Carl Hauptmann Der letzte Wille I. Das Stübel war hell und reinlich, und es hingen rote, saubere Gardinen vor den kleinen Fenstern – die doppelt rot aussahen, weil Schneeflocken draußen davor tanzten, und das ganze, enge Tal und weit hinaus die Berge weiß waren – weiß und schneidend kalt und eisig. Ja, für Reinlichkeit im Häuschen sorgte die Junge, ein blondes, kräftiges Frauenzimmer im roten Rocke, die einen etwas vorstehenden Mund und große, gesunde Zähne hatte und dazu, wenn sie einmal lachte, um ihrer blauen, hellen Augen willen einen Hauch von jungfräulicher Lieblichkeit gewann, der nur zu rasch wieder unter einem barschen Alltagsblick verschwand. Und gegenwärtig gab es nicht nur all' die stummen Mühen einer solchen, in der Enge der Schlucht eingekeilten schiefen Dorfhütte, worin die niedrige, große Stube und der spinnwebige, dunkle Stall, der Abtritt und der Schweinekoben, alles, friedlich bei einander liegen. Es gab unsägliche Unruhe und Aufregung, und die junge Sender, des einzigen Sohnes Frau, sprach wirklich aus Wut den ganzen Tag kein Wort – aus Wut und auch aus Furcht. Sie machte ihre Arbeit, sorgte für die Sauberkeit, kochte der kranken Schwiegermutter, was an Umschlägen und Tee zu kochen war, soweit der Vater nicht selbst um die Kranke hin und her ging – und hütete sich, so lange nicht der eigene Mann aus der Waldarbeit am Feierabend daheim war. Und wenn der abends eingetreten, war ihr Herz in Groll so vollgespeichert, daß sie dessen eigene Pein noch immer mehr steigerte. Niemand war darüber im Unklaren, daß es mit der Mutter elend stand. Die Frau jammerte und stöhnte den ganzen Tag. Und gab es sich, daß der Vater hinaus war, daß er Sonntags in die Kirche gegangen, oder etwas aus der Apotheke besorgen gemußt, dann rief die bleiche Kranke, die abgezehrt und wie ein verrunzeltes Pergament mit ein paar mißtrauischen Augen groß aus Knochen und ängstlich gepeinigt heraussah, die Junge an ihr Bett und flüsterte heimlich: »'R muß – 'r muß – ich kann ni ehnder sterba –.« Und wenn sie auch manchmal kaum noch Worte fand, immer wieder fragte sie wimmernd in Hast und Aufwallung: »Wu is 'r denn hie? Wu is 'r denn hie? Nee – nee! – Keens sull hinger Euch stihn und Euch a Speck aus'm Kraute nahma. Das gewißlich nee!« Und die Schwiegertochter freute sich heimlich, und in ihrer kurzen Weise sagte sie wohl: »Ju, ju, Mutter, und 's werd doch a su kumma. – Aber das sa' ich«, fügte sie ebenso barsch und in Hast hinzu, und man sah es ihr an, wie sie in Röte schoß, daß sie einem in dem Augenblicke hätte an den Hals springen können, »das sa' ich – 'naus, 'naus – uf der Stelle 'naus! Mir bleiben keen' Augenblick meh ei dan vier Pfählen – mir werden inse Häusel und Tischel zu finda wissa«. Und sie wußte, daß sie die alte, zahnlose Mutter, die jetzt wie ein Totenkopf in dem roten Kissen zurücksank und ratlos die großen Augen schloß, wieder neu in ihrer Angst und Gier entfacht hatte. Das ging nun schon seit Wochen stille in dem Hause fort, noch immer heimlich, obwohl der Haß und der innerlich entzündete Zustand keinem ein Geheimnis war. Es hatte begonnen, als die Alte garnicht mehr aus dem Bette aufstehen und am Herde und Tische hantieren konnte, seit sie plötzlich gemerkt, daß nicht mehr das enge, buschige Tal, wo die Hügelwände sich fast berührten, und die Häuschen klein waren und zierlich, wie aus einer Kinderspielschachtel genommen, nein, daß jetzt nur die Bettstatt und bald der Sarg ihre Heimstätte sein würde. Seitdem hatte sie der Gedanke nicht losgelassen, daß ihr Mann, ein Maurersmann, der frisch und jung aussah, noch wie ein Soldat kerzenaufrecht sich hielt und in seinem zähen, vollen Gesicht mit dem dunklen Lockenkopf einen straffen, soldatischen, dunklen Schnurrbart unterhielt und sorgfältig strich, sich heimlich freuen könnte, neu auf die Freite zu gehen, wenn sie bald ausgeblasen und eine leere Hülse im Grabe modern würde. Seitdem war in Allen heimlicher Haß und fressender Brand aufgewacht, obwohl man jetzt gerade in dem reinlichen Stübel nur außer dem Hin und Her der jungen Blondine noch aus dem abgeteilten, hinteren Raume die Alte beten und stöhnen hörte. Sender war ein Mann, wie noch in besten Jahren. Die Mutter hatte Recht, wenn sie nicht glaubte, daß ihn ihr Tod auch in's Grab reißen würde – aus der Fülle des Lebens hinweg, oder gar ihn in der Fülle des Lebens zum Entsagenden machen könnte. So sah er nicht aus. Und heimliche Stimmen im Ort flüsterten und mochten wohl auch der Mutter in gesünderen Tagen schon heimlich zugeflüstert haben, daß er oben in der Fleischerei häufiger als nötig, um das bischen Sonntagsfleisch zu holen, einkehrte. Sender war zudem ein Mann, der immer noch, trotz seiner beinah Sechzig, gut verdiente. Das hatte er stets verstanden, war wagemutig gewesen, und wo er hingekommen, hatte auch seine frische, männliche Erscheinung sofort Vertrauen und Arbeit gewonnen. Er war in jungen Jahren, schon verheiratet, im Kriege gewesen, hatte dann auswärts lange Jahre Bahnarbeitsdienst genommen, der ihm wirklich viel gebracht, von dem er langsam, aber sicher das kleine Hauswesen mit Kühen und ein paar steile Feldstreifen für Heu und Kartoffeln am Hügelhange hatte bestreiten können. Sender war wirklich in jeder Hinsicht ein annehmbarer, tüchtiger Mann, der auch nicht trank und spielte, und der auch sonst keine Leidenschaft hatte, als daß er einigemale weggeblieben aus seinem Hause, weil die etwas ältere Frau ihn mit Eifersucht und Vorwürfen, oft ohne, oft auch mit Grund, zu plagen immer mehr sich angewöhnt hatte. Nun lag sie daheim und konnte sich nicht mehr rühren. »O mein Gott, mein Gott, Du, Du – der Vater – wu is denn der Vater? – wu bleibt denn der Vater?« – stöhnte die magere, gelbe Knochenfrau und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. Aber das ging nicht, und Berta kam ihr zu Hilfe. »Nu, wu werd er denn sein?