Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius) Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil Erstes Kapitel. Der erste Winter im neuen Amte. Diesmal klopfte mir das Herz, als meine Schule begann. Ich wußte nun, daß es einem fehlen könne in einer Schule, auch wenn man sich noch so geschickt glaubt; daß also das Gelingen in einer Schule nicht von der Geschicklichkeit des Lehrers allein, sondern von seinem Betragen, von der Art und Weise, wie er sich in und außer der Schule gibt, abhängt. Daß meine Gelehrsamkeit nicht weit her sei und mein Unterricht selbst eine Stümperei, das sah ich noch nicht ein. Ich begriff noch immer nicht, wie man von einem Schulmeister verlangen könne, daß alle Kinder sollten rechnen und schreiben lernen, und noch viel weniger fiel mir ein, daß die Kinder lernen sollten, selbst zu setzen, daß sonst das Schreiben ihnen nichts nütze. Ich begriff noch gar nicht, wie man eine Schule in Klassen abteilen und so gar vieles möglich machen könne, was bei der alten Unordnung unmöglich schien. Als man anfing, eine ganze Klasse zusammen im Takt lesen zu lassen, zu furchtbarem Ohrenzwang für alle, welche nicht kalbslederne Trommelfelle hatten, da glaubte man, eine Entdeckung gemacht zu haben, über welche aus man nicht mehr könne, auf die das tausendjährige Reich bald folgen müsse. Hatte ein Kind der Bevorrechteten aufgesagt, so sagte man ihm: Du kannst jetzt schreiben; und zu den andern: Lerit. Von einer eigentlichen Stundenabteilung war keine Rede; darum wurde und wird sie noch an vielen Orten für unmöglich gehalten. Wenn man besonders gut im Strumpf war, so wurde konstruiert und zweimal in der Woche katechisiert aus dem Fragenbuch. Das waren die stabilsten Stunden. Die Hauptsache für den Lehrer war, daß er Fleiß habe, d.h. daß er unermüdlich von einem Kind zum andern renne und alle so oft als möglich aufsagen lasse, und daß er sich Mühe gebe, ihnen zu zeigen: d.h. vorzumachen und zu korrigieren. Diese Aufgabe zu erfüllen bangte mir nicht, und über die Forderung, daß alle schreiben und rechnen lernen, dachte ich nur das, daß ihre Unhaltbarkeit von selbst sich dargeben werde. Aber die traurigen Erfahrungen hatten in meine Selbstgenügsamkeit doch das Loch gemacht, daß mir bange ward 150 Kinder zu meistern, mich bei ihnen in Respekt zu setzen und in Respekt zu erhalten, und in der Schule die notwendige Ordnung festzustellen. Ich hatte es erfahren, daß es in einer Schule zugeht wie in einer Ehe. Beide haben ihre Flitterwochen oder Honigmonde, und während derselben lauscht der schlauere Teil dem andern seine schwachen Seiten ab und setzt sich in die Stellung, in der er bleiben will. Dünkt es nun den ehrlichen überlisteten Teil, es sei genug geflitterwöchelt, es sei nun einmal Zeit zu sagen, was auch er eigentlich wolle und wie es künftig gehen solle; so vernimmt er zu seinem großen Erstaunen, daß es just so gehen solle, wie es just gehe, daß da nichts mehr zu ändern sei. Und versucht er es dennoch und möchte sich auf einen andern Fuß setzen: ja dann zerrinnen die Himmel. Regengüsse strömen, dumpfer Donner grollt, späte Reife fallen nieder, drückende Schwüle wechselt mit frostigem Winde, und bei allem chupet die Sonne, sendet nicht Licht, spendet die rechte Wärme nicht, und trübe wird es am Ehehimmel. O, wer kennt das Chupen, das Grollen, das Sticheln, das Aufbegehren, das Verwundertthun nicht, wer kennt die Schlußworte nicht: wenn ich das gewußt hätte, wenn ich das gedacht hätte! Wer weiß nicht, daß dann hier selten wahre Einigkeit stattfindet, sondern entweder eine stumme Unterwerfung von der einen, unbedingte Oberherrschaft von der andern Seite, oder aber ein dreißig- bis vierzigjähriger Krieg, je nachdem die Teile ein zähes Leder haben? Je mehr nun ein Mensch in seliger Überschwenglichkeit meint, das verstehe sich von selbst, daß es gehe, wie er wolle, desto eher kömmt er unter den Pantoffel oder sieht sich zu einem ewigen Keifen, das nichts abträgt, verdammt. Nun herrscht bei den Schulmeistern gar zu gerne diese Überschwenglichkeit, und arglos blampen sie in ihr Amt hinein. Bei den Kindern aber herrscht Schlauheit; sie fühlen sich die Schwächeren; darum lauschen sie auf die schwachen Seiten des Stärkern, um durch sie Meister zu werden. Zu diesem Auffassen der schwachen Seiten treibt die Kinder eine Art Instinkt, und selten wird ein Kind ein Jahr alt, ohne der Eltern schwache Seiten zu kennen und benutzen zu können. Mit dem gleichen Instinkt fassen sie jede neue Erscheinung auf, die in ihr Kinderleben trittet, und fassen ihre Eigentümlichkeit meist weit schärfer auf als ältere Leute, denen das eigene Ich, vorgefaßte Meinungen, gehegte Absichten und hundert Gegenstände die Augen blenden, Nun trittet nicht bald etwas wichtigeres in der Kinder Leben hinein als ein Lehrer, bei dem sie einen bedeutenden Teil ihrer Zeit zubringen sollen, der als Oberer Wohl und Weh zufügen kann. Wie sie nun dem Lehrer seine Macht nehmen, ihn entwaffnen, lähmen, täuschen, ihm trotzen können, das ist der Kinder Augenmerk. Sie beobachten die ersten Tage gar manierlich; allmählich strecken sie ihre Fühlhörner aus, immer weiter und weiter; stoßen sie an, so versuchen sie es auf andere Weise, bis sie wissen, woran sie sind, und das alles sehr selten mit Bewußtsein, sondern instinktmäßig. Wehe nun dem Lehrer, wenn er bewußtlos ist, wenn er, wie Obere es so gerne pflegen, vor lauter Oberherrlichkeit nichts anders sieht als eben diese, wenn er dieses Tasten der Kinder nicht fühlt und ihm nicht zu begegnen weiß mit Liebe und Ernst; denn weiß er das nicht, so wird er auch bei den trefflichsten Lehrtalenten nimmer gewinnen der Kinder Liebe und Achtung. Eine vernünftige Schulzucht gelingt nimmer, die Schule wird entweder zuchtlos oder ein Zuchthaus. Nun fühlte ich dunkel etwas von diesem; fühlte das Gewicht des Anfanges, des ersten Eindruckes; ich wußte, daß ich in meiner frühern Schule durch zu große Milde zum Spott geworden war, und ward zuerst versucht, ins Gegenteil zu fallen. Nun kann es nichts Unglücklicheres geben, als wenn ein an sich sanftmütiger und fast schwacher Mensch den Bramarbas und Eisenfresser spielen will. Alle Augenblicke fällt er aus seiner Rolle; männiglich sieht des Esels Ohr hervorgucken aus der Löwenhaut. Er hat verloren Spiel; denn trotz der Löwenhaut macht er Eselsstreiche, und als Esel wird er behandelt von jung und alt. Auch das fühlte ich. So erwachte ich am ersten Schulmorgen mit ordentlichem Herzklopfen, und es nahm nicht ab, als ich die ersten Schulkinder kommen sah und hinüber zu ihnen mußte. Es waren ihrer nicht viele und so ging es recht gut. Ich war ernst aber weich gestimmt, fühlte mich nicht veranlaßt durch meine Stimmung, mit den Kindern den Narren zu treiben, oder sie lachen machen zu wollen, und das kam mir wohl. Einen Berg hinunterfahren, ohne zu spannen, in Hellem Trabe, kann nur ein guter Kutscher und wird es selten noch thun; ein ungeschickter bricht Hals und Beine. So kann nur ein sehr gewandter sattelfester Lehrer Spaß in der Schule treiben, und dazu noch selten; und doch versuchen das Tölpel am meisten und führen dabei etwas, das Witz sein soll, ins Feld, das aber dem Witz gerade gleicht, wie eine Kuh dem König Salomo. So katechisierte ein Schulmeister: Was ist das Himmelreich nicht? Nicht Essen und Trinken. Jo, Kinder, nicht Essen und Trinken, nicht einmal Bärendreck erhalten wir dort. Ich polterte aber auch nicht, erschreckte die Kinder nicht, spielte nicht den Bölima, glaubte nicht, daß erst alle Kinder ins Bockshorn müßten, bevor ich recht anfangen könne. Ernst und weich begann ich meine Schule, und es ging recht gut. Die Kinder betrachteten mich scharf; aber bei dem Betrachten blieb es. Als ich bei meinen geschwellten Erdäpfeln und einem Restchen Milch zu Mittag saß, hätte ich gerne ein Mäuschen und bei allen Tischen im Dorfe sein mögen, um zu hören, was die Kinder zu erzählen wüßten und wie ich ihnen gefallen hätte. Ach und am Abend wäre ich gar zu gerne zu jemanden hingegangen, um zu vernehmen, was gesagt worden, um mich rühmen zu hören oder doch wenigstens Anerkennung zu finden. Aber mit dem Denken, was die Leute sagen möchten, mußte ich mich begnügen. Niemand hatte mich aparti kommen heißen und frühere Erfahrung schreckte mich ab. Meine Kinder waren die einzigen Menschen, mit denen ich umging, bei denen ich ordentlich sein und mit ihnen reden konnte. Die Schulstunden wurden mir daher eigentliche Erholungsstunden, auf die ich mich freute; jedes Schulkind war mir eine liebe Erscheinung, die mich aufheiterte. Weil ich Freude an den Kindern hatte, so empfanden sie auch welche an mir; weil mir die Schulstunden wie Augenblicke entschwanden, so wurden sie ihnen auch kürzer und sie kamen gerne in die Schule. Dieses merkte ich schon nach einigen Tagen, daß die, welche anfangs gekommen waren, selten fehlten; und fehlten sie, so klagten sie mir das nächste Mal, der Vater oder die Mutter hätten sie nicht gehen lassen. Aber trotzdem tasteten doch die Schüler nach meinen schwachen Seiten und suchten ihren Willen von meinem Willen frei zu machen, mein Wort unbeachtet zu lassen. Ich merkte es, und das ist schon viel; ich ließ es nicht unbemerkt hingehen, und das ist noch mehr. Eine Bemerkung fruchtete anfänglich, aber bald schon nicht mehr; es mußte ein Verweis folgen, dem Verweis eine Strafrede, eine Appellation an die Kinderliebe etc. Hier blieb ich eine Zeitlang, und vielleicht zu lange, stehen und predigte zu lange. Es ist nichts thorrechter, als wenn ein Lehrer allzuoft und allzulang ins Predigen fällt; er richtet wahrhaftig nichts aus, als daß er sich selbsten unglücklich und bitter, den Kindern Langeweile macht. Daß den Kindern das Predigen Langeweile macht, weiß jeder, der der Kinder Flüchtigkeit kennt. Ein Kommandowort, ein kurzer ernster Zuspruch dringen durch, während eine Predigt abläuft wie Regen vom Dach. Das Predigen bringt aber den Lehrer in ein ordentlich Elend hinein. Das Predigen bringt ihm ein Vergrößerungsglas vor Augen, darin sieht er seine Treue, der Kinder Flüchtigkeit; seinen Willen, der Kinder Ungehorsam; seine Liebe, der Kinder Undank. Das alles kommt ihm, je länger er predigt, desto greller, furchtbarer vor, und je nach seiner Eigentümlichkeit wird er immer zorniger oder immer gerührter, auf alle Fälle immer elender, und sagt den Kindern Dinge, vor denen er bei nüchternem Zustande erschrecken, ehrliche andere Leute blinzen müßten. Er entwürdigt sich vielleicht gar so weit, daß er Eltern, Verhältnisse etc. in seine Predigt bringt, oder gar sagt: sie verachteten ihn nur deswegen, weil er so arm sei; wenn er reicher wäre, so würden sie schon mehr Respekt vor ihm haben. Pfui, wenn ein Lehrer so was Kindern vorwirft, es mag auch noch so viel Wahres daran sein! Aus lauter Gutherzigkeit fiel ich in diesen Fehler, und, einige kleine Strafen abgerechnet, wäre ich vielleicht hier stehen geblieben, wenn nicht einige tüchtige Bursche mit breiten Rücken und trotzigen Köpfen mich da auf bessere Mittel gebracht hätten. Es war ein Anlaß, ich weiß nicht mehr: ob ein Märit, oder ein Gemeinwerk, oder ein Knechtentag, kurz es war ein Tag, an welchem nicht gedroschen werden konnte. Da redeten die Bursche mit einander ab, zur Schule zu kommen und zu sehen, wie der Schulmeister einer sei, und ihn zu fecken, wie weit sie es wohl treiben könnten mit ihm. Wenn nun ein halb Dutzend Bursche, von denen jeder seinen Mütt Korn trägt, in eine Schule zusammen einrücken, so tasten die nicht lange, sondern fallen gleich mit der Thüre ins Haus. Protzig traten sie ein, protzig setzten sie sich, wo sie wollten; thaten, als ob sie der Schulmeister gar nichts angehe. Ich war ganz verdutzt von dem Betragen dieser Bursche, das akurat aussah wie das Betragen von einem halb Dutzend Jünkerleins unter dem sogenannten Plebs, d. h. unverschämt und grob. Ich hustete, ich machte: Bscht, ich sagte: Still! sie merkten von dem allem nichts. Sie rissen sich Bücher aus den Händen, drehten sich um, redeten nach allen Seiten. Ich begann Vorwürfe zu machen, sie achteten sie nicht: ich fing an zu predigen von bösen Buben, welche die Schule störten; wie viel sie mir zu leid thäten damit etc. Sie lachten dazu. Das nun machte mich böse und ich drohte, und die Bursche, die wahrscheinlich dachten: ihre ältern Brüder seien am Märit und thäten wüst, und wenn sie nun nicht das Recht hätten z'Märit zu gehen, so hätten sie doch das Recht, ebenfalls wüst zu thun und zwar in der Schule – lachten nur lauter und flüsterten sich in die Ohren. Da wurde ich böse, griff nach dem Lineal und wollte einem auf die Hand geben, und da er sich dagegen sträubte, gab ich ihm auf den Rücken, und walkte noch zwei oder drei tüchtig durch, die mir den Lineal nehmen wollten; so tüchtig, daß mir der Arm ordentlich weh that. Aber Ruhe war nun geschaffen und kein Mensch machte mir darüber Vorwürfe. Hätten die Buben die Oberhand gewonnen, so würde man tüchtig gelacht und die Alten schmunzelnd gerühmt haben: sie hätten ganze Kerlisse, die hätten es dem Schulmeister greifet, wo er ihnen hätte befehlen wollen, wie den andern. Nun da ich den Handel gewonnen und die Bursche mit blauen Rücken heimgekehrt waren, fand man mich vollkommen im Recht und wunderte sich nur, daß ich ein so Checher sei; man hätte mir das gar nicht angesehen. Freilich wird auch mancher Pädagoge neuester Zeit schreien: Bewahre Gott, welche Rohheit, welch schlechter Lehrer, der noch zu Schlägen seine Zuflucht nimmt! Ja, du gutes Männlein, schreie nur; ich weiß wohl, was Mode ist, aber die Mode wechselt eben, weil keine Mode das absolut Rechte oder Wahre umfaßt. Ich habe auch nicht alles auf dem Prügeln; aber auf einen harten Klotz gehört ein scharfer Keil; was man nicht bürsten kann, muß man ausklopfen. Ich möchte da kein System aufstellen, z. B. daß man anständig erzogene Kinder nicht schlagen solle, oder daß bei roh erzogenen Kindern Schläge notwendig seien. Man findet unter den vornehmsten Kindern welche, denen die Rute oder eine Ohrfeige mit Verstand sehr heilsam wäre, wenn sie nicht etwa den Trost haben, es dem Papa sagen, klagen zu dürfen und wenn dieser Papa nicht etwa gar der Kanzler ist, der den frechen Schläger in den Carcer schickt dafür. Dagegen findet man Kinder, welche mit Schlegel und Weggen erzogen sind und durch und durch erhärtet scheinen; aber sie sind nur gegen Schlegel und Weggen gehärtet, und das erste Wort der Liebe geht in die Seele hinein, und mit solchen ungewohnten Worten richtet man fürder alles aus. So sind Schläge äußere Heilmittel für Krankheiten der Seele, die sichtbar werden, sind chirurgische Operationen; im rechten Augenblick angewendet, wirken sie manchmal ohne alle innere Hülfe, ja da wo alle innere Hülfe nichts gefruchtet hätte – so bei Kindern und Erwachsenen. So jagte einmal eine Mutter ihr Kind in vollem Zorn ums Haus; in voller Angst schrie das Kind erbärmlich: Ach, Großmutter, hilf! ach, Großmutter, hilf! Auf der Straße ereilte die Mutter das Kind, warf es zu Boden, kniete auf dasselbe und schlug es auf unmütterliche Weise, in ihrem Zorn nichts hörend, nichts sehend, was um sie vorging. Das sah ein handfester Bauer auf seinem Wägelein, wohlgemut vom Berner Märit kommend. Das Feuer kam ihm ins Dach; hinter der Frau hielt er sein Pferd, stieg ab und steckte der Frau so einen recht tüchtigen Berner Klapf, daß sie über ihr Kind wegfiel. Er aber stieg, ohne ein Wort zu sagen, gelassen auf sein Wägelein und fuhr davon. Als er zurückblickte, sah er die Frau mit offenem Munde mitten in der Straße stehen, wie ein Ölgötze, und ihm nachsehen. Aber seither hat man bei jenem Hause niemals mehr ein solches Geschrei des Kindes gehört. Hätten da wohl Zusprüche geholfen, und wenn sie vom Pfarrer gekommen wären? Das unerwartete, unmittelbare, im rechten Augenblick angewandte äußere Mittel wirket besser zuweilen als die längsten Kuren; aber um es recht zu gebrauchen, mangelt es eben nicht Gelehrsamkeit, sondern einen sicheren Takt oder Instinkt, wenn ihr wollt, oder Menschenkenntnis meinetwegen. Aber, wie gesagt, schnell und rasch muß die Anwendung solcher Mittel sein; lange Vorbereitungen dazu im Angesicht des Patienten, oder gar damit verbundene Ceremonien oder förmliche Feierlichkeiten, Spektakelstücke zeugen eben von dem Unsinn, der so lange in den Schulen herrschte. Darum aber auch läßt sich kein System darüber abfassen. Da kann der Lehrer nicht in sein Heft schreiben: Hier pflege ich Schläge anzubringen, wie ehedem die Göttinger Professoren an die Ränder ihrer Hefte sollen geschrieben haben: Hier pflege ich einen Witz zu reißen. Eine Schule, wo das Prügeln systematisch würde, mahnte mich an jenes Waisenhaus, wo alle sechzig Buben, große und kleine, gesunde und krankne, wenn ich nicht irre, alle Jahre zweimal sämtlich laxieren mußten, ich weiß nicht, ob zwei oder drei Tage lang alle miteinander. So wurde aber ehedem in den Schulen geprügelt auf dem Lande und in den Städten. Und wenn man erzählen hört, wie z. B. die Berner Buben Schläge erhielten Vormittag und Nachmittag, mit Ruten, Stöcken, Fäusten, wie sie bluteten und ächzten, so begreift man wohl, wie ein Abscheu gegen das Prügeln bei denen einreißen mußte, die so geprügelt wurden, begreift, daß so geprügelte Väter keinem Lehrer zutrauen, mit Verstand prügeln zu können, weil kein Lehrer solchen an ihnen zeigte, und daß man daher allen Lehrern das Prügeln radikal abstellen oder verordnen wollte, daß sie in jedem gegebenen Fall die Erlaubnis ihrer Obern dazu einholen sollten, was das Thorrechteste von allem wäre. Aber mit dem Bade soll man das Kind nicht ausschütten. Soll man in jedem Waisenhause nun gar keinen Knaben mehr laxieren, weil früher sechzig auf einmal laxieren mußten? Freilich ist das die beste Schule und zeuget von der besten Gesundheit der Kinder, in welcher solche Strafen am seltensten vorkommen, wo der Lehrer die Herzen zu heilen, den Ausbrüchen der Krankheit zuvorzukommen weiß. Denn allerdings muß so mancher nur deswegen prügeln, weil er nicht sieht, was im Anzuge ist, oder weil sein Ansehen bei den Kindern oder ihre Liebe zu ihm nicht so groß sind, daß sie zu natürlichen fort und fort wirkenden Heilmitteln werden. Bringt dann ein Lehrer es noch so weit, daß er in Anwendung solcher Strafen wirklich gerecht sein kann, ohne den Kindern ungerecht zu erscheinen, so will ich den Hut vor ihm abziehen. Ich meine nämlich: wenn er es dahin bringt, daß er auf die gleichen Fälle nicht immer die gleichen Strafen müsse folgen lassen und doch die Kinder überzeugt bleiben, daß er vollkommen gerecht und gleichmäßig gestraft habe, so hat er es weit gebracht. Jede Strafe ist nämlich von Seite des Lehrers nie eine Züchtigung, sondern ein Heilmittel. Kann ein Arzt nun mit einem Löffel voll Trank heilen, soll er dann einen ganzen Hafen voll einschütten oder gar Arme und Beine abnehmen? Das würde man doch unvernünftig finden. Darum studiert der Arzt die Natur seiner Kranknen; nach dieser richtet er seine Heilmittel ein, und je besser er die Natur kennt, desto kräftiger werden seine Mittel anschlagen. Nun sollte von Rechtes wegen der Lehrer auch nie strenger strafen als es gerade zur Heilung nötig scheint. Nun wissen wir, daß die einen Naturen härter und zäher sind als die andern, also der Krankheitsstoff viel fester bei ihnen sitzt und viel gewaltsamere Mittel zur Austreibung mangelt als andere. Bringt es nun ein Lehrer dahin, daß die Kinder dieses begreifen und es dulden ohne Ärger, daß der Lehrer bei gleichen Fehlern oder Vergehen auf andere Weise und härter oder gelinder straft, je nach der Natur des Fehlenden, so habe ich Respekt vor ihm. Freilich muß der Lehrer, um dieses zu können, vier Dinge verstehen. Er muß dieses selbst begreifen, muß Menschen begreifen, ihre verschiedenen Naturen auffassen und nachdenken können über ihre zweckmäßigste Behandlungsweise. Aber so lange Lehrer nicht einmal über einen Unterrichtsplan nachdenken wollen, kann man ihnen nicht zutrauen, daß sie über die Naturen der Kinder nachdenken mögen. Er muß zweitens jede Brille ab seiner Nase thun können und namentlich die Brillen, wodurch er Chüechli, Brot, Rüppstücki oder gar Hamme sieht statt Kinder, und auch die, durch welche ihm die eigenen Kinder ganz anders vorkommen als andere. Er muß des Zornes, jeder Aufwallung Meister sein können, denn der Zorn macht blind und unvernünftig. Was würde man zu dem Arzte sagen, der in der Täubl einem armen Teufel ein halbes Pfund Opium verschreiben würde statt höchstens ein halbes Quintli? Und wenn der Lehrer ein Kind eines Mutwillens wegen züchtigt in vollem sichtbarem Zorn, muß das Kind sich nicht selbsten fragen: Wer züchtigt dann den Lehrer um seines Zornes willen? Mich ist Mutwillen angekommen, ihn der Zorn, welches ist nun ärger? Und viertens endlich muß er das Schmuggeln lassen können. Er muß nämlich keine Branntenweinflasche unter dem Kuttensecken in die Schulstube und ins Gänterli schmuggeln, um dort ihr seine häufigen Besuche abzustatten oder sie auch nicht in der Nebenstube besuchen, die liebe Freundin. Wenn dann der Branntenweingeist klafterlang dem Lehrer aus den Augen sieht und aus dem Munde Feuer speit, und dieser Geist im Lehrer dann die Kinder braun und blau prügelt, ihnen alle sieben Regenbogenfarben auf den Rücken prägt – was müssen wohl die Kinder von einem solchen Lehrer denken? Muß ihnen nicht beifallen die Geschichte der zwei vom Teufel besessenen Gergesener, die unter die Schweine fuhren? Müssen sie nicht bei sich selbsten wünschen, ihr besessener Lehrer möchte auch unter die Schweine fahren statt unter Kinder? Meine Prügelten hatte also gute Wirkung gethan und ging nirgends übel an, und doch war, je mehr die Kinder sich mehrten, desto weniger Stille und Ruhe in der Schule. Ich kann nicht sagen, daß die Kinder nicht gehorchten, sobald ich ihnen befahl; aber es war augenblicks wieder im alten. Ich klagte einmal meine Not dem Pfarrer. Dieser gab mir einen guten Rat, der viel half, aber doch nicht radikal; das Hauptmittel kam mir erst später zu. Nachdem er meine Schule betrachtet hatte, sagte er mir: »Die meisten Lehrer haben den gleichen Fehler wie die meisten Leute. Wenn diese sehen, so hören sie nicht; wenn sie hören, so sehen sie nicht, und wenn sie selbsten reden, so können sie weder sehen noch hören. Sie können nur einer Thätigkeit mit Bewußtsein sich hingeben; während sie das eine Organ, z. B. das Auge, mit Bewußtsein beschäftigen, vernimmt das Ohr wohl allerlei; allein was das Ohr vernimmt, vernimmt der Mensch nicht; seine Seele ist im Auge, nicht im Ohr, und ein Organ, in dem die Seele nicht ist, bringt dem Menschen nichts zu. Nun ist es allerdings das Bequeme, Gewöhnliche, seine Seele nur an einem Orte zu haben, und die Leute, die nicht geweckt sind, begreifen gar nicht, daß die Seele an verschiedenen Orten sein oder vielmehr die Thätigkeiten verschiedener Organe auffassen oder leiten könne zu gleicher Zeit. Ihr seht viele Mägde z. B. Rübli jäten oder Flachs. Sie denken bei dieser einförmigen Arbeit an ihren Kilter, warum er gestern nicht gekommen, ob er etwa bei Durfe Joggis Bäbi gewesen sei u. Ruft ihnen nun ein-, zwei-, dreimal, sie hören euch nicht; ihre Seele kann nicht vom Kilter und von Durfe Joggis Bäbi weg ins Ohr. Beobachtet Kindermägde, wie wenig sie hören, wenn sie ihren Schatz sehen, wie wenig sie sehen, wenn sie ihn sprechen hören. Laßt Knechte heimkommen zum Essen, ihre Seele ist beschäftigt mit dem Gedanken: ob Kraut oder Schnitz auf dem Tische seien, oder ob der Sauerkabis auch Schmutz bekommen habe oder nur die Kelle; legt ihnen Werkzeug aller Art neben und vor die Füße, sie werden es nicht aufheben, nicht einmal sehen; ihre Seele ist nicht im Auge, sondern beim Sauerkabis und zwar ungeteilt. So wird es begreiflich, daß in einer Stube voller Leute eine Menge Dinge geredet werden, die einen sie nicht hören, und die, welche sie hören, nicht sehen, was dabei getrieben wird. »Vollends wenn ein Mensch redet und mit Eifer redet, so scheint er meist taub und blind zu sein, weil er gerade nur bei seiner Rede ist und weder die Gesichter sieht, die andere schneiden, noch das Gähnen hört, das hinter ihren Händen hervor quakt. Nun sollte von früh an der Mensch gewöhnt werden, aller Thätigkeiten seiner Organe sich zu bemeistern, zu gleicher Zeit mit seiner Seele allgegenwärtig zu sein im ganzen Körper. Zu dem Ende ist sie eben geistig und nicht ein Erdäpfel oder eine Rübe. »Der Mensch muß zu gleicher Zeit sprechen, sehen, hören, lernen; ja, was noch schwerer ist, er muß lernen an zweien Orten zu gleicher Zeit sehen, zwei Reden zu gleicher Zeit hören. Wer einmal sich daran gewöhnt hat, der weiß nichts mehr anders; es geht ihm das von selbsten zu, es ist sein natürlicher Zustand; ja, er muß sich zusammennehmen, wenn er seine Seele ungeteilt einem Gegenstande widmen und durch nichts anders sich davon will abziehen, unterbrechen lassen. Nun wird aber keiner ein guter Knecht und kein Stüdi eine gute Magd, wenn sie nicht offne Augen und Ohren haben, wenn sie nicht gwahrig sind, d. h. wenn sie das, was ihre Sinne ihnen zuführen, nicht schnell und auf einmal aufzufassen vermögen, sondern nur immer langsam eins nach dem andern. »Aber in noch viel höherem Grade bedarf ein Lehrer dieser Eigenschaften, wenn er einer Schule und besonders einer großen Schule recht vorstehen will. Er muß in der ganzen Stube gegenwärtig sein; die Kinder müssen zum Bewußtsein kommen, daß der Lehrer alles in derselben wahrzunehmen imstande sei, daß er gar keinen Rücken habe, hinter dem sie Unziemliches treiben können. Und dieses Bewußtsein entsteht bei den Kindern gar bald, wenn sie merken, daß der Lehrer alle sieht, während er einem zuhört, daß er auf alle hört, während er einem zusieht, und daß er beides hört und sieht, während er selbsten spricht. Dieses alles muß sich aber geben nicht auf eine gezierte Weise, nicht äußern durch ein Hin- und Herschießen, sondern als ob es sich von selbsten verstünde, so sein müßte. Es ist kaum eine Eigenschaft des Lehrers, welche die Kinder so schnell auffassen als diese, so viel Respekt davor haben, und durch sie kömmt man hundert Unarten zuvor, erspart sich also auch hundert Strafen, eben so viele Unterbrechungen, und die Schule erhält erst dann ein ordentlich Aussehen. »Und es ist wohl nichts Schöners, als wenn bei aller Thätigkeit der Lehrer in unerschütterlicher Ruhe über seiner Schule steht, wenn er zur Seele der Schule wird, die allenthalben ist und doch nirgends sich aufdrängt. Nun, sagte der Pfarrer, ist aber das ein gar seltenes Ding und eine Menge Lehrer haben gar keinen Begriff von dieser Allgegenwärtigkeit, keinen Begriff von der Möglichkeit, zu sehen und zu hören zugleich, und keinen Begriff von der Notwendigkeit dieser Eigenschaft. Wenn die Kinder sich leicht etwas in acht nehmen, so können sie machen was sie wollen. Es ist, als ob wenigstens drei Viertel einer Schulstube hinter des Lehrers Rücken liegen würden, in denen jedes machen kann, was es will. Und wenn es einmal zu wüst geht und der Lehrer befiehlt Stille, so ist wohl einen Augenblick Stille, bis und so lange die Kinder glauben, der Lehrer höre jetzt nicht mehr, sondern er sehe wieder, oder er sehe nicht mehr, sondern er höre oder er rede, und sehe und höre nicht mehr, merke durchaus nicht, was um ihn weiter vorgehe, achte nicht darauf, ob seinen Befehlen Folge geleistet werde. Ihr werdet es in hundert Schulen bemerken, daß Befehle nur ungefähr so lange fruchten als die Worte tönen an den Wänden. »Da machte mich jüngst ein Freund lachen« – so redete noch immer der Pfarrer. »Dieser, der Freund nämlich, ist ein gar majestätischer Mann. Mit seinen ehedem schwarzen jetzt gespregelten Augenbraunen glaubt er wenigstens ebensoviel ausrichten zu können, als weiland Jupiter. Er klagte mir gar schrecklich über die Unordnung in seiner Schule. »Ja«, sagte er und stemmte die Hände in die Seiten, »wenn ich schon rufe: Stille! so bschüßt's nüt, nicht länger als ein Minute oder zwei. Und dieses Stille rief er so laut, daß es mich allerdings wunder nahm, daß niemand aus einem Fenster fiel, und mich wunderte, daß die Kinder in der Schule nicht stille wurden. Denn dieses donnernde Stille erschreckte einen Trupp Hühner, die eben ihr Morgenbrot zu sich nahmen, so, daß sie auseinander liefen und flogen, der Hahn über ein Dach weg, und den ganzen Tag sich nicht mehr zu zeigen wagten. Aber die Kinder werden es halt eben gewohnt gewesen sein, und da kann man tausendmal Stille rufen und noch die Augenbraunen runzeln dazu, und wenn sie so schwarz gefärbt wären wie dem Satan seine, das hülf' alles nichts; das Kind weiß wohl, was es macht und machen darf. »Und in diesem Fehler, Schulmeister, seid auch Ihr!« schloß der Pfarrer, »Ihr könnt nur in einer Ecke Stille behalten und nicht in der ganzen Stube, eben weil Ihr nicht in der ganzen Stube gegenwärtig seid. Versuchet meinen Rat, er wird sicher helfen; aber freilich, es wird Euch schwer ankommen anfangs«. Das dünkte mich eine strenge Zumutung, und wenn sie zehn Jahre später geschehen wäre, so würde ich gedacht haben, der d... Pfaffe wolle mich kujonieren. Indessen fing ich das Ding doch an zu versuchen und es leuchtete mir bald ein, daß ich mehr Ordnung in die Schule erhielte, wenn es mir möglich wäre, achtsamer zu sein. Aber es ward mir schwer, besonders wenn ich sprach. Da war es mir, als ob ich mit den Augen die Worte suchen müßte im Kopf, wie beim Lesen im Buche, und als ob die Ohren aufpassen und entscheiden müßten, ob ich die rechten gefunden und hervorgebracht. Aber wenn man etwas will und sich Mühe gibt, so bringt man es doch irgendwohin, auch wenn man schon erwachsen ist. Ein wahr Unglück ist, daß nicht mehr Lehrer solche Neuerungen versuchen wollen. Ich meine nicht neue Methoden, neue Terminologieen u. s. w., sondern sich selbst zu beherrschen, Unarten abzulegen, auf neue und bessere Weise sich darzustellen. Aber, aber, die unglückliche Selbstgenügsamkeit, Selbstgefälligkeit oder Suffisance, wie der Weltsch sagt! Ich hatte auf diese Weise viel weniger Ursache aufzubegehren; die Kinder wurden mir daher lieber, besonders die Mädchen. Ja, lacht nur, Leute, es ist doch so. Gewiß werdet ihr heutzutage keinen Lehrer finden, der es macht wie jener alte Pfarrer. Der haßte die Weiber furchtbarlich und kehrte sich in den Unterweisungen immer den Buben zu; den Mädchen aber wendete er den Rücken. Diese, darüber teils geärgert, teils zum Mutwillen gereizt, trieben allen möglichen Spuk. Der alte Pfarrer sah nie hinter sich, wie wüst es auch gehen mochte, und wenn Schimpfwörter nicht halfen, so schlug er mit seinem Meerrohr hinter sich, aber wieder ohne zu sehen, wohin. Man kann sich den Jux denken, den die Knaben dabei hatten und auch die Mädchen, da sie selten getroffen wurden. Die Buben sind von Natur roher, wilder und besonders unbedachtsamer, rücksichtloser, die Mädchen weniger roh und besonders bedachtsamer, mehr berechnend und feiner fühlend. (Doch will ich wetten, bei Lehrerinnen würde das Verhältnis sich anders herausstellen.) Das Mädchen weiß schon früh, daß sein Lehrer ein Mann ist, und diese zu berücksichtigen, von früher Jugend an, lehrt es ein Instinkt. Es will ihm gefallen und es findet, wenn der Lehrer nur einigermaßen die Nase mitten im Gesicht hat, Gefallen an ihm. Wie manches Mädchen hat daheim schon gesagt: Üse Schumeister ist doch e hübsche! Hat das je ein Bube gethan? Das Mädchen hütet sich, dem Lehrer zu mißfallen, fühlt tief ein Wort von ihm und weiß, meist sich selbst unbewußt, in die Stimme, in die Augen, in sein ganzes Thun und Lassen so manches zu legen, was den Lehrer anziehen muß. Wenn dem Lehrer etwas zu bringen ist, wer erzwingt es, dasselbe zu tragen, Knaben oder Mädchen? wer läuft der Mutter mehr nach, um sie zu mahnen, daß man dem Schulmeister lange nichts gebracht und daß, wenn man frisch backe, man ihm doch ein Brot bringen wolle – Knaben oder Mädchen? Abgesehen davon, daß ein Lehrer Mädchen weniger zu strafen braucht, macht schon ihr Wesen an sich mehr oder weniger Eindruck auf ihn; er fühlt sich zu ihnen hingezogen, und die Aufmerksamkeit, die sie ihm widmen, vergütet er wieder. Man achte nur einmal auf den Ton der Stimme, ob nicht eine ganz andere Modulation darin liegt, wenn er fragt: Hans, chast mr's säge? Oder: Bäbeli, weisch du's öppe? Da es nun immer so gewesen ist, so fällt dieser Unterschied, den der Lehrer zwischen Knaben und Mädchen macht, nicht auf; ja der Lehrer sagt ganz ungeniert: die Meitscheni seien ihm viel lieber, sie seien viel ördlicher, er habe nicht halb so viel mit ihnen zu thun, als wie mit den Buben. Niemand wird den geringsten Anstoß daran nehmen. Nur muß der Lehrer sich hoch in acht nehmen vor zwei Dingen: er muß sich hüten, daß seine allgemeine Liebe nicht eine specielle werde, daß er nicht ein Mädchen vor den andern auszeichne, ihm den Hof mache, sonst hat er es mit allen verspielt. Er muß sich zweitens hüten, daß er nicht gegen die Mädchen ekelhaft wird und zudringlich, daß er die Schule mit einem Abendsitz verwechsle und irgend fühlbare Zeichen seiner Liebe gebe, so sehr es ihn auch jucken mag, Backen zu tätscheln oder sonst etwas, sei es nun in Primarschulen oder Arbeitsschulen. Er meint vielleicht, das habe gar nichts zu bedeuten. Wohl, das bedeutet etwas; er fühle sich nur selbst den Puls, so weiß er, was es bedeutet. Aber alle seine Schüler wissen es, ohne ihm an den Puls zu greifen. Die Buben verhöhnen ihn, und die Mädchen werden erbittert und schämen sich, und wenn es den Alten zu Ohren kömmt, so gibt es Lärm. Überhaupt ( vide das frühere Kapitel über das Verhältnis von Mann und Weib) darf der Lehrer nie die Schwäche darstellen, sonst kömmt er unter ihren Pantoffel, und wenn er später eine Schülerin heiraten sollte, so kömmt er unter einen noch tüchtigern Pantoffel und wird kaum anders vor seiner Frau reden dürfen, als mit weinerlicher Stimme und höchst verlegenen Gebärden. Es wären hier Exempel zu erzählen. Er muß die Kraft darstellen, die anzieht, die anzieht nicht mit Absicht, nicht mit einem angenommenen Wesen irgend eine Rolle spielend, einen Esel darstellend; sondern die anzieht ohne Absicht in wahrer Liebeswürdigkeit durch ein wahrhaft männlich Wesen, dessen Grund Ernst und Liebe ist, das sich darstellt fern von jeder Künstlichkeit in Milde und Kraft. Ein solches Wesen bringt selbst die Buben zu Liebe und Anhänglichkeit, geschweige dann die Mädchen. Die Mädchen haben, so sinnlich sie sein mögen, doch einen eigenen Zug zu höhern bessern Naturen; nur müssen diese doch nicht in gar zu wüster Hülle sein. Daher sieht man so unendlich oft die Schülerin an den Lehrer sich hängen gegen den Willen der Eltern; so sagen es wenigstens die Romane. Aber auch ohne die hat man sehr viele Beispiele von Lehrern, die ihren Schülerinnen immer warm im Herzen blieben, denen bei des Lehrers Anblick die Augen ganz eigen glänzten, denen in den Tiefen wieder auftauchte die entschwundene Jugend, der Frühling des Lebens, die knospende Liebe mit all ihrem Wogen, ihrem Regen. Und wie manches Mädchen fühlte nicht eine Langeweile, eine Öde im Herzen, wenn der Unterricht aufhörte, die es sich nicht zu erklären wußte? Je mehr der Lehrer die Kraft darstellt, je weniger er sich reißen läßt zu Tändeleien und Spielereien, desto unschädlicher bleibt, ja desto nützlicher wird diese Liebe oder Anhänglichkeit. Zum Bewußtsein durch Erklärungen kommt sie nicht; die Blume geht nicht auf, nur die Knospe bildet sich verschämt zwischen Blättern, genährt und hervorgelockt durch milde kräftige Luft. Das Mädchen, gewöhnt an diese reine bessere Luft, empfindet Ekel gegen die unreine; vor seine Seele hat sich das Bild einer edlen Seele gestellt, die hat sein Herz erwärmt. Wieder eine edle Seele verlangt es, um dasselbe in Glut und Flammen aufgehen zu lassen. Wohl zieht viel und oft durch das Verlangen der Seele die Schwäche des Fleisches einen Strich oder ein Geldsack legt sich schwer auf dasselbe. Allein untergehen wird in dieser Seele doch selten ganz die Sehnsucht nach edleren Wesen, und schwere Seufzer ringen denselben sich entgegen, durch schwere Leiden oft; und oft endet das Ringen nicht, bis die Augen sich wieder öffnen in einer andern Welt. Es wird mancher bedächtliche Lehrer bedenklich den Kopf schütteln über meine Rede und unverblümt sagen, ich rede Thorrechtes. Ich glaube es nicht. Ich meine nur zur Sprache zu bringen das Bestehende, damit dasselbe begriffen und vernünftig benutzt werde. Zum Beweis, daß ich es auf alle Fälle redlich meine, will ich aufrichtig bekennen, wie es mir ergangen. Damals freilich wußte ich nicht, daß es mir so erging, und wenn jemand es mir gesagt hätte, so wäre ich böse geworden oder hätte ihn ausgelacht. Aber doch that es mir allemal wohl, wenn ich zu den Mädchen kommen konnte, um sie zu überhören. Ich sparte sie manchmal auf bis zuletzt, wie man auch den Dessert zuletzt isset, und nach dem Sprüchwort den Bauer nicht gerne auf den Herrn setzet. Es lachte mir allemal das Herz im Leibe, wenn ich eins der ältern Mädchen in die Schule kommen sah, und es war mir recht öde in der Stube, wenn keins derselben da war. Manche Viertelstunde ging ich früher in die Schulstube, um, wie ich mir sagte, Federn zu schneiden. Das Federnschneiden kam mir aber gewöhnlich erst in Sinn, wenn ich von jenen Mädchen eins oder einige bereits in der Schule wußte. O, es ist recht wunderlich, was dem Menschen alles einfallt, um etwas thun zu können, das er weder sich noch andern bekennen will, dem er keinen Namen geben möchte. So ist mancher Mann ein wahrer Salomo in der Erfindung von Vorwänden, etwas zu laufen. Es ist ihm nicht um das Laufen, sondern um den Schoppen oder die Halbe, die er beim Laufen trinken kann, denn seiner Frau darf selten einer rund aus sagen: Frau, i will ga-n-e Halbi ha. Aber narrochtig that ich mit den Mädchen nicht; es that mir nur wohl, bei ihnen zu sein, und dummes Zeug schwatzte ich nicht mit ihnen. Sie begannen gewöhnlich in ihrer geschwätzigen Natur das Gespräch, und ich brauchte nur hie und da ein freundlich Wort zu erwidern, so ward ihnen angeholfen und ich vernahm gar allerlei, das mir nützlich war. Und wenn ich zufällig nicht gleich hinüber kam, so hatten auch sie Einfälle, in meine Stube zu kommen oder mich hinüber zu rufen. Da ich mir also nicht vergab, so verlor das schulmeisterliche Ansehen durchaus nichts ; im Gegenteil hüteten sie sich recht mädchenhaft, mir einen Verdruß zu machen, und ein einzig strenges Wort fand allezeit weichen Boden. Möglich auch, daß mein weichmütig, wehemütig Wesen (in den Städten würde man sagen, es sei ein interessanter Anflug von Melancholie gewesen) ihr Mitleid erregte; denn man will wissen, daß solche Stimmung bei einem Mann auf Mädchen ganz besondere Wirkung thue, da eine Art Instinkt sie zu dem Amte des Tröstens treibt. Sie suchten mir auch gefällig zu sein, wie sie nur konnten. Sie sahen, daß mir das Kehren der Schulstube (das ich zweimal in der Woche vornahm und nicht bloß einmal, wie es hie und da noch geschieht, wo man es bitzli D... mehr oder minder nicht scheut) sehr beschwerlich war. Von nun an hatte ich gar nichts mehr damit zu thun; die Mädchen schlugen sich fast darum und putzten mir meine Stube, daß es eine Freude war. Und weil ich zusah, verrichteten sie die Arbeit mit einer Rührigkeit, einer Schnelligkeit, welche sie zu Hause kaum an den Tag legten. Noch sehe ich, wie einmal ein armes Mädchen vor der Schule um mich herumstrich, immer eine Hand im Sack. Endlich zog es einen Apfel daraus hervor, von den schönsten einen, gelblicht mit roten Backen zum Malen. Er war sicher der schönste, den das Mädchen seit Jahren gehabt. Mit einem ganz eigenen Zagen bot es mir ihn an und sagte: »Schumeister, meut dr nit öppe-n-e-n'Öpfel?« Ich antwortete vielleicht etwas kurz: »Ich wott dir dini Öpfel nit esse, bhalt du-ne nume.« Da wurde das Mädchen ganz rot, schlug seine schwarzen Augen mit einem ganz eigenen bittenden Ausdruck zu mir auf und sagte: »Schumeister, nät mr-ne ab, es isch gwüß e guete.« Ich konnte natürlich nicht widerstehen, und das Mädchen hatte nun keinen Apfel zu essen denselben Nachmittag, und doch war es von einer Fröhlichkeit wie sonst nie; ein sinnig Lächeln saß beständig auf seiner Stirne. Wer sagt mir, was in des Meitschis Herzen vorgegangen vor dem Geben, bei dem Geben und nach demselben? Um dieses Apfels willen wurde dieses Mädchen aber auch meine Eva. So rückte das Examen heran, für Kinder und jüngere und ältere Schulmeister, die ihres Amtes leben, ein wichtiger Tag. Es wohnt in den Kindern ein Trieb, das zu zeigen, zu bewähren, was sie gelernt haben, zugleich mit einer Bangigkeit über den Erfolg, einem Zagen: ob es ihnen wohl gelingen möchte, zu bestehen? Ach, daß dieser Trieb im Kinde und diese Bangigkeit nicht gepflegt werden, daß sie nicht geführt werden aus der Schulstube ins Leben, daß das Kind nicht gelehrt wird, daß jeder Lebenstag ein Examentag vor Gott sei, und daß alles Lernen nichts abtrage, wenn es einem nicht dazu helfe um in dem Examen vor Gott zu bestehen! Aber nein, zwischen Schule und Leben, zwischen Kirche und Haus hat die Zeit Klüfte ausgefressen und tolle Menschen haben sie noch tiefer gegraben, und Brücken darüber sind nicht gebaut, und hinüberspringen sollen die Menschen von einem Uferrand zum andern: da brechen aber viele den Hals, andere die Beine, und die meisten können nicht begreifen, warum man sie bei dieser Gefährlichkeit von dem einen zum anderen hinüberjage, statt jemand da ruhig sitzen zu lassen, wo er einmal sitzt. Die Kinder freuen sich aber auch auf den Lohn ihrer Arbeit, auf die schönen blanken Batzen, welche ihnen leider jetzt durch die eidgenössischen Münzlümmeleien verkümmert werden. Die Mädchen freuen sich, ohne Tschöpli in den weißen Hemdeärmeln wieder als lustige Sommervögel zu erscheinen, und nur hie und da sieht man an schönen haustäglichen Examentagen traurig ein blasses Kind in einem traurigen Tschöpli. Ach, das arme blasse Kind hatte kein gebleichtes weißes Hemde oder keine ganzen Ärmel an seinen zwei Hemdchen; es darf sie nicht sehen lassen, muß seine Ärmchen traurig verstecken in die abgetragene Hülle, muß die andern rauschen und funkeln sehen in den steif gestärkten, weißen, bauschichten Ärmeln. Ach! da ist wohl keine Frühlingsfreude in dem kleinen Herzchen; in den Augen sitzt die Scham und zieht sie nieder, und nur der blanke Batzen wirft einen Schimmer der Freude über die blassen leidenden Züge. Ach, ich habe schon manchmal mein Ohr gelegt an solche kleine arme Herzchen, die so vieles sehen müssen und nichts besitzen, die in Not und Kümmernissen gespiesen und getränket werden, die, sobald sie zum Bewußtsein gelangen, von den Eltern ihre Armut vernehmen und täglich Zeugen sind von dem Jammer, den die Eltern verhandeln. Da habe ich vernommen, was die Menschen nicht ahnen, sinnige Gedanken und tiefe Gefühle, habe sie weinen hören im Herzen. Aber was mich weinen machte, war, wenn diese kleinen Herzchen sich einmal freuten, freuten über Dinge, die andere Menschen nicht sehen, reiche Kinder achtlos zertreten, und diese Freude war so rein, so kindlich und umwob so schnell den eingegrabenen Kummer, wie reiche Kinder sich nimmer freuen können. Aber selten jemand denkt an die Freude armer Kinder, als unser liebe Herrgott, der bunte Steinchen für sie geschaffen, schöne Blümchen und Stecken, krumme und gerade. Ach, die erwachsenen Menschen wissen selten mehr, was rechte Freude ist! Aber wenn ich mein Ohr lange an einem Ratsherrenherzen gehabt oder sonst an einem Magnatenherzen, oder an den Herzen reicher Herren- oder Baurenweiber oder sonst an den Herzen von allerlei Grümpel, und da ganz trübselig und wirbelsinnig geworden bin, so suche ich mir wieder ein armes blasses Kind und lege mein Ohr an sein Herzchen, um wieder zu mir selbst zu kommen, d. h. zu verharren in der Liebe. Ich habe aber schon manchmal gedacht, wenn ich mein Ohr so an ein schwammiges üppiges Herz gelegt, und da Dinge vernahm, daß mir fast Hören und Sehen verging, welch Lärm es Wohl absetzen würde, wenn der Besitzer des Herzens den Lauscher wahrnehmen würde? Wäre es ein Mann, so würde er nach Ohrfeigen greifen; wäre es ein Ratsherr, so würde er dem Großen Rat ein Dekret vorlegen, um dieses bei Halsesstrafe zu verbieten, unterdessen mich hinter Schloß und Riegel thun lassen. Und die Weiber, o Himmel! die Weiber würden ihre Halstücher mit Gusen verstecken, ihre Herzen mit Mäntelenen verpolstern, und wenn alles nichts helfen würde, Zetermordio schreien; und würden mich verschreien weit ärger noch als Potiphars Weib den armen Joseph. So würden die Weiber schreien mit schwammigen üppigen Herzen; aber solche Herzen haben gottlob nicht alle Weiber oder Mädchen. Es gibt deren viele, die ich kenne, die würden wohl auch rot werden und etwas vorziehen wollen, wenn sie mein Ohrenläppchen so nahe an ihnen bemerken würden; aber es ist die holde Scham, die die reichsten Reize am schüchtersten oder stolzesten zu verhüllen strebt, nicht der Schrecken der Kokette, der man hinter falsche Haare oder einen hölzernen Busen kömmt. Doch von solchen schönen reichen Herzen ist jetzt nicht Zeit zu reden, nicht Zeit auszuplaudern, was ich da erlauscht, sondern zu alten und jungen Schulmeisterherzen muß ich zurückkehren, die mit freudigem Bangen oder banger Freude den Examentag erwarten. Ach, so Schulmeisterherzen mahnen mich eigentlich auch an arme Kinderherzen, die an gar kleinen Dingen sich Freude machen müssen, denn größere sind ihnen nicht beschert. Den in der Schule vergossenen Schweiß merkt niemand mehr; von der ausgestandenen Not und Mühe nimmt man nicht Notiz, und wenn der Schulmeister so recht zeigen will, was er gemacht hat, was freilich blutwenig ist gewöhnlich und niemand wichtig scheint als ihm, so strecken die Manne die Beine lang von sich, der Ammann gähnt verstohlen; aber der Stiel entrinnt ihm noch und tönt gewaltig durch die Stube, und er rutscht zum Pfarrer und sagt: »Es düecht mi, er sött afe gnue ha u nimme möge; i wett ihm's säge, er söll fertig mache.« Vielleicht fällt hie und da ein Lob über eine schöne Schrift; aber wenn der Vater des Skribenten da ist, so denkt niemand, daß der Schulmeister das Schreiben ihn gelehrt, sondern rühmt dem Alten den hoffnungsvollen Sprößling. Der nimmt behaglich das Lob ein, spreizt die Beine auseinander, nimmt den Spiegel gravitätisch aus der Westentasche und sagt endlich: »Ja es isch ordlich gnue u-n-er het gseit dahem, er hätt's no viel brever welle mache, aber dFedere sig ihm nit guet gsi u di angere heige geng am Tisch gstoße.« Das sind des Lehrers Freuden. Und wenn man ihm nachrühmt, sie hätten brav aufgesagt, aber das Lesen hatte etwas besser gehen können, und wenn man ihm dann ein klein Trinkgeld für das Wüschen und Heizen erkennt mit dem ausdrücklichen Beisatz: man sei es eigentlich nicht schuldig, aber man habe es den anderen auch gegeben und man wolle jetzt nichts anderes mehr anfangen, so hat er für ihn einen reichen Freudentag gehabt. (Freilich an manchem Orte wird es heutzutage besser.) An meinem Examen zu Gytiwyl hatte ich nicht einmal solche Freuden; der Pfarrer, der es nicht böse meinte, aber doch in seiner Hastigkeit gerne in alles redete, verpfuschte mir den ganzen Tag. Beim Auswendigaufsagen gebot er auf einmal und unerwartet, daß alle Kinder die Bücher aus den Händen unter die Tische thun sollten. Er hasse das beständige Gucken ins Buch, wo man einige Worte mit den Augen auffasse, die Ladung ausspucke und schnell wieder eine neue hole. Das mahne ihn gerade an einen Pfarrer, der seine Predigt ablest und immer drein und draus sehe, wie ein Huhn, wenn es Wasser trinkt. Übrigens sei das gar nicht auswendig gesagt, und mit allem Lernen wüßten und behielten die Kinder nichts, wenn sie sich immer auf das Buch verlassen könnten. Das war ganz richtig. Aber meinen Kindern, die sich einmal an das Buch gewöhnt hatten, ging es wie Kindern, die an ein Lülli gewohnt sind und ohne dasselbe gar nicht schlafen können oder wollen, sie mögen noch so schläfrig sein. Sie konnten nicht recht aufsagen, wußten mit ihren Händen nichts anzufangen, kamen von vorn herein schon aus dem Concept, und das Aufsagen, auf das ich bedeutende Mühe verwendet hatte, ging grundschlecht. Beim Konstruieren hoffte ich nachzubessern und es ging recht gut. Die Wer, Wessen etc. wußten die Kinder richtig aufzufinden und der Chorrichter sagte: was es doch immer für neue Moden gebe, allbets habe man von dem nichts gewußt und einmal er wüßte nichts damit zu machen. Allbets habe man toll leren bete, das es fry gehutet heig, und damit sei man auch durch die Welt gekommen und habe besser husen können, als mancher, der alles wisse, was in den Bücheren sei. Da fiel mein fürwitziger Pfarrer wieder ein, als ich am schönsten im Zuge war, und fragte: »Kinder, ihr habt da von Cederen geredet, was ist das für ein Ding?« Große Stille. »Ist's ein Mensch, oder ein Tier?« »Ein Tier«, sagte endlich eins. »Ist es ein vierfüßig, oder ein kriechend Tier?« »Ein vierfüßiges«, war die Antwort. »Ein Ochs oder ein Esel?« »Ein Esel.« – »Nein«, sagte der Pfarrer, die Cederen sind Bäume. Aber sagt mir nun, was bedeutet das Wort Libanon, ist das auch ein Baum, oder ist's ein Vogel?« »Es ist auch ein Baum«, sagten mehrere, »Ist's eine Tanne oder ein Pflaumenbaum?« »Es ist ein Pflaumenbaum«, war das Resultat langen Nachsinnens. Der Pfarrer schmälte die Kinder, daß sie das nicht wüßten. Du mein Gott, was vermochten sich die Kinder dessen; ich hatte es ihnen ja nie gesagt! Und wer hätte es ihnen sonst sagen sollen? Der Ammann sagte auch dem Pfarrer: einmal er hätte es auch nicht gewußt, und es habe ihn nie wunder genommen. Er finde, das trage gar nichts ab, wenn man den Kindern alles erklären wolle, das mache sie nur gwunderig und dann wisse man zu Hause nichts mit ihnen anzufangen. Er finde immer, der Glaube sei die Hauptsache: es heiße ja, daß der Glaube allein selig mache. Wenn so einem Schulmeister, der alles am Fädeli zu haben glaubt, am Examen nur eine Floh über den Weg springt, so nimmt er es schon aufs Puntenöri, geschweige dann solche Dinge. Freilich sagte mir am Ende der Pfarrer: er sei gar wohl mit mir zufrieden gewesen; ich habe mir Mühe gegeben und habe Rat angenommen, und wenn ich mir wolle gesagt sein lassen, daß man auch erklären müsse und nicht nur konstruieren, so werde alles gut kommen. Aber wie kann man etwas erklären, das man selbst nicht weiß, das einem niemand gesagt hatte? Mein Normallehrer, der nicht wußte, was Palästina war, der hatte mir auch nichts von Cedern und Libanon gesagt, und was er mir noch alles anderes nicht gesagt hatte, das würden alle Bücher der Welt kaum fassen. Der Gerichtsäß gab mir auch ein gar gut Lob und sagte: ich sei ihnen gar anständig; ich sei für mich gewesen und hatte niemand aparti plaget, und wenn ich etwas gewollt, so hätte ich es ordentlich bezahlt, entweder auf der Stelle oder doch auf die Zeit, wo ich es versprochen. Und das sei ds Brävst a-mene Schumeister. Und wenn er dann schon nicht alle neuen Moden nachmachte, so sei das graglych, sie hätten ihm doch nichts darauf. Das war wieder etwas Balsam auf die Wunden, aber wieder zwei Feuer eröffnet gegen den armen Schulmeister. Was den einen recht war, schien den andern unrecht. Wer will es verargen, wenn man aus Instinkt ins Lavieren gerät, bei allem Schein von Bewegung es doch nicht von der Stelle bringt! Doch so weit dachte ich damals nicht. Etwas getröstet folgte ich der Einladung, mit dem Manne eine Halbe zu trinken; ich hoffte noch dies und jenes Erfreuliche für mich zu hören. Allein ich täuschte mich. Nachdem abgehandelt war, was am letzten Bern-Märit die Kühe gegolten und das Korn, kam man ins Prozedieren und da wurde man mit einer Halbe nach der andern fertig, aber nicht mit dem Prozedieren. Zweites Kapitel. Ach Gott! wenn die Liebe nicht wär, wie vernünftig man wär! Ist das Examen und die Winterschule zu Ende, so ist manchem, als ob ihm ein Zentner ab dem Herzen falle. Dem einen fällt das lästige Schulhalten weg, das ihm ungefähr ist wie Fabrikkindern das Fabrikgehen, dem andern die schauderhafte Geldlosigkeit, in welcher er seit Monaten geschmachtet. Er erhält seine paar Batzen Lohn fürs ganze Jahr und kann seine Sonntagsschuhe plätzen lassen für bar Geld. Auf das Geld hatte ich mich gefreut, hatte gedacht, besser meinem Verdienst nachhängen zu können. Aber als die Schulkinder fortgingen, konnte ich nicht aufhören, ihnen nachzusehen, bis sie mir aus den Augen waren; eine ordentliche Wehmut kam mich an, und als am andern Morgen keines kam, die Schule leer blieb, da fühlte ich es auch unerträglich leer in mir. Ums Haus herum stund ich, stund in alle vier Ecken desselben und sah nach allen vier Weltgegenden, ob denn nicht etwa ein Bein von einem Schulkinde zu erblicken sei. Endlich kam ein kleiner Junge mit zwei Schafen und einer Schnudernase daher und weidete die erstern an einem Gartenzaune. Nun mit dem redete ich einige Worte und ging dann an meine Arbeit. Aber es hatte mir doch nicht recht gewohlet, und ich konnte nicht begreifen, warum gerade dieser schmutzige Junge mir erschienen sei und nicht jemand anders. Als es eilf Uhr läutete und ich vom Webstuhl in die Küche ging, um für mein Mittagsbrot zu sorgen, sah ich von Weitem beim Brunnen einige weiße Hemdeärmel und erkannte bald zwei der ältesten Schulmädchen. Nun weiß ich nicht, wie es kam, aber ich hatte auf einmal auch beim Brunnen zu thun, und wie ein Wirbelwind fuhr ich unter sie. Das Gespräch war freilich nicht halb so hitzig als mein Kommen; aber einige freundliche Worte wurden doch gewechselt, und eines derselben sagte: es hätte es heute immer gedünkt, es sollte in die Schule gehen. Das that mir gar zu wohl! Nur wurmte mich die Bemerkung des anderen Mädchens: wenn es dann auch nicht mehr in die Unterweisung gehen könne und der Herr ihm erlaube, so wisse es vor Langerweile nicht was anfangen. Ich konnte nicht recht fassen, daß so ein Mädchen auch nach der Unterweisung sich sehnen könne und nicht bloß nach der Schule. Von nun an war der Brunnen mein Lustplatz, mein Kasino, meine Promenade, mein Palais-royal. Ich wusch alles viel fleißiger, bedurfte viel mehr Wasser als sonst; am Samstag nachmittags ging ich sogar mit meiner Kaffeekanne und meinem Zuber zum Brunnen, um sie zu fegen, mußte mich aber dabei nicht wenig auslachen lassen. Die Mädchen behaupteten immer, ich mache so lange an der Kanne, daß ich Löcher hinein reibe und alle Samstag frugen sie mich: ob sie den Kaffee noch halte? Es kostete mich manchmal Mühe, dumme Witze zu unterdrücken, bei Gelegenheiten das handgreifliche Schäkern zu lassen, allein ich war ein so tüchtig gebranntes Kind, daß ich noch nicht vergessen hatte, wie das Feuer brenne. Die Wunde war nicht schnell zugeheilt worden; sie hatte auseitern müssen, und was ich dabei gefühlt, das wollte ich nicht zum zweiten Mal empfinden. Nur Quacksalber streichen auf jegliche Wunde gleich einen heilenden Balsam oder gar ein Heftpflaster; es gibt Wunden, die ausbluten, auseitern müssen, wenn sie gut heilen sollen. So ist's auch mit den Seelenwunden und Eiterbeulen. Ich bin fest überzeugt, Tausende von Büchern und Millionen von Predigten wirken darum nicht, weil man auf jeden bittern Trank nicht geschwinde genug Zuckerbrot bringen kann, auf ausgeteilte Schläge alsobald ruft: »Ach briegg nit, ach briegg nit, du bist ja so lieb und gut!« weil man auf die gezeigte Hölle alsobald die Seligkeit setzet, wie den Deckel auf den Hafen, weil man sich vor nichts mehr fürchtet, als einen tiefgreifenden Eindruck zu hinterlassen. Alle diese Predigten und Bücher mahnen mich an folgende Geschichte. In einem Lande, wo man viel Flausen treibt und viel auf Faxen hält, admittierte ein schöner Herr in dem schönen Salon seines Hauses einige Mädchen in Gegenwart schöner Mütter. In feierlichem Ornate mit dem möglichsten Pathos verrichtete er die feierliche Handlung stehend an dem runden Tische seines Salons, der zu einem feierlichen Altar eingerichtet war. Die Mädchen und die Mütter waren tief ergriffen. Das gerührte Angesicht verbargen die einen tief ins weiße Nastuch und die andern vergalten dem schönen Redner ihre gerührten thränenden Herzen durch stummen Dank, den sie ihm aus ihren in weiblichem Regenbogen flimmerenden Augen entgegenstrahlten. Ja sie suhlten es tief, daß die Welt böse sei und schwach das weibliche Herz. Da verschwand vor ihren Blicken der ergreifende Redner in seiner feierlichen ernsten Tracht; da eilten geschäftige Mägde herbei und wandelten den Altar wieder um in einen runden Tisch bedeckt mit gelbem Teppich; da pflanzten sie auf diesen zwei Teller mit süßen Bonbons und zwei Flaschen, die eine gefüllt mit Malaga, die andre mit Xeres, und rings um sie klirrten auf dem eleganten Servierteller die in Krystall geschliffenen Gläser. Und als das alles gethan war, da erschien der schön gelockte Herr wieder in zierlichem Frack mit einer graziösen Verbeugung und regalierte die schönen Damen nun mit schönen Worten und süßen Bonbons und stärkendem Weine. Und die Damen waren anfangs etwas verblüfft über den schnellen Übergang von dem Ergriffensein über die Schwäche der menschlichen Natur in den Trost der alles verhüllenden Höflichkeit und in das süße einwiegende Getändel der sogenannt gebildeten Welt; aber bald trockneten die Thränen, und in die Wunden des Herzens stoß der süße Malaga und die süßen Worte legten sich als Heftpflaster über die Wunden und den Damen ward wieder wohl zu Mut. Sie fühlten sich wunderbar gestärkt durch den süßen Wein und die süßen Worte und voll Zuversicht gingen sie wieder in die Welt hinaus. Und als der schöne Herr und die schönen Damen nach manchem zierlichen Neigen auseinander gingen, sprach zu einer Dame die andere: »O ciel, comment ça était charmant!« Und die andere antwortete: »Oui, mais ce cher pasteur est si délicieux, n'est-ce pas?« Ob aber wohl alle Leute das Wesen, den Kern dieser Geschichte in Predigten und Büchern wieder erkennen? Ich weiß es nicht, aber ich zweifle; ja ich glaube, wenn einer so vermessen wäre, den Hafen, in welchem in schauerliche Knäuel geballt die menschlichen Gebrechen sich winden und wenden, abzudecken und einige Zeit den Deckel bei Seite zu setzen, so würde die Menge nach diesem Deckel schreien, wie die Römer ehedem nach Brot und ein basellandschäftlicher Ratsherr nach einem Schoppen. Es zog mich also noch immer zu dem Mädchen hin, und mein Herz sehnte sich fort und fort nach Liebe; aber diese Neigung äußerte sich nicht mehr auf tierische Weise, nicht mehr durch Ausbrüche wüster Sinnlichkeit; sie brannte wie ein stilles Licht in meinem Herzen, und weil dieses stille Licht ein ganz anderes war, als jene ungeregelte gierige Flamme, die vorher jedem Mädchen entgegenzüngelte, so kannte ich die Bedeutung desselben nicht einmal. Ich glaubte, das sei halt gar nichts anders als Freude an meinen Schulkindern. Meine Liebe war noch gar keine besondere, sondern nur eine allgemeine, und ans Heiraten dachte ich gar nicht; ich dachte ans Fürsparen. Ich hatte Freude an den wenigen Neuthalern, die ich im Gänterli hatte, und an den zwei neuen Hemdern, welche ich hatte machen lassen. Ich zerlegte oft in Gedanken meine Bedürfnisse, die erforderlichen Anschaffungen und daneben mein Einkommen und meinen Verdienst, und ich fand allemal, daß ich ein Schönes bei Seite legen und in wenig Zeit meine Orgel werde zahlen können. Dann rechnete ich weiter und sparte in Gedanken immer mehr für und wurde am Ende ein recht wohlhabender Mann. In diese Rechnungen brachte ich nie eine Frau und noch weniger Kinder. So verfloß der Sommer, und auf den Winter und die Schule, die er mitbrachte, freute ich mich. Aber so ganz füllte sie doch mein Herz nicht aus. Denn beim Brunnen traf ich noch oft mit den Mädchen zusammen, denen der Herr zu Ostern erlaubt hatte, und am meisten eben mit jenem, das mir den schönen Apfel gegeben hatte. Es wohnte nicht weit vom Brunnen, hieß Mädeli und war eines armen Schuhmachers Tochter. Eines Schuhmachers, wie es viele gibt, die ihr Lebenlang nie das Handwerk recht erlernt hatten, nie Leder kaufen konnten, die sechs ersten Wochen, nachdem sie als Meister sich gesetzt, die Modeschuhmacher des Ortes waren und später höchstens gut genug, Pechschuhe zu machen, Knechten und Mägden Schuhe zu plätzen und hie und da auf einer Stör 3 Batzen per Tag zu verdienen. Mädeli war des Vaters jüngstes Kind und seine Haushälterin, da seine Frau gestorben war und seine anderen Kinder ihn verlassen hatten. Mädeli war schlank und hoch, hatte aber nicht so herzschöne Backen wie Milch und Blut, bei denen es einem dünkt, wenn man sie nur etwas chnuste oder müntschle, so müßten aus der einen Backe einige Kacheln Milch spritzen kühwarm und aus der andern einige Dutzend Kartoffel trolen schön mehlicht und aufgesprungen. Mädelis Haut hatte etwas von der Schuhmacherwerkstatt angenommen. Freilich war sie nicht so schmutzig Pechgelb wie die Haut eines Altgesellen oder einer fünfzigjährigen meisterlichen Pechseele; sie hatte nur das Gelblichte, das, mit dem Bräunlichen vermischt und mit einem roten Anhauch, gleichsam dem himmlischen Tau, übergossen, die wundersame Haut bildet, welche in ihrem sammetnen Schmelz unendlich anzüglicher ist, als das schönste Rot und Weiß, auch wenn beides auf das Kunstgerechteste gemischt wäre. Mädelis Haar war schwarz und seine Augen dunkel und tief, wie gemacht um darin zu ertrinken. Es ist recht eigen, wie es Augen gibt von unergründlicher Tiefe. Die Seen, bewohnt von Nixen oder Seefräuleins, die, wenn man nur einen Finger ins Wasser steckt oder nur einen Blick hineinwirft, einen ergreifen bei Finger oder Blick und hinunterziehen auf den Grund, wo es dem Fischlein so wohlig wird, sind das wohl nicht schöner bräunlicher Mädchen tief dunkle Augen? Es ist doch wunderlich, wie es Augen so verschiedener Art gibt und so wunderliche Arten. Es giebt Augen, sie mahnen mich an weiß angestrichene Mauren. Wenn die Sonne darauf scheint, glänzen sie blendend; hat man sich an den Glanz gewöhnt, so sieht man, daß es nur Kalch ist, was glänzt, und hinter dem Kalch ist eben nur eine Mauer kalt und hart, und wie bekannt haben Mauren weder Herz noch Seele. Andere gibt es wieder, die mich mahnen an Teiche. Teiche haben bekanntlich auch kein Herz, keine Seele, keine Tiefe, und aus ihrem Grunde quillt nichts heraus als höchstens bei trübem Wetter ein bischen Schlamm; aber auf ihrer Oberfläche spiegeln sie alles ab, Sonne, Mond und Sterne, und jedes Mannsgesicht, das in sie guckt. Dann gibt es auch wieder Augen gerade wie ein Hundsgesicht, dem man ein Stück Fleisch vorhält. Diesem Hundsgesicht läuft es feucht in den Augen und im Munde zusammen vor lauter Glust und Gierigkeit. Auch sind wieder Augen wie Spinngewebe mit der Spinne in einer Ecke. Die Spinne sieht man nicht, das Spinngewebe achtet man nicht; aber wenn eine Fliege dem Gewebe sich nähert, dann fängt es an in der Ecke zu blitzen, und kömmt die Fliege ins Gewebe, dann springt die giftige Spinne mit ihren giftigen Äugelein heraus, und man weiß, wer da ist. Auch sind Augen wie Wetterleuchten oder wie der sogenannte Brenner. Wenn die Hitze groß ist, so leuchten sie schalkhaft und munter; aber sie regnen nicht, sie donnern nicht, und wenn die Hitze vorüber ist, so sieht man auch gar nichts mehr von ihnen und an ihnen. Es gibt noch gar viele Augenarten, von denen ich aber jetzt nicht reden will, da ich noch zu sagen habe, daß über Mädelis Augen geschweifte schwarze Bogen sich wölbten, rund wie die Wölbung über Kirchenfenster, durch welche gute Augen hineinschauen können ins dunkle geheimnisvolle Heiligtum. Auf einem in lieblichen und zarten Anschwellungen sich endenden Halse stund das kurze feste Kinn und trug den nicht kleinen, nicht großen Mund, der reine weiße Zähne barg und ohne Worte redete, ohne Unterlaß teilnehmend und schalkhaft. So sprachen bald die Augen, bald der Mund, bald beide zusammen, und doch störte keins das andere, und mitten inne stund verwundert die Nase, horchte gwundrig auf die Wechselrede und verstund doch so wenig davon wie ein Welsch, wenn einer vernünftig redet, nämlich deutsch. Und dieses Gesicht war alle Tage gewaschen, was viel heißt. Die schlanken Finger (o wie ich die eingedrückten oder abgestumpften Finger nicht leiden mag, die aussehen wie Beißzangen oder Mandelweggli!) waren gewöhnlich gewaschen und die schwarzen Haare selten hoggis poggis unter die Kappe gewurstet, sondern glatt und gescheitelt gestrählt. Die Stirne war heiter und glänzend, ohne eben mit Speckschwarte gerieben zu sein, wie manche Mädchen zu thun pflegen, wenn sie glänzen wollen. Doch würde mancher Mann dem lieben Gott danken, wenn seine Frau, die den Glanzteufel im Leibe hat, kein teureres Mittel ihren Teufel zu befriedigen brauchte, als eben nur Speckschwarte. Allen so geplagten Männern würde ich raten, ihren respektiven Gemahlinnen zum Neujahr statt allem andern einige tüchtige Pfund Speck und Schwarten zu verehren. Möglich, daß das Mittel hülfe, besonders wenn die geschenkten Pfänder teils in die jährlichen Budgets, teils in unbezahlte Contos eingewickelt wären. Die ganze Gestalt, die nicht üppig, aber springfedrig und ebenmäßig war, war säuberlich übergossen und hatte etwas Nettes, auch wenn keine Strümpfe an ihren Beinen und manchmal die Schuhe die besten nicht waren. A propos , werden naseweise Fräulein und Herrlein sagen: von welcher Sorte waren dann Mädelis Füße? Ihr guten Tröpflein! Auf dem Lande steht man gar nicht auf die Füße, sondern auf die Beine, und Füße so breit, daß sie barfuß auf dem Meere wandeln könnten, würde man hundertfältig den kleinsten Füßchen vorziehen, an denen aber Beinchen wären, die man durch ein Nadelöhr fädmen könnte. So war das Meitschi beschaffen, das ich mehr als andere am Brunnen traf, das ich am Brunnen am meisten vermißte, das mir besonders wohl gefiel in seinem rührigen, raschen Thun, seinen ernsten Augen und freundlichen Mund, ohne daß ich nur ahnete verliebt zu sein. Aber es ward mir immer lästiger mein Alleinsein, und ich fing an Beschwerden zu fühlen, von denen ich keine Ahnung gehabt hatte. Bei jedem Knopf, der mir absprang, seufzte ich über die Qualen dieses Lebens und dachte, wie komod es wäre, wenn jemand mir ihn annähen thäte. Hatte ich die Schule zu Ende gebracht, so dünkte es mich schrecklich, daß ich noch kochen müsse, und als glückliche beneidete ich alle, die aus der Schule ohne weitere Präliminarien an den bereits gedeckten Tisch sich setzen konnten. Und hatte ich abgegessen, so kam mich das Seufzen ganz besonders an, denn nun mußte ich noch abwaschen; und hatte ich abgewaschen Teller und Pfannen, so hatte ich gewöhnlich einen tüchtigen Bräm an Kleidern oder Gesicht und mußte an mir zu riblen anfangen. Unter solchen Seufzern sang ich oft aus Herzensgrund: Ach wie ist das Leben schwer hier auf dieser Erden! Hatte ich diese Last so recht grusamklich gefühlt, so fing ich in meinen einsamen Abendstunden an nachzudenken: ob solchem Elend nicht abzukommen sei? In die Kost zu gehen, fiel mir ein; aber nähte man mir dort dann die Knöpfe an, plätzete man mir meine Strümpfe und wusch man mir nach Notdurft? O du liebe Zeit, was trägt doch mancher Mensch für Zeug, nur weil er von Tag zu Tag vergißt, dasselbe waschen zu lassen! Und wie fatal ist's, wenn man am Sonntag sich verschlafen hat und in die Predigt sollte, und schlaftrunken zum Schaft springt, um ein sauber Hemde anzuziehen, und man keines darin sieht? Und wie noch fataler ist's, wenn man ein sauber Hemd findet, aber an dem Kragen desselben keine Knöpfe oder Häftli mehr, um ihn einzuthun, oder den Kragen halb durchgerissen, oder sonst einen Schaden, den die derbe Faust der Wäscherin in das verwaschene Zeug gerissen und wohlweislich verschwiegen hatte? Was soll dann so ein armer Teufel von Mensch, dem es nicht einfällt die Hemder zu untersuchen, wenn er sie abzieht, und noch viel weniger, wenn die Wäscherin sie zurückbringt, anfangen mit seinem zerrissenen Hemde? Not bringt Erfahrung. Er zieht es in Gottes Namen an, aber er nimmt dann das größte Halstuch, das Gilet, an welchem die Knöpfe am weitesten hinaufgehen, und verbirgt so die Schäden, die er nicht heilen kann, vor der Menschen Augen. Wenn man im Sommer so einen behalstuchten, eingeknöpften Menschen sieht, so denke man nur zuversichtlich: oha, dem happeret's am Hemde! Ich kam immer mehr darauf, daß eine Frau das radikalste Mittel sei gegen alle diese Übel. Eine Frau würde mir kochen und abwaschen, und ungesorget könnte ich zu Tische sitzen. Eine Frau würde dafür sorgen, daß ich nicht nur am Sonntag ein frisch gewaschenes tragbares Hemde hätte, sondern sie würde es mir zum Bett geben und mir sogar den Kragen einthun. Eine solche Frau würde mir Wäscher- und Näherlohn ersparen, würde mir pflanzen und spinnen und noch spulen obendrein. Es wurde mir immer einleuchtender, daß eine Frau, auch wenn sie keinen Batzen hätte, einen ordentlichen Fund, eine eigentliche Spekulation für mich wäre. Ich war immer deutlicher überzeugt, daß ich es mit einer Frau weit besser werde machen, weit mehr fürsparen können, als ohne Frau. So eine Frau esse nicht so viel, dachte ich, und wo eines genug hätte, da sei sicher auch für zwei. Es ist recht lustig, wie die Menschen verschieden rechnen, und einer an der Rechnung des andern nichts begreift, und wie der Mensch in verschiedenen Altern verschieden rechnet, und in einem Aller die Rechnung des frühern Alters nicht mehr verstehen kann. Man sagt oft von diesem oder jenem Menschen: Der weiß zu rechnen! Thorheit! Es rechnen alle Menschen, und der meisten Menschen stilles Denken ist gar nichts anders, als beständig Rechnen. Die Menschen aber werten die Dinge anders. Was die einen als ein Plus ansehen, sehen die andern als ein Minus an und umgekehrt. Was die einen mit keinem Auge ansehen, bringen die andern als Hauptfaktoren in Anschlag. Und endlich ist's, als ob die einen viel mehr oder ganz andere Augen hätten, als die andern; denn wie die einen immer viel sehen, viel mehr Zahlen, als da sind, sehen die andern immer zu wenig, viel weniger, als vorhanden. Deswegen begreifen die Menschen ihre gegenseitigen Rechnungen so wenig, lachen oder schelten einander aus und seufzen zu Zeiten: I weiß nit, was i o gsinnet ha! Und woher kömmt dieses verschiedene Rechnen wohl? Das Ding läßt sich verschieden ausdrücken: es kömmt daher, weil in den Menschen verschiedene Rechenmeister sind. Bei den einen rechnet das Herz, bei den andern die Sinne, bei den dritten der Verstand, bei den vierten die Selbstsucht oder irgend eine andere Leidenschaft, Jeder dieser Rechenmeister rechnet anders, und jeder für sich allein falsch. Das fühlt der Mensch am besten, bei dem diese Rechenmeister abwechseln, und bald einer bald der andere an der Tafel sitzt, und immer einer den andern ausschimpft, daß es dem Menschen sauübel wird dabei. Vermag der Mensch nun nicht jeder Leidenschaft das Rechnen zu verbieten, der Begeisterung ausgenommen (die man uneigentlich auch zuweilen als Leidenschaft ansteht), freilich darauf gefaßt, daß die den Abschluß der Rechnung in die Ewigkeit hinausstellt; vermag er nicht die Vernunft zum Rechenmeister zu erheben, der die Aufgaben stellt, und Herz und Verstand zu vereinen, daß sie zusammen rechnen, und vermag er diese nicht duldsam zu stimmen, daß sie den Sinnen auch zuweilen ein Wörtchen, freilich nur ein untergeordnetes, vergönnen, so bleibt er sein Lebenlang ein armer Teufel im Rechnen, verrechnet sich immer, und, was das peinlichste ist, vermag doch selten den Fehler zu finden, bis es zu spät ist. Und wenn zuweilen einer den Fehler findet, und nun einen andern Rechenmeister an das Rechnen setzt, so rechnet ihm dieser wieder falsch und der letzte Fehler ist ärger als der erste. Darum, ihr Menschen, verwundert euch nicht, wenn ihr in der Schule schon die vier Species durchgemacht habt samt den Brüchen und vielleicht sogar die Algebra, und ihr doch keine Lebensrechnung anzusetzen und durchzurechnen vermögt. Könnt ihr aber das nicht, so pfeife ich euch auf all euer Rechnen; es hilft wohl zu Batzen, aber nicht zum Glück. Traurig aber ist's, daß man so wenige Lehrmeister fürs rechte Rechnen findet, und so viele Lehrer aller Art in eilf Fächern Hexenmeister sind und doch dieses Hauptfach nicht kennen. In meiner Rechnung also stund eine Frau als Plus , nicht als ein zehrender, sondern als ein einbringender Posten, und nicht weil ich auf Vermögen rechnete, sondern auf ihr Kochen, Pflanzen, Waschen und Plätzen. Obgleich dieses Rechnen in mir immer lebendiger wurde und immer häufiger wiederkehrte und erzeugt ward durch eine geheime Neigung, die mir selbst noch geheim war, so bewegte es mich denn doch noch nicht zum eigentlichen Suchen einer Frau. Durch eine besondere Güte Gottes wird das, was wir thun, in den meisten Fällen gar langsam in uns vorbereitet, damit wir demselben zuvorkommen oder es regeln könnten, wenn wir nämlich Augen hatten zu sehen, Ohren zu hören und einen Verstand zu begreifen. Einst holte ich Wasser beim Brunnen, Mädeli stund mit seinem Kessel eben an der Röhre, eine alte Frau wartete und ein ander Mädchen wusch Erdäpfel im Südeltrögli. Ich war pressiert; denn wenn ein Schulmeister von 11 bis 1 Uhr kochen und abwaschen soll, so hat er keine Zeit zu verlieren. Mädeli wußte das wohl, und wie es sehr oft that, so auch diesmal. »Schumeister«, sagte es, »gät mr eue Chessel, i will-ne fülle, i cha sauft e weni warte.« Damit nahm es mir denselben aus der Hand, stellte den seinigen bei Seite und den meinigen unter die Röhre. Stillschweigend stunden wir neben einander und sahen dem Wasser zu, wie es nach und nach den Kessel füllte. Drüben hatte die alte Frau mit giftigen Blicken uns betrachtet, böse darüber, daß Mädeli lieber einem jungen Schulmeister seinen Kessel abgenommen, als einer alten Frau. Endlich sagte sie: »Meitschi, meinst öppe, du sygist dRebekka, u dr Schumeister nit ume dr Elieser, sondern dr Iaak selber? Es düecht mi, du söttisch daheim z'viel z'thüe ha, as das de da chönntisch dr Narre trybe u em Mannevolk ga ufz'warte.« Der erste Teil der Rede machte mich lachen; darum achtete ich den zweiten wenig, und ging mit meinem Wasser lachend nach Hause, ohne etwas weiters zu denken oder irgend Gewicht auf die Worte zu setzen. Es vergingen ein bis zwei Tage, es verging eine Woche; ich traf Mädeli nicht mehr beim Brunnen. Da ward mir alle Tage bänger und jeder Tag länger, und als ich es einmal von weitem sah mir entgegen kommen und in ein Gäßlein ausbiegen, sobald es mich erblickte, da konnte ich es nicht länger aushalten. Ich konnte gar nicht begreifen, was das Meitschi ankam, welche Klapperei wohl stattgefunden haben möge? Unter meinen zwei paar Schuhen stöberte ich so lange herum, bis ich etwas fand, das ich dem alten Schuhmacher zum Ausbessern bringen durfte. Es war Nacht und kalt, der Schnee girrte unter den Füßen und in den gefrornen Fensterscheiben glitzerten funkelnd die sonst düstern Öllampen. Vor ihrem Häuschen wußte ich erst nicht, sollte ich am gefrornen Fensterlein oder an der verschlossenen doppelten Küchenthüre anklopfen. Da hörte ich in der Küche das Reiben des Harnischplatzes in der Pfanne, wußte also Mädeli in derselben und klopfte bei ihr an. Der obere Teil der Thüre ging alsobald auf und Mädeli frug: »Wer het dopplet? E, Herr Jeses«, setzte es alsobald hinzu, »seid ihr es, Schumeister?« Das schien mir ein recht freudiges Verwundern zu sein. Ein paar Schuhe hätte ich da, an welchen mir der Vater was machen sollte, antwortete ich und trat in die Küche, und wollte da nach einigen Vorreden Mädeli fragen: was es dann eigentlich habe? Aber halte doch niemand jungen Mädchen lange Vorreden! Mädeli trat in ihr Stübchen mit einem raschen Schritt und hieß mich nachkommen, der Ätti sei da. Ich mußte nun hinein, und fort war das Meitschi wieder. Mit dem Schuhmacher konnte ich nun plaudern und seine Geschichte anhören, wie er auf seiner Wanderschaft in der Fremde gewesen, weit weit hinter Murten, bis gerade da, wo der große See aufhöre, und wie da ganz andere Menschen seien als hier. Sie sagten dort drü Manne und drü Frauen, und redeten überhaupt eine ganz andere Sprache, die hier der Hundertste nicht verstünde. Dem hörte ich mit einem Ohr gar andächtig zu und mit dem andern auf Mädeli in der Küche, immer hoffend, es werde bald hereinkommen. Und als es endlich hereinkam, wollte es ein ander Fürtuch umbinden, um ins Dorf herunter zu gehen, unter dem Vorwand, Öl zu holen. Das wollte nun der Alte nicht geschehen lassen und balgete mit ihm; es hielte sich seit einiger Zeit gar nicht mehr zum Spinnen, und in der Haushaltung thue es, wie wenn es noch nie etwas angerührt hätte; er wisse gar nicht, was mit ihm auch sei. Es solle jetzt ans Spinnrad sitzen; sonst sehe es der Schulmeister, was es für eins sei und wie nütnutz. Ich meinte: das werd öppe nit so bös sy; die Meitscheni hätte mengisch öppis, me wüß nit was; es werde schon bessere. Madeli warf mir einen langen Blick zu und setzte sich schweigend ans Rad. Da ich von ihm nichts als einsilbige Antworten erhielt und der Alte mir auch nicht kurze Zeit machte, so ging ich endlich wieder. Als das Meitschi mir herauszündele, frug ich es, diesmal ohne Vorrede: ob ich ihm etwas zu Leide gethan oder sonst öppis gefehlt hätte; es dünke mich nicht wie sonst? »Nit daß ich wüßt«, sagte es, »guet Nacht, Schumeister, dr Ätti het kes Liecht u balget, we-n-i lang mache.« Somit stund ich wieder alleine und wußte nun nur so viel, daß das Mädchen wunderlich oder böse über mich sei. Ich wurde nun auch böse und fand, es sei nicht der Mühe wert, um ein solches Meitschi sich weiter zu bekümmern; es thue so vornehm und stolz, wie eine Herrentochter und habe doch hinten und vornen nichts. Aber je böser ich mich stellte, desto mehr ging das Ding mir im Kopf herum, und sobald man nicht mehr gleichgültig werden kann, so hat es gefehlt. Endlich brachte mir der alte Schuhmacher meine Schuhe wieder mit der Entschuldigung: daß ich sie schon früher erhalten hätte, wenn er sein Meitschi hätte zwingen können, sie zu bringen, aber wenn er ihm den Gring abdrait hätt, so hätt's es nit tha. Er glaub afe, es syg dr Hochmuet, der ihm dr Gring verdräyt heng. Es sei gar e tolle Küherbub afe es paar Mal vor snm Fenster gsi, und da werde es meinen, es hätte ihn schon, und Schuhe vertragen wäre seinen Ehren ein Abbruch. Wahrscheinlich war ich feuerrot geworden, als ich das vernahm, und wo ich ging und stund, wurde ich des Sinnens nicht los, wie Mädeli sich schon mit Buben abgeben möge; so schlecht hätte ich es nicht geglaubt und noch dazu mit Küherbuben, die ja immer thäten wie ungeleckte Bären? Zum Pfarrer hatte ich gewollt, ihn aber nicht angetroffen, und ging in der Dämmerung wieder nach Hause. Vor mir sah ich ein Mädchen und holte, mit längern Schritten behaftet, dasselbe bald ein. Es war Mädeli, das Salz geholt hatte. Wir erschraken beide und beiden ward bange ums Herz. Ein Mädchen ist an sich ein banges Wesen, und aus Mädelis Selbstgeständnissen habe ich nachher erfahren, daß, was man für Stolz, Kälte oder gar Abneigung nimmt, gar oft nichts anders als Bangigkeit ist. Bangigkeit im Bewußtsein der Schwäche, Bangigkeit, die einen Sturm erwartet, den abzuschlagen man nicht Kräfte genug fühlt. Darum macht Süffisance so viel Glück bei Mädchen, und die widerwärtigsten, aber zuversichtlichen Menschen nehmen die Preise vor weg, während so manche blöde Seele leer ausläuft, weil sie sich durch die mädchenhafte Bangigkeit, die aussah wie entschlossene, verhaltene Feindseligkeit, vom Sturme abschrecken ließ, wie die Krähwinkler vor gemalten Kanonen davon liefen und die bekannten sieben Schwaben sich nicht an einen Hasen wagten. Wir liefen neben einander her, ich frug bald dies und das; aber Mädeli wurde immer trockner und kürzer. Da wurde auch ich wieder bitterer und böser und frug endlich: wann es wolle verkünden lassen? Das Meitschi sah mich groß an und sagte: es müsse erst einen haben, ehe es verkünden lassen könne. Nach langem Hin- und Herspätzeln sagte ich endlich: ds Kühers Bub würde es ungern haben, wenn er hörte, wie es ihn verleugnete. Da blieb Mädeli stehen, eine zornige Röte stieg ihm durch die Backen auf bis zu den Augen und rasch frug es: »Was meinet dr damit, wer het ech öppis vo ds Kühers Bub gseit?« Ich wollte zu spässeln fortfahren: aber Mädeli sagte: »Schumeister, we mr no öpper öppis vo ds Kühers Bueb seit, so schilt-i druf, u jez wott i wüsse, wer ech neuis drvo gseit het, sust ha-n-i nüt nie uf ech.« Da mußte ich endlich mit der Sprache hervor. Laut auf fing nun das Meitschi zu jammern an, daß die Leute so was von ihm sagen könnten, der Vater es bestätige, und daß ich es glaube, das daure es am meisten, das sei nicht bravs von mir. Ob dem Jammer schmolz mein Herz. Bei Mädchenthränen sind Männerherzen gerne wie Wachs im Ofen; nicht die gleiche Wirkung mehr machen Weiberthränen. Ich bin aber auch überzeugt, sie sind sich chemisch nicht gleich. Ich fing an, mich zu entschuldigen und zu trösten. Es sei gar nicht böse gemeint, sagte ich, aber es sei gegen mich so wunderlich gewesen und gar nicht mehr wie sonst, daß es mich auch böse gemacht; auch der Vater habe es ja anders gefunden, und da hätte ich glauben müssen, was er gesagt. Ich hätte es fragen wollen, was es gegen mich habe; aber es habe mir ja nie gewartet. Es solle es mir doch jetzt auch sagen, was es gegen mich hätte; sonst müsse ich doch glauben, was die Leute sagen. Nach manchem Zögern, manchen Ausflüchten vernahm ich endlich in von Husten viel unterbrochenen Worten, daß ich ja beim Brunnen es auch ausgelacht, als es in guter Meinung mir Wasser gegeben und die alte Frau es so ausgeführt. Mein Gott, daran hatte ich nicht gedacht! So geht es einem, der nicht Ironie und Witz versteht, der nicht weiß, wie tief solche Anspielungen bei Mädchen einschlagen und sie gewöhnlich zum Bewußtsein bringen, und dieses Bewußtsein nun sich verpallisadiert, die Offenheit in Verschlossenheit verkehrt, wodurch gar oft Herzen, die nicht mehr zum Verständnis kommen können, getrennt werden. Ich hatte jene Worte, hatte mein Lachen vergessen, aber in Mädeli war beides tief gedrungen; es erriet sich und glaubte sich erraten, und daß ich bei diesem erraten gelacht, das that ihm wehe. Nun war wieder die Reihe an mir, mich zu versprechen. Das that ich dann auch ganz ehrlich und redlich, so daß Mädeli mir anfing zu glauben, wieder traulich zu mir aufsah und ohne Husten erzählte, wie unwohl es dabei gewesen und wie weh ihm der Gedanke gethan habe, daß auch ich es nicht gut mit ihm meine. So gab sich eine recht gründliche Versöhnung, eine innige Vertraulichkeit, und wir waren miteinander im Dorfe, ehe wir es uns versahen. Und kaum hatte ich noch Zeit, schnell und leise die Hoffnung auszusprechen, daß es wieder zur gewohnten Zeit beim Brunnen sein wolle, und ein Nicken zur Antwort erhalten, als begegnende Leute uns trennten und jedes seinem Häuschen zu mußte. Ein heimlich Wort mit einem Mädchen sprechen, will schon was sagen, aber was eine Versöhnung, ist's doch nicht. Es gibt nichts gefährlicheres, aber auch nichts schöneres zwischen Mädchen und Knaben, als eine Versöhnung. Wie die einem den Kopf so heiter und lustig, das Herz so leicht und doch so voll macht! Aber, Mädchen, hütet euch davor, sie find gefährlich. Wie Liebeszank in untern Ständen viel häufiger ist als in obern, so sind da die Versöhnungen auch viel häufiger, viel inniger, viel gefährlicher. Gut wenn die Wege zur rechten Zeit auseinander gehen, dann gibt's wohl auch Hochzeiten, aber nicht Kindbetten vor denselben oder ohne dieselben. Kurios auch, daß die Mädchen so vieles herbeiziehen, das Versöhnungen nötig macht. Geschieht das absichtlich? Ganz eigen war es mir selben Abend zu mute, und nachts in den Träumen sah ich Mädeli mir Knöpfe annähen, hörte es rufen: »Mannli, chumm, i ha gchochet; u sä, da hesch es sufers Hemli u-n-es glättets.« Und ans den Träumen der Nacht ging der Gedanke, Mädeli zu heiraten, in die Träume des Tages über. Immer notwendiger schien es mir, eine Frau zu nehmen, immer unerträglicher ward mir meine häusliche Bürde, immer glücklicher ward ich, wenn ich das Meitschi sah, und immer klarer zeigten mir meine Rechnungen, daß ich es nirgends besser machen könne, als gerade mit Mädeli. Drittes Kapitel. Wie eine Wäscherin zum praktischen Professor wird. Da brachte mir eines Samstags abends die Wäscherin meine paar Hemdchen gewaschen wieder. Ich nahm sie ab und legte sie hin ohne weiter nachzusehen, da ich gerade daran war, mir die Schuhe für den Sonntag zu putzen. Als ich die Hemder in den Schaft thun und eins für Morgen z'weg legen wollte, fehlte mir mein bestes, das gar kenntlich war an schön gestichelten Löchlein um den Kragen und vornen herunter. Ich wußte gar wohl, daß ich es auch zu waschen gegeben, und lief daher über Kopf und Hals zu der Wäscherin und forderte dasselbe zurück. Diese stellte sich ganz verwundert, wollte nichts darum wissen, fragte, warum ich nicht gleich es gesagt hätte, daß mir etwas fehle? Hintendrein könnte ein jeder kommen und sagen: mir fehlt dies oder das. Sie hätte da viel zu thun, wenn sie einem jeden Bescheid und Antwort geben wollte oder müßte. So könnte einer komod und wohlfeil zu vielen Hemdern kommen. Kurz, die Frau brauchte ihre Zunge wie ein Wascherweib, wälzte die Vorwürfe absichtlichen Betruges auf mich zurück, verdächtigte mich auf die schamloseste Weise. Sie sagte mir ins Gesicht, man habe sie schon lange vor mir gewarnt, sie werde noch Verdruß von mir bekommen, sie solle sich in acht nehmen. Jetzt erfahre sie es und sie begehre gar kein Stücklein mehr von mir zu waschen; sie werde es aber allen Leuten sagen, was ich für einer sei und wie ich es ihr gemacht hätte. Ich wußte auf ihren Wortstrom nichts zu erwidern als: »Du bisch e wüesti Frau, schäm di, i hätt nit glaubt, das es selligi Wyber gäbt.« Das waren aber alles nur blinde Schüsse gegen ihre Kartätschen, so daß ich nichts besseres anzufangen wußte, als davon zu laufen, froh, daß das Weib mir nicht nachlief. Als ich aus dem Bereich des Feuers war, fing mein Kopf an immer mehr aufzuschwellen und zu brennen. Neben aller Not nun noch den Verlust und neben dem Verlust die Verdächtigung und das Verbrüllen – das hatte ich von meinem ledigen Leben. So wollte ich es nicht länger ertragen, einmal mußte die Sache ab Ort und am besten doch, während ich noch einige Hemder hatte. Und hatte ich einmal eine Frau, so hoffte ich, werde sie den Reden der Wäscherin wohl die Spitze zu bieten wissen. Ohne nun weiters mich zu besinnen, stürmte ich auf das Schuhmacherhäuschen zu. Ob ich klopfte, weiß ich nicht; wenigstens auf den Bescheid wartete ich nicht, und fand Mädeli im düstern Stübchen alleine, kämmend sein langes, schwarzes Haar, vor sich ein alt Buch, Arndt Schatzkästlein wahrscheinlich. Als ich hineinplötschte so ungestüm in's stille Stübchen, sprang Mädeli erschrocken auf, faßte mit der einen Hand das Licht und zündete nach der Thüre hin, während die andere die langen alle auf einer Seite herabwallenden Haare zurückhielt. Und als ob das Lämpchen selbst Freude hätte an dem lieblichen in Schrecken erglühten Mädchen, warf es seinen hellsten Schein auf dessen Gesichtchen und über dessen Gestalt. Vor mir stand lautlos das erleuchtete Mädchen, eher einer staunenden Fee als einem kämmenden Schuhmachermeitschi gleich, und ich brüllte dasselbe, ohne nur recht die Augen aufzuthun, an: »Mädeli, ich mueß e Frau ha, wotsch mi näh, wetsch mi hürate?« Da erschrak Mädeli noch mehr; die Hand, welche die Lampe hielt, erzitterte und Öl trat in den Docht. Finster, fast erlöschend, brannte das Lämpchen, als ob es eifersüchtig geworden wäre und mir Mädeli verhüllen wolle, und Mädeli sprach: »E, Herr Jses, Schumeister! was het's gä, was sinnet er o, was chunt ech a so ungereinisch!« Da stürmte ich allerlei untereinander in meinem Zorn, von Nichtmehraushalten, von Hemdern, Wäscherinnen, Heiraten und Kochen, daß der Tausend klug werden konnte daraus. Da mußte Mädeli noch einmal sagen, es wisse gar nicht, was ich eigentlich meine. Endlich vermochte ich die Geschichte mit meinem Wäscherweib verständlich zu geben, aus welcher dann Mädeli soviel begriff, daß ich zornig geworden über meinen Verlust, über die Unverschämtheit des Weibes in Verzweiflung geraten sei und nun, statt mich in dieser Verzweiflung zu hängen an einen Nagel, an ein Weib mich hängen wolle. Darum antwortete Mädeli auch auf meine erneuerten Anträge: »Schumeister, es isch ech nit Ärst, we dTäubi us ech isch, su heit er mi o vergesse, mr wey lieber nüt me drvo rede, eh dr e grauni Sach gmacht heit.« Da wurde ich dringlicher und sprach von Liebe und Zuneigung; aber noch immer fand ich keinen Glauben, sondern immer die Antwort: i wüß im Zorn nit, was ich mache. Da wurde ich noch dringlicher und inniger, setzte mich zu Mädeli auf die Bank und sagte ihm, wie ich nicht erst jetzt ans Heiraten mit ihm gedacht, wie es schon lange mir im Sinne gelegen, von allen Meitschene mir am besten gefallen; wie mein Herz mich zu ihm gezogen, und mir immer am wohlsten in seiner Nähe gewesen. Wie ich aber nie recht gewußt, woran ich mit ihm wäre; bald sei es freundlich gewesen, bald habe es mich geflohen. Jetzt aber hätte mich der Zorn nur gestärkt, einmal zu vernehmen, woran ich sei und ob ich meinem Knabenelend nicht ein Ende machen könne. Es solle mir doch recht nicht zürnen, daß ich so gekommen sei, und mir glauben, daß ich es schon lange lieb gehabt und ohne ihns nicht mehr sein könne. Es solle mich doch ja recht nicht verstoßen. Ich hatte es bei der Hand gefaßt und sah ängstlich ihm ins Auge. Und sein Auge trübte sich und füllte sich mit stillen Thränen, und während es seine Hand mir ließ, und diese Hand die meine fester umfaßte, schüttelte es wehmütig seinen Kopf und die losen Haare und sagte: »I cha's nit glaube, Schumeister, daß dr mi lieb heiget, u daß dr mi scho lang begehrt heiget! ach, i bi nume es arms Meitschi, u wer wett mi begehre!« Und in ein lautes Weinen brach das arme Mädchen aus, legte Kopf und Arme auf den Tisch und ließ in vollen Fluten rinnen Ströme der tiefsten Wehmut. Ich tröstete so gut ich konnte; aber es brach immer wieder in Jammer aus und rief: »Ach dr tusig Gottswille, Schumeister, löt mi sy u heit mi nit für e Narr!« Da fing es denn doch an mir wieder warm im Kopf zu werden und ich frug: ob es denn Ursache hätte zu glauben, daß ich ein so schlechter Kerli sei, der Meitscheni so für einen Narren hielte? ob es je etwas so schlechtes von mir gesehen oder gehört habe? Mädeli hängte ihr Köpfchen, hielt mir an, ich sollte doch recht nicht zürnen, aber sie hätte ihren bestimmten Grund dazu, aber sagen könne sie mir den nicht. Ich aber wollte ihn wissen, begehrte mehr und mehr auf, während Mädeli sich immer fester an mich schmiegte und mir anhielt, doch ja das nicht zu begehren. Aber je mehr eins nachgibt, desto hartnäckiger wird das andere. Ich behauptete: wenn ich Mädelin lieb wäre, so hätte es mir von Anfang geglaubt und würde jetzt den Grund auch sagen dürfen. Das erschütterte das Meitschi: es kapitulierte endlich mit mir dahin, daß es die Sache mir leise ins Ohr sagen wolle; laut dürfte es wahrhaftig nicht. Ich hielt mein Ohr hin, aber es kitzelte sein Atem mich so wunderlich, bald sprach es so leise, daß es gar oft wiederholen mußte: »Dr heit nie bigehrt by mr z'ligge.« Da fiel ich wie aus den Wolken und wollte nicht begreifen, wie es daraus etwas hätte schließen können. Aber als Mädeli sagte: es hätte gedacht, wenn ich es lieb hätte, so würde ich auch machen, wie andere Bursche, die Mädchen liebten; die gingen alle zu ihnen oder versuchten wenigstens zu ihnen zu kommen; ich aber sei kein einzig Mal vor sein Fenster gekommen und habe nie gefragt, ob ich bei ihm liegen dürfe. Da hätte es doch sicher glauben müssen, ich wolle es für einen Narren halten, und wenn es mir ernst wäre, so thäte ich auch wie die andern Buben. Da begriff ich Mädeli. Nun war es wieder an mir zu erklären, wie das gekommen. Ich erzählte, wie es mir früher ergangen, Stüdi mich zum Besten gehalten, Lisi mich angelockt und mißbraucht, wie mir das ganze Dorf aufgepaßt und mich zum Gespött gemacht habe. Wie ich da mir vorgenommen, mich solchem Elend nicht mehr auszusetzen, weil ein Schulmeister an einem fremden Orte immer ein verkaufter Mensch sei, und weil es mich denn doch dünke, es schicke sich nicht recht für einen Schulmeister, wenn er zu Kilt laufe, oder gar mit den Buben herumhürsche. Ich hätte den Pfarrer so manchmal gegen den Kiltgang predigen hören und hätte selbst beim 7. Gebote dagegen so reden müssen, da es in Müslis Analysen so stehe, daß ich gefunden hätte, es sei viel nützer für mich, wenn ich mich dieser Sachen enthalte, und hätte deswegen ein festes Gelübde abgelegt, das ich auch gehalten bis dato. Deswegen solle es mir doch recht nicht zürnen und deswegen mich etwa nicht wollen. Alles dieses begleitete Mädeli mit den gehörigen Gebärden und Ausrufungen. Über die Weibsbilder ließ es manchen Ton hören und meinte, alle Weibervölker müßten sich dessen schämen, daß es sellige gebe, und man könne sich nicht wundern, wenn die Mannsbilder nicht besser wären und viele meinten, sie könnten mit jedem Meitschi machen, was sie wollten. Wenn es aber das nur gewußt hätte und wie leid es ihm nun sei, daß es mich mißkannt, und wie es sich schämen müsse, daß es an sellig Sachen nur gesinnet! Ich tröstete wieder und fragte es nun auch: ob es mich denn eigentlich lieb habe und begehre, meine Frau zu werden. Da hob Mädeli seine schönen Augen auf und schlang den Arm um mich und sagte: »O Schumeister, myr Lebelang ist mr nie ke Mönsch so lieb gsi wie dir; i ha geng glaubt, i vrsüng mi, daß mr nit emal dr Vatter so lieb gsi isch wi dir. Aber dä het mi geng balget u het mi nie grüemt, u die angere Meitschi hei mi vrachtet, wil i nit so schöni Kleider gha ha wi si, u dBuebe hei mr geng neuis fürgha, u dir syt dr erst Mönsch gsi, wo mi nie balget het und geng fründli mit mr gsi isch. Da het's mi grad vo Afang a dunkt, i möcht für ech durs Für laufe, u we-n-i nume ech öppis chönnt z'Gfalle thue. U-n-i ha mängisch pläret daheim, daß i denkt ha, die angere müeßten-ech lieber sy as i, wil si hübscher syge u fürnehmer, u schöneri Kleider heyge. U als es us dr Schuel cho syg, heig es e Längiziti nah mr gha, es heig's dunkt, es well's töde, u we-n-es mi nume vo wytem gseh heig, so heig es ihm scho gwohlet. Und wo es gwüßt heig, daß i o zum Brunne chömm, so heig's es dunkt, mi heig ihm verehret, weiß kei Mönsch wie viel. U-n-es heig mengisch gsinnet u gstunet, es wüß nit was, u we me-n-ihm grüeft heig, su heig es nüt ghört, bis me-n-ihm i dOhre brüelet heig. U wo du di alti Frau ds Gspött mit ihm gha heig, da heig es du gmerkt, was es stuni, u-n-es heig si mengisch fast z'tod pläret, wenn es däicht heig, es syg nume es arms Meitschi u niemer acht si sinere u-n-i frag ihm o nüt na u werd nit so-n-es arms Meitschi näh. U de heig es denkt, es well nie manne, sondere syr Lebtig ledig blybe; aber es müeßi es niemer meh uslache u niemer meh amerke, daß es mi lieber heig als die angere Mönsche. U de we-n-i mit ihm fründlich gsi syg und es gment heig, es syg mr lieb u-n-i doch de nüt heig welle säge vo bi-n-im ligge, da heig es es fast welle zersprenge. U-n-es chönn's no jetzt nit glaube, daß mer Ärst syg u daß i so-n-es arms Meitschi öppis schätzi. J chönt ja uslese unter den schönsten und reichsten Meitschene; es düech's, es sött mr's keis chönne absäge. Da war dann wieder die Reihe an mir, zu beteuren, wie es mir lieber sei als andere Meitscheni; und wie ich an seiner Liebe gezagt, der Küherhub mich eifersüchtig gemacht, und wie Mädeli ein Meitschi sei, das für einen Landvogtsbub zu gut wäre. Solche Wechselrede ist gar süß und doch gar wunderlich. Man wird nicht satt zu hören und muß dann doch auch darein reden; und wenn man zu reden begonnen hat, so kann man wieder nicht aufhören, bis das andere aus vollem Herzen mit süßen Worten übersprudelt. Wir saßen so wonnereich aneinander, hatten die Hände zusammengelegt, sahen einander tief in die Seele hinein; in die Seele, die nun unser war und an deren Gewinn wir nicht satt uns freuen kannten. O, es ist so herrlich eine neue Seele sein nennen zu können, und doch können so viele Menschen sich nur über neue Kleider freuen, und so manche Braut nur über den Hochzeitrock. Die armen Leute mit ihren armen Freuden! »So, so, das geht lustig zu; wenn die Katze aus dem Hause ist, so tanzen die Mäuse!« erscholl es auf einmal dicht vor uns. Wir fuhren auseinander und sahen den Papa Schuhmacher vor uns stehen, der von einem lustigen Schulmeister zu reden anfangen wollte, während Mädeli verschämt sich in eine Ecke drückte. Ich aber ermannte mich, trat dem redenden Schwiegerpapa mitten in seine Rede und erklärte: daß ich nichts unehrliches begehrt, sondern Mädeli gefragt hätte, ob es meine Frau werden wolle, und Mädeli habe nicht Nein gesagt und so hätten wir uns zusammen gefreut, daß wir zusammenkämen, wenn er nichts dawider hätte. Da warf sich mein Schuhmachermeister in die Brust und meinte: das lasse sich noch luegen. Sein Mädeli sei ein Meitschi, wie es weit und breit keines gebe; das wäre für einen Bauren gut genug und nicht so für den ersten besten. Und wer ihm dann die Sache machen solle, wenn Mädeli heirate? eine Jungfrau vermöge er nicht! Man sei nur angeführt mit Meitschene; habe man sie groß gefüttert und ihnen alles angehängt, was man auf- und anbringen könne, so flögen sie aus, dem ersten Hudel zu, der sie wolle, und lassen die Alten im Stich. Wenn sie auch noch an die Alten dächten und ein Eckli zu erheiraten suchten, wohin sie die Alten mitnehmen könnten, so wäre das ein anderlei. Es frage sich, ob er mir das Meitschi gebe; wenn das noch ein wenig warte und öppe o thue, wie die andern Meitschi, so chönn das einen guten Schick machen, wenigstens ein Kühheimat fehle dem sy Seel nicht. So polterte der Alte und wollte lange nicht auf gute Worte hören. Als ich endlich sagte, meine Eltern hätten auch zwei Kühe zuweilen, und im Schulhaus werde wohl auch Platz sein für ihn, und Mädeli bittend ihn streichelte und ihm versprach, ihn nie zu verlassen: da ließ er allmählich die Milch herunter und nach einigem Brummen: so ein Meitschi sei doch dr dümmst Hung von der Welt, gab er sich zufrieden und erklärte: wenn es nicht anders sein könne, so wolle er das Wüstest nicht machen; aber säge müsse er, daß er nicht geglaubt, nume e Schumeister zum Tochtermann zu bekommen; so einer sei gerade zu ästimieren, wie gar niemer, und verlassen auf sie könne man sich auch nicht; unter Hunderten sei kaum einer, der selber gschlüfe mög, fürschwyge de angere helfe chönn. Kurz, es that dem Mann wohl, sich einmal breit zu machen und etwas von sich erbitten zu lassen, und als das geschehen war und er alle seine Höflichkeiten an Mann gebracht hatte, so wurde er zufrieden, ergötzte sich an dem Gedanken: was wohl die Leute sagen werden, daß sein Meitschi schon einen Mann bekäme, während manche reiche Tochter keinen kriegen könne, und schoß nebenbei allerlei Witze auf uns ab. Es war spät geworden, der Alte schläfrig. Er sprach vom zu Bette gehen und ich rüstete mich zum weggehen. Da fragte er: was das bedeuten solle, seit wann es der Brauch sei, daß ein Hochzeiter um diese Zeit von seinem Mädchen weglaufe; ob das neue Moden seien, oder ob ich zu vornehm sei, bei seinem Meitschi z'ligge? Ich stotterte etwas, daß ich nicht gewußt, ob es ihm recht sei, und daß ich gar gerne dableiben wolle, wenn er nichts dawieder habe und Mädeli nichts. Mein Gelübde war vergessen; dem Alten konnte ich doch nichts davon sagen, und dann schien's mir so traut, bei Mädeli länger zu sein in seinem geheimnisvollen Kämmerlein in verschwiegener Nacht. Aber Mädeli schüttelte den Kopf und bat mich heimzugehen ihm zu Lieb und Gefallen; es glaube sonst, ich hielte nichts auf ihm. Der alte polterte nun auf das Mädchen los: was das für dolders Flausen seien; es werde nicht besser sein wollen, als seine Alte auch gewesen, und es solle nicht glauben, wenn es einen Schulmeister kriege, so werde es eine Herrenfrau; das sei noch eine ganz andere Art von Krebsen. Wir sollten machen, daß wir ins Nest kämen, und da nicht so zimpferlich thun wie zwo Welschlandtöchtere. Ich stimmte dem Alten immer mehr bei. Aber Mädeli kehrte sich nicht an ihn, bat so treuherzig und sah mir so liebherzig in's Auge, bat nur um diesen Gefallen, sonst müsse es sich sein Lebtag vor mir schämen, daß es mir seine Gedanken bekannt, führte mich so sanft zur Stube aus, verabschiedete mich draußen mit einem so brünstigen aber kurzen Kuß, daß ich auf der Gasse stand, ehe ich mich versah, nichts mehr sah, als einige Augenblicke noch düstern Lampenschein, und nichts mehr hörte, als noch einige Spott- und Schimpfreden des Alten. Da stund ich nun, um ein Hemde ärmer und um eine Braut reicher; und von einem Hemde und zu einer Braut hatte mich ein wirklich eigentlich Wascherweib gebracht, das mir Couragi gemacht. Es ist doch wirklich dumm vom Staat, wenn er Professoren besoldet und das noch ordentlich, um den Jünglingen, bei den Gymnasiasten anfangend, Mut zum Heiraten zu machen. Es mag ein Professor auch das mögliche thun, so viel zu leisten als ein Wöscherweib; er mag hundertmal ausrufen: nicht Heiraten sei nur Feigheit, drum frisch gewagt! Er mag akurat thun, wie ein Wöscherweib; so nachdrücklich und wirksam, wie eines, wird er nimmer. Viertes Kapitel. Von den Verdrießlichkeiten eines Bräutigams. Erinnert sich noch jemand, wie er es trieb, als ihm sein Götti oder die Gotte den ersten neuen Batzen gab? Wie er den nicht aus der Hand brachte, höchstens auf Zureden der Mutter in den Hosensack auf Augenblicke, aber schnell ihn wieder hervorzog, und wie er jedem Menschen sagte: \>Lue, was mir dr Götti gä het!\< und wie der Batzen mit ins Bett mußte, wenigstens am Abend der letzte, am Morgen der erste Gedanken war? Ungefähr so macht es einer, wenn er zum erstenmal eine Braut hat, eine Braut nämlich, die er einigermaßen liebt und mit der er sich einigermaßen meint. Und ich stund alleine auf der Gasse und mußte mich einzig spazieren führen in mein einsames Häuschen, wo ich keinem Menschen es sagen konnte, daß ich eine Braut hätte und wie eine. Das war eine lange Nacht; es schien mir gar nicht Tag werden zu wollen, und ich glaube nicht, daß ich mein Lebtag an einem Wintersonntag, meinen Kaffee so früh z'weg hatte und so früh z'weg war, um in die Predigt zu gehen. Ich hatte mich geputzt nach Vermögen und wenigstens dreimal das Halstuch anders umgelegt und sah mehr als dreißigmal nach der Uhr, ob es nicht wohl Zeit sei, zu gehen? Endlich machte ich mich auf die Beine, aber niemand war noch auf dem Wege; kein Meitschi sah ich hinter mir, keines vor mir. Mädeli hatte einen Sinn mit mir und wahrscheinlich war ihm die Nacht nicht kürzer vorgekommen als mir, und vielleicht war ihm wohl mehr als ein Seufzer entronnen, daß es an ihrer Länge Schuld sei. Er war auch frühe parad; aber so ein alter Schuhmachermeister läßt sich durch eine Braut nicht aus seinem Plamp bringen, höchstens zu einem Fluch: was das für es dolders Pressier sei hüt, und es werde noch lange frühe genug kommen, um an die Füße zu frieren und Langeweile zu haben. Ja, wenn der Pfarrer es könnte, wie der hinter Murten, so wollte er nichts sagen; der habe gepredigt, daß der Kalch von den Wänden gefahren sei, und auf das Kanzelbrett habe er geschlagen, daß es einen hoch aufgesprengt und es einem Wunder genommen habe, daß er es habe mögen erleiden. Ja, da sei es noch der wert gewesen, z'Chilche z'ga; aber hier könne keiner nichts, und im Winter sollte man es ihnen ganz abstellen. So machte er eher langsamer als geschwinder, daß ich ganz die Hoffnung aufgab, Mädeli zu sehen in der Kirche. Endlich, als man schon zu singen angefangen, kam es herein. O, wie wohl that mir das und wie ein ganz anderes Gesicht machte ich, wahrscheinlich eines, wie die Erde, wenn die Sonne sie anscheint. Was weiter kirchliches vorging, weiß ich nicht. Meine ganze Seele, alle meine Wahrnehmungskraft lag in meinen Augen und diese Augen sahen ein Stücklein von Mädelis Haaren und Stirne, und da blieben sie vor Anker unverwandt. Das Säumeitschi hätte mir wohl etwas besser z'weg sitzen können, wie andere Meitscheni auch thun; allein es hatte sich hinter eine Bäurin gepflanzt, die einen Kopf hatte wie einen Bombenkessel, und dort blieb es fest und unbeweglich. Nur beim aufstehen und niedersitzen wußte es mir ein Äugelein zuzukehren, um sich zu überzeugen, ob ich noch immer ans gleiche Ort sehe. Nach der Predigt wollten mich einige Schulmeister aufhalten und mir berichten von einer neuen Mode Schul zu halten, wo die Kinder, wie die Soldaten auf der Schützenmatt, auf und ab marschierten; man nenne sie die gegenseitige, weil die Kinder immer gegen einander sehen müßten. Mir brannte aber der Boden unter den Füßen; ihren gelehrten Erörterungen entwand ich mich gewaltsam. Leider fand ich Mädeli nicht alleine, sondern der lange Chorrichter ging mit ihr und noch einige Meitschi. Und der Chorrichter erzählte den Meitschene lange Geschichten vom Chorgericht, und wie das einere ergehe, wenn sie vor Chorgericht müsse, und wie sie dann den Chorrichter müsse holen lassen, wie sie da ane chneue müsse, wenn sie kindbetten wolle, und wie der sie, wenn sie am nötlichsten thue, fragen müsse: ob sie den rechten als Vater angegeben? Da erlese es sie und er sei schon manchmal dabei gewesen, daß eine gar nicht habe kindbetten können, bis sie mit der Wahrheit fürecho syg. Wenn man einere das anwünsche, so könne kein Doktor nichts machen, bis sie den rechten füre gä heyg. Dann machte er einige praktische Anwendungen auf die Mädchen, die bang und andächtig zugehört hatten, und ermahnte sie: sie sollen sich in acht nehmen, und wenn sie das Ungfell hätten, so sollten sie gleich mit dem rechte füre. So konnte ich mit Mädeli gar nichts reden; aber ansehen konnte ich es doch vom Kopf bis zu den Füßen, wenn nicht etwa der lange Chorrichter, wie ein dicker Schatten, zwischen uns trat. Ich hoffte nun, es komme in die Kinderlehre, doch umsonst; Mädeli ließ sich nicht sehen, wohlweislich. Ein rechtes Meitschi hat hundertmal mehr Verstand als ein Schulmeister. Was hätte das für eine Kinderlehre geben müssen, wenn Mädeli da gesessen und meine Gedanken und Augen immer bei ihm gewesen wären? Was das für einen langweiligen Nachmittag gab! und wie ich immer bei mir werweisete, ob ich nicht auch am hellen Tag zu ds Schuhmachers könne; das gehe ja niemand etwas an und die Leute würden es doch bald vernehmen. Aber ich hatte nicht mit Mädeli darüber gesprochen, wußte nicht, ob es dasselbe etwa ungern hätte, und wartete und wartete so, bis es dunkel ward. Da steckte ich meine Tubakpfeife an und füllte meinen Tubakseckel zu, um meinen Schwiegerätti mit dreikreuzerigem traktieren zu können, und wollte eben das Licht abblasen, da klopfte noch jemand. Ich meinte schon, es sei etwa Mädeli; aber da trat herein des Ammanns Knecht und sagte: »Schumeister, du mueßt mr neuis schrybe.