als die katholischen Souveräne, worauf man hier großes Gewicht legt. Gemälde, Mosaiken, Goldpokale, Kruzifixe, Reliquiarien, Teppiche – alles das ist seit 14 Tagen nach dem Vatikan gelangt. Sechs große Kisten kamen aus Amerika, mit der Adresse des Papsts und der Bezeichnung, sie am 11. April zu eröffnen. Man machte eine derselben auf und fand darin Schokolade, unter dieser Goldklumpen aus Kalifornien. Alle Gemeinden des Kirchenstaats haben Gaben eingesandt. Sie kamen zum Teil auf schöngeschmückten Wagen. Ich sah den von Subiaco, welcher ganz mit Blumen überdeckt war. Weißgelbe Fahnen ragten aus den Ecken, mit der Aufschrift la devotissima Subiaco . Eine Kommission der Aufseher des Heiligen Vaters empfängt alle diese Festgeschenke und stellt sie in den Hallen des Hofes Bramantes auf, wo ich sie gestern gesehen habe. Sie bilden eine kleine Industrie- und Produktenausstellung von Latium und Tuscien. Man sieht dort römische Seide, Töpfe aus Civitacastellana, Früchte aus Nemi, Schwefel und Alaun aus Viterbo und Tolfa, Marmor aus Scurcola, Filzhüte aus Alatri, Decken aus Veroli, Wein aus der Sabina, aus Frascati und Velletri, selbst vergoldete Fässer; Kringel aus den armen Orten der Volsker; selbst Kohlen, selbst lebendige Kälber; 12 Säcke mit Korn tragen den Namen Mentana. Der päpstliche Hof könnte sich mit diesen Viktualien lange Zeit versorgen. Sie sollen an die Armen verteilt werden. Der Papst hat seinen schönsten Tag erlebt. Welcher Mensch ist irgendwo so reich beschenkt worden? Welch ein Monarch kann sich rühmen, daß sein Ehrentag zu einem Festtage für die Welt geworden sei? Das Papsttum ist also noch eine moralische Idee, man sage, was man wolle; es kann noch auf die Liebe vieler Menschenklassen zählen, man bestreite dies, wie stark man wolle. Die Tatsachen reden. Als Pius IX. die Deputation der römischen Provinzen empfing, sagte er, daß bald die Tage des Friedens und Glücks über dem schönen Italien aufgehen würden, sul bel paese che Apennin parte e'l mar circonda e l'Alpi . Seit seiner Thronbesteigung hat er nicht so viel zu reden gehabt. Man sieht ihm keine Ermüdung an; er strahlt von Glück. Er war 27 Jahre alt, als er heute vor 50 Jahren in der Kirche Sant' Anna dei Falegnami seine erste Messe las und damals Lehrer am Institut Tata Giovanni. Man nennt ihn hier einen der glücklichsten Päpste. »Sehen Sie«, so sagte mir gestern ein Priester, der sich die Miene des Liberalen gab, »statt heute ausgedienter Nobelgardist mit 40 Scudi Einkommen zu sein, ist er noch Papst und wird von der ganzen Welt mit Geschenken überschüttet. Er wird auch die Fabel non videbis annos Petri zu Schanden machen, denn ihm glückt alles.« Die Ultramontanen beten ihn als ein überirdisches Wesen an. Seine künftige Heiligsprechung ist zweifellos. Rom prangt im Blumenschmuck; Bilder und Transparente verherrlichen Pius IX. auf Straßen und Plätzen. Im Borgo steht ein Triumphbogen mit der für die heutige Stimmung Roms charakteristischen Inschrift: Popoli Seguaci di Christo Entrate per la Via Trionfale nel Tempio Vaticano, Pio Nono P. M. offre sull' altare di Pietro il perenne olocausto secondo dal decimo lustro di sacerdozio, forcero di migliori eventi al Romano Principato. Ritornerete con gli ulivi e le palme a salutare nel concilio ecomenico il trionfo della verità e della sapienza. L'universo in un solo voto e congiunto. Die enormen Kosten dieser Feierlichkeiten sind durch Beiträge der Bürger und Priester aufgebracht; selbst den Soldaten ist ein Tag Löhnung abgezogen worden. Der Goldschmied Castellani zeigte mir den Pokal, welchen das römische Municipium dem Papst verehrte, ein schönes Werk, 30 000 Lire an Wert. Auf viele Millionen berechnet man alle diese Festgeschenke. Um 8 Uhr morgens las der Papst die Messe am Hochaltar St. Peters; dann gab er 1000 Personen ein Frühstück im Gebäude der Sakristei. Dann Parade der Truppen auf dem Platz St. Peter. Um 4 Uhr nachmittags Empfang der Deputationen. Die Osterzeit war regnerisch und winterlich. Ich nahm meine Arbeiten wieder auf. Ich beendigte die zwei kulturhistorischen Kapitel. Da der Stoff so sehr angewachsen ist, werde ich den Band doch teilen und zwei aus ihm machen. Die junge Gräfin Elisabeth reiste vor fünf Wochen ab und ließ mir zum Abschied sehr schöne Verse, welche mich auffordern, zum positiven Christusglauben zurückzukehren. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Der Augenarzt Gräfe aus Berlin war hier. Er ist sehr leidend. Man hält ihn für verloren. Er reiste nach Neapel und kam nur auf eine Nacht hierher zurück.   Rom, 25. April Das Festgewühl ist vorüber, die Fremden verlassen Rom. Bei Arnim lernte ich den Herzog von Ratibor kennen und seinen Begleiter, Graf Frankenberg. Ich traf dort auch den Bruder Ratibors, den Kardinal Hohenlohe, der mich in seine Villa d'Este nach Tivoli einlud. Bei Arnim zum Diner gewesen, mit Dr. Springer aus Bonn, dem Verfasser der Geschichte der jüngsten Vergangenheit Österreichs. Gestern kam der Prinz Wilhelm von Baden, ein kräftiger Mann, liberal und entschieden für das Mediatisieren aller Fürsten Deutschlands; die Notwendigkeit dieser Tatsache spricht er rückhaltslos aus. Auch Kanzler und Frau von Tallenay waren dort und die Generalin von G. Ich arbeite jetzt wieder frisch, wie in meinen besten Tagen. Mit Cotta habe ich mich schnell verständigt, den Band VII in zwei zu teilen. Die Norwegerin Frau K. wunderte sich über den Kultus, den wir hier mit der Schönheit treiben; sie kam aus Paris, wo man nur dem Geist huldigt. Vielleicht ist es wahr, was sie bemerkte: in Frankreich ist der Geist, in Deutschland der Stand (!), in Italien die Schönheit das Ideal. In diesem Winter gab es nun zufällig so viele Schönheiten, wie ich nie zuvor in der Gesellschaft beisammen sah. Zuletzt erschien noch die Gräfin R. aus Venedig, nicht mehr ganz jung, aber hinreißend. Wenn sie in den Salon trat, strahlte sie wie ein angezündeter Kandelaber, ihr anmutiges Leben erhellte alle Gesichter. Besonders schön war auch die Brasilianerin V., die bei der Gräfin Hohenthal spanische Lieder sang.   Rom, 9. Mai Am 1. Mai fuhren wir nach den Cervara-Grotten zum Künstlerfest; ich folgte nur aus Artigkeit der Aufforderung, obwohl ich die Langeweile voraussah. Um 4 Uhr riß ich mich in der Tat los. Ich dachte an das, was mir oft Pauline gesagt hatte, daß ich die Natur eines wilden Pferdes habe, welches die Stränge zerreißt und durchbricht, wenn irgendeine Vorstellung es scheu macht. Prinz Wilhelm von Baden kam mehremals zu mir, und wir gingen auf dem Pincio spazieren. Er bekennt sich rückhaltslos zu den liberalsten Grundsätzen in bezug auf die Umgestaltung des Vaterlandes. Rom wird jetzt wieder still. Die Fremden sind fort; die ernste Pflicht bleibt zurück. Vortrefflich sprach letzthin die Fürstin Wittgenstein über den Wert der geistigen Existenz in tätiger Arbeit, wie es die meine ist. Sie schreibt einen Artikel über die Freundschaft; ich sagte ihr dazu: die Freundschaft bedarf zu ihrer Wirklichkeit eines halben Lebens, die Liebe eines Augenblicks; wie kostbar ist die Freundschaft, und wie göttlich ist die Liebe! Abgereist sind Graf Krockow und Frau, die Gräfin Schlippenbach und Tochter und die Tochter Gneisenaus, Gräfin Brühl.   Rom, 15. Mai, Pfingstsonntag Am 11. war ich mit dem Prinzen Wilhelm und Lindemann nach Ostia gefahren; es war ein schöner Tag; ich nahm ein Bad im Meer. Ich fand zu Hause einen phantastischen Brief von einer Tochter Rückerts, die mir unbekannt ist. Heute fuhr Prinz Wilhelm nach Florenz; Lindemann und ich begleiteten ihn zur Eisenbahn, wo er den General Zappi in seinen Waggon nahm. Er hat keine oder sehr wenig Hoffnung auf die Vereinigung der Süddeutschen mit dem Norden; er meint, daß der Widerstand in Schwaben und Bayern nur durch Gewalt kann überwunden werden. Der ehemalige Redakteur des Pester Lloyd, Dr. Weiß, erklärte mir, daß Deutsch-Österreich schon im Jahre 1866 bereit war, die Preußen als Wiederhersteller des deutschen Reiches zu begrüßen; diese Provinzen, so meinte er, würden den Dualismus in Österreich nicht ertragen; der Kaiser liebäugle jetzt mit Ungarn, weil er sich über kurz oder lang doch auf Pest werde zurückziehen müssen.   Rom, 2. Juli Am Ende Mai fiel ich in das Fieber, wovon ich noch nicht hergestellt bin. Dr. Manassei besteht auf meiner Abreise. Ein öder Monat, ganz finster, wo ich nahe an den Pforten des Hades war. Stagione morta. Doch habe ich vier Kapitel druckfertig gemacht.   Siena (Aquila Nera), 11. Juli Am 8. Juli trat ich meine Reise an, nachdem ich wieder einen Fieberanfall gehabt hatte. Die Terrys fuhren im Zuge bis Livorno. Ich blieb die Nacht in Pisa, wo ich nur den Dom von außen wiedersehen konnte, so einherschleichend als ein Fieberschatten. Am 9. nach Siena; hier ging ich sofort auf das Archiv, wo jetzt Luciano Banchi Direktor ist. Ich habe daselbst auch gestern gearbeitet, viele Briefschaften durchgesehen. Abends am 9. überfiel mich Fieber und eine heftige Kolik, wohl in Folge der Hitze. Ich glaubte, sterben zu müssen. Der Himmel ist von Dünsten umzogen, in denen die Sonne als ein roter Diskus hängt. Selbst am Morgen war das Tageslicht unheimlich rot. Heute um 5 Uhr reise ich nach Florenz.   Florenz, Fontana, 17. Juli Die Hitze war hier unerträglich; das Tageslicht rot, wie in Siena. Gleichwohl habe ich auf dem Archiv gearbeitet und nehme viele neue Urkunden mit mir. Gesehen habe ich wenig Personen: den alten Heyse, Sabatier und Amari, bei denen ich einmal auf der Villa war. Ich konnte mich nicht viel bewegen. Das Grab Paulinens mehrmals besucht und dort Anordnungen getroffen. Heute war ich in Pitti und den Uffizien. Man baut viel in der Stadt, worin sich die Residenz des Königtums wohl für immer fixiert. Die Mauern sind niedergerissen; Vorstädte hereingezogen; großer Luxus in Läden; neue Paläste – ein frisch aufstrebendes Leben.   Stresa am Lago Maggiore, 20. Juli In Mailand kam ich am 18. vormittags an, blieb den Tag dort – es war sehr heiß – nächtigte im Hotel Reichmann und reiste am 19. nach Arona, von dort nach Stresa. Ich fand Perez wohl und zufrieden. Ich erkannte, daß ich zu dieser Art Befreiung von den Leidenschaften niemals gelangen werde. Sie würde doch nur ein moralischer Tod sein. Das Institut zu Stresa hat 100 Zöglinge; die Tätigkeit ist preiswürdig, und ein so hoher Geist, wie Perez, ist schon allein hinreichend, dem Wirken sittliche Kraft zu verleihen. Ich gehe morgen nach der Schweiz. Das Fieber bin ich nur der Tatsache nach los; sein Prinzip ist zurückgeblieben samt dem empfindlichen Knochenschmerz. Ganz zerschlagen fühle ich mich; Ixion auf dem Rade.   Zürich, 26. Juli Am 21. von Stresa abgefahren. Ich stieg in Canobbio aus. Dann von Magadino nach Bellinzona. Neben mir saß ein Franzose, der sich als Korsen von Geburt kundgab, ein geistreicher, in jeder Literatur heimischer Mann. Es war Conti, Chef des Kabinetts des Kaisers, er kam aus den Bädern von Montecatini; wie es scheint hatte er eine Mission in Rom. Er verteidigte die Jesuiten, wobei er Ranke zitierte. Sonst hatte er die weitesten Ansichten über die Fortschritte der Zivilisation und bedauerte nur, bald sterben zu müssen. Als wir unsere Karten austauschten, kannte er mich durch ›Korsika‹. Er ging über Basel nach Paris zum Kaiser zurück. In Bellinzona erhielt ich den Cabrioletsitz und behauptete ihn bis Flüelen. Die Nacht war schön. Auf dem Übergang über den S. Gotthard wich zuerst die fieberhafte Stimmung von mir, und ich begann, wieder heller in die Welt zu sehen. Zwei Stunden stieg ich zum St. Gotthard aufwärts, kam dort oben ermüdet an (es war 8 Uhr des Morgens); das erste, was mir ins Auge fiel, war die Aufschrift des Gasthauses: Hôtel de la Prose. Wenn man die blühenden Wildnisse des Irrtums längst hinter sich gelassen und sich durch Dorn und Dickicht die Pfade gebahnt hat, so findet man auf der Hochebene des Lebens das Hotel der Prosa zur Einkehr. Ringsum kühle Steine, vor mir ein stiller See, ohne Gewächs am Ufer, außer hie und da die Vergißmeinnichtblume – auf den Gipfeln frostiger Schnee. Dann gings sausend abwärts. In Flüelen blieb ich die Nacht; am 23. über den See nach Luzern und weiter nach Zürich. Am 24. zog ich in die Pension Rinderknecht, welche mir Frau Colban empfohlen hatte. So gemein der Name ist, so gut ist das Haus. Es sind hier ein paar junge Polytechniker und ein alter Norweger, welcher stumm dasitzt, weil er seine Frau verloren hat. Er soll stundenlang ihr Bild anstarren. Ich arbeite auf der Stadtbibliothek. Der Bibliothekar Dr. Horner führte mich ins Museum ein (die Lesegesellschaft), und dort las ich eine Reihe von traurigen Nachrichten: den Tod des Dr. Julius Braun, eines wahrhaft genialen Menschen, welchen eigene Schroffheit und kleinliche Feindschaft der Fachmänner vom Katheder fortgedrängt hatte; ferner die Erkrankung des edeln Gervinus und Gräfes. Doch erhielt ich gestern über Rom einen Brief von Gervinus, und heute widerrufen die Zeitungen die Nachricht.   Zürich, 21. August Man sieht, daß Zürich eine Schöpfung sozialer Demokratie ist. Hier ist alles Gegenwart. Der Schweizer ist zu ewiger Neutralität in seinen Bergen verdammt, greift nicht in die politische Entwicklung Europas ein, repräsentiert nur das demokratische Prinzip mitten unter den Großmächten; sein Land ist ein Asyl für alle Parteien der Welt. Nachdem die Schweizer im Sonderbundskrieg ihre Verfassung durchgekämpft haben, sind alle Gegensätze bei ihnen ausgetilgt, und nur diese erzeugen Leben. Die goldne Mittelmäßigkeit ist das Schweizerglück, langweilig, wie jedes kampflose Dasein. Sie weiten in Zürich noch das demokratische Wesen aus; jedes Gesetz soll vor die Abstimmung der Gemeinden kommen. Einiges Leben erzeugt das Polytechnikum; es zählt fast 600 Schüler. Die Hälfte davon sind Deutsche. Die Universität ist schwach besucht. Auch Frauen läßt man zu den medizinischen Studien zu. Gegenwärtig studieren hier sieben junge Damen, Engländerinnen, Deutsche, Amerikanerinnen. Ich habe einige Züricher Professoren kennengelernt, meist Deutsche. Kinkel traf ich in einem Garten mit seiner Familie und sah ihn dann noch einmal. Er ist als Kunstprofessor beim Polytechnikum angestellt. Seine Gestalt hat etwas Athletisches, was mich überraschte, da seine Schriften dies nicht verraten. Ich war erstaunt, ihn sich zu Bismarck bekennen zu hören; er sagte, daß die Männer von 1848 überflügelt seien und daß man mit der vollendeten Tatsache weitergehen müsse. Hier hörte ich, daß es sein Wunsch sei, noch in Deutschland eine Rolle zu spielen, was wohl kaum in Erfüllung gehen dürfte. Seine Schicksale haben ihn nicht gebeugt – dies ist rühmlich; aber jene Leiden im Gefängnis und so weiter möchte er in bezug auf ihre Bedeutung für das Vaterland doch überschätzen. Seine zweite Frau ist Königsbergerin. Rüstow suchte ich noch zuletzt auf. Ich fand ihn an demselben Tisch unter Schriften sitzend wie vor fünf Jahren, bekleidet mit demselben roten Garibaldihemde, nur war dies um fünf Jahre älter und fadenscheinig geworden. Er ergoß sich über alle Deutsche in Zürich, auch über Kinkel, in einer Flut von Schimpfreden, in plebejischen Ausdrücken. Er war nervös aufgeregt und schien mir gemütskrank; die Norm aller Dinge für ihn ist das Jahr 1848. Er scheint erbittert, weil man weder in der Schweiz noch in Deutschland von seinen Kräften hat Gebrauch machen wollen. Er lebt als Eremit, mit allen Menschen zerfallen. Mit dem Stift in der Hand bewies er mir, daß Frankreich keinen Krieg mit Deutschland führen könne, weil sein Heer nur ein Drittel der numerischen Stärke des deutschen besitze. Er sagte, daß er mehr, als man wisse, für den Frieden zwischen beiden Nationen gearbeitet habe. Unter der Wucht seines Schicksals, nämlich der Danklosigkeit, scheint dieser talentvolle Mann zu erliegen oder sich einzubilden, daß er ein Märtyrer sei. Boretius, Professor des Rechts, lernte ich kennen, doch reiste er bald ab. Es gibt hier eine Reihe von jungen deutschen Professoren, für welche Zürich die erste Station zu sein pflegt; so Exner, ein Wiener, Rose, Hermann etc. Bursian, Professor der Archäologie, meinen Reisegefährten in Sizilien vor 16 Jahren, fand ich auch hier. Er hat einen Ruf nach Jena angenommen, ein tüchtiger, gelehrter und doch lebendiger Mann. Von Historikern ist mir die Bekanntschaft Büdingers wert geworden, welcher die mittelalterliche Geschichte Österreichs bearbeitet hat. Er lud mich zum Frühstück und dort waren auch Professor von Wyß, Meier und Bursian. Zürich feierte vor kurzem den 50jährigen Geburtstag Gottfried Kellers, seines besten Dichters. Keller ist ein ernster und verschlossener Mann, fast schüchtern, jetzt als Staatssekretär des Kantons angestellt. Ich sah auch Ferdinand Keller, den Entdecker der Pfahlbauten. Das von ihm gestiftete Museum ist merkwürdig; es sind daselbst auch Skulpturen aus Ninive aufgestellt. Ich sah solche zum erstenmal. Frau Wesendonk, eine liebenswürdige Dame von schöngeistigen Neigungen, lud mich auf ihre Villa am See, wo ich zweimal war. Sie bildet den Mittelpunkt für die auserwählte deutsche Gesellschaft. Vor Jahren hatte sie aus Musikschwärmerei Richard Wagner in ihre Villa aufgenommen. Dr. Wille, ehemals Redakteur eines Hamburger Journals und jetzt in Meilen am See ansässig, erzählte mir von dem Treiben dort und von anderen Heldenstücken des Egoismus dieses berühmten Musikers. Vorgestern fuhr ich auf dem See zu Wille, in Begleitung des Pfahlbauten-Entdeckers; dort fand sich eine kleine Tischgesellschaft zusammen. Keller und ich gingen abends an dem Seestrande zurück bis Erlenbach, wo wir wieder aufs Schiff stiegen. Überall erfreute mich der Wohlstand der kleinen Orte, wo man sonntags nur fröhlichen Menschen begegnet. Wille zeigte mir am See das Haus, worin Goethe auf seiner Schweizerreise getanzt hatte. Gestern war viel Schießen in der Stadt und auf den Höhen, in meiner Pension sogar Feuerwerk und Tanz. Die Knaben hielten ihr Augustfest, das sogenannte Knabenschießen, wobei Kinder jeden Alters in die Luft feuern. Nach fast drei Wochen langem schlechten Wetter ist jetzt sonniger Herbst eingetreten; dies hat meinen Zustand verbessert. Das Fieber ist nicht zurückgekehrt, aber noch ist der häßliche Knochenschmerz geblieben. Ich erhielt die Nachricht vom Tode des alten Commeter; er starb in Neapel im Hotel Washington am 15. August. Dort fand ihn der Buchhändler Detken sanft eingeschlafen. Ich habe einen meiner ältesten Freunde in Rom verloren und werde ihn sehr vermissen. Commeter, ehemals Kunsthändler in Hamburg, war ein deutscher Urmensch und Original.   Berg bei Stuttgart, 13. September Am 25. August verließ ich Zürich, nächtigte in Ulm und traf am 26. in Stuttgart ein. Ich sah Cotta und den Baron Reischach. Wir haben unsere geschäftlichen Beziehungen abgeschlossen. Wir kamen überein, eine bessere Ausgabe von ›Korsika‹ zu machen, welche sofort in Angriff genommen werden soll. Ich habe mich deshalb acht Tage fast ausschließlich mit der Durchsicht dieses Buchs beschäftigen müssen. So durchlebte ich noch einmal jene entzückende Wanderung, und wie sie mich vor 17 Jahren von Gemütsbewegungen befreite, so verdanke ich ihr auch jetzt wieder einen ähnlichen Dienst. Wegen der bevorstehenden Jubelfeier Humboldts hat Cotta eine Volksausgabe des ›Kosmos‹ gemacht. Er sagte mir, daß Humboldt eigentlich schon mythisch geworden sei – aber war er für das »Publikum« auch während seines Lebens je mehr als eine Mythe? Sind große Menschen überhaupt mehr als eine solche, mögen sie leben oder tot sein? Vom buchhändlerischen Standpunkt sei das Verhältnis der Teilnahme des Publikums am ›Kosmos‹ wie 20 000 Exemplare des ersten Bandes zu 5000 des letzten. Cotta sagte mir, daß die Poesien Lenaus noch stark gelesen würden; Platen sei in Abnahme. Cotta zieht die literarisch-artistische Anstalt seines Hauses in München ein. Es scheint überhaupt, daß er sich beschränken will; doch bleibt die Druckerei der ›Allgemeinen Zeitung‹ nach wie vor in Augsburg. Gleich nach meiner Ankunft begann ich, auf der Bibliothek zu arbeiten, und dort fand ich alle meine Freunde wieder, Stälin, Heyd, Wintterlin. Wintterlins Lustspiel von vaterländisch-württembergischem Inhalt ›Die Bürgermeisterin von Schorndorf‹ sah ich in Cannstatt aufführen. Es zeigt gutes Talent, spielte sich frisch weg und erntete Beifall ein. Ich fand auch Ludwig Walesrode hier. Er ist trotz seines beginnenden Greisenalters noch frisch und lebhaft, noch derselbe bedürfnislose und liebenswürdige Diogenes, voll Humor. Er gab mir seine Humoresken zu lesen, welche in Berlin bändchenweise erscheinen. Walesrode hat Verwandtschaft mit Börne und dieselbe politische Tendenzsucht, doch mit minderer Bitterkeit. Sein Witz ist oft glänzend und seine Geistesgegenwart bewundernswürdig. Walesrode hat sich mit seinem alten Freunde und Münchner Studiengenossen Auerbach überworfen. Er zeigte mir den Artikel, welchen er über dessen Roman ›Auf der Höhe‹ geschrieben, und ich begriff vollkommen die Erbitterung Auerbachs. Walesrode hat ihn als Fürstendiener, Götzendiener und Falschmünzer zu brandmarken gesucht und ihn ganz eigentlich an den Wurzeln seiner Stellung als Schriftsteller des Volks ausgegraben. Das wahre Motiv für diesen Angriff scheint der Preußenhaß und Republikanismus Walesrodes zu sein. Auerbach hat eine dargebotene Versöhnung abgelehnt. Ich sah Auerbach flüchtig bei Reischach, auf seiner Durchreise nach Baden. Er ist älter geworden, aber immer noch kraftvoll, frisch und voll Leben; jedenfalls einer der glücklichsten Schriftsteller der Gegenwart. Auch wird er reich. Cotta hat seinen neuen Roman ›Das Landhaus am Rhein‹ in 20 000 Exemplaren ausgegeben – ein Erfolg, der in den buchhändlerischen Annalen Deutschlands kaum erhört sein dürfte. Auerbach hat sich in Berlin fixiert. Am 7. September hatte ich meine erste Begegnung mit Freiligrath im Café Marquardt, wohin ihn Walesrode brachte. Die Persönlichkeit Freiligraths überraschte mich. Er ist fast so stark beleibt wie Falstaff und nachlässig in der Kleidung – ein großer, mächtiger, fast löwenartiger Kopf mit sehr hoher Stirn, lange, ins Grau spielende Haare – breite Züge voll Weichheit; sein Ausdruck und Wesen sprechen eine gesunde, fast flamländische Natur und reine Herzensgüte aus. In dem Ruf dieser vorzüglichen Eigenschaften steht auch Freiligrath überall. Seine Rede ist frei von Absicht; ich hörte ihn nie etwas Geistreiches sagen. Am 10. September war ich bei ihm zum Tee (noch nach englischer Sitte). Ich sah dort seine Frau, eine geborene Melos aus Weimar, eine feine, würdige Erscheinung. Ich vermied jedes politische Gespräch, worin wir nicht würden übereinkommen sein; denn er will nichts von Preußen wissen. Lächelnd wies ich nur auf den schwarz und weiß getäfelten Fußboden in seinem Vorhause. Freiligrath lebt in Stuttgart im Genuß der ihm von Deutschland gestifteten Rente und kann nun sein Alter in glücklicher Ruhe hinbringen. Er hat vor kurzem zwei Töchter verheiratet. Von seinen Söhnen ist der eine Kaufmann, der andere Gerber geworden. Wie es scheint, will die demokratische Partei Freiligrath an Waldecks Stelle als Abgeordneten wählen – doch dürfte er auf dem Felde der Politik wenig Lorbeeren zu pflücken haben. Moritz Hartmann fand ich nicht mehr in Stuttgart. Er nahm die Redaktion des Feuilletons der ›Neuen Freien Presse‹ in Wien an, wurde aber so krank, daß die Ärzte ihm keine Hoffnung mehr gaben. Am 11. kam Ludwig Friedländer von Baden her, wo er Turgenjew besucht hatte. Wir fuhren Sonntag nachmittags in Begleitung des Dr. Großmann nach Eßlingen. Wilhelm Lübke sah ich flüchtig; er hat ein Auge verloren, trägt aber sein Unglück mit Geduld. Er will die Königin Olga nach Rom begleiten, schon im November. Ich traf bei Reischach den Prinzen Hermann von Weimar, Bruder des regierenden Fürsten; er hat eine württembergische Prinzessin zur Frau und bewohnt schon seit Jahren seinen Palast in der Neckarstraße. Den Sohn des Philosophen Fichte traf ich eben dort; er war Professor in Tübingen, lebt jetzt hier, soll nichts vom Geist seines Vaters geerbt haben. Er sagte mir, daß man in München mich als Verfasser der Artikel bezeichne, welche die ›Allgemeine Zeitung‹ wider den Papst brachte; das habe ihm Döllinger gesagt. Wenn die ›Allgemeine Zeitung‹ Artikel über römische Fragen bringt, so schiebt man sie mir oft genug in die Schuhe. Die Spannung auf das Konzil scheint in Deutschland groß zu sein. Vor zehn Tagen tagte hier die Protestanten-Versammlung, welche eine gut redigierte Antwort auf die Einladung des Papsts zur Bekehrung erlassen hat. In Fulda tagten wiederum die katholischen Bischöfe. Hefele ist zum Bischof von Rottenburg erwählt, aber vom Papst noch nicht bestätigt worden. Man versicherte mich, daß die württembergische Armee immer preußischer gesinnt werde. Chef des Generalstabes ist der Oberst von Suckow, Sohn der mir bekannten Emma Niendorf (welche mich gestern aufsuchte), und dieser Mann gilt als Führer der Unionspartei in jenen Sphären. Die demokratische Partei ist gleich fanatisch wie die katholische. Ihr Organ, der ›Beobachter‹, soll vom König von Hannover erhalten werden. Doch behauptet man, daß die nationale Partei langsam Boden gewinne. Dies sei auch in Bayern der Fall. Man hat gewagt, dem Könige Ludwig in einem Journalartikel, ich weiß nicht welches Blattes in Bayern, den Rat zu geben, Krone und Szepter niederzulegen und sich ganz dem Waldleben und der Romantik zu widmen wie der Herzog in ›Wie es Euch gefällt‹.   München, 24. September Am 17. reiste ich von Cannstatt nach Augsburg, wo ich abends eintraf, die Redakteure der ›Allgemeinen Zeitung‹ nicht mehr auf dem Bureau fand und nur mit dem Faktor Pohl den Druck des dritten Bandes besprach. Am 18. von Augsburg nach München. Ich fand im Hôtel Leinfelder Freund Lindemann schon eingetroffen. München war noch belebt durch viele Fremde. Ich sah die Ausstellung. Es gibt dort einen Überfluß von Mittelgut, la mediocrité internationale , die Richtung nach dem Realismus stark hervortretend. Gervinus und Frau kamen, beide hergestellt, doch betrübt durch den Tod ihres ausgezeichneten Freundes, des Medizinalrats Pfeuffer. Wir verlebten einige angenehme Stunden zusammen, besuchten auch die Galerie Schack. Schack war abwesend in Venedig. Ich traf Paul Heyse, mit welchem ich die frühere Beziehung herstellte. Er sieht noch sehr jugendlich aus, obwohl er schon einen Sohn von 14 Jahren hat. Auf der Bibliothek fand ich nur Halm. Kaulbach und Frau traf ich wieder in ihrem Garten. Man rezensiert scharf die Kartons, welche von Kaulbach in der Ausstellung sich befinden, wie die Schlacht von Salamis. Der Rezensent ist Friedrich Pecht. Döllinger war verreist. Die Reformationsschrift ›Janus‹ ist entweder sein Werk, oder er hat doch den größesten Anteil an ihr. Oldenbourg hat dieses Werk im Verlag, aber unter einer Leipziger Firma drucken lassen; dies sagte er mir selbst und deutete mir unverhohlen an, daß Döllinger der Verfasser sei. Dieses Buch, die Ausführung der Konzilium-Artikel in der ›Allgemeinen Zeitung‹, ist eine der heftigsten Reformationsschriften, welche gegen das Papsttum und die Kurie irgend wann und wo seit den Zeiten des Marsilius von Padua und Occam erschienen sind. Luther hat kaum mehr gesagt, als in ihr geschrieben steht. Ihr Verfasser sagt sich von der römischen Kirche entschieden los. Ich lese in einem Heft der ›Historisch-politischen Blätter‹ Münchens, welches mir Oldenbourg gab, daß die ›Donauzeitung‹ bald nach dem Erscheinen jener Konzilium-Artikel Döllinger geradezu als den Verfasser bezeichnete und ihn direkt aufforderte, seine Autorschaft zu bekennen oder abzulehnen: aber Döllinger erwiderte kein Wort. Vorgestern nacht kehrte mein Fieber mit Heftigkeit wieder. Ich aß 24 Stunden nichts und schlief dann elf in einem Zuge, so daß ich mich jetzt besser befinde. Das rauhe und wechselnde Klima in München ist unerträglich. Gestern fuhr ich nach Starnberg, die Witwe des Dr. Julius Braun zu sehen und ihr meine Teilnahme zu bezeugen. Braun war eine leidenschaftliche Natur, doch zu exzentrisch und in Theorien verrannt. Er ging an dem Kampf mit der Welt zugrunde, welche seine Leistungen nicht anerkannte, und in der er keine öffentliche Wirksamkeit finden konnte. Seine beste Schrift sind wohl die ›historischen Landschaften‹. Als ich gestern abend mit Hirsch und Lindemann im englischen Café saß, traten Herr von Thile, Frau und Sohn herein. Thile erklärte mir, daß von dem baldigen Eintritt Badens in den Norddeutschen Bund keine Rede sei; im Gegenteil würde der Eintritt Süddeutschlands in Preußen als eine Last betrachtet werden. Moltke namentlich habe erklärt, daß im Falle eines Krieges es besser wäre, ohne den Südbund zu kämpfen; denn man könnte sich dann leichter mit Frankreich auseinandersetzen, während die Truppen des Südens absichtlich zu spät eintreffen würden und diese Alliierten überhaupt nur im Trüben fischen möchten. Mich ärgerte der Begriff »Alliierte« Deutschland gegenüber, so daß ich darüber eine Bemerkung machte. Es scheint mir, daß das Berliner Preußentum dem Süden ein Greuel ist und so wohl noch lange bleiben wird.   Modena, Albergo Reale, 29. September Am 25. verließ ich München. Ich hatte noch Döllinger aufsuchen wollen, welcher am 24. zurückgekehrt war, aber Unmut und Trägheit hinderten mich daran, obwohl ich ihm durch Graf Arco meinen Besuch angekündigt hatte. Arco sagte mir, daß Döllinger nach langer Überlegung sich entschlossen hatte, den ›Janus‹ anonym erscheinen zu lassen, weil er, wie er annahm, ohne dies als ein von der Kirche Abgetrennter könnte angesehen werden und so den Zusammenhang mit anderen Katholiken liberaler Richtung einbüßen würde. Er sei auch von französischer Seite vielfach angefragt worden und habe auf dem Schlosse Actons eine Zusammenkunft mit Dupanloup gehabt; dieser sei entschieden für die Opposition; er könne auf fünfzig französische Stimmen zählen; ebensoviele aber werde Deutschland ins Feld stellen. Die Minorität würde immerhin für Rom schreckend genug sein. Später wolle Döllinger persönlich eintreten. Am 27. über Verona und Padua nach Bologna, wo ich nächtigte. Am 28. ging ich nach Ronzano hinauf. Die Gozzadini waren melancholisch, ich nicht minder. Der ganze Tag geistesöde. Die Gräfin selbst gestand mir, daß die Einsamkeit dort oben sie menschenfeindlich, egoistisch und zu Fixationen im Gemüt geneigt mache. Der Horizont ist unvergleichlich; aber nur mit den Augen kann man sich dort ergehen. Auf der Bibliothek sah ich Frati; er hat diese prächtig geordnet; ihr Lokal ist ohnegleichen. Ein ganzer Saal enthält nur bolognesische Schriftsteller. Frati hat den ersten Band der Statuten Bolognas beendigt. Ich stieg heute am Morgen von Ronzano hinunter und fuhr nach Modena. Vergebliche Gänge zum Marchese Campori, zu Antonio Capelli, welche auf der Campagna waren. Endlich führte mich ein alter Herr, Borghi, Bibliothekar der Palatina, erst dorthin und schloß mir jene Säle auf, wo Muratori sein Leben zugebracht hat. Die Bibliothek zählt etwa 100 000 Bände. Den Hauptsaal zieren die Büsten der drei großen Modenesen, Sigonius, Muratori und Tiraboschi; auch die Büste des jüngst verstorbenen Numismatikers Cavedoni ist dort aufgestellt. In der Contrada Emilia hat man die Statue Muratoris errichtet und den Platz nach ihm genannt. Ohne Muratori hätte ich die ›Geschichte der Stadt‹ kaum schreiben können, und wer überhaupt kann die Geschichte des italienischen Mittelalters schreiben ohne fremde Hilfe? Kein Autor war so oft in meinen Händen als er, der Vater der modernen Geschichtsforschung überhaupt. Borghi führte mich hierauf ins Archiv des Hauses Este, diese berühmte diplomatische Fundgrube, woraus Muratori so viel geschöpft hat. Es befindet sich in einem wüst aussehenden Hause in vielen Zimmern gut geordnet. Mignoni, Archivist der diplomatischen Abteilung, brachte mich gleich zu den Exzerpten, welche der Archivar Campi für Sir John Acton fertigen läßt. Acton setzt Schreiber in allen Bibliotheken der Welt in Bewegung, um ihm Material zu seiner Geschichte der Kirche zu schaffen. Er hat die reichen Mittel dazu; aber ich fürchte, er wird sich in dem Stoffe selbst ertränken. Morgen werde ich die Relationen der Agenten des Hauses Este aus der Zeit der Borgia durchsehen. Sie hat schon Armand Beschet, wie ich dort sah, kopiert, aber noch nicht veröffentlicht. Der Herzog von Modena hat mit der italienischen Regierung ein Abkommen getroffen, seine Güter zum Teil wieder erhalten und das zurückgegeben, was er von Schätzen des Staats mit sich nach Wien genommen hatte, zumal eine kostbare Medaillensammlung und viele seltene Handschriften, auch die Bibel der Armen, den ersten Holzdruck vor der Buchdruckerkunst, Autographen und dergleichen. Ich habe viel Freundlichkeit von den Herren im Archiv erfahren, namentlich vom alten Campi, welcher ein gelehrter Kenner des Dante ist. Im künftigen Jahre will ich nach Modena zurückkehren und auch das Archiv der Gonzaga in Mantua zu Rate ziehen.   