« sagte höhnisch die Junge. »Nee – nee! – das darf nee sein – das ni meh' – ei das Häusel hie – hie – darf keene Andere rei' kumma, wenn ich tut bin – nee – nee – nee«, und die Kranke weinte in ihre Kissen. »Bis ock stille, Mutter, vielleicht labste noch a wing, vielleicht werd's wieder.« »Nee – nee – ich – ich nimmeh – ich nimmeh –« und die Tränen rannen, daß Berta mit einem Tuche hinging, um das nasse Muttergesicht abzutrocknen, und sie beruhigte. »Vo dar – vo dar – vo dar –« Die Kranke war zu schwach, aber wie die Tränen getrocknet und gestillt waren, begann in ihr der heimliche Zorn und Neid die Oberhand zu gewinnen. »Vo dar – vo dar – dicken Witwe – uben – braucht Ihr Euch nischt gefallen zu lassen – das is inse Häusel – das is inse Häusel!« klagte sie wieder, und ihre Stimme gewann an Kraft, als sie stockend zu erzählen begann, daß sie geträumt und die Witwe Frommelt schon hier am Ofenbänkel hätte ganz frisch mit den Kochtöpfen und einer Speckseite herumwirtschaften sehen, bis sie in Aufregung aufgeschrieen und gefühlt hätte, daß sie nur von einem Alb geplagt worden sei. »Ach, Du mein himmlischer Vater, Du, Du!« Es war ein fürchterliches, unheimliches Treiben in der niedrigen Stube, was sich noch steigerte von Tag zu Tag, daß weder Vater noch Sohn, weder Mutter noch Vater, weder Vater noch Schwiegertochter sich in die Augen sehen und nicht, wie in heller Schadenfreude, einen Augenblick voll aufblitzender Sucht sich zuwerfen konnten. Nun war die Tochter daheim. Es war eine stille Tagesstunde. Der Schnee verschlang draußen allen Lärm, auch der Kinder, die mit Hitschen am Häuschen vorbei bergab fuhren. Die Mutter lag grübelnd und war gepeinigt – und die Tochter war zufrieden, daß sie es wieder heimlich von der Mutter gehört hatte: »Der Vater muß – er muß – ich sterbe nee ehnder – ich kann ni ruhig sterba. Der Vater muß Euch das Häusel hinterlo'n.« – Der Vater trat zu der niedrigen Tür herein. Er brachte eine Flasche eingepackt aus der Apotheke. Er hatte sich – wie er immer tat – ganz fein gemacht. Der gestrickte Shawl um den Hals mit Schwarz und Grün war wie neu, und er trug einen dunklen Sonntagsrock und einen festen Stecken. Man sah es, er hielt auf sich. »Wu kimmst Du har, Vater? Du bist ju a su schien.« »Aus der Apotheke kumm ich«, sagte er. Er schritt feierlich, und er empfand die ganze Lage feierlich. Die Krankheit seiner Frau und die heimliche Plage um das Erbe war ein Ereignis. Er schritt wie einer, der etwas Schicksalsmäßiges mit Würde zu tragen hat. Deshalb auch veränderte er nicht die Miene, als er an der Kranken Bett trat, ihre Hand anfühlte und dann sagte: »Nimm ock de heeßen Ziegeln ei de Hand, daß De warm werscht.« »Se hot se ju eim Bette«, sagte die Tochter grob, und als wenn sie einen Vorwurf gegen sich empfunden hätte. »Nee nee – de Berta surgt schun, die surgt schun«, sagte nun auch die Alte lebhaft, als sie nach den Steinen tastete. Und während Sender seinen Rock in's Stübel trug und am Tische stand, um die Vorschrift des Arztes auf der Etikette zu entziffern, reichte die Blonde der Mutter warme Ziegelsteine neu hin, die alten zurücktragend, und warf ihren Mund noch mehr vor und machte alles, was sie tat, mit einem Zuge von Verachtung, sah den Vater nie an, nur von der Seite, umging ihn, vermied ihn fast fühlbar, suchte ihn zu behandeln, als ob nur eine heimliche Pein in der Stube wäre, die man nicht sähe. Sender war völlig stumm, außer zur Mutter. Aber der Mutter Augen brannten nun neu, ihre armseligen Haarsträhne umgaben sie zottig, es war ein entsetzlicher Anblick, dieses gelbe, fade Leiden auf den ausgehungerten Zügen und den gierigen Augen zu sehen, die jetzt den Mann mit Spannung und heimlicher Angst verfolgten. »Ei d'r Apotheke warst Du? – Du warst ju a su lange!« »Ich mußte warten«, gab er ganz fest und gleichgültig zurück. Sender war noch immer Herr der Situation. Er stand auf seinem Posten und ließ sich nichts merken. Er empfand, was sie alle von ihm wollten. Aber er tat, als wenn ihm die Verschlossenheit, das heimlich Höhnische der Tochter, die Seitenblicke der Abgezehrten nicht bemerkbar wären. Er tat immer wieder ganz arglos. Er war wirklich noch gesund und lebenskräftig. Zudem hatte er das Häusel zusammengebracht. Niemand sonst. Er hatte gearbeitet. Und wenn nun die Frau krank war, war es Gottes Wille und nicht seiner. Daran konnte man nicht rühren. Freilich wußte er es, daß er die Witwe heiraten und dann noch einmal in Ruhe und mehr Behaglichkeit leben würde. Er war auch oben gewesen bei ihr – in dem schmucken Stübel mit den alten Rosentellern im Glasschrank und den blumigen Tassen. Und sie hatte ihm freundlich die Backen gestreichelt, die alte Witwe, und es war so friedlich und still gewesen, wie er die Kanarienvögel im Bauer hüpfen und die Körner knacken und dann eine schöne Weise hatte laut und inbrünstig singen hören. Mein Himmel, er war ganz benommen, so hatte ihm der Friede wohl getan, als käme er in ein weiches Bett. Wenn der Geistliche in der Kirche das Paradies nannte, kam ihm das Stübel mit den goldenen, schmetternden Vögeln in den Sinn. Jetzt stand er daheim in seinem Stübel, sah die Etikette der Medizinalflasche genau an, und dann sah er sich in seinem Stübel um. Reinlich war das Stübel. Die roten Gardinen glühten wie Feuer im letzten Schein, der durch Schneewolken durch das Tal glitt. Und er dachte auch: »Reinlich ist es, reinlich. Die denken, daß es ihr Stübel ist, sie machen es so gut und sorglich, weil sie jetzt denken, es ist unser, wenn erst die Krankheit und das Stöhnen stumm und stille geworden und in dem Gottesacker verscharrt ist. Aber nein, ganz gewiß nicht«, dachte er. Er sagte nichts. Seine Mienen waren arglos wie zu Anfang. Er träufelte die Tropfen sorgfältig ein und gab sie der Kranken. Und Berta nahm einen Blechkübel, band sich ein wollenes Tuch um's Haar und ging in den Stall. Aber die Mutter! »Um Gotteswillen, was ist denn?