« Damit zündete er seine Pfeife auch an, pflanzte sich auf den Ofen so lange er war, und brichtete erst lange von einer Kuh, welche wieder stierig geworden sei. Als ich ihn mit Mühe von diesem Kapitel abbrachte und wissen wollte, was ich schreiben solle, da blies er dicke Wolken aus seiner verschlammten Pfeife und etwas verlegen sagte er: »He, Schumeister, üsi Magd, wo z'Wiehnecht furt isch, het mr gschrybe u het mr bifohle, daß i ere antworte söll, u jetz, Schumeister, mueßt du so-n-e Antwort ere schicke,« O Herrgott! wie mir da die Ungeduld im Blute krabbelte! Aber wenn einmal so ein Hans oder Benz auf dem Ofen liegt, mit einer Pfeife im Gesicht, so bringt da keine Ungeduld mehr etwas ab. Ich wußte also nichts besseres, als so schnell möglich mich hinzusetzen, nahm Papier vor mich und fragte: »Nun Hans, was soll ich schreiben?« – »Myra was d'witt; mach du ume so-n-e Brief, das me cha vrmache u-n-uf dPost thue.« – »Aber du muesch mr doch säge, was i dry mache soll i Brief.« – »He, i weiß das auf my S..l nit; du sottsch das wüsse, Schumeister, was me so i-n-e Brief macht.« – Ich sagte, es werde im Brief, wo er bekommen habe, wohl etwas gewesen sein, darauf hätte geantwortet werden sollen. – Ja, das wisse er nicht, sagte Hans, er hatte sich auf das Schribel nit chönne vrstah. – Ich fragte nach dem Briefe. – Ja, den habe er behalten wollen und ihn im Liblitäschli gehabt; allein heute beim Melken habe das Blöschli gar ein dreckig Uter gehabt und kein sauber Stroh hätte er im Stalle gehabt; da hätte er den Brief genommen und dem Blöschli das Uter damit abgewischt und ihn dann weggeworfen, weil er ganz voll K.. dreck gewesen. Aber das mache nichts ja, i söll nur neuis i Brief mache, was ich wolle; das sei doch ja gleich. – Ich fragte allerlei und brachte endlich heraus, daß ich schreiben solle: der Zingel habe zwei Kälber gehabt, beides Stierenkälber, und gebe einen ganzen Kessel voll Milch, und die neue Magd sei ihm nicht anständig; sie brauche ihm gar viel Stroh für die Schweine und verleg ihm den Säumist nie. Darnebe wär sie bravi gnue, aber aparti sust hätte er noch nichts mit ihr gehabt. U we sie wieder z'sämme chöme, su söll es ihm de e Halbi zale, dr Brief heig-ne 6 Fr. gchostet u de löi er's no grüeße. So viel brachte ich endlich heraus und stilisierte das, so gut ich in meiner Ungeduld konnte. Endlich war ich fertig, aber Hans begehrte nicht fort; er war gewillet, mir den Abend durch kurze Zyti zu machen. Er nahm den Brief, sagte: \>Dankeigisch, Schumeister, oder chost er neuis?\< und blieb liegen. Ich durfte nicht sagen, daß ich zu Schuhmachers wolle; sonst hätte er gesagt, er komme mit. Nach langem Sinnen wußte ich nichts anders zu machen, als notwendiges Reden mit dem Wirte vorzuschützen. Kam Hans mit, so konnte ich ihn dort sitzen lassen; kam er nicht, desto besser, so brauchte ich auch nicht hin. Hans sagte: er habe die Holzschuhe an u-n-es schick ihm si nüt, i dene i's Wirtshus z'ga. Aber i söll ume ga; er mög sauft erwarte, bis ich wiederkomme; es schick ihm si gar wohl da uf em Ofe. Ohne weitere Komplimente ließ ich ihn nun liegen und eilte über Hals und Kopf zu meinem Meitschi. Es ist kurios, wie der Brautstand eine Zeit der Sympathie ist, oder, wie Gelehrte sagen würden, wie zwei Brautleute in eine Art magnetischem Rapport zusammen stehen; was das eine fühlt, fühlt auch das andere; die gleichen Gedanken steigen zu gleicher Zeit auf, die gleichen Bedürfnisse wandeln sie zu gleicher Zeit an. Mädeli hatte nach mir blanget, so gut wie ich nach ihm, und zu seinem Blangen war noch die Angst gekommen: was das Ausbleiben zu bedeuten hätte, ob ich reuig geworden, oder sonst etwas? Da hatte es sein Näschen zwischen der Küchenthüre hinaus ins Freie gestreckt, bis es rot angelaufen war und es endlich endlich mich daher schnupen hörte. Da fuhr es erst zurück und ward bange ums Herz und dann wieder fröhlich und öffnete die Thüre, und hatte nun keine so große Eile mehr mich in die Stube zum Alten zu stoßen, und keine Angst, als mein Gesicht etwas nahe zu dem seinen kam. In der Stube saßen wir gar fröhlich beisammen, und Mädeli zog aus dem Ofenguggeli ein sorgsam zugedecktes Kacheli mit Kaffee und legte mir Brot vor, und hatte eine gar herzliche Freude, mich zum ersten Mal speisen und tränken zu können, und noch dazu mit so gutem Kaffee; denn zu dieser Kanne hatte es drei Bohnen mehr genommen, als gewöhnlich, nach der Tradition von seiner Mutter her, zu nehmen waren. Nun kam gar manches zur Sprache, was gestern im Sturm der Gefühle nicht berührt wurde. Fünftes Kapitel. Von den Verhandlungen über Hochzeittag und Ehesteuer. Wir hatten gar nichts davon geredet, wann Hochzeit gehalten werden solle. Schon am nächsten Sonntag wollte ich verkünden lassen. Mit beiden Beinen hätte ich gerne auch diese Zwischenzeit übersprungen. Mir und Mädeli gab ich ganz ehrlich als Grund an, daß ich in vier oder fünf Wochen längstens wieder müsse waschen lassen, und wer mir dann waschen solle, wenn ich noch keine Frau hätte? Zu jenem Wäscherweib werde ich doch nicht mehr sollen? Aber der Alte und Mädeli waren nicht dieser Meinung. Über Mädelis ganzes Wesen zuckte freilich ein Strahl glühender Freude, als es sah, wie ernst es mir sei; denn vor lauter Freude hatte es noch immer gezagt und gezweifelt wie Thomas; aber es überlief es doch ganz heiß, sich in vier Wochen schon als Frau zu denken. Gar viel hätte es noch, z'weg zu machen, meinte es, so daß es bis zu jener Zeit unmöglich fertig sein könne. Und der Alte schüttelte noch mehr den Kopf ob solchem Pressieren. Er vermöge zwar seinem Meitschi nichts mitzugeben, und aparti neue Kleider könne er ihm auch nicht machen lassen; die, welche er ihm habe machen lassen, wo es vom Herrn gekommen sei, seien aber noch wie neu und thäten es sauft. Aber öppe ein oder zwei Hemder, ein Paar Schuhe und ein Paar Strümpfe, das wolle er doch sehen zu machen; aber dazu brauche es mehr Zeit als vier Wochen. Wenn er zu uns komme, so bringe er allweg noch etwas Hausrat mit, und das werde mir auch komod kommen. Daß ich keine Ehesteuer erhielt, und Mädeli zum Trossel nicht mehr als ein neues Hemd oder zwei, erschreckte mich gar nicht, hätte ich es doch eben so lieb auch ohne das genommen. O ich hatte jetzt in dieser Beziehung gar hundsgemeine Gedanken und wirklich die Hoffnung, von der Liebe leben zu können, die ich jetzt eigentlich zum erstenmal zu einer bestimmten Persönlichkeit recht fühlte, obgleich ich von Jugend auf die Meitscheni gerne gesehen und bereits zwei Liebesgeschichten gehabt hatte. Hätte ich vornehmere Gesinnungen gehabt, so hätte ich da mit meinem Schwiegerpapa zu märten angefangen; denn einen Bruder oder Vater hatte ich nicht, dem ich des Anstands wegen den Handel auftragen konnte, wie man es da thut, wo man ein besonders feines Gefühl für Anstand besitzt. Da märtet man dann zusammen bis aufs Blut schriftlich und mündlich, und gibt sich auf die feinste Weise die unverschämtesten Dinge zu verstehen, und bricht den Handel doch nicht ab. Und wenn man recht vornehm ist, so handelt man nicht um einige Dublonen, sondern um 100 000 Pfund oder Franken. Bringt man mit tausend Mühen und Betteleien bei allen Großmamas und Tantes etwas mehr zusammen, etwa 104 000 £., so hält man sich für geborgen, kann leben comme il faut und stellt wenigstens ein Schoßhündchen, einen Pipo an, wenn auch kein Pferd. Hat man aber weniger zusammen gebracht, so zuckt die Welt die Achsel, redet verblümt von Erdäpfel-Mariage. Die Leutchen fühlen sich selbst gedrückt; eine Art Verschämtheit sieht man ihnen von weitem an, und man glaubt alle Augenblicke aus ihrem wehmütig verzogenen Munde zu hören, was einst ein ehrlicher Hans Ulli sagte: Rych sy mr nümme, aber doch no geng fürnehm. Und mit bedenklichem Mitleiden wird von den armen Leutchen, ces pauvres gens, gesprochen und den großen Entbehrungen, denen sie sich unterziehen müßten. Imaginez-vous, ma chère, sagt Tante Marianne, pas seulement, es dritts Plättli mag's-ne zieh, nit emal geng a-me-n-e Sunntig; c'est donc bien fâcheux. Freilich bestunden der guten Tante Marianne ihre dritten Plättli oder das sogenannte Entremets gewöhnlich entweder aus Apfelschnitzen oder Haberbrei oder einem Erdäpfelstock, die man aber mit gar schönen Namen getauft hatte. Solche Armut ist oder war aber verdammt komod, um zu Pöstleins zu kommen. Denn diesem Elend, in dem man freilich ein Salon hatte, aber kein drittes Plättli, und im Salon nur alle Winter einmal die Societät und höchstens drei Soirées , mußte doch abgeholfen werden. Es geschieht aber doch auch, daß ein solcher Handel sich zerschlägt, rumpiert, weil man bei genauerem Nachrechnen fand, daß das Ding sich dennoch nicht standesgemäß gebe. Da ist's nun wirklich bewunderungswürdig, mit welcher Naivität die Leute das sich gestehen und mit welcher christlichen Resignation sie aus einander gehen, sich gegenseitig kaltblütig sagen: Adieu ma chère! Adieu mon cher! Da steht man den wahren bon ton ; da zeigt sich, was feine Lebensart heißt; da steht man die wahre Abgeschliffenheit. O so eine Abgeschliffenheit ist ein gar köstlich Ding, und nicht zu verwundern ist's, wie viele Menschen sich viel darauf einbilden, ihr alles darein setzen, alle Leute mit einer tiefen honte ansehen, die nicht abgeschliffen sind wie sie. So ein Abgeschliffener (verkürzt Schliffel) zu sein, ist ein komod Ding; denn diese Abgeschliffenheit ist das Vorrecht und zu gleicher Zeit das erste Kennzeichen des Vornehmseins. Es kostet aber viel, vornehm zu werden, liebe Leute; das Reiben und Ribeln geht nicht umsonst. Es kostet euch ungefähr das, was es einen reichen Kadetten kostet, bis er Offizier ist. Der muß sich auslachen lassen, der muß zu essen und zu trinken geben, muß im Spiel sich ausziehen, durch Anliehen ausbeuteln und zu dem allem Spaß mit sich treiben lassen; der muß sein, was ehedem der Fuchs unter den Studenten war, wo es hieß: Fuchs stopf mir die Pfeife, Fuchs bezahl, Fuchs binde mir die Schuhe; nur mit dem Unterschied, daß das Studenten-Fuchsentum nur ein halb Jahr oder höchstens eines dauerte, jenes aber anderhalb bis drittehalb Generationen. Enfin wer seine Haut dick genug dazu glaubt und auch seinem Geldseckel traut, daß sie beide das Schleifen ertragen mögen, der versuche es. Freilich hätte der Handel nur um noch ein Hemd, ein Gloschli und höchstens um einen Kittel gehen können und nicht um 30- oder 60tausend Pfund; aber am Ende ist Handel doch Handel. Dieser Handel wird allerwärts getrieben, aber doch, je vornehmer man sich glaubt, um so offener und naiver treibt man ihn. Wahrscheinlich aus dem Grunde, weil ein Vornehmer glaubt, alles was er thue, sei auch vornehm und niemand habe da von ferne (das Recht wollte ich sagen; o nein, das Recht zu kritisieren spricht einem nur ein Großrat ab) den Verstand, ihn zu kritisieren. Ist noch niemand aufgefallen, welch bedeutender Unterschied man macht zwischen vornehm und nobel? Noblesse hat dann schon wieder die höhere Bedeutung von nobel verloren und ist bloß das Hauptwort von vornehm. Wenn also nicht vornehm, so hoffe ich doch nobel gehandelt zu haben, als wir ohne Märten zusammentraten und jedes nur in der Liebe des andern seine Rechnung fand. Diese Rechnung legte uns freilich viel Entbehrungen auf, brachte uns in manche Not; aber wir versanken doch nicht in der Not; die Not erzog uns, rief Kräfte in uns auf; die Not gab Erfahrungen, die Erfahrungen brachten Läuterungen, von denen ich sonst keinen Begriff erhalten hätte. Solche Erfahrungen und Läuterungen machen das wahre Fuchsentum dieser Welt aus, das eine obere Hand geordnet hat und leitet und das die darin Bestehenden nobel macht. Darum, Leute, sucht es nicht mutwillig, aber scheut es auch nicht feige. Macht es euch auch nicht vornehm, so macht es euch doch nobel. Und seid ihr schon vornehm, so thut einmal eure Augen auf und seht, wie herrlich und imponierend einer aussieht, wenn er vornehm und nobel auf einmal aussieht, und wie lächerlich manchmal und andermal traurig einer aussteht, wenn er imponieren will und nicht nobel drein sieht, weil er nicht nobel ist. Am traurigsten und am lächerlichsten sind denn doch die, welche weder vornehm noch nobel aussehen und es nicht sind und doch imponieren wollen. Das sind wirklich wahre Spektakelleute, und mich wundert, daß ihnen nicht die Gassenjungen nachlaufen. Man sieht solche zu Stadt und Land. Doch, wo gerate ich hin! Von meinem alten Schwiegerätti, der ehrlichen Pechhaut, weg, mit der ich nicht märtete um sein Meitschi, auf alte und neue Junker, die imponieren wollen und nicht können, die um alles handeln und märten, um ihre Meitscheni und um andere, um ihre eigenen Sachen und um andere Sachen, Nehmt es nicht für ungut, alt und neue Herren; aber eben das Pech, an dem so viel kleben bleibt und wo man, was einmal klebt, nicht mehr losbringen kann, brachte mich von meinem Schwiegerätti weg in eine so vermessene Gedankenreihe. Bei meinem Schwiegerpapa war aber leider nichts kleben geblieben als gerade das Pech selbst und einige Erinnerungen aus seinen Wanderungen hinter Murten; daher preßten ihm auch seine geringen Versprechen schwere Seufzer aus. Ich wollte mich dadurch nicht abschrecken lassen, wollte versprechen, alles Nötige selbst anzuschaffen; er solle gar keine Kosten haben. Aber er fragte mich, ob ich dann so viel Geld hätte, und ob ich nicht daran gedacht hätte, daß noch viel andere Dinge anzuschaffen seien, und ob es nicht für einen Schulmeister gescheuter sei, mit dem Heiraten zu warten, bis die Schule zu Ende sei, wo man dann Zeit habe, dem Zug nahz'sinne u nahz'laufe, und wo noch sein Lohn fällig sei. Nach langem Hin- und Herreden mußte ich endlich einwilligen zu warten bis nach dem Examen, mußte am Ende wieder heim in mein Bett, ungeachtet der Alte schalt, während ich schmollte, brummte, anhielt. Sechstes Kapitel. Wie die Leute uns in die Mäuler nehmen. Daß ich zerstreut in der Schule war, wird man begreiflich finden, und eben so begreiflich, daß mein abendliches Visitenmachen bei Schuhmachers den Leuten auffiel. Wäre ich alle Nächte hin zu Kilt gegangen, so hätten die Leute ganz einfach gesagt: \>Dr Schumeister geit zu Schuehmachers Mädeli,\< und wären vielleicht nur darüber uneinig gewesen, ob ich es nehmen werde oder nicht. Daß ich aber um 6 Uhr abends hin ging und um zehn Uhr heim kam, das fiel gewaltig auf. Da wurde gewaltig viel geredet von denen, die sich die Mühe nahmen, um uns sich zu bekümmern. Es kamen viele Leute mit verlöcherten Schuhen des Abends hin, nur um zu sehen, was wir da mit einander trieben, und der Schuhmacher hatte lange nicht so viel zu thun gehabt. Obgleich nun die Leute gar nichts Böses sahen, höchstens daß ich gerne so nahe als möglich bei Mädeli saß und in seine Augen sah, so fanden sie denn doch Ursache genug, uns recht unehrliche Dinge nachzureden, behauptend, wenn ich etwas ehrliches mit dem Meitschi wollte, so würde ich zu ihm gehen, wenn andere Buben auch zu ihren Meitschene, d. h. zu ihnen die Nacht durch in ihr Kämmerlein und Bett, und würde nicht so da bei ihm hocke in der ungeraden Zeit, wo es kein ehrlicher Mensch thue, d. h. beim Licht und in der Gegenwart des Vaters. So viel vermag Sitte und Vorurteil. Daß sie aber Mädeli eben deswegen zu meinem Mensch machen wollten, erfuhren wir lange nicht. Der Pfarrer sagte mir einmal, als ich mich bei ihm verabscheidete, es sei ihm leid, daß er allerlei Gerede von mir vernehmen müsse. Er glaube zwar nicht daran, aber ich solle mich doch in acht nehmen. Nach einigem Verwundern und Erörtern vernahm ich, daß die Leute mir nachsagten, ich wolle oder hätte Mädeli zu meiner Hure gemacht. Ich bekannte dem Pfarrer, daß wir Brautleute seien, nach Ostern verkünden lassen wollen, und daß wir gemeint hätten, es sei für einen Schulmeister anständiger, wenn wir so zusammen kämen statt wie die andern; ich sehe es aber wohl, es sei doch besser und anständiger, es zu machen wie andere Leute. Der Pfarrer aber brannte auf, daß mir so was jetzt nur in Sinn stiege, nachdem ich mich so brav benommen bis dahin. Im Gegenteil werde er am Sonntag eine Predigt darüber halten und den Leuten sagen, was sie seien und wie sie nicht einmal wollten, daß andere besser würden. Ich hielt ihm gar hart an, daß er das doch nicht thun solle; aber erst auf das Versprechen, daß ich nicht zu Kilt gehen wollte, entsprach er auch mir. Wir beide gingen aber brummend auseinander. Jeder glaubte dem andern allzuviel nachgegeben zu haben. Er glaubte eine wichtige Gelegenheit versäumt, einen krebsartigen Mißbrauch abzustellen, und um ein in die Hände gekriegtes Musterbild andere zu versammeln. Ich meinte um des Eigensinns des Pfarrers willen noch länger dem Tadel mich preisgeben zu müssen; ich meinte, das klügste wäre, zu thun wie andere Leute; das sei doch das anständigste, und alle früher gemachten Erfahrungen waren ordentlich wieder vergessen. O, es ist gar schwer, Erfahrungen nicht nur zu machen, sondern sie auch zu behalten, nicht irre zu werden an ihnen. Es ist auch gar schwer nicht nur für einen Schulmeister, sondern für Wissende und Gebietende dieser Erde, in jedem gegebenen Falle zu entscheiden, wo bei dem rechten Mann oder Christ die Accommodation anfangen und aufhören, der Widerstand beginnen und unterlassen werden soll: Accommodation und Widerstand gegen öffentliche Meinung und übliche Sitte. Offenbar liegt hier der Entscheidungsgrund nicht in Nutzen oder Schaden, überhaupt nicht in den Folgen, sondern er liegt in dem, was recht ist. Nun aber ist denn doch Vervollkommnung, Vernünftiger Fortschritt im Zwecke des Menschengeschlechts. Es ist aber klar, daß unbesonnenes, übereiltes Entgegentreten das Böse fördert, Gutes zerstört. Daher ist's schwer zu entscheiden, wann man das Unkraut aus dem Weizen nehmen, wann man es lassen soll bis zur Ernte. Aber traurig ist's, wenn man die Feigheit der Menschen sieht in dieser Beziehung. In aufgeregten Zeiten, wo die Meinung alles, die Sitte wenig gilt, da sieht man Menschen mit der niederträchtigsten Niederträchtigkeit Sklaven der öffentlichen Meinung werden und keine andere Meinung haben als die, welche gerade Trumpf ist und welche Leib und Leben schützen, ein Pöstlein bringen kann, während die gleichen Feiglinge die übliche Sitte auf die frechste Weise höhnen im einfältigen Glauben, nun sei einmal die Zeit gekommen, wo man nicht mehr achte auf Sitte und Zucht, wo im Gegenteil der der Größte auch unter den Menschen sei, welcher die größte Sau unter den Säuen wäre. Die Dummköpfe wissen nicht, daß es Zeiten gibt, wo man an Orten, z. B. in N . d . u, nichts hört als Frösche, Frösche und wieder Frösche. Wird daraus ein vernünftiger Mensch schließen, es seien nun keine Menschen mehr, sondern lauter Frösche, und für ihn die höchste Zeit, auch ein Frosch zu werden, um nicht einzig ein vernünftiger Mensch zu bleiben? Können nun das die Höchsten nicht, so ist es Schulmeistern auch nicht zu verargen, wenn sie es nicht können, wenn sie z. B. in jedes dreckige Horn blasen, das man ihnen vor das Maul hält, und dann wieder Dinge sich erlauben, die weder im Alten noch im Neuen Testament erlaubt sind. Mädeli weinte, als ich ihr sagte, was die Leute uns angedichtet hätten, und wir beschlossen nun, uns förmlich als Brautleute zu erklären, und nicht die Gemeinde erst mit dem Geheimnis von der Kanzel aus zu überraschen, wie es sonst auf dem Lande der Brauch ist. Da verhüllt man die Geschichte so lange sie zu verhüllen ist, sagt nichts vor den Leuten, bis man verkündet ist und läßt unter zehn Malen wenigstens sechse nicht verkünden, bis man muß. Was nun die Leute für Augen machten, als sie das hörten, als sie sahen, daß ich einst ungescheut für Mädeli beim Krämer ein Nastuch und einen Fingerring kaufte, und ein andermal es zwang, selbst mit mir zum Krämer zu gehen, um sich Tschöplituch auszulesen, denn das ältere Tschöpli schien mir doch nicht gut genug zum Hochzeittschöpli. Ich hätte dem Meitschi alles anhängen können, was ich gehabt, und alle Tage mußte es mir abwehren, nicht so narrochtig zu thun; wir würden das Geld sonst noch brauchen. Dann sang es mir gewöhnlich das bekannte Lied: My Schatz, we du de z'Märit thuesch gah, Su chrämerle nit geng so viel, We du de dys Güetli verchrämerlet hesch, Was soll i de mache mit dir? Was nun aber das den Leuten zu reden gab, und wie sie an unsern Brautstand nicht glauben wollten und immer meinten, ich meine: ich sei ein Herr und müsse es machen wie ein Herr, d. h. ein Maitreßli haben und dieses mit Geschenken überhängen! Die Weiber wiesen Mädeli auf. Sie litten das, der Tütschel soll sie hudeln, nicht, daß ich, wenn ich sie heiraten wolle, nicht bei ihr läge, und wäre ich der Schultheß z'Bern; da söll's eine mache wie dr anger; das wurd z'letzt süsch lustig gah, we me e-n-iedere mache ließ, wie är wett. Da chönnt ja eine, we-n-er z'Nacht nit bi syr Brut wär, bi-n-ere-n-iedere Huer sy, we's ihm gschmöckti. U de-n-es Schuelmeisterli syg de notti nüt z'fürnehm für z'Chilt z'gah. Und die Meitscheni führten mich aus, hießen mich zu ihnen zu Kilt kommen; ich könne ihrethalben Tags kommen, wenn ich mich des Nachts fürchte; sie wollten dann die Fellladen zuthun. Aber so einen Mann im Sack kaufen, so einen nehmen, der nie bei ihnen gelegen hätte, möchten sie nadisch doch nit, u we sie z'letsch gar kene überchämte. Wir mochten nicht erwarten, bis wir durch das Verkünden unsern Ernst zeigen und die Leute etwas gschweigen konnten. Siebentes Kapitel. Wie ich mit Mädeli auf Reisen gehe. Endlich wurden die Tage länger. Der Schnee verließ die Felder; Lerchen sah man auf den Ackern wieder und in den Baumgärten die Merzenglöcklein, der Kinder Lust. Die Schuljugend wurde wilder und ungezähmter; neue Lebenslust fuhr in sie, ihr Blut schien heißer zu werden; eine Regsamkeit durchströmte sie, mit der der Schulmeister gewöhnlich seine liebe Not hat. Er bringt sie nicht vom Stöckeln weg, nicht mehr in die Stube herein, wenn sie einmal draußen sind. In den Gärten sah man wieder Weiber; in den Baumgärten wurde bschüttet und schöne weiße Waschen hingen, in einfacher Reihe aufgespannt, damit sie desto größer schienen, allenthalben zum Trocknen an der lieben Sonne; Merzenstaub wirbelte auf den Straßen und lustig wälzten in demselben sich die Hunde. Mit Mädeli hatte ich je länger je mehr abzureden und konnte doch nie recht mit ihm ausreden. Wir mußten ans Pflanzen denken und wußten nicht recht, was und wie viel von diesem und jenem, und wußten nicht recht, durfte Mädeli mir dabei helfen. Es schämte sich fast dessen, ehe wir verheiratet waren. Und zwischenein redete es mir immer mehr von meinen Eltern, meiner Heimat, fragte, ob ich ihnen meine Heirat geschrieben, ob sie nicht kämen, ob ich nicht hin wolle, daß ich am Ende einmal fragte, ob es etwa mit mir kommen wolle, um auch zu sehen, wo ich daheim sei. Mädeli meinte, das sei ihm gar das rechte; es hätte schon lange gedacht, es wäre doch nicht recht, wenn es sich meinen Eltern nicht anrekommandieren würde; es seien doch immer die Eltern, und sie meinten es vielleicht jetzt besser mit mir als früher. Überdies nahm es Mädeli doch auch wunder, wie unser Heimet aussehe und ob wir auf demselben wirklich Kühe und nicht etwa nur Geißen halten könnten. Überhaupt hat es für ein Mädchen immer einen ganz besondern Reiz, und besonders im Frühjahr, einen Tag frei in die Welt hinaus zu können. Reiche Mädchen fahren ein- und zweispännig; aber mit noch größerer Lust gehen arme Mädchen zu Fuß. Und wenn sie auch in den ungewohnten Lederschuhen Blattern bekommen, erst die Strümpfe, dann die Schuhe ausziehen und barfuß gehen, ja, wenn sie noch eine Bürde dazu tragen müssen, so ist ihr Herz doch wonnevoll, und noch ganz besonders, wenn ein Bräutigam ihnen vorausgeht und alle hundert Schritte einmal zurücksieht, ob sein Schätzli noch nachhinke, oder etwa schon am Hag liege. Mir war das Ding auch ganz recht, und nur Schüchternheit war's, was mich so lange abgehalten hinzugehen. Wenn schon nicht feurige Liebe, eine gewisse Anhänglichkeit fühlte ich immer gegen meine Eltern. Auch spienzelte ich gerne mein Meitschi in meiner Heimat, und manchen Abend vor dem Einschlafen sah ich, wie die Weiber meiner Mitbürger unter die Küchenthüre schossen bei unserm Durchgehen, und hörte, wie dann eine Nachbäurin zu der andern sagte: »Ds Webers Peterli het no-n-es bravs Möntsch da; i hätt's nit glaubt, daß er es selligs überchäm.« Und mich nahm Wunder, was meine Mutter dann von ihr erzähle, und ob sie nicht rühme: es sei nicht nur eine hübsche, sondern auch eine reiche, und ihr Vater hätte sieben Gesellen und das Leder für viele Jahre voraus. Ob sie es machte, weiß ich nicht; aber gelacht habe ich oft, wenn so ein Schwiegermüetti, welcher ihr Sohn eine Braut aus einem andern Dorfe vorstellte, dann von Haus zu Haus lief, und ausstrich, wie ihr Sohn eine reiche erhalte und was er alles erwybe, und wie spärlich und ärmlich dann die Braut aufzog, und dann die Mutter mit einem reichen Vetter sich aushalf, der gar geizig sei und jetzt nichts geben wolle, sondern immer sage: man könne einst dann alles zusammen nehmen, es gebe dann nur desto besser aus. Trotz dem Liedli kramete ich Mädelin doch noch eine Kappe und ein Fürtuch, um recht stattlich mit ihm aufziehen zu können, wurde dafür auch tüchtig ausgescholten und dann doch noch zärtlicher geküßt als sonst. Es ist ein eigenes Wesen mit Bräuten und Weibern; sie lassen sich alle gerne kramen, ja viele machen den Kram zum Maßstab der Liebe; und viele, denen am Kram viel, an der Liebe wenig liegt, geben vor, nach dem Kram müßten sie die Liebe messen. Da unterscheide nun ein Mann, woran er eigentlich ist! Das war ein wichtiger Tag für Mädeli; so weit war es sein Lebtag nicht gekommen, daher des Abredens gar viel war, und sicher manche fast schlaflose Nacht. Mädeli wäre um Mitternacht aufgebrochen; nur mit Mühe konnte ich es dahin bringen, daß es erst um 3 Uhr das Kaffee bereit hielt. Als ich ziemlich exakt hinkam, hatte es meiner schon lange gewartet und war z'weg, so z'weg, wie die Kinder Israel beim Auszug aus Ägypten, und hatte auch gar nichts vergessen. Z'weg sein zur abgeredeten Stunde und nichts vergessen, das ist eine gar schöne Tugend, die allen Weibern gar schön stehen würde, zwar den Männern auch. Aber es gibt halt Menschen, die nie z'weg sind, im Leben nie und auch im Tode nicht. Am Morgen zwitschern am lustigsten die Vögel; den Tag über verstummen sie; vor dem Schlafengehen öffnen sie dann wieder ihre Schnäbelchen und schlagen bald weichmütige, bald zärtliche und bald schläfrige Triller. Kühl war den Morgen, aber heiter der Himmel, an dessen westlichem Rande der erblassende Mond der Erde die letzten Küsse gab. Es ward uns weit ums Herz und traulich in demselben; behaglich und vertraulich wanderten wir mit einander. Ein gewisses freudiges, unnennbares Erwarten des kommenden Tages lagerte auf unsern Gesichtern. Etwas Ähnliches fühlt jeder Reisende an schönen Morgen. Aber so ganz das gleiche fühlt nur die Braut und der Bräutigam, wenn sie zum ersten Mal allein zusammen auf den Weg sich machen, sei's zu Fuß oder zu Wagen. Sie sind nun Reisegefährten; vor ihnen liegt ein langer Weg und ein unbekannter Tag. Vereint zu Schutz und Trutz gehen sie dem Weg und dem Tag entgegen und fühlen vereint den heitersten Mut, das wonnige Bewußtsein, Lebensgefährten zu sein. Dieser Tag ist ihnen ein Vorbild ihres Lebens, der Weg die Reise durchs Leben. Möchte man denn doch die Fröhlichkeit und die Traulichkeit beim Aufmarsch den ganzen Tag bewahren, und am Abend ohne traurige Täuschungen noch inniger vereint Einkehr halten wieder in der Herberge! O wie rosig sah es an diesem ersten Reisetage in manchem Mädchenherzen aus, und aus so manchem rosigen Mädchenherz ist ein Weiberherz geworden, inwendig gallenvoll, auswendig stachlicht, wie eines Igels wohlbekannte Haut! Weiber, wer hat euch also verhexet? Munter ging die Wechselrede und jedes redete von sich und bekannte seine Fehler, die welche es kannte nämlich, und seine Vorsätze und seine Hoffnungen, Mädeli bekannte manche Unkunde, besonders im Pflanzen; kochen hingegen könne es, wie wir es etwa haben werden, und ich brauche es nicht zu trösten, wie jene Braut, die gar bitterlich weinte, als sie mit dem neuen Mann aus der Kirche ging. Der fragte sie endlich: »Was planst?« »Ach, Gott, we-n-i ume choche chönnt, aber i cha nüt, i cha nüt!« (aus diesem Grunde könnte noch manche plären.) Da antwortete der Mann kaltblütig: »Du Göhl, deswegen plär doch nit, i ha ja nüt z'choche!« Da soll die Braut erst recht angefangen haben zu weinen. Hingegen, sagte Mädeli, könne es nähen für den Hausbrauch und das sei ihm schon manchmal komod gewesen. Aber ich solle nicht zürnen, es sei empfindlich und möge böse Blicke und böse Worte nicht ertragen; die thäten ihm gar zu weh und die dauren es dann lange, und dann halte man ihm vor, es chupe, und doch sei es gewiß nicht das Chupen, sondern das Duuren, daß man es nicht lieber habe. Ich bekannte auch; bekannte Unschlüssigkeit und ein mißtreu Wesen, das mich aber erst angekommen. Aber eine Frau solle es gut haben bei mir, meinte ich, fast wie eine Herrenfrau und viel besser als viel Bäurinnen. Zu pflanzen hätten wir nicht so viel und dann könne sie an Schatten und Scherm bleiben, und über das Geld wollten wir nur einen Schlüssel haben; was meins sei, das sei auch seins und da könne es nehmen, soviel es wolle. Wir wollten es nicht so machen, wie es mancher Herrenfrau (d. h. doch nicht bloß Pfarrersfrauen, sondern auch anderen Herrenfrauen) und auch noch Bauernweibern gehe, die jeden Kreuzer mit Angst und Not betteln müßten. Ich vergaß nur zu versprechen, daß Mädeli immer Geld genug vorfinden solle; aber an dem zweifelten wir nicht. Wir rechneten zusammen meinen Lohn, meinen Verdienst, wollten noch aus unsern Pflanzungen etwas lösen, und Mädeli meinte: so es Tusig wolle es doch wohl noch ein Tag in den andern spinnen und das mache immer einen Batzen. Wir überschlugen auch die Ausgaben und hätten fast Freudensprünge gethan, als sich jährlich wenigstens 25 Kr. Vorschlag zeigte, und doch hatte ich nur 300 Arbeitstage gerechnet, während doch nicht 65 Sonntage sind. So schwand die Dämmerung, der Weg, wir wußten nicht wie, und im Umsehen waren wir in einem stattlichen Dorfe nur eine Stunde von meiner Heimat. Dort sah Mädeli sich immer nach etwas um, ich wußte nicht wornach, und vernahm endlich, daß es einen Krämer suche, um meinen Eltern etwas zu kramen nach üblichem Gebrauche. Nachdem es 1/2 Pfund Zucker und 1/4 Pfund Kaffee eingekauft und beim Bezahlen sich recht schämig und üblich bei Seite gedreht hatte, damit niemand sehe, wie wenige Bätzlein und wie mühselig es aus seinem Kittelsack hervorknüble, so fand ich denn doch auch billig, ihm eine Halbe zu zahlen. Und wie es auch sich eigelich machte und vorgab, es mög es wohl erlyde und es heig nüt nötig; so kam es mir doch nach, als ich voranging. Es ist nichts lustigers, als so ein Paar zu sehen, das ins Wirtshaus kömmt und wo die weibliche Hälfte sich gewöhnlich erst wehrte, meist aus Höflichkeit, aus Ernst selten. Der männliche Teil geht voraus und stößt noch manchmal im Vergeß die Thüre halb oder ganz zu, und oft, wenn er schon an einem Platze sitzt, drückt sich erst das Meitschi verlegen durch die zugehende Thüre hinein, weiß nicht recht, ob es vorwärts will oder nicht, sagt verschämt: »Gott grüeß ech!« und hat nicht ungern einen Finger im oder am Maul, weil es nicht weiß, wo es ihn sonst haben sollte. Von da an begann es mich zu heimelen und ich hatte Mädeli tausendfältiges zu erzählen von allen Umgebungen und wer aus diesem und auf jenem Hofe wohne, und wieviel Kühe sie hätten und was das für Leute seien. Und während dem Erzählen sah ich mich immer nach bekannten Leuten um, ward immer ungeduldiger nach bekannten Gesichtern und einem bekannten Gruß. Wenn einer wieder in die Heimat kömmt, so heimelet ihn erst die Gegend, dann will er heimelige Gesichter und am Ende auch Herzen, bei denen es ihm heimelig wird. Findet er die beiden letztern nicht, dann kömmt das Heimweh auch in der Heimat. Solches Heimweh drückt schwer manches alte Herz, das nie aus der Heimat gekommen. Die mit ihm jung waren, sind heimgegangen; die, welche mit ihm die Hitze des Tages ertragen, hat der Tod in seinen Schatten gebettet, die, welche es zu seiner Hülfe, seinem Trost erzogen, sind ihm abberufen worden zu anderer Arbeit oder in der immer neu werdenden Welt ihm fremde geworden; so findet sein Auge kein heimelig Gesicht, ein Zeugnis früherer Tage, mehr, findet kein heimelig Herz mehr, bei dem ihm früher bei Leid und Freude wohl gewesen. Fremd ist's um ihn geworden. Da kömmt ihm dann das rechte Heimweh nach der rechten Heimat; unheimelig wird ihm im bekannten Lande, und er sehnt sich nach dem Lande, das kein sterblich Auge noch gesehen hat. Er weiß, dort wird ihm heimelig sein; denn dort findet er, was hier in seinem Herzen wohnte. Glücklich, wem beim Gedanken an den Himmel ein heimelig Gefühl in seinem Herzen aufdämmert! Wem aber hier nie heimelig im Herzen wohnte, was im Himmel ist, dem würde nicht heimelig im Himmel werden, auch wenn er hineinkäme. Endlich kamen die heimeligen Gesichter und sie kannten mich recht ordentlich wieder. »G, Peter, bisch du's, i hätt di bal nimme kennt; du hesch drüyt, sit i di nüt gseh ha. Isch das dy Frau? 's isch e Bravi, du hesch geng uf di Hübschi gluegt,« das war der gewöhnliche Gruß, neben dem Handlängen, welches zu unterlassen nach einigem Nichtsehen eine Beleidigung wäre, während es in der Stadt eine Beleidigung ist, d. h. bei den Herren, die sich vor dem Gemeinmachen fürchten und nichts mehr hassen, als einen Schein von Kordialität und Zutraulichkeit. Die freundlichen Begrüßungen allenthalben thaten mir wohl. Als gar auch noch der Statthalter mir die Hand längte und sagte: ich hätte sollen mich für ihre Schule melden; sie hätten mich gerne gehabt und hätten mein Ausbleiben fast gezürnt; da ward ich ordentlich stolz und Mädeli blickte mich mit Respekt an und meinte: da müsse ich gar wohl ah sein. Ich wuchs wenigstens drei Zoll und machte mich so breit als möglich. Es ging mir aber nicht anders als verschiedenen andern Honoratioren mit verschiedenen Namen. Ich mußte oft lachen, wenn solche Standespersonen mit Visiten im Dorfe spazierten. Da traten sie viel stattlicher einher, weil sie sich mit ihren Visiten, wenn diese nämlich etwas zu bedeuten hatten, meinten und gleichsam mit ihnen sagten: ihr Leute seht, solche Leute kommen zu mir; ich muß also auch anderwärts etwas gelten und bekannt sein. Und hinwiederum, wenn die Dorfleute sie grüßten und gar den Hut zogen, so thaten sie viel freundlicher und zugleich gravitätischer, und sahen die Visiten an, fragend: ob sie denn bemerkten, wie geachtet man sei und wie gut man es mit den Leuten könne. Freilich gab es mich Honoratioren, die vor Visiten darin eine Ehre suchten, gar niemand zu kennen, gegen niemand freundlich zu sein und recht augenscheinlich zu zeigen, daß man sich um die Canaille nicht futiere und meist nur durch den Landjäger mit ihr rede. Die Popularität ist nämlich eine Münze, die nicht immer und nicht bei allen den gleichen Wert hat. Je näher wir unserm Häuschen kamen, um so banger ward mir dennoch, trotz aller begegnenden Freundlichkeit. Ich hatte Mädelis Vater nicht eigentlich gelogen, hatte nicht aus unserm Heimwesen einen Baurenhof gemacht. Ich hatte es nicht gemacht wie jener Schelm, der seiner Braut gesagt hatte: die Sonne in B. sei seine. Als daraufhin die gute Braut in die Sonne zu B. auf die Gschaui gekommen, die Meisterschaft ergreifen, sich Kisten und Kasten öffnen lassen, dem ganzen Personal befehlen wollte, so glaubten die Wirtsleute, die Person sei verrückt. Nach einigen nicht verblümten Reden mußte endlich der Schalk bekennen, daß er unseres Herrgotts und unser aller Sonne gemeint, die zu B, auch seine sei, wie jedes andern Bürgers, und nicht das Wirtshaus zur Sonne. So hatte ich es nicht gemacht; aber im Scheine der Jugenderinnerung, in welchem alles einen größern Maßstab hat, und im Wunsche, mich recht angenehm zu machen, und im allgemeinen Drang, das eigene auszuschmücken, mochte doch manches schöner und größer geworden sein in meiner Erzählung, als es in der Wirklichkeit war. Ich ging daher immer langsamer, während Mädeli immer mehr pressierte. Es trug ein klein wenig gwundriges Herz mit sich, dachte vielleicht an eine kleine zu hoffende Ehesteuer. Wer mag sich solcher Hoffnung wohl erwehren? Es trug aber auch ein Herz voll Liebe und Freude den neuen Eltern entgegen, und solch ein Herz macht auch geschwinde Beine. So in ungleichem Schritt erreichten wir endlich unsere Umzäunung. Ach, wieviel hatte das alles sich noch verschlechtert! Die Bäume sahen aus so strub und vermieschet als möglich; das Land war noch gelb und grau, während an andern Orten alles grünte; und das Haus, Dach, Scheiben, kurz alles sah aus, wie wenn niemand da daheim wäre. Wir trafen die Mutter im Garten, der keinen Zaun mehr hatte. Auf unsern Gruß sah sie auf, sah uns lange an und sagte endlich: »Nimmt es di de o einisch Wunger, ob mr no lebe?« Sie reckte uns endlich die notdürftig abgewischte Hand, hieß uns in die Stube kommen, aber frug nicht, wer bei mir sei. Im Schopf schnefelte mein Bruder, ein großer derber Bursche; der sah uns spöttisch an und war noch einsilbiger als die Mutter. In der Stube stellte ich ihr meine Braut vor, die mit einfachen Worten bat: sie möchte sie für die Tochter halten, sie wolle sie für die rechte Mutter halten. Die Mutter meinte: es hätte mir nicht brauchen so zu pressieren, und Mädelin sagte sie: »Du hesch schint's o nit möge gwarte, bis e Ma gha hesch; du wirsch erfahre, was ds Hürate cha; me weiß nit, was e ledige Lyb wert isch, bis me ne nimme het. So het me's: we me alles a dChing ghänkt het, su laufe si vo eim u lö eim im Stich, we me se am mehrste mangleti.« Mädeli bat, sie solle doch nicht zürnen, u da heig es ere neuis gchramet. – Es hatt das ume chönne la blybe; es hatt's nit brucht. – Es syg nit dr wert, meinte Mädeli, es sng ume-n-es Zeiche. – »Je nu, so dankeigisch eineweg,« meinte die Mutter. Endlich kam aus dem Webkeller auch der Vater, bleich, hager und hustend. Er sah gar grämlich aus und klagte: wie er in seinen alten Tagen es viel böser hätte, als in den jungen, wie immer Leute da seien, wenn man zu fressen habe, aber niemand, um zu werchen. Über das ganze Haus und alle Gestalten war etwas unbeschreiblich ärmliches und verdrießliches verbreitet, und man mochte anpochen, wo man wollte, so sprang eine neue Quelle von Verdrießlichkeit auf. Die Mutter machte ein Kaffee, und während dem Essen jammerte der Vater: er müsse nun seit dem Neujahr das Brot kaufen und die Kuh gehe schon lange gust, da bschüße kein Geld. Das war nicht um Appetit zu machen. Die Mutter, welche glauben mochte, des Vaters Klagen seien eine Art Vorwurf für sie über schlechte Haushaltung, warf ihm vor, daß er eine so schlechte Kuh gekauft. Das erzeugte häßliche Sticheleien, und die machen auch nicht Appetit. Der Bruder mischte sich auf unverschämte Weise ein und trumpfte beide Eltern ab, und – sie ließen es geschehen. Nach dem Essen sagte ihm der Vater: er solle doch ein wenig für ihn an den Webstuhl und der Junge antwortete: da wett er e Narr sy; er heig anger Sache z'thüe, als da im Webcheller z'hocke. Draußen schlich der Schlingel mit einem Büchsli den Krähen nach. Und weil man dem Schlingel nichts sagen, nicht einmal etwas zumuten durfte, so ging es desto mehr über andere los, rücksichtslos, und ich mußte ziemlich deutlich hören, daß es braver von mir gewesen wäre, daran zu sinnen, ihnen zu helfen, statt zu wyben. Das machen Eltern aber oft, daß, je mehr ein Kind sie plagt und aussaugt, je weniger sie ihm sagen dürfen, sie desto mehr über die andern Kinder herfahren, desto mehr von ihnen fordern. Sie denken nicht daran, daß sie gerade dadurch die Liebe, welche geben, helfen sollte, töten. Es wurde mir eng und heiß im engen Stübchen und Mädeli war das Weinen immer zuvorderst. Mir thaten meine Eltern so leid und doch so weh. Ich sah, wo der Schuh sie drückte, und konnte doch nicht helfen, konnte die Säure nicht mehr entfernen aus ihren Gemütern, konnte das Verhältnis zu ihrem Kronprinzen nicht mehr herstellen, konnte das mangelnde ihnen nicht verschaffen. Was ich konnte, gab ich dem Vater im Webkeller. Er seufzte, sagte, das werde nicht viel helfen; es sei einmal so, wie es sei. Er hoffe aber, daß er bald draus könne. Doch schien ein weicheres Gefühl gegen mich ihn zu ergreifen. Er hieß mich wiederkommen, sagte zu, uns einmal zu besuchen, wenn sein Husten ihm bessere und wünschte Mädeli, daß es ihm gut gehen möge. Auch die Mutter war beim Abscheid etwas freundlicher und entschuldigte sich, daß sie Mädeli nichts zu geben hätte. Aber wenn es Kinder bekommen sollte, so wolle sie zusehen, daß sie ihm neuis machen könne. Es ist merkwürdig, wie Leute oft erst beim Abschied auftauen, und manchmal erst beim Abschied aus dem Leben. Stumm gingen mir lange neben einander, grüßten und dankten einsilbig den Leuten, die uns noch yche z'cho hießen. Als wir vom Dorfe weg waren, fing mein Meitschi laut zu weinen an. Ich erschrak gar bitter, im Glauben, es weine getäuschter Hoffnungen wegen, es habe geglaubt, ich hätte etwas zu erben und nun gesehen, daß weniger als nichts da wäre. In diesem Sinne fing ich an zu trösten und zu entschuldigen. Aber Mädeli ließ mich nicht ausreden, sondern sagte: »Ach, Peter, glaub doch ume nit, daß i pläre, wil d'nit meh hesch, as i; du bisch mr lieber as ke Ryche. Aber we-n-i denke, daß es üs o so gah sött, daß mr enangere o so nüt chönnti verstah, u geng uf enangere stichlete, u geng es nieders sötti dSchuld sy, su wott's mr schier ds Herz zrschryße. Lieber wett i hüt no sterbe. Es chunnt mr nüt schrecklicher vor, as we zweu nüt anenangere lyde meu u eis dem angere geng seit, was ihm i ds Mul chunnt. Es düecht mi, i hätt kei fröhligi Stung meh, we du mr sellig Sache seitisch u mi so trümpftisch. Gell Peter, du versprichst mr, du wellisch mr geng alles i der Liebi säge u nit vor angere Lüte? Lue i cha alles vü dr anäh, we d' mr's i dr Liebi seist, u i will dr dHäng unter dFüeß thue; aber stichle ume nit u füehr mi nit us. Gell Peter, du wotsch mr das verspreche?« Natürlich versprach ich es. Mädeli tröstete sich nach und nach und wir sprachen recht erbaulich über den Ehefrieden und das Eheglück, und meinten, es sei unmöglich, daß wir über einander böse werden könnten jemals. Ach Gott, das sind schöne Träume: aber wenn man nur immer wieder zufrieden wird, und die Sonne nicht untergehen läßt über dem Unfrieden! Von dem Frieden, der in der Nacht geschlossen wird, halte ich nicht viel; er ist selten haltbar, so wenig wie Wasserfarbe. Aber unser Gespräch ging langsamer allmählich, wie die Beine. Müdigkeit setzte sich in die Glieder und mit den schweren Gliedern wurde auch die Zunge schwerer, die Seele matt. Mädeli mußte Strumpf und Schuh ausziehen, seufzte schwer über spitzige Steinchen und wollte sogar einmal fast böse über mich werden, daß ich in Gedanken fortgegangen war, als es stille stehen mußte. Das gute Meitschi merkte es aber, wie schnell es fast selbst gegen unsern Vertrag gesündigt hätte. Und wir beide nahmen uns die Lehre daraus, wie nahe Leib und Seele einander angehen, und wie wunde Füße auch eine reizbare Stimmung erzeugen und wie ein matter Körper über jede Kleinigkeit die Seele unwillig machen kann. Es ist gut, wenn man das weiß; dann kann man andere schonen zur rechten Zeit und aus sich selbsten Acht haben. Weil man aber das nicht weiß, so haben Reise- und Lebensgefährten soviel Streit unter einander, besonders wenn es mühselig geht und zu Fuße, und am meisten Streit gerade wenn es am mühseligsten geht und die Tagesreise am beschwerlichsten ist. Wir erquickten uns, ruhten aus und doch sehnten wir uns sehr nach der Heimat, und erst als ihre Lichter durch die Büsche schimmerten, wachten wir wieder auf und schritten munterer und rüstiger der Herberge zu und wechselten wieder rascher die Worte. Froh waren wir beide, daß der Tag vorbei war, als wir uns küßten zum Abschied. Und doch war es nachher einer der Tage unseres Lebens, von denen wir am meisten redeten und dessen Andenken noch heute mich erfreut. Achtes Kapitel. Wie ich am Vorabend wichtiger Ereignisse stand. Der Hochzeittag rückte immer näher. Das Gefühl, mit welchem ich ihn herannahen sah, mit welchem ich alle Abende die Tage zählte, ist ein eigenes. Ich mochte es eine freudige und ungeduldige Beklommenheit nennen, denn es ist gar seltsam gemischt, Mädeli muß es auch so gewesen sein; denn es ward allemal rot, wenn davon die Rede war. Es wäre sicher geschmäht worden, wie jene Meitscheni, welche der Schulmeister in der Kinderlehre fragte: Was ist Unkeuschheit? Bäbeli wußte es nicht, Eifi schwieg, Änni schüttelte den Kopf. Da ward der Lehrer ungeduldig und schmähte: »Was, das wüsset ihr nicht? Schämet euch, ihr seid sechzehnjährige Meitscheni u müsset no nit, was Unkeuschheit ist!« Mädeli wehrte sich, und das machte mich böse, gleich in der ersten Woche nach dem Ausverkünden Hochzeit zu halten. Gründe gab es vor, aber keinen rechten; Mädeli hatte einen guten Grund, aber den hielt es heimlich. Das gute Meitschi wollte mir doch auch etwas geben zum Hochzeitgeschenk, und zwar, aus dankbarer Anerkennung, weil ein verlorenes Hemde uns zusammengebracht, ein Hochzeithemde und zwar ein schönes. Sage ein Hemde, denn unserem rechnet solche Dinge nicht nach halb oder ganzen Dutzenden, wie hoffährtige Hausfrauen, die, wenn aus einem halben Dutzend eines fehlt, im Stande sind, auch die andern fünf Stück bei Seite zu werfen, um nur nicht ungerad zu haben. Nun wollte Mädeli den Aufschub nicht etwa aus Saumseligkeit, weil es zu spät daran gedacht, oder aus Nifferei, weil die Näherin es ihm nicht gut genug machen konnte und alle Säume auf besondere Weise gemacht sein mußten, an welcher Nifferei Hochzeite scheitern können; sondern das arme Kind mußte das Geld dazu erst erspinnen und mußte von dem Spinnerlohn noch in die Haushaltung abgeben, und mußte noch dieses und jenes für sich anschaffen oder zurecht machen. Da kann man sich denken, daß Mädeli fleißig sein mußte. Auch sah das liebe Kind auffallend blasser aus; aber um so heller leuchteten die Augen mich an. Es mußte mir endlich doch den Grund des Aufschubes erklären, da ich gar zu ungestüm wurde, und daß es mir darum nicht weniger lieb ward, kann man sich denken. Hie und da geschah es, daß Mädeli des Abends auch zu mir ins Haus kam, um zu sehen, was da sei, was ich gepflanzt hätte u. Das waren schöne Abende. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, wenn unser Meitschi zum erstenmal über unsere Schwelle tritt, wenn es seine Augen schweifen läßt über unser Eigentum und wenn wir dann neben ihm sitzen auf unsern Stühlen. Es ist aber noch viel eigner das Gefühl, wenn eine Braut an unserer Seite sitzet, wenn unsere Augen zusammen gehen über Schränke, Stühle, Tisch und Bett, und wenn wir zusammen gehen durch Küche und Keller, Stube und Kammer. In süßem Ahnen schwebt vor uns in zauberischem Dämmerlichte die Zukunft; es wird uns so eng ums Herz und doch so wohl, der Mund wird gewöhnlich so schweigsam, der Blick so beredt! Der Blick redet aus den Tiefen der Seele herauf; das Innerste gibt er kund, Geheimes drückt er aus, was nicht einmal zum eigenen Bewußtsein gekommen; denn in ganz eigenem unmittelbarem Zusammenhang steht das Auge mit der Seele. Was in ihr sich regt, kann sie, ohne den Verstand zu berühren, ohne erst es in Nachdenken zu läutern, durch das Auge schicken in die Welt hinein. Der Mund gibt nur obenab, was auf der Oberfläche schwimmt, was seiner Leichtigkeit wegen obenauf getragen oder was mühselig obenauf gebracht und durch den Verstande gebürstet und geglättet worden. Da saßen wir dann Hand in Hand und Auge senkte in Auge sich, und aus den Augen sahen wir hinauf ins blaue tiefe Gewölbe, in dem der Mond so silbern leuchtet, so ehrlich drein lugt, hinter dein ehrlichen Gesichte den Schalk verbergend; denn er weiß wohl, warum er des Nachts so leise und mit so ehrlichem Gesichte über die Erde geht. Was der wohl alles zu erzählen hat! und wem erzählt er wohl alles? Ins tiefe Gewölbe verloren sich unsere Blicke, in dessen unermeßlichem Schoße unzählige Welten kreisen, geboren werden und untergehen. Und wie der Blick sich verliert im unermeßlichen Schoße, so geht durch den Blick auch die Seele hinein in jene Unendlichkeit und verliert sich in unendlichen Gedanken. So saßen wir oft zusammen in stillem Frieden, ahnungsvoll die Brust geschwellt; und dann küßten wir uns leise und jedes ging seiner Ruhe zu. Wir wußten nicht, daß man das sentimental oder empfindsam nannte. Aber wenn in dieser Zeit, wo dem Menschen seine Zukunft geboren wird, wo sie noch ruht in des Schöpfers Hand, in dieser Zeit, wo eine Seele noch eine andere will, einer nichts empfindet, als irdische Lust oder irdisches Berechnen, dann sieht es seicht oder steinern aus in seiner Seele. Dann verwundere sich keiner, wenn so einer nicht bewegt wird von unaussprechlichen Ahnungen, von einem wirklich und eigentlich göttlichen Gefühl. Beim Tiere gattet nur der Leib mit dem Leibe sich, der Mensch nimmt eine Seele in sich aus und Seelen gehen von ihm aus; das ist göttlich, ein Zeugnis seiner göttlichen Natur. Zum Golt wird jeder Mensch, wenn er in die Ehe trittet: die Ehe ist sein Reich, das er bevölkert, regiert, erhaltet, in dem er im kleinen walten will, wie Gott im großen in seinem großen Reiche. Darum ist, wer nur von Ferne seine Würde ahnet, in diesem Zeitpunkt so hoch gestimmt; traurig ist's, daß diese Stimmung nicht anhält, sie sollte durchs ganze Leben klingen. Wir konnten freilich darüber nicht reden; wir wußten nicht, was in uns sich regte so ahnungsvoll. Und so geht es sicher manchem Christeli und manchem Liseli, denen man solche Gefühle nicht zutraute. Ein wichtiges, was wir auszumachen hatten mit einander, war der Ort, wo wir Hochzeit halten wollten, und die Art, dahin zu gelangen. Mädeli war noch nie in Bern gewesen; aber Bern war etwas weit, um zu Fuß dorthin zu gehen. Mädeli wäre nun gerne geritten (gefahren); sein Lebtag sei es noch nie geritten und es dächte doch, das müsse gar lustig sein, meinte es. Aber ich war noch nie gefahren (hatte noch kein Roß geleitet), fürchtete mich davor und sprach nicht gerne einen Bauer um Roß und Wägeli an. Mädeli stund ab von seinem Wunsche und zwar ohne bedeutendes Gewicht darauf zu legen. Es wurde ein etwa zwei Stunden weit entfernter Ort auserlesen, wo ein Wirt war, den man als gar billig rühmte. Neuntes Kapitel. Der Hochzeittag. Frühmorgens brachen wir auf und fanden uns außer dem Dorfe zusammen, damit man uns nicht etwa aufhalte mit Seilen oder Stangen, um Lösgeld zu erhaschen. Am östlichen Himmel schickte die Sonne den Tag herauf; dem schläferigen Tage sandte sie Strahlen nach, welche rosenrot thronten auf den schneeigsten Firnen, und den Thälern das Kommen der Königin des Tages verkündeten. Majestätisch und feierlich stieg sie über der Erde Rand empor. Da schien sie mir stille zu stehen und verwundert mein Bräutchen anzuschauen, mit besonderer Huld und besonderm Glanz dasselbe anzustrahlen und, nur dasselbe in ihrem Lichte verklärend, zu vergessen die übrige Erde. Aber dessen wunderte ich mich nicht. Was konnte wohl die Sonne an diesem Morgen lieblicheres sehen als eben mein Bräutchen? Und die Sonne weiß wohl, was schön und lieblich ist, und vielleicht hatte ihr auch der Mond gesagt, sie solle diesen Morgen aufpassen. Mein Bräutchen glänzte so blank und weiß, so niedlich und nett, wurde so freundlich rot, wenn es mich ansah, und seine Augen funkelten so träumerisch und bodenlos in die strahlende Sonne hinein, daß mich nicht gewundert hätte, wenn die Sonne den ganzen Tag stehen geblieben wäre um meines Meitschis willen. Aber die Sonne darf nicht lange säumen; es ist noch einer ob ihr, der sie nicht stille stehen läßt. Wir sprachen nicht viel mit einander; aber daß unsere Herzen voll waren, gaben unsere gegenseitigen Fragen kund. »Mädeli, hescht mi de eigetli o recht lieb u nimmsch mi gern?« So frug ich. »Peter, bisch di nüt reuig u hättisch nit lieber e Rycheri u-n-e Hübscheri?« So frug Mädeli. Und dann gaben wir uns tröstende und liebende Versicherungen mit Mund und Hand, bald wieder schweigend, sinnend und ernst. Denn es ist ein ernster Morgen, der Hochzeitmorgen, und ein ernster Gang, dem Kirchlein entgegen, wo aus zweien eins gemacht wird, die dann auf immer vereint des Lebens Last und Hitze tragen, Lieb und Leid teilen, gleichen Schrittes den Weg durchs Leben dem Ziele zugehen sollen. Wie die Hälfte zur Hälfte passe, mag eine fühlende Brust immer banger bewegen, je näher die verhängnisvolle Stunde kömmt. Glockentöne klangen von ferne zu uns her. Wir hörten sie nicht nur, wir fühlten sie bis ins tieftste Mark hinein und gaben uns schweigend die Hände. Es war das erste Zeichen zum Gottesdienst. Die Glockentöne vermehrten sich, schienen rings uns zu umweben; ein Kirchlein antwortete dem andern und verkündete den Menschenkindern, daß es sich öffne, die Gelübde für den Vater zu empfangen und den Trost des Vaters zu spenden den leidenden Herzen. Zusammen gingen wir zum Pfarrer, uns zur Kopulation zu melden. Es war ein würdiger alter Mann, der das Band schon manchmal geknüpft haben mochte, dem aber die Handlung denn doch nicht gemein geworden war, so daß sie ihn gleichgültig ließ und er sie handwerkmäßig verrichtete. Er richtete ernste, bedeutungsvolle Worte an uns, an mich als Schulmeister, der wissen solle, was ein guter Ehemann sei und welchen Segen eine Ehe bedürfe, und dann auch an Mädeli: wie schwer es sei, eine gute Hausmutter und eine würdige Schulmeistersfrau zu sein, nicht andern zum Ärgernis und zur Last, sondern zum Muster und zum Segen. »So jung bist du noch, Meitschi,« sagte er »hast du auch alles recht überdacht? überdacht, was es heißt, einen Schulmeister zu heiraten, was du da zu ertragen übernimmst: böse Leute, manchmal einen übellaunigen Mann und meist Not und Mangel; und was du doch schuldig bleibst: deinen Mann zu beglücken, die Leute zu versöhnen, aus deinem Milchkrüglein der Witwe Ölkrüglein zu machen, ein fromm und froh Gesicht in allen Tagen und vor Gott und Menschen und vor dem Mann insbesondere?« Mädeli antwortete nicht; aber zwei große schwere Tropfen rollten ihm über die Backen und fielen hörbar auf sein galanteriertes Fürtuch. Ich wurde ärgerlich über sein Schweigen, fürchtend, der Pfarrer möchte glauben, es sei ein Stock, und wollte ihm später Vorwürfe darüber machen; aber es sagte, daß ihm gewesen wäre, als ob eine eiserne Hand den Hals ihm zuschnüre. Für all Geld in der Welt hätte es nicht Atem zu einem Worte gefunden. Der Pfarrer muß es besser begriffen haben als ich, denn er sagte: »Nu, nu, Meitschi, ich will dir nicht Angst machen; aber sagen wollte ich dir, was deiner wartet in Bürde und Pflicht. Wohl dir, wenn du es fühlst, und Gott gebe dir Kraft zu bestehen.« Darauf sagte uns der Pfarrer, es werde bald läuten; ob wir z'weg seien? Da packte Mädeli ein Wartsäckli aus und fing in einer Ecke an, seine Strumpfbändel aufzulösen, und als es einen Strumpf am schönen Beinchen heruntergestrichen hatte, um ihn dann mit einem weißeren zu vertauschen, wies uns der Pfarrer in eine andere Stube, wo die Köchin Herr und Meister schien an den Kuchifürtechen an, die herumlagen auf dein Bett und am Boden, schwarz und klebrig. Dort machte ich zum erstenmal in meinem Leben den Kammerdiener, zog die Kappenschnüre aus dem Tschöpli hervor und half aus die Kappe das Kränzlein festmachen. Das stand Mädeli ganz besonders wohl; es gab ihm etwas vornehmes oder vielmehr nobles und das Köpflein schien sich noch einmal so stolz unter dem Kränzlein zu heben. Das Köpflein wußte wohl, daß das Kränzlein ein wohlverdientes sei und daß das Kränzlein sich selbsten meine und brüste, einmal auf eines wirklichen Mädchens Kappe zu thronen als zierlicher Jungfernkranz; darum hob das Köpfchen das Kränzchen so hoch und stolz. Ich habe manchmal gedacht, was doch auch so ein Ding, nicht Frau nicht Mädchen, das die Hände nicht mehr über dem Kopf zusammenbringen kann ohne Leibschneiden und seine Schuhe nicht mehr sehen kann vor dem in der Mitte sich antürmenden Vorgebirge, was doch so ein Ding denke, habe ich gedacht, wenn es sich ein Kränzchen aufsteckt, oder bei bereits eingetretenem Unvermögen aufstecken läßt; wenn es so in der Angst, die Hebamme nötig zu haben, ehe der Pfarrer kömmt, in die Kirche pfoselt mit seinen geschwollenen Füßen und wunderlichen Empfindungen aller Art tief unter feinem Kränzchen? Was so eins gedacht habe, habe ich nie vernommen; ich aber habe gedacht, daß so eins wahrhaftig ein schamlos Mensch sein müsse; daß es verdienete, man würde vor ihm her bis zur Kirche Spreuer säen und Spreuersäcke schwenken hinter ihm und vor ihm. »Vergiß nicht,« sagte Mädeli, ehe wir das Stübchen verließen, »daß wir während der Kopulation uns fest aneinander drücken müssen, damit der Teufel nicht zwischen uns kommen könne. Der Vater hat es mir noch aus dem Bette nachgerufen, als ich schon unter der Thüre war.« Ich kannte diesen Glauben wohl und glaubte daran, daß, sobald der Teufel während der Trauung zwischen den zu trauenden eine Lücke sehe, er zwischen einfahre und sie trenne auf immer. Aber daß in diesem Glauben für junge Eheleute bildlich und einfältig aber kräftig die Wahrheit ausgesprochen sei: Haltet fest und unzertrennlich zusammen, laßt nichts zwischen euch hineinkommen, weder einen Freund noch einen Feind, weder ein Glück noch ein Unglück, weder Leidenschaft noch Gleichgültigkeit, sondern bleibet eins für und für, das begriff ich nicht. Das begreifen noch viele nicht, die trotz allem Zusammendrängen während der Trauung immer etwas zwischen sich und den Gatten zu ziehen haben, Leute zum aufweisen, Leute um klagen zu können, Leute um zu lieben oder zu hassen, unerfüllbare Wünsche, unerträgliche Eigenheiten, giftiges Mißtrauen, oder gar alles vergiftende Eifersucht. In gar mancher ländlichen Sitte, manchem sogenannten Aberglauben ist ein tiefer inniger Sinn; aber man versteht den Sinn nicht mehr, während man noch lange am Gebrauche hangt. Das Kirchlein war klein, düster das Licht in demselben, trübe die Fenster, in denen einige gemalte Scheiben glühten. In den Bänken waren noch drei hochzeitliche Paare, die des Pfarrers harrten, die Bräute mit frohen Gesichtern, daß sie es endlich so weit gebracht, und andächtigen Händen, die sie auf ihren hochaufgetriebenen Fürtüchern bequemlich und zusammengelegt ruhen ließen. Endlich kam des Pfarrers ehrwürdige Erscheinung, und in klarem tiefdringendem Basse, würdig und langsam, las er die schöne Liturgie uns vor, welche durch die meisten Traureden nur verwässert wird. Ein feierliches Beben ergriff uns beide, als wir Hand in Hand an den heißen Stein traten, und als die kräftigen Mahnungsworte an uns ergingen: in Freud und Leid, in gesunden und kranken Tagen einander zu helfen und zu raten, in liebreicher Geduld je eines des andern Mängel und Schwachheiten zu ertragen. Es rannen Thränenströme über Mädelis Wangen nieder und mich fing es an zu stechen und zu brennen in den Augen. Unsere Hände legten wir so fest in einander, als ob es die Herzen selbst wären, die ewig nicht mehr auseinander gehen sollten. Aber das Ja, so freudig es das Herz heraufsandte, fand doch den Weg zum Munde nicht, sondern quoll im Halse und ließ sich ersetzen durch einen weit ausgreifenden Scharrfuß. Und als wir beten mußten zu unserm Herrgott um Segen zu unserm Bunde, um Segen im Leben, um Segen im Tode, eines betend für das andere, da versanken wir in die Andacht, die die Worte nicht mehr hört, die mit unaussprechlichen Seufzern uns bei Gott vertrittet. Das nach einer Pause ausgesprochene Amen weckte uns wieder; wir sprachen es mit von ganzem Gemüte, aus voller Seele, und Amen, Amen klang es in uns fort und fort, bis wir, den andern Paaren nachwandelnd, ins Wirtshaus kamen. Dort nahm zur augenblicklichen Stärkung bis zum Mittagessen jedes was es wollte, wir nach alter Sitte ein gutes Weinwarm. Die jungen Weiber fingen nun an zu reden und zu rühmen und zu hecheln und zu fragen: was jeder ihren Brautstaat gekostet. Die drei Bräutigams frugen nach Karten, um mit einem Nams die Zeit bis zum Essen sich zu verkürzen. Mir ward die Zeit lang ob dem Hören und Sehen, und das beständige Sticheln, da ich nicht mitspielen wollte, trieb mich endlich hinaus. Wie ein Schmied von weitem in einem Dorfe die Schmiede wittert und ein Bäcker die Backstube, und denselben zusteuert, so ging's auch mir. Ich fand das Schulhaus bald und nicht weit davon den Schulmeister. Ein Wort gab das andere, und da wir die Tugend haben, daß es gerne einer besser macht als der andere, so mußte immer der andere, wenn einer erzählt hatte, wie er etwas mache, sagen: »U-n-i mache's so, u-n-es chunnt mr dä Weg gar guet, u-n-i weiß nit, wi's mr dr anger Weg chäm.« Über diesem verging eine lange Zeit; ich verklapperte mich ordentlich, und als ich wieder gegen das Wirtshaus kam, sah ich mein Weibchen ängstlich um dasselbe trippeln und in alle Ecken gucken. Das arme Kind hatte fast geweint, als die andern zu Tische saßen und ich nicht da war. Alleine sich hinsetzen durfte es nicht. Es suchte mich daher, fand mich nicht und war in der peinlichsten Angst, nicht begreifend, ob ich verunglückt, gestohlen worden, oder davon gelaufen sei. So einem stündigen Weibchen muß es seelenangst werden, wenn es auf einmal den Mann nicht mehr finden kann, man denke sich! Wie es sich freute, als es mich wohlbehalten die Straße auf kommen sah! Wie es doch so freundlich mir an den Arm sich hing und gar nicht mit mir branzte! Manch ander Weibchen hätte trotz der Freude Wetterwolken übers Gesicht gezogen und aufbegehrt nach Noten über mein Fortlaufen, oder hätte vielleicht den ganzen Tag mit mir gekupet, so daß es ausgesehen hätte, als wäre es gerade deswegen böse, daß ich wohlbehalten wieder gekommen. Es gibt Gemüter, die allen Dingen die böse Seite abgewinnen; es gibt Gemüter, die allen Dingen die gute Seite abgewinnen. Die erstern finden Stoff zu Klagen in jeder Freude, die andern Stoff zur Freude in jedem Jammer; die einen schütten Galle in jeden Hunghafen, die andern Balsam in jede Wunde; die einen nehmen jeden Zufall übel, die andern verzeihen jedes Wehthun; die einen sind gar unglückliche Gemüter, nassen Jahren vergleichbar, wo nichts wachsen will, während es noch um so lieber hagelt; die andern sind Gemüter wie Maiennächte, wo alles auferstehen möchte, alles grünt und duftet. Mädeli hatte der letztern Gemüter eins, und mit keinem sauren Blick versalzte es mir die Suppe, mit keinem bösen Worte verpfefferte es mir den Tag. Nach Wirtshausweise trug man etwas langsam auf, damit wir nach Landessitte Zeit hätten das Essen so recht z'weg zu legen, daß es sich setzen konnte und Platz für immer neues wurde. Das dauerte aber den drei Kumpanen zu lange; sie schoben das Tischtuch zurück und fingen wieder an zu spielen, obgleich ihre Weiber dagegen redeten und meinten, sie sollten doch zuerst genug essen. Sie hörten nicht darauf; sie sahen ihre Weiber nicht an, schenkten ihnen nicht ein. Sie spielten noch fort, als Mädeli und ich fortgingen. Sie spielten den ganzen Nachmittag fort. Sie achteten nicht darauf, wie einer nach dem andern von seinem Weibe gezupft und ans Heimgehen gemahnt wurde. Sie spielten den ganzen Abend fort, sahen die Schatten nicht länger werden, die Sonne nicht zu Bette gehen, achteten das Schelten ihrer Weiber nicht. Sie spielten in die Nacht hinein mit immer wütenderem Eifer, sahen den Zeiger der Uhr nicht der Mitternacht zueilen, hörten das Heulen ihrer Weiber nicht, die nun zum erstenmal am heutigen Tag so recht ergriffen waren, aber nicht von Ernst und Andacht, sondern von Wut und Elend. Sie hörten nicht Mitternacht schlagen; aber nach Mitternacht schlugen sie einander selbst, wütend durch Wein und Verlust, und schlugen sich fürcherlich; und die Weiber heulten gräßlich dazwischen und wollten ihre Männer auseinander reißen und erhielten selbst Schläge, und eins flog hier aus, das andere dort aus. Und endlich that der Wirt seine Schuldigkeit und jagte das Gesindel zur Stube aus. Und als sie sich draußen noch sattsam geprügelt und geschimpft hatten, zog ein Paar hier aus, das andere dort aus, zerrissen, zerschlagen, fluchend und heulend. So zogen sie hinein in die Ehe. Wie mag die Ehe geworden, welche Ahnungen mögen in den Herzen der unglückseligen Weiber sich herausgewälzt haben in jener Nacht? Aber diese Nacht war nichts als eine Vergelterin mancher frühern. Statt golden und freudevoll war sie blutig und jammervoll, war die Vorhölle zur kommenden Hölle. Wir aber, Mädeli und ich, zogen schon früh nachmittags von der wüsten Gesellschaft weg. Wir hatten den Vater bestellt in ein Wirtshaus auf dem Wege, um ihm auch einen fröhlichen halben Tag zu machen. Wir wanderten gar fröhlichen Schrittes mit einander, mein neu Weibchen und ich. Das Gefühl, einander zu besitzen, that uns gar unbeschreiblich wohl, und machte so reizend mein Weibchen, so sinnig und wieder so schalkhaft und wieder so weich, daß ich es die ganze Zeit am Herzen hätte tragen mögen. Wir fanden den Vater schon vor und gar glücklich. Einigen Anwesenden erzählte er von seinen Wanderjahren hinter Murten und all den Wundern an Land und Leuten, die dort zu schauen seien. Und sie hörten ihm andächtig zu, was ihm selten mehr begegnete. Von da brachen wir erst in der Dämmerung auf, um nicht tags heim zu kommen. Redselig war der Vater und merkte nicht, daß wir stumm neben ihm hergingen. Wir hatten Hand in Hand gelegt und zu denken genug, und je nachdem die Gedanken flogen, drückten die Hände fester sich. So kamen wir heim, und mit einer Art von Ehrfurcht führte ich mein Weibchen über meine Schwelle, und mit bebender Hand schob ich den Riegel an der Thüre, und vor dieser Thüre bleibst du nun, mein lieber Leser. Zehntes Kapitel. Der Maienmorgen des Lebens. Mancher hätte dieses Kapitel vielleicht die Flitterwochen geheißen; aber ich hasse das Wort, so passend es bei mancher Ehe sein mag. Wo man sich mit allerlei Flitter geschmückt hat, teils um zu gefallen, teils um Mangel zu verbergen; wo man sich künstlich übertüncht hat aus Instinkt oder Berechnung; wo man alles Gute an sich prunkend ausgehängt, das Böse nicht bekämpft, sondern nur verborgen hat, da paßt das Wort. All diesen künstlichen unhaltbaren Flitter nimmt man noch mit in die Ehe hinein, wie den Hochzeitmaien; aber wie der verwelket, eine Blume nach der andern sich entblättert, so zerstiebt dieser Flitter; einer nach dem andern flattert in alle Winde; die Tünche fällt ab, die nackte Wahrheit trittet alle Tage greller ans Licht. Man merkt es nur nach und nach, daß es anders wird, bis endlich ein versagter Wunsch, ein hartes Wort, eine hervortretende Gemeinheit oder Bösartigkeit die Enttäuschung aufdringt. Dieser Wochen sind selten viele. Ein starker Reif beendet sie; dann folgt gewöhnlich Regenwetter oder starker Wind, beides oft sehr anhaltend, ja manchmal durch die ganze Ehe. Besonders geschieht dieses, wo keines mit dem Wunsche, das andere zu beglücken, in die Ehe tritt, sondern mit dem Wunsche, durch das andere glücklich zu werden, jedes sein Glück und nicht das des andern im Auge hat und zu diesem Ende die Meisterschaft sucht, um alles Wasser auf seine Mühle zu leiten; wo beide diese Wünsche und dieses Streben verborgen haben klüglich und nun nach und nach es hervortreten lassen. Der Stoff zu solch unseligem Kampfe wird nur zu gerne durch ältere Leute in jungendliche Herzen gelegt. Wenn z. B. die Mutter die Tochter mahnt: nie nachzugeben, auch wenn sie Unrecht hätte; und der Vater den Sohn oder Schwiegersohn ebenfalls mahnt: von frühe an Meister sein zu wollen und der Frau den Daumen aufs Auge zu halten; oder wenn zur Ehe ein Teil beredet wird durch Vorspiegelung eines sinnlich behaglichen Lebens: da ist etwas Fluchwürdiges geschehen, es ist eine Ehe vergiftet worden. Da findet man Flitterwochen, und von ihrem Flitter bald keine Spur mehr. Den Maienmorgen des Lebens nenne ich in einer rechten Ehe ihr erstes Jahr. Da knospet und blüht auf, was später seine Früchte bringen soll. Wie jeder Maienmorgen neu erfreut nnd neues bringt, so trittet beim echten Manne und dem echten Weibe alle Tage neue Liebeswürdigkeit hervor und es entfalten sich Keime süßer Früchte in ihnen, die sie früher selbst nicht geahnet; denn die Echtheit des Mannes und des Weibes, der wahre bleibende Wert, bewährt sich im Hause und nicht außer demselben, alle Tage und nicht nur des Sonntags. Der Maien ist der Hauptmonat des Jahres; nicht nur kann er der schönste sein, sondern von seinem Verlauf hängt der Reichtum des Jahres, die Ernte des Sommers, die Fülle des Herbstes ab. Kühle Tage schaden nichts; aber Reife zerstören Blüten und Pflanzen. Auch in der besten Ehe gibt es kühle Tage, wo verdrießliches das Gemüt erkältet. Wo man diese Kälte im Herzen nährt und mehrt und sie dem warm und liebend entgegenkommenden Herzen des andern schneidend entgegentreten läßt, da wird auch ihm die Wärme der Liebe entzogen; es entsteht der Reif, und Pflanzen und Blüten der Liebe sterben, wie wenn die erkältete Luft der Erde Wärme entzieht, daß an ihrem erkälteten Busen ihre Frühlingskinder erfrieren. Darum ist so thorrecht das sogenannte Zanken der Liebe, das man notwendig meint. Es sind Gewitter im Frühjahr; sie schaden vielleicht nicht sogleich; allein sie sind's, die die Wärme verzehren und so den Reif erzeugen. Im Sommer, wo die Wärme festen Fuß gefaßt, da vermögen sie das nicht mehr. Darum nenne, wer sich wahren Wertes und wahrer Liebe bewußt ist, wer im andern nicht blos das erste Haustier sieht, der Ehe Anfang ihren Maienmorgen, und nicht Flitterwochen. Namen thun mehr zur Sache als man glaubt. Bang und verlegen mag für manches Weib, das keine Hausfrau ist, am ersten Morgen das Erwachen und Aufstehen in ihrem Hause sein. Was soll sie da anfangen? Sie weiß es nicht; sie weiß nicht was anrühren und wie, und nicht wornach fragen, und in gar bittere Verlegenheit käme manche, wenn sie der Magd befehlen sollte, was sie für den Mittag zu bereiten hätte. Und in welche wohl, wenn sie es erst selbst machen sollte, sie, die nicht einmal weiß, wie das Rindfleisch aussieht, und ob man zu einem Kalbsbratis Schaffleisch nimmt und für eine Erdäpfelröste Birenschnitz? Um einem Weibe diese Verlegenheit zu ersparen, oder sie doch wenigstens zu verlängern (die Leute schieben selbst das unvermeidliche gerne auf die lange Bank), führt man diese Weiber auf Reisen. Und da ein Bräutigam nicht immer weiß, von welcher Sorte sein Weib ist, ob eine Hausfrau oder keine, so fängt man an, alle Weiber auf Reisen zu führen, vierspännig, auf Bernerwägelein und nun bereits auch auf ihren zehen Zehen. Abgesehen davon, daß auf solchen Reisen meist schlecht Wetter ist, daß auf Reisen gar manche Laune unnötig ans Tageslicht kömmt, gar manche Ermüdung langweilig macht, gar selten innerer Gehalt genug da ist, um Tage oder Wochen lang ohne gewohnte Beschäftigung kurzweilig zu bleiben; abgesehen davon, daß bei der Rückkehr eine Abspannung herrscht, welche das eigene Haus und das Zusammenwohnen unendlich öde und leer erscheinen und gerne eine äußerst unglückliche Stimmung gegen das eigene Haus und das Wohnen darin zurückläßt; abgesehen von diesem allem entbehrt man unendlich viel, wenn man das Walten einer sinnigen und liebenden Hausfrau am ersten Morgen und an den ersten Tagen in seinem Hause nicht sieht, nicht mit ihr die Haussorgen teilt, mit ihr an seinem Tische und von ihren Speisen ißt. Wie fröhlich waltete Mädeli und suchte seine besten Künste hervor, um mich zu befriedigen! feuerte mit dem wenigst möglichen Holz, ordnete in der Küche und kehrte mit schalkhaften Blicken aus mancher vergessenen Ecke hervor! Dann musterte es mein Eigentum, untersuchte die Hemder und das übrige Zeug, wollte wissen, wo ich die Plätzen hätte; denn meine Sachen mangilten das Plätzen gar sehr, und es wolle das fortan selbst machen. Geld sollten wir keines mehr brauchen für solche Dinge. Zwischendrein bekam ich ein Müntschi, und als wir alles durchgekramt, die gestrigen Kleider ausgebürstet und weggehängt hatten, trugen wir unsere Barschaft zusammen. Mädeli war ganz erstant, als es bei mir 7 Kronen bares Geld vorfand, aller der Ausgaben ungeachtet. Verschämt suchte es seinen Schatz hervor, den es mir einkehrte. Er bestund aus sechs ganzen und einem halben Batzen. Die Thränen, die ihm dabei in die Augen traten, küßte ich weg, und mein süßes Mädeli war mir mit 6½ Batzen viel lieber, als ein Galläpfel hunderttausend Pfund schwer. Es läutete Mittag, wir wußten nicht, wohin die Zeit war. Mädeli hatte viel gethan, ich nur getändelt und mich erlabet am Zusehen. Nachmittags zügelte Mädeli, und wir suchten dem Vater Platz zu machen zum Schlafen im Gaden, zum Arbeiten in der Stube, wo bereits mein Webstuhl, mein Bett und unser Tisch war; aber wir fanden für alles Platz. So verfloß der erste Tag, und einen glücklichern hatte ich nicht gehabt. So verflossen noch viele Tage, wahre Maientage voll neuer Freuden und neuer Lust. Mädeli pflanzte nun auch draußen gar emsig und wollte alles alleine machen, damit ich am Webstuhl verdienen könne und es vorwärts gehe mit uns. Mädeli glaubte in der Woche nicht mehr zu brauchen zu Haushaltungskosten für uns drei, als zwei Franken, da wir ja Holz und Kartoffeln besaßen: alle Tage für einen Batzen Milch, einen Batzen Brot, für 2 Batzen Kaffee in der Woche, und das übrige für Mehl, Anken und Salz; also für Mehl, Anken und Salz nur 4 Batzen in der Woche, und doch brachte das schon 104 L. im Jahr, Freilich meinte mein Weibchen, es müsse noch manches angeschafft werden, nicht zur Hoffahrt, sondern zur Notdurft; meine Hemder besonders, die sehen aus wie ein Hühnergatter; aber wenn es brav spinne und brav pflanze, so möge das auch viel bringen. Aber daß mein Weibchen so alleine pflanze, wollte mir nicht behagen. Daß es am Morgen gegen sieben fortgehen, und mittags von halb ein bis sechs Uhr fortbleiben sollte, kam mir gar zu lang vor. Mein Weberschifflein wollte nicht laufen; ich mußte alle Augenblicke nach der Turmuhr sehen, ob der halbe Tag nicht vorbei sei? Mein Weibchen mußte mit mir kapitulieren und mich mitnehmen auf die Pflanzplätze; denn ich bewies klar und bündig, daß zwei zusammen mehr als doppelt so viel arbeiteten als eins alleine. Mädeli mußte mich gewähren lassen, und so verschwanden die Tage wie Minuten. Über unserm Arbeiten wurden wir recht reich. Wir rechneten alle Tage Ausgaben gegen Einnahmen ab und fanden der erstern immer weniger, der letztern immer mehr. Wir hatten unerwartet manches Geschenk bekommen, und manche Hand hatte sich für uns aufgethan, die wir verschlossen wähnten. Unsere Pflanzungen stunden ganz prächtig, so daß wir aus Flachs und Hanf für das aus, was Mädeli zu spinnen glaubte, noch ein ordentliches zu verkaufen hofften. Jungen Eheleuten, und besonders einer jungen, saubern, emsigen Frau scheint unter ihren Händen alles doppelt zu gedeihen. Es ist, als wenn die freundlichen verschollenen Erdmännchen eine besondere Lust an ihrem Treiben hätten, ihre Arbeiten pflegten und hüteten, nachts den Tau ihnen zutrügen, tags die Sonnenstrahlen ihnen milderten. Es ist übrigens merkwürdig, daß jungen Leuten das Pflanzen besser gedeiht als alten, daß namentlich Zweier behaupten wollen, mit zunehmendem Alter verderben ihnen immer mehr Schosse an den gezweiten Bäumen, bis ihnen zuletzt gar keines mehr wachse. Hat das wohl nicht der Schöpfer besonders geordnet, um die in der Natur lebenden Menschen durch eine handgreifliche Lehre aufmerksam zu machen auf den Wert der jungen vollkräftigen Jahre, die so gerne verschwendet oder verträumt oder ganz verschlafen werden? Eines Sonntags waren wir nach der Predigt bei unserem Flachs vorbeigegangen und fanden ihn so schön, daß wir noch einige Pfund in unsere Rechnung bringen zu dürfen glaubten. Ganz fröhlich gingen wir heim und ich überschlug insgeheim, ob ich nicht diesen Abend mein Weibchen einmal ins Wirtshaus führen oder wenigstens eine Halbe Wein holen lassen dürfe. Da saß vor dem Hause neben dem Vater, der heute die Köchin machte, ein Mann, der mir sehr bekannt vorkam. O Himmel! Es fiel mir wie Berge aufs Herz. Es war der Mann, dem ich meine Orgel schuldete. Von dieser Schuld hatte ich meinem Weibchen nichts gesagt, in meinem Glück sie so viel als vergessen und, wenn sie mir schon einfiel, schnell wieder aus dem Sinn geschlagen, nie den Augenblick gefunden, sie zu bekennen. Nun kam die Eröffnung unerwartet, unvorbereitet, und durch alle schönen Träume meines lieben Weibes ein fünfzig Kronen breiter Strich. Ich konnte Mädeli nicht antworten auf seine Frage: wer der Mann sei? Der Hals war mir zugeschnürt, wie mit einem Wellenseil. Der Mann war gar nicht versteckt; meinem Schwiegervater hatte er bereits die ganze Geschichte erzählt und fing sogleich damit an, zu sagen: er habe nun wieder lange gewartet und hoffe, daß ich ihn einmal werde bezahlen können. Mädeli erblaßte; sah mich mit bebenden Augen an, in der Hoffnung, daß diese Rede an die unrechte Person gerichtet sei, vielleicht dem vorigen Schulmeister gelte. Als ich aber nicht verneinte, als ich mich entschuldigte mit ängstlichem Gesichte und schlotterender Zunge, da ging Mädeli hinein ins Haus, und drinnen hörte ich es weinen. Ich hatte keine Ruhe mehr bei dem Manne; ich mußte hinein, den Riß ins Herz zu heilen, zu verbinden. Ich umfaßte das weinende Weibchen, das sich an die Stubenthüre gelehnt hatte und den Kopf in die Arme verborgen. Als ich auf mein: »Plär doch nit, plär doch nit« keine Antwort bekam, zog ich den Kopf ihm zurück, küßte die Augen und bat gar dringend und innig: es solle doch nicht so thun; die Sache sei nicht halb so bös; ich sei das Geld für keine schlechte Sache schuldig, sondern für die Orgel, und hätte sonst gar keine andere Schulden mehr als diese. Wenn Weiber über geheime Schulden ihrer Männer kommen, so klemmt gleich eine doppelte Angst ihr Herz ein und preßt ihm Jammer aus. Sie fürchten erstlich, die geheimen Schulden kommen von geheimen Sünden, und zweitens, daß, was sie vernommen, noch bei weitem nicht alles sei, sondern immer mehr zum Vorschein kommen werde. Mädeli hatte ein gläubig Herz von Natur und den Glauben an mich nicht verloren. Als die doppelte Angst ihm genommen war, erhielt es die Sprache wieder, that die Augen auf und jammerte mir zu: »Aber um Gottswillen, warum senst mr das o nit; warum lascht mi so Freud ha am Fürhuse u am Rechne, wie viel mr z'samebringe? Das isch nit recht vo dir; das duuret mi so schröcklich, daß mr selligs verheimscht.« Ich entschuldigte mich, daß ich es immer hätte sagen wollen, aber es doch nicht über die Zunge gebracht und geglaubt, es vernehme das noch immer früh genug. »Aber hesch de o nit meh Zuetraue zue mr? I säge dr doch alles u du seyst mr nüt!« und das pumpte neue Thränenströme ihm übers Gesicht. Ich bat ab, versprach es nicht mehr zu thun, bat nur, daß es sich zufrieden geben möge; ich wolle mir das nötigste am Munde abbrechen und arbeiten Tag und Nacht, bis alles bezahlt sei, oder die Orgel wieder verkaufen, wenn es wolle. Da faßte sich mein Weibchen. Es hatte so viel Freude gehabt an derselben, wenn wir manchmal des Abends vor dem Schlafengehen noch ein Lied dazu gesungen hatten; daß ich sie verkaufen wollte ihm zu lieb, das freute es. »Nei Peter,« sagte es, »gang jetz zu dem Ma use; was wird er denke! Mach mit ihm so gut du kannst; mr wei luege, wie mr's mache.« Beide Männer draußen machten ebenfalls flämmsche Gesichter, mein Schwiegervater über meine Schulden, mein Gläubiger über mein Unvermögen, zu bezahlen. Er drohte gar sehr mit Übergeben und Betreiben, warf mit anzüglichen Worten um sich, daß von Schulmeistern nichts zu erhalten sei, daß man alle publizieren sollte. Endlich ließ er mit sich reden, fing an zu hören auf Vorschläge, abschlagsweise etwas zu nehmen, so wie ich ihm ja schon mehrere Male gegeben hätte, sagte ich. Er besinne sich an nichts als an die Zinse, sagte er. Da rief uns Mädeli zum Essen herein. Wir hatten kein Fleisch auf dem Tische. Ich, ein Schulmeister, lebte sechsmal schlechter als Diebe, Mörder, Betrüger im Schellenhause, die in der Woche zweimal Fleisch haben, während wir nur den dritten Sonntag höchstens welches vermochten, und dann 2 Pfund höchstens für uns drei, und zu den 2 Pfund gab der Metzger uns noch Ungentes, Beine oder Leber, und doch waren wir gesund und klagten eben nicht besonders. Auch hatten wir weder Wein noch Schnaps, welche, wie böse Leute sagen wollen, ebenfalls dort ausgeteilt werden. Ach Gott, hätte doch die Regierung einmal durch genialische Ärzte, die sich an Hähneli und Hammen so gewöhnt, daß sie meinten, sie gehörten zum Leben, oder durch einen Regierungsrat, der sich alle Tage seinen Lafitte oder Château-Margaux oder Rheinwein zu Gemüte führt, unsern Zustand untersuchen lassen, die würden sicher ein Zettermordiogeschrei erhoben haben über unser Elend, daß die Berge erzittert und sogar steinerne Herzen erschüttert und uns von Staat aus eine Kost verordnet worden wäre, die keine Schulmeisterin hätte zu kochen wissen und aparti Köche im Lande hatten herumreisen müssen, um das Kochen derselben zu lehren, eigene Schulköche, womit man dann füglich auch Dorfkochschulen hätte verbinden können, die von ungeheurem Nutzen für das ganze Land gewesen waren, besonders wenn der Staat den Stoff dazu geliefert hätte, was sich natürlich von selbst verstünde! Wir hatten auf dem Tische nach einer Suppe Äpfelschnitze und Erdäpfelbitzli, und hätten sicher sehr wohl daran gelebt, wäre nicht der fatale Mann da gewesen, der uns das Essen versalzte und mich in beständiger Angst erhielt, er möchte aus Dummheit oder Bosheit noch allerlei erzählen von der Schnabelweid her, das wohl Mädeli, aber der Alte nicht wußte, oder er möchte so schlauseinsollende Andeutungen machen, daß mein Weibchen auf den Verdacht kommen müßte, es sei noch viel mehr geschehen, als ich bekannt hätte. Dies Wetter ging aber glücklich vorüber; denn der Mann hatte genug zu brichten vom neuen Schulmeister, der gar ein Hochmütiger sei und dessen Frau eine Hoffahrtsnärrin, die zu aller Arbeit zu vornehm und zu faul sei. Sie möge nicht einmal selbsten eine Wasch halten. Sie habe mir nichts dir nichts ihr Zeug den Bäurinnen zum waschen gesandt, und als keine mehr ihre Baucherin sein wollen, es eingepackt, um dasselbe nach Bern zu schicken und dort waschen zu lassen. Das habe aber doch der Mann nicht gewollt, sondern selbst eine Wasche angestellt und selbst bauchen müssen, während seine Frau im Nest gelegen. Ja die Leute sagten viel und dick: wenn sie nur den alten wieder haben könnten; dem hätten sie es doch schier zu ruch gemacht; er war daneben doch so-n-e stufe u-n-e freyne gsi. Solche Reden sind Ohrenbalsam für Vorfahrer, und wenn ein Vorfahrer Leute aus seinem früheren Aufenthalt steht, und er spricht sie an, so poppelt ihm das Herz, in der Hoffnung, zu hören, es gehe unter seinem Nachfahr nicht gut, und was der frühere gemacht, lasse der wieder zerfallen; wenn er aber unverhofft des Nachfahrs Lob hört, so führt er mit dem Lobenden nicht lange Gespräche. »Adie,« sagte er, »i mueß gah, und lange geht es, bis er den Kyb verworgen kann.« So ist die menschliche Natur. Da wir keinen Dessert hatten, als schwarzes Brot, von dem jedes zuletzt ein Stückchen abschnitt, und auch keinen schwarzen Kaffee, so war bald abgegessen, und nachdem Löffel und Gabeln am Tischtuch abgewischt waren, statt des Waschens, nahm die Unterhandlung wieder ihren Gang. Ich sagte, 59 Kronen sei ich noch schuldig, das bringe 2 Kronen Zins, und was wir am Kapital zusammenbringen könnten, wollten wir sehen. Er aber behauptete, seine Forderung belaufe sich noch auf 60 Kronen, und diese werde ich ihm doch nicht ableugnen wollen. Ich bat ihn, doch nachzudenken, daß ich ihm dort und dort Geld gegeben, so und so viel, und daß nun das alles so und so viel bringe. Er aber wollte von dem einen nichts wissen; von dem andern behauptete er, ich hatte es ihm als Schadloshaltung (Stündigungsgeld) gegeben, weil er anderwärts Geld suchen müssen, da ich ihm keines hätte geben können. Der Vater sagte, ich solle doch die Quittanzen hervorsuchen, da werde es sich schon finden. Der andere rief: »Ja reych se nume, da wird es si finde.« Allein ich hatte gar keine Quittungen und mußte es bekennen. »Gell, da gseht me nu, was du für eine bisch, so mr mis Geld ga abz'laugne,« sagte er. Ich machte ihm bemerklich, daß ich ihm doch bereits auch einige Zinse bezahlt hätte und ja auch für diese keine Quittung gefordert, weil ich geglaubt, mit einem rechtlichen Manne zu thun zu haben. Er meinte, Zinse und Abschlagszahlungen seien verschiedene Dinge, und so gab ein Wort das andere, daß wir uns bei den Köpfen genommen hätten, wenn nicht die beiden andern dazwischen getreten waren. Endlich nach langem Märten und nachdem er mir die anzüglichsten Dinge gesagt hatte über meine Ehrlichkeit, stellten wir die Schuld auf 56 Kronen fest, und der Vater ging um Stempel zu holen. Wer am meisten Unrecht hat, begehrt am meisten auf; mit der Unverschämtheit imponiert er, bringt die andern zum Schweigen, und der große Haufe sagt: Da mueß bim Dolder Recht ha; er dörft süsch nit so ufbegehre. Unterdessen suchten Mädeli und ich unsere Barschaft zusammen und fanden 8 Kronen 5 Batzen; 2 Kronen 6 Batzen gaben wir als Zins, und um die andern 6 Kronen auszumachen, um gerade, Rechnung zu haben, fehlte uns noch 1 Batzen, den legte der Vater noch zu, und nun hatten wir keinen Kreuzer mehr im Hause. Und als der Schlingel alles hatte, forderte er noch ein billiges für seinen Gang, mußte aber mit des Kaisers Recht vorlieb nehmen; denn wo nichts mehr ist, kriegt dieser auch nichts mehr. Endlich war der böse Geist aus dem Hause; aber ein solcher läßt immer etwas zurück, entweder Gestank oder wenigstens seinen Schatten. Dieser Schatten lag trübe und schwer auf meines Weibchens Gesicht, hing wie Blei sich an seine Füße und steckte ihm im Halse, daß die Stimme ganz verdrückt und weinerlich klang. Mir lag es in allen Gliedern und besonders auf Kopf und Augen; ich konnte beide fast nicht aufheben. Ich war in der Stube und hatte den Kopf auf den Tisch gelegt. Mädeli saß betrübt draußen auf einem Bänklein, mochte alle die vergeblichen Rechnungen noch einmal durchrechnen und vielleicht an einer neuen machen. Es war ein kühler Nachmittag, aber einer von denen, wo bei einigen Sonnenblicken es heiß wird, es ein Gewitter gibt, weil es geregnet hatte vorher, und dann unfehlbar einen Reif. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und suchte Mädeli auf, setzte mich neben ihns, nahm seine Hand und fragte: »Fraueli, zürnst mr?« Zu weinen fing es wieder an, aber nicht zu zürnen, sondern nur zu klagen. Daß es sich so umsonst gefreut hätte, daß ich ihm nicht die Sache zur rechten Zeit gesagt, daß ich ihm so viel gekramet und so gut gewesen, statt das Geld für die Schuld zu brauchen; daß wir nun keinen Kreuzer hätten und noch 50 Kronen zu zahlen, darüber verlor es kein Wort. Meine Bitten wies es nicht kalt, nicht schroff zurück, ließ keine selbstsüchtige Klage hören und ward bald wieder mein liebes, gutes, vertrauend Mädeli, dem wohl noch das Auge feucht schimmerte, wie der Boden nach einem Regen, über dessen Stirne sich aber wieder wölbte der Regenbogen der Liebe, glatt und schön. Es hatte kein Gewitter gegeben, darum gab es auch keine Kälte, darum keinen Reif. Diese Versöhnlichkeit ist's, was die Liebe bewahrt und alle ihre zarten Blüten. Diese Versöhnlichkeit entsteht aber nicht aus der zudringlichen, sondern aus der innigen wahren Liebe, die siebenzig, siebenmal vergibt und nie die Sonne untergehen läßt über ihrem Zürnen und die am Ende gar nicht mehr zürnen kann. Diese Liebe ist aber auch die, die alles überwindet und hundertfältige Früchte trägt. Es saßen einmal drei Saufbrüder beisammen in tiefer Nacht und hudelten auf gewohnte Weise. Da sprachen zwei von ihnen: »Was werden unsere Weiber sagen, wann wir heim kommen? Das wird etwas absetzen, und bis wir sie abschlagen, werden sie nicht schweigen.« Und der dritte sagte: »Und meine wird gar nichts sagen und wird mir dienen und aufwarten wie ich will.« Das wollten die andern nicht glauben, und er sprach: »Kommt und seht!« Und sie gingen hin und der Mann schlug mit der Faust ein Fenster ein, um bequemer der Frau rufen zu können, daß sie aufthue. Sie that auf mit freundlichem Gruß und erhielt den barschen Befehl, auf der Stelle zu kücheln. Mit freundlichem Bejahen ging sie ans Werk und stellte bald eine Platte Küchli vor die drei Männer. Der Mann nahm zum Dank die Frau, führte sie auf den Abtritt und schloß sie dort ein und das Weib gab kein böses Wort. Da stunden die beiden andern Männer ergriffen auf und sagten, das sei kein Weib, sondern ein Engel, sie aber seien Teufel, diese himmlische Geduld also zu versuchen; schämen, tief in den Boden hinein, müßten sie sich. Ob solchem Thun sollten weder Sterne noch Sonne sie mehr erblicken. Und ergriffen wurde auch der erhärtete Mann ob dieser Anerkennung seines getreuen Weibes; er bat ihm ab seine Unthat, erklärte durch diese Liebe sich überwältigt, sie auch verdienen zu wollen und er hielt Wort. Die beiden andern wurden mit dem dritten ein Kleeblatt braver Männer. Sie wurden es nicht durch keifende Weiber, sondern durch eine versöhnliche Frau, inniger Liebe voll. Solche Liebe aber wird selten gefunden in Israel; darum versuche einer nicht mutwillig, ob die Liebe, die er gefunden, eine solche sei. Junge Liebe besonders ist gar gerne empfindlich und reizbar; sie ist noch nicht im Wettersturm und Sonnenhitze fest und kompakt geworden. Darum mache ja kein Mann in seiner ledigen Zeit auf eine solche Liebe hin Schulden; solche Schulden werden schwer vergeben. Die Entbehrung, welche ihre Bezahlung fordert, muß nun das Weib teilen, während es von dem, was die Schulden erzeugte, nichts hatte; ja diese Entbehrungen fallen ihm oft alleine auf; in der Haushaltung muß das Nötigste entbehrt werden. Hat man bei ledigem Leibe Schulden gemacht, wie schwer wird es dann, ihrer los zu werden, wenn die Ausgaben durch eine vergrößerte Haushaltung alle Tage sich mehren! Und seien die Schulden noch so gering, sie sind immer ein Berg, den man vor sich hat, der einem den Atem benimmt, und des Weibes Herz wird nicht leicht, oder es sei dann ein gar leichtsinniges, bis sie abgetragen sind. Dieses Abtragen bringt einen aber furchtbarlich in Hinderlig und nimmt der Frau fast die Freude am Haushalten. Man kann das Nötige nicht anschaffen, man hat keinen Sparpfennig für Unvorhergesehenes, keinen Kreuzer, um zu rechter Zeit etwas zu kaufen: man ist beständig auf dem Trocknen, gerät am Ende in immer größere Entblößung; das Gemüt wird immer saurer, und wenn am Ende auch die anfänglichen Schulden bezahlt sein sollten, so hat man vielleicht neue gemacht, oder muß neue machen, um zu dem Notwendigsten zu kommen. Da hält es selten ein Weib liebend, froh, geduldig, vergebend aus. Vor solchen Schulden hüte sich also jeder und besonders ein Schulmeister. Wenn einer ledig ist, so kann er es sehr füglich machen, wenn er nicht Erziehungskosten hat. Läßt er nur das Händelen sein, streckt sich nach der Decke, gibt nicht jedem Gelüsten nach, so kann er mehr verdienen, als er braucht. Und hat einer notwendige oder mutwillige Schulden gemacht, so nehme er sie nicht in die Ehe hinein. An solchen Schulden tragen zwei viermal schwerer als eins alleine und sie sind zehnmal schwerer zu tilgen. Und kann er es nicht anders machen, muß er sie in die Ehe nehmen, so sage er es vorher, wie die Sachen stehen, und sehe, was seine Braut dazu für ein Gesicht macht. Macht eine Braut ein mißvergnügt Gesicht, nun, so läßt sich das Ding ändern; trägt aber einmal eine Frau ein solches im Hause herum zu Tisch und zu Bett, dann muß man es halt haben. Und solch mißvergnügte Weibsgesichter, auf welchen alle möglichen Leiden, Elender und Jammereien ausgedrückt sind, sind ein gräßlich Elend. Sie mahnen mich an Meerrettig, den man schabt. Man darf ihm die Augen gar nicht zukehren, sonst laufen sie einem ganz miserabel über. Solche Gesichter machen freilich einige Weiber, auch wenn die Männer keine Schulden haben. Aber wenn sie wüßten, wie solche mißvergnügte Gesichter (oft nur darüber gemacht, nicht weil eine Floh sie gebissen, sondern daß es vornen und nicht hinten geschehen) ihnen übel stehen; wie sie die Hebi (oder wie andere sagen der Hebel) sind, die alles versäuert, das Haus und das Herz, die Liebe und das Glück; wie ein solch Gesicht für die Wohlfahrt ist, was ein ungewaschen Geschirr für die Milch im Sommer, wo alles versauret im Umsehen – wahrhaftig, die Weiber würden mehr auf ihre Gesichter achten, d. h. ob sie vergnügt oder mißvergnügt seien. Es verlasse sich ja keiner darauf, er kriege auch ein Mädeli, oder es lasse sich jedes Weib zu einem Mädeli dressieren oder traktieren; das erstere wird selten geschehen, denn die Mädeli sind selten, das letztere noch seltener. Und wenn einer auch ein Mädeli gewinnt in der Lebens-Lotterie, so wird es gerade am tiefsten schmerzen, wenn eure Unbesonnenheiten sein Leben verkümmern, wenn es an sich ersparen muß, an sich, was ihr verthan für euch; je weniger es euch seine Entbehrungen fühlen läßt, je geduldiger, je liebevoller es trägt, desto schwerer soll es euch beugen, wenn ihr nämlich nicht Klötze seid, in Selbstsucht versteinert. Ich war kein Klotz; darum ging es mir gar tief zu Herzen, daß jetzt mein Weibchen um meinetwillen schmalbarten solle. Es war wieder freundlich und womöglich noch inniger als sonst; aber eben das that mir um so mehr weh. Ich fing an weniger zu essen, aß kein Brot mehr nach dem Essen und arbeitete viel emsiger als sonst. Am ersten Tage achtete mein Weibchen nicht darauf; am zweiten frug es mich, warum ich doch nicht Brot nehme. Ich schützte vor, viel gegessen zu haben, nicht mehr zu mögen. Gar ängstlich ward es, es sei mir nicht wohl, trat zu mir heran, streichelte mich mit seinen braunen Händchen, bat mich: ich sollte ga ligge, diesen Nachmittag nicht arbeiten, es wolle mir Thee anrichten – Melisenthee, der mache einem gar aparti wohl. Den Thee mußte ich trinken, ich mochte protestieren, wie ich wollte, und es ward mir gar wohl, aber nicht vom Thee, sondern von Mädelis Angst und Liebe. Man glaubt gar nicht, wie wohlig es einem wird bei den Kümmernissen und zärtlichen Sorgen, die ein junges Weibchen an den Tag legt, wenn es seinem Männchen zum ersten Mal nicht ganz wohl wird. Man möchte sein Lebtag krank sein, solch liebevoller Pflege wegen, an die ein lediger Mensch, um dessen Übelkeiten sich niemand bekümmert hatte, nicht gewohnt ist. Man ist ganz selig, dabei zu sehen, wie lieb man seinem Weibchen ist, aus allen dessen Zügen das Herz in allen Tönen jammert: Ach stirb mr nit, stirb mr nit. Denn so ein junges Weib meint, es gehe gleich ans Sterben; eine Alte nimmt's kaltblütiger. Gar mancher Mann ist so glücklich dabei, daß er nicht gesund werden möchte, und wenn er gesund werden muß, so wird er doch so bald als möglich wieder krank, und gewöhnt sich so ans Krankwerden, um gepflegt und geliebt zu werden, daß er am Ende wirklich meint, krank zu sein, die Pflege und die Liebe (die aber gerne auch abnehmen, je häufiger sie auf die Probe gesetzt werden) nicht mehr fühlt, sondern nur die vermeinte Krankheit und ihr Elend. Es gibt aber auch Weiber, die auf Beschwerden des Mannes antworten: »Schwyg doch, du machst mr längi Zyti«, oder: »Du muesch di lyde, es wird scho bessere«, während sie ihr Hündchen auf dem Schoße streicheln und küssen und an ihr Herz drücken, wenn es eine Katze sauer angesehen hat oder ein Kind über dasselbe gefallen ist. Und während beide schreien, Hund und Kind, mörderlich, nimmt das Weib den Hund und sieht nach dessen Schaden und tröstet ihn mit zärtlichen Namen zärtlich über seinen Schrecken. Als ich am dritten Tag gar munter und wohl aussah ob all der Liebe und der Überzeugung, daß Mädeli mir ganz verziehen habe, und denn doch kein Brot essen wollte, da sah mich mein Weibchen einige Augenblicke still und scharf an; es füllten sich ihm die Augen mit Thränen, und leise frug es mich: »Du wotsch doch nit öppe kes Brot esse, wil i so wüest tha ha am Sundi?« Da ich nicht gleich Antwort gab und etwas verblüfft über die Nase sah, denn ich hatte gar nicht daran gedacht, daß Mädeli das merken würde, also keine Ausrede vorbereitet, und nur so hinter dem Ohr hervor konnte ich keine nehmen, so fing Mädeli an zu weinen: es hätte es doch g'wüß nicht bös gemeint; es sei wahr, es heig wüest tha, aber es heig's doch o gar duuret, daß ig ihm nüt gseit heig, u we-n-i deswege kei Brot meh esse well, su heig äs o kei Freud meh, u well gar nüt meh esse.« Natürlich protestierte ich, daß der Fehler auf seiner Seite sei, sondern nahm ihn auf die meine, und behauptete, daß es nichts als billig sei, daß ich etwas leide, da ich allein gefehlt, und es mache mir im Grunde ja wenig, kein Brot zu essen, und werde mir nichts schaden. So stritten wir eine Weile hin und her, wer im Fehler sei und wer dem andern zu verzeihen habe, und wurden doch nicht einig darüber, versöhnten uns aber doch mit einem Kuß. Dieses Zanken ist ein Zanken der Liebe, das ich wohl leiden mag. Wenn ein jedes seine Fehler sieht und bekennt, jedes die Schuld auf seine Schultern nimmt, dann sind Eheglück und Ehefrieden gesichert. Warum ist es aber meist umgekehrt? Elftes Kapitel. Wie eine junge Frau die Auszehrung hat. Bald darauf wurde Mädeli blasser, sein Gang matter; es fehlte ihm bald hie bald da. In allen Gliedern liege es ihm, klagte es oft, und es dünke ihns kein Essen recht gut; wenn es einen unreifen Äpfel kätschen könne, so dünke das ihns noch am besten. Das machte mir gar bange; aber ein Mann ist in solchen Dingen gar unbehülftich. Ich wußte nicht anders, als ihm immer anzuraten, es solle doch ja Melisenthee anrichten; aber ein Weib ist in solchen Dingen gar eigensinnig; wie gerne sie einem Manne etwas eingüderen, sie selbst wollen kein Tropfen davon auf die Zunge nehmen. Unterdessen ward das Übel immer schlimmer; beim Essen rührte es selten einen Bissen mehr an, und sein Gesicht schien immer länger zu werden und fiel immer mehr ein um die Augen herum. Endlich fing ich an vom Doktor zu reden; aber mein Weib sagte: »Wart, es wird scho bessere.« Und wenn es am andern Tag nicht besser war, so sagte es wieder: »Wart, es wird scho bessere,« und doch traf ich es oft weinend an. Ich fing an, eine Auszehrung zu fürchten. Das klagte ich einmal einer Nachbarsfrau. Die sagte mir: »Du Göhl, es wird öppis angers sy.« Mit diesem Bescheid lief ich ganz erstaunt und erfreut zu meinem Weibchen; aber es sah mich gar böse an und meinte: ich hätte nicht brauchen der Nachbarsfrau ga z'dampe wie es ihm sei; es müßte es doch am besten wissen, wenn es etwas wäre. Aber es sei ihm ganz anders, als die Weiber sagen, daß es ihnen sei. Ich war also wieder in Angst und drückte es endlich durch, daß ich zu einem Doktor gehen durfte, der gar ein geschickter war und weit und breit berühmt mit dem Wassergschauen. Aus demselben könne er eine Krankheit Punktum sagen, sagten die Leuten, und manchmal noch, wie manchen Tag man zu leben habe. Ein altes Arzneiglas wurde aufgetrieben, das Wasser hineingefaßt und stund, während Mädeli und ich in der Küche noch zärtlichen Abschied nahmen, auf dem Tisch, wo mein Schwiegerpapa noch an seinem Frühstück war. Endlich ward ich entlassen und wanderte rüstig dem berühmten Doktor zu, der freilich nicht passiert war, aber um desto größeres Zutrauen besaß. Auf dem Wege gesellten sich einer nach dem andern zu mir; denn an manchem Tage wallfahrtete es ordentlich hin zu dem Hexenmeister. Einer erzählte dem andern seinen Fall, und beim Hause angelangt wurde in der Menge ringsherum wieder erzählt, was jeden bringe und was er wissen möchte, und des Doktors geschwätzige, schlaue Magd wand sich wie ein Aal unter den Leuten herum; auch seine Frau däderete soviel mit ihnen als möglich. Einer nach dem andern wurde mit seinem Gütterli vorgelassen und brachte Sentenzen und Mittel fröhlich oder traurig aus der geheimnisvollen Kammer. Endlich kam auch an mich die Reihe, und bebend schritt ich unter die Augen des Wundermannes. Ich blieb ihm einige Schritte vom Leibe stehen und streckte mit langem Arm meine Glitter dar. Derselbe setzte seine Brille auf, that wenige Fragen: wer ich sei, woher ich komme? und sagte endlich: »Das ist das Wasser einer schwangeren Frau; der fehlt sonst nichts.« Da war ich ganz verdutzt und erfreut, daß der Doktor das so bald erraten ohne viel Fragen und daß meinem Mädeli nichts weiteres fehle. »Ich will dir no öppis mitgäh,« sagte er, »es wird sich dann bald zeigen, daß es so ist. Damit leerte er mein Gütterli, schwenkte es in einen Kessel, wo diesen Morgen schon viele geschwenkt worden waren, aus, und schüttete mir eine Art von Elixier hinein, das mich 7 ½ Batzen kostete. Freudvoll lief ich damit heim, daß mir die Haare flogen, die Leute mich verwundert ansahen, und, als ich gegen unser Dorf kam, meine Dorftente sich bei mir stellten und fragten: »E Schumeister, was git's?« Da hielt ich nicht hinter dem Berge, sondern kündete allen mit lachenden Augen an: »My Frau isch schwanger, dr Dokter het mr's gseit.« Dann lief ich ungesäumt weiter und verkündete einem andern diese fröhliche Botschaft. Doch muß ich sagen, ich verkündete sie nur denen, die mir begegneten, und lief deswegen nicht aparti in die Häuser, wie es z. V. einst einer that, der sich Korporalspossen einbildete, und Korporalspossen bestehen darin, daß sich einer, der eben nicht viel mehr als ein Gemeiner ist, einbildet, er sei noch etwas mehr als ein General. Einer also, mit solchen Possen aufgeblasen, zog, als seine Frau ihm sagte: es syg öppis angers, schwarze Kleider an, die ganz ungewohnt um ihn hingen, bürstete seinen alten Hut und ließ sich in einer Gesellschaft der Honoratioren des Städtchens melden. Die wußten gar nicht, was seine feierliche Erscheinung bedeute, so schwarz und gebürstet, und sahen ganz verdutzt in sein Korporalsgesicht. Da that sich aber alsobald der Mund in demselben auf und verkündete, sich weit auseinanderziehend, so weit, daß die Ohren darüber erschracken: er wolle nur die Ehre haben, ihnen sämtlich anzukünden, daß seine Frau schwanger sei. Nach dieser wichtigen Eröffnung nahm er sich nicht Zeit, die Lachlust zu beachten, die auf allen Gesichtern blitzte, sondern nach einigen angehörten mühsam hervorgebrachten Gratulationen schob er sich wieder von dannen im stolzen Gefühl, den Leuten etwas gesagt zu haben, das sie nicht alle Tage hörten und auf eine Weise, die comme il faut sei. So nahm ich mir auch nicht Zeit darauf zu achten, wie die Leute die Köpfe zusammen steckten und hinter mir drein lachten. Ich lief, so schnell ich konnte, unserm Hause zu, und Mädeli im Gärtlein erblickend, rief ich halb atemlos von weitem: »Mädeli, du bisch schwanger; dr Dokter het's gseit.« Mädeli sah ganz rot auf und sagte: »Schrei doch nit so, Peter, ds halb Dorf ghört's ja; schäm di doch. Gang afe i dStube, i chume o nache.« Beschämt zottelte ich hin und beschwerlich kam es mir nach. Dort erzählte ich, wie der Doktor e bsunderbar e gwahrige sei, wie er kaum in das Glas gesehen, ohne daß ich ein Wörtlein gesagt, als er gleich ausgerufen habe: »Die isch schwanger.« Mädeli wollte sich stellen, als ob es dieses nicht höre und machte sich etwas zu thun; ich aber drehte es um, und freute mich gar herzlich darüber, so daß Mädeli sein Gesicht an meinem Halse verbarg und seine feuchte Freude dort vermeukte. Da hörten wir ein schallend Gelächter neben uns; es war der Schwiegerpapa. Wir beide, ärgerlich darüber, daß er unsere angehenden Elternfreuden also gestört, sahen uns um, fragend, was er dann zu lachen habe. Er aber antwortete lange nicht, und als er endlich etwas stammeln konnte, hörten wir nur: »Eh, ih schwanger, ih schwanger!« Wir glaubten, er sei wirbelsinnig geworden, bis er deutlicher redete und sagte: der Doktor habe ihn schwanger erklärt, denn er habe Mädelis Wasser aus dem Gütterli und seines hinein gelassen; der Doktor habe also im Wasser seine Schwangerschaft gesehen, und das sei doch eine grüsliche Sache, da er bald 70 Jahre alt sei; und Lachen und Husten wollten ihn fast ersticken. Wir stunden da wie Weiber, denen die Katze des Sonntags das Fleisch gefressen, und am Ende fing mein Weibchen an zu weinen, daß seine angehenden Mutterfreuden eitel, seine Furcht vor der Auszehrung gegründet sein sollte. Der Alte aber sagte alsobald: »Seid doch nit Göhle; was der Doktor erraten hat, das habe ich längst gewußt, ohne Wassergschau, und all Lüt z'entum hei drvo gredt.« Weil wir aber so geheimnisvoll damit gethan und alles vor ihm verheimt, so hätte er auch nichts sagen wollen, sondern sich erlustiert an unsern Ängsten. Als er von dem Wassergschauer gehört und das Gütterli bereit gesehen, habe er dem Gelüsten, einen Streich zu spielen, nicht widerstehen können, sondern das Wasser verwechselt. Er kenne die Wasserdoktoren. Er habe lange an sie geglaubt. Als aber hinter Murten einmal einer voll gewesen, so habe er ihm gebeichtet und bekannt, daß es mit dem Wassergschauen meist lauter Narrentei sei. Allerdings sehe man Gallengeschichten, heftige Fieber und manchmal ihre Grade, sehe Krämpfe krampfhafter Frauen zuweilen in denselben, weiter nichts; sehe nicht einmal den Unterschied von männlichem und weiblichem Wasser. Aber die Leute wollten es einmal so; darum thue man es. Man kenne erstlich viele Leute ringsum und wisse, was vorgehe; man kenne in allen Jahreszeiten ungefähr den Charakter der Krankheiten und die jahrzeitlichen Übel; man habe allenthalben Leute, die einem Nachricht geben von Leuten, die kommen würden; man habe aparte Leute, welche die Leute ausfrägelten, welche kämen; man habe auch eigene Vorrichtungen, um die Leute zu behorchen, und wenn alles das nichts hülfe, so schieße man seinen Schuß von ungefähr in die Scheibe hinein, oder helfe sich mit einem Witz. So habe z. B. einst in der Wartstube des berühmten Micheli von Langnau einer gesagt: er habe da das Wasser von seinem Bruder, der sei von einem Kirschbaum hinuntergefallen, und nun nehme es ihn Wunder, ob der Schärer das erraten könne; wenn er das könne, dann wolle er glauben, er könne mehr als ein anderer. Der Doktor, der das natürlich gehört oder vernommen, habe, als jener seiner Reihe nach vorgekommen, das Wasser lange beschaut mit bedeutender Miene und kurz geschnauzt: »Dy Brueder isch abe gheyt.« Respektvoll habe der Bursche den Spruch vernommen und gesagt: »Ja, Schärer, du hesch recht;« aber, schlauerweise nach Emmenthalerart einen Incident machend, fragte er aus dem Stegreif: »Aber chasch mr säge, vo was er ache gheyt isch?« – »He vo' re Leetere.« – »Aber chasch mr säge, wie mänge Seegel?« – »He he, öppe acht.« – »Jä, Dokter, du chasch nüt, er isch viel höher ahe gheyt.« – »Säg, Bürschli,« sagte Micheli kaltblütig, »hesch mr alles Wasser brunge?« – »He ni,« sagte Bürschli. – »He nu,«« sagte Micheli, die angere Seegel sy im angere Wasser.« Da vergaß das Bürschli Maul und Nase offen. Michelis Witz war über seinem gewesen; darum sagte er auch: »Wie da isch bim Donner kene, da cha meh as Brot esse.