Rom, 10. Oktober Am 1. Oktober nach Livorno. Sonntag am 3. nach Rom. Entzückende Herbstluft; die Stadt noch still – Besuche machte ich keinen, Gänge kaum einen, nur nach dem St. Peter, wo ich die Arbeiten für den Konklavesaal sah – sie sind fast vollendet; die Sitze von Holz in Hufeisenform; zu beiden Seiten noch je eine Kapelle mit Holztürmen. Diese sollen zur Restauration und zu Latrinen dienen, und beide Anstalten werden wohl diese alten Herren Bischöfe oft genug nötig haben. Am 5. Oktober überfiel mich ein heftiges Erkältungsfieber mit Augenentzündung, was mir so oft wiederkehrt – erst heute weicht dies Übel. Ich habe gleichwohl meine Urkunden schon an Ort und Stelle gebracht. Brockhaus schickte mir die fertig gewordenen Aushängebogen der lateinischen Sommen, Parthey seine mir gewidmete Ausgabe der ›Mirabilia Romae‹ und Oldenberg seine Äschylusübersetzung mit einem schönen, an mich gerichteten Einleitungsgedicht. Die Reise ist beendigt, ich gehe wieder auf den altgewohnten Fährten und will mich jetzt mit Eifer meiner Arbeit hingeben. Tätig sein, gut leben, Ruhe in der Seele haben: wie der alte Fritz gesagt hat.   Rom, 24. Oktober Fremde beginnen anzukommen. Die Königin Olga wird erwartet. Liszt kam gestern und sagte mir, daß er in die Einsamkeit nach der Villa d'Este gehe und dort Monate lang bleiben wolle, um dem Menschenschwarm zu entgehen. Er will ein Musikstück für das Jubiläum Beethovens fertigmachen, wozu ich ihm ein paar Verse schrieb, als Ergänzung derjenigen, welche er komponieren sollte. Er scheint das tiefste Bedürfnis nach Arbeit zu haben. Julius Mohl aus Paris besuchte mich. Er bleibt hier ein paar Wochen, nur zur Erholung, will nichts von Galerien sehen, nur ausruhen. Er versicherte mich, daß Frankreich die moralische Niederlage von 1866 nicht ertragen könne: dies sei der Grund der ganzen Opposition und der Mißachtung des Kaisers. Döllinger schrieb. Er wünscht, daß ich ihm dann und wann etwas über das Konzil mitteile, um dann solche Berichte verwenden zu können. Ich habe ihm noch nicht geantwortet. Mir flößt das Konzil nicht das geringste Interesse ein. Ich werde erst später sehen, welches Verhältnis ich als Beobachter zu diesem Ereignis haben kann. In der vorigen Woche wurde der Grundstein zu der Konziliumsäule vor S. Pietro in Montorio gelegt. Sie setzen also schon das Monument, ohne zu wissen, wie das noch zu legende Ei geraten und was aus ihm auskriechen wird. Die Fürsten reisen nach dem Orient zur Eröffnung des Suezkanals – in Wahrheit ist diese ein Glanzpunkt in der Geschichte unseres merkwürdigen Jahrhunderts und so wichtig für die Zivilisation, als es einst die Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung gewesen ist.   Rom, 4. Dezember In dieser Zeit habe ich den siebenten Band druckfertig zu machen gesucht, ohne damit zum Abschluß zu gelangen. Dies und Unlust zum Schreiben haben mich an der Fortsetzung meiner Aufzeichnungen gehindert. Die Erwartung der Römer, daß sich ihre Stadt des nahen Konzils wegen mit Fremden anfüllen werde, ist nicht eingetroffen. Gegen 500 Bischöfe sind zwar angekommen, aber sie haben in geistlichen und weltlichen Palästen Wohnung genommen; auch die Reisenden vom Suezkanal sind ausgeblieben. Zu mir kamen wenig Menschen, ein paar Engländer und Deutsche. Unter jenen war Acton, welcher seit einigen Tagen zum Pair ernannt, jetzt also Lord Acton geworden ist. Er hatte Döllinger in München gesprochen. Er wußte noch nichts Bestimmtes über die Disposition der römischen Partei wegen des Dogmas der Infallibilität und ob die Jesuiten Kraft haben würden, dasselbe in Szene zu bringen, oder ob sie ihren Rückzug nehmen wollen. Für das Dogma sind die meisten Romanen, die Engländer unter der Fahne Mannings und viele Franzosen. Entschieden dagegen hat sich Dupanloup ausgesprochen, ferner Darbois von Paris und Maret. Auch der Kardinal Bonnechose ist dagegen. Schwarzenberg (welcher in der Anima wohnt), ein Mann von großer Autorität, soll erklärt haben, seine Würden niederzulegen, wenn das Dogma proklamiert werden sollte. Acton sagte mir, daß Hefele, der jetzige Bischof von Rottenburg, zu ihm geäußert habe: Deutschland werde in zwei Jahren protestantisch sein, wenn das Dogma durchgehen sollte. Die Jesuiten haben übrigens die Rechnung der Stimmen gemacht und gefunden, daß sie auf die große Mehrheit zählen können. Der Konziliumsaal ist fertig: die Sitze mit rotem Tuch für die Kardinäle, mit grünem für die Bischöfe ausgeschlagen; schlechte flandrische Tapeten an die Wände gehängt; die Bildnisse aller Päpste, welche Konzile abgehalten haben, dort angebracht. Man hat Tribünen abgeteilt für gekrönte Häupter, für das diplomatische Corps, für den hohen römischen Adel. In der Mitte des Konziliumraumes steht ein Altar, dahinter eine Rednertribüne, welche dem Thron des Papsts zugekehrt ist. Antonelli empfängt Bischöfe schon um 8 Uhr des Morgens. Alles soll in den Kommissionen erledigt sein; aber der Kardinal hat geäußert, daß das Konzil Jahre dauern könne. In der vorigen Woche hielt Graf Trautmannsdorff seinen Empfang. Das ganze Wesen machte mir wenig Eindruck, vielleicht weil ich schon dafür abgestumpft bin. Es war kein Glanz in den schönen Sälen des venezianischen Palasts; auch wurden sie durch die vielen Konziliumpriester verdunkelt. Diese Monsignoren, darunter auch Armenier mit schwarzen hohen Mitren, füllten die Räume an; ich bemerkte deutsche Kardinäle, aber kannte deren niemand. Ein Fremder in Uniform erschien, ganz besät mit Diamanten, selbst seine Schuhschnallen leuchteten davon. Die Königin Olga von Württemberg kam anfangs November ohne den König. Sie nahm Wohnung im Hôtel Costanzi. Professor Lübke begleitete sie als Führer durch die Museen. Ich wurde dort zu Tisch geladen. Die Königin sprach geistreich und gut über Rom. Sie kannte meine Beziehungen zur Großfürstin Helene, ihrer Tante, zur Baronin von Rhaden, selbst zum Hause Meyendorff. Sie deutete an, daß die Katastrophe von Meyendorff mit dem Papst ihr Mißfallen erregt habe als ein plump ausgeführter Theatercoup. Ihre Gestalt ist hoch und schlank, ihre Bewegung nervös lebhaft, doch immer edel und schön. Alles in ihrer Nähe vergöttert sie. Lübke, ein einfacher und ruhiger Mann, schwärmt für sie. Mit ihr ist die Großfürstin Vera, ihre Nichte, die Tochter Konstantins und Schwester der Königin von Griechenland, ein junges Mädchen von 15 Jahren. Die Königin reist zwar incognita unter dem Titel einer Gräfin von Teck, aber sie machte doch dem Papst offiziellen Besuch, und dieser erwiderte ihn in großer Auffahrt. Alsbald brachten Journale Berichte von Auslassungen, die der Papst über den Vater der Königin und die Verfolgung der Kirche in Rußland gemacht habe; doch ist dies erfunden. Alle vertriebenen Fürsten Italiens, die gegenwärtig hier sind, Leopold von Toskana, der von Parma, die Neapolitaner etc. haben der Königin Besuche gemacht. Ich sah den ganzen Schwarm dieser Entthronten lachend von der Eisenbahn hereinfahren, als ich zu den Exequien Overbecks ging nach S. Bernardo alle Terme. Denn Overbeck ist vor vierzehn Tagen 80 Jahre alt gestorben. Gestern war ich wieder bei der Königin zum Diner, mit Visconti, der mit seinem großen Ordensstern und seiner Suada die römische Wissenschaft zu repräsentieren suchte. Die Königin sprach viel über Rußland und daß das Reich noch eine große Zukunft habe – was man eben von Russen immer hört. Sie wollte den Dichter Tolstoi nicht gelten lassen; sie nannte ihn einen Dilettanten, der an Schwermut leide. Als ich sagte, daß sein ›Iwan der Schreckliche‹ auf der Petersburger Bühne einen » succès d'estime « gehabt habe, setzte sie hinzu › et de costume ‹. Es regnet seit zwölf Tagen; ein ganz trostloser Winteranfang. Von Fremden bemerke ich den Oberst von Stein, welcher mit Bazaine in Mexiko war und jetzt Chef des Generalstabes in Königsberg ist: er erschien mir als ein vollendeter Mann.   Rom, 9. Dezember Gestern um 8 morgens wurde das Konzil im St. Peter eröffnet. Ich ging dorthin mit Lindemann und Frau Kolban, bei strömendem Regen. Ungeheure Menschenmenge im Dom. Nirgend ein Platz zu finden. Nur von weitem sah ich in den geöffneten Konziliumsaal, woraus die roten Sitzreihen, die Medaillons der Päpste und eine geschmückte Tribüne hervorschimmerten. Ich sah nichts von der Prozession; nicht einmal die Mitra eines Bischofs. Die Hitze war unerträglich; Dampfwolken stiegen aus den durchnäßten Kleidern und Schirmen, von deren Abtropfen der Marmorboden in eine Lache verwandelt war. Die Kaiserin von Österreich, die vor einigen Tagen nach Rom kam, war anwesend. Sie blieb eine Viertelstunde lang in der Menschenmenge fest, bis ihr die Schweizergarde den Weg bahnte. Auch die Königin Olga wohnte der Feierlichkeit bei. Der Gesang des Veni creator Spiritus , welchen die Prozession der Bischöfe anstimmte, soll viele nervenschwache Menschen zu Tränen gerührt haben. Die Sitzung dauerte bis 4 Uhr nachmittags. Dupanloup ist endlich angekommen. Döllinger schickte mir seine Mahnung an die deutschen Bischöfe und bat mich nochmals, ihm über den Gang des Konzils Nachrichten zukommen zu lassen. Ich antwortete ihm heute ablehnend. Ich bin durch meine wissenschaftliche wie persönliche Stellung in Rom zum Schweigen genötigt; auch habe ich keine klerikale und diplomatische Verbindungen, die mich über die Geheimnisse der Sessionen aufklären könnten. Ich habe endlich kein Interesse für diese geistliche Komödie und ihre flachen Absichten. Gar schickte mir aus Venedig wichtige Abschriften von Depeschen, die ich noch verwerten kann, ehe mein Manuskript abgeht.   Rom, 13. Dezember Am 10. Dezember fand die erste Session des Konzils statt unter dem Vorsitz des Kardinals de Luca. Fünf Kardinäle hat der Papst zu seinen Delegaten gewählt, darunter auch Reisach, der in Genf erkrankt ist. Der Erzbischof Darbois soll sich so heftig gegen die römischen Projekte ausgesprochen haben, daß ihm de Luca das Wort entzog. Darbois, Dupanloup und Maret sind die Führer der französischen Opposition. Überhaupt scheint, wie fast immer auf Konzilien, die Initiative Frankreich anzugehören. Die Österreicher versammeln sich zu Beratungen beim Fanatiker Nardi. Man will wissen, daß sie den Fuldaern und den Preußen Opposition machen. Die Anwesenheit der österreichischen Kaiserin steht mit dem Konzil in keinem Zusammenhang. Der ›Janus‹ Döllingers ist auf den Index gesetzt.   Rom, 19. Dezember Am 16. nahm Lübke die ersten vier Kapitel des Bandes VII mit nach Stuttgart; die übrigen habe ich noch zurückbehalten, teils um noch andre Urkunden aus dem Archiv Venedig abzuwarten, teils weil ich noch das Bild Roms um das Jahr 1500 zu entwerfen habe. Ich war am 16. abends 7 Uhr mit Lindemann nach dem Bahnhof gefahren, um noch die Königin Olga dort zu sehen. Wir stießen unterwegs auf den Leichenzug des Bildhauers Tenerani; es war ein fürstliches Begängnis mit vielen Fackeln und Wagen. Mit Tenerani erlischt die letzte lebendige Tradition der Zeit Canovas und Thorvaldsens in Rom. Mit dem Bahnzuge von Neapel war eben der Kronprinz von Preußen angekommen, um auch nach Florenz weiterzufahren. Arnim und Frau empfingen ihn. Abends zahlreiche Soiree bei Arnim. Dort war auch der Kardinal Schwarzenberg, ein großer stattlicher Mann. Lichnowski sagte mir, daß er scharf Opposition mache und schien darauf stolz zu sein. Ich sah den Erzbischof Haynald von Kolocze wieder und machte die Bekanntschaft von Lepsius, der eben von Ägypten gekommen war. Lepsius sieht mit weißen Haaren noch blühend und kräftig aus; er hat einen markierten Kopf. Die junge Santa Croce, welche mit dem Marchese Rangone verheiratet ist, lud mich ins Haus Sforza-Cesarini ein, eine Einladung, die mir des Archivs wegen sehr willkommen ist. Palazzo Cesarini-Sforza, Genanzano, 1. 8. 1854 Am 16. kam zu mir der Abt Greyer von Mühlhausen, um mir für die ›Geschichte Roms‹ zu danken; er habe sie auch dem Bischof von Straßburg zu lesen gegeben; ich sei der erste Geschichtschreiber, welcher Rom und das Papsttum in neuem Licht aufgefaßt habe. Er sagte mir, daß 14 Trappisten, lauter Franzosen, die Gründe der Tre Fontane hinter St. Paul zu kolonisieren angefangen haben. Sein eigenes Kloster datiere erst von 1825 und zähle jetzt schon 114 Mitglieder; sie seien Landwirte und Bierbrauer und würden reich; daher wollten sie bauen, auch eine Bibliothek stiften, um sich auf die Wissenschaft zu verlegen. Beweis, daß die Wissenschaften überall einen Grad von materieller Wohlhabenheit voraussetzen. Am 4. Dezember hat der Papst seine Bulle erlassen, welche für den Fall seines Todes die Papstwahl ordnet: sie solle nur von den Kardinälen vorgenommen werden, das Konzil eo ipso vertagt sein. So soll der Einmischung des Konzils in die Papstwahl vorgebeugt werden. Man hört nur Unbestimmtes über die Sitzungen und daß die Opposition der Franzosen, Dupanloup-Maret, vereinigt mit Schwarzenberg und den Fuldaern, heftig sei.   Rom, 26. Dezember Die Opposition richtet sich zunächst gegen die Geschäftsordnung, welche vom Papst eigenmächtig festgesetzt ist, obwohl sie, wie auch die Wahl der Beamten, dem Konzil gehörte. Von den Kommissionen ist die für Vorschläge die wichtigste, und diese ist einfach vom Papst ernannt. Sie besteht aus Patrizi, di Pietro, Angelis, Corsi, Sforza-Riario, Rauscher, Bonnechose, Cullen, Barili, Monaco La Valletta und Antonelli und aus 14 Patriarchen, darunter der Fanatiker Manning sich befindet. Kein Vorschlag darf in den Sitzungen gemacht werden, ehe er von dieser Kommission genehmigt wurde, und tut sie dies, so wird erst der Wille des Papsts eingeholt. So ist dieser Gebieter über das Konzil und alles dasjenige, was dort zur Sprache kommen soll. Er beherrscht die Versammlung in jeder Richtung; seine Infallibilität ist Tatsache; es fehlt ihr nur die dogmatische Feststellung. Wie auf jedem früheren Konzil ist der Zwiespalt zwischen der Papstgewalt und dem Episkopat auch auf diesem schon erklärt. Doch kommt noch dies hinzu, daß hinter dem Papst der Orden Jesu steht, dessen Sprachrohr Pius IX. selber ist. Die Jesuiten glauben, ihrem Ziele nahegekommen zu sein, und das ist die Leitung der ganzen Kirche durch sie selbst. Es gab heftige Auftritte in den Sitzungen. Der Kardinal Matthieu ist unter Vorwand von Geschäften in seiner Diözese abgereist, und der Trappistengeneral bestätigte mir, daß er dies aus Unwillen über die Form getan hat, welche dem Konzil aufgezwungen worden ist. Dupanloup hat die französische Opposition vereinigt; sie zählt 18 Prälaten; sie haben eine Adresse erlassen, eine Art von Protest gegen das Reglement. Noch schärfer soll der Protest der Deutschen sein, mit denen sich auch die Österreicher unter Schwarzenberg vereinigt haben. Das Mittelalter kommt wieder frank und frei in den Bullen des Papstes hervor, so in jener, worin er alle Artikel zusammenstellt, welche eo ipso die Exkommunikation nach sich ziehen: Raub von Kirchengut, Lesen verbotener Schriften, Nichtachtung der Erlasse der Inquisition, Ketzerei, Berufung an das Konzil vom Papst u. dergl. Diese Bulle ist ein Extrakt des »Syllabus«. Sie hat großes Aufsehen erregt, selbst Cesare Cantù fühlte sich veranlaßt, dem Papst darüber ein Wort zu sagen, der ihm antwortete: ich kann niemand gerecht werden, ich habe ja die Exkommunikationsfälle, deren früher einige hundert waren, auf nur 40 herabgesetzt, und auch dies ist noch nicht genug. Man hofft, in die Opposition auch die Orientalen hineinzuziehen, und in diesen Prälaten dürfte doch noch etwas von dem alten Widerwillen der griechischen Kirche gegen die Papstgewalt zurückgeblieben sein. Während unsere Zeit überall daran arbeitet, die Gewalten zu dezentralisieren, bietet Rom das Schauspiel einer bis zum Wahnsinn sich steigernden Vergöttlichung der Despotie dar. Wenn diese wirklich durchgeführt werden sollte, wenn die Bischöfe aus Furcht und Fanatismus sich dem Willen des Papsts unterwerfen sollten, so wird sich hoffentlich die Einheit Deutschlands in einer zweiten Reformation schneller vollziehen. Auch der Widerstand des Ultramontanismus in Bayern dürfte gebrochen werden; dort sitzt, wie Giesebrecht mir schreibt, der König im Schnee in einem Alpenschloß, während das Ministerium sich in Auflösung befindet und die Jesuiten das ganze Land umwühlen. Ich bin in Ruhe Zeuge dieser Vorgänge in Rom und freue mich, daß der hiesige Wahnsinn sich rein und vollständig auszudrücken gezwungen wird.   Rom, 31. Dezember Gestern beendigte ich die Darstellung der Gestalt Roms um das Jahr 1500, welche mich 14 Tage lang beschäftigt hatte und schloß damit den siebenten Band ab. Ich werde nur noch einen Monat an der Durchsicht der letzten Kapitel zu tun haben. Schon jetzt fühle ich mich freier. Das Jahr ist dahingegangen – nach endlosen Regenwochen hat sich gestern der Himmel aufgeklärt. Die Sonne des ewigen Rom scheint wieder und macht an die alten Götter des Lichts glauben. 1870 Rom, 7. Januar Am Neujahrstage war ich zum angezündeten Baum bei der Prinzessin Teano. Dann gingen wir hinauf zu Tisch zum blinden Herzog. Ich begann die Revision des Bandes IV für die zweite Auflage und bin so an mehreren Epochen der Stadt zugleich beschäftigt. Am Neujahrstage traf ich mit Schack zusammen, welcher sich hier auf seiner Reise nach Damaskus nur kurze Zeit aufhält. Seither machen wir Gänge und Fahrten an den Nachmittagen. Wir fuhren nach Ponte Salaro, die zerstörte Brücke zu sehen und das im Abendglühn leuchtende Bild der Campagna zu betrachten. Rom, Kaiserpaläste, 13. 7. 1855 Am vorigen Donnerstag war ich mit Lindemann und der Frau von Tallenay auf dem Palatin. Da ich eben das Bild Roms um das Jahr 1500 hergestellt hatte, sagte ich Herrn Rosa scherzend: er grabe Rom aus, und ich schütte es wieder zu; er sei der Verderber der Ruinen Roms, da er den Palatin umwühle, um alles Gemäuer herauszugraben und dann für neugierige Fremde auf einen Präsentierteller zu stellen. Er entgegnete lachend, daß ich der Barbar Roms sei, er aber die Stadt von der Barbarei wieder reinige, um die wahre Poesie ans Licht zu bringen. So führte er uns zu den von ihm entdeckten Zimmern, von deren Wänden auf pompejanischem Rot uns die graziösen Gemälde entgegenglänzten. Die Römer bleiben ohne Anteil am Konzil. Niemand bekümmert sich um das Geschwätz dort im St. Peter. Man sagt, daß eine liberale Stimmung durch die Versammlung gehe; doch dies wird wohl wenig zu bedeuten haben. Die privaten Zusammenkünfte der Bischöfe sollen jetzt nicht nach Nationen, sondern nach Sprachen gehalten werden, wozu man ein passendes Lokal sucht. Die Gruppen würden sich dadurch vergrößern und die Entstehung nationaler Fraktionen vermieden werden. Man hat noch keine dogmatischen Fragen zur Sprache gebracht, nur allgemeine Dinge und diese aus der vorbereitenden Kommission unter dem Kardinal Bilio, welche eine große Klasse von Fragen unter dem Begriff Schemata behandelt hat. Sie betreffen das Verhältnis der Kirche zur Wissenschaft, zur Philosophie, zur Zivilisation überhaupt. Monsignor Tizzani soll bei dieser Gelegenheit eine gute Rede gehalten haben, ebenso der Bischof Stroßmayer. Unter den Papisten bezeichnet man den Spanier von Urgel als einen der Stimmführer. Manning und sein Anhang sind noch nicht besonders hervorgetreten. Darbois, Maret und Dupanloup halten sich auch noch zurück. Den Deutschen fehlt ein Führer; man hofft auf Hefele. Ich glaube, daß diese ganze Opposition wenig Erfolg haben wird. Rom wird auf dem Syllabus bestehen bleiben, womöglich auch die Infallibilität proklamieren, und die Opponenten werden sich sodann als laudabiliter subjecti auf den Boden werfen und des Infallibeln Füße küssen. Man meint, daß das Konzil Jahre lang dauern werde. Ich bekomme immer wieder Aufforderungen von Deutschland her, etwas darüber zu schreiben: was ich ablehne. Heute schrieb ich an Thile, dessen einziger Sohn plötzlich gestorben ist. Gestern erhielt ich den ersten Brief Schlözers aus Mexiko, wo er sehnsuchtsvoll nach Rom zurückdenkt.   Rom, 30. Januar Der Papst ist von seiner Infallibilität durch die Jesuiten so überzeugt worden, daß er sie schon mit Händen greifen kann. Er hat gesagt: früher, ehe ich Papst war, glaubte ich an die Infallibilität, jetzt aber fühle ich sie (io la sento) . Der Pater Piccirillo, ein Neapolitaner, beherrscht ihn. Merkwürdigerweise gibt es im Orden Jesu nicht einmal einen hervorragenden Geist von persönlicher Wirkung. Es ist nur die Sekte oder das System, eine Prätorianergarde, die sich des Einflusses bemächtigt hat. Haynald sagte mir, daß die Kämpfe im Konzil groß seien. Neben ihm glänzt Stroßmayer als liberaler und schlagfertiger Redner, da ihm das Latein wie eine Art Nationalsprache geläufig ist. Die Dunkelmänner mißhandeln ihn. Von Freiheit der Diskussion ist keine Rede. Drucken lassen dürfen die Bischöfe nichts. Dupanloup, der eine Ansprache wollte in Rom drucken lassen, wurde abgewiesen, worüber er außer sich geraten ist. Die Infallibilisten, deren Sekretäre Fessler aus Tirol und der Jesuit Schrader aus Wien sind, haben ihre Petition um Erklärung der Infallibilität der Postulaten-Kommission überreicht und abdrucken lassen. Ihre Häupter sind Manning und Deschamps. Die Opposition bereitete eine Gegenadresse vor, aber die Nationen konnten sich nicht in einer allgemeinen Formel vereinigen. Schließlich wurden die Deutschen von den Franzosen und Italienern im Stich gelassen, und sie haben zunächst allein für sich ihre Adresse abgefaßt. Diese Schrift trägt an der Spitze der Opponenten die Namen des Kardinals Schwarzenberg, sodann Rauscher, Haynald, Hefele, auch Ketteiler und andere. Die Infallibilisten zählen 450 Stimmen, darunter alle Spanier, viele Orientalen, viele Italiener, fast sämtliche Engländer, welche Manning führt. Da es viele Vikare oder Missionsbischöfe gibt, arme Prälaten, welche hier auf Kosten Roms verpflegt werden, Bischöfe ohne Diözese, nur mit Titulatur, so haben die Jesuiten es leicht, aus ihnen Masse zu bilden. Ihre Intrigen sollen grenzenlos sein. Man wirkt mit Bestechung, mit Schmeichelei, mit Terrorismus, mit Benefizien und Aussicht auf den roten Hut. Man sagte mir gestern, daß Dupanloup, der übrigens stets ein Verfechter des Papismus gewesen ist, im Begriffe sei abzufallen, und das gleiche behauptet man von Darbois. Sie werden einen Schwarm von anderen mit sich ziehen. Man intrigiert mit Frankreich, das große Stück durchzusetzen. Graf Trautmannsdorff schreibt beruhigende Berichte an den Kaiser nach Wien, wonach von der Weisheit des Heiligen Vaters nichts als heilsame Entschlüsse zu erwarten seien. Die Opposition beruht wesentlich auf dem germanischen Element, auf den 40 oder 50 Bischöfen, welche noch zusammenhalten, bis sie schließlich nachgeben, ermüdet und weich gemacht, durch ihre Vereinsamung abgeschreckt oder durch einen mezzo termine beschwichtigt. Gestern kam Dr. Pichlerzu mir, der Verfasser der auf den Index gesetzten Geschichte des griechischen Schisma, herausgemaßregelt durch die Ultramontanen aus München, und genötigt, einen ehrenvollen Ruf als Bibliothekar nach Petersburg anzunehmen, von woher er eben nach Rom kam. Er wagte sich hierher, und seltsamerweise hat man ihn noch nicht belästigt. Wir sprachen von Döllinger, welcher in Folge jener Infallibilistenpetition zum erstenmal persönlich hervorgetreten ist. Er veröffentlichte am 21. Januar einen scharfen Artikel gegen jene Adresse der Jesuitenpartei in der ›Augsburger Zeitung‹. Man erkennt den Verfasser des ›Janus‹ wieder, und Pichler selbst bestätigte mir, daß er für diesen ›Janus‹ Vorarbeiten gemacht habe, daß aber die Redaktion Döllinger angehöre. Der Artikel ist durch alle Journale gegangen; bereits hat die ›Civiltà Cattolica‹ Dr. Wieland angegriffen, und hier fürchtet man sich weniger vor dem deutschen Episkopat, als vor der sogenannten Münchner Schule, deren Stimmführer Döllinger, Frohschammer, Huber und Pichler sind. Von Döllinger rühren vielleicht auch die vortrefflichen Artikel der ›Allgemeinen Zeitung‹ über das Konzil her; Material dazu liefern ihm, so glaube ich, Lord Acton und der junge Graf Arco von hier. Die Stadt München hat Döllinger zum Ehrenbürger ernannt. Pichler sagte mir, daß von Döllinger nichts zu hoffen sei, weil er voller Widersprüche stecke und nicht den Mut des Prinzips habe. Er bewies das aus seiner Vergangenheit und aus den Grundsätzen des genannten Artikels selbst, welche im Widerspruch mit den von Döllinger verfochtenen Ansichten über den Primat des Papstes ständen, den er noch in seinem Buch über das Kirchentum aufrecht halte. Überhaupt sei keine Hoffnung auf eine deutsche Bewegung zu fassen. Wir haben Wintertage in Rom, bei sonnenheller Luft. Eine Scheibe des Fensters in meinem Schlafzimmer war überfroren, was ich noch nie gesehen habe, solange ich hier bin. Ich habe mich von den Gesellschaften für diese Zeit zurückgezogen, nur dann und wann gehe ich auf die Gesandtschaft. Bei Frau L. kommen viele Menschen zusammen. Zwei Polinnen musizieren dort, Gräfin S. aus Litauen und Frau J. aus Warschau, welche ihre Kinder verlassen hat aus Fanatismus für Liszt und dessen Schülerin geworden ist. Sie ist eine kleine, geistreiche, närrische Person und liszttoll. Liszt hat sich nach Tivoli in die Villa d'Este zurückgezogen. Der erste Korrekturbogen vom Bande VII kam am 24. Januar.   Rom, 6. Februar Der Papst hat die Minoritätsadresse mit 130 Unterschriften abgewiesen und keinen dieser Prälaten empfangen. Dies beweist, wie er das Verhältnis der Papstgewalt zum Konzil auffaßt, als das nämlich des Herrn zu Dienern. Die Opposition fängt an zu zerbröckeln; selbst Ketteler von Mainz will abfallen, wie mir Pichler versichert hat. Die noch heute die Liberalen spielen, werden zuletzt Baal anbeten wie die anderen. Es ist im Grunde gut, daß die Dinge und Menschen sich erklären und daß Masken nicht mehr geduldet werden. Das Absurdum, wohin die Kirche treibt, ist nur der Schluß einer historischen Entwicklung, von der Zeit der pseudoisidorischen Dekretalen und der Diktatur Hildebrands abwärts bis zum Syllabus. Auf der letzten Soiree bei Arnim saß ich nahe bei Manning und beobachtete diesen Fanatiker genau; ein graues Männchen, wie von Spinngewebe umzogen. Ein Graf Hahn, Bruder der Ida Hahn-Hahn, welche augenblicklich hier ist, küßte ihm mit mystischer Andacht die Hand, welche dieser ihm mit den Manieren einer an Huldigungen gewöhnten alten Kurtisane entgegenhielt. Mich überfiel ein Ekel – aber solche Szenen lehren die Macht der Pfaffheit über die Schwächlinge, welche ihre Werkzeuge sind und als Kolporteure der Finsternis in der Gesellschaft umherschleichen, Zwielichtsmenschen, unfähig, das Tageslicht zu sehen. Ich lernte dort auch den neuen bayerischen Gesandten kennen, Graf Tauffkirchen, der noch jung ist, Zeitgenosse Kaiserlings, mit dem er in Petersburg zusammen war.   14. Februar Haynald bestätigte die Wahrheit dessen, was die ›Augsburger Zeitung‹ berichtet hat: einer der orientalischen Bischöfe hielt eine Rede gegen die Infallibilität, mit der Erklärung, daß sie der Lehre im Orient zuwiderlaufe. Der Papst hat ihn zu sich gefordert, ihn wie einen Sklaven behandelt, und von ihm gefordert, zu widerrufen oder auf seine Benefizien zu verzichten. Das letztere hat der Bischof getan. Die Opposition erkennt, daß ihre Bemühung nichts fruchten wird. Gestern, im Salon der Frau von Tallenay, erschien Liszt und brachte die Sensationsnachricht von der Vertagung des Konzils, wo der Kampf zu heiß wurde. Heute soll eine neue Geschäftsordnung oktroyiert werden, welche auch die letzte Möglichkeit freier Diskussion beseitigen wird. Die ›Allgemeine Zeitung‹ kam in Besitz von Aktenstücken, darunter die Adressen pro et contra infallibilitatem , und zwar ehe sie noch der Papst selbst kannte, worüber er in den heftigsten Zorn geraten ist. Man fahndet hier nach dem Verräter, wie nach dem Verfasser der ausgezeichneten Artikel über das Konzil, welche die ›Allgemeine Zeitung‹ bringt. Man hat Professor Friedrich, einen Geistlichen aus München, ausgewiesen, welcher der Theologe des Kardinals Hohenlohe war, und dieser selbst soll beim Papst in Ungnade gefallen sein. Dies ist möglich, schon des Verdachts wegen, wozu sein Bruder in München Veranlassung gibt. Viele Korrespondenten sind ausgewiesen; Dr. Dressel wurde vorgefordert, als Verfasser der Artikel beschuldigt und mit dem Exil bedroht, was diesen fast erblindeten Mann vernichten würde. Er ist der (sehr unschädliche) Tageskorrespondent der ›Allgemeinen Zeitung‹. Er gab mir dies zu wissen, und ich nahm deshalb Rücksprache mit der Fürstin Wittgenstein und Liszt – doch sagte mir Tauffkirchen, daß die Sache beigelegt sei. Vor einigen Tagen schickte Louis Veuillot, der Fanatiker und kleine Voltaire der Finsternis, einen Geistlichen zu mir und ließ mich fragen, ob mein Band VII, der die Epoche der Borgia behandelt, schon gedruckt sei; er habe gehört, wie gerecht ich das Papsttum behandle, wolle einen Artikel schreiben und wünsche deshalb jenen Band einzusehen. Ich sagte dem Geistlichen, was nötig war, und betonte auch stark die Ansicht, daß die Menschheit heute nur mit der vollen Freiheit zu regieren sei.   Rom, 18. Februar Stroßmayer und Haynald sind die besten Redner im Konzil und Dornen im Auge der Kurie. Mit dem letzteren war ich gestern bei der Gräfin Bismarck. Als wir auf den Verfasser der Artikel über das Konzil in der ›Allgemeinen Zeitung‹ zu sprechen kamen, sagte er, daß die allgemeine Stimme Lord Acton als solchen bezeichne. Man wagt es nicht, gegen ihn vorzugehen, aber man weiß, daß er schreibt und die ihm zugeführten Materialien hoch bezahlt. Es war stets meine Ansicht, daß Acton und Arco Materialien nach München schicken, wo sie zu Artikeln verarbeitet werden. Tauffkirchen widerstritt derselben, indem er meinte, sie würden hier an Ort und Stelle geschrieben. Die drei Schemata sind gedruckt und an die Bischöfe gegeben worden. Das erste de fide wird bereits besprochen, so weit dies auf diesem Konzil möglich ist; das zweite umfaßt die Artikel de disciplina ; das dritte de ecclesia et potestate papae enthält des Pudels Kern. Schwarzenberg hat in einer Rede die regelmäßige Wiederkehr der Konzile verlangt. Als der freisinnigste römische Kardinal gilt de Pietro; Papisten unter den Kardinälen sind vor allen Bilio, de Luca, de Angelis und Capalti. Die Opposition scheint zu wachsen. Mehrere Anglo-Amerikaner sind zu ihr getreten. Die Norditaliener haben den Protest der Deutschen angenommen. Diese überhaupt, vereinigt mit den Ungarn, deren Bildung eben deutsch ist, vertreten auf dem Konzil die Vernunft. Sie machen daher Deutschland Ehre. Aber was wären sie wohl sonst, wenn ihnen nicht das Absurdum der Infallibilität zur Folie diente? Die Belgier und die Engländer, vielleicht mit Ausnahme von MacHale, sind unisono mit den Jesuiten; die Franzosen teilen sich. Die Adresse der Infallibilisten ist hervorgegangen aus einer Kommission von Manning, Deschamps, Senestrey von Regensburg, Martin von Paderborn, Mermillod von Genf, Canossa von Verona und anderen. Unterzeichnet haben sie 400. Man sagte mir gestern, daß Daru eine Note hierher gesandt habe mit der Drohung, die französische Armee zurückzuziehen. Es kam zu mir Dr. Schmidt, Direktor der Sternwarte in Athen, welcher das abschreckendste Bild vom griechischen Volk entwarf.   