« Die alte, zahnlose, magere Mutter hatte die Augen geschlossen, als sie den Löffel Tropfen hinuntergeschlungen und legte sich in die Kissen zurück, wie leblos. Sender tastete nach ihrem Puls. Der ging wie eine Mücke so leise, und Sender sah ihr lange in's Gesicht und beobachtete ihre Mienen. Das merkte die Alte noch. »Du gleebst wull, ich sterbe?« sagte sie aufwachend und gleich wieder brennend auf den Mann gerichtet. »Du gleebst wull – Du möchst wull schun, daß ich tut war'? o meins, meins – nee nee – ich sterbe noch nee, Vater – ich sterbe gewißlich noch nee, Vater!« sagte sie. »Jeses – Vater – sa' mir ock, warst De bein 'r? warst De bein 'r?« »Bei wan?« sagte Sender und machte ihr nun die Kissen bequemer. »'S is gutt – 's gutt, Vater.« Sie empfand es plötzlich dankbar, daß er so sorglich um sie war und so sanft, und sie begann, ihn lange und liebevoll anzusehen, auch wie er dann am Herde herumging und in Hemdsärmeln dastand, vor die Ofenbank gebeugt, und das Schäffchen Kartoffeln für den Abend abwusch. »Vater«, begann sie liebevoll, »ich will ju gerne sterben, wenn De ock de Kinder nimmeh 'naustreibst.« – Sender hantierte fort. »Fang ni davon a'«, sagte er nur kurz. »Ich sterbe noch nee, ich sterbe noch nee«, sagte dann die Alte wie für sich. Und es war große Stille im Stübel, wie die Dunkelheit hereinkam. Man sah kaum noch aus den Kissen die Augen der Alten leuchten, die ihren weicheren Ausdruck wieder langsam verloren. »Du wißt, ich ha das Häusel redlich zusammengebrucht«, sagte Sender dumpf. »Ich au, Man, ich au«, sagte sie, »ich au. Ich ha's zusammengehalen. O Du, Du bist immer a Lustiger gewan«, sagte sie hart und gradezu, »immer, wenn ich ni gewan – o mein Gott, mein Gott, Du, Du.« »Fang ne a, Mutter, ich rat Dir, sei stille. Das hot keenen Zweck. Mir kinnen ins doch heute ni noch streita. Das mach ich ni«, sagte er bestimmt, und zündete die kleine Lampe an, daß man sein Gesicht sehen konnte, wie es einen sorgenvollen und innerlich zernagten Ausdruck angenommen. »Ich wiß nee, daß De das ni verstihst. Ich war doch das Häusel vor mei'm Tude ni a Kindern ga'n«, sagte er, peinlich weich gemacht, sodaß er die Anwesenheit der Kranken und alle Feierlichkeit vergaß und nur ganz in dem Gefühl des Schreckens lebte, gar einmal unter seinen Kindern im Hause nur gelitten zu sein. Und es kam aber sogleich eine Wut über ihn, daß er plötzlich herausschrie: »Lußt mich ei Friede! Das duld ich nee. Sprich ni davone! Das duld ich nee! Naus wulln se mich dränga! Das duld ich nee!« Er hatte das alles so laut geschrieen, daß die Junge zur Tür herein guckte, und wie sie den Ausbruch des Jähzorns sah, die Tür hinter sich wieder mit deutlich gezeigter Verachtung zuwarf, so daß ihr der Vater noch in der Wut nachschrie: »Und wenn Ihr mich au behandelt wie 'n Hund, dem ma ni gerne meh an Brutkruste hinschmeißt – das duld ich nee, Ihr Gesindel!« Es war im Raume ganz still. Seine eigenen Worte klangen ihm peinlich gellend im Ohr. Er empfand es ekelhaft, daß er in der Stube schimpfte und wütete, wo die Kranke in ihrem Elende lag, und zermürbt, wie er war, setzte er sich auf die Ofenbank und begann plötzlich Tränen zu fühlen, die er heimlich trocknete. Die Mutter lag im Bette in ihren Kissen in Angst vor dem Jähzorn und wagte kein Wort und warf nur heimliche Blicke nach ihm, ob sich sein Anfall beruhigt hätte. Sie wußte, er konnte jähzornig sein. Früher war er's öfter gewesen. Früher, wie sie ihn mit Eifersucht arg gepeinigt hatte. Dann aber hatte sie sich ausgefunden, daß es doch nichts nützte. Sie hatte sich drein gegeben und Streitigkeiten vermieden. Und hatte immer mehr nur am Sohne gehangen und für ihn gesorgt. Alle Liebe übertrug sie auf ihn. Sie erinnerte sich kaum, daß sie auch in den Zeiten, wo sie zu kränkeln begann, noch einmal einen ernsten Auftritt mit Sender gehabt hatte. Sie barg sich in die Kissen zurück und sah angsterfüllt, daß der Vater halb sichtbarlich nur auf der Ofenbank saß und heimlich die Tränen zu trocknen schien. Und der Abend verging in tiefem Schweigen. Auch als der junge Sender heimkam und Werkzeuge und Mütze in die Ecke gelegt, saßen die drei Gesunden, vor sich in die Kartoffeln starrend, und stumm und hart mit den Taschenmessern an der Butter schneidend und Bissen um Bissen am Messer zum Mund führend. Und nur das Stöhnen oder ein Hilferuf der Hinsterbenden unterbrach die unheilsschwangere Stille. II. Am andern Tage ging es mit der alten Sender noch elender. Sie kreißte und stöhnte ziellos und erfüllte das kleine Zimmer mit leisem Gewimmer. Die blonde Berta kam zur Tür frühzeitig herein, da fand sie schon den Alten am Feuerloch knien und aufzünden. Der Alte hatte die Nacht kein Auge zugetan. Wer glaubt, daß Sender etwas vernachlässigte, irrt sich. Er tat, was nur möglich. Und jetzt nach der Nachtwache wieder, sah er noch sorgenvoller und vergrämter aus, als die Tage vorher. Die Mutter hatte in ihren Unruhen in der Nacht, die sie hin und her warfen, und nach ihren Anfällen von Erbrechen immer eine große Schwäche. Sie sah jetzt wie der ausgezehrte Tod aus, hatte den Mund weit offen, und die Augen waren wie gebrochen, nur klein und ungleichmäßig unter den runzeligen Lidern wie trübes Glas. Es war nicht zum Ansehen. Und in Sender ging etwas um, vor dem er sich selbst fürchtete. Er machte Feuer und weinte still. Berta empfand ein Bedürfnis, ihm einen Gruß zu sagen. Sie wollte aus dem Ton seiner Stimme etwas abhören. Und in der Tat, der Ton seiner Stimme klang weich und zerbrochen. Und wie das Feuer nun aufbrannte und krachte, übermannte es ihn, daß er sich auf die Ofenbank niederließ und schluchzte. Es war einen Augenblick, wie eine Hoffnung, die durch's Zimmer ging. Berta suchte nach einem Grunde, etwas Freundliches zu sagen, und fand endlich eine Frage: »Es 's denn a su schlimm, Vater?