« So erzählte uns der Alte, um uns zu besänftigen; denn wir waren recht böse über ihn. Es gelang ihm lange nicht. Wir begriffen nicht recht, warum wir ihm glauben sollten und nicht dem Doktor; meinten, wenn der Doktor uns angeschmirt, so könne Mädeli nicht schwanger sein, der Alte möge sagen, was er wolle. Endlich mußten wir doch ans Glauben, was wir eigentlich so gerne thaten. Mit ganz eigenen Augen sah ich Mädeli, die werdende Mutter, an, und keiner Königin konnte man auswärtiger sein, als ich meinem Weibchen. Ganz eigen schwellte sich mir das Herz, wenn ich dachte, daß ich Vater werden, und ich konnte mir das Kind gar nicht vorstellen, das von mir kommen sollte. Und Mädeli ward so zärtlich und so bange; es schien mich noch einmal so sehr zu lieben, und doch schlich es sich öfters bei Seite und mit verweinten Augen fand ich es wieder. Wenn ich es dann in die Arme nahm und nach seinem Kummer fragte, oder ob es böse über mich sei, dann schlang es sich fester an mich und jammerte, es müsse gewißlich sterben, es stehe das nicht aus. Früher wäre es so gerne gestorben, jetzt aber so ungern. Es könne nicht von mir weg, es könne mich nicht lassen, und so gerne hätte es auch das Kind gesehen; aber das könne nicht sein, das mache es so traurig; denn sterben müsse es. Diese Hirngespinnste wollte ich ausreden, verjagen, wurde aber am Ende selbst davon angesteckt. Bald hatte es geträumt, unter seinem Zeug das Totenhemd gefunden zu haben, bald hatte eine Krähe drei Morgen hintereinander bei Tagesanbruch auf unserm Hause gekräht, bald der Totenwurm gepickt zunächst neben unserm Bette; bald hatte es einen Klaps gegeben in der Stube wie ein Schuß, und man konnte nicht entdecken, was eigentlich geklepft. Diese Wahrnehmungen alle machten auch Eindruck auf mich und entkräfteten daher meinen Trost. Und wenn wir uns auch einigermaßen beruhigt haten, und Mädeli in meiner Nähe zuweilen die Todesgedanken vergaß und wieder lachte, so kam, fast wie vom Teufel hergeblasen, irgend ein Weib, um die Angst von neuem anzublasen. Die erzählte dann schauerliche Geschichten, bald von erfüllten Ahnungen, und wie sich die Kindbetterin selbst gesehen hätte im Totenbaume, bald von dm Schmerzen und Gefahren des Kindbettens, wie es zum erstenmal immer am härtesten zugehe, wie hie und dort eine gestorben sei, oder für ihr Lebtag ein Näggis davon getragen; von hübschen jungen Weibern, die seit der ersten Kindbetti herumschlichen wie ein Schatten an der Wand, wie wenn sie aus dem Grabe kämen, und keine gesunde Stunde mehr hätten. So erzählte ein Weib ums andere und eins schauerlicher als das andere. Hintendrein sagten sie dann wohl: »E i wett nit e Göhl sy u so Angst ha; es geyt nit allne so, u-n-im Chrieg chöme-n-o nit all Soldate-n-um, es wird dr öppe wohl guet gah; du muesch di ume nit förchte.« Daß dann aber dieser Trost nicht besonders anschlug, kann man sich denken. Es fehlte Mädeli allerdings gar viel etwas, und da gab wieder eine Frau dieses an, eine andere etwas anderes, und rieten besseres Essen an und ermahnten Fleisch und Wein zu brauchen. Da fühlte ich am bittersten meine Schulden und meine Entblößung. Das Geld vom Schullohn, das uns im Frühjahr bezahlt wird, war längstens fort; wir mußten vom Verdienst leben, und der war nicht groß. Wir hatten einen langen Winter vor uns, in welchem ich fast nichts verdienen konnte, und eine Kindbetti, die viel kostet, und für die ein guter Hausvater allweg etwas Geld z'weg macht, und endlich sollten wir noch erübrigen, um an unsern Schulden etwas zu zahlen. Da ward es mir schwer und bang, und dennoch kräzte ich Mädeli zu, was ich konnte; aber die wollte es dann nicht brauchen und jammerte über die Kosten, die es verursache, schmähte mich über meinen Leichtsinn, das Geld jetzt wegzuwerfen, das später viel besser zu gebrauchen sei. Das war auch wieder ein Zanken der Liebe, das angehen mag. So hatten wir zu jammern, zu zanken und dann wieder abzuraten, was wir für die Kindbetti und das Kind zurecht zu machen hätten. Wir scheuten uns, jemand zu fragen, und trugen aus unsern Jugend Erinnerungen und aus dem, was wir hier oder da sahen, zusammen, was wir konnten, und ratschlagten gründlich und bedächtlich, mit wie vielem wir es wohl machen könnten. Aber wir mochten rechnen, wie wir wollten, Geld brauchte es immer; denn wir hatten nicht alte Tücher und Hemder zum Verschneiden, oder wenn wir sie verschnitten hätten, so hätten wir gar keine Betttücher und Hemder mehr gehabt. Glücklicherweise gab es ein gutes Flachsjahr, gab Hanf, und aus diesem lösten wir so viel, daß wir ein Sätzlein für die Kindbetti zu haben hofften. Auch der Vater hatte Verdienst und konnte uns in der Haushaltung nachhelfen. Der Winter kam wieder und mit ihm die Schule. Diesmal freute ich mich nicht besonders darauf; ich hatte eigentlich anderes zu sinnen und zu thun. So ein Morgen dünkte mich oft gar lange, und ich hätte es kaum erlitten, wenn ich nicht des morgens wenigstens einmal hinüber zu meinem Weibchen gegangen wäre. Es sandte mich aber bald fort, sagend: »Los, Mannli, wie si wüest thue; gang doch übere.« Oft wollte ich es überreden, mit mir in die Schulstube zu kommen; es könne da auch spinnen oder lismen, meinte ich. Es hätte auch so gut das Recht dazu, als andere Schulmeisterweiber, die ganze halbe Tage in der Schulstube auf dem Ofen hocken, manchmal mit einem Kind auf dem Arm und an der Brust und manchmal mit keinem. Aber Mädeli wollte nicht und meinte, das sei doch nicht anständig und trage nichts ab; im Gegenteil, man versäume einander nur gegenseitig. Es sei nicht von denen eins, die meinen, die Mannen seien nur für sie da und sollten immer bei ihnen hocken, und alles la gheye-n-u lige, we de Wybere öppis dur-e Gring schieß, oder si öppis z'chlage oder z'branze heyge. Als aber die Kindbetti, wie wir glaubten, immer näher rückte, da hatte ich denn doch fast keine Triftig mehr, und alle Stunden wenigstens einmal lief ich zu ihm hinüber und fragte: »Gspürsch no nüt, chunnt's dr afe?» Aber da wurde nichts gespürt und kam nichts; denn wir hatten gar keine Rechnung und wußten gar nicht, woran wir waren. Und weil immer nichts kommen wollte, so fingen wir wieder an zu glauben, es sei gar nichts und das ganze eine Krankheit, ein Gwulst oder eine Wassersucht. Zum Glück wurden unsere Bekümmernisse unserm Vater kund, ehe wir zum Doktor liefen oder andere Leute berieten, und der lachte uns so tüchtig aus, daß wir doch wieder zu hoffen anfingen: es sei öppis angers. Endlich weckte mich einmal des Nachts ein Gewimmer; es war Mädeli, das über Stechen, Reißen, Stüpfen, Drängen klagte und es nirgends mehr zu erleiden wußte. Mir ahnete, das könne nun die erwartete Stunde sein und mir ward wie einem Rekruten, der zum ersten Mal ins Feuer soll, wie einem auf Tod und Leben Angeklagten vor dem Geschwornengericht, ehe schuldig oder nichtschuldig über ihn gesprochen wird. Ich fragte alle Augenblicke: »Wie geyt's, chunnt no nüt?« Aber das Jammern und Wimmern wurde immer stärker; mir lief der Schweiß bachweis um den Leib; ich wußte nichts anzufangen, als am Ende den Vater zu rufen. Der putzte mir ab, daß ich es nicht schon lange gethan, oder daß ich nicht Weiber gerufen; die müßten zueche, er wisse dem nicht zu thun. Er lief um Hülfe aus und bald waren welche da; denn für solche Dinge sind die Weiber aufwärtig und hülfreich. So eine Geburt ist manchem Weibe, was manchem Mann eine Feuersbrunst, und je ärger es an beiden zugeht, desto wöhler ist's ihnen. Ich war in gar fürchterlichen Ängsten; ich glaubte alle Augenblicke, es müßte gestorben sein, und hatte gar ein unendlich Bedauren und fragte immer, wie es gehe, und wenn ich keine Antwort erhielt, so meinte ich schon, es sei aus mit Mädeli. Aber ganz gelassen bewegten sich die Weiber herum, erzählten eine Kindbetti nach der andern und eine fürchterlicher als die andere; und wenn eine fertig war, so sagte die andere: »Das isch no nüt, aber dert isch recht gange!« Eine machte Kaffee, eine andere betete in einem Buche, bis es ihr in den Sinn kam, daß ich der Schumeister sei und eigentlich am besten sollte beten können, und sie setzte mich an den Tisch und schob das Buch mir vor. Weder meine Frau, noch die Weiber, die zwischen durch immer schwatzten, hörten darauf, und ich wußte gar nicht, was ich sagte, sondern hörte nur immer auf das Gewimmer im Bette; aber das Beten ist Beten, und es sei bsungerbar guet, we's hert gang, sagte eine. We eine recht herzhaft bete, »so geit's de-n-e Weg, entweder dr eint oder dr anger«. Aber trotz dem Zuspruch hielt ich es doch nicht am Buche aus, sondern mußte näher zu meinem Weibchen, und doch wäre ich wieder für mein Leben gerne davon gelaufen. Es ging lange. Es schlug Mitternacht, es schlugen Morgenstunden und noch immer war die Sache nicht ab Ort. Ich hatte kein Bleiben mehr, war außer mir. Das Seufzen Mädelis schien mir schwächer und immer schwächer; reden konnte es kaum mehr, der Schweiß stund ihm auf der Stirne; da sagte endlich eins der Weiber mitten aus einer schauerlichen Geschichte heraus: »E me chönnti dHebamme lah cho; si isch ume e halb Stung vo hie; es mag de gah wie's will, su het me doch tha, was me chönne het, u chunnt de nit öppe i dr Lüte Müler. We's bös geit, su müeße de geng die ume ha, wo drby gsy sy.« Mein Schwäher wurde abgesandt. Unterdessen kam eine dicke Kühersfrau, welche beim Erwachen vernommen, ihre Hausbäurin sei zu einer Gebärenden gerufen worden, und die nun diesen Schleck nicht versäumen wollte; denn auf den Bergen kam sie dann nicht dazu, sondern nur dazu, ihren Kühen die Zwiebelsuppen kochen zu können oder ein Milchtrank. Die war eine gar muntere und berühmte Frau; sie hatte Arme wie ein Rasentannli und Hände wie ein Dackbett und einen Lempen unter dem Kinn trotz ihrem besten Hopi. Sie konnte käsen trotz dem besten Knecht und war die durchriebenste aber auch rohste Frau, die jemals zu Berg gefahren; die wußte, wie man im Einverständnis mit dem Manne die Knechte um den Lohn bringen kann; die kannte Ränke und Schwänke, wie kein Mensch einer dicken Küherin zutrauen würde. Diese Frau stund breit vors Bett und sah dem Ding ein wenig zu und schüttelte immer mehr den Kopf und machte ein immer finsterer Gesicht, und endlich brach sie aus und warf den Weibern vor, sie seien dolders Stöck und wüßten alle nichts; so geh das üser Lebtag nicht; sie müßten die Frau aus dem Bett nehmen und auf den Gring stellen, »da geet's de, mi armi türi Seel. I ha zwölf Ching gha u di mehrste uf em Berg übercho, u-n-es isch albe hert zuegange; de het mi allbets dr Ma u öppe-n-e Chnecht oder zwe gno u he mi uf-e Gring gstellt u de isch's bim Dolder gange wie gsch.sse.« Das Weib, nicht an lange parlamentarische Verhandlungen gewöhnt, schritt sogleich zur Ausführung seines Vorschlages, stieß die andern Weiber, welche diese Entbindungs-Manier nicht kannten und über dieselbe, wie über alles neue, etwas ungläubig die Köpfe schüttelten, bei Seite, faßte meine Frau an, die nicht wußte, was geschehen sollte, und rief mir, der ich wieder hinter das Gebetbuch gestoßen war, zu: »Seh, du Stürmi, hör du jetz uf mit dim Tschäder u chumm hilf hie, das lhuet jetz nöter, süsch erworget dr ds Ching, u dFrau gaht susch druff.« Ich in meiner Seelenangst gehorchte alsobald, griff gewaltig zu und war eben im Begriff mit der Küherin die Frau aus dem Bett zu heben, die gar kläglich jammerte und bat, sie doch sein zu lassen, während ich sie immer tröstete: »Schwyg du ume, es wird de scho bessere,« als durch die Thüre die Hebamme eintrat. »Grüß Gott«, sagte sie, »und helf Gott«, und trat rasch zum Bette vor, als sie unser Bühren sah. »Was weyt dr, was soll's gäh?« fragte sie. »He du Narr, was soll's gäh, uf-e Gring stelle wee mr se, chumm heb da, we d' nit z'fürnehm bisch!« sagte die Küherin. »Dr löht die ume sy«, sagte die Hebamme, »u thüet mr die enangere na wieder i's Bett, u-n-i hätt nit glaubt, daß dr sövli uwitzig wärit, Schumeister.« Ich, ganz verdutzt, hätte Mädeli fast fallen lassen; die Küherin schien nicht willens, sich meistern zu lassen; da griff die Hebamme eben so entschlossen, wie jene, zu, und so kam endlich Mädeli ins Bett zurück. Die Küherin war taubi, wie ihr Muni es wird, und nachdem sie eine Verwahrung eingelegt hatte: we's de nit guet gangi, su well si de bim Dolder nit schuld sy, schob sie sich von dannen. Die Hebamme gab bald tröstlichen Bescheid: das werde sich recht wohl machen, es sei alles in der besten Ordnung; man solle nur Geduld haben, das gehe nicht so auf einmal. Aber eben diese Geduld zu haben ward je länger je schwerer, und selbst meinem Schwäher fing es an angst zu werden. Er murmelte immer lauter, man könne das doch nicht so gehen lassen, und ob es nicht am besten wäre, wenn man den Doktor holen ließe. Ein Doktor sei doch immer ein Doktor, und eine Hebamme eine Hebamme; hinter Murten hätte man nicht halb so lange gewartet, ehe man ihn herbeigerufen. Das war mir ganz recht; Hab und Gut hätte ich gegeben, wenn nur geholfen worden wäre. Die Hebamme aber sagte, man könne machen, was man wolle; sie habe nicht zu befehlen, aber es komme darauf an, zu welchem Doktor man wolle. Man hatte zu zweien ungefähr gleich weit. Hole man den einen, so werde der nichts machen, sondern sagen, man solle nur Geduld haben, die Natur werde sich schon helfen. Der andere aber werde auf der Stelle seine Manöver anfangen; dem sei's nur um die Duble zu thun, und da frage er nicht lange, wie u wo, sondern fange an zu zänglen. Sie habe mehrere Exempel, daß er nicht einmal den Kopf vom Hintern zu unterscheiden wisse, den letztern mit der Zange anfassen wolle, den erstern zurückstoße u. s. w. Man könne aber machen, was man wolle; aber sie sage es zum voraus, sie wolle nicht Schuld sein. Hingegen glaube sie, es werde, unvorhergesehenes ausgenommen, gut gehen. Man solle doch nicht den Mut verlieren; das gehe ja nicht aparti bös und nicht aparti lang, und wenn es bis zu Mittagszeit vorüber sei, so könne man noch immer sagen, es sei gut gegangen. Es gebe nicht viel Weiber, die ihre Kinder so ungwahret im Bohnenplätz bekämen und wohlgemut in der Scheube sie heimtrügen. Und wie sie sagte, ging es auch. Noch Vormittag hörte ich auf einmal ein gewaltig Bäggen, und die Hebamme sagte: »Gellet i ha's gseit! Es isch aber ke Wunger, daß es hert gha het; das isch e Bueb, wie st die größte Bure nit töller überchöme.« »Gottlob,« sagte Mädeli, und legte sich still selig ins Bett zurück. Und ich wußte vor Freuden nicht, was anfangen, wollte mich bald mit dem Buben abgeben, der aber ungebührlicher Weise von mir keine Notiz nahm, sondern auf seine eigene Faust mörderlich schrie; wollte mit Mädeli reden, das drückte mir aber nur mit freundlichem Lächeln die Hand; wollte mit der Hebamme reden, aber die hatte so viel zu regieren und so viel mangelndes, z, B. eine Nabelbinde u., von den anwesenden Weibern sich zu erbitten, daß sie gar nicht auf mich hörte und am Ende mir sagte: »Schumeester, göht doch e wenig uf dSyte; dr syt do nume-n-im Weg.« Aber ich ward nicht empfindlich; ich ging hinaus und freute mich meines Buben und meines Gottes, der mir mein Weib erhalten. Zwölftes Kapitel. Von Vaterfreuden und Vatersorgen. Das Vatersein erzeugt ganz eigene Empfindungen. Man kömmt sich viel bedeutender vor, macht unwillkürlich eine gewichtigere Miene und fühlt sich, entbunden von der frühern Angst, leicht und froh, wie ein Fisch im Bach, wie ein Vogel in der Luft; es dünkt einen fast, man sollte fliegen können. Man weiß aber vor lauter Freude nicht recht, wo einem der Kopf steht, und hat trotz der Vaterwürde etwas von einer sturmen Gans an sich. Mit der Wöchnerin kann man nicht reden, kann nur sehen, wie sie so wonnereich ihr Kindlein in den Arm nimmt, wie die dankerfüllte Seele so freudig aus den Augen glänzt, und bei aller Schwäche das Gefühl behaglicher Ruhe in allen Gliedern sich ausdrückt. Mit welcher Ahnung hält der Vater sein erstes Kind, und besonders einen Buben, zum erstenmal auf dem Arme und schaut in sein schreiend Gesicht! Was wird wohl aus dem Bürschlein alles werden, wie wartet auf ihn die Welt, was wird sie ihm bieten, wie wird er sie bezwingen? Daß noch kein solches Ding in die Welt gekommen, dessen ist der Vater überzeugt, und sieht im Geiste den Sohn mit Ruhm und Ehren gekrönt und mit gaffendem Munde ab solchem Wunderding rings um ihn die Welt. Und je nachdem der Vater etwas ist, je nachdem legt er dem Kinde Titel und Würden bei im Geiste. Der Patricier sah in seinem Jungen einen Schultheiß mit dem Baretli auf dem Kopf, oder wenigstens einen Obersten unter einem Nebelstecher. Der ehrliche Bürger sah den seinigen zu Bürgern, und Arm in Arm mit einem verarmten Junker in den Lauben spazieren. Der Bauer sieht in seinem einen Ammann, der breit mit den Händen in den Westentaschen vor seinem Hause steht und zusieht, wie man vier schwarz glänzende Rosse an den Mistwagen legt. Der Pfarrer sieht seinen Sohn als Professor, der griechisch und lateinisch, das ihm so viel vergeblichen Schweiß auspreßte, kann wie Schnupf, oder sieht ihn wenigstens an der Herrengaß, und in heiligem tiefem Respekt bückt er sich tief vor dem kleinen Ding, als ob es schon wirklich ein großes an der Herrengaß wäre. Der Schulmeister träumt sich seinen Buben auf der Kanzel als stattlichen Pfarrer, und wie alle sagen: »Ja dä cha's, wie kene«, und wie er Vater mitten unter den Leuten steht und sagt: »Ja dä cha's; vom Land vrsteit mi Bueb nüt, aber uf-em Chanzel isch er e-n Utüfel.« So gehen Träume durch der Väter Seelen und ähnliche durch der Mütter Seelen, aber nur ähnliche und nicht gleiche. Die Mütter träumen von schöner Leibesgestalt, roten Backen, lockichtem Haar, witzigem Munde, und im Hintergrunde schimmert ihnen immer eine Hochzeit entgegen. Und dann hat der Vater und die Mutter bereits Langeweile nach der Träume Erfüllung. Sie gehen alle Augenblicke zum Kinde, zu sehen, wie schnell es den Träumen entgegenreife, und wenn es schläft, so kommen sie beständig in Versuchung es zu wecken, erstlich, damit es die Zeit nicht verschlafe, und zweitens, um zu sehen, wie bedeutend es sich in der letzten halben Stunde entwickelt habe. Und wenn man schon vom Kinde weg ist, so verfolgen einen solche Träume und legen sich quer durch den Kopf, so daß sie andern Gedanken den Weg verlegen, daß man, wie man zu sagen pflegt, den Kopf nicht mehr beisammen halten kann. Daß man in der Schule konfus wird, gar nicht mehr aufpassen kann beim Lesen und beim Aufsagen die Fragen verwechselt, und immer falsche Antworten fordert auf die vorgesagten Fragen, so was ist fatal. Ein Schulmeister soll nie unrecht haben; aber wenn dann die Kinder mit dem Fragenbuch kommen, was soll er anfangen? Überhaupt möchte ich jedem Schulmeister den Rat geben, die Kindbettene auf den Sommer zu reisen; im Winter läßt es sich fast nicht machen, besonders in den alten Schulhäusern nicht, wo Schulstube und Wohnstube aneinanderstoßen oder doch auf dem gleichen Boden sind. Wie soll der arme Teufel Schul halten mit seinem Kopf voll andern Dingen? Wo soll er Zeit dazu finden? Er muß die Haushaltung machen; er muß doch der Frau abwarten; er muß geschwind nachsehen, wenn das Kind schreit, was es neues gebe; er muß es trocken machen und säubern. Freilich ist zuweilen eine gute Nachbarsfrau da, welche ihn etwas ablöst, oder es kömmt die Hebamme. Und wenn er schon Zeit hat, so ist er doch matt und müde, von dem Abwart, dem Nichtschlafen in der Nacht. Dann nehme man, wie wohl der Schullärm der Wöchnerin thut und wie Langeweile sie hat, wenn der Mann nie bei ihr sein kann! Und wenn man einen Schwäher hat, der schustern muß, und nirgend anders schustern kann, als in der einzigen Stube, welche man brauchbar hat, so ist es auch komoder im Sommer Kindbette zu halten; da kann er doch schustern vor dem Hause oder in der Schulstube. Denn man nehme, wie lieblich die Hammerschläge tönen im Kopf einer Kindbetterin; aber man bedenke, daß geschustert werden muß, wenn die Kindbetterin ihre Ankensuppe gehörig haben soll. Wahrhaftig mit der Schule wußte ich nie so wenig anzufangen; sie war mir nie so zur Last als damals. Auch waren meine Morgen und Nachmittage nicht sehr lang; ich vörtelete gerne mit dem Zeit, oder war das nicht zu machen, so wandte ich Geschäfte vor und sandte die Kinder eine halbe Stunde früher fort. Die Leute nahmen mir das damals nicht übel; da gab es keine Schulkommisston, welche hinter den unfleißigen Hausvätern her war; sonst hatten die auch was gesagt. Die passen den Schulmeistern, seitdem man ihnen aufpaßt, gar verdammt auf; vor denen kann er sich in acht nehmen, viel mehr als vor dem Schulkommissär, der gewöhnlich ein guter Tschalpi ist. Wir hatten gar manches zu reden zusammen, was bei dem ersten Kinde ebenfalls mit ganz besonderer Wichtigkeit verhandelt wird. Wir mußten dem Kinde einen Namen auslesen, der ihm wohl anstund. Heutzutag sieht man bei den Namen nur auf den Klang und sagt: »Dä gfallt mr.« Ehedem sah man auf die Bedeutung desselben; da konnte man sicher eher einig werden, als jetzt über den Klang. Wir haben unsere Namen aus Sprachen her, die wir im allgemeinen nicht mehr kennen; daher bleibt uns die Bedeutung der meisten Namen unbekannt. Das ist nun recht übel; denn sein Name war manchem ein Mahnungswort, das ihm beständig in die Ohren klang. Man ist so gewohnt, bei den Namen nichts mehr zu denken, nicht zu denken, daß sie eigentlich Eigenschaften oder das ganze Wesen eines Menschen bezeichnen sollen, daß man auch bei denen nichts mehr denkt, auf den bloßen Klang achtet, bei welchen man doch sehr gut weiß, was sie sagen sollen, z. B. Friedrich, Gottlieb, Gotthelf, Gottfried, Siegmund u. s. w. Wie mancher Vater hat z. B. den Namen Gottlieb zur Erziehung benutzt? Wir waren uneinig, ich und meine Frau. Sie wollte einen Peterli; dä, düech se, schick sich gar wohl und gang gar ring. Ich war für einen Johannes gestimmt; Johannes sei gar schön, meinte ich, und Johannesli, mis Johannesli, komme gar so lieblich heraus. Mein Schwäher fühlte wohl, daß ihm da nicht eine erste Stimme gebühre; aber er muckelte von einem Daniel, der habe ihm etwas majestätisches, und hinter Murten hießen die fürnehmsten Leute so. Wir stritten zusammen, bis Mädeli mich auf seine Weise ansah und sagte: es könne nicht genug Peters haben, so lieb sei ihm der, wo es bereits habe. Da war das Streiten über diesen Punkt aus, aber nicht über den zweiten. Was sollten wir für Gevatterleute nehmen? Da wollte lange keins recht mit der Sprache heraus. Ich war der Meinung, die Leute würden es mehr oder minder für eine Ehre halten, beim ersten Kinde des Schulmeisters zu Gevatter zu stehen, oder es könnten es wenigstens die einen zürnen, wenn man andere nehme statt ihrer. Man lache nicht darüber und glaube, das sei noch eine meiner alten Mücken, die übrig geblieben. Es ging mir dabei nicht anders, als es gar vielen Vätern beim ersten Kinde geht. Wie viele meinen nicht, die Geburt dieses Kindes sei für die ganze Welt ein bedeutungsvolles Ereignis. Weil diese Geburt für sie so wichtig ist, so meinen sie, für alle habe sie den gleichen Wert. Du mein Gott, wie vergehen diese Faxen! Wenn dann die Kinder kommen eins nach dem andern, daß man nicht weiß, wo wehren, so fängt man an sich fast ebensosehr zu schämen, als man sich anfangs gemeint hat. Während man beim ersten Kinde eine Ehre empfing und andern eine Ehre anzuthun meinte, wenn man sie zu diesem Kinde erbat, so empfindet man später bei jeder neuen Geburt eine sich vermehrende Last, und fürchtet nun auch beim Gevatterbitten eine Last anzuthun. Meiner Meinung nach sollten also die Honoratioren des Dorfes zu Gevatter gebeten werden, womit ich aber doch hinter dem Berge hielt, hoffend, Mädeli werde und müsse gleich denken wie ich, und sollte sich darüber zuerst aussprechen. Endlich äußerte es sich, es dünke es, man könne an die Verwandten kommen; die würden es schon thun. Nun mußte ich denn doch widersprechen und bemerken, daß wir doch ja wenig Verwandte hätten, daß sie fern seien, entweder ihm oder mir unbekannt, und daß man es hier zürnen würde, und daß man doch weniger Lauf und Gang hätte, wenn man die Leute von hier nehme. Gar ungläubig lächelte Mädeli, als ich vom zürnen, von ungern haben sprach. Es hätte das noch nie gehört, hingegen gar oft: man wisse nicht, warum der einen doch plage; man gehe ihn ja weiter nichts an, und er hätte doch noch Leute, die das besser thun könnten. Die Vornehmeren betrachteten eigentlich das zu Gevatterbitten als eine Bettelei, das Annehmen der Bitte als eine Gnade; denn es würde ja niemals einem derselben in Sinn kommen, einen untergebenen, mindern wieder zum Götti zu nehmen; man hätte ja nie gehört, daß ein Bauer einen Tauner zu Gevatter gebeten habe. Bitte man aber seinesgleichen, so thäten diese es darum lieber, weil sie das Gegenrecht ansprechen könnten und um so leichter mit der gleichen Bitte anwachsen dürften. So disputierten wir zuerst grundsätzlich und dann angewandt auf die Personen. Mädeli schlug Verwandte vor und ich Honoratioren. Wir hatten gegenseitig an allen vorgeschlagenen zu kritisieren. Ich muß bekennen, ich traute Mädeli in diesen Dingen gar kein Urteil zu; es war ja so jung und hatte so viel mit Leuten sich nicht abgegeben. Dagegen glaubte ich mir Erfahrung erworben zu haben. Ich wußte wohl, daß ich meine Bauren nicht plagen durfte; aber zu Gevatter bitten hielt ich nicht für eine Plage, sondern eben für eine Ehre oder für eine Anerkennung der Untergebenheit. Nahmen doch Dienstboten ihre Meisterleute zu Gevatter, Hausleute den Hausbauer und seine Frau, und war an einem Orte ein Oberherr, so war der vor dem Pfarrer nicht sicher. Ich war daher hier hartnäckiger als beim Namen, und setzte es auch durch, daß zwei Stellen nach meinem Sinn vergeben werden sollen, und die dritte konnte mein Weibchen besetzen und that es mit einem Bruder, der einige Stunden von uns in Arbeit stand. Ich aber erwählte den Statthalter und des Ammanns Frau, die bei der Geburt zugegen gewesen und mit Rat und That uns viel geholfen hatte. Nun mußten die erwählten auch erbeten werden. Die Weiber machen sich oft breit, daß ihnen bei den Kindern alle Beschwerden und Schmerzen auffielen, daß sie es den Männern gönnen möchten, wenn einmal das Kindbetten auch an sie käme. Sie denken nicht ans Gevatterbitten, denken nicht daran, daß man bei jedem Kinde doch nur einmal kindbetten, hingegen dreimal zu Gevatter bitten muß. Ehe man es erfahren hat, weiß man gar nicht, was das ist; ja man weiß es nicht, bis man auf dem Wege ist. Und was bei dieser Sache das merkwürdigste ist, ist das, daß, während durchs Wiederholen jede Sache leichter wird, auch das Kindbetten, das Gevatterbitten einem jedesmal schwerer ankömmt. Der Kindbettimann, der den Sonntagsrock am Leibe, ein Tuch um den Hals und den Wollhut auf dem Kopfe hat, weiß wohl, daß man ihm aus jedem Hause nachsieht, wenn er am Werktag so angethan durchs Dorf geht, daß man neugierig sich fragt: wo geht er hin, wo kehrt er ein? Er weiß, daß, wenn er gegen ein Haus einlenkt, in demselben ein Geschrei ertönt: »Mueter, es chunnt aber eine, er isch gsuntiget u het e Huet a; dä chunnt cho tschämele wen wott er ächt, dr Ätti oder di?« – »Wer isch's?« fragt dann die Mutter. Und je nach dem Bescheid sagt sie: »He nu,« oder »Da hätt's chönne lah blibe.« Darum wählt man zu solchen Besuchen gerne die Dämmerung oder gar die Dunkelheit, und klopft, während die Familie am Nachtessen sitzt, ganz bescheiden an der Küchen- oder Hausthüre. Wenn dann die Magd oder die Tochter vom Beischeidgeben wieder hereinkömmt und sagt: »Mueter, du söllisch use, es wott eine zue dr,« und die Mutter sagt: »Er söll iche cho,« und die Tochter antwortet: »I ha-n-ihm's gseit, aber er wott nit; er dräyt dr Gring geng dert ume; i glaub, dä well öppis angers;« so weiß die ganze Familie wohl, daß das ein schüchterner Chindbettima ist. Die Ammannin empfing mich gar freundlich: ja freilich, sagte sie, das wolle sie mir schon verrichten, wenn ich das Zutrauen zu ihr habe. Es freue sie noch, und meine Frau gefalle ihr wohl, und warum hätte man die Sachen, wenn man nicht auch andern Leuten etwas davon thun sollte? Bei des Statthalters ging es mir anders. Dort empfing mich auch die Frau, und hieß mich endlich hineinkommen, nachdem sie mich lange stehen gelassen und unfreundlich hin und her geschossen war. Der Mann werde bald kommen, hieß es. Wahrscheinlich führte er in der Hinterstube sich etwas zu Gemüte, was niemand zu wissen brauchte. Die Frau machte sich unterdessen allerlei Anlaß zu schimpfen, wie man doch von den Leuten geplagt werde; es düech se afe, dLüt meine, si syge allei auf der Welt, und es sei niemand anders gut als sie. Kurz sie wußte während der halben Stunde Wartens mir das Herz so in die Hosen hinunter zu sticheln, daß ich dem endlich eintretenden Statthalter mein Anliegen kaum vorbringen konnte. »Los, Schumester, wil du's bisch, su will dr's wohl verrichte; ame-n-angere sieg i's ab; es chunnt mr neue-n-afe z'uber, u-n-i mueß z'letst o zu mir luege; es luegt niemer angers zu mir.« Nachdem ich noch gesagt hatte, sie sollten sich doch ja keine Kosten machen, es sei mir nicht wegen dem, und nachdem ich gehörig gedankt und vielmals alle z'Kindbetti eingeladen hatte, dachte ich beim heimgehen: »Mädeli, du hesch doch öppis recht,« aber ich sagte es ihm nicht. Auch dem Bruder nachzulaufen ward mir nicht geschenkt, und das ist wahrhaftig eine strenge Sache, wegen einer einfachen Frage im Winter ein halb Dutzend Stunden machen zu müssen; aber so sind einmal die Leute und die Gebräuche. Nun der Bruder führte sich recht manierlich auf, zahlte mir noch eine Halbe, und da er erst eine neue Kleidung sich hatte machen lassen, so glaube ich, er that sich etwas zu gut auf das Götti sein, und dachte sich das aus, wie sie luegen werden in Gytiwyl. wenn er daher komme in seiner neuen Rübelibchleidig. Freilich schien's ihm nicht ganz recht zu sein, eine bestandene Ammännin zur Gotte zu haben; ein hübsches Meitschi wäre ihm lieber gewesen. Da ich nach Hause pressierte, um nicht zu ernachten, wies er mich auf einen Fußweg, der eine halbe Stunde näher sein sollte. Kalt blies die Byse über die Fläche und nahm mir unsanft den Tabaksrauch vom Munde weg. Leicht war es mir ums Herz; die letzte Visite war gemacht beim letzten Götti; in wenig Stunden war ich wieder bei meinem Sprößling, und mich nahm gar sehr Wunder, um wie viel er in diesem ganzen Tage an Größe und Weisheit zugenommen habe. Freilich flogen auch allerlei schwerere Wolken mir durch den Kopf. Ich erfuhr täglich, daß Mädeli mit seinem häuslichen Budget sich doch verrechnet habe, und daß wir mehr als 2 L. brauchten in der Woche. Nur für Schmutziges mußte 5–6 Batzen ausgegeben werden. Doch diese Wolken flogen rasch vorüber, verjagt durch die immer wieder hervorbrechende Sonne der Vaterfreuden, denen ich mich mit ganzer Seele hingab und die mich auch warm hielten im Bysluft. Da tönte es dicht vor mir in dumpfem Zorneslaut: »Zum D..., chast nit warte?« Ich sah am Waldessaum einen Jäger im Anschlag und hörte nicht weit oben im Gebüsch einen klaffenden Hund, und sah einen Hasen in den Waldweg springen, einen Augenblick stille stehen und dann in raschen zierlichen Sätzen auf uns zu kommen. »Lue, lue, do, do !« schrie ich. Aber der Jäger sah sich so wild nach mir um, daß das schreien mir im Munde stockte und als ich in ihm meinen nächtlichen Begleiter und Wegweiser mit dem fürchterlichen Schnauz erkannte, ließ ich vor Angst die Pfeife fallen. Da stutzte der Has, machte eine halbe Wendung und wollte abspringen, als es knallte aus des Jägers Doppelbüchse und das Tierchen im Wege sich wälzte, zum Tode getroffen. Rasch sprang der Jäger hin, hob den Langbein an den Hinterbeinen auf, gab ihm einen Schlag mit der scharfen Hand ins Genick und warf ihn wieder auf den Boden hin, wo alsobald der Hund, der auf der Fährte klaffend kam, ihn beschnoberte und mit dem Mund ihn packte und gerne eingebissen hätte, wenn nicht des Jägers drohendes Auge über ihm gewesen wäre. Ich ging auch den Hasen zu beschauen. Der Jäger, der mit seinem scharfen Blick mich erkannt hatte, schnurrte mich an: man müsse ein Schulmeister sein, um einen so in den Schuß zu laufen; ob ich dann sein Winken, stille zu stehen, nicht bemerkt, oder ob ich etwa die nächste Kinderlehr studiert hätte? Und dann noch so zu brüllen wie ein Esel! ob ich dann glaube, er hätte keine Augen und die Hasen keine Ohren? Es komme mir wohl, daß er eine so gute Flinte habe, welcher er auf fünfzig Schritte einen Hasen, auch wenn er spitz gegen ihn käme, anvertrauen dürfe; sonst wollte er mir noch eins zählen. Ich versprach mich so gut als möglich; aber ärgerlich war es mir, von ihm allemal mit einem Putzer empfangen zu werden. Während er die Flinte säuberte und lud, fand ich den Mut, ihm zu sagen, daß er die Schulmeister doch aparti auf der Mucke haben müsse. Das letzte Mal habe er über sie schimpfend mich verlassen, diesmal mit gleichem Schimpfen mich begrüßt. Was die ihm zuleid gethan hätten? – »Schulmeister, das ist eine lange Geschichte,« sagte er. »Ich habe geglaubt, du seiest etwa gwundrig geworden und kämest einmal wieder, zu vernehmen, was ich damals meinte. Aber so seid ihr: wenn man euch nicht rühmt, so begehret ihr nichts zu hören; darum bleibt ihr auch, was ihr seid.« Ich versprach mich damit, daß mir niemand hätte Auskunft geben können über ihn, obgleich ich mehrere Male nach ihm gefragt. Und dann hätte ich viel zu thun, hätte geheiratet und nicht Zeit, unnütz einige Stunden zu verlaufen. Aber wissen möchte ich doch, was er denn eigentlich gegen uns habe? »Da ist der Wind zu kalt,« sagte er, »und die Sache zu lang; aber wenn du mit mir heimkommen willst, so will ich es dir schon sagen.« So lange durfte ich mich aber nicht aufhalten, ohne Mädeli Kummer zu machen, und sagte von einem andern Mal, daß ich wieder kommen werde. Er lächelte und meinte, es werde mir nicht gar Angst darum sein; ob man eine Stunde früher oder später heimkomme, achte man sich sonst so-n-ere Frau t'wege nicht viel. »Aber, Schulmeister,« sagte er, und schob den Hasen, den Kopf voran, in seine Jagdtasche, »wenn du schon nicht gwundrig bist, so könnte es mich einmal ankommen, dir nachzulaufen; denn es wäre doch wirklich schade, wenn kein Schulmeister vernehmen würde, was ich eigentlich gegen sie habe; es würde vielleicht mancher weniger handlich seine Kuttenfecken schwenken, wenn er einmal bündig hören würde, was so ein Schulmeister abträgt.« Da erhob der Hund, der uns wieder verlassen hatte, ganz nahe bei uns, auf einem langen Fuhrenacker, ein gar wehlich Geheul, und vor ihm her setzte ein Hase in langen Sprüngen dem Walde zu, und von mir weg setzte der Jäger, in der einen Hand die Flinte, mit der andern die Jagdtasche haltend, wie rasend in den Wald hinein, und kaput stund ich auf einmal allein und hätte ihm gerne noch etwas gesagt. Aber verschwunden war plötzlich die ganze Jagd wie ein wilder Spuck; nur das anschlagen des Hundes tönte von ferne her mir zu, aber immer schwächer, bis es endlich verhallte, wenigstens für eines Laien Ohr. Fast so rätselhaft wie das vorige Mal, fast wie der wilde Jäger, erschien mir wieder der wilde Mann. Was ich von ihm vernommen hatte, gab seiner Erscheinung auch noch etwas schauerliches. Per se hatte ich ihm nachgefragt, und alle, die ich fragte, schüttelten bedenklich die Köpfe. Die einen gaben ihn aus für einen fremden Räuberhauptmann, der sich hieher geflüchtet; andere für ein Landeskind, das nach den einen seinen Vater umgebracht, nach den zweiten seinen Herrn, einen reichen Offizier, erschlagen. Die meisten hielten ihn aber für einen, der sich dem Teufel ergeben hätte und hier mit allerlei Teufelskünsten sich abgebe. Zur Bestätigung dieser Meinung wußten sie eine Menge Belege anzuführen, so daß ich mich fast auf ihre Seite schlug, und eben deswegen nicht schnitzig gewesen war, ihm einen Besuch abzustatten. Wenn man so darüber nachdenkt, so kömmt einem sicher nichts schöner und feierlicher vor, als eine Kindstaufe. Das Kind, das der Herr gegeben, weiht man dem Herrn wieder. Da liegt es vor uns, eine Aufgabe, die all unsere Kräfte in Anspruch nimmt, von deren Lösung unser Lohn und unser Glück abhängt, ein Rätsel, das die Zeit enthüllen wird; eine Gabe, die Gift oder Gold in unsern Händen werden kann; ein klein unbewußt Wesen, für das wir sorgen sollen, daß alle Dinge zu seiner Seligkeit gereichen, wie der Herr allen denen, die ihn lieben, alles zur Seligkeit gedeihen läßt; ein anvertrautes Gut, das wir regieren sollen, wie wir wünschen von Gott regiert zu werden, also ein Prüfstein, an welchem wir erproben, in wie fern wir Gott ähnlich zu werden vermögen. Eine Kindstaufe ist also einer der erhebendsten Tage im Menschenleben, und nur wer sie nicht begreift, kann sich an ihr ärgern, und nur der Vater, der seinen göttlichen Beruf nicht vernimmt, kann sich ihr entziehen. Und wehe denen, welche aus Rechthaberei und Buchstabensucht den Vätern diese Taufen verdächtigen und den Kindern rauben die Früchte dieses Taufens, die Früchte im Vaterherz und im Mutterherz. Unterdessen ist's merkwürdig, wie auch die Welt dafür sorget, die tieferen Eindrücke zu verwischen, ja einen Vater gar nicht zur ordentlichen Besinnung und noch viel weniger zur rechten Empfindung kommen zu lassen. Er muß am Morgen dafür sorgen, daß die Gevatterleute etwas finden zur Stärkung. Er muß Angst haben, daß sie sich vielleicht verspäten möchten. Er muß daran denken, daß seine Frau auch gehörig besorgt werde und auch etwas zu Hause habe. Während der ganzen Taufe muß er daran sinnen, ob er nichts vergessen und wie er es machen müsse, daß er nicht gegen irgend jemand fehle; ob er der Gotte gesagt, wie das Kind heißen solle, und ob die Gevatterleute (wenn es nämlich Fremde sind) alle üblichen Gebräuche recht machen und am Ende die rechten Plätze finden werden. Kaum ist die Taufe aus, so muß er die Gevatterleute hüten, zusammenhalten, wie eine Herde Flöh, damit ihm niemand davon laufe; »Seh, chömit, chömit doch!« muß er rufen, bis er im Hause oder im Wirtshause ist, und sollte er darüber so heiser werden, wie eine alte Aue. Und hat er sie endlich auch beisammen, so entrinnt ihm doch das eine oder das andere unter irgend einem Vorwande wieder. Dann muß er den Wirt pressieren, daß er bald auftragen lasse; denn die Zeit vor dem Essen ist furchtbar langweilig; man weiß gar nicht, was anfangen; denn da viel Reden den Appetit nimmt, so will niemand dieser Gefahr sich aussetzen. Und hat endlich der Wirt die Suppe auf dem Tische so sind die Leute nicht mehr da. Die, welche da sind, muß man zerren und stoßen; es ist, als ob sie keine Beine machen können, und doch mögen sie kaum warten, bis sie am Tische sitzen; aber sich schreißen, pressieren lassen zu dem, nach dem man lechzet, wie ein Hirsch nach einer Wasserquelle, das ist halt der Welt Sitte. Nach den andern muß man ausschicken, und vernimmt endlich den Bescheid: sie werde öppe cho, me soll nume afe näh. Der Kindbettimann weiß nicht, soll man warten oder zufahren, und ist in peinlicher Klemme, der oder die könnten es zürnen. Aber nun pressiert der Wirt. Es kalte alles, sagt er; man könne ihnen dänne stellen, sie werden schon kommen. Endlich ißt man, und der Kindbettimann muß einschenken und sagen: »Näht doch,» und wenn eins nach dem andern nachkömmt, so muß er befehlen, daß man wieder auftrage von der Suppe an, bis dahin, wo die andern endlich gekommen sind, und sollten sie erst um vier oder fünfe nachkommen, wie es z. B. des Statthalters Frau und Sohn machten. Und in jedem Wirtshause sind immer Leute am Sonntage, welche vom Schmarotzen leben; die strecken in jede Stube, wo das Kindbettimahl gehalten wird, ihre Nasen. Denen muß er nun selbsten es bringen, oder sich nicht ärgern, wenn andere ihnen es bringen von seinem Weine; muß sich nicht ärgern, wenn irgend einer, ohne sich um die übrige Tischgesellschaft zu bekümmern, hineinkömmt und mit dem Statthalter ein Geschäft zu bereden anfängt. Dieser muß ihm einschenken, und alles, was der Trinkende der Höflichkeit wegen zu thun hat, ist, daß er mit den Anwesenden Gesundheit macht. Dann wischt er mit der obern Hand das Maul und geht wieder, ohne sich nach dem Gastgeber nur umgesehen zu haben. Und wenn Gäste oder Gevatterleute recht ungeniert sind und einmal recht gute Leute sein möchten auf anderer Leute Kosten, so warten sie nicht einmal bis jemand von selbst hereinkömmt, sondern sie wandern in der Gaststube und den Gängen umher, wie die Knechte im Evangelium auf den Kreuzwegen, und wo sie einen ansichtig werden, der ihnen anständig ist, so heißt es: »Chumm, thue eis B'scheid, nimm eis.» Und wehrt sich der, so heißt es: »Chumm ume, da seit niemer nüt; chumm ume, es thuet dem's sauft.» Wenn nun der Kindbettiman das alles ausgehalten und dazu noch im Kopfe ungefähr in Rechnung behalten, wie manche Maß der Wirt aufgestellt, wie manchem er frisch aufgetragen, und wenn er noch allgemach immer zu addieren vermag, wie hoch die Rechnung sich belaufen und ob er es aushalten möge, und das müssen die meisten Kindbettimannli thun, so möchte ich den sehen, der im Kopf noch ernste Gedanken haben kann. Und wenn die Rechnung anfängt überzulaufen, und um Franken die Summe übersteigt, welche er dafür angesetzt, und seine Beine ihm unter dem Tisch zu gramsen und zu brennen anfangen, und noch niemand zum Heimgehen einen Wank thut, so möchte ich den sehen, welcher ein fröhlich Herz bewahren kann. Und wenn die Gevatterleute zu prügeln anfangen und Teller und Flaschen in der Stube herumfliegen, und das Mannli weiß, daß er das alles zu bezahlen haben wird, so möchte ich den sehen, der ein fröhlich Gesicht noch machen kann. Und hat er das alles ausgestanden, so muß er sich noch schönstens bedanken, und nicht vergessen, einen Korb packen zu lassen, um doch auch seinem Weibe etwas mitzubringen. Und zuletzt hat er vielleicht noch über langes Ausbleiben von seiner Frau die bittersten Vorwürfe anzuhören, die auf keine Entschuldigung, daß es sich ihm doch nicht geschickt hätte, vor seinen Gevatterleuten wegzugehen, hören will. Und wenn zu allerletzt die Frau die Ürti vernimmt und sie nicht im Verhältnis findet mit dem, was sie erhalten, so kann der arme Teufel von Vater versichert sein, daß er auf lange bös Wetter ins Land kriegt. Ich will gerne bekennen, daß es mir nicht ganz so ging, aber doch nicht ganz anders. Die Üerti vernahm ich nicht. Der Wirt meinte, das pressiere nicht, er müsse noch mit seiner Frau reden; es thue mir's sauft, einmal einen Schoppen bei ihm zu haben. Zu Hause empfing mich Mädeli auch gar nicht sauer, sondern sehr fröhlich, machte mir Vorwürfe, daß ich mich doch so mit ihm verköstige; es hätte ja gute Sachen auf lange. Die Ammannin habe es gar schön bedacht, und mehrere Gespielinnen seien bei ihm gewesen und haben gekramet, daß es sich hätte schämen müssen. Aber vom Brunnen, und wie ich die Kaffeekannen gefegt und es mir geholfen, hätte es auch manches hören müssen. Ich sollte doch auch nicht Kummer haben, daß das Kind, das während der Taufe gar erbärmlich geschrieen, viel Kreuz und Leiden haben werde, welches solches schreien sonst bedeute; es hätte ihm alles abgenommen. Ich wußte nicht, was es damit meine, und Mädeli, im Bewußtsein seines mütterlichen Werkes, erzählte mir gar freudig: Die Hebamme sei mit dem Kinde voller Angst schwitzend angekommen aus der Kirche, und hätte schon vor der Thüre gerufen: »Gschwind, Frau, chumm, süsch chunnt's nit guet.» Da hätte sie ihr erzählt, wie das Kind geweint, und was das bedeute; aber es mache noch nichts, man könne ihm das alles abnehmen. Geschwind solle sie Wein geben, und während sie, die Hebamme, Wein trinke, solle sie, die Mutter, eifrig beten und das Kind bsegnen. Da hätte die Hebamme drei Gläser Wein getrunken in den drei heiligen Namen, und Mädeli dreimal das Unser Vater gebeten und das Kind bsegnet recht andächtig. Ich solle ume nur keinen Kummer mehr haben und sehen, wie das Kind ruhig schlafe, wie seit langem nie. Es hätte nicht geglaubt, sagte Mädeli, daß die Hebamme eine so verständige Frau sei; ich solle ihr doch das schönste Geld auslesen, wenn ich sie bezahle. Wie doch oft die verständigsten Weiber in Bezug auf sich, besonders auf ihre Kinder, überhaupt in Bezug auf alles, was sie lieben, abergläubisch sind! Sie leben mehr in der Gefühls- als der Verstandeswelt, auch die verständigsten. Schade nur, daß diese Gefühle sich oft mehr dem Teufel zukehren und daher etwas teufelmäßiges annehmen und gespensterartig ins Leben treten, als daß sie sich Gott und seiner Lichtwelt zuwenden und gläubig aber lichtvoll das Leben verklären. Am folgenden Morgen war's, als Mädeli mich zum ersten Mal aus der Schule rief. Ich erschrak, wußte nicht was ungewöhnliches begegnet sei, und trat eiligst in die Stube. Da hatte Mädeli unsere drei Gläser aufgestellt und eine große Züpfe dazu, und sagte: es heig's düecht, es mög öppis näh, aber es düech's nit guet, we mr nit o nähmte; so alleine mög es nit. Das rührte mich wieder an meinem Weibchen, und deswegen kam es nicht zu kurz. Wenn nur die Leute glauben wollten, daß die Liebe durch die Liebe bezahlt wird, und Selbstsucht durch Selbstsucht. Als die Schule aus war, mahnte mich Mädeli daran, daß ich doch alsobald unsere Schulden, bei Hebamme und Wirt, bezahlen solle, es könne sonst nicht ruhig schlafen, und erst dann wüßten wir, woran wir wären und was wir noch hätten. Ich suchte also unser vorrätig Geld hervor aus dem Gänterli und aus dem Hosensack, und fand zusammen doch noch 8 Kronen und 20 Batzen, ohne die Einbünde unseres Kindes, denn diese an das Mahl zu verwenden, schien uns nicht recht. Diese Summe nahm ich mit mir voll Angst und Bangen nichts mehr heim zu bringen, um Kind und Weib zu erhalten. Der Wirt nahm mich in die Nebenstube und rechnete mir auf dem Tisch mit der Kreide vor, wie viel Wein wir gebraucht und wie viel Thee, und erzählte, daß es viel gebraucht hätte, aber ds Statthalters Bueb sei geng dr wüestisch und borg niemere nüt. Öpper angerem könnte er es, wie ich da sehe, nicht unter einer Duble machen; es hätte ja 10 Maß Wein gebraucht; aber weil ich es sei, so wolle er es mit 5 Kronen und 10 Batzen machen. Er hätte mir noch nie etwas gegeben, und ich ihn nie um etwas geplaget; ich hätte es nicht wie ander, die einem immer vor der Thüre seien. Ich hatte mehr gerechnet, und wehrte mich daher noch von dem Weine zu trinken, welchen er mir aufstellte; ich wolle ihm nicht alle Tage in den Kosten sein, sagte ich. Ich solle nur nehmen, er wolle es einem andern denn schon machen, sagte er. Der taxierte seine Leute! Nun mochte ich das wohl leiden, wenn er denen, die es vermochten, zu viel anrechnete, und dann den Ärmeren um so viel nachließ. Aber eine solche billige ausgleichende Taxation ist schwer für einen Wirt, wenigstens ebenso schwer, als dem Erz. Departement. Ich habe z. B. nie gehört, daß der Wirt, der bei der Gräbt eines reichen Junggesellen achtzig Maß süßen Thee verrechnete, den Überschuß ärmeren Hausmannlene habe zu gut kommen lassen. Auch die Hebamme machte es billig und forderte nur 4 L., so daß mir noch 45 Batzen im Sack blieben. Mit diesen sollten wir nun haushalten drei Monate lang, und mein Nebenverdienst war, auch bei allem Fleiße, so viel als nichts; der Schwäher hatte im Winter auch nicht gar viel zu thun, so daß wir kümmerlich abbrechen mußten. Es hätte für das Kind noch so manches angeschafft werden sollen, aber wir hatten es nicht. Mädeli tröstete sich damit, daß es dem Kinde deswegen doch nicht böser gehe. Seine Mutter habe immer gesagt, bei einem Kinde sei Reinlichkeit die Hauptsache, das mache es gesund und munter; dann hielt es mir das Kindlein vor und sagte, ich solle nur schmöcken, ob das Kind einen bösen Geruch hätte? während das Kind mancher reichen Bäurin rieche, wie vierzehntägige Ankenmilch; und ich solle nur sehen, wie sauber es sei; es habe schon viele Kinder gesehen, die köstliche Sachen angehabt, aber so schmutzig, daß es sie nicht hätte anrühren mögen, und dann hätten die Weiber gesagt: man könne die Kinder nicht immer sufer halten, man mög es machen, wie man wolle. Aber die Mutter habe allbets gesagt, die Weiber probierten es nur nicht. Es war eine Freude, meinem Weibchen zuzusehen, wie es dem Kindlein Rat schaffte und wie sanft und zärtlich es mit ihm umging, und doch noch arbeitete dazu, und das Kind nicht zum Vorwand brauchte, um nichts zu thun, oder dasselbe auf den Arm zu nehmen und in den Häusern herumzulaufen. Eines ärgerte mich an meinem Weibchen, ohne daß ich lange etwas sagen durfte. Es verlor gar viel Zeit mit plätzen und flicken. Schon anfangs Winters hatte es fast einen ganzen Tag damit zugebracht, die Kutte, in welcher ich gewöhnlich Schule hielt, von ihren unzähligen Löchern zu befreien. Damals sagte ich ihm oft, es solle doch nicht so Mühe haben; es gebe doch gleich wieder andere Löcher. Da hatte es mir geantwortet, es mache das gar gerne, und wenn es wieder neue Löcher geben solle, so werde es sie schon wieder vermachen, und dann eins nach dem andern, das brauche dann fast keine Zeit mehr. Ich dachte bei mir selbst, das sei vielleicht eine der Schwachheiten, von denen ich gehört, daß schwangere Frauen damit behaftet würden. Nach der Kindbette, dachte ich, werde das sich schon geben. Allein ich hatte mich verrechnet. Kaum war irgend ein Loch an mir zu sehen, oder ein Häftli am Hemdekragen abgesprungen, so legte Mädeli alles andere aus der Hand und fiselte mit der Nadel an mir herum, oder nahm mir das Kleidungsstück ab, ja manchmal, wenn es am Abend nicht mehr Zeit hatte, so stund es am Morgen früher auf und ruhte nicht, bis ich wieder ganz in der Schule erscheinen konnte. So mußte ich oft herhalten, wenn es mir nicht recht komod war, und ich fing an nachzurechnen, wie viel Zeit doch auf so dumme Weise versäumt würde. Einst war ich eben am Brüten über einer Leichenrede, als Mädeli mit der Nadel herbei trippelte und mir das Häftli am Hemdekragen annähen wollte, da aus dem klaffenden mein Hals etwas kropfartig herausguckte. Da schnauzte ich es an, zum ersten Mal, glaube ich: es solle mich doch mit solchen Narrheiten in Ruhe lassen, und es wäre besser, es würde etwas arbeiten; es sehe ja, wie kaum wir thun müßten und jedes Stücklein Brot abzirkeln. Mädeli sah mich ganz erschrocken an und Thränen traten ihm in die Augen, und weichmütig sagte es: »Peter, bis doch nit höhn; i cha ja warte bis fertig bisch; aber wie hest o ds Herz, mr ds Nütthue fürz'ha! ich mache ja vo früeh bis spät u bi nie müßig, und thue, weiß Gott, was mr mügli isch.» Und natürlich waren die Thränen ins Rinnen geraten. Frauen verstehen gar zu leicht etwas falsch, oder nehmen einen Vorwurf allgemein, der nur auf etwas besonderes geht. Ich mußte daher erklären, das ich ihm nicht das Müßigsein vorhalte, sondern das machen von Sachen, die nichts abtrügen; denn ob ich ein Loch hätte am Rock oder keins, oder plätzte Hosen oder blutte Kniee, darauf komme doch nichts an, und hoffärtig zu werden, stehe einem übel an, wenn man längs Stück kein Geld im Hause habe. Aber mein Weibchen ward nicht böse, chupete nicht, sondern gar milde hielt es mir an, es doch darin machen zu lassen; es wolle nichts mehr darob versäumen, sondern diese Arbeit in der Nacht machen. Aber es könne es nicht übers Herz bringen, mich verhudelt in die Schule zu lassen; es wisse, was das könne. Sie hätten früher auch einen Schulmeister gehabt, der immer wie ein Fötzel ausgesehen; vor dem hätten sie gar keinen Respekt gehabt, sondern gar manchmal sich damit erlustiget, alle Löcher zu zählen, die er am Leibe gehabt, oder zu messen, wie groß ganzes er an seiner Kleidung habe, und ab seinem Hals voll Kröpfe habe es ihm manchmal gruset. Es hätte es immer gedünkt, ein Schulmeister sollte doch nicht so verhudelt daher kommen; das sei nicht anständig für ihn, wenn er eine Schulkutte habe, wie Küher Stallkutten. Kinder und Kühe, Ställe und Schulstuben sollten sich doch unterscheiden. Und Hoffahrt sei das ja keine; im Gegenteil, man brauche viel weniger, wenn man immer flicke; und wenn man immer ganz sei, so brauche man auch nichts köstliches, und doch sehe man darin anständig aus. Wenn es mir meine Werktigkutte nicht so fleißig zurecht gemacht hätte, so wäre sie schon lange in Fetzen und ich müßte meine Sonntagskutte tragen. So redete die Mutter; da lächelte das eben erwachende Kind ihr ganz holdselig zu, als ob es sagen wollte: »Ja, Mueterli, du hesch recht, und du bist ein gutes Mueterli.» Da nahmen wir beide das Kind und küßten es beide, und wurden einig über demselben, daß das Mueterli wirklich recht habe. So ward das Kindlein unser Friedensrichter, und lächelte nun uns beiden doppelt so holdselig. Dreizehntes Kapitel. Wenn Not auch kömmt, Wenn nur nicht die Liebe von dannen rennt!. Kein Kind konnte sich auf das Examen mehr freuen als wir, und zwar freuten wir uns, wie die Kinder, wegen den Batzen. Als wir am Abend vorher diese zählten, hatten wir noch 9 Kreuzer, doch aber keine laufenden Schulden. Diesmal lief das Examen recht gut ab. Der Herr Pfarrer hatte nichts zu frägeln, und nur einen kleinen Tadel ließ er laufen, den ich aber nicht schwer nahm. Er tadelte nämlich, daß die Kinder zum Schönschreiben aus Büchern abschrieben, und zwar ehe sie einen festen Buchstaben hatten; das trage ja gar nichts ab und verderbe jede Hand; denn die Kinder schrieben da, wie es ihnen in den Kopf käme, und nicht, wie es sein sollte. Ich entschuldigte mich gar sehr, daß es schon lange so der Brauch sei, daß ich bereits deswegen Verdruß gehabt. Ich hätte nämlich einige kleinere Kinder noch nicht aus dem Buche wollen abschreiben lassen, und da hätten die Eltern gar sehr mit mir aufbegehrt, sie wollten nicht, daß ihre Kinder zurückblieben, und sie wären so fürnehm als die andern, welche aus dem Buche abschrieben. Da hielt der Pfarrer den Vorgesetzten eine lange Vorlesung über die Grundsätze des Schönschreibens und die Notwendigkeit einer sichern Übung. Und die Vorgesetzten schauten gerade vor sich hin und dachten bei sich selbsten: red du ume bis chystig bisch. Als der Pfarrer aber gar lange nicht chystig werden wollte, sagte endlich der Chorrichter: es sei immer so gewesen, und allbets seien mehr Leute selig geworden, und aus der Kinderbibel schreibe man ja ab; das sei noch Religion; so auf ein Blatt könne ein jeder Stürmi kafeln, was er wolle; aber er merk wohl, es sei an der Religion gar wenig mehr gelegen. Da wollte der Pfarrer eine andere Vorlesung anfangen über den Zusammenhang des Schreibens und der Religion, allein der Chorrichter sagte: und er sei der Meinung, daß bei den Kindern alles auf die Religion gezogen werde. Die Kinder hätten Zeit dazu; wenn man einmal erwachsen sei und werchen müsse, da könne man sich damit nicht mehr abgeben. Aber es sei geng gut, wenn man einmal die Religion gelernt habe; man wisse doch nicht, wenn man sterbe; und wenn man alt werde und nicht mehr werchen möge, so könne man sie wieder fürenäh u heig no mengisch churzi Zyti dabei. »Es isch geng um dEwigkeit!» setzte er hinzu, und schloß da. Den eigentlichen Schluß überließ er jedem selbst zu machen, nämlich: daß man, wenn die fatale Ewigkeit nicht wäre, die Religion für diese Zeit eben nicht viel brauchte. Nachdem endlich jedes Kind seine Batzen hatte, brösmete der Kirchmeier auch mir meinen Lohn aus. Ich zitterte fast mit den Händen, als ich meine 62 L. 5 Btz. einstrich, und gar gräßlich langsam kamen mir der Pfarrer und die Vorgesetzten beim Abscheidnehmen vor. Ich mochte gar nicht warten, bis ich den Haufen Geld vor Mädeli ausschütten konnte. Aber im Hausgang hielt mich noch die Weggenfrau, die sich da angesiedelt hatte, um den Kindern das Geld abzuläschlen, auf, und fragte mich: ob ich meinem Bübel nicht auch einen Weggen kramen wolle? Ich kaufte nicht nur einen, sondern vier auf einmal. Ich dachte, das Geld hätte ich sauer verdient, und es möge sich doch wohl erleiden, auch ein kleines Freudeli zu haben. Andere Schulmeister gingen mit Weib und Kindern ins Wirtshaus; das sei auch nicht bös, aber es koste doch mehr als vier Weggen, und so könne uns doch niemand vorhalten, daß wir verthünlich waren. O wir lebten nun ganz herrlich an unsern Weggen, und unser Kind schmatzete so behaglich an seinem ungewohnten Bröckeli, daß wir unsere Herzensfreude daran hatten, und jedes von uns wollte etwas von seinem Weggen erübrigen, um dem Kleinen noch einmal diese Freude zu machen. Man glaubt nicht, wie unendlich wohl dem Armen die Genüsse thun, die ihm selten werden. Ein Reicher, ein König hat gar keine Vorstellung davon, wie wohl zuweilen ein Armer nur an einem weißen Brötchen lebt, und wenn er einmal zu einem guten Stücklein Fleisch gekommen, das saftig und fett war, so erquickt ihn noch Jahre lang der Gedanke, wie gut ihm dasselbe geschmeckt, und seine Augen glänzen ihm dabei, als ob er es eben erst genieße. Solche innige Genüsse hat kein König; denn nichts ist ihm selten und ungewohnt, und darin liegt wohl die Ausgleichung der scheinbaren Ungerechtigkeit in der Austeilung der Genüsse. Was mein Weibchen staunte, als ich 62 L. 5 Batzen minus 3 Btz. in einen Haufen vor ihns ausschüttete! So viel Geld hatte es noch nie bei einander gesehen; darum sah es dasselbe mit so freudig glänzenden Augen an und wagte es fast nicht, den Haufen mit der Hand zu berühren. »Jetz, Peterli,» sagte es, »jetz cheu mr's mache, jetz bruche mr ke Chummer meh z'ha. Jetz hei mr Geld gnue. Jetz cheu mr aschaffe, was mr öppe nötig hei, u thue grad 10 Kr. dänne für dOrgele.» Ich that also; aber Mädeli erschrak ordentlich, als es sah, wie der Haufe sich verkleinert hatte durch das Wegnehmen der 10 Kronen, und als wir noch einiges Geld davon nahmen, um notwendige Bedürfnisse vom Krämer zu holen, da hätte es fast geweint über den kleinen Rest. Doch war es nun Sommer; die laufenden Bedürfnisse sollten aus dem Verdienst angeschafft und das vorrätige Geld gespart werden können. Dann rechneten wir wieder auf Flachs- und Hanf-Ertrag, rechneten auf etwas Korn u. s. w. Aber Mädeli konnte nun nicht ganz mehr so viel draußen sein; das Kind versäumte doch, obgleich dasselbe oft mitgenommen wurde auf den Acker und dort auf unsern ausgezogenen Kleidern schlafen sollte. Aber wenn es erwachte, so mußte man die Arbeit lassen und sich mit ihm versäumen. Dem Schwäher konnten wir es nicht wohl überlassen; er fragte nichts darnach mit Kindern umzugehen; zudem wurde er immer unachtsamer und unbehülflicher. In Zeit einem Jahr hatte es ihm gar fast böset. Ich mußte also desto mehr beim Pflanzen helfen und konnte um so weniger beim Webstuhl sein. Und wenn man nur so dazu und davon kann, so verrichtet man gar wenig. Und war ich daran, so kam hie einer und da einer und sagte: »Schumeister, du muesch mr neuis schrybe.» Dabei mußte ich mich viel länger versäumen gewöhnlich, als nötig war, weil man mir entweder gar nicht zu sagen wußte, was man eigentlich wollte, oder weil man es so breit und verhürschet that, daß ich nicht daraus kommen konnte. Und während ich die Sache mühselig ins Klare zu setzen suchte, stopfte der Petent gelassen eine Pfeife von meinem Tabak, mit der Entschuldigung, er hätte vergessen zu kaufen, oder ich werde bessern haben, als er. War ich endlich fertig, so machten die einen es wie jener Knecht und sagten: »Dankeigisch! oder chost's neuis?» Andere sagten: »Schumeister, we mr einisch z'säme chöme, su zahl i dr de-n-e Schoppe.» Die dritten fragten wohl: »Was isch di Sach, Schumeister?» und wenn ich antwortete, es sei nicht dr wert, öppis z'heusche, so drangen sie freilich in mich. Es ist aber merkwürdig, hier die verschiedenen Töne der beiden streitenden zu beobachten. Unter 10 Fällen nähme der eine gerne und der andere gäbe lieber nichts. Nun wollen beide höflich sein, der eine sich anständig weigern, der andere anständig nötigen. Der eine will so lange weigern, bis es hohe Zeit ist zu nehmen, ehe der andere mit nötigen absteht; der andere will so lange nötigen, bis der genötigte darauf und dran ist, anzunehmen. Nun passen sie einander auf die Stimmen, um zu unterscheiden, auf welchem Punkte ein jeder sei, und wenn einer glaubt, der andere sei darauf und dran, sich zwängen zu lassen, so sagt er geschwinde: »He nu, we d's zwänge wottsch, su zwang's; es isch uverschant, aber du söllisch Dank ha z'hunderttusig Male,» und nun nimmt er das dargebotene, oder er zieht es zurück, je nachdem der bietende oder der weigerende den Vorsprung gewonnen, und der andere ist kaput und macht ein lang Gesicht und eine weinerliche Stimme. Zu dem allem sind sich dieser Manövers die meisten Menschen nicht einmal bewußt, sondern sie üben sie instinktmäßig. Wenn ich viel versäumt hatte oder in Nöten war, so sagte ich wohl auch: »He du chasch mr gäh, was d'öppe witt;» dann kriegte ich manchmal einen halben oder einen ganzen Batzen, und manchmal kramte einer lange im Sacke, zog verschiedene Stücke Geld hervor und sagte endlich: »Schumeister, i ha ke Münz, i will's dr de es angers Mal gäh; vergiß nit u mahn mi dra.» Aber der Schulmeister durfte nicht mahnen, und wer will es dem andern, der sich auf das gemahntwerden verließ, verargen, wenn er es vergaß? Nur hie und da gab es auch einen, der ohne Frage oder ohne Komplimente in den Sack längte und mich ordentlich bezahlte; aber leider hatten gar wenige diesen Verstand. War ich recht lange in der Schulstube gewesen, wo gewöhnlich solche Geschäfte verrichtet wurden, so sah mich dann Mädeli erwartungsvoll an und fragte wohl auch: ob ich etwas verdienet hätte? Und wenn ich Nein antwortete, so sagte es lange nichts darauf; aber wenn es wieder aufblickte, so hatte es trübe Augen. Mädelis trübe Augen, wenn ich immer wieder mit leeren Händen kam, gaben mir endlich den Mut, ein Billiges zu fordern denen, die zahlen konnten. Und daß Mädelis Augen trübe wurden, hatte seine gegründete Ursachen. Mädeli ward wieder schwerfällig und blässer und hatte es in allen Gliedern. Diesmal liefen wir zu keinem Doktor; wir wußten wohl, daß es etwas anders sei. Allein wie das nun gehen sollte, konnten wir nicht begreifen. Noch war es nicht Winter und hatten wir doch bereits unsern Schullohn angreifen müssen, hatten nicht einmal alle 10 Kronen an die Orgel geben können, mußten nicht nur eine Kindbetti bestehen, sondern auch für das ältere Kind ein Bettlein anschaffen. So hatten wir billig Angst, und Mädeli jammerte: ob es wohl die Haushaltung nicht recht verstünde? Es möchte gerne wissen, wo es fehle? Wenn es an den Haufen Geld denke, den wir gehabt, und an das, was wir noch verdient, so könne es gar nicht begreifen, wo all das Geld hingekommen. Wenn es aber dann wieder nachsinne, was unnütz gebraucht oder überflüssig angeschafft worden wäre, so könne es wieder gar nichts erdenken; wir hätten ja noch so viel nötig und so schmal gelebt und im Wirtshaus keinen Kreuzer verthan. Und wenn es dann wieder sinne, wie andere Leute es machen, denen man gar keinen Mangel ansehe und von denen man nicht wüßte, daß sie so einen Haufen Geld auf einmal erhielten, die noch mehr Kinder hätten und trotzdem immer Geld zu einer Lustbarkeit, so verliere es allen Mut, müsse sich im Fehler glauben, müsse denken, es wäre ein Glück für mich, wenn es stürbe, eine andere Frau könnte mir wohl besser haushalten; und dann thue ihm dieser Gedanke, daß es von mir weg müsse, daß ich eine andere nehmen würde, so weh, daß es ganz wimselsinnig werde. Dann tröstete ich und versuchte nachzurechnen, was wir eigentlich brauchen, und fand von jeder Sache so wenig gebraucht, aber daß das wenige alles zusammen gethan das viele ausmache, daß ich es wohl von aller Schuld entheben konnte, aber eben wieder deswegen nicht allen Kummers für die Zukunft. Wir hatten weniger verdienen können, als wir gedacht. Unerwartete Ausgaben gibt es auch in der unbedeutendsten Haushaltung, und wäre es auch nur ein zerbrochenes Kaffeekacheli. Das Jahr war auch keins der besten gewesen: wir hatten wenig zu verkaufen gehabt, das Brot war um einen Rappen teurer geworden. Wenn man nun alles dieses zusammennimmt und bedenkt, wie schwer solche scheinbaren Kleinigkeiten bei einem Einkommen von 62 L. 5 Btz. drücken, der wird uns sicher nicht Liederlichkeit vorwerfen, wie man es so gerne bei einem Schulmeister zu thun pflegt; wird uns nicht gutes Leben mit Recht vorhalten können – denn wenn man alles kaufen muß, so rechne man doch, wohin nur Milch und Brot führen. Gebe man für jedes täglich nur einen Batzen aus, so macht dieser Batzen im Jahr bereits 73 £. Mein liebes Weibchen und ich brachen uns fast die Köpfe mit rechnen, wie wir ersparen wollten, und wie erwerben? Und dieses beständige rechnen im Kopf, das Batzenzählen allenthalben, nicht aus Geiz, sondern aus Not, verleidete uns wahrhaftig manchmal den Bissen Brot, und wenn der Mund noch so hungrig darnach geschnappt hatte, so quoll er uns doch im Halse. Denn hätten wir diesen Bissen nicht gegessen, so wäre immer so und so viel erspart gewesen. Aber es sparte jedes an sich selbsten, und den Bissen, den das andere aß, gönnte es ihm von ganzem Herzen, ja wir branzten oft mit einander, daß jedes dem andern mehr aufdringen wollte: ich dem Mädeli, weil sein Zustand es erfordere, Mädeli mir, weil die meiste Arbeit mir obliege. So läßt sich denn doch die Not noch mit einer gewissen Freudigkeit ertragen, weil man gemeinsam und einig trägt, und ein jedes den größten Teil der Bürde für sich will. Wenn aber in einer Ehe keins sich selbst etwas abbrechen will, sondern vom andern alle Entbehrungen fordert, wenn es für sich selbst nicht Kosten scheut, dem andern aber jeden Kreuzer nachrechnet; wenn es alle Entbehrungen, denen es nicht entkommen kann, dem andern zur Last legt, ihm allein die Schuld ihres Zustandes beimißt und vorwirft – wenn eins dies gegen das andere thut, so leiden beide, das vorwerfende die Hölle, das, welches die Last tragen soll, das Fegfeuer; denn der unschuldig Gequälte leidet weniger als der Mißvergnügte. Wenn aber beide einander mit scheelen Augen ansehen, jedes für sich sorgen, das andere schmalbarten lassen möchte, so leiden beide, was beide verdienen, die Hölle nämlich. Wie viele solche selbstgemachten Höllen gibt es wohl? Vierzehntes Kapitel. Je gewaltiger die Not an uns geht, Desto näher der Herr uns zur Seite steht. Gar oft, wenn mein Weibchen schweren Mutes wurde und ich nichts anders als mit zu seufzen wußte, oder höchstens zu sagen: »Wart nur, es wird scho bessere, es wird o öppe-n-angers cho!» ward unser Kleine der Mutter Tröster. Wenn er mit seinen Händchen ihre Nacken strich, sein Köpfchen an ihrem Busen barg und dann mit der Liebe Schalkheit zu ihr aufsah, dann vergaß sie den Kummer und gedachte nur des Schatzes, den sie in den Armen hielt, konnte mit ihm wieder tändeln und heiter werden in mütterlicher Lust, konnte mit ihm wieder zum Kinde werden, teilend seine Harmlosigkeit. Es war dies eine Wohlthat für die Mutter. In aller Bedrängnis hatte sie ihre glücklichen Stunden: diese waren ein Lohn ihres kindlichen Sinnes, der des Kindes kindlichen Sinn nährte und nicht vergiftete. Eltern haben immer trübe Stunden, Stunden des Ernstes, des Wehs oder des Kummers; trübe wird ihr Himmel und unlustig wird es unter demselben. Wohl ihnen, wenn die Kinder die Lüftchen sind, welche die düstern Wolken zu verjagen vermögen, wenn an der Kinder Himmel der ihrige sich aufklärt, wenn der Kinder Himmel auch der ihrige noch werden kann. Dann haben sie eine große Wohlthat empfangen; ihr Alter wird ein heiteres sein und ihrer Kinder Jugend eine frohe; dann genießen sie ein hohes Glück; denn was helfen alle Güter der Erde, wenn die Seele ein finsterer Sinn umnachtet, durch den keine Sonne mehr dringt, nicht einmal eines Kindes Lächeln? Und was vermag dagegen ein heiteres Gemüt nicht zu ertragen und zu entbehren? Und wo dem frohen Kindessinn mürrisches Wesen, saure Mienen entgegentreten, oder ein maßleidiges, ermattetes Gesicht, wo seine Fröhlichkeit nicht wiederscheint auf der Eltern Gesicht, wo es immer nur heißt: Häb di still, gang dänne, wotsch schwyge, lue was d' aber gmacht hesch, gsehst wie d'bschisse bisch, schäm di, thue doch nit so wüest; und wenn es, wenn das Kind flattieren will, heißt: Gang dänne, loh mi doch rüihig, mach o öppis! wo das Kind beständig nur Gewitterwolken sieht auf der Eltern Gesicht oder verdrießlich Regenwetter, wo es nichts hört, als einzelne Donnerschläge oder das langweilige Plätschern des Regens: da trübt sich auch sein Himmel, sein froher Sinn tritt zurück, seine Jugend wird verkümmert, das lustige fröhliche Kind wird ein trauriger Mensch in vielfachem Sinn. Und wie viele solcher traurigen Menschen schleppen ihre Gebeine durch die Welt, tragen in sich ein mißvergnügt Gemüt, machen Gott und Menschen ein mißvergnügt Gesicht und sterben mißvergnügt, wie sie mißvergnügt gelebt! Dieser Sünde nun haben wir uns nicht anzuklagen; wir wurden gar zu gerne wie die Kinder und nicht zu oft. Freilich wurde ich manchmal eifersüchtig, wenn mein klein Bubli eine Gewalt über die Mutter hatte, die ich nicht kannte, wenn er mit einem Blick viel mehr vermochte, als ich mit meinem so gut gemeinten: »Wart ume, es wird scho bessere.» Aber wenn der kleine Schalk seine Kraft an mir erprobte und auch mich unterjochte, dann vergaß ich die Eifersucht, und gab mich der gleichen Macht fröhlich hin. Kömmt aber diese Macht der Kinder über die Gemüter der Eltern nicht von Gott, damit die alten Gemüter frisch und gesund bleiben möchten? Aber, Eltern! verwechselt diese Gewalt über eure Stimmung nicht mit der Gewalt über euern Verstand, welche den Kindern, obgleich sie auch darnach streben, nie zugelassen werden darf. Da sollt ihr Meister bleiben und an euerm Verstande soll des Kindes Verstand sich aufrichten und läutern, bis er stark geworden, gerade wie sein kindlicher Sinn euer Gemüt erfrischen, kindlich erhalten soll. Beides verwechselt nimmer mit einander, sonst gibt es Unglück. Aber das Kind lächelte nicht immer, gvätterlete oft für sich, schlief oft; dann fehlte der Mutter dieser Tröster. Da nahm sie, je näher ihr schwer Stündlein rückte, um so mehr ein Buch zur Hand. Betbücher erst, dann immer mehr das Testament. Es rühre sie viel mehr an als die Betbücher, sagte sie. Es sei doch kurios, sagte Mädeli, und es wisse nicht, wie das komme: es habe das alles schon manchmal gelesen, aber es habe ihns nichts wunder genommen, obschon es nicht gewußt, was das alles bedeute; es habe gemeint, die Hauptsache sei, daß man das vorliegende lesen könne. Jetzt aber sei ihm gar wunderlich, gerade wie wenn etwas in ihm aufgegangen wäre. Es fühle so ein Glust in ihm, das, was es lese, und besonders im Testament, zu verstehen, was es eigentlich auch bedeute, und es könne manchmal von einem Vers gar nicht fort, weil es gerne wissen möchte, was damit gesagt werden solle. Es komme ihm nun komod, meinte es, daß es einen Schulmeister hätte, der könne ihm nun das alles erklären. Ja, du mein Gott, da war ich am Hag; denn Bibel- und Worterklärung war gar nicht meine starke Seite. Ich sollte von Jerusalem erzählen, von den dortigen Festen, von den Pharisäern, Zöllnern und Sadducäern, was sie gewesen und warum man sie so geheißen. Mädeli hätte gar gerne das gelobte Land und den Tempel sich recht deutlich vorgestellt und versuchte es immer, in der Einbildungskraft das sich zu vergegenwärtigen, aber ich vermochte nicht, den rechten Stoff dazu zu geben, um ein Bild daraus zusammen zu setzen. Wenn ich dann so verstummete und weniger wußte als Bileams Eselin, so sagte mir mein Weibchen: »Zürn doch recht nüt; aber i ha gmeint, e Schuelmeister wüß das alles.» Ich wußte gar nicht, was für ein Geist auf einmal in mein Weib gefahren, und wenn es nicht nach dem Lesen immer aufgeheiterter gewesen wäre, so hätte ich diesen Geist verbannt. Freilich ging es schonend mit mir um und fragte mich immer weniger Dinge, von denen es glauben konnte, daß ich sie nicht wisse. Aber es redete doch noch gerne mit mir über das gelesene und den Sinn desselben, über den ich zu meiner Schande noch gar nicht gedacht hatte und von meinem Weibchen in dessen tiefer Auffassung bedeutend beschämt wurde. Einst sagte es mir nach tiefem Sinnen: »Warum glaubst du, daß die h. Schrift da sei?» »He, daß man daran glaube und folge!» »Su los doch, Peterli: Darum sage ich euch: sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euern Leib, was ihr anziehen werdet; ist nicht das Leben mehr, denn die Speise, und der Leib mehr, denn die Kleidung? Sehet die Vögel des Himmels an. Denn sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlische Vater nähret sie doch; seid ihr denn nicht besser als sie? Wer ist unter euch, der mit Sorgen seiner Länge eine Elle zusetzen möge? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Betrachtet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch sage ich euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist als derselben eine. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht vielmehr auch euch kleiden? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: was werden wir essen und was werden wir trinken? oder: wie werden wir uns kleiden? Denn nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlische Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet. Trachtet aber am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dieses alles zugegeben werden. Darum sorget nicht auf den morndrigen Tag; denn der morndrige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe. – Peterli, hesch die Verse gchennt?» fragte mein Weib mich. Ich mußte es bekennen. Da fragte sie wieder: »Aber warum hesch mi nit dra gmahnt und hesch o so mit mr gchummeret?» Ich hätte nicht daran gedacht, mußte ich wieder antworten, und dann könne man nicht alles halten; man habe ja genug zu thun nur mit den Geboten. »Aber, Ma, isch de das nit o gebote u soll me nit na alle Gebote Gottes afa z'lebe, u hei mr de nume probiert, das z'halte u nit so z'chummere u o em liebe Gott öppis z'traue? Emel i nit, u das düecht mi je länger je-n-e größeri Sünd, so em liebe Gott nüt z'vrtraue u nüt z'glaube; u es heißt ja, dr Glaube macht selig, u ghört das nit o zum Glaube, daß dr lieb Gott denen, die er lieb hei, alli Ding zur Seligkeit leiten werdi, u daß mr nit chummere sölli für das, was ersch chunnt? U, na dem Gebot Gottes hei mr gar nüt probiert z'lebe.» Man könne doch nicht immer an alles denken, war meine verlegene Antwort. \>Los, my liebe Ma, i bi ke Schumester u no bluetjung; aber es düecht my, das syg gar e große Fehler, daß me dGschrift ume so uf-em Papier het, u we me se liest, so lat me se uf-em Papier; es düecht mi geng, me sött's so da yche näh i's Herz; da würd me scho dra däiche, we's Zyt wär. Aber me lat Gschrift Gschrift sy u dr Mönsch blybt e Mönsch. I cha je länger je minger so ganzi Kapitel lese so drüber eweg; i mueß mi geng bsinne by allem u möcht's nie meh vergesse, u je meh i sinne cha, dest bas wird's mr; es düecht mi de fry, es heig scho öppis bschosse by mr. Grad jetz ha-n-i so nache gsinnet über die Verse u ha gfunge, mr wüsse doch eigetlich nit, warum mr so chummere, mr heige doch no nie hungerig vom Tisch müeße, syge alli gsund u dr lieb Gott heigis Friede gäh u-n-e liebe Bueb, u mit üsem Chummer chönne mr is grusam versünge, daß er is zeigti, wie's no ganz angers cho chönnt. Vor meines Weibchens einfachem, verständigem Sinn stund ich wie ein Schulknabe, und ich gedachte an die Worte des Herrn: daß den Unmündigen geoffenbaret sei, was den Weisen verborgen geblieben; daß: was kein Verstand der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüt. Was dasselbe hier ausgesprochen, war nicht bloß ein frommer Anflug, die Äußerung einer guten Stunde, so gleichsam ein Riß in den täglich um ein gereiztes oder schwaches oder sinnliches Gemüt waltenden Nebel, sondern es war und blieb tiefer Ernst, der im Ringen gegen den Kummer sich zeigte. Meine Frau hatte auch gelesen, daß niemand werde gekrönt werden, es sei denn, er kämpfe recht, und so kämpfte sie auch. Sie kämpfte gegen die Stimmung, die in ihrem Zustande so leicht kömmt und bei unserer Lage um so entschuldbarer war, kämpfte treulich und nicht ohne Segen, und wenn sie wanken wollte, so las sie die schöne Stelle noch einmal und erhob an ihr ihr Gemüt. Sie erfuhr es, daß, wer an das Wort nicht nur glaubt, sondern es auch in sich aufnimmt, sein Haus auf einen Felsen gebaut hat und nicht mehr jedem Wind der Laune, jeder Strömung des Gemütes preisgegeben ist. So ward sie von ihrer schweren Stunde ereilt und gebar glücklich und leicht ein Mädchen. Es war ein schönes, wunderbares Kind. Es hatte große, tiefblaue Augen und einen unbeschreiblichen Blick in denselben. Es sah einen so milde, so verständig und bedeutungsvoll an, daß es einem ordentlich schaurig um die Brust ward. Man kam unwillkürlich auf den Gedanken, das Kind bringe seine Augen mit aus einer höhern Welt, bringe Grüße mit von oben und Bewußtsein. Die Weiber sagten: so ein schönes Kind hätten sie nie gesehen. Die Mutter wiegte es andächtig auf den Armen, und wer gesehen hätte, wie beide einander in die Augen sahen, würde es nie vergessen. Es war, als ob zwei Engel einander wieder gefunden hätten und als ob die Geister durch die Augen ihrer sterblichen Hülle sich entbinden und eins werden wollten. Die Mutter lächelte so innig und glücklich auf das Kind herab, das Kind sah so sinnig und warm zu ihr auf; es war ordentlich, als ob man gesehen hätte, wie die Blicke sich fänden und umfaßten. Wie wir uns doch des Kindleins freuten! Es war, als ob es unser erstes wäre und aller Kummer war vergessen. Sogar unser alter Papa hatte seine Freude daran und behauptete: es gleiche akurat seiner verstorbenen Frau. Am dritten Tage begann es unruhig zu werden und ließ gar ängstliche und wimmernde Töne hören, wie wenn es jemand riefe in großer Angst und Not. Ein Kind ruft der Mutter nie umsonst. Wenn sie es nahm, schien es ruhiger zu werden; doch kam etwas Leidendes in seinen Blick, das nicht mehr verschwinden wollte. Wenn es die Mutter ansah, schien es, als möchte es ihr gar gerne klagen ein tiefes Weh; wir dachten nicht, daß es ihr klagen wollte, so bald schon von einer lieben Mutter weg zu müssen. Zuckende Schauer fuhren schnell und gewaltsam durch den kleinen Körper, es verbarg uns oft den Stern seiner Augen, damit wir seinen Schmerz und Kampf nicht sehen, uns daran gewöhnen möchten, in ihm unsern Stern wieder schwinden zu sehen. Eine fremde Gewalt schien sich über ihns zu legen und mit gewaltigem Druck das kaum erwachte Leben niederringen zu wollen. Ohne Erbarmen wurde gerungen; des armen Kindes Lippen wurden blau und der Schaum stand auf denselben. Eine Nachbarin, die wir in unserer Angst herbei gerufen, sagte uns ganz trocken: mit dem sei es vorbei, da helfe alles nichts mehr, es habe die drückenden Giechteni. Und damit ging sie weg, sich entschuldigend, sie habe den Schweinen ob und es würde anbrännten, wenn sie nicht ginge. Da bebte meine Frau zusammen, daß sie sich niedersetzen mußte mit dem Kinde, das sie auf ihren Armen hielt. »Ach Gott, das wird öppe nit sy. Er wird is nit so hert welle strafe; bet doch, bet, daß Er uns das Kind lasse.» Ich nahm unser Gebetbuch und setzte mich an die düstere Lampe. Ich fing halb weinend an zu lesen, ein Krankengebet, und las recht andächtig, »Ach, nit so, Peter, nit so», sagte sie, »das bschüßt nüt; da heißt's nüt vo üsem Ching; bet doch recht vo ihm u daß Er is es löyh.» Ich blätterte ein ander Gebet auf und las noch andächtiger. »Ach das hilft ja o nüt; bet doch selber, bet us dr selber, was dr z'Sinn chunt, aber doch recht vo üsem Ching.» Ich stund auf von meiner Lampe, das Herz voll Angst, Angst über das Kind, Angst vor dem Beten; denn so hatte ich ja nie gebetet, für mich selber aus mir selber. Da fiel mein Weib in ihrer Seelenangst auf die Kniee und rief zu Gott: »Ach Vater, lah-n-is das Ching, nimm's nit wieder; es soll nüsti dys blybe, es soll üses Engeli u dys Engeli blybe u üsem Heiland wey mr's bringe-n-alli Tag, bis es nimme vo-n-ihm laht. Mr wey's ja uf de Hände trage u wey dr alli Tag danke drfür, u wey nimme Chummer ha u de näh, wie du's lasch cho; aber das Ching, das Ching, nimm mr's nit, das lah-n-is, dr tusig Gottswille!» Brünstig sah sie nach oben, die Thränen flossen strömend über sie nieder und das Kind hielt sie auf den Armen, ans Herz gedrückt. Da zuckte es auf einmal an ihrem Herzen, und wie sie niedersah, reckte es sich noch einmal aus; dann ward's stille, öffnete noch einmal seine Äugelein der Mutter zu; ein Lächeln flog über sein Gesichtchen, dann schlossen sich langsam die Äuglein wieder. Das Lächeln schien zu einem Engelein verkörpert von seinem Gesichtchen sich aufzuschwingen, und mit ihm war sein Geist entwichen. Sein Körperlein regte sich nimmer wieder, seine Äugelein blieben geschlossen für immer. Vorwurfsvoll sah die Mutter zum Himmel auf; der Krampf, der des Kindes Herz verlassen, schien ihr Herz zu erfassen. Heftig schluchzend beugte sie sich über die kleine Leiche, forschend nach Atem. Als sie keinen fand, wankte sie dem Bette zu, legte dort nieder die Leiche, sich darüber, und wurde von Schmerz und Jammer so erschüttert, daß das Bett mit ihr bebte. Auch mich hielt das Weh um diesen Tod wie mit eisernen Klammern umspannt; allein der Zustand meines Weibes weckte mich aus meiner Betäubung. Ich versuchte zu reden mit ihm; der Krampf im Herzen duldete keine Antwort und ich fürchtete jeden Augenblick, daß es ersticken würde. Endlich gelang es mir, es auf das Bett zu legen, mit Wasser den Krampf zu lösen. Aber die Leiche, die ich in ihr Bettlein tragen wollte, ließ es nicht aus seinen Armen, und so legte es sich stille zurück und winkte mir, stille zu sein und mit Reden es nicht zu quälen. So saß ich dann in der dunkeln Kammer zwischen meinem lebenden und meinem toten Kinde, gedachte bald des toten, bald des lebendigen, und wie mir sein möchte, wenn der Todesengel mir auch dieses entführen würde. Dann mußte ich es betrachten, ob es noch lebe, noch den Atem ziehe; dann traten mir die Thränen aufs neue in die Augen, und Leid und Angst sprudelten mächtiger im Herzen auf. Und der Knabe schlief so süß und hold, die Ärmchen über seinem Kopfe zusammengebogen, und fröhliche Träume riefen flüchtige Lächeln auf seine blühenden Wangen. Vom Jammer der Mutter hatte er nichts gehört, das Leid des Vaters sah er nicht; der Stern des Schmerzens und des Kummers, gebracht durch der Erde Vergänglichkeit, war noch nicht aufgegangen über seinem Haupte, leuchtete noch nicht in seinen Schlaf hinein. Und so saß ich stille die Nacht hindurch; nur ein leises Schluchzen, nur tiefe Seufzer hörte ich von meinem Weibe, und wenn ich fragte nach seinem Wohl, so drückte es mir leise die Hand und winkte mir, ruhig zu sein. Der Morgen begann zu dämmern; schüchtern wagten nach und nach die Lichtstrahlen sich hinein in unser Stübchen; und als ob sie voll Mitleids wären, zogen sie nur allgemach und leise den Schleier der Nacht von der Scene des Todes und des Jammers. Wüst und in Unordnung trat das Stübchen ins Licht. Blaß und bleich fanden mich die Morgenstrahlen halb schlafend auf dem Stuhle; aus dem Bette begrüßte sie ein andächtiges Auge, und gefaltete Hände hoben sich dem Lichte entgegen, und auf der Wiege glänzte der erste Sonnenstrahl und brach sich golden in den Locken meines lebendigen Kindes. Da fuhr ich auf aus trübem Traume und wollte in die Küche hinaus, etwas warmes zu machen, für uns beide so nötig nach der durchseufzten Nacht. Aber Mädeli hielt mich fest, bat, ich möchte noch nicht weggehen; es hätte mir etwas zu sagen. Nicht beschreiben könne es mir, erzählte es, wie es ihm gewesen sei, als es das Kind tot am Herzen gehabt. Zum ersten Mal in seinem Leben sei ihm die Quelle des Gebetes aufgesprungen im Herzen, und habe so heiß und glühend dem Vater im Himmel sich ergossen. Es habe eine Kraft im Herzen gefühlt, daß es geglaubt hätte, wenn es um ein Königreich bitten würde, so müßte der Vater im Himmel es ihm geben; auch gar kein Zweifel sei in ihm aufgekommen, daß Er ihm nicht das Leben des Kindes schenken werde. Und als es ausgebetet hätte, sei das Kind verschieden! Da wäre es ihm gewesen, als ob eine glühende Hand das Herz aus seinem Leibe reiße, oder als ob tausend Berge auf einmal über seiner Brust zusammenstürzten, als ob ein ungeheurer Schlund bodenlos in ewiger Finsternis es verschlinge. Sein Glaube hätte es verlassen; es ist kein Gott, habe es in seinem Herzen gedonnert, ein ewiges Nichts hätte es in unnennbarer Schrecknis angegähnt, und an die Leiche hatte es sich angeklammert, um eine Leiche zu werden, um das Bewußtsein zu verlieren, daß der Mensch doch nichts anders sei als eine werdende Leiche, ob ihm kein Gott, vor ihm keine lebendige Ewigkeit, nur ein ewiges unersättlich Grab. »Es kann sich niemand die fürchterliche Empfindung denken, wenn man in Liebe und Vertrauen an den Vater im Himmel sich angeklammert zu haben glaubt und nun plötzlich ergriffen wird vom Wahnsinn: es ist kein Gott, und jeder Pulsschlag uns zuruft: es ist kein Gott, dein Glaube ist eitel! Ich wußte auch eine Zeitlang nicht, ob ich lebe oder gestorben sei,» sagte es. Lange habe es nichts denken können, sondern nur gewimmert und geweebert in unendlichem Schmerz. Allmählich sei ihm die Besinnungskraft wiedergekommen, aber lange habe die seinen Gott nicht wieder gefunden. Wie ein Ertrinkender hätte es an allen Zweigen sich halten wollen; aber alle seien ihm in der Hand geblieben, fort und fort hätte es ihm in den Ohren gesummset: wenn ein Gott wäre, er hätte dich gehört; wenn die Bibel Wahrheit wäre, dein Kind lebte noch; heißt es nicht: Wer bittet, dem wird gegeben werden, wer anklopfet, dem wird aufgethan werben; heißt es nicht, daß man nicht zweifeln müsse, wenn man empfangen wolle, und hast du gezweifelt? Und immer tiefer sei es gesunken ins Elend, und schwarze, kalte, gräßliche Verzweiflung hatte ihre graulichen Netze immer dichter um seine Seele gewoben. Der Leib war dem Tode nahe, die Seele verlor das klare Bewußtsein und rang zwischen Traum und Ohnmacht. Da sei ihm gewesen, als ob in dieser schwarzen Nacht ein klein Lichtlein heraufkäme, nur schwach glimmend, nur wenig Licht spendend, und in dieses Lichtleins Schein sah es seines Kindes Lächeln wieder, das über dessen Gesichte schwebte, als es von uns schied. Es sei ihm aber gewesen, als ob das Kind wieder lebendig wäre und sein Lächeln hold und gläubig jemand zuwende. Und da sei aus der Dunkelheit eine Gestalt heraufgekommen, mild und lieblich anzuschauen; dieser habe das Kind seine Armchen entgegengebreitet. Da habe diese Gestalt das Kindlein auf ihre Arme genommen und die Hand auf dessen Haupt gelegt. Das Gesichtchen des Kindes habe sich ganz verklärt; es sei ihr gewesen, als ob Flügel wehten an seinen Schultern, und seine Augen habe es ihr wieder zugewandt gar freudig und hell erglänzend wie Karfunkelsteine. Auf einmal hätte Mädeli erkannt, daß es der Heiland sei, der ihr Kind halte und segne; und wie es das gedacht, hätte er den Finger gegen ihns aufgehoben, als ob er sagen wolle: Weib, wenn du Glauben hättest! und in der Hand hätte es die Nägelmale gesehen und auf einmal daran gedacht, daß auch er in großer Leidensnot gewesen und gebetet habe: Vater, ist's möglich, so gehe der Kelch vor mir vorüber, doch nicht mein Wille sondern dein Wille geschehe; und daß der Leidenskelch nicht vor ihm vorübergegangen sei, daß er ihn habe austrinken müssen bis zum letzten Tropfen, daß er dann aber auch auferstanden sei am dritten Tage zum Zeichen: daß ein Vater im Himmel sei, der höre und den Gehorsam segne. So wie es das dachte, sei das Licht größer geworden und glühend wie die Sonne, und die beiden Gestalten seien immer schöner und himmlischer geworden und hätten es immer holdseliger angesehen. Es sei ihm gewesen, als ob ganze Strahlen der Liebe aus ihren Augen in sein Herz führen, und in einem Glanze, den seine Augen nicht hatten ertragen mögen, seien der Heiland und das Kind verschwunden. Da hätte sich der Krampf in seinem Herzen wohl gelöst und einen Augenblick hätte es geglaubt, auch es sei im Himmel. Aber bald, als es dunkel geworden, seien die Nebel des Zweifels wieder über seine Seele gezogen, hätten die Erscheinung verdächtigt, und wie wenn böse Geister um sein Bette wären, die es höhnten und auslachten um seines Aberglaubens willen, sei es gewesen. Es sei ein ganz wunderlicher Zustand gewesen. Wie im Traum seien ihm allerlei Gestalten erschienen, und doch hatte es denken können und streiten mit dem Bösen. Die bösen Geister waren fast mächtig geworden über ihns, und ihr Hohngelächter habe sich wieder glühend in sein Herz gewühlt. Da hätte es aber gerungen gegen diese Anfechtung. Wohl sei die Erscheinung verschwunden gewesen und nicht wiedergekehrt; aber wie an einem Rettungsanker habe es sich an dem Worte festgehalten: Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Und je mächtiger die Zweifel aufwogten, je eindringlicher die bösen Geister lachten und höhnten, desto fester habe es sich an diesem Worte gehalten, desto inbrünstiger sie selbst gebetet und immer zweimal: doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Da seien ihm zuletzt diese Worte recht eigentlich ins Herz gewachsen und seien zu einer Rute geworden, vor welcher Zweifel und Geister geflohen wären, und aus ihr sei dann Balsam geflossen ins geängstigte Herz und der Glaube neu geworden: Es ist doch ein Gott und ein guter Vater, der hört seiner Kinder Flehn. Aber da sei es gar weich und demütig geworden und habe nun erkannt, wie sehr es gesündiget an Gott, wie sündlich gebetet. Es habe das Leben des Kindes nicht Gottes Willen anheim gestellt, wie der Heiland sein Leiden, sondern es von Gott gefordert. Habe nicht gedacht, daß seine Weisheit und Güte am besten wisse, was fromme, was sein müsse, und der kurzsichtige Mensch froh sein solle, daß der liebe Gott nach seiner Weisheit abschlägt und gewährt und nicht nach des Menschen kurzen Gedanken. Und daß es dann vom Glauben gefallen und in der Prüfung so schlecht bestanden sei, das habe ihm wieder so Angst gemacht und dazu sei noch der Gedanke gekommen: hätte es nicht so gebetet, sondern gläubiger und vertrauensvoller, das Kind lebte noch; der Herr habe es ihm zur Strafe sterben lassen; oder wäre es nicht so verzagt geworden, so hätte er es vielleicht aus dem Scheintod wieder erweckt, und jetzt müsse es nur leiden, was seine Sünden verdient. Das habe ihm auch wieder so weh gethan und immer mit dem Gedanken habe es gekämpft: der liebe Gott strafe doch hart, es hätte doch ja recht innig gebeten, und wenn Mutterliebe und Mutterangst zudringlich würden in ihren Bitten, so sollte er ihnen um ihrer Schwäche und ihrer Liebe willen es verzeihn. Aber auch gegen diesen Gedanken habe es hart gestritten und ihn nicht auskommen lassen, wollte die Schuld auf sich nehmen, die Strafe mit Geduld ertragen, beten: Herr, stets strafst du gelinder, als es der Mensch verdient. Es habe dann seinem Gott recht innige Gelübde gebracht, nie an ihm mehr zu zweifeln und seiner gütigen Leitung: ihm alles anheim zu stellen und nicht mehr so zu kummern; immer das Gute zu betrachten, was Er gebe, und nicht dem nachzusinnen, was drücke ans des Menschen sinnlichem Gemüte. Das alles habe es dem lieben Gott sagen können, wie es mir es sage; das Herz sei ihm aufgegangen, es wisse nicht wie; es hatte zu den meisten Menschen nicht so reden können und dürfen. Da sei aber auch eine unbeschreibliche Tröstung über ihns gekommen; es hätte so recht tief im Herzen empfunden, daß der liebe Gott es lieb habe und ihm helfen werde. Es sei auch mehr und mehr überzeugt geworden, daß der Tod seines Kindes nicht eine Strafe für ihns gewesen, sondern vielmehr ein Ruf zu Gott. Der liebe Gott habe seine Schwäche erkannt und wie es ihm noch fremd und ferne sei; da hätte er Mitleid mit ihm gehabt und eins seiner tausend Engelein zu ihm gesandt, um ihns näher zu rufen zu seinem Throne. Und dieses Engelein habe Kindesgestalt angenommen und nur die himmlischen Augen behalten, und mit diesen habe das Engelein die Mutter angezogen, festgehalten und nicht losgelassen, bis sie zusammen in des Vaters Schoß gekommen. Und weil es ein Engelein gewesen, so hätte es wieder sterben müssen leiblich und nicht auf der Welt bleiben können. Daß das Sterben es auch gefreut und daß es wohl gewußt, es habe die Mutter gerettet, das habe man ja an seinem Lächeln gesehen. Und da der liebe Gott so hoch es gewürdigt, durch einen eigenen Engel es zu rufen, so wolle es ihm geheiligt bleiben; und es glaube es, es könn's. So ward mein Weibchen durch den Tod eines Kindes geheiligt; es war ihm zum Engelein geworden, das ihm sein klein Händchen bot über die hohe Schwelle, welche den irdischen Sinn von Gott trennt; aber das Engelein zog mit Engelskraft und die Mutter überschritt die Schwelle und wandelte nun in Gott, d. h. sie reinigte sich ihm zu einem heiligen Tempel und erfüllte jede Pflicht in seinem Namen und liebte alle mit seiner Liebe und verdammte niemand, sondern überließ das Gericht dem, der gesagt hat: Ich will vergelten. So that ein totes Kind an seiner Mutter. Mütter, so können und wollen euch alle toten Kinder thun; denn es waren alles Engelein, gesandt, euch zu Gott zu führen, euch zu sühnen mit ihm, euch nicht zu entfremden der Welt, sondern euch auch mit ihr zu sühnen. Aber leider verstehen nicht alle die Stimme der Engel. Aber auch die lebendigen Kinder sind Engel Gottes, gesandt die Eltern zu heiligen, zu erheben, zu schützen und zu bewahren. Und zum Danke dafür, was thun viele Eltern an den Kindern? Doch noch viele Engel gehen durch die Welt. Die Feuerflammen sind Engel des Herrn und auch die Wasserströme; Bettler sendet der Herr aus und ruft uns durch sie bald zur Weisheit, bald zur Barmherzigkeit. Steine legt uns der Herr in die Wege und läßt den Thau fallen zu unsern Füßen; alle sind Engel Gottes. Durch sie geht des Herrn Stimme für und für an unser Herz, und er erscheint uns in jedem Busche, in jeder Quelle, die aus den Felsen springt. Ach, wer doch Augen hatte, ihn allenthalben zu sehen! Ach, wer doch Ohren hatte, ihn allenthalben zu hören! Fünfzehntes Kapitel. Wie die Leute den lieben Gott kennen! Als es Morgen ward, kamen Weiber zu uns, die gehört hatten, unser Kind werde sterben. Sie brachten allerlei mit, dem Kind und der Mutter zur Labung; denn in solchen Fällen reut ein weiß Brötchen oder eine Zupfe oder ein halb Pfund Kaffee eine Bäurin nicht. »Du hast doch recht,» sagte eins der Weiber zu meiner Frau, »thust du nicht so wüst und nötli, wie menge Göhl. Dem Kind ist es wohl gegangen; es ist manchem ab.» – »Ja,» sagte eine andere mit bedenklichem Gesichte, »wenn es nur wegen dem wäre, so hättist recht; aber es ist noch wegen etwas anderem. Wenn es nur getauft gewesen wäre, so wollte ich nichts sagen; aber so ungetauft kann mich das Kind doch erbarmen; denn kein Mensch weiß jetzt, wie es ihm geht,» – »Ja, du hast recht,» sagte die erste, »an das habe ich gar nicht gsinnet. Es sind mir auch vier Kinder gestorben, Gottlob! aber Gottlob keins vor der Taufe. Ich glaube, ich hätte mich hintersinnet. Em liebe Gott ma me se wohl gönne, aber em Tüfel ne nadisch Bott nit; vor dem gruset's mr, u we-n-i zweu Doze Ching müeßt bhalte. Mi seyt zwar, sie chöme nit i di hingeristi Höll; aber es wird vornache o no heiß gnue sy. Die arme Tröpf!» Das stieg mir gewaltig zu Gemüte. Diesen Glauben, der noch allgemein aus der alten Katholizität her verbreitet ist, daß alle Kinder, welche nicht getauft stürben, verdammt würden, kannte ich gar wohl; ich hatte aber nie darüber nachgedacht. Ich hatte wohl einmal gelesen, daß der weichherzige bekannte Stilling sich ihrer angenommen hätte, indem er in seinen Geistererscheinungen die Jungfrau Maria unter diese Kinder als Lehrgotte versetzte, um sie auf den Himmel gehörig vorzubereiten. Als es nun aber mein eigen Kind betraf, da ging es mir tief zu Herzen. Ich bebte vor dem Gedanken, daß ein holdselig Wesen in des Teufels Gewalt gekommen sein sollte; aber Widerlegung mußte ich keine. Es war so angenommen, und nach Gründen frägt man bei angenommenen Dingen nicht. Ich lief die Stube auf und nieder und fühlte eine Beklemmung zum Schreien; aber mein Weib im Bette blieb ruhig. Als endlich die Weiber fort waren mit ihren sonderbaren Tröstungen, beugte ich das Haupt auf meines Weibes Bett nieder und begann zu schluchzen wie ein Kind. Mein Weib streichelte mir die Haare und wollte mich trösten, daß ja das Kind in seine Heimat gegangen und nur hergesandt worden sei, uns in unserm Glauben zu prüfen und zu befestigen. Ich konnte lange nicht antworten. Endlich rangen mir sich die Worte auf: »Aber wie cha is de es Ching Gott zuefüehre, we's selber ds Tüfels isch, wil's nit isch tauft worde?« Da richtete sich mein Weibchen im Bette auf und sagte mir: »Wie chast doch das glaube-n-u denke! Ich bin kein Schulmeister,« fuhr es fort, »ich weiß nicht, warum die Weiber so was sagten, und warum dieser Glaube ist. Allein ich habe das ganze N. Testament durchlesen und kein Sterbenswörtchen darin gefunden, daß ungetaufte Kinder nicht selig würden. Ich habe aber gefunden, daß Jesus sagte: man solle die Kinder nur zu ihm kommen lassen, denn ihnen gehöre das Himmelreich. Nun glaube ich der Bibel, und mit dem, was die Bibel nicht sagt, können die Leute mich nicht erschrecken. Und, Peter,« sagte Mädeli und nahm mich bei der Hand, »und wie kannst du glauben, daß unser Kind des Teufels sein sollte? Hast du es recht angesehen und seine lieben treuen Augen? Hast du gehört, was ich dir erzählt, wie ich diese Nacht gerungen und wie mir der liebe Gott so nahe gekommen, daß ich glaubte, ich sei a-n-ihm a, und daß es mir ist, als ob ich ihn noch jetzt im Herzen hätte? Nein, Peter, glaube doch solche Dinge nicht; ich empfinde in meinem Herzen, daß sie nicht wahr sind; ich habe in mir ein Zeugnis dagegen, das ich für göttlich achte, so gut als die Stimme meines Gewissens. Darum, mein liebes Mannli, weine nicht; tröste dich und freue dich, daß unser Kind bei Gott ist. Denn das ist es. Und laß uns trachten, daß wir nie weiter von Gott kommen, als dieses Kind ist, dann, glaube mir, fehlt uns die Seligkeit nicht. Nun gehe nur zum Pfarrer, es ihm anzugeben zur Begräbnis; mir ist fast so wohl, als es unserem Kinde ist; denn ich habe es in des Heilands Armen gesehen, und wo mein Fleisch und Blut ist, dahin glaube ich auch zu kommen.« Mein Weib redete mir da wunderlicher als ein Pfarrer, und seine innige Überzeugung überwältigte mich auch; denn wahre Überzeugung, so recht von Herzensgrund ausgesprochen, überwältiget immer, und sehr oft auch der Schein davon. Ich band ein schwarz Halstuch um und wanderte hin zum Pfarrer. Auf dem Wege stiegen mir meine eigenen Gedanken wieder auf und der alte Glaube fing wieder an zu streiten gegen meines Weibes übernächtigen Glauben, machte meinen Glauben unsicher, brachte mich dahin, zu glauben, meinem Weibe sei nicht recht im Kopfe; sonst hätte es ja den Heiland nicht gesehen, und die Weiber hätten doch recht. Von neuem kam die Angst in meine Seele und ich brachte sie recht groß zum Pfarrer, der mich um meinen Verlust bedauerte. »Ach,« sagte ich, »ich wollte mich darein ergeben, wenn es nur getauft worden wäre.« – »Warum?« sagte der Pfarrer. – »Ach, wenn es öppe jetzt nicht selig werden sollte!« »Glaubet ihr das auch?« fragte er. – »Aparti nit, aber die Weiber haben meiner Frau gar große Angst gemacht,« antwortete ich; mich schämend für mich, stieß ich mein Weib hinein; wie es übrigens noch mancher macht; die Weiber schieben auch häufig die Sachen auf ihre Mannen. Und wenn ein Weib sagt: My Ma wott's, my Ma het's gseit, my Ma het bifohle, so kann man darauf zählen, daß unter hundert wenigstens sechzigmal die Frau dahinter steckt. Der Pfarrer sagte: er könne doch nicht begreifen, daß die Leute so fest an einem alten Vorurteil hingen, das durchaus keinen Grund habe. Ich fragte: wie es dann möglich sei, daß so ein Vorurteil ohne Grund entstehen könne? Ich würde es gerne zum Trost meinem Weibe sagen. »Schulmeister,« sagte der Pfarrer, »die' Sach ist die. Die Juden glaubten daran, daß alle Heiden von bösen Geistern besessen seien; daher, wenn sie Heiden zu Proselyten machten, ließen sie dieselben untertauchen im Wasser, gleichsam als wenn die bösen Geister dadurch ersäuft würden. Jesus hatte nicht lange die Taufe als Sinnbild der innern immer fortdaurenden Reinigung befohlen, als der Glaube, der Mensch sei vor der Taufe vom Teufel besessen, sich einschlich, und weil bei seiner Taufe Jesus vom h. Geiste bewillkommt wurde, so glaubte man, es sei der heilige Geist, der ins Wasser komme, den Teufel eigentlich austreibe, das Inwendige des Menschen ganz rein mache, so daß er in diesem Augenblick ohne Sünde sei. Um dieses Glaubens willen ließen manche Leute sich nicht taufen bis zu ihrem Ende, um dann gleichsam frisch gewaschen ohne alle Sünde in den Himmel zu kommen und so den Himmel gewiß zu haben, während bei einer früheren Taufe spätere Sünden den Zugang leicht verschließen können. Aber man konnte unerwartet sterben ohne Taufe und blieb dann dem Teufel unabänderlich und unwiderruflich: am Schlagfluß z. B., wo viele Leute bei jedem Aussprechen des Wortes Schlagfluß hinzusetzen: Gott bhüet is drvor. Daher fing man an, früher zu taufen, so früh als möglich; denn der Gefahr des Sterbens war man vom ersten Tage an ausgesetzt. Man taufte also junge Kinder und das konnte man recht gut, ward ja im A. Testament auch die Beschneidung am achten Tage verrichtet und sagte Christus kein Wort, wie früh oder spät man taufen solle. Nach langem Streit wurde der neue Gebrauch allgemein; aber der alte Glaube, daß Ungetaufte des Teufels seien, blieb, blieb nicht nur unterm Volk, sondern ward auch Kirchenglauben, obgleich er durchaus keinen Grund in der Bibel hatte. So war z.B. in der Stadt Büren in der dortigen Kirche ein Muttergottesbild, von dem man behauptete, alle ungetauft gestorbenen Kinder würden in dessen Armen auf so lange wieder lebendig, daß ihnen das Sakrament der Taufe könne gegeben werden. Man kann denken, wie unendlich viele Kinder zu demselben gebracht wurden und wie viele Eltern weinten, als man es bei der Reformation verbrannte. Denn obgleich das Bild verbrannt wurde, blieb doch der alte Glauben. Es ist sonderbar, wie mancher Aberglauben der Vorzeit so fest den Leuten in den Köpfen sitzt, während so manche alte schöne Wahrheit nie in die Köpfe will. Habt ihr nie bemerkt, Schulmeister, daß, wenn euch eines Tages Kinder unrichtig antworten und ihr verbessert die Antwort, stellt das Rechte dar und ihr kommt morgen wieder und fragtet: was ihr gestern gehabt? die Kinder euch das Unrichtige repetieren als verhandelte Wahrheit und von der wirklichen nichts mehr wissen? Wenn man übrigens den Glauben der Menschen untersuchen würde, den Glauben, der auf ihr Leben eigentlich Einfluß hat, man würde da wunderliches Zeug finden; man würde finden, daß an diesem Glauben die Bibel den wenigsten Anteil hat. Dieser eigentliche kursierende Volksglauben wechselt etwas im Laufe der Zeiten, aber langsam, und wenn derselbe einmal mit dem Bibelglauben zusammentrifft, dann ist's gut; aber leider sind wir noch nicht da. Nein,« schloß der Pfarrer, »geht nur und sagt eurem Weibe: der Heiland, der sagte: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich, der Heiland, dem alle Gewalt gegeben ist auf Erden und im Himmel, der wird nicht Kinder lassen geboren werden und sterben, um sie dem Teufel in seine Klauen zu befördern. Ein solcher Glaube ist eigentlich Unsinn und Gotteslästerung, und wenn ich eure Frau sehe, so will ich ihr eins abkapiteln.« Da bat ich, er solle ihr doch recht nicht sagen, daß ich ihm gesagt, sie glaube so etwas; sie würde es ungern haben; ich wolle sie jetzt schon trösten und ihr sagen, woher dieser Glaube käme. Das sonderbare Übereinstimmen meiner Frau mit dem Pfarrer nahm mir die Angst, und andächtig brachte ich des andern Morgens früh die kleine Leiche, die wir vorher noch brünstig geküßt halten, dem Totengräber auf den Kirchhof. Derselbe hatte das kleine Gräbchen in der Dachtraufe gemacht und gar nicht tief. Ich frug ihn: warum er es gerade hier gemacht, wo es ihm mehr Mühe gegeben hätte. Er sah mich kurios an und sagte endlich: ich sei ja ein Schulmeister und werde das wohl wissen. Endlich, nachdem ich meine Unwissenheit augenscheinlich an Tag gelegt, dadurch aber nicht wenig an meinem Respekt eingebüßt hatte, sagte mir der weise Totengräber folgendes: je näher der Kirche man begraben werde, desto sicherer sei man vor den bösen Erdgeistern, und da ungetaufte Kinder nicht durch die Taufe vor ihnen geschützt würden, so thue man sie an die Kirche, um durch die Kirche selbst beschützt zu werden. Dann thue man sie ins Dachtrauf, damit sie noch hier getauft würden. Wenn nämlich der Pfarrer das Taufwasser bsegne, so werde alles Wasser in und an der Kirche zu Taufwasser (d. h. der h. Geist komme in dasselbe), so daß, wenn es einmal stark regne zu selber Zeit, so werde auch Regenwasser auf dem Dach Taufwasser, und wenn es nun Hinunterrinne und bis zu dem Kinde dringe, so werde das Kind im Boden so gut und gültig getauft, als das Kind in der Kirche. Wie doch die Leute erfinderisch sind, dem Teufel die Menschen aus den Klauen zu reißen, wenn sie tot sind, und wie sorglos stürzen sie sich in seine Arme, so lange sie lebendig sind! Wie angst ist es ihnen um die Seligkeit anderer und wie schnöde spielen sie um die eigene! Freilich nicht mit Karten, wie jene berühmte Spielerin zu H., welche, als sie kein Geld mehr hatte, ihre Seligkeit einsetzte statt 6 Kreuzer und dieselbe auch richtig verlor; aber sie verganggeln sie mit Thaten und Worten gleichgültig und leichtsinnig. Wie angst ist es ihnen um ihre ungetauften Kinder und um ihre Seligkeit, und ihre getauften führen sie dann dem Teufel selbst zu durch Beispiel und Anreizung, durch Sorglosigkeit und Liederlichkeit! Sie blasen in ihnen das Böse eigenmäulig an und lachen dazu; »Es macht nüt, es macht nüt,« meinen sie, und wenn dann endlich die Flamme der Sünde über ihren Häuptern zusammenschlägt, so schreien sie Mordio: »Brönn nit, brönn nit!