Rom, 10. März Die Jesuitenpartei führt ihr Stück durch. Am 23. Februar ist eine neue Geschäftsordnung erlassen, welche den Rest freier Diskussion beseitigt. Die Opposition hat ihre Waffen abgenutzt. Pichler brachte mir den Artikel, welcher das Schema de Papa krönt und mit baren Worten die Infallibilität ausspricht; dieser Artikel soll nun votiert, das heißt von der Majorität zum Dogma gemacht werden. Das Schema ist an die Bischöfe verteilt, welche ihre schriftlichen Bemerkungen innerhalb 14 Tagen einzureichen haben. Der Papst hat neuntägige Gebete in S. Maria Maggiore für die Durchführung des Dogmas angeordnet. Niemand zweifelt mehr, daß es geschieht; die französische und die österreichische Regierung haben Noten an den Vatikan geschickt; namentlich soll mit der Zurückziehung der französischen Truppen gedroht sein. Antonelli hat sie einfach ad referendum genommen. Der Papst ist felsenfest überzeugt, daß er von Gott prädestiniert sei, das Dogma als Krone auf das Gebäude der Hierarchie zu setzen. Er hält sich für ein göttliches Instrument in der gestörten Weltordnung, für das Sprachrohr des heiligen Geistes. Ich sah ihn gestern auf dem Corso zu Fuß einhergehen und betrachtete ihn genau. Er kam mir sehr fallibel vor, sein Gang wackelnd, seine Gesichtsfarbe fahl. Daß solche schon begrabene Menschen noch fortdauern müssen, die Welt zu verfinstern! Der Kardinal de Angelis begegnete ihm; beide große Auguren entblößten ihre Häupter, redeten miteinander. Als der Papst den Kardinal entließ, stand auf dessen Antlitz ein Glanz wie Reflex von Infallibilität und Nachfolge im Papsttum. Die Aufregung ist groß, selbst unter den Römern. Der alte Graf F. sagte mir gestern: ich prophezeie Ihnen, daß drei Viertel Italiens sich vom Papsttum trennen werden. Das aber glaube ich nicht. Pichler glaubt nicht an das Ausharren der Minorität oder nur der wenigsten Bischöfe, wie Stroßmayer. Die anderen würden sich unterwerfen. Er reiste gestern nach Petersburg zurück. Kurz zuvor gab Paul Friedmann ihm zu Ehren ein Frühstück im Hotel di Roma, wo anwesend waren Odo Russell, der russische Agent Kapnist und Lord Acton, der Verfasser der Briefe über das Konzil, welcher mir sagte, daß er nächstens eine direkte Postverbindung nach München für sich einrichten werde. Döllinger empfängt Adressen aus allen Teilen des katholischen Deutschlands, wo die Bewegung stark wird. Ich hoffe auf einen Ruck der Weltgeschichte nach vorwärts, in Folge dieser monströsen und letzten Grenze, welche das Papsttum erreicht. Ich habe durch den deutschen Kurier abgeschickt Band IV, revidiert bis Bogen 20, und das Kapitel V vom Band VII.   Rom, 12. März Am 9. große Soiree bei Frau Platner: viele Bischöfe, auch Mechitaristen und Orientalen mit langen Bärten, umringt von jungen Damen, wie Pyramiden von Efeu umschlungen. Ich lernte dort Stroßmayer kennen: ein Mann mit hoher klarer Denkerstirn. Haynald ist lebhafter Weltmann; Stroßmayer ruhig und fest; in seinen Augen liegt die Verschmitztheit des Slawen. Im Grunde halte ich den einen wie den anderen für echte Pfaffen, voll Ehrgeiz und Eitelkeit. Es kam dorthin auch Ernst von Bunsen. Gestern sah ich Hefele im Quirinal, wo er wohnt. Er ist ein Mann von angenehmem Äußeren, von blühender Gesundheit, so daß sie den deutschen Gelehrten nicht kundgibt, der über Büchern und Papier alt geworden ist. Da ich seine Zurückhaltung merkte, sprach ich nur von seiner Konziliengeschichte, die er nicht zum Tridentinum fortzuführen gedenkt, weil ihm fortan die Muße dazu fehlen wird. Die Infallibilisten jubeln. Am 19., am Tag St. Joseph, so denken sie, wird das große Götzenbild erhoben werden. Stroßmayer hat einen männlichen Brief an Gratry geschrieben, den die ›Allgemeine Zeitung‹ abdruckt, Montalembert einen Brief veröffentlicht, worin er sich von der Idolatrie der Ultramontanen lossagt. So geht denn auch solchen Leuten ein Licht im Dunkel auf. Die Briefe Darus an Dupanloup bestätigen sich als echt.   Rom, 27. März Die Definition der Infallibilität ist verschoben worden, und darin erblickt man die Wirkung von energischen Erklärungen Frankreichs und Österreichs. Das Benehmen der Staatsgewalten in bezug auf das Konzil ist ganz unrichtig gewesen; entweder mußte man dasselbe mit Geringschätzung behandeln oder es durch Bevollmächtigte überwachen. Dies jetzt zu tun, wo die Bischöfe in die Fesseln der Geschäftsordnung geschlagen und die Dinge bis zur Formel der Infallibilität vorgedrungen sind, ist unnütz, weil zu spät. Pasquino hat folgendes Epigramm auf diese Infallibilität gemacht: Quando Eva morse, e morder fece il pomo, Gesù per salvar l'uom, si fece uomo; Mà il Vicario di Crist, il Nono Pio, Per render schiavo l'uom, si vuol far Dio. Ich war öfter mit Stroßmayer und Haynald zusammen und vor einigen Tagen zum Diner bei Tauffkirchen mit mehreren französischen Bischöfen, darunter La Place von Marseille, Callot von Oran, Landriot von Reims. Die Gesellschaft dieses Winters wird ganz von Bischöfen beherrscht, die man in allen Salons findet – ein solcher Zustand ist in Rom seit langen Zeiten nicht gesehen worden. Trotzdem, daß katholische Bischöfe außerhalb der Familie stehen, zeigen sie doch mehr gesellige Gewandtheit als die protestantischen Geistlichen auch der höchsten Grade. Es hat stürmische Sitzungen gegeben; einmal wurde auch der Kardinal Schwarzenberg durch die Glocke des Präsidenten Capalti zur Ordnung gerufen, aber er gehorchte nicht, sagend, daß er Kardinal sei und noch dazu Erzbischof und Primas. Mit der Zeit stumpft sich der Anteil am Konzil ab, auch befestigt sich die Ansicht, daß auf die Definition der Infallibilität kein Schisma, sondern stupide Unterwerfung der Renitenten folgen werde. Es kam Hase aus Jena und Baron Reyher aus Konstantinopel, welcher sich als ein eingefleischter Absolutist zu erkennen gab. Auch Tchicherine aus Moskau kam, der seiner Professur entsagt hat und in private Verhältnisse zurückgetreten ist. Maltzahn, berühmt als Mekka-Pilger, schickte mir durch den General von Schweinitz sein Buch über Sardinien. Dasselbe hat mich von meinem früheren Wunsch, diese Insel zu sehen, geheilt. Maltzahn schildert sie als eine verpestete Fieberwüste, aber er hat wenig Sinn für landschaftliche Schönheit. Es ist auffallend, wie selten die Fähigkeit plastischer Darstellung angetroffen wird. Die beiden letzten Kapitel des Bandes VII habe ich druckfertig gemacht und die Aufzählung der römischen Stadtgeschlechter nach den Regionen vervollständigt. So will ich in diesen Tagen meine Arbeiten zum letzten Bande wieder vornehmen und diese so weit fördern, daß mir nur eine leichte Winterarbeit übrig bleibt. Für den jüngst verstorbenen Montalembert hatte dessen Schwager Merode Exequien in Araceli angeordnet, wo Dupanloup eine Rede halten sollte; die Jesuiten, erbittert über die letzten Absagebriefe jenes berühmten Mannes, hintertrieben dies, und der kleinliche Papst befahl, die Totenfeier abzustellen. Er selbst ging tags darauf um 9 Uhr nach S. Maria Traspontina, wo er ohne alle Vorbereitung eine Totenmesse für einen gewissen Signor Carlo zu rüsten befahl. Montalembert war bis zur letzten Zeit einer der eifrigsten Kämpfer für das Papsttum, aber kaum hatte er jene Briefe geschrieben, so vergaßen die Jesuiten alle seine Verdienste, und sie bewarfen den Sterbenden mit Kot. Es ist ein altes Wort, daß es keine undankbareren Menschen als die Priester gibt. In der letzten Kongregation ging es so stürmisch her, daß ein amerikanischer Bischof erklärte, der Skandal im Konzil überbiete selbst die Tumulte amerikanischer Versammlungen. Stroßmayer verteidigte die Protestanten gegen die frechsten Angriffe, indem er sagte, daß es unter ihnen wahrhaft religiöse Männer gebe, auch hätten sich manche, wie Leibniz und Guizot, um die Kirche verdient gemacht. Er wurde durch einen Höllenlärm unterbrochen; man schrie: «tu es protestans, tu es haereticus, descendas» . Man ballte die Fäuste gegen ihn wie auf der Räubersynode. Der Tumult war so stark, daß man ihn im St. Peter hören konnte. Am folgenden Tage empfing Stroßmayer viele Besuche, selbst von spanischen Bischöfen; auch Ketteler kam zu ihm und sagte ihm, daß nur seine Unfertigkeit im Lateinischen ihn verhindert habe, für ihn aufzutreten. Stroßmayer ist der Held des Konzils. Wenn er nicht an Österreich einen Rückhalt hätte, würde man ihn hier wohl schon festgesetzt haben wie zwei armenische Bischöfe, die im Palast der Inquisition gefangen sitzen. Am Sonntag hörte ich Hefele in der Anima predigen; er hat einen ruhigen, gebildeten Vortrag. Eine exaltierte Dame verglich ihn auf seiner Kanzel mit einem Lenker auf der Biga, der seiner Gedankenrosse mächtig ist, aber zu erkennen gibt, daß er sie könnte dahinrasen lassen, wenn er es wollte. Ob dieser Mann aber überhaupt Gedankenrosse besitzt? Er verglich unser Leben mit dem Passahfest der Juden, welche, mit dem Ranzen und den Stab in der Hand, ihr Freudenmahl hastig einnehmen und dann weiterziehen. Den Vergleich hat bereits Chateaubriand in seiner ›Reise in Amerika‹ schön ausgesprochen. Ich ging auf der Navona umher, mein eignes Leben überblickend. Der Platz wird umgebaut. Der Markt soll von dort nach Campo di Fiore verlegt werden. Am 28. März verweigerte man mir gewisse Handschriften auf der Vaticana; dort ist nämlich ein Jesuit, Pater Bollig, als Scriptor eingedrungen; ich sah sein boshaftes Lächeln und erkannte daraus, welche Stunde für mich geschlagen habe. Wahrscheinlich bin ich zum letztenmal auf der Vaticana gewesen, doch auch ich kann lächeln, denn mein Werk ist fast fertig geworden. Monsignor Martinucci war unhöflich und grob. Ich kehrte ihm den Rücken und ging davon.   Rom, 14. April Ich habe die Nachträge zum letzten Bande in den Bibliotheken begonnen. Von meinem Prinzip, mich der Gesellschaften zu enthalten, mußte ich leider abgehen, was mir schlecht bekam. Es kam Ulrici aus Halle, der bekannte Kenner Shakespeares, und mit ihm aß ich einmal bei Lord Acton. Er ist ein bejahrter Mann, professorlicher Erscheinung. Nach dem Diner verteidigte ich aus Satire die Infallibilität des Papsts und brachte auch die Gesellschaft dahin, daß sie aus historischen Prämissen die Logik dieses Absurdums anerkennen mußte. Bei Acton lebt noch rüstig seine Großmutter, einst die Gemahlin des Ministers Acton aus der Zeit Karls III. und Ferdinands von Neapel. Heute ist eine Generalsitzung des Konzils, worin das Prooemium de fide und vier Glaubensartikel proklamiert werden. Banneville kam mit einer würdevoll und kräftig gehaltenen Note Frankreichs zurück, welche er dem Papst überreichte, und diese ist von den Gesandten der Mächte in corpore unterstützt worden, also der erste Schritt der Zivilgewalt in Angelegenheiten des Konzils. Der Selbstmord Jaffés, der sich in Wittenberg erschoß, hat mich tief erschüttert. Die Ursache ist mir noch dunkel. Vielleicht genügte seinem Geist die bloß kritische Forschung und das Sammeln von Material nicht, während ihm die Natur das versagt hatte, was den Geschichtsforscher macht, die Phantasie, welche Kunstwerke erzeugt. Seine Leistungen als Forscher sichern Jaffé die Fortdauer in den Bibliotheken.   Rom, 1. Mai Die Überreichung der Note Darus hat nur diese Wirkung hervorgebracht, daß die Präsidenten des Konzils den Vätern das Schema de ecclesia zugeschickt haben, worin der Artikel der Infallibilität zur Sprache kommt. Zunächst berät man über den kleinen Katechismus; jenes Dogma selbst soll nach 14 Tagen an die Reihe kommen. Der Papst ist entschlossen, diese Herausforderung der Welt ins Gesicht zu schleudern und als ein infallibiles Wesen zu sterben. Die Bischöfe der Minorität sind außer sich; sie sandten eine Deputation in den Vatikan. Aber diese ward nicht angenommen. Die Stadt leert sich, die große Hegira hat begonnen, und so kehren wir Bleibende wieder zu uns selbst zurück.   Rom, 15. Mai Vor acht Tagen empfing ich Schlözer auf der Eisenbahn. Er kam von Mexiko, seine Freunde wiederzusehen, und blieb hier ein paar Wochen. Er war berauscht von Entzücken, sich in Rom wiederzufinden. Er ist begeistert von der Machtentwicklung Deutschlands auch jenseits des Ozeans, wo der Großhandel in den Händen der Deutschen sei. Am 5. Mai machte ich eine Vergnügungsfahrt mit 11, sage elf englischen und amerikanischen Damen, nach Castel Fusano. Obwohl ich ungern mitgegangen war, erheiterte mich doch die große Natur, und auch die Gesellschaft war angenehm. Mistress Fellmann und ihre Nichte Ada sangen italienische Volkslieder zur Guitarre. Immer neue Menschen und neue Bilder auf alten Szenen. Gestern kam die Fürstin Carolath durchreisend nach Florenz. Sie sprach viel über Reumont, den sie treffend und scharf charakterisierte. Der Druck des Bandes VII schreitet vor; ich fürchte den Index, welcher mir, meiner Arbeiten zum letzten Bande wegen, sehr unbequem werden könnte und will Cotta vorschlagen, Band VII um einige Monate zurückzuhalten. Vorgestern kam die Infallibilität zum erstenmal in der Kongregation zur Besprechung. Ihre Vorlage soll von der Majorität mit ungeheurem Jubel begrüßt worden sein. Haynald, dem ich im Corso begegnete, hielt mich fest und sagte mir, daß er eben 22 Franzosen und andere Bischöfe für einen förmlichen Protest gewonnen habe; denn mit solchem wolle man jetzt auftreten, aber er sagte nichts Näheres. Antonelli hat die Noten Österreichs und Frankreichs mit diplomatischen Phrasen beantwortet, aus denen doch das ganze krasse Selbstbewußtsein der Omnipotenz des Papsttums hervorblickt. Die Jesuiten werden quand même ihr Stück durchsetzen und so die kolossalste aller Lügen in der Welt als Dogma aufrichten. Aus dieser Lüge wird ein ganzes unabsehbares Gewebe andrer Lügen und Heucheleien hervorgehen. Dem deutschen Geist wird dadurch nochmals die Aufgabe gestellt, die Welt vom römischen Betrug zu befreien.   Rom, 29. Mai Am 21. war ich mit Lindemann und Dr. Rühl nach Bracciano gefahren, um den See und das alte Schloß der Orsini kennenzulernen. Rühl reiste vorgestern nach Deutschland zurück, wo er bei einer reichen Familie eine Stellung als Erzieher angenommen hat. Er ist ein junger Mann von vielem Wissen im Fach der Philologie und Geschichte. Er wird das Register meiner ›Geschichte‹ ausarbeiten. Die Debatten über das Absurdum dauern im Konzil fort. Der Primas von Ungarn und Darbois sollen gut geredet haben. Noch viele Redner von den 82 eingeschriebenen haben sich hören zu lassen, ehe die Diskussion erschöpft wird. Man beginnt von Vertagung des Konzils zu sprechen, aber andere behaupten, sie werde nicht stattfinden, weil es Taktik sei, die Opposition in der Hitze abschmelzen zu lassen und dann den Handstreich durchzuführen. Die Minorität soll heute auf 120 Stimmen zählen können. Doch was bedeutet sie? Unter ihr gibt es wohl nur wenige, welche, wie etwa Hefele und Stroßmayer, die Infallibilität aus rationellen Gründen bekämpfen; die meisten tun es wegen ihrer bischöflichen Stellung, weil sie die Rechte des Episkopats nicht dem Papst abgeben wollen. Die meisten sind Römlinge und haben hundertmal dem Papst Adressen des Gehorsams geschickt und ihm erklärt, daß er ihr Gebieter, das alleinige Haupt der Kirche sei, von dem diese ihr Licht und ihre Leitung empfange, daß sie glauben, was er glaubt, und verfluchen, was er verflucht. Diese Monsignoren, welche plötzlich in den Geruch der Liberalität gekommen sind, weil sie eine Lächerlichkeit bekämpfen, lehren und glauben Dogmen, die noch lächerlicher und absurder sind. Schlözer hält Haynald für einen eiteln Schwätzer. In Frankreich ist eine Broschüre erschienen: ›Ce qui se passe au concile‹; sie soll unter Direktion Marets entstanden sein – sie ist in Döllingers Sinne und sehr gut. Die Noten der Regierungen an den Heiligen Stuhl sind nach und nach veröffentlicht worden, zuletzt die von Preußen, welche gut abgefaßt ist. Der spanische Diplomat Ximenez erklärte letzthin im Ernst, daß der Papst wirklich verrückt sei. Dies ist wahrscheinlich; die Vergötterung, die er erfahren hat, ist ihm zu Kopf gestiegen. Dazu kommt sein langes Pontifikat, welches ihm die Ansicht beibringt, daß er ein prädestiniertes Werkzeug Gottes sei. Ich sah ihn vor einigen Tagen in der Villa Borghese zu Fuße; er sah ganz verklärt und durchleuchtet aus, wie ein in Öl getränktes Transparent. Zuaven stürzten vor diesem wackelnden Halbgott in den Staub, seine Hände zu küssen; die Nobelgarden mußten ihm den Weg freihalten; als er endlich in die Karosse stieg, schrien Fanatiker: » Evviva Pio Nono Infallibile .« Gestern fuhr Schlözer nach Deutschland zurück, um dann nach Mexiko zurückzukehren, wo er noch einige Jahre zu bleiben gedenkt. Er nahm das Manuskript des letzten Kapitels meines Bandes VII mit sich. Alle Freunde haben Rom verlassen.   Rom, 7. Juni Am Pfingstsonntage (vorgestern) war ich mit beiden Tallenay, Lindemann und Ximenes erst nach Frascati und dann nach Rocca di Papa gefahren. Leider regnete es fast immer. Unterdeß hat die Inszenierung der Infallibilität einen Schritt vorwärts gemacht. Die Reden der Minorität brachten eine große Wirkung hervor; es sprachen Stattler, Darbois und Stroßmayer, welcher alles, selbst die Infallibilisten, hinriß. Diese hatten den Grundsatz angenommen, ihre Gegner sich totreden zu lassen; sie antworteten nicht; denn welche Gründe konnten sie entgegenstellen? So sollte sich diese Diskussion gegen eine stumme Wand noch lange hinziehen, als vor vier Tagen plötzlich die Legaten des Konzils die Rede Marets mit der Erklärung unterbrachen, daß die Diskussion beendigt sei. Nach der neuen Geschäftsordnung war dies ein Recht der Legaten. Die Minorität setzte sofort einen Protest auf, den man wird ad acta gelegt haben. Was Veuillot und Margotti längst verkündigt haben, daß die unverzügliche Definition des Dogmas notwendig sei, wird nun trotz aller Noten der Kabinette geschehen. Man glaubt, daß die Abstimmung am 16. Juni, dem Wahltage des Papsts, vor sich gehen werde; an diesem wird man ihm die Infallibilität zum Geschenk bringen, am Fest St. Peter und Paul das Dogma selbst verkündigen. Ich will so lange in Rom bleiben; denn solche schöne Sachen sieht man ja nur einmal im Leben. Viele glauben im Ernst, daß der Papst verrückt sei. Er hat mit Fanatismus bei diesen Dingen Partei genommen und Stimmen für seine Vergötterung selbst geworben. Ich denke, wir erleben noch Wichtiges, ehe dieses Jahr zu Ende geht. Man spricht von einer neuen Note Frankreichs und der Erklärung, daß nach der Dogmatisierung der Infallibilität das Konkordat erloschen sei, die Kirche vom Staat getrennt, die Okkupationsarmee zurückberufen werden solle.   Rom, 19. Juni Haynald ist mutlos geworden. Er sagte mir, daß die Opposition, welche beim letzten Protest 137 Stimmen betrug, auf 80 zusammengegangen sei. Er rechne überhaupt, daß nur 60 bleiben werden. Ich lächelte, denn auch diese Zahl ist zu groß. Haynald sagte, daß in ihren Zusammenkünften absichtlich von dem, was man nach dem Dogma zu tun habe, noch nicht die Rede gewesen sei, weil diese Frage wie eine Bombe unter die Minorität fallen würde. Natürlich; denn nicht zwei oder drei werden sich finden, welche ihre werte Person einsetzen wollen. Der Papst nimmt die wichtigste Frage der Kirchenverfassung durchaus persönlich. Er richtet Briefe an den niederen Klerus, den er gegen die Bischöfe aufreizt. Da er zum Bischof aller Bischöfe erklärt werden soll, so wird er schon dadurch den Klerus für sich haben, welcher sich gern vom Episkopat emanzipieren läßt. So soll der gründlichste Despotismus in der Kirche eingeführt werden. Der Papst hat vor kurzem seine Infallibilität probieren wollen, wie die Franzosen ihre neuen Chassepots; auf einem Spaziergange hat er einem Paralytischen zugerufen: erhebe dich und wandle. Der arme Teufel versuchte es und stürzte zusammen. Dies hat den Vizegott sehr verstimmt. Die Anekdote wird bereits in Zeitungen besprochen. Ich glaube wirklich, daß er verrückt ist. Theiner ist plötzlich abgesetzt worden und an seiner Stelle Cardoni zum Archivar ernannt. Man ließ ihm zwar die Schlüssel, als er aber eines Morgens das Archiv öffnen wollte, fand er das Schloß verändert. Dies ist echt römisch. Der Papst ließ Theiner rufen. Er überhäufte ihn mit Vorwürfen der Untreue, daß er Stroßmayer Dokumente über das Tridentinum gegeben und sogar Lord Acton in das geheime Archiv eingelassen habe. Er war so heftig, daß er zitterte; Theiner selbst sagte ihm: »Heiliger Vater, beruhigen Sie sich, es könnte Sie der Schlag rühren«. Nun hat Theiner für alle seine im Archiv zusammengetragenen Bände über die Rechte auf das Dominium Petri den Lohn empfangen. Der Fanatismus ist grenzenlos. Wir haben das Gefühl der Sicherheit verloren, und nach 18 Jahren meines Lebens in Rom fühle ich mich hier fremder als am ersten Tage. Die Luft ist moralisch vergiftet; mich ekelt vor dem Anblick dieses Götzendienstes, dieser alten und neuen Idole und dieses ewigen Zustandes von Lüge, Heuchelei und krassestem Aberglauben. Ich könnte an der Menschheit verzweifeln, nicht um der Priester willen, die doch ihr Handwerk forttreiben müssen, aber wegen ihrer Knechte. Lord Acton ist abgereist. Der Kardinal Guidi hat sich plötzlich gegen die Infallibilität ausgesprochen, worüber die Majorität entrüstet, die Minorität voll Jubel war. Der Papst machte ihm bittere Vorwürfe. Die Sache schien wieder ins Schwanken zu kommen; doch gestern sagte Haynald, daß man trotz alledem vorgehe. Man erwartet die Definition des Dogmas etwa um den 25. Juli. Die Bischöfe schmachten bei der großen Hitze nach der Abreise, aber keiner von ihnen erhält Pässe, auch nur nach Neapel zu gehen. Ich habe meine Arbeiten geschlossen und reise morgen ab nach Arezzo und Florenz. Mit Trauer nahm ich in diesen Tagen Abschied von dem sommerlichen Rom, da mir ahnt, daß ich keine Sommerzeit mehr hier werde zubringen dürfen. Nachmittag. Eben kam Haynald zu mir, im Begriff, in die internationale Versammlung der Bischöfe zu gehen, wo er versucht, noch einige der Redner zum Verzicht auf das Reden zu bringen. Sie alle hatten diesen, wie er sagt, gegeben, nur sechs Franzosen seien nicht dazu zu bewegen, namentlich Dupanloup. Haynald meinte, daß innerhalb zehn Tagen das Ganze beendigt sein werde, es sei denn der Papst stürbe zuvor. Eben hatte er ein Billett von Stroßmayer erhalten, welcher ihm mitteilt, der Papst fühle sich unwohl; doch habe ihn gestern ein Ungar im besten Wohlsein angetroffen. Haynald klagte bitter über den Leichtsinn des Papsts, der einst der Abgott aller Menschen gewesen sei und zu dem die Bischöfe alle so treu und fest gestanden; nun erfolge ein innerlicher Abfall am Ende seines Lebens. Er sagte mir in der Aufregung: »Ich werde meine bischöfliche Würde niederlegen, die Botanisierkapsel über die Schulter hängen und wieder Naturforscher sein.« Wir wollen das abwarten. Haynald ist der reichste Prälat in Ungarn und gewöhnt an großen Stil des Lebens, an Huldigungen und Ehren. Ein schöner, sanfter, wohlredender Mann von sinnlicher Wärme und Attraktion. Mir ahnt, daß während meiner Abwesenheit von Rom Ereignisse eintreten werden, die ich gerne hier erlebt hätte.   Florenz, 10. Juli Fontana Am 4. Juli abgereist nach Arezzo, wo ich abends ankam und den folgenden Tag verlor, da mich die heftigste Kolik überfiel, gleich jener vorigen Jahrs in Siena. Auch Fieber zeigte sich. Ich konnte Arezzo kaum durchschleichen. Dieser heftige Anfall war die Befreiung von innerer Entzündung infolge der großen Hitze, und seither fühlte ich mich wohler. Ich langte am 5. in Florenz an; am 6. begann ich meine Arbeiten im Archiv. Diese schloß ich gestern. Bonaini war abwesend; Uccelli fand ich tot, Cesare Guasti an seinem Platz. Sabatiers waren fortgereist; nur Amari traf ich, aber im Begriff, an die Bocca di Pisa in die Bäder zu gehen. Ich fand hier niemand vor, als Theodor Heyse und Fournier von der Gesandtschaft. Die Hitze ist kaum erträglich. So viel ich wahrnahm, herrscht hier vollkommenste Gleichgültigkeit wegen des Konzils. Die Infallibilität bekümmert hier niemand. Man vergnügt sich mit Karikaturen. Ich sagte darüber Canestrini, daß es diese kirchliche Gleichgültigkeit der Italiener sei, welche das Papsttum in seinem Wahnsinn unterstützt. Seit einigen Tagen ist die Frage der spanischen Thronkandidatur Hohenzollerns als Gewitter am Horizont aufgestiegen. Sollte diese Veranlassung den Krieg herbeiführen und den viel verschlungenen Knoten europäischer Wirrsale auflösen helfen? Die italienische Presse ist in ihrer Ansicht geteilt, doch wittert man wieder eine Gelegenheit, Napoleon in die Zwickmühle zu setzen. Ich habe das Grab Paulinens einige Male besucht. Der Kirchhof bleibt in der erweiterten Stadt stehen, als Garten, mit einem eisernen Gitter umschlossen.   München, Glückstraße, 24. Juli Die Aufregung, in welche die Kriegserklärung das Vaterland versetzt hat, verschlingt alles Persönliche. Doch will ich kurz meine Stationen verzeichnen. In Modena fand ich kaum etwas für meine Zwecke; am 11. ging ich nach Ferrara, wo ich nächtigte; von dort über Verona nach Innsbruck. München erreichte ich am 13. Kaum war ich in München, so begann der Kriegslärm von neuem, und das Unerhörte ward Ereignis. Wie ein Mann erhob sich ganz Deutschland; Bayern, Württemberg, Baden anerkannten den casus foederis . Der Kampf in der bayerischen Kammer war heiß, aber der Sieg blieb den Deutschgesinnten. Mit 117 Stimmen gegen 47 wurden die Vorlagen der Regierung angenommen. Patriotische Kundgebungen des Volks vor dem König. Die Partei der Dunkelmänner und Preußenfeinde wurde wie durch Zauber überwältigt. Der Geist von 1813 erwacht. Ein Enthusiasmus wie in der Väter Tagen. Am 16. Juli führte der Bruder seine Batterien nach Graudenz zurück, dort mobilzumachen. Seine Bestimmung, ob zur Rheinarmee oder an die Küsten, kennt er noch nicht. Ich habe keinen Sinn für die Arbeit, obwohl ich täglich zur Bibliothek gehe. Noch vor dem Schlunde der Kanonen druckte Cotta Band VII und IV fertig. Ich sah alte Freunde wieder, Kaulbach, wo ich mit Döllinger zu Tische war, Jochmus, Schack, Willers. Riehl traf ich bei Giesebrecht. Vorgestern kam Frau von Tallenay. Ich sah mit ihr den letzten Akt der ›Walküre‹. Gervinus schrieb. Er bleibt in Heidelberg. Gräfe ist tot! Der Kronprinz von Preußen soll morgen hier eintreffen, um die Südarmee zu kommandieren.   München, 29. Juli Ich sah den Einzug des Kronprinzen, vorgestern 11 Uhr. Die tatsächliche Versöhnung zwischen Nord- und Süddeutschland, die tatsächliche Einigung des Vaterlandes ist da. Der Kronprinz fuhr unter endlosem Jubel des Volks neben dem jungen König zur Residenz. Abends kamen sie ins Theater, wo ›Wallensteins Lager‹ gegeben wurde. Enthusiastischer Jubel überall. In der Frühe 3 Uhr setzte der Kronprinz seine Reise nach Stuttgart fort. Die Enthüllungen der Anträge Napoleons an Preußen gleich nach 1866 und auch in der Gegenwart haben dessen Politik förmlich entlarvt. Bismarck hat ihn wie einen Marsyas geschunden. Die Mobilmachung ist vollendet. Wir haben, so scheint es, einen Vorsprung vor dem Feinde. Die patriotische Erhebung Deutschlands, seine Waffenstärke und schnelle Kriegsbereitschaft ist ein staunenswürdiges Schauspiel ohnegleichen.   München, 31. Juli Vorgestern fuhr ich mit Dr. Erhardt und Frau über Augsburg nach dem Lechfelde, die noch dort liegenden bayerischen Regimenter zu sehen. Der Oberst eines derselben kam mit seinem Adjutanten zu Pferde an und wurde mit Musik und Hurra empfangen. Wir hatten eine Lagerszene wie im ›Wallenstein‹. Kräftige Leute, ruhig und ernst. Einige Soldaten saßen auf Holzbänken und schrieben Briefe mit Bleistift. Man exerzierte vor dem Lager. Eine weite ebene Landschaft ringsum, aus der Kirchdörfer und Baumgruppen hervorsehen. Ein prachtvolles Gewitter verdunkelte den Himmel. Wir sahen auf dem Grunde dieses Gewölks einen großen Eisenbahnzug mit zwei Dampfmaschinen, gefüllt von Militär, vorüberfahren – was ein imposantes Schauspiel war. Gestern gab einer der Sängervereine Münchens eine Vorstellung im National-Café zum Besten der Verwundeten. Man sang patriotische Lieder. Arndts ›Vaterland‹ erregte noch jubelnden Enthusiasmus. Dort sprach ich den General von der Tann, der erst morgen mit dem Stabe nach der Pfalz abgeht. Wunderlicherweise wollte er nur vom Konzil in Rom hören. Auch Mohl, der badische Gesandte, kam an unseren Tisch. Er sagte, daß der König Wilhelm schon ins Hauptquartier nach Frankfurt gegangen sei, während der Kronprinz das seine in Speyer habe. Die Pfalz sei gefüllt auch von preußischem Militär; dort stehe ein Teil der Garde. Den Beginn des Kampfes erwarten wir stündlich, und wie werden die Franzosen angreifen? Ganz Deutschland flammt von Begeisterung. Es sind erhebende Zeiten. Die Opferwilligkeit ist groß. Nirgend Prahlerei. Wenn die Truppen hier abziehen, geschieht es ohne Vivatruf, mit furchtbarem Ernst. Man berechnet unsere Macht am Rhein auf 550 000 Mann; die der Franzosen nur auf 300 000. Rüstow hat mir das vorhergesagt. Keine Briefe vom Bruder. Am 29. sah ich den letzten Bogen von Band IV durch auf der Eisenbahn und warf ihn in Augsburg in den Kasten.   München, Glückstraße 1b, 6. August Gestern in der Frühe brachten Anschläge die erste Siegesnachricht. Der Kronprinz hat Weißenburg erobert und 800 Gefangene gemacht. Ich fuhr mit Erhardts nach Starnberg in die Villa Angelo Knorr, wo wir ein solennes Freudenmahl einnahmen. Unsere Armeen gehen vor in Feindesland, und dort, nicht in deutschen Gauen, wird die Schlacht der großen Katastrophe geschlagen werden. Ganz Deutschland steht wie ein Mann gegen Frankreich; es war nie so stark, weil niemals so einig wie jetzt. Es herrscht eine gehobene, siegeszuversichtliche Stimmung. Italien bleibt neutral. Die Franzosen schiffen sich in Civitavecchia ein, und Rom wird fallen, sobald Napoleon gestürzt ist. Ich kann nichts arbeiten. Vom Bruder keine Briefe.   München, 8. August Am 6. abends war ich im »Goldnen Bären« mit einer zahlreichen Gesellschaft. Ein Adjutant trat herein und verlas eine Depesche vom Kriegsministerium: »Siegreiche Schlacht bei Wörth. MacMahon mit dem größten Teile seiner Armee vollständig geschlagen. Die Franzosen auf Bitsch zurückgeworfen. Auf dem Schlachtfelde bei Wörth 4 ½ Uhr nachmittags. Friedrich Wilhelm, Kronprinz.« Schack kam am Morgen und stürzte mir in die Arme, so auch Erhardt. Dr. Thomas kam. Bald neue Meldung von der Schlacht; 2 Adler, 6 Mitrailleusen, 30 Kanonen, 4000 Gefangene. Neue Meldung von dem Siege über Frossard bei Forbach. Gestern abends kamen französische Gefangene. Eine zahllose Menschenmenge erwartete sie. Man reichte ihnen gutmütig Lebensmittel, Zigarren, selbst Geld. Unsere Heere ziehen gegen Metz, wo vielleicht in diesem Augenblick eine große Schlacht geschlagen wird. Die ›Kölnische Zeitung‹ gibt eine Berechnung der Streitkräfte auf beiden Seiten. Danach zählt der Norddeutsche Bund allein 994 000 Mann, und mit dem Süden sind es 1 Million 120 000 streitbare Männer. Dagegen hat Napoleon nur einen Effektivbestand von 400 000 Mann und hinter sich nichts als die untüchtigen Mobilgarden. Kannte er seine Streitkräfte nicht? Wenn dies, so ist es eine Verblendung, die dem Wahnsinn gleicht. Auch wenn sich der Landsturm von ganz Frankreich erhebt, ist er machtlos gegen die disziplinierten Legionen Deutschlands, ihre Waffen und ihre vernichtende Taktik. Der verzweifelte Spieler setzt sich und die Ehre Frankreichs auf die letzte Karte, die er verliert. Vielleicht heute schon ist die Schlacht vor Metz geschlagen. Vor Paris, so hoffe ich, diktieren wir den Frieden, und dann wird der deutsche Kaiser sagen, was eine Wahrheit ist: L'empire allemand c'est la paix! Massenhafte Verwundete von unserem Heer. Heute telegraphierte der Oberbürgermeister von Karlsruhe, daß die Not an Lebensmitteln dort groß sei. Auch München schickt diese und anderes. Heute ging Dr. Erhardt mit Ärzten nach Karlsruhe ab. Vom Bruder gestern Nachricht. Er war am 4. August in Kassel. Seine Direktion wußte er noch nicht. Ich lernte heute Oskar von Redwitz kennen, der mir sein Gelegenheitsgedicht ›Napoleon‹ mit wichtiger Miene schenkte. Ich bin beschämt über meine Tatlosigkeit und daß ich hier nur als Zeitungsleser vegetiere. Aber wo darf ich nützlich sein? Was ist heute Schrift und Wort? Die Tat überflügelt sie. Frankreich taumelt wie ein Stier, auf dessen Stirn der Schlag eines Riesen fiel.   