« »Nee – nee – ich sterbe noch nee! – Ihr möcht wull, daß ich schun tut wär«, wimmerte die Alte. Sender trocknete seine Tränen und richtete sich auf. Er sann nicht mehr. Berta war zum Bette der Kranken getreten und rückte ihre Kissen auf. »Du werscht schun noch amol wer'n«, sagte sie, »reg Dich ock nich uf, Mutter.« »Ich sterbe nee ehnder – ich sterbe nee ehnder . . .« Sender war an's Fenster getreten und hob einen Augenblick den Vorhang. Draußen lag das Dörfchen still im nächtlichen Schneefall vergraben. Alles war schimmernd grau, nur das Nachbarhäuschen hatte Licht. Er sann hinaus. Die Nacht war in solcher Ratlosigkeit hingegangen. Die Alte hatte in ihren Träumen und ihrer Schwäche wieder nur einen Gedanken, der sich in ihr herumdrehte wie ein Stein im Strudel, der zuletzt einen Fels aushöhlt. Und so ausgehölt lag sie da und umgewühlt immer von dem einzigen Gedanken, daß ja nicht die Witfrau in's Häusel kommen und schließlich Sohn und Tochter verdrängen sollte. »Wu blei't denn der Suhn? Wo is denn der Suhn?« stöhnte die Alte. Sender gab keine Antwort, er sah noch immer hinaus. »Wu is denn der Suhn?« versuchte sie heimlich zu Berta zu flüstern, weil sie jetzt wieder Furcht bekam und nicht wußte, was in Sender vorging. Sie mochte in den betrübten Bildern ihrer hinsinkenden Seele Ängstliches und Bedrohliches sehen, und begann noch einmal jetzt mit Weinen kläglich zu fragen: »Jeses, wu denn? wu is denn der Suhn?« Da sah Sender freundlich zum Bett und sagte bestimmt: »Mutter, 's is erst halb fünfe. Er schläft.« »So, schläft er, nu do! – ju ju – das ist gutt. Da lußt a ock schlofa, ju ju – weckt a nee – er wird schun von alleene kumma, weckt a nee!« – »Nee, mir wer'n a nee wecka, er wird schun alleene kumma. Er muß au' bale ei de Arbeit«, gab jetzt auch die Junge energisch dazu, während sie den Krug ausspülte und eine Bierflasche mit Kaffee füllte, den sie auf dem Herde gekocht hatte. »Muß er heute au' ei de Arbeit?« fragte die Hinsterbende. »Nu, freilich, Mutter, wird er ei de Arbei gihn.« »Warum denn heute?« »Nu, 's is doch ni Sunntig.« »Nee – nee – ach Gott! – nee nee«, und sie begann zu weinen und zu wimmern und sagte: »nee – nee, Jeses – Ihr – ach 's is ju – Jeses – nee – Ihr – Kenner verstiht mich – Ihr versteht mich immer nee.« »Was willste denn, Mutter? Erst sei amol stille und nimm d'r Zeit, Mutter – hierste! Du brauchst Dich ju nee ibersterzen – ich rat Dir, nimm D'r Zeit – dann wer'n mir ins schun verstihn.« – Sender sprach die Worte, während er Schritt für Schritt zur Kranken trat. »Er muß doch heute nee ei de Arbeit«, sagte nun die Kranke klagend, »Ihr saht's doch – Jeses! Ihr saht's doch, 's is doch keene Zeit ni meh, Vater! – gar keene Zeit ni meh! – Vater – mei lieber Vater!« – Sie hatte die Arme nach ihm ausgestreckt: »Ich will D'r ock was Leises sa'n – naus, das Madel muß nausgihn – das Madel – 's sull amol nausgihn – das Madel – 's sull amol nausgihn – Vater –« In Sender arbeitete es, daß man denken konnte, die Alte wäre der Tod, der ihn umklammerte, und der nun sichtbarlich an ihm riß, ihn niederzubeugen, wenn er auch noch so fest zu stehen schien. Sender hatte sich kaum auf ihr Bett gesetzt, als sie sich unversehens mit einer Kraft, die ihr lange gefehlt, aufgerichtet und ihre Knochenarme um seinen Hals geschlungen hatte. Sie hielt ihn. Er fühlte ihren Atem peinlich und wie Totengeruch. Es war ihm grausig. Er winkte Berta, daß sie auch sofort ihm zusprang und einen Augenblick alles andere vergaß. Aber die Mutter war stark in diesem Zustand. Der ganze Wille, der in ihr allein noch sprach, die ganze Eifersucht, die sie das Leben geplagt hatte, hatte sich in diesem Augenblick in ihr aufgerichtet und umwand nun den Alten wie eine Schlange, daß er sich nicht entwinden konnte. – »Vater – naus – naus soll das Madel gihn.« Berta hatte auch gleich verstanden, um was es sich handelte. Sie sah das Bild des Grausens, die magere, knochig ausgehöhlte Frau mit trüben Augen, die jetzt wie Feuer waren, kaum noch in Sinn brannten und aufglimmten – am Halse des Vaters hängen, der sie auch fest in den Armen hielt und von ihr ganz umschlungen war. Sie floh fast wie in Schrecken hinaus und in peinlicher Angst zum Manne in die Kammer, den sie gleich weckte. Es hatte sich plötzlich zur Gewißheit in ihr erhoben, daß die Mutter heute nicht erleben könnte, und daß es sich jetzt zeigen müßte in dieser Stunde, ob der letzte Wille der sterbenden Mutter siegen würde, oder der des lebenden Vaters. »Gustav – mein Gott – Du – Du –« Er reckte noch immer seinen schnarchenden Mund offen in die Luft und begann endlich die Lippen zusammen zu nehmen und die erstaunten Augen langsam und schwer zu öffnen. Gustav war ein magerer, junger Mensch mit einem dunklen Bärtchen, und mochte wohl einmal, wenn er erst kräftiger wäre, dem Vater gleichen. Er hatte sich ermannt: »Was is denn? was is denn?« »Du kannst heute nee ei de Arbeit gihn.« »Nee ei de Arbeit?« »Nee nee, Du kannst nee gihn. Ich gleebe, de Mutter sterbt.« Er sprang aus dem Bette mit einem Umwerfen der Beine und stand im Hemde vor der Frau und sann vor sich hin. Er war wieder in die Schläfrigkeit zurückgesunken. »O Jeses, Gustav, mach ock, schlaf ock ni! schlaf ock ni! wer' ock munter – wer' ock munter!« riß jetzt die Junge an ihm. »De Mutter spricht mit'm Vater.« Gustav begann in die Hosen hineinzufahren und seine Schlafschuhe zu suchen. »Was?« sagte er bedächtig. »De Mutter, o mein Gott, Du, Du – a Jammer – ma kann's nimeh' anhiern.