« Ihre toten Kinder soll der liebe Gott absolut haben; ihre lebendigen gehen ihn nichts an. Ihre toten Kinder sollen zunächst an die Kirche; ihre lebendigen halten sie schnöde und mutwillig davon zurück, fluchen dem Pfarrer, wenn er sie hineinbringen will, und sagen dem Schulmeister wüst, wenn er eine halbe Stunde länger Kinderlehre hat. So sind die Leute voll Widersprüche und woher kommen die wohl? Die kommen eben daher, daß der Aberglaube sie regiert und nicht der Glaube; daß Hirngespinste ihre Religion sind und die Wahrheit von ihnen ausgespuckt wird; daß sie alles glauben, nur nicht das, was von Gott kömmt. Und woher kömmt dieser verkehrte Sinn? Der kömmt daher, weil die Menschen thun wollen, was sie ankömmt, und nicht, was Gott will; weil sie beharren wollen im Ungehorsam und doch die Seligkeit nicht wollen fahren lassen. Sie wollen die Früchte von Jesu Leben und Tod; aber Früchte, die sich der Besserung geziemen, die wollen sie nicht bringen. Darum ersinnen sie so widersinniges und glauben so widersinniges. Aber was wird das einst für ein Erwachen sein aus solch selbstgemachtem Lug und Trug? Sechzehntes Kapitel. Ein Tod und eine Teilung. Es war eine feierliche Stimmung in unsern Herzen. Auch in unserm Häuschen war es uns fast, als ob mir in der Kirche, als ob der Herr zu uns eingekehrt wäre. Eine unaussprechliche Gewalt zog mich näher zu meinem Weibchen, und zärtlicher fühlten und thaten wir nicht gegen einander in den verrufenen Flitterwochen; nur war in der Zärtlichkeit etwas gediegeneres und in unseren Gemütern klang etwas sonntäglicheres (ich weiß ihm keinen andern Namen zu geben) als anfangs. Unsere Liebe hatte sich im Feuer der Not bewährt und im Glauben geläutert und erhoben. Freilich stund ich da unendlich tief unter meinem Weibchen; aber eben das Gefühl, daß es in Glaubenskraft über mir stund, machte, daß ich mich um so fester an dasselbe schloß, mich an ihm hielt in den Stürmen, die über uns daher brausten. Da bewährte es sich gar herrlich, daß alle Dinge denen, die Gott lieben, zur Seligkeit dienen müssen. Achtet euch in der Welt eines Ehepaares, das Gott nicht liebt, wo jedes im Grunde des Herzens nur sich selbsten liebt, wie da jedes Unglück trennend zwischen sie trittet, ihre Herzen spaltet und durch diese Spaltung jedem Unglück ein dreifach Gewicht gibt. Achtet auf ein solches Ehepaar, wenn Unglück kömmt, wenn Bedrängnis einreißt, wenn ein geliebtes Kind stirbt, wenn Krankheiten sich lagern über eins oder beide, wenn Hoffnungen auseinander gehn, Wünsche brennen und nicht gelöscht werden können, wie da die Herzen bloßgelegt werden und ans Tageslicht kömmt, was man unter künstlichem Flitter, zärtlichen Blicken, süßen Worten, artigen Mienen schlau verborgen hatte. Keines trägt die Bürde gerne; glaubt das andere Schuld an derselben; glaubt, wenn sie beide sich nicht zusammengefunden, so wäre auch dieses Unglück nicht, wäre man nicht in solcher Bedrängnis; schiebt die Bürde dem andern zum Tragen hin und schüttelt sich unwillig über seinen Teil, wird verdrießlich und ärgert sich über die Art und Weise, wie das andere trägt. Dann kömmt es vom Ärger zu ärgerlichen Worten und aus beiden bildet sich das Verhältnis heraus, das besteht zwischen einem Zügel und einem Pferdefuß, der übergesprungen ist. Es entsteht eine Reibung; beide leiden, und je größer das Leiden wird, desto stärker wird die Reibung; und je heftiger die Reibung wird, desto weniger ist an ein Loskommen zu denken, wenn nicht etwa der Zügel bricht. Und wenn auch der Zügel bricht, so hat man am Bein noch ein schweres Doktern. So ist jedes Unglück für jedes sündige Gemüt ein dreifaches Unglück. Wer will es mir wehren, wenn ich behaupten will, jede Berührung der Außenwelt mit unserm Herzen erzeuge einen chemischen Prozeß, und je nach der Beschaffenheit des Herzens erzeugen sich in ihm bei dieser Berührung Dämpfe – Stimmungen, und je nach den Dämpfen ein Niederschlag – Worte und Thaten? An diesen Dämpfen und diesem Niederschlage eben erkennt der Mensch, wes Geistes Kind er ist. – Ist das Herz ein verdorbenes, und welche sind es eigentlich nicht? so steigt bei der Berührung verdorbenes auf, zur Plage des Menschen, wie verdorbene Kinder eine Qual der Eltern sind; und diese Plage ist die Geisel, die zur Erkenntnis bringen, den Star stechen, den Menschen dahin bringen soll, daß er sein Herz zu heilen sucht. Zu dieser Heilung sind Heilmittel da, und sobald das Herz zu heilen beginnt, sobald es Gott über alles und den Nächsten als sich selbst zu lieben beginnt und sich nicht mehr zum eignen Herrgott macht, entstehen aus seiner Berührung mit der Außenwelt – andere Dämpfe, ein anderer Niederschlag. Was auch aus der Außenwelt das Herz berühren mag, je liebender das Herz wird, je süßer und lieblicher werden die Dämpfe, desto fruchtbarer und segensreicher der Niederschlag; ja, je härter die Außenwelt an das Herz schlägt, desto hellere Funken sprüht die Liebe, desto inniger werden die Stimmungen, desto herzlicher jede Äußerung in Thal und Wort. Die Heilung trägt in sich selbst den Lohn und gibt glücklichere Stimmungen und glücklichere Verhältnisse und als größtes Glück die merkwürdige Umwandlung, daß fortan Glück und Unglück, kurz, alles, was aus Gottes Hand kömmt und das menschliche Herz berührt, heiligend auf dasselbe einwirkt, statt, wie früher, als Versuchung verführend und sündigend; daß also in eigentlichem Sinne des Wortes alles zu seiner Seligkeit dienen muß. Wer ein Esel ist, wird mich um dieser Bilder willen als ein Materialist verschreien. Wer etwas witziger ist, aber doch nicht witziger, als halbwitzig, der wird diese Zeilen lesen, sie aber nicht begreifen, und nicht begreifen, daß er sie nicht begreift, oder gar wie eine gewisse Frau von einer gewissen Predigt sagen: Das berlinerlet afange. Wer aber ganz witzig ist, wird auf das allerwenigste die Bemühung nicht mißkennen, etwas recht anschaulich zu machen, was die meisten Menschen nicht verstehen und doch alle verstehen sollten: nämlich das Verhältnis unseres Herzens zur Außenwelt, und die Art und Weise, wie beide ihre Kinder zeugen und was für Kinder. Mein Weibchen und ich plauderten nun gar oft von ernsten Wichtigeren Dingen zusammen; es war, als ob uns ein Blatt vor dem Munde weggefallen wäre. Ob diesen Reden versäumten wir unsere Arbeit nicht; das kleinste wurde um so treulicher Verrichtet. Aber diese Reden verhüteten, daß wir nicht kleinlichten unbedeutenden Dingen, Zufällen u. s. w. eine Wichtigkeit beilegten, die sie nicht hatten, eine Wirkung auf uns, die mit ihrem Werte in keinem Verhältnis stund, ihnen nicht gestatteten. Es muß jeder Mensch wichtige, wichtigere und wichtigste Dinge haben; jeder Mensch hat etwas, auf das er besonder Gewicht legt, dem er einen eigenen Einfluß auf sich gestattet und dem er anderes unterordnet. Nimmt der Mensch nun nichts an sich wichtiges in sich auf, so erhebt er eine Lumperei auf den Thron und betet sie an: eine Frau die Schweine, eine andere den Kopfputz, eine dritte die Fehler des Nächsten, eine vierte die Mägde und eine fünfte ihre Nerven; ebenso von den Männern die einen ihre magern Acker und die andern ihre dumme Person, die dritten (besonders die Diplomaten) das Essen, die vierten das Geld und die fünften ihren Stammbaum, dessen Ende man aber ohne langes Steigen in einem Schwefelholzlädelchen oder in einem Rebhäuschen finden möchte. Es achten darauf wenige Menschen; darum findet man ein so kleinlichtes Treiben in der Welt, so eng eingeschrumpfte Herzen, eine so arge Abgötterei, daß einem die Haare zu Berge stehen möchten. Das ist aber auch eine Kunst, die weder im Hopfenkranz noch von irgend einer Hopfenstange gelehrt wird, im kleinsten getreu zu sein und das höchste im Herzen zu tragen. Wir hatten einen solchen Anker, der uns oben erhielt, aber nötig; denn wir erfuhren die Wahrheit des Sprichwortes, daß selten ein Unglück allein kömmt und daß es dem Hiob nur gegangen, wie vielen andern Menschen auch. Kaum hatte sich der Schmerz um unser Mädchen verklärt zu einem wehmütigen, freundlichen Andenken, als Mädelis Vater zu kränkeln begann. Er klagte häufig über Schwindel und Mattigkeit. Man gab ihm an, ein gutes Glas roter Wein sei gut dafür. Eines Morgens setzte er sich auf sein Schuhmacherstühlchen und wollte unserm Kleinen einen Schuh sticken. Kaum hatte er den Leisten im Schuh und beugte sich auf seine Arbeit, so fiel er kopfüber in die Stube hin. Der Kleine, der ihm zugesehen hatte, erhob ein mörderlich Geschrei, und wir beide, die draußen gewesen waren, stürzten hinein und fanden den Vater bewußtlos am Boden. Mit Mühe brachten wir ihn auf das Bett und wieder zu sich; aber reden konnte er nicht mehr, der Schlag hatte ihn getroffen. Der Arzt ließ ihm zu Ader, verordnete Einreibungen; das schwindende Leben wurde festgehalten, allein der Glieder Gebrauch blieb verloren. Von ganzem Herzen willig thaten wir, was wir konnten, zügelten selbst ins Gaden hinauf, warteten ihm ab und verschafften ihm das Notwendige, was er brauchen konnte, in Speise und Trank. Auch wurde dem Kranknen, nach der Sitte in einigen Gegenden, viel gekramet, was uns einigermaßen Erleichterung verschaffte. Es ist dies eine sehr schöne Sitte; wenn der Krankne nur nicht damit oft eine Fülle von Dingen erhielte, welche im höchsten Grade schädlich sind. Wenn ein kranknes Kind z. B. neun Lebkuchen auf seinem Bette liegen hat, so kann man sich abklavieren, wie bald es gesund werden wird. Und wie man solche Krankenbesuche sich zu Nutzen machen kann, mag man aus folgendem Beispiel lernen. Ein schlauer Fuchs, der sein Leben mit Kniffen zugebracht und eines jeglichen Schwäche zu benutzen wußte, lag schwer krank, so daß man ans Sterben dachte und er selbst auch. Aber ein Mohr ändert seine Farbe nicht. Ein ehrlich einfältig Bäuerlein besuchte ihn auch. Der Sterbende dankte gar schön, rühmte die Teilnahme der Menschen und wie viele ihn besuchen thäten. Wenn er wieder z'weg kommen sollte, so wolle er keinen vergessen, sondern einem jeden daran denken. Und damit er keinen vergesse, habe er ein Gschrist z'weg gemacht, wo jeder seinen Namen darein schreiben müsse; sie liege dort, er solle es auch thun. Das Bäuerlein, das wohl seinen Namen schreiben, aber keine Gschrift lesen, und wenn schon lesen, doch keine verstehen konnte, dachte bei sich schon an das schöne Geschenk, das er erhalten, oder an die Mahlzeit, an die er eingeladen werden könnte, und kratzte ohne Komplimente mühselig seinen Namen hin. Nach Jahren kam eine Schuldbekenntnis von 4000 Pfund zum Vorschein, in welcher das Bäuerlein mit seiner Unterschrift als Schuldner sich bekannt hatte. – Wenn die Leute kamen und den Vater sahen, so war selten eins unter ihnen, das nicht sagte: »Dä macht's nimme lang, aber da geit's ihm guet u niemerem übel.« Das sagte man ganz ungeniert vor dem Kranknen, und recht grausig war es anzusehen, wenn er zu solchen Reden mit seinen starren verzogenen Augen die Leute ansah, ihnen zunickte und etwas röchelte. Mädeli weinte dann gewöhnlich; dann sagten ihm die Leute: »He du Göhl, plär doch nit; werche cha-n-er doch nümme, u ha cheut er ne o nit geng; we d' wieder es Ching muesch ha, wotsch de im Gade-n-obe chindbette?« Das wurde so mir nichts dir nichts verhandelt vor dem Kranknen. Mir war es Angst wegen Mädeli, die in andern Umständen war, Tag und Nacht keine Ruhe hatte, die Haushaltung machen, die Pflanzungen besorgen sollte. Ich fürchtete, sie halte es nicht aus. Aber Gott gibt dem Menschen in der Not wunderbare Kräfte. Überhaupt liegen im Menschen viel mehr Kräfte, ein größeres Maß von Kräften und besonders eine weit größere Spannkraft, als man ahnet. Man gvätierlet im Grunde nur im Leben und mit dem Leben. Nach ungefähr sechs Wochen widerholte sich der Schlagfluß und der liebe Gott rief den alten müden Meister zu sich. Es ist das Sterben so geheimnisreich und ahnungsvoll, daß auch die rohsten Menschen stille werden in einem Sterbezimmer, auf den Zehen gehen, den Atem leiser ziehen und nur reden in der höchsten Not. Es ist, als ob den Menschen ergreife das Wehen einer höheren Welt, als ob er fühle, diese Welt sei nahe getreten und ihre Geister walteten unsichtbar um ihn herum, lösten den verwandten Geist aus der sterblichen Hülle und führten ihn mit sich ihre Wege. Eine Leiche hatte für mich etwas unendlich Schauerliches. Da liegt nun sie, die sterbliche Hülle, die Schale, dem Zerbrechen geweiht! Nun endlich wird man es inne, was der Leib eigentlich sei. Aber wenn man bedenkt, was diese sterbliche Hülle vorgestellt; wie sie sich selbst bargegebeu als etwas, während sie nichts war; wie viel sie bedeutet, als das thielische Leben in vollen Adern schlug; wenn man dann den eigenen Leib betrachtet und seine Ansprüche, und gedenket, daß er auch bald so liegen werde, eine abgestreifte Hülle, ein leer Futteral, ein werdend Staubhäufchen: dann bebt der Mensch in sich zusammen und beginnt zu denken an das, was in dieser leeren Hülle wohnte und in seiner noch wohnt, und welche Geister diesen Geist gelöst und seinen lösen werden, und wohin mit ihnen ziehen? Es ist schauerlich eine Leiche zu berühren; mir läuft es dabei kalt den Rücken auf und heiß durch alle Glieder, und das Herz zuckt zusammen, als ob der Tod es bereits mit seiner eisigen Hand gefaßt hätte. Ich war daher meinem Weibchen eine schlechte Hülfe, und ein Glück für ihns war es, daß bei solchen Gelegenheiten die Nachbarsleute so aufwärtig sind. Ich hatte unterdessen auch viel zu laufen und Bescheid zu machen an alle Verwandten meiner Frau nach allen Seiten aus. Denn gar sehr zürnen würde es mancher, wenn er vergessen würde, und wenn er auch im dritten und vierten Gliede stünde. Am Begräbnistag sah ich zum erstenmal Mädelis Geschwister alle bei einander; aber keines gefiel mir wie mein Weibchen. Sie waren auch gar kaltblütig und gleichgültig bei der Sache und gar trocken mit uns. Es ist doch ein gar ernster Gang, der Gang zum Grabe. Es scheint mir immer, als lauern im Kirchhofe eine Schar gewaltiger Gedanken auf jeden Leichenzug, die sich stürzen auf die Begleitenden und suchen, welches Herz sie erfassen mögen. Da lauert die Neue und suchet die unbarmherzigen, schnöden Herzen; da lauert die Angst auf die, welche einen Ankläger gegen sich begraben; da lauert das Grauen auf die, welche über die Gräber von Anklägern schreiten müssen; da lauert der Schrecken auf alle, welche am Zerdrücken von Herzen sind; es lauert auf die Stolzen das Gefühl ihrer Niedrigkeit, auf die Sinnlichen das Gefühl ihrer Vergänglichkeit, und auf alle ein fährt der kalte große Gedanke: ob sie etwa mit den eigenen Beinen auf dem eigenen Grabe stünden? Und hinter allen diesen Gedanken, die mit erschütternder Gewalt auf die Leichenzüge sich stürzen, kömmt leise, klingend in lieblich sanften Weisen, ein Lüftchen hergezogen und suchet nach liebenden Herzen, über welche jene Gedanken keine Macht haben, und an solche Herzen schmiegt es sich weich und leise, und flichtet dort aus den Thränen der Liebe ein strahlend Thor, das ins ewige Leben führt, und in süßen himmlischen Klängen singt das Lüftchen dem liebenden Herzen von der Auferstehung und dem Leben, von dem Widerfinden der Getreugebliebenen in des Vaters Freude. Zu Hause bereitete uns jemand für die Verwandten das Offen; denn auch meine Frau geleitete, wie üblich, den Vater zu seiner Ruhestätte. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum fast an allen Orten die Weiber ihre Kinder nicht auf ihrem ersten Ausgange zur Taufe geleiten, und warum sie wieder an vielen Orten die ihrigen nicht geleiten auf ihrem Heimgang. Haben sie etwa nicht nötig zu gedenken, daß fortan alle Wege, welche man das Kind trägt, führt und weiset, in Gott sich ausmünden sollen? Haben sie nicht nötig, ihrer Vergänglichkeit zu gedenken, von Zeit zu Zeit ihr Grab zu beschauen, zu bedenken, wie ihnen sein würde, wenn sie hinter dem Sarge ihres Gatten oder ihres Kindes gehen müßten, ob dann die Liebe ihre Trösterin oder die Reue und die Selbstanklage ihre Begleiterin wäre? Schon auf dem Heimwege stichelte eines Bruders mitgekommene Frau von Teilen, und sie hätten expreß ein Wägelchen mitgenommen, um die ihnen zugefallenen Sachen mitzunehmen. Du mein Gott! Die Habseligkeiten des Begrabenen waren so dürftig, als man sich nur denken kann. Sein Bett war das beste daran, seine Kleider Bruchstücke, sein übriges Grümpel und das wenige Küchengeschirr hatte er uns allerdings zum brauchen gegeben. Mädeli und ich hatten nichts darüber geredet und Mädeli sicher auch nicht darüber gedacht. Mir hingegen war der Gedanke ans Erben gekommen, und ich glaube, es sei wirklich selten jemand, der, wenn ihm jemand stirbt, den er lieb hat, aber den er erbt, nicht auch ans Erben dächte, und sicher viele würden erschrecken, wenn vierzehn Tage nach Behändigung des Erbes die Beerbten wiederkämen. Der Vater hatte in den letztern Zeiten kein Tischgeld mehr geben können, und wir hatten nicht daran gedacht, die übrigen Geschwister oder die Gemeinde dafür anzugehen. In den letzten Wochen hatten wir große Unmuße mit ihm gehabt und auch Kosten, so daß wir wirklich geldlos waren und Fleisch und Wein für die Verwandten dem Wirt schuldig bleiben mußten. Da hatte ich mir erstlich gedacht, seine übrigen Kinder würden gar nicht nach diesen Dingen fragen, von denen uns das Bett sehr wohl gekommen wäre; und zweitens war mir im Hintergrunde noch eine Hoffnung aufgedämmert: sie würden uns vielleicht noch etwas an unsere Auslagen geben. Solche Gedanken sind gewiß einem armen Ehemann, der Kindbetti halten muß und kein Geld hat, zu verzeihen. Könnte man in aller Menschen Köpfen alle eigennützigen, spekulativen Gedanken verfolgen, man würde ergrauen vor dem herzlosen, liebeleeren, scheußlichen, das vor unsern Augen sich aufwinden würde. Es ist ein Heil, daß wir das nicht können; unsere Augen würden erblinden, unsere Herzen würden verbluten, wenn anderer Gedanken uns offenbar, wenn wir fehen würden, wie manches Auge auf unfern Tod lauert. Der Gram würde wie ein Geier sich setzen auf unser Herz, das aber eben vielleicht ähnliche Gedanken und Gelüsten in sich wälzte. Was für Augen würden sich wohl die Menschen machen, wenn sie einander in die Seelen hineinschauen könnten, so gut als ins Gesicht? Der Schöpfer weiß wohl, warum er hier einen Vorhang gezogen hat. Kaum waren wir heim gekommen, so fragte die Schwägerin nach dem zu teilenden Erbe. Wir wiesen vor, was da war. Sie wollte nicht glauben, daß das alles sei; ihr Mann hätte von viel mehrerem gesagt. Die übrigen Kinder, welche seit Jahren das väterliche Haus verlassen hatten, wo noch der Verdienst größer und von bessern Zeiten her manches vorrätig war, was seitdem abgegangen, muckelten auch von Hinteremachen, Verschleipfen, Verlaugnen. Die Schwägerin durchstöberte mit ihrem Manne und einer Schwester alle Winkel, um nach etwas verborgenem zu forschen. Unglücklicherweise entdeckte die letztere auf unserem Kachelbank einen Milchhafen, mit dem sie früher viel Milch geholt hatte, und erhob nun über denselben ein Geschrei, als ob ein Stier sie bereits auf den Hörnern hätte. Da sehe man, was wir für Leute seien: Bschyßhüng, wie keine auf dem Erdboden seien. »Ich wei mr erst afa sueche; wo das isch, wird no meh si!« schrie sie. Und so fingen sie an, das unterste zu oberst zu kehren und sprachen am Ende unsere ganze Habe an. Da rissen sie einen Hafen z'weg und dort eine Kelle, wollten über unsere verschlossenen Schäfte, sie einsprengen, wenn wir nicht die Schlüssel gäben. Alles müsse erlesen sein, schrie das eine; ein anderes brüllte, man müsse uns zum Eid halten, und das dritte vom Landjäger holen und Mannen, vor denen wir es eingestehen müßten, daß wir gestohlen hätten. Es war ein Höllenspektakel und der Lärm wurde immer größer. Die Leute arbeiteten sich selbst in einen Zorn und in eine Wut hinein, die kein Maß hatte. Die Vorstellung unseres Betruges wuchs wie ein Gespenst ins Unendliche; ich glaube, sie stellten sich am Ende vor, der Handel gehe um viel tausend Pfund, und wenn sie nur recht wüst thäten, so seien ganze Haufen Erbes aus uns auszupressen, wie Öl aus Steinen. Es kann wahrhaftig nichts traurigeres geben, als Streiten um ein Erbe, und doch ist gerade dieses Streiten eins der häufigsten und ein Beweis mehr von dem Eigennutz und dem Lauren auf das Erben, von dem ich früher gesprochen. Wenn um Höfe, Schlösser und Büntel Geld gestritten wird, so glaubt man das begreifen zu können, weil da es des Streitens sich lohne, es wert sei, recht wüst zu thun. Aber vermöchten es nicht gerade da am besten Brüder und Schwestern, Friede zu halten, wo viel zu teilen ist? Da sollte man doch eher etwas übersehen können. Aber eben mit dem Haben nimmt auch das Begehren zu. Das ist der Fluch, der im Golde liegt und von dem das Sprüchwort kömmt: Je mehr er hat, desto mehr hat er zu wenig. Sehr traurig, fast lächerlich und unbegreiflich will man es finden, wenn Arme um ein paar alte Leintücher, eine plätzete Pfanne, eine gespaltene Kaffeekanne und ein paar versalbete Hosen sich zanken. Ja, traurig ist's allerdings, wenn die, die die Liebe am nötigsten hätten, um so kleinlichter Dinge willen sich das für sie ohnehin bittere Leben noch mehr verbittern. Aber begreiflich ist das Ding gar sehr. Ein armer Mensch, der gar nichts anzuschaffen vermag, dem ist eine gespaltene Kaffeekanne ein gefunden Fressen und ein Bettstücki ein wahrer Schatz, zu dem er vielleicht sonst sein Lebtag nicht käme oder nur durch tausend Entbehrungen. Und einem armen Weibe kann ein Fetzen von einem Leintuch, besonders wenn es noch zu kindbetten gedenkt, eben so wichtig vorkommen, als einer reichen Bürgersfrau ein ganzer voller Lingeschaft. Man kann sich aber nicht vorstellen, wie uns beiden bei der ganzen Geschichte war. Ein vernünftiges Wort wurde gar nicht gehört, meine Bitten, Mädelis Weinen und Anhalten nicht geachtet. Die Titel regneten immer dicker und derber auf uns ein, je ordentlicher wir uns gebürdeten. Mir kochte nach und nach auch der Zorn in meinem Innern; aber ich war so unterthänig gewohnt, so gewohnt meinen Zorn im Stillen zu verwerchen und zu verworgen, daß ich es höchstens zu einem unverständigen Brummen brachte, blaß wurde und in den Hosensäcken die Hände ballte. Mädeli bot allem auf, die Vermittlerin zu machen in aller Sanftmut und Geduld; aber es schüttete eben nur Öl ins Feuer, und je ordentlicher es that, desto unverschämter wurden die andern; ja die Schwägerin griff sogar nach unseres Kindes Bettlein und zeigte es ihrem Mann: ob das nicht auch anzusprechen sei? Da flammte aber auf einmal, wie aus einem Hause, das der Blitz getroffen, die Feuersäule, aus Mädeli der Zorn empor. Ohnehin lang, ward es noch um einen halben Schuh länger; Funken sprühten aus seinen Augen, und mit einer mir ganz fremden Stimme, fest und scharf, wo jeder Laut dem Knall einer gezogenen Pistole glich und jedes Wort die Kugel selbst war, stellte es sich plötzlich, wie der Hirsch gegen seine Verfolger. Wie ein General befahl es der Schwägerin, das Bettlein an seinen Ort zu thun; das sei von uns bezahlt; überhaupt hätte sie hier gar nichts zu reden; sie gehe die ganze Geschichte nichts an; sie solle heimgehen zu ihren Eltern und da erben, was es da zu erben geben werde, Dreck und Läuse. Dann wandte sich meine Frau von einem zum andern und hudelte sie fürchterlich. Zuerst ging es über den Götti unseres Knaben los. Von ihm hätte sie das nicht geglaubt, sagte Mädeli; er sei ihr immer der liebste Bruder gewesen; auf ihn hätte sie gebaut, wenn der Vater früher gestorben wäre; aber nun danke sie Gott, daß sie ihn nicht nötig hätte. Sie sehe nun, was auch er für einer sei. Götti sei er von diesem Kinde, und statt diesem Kinde zu helfen, wolle er ihm sein Bettchen stehlen helfen; das habe man doch von einem Götti nie erhört, so lange die Welt stehe. So fuhr sie von einem zum andern und nahm am Ende Alle in einen Klapf. Zum Erben seien sie jetzt Kinder; aber um dem Vater zu helfen, da sei keines ein Kind gewesen. Wir hätten ihn erhalten. Keines habe gefragt: Wer zahlt dafür? Krank sei er gewesen. Keines habe gefragt: Mangelt ihm etwas, können wir helfen? Gepflegt hätten wir ihn, alle Kosten bezahlt. Keines frage: Was sind wir schuldig für Mühe und Auslage? Wir hatten bös gehabt und den Vater gut gehalten. Keines danke uns dafür und statt des Dankes wollen sie uns noch die eigenen Sachen stehlen. Sie seien saubere Leute; es müsse sich in den Boden hinein schämen vor seinem Manne, daß er sehen müsse, in welche schlechte Familie er geheiratet habe, müsse sein Leben lang sich schämen, daß ich an ihrem Vater so viel gethan und doch nicht sein Kind gewesen sei, und nun solchen Dank und solchen Schaden davon haben müsse. Dabei rannen die Thränen über sein erglühtes Gesicht; aber seine Kraft brach damit nicht zusammen, sondern es sagte ihnen noch: das Fleisch, das sie gegessen, der Wein, den sie getrunken, der Sigrist, der den Vater begraben – Alles sei nicht bezahlt, und nun sollen wir unsere Habe ihnen zum Teilen hergeben und dann die Schulden bezahlen? Mädelis Zorn überwältigte seinen Verstand nicht, sondern erglühte ihn nur; darum schlug er auf die andern ein wie eine Kartätschensaat. Die Brüder verstummten zuerst und vergaßen, das Maul offen, ob der Schwester Schelten, die sie nur als ein Kind gekannt hatten, zu antworten. Länger hielten die Schwägerin und die Schwester, welche den Milchhafen gefunden hatte, aus. In abgebrochenen Zornslauten widerbelferten sie ihm; aber vor dessen geregeltem, scharfem Feuer verstummten am Ende auch ihre blinden Schüsse, und Mädeli stund da, wie eine zürnende Königin, mitten unter ihnen, ohne Krone freilich auf dem Haupte, ohne Scepter in der Hand, aber mit dem Scepter im Munde, mit der Krone in den Augen. Sie frage, so schloß sie: ob sie jetzt thun wollten, wie billig und recht? Wollten sie das nicht, dann gut, dann möchten sie auch erfahren, was wir könnten und welche Rechnung wir machten. Zuerst begann der Götti sich zu entschuldigen. Er hätte nicht gewußt, wie es wäre; wir hätten nichts gesagt und da hätte er geglaubt, die andern hätten auch etwas recht. Aber er begehre nichts Ungerechtes; was unser sei, sollten wir nur sagen, und auch, wenn wir etwas Weiteres hätten – er für ihn begehre nichts, weder was recht sei. Auch der andere Bruder sagte: er lasse sich dann nicht sagen, daß er ein Betrieger sei, und man hätte ja gesehen, daß wir des Vaters Sache unter der unsrigen hätten, und da könnte einem doch allerlei in Sinn kommen; aber er für seinen Teil begehre auch nicht mehr, als was ihm von Rechtes wegen zukomme. Die Weibsbilder sagten: was recht sei, sei recht; und was sie gesehen hätten, hätten sie gesehen; und daneben sollten wir zusehen, was wir machten; für die, wo Witwen und Waisen b'schyße, syg de e Tüfel da. Mädeli sagte: da heig es nüt z'förchte; aber er syg o für die da, wo nume näh welle u nüt gäh. We si jetz im Friede teile welle, su chönne si; wo aber nit, su sölle si nume gah u mache, was st chönne. Aber stryte well es hüt nimme mit-ne; dr Vater würd si no im Grab umchehre, wenn er wüßti, wi's gangi u wie si's ihm machte. Er heig ihm mängisch gseit, we-n-r ihns nit hätt, er wüßt nit, was afah, u es werd mr no einisch vergulte werde; »aber daß dr so wüest thue werdet, dara het er nit däicht.« Nach langem Hin- und Herreden, nachdem jedes Stücklein siebenmal zur Hand genommen worden, nachdem Mädeli sübenmal mit der Rechnung gedroht, sagten sie endlich: ihretwegen könnten wir alles nehmen; aber wenn wir noch mehr von ihnen wollten, so könnten wir sie ansuchen. Wir seien schlechte Leute, ihnen es so zu machen, armen Waisen. Wenn sie gewußt hätten, daß das so gehen sollte, so hätten sie den Alten auch nehmen können. Am meisten belferten die Weiber und wollten nicht ohne zu erben fort. Mit diesem Gedanken waren sie hergekommen und sie gehörten zu den Weibern, die, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt, nicht in den Füßen haben. Die Männer begriffen weit schneller den Stand der Dinge und suchten nur fortzukommen, ohne etwas zu zahlen, während die Weiber nicht abgeben wollten, sondern mit den männlichen Erben zu zanken begannen, daß sie die leydiste Sch. ßhüng syge, so fort zu gehen wie dMüs us ere Chile. Aber sie gingen am Ende doch so fort und nahmen doch viel mit sich: Groll, Haß, das quälende Mißtrauen, betrogen zu sein, die Qualen derer, die engen, eigennützigen Herzens sind, die traurigen Zeugen, daß solchen auch die Armut zur Unseligkeit dienen muß. Sie ließen uns nichts weiters zurück als den Grümpel, und doch viel – unendlich matte, wüste Köpfe, den Schmerz, mißkannt, die Wehthat, grollend von Verwandten geschieden zu sein. Mädeli brach ordentlich zusammen aus seiner künstlichen Spannung und jammerte, was ich doch alles seinetwegen ertragen müßte. Wenn es ihm nicht wegen mir und dem Kinde gewesen wäre, so hätte es alles ertragen können. Aber da habe es müssen reden; es sei in ihns gefahren wie Feuer und hätte ihns gedünkt, es fürchte die ganze Welt nicht und es könnte und dürfte einem jeden sagen, was er wert sei. Ich konnte ihm meine Bewunderung nicht versagen; ich selbst hätte angefangen es zu fürchten, und es sei mir lieber, wenn es ihns nicht alle Tage so ankäme. In diesem Betragen lag der Trost für die erlittene Mißhandlung für uns beide. Mädeli hatte das Bewußtsein, viel gethan zu haben, und ich einen neuen Fund gemacht an meinem Weibe. Ich wußte bereits, daß es Kraft zum Tragen hatte; aber seine Entschlossenheit zum Handeln, wo die Not an Mann trittet, die hatte ich erst heute bei ihm bemerkt. Kraft hatten wir auch nötig zu unseren Schulden, die wir nicht alsobald bezahlen konnten, im Gegenteil der Gefahr ausgesetzt waren, noch neue machen zu müssen. Doch ging das besser als wir dachten. Der rote Schaden regierte im Dorfe ziemlich gefährlich, so daß ich manches Leichengebet halten mußte, und die dafür erhaltenen Emolumente halfen mir diesmal so ziemlich aus der Not. Weiß Gott, daß ich mich keines Todes freute, noch weniger ihn ersehnte, daß ich es nicht hatte wie jene Totengräbersfrau, welche den Schuldnern ihres Mannes nachlief und ihnen sagte, es komme eine grusame Krankheit, wo mehr als die halben Menschen daran stürben. Es seien aparti Herren gekommen und hätten befohlen, daß man apartigi Kirchhöfe bereit halte. Bis dahin sollten sie doch mit ihren Anforderungen Geduld haben; da habe dann, Gottlob, ihr Mann einmal recht zu verdienen und dann wollten sie alle bezahlen. Wahrscheinlich wenigstens die, welche noch lebten. Nein, so war es nicht bei nur. Aber daß ich die 7 ½ Btz. ungern genommen, mich lange gewehrt, wenn man mir mehr gab, oder Fleisch oder Brot weggewiesen hätte, wenn es mir jemand zuschickte, das könnte ich nicht sagen. Siebenzehntes Kapitel. Wieder eine Kindbetti, wieder ein Tod, aber diesmal ohne Teilung. Glücklich erhielten wir wieder ein Mädchen. Wir meinten wohl, es gleiche dem seligen auf ein Haar; aber die andern Weiber wollten es nicht haben. Sie sagten, das Gestorbene hätte ganz andere Augen gehabt, sogenannte Totenaugen; Kinder mit solchen Augen lebten nie. Wir sagten oft vom Vater, wie der Freude hätte an der Kleinen, wenn er noch lebte, und doch mußten wir allemal sagen, es sei ein rechtes Glück, daß er habe sterben können; denn wir wüßten gar nicht, wie sein, wenn er noch da wäre. Es hütete uns nun aber niemand den wilden Knaben, wenn mein Weib mit dem andern Kinde zu thun hatte. Ich wollte ihn daher mit in die Schule nehmen. Er war gar gerne dort; entweder spazierte er herum mit seiner Rute, oder aber es stritten sich die Mädchen um ihn, neben welchem er sitzen dürfe, und der Mutter war er auf so lange ab. Allein sobald Mädeli das merkte, wollte es es nicht mehr thun. Das sei nichts, sagte es; was ich sagen würde, wenn auch andere Leute ihre Kinder z'gaumen senden würden in die Schule, und andere Leute hätten so viel Recht dazu als der Schulmeister und es manchmal noch nötiger. Ja, wenn viele Kinder kämen, meinte ich; allein das komme den Leuten nicht in Sinn. Und so ein Kind störe gar nicht und andere Schulmeister thäten es auch. Erst letzthin sei ich an ein Ort gekommen, wo zwei kleine Schulmeisterskinder in der Stube herumgelaufen wären. Die hätten Gesichter gehabt, in denen man das Weiße im Auge kaum hätte erkennen können, Schnudernasen wie ehemals die Hessen Zöpfe, das eine gebrüllt, wie wenn es am Spieße stecken würde, das andere drein geschlagen mit seiner Rute, daß alle die Köpfe hätten weghalten müssen. Da hätte es mir selbst gruset, und so möchte ich nicht, daß es gehe. Aber unser Peterli sei so sauber, manierlich, still, daß ich meine rechte Freude an ihm hätte; es dunk mi fry, er wüß scho, was Schuelha syg und er mach manchmal, wie wenn er es selbst könnte. Aber Mädeli war unbarmherzig: sie wäre nicht ungerne zuweilen den Buben ab; allein sie wisse gar wohl, wie es mit sellige Kindern sei. Das müsse sie niemand brichten, daß sie nicht störten; wer mit ihnen sich abgebe, lerne doch gewiß nicht, und wenn so ein klein Kind in der Stube herumlaufe, so sehen die meisten doch sicher mehr auf das Kind als auf das Buch. Und dann wisse sie gar wohl, was die Eltern zu Hause sagen darüber und wie ungern sie es hätten. Sie schickten ihre Kinder nicht in die Schule, damit sie dort Kindermeitscheni würden; wenn's denn gaumet sein müsse, so hätten sie ihnen zu Hause zu gaumen genug. Mädeli wurde mir wieder Meister hier und manche Schulmeisterin wird denken: Nei, bim Tusig, e sellige Göhl bi-n-i nit; i bi froh, we si mr dänne chöme, u de we si i dSchuel wei, su cha me se nit ebha; es gab es Brüel, daß niemere drbt si möcht. Mein Mädeli war aber eben keine Schulmeisterin, die meinte, der Mann sei nur um ihretwillen da und ebenso auch die Schule, und keine Mutter, die meinte, man müsse die Kinder alles zwängen lassen, nur damit sie nicht brüllen, nicht bedenken, daß, je zwängischer sie werden, sie auch desto mehr brüllen. Mädeli war darin gescheuter, nicht nur als manche Schulmeisterin, sondern auch als mancher Schulmeister und namentlich als ich. Freilich hatte es dabei böser, wie man sagt; aber deswegen machte es nie ein jammerhaft Gesicht, wußte allem zu thun; es war eine rechte Freude, wie es sich kehrte und wie es ihm von den Händen ging. Und wenn ich es bedauerte, klagte, es könne doch nicht alles machen und es immer aushalten, um so hinten ume Peterli eine Stunde in die Schule zu kriegen, so wollte es es gar nicht haben, daß es ihm bös ginge. Es möge das gar saust machen, sagte es dann; man sei doch auch für etwas in der Welt und müsse nicht meinen, daß das einen Tag gehen solle wie den andern, alles in gleichem Plamp; es. gebe allenthalben bald mehr, bald minder zu thun: da müsse man sich darein zu schicken wissen. Gut haben, das könne bald ein jeder Narr, wenn er dazu käme; aber sich zu rühren in der rechten Zeit, das sei eine Kunst für gescheute Leute. Die und jene hätte noch viel böser als es; es begreife wirklich nicht, wie sie es machen könnten, und doch gehe es. Es müßte sich also schämen, wenn es das Mindere nicht machen könnte und nicht gerne machen würde. Man sollte glauben, auf solche salomonische Reden hätte ich geschwiegen. Aber nein, denn die Männer sind im ganzen kreuzdumm. Ich machte es aufmerksam auf die, die es besser hatten, die z. B. eine Kindermagd vermochten, und sagte: es solle doch sehen, die hätte ja eine Kindermagd und wenn sie es ohne eine solche würde machen können, so würde sie keiner den Lohn geben. Und wenn die nicht alles machen könne, so wüßte ich gar nicht, warum es Mädeli dann sollte machen können. Schwernot! wie froh wäre mancher Mann, wenn seine Frau sich immer mit denen vergliche, die es böser haben als sie, die minder haben als sie, die nötlicher thun müssen als sie! Wie froh wäre er, wenn er nicht alle Tage sagen müßte: Aber lue doch Frau, die und die hei's o nit; die und die chönne's auch ohne das machen; die und die hei no viel meh uf-ne u si doch z'weg dabei. Wie glücklich wäre mancher Mann, wenn seine Frau sich immer mit denen vergliche, deren Vergleichung ihr eine Mahnung zur Zufriedenheit mit ihrem Zustande würde, statt mit denen, die mehr oder Besseres haben, wenigstens äußerlich, wodurch eine beständige Unzufriedenheit erzeugt und genährt wird, die sich beständig über den armen Teufel von Mann ergießt. Diese große Tugend, deren Mangel manchen Mann ds Tüfels macht und zu dessen Abhilfe er gerne und manchmal auf den Knieen um Burdlef ume rutschen würde, begriff ich Esel nicht und wollte Mädeli sie vergiften. Und so eine Tugend ist ein gar zartes Wesen, besonders bei einer Frau; sie mag das Fingerle nicht erleiden. Aber glücklicherweise hatte ich mehr Glück als Verstand, d. h. ein Weib, dessen natürlicher Verstand ihm sagte, wann es ihm wöhler sei, ob zufrieden oder unzufrieden, und was es zufriedener mache, wenn es sich mit Leuten, die es böser oder besser hätten, vergleiche, und daß es in der Welt nicht alle Leute gleich haben könnten, und daß gar manche Leute, die es am besten zu haben scheinen, eine geheime Bürde tragen, die nicht einmal ein Spittler aus dem Emmenthal mit einem Finger berühren möchte. Mein Weibchen hatte ein sicheres Gefühl, was zu seinem Frieden diene, und sein Verstand und Gefühl lachten mir dann ins Gesicht und sagten: ich solle mich doch um solche Dinge nicht kümmern und froh sein, wenn es alles machen möge; es könnten noch Zeiten kommen, wo wir es noch viel böser hätten und auf solche müßten wir uns zur rechten Zeit vorbereiten. Sorgen und angsten wollen wir nicht; aber es sei doch gut, wenn man für alles z'weg und grüstet sei zur rechten Zeit. Es war auch, als ob der Geist der Weissagung aus meiner Frau geredet hätte. Wir hatten noch nicht gar lange unserer beiden Kinder uns gefreut im Frieden und in der Liebe, als ich Bescheid erhielt, mein Vater sei sehr krank, und wenn ich ihn noch sehen wolle, so müsse ich pressieren. Den Auftrag hatte der Überbringer, ein wanderender Hühnerträger, schon vor einigen Tagen erhalten; um so mehr pressierte es. Gleich nach vollendeter Schule wollte ich wandern und Mädeli machte mir eben noch ein Kaffee z'weg, als ein zweiter Bericht mir den Tod ansagte und den Begräbnistag. Ich muß sagen, das that mir weh. Des Vaters kummervollen Blick, seine schweren Seufzer, als wir ihn das letzte Mal verließen, konnte ich gar nicht vergessen. Ich machte mir nun recht schwere Vorwürfe, daß ich sie so lange vergessen, daß vielleicht mein Vater aus Kummer und im Elend gestorben sei, daß ich ihm hätte helfen sollen. Dann fragte der Verstand: wie? Ich hatte ja selbst mit mir zu thun genug gehabt und nur mit der äußersten Not der Schulden mich erwehren können. Das ist eben traurig, wenn man helfen möchte, helfen sollte und nicht helfen kann. Und das thut eben weh, wenn man im Bewußtsein seines Unvermögens in seinem Gedächtnis die Personen, denen man helfen sollte und helfen möchte, und ihre Umstände gleichsam verschleiert hat, um nicht immer das Wehthun seines Unvermögens zu fühlen, und dann ein Begebnis den Schleier uns plötzlich wegreißt und, die Not und das Elend aus der Finsternis plötzlich ins Licht stellend, um so greller es uns zeigt. Um meinem Vater zu helfen, konnte ich Mädelis Vater nicht verstoßen; er war auch mein Vater geworden; er hatte kein Heimet, keine Frau, war also der Hülfe am bedürftigsten. Ich fand mich in meinem Herzen dazu verpflichtet und nie in Sinn kam es mir, Mädeli vorzuhalten, was ich für seinen Vater thue und was ich für meinen nicht thun könne. Was mein war, war sein, und das Seine mein. Zwischen unsern Leuten machten wir keinen Unterschied, betrachteten sie nicht als zwei gegenüberstehende Partien, und allemal freute es mich, wenn ich meinem Schwäher etwas zu lieb thun konnte; wußte ich doch, Mädeli empfing es, als hätte ich es ihm gethan. Aber nun that es mir doch weh, daß ich nicht auch dort hatte helfen können; und mein Weibchen, das mich nicht nur verstund, sondern gleichsam fühlte, jammerte laut, daß ich doch recht nicht zürnen sollte über ihns und seine Leute, daß ich so viel ihretwegen hätte; es wolle es mir zu vergelten suchen sein Leben lang. O, es ist doch schön, reich zu sein und nie in den Fall zu kommen, helfen zu sollen und nicht zu können! Aber gar viele Reiche fühlen ihr Glück, helfen zu können, nicht; sie fühlen nur den Ärger, helfen zu sollen und nicht helfen zu mögen. Es ist recht merkwürdig zu achten, wie gewandt Reiche im Auffinden von Gründen sind, um sich vom Helfen zu entbinden, wie sie ihren harten Sinn bald in Unwissenheit, bald in Systeme verhüllen, und wie sie dann verlegen werden, wenn man ihnen, durch Unwissenheit und System hindurch, unverschämt auf den Leib rückt! Wie doch die Gänge im Menschenleben verschieden sind und in welch verschiedenen Lagen und Stimmungen der Mensch die gleichen Gänge macht! Das letzte Mal war ich den ersten Gang mit meiner Braut gegangen auf diesem Wege an heiterem Frühlingstage heiter und froh; nun ging ich zum letzten Gange mit meinem Vater an einem finstern Wintertage, finster im Gemüte. Finstere Gemüter traf ich auch in unserer Hütte. Der Bruder schaltete barsch und roh, die Mutter weinte viel, die Schwestern hatten verwahrloste Gesichter und freche Augen. Alle waren von kurzen Worten. Auf alle meine Fragen erhielt ich wenig Bescheid, bis eine meiner Schwestern endlich sagte: wenn es mich Wunder genommen hätte, so wäre ich wohl früher gekommen. Niemand nahm sich die Mühe, auf meine Entschuldigungen zu achten. Ach! ich sah den Vater noch einmal, als ich ihn in den Sarg mußte legen helfen. Er sah so klein und spitz und blaß aus, als ob er nichts als ein Seufzer wäre über das menschliche Elend, eine verkörperte Klage über die Trüglichkeit aller menschlichen Träume. Denn was hatte der Vater alles geträumt und wie war alles geworden! Ach, die Menschen kennen selten die Brücke, über welche Träume müssen, wenn sie ins Leben kommen sollen; darum sollte allen, die sie nicht kennen, das Träumen verboten werden. Der Vater selbst war schon fast vergessen im Hause und verschollen in der Gemeinde; als man seinen sterblichen Teil zu Grabe senkte. Vielleicht noch an einem Donnstag oder Dienstag erinnerte sich einer auf dem Wege oder in einer Pinte des alten Käfer, frug nach ihm oder wußte dies und das von ihm. Aber noch war wohl kaum die Grasdecke über seinem Grabe dick und fest, als auch die letzten Töne seines Andenkens unter den Menschen verklungen sein mochten. So war der alte Weber im Boden und doch wob der alte Weber auf Erden an der Zetti fort, die er aufgespannt hatte. Es meinen die Menschen, wenn des Menschen Stimme verhallt sei, wenn sein Fuß im Grabe ruhe, so sei sein Leben zu Ende, sein Wirken abgeschnitten. Die Kurzsichtigen! Seine Worte, vielleicht 40 jährige Worte hallen fort in der Welt der Geister; sein Wirken spinnt seine Faden fort und fort durch das große Gewühl dieser Erde; es webt der Weber fort und fort unsichtbar auf seinem unsichtbaren Webstuhle, den er in den Herzen derer aufgeschlagen hat, die mit ihm lebten. So weben nicht nur fort die, welche man große Geister, ihren Namen unsterblich nennt; so leben alle fort, welche mit andern Menschen Umgang gepflogen: der Bettler, der vor den Thüren lebte, und die arme Spinnerin, die Kuder spann ihr Leben lang. So leben fort die Mütter, welche Kinder zeugten, die Väter, welche den Kindern voranwandelten. Jedes Wort, das hineinfällt in den großen Weltenacker, jede Handlung, die auch nur die kleinste Bewegung erzeugte im großen Gewühle, beide leben fort, sterben nimmer. Sie bringen ihre Früchte und die Früchte wieder ihre Früchte, und die Früchte sterben nimmer aus. Dieses unsichtbare Gewebe sehen wir nicht, das Anschwellen der Ansaat bemerken wir nicht, die unsichtbaren Weber sehen wir nicht, kennen wir nicht. Wenn wir schon aus den Billionen Webern heraus einige Dutzend zu nennen wissen, was ist das? Aber erkennen wohl einst die Weber selbst ihr Gewebe, können wohl ihre geschärften Augen ihre eigenen Faden verfolgen durch das unendliche, tausendjährige Geflecht! Und wie wäre es, wenn uns im Tode unsere Augen aufgethan werden, und wenn wir nun zuschauen können und müssen, wie unsere Worte und Thaten fortwuchern, wie sie von Herzen zu Herzen gehen, vielleicht von Weltteil zu Weltteil, wie sie vergiften und heilen? Wenn wir so zusehen und zittern müssen vor den unermeßlichen Schwingungen, zu denen wir den Anstoß gegeben, die freilich keine Throne der Welt umstürzen, aber doch vielleicht den Thron Gottes in dem Herzen des Menschen, liebe Leute! wie muß uns da zu Mute sein? Muß uns da der alte Webstuhl, auf dem wir so sorglos oder so anmaßlich gesessen, nicht feurig werden unter dem Gsäß? Muß er uns nicht ein feuriger Wagen scheinen, auf dem wir aber nicht gen Himmel, sondern direkt zur Hölle fahren? Solche Gedanken flatterten damals freilich nicht durch meine Seele, als man meinen Vater begrub. Damals stund vor meinen Augen sein dünnes, weißes Gesicht und in meinem Herzen regte sich die Trauer um seinen Jammer und sein Scheiden, ehe ich kindlich seinen Jammer zu stillen versucht. Das verscheuchte mir die Gedanken ans Erben, und ein Vorgesetzter, der mich vom Kirchhof begleitete, verhinderte, daß sie nicht hinten drein kamen. Der erzählte mir, wie es in der letzten Zeit gar bös gegangen sei daheim. Mein Bruder sei den Eltern Meister geworden und habe nichts verdient und viel gebraucht. Anfangs hätten die Eltern nichts an ihm gesehen, später hatten sie es gerne geändert; aber da sei es zu spät gewesen; dr Stercher syg emel geng Meister. So seien viel Zinse aufgelaufen, seien laufende Schulden, man wisse nicht wieviel, und es sei die größte Frag: ob man es ebha mög. Wenn ich etwa Geld hätte, um allem zu begegnen, so wäre es vielleicht eine Möglichkeit, daß ich einen Geltstag erwehren könnte. Es sei allweg es styfs Heimet, aber das Haus nichts mehr wert freilich. Aber ich hatte kein Geld dazu und konnte nur bitten, daß man so wenig Kosten mache als möglich, und daß man suche, der Mutter etwas zu retten, wenigstens einen Aufenthalt im Hause, und daß man doch ja den Amtsgerichtschreiber keinen Geltstag erzwingen lasse. So ging ich ohne Erbe heim und auch ohne Zank, und Mädeli sah mich auch nicht sauer an, daß ich ohne Erbe kam; aber ohne Erbe sollte ich nicht bleiben. Achtzehntes Kapitel. Wie ich ohne Teilung zu einem Erbe komme. Es waren viele Wochen vergangen; da pochte es eines Abends an unsere Thüre. Mädeli säugte eben, so daß ich zum Fensterchen heraus Bescheid geben wollte. So wie ich den Kopf herausstreckte, fuhr ich wieder hinein und schrie: »Herr Jeses Gott, dMueter!« »Welche Mutter?« fragte meine Frau. »My Mueter isch's, my Mueter, u no es Säckli.« »Abe myn Kraft, warum lascht se de stah, da uffe-n-am Bysluft? die armi Frau wird chalt gnue ha«, tadelte meine Frau und machte sich alsobald zur Thüre hinaus und bewillkommte sie draußen gar freundlich und zärtlich. Ich war aber auch nicht umsonst erschrocken. Unerwartete Anlässe erzeugen in unserem Kopf Gedankenblitze. Es sind nicht einzelne Gedanken, sondern es werden eine ganze Reihe von Gedanken auf einmal erzeugt; es werden eine Menge Zustände, ein ganzer Zusammenhang von Veränderungen auf einmal erleuchtet und stellen sich vor unsere Augen. Ein solcher Gedankenblitz war mir beim Anblick der Mutter durch den Kopf gefahren. Ich sah, daß sie im alten Hause nicht mehr sein konnte, daß sie nicht in die Kehr, d. h. alle Tage von einem Hause ins andere wollte (wie man bei mir die alten unvermöglichen Leute zu versorgen meinte); daß sie bei uns ihre Wohnung aufschlagen wollte. Ich sah, welche Störung unser Hauswesen dadurch erleide, welche Leiden mir und meinem Weibe warteten, kurz eine ganze Zukunft ging vor meinen Augen auf. Darum auch war ich hineingefahren, wie wenn ein wirklicher Blitz mich getroffen hatte, war unvermögend, die Mutter draußen zu empfangen, und vergaß fast, als sie mit Mädeli hereinkam, ihr die Hand zu längen. Die Mutter sagte: sie hätte nicht geglaubt, daß sie einst zu einem Söhniswyb wolle; sie wisse wohl, wie wert man denen sei, besonders wenn man ihnen nichts zu geben hätte, und meine werde wohl nicht angers sein als die angere. Aber sie wolle am Ende das noch lieber als in die Kehr gehen; sie wollte lieber lebig i Bode, als sich da von mancher Nachbarin auslachen lassen, wenn sie alle Morgen mit dem Säckli fürers müeßt. Es thue es den Kindern auch saust, etwas für sie zu thun; seien doch die Ching dSchuld, daß sie däweg von Hus und Hei müßte. Wenn me de Ching alles aghäicht heig, su gang's eim de z'letsch e so, u eis lauf hie us u-n-es angers dert us; aber sie frieg z'letsch de Chinge-n-o nüt nah, we si's a-mem-Ort g'sächt besser z'mache. Aber werche möge sie nicht mehr, das sage sie frank use; sie hätte ihr Lebtag gnueg gwerchet und nichts davon bracht; sie wolle jetzt auch ein wenig zusehen, wie es ohne werche gangi. Während meine Mutter so auspackte, hatte Mädeli ein Kaffee gemacht und wartete der Mutter auf und pressierte sie und nahm diese Reden nicht übel. Meine Mutter hatte sich in ihren alten schwachen Kopf gesetzt, die Kinder seien an ihrem Unglück schuld, und in ihrem versäuerten Gemüte war der Entschluß entstanden: nun auch die Kinder ihr Unglück entgelten zu lassen und selbst so wenig darunter zu leiden als möglich. Nun hatte sie kein anderes Kind, dem sie aufsitzen konnte, als gerade mich; der Bruder sei z'Chrieg, hatte sie gesagt, und wo die Meitleni umeluedere, möge sie nur nicht fragen. An den Unterschied, den sie früher unter den Kindern gemacht, an die Zurücksetzung, die ich erlitten; daß sie die andern Kinder zu ihrer Qual erzogen und also an ihrem Verderben mehr oder weniger schuld sei: daran dachte sie nicht von ferne. Daß die andern Kinder sie arm gemacht und nicht ich, fiel ihr von ferne nicht bei; im Gegenteil lud sie mir die meiste Schuld auf. Wäre ich bei ihnen geblieben und hätte ich mich nicht davon gemacht wie ein Schelm, so wäre es nie so gekommen. Damals wäre es gut gegangen, meinte sie, und daß man mich fortgetrieben, das ließ sie sich nicht einreden. Also mich wollte sie strafen für alle Kinder zusammen und mein Mädeli mit mir. Gegen das Söhniswyb hatte sie im voraus Vorurteile, glaubte, es meine es nicht gut mit ihr, und gegen diese böse Meinung hatte sie sich gepanzert und gewaffnet; sie wollte zeigen, daß sie sich nicht von einer Jedere ungere thun lasse. Und wenn einmal Vorurteile, vorgefaßte Meinungen sich in einem Kopfe eingenistet haben und besonders in einem weiblichen Kopf, und noch dazu in einem alten, dann bringe sie der Guckuck heraus. Dann sind diese Vorurteile das Prisma des Gemütes. Wie das Prisma alle Lichtstrahlen bricht und färbt, so färben nach ihrer Weise diese Vorurteile alle Handlungen der Menschen, gegen welche man Vorurteile oder auch für welche man Vorurteile gefaßt hat. Und je nach dieser Färbung verketzert und vergöttert man, spuckt ins Angesicht oder leckt die Hände, nimmt alles giftig auf und erwidert giftig alles, oder wird ob allem charmiert und findet alles süperb. Es ist sehr schwer, von einem solchen Prisma sich frei zu halten und klar, rein im reinen ungebrochenen Lichte zu schauen. Ansichten und Meinungen sind noch leichter klar zu betrachten als Personen; das können wenige, und in aufgeregten Zeiten um so weniger, je höher man zu stehen glaubt. Und es ist wirklich ein jämmerlich Schauspiel, zu sehen, wie eben die, welche sich für Weise halten, zu Narren werden und wie vollends das Volk geblendet ist und Windmühlen nicht für Schlösser, sondern gar für Götter hält, und wie die vermeintlichen Götter sich nicht bloß für Götter halten, sondern ein jeder sich für den einzigen wahren Gott selbst. Dieses geschieht aber, wohlverstanden, von beiden Seiten. Solchen vergötterten Windmühlen z. B., die vom schnöden Egoismus, nicht vom schönen Patriotismus getrieben wurden, haben die Alten es zu verdanken, daß sie auf die öde Sandbank geworfen wurden, wo sie sich gebärden wie Fische, die einer aufs Trockne geleert hat. Und wenn das also geht hoch oben, wer will es einem alten erregten Weibe verargen, wenn es nicht anders that, und seine Vorurteile ihm ein Schild wurden, durch den die Strahlen von Mädelis Liebe durchgehen mußten und dort zersetzt der Mutter Herz wie Äußerungen des Hasses berührten? Mir verzeihe man, daß ich also rede von meiner Mutter und scheinbar schonungslos den Schleier wegziehe von ihrem Herzen. Es geschieht dieses aus wahrhafter Liebe zu ihr; denn indem ich den Zustand ihres Herzens zeige, wird man ihre Handlungen begreiflich finden. Und daß ihr Herz nicht ein anderes war, daß es sich so gestalten konnte in sechzigjährigem Leben, – das wird jeder begreifen, der weiß, was die Welt und das Unglück aus einem Herzen machen, wenn nicht wahres Christentum es gesund erhält. Und daß sich die Mutter nicht geändert, wird nur den verwundern, der noch nie versucht hat, das eigene Herz zu ändern, und nicht befunden hat, wie zäh es ist. Ich möchte durch die Darstellung ihrer Gemütsart bewirken, daß ihre und aller sechzigjährigen Mütter und Vater Schwachheiten, Wunderlichkeiten, Unverträglichkeiten von dem jüngern Geschlecht nicht angesehen werden möchten als Fehler, die gebessert, gestraft und zurückgewiesen werden sollen, sondern als Leiden, als Leiden nicht sowohl in Beziehung auf die Jüngern, sondern als Leiden für die Träger derselben, Leiden für Väter und Mütter. So haben sie ihre körperlichen Beschwerden, haben die Abnahme der Sinne, eine Folge der Krankhaftigkeit des Leibes, der seiner Auflösung entgegengeht. So wird auch die Seele krankhaft, wenn sie nicht geheilt worden, durch den großen Seelenarzt. Diese Krankheiten sind allerdings den Nächsten lästig, aber am meisten darunter leidet doch der Krankne selbst. Solche Krankheiten sind weit peinigender als Leibesschmerzen. Ein glieder-, wassersüchtiger Mensch leidet viel, aber ein zanksüchtiger, ein selbst- oder habsüchtiger Mensch noch viel mehr. Ein halbblinder, halbtauber entbehrt unendlich viel, aber ein mißtrauischer, mißvergnügter Mensch noch unendlich mehr. Jener entbehrt nur Töne und Farben, dieser die Freude an Gott und die Liebe der Menschen. Darum möchte ich mit gutem Grunde allen zu bedenken geben, daß die Krankheiten alter Gemüter für sie selbst die bittersten Leiden bringen. Und wo Leiden und Leidende sind – was ziemt wohl dem Christen? Unduldsamkeit, Härte, Hohn? Nein, ich denke, daß jeder weiß, daß Mitleid sich zieme und Barmherzigkeit, ein geduldiges Warten und Pflegen. Die Christen wissen das recht wohl in körperlichen Krankheiten: aber bei geistigen Krankheiten vergessen sie es meist. Sie vergessen nämlich, daß Fehler Krankheiten sind. Es ist ein angeborner Glaube an unsere Freiheit in uns, so daß wir wohl mit körperlichen Übeln, die wir uns nicht selbst gegeben, die wir nicht selbst heben können, Mitleid haben, aber nicht mit geistigen, wähnend, in unserer Freiheit liege es, sie fortzuschaffen, in unserer Freiheit hätten wir sie angenommen; der fehlende sei also selbst Schuld an seiner Qual und plage mutwillig andere. Bedenke man aber, daß zwar jedes Volk zur Freiheit berufen ist, jedem Volk Freiheit ziemt, daß aber in langer Knechtschaft die Kraft, die Freiheit zu gewinnen und zu bewahren, verloren gehen kann. In solcher Knechtschaft nun haben die gelebt, die im Alter so unverträglich werden. Ihre Kraft ist gebrochen, ihr geistig Auge ist so dunkel geworben, daß es die Fesseln nicht mehr sieht, in denen es geschmiedet liegt. Darum überlasse man da Gott das fordern und übe Nachsicht und Geduld, und bitte Gott um Barmherzigkeit, damit er thue, was Menschen unmöglich ist. Ich möchte also bitten, mich hier in meiner Darstellung nicht der Unkindlichkeit zu beschuldigen. Ich liebe in meiner Mutter alle Mütter, und möchte daher allen Müttern bei ihren Kindern bereiten Geduld und Liebe. Darum schelte man mich nicht herzlos, wenn ich jetzt noch etwas von der Handlungsweise meiner Mutter rede. Andere Kinder mögen daraus sehen, daß ihre Mütter recht gut zu ertragen wären, wenn man nur die Liebe walten lassen wollte und das bedenken: daß man andere ertragen soll, wie man selbst ertragen zu werden wünscht. Aber das ist eben der Teufel der Menschen, daß selten jemand glaubt, daß die andern auch etwas an ihm zu ertragen hätten. Diesen Gedanken hatte eben meine Mutter auch nie, und das eben war's, was sie so unglücklich machte, daß sie immer nur betrachtete, was sie von andern zu erdulden meinte und nie, was andere wirklich von ihr erduldeten. Mädeli, in seiner zuthätigen Liebe, hatte mich bei Seite genommen und strich mir über die Stirne mit seiner Hand und bat mich, doch nicht so sauer zu sehen; die Mutter könne sonst glauben, sie komme unwert. Und ich solle doch ja recht nicht etwa glauben, es sei böse darüber; im Gegenteil, es freue sich recht sehr, nun auch zu zeigen, daß es meinetwegen alles zu thun vermöge; ich hätte auch so viel an seinem Vater gethan. Meine Mutter könnten wir nicht im Gaden schlafen lassen, es sei zu kalt für sie da; ich solle das Bett doch in der Stube aufmachen; den Webstuhl brauche ich so jetzt nicht. Natürlich freute mich meines Weibes arglose Liebe und ich mochte ihm seine Freude nicht trüben durch meine Befürchtungen, sondern küßte es nur recht zärtlich und gab mir alle Mühe, meine Runzeln von der Stirne zu treiben. Als wir wieder hineinkamen, sagte meine Mutter: sie merke wohl, wie wir die Köpfe zusammensteckten und wie Mädeli mich aufweisen wolle, daß ich sie wieder wegschicke; das sei nicht bravs von ihm; allein es solle ihm nichts nützen; sie gehe doch nicht fort, und wenn wir sie vor die Thüre würfen, so bleibe sie da liegen. Wir wollten ihr das Gegenteil begreiflich machen, daß wir gerade abgeraten zusammen, ihr das Bett in die Stube zu machen, damit sie bequemer sein könne. Allein obgleich die That bewies, was wir wollten, so gestand sie doch ihr Unrecht nicht ein, sondern behauptete es fort und fort. Und wo sie uns zusammen stehen oder reden sah, faßte sie Mißtrauen und meinte, wir hatten sie verhandelt oder hätten etwas heimliches, das wir ihr vorenthielten, und dann stichelte und trumpfte sie eins nach dem andern. Am schlimmsten ging es, wenn wir später einen halben Tag auf dem Lande zusammen arbeiteten, wo sie uns nicht beobachten konnte. Wir konnten dann eines traurigen Abends versichert sein. Entweder redete sie gar nichts oder lauter Stichelreden. Es ist wirklich nichts gräßlicher als dieses beständige Mißtrauen in andere, dieses beständige Aufpassen auf Worte und Mienen. Es ist kaum etwas peinigenderes in einem Hause, als wenn man gezwungen wird, Worte, Mienen, Gebärden ängstlich zu bewachen, wenn man mit niemand ein Wort reden, bei niemand stehen bleiben darf, wenn man nicht bös Wetter haben will. Und wenn Mann und Weib einander nicht einmal recht ansehen dürfen, wenn sie im Frieden bleiben wollen, so schleicht fast unwiderstehlich ein düsterer Geist ins Haus; eine Alp legt sich auf die Brust und alles wird doppelt schwer. Wie ein solches Mißtrauen in eine Brust sich nisten kann, weiß ich nicht. Ich will nicht sagen, es entstehe aus dem eigenen Bewußtsein des Übelmeinens, und auch nicht aus dem Bewußtsein, sein, daß andere Ursache haben könnten, einen zu verhandeln, und auch nicht aus der Eifersucht, daß die lieber seien, mit denen man heimlich thue; aber alle drei Dinge mögen wirken dazu, in den einen Herzen dieses Element vorherrschend sein, in andern das andere. Wir konnten uns fast nicht anders mehr mitteilen als mit wehmütigen Blicken, und auch diese bewachte die Mutter und sagte: »Ja, lueget ume enangere-n-a, es isch mr graglych;« und da sie mit uns in der gleichen Stube schlief und noch recht gut hörte, so war uns auch hier Stillschweigen auferlegt. Die Mutter dagegen hatte gerne etwas heimliches, und steckte gerne mit jemand den Kopf zusammen. Sie war an die häuslichen Verschwörungen gewohnt; sie waren ihr zur täglichen Nahrung geworden. Solche Verschwörungen gibt es in jedem Hause, am allermeisten aber da, wo eine schlechte Regierung ist, wo viele Meister sind und kein rechter, oder wo eine illiberale Regierung ist, die das Volk drückt und nur auf seine Kosten leben will. Diese Verschwörungen sind mancherlei Art, lustig und ernsthaft; aber zum Frieden dienen sie selten. Im Hause hatte nun die Mutter niemand, mit dem sie sich gegen das andere verschwören konnte. Sie versuchte es bei Mädeli und bei mir, und, wie gesagt, sicher nicht aus Bosheit oder Tüfelsüchtigi, sondern aus reiner, purer Gewohnheit, und weil ihr niemand jemals gesagt hatte, welches Laster diese Gewohnheit eigentlich sei. Sie wollte sich anfangs hinter mich stecken und mir die Laus hinter das Ohr setzen: Mädeli sei keine Haushälterin, spinne nichts, und gvätterle nur mit unnötigen Dingen; »sys tüfels Gwösch treit nit e Tütschel ab«, sagte sie. Aber ich achtete auf solche Reden nicht, oder wenigstens sie sah keine Folgen von diesen Reden. Man nennt solche Zwischenreden in einer Ehe nicht umsonst eine Laus hinter das Ohr setzen; denn solche Reden gramseln und beißen sich ein, ohne daß man weiß, wie. Und man muß mit aller Kraft sich mühen, den Eindruck solcher Reden zu verwischen; sonst wecken sie den Argwohn; man glaubt auch Dinge zu sehen, die nicht sind; der Argwohn macht böses Blut, aus dem bösen Blut kommen böse Worte und diese scheiden die Gemüter, wenn man auch eins am Fleisch bleibt. So ein einzig aufweisend verdächtigend Wort, in eine Ehe hinein geworfen, kann eine wahre Teufelssaat werden, die nicht nur hundert-, sondern tausendfältig Unglück bringt. Es gramselte mir allerdings auch etwas hinter den Ohren, und es wollte mich zuweilen bedünken, Mädeli sei nur so eine Nisse; allein wenn ich dann seine Emsigkeit sah, als ich sah, wie es bei aller Armut bei uns doch noch gut aussah, und besser roch als bei manchem reichen Bauer; und als ich in seine treuherzigen Augen sah, wie sie so sehnsüchtig Liebe und Freude an mir suchten – da ward ich gewahr, daß es eine Laus sei, was mir hinter dem Ohren gramsele; ich zog sie hervor, zerdrückte sie mit dem Daumen, daß es klepfte, und hütete fortan meine Ohren vor solchem Unziefer. Die Mutter suchte nun an Mädeli zu kommen und wollte ihm anschaulich machen, daß ich gegen ihns unerchannt sei. Dies und jenes thäte mir's sauft; sie hätte es ihrem Manne reisen wollen, wenn er dies und jenes ihr überlassen hätte; man müsse den Mannen nicht alles sagen und sie brauchten nicht alles zu wissen, und es sei immer komod, wenn die Frau etwas Geld für sich habe hinter des Mannes Rücken u. s. w. Solche Reden thaten Mädeli gar weh. Es fühlte den Versucher darin wohl. Es wies ihn streng von sich. Allein es that ihm leid, daß der Versucher, der zwischen uns treten wollte, meine Mutter war, und fühlte wohl, daß, wenn die Mutter nichts ausrichten könne bei ihm, es in ein bös Verhältnis mit ihr käme. Das gute Weibchen durfte mir das lange nicht klagen und konnte es kaum vor der Mutter aufpassenden Augen. Endlich gab es eine gute Stunde, wo wir einen neuen Bund machen konnten, zusammenzuhalten fest, treu, offen und ohne Argwohn. Natürlich ward die Mutter dadurch vereinzelt; nicht daß wir ihr unsere Liebe entzogen, aber sie konnte mit keinem gemeine Sache gegen das andere machen, konnte bei keinem wohlgemut über das andere klagen, ward nie versichert, unbedingt Recht zu erhalten; und das that ihr zu weh, als daß sie es in dieser Vereinzelung ausgehalten hätte. Der Mensch kann nicht alleine sein; hat er keinen Menschen, zum Anschluß, so wählt er etwas anderes. Zarte Mädchen wählen ein Kanarienvögelchen zum Herzen und Schnäbeln. Verrauschen die zarten Zeiten und kommen die plumpern, materiellern, so trittet der Schoßhund auf. Hexen wählen Katzen, Zauberinnen Schlangen; etwas Warmes muß es sein, das der Mensch an seinen Busen drückt, besonders der weibliche. Glücklich der und die, denen ein Bruder oder eine Schwester oder ein Sohn Kinder liefert zum Pantschen und Herzen, leider aber oft zum Verderben. Meiner Mutter Herz zog auch sie zu ihrem Großkind, dem Buben; das Mädchen sah sie nicht an. Der Bube frug ihr anfangs nichts nach, sondern schrie immer, wenn sie ihn nehmen wollte; aber die Liebe einer Großmutter ist hartnäckig und die Liebe eines Kindes weich und leicht gewonnen. So zog sie ihn bald an sich heran. Ängstlich um seine Liebe suchte sie dieselbe durch alle Künste sich zu sichern, ward die Dienerin seiner Launen und nahm ihn bei jeder Gelegenheit gegen uns in Schutz und branzte in seiner Gegenwart mit uns für ihn. Nun ich war auch ein blinder Vater, und wenn meine Mutter nicht noch blinder gewesen wäre, so hätte ich vielleicht gerade gemacht, was sie, und den Knaben gegen Mädeli in Schutz genommen, das eine liebende, aber keine blinde Mutter war, und z. B. nicht bald sich etwas abbrüllen ließ gegen seine Überzeugung. Die kleinen Kröten erkennen instinktmäßig die Kraft, welche in ihrem Brüllen liegt. Sobald irgend etwas ihrem Willen entgegentrittet, so erheben sie ein Zettergeschrei, das durch Mark und Bein schneidet. Der Mutter thut das Schreien in den Ohren weh, oder sie fürchtet, die Nachbarsleute möchten sie verbrüllen, oder der Vater es hören und mit ihr branzen, daß sie das Kind immer zu brüllen mache. Kurz, unter zehn Malen wird dem Kind in der Stadt sechs, auf dem Lande acht Mal sein Wille gethan. Es kann erzwingen. Wenn dann später diesem verwöhnten Willen andere Menschen entgegentreten, so ensteht der Streit; trittet ihm das Gesetz entgegen, so wird die Sünde geboren, und trittet ihm endlich Gott selbst entgegen, so wird er vernichtet in Jammer und Verzweiflung. So hoch faßte ich freilich damals die Sache nicht, oder vielmehr ich faßte sie gar nicht, sondern fühlte nur meine Liebe zum Kinde, während Mädeli in ihrem reinen Gemüte die Wahrheit ahnete: daß Gott die Kinder durch die Hand der Eltern regieren und nicht erzwingen lassen will. Weil aber die Großmutter mit dem Kinde so narrochtig that und dasselbe sich allein zuwendete, wurde ich von meiner Blindheit etwas geheilt, und sah nach und nach ein, wie eine solche Behandlung dem Kinde verderblich werden müßte. Was ich also an mir selbst nicht gesehen hätte, das sah ich an andern. Sobald wir dem Kinde nun etwas abwehrten, etwas nicht thun wollten, so flüchtete es sich heulend und schreiend zur Großmutter, und die nahm es nicht nur in Schutz, es konnte bei ihr machen, was es wollte, sondern sie begehrte mit uns vor dem Kinde auf und sagte uns etwa: wir seien gegen unser Kind wie die wüesteste Hüng, die sie gesehen hätte, und wir gingen mit dem Kinde um, daß wir es vor Gott nicht verantworten könnten. Man kann sich denken, wie weh uns das thun mußte! Wollten wir das Kind strafen, so mußten wir einen Augenblick abpassen, wo die Großmutter nicht da war, und so ging der beste Augenblick verloren. Zehnmal ging es ungestraft aus, weil wir uns mit der Mutter nicht prügeln wollten; denn sie hätte es uns aus den Händen gerissen. So gewöhnte sich das Kind nicht nur eine Menge Unarten an, sondern es gewöhnte sich auch, die wenigen Strafen nicht als natürliche Folgen seines Bösthuns anzusehen, sondern als willkürliche Wehthaten, herrührend von den wüestesten Hüng, die es gebe. Es gewöhnte sich, diesen Strafen sich zu widersetzen, oder zu entziehen, oder wenn es beides nicht konnte, uns bei der Großmutter zu verklagen, welche es dann um so zärtlicher streichelte. So besserten die Strafen das Kind nicht mehr, sondern sie erbitterten es nur. Das thut auch jede Strafe beim Kinde, sobald das Kind bei ihrer Anwendung Zwiespalt sieht, sobald es eine Möglichkeit sieht, daß sie ihm hatte können geschenkt werden; sobald es sieht, daß jemand seine Partei nimmt. Unser Kind gewöhnte sich aber nicht nur an Straflosigkeit, sondern auch an Parteiung im Hause; gewöhnte sich daran, es mit der Großmutter zu halten, gegen uns. Sicherlich wirkt auch nicht bald etwas schädlicher auf ein kindlich Herz ein, als eine solche Spaltung, als die daraus folgende Angewöhnung, für seine Partei alles zu erlistelen, ihren Nutzen und Vorteil zu suchen, die andere Partei zu täuschen, zu hintergehen, zu übervorteilen. Aus diesem beständigen Plänkeln entsteht dann Eifer, Bosheit, Schadenfreude, Rachsucht, und der gute Engel flieht. Der Großmutter konnte aber doch Peterli nicht ganz genügen. Gar manche Klage verstund er nicht, gar mancher Herzensergießung entlief er. Sie mußte auch außer dem Hause jemand suchen, mit dem sie verkehren und dem sie alles klagen konnte, was ihr von uns ungerechtes geschah. Denn, wie gesagt, je mehr jemand zu Klagen Ursache gibt, desto mehr vermeint er selbst Ursache zu Klagen zu haben. Neunzehntes Kapitel. Von den Leuten im allgemeinen und von einer weisen Frau insbesondere. Wir hatten uns bis dahin von den Leuten nicht fern gehalten, aber doch auch niemand zum Vertrauten unserer Haushaltung gemacht. Lieb und Leid hatten wir zusammen getragen und niemand zwischen uns eingelassen. Keines von uns schwatzte aus, die Geheimnisse unserer Liebe oder unserer Kümmernisse; keines klagte über das andere, und meine Frau hatte nicht Lust, den andern Weibern zu erzählen meine Gewohnheiten, meine Schwächen, meine Härten; und mir fiel auch nicht bei, andere Weiber zu fragen, wieviel sie in ihren Haushaltungen brauchen, und über meine Frau zu klagen, wieviel sie brauche, wie verthünlich sie sei und wie wenig sie dagegen verdiene. Klagt einmal ein Mann also einem Weibe so ist er meist verloren; denn er wird selten ein Weib antreffen, die ihm nicht recht gibt, die nicht mehr verdienen und weniger wird brauchen wollen. Unsere Haushaltung, unser Verhältnis war also wie ein verschlossenes Druckli, in welches gar viele Weiber gar zu gerne ihre Gwundernasen gesteckt hätten. Nicht weit von uns wohnte eine Frau, welche die längste, nämlich Gwundernase, hatte. Sie hatte ein bedeutendes Talent, allen Leuten die Würmer aus der Nase zu ziehen unter dem Schein der größten Teilnahme und Gutmütigkeit. Männer, Weiber, alle mußten ihre Geheimnisse beichten, und es gab Weiber, welche den Morgen kaum erwarten warten mochten, um zu ihr zu laufen und ihr zu erzählen, was in der Nacht sich zugetragen. Und wo sie eine Dienstmagd von weitem roch, da streckte sie ihr schon von weitem die Hand dar und sagte: »Wie geit's dr o? es het mi nüsti scho lang Wunger gno, wi d's o da mache chast.« Und jedem Babi sagte sie Bäbeli und jedem Trini Trineli, und wußte gar schön und süß zu klütterlen jedem Tschudi. Aber bei dem Gwunder blieb es nicht. Sie wollte auch allenthalben die Hand im Spiel haben, wollte regieren, und das, wie sie meinte, mit Recht, denn sie bildete sich ein, eine besondere Weisheit zu besitzen und gescheuter zu sein, als alle andere Menschen. Sie teilte daher allenthalben Räte aus, und sagte immer: »He lue, das muesch so mache; myn Kraft, das verstohst nit; so chunt's grad z'Gunträri; wart ume, folg du mir; i will dr scho z'weg helfe.« – Und dann wußte sie eine Menge Geschichten, wie sie hier und dort die Leute glücklich gemacht mit ihren Räten. Es wunderte freilich hie und da Leute, warum die gute Frau ihre Weisheit nicht für sich selbsten brauche, da sie dieselbe denn doch am nötigsten hätte. Die Frau war zwar sehr reich; aber ihre Kinder mißrieten ihr doch, ließen sie wenigstens im Stich und ein jedes that was es wollte. Sie wollte zwar immer darstellen, daß alles gerade so gehe, wie ihre Weisheit es ersonnen habe; andere Leute waren aber nicht ganz so dumm wie sie glaubte und sahen auch unter die Decke. Nun – wollte sie ihre Weisheit nicht für sich selbsten brauchen, so ging das niemand etwas an, obgleich mancher meinte, ihre Haushaltung ginge ihn doch gerade so viel an, als sie die seinige, und so gut sie in die seine rede oder darüber aburteile, so gut habe auch er das Recht in die ihrige zu reden und über dir zu urteilen. Aber bei diesem Raten geschah ein doppeltes, was dieses Raten und Einmischen nicht immer heilsam machte. Sie redete zwar immer von ihrem guten Herzen und ihrer Gutmütigkeit, und der Schein davon war da; aber an gar manchem Ort ist der Schein von Gutmütigkeit, und hinter diesem Schein sitzt Eitelkeit und Eigennutz. Eine gute Frau zu scheinen, ist schön, und nicht nur schön, sondern manchmal trägt es noch was ein. Aber wenn sie wahrhaft gutmütig gewesen wäre, so hätte sie nicht so viel aufgewiesen, nicht diesen aufgehetzt gegen seinen Nachbar und hätte dann dem Nachbar gesagt: »Lue, vor dem chasch di in Acht näh, dä ment's nit guet mit dr: er isch e Grüsel, wenn-r abchunt.« Und sie hätte nicht manchmal diese Weise zu Intriguen benutzt, um jemand zu verkürzen, einem andern die Fische in die Bähre zu jagen. Das andere Unglück war das, daß ihr ganzes Wesen samt ihren Räten durchaus nicht auf Religiosität und Sittlichkeit beruhte; sondern Eigennutz, Eitelkeit und Schlauheit regierten abwechselnd und ein bedeutender Grad von Selbstbeherrschung kam ihr zu Hülfe. Sie konnte die freundlichsten Mienen machen, wenn es ihr ums Augenauskratzen gewesen wäre, und konnte lachen, wenn es ihr schwer auf dem Herzen lag, von irgend etwas so schwer als ob sie voller Schulden gewesen wäre statt voller Gülten. Klagte ihr ein Weib über die allzugroße Zärtlichkeit ihres Mannes, oder sie fürchte, ihr Sohn könne sich nicht halten, so würde sie einer Vertrauten den Rat gegeben haben: sie solle bestandene Jungfrauen halten oder etwa eine, deren Mann nicht weit da dänne sei. Oder wenn jene über den Mann das Umgekehrte geklagt hätte, so hätte sie auch das Umgekehrte geraten und hätte gesagt: »Eh, Stüdi, du bisch doch e Göhl; wenn-i no eis wär, wie du, das miech mr afe ke Chummer, i wett ere scho gnue übercho u-n-er müeßt nadisch bott nüt merke. Mi mueß de nit so dumm sy, me mueß das de öppe-n-e wenig listig afa.« Und wenn Stüdi dann etwas von nicht recht, nicht brav, gesagt hätte, so hätte sie gesagt: »He, du Göhl, du witt doch nit öppe eleni sövli exakt sy. Das nimmt me nit halb so exakt meh. Dr Pfarrer mueß predige, daß es nit z'wüesch gang, aber wer wett's halte? Me mueß ume öppe luege, daß es niemer merkt u daß me de Lüte nit öppe i dMüler chömi; das isch z'schüche. We du wüßtisch alles was geyt, du wärisch nit halb so eigelich. I chönnt dr Wyber säge, du meinst, was das für bravi syge u wäger di halbe Ching si nit vom Ma.« Und die gleiche Frau, die solche Räte gab, konnte handkehrum über Weiber und Männer, die nicht in ihrem Krättli waren, furchtbar schimpfen und sagen: sie seien schlechte Leute, wegen nicht halb so schlechten Sachen, als zu denen sie selbst geraten hatte. Überhaupt hatte die Frau etwas Freigeisterisches und sagte oft: »O, me mueß nit alles glaube; me seyt gar mengs, es ifch nit e so.« Und die gleiche Frau klagte am gleichen Tage doch wieder: es sei doch allbets nit so gsi; dWelt werd geng schlechter; es sei sich aber auch nicht zu verwungere, we me gsey, wie dLüt ke Glaube meh heige. So konnte die Frau kalt und warm aus einem Munde blasen. So blies sie aber nicht etwa bloß den Personen, die sie vor sich hatte, einem jeden in sein Horn. Sie that es zwar hie und da auch; aber der Hauptgrund lag an einem andern Orte. Sie war im alten Glauben erzogen worden, und ihre weibliche Natur hielt einen Teil davon samt einer Portion Aberglauben fest. Dann aber war ihre Blütenzeit in die Helvetik gefallen; ihr Mann hatte in derselben etwas zu bedeuten gehabt. Dieser Mann hatte geglaubt, um sich aufzuschwingen, müsse er sich federleicht machen und allen Ballast über Bord werfen und vor allem die Religion. Es ist wirklich merkwürdig, welcher Leichtsinn, welche Liederlichkeit damals von Frankreich eingeschwemmt und hier absichtlich und sorgfältig verbreitet wurden. Man kann diese Zeit der Frivolität zu Stadt und Land noch manchem Manne aufgeprägt sehen, der zur damaligen Zeit seine Bildung empfing, entweder in den Hörsälen oder den Ratssälen, den Municipalitäten oder den Kneipen, welche beiden letztern oft zusammenfielen. Am traurigsten waren natürlich die daran, die nur Brocken der damaligen Weisheit und des damaligen Unglaubens auffingen. Diese Brocken trugen sie nun beständig zur Schau, hängten sie heraus und stolzierten damit herum, wie ein armes Meitschi, das kein Gloschli hat und kein ganzes Hemde, wenn es einmal zu einem Mänteli und Händschlene gekommen, sich mit Mänteli und Händschlene brüstet. Händschli und Mänteli tragen gar nichts ab, als daß sie die übrige Armut und Elendigkeit noch mehr zur Schau stellen, und doch meint das arme Meitschi, es sei der ganzen Welt genommen und ihm gegeben, und sieht jede Baurentochter verächtlich von der Seite an, die kein Mänteli trägt, sondern ein feines, reines, ganzes, flächsiges Hemde und keine Händschli, wohl aber ein schön geblümtes Gloschli mit einer handbreiten roten Blegi. Gerade so gebehrdeten sich jene Männer mit ihrer Afterweisheit und ihrem Unglauben, wie dieses arme Meitschi, und es gibt einzelne, die noch jetzt so thun; aber sie werden seltener und beginnen auszusehen wie ergrauende Denkmale einer vergangenen, wüsten Zeit. Gerade ein solcher war auch der Mann unserer Frau gewesen. Und da die Frau damals mit ihrem Manne sich gemeint, sich vielleicht eingebildet hatte, durch ihn Frau Staatsrätin oder Frau Direktorin zu werden, so hatte sie auch gemeint: er wisse nun alles und könne alles. Sein Glaube ward daher auch der ihre; seine Brocken schnappte sie auf; sie ward auch eine gute Helvözlerin. Der neue Glaube war der Frau in vielen Dingen gar bequem und nach ihm erweiterte sie ihr Gewissen, daß es dehnbar und groß wurde, wie Hals und Schnabel einer Löffelgans. Damit war aber der alte Glaube nicht fort; Neues und Altes lag da untereinander und übereinander, wie an einer Geltstagssteigerung. Anfangs natürlich lag das Neue obenauf und war allein sichtbar; die Zeit rüttelte aber beides und Altes kam herauf und Neues herunter, und so lag es bunt und lustig durcheinander. Bald hörte man ein strenges Urteil, bald einen leichtfertigen Rat; bald stolperte man über eine Äußerung des Unglaubens, bald drang einem ein andächtiger Seufzer in die Ohren. Und die gute Frau hatte in all ihren Händeln, und weil sie rings herum so vieles wissen mußte und zu sorgen hatte, nie Zeit aufzuräumen in sich, sie ließ das getrost unter einander liegen und war wohl dabei. Sündigte diese Frau oder riet sie jemand zum Sündigen, so tröstete sie sich damit: es hätte es niemand gesehen; es gehe niemand etwas an, was sie mache, oder: es schade doch niemand ec; es sei nur für das dumme Volk verboten, die Witzigern könnten es machen wie sie wollten. Beleidigte aber jemand sie, so tröstete sie sich damit, es werde wohl ein gerechter Gott im Himmel sein, der werde es ihm reisen. Glaubte sie jemand undankbar, so sagte sie: es sei gut, daß es doch Gott gesehen habe, was sie dem gethan; der werde ihr schon daran denken. Starb einer ihrer Feinde, so sagte sie triumphierend: da heig jetzt dr Tüfel aber dr recht, u es sött allne e so gah, die-n-ere's so mache, wie dä-n-ere's gmacht heyg. War sie aber krank, so nahm sie ein altes Betbuch, betete bis sie schwitzte und meinte dann, sich die Tropfen abwischend: »We das nit bschüße sött, so wüßt si de z'bott nit, was helfe wett; aber sie wüßt wohl, dr lieb Gott werd se wohl agseh wie-n-e angere arme Mönsch, wenn-ere nit öppe da dolders Predikant z'böst red.« Diese Frau hatte nun einen bedeutenden Einfluß, und den Schaden, den sie auf diese Weise stiftete, die Unsittlichkeiten, zu denen sie riet, möchte ich nicht gut zu machen haben. Und da sie auch nie zur Überwindung, zu sittlichen Kraftanstrengungen, sondern zu Listen und Ränken, zum Verschlirggen, zu Deckmänteln riet, so möchte ich die Leute, die sie verdreht, nicht gerade zu machen haben. Diese Frau hatte es schon lange geärgert, daß sie nicht an uns kommen, ihre Nase nicht mitten unter uns haben, unsere Haushaltung nicht leiten konnte mit ihrer Weisheit. Nun ist's aber merkwürdig, wie so zwei klatschsüchtige Weiber sich zusammen finden; es ist wahrlich, als ob sie sich röchen wie die Katzen im Hornig. Die Bekanntschaft zwischen meiner Mutter und dieser Frau war angeknüpft, wir wußten nicht wie. Dort fand sie dann noch andere Weiber, mit welchen sie ferners bekannt wurde, so daß sie nun ganze, halbe Tage verschwand. Anfangs freute uns dieses für die Mutter. Wir hofften, die kürzere Zeit, die sie hätte, würde sie auch besser gelaunt machen. Und ich muß es bekennen, wir atmeten allemal recht frisch auf, wenn sie fort war; es war fast, als ob eine ganz andere Luft im Hause sei. Unsere Gesichter wurden wieder fröhlich, und die Worte, die wir nun nicht auf der Goldwage abzuwägen hatten und dann nicht noch siebenmal drehen mußten, gingen uns wieder frisch vom Munde. Aber die Mutter wurde, wenn sie zu Hause war, seit ihren Besuchen immer handlicher und immer unzufriedener. Sie balgete über alles, sogar darüber, daß sie mit uns und den Kindern in der gleichen Stube schlafen müßte. Sie hätte nicht geglaubt, sagte sie, daß sie in ihrem Alter noch ganze Nächte das Kindergeschrei haben müßte. Am meisten aber war sie mit dem Essen unzufrieden und trieb meinem Weibchen deshalb fast die Seele aus. Erdäpfel, wenigstens geschwellte, aß sie keine, oder wenn sie je einen aß, so mußten wir eine ganze Woche lang bei jedem Husten hören von dem Erdapfel, den sie hätte essen müssen. Wir mußten aber doch Erdäpfel essen und es war meiner Frau fast nicht möglich, immer etwas Apartes für die Mutter zu haben, und doch that sie es soviel möglich. Aber dann war ihr das Brot nicht recht. Es sei doch schrecklich, meinte sie oft, daß so eine alte Frau mit so bösen Zähnen altes Brot essen solle; das könne einem doch niemand zumuten als ein Söhniswyb. Und hatte sie frisches Brot, so klagte sie: es sei doch schrecklich, daß eine so alte Frau so schwarzes Brot essen solle; ehedem, wo die Leute noch was geglaubt, da hätte man in jedem Hause ein weißes Brötlein für die alten Leute gehabt. Der Kaffee war ihr auch nie recht. Den Schigore möge sie nicht erleiden, sagte sie; er mache ihr das Wasserbrennen. So stark geröstet habe sie ihn nie; sie habe immer gehört, es mache kurzen Athem. Die Milch war zu blau und Mädeli wurde zugemutet, es blase sie ab für sich und gebe nur den dünnern Teil auf den Tisch. Und Mädeli machte gerade das Gegenteil. Mädeli, in der besten Meinung, that alles mögliche, hatte aber nie Dank davon, sondern statt dessen Vorwürfe oder Sticheleien. Ich sah oft, wie es seine Erdäpfel und seinen Kaffee mit Thränen hinunterwürgte, nur damit beides mir nicht vor Ohren nnd Augen käme. Es wollte keine Jammerbüchse sein, aus der, statt wie aus einer Elektrisierbüchse oder Flasche blitzende Elektricität, klöhnende Jammertöne strömen, denen man aber eben deswegen ordentlich aus dem Wege geht, um nicht eine Ladung zu erhalten. Mädeli wollte bei mir nicht über meine Mutter klagen, sondern sie ertragen aus Liebe zu mir, da es mich mehr liebte als sich selbst. Gar viele lieben meinetwegen wohl ihren Mann, aber daß sie seinetwegen etwas ertrügen, ohne es ihn entgelten oder merken zu lassen und nachzurechnen – selb nicht. Aber deswegen hatte ich um so mehr Mitleid mit ihm. Es ist da auch gerade wie bei Kranknen. Je mehr ein Krankner jammert und klagt und ungeduldig sich gebärdet, desto weniger Mitleiden hat man mit ihm, desto ungeduldiger wird man über ihn, desto mehr läuft man von seinem Bette weg. Je geduldiger aber ein Krankner ist, desto mehr Mitleid hat man mit ihm, desto mehr Mühe gibt man sich mit ihm. So hatte ich es mit Mädeli. Wenn ich sah, wie es seine Erdäpfel hinunterwürgte, mit dem Kaffee noch allerlei anderes schluckte und doch freundliche Augen und milde Worte beizubehalten suchte, so schwoll mir eben deswegen das Herz und ich fing an der Mutter zuzusprechen und ihr zu zeigen, daß wir thäten, was wir vermöchten, daß sie es immer besser hätte als wir, und sie zu bitten, mein Weibchen nicht so zu plagen; sie sehe doch, in welchen Umständen es sei und daß es thue, was ihm möglich sei. Das nahm aber dann meine Mutter übel und sagte: sie sei auch manchmal in solchen Umständen gewesen und es hätte sich auch niemand ihrer geachtet. Es sei auch nicht bravs von mir, daß ich es nie mit ihr halte, und sie hätte auch vernommen, wieviel besser Mädelis Vater es gehabt und was Mädeli dem alles angehängt hätte. Mädeli bat mich oft recht dringend, doch gar nichts mehr zu sagen; wir wollten es mit Geduld annehmen; wir wüßten ja nicht, womit wir das versündigt hätten und was wir darob verdienen könnten. Die Sache kam aber immer ärger; die Mutter wurde immer mißvergnügter und wußte alle Tage mehr zu klagen. Wir begriffen nicht, woher das kommen möchte, bis eines Tages die weise Frau, wie zufällig, beim Garten stehen blieb, wo Mädeli eben mit dem Kraut focht. »Bist du auch einmal an der Sonne?« frug die Frau; »es ist recht, me mueß si o fürelah u nit geng ume-n-am Schatte hocke-n-u öppis nirpe. Wo habt ihr das Mutterli? » fragte sie ferner; »es ist mir gar lieb; habt mir einmal recht Sorge zu ihm und gebt ihm auch recht zu essen und gönnet es ihm.« Meine Frau war ganz verdutzt über diese Ermahnungen, die gar gutmütig ausgesprochen wurden. Sie entschuldigte sich auf das Beste und sagte: die Mutter sei uns recht lieb, sie hätte es besser als wir selbst. Ja, ja, man meine es manchmal, man habe die Leute lieb, man gebe es ihnen gut, und doch plage man sie und lasse sie Mangel leiden. Man sollte doch immer nachdenken, was man selber gerne hätte, und wenn man nur denken wollte, so würde man vieles anders machen können und es würde nicht mehr kosten. Auf das alles verstummte Mädeli und konnte gar nicht begreifen, was das zu bedeuten habe. Endlich sagte die Frau noch: »Ja, Fraueli, du mußt gewiß anders werden; so ist's nanis bott nicht recht, und du wirst verbrüllet im ganzen Land. Sinn doch ein wenig nach und denk, was deine Pflicht wär. Ds Mueterli kann mich dauern und so gstieng's Niemere us. Adie u säg's em Ma o, er soll e wenig vrnünftiger sy, es würd a-mem-e Schumeister wohl astah.« Nun war uns die Lösung des Rätsels leicht. Wenn eine Frau gefragt wird in recht gutmütigem Tone: »Go grüeß di, mys Fraueli, wie geit's o geng? i ha wäger mängist a di däncht u ha däycht, wies dr o gang; gell, o so, wie's cha u ma?« so werden nicht die halben Weiber sich der Klagen enthalten können. Der Ton, in dem sie angesprochen worden sind, hat ihnen die Versicherung gegeben, daß sie da Bedauren und Teilnahme finden werden; und wenn eine Frau sich nicht kann beneiden lassen, so möchte sie doch gerne bedauert sein. Nun fängt sie an zu klagen, und Klagen findet jeder Mensch, wenn er sie sucht, und je mehr sie bedauert wird, desto mehr klagt sie, bis sie endlich in dem Haufen von aufgetürmten Klagen fast erstickt und ordentlich elend wird. Die ersinneten, hervorgelockten Klagen werden am Ende auch von der Klagenden für wahr gehalten; sie nimmt den Ärger darüber mit nach Hause und hat sie z. B. über schlechten Kaffee geklagt und ist darüber bedauert worden, so wird sie den Kaffee daheim schlecht finden, darüber die Nase rümpfen, und wenn er auf Extrapost aus der Levante gekommen wäre. Auf solche Weise ist schon manches Herz künstlich unglücklich gemacht, mancher Hausfriede zerstört, manche Ehe zertrümmert worden. So war meine Mutter bedauert worden; dadurch wurden ihre Leiden vergrößert; sie wurde immer bitterer; ihre Klagen wurden immer größer und wir unter den Leuten immer mehr verbrüllet. Denn da wir nichts sagten, keine Partei suchten, so nahmen alle der Mutter Partei und urteilten, was wir doch für wüste Leute seien. Man sehe es uns nicht einmal an, meinten die einen; die andern behaupteten aber, schon lange nicht nur Pulver gerochen, sondern auch gesagt zu haben, das komme am Ende dann so. Man riet ab, wer uns etwas darüber sagen solle; denn das könne man doch nicht so gehen lassen. Da sagte die weise Frau: »Löht mi nume mache, i will's dem Fraueli scho säge; es müeßt öppe bös sy, we me ere sellige nüt säge dörft, u er isch ume so-n-e Gali u mueß mache, was sys Räf will. So jungi Wyber meine de nadisch, si chönni mit üsereim umgah, wie si welle, aber me mueß-ne dr Verstang mache: von-ne selber hei si ne nit.« So kam es, daß Mädeli am Gartenzaun ein solch Kapitel erhielt. Als es antworten wollte, war die Frau schon weiter gewatschelt, mit übereinander gelegten Händen. Was in meines Weibchens Herz vorging, weiß ich nicht, weiß nicht, ob nicht ein schwerer Kampf in demselben statt gefunden; denn, als ich es vor Augen kriegte, sah ich nur noch verweinte, aber nicht wilde oder böse Augen. Auf meine Fragen vernahm ich den Vorfall und wir machten es uns beide deutlich, woher er enstanden: daß die Mutter über uns klage allenthalben, und alle Weiber im Dorfe gegen uns Partei nehmen, weil wir niemand klagten, keine Vertrauten suchten. Ich wollte nun mit der Mutter aufbegehren und ihr ihr Geläufe abstellen. Aber meine Frau wollte nicht; sie behauptete, das mache das Übel nur ärger; sie klage dann nur desto mehr, und anbinden könne man sie doch nicht. Ein Mittel brauste mir durch den Kopf: den Leuten nämlich auch zu sagen, wie es stehe, zu sagen, was wir thäten und wie die Mutter eine sei. Damit hätten wir sicher wenigstens die halben Leute auf unsere Seite gezogen und wären bei ihnen wieder in guten Geruch gekommen. Allein mein Weibchen sagte: »Möchtest du das, Peter? soll ich anfangen über deine Mutter zu lästern? was könnten dann erst die Leute mit Recht von mir denken, wenn ich einer so alten Frau ihre Fehler aufdeckte und zweglegte? Nein, Peter, da ist nichts zu machen, wir müssen das in Gottes Namen tragen; es wird schon wieder besser kommen.« Ich begreife noch jetzt nicht recht, woher mein junges Weib die Kraft hernahm und das richtige Gefühl dessen, was christlich und nicht christlich sei. Es war ohne sogenannte Bildung; eine besondere Education war nicht mit ihm gemacht worden; auch im Weltschland war es nicht gewesen, und doch dachte es so sinnig, waltete so lieblich, trug so kräftig, daß man so was unter dem Kittel nicht vermutete, und, wenn man das Unerwartete fand, verwundert nach den Ursachen gefragt hätte und wo Mädeli erzogen und gebildet worden sei? Ich fragte das freilich nicht; aber ich dachte doch manchmal darüber nach, wenn ich durch dasselbe beschämt worden war. Ich konnte nichts anders denken, als daß das alles von der Liebe komme, welche Mädelis Verstand schärfe, ihre Kraft erhöhe, kurz die Trägerin, Nährerin, Leiterin aller Kräfte geworden. Für solche Liebe ist eigentlich das weibliche Gemüt geschaffen; ein Thron ist in demselben für sie aufgebaut, von dem herab soll sie regieren; eine Fülle von Kraft steht ihr zu Gebote; alle Empfindungen weiht und heiligt sie, und aus den Empfindungen, nicht aus den Gedanken, entspringt des Weibes ganzes Wesen. Aber leider wird dieser Thron anders besetzt schon frühe bei vielen. Selbstsucht thronet oben und zeigt sich bald als Eitelkeit, bald als Hoffart, bald als Sinnlichkeit, bald als Bequemlichkeit, kurz in vielfachen Gewändern nach Laune, Alter und Gelegenheit, bestimmt des Weibes Empfindungen und beherrscht somit sein ganzes Wesen. Und früh sorgen die Eltern dafür, daß es also geschehe, und verwöhnen das Kind und vergiften sein Empfinden, so daß, wenn dann auch einmal die Liebe zum Manne kömmt, sie nicht Herrscherin wird, sondern, eine Magd der Selbstsucht, und von ihr sich muß mißhandeln oder verabscheiden lassen nach Lust und Laune. Und doch hatte der liebe Gott so gut es dem Weibe ausgedacht. Eben weil das Weib vorzüglich empfindet mehr als denkt, hat er ihm die süßeste aller Empfindungen bereitet, hat dieser Empfindung die Macht, gegeben, dem ganzen Gemüte zu gebieten und die Eigenschaft ihm mitzuteilen, daß in der Berührung mit der Welt nicht Bitterkeit, nicht Leidenschaften entstehen, für deren Zähmnng, keine Gewalt da ist; hat also dem Weibe eine Kraft bereitet, welche der Welt den Stachel nimmt; einen Balsam, der alle Wunden heilet; eine Empfindung, die wahrnimmt, was kein Verstand der Verständigen sieht. Und das eben erkennt man nicht, mißkennt, was des Weibes Glück ausmacht, will an Platz des Empfindens das Erkennen, an Platz der Liebe den Verstand setzen oder gar das Gedächtnis; daher eine so rasende Menge unglücklicher Weiber, die eine so rasende Menge Männer rasend machen oder wenigstens halb. O Herrgott, unsere weiblichen und männlichen Pädagogen dann noch zu den Eltern! Mich wundert, wenn man nicht nächstens Schulen einrichtet, wo die Mädchen auf den Händen werden gehen müssen mit den Beinen zierlich in der Luft! Das Herz meines Weibes, oder seine Empfindung, war durch nichts vergiftet worden; die Liebe fand den Thron noch leer und auf demselben wachte und waltete sie nun mit Meisterschaft, und wenn sie matt werden wollte, so trank sie aus dem Born der ewigen Liebe und ward wieder stark und weise. Und was diese Liebe stark ist, glaubt man gar nicht. Für jemand, den man haßt, ein gut Wort zu geben oder einen Gang zu thun für ihn, ist Höllenpein; für jemand, den man liebt, sich zu opfern, ist Freude; einem hassenden Herzen wird alles schwer in der Welt, ausgenommen die Sünde; einem liebenden Herzen wird das schwerste leicht, ausgenommen die Sünde. Das fühlten wir auch zusammen, denn Mädelis Liebe trug auch mich empor. Zwanzigstes Kapitel. Von schulmeisterlichen Finanzen. Nun kam noch eine immer zunehmende Geldnot. Unter drei Franken in der Woche konnten wir es nicht mehr machen für die gewöhnlichsten Bedürfnisse in die Haushaltung, und woher sollten wir nun diese nehmen? Dann waren noch keine Kleider angeschafft, keine Schuhe für die Kinder, kein Hausgeräte, kurz von allem diesem nichts. Also nur zu meiner Haushaltung brauchte es mehr als 70 L. jährlich Nebenverdienst, und woher sollte dann das andere alles kommen? Und wenn man alles kaufen muß, bis an die Erdäpfel, so rechne man einmal nach, was es heiße, wenn man für 6 Personen nicht mehr brauchen will als 3 L. wöchentlich. Für 10-1/2 Btz. Brot, 7 Btz. Milch, 1-1/2 Btz. Salz, 5 Btz. Anken oder Schmer, 4 Btz. Mehl und 3 Btz. Kaffee, ist wahrhaftig wenig für 6 Personen, und doch schon mehr als 3 L. Bäurinnen, denen Kühe, Schweine und Spycher das meiste geben, und die das Geld ungezählt aus dem Gänterli nehmen, werden vielleicht finden, das sei noch ziemlich viel; denn sie rechnen gar nicht nach, was sie brauchen, und würden verzweifelt aufbegehren, wenn der Mann ihnen nachrechnen wollte. Stadtfrauen, die könnten das eher berechnen, wenn sie rechnen können und gewohnt sind, ihre Ausgaben gleich zu berichtigen. Von diesen können die einen aber nicht rechnen, manchmal sogar Professorinnen nicht und wenn sie auch von ihren Männern verbeiständet wären. So sandte z. B. eine Knecht und Magd auf den Gurten, um Heubeeren zu suchen und Geld zu sparen, und gab ihnen Wein und Wurst mit. Die beiden suchten nun Heubeeren mit allem Fleiß, verthaten nebenbei noch 10 Btz. und brachten am Abend für 6 Kr. Heubeeren heim. Die kann uns also nicht nachrechnen, denn die kann's nicht; sie weiß zwischen 10 Btz. und 6 Kr. kaum den Unterschied. Zu diesem allem gesellte sich eine Extra-Ausgabe, die immer mehr Geld fraß. Meine Mutter kränkelte immer mehr und mancherlei Übel begannen sich bei ihr zu regen, von denen die Brustwassersucht das gefährlichste war. Diese Übel klagte sie nun ihren Freundinnen und diese gaben ihr bald dieses, bald jedes Mittel an, bald diesen und jenen Schärer, der ihr bestimmt helfen könne. Kam sie dann heim, so redete sie so lange davon, daß ihr noch zu helfen wäre. wenn man eigentlich ihr zu helfen begehrte und sie nicht lieber auf dem Kirchhof sähe, daß wir nicht anders konnten, als sagen: sie solle doch sagen, was zu machen sei; wir wollten ja gerne alles thun, was zu thun wäre. Dann kam richtig ein neues Mittel oder ein neuer Doktor zum Vorschein. Ich mußte unser Geldlein zusammenräumen und mich auf die Beine machen, und man kann sich nicht vorstellen, mit welcher Angst ich oft den Anspruch des Schärers erwartete: ob das Tränkli 3 Btz. oder 4 oder 5 kosten solle. Wir mir die Hände zitterten vor Angst, wenn es einen Batzen mehr, und vor Freude, wenn es einen Batzen weniger kostete! Das kann sich sicher niemand vorstellen, als wer drei Kinder hat und eine Frau und eine Mutter, und für jedes nicht mehr als drei Kreuzer täglich, von welchen 3 Kreuzern er die Hälfte nicht weiß, wo nehmen. Wahrhaftig es muß sich niemand verwundern, wenn Menschen, die kaum das tägliche Brot gewinnen, sich dreimal besinnen, ehe sie den mühselig erworbenen Batzen dem Schärer zutragen statt dem Becker. Es muß sich niemand verwundern, wenn bedrängte Hausväter manchmal sich lieber der Hoffnung überlassen, es werde dem Kranknen von selbsten bessern, als daß sie die Gesunden hungern lassen; man weiß gar nicht, was solche Bedrängnis ist. Schade, daß keine Einrichtung ist, wobei bedrängte Hausväter, ohne eigentlich besteuert zu heißen, unentgeltlich zu ärztlicher Hülfe kommen können ohne weitere Umtriebe; es würde mancher brave Mann und manche brave Frau mehr am Leben bleiben. Das ist aber nur da möglich, wo vernünftige Schärer sind und vernünftige Gemeinden, und eine vernünftige Ordnung im Staate. Einer der Schärer war der teuerste von allen: der forderte für seinen braunen oder roten Mischmasch nicht nur 3 und 4 Btz., sondern gewöhnlich einen halben Gulden, und gerade der wußte ihr Vertrauen am besten zu fesseln; zu dem mußte ich am meisten, wie ich auch seufzte und stöhnte. Meine Mutter hatte am linken Bein oben in dem Fußgelenk einen Schmerz bekommen und mich deswegen zu diesem Doktor gesandt. Derselbe sagte: nun, das sei gar gut, es werde ihr jetzt schon ganz bessern. Ihre Leber sei früher krank gewesen; jetzt sei sie ausgelaufen und in das Bein hinunter; was sie im Fußgelenk fühle, sei nichts als ein Leberenfluß. Der sei ihm nun am rechten Ort und das Herz werde jetzt schon gesund werden. Unglücklicherweise weise sagte ich das der Mutter wieder, und von dem an faßte sie ein besonderes Zutrauen zu ihm und hoffte von ihm völlige Genesung. Sie behauptete: »Dä isch e Gschichte u het'Z breicht; i ha's gar sauft gspürt, we dLebere usgloffe u i's Bey ache gloffe isch: i hätt aber niemerem glaubt, daß e Dokter sellis chönnt wüsse u eims säge.« Auf diese Weise kamen wir immer tiefer in die Not hinein. Wir brachen uns ab, soviel wir konnten, und Mädeli und ich sannen oft darüber nach, wo wir etwa noch einen Kreuzer ersparen könnten. Und wenn wir dann nachsannen, was wir alles noch nötig hätten, was angeschafft sein sollte, so wollte es mir manchmal fast über das Herz kommen. Aber mein Weibchen tröstete mich dann, ich solle doch nicht so kummern; es könne es noch machen ohne dies und jenes; so lange wir gesund seien, mache alles nichts; wir könnten noch viel übler z'weg sein. Ich solle doch nur an die und die denken. Und dann hätten wir doch noch eins, was so viele nicht hätten: wir hätten den Frieden unter uns und hülfen einander treulich lich, und da sei es doch noch immer dabei zu sein. Freilich, wenn unsere ältern Kinder mit blauen, kalten Beinen im Herbst zum Ofen krochen, weil wir ihnen noch nicht Strümpfe zu kaufen vermochten, und wenn es um das jüngste ganz zerfetzte Windeln wickeln mußte, so wurde ihm manchmal das Auge feucht; aber es küßte dann das Kind und sagte: »Chumm, i will dr z'suge gäh.« Und wenn dann das rote, pfausbackige Kind in vollen Zügen zog, so lächelte die Mutter wieder und meinte dann: »Gell, es düechtdi nüsti guet, we d' scho nit i ganze Windle bisch?« Aber als allgemach das bare Geld immer seltener bei uns wurde, als wir manchmal dings nehmen mußten und immer langer nicht bezahlen konnten und das Rückständige immer mehr anschwoll, da wurde uns doch immer banger ums Herz. Man glaubt nicht, wie man so nach und nach in Hinterlig kommen kann, und wie unvermerkt ein Tag zum andern sich schlägt und ein jeder unvermerkt die Schuld größer macht. Es ist eine Pein, wenn man einmal etwas dings nehmen muß; aber wenn man noch einmal wiederkommen und weder das Alte noch das Neue zahlen kann und wieder dings nehmen muß, da steigt die Pein mit jedem Mal und allemal wird der Gang schwerer. Auf der andern Seite werden die Gesichter länger, die Mienen unfreundlicher. Bald fällt ein Wörtchen, man solle erst das Alte zahlen, ehe man Neues nehme. Dann macht man mit schwerem Herzen Verheißungen, die man nicht halten kann, wie man wohl weiß, und den ganzen Tag liegt es so schwer auf einem, als ob man Steine im Magen hätte. Viele Eltern helfen sich damit von dieser Pein, daß sie die Kinder senden, wenn dings zu holen, saure Gesichter zu sehen sind. Das ist wahrhaftig eine der ärgsten elterlichen Unbarmherzigkeilen, die es geben kann. Entweder es verhärtet des Kindes kindlichen Sinn, oder dasselbe wird gedrückt, schämt sich und verliert Mut und Freudigkeit; es beugt mutlos sein Häuptlein unter des Lebens hartes Joch und hebt es nimmer wieder auf, faßt nie wieder Mut und Freudigkeit. Man denke sich doch in ein kindlich Herz hinein, das hungerig und freudenvoll seine Milch, sein Brot holen geht in der Hoffnung, bald gesättigt und getränkt zu werden, und es muß lange warten, es wird Rat gehalten in der Stube, und es vernimmt endlich den Bescheid: jetzt bekomme es noch, aber wenn es das nächste Mal wieder komme ohne Geld, so jage man es vom Hause fort. Es bringt den Bescheid nach Hause; am andern Morgen soll es wieder gehen; es fragt nach Geld. Es bekömmt Antworten aller Art: »Säg du ume, mr welle de zale, oder dr Vater syg nit daheim gsi, oder si heige yz'zieh u chönne o nüt übercho, oder mr lay der tusig Gottswille ahalte; me well zale, sobald me chönn.« Die einen Kinder gehen, lügen, und wenn es an einem Orte nicht mehr gehen will, so lügen sie an einem andern Orte. Andere schüchterne Kinder weigern sich und werden geschlagen, werden mit Drohungen vom Hause weggejagt, müssen zitterend und zähneklappernd das Essen auf diese Weise betteln gehen. Und wenn sie den Leuten nichts abbetteln können, so gibt man ihnen entweder neue Schläge oder neue Lügen an. Man denke sich denn doch die Wirkung solcher Unbarmherzigkeiten auf ein Kind. Nein! unser Kind marterten wir doch nicht auf solche Weise. Mädeli holte anfangs selbst. Allein ich sah, daß es dasselbe nicht übers Herz bringen konnte. Es klagte mir nicht; es sagte mir nicht: »Du chasch o einisch gah, es thuet dr's sauft, du frissisch u sufisch so viel drvo as i.« Aber ich sah an Mädelis schwerem Schritt und verweinten Augen, wie hart es ihm ging, ohne Geld gehen zu müssen. Ich fand es nicht billig, daß es alleine diese Pein tragen müsse, und nach langem Streiten nahm ich sie ihm ab. Wohl hatte es sein Gutes, wenn der Schulmeister selbsten ging und für einen Batzen Milch dings holte; die Leute muckelten weniger. Aber hie und da fiel doch ein Wort, oder eine vorschützige Frau konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Gäht de euer Alte o drvo!« Aber man denke sich denn doch auch die Lage eines Schulmeisters, der am Morgen das Essen dings herbeitragen muß. Wie freudig muß er wohl am Morgen aufstehen, durch welche Gedanken geweckt? Es heißt im Schulgesetz, welches das Erziehungs-Departement im Großen Rate mit bedeutender Heftigkeit vortrug, ohne auf irgend eine Weise die Lage der Lehrer zu verbessern, § 83: er wird auf jedes Fach immer gehörig vorbereitet sein. Ja, du mein Gott, das haben Herren hingeschrieben, die sich nicht des morgens und des abends vorbereiten müssen, auf welche Weise und Art sie Brot und Milch für Weib und Kinder dings erhalten könnten. Das ist wahrlich eine Vorbereitung, die alle andern verschlingt. Und, wenn es erlaubt wäre, so möchte ich fragen: ob diese Herren, die nicht um Milch und Brot sich zu bekümmern haben, sondern höchstens darum, bei welchem Pastetenbeck man heute die Milchligpasteteli holen lasse und ob man eine Gans mit Kastanien oder Sauerkabis füllen, oder bei welchem Traiteur man heute essen wolle; ich frage: ob denn diese Herren immer vorbereitet in ihre Sitzungen gehen, oder ob sie nicht zuweilen jene Stelle auf sich beziehen: daß sie sich nicht bekümmern sollten, was sie zureden und zu antworten hätten, sondern daß es ihnen der Geist zur Stunde eingeben würde. In jenem § heißt es ferner: daß er sich in der Schule ausschließlich mit dem Unterricht seiner Schüler beschäftigen solle. Ja, Zeitungsartikel oder Briefe schrieb ich nie in der Schule, wie auf grünen Tischen in hochgeachteten Sitzungen, wo es um das Wohl des Landes geht, geschehen soll und wozu noch der Staat das Papier liefert oder liefern muß. Aber wie soll man sich ausschließlich mit dem Unterricht beschäftigen, wenn einem am Morgen an einem Orte die Milch abgesagt worden und an einem andern das Brot, und man nun nicht weiß, wo man beides für drei hungerige Kinder hernehmen soll? Wer will da dem Schulmeister gebieten, seine Seele solle beim Unterricht sein? Im § 85 heißt es: er solle die Schamhaftigkeit unter seinen Kindern befördern. Hat er selbst Schamhaftigkeit, so darf er den ganzen Tag die Augen nicht aufschlagen, wenn ihm an einem Orte, vor Kindern gar, abgeputzt worden, daß er immer noch ohne Geld komme, daß man nicht vermöge, ihn zu erhalten, und daß doch einem Schulmeister mehr sollte zu glauben sein, als andern Leuten. Im § 82 heißt es: er solle mit seinem ganzen Wesen und Leben der Jugend mit gutem Beispiele vorangehen. Kann er wohl nun die Augen aufthun, wenn er Schamhaftigkeit hat, nachdem er vielleicht von Haus zu Haus gelaufen ist und allenthalben halb gebettelt hat um das notwendigste, und vielleicht bei der Dringlichkeit der Sache Verheißungen hat entschlüpfen lassen, von denen er zum voraus weiß, daß er sie nicht halten kann. Man klagt so viel über unverschämte Schulmeister und daß sie einem immer vor der Thüre seien, und meint dieses mit Recht ihrer Trägheit zuschreiben zu können. Bald sagt man: »Er ist mit nutz,« bald sagt man: »Sie ist nüt nutz; we st wette, si chönnte Geld verdiene wie Stei, u was st no hei, mueß brucht sy; we sie alles i eim Tag fresse chönnte, si sparte's nit bis morn.« Ich gebe gerne zu, es gibt Schulmeister, welche faul, welche brüüchig, ja verthünlich sind und durch eigene Schuld in die Armut versinken. Ich gebe wieder zu, daß es Schulmeister gibt, die ohne großen Lohn, durch eine gewisse Anstelligkeit und Gewirbigkeit, mit Ehren durch und sogar zu etwas Vermögen kommen. Sie werden Gemeindschreiber, Krämer, Becker oder alle drei Sachen zusammen, Bannwarte, Chorweibel, häufen vielleicht sieben Pöstlein auf einander oder treiben mit Geschick allerlei Handwerke; aber dann sind sie alles andere, nur nicht Schulmeister, und die Schulmeisterei ist nur Nebensache. Wenn nun einer eben Schulmeister geworden ist, weil er sich dazu geartet glaubte, kann man es ihm dann zum Vorwurf machen, daß er nicht Krämer wird, wozu er sich nicht schickt? Kann man es vielleicht nicht viel eher dem krämerenden Schulmeister zum Vorwurf machen, daß er Schulmeister geworden und nicht bloß Krämer geblieben? Kann man es überhaupt jemand zum Vorwurf machen, wenn er neben seinem eigentlichen Amt und Beruf nicht viel zu verdienen weiß? Man macht hinwiederum gar manchem, der mit Ehren durchkommen möchte und daher für seine Skripturen ungeniert etwas fordert, gleich den Vorwurf: er sei e-n-uverschante Hung; für jedes Papierli, gäb wie liecht, we-n-er nume dFedere-n-i dHang näm, su chost's 6 Kr. oder gar 2 Batzen. Wahrhaftig man macht vielen Schulmeistern und ihren Weibern nur deswegen Vorwürfe über ihre Armut, weil man gar nicht nachrechnet, sondern nur so in Bausch und Bogen abspricht, oder weil man bei andern Schulmeistern ihre Not und Dürftigkeil nicht wahrnimmt. Sie hangen zwischen Leben und Verhungern; aber sie können es verbergen, kommen anständig daher und niemand merkt, wie sie oft wochenlang kein Fleisch vermögen und manchmal Tage lang keinen Kreuzer Geld im Hause haben und es machen ohne Brot. So wäre es vielleicht auch mit uns gegangen, wenn meine Mutter nicht gekommen wäre; durch sie wurde unsere Not sichtbar und kam unter die Leute. Gerade hier werden nun die, welche von kindlichen Pflichten nichts wissen, anhängen und sagen: da sei ich also doch selbst schuld; die Mutter hätte ich nicht zu nehmen gebraucht, die Gemeinde hätte sie erhalten müssen; und die Haut sei doch noch näher als das Hemde, und wenn ich sie nicht gehabt hätte, so hätte ich es also als Schulmeister machen können. Es sei mir also recht geschehen, daß ich so in die Tinte gekommen. Aber ist denn eigentlich ein Schulmeister von rechtswegen ein Hund? Hat er, wie ein Hund, keine Pflichten gegen seine Eltern; soll er sie von seiner Thüre wegjagen, wenn sie hülflos anklopfen an dieselbe? Hat er nicht vielmehr die Pflicht, in Erfüllung solcher Pflichten einer der ersten zu sein, zu zeigen, wie eigentlich Kinder die natürlichen und ersten Unterstützer ihrer Eltern sein sollen? Wie traurig ist's für ihn, wenn sein Amt ihm keine Mittel dazu bietet, wenn er, der voran stehen soll, hintenan bleibt, oder, wenn er sie zu erfüllen sucht, zu Grunde geht. Man sollte allerdings aber glauben, man halte ihn nur für einen Hund an vielen Orten. Wie einem Hunde, gibt man ihm nur so viel, daß er das eigene nackte Leben durchbringt mit Mühe; daß er ein Mensch sei und Familienglied oder Familienvater, darum bekümmert man sich nicht. Wenn er heute sich satt essen kann, so glaubt man ihm genug zu geben; daß er krank werden kann, daß Umstände besondere Auslagen erfordern können, die einen Sparpfennig notwendig machen, daran denkt man nicht. Wenn er krank wird, so kann man ihn freilich nicht dem Schinder bringen, wie einen Hund; aber man kann ihn verrebeln lassen oder fortjagen, und das geschieht wohl auch. Es werden freilich eine Menge Menschen es in Abrede stellen, daß sie den Schulmeister für einen Hund halten. Aber wenn derselbe nun klagte, daß er keine Familie erhalten, nichts für eine Krankheit bei Seite legen, keine Mutter, keinen Vater aufnehmen könne, weil er eine einzige Stube habe, so würde man ihn auf die unterste Klasse von Menschen hinweisen, auf alle Habenichtse, auf alle, die der Gemeinde nächstens auf den Hals fallen werden, auf alle heutzutage Poletarier Genannten und würde ihm sagen: »Aber, Schumeester, was chlagst doch o so; es sy viel Lüt no viel böser dra; du chasch dy Sach doch am Schatte-n-n Schärme vrdiene-n-n hesch se gwüß u bruchsch ke Huszeys u überchunst doch no viel zwüsche-n-iche; emel um Liechtmeß ume schmückt me dr dLeberwürst vo Wytem ah u du metzgisch doch nit selber. Da lah du die chlage, wo am Wetter sy, Huszeys gäh müeße, nüt Gwüsses hei u nüt zwüsche-n-iche überchöme, als öppe-n-es Ching.