München, 10. August Die französische Regierung ist ratlos. Nie zeigte sich eine große Nation in so tiefer moralischer Auflösung. Man traut seinen Sinnen nicht. Nach dieser himmelstürmenden Großprahlerei welch ein klägliches Ende! Man spricht von einer Revolution in Paris – sie ist wahrscheinlich. Die deutschen Heere rücken auf Metz, wo Bazaine die letzte Armee Frankreichs aufstellt. Stündlich erwarten wir die Kunde der Entscheidungsschlacht. Für die ›Allgemeine Zeitung‹ schrieb ich den Artikel ›Nemesis‹. Diese Spanne Zeit mit ihren weltgeschichtlichen Ereignissen ist ein Extrablatt der Weltgeschichte. Dann wird Rom an die Reihe kommen, die Erlösung der Menschheit von dem zweiten Inkubus des Größenwahnsinns vollständig zu machen. Heute sah ich einen Zug von 800 französischen Gefangenen auf dem Bahnhof; sie gingen nach Ingolstadt. Es waren Soldaten jeder Waffe, doch nur wenige Turcos. Sie füllten etwa 30 Waggons; alle lagen sie in den Fenstern. Einige sahen munter aus. Ich sprach mit Franzosen und Korsen. Sie fuhren in Waggons dritter Klasse; drinnen und draußen Eskorte mit geladenem Gewehr. Nur einen Offizier sah ich. Die übrigen, etwa zwanzig, hielten sich verborgen. Man sagte mir, sie säßen auf dem Boden der Waggons, um sich nicht sehen zu lassen. So vergeht alle Größe in der Welt. Ich gedachte meiner französischen Freunde, zumal Ampères, der glücklich ist, weil tot. Viele Menschen, aus dem Volk, gingen an den Waggons hin und reichten den Gefangenen Lebensmittel und Zigarren. Ich sah eine Frau, einen großen Korb am Arm, aus welchem sie unermüdlich hin- und hergehend Brote jenen hinaufreichte. Einer der Gefangenen wischte sich die Augen. Viele Verwundete kamen. Königliche Wagen holten sie in die Spitäler, schrittweise fahrend. Ein Verwundeter starb, da sein Wagen stille hielt. Wir haben 4000 Mann bei Wörth verloren. Von dem Bruder noch keine Nachricht. Band IV 2. Auflage kam fertig gedruckt. Ich arbeite nichts in diesen Tagen.   München, 15. August Der Bruder schrieb am 15. August aus Tholey, ein paar Stunden von Saarlouis, wo er mit seinen Batterien angelangt war. Eine derselben war am 6. im Feuer bei Saarbrücken. Heute weiß ich ihn im Gefecht vor Metz. Denn eben wird eine Depesche ausgegeben: »Berlin, 15. August 10 Uhr 5 Minuten. Der König an die Königin. Siegreiches Gefecht vor Metz durch Truppen des 1. und 7. Armeekorps. Details fehlen. Ich begebe mich auf das Schlachtfeld.« Der Bruder steht im 1. Armeekorps unter Steinmetz. Während ich das schreibe, ist er vielleicht im Kampf. Preußische Kavallerie steht in Nancy. Die Franzosen verzweifeln. »Wir sind verloren«, so las man in einem Briefe eines französischen Hauptmanns. »Wir können nicht siegen; der Ungestüm der Preußen ist zu groß.« Es ist ein Lavastrom, der in Frankreich hineinbricht. Er zermalmt diese einst stolzesten Heere der Welt. Begeisterung für eine hohe Idee, Bewußtsein der großen Zukunft, Waffenglück, praktische Intelligenz und Regulierung des Willens durch den kategorischen Imperativ Kants: alles dies vereinigt sich, um Deutschland unwiderstehlich zu machen. Das Ministerium Ollivier stürzte, und Palikao tritt an dessen Stelle. Bazaine, der Mörder Maximilians, führt den Oberbefehl des demoralisierten Heeres. Gestern führte man zwei eroberte Kanonen mit Jubelgeschrei durch die Straßen – ich war gerade zu Tisch bei Kaulbach mit Graf Moy. Die Geschütze stehen vor dem königlichen Schloß. Es sind Zwölfpfünder, aus der Fabrik von Toulouse. Sie tragen Namen; das eine heißt Nestor, das andere bedeutungsvoll le Naufrage . Gestern kam Dr. Erhardt vom Kriegsschauplatz zurück. Er war bis Hagenau und Richthofen gegangen. Den Zug Verwundeter ließ er in Augsburg zurück. In Rom scheint Arnim dem Papst Versprechungen gemacht zu haben. Bismarck ergreift die Situation, um die Ultramontanen in Deutschland und den Klerus in Frankreich zu gewinnen, indem er die Miene annimmt, den von Napoleon preisgegebenen Papst zu schützen. Ich hoffe, daß man in Berlin nicht in diese Schlinge fallen wird, die Napoleon gelegt worden war und die er jetzt Preußen als eine perfide Erbschaft zurückläßt. Wäre der Krieg abgetan! Blutarbeit, sei sie noch so heroisch, ist eine Schande für unsere Zivilisation. Gestern besuchte ich Liebig. Eine hohe Gestalt mit schönen, klaren, bedeutenden Gesichtszügen: es spricht daraus Vollendung des Lebens auf sicherstem Grunde. Wir fanden ihn im Gartenhause mit seiner Frau. Er war noch leidend, nach kaum überstandener Krankheit. In Berchtesgaden ließ ihn die Aufregung der Zeit nicht bleiben. Auch er hofft auf Elsaß und Lothringen. Von Döllinger meinte er, daß er sich unterwerfen werde. Graf Moy bestritt diese Ansicht.   München, 20. August Heute erhielt ich eine Korrespondenzkarte vom Bruder dieses Inhalts: »Gestern ein großes Gefecht, eine Schlacht zu nennen, vor Metz gehabt. Bin tüchtig im Feuer gewesen, aber unversehrt herausgekommen. Auch im übrigen wohl und voll Vertrauen auf die Zukunft. Bis zur Stunde habe ich weder von Dir noch aus der Heimat irgend eine Nachricht erhalten. Bivouak Courcelles, den 15. August 1870.« Um Metz werden Schlachten geliefert wie einst um Leipzig. Nach den Gefechten vom 14. folgten die vom 16. und endlich die große Schlacht vom 18. August; die Armee Bazaines wurde in die Festung zurückgeworfen und von ihrer Verbindung mit Paris abgeschnitten. Zugleich rückt die Südarmee unter dem Kronprinzen auf Chalons, wo sich Napoleon hingezogen hat. Nur ein Teil der zertrümmerten Armee, meist Mobilgarden, stehen dort, unfähig, Widerstand zu leisten. In Paris gärt es. Hiobspost folgt der Hiobspost. Vier preußische Ulanen nahmen die Stadt Nancy ein – dies ist Tatsache. Man verschwieg sie der Kammer; als sie offenbar wurde, folgte die stürmische Szene vom 14. Gambetta rief der Rechten die fürchterlichen Worte zu: »Schweigen Sie! Im Angesicht des Jammers von Frankreich geziemt Ihnen nur das eine: Schweigen und Gewissensbisse!« Die Regierung Napoleons hat tatsächlich aufgehört. Sein Lügensystem stürzt zusammen. Im glücklichsten Fall erreicht er noch als Flüchtling Belgien und von dort England. Am 19. August morgens hat man von Kehl aus die Beschießung Straßburgs begonnen.   München, 2. September Gestern flaggte die Stadt zum erstenmal. Es war die Siegesdepesche von Beaumont gekommen; MacMahon, zum Entsatz von Metz gerückt, geschlagen und nach Sedan geworfen, wird dort, wie Bazaine, eingeschlossen und zur Kapitulation genötigt werden. Die Diplomaten rühren sich; sie kommen mit ihren Taschenspielerkünsten, dem deutschen Volke die Früchte seiner Siege zu stehlen wie Anno 1815. Schon regt sich der Unwille in vielen Städten. Eine Volksversammlung in Berlin erließ eine Adresse an den König Wilhelm; von hier aus ging eine ähnliche an den König Ludwig, fordernd: Ablehnung jeder fremden Einmischung in unsere Nationalsache, deutsches Parlament, Rücknahme von Elsaß und Lothringen. Straßburg brennt. Das herrliche Münster soll stark beschädigt sein. Ich schickte gestern an die ›Allgemeine Zeitung‹ ein Gedicht: ›Straßburg‹ betitelt. Der Bruder schrieb zweimal, am 21. August und 26. August aus Sainte Barbe vor Metz. Dort steht er im Belagerungskorps. Die Feldpost geht ihren regelmäßigen Gang. Dr. Erhardt reiste nach dem Kriegsschauplatz ab, als Chef eines Sanitätszugs. Mehrmals bei Döllinger zu Tisch und Kaffee, wo auch Lord Acton war. Giesebrecht ist abgereist. Graf Tauffkirchen kam vom Kriegsschauplatz und ging als Präfekt nach Bar le Duc ab. Andere Zivil- und Militärbeamte sind von Deutschland nach Elsaß und Lothringen beordert. Nach 300 Jahren werden diese Länder wieder von Deutschen verwaltet.   3. September Unglaubliche Ereignisse. MacMahon hat in Sedan mit 80 000 Mann kapituliert, Napoleon sich dem König Wilhelm als kriegsgefangen ergeben. Dies am 2. Eine Tatsache, größer als die von Pavia, unermeßlich in ihren Folgen – davon eine Weltepoche datiert.   4. September München ist mit Flaggen bedeckt. Man zieht mit Musikchören durch die Stadt. Heute abend Illumination.   5. September Der König an die Königin: Varennes, 4. September, Vormittag 8 Uhr: »Welch ergreifender Augenblick der Begegnung mit Napoleon! Er war gebeugt, aber würdig in seiner Haltung und ergeben. Ich habe ihm die Wilhelmshöhe bei Kassel zum Aufenthalt gegeben. Unsere Begegnung fand in einem kleinen Schlößchen vor dem westlichen Glacis von Sedan statt.« Die letzten Briefe vom Bruder sind vom 29. August, Sainte Barbe vor Metz.   München, 10. September Napoleon sitzt schon auf der Wilhelmshöhe. General v. Boyen brachte ihn dorthin, wo er Erinnerungen an Jérome vorfindet. Die Kapitulation von Sedan wurde zwischen Moltke und Wimpfen abgeschlossen; 80 000 Mann mit allem Kriegsmaterial haben die Waffen gestreckt. Das ist in der Geschichte großer Völker beispiellos. Außerdem wurden 30 000 Mann während der Schlachttage gefangen. So sind es 100 000, welche an die Grenze gebracht wurden, um unter die deutschen Staaten verteilt zu werden. Auf Bayern sollen 10 000 kommen. Sobald die furchtbare Hiobspost in Paris anlangte, brach das Volk in den Saal der Kammern ein. Die Dynastie wurde für abgesetzt erklärt, die Republik (zum dritten Male) proklamiert. An ihrer Spitze steht Jules Favre, als Minister des Auswärtigen, Arago und der Schwätzer Rochefort. Die Schweiz und Amerika beeilten sich, diese improvisierte Regierung anzuerkennen. Die deutschen Armeen brachen schon am 5. September von Chalons nach Paris auf. Der Bruder schrieb zuletzt vom 5. September aus Sainte Barbe. Aus den furchtbaren Kämpfen bei Metz kam er unversehrt heraus. Am 1. September kommandierte er die Korps-Artillerie. Ich las in der ›Nationalzeitung‹ den Tod des Dr. Hermann Papst; er fiel bei Mars la Tour; noch am 3. Juli besuchte er mich in Rom, einen Tag vor der Abreise. Die Rücknahme von Elsaß und Lothringen steht fest. Der junge König von Bayern zeigt sich nicht einmal jetzt in der Stadt. Die größten Ereignisse, die Heldentaten seines eigenen Volkes verträumt er in der romantischen Waldeinsamkeit seiner Schlösser zu Hohenschwangau oder Berg. Er ist eine Fabel im Lande, der Held einer Oper der Zukunftsmusik – rätselhafte psychologische Zustände, die vielleicht der Arzt allein erklärt. Ich sah den Exkönig von Neapel einsam durch die Straßen Münchens gehen und betrachtete diesen armen Verschollenen, wie er die harten Wege des Exils tritt – vergessen von Neapel, von der Welt, wohl auch von den Seinigen. Er lebt in Feldafing. Ich traf heute einen seiner Kavaliere; ich erkannte ihn als städtische Figur von Rom und er mich. Wir blieben stehen, redeten einander an. Der unglückliche Mann friert hier in der Fremde; er schien entzückt über den schimpflichen Fall Napoleons und erstaunt über den Untergang Frankreichs – »che caduta vergognosa; ma non ce n'era altro, che chiacchiere e fumo.« Es war der Duca del Popolo. Dr. Erhardt kam zurück von Metz her, erfüllt von den Eindrücken des Erlebten.   München, 16. September Die Tage des idealen Aufschwungs sind vorüber – Entnüchterung tritt schon jetzt ein. Die Heere ziehen nach Paris. Gegen Rom rücken die Italiener, wo sie vielleicht schon heute eingezogen sind. Ich hätte doch gern den Fall des Papsttums mit Augen gesehen. Vom Bruder seit Tagen keine Nachricht. In Berlin scheint man die Ansicht zu hegen, daß Napoleon noch immer der Souverän Frankreichs sei und mit ihm unterhandelt werden müsse; ja ungeheuerliche Stimmen werden laut, als ob man im Plane habe, ihn wieder auf den Thron zu setzen. Die Republik in Paris haben übrigens fast alle Mächte anerkannt, selbst Italien. Ich bin ermüdet und abgespannt. Die Tage sind auch schrecklich durch Finsternis des Wetters, Regen und Kälte. Schon sehne ich mich nach dem Himmel Roms und der Ruhe meiner Arbeit zurück. Wenn es dort Ruhe geben kann. Hier schrieb ich für die ›Allgemeine Zeitung‹ folgende Artikel: 1. Die Kriegserklärung und Europa. 2. Nemesis. 3. Italien und die deutsche Nation. 4. Das Gedicht ›Straßburg‹. 5. Die Schuld und die Strafe Frankreichs. 6. Nochmals Elsaß und Lothringen. 7. Pavia und Sedan. 8. Paris und Rom.   Stuttgart, Hotel Royal, 23. September Am 17. fuhr ich in Begleitung Erhardts nach Stuttgart. Ich fand hier nur Reischach und Familie; Cotta ist in Lausanne. Ich sah alle meine Freunde wieder, auch Freiligrath und Walesrode. Frau Freiligrath ist ganz Patriotin; sie will nichts von Sozialdemokratie wissen und fordert sogar die Annexion von Elsaß und Lothringen. Er schweigt dazu. Am Sonntage kamen 1700 Gefangene hier durch. Ich machte Besuch bei der Baronin von Massenbach, worauf die Königin mich und Erhardt zu Tische lud, am 20. Der König ließ durchblicken, daß er die Einheit Deutschlands aufrichtig wünsche und dem Anschluß der Südstaaten keine Hindernisse in den Weg legen werde. Wir gingen nach Tisch im Garten, dem sogenannten Olgazwinger, spazieren. Die Gesellschaft war klein, nur Valois und Reischach zugegen. Am 20. September um 11 Uhr vormittags sind die Italiener in Rom eingezogen. Unter anderen Verhältnissen würde dies Ereignis die Welt aufgeregt haben, heute ist es nur eine kleine Episode des großen Weltdramas. Ich habe meine Angelegenheiten mit Cotta geordnet. Band IV und VII werden jetzt ausgegeben. Band V ist in den Druck gegangen.   Karlsruhe, 27. September Am 24. hier angekommen. Erhardts fand ich im Hause des Oberbürgermeisters Lauter. Wir machten am 25. eine Fahrt nach Rastatt, wo keine Gefangene sind, und weiter nach Gernsbach. Gestern nach Maxau, die große Stromlandschaft zu sehen. Züge von Landwehren aus Schlesien, auch Ulanen kamen vorüber. Ein preußisches Korps von 40 000 Mann wird in diesen Tagen, wie es heißt, nach Freiburg befördert, um von dort in das obere Elsaß zu rücken. Seit dem Falle von Toul ist auch die direkte Verbindung mit Paris hergestellt. Ich besuchte gestern Viktor Scheffel, den ich von Rom her kannte. Er empfing mich mit den Manieren eines Wilden, brüllte mir ganz irrsinniges zusammenhangloses Zeug über die Weltereignisse entgegen, wobei er sich als Sozialdemokrat gebärdete – ich war erschreckt, glaubte, einen Betrunkenen oder Wahnsinnigen vor mir zu sehen, und ließ ihn toben, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Ein Hauptmann kam und befreite mich, so daß ich fortgehen konnte. Scheffel schrie, mit Fäusten auf den Tisch schlagend, daß er auswandern wolle in ein Land, wo man nicht Republikaner, wie jetzt in Frankreich, totschlägt; er riß sein Kind in die Höhe, und dies fragte: »Papa, in welches Land werden wir gehen?« Ich begriff, daß Scheffel auch noch jetzt Studentenlieder dichten kann. Da er an meinem Schweigen und meiner Miene merkte, was ich über ihn dachte, schrie er einmal: »Sie können mich jetzt verachten« – ich sagte ruhig: »Bitte, denken Sie nur, daß ich ein stiller Beobachter der Menschen bin.« Menschen solchen Schlages sah ich schon zu anderer Zeit mit Ordensbändchen im Knopfloch fromm und still im Vorzimmer großer Herren warten.   Karlsruhe, 29. September Gestern fuhr ich nach Heidelberg. Abends kam die Nachricht von der Übergabe Straßburgs. Heidelberg flaggte, Musikchöre zogen durch die Straßen. Heute bei Gervinus. Er urteilte, daß nach den großen Siegen Elsaß und Lothringen beim Reich bleiben müssen und daß ihr Grundwesen so deutsch sei, daß sie in Kürze vollkommene Glieder Deutschlands sein werden. Ich kam hierher zurück um 8 Uhr; Erhardt und Oberbürgermeister Lauter sind in Straßburg. Dorthin gehe ich morgen. Vom Bruder ein Brief. Er hat das Eiserne Kreuz erhalten.   Karlsruhe, 2. Oktober Am 30. September früh 5 Uhr abgefahren nach Kehl; da sind einige Straßen zerschossen; aus den Trümmern wehen hie und da die Fahnen des deutschen Reichs wie Blumen, die auf Schutt gewachsen sind. Wundervoller Morgen. Große Szene am Rhein. Gefangene uns entgegen. Hin- und hersprengende Offiziere. Durch die Allee, über die umgestürzten schönen Platanen in Straßburg eingezogen um 9 Uhr. Welche unsagbare Bilder, Gestalten, Erscheinungen in dieser zerschossenen Stadt. In der Steinstraße eine Zerstörung wie vom Erdbeben. Manche Teile von Häusern stehen noch; bronzene Balkone mit Bronzefiguren taumeln daran in der Luft. Frauen suchen altes Eisen in den Trümmern und anderes. Zuschauer starren den Ruin an. Ich wühlte im Schutt eines Hauses, als wäre es in Pompeji. Eine halbverbrannte Mappe nahm ich dort auf und ein Notenblatt, worauf Tänze. Aus der verbrannten Bibliothek sammelte ich verkohlte Schriften auf. Theater, Präfektur, alles zertrümmert. Ich wandelte hin und her und ließ die Gestalten an mir vorüberziehen, gefangene Franzosen, Turcos, Zuaven, Ärzte, Kranke, hereinströmende Landleute, eingeschüchterte Bürger, schwarze Särge, die man forttrug, hereinziehendes Militär. Am Mittag rückten die badischen Garden ein, große, schöne Männer. Dann folgte der Stab. Ich erkannte den Prinzen Wilhelm von Baden, welcher mir nahe vorbeiritt. Viel Militär folgte mit klingendem Spiel. Töne, Menschen, Ruinen, Frankreich und Deutschland durcheinander gewirrt; die vom Brandgeruch geschwängerte Luft – und nun der Atem der Geschichte über all das her! Zur Zitadelle, die ein zermalmter Schutthaufen ist, konnte ich nicht gelangen. Am Arsenal vorübergehend, sah ich lange Reihen von Geschütz und zum Teil noch ungebrauchte Kanonen. Seitwärts davon eine Wiese, worauf im bunten Durcheinander Möbel standen. Auf rotdamastenen Kanapees und Stühlen saßen Soldaten. Ich suchte das Gasthaus zum Rebstock auf; einen Knaben bat ich, mich dahinzuführen. Unterwegs fragte ich ihn, ob auch in seinem Haus Unglück geschehen sei. Er brach in Tränen aus; er erzählte, daß vor seinen Augen im Hofraum zwei seiner Geschwister von einer Bombe erschlagen wurden; und er selbst zeigte mir die Spuren von Pulver, die er noch von der Sprengung des Geschosses im Gesichte trug. Im »Rebstock« fand ich Dr. Erhardt und den Oberbürgermeister Lauter bei Tisch. Es war kaum ein Platz zum Sitzen; Militärs und Zivilpersonen füllten die Räume. Doch bekamen wir alle reichlich zu essen, selbst Gänseleberpasteten. Nachmittags in den Dom gegangen. Ein Lazarett ist daneben mit kranken Franzosen. Unten in einer Kapelle lagerten arme Frauen und Kinder, die laut weinten. Eine Schale war dort aufgestellt, schon überfüllt mit Almosen. Im Innern Gewühl von Soldaten und Neugierigen. An einem Altar segnete ein Priester Särge ein; auf ihnen Immortellenkränze; Bürger lagen darin, die von Bomben waren getötet worden. In den Schiffen des Doms nur wenig Verwüstung; manche Fenster zerschmettert; die große Fensterrose hatte mehrere Löcher von Kugeln. Hie und da scheint der Himmel durch die Wölbung; denn das kupferne Dach des Langschiffes ist zerstört und verbrannt. Es war schwierig, die Wendeltreppe zum Turm emporzusteigen; denn ohne Aufhören stiegen Soldaten auf und ab, meist preußische Landwehren. Herrlicher Blick in das weite Land hinein von der Plattform. Dort sieht man, wie dies Elsaß zu Deutschland gehört seiner Natur nach, wie der Rhein fast verschwindet, und keine natürliche Grenze macht. Seine Ufer sind die Vogesen und der Schwarzwald. Erhardt ging fort, nach Kehl zurück; ich blieb, wanderte hin und her, sprach viel mit Bürgern. Ich suchte den Prinzen Wilhelm auf im Hotel de Paris, ohne ihn dort zu finden. Am folgenden Morgen traf ich ihn im Palast des Marquis de Bussière, der selber in Rastatt gefangen sitzt. Das Haus ist zerschossen, doch noch bewohnbar. Ich war eben von Menschen hergekommen, deren Erzählungen mich erschüttert hatten. Alle diese Eindrücke überhaupt stürmten mit solcher Gewalt auf mich ein, daß ich nie um ein allgemeines Schicksal eine gleiche Bewegung empfunden habe. So kam ich zum Prinzen, welcher das zu bemerken schien. Er sagte, die Beschießung der Stadt sei eine traurige Notwendigkeit gewesen, weil die Befestigungen mit ihr selbst zusammenhängen. Abends durchwanderte ich die finsteren Straßen – das Gas ist erloschen; nur Laternen brennen an den Häusern; der Boden glitzert und funkelt, als sei er mit Edelsteinen bestreut; es sind Glassplitter der zersprungenen Fenster. Nachts ging ich durch die Steinstraße; die Ruinen sehen grauenvoll aus; die Sterne schienen durch sie hindurch. Hie und da tropften Funken von fortschwelenden Balken. Am 1. Oktober blieb ich noch vormittags in der Stadt, woraus schon viele Regimenter abrückten, ich glaube gegen Mühlhausen. Es schmetterte durch ganz Straßburg von Militärmusik. Ich ging in eine Druckerei, um die letzte Proklamation des General Uhrich zu erlangen, doch konnte ich sie mir dort nicht verschaffen. Soldaten, namentlich Landwehren, rissen diese Proklamationen von den Straßenecken ab, sie als Andenken mit sich zu nehmen. Oberbürgermeister Lauter versprach mir, sie photographieren zu lassen und mir nach Rom zu schicken. Er machte mich bekannt mit dem von unserer Regierung eingesetzten Unterpräfekten Flath, einem schönen Manne von lebhaftem Wesen. Derselbe sagte mir (abends im »Rebstock»), daß er von Bismarck die Ordre habe, den noch zurückgebliebenen französischen Behörden in Straßburg zu erklären, daß diese Stadt fortan deutsch sei. Ich ging um 2 Uhr nachmittags am 1. Oktober wieder aus dem Tor von Austerlitz hinaus, um nach Karlsruhe zurückzukehren, während eine ganze Völkerwanderung von Besuchern mir entgegenströmte. Auf der Chaussee schloß ich mich einer Frau mit einem Kinde an; sie hatte die Belagerung mitmachen müssen und ging jetzt nach Kehl zurück, wo sie zu Hause war. Ob ihr Haus dort noch stand, wußte sie nicht; wenn ich es nicht finde, so stürze ich mich in den Rhein, so sagte dies Weib. Ihr Kind war von den Leiden der Belagerung, namentlich den Schüssen, so nervös geworden, daß es bei jedem Geräusch oder beim Anblick eines Pferdes aufschrie und weinte. Ich nahm es an die Hand und brachte es so bis zum Rhein. Viele andere Flüchtlinge waren in Bewegung nach Kehl zu. Ein Mann kam, der dem Weibe sagte, daß ihr Haus unversehrt geblieben sei. In Kehl blieb ich einige Stunden und besah dort die Ruinen. Auf dem Bahnhof eine bunte Szene – Flüchtlinge saßen auf Koffern, worin ihr letztes Gerettetes lag; ich setzte mich zu einer Familie, Mann und Frau, junge Leute guten Standes; die Frau aufgeregt, in Klagen ausbrechend, der Mann ruhig. In Appenweier mußte ich lange liegen bleiben; der Wagenzug war überfüllt. Nachts kam ich in Karlsruhe an. Von dort schickte ich folgende Zeilen an die ›Allgemeine Zeitung‹.   Straßburg, 1. Oktober. Ehe ich Muße finde, die unbeschreiblichen Eindrücke festzuhalten, welche diese Stadt heute auf jedes deutsche Herz macht, will ich Ihnen nur dies sagen. Die Zertrümmerung einiger Stadtteile ist vollständig. Nicht Pompeji sieht grauenhafter aus als das Viertel am Steintor. Die kostbare unvergleichliche Bibliothek, um welche ganz Straßburg und mit ihm das ganze Vaterland die lauteste Klage erhebt, ist ein Schutthaufen. Der Wind wirbelt dort die verkohlten Drucke Gutenbergs auf gleich verbrannten Schriften von Herculaneum. Nichts ist dort gerettet worden. Zahllose Häuser fast in jedem Viertel sind von Granaten durchlöchert und zerrissen. Särge von Frauen, Kindern, Bürgern, welche an ihren Wunden in den Hospitälern starben, trägt man noch fort und fort aus und ein im herrlichen Dom, der glücklicherweise nur hie und da verletzt ist. Das Elend der Tausende von Obdachlosen, der Flüchtigen, die mit Resten ihrer Habe fortziehen ins Badener Land, wie der Jammer der Überlebenden in Familientrauer, ist herzzerreißend, obwohl schon von allen Seiten her tätige Hilfe herbeieilt. Trotz der namenlosen Leiden der Belagerung zeigt sich die Stimmung des Straßburger Volkes oft auf überraschende Weise mild, ergeben und heldenhaft. Sie klagen den Kaiser an, nicht die Deutschen; sie erkennen wohl, daß Frankreich es war, welches diesen mörderischen Krieg uns frevelhaft aufgezwungen hat. Sie klagen den General Uhrich an, welchen die Bürgerschaft vergebens mit Petitionen um Übergabe bestürmt hat. Von kompetenter Stelle aus wird den Straßburgern der Beweis zu führen sein, daß die Beschädigung der Stadt auf Grund der Lage der Fortifikationen nicht zu vermeiden war. Wir Deutschen aber, die wir, mit den Straßburgern klagend, heute in den zertrümmerten Straßen umherwandeln, fühlen die Pflicht: beizutragen jeder nach seiner Kraft, daß jene Leiden des so schwer getroffenen Volkes unserer Brüder schnell gemildert und auch versöhnt werden. Aus den Flammen des hoffentlich letzten Krieges um die Freiheit und Einheit unserer Nation hat die große deutsche Mutter ihr lange verlorenes Kind wieder aufnehmen müssen, jammernd, schreckenvoll und halbverbrannt. Deutsche in allen Gauen, in allen Städten und Gemeinden des Vaterlandes, gedenket Straßburgs! Stiftet Vereine zur Tilgung einer nationalen Schuld der Liebe, die, obgleich durch die Verhängnisse der Zeit uns wider Absicht und Willen auferlegt, dennoch von uns als Schuld empfunden und so gesühnt werden soll. Sei Straßburg von heute an im höchsten und edelsten Sinne der Pietät wieder die Stadt des deutschen Reichs, adoptiert vom ganzen deutschen Vaterlande!   Cheuby bei Ste. Barbe vor Metz, 4. bis 7. Oktober Am 2. Oktober entschloß ich mich, von Karlsruhe nach Metz hin zu fahren, um meinen dort im Felde stehenden Bruder zu besuchen, was mir auch gelang.   München, 14. Oktober Am 7. Oktober nachmittags habe ich das Gefecht vor Metz mit angesehen, da Bazaine ausgefallen war. Ich blieb bis zur Dunkelheit auf dem Felde bei Ste. Barbe und fuhr dann nach Cheuby zurück, wo ich mit Colrepp den Bruder erwartete. Er kam mit der Artillerie etwa um 8 Uhr abends unversehrt zurück. Am folgenden Morgen begleitete er mich nach Courcelles, von wo ich um 8 Uhr nach Saarbrücken fuhr. Ich nächtigte in Heidelberg. Am 9. Oktober über Stuttgart nach München, wozu ich volle 17 Stunden brauchte. Vier Stunden blieb ich in Stuttgart; dort sah ich noch flüchtig nach Reischach und Stälin und erhielt die Depesche vom Gefecht des 7. Oktober als Extrablatt. In München traf ich um 12 Uhr nachts ein. Hier fand ich viele Briefe, die alle beantwortet sein wollten; 14 Korrekturbogen von Band V, die ich revidieren mußte, und ich schrieb außerdem den Bericht über meinen »Feldzug« nieder. Gestern schickte ich denselben schon an die ›Allgemeine Zeitung‹ ab. Dies waren angestrengte Tage, da ich stets auf dem Zimmer blieb. Nur abends sah ich ein paar Menschen: Seitz, Giesebrecht, Arco, Kaulbach, Roth. Ich fahre morgen am 15. Oktober nach Rom zurück. Was ich in diesem Vierteljahre im Vaterland erlebte und sah – es scheint mir alles ein Traum. Katastrophen der Geschichte, Weltereignisse, welche zu erleben der Mensch ein Jahrhundert dauern müßte, drängten sich in Wochen zusammen. Sie explodierten als Resultate eines langen Prozesses mit plötzlicher Gewalt.   Rom, 30. Oktober Am 15. abends fuhr ich von München ab und in 48 Stunden nach Rom. Hier traf ich um 11 Uhr nachts am 17. ein. Die gewaltsame Umwälzung der Stadt erscheint mir wie die Metamorphose eines Taschenspiels. Italiener haben die Päpstlichen abgelöst. Statt der Zuaven durchziehen Bersaglieri die Straßen mit einer Art von Reiterbande-Musik. Hundert schlechte Zeitungen sind wie Pilze aufgeschossen und werden in allen Straßen ausgeschrien. Eine Invasion von Verkäufern und Scharlatanen füllt die Plätze. Alle Augenblick hängt man Fahnen aus, macht man Demonstrationen. Man hat Denkmäler dekretiert für Ciceruacchio und für Cairoli. Eine Flut von Edikten wird täglich von der ›Gazzetta Ufficiale‹ ausgeschüttet, in welche sich jetzt das ›Giornale di Roma‹ verwandelt hat. Der Papst hat sich zum Gefangenen erklärt, Protest erlassen, durch Bulle das Konzil suspendiert. Am Vatikan stehen italienische Wachen; in der halbgeöffneten Türe des Säulenganges sah ich verschüchterte Schweizer. Im Vatikan wohnen die Vertrauten des Papsts, darunter auch Kanzler. Die Kardinäle zeigen sich nie, oder wenn sie ausfahren, so sind ihre Wagen ohne Abzeichen. All ihr Pomp und alle ihre Magnifizienz ist in Rauch aufgegangen. Nur einzelne Priester durchschleichen die Straßen, furchtsam und Schatten gleich. Ich fand indeß eines Abends den Kardinal Silvestri beim Herzog von Sermoneta, welcher doch Präsident der Giunta war und dem König das Plebiszit Roms überbracht hatte. Lamarmora ist hier Gouverneur. Die Aktionspartei drängt den König zur sofortigen Verlegung der Residenz nach Rom, um eine Tatsache zu schaffen. Er zögert. Er hat nicht einmal einen Palast in Rom, darin zu wohnen. Auf das Quirinal, dessen Schlüssel die päpstlichen Beamten verweigerten, besitzt er kein Recht. Die Italiener sammeln für die Hinterbliebenen der bei ihrem Sturm auf die Porta Pia Gefallenen, und sie sprechen im Ernst von einem römischen Feldzuge. Der Gefallenen sind, so glaube ich, zehn Mann. Da ich von dem blutigen Krieg in Frankreich herkomme, so ist mir dies Treiben widerlich. Rom wird die weltrepublikanische Luft einbüßen, die ich hier 18 Jahre geatmet habe. Es sinkt herab zur Hauptstadt der Italiener, welche für eine große Lage, in die sie unsere Siege versetzt haben, zu schwach sind. Es ist ein Glück, daß ich meine Arbeit fast vollendet habe – heute könnte ich mich nicht mehr in sie versenken. Nur noch drei Monate der Mühe und ich bin am Ziel. Das Mittelalter ist wie von einer Tramontana hinweggeweht, mit allem geschichtlichen Geist der Vergangenheit. Ja, dies Rom ist ganz entzaubert worden. Gestern kam die verspätete Depesche aus Metz. Am 27. hat Bazaine kapituliert – 173 000 Gefangene, darunter 3 Marschälle und 6000 Offiziere, ein ganzes Heer. Und so viele Krieger vermochten nicht, die Belagerungskette von 230 000 Mann zu durchbrechen, sie streckten die Waffen. Graf Bobrinski war es, der mir im Corso freudestrahlend diese Nachricht gab. Tallenay ist wie sinnlos. Er flammt von Haß gegen Deutschland; seinen Sohn, so sagt er, will er darin großerziehen wie Hamilkar den Hannibal.   Rom, 13. November Am 1. November habe ich die kulturgeschichtlichen Kapitel wieder aufgenommen und die Periode Julius' II. zum Abschluß gebracht. Da meine Arbeit endigt, blüht Rom für mich ab. Ich gehe in den Straßen umher auf den Spuren meiner Leidenschaft und Begeisterung, fühle diese nicht mehr, und mir ist, als schauten alle diese einst so begierig von mir durchforschten Monumente geisterhaft tot auf mich herab. Donna Ersilia, der ich sagte, daß ich Rom verlassen wollte, nannte mich undankbar, da Rom die Heimat meiner Arbeiten und die Quelle meines Ruhmes sei. Wohl, Rom verlassen heißt für mich von meinem wahren Leben Abschied nehmen. Doch diese Epoche schließt sich einmal. Es ist ein ödes Wesen in der Stadt, trotz aller Aufregung, und ich muß mich erst an diese Zustände gewöhnen. Die neue Regierung hat die Türen des Quirinal gewaltsam aufgebrochen und sich des Palasts als künftiger Residenz des Königs von Italien bemächtigt. Der Papst hat Protest eingelegt. Die Jesuiten drängen ihn zur Flucht aus Rom. Diese selbst sind vor einigen Tagen aus dem Collegium Romanum geworfen worden, in Folge einer wütenden Demonstration des Volks vor diesem Palast und vor der Wohnung Lamarmoras. Sie vereinigen sich jetzt in Gesù . Ich habe einen Brief vom Bruder vom 1. November noch aus Cheuby; er beschreibt darin die Kapitulation von Metz. Sein Armeekorps ist zu Operationen gegen Lille und Rouen bestimmt, und er wohl schon dorthin auf dem Marsch. Die Unterhandlungen wegen des Waffenstillstandes mit Thiers sind gescheitert. Aber das Bombardement von Paris hat noch nicht begonnen. Von der Tann ist am 9. November aus Orléans herausgeschlagen worden, mit Verlust von 1000 Mann und 2 Kanonen. Dies ist die erste Schlappe, die wir im Kriege erlitten haben, vielleicht ein Wink für Bayern, dem die Siege seiner Truppen so in den Kopf gestiegen sind, daß es wieder starke Gelüste der Separation verspürt.   Rom, 27. November Hier viel Unruhe, Geschrei, Schwanken in allen Dingen. Der Papst hat die Excommunicatio major am 1. November gegen die Invasoren erlassen; die Regierung war kleinlich genug, die Blätter, welche sie abdruckten, zu konfiszieren. Es ist keine Größe in den Handlungen Italiens. Der Senator von Rom ist abgeschafft und in einen Syndikus verwandelt. Es muß also fortan heißen Syndicatus Populusque Romanus . Es ist ein Prinzip in der Stadt, welches bald den Italienern lästig werden dürfte; es hat nichts mit der Monarchie zu tun; es ist kosmopolitisch. Man fängt an, auf dem Forum Ausgrabungen zu machen. Rosa ist zum Direktor der Altertümer gemacht anstelle Viscontis. Professoren sind für das neue Lyceum ernannt worden. Ich setzte meine Arbeiten an der Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts fort und sehne mich schmerzlich nach ihrem Abschluß; denn die Zeit ist ihnen nicht mehr günstig. Wir haben sichere Nachricht vom Tode des jungen Marquis de Vaudrimay (aus unserem Winterkreise); er fiel am 31. August vor Metz. Ein Granatensplitter zerriß ihm die Brust.   