« – Und sie setzte sich auf den Bettrand und begann auch zu weinen in der Kammer, die eine Laterne schwach erhellte. Und tiefe Stille lag in der Luft draußen, nur ein Glöckchen von einem Schlitten ging auf dem Dorfweg vorüber und gab einen leisen Himmelston, und dann und wann hörte man durch die dünnen Holzwände, daß unten der Vater mit der Sterbenden sprach. Und die Mutter hing noch an Vaters Halse, hatte die Hände gekrampft, als könnte sie ihn nicht mehr lassen. Es war ein unvergeßliches Grausen, das Sender gefangen hielt. Wenn er sich später erinnerte, war es ihm, als wenn er dort den schrecklichsten Augenblick seines Lebens erlebt hatte. Er war auch schwach und mürbe und sah die ziellos in ihn sich eingrabenden Feueraugen in dem ausgezehrten Totenkopfe. Der zahnlose Mund zitterte lebendig und redselig wie in früheren Tagen – nur war alles wie in Wahn und Fieber und brannte ziellos, was heute sich aus ihm zu lösen suchte. »Vater, Vaterla –« »Mutter, 's giht so ni – le' Dich ock – le' Dich ock – Du hältst's ni aus a su – nee – ach –« »Vaterla, 's is mei Tud – 's is mei Tud –« »Ja ebens, Mutter, le' Dich ock, suste wirst De ju zu schwach –« Aber ihre Arme hatten sich festgeklammert, daß er sich nicht zu lösen vermochte. »Was willste denn, Mutter? Da sa's ock!« Was ihn noch gestern beinahe in Jähzorn getrieben, danach fragte er jetzt mit Gier fast, so wünschte er das Gräßliche des Augenblicks zu überwinden. »Was willste denn? – da sa's ock!« »Jeses, Mann – Du wißt's ju – Du wißt's ju – Vater!  –« »Was denn, Mutter?« »Du – kannst ju – immer – heirata – Vater –.« »Nee – ach – Mutterla – Jeses – luß ock das – Mutter –!« »Ich kann doch ni ehnder sterba – Du nimmst mir Ruh und Friede ei Ewigkeet, Vater, wenn Du nee . . .« »Was denn, Mutterla!« »Das Häusel . . .« »Jeses –« Aber die alte Zahnlose fand noch Atem und Worte, und ihre Stimme hatte einen Ton, wie wenn die Krankheit nicht da wäre, so vibrierend: »'S Häusel – se sull nee ei inse Häusel! – Du sullst de Kinder nee raustreiba – vur mei'm Tude a Kindern das Häusel überga'n.« Da hatte Sender die schwache Frau endlich losgelassen – ohne Acht in plötzlicher Überraschung und Angst, und sie glitt in die Kissen zurück – und er begann zu weinen, ohne zu sprechen. Er war nicht mehr bei sich, er begann sie nur noch anzusehen, wie sie mit geschlossenen, erschöpften Augen, Leichentod auf den blauen Lippen, an die Decke starrte. Er weinte im Angesicht des Jammers, der sich um sie zusammenkrampfte und sich um ihn zusammenkrampfte, um ihm zu rauben und mitzunehmen, was des Lebenden Teil war. Die Alte war nun stumm. Die Lippen des Vaters bewegten sich manchmal ohne einen Ton. Und wie es ganz still im Stübel geworden, kamen auch die Jungen wieder. Der Sohn war unbeholfen und derb. Er hatte eine rauhe, dumpfe Stimme, nichts von dem Klang, der noch jetzt in des Alten Stimme lag. Er war ungehobelt und schwerfällig, obgleich er schlank und kräftig aussah. Die junge Blonde. die er geheiratet, war ihm tüchtig überlegen. Er hatte sie geheiratet, weil er Muttersohn war, und daheim in Mutters Hut durchsetzen konnte, was er wollte. Die Blonde hatte ihm gefallen, weil sie die Dorfmädel durch die weiche, rosige Haut und die hellen Zöpfe ganz in Schatten stellte, und weil sie auch fröhlich und anmutig lachen konnte. Daß sie manchmal mit bittrem Haß und Hohn lachte, und daß sie ihm hart sagen konnte: »Lösch die Sonne aus und zünd den Mond an«, das gefiel ihm von ihrer Jugend sogar. Wie die beiden jetzt scheu und stumm eintraten, wußten sie nicht, was vorgegangen. Sie sahen heimlich den Vater an. Gustav ging zur Mutter, die sich kaum nach ihm umsah. Er sagte kein Wort, bis ihn die Kranke selbst erkannte. »Ach, Gustavla«, sagte sie nur, wie er ihre Hand nahm. »Nu, Mutterla?« fragte er freundlich. Die Blonde trat hinter ihn und betrachtete auch die Hinsterbende. Sie suchte zu ergründen, wie es stünde. Aber sie empfand von neuem Unruhe. Sie sah wohl, daß die Kranke einen hoffnungslosen Ansdruck hatte. Da begann es neu zu rumoren in ihr. »Kumm«, sagte sie mit verändertem, barschen Ton, »kumm und luß de Mutter! se muß Ruhe ha'n.« Und sie ging nun gleich zusammengeschlossener in der Bewegung zum Herde, wo sie Kaffeetopf und Tassen entnahm, um sie an den Tisch zu tragen. Sender sann wieder hinaus. Er stand wie anfangs und suchte ratlos in den Flockenwirbeln, die draußen im Morgendämmer das Fenster umspielten und in Schleier hüllten. Und die Junge sah ihn heimlich – und wußte auch gleich klar, daß noch immer nichts gewonnen war. »Gustav, kumm«, sagte sie bestimmt, weil Gustav noch immer in der Mutter Gesicht starrte und ihre Hand in der seinen hielt. Gustav ermannte sich langsam. Er war ergriffen. Er sah nur das Elend, und ganz in Güte fragte er mit halblauter Stimme den Vater: »'S ging wull ni gutt die Nacht?« Der Vater hatte es garnicht gehört. Und die Junge erboste es heimlich, daß der Ton nun so gut geklungen hatte, und sie sagte, indem ihr Mund wieder die verächtlichen Züge annahm: »Kumm ock und setz Dich endlich!« Und sie goß ihm ein und warf jetzt verständliche Blicke auf den Vater, die Gustav mehr aufrüttelten. Und er begann auch sich gespannter umzusehen. Und ganz heimlich kroch aus beiden die alte Gier – und sie tranken vor sich hin und redeten mit flüchtigen Zeichen und vergaßen bald ganz, daß die Kranke sterben würde. Sie erwogen zernagt, daß der Alte nicht nachgegeben und sie bald – nein – es krampfte in ihnen auf. Ihre Gemüter begannen, sich in neuen Haß einzuwühlen. Daß der Vater, wie er sich endlich auch zum Kaffee setzte, und im ärmlichen Scheine in die Gesichter seiner Kinder sah, die seine Blicke mieden, dieselbe eisstarre, kalte Verachtung, denselben stummen Vorwurf, dieselbe Ankündigung des Hasses und Zornes für alle Zukunft las, die sich in der ganzen Kampfzeit angestaut hatte. Und der Tag brach an. Der Sohn schwankte, ob er zur Arbeit sollte – er blieb daheim. Jedes machte still seine Arbeit. Gustav im Schuppen beim Holze, Berta im Stalle. Beide mieden den Vater und warteten nur verhalten, ob die Mutter sterben, und der Vater ihren letzten Willen noch hören und weich werden würde. Ein Ächzen und Stöhnen ging im Hause um und Hasseskühle. Sender