« So trösten die Menschen. Aber müssen denn die Schulmeister gerade mit der untersten Klasse der Menschen verglichen werden, mit den Menschen, deren Fertigkeiten und Fähigkeiten mit ihren Bedürfnissen, auch den gemeinsten, kaum im Verhältnis stehen; mit den Menschen, an denen die ganze Welt die Schuhe abwischt und die Launen ausläßt; mit den Menschen, von denen man eigentlich nur das Halten zweier Gebote fordert: daß sie nicht stehlen und nicht töten? Die vier ersten wendet man gar nicht auf sie an, vom fünften nur die Auslegung des Heidelbergers, daß sie Meisterleuten und Obrigkeiten getreu seien; über das siebente drückt man die Augen zu; zur Übertretung des neunten fordert man sie auf, und wenn sie das zehnte halten wollten, würde man sich lustig machen über sie, indem man ihnen den Glust von Herzen gönnt und sich ergötzt an selbigem, wenn sie nur die Sache selbst nicht kriegen. Wenn also auch nicht mit Hunden, so stellte man doch die Schulmeister mit dieser Klasse von Leuten zusammen; mit Händen und Füßen stieß man die Lehrer in diese Klasse immer zurück, wenn sie sich daraus arbeiten wollten, und wer, um seines Geldes oder seiner Fähigkeiten willen, nicht mehr zurückzustoßen war, der wurde dann dem Schulmeisterstand entlockt. Daß man ehedem, als man mit der Faust das meiste, mit dem Kopfe wenig machte, gar keine Schulmeister hatte, oder die wenigen wenig achtete, begreift man. Als man später mit der Peitsche nicht mehr alles ausrichtete, sondern das Wort Gottes als Kappzaum noch nötig hatte und zu gleicher Zeit als Spanni, wie sie Schafen und Pferden, die man weiden läßt, angelegt werden, da stellte man Schulmeister an, um die Menschen zu spannen oder ihnen Dreiangel an die Hälse zu legen, damit sie nicht durch die Hecken könnten; aber mehr sollten sie eben nicht sein, als Spannbuben, und sollten nicht einmal begreifen, daß sie mehr werden könnten. So ein Spannbub hat es aber noch schlimmer als ein gespanntes Schaf. Dieses kann doch noch selber sich zu fressen nehmen, soviel es findet; dem Spannbuben teilt man aber seine Portion aus, und wehe ihm, wenn er mehr begehrt! Man wollte es recht eigentlich so, daß die Schulmeister Kirchenmäusen glichen, damit sie aus Hunger recht zahm blieben und gelehrig, nach jeder Pfeife zu tanzen. Dann trieb man doch den grausamen Hohn so weit, daß man die Schulmeister um ihrer Armut willen verachtete und dieselbe ihnen als selbstverschuldet vorwarf. Diese so verachtete und verhöhnte Kaste verließ nun jeder, der durch Erbe oder Erwerb irgend zu Vermögen kam, und so blieb die Kaste arm und verachtet. Also geschah es zu der Zeit, als die Wellen der Not über mir zusammenschlugen und ich nichts mehr sah, als Not rings um mich, Not über mir und Not unter mir, als Mädeli und ich zusammen weinten und nichts mehr zu machen wußten, als dem Vater im Himmel unsere Not zu klagen. Dann blitzte ein Funke seines Trostes in unsern Herzen auf und erhielt uns das Leben und den Mut und ließ uns der Prüfung nicht erliegen. Einundzwanzigftes Kapitel. Nun gar in solcher Not noch Visiten!. So saßen wir einmal traurig an einem stürmischen Oktobernachmittag in unserer Stube beisammen, ich und mein Mädeli; die Mutter war fortgegangen. Wir hatten Erdäpfel ausgemacht, als auf tüchtigen Sturm die mutwilligen, wilden Kinder des Winters, die flüchtigen Schneeflocken daher brausten um Augen und Ohren und uns vom Felde weg hinter den Ofen jagten und nun, wie ärgerlich, daß wir ihnen entronnen, zur Hausthüre ein stürmten, die Fenster peitschten und gwunderig in dichten Scharen sich an die Fenster legten, um zu gucken, ob wir drinnen seien. Es war so recht heimelig Wetter, wenn es einem heimelig zu Mute ist. Und es war uns auch so in unserm Stäbchen, alleine und geborgen vom wilden Wetter. Da sagte ich: »E's Gaffee wäre jetzt nicht übel.« Aber das Kaffee konnten wir nicht machen. Mädeli ging über das Kuchischäftli und fand nur ein klein Tröpflein Milch; die mußte für die Kinder gespart werden; und daß man ihn schwarz trinken könne, das wußten wir nicht. Freundlich brachte mir Mädeli das Brot und sagte, ich solle nehmen, wenn ich möge. Brot sei allweg immer das Beste. Das rührte mich an meinem Weibchen: »Nei, du bisch geng ds Beste,« sagte ich und nahm mit der einen Hand das Brot, mit der andern mein Weibchen obenyne und küßte es tapfer ab. Und während ich am besten küßte, da donnerte es an die Hausthüre, daß ich wenigstens einen Schuh weit von Mädelis Mund fuhr, nicht wissend, welcher Kobold da draußen so lärme. Mädeli aber schrie: »Herr Yses, lah mi gah, lah mi doch gah, es het neuer gugget u het gseh, wie d' so narrochtig tha hesch u het jetz dopplet; nei wäger, lah mi doch recht gah!« Während diesem Reden dachte niemand ans Bescheidgeben. Der draußen hatte aber nicht lange Geduld; es wurde die Thüre rasch aufgerissen und herein trat der große, schwarzschnäuzige Jäger, um und um voller Schnee und hinter ihm sein Hund. Potz Blitz, wie da Mädeli von mir wegfuhr, blutrot und erschrocken, bis in eine Ecke hinein, und wie der schwarze Kerl so spöttisch lächelte und seine scharfen Augen von einem zum andern gehen ließ, und wie ich da saß mit einem Gesicht so dumm als nur irgend ein Schulmeister je eins gemacht, und das will viel sagen. »Schulmeister, das wird dy Frau sy?« – »Ja,« sagte ich. – »He nu, de macht's nüt u fahret nume fürt und machet, als ob i nit da war.« Mit dem bot der meinen Lesern Wohlbekannte uns die Hand und sagte: er sei auf der Jagd gewesen und hätte an einen Hasen gesetzt, den sein Hund schon am Morgen früh aufgestochen. Der habe sich daraus gemacht durch Feld und Wald und er sei immer auf und nach gewesen, bis ihn der Schneesturm überfallen, daß er am Ende nicht mehr gewußt, wo er sei, und der Hund, nicht mehr gewußt, wo aus der Hase sei. Da seien beide aufs Geratewohl zugelaufen, bis sie auf eine Straße und zu einem Hause gekommen; dort habe er eine alte Frau herausgeklopft mit großen Mühen, um sie zu fragen: wo er sei? Die habe ihn lange angesehen und endlich auf die zweite Frage ihm geantwortet: das säg si ihm nit, er well si nume für e Nar ha; das wüß er so gut als sie, das wüß doch ja e-n-iedere Löhl u e-n-ieders Ching, daß das Gytiwyl syg. Nun habe er an mich gedacht, und gedacht, er finde da am besten einen warmen Ofen, um sich zu trocknen, und könne darzu sein Versprechen halten, setzte er spöttisch hinzu. Er that ganz, wie wenn er zu Hause wäre, putzte vor allem seine Flinte sauber ab und stellte sie in die Küche hinaus, damit sie nicht anlaufe, zog dann seine Schuhe und Überstrümpfe aus und sagte: »Fraueli, thue mr die z'trockne, aber nit z'nach zum Füür; we mr se fürbrünnsch, su überchunnsch my Schnauz i ds Gsicht.« Und als er endlich mit allem fertig war, sagte er ganz ungeniert: »Fraueli, we d' mr öppis Warms mache chönntisch, su nämt i's.« Die Frau ging verblüfft hinaus und bald rief sie mir: »Peter, chumm, los neuis!« Draußen examinierte sie mich, wie ich zu diesem unverschämten Menschen komme und wer er sei u. s. w.; denn ich hatte Mädeli von ihm zu erzählen vergessen. Sie könne ihm kein Kaffee machen. DStaule Büri hätt ere welle Milch güh, aber dr Bur syg du drzue cho u heig's nit welle thue; er syg gar e wüeste Gythung; sür da d'inne lauf sie nit no a eys Ort, um sich lah abz'schnauze. I soll ihm's säge, es chönn ihm keis Gaffe mache-n-, es chönn kei Milch übercho. So böse hatte ich Mädeli noch nie gesehen. Mit schwerem Herzen sagte ich dem Gast das. Er lachte mich aber aus und sagte: Milch begehre er ja gar keine; mau solle ihm ihn nur schwarz bringen und Zucker dazu und ein gutes Glas Schnaps, aber Kirschwasser und nicht Bätziwasser; da lay er st nit bschyße wie dr alt Her zu R. siebe Jahr sy Vicari bschisse heig. Mit noch schwererem Herzen ging ich hinaus und sagte dem Mädeli das. Mädeli kehrte mir mit einer gewaltigen Mauggere den Rücken und brummte: ds Kaffee wolle es machen, wenn es sein müsse; aber für einen solchen Räuber oder Mörder laufe es nicht um Kirschenwasser und um Zucker aus. Da stund ich in der höchsten Verlegenheit zwischen der Küche und der Stube auf dem Tritt und wußte nicht, sollte ich hinein oder hinaus. In der Stube nüsterte ich lange in unserm Gänierli, nahm ein Körbchen, ein Druckchen hervor, stellte es wieder weg und nahm es wieder hervor, so daß endlich der Jäger mich fragte: was ich da suche; wir werden das Kirschenwasser doch nicht in einem Körbchen haben? »Nein, aber das Geld,« antwortete ich. Hellauf lachend antwortete er, es scheine ihm doch nicht; sonst fände ich welches dort; aber es werde mir gehen wie den andern Schulmeistern auch, daß ich alles hätte im Hause, nur nicht das, was man brauchen könne, und kein Geld, es zu kaufen. Damit warf er ein Stück Geld auf den Tisch und sagte, er sei nicht gekommen, um zu schmarotzen, sondern um bequem auszuruhen. Ich solle also nicht Gspässe machen und die Sachen holen; meiner Frau wolle er es selbsten sagen, daß er uns nicht lästig fallen wolle. Als ich heimkam mit meinem Eingekauften, fand ich meine Frau nicht nur besänftigt, sondern ganz freundlich mit unserm Gast; derselbe sah sie auch mit ganz zärtlichen Augen an, sodaß ich nicht recht wußte, was denken, und es mir fast ward, als ob eine Laus hinter dem Ohr mich zu beißen anfange. Als er nun so behaglich saß, sich gütlich that und uns zum Mithalten einlud, bedauerte er unsere Lage. Es gehe uns wie den andern Schulmeistern, sagte er; das thue ihm leid für uns, für die andern aber nicht; es geschehe ihnen allen recht. Es möge wohl hie und da einen geben, der es gut meine und sein Mögliches thue, aber nützen thäte keiner etwas und man müsse wohl dumm sein wie ein Bauer, daß man sie nicht abschaffe oder sie zu Säuhirten oder Profosen mache. Natürlich machte mich das alte Lied wieder ärgerlich, Doch erwiderte ich nur ganz bescheiden, daß es allerdings Schulen geben möge, welche nicht wären, wie sie sein sollten; aber damit sei nicht gesagt, daß keine guten wären. – Er kehre nicht die Hand um, meinte er, für das, was eine besser sei als die andere. – Aber was er doch denke, entgegnete ich; ob er dann keine Religion mehr begehre, und ob Schreiben und Rechnen nicht auch vielen Leuten komod märe, vom Lesen wolle ich nur nicht reden? – Ja, das sei alles recht gut und schön; aber in der Schule lerne der Mensch doch weder das eine noch das andere. Alles, was man in den Schulen lehre, mahne ihn an Zahlpfennige. Kinder hielten sie für echte Dublonen; aber wenn Man sie für Dublonen brauchen wolle, so lachen einem die Leute aus. – Das wäre gspässig, entgegnete ich. Ich lehre doch die rechte Religion aus dem Fragenbuch und halte auf Beten, und fast alle Kinder könnten das Fragenbuch auswendig. Er solle nur einmal kommen und sie überhören; da sei es ihnen gleich, wo sie aufsagten, hinten oder vornen. – Das glaube er, lachte er; »sie verstehen hinten und vornen gleich viel davon. Kurzum, Schulmeister,« sagte er. »es ist doch so, ich habe es erfahren. Ich habe alles gelernt, was ein berühmter Schulmeister mich lehren konnte, war drei Jahre lang der Oberste, und als ich in die Welt hinauslief, war alles, was ich hatte, lauter Zahlpfennige, mit denen ich gar nichts anzufangen wußte, und in allen Dingen mußte ich von vornen anfangen. Entweder können die Schulmeister selber nichts, oder aus Mißgunst und Eifersucht lehren sie nicht recht und treiben nur den Narren mit einem.« Mit dem Schreiben und Rechnen konnte ich nicht alles dawider haben; allein mit der Religion sei es durchaus nicht so, behauptete ich. Wenn man die in der Schule nicht lerne, wo lerne man sie dann, fragte ich. Auf die seien wir ja aparti glert und brichteten die Kinder darauf; ja es gebe Schulmeister, die mit der Gottseligkeit so genug zu thun hätten, daß sie gar nicht an etwas anderes kämen. – »Schulmeister, was ist Religion?« fragte er mich plötzlich. Da verging mir einige Zeit das Antworten und das Maul blieb mir offen stehen. Endlich ermannte ich mich und sagte: »He, Religion isch, we me Religion het u we me nüt Schlechts macht, u betet u öppe-n-o liest.« – »Ja, Schulmeister, du machst es gerade auch so wie die andern; so bin ich auch brichtet worden ungefähr. Und ich bin ein geschickter gewesen, e bsunderbare. Der Schulmeister hat gesagt, ein solcher sei bei Mannsdenken nie in der Schule gewesen; und mein Vater hat manchmal im Wirtshaus auf den Tisch geschlagen und gesagt: »G Landuogt cha mi Benz nit gäh, für-ne sellige mueß es e Donner vo Bern sy; aber we-n-er nit Weibel mueß werde-n-u Statthalter, su soll mi d. T. näh.« Ich konnte dem Schulmeister auch antworten, so wie er fragte, wie Schnupf, und blieb nie eine Antwort schuldig. Meine Mutter kam oft in die Kinderlehr, lehnte ihre dicken Arme über einander und hörte mit einem göttlichen Behagen zu, wie geschickt ich sei, wie ich allemal die letzten Sylben oder gar das letzte ganze Wort dem Schulmeister nachsagte, ohne zu fehlen. Und wenn sie heimkam, so sagte sie zu den Jungfrauen: »Üse Benz isch notti e Gschickte, i hätt's nit glaubt; er thuet bi wytem all dür; i glub dr Schumeister chönnt ihm nit so antworte; er cha alles unbsinnt.« Den nächsten Sonntag fragten dann die Jungfrauen auch: ob sie nicht in die Kinderlehr könnten ga luege, wie dr Benz 's chönn? Ob die Mutter es erlaubte, kann man sich denken. Nun hielt ich etwas auf meinem Ruhm, aber weiter dachte ich nicht; ich war der Gschicktisch und damit war ich mehr als zufrieden. Ich war ein großer, wilder, starker, übermütiger Baurensohn und dachte nicht von weitem daran, daß ich meine Religion außer in der Schule oder in der Kirche zum Antworten zu brauchen hätte, als etwa zu beten und niemere z'mürden. Ich fluchte, daß der Boden zitterte. Ich war hinter unsern Jungfrauen her, und wenn ich eine ergreifen konnte, so griff ich so weit ich konnte. Ich gehorchte den Eltern nur, was ich mußte, und gab der Mutter die schnödesten Worte und auch dem Vater schonte ich nicht; und je mehr ich das konnte, desto mehr meinten sie sich mit mir. Ich verdarb den Nachbaren manches, und wenn ich einen armen Bub prügeln konnte, so war das meine Burgerlust. Ich hatte gar von weitem keine Vorstellung, daß das die Religion etwas angehe; überhaupt dachte ich gar nie an Religion, als wenn ich antworten sollte. Da warf mich das Schicksal ins Leben hinaus. Mein Vater, ein abgerichteter Bauer, duldete keine eisernen Gabeln im Roßstall, weil er behauptete, man steche damit die Rosse oft, ohne daß man es wisse. Die hölzernen Gabeln waren mir aber zuwider; überhaupt wurde ich allemal böse, wenn etwas befohlen wurde. Ich nahm also, wenn ich misten oder die Streu zurecht machen mußte, eine eiserne Gabel und wurde darüber oft ausgeputzt, und der Vater hatte mir bereits manchmal gesagt: »Lue, Vueb, we d' mr das no einisch machsch, su lue de wi's dr goht; i schloh di mit sant dr Gable-n-unger dChrüpfe-n-ungere.« Einmal wollte mir ein junges Pferd nicht auf die Seite gehen, damit ich den Mist unter seinen Füßen wegnehmen und zurücklegen konnte; ich fügte: »Gang ume!« ich gab ihm mit der Gabel, allein es that keinen Wank. Ich fluchte mit ihm, schlug es stärker an die Seite; da schlug das Pferd auch nach mir und streifte mir glücklicherweise nur die Seite, warf mich aber doch in den Gang hinaus. Da übermannte mich der Zorn, und ob ich eigentlich schlug oder stach, ich weiß es nicht, kurz man sah die drei Gabelzinken in drei blutigen Wunden am Kreuz des Pferdes, das auch wie wütend schlug und in den Bahren hinaufspringen wollte. Zu diesem Höllenlärm kam mein Vater. Auch ihn ergriff der Zorn, da er in meiner Hand die eiserne Gabel sah und auf des Pferdes Rücken die blutenden Wunden. Ein tüchtiger Schlag von ihm, begleitet mit vielfachem Donner, warf mich an die Wand zurück. Meine Wut war Berserkerwut geworden und meine Gabel kehrte sich gegen den Vater, Der aber, ein gewaltiger Mann, früher berühmter Schläger, griff mit seiner eisernen Hand mir darauf; sie flog aus meinen Fäusten, und nun nahm der Vater mich in die Hände. Wie ich biß und schlug und stüpfte, es war, als ob mein Vater fühllos wäre, meine Fäuste Seifenblasen, meine Holzschuhe Bernerweggli, meine Zähne Holdertoggeli. Er warf mich an den Ohren zwischen die Pferde hinein, drückte mir den Kopf in den Mist und schlug und trat mich, bis endlich der Mutter es gelang, ihn wegzuziehen und mich frei zu machen. Wie ich aussah, kann man sich denken. Ich wurde kurzweg zum Brunnen geschickt und dann solle ich mich fortmachen. Aber wie es in mir aussah, das kann sich niemand vorstellen. Eine Wut kochte in mir, heiß wie die Hölle. Ausbrechen offen durfte sie nicht; ich hatte meine Ohnmacht gefühlt; aber auf Rache sann ich, je gräßlicher je besser. Lange brütete ich im Gaden über Racheplänen. Haus anzünden, Vater erstechen u. s. w,, das waren die zwei Hauptgedanken, die sich mir im Gemüte wälzten. Fort wollte ich allweg; da bleiben – der geschlagene, mißhandelte Bub unter den Knechten und unter den Mägden – das war über meine Kraft. Als alles im Bette war, stund ich leise auf, zog meine bessern Kleider an, raffte all mein Geld, das ich im Schaf- und Taubenhandel gewonnen, zusammen und schlich mich hinaus, noch immer nicht mit mir einig, was ich thun sollte. Den Vater zu erstechen, hatte ich aufgegeben; das Haus hätte ich gerne angezündet, aber ich hatte kein Schwefelholz, und in die Küche zu gehen fürchtete ich mich. Ich versuchte, Stroh mit Schwamm anzublasen; allein es ging nicht. Aber etwas mußte doch gehen. Ich wußte, daß mein Vater oft mitten in der Nacht und jedenfalls am Morgen vor Tag um das Haus herum und in alle Ställe ging ohne Laterne. Ich deckte daher alle Mistlöcher ab und dachte bei mir: »I melem git's di ächt, du alte D. ? we d' nume-n-ersustisch, du wüßtisch de, wie's eim im Dreck isch.« Dann lief ich fort in die weite Welt hinein, bis es Morgen war, an dem Gedanken mich ergötzend, wie der Alte schnopsen werde im Mistloch. Als es Tag war, da kamen die Gedanken: wohin, was anfangen? Zum Land aus wollte ich; denn im Lande hielt ich mich nicht sicher. Von Langenbruck-Kuhhändlern hatte ich gehört, daß in Basel das Loch sei, wo man zum Land aus könne. Dahin steuerte ich also. Nun will ich meine Abenteuer euch nicht erzählen; das würde sonst gehen bis morn z'Abe oder noch länger. Ich will euch nur sagen, daß, weil nun kein Schulmeister da war, der mich fragte, keine Kirche, kein Fragenbuch, aus dem ich aufsagen mußte, ich gar keine Religion hatte. Ich war ein wilder, wüster Bube, der alles für erlaubt hielt, was er machen konnte, wo möglich ungestraft. So kam ich endlich auf ein holländisch Schiff, das nach Batavia ging, als Schiffsjunge, nachdem ich mit Holzflößern den Rhein ab gefahren war. Die Reise ist lang und wegen den unruhigen Meeren gefährlich. An's Meer hatte ich mich bald gewohnt, an meinen Dienst auch. Da ergriff uns im indischen Meer ein gräßlicher Sturm oder Orkan, wie man sagt. Von dieser Gewalt, die da in der Natur tobt, hat man hier keinen Begriff. Wir glaubten alle uns verloren und jeder betete, was er wußte und so laut er konnte, damit der liebe Gott es höre im Donner der Wellen und im Sausen des Sturmes. An dem Rest eines Mastes, der zerbrochen worden war wie ein Schwefelholz, hielt ich mich fest, neben mir noch einer der Passagiere. Der betete aber nicht, und da glaubte ich, auch für ihn beten zu müssen, und betete daher um so lauter folgendes Gebet, das ich zu Hause des Morgens und des Abends beten mußte und das man auch zuweilen in der Schule betete; und wenn ich hinten aus war, so fing ich wieder von vornen an: »Herr Jesus in der Kilchen saß, daß er mit seinen zwölf Jüngern das heilig Nachtmahl aß. Johannes sprach: Es ist guter Wein. Herr Jesus aber sprach: Es ist nicht Wein; es ist von meinem rosenfarben Blut; es ist für eure Sünden gut. Das sollet ihr essen und trinken zu meinem Gedächtnis. Herr Jesus aber sprach: Jetzt muß ich von euch gehen, schwere Zeit muß ich ausstehen. Die Juden nahmen ihn; sie hüben ihn, sie schlugen ihn, sie henkten ihn auf an ein Kreuz. Sie nahmen unsern lieben Herrn Jesus herab, sie legten ihn in ein steiniges Grab, in dem noch nie kein Menschenkind gelegen war. Der Herr Jesus aber sprach: Wer das Bet beten kann und alle Tag zweimal nüchtern spricht, und ihm sein heilig bitter Leiden nicht vergißt, dem wöll er drei Engel senden drei Tag vor seinem End; einen, der ihn weise, einen, der ihn speise und einen, der ihn führe ins Paradys und vom Paradys ins Himmelrych. Amen.« So schrie ich Gott an wie wütend – und es half. Wir waren glücklicherweise nicht in den Bereich von Nissen, Felsen, Brandungen ec gekommen. Der Orkan sauste vorüber, die Sonne brach wieder hervor aus dem Wolkenmeer und besänftigte mit ihren kosenden Strahlen des Meeres Falten und Furchen, und ob solchem zärtlichen Streicheln wurde glatt wieder seine Stirne. Ich war wieder ganz buschauf und hatte mein Beten, und daß ich zu Gott gebetet und daß ich geglaubt, er habe Macht über den Orkan, schon rein vergessen, als der Passagier von gestern an mich trat. Er sah ganz aus wie ein Landvogt, nur viel nobler, und fragte mich: ob ich katholisch sei? – »Nein,« sagte ich. – Dann werde ich reformiert sein? – »Nein,« sagte ich. – »A so, also ein Lutheraner?« – »Nein,« sagte ich. – Da verlor der Mann seine Geduld, sagte einige Worte in fremder Sprache und fragte: »Wie heißest du dann und woher bist du?« – »Benz Wehrdi us dr Löhr.« – »Wo ist dann das?« – »Inne-n-a Basel, nit wyt vo Bern.« – »Zu was für einer Kirche gehörst du dann?« – »He, mr ghöre ga Häusiwyl z'Chile.« – »Was habt ihr dann da für eine Religion?« – »He, die, wo der Schumeister u dr Pfarrer is predige-n-u chingelehre,« – Endlich brachte er heraus, daß ich ein Christ sei und noch dazu einer, dem der Herr erlaubt habe. Mein Frager wußte zwar lange nicht, was das eigentlich bedeute. Nach langem Fragen nach unsern Büchern, nach der Kirche, wie sie aussehe und was in ihr vorgehe, brachte er endlich auch heraus, daß ich ein Reformierter sei. Aber auf alle Fragen über die Religion selbst konnte ich ihm kein Wort antworten. Das sei doch e dumme Tüfel, dachte ich; üse Schulmeister könne es anders. Der Mann war über mich nicht weniger verwundert und meinte: ich werde armer Leute Kind gewesen sein und keinen Unterricht genossen haben. Das wurmte mich und ich antwortete: er könne ja selber nichts. Der Mann lachte, dann sagte er: es müsse um Bern herum mit der Religion schlecht bestellt sein, wenn man dort nicht einmal wüßte, welche man hätte, und wenn man dem Namen nach reformiert sei und doch noch katholisch bete. Von da an beschäftigte sich der Mann, der an meinem trotzigen Wesen Gefallen fand, viel mit mir. Es kam heraus, daß ich mit Schreiben und Rechnen gerade so bestellt war, wie mit der Religion. Wie ich Fragen aufsagen konnte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten, so konnte ich Buchstaben machen, wenn ich sie abschreiben konnte. Ich hatte hundert Heustöcke gerechnet, aber nie einen gemessen; darum hätte ich auch keinen auf Ort und Stelle ausmessen, ja ich hätte kein Klafter Holz in Schuhe auflösen können. Ich konnte also eigentlich rein nichts. Der Mann wußte auf dem Schiff und später zu Batavia, wo er eine bedeutende Anstellung hatte und mich zu sich nahm, so gut alles anzukehren, daß ich in tausend Verlegenheiten und am Ende zur Überzeugung kam, ich könne nichts. O, dachte ich manchmal, nachdem ich diese Überzeugung erhalten hatte, wenn doch unsere Schulmeister alle hier wären, oder wenn es doch der Regierung in Sinn käme, sie alle nach Batavia zu schicken; da könnten sie dann merken, was sie eigentlich wären. O, wenn ich an die zehn Jahre dachte, die ich in der Schule zugebracht, um nichts zu lernen, so rollte mir das Blut siedend heiß im Leibe herum, und wenn ich damals ein Schulmeisterlein in die Finger gekriegt hätte, wer weiß, wie es ihm ergangen wäre. Darum habe ich die Schulmeister so auf der Mugge, weil man nichts brauchen kann, was sie lehren. Sie wissen etwas halb oder zum Viertel, oder haben manchmal nur von weitem läuten gehört, und nun muß das arme Kind das schlucken, wie Kieselsteine, ein unverdaulich Zeug, das am gesundesten noch ist, wenn man es sobald als möglich wiedergeben kann. Was sie geben, ist und bleibt tot und erstickt. Sie können nichts, am allerwenigsten die Religion mit dem Leben verbinden und dadurch sie lebendig machen. Darum hat man gewöhnlich, je mehr Religion in der Schule getrieben wird, desto weniger, wenn man aus der Schule ins Leben kömmt. Freilich ist es auch merkwürdig, daß, sobald etwas Vernünftiges in einer Schule getrieben wird, die Leute zu schreien anfangen, man wolle keine Religion mehr und die Religion sei die Hauptsache. Und die Religion, welche diese Leute meinen, ist gar nichts anders, als der Deckel auf Geist und Leben, daß keines Luft bekommt, sondern hübsch erstickt bleibt. Es ist merkwürdig, wie alles stillschweigend sich die Hände bietet, um die Religion zu einem Deckmantel jeglicher Unvernunft, jeglicher Sünde zu machen, und wie die, welche am meisten darunter leiden, das sogenannte Volk, am meisten auf diesen unsaubern Deckmantel halten, am meisten schreien, wenn man ihn lüften will, und dann viele Lehrer den dreckigen Mantel, an dem so mancher Esel sein Maul abgewischt, für den heiligen, reinen Leib selbsten halten und ihn dafür anpreisen, gerade wie jener Küster, der mir einst eine wurmstichige Leiter von Tannenholz und eilf Seigeln zeigte und behauptete, das sei die wahre, echte Leiter, auf der Jakob die Engel vom Himmel und gen Himmel habe steigen sehen. So erzählte der Jägersmann, aber viel weitläufiger als ich es hier sagen kann. Er führte eine Menge Geschichten an, wie es ihm erging in seiner Unkenntnis und wie manche Sünde er beging, ohne daran zu denken, daß die Religion sie nicht erlaube. Es wäre das alles recht lustig zu lesen gewesen und das Papier reute mich nicht; allein der Anfang der Schule rückt wieder heran und da muß ich pressieren mit dem Fertigwerden. Ich wollte meine Sache aber noch nicht aufgeben und meinte, der Fehler könne doch vielleicht an einem andern Ort sein, als an den Schulen, und dann könnten die Schulen doch auch anders geworden sein, als sie zu seiner Zeit gewesen. Allein Wädeli brach unseren Streit ab mit der Frage: wie es ihm dort ergangen und wie er wieder hergekommen sei. Er erzählte uns das Ding kürzlich also: »Mein Herr machte mich nach und nach zu seinem ersten Diener und gab mir einen Lohn, um den manches Patriziersöhnchen, dem der Vater aus des Staates Tischdrucke ein Pöstlein als Sackgeld gegeben hat, mich beneidet hätte. Nach mehreren Jahren starb mein Herr in dem ungesunden Lande, nachdem er mich zu einer Anstellung noch bestens empfohlen hatte. Dort erwarb ich mir nun Vermögen und führte dabei ein gut Leben in doppelter Bedeutung; ich ließ mir wohl fein und zeigte im Leben, daß ich Religion im Herzen hätte. Ich weiß nicht, wie es ging, aber meine Gedanken schweiften immer mehr ins Vaterland zurück; für mein Leben gerne hätte ich gewußt, wie es dort ging: ob Vater und Mutter noch lebten, wie die Brüder sich aufführten, ob die Schwester verheiratet sei? Saß ich einmal alleine des Abends auf des Hauses Dach, so rollte meine Jugend an mir vorbei, und wenn ich mich dachte als Weidbub, im Herbst sechs stattliche Kühe vor mir hertreibend, in der einen Hand die Geißel, unter dem andern Arm einen Bündel Späne: so konnte ich mich von dem in mir aufgehenden Bilde nicht mehr losreißen. Ich sah mich auf dem mächtigen Acker das Feuer anzünden, nachdem ich einige Zäune geplündert hatte. Mit einer eigenen Wollust fühlte ich die nassen Beine im nassen Tau und dann die wohlthätige Wärme des Feuers. Ich stahl wieder Erdäpfel auf dem ersten besten Acker zum Braten, oder Äpfel, und lockte nach und nach andere Weidbuben zu mir her. Da vergaßen wir die Kühe und die ließen es sich wohl sein auf dem Acker, auf dem das meiste Gras war, ohne zu fragen, wem er sei. Wir aber brieten, was wir hatten, prügelten uns, machten Spiele, Steckenwerfen oder Mattengraben, und ließen uns durch nichts stören, als wann zuweilen ein Bauer kam, auf dessen Acker die Kühe lustig weideten, uns das Feuer zerstörte, uns nachlief, um uns zu haaren, und, wenn er endlich atemlos absetzen mußte, ohne einen gefangen zu haben, uns nachrief: »Wartet nur, ihr Donnersbuebe, wen-n-i eine-n-erwütsche, fu will ig ihm's de ytrybe!« Und wenn ich mir die kühlen Nebel dachte des Morgens, wie alles verhüllt war, daß man kaum zehn Schritte weit sah, so fühlte ich den wunderlichen herbstlichen Nebelgeruch wieder in meiner Nase, und dann sah ich, wie der Nebel allmählich wich; ich sah eine Kuh nach der andern, einen Weidbub nach dem andern auf dem weiten Felde, sah, wie der Nebel sich immer mehr säumte, sah helle Risse in dem grauen Meere, sah an den Vorbergen wie an einer Leiter die Nebel höher steigen, sah, wie der blaue Himmel hervortrat, wie die Sonne ihr Antlitz zeigte hinter dem Schleier, und wie auf einmal der Schleier fiel und ihr Antlitz im alten Glänze strahlte, und wie die einzelnen Nebelwolken flüchtig durch den Himmel eilten und verschwanden, einem geschlagenen Heere gleich, das in der Flucht seine Rettung sucht. Und wie es dann so lieblich warm blieb bis am Abend, bis die Glocke Feierabend läutete im Dorfe und dann alle Weidbuben aufprotzten, ihre Feuer noch einmal hoch auflodern ließen und dann mit ihren läutenden Kühen läutend dem Dorfe zu zogen durch die Nebelchen durch, die auf einzelnen Matten emporstiegen. Sah, wie die Kühe, je naher sie ihrem Stalle kamen, um so schneller eilten, um der drückenden Milch los zu werden; hörte, wie sie von weitem dem Melker zubrüllten: sie kämen und er sollte z'weg sein; wie dann die Glocken munterer anschlugen und im ganzen Dorfe man nur die rufenden Kühe hörte und ihre Glocken, und zwischen durch die scharfe Stimme eines Weidbuben, der einem noch ungehobelten Kalb, das seinen Stall nicht wußte, die Dressur beibrachte. Wenn so ein Abend in meinem Geiste aufging, dann ward ich traurig; es ward mir ums Herz so eng und in den Augen so naß, daß ich laut auf hätte weinen mögen, und solche Abende gingen mir immer öfterer auf, und immer tiefer wurde der Schmerz und immer dringender die Sehnsucht, das noch einmal mit eigenen Augen zu schauen, noch einmal das Läuten der Kühe mit eigenen Ohren zu hören. Allmählich starb ich allen Geschäften ab und versank in ein stilles, tiefes Träumen, dem ich Tag und Nacht nicht los werden konnte; und dieses Träumen zehrte an meinem Körper, daß er einher wankte wie ein Schatten an der Wand und ein Kind mich hätte umwerfen können. Ich wußte nicht, wo es mir fehlte; kein Arzt konnte mir helfen. Sie redeten von allerlei, von schleichenden Fiebern und Fehlern in der Leber, dem Herz, der Lunge, der Milz und Gott weiß wo an allen Orten; und immer tiefer ward mein Sehnen und doch konnte ich nicht zu dem erlösenden Gedanken kommen. Da kam eines Tages, als ich eben wieder in meinen Träumen des Vaters Pferde in die Schwemme ritt, ein Bekannter zu mir, um Abscheid zu nehmen, weil er nach der Heimat gehe. Da ward es, als wenn ein heller Glanz mir ins Auge dringe, als ob ich in dichtem Nebel versenkt gewesen wäre und plötzlich die Sonne mir hervorbreche in aller Herrlichkeit, und diese Sonne war der Gedanke, der Entschluß – denn beides war eins –, nach der Heimat zu gehen. Es fehlte mir nichts mehr, weder im Herz noch im Magen; alle Mattigkeit war entschwunden und machte einer rastlosen Hast Platz, meinen Entschluß auszuführen. Ich war ein ganz anderer Mensch und konnte gar nicht begreifen, daß das Heimgehen mir nicht früher in den Sinn gekommen. Aber wahrscheinlich war wirklich das Herz zu krank zu diesem Gedanken und er mußte von außen hineingeworfen werden. Nichts hinderte mein Weggehen als allfällig die Sucht, noch reicher zu werden; aber die fühlte ich, gottlob! nicht vor der Sucht, meine Kühe wiederzusehen, meine Nebel und meine Strohdächer. Ich hatte ein Vermögen gesammelt, das mich unabhängig machte; ich konnte es leicht los machen, und da ich um meine Besitztümer, meine Fahrhabe nicht lange märtete, so ward ich auch ihrer bald ledig und frei wie ein Vogel in der Luft. Aber leider war ich kein wirklicher Vogel, dessen Flügel ihn so schnell tragen über Land und Meer. Es schien sich alles gegen meine Hast verschworen zu haben. Den Ungeduldigen macht alles ungeduldig, dem Hastigen geht alles zu langsam. Die Winde wollten nicht wehen, die Wellen nicht rollen, die Segel nicht ziehen, und der Kapitän schien mir das alles erpreß zum Trutz zu machen. Und doch ward mir wieder so wohl, wenn ich dachte, daß ich jede Stunde meinem Ziele näher käme und jeder Morgen dem Morgen näher sei, an dem ich in der Heimat erwachen werde. Endlich war die Seefahrt zu Ende, und als wir feste Erde unter den Füßen hatten, kein Meer mehr trennend zwischen mir und meinem Lande lag, da ward ich ruhiger und fuhr durch Deutschland herauf diesmal dem Bodensee zu. Als ich aber endlich von der Höhe über Lindau wieder hineinsah ins Schweizerland, als ich die gewaltigen Berge sah, das üppige Rheinthal mit seinem jungen, lustigen aber wilden Rhein, die grünen Appenzeller Halden und den großen Thurgauer Garten, und aus dem großen Ganzen wie freundliche Gesichter mir die blühenden Dörfer und Städte entgegen blickten, da schwoll mir das Herz und ich hätte einen Satz nehmen mögen über den weiten See hinüber, um den ersten besten Schweizer beim Kopf zu nehmen und wahrscheinlich Schläge zu kriegen zum Dank für meine Zärtlichkeit. Auf meiner Reise hatte ich mir oft den Kopf zerbrochen, auf welche Weise ich den Meinigen mich darstellen wolle; denn ich hatte auch manches Geschichtchen von dem Wiedererscheinen verloren gegangener und wiedergekommener Söhne gelesen. Bald wollte ich kommen als großer Herr in vierspänniger Kutsche, bald als Bettler in Hudeln, als Roßhändler, als Soldat, kurz in einer Menge verschiedener Aufzüge. Endlich entschloß ich mich für das Allereinfachste, nämlich zu kommen in dem Aufzug, in dem ich mich gerade befand. Auf der letzten Station (damals fuhren die Posten noch selten durch die Nacht in der Schweiz) konnte ich nicht schlafen. Vor meinem Bette war alles lebendig. Menschen und Häuser, Vieh und Land tanzten Stube auf und ab und rund um mein Bett herum. Endlich heiterte es durch die Scheiben; es brannte mich im Bette, und durchs Haus fuhr ich wie der böse Geist, wenn mich nicht mit Ketten-, doch mit Stiefelgerassel. Ich ruhte nicht, bis der Postillon auf war; der wollte aber erst etwas Warmes in Leib, ehe er fuhr; da mußte ich hinter die Köchin; die Köchin wollte aber erst von der Wirtin die Schlüssel, und bis alles endlich von einem jeden hatte, was es wollte, hatte ich von einem jeden, was ich nicht wollte, Schimpfreden, die ich mir aber bald mit einigen malayischen Phrasen vom Leibe hielt. Wie mich doch zuerst die Kirchtürme heimelten und dann die Strohdächer, die, wie Nachtkappen tief in die Augen, tief in die Fenster hineingehen! Dann kamen Brücklein, unter denen ich gefischet oder gekrebst; Thürli, mit denen man Reisende geneckt; Bäume, wo ich Obst gestohlen oder Vögel ausgenommen, endlich ein Haus – aber es war ein neues, und unbekannte Gesichter in den Fenstern. Endlich kamen die bekannten Häuser, und die bekannten Hunde liefen bellend hinter der Postkutsche drein; es war mir, als ob ich jeden beim Namen hätte rufen mögen, und vor dem bekannten Wirtshause hielt der Wagen. Da lagen noch die gleichen Wedelen neben dem Hause; die gleiche hölzerne, abgelaufene Treppe führte zur Thüre, und wahrlich akurat die gleiche Stubenmagd, von der ich einst wegen tölpischen Zärtlichkeiten eine Ohrfeige erhalten hatte, kam heraus, die Züpfen noch in den Händen und sie zu Ende flechtend. »Go grüeß di, Eiseli,« rief ich und sprang ihr fast um den Hals. Das Mädchen sprang drei Schritte zurück und sagte: »Herr Jeses, woher chennet ihr mi, i ha euch nie gseh?« Da fiel mir auch ein, daß das achtzehnjährige Bernermädchen keine Bekanntschaft von mir, wohl aber die Tochter meiner alten handfesten Freundin sein könne, und so war es auch. Nur war das junge Mädchen viel freundlicher als die Alte, und in der saubern Bernertracht kam sie mir ganz allerliebst vor, und als sie noch das Schaubhütchen aufsetzte, um eine Verrichtung zu machen, da hätte ich das Mädchen küssen mögen, wenn ich nicht eine Ohrfeige gefürchtet hätte. Wenn die reichen Tonangeberinnen und die ärmern Affen wüßten, wie häßlich die schwarzen und besonders die weißen Unfläte von Schlampihüten, manchmal mit Federn oder den wunderlichsten Bändern, ihren appetitlichen Gesichtern stehen, wie lustig sie aber in den Schaubhüetlene sind und wie lieb sie einem darin werden können, wahrend man sie in den andern nur auslacht, sie würden ihre Schlampihüet den Hühnerträgeren oder den Langenthaler Schwefelhölzliweibern verehren und die Schaubhüetleni wieder aus den Spycheren oder Tröglene erlösen. Der Wein des Wirtes war noch akurat gleich geschwefelt wie vor zwanzig Jahren und war kurioser Weise in diesen Jahren auch gar nicht alter geworden. Aber nun klopfte mir doch das Herz, so nahe den Meinigen, und ich wußte nicht recht, ob ich zu ihnen gehen oder sie herbescheiden solle, und bald wäre ich umgekehrt. Die Eltern waren gestorben, die Güter geteilt, die Geschwister verheiratet; soviel vernahm ich von meinem hübschen Meitschi, das, heimgekommen, gwundrig und doch scheu um mich her strich und allerlei wissen wollte, was ich ihm nicht sagen mochte. Endlich bei einbrechender Dämmerung ging ich dem väterlichen Hause zu, auf dem Wege noch manchen Menschen erkennend; dort aber erkannte mich niemand. Als ich mich meinem Bruder als sein Bruder vorstellte, sagte er kaltblütig: »GZ wird öppe nit sy; we da no lebti, er war längste-n-umecho, wo-n-er ghört hätti, dr Alt war gstorbe u-n-es gab öppis z'teile.« Ich stellte ihm vor, daß ich gar weit gewesen und davon gar keine Kunde hätte erhalten können. »Das soll i-ne de nit brichte;. dr Vatter syg e bchannte Ma gsi u-n-es heige das neue-n-all, Lüt vrnoh, daß er gstorbe syg. Es chönnt ihm da e-n-iedere säge, er syg sy Brueder.« Ähnlichen Bescheid erhielt ich allerwärts; nirgends wollte man mich anerkennen in der Verwandtschaft. Man begehrte nicht, noch einmal mit mir zu teilen, und für mich hatte man nichts bei Seite gethan, sondern meinen Tod angenommen. Alles das, was ich von meiner Jugend und Vater und Mutter zu erzählen wußte, sollte ich von mir selbst gehört haben und nun, um dieser Kenntnis willen, mich für den gestorbenen Bendicht Wehrdi ausgeben. Das war unsinnig. Denn wie hätte mir Benz Wehrdi den Pflaumenbaum zeigen können, von welchem er einmal seinen Bruder hinuntergeworfen? Wie wäre es ihm eingefallen, mir zu erzählen, in welchem Stalle wir die Kaninchen gehabt und mit welchem Bruder ich gemeinsam gehandelt, oder wie lange einer an den Fragen auswendig gelernt und an welchen Stellen das eine oder das andere von uns durch den Vater abgeschlagen worden sei? Aber denn doch fanden sie mehr Glauben als ich, und selbst der Schulmeister, den ich daran mahnte, wie manchmal ich für ihn die Rute geführt und wie er sie mir einst auch gegeben, als ich Statthalters Anne Bäbeli im Schopf küßte und ihm verraten worden war, verleugnete mich. Das sei freilich wunderlich, hieß es; allein ich sei doch der Benz nicht; ich gleiche ihm ja gar nicht. Der habe keinen Schnauz gehabt, aber schön rot und weiße Haut, und sei fast einen halben Schuh kleiner gewesen; oder wenn ich ihn sei, so solleich es beweisen, solle den Heimatschein zeigen, wenigstens den Taufschein. Daß ich keins von beiden mitgenommen, wußte man gar wohl. Ich suchte rechtliche Hülfe. Da gab es Erscheinungen auf Erscheinungen, wir wurden herumgezogen, und an die Erscheinungen kamen die beiden Advokaten in einer Chaise. Ich war endlich genötigt, beim holländischen Gesandten Schutz zu suchen. Da nahm, ich weiß nicht, wie es kam, meine Sache eine günstigere Wendung. Ich wurde als Bürger von Küngiwyl anerkannt, und in einem Verglich erhielt ich ein Teilchen des väterlichen Vermögens, von dem, wenn es recht gegangen wäre, gleich ein Teil für mich hätte abgesondert werden sollen.« Während der Jägersmann also sprach, war meine Mutter heimgekommen und hatte mit großer Verwunderung das Traktement gesehen. Die Verwunderung verwandelte sich aber alsobald in ihrem Gemüte in Bitterkeit und Ärger, daß man einem fremden Menschen so aufwarte zu ihrer eigenen Verkürzung. Sie schnauzte meine Frau ab, als die ihr auch anbot von allem; sie hustete in alle Reden hinein expreß und brummte stichelnde Worte und stieß den Hund, der beim Ofen lag, mit dem Fuße, daß er zornig auffuhr; und mein Weibchen blieb die Geduld selbst und verzog auch nicht eine Miene. Der Jäger sah mit scharfen Blicken dem allem zu, während er erzählte; und als er fertig war, sah er nach dem Wetter sich um, und als er es besser fand, machte er sich zur Abreise fertig. Unserem Knaben drückte er noch Geld in die Hand, dankte meiner Frau gar manierlich; der Mutter aber sagte er, sie solle sich bekehren, ehe sie sterbe, und mich nahm er noch durch das Dorf mit, um den rechten Weg daraus zu finden; denn es war gar verirrlich. Nun fragte er mich Näheres über meine Umstände, die sehr armütig sein müßten. Ich berichtete ihm offenherzig meine Armut und die Unmöglichkeit, trotz aller Mühe mich mit Ehren aufrecht zu erhalten bei meinen Ausgaben. Er sagle, das sei der Fluch, der auf den Schulen liege. Man wolle Schulen; aber der Bauer so wenig als der Schulmeister wüßten, was eine Schule sei, und die, welche es wüßten, sagten es nicht, und man halte nur Schulen um des Anstandes willen. Der Bauer lasse den Schulmeister verreblen am Leibe und der Schulmeister des Bauren Kinder am Geiste; der Bauer behaupte, der Schulmeister verdiene nicht mehr, und daran habe er recht; und der Schulmeister sage, für solchen Lohn lehre er noch lange gut genug, und darin habe er recht und unrecht; denn eine solche Lehre verdiene eigentlich gar nichts. Der Bauer sei nicht gescheut genug, den Lohn hoch genug zu setzen, um dann etwas Besseres begehren zu können, und der Schulmeister zu dumm und hochmütig meist, eine Lehr zu beginnen, für die er anständige Besoldung fordern könne. »So sperren sie gegen einander an den meisten Orten, und wenn nicht ein Drittmann hineingreift, der für beide Verstand hat und beiden Verstand macht, so kömmt es nicht gut.« »Du bist ein guter Baschi,« sagte er, »und ich glaube, du könntest, wenn du wolltest, etwas in der Schule leisten. Wenn du z. B. die Religion, welche deine Frau hat, in der Schule lehren wolltest, so würde dies mehr abtragen als all dein Firlefanz. Die kann mich dauren; du hast ein böses Räf von Mutter, und ich habe gesehen, wieviel die Frau leiden muß und mit welcher Geduld sie es thut; und sie ist nicht bloß etwa geduldig vor den Leuten; die kann ihrem Gesichte nach nicht heucheln, und ich will wetten, daß die mich besser verstanden hat als du, wenn du schon Schulmeister bist. Doch wird sie nicht mehr lange zu leiden haben; deine Mutter stirbt, ehe das Neujahr da ist, und dann seid ihr vielem ab.« Dann schritt er von mir weg durch den Schnee fort, nachdem er noch versprochen hatte, wieder bei mir zuzusprechen mit Gelegenheit. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Von allerlei Gedanken und wie ich um mein Erbe komme. Als ich mein Gesicht von ihm wegkehrte, da fing es an im Herzen sich zu regen und zu bewegen. Das geschieht wohl jedermann, daß, wenn jemand von ihm sich wendet, er das Echo dessen, was jener zu ihm gesprochen oder auf ihn gewirkt, im Herzen empfindet, und aus den durcheinander wogenden Tönen macht sich einer vorzüglich geltend, übertönt die andern und hallet alleine wieder und immer wieder. Was war wohl jetzt der Accord, der bei mir anschwoll, alles andere in sich auflösend? War es das Schulwesen, war es die Person des Jägers oder seine Reisen? Nein, es war der Tod meiner Mutter. Und zu meiner Schande muß ich bekennen, waren die Töne in meinem Herzen nicht Trauerklänge, sondern sie tönten wie Aufatmen einer erleichterten Brust, wie das Lächeln aufkeimender Hoffnung. Wenn meine Mutter starb, wie viel besser hatten wir nicht? Dann war der Streit zu Ende, in unserer Wohnung wieder Friede, außer dem Hause keine Klatschereien mehr u. s. w. An das alles dachte ich, und daß es meiner Mutter selbst nicht böse gehe damit, daß sie auf Erden nichts verliere und froh sein solle, ihren Beschwerden los zu werden. Ich freute mich, diese Botschaft meiner Frau bringen zu können, und dachte, sie werde sich sicher auch freuen mit mir, denn ihr ging es am besten. Ich traf sie in der Küche alleine und mit Thränen in den Augen; denn wahrscheinlich hatte die Mutter ihr noch allerlei gesagt. Ich brachte ihr nun vor, daß die Mutter sicher noch vor dem Neujahr sterben werde, und brachte es zwar mit ernsthaftem, fast betrübtem Gesicht und mit gedämpfter Stimme vor, die fast klang wie der Trommelschlag bei militärischen Leichen. Denn die Menschen erlauben es wohl, daß man sich im Herzen über den Tod eines Menschen freue; aber das wollen sie, daß man doch dazu ein betrübt Gesicht mache und auf seine Stimme einen eigenen Dämpfer setze. Jeder halbweg erwachsene Mensch weiß dieses und übt sich, Gesicht und Herz von einander unabhängig zu machen, und kann er's, so heißt er wohl erzogen. Mein Weibchen fragte mich aber nicht bloß mit weinerlich sein sollendem Gesicht: »Es wird öppe nit sy; wer het's gseyt?« sondern fing wirklich bitterlich zu weinen an, hielt die Schürze vor das Gesicht und lehnte sich an den Kachelbank, der in solchen Fällen gar oft ihr Vertrauter war. Ich war ganz kaput und wußte nicht, warum Mädeli weine: etwa darum, daß die Mutter noch nicht gestorben, oder aus Rückerinnerung aller der Leiden, die sie ihm verursacht. Denn es gibt Weiber, die im stande sind, bei einem Glücksfall nicht nur zu weinen, sondern zu wüten, daß derselbe nicht vor zehn Jahren sich zugetragen habe. Ich frug hin und her, bald von der linken, bald von der rechten Seite, und vernahm erst nach langem den Stoßseufzer: »Ach, die armi Mueter, u-n-i bi so mängisch höhn über se gsy!« Ich tröstete nun wieder von der Linken zur Rechten und stellte dar, daß es doch für die Mutter ein Glück wäre, sterben zu können; sie habe doch nichts gutes mehr auf der Welt. »Ach, u mir hei ere's nit besser gäh!« seufzte mein Weib wieder. Da tröstete ich wieder, wie wir gegeben hätten, was wir vermocht, uns dabei noch manches versagt hätten, und ging dann, als das nichts half, in Anspielungen über auf die Vorteile alle, die ihr Tod uns und besonders meiner Frau bringen werde. Gerade heraus sagte ich es natürlich nicht. »Ach, Peter, hast du o selligs sinne? weisch doch nit wie gern d'Mueter lebt u wie st vom Tod nüt ghöre mah?« sagte meine Frau. Und ich Thor begriff die Reinheit von meines Weibes Herz nicht, das sich nie eine rauhe Antwort erlaubt hatte, aber innere unterdrückte Bewegungen sich zur Schuld anrechnete, unsern Aufwand für die Mutter nicht rechnete, sondern nur das, was wir nicht thun konnten; die an uns nicht dachte, unsere Erleichterung, sondern nur an die Wünsche einer Mutter, die ihr doch nie eine Mutter war. »Bis doch nit e Göhl,« sagte ich, »u thue so eifalt;was dr lieb Gott schickt, darein muß man sich ja schicken, sagst du immer.« Man sieht, ich war stark in den Anwendungen. Aber mein Weibchen hatte eine große Tugend, nämlich die, alle meine Dummheiten nicht zu hören, auf alle Falle nicht darauf zu antworten. Es ging in die Stube, um der Mutter etwas zu bringen, und von der wurde es wieder angefahren: was es doch immer zu plären habe, es sei doch der wert, gerade so einen Lärm anzufangen und es werde sie bei mir verklagt haben; aber das sei ihr gleich. Es wäre aber Zeit, daß es anfinge zu thun, wie es sich einem rechten Söhniswyb ziemte. Mädeli fagte nichts dazu, sondern sah sie so weichmütig, herzleidig an, daß mir beinahe das Herz übergelaufen wäre. Von da an diente es der Mutter mit doppelter Sorgfalt und machte das Unmögliche, ihr ihre Lage zu erleichtern. Aber die Mutter erkannte das nicht; bald nannte sie das Betragen Heuchelei, bald sagte sie, es scheine zu glauben, sie müsse bald sterben und wolle jetzt machen, daß es vor Gott weniger zu verantworten hätte; allein es könne jetzt machen, was es wolle; gfcheh syg gscheh, und auf das Sterben könnte es sich auch umsonst freuen. Unterdessen wurde sie immer schwächer, ihre Nächte immer ängstlicher. Sie hustete manchmal fast ganze Nächte hindurch, konnte nicht mehr im Bette bleiben und ihre Beine fingen an, mehr und mehr aufzulaufen. Es war ein trauriger Winteranfang und ein traurig Schulhalten in Sorgen ums tägliche Brot, in Kämpfen mit dem Schlaf, der nach schlaflosen Nächten in der Schule auf mich eindrang mit aller Pein des boshaftesten Feindes. Unsere Stube war der Sammelplatz aller Freundinnen meiner Mutter, deren Sperberaugen keiner unserer Mangel entging, vor denen die Mutter zeigen wollte, daß sie mich und das Söhniswyb nicht fürchte. Sie spielte denn doch nebenbei die Märtyrerin. Und alle Freundinnen wollten es zeigen, daß sie es mit der Mutter hielten, und machten uns saure Augen und gaben spitzige Worte. Viel Kram bekam die Großmutter allerdings: weiße Brötchen, Zucker, Kaffee, Wein etc., und da sie immer weniger Platz hätte, wie sie sagte, und um das Herz alles voll sei, so kriegte ein gar bedeutender Teil davon unser Bübel ab. Der ward immer meisterlosiger, so daß fast nicht mehr mit ihm auszukommen war. Und wenn wir ihm nur das geringste sagten, so klagte vor ihm die Großmutter: »Ach, du arms Buebli, wie wird's dr afe ga, we-n-i nimme da bi; du wirsch mr de bald nache müeße; si dole di de niene meh.« Die andern Kinder sahen ihn allerlei naschen, von dem sie nichts erhielten; das setzte Weinen ab. Und wenn der Bruder ihnen auch zuweilen etwas von seinen Herrlichkeiten abgab, denn ein böses Herz hatte er nicht, so nahm es ihnen die Großmutter wieder, oder sie sagte dem Knaben: »Warum gisch-ne vo dy'r Sach? bhäb du's; si gabte dir o nüt, we si hätte, u we d'ne geng gäh witt, so gib i dr o nüt meh.« Solche Predigten hielt sie, von immer heftiger werdendem Husten unterbrochen, der den nahenden Tod verkündete. Und der Knabe, der immer bei ihr sein sollte, strebte immer mehr von ihr weg; wenn er hatte, was er wollte, so machte ihr Husten ihm Langeweile. Dann äkte sie mit ihm und jetzt lief er erst von ihr fort; dann gab sie uns Schuld, wir wiesen den Knaben gegen sie auf und das sei doch leids von uns, daß wir ihr die einzige Freude nicht einmal gönnten: wir werden ihn einst noch genug haben können. Ist doch ein Großkind oft das einzige Spielzeug des Alters. Und wie das Kind oft nicht anders kann, als fein liebstes Spielzeug verstümmeln, zerstören, so haben es eben auch viele Alten mit ihren Großkindern. Es war Weihnacht; kalt und schneeig war es draußen. An selbem Tag hatten wir kein Fleisch gegessen; ein Kaffee machte unser Mittagbrot aus. Der Bube hatte Lebkuchen erhalten von der Großmutter, die ihm das Weihnachtkindli gebracht hätte, wie sie ihm sagte. Wir saßen auf dem Ofentritt zwischen Tag und Nacht, und zwischen Tag und Nacht war es auch in unserm Gemüte. Unsere Armut und Not dunkelte vor unsern Augen auf und wob Finsternis um uns her, und wie es finsterte in jedem, sagte keins dem andern, und wie es jedem unheimlich ward in der Finsternis, auch nicht. Als ich an das nächste Jahr dachte, fiel mir ein, daß der Pfarrer gesagt hatte heute in der Predigt: die Sonne entferne sich von uns nach und nach, weit und immer weiter; aber ihre Entfernung hätte immer ihre Grenzen; bis hieher, sage ihr der Herr, und nicht weiter; dann kehre sie um und komme, immer wärmer und glänzender werdend, wieder zurück. So gehe es auch im Menschenleben und im Völkerleben. Da schwinde auch die Sonne des Heils und des Glückes, aber der Mensch solle nur auf Gott vertrauen; auch hier spreche der Herr: bis hieher und nicht weiter. Der Pfarrer wendete das auf Christus an, wie er auch erschienen sei zur Zeit, in welcher das Menschengeschlecht am meisten versunken schien in Nohheit, in den Schlamm einer fürchterlichen Sinnlichkeit, in das Nichts eines trostlosen Unglaubens; und dann wies er auf viele Beispiele hin, wo Gott sich am nächsten gezeigt, wenn die Not am größten gewesen. So zeigte ich freundlich und leise Mädeli das Lämpchen, das mir schien in die Finsternis. Und Mädeli sprach: »Lue doch, Peter, wie mr e guete warme-n-Ofe hei, u dWärmi het mr so wohl tha, wo-n-i yche cho bi vom Brunne. U da ha-n-i a dMueter vo üsem Heiland müeße denke, die syg doch die best vo nalle Wybere gsi u het doch kei warme-n-Ofe gha i ihrem chalte Stall u kes Nett für seye u nit emal e Chorb für ihres lieb Ching. U du ha-n-i müeße denke, wie-n i doch das alles no heig u no alle Tag warmi Spys u de no kei Herodis, der na üse Chinge längi, und doch war i nüt gege dMueter Maria u sündigeti geng no so viel. Da isch es mir ganz ling wor-de-n-ums Herz, daß mr's doch eigetlich no so guet heige, we mr de recht luege, u meine doch geng, mr heige's so bös. U da ha-n-is du am liebe Gott abbete, daß mr geng so z'unnutz chlagi, u ha-n-ihm's gseyt, er soll nume mache, wie er well, mr welle mit allem z'fride sy. Es het mi düecht, i chönn ihm's nit gnue säge, nue-wi well z'fride sy u-n-ihm alles vertraue; u da isch mir ganz wohl worde, u doch mußte ich immer denke: o die armi, armi Frau i-n-ihrem chatte Stall, u we-n-i ere ume-n-e wenig vo üser guete Wärmi hätt chöne gäh!« So wies mir auch Mädeli leise und freundlich das Lämpchen, das helle Lichtstrahlen geworfen hatte über den dunkeln Hintergrund ihrer Seele. Die Großmutter hatte gehustet und die Kinder gespielt. Da kam unser älteres Mädchen weinend gelaufen und das kleinere watschelte ihm nach, weinend, und das ältere dolmetschte ihren Schmerz: »Mueti, dr Peterli het Lebchueche u wott üs kene gäh. Großmueter seyt, ds Wiehnechtchingli heig ihm se brungen-u nit üs; we mr nit Ufläth wäre, es hätt is o brunge. Mueterli, mr st kene Ufläth u gang säg's em Wiehnechtchingli, mr syge kene Ufläth u es soll is o Lebchueche bringe. Mueti, gang doch recht gschwing u lauf u säg ihm's.« Das Müeti fühlte die Bitte im Herzen; aber in mütterlicher Besonnenheit nahm es die beiden Kinder auf die Kniee, wischte ihnen die Thränen ab und bat sie, doch zu schweigen. Bis sie das konnten, dauerte es etwas lange. Da konnten sie endlich vor lauter Schnupfen wieder sagen: »Müeti, mr schwyge jetz, aber lauf gschwing.« Da sagte ihnen das Müeti, ds Wiehnechtchingli syg jetz scho gar wyt weg, es u sys Eseli. Wo ds Eseli das Briegge-n-u Pläre ghört heig, heig es afa springe gar grusam; es mög mit weniger lyde als ds Briegge u jetz mög ds Müeti deni Eseli nimme nahspringe. Es müeß jetzt de Macht choche, u ds Chingli heig sicher jetz scho sy ganzi Ladig vrbrucht. – »Aber Mueti, warum het is de das Chingli nit grad afangs Lebchueche gäh, wo-n-es da gsi isch u wo-n-es no gha het; ds selbisch hei mr nit briegget?« Ds Wiehnechtchingli isch drum ume no einisch hie gsi u het nit gwüßt, daß dr o hie snt; es het ech ds selbisch. nit gseh u het drum du nüt für ech z'weg gmacht.« – »Aber Mueti, warum hesch ihm de nüt lah säge, u jetz hey mr kei Lebchueche, u Mueti du bisch dSchuld –« und das Weinen ging von vornen an. »Schwyg, mys Meiti, schwyg,« sagte die Mutter, die keinen halben Batzen hatte, um den Lebkuchen nachzulaufen, »u we mys Meiteli schwygt, su will i ihm de öppis vom Wiehnechtchingli zelle u woher es chunt u wohi es geyt.« Da schwiegen die Meitscheni, lehnten ihre Köpfchen an der Mutter Brust und sahen ihr lauschend ins Auge. Und die Mutter erzählte ihnen von einem frommen, frommen Kinde, das seinen Eltern nie Verdruß gemacht, nie mit seinen Geschwistern sich gezankt und gcbriegget habe um nüt u wieder nüt. Und alle Kinder habe das Kind gar lieb gehabt, und wenn es einem etwas zu Gefallen hätte thun können, so wäre dies seine größte Freude gewesen. Da hätte einmal eine böse Schlange sich um viele, viele Kinder glyret und hätte sie alle, alle fressen wollen. Da sei das Kind gerade von ferne dazu gekommen und hätte gesehen, wie die Schlange das Maul aufgethan und wie es wie Feuer aus ihren Augen gefahren sei. Da habe das fromme Kind gar es grusams Erbarmen mit den andern Kindern gehabt, und sei herzugesprungen und habe geschrieen: »Friß, Schlange, friß mi, aber lah die andere gah!« Da habe sich plötzlich die Schlange aufglyret, habe die andern laufen lassen, sei auf das Kind zugesprungen mit weit, weit offenem Maul und feurigen Augen, groß wie Pfluegsrädli. Und das Kindlein hätte die Hände gefaltet und gebetet das Walt Gott, und die Augen zugethan und geglaubt, die Schlange hätte es verschlungen in einem Schluck, und jetzt liefe sie davon oder fliege mit ihm durch die Lüfte. Da habe es endlich bei sich gedacht, es wolle doch die Augen aufthun und sehen, wie es im Bauche einer Schlange sei. Und da sei es heiter und hell um ihns gewesen und eine Sonne hätte geschienen, aber eine viel schönere als die, welche hier scheine, und auf den Armen eines Engels sei es gewesen, und der Engel hätte gar hold und freundlich ihns angelächelt und ihm gesagt: es solle sich ja nicht fürchten, er führe es an einen gar schönen und guten Ort, wo es Freude haben werde, wie noch nie, und wo keine böse Schlange sei. Weit, weit sei er mit ihm geflogen, immer der schönen Sonne zu, so daß das arme Kind vor lauter Glanz die Augen wieder habe zuthun müssen. Da habe der Engel es endlich abgestellt in einen gar herrlichen Garten, wo lauter Dinge gewesen, die es nie gesehen, und wo es Meye gseh heig, schön wie ds Morgerot und ds Aberot, und die wyt, wyt gschine heige, wie Sonnenschyn und Mondschyn z'säme. Und viele tausend Engelein seien ihm zugesprungen und hätten ihm ihre Hände gegeben und ihm gesungen so schön, so schön, daß es ihns dünkte, der lieb Gott müsse die selber ha lehre singe. Aber unter all denen Engelein sei keins der Kinder gewesen, die es hier von der Schlange gerettet, keins das es gekannt. Da habe es zu meinen angefangen und gejammert, es möchte doch zu seinen kleinen Kindern, sonst könnte ja vielleicht die Schlange sie doch noch fressen. Da habe eine Stimme, die nicht von hieher, nicht von dorther, sondern aus jeder Blume, aus Abendrot und Morgenrot, aus Sonnenglanz und Mondenschein, zu kommen schien und die klang, wie Sonnenglanz klingen muß, ihns gefragt: »Aber gefällt es dir hier dann nicht, es ist doch so schön hier?« –»Ja!« habe das Kind geantwortet, »mir gefällt es hier; aber ich muß doch zu meinen Brüdern und Schwestern und den andern Kindern; was sollen die anfangen, wenn sie mich nicht mehr haben? Aber wenn ich die mitbringen darf, dann will ich mit ihnen kommen und mich freuen hier; o wie schön wäre das! – Da hätte es vernommen: das könne noch nicht sein; und wieder hätte es gemeint, daß man die Hände unter ihm hätte waschen können. »Liebs Kind!« hätte darauf die Stimme gesagt, »briegg nicht; hier oben darf nit briegget werde; aber wenn du nimme briegge witt, so will der erlaube, daß du albe-n-einisch abe darfst zu den andern Kindern, und denen darfst du kramen Lebkuchen und andere gute Sachen, aber nur denen, die auch lieb sind, und alle die, denen du das Brieggen abgewöhnen kannst, die will ich dann auch hieher nehmen, und dann kannst du ja immer bei ihnen sein und alle sollt ihr mir lieb sein. Und die Stimme that dem Kinde so wohl, daß es nie mehr brieggete und schön ward, wie die andern Engelein. Dann zog es auf die Welt und kramete den Kindern und immer mehr nur denen, die nicht brieggeten; und eins Kind nach dem andern konnte hinauf zu ihm und wurde dann auch ein Engelein. Aber es gab immer wieder Kinder auf der Welt und immer mehr, und alle diese liebte es und wollte sie zu sich führen in seinen schönen, schönen Garten, der Himmel heißt. Da mußte es ein Eselein anstellen, um all den schönen Kram zu bringen, und weil es zu so vielen Kindern muß, so kann es nur einmal im Jahre zu einem kommen; aber wo es von weitem brieggen hört, da springt das Eselein mit ihm weiter, was gisch was hesch. Und allbe-n-einisch ma-nes allein nimme gcho an allen Orten, wenn es gar viele Kinder zu besuchen hat oder es viel Schnee ist, daß das Eseli nicht recht dure cha. Da nimmt es de von denen Kindern mit, die ihm die liebsten Engelein geworden sind, und gibt einem jeden ein Eselein und Kram dazu; und die gehen auch seinen Kindern nach und brichten es ihm, wo sie gute und wo sie böse Kinder angetroffen, und welche einst in seinen schönen Garten kommen werden. »Darum, liebe Meitleni! syt lieb, dann kommen die lieben Engeli auch zu euch, bringen euch Kram Jahr um Jahr und nehmen euch einst mit in den schönen Garten.« So sprach die Mutter zu den zwei Kindern, die an ihrer Brust lagen, und sah auf sie herab. Der Mond war aufgegangen und sein Licht bahnte sich einen Weg bis zu den zwei Kindern auf der Mutter Schöße, wo das kleinere entschlummert war ob der Mutter süßer Rede. Recht lieblich und heimelig ward es in der Stube, aber am lieblichsten doch die Mutter und ihre beiden Kinder, mit deren Locken die Mondesstrahlen spielten und sie verklärten, als ob die Kindlein schon im schönen Garten wären. Zwischen meine Kniee hatte sich der Knabe gestellt; auf ihn fiel des Mondes Licht nicht; aber der Mutter Rede war ihm ins Herz gegangen; er sagte: »Vatter, i will nimme pläre-n-u nimme bös sy u de-n-angere-n-o vo my'r Sach gäh.« Wir hatten einen recht glücklichen Augenblick. Die Reden meines Weibchens waren gefallen wie Honigtau in mein Herz; es war so zauberisch heimelig im Stäbchen, und die Kinderchen schienen so hold; die ganze Armut war versteckt und nur unser Reichtum beleuchtet, daß manche Fürstin und mancher Prinz in ihren zum Tage erleuchteten goldenen und glänzenden Sälen viel ärmer waren ums Herz als wir, und vielleicht, trotz allen Ehren und allen Genüssen, keine so reiche Stunde halten ihr Leben lang, als wir. Man faselt viel von reich und arm und vergißt immer wieder, daß es das Herz allein ist, das reich macht oder arm. Wer will uns zürnen, daß wir in diesen Augenblicken die Großmutter vergaßen in ihrem Bette! Wir waren ihres Hustens so gewohnt, daß wir ihn wohl überhören konnten. Da kam aber ein Anfall, der gar nicht aufhören wollte, und Mädeli legte sorgsam die schlafende Kleine in ihr Bettlein und sprang der Mutter zu, hielt sie umfaßt und aufrecht, damit ihr Atem leichter sei und der Anfall schneller vorübergehe. Aber er ging nicht vorüber; er gewährte nur ganz kleine Ruhepunkte und der Atem wurde immer schwerer, die Mutter immer schwächer. Man mußte, trotz der Kälte, ein Fenster öffnen, mußte ihr aus dem Bette helfen und wieder hinein. Angst und Bangigkeit ließen sie nirgend lange weilen. Uns ward auch so angst dabei. Mir lief der Schweiß von der Stirne, trotz der Kälte. Meine Frau mußte die Thränen abwischen einisch um anderisch und that so zärtlich und liebreich um die Großmutter und war so ängstlich über ihr Übelsein, und freute sich so sichtlich allemal, wenn Linderung eintrat, daß die alte Frau doch endlich das Herz meines Weibes zu ahnen begann. Sie sprach nicht; aber ihre Augen folgten Mädeli überall hin, und wie mühsam es ihr ward, sie wendete ihr Haupt doch immer so, daß sie es betrachten konnte. Einmal glaubten wir, die geheimnisvolle Hülle, welche die Seele birgt, sei geborsten und die Seele habe ihre Schwingen entfaltet; unsere Thränen flossen häufiger und laut auf schluchzte mein Weib. Aber die Seele hatte den Ausgang noch nicht gefunden; sie sah noch einmal ans dem halb gebrochenen Auge heraus; sie sah unsere Trauer um ihr Scheiden. Da erglänzten noch einmal ihre Augen; aus ihnen leuchtete es wie Liebe und Weh; noch einmal bewegten ihre Lippen sich und ihr letzter Atem hauchte schwer vernehmlich die Worte: »Mädeli, ach, i ha dr Unrecht tha; vrgib mr, su vrgit mr Gott oh we's mügli isch, aber i bi-n-e große Sünder!« Da verstummte der Mund, die Augen schlossen sich; aber noch hörte sie die Beteurungen der Vergebung. Ein Zug des Friedens und der Freude legte sich über ihr blasses Gesicht; da reckte sie ihre Glieder und es schied die Seele. Gott wolle ihr gnädig sein, der armen Mutter; sie hatte ein bitter Leben gehabt und die letzten Tage sich verbittert in unglücklicher Verblendung; sie hat so schwer gelitten! Aber vor ihrem Ende gingen ihr doch noch die Augen auf, sie suchte Versöhnung; der Herr wolle sie jenseits ihr geben. Aber es schaudert einem, wenn man so viele Leute sieht in der Welt, die nie einen Gedanken der Versöhnung haben, im Leben nicht, im Tode nicht; nicht mit Gott, nicht mit der Welt, nicht mit Menschen: in Zwiespalt liegen sie mit allem bis zu Ende, Zwiespalt ist ihr Leben. Wie hoch war der Gedanke über alle Menschengedanken: die Welt mit Gott zu versöhnen und alle Menschen mit allem! Einer großen Menge ist der Gedanke zu groß, ihre kleinen Herzen können ihn nicht fassen. Ungesühnt wollen viele selig werden; ihrentwegen, meinen sie, werde der große Gott wohl eine kleine Ausnahme machen. Wohl aber gibt es auch welche, die selbst in den Schauren des Todes weder gesühnt werden noch glauben, daß Gott, wenn ein Gott sei, sich sühnen lassen werde. Es bricht da oft eine Verzweiflung, eine Hoffnungslosigkeit aus, die einen beben macht. So lag eine Frau im Sterben und krümmte sich in heftigen Schmerzen. Eine wackere Frau wollte sie trösten: »Babi,« sagte sie, »du hast es bös im Leben gehabt; tröste dich nun, es wird dir dann im Himmel vergolten werden.« Da richtete sich Babi auf und sagte mit trockener, tonloser Stimme: »Nei, Frau, so wird das nit gah. Babi, wird unser Herrgott sagen, Babi, du hesch mr dys ganz Lebe düre nüt nah gfraget, jetz chasch mr o gah; i wott jetz o nüt vo dr!« War das wohl der Ausbruch eines prophetischen Bewußtseins, daß bloße Worte kein Leben sühnen können, sondern nur ein von Gott ergriffenes Gemüt? Aber, großer Gott! wenn bloße Worte nicht sühnen können, Wie wird es Millionen gehen! So nahm mir Gott mein Erbe, meine Mutter. Sie war ein reiches Erbe. Durch sie erbten wir Geduld, Kraft zum Ausharren, die Probe treuer Liebe, goldener Treue; wir lehrten siebenmal siebenzigmal vergeben in einem Tage. Die Mutter machte uns, d. h. eigentlich meine Frau, reich; aber was die besaß, das enthielt sie mir nicht und ich verschmähte es nicht. Wenn doch die Menschen auch an den Gewinn der Seele dächten, wie mancher müßte sich da des reichsten Erbes rühmen, der jetzt schmäht, er hätte sein Lebtag keinen Kreuzer geerbt! Gott hat ihm Leute an die Seite gegeben, deren schroffe Seiten ihn reinigen sollten von aller Unreinigkeit. O Leute! thut einmal die Augen auf und zählet nach, was euch Gott hat erben lassen; dann schämet euch, denn viel werdet ihr finden. Aber ihr habt es nicht geachtet oder gar schmählich dagegen euch gesträubt, hättet das Erbe ausgeschlagen, wenn Gott im Amtsblatt sich abfertigen ließe. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Wie ich wieder etwas zu merken anfange und namentlich, daß ein neuer Pfarrer gekommen. Es ist wohl schon manchem begegnet, daß er bei stillem, ruhigem Wetter in fein Stäbchen ging und da in Arbeit oder süßen Schlummer sich vertiefte; und wenn er wieder aufsah, daß er Windeswehen hörte, daß er Regen strömen sah oder Schneeflocken wirbeln in der verfinsterten Luft. Manchem ist akurat das Gegenteil begegnet und wenn er am süßesten schlief an einem vermeinten trübseligen Nachmittag, rüttelt ihn die Frau beim Arm und führt ihm zu Gemüte, daß das Wetter gar schön und heiter geworden und daß es ihm wohl anstehe, sie spazieren zu führen oder zu fahren, je nach Stand und Vermögen. Eine Burgersfrau hat dabei vielleicht noch Strübli in der Engi oder im Zehetermätteli, oder ein Hähnelischünkli im Auge, die Vornehme nur die Toilette; vor gemeinen Leuten etwas Gutes essen, würde gemein machen. Halb oder ganze Götter essen nur Ambrosia und trinken nur Nektar, und beides findet man weder zu Almendingen noch in der Joliette, und wenn man vielleicht auch mit Minderem vorlieb nehmen muß, so soll es doch niemand sehen, wo bliebe sonst der Respekt? Doch, um gerecht zu sein, gehen auch viele Weiber aus beiden Klassen nicht bloß einem Strübli oder einem Shawl zu lieb spazieren mit ihren Männern, sondern um des Mannes selbst willen, um ihn einmal allein zu haben, um ein vertraulich Wort mit ihm zu reden, um zu wissen, wo er ist, um ihn zu zeigen, um ihn zu quälen oder ihm etwas abzuläschlen; und viele aus einem dunkeln Gefühl, daß ihre Herzen sich gegenseitig verschlossen und die innige Traulichkeit nicht mehr sei, aus einem tiefen Sehnen, das eigene und des Mannes Herz aufgehen zu lassen an der Sonne. Die armen Weibchen schleppen nun die zugefrornen Herzen so oft als möglich an die Sonne. Ach, arme Weibchen! das hilft euch wenig, das ist nicht die rechte Sonne dazu! Also ändert sich oft das Wetter, von uns nicht bemerkt, und ein ganz anderer Himmel schaut auf uns herab, wenn wir wieder aufsehen. So geht es uns aber auch im Leben. Es gibt Zeiten, wo Verhältnisse, Umstände, Stimmungen uns einspinnen, so daß wir von der Welt und ihrem Wechsel wenig oder gar nichts wahrnehmen. Wir haben nur Sinn für eine Sache und selbst das nächste fällt uns nicht auf. So geht es Verliebten, so geht es auch Eiteln, so geht es Glücklichen und Unglücklichen. Wer gar mühselig ringen muß ums tägliche Brot, wer Tag und Nacht Schulden oder Mangel nachsinnen muß, wer beständigen Reizungen ausgesetzt ist, wem häuslicher Zwiespalt alle Augenblicke den innern Frieden stört, dem wird gerne der Nacken niedergebeugt, der kann nicht mehr aufwärts schauen, nicht mehr rund um sich; der sieht nur seine Not und seine Bedrängnis; und wenn man ihm anderes auch dicht vor Augen stellt, er achtet es nicht, und wenn man ihm auch die Nase darauf stößt, so sagt er höchstens: uy, und greift nach seiner Nase; aber die Sache selbst erregt seine Teilnahme nicht. Da kann rings um ihn vorgehen, was da will; wenn nur das Brot nicht aufschlägt, wenn nur die Erdäpfel wohl geraten. Wenn nun der Druck der Verhältnisse nachläßt, wenn die Stimmung sich auflöst und er wieder auf und rund um sich schauen kann, dann steht er sich verwundert um, denn es ist um ihn anders geworden; da sieht er den Wechsel der Welt, und daß Altes vorbei-, Neues herbeigerauscht sei, und eine Weile geht es, bis er weiß, wo er ist und bis er begriffen hat, was um ihn ist. Es ist wunderlich, daß Regenten gar oft in diesem Zustande sich finden und gar nichts mehr sehen und schmöcken, als wer vor ihnen sich beuge, ihnen »Ja, ja« sage mit demütiger Gebärde; und wieder, wer ihnen den Sitz im Sattel bewahren könne! Und faßt einer auch das Herz in beide Hände und stößt ihnen die Nase auf etwas Anderes, so greifen diese nicht nach der eigenen Nase, sondern nach dem ganzen Kopf des Frevlers. Darum übernimmt gar manchmal Gott selbst die Mühe und stößt ihnen die Nase auf, daß es kracht. Aber wenn sie dann auf dem Trocknen sitzen, dann sehen sie, daß es ganz, anders geworden und sie Lümmels gewesen, und dünken sich, wie weise sie jetzt wären, wenn sie wieder im Sattel säßen. Doch auch nicht einmal alle würden so weit sehen, sondern nur so weit, daß es sehr fatal sei, auf dem Trocknen zu sitzen, und daß, wenn sie einmal wieder im Sattel säßen, sie viel längere Sporen anschnallen wollten, um damit sich festzuhalten. So die einen. Während andere Abgesetzte sich nach Mänteln umsehen würden, die, ohne daß der Träger den Verstand dazu braucht, von selbst nach jedem Winde sich drehen und bei jeder sogenannten Lebensfrage nach dem Kredite flattern. Nun bin ich freilich kein Regent, sondern nur ein Régent, aber Regent und Régent haben eine verdammt auffallende Ähnlichkeit mit einander, die ich mir an einem andern Orte auseinanderzusetzen vorbehalte. So z. B. wußte auch ich, in meine Finanznot und in die Unbehaglichkeit unseres Zusammenlebens versunken, nicht, was um mich vorging, und wenn es sich mir schon aufdrang, so wußte ich denn doch nicht, was es eigentlich sei und was es bedeute. So hatten mir z. B. einen neuen Pfarrer bekommen und der alte war weggezogen, weil er sagte, mit diesen Leuten sei nichts anzufangen; er habe es auf alle Wege probiert und er wolle doch nicht sein ganz Leben an sie verschwenden. Aber die Änderung war mir gleichgültig geblieben und die Verschiedenheit zwischen beiden fiel mir nicht auf. Nun atmete ich allmählig frischer auf. Wir waren freier in unserem Stübchen, konnten uns ungestörter mitteilen, was uns auf dem Herzen lag, waren ganz Meister über unsere Kinder, waren ruhiger vor unsern Nachbaren und wurden sogar von ihnen besser gewürdiget. Manche Frau hatte, während sie die Mutter besuchte, allerlei gesehen, das sie auf bessere Meinung brachte von uns, und diese Meinung sprach sie seit der Mutter Tode aus. In Not waren wir noch immer und wußten dem Rückständigen fast nicht zu begegnen; aber wenn auch ein Übel groß genug ist, um einen Menschen zu Boden zu drücken, so scheint es leicht, wenn man noch ein Übel dazu gehabt hat und diesem nun los geworden ist. Ein Schimmer von Behaglichkeit glomm über meiner Seele auf und in ihr fand sich wieder Platz für allerlei Gedanken und Wahrnehmungen. So fiel mir z. B. jetzt unser Pfarrer auf. Ich konnte mich gar nicht auf ihn verstehen und die Bauren auch nicht; man wußte nicht recht, sollte man ihn für recht dumm und schwach halten oder für etwas Anderes. Die Bauren hatten geflucht, als der frühere Pfarrer fortging. Dem hätten sie es greiset und ihn gschweyget; er war afe witziger worde u hatt gwüßt, daß er nit Meister syg und si nit syni Narre, u daß er nit mache chönn was er well. We jetzt wieder e Neue chömm, su fay dPlag wieder a u sie werde ihre liebe Not ha mit allem dem Neuen, was einem neue Pfarrer z'Sinn chömm. Es well geng e-n-iedere witziger sy als dr anger. Aber sie welle's dem o reise; dä müeß o wüsse, daß sie selber Meister syge u sie welle-n-e bald witziger gmacht ha. Aber der Pfarrer wollte gar nichts Neues, als feste Ordnung in das, was bereits war. Er drängte sich nirgends auf; es schien manchmal, als ob ihn alles nichts anginge, als ob er um nichts sich kümmere. Doch war er dienstfertig, und was von ihm begehrt wurde, machte er ausgezeichnet gut. Er war freundlich und man sah ihm den Pfarrer fast nicht an, so daß viele keinen Respekt vor ihm hatten und meinten, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten; aber sie rannten übel an und versuchten es nicht zum zweitenmal. Darüber sahen die Leute sich ganz verwundert an; es wurde ihnen fast unheimlich um den Pfarrer herum. Sie ahnten eine geheime Kraft im Pfarrer, eine bestimmte Absicht, und wußten nicht, wo sie hinaus wolle, auf welcher Seite sie sich zu hüten hatten. Die einen behaupteten: das sei von den Schlimmeren einer, vor dem müsse man sich hüten; die andern meinten, viel in Sinn komme ihm nicht, und dann sei er zu vornehm, um sich mit ihnen abzugeben, und diese Partei wurde immer größer, je länger der Pfarrer ruhig blieb. Ja, die Bauren wurden am Ende unwirsch und fluchten in den Wirtshäusern: sie hätten einen Pfarrer, sie wüßten gar nicht warum; er möge sich gar nicht mit ihnen gmüyen und nehme sich gar nicht den Sachen an; da seien sie übel versorget mit eme sellige. Dr Vorig syg-ne afe vrleidet gsi mit sym Gchähr; aber sie wette doch no lieber e Chähri als so-n-e Stock, dä gar nüt säg u dä me nüt für e Nar ha chönn. Gegen uns Schulmeister war er freundlich. In der Schule gab er sich viel mit den Kindern ab, und machte uns damit gar böse, daß er gar oft sie nach etwas fragte, das sie nicht wußten, und wenn mir dann dazwischen traten und mit sieben Gründen belegten, daß man das gar nicht machen könne mit den Kindern, so sagte er uns, es sei möglich, daß es so wäre; aber gut wäre es doch, wenn sie etwas davon wüßten. Am besten fuhr er mit den Unterweisungskindern, und wir wurden nicht wenig schalus, daß sie ihn besonders lieb gewannen und die größte Freude an seinen Unterweisungen hatten. Dabei war er beschlagen in gar vielen Dingen und die Bauren konnten sich nicht sattsam verwundern, wenn sie bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie mit dem Pfarrer ins Reden kamen, merkten, daß derselbe sich auf ihre Sachen verstünde, wie sie es keinem zugetraut, wie er z. B. wüßte, daß ein Pferd seine Bläste nicht unter dem Schwanz, sondern an den Beinen hätte, und daß der Roggen schwerer sei als das Korn. Als dem Pfarrer einst einer eine uralte Kuh, die der Helvetik hätte Gotte sein können, für eine mit dem zweiten Kalbe verkaufen wollte und von ihm abgetrümpft worden war, polterte selbiger gar ärgerlich auf Straßen und in Wirtshäusern: die d. Regierig brauche ihnen dann keine Pfarrer zu schicken, die man auch für Kuhhändler brauchen könnte. Die Bauren halfen mit fluchen und begehrten auf: es sei sich nicht zu verwundern, wenn er nicht gelernt habe, was ein Pfarrer thun solle, da er mit den Kühen genug zu thun gehabt. Und doch kriegten sie Respekt vor ihm, trotz ihrem Aufbegehren. Er mißbrauchte seine Kenntnis nie; sie kam nur ganz von ungefähr an Tag und nie hörte man, daß er mit einem Metzger über die Schwere eines Kalbes gewettet hätte. Wenn ich nun den Pfarrer, der doch in einem Schulmeisterleben vorstellt, was Essig in einem Salat, beachtete und nicht nachdachte, was seine Erscheinung mir bringen könnte, so kann man sich wohl vorstellen, daß mir noch eine Menge anderer Dinge nicht auffielen, die um diese Zeit ins Leben traten und sich gestalteten. Vierundzwanzigstes Kapitel. Mie man einen Junggesellen begraben that und nota bene einen reichen. Einst mußte ich einem reichen alten Junggesellen eine Leichenrede halten. Eine reiche Leiche ist für ein ganzes Dorf wichtig, nicht nur die Rede für den Schulmeister. Wenn an einem Ort ein Tier gefallen ist, so wittern Raben und Geier es Stunden weit und ziehen hin in schnellem Fluge mit heiserem Gekreisch; wenn an einem Ort ein reicher Mensch gestorben ist, so ist, als ob das Gefühl davon (denn fast unglaublich ist, daß die Kunde so schnell überall hin dringe) über die ganze Bettlerklasse komme fast wie ein elektrischer Schlag. Und ehe noch die Leiche ganz erkaltet ist, ehe der erstarrte Leib sein letztes Kleid, das Leichengewand, empfangen hat, ehe die Hinterlassenen es dahin gebracht, ihre Freude zu verstecken oder ihrer Trauer Zügel anzulegen, ziehen bereits Bettlerscharen heran, die Unverschämtesten voran, und fordern, wie ein Recht, wie ehedem die Twingherren den Totenfall, die Kleider des Verstorbenen ab. Sie kommen nicht nur aus dem gleichen Dorfe, sondern jeder, der vor dem Trauerhause aus der Hand des Verblichenen je eine milde Gabe empfangen, meint damit auch ein recht erhalten zu haben an die Kleider seines Wohlthäters; und mancher, der bei einem Lebenden zu betteln für Schande hält, glaubt bei einem Toten sich nicht schämen, sondern nun von Rechtes wegen fordern zu dürfen, eben weil er im Leben nichts erhalten. So rennen sie wie bei einer Feuersbrunst dem Hause zu, als ob Preise für die Zuerstkommenden ausgesetzt wären. Und wenn man sie mahnt auf dem Wege, zu warten bis nach der Begräbnis, so höhnen sie und laufen; und wenn beim Hause dem ungestümen Schwärm ein Mensch entgegentritt mit geschwollenen Augen, zusammengefallener Gestalt, und mit gebrochener Stimme bittet, daß man doch seiner einstweilen schonen möchte, wenigstens bis nach dem Leichenbegängnis, so entsteht ein Brummen rund um ihn, wie von Hunden, wenn man ihnen den Fraß aus den Zähnen reißen will. Hat er dann endlich unter tausend Schmerzen den Tag überstanden, wo er den teuern Leib der Erde geben mußte, die Gewißheit ihm wurde, daß die geliebte Seele nicht mehr in demselben gebunden, sondern in freie Räume entschwunden sei; hat er am Abend endlich in Mattigkeit die müden Augen geschlossen, manchen bittern Traum gekostet, und schlägt er am Morgen die naß geweinten Augen auf in die unaussprechliche Leere hinein, in der ihm sein Leben zu schwimmen scheint wie der Balken eines zertrümmerten Schiffes im Ocean, so hört er hoschen draußen an der Thüre ungeduldig schnell hintereinander, und draußen steht schon der ungeduldige Schwärm, fordert Einlaß und Halten des Versprechens ungestüm. Und der Arme muß auf, muß die Kleider des geliebten Geschiedenen Stück für Stück in die Hand nehmen, muß tausend Rückerinnerungen bei jedem Stücke mit blutigem Griffel in die Seele sich graben lassen, muß weggeben, was er so gerne behalten hätte, nicht um des Wertes, sondern um der Erinnerung willen, muß es mit unzufriedenem Gesicht mustern und gegen die Sonne drehen, muß es übergehen sehen an ein widerwärtig Gesicht, muß am Ende schnöde Worte hören, und wenn er nicht jedem wollüstigen, nichtsthuenden, vollbrüstigen und dickgefressenen Mensch gibt, oder nicht, was seine Dreck-Seele gelüstet, so muß er Vorwürfe hören, daß es nach Gunst gehe und nicht nach Recht, und noch anderes, was ihnen in ihre schmutzigen Mäuler kömmt, als ob sie rechtmäßige Ansprache an die Verlassenschaft hätten. Und dieser Pein unterwirft man sich gutmütig, und solches Recht erringt sich die Unverschämtheit. O Gott, die Armen! Erbarmen muß man wohl mit ihnen haben; aber Geduld mit ihnen zu haben, das fällt wahrlich mancher Christenseele schwer! Und in diesen Nöten fragt man sich, ob dann eigentlich Geduld sein müsse, ob eine tüchtige Portion Ungeduld, der tüchtigen Portion Unverschämtheit entgegengesetzt, nicht vielleicht viel heilsamer wäre? Aber nicht nur bei solchen Bettelleuten schlägt die Kunde ein, es sei ein reicher Mensch gestorben, sondern bei der ganzen Dorfschaft, anders jedoch an verschiedenen Orten. An den einen Orten ladet man eine ganze Dorfschaft, oder Oberdorf oder Unterdorf ec., zum Leichenbegängnis, und nur Verwandte oder Bekannte daraus zum Leichenschmause. Die nicht Eingeladenen zöttelen dann ganz kaput nach Hause und senden wehmütige Blicke nach den Glücklichen, die breit auf der Bsetzi vor dem Wirtshause stehen. Kömmt die Kunde eines Todes, so ergreift daher viele der ergreifende Gedanke: »Werde ich nur z'Chile oder auch ins Wirtshaus eingeladen?« An einigen von diesen Orten herrscht die Sitte, daß man aparti die Armen zu einem Schmause einladet und sie da ordentlich abfüttert nach alter adelicher Sitte. Manches alte bescheidene Mütterchen mit seinen schwankenden Zähnen kaut da mühselig sein Stück Kuhfleisch, erlabet sich an einem kleinen Stücklein Voressen und erinnert sich an seine schöne Jugendzeit bei einem Glase magern Seewein und lebt doch so wohl und glücklich, während andere, Junge und Alte, fressen wie hungrige Hunde und den Wein hinabgurgeln wie leere Fässer, und Speck und Voressen in ihre benasten Nastücher packen, und, wenn es Männer oder Bursche sind, in die Kuttentäschen, wenn es Weiber sind, in ihre Jepensäcke stoßen, daß es ihnen über die Beine abläuft aus den Säcken und am Ende über die Brust herab aus den Mäulern. Und morndrigen Tages räsonnieren sie, was das Zeug hält, über die Aufwart und die Gastgeber. Und das alte Mütterchen bedankt sich schönstens, entschuldigt sich, daß es so uverschant gewesen; aber ein Stückli Fleisch sei ihm gar seltsam und Wein hätte es schon manch Jahr keinen gehabt, und glücklich wankt es an seinem Stabe seiner alten Hütte zu und träumt glücklich und ohne Husten die ganze Nacht von Fleisch und Wein. Aber dem alten Mütterchen gibt niemand etwas mit. O Unverschämtheit, wie bist du so unverschämt! Nimmst alles für dich und räsonierst doch immer! Diese Unverschämtheit ist zu' oberst und zu unterst in der menschlichen Gesellschaft am unverschämtesten; aber an beiden Orten kömmt man damit auch am weitesten; doch heißt sie oben nicht Unverschämtheit, sondern nur eine edle Suffisance oder ein nobles air, heutzutage Selbstbewußtsein oder Vaterlandsliebe, Nationalsinn etc. etc. An andern Orten werden nur die eingeladen zum Begräbnis, denen man etwas geben will, entweder etwas Wein und Brot vor dem Leichenzug oder ein Mahl nach selbigem. Wenn der Schulmeister recht rührsam die Thränen aus den hintersten Winkeln hervorgepumpt und endlich Amen gesagt hat (entweder schon beim Hause oder dann in der Kirche), so beginnt er wieder: »I soll ech de fründlich yglade ha, nache-n-alli i ds Wirtshus z'cho u daß niemere hei gang.« Hier nimmt es dann jeden wunder, ob er nicht eingeladen werde zum Leichenbegängnis, und wenn man eine schwarze Scheube gegen das Haus kommen sieht, so sieht man es zehnmal lieber, als wenn einer kömmt mit einem schwarzen Hut; von wegen: die schwarze Scheube gehört der Leichenbitterin, der schwarze Hut einem Kindbettimann. Freilich entsteht dann in manchem Haus Streit, wer gehen soll. Der Mann will gehen, die Frau will gehen, die Tochter will gehen. Solcher Streit wird bald durch eine Kehrordnung, bald durch einen Gewaltspruch dessen entschieden, welcher im Hause den Pantoffel führt. Wie komod ist's dann für solche glustige Leute, daß man den Wein maßweise auf den Tisch stellt, statt jedem seine eigene Flasche zu geben! Ich begriff diese Sitte lange nicht. Es war mir manchmal unbequem, daß man mir nicht schnell genug einschenken wollte, wenn ich pressiert war, die Schule nicht aufgeben geben möchte und doch noch in aller Eile gerne das mir gebührende Quantum zu mir genommen hätte. So uverschant, die Maß immer zum Einschenken in der Hand zu haben, konnte ich nie werden. Da wollte einer einmal recht herrschelig thun oder sparen, eins von beiden: der accordierte ein Leichenmahl, so daß jeder seine eigene Flasche haben solle. Das lief wie ein Feuerteufel durchs ganze Dorf, und mir gefiel es recht wohl. Ein ehrbarer Gerichtsäß, der gerne im Stillen seine Knöpfe machte, und der sich so listig glaubte, diese Knöpfe so fein machen zu können, daß sie niemand merke, der begehrte gar furchtbar auf, als er dieses vernahm. Er trinke nicht mehr als ein anderer, manchmal nicht einmal einen Schoppen; aber aus einer Flasche trinke er sy Seel nicht. Da könne einem ja jeder Narr abguggen, wie viel man trinke, u das syg öppis Neus, das er syr Lebtig no nie ghört heig, u we das so ga müeß, su well er sy S..l lieber nie meh z'Gräbd gah. Das Maßweiseaufstellen des Weines über den Tisch weg, so daß aus einer Maß mehreren und nicht immer den gleichen eingeschenkt wird, soll also eine Höflichkeit sein, eine Zusicherung, daß man getrost trinken solle, ohne daß jemand nachrechnen könne, was jeder trinke. Das begriff ich erst nach den Herzensergießungen des ehrsamen Gerichtsäßen. Doch geschieht es auch, daß die Nachricht, jemand sei gestorben, den Wenigsten eine Freudenbotschaft ist, wenn auch das reichste Leichenmahl zu erwarten wäre. Wenn ein braver Mann gestorben, der vielen Vater war mit Rat und That, ein wahrer Gemeindvater, wie man ehedem die Vorgesetzten nannte: wenn eine Frau gestorben, deren Mund nie offen war zum Richten und Klatschen, deren Herz aber immer offen für jede Not, deren Hand offen war bei jeder gegründeten Bitte, die geduldig vieles trug und andern wenig zu tragen gab; wenn Menschen sterben, die nicht nur für sich, sondern auch für andere lebten, bei denen die göttliche Liebe durch die Rinde der Selbstsucht gedrungen war und sich zu entfalten begonnen hatte: dann zuckt ein Schmerz durch alle Herzen, welche diese Liebe gefühlt, und Augen, die Jahre lang vertrocknet schienen, und Zungen, die sonst von keiner Milde wußten, legen Zeugnis ab, daß die Liebe alles überwindet, selbst die Roheit, selbst den Neid, selbst jahrelange Angewöhnungen. Und wenn der schwarze Sarg vor das Haus getragen wird, so braucht der Schulmeister nicht mühselig an den Herzen zu nopperen, die rinnen von selbst; und ernst und feierlich und tief ergriffen wallt der lange Zug dem Friedhof zu, und schwer und schwankend voran der Witwer oder die Witfrau. Sie beugen tief ihr Haupt, und das gebeugte Haupt scheint zu sagen: Ach, Herr! du hast mich schwer getroffen, schlage nun nur zu und züchtige mich; habe ich das getragen, so trägt mein Geist ferners auch, und wenn mein Leib auch zerbrechen soll, ach Gott! so danke ich dir. Und ernstlich und feierlich ist auch das Leichenmahl, und manche harthölzige Frau kaut ihr Schaf-Voressen, als ob es Hobelspäne wäre. Sie denkt: »Nei, bim D., das mueß mr angers gah. Myne lächereti's no, we-n-i sturb, u di angere Wyber möchte mr's alli gönne; aber i will-ne zeige, daß i so guet sy cha wie-ne-n-angeri; u-n-es müeßt der Tüfel thue, we si mr nit o nahpläre müeßte.« Auch die Männer schauen ernst drein und bedenken: was wohl gesäet werden möchte einst auf ihre Gräber, ob Thränen oder Flüche? Ach, es möchten alle einen guten Klang behalten nach dem Tode, und bedenken nicht, daß nur der Ton nach dem Tode wiederhallt, den man im Leben angestimmt hat. Eine solche Leiche war aber die nicht, der ich noch ein Wort nachreden sollte. Es war ein reicher Junggesell gewesen wie es gar viele gibt. Er hatte sein Leben lang für sich gelebt. Er war sparsam gewesen gegen andere, und daß er etwas Gutes gethan oder gestiftet, hat man nicht von ihm gehört. Aber gegen sich war er nicht karg. Seinen mutmaßlichen Erben ward manchmal bange, und es dünkte sie, es sollte mehr vorgeschlagen werden können. Durch den Morgen nahm er sein Schlückchen und ein Stück Fleisch aus dem Kuchischaft; des Mittags aß er zu Hause nicht viel, nachmittags legte er sich ein wenig aufs Ohr; doch mußte ihn seine wohlgehaltene, geliebte, hoffärtige Haushälterin Salome wecken, wenn die gesetzte Frist verflossen war; denn zu lange wollte er nicht schlafen der Nacht wegen. Gegen Abend zog er ins Wirtshaus und ließ sich da wohl sein hinter zwei Schoppen oder dreien, Roten, nota bene, und die Wirtin hatte immer ein Transchli für ihn z'weg, das er beißen konnte. Vierzehn Tage, nachdem er gemetzget hatte, ging er seinen Schweinen nach; man wollte sagen, ein schöner Säubrägel hätte ihn geliefert. Wie nicht bald einer, hatte er nach dem Grundsatze gelebt: selber essen macht feiß; darum war auch nicht bald bei einem sein Tod so unbeklagt, so willkommen; denn wer nicht liebt, wird auch nicht wieder geliebt. Seine Katze war die einzige Person, die ihn vermißte; selbst seiner Haushälterin war mit seinem Tode ein Stein ab dem Herzen gefallen. Es hatte sie schon lange nach einem jungen Manne gelüstet; aber den alten durfte sie nicht verlassen, wenn sie nicht ihr Legat verlieren wollte. Auch wollte sie bei seinem Tode zugegen sein; denn in diesen Augenblicken läßt sich etwas machen, wenn man den Pfiff versteht. Schon manchen haben einige bei dem Tode eines Menschen wohl angewandte Minuten wohlhabend gemacht. Die Erben sind oft nicht gleich bei der Hand, und wer sich nicht fürchtet, aus dem noch nicht erkalteten Hosensack die Schlüssel zu nehmen, kann bis zu ihrer Ankunft viel abweg machen. Fatal ist's, wenn der Verstorbene so plötzlich von hinnen gerufen wird, daß er für die, welche zunächst um ihn sind, nicht tcstamentlich sorgen konnte, und das geschieht oft; denn solche Leute testieren nicht gerne; sie hoffen noch der Tage viel. Aber auch da wissen schlaue Leute sich zu helfen. Sie schleppen den Gestorbenen in eine alte Rumpelkammer, und in das noch nicht erkaltete Bett legen sie einen vertrauten Knecht, setzen ihm die Nachtkappe des Gestorbenen auf und laufen nach Schreiber und Zeugen. Schreiber und Zeugen setzen sich an den Tisch am Fenster, rüsten das Schreibzeug und probieren, ob guter Wein in der weißen Guttere sei. Unterdessen berzet und stöhnt es im dunkeln Hintergrunde hinter dickem Umhang, und eine schwache Stimme fragt: ob der Schreiber nicht bald fertig sei? es gehe nicht mehr lange mit ihm. Der Schreiber nimmt häufig das Glas vom Munde nnd dagegen die Feder und läßt diese flüchtig übers Papier gleiten, aber immer halblinks schauend, wo das Glas steht. Da diktiert leise und hustend die Stimme hinter dem Umhange das Testament und der Schreiber schreibt, und freudig hören die Anwesenden, wie sie Erben werden von vielem Gut und Geld. Aber ein blasser Schrecken fährt über ihre Gesichter und faustdicke Flüche quellen ihnen im Halse, als die Stimme also spricht: Meinem getreuen Knecht aber, der mir so viele Jahre treu gedient hat, vermache ich 8000 Pfund. Der Schalk im Bette hatte sich selbst nicht vergessen und bestimmte sich selbst seinen Lohn für die gut gespielte Rolle. Er war aber noch bescheiden; er hätte sich ebenso gut zum Haupterben machen können und was hätten die andern sagen wollen? Man kann sich aber noch anders helfen. Man macht wieder, daß der Schreiber eben nicht gar scharf nach allem in der Stube sieht, läßt den Gestorbenen im Bette, steckt eine Hand unter das Hauptkissen und unter den Kopf. So fragt man ihn: »Ist es dein Wille, daß ich Haupterbe sei?« Der Kopf nickt tief ein Ja. Man frägt: »Ist auch dein Wille, den Armen 100 L. zu geben?« Der Kopf nickt wieder ein eifriges Ja. So geht es, bis das Testament zu Ende ist, dann läßt man den armen toten Kopf in Ruhe. Wie es bei dem Junggesellen, von dem ich schreibe, zuging mit Testament und Erbe, weiß ich nicht, und was man muckelte, gehört nicht hierher. Ich vernahm seinen Tod auf der Straße von einem Nachbar und lief, so schnell ich konnte, ihn meiner Frau zu verkünden. Frau, sagte ich: »Ds Salomes Hannes ist endlich gestorben, denk doch! Das wird eine große Leiche geben; welche Leichenrede soll ich wohl nehmen? die von Cherubim und Seraphim oder die vom verlornen Sohn?« Ich hatte mehr als zwei Leichenreden, auch mehr als drei, nicht wie jener Schulmeister, der nur eine pfundige, eine für 10 und eine für 15 Btz. hatte und jedermann, der eine Leiche bei ihm angab, fragte, welche er wolle: ob die pfündige oder die zehn- oder fünfzehnbatzige? Allein für solche Anlässe, wo es niemand übel, sondern allen wohl ging und der Schulmeister doch vor dem zahlreichen Leichengeleite sich gerne hören lassen möchte, hatte ich nur zwei. Das ist eine Gelegenheit, zu zeigen, wer man ist; und eine rührsame Leichenrede kann einen Schulmeister weit und breit berühmt machen. »Du mußt auch mit ihm z'Chilche,« fuhr ich fort, »du hast lange bös gehabt und ich mag es dir gönnen, daß du doch eimal zu guter Fleischsuppe und öppe emene Stückli Bratis chunst.« – »Nein, Peter,« sagte die Frau, »ich komme nicht, ich kann das Hungerleiderwesen nicht leiden; ich will hundertmal lieber hungrig sein als hungrig thun vor den Leuten. Ich muß mich ohnehin allemal schämen, wenn die Leute ganz ungeniert es sich merken lassen, daß wir hungrige Leute wären und daß bei ihnen ein Schulmeister und ein Hungerleider das gleiche bedeute.« Ich wollte Mädeli verständlich machen, daß ich von Amtes wegen gehen müsse und eigentlich gar nicht unter die Leidtragenden zu zählen; daß ich allemal gehen müsse, was nicht billig sei, da in andern Häusern Mann und Frau miteinander wechseln. Das würden doch alle Leute begreifen, meinte ich, und niemand etwas Übels darin finden. »Und ich komme nicht,« sagte meine Frau. »Ich könnte die Augen nie aufthun aus Furcht, es begegneten mir ein Paar andere Augen, die spöttisch die Bissen zählten, die ich esse, um zu erfahren, wie hungerig auch so ein Schulmeisterweib sei.« Sie habe es auch nicht wie andere Weiber, die ihren Männern alle Bissen nachrechnen, mißgönnen und nicht zufrieden würden, bis auch ihnen etwas geworden sei. Sie möge mir alles, was ich erhalte, von ganzem Herzen gönnen; ich müsse alles sauer genug verdienen; es gehöre mir von Rechtes wegen; wenn sie nur zu Hause bei den Kindern sein könne und zu essen für diese habe, so sei sie lange zufrieden. – »Nun, Mädeli, dich kann ich nicht zwingen; aber wenn du nicht willst, so schick mir doch den Peterli ins Wirtshaus. Gib ihm irgend einen Auftrag; wenn er nur in die Stube kommen kann, so bringen es ihm viele, und ein Stücklein Fleisch will ich ihm schon zustecken.« »Aber, Peter, ich begreife doch wahrhaftig nicht, was du sinnest. Nein, den schicke ich dir auch nicht; willst du dann absolut einen Schmarotzer aus ihm machen? Es kann mich ärgern in den Tod hinein, wenn unsere Kinder so an die Kinder, welche während der Schule hier bleiben und ihre Zimbiß-Säckli auspacken, zustehen und ihnen in den Mund guggen und so glustig nach den rotbackigen Äpfeln oder der guten Milch schielen, die wir freilich ihnen nicht geben können. Es geht mir allemal ein Stich ins Herz, wenn die andern Kinder dann meinen, sie müßten unsern Kindern etwas geben und sich selbst etwas abzwacken. Ich kann gar nicht zusehen, wie unsere Kinder das nehmen und so hungerig essen. Ich habe es ihnen schon manchmal verboten und ihnen dargestellt, wie wüst das sei; aber es hilft alles nichts. Und jetzt willst du gar die Kinder noch dazu anführen und den Peterli, der ohnehin nicht ist, wie er sein sollte, mutwillig zu einem Schmarotzer machen und ihn lehren uverschant sein? Das kann ich nicht begreifen.« »Aber, Frau,« sagte ich, »du nimmst doch alles gleich so spitz auf! Was wollte doch das dem Kleinen schaden? Und ein Glas Wein thäte ihm auch wohl; und eins mehr oder minder, was macht das den Erben? Und andere Schulmeister machen es auch so und lassen manchmal nicht nur ein Kind, sondern viere hintereinander aufmarschieren.« »Höre, Mann, dich kann ich gar nicht begreifen. Du solltest doch wissen, daß man mit einem einzigen Mal bei den Kindern eine Gewohnheit anfangen kann. Heiße Peterli einmal kommen, so kömmt er dir das nächste Mal von selbst, und wie willst du es ihm abwehren? Peterli ist ohnehin schon so uuerschant und meint, es stehe ihm alles wohl an. Begreifst du nicht, was die Leute dazu sagen? Sie geben wohl dem Kinde Wein und stoßen ihm noch Eßbares in den Sack; aber sie denken doch dabei: üse Schumester isch doch e-n-arme Hung, und betrachten sein Kind wie ein ander Bettelkind. Auch,« sagte meine hitzig gewordene Frau, »kann ich die Schulmeister, welche solches thun, nicht begreifen. Sie sind so stolz und einbildisch, und dann wieder so niederträchtig und bettelhaft, daß ich mir das gar nicht erklären kann. Ich kann mir bloß denken, sie meinen, es merke es niemand, oder sie thäten so von rechteswegen, und ihre Kinder und Weiber hätten das Vorrecht, Schmarotzer zu sein. So ungefähr wie unsere vorige F. Landvögtin, die, als des Statthalters Frau zu V. ihrem Buben die Säcke mit Kannenbirnenschnitzen füllte, rief: »Frau Statthalters, lueget, da heit er no-n-e Sack vrgesse.« – So ungefähr, aber etwas krauser durcheinander, redete mein Weib, so daß ich verblüfft wurde und nicht fassen konnte, woher mein Weib alles habe. Ich wußte nicht, daß ein Weib, wenn es einmal seine Gedanken von den Nachbarsweibern und allfällig auch von seinen Kleidern abzieht und auf vernünftige Dinge richtet, ungeheuer viel unvermerkt in sich verwerchen kann. So ward ich von meiner Frau aus dem Felde geschlagen und mußte allein hin ans Leichenmahl. Es war merkwürdig zu sehen, wie die Männer mit den schwarzen Mänteln unter dem Arme, den schwarzen Wollhüten auf dem Kopfe, die Weiber mit den schwarzen Scheuben und den aufgebundenen Züpfen, so leidlich anzusehen und dann doch so lustig und wohlgemut aussehend, herbei eilten aus allen Ecken und Tenn und Schöpfe des Hauses füllten lange vor eilf Uhr. Gar denkwürdige Gesichter machten die Erben. Auf der Stirne thronte das schönste Wetter, und seine Strahlen blitzten über das ganze Gesicht, und demohngeachtet wollten sie immer Regen oder wenigstens trübe Wolken heraufbeschwören. Ich wette, diese Gesichter hatten ihnen schon lange vorher Kummer gemacht. Sie fühlten, daß sie traurige machen sollten; sie wußten, daß sie fröhliche machen müßten. Aber so aufrichtig waren sie kaum wie jenes Mädchen, das bei irgend einem Anlasse weinerlich seiner Mutter klagte, der morndrige Tag mache ihm doch Kummer; es sollte weinen und fürchte, es nicht zu können. Die Haushälterin trocknete zuweilen einige Thränen ab; aber handlig ging es eben auch nicht. Die Katze stieg bitter mauend im Hause herum, mit aufgehobenem Schwanze an allen Thürposten sich reibend und grimmigem Gesichte, so daß jeder fürchtete, sie fahre ihm an die Beine. Und als ich am schönsten über meine Seraphim und Cherubim redete und eben ein altes Mütterchen das Nastuch hervorzog, weil es von weitem eine Thräne kommen fühlte, da kam die unglückliche Katze mit hohem Schweife, hässig mauend, wieder angestiegen, setzte sich mitten auf den Sarg, sah sich rund um und dann mir ins Gesicht. Mir wurde angst und bange; meine Cherubim und Seraphim stolperten übereinander, so schnell sie konnten, und sahen sich gar nicht nach Rührung um, sondern nur nach der Katze, die hoch oben auf dem Sarge faß. Erst als ich Amen sagte und den Angstschweiß mir von der Stirne wischte, trat die Haushälterin an die Katze, gab ihr einen Stoß und sagte: »Geyhst ache, du Hung!« Dann sahen grimmig beide einander an, und die eine ging hier aus, die andere dort aus. Den Sarg aber mit der Leiche trug man von ihrem Hause weg aus ihrem Eigentum heraus, trug sie den Würmern zu; kein Denkmal ihres Seins hinterließ sie, kein Zeugnis, daß sie als vernünftiges Wesen gewaltet, keinen Zeugen, daß sie in Liebe thätig gewesen, nichts als die Katze, deren Mauen uns noch lange verfolgte. Aber kann eine Katze reden vor Gott? Wird Gott ihr Mauen wohl verstehen? Aber wo einem auch nicht einmal eine Katze nachmaut – wie dann? Mit dem Wirte hatten die Erben nicht geknausert. Es war nicht bloß Kuttlen Voressen da, sondern Voressen von Hirn, Milchlig und Schaffleisch; es war saure Leber da und fettes Rindfleisch und Speck auf dem Sauerkabis, daß man die Füße nicht mehr stille halten konnte unter dem Tische; und der Wein war nicht hochgelb, sondern schön grau und ein styfes Wynli, das einem recht wohl machte. Von der Küche her schmeckte man noch Braten, und in einer Nebenstube sah man Tatern und Schinken ganze Tische voll. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Wie an einer Gräbd den Leuten die Mäuler aufgehen. Es war anfangs stille gewesen, und nur Messer und Gabeln hatten geklappert; aber allmählig erhob sich ein Surren wie in einem Bienenstock, der stoßen will, und aus demselben scholl hie und da ein helles Lachen, das immer häufiger wieder kam, je lauter das Gesurre wurde. Ganz heiter, ungeniert waren jetzt die Erben und machten verstohlen hie und da mit einem Gesundheit, daß die Gläser klangen; und dieses Gläserklingeln, das man an Gräbden sonst nicht hört, ward immer häufiger und lustiger. Die Spaßvögel der Gesellschaft tauchten auf, und: »Los ume, los ume,« so begann der lustige Peter alle Augenblicke einen lustigen Spruch, daß die Weiber kickerten und die Männer lachten, daß die Fenster zitterten und die Teller klangen auf den Tischen. Aber mitten unter der lustigen Gesellschaft sah man sitzen einige finstere Männer, die lachten nicht zu den Späßen; die aßen nicht munter, sie tranken selten; aber wenn sie einmal das Glas ansetzten, so setzten sie es nicht ab, bis es leer war. Es waren dicke Männer; ihre Bäuche ragten weit über den Tisch hinein. Man sah deutlich, daß die sonst mehr geessen und früher kein so kummerhaftes Gesicht sie geplagt hatte. Sie redeten schon von Heimgehen. Ein Fremder hätte sie für die Erben angesehen, die über den entstehenden Lärm sich ärgerten und denen der Schmerz den Appetit genommen. Da trat der lustige Peter zu ihnen und sagte zu einem: »Es wird üser eim, so emene gringe Mannli, wie-n-i bi, das sys Vermögeli alles uf sym Buggel zuehe-gchräzt het, wohl erlaubt sy, mit dene Manne cho Gsundheit z'mache?« Die Männer hoben die Gläser, als ob es Centnersteine wären, und sie klangen, als ob sie alle gespalten wären. »Los ume, Statthalter,« sagte Peter dem einen, »du machst my armi türi es Gsicht, wie we dyni vier Noß daheim uf-em Rücke läge oder dn Schwäher angers gwybet hätt.« – Er hätte heute noch nichts Süßes gehabt, gab dieser ihm puckt zur Antwort. – »U du, Amme, oh,« fuhr Peter fort, »du lasch ja dr Trümmel hange, daß me e styfe Säustall druf abstelle chönnti. U, dr Stier soll my hudle, üse Kilchmeyer dä ha-n-i ume no nit emal gseh; dä luegt ja dry, wie we me-ne blutte dür e Dörnhag zöge hätt. Isch's de Mathei am letzte mit üse Gmeinsvätere? Herr Yses, essit doch, trinkit doch; mr hei bis dahi usbotte ds Land uf u ab, sellig toll Manne heig ke Gmeind mit sellige Büche. Es isch e-n-Ehr gsi für die ganzi Gmeind, we sie im Chor gstange sy eine am angere u eine schwerer als der anger, u der Leydisch unger-ne wenigstens 2\&frac12; Centner schwer. Losit ume, mr hei mit de Küngiwylere z'Bern i ds Gritlis Cheller gwettet, üses Chorgricht u üses Gricht mach wenigstens 6 Centner meh als ihres, u sie chönne no dr Pfarrer u dr Grichtschryber derzue näh, u mr welle-ne no üse Pfarrer u üse Schryber drüber y gä. Aber we dr dGringe laht lampe wie dFülli-Mähre, su vrspiele mr's.« – »Los, Peter, lah-n-is ume rüyhig,« sagte der Ammann, »du chasch jetz de selber i's Chor u dr Mantel umhänke; du chasch de luege, ob du drüyisch oder nit; mr we dr scho Platz mache.