Rom, 7. Dezember Man hat folgende gute Verse auf den Papst gemacht und unter sein Bild gesetzt:       Nell' Evangelo è scritto:             Quando la turba il Cristo volle re,             Egli abscondit se. Nel Vatican si legge       Che Pio vicario suo nasconde se,             Quia non è più re. Pius IX. ist fast vergessen in seinem eigenen Rom. Er sitzt wie ein Mythos im Vatikan, umgeben von Jesuiten und Fanatikern, welche ihm alle nur denkbaren Phantasien vorspiegeln. So träumt man von einer Wiederherstellung des Papsttums durch den deutschen Kaiser und dies in Folge der Sendung Ledochowskis ins Hauptquartier. Unterdeß beginnt Rom seine Vorbereitungen, um Hauptstadt zu werden. Die solemne Erklärung des Königs in der Thronrede hat alle Zweifel niedergeschlagen. Man erwartet ihn schon am Ende Dezember. Sein Glück ist noch größer als das Wilhelms I. Wenn dieser durch heldenhafte Anstrengung des Volks alles errungen hat, verdankt jener alles der Fortuna und unseren Taten. Außerdem hat sein Sohn am 4. Dezember die Krone von Spanien empfangen. Am 4. Dezember hat Friedrich Carl nach dreitägigem Kampf wider die Loire-Armee unter Aurelles de Paladine Orléans besetzt. Der Versuch der Franzosen, Paris zu befreien, ist gescheitert; die Kapitulation der Stadt jetzt unvermeidlich. Ich habe Briefe vom Bruder; er schreibt am 21. November aus La Pomeraye im Gebiet der Oise; am 26. aus Cotigny zwischen Stoyon und Amiens. Heute kam ein Brief vom 28. aus Mézières, vor Amiens, nach der dortigen Schlacht: »Gestern Mittags 12 Uhr stellte sich uns der Feind auf unserm Marsche entgegen. Um 8 Uhr Abend war er nach heftiger Gegenwehr zurückgedrängt. Seine Artillerie schoß dieses Mal ausgezeichnet, auch war das Verhalten seiner anderen Truppen sehr gut. Die Verluste bei meiner Abteilung sind nicht klein, ein liebenswürdiger Offizier einer meiner Batterien wurde durch die Brust geschossen und soll bereits tot sein. Ich erhielt am linken Fuß eine starke Kontusion durch ein Sprengstück, dessen Kraft einigermaßen durch den Steigbügel gebrochen wurde; eine Stunde darauf wurde mein rechter Arm durch eine Gewehrkugel leicht gestreift. Der Himmel beschützt mich augenscheinlich, da auch dieser Kampf sehr heiß war. Ich bin bei der Truppe geblieben. Lebe wohl, teurer Bruder! Ich war in das von unserer Infanterie genommene Dorf geritten, wo die verschlossenen Türen und Fenster, wie nicht anders geschehen kann, mit Kolben und Äxten eingeschlagen wurden. Dieser Jammer und die geängstigten Bewohner!« Ich bin aufgeregt – und wie soll ich die ›Geschichte der Stadt Rom‹ in dieser Zeit vollenden?   Rom, 18. Dezember Geistesöder Winter, erschlaffend durch Wärme, erdrückend durch das Gewicht des endlosen Krieges und den Familienjammer Deutschlands. Auch das Verderben Frankreichs muß jeden Fühlenden bewegen. Der Bruder schrieb am 1. Dezember aus Mourures bei Amiens, auf dem Marsch nach Rouen. Eine Kanonenkugel hatte ihn vor dem Fort von Amiens beinahe getötet. Er sieht das schöne Gemälde Frankreichs nur von Blut und Trümmern und der Angst der Bewohner entstellt und schreibt am Schlusse des Briefs: »ich wünsche von den erbärmlichen Verhältnissen der Welt loszukommen.« Ich habe meine Schlußarbeit zu fördern gesucht. Hier Straßenexzesse, Rohheiten, Hetzereien von beiden Seiten, Unsicherheit – dazu die in der Geschichte beispiellose Tatsache: der gestürzte Papstkönig, der Fürst Roms, noch hier im Vatikan. Diese alten Maulwürfe sind ans Verschütten gewöhnt – sie wühlen unterirdisch –, sie werden jetzt die Lebensfasern der Zivilisation in allen Ländern zu zernagen suchen und sich als Krankheitsstoff auf die inneren Organe der Gesellschaft werfen. Unter den Italienern sehe ich nur den Mut gewaltsamer Tatsachen; nirgend den des Glaubens an ein großes sittliches Ideal. Sie können einreißen, aber der Neubau ist ohne die moralische Kraft des Volks nicht denkbar.   Rom, 31. Dezember Das Jahr schiebt eine Flut ungelöster Kämpfe in das folgende hinüber. Der Krieg in Frankreich, wo er Rassenkrieg geworden ist, wälzt sich weiter oder treibt sich in großem Feuerkreise um Paris umher. Diese Stadt leidet ihr Geschick als ein über sie hereingebrochenes Strafgericht, ähnlich Rom im Jahre 1527. Aber bisher leidet sie es mit Mut; es werden dort Keime der Regeneration aus grenzenloser Sittenverderbnis sichtbar. Der Bruder schrieb aus Rouen, wohin er seinen Fuß zu heilen gehen mußte; der Brief war vom 10. Dezember. Seither habe ich keine Nachrichten. Am 28. trat der Tiber mit furchtbarer Gewalt aus und setzte halb Rom unter Wasser. Die Flut stieg plötzlich um 5 Uhr morgens und bald bedeckte sie den Corso und drang durch die Via Babuino bis gegen den spanischen Platz vor. Seit 1805 hatte keine Tiberüberschwemmung eine gleiche Höhe erreicht. Der Ghetto, die Lungara, die Ripetta haben stark gelitten. Man berechnet den Schaden auf viele Millionen. Der Anblick der Straßen, worin Kähne fahren wie in Venedig, war seltsam; die Fackeln und Lichter werfen auf das Wasser breite, spiegelnde Reflexe. Aus den Häusern schrie man verzweifelt nach Brot. Zum erstenmal machte sich die neue Nationalgarde durch praktische Dienstleistungen bemerkbar. Es wurde musterhafte Ordnung gehalten. Die Pfaffen schrien alsbald, daß dies der Finger Gottes und die Wirkung der päpstlichen Exkommunikation sei. Was aber mag dieser Papst im Vatikan dabei gedacht haben? Eine wildere Flut hat er selbst über Rom heraufbeschworen; dem Zauberlehrling gleicht er, der nun die Wasser nicht mehr bannen kann. Rom, Ripetta, 19. 7. 1855 Heute am Morgen kam der König. Mittelalterliche Chroniken fabeln oft von Wasserdrachen, welche die Tiberüberschwemmung nach Rom hineingeworfen haben; die große Balena war diesmal Viktor Emanuel. Er brachte Rom in fieberhafte Bewegung. Noch ertrinkend bedeckte sich die Stadt mit Trikoloren. Er stieg ab im Quirinal. Um Mittag fuhr er durch die Straßen, Lamarmora neben sich. Das Volk wogte auf und ab. Viktor Emanuel unterzeichnete im Quirinal sein erstes Dekret, die Annahme des Plebiszits. Er fährt schon heute abend nach Florenz zurück. Welch ein merkwürdiger Jahresschluß für Rom ist diese Erscheinung des Königs des einigen Italiens! Sie schließt das Mittelalter ab. Soeben erhalte ich gute Briefe vom Bruder aus Rouen, wo er glücklicherweise noch bleiben muß, und von Colrepp aus Metz. Hier schließe auch ich das große Jahr der Katastrophen 1870 mit dem festen Glauben an den Sieg der guten Sache, die unser ist. 1871 Rom, 19. Januar Heute bin ich 50 Jahre alt geworden; diesem Ereignis zu Ehren schrieb ich den Schluß der ›Geschichte der Stadt Rom‹ nieder. Mir bleibt noch eine Nacharbeit von wenigen Monaten, um die Revision des Bandes zum Druck zu besorgen. So stehe ich am größten Abschnitt meines Lebens. Es stürmte heute und regnete in Strömen, die Glocken der Stadt läuteten. Gestern schloß ich das Decennium durch einen Gang in den St. Peter, wo man das Fest der Cathedra beging. Durch den leeren Dom scholl feierlicher Gesang, der meine Empfindungen erhob. Es ist ein furchtbares Verhängnis, welches jetzt über Paris hereinbricht. Es sind die apokalyptischen Reiter, Hunger, Pest und Tod, die jene Weltstadt mit feurigen Ruten geißeln. Dies Schicksal will von dem höchsten tragischen Standpunkt des Äschylus, des Shakespeare und der Bibel gesehen sein. Man wird nach Jahrhunderten darauf zurückblicken, wie auf den Fall von Jerusalem, Karthago und Rom. Der Bruder schrieb am 9. Januar noch aus Rouen, wo er seinen verwundeten Fuß zu heilen sucht.   Rom, 5. Februar Der Bruder schrieb am 20. Januar aus Rouen. Er ist wieder aktiv geworden. Am 23. Januar kamen nach Rom der Prinz Umberto und seine Gemahlin, um hier im Quirinal wohnen zu bleiben. Sie wurden glänzend empfangen. Der Papst, so sagt man, schwindet täglich mehr zusammen. Er hat den Vatikan nicht verlassen. Schack ist hier angekommen. Er kam mir gealtert vor. Sein Roman in Versen, ›Durch alle Wetter‹, hat viele schöne Stellen, auch Züge geistreichen Humors.   Rom, 5. März Die Weltgeschichte saust mit Dampfkraft daher; auch der furchtbare Krieg gehört nun schon der Vergangenheit an. Thiers unterzeichnete die Friedenspräliminarien in Versailles am 1. März. Völker steigen nur auf, weil andere fallen. Ôte-toi, que je m'y mette , ist das Gesetz des Lebens. Auf den Trümmern Karthagos weinte Scipio, da er an den Fall Roms dachte. Der letzte Brief des Bruders war vom 24. Februar, aus der Nähe von Havre. Er hatte die Küste gesehen und seine Hand in den atlantischen Ozean getaucht. Im Karneval, welcher diesmal sehr belebt gewesen ist, hat man die klerikale Partei durch Masken verhöhnt. Man stellte die neuen Kreuzritter auf Eseln dar in Porträts; Kreuz und Schwert wurden einhergetragen. Die Polizei verbot den Zug. Doch jeder Tag wirft neue Karikaturen aus: Antonelli, Merode, die Jesuiten, Kanzler, selbst der Papst sind in den abscheulichsten Verzerrungen zu sehen. Man hat auch Napoleon abgebildet, als Karikatur des Gekreuzigten; der Kaiser Wilhelm stößt ihm die Lanze in die Brust. Man unterschreibt eine Petition zur Austreibung der Jesuiten. Sie zerren den Papst und treiben ihn zur Flucht, man sagt nach Korsika. Gestern erschien eine Karikatur, La fuga in Corsica ; Antonelli sitzt auf einem Esel und hält unter einem großen Sonnenschirm den Papst, welcher zu einem Kinde zusammengeschrumpft ist; den widerstrebenden Esel zieht der Jesuit Curci an einem Stricke fort. Ich glaube, der Papst wird bleiben, denn wohin soll er gehen? Jedes Land bebt vor ihm zurück. Die italienische Kammer hat das Garantiegesetz votiert, wonach dem Papste die Rechte eines Souveräns zuerkannt werden. Man wünscht, daß er im Vatikan bleibe. Kommt nun im Sommer Viktor Emanuel, hier zu wohnen, so wird in Rom ein japanischer Zustand entstehen, weltliche und geistliche Gewalt, Taikun und Mikado. Ich halte die Italiener nicht für fähig, den Katholizismus zu reformieren und durch eine geistige Anstrengung von dem Götzenkultus ihrer Heiligen und Dogmen sich zu befreien. Es könnte aber sein, daß die alte Kirche hier im Indifferentismus abstirbt, während bei uns eine Nationalkirche entsteht. Nach dem Frieden, so denke ich, wird in unserem neuen Reich die kirchliche Arbeit beginnen. Graf Arnim reiste von hier ab; er soll die spezialisierten Friedensunterhandlungen mit Favre in Brüssel führen. Alle Welt ist über diese Berufung erstaunt. Graf Tauffkirchen hat nun hier die diplomatischen Geschäfte. Ich arbeite an der Vervollständigung meines letzten Bandes, und daran ist doch noch viel zu tun. Wenig in der Welt gewesen; wieder auf einem Ball bei Teano, wo ich das junge prinzliche Paar sah. Die Prinzeß Margherita ist eine sympathische Erscheinung; Umberto ein schlichter, bürgerlich aussehender junger Mann. Man bemächtigt sich jetzt nach und nach der öffentlichen Gebäude und der Klöster, um darin die Ministerien einzurichten. Antonelli schreibt Note auf Note, wahrhaft kläglich zu lesen, wie Artikel eines Journalisten; niemand achtet darauf. Man hat die Porta Salaria eingerissen, das alte ehrwürdige Tor, wodurch einst die Goten eingezogen waren. Man entdeckte in beiden Rundtürmen alte Grabmäler; eines mit griechischer Inschrift. Ganz Rom ist so verrottet wie das Papsttum. Man müßte es völlig umbauen, um es als eine moderne Residenz wohnlich zu machen.   Rom, 12. März Unerquickliches Treiben, da die Parteien täglich zusammenstoßen. Die Fastenpredigten eines Jesuiten Padre Tommasi in Gesù brachten die Italiener so sehr auf, daß ein Tumult in der Kirche entstand. Die Nationalgarde hält den Platz besetzt. Das Gift kocht in den Priestern – wer kann es ihnen verdenken; denn eben herrschten sie noch. Auf acht Klöster hat man die Hand gelegt, sie für die Ministerien zu verwenden; in 15 Tagen sollen sie geräumt sein. Es befinden sich darunter S. Silvestro in Capite, die SS. Apostoli, die Augustiner der Scrofa und die Minerva. Jeder Tag bringt neue Karikaturen. Ein Blatt trägt die Aufschrift Museo Archeologico : der Papst sitzt wie ein Götzenbild auf dem Thron; Antonelli dreht neben ihm die Leier und fordert das Publikum auf, dieses letzte Stück zu sehen; es kommen zerlumpte Gestalten, die am meisten katholischen Länder vorstellend, Bayern, Belgien, Frankreich usw. Die Priester träumen von einem katholischen Kreuzzug zur Befreiung des Papsts, und dieser soll in Belgien ausgerüstet werden. Es kamen wenig Fremde. Ich bin tätig an der Redaktion des letzten Bandes und halte mich still bei dieser Arbeit.   Rom, 9. April Am 18. März haben wir Deutsche in Rom das Friedensfest gefeiert, in demselben Palast Poli, wo wir vor 11 Jahren das Jubiläum Schillers feierten. So wird meine Verheißung erfüllt. Ich habe auch diesmal eine Festrede gehalten. Die öffentliche Aufmerksamkeit wurde durch die Commune in Paris ganz in Anspruch genommen. Vor den Augen ihrer Überwinder, der Deutschen, welche noch die nördlichen Forts besetzt halten, zerfleischen sich die Franzosen im greulichen Bürgerkrieg. Dies zeigt der Welt sonnenklar, wie gerecht und sittlich der Sieg Deutschlands gewesen ist. Der Papst fährt fort, sich in den Vatikan zu verschließen, und was soll er sonst tun? Er hat die Osterfeierlichkeiten nicht öffentlich abgehalten, sondern nur in der Paolina zelebriert. Er empfing eine englische Deputation, den Herzog von Norfolk an ihrer Spitze; sie brachte ihm zwei Millionen Lire und eine Ergebenheitsadresse. Die Waldenser predigen jetzt in einem Hause am Corso; ich war in einer ihrer Versammlungen, wo der Prediger gut auseinandersetzte, daß Petrus nie in Rom gewesen sei. Ich sah keine Römer dort. Hier gibt es kein Bedürfnis religiöser Belehrung, und außerdem wagt man sich noch nicht hervor, aus Furcht, die Pfaffen könnten doch wieder emporkommen. Mit großer Demonstration der Garibaldiner und Republikaner wurde hier Montecchi begraben; die Leiche dieses aus der Revolution von 1848 bekannten Mannes kam aus England. Der letzte Brief des Bruders ist noch aus Rouen datiert. Gervinus starb am 18. März. Wie es scheint, ist er in dem Konflikt seiner doktrinären Überzeugung mit den Tatsachen der Gegenwart untergegangen. Ich beklage seinen Verlust; eine bedeutende persönliche Beziehung ist für mich erloschen. Gervinus war ein durchaus edler Mann, fest in sich begründet und unerschütterlich, von weitumfassendem Verstand, ein groß angelegter prosaischer Geist. Die Witwe schrieb, und ich habe seine Büste in Gips, welche Emil Wolff im Jahre 1848 gemacht hatte, glücklich in dessen Atelier auffinden können. Dem Vaterland läßt Gervinus ein unzerstörliches Denkmal seiner Geisteskraft und seines Patriotismus zurück: die Geschichte der poetischen Nationalliteratur, die er philosophisch gegründet hat.   Rom, 30. April Die französische Anarchie ist ein Glück für Italien: mors tua, vita mea . Wäre Frankreich stark, so würde das Papsttum an ihm einen Halt finden. Thiers hat einen Minister nach Rom geschickt, den Marquis d'Harcourt. Die hiesige Regierung fand gestern die Kraft, eine republikanische Demonstration zu verbieten, welche zu Ehren Ciceruacchios stattfinden sollte. Man wollte diesem 1849 von den Österreichern erschossenen Volksmann in seiner Wohnung einen Denkstein setzen, und dazu ist einer der italienischen Donquixotte der Anarchie, Menotti Garibaldi, hier angelangt. Reumont kam her, wütet gegen die Umwälzung Roms, nimmt aber eine liberale Miene in Betreff des Konzils an, welches er für eine große Dummheit erklärt. Die Professoren der römischen Universität haben eine Ergebenheitsadresse an Döllinger erlassen, leider aber konnte ihnen die papistische Presse nachweisen, daß unter diesen Döllingerianern sich Leute befinden, welche im vorigen Jahre dem Papst eine Gratulation zu seiner Infallibilität überreicht haben. Die Anti-Infallibilitäts-Adresse verfaßte der geistreiche Lignana. Briefe vom Bruder aus Les Andelys in der Normandie. Er hat das eiserne Kreuz erster Klasse erhalten.   Rom, 21. Mai In Rom fortdauernde Aufregung und Spannung der Parteien. Harcourt tritt als Feind Italiens auf. Wenn sich in Frankreich die Monarchie wiederherstellt, wird sie zu Gunsten des Papsts auf Italien drücken und dies Land die Probe abzulegen haben, ob es selbständig sei oder nicht. Man beschleunigt die Arbeiten zur Herstellung der Lokale für die Ministerien, welche im Juli in die neue Kapitale einziehen sollen. Es ist fast lebensgefährlich, in den Straßen umherzugehen. Wenn ich in der Bibliothek des Augustinerklosters sitze, wo ebenfalls gebaut wird, höre ich die Maurer klopfen; dann scheint es mir, als wären es Hammerschläge auf den Sarg des Papsttums. An jenem Kloster hatte man eines Tages ein hohes Gerüst aufgestellt, um die Wände zu tünchen; ein Omnibus stieß daran, so daß das Gerüst fiel und den Wagen zertrümmerte. Als ich des Morgens dort die Trümmer der Maschine und des Wagens sah, sagte zu mir ein Weib, welches an der Treppe von S. Agostino Heiligenbilder verkauft: «Vedete, Iddio non vuole che si polisca il convento.»   Rom, 8. Juni Freitag am 26. Mai führte ich meine Reise mit Lindemann in das Abruzzenland aus, wonach ich lange getrachtet hatte. Um 7 Uhr des Morgens nach Terni. Dort zu Mittag im Gasthaus Alle tre colonne , und weiter mit der Post nach Rieti. Am 27. nach Aquila. Tags durch die Stadt und nach S. Maria in Collemaggio. Am 28. Mai nach Popoli. Am 29. über das wilde Gebirg und den Furcapaß zum Fuciner-See. Zu Mittag in Cerchio. Dann am See entlang – er ist schon zwei Miglien weit zurückgewichen –, Celano vorbei nach Avezzano. Am 30. Alba vorbei nach Scurgola. Es war dritter Pfingsttag. Ich stellte mir das Schlachtfeld Konradins fest, welches nichts mit Tagliacozzo zu tun hat. Mittags in Tagliacozzo. Von dort zu Pferde durch die Wildnis über Stock und Stein nach Arsoli, welches wir im Mondschein erreichten. Dieser Ort, wo die Massimi Herren sind, liegt schon im Römischen. Am 31. Mai bis nachmittags 4 Uhr in Arsoli; dann nach Tivoli. Ich ließ Lindemann in Tivoli und kehrte in der Morgenfrühe des 1. Juni nach Rom zurück. Ich fand hier Schlözer, welcher von Mexiko gekommen war. Gestern reiste er wieder nach Berlin, um dann seinen Posten in Washington anzutreten. Am 5. Juni feierte man das Fest des Statuts. Im Kapitol waren alle Räume geöffnet. Ich sah im Konservatorenpalast die neuen Inschrifttafeln zum Gedächtnis der letzten Umwälzung Roms. Auf einer steht Urbs Roma Antiquissima Dominatione Squalente Liberata etc. Squalet Capitolium , sagte einst auch Hieronymus. Undankbare Enkel! Was taten nicht die Päpste für Rom, was bauten sie nicht in dieser Stadt! Ein zweiter St. Peter wird nimmer mehr entstehen. Und doch ist das Squalere richtig. Denn Rom ist alt und verrottet, moralisch wie architektonisch. In Paris führt man einen Hexensabbath auf. Der Franzose ist noch der alte Tigeraffe. Die Zivilisation dieses Jahrhunderts! Das Mensch-Tier hat noch keine Religion gezähmt. Die massenhaften Hinrichtungen zeigen die Regierungspartei gerade so wild und grausam wie die Kommunisten. Die Fremden sind aus Rom fort. Ich bin tätig an den letzten Arbeiten. Antonelli in Venedig hat den Kontrakt wegen der italienischen Ausgabe der ›Geschichte der Stadt‹ wieder aufgenommen, und diese soll nun rüstig betrieben werden.   Rom, 18. Juni Der Papst hat das 25. Regierungsjahr erlebt und so die Mythe non habebis annos Petri zu Schanden gemacht. Man fürchtete Exzesse, doch verlief der 16. Juni ruhig. Nur wenige Deputationen waren angelangt; tiroler und bayerische Pfaffen hatten einiges Landvolk mit sich geführt, welches durch seine Erscheinung in den Straßen auffiel. Viktor Emanuel hatte den General Bartolè-Viale an den Papst mit Glückwünschen geschickt, aber er wurde nicht angenommen. Gestern war Funktion im St. Peter. Der Fürst der Apostel wurde mit pontifikalen Gewändern bekleidet, und viel Volk drängte sich herzu, um dem bronzenen Götzen den Fuß zu küssen. Ich sah ein junges Mädchen, welches im Gedränge nicht zum Fuß gelangen konnte; sie warf ihm ein Kußhändchen zu – welch ein prächtiger Stoff zu einem Genrebild für Passini! Das Domkapitel hat über der Apostelfigur das Medaillon Pius des IX. angebracht; Engel tragen dasselbe; eine Inschrift sagt, daß dieser einzige Papst die Regierungsjahre Petri erreicht habe. Ist es ein Glück für ihn, St. Peter und sich selbst zu überleben? Man hatte die Absicht, die Stadt zu illuminieren, um eine Demonstration zu machen, doch dies unterblieb. Rom ist ein übertünchtes Grab geworden. Man streicht die Häuser, selbst die alten ehrwürdigen Paläste weiß an; man kratzt den Rost der Jahrhunderte ab, und da zeigt sich erst, wie architektonisch häßlich Rom ist. Rosa hat sogar das Kolosseum rasiert, d. h. von allen Pflanzen reinigen lassen, die es so schön schmückten. Dadurch ist die Kolosseum-Flora zerstört worden. Der Engländer Deakin hat vor Jahren darüber ein Buch verfaßt. Dies Umwandeln der heiligen Stadt in eine weltliche ist die Kehrseite jener Zeit, wo das heidnische Rom mit gleicher Leidenschaft in das geistliche verwandelt wurde. Die Klöster werden zu Bureaus umgeschaffen; man öffnet die versperrten Klosterfenster oder bricht neue in die Wände, oder macht neue Portale. Nach Jahrhunderten dringt wieder Sonne und Luft in diese Klausen der Mönche und Nonnen. So sind S. Silvestro, die Klöster der Philippiner, der Minerva, der Augustiner im Marsfeld, der Santi Apostoli in kurzer Zeit gewaltsam umgewandelt worden. Die noch darin wohnenden Mönche werden wie Dachse herausgehämmert. Es ist ein kläglicher Anblick, sie so geisterhaft herumschleichen zu sehen, in ihren Kammern und Kreuzgängen und Korridoren. Einige sollen sich doch freuen, bald aus ihrem Bann erlöst zu sein. Das alte Rom geht unter. Nach 20 Jahren wird hier eine neue Welt sein. Ich aber bin froh, daß ich im alten Rom so lange gelebt habe. Nur in ihm konnte ich mein Geschichtwerk schreiben. Zum Festtage des Papsts brachte das radikale Blatt ›La Capitale‹ das Porträt Döllingers und seine Biographie. Gestern erklärte es in einem fanatischen Artikel, daß es an der Zeit sei, die Monumente Roms von den christlichen Symbolen zu säubern. Diese Herren würden die Säulen Trajans und Marc Aurels zwar nicht einstürzen, aber doch von ihrer Spitze St. Peter und Paul herabwerfen, um an ihre Stelle Mazzini und Garibaldi zu stellen. Herr von Tallenay kam aus Versailles und Paris zurück und erzählte uns von seinen gräßlichen Eindrücken. Der Bruder schrieb zuletzt am 2. Juni aus Gournay bei Amiens, auf dem Rückmarsch, wie ich annehme. Ich lernte hier die Dichterin Emilie Ringseis aus München kennen. Sie dramatisiert Legenden streng katholischer Richtung und schwärmt trotz ihrer guten Bildung für Jesuiten und Infallibilität. Das Fiasco der Jesuiten bei der Jubelfeier konnte nicht vollständiger sein. Sie hatten auf eine Massendemonstration von mindestens 40 000 Pilgern gerechnet, und es trafen deren kaum 3000 und meist aus den niedrigsten Ständen ein. Da der König am 2. Juli hier sein wird, drängen die Fanatiker den Papst, nach Korsika ins Exil zu gehen. Er aber wird bleiben. Er hat gesagt, daß für ihn nirgend mehr eine Hilfe vom Ausland zu hoffen sei. Alle Mächte haben ihren Ministern den Befehl gegeben, dem Könige von Florenz nach Rom zu folgen, und selbst Thiers, der früher so eifrige Verteidiger des Dominium Temporale , hat den Herzog von Choiseul dazu angewiesen. Folgende Lokale sind für Ministerien etc. eingerichtet worden. Ministerium des Innern: S. Silvestro in Capite. Krieg: Kloster SS. Apostoli. Äußeres: Palast Valentini. Finanzen: Konvent der Minerva. Ackerbau usw.: Tipografia Camerale. Gnaden, Justiz und Kultus: Palast Firenze. Marine: Konvent von S. Agostino. Öffentliche Arbeiten: Palast Braschi. Unterricht: Palast der Post auf Platz Colonna. Deputiertenkammer: Palast von Monte Citorio. Senat: Palast Madama. Staatsrat: Palast Bolsani. Archive: Palast Mignanelli. Apellhof: Konvent der Filippini. Präfektur: Palast Sinibaldi. Quästur: S. Silvestro in Capite.   Rom, 2. Juli Heute (Sonntag) um 12 Uhr 30 Minuten kam der König aus Neapel. Er zog mit großem Gefolge von Wagen, worin Minister, Generale und Hofleute in Gala saßen, und mit Gardereiterei in seine neue Hauptstadt ein. Die Bevölkerung war in Bewegung. Es regnete Blumen von den Balkons herab in den Wagen des Königs, welcher starr, finster und häßlich aussah. Der Zug ging über die Piazza di Spagna durch den Corso, dann nach dem Quirinal. Der Corso ist mit den Standarten der Städte Italiens geschmückt. Der besonnene Viktor Emanuel hatte sich durch ein Telegramm an den Syndikus Pallavicini jede Feierlichkeit verbeten, doch war der Schmuck der Stadt, der Bau eines Circus auf Popolo, die Errichtung einer Galerie auf dem Kapitol bereits in Angriff genommen. Der weltgeschichtliche Einzug des ersten Königs Italiens in Rom hatte einen improvisierten Charakter. Es war wie ein gelegentlicher Reisezug von der Eisenbahn her; alles ohne Prunk und Schwung, ohne Größe und Majestät; und das war sehr klug. Der heutige Tag ist der Abschluß der tausendjährigen Papstherrschaft in Rom. Wenn wir Deutsche nicht die französische Macht zertrümmert hätten, dann wäre Viktor Emanuel heute nicht in Rom eingezogen. Die italienische Nation, die unsere alten Kaiser des heiligen römischen Reichs so lange beherrschten, empfing ihre neue Zukunft, dem Zusammenhang der Geschichte gemäß, aus der Hand auch des neuen deutschen Nationalreichs. Die Kanonen von der Engelsburg donnerten beim Einzuge des Königs. Wie wird da das Herz des Papsts bei jedem Schuß gebebt haben. Es ist ein Trauerspiel ohnegleichen, das hier aufgeführt wird. Und dieser letzte geistlich-weltliche Herrscher Roms mußte auch die längste Regierungszeit unter allen Päpsten haben.   Rom, 28. Juli Ich arbeite viel am Ende meiner ›Geschichte‹ und schrieb zuletzt ›Eine Pfingstwoche in den Abruzzen‹ nieder. Vor acht Tagen, oder vielmehr am 16. Juli, besuchte ich Caetani in Frascati. Es war schwüler Scirocco. Fahrend überdachte ich die Bestimmungen für mein Testament, welches ich jetzt aufsetzen will. Als ich zum Herzog kam, rief er mir entgegen: »Sie kommen zur rechten Stunde, denn Sie können jetzt der eine Zeuge meines Testaments sein, welcher mir eben fehlt.« Ich setzte also meinen Namen unter dies caetanische Aktenstück. Mit Unlust verlasse ich Rom. Ich habe alles so eingerichtet, daß ich auch den Winter draußen bleiben kann.   Venedig, 10. August Sonntag am 30. Juli nachts reiste ich nach Florenz. Ich blieb den Montag dort und erfuhr durch die Zeitungen den plötzlichen Tod Gars, der am 27. Juli in Desenzano am Gardasee gestorben ist. Ich kam nach Venedig am 1. August. Meine Arbeiten im Archiv wie auf der Bibliothek wurden durch den Tod Gars erschwert; doch war ich tätig und genoß diese entzückende Stille der Stadt. Am 7. August kam der Bruder mit Colrepp, so fanden wir uns seit Metz hier wieder zusammen. Er ist durch den Krieg sehr gekräftigt. Wir reisen morgen nach München. Mit Rebospini, dem Verwalter Antonellis, habe ich die italienische Ausgabe der ›Geschichte der Stadt Rom‹ besprochen; sie soll nun kräftig angegriffen werden.   München, Glückstraße 1b, 24. August Am 11. August nach Bozen, wo wir nächtigten. Wir blieben einen Tag in Kufstein und kamen nach München am 13. Wir besuchten Erhardts, die in Feldafing sind. Bei Döllinger war ich öfter. Ich speiste einmal bei ihm mit Villari aus Florenz. Unumwunden erklärte Döllinger, daß er sich selbst vernichten würde, wenn er sich noch unterwürfe. Eine Versöhnung mit Rom sei unmöglich; man wolle noch Monsignor Nardi zu ihm schicken, den er übrigens nicht anhören werde, da er ihn als unsittlichen Menschen verachte. Es schmerze ihn, sich von seiner Kirche zu trennen, was er niemals beabsichtigt habe; doch wisse er nicht, zu welchem Ziel die Bewegung führen werde. Die Regierung in Bayern schwanke; das Losungswort werde von Preußen her erwartet. Döllinger ist ein Mann des kalten Verstandes, nicht der Begeisterung für ein hohes Ideal. Seine Rektorwahl ist eben vom Könige bestätigt worden. Villari überzeugte Döllinger, daß von Italien nichts für diese Bewegung zu erwarten sei, da sein Vaterland nur politische Zwecke verfolge. Man hat mich zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften gemacht, um mich hier festzuhalten. Der Bruder fuhr nach Wildbad am 17. August. Ich folge ihm morgen. Ich arbeitete, doch unlustig, auf der Bibliothek. Schack kam von London. Er hat zwei Häuser angekauft, um sich daraus einen Palast mit Galerie zu bauen.   Wildbad, 1. September Am 25. August nach Stuttgart, wo ich bis zum 27. blieb. Ich fand den alten Baron Reischach im Cotta'schen Hause und meine anderen Bekannten. Am 27. nach Wildbad. Ein schönes, aber enges Tal. Viel Leidende und Krüppel aus dem Kriege. Bleiche Mädchen sitzen in Rollwagen, Gram und Schmerz im Angesicht. Gelähmte hinken oder fahren in Wagen. Die Musikbande spielt dazu: »Freut euch des Lebens, so lang noch das Lämpchen glüht« und andere schöne Sachen. Ich fahre heute nach Berg bei Stuttgart.   Berg, 17. September Ich lebte hier still und gut im Hause Offinger vom 1. September bis zum heutigen Tage. Der Bruder kam vor fünf Tagen von Wildbad. Wir machten Spaziergänge mit unseren Freunden. Cotta war in der Schweiz. Reischach kam vorgestern. Heute nach Würzburg, der Schwester entgegen.   Bamberg, Deutsches Haus, 25. September Die Schwester und Harders empfingen uns auf dem dortigen Bahnhof. Nach elf Jahren vereinigten wir Geschwister uns wieder. Wir machten viele schöne Gänge. Würzburg ist eine Stadt von massiv kräftigem Wesen. Das fürstbischöfliche Schloß (gebaut von Schönborn) eine der prächtigsten Residenzen. Dom, Neumünster, die Marienfeste, die Kapelle gesehen. Merkwürdige Votivgeschenke in jener Wallfahrtskirche. Ich sah kleine Schweine von rotem Wachs in großer Menge und glaubte, sie bezögen sich auf die Trichinenkrankheit. Man sagte mir: wenn ein Bauer ein krankes Schwein hat, so gelobt er ein solches wächsernes Bild. Also die Madonna Tierarzt: eine für mich neue Vorstellung. Harders reisten nach Wiesbaden zurück am 19. Wir gingen am 20. nach Bamberg, wo wir bis zum 23. blieben. Prächtige Kirchen des Mittelalters, darunter der Dom mit vier ganz vollendeten Türmen. Viele Brücken. Viel Rokokobau. Eine der am meisten malerischen Stellen die Brücke vor dem Rathause auf der kleinen Insel. Wir besuchten die Altenburg, ein gotisches Schloß mit rundem Turm, halbzerstört. Auf der Bibliothek sahen wir Alcuins Bibelcodex und schöne Handzeichnungen Dürers und Holbeins. Es gibt hier 1300 Protestanten, welche ihre Kirche haben. Am 23. nach Coburg. Im Waggon traf ich den Dichter Julius Grosse aus Weimar. Wir erreichten Coburg über Lichtenfels um 8 Uhr. Die kleine Stadt war festlich geschmückt; ihr Bataillon kam eben aus Frankreich zurück und hielt seinen Triumpheinzug, den Herzog an der Spitze. So sah ich wohl den kleinsten aller Einzüge in Deutschland überhaupt: ein Familienfest auf dem größten weltgeschichtlichen Hintergrunde. Ehrenjungfrauen, fast alle blond, in weiß und grün gekleidet, ein paar Gewerke mit Fahnen empfingen das Bataillon am Bahnhof. Dann ging der Zug vor das Rathaus, wo der Bürgermeister aus dem Fenster herab eine Rede hielt. Der Herzog zu Pferd vor der Front des Bataillons. Nachmittags Tanz im Volksgarten: alles in den Formen eines Familienfestes vom deutschesten Gepräge. Abends Illumination. Auf dem ersten Triumphbogen aus grünem Laub las ich diese Verse: Willkommen, Heldenkrieger, in der Heimat Auen, Des Vaterlandes Stolz, der Feinde Schreck und Grauen. Auf dem alten Turm am Eingang der Stadt war Napoleon hinter einem Eisengitter abgebildet, an dem er rüttelte. Überall die Porträts des Kaisers, Bismarcks und Moltkes. Diese sind populär wie in Italien Viktor Emanuel, Cavour und Garibaldi. Die neue Reichsfarbe ist durchgedrungen. Das Einheitsgefühl lebendig, selbst in Bayern. Schöner Gang zur Altenburg, wo Luther das Lied dichtete: ›Ein feste Burg ist unser Gott‹ (Anno 1530). Coburg ist ein reizendes Ländchen; der Herzog dort wie ein glücklicher Gutsbesitzer und Familienvater. Dem Prinz-Gemahl Albert hat die Königin von England eine bronzene Statue auf dem Hauptplatz errichtet. Abends nach Lichtenfels. Dort trennten wir uns. Bruder und Schwester fuhren nach Berlin, ich nach Bamberg zurück. Hier will ich noch ein paar Tage bleiben und dann nach Nürnberg gehen.   