ging um die Kranke herum so ratlos und eingeschüchtert wie noch nie. Auch der Tag ging stumm hin. Die Kinder kamen dann und wann nach der Kranken sehen und heimlich die Situation zu prüfen. Sender suchte einen Ausweg. Er hatte die Kranke ein paarmal gefragt, ob sie nicht den Geistlichen wolle. Aber sie hatte nur einmal, daß es der Sohn und die Tochter hören mußten, gewimmert: »Nee ehnder – nee ehnder – ich sterbe – nee ehnder –« Und es war immer wieder ruhig geblieben, und Ratlosigkeit, Pein und Grausen hatten die Seele des aufrecht stehenden Mannes ganz ausgefüllt, daß er immer nahe am Jähzorn war. Aber er dämpfte doch alles heimlich und tat, was ihm zukam. Er pflegte die Kranke, hob sie hin und her und suchte für sich und sie Ruhe und Frieden. Er dachte auch an die Wittfrau nicht mehr, nur das Stübel kam ihm ein paarmal in den Sinn, und er dachte an den Gesang der gelben Vögel. Auch wie er sich hingesetzt, um mit dem Sohne und der Tochter die Kartoffeln vom Tische zu spicken und stumm und wortlos in den Mund zu schieben, war es ihm schon gleichgültig geworden, daß sie dumpf und verächtlich taten. Er hatte es auch nur als Pein empfunden, sie ansehen zu müssen, und es sprach auch aus ihm, ohne daß er es recht zu fühlen schien, ein Zug von Verachtung. – So saßen sie gegeneinander und gingen in kalter Verachtung um einander. Und in der ausgezehrten Frau im Bette brannte die Ungeduld zu sterben und noch ihren letzten Willen durchsetzen. Und wenn sie den Tag vorüberließ, war nur die Schwäche schuld, die sie dann und wann in richtiger Ohnmacht hindämmern machte. So ging auch der Abend dumpf hin, gespannt, erregt im tiefsten Grunde – erwartungsvoll und in peinigender Ungeduld von einem Jeden. Und jeder sah in Grausen, daß die Mutter fast schon unter den Toten war – und doch aufbrannte, wie ein verborgenes, gestorbenes Feuer in dem einen Gedanken für den Sohn und ihr Häusel, in dem einen Gedanken, dessen Zukunft zu sichern, wie auch sonst der andere Lebende sich damit abfand. Auch wie der Alte von neuem versuchte, vom Geistlichen zu sprechen, gab es nur einen Widerhall. »Nee – nee – ich bin noch nee a su weit – mir sein noch nee a su weit. – Vater unser, der Du bist im Himmel . . .« Sie betete hörbar, daß der Alte neben sie trat, und die Hände faltete, und die Junge ebenfalls die Gelegenheit für willkommen hielt, auch dem jungen Kerle ein Zeichen gab, daß alle um's Bett standen und die Worte der Betenden, in sich hinein zur Erde starrend, mit murmelten. So kam die Nacht . . . III. Es war Mitternacht, als Sender sich einen Augenblick auf's Bett gestreckt hatte. In der Mutter Röcheln und Ächzen war einige Ruhe eingetreten, und in ihm begann die Abmüdung arg und grausam zu wirtschaften. Er hatte hier keine Zuflucht. Er wäre am liebsten hinaus in die Nacht gelaufen. Er hatte schon einige Male vor der Tür gestanden, nur um die Kälte der Winternacht an sein Gesicht streicheln und ihn aus der Fühllosigkeit seines Zustands, aus der gänzlichen Verwahrlosung seines Hin und Her aufrütteln zu machen. Und er wäre hinausgelaufen, wer weiß, wohin, nur um auch aus der Umklammerung zu fliehen, in die ihn die sterbende Mutter und die beiden Jungen, die oben in Umarmungen schliefen und im Kampfe gegen den Vater sich mehr als je Eins fühlen konnten, hineingezogen hatten. Im Grunde ging jeder Gedanke und jeder Wunsch, auch der drängendste, fast gefühllos vorüber, und er war im Schein des kleinen Lämpchens um die Kranke herum, hatte freundliche Sorgenworte und leichte Mahnungen leise hingeredet, daß es schon werden oder schon gehen würde – und nun lag er auf seinem Bette und schloß, fast wie im Krampfe, die Augen. Und kaum geschlossen, war es ihm, als ob er blind wäre, und als ob ihm der Tod die Augen gewaltsam schlösse, daß er sie nie wieder aufmachen würde. Und so sehr ihn die Angst auch peinigte, und so sehr ihm auch schien, daß er die Gewalt, die ihn ängstigte, überwinden könnte, so hartnäckig sah er in's Ratlose und in Schrecknisse, die er kaum noch reimen konnte. Und dann gingen ganze Totenreihen an ihm vorüber, daß er wer weiß wen aus dem Dorfe, auch seinen Vater und seine Mutter und alle in weißen Kleidern sah. Auch Sohn und Tochter, die ihn nicht ansahen. Auch oben einen Kerl, der immer im Gemeindehause lebte, trank und an der Straße seine Arbeit tat – alles in weißen Kleidern. – Er begriff nicht, daß alles sich in Feier bewegte und alle auch tot waren – und fand, daß der Tod ganz festlich sei und wollte einmal . . . aber ehe er hinzutrat, entschwand alles wie eine leise Flucht. – Wehend, dachte er, wie Blätter! – so ging es hin und stieg es auf: – nur des Straßenmannes Frau stand da und nahm aus dem weißen Gewand eine häßliche, giftiggrün aussehende Bulle und lachte mit häßlicher Grimasse. – Eine Flucht – eine Jagd – eine Unruhe – die erst recht wiederkam, weil jetzt der abscheuliche Engel sich aufreckte und ihn umgarnte, und es wieder heranschwebte. Und im Schweben auch alles drückend und schwer war. »O, – o – o – eim Himmel – eim Himmel –« Er hörte es nur im Traume. Und es griff ihn an allen Ecken, daß er glaubte, sie rissen an seinen letzten Kleidern. Und er empfand sich nicht mehr, wie er war – er schrumpfte zusammen – Jugend kam – er war nur noch ein ganz jämmerliches, kleines Kind, das da in Windeln lag. Und jetzt nahm ihn seine Mutter und riß ihn heraus – und ein lächerliches Weinen verzerrte seine Züge, er weinte und weinte und zerfloß fast in Tränen und ächzte zugleich: »Ach – ach – ach! –« Bis er erwachte – und lange lag – und alles hörte – alles fühlte, was um ihn war, das dämmerhelle Stübel und die Mutter, die noch immer wimmerte im Halbschlafe, und die Uhr, die tickte – und oben in der Kammer rührten sich die Jungen, daß man es hören konnte, wie nackte Füße schlichen, und keine Ruhe fanden. Aber er lag und ermannte sich nicht. Schwere wie