« Peter lehnte die Ehre gar mächtig ab und behauptete, so ein gering Mannli dürfte nicht neben sellige Manne hocke im Chor. Sie aber sagten, sie begehrten gar nicht mehr dort zu sitzen; es könnten es jetzt andere auch probieren, wie es dort sei. Man habe nichts als Mühe, zur Mühe Verdruß, zum Verdruß Schaden; ein jeder Schnuderbub wolle einen zum Schelmen machen. Es möge gegangen sein, was wolle, so müsse man schuld daran sein, und von hundert Jahren her sollte man alles gut machen aus dem eigenen Sack. Sie wollten jetzt andere auch dazu lassen; die könnten dann auch versuchen vom Schleck; der neue Gemeinderat werde dann wohl alles gut machen. So stichelten die Männer. Peter aber that gar unschuldig, versprach sich gegen die Männer, daß er nicht wisse, was sie meinten, und daß er nicht wüßte, wer es besser machen wollte als sie. Einmal er habe oft gesagt, denen wollte er alles anvertrauen, sein Hab und Gut, ohne einen Buchstaben Gschriftlichs. Sie hielten ihm aber vor, daß er von zweier Gattig Reden sei, und daß sie wohl wüßten, daß er auch einer von denen sei, die den Landvogt gegen sie aufstüpfen, und alle die, die vor hundert Jahren unter Vogts Händen gewesen, aufstüpfe, daß sie die Rechnungen untersuchen ließen, und daß er auch seine große Freude daran gehabt habe, daß da ein neuer Gemeinderat eingeführt werde und die Chorrichter und Gerichtssäßen nichts mehr zur Sache zu sagen hätten. Die D....hätten lange genug in ihrem Geld gekrüschelt; es sei jetzt Zeit, daß andere auch die Finger darin hätten, habe er gesagt. Und er stifte auch an, Tauner in den Gemeindrat zu wählen statt Bauren mit einem zahlten Hof; das werde schön gehen, wenn solche dChünge würden. Aber Peter ließ sich nicht erschrecken. Er fuhr fort, unschuldig zu thun, die Manne zu rühmen, über das neue d. Werk zu schimpfen, zu beteuren, einmal er begehre nichts davon; so ein gering Mannli wie er vermöchte es nicht, ein Jahr lang dr Mantel z'tragen oder im Gemeindrat zu sitzen; das müsse man denen überlassen, die Kümi hätten. Ich weiß nicht, ob die Vorgesetzten dem Peter glaubten; aber der Anlaß war ihnen willkommen, ihren Kropf zu leeren und auszuschütten, was ihr Herz drückte. »Ich kann nicht begreifen,« sagte der Kirchmeier, »warum unser Oberamtmann auf den Rechnungen ist, wie der Teufel auf einer armen Seele. Es wird ein armer Hung sein, der nach allem stechen muß, was etwas einträgt, und drei Passationen in sechs Jahren statt nur einer machen einen Unterschied. Solche Gesetze sind für nichts anders gut, als für den Herren die Fische in die Bähre zu jagen.« Die Regierung meine es gut, sagte der Statthalter, und die Gesetze seien nicht halb so bös gemeint. Es seien im Rat immer einige wunderliche Herren, denen immer etwas Neues in Sinn komme. Um sie nicht böse zu machen, gebe man dann das Neue auf das Land hinaus; das seien die Gesetze. Aber es sei keineswegs meiner Gnäd. Herren Meinung, daß die müßten gehalten sein: man gebe sie nur heraus, damit man davon schweige in Bern und sie nicht immer die Ohren voll bekämen. Das seien gar gute Herren in Bern; die begehrten niemand zu kujinieren. Aber zum Unglück kämen auch wunderliche, apartigi Herren auf das Land hinaus und die bildeten sich ein, sölche narrochtige Gesetze müßten gehalten werden, und kujonierten die Leute damit. Im nächsten Amte sei z. B. ein gar verständiger, guter Herr. Er kenne in dessen Amte Gemeinden, wo in der einen seit dreizehn Jahren keine Warenrechnung und in einer andern acht Jahre lang keine Armenrechnung abgelegt worden. Kein Mensch sage da etwas. Nur ihr Landvogt sei so exakt. Aber wenn er auf Bern komme, so habe er dort auch seine Herren, die auf ihn hörten; denen wolle er ein Wörtchen ins Ohr sagen, es komme so nicht gut; es werde dann schon luggen. So redete der Statthalter. Da kehre er nicht die Hand um, rief einer unten herauf, um das, was einer besser sei, als der andere. Jener Landvogt werde wohl etwas zwischen die Finger gekriegt haben, daß er so weit durch dieselben sehen könne. Es seien Leute darnach hinter den Rechnungen. Da werde man aber einst etwas vernehmen, wenn es losbreche. Er wollte es nicht mit 30,000 Pfund gut machen, was da der Gemeinde für Schulden zum Vorschein kommen würden. Und dem sehe der Landvogt ganz gelassen zu. Die Gesetze seien nur dafür da, daß man sie denen richte, denen man nicht wohl wolle, daß man sie aber für alle auf die Seite thäte, die sich einzukaufen wüßten in ihre Gunst. Er glaube das nicht einmal, sagte der Weibel: aber die Landvögt seien halt von Natur verschieden. Giner sei ein Schlufi, der andere ein Gusli; daher ließe einer alles schlitten, der andere stöberte alles auf. Aber die Gesetze, die seien nichts wert, die mahnten ihn an ein Lätschenbrett. Bhange man in einem Lätsch nicht, so gebe es einem in einem andern, und man werde ein Fressen für die Advokaten oder für die Landvögte. Das sei die dümmste d. Sache von der Regierig, daß sie die Advokaten die Gesetze einrichten ließe nach ihrem Belieben; das mahne ihn gerade daran, als wenn man den Bock zum Gärtner mache. Das hätte er erfahren, fchrie ein gewaltiger Mann, der eine Nase hatte wie eine Blutwurst und zwei Lippen wie zwei Leberwürste. Ihm habe man auch eine alte Waisenrechnung aufgestochen, die ihm der Schreiber gemacht. Man habe ihm noch 1000 Pfund Restanz herausgefordert manches Jahr hinten drein. Er hätte nichts darum gewußt; der Schreiber hätte die Rechnung so gemacht, der verstünde sich doch darauf. Nun hätte er sich beraten; man hätte ihm recht gegeben; er hätte sich gewehrt; mehr als 1000 Pfund Kosten hätte es gegeben und alles hätte ihm immer gesagt: »Du hesch recht, du hesch recht!« Endlich hätte er es doch verspielt, hätte Kosten und Restanz zahlen und am Ende noch Gott danken müssen, daß man ihn nicht zum Schelmen gemacht. Der Landvogt hätte ihm davon düderlet, aber da hätt' er de afe welle afa luege. Wegen 2000 Pfund mehr oder minder luege er notti nit nebe umme, aber verfluecht taube heig-es-ne gmacht u er wellne dra sinne. Die Gemeinde hätte auch so einen Handel, sagte der Ammann, und zuletzt werden die Vorgesetzten zuehe müeße; die müsten immer darha für Sachen, für die sie nichts könnten. Er hätte öppe alles verstanden, was einem Ammann wohl anstehe, und mit dem Lesen fürchte er keinen, da könne er jede Gschrift lese wie Schnupf; nume dem Pfarrer sein Gchafel könne er nicht verstehen; der schreibe aber auch, wie wenn er einen Tannast auf dem Papier hie ume u dert ume schleipfti. Jetzt aber sehe er nichts mehr zu machen, wenn das so gehen müsse. Er sehe wohl, die Bauren sollten z'Bode. Aber so ring gehe das doch nicht. Er selber sei z'alte, für das Neue z'lere, aber sy Bueb müeß e ganze gäh, und wenn er ihn hundert Duble kostete, so wolle er den z'weg bringe, daß er so a-me-ne Landvogt y heig. Schulmeister du kannst dich nur stelle mit ihm und Fleiß haben; es düecht mi geng, es chönnt viel meh fürers gah. So düechte es noch andere und sie gaben mir es zu verstehen. Der Gerichtsätz auf dem Felde sprach mir besonders zu, daß ich recht auf Schreiben und Rechnen hielte; bei dem schießige Fragenlehren komme nichts heraus. Das Auswendiglernen sei nur, die Kinder zu quälen, und wenn sie schon alles könnten, so helfe es ihnen doch nichts. Sein Bube hätte ihm letzthin eine Quittanz schreiben sollen; aber er hätte einen halben Tag daran gemacht und am Ende hätte er doch noch zum Gemeindschreiber gehen müssen. Das muß anders gehen, sonst komme es so, wie der Ammann sage. Das sei doch noch nicht so böse gemeint, sagte der Statthalter. Die Herren zu Bern meinten es mit den Bauren besser, als man glaube. Wenn ein Landvogt zu weit fahre, so könne man ja jetzt oben für; es sei einer am Justizrat und hinter dem sei noch ein anderer, die hätten die Landvögte verflucht auf der Mugge und wenn sie so eim könne e Täsche gäh, so warten sie nicht lange. Wenn man etwas habe, wo man glaube, man komme z'weg, so hätte man ja nur zum Dökti zu gehen; der sei bei denen zwei gar wohl an und es müßte nicht zu machen sein, so erhielte er recht. Deswegen brauche man also noch nicht Kummer zu haben und zu meinen, man müsse das mit seinen eigenen Buben zwängen; die hätte man anders zu brauchen, als sie da zu Schreibern zu machen. Ich versprach mich auch so gut ich konnte. Ich werde mein mögliches thun, sagte ich; aber der Platz, der Platz sei gar zu klein; wenn ich da mit allen schreiben sollte, so müßte ich die Hälfte heimschicken. »Wer sagt dir, Schulmeister, daß du mit allen schreiben sollest?« sagte der Weibel, »das wäre mir ein lustig Dabeisein, wenn jeder Taunerbub und jedes Verdingmeitschi schreiben sollte. Nei nadisch, Schulmeister, so wey mr de nit, da chasch di i-n-Acht näh. U üses Schuelhus isch no lang wyts gnue.« »Die Lättikofer bauen jetzt ein Schulhaus wie dNarre,« sagte der Kirchmeier; »es kostet sie wenigstens 10,000 Pfund.« »Die können lang bauen,« sagte der Chorrichter, »sie bleiben immer die Lättikofer; würden sie eine Feuerspritze anschaffen oder einen brävern Dorfmuni, das wäre ihnen nützer.« »Der Pfarrer hat zu mir gesagt,« sagte der Statthalter, »die Lättikofer bauten jetzt ein recht tüchtiges Haus und ihr altes sei doch nicht ganz so schlecht, als das unserige. Es sei ihm leid, daß er uns nicht auch einen neuen Bau zumuten dürfe; aber er sehe wohl, wir vermöchten es nicht und seien zu arm dazu; darum müsse er Geduld mit uns haben.« »Potz D.,« sagte der Ammann und schlug mit seiner feißen Faust auf den Tisch, daß selbst die Thüre zitterte, »woher weiß dann der Pfarrer, daß wir arm seien; es ist ihm doch noch keiner von uns öppis ga heuschen. So gut als die Lättknuble vermögen mir das Bauen, wenn es dann darauf abkömmt. Wir wollen sehen, wer es am besten aushält. Einmal entlehnen wollen mir das Geld nicht dazu, wie sie es machen. Aber vrfluecht uverschant isch es de vom Pfarrer, das säg i frank use, uns so zu verbrüllen, wir vermöchten es nicht. Es wäre ihm wohl angestanden, uns zuerst zu fragen, ehe er so was sagte. Nei, b. Sacker, dem wey mr zeige, daß mr de keiner Hudle syge, daß mr Geld heige mehr als er. Aber er wird auch einer von denen sein, die meinen, die Bauren sollten nichts lernen; aber mr wey ihm's zeige, bim –, daß üser Buebe das Recht haben, soviel zu lernen, als so ein F... Burger von Bern, der nume dr halb Teil vom Jahr halb gnue z'esse het und dr anger halb Teil vom Schmöcke mueß lebe, was mir Bauren a-mene Zystig fresse z'Bern inn.« Er helfe auch bauen, schrie der mit der Blutwurst zwischen seinen zweien Leberwürsten heraus, ume daß der Landuogt sehe, daß er sie noch lange nicht ausgesugget, daß sie noch mehr Kümi hätten. Ihm z'Trutz helfe er es machen; der müsse sehen, daß er noch z'mutze sei, sie zu stumpe, wenn er schon gesagt: man sollte die Bauren alle drei Jahre stumpen, wie die Weidstöcke. Ihm sei es auch graglych, sagte der Kirchmeier, ume daß die Lättikofer sie nicht auslachen könnten. Das brauche dann nadisch kein so großes Haus, wenn de am End ume-n-es neus syg. Daß man die Kinder dann mehr in die Schule schicken wolle, selb sei nicht, und daß ein jeder Hintersäß schreiben und rechnen lere, selbs möchte er auch sehen. Werchen müsse man; mit dem Werche verdiene man Geld. Geld sei die Hauptsache; mit Geld könne man alles machen. Er hätte noch nie gehört, daß einer mit dem Lere reich geworden sei. Man solle ume-n-e Schulmeister neben einen Bauren stellen und einen Pfarrer neben einen Landvogt, und dann solle man sagen, welche mehr lernen und welche reicher seien? So ein Pfarrer sei ja immer hinter den Büchern, und wenn ihnen der Lohn einmal acht Tage ausbliebe, so wolle er wetten; die Halben würden brüllen, wie die Kühe vor einem leeren Bahren. Er aber frage, wer je einen Landvogt und ein Buch zusammen gesehen? (der Kirchmeier war also nie im Oberland, wo einer während seinen Audienzen immer las) und dann solle man sehen, wie reich die Landvögte seien und wieviel Geld sie auf die Post thäten? »Kirchmeier,« sagte ein grauhaariger, etwas gebeugter Alter, »du hast etwas recht. Ja, was man hie ume und in unsern Schulen lernt, das trägt nichts ab, weder öppe dRegelion, daß man nicht in die Hölle muß; sonst mit dem andern könnte man nicht verdienen in zehn Jahren, um ein halb Jahr lang einer Maus z'fresse z'gäh. Aber da im Wältsche hinger, da lere sie Neuis, das treyt öppis ab, i cha dr's säge, Chilchmeier. I ha's susch no Niemere brichtet, aber euch will ig's säge. Ihr kennet meinen nachältesten Buben, der, wo jetzt im Neuenburgische ist und so ganz herrschelig dahar chunt. Der mochte zu Hause nicht arbeiten; man konnte ihn gar nicht brauchen, und jemehr ich ihn prügelte, desto dümmer wurde er und desto fanler. Er ist manchmal einen ganzen Tag auf der Reyti am Schatten gestanden und hat zum Heiterloch aus gesehen. Wenn er eine Brattig oder eine Zeitig hat in die Hände kriegen können, so hat er sie nicht daraus gelassen, bis man ihm Schläge gegeben. Er ist uns nach und nach übel erleidet; wir wußten gar nichts anzufangen und waren recht froh, als er uns einmal erklärte, er wolle fort und in das Wältsche hingere ga dSprach lere; die komme einem immer kumlich und besonders bei den Roßwältsche; wenn man selbst mit ihnen reden könnte, käme man immer besser z'weg, als wenn man an die Schmausgumper kommen müsse. Das gefiel mir nicht übel; überhaupt war ich froh, wenn er weg kam. Er war drei Jahre fort, wir wußten nicht einmal recht wo. Dann kam er heim. Er war schön gekleidet und hatte zwei Sackuhren und eine guttuchige Bchleidig. Er war z'weg fast wie ein Herr, lachte uns nur aus und rührte mit keinem Finger ein Werkholz an. Mit dem Pfarrer hat er gwältschet, daß es mi es wunderligs düecht het, o kes einzigs Wörtli ha-n-i vrstange u bi doch grad bi ne ane gstange. Dann ist er wieder fort, und wo er das letztemal wieder da gewesen ist, habe ich ihn herum geführt und ihm unsere Kornacker gezeigt, unsere Kühe und Rosse und den Spycher voll Sachen. Er hat über alles nur so obenhin weggesehen und mich endlich gefragt: was mir denn eigentlich mein Hof abtrage? »He«, fagte ich, »wenn ich unsere Arbeit nicht rechne, so würde ich nicht 4000 Pfund für den Abtrag nehmen. Der Hof ist aber gut und der Stall trägt mir auch was ein«, sagte ich. Da lachte er spöttisch und sagte: da sei viel Gscherr u weni Wulle. »Du hast nicht Ursache zu lachen, Bueb,« sagte ich, »du kannst noch viel mehr scherren und bringst doch deiner Lebtag nicht so viel Wulle z'weg.« Hof begehre er keinen, sagte er; bloß mit seinem Gring wolle er bald mehr als 4000 Pfund in einem Jahr verdienen. Da habe ich doch müsse anfangen, ihn zu gschauen und ha da sy Gring agluegt u de recht, u ha-n-ihm du gseit: wenn er de n-e Nar ha well, su söll er de e hölzige lah mache. I heig sechs Chüeh im Stall u die leydeste von ihnen heig dr bräver u größer Gring als er, und doch wäre sie mir für zehn Dublonen feil dahin und daweg. Er gebe zu, sagte er, daß zu Gytiwyl zwischen Kühgringe und Menschegringe kein Unterschied sei, als was einer schwerer sei als der andere. Im Neuenburgische aber sei es anders; da gebe es Köpfe, die mehr wert seien als der größte Baurenhof im Kanton Bern. Ja, einer habe mit seinem Kopf mehr als 25 Millionen verdient. Zugleich zog er eine ganze Handvoll Dublonen heraus und spienzelte sie mir und sagte: ob ich aus meinen Kühen auch solche gelbe Vögelchen löse? I ha gluegt wie-n-e Nar u hätt fast Lust übercho, o no i ds Neueburgische z'gah, aber i bi z'alte drzue. Aber mein jüngst Meitschi habe ich ihm mitgegeben, das ist so e's lüftigs; und er hat gesagt, das müsse etwas Rechtes werden. Wir haben ihm eine Lismete mitgeben wollen; aber er hat gesagt, die brauch es nicht; es werde da innen nichts machen müssen, als öppe d'Stube wüsche-n-u brodiere.« »Und dann er, was macht er?« fragte glustig der Statthalter. Er sei bei einem gar grausam fürnehmen Herrn, dem müsse er zu allen seinen Sachen sehen, müsse in den Kellern sein, damit die Küfer den Wein nicht allen trinken, und müsse für den Herrn laufen, wenn er nicht selbst gehen möge oder wenn es strub Wetter sei, z. B. auf die Post oder ins Kaufhaus oder zu andern fürnehmen Herren. Und das andere Jahr wolle der Herr ihn zu seinem Gumi machen; dann brauche er nicht mehr zu Fuß zu laufen, sondern er könne immer Chaise fahren und habe einen Lohn wie hier ein Landvogt. »Was will das sagen, Gumi?« fragte der Kirchmeier. »Ich habe ihn auch gefragt,« sagte der Alte, »und er sagte mir, das sei gerade das, was der Joseph bei dem Pharao gewesen sei.« Wenn ein Gring mehr wert sei, als ein Hof, so gebe er zuletzt noch der Reichste von Allen, meinte Peter, mit seinen zehn Kindern. Wenn er wüßte, daß ein jedes 4000 Pfund verdienen könnte, er wollte noch heute sechs schicken und morgen mit den vier andern nachgehen. Das käme lustig, sagte der Ammann, dem es angst wurde, Peter und seine Kinder könnten so geschwind reich werden, wenn so einer, wie er sei, seine Kinder ins Welschland schicken wollte; das sei doch sonst nur für die Reichen gewesen. Aber er sehe wohl, es drücke alles auf sie Bauren los. Die Herren kujonierten sie, die Tauner und Hintersäßen hätten auch dGringe auf und fänden überall Recht und werden bald alleine regieren in den Gemeinden. Aber sie seien auch noch da; da muß doch noch ein Fack gehen, ehe sie sich ganz untern thun ließen. Dem Pfarrer z'Trutz wollten sie afange ein Schulhaus bauen, sagte der Kirchmeier. Die Lättikofer sollten sie nicht ausführen mit ihrer alten Hütte. Es sei denn nicht gesagt, daß ein jeder das Recht hätte, in demselben zu lernen, was er wollte. Er meine, daß die, welche das Geld dazu geben, ihre Kinder könnten lernen lassen, was sie wollten; die andern, was man dann gerne wolle. Es sei eine schreckliche Sache, wie es jetzt gehe in der Welt, sagte der Chorrichter. Ehedem sei man so ruhig bei seiner Sache gewesen und hätte leben können, wie man gewollt hätte. Jetzt gehe alles darunter und drüber und ein jeder Hudel könne einem sein Maul anhängen, und man komme um Hab und Gut, man wisse nicht wie. Aber so gehe es, wenn man immer neue Gesetze mache und auf sellige Büechere mehr hielte als auf der Bibel. Daran sei die Regierung schuld, aber sie werde es einmal erfahren, daß sie die Bauren von der Bibel weg zum Gsatz getrieben. Da stund der Statthalter auf und sagte: es düech ne, es wäre afe Zeit heimzugehen, der Wirt hätte die Lichter ja schon lange gebracht. Nicht pressiere solle er doch, hieß es von allen Seiten. Aber der gute Mann fürchtete, die Reden möchten zu scharf werden, und er war klug genug, zu fühlen, daß er und die andern genug geladen hätten und eine Maß mehr den Kübel umleerte. Er hatte es nicht wie mancher andere Statthalter; er wußte, wenn er genug hatte. Nun wirrten sich die Stimmen durcheinander an unserm Tische, wie schon lange vorher an den andern. Jedes wollte noch geschwind allen alles sagen, was es sich vorgenommen hatte. In diesem Babylonischen Lärm vernahm ich nur, wie der Kirchmeier den Auftrag erhielt, mit einem Zimmermann zu reden über den Schulhausbau, und wie in einer Ecke der Statthalter den Alten fragte, wie man den Brief adrässieren müsse, wenn man einen an dessen Sohn schicken wolle? Und ich sah, wie der Chorrichter sein Glas geschwind zweimal hintereinander ausleerte und tief aufseufzte: es könne gewiß nicht lange mehr gehen, bis der letzte Tag komme; es gehe ja gerade so wie es in der Offenbarung St. Johannes heiße. »Gäll, Schumeister!« sagte er und hielt sich an mir, um mit mir die Treppe hinunter zu gehen. Ich hätte mein Lebtag nicht geglaubt, was das für eine Arbeit sei, einen Chorrichter heimzuführen von einer Gräbd, wenn ich es nicht selbst erfahren hätte. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wie eine Frau mit einem Mann thut, wenn er von einer Gräbd heimkömmt. Ich kam lustig und guter Dinge heim. Die Erben hatten mir einen Zwänzger in die Hand gedrückt; für eine Halbe, die ich Mädeli kramte, wollte der Wirt nichts, und ein Stück weißes Brot, das ich nicht mehr essen mochte, war in meine Tasche gekommen, ich wußte nicht wie. Mit vielen Künsten war es mir durch manche Wendung gelungen, die Flasche ganz zu bewahren, während ich und mein Chorrichter ziemlich hart mit mancher Ladenwand und manchem Zaunstecken zusammentrafen. Wenn der Chorrichter mit seinem ganzen Gewicht zärtlichst an mich fiel, daß wir beide einer Wand zutaumelten, so wich ich schnell zurück und ließ ihm die Ehre, anzubütschen mit derselben. Ich dachte, ein Chorrichter möchte die Mosen besser erleiden als eine Flasche. Mädeli hatte mir immer zwei Dinge z'weg, wenn ich heimkam und selbst spät von einer Gräbd: ein freundlich Gesicht und etwas Warmes, meist ein Kaffee. Auch diesmal fehlte es nicht. Nachdem ich noch nach den Kindern gezündet hatte, die bereits schliefen und die mich nie hübscher dünkten als im ersten Schlafe, setzte ich mich an mein Kaffee gar guter Dinge, und Mädeli stellte das Rad neben den Tisch, zog die Kunkel an sich und ließ den feinen Faden schnell und lustig auf den Spuhlen gehen. »Ja, Fraueli, ich weiß etwas; wenn du es auch wüßtest!« begann ich. – »He, was dann, es wird öppe es neus Hochzeit sein?« – »Nein, Fraueli, öppis ganz anders.« – »Oder es haben etwa zwei Weiber einander geprügelt?« – »Nein, Fraueli, ganz öppis anders.« Und Mädeli ward des Spiels nicht müde und schnurrte mich nie an. Wie beim Schlüsselklopflis wußte ich aber durch Bezeichnungen es näher und näher zu ziehen der großen Neuigkeit, daß es so ungesinnet ein neues Schulhaus geben solle. Nachdem die erste Freude verrauscht war und ich auf so Fragen: wie dann das ein Haus werden solle, ob es auf den gleichen Platz komme? etc. keine Antwort wußte, fragte mein Weibchen: wie die Bauren zu diesem Entschluß kämen? Ich erzählte, daß sie dem Pfarrer zum Trutz bauen wollten, um ihm zu zeigen, daß sie es so gut vermöchten als andere, und weil sie ihn im Verdacht hätten, er begehre nicht, daß sie viel lernten und daß er meine, es sei gleich alles gut genug für sie. Es geschehe dem Pfarrer recht, meinte ich, und es freue mich, daß die Bauren gescheuter seien als der Pfarrer; ich. hätte das nicht geglaubt. Da ich zuletzt bei den Bauren gewesen und die stattlichen Männer so stattlich reden gehört z. T. auch über Dinge, von denen ich gar nichts wußte, so hielt ich es natürlich mit ihnen, war überzeugt, sie hätten Recht, und hatte sicher dem Pfarrer ein halb schadenfrohes, ein halb saures Gesicht gemacht, wenn ich ihn jetzt angetroffen hätte. Meine Frau war aber nicht gleicher Meinung. »Ich kann nicht begreifen, Peter,« sagte sie, »wie du glauben kannst, der Pfarrer wolle nicht, daß man etwas lerne. Ich habe noch nie mit ihm geredet; aber seine Predigten gefallen mir bsunderbar wohl. Und gerade in diesen Predigten redet er immer von Erkenntnis, daß diese das Fundament des Glaubens sei, und daß. Jesus gelehrt habe, ehe er gestorben sei; so müsse man auch die Lehre kennen und angenommen haben, ehe man zu Gnaden kommen könne«. – »Ja,« sagte ich, »öppis Wunderlichs von der Religion brichtet er; aber daß er so den rechten Glauben habe, meine ich nicht; er will es den Bauren nur schwer machen und ihnen zu verstehen geben, es kämen ihrer wenige in den Himmel.« – »Eh aber!« erwiederte Mädeli, »sagt er doch nicht immer, die Ärmsten könnten in den Himmel kommen; es käme vor Gott nicht auf das Kleid an; und er redet dann von der Würde des Menschen, der ein Kind Gottes sein könne, wenn er sich mit der Sünde nicht gemein mache, und das wolle viel mehr heißen als König sein oder Schultheiß.« – »Ja,« sagte ich, »das ist's eben, er hält es auch mit den Armen gegen die Reichen und reiset die auf und mag den Bauren es nicht gönnen, daß sie es so gut haben, und vernütiget sie, wo er kann, und glaubt sich zu vornehm, sich mit ihnen abzugeben.« »Los, Peter,« sagte meine Frau, »man merkt wohl, daß du an einer Gräbd und bei wem du zuletzt gewesen bist; du würdest sonst nicht so reden. Es ist den Bauren Keiner recht; der frühere lief ihnen zu viel nach, der jetzige zu wenig; der frühere wollte ein Schulhaus, aber die Bauren wollten keines; der jetzige wollte keines, nun wollen die Bauren eines; deinetwegen und der Kinder wegen wird also nicht gebaut. Der Pfarrer reiset die Armen nicht auf, aber er sagt: es komme vor Gott auf Reichtum nicht an – so sollte es auch auf Erden sein, und hat er da nicht recht? Weißt du, daß, was er in den Predigten sagt, mich viel an das gemahnt hat, was letzthin der schwarze Jäger sagte; aber zürn mir doch recht nit. Ich habe letzthin in dem Testament und in der Bergpredigt gelesen und habe da Dinge gefunden, die ich in der Unterweisung und in der Schule nie gehört habe. Und eine Menge Sachen kommen mir nach und nach in Sinn, die ich gerne wissen möchte und über die mich niemand brichtet hat. Das sagte ja auch der Jäger und darauf deutet der Pfarrer auch immer hin, daß das Wort Gottes Geist und Leben sei und den Unmündigen verständlich gemacht werden könne und müsse. Das, dünkt mich, aber zürn mir doch recht nicht, fehle wirklich in der Schule: die Meisten geben nicht Achtung und die andern guggen dem Schulmeister die Antworten ab und meinen, damit sei alles gemacht. Aber ich kann es nicht recht sagen, wie ich es meine und denke.« »Einmal ich,« sagte ich, »verstehe dich nicht, und ich möchte sehen, ob die, welche nur immer über den Schulmeister ausfahren, es besser machen. Man kann die Kinder in der Schule nicht alles lehren, und wenn man das Fragenbuch erklärt, so möchte ich doch wissen, was sie dann noch mehr lernen sollten? Die, welche das Fragcnbuch gemacht haben, werden auch Leute gewesen sein und gewußt haben, was darein gehöre und was nicht, besser als du und unser Pfarrer, der nicht einmal merkt, daß unsere Bauren die reichsten weit und breit sind und sieben Schulhäuser vermöchten statt nur eins.« Mein Weibchen kannte mich durch und durch und merkte, daß der Weingeist in mir aufsteigen wollte; diesen Geist wußte es nun vortrefflich dadurch zu bändigen, daß es ihm aus dem Wege ging, statt wie manche Frau zu meinen, man müsse sich nicht fürchten und, wenn man recht habe oder recht zu haben glaube, nie weichen. »Aber Kummer macht es mir,« sagte es, »was wir in das neue Haus thun wollen. Wenn wir eine Stube mehr erhalten, so müssen wir etwas darein anschaffen, und woher das Geld nehmen?« »O, das ist mein kleinster Kummer,« sagte ich, zum Widerspruch gereizt, »laß du mich kummern; wenn denn ein neues Schulhaus da ist, so wird jeder Bauer glauben, ich solle aus seinem Kinde einen Gelehrten machen; und die minderen werden es auch verlangen; und wie ich dann werde kommen mögen, das weiß ich nicht. Wegem Kennen, da macht es mir nichts. Bhüet-is, in der Lehr fürchte ich keinen; aber z'ringsetum z'cho es Tags meh als einisch oder zwuri, das ist schwer; und wenn man dreißig oder vierzig Kindern auf einmal das Rechnen und Schreiben soll zeigen, so weiß ich nicht, wie es einer macht; wenn eins hier brüllet und das andere dert: Schumeister, isch das recht? Schumeister, isch das guet? Schumeister, my Federe dolgget mr! Die Bauren meinen aber auch, man sei nur für sie da, und wegen dem Sch..löhnli, welches sie einem geben, glauben sie, sie könnten von einem fordern, was sie wollten. Es nimmt mich nur wunder, daß der Schulmeister ihnen nicht noch in der Kehri muß gah dHaar abhaue-n-u dNägel, u dr Bart mache. Was hat heut der Peterli gemacht? Einen gescheuteren Buben gibt es in der ganzen Gemeinde nicht. Ich kann ihn schon recht gut brauchen in der Schule; er kommandiert dir da wie ein General oder gar wie ein Preuß. Und wenn es dann losgehen muß im neuen Schulhaus und jeder Baurensohn mit der Federen fechten will, so muß er mir helfen; er kann mir fast die halbe Schule abnehmen. Was hat er heute gemacht?« »Er war gar uwatlig,« sagte Mädeli, »er wollte mir gar nicht gehorchen, regierte die andern, und wenn sie nicht alles machen wollten, was er befahl, so überschoß und kläpfte er sie. Ich wehrte ihm ab, so gut ich konnte; allein er that gar nicht, als ob er es höre; da redete ich endlich lauter mit ihm, und weißt du, was er mir zur Antwort gab? Es habe ihm niemand etwas zu befehlen als der Vater. Da mußte ich nichts bessers zu machen, als ihn ins Gaden zu sperren bis zum Nachtessen. Aber glaubst du, daß er mir ein gut Wort gegeben oder gute Nacht gewünscht hätte?« »Du wirst geng mit ihm gchäret ha, wie es die Weiber machen; so müssen die Kinder uwatlig werden, wenn alles nicht recht ist, was sie machen.« »Nein, liebs Mannli, kein Wort habe ich ihm gesagt, bis ich sah, wie er mit seinen Geschwistern umging; aber seitdem du ihn in der Schule brauchst und nur ihn allein, und er über andere regieren kann, du ihn immer rühmst, ist gar nichts mehr mit ihm anzufangen. Und hast du nie acht gegeben, wie trotzig und puckt er dir selbst antwortet? Es hat mich schon manchmal duret, wenn du so alles von ihm annimmst, an ihm nicht nur nichts stehst, sondern auch nichts hörst.« »Ja, ich habe schon manchmal gemerkt, daß du ihn auf der Mugge hast,« antwortete ich, »und an ihm nichts leiden kannst, weil ich ihn lieb habe. Die Kleinen können machen, was sie wollen, das ist dir recht; und eben darum willst du nicht, daß Peterli, der witziger ist als sie, sie in der Ordnung halte.« Mädeli öffnete den Mund, schloß ihn wieder, fuhr mit der Hand im Gesicht herum, ich glaube über die Augen, und fragte mich: »Mannli, wie isch's dr grate mit der Leichenrede? Haben die Leute sie zu Herzen genommen? Und was haben die, welche sie noch nie gehört haben, dir darüber gesagt?« Da erzählte ich, wie es mir gegangen, wie die Katze und das Salome sich gebärdet; wir machten allerlei Mutmaßungen über das Katzengeschrei, bis wir endlich fanden, das Gescheuteste wäre, wir giengen zu Bette. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wie endlich auch ein Pfarrer das Maul braucht. Am andern Morgen war ich viel zahmer geworden, und als mein Weibchen mir sagte, gestern sei ich ein Uwirsche gsi, widerredete ich mit keinem Wörtlein, sondern nahm das Urteil in Demut an. Aber etwas stach mich doch, nämlich der Gwunder, was der Pfarrer dazu sagen werde, wenn er vernehme, daß ein neues Schulhaus gebaut werden solle, ohne daß er daran gestüpft. Ich nahm daher nach der Schule den Schulrodel unter dm Arm und wanderte dem Pfarrer zu, unter dem Vorwand, ihm denselben zur Einsicht zu bringen. Die Magd sagte mir, als ich bescheidentlich geklopft hatte: es sei neuer bei ihm; ich werde wohl warten müssen; es sei kein Herr und kein Bauer; auf den verstang sie sich afe nüt, setzte sie redselig hinzu, nach Art der Pfarrersmägde, die Stundenlang mit einem Zaunstecken klappern können, wenn sie keinen Menschen bei der Hand haben. Ganz verwundert war ich, als sie mich sogleich hereinrief, aber noch verwunderter sah ich beim Pfarrer am Kamin mit einer großen Pfeife in der Hand sitzen keinen andern Menschen, als meinen Bekannten, Bendicht Wehrdi, der wunderliche Jäger. Ich vergaß den Gruß vor Erstaunen, daß e sellige beim Pfarrer sei, und muß allerdings eine kuriose Postur gemacht haben; denn beide fingen an zu lachen und Wehrdi sagte: Gellet, Schuelmeisterli, da habt ihr mich nicht geglaubt anzutreffen, so einen, von dem ihr so halb und halb glaubt, es sei des Teufels Bundsbruder oder wenigstens sein Bruderssohn. Der Pfarrer bemerkte mir im Vorbeigehen, er habe ihn auf der Jagd kennen lernen, und statt über einander schalus zu werden nach Jägerweise, seien sie mit einander bekannt geworden und hätten schon manche vergnügte Stunde mit einander zugebracht. Somit schob er mir den Tabaktopf zu, und erst nachdem ich meine Pfeife gestopft und eine glühende Kohle aus dem Kamin geholt mit den Fingern, und unter vielen Grimassen sie auf meine Pfeife gebracht zu ihrem großen Spaß, fragte mich der Pfarrer: was mich Gutes hergebracht? Ich gab ihm den Schulrodel und klagte über den Unfleiß einiger Kinder. Das sei ein Elend damit, sagte der Pfarrer. Die Leute hätten keinen Begriff von einem ordentlichen Schulbesuch; sage mau ihnen nichts, so bleibe es im alten; sage man etwas, so werde es noch schlimmer. Am Chorgericht sage niemand etwas, als der Pfarrer; schicke man sie ins Schloß, so könne es geschehen, wenn sie zu lügen verstünden, daß das Chorgericht oder die Gemeinde einen tüchtigen Putzer erhielten, so daß die Verleideten trotziger würden als nie und ihre Kinder noch weniger schickten. Man sollte den Leuten den Nutzen einer Schule deutlicher zu zeigen vermögen durch die Leistungen der Schule, sagte Wehrdi. So wie es jetzt in den meisten zugehe, bekenne er frei, könne er die Leute nicht tadeln, wenn sie ihre Kinder lieber zu Hause hätten und wenn sie immer mit ihrem Sprüchlein kämen: was nützt es, was trägt es ab? »Ihr habt vollkommen recht,« sagte der Pfarrer. »Aber auf der andern Seite kann der Schulmeister sagen: Sendet mir die Kinder vor allem aus; gebt mir Platz, daß ich mich rühren kann mit den Kindern, und einen Lohn, daß ich mich rühren mag. So wehrt sich das gegen einander und kein Teil thut die ersten Schritte.« Ja, sagte Wehrdi, und wenn mancher Schulmeister alles bekäme, was er wollte, so würde er doch nicht nützliche Schule halten, und alles, was die Kinder in der Schule lernten, wäre eitel Mundwerk, das weder ihren Verstand noch ihr Herz berühre und mit dem sie so wenig zu machen wüßten, als ein hungeriger Länder mit einem Kratten voll Austern. »Mag sein diesen Augenblick,« sagte der Pfarrer, »aber laßt nur einmal auf dem Lande das Bedürfnis erwachen, und es wird erwachen, so wird das einander schon erlesen. Besser wäre es allerdings, man sorgte zu rechter Zeit dafür, daß man dem erwachten Bedürfnis befriedigend entgegenkommen könnte. Allem das geschieht nun einmal nicht. Ja, man zwingt den Landmann, daß er dieses Bedürfnis erhält, spottet dann dieses Bedürfnisses und sucht es wieder niederzuhalten.« »Ja! aber da könnten doch die Pfarrer viel machen.« Da lachte der Pfarrer und meinte: ob er auch einer von denen sei, welche die Pfarrer zu Sündenböcken für aller Welt Sünden machen wollen? Die Pfarrer könnten allerdings viel machen, aber den Weltgang doch nicht; den mache Gott. Er führe die Menschen den Entwicklungsgang, den seine Weisheit abgemessen. Im Strome der Zeit schwimmen die Pfarrer mit, wie alle Sterblichen. Nicht am Ufer des Stromes stünden sie, nicht über ihm schwebten sie. Wohl schwimmen immer einige voran; zu Märtyreren oder Reformatoren würden diese; viele seien es aber nie durch Gottes Ordnung. Bald komme die Masse nachgeschwommen. Was die Reformatoren zuerst erblickt, das gehe vor allen Augen auf, werde Gemeingut aller. In dieser Masse Ordnung zu erhalten und zu sorgen, daß ihre Augen nicht zufielen, dafür brauche Gott die Pfarrer als Werkzeuge; aber unmöglich könnten sie den Leuten Dinge zeigen, die sie selbst noch nicht sehen; unmöglich könnten sie dieselben zwingen, etwas zu erblicken, was außer dem Gesichtskreis sterblicher Augen liege. »Wenn es näher kömmt, dann sollen sie deuten darauf, es erklären und weise die Benutzung lehren. Während man auf der einen Seite ihnen Schuld geben möchte, daß die Eva in den Apfel gebissen, weil sie es nicht gethan hätte, wenn sie recht unterwiesen gewesen wäre, lähmt man den Einfluß der Pfarrer von allen Seiten, zieht sich von denselben zurück und sondert sie ab, so viel möglich. Man wird auch wieder sagen, das sei Schuld der Pfarrer. Nein, das ist ein Zeugnis für viele, das dem ganzen Stande zu gut kömmt. Man fühlt schnellere Strömung der Zeit, man fühlt ein Zwitzern hellern Lichtes in den Augen; es wird gar vielen bange dabei und sie möchten bannen des Stromes Lauf, und Herrn und Bauren möchten gar aufwärts schwimmen. Diese wähnen auch, die Pfarrer seien Schuld, daß abwärts der Strom fließe, daß er sie fortreiße abwärts, einem neuen Zustande, neuen Ufern entgegen. Sie wähnen dieses, weil die Pfarrer, wenn auch nicht voranschwimmen, doch vom Lauf der Zeiten reden und verkünden, es müsse besser werden, so könne es nicht bleiben. Die einen freilich verkünden nur, der alte Mensch müsse ein neuer werden, andere wohl zeugen davon, daß, wie der Mensch sich erneuere, auch mit ihm die Zustände sich neu gestalten müssen. Aber alle reden von Veränderung; darum drängt man sie bei Seite, damit ihren Ruf wenige hören; drängt sie an den Schwanz der Gesellschaft zurück, um ihnen dann vorzuwerfen, daß sie nicht voranschwimmen, um einen Vorwand zu suchen, sie zu versenken in des Stromes Tiefen. Wenn einmal das Neue deutlicher ans Licht trittet, dann werden die gleichen, welche jetzt die Pfarrer zurückdrängen, den wütendsten Lärm gegen sie erheben und die Versenkung versuchen, unter dem Vorwande: die Pfarrer seien Schuld, daß sie nicht vorangeschwommen, daß der Strom nicht schneller fortgebraust, daß die neuen Ufer nicht vor tausend Jahren aus dem Ocean der Zeit aufgetaucht seien. So, lieber Wehrdi, ist's, wenn man die Stellung des ganzen Standes betrachtet; von einzelnen rede ich nicht. Man wird mich vielleicht später auch verketzern, mir Trägheit, Finstersinn und weiß Gott was alles, vorwerfen, daß meine Gytiwyler nicht lauter Engel Gabriels seien, und doch weiß ich diesen Augenblick nichts anders zu machen, als im Stillen und unbemerkt Samen auszustreuen, der in einer bessern Zeit aufgehen wird, mich scheinbar ganz leidend zu verhalten und der Zeit die bestimmtere äußere Entwicklung zu überlassen. Mein Vorfahr war ein rüstiger Schwimmer; aber er sah jedes Irrlicht für die Sonne selbst an und verkündigte dasselbe mit lauter Stimme und wollte den aufgefangenen Schein in alle Häuser tragen. Wer immer Feuer schreit bei jeder Abendröte, jedem Mondes-Wiederschein, jedem brennenden Dingelhaufen, dem glaubt man am Ende nichts mehr, lacht über sein Geschrei, auch wenn er über wirkliches Feuer »Feuer!« schreien sollte. Und wenn ein anderer Wächter kömmt, so hört man auch auf dessen Ruf nicht. Eine Gemeinde ist kein Spital, in denen die Ärzte ihre neuen Mittel probieren; ein Pfarrer muß sich vor Experimenten hüten; ein fehlgeschlagenes kann ihm auf immer das Vertrauen rauben. So will manche Frau mit ihrem Mann nie mehr fahren, weil er sie einmal umgeworfen. – So bin ich daran, und ich brauchte meinen Leuten nur etwas vorzuschlagen, so machen sie das Gegenteil davon. Jetzt gerade wegen eurem Hause, Schulmeister, Ich brauchte nur zu sagen, sie sollten bauen, so würden sie es expreß nicht thun, und müßten ihre halben Kinder vor der Thüre bleiben. Ich habe auch letzthin dem Statthalter gesagt, es sei mir leid, daß sie das Bauen nicht vermöchten, und habe dazu ein recht ernsthaft Gesicht gemacht, so daß er es nicht als Spott aufnehmen konnte. Nun nimmt mich Wunder, ob ihm das nicht yne gange ist?« »Aber, Herr Pfarrer, habt ihr das nicht im Ernst gesagt und gemeint, die Gytiwyler seien nicht Vermöglich?« »Aber, Schulmeister, glaubt ihr mich denn auch dumm? meint ihr, ich habe keine Augen, sehe die Misthaufen zu Gytiwyl nicht? habe keine Ohren, vernehme nicht, wie große Kapitalstöcke da und dort seien? Aber habt ihr gehört, was ich gesagt? hat es der Statthalter brichtet?« »He nun, Herr Pfarrer, das hat bschosse; sie wollen nicht die sein, welche nicht vermögen ein Schulhaus zu bauen so gut als die Lättikofer, oder noch viel besser. Gestern an der Gräbd haben sie dem Kilchmeier den Auftrag gegeben, mit einem Zimmermeister zu reden. Da sprang B. Wehrdi auf, schlug seine Pfeife in eine Ecke und fluchte ganz malebarisch: ob dann das eine solche Nation sei, daß' sie aus Dummheit bauten und nicht aus Einsicht? »Sitzet ume wieder,« sagte der Pfarrer, »und laßt mir meine Gytiwyler in Ruhe, die kann man doch noch an einem Ort anpacken; aber da ist alles verloren, wo man die Leute gar nirgends mehr nehmen kann; wo sie sind, wie irgend ein fauler Gegenstand. Löcher in denselben stupsen könnt ihr, daß er doppelt stinkt und ihr die Schuhe voll kriegt, aber vorwärts stupsen könnt ihr ihn nicht. Meine Gytiwyler lasse ich mir nicht schelten, das sind mir noch kräftige Leute, die in Bewegung kommen und zu Entschlüssen, die es auch noch im Guten recht weit bringen können.« Er könne den Herrn Pfarrer gar nicht begreifen, sagte Wehrdi, daß er da etwas Gutes sehe; da sei doch nichts Gutes, wo man etwas aus lauter Hochmut und Trotz thue. »Mein lieber Mann,« sagte der Pfarrer, »haben wir nicht vorhin gesagt, daß es ein großes Unglück sei, daß Bauren und Schulmeister so gegen einander versperren und von keiner Seite ein Wank gethan werden will? Kömmt es nicht alles darauf an, daß ein Teil in Bewegung gerate, und teilt diese Bewegung sich nicht unwillkührlich auch dem andern Teil mit; ist nicht der erste Schritt der erste von vielleicht vielen taufenden? Nun haben diesen ersten Schritt meine Bauren gethan; ist das nicht lobenswert?« »Herr Pfarrer, zürnet nüt, aber noch eines muß ich fragen,« sagte Wehrdi: »Ist's denn eigentlich auch recht, die Fehler der Menschen anzuspannen und durch Verstellung sie zu reizen zu irgend etwas?« Da sah der Pfarrer ins Feuer und sagte endlich: er wisse nicht, ob wir ihn begreifen werden; wenn wir das nicht thäten, so würden wir ihn gar wunderlich beurteilen; doch wolle er versuchen, sich näher zu erklären. »Habt ihr dann nie bemerkt die furchtbare Ironie der Vorsehung, die alle bösen Kräfte im Menschen also regiert, daß sie das Gute schaffen, die Bausteine zu ihrem Gefängnis selbst herbeischleppen müssen? Das ist, was das Fragenbuch sagt, daß die Sünden durch Gottes Fürsehung regiert werden, siehe Grempel an Joseph und seinen Kindern, an Christus und den Juden. Wie stünde es wohl mit der Welt, wenn nicht wider Willen die Leidenschaften das schaffen müßten, was Gott gefällt? Wäre das nicht, wir hätten kein Christentum; nie wäre die Reformation zu den Völkern gedrungen. In gar wenigen Menschen wohnt der reine Sinn, der das Gute um des Guten willen thut, wohnet die Weisheit, die im Gutesthun das wahre Glück sieht. In den meisten Menschen regieren schlimmere Kräfte, herrscht Finsternis oder trübes Dämmerlicht. Der schlaue Betrüger, der gibt seinen Betrug nicht offen dar; er spürt eben in seinen Nächsten die regierenden Kräfte auf und sucht diese zu seinen Zwecken in Bewegung zu setzen, zu seinen Dienern zu machen. Der bessere Mensch, der unverhohlen mit dem Bessern hervortrittet, den Leuten es anpreiset, zu Erreichung desselben sie in Thätigkeit setzen will, der findet keine Augen, die sehen, keine Ohren, die hörn, keine Kräfte, die zu seinem Zwecke sich zur Verfügung stallen; er findet keinen Sinn dafür, wird nicht begriffen, ausgelacht, verfolgt, totgeschlagen. Er findet wohl Eigennutz, Hochmut, Eitelkeit, Ehrgeiz, Neid und dergleichen, aber eben die schreien ihn an: Kreuzige, kreuzige ihn! Warum versucht es der bessere Mensch nicht auch, die einmal herrschenden bösen Kräfte anzuspannen für das Gute? Sagt das Sprüchwort nicht: man müsse mit den Steinen mauren, welche man habe? Nur gebe man wohl Acht, was für Steine man zu Ecksteinen nehme in Staat, Kirche und Schule; von ihnen hängt die Festigkeit des Baues ab. Wer Staat, Kirche, Schule auf religionslose, unsittliche Menschen, auf Menschen, welche treulos sind in alten und neuen Eiden, bauen wollte, der brächte den Fluch in den Staat, in die Kirche oder in die Schule. Was denkt wohl Zürich, zu was der Convertit Scherer ihm werbe: zum Fluch ober zum Segen? was er ihm sei: eine Zierde oder ein Makel seines schönen Geländes? Warum versucht er es nicht, gerade durch sie das Gute da zu vollbringen, wo er weiß, daß der Sinn dafür fehlt? Man verwechsle das durchaus nicht mit der Sünde, schlechte, unerlaubte Mittel zu brauchen zu gutem Zwecke, wie der h. Crispin Leder stahl und armen Leuten Schuhe daraus machte. Auch mochte ich durch kein unerlaubt Mittel, durch keine Lüge, keine Verleumdung, keine falsche Verheißung diese Kräfte erregen, wie es allerdings nur zu oft geschieht; aber mein Mittel war ein erlaubtes: es war die Ironie; es war die gleiche Redweise, die Christus brauchte, als er sagte zu den Pharisäern: die Gesunden brauchen den Arzt nicht, sondern die Kranknen. An andern Orten wurden Schulhäuser erzwungen dadurch, daß man durch vorzügliche Schulen den Beweis leistete, was eine Schule nützen könne, an andern Orten durch Furcht. Beides hätte hier nicht angeschlagen; darum brauchte ich dieses Mittel, mit dem ich aber an andern Orten, z. B. im Seeland, nicht weit gekommen wäre. Es gibt aber noch viele erlaubte Mittel zu diesem Zweck. So habe ich nun den Hochmut aufgestiefelt, der muß ein Schulhaus bauen; der hat den Eigennutz diesmal überwunden und muß damit an seinem eigenen Grabe graben; denn was wird wohl eine größere Feindin des aufgeblasenen Hochmutes, als ein Schulhaus, in welchem eine tüchtige Schule ist, welche aus jedem Leibe die Menschenwürde herauszuwickeln versteht? Aber gebet Acht, der Eigennutz wird diesen Sieg dem Hochmut nicht verzeihn, wird bald wieder zu reden anfangen, wird auch zum Bauen reden und später dann etwas von der Schule wollen, einen Nutzen, den er in Batzen und Kronen zählen kann. Ihr könnet euch nur verfaßt machen, Schulmeister, auf die Forderungen die dann an euch gemacht werden. Wenn ihr nicht in der halben Zeit die Kinder noch einmal so geschickt macht, so wird es bald heißen: We's nit besser geyt, su hätte mr no ke's neus Schuelhus brucht, das alte hätti's no lang tha; mr hei gmeint, wie es de gah soll.« Das sei gerade, was mir Kummer mache, sagte ich; die Bauren halten mir schon darauf hingedeutet, daß sie für sich viel geschicktere Kinder wollten. Nun erzählte ich, wie die Vorgesetzten den Kopf hätten hängen lassen, wie sie durch die neue Ordnung in vielfachen Schaden und Verlegenheit kämen und keiner von ihnen mehr sicher sei, daß man ihn nicht von hundert Jahren her in Verantwortung ziehe. Ich stellte am Ende auch dar, wie der alte Bauer eine Aussicht eröffnet habe, daß ein Gring soviel wert werden könne als ein Baurenhof, besonders im Weltsche hinger, und wie der Statthalter willens scheine, einem seiner Buben zu diesem Glück zu verhelfen. Die aber, welche ihre Kinder nicht ins Weltschland schicken wollen, werden nun meinen, ich solle die Gringe ihrer Kinder so abträglich machen, und wenn ich es nicht thäte, so ginge es übel an. Aber wenn ich das könnte, so finge ich bei meinem Kopf an; ich hätte es am nötigsten. Wehrdi wollte sich ausschütten vor Lachen über das Güegt, das auf einmal in die Bauren gefahren; es nehme ihn nur Wunder, ob sie dann diese Gringe nicht auch z'Märit führten oder trieben, wie Kabisköpfe oder Güstern? Der Pfarrer aber lachte nicht, sondern schaute sehr ernst drein und sagte; die Sache sei von weit ernsterer Bedeutung, als sie das Aussehen hätte. Wenn man die Gräbdgespräche aufmerksam betrachte, so finde man hier die Elemente beisammen, aus denen ein neuer Zustand im Kanton hervorgehen, und auch die Kräfte, welche ihn mehr oder weniger herbeiführen werden; ja man finde da bereits einen Grund und noch dazu einen breiten und festen gelegt zu demselben. Wehrdi sagte, das könne er nicht einsehen. Was ein Dutzend halbvolle Bauren verrücktes schwatzten, dem sei doch nicht bedeutende Wichtigkeit beizulegen? »Warum nicht?« entgegnete der Pfarrer. »Reden sie in diesem Zustand nicht am offensten, vernimmt man in diesen Reden nicht am deutlichsten, was in ihnen sich regt? und ist dieses Reden nicht so bedeutungsvoll?« Da rege sich in den Gytiwylern der Hochmut und die Habsucht und die Furcht, nicht mehr hochmütig sein zu dürfen, die Furcht, um ihr Eigentum zu kommen, die Hoffnung, auf neue Weise reich zu werden; aber das sei doch eben nichts Neues und hätte für den Kanton wenig zu bedeuten, entgegnete Wehrdi. »Das, was ihr bei den Gytiwylern seht,« sagte der Pfarrer, »ist aber nicht bei ihnen alleine, sondern in der Mehrzahl der Gemeinden ist eine ähnliche Bewegung oder Störung in den Gemütern, und gerade diese Störung wird das Neue gebären.« Eigennutz und Hochmut seien allerdings die Hauptkräfte bei seinen Leuten. Wie er den Hochmut gestört und dadurch zu einem Schulhausbau aufgejagt habe, so scheinen ihm beide, Hochmut und Eigennutz, aufgestöbert zu sein zu einem höheren Ziele; angespannt worden zu sein, wieder etwas Gutes zu schaffen wider Willen. Wehrdi sagte, er kenne den Zustand im Kanton zu wenig, um das begreifen zu können, was der Pfarrer sage; aber er wollte es sich gar gerne erklären lassen. Es sei gegenwärtig schwer über solche Dinge zu reden. Da könne man wohl sagen, die Wände hätten Ohren und die Wälder Augen, sagte der Pfarrer und warf einen bedenklichen Seitenblick auf mich. Doch, fuhr er fort, hoffe er von mir, was ich hier höre, werde ich nicht mißbrauchen, sondern wieder vergessen, wenn ich die Stube hinter mir hätte. Natürlich versprach ich alles Liebs und Guts. Eigentlich hätte ich gehen sollen, denn meinen Schulrodel hatte ich abgegeben; aber es nahm mich doch Wunder, was da der Pfarrer aus meinen Bauren Tiefes herausgrübeln werde und wie er aus einer Laus einen Elephanten werde machen können; was Pfarrer nicht selten gut verstehen sollen. »Im Kanton Bern regieren also die Patrizier,« begann ber Pfarrer, »betrachten den Kanton so ziemlich als ihr Familiengut oder ihre Familienkiste, deren Verwaltung und Benutzung ihnen ausschließlich zukomme. Wie sie zu diesem ausschließlichen Recht gekommen, könnte niemand begreifen, wenn man nicht wüßte, was Anmaßung auf der einen und Gleichgültigkeit oder Feigheit auf der andern Seite auszurichten vermögen. Denn das neue Patriziat ist nicht mehr das alte, das glorreiche Thaten und die Ehrwürdigkeit des Alters für sich hatte. Das neue Patriziat besteht, mit wenigen Ausnahmen, aus ganz ehrlichen Bürgersleuten, die akurat das gleiche Blut haben, wie es in allen menschlichen Adern im Kanton Bern stießt. Es waren Barbiere, Leinwandhändler, adelige Knechte, Gerber, Metzger, Färber, Schneider, Rebleute und endlich auch Kaminfeger. In dieser Partei sind hochgesinnte patriotische Männer; aber diese Partei trägt als Fahne den Hochmut vor sich und in sich Eigennutz, und beide zusammen wirken ihre Ausschließungssucht; sie wollen die ersten sein im Lande und die einzigen, welche sich teilen können in das Fett des Landes; nur den Abfall lassen sie aus Gnaden andern zukommen: Weibel- und Sigristendienste in der Stadt, Zöllner- und Statthalter-Ämtlein auf dem Lande. »Daß sie nicht eigennützig seien, wollen sie zwar immer aus dem Sammeln von Schätzen beweisen, die sie doch hätten verthun können: dieser Beweis gibt den besten Begriff, wie weit sie es in der Logik gebracht und von ihrer Einsicht in gemeiner Leute Verstand. Sie haben allerdings Schätze gesammelt als kluge Haushalter, haben nicht thorrecht alles verthan in unsinniger Verschwendung, wie in andern aristokratischen Kantonen; aber dies war eben die berühmte bernerische Klugheit, die Klugheit des Hausvaters, der nicht alles verthut, aber nicht deswegen, um das Ersparte dem Gesamtwohl zukommen zu lassen, sondern um sich mehr Gewicht zu geben, günstige Zeiten günstig anwenden, böse Zeiten mit Geld unschädlich machen zu können. Als sie die Staatseinkünfte verteilt hatten, bis es jeder wohl und standesgemäß erleiden mochte, da verschwendeten sie das übrige nicht, sondern legten es zurück, aber wohlverstanden nicht als Landesschatz, sondern als Familienschatz, um ihr Regiment aufrecht zu erhalten. Sie wußten wohl, was man mit Geld machen kann, ja sie meinten, mit Geld alles machen zu können. Darin irrten sie sich. Als ihren Familienschatz die Franzosen genommen, als sie im Jahr 1814 nicht viel mehr vorfanden, da war ihr denkwürdigstes Unternehmen: mit dem Burgergut von Bern das Fundament ihres Familienschatzes zu legen; denn einen solchen glaubten sie sich unentbehrlich, wie sie es ehrlich selbst bekannten. Es gelang ihnen nicht ganz, sondern nur insoweit, dieses Burgergut zu Pöstlein für ihre hungerigen Leute, die im Staatsdienst nicht angestellt werden konnten, zu verwenden, und die Verwaltung so in ihre Hände zu kriegen, daß sie im Fall der Not doch alles mögliche mit dem Vurgergut für ihre Zwecke machen konnten, der Bürger aber nichts, als höchstens um die Bannwartenstelle sich zu bewerben. »Während diese nun auf solche Weise sich konstituierten, thaten es alle Ortschaften auf gleiche Weise. Der Kanton Bern glich einem zerschlagenen Kristall; die Stücke waren wohl größer und kleiner, aber alle hatten die Kristallbildung. In jedem Örtchen war eine Aristokratie; manchmal freilich bestund sie nur aus einem, und der eine oder die vielen nahmen den Hochmut und den Eigennutz der höhern Aristokratie an auf die lustigste Weise; denn der Geist von oben flieht nieder auf das Volk. So konnte das Söhnlein eines solchen einem Knecht, der einen verbotenen Weg nicht fahren wollte, zurufen: »Fahr du ume zue, i bi guet drfür, es seyt niemer nüt, my Vater ist dr Napoleon z'E. Diese kleinen Aristokratien wurden von der großen anerkannt, geschont und gehätschelt. Es gehen Sagen durchs Land, daß Mitglieder der Landesaristokratieen meinen gnädigen Herren den Strich verzinseten, d. h. von Verbrechen, die mit dem Tode bestraft worden, sich losgekauft, daß Untersuchungen absichtlich fruchtlos gemacht wurden. Ja, man sah Beispiele, daß Landvögte, welche die reiche untere Aristokratie drücken wollten, tüchtig von oben zurecht gewiesen wurden. Diese untere Aristokratie wurde in der Helvetik ausgelassen, in der Mediation befestigt und während der Restauration, nachdem sie mit Rekruten vermehrt worden war, einige Zeit freundlich behandelt; denn sie ist es, welche dem Patriziat gegen die übrigen Bürgerschaften des Landes seine Kraft gibt, nebst dem Gelde, das es sich sammelt. »Früher lebte die hohe Aristokratie auch auf dem Lande und ließ während dieser Zeit sich zum Volk herab, zog die Angesehnsten zu Tische, oder jagte mit ihnen einen Hasen, oder half dem einen oder dem andern zu Gelde x. Nun wird dieses nach und nach ganz anders. Der Grundbesitz der Aristokratie geht in andere Hände über, weil sie die Zeit, wo man nicht mehr mit der Faust, sondern mit dem Kopf erwirbt, nicht begreifen; ihre Personen werden fremder und immer fremder in dem Lande; ihre Namen verklingen immer mehr außerhalb den Mauren der Stadt. Zu gleicher Zeit drängt sich eine geheimnisvolle Macht an die Landesaristokratieen, untergräbt, zersprengt sie, fordert sie vor das Gesetz, straft sie unerbittlich. Ihr Hochmut wird gebeugt; andere freier gewählte Gemeindräte treten ihnen an die Seite, erheben sich über sie: ihr Eigennutz wird aufgeregt, alte Rechnungen werden untersucht und in Zukunft schnelle und getreue Ablage, eine eigene Verantwortlichkeit gefordert. »Während so die Dorfaristokratie aufgestöbert und erbittert wird, verfolgt die gleiche Macht die Repräsentanten der Stadtaristokratie, die aus dem Land sind. Die Landvögte erhalten ganze Stöße Wischer. Einer hat eine große Schublade anstellen müssen und manchen wirft er uneröffnet hinein. So züchtigt man die Oberamtmänner; aber man läßt sie doch auf dem Lande; man sendet nicht tüchtigere Männer; man sorgt nicht, daß bessere nachwachsen. Bloß wenn einer gar zu dumm ist, sendet man ihn nach Göttingen. Nicht damit er studiere, denn darum bekümmert sich niemand, sondern damit es heiße, er habe studiert. Davor hat man in Bern gewaltig Respekt. So stellen sie sich immer mehr in gewaltiger Blöße dar und die Leute verlieren allen Respekt oder wenigstens alle Furcht vor denen, welche sie so oft zurechtgewiesen sehen. »Ich konnte lange dieses Thun nicht begreifen, konnte nicht begreifen, wie man in Bern so verblendet sein könne, sich selbst den Sitz unter dem H. wegzustoßen und sich alle Tage in seiner Schwäche und Unfähigkeit zu zeigen; denn eine Aristokratie muß sehr konsequent sein, so gut als der Papst; sonst ist ihr die Gewalt entflogen, sie weiß nicht wie. Eine dämonische Gewalt, sah ich endlich, hat sich der Aristokratie bemächtigt und treibt sie ihrem Sturze zu. »Sie ist es, welche die Dorfaristokratieen zerstört und Hochmut und Eigennutz feindselig aufregt, die Stadtaristokratie vereinzelt und deswegen in desto grellerm Lichte erscheinen läßt. Während alle Verwaltungen öffentlich Rechnung geben müssen, ist die Verwaltung des Staatsgutes geheim und die des Berner Vurgergutes noch geheimer u. s. w. Ich kann gar nicht begreifen, wie unsere Herren in diese Falle treten konnten. Die möchte ich aber kennen, die den Herren mit der neuen Gesetzgebung den Lätsch an den Hals gelegt; denn das ist nicht von ungefähr geschehen, sondern dann liegt tiefe und feine Berechnung, gegründet auf solide Kenntnis des Menschen und des Landes. Seht! auch die haben eine böse regierende Kraft bei den Herren angeregt zum Guten, den Hochmut, der manchmal wie Großmut aussieht, oder, wenn ihr lieber wollt, ihre Eitelkeit, durch welche Mittel weiß ich freilich nicht. Dieser Hochmut regt wiederum rings auf dem Lande böse Kräfte an zum Guten; Hochmut wird den Hochmut bekämpfen und beide werden im Kampfe ihre schädlichen Kräfte verschwenden. Auch der Eigennutz wird ins Spiel gezogen und treibt den Landmann zu mehrerer Bildung, treibt ihn hinter die Gesetzbücher und da gibt sich ihm nach und nach die Fähigkeit, zu verstehen, was er liest. Und wenn, wie es scheint, auch die Einsicht zu ihm dringt und er sie besser zu würdigen weiß, als das Patriziat: daß man mit dem Kopfe etwas zu verdienen Vermöge, so wird es in unserm Lande nach und nach wunderlich zugehen und man wird am Ende nicht mehr wissen, wer Koch und wer Kellner ist. Es werden sich eine Menge Kräfte entwickeln, und was sie dann ausrichten und in welcher Richtung sie thätig werden, oder ob eine sich erhebende kräftige Hand von oben sie in Zaum und Zügel nehmen werde, wissen wir nicht. »Das, meine lieben Leute,« sagte der Pfarrer, »scheint mir die Gräbdgeschwätze so wichtig zu machen; denn sie zeugen davon, daß eine beabsichtigte Revolution bereits begonnen ist; aber listigerweise hat man diese Revolution in so unendlich kleine Teile zerbröckelt, daß sich nicht nur niemand ihrer achtet, sondern daß sie noch manchen sorglosen Junker ergötzt, ja daß er selbsten zu diesem ergötzlichen Spiel mit der größten Luft die Hand bietet; denn diese Revolution geht von Dörflein zu Dörflein, und des Jammers der Dorfmagnaten lachen die Stadtmagnaten, bis der Jammer auch an sie kömmt.« Ich saß da mit offenem Munde und konnte ihn gar nicht zubringen, nachdem der Pfarrer schon lange schwieg. Was ich da gehört, waren mir lauter böhmische Dörfer, und der Pfarrer kam mir akurat wie ein Wassergschauer vor, der da im klaren Wasser Dinge zu erblicken wähnt, die kein vernünftiges Auge sehen kann. Der Wehrdi aber schien davon mehr zu begreifen. »Nun begreife ich,« sagte er, »warum die Bauren so über die Regierung und die Gesetze schimpfen, besonders über das Tellgesetz, das sie doch zu erleichtern scheint; und warum sie zugleich nicht alle mit Steuren belegen, wie das Gesetz sie berechtigt, sondern die Steuren auf dem Lande behalten. Sie wollen die Handwerker nicht an die Gemeinde; die könnten mit den Schulden-Bäuerleins gemeine Sache machen, deswegen ziehen sie keine Gewerbssteuer, und die armen verschuldeten Bauren müssen desto mehr teilen, aber dem fragen die Reichen nichts nach. Aber glaubet ihr dann, Herr Pfarrer, daß die Sache wirklich so ernsthaft ist? Unsere Bauren sind keine Helden; gegen eine Regierung, die pfänden und köpfen kann, lassen sie sich nicht nicht so bald auf.« »Sie sind allerdings nicht schützig, wie die Luzerner oder die Seebuben, aber sie sind auch nicht vergeßlich; wenn einmal die Erbitterung in ihnen ist, dann passen sie auf eine Gelegenheit, ihr Luft zu machen,« erwiederte der Pfarrer. Sie werden bald sehen, wie stark sie im Lande werden. Denn wenn die tausend Dorfaristokratieen einmal einig sind, was will die Stadtaristokratie dagegen? Kein Menschenkind aber wäre im Stande gewesen durch Reden von Liebe, Friede, Vaterland und Bruderschaft sie einig zu machen. Darum ist's ein Meisterstück der Klugheit, daß die Aristokratie verleitet wurde, durch Anregung schlimmer Kräfte diese Einigung, ihre größte Feindin, selbst zu bewirken; denn die gemeinschaftliche Erbitterung verbindet nun, ehe sie es selbst wissen, tausend Dorfschaften, die bis dahin durch Neid und altangestammten und weislich genährten Haß auf immer getrennt schienen.« »Aber, Herr Pfarrer, gefällt's euch denn, wenn die Bauren Meister werden?« sagte Wehrdi. »Ich bin zwar selbst ein Bauer, aber ich will mich doch lieber von Herren regieren lassen, als von Bauren; ich weiß aus eigener Erfahrung, was die können, wenn sie das Heft in die Hände kriegen. Ich gebe zu, das Patriziat regiert mit Hochmut und Eigennutz, trotzend auf eingebildetes Recht; aber beim Bauren werden die gleichen Untugenden zum Vorschein kommen; denn gerade diese Eigenschaften sind es ja nur, welche, wie ihr sagt, das Patriziat in ihm erregt. Was aber Baurenhochmut ist und wie plump im allgemeinen sein Eigennutz einherplampet, das weiß jeder. Der wird dann nicht einmal sparen, sondern erst wird jeder für sich nehmen wollen, soviel er kann, und was er nicht erhalten kann, das wird er verthun wollen, nur damit ein anderer es nicht kriegt.« »Auf eure Frage könnte ich euch Nein und Ja sagen,« entgegnete der Herr. »Ein Baurenregiment im gegenwärtigen Baurensinn, das müßte z. T, ein lächerliches, z, T. ein furchtbar lästiges werden. Es werden auch Gemeinden gut regiert; aber in den meisten herrscht eine solche Despotie oder dann eine solche Uneinigkeit, ein solcher Eigennutz, Knauserei oder Verschleuderung, daß, wenn der gleiche Sinn der Sinn einer Regierung würde, es nicht auszuhalten wäre unter derselben, sie sich aber auch nicht halten könnte. »Aber wenn es etwas neues gibt, so wird die neue Regierung aus allen Kämpfern gegen die alte zusammengesetzt werden, aus Bürgern und Bauren, und vor allem aus denen, die den bereits begonnenen geheimen Krieg eingeleitet haben. Hier sind doch viele edle und reine Kräfte: Männer die weder der Eigennutz noch der Hochmut leitet, sondern die Liebe zum Lande, welches so schnöde in der Entwickelung seines Lebens gelähmt wird. Die alle werden aber von den Alten ihre Hauptsünde erben: die Ausschließungssucht. Wie frei sich sich auch gestalten werden, etwas wird ausgeschlossen werden müssen von der Teilnahme an der Staatsverwaltung und wahrscheinlich wir; denn uns können die Advokaten am wenigsten leiden, aus bekannten Ursachen. Dann kommen ländliche und städtische Interessen hintereinander, und die Bürger, als die Schwächern, wird man zu verdrängen suchen. Die Advokaten werden besonders gegen einzelne kämpfen, die nicht gleicher Meinung mit ihnen sind, sondern ihnen zu Widerreden wagen. Aber am Ende würden auch sie von der Bauersami verjagt werden, wenn dieser Kampf hoffentlich nicht so lange dauert, bis etwas neues unterdessen neue Kräfte zum Kampfe bringt, die am Ende doch siegen müssen. Ich meine nämlich eine allgemeinere tüchtigere Bildung. Freilich wird sich auch hier die eigene Erscheinung zeigen, daß die Kraft, welche zu ihr hingetrieben, ihr die Richtung wird geben wollen, bis sie auch dem Grundgesetz unterliegt: daß aus dem Bösen das Gute wird. Der Eigennutz vorzüglich treibt die meisten zur Bildung jetzt, wie die Bauren an der Gräbd trefflich es ausgesprochen. Vor Schaden wollen die einen sich oder ihre Kinder wahren. Gewinnen wollen die andern; die Gringe sollen Höfe wert werden. Hier zeigt sich als die erste Frucht des Eigennutzes ebenfalls die Ausschließungssucht. Die, welche die Gewalt haben, werden nur ihren Kindern zu diesem Gewinn helfen wollen. Ehedem konnte man in den gewöhnlichen Schulen dieses bequem machen. Das Patriziat sorgte dafür, daß in den Schulen überhaupt wenig gelehrt wurde, und die Dorfaristokratie sorgte dann dafür, daß das, was sie für das vornehmste in dieser Lehre hielt, nur ihren Kindern zukam. Das läßt sich jetzt schon schwerer machen, was man vielen Pfarrern zu verdanken hat, und wird später noch viel schwerer zu machen sein. Daher wird man die gewöhnlichen Schulen so schlecht als möglich erhalten; die reichern werden ihre Kinder denselben entziehen, in besondern Anstalten sie erziehen lassen oder eigentliche Dorfaristokratenschulen stiften, wie man deren jetzt bereits an manchem Orte sieht. Dann wird der Eigennutz nur das lernen wollen, mit dem etwas zu verdienen ist, vor allem nicht deutsch, sondern weltsch. Denn man meint, es seien im Weltschland eigentliche Goldberge und Demantengruben für die Deutschen; weltsch sei der Schlüssel zu allen Geldkasten; weltsch helfe zu reichen Weibern und reichen Männern; weltsch helfe zum gut leben und gut haben, und wenn ein Bursche weltsch könne, so sehe man nicht mehr, daß er ein Lümmel sei, und wenn ein Schlärpli als Schlärpli wieder aus dem Weltschland komme, so dürfe es niemand mehr als Schlärpli ansehen, sondern man müsse von ihm sagen: es sei eine gebildete Tochter. »Es ist, unter uns gesagt, nichts lustiger, als so ein ehemaliges Schlärpli und nunmehrige Tochter lismend durch das Dorf stolpern zu sehen, das Klungeli im Fürtuchsack. Man gehe dann hinzu und sehe, wie schwarz der Strumpf aussieht; denn eine solche Tochter kömmt selten in Jahresfrist vom Vörtli bis zu der Ferseren. Noch lustiger ist es, wenn sie einmal mit Rechen und Gabel auf der einen Achsel und mit der andern Hand ein Parisöli haltend heuen geht. »Ferners wird man in den Schulen alles für überflüssig halten, was nicht zu der Bildung führt, die Geld einträgt unmittelbar, oder mittelbar dadurch, daß sie in die Regierung führt oder zum Handeln, mit einem Wort: zu Geld. Ja, wer weiß, ob man in diesem krassen Eigennutz nicht dahin kömmt, dah man die Fächer ordentlich abschätzt und auf den Punkt genau in Batzen oder Franken zu sagen weiß, wieviel dieses oder jenes Unterrichtsfach wert sei. Man wird vielleicht sogar dahin kommen, daß man für eine wöchentliche Unterrichtsstunde in der Mathematik die Hälfte mehr bezahlt, als für eine in der Religion. »Aber auch hier hält sicher das Böse nicht Stich. Allerdings werden die ersten Früchte der sich verbreitenden Bildung wurmstichig sein, wie die ersten Äpfel, die ersten Zwetschen; wie eigentlich deren schon lange im Lande sichtbar sind und der Aufklärung einen so übeln Namen zuwege gebracht haben: verdrehte Rechtsagenten, ungläubige Halbherren und aufgeblasene Gewerbsleute, die über alles in der Welt schimpfen und doch zu nichts zu gebrauchen sind. »Sobald aber einmal die Zeit der Reife naht, sobald man diese Bildung in ein förmlich System bringen will, dann sieht die Welt ihre Ungestalt, dann erschrickt man davor, dann siegt auch hier der gute Geist. Der erregte Hunger und Durst wird bessere Speise verlangen, die errichteten Anstalten werden mit einem andern Geiste erfüllt und wahrhaft geistige Bildung wird sich Bahn brechen in allen Ständen; denn der Bauer hat so gut Zeit, ein vernünftiger, denkender Mensch zu werden, als der größte Herr. Nur der Unterschied wird sich dann geben, daß der Herr viel weiß von der Kunst, und Gemälde und Bücher kritisch zu bereden weiß, der Bauer aber nichts davon weiß, hingegen viel von dem, was Gott schafft in und außer ihm. Und diese Bildung ist's, die dann mitten in den Kampf treten, der Ausschließungssucht ein Ende machen, den Kampf vermitteln, die Stände versöhnen und die Menschen vereinen wird. Denn der gute Geist ist immer stärker, als der böse; dieser ist nur des ersteren Diener, der beständig das Böse will und doch beständig das Gute schafft.« »Herr Pfarrer, redet ihr da vom tausendjährigen Reich, wo der Löwe und das Lamm holdselig nebeneinander an der Quelle stehen? und glaubet ihr dann wirklich, daß es bald und auf diese Weise kommen werde?« »Ihr seid ein Schalk, Wehrdi,« sagte der Pfarrer. »An das tausendjährige Reich, wie die Propheten es in Bildern darstellen, wie die Rabbinen es versinnlichen, wie die meisten Leute es sich denken, Jesus auf einem Schimmel reitend, glaube ich nicht. Aber an die Idee glaube ich. Au die Idee nämlich, daß die Welt nicht nur ein Narrensaal sei, an dessen Beschauung die Himmlischen sich ergötzen können, daß ein jeder einzelne nicht nur sei ein Eichhörnchen in der Trülle, das andern zum Vergnügen ringsum springen muß, bis es alle Viere von sich streckt. Ich glaube, daß der einzelne zu einem höhern Leben sich hier heranbilden soll. Ich glaube aber nicht nur das, sondern daß durch diese Erziehung des Einzeln die Geschlechter auf höhere Stufen steigen, daß die Zustände sich veredeln, daß es auf der Welt nach dem Plane Gottes besser werden soll und muß, daß, wenn eine weise Hand alles regiert, alle Kräfte, die wir in böse und gute abteilen, doch nur eines schaffen können, den Willen Gottes, der ein Ziel will. Dieses Ziel wird aber nicht mit einmal erreicht, fällt nicht mit einem Satz in die Welt, wie Ioggi vom Baum, sondern die Welt bildet sich ihm langsam entgegen. Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag. Dieses Ziel kenne ich nicht; aber dessen, was ich gesagt, redet der Weltgang mir Zeugnis. Wie früh oder wie spät das eintreffen wird, worüber ihr mich ausgelacht, das weiß ich nicht, aber daß diese Zustände sich nach und nach herausbilden werden, das zeuget in mir ein Geist, der nicht trügt; es ist ein Geist, man nennt ihn mit verschiedenen Namen. Es ist der Geist des Glaubens, der Offenbarung oder der Geschichte. Ich bin schon manchmal ausgelacht worden um Äußerungen, die diesem Geiste entflossen, und wann ich sagte: Habt nur Geduld, es kömmt schon besser, so schimpfte man mich aus. Aber diesen Glauben trübt man mir nicht, macht mir nicht weiß, er sei ein Traum. In ihm liegt mir der tiefe Trost in meinem Amte. Ich weiß, ich nütze etwas. Er bewahrt mich vor jeglichem Haß, denn ich weiß: wie jeder auch, allerdings auf seine Verantwortung hin, sich gebärden mag, – er muß doch dem gleichen Zwecke dienen. »Ich weiß, es ist nicht meine Aufgabe, alles selbst zu machen, sondern auf alle mich umgebenden Kräfte wirken zu suchen im Sinne Gottes, daß sie eilen die Worte Gottes zu thun auch wider Willen. Ich weiß, von mir hängt es nicht ab, daß es gut geht; es ginge auch ohne mich; aber wenn ich nichts thäte, so wäre mein die Verantwortung, mein die Verantwortung, daß einzelne zurückbleiben auf ihrer Bahn. Ich weiß, das Lob gebühret Gott; darum vermag ich kein Schleiftrog zu sein für alles, was ich nicht selbst gedacht, selbst gesagt, selbst gemacht. Ich weiß, es geht vorwärts. Darum vermag ich, geduldig zu sein, vermeine nicht, meine Weisheit in einem Tage auskramen, alle meine Einfälle in einem Tage verwirklichen zu müssen; vermag mich zu orientieren, zu untersuchen, ob die Kräfte zu diesem oder jenem Werke in mir oder in andern liegen; vermag es, jene Kräfte bewegen zu suchen, ohne daß es einem Menschen einfällt, mir dafür zu danken oder mich zu rühmen. Ich weiß, ich bin keine Eintagsfliege und Gottes Plan keine Seifenblase; darum jaste ich nicht und zapple nicht, und was meine Bauren dazu sagen, weiß ich wohl. Sie sind böse darüber, daß ich ihnen nicht das Lustspiel eines zappelnden Pfarrers aufführen will, welches so viele ihnen geben und nicht nur ihnen, sondern auch den Herren z'Bern, die an solchen gar großen Spaß haben. Ich will nun einmal sehen, wie sie zappeln, und allemal, wenn sie verzappeln wollen, sollen sie mich in Liebe finden. Freilich weiß ich wohl, daß –« »Herr Pfarrer, soll man euch die Suppe z'warme thun?« benggelte eine Stimme so unversehens zur Thüre hinein, daß wir ordentlich zusammen fuhren. Wie aufs Kommaudo griffen wir alle drei nach unseren Uhren und fanden zu unserem Erstaunen, daß es schon weit über 9 Uhr war. Wir protzten auf, gab wie der Pfarrer sagte, es pressiere nicht halb so. Wehrdi sagte: er hätte noch gerne unsern Strauß wegen der Religion mit mir ausgefochten vor dem Herrn; das lasse sich aber dann ein andermal machen. Unterdessen danke er für viel Neues, das er gehört. Er wolle fortan die Augen besser aufthun und dem Herrn Pfarrer berichten, was er bemerkt, wenn er es erlaube. Ich dankte auch, obgleich ich deswegen nicht viel mehr begriff, und schob mich mit dem andern fort, bezündet von dem Pfarrer bis vor die Hausthüre. Draußen meinte ich: der Pfarrer könne auch noch reden, wenn er abkomme. »Ja, Schulmeister,« sagte Wehrdi, »mache ume-n-o, daß du o so abcho chönnisch!« – »Gut Nacht!« sagten wir darauf einander und gingen von einander. Achtundzwanzigstes Kapitel. Wie man in Gytiwyl ein Schulhaus baut. Ich ging heim und mir war, als ob ich ein Wurmpulver im Leibe und ein Wespennest im Kopfe hätte. Es gramselten mir des Pfarrers Reden im Gehirn herum, daß mir fast wunderlich wurde. So wie ich mir Moses dachte als göttlichen Gesetzgeber, sitzend auf dem Gipfel Sinais, umleuchtet von Blitz und Donner, oder zürnend vor der Rotte Korah Feuer speiend, am Platze Gottes und von Gott gesandt – so sah ich auch die Herren von Bern sitzen auf dem Regentenstuhl in großen Perücken, majestätisch sonder Gleichen; sah sie mit dem Schwerte der Gerechtigkeit in der einen Hand weit hinausreichen übers ganze Land, sah die andere Hand mit der Rute der Zucht herumfahren im ganzen Land. Und wie ich an Moses glaubte, glaubte ich an die Herren von Bern, ihr göttlich Recht und Sendung. Und wie ich mir Moses nie dachte, ohne mit den Augen blinzen zu müssen vor seinem Strahlenangesicht, so mußte ich unwillkürlich einen Bückling machen, wenn ich dachte an die Herren von Bern und ihre Majestät. Von Patrioten und Jakobinern hatte ich gehört, die während der Revolution gehaust haben sollten im Lande; die stellte ich mir immer vor bocksbärtig mit wütenden Augen, blutschäumendem Munde und Krallen an den Händen wie der Vogel Rock. Die Aristokraten, welche die Patrioten wieder zum Lande hinausgejagt, schwebten mir dagegen vor ungefähr wie der Engel Michael, als er mit dem Schwerte die ersten Eltern zum Paradiese hinausprügelte. Von Patrioten rein dachte ich mir das Land, glaubte, die seien längst alle geköpft oder gehängt; denn nirgends sah ich einen mehr, der Krallen hatte, wie der Vogel Rock. Einzig und allein meinen Schneider sah ich zuweilen verdächtig an, wenn nämlich sein linker Daumennagel, nur wenig weniger als einen halben Schuh lang, sich der Welt entgegenbäumte. Nun hörte ich auf einmal den Pfarrer selbst von den Herren von Bern reden, daß mir blau wurde vor den Augen. Freilich war er nicht bocksbärtig und schäumte nicht; er hatte im Gegenteil ein ganz glatt Gesicht und redete infernal gelassen; aber er redete doch von seiner Obrigkeit so ohne Respekt und zergliederte die Herren von Bern so gleichgültig, wie ein Metzger eine Sau, daß er mir gerade vorkam, wie ein verkleideter Patriot und mir recht unheimelig neben ihm wurde. Ich dachte, wenn das der Landjäger wüßt? Aber während dem ich so dachte, entschlüpfte mir ein Teil der Rede nach dem andern, wie böhmische Wörter. Bloß der Gesamteindruck wirbelte mir noch im Kopfe herum, als ich endlich heimkam erst nach 10 Uhr, zu großem Erstaunen meiner Frau. Ich muß ein merkwürdig Gesicht gemacht haben, fast wie der Ratsherr, der mit dem sammetnen Ärmel zum Fenster aussah in B., mit seinem Ärmel den sämtlichen Reichtum und mit seinem Gesicht die sämtliche Weisheit der im Ratssaale sitzenden darstellen mußte. Mädeli frug mich bald, was ich so wunderlich drein sehe und nicht antworte wie sonst; was es apartigs gegeben habe? Ich machte natürlich ein geheimnisvolles Gesicht und that kostbar mit der Antwort. Und als ich endlich mit derselben herausrücken, Mädeli die Gräuelworte alle erzählen wollte, die der Pfarrer ausgestoßen, waren sie mir alle entronnen, wie Fische und Krebse beginnenden Köchinnen. Etwas bestimmtes wußte ich gar nicht mehr zu sagen, sondern nur, wie der Pfarrer die Obrigkeit zergliedert hätte und wie ich glauben müsse, er sei ein Jakobiner oder gar ein Patriot. Ich konnte gar nicht begreifen, warum ich von dem, was der Pfarrer gesagt, nichts behalten hatte, wahrend ich die Gespräche der Bauren vom Abend vorher nicht nur recht gut in Gedanken hatte, sondern auch leicht durch den Mund bringen konnte. Mein Weibchen fuhr mich nicht übel an über die Beinamen, die ich dem Pfarrer gab. Der werde nichts sagen, als was recht sei und was er gut wisse, und sie wüßte eben auch nicht, warum man über die Berner nicht so gut reden könne und über den Laudvogt, als über andere Leute: es werden doch Leute sein wie andere, und müsse sich ja auch der Pfarrer gefallen lassen, das jedes Lumpebürli über ihn räsoniere. Ich wollte meiner Frau des Pfarrers Frevel begreiflich machen; aber heute schwieg sie nicht wie gestern, sondern brachte mich endlich zum Verstummen und verstummt ins Bett. Es war, als ob der Pfarrer es ihr angethan hätte, so hatte sie den Narren an ihm gefressen. Ich glaube, wenn er gesagt hätte, Anken sei Speck, sie hätte ihr Lebtag dem Anken Speck gesagt. Es ist merkwürdig, wie der weibliche Glaube an Personen sich klammert und wie stark und blind er wird, wenn er eine bedeutende Person gefunden, aber auch, wie gefährlich für das Weib, wenn diese Person diese Schwäche mißbrauchen will zu sinnlichen oder sündigen Zwecken. An dieser Schwäche hängt ein bedeutender Teil des Sektenwesens; auf dieser Schwäche beruht großenteils der Einfluß der katholischen Geistlichkeit; diese Schwäche öffnet dem reformierten Geistlichen Thüren und Thore zu Hütten und Palästen, wenn er an die Herzen zu klopfen weiß. Wohl, klopft auch mancher an die Herzen, und Thüren und Thore springen auf, aber bange bleibt der Klopfende stehen auf des Thores Schwelle und geht nicht ein in die Hütte, nicht in den Palast. Bärtig und bittend und ehrfurchtgebietend steht der alte König Salomo vor ihm und hebt den Finger auf und sagt: Bewahre dein Herrz mehr dann alles, das zu bewahren ist, denn ein Narr ist, wer auf sein Herz sich verläßt – das habe ich erfahren; Da klopft des Klopfenden eignes Herz; betrübt wendet er heimwärts sich, an die Herzen klopfet er fort und fort, aber zu den Thoren geht er nicht ein. Da vernimmt aber bald gar manch Herz sein Klopfen nicht mehr, weil er nicht eingehen will zum geöffneten Thore. Wer sich aber auf sein Herz verlassen könnte, innen und außen schön wäre, was vermöchte der, wenn er zu den Thoren einginge! Aber solche Klopfer sind selten. Pinsel gibt es desto mehr, die schlagen an die Herzen mit Holzschlägeln und springen nach jedem Schlage an jede Thüre, schlüpfen durch jede Spalte und möchten jedes Herz mit den Fingern greifen und es vor ihre Brille (denn ohne die sehen sie nichts und mit ihr wenig) kriegen, um zu sehen, wie sie es zerklopft und wie es geblutet und geweint erbärmiglich. Obgleich ich stumm ins Bett ging, so war es doch lebendig, in mir und ward immer lebendiger. Was der Pfarrer in mich geworfen, das war auch von dem Samen, der aufgeht und Früchte bringt, wenn er Boden findet. Es war auch Same vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen, der den Menschen glücklich oder unglücklich machen kann beides. Doch vom Bauen will ich eigentlich reden und ob dem König Salomo hätte ich es bald vergessen. Die Vorfrage beim Bauen ist gewöhnlich die: wo das Haus abgestellt werden solle, auf den alten oder auf einen neuen Platz? Die entferntesten wollen das Schulhaus näher, um den Kindern Weg und Schuhe zu sparen. Die nächsten möchten es entfernen; denn niemand hat ein Schulhaus gerne vor der Thüre, weil man das Vorurteil hat: vor dr Bursch syg nüt sicher, u i dr Ornig ha chönn me se nit, da söll me ume höre. Dann kömmt noch in Betracht: ob etwa ein bedeutender Mann den alten Platz gerne hätte oder ein anderer den neuen der Gemeinde gerne für schweres Geld verkaufen möchte. Da glauben die Leute: heuschen mache selig und der uverschantisch sei bei Gott am besten an. So forderte z. B. im B... bach, einem Graben, wo Fuchs und Hase einander gute Nacht sagen, wo groß Streckene Land die Sonne nie gesehen haben, wo man in Fehljahren eine große Wyti um 3/4 Pfund Kaffee kaufen könnte, ein gemeinnütziger Schlegel für einen Platz zu einem Schulhause nicht weniger als 10 Kreuzer per Schuh, also 10,000 L. p. Jucharte. Der Entscheid dieser Frage erzeugt an manchen Orten schwere Kämpfe, und wenn die auch nicht soviel Leute kosten wie der trojanische Krieg, so hat man doch der Beispiele genug, daß sie noch länger dauerten, als dieser Krieg, nämlich über zehn Jahre, und die dabei entstandenen Feindschaften ewiglich. Diesen Vorkampf hatten wir nicht in Gytiwyl; das alte Schulhaus stund bereits an der Ecke des Dorfes. Dorthin war es schon vor Zeiten abgestellt worden, weil niemand im Dorfe es bei seinem Hause haben, niemand dafür Land geben wollte. Man that es daher aus dem Dorfe, wahrscheinlich an den ehemaligen Waldsaum, und stellte es dort auf gemeines Land, das nur vorbeiziehende Schafe oder Gänse benutzten, ab. Seit 150 Jahren (so lange stund das alte Haus) war hier niemand andern Sinnes geworden, niemand begehrte es zu seinem Hause. Nur einige Tauner, die am andern Ende des Dorfes wohnten, meinten: es wäre billig, wenn sie jetzt das Schulhaus auch 150 Jahre auf ihrer Seite hätten; die Kinder der Bauren vermöchten besser, Schuhe und Strümpfe den heillosen Dorfgassen preiszugeben. Aber da es nur Tauner waren und auf ihrer Seite gleich das Moos anfing, wo wirklich ein bös Bauen gewesen wäre, so bekümmerte man sich nicht viel um ihre Rede; man sagte nur: allbets sei doch das nit so gsi; selligi hätte ds Mul nit uftha; aber jetzt heig e-n-iedere Schnuderbueb ds Recht, z'säge, was ihm z'Sinn chömm, we's ume-n-über e Bur usgang u nit über e Her. Der Kirchmeier wußte also, wo das Haus hinkommen müßte; es war nur darum zu thun, wie man bauen solle. Einhellig war man darüber, daß man den Lättikofern zeigen wolle, man vermöge es so gut als sie; auf 1000 Pfund komme es also nicht an. Aber ob man das Haus vom Luft ab oder gegen den Luft kehren, mit Schindeln oder Ziegeln oder Stroh oder Schiefern, mit einem deutschen oder französischen Dachstuhl etc. bauen solle, darüber disputierte man sich, doch eben auch nicht hitzig. Dieses Streiten sollte der Kirchmeier dann entscheiden durch den Ausspruch des Zimmermanns, den einzuholen er den Auftrag erhalten hatte. Aber mein Kirchmeier sagte: er könne nichts sagen; der Zimmermann sei noch nicht gekommen. Er hätte es dessen Vaters Bruders Tochter gesagt, die hier wohne: wenn sie ihn öppe sehe, so solle sie ihm sagen, er solle öppe zu ihm kommen, wenn er öppe dadüre gehe. Er hätte gedacht, es pressiere nit sövli; es sei ja erst Fasnacht und er wüßt von mengem Baurenhaus, das von St. Johannstag bis z'Martistag gebaut worden. Mein Kirchmeier war kein schütziger Mann; der übte nicht blos das deutsche Sprichwort: Eile mit Weile, sondern besonders das schweizerische: Chume-n-i nit hüt, so chume-n-i doch morn. Er war ein langer, stattlicher Mann und schritt stattlich einher, aber immer wie wenn er Holzböden an den Füßen gehabt hätte. Der konnte gar keine Veränderung leiben; er konnte weder Kuh noch Korn zu rechter Zeit verkaufen, weil das eine Veränderung war; er konnte kein Werk anfangen, und auf jeden Fall keins im Laufe der Woche; daher war er gewöhnlich noch am heuen, wenn andere zu ernten anfingen. Er konnte, so träge er war, doch des abends nie ins Bett, sondern tubakete bis Mitternacht hinter dem Tisch oder auf dem Ofen ganz alleine, nur weil er nicht gerne etwas beginnen wollte, nämlich aufstehen statt sitzen, abziehen statt tubaken, ins Bett liegen und schlafen statt wachen und grad use luegen. Wollte man ihn jetzern, sagte ihm die Frau oder die Söhne: »Ätti, wotsch doch nit? wär's nit Zyt?« so antwortete er: »I will de öppe luege; es wird nit sövli pressiere; es isch di angeri Wuche no früeh gnue«. Wenn dann die Söhne ungeduldig wurden, so sagte er kaltblütig: »He, dr Großätti het allbets gseyt, we dBuebe-n-öppis welli zwänge, su müeß me se la zable-n-u-ne säge, me well-ne de i drei Wuche dr Bscheid gäh.« Weil er nie zur rechten Zeit befehlen und anfangen konnte, so brauchte er noch einmal so viel Leute zur Arbeit als die andern, und diese Leute aßen noch einmal so viel Brot als die Hälfte Leute gegessen hätten, und doch trug der Hof immer weniger ab, weil nichts zur rechten Zeit gemacht wurde; und die Matten gaben fast kein Heu mehr, weil, war einmal das Wasser aufgereiset, es nicht mehr abgereiset wurde, und war es einmal abgereiset, er es nicht übers Herz bringen konnte, es wieder aufzureisen. Dabei war er huslich wie keiner; seine Frau brauchte ihm immer zu viel, und für irgend eine gute Sache hatte er nie Geld. Er war es gewesen, der den frühern Pfarrer am meisten auf der Mugge hatte. Er hatte sich manchmal im Futtergang oder im Säugängli versteckt, wenn er denselben gegen das Haus zukommmen sah. Dem kam es wohl, war er so reich und konnte er seinen vielen Knechten und Taunern den Lohn aus seinen Zinsen geben; der Hof hätte es ihm nicht abgetragen. Dieser Mann nun sollte den Schulhausbau leiten; man kann sich also denken, wie schnell das Werk ging, das von allen Werken im ganzen Dorf ohnehin am langsamsten geht, weil selten einer treibt, dagegen viele dessen Schleiftröge werden auf vielerlei Weise. Nun traf es sich, daß glücklicherweise der Zimmermeister dem Kirchmeier noch vor St. Johannistag anlief und ihm versprach, er wolle ihnen schon ein Schulhaus auf das Papier machen, das ihnen gefalle; wenn sie den und den Sonntag beisammen wären, so wolle er es ihnen zeigen und sehen, ob er neuis mit ihnen machen könnte. Der Bau eines Schulhauses ist der Willkür solcher Baukünstler überlassen bis an drei Bestimmungen, die einen doppelten Abtritt, 5 Fuß hohe Fenster und 9 Fuß Zimmerhöhe vorschreiben. Hat ein Bauer kurzum gebaut, so redet er auch sein Wort darein und bringt seine eigenen Einfälle in den Bau hinein; oder ist in der Nähe ein neues Schulhaus, so nimmt man das zum Muster, doch selten ohne etwas daran erlisteten oder ersparen zu wollen. Freilich hat man in neuerer Zeit Modelle gesehen; aber die passen zu mancher Landesgegend, wie Sommerstrümpfe für den Winter. Aber auch hier steht es jeder Gemeinde durchaus frei, ihre Schulstuben so groß zu machen, wie es ihr beliebt, sie ihrer Kinderzahl anzumessen oder nicht. Wohl die Hülste der Schulhäuser, die von Anno 1810 bis 1820 gebaut wurden, sind bereits untauglich; eine Menge von denen zwischen 20 und 30 gebauten ebenfalls; und wie viele von denen in unserem Jahrzehn errichteten werden im nächsten Jahrzehn untauglich sein, besonders wenn die im Gesetz ausgesprochene Klassensönderung durchgeführt werden sollte? Aber die Wohnung des Lehrers ist ebenfalls nichts gesagt; man kann ihm 2 bis 3 Stuben bauen so groß als man will; ja man kann zwei kleine Winkel machen, in denen kein Bett Platz hat, diesen Winkeln Stuben sagen und sie für 40 L. anschlagen. Man kann ihm etwas Stallung, Tenne und Heuboden machen oder nicht machen, oder man kann sie so machen, daß das Gvätterzeug seiner Kinder darin Platz hat, ihre hölzernen Kühe und Wägelein, aber im Stalle keine lebendige Geiß und im Tenn keine Stoßbäre, geschweige denn ein Wägelein oder Karrli. Ja man kann dem Lehrer als Schaf- und Ziegenstall sogar den Keller unter der Schulstube, von ihr nur durch eine Diele geschieden, anweisen, auf die Gefahr hin, daß in wenig Jahren durch die gefaulten Bretter und Balken die Kinder hinunterfahren – freilich nicht in die Hölle, aber doch zu den Geißen. Das alles kann man und darum hat ein Baugenie einen unendlichen Spielraum. Der Bau- oder Zimmermeister nimmt die Aufrichtig, die Einwandung, Dielen, Boden, Bänke, Schränke etc. gewöhnlich ins Verding, entweder mit oder ohne Holz. Wo Bauren Holzbesitzer sind, da liefern sie es gegen Schatzungen, die beidweg gemacht werden hoch und tief, je nachdem die Schätzer selbst Holz geliefert oder nicht; doch gibt's auch ehrliche Schätzer, warum nicht! Wo Bauren das Holz liefern, da ist's ein Herrenfressen für den Zimmermann, so in den Tannen herumhauen zu können, daß es Späne gibt von Mannsdicke und Tütscheni wie Sand am Meer. Hinter die ungezählten Laden zu geraten in dunkeln Nächten, ist ein Herrenfressen für alle die, welche Apfelhürde, Erdäpfelkrummen oder Schweinställe nötig haben; sie versorgen sich da wohlgemut und ungestraft. Auch die Wahl eines Zimmermeisters gibt hier und da das dritte Herrenfressen ab, wo mehrere Meister um den Bau buhlen, jeder sich Protektoren gewinnen muß und die Wahl von der Hausvätergemeinde abhängt. Wie man sich da in die Ecken nimmt, sich hinausruft, in den Gängen herumschießt, sich flieht und sucht – es ist ein recht lustig Zusehen. Bei uns ging's nicht ganz so; denn der Zimmermeister hatte keine Nebenbuhler; ein bedeutender Teil des Holzes mußte er selbst liefern; so machte man es mit ihm an jenem Sonntage. Ich traf auf der Gasse den Statthalter an und der hieß mich mit ins Wirtshaus kommen, zu sehen, welchen Palast man mir bauen wolle. Da möchte es sich doch wohl erleiden, daß man mir etwas vom Lohn abziehe, wenn ich in einem solchen Herrenhaus wohnen könne, meinte er. Im Wirtshaus war die Vorgesetztenschaft versammelt um den Zimmermeister, der auf einem Papier ein Haus hatte, schön gelb und rot angestrichen. Selligs geb z'thue, sagte er, me glaub's nit; aber drum chönns o nit e-n-iedere; ume bis me wüssi, was gelb und was rot sein müsse, gehe es lang, u we me fchon mein, me wüß's, su verschieß me doch geng no. Er erklärte nun das Haus und was jeder Strich zu bedeuten hätte, und daß das Haus einen Schuh länger, einen halben Schuh breiter sei, als das der Lättikofcr; hoch seien sie neue fast gleich, das chönn me sövli exakt nit breiche; uf e Schueh höcher oder niederer chömm's de nit ah; das chömm de geng no druf ah, wie me-n-öppe ds Gschwell heig u dRafe. Die Vorgesetzten betrachteten die Sache still und lang. Endlich sagte einer: das Haus könne man nicht wohl kleiner machen; aber die Schulstube, die düech-ne nadisch doch z'groß, die könnte man wohl fünf Schuh kürzer machen. Die fünf Schuh könne' man ja zum Gang nehmen; es sei auch komod, wenn der breit sei, oder zum Tenn; das hätte man auch nicht bald zu breit. Der Ammann sagte: öppis Recht hätte er. Ihn dünke es auch, die Schulstube sei zu groß; aber wenn man drei Schuh davon nehme, so möge das schon viel bringen. Sie wurden endlich einig, die Stube um 4 Schuh zu verkürzen, so daß sie im Bunde 30 Fuß breit, 31 Fuß lang wurde für 150 Kinder, an einem Orte, wo die Burger Rechte in Moos und Wald hatten, wo man also auf eine bedeutende Volksvermehrung schließen konnte, indem an solchen Orten selten ein Bürger sich entfernt. Mich fragte man gar nicht; man zeigte mir bloß, welch große Bhusig ich bekomme, nämlich drei Stuben auf der Schulstube. Da werde es mir doch dann nichts machen, in das eine Stübli hie und da eine Familie aufzunehmen, welche ihnen auf der Bettelfuhr zugeführt würde. Ich fragte endlich: ob man den Plan nicht noch dem Pfarrer zeigen wolle, ehe man es bestimmt abmache; der hätte vielleicht auch was zu sagen. Was das den Pfarrer angehe? fragten mich zwei miteinander; der gäbe ja nichts dazu und er wäre im Stande, es ihnen expreß zu verpfuschen; u was so eine vom Bauen verstehe, der sein Lebtag nicht einmal ein Säuschürli zu bauen vermöge? Nachdem sie so einig mit einander geworden, ging nun das Märten um den Preis an und um die Handleistungen. Dabei wurde manche Halbe getrunken und manch Stichwort gewechselt. Die Bauren hielten dem Zimmermann vor, er werde ihnen dann kommen im Heuet, der Ernte und dem Emdet, wenn kein Bauer Zeit habe, ihm zu fressen zu geben; da begehrten sie ihn dann auch nicht. Der Zimmermann aber sagte, das werde ihnen nicht sövli machen; die Blinden und die Lahmen und die Ghörübel, welche sie an solche Gemeindwerke schicken, könnten sie doch in der Ernte nicht brauchen; und die stumpfen Beile und verkrümpelten Sägen und fingerslangen Schaufeln, welche sie ihnen mitgeben, werden sie doch im Heuet auch nicht brauchen. Vor dem Heuet sollte Material geführt, das alte Haus abgebrochen, der Baugrund geebnet, der Keller erweitert und die Schwellen untermauert werden, zwischen Ernt und Heuet aufgerichtet und dann alles so bald als möglich fertig gemacht werden. Mir wurde unterdessen eine Stube zum Bewohnen angewiesen, in welcher im Winter ein Küher logierte. Noch einige Reden verursachte die Frage: ob man den Plan auf Bern schicken und um eine Steuer ansuchen wolle oder nicht? Mehrere waren der Meinung: sie vermöchten selbst zu bauen, wollten nicht betteln und möchten dann nicht, daß so ein Weisheitsbüntel von Bern ihnen in ihre Sache rede, und was es gebe, trage die Mühe fast nicht ab, die man damit habe. Der Zimmermann aber redete ein: man brauche den Plan nur dem Schulkommissär abzugeben und der wohne ja nicht weit. In Bern rede man nichts darein; man sehe nur nach dem Abtritt, und wenn der recht sei, so sei alles gut. Es sei doch auch lustig, wenn man ein paar hundert Franken holen könne so mir nichts dir nichts, und noch dazu in gesetzlichem Gclde, wenn es nämlich ihr Schaffner, der die Sache für den Landvogt mache, nicht treibe wie der in seinem Amte, der alles gesetzlich einnehme, aber so schlecht als möglich bezahle mit der niederträchtigsten Münze. Neulich sei ein Haus verbrannt, das in der Brandassekuranz gewesen wäre; da hätte der Brandbeschädigte vom Schaffner die obrigkeitliche Steuer erhalten in lauter Brabäntern, aber alle zu vierzig Batzen gerechnet. Es nehme ihn doch Wunder, was der, der so gerne andere verklage, machen würde, wenn auch einmal einer Guraschi genug hätte, ihn zu verklagen? wahrcheinlich müßte die Sache der Landvogt ausfressen oder Schuld sein daran. Endlich war man fertig, daß man nach der Üerti fragen konnte. »He, no-n es Mößli,« sagte die Wirtin, »de will i's säge!« Als man sie vernahm, schoben die Mannen die eine Achsel in die Höhe und fuhren mühselig mit den breiten Händen in die engen Hosensäcke, und jeder zog ein Hämpfeli Münz heraus (nur die ledigen klimpern mit Brabäntern und Fünfunddreißigern) und brösmete dar, was ihm ziehen mochte, und der Ammann sagte zum Statthalter: »Lue doch, ob ih's recht zellt ha? i gseh's nimme recht, we-n-i nit dr Spiegel ha.« Ganz Hans oben im Dorfe kam ich heim und erzählte meinem Mädeli, in welch schönes gelb und rotes Haus wir bald zu wohnen kämen, mängi Väurin werde über ihns schalus werden. Es wett, mr wäre scho drin, sagte Mädeli – weiter nichts. Am nächsten Chorgericht konnte der Statthalter sich nicht enthalten, dem Pfarrer zäpfelnd zu sagen: si welle's i Gotts Name probiere, ob si's vermöge, es Schuelhus z'baue-n-oder ob si drob müeße z'Lumpe werde. Der Pfarrer verzog keine Miene, sondern sagte ernsthaft: das well er nit hoffe, es wär ihm leid für se; aber si sölli si in Acht näh mit den Arbeitsleuten und gute Akkörde schließen. Vor allem aus möchte er ihnen empfohlen haben, daß sie jedem Arbeitsmann in den Akkord thätcn, daß er bei Strafe eines bestimmten Abzuges um die und die Zeit fertig sein müßte mit seiner Arbeit. Es sei jetzt schon wohl spät und er fürchte, es gehe sonst wie an andern Orten. Habe ein Partikular ein Haus zu bauen, so sei er hinter den Arbeitern her und pressire sie, damit er zu rechter Zeit seine Arbeit erhalte und in der guten Zeit sie gemacht werde. Und doch möge das noch mancher Partikular nicht zuwege bringen, besonders wenn seine Arbeiter in die Stündeli gingen. Man solle nun denken, wie das bei einem Schulhaus gehe, wo gewöhnlich niemand sich die Zeit nehme zu pressieren und jeder Partikular finde: mit dem Schulhaus könne man wohl warten, bis seine Arbeit fertig sei, und jeder Arbeiter denke: die Gemeinde werde nicht böse, wenn er zaudere mit ihrem Hause, wohl aber ein Partikular. Da werde dann gewöhnlich furchtbar gepfuscht, die Öfen und Kamine erst gemacht, wenn es einfriere, die Fenster erst eingehängt, gehängt, wenn es bereits ins Haus geschneit, die Vorfenster aber erst mitten im Winter oder manchmal erst den folgenden, wenn von dem herablaufenden Wasser die Wände und Gesimse unter den Fenstern ganz schwarz geworden. Um das Haus herum bleibe es dann im Urzustand (ich rede hier nicht vom Urzustands- und dem ihm entsprechenden Urdingwort), so daß die Kinder beim nassen Wetter Schuhe und Strümpfe verlieren, ehe sie durch den Schopf kämen, und wenn sie endlich zu der Thürschwelle sich durchgeschlagen, dort nicht einmal die nötigen Tritte fänden, höchstens ein wackelndes Tütschi. Mit des Schulmeisters Wohnung sehe es gewöhnlich noch schlimmer aus; ob er einziehen könne, wann und wie, darum bekümmere sich niemand. Der Statthalter war ganz verstummt von der langen Rede, zu der sich der Pfarrer hatte hinreißen lassen, der längsten, die er je von ihm gehört. »Ja, ja, Herr Pfarrer,« sagte er, »me mueß luege; mr wei's öppe mache, daß es guet chunt, mr wüsse-n-öppe-n-afe wie ds Baue geyt.« Als wir heimgingen miteinander, begehrte der Statthalter nicht übel auf. Der Pfarrer müsse sie dann nicht brichten, wie man bauen müsse; er müsse nicht meinen, sie seien nur dumme Bauren. So eine aber meine, es müsse alles auf einmal gemacht sein, und wenn man an eine Sache nur gedacht hätte, so müsse sie schon dastehen. Er hätte afe viel Akkorde gesehen, er glaube, mehr als der Pfarrer; aber sellig, wie er sage, sei ihm noch keines unter die Augen gekommen; so etwas Halbtaubes wolle er nicht anfangen. Und wenn man den Handwerkern so befehlen wollte, wann sie fertig sein sollten, so würde jeder von ihnen auch kommen und befehlen, wenn sie dieses oder jenes führen sollten; aber da ließen sie sich nicht befehlen; sie seien schon lang zu Gytiwyl gewesen und es hätte ihnen niemand befohlen; sie wollen jetzt das D ... werk nit gah afah. Wir hatten einen recht schönen Frühling; aber da war keine Zeit zum Schulhausbau. Ich ging einst zum Kilchmeier, als es mich dünkte, es wäre die höchste Zeit, daß etwas gemacht werde. Ich fand ihn hinter dem Tische sitzen tubakend. Die Frau nahm das Brot aus der Tischdrucke und sagte: »Schumeister, hockit u nät Brot, es isch früsches vo hüt-e Morge, u dr Müller het is da Chehr schöns Mehl brunge: es isch nit vrschosse, wie süst.« Und der Kirchmeier sagte: »Schumeister, was bringst neus?« Ich sagte ihm, daß ich eben käme, um nachzusehen, ob es nicht bald etwas neus geben solle? Er sagte: »He, mi het geng no all Häng voll z'thüe gha u es het niemere dr Zyt gha, z'fahre-n-u cho z'helfe; aber hüt ha-n-i's myne Buebe gseyt, we sie öppe dr Polizeier gseye, su solle st ihm säge, er soll öppe zueche cho, i well ihm de öppe-n e Lyste mache für ga z'biete. U de wei mr öppe mit enangere rede, we me öppe well afa. Es düecht mi, vor em Heuet syg's nit meh dr wert u vom Heuet bis i Winter isch's no lang.« Und wie der Kirchmeier gesagt hatte, so ging es auch, da ich nicht heftiger treiben durfte. Und weil der Kirchmeier gewöhnlich ein halbes Werk hinter den andern drein war, so ging es bis fast zur Ernte, ehe man anfing. Endlich mußte ich auszügeln und das alte Haus wurde eingerissen. Es that mir doch noch weh, das alte wüste Haus verschwinden zu sehen. Es war Zeuge gewesen von meinen Freuden, meinen Leiden. In diesem Winkel waren mir Kinder geboren worden; in jenem Winkel hatte das Totenbäumchen meines kleinen Kindes gestanden; auf dem Ofen waren wir so oft zusammen gesessen mit offenen Herzen, aus denen Liebe und Vertrauen quollen; an den gestorbenen Fenstern mit den runden Scheiben war ich so oft betrübt gestanden und hatte zu einer noch heitern Scheibe hinausgesehen, von welcher Seite her das Glück kommen wolle. Und wenn ich in die Winkel sah, auf dem Ofen saß oder am Fenster stand, so weckte mir der bekannte Anblick die alte Stimmung, die alten Gefühle wieder und es tauchte in mir auf die alte Zeit mit ihren Freuden, ihren Leiden. Aber den Leiden hatte die Zeit den Stachel genommen, während die Freuden noch so frische und liebliche Klänge anschlugen in meinem Herzen! Darum waren mir diese Rückerinnerungen so lieb, so lieb die Orte, die sie in mir heraufriefen! Darum hätte ich dem alten Hause bald nachgeweint, wie einem scheidenden Freunde. Mädeli that es wirklich. Unser Gärtchen und die herumliegenden Grasplätze mußten wir für dieses Jahr verschätzen und die Ziege, die ich endlich zu kaufen vermocht hatte, den Zäunen nachsenden. Dafür entschädigte uns niemand. Man sagte mir, ich könne wohl zufrieden sein, wenn niemand davon rede, mir am Lohn abzuziehen, weil ich jetzt eine so schöne Bhusig bekäme. Der Bau ging vor sich, aber langsam. Der Zimmermann klagte immer, er hätte gar schlechte Handbietung von den ihm zugegebenen Arbeitern; der Maurer klagte über Mangel an Material; und der Kirchmeier antwortete ihnen dann: er wolle öppe auf die Leute luegen und wenn er sie öppe sehe, so wolle er ihnen sagen, sie sollen öppe fahre-n-oder öppe'-n-einisch e bessere schicken. Endlich, Ende August, war der Bau aufgerichtet. Alles lief hinzu und bewunderte ihn; dann lief alles davon und alleine blieb der Bau. Und er blieb alleine den ganzen Herbstmonat durch. Endlich ward mir doch angst und ich lief einmal wieder mit dem Herzen in beiden Händen zum Kirchmeier, um ihm mit der Brattig zu Gemüte zu führen, wie nahe Martistag sei und daß der Küher bald kommen und ich dann Platz machen müsse. »Ja, ja, Schumeister, me cha nit geng alles zwänge; i ha scho lang bifohle, me soll mr öppe-n-uf-e Zimmerma u-n-uf-e Murer u-n-uf-e Polizeier luege; u we me se die Wuche nit öppe gseht, su mueß me die anger Wuche 'ne expreß Bscheid mache, daß sie öppe chömmi.« Endlich kamen wieder Arbeiter und es wurde am untern Ring gearbeitet. Aber allgemein erscholl schall von den Arbeitern das Geschrei: daß sie nicht Materi hätten und daß die Fuhrungen gar zu hinlässig gemacht würden. Da geschah dann mehreremal, daß wegen Mangel an nötigem Baustoff ein Meister mit seinen Gesellen aufpackte und das Haus im Stich ließ. Dann kam freilich das Material auf den Platz; aber kein Meister war da, es zu verarbeiten. Dann kam selbst der Kirchmeier in Gusel; er sagte nämlich: er wolle auf den Zimmermeister oder den Maurer luegen, und wenn er sie öppe sehe, ihnen scharf bifehlen, daß sie die andere Woche kämen. DSache wären jetzt da und er hätte noch andern bifohlen, daß sie auch auf sie luegten. Dem Maurermeister war eines jener Ofenungeheuer in die Schulstube zu machen befohlen worden, die man noch an manchen Orten sieht hinausreichen in die halbe Stube und an manchem Orte den vierten Teil der Stube unbrauchbar machend. Ein Ungeheuer von Sandstein, die Platten 7 Zoll dick – und der Ofen 8 Schuh breit und 8 Schuh lang. Ein Ungeheuer, das als Backofen in die Arche Noah zu groß gewesen wäre, wenn Noah auch alle Pärlein von vierfüßigen Tieren mit Brot hätte füttern wollen. Ein Ungeheuer, das drei bis vier Wedelen braucht und um 10 Uhr zu warmen anfängt, wenn man am 6 Uhr einheizt. Und wenn ein Schulmeister erst um 7 oder 8 Uhr aufmag, um zu heizen, wann wird er dann heiß? Und wenn das Feuer erst im Ofen spretzelt, wenn es 9 Uhr schlägt, wie mag's da den armen Kindern mit ihren nassen Schuhen und Strümpfen, aus denen zwei gwundrige Ferseren blau herausguggen, zu Mute sein hinter ihren Namenbüchern und Fragenbüchern? Die Bauren meinten, sie wollten einen rechten machen lassen; der hielte es dann auch und behalte die Wärme, und wenn er groß sei und lang warm bleibe, so sei auch der Schulmeister froh darüber; er könne desto mehr Bätzeni dörren auf demselben während der Schule und nachher. O, wie dieser Geruch dann so lieblich und duftend verschwimmt, den Grundton bildend, mit allen Gerüchen, welche die Kinder bringen, und wie labend es einem in die Nase steigt, besonders wenn die Leberwürste im Laich sind! Alle Winter wurde seither aufbegehrt, ich heize nicht genug und die Kinder müßten am Morgen fast erfrieren. Die Lümmels gedachten nicht, daß die große, weite Schulstube, die schlecht eingemacht ist, durch 16 Stunden leer steht, nicht wie eine Wohnstube warm bleibt, sondern während der Nacht ihrer Wärme sich entleert. Sie dachten nicht daran, wie lange der Ofen brauche, warm zu werden, und wie langsam ein solcher Ofen wärmt. Und heizte ich recht wütend ein, so hob es die Platten auf, rauchnete und es ward eine Hitze in der Stube, daß man des Nachmittags die Fenster offen haben mußte, wenn man nicht ersticken wollte. Mich wundert, wenn man endlich zu einer vernünftigen Heizung der Schulstuben stuben kömmt und zu vernünftigen Öfen? Mich wundert, ob man nicht zu Anwendung von eisernen Rohren oder eisernen kleinen Öfen kömmt neben dem größern Ofen? Es gibt Winter, wo es eine große Wohlthat wäre, wenn man nur am Morgen es schnell warm machen könnte für die erste Stunde. Die Menge der Kinder bei lauer Luft oder warmer Sonne heizen für den übrigen Tag genug, fo daß ein den ganzen Tag Wärme ausströmender Ofen eine wahre Last und Pein wird. Es gibt Winter, wo man die Hälfte Zeit so heizen und wenigstens zwei Drittel Holz sparen könnte. Es hatte geschneit über die Berge, der Schnee die Küher hinuntergetrieben von den Bergen ins tiefere Land. Sie kamen gar stolz herab, holeyeten noch einmal so laut, tranken nur zehnbatzigen Wein; die Jungen neckten alle Mädchen, die Küherstöchter sahen schnippisch drein und die Weiber saßen wie Gluggeren mitten unter den kleinern Kindern gar stolz und wohlgemut auf einem Bettstücki mitten in dem Grümpel ihrer Zügelten. Es hatte viele Käse gegeben auf dem Berg; wohlfeil war das Heu im Lande und wohlgenährte Kühe brachten sie heim, welche stolz die Köpfe hoben; darum trugen auch die Küher die ihrigen gar hoch. So war auch Toni, der Küher, der in meine Stube wollte, eines abends gekommen, ganz unerwartet, wenigstens mir. Die Kühe brüllten vor den bekannten Ställen und eine Schaar Kinder kletterte ab einem Wagen und stürzten dem bekannten Hause zu. Toni war ein Luzerner und hatte acht Kinder, alle schön, rot wie Milch und Blut, und schlank wie die Tannen im Walde, mit Zähnen weiß wie Schnee; aber mit Dreck waren alle überzogen wie mit einem Firniß, um die darunter liegende, durchschimmernde schöne, zarte Haut zu bewahren vor Kälte und Wind. Sauber war an Toni nur das, womit er seine Kühe berührte, seine Hände, sauber waren seine Milchgepsen, sauber waren seine Kühe; aber wie dann der übrige Leib, Häfen und Pfannen, Weib und Kinder versalbet und versauet seien, das kümmerte ihn nicht. Diese Kinder nun, und hintendrein eine gewaltige Entlibucherin, die im Fall der Not mit einem Morgenstern ein Dutzend Nationalvereine zum Gugger gejagt hätte, kam hinter ihnen her und machte gar wunderliche Augen, als sie die Stube nicht leer fand. Man kann sich vorstellen, daß uns fast gschmuechtete, als wir sie hereinbrechen sahen wie das Wüetisheer. Mit diesen Kühersleuten mußten wir nun unsere Wohnung, Stube und Stübli, teilen, bis das Schulhaus fertig war. Man denke sich die Wirtschaft. Es waren ehrliche gute Leute und unsere Kinder kriegten Milch, bis sie ihnen oben auslief; aber säuisch waren sie, wie ich mir Menschen nie gedacht. Daher stund ich alle Tage zum Schulhaus, bat den Maurer, der anfangs November noch an den Ofen machte und noch keinen Stein zum Schornstein gelegt hatte, doch recht um Beschleunigung. Ein Wintersturm hatte ihn mit seinen Steinen in die Schulstube getrieben; aber auch dorthin verfolgte ihn der Schnee, der lustig durch die Fensterlöcher wirbelte und die ganze Stube bedeckte. Er nahm sein Pfeifchen aus dem Maul, tröhlte einige tüchtige Stöcke ab nach Maurer-Manier und sagte: es nähme ihn Wunder, ob es denn dem d. Dräyhansli von Kirchmeier bald in Sinn käme, die Fenster zu verdingen bei selligem Wetter? Da war es mir doch auch, als ob einer der Pulversäcke von Constantine mir unter den Füßen geplatzt wäre und die Explosion mir zum Munde ausführe in unübersehbarem Blitz und Donner. Der Maurer fuhr ordentlich zusammen, als es so aus mir zu krachen und zu scheinen anfing, und meinte endlich, als er den Mund wieder bewegen konnte: »E, e, ume hübschli, Schumeister! ume hübschli! we's dr Pfarrer ghörti, was seyti er?« – »Mira, was er wett; er fieng z'letzt selber a z'flueche.