Nürnberg, 30. September Am 27. traf ich hier ein. Ich geriet durch Zufall auf den Johanniskirchhof, wo Dürer begraben liegt. Es war gerade ein Begräbnis; ich trat an die Gruft, in welche Leidtragende über den Sarg Blumen schütteten. Eine schwarzgekleidete Frau bat sich meinen Stock aus, womit sie in der naivsten Weise den Blumen im Grabe nachhalf. Dann reichte sie mir ihn dankend wieder. Gestern suchte ich Professor Bergau auf, welcher mich in das städtische Leselokal (Museum) führte. Dort fand ich den Direktor der Kunstschule, von Kreling, Kaulbachs Schwiegersohn, der eben vom Diner herunter kam, wozu sich jährlich um diese Zeit die Kommission des Germanischen Museums vereinigt. Ich lernte durch ihn den Vorstand kennen, Herrn Essenwein, sodann von Eye, Ledebur aus Berlin, Baron von Welser aus Augsburg und den Gründer des Museums Freiherrn von Aufseß. Dieser merkwürdige alte Mann, ein kleiner, bärtiger Franke, lebt meist in Kreßbrunn, wo er sich mit gelehrten Arbeiten, Baumzucht, Musik und anderen Dingen beschäftigt. Im Jahre 1830, so sagte er mir, faßte er den Plan seiner Stiftung, die er dann Anno 1852 mit den geringsten Mitteln begonnen hat. Jetzt hat sie ein Einkommen von 30 000 Gulden. Sie ist noch embryonisch, kann aber doch mit der Zeit eine deutsche Zentralanstalt werden, aus welcher eine Geschichte der deutschen Kultur hervorgehen möchte. Heute führte mich Kreling zu einem wunderlichen alten Herrn, dem Baron von Bibra, dessen altfränkisch eingerichtetes Haus ich sehen sollte. Der Besitzer kaufte es vor vielen Jahren und stellte in ihm ein Muster Nürnberger Wesens her: finstere, luftlose Kammern, worin tausend fränkische Dinge, Gläser, Majolica, Waffen, Bücher, aufgestapelt sind. Eine faustische Atmosphäre über dem Ganzen; draußen Regen und schwankende verschattende Pflanzen um die Fenster hängend. Ich konnte nicht in die Bewunderung Krelings über diese geschnörkelten Dinge einstimmen. Der Freiherr selbst hat große Reisen in Amerika gemacht. Geschirre, Schädel und Werkzeuge wilder Indianer sorgsam aufgestellt. In seiner dumpfigen Arbeitsstube, die mit Urväter-Hausrat vollgestopft ist, stehen zahllose Gläser, Retorten, Instrumente, Flaschen und ein Schmelzofen. Dort macht er vormittags Analysen. Um 4 Uhr nachmittags setzt er sich nieder und schreibt – Romane. In seiner verstaubten Bibliothek steht ein ganzes Fach voll zierlich gebundener Bücher, 60 Bändchen und mehr, lauter Romane, die er in den Jahren 61 bis 71 geschrieben hat. Dieser sonderbarste aller Freiherrn, die ich noch sah, ging in diesem Wust seines Hauses als ein glücklicher Sterblicher umher, angetan mit einem grauen Hausrock, den Hals bloß, mit ruhiger Gelassenheit, feste Selbstbefriedigung auf seinem Angesicht. Ein Buch schlug er auf, worin ich meinen Namen schreiben mußte. Regen hielt mich ab, heute nach Regensburg zu fahren.   München, 2. Dezember Seit dem 1. Oktober bin ich hier geblieben. Der Winter ist hereingebrochen; nach langen Jahren sah ich alle seine Erscheinungen wieder: Schnee, Eis, Schlitten, Schlittschuhlaufen, in Pelz gehüllte Menschen. Die frische Luft entzückte mich wie der Anblick dieser Schneeflächen und der dunkeln oder bereiften Bäume auf dem Hintergrunde eines oft lilafarbigen Schneehimmels. Der alte ostpreußische Eisbär erwachte in mir. Ich war am 12. November bei Kaulbach zu Tisch, als der erste Schnee fiel. Er bedeckt nun München. Am 27. November fuhr ich nach 19 Jahren wieder in einem Schlitten. Ich habe die klimatische und moralische Lebensprobe für München gemacht. Es gibt hier viele bedeutende Menschen, aber die Gesellschaft ist zerstückt, ohne Stil, ohne Schwung und ohne Weltbezug. Sie lehnt sich an keinen Zustand an, und sie erneuert sich nicht. Was die Leichtigkeit der Gesellschaft hindert, ist die Essensstunde, 1 Uhr nachmittags, dadurch wird der Tag zerbrochen, und man muß beim Souper festgenagelt sitzen, wobei endlich Zigarrenqualm das in der Regel kleine Zimmer füllt. Die Großfürstin Helene traf ich hier. Sie hat sehr gealtert. Den Diplomaten lernte ich kennen, von hiesigen preußischen Gesandten Herrn von Werthern. Nach München haben sich zurückgezogen von Werthern, vor Ausbruch des Krieges preußischer Botschafter in Paris, und Graf Usedom. Die Kreise, in denen ich mich bewegt habe, waren die von Liebig, Kaulbach, Staatsrat Maurer (ein Greis von 82 Jahren und noch sehr rüstig), Angelo Knorr, Professor Seitz, Giesebrecht, Buchhändler Oldenbourg, Baron von Werthern, Paul Heyse, Riehl, in dessen Hause man sehr musikalisch ist, Baron Liliencron, Frau von Pacher etc. Schack lebt als Eremit, in seine dichterischen Arbeiten und seine Bildergalerie versenkt. Er reiste nach Venedig, um dann mit dem Großherzog von Mecklenburg nach dem Orient zu gehen. Mit Döllinger habe ich mehrmals weite Spaziergänge gemacht. Er ist jetzt 72 Jahre alt. Drei Stunden lang pflegten wir spazieren zu gehen, ohne auszuruhen. Im Gespräch ergreift er nicht gern die Initiative; er läßt sich fast immer auf die Bahn des Diskurses bringen. Ein feines, geistreiches Lächeln begleitet seine Bemerkungen. Er sagte mir, daß er gegenwärtig an einer Kritik der Fälschungen des Liber Pontificalis beschäftigt sei und außerdem einen Vortrag über die Versöhnungsversuche beider Kirchen, namentlich zur Zeit des Leibniz, ausarbeite. Als ein entschiedener Theoretiker denkt er sich noch heute die Möglichkeit einer Reform des Papsttums. Seine Feinde verleumden ihn. Ich halte ihn für wahr. Er will Katholik bleiben; deshalb hat er sich in den Hintergrund der Bewegung gestellt, die er selbst veranlaßt hat, nachdem sie auf dem Altkatholikenkongreß zu München, am Ende des Oktober, Grundsätze angenommen hatte, die ihm diejenigen einer aus der Kirche scheidenden Sekte zu sein schienen. Jüngere Kräfte, wie Huber, Friedrich, Reinkens, Michelis, werden die Sache weiterführen. Die kirchliche Bewegung erlahmt an dem Indifferentismus der Massen. Wäre die Regierung gleich anfangs energisch aufgetreten, so hätte sie ihr den Sieg gesichert. Sie tat es zu spät. Und doch ist die Deklaration des bayerischen Unterrichtsministers von Lutz vor dem Reichstage von großer Bedeutung. Das Strafgesetz wider die Geistlichen, welche mit der Kanzel zu politischen Zwecken Mißbrauch treiben, ist angenommen worden, und die deutsche Staatsgewalt hat der Welt klargemacht, daß sie den Romanismus bekämpfen wird. Wie kläglich sind die Bischöfe, welche wie Handschuhe ihr Gewissen umkehren! So tat auch Haynald, den man für einen großen Mann hielt. In allen gebildeten Kreisen herrscht nichts als Verachtung gegen sie. Unterdeß hat Viktor Emanuel das erste italienische Nationalparlament in Rom vor dem Angesicht des Papsts eröffnet. Während meines Aufenthalts in München habe ich auf der Bibliothek manche Nachträge gemacht. Die vier ersten Kapitel des Bandes VIII sind abgeschickt, und der Druck desselben hat begonnen. Vollendet ist der Druck des Bandes VI in neuer Ausgabe. Revidiert habe ich die ›Siciliana‹ zur dritten Auflage. Begonnen hat der Druck der Luxusausgabe des Gedichts ›Euphorion‹. Ich war als Ordinarius bei der ersten Jahressitzung der hiesigen Akademie der Wissenschaften zugegen, am 2. November. Döllinger präsidierte als Sekretär der historischen Abteilung. Am 28. November erhielt mein Bruder das Patent als Oberst des ersten Regiments ostpreußischer Festungsartillerie in Königsberg und ich den Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft. Dessen Kapitel bilden Liebig, Döllinger, Giesebrecht, Schack, Kaulbach, Lachner und noch ein paar andere Herren. Im Theater sah ich ›Macbeth‹, die ›Komödie der Irrungen‹, ›Heinrich IV.‹ erster Teil, ›Wilhelm Tell‹ und einige Opern. Mein schönster Kunstgenuß war das Händel'sche Oratorium ›Josua‹, welches im Odeon wahrhaft glänzend ausgeführt wurde. Curtius kam von Kleinasien her durch München. Ich lernte auch Ranke kennen. Er ist ein kleines Männchen mit einem leise markierten Buckel, wie ihn Schleiermacher hatte; bei 76 Jahren noch sehr frisch und munter, fast wie ein Lebemann. Ein geistreiches Lächeln belebt seine Züge. Er imponiert nicht, aber er interessiert sehr. Ranke ist einer der interessantesten Menschen, die ich sah. So mag ungefähr Thiers aussehen, für dessen jüngeren Bruder ich ihn halten würde. Ich war bei Giesebrecht zu Tisch mit ihm, und da war auch Döllinger, stumm und in sich gekehrt, während Ranke von witziger Rede sprudelte. Ich erstaunte, in ihm auch einen Enthusiasten zu finden. Denn ganz in Feuer und Flammen rief er aus: »Das deutsche Imperium ist die größte Tat der Menschheit!« Meiner ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ warf Ranke vor, daß sie italienisierend sei. Ich erzählte darauf als Anekdote dies: Ein geistreicher Italiener sagte mir einst wörtlich folgendes: »Ihre Geschichte ist ganz vortrefflich, aber sie ist zu deutsch.« Ich sah Hegels Sohn flüchtig und Dr. Wegele aus Würzburg, der die Geschichte der deutschen Historiographie schreibt. Ich lernte Abbé Loyson oder Père Hyacinthe kennen. Er hält hier Vorträge. Wie sonderbar, daß sich ein Franzose in dieser Zeit ganz der deutschen Bewegung angeschlossen hat. Die Religion hat keine Nationalität. Loyson lebt hier in sehr ärmlichen Verhältnissen.   Aufenthalt in Mantua und Heimkehr nach Rom Ich verließ München am 3. Dezember bei 18 Grad Kälte. Der Waggon wurde durch Wärmeflaschen, aber jämmerlich schlecht geheizt. Da ich nichts hatte, mir die Füße zu schützen, geriet ich bald in einen kläglichen Zustand; auch erfror mir die linke Hand. So erreichte ich Bozen, welches schneefrei war. Dort nächtigte ich und fuhr am 4. Dezember über Verona nach Mantua. Ich war so durchkältet, daß ich mich durch nichts mehr erwärmen konnte. Auch dort war es kalt, 3 bis 4 Grad unter Null, aber ein stets strahlender Himmel. Die Seen und Sümpfe um Mantua begannen sich mit Eis zu bedecken, worüber Wasservögel jammernd flatterten. Vor 19 Jahren war ich in dieser Stadt, aber nur so flüchtig, daß sie mir kein Bild mehr zurückgelassen hat. Sie hat mittelalterliche Türme und Paläste genug, meist aber reich aussehende Rokokobauten aus dem 17. Jahrhundert. Die Straßen tragen die Bezeichnung von Stadtvierteln mit wunderlichen Tiernamen. Das reiche Archiv des Hauses Gonzaga ist in einem Teil des Schlosses in mehreren Sälen aufgestellt und in so vortrefflicher Ordnung, daß es der österreichischen Verwaltung Ehre macht. Von ihr ging dasselbe in das Eigentum der Stadtgemeinde über. Direktor ist dort Zucchetti, ein liebenswürdiger Greis, und Sekretär ein noch junger Mann, Davari, welcher die Feldzüge Garibaldis in Neapel mitgemacht und auch im letzten lombardischen Kriege gekämpft hatte. Ich arbeitete daselbst täglich von 9 bis 3 Uhr. Meine Ausbeute ist so groß, daß ich noch einmal hierher zurückkehren will. Für die Epoche Hadrians VI. und Clemens' VII. fand ich Korrespondenzen der mantuanischen Gesandten aus Rom, sogar aus den Hauptquartieren, und eigenhändige Briefe fast jeder bedeutenden Persönlichkeit jener Zeit. Ich habe damit die drei letzten Kapitel des achten Bandes bereichert und namentlich für den Sacco di Roma so viel Neues beibringen können, daß sich Ranke darüber freuen soll, welcher mir in München sagte, es sei nichts Neues mehr hinzuzufügen, er habe das alles schon verwertet. Er hat jedoch das Archiv Mantua nicht gesehen, und wenige haben es gesehen, da unter dem österreichischen Regiment der Zugang zu ihm schwierig war. Archivio Vergine nannte es der Graf Arco. Die Korrespondenzen Castigliones, des Nuntius Clemens VII. in Madrid, liegen dort, und viele seiner Briefe sind unediert; desgleichen die Berichte Suardinos, des Gesandten Mantuas in Madrid. Ich kopierte mehrere Briefe von Cäsar Borgia. Ich habe nie so gefroren wie in Mantua. Ich glaubte, nicht lebend aus diesem Ort zu kommen; nur die Freude über die Entdeckungen im Archiv erhielt meine Lebenskraft. Ich sah den Palast del Te wieder und die berühmten Fresken des Giulio Romano. Eine Dame lief dort aus dem Gigantensaal entsetzt hinweg. Ich sah das kleine Haus, welches sich Giulio Romano gebaut hatte und das noch unverändert dasteht. Derselbe Schüler Raffaels hat auch große Gemälde im Palast Gonzaga ausgeführt; dort sind seine schönsten Fresken im Trojanersaal. Er malte hier das Urteil des Paris in origineller Auffassung, nicht den Akt selbst, sondern was ihm vorausgeht: Merkur führt die Göttinnen dem Schäfer zu, welchen man in der Ferne neben seiner Herde sitzen sieht. Merkur trägt den Apfel in der Hand. Ebendaselbst ist Laokoon gemalt. Der Künstler hat, was er als Maler durfte, die Gruppe aufgelöst; die drei Figuren stehen hintereinander; die Schlange steigt aus dem Meer, sie zu überfallen. Monte Cassino, 6. 10. 1859 Das Schloß der Gonzaga, dessen einen Teil in den letzten Jahren der unglückliche Erzherzog Maximilian wiederhergestellt hat, ist ein kolossales Viereck von Gebäuden aus verschiedenen Epochen, mit Höfen, Gärten und einem Labyrinth von Gemächern – ein Vatikan im Kleinen. Er glänzte während der Renaissance von Pracht, Schönheit und den edelsten Geistern des Landes. Keine berühmte Persönlichkeit jener Zeit, wo Castiglione seinen ›Cortegiano‹ schrieb, hat in diesen Sälen gefehlt. Mittelpunkt der Gesellschaft war Isabella d'Este, die Schwester Alfonsos, und Gemahlin des Giovanni Francesco Gonzaga. Johann von Medici von den schwarzen Banden starb dort in den Armen Aretinos. Am Anfange des 16. Jahrhunderts und noch früher glänzte Mantua auch durch eine Akademie, die Fortsetzung der ersten Humanistenschule des Vittorino. Noch heute trägt eine Straße der Stadt den Namen Via Pomponazzi, von jenem Philosophen, welcher die Unsterblichkeit der Seele leugnete, zur Zeit Julius' II. und Leos X. Die Herren vom Archiv führten mich auch in die Gefängnisse des Schlosses und zeigten mir das Gemach, aus welchem Orsini mit so großer Kühnheit entfloh, um dann durch seine Mordbombe Napoleon zur Befreiung Italiens aufzuregen. Diese Gefängnisse sind nicht schreckliche Kerker, sondern saubere Räume, was ich zu Ehren Österreichs den mich führenden Herren bemerkte und sie auch anerkannten. Wir nahmen eines Tags ein gemeinsames Mahl im Palast Bonacolsi ein, welcher später an die Castiglione kam. Von alten Familien gibt es in Mantua noch Zweige dieses Geschlechts, ferner die Colloredo, dal Bagno, Cavriani, Arco. Ich besuchte den letzteren. In einem wüsten, kalten Zimmer unter Büchern und Schriften fand ich einen hochbetagten Mann sitzen, halberblindet, den Krebs im Gesicht, das klägliche Jammerbild menschlicher Leiden. Mit tiefer Betrübnis beobachtete ich diesen um die Geschichte Mantuas, namentlich die seiner Gemeindeverfassung, hochverdienten Greis. Noch am Rande des Grabes und auf der Folter seiner Schmerzen setzt er seine vaterländischen Studien fort. So oft ich meine Arbeit im Archiv beendigt hatte, wanderte ich in der Stadt umher, an die Seen, auf denen langsam große schwarze Kähne zum Po hinabfuhren, nach der Zitadelle, wo ich das einsame Denkmal des Andreas Hofer sah. Abends war großes Gewühl in der Hauptstraße unter den schönen Arkaden und Lärmen der Jugend, wie in Rom bei der Befana. Das nahe Fest Santa Lucia ist der Weihnachten Mantuas. Morgens am 12. Dezember mit der Post nach Modena, dort die Eisenbahn zu erreichen. Es war noch dunkel und bitter kalt; die Wagenfenster überfroren. Welches Entzücken, die Nacht sich in die Alba und Morgenröte auflösen und dann die Sonne prachtvoll aufsteigen zu sehen! Alsbald über den Po bei S. Benedetto auf der Fähre, derselben, welche mich vor mehr als 19 Jahren hier hinübergeführt hatte, als ich diese Straße zog, in der tiefsten Dunkelheit über meine Zukunft und Bestimmung. Hinter S. Benedetto brach die Achse des Wagens, und dieser blieb auf der Chaussee stehen. Da saßen wir ratlos. Ein Zug hoher zweirädriger Karren, beladen mit Steinen zum Chausseebau, kam eben daher, geführt von kräftigen Arbeitern in roten Mützen. Sie halfen die Achse mit Stricken festbinden, was nichts nützte und nur Zeit kostete. Ein Knecht wurde auf einem Pferde nach der nächsten Poststation Moglia vorausgeschickt, unser Unglück zu melden, während Briefschaften und Gepäck auf die Karren verladen wurden. Im warmen Sonnenschein wanderte ich auf der trefflichen Straße rüstig fort, weit hinter mir folgte der Zug der Karren. Nach vier Miglien kam mir ein kleiner Wagen, geführt von zwei schönen jungen Männern, den Söhnen des Posthalters, entgegen. Er brachte mich nach Moglia. Auf demselben Wägelchen ging es fort nach Carpi. Carpi ist die Hauptstadt des Fürstentums der Pii, welche sich dort ein schönes Schloß erbauten. Ich hatte nur so viel Zeit, in den Schloßhof zu treten, des Alberto Pio gedenkend, welcher hier den großen Aldus in seine Druckerei aufgenommen hatte. Dann weiter mit der Post nach Modena. Abends nach Bologna, wo ich im ›Hôtel Brun‹ übernachtete. Am 13. besuchte ich Frati im Archiginnasio und ließ mir die nun vollendete Einrichtung dieses herrlichen Lokals, auch das neu aufgestellte Museum etruskischer Altertümer zeigen. Es war bitter kalt. Schnee lag auf den Dächern. Um 8 Uhr erreichte ich Florenz. Um 10 Uhr nachts am 13. Dezember weiter nach Rom. Ich fand hier meine Freunde guter Dinge, selbst Frau L. in einem besseren Gesundheitszustande, als ich erwartete. Wenig Menschen suchte ich auf, darunter den Herzog von Sermoneta und Donna Ersilia, deren Mann mich in die Aula des Parlaments führte. Am 17. begann indeß die durch so lange Zeit in mir aufgesammelte Kälte auszutreten. Statt wie die Trompete Münchhausens im Auftauen die Stimme zu bekommen, verlor ich sie und wurde ganz sprachlos. Ich habe fünf Tage lang das Zimmer hüten müssen.   Rom, 31. Dezember Der erste bekannte Mensch, dem ich begegnete, war sonderbarerweise der Erzbischof Stroßmayer. Er wanderte im Sonnenschein des Mittags auf der Piazza di Spagna mit seinem Theologen Morsack; er erschien mir physisch und geistig gebrochen. Der bayerische Gesandte beim italienischen Hof, Herr v. Dönniges, wohnt in meiner Nähe. Er liegt an den Blattern krank, so daß ich ihn noch nicht gesehen habe. Ich vermied die Gesellschaften. Nur bei Graf Tauffkirchen war ich auf der Donnerstagsoiree. Alle meine Schätze aus Mantua habe ich bereits für die drei letzten Kapitel des achten Bandes verwertet. Sobald ich die Schlußbetrachtung werde umgeschrieben haben, ist auch der letzte Strich an meinem Lebenswerk getan. Dies verändert meine Stellung zu Rom. Ich löse mich von Rom ab, welches für mich zur Legende meines kleinen Lebens zu werden beginnt. Nichts kann mir das Vergehen und den Unbestand menschlicher Dinge so schmerzlich ins Bewußtsein bringen. 1872 Rom, 10. Februar Anfang Januar starb Dönniges an den schwarzen Pocken. Wir begruben ihn an der Pyramide des Cestius. Nur ein paar Personen waren zugegen, Graf Tauffkirchen, ein Gesandtschaftsattache, Dehrenthal, Riedel, Lindemann und ich. Dönniges war Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften; er hatte die Regesten Heinrichs VII. aus dem Turiner Archiv herausgegeben. Er war der Vertraute des Königs Max, und auf seine Veranlassung hatte dieser Männer wie Liebig nach München berufen. Als Protestant war er den Ultramontanen tief verhaßt. Von namhaften Italienern sah ich mehrere bei Donna Ersilia und bei Teano, wie Sella, Minghetti, Bonghi, Guerrieri Gonzaga, Übersetzer des Faust, Terenzio Mamiani. Bonghi ist Redakteur der ›Perseveranza‹, die während des letzten Krieges sich so feindlich gegen Deutschland verhielt; zugleich Professor der alten Geschichte in Mailand, ein Mann von viel Geist und sophistischer Routine. Rosenkranz schickte zu mir einen jungen talentvollen Philosophen aus der Schule Veras: Rafael Mariano. Er hat einige philosophische Abhandlungen, auch eine Übersicht der modernen italienischen Philosophie geschrieben und diese Rosenkranz gewidmet. Als Charaktere derselben zählt er auf Galluppi, Rosmini, Gioberti, Auronio Franchi und fällt das Urteil, daß die gesamte moderne Philosophie Italiens, als noch in der Scholastik und dem Katholizismus befangen, außerhalb der wissenschaftlichen Bewegung stehe und bedeutungslos sei. Den Italienern ist es nicht um objektive Wissenschaft zu tun, sondern um ihre Anwendung auf Leben und Staat. Der Kultus des Staats bei Hegel dürfte dasjenige sein, was ihnen diesen Philosophen so nahe gebracht hat. Wenn Selbstkritik ein Symptom der Erneuerung des Volksgeistes ist, so sind die Italiener heute auf gutem Wege. Sie üben diese bis zum Zynismus an sich aus; sie decken schonungslos die Pudenda ihrer Nation auf. Übereinstimmend erkennen sie, daß der moralische Zustand des Volks im Widerspruch zu den politischen Erfolgen steht. Sie haben eine nationale Form wie über Nacht erhalten, und diese Form ist ohne Inhalt. Bis zur Selbstverzweiflung sprechen sie das aus: so urteilte selbst Mamiani, so Lignana. Der Satz ist richtig, daß eine politische Revolution fruchtlos bleibt ohne die sie begleitende moralische. Für diese fehlt es den Italienern an Gewissen und sittlicher Energie. Der heutige Zustand Roms ist ein ganz unerhörter. Die Italiener haben sich der alten Hauptstadt der Christenheit bemächtigt und sie zum Zentrum ihres Landes erklärt, während in ihr das infallible Papsttum fortdauert als Todfeind ihres Nationalprinzips. Eine Brücke führt nicht über diese Kluft. Eine Versöhnung, so sagte mir Gonzaga, ist nur möglich, wenn sich das Papsttum transformiert. Nun, so wäre es die Aufgabe der italienischen Nation, dieses Papsttum zu transformieren. Aber wie soll sie das leisten, da sie nur ein politisches, d. h. äußerliches Verhältnis zur Kirche hat? Der Vatikan fährt fort, das offizielle Gefängnis des Papsts zu sein, das heißt auch, der große Verschwörungsherd, wo man die Kräfte rüstet, mit denen das neue Italien zerstört werden soll. Der König ist in Rom nur zu Gast. Einige Aristokraten scheinen ihre feindliche Stellung aufzugeben, aber Rospigliosi, Barberini und Borghese halten sich zurück; nur Orsini sah ich auf dem Ball, welchen Teano für die Prinzessin Margherita gab. Graf Brassier de St. Simon ist als deutscher Gesandter hier beim italienischen Hofe, ein alter, fein aussehender Herr. Tauffkirchen ist der Nachfolger Arnims beim Papst und eben von Berlin eingetroffen. Es gibt doppelte Gesandtschaften in Rom, beim Taikun und beim Mikado. Die Gräfin Arnim kam aus Paris, um einige Wochen im Palaste Caffarelli zu verleben. Sie ist entzückt, wieder hier zu sein. Ihr Leben unter dem Druck des französischen Nationalhasses schildert sie als das eines wilden Tieres in einem eisernen Käfig, wie sie sich drastisch ausdrückte. Sie habe keinen Umgang. Niemand wolle etwas von ihr wissen. Nur Thiers und die Minister kämen offiziellerweise. Eine Hofdame der Herzogin von Hamilton, Fräulein von Cohausen aus Baden, zeigte mir einen Fächer mit Sinnsprüchen beschrieben, wie das jetzt wieder Modespielerei ist. Ihr Vater, Oberst Cohausen, welcher für Napoleon Studien über Cäsar gemacht hat und mit ihm befreundet ist, besuchte den Exkaiser in Wilhelmshöhe und hatte seine Tochter mit. Napoleon schrieb auf ihren Fächer den bekanntesten Vers Dantes: Nessun maggior dolore Che ricordarsi del tempo felice, Nella miseria. Der Kaiser, vor dem einst Europa bebte, schrieb das einem jungen deutschen Mädchen in Wilhelmshöhe auf den Fächer. Es erschien mir als der tiefste Grad seines Falles und doch zugleich menschlich liebenswürdig, ja groß. Viele Russen sind hier und viele Kurländer. Baron Uexküll kam wieder, der Senator Brevern, Graf Pahlen und Frau, Fürst Lieven, Oberzeremonienmeister des Kaisers, mit seiner Frau, ehemals Gräfin Pahlen und mir von früher her bekannt. Der Herzog von Nassau ist hier. Er verkehrt nur mit ultramontanen Kreisen. Nardi, Merode und Visconti gehen bei ihm aus und ein, und dieselbe Gesellschaft sieht die Herzogin von Hamilton. Diese Dame erschien mir als eine mehr sentimentale als fanatische Papistin. Ich sah sie nur einmal. Meine Bemerkungen über die Notwendigkeit des Falles des Kirchenstaats schienen sie nicht sehr zu erbauen. Bei ihr ist ihre Tochter, die unglückliche Erbprinzessin von Monaco, von ihrem Mann geschieden, erst 19 Jahre alt. Michele Amari kam, doch nur auf kurze Zeit, und Paolos Bruder, Antonio Perez, Deputierter beim Parlament. Es ist Karneval. Diese Spiele scheinen abzulumpen, als etwas Veraltetes. Es ist weder mehr Luxus noch Geist noch Grazie darin.   Rom, 18. Februar In den letzten Tagen des Karneval fand ein merkwürdiges Religionsgespräch über die Frage statt, ob S. Petrus jemals in Rom gewesen ist oder nicht. Die beiden Parteien bestanden aus evangelischen Geistlichen und katholischen Priestern, alle Italiener. Der Papst selbst hatte die Erlaubnis dazu erteilt, trotz vielen Widerspruchs einiger Kardinäle. Daß unter seinen Augen in Rom heute ein solches Religionsgespräch abgehalten werden konnte, und zwar über jene Kardinalfrage, ist ein signum temporis mutati . Die Streitenden versammelten sich im Saal der Accademia Tiberina unter dem Vorsitz des Prinzen Chigi. Jede Partei hatte ihre Stenographen. Man beobachtete mit Anstand alle Regeln eines akademischen Turniers. Die negativen Beweise, welche zumal Sgarelli und Gavazzi vorbrachten, erwiesen sich stärker als die anderen, welche Guidi in einer sehr schwachen Verteidigung gebrauchte. Seine Argumente stützten sich nur auf die Tradition der Kirche; er griff die Autorität der Bibel an und stellte die katholische Tradition über diese. Man bemerkte, daß am Ende des Disputs Ketzer und Katholiken sich die Hände reichten. Nun, da der Sieg nicht entschieden den Katholiken geblieben ist, macht man im Vatikan dem Papst die bittersten Vorwürfe; er hat auch die Fortsetzung solcher Diskussionen verboten. Dies sind nur Wortgefechte; selbst wenn es positiv zu erweisen wäre, daß Petrus nie in Rom gewesen ist, hebt man doch nicht mehr den tausendjährigen Bestand der Tradition und ihre historische Wirkung auf. Ich lernte kennen Guerzoni, Deputierten von Brescia, welcher einen Artikel über Arnaldo di Brescia geschrieben hat. Es kam Ludwig Bamberger, der sich Rom betrachten will. Er ist ein Mann in noch kräftigen Jahren, ich glaube kaum 50 alt, mit rotem Bart und Haar, geröteten Augen und etwas ermüdeten Gesichtszügen, von ruhiger Erscheinung. Im Gang hat er etwas Kraftloses oder fast Schleichendes, was mich an Rosenkranz erinnert. Er sagte mir, daß er in Versailles ein genaues Tagebuch mit Dokumenten angelegt habe, und dies wird, von einem so geistreichen und praktischen Mann verfaßt, sicherlich von hohem Wert sein. Vorgestern begrub man mit großem Pomp den General Cugia, einen Sardinier, Adjutanten des Prinzen Umberto. Er war plötzlich im Quirinal vom Schlage getötet worden; die päpstliche Presse bemerkte mit boshafter Freude, daß dies das erste Opfer im Quirinal sei. Sie erwartet noch andere.   Rom, 18. März Viele Menschen sind zu mir gekommen, ich lebte im Strudel der Gesellschaft. Noch nie war Rom so von Fremden überfüllt; zu gewissen Tagesstunden glaubt man eine Völkerwanderung zu sehen. Prinz Friedrich Carl war einige Tage in Rom, im Palast Caffarelli. Von den hiesigen Deutschen nahm er keine Notiz. Man spricht davon, daß er eine politische Mission habe, und in der Tat beeilte sich auch Thiers, Fournier zum Gesandten beim italienischen Hof zu ernennen, worüber die Priester ungehalten sind. Friedrich Carl wurde sehr ausgezeichnet. Als er eines Abends im Apollotheater erschien, erhob sich das Publikum. Durch den Senator von Brevern lernte ich viele Russen kennen, Schoulepnikow, Tschurbatow, Buturlin, die Gräfin Anrep, die Hofdame von Euler, Enkelin des berühmten Mathematikers. Die Größe des Reichs und der Bezug zum Orient gibt den Russen eine gewisse Weite des Gesichtskreises, wenn diese auch nur geographischer Natur ist; denn der Kulturprospekt Europas fehlt. Es kam auch Smyrnow, der Sohn der Frau von Smyrnow römischen Angedenkens, jetzt ein aufstrebender junger Mann. Er ging von hier nach Tiflis, welches alle Russen als das Zentrum eines werdenden Kulturstaats im Osten preisen. Prokesch Osten kam, jetzt außer Dienst, da er den Posten des Botschafters in Konstantinopel niedergelegt hat; ein Greis von 77 Jahren, aber von jugendlicher Lebendigkeit – die Augen blitzen von Geist. Baron Hügel nennt ihn den Don Juan des Ostens, eine Natur von unerschöpflicher Sinnlichkeit. Vor einigen Jahren brach er auf der Treppe eines Palasts bei Konstantinopel beide Knie, doch mehrmals stieg er die 104 Treppenstufen zu meiner Wohnung hinauf. Er ist einer der interessantesten Männer, die ich gesehen habe. Den Orient und Griechenland kennt er genau, denn seit 1824 lebte er dort wiederholt jahrelang; ich glaube, seit 1855 war er Gesandter in Konstantinopel. Er rühmt den moralischen Charakter der Türken und haßt die Griechen; nach dem Aussterben der großen Männer ihres Freiheitskrieges sei nur Schund übriggeblieben. Von der Union der griechischen Kirche mit der abendländischen, welche mir Père Hyacinthe eben als leicht ausführbar geschildert hatte, wollte er nichts hören: dies sei eine Hypothese Döllingers, welche jedoch durch die Leidenschaften wie die Denkweise der Orientalen widerlegt werde. Es gebe kein orientalisches Christentum als Körperschaft; alle christlichen Völker oder Sekten hassen einander auf den Tod. Die humanitäre Idee der Einheit der Religion sei ein heidnischer Begriff, vom römischen Reich her genommen. Prokesch erzählte, daß vor kurzem der Sultan in seinem Beisein viele Patriarchen empfangen und ihnen wie ein zweiter Nathan gesagt habe: »Wenn Gott gewollt hätte, daß nur eine Religion sei, so würde es nur eine auf Erden geben; nun da er es nicht gewollt hat, verehre jeder auf seine Weise Gott mit Gottesfurcht, so wird er ihm und mir am besten dienen.« Prokesch anerkannte, daß die katholische Kirche einer Transformation entgegengehe, welche sie an sich vollziehen müsse, wenn sie nicht untergehen wolle. Er anerkannte die grenzenlosen Irrtümer des Papsts in Betreff des Konzils und seiner öffentlichen Herausforderung der Zivilisation, als deren prinzipiellen Feind er sich bekannt habe. Dieselben Worte hatte mir kurz vorher Père Hyacinthe gesagt und hinzugesetzt, daß Ranke in München geäußert habe, diese rücksichtslose Kriegserklärung des Papsttums sei eine in der Geschichte bisher unbekannte Tatsache. Hofrat Urlichs aus Würzburg besuchte mich und Professor Jordan aus Königsberg, beide Archäologen auf verschiedenem Standpunkt. Der Prinz Carl von Baden kam mit seiner jungen Frau, dem ehemaligen Fräulein von Beust, welche Hofdame seiner Schwägerin gewesen war. Diese Heirat hat viel böses Blut gemacht; der Großherzog war entschieden dagegen; doch machte er die Dame zur Gräfin von Rhena. Ich war mit ihnen zu Tisch bei der Gräfin Anrep. Ignazio Ciampi lud mich zu seiner ersten Vorlesung über moderne Geschichte in der Sapienza ein, der ich beiwohnte, in Folge wovon Terenzio Mamiani zu mir kam. Ciampi ist Advokat und Richter, in den historischen Wissenschaften ohne Studium, doch ein sehr begabter Mensch. Ich sagte Mamiani, daß es nötig sei, gediegene Gelehrte an die hiesige Universität zu berufen, und er erwiderte, daß es schwer sei, solche aufzutreiben. Der Mangel der »Schule« ist in Italien sehr fühlbar, und dies erklärte Mamiani aus dem eingebornen Individualismus der Italiener, welche nicht wie die Deutschen sich der Schulmethode fügten. So sei es immer gewesen; jeder suche und gehe seine eigenen Wege. Ich glaube, in den Künsten war dies nicht der Fall, und daher leisteten die Italiener auch mehr in ihnen als in den Wissenschaften. Am 10. März starb zu Pisa Mazzini, der intellektuelle Stifter der Einheit dieses Landes, welche dann Cavour auf monarchischem Wege wirklich gemacht hat. Trotz seiner eminenten Verdienste um sein Vaterland ging Mazzini zu Grabe unter dem Bann des sittlichen Urteils der Welt. Er verhält sich dazu als Person gerade so wie das Buch vom Fürsten Machiavellis; beide exkommunizierte man offiziell, und man bediente sich ihrer de facto . Alle Städte Italiens feierten das Gedächtnis des großen Patrioten, doch dieses war wesentlich das Werk der Demokratie, obwohl sich hie und da auch die Magistrate beteiligten. Am 17. März fand die Feier in Rom statt. Zahllose Gesellschaften mit ihren Fahnen zogen von der Piazza del Popolo nach dem Kapitol, wohl 10 000 und mehr. Den Schluß machte ein von vier weißen Pferden gezogener Triumphwagen, worauf die Büste Mazzinis stand, gekrönt von einer trauernden Italia. Der Wagen war umringt von Menschen, welche weiße Papierbogen trugen, auf denen die Namen der Märtyrer Italiens geschrieben standen, darunter auch die des Monti und Tognetti, jener garibaldischen Pulververschwörer, die der Papst im Jahr 1868 hatte hinrichten lassen. Auf dem Kapitol wurde die Büste in Empfang genommen, um zwischen Kolumbus und Michelangelo aufgestellt zu werden. Avezzana und Cairoli hielten Reden. Cairoli gedachte dessen, daß auf diesem Lokal Cola di Rienzo gefallen sei. Ich sah diese Demonstration von der unteren Terrasse des Pincio, wohin ich Fräulein von Euler und vor Dewitz begleitet hatte. Ihr Hintergrund war von diesem Standpunkt aus der Vatikan. Der Magistrat (Grispigni ist Syndikus) hatte sich an der Feier nicht beteiligt, überhaupt niemand von offizieller Seite. Die Regierung tat weise, sie zu dulden; nirgends sah man Polizei. Alles bewegte sich mit römischem Takt vorwärts. Viel unterirdisches Volk von den extremsten Sorten sah man, doch nahmen an der Demonstration auch Bürger und Vereine gemäßigter Farbe Anteil. Die reduci dei Vosgi führte Ricciotto Garibaldi. Auch Frauen sah man einherziehen. Eines Tags führte ich Brevern und Schoulepnikow nach dem Aventin. Man muß scheiden von diesen stillen Hügeln; ihre Einsamkeit und ihr poetischer Zauber wird bald zerstört sein. Man will sie mit Gebäuden bedecken. Auf dem Coelius wird man Straßen bauen. Auf Esquilin, Viminal und Quirinal soll das neue Rom entstehen. Oft gehe ich nach dem neuen Quartier Ai Termini , wo nun die Via Nazionale im schnellen Fortschreiten begriffen ist. Aber die großen Gebäude, die man dort aufführt, sind nur kasernenartige Häuser. Die eine Seite ist fast fertig; schon sind Trottoirs gelegt und auf ihnen selbst Bäume gepflanzt worden.   