Blei hielt ihn in seiner Lage. Er machte nicht die Augen auf. Er war geängstigt. Er suchte einen Ausweg und wagte nicht mehr, sich zu rühren, daß er die Mutter nicht in's Leben und in ihre Wünsche zurückrief. Oben die Junge hatte keinen Schlaf gefunden. Sie dehnte sich an der Seite ihres jungen Mannes und erhob sich, wie er fest eingeschlafen. Denn er schlief wie immer tief und ohne Verklärung und begann bald, auch kräftig zu atmen und zu schnarchen. Im Grunde war sie froh, daß sie nun einmal allein war. Sie entzündete Licht, hüllte sich leicht ein Tuch um die Schultern und saß in großen Filzschuhen, um sich einen Rock auszuflicken. Es kam ihr so in den Sinn. Wenn es auch nicht Zeit war. Diese Nacht fand sie es gut, auf zu sein, wenn der weiche Gustav durchaus seinen Schlaf haben mußte. Und sie besann sich, wie weich und nachgiebig der Junge im Grunde war, er würde schließlich auch damit zufrieden sein, dachte sie, wenn eine Neue in's Haus und in's Herrschen einzöge. Und sie sah in ihre Stiche hinein, die die Hand hastiger machte und hörte kaum, daß die Dachbretter in der Kälte knackten und krachten, die eisige Luft an ihre Beine floß und sie fast erstarrt war. Und sie dachte sich in die Wut hinein, daß sie fast eine Art inneren Kampfes vor sich sah – mit wem? – das zerfloß, als sie es fassen wollte. Und es stieg neu in den Schein ihres Lichtes, als sie wieder zu hören versuchte. »Nee nee, das soll gewiß nee werden – und die Mutter stirbt ni' ehnder«, dachte sie zum Trost und kroch wieder unter das Deckbett. Daß der Junge vom Hauche der kalten Luft halb geweckt, die Arme nach ihr ausstreckte, wie ein blöd Lachender dalag und sie begehrte im unerwarteten Lichtschein, aber auch gleich die Lage begriff und sich beruhigt drein gab, als sie ihn nach der Seite stieß. »Sei nee verwerrt! Ich will de Lampe brennen lussen, man kann doch nee wissen, wie's werd unten.« Dann lagen beide mit den Gesichtern nach den Dachsparren, die Schatten warfen, und sannen. Und es kam über sie ein Dämmern, in das sie mehr und mehr trübe, von ihren Wünschen und Gieren gepeinigt, versanken. In der Kranken gab es ein langes, endlos langes Nichtsterbenwollen und Nichtsterbenkönnen. Ausgezehrt lag sie da und sah nichts mit offenen Augen und hörte nichts mit ihren scharfen Ohren und genoß nichts mehr, denn sie wußte nicht mehr, ob sie Wasser oder Wein auf ihren Lippen trug. Und ein Hören – ein unbegreifliches feines – trug sie doch durch Bretterwände und weite Räume, daß sie sich manchmal vorkam, als entschwebe sie schon unter Sternen, und dann zurücksank, wie aus allen Himmeln, wenn es ihr einfiel, daß sie im Häusel liege, und daß sie noch immer nicht sterben dürfe. »O – o – o« sie lag wieder im halben Wahne und rief: »O nee – nee, Vater, siehste nee, der Tud – der Tud – o – 's werd immer schiener – 's werd immer schiener –«. Sender sprang empor. Er stand am Bette und hörte gespannt auf die Worte und war jetzt wieder jenes unbarmherzige, maschinenmäßige Bewegtsein für die Ächzende. »O – o – ju ju – 's is ju schien – eim Himmel – eim Himmel! Jeses – ei a Himmel war' ich kumma – Vaterla – – Vaterla – – –« »Was is denn, Mutter?« Er nahm und reichte ihr einen Löffel Wein zur Stärkung. Aber die Kranke sprudelte, als er ihn an den Mund gebracht, daß er ihn wieder auf den Tisch legte. Nein, nichts mehr, nichts mehr wollte sie hier im Leben. Der Tod war in ihr in ganzer Macht. Es war auch kein Entrinnen mit Wasser und Wein nicht, und nicht mit Speise, wenn sie sie hätte genießen können. Und nicht mit Worten der Liebe, wenn sie auch Sender gefunden hätte. Und Sender fand sie jetzt plötzlich: »Ach, Mutterla, Mutterla! Jeses!« – wie er nun die Alte ansah – »bise hah'n mir ni gelebt, Mutter?! – sa's amol!« »Nee – nee – Vater – bise nee.« »Und wenn a Mensch hie und har rennt und manchmol was tutt und sa't –« »O Jeses – nee – nee – Vater. Ju ju – enner und der Andre –« »Ma is halt manchmal a su –« »Mir ha'n alle nischte zu verga'n – Vater –« »Nee wuhr – siehste – Mutter!« »Vaterla –« »Mei himmlischer Vater – was könnt ich denn nee glei –« Sender war im Augenblick des Sterbens völlig benommen. »Wenn nu der Tud – wenn nu der Tud –« »Nu – ju ju – Mutterla – nee Mutterla – an Augenblick mußt De aber –«, er sprach ganz hastig, »an Augenblick mußt De« – und er richtete die Sterbende auf und sah in ihre Mienen. Die Augen waren groß und einfältig, und in den Gram der Züge kam stille Verklärung. »Vater – a Kindern – das Häusel – gib a Kindern – das Häusel – verstihst De –« »Ju ju ju ju –!« Er starrte sie an – »nu freilich, ich war schun – ju ju, verluß Dich – nee – nee – ich vertreib se nee – ich war teelen! – Jeses, ich ha's nee a su gefühlt, aber jitze – jitze – sah ich's doch amol –« »'S is ock – 's is ock . . .« – Sender spannte – »'s is ock wegen der Andern, wegen der Andern«, sie sprach es und lispelte fast, »wegen – Jeses– mei Junge – mei lieber Junge – ich bin doch – eemol – Häusel – de Mutter – Mutter – hie –« »Mutterla, Mutterla, verluß Dich – verluß Dich – ach Gott –! Nee, ich rufe doch aber glei' . . .« – er war schon hinaus und rief im Hause: »Gustav, Gustav, zum Pastor!