« Über Stock und Steine rannte ich dem Kirchmeier zu; denn mir kam es ganz graulich vor, in unserm Luzernermist neujahren zu müssen. Der 1. November und die Fenster noch nicht einmal akkordiert, die innern nicht, die äußern nicht! Das wie ein Lied immer vor mir herredend, stürzte ich ohne anzuklopfen in des Kirchmeiers Küche, wo derselbe eben Tubak anzündete, und schrie ihm mein Sprüchlein laut zu, daß es an den Wänden tönte. Der aber nahm die Sache kaltblütig, zog noch einigemal die Pfeife bedächtig an und sagte gelassen: er könne nichts dafür, er hatte seinen Buben schon mehr als einmal gesagt: we si öppe dr Tischmacher gseye, su solle si ihm säge, er soll öppe zu ihm cho. So wolle ich gehen und ihn kommen heißen und zwar auf der Stelle, sagte ich; denn so könne das Ding nicht mehr gehen. Da sagte der Kirchmeier das merkwürdige Wort. »Jo, jo, gang ume; es düecht mi afe selber o, es sött pressiere.« Das hatte er sein Lebtag noch nie gefunden, noch viel weniger gesagt. O, so ein Kirchmeier ist ein wahrer Schatz für ein Dorf! Der Tischmacher verstund sich endlich zur Übernahme, obgleich er die Kürze der Zeit und seine viele Arbeit geltend zu machen wußte. Man denke sich aber, wie lange es geht, bis so ein Tischmacher, der nur einen halbbatzigen Gesellen und einen kreuzerigen Lehrbuben hat, Fenster und Thüren für ein Schulhaus gemacht hat. Es war ein harter Winter, wo von Martistag bis im April die Kälte nie aufhörte, von welcher die armen Leute erzählten, bis ein neuer strenger Winter den frühern aus dem Gedächtnis brachte. Unsere Erdäpfel hatten wir in den neuen Keller gethan, wo nun auch ein tüchtiger Webkeller angebracht war, weil in Lättikofen auch einer war. In diesem Keller war nun auch noch keine Thüre, keine Treppe dazu, das Haus nicht eingemacht, so daß die Erdäpfel, ehe wir es uns versahen, überfroren, und wir mochten uns nun vorsehen, wie wir wollten, so gingen doch alle zu Grunde, welche die Mauern berührten, so daß wir im Frühjahr eine rechte Erdäpfelnot hatten und manchen schönen Batzen für solche ausgeben mußten. An Entschädnis dachte niemand. Endlich wurden die innern Fenster eingemacht. Es waren auch Fenster, wie man sie in den meisten Schulhausern sieht, auf alle Wöhlfeli eingerichtet; Fenster, die nicht eingehängt, sondern eingenagelt werden, so daß es eine halsbrechende oder vielmehr glasbrechende Arbeit ist, sie herauszunehmen um zu waschen, oder, wenn sie eingeschwallet sind, eine rein unmögliche, daher sie auch in so manchem Schulhause ungewaschen bleiben. Die meisten dieser Fenster sind ganz und können auf keine Weise geöffnet werden; wo man es recht gut meint, macht man in einige unten Flügel zum aufthun, sonst läßt man es bei Läufterlene bewenden; daher es dann um das Lüften solcher Schulstuben wunderlich genug aussieht. Als die innern Fenster da waren, meinte man, nun mit den äußern pressiere es nicht so: die könne man öppe darthun, wenn es sei. Die äußere Kälte machte starkes Heizen notwendig; zwischen zehn und eilf Uhr tauten dann die von unten bis oben dick gefrornen Fenster auf; es tauten die Wände auf und das Wasser floß in der Stube herum, daß man fast Fußwasser bekam in selbiger. Die Hitze und das Wasser dämpften nicht übel, so lange die Schule dauerte: sobald dann die Wärme entwich und die Kälte hineindrang, setzte sich an den Wänden Biecht an fingersdick; das floß dann am nächsten Morgen auch in der Stube herum, so daß die Gesimse und Wände unter den Fenstern ganz schwarz wurden. So war es auch in der Wohnstube, oder vielmehr noch ärger; denn da war der Estrich noch nicht eingemacht; so tropfte es auch noch von oben herunter, floß die Wände nieder, daß man manchmal nicht wußte, wo die Betten hinstellen, wenigstens an keine Wand; denn dort wären sie in kurzer Zeit verdorben. In den Wänden öffneten sich im Frühjahr Spalten, so daß, wenn der Bysluft ging, man nicht wußte, wo das Licht hinstellen; und glaubte man eine Spalte vermacht zu haben, so ging eine neue auf in den schlecht aus schlechtem Material zusammengefügten Wänden. War's recht kalt, so ging es noch an; kam aber ein selten Tauwetter, dann sah es furchtbar aus. Innen wurde das ganze Haus naß und schwarz, und um das Haus herum bodenlos. Lehm war um das Haus herum geführt, aber nicht festgeknetet, hie und da noch zerstreut worden. Lösten sich dann diese Massen auf, so bildete sich um das Schulhaus herum ein Teig, durch den fast gar nicht zu kommen war. Wie manches kleinere Kind mußte ich dort herausholen, weil es sich mit seinen kleinen Kräften nicht mehr herausarbeiten konnte! wie manches paar Holzböden holte ich heraus, deren kleine Eigentümer barfuß und Mordio schreiend im Schöpfe stunden und ihre Schuhe schon verloren glaubten! Man kann sich vorstellen, welche Massen von Kot so ins Haus geschleppt wurden und wie der Ofen bald aussah; denn die Kinder zogen trotz allen Befehlen nicht immer die Schuhe aus. So blieb es einen ganzen Winter und an manchem Orte bleibt es noch länger so, weil man gewöhnlich die oberkeitlichen Steuren ausbezahlt, wenn man das Haus fertig glaubt (auch das nimmt man nicht immer genau), ohne die äußere Umgebung zu berücksichtigen. Wo wir unsere Kleider versorgen sollten, wußten wir kaum. Glücklicherweise gehörten zur Schule fast keine Bücher und war für die wenigen kein Schrank da; sonst hätten sie Bärte erhalten. Es gibt aber auch alte Schulhäuser, wo vorhandene Lehrmittel in den Schränken faulen oder Barte bekommen; ein schlagender Beweis, wie fleißig man sie benutzt, oder wie passend die (meist geschenkten) Lehrmittel für diese Schule sind. Anfangs Christmonat waren die innern Fenster angeschlagen worden, anfangs Februars kamen die Vorfenster: da dann das Elend etwas abnahm und es etwas heimeliger wurde im Hause. Allein ich kann nicht sagen, wie oft mich und mein Weib das Heimweh ankam nach unserm alten Häuschen. War es auch eng und klein gewesen, so war es doch so traulich und warm! Aber unheimeligeres kann es nichts geben, als ein durchzügiges, luftiges Haus, wo das Licht allenthalben im Winde flackert und jede Hand naß wird, die man an eine Wand bringt, die einen Thüren nicht mehr zu-, die andern nicht mehr aufzubringen sind. Als endlich die Schule beginnen konnte, da entstund bei mir die Frage: ob nicht eine eigentliche Einweihung des Hauses stattfinden sollte? Ich hatte etwas über solche Dinge läuten hören, aber ich wußte nicht recht, was? Es hatte mich schon geärgert, daß man den Pfarrer nicht ersucht hatte, die Aufrichti-Rede zu halten und das Haus einzusegnen; es war mir deswegen auch um so unheimlicher im Hause. Nenne man es nun Aberglauben, Vorurteil, kurz wie man will: Gott sollte alles geweiht werden, nicht nur der Mensch, der geboren wird, nicht nur die Ehe, welche der Mensch mit dem Menschen schließt, sondern auch das Haus, welches der Gott geweihte Mensch bewohnen soll. Das Haus ist des Menschen weiterer Leib, das Haus ist die Herberge seiner Freuden und Leiden, das Haus ist der Zeuge seiner Seele; das Haus soll aber auch der Magnet sein, der den Mann und das Weib immer heimwärts zieht, soll ihm Trost und Hafen sein in allen Stürmen des Lebens; aber nicht Magnet, nicht Trost, nicht Hafen wird es ihm, wenn nicht Gott mit seinem Segen darin wohnt. Zum Pfarrer ging ich daher mit der Frage: ob da nicht eine Einweihung des Schulhauses stattfinde, und ob er nicht die Hauptsache dabei übernehmen wolle? Der Pfarrer antwortete: es komme alles darauf an, was man unter Einweihung verstehe. Verstehe man darunter ein großes Wesen mit Meyen, Kränzen (angefrornem Buchenlaub), Prozessionen etc., so wolle er mit der Sache nichts zu thun haben. Er hasse allen Spektakel und besonders jeden heiligen Spektakel, oder vielmehr jeden Spektakel in religiösen Dingen. Solcher Spektakel sei gewöhnlich nichts, als der Deckmantel für die fehlenden Gefühle, den mangelnden Geist. So sei es meist auch mit den Familienspektakelstücken, wo man sich bei jedem Anlaß umarme und mit rührsam verdrehten Augen einander anblicke, und mit den klingendsten Namen sich überschütte, mit sattsamer Beimischung des himmlischen Vaters und seines lieben Sohnes. Da fehle gewöhnlich dem Herzen die Wärme, der Seele die Innigkeit, wenn man nicht gar Schlimmeres mit diesen Worten verpflastern wolle. Am Ende laufe der ganze Spektakel auf ein drittes Plättli hinaus und manchmal sogar auf eine Flasche vom Mehbessere, aus welcher der Alte den Jungen die Tropfen zumödelet, seiner Dulcinea unter vielen: »Es isch gnue, hör doch!« ein halbes Glas abgibt, den Rest wohlbehaglich sich zu Gemüte führt, und, wenn nicht zufällig ein Zank dazwischen kömmt, beide, ehe sie sich den Mund abwischen, sprechen: »Das war heute wieder ein schöner Tag und die Köchin hat ihre Sache diesmal gut gemacht, das muß man ihr nachsagen. Die letzte Auskehrete hat gefruchtet.« Solchen Spektakel treibe man auch mit Schulhäuserweihen. Er wisse einen Ort, wo man sogar den Landvogt dazu entboten, der hätte dem Zuge voranreiten sollen, er wisse nicht mehr, ob auf einem weißen oder braunen Pferde; und zwei Mädchen, ob weiß gekleidet oder anders, wisse er auch nicht, aber natürlich mit Meyen überhängt, hätten dann auf Kissen dem Landvogt die Schlüssel des Schulhauses entgegentragen sollen, u. s. w., u. s. w. Der Geist sei's, der da lebendig mache, und diesen müsse man allein walten lassen da, wo etwas an die Seele dringen solle; alle äußere Beimischung feßle die Sinne derer, bei denen gewöhnlich nur die Sinne rege seien, so stark, daß dann das Geistige keinen Zugang finde, keine Empfänglichkeit. Verstehe man also unter Schulhausweihe das, daß er die erste Kinderlehre halten solle in demselbigen, wo sich dann ein Wort über des Hauses Bedeutung und seinen Segen für das Dorf und die kommenden Geschlechter sagen lasse, so sei er von Herzen erbötig dazu. Brächte ich dann noch einen schönen Gesang zuwege, so sei das alles, was er nötig glaube. Das war mir doch nicht ganz recht; einen Zug, irgend einen Zug, den ich anordnen könnte und demselben voranmarschieren und ihn regieren und vorsingen, hätte ich gar zu gerne gehabt. Da ihn aber der Pfarrer nicht wollte und ich allein es mir nicht recht klar machen konnte, wohin man zu ziehen hätte bei 10 Grad Kälte und zwei Fuß hohem Schnee, so unterließ ich den Zug – aber ungern. Der Sonntag kam und anch der Pfarrer. Die Schulstube war gedrängt voll Weiber, denn die erste Kinderlehre in einem neuen Schulhause hatten sie noch nie erlebt; es nahm sie daher sehr Wunder, wie das zugehe. Der Pfarrer sprach nun recht deutlich von der Entwicklung des Menschen, daß jede Kraft in ihm genährt und geübt werden müsse, und daß er nach dem sich bilde, was man ihm vormache. Wenn er nur Spatzen pfeifen hörte oder Katzen miauen und keine Menschen reden, so würde er auch wie ein Spatz pfeifen oder wie eine Katze miauen. Aus diesem führte er den Leuten gar wichtiges zu Gemüte. Dann gab er zu bedenken, daß das, was der Mensch lerne, nicht nur für dieses Leben, aber auch nicht nur für jenes Leben ihm dienen solle. Die rechte Lehre lehre den Menschen hier das Leben beginnen, das er in der Nähe Gottes fortzuführen habe. Sie bringe ihm die rechte Erkenntnis; die Erkenntnis bringe ihm den Glauben, daß in Christo und seiner Nachfolge für den Menschen das Heil sei, d. h. ihn zu seiner göttlichen Bestimmung führe, und dieser Glaube gebe ihm dann des Geistes Kraft, den Kampf der Läuterung, der Heiligung, des Darstellens von Gottes Ebenbilde zu beginnen. Diese Heiligung und Läuterung, dieses Ebenbild Gottes und die Kraft, in Gottes heiligem Willen zu leben, mache sein Leben aus, bilde die Schätze der Seele, die der Mensch hinübernehme in die andere Wohnung. Alle andern Schätze, alle Geldkisten, alle gefüllten Spycher blieben auf Erden zurück. Sie sollten sich daher einmal gewöhnen, ihrer Kinder Seelen als die Kisten und die Spycher anzusehen, die sie vor allem zu behüten, anzufüllen hätten mit edeln Früchten und Metallen. Diese Spycher und Geldkisten blieben nicht auf der Erde, die folgeten ihnen überall nach; ja sie würden derselben gar nicht los, auch wenn sie es wollten, und was sie in den Seelen aufgespeichert hätten oder nicht, das müßten sie haben in der Ewigkeit; es möge nun sein, was es wolle, so werde es ihnen zum Heil oder zur Verdammnis. Der Pfarrer redete recht schön und ich mußte diesmal doch zu mir selbst sagen: so schön hätte ich es nicht gemacht. Wir sangen darauf recht schön und glaubten die Leute recht erbaut heimzusenden. Beim Herausgehen müpfte die Frau Ammännin die Frau Statthalterin und sagte: »Du, we üfe Pfarrer nit e Narr wird, su vrstoh-n-i mi oe nüt me druf! Mys Buebs Gring soll e Spycher sy u mr solle üsi Frucht dari thue, si chömm is de nache-n-i's anger Lebe! Dä donstigs Narr, daß i doch o säge mueß! Mr mache-n-alli Jahr meh as 200 Mütt Gwächs, dr Rogge-n-u dGerste-n-ume nüt grechnet, u das sölle mir alles i üses Buebs Gring thue; öppis dumms e so go z'säge! I glaub's, we me das in-e Gring yche brächt, me chönt's de mitnäh i Himmel, aber ebe das Ychebringe-n-ist dKunst; es isch eis mügli wie ds angere; dä Narr!« Ich hatte auch erwartet, der Pfarrer werde eine Inschrift über die Hausthüre oder an die Faßi angeben; allein er sagte nichts davon. Da durfte ich auch nichts sagen; aber eine hätte mir bsunderbar wohl gefallen. Sie soll im Schwabenland oder in Friesland sein und lautet also: Allhier erzieht man die Jugend Zu jeder Wissenschaft und Tugend; Auch bearbeitet man unartigen Kindern Den widerspenstigen Hintern, – Und zieht daraus zur Not Sein tägliches kärgliches Brot. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wie der Pfarrer mir die Schule dokteren will. Als die Leute aus der Stube waren, trat der Statthalter zum Pfarrer und sagte ihm schmunzelnd: »Gellit, Herr Pfarrer, mr hei es bravs Schuelhus jetzt? U zallt isch's o, dr Chilchmeier het geng nache-n-usgrechnet mit de Lüte-n-u dr Schumeister het e Wohnig wie-n-e Herr. Weit dr se nit o cho luege?« So mußte ich mit ihnen die Treppe auf und wie da Mädeli rot wurde, als der Pfarrer zur Thüre eintrat! Es lag zwar nicht alles darüber und darunter; die Better waren nicht ungemacht, die Stuben nicht ungekehrt, die Kinder nicht ungewaschen, der Ofen nicht voll verlöcherter Strümpfe und Hosen; aber es war das erstemal, daß der Herr in unsere Stube kam, das erstemal, daß Mädeli mit ihm reden sollte, vor dem es so großen Respekt und zu dem es so großen Glauben hatte; darum wurde es rot, und bang klopfte ihm das Herz sichtbarlich unterem weißen Hemde. Der Pfarrer rühmte Mädeli gar, wie es sauber Hus heig, ganz anders als mängi Schulmeisteren, und fast gar wäre Mädeli dazu gekommen, ihm ein Kaffee zu machen, wenn nicht der Statthalter absolut den Herrn Pfarrer hätte traktieren wollen. »Dr cheut o mitcho, Schumeister, we dr weyt,« sagte er mir; aber ich ging nicht mit. Ich sagte beim Abscheidnehmen dem Pfarrer: ich hätte gerne mit ihm geredet, wie ich die Schule einzurichten hätte? Neuis müeß doch ga, das mache mir schon lange Kummer. »Ja, ja, Schumeister,« sagte der Statthalter, »mr wey nit vergebe bauet ha; dr cheut mache, daß üser Buebe recht gschickt werde; m'r heis gar übel nötig. We mr nit o öppis lere, su werde-n-is dHerre z'schlimm.« Der Pfarrer sagte, mir, ich solle darüber nachdenken, was ich machen wolle, und dann solle ich zu ihm kommen; wir wollten sehen, wie etwas einzurichten sei. Nun sann ich und sann; aber ich hatte es fast, wie jener Zimmermann, der fluchte, wie ihm doch das d. Sinne zuwider sei. Ich brachte nichts heraus, als daß ich großen Fleiß haben müsse. Am Morgen wolle ich schon vor 8 Uhr in der Schule sein und nachmittags die Kinder nicht vor 4 Uhr heimlassen; wolle während dem Mittag die Federn schneiden. Auch dünkte mich, es sei am kürzesten, die Heustöcke bruchsweise rechnen zu lassen; man verirre am wenigsten, wenn man es einmal könne. Auch etwas Themaschreiben, dachte ich mir, könne nicht schaden; auch Quittungen die Knaben abschreiben zu lassen, möchte nützlich sein. Ich hatte auch etwas von einer Lehr gehört, welcher man die gegenseitige sagte, die solle gar ring gehen, hatte man mir gesagt; aber ich verstund mich nicht darauf. Ich nahm mir vor, den Pfarrer zu fragen, ob er sie mir zeigen könne. Mit diesen Resultaten meines Sinnens machte ich mich an einem schönen Dezemberabend zum Pfarrer auf. Ich teilte ihm die Ergebnisse meines Forschens mit und meinen Wunsch, von der gegenseitigen Lehre etwas zu vernehmen. Der Pfarrer sagte mir, die gegenseitige Lehre sei keine besondere Lehre, sondern nur eine besondere Art und Manier, die Kinder zu unterrichten, so nämlich, daß, was ein Kind lerne, es wieder andere lehren müsse. Auf diese Weise vervielfältigten sich die Lehrer; die Kinder würden daher mehr beschäftigt, ihre Zeit besser benutzt. Das Ding gefiel mir gar nicht übel und ich war gleich bereit, schon morgen das Ding in meiner Schule angehen zu lassen, bemerkend, etwas davon hätte ich immer gemacht; Fragen überhören und buchstabieren mit den kleinern hätte ich mir gar oft durch größere Kinder abnehmen lassen. Der Pfarrer ärgerte mich mit einem Lächeln, das auf seinen Lippen schwebte, und sagte dann noch: »Schulmeister, das geht gar nicht so geschwinde; ich fürchte, wir würden ein gar arg Pfuschwerk bekommen; denn damit der gegenseitige Unterricht gut gehe, sind zwei Dinge vonnöten, und ich weiß nicht, wie es mit diesen beiden bei euch steht? »Vor allem aus muß die Schule in Abteilungen und Klassen scharf gesönderl sein, nicht nach der Größe oder dem Alter, oder der Zahl der Kühe und Pferde ihrer Vater, sondern genau nach ihrem Wissen und den Stufen, welche man in den verschiedenen Fächern zu machen pflegt. Wollt ihr eine Schule lancasterisch einrichten, so müßt ihr also vor allem aus des Stufenganges in jedem Fach euch klar bewußt fein und müßt genau wissen, auf welcher Stufe ein jedes Kind steht, auf welchem Punkte es muß angelangt sein, um es auf eine höhere zu befördern. Zweitens aber müssen die Kinder, da sie einander selbst unterrichten, alles klar und bestimmt wissen und deutlich begreifen; sonst können sie nicht deutlich und bestimmt lehren. Der Unterricht, der sie zu solchem Lehren befähigt, muß daher ein sehr regelmäßiger und planvoller, verständiger und verständlicher sein, sonst ist der gegenseitige Unterricht der verderblichste von allen: denn dann wird er zu einem förmlichen Abrichten, und keine Kraft im Kinde wird geübt als das Nachahmungsvermögen, welches den Affen bezeichnet. Und wenn ihr auch beides habt, dann erst geht die Not an, Schulmeister; dann erst müßt ihr beständig hinten und vornen sein, müßt allgegenwärtig sein in jedem Kreise, müßt selbst Unterricht geben und müßt besonders dafür sorgen, daß ihr kein einzig Kind aus dem Auge verliert, daß ihr über jedes alsobald könnt Rechenschaft geben, sowohl über seine Eigentümlichkeiten, seine Fähigkeiten, als seine Kenntnisse. Was meint ihr nun, Schulmeister, könnt ihr das Ding morgen angehen lassen?« Ich sagte: nein! obgleich ich den Pfarrer nicht recht begriff da mit der Klassenabteilung und dem Stufengange. Aber was er denn meine, das gehen solle? fragte ich ihn. »He, Schulmeister,« sagte er, »vor allem, dünkt mich, wollen wir die Schule ordentlich abteilen und einrichten in Klassen und Abteilungen. Ihr habt bis dahin nur diese Abteilungen gehabt: Namenbüchler, Buchstabierer, Leser und Fragenbüchler in zwei Abteilungen, solchen, die am Fragenbuch noch lernten, und solchen, die es ausgelernt. »Diese Einteilung besteht in den meisten Schulen; sie bestimmt den Rang; nach ihr werden die Examenrödel gefertigt. Nun laßt uns auch Religion, Rechnen und Schreiben als Fächer ansetzen, zur Klasseneinteilung benutzen, wodurch wir dann auch in diese Fächer einen bestimmten Gang bringen müssen. Dann müssen mir nicht nur die Kinder, sondern auch die Zeit bestimmt einteilen, müssen abzählen, wie manche Stunde man diesem Fach oder jenem widmen und wie man die Fächer auf die verschiedenen Klassen so verteilen könne, daß sie sich am wenigsten stören und daß der Lehrer immer an einem Orte sein könne, ohne daß die andern Klassen dadurch besonders benachteiligt würden.« Ohne einen solchen Stundenplan werde die Zeit nie recht benutzt und bald das eine Fach, bald das andere benachteiligt, je nachdem der Lehrer in der Laune sei oder für ein Fach mehr befähigt, als für das andere. Einen solchen Stundenplan hätte ich auch, aber nicht auf dem Papier, sondern nur im Kopfe, sagte ich. Da müsse man sich aber immer darnach richten: ob wenig, ob viel Kinder da seien. Wenn am Morgen aufgesagt und gelesen sei, so rechneten die obern, und wenn nachmittags gelesen sei, so schrieben die obern, was es noch ergeben möge, und dreimal in der Woche singe man. Ja, das sei ganz gut; aber wenn dann die kleinern rechneten neten und schrieben? fragte der Pfarrer. Ja, das ginge die noch nichts an; mit denen hätte man genug zu thun, sie lesen zu lehren, geschweige daß man sie noch schreiben und rechnen lehren könnte; da käme man nirgends hin. Es werde dem Herrn Pfarrer nicht Ernst sein damit? sagte ich. Gar sehr Ernst sei ihm dieses; wenn man nicht bei den Kleinen die Schulverbesserungen anfange, da wo man meist gar nicht daran denke, so seien alle Versuche nur Wind und Thorheit. Die meisten gegenwärtigen Schulen thäten gerade das Gegenteil von dem, was sie sollten. Die Schulen sollten die Fähigkeiten der Kinder entwickeln, und gerade in den Schulen thäten die Kinder versumpfen, gewöhnten sich an Gedankenlosigkeit, Ohren zu haben und nicht zu hören, Augen und nicht zu sehen. Es sei ein Unsinn, und zwar ein gottloser, junge Kinder während der Zeit ihrer größten Lebendigkeit und Regsamkeit stundenlang hinter Buchstaben zu setzen, deren Sinn sie nicht begriffen, um diese Buchstaben anzusehen stundenlang und dann während einigen Augenblicken sie herzuplappern. Diese gräßliche Einförmigkeit töte alles Leben im Kinde; daher lernten Kinder, die zu Hause nicht getrüllet würden, in der Schule auf höchst langsame Weise lesen, und eben deswegen erleide ihnen das Lernen so furchtbar. Daher käme es, daß eine Menge Kinder in der Unterweisung weder wüßten, was im Fragenbuch noch was in der Kinderbibel stehe, obgleich sie dieselben hundertmal durchlesen, noch achtgeben könnten auf das, was der Pfarrer sage. Es hätte kein Lehrer sich der Kindergedanken bemeistert und Herrschaft über sie ausgeübt, sie fixiert auf einen Punkt; daher würden die Gedanken herrn- und meisterlos, und niemand könne sie festhalten, am wenigsten die, denen die Gedanken gehörten, daher eine Unzahl Menschen elende Sklaven ihrer Gedanken, Empfindungen, Triebe seien. Daher hätten eine Menge Menschen keine Augen für die Herrlichkeit der Natur, keine Ohren für die Stimme Gottes, nur Augen und Ohren für das, was ihre Lüste reize oder befriedige. Daher käme es, daß man eine Menge Schulmeister klagen höre im Frühjahr, nun hätten sie keine Freude mehr an der Schule; die Besten seien ausgetreten und es wäre nichts rechtes mehr da. Da geschehe ihnen recht; sie hätten eben in der furchtbaren Schulunordnung sich nur mit einigen abgegeben und nicht mit der ganzen Schule gleichmäßig; daher hätten sie keinen Nachwachs, daher hätten sie nur einige, die etwas könnten; die andern taugten nichts, aber durch des Lehrers Schuld. Es hätte aber auch selten einer den rechten Verstand, eine Schule zu werten. An den Examen prunke der Lehrer mit einigen Schriften, einigen Rechnungen, einigen Fragen, daß das ganze Examinatoren-Kollegium sämtlich auf den Kopf sich stellt vor Staunen und wieder Staunen. Wie erbärmlich es mit den übrigen aussehe, das beachte dann niemand; daß das die besten Schulen seien, wo durch die ganze Masse durch ein gleichmäßiges Streben, ein gleichmäßiges Ergriffensein und Fortschreiten sich zeige, das beachte ebenfalls niemand. Wenn es mir daher aufrichtig mit einer Schulverbesserung ernst sei, so müsse ich von unten auf anfangen. Nicht nur werde es sich zeigen, wie weit ich es in Rechnen und Schreiben z. B. bringe, wenn ich früher anfange, sondern auch, wie ganz andere Kinder, wie fassungsfertig ich sie erhalte, wenn es mir gelinge, die aufgeweckten, lebendigen Kleinen aufgeweckt und lebendig zu erhalten in der Schule. Lasset diese Kleinen zu mir kommen, habe der Heiland gesagt, und gerade die Kleinen seien es, die man in sogenannten christlichen Schulen auf die heilloseste Weise vernachlässige. Ich saß da, wie vom Himmel herabgefallen. Also sollte ich jetzt nicht nur mit Reichen und Armen, sondern sogar noch mit Kleinen und Großen schreiben und rechnen in der Schule! Da schien's mir wirklich, als ob die Frau Statthalterin recht hätte und es mit dem Pfarrer nicht ganz richtig sei in seinem Obergaden. Nachdem ich den Pfarrer lange darauf angesehen hatte, was für ein Gesicht er dann eigentlich zu solchen Dingen mache, sagte ich ihm bescheidentlich: ich wüßte nicht, wie das gehen sollte; ich zweifle, ob die Kinder so klein schon einen Verstand hätten zu solchen Dingen; dann hätte man in einer so großen Schule nicht viel Zeit, sich mit den Kleinen abzugeben; man möchte ja jetzt kaum kommen nur mit dem Lesen und Buchstabieren; und endlich wüßte ich nicht, was die Bauren dazu sagen würden; sie seien das nicht gewohnt. Der Pfarrer sagte mir: ich solle doch sagen, was die Kleinen für einen Verstand brauchten zu den Dingen, die ich jetzt mit ihnen mache? Ob es dann einen andern Verstand brauche, um einen geschriebenen oder einen gedruckten Buchstaben zu erkennen, oder eine Zahl? Etwas nachzubilden sei ja der Kinder größtes Vergnügen; ich solle sie nur betrachten in ihren Spielen. Er wolle wetten: wenn der Lehrer es verständig anfange, so hätten die Kinder ein viel größeres Vergnügen an der Schule als früher; ja ihr Vergnügen wüchse in dem Maße, in welchem ihr Thätigkeitstrieb beschäftigt werde. Auch solle ich nachdenken, ob dann eigentlich die meisten Kinder nicht vom ersten bis vierten Jahr am meisten lernten in ihrem ganzen Leben. Und wenn man es vernünftig anfange, so könne man Kinder von sechs bis sieben Jahren, ohne ihnen ein Buch in die Hand zu geben, weit gescheuter haben, als jetzt sechzehn- bis siebzehnjährige Kinder. Ich wolle das dem Herrn Pfarrer glauben, sagte ich; aber da lernten die Kinder desto länger nicht lesen, und gegenwärtig brächte man es bei manchem schon nicht dahin, daß es lesen könne, wenn es in die Unterweisung solle. Gerade das Gegenteil werde geschehen, sagte der Pfarrer. Ich solle doch nicht glauben, daß das Kind in der Zwischenzeit, während der Lehrer nicht bei ihm sei, lesen lerne. Nicht die Hälfte der Zeit sehe es ins Buch, und wenn es darein sehe, so geschehe es gedankenlos. Erhalte man es aufgeweckt durch andere Fächer und erleide es ihm nicht, daß es nur das Buch und immer das Buch habe, so komme es mit doppeltem Appetit wieder zum Buche und lerne in einer Viertelstunde mehr als sonst in zwei Stunden. Ich solle doch nur an das Lied vom Schlossergesellen denken. Ich schüttelte für mich selbst den Kopf und dachte, der Herr Pfarrer vor seinem Kamin werde doch nicht besser wissen wollen als ich, wie Kinder lernen und was möglich sei. Aber zweimal in einer Sache zu widersprechen, wagte ich doch nicht. Ich zog daher das Andere hervor und meinte: es möge alles recht schön und gut sein; aber ich sehe durchaus nicht, wo Zeit hernehmen zu allem; ich möge diesen Weg fast gar nit gcho. Das sei ein kitzlicher Punkt, sagte der Pfarrer. Schulen von hundert bis zweihundert Kindern seien allerdings zu groß. Aber gerade in solchen thäte eine bestimmte Ordnung not, und daß man so frühe als möglich anzufangen und in die ganze Schule einen bestimmten Gang zu bringen suche. Je bessere Ordnung sei, desto besser möge der Schulmeister gcho, und je mehr er die kleinein Kinder lehre, desto leichter komme er mit ihnen fort, wenn sie älter seien. Freilich müsse hier etwas gegenseitiger Unterricht stattfinden. Ältere Kinder könnten gar füglich mit den jüngern lesen und buchstabieren, besonders an den sogenannten Straßburgertabellen, auch mit ihnen zählen, Ziffern zeigen; zum eigentlichen Rechnungs- und Schreibunterricht finde sich dann immer einige Zeit. »Also schreiben und rechnen sollen schon die ganz kleinen Kinder?« fragte ich. »Freilich! mit dem Namenbuch sollen sie bereits die Schiefertäfelchen zur Schule bringen,« sagte der Pfarrer. Aber dann habe man ja auch keine Zeit mehr, um auswendig zu lernen, antwortete ich. »Freilich! das sollen aber in der Schule die altern Kinder auch gar nicht; das sollen sie zu Hause machen, weil man ihnen sonst nichts anders aufgeben kann; in der Schule sollen sie es nur aufsagen.« Da stunden mir denn doch fast die Haare zu Berge ob diesen neuen, grauenvollen Dingen. »Aber, Herr Pfarrer, was werden die Bauren dazu sagen? werden sie nicht sagen: ich wolle die Religion aus der Schule thun und die Kinder zu lauter Agenten machen?« »Sie werden allerdings schreien, wie über alles Neue; man muß daher nur langsam anfangen. Es werden immer einige Bauren sein, die ihre Kinder so früh als möglich geschickter als die andern haben möchten; bei diesen kann man anfangen; andere kommen nach und die Armen schmuggelt man am Ende dann auch ein.« »Aber, Herr Pfarrer, und die Religion? wenn die Leute so aufgeklärt werden, wo bleibt dann der Glaube? Es glaubt ja afange kein Agent etwas mehr, und es gibt auch unter den vornehmen und durchriebenern Bauren solche, die nichts mehr glauben.« »Mein lieber Schulmeister, das ist ein langes Kapitel; diesmal nur einiges darüber. Es gibt Übergänge in der Weltbildung, welche alle Stände mehr oder weniger durchlaufen müssen. Von den Gelehrten oder höheren Standen gehen sie aus; aber am Ende durchlaufen sie auch die ungebildetsten Klassen. Ein solcher Übergang hatte die Welt ergriffen vor einigen fünfzig und mehr Jahren. Der Verstand war erweckt worden und ging dem blinden Glauben zu Leibe, dem die schlummernde Vernunft, das im Winterschlaf erstarrte religiöse Gefühl, nicht zur Seite stunden. Der Verstand, den seine Flügel nicht über das Irdische, Sinnliche tragen, erhob ein Triumphgeschrei, gebärdete bürdete sich üppig und übermütig wie ein Jüngling im Flegelalter, und leugnete frech alles Übersinnliche ab, predigte förmlichen Unglauben, ganz mit dem gleichen Recht, wie ein Blinder die Sonne leugnen kann oder ein Tauber die Schönheit der Töne nicht begreifen will, ihr Dasein sogar in Abrede stellt. Nun bleiben freilich Menschen ihr Leben lang in diesem Flegelalter, wie ich euch Beispiele anführen könnte, aber das Menschengeschlecht nicht; ja ein bedeutender Teil ist bereits hindurch und zu einem schönern, geläutertern, innigern Glauben gekommen. Das Christentum, das viele sterbend glaubten, hat das Leichentuch, in das man es bereits hüllen wollte, abgeworfen und erhebt sich in ewig junger Herrlichkeit. Und gerade die Wissenschaften, mit denen man ihm ins Grab läuten wollte, gerade die haben auf die merkwürdigste Weise Gott verklärt, als einmal die Vernunft auch ihr Wort dazu sprach und das religiöse Gefühl an der lebendigen Anschauung unwillkürlich erwacht war. In diesem Flegelalter aber stecken noch eine Menge Menschen und namentlich solche Menschen, die, zu etwas Verstand und Klugheit gekommen, etwa die Gerichtssatzung haben besser begreifen gelernt als früher die Fragen, und die daher glauben: was sie mit ihrem Verständlein, das sich auf der nächsten Oberfläche der Erde zurechtfinden kann, aber nur auf der nächsten Oberfläche, nicht begreifen können als wie mit fünf Fingern, das sei gar nicht da. In diesem Flegelalter stecken allerdings eine Menge Agenten und andere Schreiberlein, stecken Kaufleute und Krämer, reiche Bauren und alte Landjunker, stecken Ärzte auch, die früher etwas von den Naturwissenschaften läuten gehört, und Wirte, die keinen andern Geist kennen, als den, welcher mit der Weinprobe gemessen werden kann. Doch sind im Ganzen genommen alle diese Leute weit weniger frech in ihrem Unglauben, als sie vor zehn oder zwanzig Jahren gewesen, wenigstens in unserm Kanton. Nur hie und da, wenn einer betrunken wird, wagt er in Wirtshäusern öffentlich seinen Unglauben auszusprechen, oder in seinen eigenen vier Wänden, wenn er Geistesverwandte vor sich zu haben glaubt. So vertraute jüngst ein Rechtsgelehrter Klienten: er hoffe es bald zu erleben, daß man den religiösen Firlefanz abschaffe. Sie schwiegen. Aber heimgekehrt erklärten sie: zu dem Manne könnten sie seither kein Zutrauen mehr fassen; e Gschichte wär er, aber wenn einer keine Religion habe, was man ihm denn eigentlich anvertrauen könne? »Alle diese Leute geben sich für aufgeklärt aus, und darum ist die Aufklärung auch so in übeln Ruf gekommen. Sie sind gescheuter in vielen irdischen Dingen als andere; aber über dieser einseitigen Aufklärung steht eine viel höhere. Den Leuten, die sich so hoch dünken, fehlt ein geistiger Sinn; darum vermögen mögen sie das Unsichtbare nicht aufzufassen, so wenig als ein Blinder die Sonne sieht. Ihnen fehlt ein geistiges Gefühl, das religiöse; darum vermögen sie Gott nicht anzubeten; darum ergreift das Christentum ihre Gemüter nicht, so wenig als ein Tauber von den schönsten Tönen etwas merkt. Laßt alle Musiken der Welt um ihn aufspielen, ja felbst unsern lieben Helfer den Takt dazu schlagen mit der Rolle und dem Leibe, er wird ein stupendes Gesicht dazu machen und spotten über die Musizierenden, daß sie so dumm thäten um ihn herum. Diese unglückliche Aufklärung aber, die nur ins Flegelalter führt, aber nicht heraus, die wird, nehmt es mir nicht übel, Schulmeister, gerade in den Schulen, wenn nicht erzeugt, doch befördert. »In den einen Häusern, wo die Leute im Flegelalter sind, sehen die Kinder gar nichts Religiöses; im Gegenteil, was Kirche und Schule bieten, das hören sie ausführen und bespötteln. In andern Häusern, wo die Eltern noch nicht zu der halben Aufklärung gekommen, da liest und betet man noch; aber eine herzliche Frömmigkeit, die in herzlichen Worten und erbaulichem Thun sich ausspricht, ist nicht da. Das Beten und Lesen sind Übungen, ob man es noch könne; sind Frondienste, damit Gott nicht zürne; sind mühselig abgetragene Zinse, damit Gott nicht innhalte mit seinem Segen; sind Kratzfüße und Komplimente, mente, die man dem mächtigen Herren macht, damit er süferlich mit einem verfahre. Gar oft widersprechen die Gebete der Eltern und ihre eigenen Worte und Werke sich auf die naivste, merkwürdigste, augenscheinlichste Weise, daß es auch halbwitzigcn Kindern auffallen muß. Das jüngere Geschlecht erhält zum großen Teil den Unterricht nicht, der aus dem blinden Glauben führt, der zum Denken führt, der den Menschen befähigt, alles zu prüfen und eben durch diese Prüfung ein immer lauterer Christ zu werden, einen immer festern und kindlichern Glauben zu erhalten. Das jüngere Geschlecht muß, wie zu Hause unverstandene Gebete, in der Schule unverstandene Fragen verschlucken und soll sie glauben. Diese Fragen, sagt man freilich, werden erklärt; aber die Erklärungen sagen entweder mit andern Worten das Gleiche, oder sie machen das noch dunkel, was in den Fragen heiter war, und was in den Fragen dunkel ist, das machen die sogenannten Erklärungen widersinnig. »Dann erklärt man freilich, wie man sagt, die Kinderbibel; aber höre man doch an so vielen Orten diese sogenannte Erklärung. Es ist ein grausam Konstruieren; es sind grausame Erklärungen einzelner Worte. Z. B.: man sage den Pharisäern Pharisäer, weil sie anders beschaffen gewesen seien als andere Menschen.« Der eigentliche religiöse Punkt und das, was das innere Gefühl erwecke und anspreche, bleibe unberührt. Was das Kind in der Schule bekomme, das mahne ihn gerade, als ob man einen Beutel mit Schrot oder eine Handvoll Kieselsteine in dessen Magen ausleere. Etwas im Magen habe es freilich, aber nichts Verdauliches, nichts das sich in Blut und gesunde Säfte auflöse, sondern etwas, das ihm Magenweh mache, ihn wenigstens beschwere, die gesunde Verdauung hindere, bis es abgegangen sei. Merkwürdig sei noch das, daß von allem dem, was der Schulmeister so unter die Kinder ausleere, das wenigste eigentlich verschluckt werde. Von den kleinern Kindern, welche diesem sogenannten Religionsunterricht auch zuhören sollten, um die man sich aber so durchaus nicht kümmere in der Art des Unterrichtes, daß auf einem Stundenplan stehe: Religions-Unterricht; untere Klasse: anhören, nachdenken, unbeweglich sein, – gäben die meisten auf diese ihnen unverständlichen Dinge gar nicht acht. Sie gewöhnten sich während fünf bis sechs Jahren, ihre Ohren ganz an einem andern Ort zu haben, so lange der Schulmeister erkläre oder unterweise; sie seien fast autorisiert dazu, zu glauben, es gehe sie nichts an. Kämen nun diese Kinder ins Leben, so brächten sie in dasselbe Klötze toten Glaubens, Floskeln und leere Worte ohne Gedanken, oder manchmal fast gar nichts. Dieser Glaube diene ihnen nicht als Richtschnur, gebe ihnen nicht Trost, wirke kein religiöses Leben in ihnen. Er halte gegen Angriffe nicht Stich, könne sich nicht verteidigen, unterliege nur zu leicht Zweifeln und arte in Unglauben aus. Dieses namentlich dann, wenn ihr Verstand in einem weitern Lebenskreise erweckt werde, wenn sie von vielen Dingen hörten, über die man sie in der Unterweisung und in den Schulen gar nicht aufmerksam gemacht. Der eigentlich Ungebildete sei besonders mißtrauisch, und wenn ein Schalk oder ein Schelm ihm von unbekannten Dingen schwatze, ihm den Unglauben predige auf mancherlei Art, ihm vorspiegle, der Pfarrer und der Schulmeister wüßten dieses auch, aber sie verhehlten es expreß den Leuten und verkündeten, bestochen, nicht die Wahrheit, so wird der arme Tropf gegen Pfarrer und Schulmeister erbittert und hält alles für Lug und Trug, was er von ihnen gehört. Es sei mit der Religion in vielen Schulen gerade wie mit dem Rechnen in vielen Schulen. Er habe schon oft klagen gehört, daß alles Rechnen in den Schulen nichts abtrage: entweder vergessen es die Kinder gleich, oder sie könnten, wenn man ihnen aus dem gewöhnlichen Leben etwas angebe, nichts damit machen. Das komme daher, weil in so vielen Schulen die Kinder gleich bei den vier Species anfangen müßten oder gar bei den Heustöcken, und, was sie machen müßten, nie wüßten, ihre Rechnungen nie in den Kopf bekamen, sondern nur für den Augenblick in die Finger. Aber beim Rechnungs-Unterricht fange man an, vernünftig zu Wege zu gehen; es sei aber schauderhaft, daß man beim wichtigsten, bei der Religion, noch gar nicht daran zu denken scheine und noch immer im alten Schlendrian fortfahre; daß man gar nicht daran denke, eine kindliche Religion ins kindliche Gemüt zum Bewußtsein zu bringen; daß man die Sünde noch nicht erkenne: die Hälfte der Kinder ohne Religionsunterricht, ihre Herzen verharzen zu lassen. Ich muß bekennen, des Pfarres lange Abkappete, denn was war es eigentlich anders? mühte mich. Ich konnte mich aber nicht fassen, um mich zu verteidigen; dazu kam mir noch Wehrdi in den Sinn, der mir ähnliches gesagt, nur nicht so ausgeführt. Daher mußte ich nichts anders zu antworten, als daß mir Wehrdi auch den Religions-Unterricht ausgeschimpft. Es mache es aber ein jeder, wie er könne. Gerade der Wehrdi, entgegnete der Pfarrer, sei ein lebendig Beispiel, wohin ein solcher Unterricht, der, wenn er schon hier etwas besser, dort etwas schlechter sei, doch immer die gleiche Art an sich habe, abtrage, und wohin er führen könne. Ihm sei es am Ende glücklich gegangen, indem er im Leben auf solche gestoßen, die ihn anfgeweckt und zu Gott geführt. Es gebe aber auch ganz andere Ausgänge und die traurigsten von der Welt bei Leuten, welche im Leben zum Unglauben gebracht wurden aus dem blinden Glauben. »So wurde ich einmal an einem andern Orte zu einem Menschen gerufen, der ein furchtbares Ende hatte in seinem Unglauben, sagte er. Es war ein sehr alter Mann, den ich sonst wenig gesehen, nie mit ihm gesprochen hatte; er floh die d. Pfaffen, wie er uns nannte, wie die Pest, und in einer Kirche sah man ihn nie. »Der Alte, von dem ich rede, hatte eine gewaltige, widerspenstige Natur, die auch seine Eltern, die ihm durchaus nicht gewachsen waren, erfahren haben sollen. Der Gang seines innern Lebens ist nicht bekannt worden, weil er ihn niemand offenbarte. Aber aus der Art, wie er über die Schule und die Unterweisung schimpfte und fluchte, als lauter Lügenwerk, zusammengeflickt für's dumme Baurenvolk, läßt sich schließen, daß der erhaltene Unterricht auf blinden Glauben berechnet war und daher seinem scharfen und grübelnden Verstand nicht genügte. Zudem wogten in ihm wilde Leidenschaften; er hatte eine wahre Diebswut; fremde Weiber sah er auch gerne. Er hatte überhaupt Lust zu jeder Spitzbüberei, und um sich Bahn zu allem diesem zu machen, suchte er nachzuweisen: daß alle Religion nur Lug der Psaffen sei im Dienste der Obrigkeit, die dummen Bauren, die er selbst nicht wenig verachtete und daher auch nicht berndeutsch redete wie sie, im Zaum zu halten. Er suchte zu beweisen, daß Obrigkeit und Pfaffen um die Religion und ihre Gebote sich selbst gar nicht kümmerten, was sie doch wohl thäten, wenn sie nicht am besten wüßten, daß alles Lug und Trug sei. Damit glaubte er sich Erlaubnis zu jedem Laster erworben zu haben, sobald er dem weltlichen Richter zu entrinnen vermöge. In seiner Gottlosigkeit traf er nie auf Leute, die ihm an Einsicht überlegen waren, die im Stande gewesen wären, seinen fürchterlichen Zustand ihm selbst mit klaren Worten zu offenbaren. Im Gegenteil, er wurde selbst zum Apostel des Unglaubens; denn er traf es in die Revolution, wo er Gott auf immer abgeschafft glaubte, sich die sinnlosesten Reden erlaubte und nun meinte, es sei ihm alles erlaubt. Da zeigte er, daß er unter Freiheit die Erlaubnis verstund, nach Herzenslust stehlen zu können; vergriff sich am Staatsgut der Helvetik und erhielt fast den Strick um den Hals. »Dieser Strick und die Umgestaltung der Dinge schüchterten ihn ein, aber besserten ihn nicht. Er predigte seinen Unglauben nicht mehr in den Wirtshäusern und an den Kreuzstraßen; aber wenn er Knaben verlocken, sie gegen Schulmeister und Pfarrer aufreisen, seine Gottesleugnerei in ihre Seelen ausgießen konnte, so war das seine Lust und Freude. Sein Reichtum mehrte sich, sein Land war das beste im ganzen Dorfe; aber auch sein Geiz nahm zu. Aus diesem Hause wurde keinem Menschen etwas Gutes gethan, mit Not hie und da ein Almosen gegeben. Als man einmal einem Handwerksburschen ein Stück Brot reichte, nahm es der Wind und der arme Bursche sagte: »»Danke Gott, wenn ich's bekomm.«« Aber den reichen Mann sah man an neblichten Tagen auf fremden Ackern stehen, die an seine stießen, und mit der Schaufel Erde von jenen auf diese werfen; sah ihn, wenn er Pflug hielt, alle Marksteine krumm- oder umfahren und Furche um Furche seinigen. Ja, er hatte den Strick vergessen, war wieder frech geworden und konnte sich nicht enthalten, Marksteine förmlich zu versetzen. Mit aller Frechheit und Gewandtheit konnte er sich nicht mehr herausleugnen; da wurde er verrückt. Die Leute glaubten, er thäte nur so, damit man ihm nicht die Ketten anhänge. Der Grund aber lag tiefer. Es war das Auftauchen des Gewissens, es war das werdende Bewußtsein: siehe, das ist des Teufels Lohn für ein teuflisches Leben. Sein scharfer Verstand konnte es sich unmöglich verhehlen, daß er sich in seinem Leben gräßlich getäuscht. Aber die strafende Gerechtigkeit ging wieder an ihm vorüber, warum, weiß ich nicht. Ob sie ihn vergaß? ob sie ein Auge zudrückte? ob Menschen angesehen wurden? ich weiß es nicht. Der verrückte Zustand ging vorüber; die alte Natur errang wieder den Sieg, wurde frecher als nie zuvor, sich vorspiegelnd, ihm könne nichts etwas anhaben, seine Frechheit habe ihn gefeit vor jeglichem Unglück; sein Verstand sei sein Glück, seine Vorsehung, die ihn nie im Stiche liehen. »Da starb ihm seine Frau, die er eigentlich grenzenlos verachtet hatte. Er nannte sie nur den Dachen, den er des Öls wegen genommen, und das Bild des Todes trat hart ihn an; seine Hälfte wurde ins Grab gelegt. Da ergriffen ihn zwei Dinge: die Schrecken der Vernichtung, die furchtbare Gewißheit, fort zu müssen von seinen Ackern und Matten, seinen Rossen und Kühen, und wieder eine gräßliche Ahnung, daß mit diesem Leben nicht alles aus sei, daß seine gemißhandelte Frau, daß die verführten Knaben, die berückten Weiber jetzt vielleicht vor einem Wesen stünden als seine Ankläger, das er durch sein ganzes Leben verhöhnt, verleugnet. Da waltete in ihm eine unaussprechliche Seelenangst, Vorboten einer spätern Höllenangst. »Aber es ward die Frau ins Grab gelegt, das Bild des Todes schwand aus seinen Augen; er fühlte sich noch stark, ungeschwächt. Die Seelenangst verrann wenigstens bis zu einem Grade, daß sie nicht mehr sichtbar war, und die alte Natur ergriff die Zügel wieder. »Da ergriffen den sonst so starken Mann, der kaum wußte, was Krankheit war, der in ein hohes Älter fast mit den Kräften eines Jünglings gekommen, auf einmal furchtbare Ängstigungen, daß ihm die Augen fast aus dem Kopfe traten, daß ihm ward, als ob einer ihm den Hals zusammenschnüre, daß er glaubte ersticken zu müssen. Ob sie vom Blute kamen, ob sie Vorboten einer Brustwassersucht waren, oder von einem Herzfehler? ich bin kein Arzt, ich weiß es nicht. Genug, diese auch den besten Christen ängstigenden Zustände weckten auf eine gräuliche Weise den wieder schlafenden Wurm in ihm. Der Mann, der solches nie gefühlt, der ohne Mitleid gegen andere, um ähnliche Zustände bei andern sich nicht bekümmert, alle Klagenden verhöhnt hatte; der das Dasein solcher Zustände, die außer dem Kreise seiner Erfahrungen lagen, so gut weggespottet hatte, als was er sonst nicht sah, Gott und die ganze unsichtbare Welt, dem kamen jetzt diese peinigenden Anfälle durchaus nicht natürlich vor, sondern außerordentlich, übernatürlich. Er wähnte, es hange ihm jemand am Halse und wolle ihn erwürgen. Er schrie, seine gestorbene Frau sei gekommen, ihn hinüber zu holen, man solle ihm sie doch fortjagen; er sah bald diesen, bald jenen, den er um Seele oder Gut betrogen, auf seiner Brust knieen und schrie: der wolle ihm den Herzkasten eintreten. In der Nacht sah er den Teufel und alle seine Geister; bald wollten sie sein Bett anzünden, bald ihn in die Hölle reißen: dann schrie er mörderlich, schrie besonders nach dem Bonaparte, der sein Gott auf Erden gewesen, den er nie tot geglaubt, daß der doch komme und den Teufel in die Hölle jage. Dann fluchte er über Bonaparte, an den er sein Heil gesetzt, der ihn im Stich lasse jetzt in seiner Not. Es waren fürchterliche Auftritte; alle Nachbarsleute erbebten, wenn das Brüllen des sonst so gefürchteten Mannes erscholl. Die meisten stunden auf des Nachts, als ob es wettere am Himmel, und sangen und beteten, daß der Herr sie doch verschone, daß er sie behüte. Und wohl stund auch mancher naher hinzu, um etwas näheres zu hören. Da vernahm er den Kampf mit dem Teufel, vernahm das Angst- und Kampfgestöhn des sonst so frechen Greisen, bebte zusammen, schauderte bis in das tiefste Mark hinein und flog eilig wieder seiner Hütte zu, schob den Riegel fest und betete schlotterend ein: Das walte Gott! »Da war's, daß einmal des Nachts ein Großkind von ihm uns alle aus dem Schlafe weckte, das in seiner Herzensangst geflohen war und mich jammerend bat: ich solle doch dr tusig Gotts wille gschwind kommen und helfen, dr Tüfel heyg dr Großätti scho under dr Stüblisthür. Ich muß es sagen, mir schlug stürmisch das Herz bei diesem Ruf; mir schauderte vor dem Anblick, der meiner wartete; mich jammerte aus tiefstem Herzensgrund das arme Kind, in dessen Seele schon ein solcher Jammer sich geworfen. Als ich beflügelten Schrittes gegen das Haus kam, hörte ich das Toben des Alten, hörte ihn schreien: »»Gell jetz lascht mi sy, gell jetz hesch gnue, gell jetz geisch!«« Zwischen durch hörte man harte Faustschläge donnern an den hölzernen Wänden. »»Luegit, wie da schwarz Teufel dStäge-n-ab pürzlet, wie-n-er geyt! Lue, Bueb, dert hinder dem dritte Saarbaum steyt er, u luegt ob sy Schwanz no ganz syg; nimm dMistgable, Bueb, u-n-erstich-ne, gschwind, gschwind! Lue, dert chunnt ihm dr – z'Hülf; da Donnder cha mi o jetz no nit rüyhig lah u allbets isch er so froh über mi gsi! Wehr di, Bueb; warum lasch se wieder dStäge-n-uf? Bonepart, chumm, oder si näh mi, si hänke mi, si spanne mi a Charre, si schleipfe mi i dHöll. Aber es isch keini, nei, bym D., es isch keini!«« »Ich stund schon lange stille nebem Ofen, durch den Bettumhang verdeckt, und trat, um ihn zu besänftigen, ans Bett. Auf dem Tisch am Fenster flimmerte eine düstere Lampe. Als er jemand gehen hörte, wandte er sich rasch von der Wand nach der Vorderseite, und als er meine Gestalt so lang und schwarz am Bette sah, da ließ er einen Schrei aus, der durch Dörfer, Felder und Wälder gehen mußte: »»Hu, Teufel! wart, Teufel! Teufel, bist doch da?«« Mit Blitzesschnelle fuhr er auf, krallte die Hände mir entgegen: da war's, als ob eine innere Gewalt ihn hemme; es traten ihm die Augen aus dem Kopfe, er schnopste einige Male heftig auf, streckte die Zunge heraus, krallte die Hände in den Kopf, als ob er mir ihn anwerfen wolle; dann sank er zusammen, streckte sich und tot war er. Hinübergegangen war er mit dem Bewußtsein, daß der Teufel ihn geholt. Schrecklicheres kann es wohl nichts geben, und Schrecklicheres sieht das menschliche Auge nichts, als das Gesicht dieses in Höllenangst Dahingeschiedenen. Seitdem ist mir ein Jammer im Herzen geblieben über Tausende, die ich die gleichen Wege wandeln sehe in gleichem Geiste; ein Jammer über sie, weil sie nicht mit dem Christentum ausgerüstet wurden, das in ihrem Leben und in jeder Zeit ihre Stütze, ihr Stab bleiben konnte. »Das Christentum bleibt ewig das gleiche; aber wie es in jedem Menschen neu geboren wird, so wird es auch neu geboren in jeder Zeit. Wie es das gleiche bleibt und doch dem Kinde ein anderes ist, ein anderes dem Manne, und dem Greise noch anders sich verklärt, so bleibt es ewig das gleiche in der Zeiten Wechsel; aber dem in der Zeiten Wechsel wechselnden Menschen trittet es immer reiner, verklärter, geistiger entgegen; denn nicht nur die Kinder wachsen auf zu Männern und werden Greise, sondern auch die Menschengeschlechter steigen herauf aus der Kindheit dem Alter entgegen. Das will der Mensch nicht fassen; er sieht Millionen zermalmen unter dem eilenden Wagen dir Zeit. Dann erbarmt sich Gott und läßt ein neues Wehen des Geistes wehen über den Erdboden; dann gehen verschlossene Augen auf, und was totgetreten schien, das steht neu, herrlich, verjüngt, lebendig wieder auf.« Ganz andächtig, wohlig und schaurlich hatte ich dem Pfarrer zugehört, und als er feine Pfeife ausklopfte, frug ich ihn nach einigem Schweigen: ob er dann der Meinung sei, daß man die Fragen abschaffe und daß man in der Kinderbibel die Wunder besfer erkläre? ich hätte gehört, das käme jetzt auf. Das eben sei nicht seine Meinung; aber das meine er, daß man den Kindern mehr zu Herzen, an ihr Gefühl reden müsse, und jedem Kind nach seinem Alter. Man rede ja im täglichen Leben mit einem sechsjährigen nicht wie mit einem sechszehnjährigen, sowohl in Stoff als Form. Auf die Bücher komme es da viel weniger an, als auf den Lehrer. Überhaupt solle ich mir die jungem Kinder ganz besonders angelegen sein lassen; da sei die Quintessenz der Schule, die bis dahin in den meisten Schulen verpfuscht worden. Man lasse sie schmählich anfaulen, eigentlich anbrännten; darum hätte man meist auch schlechte Schulen. Ich solle jetzt darüber nachdenken, wie ich in meine Schule das rechte Leben bringen wolle, solle vor allem eine feste, bestimmte Ordnung schaffen, jeder Minute ihre Arbeit zuweisen; dann werde ich es erfahren, wie weit man in einer Schule kommen könne, wenn man wolle, und Platz habe, daß man sich rühren könne. Allerdings, wo nicht Platz sei, da sei es schwer; da ersticke man ineinander, wie die Rübli auf dem Felde, wenn sie zu dicke gesäet seien und nicht erdünnert würden. So entließ der Pfarrer mich wieder mit einem Gring voll. Ich staunte dem allem lange nach und fand endlich: der Pfarrer hätte mir doch viel Mühe ersparen, mir sagen können, wie alles Punkt für Punkt zu machen sei; vor allem hätte er mir den Stundenplan machen können. Er hatte überhaupt, wie es mir schien, einen großen Fehler, daß er nicht bestimmt sagte: So und so müßt ihr es machen! und daß er einem die Sache nicht selbst einrichtete. Fragte man über bestimmte Dinge, über die man erst selbst nachgedacht, um Rat, so erhielt man ihn freilich. Ich deutete ihm einst darauf hin, eine Sache, ich weiß nicht mehr welche, ginge ihm viel ringer als mir; er solle sie mir doch machen. Da lachte er und sagte: »Das thue ich nicht, lieber Schulmeister, und zwar aus zweien Gründen nicht; erstlich müßt ihr euch gewöhnen, über solche Dinge selbst zu denken, und erst, wenn ihr am Haag seid, euch aushelfen zu lassen; und zweitens seid ihr ein wunderliches Volk; es würde euch z. B. kaum ein Stundenplan, den ich gemacht, recht sein; wenigstens müßte er an allem Krummen Schuld sein. Ich weiß wohl, daß ein Kanton ist, wo man den Schulmeistern die Stundenpläne macht, und zwar einen für alle Schulen ohne irgend eine Berücksichtigung. Man möchte ob solchem aber auf den Kopf stehen. Ich könnte euch noch einen dritten Grund sagen; aber an zweien, denke ich, sei es einstweilen genug.« Meiner Frau erzählte ich nur gar wenig von dem, was der Pfarrer mit mir gebrichtet; sie hätte ihm in allem recht gegeben. Nur die Geschichte von dem Manne erfuhr sie; sie kam uns beiden die ganze Nacht vor. Dreißigstes Kapitel. Wie es mir geht, als auch ich die Schule doktern will. Ich fing nun an, meine Aufgabe an die Hand zu nehmen, die Kleinen mehr zu beschäftigen dadurch, daß ich ältere Kinder zu ihnen stellte oder ihnen geschriebene Buchstaben an die schwarze Tafel machte, die ich aus meinem eigenen Gelde hatte anschaffen müssen, da die Gemeinde mir sie abgeschlagen oder vielmehr verdreht hatte. Wir mußten deshalb eine alte Pfanne nochmals plätzen lassen, statt eine neue kaufen zu können. Die Buchstaben sollten sie einstweilen bloß kennen lernen; denn ich hatte noch nicht gewagt zu sagen, daß die kleinsten Kinder Täfelchen bringen sollten. Ich hatte einigen sogenannten Lesern gesagt, die aus dem Fragenbuch in die Kinderbibel kamen, d. h. die als Lesebuch nicht mehr das Fragenbuch, sondern die Kinderbibel hatten (ist's nicht bedauerlich, daß noch in sehr vielen Schulen Fragenbuch und Kinderbibel die einzigen eigentlichen Lesebücher sind, und daß nichts Ernstliches geschieht, um diesem traurigen Unwesen ein Ende zu machen? daß gar nichts geschieht für die armen kleinen Kinder und die Benutzung ihrer ersten, so kostbaren Jahre?), die nun hätten auswendig lernen sollen: der Pfarrer wolle, daß das daheim geschehe und daß sie dafür Täfelchen bringen und schreiben und rechnen könnten. Sie brachten mir den Bescheid zurück: der Vater hätte gesagt, er kaufe keine Täfelchen; das Gchribel trag so jung, wo me ke Vrstang drvo heyg, nüt ab; si sölle lere wie's dr Bruch syg; er frag dem Pfarrer nüt nah, dä zahl nüt am Schumeister; we-n-er de öppis drwider heyg, su soll er-ne bschicke; er well dem de dMeinig säge. Ein anderer begehrte auf, daß die Kinder Gschribnigs lerte, ehe sie das Druckte chönnte; das chömm nit guet, das gäb es Ghürsch u syg allbets nit so gsi. Einer aber kam, ein Händler, und sagte mir: er wolle nicht mehr, daß sein Bube die Fragen auswendig lerne; das Gstürm trage nichts ab; er wolle den Knaben bald ins Weltschland thun; dort trügen ihm die Fragen auch nichts ab; es früge kein Mensch darnach. Das gefalle ihm, daß ich auch viel auf Schreiben und Rechnen halte; das sei doch die Hauptsache; mit allem andern hätte man nicht gfresse. Die Leute hatten sich vorhin kaum um die Schule im allgemeinen bekümmert, geschweige denn um ihr Inwendiges. Wenn nur der Schulmeister Fleiß hatte, d, h. wenn er immer zu rechter Zeit in der Schule war und die Kinder zuweilen zu Hause sagten: es heyg hüt dem Schumeister o afe warm gmacht, er heyg o müeße dChutte-n-abzieh; und wenn nur das älteste Kind einen Examenzettel machen konnte, auf dem Buchstaben, einen halben Zoll lang, waren, und, wenn es hieß: »Bueb, bet oder lies!« dieser mit einer mißtönenden Kopfstimme das Ding herbrüllte, daß die Kunkelstecken wackelten und die Katze unter dem Ofen hervorkam und zur Thüre aus wollte; – wenn es nur also geschah, so waren die Leute zufrieden und sagten: »DCHing lere brav; mr hei e Schumeister, me mueß-ne rüehme.« Jetzt aber war alles wie eine aufgeguselte Wespern. Jeder wollte befehlen, und was dem einen recht war, wollte der andere nicht. Es war fast nicht dabei zu sein. Ich klagte einmal dein Wehrdi diese Not. Der erklärte mir, dieses Einmischen sei ganz natürlich; ich solle mich dessen nur nicht viel achten. Es habe jeder Bauer extra für das Schulhaus tellen müssen und Holz dazu führen; er betrachte es nun auch als sein Haus, und wie er in seinem Hause befehle, so meine er auch hier regieren zu dürfen, wenn es ihn ankomme. Aber wie in seinem Hause er gewöhnlich nicht selbst regiere, sondern jemand anders, er möge befehlen wie er wolle, so müsse man ihn auch da befehlen lassen nach Belieben, nichts dagegen sagen, aber dann auch Schul halten nach Belieben. Zudem sei es etwas neues, was ich da gemacht habe, und etwas solches sei ihnen immer zuwider und gusle sie auf, so wie ein alter Bauer selten eine neue Kutte anziehe, ohne wochenlang darüber zu schimpfen und sich zu verfluchen: die Schneider könnten alle nichts mehr; sie seien allbets viel besser gewesen. Am Ende werde aber die neue Kutte auch eine alte und ihnen so lieb, als irgend eine frühere alte. »Disputiert nur nicht mit ihnen, Schulmeister,« sagte Wehrdi, »da hört niemand auf eure Gründe. Weil eure Gytiwyler auf 10 Pfund hinaus eine ganze Kuh, auf 7 Pfund ihr Unschlitt, auf 4 Pfund hinaus die Haut zu schätzen wissen und genau angeben können, wie manches Kalb sie gehabt und ob ihre Hörner abgeschabt und zugestutzt worden seien, was ihr alles nicht könnt, so glaubt jeder Gytiwyler zehnmal gescheuter zu sein, als ihr, in allen Dingen. Er hat keinen Begriff davon, daß er in allen den Dingen kreuzdumm ist, die nicht von Rossen oder Kühen etc. handeln. Ist er der schlimmste aus dem Kühmärit, so meint er auch der listigeste zu sein in eurem Fache; er zäpfelt und lächelt alle Leute aus oder weiß sie zu verdächtigen, wenn er sie nicht zum besten haben kann. Wenn ich so oft ein Bäuerlein, das nicht zwanzig zählen könnte, ohne von neunzehn auf zwanzig immer zu verirren, mich auszäpfeln sah und auf seinem Gesicht ellenlang geschrieben stand und die Mund- und Augenwinkel es vierfach aussprachen: »Red ume, du bisch ume-n-e Löhl,« so juckte es mich in allen Mundmuskeln, ihm zu sagen: er sei ein zweyeter Esel und solche, wie er sei, brauche man in Batavia für nichts anders, als für die Affen das Reden zu lehren. Dann dachte ich, das sei ja Menschen-Art, daß, je dümmer sie seien, d. h. je weniger sie begriffen, was sie nicht wüßten, was sie alles nicht könnten, desto mehr zu glauben, alles das zu sein, zu wissen, zu können, was sie nicht wären, nicht wüßten, nicht könnten. Ich sagte nicht viel dazu; aber ganz dieser Meinung war ich doch nicht. Mir schien es, die Bauren hätten in etwas recht. Des Pfarrers Meinung hatte mir so viel auferlegt; ich fühlte mich gar nicht heimisch, in diesem Gange recht unbehagich, weil ich vielem nicht vorzukommen wußte. Ich mußte so viel darüber hören, daß diese unangenehmen Dinge unangenehme Gefühle in mir erzeugten. Ich durfte aber nichts sagen; doch fragte ich den Pfarrer, wie es denn mit des Händlers Bub solle gehalten werden, der nicht mehr die Fragen lernen wolle? und was ich mit denen machen solle, die keine Täfeli bringen wollten? Mit diesen letztern, sagte der Pfarrer, sei nichts zu machen, als daß man sie nach und nach in der Liebe dazu zu bringen suche; für ernstere Maßregeln fände man nirgends Unterstützung (auch jetzt kaum). Mit des Händlers Bueb sei es ein anderes. Auswendig müsse jeder lernen, wenn auch nicht gerade die Fragen, an denen hange er nicht, aber doch etwas anderes. Ehedem habe man in den Schulen nichts als auswendig gelernt, manchmal während die Kinder nur noch buchstabieren konnten; um das Verständnis habe keine Seele sich bekümmert. Das sei Unsinn gewesen. Aber das sei eben auch wieder Unsinn, die Kinder gar nichts mehr auswendig lernen lassen, oder es nur so vornehm über die Achsel ansehen zu wollen als etwas, das man noch dulden müsse, das aber wegzuschaffen wäre. Das Gedächtnis sei eine Seelenkraft wie andere, und eben nicht die entbehrlichste, und sie müsse geübt und gestärkt werden, wie jede andere Kraft, wenn sie zu jedem ihrer verschiedenartigen Dienste bereit sein solle. Und gerade die Kinder, welche am schwersten auswendig lernen, müßten am meisten dazu gehalten werden, statt daß man gewöhnlich aus dummem Mitleiden es ihnen schenke. Freilich müsse man es ihnen zu erleichtern suchen, wozu es verschiedene Mittel gebe. Und gar viele Kinder schienen ein schlecht Gedächtnis zu haben, hätten es aber nicht, sondern nur nicht das Vermögen, ihre Gedanken auf einen Punkt zu fixieren; und das sei eine Schwäche, die, wenn man nicht mit aller Gewalt dagegen arbeite, das Kind zu allen ernsteren Dingen unfähig mache. Man sei aber halt noch nicht dahin gekommen, eine Schule zu betrachten als eine Schleife für die verschiedenen Kräfte des Menschen, sondern man betrachte die Schulen nur als Nürenberger Trachter, durch welche man dem Kinde so viel einlasse, als hineinwolle; und wolle es oben aus, so nehme man einen Stämpfel und stungge das ganze tüchtig zusammen, damit man noch eine Melchteren voll hineinschütten könne. »Man füttert das Kind halb tot und stumpft in der Schule ihm alle Kräfte ab. Stellt das daher dem Händler vor und brichtet ihn darüber,« sagte der Pfarrer. Es dünke mich, meinte ich, der Pfarrer sollte die Leute vorbescheiden und ihnen ein Kapitel lesen und ihnen befehlen, was sie zu thun hätten. Wehrdi hätte auch gesagt, die Bauren seien zu dumm, als daß sie solche Dinge begriffen, und je dümmer einer sei, desto übermütiger und einbildischer sei er. »Schulmeister, wenn ich die Leute sehe, will ich mit ihnen reden, das versteht sich. Aber mit ihnen aufbegehren, ihnen befehlen, was sie in die Schule bringen sollen, das kann ich nicht. Ich habe da keine Macht, meinen Befehlen Kraft zu geben, und das wissen meine Bauren so gut als ich. Übrigens lassen sich solche Dinge nicht erzwingen, sondern nur einschmuggeln mit Vorsicht und dadurch, daß die Kinder Liebe dazu gewinnen und die Sache zu Hause vertheidigen und das nötige dazu eräken.« Übrigens sei der Wehrdi gegen die Bauren viel zu erbost. Es habe jeder Stand seine Fehler und sein gutes, so auch der Baurenstand; man müsse aber jeden Stand einmal nehmen wie er sei. Ich solle nur hübscheli fahren, eins nach dem andern nehmen, nicht den Mut sinken lassen; es werde schon gut kommen. Als ich mit dem Bescheid unzufrieden heimkam – denn es dünkte mich: habe mich der Pfarrer in den Schlamm gestoßen, so könnte er mich jetzt herausziehen – warteten mir wieder zwei Hausväter. Der eine klagte: ich versäume mich viel zu viel bei den Kleinen und versäume darüber die Größeren. Um mit ihnen mit Bohnen und Chestene zgvätterle (auf diese Weise wollte ich auf den Rat des Pfarrers das Zählen und Zahlensystem veranschaulichen aus Mangel eines bessern Apparats) brauche man keine teuren Schulmeister; das könnten die Kindemeitscheni daheim. Der andere begehrte auf: daß ich die Kleinern nicht selbst überhöre im Namenbuch. Schon drei Tage habe sein Hanseli mir nicht aufgesagt, hätte er geklagt, sondern nur ds Sigriste Bäbi, und dem seien die Läuse ganz Hampfele voll ume gramslet a sym strube Gring. Ich sei allbets ein guter Schulmeister gsi; aber seit man ein neues Schulhaus habe, well es neue nüt meh nutz gah, u doch heyg me gmeint, wie's de gah müeß. Einunddreißigstes Kapitel. Wie endlich ein anderer das Doktern übernimmt. Ich muß bekennen, das machte mich böse und noch böser ward ich, als ich vernahm, daß der Statthalter seinen Bueben in eine der apartigen Schulen thun wolle, die für reiche Baurensöhnchen in unserer Nähe errichtet worden, weil er bei mir nicht fortkomme. Ich mache viel zu lang am gleichen; sein Bueb hätte den gleichen Zettel dreimal hintereinander abschreiben müssen. U selligs syg doch nadisch nie dr Bruch gsi. Ich bekam einen rechten Kyb gegen den Pfarrer, der, wie ich wähnte, mich in dieses alles hinein gewerchet hätte; und ich fieng auch an, denen beizustimmen, wenigstens innerlich, welche sagten: die D. Pfaffen seien alle falsch am Volk; man sollte sie alle fortjage oder um ds Halbe mit-ne akkordiere; sie machten es auch dafür und wären noch froh. Man könnte es eigentlich auch machen ohne sie, wenn man einen guten Schulmeister hätte; die hätte man alle Tage, den Pfarrer nur an einem Sunde. So wurde rings um mich geredet und immer lauter, und besonders in Zeitungen stund ähnliches. Denn es war die Zeit gekommen, welche der Pfarrer angedeutet hatte: die alten Herren dankten ab und es gab eine neue Regierig. Ehe sich Tausende nur versahen, war die Herrscherfamilie verschwunden, alle Stühle leer, die sie im Besitz gehabt; es waren alle gleich in der Republik Bern und alle gleich berechtigt zu den leeren Stühlen. Tausendschwernot! was war da jetzt mit dem Gring zu verdienen, wer einen Gring dazu hatte! Tausende ergriff die Reue, daß sie nicht besser für ihre Gringe gesorgt. Und mancher holte das Tintenfaß vom Unterzug herunter, stäubte es aus, weichte mit Wasser die Kruste auf und versuchte mit Bangen im Hinterstübli: ob er denn wohl noch seinen Namen schreiben könne? Aber noch viel mehr Tausende ergriff ein größer Bangen, das Bangen: woher in dem Lande, wo wenige ans Regieren nur gedacht, die Menge Leute nun nehmen, die regieren könnten, ausgerüstet nur mit den unentbehrlichsten Bildungsstücken? Von all diesen Tausenden erhob sich nun ein tausendfältiges, durch tausendfältiges Echo noch vertausendfältigtes Geschrei gen Himmel über die geistige Not des Landes, wo die einzelnen Kapacitäten dürftig herumschwammen schwammen wie Brot in einer Bettlersuppe. In dieses Geschrei mischten sich die Klänge des Zornes mehr und mehr über die, welche Schuld sein sollten an dieser Bildungslosigkeit; siebenmal sieben Sünden wurden auf ihre Schultern gewälzt, die Schultern der Aristokraten und Pfaffen. Hinter dem Umhang hervor schauten lachend die abgetretenen Herrscher in diese Not hinein; sie hatten sie erwartet und erwarteten auch ein baldiges komisches Ende des so ernsthaft begonnenen Spiels. Aber sie täuschten sich. Unter den Schreienden waren viele nicht auf den Kopf gefallen. Sie schrieen nur so mit; sie dachten bei sich selbst: so gut wie die regiert haben, können wir's doch wohl auch. Was sie gelernt hatten, haben wir auch gelernt so ungefähr, weltsch ausgenommen. Mancher erinnerte sich, daß er schlauer gewesen als der Landvogt, und dieser habe den Kürzern ziehen müssen gegen ihn. Wenn's doch so sein müsse, so wolle er in dieser Vaterlandsnot zu regieren probieren, bis Geschicktere da seien – so sagte er. Und sie probierten zu regieren, und zum Schrecken der Alten ging's; denn die Neuen hatten auch eine Portion gesunden Verstand; und daran hatte man bei der Abdankung nicht gedacht, nicht gedacht, daß man das Volk nicht verwöhnt hatte zu großen Ansprüchen, im Gegenteil zufrieden zu sein mit dem gesunden Verstand und nicht einmal zu fragen, wer ihn eigentlich hätte, ob der Vogt oder der Schreiber. Aber man schrie demungeachtet, wie an einer Feuersbrunst nach Löschmitteln, Spritzen, Eimern und Leuten, nach Bildungsmitteln, nach Schulen aller Art, nach Lehrern von allen Sorten. Gute Schulen, gute Schulmeister seien die Hauptsache! hallte an allen Bergen wieder, und das Echo brachte die süßen Klänge uns zu Ohren: Schulen und Schulmeister seien die Hauptsache. Und wie ein Fieber schien der Bildungseifer das ganze Land ergriffen zu haben; alles schien zu zittern und zu beben nach der Zeit, wo die Kinder, wenn sie aus dem Mutterleibe kämen, der Hebamme entgegenschrieen: einmal eins ist eins, zweimal zwei ist vier; wo die Geißbuben und Mistaufleser darüber sich prügelten, ob es zwei oder drei Urzustandswörter gebe? ob Gott ein Urzustandswort sei oder ein Geist? ob ein Dingwort ein Hauptwort sei oder gar nichts? wo jeder Hans Michel im Oberland und im Unterland Doktor wäre irgend einer Wissenschaft, und aus seinen Küherhosen flugs schlüpfen könnte in Professorhosen, wenn er nämlich wollte. Man war überzeugt, jedes Glied und jedes Gliedlein des souveränen Volkes hätte einen eigentlichen Bildungsteufel im Leibe, und nur die verdammten Pfaffen mit ihren Weihwedeln und Bannsprüchen hinderten ihn auszuschlüpfen wie ein Küchlein aus dem Ei. Und wenn man die verdammten Pfaffen wegbrächte mit ihren Weihwedeln und Bannsprüchen von den mit diesen Teufelchen Schwängern, so würde an einem schönen Morgen ein Kreisen das ganze Land ergreifen und am Abend hätten wir das Land rigeldick Leute, gegen die der Aristoteles nur ein Esel und Sokrates noch ein ärgerer Esel wäre. Mit allen möglichen Mitteln suchte man die Pfaffen zu verscheuchen, damit sie die Kreisenden ruhig gebaren ließen. Während man so scheuchte und schimpfte, wählte man, um die Geburt zu beaufsichtigen, damit nicht etwa falsche Kinder untergeschoben würden, Behörden. Obenan ein Erziehungs-Departement. Ein Kirchen-Departement fand man nicht nötig, vielleicht weil man meinte, die rechte Erziehung löse die Kirche auf, mache sie überflüssig; aber dann nicht den Staat auch? Über das Departement hinüber wählte man die große Land-Schulkommission, damit ja die Bildung nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande zur Welt käme, und zwischen beide hinein, zwischen Thüre und Angel, die kleine Land-Schulkommission. Und damit wir Schulmeister echt republikanische Geburtshelfer würden, wurden Anstalten dekretiert für alte und junge, und ein Wagen mit verrosteten Flinten aus dem Zeughause dahin abgesandt, um uns recht wehrhaft zu machen. Als alles dieses geschehen war, was begann man? Man fing an zu zanken und zwar auf gräuliche Weise. Das Erziehungs-Departement, oder wenigstens ein bedeutender Teil desselben, war von Anbeginn empfindlich über die große Schulkommission, die ihm in gewisser Beziehung an die Seite gesetzt war; betrachtete sie als einen Schleiftrog, zuckte mitleidig die Achsel über sie, und gedachte, sie etwa alle Jahre zur Parade einmal aufmarschieren zu lassen. Das Departement war überzeugt, soviel Intelligenz und Kenntnis der Sache in seinem Schoße zu vereinigen, daß anderweitige Beratungen nichts als Störungen und Verwirrungen in sein tiefdurchdachtes, allseitig eingreifendes, aus theoretischen Betrachtungen und praktischen Anschauungen hervorgegangenes System bringen müßten. Zur Sprache öffentlich kam dieses nicht; es wurde nur gemerkt und angeschauet. Da spaltete sich das Erziehungs-Departement selbst und diese Spaltung kam vor die Welt. Diese Spaltung schien von Wahlen auszugehen, wie noch manche andere Spaltung in der neuen Republik; allein sie hatte ihren tieferen Grund. Es scheint sich auch in einzelnen Mitgliedern die Meinung festgesetzt zu haben, ihrer Meinung geschehe Eintrag, auch wenn sie im Departement selbst besprochen würde, indem sie so in sich abgeründet sei, daß ein einziger Feilenstrich das Ganze verderbe. Dieser Meinung scheint vor allem Herr Fellenberg gewesen zu sein, der den übrigen Mitgliedern des Erziehungs-Departementes schroff entgegentrat. Er war der älteste, hatte den berühmtesten Namen und schon seit Jahren auf Hofwyl allen Widerspruch abgestellt. Es war ein sehr großes Unglück für ihn, daß er dem Streit die Wendung gab: als ob das Heil der Republik Bern daran liege, ob die pädagogischen Anstalten derselben zu Hofwyl und unter seiner Leitung stattfänden oder nicht? Denn dadurch wird er sich nie des Vorwurfs, selbstsüchtige oder ehrgeizige Zwecke gehabt zu haben, erwehren können, wie ungerecht sie auch sein mögen. Es kam noch ein zweites hinzu, welches ihm mehrere Klassen von Menschen abwendig machte und so ihm den Sieg entriß. Er führte nämlich den Streit ganz auf seine Weise. Herr Fellenberg ist ein Patrizier von Bern, aber dadurch vor Tausenden ehrwürdig, daß er nicht auf dem alten hergebrachten Wege von Pöstlein zu Pöstlein zu Ehre und Vermögen kommen wollte, sondern anders. Herr Fellenberg bemerkte das Wehen einer neuen Zeit und ließ auf den Wellen derselben sich schaukeln: aber das kann ein Berner Patrizier nicht lange, er faßt mit seinen zehn Fingern gerne etwas Bestimmtes, Positives. Daß sie Idealisten seien, kann ihnen niemand nachreden. Herr Fellenberg ergriff die Landwirtschaft und, die Richtung des Zeitalters nach einer rationelleren Erziehung erfassend, auch die Pädagogik in weiterm Sinn. Bei diesem Ergreifen von zweien Dingen verband er eine merkwürdige Kombinationsgabe. Er verflocht die beiden Dinge so ineinander, daß noch heute der Streit darüber waltet: ob die Landwirtschaft oder das Erziehungswesen sein Hauptzweck sei? der Streit: ob er das Heil der Menschheit oder sein eigenes, d. h. Vermögen und Namen, suche. Jede Partei hat ihre Daten für sich. Die, welche in ihm einen der Retter der Menschheit sehen, wollen ihn neben Pestalozzi setzen, berufen sich auf seine Wehrli-Schule, seine vielfach erlittenen Verfolgungen, seine grandiosen Einrichtungen und endlich auf seine eigenen Worte, schriftliche und mündliche, namentlich auf die Zeugnisse in vielen öffentlichen Blättern und Zeitungen, auf die Zeugnisse berühmter oder besternter Männer, die ein oder zwei Tage in Hofwyl gewesen und nun in ein oder zwei Bänden Lob posauneten. Die andere Partie erkennt die landwirtschaftlichen Bemühungen des Herrn Fellenbergs vollkommen an, gibt ihm auch das Zeugnis, daß er einen ausgezeichneten organisierenden Sinn besitze, spricht ihm aber nicht nur jede Fertigkeit im Erziehen, sondern auch jeden Sinn für das Erziehen ab und behauptet: alle diese Anstalten hätten nicht pädagogische, sondern ökonomische oder ehrgeizige Zwecke. Auch sie führt ihre Belege ins Feld. Er selbst könne nicht erziehen, denn dazu gehe ihm das nötige Element, die Liebe ab, sagen sie und führen eine Menge Beispiele aus seinen näheren Umgebungen an, die ich nicht wiederholen mag. Er habe auch keinen Sinn für das Erziehen, sonst würde er nicht die Knaben aus der Wehrli-Schule verdammen, mit Eseln zu fahren jahrelang; denn solch ein Esel habe auf den führenden Knaben einen erzieherischen Einfluß, der keinem, der nur so von weitem Erzieher wäre, entgehen könnte. Die Wehrli-Schule könne eben so gut Spekulation sein, ein kluges Aufgreifen der Zeit, als eine Wohlthat für die Menschheit. Das erstere wollen sie beweisen durch die Behauptung, daß die Knaben nicht um ihrer selbst, sondern um Hofwyls willen da seien; sonst würden sie nicht meist nach dem Essen ihre Unterrichtsstunden erhalten, drei des Tages, und landwirtschaftliche Mißrechnungen würden nicht auf Kosten der Wehrli-Knaben ausgeglichen. Am allerwenigsten sei er Lehrer; das hätte man an seiner Verfassungslehre sehen können. Sie sagen, der beständige Skandal, in welchem Herr Fellenberg mit den Lehrern lebe, und die Art, wie er sie geistig und geldlich auszubeuten wisse, stemple ihn zu einem Ökonomen der dickern Art und nicht zu einem geistigen Bildner der Menschheit. Sie führen die Änderungen seines Systems, ja gar die Änderungen seines Namens an, je nach dem politischen Winde, um zu beweisen, daß er keiner sei, der auf der ewigen Basis des Rechts und der Wahrheit fuße, sondern ein kluger Handelsmann, der den Schild ändere je nach der Laune der Regierenden, ein vorsichtiger Schiffer, der die Segel wechsle je nach den wechselnden Winden. Aus allem dem, was geschrieben worden, wollen sie gar nichts gehen lassen. Nur für 6 Kreuzer könne man schon viel schreiben lassen bei einem Schulmeister, für 15 Batzen noch mehr bei einem Schreiber, und wenn man einen fleischfressenden und biertlinkenden Bruder sechs Wochen füttere und ihm dann gar noch einige Groschen in die Tasche gebe, auch nach diesen sechs Wochen noch Fleisch zu essen und Bier zu trinken, so schreibe der einem die ganze Welt voll, was man wolle, weißes oder schwarzes, am liebsten etwas giftiges. Am meisten ärgert sie die Zusammenstellung Fellenbergs mit Pestalozzi, von denen sie behaupten, daß sie einander glichen wie Liebe und Eigennutz, wie Geist und Starrsinn, wie Vergebung und Rache, wie Gefühl und Gefühllosigkeit. Dann erzählen sie, wie Pestalozzi und sein Name hatte gemißbraucht werden sollen, noch ärger als die neue Republik Bern, und was Fellenberg gegen ihn gethan, ja geschrieben hätte so Arges, daß sein Verleger es nicht mehr hätte drucken wollen nach dem zweiten Bogen. Das sei aber ein wahres Glück für Fellenberg gewesen; er wäre vor der Welt schon lange gerichtet. Mit diesen Gründen ungefähr wurde der Streit unter den Gelehrten geführt bis auf den heutigen Tag und ist noch nicht entschieden. Ein einfältig Bäuerlein gab folgendes Urteil ab, das aber den Streit nicht entscheiden wird. Ein schlichter Bauersmann in elbem, halbleinenem Rock, Namens Sepp, ging auch einmal nach Hofwyl; er wollte mit eigenen Augen anschauen, worüber so viel gestritten wurde. In Hofwyl beachtete man seine klugen Augen nicht; man sah nur, daß er zu Fuß kam, kein Engländer sei, kein Magnat irgend einer Art; darum beachtete man den ganzen Mann nicht. Der stieg nun unbeachtet umher, that Fragen hie und da, nahm Prisen aus seiner hörnernen Schnupfdrucke. Man antwortete ihm bald unbefangen, bald spöttisch, aber man antwortete doch, versteckte nichts vor ihm, und des Mannes kluger Blick sah in alle Winkel, wußte, was er fragte, und faßte gut die Antworten. Als endlich der Tag sich neigte, da ging er heimwärts in seinen mit Fett gesalbten Schuhen und seiner hörnernen Schnupfdrucke. Auf dem nächsten Hügel stund er stille und sah noch einmal nieder auf das prächtige Hofwyl mit seinen von außen großartigen Gebäuden und noch großartigern Feldern. Nach langem Sinnen brachen ihm unwillkürlich die Worte hervor: »Ja, Fellenberg, du bist ein gewaltiger Mann! Du hast einen großen Kampf gekämpfet; du hast wilden Boden entsumpft, geläutert, in herrliches Land verwandelt, hast mächtige Gebäude errichtet und wohlfeil, hast Lehrsäle und Werkstätten, Ställe und Keller, wie man sie nirgends sieht; hast Hornvieh und Schmalvieh, hast Esel und Pferde, wie sie wohl niemand hat; und das alles hast du geschaffen; wahrlich, du bist ein gewaltiger Mann! Aber, Fellenberg, wo hast du die Menschen, die du geschaffen? »Einige dreißig Jahre, sagst du, hättest du erzogen: wo sind sie, deine Erzogenen, deine geistigen und leiblichen Söhne? Wo ist der Kranz von Männern, den du dir selbst geflochten; der dich umsteht und mit feuriger Kraft die Weisheit des Vaters in Thaten verwandelt; in denen dein Geist, dein Wille lebt, so daß in dir das Bewußtsein erglüht, unsterblich zu sein in diesen Männern, fortzuleben in ihnen, wenn längst dein morscher werdender Leib verwesen ist? Wo sind sie, die Scharen von Jünglingen, die in glühender Begeisterung an dir hangen, dich als ihren Vater verehren und deines Winkes gewärtig, ihr Leben dir zu weihen; welche, wenn die Männer fallen, an ihre Stellen stehen und den Namen des Vaters Fellenberg hoch halten, als ihr Panier, daß man ihn steht in allen vier Weltteilen, gleich dem Namen des unvergeßlichen Pestalozzi? Wo hast du sie, diese Männer, diese Jünglinge, wo hast du sie, Fellenberg? Du hast sie nicht! Ich habe heute nach ihnen geforscht, ich habe sie nicht gefunden. Fremde oder kalte Leute umstehen dich; einsam ist es um dich; du hast dir niemand erzogen, der deinen Namen erhält. Das weißt du, darum soll es die Republik thun, meinst du. Die Gebäude kann die Republik erhalten, das Land zusammenhalten; aber deinen Namen, Fellenberg, als Bildner und Erzieher, kann sie nicht erhalten. Anstalten erhalten keinen Namen; nur der Geist, der vom Träger des Namens belebend, begeisternd ausgegangen, ist's, der Namen und Anstalten erhält. »Fellenberg, du armer Mann! Gewaltig bist du wohl, aber einsam bist du, bist kein alter Eichenstamm, an dem junge Gewächse sich aufgeschlungen, ihn ewig grün erhalten. An dir hat niemand sich emporgerankt – weißt du warum? Du ringst kühn den Todeskampf; aber du wirst erliegen; denn du armer Mann. – du bist einsam.« So sprach das halbleinene Bäuerlein und wendete seine gesalbten Schuhe seinen zwei Großkindern zu, die ihns grün erhielten. Wer diesen Streit einzig hatte entscheiden können, war Herr Fellenberg. Hätte er alle reden lassen und in stiller Größe gehandelt mit seinen großen Mitteln, gehandelt mit großartigem, großmütigem Sinn, unbekümmert um alles Gekläff, dann hätten seine Werke geredet, die Kläffer wären verstummt und der Vater seines Hofwyls hätte vielleicht der Vater seines Vaterlandes werden können. Aber das geschah nicht. Er war mitten im Streite, und mit einer Leidenschaftlichkeit, von der man glauben sollte, sie könnte nicht wohnen in reinem Bewußtsein, nicht bei einem wahrhaft großen Mann. In diesem Streit war er durchaus nicht Schweizer, war gar nicht der würdige Bildner des Menschengeschlechtes, der sich dessen Entsumpfung, dessen Versittlichung zum Vorwurf gemacht. Man glaubte eine fulminante Schauspielerin zu hören, der eine andere ins Licht stehen wollte, oder den Vorsteher einer Menagerie, dem vorgeworfen worden, er hätte nicht das rechte Fütterungssystem, oder er wisse seine wilden Bestien nicht zu behandeln. Es ist wahr, Herr Fellenberg hatte mit unendlich großen Schwierigkeiten zu kämpfen, und nur seine ausgezeichnete Charakterkraft half ihm sie überwinden; er ward ein Napoleon auf seinem Gebiet. Aber eben das Bewußtsein dieser Kraft hätte bei einem Privatmann Schranken anerkennen, nicht gegen jeden Widerspruch Blitze schleudern, gegen jeden Widerstand jedes Mittel anwenden, nicht mutwillig Krieg auf Tod und Leben beginnen sollen, wo ein versöhnend Wort von einem solchen Mann Vereinigung der Kräfte bewirkt hätte. So war Herr Fellenberg gewohnt, seine Kriege zu führen, und so führte er auch diesen Krieg gegen das Erziehungs-Departement und gegen die Pfaffen, weil unglücklicherweise im Erziehungs-Departement und ihm zur Seite solche stunden, die er Pfaffen zu nennen beliebte. Er schimpfte auf eine so gemeine und pöbelhafte Weise in seinen Artikeln und Blättern und brauchte so alles Erdenkbare, um ihm im Wege stehende Persönlichkeiten moralisch totzuschlagen, daß rechtlichen Leuten vor ihm zu grauen anfing. Ja, er trieb seine Gesittung so nahe an die Bestialität, daß er Tote aus dem Grabe kratzte, um an ihnen seine Wut zu kühlen. Er posaunete auf so ungemessene Weise sein Lob aus, nannte sich mit so schönen Namen und pries so laut sein Thun und stellte noch eigens Leute an, ihm dabei zu helfen, da sein Atem nicht zuzureichen schien, daß Unparteiische stutzten und zu untersuchen anfingen, ob die Sache auch rein sei, für welche man mit solchem Selbstlob fechte. Und endlich wurde in diesen Streit, um Personen niederträchtig zu machen, von Hofwyl aus der Teufel, die Erbsünde und das Fragenbuch auf eine solche Weise hineingezogen, daß die Ungebildeten, das Volk stutzte, Verrat an der Religion witterte, gegen alles Neue in den Schulen erbittert wurde und das gleichgültig gewordene Fragenbuch, als Symbol des rechten Glaubens, aufs neue und auf viele Jahre innig ans Herz drückte. Wie gesagt, ich rede hier nur von der Art und Weise, den Streit zu führen. Aber dieser Streit hatte die unseligsten Folgen auf den Gntwickelungsgang des Schulwesens und ganz besonders für uns Schulmeister. Schon das Echo von dem Volksgetön über Bildung und Schulen hatte uns wirbeln gemacht im Kopfe, und man will sagen, es hätte hier und da Einer Reden geführt, wie in den Dezembertagen 1830 eine Kammermagd beim Brunnen: heute müsse sie noch fegen und waschen, über acht Tage könnten es dann die Frau und die Jungfer thun und sie wolle beim Kaffeetischli sitzen. Nun aber suchte Herr Fellenberg Verbündete gegen das Erziehungs-Departement und die Pfaffen, wählte unglücklicherweise uns Schulmeister vor allen und machte uns noch unglücklichererweise zu leichten Truppen, dem Vortrab; wir wurden die sogenannten enfants perdus, die man an die gefährlichsten Orte voranschickte, weil nicht viel verloren war, wenn sie verloren gingen. Zu dem Ende wurden wir mit allen möglichen Mitteln nach Hofwyl gezogen oder wenigstens in dessen System. Es wurde auf die Achseln geklopft, süße Worte: mein Freund! guter Mann! u. s. w. nicht gespart. Unsere Einbildungskraft wurde mit allerlei reizenden Bildern von Emancipation von der Pfaffenherrschaft, würdige, freie Stellung, Anerkennung als die Bildner von 80,000 jungen Staatsbürgern, als des wichtigsten Standes im Staate, als die Arbeiter, die des Lohnes wert seien, als Märtyrer, denen endlich die Krone gebühre, gewaltig entzündet. Unser ohnehin reizbares, mißtrauisch empfindliches Gemüt wurde durch die gehässigsten Verunglimpfungen des Erziehungs- Departementes und seiner Freunde, der Pfaffen, welche dem Schulmeisterglück im Wege stünden, welche allen Willen unseres Vaters für uns vereitelten, mit dem Staatsschatz nicht nur nicht herausrückten, sondern den furchtbaren Verrat an uns begingen, entsumpfte Staatsbürger durch verflucht schlechte Wiederholungskurse systematisch wieder versumpfen zu wollen (ein furchtbarer Geistermord, in Masse verübt an 700 wackern Männern, den edelsten im Volke!), in förmliche Gährung gebracht. Ja, es wurde sogar Geld gegeben an einige und die Sache gehörig bekannt gemacht, damit man sehen könne, was uns geschehen würde, wenn Herr Fellenberg Meister wäre und nicht das pfäffisch gesinnte Erziehungs-Departement. Wer will es uns nun verargen, wenn wir Schulmeister, welche die Welt so wenig kannten, nicht wußten, was Komplimente waren, mit Kniffen und Intriguen nie gefochten hatten, gedrückt von unserer Lage, belastet mit tausend Sorgen, den Kopf verloren und den Boden unter unsern Füßen? Wenn wir Herrn Fellenberg nicht nur als unsern Vater, sondern auch als unfern Heiland betrachteten, ihm unbedingten Glauben schenkten, wer will uns das verargen? Wenn einer oder der andere von uns des Pfarrers Kutte genauer gschauete und dachte: nächstens wolle er sich auch so eine machen lassen, aber eine noch schwärzere, wer will etwas anderes machen, als gutmütig über uns lachen? Wenn wir des Sonntags, an welchem unsere Weiber uns nur Grumbirnen zu kochen vermochten statt Fleisch, zu den Kindern sagten: Chinder, essit brav, ds anger Jahr gibt's de nit ume-alli Sunde Fleisch, sunder o dür dWuche düre!« wer fühlt nicht Mitleid mit uns? Das hätte noch alles nichts gemacht; aber nun setzte man uns auf die Schlachtrosse und jagte uns hinein in den wüsten Streit. Wir mußten gegen die Pfaffen streiten, lernten sie betrachten als Usurpatoren der uns zukommenden Stellung, als die, welche eigentlich das Brot essen, das der liebe Gott für uns bestimmt, in den Häusern wohnten, die uns zukämen. Je nach den Umständen ritt man auch die Bauren an, trat ihnen wenigstens mit dem Hute auf der Seite unter den Bart. Vor allem aber ritt man gegen das Erziehungs-Departement in Schriftchen, Zeitungen, Vorstellungen und, wo ein Mitglied desselben den Mund aufthat, besonders an Schulmeister-Versammlungen, da fuhr man ihm darüber mit einer Unverschämtheit, einer Anmaßung, daß mir noch jetzt die Haare zu Berge stehen, wenn ich daran denke. Und es war eine Zeit, wo man vor solchen Worten bedeutend schlotterte. Dann meinten wir, was wir verrichtet hätten und stunden zusammen, drückten uns die Hände, strengten uns zu kühnen Gesichtern an und redeten Oberarm drein: Dene hey mr's zeigt; aber warte si ume, mr wen-ne's noch ganz anders zeigen; und statt dabei den Schnauz zu drehen, wie ein Husar gethan hätte, schneuzten wir die Nase und, wenn dieses mit einem Nastuch geschah nämlich, rieben sie hochrot, als ob sie glühe in heißem Kampfesmut. Dann klopfte man uns freundlich auf die Achseln, sparte die holdseligen Anreden nicht, und sparte am Abend, damit der Mut in Begeisterung aufflamme und in der Nacht nicht verglühe, die blaue Milch nicht. Und warum hätte man die blaue Milch sparen sollen, bezahlte sie doch der Staat zu 1 Batzen p. Maß? Der Herd und Schauplatz dieser blutlosen aber giftigen Kämpfe waren nämlich auf die allerunglückseligste Weise die Wiederholungskurse. Obgleich man uns die Köpfe aufblies, daß sie wurden wie ein über das Meer schiffender Luftballon, so lebte doch noch ein ander Gefühl in uns. Es lebte in uns ein Gefühl, das wir heimlich hielten, aber das um so tiefer sich eingrub, ein Gefühl, daß wir trotz allem Aufbegehren nicht seien, was wir sein sollten, daß uns unendlich viel fehle, um würdige Lehrer, der Stand zu sein, auf dessen Achseln das Menschengeschlecht ruhe. Eine Ahnung stieg in uns auf von der Größe unseres Berufes und der eigenen Leere, von der unendlichen Entfernung zwischen dem, was wir wären, und dem, was wir uns einbildeten. Ein brennender Durst des Wissens kam über uns; in jung und alt stammte ein unwiderstehlicher Trieb auf nach Befähigung. Freilich gab es auch unter uns Windbeutel, die wir für Mirakel hielten, die mit breitem Maul nicht nur dick thaten mit sich vor andern, sondern die auch in sich kein Gefühl ihres Nichts, keinen Trieb nach mehr empfanden; die in göttlicher Dummheit stolz einherwandelten, aber eben nicht die Wege zum Lernen, sondern die Wege des Verleumdens; Aufbegehrens, Aufweisens und Kneipens. Aber von diesen rede ich gar nicht hier und will sie nicht näher bezeichnen, vielleicht haben sie sich jetzt gebessert. Daher besuchten zuweilen die, welche es am nötigsten hatten, keinen Wiederholungskurs, z. B. der auch nicht, der meinte: es komme jetzt eine ganz neue Lehre auf, man sage ihr die Satzlehre, und der erhaltene Bücher bärtig werden läßt. Aber wirklich war es rührend und ergreifend, wie dieser Trieb manchen Mann mit kahlem Scheitel und alter Gestalt ergriff, wie er hineilte, den neuen Lehren mit einer Anstrengung zuhörte, einer Menge Schreibereien mit einer Hingabe sich unterzog, die an einem Jüngling Lob verdient hätte, an einem alternden, des Lernens ungewohnten Mann aber bewunderungswürdig war. Noch rührender aber war es, wie der Mann willwankte: Soll ich gehen oder nicht, meinem Triebe folgen oder meinen Umständen mich unterziehen? Wie er mit bangem Herzen seinen Wunsch seinem Weibe vortrug; wie die manche halbe Nacht mit einander werweiseten: ob es sich erleiden möge; ob das Weib die Haushaltung und das Pflanzen besorgen, die Kinder meistern und den ausbleibenden Verdienst des Mannes entbehren könne? Wie der Wunsch des Mannes immer dringender ward und das Weib seine Thränen im Herzen behielt und dem Manne mit einem Kusse nachgab; dann seine Garderobe untersuchte, seine zwei Paar leinerne Strümpfe neu fürfüßte mit freundlichem Gesicht und ihm sagte: »Mannli, du muescht no es Paar Hose lah mache; so darf i di nit lah gah;« und am Ende die vorrätigen sieben und einen halben Batzen so mit ihm teilte, daß sie ihm vier in den Sack gab und nur drei und einen halben Batzen behielt. Und wie der Mann weich wurde, aber doch nicht stark genug, seinen Wunsch aufzugeben; wie er die Frau tröstete mit einer bessern Zeit, und wie er der Frau sagte, als er mit nassen Augen von den schlafenden Kindern Abscheid genommen, die Frau ihm das Halstuch umgebunden und ein frisch gewaschenes Nastuch in den Sack gesteckt hatte: daß er nur der Kinder wegen gehe, damit er bei größerer Geschicklichkeit eine bessere Stelle erhalten und somit die Kinder besser erziehen könne. Und wie er der Frau die Hand längte und sie ihn fragte: wann er wohl einmal heimkommen werde? Und wie er unterm Dachtrauf an seine Taschen greifend die Tubakpfeife zu vermissen glaubte und wieder hineinging und sein Weibchen noch einmal sah und seine Tubakpfeife in der Tasche fand. Und wie nach hundert Schritten sein Weibchen ihm nachgelaufen kam mit dem Schuhlöffel in der Hand, den er ja immer brauchen müsse zu seinen halb neuen Schuhen. Und wie der Schulmeister ihn nach langem Besinnen wieder zurückgab, weil er denke, es werden an andern Orten auch Schuhlöffel sein. Und wie sie dann wieder von einander Abschied nahmen, nachdem ihnen noch manches in Sinn gekommen war zu empfehlen. Und wie sie voneinander gingen und zurücksahen, und das arme Frauchen mit fünf Kindern und drei und einem halben Batzen die Scheube erst vor die Augen nahm, als der Mann um die Ecke war. Und wie sie schluchzend heimging und sich dann ans Spinnrad setzte, um noch ein halbes Tausend oder einen halben Batzen aus der Kunkle zu ziehen, und wie sie die Finger in den Augen netzen konnte und doch wieder ein freundlich Gesicht hatte, als das erste Kind erwachte – das alles hätte man sehen sollen, dann hatte man gewußt, wie heilig ein Wiederholungskurs sollte geachtet werden, wie er geweiht sei durch Weiberthränen und Kinderdarben. Ohne es zu sehen, hätten es vernünftige Menschen und Menschen, die nicht bloß ihre Zwecke im Auge gehabt, wie Napoleon beim Stürmen einer Batterie, wohl denken können. Aber man dachte an solche Kleinigkeiten nicht; man vergiftete alle Wiederholungskurse durch die in dieselben geworfenen Fackeln des Streites und des Zwiespaltes von wohlbekannter Seite her. Man raubte den Lehrern die Unbefangenheit, gab ihrem Gemüt eine feindselige Richtung, und die Kurse selbst basierte man nicht auf das Bedürfnis, sondern auf den Schein. Das Departement ward genötiget, eigene Kurse zu errichten, und wie zwei feindliche Mächte stunden die Fellenbergischen und departementlichen Kurse einander gegenüber. Und eben diese Stellung hinderte die natürliche Entwicklung jedes Kurses, hinderte, daß man unbefangen bis dahin niederstieg, wo man seine Schüler finden konnte, daß man sich begrenzte und unnötigen Firlefanz bei Seite ließ. Man hatte das Examen vor Augen, hatte Verunglimpfungen vor Augen, und so schwebten einem diese oft mehr vor Augen, als die Schüler selbst. Und weil in den Examen getäuscht werden konnte, so erschienen vor denselben Spione, Aufseher mit verwachsenen Hosen und mörderischem Gesicht, den Kopf hochgehalten in schwarzer Halsbinde, und setzten sich hin unter die armen Schulmeister und vernütigten, verleumdeten ihnen den Unterricht, den sie seit so vielen Wochen empfangen, den sie als einen Schatz hochgehalten, um deßtwillen sie die Weiber weinen, die Kinder darben ließen. Und die armen Schulmeister, welche nicht selbst prüfen konnten, welche auf Autorität hin glauben mußten, denen wurde die Freude geraubt. Es entstund in ihnen Mißtrauen gegen das Gelernte; es wuchs ihnen ein Stachel im Herzen, daß sie ein Vierteljahr verloren. Gegen das Lernen wurden sie gleichgültig; der Durst nach Weiterbildung war vorüber. Eine Menge Dinge, welche sie gelernt hatten, dienten ihnen zu nichts, und selbst den erhaltenen Unterricht in den Schulfächern konnten sie nicht anwenden in der Schule. Der Anknüpfungspunkt war ihnen nicht gezeigt würden. Wie oben gesagt worden: man hatte sich höchstens zu den Schulmeistern herabgelassen und nicht zu der Schule selbst, wie sie mit einigen Veränderungen fast durchgehends durch den Kanton bestund. Als daher einmal ein Schulmeister, der eben aus einem Wiederholungskurse kam, wo man viel arbeitete, sehr systematisch war, Erklärungen auswendig lernte, damit man ja in keinem seligmachenden Worte fehle, in einem Examen eine Geschichte im Neuen Testament sprachlich, besonders in Bezug auf das Zeitwort oder Zustandswort, erklären sollte, so erklärte er alles Mögliche, nur kein Zeitwort. Als er gemahnt wurde, doch bald damit anzufangen, sonst finde er in der Geschichte kein Zeitwort mehr, so entschuldigte er sich damit: er kenne diese Methode nicht und sei an eine ganz andere gewohnt. Als man ihm sagte, man schreibe ihm ja gar keine Methode vor, sondern nur, daß er die vorkommenden Zeitwörter erkläre und zwar nach jeder ihm beliebigen Sprachlehre und auf jegliche ihm beliebige Methode, so sagte er wieder: das sei nicht seine Methode, das Zeitwort zu behandeln. Nun, so solle er es behandeln nach der ihm beliebigen Methode, sagte man ihm. Da erklärte er seine Geschichte aus und fragte dann einen der vier zu examinierenden Knaben: »Du, wenn ich sage, der Vogel fliegt, kannst du mir dann sagen: worin ist der Vogel?« Der Knabe besann sich; endlich sagte er: »In dr Luft.« »Nein, der Vogel ist nicht in der Luft; worin ist er? Chast du mr's säge? U, du? Er ist i-mene Zue... Zuest... Zuesta..., er ist ja i-mene Zuestand, in einem Zustande ist der Vogel, wenn er fliegt, sagt man. Also »fliegt« ist ein Zustandswort, weil es den Zustand ausdrückt, in welchem etwas ist.« Da war auch der Knopf, von dem ich eben sprach, der Knopf zwischen dem Fach und der Schule nicht gemacht, und zwar auch nicht einmal der Knopf zwischen dem abstrakt Erlernten und der Anwendung auf gegebene Fälle. Auch in der Anordnung dieser Kurse war unwillkürlich der Streit das Hauptaugenmerk und nicht die Schule selbst; sonst hätte man die Anordnungen gewöhnlich früher und gründlicher durchdacht. Und wenn dann das harrende Weib den heimkehrenden Mann nach seiner Beute fragte, da erhielt gar manches vom mutlosen Mann mutlose Antworten. Und das arme Weib jammerte: »Wärist du daheime geblieben!« Noch ein ander Gift kam in die Wiederholungskurse und in den Bildungstrieb, welches auf das verderblichste einwirkte. Die Mitglieder des Erziehungs-Departementes hätten entweder Klötze oder Engel sein müssen, wenn unser Aufbegehren und Schimpfen dieselben nicht hätte erbittern, uns abgeneigt machen sollen. Nun wird bei allem Respekt wohl erlaubt sein zu sagen, daß sie keins von beiden waren, nicht Engel, nicht Klötze. Die Stimmung des Erziehungs-Departementes äußerte sich nicht durch ein ernstes Zurechtweisen der gegen dasselbe Gehetzten; diese Stimmung äußerte sich im Schulgesetz. Wir erwarteten große Dinge und zürnten daher nicht wenig, als im Entwurf der kleinen Landschulkommission unsere Lage wohl verbessert wurde, aber nicht in dem Maße, als wir erwartet hatten. Wir zürnten noch mehr darüber, daß zehn Inspektorate sollten aufgerichtet werden zu unserer Beaufsichtigung (war die wohl noch nötig?); daß durch diese circa 20,000 L. Kosten verursacht wurden, welche wir als uns entrissen betrachteten, machte uns auch nicht gutes Blut. In der großen Landschulkommission, die ohnehin, auch als Kommission, gegen das Departement böses Blut hatte, ritten nun unsere Repräsentanten anders auf, ungestüm wie Helden. Da nun kam die Meinung des Departements, daß wir erst besser werden müßten, ehe man uns besser besolden könne, zum Vorschein, aber nicht klar ausgesprochen. Wohl stichelte man und redete von unanständigen fleischlichen Gelüsten, was eine unanständige Rede war. Eine Rede, die davon zeugte, daß man nicht nachrechnete, wie mit 100 L. und einer Familie auszukommen sei; daß man nicht bedachte, daß ein Schulmeister und seine Kinder nicht ätherische Wesen, sondern halt Menschen sind, die hungrig werden und im Hunger nach Brot schreien. Werden doch, wie man sagt, auch Professoren hungrig und zwar brav; warum sollten es nicht auch Schulmeister werden? Da sie auch geistigen Hunger fühlten, so war der andere ihnen doch wahrlich nicht auf diese Weise vorzuwerfen. Man redete davon, daß der Staat besondere Zulagen nicht vermöge, daß man den Eifer der Gemeinden (o Gott erbarm!) zur Verbesserung der Schulen durch unbesonnene Staatszulage nicht lähmen solle ec. Von allem das merkwürdigste war, daß auch hier Vater Fellenberg mit dem Erziehungs-Departement fast gleicher Meinung, daß er ein ganz anderer war jetzt, da es auf Geld, als sonst, wo es nur auf Worte ankam. Er wollte nämlich alle bisherigen Schulmeister-Einkommen in einen großen Sack thun, denselben wohl rütteln und dann den gesamten Inhalt unter alle Schulmeister gleichmäßig verteilen. Das gab ihm bei seinen Anhängern den ersten und harten Stoß, und was er vor Möhren von seinen Anhängern alles hören mußte, weiß ich nicht. Aber hier hatten wir die Oberhand. Unsere Stellvertreter machten uns ein artiges Einkommen z'weg, bei welchem man sein konnte, und schafften die lästigen und kostbaren Inspektoren uns vom Halse. Nachdem die kleine Kommission circa 1-1/2 Jahre an ihrem Entwurf gearbeitet hatte und jede Nachfrage als unverschämte Neugierde, als unbefugtes Zudrängen gar handlich und schnuzig von der Hand gewiesen worden war (und man kann sich doch denken, daß uns darnach blangete), so arbeitete jetzt das Erziehungs-Departement nicht viel weniger lang an einem dritten Entwurf, nämlich vom Herbst 1833 bis Im Frühjahr 1835, d. h. so lange wurde daran gearbeitet, bis er von dem Großen Rat angenommen wurde. Darüber darf man sich aber nicht wundern; denn das Erziehungs-Departement bestund in der Zwischenzeit eine schwere Geburt, und einer Wöchnerin mutet nicht einmal ein Holzhauer zu, daß sie ihm sänge und Scheiter zusammentrage. Es gebar nämlich die Hochschule. Die Geburt ging zwar ziemlich leicht und es war ein schönes Kind; was Wunder, daß die Väter ganz vernarret waren in dasselbe und ob dem Gvätterle mit demselben manches andere vergaßen. Welcher Vater hat wohl bei seiner Erstgeburt nicht manche Stunde an der Wiege vertändelt und hat geträumt, wie dieses Kind seine Stütze sein, wie er einen Teil der Last ihm aufbürden, wie er Kommis und Handlanger entlassen könne und einen beständigen Gesellschafter zu Nutz und Kurzweil sich angeschnallt habe? Was Wunder auch, daß Vater oder Mutter sich nichts sagen ließen bei seiner Auferziehung, der Bestellung seiner Wärter! Hatten sie das Kind geboren, so mußten sie sich doch auf seine Pflege auch am besten verstehen, versteht sich! Einem Vater oder einer Mutter ist schwer begreiflich zu machen, daß das Erzeugen und das Erziehen nicht ungefähr den nämlichen Verstand brauche, sondern einen andern. Sie wollen auch nicht glauben, daß dem Kinde Krallen wachsen, die es am ersten den Eltern einhängt, wenn es nicht wohl erzogen ist. Und wollen noch weniger glauben, daß das Kind am Ende Meister wird im Hause, daß sie sich seiner Meisterschaft nach einigem ohnmächtigen Widerstreben recht freiwillig unterziehen und ohne da sie es eigentlich recht wissen, bis dann am Ende das Heulen und Zähneklappern kömmt, wenn sie endlich merken, daß sie nichts anders sind als die Tüpfi, aus denen das Kind den Brei ißt. Begreiflich muß es jedermann vorkommen, wie sehr diese Zögerung uns Schulmeistern allen in den Gliedern gramselte, mit welchen Augen wir die Hochschule ansahen und wie groß eigentlich unser Mut in den Wiederholungskursen zu werden begann und wie oft wir bei uns selbst werweiseten: ob es sich denn wohl der Mühe lohne, mehr zu lernen? Und doch blieben wir noch aufrecht, obschon der Entwurf des Erziehungs-Departementes hätte entmutigen sollen. Aber wir dachten mit gewaltigen Worten und spitzigen Federn vor dem Großen Rat zu siegen und ließen nun schreiben, was das Zeug hielt, und redeten drein, daß es uns dünkte, die Großräte müßten aus D...k gemacht sein, wenn sie nicht auch Feuer und Flammen für uns speien sollten. Man kann sich denken, wie unsere Herzen klopften, wie unsern Weibern bangte, wie selbst unsere Kinder fragten: »Ätti, wenn dörfe mr im halbe Tag o über dTischdrucke?