Rom, 1. April Das Osterfest ist still dahingegangen. Auch diesmal kam der Papst nicht in den St. Peter, noch segnete er von der Loge die Feinde, wie Christus dies geboten hat. Fortdauernd macht er das Amt seines Priestertums abhängig von seiner weltlichen Gewalt. Wenn sich die Priester einbilden, daß dies Aufhören der Osterschauspiele im St. Peter Rom veröden werde wie in den Zeiten des Mittelalters, so haben sie sich getäuscht. Die Stadt ist selten so überfüllt von Fremden gewesen. Georg Schweinfurth, der tapfere Afrika-Reisende, kam hierher von Malta und Sizilien, nachdem er schon vor einem Jahre das Innere Afrikas verlassen hatte. Bis zum dritten Grade unter dem Äquator war er vorgedrungen. Er ist ein junger Mann von höchstens 30 Jahren, von sehr angenehmem Äußeren. Der Expedition Bakers prophezeit er kein Glück. Er geht nach Berlin, wohin er seine Sammlungen geschickt hat; dort will er seinen Reisebericht abfassen und endlich in Kairo seinen Sitz nehmen. Graf Panin kam und erzählte viel von Tiflis und dem Kaukasus, wo er jahrelang gelebt und die dortigen Sprachen studiert hat. Gestern verließ Arnim Rom mit großem Bedauern, nachdem er hier sieben Jahre in den angenehmsten Verhältnissen gelebt hat. Sein Abschied vom Papst wird peinlich genug gewesen sein. Arnim ist jetzt, was er früher nicht war, der entschiedenste Gegner des Papsttums. Er sagte mir, daß Bismarck mit Energie gegen den Ultramontanismus einschreiten werde, und daß er hoffe, man werde ein Gesetz machen, welches die Austreibung der Jesuiten aus Deutschland ermöglicht. Der Minister des Unterrichts Correnti forderte mich durch ein Schreiben auf, den Sitzungen der Giunta beizuwohnen, welche wissenschaftliche Anstalten und dergleichen berät, damit darüber aus der Kammer Gesetze hervorgehen. Ich ging zur Sitzung in den Palast Capranica am 26. März. Präsident ist Michele Amari; die Giunta hat folgende Mitglieder: Cesare Cantù, Don Luigi Tosti von Monte Cassino, Ricotti von Turin, Minervini und Fiorelli von Neapel, Tabbarrini, Direktor des Archivio Storico, Graf Conestabile von Perugia, Professor Govi, Rosa von Rom und Dr. Henzen. Es wurde ein Reglement über Ausgrabungen und Monumente besprochen. Am Tag darauf ging ich zum Minister und legte ihm einen Plan wegen der Ordnung und Inventarisierung der Archive in und außer Rom vor. Der alte Kirchenrat Hase aus Jena ist gekommen; auch der Erbprinz von Weimar nebst seinem ehemaligen Hofmeister von Wardenburg. Er hat seine Braut, die Prinzessin von Oldenburg, besucht, welche sich bei den Nassauern aufhält. Augenblicklich ist ein ganzer Schwarm von Fürstlichkeiten hier: der König und die Königin von Dänemark, der Prinz von Wales und Gemahlin, der nassauische Hof, der Kronprinz von Hannover, die Fürstin von Rumänien, welche krank ist, Prinz Reuß etc. Gestern schickte ich den Bogen 38 des letzten Bandes der ›Geschichte der Stadt Rom‹ ab; noch 2 ½ Korrekturbogen, und dann ist auch dies vollendet.   Rom, 7. April Am 1. April starb der einzige Sohn des Marquis de Tallenay an der Diphteritis. Am 4. April begruben wir Parthey aus Berlin, welcher am 2. auf dem Kapitol gestorben war, im Alter von 74 Jahren. Ich hielt ihm die Grabrede, gedachte darin seiner Wanderungen an den Küsten des Mittelmeers und seiner Forschungen in Bibliotheken Italiens. Noch vor wenigen Jahren hatte er eine neue Ausgabe der ›Mirabilia Urbis Romae‹ gemacht und diese mir gewidmet. Parthey war von der Mutter her ein Enkel Nicolais. Seine ansehnliche Bibliothek hat er dem archäologischen Institut in Rom vermacht. Gestern wohnte ich dem Vortrag des Père Hyacinthe im Saal der Argentina bei, wozu mich Fräulein von Euler eingeladen hatte. Er sprach über die Beichte. Er ist ein sehr gewandter Redner, schöne Worte, aber wenig Gedanken. »Nichts als die rötliche Blum' Hyakinthos,« wie Elisabeth von Wrangel gut sagte. Reformieren wird ein solcher Mann die Kirche nicht. Die Altkatholiken stellen deren Zustand seit dem Dogma der Infallibilität so dar, daß hinter dieser Grenze alles wie ein goldnes Zeitalter erscheint, vor ihr aber nichts als Verderben. Indeß diese Grenze ist bis zur Lächerlichkeit imaginär. Ein Österreicher sagte mir letzthin folgendes: Vor der Infallibilität glaubten die Katholiken auf das Gebot des Papsts, daß 2 mal 2 = 7 sei, nun er aber verlangt zu glauben, daß 2 mal 4 = 9 sei, weigern sie sich, dies zu tun. Kein Dogma ist in der Menschenwelt von jeher weiter verbreitet gewesen als das der Infallibilität; jeder will infallibel sein, der König, der General, der Richter, der Professor auf dem Katheder, der Arzt etc. Die letzten Druckbogen des Textes meiner ›Geschichte der Stadt‹ sind eingetroffen und heute am Sonntag in Albis sende ich sie nach Augsburg zurück.   Rom, 9. Mai Neue Arbeiten habe ich in den Archiven der Stadt begonnen, von denen immer mehr mir zugänglich werden. Corvisieri führte mich in das Archiv Sancta Sanctorum, welches im Palast Nardini verwahrt wird; es ist sehr reichhaltig. Ich arbeitete einige Tage im Senatorenpalast in der Kanzlei des Notars Witte, wohin ich mir Handschriften aus dem Kapitol bringen ließ. Sodann erlangte ich durch den Notar Filippo Becchetti Zutritt zum Archiv der Notare des Kapitols, wovon er Archivar ist. Seit Sixtus V. ist dasselbe im Kapitol aufgestellt, und seit diesem Papst bilden die kapitolischen Notare ein Kollegium von 30 Mitgliedern. Ihnen gehört das Archiv, dessen Protokolle mit 1400 beginnen und bis auf den heutigen Tag fortgeführt sind. Die Bände in weißem Pergament tragen auf dem Rücken die Namen der Notare, welche darin ihre Schriften niedergelegt haben. Ich nahm das kostbarste dieser Regesten, das von Camillo Beneimbene (von 1467 bis 1505), ins Studium des Notars Becchetti, und dort kopiere ich seit einer Woche viele Urkunden. Ich habe den Plan gefaßt, das Leben der Lucrezia Borgia zu schreiben: dies soll meine Erholung von der ›Geschichte der Stadt Rom‹ sein. Dem Unterrichtsminister Correnti habe ich ein Promemoria über die Archive Roms und der drei römischen Provinzen Campania, Marittima und Patrimonium Petri , eingereicht, und sodann in der Aprilsession der Kommission den Antrag gestellt: eine Spezialkommission zu bilden, welche jene Archive überwachen und registrieren soll; ein periodisches Journal zu gründen unter dem Titel ›Archivio Storico Romano‹, woraus mit der Zeit ein ›Codex Diplomaticus urbis Romae‹ hervorgehen könne. Die Versammlung nahm den ersten Vorschlag einstimmig an und ging über den zweiten einstweilen hinweg. Anwesend waren auch De Rossi und Visconti.   Rom, 2. Juni In dieser Zeit habe ich im Studium des Notars Dr. Becchetti gearbeitet (Nr. 13 Via di Metastasio), wo ich täglich in der Schreiberstube Akten aus dem Protokollbuch Beneimbenes kopierte. Ich bin im Besitz vieler unbekannter Instrumente, Lucrezia Borgia betreffend, wie anderer merkwürdiger Aktenstücke aus jener Zeit. Durch Vermittlung des Marchese del Cinque wurde mir das Archiv der Confraternitas von Santo Spirito geöffnet, und dort bin ich seit einigen Tagen am Vormittag. Band VII der ›Geschichte‹ habe ich für die zweite Auflage mit vielem Merkwürdigen bereichern können. Unterdeß kam der Kultusminister Correnti zu Fall; die Konservativen, Lanza selbst, stürzten ihn in Folge seiner Vorschläge über die Abschaffung der Religionslehrer in den Schulen und den obligatorischen Religionsunterricht. Die konservative Partei sucht einen Kompromiß mit dem Vatikan. Ich habe es immer gesagt, daß die beständige Berührung mit dem Pfaffentum die italienische Regierung moralisch vergiften wird. Es waren hier von Freydorf, badischer Minister, und die Prinzessin Salm, welche durch ihre Energie in Mexiko berühmt geworden ist. Sie verlor ihren Mann in der Schlacht bei St. Privat; eine noch junge Frau, bleich und unruhig, mit schönen Augen; sie spricht deutsch mit englischem Akzent. Als Krankenpflegerin hatte sie schon den amerikanischen Krieg mitgemacht und war als solche in Saarbrücken, als ihr Mann fiel. Sie erzählte eines Abends bei Frau Lindemann viel Merkwürdiges über den unglücklichen Maximilian. Man macht Ausgrabungen in einer Vigna am Quirinal; hohe Mauern sind bloßgelegt, wahrscheinlich von den Thermen Konstantins. Ich nahm etwas von dem köstlichen Marmor mit, welcher dort aufgehäuft liegt, und ließ mir daraus Schalen und Steine schneiden. Die Ausgrabung im Forum schreitet vor. Man scheint auf den Tempel Cäsars gekommen zu sein. Die Area für das neu zu bauende Finanzministerium bei Porta Pia wird hergestellt. Dort kamen einige Säulen zum Vorschein. Man wühlt und gräbt in Rom täglich; selbst den Tiber will man reinigen. Dort müßte man mindestens 40 Fuß tief graben, um alte Schätze herauszuheben.   Rom, 5. Juli Anfangs Juli nahm Professor Ignazio Ciampi in einer Vorlesung an der Universität Gelegenheit, über meine ›Geschichte der Stadt Rom‹ zu reden, mir den Dank Roms auszusprechen und zu sagen, daß es Pflicht sei, jetzt, wo der Kronprinz und die Kronprinzessin Italiens in Berlin seien, in Rom einen Deutschen zu ehren. Diese liebenswürdigen Worte brachten, in Verbindung mit dem Erscheinen der venezianischen Bände, eine gewisse Wirkung in Rom hervor, welche noch fortdauert. Zuerst faßte man den Gedanken, eine Eingabe an den Gemeinderat zu machen, mir das Ehrenbürgerrecht zu erteilen. Alessandro Manzoni, Terenzio Mamiani und Gino Capponi sind neuerdings zu Ehrenbürgern Roms gemacht worden. Der Civis Romanus würde der höchste für mich mögliche Titel der Ehre sein. Am 23. Juni war ich aufs Kapitol gegangen, um Forcella, den Sammler der römischen Inschriften des Mittelalters, dem Marchese Francesco Vitelleschi für eine Sekretärstelle zu empfehlen. Vitelleschi machte mir Mitteilung von dem Plan, meine ›Geschichte der Stadt‹ als ein zu Rom gehöriges Werk auf Kosten des Municipiums in italienischer Übersetzung herausgeben zu lassen. Er hat den Antrag dahin formuliert: »Das römische Municipium beschließt, den Verfasser der ›Geschichte der Stadt Rom‹ dadurch zu ehren, daß es die Kosten der italienischen Ausgabe seines Werks übernimmt.« Der Präfekt Roms, Gadda, an welchen der Antrag zuerst gelangen mußte, bestätigte den Druck desselben; und gestern in der Nachtsitzung des Stadtrats sollte er zu den Boten gelangen, über deren Einstimmigkeit Vitelleschi sicher war. Als mir 1865 Antonelli in Venedig durch Vermittlung Fulins den Antrag der italienischen Ausgabe meiner ›Geschichte‹ machte, konnte ich nicht ahnen, daß der Sturz des Papsttums in Rom nahe sei; ich war froh, daß ein italienischer Buchhändler so viel Mut hatte, und überließ ihm das ausschließliche Druckrecht. Ich beanspruchte nur die Summe von 250 Francs für jeden Band, als Symbol meines Autorrechts. Der erste Band der Übersetzung Manzatos erschien 1866; die Fortsetzung unterblieb, und Antonelli machte außerdem Bankerott. Im Jahre 1869 trat als sein Administrator Rebeschini ein, worauf der Kontrakt erneuert wurde und im Frühjahr 1872 der zweite Band erschien. Ich bin in der Fessel dieses Vertrags. Wenn ich von ihm befreit wäre, so würde heute das Werk in einer von der Stadt Rom selbst veranstalteten und unter meinen Augen besorgten Ausgabe erscheinen können.   Rom, 11. Juli Rebeschini ist hierher gekommen. Wir haben einen Modus gefunden oder eine neue Basis für den Vertrag. Gestern kam zu mir Marchese Carcano mit dem Ersuchen, ihm die Übersetzung der neuen Ausgabe der ›Geschichte‹ zu übertragen, was ich natürlich ablehnte.   Traunstein, 10. September Am 11. Juli bin ich in Begleitung Corvisieris bis Foligno gefahren. Dann nach Innsbruck; dort blieb ich den 13. und reiste am 14. nach Traunstein. Diesen Ort wählte ich auf Anraten des Dr. Seitz, um daselbst Salzbäder zu gebrauchen. Wälder, Berge und der Fluß Traun machen den Aufenthalt hier angenehm. Am 13. Juli ist der Antrag Vitelleschis vom römischen Stadtrat einstimmig angenommen worden. Am 7. August machte mir der Syndikus von Rom, Venturi, davon Anzeige, und ich schickte ihm von hier aus am 17. August ein Schreiben. Die ›Opinione‹ veröffentlichte dies, worauf die ›Allgemeine Zeitung‹ es in meiner eigenen Übersetzung abdruckte. Es lautet: »Ich bin im Besitze Ihres gütigen Schreibens vom 7. August und der Kopie des ehrenvollen Antrags, welchen die Gemeinde-Junta den Herren Stadträten vorgelegt hat. Sie bestätigen mir, daß der Stadtrat mit gleich großmütigem Impuls öffentliche Mittel dekretiert hat zur schnellen Vollendung des italienischen Drucks meiner ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹. Die ungewöhnliche Ehre, die meinem Werk erteilt worden ist, bewegt mich zu soviel Freude als Dank; von diesen meinen Empfindungen bitte ich Sie, hochgeehrter Herr, den anderen Herren vom Rate der Stadt Zeugnis zu geben. Indem dieselben mein Werk unter den Schutz des Municipiums von Rom stellten, haben sie ihm den höchsten mir nur irgend wünschenswerten Preis zuerkannt; aber sie bekundeten zugleich als wahre Römer vor der literarischen Welt, daß Rom von neuem die Beschützerin der Wissenschaften in Italien sein wird. So hoher Gunst kann ich heute nur mit der Hoffnung begegnen, durch mein Werk Italien einen wissenschaftlichen Dienst zu leisten, und so viel als ich vermag zur Ermunterung der historischen Studien in Rom beizutragen, welches, nach Jahrhunderte langen Leiden und Kämpfen ohnegleichen, endlich die Hauptstadt des geeinigten Italiens geworden ist. Und jene Kämpfe bilden den wesentlichen Inhalt meines Werks. Ich widmete diesem die besten Jahre meines Lebens, doch reichten meine schwachen Kräfte für eine so große Aufgabe nicht aus. Gleichwohl beruhigt mich der Gedanke, daß ich wenigstens den Grund zur Zivilgeschichte der Stadt Rom im Mittelalter legen konnte, welche bisher ganz vernachlässigt war. Auf ihm mögen künftighin römische Geschichtschreiber von mehr Kraft, als ich sie besaß, ein historisches Denkmal errichten; welches Roms würdig sei. Ich selbst werde glücklich sein, wenn mein Werk als das erste und nicht ganz ungenaue Gemälde jener großen Epoche der Stadt gelten darf, worin Italien und Deutschland, obwohl gefesselt durch die Dogmen des Reichs und der Kirche, unter Krieg, Haß, Schuld und Buße, dennoch eine neue Zivilisation geschaffen haben. Aber den glücklichsten der Geschichtschreiber wollte ich mich nennen, wenn mein Werk, entsprungen, wie es ist, aus der doppelten Liebe zu meinem Vaterland und zur ehrwürdigen Mutter Rom, irgendwie als ein Symbol der Freundschaft gelten könnte, welche jetzt, wo die Ursachen der alten Irrtümer für immer getilgt sind, das freie Italien mit dem freien Deutschland verbindet. Denn wie beide große Nationen Jahrhunderte lang ein ähnliches Mißgeschick erduldet haben, so sind sie auch in gleicher Zeit zu ihrer vollen Freiheit und Einheit wieder erstanden. Sie richteten sich auf, die eine durch Hilfe der anderen, und wie sie Genossen in dem harten Kampf um ihre nationale Erneuerung gewesen sind, so sind sie es auch in dem siegreichen Erfolg. Diese ihre fast wunderbare Wiedergeburt ist der herrlichste Sühneakt, den die Geschichte der Völker jemals gefeiert hat, und sie scheint deutlich zu verkündigen, daß Italien und Deutschland zu der hohen Mission berufen sind, fortan als befreundete Geschwister mitzuschaffen an dem großen Friedenswerk der Kultur.«   München, 11. November Vom 12. September bis heute lebte ich hier, in einem Privatlogis. Es waren öde Wochen, worin nichts in mir und um mich sich ereignet hat. Lücken in meiner Lektüre stellte ich her, beschäftigte mich mit darwinistischen Schriften und las hier auch die Literaturgeschichte Hettners vom 18. Jahrhundert. Ich erhielt von den Bürgermeistern von Modena und Vignola Einladungen zum 200jährigen Jubiläum Muratoris und dankte durch einen Brief. Am 2. November hielt ich einen Vortrag in der Akademie der Wissenschaften über das Archiv der Notare des Kapitols. Ich lernte den Geschichtschreiber Waitz kennen, einen stattlichen Mann von größerer Art, als sonst deutsche Professoren zu haben pflegen. Mit Döllinger habe ich meine gewohnten Spaziergänge fortgesetzt, oft drei Stunden lang, wobei er nie ermüdete. Döllinger ist ein einseitig großer Gelehrter, aber nur ein Verstandesmensch. Ohne das Feuer des Glaubens, welches vom Herzen strömt, kann kein Reformator gedacht werden. Döllinger besitzt keine einzige Eigenschaft dazu. Die altkatholische Bewegung ist nur eine kleine Empörung auf einem Schulkatheder. Mit Fröbel war ich öfter zusammen. Ein schöner Mann, der die Welt kennt, nicht an seinem Platze ist und in untergeordneter Tätigkeit verkommt, als Redakteur der ›Süddeutschen Presse‹, die jetzt zwecklos ist. Ich komme mir in München vor wie in einem luftleeren Raum; weder durch Erlebnisse noch durch Schöpfungen konnte ich solches Vakuum ausfüllen. Endlich ist der Schlußband der ›Geschichte der Stadt‹ fertig geworden. Durch die Versetzung des Dr. Franz Rühl, welcher mir das große Opfer bringt, das Inhaltsverzeichnis anzufertigen, nach Dorpat, erlitt der Druck desselben eine Verzögerung. Bis zum letzten Augenblick dauerten die Stürme über diesem Werk fort. Am 8. November schickte ich den letzten revidierten Bogen nach Augsburg zurück. So ist die Vollendung erreicht. Ich kann getrost nach Italien abreisen.   Venedig, Luna, 23. November Am 12. verließ ich München – meine Straße dort war von Militär abgesperrt, wegen der Schwindelbank Spitzeder, die mit Beschlag belegt wurde. Es fiel der erste Schnee; alles Land zeigte sich schneebedeckt bis gegen Brixen. Am 13. traf ich in Venedig ein. Seither hatte ich hier schöne Tage. Ich arbeitete vormittags in der Marciana, nachmittags bei den Frari. Dort fand ich fünf Bände Korrespondenzen aus der Renaissance-Zeit, woraus ich Auszüge machte. Meine Angelegenheit mit dem Hause Antonelli, die Übersetzung der ›Geschichte der Stadt‹ betreffend, fand ich ganz vernachlässigt. Ich sah, daß man nichts tun wollte, und stellte deshalb ein Ultimatum; im Falle der Nichtannahme drohte ich, mit Prozeß einzuschreiten. Dies wirkte. Antonelli zeichnete das von mir verlangte obligatorische Schriftstück dieses Inhalts: Band III wird ausgegeben nicht später als im Januar 1873; die folgenden Bände in ununterbrochener Reihe, zu je sieben Monaten Frist für jeden. Kommt der Drucker dieser Verpflichtung nicht nach, so fällt der zwischen mir und ihm gemachte Vertrag zu Boden. Auch verstand sich der Buchhändler, auf Grund der gesteigerten Möglichkeit des Absatzes unter so günstigen Zeitverhältnissen, zu einer Mehrzahlung von 2000 Francs an mich, von welcher Summe ich die Hälfte dem Übersetzer als freiwillige Remuneration bestimmt habe.   Rom, 25. Dezember Am 24. November ging ich von Venedig nach Mantua, wo ich vier angenehme Tage zubrachte. Ich arbeitete im Archiv Gonzaga, kopierte viele merkwürdige Urkunden und lernte treffliche Männer kennen wie Portioli Attilio, den Vorstand des Museo Civico, Professor Jutra und Graf Arrivabene, einen Zeitgenossen Silvio Pellicos. Er war von Österreich zum Tode verurteilt worden, flüchtete nach Frankreich und lebte dort lange im Exil: ein Mann von jetzt 85 Jahren, aber noch frisch und kräftig. Portioli hatte mir einen figurierten Plan der Stadt Rom im Museo Civico gezeigt, den ich als ein Werk der Renaissance erkannte: ich habe den Gedanken angeregt, ihn auf Kosten des Municipium Mantuas herauszugeben. Am 28. fuhr ich neun Stunden lang durch überschwemmtes Land mit der Post nach Reggio. Ich verbrachte die Nachtstunden bis 3 Uhr morgens im Wartesaal zu Bologna und fuhr dann nach Rom über Florenz. Um 7 Uhr abends am 29. November traf ich hier ein. Seither gehe ich in gewohnten Geleisen. Ich fühle mich behaglicher; das köstliche Bewußtsein, mein Lebenswerk vollendet zu haben, hebt mich über viele Miseren des Tags hinweg. Ich bin träge, vielleicht nur müde. Ich will zusehen, ob ich mich im neuen Jahre zu neuer Tätigkeit aufraffen kann. Rom ist fast leer, bei ewigem Scirocco. Wenig Menschen von Bedeutung kamen mir entgegen. Amari, Gonzaga sind hier. Graf Cosilla kam auf eine Stunde. Seine Übersetzung meiner ›Wanderjahre‹ ist unter dem Titel ›Ricordi storici e pittorici‹ erschienen, in zwei Bänden, und sie ist nicht vollständig, auch nicht gut zu nennen. Ich fand den Palast Sermoneta verödet. Die Herzogin starb im Sommer; obwohl sie nur ein Schattenbild war, bildete sie doch den moralischen Mittelpunkt des Hauses. Nun ist der blinde Herzog in die Abhängigkeit seiner Kinder geraten, die, obwohl trefflich, ihrer schweren Aufgabe nicht gewachsen sein können. Aus der ›Allgemeinen Zeitung‹ druckte die ›Gazzetta Ufficiale d'Italia‹ den Schlußartikel der ›Geschichte der Stadt‹ ab und beging denselben Irrtum zu sagen, daß man mir zum Dank für mein Werk das römische Bürgerrecht erteilt habe. Vitelleschi stellte mich dem jetzigen Syndikus von Rom, Graf Pianciani (von Spoleto), auf dem Kapitol vor. Ich dankte ihm, als dem Haupt der Municipalität, persönlich für die meinem Werk erwiesene Ehre. Am 5. Dezember kamen die ersten Korrekturbogen Bandes VII zweiter Auflage, und schon erhielt ich deren 20. Mit dem Jahre 1872 schließt eine runde Zeitepoche von 20 Jahren römischen Lebens für mich ab. Ich blicke mit Befriedigung auf diesen langen Weg zurück, wo ich mich unter unsagbaren Mühen ans Licht emporgearbeitet habe. Meine Lebensaufgabe ist vollendet, und mein Werk zugleich von der Stadt Rom selbst als ihrer würdig anerkannt worden. Ich fühlte mich niemals so frei und so glücklich. 1873 12. Januar Der Winter ist von beispielloser Milde. Köstlicher Ätherglanz über Rom, wundervolle Sonnenuntergänge. Man baut mit Furie: die Viertel, Monti werden ganz umgewühlt. Gestern sah ich die hohe Mauer der Villa Negroni fallen; auch dort legt man Straßen an; im prätorianischen Lager wächst schon ein neuer Stadtteil empor, nicht minder auf den Abhängen des Coelius bei Santi Quattro Coronati. Man baut selbst bei S. Lorenzo in Paneperna. Fast stündlich sehe ich ein Stück des alten Rom fallen. Neu-Rom gehört dem neuen Geschlecht; ich gehöre zum alten Rom, in dessen zaubervoller Stille meine ›Geschichte der Stadt‹ entstanden ist. Wenn ich heute nach Rom käme, so würde und könnte ich nimmermehr den Plan zu diesem Werke fassen. Der Papst fährt fort, wie eine Mumie im Vatikan zu sitzen, während der König dann und wann in Rom erscheint, um gleich wieder auf entfernte Jagden zu gehen. Vor Neujahr hielt der Papst eine Rede mit den heftigsten Ausfällen wider das deutsche Reich. In Folge dessen ist der deutsche Vertreter beim heiligen Stuhl abberufen worden. Dieser letzte Diplomat Preußens beim Papst, ein Leutnant, war und hieß Stumm. Für Brassier de St. Simon, welcher hier Gesandter beim König war und starb, ist stellvertretend Graf Wesdehlen hergeschickt. Die Diplomatie ist feindlich zerteilt, wie die ganze römische Gesellschaft. Man bereitet das Klostergesetz für die italienischen Kammern vor. Es liegt darin eine Krisis für die ganze Entwicklung des Landes. Gestern lernte ich den italienischen Admiral Acton kennen, einen gebildeten und sehr sympathischen Mann, Bruder der Frau Minghetti. Am 9. Januar starb Napoleon III. Als ich seinen Tod abends erfuhr, war es mir plötzlich, als breitete sich eine Stille weit um mich her aus. O vana gloria dell' umane posse ! Zwanzig Jahre der Geschichte gehören diesem Abenteurer für alle Zeit. Der alte geistreiche Visconti sagte zu mir: der erste Napoleon beschrieb stürzend eine Parabole, dieser sank mit einem Male wie vom Blitz getroffen in den Abgrund. Piombare ist das italienische Wort dafür. Viele römische Familien sind mit den Bonaparte verwandt und legen Trauer an, die Primoli, Campello, Ruspoli, das Haus von Lucian Bonaparte. Der Papst dauert fort, überlebend das Papsttum und sich selbst. Die ›Epistolae obscurorum virorum‹, welche jetzt so viel Aufsehen machen, sind von Tcalas geschrieben, einem kleinen, geistreichen, vielgewandten Mann, der seit neun Jahren Rat im italienischen Ministerium des Äußeren ist. Er ist Serbe von Nation.   Rom, 3. Februar Am 19. Januar weckte mich um 5 Uhr des Morgens ein Erdbeben. Mein Bett wurde zur Wiege, und das Haus erzitterte. In ganz Rom war die Erschütterung gespürt worden. Stille Tage. Mein eigener sciopero dauert fort. Fortgang des Drucks der italienischen Ausgabe, doch wird der Termin schon überschritten. Ich erließ ein Monitorium. Sabatier beweist große Zurückhaltung. Die Gräfin Vallon aus der Vendée, welche ich kennenlernte, zeigte dagegen keine Spur von Nationalhaß. Aus Lothringen kam mir ein Antrag zur französischen Übersetzung der ›Geschichte der Stadt‹, welchen ich jedoch auf einen Wink Cottas abgewiesen habe.   Rom, 30. März Am 4. Februar raffte ich mich mit kühnem Entschluß aus meiner Untätigkeit auf und begann das Buch ›Lucrezia Borgia‹. Ich habe eigentlich kein Interesse daran, aber ich will mich damit aus der ›Geschichte der Stadt‹ herausziehen; zugleich auch Mittel erwerben, um im künftigen Frühjahr nach Griechenland zu gehen. Da ich den Stoff beherrsche, so ist das Niederschreiben für mich ein Spiel. Im Großen und Ganzen ist die Sache auch bereits getan. Mir fehlt nur die Einsicht in gewisse Schriftstücke. Ich hatte mich seit dem Ende Januar aus der Gesellschaft zurückgezogen. Im Ganzen waren wenig bedeutende Personen hier. Es kam Bayard Taylor, welcher den ›Faust‹ übersetzt hat und jetzt ein Leben Goethes schreiben will. Viele andere Amerikaner lernte ich bei Frau Terry kennen und eben auch den hiesigen amerikanischen Gesandten George Marsh, der ein ruhiger Mann von viel Kultur zu sein scheint. Mommsen kam nach Rom, wo er sich noch aufhält. Nur zufällig begegnete ich ihm bei einem Diner. Er ist offenbar, wie Richard Wagner, an Größenwahn krank. Die Kathederprofessoren lassen mich nicht gelten, weil ich in freier Tätigkeit schaffe, keine Beamtenstelle einnehme und sogar horribile dictu einiges Dichtertalent besitze. Meinen Sinn für schöne Form verzeiht man mir nicht. Mit Schweigen und Achselzucken ist von den Pedanten Deutschlands die »Geschichte der Stadt Rom« aufgenommen worden. Es erschien meines Wissens noch keine Anzeige von ihr in den offiziellen Organen der Kritik. Doch sie wird noch manches Menschen Sinn klären und erfreuen. Reumont erlitt einen Angriff, erst von Johannes Scherr, dann in der letzten Besprechung meiner »Geschichte« in der »Allgemeinen Zeitung«, wo man eine Parallele zwischen ihm und mir zog. Er hat mit Zorn geantwortet. Aber das Richtige ist doch gesagt worden. Ohne mich existierte sein Buch über Rom nicht. Es gab Augenblicke, wo sich Reumont als Klein-Zaches gebärdete und die Welt wollte glauben machen, daß er der wahre Schöpfer der ›Geschichte der Stadt Rom‹ sei. Doch alle Dinge werden mit der Zeit, so viel man sie auch verrücke, an ihren rechten Platz gestellt. Ich habe zu Reumonts Auslassung geschwiegen und so auch die wunderlichen Ausfälle Stahrs in der »Wiener Deutschen Zeitung« und in der ›Nationalzeitung‹ über meine Geschichtsphilosophie mit Schweigen dahingenommen. Nie ist mir etwas Absurderes zugemutet worden als jener mir von Stahr zugeschriebene Deismus. Die Fürstin Carolath-Beuthen gab ein Kaiserdiner am 22. März im »Hotel di Roma«, welches sehr gut ausfiel. Abends Empfang aller Deutschen bei Graf Wesdehlen auf dem Kapitol. Sabatier, mit dem sich das alte Verhältnis wieder hergestellt hat, übersetzt den ›Faust‹ ins Französische, und wie es mir scheint mit Glück. Es kam Johanna Wagner, einst berühmte Schauspielerin und Sängerin, jetzt verheiratet mit Jachmann aus Königsberg.   Rom, 28. Juni In diesen Monaten habe ich ›Lucrezia Borgia‹ sehr gefördert. Man schickte mir Abschriften wichtiger Dokumente aus Mantua, Florenz und Modena. Namentlich im Archiv Este gibt es die wichtigsten Papiere. Ich brachte die Osterwoche in Terracina zu, wohin ich gegangen war, um den Menschenschwärmen zu entrinnen. Dort lebte ich stille Tage in dem großen, fast ganz verödeten Hotel. Ich las dort die ›Odyssee‹. Das Archiv der Gemeinde ließ ich mir aufschließen, nur um es zu sehen, und fand es in greulicher Verwirrung. Zu Kahn fuhr ich nach dem Circekap hinüber. Vor 14 Tagen machte ich eine Fahrt mit Mariano nach Civitacastellana und Nepi, wo wir eine Nacht blieben. Ich wollte dort die Burg sehen, welche die Borgia gebaut haben. Im Archiv des Stadthauses nahm ich die Abschrift von drei Briefen Alexanders VI. Rückreisend besuchten wir das alte Falerii (am 16. Juni). Mariano hat seine Artikel über die ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ erst im ›Diritto‹ erscheinen lassen, dann aber als Buch herausgegeben unter dem Titel ›Roma nel Medio Evo‹. Er entwickelt darin meine Ideen, spiritualisiert aber die Geschichte zu sehr. Er hat Geist und Herz – ein edler Mensch von idealer Richtung. Die Deputation der vaterländischen Geschichte für die Provinzen der Romagna (Präsident Gozzadini in Bologna) ernannte mich zu ihrem korrespondierenden Mitgliede. In dieser Zeit war Rom durch die Debatten über die Klosterfrage aufgeregt. Sie kamen endlich in der Weise zum Schluß, daß den Ordensgeneralen noch für ihre Amtsdauer ein Lokal und Stipendium gesichert wird; nur die Jesuiten sind davon ausgenommen. Ratazzi starb in Veroli, bald nachdem Manzoni gestorben war. Haupt der Linken ist jetzt De Pretis. Gestern stürzte das Ministerium Lanza. Minghetti bildet ein neues Kabinett. Ich lernte auf einer Sitzung der geographischen Gesellschaft (Präsident Correnti) den Afrikareisenden Antinori kennen; Miniscalchi hielt einen Vortrag über die Nilquellen. Keudell kam als neuer Gesandter Deutschlands her und wurde von den Italienern mit offenen Armen empfangen; sie sehen in der Sendung dieses Vertrauten Bismarcks eine Demonstration. Keudell ist Ostpreuße, und wie es mir scheint, hat er den echten Typus dieses Landes: ein moralisch und physisch kerngesunder Mann, klar und fest, von vorwiegender Verständigkeit; der weichere Kern des Gemüts verschlossen in einer harten Schale. Den Ostpreußen fehlt die Grazie. Sie gewinnen nicht bei ihrem Erscheinen; aber auf ihrem soliden Wesen läßt sich sicher bauen. Der Ostpreuße ist die reinste und beste Prosa-Natur Deutschlands. Keudell lernte ich bei Wesdehlen kennen, welcher nach Paris zurückkehrte; er spielte lange auf dem Klavier, worin er Meister ist – und auch dies sein Spiel erschien mir verstandesklar und ohne Poesie. Eine neue Beziehung in Rom ist für mich der Präfekt Gadda. Seine Frau, eine Mailänderin, spricht gut deutsch. Mit ihm sah ich eines Tags den geheimen Korridor, welcher den Vatikan mit der Engelsburg verbindet. Eine Schildwache steht davor, hier wie dort. Ich sah das Archiv Cesarini, durch Gunst der jungen schönen Herzogin (Vittoria Colonna); aber es befindet sich in so greulicher Unordnung, daß ich nichts daraus entnehmen konnte.   