« Und die Junge kam, halb in Kleidern, und lief auch schon, wie sie war, auf die Straße, und flog zum Pastor. Und Gustav trat im nächsten Augenblick in die Stube und stand hinter dem Vater, der der Mutter Hand hielt. Die Kranke ächzte nicht mehr, sie war wunderbar still und begann schön auszusehen. Die Runzeln ihres Gesichtes begannen zu verstreichen. Der Ausdruck des Grames wich. Ihr Haar schien lose und jung, wie es nie vorher gewesen war. Sie war ganz schwach, und der Atem ging lang und fast ruhig. Und kein Wort kam mehr aus ihr. All' ihre Unruhe und ihr Rufen in Angst in unerfüllter Sehnsucht lag hingestorben. Der Blick suchte nichts mehr. Ihr Blick, wenn sie die Lider auftat, war groß, und fast mitleidig blickte sie auf die, die um sie waren. Es schien nicht mehr ihr Mann, und auch ihr Sohn war nicht mehr sichtbar für sie, wie der Junge so dastand und dumpf und starr auf sie sah. Es schienen gute, liebe Verlassene, die nun ferner und ferner rückten. Und sie sah beide an und fühlte nur noch des Vaters Hand, die ihr kaum wie ein Fädchen dünkte, das sie anband, so kindlich frei und lose hob der Tod die Alte, Verrunzelte, vom letzten Willen einst Gepeinigte empor und trug sie zurück in die geheimen Kammern des nie geschauten ewigen Lebens, aus dem sie einmal jung, als Blume oder Vogel, oder als Kindlein in der Wiege erwachen könnte. Der Vater sah es. – Es kam Frieden in ihn. Er war zufrieden, daß er ihr die Ruhe der letzten Erdenstunde gegeben hatte. Er ging aufrecht. Er war wunderbar frei. Es ging etwas Erhabenes in ihm um, Schönes, das in ihm jubelte. Er wußte jetzt, was zu tun war. Und wie bald der Geistliche hereintrat, standen alle andächtig um das Lager, und die stille Sterbende nahm Brot und Wein und aß und trank am Tische der Versöhnung, des Versönlichsten unter den Menschen Andenken feiernd, daß alle weinten. – Nur der Vater stand aufrecht und betete stark und in der Erregung des Augenblicks laut mit dem Geistlichen, wie die Augen unter den letzten Worten sich für immer schlossen. IV. Das hatte er gekonnt, Sender, alles, was der Toten galt, und was Frieden schuf für Zeit und Ewigkeit für sie und ihn. Das begriff er. Was in den letzten Worten sehnsüchtig aus dem zahnlosen Munde der einstmals jungen Mutter gekommen, daß sie Mutter sein wollte, und im Häusel im Muttergedanken umgehen wollte – gut – alles das begriff er und war versöhnt. Alles, was Ehrendes und Redliches zu tun war, um die Alte in die Erde zu decken und ihr Andenken zu verklären, das tat er. Er ging aufrecht, er wußte, alles das tat er gern und mit Feuer. Er ging sogar mit tiefer Erregung im Wesen, denn ihm war der Tod wie ein heimlicher Bote erschienen, der dem Menschen schon hier die irdische Schmach auslöscht aus seinen Gewändern und die Flecken des Grams aus seinen Zügen, und der ihn hinaufführt wie jung verklärt. Deshalb schwanden die Tage, bis die Tote in die Erde gebettet wurde, ernst und getragen hin. Auch der Sohn war erfüllt von der Mutter Abschied und saß meist in der Ecke des Zimmers, wo sie im Sarge lag, und sann in ihr Gesicht hinein, und er war gerührt und befangen, wie Einfältige sind, konnte an nichts denken, als nur diese nie erlebte Feier genießen, um dann und wann, wenn jemand aus dem Dorfe an den Sarg trat, mitzuweinen. Nur Berta lief entschlossen hin und her. Sie tat alles für die Tote wie für eine Lebende. Und wenn sie heimlich jemand fragte: »Nun? werd's denn? werd denn de Frommelten neiziehn?« gab sie barsch und grob und ohne Rücksicht auf ihr schwarzes Gewand, das zum Blond gut stand, ihre Meinung zum besten. »Naus zieh'n mir – das sa' ich – naus zieh'n mir uf der Stelle, wenn das kimmt – keen Augenblick sull Gustav ei dam Häusel sein.« – So schantierte sie, ohne des Vaters Willen nur zu kennen. Und es peinigte sie, wo sie ging und stand, der Gedanke, was wohl der Mutter letzter Wille gewesen. Sie gab auch zu verstehen, daß der Vater sie nicht eher gerufen, als bis die Mutter nur noch ohne Worte hatte im Bette liegen und mit sterbenden Augen die Gebete des Geistlichen kaum hatte hören können. O, es peinigte sie furchtbar. Wenn sie am Vater vorbei ging, lag es ihr vielmals im Sinn, einfach im Zorn herauszuschreien: »Nu, wie werd's? was sull nu war'en?« Außerdem stachelte es sie, daß Sender am Tage, als alles für das Begräbnis bereitet war, lange noch wegblieb und oben bei der Wittfrau im Stübel saß und nichts sprach, als nur, daß es stille und friedlich um ihn wäre, und nur den Vögeln oben in den Bauern, wie sie hüpften und sprangen, mit bleicher Miene freundlich zugesehen. Und sie dachte immer wieder hin und her, wird er uns hinaustreiben, oder wird ihm der letzte Mutterwille doch im Ohre klingen. Wirklich, sie vermochte keinen freundlichen Ausdruck zu gewinnen. Sie trug den Mund, wie Eine, die nichts Gutes erwartet und darauf gefaßt ist. Sie sagte nichts, so lange die Tote im Hause lag – dazu war sie vor dem Manne zu klug, den sie nicht in der einfältigen Trauer stören und erwecken wollte. Aber sie hantierte wirklich wie Eine, die nur mit dem Leben zu schaffen hat. So kamen Begräbnis und der Tag in's Stübel, wo man ohne Tote zurückkehrte. Da war der Vater nicht mit in's Häusel zurückgekehrt. Er kam lange nicht heim. – Erst spät in der Nacht hörte ihn die Junge sein einsames Lager aufsuchen. Der Sohn war an dem Tage noch tief ergriffen. Er sprach kein Wort, wie in Naturen, die fühlen, sich die Gefühle ineinander verstricken und umkreisen und keinen Ausweg in Worten mehr finden können. Die Junge lag neben ihm. Er war in unsäglich schweren Schlaf gesunken. Der Vater unten schlief auch bald. Die Junge, die die Unruhe immer wieder noch aus peinlichen Träumen aufscheuchte, horchte ein paarmal in's Haus, und alles schien totenstumm. Am andern Tage kam ein Notar in's Haus, und der Vater forderte den Sohn herein und sagte ihm, daß er das Erbe teile. Es wurde alles fest gemacht. Der Sohn bekam das Häusel und gab die Hälfte des Zinses dem Vater als Einkommen. Der Vater eröffnete ihm starr und feierlich, daß er ausziehen und sich anderweit ein Stübel mieten wolle. Das tat er auch. Er zog zu einem Bauern und lebte dort zuerst für sich, ordnete alles, nahm dann Tagearbeit von neuem auf und war täglich fleißig auf irgend einem Bau – und sonst stumm und ernst. Und aus seiner Versunkenheit kam er auch für die Kameraden, die ihn kannten, nicht heraus. Langsam nur gewann er Farbe in das straffe Gesicht und Teilnahme. Er ging dann wieder öfters zu der Wittfrau, die er auch nach Jahresfrist heiratete. Nur in sein Häusel und zu seinen Kindern ging er nicht mehr.