«, als endlich auf den Großrat-Traktanden auch das Primarschulgesetz stund. Wir glaubten, die ganze Volksmenge zittere gleich uns vor Eifer, wie das wohl herauskommen werde? Aber, o Gott, die Leute nahmen es kaltblütig! Nahmen es kaltblütig, als mit dem nassen Finger eine Hoffnung nach der andern uns durchgestrichen und eine Bürde nach der andern auferlegt wurde. Das Departement war von dem Grundsätze ausgegangen, daß der Stand nicht sei, was er sein solle, daß daher nicht dem Stande, sondern nur einzelnen zu helfen sei, die bereits wären, wie sie sein sollten. Das gute Departement hatte nie gerechnet, was eine Schulmeister-Haushaltung, gehalten gleich einer Tauner-Haushaltung, koste: hatte nicht darauf gerechnet, daß wir auch fleischliche Gelüste hätten; nämlich uns satt zu essen, zu trinken, uns zu kleiden; hatte nicht daran gedacht, daß ein guter Fuhrmann ein Pferd nicht nüchtern aus dem Stall nimmt und ihm sagt: Wenn du brav läufst, dann will ich dich auch brav füttern, sondern daß er es erst brav füttert und erst dann ein braves Laufen von ihm fordert. Das gute Departement! Es fürchtete vielleicht auch, seinem lieben Kinde, der Hochschule, das in vollen Zügen an seinen Brüsten sog und, nach Art gieriger unartiger Kinder nicht selten in dieselben biß, die Milch zu entziehen. Das Departement meinte vielleicht, durch Geld mache es die übermütige Rasse nur noch übermütiger, aufgeregter, meinte, durch Hunger und die Aussicht, daß in des Departementes Händen Stoff liege, die, welche zahm und gedemütigt herbeikröchen, nach freiem, gutem Willen zu sättigen und zu füttern, würden am schnellsten die Widerspenstigen gebändigt und zum Gehorsam gebracht. Gewiß ist's, daß Es dabei etwas meinte; aber ich will nicht behaupten, daß es das obige war; es kann eben so gut etwas anderes gemeint haben. Es kann ebensogut mit späterm zusammengehangen haben; aber ich will es auch nicht behaupten, denn äußerlich wurde kein Zusammenhang sichtbar; des Departements Erlasse kamen uns auf dem Lande vor, wie einzelne Posaunenstöße, wie Ausbrüche des Vesuvs, prächtig anzuschauen, besonders von ferne, wie schöne Einfälle in schönen Nachten. Sein Wollen umzog ein geheimnisvoller Dunkel als den Tempel zu Delphi. Aber, o Herr! Wie ward uns, als vor allem aus der Entwurf der großen Schulkommisston beseitigt wurde; als von Seite des Departements erklärt wurde, sie hätte ohne Sorgfalt gearbeitet; nachmittags zurückgenommen, was sie am Morgen erkannt, als kein Mitglied des Großen Rates, selbst Vater Fellenberg nicht, dieses für eine unbesonnene und ungerechte Mißhandlung erklärte, kein Mitglied das Verhältnis der Kommission zum Präsidium insbesonders und zum Departement im allgemeinen auseinandersetzte; als alle ihre selbstgewählte Kommission so schnöde beseitigen ließen! Ja, als selten ein Mitglied des Großen Rates eine Einrede wagte, weil jedem, der es that, abgeputzt wurde; als einer Menge eingegangener Einwürfe gegen den Entwurf nicht gedacht wurde; als unser Einkommen auf keine Weise verbessert wurde; als nur das Erziehungs-Departement Geld erhielt, freilich zu Gnadenspenden für uns; als erkannt wurde, teilweise Erhöhung des Einkommens gebe das Recht, eine Stelle ledig zu erklären; als uns Schule das ganze Jahr durch auferlegt wurde, aber den Gemeinden keine Verbindlichkeit, uns dafür zu entschädigen; als uns noch eine Menge Dinge auferlegt wurden und dagegen keine Vergütung, keine Erleichterung uns zukam; als der Primarschule gar noch nach dem Gesetz, von dem man bald sagte, es werde eine lange Reihe von Jahren durch dauren, bald wiederum es transitorisch nannte, eilf Fächer zugewiesen wurden, und niemand so recht ergreifend und aus dem Herzen dagegen und für uns eintrat; als alle Hoffnungen in Trümmern gingen und manche neue Last aufging! Da zog der Jammer ein in manches Schulmeisterherz, da umzog Jammer, düster und schwarz wie eine Gemitterwolke, manche Haushaltung! Da durchschnitt manchen von uns die Ahnung, daß wir eigentlich in der allgemeinen Wertung ganz anders stünden, als man uns vorgespiegelt hatte; daß die einen nur den Stand so hoch gepriesen, den gegenwärtigen Personen aber abgeneigt geworden, allerdings zum Teil durch unsere Schuld; daß die andern nns nur deswegen so hoch erhoben, um die Pfaffen, deren Einfluß auf das Volk man fürchtete, desto tiefer herunter zu machen, verdächtigen, ihnen zur Last legen zu können, am gegenwärtigen Zustand allein schuld zu sein und nicht Gott der Herr; daß eine Menge, wie Gänse ihrem Führer, diesem Geschrei beigestimmt, ohne zu wissen, was sie schrieen, ohne zu denken, daß dem Geschrei auch etwas Anderes folgen solle, ohne von ferne sich einfallen zu lassen, daß dieses Geschrei sie etwas kosten könne, nämlich eine Erhöhung unserer Besoldungen. Ja, es kam noch eine andere Ahnung über uns und zwar die, daß die Väter des Landes die Primarschulen nur noch so halb am Herzen hätten und sie eigentlich gar nicht mehr als ihre Schulen betrachteten, d. h. als die Schulen, welche ihre Kinder zu besuchen hätten; sondern daß sie nur noch ein mitleidiges Auge auf sie würfen, so ungefähr wie ein Spießbürger von Burgdorf auf die Hintersäßenschule. Als das größte Heil des Landes, als die Pflanzschule künftiger ländlicher Gelehrten und Staatsmänner war, um ihre Dekretierung durchzudrücken, bei den aus einem richtigen Instinkt widerstrebenden Landleuten die Hochschule angepriesen worden. Die Landleute meinten halt, man fange ein Haus unten an zu bauen und nicht oben; aber das Departement meinte es halt anders, und die guten Landleute sind halt gewohnt zu stimmen, wie man sie in Bern oder von Bern aus brichtet. Sie sind halt jetzt von einigen Zeitungsschreibern unterjocht geistig, ehedem von Aristokraten leiblich. Es war also ganz natürlich, daß jeder, der sie beschließen half, dachte, das sei gut für seine Kinder, die müßten auch da sitzen, wo er sitze, oder vielmehr noch höher oben; da gehe es ringer, Geld zu verdienen, als daheim beim Stöcken, und da trage wirklich eine Stelle, die man mit dem Gring versehen könne am Schatten, mehr ein als ein schöner Baurenhof Sonnseite. Und zudem dachte er noch, es sei eigentlich nichts als billig, daß seine Kinder vor allen andern auch dahin kämen, wo er sei, da er auch anfangs hier gesessen vor andern und noch viel gewagt habe, hier zu sitzen, wenn einst die Aristokraten wieder obenauf kommen sollten. Nun wußten diese Mannlein alle so viel von der Sache, daß sie wußten, man lerne auf einer Hochschule nicht buchstabieren und einen Brief schreiben, sondern das müsse man an einem andern Ort lernen. Aber sie dachten, das müsse, um auf die Hochschule zu kommen, auf eine ganz andere Weise gelernt sein, und das könne nicht in der Schule gelernt werden, wo auch gemeine Kinder lesen und schreiben auf gemeine Weise lernten, von wo aus sie bösdings ins Weltschland könnten, aber nicht auf die Hochschule. Sie dachten vielleicht auch, es schicke sich nicht mehr recht, wenn Kinder der Landesväter so mit Crethi und Plethi bschulet würden und da vielleicht auch einen Tätsch aufs H... bekämen wie gemeiner Leute Kind. Diese apartigen Schulen waren schon lange da und waren von Leuten gestiftet worden, die wirklich das Bedürfnis fühlten, ihre Kinder besser unterrichten zu lassen, als es in den Dorfschulen geschah. Diese Schulen waren besonders da, wo Industrie sich regte. Auch in sie kamen aber böse Elemente, Neid und Hochmut, und als böse Folge die Vernachlässigung der Primarschulen an selbigem Orte. Denn die, welche eine apartige Schule hatten, waren gewöhnlich die Regenten der Ortschaft, und diese bekümmerten sich dann meist um die Primarschulen nicht mehr, wenn nur ihre Kinder etwas lernten; und je minder die andern lernten, desto wohlfeilere Knechte behielt man. Diese Leute hieß man bei uns freisinnig; denn obgleich wir Schweizer sind, geht es doch bei uns noch mitunter polnisch zu. Diese Schulen nannte man ehedem Privatschulen; allein seitdem die Pädagöglein ihnen ihre Aufmerksamkeit schenkten, gaben sie ihnen flugs einen andern Namen und nannten sie hochklingend Sekundarschulen. Diese Sekundarschulen, glaubte man nun, führten in die Hochschule, so wie die Hochschule in die Regierung, soweit sie etwas eintrage. Weiter wußte man von den Sekundarschulen nichts, als daß man dort noch Weltsch lerne. Und nach diesen Sekundarschulen schrie man nun Zettermordio, wohlverstanden, daß der Staat sie einrichte. Man wollte durch sie reich werden; aber sie sollten einen nichts oder doch gerade nur so viel kosten, daß sie dem Armen zu teuer seien. Auch hörte ich einen, der etwas mehr merken mochte als andere, nach Gymnasien schreien. Da er die Gabe nicht hatte, sich recht deutlich auszudrücken, so ward mir seine Meinung nicht ganz klar, vielleicht daß er selbst keine klare hatte. Er schien zu meinen, daß zur Erleichterung des Landmanns, der auch gelehrt zu werden das Recht habe, der Staat wenigstens an jedem Ort, wo ein Wochenmarkt sei, ein Gymnasium mit der gehörigen Lehrerzahl zu errichten habe. Dieses Geschrei nach Sekundarschulen war freilich zum Teil aus dem Bedürfnis hervorgegangen, aber zum großen Teil doch aus den Vorspieglungen, die man bei Stiftung der Hochschule gemacht hatte; wo man viel geredet hatte von einem vollständigen, vaterländischen, umfassend ineinander greifenden Organismus der sämtlichen Unterrichtsanstalten; wo man beständig auf die Sekundarschulen verwies, wenn man Ungläubigen den Nutzen der Hochschule verständlich machen wollte. Dieses Geschrei hatte aber die Mächtigen des Landes für die Primarschulen erkältet; ihre stiefmütterliche Behandlung ließen sie unbeachtet. Je weniger man für die Primarschulen brauche, desto mehr habe man für die Sekundarschulen, und brauche man für die Primarschulen das Nötige, so habe man für die Sekundarschulen nicht das Hinlängliche, und doch seien diese die Hauptsache, denn sie seien für die achtbare Klasse, jene nur für die Leute, die eigentlich nichts zu wissen brauchten, wenn sie nicht etwas Religion haben müßten, damit andere Leute sicher seien vor ihnen. Ob beide Arten von Schulen in einem Zusammenhang stünden oder stehen sollten, darüber machte man sich keinen Begriff; man dachte nur, die Sekundarschulen seien halt die bessern als die andern. Darum rührte sich auch kein Bein für uns; man hatte nicht einmal teilnehmende Gesichter bei unserer Klage; ja man hatte nicht einmal Zeit, uns einen Augenblick klagen zu hören. Jetzt glaubten wir das Ärgste erfahren zu haben, – fürchterlich getäuschte Hoffnungen. Wir versanken wieder in die alte Apathie und fingen an um so emsiger zu weben, zu schustern, zu tischmachern, um das an so vielen Versammlungen unnütz verbrauchte Geld, um die verlorne Zeit wieder einzubringen. Da rüttelte uns eine noch fürchterlichere Nachricht auf einmal wieder auf, die Nachricht, alle Primarlehrer sollten examiniert werden. Das Departement hatte dieses Examen wirklich erkannt und über uns verhängt. Es war ein sehr kluger Schritt von dem Erziehungs-Departement und ein sehr wohlthätiger für uns, ungefähr was ein Brechmittel bei einer Magenüberladung. Klug war der Schritt, weil in diesem Schritt eine Rechtfertigung des Departementes lag, daß dasselbe nicht mehr für uns gethan. Wir durften nach abgehaltenem Examen viel weniger mehr aufbegehren; gar mancher wurde ab hohem Roß zum beschämten Schweigen gebracht. Und endlich kam dadurch das tit. Departement zun einer gründlichen Kenntnis sämtlicher schulmeisterlichen Kapacitäten, wenn nämlich das Examen auf eine Weise abgehalten wurde, daß ein vernünftiges Resultat daraus entsprang, und wenn die darüber geführten Tabellen auf eine Weise abgefaßt wurden, daß dieses Resultat in die Augen sprang. Potz tausend, wie wir da wieder aufsprangen und zusammen; wie da die Rädelsführer wieder schönes Spiel bekamen, und die Männerchen, an denen ein weites Maul und sonst nichts war, dieses Maul brauchten, daß man hätte meinen sollen, in demselben stecken lausend Donnerwolken und hintendran die Donnerkeile! Wie wir da aufredeten, uns zusammenballten zu Brüderschaften und hofften, die ganze Republik werde aufstehen gerade wegen uns, und meinten: der von uns, der gesagt hatte, er brauche nur zu pfeifen da über die Berge hinein, so kämen die da von den Bergen hernider schwallsweise, der sollte jetzt einmal pfeifen über die Berge hinein, es wäre an der Zeit. Ob er gepfiffen hat oder nicht, weiß ich nicht; aber das weiß ich: die im ebenen Lande nahmen es kaltblütig, die auf den Bergen noch kaltblütiger, und viele auf dem Lande und in den Städten am verflüchtigst kaltblütigsten; sie gönnten es uns und – Aufstand gab es keinen. Wir waren freilich, da mit jeder Schulerledigung ein Examen verbunden ist, mehr oder weniger gewohnt an Examen. Allein es waren doch solche unter uns, die so wohl saßen, daß sie keines mehr zu machen dachten, und da es ein General-Examen werden sollte, so dachten wir, es werde auch durch eine Art von Generalen abgehalten werden und nicht nur durch gemeine Schulkommissäre, die oft ebenso gut in Verlegenheit waren, was sie fragen, als wir, was wir antworten sollten. Wir (d. h. wenn ich wir sage, so verstehe ich immer die Partei, zu der ich gehörte, die natürlich auch aus Selbstlautern und Mitlautern bestund; ein Teil der Schulmeister hing, wenigstens öffentlich, dem Erziehungs-Departemente und seinen Verfügungen an, oder unterwarf sich ihm wenigstens) sperzten so lange wir konnten, protestierten so lange wir konnten, und als nichts mehr zu machen war, fügten wir uns, bis auf wenige, die eben nicht besondern Nachteil von ihrem Weigern fühlten bis dahin. Das Examen lief recht ordentlich ab. Die Herren General-Examinatoren waren manierliche Leute, die niemand zu hängen oder zu köpfen begehrten. Es waren auch besonders kluge Männer, die nicht lange zu fragen brauchten, was mit einem sei; sie sahen es schon an von weitem; man brauchte kaum den Mund zu öffnen, so machten sie schon Zeichen in ihre Kalender. Es waren auch verschwiegene Leute; auch nicht mit einer Silbe verrieten sie, was das Examen für Folgen haben werde. Wir waren im ganzen mit uns und ihnen recht wohl zufrieden; aber böse wurden wir und räsonnierten über unsere ehemaligen Lehrer, daß die uns nicht in allen Stücken die Antworten gelehrt hatten, die auf der Examinatoren Fragen gepaßt hätten. Wir wußten nicht recht, war dieses geschehen aus Bosheit oder Dummheit. In den Fächern des § 16, nämlich Linearzeichnung, Geschichte, Erdbeschreibung, Naturgeschichte, Naturlehre, Verfassungslehre, Buchhaltung, Haushaltungskunst und Landwirtschaft, hatten in unserer Gegend sich wenige examinieren lassen. Aus dreien Gründen. Aufgestiefelt durch einige, die in diesen Fächern sich bloßzugeben fürchteten, traf man allgemeine Verabredungen, in diesen Fächern sich nicht examinieren zu lassen; ferner trauten sich allerdings viele nicht, ein Examen in Fächern zu bestehen, über die sie höchstens etwas von weitem läuten gehört; man wußte nicht, wie leicht oder wie schwer diese Examen sich gestalten würden. Drittens endlich glaubten andere, den Grundsatz festhalten zu müssen, daß diese Fächer gar nicht in ein Gesetz, welches doch nur ein vorübergehendes sein solle, hätten aufgenommen werden sollen, indem sie in den meisten Primarschulen, bei dem lässigen Schulbesuch, bei der allseitigen Nichthandhabung des Gesetzes, durchaus nicht eingeführt werden könnten vernünftigerweise! Freilich, als man dann sah, wie lugg die Examen über diese Fächer meistens waren, so war später mancher reuig, sie wenigstens nicht versucht zu haben, obgleich keinem von weitem beifiel, daß dieses Machen oder Nichtmachen irgend einen Einfluß auf seine spätere Stellung hätte. Ich aber, der einem Examen in einem andern Amtsbezirk beigewohnt hatte, ließ in einigen Fächern mich examinieren. Unterdessen war auch der Entwurf eines Sekundarschulgesetzes ins Publikum gekommen, aber nur spärlich, gleichsam verstohlen. Das Departement hatte bis dahin so viel Widerspruch zu erfahren geglaubt, daß es zu der Meinung zu kommen schien, es sei das Klügste, seine Projekte hinter dem Umhang zu halten, bis sie Gesetzeskraft erhalten; dann könnte man in Gottesnamen schreien, würde es doch in seinen Plänen und Absichten nicht mehr unangenehm unterbrochen. Aus diesem Entwurf ging aber gar nicht hervor, was das Erziehungs-Departement unter einer Sekundarschule verstand; fast hätte man auch eine Kleinkinderschule so nennen können, auf jeden Fall manche Primarschule, und alle sogenannten Aristokratenschulen wären Sekundarschulen geworden, sobald nämlich das Departement günstig zu stimmen gewesen wäre dafür. Zu gleicher Zeit aber war dem Lande auch gar nichts versprochen Bestimmtes, Rundes. Man sah darin allerdings den vernünftigen Grundsatz, daß das Departement dem Bedürfnis nicht vorgreifen wollte; aber man sah nirgends, wie da, wo das Bedürfnis da sei, die Sache sich gestalten, was der Staat thun müsse, nur was er thun könne. Es entstund der Glaube, man sei bei Errichtung der Hochschule betrogen worden. Nun, da man die Hochschule habe, frage man allem Übrigen wenig nach und habe kein Geld dafür. Kein Geld zu Schulen für das Land, damit die auf dem Lande auch zu Pöstlein in der Stadt kommen könnten, wo jetzt Bekannte sich so wohl sein ließen. Oder höchstens Geld für die Orte, wo die in die Stadt Gezogenen Verwandte hinterlassen hätten, denen sie auch einige Bröcklein gönnten. Einen sehr unangenehmen Eindruck machte daher dieser Gesetzesentwurf, aber diesmal nicht bei den Schulmeistern, sondern bei den Magnaten. Diese Magnaten redeten nun ein solch Wörtlein zu der Sache, daß der Entwurf durchfiel vor Großem Rate. Ungeachtet auf eine denkwürdige Weise damals dem Großen Rate angeworfen wurde: wenn er sich unterstehe, solche Entwürfe zu kritisieren, so solle er selbsten bessere machen. Zweiunddreißigstes Kapitel. Wie bei allem Doktern die Schule verdokteret wird. Während damals dieses Gesetz im Publikum besprochen wurde, fuhr unter uns Primarlehrer unerwartet, wie eine Bombe, ein neu Gesetz; ein Gesetz, das man, um den unangenehmen Widerspruch zu ersparen, nicht vor Großen Rat, sondern nur vor den Regierungsrat gebracht und von dort aus hatte ausgehen lassen. Es war ein Gesetz, welches allen Schulmeistern, die durch die General-Examinatoren für hinlänglich befähigt erfunden würden in den Fächern des § 15, Religion, Sprache, Rechnen, Schreiben, Gesang, ein Minimum von 150 L. zusprach, wo Holz, Haus, Land angerechnet werden konnten. Allen denen, die nicht hinlänglich befähigt gehalten wurden, wurde nichts zugesprochen; hingegen erhielten die, welche in den genannten Fächern des § 16 sich hatten examinieren lassen und befähigt erfunden wurden, per Fach 25 L. mehr, so daß das Maximum der Schullehrer-Besoldung auf 300 L. anstieg. Es war auch befohlen, daß kein bisheriges Einkommen solle vermindert werden, sondern daß die Gemeinden, welche bisher ihrem Schulmeister z. B. 250 L. gegeben, ihm es fürderhin auszubezahlen hätten, auch wenn er nur 150 L. oder gar nichts geschatziget worden. Hingegen müßten auch die Gemeinden, welche gar nichts von den Fächern des § 16 begehrten in ihren Schulen und dem Lehrer bis dahin nur 150 L. gaben, dem Lehrer das Einkommen bis auf 300 L. erhöhen, sobald er fähig erachtet worden, diese Fächer zu lehren. Freilich war im Hintergrunde auch auf die Beihilfe des Staates gewiesen; aber wie ihre Ausmittelung geschehen sollte, war auch hier nicht bestimmt angegeben, und welche Kraft man hätte, die Gemeinden, welche nicht wollten, zu zwingen, war auch nicht angegeben. Und welche Kräfte man dazu brauche, hätte man vom Sommer 1835 bei Verfügung über die Sommerschulen wissen sollen. Dieses Gesetz traf eine Menge Lehrer furchtbar und zerstörte alle Hoffnungen; zwar sah man nicht sogleich in dessen Tiefen nieder, weil man die besondere Anwendung desselben auf jeden einzelnen sich nicht dachte und jeder mit der Hoffnung sich tröstete, daß er wenigstens 150 L. hoch gewertet sei; was doch für viele in einzelnen Landesteilen eine bedeutende Verbesserung ausmachte. Hingegen stellte es die Primarschule auf den Kopf, indem es dadurch, daß jedes Fach des § 16 mit 25 L. dotiert wurde, also alle Fächer zusammen mit 150 L. über die andern 150 L. aus, während der tüchtigste Lehrer in den Fächern des § 15 nur auf 150 L. Anspruch machen konnte, den Wahn erweckte, als wären die Fächer des § 16 die Hauptsache, als müßten die um jeden Preis eingeführt sein und daher natürlicherweise alle Kräfte der Lehrer auf die Befähigung in diesen Fächern richtete, während die meisten Lehrer alle ihre Anstrengungen nötig gehabt hätten, sich recht tüchtig in den Hauptfächern auszubilden. Und dahin wäre es allerdings gekommen, daß man in den Primarschulen alles gelernt hätte und nichts. Ich muß bekennen, daß mich dieses Gesetz nicht so erschreckte. Ich hoffte auf jeden Fall viele Franken mehr zu bekommen als bisher. Aber eins machte mir ein wenig bange. Ich dachte, wenn mir die Gemeinde für Fächer zahlen solle, die ich nicht lehre, so werde sie gewaltig aufbegehren und sagen, das sei nirgends der Brauch, daß man Dinge bezahle, von denen man nichts habe. Ich glaubte daher am besten zu thun, alsobald, was ich von diesen Fächern wußte, einzuführen, und schwitzte einige Wochen tüchtig mit den Kindern in der Naturlehre und der Erdbeschreibung und der Vaterlandsgeschichte ec. Da kam eines Tages der Pfarrer in die Schule, als ich eben in solchen Fächern herumtappte. Er setzte sich hin, hörte dem Ding zu, ohne ein Wort zu reden. Als die Schule aus war, blieb er noch und sagte mir nun ganz manierlich wüst auf folgende Art: »Schulmeister,« sagte er, »was Tausend kömmt Euch in Sinn, so auf einmal in allen Fächern herumzufahren? Eure Bauren räsonnieren gräßlich darüber und behaupten, daß Ihr die Kinder geradezu dem Teufel zuführtet oder wenigstens dem Antichrist, und daß die Schule seit einiger Zeit ganz verpfuscht sei.« Ich erzählte nun dem Pfarrer kurz, daß ich die Sache so nötig glaube wie das hohe Erziehungs-Departement. Wenn dieses nicht überzeugt gewesen wäre von der Notwendigkeit der Sache, so hätte es kein solches Gesetz gegeben. Übrigens sei es mir auch um meine Franken, die ich viel nötiger hätte, als der Herr Pfarrer denke, weil mir 1 L. mehr zu sagen habe, als ihm vielleicht hundert. Und ich hoffe doch, der Herr Pfarrer werde mir diese Verbesserung wohl auch gönnen. Das sagte ich etwas verblümter, aber doch in diesem Sinne. Da schaute mich der Pfarrer einen Augenblick sehr ernst an, aber bald sprühte ihm das Lachen wieder aus dem ganzen Gesicht. »Ach Gott! ja, mein Schulmeister, ich gönne Euch alles, sogar Eure Frau, und um ihretwillen hundertmal mehr an Geld, als Ihr erhalten werdet; aber eben deswegen muß ich Euch warnen vor Dummheiten. »Das hohe Departement versteht alles am besten, das versteht sich von selbst. Aber ich denke mir doch, es könne menschlicherweise nimmer an alles denken und habe z.B. bei Abfassung dieses Gesetzes nicht gedacht, wie unsere Schulen in diesem Augenblicke beschaffen seien und welches seine Wirkungen auf die Schulen sein werden. Ich weiß wohl, es kennt den innern Stand der Schulen durch und durch, und weiß von jeder Schule akurat, wie weit sie ist und was in ihr vorgeht; aber eben vergißt denn doch der Mensch zuweilen, was er weiß. Aber ihr Schulmeister solltet denn doch nicht vergessen, wie eure Schule steht, und wie ihr mir bei den alten Fächern schon gesagt, ihr wüßtet nicht, wie Zeit finden für alles; und wie ihr mich auf die Mugge genommen, als ich euch zumutete, eine bessere Ordnung in eure Schule einzuführen und jede Minute zu Ehren zu 'ziehen. Wie wollt ihr Ordnung erhalten, keine Klasse vernachlässigen, wenn ihr nun noch ein halb Dutzend Fächer auf einmal dazu nehmet? Ihr, Schulmeister, solltet doch eure Bauren nicht vergessen, die ihre alle Tage vor Augen habt, und was in ihnen steckt. In den Erklärungen der Kinderbibel könnt ihr ihnen tausend Sachen aus der Natur und die Natur selbst erklären; sie nehmen es mit Freuden auf. Aber da fangt ihr eigends an mit Naturlehre und Naturgeschichte; das, meinten sie, sei nun die neue Religion, von der schon lange gefaselt worden (wie man ja auch von einer neuen Bibel sprach), die wolltet ihr nun lehren statt der Gotteslehre, statt der Christuslehre. Dann fangt ihr noch gerade bei dem heikelsten an, bei dem Sonnensystem, und daß die Sonne stille stehe, die Erde aber rund umgehe, während es bei euern Bauren ein Glaubensartikel aus den Psalmen und dem Buche Josua ist, daß das Umgekehrte stattfinde. Da lästern sie nun furchtbar über die neue Lehre, euern Unglauben und den Mißbrauch des Schulhauses.« »Aber, Herr Pfarrer,« sagte ich, »soll man denn nicht jedermann die Wahrheit sagen und die Leute aufklären in ihrem Aberglauben?« »Aber, Schulmeister, sagt man dann jedermann die Wahrheit? Sagt Ihr jedermann: Du hast eine krumme Nase, du hast verdrehte Augen oder rote Haare? Sagt Ihr jedermann: Du bist ein Kamel! wenn er sich wie ein Kamel gebärdet? Das im allgemeinen über das »die Wahrheit sagen«. Aber noch insbesondere muß ich Euch bemerken, daß die Leute eine gar wunderliche Religion haben, mit gar mancherlei Anhängseln beladen; rührt ihnen nur ein Stück an, so wackelt entweder das Ganze oder sie verketzern Euch. Gerade so hatten es auch die Juden, und Christus ließ das sein, wohl wissend, daß alle diese Anhängsel sich von selbst ablösen würden, wenn der Sinn seiner Worte einmal durchdringe. Gerade so ist es mit der Sonne und mit der Erde; das ist auch ein solcher Anhängsel des Glaubens. Habt Ihr ihnen einmal einen vernünftigen Glauben festgestellt, dann fallen solche Dinge von selbst weg; aber das müßt Ihr zuerst thun und nicht mit dem Wegnehmen anfangen. Übrigens, wenn Ihr den Nutzen dieser Lehre für diese Leute, und den Schaden, den sie diesen Leuten und besonders Euch diesen Augenblick bringt, abwägt, so wißt Ihr bald, woran Ihr seid. Gerade so ist es auch mit der Natur und der Lehre von den Naturkräften. Wollt Ihr die abgesondert von der Lehre von Gott geben, so werdet Ihr, Ihr möget das hier machen, wie Ihr wollt, gelten für einen Heiden, einen Gottesleugner. »Ein Stück des Glaubens ist auch, daß der liebe Gott den Blitz, wie der Mensch einen Stein, in der Hand habe und ihn schleudere auf den, der ihn geleugnet oder gelästert. Das ist allerdings richtig, der Blitz ist in Gottes Hand, d. h. der Blitz wird von Gott regiert; er fährt, wohin Gott will, wie das Sandkorn, das vom Meeresstrand der Wind emporhebt, wie der Stein, der des Knaben Hand entflicht. Aber das Sein des Blitzes in Gottes Hand, so wie der Ausdruck: Hand Gottes, das sind bildliche Ausdrücke. »Da saß einmal ein Schulmeister an einer Gräbd wohlgemut und unterhielt die langsam kauenden Leute mit seiner Weisheit. Es wurde erzählt unter anderem, daß irgend ein ruchloser Statthalter von Gott durch einen Blitz erschossen worden sei. Dem Schulmeister ward wohl, daß er da wieder leuchten konnte in seiner Weisheit. Er legte sich hinten an, legte seine Hand auf den Tisch und die Gabel gradauf in derselben, wie ein Scepter, und sagte: Gott erschieße niemand mit einem Blitz; die Blitze kämen nur aus den Wolken und nicht aus dem Himmel. Er entwickelte nun scharfsinnig die Theorie des Blitzes, wie er durch Reibung zweier Wolken entstünde und dahin führe, wo der Wind angfähr ihn hintreibe. So wie der Schulmeister in seiner Entwicklung vorrückte, rückten die Leute von ihm weg, und als er fertig war, eilten die meisten fort in bedenklicher Angst, Gott möchte solche vermessene Reden mit einem Blitz ins Haus züchtigen. »Der Schulmeister, der sich so unerwartet allein sah, begann endlich zu merken, was er angerichtet habe; aber er begriff seine Dummheit nicht, sondern hielt über die dummen Leute dummerweise sich auf. Er begriff nicht den frommen Glauben der Leute, die Gottes Leitung alles unmittelbar zuschreiben. Als die Gelehrten nach und nach die verschiedenen Prozesse in der Natur entdeckten, entdeckten, daß nicht alles unmittelbar von Golt komme, so wurden auch sie verwirrt und ungläubig. Der fromme Glaube fand sich aber bald zurecht. Er gab recht gerne zu, daß das Reiben der Wolken den Blitz erzeuge, daß der Windzug ihn führe; aber er behauptete, daß Gott auch der Wolken und der Winde Herr sei, daß die Wolken sich entladen, die Winde wehen müssen nach seinem Willen, daß er also denn doch auch den Blitz regiere als wie mit seiner Hand. So hoch hatte aber jener Schulmeister sich nicht erhoben; darum verurteilte ihn, und mit Recht, der fromme Glaube seiner Zuhörer; und so wird es gegenwärtig jedem auf dem Lande gehen, der die Natur und ihre Wunder für sich apart und ohne Gott nach ihren natürlichen Ursachen erklären will.« Während dem Erzählen war meine Frau eingetreten, um zu sehen, wo ich bleibe, und hatte recht andächtig zugehört bis ans Ende. Ich hatte ein Leichengebet gehabt und war erst kurz vor Anfang der Schule heimgekommen, so daß ich nicht recht essen konnte. Es war nicht meine Sitte, allemal bei einem Leichenbegleit die Schule zu versäumen. Deswegen hatte mir mein Fraueli ein Kaffee gemacht und fürchtete, es möchte kalten. Der Pfarrer merkte es nun auch und gab ihm gar freundlich die Hand und ließ die nicht gleich los, wie es sonst der Brauch ist, sondern behielt sie und betrachtete sie auf allen Seiten. Da wurde Mädeli ganz rot und wollte sie wegziehen. Aber er sagte, sie solle sich nur nicht schämen; er habe allemal eine rechte Freude, wenn er ihr die Hand geben könne. Man sehe ihrer Hand die Arbeit gar gut an und daß sie dieselbe nicht schone; aber sie sei allemal so blank und sauber und appetitlich, daß er ein recht Ergötzen daran hätte. Er wollte, es hätten alle Schulmeisters-Frauen solche; dann wären auch viele Schulmeisters-Kinder sauberer und mancher Schulmeister kein Sauniggel mehr. Wasser sei im Kanton Bern überall wohlfeil, und in der Hoffart der Säuberlichkeit sollte ein Schulmeister mit allem, was ihm angehöre, vorangehen, in keiner sonst. Darauf frug er, was es hergebracht? und Mädeli mußte es endlich sagen. Da sagte er, wenn er wüßte, daß sie auch ein Kacheli für ihn hätte, so nähmte er auch eins. Da wurde Mädeli wieder rot und es gab ein langes Märten zwischen dem Pfarrer und ihm, weil es für den Pfarrer apartigen machen wollte, da es Schigore nicht gespart hatte. Allein der Pfarrer wurde Meister und trank mit uns von meinem Kaffee, während Mädeli noch immer Entschuldigungen machte, daß wir nur rauhes Brot hätten und altes und dann noch gar keinen Zucker. Aber der Pfarrer ließ ihm aus diesem gar nichts gehen, sondern rühmte es, daß es mich dünkte, er könnte afe hören. Um diesem ein Ende zu machen, begann ich unser früher Gespräch fortzusetzen und meinte, man könnte also doch füglich Naturlehre lehren, aber immer in Bezug auf Gott. »Ja, Schulmeister, das kann man« sagte er, »aber man muß dann seines Gegenstandes Meister sein und ihn wirklich mit frommem Sinn aufgefaßt haben. So wie aber viele Schulmeister diese Fächer kennen, können sie dieses nicht; sie haben etwas von der Natur gelernt und etwas von Gott, aber von beiden nicht genug, daß sie dieselben verbinden können; und wenn sie es auch auf den Stundenplan thun, so geben sie die einzelnen Brocken wieder von sich, wie sie sie geschluckt haben. Expreß, Schulmeister, habe ich euch, da mir über das Lehren dieser neumodischen Fächer geklagt wurde, zwei Briefe mitgebracht, die ich von zwei Freunden erhalten, mit Müsterlein, wie diese Fächer gelehrt werden, wenn man sie erzwingen will. Soll ich sie euch lesen?« Ich hatte das verdammt ungern vor Mädeli; denn die hatte schon mit mir deswegen disputiert; allein was sollte ich anders als Ja sagen? »Nun, Schulmeister, so höret das Erste; es passet gerade Hieher. In einer Schule, wo auf dem Stundenplan folgende Fächer, außer den gewöhnlichen, angeschrieben standen: Seelenlehre, Geographie, Naturgeschichte, Naturlehre in Bezug auf Religion, Schweizergeschichte, Linearzeichnung und Formenlehre, wünschte der Schulkommissär einiges aus der Naturlehre in Bezug auf Religion zu hören. Der Schulmeister fragte: ob er gleich die Naturgeschichte damit verbinden solle? »Wird mich sehr interessieren,« antwortete mein Freund. Der Schulmeister langte ein geschriebenes Heft hervor, warf einige Blicke in dasselbe und begann: »Lehrer: Derjenige, der sich mit Naturkörpern abgibt und sich Kenntnis darin erwirbt, wie heißt man das Fach? Kinder: Naturlehre. L.: Was behandelt dann die Naturgeschichte? K.: Mehrere: Die unorganischen Wesen; Andere: Nein, die organischen! Noch Andere: die Zoologie. L.: Richtig! die Zoologie, oder die Geschichte der Tiere, wozu man einigermaßen auch die Pflanzen rechnen kann, da sie auch Leben haben. Was ist Natur? K.: Alle Geschöpfe der Erde. L.: Kann man nicht anders sagen, als Geschöpfe? K.: Wesen. L.: Ja, Wesen, oder auch Kör... K.: Körper. L.: Ganz recht, Körper! Nun sagt mir, Kinder! in welcher Natur befinden sich alle Körper? K.: In Gottes Natur. L.,: Gut! Und worin befindet sich jeder Körper in Gottes Natur? Nun! wer weiß es? In einem Zu... K.: In einem Zustande. L.: Wie lange befindet sich der Körper in einem Zustande? K.: Bis ein anderer darauf fällt. L.: Ja, oder bis eine Veränderung mit ihm vorgeht. Wie heißen wir nun diese Veränderungen? Er Er.. Erschei... K.: Erscheinungen. L.: Nichtig! Und weil sie in der Natur vorfallen? Naturerschei... K.: Naturerscheinungen. L.: Als z. B. im Herbst eine starke Röte über die Berge war, glaubten die Leute schon, das bedeute Krieg. Das ist Aberglauben. Eben das war eine Naturerscheinung, ein Nordlicht. – Um sich nun einen Begriff der Tiere zu machen, teilt man sie in ähnliche Klassen, und zwar vorerst nach ihrem Blut in drei Klassen. Wie heißen sie? K.: Mit rotem warmem, rotem kaltem und weißem klebrichtem Blut. L.: In die erste Klasse gehören die Säu... K.: Die Säugetiere und Vögel. L.: In die zweite die Fi... K.: Die Fische und Amphibien. L.: In die dritte die In... K.: Die Insekten und Würmer. L.: Wie habe ich den Insekten noch anders gesagt? Glie... K.: Gliedertiere. L.: Nennet mir einige; z. B. die Kellerguege, die um u-n-um Schicht het. Und aus der Raupe, was gibt es für ein Insekt? Eine Pup, Pup... K.: Eine Puppe. L.: Wie habe ich euch nun gesagt, daß man die Säugetiere abteile? K.: In zweihändige. L.: Dahin gehört der Affe, der am meisten Ähnlichkeit mit dem Menschen hat; denn er hat Einbildungskraft, Phantasie und noch andere Seelenkräfte. Wer kann mir noch sagen, wie man die Seelenkräfte der Menschen einteilt? K.: Erkenntnisvermögen, Gefühlsvermögen und Willensvermögen. L.: Wißt ihr, wo die Affen zu Hause sind? In Af... K.: In Afrika. L,: Ja, im heißen Afrika. Da gibt es deren, die so groß sind, wie einer von euch Buben. Die heißen Orang Utang. Man braucht sie dort als Knechte und Jungfrauen.« Wir hatten einigemal gelacht, und am Schlusse meinte meine Frau: da habe sie allerdings nicht viel von Religion gehört, sondern nur vieles untereinander, von dem sie nicht viel begriffen hätte. »Das sind eben so Brocken, krausi mausi durcheinander, die der Lehrer aufgeschnappt hat, die das Kind nun auch schlucken muß, ein unverdaulich, ja ein recht verderblich Zeug, weil es ganz falsche Begriffe erweckt, sagte der Pfarrer. »Gerade dieses thut besonders die zweite Geschichte, die mir ein anderer Freund schrieb. Auch der kam in eine Schule, wo allerlei Schönes auf dem Stundenplan stand, unter andern Fächern auch die Verfassungslehre. Er wünschte von dieser etwas zu hören. Lehrer: Chinder, was isch e Vrfassig? He, was isch e Vrfassig? was ha-n-i ech gseit? Du Mädeli, du Stüdeli! He, we-n-e Schriftsteller es Buech z'sämetreyt, wie seyt me de? Er heng e'Z Buech vr... vrfass... Kinder: Vrfasset. L.: Ja, Chinder: vrfasset, also wüsset dr jetz, was e Vrfassig ist. U na dr Vrfassig si verschiedeni Rät, di z'bifehle hey, dene me folge söll. Wie heiße die Rät? Er... Erz... Erzieh... K.: Erziehungsrat. L.: Mi cha-n-ihm o Chircherat säge, we me will, u de git's no meh Rät, e Baurat u-n-e Chriegsrat. Aber weles sy die oberiste Rät? Dr chl... K.: Dr chli Rat. L.: U dr groß ... K.: U dr groß Rat. L.: Warum seyt me dem einte chli, dem andere groß Rat? K.: Wil im große meh sy als im chline. L.: Recht, will im große meh sy als im chline. Aber wele het meh z'bifehle, dr groß oder dr chli? K.: Dr chli. L.: Ja, recht! dr chli, da het alle-n-angere z'bifehle. Aber chönnet dr mr säge, wer ist dr Öberist vo alle dene Räte? Dr Sch... Schulth... K.: Dr Schultheß. L.: Ja, dr Schultheß, da isch dr Oberist vo-n-Allne. Aber mr sy hie nit alleini i dr Schwyz, es sy no angeri drin, wie seyt me dene? Ka... Kant... K.: Kantön. L.: Ja, Kantön. U die hey o-n-e Rat z'säme, wie seyt me de dem Nat? Tag... Tagbs... K.: Tagbsatzig. L.: Recht, Chinder! Tagbsatzig. U we de Tagbsatzig z'säme chunt, wer isch de dr Oberist vo dene? Dr Lan... Land... K.: Dr Landjäger. L.: Nei, Chinder! wie cheut dr o nume-n-öppis so Dumms säge? Der Landamme ist dr Oberist de vo Allne. Hier war die Verfassungslehre aus und ich wollte dem Lehrer (so schrieb der Freund) vorstellen, daß er eine unrichtige Verfassung lehre. Aber er antwortete: seine Bauren wollten es gerade so. Da bemerkte ich ihm, daß, wenn er eine Verfassung lehren wolle, er die, welche existiere, vordemonstrieren müsse. Aber er sagte, seine Bauren sagten: man wisse nicht, ob die gegenwärtige z'Jakobstag noch sei, und da hätten die Kinder dann vergebene Mühe gehabt. Da ich dem Mann nicht begreiflich machen konnte, daß die Mühe noch viel vergebener sei, wenn er die Kinder eine Verfassung lehre, die nicht existiere und kaum je existieren werde, so verbot ich ihm einstweilen dieses Fach, auf die Erwartung hin, daß er mich verklage; denn zum Verbieten habe ich gar keine Kompetenz; im Innern seiner Schule ist jeder Schulmeister bis dato souverän.» Das war uns wohl komisch vorgekommen; aber mir fiel schwer aufs Herz, daß der Pfarrer damit meine, ich solle die neuen Fächer bleiben lassen, und sagte daher: »Aber, Herr Pfarrer, es wäre doch gut, wenn die Kinder etwas davon wüßten.« »Allerdings, Schulmeister; aber wenn ihr den Kindern auf dem Standpunkt, wo jetzt eure Schule steht, alles beibringen wollt, was gut wäre, so würdet ihr nicht fertig bis z'Niemerlistag. Alles hat seine Grenze, also auch eine Primarschule, auch hier heißt's: bis dahin und nicht weiters! Wollt ihr weiters, so wird euch die Schule bald aussehen wie jene Fahne, welche ein Schneider aus seinen gestohlenen Blähen zusammensetzte. Für das weitere sollten die Sekundärschulen da sein, wenn man nämlich zu sagen beliebt, für was die da sein sollen. Und will man die Primarschulen weiter ausdehnen, so muß man eine ganz andere Ordnung in den Schulbesuch bringen, dessen Beaufsichtigung an vielen Orten grenzenlos nachlässig gehandhabt wird. Zuletzt werden die Kinder vor lauter Gelehrsamkeit gar nichts mehr können, vor lauter z. B. Sprachlehre keinen Brief mehr schreiben. Die fangt man an mit der gleichen Unvernunft zu treiben, wie sonst das Fragenbuch. Ja, noch viel unverständlicher sind den Kindern viele sogenannte Definitionen in der Sprachlehre, als die Fragen. Die Herren, die solche Sprachlehren schreiben, denken halt nur an sich und nicht an die Kinder, für die sie zu schreiben vorgeben.« »Aber, Herr Pfarrer, wenn ich die Fächer nicht lehre, so bezahlen mich meine Gytiwyler nicht dafür, und für eine arme Gemeinde, die vom Staat dafür entschädigt wird, kann man sie nicht ausgeben.« »Dafür,« antwortete er mir, »laßt das Erziehungs-Departement sorgen; es hat das Gesetz gemacht, es mag zusehen, wie es dasselbe handhabt; entweder muß es beharren oder muß in das Zeichen des Krebses. Möglich, daß das Zurücknehmen auch an ihns kömmt, ärger als an die große Schulkommission. Das wäre die Nemesis.« – Was aber das war, wußte ich nicht, und' zu fragen schickte sich mir nicht. Dreiunddreißigstes Kapitel. Wie alles ein Ende nimmt: jeder Jammer und sogar jedes Buch. Ich widerredete dem Pfarrer nicht. Aber als er fort war, kam mir allerhand in Sinn, das ich ihm hätte sagen sollen. Nun stiegen mir auch die Bauren selbst auf den Hals und lästerten fürchterlich, daß ich sie vom rechten Glauben abbringen wolle und wahrscheinlich die Bibel nie gelesen hätte. Wenn die Sonne stille stünde, so hätte Josua sie nicht brauchen stille stehen heißen, und dann würden wir sie auch Tag und Nacht sehen, sagten sie. Und wer lehre, die Erde gehe ringsum, dem gehe sein Gring z'ringset-um, aber nicht die Erde. Wenn wir z'ringset-um gingen und nachts unten wären, so würde ja in keinem Brunnentrog mehr Wasser sein am Morgen, und da sei ja das Wasser das gleiche am Morgen und am Abend. Solche Reden hörte ich verächtlich an und dachte: ihr Tröpfe! aber ich hielt doch inne. Nur fast verstohlen in der Sommerschule, wenn Kinder darnach da waren, berichtete ich solche Dinge, um mir die Zeit zu vertreiben. Ach Gott, wie war mir doch die Sommerschule zuwider! Früher hatte ich nur vier Wochen gehabt; jetzt hatte unser Schulkommissär, ein grausamer Äti, noch acht Wochen dazu eräkt und erbettelt. Das Erziehungs-Departement hatte freilich befohlen, und streng, daß im ganzen Jahr, ohne besondere Vergünstigungen, nur acht Wochen Ferien sein sollen, und diese Vergünstigungen betrafen zwei, höchstens vier Wochen. Aber auf dem ganzen Lande gehorchte diesem Befehl nur, wer gerne wollte. Man glaubte, wenn auf der Hochschule, wo die Zeit den Studenten so teuer zu stehen komme und den Professoren die Zeit so teuer bezahlt werde, wenigstens ein Vierteljahr Schlumpzeit als nötig erachtet werde, so wüßte man nicht, warum Baurenkinder, die nicht so hoch studieren wollten, aber viel zu arbeiten hätten, mehr in die Schule sollten, als die Studenten in ihre Läfzgen. Übrigens trage die Sommerschule in Gottsname nüt ab, die Kinder seien viel zu faul dazu; albe-n-einist sei man froh, sie zu schicken, daß sie einem nur dänne kamen. Da kamen dann zwei, vier oder ein halbes Dutzend, die einen einmal und viele keinmal im ganzen Sommer, und ob sie einmal oder keinmal kamen, darum bekümmerte sich selten eine Schulkommission. O, wie hatte ich da eine Längizyti auszustehen! Die Kinder kamen so verzatteret und mißmutig hergeschlichen, daß es einem den Mut nahm, mit ihnen in die Stube zu gehen. Man drehte ums Haus herum, so lang man konnte, und scherzte mit den Kindern und ließ sie gürten nach Belieben. Durfte man endlich nicht länger warten, so rief man in die Stube. Dort ging es wieder eine geraume Zeit, bis man sich gesetzt und seine Lehrmittel bei der Hand hatte. Dann sagte der Schulmeister: »Lerit schön, we dr de cheut, so sägit's de.« Ein alter Schulmeister sagte: »Ching, we dr de ufsäge weyt, su weckit mi de.« Dann ging der Schulmeister seiner Wege, hinaus an die liebe Sonne, oder fing etwas für sich zu schreiben an, und wenn ein Kind rief: »Schumeister, i möcht ufsäge, i cha's«, so sagte der Schulmeister: »Du wotsch geng ume ufsäge; ler du's no e Blätz; mi cha's nie z'guet; i chume de.« Endlich konnten die Kinder aufsagen: Fragen, auswendig gelernte oder gelesene, oder buchstabieren. War dieses endlich gähnend vorbeigegangen, so sah der Schulmeister nach der Uhr und sagte entweder: »Ching, es isch nit meh dr wert, öppis angers a z'fa, göht i Gotts Name hey;« oder aber: »Es isch no nit Zyt hey z'gah; es cha jetz es yders öppe mache, was es gern will. Darum sagten die Eltern: die Sommerschulen seien nur es D. Zwäng u trage hell nüt ab. Darum stimmten ihnen viele Lehrer bei und klagten: die Kinder hätten in Gottes Namen keinen Appetit zum Lernen; sie möchten lieber draußen sein. Und die Kinder schrieen Zettermordio über die Schule, wo die Sonne nicht hineinschien, keine Vögelnester auszunehmen waren, und klagten bitterlich, sie lernten doch nichts, dr Schumeister syg ja nie by-ne; er syg e ganz e-n-angere im Sommer oder im Winter. Dessenungeachtet hatte doch unser Schulkommissär zwölf Wochen Sommerschule erchäret und erzwängt, und für jede der 8 Extra-Wochen war mir eine Krone von der Gemeinde zugesprochen worden, freilich ungerne genug. Nun meinte er, ich solle gesetzmäßig Schule halten diesen Sommer durch, mit einer allfälligen Ferien-Verlängemng von höchstens vier Wochen, also jetzt noch wenigstens acht Wochen mehr als zwölf. Ich entgegnete, daß ich doch wissen mochte, wer mich dafür bezahle? Das werde sich schon machen, meinte er. Wer dem Gesetz nachfahre, der fahre nie übel. Ja, dachte ich, mit dem Gesetz ist's eine wunderliche Sache, für die einen lautet es so, für die andern anders, und »Herr Schulkommissär,« sagte ich, »es treyt gwüß nüt ab, dSummerschuele z'vrmehre; dChing chöme nit, oder höchstens zwei oder drei, und lere nüt, u für üser eim isch's gar grusam ländwylig. Was soll me doch so mit eine halb Dotze Chinge-n-afa oder gar ume mit zwenne?« »Ja, Schulmeister, ich weiß wohl, wie es geht« (es war ein räßer Herr, wenn er abkam) »und daß die Sommerschulen nur für so eine Plage angesehen werden. Aber einer gaagget dem andern ein Vorurteil nach dem andern nach, und niemand nimmt die Mühe, vernünftig darüber nachzudenken. So wie man's treibt, so geht es. Gerade ihr Schulmeister seid Schuld am Mißkredit, in welchem die Sommerschulen stehen. Den Winter über klagt ihr immer, ihr hättet zu viel Kinder, um etwas rechts mit ihnen zu machen; im Sommer kommt ihr dann und klagt, ihr hättet zu wenig. Es ist euch nie etwas recht; ihr habt immer zu klagen. Weil ihr die Sommerschulen so über die Achsel anseht, so verlieren sie allerdings den Kredit auch bei Eltern und Kindern. Wenn ich Sommerschulen besuchen will, so geschieht sehr oft von fünf Dingen eins: entweder hat die Schule noch nicht angefangen oder schon aufgehört, oder der Lehrer ist nicht da, oder er arbeitet etwas für sich, oder endlich Lehrer und Kinder gähnen einander an. Ihr klagt immer, ihr kämet mit so vielen Kindern nirgends hin; warum kömmt ihr dann im Sommer mit wenigen nicht umso weiter? Haben doch viele den Glauben, daß ein Lehrer mit zwei Kindern weiter komme als mit zwölfen, und mit zwölfen weiter als mit zwanzig. Je weniger Kinder also, desto größer die Fortschritte. Aber ich will euch sagen, Schulmeister, warum es euch so unbehaglich ist bei wenigen Kindern in der Sommerschule. Bei euern vielen Kindern im Winter herrscht ein gewisser Mechanismus; die Schule ist eine Uhr, die, wenn man sie alle Stunde einmal aufzieht, fast von selbst abschnurret. Ihr braucht nur zuweilen mit dem Stecken auf den Tisch zu klopfen, zu reden, den Ton anzugeben oder von einer Ecke in die andere zu schießen, und immer sind Kinder da, die euch noch helfen, oder sogenannte Leithammel, welche die Herde führen. Im Sommer da ist es etwas anders; da ist dieser schnurrende Mechanismus zerstört; da müßt ihr die alleinige Triebfeder von allem sein. Da nimmt die Persönlichkeit jedes Kindes eure eigene Persönlichkeit, euer besonder Nachdenken, eure eigene Anstrengung in Anspruch. Da müßt ihr jeden Tag die Schule neu einrichten, nach den wechselnden Anwesenden, und müßt immer neu und geschickt bei einem Kinde da wieder anknüpfen, wo ihr es das letztemal gelassen. Da kann jedes Kind lebendig ergriffen, statt nur wie im Winter mechanisch fortgeschoben werden; darum kann die Sommerschule von unendlichem Nutzen sein. Nicht nur weckt sie die Kinder ganz anders; sie weckt auch den Lehrer, daß er nicht einschläft, sondern vielmehr jeden Winter als ein Neugeborner wieder zur Schule kömmt. Sie gibt ihm Gelegenheit, mit den Kleinen besonders sich abzugeben, ihre Sinne zu üben, ihr Urteil zu bilden, ihre Aufmerksamkeit zu fixieren, ihre Kräfte in Thätigkeit zu bringen. Aber ja eben deswegen ist sie vielen Schulmeistern zuwider, weil sie gar nicht anders schulzuhalten wissen, als nach dem alten Schlendrian. Und andere bessere gaaggen diesen nach und nehmen sich nicht die Mühe, über diese Sommerschulen nachzudenken, das alte Vorurteil anzugreifen; sie halten diese Schulen auch nach dem alten Schlendrian und schimpfen darüber nach altem Brauch. Wenn sie nur eine halbe Stunde darüber vernünftig nachdenken würden, so würden sie mit ganzer Seele und ganzem Gemüte bei den Sommerschulen sein; denn nur diese könnten ihnen gute Schulen machen mit gutem Fundament. Und das rechte Fundament seien gerade die kleinen Kinder, welche gewöhnlich einzig die Sommerschulen besuchen.« Das Erziehungs-Departement werde das gemeint haben, als es diese Verfügung getroffen, sagte ich. »Allerdings,« sagte der Schulkommissär, »liegt in der Verfügung des Departements eine tiefe Weisheit; nur hatte es sich nicht verdrießen lassen sollen, diese Weisheit etwas besser in Bezug auf den gegenwärtigen Zustand der Sommerschulen, ihren Zusammenhang mit den Winterschulen, zu erklären. Man muß dem Nachdenken von Oben herab zuweilen zu Hülfe kommen. Aber das Departement ist so viel mit Lumpereien überladen, daß es den innern Zustand der Schulen und den Gang ihrer Entwicklung zuweilen aus den Augen zu verlieren scheint. Es ist sich auch nicht zu verwundern, wenn man über dem verdammten Zanken, womit man fort und fort das Departement belästigt, die Hauptsache aus den Augen verliert, nämlich die Kinder.« So hielt ich in Gottesnamen Sommerschule auf Leib und Leben allemal, wenn ein Kind kam. Ich muß bekennen, es kam mich schwer an; allein nach einiger Überwindung fühlt ich doch, daß Kinder in derselben den Knopf aufthaten, von denen ich es nie erwartet hätte. Ja, je mehr Schule ich hielt, desto mehr Kinder kamen, hatten einen ordentlichen Trieb dazu und die Eltern sagten nur: es düeche se, die Ching heige nie so glert. Da kam mitten in das wieder recht munter werdende Schulleben die Taxation jedes einzelnen Schulmeisters heraus, gestützt auf das im Februar erlassene Gesetz. Das wirkte fast auf das gesamte Schulleben wie ein Schlagfluß, wenigstens in den untern Landen; es war wie ein Reif, der über tausend schöne Blüten ging; es war wie ein Kübel kaltes Wasser in aufglimmendes Feuer. Es zuckte in den Schulmeister-Seelen, wie feuriges Eisen in kranknen Hüften (Moxa). Es riß die Decke von einem Abgrunde, den die Hoffnung mit blütenreicher Decke verkleidet hatte. Eine Masse von Lehrern war nicht fähig erklärt, das Minimum, sage 150 L., zu beziehen, eine andere Masse war bildungsunfähig erklärt unbarmherzig. Das ging tiefer als kalter Stahl in die Herzen, besonders in Väter- und Mütterherzen, die fünf hungrige Kinder kleiderlos und bildungsbedürftig um sich sahen, die Schulden auf den Schultern hatten und am Abzahlen sich umsonst abgequält, im Gegenteil die Schuld täglich größer gemacht hatten. Das Resultat des Examens war eine gränzenlose Demütigung für unsern ganzen Stand. Da konnte man uns mit Recht singen: Üsi Tante Dorothee mit ihren längen Füßen, ist siebe Jahr im Himmel gsi, het wieder abe müeße. Das Resultat des Examens war im Ganzen kein ungerechtes; es war ein Spiegel, der uns zur Besinnung bringen sollte. Das Departement hätte kein trefflicheres Mittel wählen können, um sich uns gegenüber glänzend zu rechtfertigen und uns ein zentneriges Schloß an den Mnnd zu hängen, Aber die Anwendung dieses Resultats auf unsere Besoldung, die war hart und mußte eine große Anzahl von uns in den Augen unserer Gemeinden furchtbar herabwürdigen. Übrigens war auch die schlechte Besoldung Schuld, daß mancher nicht geschickter war, und so lange er nicht ungesorgter das tägliche Brot bekam, konnte er nicht geschickter werden. Aber eben so furchtbar, als die Sache selbst, war die Gleichgültigkeit, mit welcher das Volk dieses Gesetz aufnahm; niemand schien sich für uns zu rühren. Es war ein furchtbar Zeugnis, daß den Boden unter unsern Füßen wir uns selbst untergraben durch unser Aufbegehren, zu dem man uns aber verleitet hatte. Nun mußten wir die Suppe ausessen und man bedachte in der Strenge gegen uns nicht, wie leicht es ist, Menschen, die bis dahin nicht beachtet waren, durch Schmeicheleien über das Kübli zu büren. Wehrdi hatte mir schon lange sein Mißfallen über das Treiben der Schulmeister und über ihr Hochdreinreden zu erkennen gegeben. Er gab zu, daß wir bis dahin stiefmütterlich gehalten und zu schlecht bezahlt worden, obgleich er noch vielerlei zu sagen wußte, wie man an manchem Ort besser hausen und weniger den Musjö machen könnte, und wie man nicht gleich alles anzuschaffen brauche, wonach es einem gelüste; und wenn man in der ledigen Zeit verständiger wäre, so hätte man es auch im Ehestand besser. Aber auf diese Weise kämen wir gar nicht dazu, sondern erleideten den Leuten wie kaltes Kraut, und wie groß man uns mit Worten gemacht, so klein mache man uns mit der That, Wenn wir die Behörden erbitterten, auf wen wir uns denn eigentlich verließen? Etwa auf das Volk, das jeder Großratsheld im Munde führe? Wie wir mit dem Volk stünden, sollten wir doch afe wissen; das hätte uns ja schon lange mehr geben können, wenn es gewollt; reich genug sei es und niemand hätte es gehindert. Aber gerade das Volk in seiner Mehrzahl (Verständige nehme er aus allenthalben) wolle nicht, daß wir uns erhüben. Es hätte uns schon lange erheben können, wenn es gewollt, und wenn ein Schulmeister sich selbst erhebe, so solle man nur sehen, wie das Volk ihn niederzudrücken suche, ihm auf die Nase gebe. Die Behörden hätten also, wenn sie uns auch den Brotkorb hoch hielten, das Volk für sich, und gegen sich, wenn sie durch Geld den Stand zu heben suchten. Denn man solle nur sehen, wie Neid und Ärger das Volk durchzucken würden, wenn man jedem Schulmeister 100 oder 200 L. mehr als bis dahin geben würde. Ich wollte dieses anfangs gar nicht glauben und verließ mich lange auf das Volk, bis ich verlassen genug war. Am Morgen, nachdem ich die Hiobspost empfangen und mir das Herz von der halb schlaflosen, halb schwer durchträumten Nacht so recht krank war, daß ich nichts z'Morgen essen mochte, sagte mir Mädeli: »Lauf e wenig da ume, du vrgissisch's öppe, oder gang zum Wehrdi, er weiß dr o öppe-n-e Trost oder e Rat.« Mädeli traf meinen Wunsch auf das Haar, als ob es mir im Herzen hätte lesen können; ich hatte ihn nur nicht aussprechen mögen, um Mädeli nicht alleine zu lassen; denn ich war überzeugt, es hatte den Jammer so gut im Herzen als ich. Da es mir aber so freundlich entgegenkam, mir versicherte, daß es heute recht gerne alleine sei, es hätte auch vieles in sich zu verwerchen, und Gott helfe ihm dazu am besten, wenn es in der Stille für sich sein könne, so machte ich mich auf den Weg. Es war ein heller, warmer Sommermorgen und lustig johlten die Schnitter auf den Feldern. Und eilenden Schrittes sah man schlanke Mädchengestalten durch den wallenden Roggen schlüpfen die Fußwege entlang. Auf ihren kecken Nacken trugen sie unbeschwerlich schwer gefüllte Körbe, aus geschälten Weiden zierlich geflochten. Wenn nun ein Mädchen und sein Korb einem Haufen Schnuter heraneilend erschien übers hohe Korn hinaus, dann erhob sich ein gewaltig fröhlich Jauchzen, das auf hundert Ackern widerklang. Da eilte das Mädchen noch eiliger, und röter wurden seine Backen; unter den hundert Stimmen hatte es die erkannt, die so oft leise flüsterte unter seinem Gadenfenster. Unter den großen Apfelbaum eilte es, der als lebendiges, blühendes Zelt gepflanzt war am Ende des Ackers. Schon hatte ein vierschrötiger Bursche die Sense fallen lassen; das Steinfaß haltend mit dem lärmenden Wetzstein, sprang er über die Zatten weg und half dem Mädchen mit kosendem Blick den Korb niedersetzen ins feuchte Gras. Und während diese die weiße Zwächele abhoben und auspackten den nährenden Brei oder die duftenden Schnitze, die Milch z'wäg stellten, das mächtige Brot zur Hand, und Gabeln und Löffel darlegten, kam das Schnitterheer daher hungerig und schächerend, lagerte sich rings um die Kübel und Kacheln. Und munter griffen sie in die derbe Kost, und munter würzten sie jeden Löffel mit einem derben Witz, daß das Gelächter weit hinschallte durch das Feld und es auf dem Felde klang, als wenn jeder Acker lebendig geworden wäre und lustig dazu und nun lachte aus mächtiger Kehle. Und beschwerten Gemütes und gesenkten Hauptes schlich ich durch die Fröhlichen hin, und mir ward, als wäre heute die ganze Welt mir zu Spott und Hohn so lustig erwacht. Da gedachte ich, wie ich vor vielen Jahren auch so durch ein Feld voll Leute gegangen, aber wie ganz andern Sinnes, wie aufgeregt damals und übermütig die arbeitenden bedaurend; und wie ich damals ein frevelnd Lied gesungen und ich von lauter Voressen geträumet und Pasteten und Datern, während die andern Erdäpfel aßen. Daran dachte ich und wie es nun anders geworden im Laufe der Jahre, ich ein gebeugter Mann, mutlos wie ein Greis, meine Umstände notvoll, meine Aussicht eine immer sich verdichtende Finsternis bis zu des Grabes Nacht. Und nun noch das Spotten und Lachen rings um mich, das mir klang, als gelte es mir, füllte mein Herz noch mehr mit Gram und Groll. Auslachen wollte ich mich wenigstens nicht mehr lassen, wollte fort aus dieser Gegend, wo die Leute kein Gefühl, kein Mitleid, keine Dankbarkeit hätten, wollte in eine andere Gegend ziehen, wo vielleicht bessere Menschen seien und besserer Lohn. Ach Gott! ich kann nicht sagen, wie bitter ich ward über die Leute. Und von diesen fröhlichen Leuten allen hatte keiner mich beachtet; Benz hatte Trini gesehen und Bäbi Hanse, und über Benz und Trini, Bäbi und Hans war gelacht worden, aber nicht über den armen Schulmeister. Aber der Mensch bezieht gewöhnlich alles auf sich, und der Unglückliche alles unglücklich. Könnte er es umgekehrt, so wäre auch sein Unglück umgekehrt. Bitter und durstig kam ich endlich zu Wehrdi, der in weißen Hosen und weißem Hemde und seinem schwarzen Gesicht sich wunderlich ausnahm unter einem grünen üppig jungen Baume voll prächtigrot sich streifender Äpfel, den er sorgsam unterstützte und einzelne Äste aufband mit Strohbändern. Mein Herz war so voll, daß ich dem über meine Ankunft Verwunderten, noch während er das letzte Strohband anzog, mein Schicksal erzählte und meinen Vorsatz, weiter zu gehen und eine bessere Schule und bessere Menschen zu suchen. »Was meint ihr, Schulmeister,« fragte Wehrdi, der bis dahin nichts gesagt hatte, als er fertig war mit seiner Arbeit, »wie alt ist dieser Baum?« Ich erriet fünfzehn Jahre, da er wirklich prächtig gewachsen war. »Nein, Schulmeister, der ist erst zwölf Jahre alt,« sagte Wehrdi. »Da muß es wohl für ihn sein auf diesem Platze,« entgegnete ich. »Es mag sein, aber im Herbst oder im Frühjahr werde ich ihn doch versetzen,« antwortete er. »Aber warum doch?« fuhr ich lebhaft drein, »er trägt so schön! Wollt ihr ihn versetzen, dann müßt ihr ihm stumpen Äste und Wurzeln; dann wißt ihr nicht, ob er nicht verdorret auf seiner neuen Stelle, wißt nicht, wie lange er serben muß, bis er z'weg kommt. Im günstigsten Fall kriegt ihr drei Jahre lang keine oder wenig Frucht von ihm und fünf oder sechs Jahre geht es, bis er so viel trägt wie jetzt. Und was auch noch zu bedenken ist: auf der Stelle, wo dieser Baum steht, kömmt vielleicht nicht so bald ein neuer Baum fort, oder sie behagt ihm wenigstens nicht recht, oder er dem Boden nicht.« »So, Schulmeister,« antwortete Wehrdi, »kennt ihr das auch? das hätte ich euch nicht zugetraut, ihr redet ja recht gescheut darüber.« »Glaubt ihr denn, ein Schulmeister sei nicht auch vernünftig und kenne nichts von dem, was ja jedes Kind weiß?« grollte ich ihn an. »Aber so hat man's mit uns. Man gibt uns nichts, man gönnt uns nichts, man glaubt uns nichts und wenn mir am Ende etwas gescheutes sagen, so thut man aus Bosheit, als ob man darob vor Verwunderung auf den Kopf stehen wolle.« Da lachte Wehrdi wie ein Kobold und rief endlich, als er den Atem dazu erhielt: »O Schuelmeisterli, Schuelmeisterli, berst doch nit vor lauter Kyb. Du gute Seele! ich weiß wohl, daß ihr Schulmeister Gelehrte seid und Köpfe habt wie Kasernen, und daß ihr alles wisset und alles erklären könnt vom Turmbau zu Babel weg bis zur Errichtung des neuen Jerusalems. Aber daß ihr in aller Gelehrsamkeit keine gesunde Anwendung machen könnt, daß ihr nur das Tote begreift und nicht das Lebendige, und daß ihr keine der Erscheinungen rund um euch, die Christus durch seine Gleichnisreden geheiliget hat, als lebendige, nie ruhende Offenbarungen Gottes auf euch beziehen, seine Stimme nie hören könnt, die Nacht und Tag ausgeht in alle Lande, das ist's was einen bald lachen, bald weinen macht. Aber eben habt ihr in all dem gegenwärtig verbreiteten Gifte den harmlosen, einfältigen Sinn nicht mehr, der zu dieser Auffassung nötig ist.« Ganz verblüfft stund ich ihm gegenüber und sagte: da müßte ich doch keine andere Anwendung zu machen, als daß er das Baumgärtnerm nicht verstehe, wenn er seine Bäume im schönsten Wachstum versetzen wolle. »Könnt ihr dann das nicht auf euch beziehen? habt ihr auch nur Augen um zu sehen, was auf andere geht, und das nicht zu sehen, was euch beschlägt? Schulmeister, ihr seid Baum und Gärtner in einer Person. Ihr seid jetzt noch länger im Boden zu Gntiwyl eingewurzelt, als dieser Baum auf dieser Stelle. Ihr seid gut eingewurzelt, in die Eigentümlichkeit der Leute habt ihr euch eingewohnt, sie achten euch mehr oder weniger. Ihr plaget sie nicht, seid im Ganzen nicht so aufbegehrisch wie andere. Eurer Frau thut jedermann gerne etwas zu gefallen. Die Kinder, die ihr erzogen habt, lieben euch. Es ist manches in ihnen geweckt worden, sie wissen wohl, sie haben es euch zu verdanken und haben Respekt vor euch. Fast in jedem Hause habt ihr ein solches Kind als Fürsprech, habt also Wurzeln gefaßt überall, habt mehr oder weniger Einfluß auf alt und jung; und wenn ihr und der Pfarrer zusammenspannet und unvermerkt und ohne Posaunenstöße an euren Gytiwylern arbeitet, so seid überzeugt, es kann aus Gytiwyl etwas werden. Aber wie es dort schwerer Boden ist und die Arbeit schwer in demselben, so sind auch die Gytiwyler zäch und bedürfen harter Arbeit, ehe sie urbar sind. Aber es ist kaum ein Boden, der nicht urbar zu machen wäre, und je härter die Arbeit war, desto schöner sind meist auch die Früchte. In eurer Schule kennt ihr alle Kinder, sie kennen euch, und manchen guten Faden habt ihr da angesponnen. »Das ist's eben nun, was die, welche des Volkes Gärtner sein sollen, nicht fassen und nicht nachhaltig sind in der Arbeit, und herumfahren im Lande wie die Wespen in einem Birenbaum. Alle Augenblicke reißt sich ein Lehrer aus dem Boden, auf dem er steht, stumpet, entwurzelt sich, zerreißt alle Faden, alle Verhältnisse, zerstört damit die Hälfte seiner Arbeit wieder, läuft einer andern Arbeit zu; und wie lange geht's da, bis er wieder angewachsen, bis er nur weiß, wo und was er anfassen soll? Und warum laufen sie so im Lande herum? Einige Kronen Lohn, ein Webkeller, ein größerer Garten, eine Stube mehr, oder nur Mißmut, Leichtsinn oder eine böse Rachbäurin treiben zu diesen heillosen, selbstgemachten Verpflanzungen. Hiervon sind auch die Pfarrer nicht frei; auch ihrer viele fassen die große Wahrheit nicht auf, daß das Versetzen für ältere Bäume sehr gefährlich sei, für wenige heilsam und allemal auf lange das Tragen der Früchte hemmt. Wie würde es wohl in dem Baumgarten aussehen, in welchem man alle Bäume alle zehn oder fünfzehn Jahre versetzen würde? Wäre wohl in einem solchen Garten ein gewaltiger Baum, mächtig in den Ästen, weithin Verbreitend seine Wurzeln und kühn den Stürmen trotzend? In einem solchen Garten wären lauter Bäume, die kaum ihr Leben zu fristen vermöchten mit ihren verstümmelten Asten und Wurzeln. Ihre Früchte würden sparsam sein, ihr Aussehen ein trauriges, und jeder Winter würde toddrohend sein dem armen Baume, der in dem ungewohnten Boden nicht zu frischen, frohen Säften kommen kann. »So sieht es aber mehr oder weniger aus unter den Lehreren. Da ist selten ein mächtiger Stamm, stark, schön und alt, gepflegt und bewundert; denn selten einer hat sich nicht selbst verstümmelt, selten einer ist da geblieben, wo er zuerst anwuchs mit seinem jungen, raschern Blute, und reiches Leben spendete und in sich sog. Er riß sich los, verblutete zuletzt, und der Rest des alten, trägen Blutes will nicht mehr rechtes Leben fassen, wie es auch nicht gerne mehr alte, gebrochene Glieder zusammenleimt. Das ist dann ein Serben und Kränkeln; der Boden klagt den Baum an, der Baum den Boden, bis der arme Baum tot in sich selbst zusammenfällt, unbeweint und uuvermißt; denn auf feine Stelle hat man schon lange gepaßt für einen jungen Baum, der auch Früchte trage. Und weil es so ist, Schulmeister, so kömmt man nicht vorwärts, und dann sollen die Leute daran schuld sein; unverbesserlich schiltet man sie, leichtsinnig. Es ist wahr, mich machen die Bauren alle Tage wild, aber auch die Lehrer, eben weil sie nicht nachhaltig genug, unvermerkt und still an den Bauren arbeiten; weil auch sie selbstsüchtig sind und nach ihrem Gelüsten, oder weil an einem andern Orte die Frau den Brunnen näher hat, herumlaufen; und dazu noch eifersüchtig auf einander, daß keiner da anfangen will, wo der andere es gelassen, sondern jeder für sich etwas Apartigs anfangen, allein weise sein will. Was soll da herauskommen, wo keiner des Vorgängers Arbeit fortsetzt, sie vielleicht frevelnd zerstört, seinen Ruhm suchend und nicht bedenkend, daß der nie welkende Ruhm nur der sei: ein treuer Knecht des großen Meisters zu sein, der auch nicht seinen Ruhm suchte, sondern nur den des Vaters? »Nein, Schulmeister, laufet mir nicht von Gytiwyl fort,« schloß er, »sonst halte ich gar nichts mehr auf euch. Fasset mein Gleichnis zu Herzen; es trifft wohl, wie noch tausend Bilder, die Gott in der Natur aufgestellt hat, treffen würden, wenn der Mensch Augen dafür hätte.« Damit führte er mich an den Schatten hinter seinem Häuschen und nahm mich genauer auseinander über meine Umstände und meinen Gemütszustand. Er fand diesen mutlos, fand, daß besonders die Liebe zu den Meinen mich mutlos mache. Ich hätte meine Frau so lieb und sie hätte so bös, und ich vermöchte ihr so selten eine Halbe Wein oder ein Paar Strümpfe zu kramen. Denn in Schulden stecke ich; die Orgel sei noch immer nicht bezahlt, und die Wiederholungskurse hätten mich auch zurückgebracht. Meine Kinder wüchsen auf; der Bube sei ein heiterer Kopf, wolle aber nicht mehr gehorchen; wir wüßten nicht, wie das käme. Mädeli sage immer, das komme daher, weil ich ihn zu viel brauche und Meister lasse in der Schule; so meine er auch Meister sein zu können im Hause; Zeit wäre es, ihn etwas lernen zu lassen, doch Geld hätte ich keines dazu. »Macht eine Bittschrift an den Großen Rat,« warf Wehrdi ein, »Ihr wollet Euren Buben zu einem Stenographen oder Geschwindschreiber bilden, der alles Grobgesagte feile und alle unbedeutenden Äußerungen als Weisheiten niederschreibe, damit alles repetierlich vor die Welt komme, was unrevetierlich im Großen Rat ausgepackt wurde, so geben sie Euch einen Lehrlohn so groß Ihr wollt, und später kriegt er einen Lohn größer als ein Professor an der Hochschule, deren einige die Radikalen zum Teil nur halten wie die Patricier die Bären im Bärengraben, um sie brummen zu hören und füttern zu können, und weil es in die Annalen von Bern käme, daß Bären oder Professoren, die man freilich zu nichts gebraucht hätte, aus schnödem Eigennutz der traurigen Richtung unseres Zeitalters abgeschafft worden.« Ach Gott! Mir war nicht um zu spaßen, und was gingen mich die Bären und die Profesforen an? Ich fuhr daher in meinen Klagen fort und bekannte zwar, daß ich das Gleichnis wegen dem Baumversetzen begreife, aber daß man doch für sich sehen müsse, es sehe sonst niemand zu einem, und daß ich nicht glaube, daß mein Weggehen zu Gytiwyl so fühlbar wäre. Einmal mir hätte niemand gar Freundschaft gezeigt und dergleichen gethan, als ob ihm gar viel an mir gelegen sei. Da meinte Wehrdi: ob ich denn meine, daß die Gytiwyler gegen mich anders sein sollten, als gegen andere Leute? Die hätten ihr Lebtag noch gegen niemand zärtlich gethan. Und wenn ich gehen wollte, so würde mir sicher auch kein Mensch anhalten, sondern sie würden sagen: »Mira, we d' nit blybe witt, so ghey di; mr wen di nit zwänge; es git öppe Schumeister gnue.« Es würde also auch hier, wie an manchem andern Ort, ein Schulmeister übel ankommen, wenn er den Bündel vor die Thüre werfen wollte unbesonnen. »Aber sie würden euch doch vermissen und sich untereinander sagen: »Es isch doch lätz, daß er gange-n-isch, mr überchöme nit grad e fertige; es isch mit de Schumeistere-n-o, nüt z'säme zellt, wie mit de Chüehne, es git dere gnue, aber es isch nit eini wie die angeri, es git gueti u bösi. Und manches Kind würde weinen, und manches würde in tiefem Instinkt es euch grollend nie vergessen, daß ihr etwas in ihm angeregt und jetzt es verlasset mutwillig, wie ein thorrechter Ackersmann ein Feld, durch das er Furchen gezogen, aber davongelaufen ist, ohne zu säen und des Samens zu warten.« »Aber um Gotteswillen, Wehrdi, was soll ich anfangen? So kann ich nicht bleiben. Ich und meine Frau und meine Kinder gehen zu Grunde, und kein Mensch nimmt sich unser an; es ist gerade, als wenn noch alle Leute Freude hätten an unserm Elend. Wie soll ich mit bald fünf Kindern auskommen mit meinem Lohn? Rechnet man die Kleidung : Hemde, Strümpfe, Schuhe x. per Kind nur zu 6 L. und unsere Kleidung zu 6 L., so macht das zusammen schon 42 L. Wer will um dieses Geld einen Menschen kleiden? Und doch nimmt es mir schon fast die Hälfte des Einkommens weg. Dann haben wir noch nichts in die Haushaltung angeschafft, haben nicht gegessen; und rechne man doch, was sieben Personen im Jahr für Milch und Brot brauchen. Wenn man nur zwei Pfund Brot und eine Maß Milch täglich für alle rechnet, so macht das wieder über 100 L., also mehr als mein Einkommen, und doch haben wir damit noch bei weitem nicht alles, weder Schmutziges, noch Mehl, noch Kaffee, und dieses käme leicht auch auf 40 L. per Jahr.« Er solle nur rechnen. Und nun noch immer mehr Schule, immer weniger Zeit, etwas nebenbei zu verdienen; ich hätte weiß Gott wie lang an einem Wubb; »wenn man nur so dazu und davon kann, so geht es gar nicht von der Hand. So gerne möchte ich allen Fleiß anwenden in der Schule, möchte darüber nachdenken, wie es am besten zu machen sei, möchte Geschichten und Beispiele ersinnen, um den kleinen Kindern die Liebe Gottes und sein weises Walten recht anschaulich und eindringlich zu machen. Ach Gott! Und wenn ich sinnen will, so steht der leere Milchhafen vor meinen Augen; mich plagt die Angst, wer ihn mir füllen will. Ich sehe durch die dünnen Höschen die blauen Beine meiner Kinder und den Krämer, der für sie noch das Geld will. Wenn mein Frauchen das Mehl röstet für die gewohnte Wassersuppe, so höre ich durch sieben Thüren durch seine stillen Seufzer und sehe es mit dem Finger über die Augen fahren, als ob der Rauch es brenne. Wenn das einem beständig vor Augen schwebt, wer will da Schule halten von ganzer Seele, ganzem Gemüte und mit allen Kräften? O Wehrdi, ihr könnt euch, weiß Gott, nicht vorstellen, wie es einem Vater ist, wenn er seine gesunden, munteren Kinder mit gesundem Hunger am Tische essen sieht wie junge Wölfe, wenn er ihnen alles so von ganzem Herzen gönnt und doch die Angst sein Herz zerreißt, daß sie mehr essen, als er ihnen zu geben vermag. Ihr könnt nicht glauben, wie es mir manchmal ist, wenn sie alle um die Mutter stehen und so glustig aufsehen auf sie und das Brot, das sie in der Hand hat, um jedem ein klein Stücklein zuzuschneiden; wenn ich sehen muß, wie es in der Mutter ringt, das Messer ein klein wenig tiefer gehen zu lassen, und wie sie sich Gewalt anthun muß, den Schnitt zu verkürzen, wie sie mit immer wehmütigerem Blick die kleinen Stücke herumreicht und mit lieben Worten die Kinder vergessen machen will die kleinen Stücke. Und wie die Kinder im Hui fertig sind damit und traurig die Mutter ansehen, und die Mutter dann mit freundlichem Gesichte ein lustig Liedlein zu singen versucht, während ihr Herz weint; weiß Gott, Wehrdi, das will mir manchmal das Herz zerreißen, und ich muß aus der Stube fort und an verborgenem Orte weinen wie ein Kind. Kein Mensch will unsere Lage recht begreifen; wenn mir davon reden, so redet man mit fühllosem Sinn von fleischlichen Gelüsten, und wenn andere zu unserm Besten reden, so dünkt es mich immer, sie hätten Harz im Munde und brächten es deswegen gar nicht in Gang. O, wenn ich doch nur einmal dazu käme, denen, die etwas zu befehlen haben, das alles so recht sagen, unsere ganze Lage ihnen vor Augen führen zu können, ihnen zeigen zu können, wie tiefes Elend, wie tiefer Herzenkummer verborgen liegt hinter dem sogenannten Schulmeister-Mütli, das man wohl in seiner jungen, dummen, ledigen Zeit hatte, von dem spater aber nur der unglückliche Schein geblieben. Wenn ich ihnen handgreiflich zeigen könnte, daß wir in dieser Lage nie werden könnten, was wir sein sollen; daß in diesem Elend durch schlechte Speise die körperliche Kraft, durch den Kummer die Unbefangenheil der Seele verzehrt, gestört wird; daß man dem Volk die Verbesserung unserer Lage nicht überlassen kann, denn an den meisten Orten hat es keinen Sinn für uns; daß man uns doch billigermaßen nicht einzig und allein in unserem Vaterlande zumuten könne, Märtyrer der guten Sache zu sein, während so gar niemand uns dazu das Beispiel giebt, und dafür gesorgt worden, daß alle andern, die dem Vaterland dienen wollen, so bezahlt werden, daß weder Hunger noch Durst ihrer Vaterlandsliebe zu Leibe kommen kann; daß es doch wahrhaftig nicht billig sei, daß Professoren, die nicht zwei oder drei Studenten zusammenbringen können, 2 bis 3000 L. Einkommen haben, während Schulmeister, die bei 200 und mehr Kindern schwitzen, mit 100 und weniger L. abgespiesen werden –!« »Ja, Käser,« sagte Wehrdi, »Ihr könnet mich in der That dauren, und Euer Fraueli ebensoviel, und wenn alle so wären wie Ihr, so wäre es billig, Euch zu helfen; aber so allen miteinander, das möchte ich wahrhaftig nicht. Ich muß bekennen, ich kann gar viele Schulmeister nit schmücke; das ist mir ein widerlich Volk. Und wenn die mehr Geld bekämen, so liefen die vor Hochmut auf den Köpfen, um nicht zu laufen wie andere Leute.« »Ach, Wehrdi,« fagte ich, »seid Ihr auch so unvernünftig und haltet uns immer den Hochmut vor? Der Schulmeister wollte doch auch etwas haben, hatte aber kein Geld, etwas zu kaufen; er mußte also vorlieb nehmen mit dem, was nichts kostet, und was ist wohlfeiler und kostet weniger als der Hochmut? Gebet ihm Geld, so wird er sicher sich etwas Besseres, Solideres dafür anschaffen. Zudem sind die meisten Leute hochmütig; je mehr aber einer hat, desto weniger fallt es auf; je weniger aber einer hat, desto mehr stößt man sich an seinem Hochmut. Helft ihr den Schulmeistern zu etwas, so wird euch ihr Hochmut schon viel weniger ärgern. Hat man nicht immer gesagt, wenn man gute Regenten wolle, so müsse man sie gut bezahlen? Und wenn man dann sagte: deswegen würden die, die wir jetzt haben könnten, doch nicht besser, wenn man ihnen schon 3000 L. statt 2000 gebe, so antwortete man: eben deswegen müsse man die Einkommen so hoch bestimmen, daß es jungen, begabten Männern den Mut mache, dem Staatsdienst sich zu widmen und zu Staatsmännern sich zu bilden. Und wenn man dann sagte: das Volk könnte es dann doch mit diesen Staatsmännern haben wie jener Müller, der lieber einen alten, lahmen Esel wollte für seine Säcke zu schleppen, als ein munter, tüchtig Roß, und so wäre es dann schade, wenn der Esel den Haber bekäme, Disteln waren für ihn gut genug, so antwortete man: das Volk werde so dumm nie sein wie jener Müller; es kenne zu gut den Unterschied zwischen einem alten lahmen Esel und einem tüchtigen Roß, und wenn man es in Stand setze, zu wählen zwischen beiden, so werde es schon zu wählen wissen. So sprach man bei den Regenten und stiftete durch dieses Gerede noch die Hochschule. Warum sagt man das Umgekehrte bei den Schulmeistern? Warum sagt man, man wolle die erst besser werden lassen, ehe man sie besser bezahle? Werden junge tüchtige Leute Schulmeister werden wollen ferner bei dieser Hundemühe und dem Hundelohn? Wird das Volk je tüchtige Schulmeister zur Wahl erhalten? Werden die, welche bereits Schulmeister sind, aber nicht ganz eingerostet, noch Zeit und Mut haben, an ihrer Fortbildung zu arbeiten? Sollen dann alle sich entgelten, daß einige aufgeblasen sind wie Frösche auf den Dünkeln, andere aufbegehrisch wie die Nachtwächter; einige schläferiger Natur und noch einige mit durstiger Leber behaftet? Sollte der ganze Stand um dieser willen im Kot und verpfuyet bleiben in alle Ewigkeit? Der liebe Gott wollte um fünf willen Sodom stehen lassen und die Menschen wollen vielleicht um hundert willen tausend zu Grunde gehen lassen?!« »Ei, Schulmeister, Ihr werdet ja ganz beredt, und wenn das geschrieben stünde in eines glatten Herrn plattem Buche, so würde er hinter jeden Satz geschrieben haben: Gelächter!« »Aber, Wehrdi, das hätte ich nicht von Euch gedacht, daß Ihr mich noch auslachen würdet in meinem Jammer, sonst würde ich nicht um Trost zu euch gekommen sein. Und was wird meine Frau von euch denken, wenn ich ihr sage, daß Ihr gesagt hättet, man sollte hinter jedes meiner Worte: Gelächter! setzen, und ich ihr erzähle alles, was ich Euch erzählt habe?« »Aber um Gotteswillen, Schulmeister, versteht mich doch und verdreht mir meine Worte nicht! Spaß appart, Eure Sache ist mir zu Herzen gegangen, und wenn ich mir Euer gutes, sinniges Weibchen denke in seiner Not, so gramselt es mir ums Herz und ich muß fast meinen Verstand gefangen nehmen unter den Glauben, daß Euch geholfen werden müsse, um solcher Weibchen, einiger guter Schulmeister und der Hunderte oder Tausende von Schulmeisterskindern, die mit hungerigen Augen an den Tischdrucken hangen, mit wehmütigen Augen an jedem vierschrötigen Bauernjungen, der eine Tasche voll frisches Brot hat und die andere voll Broträufte und Brosmen. Ich will wetten, das ginge auch noch manchem so, wenn er Euch erzählen hörte von Eurer Not, Euch rechnen hörte Euer Ausgeben und Einnehmen und die Folgen, welche Kummer und Sorgen auf Eure Thätigkeit haben; und er änderte vielleicht seine Meinung, wie halb und halb auch ich, und meinte, daß man Euch erst stärken sollte, ehe man Euch zur verstärkten Arbeit anhält; daß daß man erst den Stand erheben solle, ehe man fordert, daß jeder einzelne sich erhebe. An Eurem Platz würde ich nun dem Erziehungs-Departement, dem Regierungsrat nachlaufen Mann für Mann, und würde ihnen das alles ins Herz schreien so recht lebendig.« »Treibt doch nicht Mutwillen mit mir,« sagte ich. »Wie sollte ich armer Mann zu solchen Leuten kommen? und wenn ich schon zu ihnen kommen könnte, wie sollte ich es ihnen sagen dürfen? Da wäre mir, als ob ich ein Bauernhaus im Halse hätte. Ich könnte kein Sterbenswort hervorbringen, als öppe: Helfet is, dr tusig Gottswille! Darauf würden sie wenige hören in Bern; es geht dort wenig mehr dr Gottswille.« »Ei nun,« sagte Wehrdi, »so schreibet es auf, wie es Euch ums Herz ist, in welchem Zustande Ihr seid, aber nicht aufbegehrisch und großhansend. Gebt Euch demütig dar und nicht für mehr als Ihr seid; aber zeiget, daß Ihr bei dem, was bis dahin für die Schulmeister gethan worden, nicht anders hättet werden können, und daß Ihr auch in Zukunft nicht besser werden könnet, wenn man nicht ganz anders für euch sorge. Thut nebenbei etwas Buße und bekennet, daß Ihr Euch ungeziemend betragen, allein mißleitet. Schreibet das alles recht rührend auf, daß es auch die Weiber lesen mögen und Erbarmen bekommen; dann müssen Euch die Männer helfen, sie mögen wollen oder nicht.« Das Ding leuchtete mir gar nicht übel ein. Ich dachte, der Traum habe mir nicht umsonst auf eine Schrift hingedeutet; aber mir fehlte der Mut zur Ausführung, und eine Menge Bedenklichkeiten schmollen in mir auf. Ich war früh aufgestanden nach der unruhigen Nacht, hatte keinen Bissen herunterbringen können beim Frühstück, war in der heißen Morgenstunde gewandert, und Ärger und Kummer waren schwer auf der Seele gelegen. Was Wunder, daß Leib und Seele schwach und mutlos waren? Bedenklich war ich daher im Anfang und mutlos zur Ausführung, aber wie bald war das anders! Endlich hatte Wehrdi sich erinnert, daß er einen Gast habe, daß der hungrig und durstig sein könnte; hatte eine Flasche Wein, ganz duukelroten, hervorgeholt, Brot und Käse aufgestellt, und fleißig den Wirt gemacht. Da kam mir nach und nach die Welt auch nicht mehr so blaß und jämmerlich vor. Ein Schimmer von Morgenrot überstrahlte sie und mich dünkte, es könne alles noch gut kommen. Mich dünkte das Z'weglegen und Aufsetzen einer solchen Schrift immer leichter und es juckte mich ordentlich, alsobald ans Werk zu gehen. Die Hauptsache, das Aufweichen der Herzen, das Entsprechen mit Geld, das schien mir nicht fehlen zu können; denn im Setzen, sagte ich, hätte ich nie einen gefürchtet und die Leute hätten sich schon vielfach verwundert, wie ich einen Brief oder eine Quittung so enanderna aufs Papier bringen könne, ohne die Sache erst aufsetzen zu müssen zum Abschreiben. Aber ehe ich daran hingehe, sollte ich doch wissen: ob die Gschrift auf Stempelpapier sein müsse oder auf gewöhnlichem. Ob ich für Stempelpapier Geld genug hätte, das wüßte ich nicht einmal; mit einem vierbatzigen Bogen werde ich es kaum machen können. Da lachte der Wehrdi schelmisch und riet mir, einstweilen nur ganz ordinäri Papier zu nehmen; auf diesem werde es wohl gehen, denke er, und Stempelpapier möchte es wohl zu viel brauchen. Das müsse nicht so eine Bettelschrift sein wie manche andere, wo man winsele um ein Stücklein Brot. Die. Schrift müsse den ganzen Zustand eines Schulmeisters und seiner Familie darstellen, wie sie am Hungertuch gnagen, wie sie zu viel hätten um zu sterben, zu wenig zum Leben; wie diese Armut den ganzen Stand lähme und drücke, und Weiber und Kinder noch mehr. Er müsse bekennen, er sei früher auch der Meinung gewesen, die Schulmeister hätten im Ganzen mehr als sie verdienten und eine allgemeine Erhöhung der Einkommen wäre ungerecht und verderblich. Seit er nun aber in einer Schulmeisterhaushaltung so recht auf den Boden gesehen, sei er anderer Meinung geworden und er denke, andern Leuten könne es auch so gehen. Darum müsse man ihnen eine solche Familie darstellen so recht inniglich; das sei hier die wahre Bittschrift. Freilich werde es wunderlich gehen, wenn auf einmal alle mehr Geld bekämen. Es seien jetzt schon viele, die nicht wüßten, wie sie gehen oder stehen sollten vor Narrochtigi; die würden sich sicher gibeligelbe Röcke und rote Hosen machen lassen. Nun schenkte mir Wehrdi immer fleißiger ein und begeisterte mich für den Versuch immer mehr. Je leichter ich die Sache nahm, desto mehr hielt er nieder und deutete immer deutlicher darauf hin, daß ich mich und mein Leben gründlich und aufrichtig zu schildern hätte Punkt für Punkt, daß ich bei meiner Kindheit anzufangen und zu zeigen hätte, wie ich bis Hierher gekommen. »Man kennt das Leben anderer Stände nicht,« sagte er, »darum fühlt man kein Mitleid miteinander, höchstens Neid. So fühlt der Mensch nur seine eigene Bürde und macht sich gar keine Vorstellung, wie schwer die Bürden anderer sind, wie drückend sie lasten. Wer weiß, wie manches vergessene Mädchen, das alles hat, nur keinen Mann und keine Kinder, eine Frau Schulmeisterin beneidet mit stillen Seufzern, die gar nichts hat als eben einen Mann und Kinder! Zudem herrscht ganz besonders in der Stadt das Vorurteil, auf dem Lande könnten die Leute leben ohne Geld, wie die Hasen von Kabis, der von selbst wachse, von Wasser, das umsonst fließe.« Er solle nur nicht Kummer haben, meinte ich; ich wolle das schon machen, daß er zufrieden sei damit; mit dem Setzen möge mich, wie gesagt, nicht bald einer. Und der Wehrdi verzog sein Gesicht wieder, daß sein Schnauz sich ausdehnte bis an die Ohren, und schenkte mir wieder ein und rühmte mich endlich auch: er wisse, ich sei ein ganzer Kerli und werde schon etwas Rechtes und Merkwürdiges machen. Jetzt war mir erst recht angeholfen und ich ließ mich auf wie ein weltscher Hahn, bis ich zu fühlen anfing, daß mir die Zunge schwerer und schwerer wurde und manche Wörter gar nicht mehr herausbringen wollte. Dieses Zeichen kannte ich zu gut, um nicht zu merken, daß es Zeit sei, mit dem Trinken aufzuhören und den Weg nach Hause zu suchen. Wehrdi, der mich begleitete, sagte: er wolle in acht Tagen kommen und nachsehen, was ich gemacht hätte. Er solle nur kommen, antwortete ich, da wolle ich schon weit nache sein mit der Gschrift. Er lachte wieder und ermahnte mich noch: daß ich nur z'vorderist anfangen solle; ob es acht Tage länger gehe oder nicht, darauf komme es nicht an. Potz tausend, wie ganz anders durchschritt ich heimwärts die Felder! Guraschiert sah ich allen Leuten ins Gesicht und vor meinen Augen tanzten eine ganze Menge zu beschreibende Dinge; aber keines wollte sich mir recht voran schicken; es trohlete mir alles hoggis boggis übereinander. Aber soviel trohlete mir vor den Augen herum, daß ich wohl einsah, bis über acht Tage nicht fertig zu werden. Gar holdselig kam ich heim und that gar geheimnisvoll dazu; ließ Worte fallen, wie es bald besser kommen werde; dem Elend sei leicht abzuhelfen u.s.w. Mädeli hatte mir ein freundlich Gesicht entgegengetragen und, meinen Zustand merkend, fragte nicht sehr nach, wie geholfen werden könne. Da wurde ich böse, daß es mir mein Geheimnis nicht abfragen wollte, und fing an zu brummen und zu knurren über seine Teilnahmlosigkeit. »Los, Peterli, wird nicht bös,« fagte Mädeli und setzte sich neben mich, »aber du machst es gerade wie eine Klapperfrau, die thut auch so heimlich mit Sachen, die sie gerne offenbar machen möchte. Ich dachte nicht daran, daß du es auch so mit mir machest. Aber zürn nit und säg mr fründlich und ordlich, was es gä soll für is z'helfe.« Da berichtete ich wunderliches und krauses von einer Schrift an die Frau Landammannin und Frau Schultheißin und noch andere Frauen, und daß in dieser Schrift handgreiflich unser ganzer Lebenslauf dargethan sein müsse Punkt für Punkt, damit man recht deutlich es sehen könne, daß man uns helfen müsse, wenn wir nicht verräbeln sollen. Und das müsse an die Frauen gestellt sein; sie begriffen solche Dinge besser, u.s.w. Mädeli hörte mir zu mit wunderlichem Gesicht und ließ mich reden so lange ich wollte. Und als ich endlich seine Meinung über die Sache wollte, sagte es: es verstehe sich auf solche Sachen nichts; aber es düechi's, i sött müede sy u gern i's Bett welle; i heig ja o die letzt Nacht nüt nutz gschlafe. Sanft und wohl schlief ich und träumte gar nichts. Hell und sonnig war's in der Stube, als ich die Augen aufschlug, und doch noch so still, als wäre es erst Mitternacht; ganz gegen den Gebrauch, da die Kinder sonst mit dem Güggel zu krähen anfingen. Verwundert saß ich aus und sah die ganze Stube leer, alle Vögel ausgeflogen. Das gute Mutterli hatte mir den Schlaf, den ich so selig schlief, gegönnt, die Kinder aufmerksam gemacht auf den Spaß, den Ätti sich einmal verschlafen zu lassen. Und leise wie Mäuschen hatten sich alle weggestohlen und waren an ihre Arbeit gegangen, denn meine Frau hielt die Kinder von früh an zur Arbeit, obgleich es mich oft grausam dünkte und ich oft abwehren wollte. Sie sagte: je früher man arbeiten lerne, desto ringer gehe es einem später, und es grause ihr nichts mehr, als ob den Kindern, die man im Müßiggang laufen lasse, und sie begriffe viele Schulmeister nicht, die auch also thäten. Aber die Kleinen konnten sich nicht enthalten, zum Fenster ein zu guggen, ob der Ätti noch schlafe? Und als sie ihn endlich aus dem Bette springen sagen, stürmte die wilde Schar herein, schabte mir Rübchen und lachte mich gar weidlich aus. Dann kam die Mutter mit der Kaffeekanne und fragte lächelnd: ob ich wohl geschlafen? Sie erhielt den üblichen Vorwurf: warum sie mich nicht geweckt. Ringsum schenkte sie aus der schnablichten Kanne und dem bauchigen Milchtopf ein. Auf so langes Warten hin schmeckte es den Kindern doppelt, und zwischen dem Kauen und Schlucken durch konnten sie nicht satt werden mit freundlichem Ntecken über mein langes Schlafen. Als wir abgegessen hatten, nur die Mutter noch nicht, durch vieles Einschenken gehindert, und die Erdäpfelbitzli all waren und jedes sein Stückchen Brot extra bekommen hatte, jammerte unser jüngstes Kind: »Muetter, i bi no gar grusam hungerig, gib mr doch no es Bitzli Brot.« Und die Mutter warf einen schweren Blick auf das so leicht gewordene Brot und reichte das kleine Stückchen, das sie für sich abgehauen hatte, dem Kleinen dar und fagte: »Sä, du Vielfrätzli, i ha mr nume z'viel abghaue gha; aber jetz schwyg mr u häb gnue.« Das schnitt mir tief ins Herz wieder, daß mein liebes Mutterli nicht einmal ein Stücklein Brot hatte, nachdem wir alle gegessen. Ich erkannte frisch, daß da müsse geholfen werden, wenn die Sorgen mir nicht das Herz abdrücken sollten und die Reue, daß ich in meiner ledigen Zeit so leichtsinnig mein Geld verschleudert und nur Schulden in die Ehe gebracht. Es mußte also ans Werk gegangen werden, um meinem lieben ergebenen Weibe ein Stücklein Brot zu verschaffen zum Morgenbrot. Es ist doch merkwürdig, wie stille, liebe Ergebung tausendmal mehr wirket als laute, begehrliche Ungenügsamkeit. O wenn doch das alle Weiber wüßten! Entschlossen ging ich in die Schulstube, schnitt zwei neue Federn, legte Papier zurecht, stopfte eine Pfeife, tunkte die Feder ein und wollte nun schreiben. Aber, o je! wie ganz anders kam mir jetzt das Schreiben vor nach zwei Kachelene Kaffee, als früher nach einem halben Dutzend Gläser Wein! Vor allem plagte mich der Titel, den ich auf die Schrift zu setzen hatte; sollte ich sie an die Regenten oder die Regentenfrauen stellen und wie die letzteren betiteln? Ich wußte nicht, konnte man ihnen auch Hochgeachtet und Hochgeehrt sagen oder ob sie sich »tugendsam und ehrbar« lieber nennen hörten? Es ärgerte mich, daß ich den Wehrdi nicht gefragt; ich mußte das nun überspringen. Nun kam es an den Anfang; der wollte sich aber gar nicht anfangen lassen, bis ich beschloß, einstweilen niederzuschreiben, zuschwas mir in Sinn käme, weil ich nun wohl einsah, daß es abgeschrieben werden müsse. Während ich an dieser Arbeit saß, vermißte mich mein Weibchen bei einer andern Arbeit, beim Flachsziehen nämlich, das auf den heutigen Tag abgeredet und von meiner Frau begonnen war. Als ich immer und immer nicht kam, wurde ihr bange, daß ich krank sein möchte; sie kam, streckte den Kopf zur Stubenthür ein und fragte: »Mannli, bisch chrank, daß d'nit chunst?« Als sie mich so da sitzen sah, gebeugt, den Kopf in der Hand, ohne aufzusehen, glaubte sie, es sei so, trat näher und faßte mich an, um zu sehen, wo es mir fehle. Als sie mich schreiben sah und zwar etwas von Vater und Mutter (eine Hexe war sie nicht im Lesen von Geschriebenem) so zupfte sie mir die Feder aus der Hand und sagte: »Peterli, du wirst doch nit öppis Narrs welle mache? Das sy Flause, chum du u hilf mr Flachs zieh.« Ich aber schüttelte den Kopf und sagte: etwas müsse gemacht sein; so könne es nicht mehr gehen und etwas Besseres wüßte ich nicht. Da antwortete mein Weibchen, es wisse noch etwas besseres: Geduld haben und Vertrauen auf Gott, daß es gerade so komme, wie er wolle, und unterdessen munter arbeiten und vergnügt sein mit dem Guten, wo man hätte; und wir hätten ja so viel, was andere nicht hätten: Liebe und Friede, daß wir wohl zufrieden sein könnten. Da übermannte mich die Wehmut über meines Weibes ergebenen Sinn und ich that ihm thränend dar, daß ich es eben seinetwegen nicht mehr so lassen könne; es zerschneide mir das Herz, wenn ich sehe, wie es sich am Munde abbreche, um den Kindern zu geben; wie es dabei von Morgen früh bis abends spät auf den Beinen sei und anfange auszusehen wie die teure Zeit; wie ich ihm während unserer Ehe fast keine Kleider hatte anschaffen können, so daß es schon lange nicht mehr z'Chile dürfte, wenn es sie nicht so gut in Ehren hielte. Man müsse allerdings auf Gott vertrauen, aber auch das Seine thun, arbeiten, und das sei ja gerade eine Arbeit, von der Wehrdi sage, daß sie nötig sei. Wehrdi meine es gut mit uns; er habe mir schon manchen Fünfbätzler gesteckt unter irgend einem Vorwande. Er kenne auch mehr von der Welt als wir; er hätte zwar manchmal gelacht über mich, aber das sei so seine Art und er mache es auf eine Art, daß man es nicht übel nehmen könne. Ich sei willens, in Gottes Namen fortzufahren und Tag und Nacht daran zu arbeiten. »Aber sag mir doch, Peter,« sagte meine Frau, »was soll denn das für eine Schrift werden? Du fängst da bei Vater und Mutter an und bei einem alten Häuschen u.s.w.; wer soll denn das lesen? Ich habe immer gehört, solche Schriften seien um so besser, je kürzer sie seien.« Wehrdi habe es mir so angeraten, entgegnete ich; er könne es ihr am besten sagen, was das für eine Gschrift geben solle, und warum sie so sein müsse und nicht anders. Er werde in acht Tagen kommen; dann könne sie ihn fragen, was er eigentlich meine, und bis dahin Geduld mit mir haben; es geschehe ja doch ihr besonders zu Liebe und Huld. Während den acht Tagen arbeitete ich fleißig fort und füllte allerdings schon so viel Papier, daß mich selbst Wunder zu nehmen anfing, was das für eine Schrift werden sollte. Es tauchte mir beim Nachdenken so viel aus meiner Kindheit auf im Gedächtnis, das ich niederschrieb, weil Wehrdi gesagt hatte, ich sollte z'Bode ha, daß ich viel schrieb und doch nicht weit vorwärts kam. Wehrdi kam, als eben meine Frau im Bohnenblätz war. Er durchsah meine Arbeit mit Wohlgefallen und meinte, das werde schon was rechtes werden. Er wolle sie nach Hause nehmen, um noch besser sie zu kosten und einiges nachzubessern. Dann fragte er mich noch so eine Menge Dinge über das bereits Geschriebene und nachher über das Nachkommende, und wie ich beides verbinden wolle, daß ich gar keine Zeit hatte ihn zu fragen: was denn das eigentlich werden solle? Als aber meine Frau heimkam, so wartete die nicht lange, bis sie ihn zur Rede stellte. Sie fragte ihn: »Aber, Wehrdi, meinet Ihr es denn eigentlich gut mit uns oder haltet Ihr uns zum besten, und sind wir Euch nur dazu gut, die Längizyti zu vertreiben?« »Nein wahrhaftig, Wybli,« sagte Wehrdi, »es müßt einer ja ärger sein als ein Heide, wenn er es mit Euch nicht von ganzem Herzen gut meinen sollte.« »Aber was macht Ihr dann meinen Mann zu schreiben ein Langes und ein Breites von seinem Vater an, und am Ende wird er auch noch gar von mir schreiben sollen?« »Das versteht sich, Frau Schulmeisterin, daß anch von Euch geschrieben werden soll, und gerade das wird das schönste von allem werden und die meiste Wirkung thun.« »Nei nis Bott, i will i kei Schrift; ebe so mähr chönnt me se de gar no lah drucke.« »Eben das könnte es geben, wenn die Sache darnach ausfällt, und ich kann mich schon freuen wie ein Kind, daß es die Welt erfahren kann, was Ihr für eine Frau Schulmeistern seid.« Da wurde meine Frau rot bis unten ans Ohrläppchen und sagte: »Wehrdi, es ist nicht schön, mit so armen Leuten nicht nur das Gespött zu treiben, sondern sie auch zum Gespött der ganzen Welt machen zu wollen. Wir sind zwar arme Leute; aber das haben wir nicht verdient und hätten es am wenigsten von Euch erwartet. Es that mir oft wohl zu denken, daß Ihr meines Mannes Freund seiet und Euer Rat ihm manchmal nützlich sein könne, und jetzt ist es so gemeint!« Und es brannten zwei blanke Thränen in meines Weibes Auge und rasch wollte es zur Stube hinaus. Wehrdi schien mir da zu stehen wie die Butter an der Sonne, als ihm meine Frau so abkapitelte; aber der war nicht lange verblüfft. Als meine Frau abmarschieren wollte, ergriff er rasch ihren Arm, und als sie sich losreißen wollte, fragte er sie: ob sie dann nicht mehr wisse, daß man niemand unverhört und leichtlich verdammen solle? Da stund sie vor ihm still mit unwilligem Gesicht und niedergeschlagenen Augen. »Bitte, bitte, Fraueli! machet mir zuerst ein freundlich Gesicht und thut Eure Äugelein mir auf; dann kann ich Euch's am besten sagen, wie ich es meine, und Ihr begreift mich am besten,« bat der wilde Mann so sanft, daß es mir recht kurios vorkam. Mich hatte er ausgelacht; ich konnte nicht begreifen, warum er es bei meiner Frau nicht auch fo mache. Als meine Frau, die keine freundliche Bitte abschlagen konnte, wieder aufsah, sagte ihr Wehrdi: daß ihm nie jemand so gröblich unrecht thue, als gerade sie. Er möchte alles in der Welt lieber, sogar noch einmal nach Batavia, als sie zum Besten halten; und wenn er schon zuweilen über mich lache, so meine er es doch gut, und er frage sie auf ihr Gewissen: ob sie denn trotz ihrer Liebe zu mir nicht auch zuweilen wenigstens lächle über mich? Hingegen begehre er mit allem Ernst uns zu helfen. Er sei allein in der Welt, stehe in keinen näheren Verhältnissen zur Welt; die Leute flöhen ihn und doch werde der liebe Gott ihn einst fragen: »Wehrdi, was hast du gutes an deinen Brüdern gethan?« Sie könne daraus doch wohl abnehmen, ob er mit den einzigen Leuten, die Vertrauen zu ihm hätten, sein Gespött treiben werde? Er könnte uns freilich auch mit Geld helfen; aber das sei drückend für uns und solche Unterstützung wäre nie ein festes Fundament für eine Haushaltung. Wolle eine Familie fest stehen, so müsse sie selbst mit starken Wurzeln in den Boden greifen; angebrachte Stützen hülfen nur vorübergehend und seien zerbrechlich. Als ich da bei ihm so geweebert und gejammert: wenn man doch nur die Not kennen thäte, so hülfe man gewiß; so sei ihm das aufgefallen und er habe das ziemlich wahr gefunden. Darum habe er mich zum Schreiben aufgemuntert. Seither habe er noch darüber nachgedacht und sei auch zum Pfarrer gegangen, und sie wären beide darüber eins geworden. Sie seien nämlich darüber eins geworden, daß man im Kanton Bern anfange zu glauben, wenn man einander recht wüst sage, sei damit alles abgethan. »Zum Unglück ist nun die ganze Schulmeistergeschichte mitten in diesen wüsten Strudel hineingeraten und die Schulmeister haben sie selbst hineinstoßen helfen, machten selbst einen höllischen Lärm. Das Ende davon war, daß man die Schulmeister, um sich nicht feiner von ihnen den Kopf waschen zu lassen, aufs Trockne setzte, und da sitzen sie nun. Nun aber, meinen der Pfarrer und ich, könnte nichts mehr die Gemüter versöhnen und gegen euch gerecht machen, als eine unbefangene Geschichte eines Schulmeisters und seiner Haushaltung. Und gerade Eure Geschichte, meinte ich, müsse das ganz besonders thun, wenn man aufrichtig sie erzähle. Allerdings werden die Leute hie und da über den Schulmeister etwas lachen müssen; aber weil er dann wieder so kreuzordentlich wird und Ihr beide zuweilen sie auch rührt, so werden sie Euch um so gewogener werden, um so eifriger Euch helfen wollen. Aber Euch können sie nicht helfen, sondern sie müssen zugleich auch den andern helfen. Und nun denket, Mädeli, daß von fast tausend Schulmeisterinnen fünfhundert in ähnlicher und noch tieferer Not sind als ihr; denket, daß ihre Kinder noch mehr entbehren müssen. Und allen diesen könntet Ihr helfen, könntet die Sorge von ihren Stirnen, die Thränen aus ihren Augen, den Jammer aus ihren Herzen treiben; könntet ihnen Brot verschaffen, Kleider, muntern Sinn, freudige, dankbare Gefühle; könntet tausend Kindern eine fröhlichere Jugend Verschaffen, eine bedeutungsvollere Erziehung, – das alles könntet Ihr, Mädeli; könntet machen, daß manche Sohnsfrau ihre Schwieger ohne eigenes Entbehren pflegen, ihrem eigenen Vater ein weißes Brötchen verschaffen kann; das alles, Mädeli, könntet Ihr vollbringen, und womit? Mit etwas Selbstüberwindung, mit Hintansetzung Eurer Schüchternheit und des Vorurteils, nicht gedruckt zu werden und den Leuten so in die Mäuler zu kommen. Das ist doch lange noch nicht das Leben lassen. Es ist ein Dulden, aber doch sicher ein so schweres nicht; es ist fast nur das Dulden des ersten Kusses, den ein Mädchen von seinem Liebhaber erhält. Es sträubt sich so heftig und doch ist er ihm das erste Pfand des ersehnten Glückes, der Vorläufer von tausend nachkommenden. Es ist also eigentlich ein süßes Dulden, und glaubt es mir, Frauchen, wenn Ihr es duldet, so werdet ihr Liebhaber bekommen, wie Sand am Meer. Und wer weiß, ob man nicht ordentlich wallfahrtet zu Euch, nicht nur Schulmeister, um Euch zu danken, sondern ganz andere Leute. Junge schöne Herren z. B., die absolut sehen wollen, wie eine schöne, gescheite, fromme Frau Schulmeisterin aussieht. Darum, Mädeli, sperrt Euch nicht dagegen. Gegen Euern Willen möchten wir natürlich nichts machen, aber, nicht wahr, Ihr habt Euch jetzt eines Bessern bedacht?« Mädeli fügte ihm, er sei ein Schalk, der es wohl gut meinen möge; aber daß die Sache den gewünschten Austrug nehme, das wisse niemand, und dann habe man, wenn es nicht gelinge, sich für die ganze Welt dargegeben und vor der ganzen Welt lächerlich gemacht für sein Lebenlang. »Weiß denn überhaupt der Mensch,« sagte Wehrdi, »wenn er etwas unternimmt, wie es herauskömmt? Würde nicht jeder alles unterlassen müssen, wenn er vorher des Erfolges sicher sein wollte? Was würde wohl gutes auf Erden geschehen sein, wenn dieser Grundsatz gültig wäre? Wo der Mensch das Gute will, da soll er handeln, den Erfolg aber Gott überlassen, in dessen Hand er steht. Habt Ihr diesen Grundsatz etwa auch aufgestellt, als Euch Euer Mann zur Frau wollte? habt Ihr ihm auch gesagt, wenn Ihr wüßtet, daß es gut käme, so wolltet Ihr ihn nehmen, da Ihr es aber nicht wüßtet, so solle er in Gottes Namen seine Wege gehen?« Mädeli mußte wider Willen lächeln; dann aber warf sie dem Wehrdi vor, daß er alles ins Lächerliche ziehe und den ernstesten Dingen einen sogenannten Spaß anhänge. Wüßte sie, daß sie fünf Schulmeister aus dem Elend erlösen könnte und fünf Kmdlein, es brauchten nicht fünfhundert zu sein, so wollte sie sich für sich alles gefallen lassen. Und wenn man eigentlich dieses wolle, so werde sie nichts mehr dagegen sagen; aber man solle ihr eben auch nicht davon reden. Hätte der Pfarrer die Sache nicht gebilligt, so würde sie noch jetzt Mühe haben, nicht zu glauben, man treibe das Gespött mit ihr. Wehrdi sagte ihr, es sei doch nicht recht, daß der Pfarrer mehr gelte bei ihr als er; dieser könne zwar etwas feiner thun, aber Spaß mischen in ernste Dinge, das habe er eigentlich vom Pfarrer gelernt. Der sage, es sei am Himmel so und auf der Erde. Ungeheuer tief und ernst sei alles; aber über die ernste Unergründlichkeit zucke der Sonnenstrahl, blicke der Mond, flimmerten die Sterne, wandle manch ander Lichtlein: so solle es im Leben sein, so solle es im Menschen sein. Was die Menschen bei ihm Spaß nennten, sei doch nur eigentlich ein Strahl, ein Lichtlein, in dessen Schein das Tiefe und Unergründliche erst bemerkbar werde. Wo keine solche Lichtlein sichtbar würden, da lebe man in grenzenloser Öde; die wundervolle volle Tiefe ergriffe einen nicht zur Ehrfucht, sondern sie erscheine einem nur als wüste Leere. So rede der Pfarrer; aber so gut als der Pfarrer meine er es auch mit uns und er könne gar nicht leiden, wenn sie demselben mehr trauen wolle als ihm. Wehrdi war gar possierlich, wenn er mit seinem sonst so gebietenden Wesen anhalten und bitten wollte. Daher konnte meine Frau am Ende nicht anders, als ihn zu versichern, sie wolle ihm so viel zutrauen, als irgend einem andern, wenn er darnach thue. So nun ward die Fortsetzung der Arbeit beschlossen. Wehrdi kam, fragte und nahm dann die Blätter mit sich nach Hause und brachte sie mir nicht wieder. Auf mein Fragen nach ihnen antwortete er: er müsse alles in ordentlichen Zusammenhang bringen. Während wir so arbeiteten, verbreitete sich das Gerücht: es werde von einer mächtigen Seite her daran gearbeitet, daß die Taxation aufgehoben und uns eine bestimmte Staatszulage zu dem bisher von den Gemeinden entrichteten Einkommen zugeteilt werde. Der Herr Seminardirektor Rickli, den alle seine Zöglinge bis in den Himmel erheben und ihn rühmen, wie er nicht nur so gelehrt, fondern auch so gut sei, der bewege Himmel und Erde für uns, hieß es. Und wirklich hieß es bald darauf in den Zeitungen: es sei zu unfern gunsten eine Kommission nach Bern einberufen. Bald darauf kam die Nachricht: diefe Kommission wolle jedem Schulmeister in Zukunft 150 L. extra vom Staat aus zulegen. Diese Nachricht war viel zu schön, als daß mir sie geglaubt hätten. Ach, wer so oft getäuscht wird, wird mißtrauisch! Unsere Herzen zitterten in Wonne, wenn wir gedachten, daß es so werden könnte; aber eben darum glaubten wir es nicht. Ach, dachte ich, wäre deine Arbeit doch schon fertig, könnte die jetzt hervortreten, dann vielleicht würden die erweichten Herzen stimmen für unser Glück. Aber, eben, weil ich noch so weit zurück war, daß die Würfel lange gefallen sein mußten, ehe ich zu Ende kam, verlor ich den Mut zur Fortsetzung und sagte Wehrdi: es werde nun am besten sein, es abzuwarten was komme, ohnehin könne ich jetzt so wenig zum Schreiben kommen und ich vermöge es wahrlich nicht, soviel Zeit zu gebrauchen um nichts und wieder nichts. »Potz Tausend nein!« sagte Wehrdi, »das thut mir nicht. Es ist noch nicht gewiß, daß man macht, was die Kommisston vorschlägt. Und wenn auch entsprochen wird, so ist das Buch doppelt nötig. Es ist nötig, um eine Menge Leute mit euch zu versöhnen, die böse über euch sind und noch böser werden, wenn es euch besser geht. Es soll machen, daß die Leute den Lehrern ohne Ausnahme die Staatszulage gönnen, weil sie zur Führung einer nicht bettelhaften Haushaltung nötig ist. Es soll zeigen, daß man unter den stattgehabten Umständen euch in diesem Augenblick gar nicht anders verlangen kann, als ihr seid. Aber auch gar nötig ist's den Schulmeistern selbst; sie können gar vieles daraus lernen und besonders die jungen. Diese macht es aufmerksam anf eine Menge Steine im Wege, über die jeder fällt, der nur nach den Sternen guckt, nur nach den Sternen gucken lernt, und wird ihnen hoffentlich später auch durch Mädelis Bild den so frühe regen, heiratslustigen Sinn veredeln. Und der Pfarrer meint, es sollte auch aufs neue aufmerksam machen auf das eigentliche Wesen, das Innere der Schule, das man zu vergessen scheine, das in einem gräulichen Wirrwarr liege und dem nicht aufgeholfen werde bloß mit neuen Häusern und auch nicht allein mit neuen, ganz ihrer Willkür überlassenen Menschen. So weit werden wir aber kaum kommen. Wenn wir nur die Welt mit euch versöhnen und manches Lehrers Augen aufthun, sie lenken auf das Eine, das Not thut, so thun wir viel.« So sprach Wehrdi zu mir, und der Pfarrer, der bis dahin that, als wisse er nichts davon, sagte mir einst im Vorbeigehen: »Käser, seid nur fleißig und setzet nicht ab, es wäre mir leid.« So wendete ich denn alle mögliche Zeit dazu an, aber immer mühseliger. Wer 150 Kinder fünf bis sechs Stunden hintereinander unterrichtet hat, der weis, wie es einem im Kopf ist. Zudem mußte ich meiner Frau auch etwas beistehen in der Haushaltung; denn sie wurde ihr immer beschwerlicher und mit dem Spinnen kam sie fast gar nicht mehr fort. Es war ein gar gewaltig kalter Winter und am Morgen um fünfe das Heizen so schaurig, daß ich es ihr für kein Geld überlassen hätte, der Weg zum Brunnen so glatt, daß ich sie denselben nicht mehr gehen ließ, und das Wasser so kalt, daß ich gar zu gerne unser Zeug auswärts hätte waschen lassen, wenn nur Geld dazu vorhanden gewesen wäre. Die Kinder halfen freilich schon; aber man mußte sie dabei immer im Auge haben. Der Knabe konnte sich leider das Regieren und das daraus entstehende Zanken nicht abgewöhnen. Mädeli ward auch so still und weichmütig, wenn es alleine war, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, immer für mich zu sein und für mich zu arbeiten. Kam ich dann in die Stube, so erheiterte sich sein Gesicht; es war, als ob eine Wolke davon wegflöge. Freilich waren unsere Gespräche nicht immer die erheiterendsten; aber sie waren doch ein einiges Besprechen der gemeinsamen Sorgen. Der neue Ankömmling machte den Ankauf einer neuen Bettstelle für die zwei jüngern Kinder nötig. Da hatten wir tief und schwer zu sinnen, wie es sich am wohlfeilsten machen ließe und wie wir Geld auch für das Wohlfeilste aufbringen wollten. Wir rechneten Kreuzer für Kreuzer zusammen, und wie oft, wenn die Kinder im Bette waren, nahm ich das Körbchen aus dem Gänterli und zählte Stück um Stück und so langsam als möglich, aber immer waren eher weniger als mehr. An die Kindbetti und ihre Kosten durfte ich nicht einmal denken. Ich sprach einmal davon, Wehrdi einstweilen um ein Anleihen anzusprechen; aber Mädeli wurde ganz rot im Gesichte und ruhte nicht, bis ich es ihr versprochen, es doch ja nicht zu thun, wenigstens nicht bis in der größten Not und nicht ohne ihr Vorwissen. Einmal, den 1. März war es 1837, hatte mich jemand lange aufgehalten in der Schulstube und erst losgelassen, als meine Kinder mir zweimal zu sagen kamen: ich solle doch kommen, wir wollten essen. Mädeli stellte nun eine Mehlsuppe oder, wie andere sagen, eine Wassersuppe auf den Tisch und gewärmte Aepfelschnitze dazu, an die eine Portion Wasser gegossen war, um sie durch die Brühe ergiebiger zu machen. Ich schnitt ein etwas saures Gesicht und fragte: warum wir nicht Kaffee und Erdäpfelbitzli hätten, wie gewohnt? Da traten meinem Weibchen die Thränen in die Augen und es berichtete: es sei heute wieder einmal mit dem Licht im Keller gewesen, um Erdäpfel zu holen, und da sei es fast in den Boden gesunken vor Schrecken; denn es habe gesehen, wie wenig rote Erdäpfel wir noch hätten. Wollten wir deren noch zum Setzen behalten, so müßten wir bald aufhören von ihnen zu essen und an die Korsikaner gehen; aber dann hätten wir auch deren nicht genug, wir würden welche kaufen müssen. Da habe es vor Angst heute sparen wollen und nicht daran gedacht, daß ich der Suppe nichts nachfrage. Ich solle doch recht nicht zürnen; es sei ihm noch in allen Gliedern. Ich gab meinem Weibchen zur Abbitte die Hand; aber sagen konnte ich nichts. Die Äpfelschnitze, so angefeuchtet sie waren, stachen mir im Halse wie buchene Spane, und mich dünkte, als schlucke mein Weibchen auch etwas hinunter, aber nicht Suppe, nicht Schnitze. So saßen wir da, während die Kinder lustig atzen und an der süßlichten, bläulichten Brühe sich labten, schweigsam Hand in Hand. Keines seufzte um des andern willen; aber jedes dachte in schwerem Harm an das Kinderbettli, an die Kindbetti, die fehlenden Erdäpfel. Diese dreifache Not sauste uns in den Ohren, flimmerte uns vor den Augen. Wir rangen nach Trost, aber wir fanden keinen. Wir sahen das Lämpchen nicht düsterer brennen, wir hörten die Hausthüre nicht girren; aber wir merkten, daß aus der leise geöffneten Stubenthüre eine Gestalt auf uns zuschritt durch den düstern Hintergrund der Stube. Ehe wir sie erkannten, sprach die wohlbekannte Stimme des Pfarrers: »Putzet das Licht und freuet euch. Gestern erkannte der Große Rat euch jährlich 150 L. als Staatsbeitrag zu; eure gegenwärtige Besoldung bleibt. Den Vernünftigen ist nun einstweilen geholfen.« Wir saßen da, wie eingewurzelt. Wie die Sonne mit dem Nebel ringen muß, ehe sie die Erde erleuchten kann, so mußten diese Worte ringen mit unserm Gram, ehe ihr Sinn zum Bewußtsein kam und aufflammte in unsern Seelen. Da faltete mein Weib die Hände und die nassen Augen hob es auf und mit bebender Stimme betete es: »Ach Gott! vrgieb is doch, daß mr di vergesse, daß mr wieder so gchummeret hey. Mr wey's nie meh thue. Was du a-n-is thuest, mr wey's nie vrgefse, mr vrdiene's nit. Ach, mir sy bösi, bösi Lüt; mir wen besser werde; aber we mr di noh meh vrgesse sötte, su straf is, aber vrgiß du is nie!« Und »Amen!« sprach der Pfarrer. Ende