Pesaro, 3. Juli Am Montag den 1. Juli reiste ich nach diesem Ort, wo ich gestern um 8 Uhr des Morgens eintraf. Mein Koffer, worin alle meine Schriften und Sammlungen über Lucrezia Borgia sich befinden, war nicht da; dies gab viele Telegramme und einige Unruhe. Heute hat er sich eingefunden. Ich habe Nachforschungen in der Biblioteca Oliveriana gemacht und manches Brauchbare notiert. Gozzadini hatte mich dort bei den Bibliothekaren Marchese Analdi und Grossi angemeldet und Terenzio Mamiani mir einen Brief an den Syndicus Graf Gallucci mitgegeben. Ich wurde auf das liebenswürdigste empfangen. Ich traf hier Don Filippo Orsini, der nach Rimini ging.   Sommer des Jahres 1873 Von Pesaro fuhr ich nach Modena, wo mich der Direktor des Archivs, Cesare Foucard, auf der Station empfing und in seine Wohnung vor dem Tor der Stadt führte. Dort verbrachte ich angenehme Tage bis zum 6., auch im Archiv beschäftigt. Ich ging dann nach Mantua, wo ich ein paar Kopien im Archiv nahm. Am 8. in Kufstein. Am 9. in Traunstein. Wenige Tage später trafen Lindemann und Sohn ein. Ich verlebte dort wiederum mehrere Wochen. Schack folgte meiner Einladung und kam auf ebensolange dorthin. Von Gästen des vorigen Jahrs waren da Graf Leutrum und Nichte. Sodann trafen ein die Generalin von Troschke und Sohn, Minister von Schleinitz und Frau, deren Mutter, Fürstin Hatzfeldt und Frau von Wörmann. Alle diese Damen sind Priesterinnen des Wagnerkultus. Sie verehren drei Idole: in der Musik Wagner, in der Philosophie Schopenhauer, in der Malerei den Porträtmaler Lenbach. Ich benutzte die Sommerstille, um das große Material für ›Lucrezia Borgia‹, welches Foucard mir mitgegeben hatte, zu verarbeiten. Am 29. Juli kam der Schah von Persien auf seiner Reise nach Wien durch Traunstein; der Zug hielt daselbst eine halbe Stunde. Wir Gäste standen vor dem Waggon, neugierig, den Nachfolger des Darius und Xerxes zu sehen. Er öffnete selbst das Fenster und redete uns in französischer Sprache an. Er fragte nach Ort, Land und dem König von Bayern etc. Nach jeder Antwort wendete er sich um und rief jemandem, den wir nicht sahen, zu: » notez! Der Schah ist ein schöner Mann von etwa 36 Jahren, von halbzivilisiertem Aussehen, etwa wie ein Kroatenoffizier; sein schwarzer Rock war mit Diamanten besät. In seiner Art hatte er viel Einfachheit. In Wahrheit: es ist etwas wert, den Großkönig von Persien gesehen zu haben, als Reisenden im Eisenbahnwaggon auf der Station Traunstein. Ein heutiger Geschichtsschreiber hat es etwas bequemer als Herodot. Nachmittags kamen auch die Pferde des Schah, zwei Antilopen und drei Spielhunde. Am 5. fuhr ich nach München. Ich blieb dort bis zum 21. September, auf der Bibliothek wenig beschäftigt und im Umgange mit wenigen Menschen, da meine Bekannten noch draußen waren. Am 21. September ging ich über Linz nach Wien. Am 24. kam mein Bruder, Lindemann war schon dort. Wien hatte ich seit dem April 1852 nicht gesehen. Damals war ich dorthin auf meinem Zuge nach Italien gekommen und hatte bei Schurz, dem Schwager Lenaus, eine Woche bleiben wollen, was die Nachricht vom Tode Ludwig Bornträgers vereitelte. Ich fand eine prachtvolle Stadt wieder, wahrhaft großartig in ihren neuen Teilen, den Ringstraßen, und mit dem Gepräge, welches nur die Hauptstadt eines geschichtlich alten und mächtigen Reichs haben kann. Das Schwarzspanierhaus, wo ich damals bei Schurz und Lenaus Schwester einen frohen Tag zubrachte, fand ich noch unverändert, aber jene Menschen waren nicht mehr darin, sie waren tot oder zerstreut. Nachdenklich stand ich dort im Hofe als wie auf dem Ausgangspunkt meiner Römerfahrt, und das Gesamtgefühl des seither in 21 Jahren Erlebten, Durchkämpften und Erkämpften preßte mir beinahe Tränen aus. Die Weltausstellung entzückte mich. Es war, als hätte eine Gottheit allen Reichtum der menschlichen Kultur aus einem Füllhorn dort zusammengeschüttet. Was nur irgend in ihr darstellbar ist, legte sich als Kosmos von Gestalten und Formen auseinander – Glas, Eisen, Stein, Wolle, Gold, Silber etc. –, alles und jedes einzelne breitete aus seinem Prinzip eine Wunderwelt aus. Pessimisten könnte dieser Anblick heilen. Ich sah mit Befriedigung auch meinen Beitrag zu diesem großen Friedensfest der Zivilisation, nämlich die ›Geschichte der Stadt Rom‹, in deutschen und italienischen Bänden. Siebenmal war ich, viele Stunden hintereinander, in der Ausstellung, und dies genügte mir, um ein allgemeines Bild davonzutragen. Bisweilen waren wir 18 Stunden lang, vom Morgen bis in die Nacht, in Bewegung, da wir auch Ausfahrten in die Umgegend machten. Der Bruder reiste vor mir ab; Lindemann blieb; ich kehrte am 30. September über Salzburg nach München zurück. Hier, wo die Cholera fortdauerte, blieb ich noch bis zum 13. Oktober. Meine Freunde Seitz waren zurückgekehrt, auch Schack und Döllinger. Auch Schleinitz traf ich wieder und Gräfin Dönhoff, die Tochter der Frau Minghetti. Giesebrecht sah ich nur wenig. Ich fuhr in einem Zuge nach Venedig, wo ich in der ›Luna‹ Wohnung nahm. Daselbst blieb ich bis zum 19., angenehm beschäftigt. Am 20. nach Ferrara, dort die Lokale für ›Lucrezia Borgia‹ zu sehen und auf der Universitätsbibliothek einige Studien zu machen. Durch den Bibliothekar Luigi Napoleone Cittadella lernte und sah ich vieles, was für meine Zwecke wichtig ist. Nicht minder zuvorkommend war Monsignor Antonelli, der Direktor des Münzkabinetts, welcher ein fragliches Porträt der Donna Lucrezia besitzt. Am 22. ging ich nach Bologna, wo ich Gozzadini einen Besuch in Ronzano machte und sofort nach Modena fuhr. Daselbst blieb ich bis zum 26., um noch einiges im Archiv nachzuholen. Dann nach Florenz, wo ich bis zum 29. blieb. Ich besuchte den ehemaligen spanischen Agenten in Rom, Ximenez y Fernandez, und verlebte einen herrlichen Abend in dessen Hause. Am 29. Oktober traf ich, abends um 7 Uhr, wieder in Rom ein. Ich habe im November und Dezember 1873 ›Lucrezia Borgia‹ vollendet. Das Manuskript lag fertig auf meinem Tisch zum Jahresschluß. 1874 Mein Bruder machte mir am 1. Januar die Anzeige, daß er seinen Abschied als Regimentskommandeur nehmen wolle. Die plötzliche Veränderung in seinem Leben, da er eine nun 38jährige Tätigkeit verläßt, im Alter von erst 54 Jahren, beunruhigte mich sehr. Das Manuskript ›Lucrezia‹ nahm am 10. Januar Graf Tauffkirchen mit nach Stuttgart, welcher hierher gekommen war, um dem Papst sein Abberufungsschreiben zu überreichen, da er nach Stuttgart versetzt worden ist. Die Beschäftigung mit dieser Monographie hatte mir eine Lücke angenehm ausgefüllt; ich zog mich mit dieser Schrift aus der ›Geschichte der Stadt Rom‹ heraus; sie ist von ihr noch ein Schößling. Ich habe sie dem Herzog von Sermoneta gewidmet, als ein Zeichen der Erinnerung, welches ich im Hause der Caetani niederlege. In meiner Freiheit von jeder größeren Arbeit bin ich zu Sprachstudien zurückgekehrt, namentlich zum Griechischen. Gern möchte ich vor meinem Ende Hellas sehen: vielleicht daß neue Anschauungen erfrischend auf mich wirken. Während meiner langen Arbeit über das Mittelalter hatte ich die griechische Literatur ganz vernachlässigen müssen. Adolf von Schack war am Anfang des Januar aus München gekommen, wo die Cholera wieder ausgebrochen ist. Ich habe mit ihm ein noch näheres Verhältnis angeknüpft; er ist eine bis zur Kindlichkeit harmlose, von keiner Leidenschaft bewegte Natur, immer von dichterischen Phantasien eingenommen. Eines Abends hatte uns Keudell zu Tisch geladen, wobei zugegen waren der amerikanische Gesandte Marsh, der englische Gesandte Sir Augustus Paget und Lady Paget, sodann der Kavalier der Prinzessin von Piemont, Marchese von Montereno und dessen Frau. Aus vielen Gründen war es meine Pflicht geworden, mich bei Hofe im Quirinal vorstellen zu lassen, was ich bisher abgelehnt hatte. Schack tat das gleiche. Der Kronprinz Umberto empfing mich am 21. Januar um 1 Uhr mittags. Sein Adjutant, General Sonnaz, führte mich bei ihm ein. Es war eine seltsame Empfindung für mich, den Quirinal, welchen ich lange Jahre hindurch nicht wieder gesehen hatte, jetzt zu solchem Zweck zu betreten. In dem großen Vorsaal fielen mir Schlachtenbilder aus dem jüngsten Befreiungskriege Italiens auf, welche dort al fresco eine Wand bedecken, dieselbe, wo ehemals Heiligenbilder und Porträts von Päpsten hingen. Der Prinz empfing mich mit großer Freundlichkeit wie einen ihm schon Bekannten. Er gewinnt in der Nähe und im Gespräch, wo sich seine sonst harten Gesichtszüge beleben. Er ist natürlich und ungezwungen; seine Sprache hat einen entschieden piemontesischen Akzent. Im Gespräch, welches sich hauptsächlich um die Umwälzung Roms drehte, ging er frei heraus. Er sagte, daß die Unversöhnlichkeit der Kurie ein Glück für Italien sei, denn dadurch reife der Prozeß, welcher durch sich selbst eine Lösung dieses Zwiespalts herbeiführen werde; im übrigen sei es ganz gleichgültig, ob Pio IX. lebe oder sterbe, ob sein Nachfolger sein Verfahren beibehalte oder nicht, denn Italien habe der Kirche die vollkommene Freiheit gegeben, und die Dinge gingen ihren gesetzmäßigen Gang fort. Ich nahm die Gelegenheit wahr, dem Kronprinzen die Erhaltung des Turms Astura zu empfehlen, indem ich dies Monument der Hohenstaufenzeit in seinen Schutz stellte. Der Fiskus hatte nämlich diesen Turm zum Verkauf ausgeboten, wie das Schloß Magliana am Tiber, ja wie auch das berühmte Schloß der Este in Ferrara. Wenn heute der fromme Äneas wieder in Latium landete, so würde ihn das Domanium ohne Umstände aufgreifen lassen und an einen meistbietenden Engländer verkaufen. Der Fiskus sucht alles und jedes zu Gelde zu machen; von seinem Standpunkt aus ist das begreiflich; denn die Geldnot ist groß, der öffentlichen Monumente sind zahllose, und diese sind nicht allein ein totes Kapital, sondern sie beanspruchen große Summen zu ihrer Erhaltung. Torre Astura, 29. 6. 1854 Der Kronprinz versprach, noch an demselben Tage mit dem Ackerbauminister Finale zu reden. So empfahl ich mich von ihm. Ich hielt es indeß für gut, den Turm Astura noch direkt dem Ministerpräsidenten Minghetti zu empfehlen, was ich in einem Schreiben tat. Bald darauf sah ich Minghetti; er versicherte, daß er sofort Ordre gegeben habe, den Turm nicht zu verkaufen. Mariano schrieb darüber einen Artikel im ›Diritto‹; die ›Riforma‹ brachte einen vorzüglichen Artikel mit der Aufschrift ›Non de pane solo vivit homo‹, worin der Verfasser dem Fiskus eine lange Strafpredigt hielt und alle die vandalischen Frevel aufzählte, welche die Regierung gegen die Monumente der Geschichte verübt habe und noch täglich ausübe. Auch in Deutschland machte diese Rettung Asturas Eindruck; die ›Allgemeine Zeitung‹ druckte mein Gedicht: ›Der Turm Astura‹ wieder ab, welches ich im September 1855 geschrieben und worin ich die Versöhnung Italiens und Deutschlands durch die gemeinsame Freiheit prophezeit hatte. Nur 15 Jahre später war diese Prophezeiung zur Wahrheit geworden. Rosa, der Intendant der Ausgrabungen, hatte sich über meine Initiative geärgert, und sagte mir eines Abends im Quirinal, daß er selbst bereits Schritte zur Erhaltung Asturas getan habe; er gab mir dabei zu verstehen, daß der Turm trotz alledem vom Prinzen Borghese erkauft worden sei, innerhalb dessen Besitzungen er liege, daß dieser aber gewisse Artikel habe unterzeichnen müssen, die ihn verpflichten, Astura nicht ohne Wissen der Regierung weder zu veräußern noch zu zerstören noch dort Ausgrabungen zu machen. Am Ende des Jahres wurde ich auf einen Ball im Quirinal der liebenswürdigen Kronprinzessin Margherita vorgestellt. Den belebtesten Salon, nur für die Mittagsstunden am Sonntag, hält Frau Minghetti. Sie ist vom Haus Acton in Neapel, ehemals vermählt mit dem sizilianischen Prinzen Campo Reale, dann in zweiter Ehe mit Minghetti, welcher jetzt wieder Ministerpräsident ist. In ihrer Jugend war sie von hinreißender Schönheit, und noch jetzt ist sie bezaubernd. An den Donnerstag-Abenden war Empfang bei Donna Ersilia, der gelehrtesten Frau Roms und vielleicht Italiens. Es verkehren dort de Rossi, der jüngere Visconti und Lanciani, der Orientalist Guidi, Michele Amari, Miniscalchi, der Admiral Acton, Menabrea, ehemals Ministerpräsident nach der Katastrophe von Mentana, ein schöner und ruhiger Mann. Am 1. März wurde ich durch die mir von Mariano gebrachte Nachricht überrascht, daß die ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ auf den Index gesetzt sei, und daß der ›Osservatore Romano‹, das offizielle Blatt des Vatikan, das betreffende Dekret publiziert habe. Dies datiert vom 6. Februar 1874. Es ist unterzeichnet vom Kardinal de Luca, als Präfekten der Indexkongregation, und vom Dominikaner Pius Saccheri, dem Sekretär derselben. Am Schluß heißt es: Die 25 Februarii 1874 ego infrascriptus magister Cursorum testor supradictum Decretum affixum et publicatum fuisse in Urbe. Philippus Ossani Magister Cursorum . Die mich betreffende Stelle des Dekrets lautet: Gregorovius Ferdinand – Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, vom 5. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert. Latine vero: Historia urbis Romae in medio-aevo a saeculo quinto usque ad saeculum decimum sextum, tom. 8. Stuttgardiae 1870, apud Cotta Bibliopolam. Opus condemnatum in originali Germanico et in quocumque alio idiomate . Nach alter Regel werden die Dekrete der Indexkongregation an die Türen der drei großen Basiliken angeschlagen, St. Peter, St. Johann im Lateran und S. Maria Maggiore, außerdem an die Türen der Cancelleria und der Curia Innocenziana. An den beiden letzten Orten konnte das diesmal nicht mehr geschehen. Ich ging nach dem St. Peter, wo ich das Dekret an der Marmorsäule des ersten Eingangs angeheftet sah. Der ehrwürdige Dom bekam plötzlich ein persönliches Verhältnis zu mir. Noch nie zuvor durchwandelte ich ihn mit so erhobener Stimmung. Ich bedachte alle meine Mühen, meine Leiden und Freuden, meine große Leidenschaft, was alles ich in mein Werk versenkt hatte, und ich pries die guten Genien, welche über ihm gewacht zu haben schienen, daß ich es ungestört vollendete, und in demselben Moment, da die Papstherrschaft in Rom zusammenbrach. Hätten die Priester meine ›Geschichte‹ nach dem Erscheinen der ersten Bände mit dem Interdikt belegt, so existierte das Werk heute nicht, denn dann verschlossen sich mir alle Bibliotheken Roms. Seitdem mich die Jesuiten in der ›Civiltà Cattolica‹ denunziert hatten, war ich jahrelang in der Erwartung, daß dieser Blitzstrahl auf mich fallen werde, und so schrieb ich am Werke weiter, inter fulmina . Aber man ließ mich gewähren. Derselbe Kardinal de Luca, den ich bisweilen bei Sermoneta traf, kannte meine ›Geschichte‹ (er versteht deutsch); er las sie in Frascati, wie mir einst Monsignor F. selber sagte; er regte sich jedoch nicht. Erst jetzt ist der Pfeil abgeschossen, weniger gegen mich als gegen Preußen, wo jetzt Bismarck als neuer Diokletian des Christentums verfolgt, wie die Pfaffen schreien, und vielleicht auch gegen das Municipium der Stadt Rom, auf dessen Kosten der Druck in Venedig besorgt wird. Mein Werk ist vollendet und breitet sich in der Welt aus; der Papst macht ihm jetzt Reklame. Viele Blätter schrieben über das Verbot; Mariano schrieb einen vortrefflichen Artikel im ›Diritto‹. Alle gratulieren mir zu der verdienten Ehre. Unbekannte Freunde rissen das Dekret am St. Peter nach acht Tagen ab, und sie vernichteten es auch an der Tür der Santa Maria Maggiore; nur am Lateran, welcher abgelegener ist, konnte ich das Plakat noch vor wenigen Tagen meinem Bruder zeigen. Mein Bruder kam am 15. März abends von Florenz hier an. Ich brachte ihn in seine Wohnung in meiner Nähe. Ich führte ihn sodann dieselben Wege, die ich am ersten Abend meiner Ankunft in Rom gemacht hatte; zuerst zu Tisch in die Restauration gegenüber dem Hotel Cesari, wo ich seit vielleicht fünfzehn Jahren nie mehr gewesen war; dort mußte er sich auf denselben Platz setzen, wo ich gesessen; dann gingen wir aufs Kapitol und hinab zum Forum, wie ich vor nun fast 22 Jahren getan hatte. Ich zeige nun meinem Bruder Rom, das Theater der Weltgeschichte und auch das meines kleinen Lebens, woran er stets aus der Ferne einen so innigen Anteil genommen hat.   Rom, 2. April Unterdessen bin ich mit dem Bruder viel umhergewandert. Er faßt alles mit frischem Sinn auf und ist erfreut von der Größe und Macht dieser Welt. Ich zeigte ihm die Galerien im Vatikan. Welch ein seltsames Gefühl erregt heute dieser stille Vatikan, in den noch immer Fremde aus allen Ländern ziehen, aber jetzt durch eine Seitenpforte hinten am Garten eingelassen und von den Schweizerwachen oder den Resten der päpstlichen Gendarmerie empfangen, welche Menschen alle schattenhaft und eingeschüchtert dort umherzuschleichen scheinen. Wenn der Vatikan das Gefängnis des Papsts ist, so hat nie ein Gefangener in der Welt ein großartigeres gehabt. Die Klöster sind jetzt fast alle aufgehoben und verlassen. Eines Abends war ich nach S. Onofrio gegangen, gerade am Vorabend des Tags, an welchem die Mönche dort ausziehen sollten. Als ich in den Klosterhof eintrat, sah ich um den steinernen Brunnen ihrer einige traurig und still dasitzen; und oben stand eine Wetterwolke über dem Janiculus; sie verschattete das Kloster; es blitzte und donnerte. In S. Lorenzo in Lucina ist ein römisches Nationalmuseum eingerichtet worden. Andere Klöster stehen noch bestimmungslos. In jenes der griechischen Basilianerinnen von S. Maria in Campo Marzio soll das Staatsarchiv verlegt werden. Die Armenier auf der Höhe S. Pietro in Vincoli haben sich zu behaupten gewußt, weil sie eine Schule halten. Aber in jenem von S. Pietro selbst hat ein polytechnisches Institut seinen Sitz aufgeschlagen. Bei den Augustinern und in der Minerva sind die Mönche als Bibliothekare geblieben. Ich habe noch keine dieser Bibliotheken besucht, wo ich lange Jahre heimisch gewesen bin und wo ich eine immer gleiche Freundlichkeit erfahren habe. Jetzt, da ich auf den Index gekommen bin, will ich die verwunderten Gesichter jener guten Alten nicht sehen; dies eben ist das Peinvolle für mich, daß sich manche Personen unrichtige Vorstellungen von mir machen, die ich nicht beseitigen kann. Die Ausgrabungen im Kolosseum schreiten vor; große Kanäle kommen dort an den Tag. Von Statuen wurde nichts Besonderes aufgefunden. Um diese Ausgrabungen machen zu können, wurden alle Kapellen der Stationen und auch das Kreuz in der Mitte entfernt. Dies brachte einen Sturm hervor unter allen Frommen und im Vatikan. Der Kardinalvikar belegte den Intendanten Rosa mit dem Bann; täglich zogen Prozessionen nach dem Kolosseum, um dort zu beten. Man grub emsig weiter. Bei Santa Maria Maggiore wurde ein antikes Haus ausgegraben mit dem Rest einer bemalten Exedra. Vielleicht gehörte diese zum Palast Merula, welche der dortigen Straße den Namen gegeben hat.   Rom, 11. Mai Ich war mit dem Bruder in Frascati und Tusculum und dann in Ostia, wo die Ausgrabungen der am Tiberhafen gelegenen Stadtteile mich überraschten. Denn seit drei Jahren hatte ich Ostia nicht gesehen. Von der afrikanischen Expedition kehrten zurück Professor Zittel und Dr. Ascherson. Viele Fremde kamen; doch wird es allmählich still. Am 4. Mai wurde ›Lucrezia Borgia‹ zugleich in Stuttgart und in Leipzig ausgegeben. Mariano vollendete die italienische Übersetzung des Buchs, welche Le Monnier drucken will.   Süditalische Reise vom 14. Mai bis 7. Juni 1874. Am 14. Mai fuhr ich mit dem Bruder von Rom ab, um 10 Uhr des Morgens. Es herrschte noch ungewöhnliche Kälte und regnete. In Caserta erwartete uns an der Bahn Rafael Mariano, um sich uns anzuschließen. Am 15. fuhren wir nach Benevent. An demselben Tage nach Foggia. Am 16. Mai nach Lucera, und nachmittags zurück über Foggia nach Manfredonia in zwei Stunden. Am 17. bei Sonnenaufgang nach S. Angelo auf dem Kap Gargano. Zu Mittag zurück nach Manfredonia, und weiter nach Foggia, wo wir zur Nacht blieben. Am 18. setzten wir die adriatische Küstenreise fort. Mittags in Barletta. Diese Stadt, wie auch alle übrigen am adriatischen Meer, ist sauber und modern von Charakter. Wenig Monumentales darin, außer den Domen und einigen anderen Kirchen. Keiner dieser Städte fehlt ein Kastell. Die Landschaften gleichen einförmigen Gärten von Mandelbäumen, Oliven und Reben. Der Redakteur der Zeitung Barlettas, La Terra, Freund Marianos, führte uns im Wagen nach Trani, wohin uns Guglielmi eingeladen hatte. Wir fanden einen gutgebauten Ort und einen der schönsten Dome Süditaliens, nahe am Hafen. Trani ist eine Stadt von 24 000 Einwohnern, hat aber kein anständiges Gasthaus. Deshalb hatte uns Guglielmi in ein Privathaus, den Palast des Marchese und Senators Cutinelli führen wollen, wo uns ein Logis bereitet war. Wir lehnten das ab, nahmen aber das Diner in diesem gastfreien Hause an. Cutinelli führte uns in die sogenannte Villa, einen öffentlichen Spaziergang mit Gartenanlagen am Hafen, die aber keineswegs der Fülle südlicher Natur entsprachen. Es gibt noch einige gotische Architekturen in Trani, wie den Palast bei Ognissanti. Eine Straße heißt noch Via Campo dei Longobardi. Man baut seit 15 Jahren ein neues Quartier, dessen Straßen nach Vittorio Emanuele, Umberto, Garibaldi und den Schlachten des Einheitskrieges benannt sind. Überhaupt ist in Süditalien seit dem Jahre 1860 ein Aufschwung in den Städten wohl bemerkbar. Nach einer jämmerlichen Nacht in der Locanda führten uns La Terra und Guglielmi am 19. Mai nach Andria, einer großen, aber unkultivierten Stadt, von welcher ehemals die Bolzi, dann die Caraffa Herzöge gewesen sind. Ein Hotel, wo wir frühstücken wollten, gab es nicht; deshalb nahm uns Guglielmi in das Haus seines Onkels, eines Canonicus, welcher abwesend war. Als wir durch die Stadt gingen, verfolgten uns einige Bettler. Ich gab ihnen eine Lira zur Verteilung, und alsbald wuchsen um uns her wie aus dem Boden auf Krüppel, alte Weiber, Kinder, Mädchen, alle in Lumpen gehüllt: ein entsetzlicher Anblick, wie ich solchen nirgendwo gehabt hatte. Diese Armen drangen mit Geschrei auf uns ein; sie verfolgten uns, immer sich mehrend durch viele Straßen. Wir flüchteten in eine Kirche, auf deren Kuppeldach wir stiegen, von dort aus das Panorama der Landschaft zu betrachten; jene Hunderte aber standen unten rings umher und forderten mit Geschrei Almosen. Als wir sodann zu unserem Wagen gelangen wollten, der in der Einfahrt einer Schenke auf uns wartete, verfolgte uns der Schwarm auch bis dorthin; es war ein ganzes Volk in Lumpen und ein unbeschreiblicher Tumult. Mariano hatte den Einfall, dem Wagen Luft zu machen, indem er einige Francs in Kupfer einwechseln ließ und diese dann ausstreute. So fuhren wir durch das Gewühl des schreienden, sich balgenden Bettlerhaufens auf und davon. Welch ein Bild süditalienischen Elends ward uns da enthüllt! Am 19. Mai nach Bari. Die Landschaft ein fortgesetztes Gartenland. Die schön gebaute Handelsstadt geht einer größeren Zukunft entgegen. Noch steht das Kastell am Hafen, ein großartiger Bau mit stumpfen Türmen. Die merkwürdigsten Denkmäler der Vergangenheit sind der Dom und S. Nicolo. Der Dom hat einen kolossalen Turm, welchen ein Strebepfeiler stützt. Die berühmte Wallfahrtskirche S. Nicolo ist ein prächtiges Gebäude halbgotischen Stils, mit bemalter Flachdecke wie in den meisten Kirchen Apuliens. Viele Könige Siziliens wurden dort gekrönt. Am Eingange steht in der Wand eine Denktafel, welche die Krönung des Normannen Roger durch Anaclet II. verzeichnet. Eine andere Tafel erinnert an das Konzil Urbans II. Links an der Wand befindet sich das Grabdenkmal Roberts von Bari mit der alten Inschrift: » Expletis Numeris Robertus Kurihelie Hic Jacet Extremo Functus Honore Die Hic Fuit Et Regis Consultor Et Omnia Solus Et Sibi Dum Vixit Favit Uterque Polus Post Obitum Faverant Sua Sic Felicia Fata Quo Loca Possideat Hec Sibi Morte Data .« Eine andere Inschrift vom Jahre 1745 bezeichnet sein griechisches Geschlecht und nennt ihn » Robertus Baro Medunientium Comes e vetusta Chyuriliorum gente« . Wir sahen später den Palast dieses Robert oder seiner Familie in der von derselben noch heute benannten Strada Chyuolia, ein großes Gebäude mit Portal im Renaissancestil, leider weiß übertüncht wie das gesamte Bari. Im Chor befindet sich das schöne Grabmal der Königin Bona von Polen; ihre marmorne Gestalt kniet auf einem schwarzen Sarkophag; unten liegen die Figuren zweier schöner Frauen; rechts und links stehen zwei Bischöfe. Dann darüber in der Wand Medaillons polnischer Bischöfe und Könige, Sigismunds III., Kasimirs IV., Maria Gonzaga regina Poloniae, Anna regina Poloniae , die heilige Hedwig etc. Die Unterkirche ruht auf Säulen, welche jetzt mit buntem Marmor bekleidet und in Pfeiler verwandelt sind. Sie gewährt einen prächtigen Anblick. Wir fanden sie von Gläubigen erfüllt, welche um den Hauptaltar knieten. Dieser ist von getriebenem Silber, aus dem 17. Jahrhundert. Rings um S. Nicolo her viele Buden, worin Statuetten des Heiligen, Amulette, Reliquien, namentlich die mit seinem Bildnis bemalten Mannaflaschen, feilgeboten werden. Auch S. Sabino ist eine schöne dreischiffige Kirche mit Rundbogen, aber stark modernisiert. Überall spricht sich ein überschwenglich phantastischer Trieb zur Idolatrie aus. Dieser Heiligenkultus ist Bedürfnis der Volksnatur. Die Priester Süditaliens, indifferent gegen den Fall Roms unter die Gewalt des italienischen Staats, beherrschen noch Apulien wie zur Zeit der Normannen und der Anjou. Wir sahen in Bari beide Häfen, den alten und den neuen, der jetzt im Bau begriffen ist. Im alten lagen viele Fahrzeuge aus Dalmatien und Griechenland, und dort fanden wir am Strande große Haufen lebender Schildkröten aufgeschichtet, was einen greulichen Anblick darbot. Den neuen Hafen baut eine Gesellschaft, deren Unternehmer sind der Ingenieur Maraini in Rom und Herr d'Atri in Bari. An diesen hatte Mariano einen Brief, in Folge dessen wir zuerst von der Dame des Hauses, einer jungen schönen Frau, freundlich aufgenommen wurden. Sie wäre das idealste Modell einer Scheherezade gewesen; da sie aus Lucera stammte, mochten ihre Vorfahren wirkliche Sarazenen gewesen sein. Herr d'Atri führte uns erst zu den Steinbrüchen, wo er das Material für den Molo brechen läßt, dann zeigte er uns diesen selbst, und wir sahen das Lastschiff die Steine herbeiführen und dann in das Meer versenken. In einigen Jahren soll dieser Hafen fertig sein. Unser Führer sagte uns, daß eine der reichsten Wohlstandsquellen Baris die Ausführung des Öls sei, und dies verdanke die ganze Landschaft dem industriellen Genie eines Franzosen, Ravanas. Der Mann wurde erst Millionär, dann verarmte er, indem er das Land selbst reich machte. Die Stadt Bari gibt zum Dank seiner Familie die Jahresrente von 2400 Lire. Abends schickte uns der Klub der Deutschen eine Einladung, welcher wir Folge leisteten. Es ist eine ziemlich starke Kolonie von Deutschen und Schweizern, meist Kaufleuten, welche sich hier ein Lesekabinett und Vergnügungslokal eingerichtet hat. Diese Herren klagten über die Geistesöde Baris, wo es keine anderen als materielle Bedürfnisse gibt. Am 21. Mai fuhren wir nach Tarent. Die Landschaft wird minder reich, je weiter man sich vom Meere ins Innere entfernt. Bei Castellaneta erhebt sich das Land wieder – der große Golf von Tarent wird sichtbar, und rechts zeigen sich in der Ferne die beschneiten Gebirge Kalabriens. Der Golf hat flache Ufer, die mich an Agrigent erinnerten, und viel Olivenkultur; alles melancholisch, grau und fast öde zu nennen; doch mit weiten Blicken über Land und Meer. Die letzte Station ist Massafra, eine orientalisch aussehende Stadt. Von dort stiegen wir schnell zum Golf hinab, und vor uns lag die Halbinsel, mit dem massenhaft aufgetürmten Tarent, dem großen Hafenkastell und vielen Schiffen und Barken. Wir blieben in Tarent bis zum Mittag des 22. Mai, wo wir nach Bari zurückkehrten. Am 23. verließ uns Mariano in Trani, während wir nach Caserta fuhren. Folgenden Tages gingen wir nach Neapel. Seit zehn Jahren war ich nicht mehr dort gewesen – vieles fand ich daselbst verändert, selbst den alten historischen Toledo lächerlicherweise zur Strada di Roma umgetauft. Ich fand viele Briefe bei Detken; darunter die Anzeige Cottas, daß die erste Auflage der ›Lucrezia Borgia‹ vergriffen sei. Die mir nach Rom geschickten Exemplare hatte ich noch nicht zu Gesichte bekommen, und auch Detken hatte keines mehr. Am 28. nach Pompeji. Wir hatten das schönste Nachtlager dort im Hotel Diomede. Im Zauberlicht des Vollmonds sahen wir Pompeji. Am 29. nach Salerno, von dort nach Amalfi. Wir blieben die Nacht in der Luna, besuchten Ravello, ließen uns nach Scaricatoio rudern und stiegen dann über das Gebirge hinweg nach Sorrento, wo wir nachmittags am 30. Mai anlangten und in der Cocomella Wohnung nahmen. Am 31. zu Barke nach Capri. Ich betrat die Insel nach 21 Jahren wie meine Heimat, in welche ich nach so langer Abwesenheit zurückkehrte. Pagano empfing mich, gealtert wie ich selbst, wie einen Hausgenossen. Alles ist hier auf seiner Stelle geblieben, und das caprische Wesen übte den alten Zauber auf mich aus. Nur eine andere Generation ist aufgewachsen. Auch sind mehrere Gasthäuser neu entstanden, und der Verbindungsweg nach Anacapri ist angelegt. Einige Kultur ist in diese kleine Märchenwelt eingedrungen, ohne sie zu zerstören. Wir umfuhren die Insel, wo auch ein Leuchtturm aufgebaut ist, und ich tauchte mich wieder wie damals in der blauen Grotte in dies wonnevolle Wellenbad. Drei Tage blieben wir bei Pagano, dann rissen wir uns am 3. Juni los; segelten in der Frühe mit dem Postboot nach Sorrent, stiegen daselbst in einen Wagen und fuhren nach Castellamare. Von hier nach Neapel. Am 6. Juni Rückkehr nach Rom. Beim Eintritt in meine Zimmer stieg gerade die Girandola vom Kastell S. Angelo auf. Am 16. Juni trat mein Bruder über Pisa und Genua seine Heimreise an. De Merode starb im Vatikan am 12. Juli. Er war ein Fanatiker, aber ein tatkräftiger und auch vielen wohlwollender Mann. Vor dem Sterben sagte er dem Papst, daß einst Sartiges die Ansicht ausgesprochen habe, er, Pio Nono, werde alle seine Freunde begraben. Die Gemeinde-Giunta Roms gab ihre Entlassung, in Folge großer Zerwürfnisse wegen des städtischen Budgets, welches durch das Bauwesen überlastet ist. Vorgestern waren die Neuwahlen auf dem Kapitol. Unter den Erwählten ist Sella und selbst der Prinz Filippo Orsini. Der Papst ist über diesen Abfall der Orsini sehr aufgebracht.   Rom, 14. Juli. Letzter Tag in Rom Mein Entschluß steht fest: mit meinen Geschwistern in Deutschland mich wieder zu vereinigen. Meine Mission in Rom ist beendigt. Ich war hier ein Botschafter in bescheidenster Form, doch vielleicht in einem höheren Sinn als diplomatische Minister. Ich kann von mir sagen, was Flavius Blondus von sich gesagt hat: ich schuf, was noch nicht da war, ich klärte elf dunkle Jahrhunderte der Stadt auf und gab den Römern die Geschichte ihres Mittelalters. Das ist mein Denkmal hier. So darf ich ruhig von hinnen gehen. Ich könnte wohl auch noch bleiben. Aber es sträubt sich ein selbstbewußtes Gefühl in mir gegen die Vorstellung, hier mich in Einsamkeit zu überleben und in Rom zu altern, wo alles neu wird und sich verwandelt und ein neues zudringliches Leben mir bald alte liebgewordene Pfade bedecken und unkenntlich machen wird. Doch ist es ein Ungeheures, daß all dies innerste und lebendigste Leben meines Selbst jetzt zu einer Vergangenheit wird. In dieser Zeit fuhr ich oft nachts aus dem Schlaf empor, geweckt und gezogen von dem schreckenden Gedanken, daß ich Rom verlassen werde. Und niemand hier hält das für möglich. Es ist ein plötzliches Losreißen, wie Sturm einen Baum entwurzelt. Als ich gestern vom Kapitol herabkam, war es mir, als riefen Monumente, Bildsäulen und Steine mich laut bei Namen. Wenn ich hier aus dem Fenster meiner Wohnung in der Gregoriana, die fast meinen Namen trägt, auf das große Rom blickte, sah ich vor mir – und das durch vierzehn lange Jahre – den St. Peter, den Vatikan, die Engelsburg, das Kapitol, so viele andere Monumente. Ihre Bilder spiegelten sich gleichsam auf dem Papiere ab, wenn ich an diesem Tisch an der ›Geschichte Roms‹ schrieb; sie inspirierten und illustrierten fort und fort das allmählich entstehende Werk, und sie hauchten ihm Lokalfarbe und geschichtliche Persönlichkeit ein. Nun schwindet das alles und ist Phantom wie das Weltgebilde des Prospero in Shakespeares ›Sturm‹. Roma vale! Haeret vox et singultus intercipiunt verba dictantis. Gregorovius 1891