Neuntes Bändchen. 1 Fünftes Buch. 3 1. »C. M. B. – Caspar, Melchior, Balthasar –! Diese Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland schrieb die alte Zeit, um dem Heiland eine Weihnachtskrippe zu bereiten, über Thür und Schwelle eines jedes Christenhauses. Aber sie können noch mehr sagen, diese heiligen drei Könige aus dem Morgenland! Sie können euch auch rufen: C. M. B.: C–reuzige M–eine B–egierden! C. M. B.: C–hrist M–ein B–ekenntniß! C. M. B.: C–hristus M–eine B–ahn! C. M. B.: C–ommunicire M–it B–edacht! C. M. B.: C–abalen M–üssen B–rechen! C. M. B.: C–abinetsweisheit M–acht B–ankerott!« In dieser nicht eben harmlos zeitgemäßen Weise war am heiligen Dreikönigstag in der uralten Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schloß Westerhof gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil alles erwartete, es würde der von vierundzwanzig Damen gefertigte Wunderteppich, die vom Doctor Laurenz Püttmeyer gezeichnete Vision der »Seherin von Westerhof«, heute vom Pfarrer Norbert Müllenhoff feierlich geweiht werden. Diese »Weihe« mußte dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen. 4 Es verging aber noch längere Zeit, bis diese heilige Handlung vollzogen werden konnte. Die Damen hatten zu viel für den Kirchenfürsten zu sticken gehabt, zu sehr jenen Müllenhoff'schen – »Bankerott aller Cabinetsweisheit« beweisen müssen. Denn auf die mächtig erstandene katholische Opposition gegen die Regierung spielte der Redner an, als er sein Witzspiel mit dem C. M. B. der heiligen drei Könige bis ins Endlose verfolgte. Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie an jenem Gesellschaftsabend bei Piter Kattendyk Terschka berichtet hatte, durch »längern Umgang sogar lieb gewann«, fast die erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei »Vielliebchen« verloren, die sie für Thiebold und Benno stickte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher. Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten so lange mit Ablieferung der Einzeltheile jener großen Arbeit, die dann Jean Tübbicke, nicht Schneidermeister, sondern – man staune des Fortschritts zu Witoborn! – » Maître-tailleur « in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Meßners, des alten Meßners Tübbicke hier zu St.-Libori selbst, nach Püttmeyer's Zeichnung zusammenzunähen hatte. Armgart saß am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche. Ach, sie deutete sich die akrostichische Nutzanwendung von C. M. B. aus dem Munde des jungen, immer polemisch schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines reformatorischen Eifers wegen überall zwar Spectakel gehabt, aber doch diese höchst vortreffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen'schen Gütern bekommen hatte, in ihrer Weise. Ihr – sprachen Caspar, Melchior, Balthasar: Herr! C–röne M–ein B–eginnen! Daß sie dabei »Cröne« mit einem C schrieb, entsprach den witoborner alten Gesangbüchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738, als 5 von hundert Jahren später. Die wunderherrlichen Gedichte Annette's von Droste-Hülshoff, dieser edeln, anschauungsreichen Sängerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruß der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parnaß das Heidekraut und die Buchweizengrütze aussäete, diese Gedichte kannte Armgart; aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der That hielt sie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften (in diesem Winter erst Einen einträglichen mit zehn Schinken, zehn Würsten und zehn Speckseiten) – Ueber ihrer Thür stand zu lesen in altfränkischen Buchstaben: O Libori, o Antoni, zwei Gefäß der Heiligkeit, Daß wir müssen euch begrüßen, heißet uns die Schuldigkeit! O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End', Daß nicht sterben und verderben! Führet uns in Jesu Händ'! Ohne uns bei Enträthselung dieser sonderbaren Construction aufzuhalten, fragen wir: Welches ist denn Armgart's »Beginnen«? Wir können vorläufig nur sagen: Noch mehr, als sie schon sonst war, ist sie eine Grüblerin geworden. Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innersten Wände ihrer kleinen ahnungsvollen Gedankenwelt zurückschauen. Stundenlang konnte sie ihre bekannten weißen Vorderzähnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie über etwas grübelte, was ihr seltsam erschien. Und was erschien ihr nicht seltsam! Noch jetzt, wenn die Rede war von der Erblassenschaft der Dorste'schen Besitzungen, von dem Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als eben von dem Erblasser , konnte sie sich fragen ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich auszusprechen wäre: Er–blasser und den im Tode tief erblassenden, leichenweiß 6 erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine Erbskette nahm sie noch jetzt für eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa von einer theuern Mutter, erbt , nicht etwa als Kette von Kügelchen, so groß wie Erbsen. Wenn Onkel Levinus Abends nach dem Nachtessen im Schloß Westerhof vom Untergang der westfälischen Herrschaft und von Napoleon's Sturz in Rußland sprach und die Schlacht bei Mosaisk erwähnte, träumte und grübelte sie, wie denn doch nur mit dieser Begebenheit dazuweilen in Kunstgesprächen und bei schönen römischen Brochen ihr vorgekommene ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhängen konnte. O, schon das achtjährige Kind ließ sich nicht nehmen, daß in dem auf dem Finkenhof, einem Wirthshause in der Nähe, zuweilen gesungenen Liede: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!« keine Lampe, mit welcher ja ohnehin kein Mensch springen würde, sondern ein springend erhitztes Lämmchen gemeint wäre. Zwölfjährig schon, wo sie noch nicht ahnte, daß sie selbst einst in Lindenwerth wohnen würde, auf welcher Insel jene Ritter-Toggenburg's-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in Wahrheit einst vor sich gegangen sein soll, sprach sie Schiller's, aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht: »Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz!« nie anders, als: » Rittertreue, Schwesterliebe  –!« Drückte doch beides das für sie Schönste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche Liebe –! Drei Wochen nach dieser, der Regierung denuncirten, aber ihrer gegenwärtigen »Schwäche« wegen von ihr nicht bestraften Predigt wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war ein festlicher, hochkatholischer Sonntag –! Zwar war es hier, in viel rauherer Gegend, als in der Residenz des Kirchenfürsten, vollständiger Winter und fußhoch lag der Schnee und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost alles 7 Flach- und Hügelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehärtet und gefestet. Jetzt erst zeigte sich recht die Isolirung, der eigenthümliche Charakter des hiesigen Zusammenwohnens. Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem Hof schließt sich ab, als wäre dies Land, gleichfalls nach Benno's früherer Aeußerung, ein Meer und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe. Ringsum hat jeder bei sich in nächster Nähe sogleich alles, was er bedarf. Im Bauernhause selbst liegt sogleich der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht ganz, sondern behielt davon eine gute Strecke als Grenzmarke der Aecker. Nirgends findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die anderswo in unübersehbarer Einförmigkeit nur von vollständigen Dörfern abgelöst werden. Hier ist das Dorf aufgelöst in Höfe, die jetzt im scheinbar alles nivellirenden Schnee nur sichtbar sind an den rauchenden Schornsteinen. Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin sich öffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Osten hin ragen einige alte Thürme auf, wie wenn sich dort eine Citadelle erhöbe. Das ist denn Schloß Westerhof. Gegen Süden zu zeigt ein bucklig geschnörkelter, mit Schiefer belegter Thurm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen festhielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser großen Rundsicht, welche Berge, Wälder, Seen, die Witobach und das an ihr gelegene thurmreiche Witoborn, mehr ahnen als deutlich unterscheiden läßt, liegt dann am Fuß einer kleinen Anhöhe die alte, einst byzantinisch angelegte, jetzt zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandstein, St.-Libori. In nächster Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald, der jedoch nur die Einfriedigung eines Kampf ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Häuser bilden, das des Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof. Aber diese ganze Winterlandschaft ist heute belebt, wie im 8 erwachenden Frühling! Sieben bis acht Schlitten stehen unten vor dem Calvarienberg des Aufgangs, davor schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken. Die putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwischen die Bauern und die »Kötter« und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsätzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten Mütterchen mit großen weißen Krägen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern schon ähnlich machen; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, am Gürtel ein Rosenkranz, auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen. Die »Weihe« des Teppichs ist endlich vorüber. In den Schnee hineinblickend mußte die sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne geschaut, so prächtig war der Teppich, der vorm Hochaltar hoch an rothen Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines Fensters im mailänder Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth strahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem noch dazu auch gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prächtig erleuchtet. Norbert Müllenhoff predigte in seiner jungkatholischen Weise. Wieder knüpfte er an Caspar, Melchior, Balthasar an und sagte, die wilden Thiere des Teppichs da wären auch in dem Lande heimisch, von wannen jene Morgenlandskönige gekommen. Dann schilderte er diese Morgenlandskönige gelegentlich im Gegensatz zu den Abendlandskönigen. Jene waren theilweise, sagte er, schwarz von außen; diese sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köstliche Geschenke; diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestöhlen ihn und 9 plünderten ihm das Stroh hinweg aus seiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hätten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen; diese ertheilten Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Auch der Pfau, sagte der Redner, dieser große Vogel, der den heiligen Liborius geleitet hätte, wäre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! Zwölf Augen säßen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über den Weg, den damals der Heilige durch die Herden hindurch hätte nehmen müssen, um gerade hieher nach Westerhof zu kommen, gerade hieher, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog! Jetzt freilich müßte die Kirche, um wie dieser Heilige durch soviel noch herrschendes Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vögel zu Führern wählen, leider – vor allem nur die schüchterne Taube. Glücklicherweise wäre diese aber denn doch auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schüchtern zwar, doch die gute Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schäden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft würde; denn die Kirche Gottes, sagte er mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste'schen Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die ist nicht byzantinisch, nicht gothisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern blos einfach – felsenfest. Das hat St.-Paulus bereits den Korinthern anzuhören gegeben, fuhr er fort, die sich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich so viel eingebildet! Warum würde sonst St.-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die Korinther Capitel 5 über das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben haben –? 10 Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren nichts als Anzüglichkeiten. Aber man war an dem frischen, jungen, noch ganz studentisch aussehenden Mann von etwa dreißig Jahren dergleichen in der Gegend schon gewohnt. In dem gräflichen Stuhl im Emporchor verstand man vollkommen, was gemeint war mit dem Blick auf Terschka, auf Levinus von Hülleshoven, Armgart's Onkel, der die Dorste'schen Güter verwaltete, und wir selbst werden es noch näher in Erfahrung bringen. Wir berichten nur, daß trotz des feierlichen Tages das erste Wort, das Norbert Müllenhoff in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwärmen auf die Schultern schlagend, sprach, lautete: Nein, ist das hier wieder eine Hundekälte –! Zähneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen, der auf drei Schritte allerdings eine Glühhitze verbreitete, nicht aber den übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entließ den Dampf durch eines der großen Rundfenster – Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! begann der alte Meßner Tübbicke, Vater des » maître-tailleur « . . . Die neue Thür, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten – Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich. Der Meßner war ein alter hagerer Mann, mit einer rothen Flachsperrüke. Er sah in seinem langen rothen Rock selbst wie einer der vor drei Wochen auf den Dörfern wandelnden heiligen drei Könige aus, die mit ihrem: »Wir sind die Könige aus Morgenland, ho, je!« an den Thüren bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit welcher er die Altarkerzen auslöschen wollte in der nunmehr sich entleerenden Kirche. Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Thür, die sonst nicht da war – begann Tübbicke aufs neue – Wollen Sie wol schweigen! wiederholte Müllenhoff aufstampfend und zog sich sein Meßkleid aus. Ein für allemal, 11 Tübbicke, rief er dem Alten mit seiner riesigen Lichtputze nach, wenn ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe! Gut, gut, gut! antwortete brummend der Alte und ging kopfschüttelnd über seinen neuen Vorgesetzten – Dieser brummte, weniger maliciös, als burschikos, fort: Diese Sucht von den Meßnern, überall mit uns umzugehen, als wenn der ganze Gottesdienst ein bloßer Spaß wäre! Schon wie die Barbiere kommen sie des Morgens zu unserm Herrgott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus –! Und nun pfiff sich sogar Müllenhoff selbst eine leichte Weise und genoß im stillen seinen Triumph, in die Predigt eine Rüge des gräflichen Bauwesens eingeflochten zu haben – Tübbicke kam zurück. Tübbicke! sagte der Pfarrer, etwas versöhnlicher gestimmt. Daß wir uns doch so wenig verstehen! Sechsundsiebzig! war die mit Achselzucken gegebene Antwort – Ja, Tübbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in Witoborn » maître-tailleur « wäre – Schande, Schande auch über diese neubackene Afferei! Mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer! Deshalb will er nun kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Er trägt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel! Herr Pfarrer, junge Leute – Vierzig Jahre alt ist der communistische Heimtücker! Tübbicke, Tübbicke! Ich höre, daß Ihr » maître-tailleur « auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, rathen Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha noch in Rest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt auch noch unser hochherrlicher Kirchenfürst 12 in Ketten und Banden, der Sieg ist dennoch unser! Hei, wir haben unsere Kraft fühlen gelernt! Nun muß es von Grund aus in Deutschland anders werden! Jetzt zumal, wo hier auch bald eine luthersche Herrschaft commandiren will – Na, ich denke doch, der Herr Archipresbyter wird an uns beiden seine Freude haben, Herr Pfarrer! sagte der Alte, ohne sich auf die große Veränderung in der Herrschaft einzulassen. Kurze Zeit nach dieser Weihe des Teppichs und solchen ähnlichen Zwiegesprächen zwischen dem Pfarrer und dem Küster zu St.-Libori hielt denn auch wirklich der vom Westen gekommene Archipresbyter Bonaventura von Asselyn das Hochamt zu St.-Libori und Müllenhoff administrirte dabei und mußte sich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Fest für die ganze Gegend; wieder war die Kirche überfüllt, der Eindruck einer nie so würdig celebrirten Messe, wie vorauszusehen, der heiligste. Auch Bonaventura's spätere Rede zündete. Man hatte hier nie so schön vom Thema der Zeichen und Wunder sprechen hören. Wenn das Wesen der Zeichen und Wunder, hatte der Priester im weißgoldenen Gewande gesagt, schwer zu deuten wäre, so wisse man doch Eines ganz bestimmt, was zu ihnen gehöre: die Liebe. »Die Menschen müßten sich gegenseitig erst etwas werth sein, wenn sie sich zu Propheten und Aerzten werden könnten.« Der Redner vermied, die ihm gegenübersitzende Paula zu bezeichnen; aber man gedachte nur ihrer. Er übertrug das Uebersinnliche in diejenige Seite der Natur, welche uns offen und enthüllt vorliege und zugleich ihre heiligste und höchste wäre, in die Seele, in das Gefühl. Der Text des Sonntagsevangeliums: » Jesus weissagt sein Leiden « gab die Veranlassung zu diesem Thema, das Bonaventura sonst wol vermieden hätte. Er war verpflichtet, darüber zu predigen. Er sagte, wir wüßten 13 alle selbst unser künftiges Schicksal, wenn wir nur erst uns mehr gewöhnt hätten, in Gott zu leben, d. h. auf die innere Stimme in uns selbst zu hören. Auch nach diesem ersten Gottesdienst und während Bonaventura, (wie sich wol denken läßt) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrücken erschüttert, sich in der Sakristei entkleidete und ringsum die Bevölkerung aufgeregt, urtheilend, vergleichend, erwartungsvoll, sich zerstreute, polterte Müllenhoff, der gewissermaßen nur Bonaventura's Vicar war, wieder über die baulichen Grillen des Barons Levinus – Er sagte: Für sein chemisches Laboratorium weiß er nicht genug Geld auszugeben! Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm doch das: Diese Thür hier muß durchaus neu gebaut werden! Es ist wahr, ich habe hier eine Thür verlangt, aber nicht so – sehen Sie nur, wie der Schnee hereinfegt! Eine Doppelthür muß es sein! Und überhaupt, was hoff' ich nicht alles von Ihnen –! Kaum verstand Bonaventura etwas von Tübbicke's dienstgefälliger Erläuterung: Früher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen, der Pfarrer mußte durch die Kirche gehen; Müllenhoff erst hatte eine Thür durchbrechen lassen. Nun lag sie ihm aber dem Winde und dem Wetter zu offen – Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt –! äußerte Tübbicke. Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise. Tübbicke ging heute auch wieder in die Kirche, um die Lichter zu löschen. Müllenhoff sprach hinter ihm her: Nicht wahr, Domherr, der Meinung sind Sie doch auch? Man muß das Reinigen der Kirche mit dem Nächsten anfangen, was unser Kehrbesen trifft! Dieser Tübbicke ist, wie die Meßner sämmtlich sind! Ich sagte 14 ihm schon neulich: Tübbicke, sitzt das Wachs noch nächsten Freitag an den Leuchtern auf der Epistelseite, so nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introibo ein Tuch und putze vor der ganzen Gemeinde die heiligen Gefäße selbst erst rein! Bonaventura, in tiefen Gedanken, lächelte und sprach: Dann können Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefäße des Zorns –! Bonaventura sah am alten Tübbicke, er hatte die gewöhnliche Krankheit der Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben Gott auf einem kameradschaftlichen Fuße zu wissen. Auch Tübbicke war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes trug er, wie wenn er die hohe Frau schon als Kind auf seinen Knieen geschaukelt hätte. Christus war ihm fast wie der »junge Herr« in seiner Himmelsfamilie und die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches gar nicht in derjenigen Weise verstanden, wie die Tradition des hochgräflich himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun aber gerade der Anstoß, den Müllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dünken sich wol einen Liturgiker, hatte er dem Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte, daß seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann knieten, wenn sie an die Communicantenbank kämen; vorher dürften sie stehen . Nach Müllenhoff mußten sie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnernd ausrief. Und von dem Tage an, wo sich Tübbicke bei wiederholter Anfechtung seiner alten Art, die Gläubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Ausrufe: Utroque genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, daß die Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreißen! da war offene Fehde zwischen beiden. Tübbicke vertheidigte das alte Herkommen und die Schwäche aller Creatur, 15 Müllenhoff das Gesetz, den hochheiligsten Buchstaben und die neukatholische Reform. Zuletzt sogar mußte Bonaventura des erneuerten Streites lächeln. Gerade als wenn Tübbicke alle gegen ihn während seiner Abwesenheit im Kirchenschiff erhobenen Anklagen gehört hätte, so brachte er jetzt den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem nächsten Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloß ihn ebenso schweigsam in den Schrank. Darauf hatte Müllenhoff dann seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den Hut aufgesetzt. Einen Stock, den er sonst trug, hatte er feierlich vor seinem Dechanten geloben müssen für alle Zeit abzulegen, denn schon war vorgekommen, daß er bei Vorwürfen, die er etwa zufällig ihm im Felde Begegnenden machte, denselben zur Unterstützung der Rede benutzte. Bonaventura hüllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloß Westerhof bringen sollte, wo er, obgleich bei Müllenhoff wohnend, täglich zu Mittag speiste. Als Tübbicke die neue Thür aufschloß und den Schnee wegstieß, bat Müllenhoff seinen Vorgesetzten: Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hülleshoven, daß ich meinen eigenen Eingang haben muß auch in die Hofkapelle auf dem Schlosse! Herr Domherr, ein solcher Eingang ist bereits in die Hofkapelle, erläuterte halb und halb denuncirend Tübbicke; aber er führt durch andere, verschlossene und höchst wichtige Zimmer – Ein durchbohrend strafender Blick Müllenhoff's verwies ihn zum Schweigen. Nein, ich, ich will die Schlüssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit scharfer Bestimmtheit. Herr Pfarrer, dieser Eingang führt ja aber erst durch die Bibliothek und durch das Archiv und der Baron hat ja partout nichts davon hören wollen . . . 16 Müllenhoff glühte vor Zorn, beherrschte sich jedoch. Ich will, sprach er wie mit einem auf Tübbicke gerichteten Märtyrerblick und langsam jedes Wort betonend, ich – will – auch – in – die – Sakristei – der – Schloßkirche – meinen – eigenen – Eingang – haben! Wenn dieser durch das Archiv führt, so gebührt mir um so mehr – ein – Schlüssel – zu – demselben –, als die Urkunden und Kirchenbücher – der – Pastorei – gleichfalls in demselben aufbewahrt werden! Verstanden? Soviel ich weiß, ist dafür der Patron verantwortlich! sagte Bonaventura. Seit neun Jahrhunderten! setzte Tübbicke hinzu. Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt aus, im ersten Tonansatz furchtbar, dann aber – mit kindlich gemäßigter Stimme, als fürchtete er, zum blutdürstigen Tiger zu werden. Er fuhr zu Bonaventura fort: Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner bürgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann erst hinterm Altar Toilette zu machen. Ich will, daß die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich gleich nur in meinen Priestergewändern sieht. Der Schlüssel zum Archiv soll von mir wie ein Heiligthum bewahrt werden! Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache, wenn irgend thunlich, nach Wunsch zu ordnen. Noch standen Menschen draußen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten. Mit einem Blick des Neides sah ihm Müllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umstehenden, sich länger hier nun nicht aufzuhalten. Norbert Müllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher, als Beda Hunnius. Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der protestantischen Welt vor Augen; jener gehörte schon ganz den jungen Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine Wiederherstellung 17 des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht blos an die Zweige, sondern an die Wurzel legen wollten. Norbert Müllenhoff war ein Priester im Geist des Kirchenfürsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die Kraft, Energie und Selbstgenüge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten Sachsen eigen ist. Sein Aeußeres drückte einen Beruf zur Thätigkeit, zum Krieger, Geschäftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen Bewährens aus; aber trotz seiner gewölbten athletischen Brust, seiner Stimme wie ein Löwe, war er nun doch einmal zum Geistlichen bestimmt, wie Sitte bei diesen Bauern, die selbst bei Vermögen nicht unterlassen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert, dessen Aeltern nicht vermögend waren, den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist, durch Stipendien, Freitische, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm aber alles das wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer solchen Natur ein Bewußtsein, als wäre sie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre Kirchenreformen zu befördern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die jüngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit Königen und Kaisern nicht. Leider gehören zu denen, vor welchen sie keine Furcht haben, auch die Könige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert Müllenhoff war, zuerst als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, hier jetzt als Pfarrer in St.-Libori, wie Beda Hunnius nicht nur im Stande, auf der Kanzel zu predigen von einer »hundsföttischen Art«, den lieben Herr Gott beim Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demüthigen Kreuztragens zu »betrügen«, indem man nur zwei »zimpferliche, 18 schandbare Pünktchen« machte, statt sich das ewige »Stigma des Heils« und »die Signatur der Erlösung« mit zwei »gründlichen Querbalken« auf die Brust zu drücken; er verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwünschte »die Niedertracht der Sentimentalität«, sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden »Weibsvolk«, donnerte gegen den »vornehmen Kirchenpöbel«, der in der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er kniete, nur so eine leise Andeutung machte, als wäre »Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht«, vor welcher eine höfliche Verneigung genüge. »O diese kniesteifen Heiden –!« rief er dann wol, wieder zu den Bauern zurücklenkend, aus. »Man sollte sie nur sehen, wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrätschen können – daß dich! – als hätten sie's von den Possenreißern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!« Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gutgeartet Kind mitmachte; aber gleich schlug er dann mit Hämmern drein, wenn es »klapperdürren Vorurtheilen« galt oder »fadenscheinigem Tagesruhm«. Wie der heilige Augustinus sagte er: »Die Menschen lieb' ich; ihre Irrthümer schlag' ich todt! « – eine Procedur, gegen welche selbst Onkel Levinus im Abendgespräch auf Schloß Westerhof geltend machte, daß der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die Lage jenes Bären kommen könnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die störende Fliege mit einem schweren Stein und somit ihn selbst erschlug. Müssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben Hause wohnte. Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu 19 lebhafterer Discussion gekommen sein, wäre nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten Gebüschen jemand herausgetreten, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich begrüßend, mit scheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte, den sofort der Pfarrer ergriff – Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent: Mit Erlaubniß, Herr –! Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war. Müllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tübbicke. Er musterte schon den Fremden von oben bis unten. Von Ihrem Herrn Sohn – in Witoborn – wenn ich die Ehre habe – Monsieur Tübbicke –? sprach dieser mit einer eigenthümlichen Betonung. Müllenhoff ging weiter und murmelte: Aha! Vom maître-tailleur  –! Auch die andern schritten, sich ihm anschließend, dem Pfarrhause zu und der Meßner suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es denn? im Gehen eifrigst nach seiner Brille. Lassen Sie! Ich werde lesen! wandte sich Müllenhoff und erbot sich, den Inhalt mitzutheilen, da Tübbicke die Brille nicht sofort finden konnte. Bitte, Herr Pfarrer – sagte dieser zögernd. Einige Raben krächzten, flogen auf und schüttelten den Schnee von den Zweigen, auf welchen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief. »Liber Vater!« las Müllenhoff schon und unterbrach sich sofort: Schreibt der Kerl »Lieber« ohne E! –»Liber Vater. Dieser überbringer« – »Ueberbringer« klein! – »ist ein guter Freund zu mir!« – »Zu mir«! Das ist ein Ueberbleibsel wol aus Paris? – »Es ist ein gelernter Friseur« – Sieh! Sieh! Das Wort schreibt er richtig! – »und sucht ein Enkagement« – Heidengugguck! Der Franzos! – »wo möglich 20 bei großen herrschaften als Bedienter« – Klein die »Herrschaften«, obgleich er sie »groß« nennt; Bedienter groß! Das ist der Communismus! – »Lieber vater« – St.-Libori! Was war hier das Schulwesen vernachlässigt! – »Könnten Sie es machen, so recom – man –« – Brich dir den Hals nicht! – »tiren Sie ihn auf das Schloß – als La – La – Lagay! . . .« Geier! Als Lakai! . . . »Tante Schmeling« – Aha! Aha! »Läßt grüßen und sorgen Sie doch bei Dem – Sie wissen schon von wegen!« – Das bin ich wol? – »Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf sich hat« – Wer ist Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hat – oder – ich meine von wegen der Schmeling –? Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen! Ist Fanchon krank? – wandte er sich zu dem Ueberbringer. Dieser war theils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des Briefes, theils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand sich nicht sogleich zurecht. Mein Herzblättchen?! Steht denn weiter nichts im Briefe, Herr Pfarrer? rief Tübbicke. Fanchon! Fanchon! Hat diesen Namen hier irgendein christlicher Pfarrer gegeben? Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist ja mein Augapfel! Der Fremde, der einen wassergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen gedrückte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzüberschuhe an den Füßen, gab die Auskunft, daß er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wäre, aber auch gern hier bleiben würde, wenn er Condition finden könnte – Herr Tübbicke wäre eine alte Bekanntschaft von ihm aus Paris – er hätte ihm seine Fürsprache empfohlen für die Herrschaft auf dem Schlosse – er könne »frisir«, spräche französisch, könne auch Pferde »dressir'« – Fanchon hätte sich erkältet, läge im 21 Bette – aber Madame Schmeling hätte gesagt, daß es nichts auf sich hätte – Doctert die also auch, die holdwertheste! ließ Müllenhoff einfallen. Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke seinem Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu thun versprach, ihn auf dem Schlosse zu empfehlen. Frau Schmeling war eine Landhebamme, mit welcher Müllenhoff im offenen Kriege lebte. An sich war die Frau die Religiosität selbst. Sie vertheilte Bilder, Amulette, Rosenkränze zur Unterstützung aller der Zustände, die auf ihre Hülfe angewiesen waren; sie rieth jedem, zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters, zu St.-Florian und St.-Antonius gegen Feuer, zu St.-Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fieberfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreißenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, nicht zu gedenken aller der Marienbilder, die unter jenem alten Gemäuer, in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein »gestiftetes« Lichtchen gerade ebenso zu sympathetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung sich manchmal doch auch wol mit »Sympathie« – die Rose vertreiben läßt. Alles, was nur zum christlichen Heidenthum gehörte, war in üppigster Blüte bei Frau Schmeling. Todt zu schlagen hätte sie angerathen jeden Ketzer, der bei einer Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber über alle diese Dämmerungszustände fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung, ein 22 theoretisches, klares, formelles Bewußtsein. Sie meinte, trotz aller Aves und Rosenkränze ließe ich dennoch die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheer und brachten fröhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollte auf Müllenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden; es sollte sich alles verpflichten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen. Da war denn Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden –! Ohne den Finkenhof gibt es wol keine Geburten mehr? fuhr sie Müllenhoff an, als sie gelegentlich von einer Nothtaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte, daß auch die Musikanten Menschen wären und etwas verdienen müßten. Sie ließ sich aber »bei ihren sechzig Jahren« nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit »sittenlosem Weibsbild« tractiren. Sie sagte, daß es Familienväter genug gäbe, die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die Erlaubniß ertheilten, sich's im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmütter, die mit sechs bis sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste Gelegenheit halten müßten , sie los zu werden. Von dieser Frau konnte Müllenhoff schon lange nichts mehr vernehmen, ohne im höchsten Grade gereizt zu werden. Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke schon mit einer der Mägde, die für ihn und den Pfarrer zu sorgen hatten, darüber einverstanden war, daß der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte. Müllenhoff fand Briefschaften vor und ließ den Ankömmling außer Acht. Es war ein williger Mann und hieß Dionysius Schneid aus Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. 23 Einen Beistand bedurften der alte Tübbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloß, sondern hier in seinem geistlichen Hause von St.-Libori, oben im ersten Stock; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hülfsleistungen fehlten die Hände. War dann auch der Herr Dionysius Schneid allerdings etwas steif und schwerfällig, so war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobe benutzt zu werden – ja er wurde auch zuletzt, wie wir sehen werden, auf das Schloß empfohlen und dort angenommen. Wenn auch für Westerhof große Veränderungen bevorstanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht. Zumal da an demselben Sonntage, nach der Heimfahrt von St.-Libori, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen waren, von der wenn auch nicht überraschenden, doch für Schloß Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, daß in verwichener Nacht endlich der Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, mit Tode abgegangen war – 24 2. Nach diesem Sonntage erzitterte am Mittwoch die stille kalte Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetönen. Gegen Mittag sollte der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof begraben werden. Ringsum waren an diesem Trauertage die Glocken aller Kirchen betheiligt. Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht in den letzten Lebensjahren des Verstorbenen von Schloß Neuhof herab eine Spende zugeflossen! Der alte lange klapperdürre Herr hatte eine wunderliche Grille. Er glaubte, er hätte in seinem langen Leben jedermann beleidigt. Nun trachtete er danach, sich vor seinem Tode mit jedermann auszusöhnen. Tagelang stand er an den Fenstern seines hochfreiherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den Vorübergehenden und warf ihnen blanke Thaler hinunter, nur damit sie sagen sollten: Gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wächter bestellt, die seiner Verschwendung Einhalt thun mußten. Es kam vor, daß die Fenster vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das war ja Jérôme's Testament so! Leute, laßt doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab's ihm versprechen müssen, vom Seinigen zu geben, schon damals, als er die Bachstelze nicht heirathen konnte –! Dann konnte ihn allein die Lisabeth, die noch immer oben waltete, beruhigen. Auch die »Bachstelze« hätte er gern wieder mit sich versöhnt, aber 25 Lisabeth gab ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon längst mit andern so weit in die Welt, daß man sie nicht mehr erreichen könne. Dann nahm er sich zusammen. Zuweilen wurde er so ruhig, daß man ihm seine Freude gewähren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die Gegend. Alle seine Orden trug er dann, saß am offenen Schlage und nickte jedem. Fuhr man durch den Düsternbrook, vorüber an der Eiche, wo er den Deichgrafen erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort zu, wo er einst Klingsohr untergebracht, nach Schloß Westerhof, wo er ehedem als Paula's Vormund alle Verhältnisse beherrscht hatte, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enckefuß an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach, bis der Sohn des Kronsyndikus, der Präsident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte –: so lachte zwar jedermann, aber der alte, vornehme, weißhaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen, grüßte und griff in die Tasche, um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte alles durch Geld machen zu können. Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten, es später berichtigen zu wollen, womit er sich denn auch zufrieden gab. Dunkel und unheimlich blieb die Vergangenheit des Kronsyndikus. Sie barg Gewaltthaten und Gesetzwidrigkeiten noch weit über seinen am Deichgrafen verübten Todtschlag hinaus, bis in seine ersten reifern Jugendjahre. Sein Inneres schien von allen diesen Bürden durch seine Geisteskrankheit entlastet. Er konnte die alte im Absterben begriffene Eiche im Düsternbrook sehen und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Fast gänzlich verließ ihn das Gedächtniß. Beleuchtete es da und dort noch dies und jenes Vergangene in voller Helle, so 26 knüpfte er daran Handlungen, die mit den Verhältnissen in keinem Zusammenhange standen. Er erkannte z. B. vollkommen jenen Pfarrer von Eibendorf, Herrn Huber, wieder, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen, gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war, und ließ oft seinen Vierspänner vor dessen Hause halten, ließ sich von den Kindern, wenn Herr Huber selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jérôme so oft beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach jener Bachstelze und übergab kurz vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament, mit dem heimlichen Bedeuten, es wäre seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode dürfte nichts anderes vollzogen werden, als was er in diesen Blättern niedergeschrieben. Er ertheilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, »meinen ehemaligen Jäger, obgleich er mir viel Wild gestohlen«, jährlich 10,000 Thaler; an Dr. Klingsohr, »wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein für allemal 100,000 Thaler«; an »eine gewisse« Lucinde Schwarz, »aus der Familie derer, die das Pulver erfunden haben«, »alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen, wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann«; an den Musikus Stammer »das Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er sämmtliche Kinder von mir anständig erziehen und unterrichten will« – »Dem Küfer Stephan Lengenich geb' ich 100,000 Thaler, unter der Bedingung, daß er die Lisabeth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde« – »Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an, auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte« – »ihre Kinder soll Leo Perl erziehen, aber wehe ihm, wenn er sie beschneiden läßt; mein Freund, der Dechant von Asselyn, bürgt mir dafür! Dafür kann die 27 Pension seiner Schwägerin, der Buschbeck, verdoppelt werden« – »Meine Dosen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn, aber ich wünsche, daß er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht« – »Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen was Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung berichtigen wird –« Dies verworrene Geschreibsel und ähnliche Ausbrüche der Tollheit mehr schickte Pfarrer Huber an den Sohn des Testators, den Präsidenten, der Universalerbe blieb. Ueber die Ermordung des Deichgrafen war die Untersuchung ein Jahr lang auf falscher Fährte geführt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit des hier an mehrere Souveränetäten vertheilten Terrains. Zuletzt trat des Schuldigen Geisteszustand jeder Feststellung eines sichern Urtheils entgegen. Im Volke stand die Thäterschaft des Kronsyndikus fest. Sagen gingen genug von einem Galgenrade, aufgestellt auf dem Dachboden seines Schlosses, von einem Strick, den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen hätte, von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Das ungenügend Erwiesene wurde vom ringswohnenden Adel ignorirt. Aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Mann seit Jahren abgebrochen. Bei alledem fehlte nicht, des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen, am Leichenbegängnisse der äußere Antheil. Im Familienbegräbniß der reichen Klosterkirche Himmelpfort wurde der Kronsyndikus beigesetzt. Dem Trauerzuge, der ihn von Schloß Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der Umgegend bei. Gleichzeitig hörten die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner 28 des Schlosses Westerhof, eine Todtenmesse, die in St.-Libori gehalten wurde. Schwer und drückend lag seit Jahren das unausgesprochene, aber laute Geheimniß über diesen wilden Nachbar auf allen Gemüthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung, wie doch so ein einziger Mensch einen ganzen Landstrich und mehr als tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen können. Im Mittelalter war das alles gewöhnlich. Man hatte auch jetzt noch ein Gefühl, daß im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, seine Seele vergebens würde auf Erlösung harren müssen. Nach Armgart's uns bekannter Zeichnung flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht den Flammen der göttlichen Liebe aufwärts zu, sondern geradeswegs kopfüber niederwärts zur Hölle. Ein Volksstrom war hinaus zum Gebirge, um dem prächtigen, von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen. So war die Kirche nur wenig besucht und nur ausschließlich von Vertretern der vornehmen Welt. Zu dieser Sphäre stand Norbert Müllenhoff – Bonaventura war beim Leichenbegängniß – in einem gleichsam nur hinter dem Rücken derselben strengen und schroffen Verhältniß. Hinterrücks hatte er alle Floskeln von »breiweicher Sentimentalität«, »Empfindungsrührei«, »Stunden der Andachtspinselei«, »Lavendel-Christenthum« immer in Bereitschaft, aber ein Schwindel überkam ihn, etwas davon in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Heute war ihm sogar gewissermaßen beklommen zu Muthe; er hatte eine schriftliche Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking, die eine Berathung mit ihm anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten mal hier zu Lande zu versuchenden »Exercitien«. Ein Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von 29 Sicking bewohnten, zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten mal vierzehn Tage lang, bei verschlossener Eingangspforte desselben, unter geistlicher Oberleitung religiösen Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer, bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere gemeinschaftlich zu besprechen. Müllenhoff war ganz von dem Wohlgeruch des feinen Billets betäubt und verrichtete heute seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Meßners statt Tübbicke's gleichgültig machte, ja ihn ruhig mit anhören ließ, daß vom Schulmeister berichtet wurde: Tübbicke's Herzblättchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts hilft, nach dem Schloß und die Gräfin um Hülfe bitten –! Gräfin Paula, die Kranke durch Gebet und Berührung heilte, war anwesend in der Kirche. Armgart saß neben ihr, zugleich das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hörte, daß der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Püttmeyer, der berühmte »Philosoph von Eschede«, gleichfalls heute der Messe zuhörte, welche auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde. Einigemal verklingelten sich die Ministranten, aber Müllenhoff ließ alles geschehen. Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking und an Exercitien mit Höhergebildeten. Nach der Messe war es schon elf Uhr; die Baronin erwartete ihn um zwei. Er eilte, um etwas zu frühstücken und dann noch rasch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien des Ignaz Loyola durchzusehen. Schon war es still und einsam um die Kirche her. Es begleitete ihn der Schulmeister und erzählte ihm, daß Tübbicke den »Bruder Strasburger« auf dem Schlosse untergebracht hätte. Müllenhoff hörte nichts, zog nur das zarte Billet aus der Tasche und athmete dessen Duft ein. Frau von 30 Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend, noch anmuthig, reich und selbständig. Er mußte mit sich kämpfen, um mit der vornehmen Welt in der Praxis dasselbe zu bleiben, was er mit ihr in der Theorie war. Da geschah es zum Glück, daß die Kathrein sagte: Herr Pfarrer! Der Meyer ist da, der Moorbauer, der Finkenmüller, der Hennicke und auch der Leyendecker! Kathrein mußte es zweimal berichten. Nun erst besann er sich. Es waren dies die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts. Die Männer waren gekommen, weil doch heute die ganze Gegend feierte. Es galt dem nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte, der Domherr, sein Vorgesetzter, wäre bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch mit Freuden die Gelegenheit, jetzt den gefährlichen Schwindel, welchen ihm das Esbouquet der Frau von Sicking verursachte, männlich zu bekämpfen. Er aß sein Frühstück, gerührte Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Züge kräftigen Biers und trat in sein Empfangzimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Gruße von fünf Männern »der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts« zum Kampfe herausforderte. Aha! Aha! rief er, sich noch den Mund mit der Serviette wischend, als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte, sich zu setzen. Er fand fünf Männer, den Meyer von Westerhof, den Finkenmüller, der den Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde, nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmächtige, mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit. Der Meyer überreichte ein langes Schreiben, worin alle 31 Punkte aufgesetzt waren, welche die Männer nach langem Streit von ihrem Pfarrer endlich beherzigt wünschten. Müllenhoff nahm das Papier, als wäre es ein alter Scheuerlumpen, und fragte: Wer hat das – – gesudelt? Der Meyer stockte, sagte aber zuletzt: Der Schreiber vom Herrn Landrath! So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier bei dergleichen Sachen –? Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern. Der Schreiber ist ja katholisch! hieß es. Und er schrieb's bei mir – ergänzte der Finkenmüller. Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! Nun gut! Wir werden's ja sehen – Was steht denn drin? Im Grund war Müllenhoff froh, auf die Art wieder in sein polemisches Fahrwasser zu kommen. Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei, ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! Allmählich kam er in ein lauteres Lesen und trug vor: – – »Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnädigsten Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr vorhanden ist, daß wir bei der bevorstehenden Umänderung der Verhältnisse mit den andern Gütern an die fremde Linie kommen, so stehen wir auch für unsere Rechte und Pflichten ein. Sollte auch hochgräfliche Gnaden noch den Schleier nehmen und ihr gottseliges, wunderbares Leben im Kloster zu beschließen wünschen, so hat uns Herr von Hülleshoven doch versichert, daß er die Verwaltung wie bisher fortführen und sorgen würde, daß rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen. (So? – unterbrach sich ironisch der Lesende – dafür kann der Herr von Hülleshoven sorgen?) Auch hat der Referendar Benno von Asselyn alles 32 geordnet, was sowol der Landschaft wie der Kirche bei diesen Aenderungen an Rechten vorbehalten bleiben muß, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge verkauften Walde, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein für allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt. Herr von Asselyn hat auch, im Namen des Herrn Oberprocurators Nück, nicht nachgelassen, daß der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groschen 7 Pfennige jährlich an das Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was aber Finkenmüller nicht auftreiben kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird –« Aha! Da platzt die Bombe! schloß vorläufig der Pfarrer und stocherte die Zähne. Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmüller seine so lange verhaltene Stimmung rundweg und bestimmt heraus. Müllenhoff las wieder für sich und jetzt langsamer. In aller Gemüthlichkeit stopfte er sich dabei eine Pfeife. während der Bogen auf dem Tische lag und von seinen feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde. »Fünftens«, begann er dann wieder, »ist der ›Pfaffe von Ystrup‹ ein Lieblingstanz der Leute, der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird. Sechstens sind die Jünglings- und Jungfrauenbündnisse deshalb schon eine reine Unmöglichkeit, weil bereits jedes Gemeindeglied nicht blos einer, sondern mehreren Bruderschaften angehört und« – Müllenhoff zog schon mit der größten Ruhe den Rauch seiner Pfeife an – »bereits genug der Fleiß und die Arbeit darunter leiden. Siebentens wollen die Musikanten auch leben; sie fallen, wenn sie nahrungslos sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien, damit sich der Krüppel« – wieder that er einige Züge – »sein Brot selbst verdienen kann, seitdem er weggejagt ist von Schloß Neuhof und nun eigentlich hierher gehört, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht länger unsere 33 Frau Schmeling auf der Kanzel ungebührlich zu nennen (jetzt stellte Müllenhoff die Pfeife hinweg. als wäre sie verstopft: die Hebamme reizte ihn), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen Umständen auch ins Rügengericht und in den Kirchenconvent zu treten, damit wir den Aerger von dieser ganzen neuen Reformation nicht blos allein haben – Ist das nun alles? sagte Müllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die er wieder anzündete. Ja! war die einstimmige Antwort der Männer. Sie lautete fest, doch noch treuherzig. und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, daß sie alle in Güte und in bester Hoffnung auf ein schönes Zusammenwirken und kräftiges Zusammenleben hierher gekommen waren. Ruhe! sprach Müllenhoff jetzt mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus, zündete wieder an und fuhr in den Intervallen des Rauchens fort: Daß ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm –? Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zählt und diese Herrschaften hier in die Hände der Ungläubigen kommen sollen –! Einstimmig fiel man auf den sich fast für überwunden gebenden Ton des Pfarrers mit dem Worte ein: Westerhof nicht! So! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Männer, ihr redet, wie ihr's versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn der Herr von Hülleshoven noch, der – »für euere Seelen gutsagen will«? Wird ihn nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwägerin, die beide hierher ziehen und sich gegenseitig zum Tort leben wollen, allein schon unters 34 Grab bringen? Wer bürgt uns, daß sich die Zustände hier über Nacht nicht sämmtlich verändern! Leute, Leute, nehmt doch ein Beispiel – an den Vornehmen selbst! Wißt ihr's denn nicht schon? Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschließen und vierzehn Tage lang nichts thun, als hier fasten und beten! Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die können das – wollte der Moorbauer einschalten und er that es auch halb und halb. Bitte –! unterbrach Müllenhoff, als wenn es sich zuvörderst entscheiden müßte, wer hier jetzt das Wort hätte, er oder die Bauern. Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden. Vom Tanz – fuhr Müllenhoff fort mit wechselnden Zügen aus der Pfeife – vom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man glauben, daß in einem Lande wie dem unserigen, wo die Schüler der Apostel selbst gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenossen, daß – sag' ich – doch sich hier das tollste und lustigste Leben erhält und die Schenken nicht leer, die Tanzböden zerstampft werden, daß nur so die Dielen krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellen – nämlich aus euern verstockten Herzen heraus, selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn, den sie Vormittags genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut! Schändlicher Frevel, zu sagen, daß ja David auch getanzt habe vor der Bundeslade her, wie ich schon einmal von Euch, Finkenmüller, habe hören müssen! David hat getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein König, wie meist die unserigen auch sind, zum 35 Gotterbarmen! David war in dem Grade ein Sünder, daß Gott nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken, diesen gekrönten Räuber, diesen purpurgekleideten Mörder, diesen ruchlosen Ballettänzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann vollständig in sich und hat später die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber nur da that er's, als die fürchterlichste Reue und Buße über ihn gekommen war, ihn das zerknirschendste Beichtbedürfniß an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er in jammervollster Trauer sich aus dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo soll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gen Abend, so bist du da, und flieh' ich gen Morgen, so bist du auch da –! Menschen! Männer von Westerhof! – (Nun legte Müllenhoff die Pfeife weg.) Was hat denn den heiligen Johannes um seinen Kopf gebracht, als der sündenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese Tochter Belial's, tanzte sie nicht auch vor dem Auge des kindermörderischen Herodes so sündhaft und wollüstig, daß dieser saubre Souverän ihr jede Gnade gestattete, die sie sich erbitten würde? Und was that diese würdige Tochter ihrer Mutter, die bereits auch schon die Maitresse des Herodes war und förmlich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Creatur verlangte sogleich nichts Schlechteres, als ein heiliges Märtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie solches Gelichter jetzt von den neuen Herodessen Anstellungen für ihren Bruder oder für ihren Nebenbuhlen, im Steuerfach oder im diplomatischen, verlangen würde! Du Gekreuzigter! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt? Weil der gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlösers in der Wüste predigte, daß die Juden Buße thun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten! Fragt doch nur einmal euere Töchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere 36 Mägde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen, mit blutrothen Wangen, fragt sie, ob sie nicht gleichfalls mit Freuden auf einer Schüssel sofort den Kopf ihres Pfarrers herumpräsentiren könnten, wenn sie auf sein Geheiß dem »Pfaffen von Ystrup«, euerm jahrhundertjährigen Allerheiligsten, entsagen sollten? Und wozu streichen die Teufel ihre Violinen? Wozu säet der Versucher die Töne wie Hanfsamen aus? Was will er fangen in seinem Tanzbodenstrich? Vögel für die Hölle! O dann kommen die Mädchen, etwa fünf Monate nach so einem »Pfaffen von Ystrup«, in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie die Pfeifenstiele, jetzt wie die Baßgeigen, weil die Sünde zu Tage kommt! Dann, dann möchten sie, Finkenmüller, nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Mühlsteine haben, um sich in der Witobach zu ersäufen, da wo sie am tiefsten ist –! Der Finkenmüller wurde über diese Rede gereizt, zerdrückte seine Kappe und sagte, seines Amtes wär' es, die Rechte beisammenzuhalten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm könnte die Mühle genügen; da er aber beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf zu geben hätte, so würde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben, falls es durchginge, daß hier jetzt die jungen Leute in den Kirchen vor dem hochwürdigsten Gut beschwören sollten, nicht mehr zu tanzen –! Müllenhoff loderte so auf, als würde das hochwürdigste Gut als bloßes Wort schon in solchem Munde verunreinigt. Erst schwieg er, dann aber sah er sich um, wie nach einem Donnerkeil aus Rom. Der Meyer versuchte zu vermitteln. Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wäre, sagte er mit seiner Stimme, daß sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen ja alle und geschieht's in Ehren, Herr Pfarrer, 37 so kann dabei auch keine Sünde sein – Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mütter, selbst der ehrbarsten. Die Väter, meinte er, wissen wohl, der Tanz sei des Teufels Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf –. Es ist nun einmal so! rief der fünfte, der Bauer Leyendecker; die Leute schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie auch einmal heraus aus dem Joch. Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das Vergnügen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott und seinen Englein allezeit wohl gebettet gewesen –! Seid ihr nun fertig? fragte Müllenhoff mit einer gleichsam mit sich selbst ringenden Mäßigung und Geduld. Ja! riefen alle einstimmig und trotzig. Ich will euch sagen, Leute, lenkte Müllenhoff etwas gelassener ein; laßt uns in Güte reden! Die heiligen Kirchenväter, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier nicht citiren! Ihr versteht sie nicht. Aber sie sind alle dem Tanze nicht grün. Es mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tänzen zu nahe gelebt haben, mit welchen die Heiden ihre Götzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und die übrige Affenschande verehrt haben, für die in Berlin mit unserm Schweiß und Blut immer noch neue Tempel gebaut werden. Aber glaubt ihr denn nicht, daß unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so viel edler Weizen liegt, daß man ein solches Frauenzimmer – oder – nehmt's mir nicht übel – euere eigenen Weiber und Töchter, in aller Güte nehmen und ihm sagen kann: Kind, ein Wort im Vertrauen! Sieh, Griete oder Anne Marie, so ein Bursch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heißen, die kürzlich ihre 38 drei Jahre abgedient haben und hier immer noch mit dem rothen Streifen an ihren Mützen herumlaufen und so selbst in die Kirche kommen, in die Kirche, wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlösers Jesu Christi! – ich sage, wenn ihr sagen wolltet: Griete oder Anne Marie – Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! – wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete, in dem hochwallenden Gotteskorn oder im rauschenden Walde – nein, den hauen uns die Lutheraner hier nächstens auch noch ab! – oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nun so um die Hüfte fassen, wie er's auf dem Tanzboden thut – Mädchen, könntest du denn das leiden? Würdest du nicht über den Buben außer dir sein? Würdest du nicht über die Schlenker, die man machen muß beim »Pfaffen von Ystrup«, Brust an Brust und Mund an Mund – in den Boden versinken vor Scham? Und würdest du diesen Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mützen nicht dann geradezu, wenn sie's doch thäten, hinter die Ohren schlagen, daß ihnen Hören und Sehen verginge? Nun sieh, würd' ich als Vater sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anne oder Magdalene, du, die niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im Felde schanzt und züchtig sich schon die Kleider hält, nur wenn der Wind geht, du mein holdselig Kindlein, du putzest dich Sonntags, behängst dich mit Ketten und Schaustücken, setzest dich in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick, ob denn nicht auch dich jemand nehmen mag oder ob du wol gar sitzen bleibest, und das Blut, hui! das spritzt dir förmlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr antreten und du noch – vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, so würd' ich doch so ein geliebtes, theures Kind, die Freude einer Mutter, das Nestküchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld 39 und holdlieblichen Sitte, beschwören, daß sie sich vergleichen möchte, wie sie daheim sitzen könnte am Spinnrad, eine züchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie ein Täublein! . . . Und mit diesem Bilde vergleicht dann diese Ländler und diese Schottischen! Wie die Röcke fliegen! Wie der Boden kracht! Familienväter! Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers auch in einer Wüste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun später die Bursche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die süße Unschuld des Herzens, der zarte jungfräuliche Leib euerer liebsüßen Mägdelein, deren Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die Arme solcher Buben sinkt! Schildert ihnen, was für Gift nun in das keusche Ohr der Mädchen zu träufeln diese beweinenswerthen Lümmel die Dreistigkeit haben! Wie sie sich hinsetzen, euern Töchtern das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen erst durch schlechte Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen, die sie aus ihren gottvergessenen lutherschen Garnisonen mit heimgebracht haben, aus dieser schandbaren Plage der allgemeinen Militärpflicht, die ihr schon so oft zu allen drei Teufeln, wo sie herstammt, verflucht habt! Unsere Bursche, ja, das ist wahr, schön, herrlich gewachsen sind sie, wie – ihr selbst noch die strammsten Männer seid! Aber, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Da kehren sie denn wieder zurück aus der Residenz, wo diese Unglücklichen leben müssen ohne die trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur dürftig genießen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Priesters, ja wo sogar eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmal-Weisen es möglich gemacht hat, daß diese armen Tröpfe, diese lieben guten Kerle, euere Söhne, euere Neffen, euere jüngern Brüder, in die 40 Kirchen der Ketzer commandirt werden und dort ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines, unverdorbenes Gemüthe die Weisheit solcher Geistlichen von der Kanzel herab vernehmen muß, deren wir ja jetzt sogar nun einen in Witoborn haben – Gott im Himmel erbarme dich! einen »Priester« mit sieben lebendigen Kindern! – Ich beschwöre euch, Familienväter, thut das Eurige, nicht euere Kinder und Kindeskinder, an welche ihr mit Stolz denken könnt, zu verkaufen an den, der ausgeht, sie zu verschlingen! Uebernehmt hier einmal, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters! Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hütte von der Sünde, die ja schon allein darin liegt, nur etwas zu wagen, was möglicherweise Sünde werden könnte! Grabt es ihnen doch im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Mensch – Mensch, wandle dort, wo du wünschen möchtest einst dein Sterbebett hingestellt zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jüngling, dir unter Gefahr einer Todsünde nur vorstellen , daß der Tanzboden dein Sterbebett wäre? Kannst du dir denken, daß an diese Stelle ein Priester käme und dir das heilige Oel brächte? Kannst du dir denken, daß dir da die Gliedmaßen deines Leibes gesalbt werden könnten zum letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit –?! Längst schluchzte der Meyer. Diesem kam die Wehmuth am ersten zu und sie war ihm natürlich. Sie war es ihm schon von der Anstrengung seiner Nerven her und dem stärkern Druck derselben infolge seiner so schwierigen Zwischenstellung zwischen Gemeinde und Pfarrer. Auch der Moorbauer wandte sich ab. Auch die beiden andern äußerten ein Bedürfniß, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktüchern. Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein: Bitte, Herr Pfarrer – Schweigen Sie! fuhr ihn Müllenhoff an, ganz aus seiner sanften Rolle herausfallend. Und als der Finkenmüller dann 41 schwieg, so lenkte er auch gegen ihn wieder in den sanftesten Ton zurück und fuhr fort: Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich sein da drüben in den Berg- und Fabrikdistricten, wo die lutherschen Pastores nichts vom Christenthum kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch genommen werden, daß sie für euer Seelenheil keine Zeit haben? Sollen wir nicht zeigen, was gerade wir vermögen aus unserm Grunde, der da ist der Fels Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht, soviel Kinder kommen außerhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Hört! Schlagt mir den Tanzboden ein, sag' ich, oder ich prophezeie nichts Gutes hier für unsere Mutter Kirche! Finkenmüller! Geh in dich! Denke, daß die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen. Sie wird den Jungfrauen- und Jünglingsbund nicht zurückhalten, daß er bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude widme! Ich schlage vor, daß jedes Mitglied in eine Büchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der heilige Augustinus, der erst auch ein lasterhafter Heide war, ehe er zur Erkenntniß kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, diese Märtyrerin, die einst zu Augsburg Spiel und Tanz in ihrem Hause zur Anlockung der Sünde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden mußte! Es ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umständen den Tanz gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich fürchte, er lebte in zu vornehmen Verhältnissen, um sich – (Müllenhoff stockte jetzt) einen Zustand wie den hier um Witoborn herum vergegenwärtigen zu können. Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr werthen Paris kommen. Er kannte diese Menschen nicht, 42 die dort die Theilung der Güter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen können, ohne zu sagen: Der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Das Kalb gehört aber mir! keine Henne, ohne zu sagen: Die Eier legt sie aber für mich! Haben wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Maîtres-tailleurs und ähnliche – Schneider? Schneid hieß der neue Hausknecht, der in Schloß Westerhof eingetreten und dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war – Jean Tübbicke bürgte für ihn. Müllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmüller Zeit, einzuwerfen: Ich bin aber gewiß, der Herr Archipresbyter – Was sind Sie gewiß? unterbrach Müllenhoff. Ich, ich auch ohne den Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in Rom, hätte die Macht, im Beichtstuhl zu strafen! Ich könnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu lassen! Das thu' ich aber nicht. Ich will euch in Güte gewinnen. Hier ist das Büchlein über die Stiftung der Bündnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Vertheilung. Zu nächsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag hält der Bund eine Procession und – laßt nur die Buben stehen und lachen und die losen Weiber und die Hebammen an der Spitze! Wir werden die Lästerer schon auf die Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmüller, selbst die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwürdigsten Gute –! Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wol die Männer. Der junge Kämpfer siegte. Alles blieb still. Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig kleine Broschüren und zählte sie ihnen zu. Herr Pfarrer – sagte inzwischen der Meyer. Sie sollen 43 sehen, wir werden das Unserige thun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu. Schon heute, wo infolge des Leichenbegängnisses alles auf den Beinen ist, schon heute sollt' es auf dem Finkenhof ein bischen lebhaft werden – Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Müllenhoff im Zählen. Ja, was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren! Aber tanzen lass' ich heute nicht! sagte der Finkenmüller. Doch in Zukunft – Ja habt doch nur Muth, Leute! unterbrach Müllenhoff jetzt ganz ruhig; habt doch Muth! Das Uebrige macht das Rügengericht und der Kirchenconvent – Kirchenconvent und Rügengericht –! riefen nun alle durcheinander. Das war ein Thema, dessen Erörterung noch im Rückstand geblieben. Nun? lautete Müllenhoff's erwartungsvolle Frage. Sie haben das Rügengericht eingeführt, Herr Pfarrer, sagte der Meyer, und ziehen sich nun selbst zurück? Schieben uns nur so vor? Jeden Ersten sollen wir zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns den Buckel voll Schläge androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autorität aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren Büchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rügengericht sich halten soll – und ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, daß nicht jeder Plunder an den Landrath oder an die Gerichte kommt – so müssen Sie, Herr Pfarrer, auch den Vorsitz führen! Und Sonntags Nachmittags müssen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle ein – Erst wollte Müllenhoff ironisch ausweichen. Auf das Wort »die Kirche hergeben« rief er, als sollte man es hundert Schritt weit hören: Ich bin das ewige Gericht und sitze zur 44 Rechten des Schöpfers Himmels und der Erden –! Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen begütigend hinzu, gebt euch nur getrost diese Autorität selbst! Die aber – das – das können wir nicht –! Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis elf Uhr Nachts im Finkenhof unter den Zöllnern sitzt! Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermögen wir gerade erst recht nichts! sagte Hennicke – Pro Deo! rief Müllenhoff mit feierlicher Stimme. Nicht Per Deum! So fängt jedes Concordat an und ich will euch das übersetzen . . . Glaubt ihr, gute Leute, daß ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes schenken könnt, als was ihr von ihm ausdrücklich zum Geben empfangen habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem Eurigen , von eurer eigenen Tugend, von eurer eigenen Moral, eurer eigenen Gerechtigkeit? Könnt ihr nichts, nichts beisteuern zur Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt nur getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten eure eigene Kraft, nicht immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung eurer Händel mischen. Nur vorarbeiten sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt – Wir sollen nur so vorm Schuß stehen, Sie hinter unserm Rücken! O das wissen wir schon –! rief der Finkenmüller, der wieder Oberwasser gewann und der Groschenbüchse am verschlossenen und doch neulich erst von ihm frischgedielten Tanzsaal nicht recht traute – Wenn ich unsichtbar unter euch bin, unterbrach Müllenhoff, schon siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das für euch eine Schande? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege so fortgehen und wir erst die Bündnisse haben, 45 nicht verfehlen, das Rügengericht im Beichtstuhl zu unterstützen. Ich werde auch die sehr schwierige Aufgabe, die wir die Visitation nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen, der sich nicht die Mühe verdrießen läßt wöchentlich einmal zu den gottverlorenen, unglückseligen Menschen, dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zurückzukehren und von dem Tisch des Lebensbrotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit Gewalt auszuschließen. Ihr wißt, wie grillig diese alten, im Kirchenbann lebenden Leute sind, und wißt, warum? Ja wohl, Herr Pfarrer! Die Schuld traf – Den Pfarrer Langelütje – sagte der Finkenmüller . . . Den Landrath! berichtigte Müllenhoff mit Schärfe. Sogleich fuhr er wieder sanfter fort: Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche Verstocktheit mir die Thüre weist! Ein Stolz, wenn ihr mir die Bücher aus der Hand reißt, die ich auf eurer Ofenbank finde und untersuche, ob sie zu lesen euch auch ziemlich ist! Diese Visitationen werden und müssen mir gelingen, denn die Kinder sollen mich dabei beschützen! Die Bilder der Heiligen werde ich euern Kleinen zeigen, denen die Thaten derselben erzählen und die Alten werden dann schon heranrücken und sich schämen müssen nicht zuzuhören dem, was christlich ist, und ich werde der Freund auch eures häuslichen Herdes werden. Das Rügengericht aber, das ist – eure Sache! Wenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der bedrängte Meyer, mitstimmen wollten bei der Strafe, welche der Kirchenconvent dictirt! Auch das nicht, lieb' Väterchen! antwortete Müllenhoff pfiffig. 46 Ich bedanke mich, gutes Meyerchen! Ihr Schächer sollt selbst am Kreuz des Erlösers tragen helfen! Wißt ihr nicht, was unser hochheiliges Rom mit seinen »Concordaten« sagen will –? Nicht weil ich nicht die Kraft hätte – ach, unser hochheiligster Jesus, der hatte die Kraft, die Erde aus ihren Angeln zu reißen! – Daß er aber dennoch mit rinnendem Schweiß und tropfendem Blut auf Golgatha das Marterholz getragen hat und lieber zusammenbrach wie euersgleichen, das war blos um zu sehen, wer hinzutreten würde – um ihm zu helfen! Haha! Gelegenheit wollte er blos andern geben, sich den Miteintritt ins Paradies zu erwerben! Seht – und in dieser göttlichen Güte ahmen ihm denn jetzt auch getrost seine geweihten Priester sowol beim Rügengericht wie beim Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ja, Leute! Ihr könnt alle Tage so heilig werden, wie Simon von Cyrene wurde, welcher dem Heiland das Kreuz tragen half! Weist, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr nicht den Fluch, der jenen Schuster traf, der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen Kreuzwegs unterbrach und frech die beiden Kreuzträger anschnauzte, was sie hier vor seinem Laden zu suchen hätten und Halt machten und ihm die Kundschaft verjagten? Bis zur heutigen Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters noch keine Ruhe gefunden; sie irren innerlich noch immer um, wenn sie auch äußerlich in Witoborn allerlei Seelen und einige Landräthe im Sack haben –! Jeder Jude, den ich sehe, und säng' er noch so schön, wie der, welcher hier neulich mit dem Herrn von Terschka die Güter vermaß und eine gottlose Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie eine unbegrabene Leiche vor – Also, der Kirchenconvent, das seid ihr! Wer die Gemeinde als Spieler und Vagabund belästigt, nicht zum Abendmahl kommt, schlechte Bücher liest, den laßt getrost eure Entrüstung fühlen 47 und wenn es zehnmal im stillen die meinige ist und es eure Schwäger oder Vettern sind, die es trifft! Ich kenne das. Auf meiner ersten Pfarre – ja, da saß ich im Kirchenconvent! Was geschah mir? Ei sieh doch, jede Strafe mußte ich dictirt haben! Dort war der Meyer früher Soldat gewesen und ein wahrer Profoß an Zorn und Strafwuth. Für jedes Zuspätkommen bei der Messe hätte er gleich einen Louisdor verlangen mögen, zumal von denen, wovon er wußte, daß sie dergleichen Waare im Kasten haben. Begegnete er dann so einem um lumpige fünf Groschen Gestraften, so grüßte er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und schüttelte ihm die Hand und sagte: Brüderlein fein, wie leid that mir's doch neulich wieder mit den fünf Groschen, aber – nun bohrte er einen Esel in die Luft und mit einer Kutte drüber und gleichsam als wenn – siehst du, der Pfaffe da drüben, der hat's decretirt, der hat nicht eher nachgelassen! Seht, dieser Kerl – nehmt's nicht übel, Meyer! – der haßte seinen Schwager so, daß er ihn über den Weg hätte vergiften können, und nun sollte ichs immer gewesen sein, der ihm die Pillen gedreht? Nein, solche Niedertracht lass' ich bei uns nicht aufkommen – Ihr richtet! Ihr straft! Und dann muß ich euch auch noch in aller Aufrichtigkeit sagen: Die Beweise der Würdigkeit, die ihr habt, in meiner Gesellschaft zu sitzen, müßt ihr mir – erst geben! Ich schätze euch als Männer von Rang und Ansehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, ist nicht meine Sorte. Ich meine das in aller Güte und anders als hier in der Pfeife (– jetzt nahm er diese wieder –) aber es ist mir bereits schon vorgekommen – ich will nichts von euch sagen – daß Jockel, wenn er einmal wegen Schwächung citirt wurde – den vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte: Wir sind allzumal Sünder und brauchen einen und denselben Doctor! Nein: unsern Willen sollt ihr thun , 48 das versteht sich, aber aus eurer eigenen Entschließung! So machen wir's von jetzt überall! Auch im Großen, auch in Staatsangelegenheiten. Das nennt man Concordate machen –! Ihr Leute! Pastoral klug ist gut; leider aber, wie die Welt nun einmal ist , muß man auch manchmal ein Bissel pastoral pfiffig sein –! Damit lachte Müllenhoff sich selbst so vergnügt Beifall, daß die Bauern um ihn her gleichfalls lachen mußten und der Meyer meinte: Na, wir kommen schon noch zusammen, Herr Pfarrer! Sie geben ein bischen nach und wir auch ein bischen – und alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu vergeben! Neulich noch rieth uns Herr von Terschka selbst dazu, daß wir uns ganz nach Ihnen richteten! So? sagte Müllenhoff, sich im Lachen mäßigend. Ja, fuhr der Moorbauer fort; er sagte, wir sollten für den Bund die Auszeichnung einer Medaille einführen, dann würden alle beitreten! Da hat er Recht! meinte Müllenhoff und setzte hinzu: Nun, der ist ja wenigstens noch Einer von uns! Und dann sagte er auch, sollten wir mit dem Domherrn sprechen! Der würde allem schon das rechte Schick geben – Na, nun ist's genug! unterbrach Müllenhoff kurzweg und that, als wollte er gehen. Das Lob des Domherrn mochte er nicht hören. Die Männer öffneten die Thür. Erst wollte der Moorbauer hinaus, der am nächsten stand. Wie er sich verbeugte, fiel er fast, sah dann hinter sich und entdeckte einen Gegenstand, der draußen auf der Flur stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde – Auch Hennicke stolperte. Was steht denn da? fragte Müllenhoff aus seinem innersten Vergnügtsein heraus. 49 Die Männer traten in die Stube zurück und blickten auf einen Korb. Er stand dicht an der Thürschwelle und war verdeckt. Was soll denn nun das da? sagte Müllenhoff und suchte nach seiner Bedienung. Der Korb sah seltsam aus. Niemand hatte recht den Muth, ihn wegzuheben. Er war offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rothem Zeug verhängt war. Man hätte glauben mögen, es war ein Korb, wie man ihn – auf Wiegen befestigt. Müllenhoff, schon blutroth, sah die verlegen lächelnden und zurückweichenden Männer an. Kathrein! rief er laut. Was steht denn hier im Wege? Eine Magd, die das kanonische Alter hatte, eine jüngere, die nicht beim Pfarrer, sondern – bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich »des Todes« über den Korb. Alle hatten die Ahnung, daß sich jemand ins Haus geschlichen und an des Pfarrers Thürschwelle ein Kind ausgesetzt hätte. Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riß Müllenhoff die rothen Vorhänge des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weißem Häubchen ein Kind – wie sich jedoch die Kathrein sofort überzeugte, kein lebendes, sondern ein allerliebstes niedliches Wachspüppchen. Unter Lachen zog sie es hervor. Die Männer wagten nicht in das Lachen der Kathrein mit einzustimmen, sondern hielten sich die Hände vor den Mund, indem sie sich rasch entfernten, um draußen erst, wie man zu sagen pflegt, »loszupruhschen« – Das ist – das ist ja ein ganz niederträchtiger Streich –! Ein Streich sicher nur von der Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das! Melden's sogleich dem Landrath! Er soll seinen Schreiber schicken! Euern Schreiber! Auf der Stelle! Da seht ihr nun eure Zucht und 50 Ordnung hier zu Land! Ich werde das Schandstückchen von euch auf die Kanzel bringen! Der Meyer stand an der Hausthür in äußerster Verlegenheit. Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im Hause gesehen hätte. Den Jean Tübbicke, den buckligen Stammer, den Perrükenmacher Schneid, alle Verdächtigen rief Müllenhoff der Reihe nach auf. In Witoborn sollten alle Korbmacher, alle Puppenverkäufer, alle Händler mit Betten und rothem Kattun Haussuchung bekommen. Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen Vorgangs ein. Schäumend warf er die Thür hinter sich zu und schrieb nun selbst an die Polizei in Witoborn. Hätte er nur den Tübbicke gehabt, um an irgendjemand seinen Zorn auslassen zu können! Allmählich erst kehrte die Ruhe ihm zurück beim Blättern in Loyola's Exercitien, vollständig beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking – Dann ordnete er seine Toilette, rüstete sich mit einigen aus seiner Bibliothek entnommenen »geistreichen Gedanken« für das Diner und ging, ein Papst Hildebrand vom Dorfe, mit festem Schritt hinaus in den frischen Wintertag. 51 3. Aus der unermeßlichen Wolkendecke, welche ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue entledigte, lugte auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor. Da, wo sie verborgen stand, bekam der Himmel das Ansehen, als wär' er von geschliffenem Achat, durchsichtigem, gelbröthlich geflammtem. Um die St.-Liborikirche her standen die Bäume in ihrem weißen Krystallschmuck. Im Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenäste wogten und ihre langen Schatten aufeinander warfen, an einen alten Opferhain erinnert fühlen. Jetzt war es ringsum licht. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen über dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhüllte Ebene hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, auf rauchenden Dächern einsam die Krähen stolzirten. In einer großen, etwas alterthümlichen, nicht aus Hoffart, sondern um des Schnees willen von vier Pferden gezogenen Kutsche saß Paula im Fond mit Tante Benigna, auf dem Rücksitz Armgart und der Doctor Laurenz Püttmeyer, der Philosoph von Eschede. langjähriger Verlobter der jetzt – in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Müller. Die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld hatte der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwerth diese Stellung als Reisebegleiterin und 52 Gesellschafterin angeboten und Angelika hatte sie angenommen – die fromme Katholikin bei einer Jüdin –! Ein so enger Raum . . . Und wie mächtig dehnt sich die Lebensbedeutung einer jeden dieser vier Personen in die Welt aus, weit, weit über diese winterliche Fläche und das Echo der aufs neue beginnenden Glocken hinweg! Das Leben ist so –! Auf der Bühne treten die Helden durch die weit aufgerissenen Flügelthüren ein und wie eine sich verbeugende Kette von Kammerherren und Lakaien steht die Spannung, um einen Fürsten oder – Bettler, wenn das Interesse gerade auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Aber im Leben ist z. B. so ein gefeierter Philosoph wie Püttmeyer plötzlich da, wie unsereins! Dieser große Mann, für welchen nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn Wechsel auf die Zukunft jetzt sogar in einem Bankierhause ziehen läßt, auf die Zukunft, diesen unerschöpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der Gegenwart – er saß hier völlig unscheinbar, unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, einen Damenmuff, einen Shawl und einen Fußsack –! Völlig wie von den Todten erstanden war Laurenz Püttmeyer . . . Eschede ist ein kleines Städtchen und Püttmeyer bewohnte zwei Zimmer daselbst im Erdgeschoß seines eigenen älterlichen Hauses. Ins grüne Freie, in einen Hausgarten, ging er nur, wenn ihm sein Hund, wenn ihm seine Katze die Nelkenbeete verwüsteten – die liebste Blume war ihm die Nelke: sie hat eine schöne Symmetrie, an ihrem Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das – eines großen alten Katers? Armgart wenigstens meinte heute gleich in der Frühe, als ihn eine gräfliche Kutsche von Eschede gebracht hatte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn, an der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Härchen – und Hinz 53 wäre fertig. So berichtete sie bereits neulich, als sie zum ersten mal des Doctors Bekanntschaft machte. Oft wurde Püttmeyer's Porträt den Mädchen in Lindenwerth als Medaillon in Aquarell gezeigt. Als man ihn gemalt, hatte er noch blonde Haare gehabt, eine scharfe, nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine bläuliche Färbung des abrasirten Barts und eine ungeheure weiße Halsbinde, in welcher sich ein vornehm spitzes Kinn versteckte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief Vierzigjährigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling, ein Stuben- und Sophahocker geworden. Man erzählte von ihm, daß er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl ausgesetzt war und bereits als Brennspiegel die gegenüberliegenden Gegenstände entzündete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem Bogen seines als Makulatur verbrauchten Werkes: »Christus und Pythagoras«, umhüllte, blos weil er zu träge war aufzustehen und einige Schritte weit mit seinen schöngestickten Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu stellen. Ins Freie ging Püttmeyer dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von Eschede, »Bei Schönian's«, und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine Verehrerinnen mußten ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwerth hatte sie ihn wie eine verschüttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie für ihre Lehrerin besaß, für diese Arme, die ihretwegen so hart bestraft worden, auf den Freund des Herzens derselben übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schön stehenden Liebesübertreibung aller Welt in ihm den Propheten nachgewiesen, der in seinem Land verkannt würde, während die wissenschaftliche Welt, von Alexander von Humboldt in Berlin bis zum alten Windhack zu Kocher 54 am Fall, von seinem Ruhme erfüllt wäre. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft gesagt, in concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie in der Nähe des hineinfallenden Steines noch klein sei, dann wachsend und wachsend und in ihrer wahren Größe erst in ihren äußersten Nachschwingungen sichtbar werde, so auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Würdigung dann ja – oft genug auch die Steine gehörten! Niemanden haßte Armgart so, wie einen gewissen Philosophen Namens Joseph Schelling, der so unersättlich nach Ruhm wäre, daß er auch noch den Lehrstuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen, einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, daß er von Hegel nicht überwunden worden wäre. Das war in Eschede ein Aufsehen, als eines Tages eine gräflich Dorste'sche Kutsche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Püttmeyer fragte! Und schon am Abend, wo Püttmeyer nicht »Bei Schönian's« erschien (regelmäßig fanden sich dort vier oder fünf Stammgäste ein), wußte es die ganze Stadt, daß Fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzählt und ihn veranlaßt hätte, diese zu zeichnen, auszutuschen und mathematisch in vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Für den Doctor war dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein Linienschiff für die englische Marine bestellt hätte. Er hatte seine katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen Augen aufgezogen, als wäre der Cultusminister bei ihm vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberpräsidenten und hätte ihn zum Mitglied der Akademie gemacht. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmäßig denken, nicht schlafen; er verjüngte sich, als kämen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten male 55 über das vaterländische Heidekraut flügge ins Land aufstiegen wie Märzlerchen und alle Drechselbänke der adeligen Höfe ringsum seine mystischen Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Püttmeyer zeichnete den Teppich, maß ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachen – voller Drachen. Das erschütterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn aus Eschede abholen lassen können. Er war wie der selige Nikolaus von der Flüe, den die Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten, und den man tragen mußte, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war ihm neu. In Witoborn behauptete er viel mehr Thürme zu sehen, als sonst, während doch einige abgetragen worden waren. Die Vögel, die am Wege im Schnee hüpften, betrachtete er, als wären es neue Species, die der Schöpfer inzwischen geschaffen. Und daß es sich so treffen mußte, an diesem Tage waren sämmtliche Männer der gewähltern Gesellschaft ins Gebirge nach Schloß Neuhof; nun konnte er sowol in Schloß Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt, so recht genießen, als zweiter Frauenlob allein von weiblichen Händen und Herzen gehegt zu werden. O that das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte er gekrächzt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Fräulein aus dem Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot, das heißt in süßen Worten, gaben, seine Güte, seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der große Pfau des Libori wedelte er! Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloß bevor, für den Nachmittag die Rückfahrt nach Eschede und für einen der nächsten Tage noch eine größere Huldigung. Bei einer Jagd, welche gehalten werden sollte in dem von Terschka für Thiebold de Jonge zum Ankauf bestimmten Walde, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer der Dorste's wegen ein nachbarlicher Graf Münnich übernommen, sollte Püttmeyer den 56 Damen, die auf Münnichhof die heimkehrenden Nimrods erwarteten, sein philosophisch-mathematisches System derartig erklären, wie er dies alle Jahre einmal in Eschede that, durch Pmbres chinoises , d. h. Transparentfiguren in einem dunkeln, weihraucherfüllten Zimmer. Die zweite bemerkenswerthe Persönlichkeit im Innern der herrschaftlichen Kutsche war Tante Benigna. Die vielbesprochene Schwester Monika's –! Ach! wie beurtheilt ihr doch die Menschen immer nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden sind! Die Mutter Monika's, die Großmutter Armgart's konnte Tante Benigna, Fräulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer Kindesräuberin hatte sie nichts. Wie lange lag auch bereits jener furor saxonicus hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammethut mit Kreppbändern zeigte das Antlitz einer funfzigjährigen Jungfrau, deren Augen etwas ermüdet waren, die Lippen weit mehr bedacht, eine kleine Zahnlücke, als heroische Entschlüsse zu verbergen. Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit welchem sie sich – zu verheirathen vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit immer gleicher Courtoisie fort, ganz in dem Tone, der schon bei ihrem ersten Verspruch herrschte. Sie lebten unter Einem Dache, führten die gleichen Geschäfte, die Verwaltung der Güter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war in Vergessenheit gerathen. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie erschreckte? Ob sie Reue hatten über ihre wilde Einmischung in diese unglückliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart's sich sattsam verbunden fühlten? Möglich; aber Tante Benigna war keine Meg-Merilies. Ein Kind nimmt geistige Größe für physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers immer in der Gestalt 57 eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum letzten mal sah und ihre um so viele Jahre ältere Schwester stand ihr noch immer vor Augen in jener Leidenschaft, von welcher sie damals gegen sie erfüllt war. Wie war aber auch Benigna zusammengegangen! Es ist ein ganz mäßig gebautes, anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hülleshoven als von ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, sie thut es, wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch gethan haben würde. Längst war diese Beziehung unter die Dinge gerathen, deren Lösung der Mensch dem Jenseits überläßt. Tante und Onkel, beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nächst diesen auch mit sich selbst zu thun, daß es zu keiner Wiederanknüpfung mehr an die alte Zeit kam; beide vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus im Verwaltungsamte erübrigte, gehörte der Gelehrsamkeit, den Alterthumsstudien, den Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die Zeit, die Benigna erübrigte, gehörte der »Erziehung« Paula's und Armgart's, die indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar, streitsüchtig, dann wol gutmüthig, aber erst nach Anfällen heftiger Strenge, überfromm und sittenrichterisch bis zum Unschönen. Sinkt sie aber, von alledem erschöpft, Abends in den Sessel, so schläft sie so gut wie andere; ja sie spricht sogar dann im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit Güte; und manchmal entwickelte sie gleichfalls etwas Neckerei. Trotzdem daß Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz (»Man muß sich nicht verwöhnen!«) und ihrem Hute ohne Schleier (»Schade was für eine rothe Nase!«) gedankenvoll in die Gegend schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen, welcher Gottesfriede und welche 58 nächstjährige Erntehoffnung auf der Wintersaat ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand, hätte sie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war denn doch auch gar zu altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede »eingemummelt«! Wie eine alte Meerkatze saß er da unter seinen Tüchern und Pelzen – Da jedoch Armgart die Ernsteste im Wagen blieb, mußte schon Tante Benigna ihre Necklust zügeln und stumm den Gedanken Audienz geben, die sie hinlänglich quälten – diese Entäußerung des alten Besitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Visionen derselben, der Zustrom so vieler Menschen, welche die »Seherin« beunruhigten, und die Sorge, wieder um diese »gar nicht zu berechnende« Armgart, um die Nähe ihrer Schwester, um die Ansiedelung ihres Schwagers – Witoborn, sein »unstandesgemäßes« Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der Gemüther, die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern – dazu dann noch der Pferdestall, die Kühe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles, was zwar schon in die Verwaltungssphäre des Onkel Levinus hinübergriff, von diesem jedoch oft gefährlich vernachlässigt wurde, wenn er hinter seinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Thieren in einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde, über dessen muthmaßlichen ehemaligen Besitzer er sämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch einmal frisch durchlesen mußte und dann Abhandlungen schrieb und sich in gelehrte Streitigkeiten mit Provinzialblättern verwickelte. Armgart, die Dritte, ging, wie gesagt, auf die Necklust der Tante nicht ein. »Herr! Cröne Mein Beginnen!« sprachen, wie tief innenwärts gewandt, ihre braunen Augen. Auch bei ihr war der Hut einer von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr 59 dunkelbraunes Haar sah man wenig; auch über das heute wachsweiße, nur am Näschen etwas von der Kälte geröthete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den sie trotz des »Schade was!« der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kämpfe; auf ihrem Antlitz fürchtete sie die Spuren davon zu verrathen. Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte sie am Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: »Nicht Vater! Nicht Mutter! Nur beiden zugleich gehör' ich!« Das führte sie durch. Das nähte sie in ihren Drachen. Das stickte sie in ihre Cigarrentasche. Das häkelte sie in ihren Aschenbecher – Sie verlor diese Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, daß die Mutter oder der Vater in jeder Stunde kommen könnten. Auch sie wischte mit dem weißen Tuche, das sie, als könnte sie plötzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster neben sich ab. Sie that es, um sich zu überzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht oder Hoffnung hereinschaute. Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer lächelnden Freundin Paula hinüber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat am Himmel. Daß es für gewisse Seelen und für gewisse Zustände Engel gab, ganz so wesentlich sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu St.-Libori den Baldachin über dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in dieser Sphäre eine vollendete Thatsache. Und Paula, die wir nun doch auch eigentlich hätten wiedersehen sollen nur im Concert der Sphären, nur so, wie sie in Bonaventura's nächtlichen Träumen aus klingender Luft schwebte – da sitzt nun auch als Vierte in der Ecke eines altfränkischen Wagens – (die Staatskutschen waren beim Leichenbegängniß) die »Seherin«. Sie fährt hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt von der Seite dann einen Ruck der Tante und fast die Berührung der Nasenspitze des Doctors. 60 Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Könige auf die Erde eintreten läßt ohne Krone, auch die künftigen Heiligen ohne Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und aus dem schwarzen Sammethute heraus ist jetzt nur das längliche edle Antlitz Paula's ersichtlich. Es besitzt den schärfsten Ausdruck der Schönheitslinien. Die Nase ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewölbt, beschattet von vollen Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der Mund lächelnd und die Lippe, sonst rosig, heute nur von der Kälte der Kirche etwas erblaßt und bleich auch das Antlitz. In Paula's Art, das sehen wir jetzt aus den eigenthümlich langgesponnenen Fäden ihres Blickes, lag etwas von den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel über die Erde schreiten. Sie würde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Völker ringsum hätten sie an den Altar geführt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedrückt. Wenn sie ihr Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, nicht ohne den Reiz für die Sinne. Kaum gibt es Bestrickenderes, als allein schon der Blick auf ein solches Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen und Wimpern dunkles Schwarz –! Paula's Sinn war so mild, so gütig. Und immer nahe stand der Armen jener Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur einmal sanft und leise die Hand über ihre Augen zu streifen brauchte und sie entschlief mit räthselhaften Organen, mit denen wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes mit geschlossenem Auge, hörte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten Räumen. So 61 krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fühlte und so unendlich müde sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte über die Erde (gegen ein Hüftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war ihr Sinn selbst nicht zu übermäßig ernst oder feierlich. Jetzt am wenigsten, wo ihr Wonnetage aufgegangen waren. Erst die Ankunft Benno's von Asselyn, den sie nur noch wenig kannte, der aber ein Vorläufer Bonaventura's war. Dann dieser selbst! Kein Wunder, daß sie, trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim, trotz der etwas lauernd grübelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's seit einiger Zeit ewig verstörter Abwesenheit, über den Anblick des Doctor Püttmeyer lächelte und höchst freundlich blickte. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter gestimmt. Sie kannten ja den unglücklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor, begann sie mit süßmelodischer, wenn auch leiser Stimme und sprach die Worte fast im Neckton. Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie befehlen –? Taub war er nicht, es war ihm nur ermuthigender, jede Frage zweimal gehört zu haben und inzwischen sich die Antwort zu formuliren. Als von Armgart, die gleichsam immer wie ein dienender Cherub zu den Füßen ihrer Heiligen saß, die Frage wiederholt war – die Tante mußte sich schon lange innerlich sagen: Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! – bestätigte Püttmeyer diese Bekanntschaft in einer eigenthümlichen Vortragsweise. Nicht gerade, daß er pruhstete, auch räusperte und schnurrte er nicht, aber sein Stimmchen war so fein und fortwährend gehindert, daß er nur erst durch mancherlei Manöver zu hinlänglich ausreichendem Athem kommen konnte. Seine Antwort eröffnete dann Rückblicke auf manches Düstere und Schauerliche, das in diesem Kreise lieber wäre vermieden worden. Der Mönch Sebastus wurde 62 erwähnt, der im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die Regierung hatte zurückbringen lassen, krank lag. Das Pentagramm und die Tannenfahne (Tanfana), beides Symbole der göttinger Bierhäuser, kamen zur Sprache; bei Gelegenheit der Thaten des Kronsyndikus und seiner nunmehrigen ewigen Ruhe rühmte Püttmeyer wiederum Armgart's Symbolik des Fegfeuers und die Tante selbst war es, die mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwärtsfahrende geflügelte Kreuz am beschlagenen Fenster rücksichtslos hinmalte. Dann trat eine Pause ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von Lindenwerth. Benno stand ihr vor Augen mit dem Hut in der Hand, wie er sie grüßte, als sie abfuhr vom Hüneneck. Tief seufzte sie auf. An ihrem Aschenbecher zog sie mit den Schmelzperlen ebenso bereits schon manche Thräne auf. Kaum sah sie hin, als Püttmeyer ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausführlicher noch als im Briefe an die gute Angela sprach: Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gnädigstes Fräulein, ist – hm! – ist eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist – hm! – unser inhaltreichstes Symbol! Der Kreis drückt die Welt selbst aus, das All, wie schon die Alten die geringelte Schlange – hm! – noch tiefsinniger aber das Ei als den Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im Geiste, daß die Hühnereier oval wären –) Die Kugel – das runde Ei der Schlange – (das war fast wie ein Treffer auf den errathenen Einwand der berühmten Wirthschafterin) ist das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst. der Begriff, die Monade, das Atom. Es ist – hm! – die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres Wesen ausdrückt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel – hm! – eine Kegelkugel – (die Tante dachte an den Finkenhof und an die Reformen des eifernden Müllenhoff) es ist dieselbe Idee der harmonischen Beziehung eines Mittelpunktes – 63 hm! – zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie sehen, meine gnädigsten Herrschaften, der Schnee da – hm! – der Vogel, der bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles – hm! – ist die Wirkung einer Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache, als ihrem Mittelpunkt, zurücklenkt und so geht das ganze Dasein – hm! – centripetal auf ein Inneres, aber auch immer wieder – hm! – centrifugal auf ein Aeußeres, eine große Rundfläche aller Dinge. Die Allheit – die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die Gottheit – ist die Kugel und alle Seelen sind – hm! – Sphäroiden. Das Suchen des Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den längsten gefunden hat! Den, der – der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist – hm! – gleich Gott selbst –! Die Tante fand das alles im Grunde sehr schön, sehr erhebend und namentlich so beim Fahren zwischen St.-Libori und Westerhof auch höchst merkwürdig; indessen meinte sie doch, um eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrücken: Sein Denken? Oder meinen Sie nicht eher sein Glauben , Herr Doctor –? Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich für die häßlichen Schlangeneier, noch irgendeine schärfere Eruption ihrer andern Ansicht von alledem haben mußte, zu Armgart und sagte: Armgart, Armgart! Was träumst du nur ewig! Da Armgart kaum zuhörte, sagte Paula, welche die dem Doctor ungünstig werdenden Gedanken der Tante errieth: Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schön verklärt worden, wie vom Herrn Doctor Püttmeyer! So? sagte die Tante. Die Kugel kann ich doch für nichts so Großes halten! Püttmeyer streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor 64 und erwiderte: Ist nicht – hm! – meine Gnädigste – der Apfel des menschlichen Auges – Bitte, gnädigste Comtesse! wandte er sich, die Rücksichten der Etikette abwägend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch eben nur die Offenbarung der Kugel . . . Nein, nein, nein! rief die Tante lebhaft. Gott ist keine Kugel –! Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst würde sie schon längst gesagt haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Da sind ja gar keine Gegenstände für dich! . . . Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart's Rolle übernehmen und statt dieser polemisiren? Sie sagte ganz heiter: Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder –! Das weiß ich sehr wohl –! Ich bin nicht so dumm –! fuhr die Tante auf – Mein gnädiges Fräulein, beschwichtigte Püttmeyer, wenn ich beim Grafen Münnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erläutern, so zweifle ich nicht an Ihrer – hm! – gewogentlichsten Zustimmung – Gott – hm! – ist die Idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe – hm! – des Lebens. Die Linie ist das Gegentheil des Kreises, das ewig – hm! – Continuirliche, die Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien vollkommen, die einer Wesenheit angehören und die höchste Wesenheit kann nur sein – hm! – im Mittelpunkt eines Kreises zu stehen – d. h. wie man ja schon im Leben sagt, ins Schwarze zu treffen – (Die Tante dachte hier an die bevorstehende große Jagd mit allen ihren Sorgen und möglichen Unglücksfällen) Denken Sie sich Linien, die da oder dorthin gehen – hm! – an der Fläche der Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Secanten, alles ohne den Urgrund, der da ist: Dem Mittelpunkt 65 anzugehören! Alle Strebungen des bunten Lebens müssen sich im Mittelpunkt durchkreuzen und so ist das Kreuz – hm! – auch recht eigentlich der Ausdruck der geoffenbarten Gottheit und im Grunde wieder die Kugel, d. h. Gott selbst – So aufmerksam Paula zuhörte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart dem Gespräche zuwandte, so schüttelte doch die Tante den Kopf und fand diese fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems gegeben hatte, als er wegen »Christus und Pythagoras« beinahe excommunicirt worden war, keineswegs katholisch und überzeugend. Wir haben auf unserm Altären, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen – Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt Armgart ein und in fast ärgerlichem Tone – Ach, das weiß ich selbst! – lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat sich den Schein, als wenn sie nicht wüßte, daß das griechische Kreuz, wie auch das Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hätte – Der Einwurf ist ganz richtig! begütigte Püttmeyer die gereizte Stimmung und vergaß keineswegs, daß ihn einst erst die Drohungen mit dem päpstlichen Index gezwungen hatten, seine Philosophie katholischer zu modeln. Das griechische Kreuz ist in der That unvollkommen! sagte er. Es drückt nur die Gottheit Christi allein aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht blos in der christkatholischen Lehre – hm! – daß Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm. Demnach ist der längere Balken – hm! – die Gottnatur, der kleinere Querbalken aber die irrende, menschliche – hm! – mittelpunktlose, welche durch die Kugel nur ein gewöhnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der Heiland rufen: Mich dürstet! Nur 66 an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall, halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nach – hm! – Christi Geburt angehörte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus für uns leiden! Jener Doppelquerbalken der großen Würdenträger und des Papstes, ein Symbol, das gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupt – hm! – des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Püttmeyer malte aus Fenster ein ), ist die Einigung beider Auffassungen, der griechischen und der römischen, des Christus des Dogmas und der Concilien und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt ist schon die Ahnung unsers christkatholischen Kreuzes bei allen alten Völkern. Der Hirtenstab in den Händen des Osiris, der Stab des Hermes, welcher die Seelen in die Unterwelt geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete – das All, meine gnädigsten Herrschaften – hm! – und dazu der Stab des guten »Hirten«! Wie nahe kam schon da die gerade Linie der Ahnung, daß nur noch die große Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moses – hm! – schlug schon mit einem Stab aus Felsen Wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trägt einen schlangenumwundenen Stab! Ja im frühgebrauchten Zeichen der Venus, des Sterns der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden – ♀. Das ist dann – hm! – der freundliche Morgen- und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, welcher die Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem Rade gleichkäme, ich meine, dieser Figur: . Die drückt eigentlich die ganze Schöpfung aus –! Alle schwiegen. Theils vor Bewunderung, theils vor Nichtverständniß, theils aber auch – vor Schauer bei dem Bilde des Rades, das Püttmeyer an die Fensterscheiben malte. Armgart 67 und Paula kannten die Sage von dem Rade – auf dem Schlosse des Kronsyndikus. Püttmeyer begriff das eintretende Schweigen nicht. War er doch gewohnt, solche tiefkatholische Philosophie lebhafter applaudirt zu hören. Dennoch hob ihn bald wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das Mittagsmahl. Noch war das Schloß nicht ganz erreicht. Doch konnte es schon gesehen werden. Schloß Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die Brücke, die jetzt von einem Heiligen gehütet wurde, in alten Zeiten eine Zugbrücke und hatte zu einer Burg geführt, von welcher jetzt noch vielleicht die vier starken Eckthürme des Schlosses herrührten. Der Herrensitz der großen Gütermassen der Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war jedenfalls nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges neu auf alten Trümmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloß nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe würde dem Charakter dieser Gegend nicht entsprochen haben. Vier bewohnbare Thürme erhoben sich an den vier Ecken eines Quadratgebäudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Thürmen gingen vier gleichmäßige Seiten von zwei Stockwerken und zwölf Fenstern der Länge nach, im zweiten Stock an jeder Seite ein Balcon von altem künstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem Knopfe endete, sodaß das ziemlich regelmäßige Gebäude acht Spitzen hatte und recht gut auch dem Eindruck eines Klosters entsprach. Die Wirthschaftsgebäude lagen weiter ab und außerhalb der Insel, die ihrerseits groß genug war, auch noch an der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich jenseit einer zweiten Brücke verlängerte und schon jetzt 68 manche Anlage aus dem Schnee heraus unterscheiden ließ, zumal wenn sie aus Tannen bestand. Endlich fuhr der Wagen über den hartfrierenden, knirschenden Schnee und über die steinerne Hauptbrücke; die Rosse standen dampfend still vor dem Portal, einem kleinen, dem Geschmack des Ganzen entsprechenden Schnörkeldache, das von zwei kurzen Säulchen getragen wurde. Zwei mächtige Hunde sprangen den Rossen entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwickeln. Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, daß der Schnee plötzlich auf Paula eine eigenthümliche Wirkung zu äußern anfing. Schon lange ermüdeten ihre Augen. Und so theilnehmend Paula auch noch lächelte und mit der ganzen Lieblichkeit ihres Antlitzes den Worten des Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was zu all diesen Philosophemen wol Bonaventura sagen würde!) – allmählich wurde ihr Blick trüber und immer abwesender. Erst schien sie nur der Schnee zu blenden, die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am Schloß angekommen war, hatte auch schon Armgart die Entdeckung gemacht, daß Paula in dem ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle Functionen wie mit vollem Bewußtsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete Frage, nahm Armgart's Hand, die sie führte, streichelte auch die Hunde, die in allen möglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als gält' es, unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Thüren, die auf die Corridore hinausgingen, Mäuse zu jagen. Alles, was stören konnte, dämpfte die Tante. Erst als Püttmeyer auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mütter mit Kindern, Blinde, Lahme mit Krücken, Bittende mit Briefen in der Hand, da verstand er, 69 daß ihm heute auch noch ein anderes hohes Glück zu Theil werden sollte, Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein! Vor dem geheimnißvollen Isisschleier zu stehen ist wahrlich nichts Kleines. Püttmeyer's Athem, ohnehin nur kurz, stockte jetzt vollends. Mechanisch ließ er sich vom Diener seiner Umhüllungen entkleiden. Fast hätte er auch sein großes weißes Halstuch abbinden lassen, das allerdings einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah. Die rasche Hülfe eines jungen, in eleganter Toilette herzuspringenden Mannes schützte ihn vor dem Misverständniß und dem Verlust eines schönen Knotens, den ihm Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh geschlungen hatte. Der junge hülfreiche Mann war Thiebold de Jonge. Mit seinem nur »scheinbaren Adel« hatte er sich nicht an dem Leichenbegängniß betheiligen wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie dieser gerade vorzugsweise von ihr so gern gesehene und »ein für allemal geladene« Gast sich schon wieder so nützlich zu machen verstand. Paula wurde von Armgart geführt. Hoch und schlank schritt sie dahin. Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet. Alle Thüren wurden aufgerissen. Die Diener kannten bereits, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten. Paula schwebte. Die Frauen führten sie in ihre Zimmer. Püttmeyer, voll Staunen und die Hände faltend, blieb mit Thiebold allein. Thiebold hatte nie so viel Zustimmung gefunden für eine seiner gewohnten geistreichen Aeußerungen, die in diesem Augenblick lautete: »Nicht wahr? Merkwürdig?« Im großen Vorsaal, der etwas düster war durch einen im zweiten Stockwerk angebrachten Balcon, befand sich an der Thür 70 das Weihwasser. Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula's Zustand benetzt; Paula war vorübergegangen. Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges, wenn auch nicht zu großes Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhänge waren von grüner Seide. Ein Flügel stand aufgeschlagen, auf welchem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte, denn hier Effect zu machen mit so wenig Virtuosität, als er sie besaß, das hätte er sich nicht für möglich gedacht. Sopha, Stühle, alles war mit grüner Seide überzogen. Die Etagèren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen. Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen vor. An frommen Büchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel. Püttmeyer kämpfte nicht wenig mit sich, wie er es anstellen sollte, nicht über Dinge, die hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrücken. Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus den Büchern. Er hatte Abends »Bei Schönians«, wo er jeden Abend seine zwei Gläser – »Gerstenschleim« trank, oder gegen seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklärung angegangen wurde, dahin geäußert, daß das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalität, d. h. das Streben zum Mittelpunkt wäre, aber das Gefühls- und nervöse Leben die Centrifugalität. Er hatte oft geäußert, daß man einer solchen Verrückung und Umkehrung dieser Thätigkeit, wenn sie auch Krankheit wäre, getrost nachgeben und durch sie der großen Weltseele näher zu kommen suchen sollte. Da die Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten, sie vielmehr, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und mit der Gottesmutter 71 »im Jenseits« verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung über sie aussprechen mögen. Doch hinderte ein Einschreiten dagegen die hohe Stellung der Gräfin. Auch war, als noch Michahelles allmächtig waltete, von der Residenz des Kirchenfürsten die Weisung gekommen, nichts an den visionären Vorfällen zu stören, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der einen Bericht erstatten sollte. Um so mehr konnte Püttmeyer die Ansicht von bösen Dämonen und von einem unheiligen Zustande bekämpfen. Er that es vollends da, als er hörte, daß Paula vorzugsweise von großen unermeßlichen bunten Ringen sprach, durch welche allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse, wie durch ein großes, riesig aufgezogenes Perspectiv. Als Armgart ihn zum ersten mal besucht hatte und die Rede von Paula's Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend. Vor Jahren durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn, der jetzige Domherr, nur in ihrer Nähe sein, so fühlte sie den magnetischen Strom armdick, bis er ihr durch die Fingerspitzen wie in glühenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und hörte und las sie. Anfangs sind es immer große bunte Ringe, die sie sieht; dann sind es grüne Wiesen, darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was diesseit und jenseit der Erde lebt; sie sieht die großen Jagdhunde des Onkels, wie die Heiligen Gottes, sieht Tantens verlegte Ueberschuhe, wie König David mit seiner Harfe –! Thiebold stellte sich dem Doctor selbst vor. Er äußerte im Mäcenatenton seine Freude, einen so »berühmten Dichter« persönlich kennen zu lernen. Benno hatte ihm einige Erläuterungen über den Doctor gegeben und gern hätte er zu ihm à la Piter 72 Kattendyk oder Bernhard Fuld gesagt. Speisen Sie bei mir – Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und »gelesen«! fuhr er fort. Und besonders von Fräulein Angelika Müller! Haben Sie lang keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung bald annoncirt zu hören. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es wäre Zeit –! Püttmeyer konnte einem so raschen Redestrom nicht folgen, – wodurch Thiebold veranlaßt wurde aufs neue auf Angelika zurückzukommen und den Geist, das Gemüth, vorzugsweise die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rühmen – Püttmeyer bestätigte alles das, seufzte tief auf und sagte nur wiederholentlich: Laissez passer! Laissez passer! Wie so? entgegnete Thiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei Ankunft des vierspännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weißen Handschuhen in sein, in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schön frisirtes Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte: Auch du mußt dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen! Denn Armgart war sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was »sie ihm einst gewesen –«! Ein Räthsel umspann die Freundin, ein Räthsel »glücklicherweise«, konnte er in seiner »Bosheit« sagen, auch für Benno – Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen vorüber. Es war ein Kissen voll kleiner Gegenstände, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbücher, Rosenkränze, Crucifixe. Der Diener ging damit auf den Zehen in die noch offen stehende Thür, durch welche man Paula in die innern Gemächer geführt hatte. Auf Püttmeyer's Erstaunen über diese sonderbare, doch wol nicht zum Mittagessen gehörende Schüssel gab ihm Thiebold eine Erklärung. Der Zudrang zu Paula's Wunderkraft nehme 73 immer mehr zu. Zwar verböte Onkel Levinus die Abgabe der hundert Dinge, welche Gräfin Paula nur einmal zu berühren brauchte, um sie heilkräftig zu machen, auch Tante Benigna nähme Rücksichten auf Paula's Gesundheit und Ruhe und dennoch besäße man die Freundlichkeit und »stellenweise« die Schwäche, der Aufregung der ganzen Provinz und den Zeitwirren »Rechnung zu tragen«. Oft hätte in der That ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen Güter unausgesetzt nur zu thun mit dem Zurücksenden solcher, förmlich in Foliobüchern notirten Dinge und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem schreiben lasse, er bedauerte diese Gegenstände so zurückschicken zu müssen, wie sie gekommen wären, ließe sich doch der Volksglaube nicht nehmen, daß diese Gegenstände wirklich von der wunderthätigen jungen Gräfin, der Seherin von Westerhof, berührt worden wären. Man empfange ablehnende Antworten und doch wären den Leuten schon die Briefe geweiht und wirkten sogar. Im ganzen Lande stünde fest, daß eine von Gräfin Paula berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald würde sein Uebel verschwinden. Vor dieser mittheilsamen Suada thaute Püttmeyer auf und er berichtete auch seinerseits Resultate des Armgart'schen Besuchs. Fräulein Armgart von Hülleshoven erzählte mir, sagte er, daß die Comtesse vor allem an sich selbst glaube . Sie sagte mir: Wie sollte sich denn meine Freundin diese eigenthümliche Kraft deuten, die ihr ganzes Sein immer wie aufwärts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz körperlich, manchmal ein Strom quer über den Rücken hinweg, als müßte sie sich beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dächte, so theilte sich auch dieser Strom und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus! Schon als Kind hätte ihre süße Freundin diesen Strom gehabt und oft zu Fräulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, 74 ich könnte mich rückwärts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und einmal – doch ich bitte Sie – Herr Baron – Bitte recht sehr! versicherte Thiebold und erröthete über seinen »scheinbaren Adel«. Püttmeyer wollte sich vorzugsweise nur entschuldigen, daß er so viel allein sprach – Einmal, Herr Baron, war Fräulein Benigna, welche die Wirthschaft des Grafen Joseph führt, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestürzt und hatte ihn gerufen, zu Hülfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und lang sie bereits war, mit aufgelöstem Haar auf der grünseidenen Decke ihres Bettes stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet sich wider die Wand, dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter, anstemmend und gegen die Wand so furchtbar drängend, als wollte sie die Mauer eindrücken – Thiebold strich sich die Frisur, als fühlte er, wie auch sie sich »vor Horreur« sträubte. Ja, Herr Baron! fuhr Püttmeyer erregt fort. Fast unglaublich, aber Fräulein Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenüber und schien Comtessen ins Antlitz. Comtesse war bei völliger Besinnung und sagte nur immer: Das muß ich so! Damals sprachen die Aerzte, wie ich wol verstanden habe, von der Entwickelung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumaßregeln anempfehlen, wenn die Anfälle sich wiederholten. Aber sie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen, die oft aller uns geläufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge spotteten. Das kranke Mädchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in der Schwebe mit ganzer Körperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals noch. Vielmehr stellte ich in ihrem fünfzehnten Jahr eine 75 starke Reaction des Körpers in seinen Muskeln und so zu sagen irdischern Theilen ein. Der Gang wurde träge, hängend; Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die berühmten Streckbetten einer süddeutschen Stadt. Das zweijährige Liegen in einer fast ununterbrochen gleichen Lage schloß ihr die Pforten des Phantasielebens auf und bald trat immer deutlicher – Clairvoyance hinzu. Sie kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so werth, daß sie, wie Fräulein Armgart versicherte, in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige vorübergehende Störungen ausgenommen, kein eigentlich krankes zu nennen war, falls sie sich nur in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben die Zumuthungen künstlich magnetischer Einwirkungen noch von ihr fern. Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes, bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des Schnees, die ihr ein waches Träumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinwegstreifen und sie antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hör' ich, alles auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen – ihrer großen Doggen! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des Schmerzes bei andern. Hört sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet müßte geholfen haben; wenigstens zöge es sie, sagte Fräulein Armgart, mit ganzer Seele zu den Leidenden hin. Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe außerordentlich geworden sein – Hier wurde Püttmeyer's förmlich zu Strom gebrachte Rede unterbrochen von demselben Diener, der eilends und erschreckt wieder zurückkehrte, das Kissen mit den Gegenständen von vorhin wieder auf der Hand – 76 Was ist? fragte Thiebold. Se spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber. Sie spricht –? wiederholten beide. Thiebold, mit jenem Vorwitz, »den auch nur er haben konnte«, zog den Doctor, der sich sträubte, näher, beschritt die offene Thür, kam durch ein Zwischenzimmer, fand wieder eine Thür offen, dann einen schwersammetnen blauen Vorhang, lüftete diesen und ließ ihn plötzlich fallen. Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer. Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmbaren Worten. 77 4. Dies Vorcabinet war ein freundlicher Neubau, der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer hier durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht. Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von bleigefugten, schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern. Es sah aus hier wie der Eingang in eine Kapelle. In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, völlig angekleidet, auf einem Ruhebett. Die Haare glänzten golden. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Blicke lächelten. Armgart stand zu Paula's Häupten, auch sie geisterhaft, wie eine Botin aus jenem Traumreich, von welchem einst der griechische Sänger gesagt, es hätte zwei Ausgangspforten: eine von Elfenbein, aus dieser kämen die unwahren Träume, eine von Horn, aus dieser kämen die zutreffenden. Die Tante hielt Paula's Hände. Thiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor Püttmeyer, dessen Antlitz beinahe so weiß war, wie seine Halsbinde. Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte: O die liebe, liebe, liebe Sonne! . . . Wie 78 glitzert sie im Schnee – Ein Brillant auf jeder Tannenspitze . . . Ach, ach! . . . Das ist ein Schatz – im Düsternbrook – Im Düsternbrook –? Püttmeyer glaubte, die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise, Tangenten und Secanten – Der Düsternbrook lag aber nur drei Meilen von hier –! St! sagte Thiebold, nur auf eine Ahnung hin, Püttmeyer könnte sich, erläuternd oder anzweifelnd, bewegen. Püttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einem Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Nun kommen sie! fuhr die Träumende fort . . . Wie sie so lieblich singen, die Mönche! . . . Silberbeschlagen ist der Sarg . . . Laienbrüder tragen ihn . . . Die Armen! Wie die Füße so nackt durch den Schnee müssen! . . . Alle singen: Dona eis pacem... Wie heißt das, Fräulein – Schwarz –? Die Träumende schwieg. Thiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, »versichert sein zu dürfen«, daß die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbniß des Kronsyndikus sähe; aber was sollte hier Fräulein Schwarz, die doch wol niemand anders sein konnte, als ihre frühere Gesellschafterin, Lucinde, der allerdings Benno ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begräbniß zugegen? Püttmeyer schlich athemlos einen Schritt näher . . . Die Gräfin sprach schon wieder laut, doch etwas unverständlicher. Erst allmählich unterschied man die Worte: Die Wagen nehmen ja kein Ende . . . Ich zähle schon dreiundzwanzig . . . In dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind . . . Neben ihm der Domherr . . . Wieder folgte eine Pause. Dann der Onkel mit Benno –! fuhr Paula fort. Wieder schwieg sie. 79 Es geht so langsam . . . Den Schnee schaufeln die Bauern auf . . . Da läuft ein Reh über den Weg . . . Alles ringsum ist Wald . . . Aber die Menschen . . . Singen die und sie läuten auf dem Schlosse . . . Der Zug kann jetzt nicht durch . . . Jetzt schweigen die Mönche . . . Einer singt . . . Pater Ivo . . . »Maria, Maienkönigin! Dich will der Mai begrüßen!« . . . Der Mai in diesem Winter! . . . Püttmeyer kannte ja auch den Mariensänger, den Grafen Johannes von Zeesen, der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte. In der dritten Kutsche . . . fuhr Paula den bebend Horchenden fort zu erzählen . . . da sitzt der Herr von Terschka . . . Bei ihm der Landrath . . . Wie jung ist wieder der heute! . . . Herr von Enckefuß ist ganz geschminkt und schön frisirt . . . Die Mönche singen . . . Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! . . . Ein Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! . . . Wie funkelt das! . . . Vierzehn Mönche sind es . . . Zwei fehlen . . . Sebastus und Hubertus fehlen . . . Sebastus? – sagte, seinem Temperament verfallend, Thiebold halblaut. Den seh' ich ja jetzt auch! . . . hauchte Paula, als wenn sie Thiebold's Frage gehört hätte, und alle, auch wol die Frauen. mochten denken: Den Sohn des Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem Todten, den sie eben begraben? Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkämmerchen von Himmelpfort . . . Ach, da ist es eng und klein! . . . Durch ein Gitter – kann er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang . . . Das ist die Kapelle der Kranken . . . Fünf Schritte breit ist auch die nur . . . Maria von altem bunten Holze . . . Neben ihr – dahin also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? . . . Ein Oechslein . . . ein Eselein  80 . . . wie zum Spiel für Kinder . . . Gebt sie ihm doch! . . . Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? . . . Es geht . . . Armer Pater, spiel' mit dem Krippchen der Franciscaner! . . . Lange blieb es jetzt still. Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als könnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist außerhalb der körperlichen Hülle dahinschweifen zu lassen. Armgart schien das höchste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegängniß mehr zu wissen. Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit . . . Laß sie doch, Tante! bat Armgart. Aber: Sie träumt das nur so – komm! drängte Jene. Sie sieht es nicht! Die Tante hatte schon die Vorhänge ergriffen und bedeutete die Männer, sich nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man dürfte ganz getrost laut sprechen. Schon wollte Püttmeyer sich entfernend in Andacht, Thiebold in Bewunderung ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit über das mit einer seidenen Decke belegte Ruhesopha ausgestreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fühlen. Schnell wandte sich die Tante. Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, daß sich Paula durch irgendetwas erschreckt fühlen mußte, kehrte sie zurück. Der Vorhang, der die Männer von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber sie hörten die angsterfüllte Stimme der Träumenden in kurzen Sätzen die Worte ausstoßen: Wer stört nur da – die Ruhe der Todten? Der Zug hält ja . . . Wer spricht? . . . Das ist die Eiche, an der . . . Wer spricht nur immer und predigt so laut? . . . Ha! . . . Herr von Terschka springt aus dem Wagen . . . Die Mönche schweigen . . . Benno . . . Gensdarmen . . . Und der – Jude – Merkwürdig! rief Thiebold, dem das Traumsprechen Paula's 81 an sich nicht neu war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen sein –? Er hätte gern seinen Hut ergriffen und seine Neugier, auch seine Neigung zu Interventionen befriedigt. Nichts mehr wurde hörbar. Man vernahm nur ein Murmeln der Gräfin, ein unverständliches Sprechen, wie durch die Zähne. Dann war alles still. Die Tante kam heraus und sagte, scheinbar voll Beruhigung und doch voll Bestürzung: Sie ist erwacht! Jetzt – in einem Augenblick – flüsterte Thiebold. Wo ich, konnte die Tante für sich hinzusetzen, schon die Freude habe zu sehen, wie dieser liebenswürdige junge Mann förmlich unter dem Umstand leidet, sich bei etwas Vorgefallenem nicht nützlich machen zu können. Wie ganz anders doch, als einst z. B. mein bequemer Levinus war –! Im Erwachen weiß sie nichts mehr von dem, was sie im Traumschlaf gesehen? fragte Püttmeyer im Gehen und vor Beklemmung athemlos. Kein Wort weiß sie dann! bestätigte die Tante. Sie können sich denken, wie uns diese Dinge aufregen. So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht, und wir glaubten doch schon den höchsten Grad erreicht zu haben! Sie werden sehen, daß sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm ihrer Freundin eintritt, als wenn nichts geschehen wäre – Was mag nur die plötzliche Störung gewesen sein! Und gerade auch an der Stelle, wo – die verhängnißvolle Eiche – – So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zurück. Und Sie dürfen in der That annehmen, meine Gnädigste, begann Püttmeyer, daß alles das – Natürlicherweise! fiel Thiebold ein und verwunderte sich 82 über des Doctors Zweifel und erklärte es für »selbstverständlich«, daß die Herren, die gegen Abend zurückkommen würden, alles das als wirklich so vorgefallen bestätigen würden. Püttmeyer mußte schmerzlichst bedauern, daß die weite Entfernung Eschedes ihn zwang, sich schon unmittelbar nach dem Diner in den Wagen zu setzen, der ihn heute früh abgeholt hatte und wieder in sein Städtchen zurückfahren sollte. Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschäftigt. Die Störung des Leichenbegängnisses nahm sie allmählich für etwas wirklich Vorgekommenes, vielleicht nur etwas Unverfängliches. Sie wüßte, sagte sie, wie schreckhaft Paula wäre und wie schon die geringste Abweichung von dem, was in der Ordnung sei, sie in Verwirrung bringen könnte. Thiebold aber schwebte hoch über der Erde. Er erzählte eine Anzahl von Geschichten, die ihm die alten Holzvermesser seines Geschäfts, die Förster und Holzschläger auf seinen Reisen als glaubhafte »Ahnungen« versichert hätten. Er behauptete, in Canada englische, aus Schottland gebürtige Soldaten gesehen zu haben, die krank waren am zweiten Gesicht; krank, betonte er, wenn man krank eine so wunderbare Gabe nennen kann, die sogar ansteckend sein soll, ja in der That, Herr Doctor –! Thiebold versicherte, daß ihm Hedemann erzählt hätte, wenn in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister sähe, sähen bald alle welche. Selbst der Oberst von Hülleshoven, der doch gewiß ein Mann ohne Vorurtheile wäre, hätte dies versichert – Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des großen Empfangssaales gedeckten Tisches zurück und Thiebold mußte von dem hier mannichfach bedenklichen, ihm so werthen Obersten schweigen. Die Tante reichte Püttmeyern den Arm . . . Thiebold bedeutete, auf Paula und Armgart warten zu müssen. Die Tante bat ihn jedoch zu kommen; die jungen Damen würden nicht 83 ausbleiben. In der That erschien, als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl eines klösterlichen Refectoriums angelegten, rings mit kunstvoll ausgelegten hohen Schränken und krystall- und silberbeschwerten Büffets versehenen Zimmer an ihren Stühlen standen, Paula, geführt von Armgart. Beide kamen wie aus der Welt der Märchen. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Besitz ihres Reichthums und in der Fülle ihrer Gaben, sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend. Diese der Erde angehörender, minder zuverlässig, eher wie das Licht des Mondes gegen den Strahl der Sonne gehalten. Beide hätten auf ihren schönen bleichen Häuptern Kränze tragen sollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart von grünem Epheu. Armgart klammerte sich an ihre Freundin, wie wenn diese das Geheimniß auch ihres Lebens hielte. Paula, selbst so hülfsbedürftig, selbst so schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, äußerlich zwar noch immer glänzenden, doch ungewissen Geschick, bewegt von ihrer stillen Liebe, bewegt von ihrem Naturlose, das sie sogar von dem, was ihr eben geschehen war, selbst nichts wissen ließ – sie schwebte sicherer dahin als Armgart, die fast mit scheuem Gewissen zur Erde blickte. Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten. Suppe, Rothwild, Auerhahn, grünes Kraut und Kastanien – und hinter jedem Stuhl vielleicht – wer weiß! – ein Gespenst, ein abgeschiedener Geist! Vielleicht in einem Winkel des Zimmers, auf einem Fußsessel, mit der Trauerhaube, die Schwester des Kronsyndikus, Paula's längst verstorbene Mutter. Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer alten, neuvergoldeten Rococo-Wanduhr die zufällig schnurrenden Gewichte aufzog. Und wer hätte nicht, außer sich vor Staunen, fragen mögen: Wie ist dir denn nun, du Heiligste deines Geschlechts? Wie 84 fühlst du dich denn nur? Was sahst du am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzählte und der jetzt so innig lächelnd den silbernen Löffel leert, wie wir alle, völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreise sprechend und sogar Armgart neckend, die »ein Buch über Philosophie zu schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hätte, das könnte nur eine Gelehrte, die von Angelika soviel Mathematik gelernt hätte« –? Thiebold war glücklicherweise der Mann, der jetzt über die schwierigsten Fragen wie über schwindelnde Brückchen hinwegschlüpfte, dabei jeden gleichsam niederfallenden Knäuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen Männerschlag in dieser Welt bereits für unmöglich gehalten hatte. Püttmeyer versank in ein stillbeschauliches Grübeln . . . starr sah er Paula an, verwechselte sein Messer mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all jene Diätfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede so ernstlich beim Abschied gewarnt hatten. Thiebold hatte dabei, ganz nach Moppes' und Piter's Theorie, die Art, den Wein einzuschenken, als wär's Wasser. Da fand kein Nöthigen statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon geleert war; wie er in sein Haar griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht ergriff er die Flasche. – Die Tante fand das alles entzückend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie diese beiden Mädchen da wol ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen und die Hand auf ihre Gläser legen mußten, um dem Einschenkenwollen zu steuern, während »Herr von Jonge« ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten über Canada, Paris, London und Kocher am Fall stören zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die 85 Wassergläser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula und Armgart hin- und hergehender Blick. Nur Ein Diener konnte dabei bedienen; denn zur Vertretung der gräflichen Würde war beim Leichenbegängniß fast die ganze Dienerschaft abwesend und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid aus Strasburg zeigte für ein unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick – – Im Strom seiner Mittheilungslust und einer »bei dem Gefühl, mit Geistern zu Mittag zu speisen«, höchst natürlichen Aufregung gerieth Thiebold wiederholt auf Armgart's Aeltern. Er konnte diese Erwähnungen nicht länger zurückhalten. Bald hatte er vom Obersten eine entschlossene That, bald von der Oberstin eine überraschende Aeußerung zu berichten. Die Tante ermuthigte ihn, sich keinen Zwang anzulegen; diese Veränderung hatte stattgefunden: sie war durchaus geneigt zur Versöhnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu groß; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt die schlechteste Stelle, jährlich nur zwanzig Thaler baar und kaum sechzig in Naturalien. Die Verhältnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung des Obersten in Witoborn, mit dem auf die Hedemann'schen Mühlenwerke gerichteten Plane, war vor der Thür; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger; demnach sah Tante Benigna ganz gern, daß Thiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich pries. Thiebold wurde von ihr nur immer Herr von Jonge genannt. In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber –? Thiebold erzählte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den Mühlenwerken und von Hedemann's Aeltern. Ich war in Borkenhagen – mit meinem Freunde Benno von Asselyn 86 zugleich, der – Sie wissen ja wol, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist – Wer? Geboren? warf die Tante lächelnd und fast verächtlich ein. Ganz recht! verbesserte sich Thiebold. Wie kann ich vergessen – Mein Freund ist – Ein Spanier ja wol? unterbrach den Einschenkenden Püttmeyer, den seine Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhältnisse und hervorragenden Persönlichkeiten der Gegend erhielten und den nun der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten. Das doch wol eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysteriösen Lächeln. Sie mußte niederblicken auf die Schüssel, die eben herumgereicht wurde, weil sie aus Paula's Augen ein bittender Blick traf. Ein prächtiger Spaziergang! fuhr Thiebold fort. Selbst im Winter! Wir suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebüschen von Schlehdorn, erst den Finkenfang auf, dann die Wolfshöhe und einen großen dort befindlichen Ebereschenbaum, der in Benno's Jugenderinnerungen – übrigens wird ja nächstens dort die große Jagd stattfinden – eine merkwürdige Rolle spielt – Bitte, gnädigstes Fräulein, genirt Sie die Sonne –? Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, welcher der Tante ins Antlitz fiel. Thiebold war aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen – Man bat, sich nicht zu incommodiren. Püttmeyer wünschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen. seiner Transparentbilder wegen . . . Wir schreiben Ihnen das, sagte die Tante und fuhr, zu Thiebold gewandt und zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart's, als von Benno die Rede war, fort: Dann waren Sie gewiß auch auf dem armseligen Hof der 87 närrischen verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt? Allerdings! rief Thiebold, vom Fenster zurückkehrend. Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Armselig? Das war ehemals der schönste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Ställe voll Vieh, dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn! Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar ein schwarzes Füllen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern wollte, wiesen sie mir freilich die Thür. Aus dieser Mittheilung ersah man, daß Armgart in der Gegend ringsum zu hospitiren pflegte und gern den Bruder Gutentag machte. Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind's! rief die Tante. Ruchlose sogar! Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart. Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf – mein Alter sein? erwiderte die Tante und lächelte über die – Feinheit ihrer Bemerkung, ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern. Tantchen! bat Paula und reichte ihre schöne lange ovale weiße Hand über den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinüber, während Armgart's Antlitz glühte und ihre starren Lippen sich kaum regten, eine so absichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen. Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrköpfigsten Bauern, die nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverächter sind sie geworden! Ich gebe zu, sie wurden schlecht behandelt – Von einem Geistlichen! schaltete Püttmeyer, gar nicht mehr zaghaft, ein. 88 Nein, auch vom Landrath. ergänzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich! Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich seh' und erleb' es ja täglich! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen auch erzählt hat und was Sie auch in Borkenhagen – mit Herrn von Asselyn – Herr Benno heißt nur so, es ist sein Adoptivname – gesehen haben mögen, glauben Sie mir, diese Leute sind wie die Büffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den künftigen Herrn Papiermüller nannte man schon vor Jahren Herrn Remigius Dickschädel! Auf solche aus dem Munde der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen besaß, überraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor Parteinahme zu Gunsten Hedemann's und ihres an Hedemann's Namen betheiligten Vaters aufloderte. Die braunen Augäpfel gingen hin und her, die Lippen öffneten und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner Weißbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie zu einem Bombardement auf alle Welt. Gnädigstes Fräulein! wandte sich Thiebold zur Tante, ich weiß nicht, ob ich gut unterrichtet bin. Ich weiß nur so viel: Als Freund Hedemann nach Amerika ging, war das von den Aeltern ein Abschied auf ewig und Hedemann ließ zwei alte Leute in schönem Besitzstand zurück. Damals hatte der »so unglücklich geendete« Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablösungen des Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich freikaufen. Auf ihrem Besitzthum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn, zufällig dem Landrath, dem von seiner Frau her dieser Besitz angehörte, einen gewissen Theil des Ertrages – enfin , wie viel – kurz, ihm 89 regelmäßig zu zehnten! Zank hatte es schon um dieser Abhängigkeit willen genug gegeben; denn nicht einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn – Das liegt in den Verhältnissen! sagte die Tante, ihrer Dorste'schen Patronatsrechte eingedenk. Ich glaube das! Nun aber kam, nach einem gewissen Leo Perl, als Pfarrer ein gewisser Langelütje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben hatte und mehr Vieh- und Fruchthändler, als Seelsorger war – Darüber ist allerdings nur Eine Stimme! gestand die Tante. Die alten Hedemanns, erzählte Thiebold, immer jedoch forschend, ob er auch recht berichtet wäre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs bereitwilligste. Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablösung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das Geschäft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrath in keine directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an. Er schlägt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle. Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein. Sie wollte eine Versöhnung mit Armgart und begann nachzugeben. Er hat sie sich am Strick gleich selbst mitgenommen! Inzwischen, fuhr Thiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die schmollende Armgart fixirte, inzwischen ließen die alten Leute, die, wie hier ringsum fast alle, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem hausirenden Juden die Ablösungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, saßen bereits in Toilette, um zur Kirche zu gehen. Die Glocken läuteten. 90 In dem Augenblick studirt der fremde Rathgeber heraus, daß in den Papieren, in Worten geschrieben, eine viel kleinere Summe steht, als sich von den Hedemanns der Pfarrer hatte auszahlen lassen. Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Thaler und um ihre beste Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer großen Verehrung vor allem, was geistlich ist, glaubten nicht dem Juden. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus, um gleich nach dem Gottesdienst in der Kirche den Pfarrer selbst zu fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landraths. Hedemann's Vater grüßt und hält nickend sein Papier empor. Herr von Enckefuß läßt halten und fragt, was es gäbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger Entfernung. Und jedenfalls merkte sogleich Herr von Enckefuß, was die Uhr geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hieß ihn sich augenblicklich zum Teufel scheren – bitte um Entschuldigung! – und behauptete rundweg, der Schein lautete wirklich auf die Summe, die von ihnen der Pfarrer verlangt hätte – Püttmeyer ergänzte: Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister aus Gutmüthigkeit und übermäßig nobler Gesinnung eine noch viel größere Unthat verborgen gehalten hatte –! Die Tante setzte mit Rücksicht auf die noch immer finster blickende Armgart hinzu: Sein Herr Sohn ist dafür um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den Kirchenfürsten, den hat der junge Enckefuß auch mit verhaften helfen! Den Hammaker hat er auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher überführt! Nur den Leichenräuber von St.-Wolfgang hat er noch nicht auftreiben können – Diese Zwischenplauderei war zunächst dazu bestimmt, Armgart's gute Laune zu gewinnen. Dann fing aber auch die Tante 91 schon an, ihren Unmuth auf die Bedienung abzulenken. Sie hörte draußen sprechen, hörte die groben Tritte des die Speisen aus der Küche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe. Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart, die so viel sagen wollten als: Närrchen, sei doch lieb! Nun hört' ich so! fuhr nach einer Discretionspause Thiebold fort. Die alten Hedemanns blieben in ihrer Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des Landraths wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die alten Leute an die Kirche, nicht aber in sie hinein. Sie sahen von der Thür aus den Pfarrer im Meßornat am Altar stehen, wie er eben das Hochheiligste segnete; sie mußten vor innerm Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in ihrem einsamen Kamp und ließen, anfangs vor Ungewißheit und vor Ahnung, dann vor sicherer Zuversicht, daß der Pfarrer sie betrogen hätte, mit der Zeit alles lässig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglücklich machen, die Religion schänden –? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld, hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Trüb- und Tiefsinn kam über sie, der sie nichts mehr von der Welt hören und sehen lassen mochte. Noch einmal wagten sie zum Schulmeister zu gehen – aber sie bekämpften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem geweihten Priester kam, und kehrten am Schulhause um. So ging der alten Leute Lebensmuth hin. Sie ließen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und ließ sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie hörte nun leider die Wahrheit. Ein Betrug war's von zweihundert Thalern! Sie verschwieg ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging keines mehr. Langelütje, den man meist nur in großen Wasserstiefeln sah, wie er auf 92 den Märkten hinter seinem Knechte stand, beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und Unmuth kamen die alten Leute zurück. Sie entließen den Knecht, die Magd, bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht, ließen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum nothdürftigsten Unterhalt diente. Sie säen jetzt nur, was sie selbst brauchen. Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in Wasser abkochen und über die sie Milch gießen. Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken – Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr! ergänzte die wirthschaftskundige, streng realistische Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallen Thier aus dem Stall und ließen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Bäumen heizen, die sie an ihrem Wall fällen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen. Oft liegt vom halbbelaubten Baume das eine Ende noch draußen im Freien, vom Schnee überschüttet –! Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen, daß sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem Herabfallen zu schützen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festhielten, daß die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüssiger wäre als Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf, eine Aufsicht, die dann und wann den Schmuz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und Rohr und Abguß und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird, weil die paar 93 Zähne, die er hat, sie nach und nach fast ganz »aufmümmeln«. Taback ist sein einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert, Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr säen, den verweisen sie auf das, was noch ringsum auf ihrem Eigenthum wild wächst. Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Profeßhaus der Residenz des Kirchenfürsten. Wohl kamen bessere Geistliche; aber die alten Leute wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte. Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen. So fand – Hedemann seine Aeltern, als er im Herbste hier war! Natürlich hatte er dann mit dem Landrath Zank. Wie's jetzt mit den alten Leuten aussieht, weiß ich nicht – Die Leute leben, versteht sich, im Kirchenbann – Wäre Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der größten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren äußern Formen –! Und auch in Püttmeyer schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen. In Thiebold wirkte Benno's Urtheil nach, der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte: Jetzt, Hedemann, versteh' ich, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier – Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so muß man die Welt verachten lernen! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Sie wissen sich doch durchzulügen! Aber ärgern muß man sie und beschämen! Beschämen durch unser Unglück, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich gehe doch noch einmal in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so großen, 94 so echt frommen und unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann abzunehmen! Man schwieg jetzt. Das Mahl war vorüber. Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen. Der Diener flüsterte ihr in plattdeutscher Sprache. Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke, der draußen war. Die Tante erröthete – aber »Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund!« sagte der Blick, den sie auf Paula gerichtet. Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen. Sie hörte das Leid des Alten, der um Hülfe für sein Enkelchen bat. Sie erhob sich. Ihre Hand zitterte . . . die blauen Augen wurden tiefdunkel. Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen, betete einen Augenblick leise, während alle ihrem Beispiel folgten, küßte das Amulet und reichte es hin. Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und stürzte hinaus damit. Die Tante nahm Püttmeyer's Arm, um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu lassen. Sie sah im Gehen auf die Uhr. Es war schon über vier. Bereits dunkel war es geworden und der Diener sagte, daß bereits auch der Wagen vorgefahren wäre für Eschede. Thiebold hatte Paula geführt. Eine drückend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch Armgart's Zurückkunft. Der Alte war zu glücklich! rief sie. Das Kind wird genesen! Paula war weiß geworden wie eine Wachskerze. Sie riß sich los. Sie hatte Thränen im Auge und verschwand. Gern wäre Armgart ihr nachgefolgt, aber die Tante befahl, daß sie bliebe. Auch der Kaffee kam, den Armgart in silberner Maschine zu machen und dann zu credenzen hatte. Die Tante sank in 95 einen der ringsum stehenden grünseidenen Fauteuils. Es war ihr »Nick-Viertelstündchen« gekommen. Und Püttmeyer sollte hier nun so, nach solchen wunderbaren Eindrücken, seinen ganzen Menschen zurücklassen? Er verzweifelte fast. Doch er mußte nach Eschede –! Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht ängstigen durfte! Mochte er auch nach allem, was er heute hier erlebt, von diesen Seelen fühlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte: Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen, eine andere als geflügelter Strickstrumpf! er mußte sich losreißen. Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winseln. Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante schläfrig und schon wie zum Abschied. Geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange wir auf Schloß Westerhof noch hausen werden, sind sie uns immer willkommen! Adieu, Herr Doctor! Grüßen Sie in Ihrem nächsten Brief – die – die gute – liebe – Angelika – Benigna wurde bereits in ihrer Art nicht minder somnambul und schlief schon halb. Laurenz Püttmeyer stand da, wie ein vierzigjährig Kind. Er sah sich um, um beim Abschied nichts zu vergessen. Es that noth, daß Thiebold ihm in die Hand gab, was er mitzunehmen hatte, seinen Hut, seine Handschuhe, von denen sich nur einer in seinem Frack, der andere noch drüben im Speisezimmer befand, und nun empfahl er sich wirklich. Thiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz überwarf, begleiteten ihn. Schon hörte man das Schellenklingeln der Rosse. Schon war der Schlag geöffnet. Man hatte noch dem Gast vorsorglich ein heißes Kohlenbecken in den Wagen gestellt. Man gab ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit. Püttmeyer war im Losreißen von dem 96 merkwürdigsten Tage seines Lebens in einer Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, daß er ein splendides Trinkgeld statt dem Diener Thiebolden in die Hand drückte. Und Thiebold nahm den Thaler und sagte sich mit verklärter Rührung: »O das kann vorkommen! Bei gewissen Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmöglich!« Er gab das Geld feierlich dem Diener. Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold, der in bloßem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinaufführen den Arm zu bieten. Schon aber war diese vorausgesprungen. Und Thiebold, als er langsam dem flüchtigen Reh nachfolgte, dachte: Jetzt endlich findest du wol den langersehnten, immer vergebens gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen und jene Geständnisse »an den Mann zu bringen«, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen hat –! Er faßte sich Muth, obgleich so vieles, so vieles in Armgart's Benehmen, gegen ihn sowol wie gegen Benno, anders geworden war. Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetisirenden Einfluß ihrer Verdauung. Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich wach erhalten soll. Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnsessel Reden zu halten, die etwa in folgender anakoluthischer Verwickelung sich vernehmen ließen und endlich gänzlich abbrachen: Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge, nun spielen Sie uns auch etwas –! Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas fragen sollen – Bitte, Herr von Jonge –! Armgart! Noch eine Tasse vielleicht, Herr von Jonge –? Die Schlüssel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand lassen, nein, das geht nicht, Herr von Müllenhoff – wollt' ich sagen, Herr von Jonge –! Bitte, Mozart –! Das Kind von dem jungen Tübbicke –! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen –! Nein, 97 man muß sagen, Müllenhoff geht in vielem zu weit –! . . . Ich liebe so die Musik –! Die Jagd – Transparente – Bilder von . . . Wenn nur unsere Herren bald gesund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen! . . . Die Musik! . . . Was sie nur erlebt haben mögen – am Düsternbrook – Bitte, Herr von Jonge! – Die – Die – Sona – te – Pathé–tique – von van – van von de Jonge – Damit war das Gangliensystem der Tante vollständig bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre inhaltreiche Rede ganz beendet zu haben. Die Sonate pathétique zu spielen würde sich Thiebold in seiner Vaterstadt nicht getraut haben; die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem »Fluche der Lächerlichkeit« preisgegeben. Aber in diesem – hochadeligen Hause, dem, wie in vielen Tausenden solcher katholischen Herrensitze Europas, principiell die Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs fremd bleibt, gestattete man ihm jede freie Variation über das große Meisterwerk, jede Zuthat aus den seinen Fingern geläufigern Cramer'schen Etuden. Thiebold spielte wirklich etwas, was die Sonate pathétique sein sollte. »Ein Genuß für Götter!« sagte er sich mit Bescheidenheit. Er war »in jeder Beziehung froh«, daß wenigstens Benno fehlte. Armgart stand an der Kaffeemaschine. Endlich blies sie die Flamme aus. Es wollte nicht so schnell damit gehen, wie sie wollte. Thiebold brach mitten in seinem schönsten ad libitum ab und sprang hinzu. Mund gegen Mund gerichtet, endete die Flamme. Thiebold seufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewußtsein, daß sich hier einer gemüthlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben ließ. Die Tante schlief. Paula blieb 98 fern. Sollte er wieder spielen? – Fräulein! sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen – Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die »Liebe« schon lange ein Begriff geworden, so klar, so verständlich wie sonst der – Glaube – Sie fürchtete, Thiebold wollte von seiner Liebe sprechen – Sie wollte sich eben deshalb gleichgültig zeigen. Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen . . . Nein, ich muß Sie sprechen! betheuerte Thiebold mit gedämpfter Stimme. Ein Befehl in der Beichte verlangt es! Der Domherr will es! Armgart maß Thiebold mit weitgeöffneten Augen. Wirklich, Fräulein Armgart, ich schwöre ihnen das zu beim ewigen Heil meiner Seele! Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand, deutete auf die Thür und ging mit Seufzen in den Vorsaal. Ein Blinzeln des Auges sagte, Thiebold sollte folgen. Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend. Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder. Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn ein mit Thiebold's Hülfe. Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand. Sie ging entblößten Hauptes zum Corridor hinaus. Wohin führt sie dich denn? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden. Draußen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung auch am Tage schon eine immer halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hätte man sich als Fremder ohne Licht nicht mehr zurecht finden können. Führt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Thiebold, als sich Armgart links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen in klösterlicher Weise eine Menge Zimmer, jedoch 99 größtentheils an den Thüren mit Hirschgeweihen geschmückt, hinausgingen. Sie kamen an Zimmern vorüber, die der Tante und Paula gehörten, an Lauftreppen, die für die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier Eckthürme, wo auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte. Sie wohnte halb im Stifte, halb hier. Beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthümliche Weise zusammen, daß sie im Grunde nur eine bildeten. In Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut. Dort arbeitete sie an der bewußten Cigarrentasche, hier an dem Aschenbecher. Dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der mit einem andern, welcher sich hier befand, erst ein Paar bildete. Seit Weihnachten erst besaß sie, infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prüfung und Berathschlagung, Schiller's Werke. Da sie darin Tag und Nacht las, so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Thurm. Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuß ging, begleitete sie ein Bündel von Sachen, das sie ebenso hin- und herschleppte. Oft wurde sie dafür von der Tante die »Trödelliese« genannt. Als aber Armgart auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte Thiebold stehen bleibend: Ja aber, mein Fräulein, was denn nun –? Er mußte seine Verwunderung abbrechen und folgen . . . Armgart eilte voran . . . Sie war tief in sich verloren und schloß nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes, in den Hof führendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des großen Geviertes. Hier kamen die Zimmer des Onkels, sein Laboratorium . . . Auch an diesem – wo zuweilen der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich wol als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete, als Groschen hingereicht haben würden, diesen Gegenstand in Witoborn 100 beim Krämer zu kaufen – an zwei Ritterharnischen, die, vor des Onkels Thüre Wache haltend, im Dunkeln gespenstisch genug aussahen, ging Armgart vorüber, sprang dann eine Treppe hinunter, wandte sich im Erdgeschosse einem neuen Gange zu und führte Thiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliothek vorüber zu einer hohen, den Eingang in die Schloßkapelle bildenden Thür. Wohl gingen an ihnen Mägde, Schreiber vorüber, wohl sah man über den großen, mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hülfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche, die dem Bedürfniß der frommen Bewohner und Dienerschaft des Hauses immer offen stand. Dieser Raum war nun erst völlig dunkel. Armgart blieb an der Thür stehen, ließ den vor Erstaunen sprachlosen Thiebold eintreten, legte den hohen Thürflügel wieder an und ging durch den schmalen Gang der Sitzreihen voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der Ordnung, vor dem Erlöser, und sagte zu Thiebold, der auf zwei Schritte hinter ihr stand: Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte – Was ist es, was Sie mir zu sagen haben! Mein Fräulein, stotterte Thiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie überraschen mich! In der That – Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, daß ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich auch vertrauen, was Sie auf dem Herzen haben! Von ihrem Rath hängt all mein Thun, all meine Entschließung ab. Was wollen – oder was sollen Sie mir mittheilen? Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die 101 erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete. Allmählich gewöhnte sich Thiebold's Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle. Die heiligen Gegenstände, die er ringsum erblickte, milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich diese an sich »die reellsten« waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen. Thiebold sah nun, daß die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige. – Thiebold hätte sich vor ihr selbst niederwerfen mögen; es lag in ihrem exaltirten Wesen ein so bestrickender Reiz, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden und sich mit Gewalt mäßigenden und doch erglühend genug, man sah es ja, vorhandenen Leidenschaft, daß Thiebold nur durch die geringe »höhere Ausbildung seiner Gefühle« verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben. Fräulein von Hülleshoven! sagte er, sich dennoch einen Schwung gebend. Die unvergeßliche Reise von Drusenheim – die Reise durch die Siebenberge – diese Nacht dann mit Extrapost –! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches – oder ich erinnere mich allerdings – oder Sie vielmehr erinnere ich – das ist nämlich der bewußte Gegenstand – an den Moment, wo ich Ihnen gegenübersaß und Sie mir die Hand gaben – Wissen Sie noch? That ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlöser stehende Madonna an, als läse sie erst alles, was sie zu sprechen wagen dürfte, von deren Zügen ab. Das heißt, sagte Thiebold und rückte auf der Bank etwas näher, das heißt, liebenswürdigstes Fräulein, Sie setzten damals ohne Zweifel voraus, daß Ihnen – Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand völliger Betäubung. Einmal doch – ging Thiebold seinem Ziele, Bonaventura's Auftrag zu erfüllen, näher – einmal doch schienen Sie völlig und sehr, sehr zurechnungsfähig zu sein – als Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehr – ja mein Freund und ich – Sie wissen – Benno von Asselyn – liebt Sie und auch ich – ich kann bei Gott und auf Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen – O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr. Hätt' ich eine Ahnung gehabt, daß mein Freund Sie in sein Herz geschlossen hat, nie würde ich Ihnen soviel – Beweise meiner – Hochachtung gegeben haben, meiner aufrichtigsten – Fräulein, ich kann wol sagen, stellenweise wahnsinnigen – O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart mit schmerzlich-ernstem Aufblick. Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einem – Männerherzen – entzündet, in einem Herzen, das im Stande ist – wie gesagt – einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens – Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart. O mein Fräulein! O ich bin zu tief beschämt! Im Wagen damals – glaubten Sie, leugnen Sie es nicht, daß Benno – er, er Ihnen gegenübersäße! Ja, in der »Verschwiegenheit des Dunkels« ergriffen Sie – Ihre Hand wenigstens, Ihre Handschuhe waren es – die Hand Asselyn's, drückten diese voll Innigkeit, ja es fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagte – ich beichtete ihm nämlich meinen Betrug – daß nämlich Ihre Hand die seinige – ans Herz zu drücken 103 vermeinte – worauf – Wie gesagt aber – Sie waren im allerstärksten Irrthum! Nämlich der von Ihnen Beglückte war ich –! Und, weit entfernt nun, mein Fräulein, dem Glück eines von mir aufrichtig geschätzten Freundes – oder vielmehr eines meiner »besten, allerbesten« – »Bekannten« – entgegenzutreten, möcht' ich nur eine Antwort auf die Frage haben: Soll ich – nicht das aufrichtige Geständniß machen, mein angebetetes, liebenswürdiges Fräulein, über das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, – aufklären –? Nein! rief Armgart . . . Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit fester Stimme: Nein! Thiebold wußte nicht, wie ihm geschah. Er mußte sich vor Schrecken über diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkürlich umsehen. Ich soll nicht –? stotterte er. Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel hinter dem Altar plötzlich ein Geräusch gehört wurde. Es schien eine Thür gegangen zu sein. Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu mischen – »von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein« – Aber Fräulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegentheil – Der Domherr wünscht, daß ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno's Glück befördere! Er selbst will es übernehmen, dann Benno zu sagen – Nein! Nein! Nein! Aber ich beschwöre Sie – soll denn alles, was gewesen ist, geradezu von jetzt an ausgelöscht sein –? Ja! Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden haben –? 104 In ihren Nebenumständen nicht! Benno glaubt aber in Ihrem Herzen entdeckt zu haben – Nichts soll er glauben! Das ist ja geradezu fürchterlich! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, daß blos Ihre eigene Entscheidung es schließlich bestimmen soll, wer von uns beiden – Nun sprang Armgart auf. Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der Nähe dem Schließen eines Schlüssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach. Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter Stimme. Und schon war Thiebold aufgesprungen. Mit drei Sätzen war er auf der Erhöhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhänge, die zur Seite hingen. Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach. Thiebold hob links die rothen Vorhänge auf . . . Er sah den Raum, der die Sakristei bildete . . . Wer ist hier? rief er mächtig und wild gereizt, wie er war, in das Dunkel hinein. Armgart, bei aller Angst mit schnell gefaßtem Entschluß, sprang an den zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlüpfenden zurückhalten könnte. Auf Thiebold's Rufen folgte keine Antwort. Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Geräusch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen Wesens bestätigte. Es wird eine Katze sein! sagte Thiebold endlich mit dem ganzen, überströmenden Ausdruck seiner Wehmuth, während sich Armgart bereits in gleicher Stimmung auf einen »Geist« vorbereitet hatte. Sie stand starr und hielt krampfhaft den Vorhang in ihren Händen fest. Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer ist hier? um die Hinterwand des Hochaltars herum. 105 Stoßen Sie sich nicht! rief Armgart – mit elegischem Schmelz. Dort steht Schrank an Schrank . . . Es waren die Schränke zur Aufbewahrung der Opfergeräthschaften und Meßgewänder. Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte, nichts gesehen zu haben. Er ging dann noch einmal zurück. Armgart folgte ihm sogar. An einer Thür, die zum Archiv führte, rüttelten beide. Sie war verschlossen. An den Schränken rüttelten sie. Alles war unversehrt. Als beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Thiebold das Erstaunen über Armgart's Erklärung und ihre den beiden Freunden nun schon während ihrer ganzen Anwesenheit in dieser Gegend bewiesene Kälte in feierlichstem Ernste wieder aufnehmen wollte, Armgart sich ihm entzog und fast entfloh, wurde die Aufmerksamkeit auf ein anderes Geräusch gelenkt, das sich jedoch leichter erklären ließ. Peitschen knallten, Schellenbehänge von Rossen klingelten, alle Hunde des Schlosses bellten. Sie kommen von Neuhof zurück! rief Armgart wie erlöst. Jetzt hätte Thiebold viel darum gegeben, wenn die Rückkunft des Onkels und Terschka's sich noch um eine Viertelstunde verzögert hätte. Sich selbst gab er auf; nur in der That die Liebe zu seinem Freunde hieß ihn noch reden. Er hatte schneidende Vorwürfe, bittere Vermuthungen auf seinen Lippen. Im ganzen Schlosse wurde es mehr und mehr lebendig . . . Kommen Sie! rief Armgart. Sie sind's! Damit drängte sie zur Thür. Die Rückkehrenden waren es in der That, und Thiebold hatte sogar eine Ahnung, Benno und Bonaventura würden mitkommen; ersterer vielleicht um ihn abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten. Er konnte Armgart nicht zurückhalten, nicht um Aufklärung bitten, keines seiner 106 aufgeregten Gefühle weiter aussprechen. Schon gingen im Schlosse auf allen Seiten die Klingelzüge. Man hörte das Anfahren der großen vierspännigen Kutsche, des Staatswagens der Dorstes, und einer zweispännigen kleinern, für Terschka und Benno bestimmten. Thiebold, mit äußerstem Schmerz das Verschwinden einer schönen Lebenshoffnung wie für immer fürchtend, hätte wenigstens nur noch Armgart's Hand ergreifen mögen – und er that dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um Aufklärung. Lassen Sie! sagte Armgart. Ihre Ablehnung war fast verletzend, beleidigt sogar. Sie war plötzlich wie zur Jungfrau gereift. Aus allen seinen Himmeln gestürzt, von Armgart's Kälte wie mit Eisesluft angeweht, folgte Thiebold mit langsamem Schritt. Im Hofe – da war es lebendig. Die Hunde sprangen und rissen an den Ketten, an die sie zur Nacht gelegt wurden. Laternen wurden emporgehalten. Hin und her rannten die mitgekommenen Diener. Mit Lichtern kam der Diener, der bei Tisch servirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen Hausknecht, den niemand bemerken konnte. Vorm Portal hielten die Wagen. Schon standen in der großen Eingangsflur, sich aus ihren Pelzen herauswickelnd, in schwarzen Fracks und weißen Halsbinden und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hülleshoven, Baron Wenzel von Terschka und in der That auch Benno. Bonaventura fehlte. Es ließ sich annehmen, daß er auf Schloß Neuhof, im Trauerhause, bei seinem Stiefvater zurückgeblieben war. 107 5. Armgart lag, als müßte sie irgendwo ihr sie überwältigendes Gefühl aufs mächtigste ausströmen, im Arm des Onkels. Sie küßte ihm den Reif von seinem großen graublonden Bart. in welchem sich ein Antlitz verbarg – vergleichen wir's nur geradezu mit einem menschlich gemodelten Thierkopf; gibt es gutmüthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen Hundes? Stirn, Backenknochen, Nase waren (mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen) hart und massiv, aber die wasserblauen Augen. ohnehin feucht von der Fahrt und der Kälte, glänzten so scheu, so gut, so treuherzig, wie – rügt nur immerhin den Vergleich! – die Augen der großen Bulldoggen an den Ketten im Hof. Armgart umschlang ihn mit einer Innigkeit, als sollte alles, was durch das Gespräch in der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefühl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe gesammelt hatte, jetzt doch Einem zugute kommen. Benno grüßte einfach und schüttelte dem gewissensscheuen, im Laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die Hand. Terschka war schon unterwegs, die Tante zu begrüßen, die allen auf halber Treppe entgegengekommen war, während sich oben auf dem Korridor auch Paula sehen ließ, vor welcher schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter 108 von mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung jetzt besonders würdevoll beleuchtete. Gesund und wohl? konnte man freudigst und ungehindert fragen. Alles glücklich abgelaufen? fragte man schon weniger ungehindert. Denn in Gegenwart Paula's mochte man nicht verrathen, daß sie eine Störung des Leichenbegängnisses im Düsternbrook gesehen hätte – darüber war keinem von den Zurückgebliebenen ein Zweifel, daß dort wirklich etwas »vorgefallen« sein mußte. Die Männer ließen ihre schweren Bekleidungen oben im Vorsaal und fanden, indem sie links sogleich durch das Eßzimmer schritten, in einem heute noch gar nicht geöffnet gewesenen, inzwischen geheizten gemeinschaftlichen großen Wohnsaale im linken Thurm die Zurüstungen zum Thee. Das war denn hier ein gar traulicher Raum. Ein großer runder Tisch, höchst kunstvoll ausgelegt, in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt, enthielt schon die siedende Theemaschine. Nähtische waren noch dicht an diesen Tisch gerückt mit weiblichen Handarbeiten. Eine große, mit einem Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an der Decke befestigt war, beleuchtete das ganze, rings mit Gemälden geschmückte, teppichbelegte Zimmer. Die weißen Fenstervorhänge waren niedergelassen, die Gardinen waren zugezogen, das Feuer in einem hohen Kamin prasselte: es war eine Stätte des Friedens. Onkel Levinus schritt, umschlungen von Paula und Armgart, daher wie ein von langen Reisen Zurückgekehrter. Es war ein untersetzter, stämmig gebauter Herr. In seinem Lächeln lag beinahe etwas – List, die der Ausdruck des Geistes ist, den dieser immer da hat, wo er sich waffen- und harmlos gibt. Das Junggesellenhafte zeigte sich in der chevaleresken Begrüßung der Tante, die ihm auch ihrerseits holdseligst entgegenkam und 109 nicht das Mindeste jetzt verrieth von ihren gewohnten Misbilligungen z. B. seiner Methode, die Merinoschafe aus Spanien einzuführen, seines Bohrens auf Steinkohlenlager, welche sich nicht fanden, seiner Gestütsveredelungsversuche und ähnlicher Dinge, die sie seit Jahren an dem phantastischen und kostspieligen Wirthschaftsführer controliren mußte. Terschka fragte nach dem Postpacket, das sie im Wagen mitgebracht hätten von Witoborn. Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen. Schon sprangen drei Männer zu gleicher Zeit hinzu, den Auftrag ihr abzunehmen. Thiebold nicht am sichersten, Benno schon in beschleunigterer Hast, Terschka der Flinkste. Armgart hielt indeß alle zurück, bat, sich zu ruhen, und ging allein. Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten Eleganz, »wie ein Hochzeiter«, zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den schwarzen Bart und sein lockiges Haar. Und der Onkel erzählte schon: Bonaventura's Mutter war auf dem Schlosse noch nicht anwesend, aber das große Déjeûner dinatoire , das man zur Stärkung bei den weiten Distanzen der Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte, war höchst kostbar. Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen. Um ein Uhr brach endlich der Zug auf. Die Segnungen hatte dem Sarge der Geistliche des Sprengels gegeben, in dem das Schloß liegt. Dann hatten die Mönche den Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Maurus, Nachfolger des verstorbenen Henricus. Die Beisetzung im Kloster selbst war ohne Feierlichkeit erfolgt. Bonaventura hatte keine Veranlassung finden können, dabei etwas zu sprechen. Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur aus Rücksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt. 110 Bonaventura war noch mit einem der Wagen des Präsidenten zurückgeblieben, um im Kloster den Pater Sebastus zu besuchen. Dann hatte er wieder nach Schloß Neuhof umkehren und erst morgen im Kreise von Westerhof wieder erscheinen wollen. Paula hörte diesen Mittheilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu. Benno ergänzte: Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen! Der Landrath machte curiose Späße . . . Ja, sagte der Onkel. Späße, die für eine Kindtaufe gepaßt hätten! Niemand ging jedoch besonders darauf ein. Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen? fiel Thiebold zerstreut ein. Graf Hovden, die Hakes, Graf Münnich und andere, sagte Terschka, beauftragten uns, Rücksprache zu nehmen mit der gräflichen Jägerei, und die Leute meinen, daß gerade heute Abend noch im Finkenhof das gesammte Jagdpersonal versammelt sein würde. Herr von Asselyn schlug deshalb vor, noch heute Abend den Umweg über den Finkenhof zu machen. Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung! Gut! Gut! sagte der Onkel und deutete die Autorität an, die vorzugsweise hier Terschka gebührte. Der Weg ist ja nicht weit! Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden über Armgart, die erklärt hatte, die Post allein besorgen zu können, und nun nicht wiederkam. Sie schien auch schon zu bemerken, daß die Männer in der That etwas im Rückhalt hatten. Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rücksicht selbst. Die zurückgekommenen Diener, die noch in ihrer etwas altfränkischen Staatslivree, Grün mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Thee. Die Herren setzten sich. 111 Wie still, begann der Onkel mit einer wohltönenden, doch nur leisen und gleichsam, wie dem Forscher ziemt, immer nur prüfenden Stimme, wie still kann nun so ein wildes Menschenkind doch werden! Wie lange hat dieser Mann in der Welt rumort! Es ist dein Onkel, Paula! Aber der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schöpfer gemessen, benutzt wie sein unveräußerliches Eigenthum! Ein schauerlicher Augenblick, als wir in dem dunkeln, schneeverschütteten Grunde an dem hohlen, blitzzerschlagenen Eichbaum vorüberkamen, da, wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen war –! Ja, schon vorher! Ich erstaunte, im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden, das, solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war, an jener Stelle nie stehen durfte. Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein, der es wieder aufgerichtet hat. Er ist von seiner Reise zurück . . . Terschka, immer die Thür fixirend, durch welche Armgart zurückkehren mußte, und eine Tasse Thee entgegennehmend, sagte: Ich bin nun halt fast ein halbes Jahr in dieser Gegend, hörte so viel vom Bruder Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal – Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz führen, erwiderte Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes und vor der Störung an der Eiche, dachte ich mir: Jetzt muß doch wol gewiß der Knochenmann auch wieder dasein! Welche Störung? fragte schon vor dem »Knochenmann« die Tante und sah Thiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura's harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte. 112 Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu sagen, ein recht verdrießlicher Augenblick! Ein förmliches Todtengericht! Ich zitterte für den Präsidenten, der neben dem Domherrn saß und die Scene erleben mußte! Auch der Landrath, wie uns später Herr von Terschka mittheilte, soll sich furchtsam in seine Ecke gedrückt und vergessen haben, daß gerade seine Autorität hier am Platze war. Wer weiß, wie lange diese Scene gedauert hätte, wäre nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt. Tante Benigna's Augen hafteten bedeutungsvoll an den Augen Thiebold's. Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein, den Terschka's gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien. Man hätte von ihm, nach allem, was ich über ihn gehört habe, diese Großmuth kaum erwarten sollen. Welche Großmuth? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniß? Das zu erklären, fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich erröthend fort, möchte – Die Tante wußte, daß die »Gegenwart der Damen« hinderlich war und fiel sogleich ein: Aber welche Störung fiel denn nur vor? Paula saß jetzt, als besänne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer Zeit gehabt haben konnte. Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht. Der Zug mußte im Düsternbrook eine Biegung machen, erzählte der Onkel, sodaß wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah. 113 Vier Laienbrüder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche, alle singend. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloß Neuhof, die Vorstände der Wirthschaft, die Beamten der Wittekind'schen Verwaltung. Dann erst kamen die Kutschen. Wie an der bekannten Eiche der Sarg vorüberkam, empfing ihn eine an diesem, zum Zusehen bequemsten Platze versammelte Menschenmenge. Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart. Zufällig machten die Gesänge der Mönche eine Pause. Da ertönte anfangs eine Geige. In lustiger Melodie fiedelte jemand, den man nicht sah, und gerade aus dem Menschenknäuel heraus. Erst konnte man an einen Bettler denken, der die Gelegenheit nutzen wollte, zu einem Almosen zu kommen. Bald aber hörte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengräber! Hier erst noch drei Hände voll Erde. Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend; denn auch im Erzählen erhob der Onkel feierlich die Stimme. In demselben Augenblick ging die Thür auf und Armgart kam zurück – Sie kam ohne Brief und Zeitungsmappe. Niemand fragte jetzt darnach, so war noch alles von dem eben Mitgetheilten ergriffen. Thiebold klärte Armgart rasch über die in Rede stehenden Mittheilungen auf. Diese horchte wie geisterhaft und abwesend zu. Schweig, Todtengräber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei Hände voll Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, kräftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge, hielt einen winzigen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen grüßen wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem jenseitigen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter Mörder 114 empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten Jungfrau! Erschein' am Tage des Gerichts mit diesem grünen, damals nicht verbrannten Fetzen Tuch – Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach. Die Tante war vor Entsetzen aufgestanden. Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte bereits seine schwache Stimme. In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen hatten, wie Sie jetzt vom bloßen Berichte, war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden. Doch nicht! doch nicht! sagte dieser, von einem Nachdenken auffahrend. Noch ehe ich aus dem Wagen kam, um die Störung zu unterbrechen, war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten. Die Geige – Bitte! ergänzte Benno. Erst hörte man einen schreckhaften Schrei – Aber auch Paula erhob sich jetzt. Armgart hatte nicht Platz genommen, obgleich ihr, sowie sie eintrat, Terschka und Thiebold einen Stuhl holten. Ganz recht! bestätigte der Onkel. Man erfuhr, daß im Dienstpersonal ein Frauenzimmer ohnmächtig geworden. Es war die Lisabeth, die Beschließerin von Schloß Neuhof – Dann war – das wol – jener Küfer? schaltete die Tante mit Entsetzen ein. Ja! Stephan Lengenich! bestätigte der Onkel. Wir erfuhren es später. Die Verwirrung des Augenblicks ließ sich nicht ganz übersehen; der Zug ging inzwischen schon weiter und die Mönche sangen wieder. Aber den Anblick alles Spätern hatten diejenigen doch noch, die nur langsam nachfuhren. In die Rede des damals ungerechterweise angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige. Ihr Spiel war so frech, so teuflisch und so voll Hohn 115 fiel sie ein in die furchtbare Rache des Küfers, die sie gleichsam unterstützen wollte, daß jedermann einem Manne danken mußte, der sich plötzlich auf den Geiger warf, ihm sein Instrument aus den Händen schlug und, da er Widerstand leisten wollte, ihn fast mit Füßen trat. Das war denn natürlich niemand anders, als unser guter alter Freund, Bruder Hubertus – Benno und Thiebold mußten sich mit Besorgniß Paula nähern, die, wie in Erstarrung, wieder in ihrem Sessel saß, während die Tante an die Thür eilte, um sicher zu sein, daß in diesem Augenblick der Erörterung mislicher Familienverhältnisse nicht die Diener hereinkamen. Ja, das Maß ist gerüttelt und geschüttelt voll, sagte der Onkel tiefschmerzlich und vor sich die Hände gefaltet auf den Tisch hinlegend, das Maß der Ehrenkränkung, die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann hinterlassen hat! So ging es doch mit ihm fast fünfzig Jahre hindurch! So klagen ihn todte und lebendige Zeugen an! So öffnen sich die Gräber, um ein Geheimniß nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind –! Auf diese liebevolle Anrede, die dem Schmerze galt, den um die Ehre ihrer Familie, um Mutter und Vater Paula empfinden mußte, hatte sie sich rasch aus dem Zimmer entfernt. Armgart flog ihr, wie ihr Schatten, zu hülfreichem Troste nach. Nun erzählte die Tante den theilweis hocherstaunenden Männern Paula's Traumgesicht. Alles, was sie gesehen hatte, wurde von den Männern bestätigt. Wild, wild war der Anblick dessen, was an der Eiche geschah! sagte der Onkel, der seinerseits an diese Visionen schon gewöhnter war. Da mußte sie wol erwachen. Der Taugenichts der alte bucklige Stammer war der Geiger. Rächen wollte er sich für die Verweisung aus dem Schlosse durch den Präsidenten. Der Küfer hatte den Fetzen 116 Tuch, der einst vom Deichgrafen dem Rock des Kronsyndikus abgerissen wurde und so lange nicht gefunden werden konnte – wenn es überhaupt der echte war – auf den silberbeschlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinsignien gelegt! Als er das gethan, taumelte der Mann – es war auf den Schrei der Lisabeth – wie ein Kind und wurde nur eben noch von dem anwesenden Löb Seligmann gehalten, dem Juden, der ihn zu kennen schien. Herr von Terschka, Sie werden ja wol das Nähere von dem drolligen Musikschwärmer erfahren können! Aber dem Geigenspieler ging es schlimm; Hubertus zertrat ihn fast, obgleich Stammer der Bruder des Mädchens war, um das auch unser Bruder Abtödter so bitter den Kronsyndikus haßte –! Die Tante, die den Onkel in weiterer Mittheilung der Geschichte des Mönchs Hubertus nicht stören wollte, entfernte sich, um nach Paula zu sehen. Es kamen jetzt Bestandtheile eines Soupers, auch einige Flaschen Wein, die sie den Männern überließ. Den Abtödter, hör' ich, nennt man ihn? fragte Terschka kopfschüttelnd, als die Diener fort waren. Man nennt diesen Mönch so in den Klöstern und im Volke, erklärte der Onkel. Sein eigentlicher Name – Buschbeck. Buschbeck –! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend: Buschbeck? Buschbeck –? Terschka's eigenes, allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder mit einem ähnlichen Namen Beziehung gehabt zu haben. Der Onkel erzählte mit gedämpfter Stimme und rasch die Abwesenheit der Frauen nutzend: Auch Sie werden sich ja wol, Herr von Asselyn, aus Ihrer auf Hof Borkenhagen verlebten Jugend des Försters Buschbeck – nein, Sie konnten ihn bereits nur als Mönch gekannt haben – Es muß jener Laienbruder sein, sagte Benno, der einmal ein Pferd dem alten Hedemann mit Sympathie curirte. Dreizehn 117 Haupthaare von einem Scharfrichter in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich. Der Glaube macht selig! lachte Thiebold, der sich allmählich zu finden anfing und wieder servirte. Aber der Onkel entgegnete: Warum nicht? Die Geheimnisse der Natur sind unergründlich! Terschka, immer sinnender und selbst ein anerkannter Virtuose der Roßpflege, fiel ein: Die Hauptsache an dem Mittel werden halt das Oel und vielleicht auch die Haare gewesen sein! Wann kam dieser Mann hier in die Gegend? In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzählte der Onkel. Es war ein schlanker und gewandter Mann, der in Java bei den Holländern gedient hatte – In Java! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher, fast gelblicher Teint nahm eine eigenthümliche Färbung an. Er verlor in dem Grade seine gewohnte Elasticität, daß er jetzt durchaus als jener Vierzigjährige erkannt werden konnte, der er war, während der viel jugendlichere Benno sonst älter aussah, als er. Er rühmte sich mancher geheimen Jägerkunst und manchem galt er für einen Freischützen! fuhr Onkel Levinus fort. Aber sein Lebenswandel war achtbar und stimmte nicht mit dem Ton, der auf Schloß Neuhof herrschte, wo ihn der Kronsyndikus anfangs zum Revierförster gemacht hatte. Es gab einst eine wilde Zeit auf dem Schlosse da, das wir heute so still und gespenstisch sahen –! Freiherr von Wittekind war durch die Verführungen des damaligen kasselschen Hofes in ein Leben der tollsten Liebeshändel gerathen. Immer hab' ich gefunden, daß Männer bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut förmlich unterjocht werden. Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein Weib in Begehrlichkeit, jede 118 Voraussetzung über die Tugend des Menschen in den frechsten Glauben an mögliche Schlechtigkeiten. Damals war auf dem Schlosse eine Person allmächtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft – eine gewisse – Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen über eine ominöse Beziehung zur Dechanei zu sprechen . . . Legen Sie sich keinen Zwang an! sagte er. Frau von Buschbeck hat nie für die Dechanei existirt. Höchstens, daß ihre Schwester jetzt mit dem alten Windhack ihr Privaterstaunen austauscht, wie das überraschende Vermögen der Ermordeten, doch an zwanzigtausend Thaler, an den Bruder Hubertus testirt werden konnte! Sämmtliche Stifter und Kirchen sind betrogen worden! Hammaker's Vertraulichkeit mit der Alten beruhte auf den Codicillen, die von ihm möglich gemacht wurden, um die durch Nück und unter Zeugenassistenz zweier Herren Schnuphase und Klingelpeter getroffenen gottseligen Bestimmungen für den Fall ihres Todes wieder – aufzuheben –! Terschka war über die Ermordung der sogenannten Frau Hauptmann von Buschbeck unterrichtet und lauschte mit der größten Spannung. Diese außerordentliche Zärtlichkeit einer Person, fuhr der Onkel fort, die nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben muß, diese auffallende Anhänglichkeit an den Mönch Hubertus ist eine Folge der Eitelkeit, indem sich Brigitte von Gülpen durchaus als die »Frau Hauptmann von Buschbeck« geberden wollte. Als Hauptmann war der holländische Lieutenant Buschbeck verabschiedet worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa schimpflich entlassen; er hatte seinen Abschied genommen aus eigenem Antrieb und leider vor Erreichung seines höhern Pensionsgrades. Man sagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der auf seiner Vergangenheit ruhen soll – Ich kenn' 119 ihn nicht – Man spricht, glaub' ich, von ihm, es wäre ein Scharfrichterssohn –? Auf diese Frage, die der Onkel an sein eigenes Gedächtniß richtete, wurde Terschka's Auge das des Falken. Diesem Fremdling, der in einer erwerbslosen Zeit, müde des damals allein nur noch einträglichen Kriegsdienstes, hingehalten mit seiner nur geringen Pension, die einfache Stelle eines Försters annahm, schenkte die damalige Wirthschaftsführerin des Freiherrn, Fräulein Brigitte, ihr Herz. Sie war, obwol häßlich wie eine Fledermaus, feurigen, lebhaften Sinnes; der Fremdling konnte sich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren. Der Kronsyndikus begünstigte dies Verhältniß; er wünschte auf diese Art von einer Person befreit zu sein, die ihm über den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensschwäche und verblendet von glänzendern Anerbietungen, zugleich berauscht vom wilden damaligen neuhofer Leben, Zugeständnisse gemacht haben, die später von ihm bereut wurden. Seinen spätern Aeußerungen zufolge will er nie ein Weib geliebt haben, als nur einmal eine Tochter eines seiner Waldhüter, ein allerdings auffallend schönes Kind, Hedwig Stammer, schlank, hochgewachsen, die Schwester dieses Buckligen, den er heute mishandelt hat – Nach einer Pause des Erstaunens über all diese Zusammenhänge fuhr der Onkel fort: Nun wurde Hedwig Stammer im stillen seine wahre Liebe und bald entdeckte diesen Treubruch, wie sie ihn nannte, die Megäre auf dem Schlosse. Sie ersann eine Rache, zu teuflisch um sie nur nachzudenken, wenn nicht die Umstände Begünstigungen zur wirklichen Ausführung des Unglaublichen gegeben hätten. Die Leidenschaften des Kronsyndikus kannten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm heilig. Kein Weib, dem er sich irgend glaubte nahen zu können, ließ er ohne Anfechtung. Dabei begünstigte ihn das Glück, ohnehin sein 120 Reichthum und, wie in solchen Fällen oft, die Courage. Ihm schien ein Widerstand unmöglich und so vermessen war seine Menschenverachtung, daß er sich an die Unschuldigsten wagte, ja durch Umtriebe aller Art es wirklich zuweilen so weit zu bringen wußte, daß diese plötzlich in irgendeiner Weise von seinem Willen abhängig wurden. Hätte der Mann auf einem Throne gesessen, er würde den größten Tyrannen beizuzählen sein. Ein Blick auf die Nebenthüren und ein Lauschen nach einem fernen Geräusch drückte die Furcht des Onkels aus, die Frauen möchten zurückkommen. Dem fast übersiedenden Wasser im silbernen Kessel sprangen Benno und Thiebold zugleich bei, indem sie die Flamme milderten. Ich will es kurz fassen! fuhr der Onkel, sich der Frauen wegen beeilend, fort. Der Kronsyndikus hatte sein Auge auch auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute seiner Lüste, die Gülpen, unterstützte seine Hoffnungen durch falsche Vorspiegelungen, denn Unmöglichkeiten machten ihn im Umgang unerträglich. Mit Verachtung von jener braven Frau, des Mönchs Sebastus Mutter, zurückgewiesen, entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Nun entdeckte die Gülpen jene Neigung ihres sogenannten Verlobten und schmiedete einen Höllenplan. Durch verstellte Handschriften machte sie die Deichgräfin zur Correspondentin des Kronsyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer völligen Sinnlosigkeit ausgesetzt. Taumelnd in seinen Hoffnungen, die ihm leider nur selten fehlschlugen, glaubte er der Versicherung der Gülpen, die Deichgräfin warte nur eine Reise ihres Mannes ab, um ihn zu erhören, dann würde sie selbst einmal aufs Schloß kommen. In einer Nacht nun, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die Deichgräfin ist da! Sie bleibt auf die Nacht 121 bei mir zum Besuch, das Wetter ist zu schlecht – Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem Weibe, das ihn an ihrer knöchernen Hand im Dunkeln geleitet. Plötzlich ist ihr Licht erloschen, alles ringsum ist finster. In einer engen, dunkeln Kammer trifft er eine schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie – und erst wenige Minuten später erkennen zwei Menschen gegenseitig einen grauenhaften Irrthum – Die Männer saßen erstarrt. Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer Erklärung, welche Rache hier ein weiblicher Bösewicht vollzogen hatte, der denn auch durch die Schlinge eines Mörders das Leben verlassen sollte. Dennoch erklärte der Onkel das Vorgefallene ausführlicher: Brigitte von Gülpen hatte Hedwig Stammer, die sie tödtlich haßte, allmählich an sich gelockt und sicher zu machen gewußt. Oefters suchte sie dieselbe in ihrer Waldwohnung auf, erklärte, die Untreue des Hauptmanns bräche ihr zwar das Herz, doch wolle sie sein Glück nicht hindern. Sie befahl dem Mädchen nur, die Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem »Herrn von Buschbeck« zu verschweigen. Sie versprach eine glänzende Ausstattung, die Unterstützung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an sich. Eines Abends behielt sie sie bei sich, erzählte von dem »Herrn von Buschbeck«, Hedwig's Geliebtem, der diesen Abend noch aufs Schloß kommen müßte, weil er mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zurückkäme. Es regnete, es stürmte. Sie versprach, Hedwig's Ausbleiben über Nacht sogleich bei den besorgten Aeltern ansagen zu lassen und brachte sie in eine Kammer, wo sie zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwölf Uhr vergebens gewartet hatte, entkleidet sich, läßt, da die Gülpen noch erst um gute Nacht zu sagen zurückkommen wollte, die Thür offen, löscht auf Befehl, indem die Gülpen 122 von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen Untergebene spricht, das Licht und nun stürmt die Gülpen plötzlich herein, ruft: Buschbeck ist da! Er kommt – Hedwig fährt auf, rafft ihre Kleider zusammen – – Genug, drei Tage hielt sich die Gülpen, der ihre Rache nur zu gut gelungen war, verborgen vor der Wuth des Försters, dem die Getäuschte, noch in der Nacht vom Schlosse entfliehend, sich sogleich entdeckte. Buschbeck würde sie ermordet haben – sie wußte es. Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener Gerichtsherr, verfügte gegen den Förster, der ihn persönlich anfiel, und erließ gegen ihn sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Gülpen, nannte noch später, als in der That zufällig die in aller Unschuld lebende Deichgräfin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Mönch Sebastus, seinen wahren Sohn, d. h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im Geiste. Hedwig Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von Buschbeck wollten die französischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen oder die Gegend zu verlassen. Er flüchtete sich ins Kloster Himmelpfort, wo ihn der damalige würdige Guardian Henricus beschützte, vollends als er nach dem Tode Hedwig's ganz in den Orden trat. Das böse Weib konnte sich übrigens länger nicht im Schlosse halten. Reich ausgestattet an Geschenken, für ihre Lebenszeit gesichert durch eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich in ihren Verlobten so wahnsinnig verliebt, daß sie alles, was sie nur von seinen Sachen als Andenken ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Götzen, große ausgestopfte Vögel. Die alten Stammers wohnten später dann in einem Pavillon des Schloßparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine Jugendsünden, wie das eben geht, wenn die Kraft nachläßt, zu bereuen anfing. Und schon 123 einmal wurde ihm der Geiger zum Verhängniß. Dieser Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes Jérôme dadurch veranlaßte, daß er dem zur Pflege und Zerstreuung auf dem Schlosse seines »zweitbesten« Freundes, des Grafen Johannes von Zeesen, Untergebrachten die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten Flucht eines gewissen fremdartigen, schönen Mädchens anzeigte, das kurz zuvor auf Schloß Neuhof, wie in früherer Zeit so viele andere, plötzlich aufgetaucht war – Bis zur gänzlichen Vollendung seiner Erzählung gelangte der Onkel nicht, denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zurück. Tief erschüttert schwiegen die Männer. Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht das Entsetzen über das Vernommene allein, nicht blos bei Terschka der mannichfache, beinahe persönliche Antheil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht blos bei Benno die Vergegenwärtigung alles dessen, was er über Klingsohr, Lucinden, den Kronsyndikus wußte, nicht blos bei Thiebold die Rückerinnerung an jenen Morgen, wo eine so böse Uebelthäterin ermordet gefunden wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die das Testament der Ermordeten genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der That das Geld angenommen, doch, zu bestimmt von ihm angegebenen Zwecken, anderweitig cedirt haben) – noch mehr wurde ein ernst feierliches Schweigen hervorgerufen durch den Gegensatz der reinen, lichtumflossenen, verklärten Gegenwart der wieder eingetretenen Frauen zu dem Unreinen, das so durch menschliche Leidenschaft, wie heraufbeschworen aus einem Schwefelpfuhl, im Leben ans Licht treten kann. Die nun auch endlich von Tante Benigna mitgebrachte Postmappe, aus welcher sie ihre eigenen Briefe und die für Paula bestimmten bereits herausgenommen hatte, bot Gelegenheit zur Sammlung und zur Wiederherstellung einer Stimmung des Friedens und eines wenigstens äußerlichen Behagens. Die Tante erzählte von Püttmeyer's Besuch. Das lebhafte Interesse, das der Onkel daran nahm, wurde in dem entsprechenden, nicht minder lebhaften Ausdruck nur gehindert durch das fortgesetzte Mahl und die weit ausgebreiteten Zeitungen. Auf Schloß Westerhof war man sonst hinter den Zeitereignissen ziemlich spät zurück. Die neuen französischen Ministerien wurden gewöhnlich hier erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die Zeitungen der nahe liegenden Städte, las sie aber nur von hinten her nach vorn, erst in den Familiennachrichten und dann in der politischen Rubrik, und oft überschlug man letztere auch gänzlich. Vorzugsweise durfte Paula nicht früher Zeitungen lesen, ehe sie nicht die Tante censirt hatte; denn es kam schon seit lange vor, daß Berichte: »Aus Witoborn« oder: »Von der Witobach« über die »Seherin von Westerhof« oder über die »Dorste'sche Erbschaftsfrage« schrieben. Seit dem Kirchenstreit war eine etwas größere Leselust eingetreten. Natürlich schwärmten die Tante, Paula, Armgart, das Stift Heiligenkreuz für den abgesetzten Kirchenfürsten und Onkel Levinus entzog sich um so weniger dem gemeinsamen Geist der Provinz. als zwar für ihn nicht, wie bei Professor Guido Goldfinger, der Schöpfer bereits in der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katholische Princip voraus signalisiren wollte, ihm aber die Geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, die entschiedensten Tendenzen zum römischen Glauben verrieth. Oft schon hatte er mit dem in Asien bewanderten Bruder Hubertus über den Glauben der Chinesen gesprochen und erklärt, er vermisse überall die rechten Anknüpfungspunkte der Missionäre, um das Christenthum besser zu verbreiten und zu begründen. Auf einige Monate konnte er zuweilen die ganze Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit, nicht in den Glauben des 125 Confucius – hineinzutragen, sondern sie »ganz evident« aus ihm heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aethiopien, zunächst um daselbst dem wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich über alles zu orientiren, was mit dem Cultus der »schwarzen Madonna« bis zurück zum Völkervater Ham zusammenhing, wäre ihm schon, bei geringerer Liebe zur Bequemlichkeit, eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen. Den Ghibellinen gegenüber sagte auch er, wie hier alle: »Religion muß apart sein!« d. h. sie müsse sich unabhängig erhalten, wie sehr man auch sonst in politischen Dingen auf die strengste Loyalität hielt. Der Erörterungen über das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug. Terschka schwieg. Er sah in seine Briefe, die ziemlich zahlreich waren. Einen schien er zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und fragte: Ist das die ganze heutige Post? Armgart fiel ihm in die Rede. Mit einer plötzlich aufleuchtenden, durch die Stimmung des kleinen Kreises nicht im mindesten motivirten Lebendigkeit begann sie, zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden hatte: Wann soll nur die Jagd sein? Ja, ich gehe auch mit! Nicht auf Münnichhof zu den Transparenten, nein! Ich schieße mit den Männern um die Wette! Lassen Sie mir den Pancraz als Leibschütz, Herr von Asselyn! Armgart –! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und Paula's Munde. Alle blickten von ihren Briefen und Zeitungen einen Augenblick auf. Warum denn aber nicht? fuhr Armgart mit glühendem Antlitz fort. Kann ich denn nicht schießen? Hab' ich's nicht vom Heydebreck gelernt? Soetbeer und Pancraz können bezeugen, daß ich ihnen vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im 126 Niederholz begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der mir unfehlbar über den Weg gelaufen wäre! Ich wollte kein Unglück haben – Die Männer mußten über diese eigene Art, dem Schicksal seine bösen Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln, lachen. Die Tante sah nur kurz vom Briefe einer guten Freundin auf und bemerkte: Deshalb entdeck' ich auch immer in deinem Zimmer die meisten Spinngewebe! Du denkst: Spinnen bon espoir! Ich aber denke, jedes Unglück, das sich blos durch Wildheit und Unordentlichkeit abwenden läßt, soll man lieber getrost ertragen! Auch dieses Streiflicht auf Armgart's nicht eben besonders pünktliche Natur blieb nicht ohne ein Lächeln der Männer. Nur, daß sie hätten hinzufügen mögen: Laß uns doch über ihn lachen, den holden Narren! Gerade sein Koboldsgeist ist's ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, Armgart, wie du willst, verschleppe Bücher und Nähtereien und Federn und Dintenfässer; gerade darin liegt uns dein bestrickender Reiz –! . . . Armgart faßte jedoch das Lächeln der Männer nicht in solchem Sinne. Düster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen unterstanden hatte. Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Thiebold, dem sie laut sagte: Das amusirt Sie wol recht? Benno's Blick hielt sie nicht aus und noch scheuer huschte ihr Auge an Terschka vorüber. Benno ersah aufs neue das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen Armgart's und erstaunte darüber. Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der größten Schonung. Sie rühmte jetzt die Philosopheme Püttmeyer's ebenso, wie sie dieselben heute früh verworfen hatte. Sie kam darauf durch ihre Lectüre. Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Müller aus Paris! schaltete sie ein. Was ist die doch in neuen, merkwürdigen Verhältnissen! Die Fulds sehen die Minister und die berühmtesten Namen bei sich. 127 Ei, Herr von Terschka, Madame Fuld läßt sich Ihnen empfehlen! Und ob Sie nicht im nächsten Sommer wieder auf ihrer Villa erschienen? – Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons, würde ganz nach Ihren Ideen gemacht werden, schreibt Angelika – Und wann Sie denn nach Wien reisten? ließe Madame Fuld fragen – Ei, ei, Herr von Terschka, welches Interesse von einer so jungen und gewiß höchst liebenswürdigen Frau –! Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina Fuld bestätigte. Paula mußte ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, gleichsam um ihre stürmenden Gedanken zu beruhigen. Dabei gehörte jede Lücke des nicht im wohlthuendsten Zusammenhange bleibenden Gesprächs natürlich dem »Herrn von Jonge«, der sie mit seiner immer lebendigen Theilnahme, mit seiner Empfänglichkeit für alles und jedes füllte. Die Tante überhäufte ihn mit Thee, Zwieback, kalten Fleischspeisen. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als die Rede endlich fiel, daß wirklich noch die Männer auf den Finkenhof gehen und mit dem gräflichen Jagdpersonal die versprochene Rücksprache nehmen wollten, und Benno und Thiebold erklärten, sie würden von dort auf einem kürzern Wege zu Fuß nach Witoborn zurückkehren, protestirte die Tante, mit Beseitigung aller ihrer noch unbeendigten Lectüre, entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben. Die jungen Männer versicherten, der Schnee fröre und diese Wanderung würde ihnen den größten Genuß gewähren, ja Bedürfniß sein. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der Tante wurde Armgart zuletzt ausfallend und fand es sonderbar, Männern ihren Willen zu nehmen. Sicher hätte dann dies kühne Wort die noch mit Ebbe und Flut wechselnde Gährung im Gemüth der Tante zum Ueberströmen gebracht, wäre nicht der Onkel gleicher Meinung gewesen. Er erklärte, wie man nur den jungen 128 Herren ein Vergnügen rauben könnte! Solche Erwiderungen pflegte er in einem Tone zu geben, als hätte es auch nur an seinem aufopfernden jahrelangen Leben und stetem Nachgebenmüssen hier unter den Frauen auf Schloß Westerhof gelegen, daß er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Aethiopien oder Cochinchina unternommen hätte. Paula's Schweigen gebot dabei, den Aufbruch zu beschleunigen. Es war ihnen schon geschehen, daß die Leidende eben noch theilnehmend ihren Gesprächen lauschte und auf eine Anrede, die man an sie richtete, schon im Wachschlaf erwiderte. Als die Männer gegangen waren – Thiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno auf den Händedruck, der ihm sonst immer von Armgart so unbefangen gewährt worden, vergebens hoffend, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort – überschüttete die Tante Armgart mit dem ganzen Mismuth, der sich in den gespannten Zuständen ihres Gemüths den Tag über angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Ungeduld und Reizbarkeit Benigna's zu. Ein ängstlicher Blick in die Zukunft verdüsterte ihr alles, was sie umgab, und schon lange war es nur immer Armgart, die so zu sagen für alle ihre Verstimmungen ein Blitzableiter werden mußte. Nein, je älter, desto unerträglicher wirst du doch! rief sie und das in Gegenwart noch des Onkels. Seit du von Lindenwerth zurück bist, erkennt man dich nicht mehr! Verkehrt, das warst du schon immer; so vorwitzig aber, wie jetzt deine Aeußerungen sind, so keck, wie ich dich z. B. drüben vorhin im Durchstöbern der Postmappe fand, bist du nie gewesen! Hat es das Fräulein Müller versehen, die sich in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit jetzt sogar den Sitten eines vornehmen Judenhauses in Paris fügen muß, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf gestiegen oder ich weiß es nicht, was die Schuld 129 trägt! Die Jagd mitmachen! Hasen schießen, die einem über den Weg laufen könnten! Wahrhaftig! Ich habe gar keine Geduld mehr für dich! Nun, nun, nun, nun –! beschwichtigte der Onkel fortlesend. Und schmeichelnd bat Paula: Tantchen! Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Alles Weh der Erde legte sich um ihren mit lächelnder Duldermiene geöffneten Mund. Deine Mutter war aber ganz ebenso! fuhr die erzürnte Schwester ihrer Mutter fort. Und dein Vater – der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von einer Jagd – kam auch bei denen ihre erste Uneinigkeit. Monika wollte ebenso, wie du, schießen können und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einige mal fehlschoß, lachte sie und hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weib viel ertragen, aber ihm den Schein geben, als wären andere mannhafter als er, das reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie bei – allen diesen Hülleshoven! Ja, ja, versteck' dich nur jetzt so hinter Paula! Geh nur so herum und thu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die Vielliebchen werden wol erst nach einem Jahre fertig sein, Musik hörst du kaum, geschweige daß du selbst welche machst und dein bischen Klavierspiel wieder vornimmst! Ganz, wie deine Mutter war, die auch jetzt noch, »hoch in den Dreißigen«, wie jedermann versichert, ein reines Kind sein soll. Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben – Armgart hob, statt zu reden, die gefalteten Hände gen Himmel. Paula suchte die Tante zu besänftigen. Diese wollte jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein, wollte nur von ihr versöhnt werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelküsse, keine 130 Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblaßt, wie vorhin hocherglühend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren glänzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur »factischen Berichtigung«: Die Mutter ist vierunddreißig Jahre alt! Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer gehen und hatte das Bedürfniß, Frieden und die Stimmung der Güte zurückzulassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er seine linke Hand in die Höhe. Er wollte, daß Armgart sie ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und stürzte auch auf die Hand zu, küßte sie und drückte sie heftig an ihr Herz. Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer »Liebe«. Dieser Neid äußerte sich in Thränen, die ihr auf die Wange rollten. Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Rückkehr zu den sich schon in Güte lösenden Empfindungen; vorläufig war es Paula, die vermittelte und die Tante ans Herz zog. Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen dankte (nach des Onkels, in alle diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, von seinen vielen Erlebnissen tief erschütterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war glücklich in England angekommen, wohnte bei Lady Elliot auf dem Lande und wünschte ihrerseits den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die über das Schicksal beider Linien Gottes Rathschluß verhängt hätte. Erst bei einigen religiösen Anzüglichkeiten, bei der Erwähnung der Krankheitszustände der jungen Comtesse hörte der Onkel auf im lauten Vorlesen, das er zur Dämpfung des Streites wörtlich begonnen. Die dadurch entstehende Pause benutzte die Tante und knüpfte an London Betrachtungen 131 über Paris und würde sich selbst auf Aethiopien, China und die Chemie eingelassen haben, falls nur in diesen Plaudereien der Ausdruck lag, wie sehr bei alledem ihr Herz unter Armgart's Trotz und verhärteter Gesinnung litt. Der Sturm der Gemüther war indessen vorüber. Milderes Wetter stellte sich ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe denkt. Der Onkel erhob sich zuerst und erklärte wiederholt, noch arbeiten zu müssen. Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exercitien, die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren sollte. Der Onkel erwiderte: Aber der rauhe Mann eignet sich zu dergleichen doch gar nicht! Die indischen Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder! Ich hoffe, daß er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten –! Die Tante, mit dem unendlichsten Bedürfen nach Einverständniß, stimmte diesen Aeußerungen vollkommen bei. Auch sie fand Müllenhoff's Weise so übertrieben, so aufreizend, daß in solchen Extremen für die Religion selbst nur Gefahr liegen könnte – Und der Onkel fiel ein: Wie ich immer gesagt habe – Wie Sie immer gesagt haben! bestätigte die Tante. Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen – Den Finkenhof kann man ihnen nicht nehmen! Man macht dem Mann doch sonst alles nach Wunsch – Und nichts ist ihm recht! Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb' ich ihm auf keinen Fall – Wie werden Sie denn auch –! Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen 132 Messe putzt er an den Leuchtern und schüttelt den Kopf über den alten Tübbicke – Ueber den guten alten Tübbicke –! Wirklich kam nun Armgart mit hinüber zu einer wahren Friedens- und Eintrachtsgruppe, die der Onkel, die Tante und Paula bildeten. Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, läßt er eine Stunde lang knieen, um ihnen die sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben –! Zu Lichtmeß will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Rosenkranzgebetes –! Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unsern Herzen keine Dissonanzen gibt –! Wer jetzt ein Blumenstöckchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er vorher die Anzeige haben, ob er auch keine »Alfanzereien« bringt –! Und ich denke, wenn ein liebend Gemüth einen Tannenzweig brächte oder ein thönernes Lämmchen – So ist es unter allen Umständen eine kindlich gemeinte Gabe. Das wollt' ich meinen! Und ein Tannenzweig, ein thönernes Lämmchen, das hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mythus, der bereits bei denen alten Aegyptiern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem spätern heiligen Gebrauch! Die Tante gähnte nun zwar, sagte aber: O Sie sollten ihm doch das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hülleshoven! Der Onkel küßte jetzt Armgart. Das süßeste Einverständniß schien hergestellt. Nur Eines fehlte noch, daß auch die Tante sich ausdrücklich mit Armgart aussöhnte. Dieser feierliche Moment blieb jedoch nach der Entfernung des Onkels aus. Paula ging. Die Diener waren schon zugegen. 133 Armgart sprang hinter Paula her und schloß sich ihr an. Die Tante blieb allein. Sie blieb es einige Minuten. Niemand kam zu ihr zurück. Thränen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs, das ihr über diese und ähnliche Dinge sagte: Deine Strafe das für die alte Zeit! ging sie auf ihr Zimmer. Inzwischen sagte aber Paula, als Armgart sich ihr anschloß und ihre schlanke Hüfte krampfhaft umfaßte: Armgart, du solltest bei der Tante bleiben! Wenn ich in meinen Thurm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und sag' ihr gute Nacht! flüsterte Armgart. Sie ließ den Diener, der leuchtete, vorangehen. Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nähe schlafen, wie sonst. Seit ihrer Rückkehr von Lindenwerth hatte die Tante beide getrennt. Aber Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fühlte, zu plaudern, das ließ sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte. nicht nehmen. Die Vorhänge von Paula's Schlafzimmer waren schon zurückgelehnt. Im Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt war, half Armgart die geliebte Freundin entkleiden. Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen Dinge, die »einer andern Welt angehörten«. Dann brachte Armgart sie zur Ruhe, rief einem Kammermädchen, das in der Nähe schlief, und trennte sich nicht eher von beiden, als bis Paula in völligen Schlummer verfallen war. Heute leuchteten aber Paula's Augen noch hell auf. Eine stille Sehnsucht lag in ihnen, eine Sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand. Stürmisch warf sie sich der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an die Brust und rief mit erstickter Stimme: Ach! Ach! Was sind wir beide doch so unglücklich! Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die 134 ältere Freundin. Warum unglücklich –? . . . Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz, oder ein einziges Wohlgefühl, sie wußte es selbst nicht recht zu unterscheiden. Sie liebte einen Priester; sie hatte das sichere Gefühl, wieder geliebt zu sein – Geständnisse hatte es früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben. Vor Armgart aber war nichts mehr geheim. Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu sagen: Du liebst den Domherrn! so stand es schon lange ohne Worte zwischen ihnen fest. Es stand selbst fest, daß Paula's etwaiger Eintritt in ein Kloster eine Art – »Vermählung« mit Bonaventura sein konnte – So flossen noch bei beiden die reinen Gedanken, die überhaupt mit der Liebe Jungfrauenseelen verbinden, gleichviel, ob zum Besitz oder zur Entsagung führend, mit ihrem religiösen Pflichtgefühl ineinander. Seit einiger Zeit freilich trat Armgart immer mehr aus dem Bann des harmlosen Träumens heraus. Lag die Schuld an der Entweichung aus dem Pensionat in Lindenwerth? Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedürftigen jungen und alten Mädchen im Stift? Lag es in ihrer eigenthümlichen Schwankung zwischen den Bewerbungen Benno's und Thiebold's? Sie regte schon seit lange jeden Abend die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen über des Domherrn Ausbleiben – über Thiebold's Fragen, die sie andeutete – über Benno, »der sich so sicher dünkte« – Und endlich stockte sie ganz – Paula fragte befremdet: Du hast heute etwas –?! O könntest du doch für mich in die Zukunft sehen! rief Armgart und wie aus ihrer tiefsten Seele heraus . . . O – nur das laß! Das laß! erwiderte Paula schmerzerfüllt. Armgart hob bittend ihre Augen auf. Das Weiße darin blitzte wie Email, wie feuchtes Silber. 135 Paula wandte sich, als müßte sie fürchten, schon diesem Glanz und Schimmer zu erliegen und dann willenlos zu beantworten, was sie gefragt wurde. Laß uns beten! sagte sie – beten gegen Versuchung! Paula! – hauchte Armgart immer dringender. Morgen mußt du mir etwas sagen – ich frage dich –! Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! Und wie von einer Furcht, die sie plötzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst fühlte, wild erregt, fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr tödtet mich noch! Paula! bat Armgart. Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula, zitternd vor Aufregung. Laßt mich sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz! Geht das so fort, so muß ich wünschen, jenes Mädchen kehrt zurück; das allein gehindert hat, daß ich im Traum sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir! Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind, und machte mir's auch die größten Schmerzen! Armgart wußte, daß Lucinde Schwarz gemeint war, in deren unmittelbarer Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurückkam, doch nicht ohne damit verbundenen physischen Schmerz, den auch damals Armgart an der Maximinuskapelle selbst empfunden zu haben erklärte, als sie nach Paula's Beschreibungen sofort Lucinden erkannte. Beide Mädchen standen lange schweigend und in Wehmuth verloren. Ob sich ihnen wol vergegenwärtigte, daß Paula genesen konnte, wie alle Aerzte sagten, durch – die Liebe? Ob sie wol ahnten, daß auch Bonaventura in Rücksicht auf diese Liebe von sich sagte, was er am Abend jener Beichte vor seiner Abreise, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du? Ein Mensch ohne Leben! Ohne 136 männliches Zeugniß für deinen Schöpfer –! Doch das lag nur dunkel in ihnen. In allen jungen Mädchenherzen, ehe über sie das Loos geworfen wird, zittert nur schmerzlichsüß ein Ahnen von ihrem zukünftigen Geschick. Bald leiser, bald stürmischer meldet sich die Sehnsucht, die Pforte der Zukunft geöffnet zu sehen. Oft ist es wol plötzlich ein jugendlichschöner Gott, der aus düsterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschönheit, die Harrende mit riesiger Umarmung umfängt; oft liegt aber auch nur ein ödes, trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles, was ihr werden soll und was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und todte Dämmerung. Da rief der Wächter wieder die Stunde. Schlaf wohl! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz. Armgart wollte anfangs gehen. Bei der Thür des Vorgemachs aber angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rief: Paula! Paula! Was hast du? sprach diese, sie wieder näher ziehend. Ein »Du mußt – mir – – –!« preßte sich von Armgart's Brust. Ich begreife dich heute nicht – Was muß ich? Armgart zog einen Brief aus ihrem Kleide und sagte: Paula! Diesen Brief – an Terschka – den hab' ich – aus der Mappe – gestohlen! Nein – warum nenn' ich es so? Ich habe ihn ja nur zurückbehalten! Ich gebe ihn aber nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast! Gelesen – obgleich uneröffnet –! Das kannst du ja, wenn du schläfst – Armgart –! rief Paula und zitterte. Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Residenz des Kirchenfürsten gekommenen Brief und fragte: Von wem ist er? 137 Von meiner Mutter! . . . Was hat Terschka – mit meiner Mutter! O, Paula, Paula! Beide lieben sich! Das ist mein Tod! Armgart! entgegnete Paula, um sie zu beruhigen. Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung fort. Meine Aeltern auszusöhnen! Sonst will ich nichts auf der Welt! Wüßtest du nur, wie ich neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich ließ mir eine Stunde lang vom Vater erzählen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter – nein, ich liebe auch meine Mutter – mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär's durch meinen Tod –! Armgart faltete die Hände und hielt sie empor zu einem an der Wand befindlichen Crucifix. Warum soll – aber Terschka nur – nicht deiner Mutter schreiben und sie – ihm? fragte Paula, entsetzt über den fanatischen Ausdruck der Gefühle Armgart's. Wie? entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung, wenn er von ihr spricht – Neulich seine schnelle Reise, um die Gräfin zu begrüßen – Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Hüneneck sah ich an der Eile, mit der er die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie, sie – sie könnte –! Dieser Brief ist von ihr – Paula, du, du sollst ihn lesen! Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; sie wußte, was Armgart meinte. Sie wußte, dieser Brief brauchte nicht erbrochen zu werden, sie wußte, daß sie alles lesen konnte, was man im Hochschlaf ihr auf das Nervengeflecht ihres Unterleibs legte. Ob auch uneröffnete Briefe? Versucht war es noch nicht. Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit. Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart's überredende Geberde ab. Sie sagte schmerzerfüllt, doch entschieden: Gute Nacht, Armgart! Misbrauche mein Unglück nicht! Ich 138 verbiete es dir. Es muß ein Ende damit werden, Gott wird mich erlösen. Sei gut, Armgart! Sei gut! Und nun, gute Nacht! Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen ließ, und schloß zu ihrem Schlafgemach die Thür ab. Wieder tönte das Horn des Wächters. Armgart ging zögernd in ein Zimmer weiter zurück. Sie hörte noch, daß sich Paula fest einriegelte. Dann trat sie durch eine Nebenthür auf den Corridor. Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm. Am Zimmer der Tante ging sie vorüber, ohne es zu bemerken oder noch an sie zu denken. Ein äußerster Entschluß kämpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein. Krampfhaft preßte sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte, an sich. Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt. Schon zuckte die Hand, es aufzureißen. Sie dachte an den Beistand der Beichte, der sie über die Folgen eines solchen Vergehens leichter hinwegführen würde – an Bonaventura – an Benno – Da verließ sie allmählich aber doch der wilde Muth. Der Diener stand und harrte ihres Befehls. Legt das – in Herrn von Terschka's – Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief für ihn, der – vergessen wurde. Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Gemächern Terschka's zu. Armgart verschwand in ihrem Zimmer. 139 6. Drei Männer schreiten, in Mäntel gehüllt, in die Winternacht hinaus. Nicht mondhell ist sie; nur sternenhell. Und weithin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees. Grabesstill alles ringsum – Schlummernd jedes Erdenloos. Wer so in die Stille blickte, mußte fragen: Gibt es geheimnißvolle Kräfte, die schicksalsmächtig über Raum und Zeit und über den Pulsschlag in unserer Brust gebieten? Und wer hätte nicht antworten sollen: Ihr stilles Hüten und Walten glaubt man jetzt da zu hören – Winterlandschaftsstille ist Friedensmahnruf, Sehnsuchts-, Ahnungsweckruf. Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die so sich in die Vorgänge des Leichenconducts hatte versetzen können. Benno mußte Thiebold zurückhalten, der eine natürliche Erklärung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen. Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt, würde sich die Scenen, die heute da vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen können –! Aber die Unterbrechung? entgegnete Thiebold. Benno antwortete statt Terschka's: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube doch, daß wir uns durch die Gewohnheiten des täglichen 140 Daseins zu sehr, in geistigen Dingen wie in leiblichen, die Sinne abstumpfen. Ein bis in sein Alter mit den einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner Nahrung. Ebenso gewöhnen wir uns durch den Misbrauch unserer seelischen Kräfte die Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns überhaupt ab. Die junge Gräfin mußte etwas Unerwartetes voraussetzen, als in ihrer Phantasie der Leichenzug beim Düsternbrook angekommen war; sie dachte an die Eiche, sah sie und nahe lag dann das allen Bekannte. Aber der »Jude«? warf Thiebold ein. Seine Begleiter konnten freilich dem triumphirenden Ton seiner Worte nichts entgegenstellen. Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit gesprochen – als sich die Spuren der Hasen an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen ließen. In Thiebold und Benno dämmerte die Ahnung, daß es Terschka war, um dessentwillen sie beide von Armgart vernachlässigt wurden –. Und in der That, wieder beim Waidwerkgespräch sah man Terschka's blendende Eigenschaften. Auch Benno und Thiebold verstanden sich auf Jägerei, aber nicht, wie jener, der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich. Von Terschka sah man täglich nur das Erstaunenerregende. Der schmächtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm dahinflog. Manches Roß, das den Koller hatte, bestieg er und bändigte es wie ein Beschwörer. Noch neulich, als ein dem Grafen Münnich gehörendes Thier sich unter ihm schmiegte, die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte, sich krümmte bis zur Erde und fast den Kopf in den Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, sich mit beiden Hinterfüßen ebenso rasch auf die Kruppe setzte, dann 141 davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham, sich überwunden zu sehen – da war alles das ein Schauspiel – voll Vernichtung für Benno und Thiebold! Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer, als alles für den kühnen Reiter zitterte: Nein, nein, ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka –! Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Versteckt lag er unter Bäumen und Wallhecken. Eine Mühle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum Nebengebäude; alles das gab einen stattlichen Eindruck. Schank und Mehlsack hatten den Finkenmüller reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Wohl wurde auf der Saline, bei den Kalköfen, in den Moorbrennereien baares Geld schnell verdient; ebenso schnell aber auch glitt es wieder weg und meist in den Finkenhof, wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete der Dorfmusik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr Abends zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde. Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon besorgte man, die gräfliche Jägerei nicht mehr anzutreffen. Man hätte sie aufs Schloß rufen können, aber gern verweilte Terschka unter den hiesigen Menschen; sie hatten ihn mit Haß empfangen und schon waren alle für ihn eingenommen. Wir kommen zu spät! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vorüberging und grüßte. Dann fragte er. Es hieß: Die Jäger sind da, Herr Baron! Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Jeden Morgen wurde der Bach, der die Mühle trieb, frisch aufgeeist; er schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte Licht. Durch die wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hätte man Scenen aus dem vaterländischen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken können, wie: »Fritze riecht zum 142 ersten male Pulver« oder: »Fritze macht die erste Bekanntschaft mit blauen Bohnen«, alles ausgeführt im Stil von Krähwinkel. Im Tanzsaal ist's still; aber im Wirthshaus sitzen Menschen genug und es gibt sogar Gesang. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen Pfaffen von Ystrup! Und schon hörte man: He, he! Der ist zu arm,     Daß Gott erbarm'! He, he! Der ist zu dick,     Hat kein Geschick! Behalte die Besinnung, wer kann, der eintritt in diesen Dampf und Dunst von Hitze und Taback und von Bier und Branntewein! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hängt eine Lampe, sogar eine ewige; daneben liegen Fidibus von dünnen Holzspänen: man kann sich an ihr Pfeifen und Cigarren anzünden. Die drei Gäste thun es, um – durch Rauchen ein Palliativ zu haben gegen die Dünste, die ihrer drinnen harren. Was aber stärkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit einer Festigkeit, wie wenn man in die Erde Holzblöcke rammt, den Eintretenden entgegenbraust? Jetzt ertönt plötzlich das »He, he!« schwächer und die Pfeifen gleiten um einen Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Biergläser in der Schwebe haltend, blinzelt mit den Augen, um den Weg dahin zu weisen, wo die »hochgräfliche« Jägerei sitzt, hinter einem Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, daß Onkel Levinus über die gelegentliche Aeußerung ernstlich nachgedacht haben würde, zwischen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fände ein urweltlicher Zusammenhang statt. Und während nun hier mit dem Oberförster, mit dem Wild- 143 und Hegemeister, mit dem Jagdzeugmeister und einem Unterförster, alle Bedienstete der Jagd des letzten Grafen von Dorste-Camphausen, die Vorbereitungen verabredet werden, die zu einer großen Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde – seufzend hatte er draußen am Mühlbach aufs neue die mangelnde Floßgelegenheit erwogen – gehörten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nächsten Nachbars, Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden sollte; während die Zahl der Treiber, der Hunde, die Vorräthe des Jagdgeräths besprochen und von Benno mit lebhafter Orientirung die Schauplätze seiner geheimnißvollen Jugend unterschieden werden, von der Birkenschonung der Zehnterwald, von der borkenhagener Saustiege die Knüppelheide – während dann auch noch der Finkenmüller, der Meyer, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintreten, verfolgen wir einen Ankömmling, der, langsam daherhumpelnd, spät noch von Witoborn herüberkommt – Es ist ein kleiner Mann, nicht unkräftig gebaut. Zwischen den Schultern trägt er die Last eines Buckels, unter den Armen, in ein Tuch gewickelt, einen länglichen Gegenstand, den man, nach einem hervorstehenden Fiedelbogen, für eine Geige halten darf. Der weiße beulenreiche Hut ist tief über den Kopf gestülpt, den ein Pflaster am Auge entstellt. Ein grauer Mantel, angezogen wie ein Militärmantel, schützt den Wanderer auf seinem kalten Wege, den er nur langsam fortsetzen kann, da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine schlechtere Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hatte, als ihm dieser in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen einst zugedacht. Es ist Stammer, der Geiger. Alle wissen sein heute erlebtes Unglück und jeder, der ihm begegnet, lacht seines Hinkens und seines Pflasters. 144 Besonders gram ist ihm aber niemand; Müllenhoff hatte Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs gefühlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sünden, die so zahlreiche Wächter des Himmels, wie Witoborn einst zählte, leichter auch wieder vergeben konnten. Sie fehlen wol bei keiner Procession, sie werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner Münster und jeden Kuß auf einen Reliquienschrein vom Küster schriftlich bescheinigen, um einst vor Gottes Thron oder bei irgendeinem Anliegen, z. B. um freies Brennholz aus einem geistlichen Walde, desto sicherer auftreten zu können; aber nirgends wird auch soviel wildes Naturrecht noch geübt, nirgends soviel Holz schon von selbst gestohlen, nirgends soviel Wild im Mondlicht von selbst geholt – erst in die Büsche geworfen, mit Zweigen überdeckt und bei guter Gelegenheit von einem vorüberfahrenden Heuwagen abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins und der nahen »Grenze« soviel Vortheil abgeschmuggelt für Kattun, Zucker, Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig durchgeführt. Stammer siedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar über die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine Strophe gesprochen und eine gespielt, bis zuweilen der Gensdarm kam oder, wenn es zu arg wurde, der Meyer oder der Finkenmüller und die Schwänke des Alten verbot, dessen lästernden Mund einst schon ein halbes Kind, Lucinde damals aus ihrem Pavillon verbannt hatte, nach dem Tode des Deichgrafen. Mancher redet den Geiger an. Er knirscht mit den Zähnen vor Wuth. Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen's, boshaft ist er, und Bruder Hubertus, »der Abtödter«, ist der Liebling der Gegend. Die Kinder werden darum dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüssel entgegengehen, 145 wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die Kühe und die Menschen wieder heilen – und sieht er auch wie der leibhafte Tod aus und ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, ihn fürchten die Mädchen nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet; sie wissen, daß er ihnen darum doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, ihnen heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Husaren, die in und um Witoborn stehen. Ehe der Finkenhof noch erreicht ist, sieht an einem Kreuzweg der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des Wegs nicht kundig scheint und nicht weiß, ob er geradeaus gehen oder sich lieber links wenden soll. Landsmann! ruft er den Geiger an. Wo ist die Route nach Libori – Pfarrhaus –? Stammer zeigte nach rechts: Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drüben herum, wenn Ihr erst noch auf dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt! Der Verirrte war ein stämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rothem Comfortable um den Hals. Er hatte die Hände in den Seitentaschen. Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte: Gehet Ihr denn dahin –? Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend? Aus Strasburg bin ich – »O du schöne Stadt!« sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein Musikus, und Sie –? Ein Perrükenmacher von Metier! Da möcht' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich heute umsonst los! Daß dich! Und jetzt –? Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster über seines Auskunftgebers Nase, bedauerte ihn wegen eines Unfalls, der ihn wahrscheinlich betroffen, plauderte allerlei Schnickschnack und 146 klimperte, zur Antwort auf die Verkaufsofferte, in der Tasche mit den Worten, Geld hätt' er, um bis nach Polen zu kommen; einstweilen wär' er hier auf Schloß Westerhof in gräfliche Dienste getreten, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend wollt' er sich den Rest seiner »Bagage« aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf einige Tage der alte Tübbicke »logirt« hätte. Sind Sie doch nicht gar der große Prophet, den Herr Tübbicke junior aus Paris erwartet? Der die Welt wie ein Stück Tuch zerschneiden soll und jedem einen Fetzen gibt – ja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) mir gab man schon meinen – Fetzen – von einem adeligen – Jagdrock – Dionysius Schneid verstand sie nicht, diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf die Veranlassung der Schmerzen, die dem Geiger vielleicht durch zu schnelles Gehen gemehrt wurden; wohl aber begriff er die Anspielung auf die Communauté, die ihn einst mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte. Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelächter ein. Diese Propheten stecken jetzt alle in Prison ! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere! Das ist die Theilung der Propriété ! Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz wohlgefällig begrinsenden Geiger zu befreunden anfing, schien auf dem Schloß für die ganze Nacht Urlaub genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorübergehenden über den Buckligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer Aerger an seinem Humor nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd geworfenen Beinen, frech und übermüthig einen Geschwindmarsch streichend, 147 den er schon auf der Schwelle begann. Ein schallendes Lachen empfing beide Ankömmlinge. Auch Dionysius Schneid ließ die brennenden Augen vergnügt im Kreise rollen. Das Lachen und Glückwünschen belustigte ihn. Die jungen Bursche sprangen hinzu und tanzten schon hinter dem Geiger her. Die Alten streckten ruhig fortrauchend die Beine vor, um ihn zum Fall zu bringen. Stammer wich aus, warf seine gelbweißen langen Haare mit kecker Geberde hinterrücks und marschirte gerade auf den Tanzsaal zu. Der war ungeheizt, doch einige Bursche sprangen darum doch an, ergriffen die Mägde, die aufwarteten, und würden wenigstens einmal mit Begleitung blos einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmüller dazwischengekommen wären und eingedenk der Gelöbnisse, die sie dem Pfarrer heute gegeben, und trotz der vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorsätze entkräftigenden Nachricht, nächstens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden, Ruhe geboten hätten. Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein anderer Geld zeigte und »anfahren« ließ, auch ihrerseits nicht »kohlen« ließen. Die Hauptsache war Kartenspiel. Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt es im Bauernstande genug; auf »Schafskopf« kann man verhältnißmäßig ebenso geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf »Einundzwanzig«. Stammer berechnete schon seinen Antheil, als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern bekannt gemacht hatte, die im glücklichen Kartenspiel Meister waren. Inzwischen hätte schon das Geschäft der »Herren vom Schlosse« hinter dem urweltlichen Kachelofen vorüber sein können. Indessen »ein Wort gibt das andere« und wo sich vollends dann Thiebold's Zunge festgehakt hat, kann sie sobald nicht wieder los. Aus löblicher Popularitätsbestrebung hatte man sogar dem 148 Finkenmüller nicht abgeschlagen, von ihm, natürlich gegen Zahlung, drei »steife Grogs« entgegenzunehmen, die er ihnen als die vorzüglichste Leistung seiner Großmagd offerirte. Die Aussicht, daß Herr de Jonge da den Wald kaufte, in welchem nächstens zum letzten mal gepirscht werden sollte, eröffnete dem Jagd- und Waldhutpersonal glänzende Hoffnungen auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder. Bedauern, daß die Hirsche im Zehnterforst zum letzten mal die jungen Tannenkeime knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalität. Nur der Meyer äußerte über die künftige Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige fromme Seufzer, die an Müllenhoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive darzustellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle, voran Satan, eine Peitsche schwingend aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und Ungethüme der Unterwelt und in den Waggons dann Juden und Judengenossen, Gottesleugner, Consistorialräthe, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehöre. Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald! Kein Holz hatt' ich so lieb, wie das! Stellen gab's da, die für's Edelwild ein Paradies waren! Büsche an kleinen Wassern, gemacht für die Brunst, einsam wie Mutterschoos! Brauchte da ein Jäger wol aufs Blatten zu schießen? ließ denn doch als leisen Wehmuthsaccord der Hegemeister einfallen. Nein, sagte der Oberförster und wischte sich keine Thräne, nur das »neu angefahrene« etwas klebrige Bier aus dem greisen Barte, der ganze Forst gab schon einen Ton von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden kamen! Den Ton des Schweigens! sagte für sich Benno und horchte auf die Terschka'sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Düsternbrook sprach, als von einem Gehölz, wo seit Menschengedenken kein Hund »ein Wild stellte«. 149 Das denn führte auf das von Allen heute Erlebte. Man legte sich freilich dabei die Rücksichten auf, die der An- und Abstand geboten. Man lächelte nur, munkelte, stopfte sich »mit Verlaub« eine neue Pfeife und wartete auf den, der die meiste Courage hätte, mit der Rede durchzubrechen. Des Küfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren. Auch Löb Seligmann war bekannt. Er war es, der den Küfer zurückgehalten hatte, als dieser so feierlich seine »Entlastung« vollzog. Dann war, auf den Schrei der Lisabeth und die Störung durch den Geiger und den Mönch, Löb wahrscheinlich auf Schloß Neuhof zurück verschwunden, wo ihn bereits der Präsident von Wittekind, in Rücksicht auf die Ordnung seiner Finanzen, zu schätzen begann – Das nun war der Augenblick, wo man plötzlich die Geige Stammer's vernahm und vor dem grellen Lachen, mit dem sein Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht mehr verstand. Nach dem, was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloß Neuhof erzählt hatte, mußten die drei Herren vom Schloß angenehm überrascht und begierig sein, sich diesen Geiger näher anzuschauen. Schon wurde seine Charakteristik gegeben: »Er – im Kirchenbann –!« »Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon –!« »Putzig ist's, wenn er allein spielt! Immer erzählt er dazwischen eine Lüge, wie Eulenspiegel –!« »Oder auch manchmal eine Wahrheit!« sagte der Oberförster und betrachtete wie mit einer Aufforderung, den Geiger näher zu rufen, Herrn von Terschka. Terschka gab den Ausschlag, daß man sich allerdings eine solche Erscheinung nicht entgehen lassen sollte. Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus frühester Jugend. Und so war Thiebold denn schon darauf aus, ihn zu holen. Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele hielten, erschien Stammer, der heute so übel 150 zugerichtete langhaarige Bucklige. Trüb beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren. Der Dunst des Ofens zwang die drei vom Schloß gekommenen Herren, mit ihren Schemeln von ihm abzurücken. Der Finkenwirth bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrängenden. Er that es wie mit Kammerherrenanstand. Stammer schlenderte näher und grüßte trotzig. Seine kohlschwarzen Augen lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dünnen Beine verneigten sich wie mit einem frauenzimmerlichen Knix. Dann legte er beide lange Arme, indem sie die Geige mit dem Fiedelbogen hielten, auf den Rücken, als wollt' er sagen: Nun, was soll's? Terschka, der hier das Wort führte, sagte nicht ohne Würde, aber in seinem fremdartigen Dialekt: Schauen's! Schauen's! Sie haben, hör' ich, halt das Unglück, dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen! Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachsen lassen! Das war mit einem Herumdrehen des Rückens des Buckligen Antwort. Sie haben, fuhr Terschka nach dem Lachen fort, das allgemein unter den Umstehenden durch diese Entgegnung hervorgerufen wurde, hör' ich, sehr ein großes Talent! Auf der Geige könnte halt noch Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich würde an Ihrer Statt mein Publikum nicht groß genug haben können; selbst der Herr Pfarrer dürfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonat' spielte – Man murmelte und lächelte auch ihm. Stammer's Gedanken weilten jetzt zwar mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei St.-Libori, doch er stellte sich demüthig. Schließen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff, fuhr Terschka, 151 seiner Stellung eingedenk, fort. Er meint es gewiß gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute Sitte muß auch die neue Herrschaft hier sehen! Ein Jünglings- und Jungfrauenbund ist gar so übel nicht und schließt die Freude keineswegs aus. Daß die Musik an sich Gott wohlgefällig ist, zeigt euch ja Sonntags jede Messe! Ihr aber, Stammer, sollt zur Geige halt allerlei Schnurren vortragen können! Nun wohlan, wenn Ihr in Eure Lügen ein paar Körner Wahrheit einmischen wollt, soll's uns noch lieber sein! Trinkt eins und fangt dann mit einem G'spaß an! Benno und Thiebold mußten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm und zugleich populär. streng und doch tolerant zu geben, »leider« ihren ganzen Beifall schenken. Knick! Knack! drehte inzwischen Stammer die Wirbel seiner Geige, probirte die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen seine hier landbekannten Improvisationen. In einem singenden Tone sprach er: Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren – An einem schönen, schönen, wunderschönen Sommertag – . . . Mit rascher und gesprächsweiser Stimme setzte er hinzu: Im Juli war's – wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden . . . ich glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen! Die Leute lachten. Stammer ließ den Fiedelbogen langsam über die Saiten gleiten und sprach dabei: Ach! Was ist nicht alles jetzt länger geworden! Die Tage sind's am allerersten; auf die Art, weil man so desto länger arbeiten muß! Sonst aber waren nur die Dreigroschenbrote länger und die Elle war's und dick wurde jedermann – nicht blos die Wirthe –! In ein Lachen über den Finkenmüller wirbelte der Improvisator einige Läufer hinein, zog dann wieder, als es stiller wurde, einen einzigen, langsamen und klagenden Ton und sagte: O du 152 schöne Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man sonst im Winter, wie jetzt, kein Brennholz, so ging man zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war in der schönen Zeit nicht 'mal nöthig! Man brauchte blos seine Frau zu schicken oder seine Tochter und alles war dann noch besser in der Ordnung –! In das gesteigerte Lachen, dem sich selbst die »Herren vom Schloß« anschließen mußten, fiel ein wildes Dideldei der Geige als Refrain ein. Da liegt nun das Jägerkindlein in der Wiegen! fuhr der Geiger, als sich alles beruhigt, mit elegischem Tone und halb singend fort. Ich war meiner Mutter ganze Lust! Milch – gab sie mir von unserer Ziegen – Im leichten Tone setzte er und mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein Wunder, daß sich früh der Bock in mir regte –! Neues Lachen. Der alte Possenreißer machte einen zweideutigen Bockssprung. Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jäger, die sich ihm gleichgültiger zeigten: Es war noch nicht die Zeit, als wir zum ersten mal hier zu Lande hörten: Straf mir Jott! Wat soll nun so en Junge werden? Er kann nicht Kammmacher, nicht Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raschmacher, Schuldenmacher – kein Jäger nicht werden – Die Jäger ließen sich den Scherz gefallen – Lassen wir ihn das Schönste auf der Erden, einen Musikus beim fürstbischöflich witobornschen Stadttrompeter werden –! Eine wilde musikalische Figur folgte. Der Stadttrompeter, setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen hinzu, hatte damals die Wassersucht, was sonst keine Leibkrankheit der Musikanten ist. Dennoch lernt' ich von ihm noch zu guter letzt Flöte, Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich sogar schon wieder einem Fräulein auf Schloß Neuhof beibringen konnte – 153 die Stunde ein Maß Bier und ein übers andere mal sechs Pfennige – Niemand von den »Herren vom Schloß« erwartete, daß diese sentimentale Guitarrenspielerin – die raffinirte Mörderin der Schwester des Geigers war, die später wirklich selbst ermordete – Fräulein von Gülpen hieß die Dame! sagte Stammer. In stillen Abendstunden, wenn der Kronsyndikus in Kassel war, lockten wir die Fledermäuse ans Fenster und spielten und sangen: »Guter Mond. du gehst so stille!« bis eines Tages unterm Fenster ein Jäger anbiß. Schön war er nicht. Eine große Kaffeetrommel, in die man ihn in Java einsperrte, hatte ihn braun gebrannt –! Alle wußten, daß hiermit Bruder Hubertus gemeint war, und sahen voraus, der Bucklige würde sich nun vor den Herrschaften an ihm rächen über die Mishandlung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war. Terschka, Thiebold und Benno fühlten die Schauer der Erinnerung an die Erzählungen des Onkel Levinus. Einige kühne musikalische Figuren, die des Geigers jetzt ausbrechenden Zorn verriethen. wurden gestrichen als Zeichen, daß er an seine Pointe kam. Er fuhr singend fort: So ging es her zu jener Zeit – heidi! . . . Auf Schloß Neuhof – heidi! heidi! heidi! . . . Viel Herren und Damen – ei, ei, ei! . . . Musik und Tanz und Gasterei! . . . Und » Parlez-vous français , Musje?« . . . Italienerinnen – »Nix versteh!« . . . Blos unser Geld verstanden sie – setzte er wieder parlando hinzu, und das kräftige alte deutsche Wort: »Tar Teifel!« Eine war oben beim Alten so gut wie die zweite Baronin und sagte nur immer: »Tar Teifel!« Ihre Reitpeitsche hieb – hui! – über alles weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sängerin war's aus Rom –! »Nix versteh«, als »Tar Teifel!« und nur »viel 154 Geld«, »gute Geld«, »schwere Geld« und »Brillante« – aber »von die echte« –! »Tar Teifel!« fluchte sie zu Wagen und zu Pferde! Aber schön war sie –! Und lachen konnte sie –! Auch über mich und sogar über den schönen Mann aus der Kaffeetrommel –! . . . Wilde Variationen fielen wieder ein. Unfehlbar war eine Rache an Hubertus das letzte Ziel des musikalischen Spuks. Alle betrachteten Terschka, um gerade an ihm, der Hauptperson des Abends, die Wirkung dieser Possen zu beobachten. Er hörte gespannt zu. Da – ist – denn aber gekommen – fuhr Stammer mit pathetischem Nasenton fort – der großmächtige – Winter Anno zwölf – und – (so ein einziges »und« zog er wie eine lange, lange Note) und – da sind die Füchse – die Wölfe – die Franzosen – sind gekommen – und – daß Gott erbarm'! – man hätte seinem Feind nicht abgeschlagen ein Stück Pumpernickel, was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein gewesen war. Sakkernungdediö! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen Tuchrock an – Buschbeck! verbesserten einige Stimmen. Terschka horchte immer gespannter auf. Die Hitz' bei zwanzig Grad unter Null war ihm denn doch zu arg, ob er gleich 'ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von Bosbeck! Buschbeck! verbesserten schon ihrer mehr. Die hat er, eine Haut von Büffelleder! Ich hab' sie oft genug selbst gesehen! Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck's Arm – Buschbeck! schrieen die Zuhörer. Bosbeck –? wiederholte Terschka für sich. Bosbeck ist sein Name! rief jetzt kreischend der Geiger vor 155 Tücke kirschbraun und auf der Höhe seiner Rache angekommen. Ein Vetter ist's ja von dem Bosbeck selig, der dazumal in Gröningen am Galgen hing –! Terschka schauderte ersichtlich. Die Umstehenden schwiegen. Daß es mit des »Todtenkopfs« früherm Leben nicht geheuer war, wußten alle. Sah' ich denn nicht, krächzte der tückische Geiger, sah ich denn nicht – auf seinem Leder hier am Arm, wo andere Menschen, sogar die Buckligen, höchstens ein ehrliches Muttermal haben – ein – Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim Liborius Pollmann, bei Dominicus Klapproth, Jean Picard und wie sie hießen, die dazumal das Geld flüssig zu machen wußten – Rund ist ein Rad und rund ist die Welt –! Mönche gibt's hier, die schon einmal am Galgen hingen –! Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie in die starr und entsetzt ihn umstehende Menge hinein. Da aber, als er fortfahren wollte, den Mönch Hubertus nach dessen früherm Leben zu schildern, unterbrach ihn ein Lärm, der sich aus einem hintern Winkel erhob. Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander. Alles, noch starrend und murmelnd und flüsternd über die unglaubliche Mär, daß Bruder Hubertus auf seinem Arm ein Verbrecherzeichen könnte eingebrannt haben, wandte sich ungern. Der Finkenmüller sah eine Rauferei und rannte fast den Geiger nieder und warf sich dazwischen. Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen. Sie, die gehofft hatten, einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu können, waren von ihm geprellt worden. Geschuppt hat er! hieß es, und zwei bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschläger, der sich wehrte, hielten ihn auf den Boden nieder, während andere den Finkenmüller zurückhielten und durcheinander schrieen: Wie er abhob, 156 sahen wir's! – Schon da, als er mischte! – Daumen hat er wie ein Dieb –! Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn. Terschka's aufgeregtes Herantreten, Thiebold's Zurückhalten der beiden Salzsieder, Benno's energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der Künste des Geigers und den Kampf, welcher letztere sich sogar plötzlich durch einen zufälligen Umstand in Heiterkeit auflöste. Herrn Dionysius Schneid entglitt unter den Fäusten seiner überlegenen Angreifer ein Schmuck seines Hauptes, eine pechschwarze Tour, die über einen plötzlich sichtbar werdenden kurzgeschnittenen rothhaarigen Schädel geklebt war. Das zu gleicher Zeit dann noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es ist ja ein Perrükenmacher! machte selbst Thiebold und Benno lachen, und so erhob sich der Strasburger und benutzte den Moment, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen und heimlich zu entfernen. Der Wächter draußen rief die zehnte Stunde . . . Alles beruhigte sich jetzt, gedachte der Heimkehr und ließ zunächst die »Herrschaften« durch, die sich jetzt empfahlen. Die Jäger gaben ihnen noch eine Weile das Geleit. Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurück. Da sie bestätigten, daß Herr von Terschka plötzlich in ein auffallendes Schweigen verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirth für seinen frechen und lügnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die bittersten Vorwürfe gemacht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirth ohne weiteres zum Hause hinaus. Draußen zerstreute sich dann alles an den sich kreuzenden Wegen. Benno sagte zu Thiebold: Den rothen Kerl ohne Perrüke muß ich schon irgendwo gesehen haben. Tar Teifel! sagte Thiebold, noch lachend; nicht unmöglich! 157 Und auch Terschka hörte Benno's Aeußerung, glaubte, aber die Rede wäre vom Brandmal des Hubertus. Darf er denn so lange außerhalb seines Klosters leben? fragte er, nahm, als sein Irrthum berichtigt, seine Frage bestätigt wurde, Abschied von Benno und Thiebold und ging mit dem Oberförster und dem Wildmeister dem Schlosse zu. Die Schläge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die stille Nacht. Die nächst hörbare Uhr war noch die von Schloß Westerhof. Aber selbst vom schneebedeckten Jesuitenthurm in Witoborn hörte man in der nächtlichen Stille schon das bekannte hastige Jesuitenläuten. Und öde wie die Winternacht war die Stimmung der Freunde. Was sie jetzt hätten aussprechen können, war in diesen Tagen schon so oft gegenseitig ausgeschüttet worden. O wie war doch Armgart so seltsam geworden! Wie lag es winterlich auf dem Herzen der Freunde! Erstorben alle Blüten, verklungen alle Freuden, begraben die schönste Maienzeit des Lebens! Der Scherz mit dem »Vielliebchen« war nur noch die letzte Erinnerung an den Ton vergangener Stunden –! Thiebold's Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht, daß er so ganz zu allem Herzleid schwieg. Seine Zunge wurde nicht müde, bald die Geister des Jenseits, bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen, bald den Doctor Püttmeyer, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleicht gar nicht existirende Brandmal auf dem Arme des Mönches Hubertus, bald den Räuber Bosbeck – eine bekannte Jugenderinnerung – bald die Guitarrenstunden der ermordeten Frau Hauptmännin. Alles, was er nur damit konnte sagen wollen, lautete im Grunde seines Herzens: Was hebt uns ach! mit so luftigen Schwingen in die kalte leere Luft und läßt uns wie Fieberkranke schweben, die des gefürchteten jähen Niedersturzes zittern! Was geht in 158 diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rath der Götter vor, im Rath der Mächte, welche die Menschenloose zu ihrer Freude mischen, selbst vielleicht unsere traurigen! Ja, wohin wandeln wir! Was geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang nur mahnt unsere Ahnung! Geister halten, führen uns – wohin ihr Weg, wo das glückliche Ziel –? Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten sie das Rauschen der berühmten Mühlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Thiebold nur sprach, um eigentlich, wenn auch sehr prosaisch, zu sagen: Ist es denn möglich, daß man uns, uns – – diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann! Benno lebte hier, auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln Lebens, schon seit Wochen wie im Traum. Seine Rückkehr zur Schreibstube Nück's stand nahe bevor. Er schloß denn auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich lange schon die kalte, zweiflerische Philosophie gebildet hatte: Was du dir überhaupt unsers Daseins für würdig hältst, mußt du dir hienieden zu erringen suchen! Jenseits? Da erwartet uns das hohle Nichts! . . . Die erfahrungslose Jugend baut sich schneller als das geprüfte Alter Systeme. Gehen diese Systeme hervor aus »Enttäuschungen« und »gescheiterten Hoffnungen«, dann zerfallen sie wol leicht wieder in Trümmer; aber zäher ist ihre Dauer, gefahrvoller wird sie für das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die, wenig erwartend vom Jenseits, auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt – Eine volle, freie, erhebende Stunde auch mit Bonaventura hatte Benno noch nicht finden können. Er hielt sich für 159 unglücklich und er war es. Wer weiß, ob er sich noch dafür gehalten hätte, wäre ihm möglich gewesen, den Eindruck zu beobachten, den der Abend auf dem Finkenhof in seinem Nebenbuhler Terschka zurückließ –! Terschka hatte, als er auf Schloß Westerhof zurückkam, hinter sich seine Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezündet fand, ausgelöscht bis auf eine, hatte, als könnten die Pappeln draußen verrätherisch hereinlugen, die Vorhänge niedergelassen, seine Kleider abgezogen, sich vor den Spiegel gestellt, das Hemd zurückgeschlagen, den linken Aermel aufgestreift und – auf den Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte – Erbebend stellte er die Lampe nieder, ließ den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? Ein Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen. Zehntes Bändchen. 1 7. Auch für Bonaventura war, wie für Benno, dieser Winteraufenthalt in und um Witoborn eine Rückkehr auf den Schauplatz seiner ersten Jugend. Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine frohbange Sehnsucht. Nach allem, was er seit so lange von Paula erfahren hatte, erwartete er ein Bild voll elegischer Hoheit, gleichsam eine gefangene junge Königin, die in einem einsamen Schlosse wandelt, hoheitsvoll und zugleich tief hülfsbedürftig. Er war nach Witoborn gereist unter den Eindrücken der heftigsten Nachwirkung dessen, was noch in den letzten Augenblicken von ihm in der Residenz des Kirchenfürsten erlebt werden mußte. Die Begegnung mit Bickert im Beichtstuhl, die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Mevissen gefundenen Papiere – Lucindens Erklärung dann, daß der räthselvolle Schatz in ihren Händen wäre –! Wie durchrieselte ihn mit schüttelndem Frost die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegöttin folgte sie ihm und umschwebte ihn auf allen Wegen. Das Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er überall zu hören, das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. »Der ganze, ganze Bau der Kirche!« Ein tiefhöhnendes Wort, das durch seine Seele wie Grabesruf hallte. Was konnte der treue Diener seines Vaters 2 aufbewahrt, was von diesem zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so große Thatsache, den Bau der Kirche, knüpfen ließ und vielleicht eben deshalb nicht ganz zerstört, vielleicht ausdrücklich der zeitweiligen Ruhe in einem Grabe überlassen werden sollte? Der ganze Bau der Kirche –! Da war denn nun Bonaventura in diesem heiligen Witoborn! Hier hatten Bischöfe gethront und den Krummstab als Scepter geführt und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Größe, Kraft und Bildung war zurückgeblieben –! Kleinliche Häuser, ärmliche Straßen; in entlegener Gegend, in einer halben Wüste ein glänzender Palast, die Residenz dieser Bischöfe – jetzt eine Kaserne geworden. Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben als eine Unzahl Kirchen, ein düsteres Jesuitenstift, Gefäße von Silber und Gold in den Truhen der Sakristeien, Monstranzen mir Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer Stickerei. Hier und da fand sich noch eine bessere Erinnerung vor aus der Zeit der Aufklärung. Einige Priester hatten in dem Geist des Onkel Dechanten gewirkt. Einiges war für Priesterbildung, Jugendunterricht und würdigere Gottesverehrung geschehen. Aber der neurömische Geist überbaute schon seit lange wieder alles mit seinem künstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Läden der Hauptstraßen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen, Crucifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, Erzeugnissen einer Industrie, deren Ziele sich in den Salon verloren; man wollte sogar dem einen gewissen koketten kirchlichen Ausdruck geben. Hier eine Procession, dort eine Procession. Die Bruderschaften fast für jeden Tag der Woche in Bewegung –! Männer, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Händen, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen; Meßner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewändern, singend und sprechend mit allen jenen 3 Dissonanzen und unsichern Rhythmen, die in seiner Glaubensvirtuosität Bonaventura früher so rührend fand. Jetzt sah er in diesem Kirchgang so vieler Männer an Wochentagen nur die Versäumniß ihrer Arbeit. Er war »Bei Tangermanns« abgestiegen. Ihm gegenüber lag die Kirche eines Kapuzinerklosters, vor welcher eine kleine Madonna in einem Aufputz wie für Kinder – in natürlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Straße stand. Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Thiebold, Hedemann, ihn zu empfangen und freudigst zu begrüßen. Erstere beide wohnten in einem Müllerhäuschen, das etwas entlegen lag vom donnernden Geräusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mühlen. Das Wiedersehen war hocherfreuend. Bei Benno zuckte ein ironisches Lächeln auf, als die Frage gethan wurde nach dem ersten Besuch auf Westerhof; bei Thiebold zeigte sich die scheue Befangenheit eines schuldbewußten Schülers vor seinem Lehrer; bei Hedemann jene bekannte, immer mehr sich bei ihm ausbildende – lächelndstrenge Sicherheit des Bibelgläubigen; er hatte aus England und Amerika in der That ketzerische Grundsätze heimgebracht und sich durch die Erfahrungen, die seine greisen Aeltern mit Pfarrer Langelütje gemacht, in Gedankengängen bestärkt, die zu irgendeinem, vielleicht für ihn verhängnißvollen, Ziele führen mußten. Man wußte, daß der Domherr nicht in Witoborn bleiben würde. Bonaventura wollte durchaus seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war nach einem Wägelchen geschickt worden, um ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu führen, den er einem alten Brauche gemäß bis gegen Ostern einnehmen mußte. Benno bedauerte diese Trennung und schilderte das Haus »Bei Tangermanns« als einen unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft, der indessen die Trinkgelder und modernen Preise nicht ausschlösse. 4 Seht nur, sagte er, dies alte halbgothische Mauerwerk mit bunten pariser Tapeten beklebt! Goldleisten über wurmstichige Balken! Parquetfußböden neben grünen Kachelöfen! Thiebold fiel aber schon ein: Lästern Sie nicht! Das Beste ist ein patriarchalischer Weinkeller, aus dem man leider nur allein durch Schmeichelei Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann! Der alte Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsauslesen und Dompräsenze, gibt sie aber nicht her, wenn man sie nur so einfach bestellt, wie wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat, als er von »witoborner Krätzer« sprach! Erst sagt hier regelmäßig der Kellner: Der alte Herr Tangermann hat den Schlüssel! Erst muß man an Herrn Tangermann's Stube klopfen, muß seine ausgestopften Vögel bewundern, die herrlichen Aquatintas an den Wänden, muß die Napoleonischen Rührscenen aus Fontainebleau und St.-Helena bewundern, ehe man das Gespräch auf seine »Jahrgänge« bringen und ihn geneigt finden kann, eine Probe heraufzuholen, die dann aber keineswegs etwa zu einem altpatriarchalischen, sondern wie nur in irgendeinem Victoriahotel ganz modernen Preise abgelassen wird! Und Hedemann setzte hinzu: In der Kunst, dem alten Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln, war niemand bewanderter als der Landrath von Enckefuß! Dann gab letzterer Name Fernsichten in die betrübenden Eindrücke des Kirchenstreits; Fernsichten auch auf Schloß Neuhof, auf Bonaventura's Stiefvater, auf seine bald erwartete Mutter, zuletzt auf Klingsohr, von dem man wußte, daß er gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurückgeführt worden. Ein Leben im Gasthof stört freilich bald jede Sammlung. Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder weint, nebenan eines, wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt – Letzteres geschah wenigstens jetzt unserer kleinen Gesellschaft. Ein gewisser Mann nebenan, der 5 sich eben rasirte, hatte zufällig einmal die Namen seiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrt und so kam es, daß er, verloren in die täglichen Geschäfte, die ihn erst mit Herrn von Terschka, jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden, ja ihn schon auf Schloß Neuhof beriefen, sich seinen Bekannten nicht sofort als Löb Seligmann aus Kocher am Fall zu erkennen gab. Er sang sich selbst wohlgefällig vorm Spiegel an: »Dies Bildniß ist bezaubernd schön!« oder jodelte plötzlich von Extrapostideen gehoben das damals neue: »Ho, ho! So schön und froh! Der Postillon von Lonjumeau!« Im Pfarrhause bei Norbert Müllenhoff fand Bonaventura schon zwei Zimmer für sich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller der Menschen erkannte, die ihn hier, und namentlich auf den Adelssitzen, voll hoher Spannung erwarteten. Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines neugebauten massiven Hauses, mit einem Comfort ausgestattet, der vorzugsweise Spuren vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz trug. Die Namen Paula, Benigna, Armgart glänzten unter allen hervor, die der alte Tübbicke als die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte. Mit scheuer Spannung stand Norbert Müllenhoff in der Nähe. Er hatte die ihm eigenthümlich derbe Courage mehr nur nach unten hin; nach oben hin dann nur, wenn er der Masse gegenüberstand; ein einziges gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht nur im Salon, sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen. In diesem Müllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht. Er vertrat die Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte, die neue Richtung einer fast burschikosen Verachtung alles dessen, was mit Bildung und Aufklärung verbunden ist. Müllenhoff's jeweiliges grelles Auflachen, das ihm eigen 6 war, wenn er einen seiner Einfälle selbst allzu schlagend fand, charakterisirte ihn sofort; nichts charakterisirt mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte selbst die Koketterie, die doch noch Beda Hunnius mit der Poesie trieb. Die jungkatholische Richtung renommirt mit Verachtung jeder Beziehung ihrer täglichen Denk-, Rede- und Thätigkeitsweise zu dem, was dem Geist der Aufklärung angehört. Gleich die Frühstücksbutter, die seine Aufwärterin zu einem zweiten Frühstück für ihn und seinen Gast hereinbrachte, schob Müllenhoff mit den Worten zurück: Nehm' Sie nur gleich die Butter mit! Frische soll's sein! Die da riecht – toleranzig! Bei diesem Frühstück erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn Levinus von Hülleshoven, des Herrn von Terschka, des Grafen Münnich. Andere der umwohnenden Adeligen kamen, Geistliche, sämmtlich in stattlichen Kutschen. Auch die drei ältesten Stiftsdamen von Heiligenkreuz fuhren vor. Schnell hatte sich die Kunde von des jungen Domherrn so sehnlichst erwarteter Ankunft verbreitet. Die Räumlichkeit wurde vor Gästen fast zu klein; die Fremden, die den Längstersehnten begrüßen wollten, konnten vor Ueberandrang nur eine kurze Weile bleiben. Gesprochen wurde über die Zeit, über den Kirchenfürsten. Durch alles hindurch, was Bonaventura von Aeußerungen des Fanatismus vernahm, tönte wie ein Grundaccord Paula's gottbegnadeter Zustand. Dagegen verschwand selbst die Erbfolgefrage. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Gräfin nicht kürzlich wieder »die Besuche ihres göttlichen Bräutigams« empfangen hätte? Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus, sondern – das Erröthen des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie ihm schon im Sommer Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische 7 Beziehung zur ekstatischen Gräfin zu einem noch festern Seelenbunde knüpfen, die noch unbestimmt tastende Gefühls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und Heilkräfte in ein vollgültigeres Zeugniß für die wiederum prophetisch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde. Er sah diese Gleisnerblicke, dies süße Lächeln; er hörte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei allem Schein der Demuth mit einem festen und sichern Gange auf ein gemeinschaftliches Ziel losging. über das man sich nicht einmal in offen ausgesprochener Verabredung und innerhalb klarer Geständnisse befand. In einem stattlichen Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann selbst auf Schloß Westerhof. Die Prüfung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde ihm beim ersten Gruße vom Schicksal erspart. Er fand sogleich ganz Westerhof in festlicher Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise vom Stift Heiligenkreuz, waren in Toilette versammelt; Paula stand von jungen Mädchen, von Frauen und Matronen umgeben. Einen Schritt trat sie vor und reichte Bonaventura die Hand . . . Endlich Traum und Erfüllung –! Schmerz und Seligkeit –! Und wiederum nur – Seligkeit und Schmerz! Mit den Jahren waren beide gereifter geworden. Sie erblüht zur hehren Jungfrau. Er ein Mann – Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu ertheilen, anderer Glück zu heiligen und – selbst zu entbehren. Rings ein Reden und ein Grüßen und ein Durcheinander der – Bewirthung –. Aber Paula, die war es doch! Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen, der war es doch! Ihr Erröthen und das seine – es war ein Roth, als beschiene beide die Sonne in ihrer heiligsten Frühe, Aufgangsglanz vom Osten, ein Sonnenstrahl vom fernsten Ganges her. War das noch der Winter um sie? Zwei Seelen grüßten 8 sich, die in diesem Augenblicke dort weilten, wo die Nachtigallen schlugen! Und Armgart hielt sich in der Nähe. Sie fühlte alles schon ahnungsvoll und schwärmerisch mit. Sie hielt Paula, daß sie vor Ueberseligkeit nicht schwankte. Wie Epheu schlang sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild. Die Geisterjungfrau sprach dann. Sie sprach heute mehr denn je . . . Was sie sprach, Bonaventura hörte es wol, aber er verstand es nicht. Auch Armgart plauderte ihm noch unverständlich. Wie von einem Wirbel umgetrieben, so stand er. Armgart sah den Vielbesprochenen zum ersten mal. Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Rock; altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel es will; das Haar entstellt. Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle Ausdruck des Hauptes. Armgart starrte alledem und horchte seinen Worten, deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien; was Paula liebte, liebte sogleich auch sie. Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten. Dann strömt über die Menschen einen Augenblick überirdischer Glanz und ringsum ist dann auch wirklich zuweilen die feierliche Andacht da und das heilige Verständniß. Diese kluge Welt! O, sie wußte schon alles, was hier verborgen oder zu verbergen war. Ein einziger geisterhafter Augenblick sprach im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen, kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die, wie die Schwingen auch der Seele Paula's, nicht unruhig flattern, sondern ruhig über ihrem blauen Himmel thronen. Nun staunt er doch wol, daß sich diese Augen immer noch schließen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen können? Und ziert dich denn, du vornehme Jungfrau, immer noch dieselbe Schüchternheit, derselbe zagende Muth, der alles duldete, selbst wenn die 9 böse Lucinde, von welcher hier mancher wußte, ihre Stellung vergaß und Befehle ertheilte, wo sie deren nur zu empfangen hatte –? . . . Verständigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen. Einen Schleier nach dem andern, der das ja auch kaum Auszusprechende verhüllte, wob schon sogleich wieder das Leben in der buntesten Fülle seiner Anregungen. Da gab es zu besprechen! Die nächste und entfernteste Zukunft Paula's! Die Zeit selbst mit ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin des Schlosses, auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen, als in Wahrheit begründet waren, wie verbreitete die stete Erinnerung daran eine allgemeine Aengstlichkeit und Beklemmung! Auffallend erschien, daß sofort mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des Geistes über den Körper zu stärken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die Leidende über der versammelten Menschenmenge empor und erlag nicht dem Drucke derselben, der sie sonst in solcher Lage plötzlich immer entschlummern machte. Das nahm zu, wurde besser von Tage zu Tage. Sie erlag seltener der räthselhaften Krankheit ihrer Nerven. Was so mancher schon im stillen von der Ehe gesagt, sie wäre ein Ausweg, um die Gräfin völlig zu heilen, zeigte sich dem Schärferblickenden annähernd. Statt einer Steigerung der Neigung zum Traumschlaf trat eine Minderung ein. Die erste Messe zu St.-Libori, die erste von der Kanzel gesprochene »Application« kennen wir schon. Auch hier riefen sie die Wirkungen hervor, die von Bonaventura's Auftreten unzertrennlich schienen. Der ihn schon wie gefangen nehmende Kreis von Bekanntschaften wuchs. Seine Oberaufsicht über den Gang der kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war dagegen mehr eine formelle Pflicht. Bonaventura erkannte dann auch zu 10 sehr die Heftigkeit seines untergebenen Pfarrers, um mit einem Naturell zu streiten, das nicht zu ändern war und das für seine Unarten sofort als Vorwand gleich heilige Namen wählte. Gegen Uebertreibungen half ihm Ironie. »Denken Sie das –?« »Ziehen Sie das also wirklich vor –?« sagte er oft lächelnd. Von Witoborns Geistlichen und Mönchen kam Bonaventura regelmäßig heim wie aus einem Kriegslager. Die stillen Abendstunden auf Schloß Westerhof wurden dann glückseligste Momente. Terschka, Benno, Thiebold theilten sie, und da nicht immer Armgart zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde dann freilich für Bonaventura mit der Zeit eine befremdende, ihm nicht ganz sympathische Erscheinung. Zwischen Westerhof und Heiligenkreuz wanderte sie oft allein, ohne die mindeste Furcht, selbst wenn sie durch einen ansehnlichen Wald gehen mußte. Bonaventura kannte ihren Entschluß in Betreff ihrer Aeltern. Er sprach von ihrer Mutter und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit. Eine Parteilichkeit Armgart's für Benno entdeckte er nicht; mehr noch für Thiebold, am meisten, auffallenderweise, für Terschka, der ihm gleichfalls neu war und sogleich nicht erklärbar wurde. Terschka nannte Armgart eine Cactusblume. Der Onkel erläuterte: »Brennendroth und von einer schönen Zeichnung, aber gewachsen aus einem gefahrvoll stachlichten Stamm!« . . . Nun geht es so, daß Menschen, gerade wenn sie das Bedürfniß haben, sich aneinander anzuschließen und sich gegenseitig einen hohen Werth einzugestehen, doch nur durch Reibung und Aneinanderstreifen sich nähern. Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold's Buße vernommen und nur ewig Terschka und Terschka nennen hören – Wäre das möglich! sagte er sich. Armgart, ein Mädchen wie ein Thautropfe, und dennoch, dennoch eine so schnelle Wandelung –? Hier lag ein Räthsel vor und er 11 erklärte sich's aus der Schwäche des weiblichen Gemüths und zürnte deshalb Armgart und strafte sie schon oft oder »trumpfte sie ab«, »duckte« sie, wie es die Tante Benigna mit wahrer Genugthuung nannte; freilich nur durch ein Lächeln that er es oder eine kurze ironische Zwischenfrage. Ehe hier tiefere Blicke und Verständigungen folgten, kam die bange Fahrt zum Schlosse Neuhof, an dem Sonntage, als es hieß: der Kronsyndikus ist im Arm seines plötzlich angekommenen Sohnes, des Präsidenten, verschieden. Die schuldige Rücksicht verlangte, daß Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter auf diese Nachricht sofort besuchte. Daß die Mutter nicht mitgekommen war, wußte er. Er traf seinen Stiefvater in der ganzen Erregung, die ein längst vorausgesehener Fall, dessen endliches Eintreten man sogar den Umständen nach wünschen mußte, zuletzt doch noch hervorzubringen pflegt. Der Präsident war auffallend gealtert. Er begrüßte Bonaventura mit so viel scheinbarer Herzlichkeit, als ihm zu Gebote stand. Seine Gesundheit erklärte er nicht für die beste, sprach von Reisen nach dem Süden, vom Abschied, den er nehmen wollte, von den Schwierigkeiten, die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft ergäben, von dem Mistrauen, das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner amtlichen Stellung willen bald entgegentreten würde. Er brachte Nachrichten vom Kirchenfürsten, der sich in seiner Gefangenschaft mit Ruhe in sein Schicksal ergäbe, wäre er sich doch bewußt, wie er sagte, Anlaß einer Aufregung gewesen zu sein, die seinen Grundsätzen zugute kam; er rauche seine Pfeife. erzählte der Präsident, ginge auf den Wällen der Festung spazieren und wünsche nicht einmal die politischen Demonstrationen, die der Adel der diesseit und jenseit des großen Stromes gelegenen Provinzen beim Landesfürsten unternähme – »sie könnten ja nur in jenem revolutionären Sinne gedeutet werden, den er 12 nie befürwortet hätte; denn die Kirche hätte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein, sie wäre alt genug und könnte noch immer warten, bis ihr eine reingeistige Hülfe käme« . . . Von Bonaventura's Mutter sagte der Präsident, sie würde auf dem Schlosse, das sie nie besucht hatte, gleich nach dem Begräbniß eintreffen. Der Präsident war kälter, wortkarger, verschlossener denn je geworden. Am Begräbnißtage saß Bonaventura in dem Trauerwagen neben seinem Stiefvater. Wohl sah er, daß selbst diese starren Züge erregter wurden, als sich der Zug dem Düsternbrook näherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblaßte der Präsident, das Wort erstarb auf seinen Lippen; in eine Ecke gedrückt, wartete er ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, als die Störung vorüber war und ihm Bonaventura zu seiner Beruhigung die leisen Worte sprach: »Paulus sagt: Der Tod ist der letzte Feind! Nun wird ja Friede sein!« . . . Zum Kloster Himmelpfort gehörte eine große, nicht ungefällige, lichthelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die durch ein großes Viereck gebildet wurden, durch eine Mauer gebildet, die das Kloster einschloß. Das Kloster selbst, ein zweistöckiges Gebäude, mit einem Thürmchen versehen, gehörte dem siebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem achtzehnten. Ringsum standen Obstbäume; im Innern des Klostergartens waren die Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation für den Sommer an. Hinter einem dieser kleinen Fenster, die ringsum das viereckige Gebäude erhellten, wohnte Klingsohr. Ihn sah man nicht unter den Franciscanern, die den Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was er über den »Abtödter« durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wußte, begierig sein mußte, konnte er weder beim Beginn des Zuges 13 noch jetzt entdecken und an der verhängnißvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen, den die andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie unerwartet und plötzlich auftauchend Hubertus mehr der Störung durch den Musikanten, als der Anrede des Sarges durch einen andern Störer der Todtenruhe, den Küfer, ein Ende machte. Diese Klosterkirche diente als Erbbegräbniß vieler ringsum wohnenden Adelsfamilien. Bilder sah man, Seitenaltäre und Beichtstühle, keine Säulen oder Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen – jeder Orden hat seine eigene Weise, seine eigene geistige und physische Farbe sogar, die er seinen Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern ist alles braun, mäßig vergoldet, hier und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weißer Schimmer etwa von einer Taube, die über dem Tabernakel schwebt; regelmäßig steht der Ordensstifter vor dem Crucifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit, mit seiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fußboden ist von Stein, die Wände sind weiß, nur hier und da vom Ruß der Lichter angeschwärzt; das Ganze einer solchen Franciscanerkirche macht dem Volk einen eingehenden Eindruck durch eine gewisse altfränkische Einfachheit, wie die Heimlichkeit alter, von Großältern ererbter, braungebeizter Möbel mit geschweiften Bogen, bronzenen Schlüssellöchern und Ringen an den Schubläden. Hier denn war es, wo der Kronsyndikus in die Gewölbe gesenkt wurde. Das über ihn Unausgesprochene, von allen Gefühlte verklang im Brausen einer stattlichen Orgel. Der Provinzial-Guardian fand auf dem, bereits im Schlosse von Weihduft überräucherten, Sarg selbst jenes Stückchen Tuch nicht mehr; es mochte in den Schnee gefallen sein und wird im Schmelzen desselben an der Frühlingssonne vermodern. Da Bonaventura den Mönch Klingsohr besuchen wollte, 14 behielt er eine von den Trauerkutschen zurück. Der Präsident versprach, bald auf Schloß Westerhof bei seiner Cousine Paula zu erscheinen und dann auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter Bonaventura's. Bald wurde von Bonaventura der ehemalige Graf von Zeesen, der jetzige Pater Ivo, entdeckt. Klingsohr hatte ihm im vorigen Jahre dessen Geschichte erzählt. Er wußte, daß seine ehemalige Verlobte als Schwester Therese bei den Karmeliterinnen in der Residenz des Kirchenfürsten wohnte. Ein hagerer, blasser Mönch kam mit einem Weihwedel daher und wehte durch die Luft, als stäubte er auch diese rein. Die Gäste, das Gesinde, die nachdrängenden Landbewohner hatten die Kirche schon verlassen; nur einige Arbeiter waren geblieben, die über die Oeffnung, in welche der Sarg des Kronsyndikus hinuntergelassen worden, wieder die Steinplatte zu legen hatten. Es war etwa nach drei Uhr. Die Brüder hatten auf dem Schlosse ein »Frühstück im Stehen« eingenommen. Ob da wol noch Pater Ivo, der im Leichenzuge nicht gefehlt hatte, das Brustbild seines alten Freundes Jérôme mochte erkannt haben? Auf Schloß Neuhof summte er, ohne aufzusehen, Lieder zum Lobe Mariä; auch hier that er es. Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er Antwort. Er lebte nur sich und Maria. Sein Eigenthum war an die Landschaft gegeben worden für eine Irrenanstalt, deren die Provinz – immer dringender bedürftig wurde –! An der Oeffnung, in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg blinkte, mußten wol eine große Menge »Melusinen« sitzen – wie huschte er dahin mit seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort! Es ist Pater Ivo! sagte ein junger Mönch, auf Bonaventura zutretend. Er ist irr', wie Sie wol sehen, Herr Domherr! Der junge Mönch nannte sich Pater Quirinus. Er hatte ein Bund Schlüssel in der Hand, wollte erst die Schränke 15 schließen, in welche der Guardian seine Meßopferkleider, die Mönche die Requisiten der Räucherung des Sarges und die Tücher gelegt hatten, auf denen er ausgestellt gestanden; dann galt es noch, das Hauptportal der Kirche zu schließen – für die Arbeiter und Betbedürftigen gab es eine kleine, versteckte, allen Bewohnern der Gegend bekannte Nebenthür. Bonaventura sah sich erkannt, sprach sein Verlangen aus, den Pater Sebastus zu besuchen, und willigte gern ein, die vom Guardian zu erbittende Erlaubniß dazu so lange abzuwarten, bis Pater Quirinus sein Geschäft beendigt haben würde. Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter die Sakristei. Mit der größten Unbefangenheit sagte der junge, frisch und blühend aussehende Mann in einer auffallend gewöhnlichen Sprechweise: Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer Reise, um die unverschämte Störung durch den Musikanten abzutrumpfen! Viel lügt man auch über – den Kronsyndikus! Wir hier müssen ihn schätzen! Manches, was Sie hier an Gold und Silber sehen, haben wir von ihm in seinen letzten Tagen bekommen! Dem für einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte Bonaventura: Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegräbniß neu herrichten ließ, widersprach, hör' ich, der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb nach Rom – Ganz recht! erwiderte der junge Mönch. Aber Cardinal Ceccone schickte durch Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Pönitentiarie und der Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab, die an unsern Ordensgeneral nach Rom gegangen ist. Seitdem kam der Befehl, ihm keine der geistlichen Wohlthaten zu entziehen. Der junge Mönch machte Anstalt, Bonaventura alles zu 16 zeigen, was die Kirche an alten Bildern, kostbaren Gefäßen und gestickten Gewändern besaß. Bonaventura ließ es geschehen. Konnte er sich doch indessen in die Vorstellung finden, diesen aufgerissenen Fußboden da im Zusammenhang – mit Rom zu wissen! Cardinal Ceccone, der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats – neben ihm der Großpönitentiar und Oberinquisitor der ganzen katholischen Welt – dann der General der Franciscaner – drei höchste Würdenträger der Kirche betheiligt an dem aufgedeckten Leben eines deutschen Adeligen! Dort vielleicht alles enthüllt, was hier der Welt unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen, die seit Jahren über dem Leben auf Schloß Neuhof hingen! Dort vielleicht die Gründe auch bekannt, warum seit Jahren schon der Dechant nur mit dem Ausdruck des größten Mismuths seines alten Freundes, des Kronsyndikus gedachte! Dort vielleicht auch – ein Zusammenhang – es durchzuckte ihn das flüchtig – mit jenen Drohungen, die Lucinde gegen ihn selbst auszustoßen gewagt –? Der junge Mönch entfaltete kostbare Meßgewänder, warf sich sogar eine »Kasel« um und zeigte mit wohlgemuther Freude, wie schwer sie an echtem Golde war. Die ist noch nicht zu alt! sagte er. Die verstorbene Frau von Wittekind hat die köstliche Arbeit, die in Paris gemacht worden ist, vor vierzig Jahren gestiftet. Eben ging Pater Ivo leise singend vorüber, huschte mit dem Weihwedel und jagte die Geister fort. Lachend sah ihm Pater Quirinus nach, während Bonaventura in Rührung stand. Beim Oeffnen der übrigen Schränke, beim wiederholten Anlegen der kostbaren Gewänder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden Fehler seiner geistlichen Brüder, Eitelkeit auf den malerischen äußern Schmuck ihrer Costüme beim Cultus. Die Mönche vom Kloster Himmelpfort lasen 17 ringsum in kleinen Kapellen die Messe . . . Rom hält die Menschheit an tausend Fäden! sagte er sich. Als der junge Mönch eine Anzahl Gefäße aus dem Verschluß doppelter und dreifacher Schlösser hervorholte, fragte er ihn: Warum traten Sie eigentlich in den Orden? Das war nur eine gute Versorgung! erwiderte der junge Mann. Ich bin armer Aeltern Kind, wollte studiren, brachte mich kümmerlich durch und hatte keinen Muth, auf die Universität zu gehen. Ich wollte ins Postfach, meldete mich und wurde wegen Ueberfluß an Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte, wollte nicht länger warten und heirathete mir vor der Nase weg einen andern. Das verdroß mich. Ich wußte nicht, was anfangen, und ging ins Kloster. Zwei Jahre war ich Novize. Jetzt hab' ich die Weihen erhalten und bin versorgt. Sie wollen nicht höher hinauf? Haben keinen Ehrgeiz? fragte Bonaventura, erstaunt über diesen Mangel jeder Empfindung bei einem an sich doch traurigen Geschick. Nein! war die unbefangene Antwort. Also gibt Ihnen der Schmerz über die Täuschung durch Ihre Liebe diese Kraft, so zu entbehren und zu entsagen? Meine Braut handelte ganz vernünftig! Ich hätte erst zehn Jahre auf eine Anstellung beim Post- oder im Steuerfach warten müssen! Jetzt hab' ich mein Brot; freilich nur für mich allein – das kann man aber ertragen! Währenddessen schloß der junge wohlgenährte Pater einen Schrank nach dem andern auf und zu, knixte erst jedesmal vor jedem geweihten Gegenstande, den er hervorzog, zeigte ihn dann, schloß ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derselben Cadenz und mit der größten innern Befriedigung. Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden. Er mochte noch immer glauben, daß hier nur ein Schmerz 18 so überwunden und daß vielleicht auch Pater Hubertus' Abrichtung für die Zufriedenheit an diesem Berufe gesorgt hatte. Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewiß Ihr »Bruder Abtödter« verholfen? fragte er. Pater Quirin lachte. Na ja! sagte er. So kennen Sie also den alten Knaben? Er konnte sich lange nicht in den Frieden finden, den die Kirche mit seinem alten Feinde geschlossen, mit dem Kronsyndikus! Er machte sich auf Reisen zu schaffen und bettelte um Aufträge, um nur nicht hier zu sein. Allen ist aufgefallen, daß er gerade heute zurückkehrte und sogar für Ordnung sorgte. Knochen hat er wie Eisen – Aber nein, mich brauchte er nicht zu bändigen! Ich thue, was ich muß. Wir haben alle unsere leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium! Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen. Gewiß nicht! antwortete Pater Quirinus und küßte mit gemachter Andacht eine Monstranz, die über und über mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den höchsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schränken genommen wurde. Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle Blüten ab. Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster. Aber auch dem erwiderte der junge Mann: O nein! wir sind hier zusammen keine Freunde! Es ist auch gut so! Sobald wir uns einander anschließen, fangen wir an über unsere Verhältnisse Gedanken zu haben; dann verbittern wir uns vieles, worüber wir jetzt nicht grübeln. Jeder ist besser für sich! Diese Freundschaften kommen also doch vor? Selten! lautete die Antwort, während Pater Quirinus sich 19 umsah und jetzt leiser sprach. Sowie sich zwei Brüder allzu sehr aneinander anschließen, im Garten zu oft beim Spazierengehen zusammen gesehen werden, sowie man bemerkt, daß sie bei Tisch zusammensitzen wollen oder auch auf der an der Thür des Guardians hängenden Tafel über unsere Wochenverrichtungen zu häufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute getrennt. Das ist ja eine Grausamkeit! wallte es in Bonaventura auf . . . Unterdrückt der einzige Trost der Einsamkeit – der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefühle! Der Rückblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Tröstungen an den Quellen des Wissens und des Denkens –! Aber Bonaventura durfte alles das nur durch Seufzen ausdrücken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist im Durchschnitt doch ganz so wie bei diesem jungen Manne! Was ist bei Tausenden ihre geistige Meinung! Nichts als – ihr Bedürfniß nach Erhaltung, Ernährung, Unterkunft! Solche Institutionen wie die Klöster glaubt' ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhäuser umblasen! Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein Kreuzgang von altem, morschem Holz führte hinüber zu ihm. An der Wand der Kirche hingen, allemal gegenüber einer Oeffnung an der andern Seite, welche in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausging, Bilder, die von einem Tüncher verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man sowol den Geschmack der Malerei wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser Lessing gemalt hat, war hier nicht zu denken. Eine hölzerne Gitterthür führte ins Kloster. Pater Ivo schlenderte wieder leise singend in einem der langen Gänge und Quirinus sprang fast wie ein Tänzer, trotz seiner langen Kutte, 20 voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die Meldung zu machen. Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es ähnelte einem Wirthshauszimmer auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, mächtigem Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Eßgeräthschaften. Von hier aus sah man durch kleine Scheiben in den innern, strohbedeckten Garten. Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen. Aus Lucindens Beichte wußte er ja, daß er hatte nach Belgien entfliehen wollen. Sie hatte ihm sogar nicht verschwiegen, daß sie selbst Sebastus überredete, zu den Jesuiten zu entfliehen. Daran nun zu erinnern war Bonaventura aus Rücksicht auf die Beichte verboten. Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes, Ermunterndes gerade über diesen Punkt mit dem Convertiten hätte sprechen können, mußte ausdrücklich von ihm unterlassen bleiben. Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte. Er mußte – unwahr sein. Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrüge der Mönche musternd, hörte er Quirinus' Rückkehr. Dieser kam bestürzt. Er sagte, Pater Sebastus hätte eine Pön verwirkt und sollte niemanden sprechen; der Provinzial würde sogleich selbst erscheinen und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen. Bald auch kam Pater Maurus. Aeußerlich war er nicht zu unterscheiden von allen andern Mönchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus voll Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Mönch in weißem Kleide sitzen und ahnt den großmächtigen General der Dominicaner nicht. Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine buschigen und schwarzen Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der Unterwürfigkeit gaben. Sein Lächeln erstarb immer ebenso rasch wie es kam. 21 Eher glich dieser Mönch einem Gefängnißwärter als einem Boten des Friedens. Pater Quirinus zog sich zurück. Der Provinzial und der Domherr setzten sich auf die nächsten Holzschemel. Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns zurück aus der Residenz des Kirchenfürsten mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische Thätigkeit zu untersagen, jede Theilnahme an unserm gegenwärtigen traurigen Kampfe. Die Weisung war überflüssig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernste Besorgnisse einflößte. Seit einiger Zeit geht es ihm besser; wir ließen ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zurückgekehrt, seine Pflicht, Nachts zwölf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu singen, dann wie jeder andere hätte erfüllen müssen. Heute in aller Frühe besuchten ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Düsternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stück Tuch, das der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem Sohn des damals so unglücklich, wie man jetzt für ganz gewiß weiß, nur im Wortwechsel und nach einer offenen Gegenwehr Gefallenen. Dafür verlangte er von jenem Juden sowie von dem Küfer – sein Name ist Stephan Lengenich – die Mittel zur Flucht – Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck aussprach, als in Voraussetzung, daß die Gespräche, die im Krankenzimmer gehalten wurden, belauscht werden könnten. Erst als er Pater Quirinus an der zufällig aufgehenden Thür des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung, 22 daß die etwa von ihm gestellte Frage ohne Beantwortung bleiben konnte. Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf die Thür. Wir wußten es schon in der Frühe. Ich hatte mir die Strafe nur einer ernsten Ermahnung für ihn vorgenommen. Seitdem jedoch eine heilige Handlung durch Mitwirkung des Paters gestört, eine ganze Familie, der er selbst früher so oft bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zuthun unverantwortlich compromittirt worden ist, hab' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle angewiesen. Ich kann nicht wünschen, daß Sie ihn in seinem gegenwärtigen Zustande sehen. In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernähme er irgendwoher einen Ruf. In der That hörte man in weiter dumpfer Ferne einen Ton wie einen Schrei um Hülfe. Bonaventura mußte aufspringen und sich an der Lehne des Schemels festhalten. Das ist er? sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war. Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe. So tobt er in seiner Strafzelle und spricht im lauten und wilden Durcheinander. Ich lass' ihn binden, wenn er nicht schweigt –! Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura. Herr Domherr, diese Wohlthat wäre unverdient! Auch Sie würde er anfahren wie ein wildes Thier – Nein, nein, wir kennen uns! Sie würden uns die Züchtigung stören, die ein Pater verdient, der aus seinem Kloster entfliehen will! Bonaventura stand mit schwindendem Bewußtsein. Er sah Abgrund und Nacht um sich her und jedenfalls im Benehmen 23 Klingsohr's – auch die fernwirkende – den Unglücklichen lockende Gewalt Lucindens! Sie hatte den Mönch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht besucht! Ihr Lächeln, ihre muthige Rede – »um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen«, hatte sie ihm frank und frei gebeichtet – hatte ihn zur Flucht überredet –! Sie hatte seinen Muth, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes –! Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich jetzt wieder –! So, wie er da die gräßliche Stimme vernahm, einen Hülferuf, der dem eines Ertrinkenden glich, so klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn Lucinde plötzlich verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste – Zu ihr –! Zu ihr –! klang es auch aus Sebastus' Munde an sein Ohr. Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt: O lassen Sie mich zu ihm! Herr Domherr –! lehnte jetzt der Provinzial fast vorwurfsvoll ab. Wenn er sich beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu. So bitt' ich – grüßen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester, seufzend über die Nothwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu müssen. Sagen Sie ihm, daß ich in dieser Gegend verweile, daß ich den ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm kommen wolle! Versprechen Sie mir's! Herr Domherr, sehr gern! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit, als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses. Und Bruder Hubertus? drängte Bonaventura, jetzt schon im Gehen. Vermochte der nicht sonst so viel über ihn? Auch der ist ein Mitglied unsers Klosters geworden, erwiderte der Provinzial, verbindlich im Gehen die linke Seite nehmend, 24 mit dem wir unsäglich Geduld haben müssen! In Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, war er verreist – Einer Erbschaft, dachte Bonaventura, die Ihr statt seiner zu machen hofft! Als Beichtpriester trug er eine solche Last von Thatsachen in seinem Gedächtniß, daß er genauer nach einem Verhältniß fragen mußte, das er doch schon öfters, von Benno sowol wie von Hammaker, hatte erwähnen hören. Allmählich fand er sich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials: Ganz recht! Ich weiß! Das von einer Ermordeten geerbte Geld wird er dem Kloster geben – Doch nicht! war jetzt des Provinzials verdrießliche Antwort. Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen dunkeln Ursprung. Man sagt geradezu: Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehört haben mochte, aufgehoben, das Haus, wo sie sich vertheidigte, genommen und angezündet wurde, soll unser Bruder – sagt man, und sei es auch unter uns gesagt, Herr Domherr! – zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem Kinde. Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Aufführung, nur hat er störende Seltsamkeiten. Als Förster des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruß und wurde deshalb Mönch. Mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus, meinem Vorgänger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die zwanzigtausend Thaler, die er ererbte von jener in Ihrer Stadt gemordeten Frau Buschbeck – sie nannte sich bereits wie sein Weib nach seinem Namen, während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und nur seine Verlobte war – wenn irgendmöglich, jenen beiden Kindern zukommen zu lassen, die er 25 einst aus dem Feuer rettete, sobald sie sich nur noch entdecken ließen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte, abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniß ertheilen kann, in die Welt hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, gestattete ich ihm vorläufig, auf eigene Verantwortung, die Reise nach Holland, von wo er jetzt zurückgekommen. Unter diesen Mittheilungen waren beide, in der Ferne wieder verfolgt von dem leise singenden Ivo, an die kleine Thür gekommen, die den verborgenern Eingang zur Kirche bildete. Hier stand Bonaventura's Wagen. Mit einem Abschied, den der Provinzial so nahm, als wenn ein Offizier über seine untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache conversationelle Mittheilung gemacht hätte, bestieg Bonaventura seinen Wagen; ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses zurückgelassen worden. Er fuhr in schon heraufgezogener Dämmerung von dannen. O ihr Klöster, seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen Menschenliebe –?! So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura's Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und hergeschleudert von den Furchen der Feldwege, die zurückzulegen waren, um nach Schloß Westerhof in kürzerer Frist zurückzukommen; denn der Kutscher glaubte diese Richtung einschlagen zu sollen. Erst nach einer Stunde, während durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels, alle klagenden der Wehmuth zogen, entdeckte er in der allmählich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach St.-Libori ins Pfarrhaus. Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgesellschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen Ruf 26 nicht verrathen, der immer noch wie ein: Zu Hülfe! an sein Ohr tönte –! Ein anderer Ton schloß sich an, ein hochfeierlicher, der einst ertönen wird – – wenn am Tage des Gerichts die Lüfte Stimmen tragen werden und jenes Wort bestätigen, das ihm einst zu Kocher am Fall der Onkel gesprochen an dem schönen goldenen Sommermorgen: »Wenn ich mich zuweilen in unserer katholischen Welt umsehe, ist mir's, als sähe ich in alten Verließen die Gebeine der Geopferten modern –« Und bei alledem schwatzte nun schon wieder Norbert Müllenhoff, daß er den Ankommenden mit Sehnsucht erwartet hätte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot, Unterhaltung durch Zeitungen, Broschüren, durch seine eigene werthe Person, und legte ihm zuletzt sogar »mit Schüchternheit« einen Versuch vor, wie die »Exercitien« der Frau von Sicking seiner Meinung nach wol am besten zu organisiren sein würden. Von dem an seiner Thür heute früh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er nichts verrathen mochte von Gegnern, die innerhalb der Gemeinde, auf die Art ersichtlich, mehr seine Person als sein System fand. Bonaventura, erschöpft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in Muße durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu zerstreuen, schrieb er Briefe, las Rechnungen, Zeitungen. Zuletzt bereute er, nicht nach Westerhof gefahren zu sein. Selbst für Thiebold's schwaches Klavierspiel wäre er dankbar gewesen. Beim gemeinschaftlichen Abendimbiß, den er nicht ablehnen konnte, mußte er dem Wirth, der fast immer allein das Wort führte, auf alle Gebiete der Seelsorge und Liturgik folgen und mußte ihm sogar in manchem Recht geben. So z. B. als er gegen die Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte: Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich höre, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz wollen nächste Ostern wieder in der 27 Messe mitsingen, da kommt mich schon ein Grauen an! Ha, diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Prätension! Jenes Fräulein will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder; nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist heiser, die andere hat sich krank geärgert, gerade wie bei der Komödie! Und was spielt das heilige Altarsakrament dabei für eine Rolle! Wie die Affen müssen wir stehen und warten, bis die Damen auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum corda! ruf' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis sothaner Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich für unsere einfachen Kapelljungen! Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, ländlich und geht zu Herzen! Freilich muß auch da so ein Heidenkerl, ein Cantor, nicht dabei sein und wunder thun, als wenn unser Herrgott im Himmel zunächst nur für die Unterbringung der Instrumentalmusik zu sorgen hätte! Bonaventura mußte des Eiferers lächeln, der in manchem Recht hatte, wenn er auch die neurömische Reaction wie Landsturm organisirt haben wollte. Mir ganz recht, sagte Müllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien, endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal zu kommen, nur manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen. Die Pfarrer hätten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklärten und faulen Collegen? Im Gegentheil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel Schrecken zurück, daß uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie's zu arg, so können wir Pfarrer der Gemeinde immer sagen: Na, da seht ihr, so fegen euch andere; seid froh, daß ihr an uns so sanfte Flederwische habt! . . . Sie waren ja wol auch früher Pfarrer auf dem Lande? setzte Müllenhoff hinzu und schenkte wacker ein. 28 Gewiß, gewiß! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der Hand. Müllenhoff erzählte seine Verhandlung mit den Gemeindevorständen, seine Reform des Finkenhoff, seine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes, seine Gewohnheiten beim Beichthören, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen und seine Heilung der »Kniesteifigkeit« – Bonaventura's Lächeln und Schweigen nahm er für volle Zustimmung und beklagte nur, daß ihn, »im Vertrauen gesagt«, der Umgang mit den vielen Vornehmen oft in ärgste Verlegenheit setze. Aufrichtig gesagt, warf er halb ernst, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Hölle gewünscht habe, sollten wir doch – im Seminar wirklich ein bissel tanzen lernen! Es ist des Anstands und einer gewissen uns gar zu sehr fehlenden Manierlichkeit wegen! Die Jesuiten lehren's ja! sagte Bonaventura. Aber wie wollen Sie dann, fuhr er fort, bei solcher Scheu Ihres Benehmens, die Exercitien halten mit so vielen vornehmen Herrschaften? Ueberhaupt, wie denken Sie sich denn diese Uebungen? Die Exercitien dauern vier Wochen! sagte Müllenhoff. Die Herrschaften, einige zwanzig, wohnen für die ganze Zeit bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat seine bestimmte Regel! Ich allein kann alle geistlichen Handlungen und Erweckungen nicht verrichten; Sie werden auf dem Papiere, das ich Ihnen gab, finden, wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushülfe hinzunehmen muß. Ich nehme sie mir aus Witoborn. Freilich muß ich dabei manche Rücksichten beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre, einen Vortrag zu halten, nicht entziehen; sogar ein Gebet zum Schluß muß ich mir vom Bischof selbst erbitten. Mir, auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fällt und der ich dadurch das Recht habe, die 29 Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies Recht auch nicht würde nehmen lassen, mir behalt' ich die Montags- und Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine methodische Schilderung des Fegfeuers, der Hölle und des Paradieses vorgenommen – Eine zeitgemäße und moderne Hölle! Hören Sie einmal: »Und nun, du beweinenswerther Verdammter, wird dir ein Sendbote Lucifer's, im glühenden Widerschein der Majestät Seines Herrn, entgegentreten und wird dir die ›Stunden der Andacht‹ zeigen – die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das ›Buch der Bücher‹ nanntest! Hast du auf Erden geglaubt« – Der Sprecher stockte, zog ein Concept aus der Rocktasche und las Bonaventura, der nicht wußte, wie ihm geschah, weiter vor: »Hast du auf Erden geglaubt, im Schatten einer Laube, von Bienen umschwärmt, unter dem Duft von Hollunderblüten dich vor dem wahren Hochaltar und dem Sanctissimum deines Schöpfers zu befinden, besonders wenn du dazu aus diesem deinen ›Buche der Bücher‹ ein Kapitel über die Unsterblichkeit der Seele gelesen hattest, und gingst dann hin und begossest deine Blumen, etwa wie wenn du selbst ein solches ›Lob deines Schöpfers‹ wärest, aber kein anderes heiliges Naß brauchtest, als deinen sentimentalen ›Thautropfen‹, keinen andern Kelch, als die Gießkanne deiner angebeteten ›Natur‹ –: dann, dann, du beweinenswerther Denkglaubiger, sollst du, umschwärmt von feurigen Hornissen, dein geliebtes Buch, die ›Stunden der Andacht‹ wiederfinden als ›Jahrhunderte der Qual‹, sollst sie auswendig lernen rück- und vorwärts, sollst sie in alle Sprachen übersetzen, selbst in die, welche du gar nicht gelernt hast, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt, wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet, eine Feinheit der fremden Sprachen unbeachtet geblieben ist!« . . . Hören Sie auf! Das ist ja mehr, als Nero und Busiris! rief Bonaventura in die Hände schlagend und laut lachend. 30 »Da kommen sie denn«, fuhr Müllenhoff ungehindert fort, »diese Schmachtenden, diese Zärtlichen, diese Lavendelseelen, die über einen Käfer weinen konnten, den ihr Fuß im Grase zertrat, und dennoch keinen Blick, geschweige eine Thräne hatten, wenn sie stündlich ihren Gott, ihren Heiland und seine Gebote mit Füßen traten! Jene Schmachtenden, die ein Marienwürmchen liebkosen und bewundern können und Maria selbst nur für eine gewöhnliche Mutter wie andere auch halten! Jene Empfindsamen, die mit Freimaurermoral alle Todsünden zuflicken, alle Risse der Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mörtel zu verschmieren wissen! Ihre ruchlosen Devisen: ›Thue recht und scheue niemand!‹ oder ›Wir glauben all' an Einen Gott!‹ diese nichtswürdigen Gemeinplätze des Unglaubens, werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Hölle stehen, der gerade extra diesen Patent-Seelen bestimmt ist! Riesengroß werden die Buchstaben sein, welche mit dreizinkigen Gabeln die Teufel schüren müssen, damit sie ganz so brennen, wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: ›Thue recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen!‹ oder: ›Es ist nur Ein Gott, in dem allein das wahre Heil!‹ O, des Jammerns dann, wenn diese Freimaurerseelen zu dem Gekreuzigten, dessen ›einflußreiche Stellung‹ bei Gott sie nun wol erkannt haben werden, aufblicken und dann auch vor diesem um Titel, Orden und Beförderungen schmachten werden, statt dessen aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen nachläuft, um sie zu umarmen als seine ägyptischen Brüder. Oder wenn ihre Logenschwester Isis, die ›holde Mutter Natur‹, ihre gnadenreichste Allerseligste, ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais-Schleier! und sie sehen dann ihre geliebte Mutter aus hundert Brüsten Natur-Wohlthaten spenden, feuerspeiende Berge, Erdbeben, daherbrausende, aus den Schienen gegangene Locomotiven! Alle ihre Mittler und Erlöser werden ihnen 31 zuwinken mit den Wohlthaten, die gerade sie spenden können – Buddha mit der Kunst, hundert Jahre auf Einem Beine zu stehen, Sesostris mit Pyramiden, die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament bekommen! Selbst ihr letzter Prophet, Lessing's Nathan der Weise, wird ihnen anbieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat, vorzugsweise jenen Mantel mit dem rothen Templerkreuze, nämlich einen Mantel von Blei, so schwer, daß sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen, die sie hienieden mit ihrem verschlissenen Humanitätsgarderobenstück der Liebe bemäntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben – . . . Genug, genug! rief Bonaventura; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe! Er deutete auf den Wächter, der die zehnte Stunde rief, und entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung und Beifall ironisch und zuletzt indignirt abschneidenden: Gute Nacht! Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in St.-Libori, bald in Heiligenkreuz, bald auf dem Schlosse. Dann besuchte er auch wol die Schule, war hierauf viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rücksicht gebot, diese oder jene hervorragende Persönlichkeit mehr als einmal zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr auch mancher danach Verlangen trug. Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige Handlung vorüber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu entkleiden, Thiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen. Thiebold hatte vorausgesetzt, daß er dem Domherrn diese Mittheilungen in der entsprechenden seelsorglichen Form zu machen hätte, und suchte ihn deshalb, während er sich im Meßornate 32 befand, auf. Schon sehr zeitig mußte er mit seinem Einspänner aus Witoborn ausgefahren sein. Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke, dem diese Frühwege sonst auch schon zu beschwerlich wurden. Auf die Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann Thiebold die Mittheilung all des Räthselhaften, das ihm gestern Armgart in der Kapelle angedeutet hatte, und wollte hören, ob nun doch noch eine Verpflichtung bestünde, seinem Freunde Benno die »stattgefundene Täuschung« mitzutheilen. Bonaventura erwiderte nach erstem Sinnen über die Worte Armgart's: Ich glaube, lieber Herr de Jonge, daß Sie jetzt besser thun, diesen Gegenstand ganz fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere Beweise der Freundschaft für unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart will nicht, daß Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt? Nun wohl! Dann um so besser, wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mädchens nicht enttäuschen. Zu jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als daß ihr Herz schon in dem Grade für irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die Beweise ihrer Gunst bauen zu können. Ein Mädchenherz in diesem Alter ist eine unbekannte Insel, die der Seefahrer, ungewiß, was sie birgt, mit Zagen betritt; bald hoffend, bald getäuscht geht er vorwärts, bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihr zurecht. Zunächst wird das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag nehmen. Ich höre, daß beide sich bald in dieser Gegend einstellen werden. Wenigstens der Oberst! fiel Thiebold ein. Ich weiß es bestimmt von Hedemann. Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt an die städtische Behörde von Witoborn Hedemann's Gesuch vor, vorläufig die Wasserkraft der Witobach 33 auf Handpapier gehen zu lassen. Die Aufregung, die dieser Antrag in der Stadt hervorgebracht hat, ist ridicül. Alles intriguirt dagegen. In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des Satans befördern! Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzähle nur, was ich von Benno und den Offizieren »Bei Tangermanns« gehört habe. Bonaventura begriff vollkommen, was sich von einem so dumpfen Geiste, wie er ihn überall hier vorfand, voraussetzen ließ, und fügte hinzu: Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe kommen zu dürfen. An dem Tage. wo der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie jedenfalls hier in diesem Stift, wo sie eine Verwandte der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein Fräulein von Tüngel-Appelhülsen, aufzunehmen versprochen hat. Verrathen Sie aber nichts davon auf Westerhof! Sie kennen Armgart's Phantasie – Ihr Gelübde! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder es gewinnt sie niemand –! Bonaventura schüttelte den Kopf. Noch immer die Grille, die er schon aus den Briefen kannte, die er in Kocher am Fall gelesen. Auf viel mehr, als nur »auf Ehre«, versprach Thiebold sein unverbrüchlichstes Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dem Domherrn dann seinen Einspänner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Besuch machen. Er erklärte, dann zu Fuß nach Westerhof zu gehen, wo er, wie beinahe täglich, zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten, der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, bereits einladen lassen – ihn, nicht Benno! »Wir sind es Terschka schuldig«, sagte sie zum Onkel Levinus, der gegen die steten Zurücksetzungen Benno's bescheidene 34 Bedenken erhob, »daß wir auf den Bevollmächtigten Nück's keinen zu großen Werth legen –!« Bonaventura mußte den Vorstellungen Thiebold's nachgeben, aus Rücksicht schon auf den Gaul, der bis Mittag hier sonst im Freien hätte zubringen müssen; Thiebold war im Stifte so beliebt, daß er bei einem Morgenbesuch leicht in die Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben. Es war eben Thiebold's Talent, alle Menschen zu gewinnen. Er wußte nicht nur einige Dutzend Pfänderspiele, sondern ließ auch auf sich Garn und Seide abwickeln. Dabei seine bequeme Prätensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte kein Hehl daraus, daß er bei weitem weniger wußte, als Alexander von Humboldt. Wenn eine von den Damen dichtete (es waren nur fünf oder sechs darunter, die nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern nur ihr Dichten – nicht eingestanden), so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehört oder gelesen und war ein Zuhörer so voll Aufmerksamkeit, daß er schon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph Moppes componiren und Alois Effingh mit Illustrationen versehen sollte. Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Visionsgabe Paula's und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tübbecke durch einen Rosenkranz, den Paula gestern gesegnet hatte. Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestätigung. Der alte Tübbicke empfing ihn mit freudestrahlendem Antlitz. Fanchon lag. als der Großvater mit dem Amulet kam, nach Aller Meinung im Sterben. Man legte es dem fieberglühenden, athemlosen Kinde um den Hals; es stellte sich Schweiß ein, das Fieber ließ nach und schon berichtete Jean Tübbicke, der » maître-tailleur «, der jetzt im Pfarrhaus selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und 35 stärkenden Nacht. Jean Tübbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu opponiren, daß es Tante Schmeling wäre, die an seiner Thürschwelle Kinder aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Müllenhoff entließ ihn mit den Worten: »Affenschänderisches Volk! Grützkopfige Dummheit! Herr Gott. wenn nun gar erst du noch ausländische Bettelpfennige für holländische Dukaten nimmst! Lallst deine edle deutsche Muttersprache so schon nur, wie ein blökend Kalb, und willst noch gar auf Zeisigart französisch zwitschern und niedlich thun mit Elefantenfüßen? Ei, daß dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maître-tailleur- Schild vom Fenster abnähmen! Siehst du denn nicht, Heide, was ein allchristliches Gebet an Gnaden im Gefolge hat? Gehst du nicht in dich, du verruchter französischer Gütertheiler, so geb' ich dir die Prophezeiung, hängt noch in deinem maître-tailleur- Schild das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem Hause!« Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte Tübbicke, enträthselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf die Gräfin und auf seinen, nächst Gott nur ihr allein darzubringenden Dank zurück. Unter allen diesen Mittheilungen litt Bonaventura. Auch Thiebold's Erzählungen hatten bewiesen, daß Paula's ekstatische Zustände nach einer kurzen Unterbrechung, die in ihrem, durch seine Ankunft geweckten und gesteigerten Lebensgefühl begründet gewesen sein mochte, wieder zurückkehrten. Noch hatte er seit ihrem Wiedersehen keiner ihrer Visionen beigewohnt. Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein können –! Der scharfe Wind erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege ächzten. Er drückte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefütterten Winterrock fest an sich 36 ziehend, schritt er sehnsuchtbeflügelt dahin. Da lagen – nach einer kleinen Stunde – die vier Thürme des Schlosses! Glanzschimmernd der graue Schiefer an den Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben hatte! Hinter den Fenstern dort oben das süße Mysterium des Stilllebens, das Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth darzustellen pflegen! Gar nicht gedenken konnte er, wie ihm doch Paula's Dasein so nur war. wie dem Baume sein Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur Begriff. Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen – vielleicht hätte er seinem Liebesdrang unterliegen müssen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit Paula's, wie sie etwa Armgart besaß, irgendeine lächelnde Caprice, wie Lucinde, und Paula's Erscheinung hätte so zu sagen jene Leibhaftigkeit gewonnen, die herausfordert. So blieb sie nur immer ein Bild, eine verkörperte Idee. Es durfte darum auch nicht auffallend erscheinen, daß die noch immer so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben war. Paula konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie mußte verschenkt werden; ein Werben um sie, ein sie Liebenmüssen oder Liebenwollen schien bei einer so geistig vornehmen Natur in gewöhnlichen Kreisen kaum aufkommen zu können. Vor dem Schlosse fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl Wagen. Zu den vielen Rücksichten der Etikette gesellte sich die Neugier, die immer Nahrung fand. Auch war beim gestrigen Leichenbegängniß so vieles vorgefallen, worüber man seine Mittheilungen und Gedanken auszutauschen hatte; ja auch die neue Kunde war überall schon hinausgegangen, die Gräfin hätte aus der Ferne das Leichenbegängniß gesehen, hätte durch einen von ihrem Leib genommenen Rosenkranz ein Kind in Witoborn vom Tode gerettet. Auf den Treppenstufen 37 sah Bonaventura die Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfsbedürftigen wie sonst. Armgart kam ihm entgegen und theilte den Harrenden Amulete aus, die Paula berührt hatte. Diejenigen unter seinen Arzeneien, deren Heilkraft verbürgt ist, kann ein Apotheker nicht mit größerer Zuversicht verabfolgen, als hier Armgart, nicht einmal vor Bonaventura mit Verlegenheit niederblickend, eine Anzahl kleiner Kissen austheilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weißer Seide, innen mit Baumwolle gefüttert, von außen bildeten lose und weite Stiche ein rothseidenes Kreuz. Paula berührte sie – und – sie sollten heilen – Armgart theilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als müßte sie jeden Zweifel daran für teuflisch erklären. O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn entgegen, daß Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt, antwortet sie nicht zusammenhängend! Der Onkel verbietet andern das Fragen! Sie, Sie, Domherr, Sie könnten hier endlich einmal ein Machtwort sprechen –! Bonaventura stand voll Zagen. Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie seine Hände, von denen die eine, schon während er die Scene des Austheilens der Kissen beobachtete, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, worauf Paula gen Himmel steigt! sagte sie, seine beiden Hände ergreifend. Warum thun Sie's nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab es vielleicht keine heilige Theresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katharina von Genua und gar erst die von Siena? Hören Sie, was Paula redet und fragen Sie dann ihren Genius selbst! 38 Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen. Alles war still umher. Herrschaften und Diener waren in den innern Gemächern und standen jedenfalls um Paula's Lager. Armgart hielt fort und fort seine Hände. Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese Ihre weiße Hand auf ihr Herz gelegt! Eine sanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie! Armgart –! lehnte Bonaventura, ohnehin voll Mismuth gegen Armgart, ab; Armgart küßte ihm jetzt seine Hand. Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! sagte sie. Ob es wahr ist. daß sie jede Stunde hier eintreffen können! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle – unglücklich machen wird. Bonaventura blickte finster. Er hörte zwar im Geist die Worte des Herrn, der durch Prophetenmund, Joel 2, 28. 29, spricht. »Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist über alles Fleisch ausgießen. Und euere Söhne und Töchter werden weissagen, euere Jünglinge werden Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen und sie werden weissagen« . . . Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart's Stirn streichen und ihr sagen: »Mädchen, laß doch nur treu und wahrhaft dein eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiß!« Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zögernden Hand. Es war der Trauring seiner Mutter, jener Ring, den der Onkel in dem Leichenhause des St.-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als Erkennungsmittel vor dem entstellten Körper seines Vaters gelegen, derselbe von welchem Bonaventura, ähnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, gesagt hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wußte, was geschehen, hatte Armgart 39 den Ring ihm schon abgezogen und war mit ihrem Raube davongeeilt. Sie eilte in den Vorsaal, dessen Thür sie offen ließ. Bonaventura. bestürzt über ein Vorhaben, das er nicht sofort begriff, folgte. Die wenigen Anwesenden grüßend, die aufgeregt im grünen Nebenzimmer standen, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die Erlaubniß haben, Paula mit dem Ringe zu magnetisiren. Dann aber, ohne Bonaventura's fragenden und zürnenden Blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offenstehenden Thüren dem von der übrigen Zahl der Besucher schon umstandenen Schlummerlager Paula's zu. Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geöffneten Zimmer hindurch war so gehindert, daß Bonaventura's Eintreten die Aufmerksamkeit nicht sogleich fand, wie sonst. Aller Augen waren auf Paula gerichtet. Auch einige geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den andern zu folgen. Mit einer Empfindung, als wären die Engel vom Himmel anwesend, drängte sich alles dem Vorzimmer zu, das vor Paula's Schlafgemach lag. Hier lag sie auf dem Ruhesopha. Die Vorhänge waren zurückgezogen; einige Stiftsdamen umstanden sie, Armgart kniete vor ihr, und eben steckte sie leise, nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula's. Teppiche milderten jedes Geräusch, das von den Bewegungen der Umstehenden hätte kommen können. Paula schien in der That vor sich hin Reden zu murmeln. O das ist schön! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lächeln. Sie schien die Annäherung eines magnetischen Rapportes zu fühlen, ja sie schien etwas Unsichtbares wie eine geistige Nahrung einzufangen. Wie wird es so licht und so hell jetzt . . . sagte sie plötzlich lauter und 40 wie begeistert. Von der Sonne! . . . Alles! Alles! . . . Auch ihr Leib ist Licht! . . . Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern. Wem? fragten einige. Auch Bonaventura, mit wehmuthumschleierten Augen. Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter Stimme und trotz der Gewöhnung an diese Erlebnisse erzitternd: Das wird heute wieder Hochschlaf! Immer, wenn sie den höhern Grad des Hellsehens erreicht, spricht sie von sich selbst wie von einer dritten Person! Es ist dann, als schritte ihr Geist aus dem Körper heraus, sodaß sie sich selbst sieht. Das Tröpfeln aus den Fingerspitzen ist dann der Anfang – Jetzt bemerkte Tante Benigna den Ring an Paula's Finger, wagte aber keine Frage oder Einsprache zu thun und bangte nur, wie alle. Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura's ab. Auch Terschka trat inzwischen zu den ängstlich Harrenden; er grüßte Bonaventura und Armgart, die er heute noch nicht gesehen hatte. Wie ist das so schön! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort . . . Ach, die herrlichen Blumen! . . . Rosen um dunkle Cypressen! . . . Die gehen ja hoch hinauf, bis ins grüne Laub! . . . An den Blättern zittern Thautropfen, von der Sonne beschienen! . . . Die sanfte Datura! . . . Die stolze Magnolika! . . . Der Onkel schaltete bedeutsam ein: Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins, ohne Zeit und Raum –! Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort: Ein herrliches Schloß! . . . Mit einer Fahne auf dem Thurm! . . . Wald und Berg! . . . Immer hört sie ein Glöcklein, das nicht aufhören will! . . . 41 Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben. Er wollte sagen: Sie hört die Harmonie der Sphären . . . Hirten kommen aus den Thälern, fuhr Paula fort, und steigen zum grünen Wald hinauf! . . . Wie in der Kirche ist's unter den Bäumen! . . . Die Bäume werfen so lange Schatten! So lange! . . . So schimmern vor großen Kirchenfenstern die grünseidenen Vorhänge! . . . Onkel Levinus lächelte die Geistlichen und die Damen an, als wollte er sagen: Die langen grünen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen Grundformen! . . . Und Tante Benigna bedauerte schon im stillen die Abwesenheit Püttmeyer's . . . Auch Thiebold's Abwesenheit, der zum Essen kommen sollte und durch die anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil man heute ihn wieder, wie so oft, dort zurückbehalten hatte – zum Vierhändigspielen mit mindestens drei bis vier der Stiftsfräulein die Reihe herum – Armgart aber, die noch immer kniete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als sollte er näher treten und Paula magnetisiren und sie ausdrücklich um ihre Anschauungen befragen. Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit. Paula aber that dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, beim reinen Sein der Dinge stehen zu bleiben, sondern fuhr fort: Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen! . . . Das sind Kastanienbäume! . . . Sie kennt sie! . . . Die blühen schon! Die rothen Pyramiden! Und die Mandelbäume, die blühten schon ab! . . . Die Bienen umschwärmen sie! . . . Und immer, immer läutet die Glocke . . . Nun sucht sie die Glocke . . . sie hängt an einem Ast der Bäume, dicht vor der Hütte von Moos –! . . . 42 Onkel Levinus schien betroffen, daß sich heute in der Sphäre des reinen Siderismus soviel tellurische Ueberbleibsel vorfanden. Das ist ja fast – wie in – Italien! . . . bemerkte inzwischen Terschka . . . Italien! . . . Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine Sein . . . Was führte die Seherin nach Italien? . . . Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen –! Die Messe liest er nicht! . . . sprach sie nach einer Weile, während alles lauschte und Onkel Levinus immer noch nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula's nach Italien, sondern nur ins Geisterreich glaubte . . . Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? Der Eremit! antwortete Paula. Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung, etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht. Mit weißem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams. Ein heiliger Gesang wallt herauf . . . Sie tragen Fahnen – . . . Es ist eine Procession! wagte jetzt sogar ein Kanonikus aus Witoborn laut zu äußern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphäre des reinen Seins, als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die Rechtgläubigkeit – des Himmels zu finden. Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen . . . antwortete Paula. Sie kommen in der Hand mit Büchern . . . Größer sind sie als die Breviere . . . viel größer . . . Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese großen Bücher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch wol die Schriften der Kirchenväter 43 oder riesige Missalien, die Paula in den Händen der rechtgläubigen, geisterhaften Gestalten sah. Sie lesen in den Büchern! . . . fuhr die Schlafende fort . . . Der Mann mit dem weißen Barte erklärt sie . . . »Gott ist ein Geist«, spricht er, »und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!« O die sanfte Stimme! . . . Bonaventura stand ohne Athem. Sein Blick fiel auf Terschka, der ihm voll Erstaunen zuflüsterte: Ich glaube die Gegend zu kennen . . . All die Blumen, und die Käfer und die Bienen summen! . . . Wie grün ist das alles! . . . Smaragdgrün! Wie wenn sich in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben wölben . . . Aber das sind nun Eichen! . . . Tief unten ist alles so milde, so weich und so sanft . . . Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf. Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst! Sie kennt ihn nicht! . . . sagte Paula. Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden mehr bewegte als Bonaventura. Armgart's fortgesetztes Bitten um seine Hand lehnte er ab. Armgart ergriff sie aber mit Gewalt und wollte ihn dem Lager näher ziehen. Bonaventura machte da in der That ein Kreuz über die ganze Länge der in schwarze Seide gekleideten, in rührender Halbbewußtlosigkeit daliegenden, fieberhaft angehauchten Gestalt der jungen Gräfin und trat wieder zurück. »Herr, wie so lange säumst du!« sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft. »Auf, schlage ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in seine Hand!« Die Hand auf das Buch hält er! . . . Hält es hoch empor! . . . »Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin!« »Der Odem Gottes 44 weht über die Lande!« . . . Sie kann jetzt nichts mehr hören . . . Die Frauen weinen . . . Die Männer reichen sich die Hände . . . Jetzt – jetzt – Geht – ein Kelch – um . . . Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Vision. Ein Kelch geht um? Das mußte eine Versammlung von Ketzern sein! So war die gemeinsame Empfindung. Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort. Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich. Andere, die noch gestanden hatten, mußten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermaßen für diese Dinge die Verantwortung zu übernehmen hatte. Es ist, sagte Paula, nicht die Messe – In Bonaventura's Innerm war es, als fühlte er die Erde unter sich wanken. Paula sprach gleichsam seine innersten Gedanken aus. Das Buch ist die Bibel! sagte Paula . . . Der Schrecken vermehrte sich. Der schöne Pokal! . . . Von rothem Krystall . . . Wie Blut? . . . Ja, er sagt: »Noch wird es in Strömen fließen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne, erobert ist!« . . . Er ergreift den Kelch . . . Die Hand ist so weiß . . . wie der Schnee der Alpen . . . dort oben . . . Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnißvollen Brief, den er empfangen, an die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen, dort ein neues Märtyrerthum anzutreten, das der verbesserten Kirche. Und wie dann Paula selbst ihre eigene schöne weiße Hand emporhielt und zu aller Erstaunen sein Ring, der Trauring seiner Mutter, an ihrem Ringfinger blitzte, konnte er sein Herz nicht länger bewältigen. Aller Anwesenden uneingedenk, entsetzt über die 45 Vergleichung einer weißen Hand mit dem Alpenschnee und wieder doch neu beseelt von der frohen Hoffnung, daß sein Vater nicht in die Abgründe der Lavinen stürzte, nicht in der schauervollen Morgue des St.-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu St.-Remy auf dem Wege nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage: Wer ist der Redner? Da schwieg anfangs Paula . . . Dann aber, zum Zeichen, daß sie Bonaventura's Stimme erkannt hatte, sagte sie, und sagte wie wonnig belebt vor Ueberraschung. Du fragst sie? Alle – des Du's staunend – sahen auf Bonaventura. Schon aber sprach Paula weiter. Es ist kein Greis! Weiß ist sein Haar, schneeweiß – aber seine Haltung noch wacker . . . Wer es ist? . . . Er ähnelt – dir! Bonaventura zitterte. Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft, doch überselig. Paula fuhr fort: Seine Hütte gefällt ihr . . . Drüben aber liegt das Schloß . . . Die Fahne hat ihre Farben . . . ihr Wappen . . . Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurückzuhaltender Spannung. Jetzt schwieg Paula. Dieser Stimme Ton störte sie. Aber sie hatte ja seine Frage schon beantwortet. »Ihre« Farben. »Ihr« Wappen –! Das waren die Farben und Wappen der Redenden selbst. Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde und sagte mit stummer Geberde, die Schloßfahne trüge die Farben der Dorste-Camphausen. Nun denn, dann ist es Schloß Castellungo, das sie sieht! sagte Terschka mit höchstem Erstaunen. Und der Eremit, das ist ein Deutscher, Namens Federigo! Ich kenne ihn sehr wohl! Eine religiöse Sekte, die von Gräfin Erdmuthe beschützt wird, hat sich wahrscheinlich gerade jetzt, wie so oft, dort um ihn 46 versammelt! Ich wäre in der That begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort in dem schönen piemontesischen Thale schon der Frühling in vollster Blüte steht, eine der von der Gräfin geschützten Gottesverehrungen stattfände! Erfahren kann ich es und ich werde mich darum bemühen. Terschka näherte sich dem Ruhebett. Paula betete aber jetzt. Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen. Maria und die Heiligen fehlten nicht. Endlich schwieg sie ganz. Ein Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich naturgemäßen Schlummer wach zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante winkte und deutete an, daß Paula der Ruhe bedürfte. Die Frauen gingen zuerst. Die Geistlichen folgten. Onkel Levinus begann von Gräfin Erdmuthe und von ihren Reformen . . . Terschka entzog sich jedoch dem für seine Stellung bedenklichen Gespräch und blieb mit Armgart zurück, die ihn festhielt und sich von Castellungo erzählen ließ, über das eines Abends Benno und Thiebold so harmlos gesprochen hatten, sogar Porzia's dabei gedenkend, als einer Schülerin des Bruders Federigo und vielleicht einer künftigen Gattin Hedemann's. Die Möglichkeit, daß Paula nur eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Terschka bewunderte dann nur, wie alles so richtig zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grübelte, warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam –! Sinnend und den Trauring betrachtend, den sie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an sich genommen hatte, ließ sie sich Castellungo so genau schildern, daß Terschka am Fenster hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flüstern mußte. Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zurück. Inzwischen war noch neuer Besuch gekommen. Durchbebte in diesem Moment Bonaventura die Vorstellung, daß seiner 47 Mutter Trauring es war, der diese Kette von Anschauungen veranlaßt hatte, gedachte er klopfenden Herzens seines Vaters, der vielleicht Bruder Federigo war, gedachte er der an ihn gerichteten lateinischen Einladung und fand in ihr eine Andeutung des väterlichen Unwillens über die Wahl seines Berufes und einen Drang der Sehnsucht des väterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem eine Erörterung über die Ehe, als ein unauflösliches Sakrament der Kirche, nicht fehlen konnte – so mußte, um ihn in die höchste Verwirrung zu versetzen, jetzt noch hinzukommen, daß plötzlich de Regierungspräsident von Wittekind im grünen Zimmer stand, ihn begrüßte und ihm sagte: Ihre Mutter hab' ich mitgebracht! Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet –! so stand er jetzt dem Manne gegenüber, der die Hand einer Frau besaß, die seine Mutter war und die vielleicht in Bigamie lebte –! Der Präsident sprach, zum Onkel Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt: Ich fürchtete ihre Aufregung und ließ drüben eines der beheizten Fremdenzimmer aufschließen – Gehen Sie zu ihr, lieber Sohn, und begrüßen Sie sie erst unter vier Augen! . . . Ihre Mutter erwartet Sie! mußte der Präsident dem halb Besinnungslosen noch einmal wiederholen. Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im Pfarrhause auf und hörten, daß Sie hier sind – Die Sehnsucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr! So fuhren wir hieher! Sie verlangt nach Ihnen! Machen Sie sie glücklich! Bonaventura verließ das Zimmer, geführt von Tante Benigna und dem Onkel. Es war ihm, als durchschritte er das Reich der Geister. Er lebte da, wo vielleicht Paula jetzt noch in ihren stillen Träumen weilte. 48 8. Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust der Mutter gegenüber gerufen. Wieder riefen ihm dies Wort wilde Stimmen, aber es waren nur die Stimmen der Erinnerung noch. Schon trug seine Brust zu schwer an tausend, tausend Bürden des Lebens und des Urtheils, zu schwer, als daß ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben wäre. Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Küsse aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen – wenn er das gekonnt hätte! Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen – Aber er war ein Priester! Nun, bei seiner Mutter, durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes sinken. Im Vorsaal stand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geschmückten Diener des Präsidenten bereit, ihn in das Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete. Mit überströmender Rührung folgte er dem Diener, der ihn auf den Corridor weiter hinausführte. Die andern Begleiter, die heilige Weihe des Augenblicks erkennend, ließen ihn allein vorschreiten. Der Diener öffnete eine der Thüren, über welchen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen. Bewußtlos, von der Umgebung nichts, selbst nicht sogleich die Mutter wiedererkennend, lag Bonaventura an einem 49 Frauenherzen. Er, der Mann, weinte wie ein Kind. Die Stätte durfte er geweiht nennen, wo er die Thränen über all die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer höher und höher sich steigernden Reichthum seiner Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten. Fast war die Mutter ihrerseits befremdet von einer so weichen Stimmung ihres Sohnes. Sie hatte solche Begrüßung nicht erwartet nach den frühern Zeichen der Abneigung, nach dem strengen Urtheil, das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war. Wußte sie doch eben nicht, wie oft im Menschenleben ein angesammeltes Bedürfniß sowol der Liebe wie des Hasses zu Gute oder zu Schaden kommen kann demjenigen andern, das uns gerade dann zuerst begegnet, so begegnet, daß nur ein geringstes Wegnehmen von des Vorraths schwerer Last in unserer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt. Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn. Ihr Haar war noch dunkel. Ihr Auge besaß eine energische Schärfe. Beim Lächeln der Freude, das sich in ihre Rührung mischen durfte, zeigte ihr Mund die wohlerhaltenen Zähne. Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es nicht minder auch zur Hebung ihrer reinen weißen Haut hätte gewählt haben können. Die Finger waren wohlgerundet. Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres. Besaß sie etwas ursprünglich Kaltes, durch die ergreifende Situation wurde es jetzt nicht ersichtlich. Sieben Jahre! . . . begann sie. Und du, mein Bona, ein Priester! Schon Domherr! – Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen – deiner Mutter?! Schon war Bonaventura gefaßter. Er setzte sich auf ein kleines Kanapee mit der Mutter. Es war ein rings mit alten 50 Landschaftsbildern geziertes, behaglich enges Zimmer. Umher blieb es still und ohne Störung. In jungen Jahren haben wir immer heroischere Ideen als im Alter! sagte Bonaventura niederblickend. Nennst du dich schon alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Erröthenden. Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der bisherigen »Kälte« wieder aus. Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gülpen, der alten Renate, von Bonaventura's Hausstand, von Benno war die Rede. Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältnissen. hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben wieder an das alte Vergangene. Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren? fragte Bonaventura. Nein, mein Sohn! sagte die Mutter. Die von seinem Vater hinterlassenen Güter sind so umfangreich, die Bewirthschaftung ist in den letzten Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Maß gingen, so vernachlässigt, daß es Wittekind's ganzer Kraft bedarf, um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten. Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand würde stark genug sein, die Regierung der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen. Wir haben darüber ernste Berathung gepflogen, entgegnete die Mutter. Meinem Gemüth widersprach lange schon die falsche Stellung, in welche er seinem Glauben gegenüber gerieth! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen müssen und sich dem Geist anschließen, der in diesen Gegenden herrscht. Für mein Herz liegt darin auch eine tiefe Beruhigung! Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Mühe 51 kosten, die gegen ihn herrschenden Vorurtheile zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal, da Herr von Wittekind – »Vater« konnte Bonaventura nicht sagen – in dem Rufe steht, seine frühere Stellung mit voller Ueberzeugung ausgefüllt zu haben. Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische Natur, wie in gewissem Sinn es auch der Kronsyndikus, sein Vater war. Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm als gerechte Belohnung seiner Thätigkeit. Doch gibt er mir, soweit es geht, in vielem nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und Beamtenthum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird, soweit ich ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemüth eine größere Ruhe gewähren muß. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er großmüthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war – In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura's Vater, dessen Flucht, dessen Tod. Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf. Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, in dieser Art bereits nach der ersten Rührung des Wiedersehens kommend, überraschen konnte: Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen, als damals, wo dir der Eindruck meiner Wiederverheirathung so befremdlich war! O nenne mich keine Schuldige! Beurtheile mich nicht so hart, wie der gefangene Kirchenfürst, der damalige Generalvicar, der Wittekind haßte, weil er zu den Organen der Regierung gehörte! Als wir von der nahen Auflösung des Kronsyndikus hörten und damals schon hierher reisen wollten, besuchten wir den strengen Mann in seiner Festungshaft. Von einem Spaziergang auf den Wällen war er zurückgekehrt 52 und eben wollt' er die Tabackspfeife, die er unbekümmert um den Brand, den er angezündet hat der Christenheit, immer noch frohgemuth fortraucht, wieder füllen, als ihm der Vater – Wittekind und ich gemeldet wurden. Dieser Besuch mußte ihn nicht wenig überraschen. Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Präsident! sagte er, als er staunend unserm Beileid zugehört. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Regierung besuchen! . . . Wir benahmen ihm diese irrthümliche Voraussetzung und erklärten, daß wir gedachten Frieden zu schließen mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung, gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten . . . Er erwiderte: Es wird vielen so gehen, daß sie zur Erkenntniß kommen, und darum preis' ich mein Loos und will es gern ertragen. Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich verwerfen; aber über mir wird ein neues Gebäude errichtet werden! Ein segensreiches, und vielleicht für ganz Deutschland. Er entließ uns gütig. Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz überwallenden Prophezeiung, daß dich Gott zu großen Dingen erlesen hätte. Schon wär' es im Werke, dich als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken. Du staunst darüber? . . . Das wußtest du noch nicht? . . . O. ich erkenne deine ganze Natur . . . in deiner Bescheidenheit! . . . ein Sohn! Mein, mein Sohn! . . . So sei auch versöhnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie dort drüben der schöne Sonnenstrahl glänzt über dem blendenden – Schnee! So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk-, Rede- und Gefühlsweise stand für Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem Gedächtniß. Wie hatte sich bei ihr das Vergangene so ganz verwischt! Ihm kam bei dem Bilde 53 des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines Vaters. Mit Bezüglichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee! . . . Erst allmählich verstand die Mutter die Wiederholung und Betonung, seufzte dann tief auf und fuhr fort: Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, daß ich an einen Abgrund erst geführt wurde durch die Umstände, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des heiligen Sakraments der Ehe sagen: »Und er soll dein Herr sein!« Dies Wort, mein lieber Sohn, ist nicht darum allein gesagt, daß ihrem Gebieter die Gattin gehorsame, es ist darum auch gesagt. daß der Gebieter ihr ein wirklicher Herr sei. Jede Frau hat das sehnsüchtige Bedürfen, in ihrem Manne wirklich den Führer, den berathenden Freund, ja in zweifelhaften und schwierigen Fällen den befehlenden Herrn zu besitzen. Mir war das dein Vater nie. Im Gegentheil: ich, ein älternloses Fräulein – Besitzthümer hatten die Wehrförders , mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollständig – ich wurde für ihn der Gebieter. Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nein, nur durch die Umstände, die ihn unfähig machten, selbst das Ruder zu führen. Diese Asselyn sind ein herrliches, edles Geschlecht; es ist schmerzlich, zu sehen. daß dieser alte Friesenstamm aussterben muß – Benno kann doch nur den Namen fortführen. Franz, der Dechant, ist die Herzensgüte selbst, aber wie leichtsinnig war er! In seiner Jugend war er fähig die Bahnen jener Geistlichen zu wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben. Der zweite, Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber durchaus so abenteuerlich, wie dies nur in unserm träumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, erschien befremdend. Bracht' er wol aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte 54 erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort unter Napoleon kämpfen mußten, sie kehrten mit mancherlei merkwürdigen Dingen heim. Ein Wehrförder, Vetter von mir, brachte, aufgerollt wie Landkarten, aus einem Kloster alte Bilder mit – er hat sie zu enormen Preisen verkauft. Max brachte entweder von einer Nonne oder einer – man sagt in seinen Armen gestorbenen – Geliebten einen Sohn mit – Benno, den er wenigstens sein nannte, wenn in das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, nicht noch ein völlig anderer Lichtstrahl fällt und Max nicht einmal Benno's natürlicher Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die Verlockung der Welt that ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die ihm an sich liebenswürdig stand, machte ihn zum harmlosesten Kostgänger der Schöpfung. Ja, mein Sohn, was Fritz sein nannte, gehörte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drückte, bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, daß ihn sein guter Wille in neue Verlegenheiten stürzte. Die drei Brüder thaten ihr geringes Erbe zusammen, damit es Max bewirthschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauernsohn. Die Nachwehen des Krieges waren verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von den beiden Brüdern verkauft und damit nur ein Käufer, der sich fand (es war der jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuß), dazu erschien, borgten sie wieder selbst – für diesen bei andern! So geschah alles, um – hier nichts zu haben und dort nichts. Nun gehört alles Unsrige hier den Münnichs. Wie gesagt, gute Menschen diese Asselyns, aber –! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrath. Sein Gehalt war gering. Er verschwendete nichts, doch die Unregelmäßigkeit seiner 55 Berechnungen stürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige englische Oberst von Hülleshoven, ebenfalls ein Sonderling, jünger als dein Vater, schloß sich ihm damals an, theilte ihm Liebhabereien mit, wie sie hier noch jetzt dessen Bruder in den Thürmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen verfolgen kann; denn Dem bezahlen die reichen Dorstes seine Thorheiten. Dein Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein; er würde sich und seine Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender wirkenden Freund, als jene Hülleshovens waren. Ein solcher wurde ihm Friedrich von Wittekind. Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses. Dein Vater verwies mich, um mit ihm zu rechnen, selbst an ihn! Wie sie beide Friedrich hießen, so wurden sie fast Eine Person für mich! Dein Vater war im Stande, die Thür zu öffnen und zu sagen: Ah, ihr seid es! Ihr rechnet! Ich störe euch? . . . Wir saßen allerdings und rechneten. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, daß auf unserm Hause ein Makel haftete. Das, das, mein Sohn, ist ein höchst gefahrvoller Zustand für ein weibliches Herz! Ein Weib ist bedürftig der Liebe, gewiß! Aber ebenso sehr will sie auch die Werthschätzung der Menschen. Und noch mehr, sie will Hochachtung vor ihrem Mann empfinden. Die geregelte Ordnung ist für ihren Sinn etwas Unerläßliches. Ich gestehe, ich wurde wohlthuend berührt, wenn ich Wittekind nur eintreten sah, ihn, der damals nicht eben viel hatte, der mit seinem zu jener Zeit höchst geizigen Vater in stetem Kampf lebte und selbst kaum das Nöthigste erhielt, während, wie nur leider jetzt zu erwiesen ist, doch gleichzeitig die größten Summen fortgingen, um die Folgen des frühern Leichtsinns jenes Gewaltthätigen zu verdecken; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewähren grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen – Kurz, mein Sohn, die Augenblicke, die ich 56 im Anfang meiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf meinen Armen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, wo du geboren und getauft wurdest – Gott, noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl, ein getaufter Jude, vor Augen! – diese Augenblicke, sag' ich, waren die glücklichsten meiner Ehe! Als dann diese Besitzung in andere Hände kam, ich in der Stadt bleiben mußte, dein Vater aus Schulden, aus Wuchernoth nicht mehr herauskam, da wurd' ich moralisch – das Weib seines Freundes, der ihm helfend zur Seite stand –! Alles war Wittekind, alles entschied der. Der rechnete, der sorgte. Reisen, die dein Vater machen mußte – Dienstreisen; er hatte die damalige Regulirung der Klöster, die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher Bibliotheken und Archive unter sich – wiesen mich auf Monate ganz an Wittekind. »Laß dir doch von Fritz geben!« hieß es in den Briefen . . . Guter Sohn, Asselyn erkannte diesen gefährlichen Zustand erst, als es zu spät war. Ich hatte mich an den Freund, der Freund hatte sich an mich gewöhnt. Nimm an, mein Sohn, du säßest im Beichtstuhl und hörtest das Bekenntniß einer beladenen Seele . . . Denn eine Last trag' ich allerdings, eine schwere Last, eine kummervolle, die mir die Ruhe meiner Nächte raubt! Ach, Asselyn entfernte sich ohne Zweifel nur deshalb – – um den Freund und die Gattin glücklich zu machen! Fast muß ich ja glauben, daß der Gute, um uns in unserm Bunde nicht zu hindern, sich selbst den Tod gegeben hat! Die vielleicht noch größere Strafe, der Mutter zu sagen: Und wenn mein Vater noch lebte? Wenn ihn soeben Gräfin Paula im Thal von Castellungo als Eremiten und den Freund glücklicher Hirten und Ackerbauer gesehen hätte –? Bonaventura besaß den Muth nicht, diese Strafe der Mutter aufzuerlegen, so sehr ihn die klare, schneidende, vernunftbewußte 57 Selbstrechtfertigung der noch immer anmuthigen Frau herausforderte, so sehr ihm der Vater entgegentrat gerade in der ganzen Liebenswürdigkeit seines träumerischen, von einer solchen Gattin nicht verstandenen und sicher so nicht, wie verdient, beglückten Sinnes. Doch auch die Schwäche besaß er nicht, der Mutter die Vorstellung etwa von einem Selbstmord des Vaters gänzlich auszureden. Und sie schien es sogar gern zu hören, daß sein Vater, wenn auch durch Selbstmord – wirklich todt war – Meinst du nicht? fragte sie halb zagend, halb zuversichtlich. Ich glaube es! war seine Antwort. Die Mutter stand auf. Ihre Haltung schien sagen zu wollen: So müssen wir uns denn Fassung geben, eine sichere Genugthuung durch die Religion. Die umsichtige Frau bat den Sohn, einige Tage auf Schloß Neuhof zubringen zu wollen, sich inniger dem Präsidenten anzuschließen, ihre Aussöhnung mit dem Geist der Gegend zu unterstützen, die Opferspenden zu vermitteln, die auch sie bereit wären überall zu geben, wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht träte. Endlich sagte sie noch: Wittekind wird mannichfachen Rath und Beistand in seinen verwickelten Angelegenheiten bedürfen. Er war zweifelhaft, ob er sich deshalb an Benno wenden sollte. Ich rieth ihm dazu. Doch zöge er dein Urtheil vor, sagt er. Wer ist hier dieser Herr von Terschka, von dem ich soviel reden höre? Der Bevollmächtigte des Grafen Hugo von Salem-Camphausen, des Erben der Güter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes. Ein geschäftskundiger, kluger Mann hör' ich – Ein vielseitiger, gewandter wenigstens – Ein Jude, der Gütermakler Seligmann, rühmte ihn uns. Ich 58 höre, Benno macht den letzten Versuch, die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln . . . Das wäre nur möglich, wenn eine Urkunde entdeckt würde, die erst dem Dorste'schen Familienstatut Kraft geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen. Sie fehlt und wahrscheinlich fehlt sie nur deshalb, weil sie nie ausgestellt wurde – Es sind, sagte die Mutter, viel Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als, nach Uebergang dieser Lande in westfälische und dann in unsere Herrschaft, die geistlichen Stifter und so viele Klöster eingingen! War zufällig ein Pergament besonders schön geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in die Bibliothek des Königs. Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz wieder, den uns Asselyn vor Jahren gezeigt hatte, wenn er heimkehrte aus Witoborn oder sonst einer geistlichen Gegend. Bonaventura's Gedanken mußten wol auf Bickert, den Leichenräuber, gerichtet sein –! Zwei drückende Vorstellungen: Die gefälschte, hier vielleicht auf diesem Schlosse bei einem Mordbrand einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge in St.-Wolfgang –! Beichtgeständnisse, die er nicht verrathen durfte! Sie machten ihn zum Mitleidenden – zum Mitschuldigen. Die Mutter sah seine Abwesenheit. Sie bemerkte mit gedämpfter Stimme: Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der geistlichen Sphäre bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollständig. Sie hängt mit einer großen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht sogar in ihren Folgen bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll eine Schuld dabei zu tragen haben. Oft schon hab' ich gedacht: Hinge damit wol Benno's Herkunft zusammen? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max ähnelte, so noch weniger dem Onkel Franz – Wittekind schüttelt darüber vollends den Kopf. Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit 59 ihm plaudern können! . . . Wir müssen jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Gräfin zu sehen, die so seltsame Zustände hat! Eben jetzt lag sie, wie ich höre, im Hochschlaf? Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie denn nur? Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Athem zur Mutter, die schon ganz wieder in das gewohnte Geleis ihres Lebens zurückkehrte. In Gedanken verloren, hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, daß Benno des Dechanten Sohn sein könnte, gelächelt. Mutter, hätte er fast gesagt, wie wenig würde dieser Edelste Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen schwarzen Bart, sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! »Nichten« haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten »Neffen«, wie du! Das ist eine falsche Fährte! Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten sich nach vorn. Die Mutter hängte sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, daß sie sich beide äußerlich angehörten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater. Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lächelte und trat mit ihm in den Vorsaal. Eine Weile währten die Vorstellungen und Begrüßungen und dann zerstreute sich alles. Bonaventura blieb bis zum Mittag. Paula erschien, als wäre nichts gewesen. Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern Gedankenreihe in Anspruch genommen und thaten geheimnißvoll. Frau von Sicking hatte ihnen geschrieben. Viel hatten sie geflüstert und gerade am meisten, wenn Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte bald, daß etwas nur auf sie Bezügliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tüngel-Appelhülsen flüstern hörte, die sich oft der 60 Bekanntschaft mit ihrer Mutter gerühmt hatte – sie war die zweite Partie, die Jérôme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur durch den »Calfactor« Türk und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid darum gekommen –, sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie darüber heftig an. Armgart schwieg. Aber jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, daß er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb. Armgart saß darauf besinnungslos. Noch ehe die Tante sich zu ihrem gewohnten »Nicker« eingerichtet hatte, war sie bereits verschwunden. Lange nach ihr zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihrem »Vielliebchen« Nähseide oder Perlen, so ging sie, das wußte man wol, zu Fuß nach dem Stift und scheute die einsame Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthümlichem Geheimthun zu Frau von Sicking und ließen Bonaventura mit Paula allein. Allein, allein – zwei Seelen, die sich lieben! Allein, allein –! Wenn auch der Liebe Ja, Der Liebe Frageblick nur stumm geblieben – Allein, allein – doch ist der Himmel da! Bei allen andern würde es nach Jahren geheißen haben: Weißt du noch, damals an jenem Nachmittag – im grünen Zimmer? – Wir sprachen vom Wetter, besahen Kupferstiche – Da rief ich plötzlich: Himmel. wie voll blühen die Hyacinthen! . . . Ich zählte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, wir würden uns beim Besehen der Bilder zu nahe anstreifen. Und ich glaube gar, dennoch stellte ich mich kurzsichtig, nur um dein goldenes Haar mit der Stirn zu berühren! O, wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein –! Du, du wußtest, jetzt ist all der Stoff erschöpft, jetzt ist die Unbefangenheit im Gespräch 61 vorüber – im Gespräch über was nicht alles – ich glaube über die alten Krater feuerspeiender Berge bei Kocher am Fall, über die byzantinische Baukunst, über die Philosophie Püttmeyer's! Gleich hattest du etwas anderes; auf die Musik die Bücher, auf die Bücher die Natur, auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen! Und du erschrakst nicht einmal. als vom Diener an die Thür geklopft wurde . . . So tändelten wir den Tag bis zum Abend, bis zur süßesten Dämmerstunde, wo endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte, als dasjenige, das in deinen Augen strahlte, endlich ich auch ganz so tollkühn das sagte, ganz so ein Wort vom »Licht in deinen Augen« – Da erbebtest du, du brachst zusammen und all deiner List und Fassung zum Trotz lagst du doch in meinen Armen –! Armer Priester . . . . Diese Stunde schenkte dir der Himmel. Er gab sie in ganzer, in seligster Fülle! Noch mehr. Er rief an diesem Nachmittage Paula nicht in die Sterne zurück, ließ sie nicht wachend träumen, nicht mit geschlossenen Augen sehen. Sie blieb auf der Erde, in deiner Nähe, im lebendigsten, wärmsten Anhauch deines Athems – Und du erstauntest sogar, daß Paula nicht entschlummerte, obgleich an ihrem seidenen Kleide deine Hand hinfuhr. oft auch – zufällig? – wirklich sie selbst berührte – Du durftest dir sagen: Dir, dir ist sie beschieden. Du würdest sie durch die Liebe erlösen können von all den magischen Banden, die sie gefesselt halten! . . . Gott wollte die Ehe und wollte gerade die Deine mit ihr!  . . . Alles, alles traf ganz so zu – Auch bis zur Abenddämmerung, bis in die erste Stunde nächtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Glück des Alleinseins –! Und dennoch, armer Levit, was durftest du wagen? Was hoffen zu gewinnen? Gingst du am Flügel vorüber und lehntest die Epheuranken zurück, die den goldgerahmten Spiegel beschatteten, so sahst du – deinen langen 62 Priesterrock! Sahst du in die geöffnete Kupferstichmappe und prüftest das Zeichen des alten Meisters, das unter dieser Radirung, unter jenem Holzschnitt versteckt und unleserlich stand, so mußte dir erinnerlich werden, daß an deinem vorgebeugten Haupte Paula bemerkte, wie dir die Schere die Mitte deines schönen Haares geraubt! Dem Schicksal konntest du sprechen: Des reinen Herzens Natur ist es, nicht alles zu wollen und viel entbehren zu können; aber auch allzu grausam nimmst du uns beim Wort, Verhängniß, und gewährst uns – wirklich nichts! Paula's Wesen mußte Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu stürmische Werbung. So unterblieb denn alles. Situation und Wille. Charakter und – die Liebe selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelübdes. Aber er war allein, allein – mit ihr! Wie bestrickend schon, wenn Paula sich selbst über das beurtheilte, was an ihr die Welt so voll Andacht bewunderte! Sie hätte eine Heuchlerin sein können, ohne daß man es merkte; sie war es nicht. Sie hätte eine Despotin sein können, ohne daß man es merkte; und sie war es nicht. Sie war willenlos, eine durch sich selbst und durch andere Gefangene. Und so galt Bonaventura ihre Liebe auch nur, wie sich ein Priester lieben lassen darf – in Andacht, in geistiger Schwärmerei. Sie hatte – wie eben diese Erziehung ist, die von Schiller und Goethe nichts weiß – nicht viel gelesen, nicht viel gesehen. Sie konnte über ihren Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange theilnehmen; sie stand bescheiden zurück, allem Höheren nur im Zustand jungfräulicher Ueberraschung. Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll. Zu ihren Füßen sproßten Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Nur daß sie das alles nicht von sich selbst wußte. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, furchtsam 63 sein mit Tante Benigna. mit dem Onkel Levinus an die Möglichkeit, Gold zu machen, glauben. So hatte sie gelebt . . . Nun aber wuchs ihre Kraft mit Bonaventura's Nähe. Sie fing an, sich über sich selbst Rede zu stehen. Sie trat seit seiner Ankunft in allem und jedem mit festerm Willen auf. Das zu wissen beglückt ein zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth, sich über das Geheimste wahr zu sein. Wie Liebe so stark macht –! Paula fühlte es mächtig. Sie hätte heute vielleicht zu ihrer Absicht, ins Kloster zu gehen, gedankenlos nein! vielleicht – ja! sagen können. Sie konnte alles, konnte selbst ein Gelübde ablegen und vielleicht es – betrügen, wenn Bonaventura sie an sich gezogen und ihr mit einem Kuß den Muth – seines Lebens gegeben hätte. In diesem stillen Zimmer, durch dessen Scheiben eben das Abendgold floß, unter diesen Epheuranken, deren grüne und welke Blätter den Priester an einen andern Abschied, den von Lucinden, erinnern mußten, über die Saiten eines geöffneten Flügels hin, dessen Resonanz von der Berührung jedes noch durch die Zimmerwärme am Leben erhaltenen Insekts leise erbebte – standen sich zwei Menschen gegenüber, von der Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt. Aber Gregor VII. streckte den Arm dazwischen. Seitdem Hildebrand regierte, durften die Priester nicht heirathen. Wo ist da die Verklärung der Weiblichkeit, die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen Kupferstichmappe verherrlichen wollen, diese Bilder, die einst Bonaventura, Lucinden gegenüber, selbst so begeistert gedeutet hatte! Vom Weibe verunreinigt wird der Priester? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern vergangener Jahrhunderte muß ihn geschlechtlos machen? »Wir sind die Eunuchen des himmlischen Hofstaats!« sagte ihm schon oft der Onkel Dechant. »Trügen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unsere Hand würde ja unrein, den Kelch zu 64 berühren! Unrein, um die Oblate zu segnen! Die Nähe des Weibes zerstört die Kraft des Opfers. Und wenn wir auch gestern beichteten, daß wir die thierische Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften zu gemeinster Berührung ausgetobt haben: diese Sünde ist uns heute vergeben, hat keinen Einfluß auf die Reinheit unsers Opfers! Nur keine reine, nur keine dauernde, offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten. Gatte, Vater – wie kann eine gebundene Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen. Frauenwürde, so denkt Rom über dich!« Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwärtigte Bonaventura den Abschied von Lucinden. Schon öfters hatte Paula nach ihrer frühern Gesellschafterin gefragt, Bonaventura einsilbige Antwort gegeben. Benno, Thiebold und Terschka rühmten Lucinden. Jetzt glich ihr sogar eine der von den Künstlern meist so willkürlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies. Bonaventura blieb die Antwort schuldig. Paula fuhr fort: Denken Sie sich, wie ich damals nach Westerhof zurückkehrte und von Lucinden sprach, kannte sie hier jedermann! Ja ich hatte sie selbst schon, als Kind, gesehen, wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte! Als die Leute lachten, flüchtete sie in einen Taubenschlag! Sie wußte es damals, daß ich aus dieser Gegend war, und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Mönche Sebastus, dem jungen Doctor Klingsohr, der, wie man sagt, um ihretwillen die Religion wechselte und ins Kloster ging. Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und – Sie sehen sie oft? Ich lebe nur für dich, Paula – . . . In Bonaventuras Herzen riefen das tausend Stimmen. Die Lippen sagten nur –: Zuweilen seh' ich sie –! 65 Arglos fuhr Paula fort: Auch sie war damals erst katholisch geworden! Alles das wußte niemand! Aber hatt' ich Furcht und Angst vor ihr! Wissen Sie noch, sie konnte bereits Latein, als ich Italienisch mit ihr lernte! Du aber sprichst in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen in Bonaventura; doch er nickte nur still bejahend. In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule, wo in Hause des Lazarus Jesus verweilt und Maria Magdalena ihm die Füße wäscht. Dies kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, ließ beide eine Weile verstummen. Beim Umschlagen der Blätter ruhte Paula's Hand dicht, dicht an der seinen. Er fühlte die elektrischen Tropfen, von denen Paula im Schlafe behauptete, sie glitten ihr aus den Fingern und verlöschten auf dem Boden. Ihm verlöschten sie im Blut seines Herzens. Warum ergriff er nicht die sanfte, weiche Hand? Warum stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, den sie würdiger lenkte, als einst Lucinde jenen goldenen Nachen, in welchem sie sich, auf dem Teich des neuhofer Parks, in ein »Taubenhaus« flüchtete! Paula sagte: Wissen Sie wol, daß ich oft Sehnsucht habe, Lucinden wiederzusehen? Ihr Geist war hart und grausam, aber stark. Sie konnte Muth einflößen, wie ein Mann. Auch unterbrach sie mein Leiden und ließ mich sein wie andere sind . . . Aber mit den größten Schmerzen! schaltete Bonaventura ein. Ich litt dabei, das ist wahr! sagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die Nervenströmung auf. Ich hatte tödtliche Schmerzen in ihrer Nähe! Alles that mir wehe – jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich sehne mich dennoch – ach! – ich sehne mich heraus aus diesem – Doppelleben! In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe! . . . Auch das riefen wieder die Stimmen in Bonaventura und die Arme thaten 66 sich auf, um Paula zu umfangen, sie an sich zu ziehen. Aber doch sprach er nur schüchtern: Was bekümmert Sie jetzt so daran? Sonst schon war es Paula's Klage: Der Hochmuth! Die Selbstüberschätzung! Auch jetzt wiederholte sie diese »Furcht vor sich selbst« . . . Bonaventura sprach: Stolz sein auf das, was uns die Vorstellung einer größern Vollkommenheit unserer selbst gibt, das ist keine Sünde. Jesus nannte sich – den Sohn Gottes! Aber – auch Trübsale werden Sie haben! Wissen Sie, daß Ihre heutige Vision Anstoß erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurückkehrte, war man befremdet, daß Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen Gottesdienst sahen, bei welchem der Kelch – von Allen getrunken wird! Was sah ich denn? fragte Paula träumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt. Herr von Terschka behauptete, einen Eremiten, der in der Nähe des piemontesischen Schlosses Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt, zu einem Cultus, der wahrscheinlich dort unter dem Schutz der Gutsherrin, der Gräfin Erdmuthe, steht! Ich verweile oft bei jenem Schlosse! sagte Paula. Man hat mich schon gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken könnte, die so emsig von den Feinden der Salem-Camphausen gesucht wird. Benno erzählte von dieser Urkunde; auch Terschka, obgleich dieser nur mit leicht erklärlicher Zurückhaltung und Abgeneigtheit. Noch immer wird diese Urkunde gesucht. An Benno hat Procurator Nück geschrieben, er möchte noch einmal, in Gegenwart Terschka's und des Onkel Levinus, die Archive von Witoborn und Westerhof durchsuchen lassen. Beide sind dazu auch bereit . . . Und so verläßt mich, seh' ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. 67 Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden, wo – mein Schicksal entschieden wird –! Ihr Schicksal –? Paula –! Welche Zukunft fürchten – Fürchten? Nein, welche – hoffen Sie denn? Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der Liebe und – der Eifersucht. Nichts, nichts mehr hielt er jetzt zurück von der Saat seiner Thränen, die seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der Verzweiflung aufgegangen war. Seine Augen leuchteten. Seine Arme erhoben sich. Ein Frühling des reinsten, göttlichsten Menschenthums schien um ihn her zu blühen und zu sprießen. Er bebte, schwankte. Und auch Paula zitterte. Eben noch waren ihre blauen Augen hell aufgeschlagen und blickten, den Augen einer Seherin gleich, gen Himmel. Jetzt senkten sich die langen schwarzen Wimpern. Aber ach, nur Katharina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura stand. Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser Blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem Stande –! Doch so beherrschte er sich nur einen Augenblick. Bald fühlte er neubelebende Wonne, eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken, seltsamster – Verirrungen sogar! Franz von Sales stand vor ihm, jener Heilige, vor welchem ja einst auch eine Frau von Chantal kniete. Eine Gattin, eine Mutter verließ ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen – einziger Apostel dieser Bischof von Genf ihr erschien! Und auch dieser nannte sie seine Philothea. Wo ist die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang menschlicher Liebe zu den Briefen, die beide sich geschrieben haben? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete ein Kloster, er hütete es. Sie starb, Franz von Sales 68 segnete den Sarg. Sein Inhalt verweste nicht. Nach hundert Jahren öffnete man ihn. Da war alles Asche. Nur das Herz war unversehrt geblieben. Dies Herz – kann es geirrt haben in jenem Irrthum, gelogen in jener Lüge? Paula, Paula meine Sinne schwindeln – solltest du mir wol gar gehören können gerade, gerade – durch den geistlichen Stand –? Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener Gedanke, ein Gedanke der Sünde, der Lüge gegen Natur und Gelübde. Aber dieser Gedanke – und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken – durchzitterte ihn dennoch. Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten; schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur sprechen konnte: Paula – wenn sich – die Urkunde – fände – wenn Sie dann, wie man allgemein glaubt – sich entschließen müßten – wirklich Ihre Hand – einem Manne zu geben – der doch nur – aus Standesrücksichten – Diese Worte eben hatte Paula abwehren wollen. Sie wollte sie abwehren fast wie verkörperte Wesen, die schon eine Handbewegung zurückstoßen konnte. Bebend streckte sie, sich am geöffneten Flügel mit der Rechten haltend, dem Sprecher, dessen Athem schon ihren Mund berührte, die Linke entgegen. Ein Moment noch und der Bund der Herzen war geschlossen, ein Abgrund geöffnet, der Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der »Bau der Kirche« zertrümmert – Da trat eine Störung ein. Draußen gingen lebhaft aufgerissene Thüren. Jetzt erst erkannten beide, daß um sie her es völlig Nacht geworden war. Armgart trat stürmisch herein. Sie kam im Hut, mit Pelzüberwurf, von der frischen Luft wie ein rosiger Apfel geröthet. Sie war zwei Stunden Weges nach Heiligenkreuz zu Fuß gegangen und schon wieder zurück. Nach ihr kam Terschka. Gleichfalls in einem Pelzrock, den 69 ein grünes Schnurwerk zierte. Sporen klirrten an seinen Füßen; er riß eine Jagdmütze ab. Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abberufen hatte, angetroffen und sie wieder zurückbegleitet, und zwar zu Fuß – über den gefrorenen Schnee hinweg. Sein Roß mußte erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem übrigens sein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurückholen. Terschka hatte es stehen lassen, weil er neben Armgart nicht reiten mochte, während sie zu Fuße ging. Sie erklärte, ihn unterwegs sprechen zu müssen; sie war in einer ihm unbegreiflichen Aufregung. Das Fräulein von Tüngel-Appelhülsen war in der That bei Frau von Sicking. Es geht etwas vor, sagte sie sich. Es geht etwas vor! wiederholte sie drohend. Sie wollte wieder nach Westerhof zurück. Da hieß es, im Stifte wäre noch Thiebold und könnte sie begleiten. Nun erst recht hätte sie nicht bleiben mögen. So ging sie mit Terschka, der gekommen war, um mit dem Verwalter des Stifts einige dringende Rücksprachen zu nehmen. Hätte Terschka gesagt: Setzen wir uns beide aufs Roß und jagen nach dem Schloß der Frau von Sicking! – sie hätte es gethan. Daß sie ermüdet wäre, unmöglich den Weg nach Westerhof zu Fuß machen könnte, wollte sie nicht hören. Terschka erzählte alles das wieder, erzählte es dem überraschten Paar und war selbst dabei in einer Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte. Er übersah die ihrige. Armgart verschwand indeß auf ihrem Zimmer. Alles das bemerkte Bonaventura, begriff es jedoch nur halb; ihm fehlte jede Sammlung – selbst mußte er ja entfliehen. Zwei Worte noch an Paula, die ihn mit holdseligst verlegenem Lächeln, mit jener Vertraulichkeit gleichsam für alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne sein kann, ansah, und er war verschwunden. 70 Hinaus stürmte er in die schon hereingebrochene Nacht. Nichts von einem Wagen, dessen Anerbieten man ihm nachrief, vernahm er. Schon war er unten an der Hauspforte. Wie die eisige Luft seine heiße Wange streifte! Wie er fast die Locken, die er sonst trug, im Winde noch flattern fühlte! Ein Geist des Trotzes, der Herausforderung an die Ordnung der ihn beherrschenden Dinge war über ihn gekommen. Er hätte an der kleinen Brücke das Geländer einreißen mögen, an das er sich halten mußte, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beschritt. So flog er dahin. Erst allmählich wurde es in ihm ruhiger. Jetzt hätte er Musik hören mögen, rauschende, vollgestimmte – allmählich freilich würde zuletzt ein einziger süßer, sanfter und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrückt haben. So kam er im Pfarrhause an. Es war tiefdunkel; sein Zimmer nicht erwärmt; Müllenhoff nicht anwesend. In dessen Zimmern wartete er so lange, bis oben bei ihm die erwärmende Flamme loderte. Wie todt standen da doch die Bücher an den Wänden! Wo er hinsah, war von Strafe, von Kirchenbann die Rede. Er hörte im Geist das schütternde Gelächter Müllenhoff's, wenn er seinen eigenen Einfällen applaudirte. Er hörte, wie ihn sein College jetzt nennen würde: Salonschlupfer, Lavendelseele! Er lächelte. »Lieber mögen sechs Straßenlaternen in Witoborn eingehen, als ein einziges ewiges Licht in einer Kapelle!« Das war heute früh ein Müllenhoff'sches Wort gewesen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt nach seinem Zimmer vorangetragenen Lampe einfiel. Ja, er lachte laut. Und oben, oben in seinem Zimmer fand er zu seiner glücklichsten Ueberraschung einen Brief – aus Kocher am Fall – vom Onkel Dechanten. Nie noch hatte er so nach den geliebten Zügen gegriffen. 71 Nie noch wie heute war ihm so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht aus dem feinen Papier, aus den zierlichen, halb arabischen Buchstaben dieser Handschrift, aus dem langen, reichen Inhalt. Wie beglückend stimmte alles das zu dem Bilde Paula's, das nicht von seiner Seite wich. Die Magd brachte den Thee. Die Lampe verbreitete einen traulichen Schimmer (Lampe, Service, Sopha, alles kam von Schlössern und Höfen der Umgegend und war von ausgesuchter Gediegenheit). Paula saß im Geiste neben ihm und sprach mit ihm und ihr Schatten huschte an den Wänden geschäftig sorgend hin und her; er hatte eine Geisterehe geschlossen. Als er allein war, sprach er leise mit seinem Weibe, redete es an und sagte: Paula –! Meine süße, süße Paula –! Dann schlug er sich an die Stirn. Aber so sündigte er fort – er hörte nicht auf an sie zu denken, ihrem Athem zu lauschen, ihre Hand zu streifen, hinaus in die Luft, ins Leere Küsse zu geben – was sollte ihn denn erschrecken, jetzt wo er die Dechanei um sich hatte, des Onkels Devise hörte: »Ich mach's doch so leicht!« Die grünseidenen Decken und Gehänge in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er; die sanften Rollenthüren hörte er, wenn Frau von Gülpen eintrat oder Windhack einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete. Er las – las, wie wenn eine neue »Nichte« ihm und dem Onkel Klavier spielte. »Lieber Alter!« schrieb der Onkel. »So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner ersten Jugend angekommen und grübelst vielleicht, ob in den alten Kirchenvätern das Schlittschuhlaufen verboten ist! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und durch graziöse Zickzacks unserm alten Friesenursprung Ehre machen sehen – Nun siehst Du, die Apostel wußten nichts von zwanzig Grad Kälte; wie konnten sie vorschreiben, ob ein junger Domherr 72 schlittschuhlaufen darf u. s. w. u. s. w. Sage nur: Wie platt, wie rationalistisch oberflächlich ist das wieder! Gut! Ich beneide Dich zuvörderst um diese Triumphe, die Deine Rechtgläubigkeit feiern wird, vorzüglich unter den Weibsen! Fühlst Du's denn endlich, wie schön diese Veranstaltung Gottes ist, daß es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt bleiben und Alexander, Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee theurer machen, die Verlobungskarten seltener, die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit welcher, mitten in unsern Schmerz hinein und während noch die Männer ohne jede Sammlung stehen, schon die Frauen wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt, die zwar von ihrer leiblichen – lies nicht etwa: lieblichen – Schwester nichts geerbt hat, aber dennoch bereits ›Schanden halber‹ in das zweite Stadium des äußern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen, eingetreten ist! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio! « »Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Eliaswagen besteigst, zunächst die Stufen des Altars und der Kanzel zu St.-Libori, dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo Du – ›Gutes wirken‹ willst! Ach, mag Dir's dabei nur nicht so ergehen, wie mir damals, als ich wirklicher Dechant war und ein lutherscher Regierungsrath mir unter eine Rechnung für Oel, Wachs, Wein und Salz beim Salze regelmäßig 73 beischrieb: ›Ich frage wiederholt: Gehört in die Cultusrechnungen auch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?‹ Wußte dieser Kerl nicht, daß zu unsern Taufen Salz gehört! Er glaubte, die Rechnung der Köchin hätte sich in die für das Cultusministerium verirrt. Damals schrieb ich an den Rand: ›Salz ist ein gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man würzen! Lucä 14, 34‹ – Du freilich wirst durch solchen ›Druck‹ auf unsere ›arme‹ Kirche nicht zum ›Rechtgläubigen wider Willen‹ gemacht werden; denn nur Römlinge sehen nicht ein, welche verbesserte, wahrhaft glänzende Lage wir gegen früher bei alledem in partibus infidelium haben. Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor einer Gemeinde, die leider nicht die zu St.-Hedwig in Berlin war, sondern nur die der Stadtkirche in Kocher am Fall, sage der Stadtkirche in Kocher am Fall!: ›St.-Paulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher!‹ Diese Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns ganz auf den Weg.« »Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diöcesanklerus etwa in jugendlicher Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche Arbeiten zum Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliothek und ähnliche Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trübsalbläser erheben, zerstreuen, bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich blind und taub für alles, was Du sehen und hören wirst! Unsere Kirche bessert sich einst; aber nur durch große Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein jeder für sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Pantheon der gesunden Vernunft und, soll ich Dir rathen, suche Dir in Witoborn höchstens nur die allerältesten Priester heraus, alte säcularisirte Benedictiner, einen alten Capitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar 74 bewohnt, nur um seine Einkünfte für ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch einen oder den andern Menschen finden von Gemüth, von herzverklärtem Geist, von lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen ›Nathan‹ auch für uns gedichtet hat und mancher junge katholische Priester lieber eine schöne luthersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel weniger schöne schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang, wo alle Generale der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als der andere; die Spanier sind besonders schlau; die Deutschen von einer kläglichen Unverbesserlichkeit, sämmtlich, wie es scheint, aus der dümmsten Gegend Deutschlands, dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an: der hat eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmüthigste von allen. Die Nase ist ganz nur die Ablagerungsstätte für seine Schnupftabacksdose. So sah der alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir, ein ehemals jüdischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte, dort convertirte und ins Seminar trat. A propos , solltest Du unsern harmonietrunkenen Löb Seligmann von hier sehen: Die Hasen-Jette läßt ihn grüßen und von seinem Davidchen anzeigen, daß sich dessen Beine stärken und sein Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird –! Findest Du unter den Priestern einen solchen kleinen dicken alten Mann mit langer Nase und einer Schnupftabacksdose in der Hand, dann grüß' ihn von mir, er kennt mich gewiß. Der alte Rector freilich, später Bischof ist jetzt todt –« »Sonst – wenn Du arme Kaplane siehst, für die das Wort Stolgebühren bisher nur erst im Examen vorgekommen ist und die am ›Freitisch‹ bei ihrem Pfarrer verhungern müssen: nun, immerhin, lege für mich aus, Bona, falls Du einige ihrer 75 drückendsten Schulden auf anständige Art tilgen willst, und wende ihnen Meßstipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten, und laß die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem Sterbefall lungern, ob auch für sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten Erlösungsbitten à 10 Silbergroschen abfällt! Und findest Du am Münster in Witoborn arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren Brevier singen müssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind (könnte Löb Seligmann doch aushelfen!), so zeig' dem Bischof die stummen Opfer Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorläufig wenigstens um deutsche Sprache statt lateinischen Gesangs! Lebt denn dort noch die Quart? Muß denn auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten Theil seines Einkommens dem Bischof zinsen? O würde das Geld doch angelegt für eines Priesters alte Tage, wo er freudlos, ohne liebende Hand, die für ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine grämelnde Laune erträgt, in das Eremitenhaus ziehen muß oder in einen alten Profeßhof kommt, diese Invalidenhäuser der römischen Armeen, wo es zwar keine Stelzfüße, aber arme unglückliche Seelenkrüppel genug gibt! Bona, Bona – nun komm' ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop wäre unser reinstes Quellwasser voll garstiger Infusorien – und auch Windhack behauptet das und verleidete sich dadurch schon allzu lange das Wasser und trinkt vom kocherer Wein fast zu viel –; nun denn, an dem Sold, von welchem der Priester sein Dasein bestreitet, läßt man ihn täglich nur zu schaudervoll sehen, wo er herkommt, läßt ihn nur zu naß aus allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo noch frisch jeder Seufzer, jeder Fluch der Armuth am Gegebenen klebt. Schule und Kirche möcht' ich doch so lange, bis die Heiden oder andere 76 Apostel kommen und eine neue Religion bringen, vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.« »Priesterwürde! Das laß' ich vorläufig gelten! Aber sieh' Dich nur recht um und überzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsstoff, der in der Welt lagert und sich gern möglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung austoben möchte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner versteckt die rothe Mütze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich wider die Centralisation, den katholischen Plattdeutschen beschämt das vornehme Air des lutherschen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napoléon will nichts vom Landrecht, die Fürsten im Süden fürchten die Kraft der Fürsten im Norden; blos das, das allein, gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs, wie bei der Bildung der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das und kneten den Teig, und machten sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Süßlichkeit riecht nach Pech und Schwefel! Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so liebfromm sind, daß sie sich nicht mehr die Zähne putzen, blos weil sie dabei Morgens, wo sie nüchtern Messe zu lesen haben, fürchten, etwas Wasser zu verschlucken! Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern? Auf dem Glauben, daß man – Vater, Mutter, Heimat kränke, wenn man irgendwie vom Althergebrachten abgehen wollte! Dem Gemüth schließen sich auch hierin Eigensinn und Eitelkeit an. Man glaubt, daß man von der Aufklärung wegen äußerlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner dürftigen Gegend, ob der Zurückgebliebenheit seiner Städte. Nun trotzt man, nun erklärt man auf seinen einsamen Höfen und Kampen die Lerche ebenso gut trillern hören zu können, wie im schönsten Schweizerthal, trotzt, daß man in seinen dürftigen Städten doch manches liebe, mit wildem Wein 77 bewachsene Haus kenne, manches Fenster, wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausschauen, sollte auch die Liebe blos plattdeutsch sprechen. Und so hält man denn mit Zähigkeit gerade fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche überall so, seitdem die Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhöhnung nicht etwa des Glaubens – man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu –, sondern als ein Geringachten der vielen anderweitigen Gemüthlichkeiten, die sich für den Menschen an seine Jugend, an – seine liebe alte Großmutter anknüpfen –« »In Deutschland – laß mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang nicht geschrieben habe, fortfahren –, in Deutschland sollte nun längst die Bildung und die gemeinsame Geschichte unsers Volks diesen Zwiespalt aufgehoben haben! Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, daß dieser Bruch ein ewiger bleibe! Du wirst im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und bestäubtes Exemplar von Goethe, zwei oder drei Exemplare von Schiller finden, dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Kräuterapotheken unsers Beda Hunnius. Ich weiß nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph ging über Stolberg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hülleshoven ist ein geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und afterklug. Die Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verstand, während ihm jeder Backofen, den er bauen ließ, zusammenfiel, wird sich bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemildert haben. Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo das Midgard der Asen lag, so wird man immer gegründete Vermuthung für ein Torfmoor bei Eschede oder eine Wiese bei Lüdicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe sich versteckende Hochmuth ist – allen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner Nation so vor, wie bei uns, nur Levinus würde vielleicht hinzusetzen: ›Ja, bei den Tschippewäern!‹ . . . Noch immer sitzen gewiß dort die Frauen und lauschen solchen Orakelsprüchen, und auch Männer genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hülleshoven den Hut abzogen. Die Kunst ist bewunderungswürdig, mit welcher jeder eitle Mensch versteht sich eine Gemeinde zu bilden. Selbst Windhack versteht's. Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die Fischer, die Zöllner, die Teppichmacher, nicht die – Plato und Schleiermacher – Doch genug von diesem – sehr anstößigen Kapitel – –« »Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich möchte, daß Du Deine liebevolle Versöhnlichkeit anwendest, um zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika eine Ausgleichung herbeizuführen. Ich höre, daß die Comtesse Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesüblichen Sorte gefunden. Du wirst wol so gut sein, mich darüber ins Klare zu setzen; denn an und für sich hab' ich Respect vor den geheimnißvollen Ein- und besonders den – Ausgangspforten aus unserm räthselhaften Dasein – Sonst würd' ich Dich bitten, das schöne junge, Dir so besonders theure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmächten zu erkundigen, was über jene Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen können, ist die kurze und bündige Absicht Ulrich's, der zwar minder gelehrt, aber willensstärker als sein Bruder Levinus ist, nächster Tage nach Witoborn zu gehen, auf Westerhof ein kurzes und bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart mit sich zu nehmen. Zugleich flattert aber auch wie eine Taube um ihr vom 79 Geier bedrohtes Nest die Mutter und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was nur ihr gehöre. Da könnten denn also diese beiden Menschen sich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen, daß sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und eben füreinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein Gleichartiges – Du kennst das nicht! – in der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit erst kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe zurück und will nur das, was unserer Natur gleichartig ist. So ging es diesen beiden Menschen. Ein Zufall verband sie und sie gehörten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Köpfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich noch in spätern Jahren bewähren soll, muß eine andere Nahrung haben, als der erste Jugendlenz allein schon in seinem schönen Blütenduft findet. Ein Drittes muß sie haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewährt, nicht blos die übliche ›Brücke‹ der Liebe zu den Kindern, sondern eine Idee, und wäre es die Erziehung dieser Kinder, eine Erziehung höherer Art, eine Erziehung mit Bewußtsein und Gedanken! Immer hab' ich gefunden, daß zuletzt doch zu den gleichen Ideen eine unendliche Bindekraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen, können sich leicht versöhnen.« »Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde bald meine dreijährige ›schwere Arbeit‹ antreten und auch meine ›Visitation‹ – an der 80 Donau halten. Frau von Gülpen zittert, mich Windhack allein überlassen zu sollen, sich zu denken, daß ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein à tout zu der Linken, ein ›ich passe‹ auf den Lippen. Ach! so ging ich am liebsten heim! Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich weiß es; ich habe die Ahnung, daß ich noch viel, viel böse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll. Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an, die ich aber ablehnte. Cardinal Ceccone kommt nämlich von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem großen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir allerdings von Werth; aber von seinem Munde hören zu müssen, was geschehen soll, um in Leibnizens und Kant's Vaterland diejenige Luft hinüberzuleiten, die man in den Hörsälen des Collegio Romano athmet – das könnte mein à tout beschleunigen! Uebrigens droht mir trotzdem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir dürfte sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte – denn ich lese soeben, während ich dies schreibe: der Kronsyndikus ist gestorben! . . .« »Ruhe seiner Asche! – – –« »Sorge, daß bei allem, was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte, nur Priester zugegen sind! Darin hatte Benno wahrlich Recht: Der Beichtstuhl – – –« »Doch genug für heute! Grüße ihn von mir – meinen armen – Zigeunerknaben! Wer weiß, ob ich jetzt nicht endlich gegen ihn beredsam werden muß, wenn er mir, so wie Du im letzten Sommer, aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen – unserer Sünden bringt –! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen? . . . 81 Grützmacher und Schulzendorf sind verdrießlich – über verfehlte ›Prämie‹ –« »Spät Abend ist's geworden – – Musik hör' ich schon seit lange nicht mehr – Die Tante correspondirt mit ihrer ›Familie‹ und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten ›Nichte‹ überraschen. Diese letzte – kam, hör' ich, um – Deinetwillen! Bona, Bona, ich hätte die nicht von mir gestoßen. Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei mit Flammenschrift. Selbst den Tod des Lolo (ein Trauerfall, von dem Du wol noch nichts gehört hast) schreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung. Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräthe lasen – und belachten ihre mit Beschlag belegten Briefe –! Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt. Ich höre, sie beherrscht das Kattendyk'sche Haus und niemand mehr, als – den Oberprocurator Nück.« »Deine Liebe muß also – goldene Locken tragen? Muß – im Mondlicht wandeln? . . . Seltsam! Seltsam!« »Zerreiß diesen Brief nicht, sondern – verbrenne ihn! Man hat Fälle, daß zerrissene Briefe immer noch, falls man auf den Gedanken käme, nach unserm Tode uns heilig zu sprechen, gegen uns zeugen können. Ich glaube, Petronella setzt alles, was sie hat und noch zu erben hofft, daran, um mir nach meinem Tode diese sehr unverdiente Ehre zuzuwenden . . .« »Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben. Der Tod des Kronsyndikus versetzt mich – in wehmüthige Aufregung. Lebe wohl, Bona, und denke nur immer, auch wenn Du vielleicht – – in diesen Tagen nicht über mich das Beste vernehmen solltest, ich war schwach – aber um der Liebe willen – –! Und so, fortan wie bislang, Dein treuer Onkel.« 82 So erheiternd auch die Stimmung dieses Briefes anfangs auf Bonaventura wirken durfte, der Schluß regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf. Dennoch verweilte er nicht allzu lange bei den trüben Schatten, die mit diesen Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedürfniß des Glücks und jede seiner Vorstellungen nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an. So endete ein seit lange glücklichster Tag seines Lebens. 83 9. In der schwebenden Pein der Ungewißheit über den Onkel und die Tante hatte Armgart nicht zu verharren gebraucht. Einige Augenblicke, nachdem Bonaventura gegangen, kamen beide von ihrem Ausfluge nach Witoborn zurück. Armgart's stürmischen Fragen nach dem Ort, wo sie gewesen wären, nach den Nachrichten, die sie mitbrächten, wurden nur schroffe Antworten zu Theil. Als Armgart von einer hinter ihrem Rücken getroffenen Verabredung, um sie dem Vater zu überliefern, sprach, schwieg man. Ja, flüsterte ihr Terschka, Sie dürfen nur Ihrer Mutter gehören! Und als sie vor seinem vertraulichen Tone zurückscheute, nannte er Monika von Hülleshoven laut die Seltenste ihres Geschlechts, einen Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nähe er hier zu leben so glücklich wäre, eine Denkerin, ohne die Runzeln der Stirn, die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und meist die Leichensteine des Schönen würden, eine Gelehrte, ohne daß man an ihren Fingern die Dinte sähe, eine Priesterin an den Altären einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden und glücklich machen würde. Auf dies enthusiastische Wort ermunterte Paula, die von ihrem mit Bonaventura geschlossenen Bunde selbst noch wie berauscht war, den Sprecher, fortzufahren. Aber Armgart unterbrach ihn 84 und sagte aufwallend: Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden haben, als die des dreieinigen Gottes! Auf diese entscheidende Aeußerung trat eine Stille ein und kein behagliches Gespräch ließ sich heute mehr anknüpfen. Nach dem Thee trennten sich alle. Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so zurecht, wie den Abend noch zuzubringen der »Rittmeister« seither immer gewohnt war. Vor Mitternacht ging Terschka nicht zur Ruhe. Zwei Zimmer mußten erleuchtet sein. Auf drei, vier Tischen mußten Lampen stehen; auf jedem lag ein Actenstoß von diesem oder jenem Inhalt – zu verzweigt war die Geschäftsthätigkeit, der er sich zu widmen hatte. Geschäftlich war ihm seither alles vortrefflich gelungen. Er konnte seinem Gönner und Freunde, dem Grafen Hugo, er konnte Gräfin Erdmuthen, jetzt auch schon Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten Chicanen, mit denen noch Nück gedroht, waren durch dessen Bevollmächtigten, Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte aber die Schwierigkeiten nicht. Die Regierung hatte die Parcellirung genehmigt. Löb Seligmann hatte die einzelnen Bestandtheile taxirt und schon Angebote vermittelt. Der gute Löb fuhr und wanderte hin und her. Er hatte für seine Geschäftsthätigkeit eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurück, so blies er sich schon jetzt das Horn einer Extrapost für die letzte Station. Endlich wurde sogleich eine bedeutende Geldsumme flüssig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen. Der neue Besitzstand konnte nach Ostern vollständig vom Grafen Hugo angetreten werden. Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, welcher er überall gewesen. Der jeune homme von vierzig Jahren, eine Natur, die manchem unheimlich wirkte, weil sie niemanden Stand 85 hielt. Doch erweckte sein Wesen auch niemanden besondere Furcht oder Besorgniß. Man konnte ihn nur nicht festhalten, nicht allseitig prüfen und ergründen, denn etwas Unstetes lag in seinem ganzen Wesen. Er war gegen jedermann gefällig. Seiner schmächtigen, zierlichen, gewandten Gestalt stand es zu jeder Zeit, da einen Strickknäuel aufzunehmen, dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch wieder einen Befehl zu ertheilen, den er halb dann selbst schon ausführte. Thiebold fand ihn »superlativ«. Terschka schoß einen Vogel im Fluge, selbst im währenden Reiten. Seine Kunst, die Pferde zu zügeln, war Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte Benno, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist nicht schlecht und nicht gut, und jedenfalls hat er kein ruhiges Gewissen! Von Gräfin Erdmuthe's verfehlter Begrüßung war Terschka zurückgekehrt ganz in der Aufregung, die der geheimen Zwiesprache zwischen Monika und der Gräfin entsprach, welche den Uebertritt jener zum Lutherthum und eine Vermählung mit Terschka wünschte. An dem Gesellschaftsabend bei Piter Kattendyk hatte er durchaus in das Innere dieser jungen Frau blicken können, die, wie Luther sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens sich geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Straßen, noch vor dem militärischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, mußte aber Abschied nehmen, weil seine Rückreise eines Gerichtstermins wegen unerläßlich war. Nun schrieb er ihr. Sie antwortete. Es waren äußerlich Briefe der Convenienz, wirkliche oder fingirte Geschäftsanfragen. Monika antwortete kurz und wich allem aus, was ihre Empfindungsweise hätte misdeuten können. – Terschka hatte keine Berechtigung auf das Herz dieser Frau. Eine Frau empfindet bald, ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedürfniß 86 des Herzens oder nur aus Träumen der Phantasie entspringt. Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Mädchenantlitz, körperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistig gereiften Leben – Terschka hatte sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben, um auch einmal eine solche Verbindung neu und anziehend zu finden. Terschka sah jugendlich aus, im Grunde war er vom Leben ermüdet. Vielleicht mochte er eine edlere Ruhe finden wollen. Vielleicht mochte er die Waffen der List und der Kühnheit, die er zwanzig Jahre lang geführt, niederlegen wollen zu den Füßen einer Liebe, die ihn immerhin dann hätte tyrannisiren mögen. Vielleicht hatte er das Bedürfniß, entschieden gut zu sein, oder er sehnte sich nach Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermögen auf Männer alles. Schon Gräfin Erdmuthe, die, im Verein mit Terschka von ihrem Sohne Grafen Hugo, so vielfach betrogen worden, hatte ihn dennoch gemildert und gezähmt. Als dann vollends eine Monika in diesen Lebenskreis trat, empfand für sie Terschka wie für ein Wesen, das ihn, so sagte er bereits in Wien, »von sich selbst befreien und neugeboren werden« lassen könnte. Seit dem gestrigen Abend im Finkenhof kam in Terschka's Wesen etwas, das Benno's Wort vom unruhigen Gewissen zu bestätigen schien. Er unterzog sich seinen täglichen Geschäften, er rechnete im Rentamt mit den Beamten, sorgte für die Vorbereitungen zur großen Jagd, besorgte seine Briefe, würzte das Gespräch mit Anekdoten, sprach über Frankreich, Italien – in Rom war er mehr zu Hause, als er beinahe einzugestehen liebte – aber seine Sätze waren abgerissen, seine Uebergänge unvermittelt, seine Antworten zerstreut. Als er, vom Finkenhof heimgekehrt, die sonderbare Prüfung seines linken Arms hatte vornehmen wollen, konnte ihn nur 87 Monika's, in diesem Augenblick ihm überbrachter Brief zerstreuen und beruhigen. Er erbrach ihn, las ihn, las ihn wieder. Es waren einfach nur Berichte über die von der Gräfin im Hotel zu bezahlenden Summen, Mittheilungen über ihren Aufenthalt, den Monika nicht mehr verlängern wollte, obgleich sie ihn in einem bescheidneren Zimmer des Hotels genommen, Nachrichten über die Ankunft der Gräfin in London und deren erste Bekanntschaft mit Lady Elliot, kleine Neckereien auch über Lucinde, die Monika näher kennen gelernt hatte und die sie ihm um so mehr anempfahl, als ihn ihre Schönheit und ihr Geist an jenem Abend ja, wie sie schrieb, sofort gefesselt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert hätte – an die Zeit jenes Pferdeankaufs im Holsteinischen für Hugo's Regiment – Aber nicht ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder. Gestern und auch heute nicht. Der »Knochenmann«, der Bruder Hubertus, konnte nicht erwähnt werden, ohne daß er erröthete. Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen. Er wünschte es und fürchtete es zugleich – Zum Kloster Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn aus dessen Nähe. Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im Benehmen Armgart's lag. Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula's Vision? Was wollte sie überhaupt schon seit lange mit ihm? Errieth sie seine Liebe für ihre Mutter? Mistraute sie dem Briefwechsel, von welchem sie unausgesetzt sich erzählen ließ? Heute, auf der Rückwanderung von Heiligenkreuz, hatte sie mit ihm einen Ton angeschlagen, der ihn völlig befremden mußte. Daß um Armgart Thiebold und Benno warben, war ersichtlich und ein keineswegs besonders scharfes Auge gehörte dazu, sich zu sagen, daß letzterer der im Grunde Bevorzugtere war. Und dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm selbst eine Theilnahme zu schenken, die ihn zu verwirren anfing. Was 88 hat das seltsame Mädchen mit dir vor? sagte er sich. Auf der Wanderung kam sie heute plötzlich von der Mutter ab und sprach nur noch wie im Traum, bis ihr Terschka geschworen hatte, er wisse nichts vom Angekommensein ihrer Mutter. Selbst heute Abend ihr: »Gute Nacht, Herr von Terschka!« klang so süß und doch zugleich so absichtlich herbe, so innig und zugleich so beklommen, so zurückgehalten –! . . . Auch heute Abend schloß sich Terschka wieder ein, was er sonst nicht that. Wieder konnte er vor jedem unerwarteten Geräusch erschrecken. Dem Diener, der ihm die Zurückkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte er bei Gelegenheit des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckligen Stammer erschien und dort falsch gespielt haben soll? Auf die Mittheilung jedoch, daß Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitägige Frist als Probe seiner Haltung gestattet hatte, hörte er noch kaum. Bonaventura hatte, auf Bitten des alten Tübbicke, selbst ein Fürwort für den ihm übrigens unbekannt gebliebenen, ja ihn ängstlich vermeidenden Fremdling eingelegt. Terschka hatte jetzt an Monika schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, daß sie, wie er von andern hören müsse, in die Gegend zu kommen beabsichtigte, ohne ihn vorher in Kenntniß zu setzen. Verdien' ich Ihr Vertrauen nicht? hatte er sagen und sein ganzes Gefühl ausströmen wollen. O, ich ahne es, Sie werden sich mit Ihrem Gatten versöhnen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide wieder verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin –! Nie noch hatte er so zu Monika gesprochen. Sollte er es heute wagen? Heute? In den Stimmungen, die ihn seit gestern erfüllten! In diesen aufgerüttelten Erinnerungen, in den qnälendsten seines Lebens? In Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm plötzlich gekommen waren bei 89 Nennung des Namens – Bosbeck? Bei Erwähnung jener beiden Knaben, die einst Hubertus aus dem Feuer rettete –? Wenzel von Terschka war 1799 geboren und in der That ein Böhme und in der That von Adel, wenn auch vom allerärmsten. Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehörend, diente zur Zeit der französischen Revolutionskriege im österreichischen Heere und stand in jener Heeresabtheilung, die anfangs unter Wurmser, später unter Erzherzog Karl gegen die französische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel mit abwechselndem Glücke focht, bei den Kinsky-Ulanen. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete nur die Functionen eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der für die sichere Unterkunft der andern auf dem Marsche sorgen sollte, begegnete es, daß er selbst von seinem Regiment bei einem Ueberfall abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die französischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin festgesetzt; der Gefangene blieb am Rhein zurück in der alten Stadt St.-Goar. Seine Lage war hart und zog sich in die Länge. Da erfolgte in Rastadt der noch immer unaufgeklärte Mord der französischen Gesandten. Die Welt war von Entsetzen erfüllt. Man fürchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher. Der Quartiermeister von Terschka war verheirathet. Seine Frau gehörte dem niedern Bürgerstande an, ursprünglich eine wohlhabende Bäckerswitwe in einer böhmischen Stadt, die, als sie in zweite Ehe trat, ihr Geschäft verpachtet hatte. Die wenig gebildete, kaum deutsch sprechende Frau besaß die Mittel, um dem Gatten zu folgen, von dem sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung gebracht hatte, daß er gefangen war. Sie setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein und kam in St.-Goar an. Kaum jedoch im Wirthshaus abgestiegen, verfiel sie vor 90 Anstrengung und Aufregung in eine Krankheit, die ihr und beinahe auch dem Kinde, das sie unterm Herzen trug, das Leben kostete. Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden mußte, hatte sie sich doch diese Reise zugetraut. Sie erlitt eine Frühgeburt. Ihren von der Festung, die oberhalb der Stadt lag, herbeieilenden Gatten sah sie nur wieder, um von ihm für dies Leben Abschied zu nehmen. Voll Rührung stand die Wache, die ihn begleitet hatte. Ein herzzerreißender Anblick! Die schon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe. Das kaum athmende Kind – es wurde in der Nothtaufe Wenzel genannt – war ein Siebenmonatkind. Daher Terschka's eigenthümliche Unfertigkeit und scheinbare Unreife in seinem ganzen Wesen. Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich, besorgte das Begräbniß der Mutter; der Vater schrieb nach Böhmen um Geldmittel. Dem Gefangenen verging auf der Festung Rheinfels, die oberhalb des Städtchens St.-Goar liegt, eine schmerzliche Zeit. Die Aussicht der Ranzionirung schien der rastadter Gesandtenmord zu vereiteln. Es ließ sich vielmehr des Gefangenen Abführung ins Innere Frankreichs erwarten. Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg wüthete am Main und bedrohte sogar schon Thüringen. Die Hebamme war keine besonders wohlwollende Frau. Da sie mit dem schwer zu erhaltenden Kinde ihre Noth hatte, so drang sie auf eine Verpflegung bei andern Leuten; doch fehlten dazu dem Vater die Mittel. Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Klagen des unglücklichen Kriegers, hörte das Schreien des ihm zuweilen gebrachten Kindes, und schlug ihm eines Tages durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, vor, das Kind an seine Frau zu übergeben, die heimlich unten im Orte wohne, ihrerseits selbst nur Ein Kind hätte und gewiß einem zweiten bis auf 91 weiteres eine treue Mutter sein würde. Für die Heimlichkeit des Aufenthalts seiner Frau im Orte gab er Gründe an, die so stichhaltig schienen, daß der Tiefgebeugte kein Arg fand. Der Offizier Terschka bewegte sich freier als der Mitgefangene, der übrigens kein erwiesener Verbrecher war, sondern nur, streng gehütet, gefangen saß wegen mangelnder Legitimation. Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Wenzel's Vater, auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar. Freilich erfuhr er, daß es ein Jude war, den man für einen Gauner hielt. Man vermuthete, sein angeblicher Name Sontheimer wäre schwerlich sein rechter, setzte jedoch hinzu, daß man sich auch irren könnte. Niemand wußte, daß seine Frau im Orte lebte. Da Sontheimer zu dringend gebeten hatte, daß sie nicht genannt würde, schwieg sein kriegsgefangener Nachbar und ließ sein kaum lebensfähiges Kind an den ihm von Sontheimer näher beschriebenen Ort, eine enge, dunkle Gasse dicht am Rheine, bringen. Nach den obwaltenden Umständen war dies ein Glück für den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von Umständen um seine Freiheit, um sein Weib kam und obenein noch vom Schicksal die Sorge um ein Kind auferlegt erhielt! Haus und Herd gab es damals für Tausende nicht mehr. Zugleich mit den Armeen zogen die Bewohner zerstörter und geplünderter Ortschaften mit Weib und Kind einher, und wo sich Waaren und Gelder hingeflüchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland. Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft an Flucht, wozu ihm nur die nöthigen Mittel fehlten. Auf der Festung hatte er freiern Aus- und Eingang 92 als die andern. Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelassen, sondern gehütet wie der gefährlichste Verbrecher, ohne daß man ihm etwas vorwerfen konnte. Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen Nachbar. Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Händen. Besuchte er dann aber wieder Sontheimer's Frau, so fand er ein schönes junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine Holländerin), auf deren Gemüth aber die Ermahnungen des Kriegers so lebhaft einwirkten, daß sie oft Thränen vergoß. Da wurde ihm mit der Zeit freilich klar, daß es mit Sontheimer nicht richtig war; er forschte nach allen Seiten und suchte, ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte. Noch blieb ihm aber jede Hülfe vorenthalten. Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin bestachen ihn auch; er ließ um so mehr sein Kind in ihrer Pflege, als diese die hingebendste war. Bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen Knäbleins kostete es nicht wenig Aufmerksamkeit, das Leben desselben zu erhalten. Diese Pflege, das sah er ein, würde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzügen und Einquartierungen, von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein. Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wandgespräche die wirkliche Gefährlichkeit seines Nachbars. Eines Tages beschwor der Jude den Krieger, mit dem ersten besten Gegenstand den Gefängnißwärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben. Würden sie auf diese Art frei, so wollte er ihn »fürstlich belohnen«. Nun begriff der Kriegsgefangene den Verdacht der Sicherheitsbehörden. Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor den großen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle 93 zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise wurde durch die überwiegende Theilnehmerschaft der Juden bewiesen, wie es sich an der christlichen Gesellschaft rächen muß, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält. Man zitterte vor Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen seiner Person den Händen der Justiz immer zu entschlüpfen wußte und mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern von Holland bis zum Spessart raubte und sengte. Mit sich kämpfend, was hier zu thun seine Pflicht war, stand der kriegsgefangene Oesterreicher verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behörden auf die Gefährlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge für sein Kind. Voll Vertrauen zum guten Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen. Von seiner ihn immer begleitenden Wache geführt, kam er in die Stadt und in jene dunkle Gasse. Er suchte die Pflegerin seines Kindes auf, trat in ihr Zimmer und fand – sie entflohen. Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden. Außer sich, hielt er jetzt mit seinen Enthüllungen, wenigstens über die in der Stadt heimlich anwesende Frau des Gauners nicht mehr zurück. Sontheimer wurde mit ihm confrontirt. Er stürzte auf den Verbrecher zu, den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft über den Ort, wo sich sein Weib verborgen haben könnte, und hörte nun, wie sich dieser kecke, wilde, trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte, mit einer Verschlagenheit herauszureden wußte, daß er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm, alles Fernere zu gestehen, was ihm Sontheimer noch zugemuthet hatte. Listig sagte dieser: Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines 94 andern, der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muß, wenn ich auf freiem Fuß bin! Laßt mich ziehen! Ich heiße Sontheimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch in Nimwegen die Frau zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt! Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wüthete die Kriegsfurie. Städte geriethen in Brand; in nächster Nähe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt – mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sontheimer war nichts weiter herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde. Nicht etwa in seine Heimat durfte er zurückkehren, er mußte nach Italien gehen, wo gerade Suwarow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte. Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, ließ bei dem Maire von St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück, bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, falls ihnen eine Kunde zukäme oder der Jude Sontheimer entlarvt würde, und ging über Mainz nach Baiern, von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, für Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Heldentod fand. Abraham Picard, der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen, der kurze Zeit nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem Gefängniß auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch ein Schrecken des Landes blieb. Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib, sondern seine Schwiegertochter. Ihr Mann, sein Sohn Heyum 95 Picard, verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung, nahm jedoch schon vorher zur Sicherung sein Weib mit sich hinweg. Als die gemeinschaftlichen Maßregeln aller Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten, starb Abraham auf dem Schaffot. In den Niederlanden bildeten sich Freiwilligencorps, die den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Räubern förmliche Treffen lieferten. Nach einer Gegenwehr oft, deren Heldenmuth einer bessern Sache würdig gewesen wäre, fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzosen unter dem Beil der Guillotine, bei den Holländern wurden sie gehängt; manche kamen auf die Galeere für Lebenszeit. Verdächtigen, den Hehlern und den unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man, um sie controliren zu können und ihrer Verstellungskunst zeitlebens sicher zu sein, Erkennungszeichen auf die Haut. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien. Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard in einem holländischen Dorfe hart an der deutschen Grenze zusammen auf. Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Mishandlungen ihres Mannes Heyum Picard schon vor dessen Gefangennahme auf französischem Gebiet und seiner Abführung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterließ ihren Pflegling sowol, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines Burschen, der bei einem Müller Namens Sterz in Arbeit stand – Hanne Sterz, die wir kennen von den unterirdischen Gängen des Profeßhauses in der Residenz des Kirchenfürsten, war das Weib eines Hehlers, der den Gaunern auf einer einsam gelegenen Mühle in die Hände arbeitete – Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, es gab sogar die reichlichsten. Dieser junge Mann hieß Franz Bosbeck und gehörte jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den sein dissolutes Leben in die 96 Berührung mit den verworfensten Kreisen der Gesellschaft führte und der zuletzt sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude wurde. Als seinen und den Frevelthaten seines Bruders Jan Bosbeck endlich ein Ziel gesetzt wurde, eine mit beispielloser Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Thurm in Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate lang mit den Füßen im Wasser gestanden hatte, das Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung dieser Räuber auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle zerstreuten Familienglieder, die thätigen und die nur hehlenden, in einem Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehörte. Hier wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. Ueber Leichen hinweg stürmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das ganze Anwesen. Das Hauptgebäude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die in Brand gerathenen gefüllten Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war es denn, wo der siebzehnjährige Müllerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des Hauptführers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, zu jedem Arm einen Knaben, Wenzel von Terschka im linken, den ältern Jean Picard im rechten. Wohlbehalten kam er auf dem Boden an; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewölk, er entfloh, rettete sich zu jener Mühle zurück und als auch diese in Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden kleinen Pflegebefohlenen, abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und Verzweiflung. Terschka war damals vier Jahre alt, Picard, kein anderer als unser Bickert, jetzt Dionysius Schneid, einige Jahre älter. Zuweilen schreckte noch die Erinnerung an diese frühesten Lebenseindrücke Terschka wie ein Fiebertraum. Wilde, leidenschaftverzerrte Gesichter, wie sie Rembrandt und Honthorst malte, waren 97 es, die er heute im Geiste bei Laternenschimmer würfeln, Karten spielen, zechen sah. Auch Gold- und Silbergeräth sah er aufgehäuft, Säcke mit klingender Münze getragen. Wieherndes Lachen erschallte. Plötzlich folgten ängstliche Ausrufe des Schreckens über Verrath. Dann blinkende gezückte Messer, geladene Pistolen; er hörte fluchen mit einer Mischsprache von Holländisch, Deutsch, Jüdisch und Französisch. Nichts aber hatte sich unauslöschlicher seinem Gedächtniß eingeprägt, als jener Schreckensaugenblick des Brandes, des Hülfejammerns, des Sprunges aus dem Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon lange, als könnte es gar nicht gewesen sein und wäre nur die Erinnerung einer Erzählung, die er gelernt hatte mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Aber die Wirklichkeit machte ihre Rechte geltend. Das Schreckenvolle dieser Erinnerungen wurde durch ein ihm eingebranntes Mal immer wieder aufs neue bestätigt. Ein Jahr nach jener Flucht erhielt auch er dies Mal eingebrannt. Zwar hatte beide Knaben ein der Hehlerbande angehörender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am Fuße eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten, hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den Zurüstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge, bis sie dem Scharfrichter zur Last fielen und sie von ihm der Regierung ausgeliefert wurden. Diese gab ihnen den üblichen Stempel und lieferte den ältesten zu Schiffe nach Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den Galeeren saß; den dritten gab sie einer in Rotterdam zufällig anwesenden Kunstreitergesellschaft. – Auch diese Trennung von seinen beiden Gefährten war Terschka unvergeßlich. Der gutmüthige Franz Bosbeck, der jetzige Bruder »Abtödter«, weinte zwar nicht, wie er und Jean Picard 98 thaten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Wenzel von Terschka war von seinem siebenten Jahre an bis zu seinem vierzehnten ein Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm nach den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heyum Picard sogar gerichtlich bescheinigt. Noch aber lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung der Vater- und Heimatsrechte für ein unmündiges, so wenig empfohlenes Kind, setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im Kriege lag, niemand durch. Halb Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer holländischen Kunstreitertruppe. Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berühmten Jân von Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und Gewandtheit übertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London, in den Seestädten, erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam das Unglück hatte, ein Bein zu brechen. Jetzt begann der große Völkerkrieg gegen Frankreich; die Truppe löste sich auf. Den langsam Geheilten nahm ein aus Holland heimkehrender Schweizersoldat mit sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden. Zu Stanz war es, am Vierwaldstättersee, wo 1816 für die neue Befestigung der restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde. Wenzel von Terschka, siebzehnjährig, nahm von den römischen Werbern, die, wie für Neapel dies geschah. so auch für den Kirchenstaat, eine ansehnliche Truppenmacht zum Schutz für unzuverlässige, erst neu hergestellte Zustände zusammenbrachten, Handgeld. Als Lanzenreiter ging er nach Rom. An Gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem äußerlich zwar unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticität begabten Jüngling nicht. Seine Reitkunst übertraf alles. Muth 99 und persönliche Tapferkeit waren ihm nicht abzusprechen, obgleich die ihm eigene Weise von derjenigen seiner fest und sicherer auftretenden überwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzustände, ihre Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge, der Verkehr der aus den alten Landesgeschlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng geschiedener, das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letztern völlig unmögliches. Indeß wurde Wenzel von Terschka bald Instructor der Reitschule. Voll Unmuth jedoch über die Dienststrenge und von einem sein Gemüth durchwühlenden Ehrgeiz getrieben, offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe. Dieser, als Feldprediger, gehörte den Schweizern an und erwarb ihm für seine Wünsche um höheres Avancement keine Erhörung. In dem immer mehr sich deshalb steigernden Unmuth verlebte Terschka auf dem schönen classischen Boden qualvolle Jahre. Die täglichen Uebungen auf der römischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den dürftigen, vom Rosseshuf so vieler Kriege und Völkerwanderungen zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen stimmten ihn oft zur Verzweiflung. Dann versuchte er den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen vom päpstlichen Regiment selbst organisirt wurden; aber sein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen derjenigen Krieger, bei denen er nun einmal stand. Zuletzt reclamirte er seine österreichische Unterthanenschaft beim kaiserlich österreichischen Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm die von ihm erbetenen Eröffnungen über seine in Böhmen befindliche Familie und sein mütterliches Vermögen zukommen sollten. Der strenge geregelte Gang des ganzen römischen Lebens jedoch, diese sich überall dort (wie in einem weitläufigen Palast, wo uns an jeder Treppe von Schildwachen eine strenge Zurückweisung zu Theil wird, wo uns jede Thür ihre 100 feierliche Aufschrift und ihr drohendes Wappen entgegenhält) beklemmend und angsterweckend gebende Geschäftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne, die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trümmern der denkwürdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten großen Thermen, die man nicht sehen kann, ohne an die grausamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern erst kostbar gemästet wurden, um dann als Fraß für die wilden Thiere oder, waren es Prätorianer, für den nicht endenden grausamen Krieg und die noch größere Grausamkeit der anstrengendsten Fußmärsche und Seereisen – von Indien nach Britannien – zu dienen. Oft kam ihm zwischen den einsamen weidenbewachsenen Hügeln, beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres, der Gedanke an Selbstmord, an Flucht, Desertion; zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die strafende Kugel nicht mehr. Da erlöste ihn von dem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der Monotonie, der Abhängigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall. Nicht das Bedürfniß nach Vertiefung seines regen Geistes war es, das ihn Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhaßten Lebens leicht achten ließ; nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Leidenschaft tobte sich aus, als er zum zweiten mal ein Unglück zu Roß erlebte und, von einem für unbezähmbar geltenden Neapolitaner abgeworfen, für todt auf dem Platze blieb. Sein Wagemuth war durch Umstände herausgefordert, die fast an die Zeiten seines Kunstreiterthums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich 1821 ausgezeichnet bei Unterdrückung der Aufstände des Montserrat und Piemont. Don Tiburzio Ceccone, der jüngere Sproß einer Familie der Nobili, war als Vorsitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonarischen 101 Verschwörungen in kurzer Zeit zur höchsten Würde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle Sage ging, wie Holofernes von Judith, so von einem fanatischen Bürgermädchen Namens Lucrezia Biancchi beinahe ermordet worden und 1823 saß bei einem Besuche, den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschön – wie es hieß, seine »Nichte«, wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind – eben jener Lucrezia Biancchi, die im Kloster der »Lebendigbegrabenen« noch leben sollte –! Neben beiden in angemessener Entfernung, doch nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen, üppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit rothen Strümpfen die Antwort schuldig zu bleiben, saß, zwar nicht mehr in erster Jugendblüte, aber immer noch mit dem Schönheitsausdruck römischer Imperatorenmütter und wie eine gekrönte Heroine, die Herzogin von Amarillas, eine frühere Sängerin Fulvia Maldachini. Ringsumher Würdenträger des römischen Hofes, auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmückten Estrade zuschauend den Reitkünsten der Arena. Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen würde bei dem Anblick gesprochen haben: »Offenbarung Johannis 16: Und ich sahe das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Thiere und sie war bekleidet mit Scharlach- und Rosinfarbe und übergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand, voll Greuel, und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu –.« Wie anmuthig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich alles das in Wirklichkeit! Lachen und fröhliche Lust auf den Mienen, ganz so rein wie der tiefblaue Himmel über ihnen, wo nur wenige rosige Wölkchen wie kleine Montgolfieren 102 schwammen! Die Trompeten schmetterten. Das störte eine Nachtigall nicht, die sich nebenan in den Syringenbüschen einsam glaubte unter ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulenschaften. Wie schwatzte man durcheinander! Im Kreise gingen Sorbets, die der Koch Ceccone's bereitete, dann und wann mit seiner weißen Tellermütze hervorlugend hinter einem improvisirten, teppichbehangenen Verschlage. Terrassenartig stiegen rings die Hügel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsäulen und Thermenbögen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena, der schnaubenden Rosse und einer Quadrille, ausgeführt von den besten Lanzenreitern auf Rossen, die zu tanzen schienen. Neue kleine goldene Scudis waren geprägt worden mit dem Bildniß des Stellvertreters Christi, zierliche kleine Halbdukaten, auf der Reversseite mit beziehungsreicher Inschrift für den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens. Eine Büchse voll davon rüttelt die kleine Olympia, wie die vierjährige Nichte genannt wurde, und plaudert und plaudert, wie viel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge, der jetzt die schöne Quadrille zu Pferde tanze. Kein Sirocco weht. Leichte milde Frühlingsluft nach langem Regen. Ein Duft ringsum, wie hergefächelt aus den Gärten der Hesperiden. Und nun macht sogar Ceccone ganz ungeistliche Witze und spricht, wenn die Rosse sich nicht nach Sitte aufführen, zu einem Mitglied des diplomatischen Corps – von »Hesperidenäpfeln«. Frägt dann rasch die Frau des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu'est-il qu'il a dit? so citirt Eminenz selbst mit graziös lächelnder Miene und so, wie eben auch nur ein Cardinal lächeln kann, einen Vers aus Guarini's Schäfergedichten. Luft, Sonne, Licht, Farbe – Glück und Wonne ringsum – aber Wenzel von Terschka's Solo mislang. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebändigt, wie die Revolution General 103 Pepe's. Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn für todt. Dort heraus ragt das Coliseum, wo in solchen Fällen ruhig die alten Opfer aus den Schranken hinausgetragen wurden und der Römer gleichgültig zur Tagesordnung, einem neuen Kämpfer, überging. Jetzt entsühnt ein Kreuz die wilde Stätte und – was schuldigst du auch nur ewig Rom so ungebührlich an, greise waldensische Herrin von Castellungo! – das Carrousel – hört sogleich auf. Man trägt den für todt Erklärten in das Ospizio de Benfratelli . Vorläufig wird die halbe Büchse voll Paolis für ihn allein bestimmt. Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf. Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen. Ecclesia abhorret sanguinem – »Die Kirche will kein Blut.« Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! Man erfuhr: Drei Rippen waren ihm gebrochen, das Uebrige zur Besinnungslosigkeit that die Erschütterung. Nun hörte man vollends noch, der Unglückliche trüge einen adeligen Namen. Die besonderste Obhut nahm ihn nun in Schutz. Drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war endlich geheilt. Er erklärte, kein Roß mehr besteigen zu können und keines mehr besteigen zu wollen. Er erbittet seinen Abschied und erhält ihn. In der That schleicht er siech und elend zu Roms Gassen am Stabe dahin. Aus Böhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, daß schon vor Jahren die Verlassenschaft seiner Mutter in Concurs gerathen war; eine Feuersbrunst hatte ihr unversichertes Eigenthum entwerthet. Uebrigens dachte er auch nicht mehr gern an Verwandte, die Bäcker waren. So voll Ehrgeiz steckte er, daß es ihn ärgerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren führte, an dem kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: 104 Sehen Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Bäcker gewesen! Das Backen haben die Römer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt! Alle diese alten Bilder an den Grabmälern sind deutsche Bäckermeister! Thatsächlich. Terschka sah kaum hinüber. Er blickte nur hinauf zu den Zimmern des Papstes, zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk höher als der Papst wohnte. Den Priestern, die im Hospital dienen, erklärte er endlich. als er völlig geheilt war, und mit zagender Schüchternheit, daß er Lust verspüre, in den geistlichen Stand zu treten. Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders zu diesem zog es Terschka, da er sich bei alledem die Kraft zu einem still beschaulichen Leben nicht zutraute. Nun war er vierundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt, außer ein paar lebenden Sprachen. Aber sein Geist war mächtig entwickelt gleich seinem Körper – er, der zwei Monate zu früh ins Leben gekommen! Sein Wunsch war ein Wagniß, das ihm mislingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er hatte den Muth, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: »Du süße himmlische Kleine! Sei mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht wieder, wie die irdischen, im Stich lassen sollen! Ich will für dich beten bei Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter so nahe steht! Hilf mir auf diesen Weg, du süßer Engel!« . . . Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die ihre Tugend opferte, um den »Haß des Menschengeschlechts«, wie den obersten Richter der Prevotalhöfe die Carbonari nannten, zu tödten, hüpfte mit diesen Zeilen zur 105 Herzogin von Amarillas, ihrer Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnte – Tiburzio Ceccone lebte auf fürstlichem Fuß und erzog die Tochter der im Kloster der Vivi sepulti gefangen und als »irrsinnig« lebenden Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie seine eigene – was gab es da nicht alles zu verschweigen, was nicht mit Schleiern zu bedecken –! Sogar den Proceß hatte man der neuen Judith nicht machen können – eben deshalb nicht, weil sie durch einen Priester Mutter geworden war. Abends beim Thee zeigte die Herzogin dem Cardinal die in leidlichen Versen vorgetragene Bitte des jungen Schweizerlanciers; der Cardinal mit seinem feurigen Cäsarenkopf lachte und Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollständig kannte, klopfte eines Tages – an die Pforte des Collegio al Gesù . Kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol und lasset zur Rechten jene Kapuzinerkirche, wo eine kleine hölzerne Figur, in die Gewänder eines Wickelkindes eingeschlagen, »Bambino« genannt, als Jesuskind gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen, ja sogar in Procession aus der Kirche abgeholt wird zu Sterbenden oder Wöchnerinnen, so steht ihr an einem kleinen Platz vor einer Kirche, der reichsten in Rom, nicht der geschmackvollsten. Die Façade, die innere Ausschmückung gehört der Kunstepoche Bernini's an. Wagen über Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen berühren die seidenen Gewänder der vornehmsten Damen und reißen den Eintretenden große lederne Decken auf, welche die Vorhänge der Thüren bilden. Drinnen empfängt dich ein mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden. Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt in Rom wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmäler stehen mit Statuen von großen Meistern geschmückt, 106 kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die bequeme Einrichtung, daß sie unter sich durch Thüren zusammenhängen und als trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flüsternd verweilen oder einer im Schiff laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann. Am östlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthür. Sie führt den Durchgehenden auf steinernem Fußboden in einen Nebenausgang – man sieht einen düstern Hof, in welchen Fenster eines großen todtenstillen Gebäudes hinausgehen, das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefängniß ist es, obgleich die Fenster vergittert, ja theilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Collegium der Jesuiten. Terschka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert. Ein Oberer empfing ihn, legte ihm Fragen vor und – wiederholte diese Fragen noch einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. Sonderbar, er fragte sogar nach Dingen, die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er soeben aus Terschka's Antworten gehört hatte. Terschka sagte dann auch befremdet: Ehrwürdiger Vater, ich hatte bereits bemerkt –! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine todte Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht griechisch verstehen –. Terschka ging. Der Obere nickte ihm freundlich nach. Niemand ließ sich aber wieder bei ihm sehen. Er wohnte noch immer bei den Benfratellen. Er war vergessen; wochenlang. Tag um Tag verging. Terschka gerieth außer sich. Die Benfratellen klärten ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur deshalb stellte er sich Ihnen vergeßlich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich bei Ihnen eine heftige Selbständigkeit Ihres Wesens zeigen würde. Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung über sich selbst wollte er wieder an die kleine Olympia schreiben. Thun Sie das ja nicht! hieß es allgemein. So geh' 107 ich noch einmal zum Obern! »Er wird Sie abweisen! Warten Sie in Geduld!« Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief man ihn in der That wieder. Er hatte »Geduld« bewiesen. Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, daß er sich beherrscht und nicht gemahnt hätte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon ruhiger und mit größerer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn jetzt sogleich hier! und Terschka erwiderte: Aber, mein ehrwürdiger Vater, ich habe erst meine Sachen zu ordnen! da veränderten sich die Gesichtszüge des Examinators. Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als man vorausgesetzt. Er ging, nunmehr schon seine wiederholte Verkehrtheit ahnend. Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten mußte! Der Novize seufzte, aber er war demüthig geworden. Sehnsüchtig ging er an dem Collegio vorüber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebäudes auf; jede Wallung, anzuklingeln und sich zu Erinnerung zu bringen, unterdrückte er, und als man ihn dann endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm angewiesene Zimmer. Man gab ihm ein Neues Testament, den Thomas a Kempis und Rodriguez über die Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er mußte dies und überhaupt alles von vorn an erlernen – in seinem vierundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von zwei zu zwei Stunden bald von diesem, bald von jenem Ordensgliede empfing, verließen ihn mit dem Zeugniß, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge Novize besäße Geist und seltene Welterfahrung. Außerordentlich schien er gefallen zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich beantworten mußte. Er konnte es deutsch oder italienisch thun. 108 Schon in dieser Aufforderung zur vollständigen Darlegung seines Lebens lag für ihn ein Anlaß zu mancherlei Besorgniß. Sein Leben enthielt so gefahrvolle Dunkelheiten. Das Mal am linken Arme. Sein erster Beruf der einer schnöden Schaustellung seiner Person. Wie konnte er auf eine künftige Priesterweihe hoffen. Er verzweifelte; zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern ganz schon den Muth. Auch war es ihm fast, als käme man hier immer am siegreichsten durch, wenn man sich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloß darstellte, wie man wirklich war. Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein, als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stieß, wo es hieß, daß er noch sechs Monate außerhalb des Hauses der Gesellschaft leben müßte und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verloren! Von jetzt an – es war zur Zeit der Sommermitte – bis zu Weihnachten wieder in einen nur halben Zustand zurückversetzt, wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens? Er hoffte auf Erlaß dieser Bedingung und hielt sie für eine nur gewohnheitsgemäß beibehaltene, aber außer Uebung gekommene alte Förmlichkeit. Man holte das Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil, schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte, herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt, daß er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte: einen Monat sollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San-Michele Kranke pflegen, einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch 109 Betteln suchen; dann zurückkehrend sollte er im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen; im fünften Monat aber in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion unterrichten und im sechsten Monat allen Predigten beiwohnen, deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden, und darüber Referate liefern und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache lernen. Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung, aber schon band er sein Bündel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfüllen. Sein Auge blinzelte; er hatte bereits bemerkt, daß, wie beim Opfer Abraham's, hier der Wille zuweilen für die That genommen wurde; er hatte bemerkt, daß man allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht. Und in der That, man ließ ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und Jünglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem mächtigen Gebäude war auch für diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lächelte seines Alters, sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache – Pater Xaver war aus dem Innviertel. Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel mußte Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um fünf Uhr mußte er aufstehen, das Sakrament in einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen, sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Frühstück nehmen, zu dem noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends, wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfohlen haben mußten. So zuerst acht Tage lang. Dann 110 aber wurden die Vorschriften leichter. Glückliche Hoffnung, die ihn beseelte, er würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen! Sie erfüllte sich theilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen zu, deren Unterricht er zu theilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne Bart verweilen und von vorn Latein beginnen zu müssen, beflügelte seinen Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was ungestüm der natürliche Mensch zu fordern pflegt– saß hier auf der Schulbank; sein Kleid und sein physischer Bau ließen ihn dabei äußerlich so jung erscheinen wie die neunzehnjährigen. Seltene, aber glückliche Stunden waren es, wenn die rothgekleidete Schar in den ihr eigenthümlich angehörenden Weinberg wandern durfte, um dort einen Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend, zuzubringen. Dieser Weinberg lag nicht weit von Terschka's ehemaliger Kaserne, auf den Höhen des Monte Cölio, dicht an einer Kirche, die von außen die merkwürdigste, von innen die abschreckendste aller römischen Kirchen ist. Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, denkwürdigen Bau, der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist. Ausschließlich scheint sie dem Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agathe auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatzen in das Fleisch eines nackten Jünglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Füßen an flüchtige Pferde gebunden, dahingeschleift – es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom Erholung finden sollen! Wahrhaft erquickend war da der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschüler erfreuten sich damals dieser Gunst öfter noch, als die 111 rothen; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser rothen Jünglinge schätzen. Wie berauschend, wie ewig an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen haushohen kühlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da ein Kegelspiel, Trucco genannt, zu spielen! Unter dieser Fülle von Oleandern, blühenden Aloes und Cactus! Unter diesen zahllosen Orangenbäumen, deren Blüten die Luft mit berauschendem Duft erfüllen! Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schäumen – aber auf diesem hochgelegenen Hügel verbirgt sich hinter einer chinesisch absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Päpste geworden), ein stiller Garten, geschmückt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beschnitten sind die edelsten Platanen, daß es unter ihnen bei glühender Mittagshitze kühl ist, Springbrunnen plätschern, die Lacerten schleichen unter den großen, bis zum Boden wuchernden Feigenblättern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen – die Wege sind so schmal, daß man nur fast allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten kann. Hier reinigte die balsamische Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnlichen Höhe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon für ein halbes Leben Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, daß er wieder zum Kinde geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die, rings umschlossen von Epheu und Myrte, in den Boskets standen und Frauenbilder der alten Römerzeit von seltener Schönheit darstellten. Zwei dieser Hermen erklärte er, wie in still unterdrückter, noch nicht abgeschworener Liebesglut, für die Herzogin von Amarillas und das künftige 112 Jungfrauenbild der kleinen Olympia. Sie sind noch jetzt von jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nähe der Treibhäuser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Köpfe voll Starrheit, Verwegenheit und jener Sphinxschönheit, die Terschka in seinem spätern Leben nur zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden – unter den Offizieren in Kiel sagte er's damals. Nachdem Terschka, nach zweijährigen Studien unter den deutschen Schülern, wieder ins Collegium hinuntergezogen war, gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoß. Sein vergangenes Leben widersprach den Ansprüchen, welche die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Körpers, keine schwächlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht – auch Pater Sebastus hatte noch nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich Erhöhung zu verschaffen und die Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und Knabe unter Räubern und Gauklern lebte, durchzusetzen. War doch mancher vornehme römische Prälat verdächtigem Gesindel der Sabinerberge entstammt. Und eine thatkräftige Natur muß zu einem Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut vielleicht später die Anstrengungen, die sie machte, des nicht befriedigenden Lohnes wegen; aber den Werth des Lohnes, ahnt man auch schon seine Geringfügigkeit, erwägt derjenige nicht, dem eine Laufbahn Mühen macht und der Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den ihn außerordentlich gravirenden Anstoß des Brandmals auf seinem Arm, das durch nichts hinwegzutilgen war, das jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, überwand seine Geduld, sein inbrünstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmöglich es fast war, außerhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu 113 unterhalten, Terschka übersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder ein Sonett an Olympia Maldachini. Die Kleine, die als Italienerin von sechs Jahren schon so entwickelt und willensstark war, wie eine Deutsche von zehn, setzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch. Die Väter lächelten und schienen eigenthümliche Pläne zu haben. Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strümpfe und Schuhe, sein Haupthaar wurde geschoren. Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tisch der Novizenmeister den übrigen Novizen zu. Gräfin Erdmuthe hatte mit ihrem Ausruf, als sie zum ersten mal Terschka's ansichtig wurde, Recht gehabt. Terschka war Jesuit. 114 10. Terschka zählte schon sechsundzwanzig Jahre, als er Profeß der drei Gelübde wurde, der Armuth, der Keuschheit, des Gehorsams. Nach Verlauf von drei Jahren wurde er ein Priester von allen Weihen. Zwei Jahre später, kurz vor der Julirevolution, legte er das vierte Gelübde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes Sichverwendenlassen für jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel seiner Wünsche. Und auch keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt mehr als ein Studirter sein Wissen, das er sich mühsam erworben hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung als ein von früher Jugend an Geschulter. Und welche Bewährungen gab es nicht! Dienen mußte er unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen hin oft auch schon souverän befehlen. Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf der einen Leiter gab zugleich auch auf einer andern eine Stufe der Erhöhung. Er besuchte die Hörsäle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Universität. Hier, wo Hebräisch und – Physik nicht nur in demselben Auditorium, sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird, legte er den Grund zu einer Fülle von Thatsachen, die sein Inneres mächtig hoben. Und diese Erweckung, diese stete Gegenständlichkeit und Bewußtheit des Denkens! Schon die Anleitung zu den »Vorspielen« 115 des Geistes oder zur »Erleuchtung« –! Bonaventura kannte sie, diese Künste der »geistigen Lesung« und der »Vorspiele« –! Eine Betrachtung z. B. über das Verjagen der Wechsler aus dem Tempel mußte nach Jesuitenhomiletik in folgender Art angestellt und geordnet sein: Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlägt im Collegium plötzlich eine Glocke – mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen unmittelbar gegenwärtig, fällt auf die Kniee, küßt die Erde und beginnt die lebendigste Phantasievorspiegelung eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Säulen, mit einer, wie beim Pantheon, halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen Reihe von Buden. Das Geld klimpert, die Wechsler, ganz wie sie nur auf der Via Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleonsd'ors und Papierscheinen, dieselben Wucherer mit Habichtnasen, wie sie unter den Tuchhallen am Eingang des Ghetto zum Kauf einladen, ihre Waaren anbieten müssen, übervortheilen, schreien – schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des Ministranten. Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen, die Farbe des Rocks ist roth, der Ueberwurf blau, die Jünger stehen neben ihm. Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die der heiligsten Procession sich schon verneigen. Da ergreift Christus – vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) – die Geißel, wirft die Tische um, das Geld rollt weit auf die Straße hinaus, das Volk wagt nicht es aufzuraffen, denn der heilige Zorn ist wie Donnerrollen, sein Auge wie Feuerlohe. »Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht es zur Mördergrube!« Das schallt dann in die Welt hinaus – Nutzanwendung – endlich Gebet! So muß nach Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte unmittelbar und mit 116 Farben der Gegenwart erfaßt, so umschrieben, so in seine kleinsten Bestandtheile zerlegt werden und dabei die Gedanken ordnung nur innerhalb der Ruhestationen des sinnlichen Vorgangs gewählt werden. Die Wechsler: das ist die Sünde! Der Augenblick der Reinigung: das ist die Buße. Der Zustand nachher im Tempel: das ist die Erlösung. Endlich die Vergleichung mit unserer Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innerste Herz – bis das Ganze dann im »Colloquium mit Gott«, mit Gebet, schließt. In dieser Weise wollte Müllenhoff versuchen, auch die Exercitien auf dem Schloß der Frau von Sicking einzurichten. Etwas zu spanisch und italienisch für uns! hatte ihm Bonaventura gleich erwidert. Immer mehr Bewährungen gab es für Wenzel von Terschka. Sogar seine ritterlichen Künste boten Gelegenheit dazu; sie wurden sogar absichtlich und ausdrücklich von den Vätern befördert. Die jungen Geistlichen bestiegen zwar nicht das Roß, aber sie turnten und voltigirten; Reck und Barren fehlten in den Uebungssälen nicht. Da und dort beaufsichtigten sie auch die Erziehungsanstalten. Hier besonders bewunderte man den »Pater Stanislaus«! Denn »Stanislaus« nannte sich Terschka nach dem heiligen Stanislaus von Kostka, jenem jungen Polen. dessen erster Lebensschmerz damit begonnen hatte, daß er 1564 von seinem Hofmeister und seinem älteren Bruder gezwungen wurde, zu Wien im Hause eines Lutheraners – zu wohnen! Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloysius, unsers Thiebold Beichtvorbild, ganz elend, kam von allen Kräften, näherte sich dem Tode. Da entbehrte er die heilige Wegzehrung, die der lutherische Wiener nicht in sein Haus gebracht sehen wollte. Nun erschien dem Knaben die heilige Barbara, zur Seite mit zwei Engeln, und brachte ihm die ersehnte Speise. Doch er sollte nicht sterben. Maria kam in jeder Nacht und setzte auf die Decke 117 seines Bettes das Jesuskind und sagte ihm jedesmal, nachdem er mit ihm gespielt hatte: Stanislaus, tritt in die Gesellschaft Jesu! Stanislaus von Kostka fand nirgends für seinen Wunsch in Wien ein Gehör. Der Provinzial der Jesuiten verlangte erst eine väterliche Bescheinigung. Sein Vater, ein Senator der Krone Polens, schrieb von seinem Schlosse Rostkau in Posenschen, daß er nimmermehr diesen Beruf seines Sohnes wünschen könnte. Stanislaus flehte den apostolischen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Thür er wollte, niemand erwies ihm – damals in Wien – die Gnade, ihn Jesuit werden zu lassen. Da rieth ihm der Provinzial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unserm General selbst! Also that er. Er entsprang seinem Hofmeister und seinem Bruder, zog Bettlerkleider an und ging über Augsburg zunächst nach Dillingen. Hier im Jesuitenkloster mußte er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren. Canisius, der berühmte Moral lehrer der Jesuiten, entließ einen seinem Vater entsprungenen Sohn völlig einverstanden gen Rom. Franz Borgia empfing ihn dort voll Güte und schützte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators, der die Diplomatie zu Hülfe rief, um sein Vaterrecht zu behaupten. Stanislaus wurde Priester. Er war ein Muster jener »süßen Andacht«, die ein Antlitz wie mit Rosen verklären kann. Ihm mußte befohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das Verbot wiederholte sich und wurde sein Todesstoß. An den Folgen der Wehmuth, daß man seine Andachtsglut so oft unterbrach, starb der Jüngling, achtzehn Jahre alt. Man sprach »den Märtyrer des verweigerten Betens« heilig. Als es bei Terschka's Priesterweihe gerade drei Bewerber um den Namen Stanislaus gab, hatte Wenzel von Terschka als Slawe das Vorrecht. Dafür mußte er zu der Kapelle San-Andrea, dicht in der Nähe der schönen Gärten des Quirinals, drei Nächte an dem Bilde 118 seines Heiligen wachen, an jener Statue, die den sterbenden Jüngling Stanislaus von Kostka darstellt – der Körper von weißem, die Kleider von schwarzem, das Bett von gelbem Marmor. Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten, einem Holländer, gerufen und erfuhr von ihm in holländischer Sprache folgende, ihn mächtig ergreifende Anrede: Pater Stanislaus! Die Stunde ist gekommen, wo Sie durch Bewährung im Dienste Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen können! Der Pater verneigte sich. Er ahnte einen schon seit lange mit ihm bezweckten Plan. Es sind Ihnen große Indulgenzen zu Theil geworden! fuhr der General fort. Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren, die zu den seltensten Fällen gehören! Der Empfehlung Ihrer Gönner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein. Terschka verneigte sich tiefübereinstimmend. In den letzten Jahren war eine besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr ersichtlich gewesen, er bedurfte sie auch nicht; seine Anschlägigkeit fing an sich alle Wege zu bahnen, und er selbst war mit seiner Lage zufrieden. Ich ließ einen Rath über Sie halten! begann der General aufs neue. Man sprach für Sie und auch, wie es das Gesetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den Ausschlag, die, daß Sie vermöge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten dadurch dienen würden, wenn Sie – in die Welt zurückkehren! Ein Redner – das würden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe; Ihr praktischer Sinn wäre es, in welchem sich alle Ihre Vorzüge und – Ihre Fehler zu einer möglichst guten Nutzanwendung vereinigten! Terschka's schon gründlich jesuitisch gewordenes Naturell grübelte, wer wol sein Ankläger gewesen sein mochte. Dergleichen war schwer zu erforschen – seiner schmiegsamen Natur gelang 119 es vielleicht; er wußte jedoch, diese Contras mußten bei einem Bericht stattfinden, Fehler mußten – mit Gewalt aufgesucht werden, nur um dem Princip der Gerechtigkeit nichts zu vergeben. Täglich wurde man so geübt im Beurtheilen der andern. Gingen zwei Jesuiten spazieren, so mußte einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten. Der General, der die in Terschka's Innern sich entwickelnden Gedankenreihen übersah, fuhr auch fort: Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand. Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren ließe; nur sind die Gaben mannichfach vertheilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr mußte er Ihnen vom Andern lassen! Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent – das Talent, sich beliebt zu machen! Viele versuchen sich darin. Nie aber sah ich so glückliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie werden in Wahrheit von uns allen vermißt werden. Pater Stanislaus lächelte bescheiden und harrte voll Spannung. Der Auftrag, der Ihnen ertheilt wird, hängt mit unsern Missionen zusammen – Mit unsern Missionen! Terschka erwartete ein Reiseziel – jenseit der Meere –! Seine Wünsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, große Gefahren bestehen zu müssen, nicht eben lockend für ihn. Dennoch beherrschte er sich. Jetzt sogar lächelte der General. Er mußte Pater Stanislaus bewundern, der nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruß zu äußern wagte. Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung unsers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunächst auf den großen deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, daß Oesterreich kurz nach dem Schisma, das die Kirche dem abgefallenen 120 Augustinermönch verdankt, zu sieben Achttheilen – zu sieben Achttheilen! – von Rom abgefallen war. In Wien konnte ein Lutheraner sagen: In mein Haus lass' ich die heilige Wegzehrung nicht bringen! Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche zurückgeführt worden. Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach. Sei Ihnen vorläufig diese Mittheilung über Ihre künftige Verwendung – als Anlaß zur – Prolusio hiermit empfohlen. Damit war Pater Stanislaus für heute entlassen. Zur »Prolusio« –! Zum Vorspiel der Phantasie –! Ja wie nahm auch jetzt das Wort des Generals den ganzen Menschen gefangen! Terschka war Mönch, Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt – und dennoch hatte er dienen müssen, dienen in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft versprach. Er ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar. Nichts hatte er gewußt als einige lebende Sprachen, er wurde durch den Orden ein Mann höherer Bildung. Daß es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die ihm gerade hier zu Theil wurden, ahnte er, aber er mußte die vorziehen, die das aus ihm machten, was er anders für jetzt nicht hätte werden können. In der That besaß er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewährte er sich nicht. Nur in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet wurde, gab es vielerlei von ihm glücklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstände; Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von je und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, welche Jesuiten lenken. Terschka hatte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen gelernt, die ihn wahrhaft blendete. Was nur im Menschen über den 121 schwierigen Unterschied zwischen »Gut« und »Böse« schlummert, hier fand er Aussprüche dafür voll Kühnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der That getrennt, daß beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben; er konnte die That unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur ein Ergebniß – der Natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die That zum Ergebniß der Umstände macht. In den mislichsten Situationen deckt sie immer noch dem Willen den Rücken. Listig und verschlagen, wie Terschka's Sinn von Natur war – wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bösen, doch aus Bedürfniß, seine Kraft zu üben und um der Voraussetzung willen, daß eben Bildung, diese ersehnte Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden müßte und es mit sich brächte, überall Widerstand zu leisten – lernte er, Bildung wäre die Kunst, sich spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewaltthätigkeit das Leben dienstbar zu machen. Welche Vorstellungen weckte jetzt die »Prolusio«! Eine Mission nach Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege, die einst eingeschlagen wurden, um sieben Achttheile einer großen Bevölkerung wieder in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zurückzuführen! Seine eigene Herkunft war vielleicht eine hussitische! Welche Studien weckte diese Anregung aus dem Gebiet der Geschichte, welche aus dem Gebiet der menschlichen Seele! Pater Stanislaus brannte auf die Enthüllungen, die ihm würden zu Theil werden. Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Böhmen oder auf Ungarn, wo noch genug Protestanten lebten. Verstand mußte zu seiner Aufgabe gehören; denn das durfte er sich sagen: 122 von seinem Namensheiligen hatte er durchaus nichts, nichts, was auch seinem Antlitz einen rosigen Verklärungsschimmer gegeben hätte. Wenn er betete – ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, nie gegeben worden. Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewißheit des jungen Professen ein Ende. Ihre Vorfahren, sagte er, eine Ahnung Terschka's bestätigend, als beide wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des Generals waren, Ihre Vorfahren waren Hussiten! Abtrünnige waren sie schon vor Luther! Wir haben deren in Italien noch frühere, die Waldenser! Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerstörbarer Kraft im Piemont! Eine Gräfin von Salem-Camphausen, die hinterlassene Witwe eines österreichischen hohen Militärs, Protestantin, beschützt sie von einem ihr angehörenden Schlosse Castellungo aus! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante, in dem blühenden Thal, das sich vom Alpenpaß des Col de Tende abwärts senkt! Die Umtriebe dieser Frau überschreiten alles Maß! Sie hat die Könige von Preußen, England, Schweden und Holland aufgerufen, um den Waldensern größere Freiheiten zu gewinnen, als sie unter einer rechtgläubigen Bevölkerung in Anspruch nehmen dürfen! Gelang es schon in alten Tagen, das schöne Salzburg zu entvölkern und seiner reichsten Unterthanen zu berauben, die man zuerst mit dem Gift der kaum überwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die protestantischen Lande lockte; gelang es erst in unsern Tagen, sogar aus dem altgläubigen, gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls ganz zurückzuerobernden Schlesien zu entführen: wie soll es werden, wenn mit Hülfe Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechthaberisches Bibellesen und streitsüchtiges Dogma sich verbreitet? Dem Frevel dieser deutschen Gräfin ist ein Ziel zu 123 setzen! Für ihre Dreistigkeit gebührt ihr ebenso eine Züchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die sie erringt oder erringen könnte. Die Aufregung des Generals war so groß, daß er aus der italienischen Sprache wieder in sein heimatliches Idiom verfiel. Terschka konnte ihm da, wie er wußte, mit völligem Verständniß folgen. Diese gefährliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in diesem Augenblick noch bei einem kaiserlichen Reiterregiment als Lieutenant steht. Er wird aufsteigen. Sein Glaubensbekenntniß ist das seiner Mutter. Sein Name ist ein hochgefeierter, wenn auch seine Mittel gemessen sind. Binnen kurzem dürften ihm bedeutende Reichthümer zufallen; denn eine zweite, rechtgläubige Linie seines Geschlechts, im Innern Deutschlands, ist im Begriff auszusterben. Zwar existirt, soll existiren eine alte Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter welcher die wiener Linie diese großen Besitzungen der andern Linie anzutreten berechtigt ist, die Religion der aussterbenden sein muß. Diese Urkunde findet sich leider nicht. Sie wird seit Jahren gesucht. Terschka horchte nur immer. Ein eignes Urtheil zu fällen wurde er nicht aufgefordert und fällte keines. Er wartete auf die genauere Angabe des Gegenstandes, auf den er zu achten hatte. Vom weisen Rathschluß der Väter seines Ordens war er vollkommen überzeugt. Der General verweilte nicht bei der Urkunde, sprach nicht vom Talent jenes deutschen Convertiten, des Pfälzers Kaspar Scioppius, der sein ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hatte und einer der berüchtigtsten Falsarien war. Unter der Autorität von Kaisern und Königen und mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle fälschte er im 17. Jahrhundert Stammbäume und Urkunden, veranlaßte dadurch Processe und entschied 124 sie. Vierzehn Jahre lebte Scioppius in Padua bei verschlossenen Thüren, aus Furcht, von seinen Gegnern, die zufällig leider – Jesuiten waren, ermordet zu werden. Er haßte sie und sie haßten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht seiner Falsa wegen, sondern – weil sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen im Gegentheil vorwarf, daß sie keins schreiben könnten. Terschka lauschte mit athemloser Spannung; aber auch heute noch blieb die ihm gestellte große Aufgabe wiederholt nur im Stadium der – »Prolusio«. Der General sagte: Findet sich die Urkunde, so ist ein Familienabkommen getroffen, daß sich die letzte Erbin der Dorste-Camphausen mit dem letzten Erben der Salem-Camphausen vermählt – eine Rechtgläubige mit einem Ketzer! Findet sie sich nicht, und alle Zeichen sprechen dafür, so fallen an eine ketzerische Familie unermeßliche Reichthümer, in eine rechtgläubige Provinz kommt ein ketzerisches Element, das Scandalum jener Vorgänge im Piemont findet reichere Nahrung, und alles das von einer Seite her, wo sich die Kirche einer solchen Störung am wenigsten versehen sollte, aus einer Gegend, wo die Wohlthaten der Rechtgläubigkeit ein Gemeingut sind, sodaß Maria Theresia sich bis auf den letzten Augenblick sträubte, jene gottlose Vernichtungsbulle unsers Ordens, die That eines unglücklich Verblendeten, der glücklicherweise nur im Auftrag der uns schützenden und glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte, auch in ihren Staaten zu vollziehen –! Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen. Ueber die Anwendung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Theresia gegen die Bulle » Dominus ac redemptor « kam Pater Stanislaus bald hinweg. Maria Theresia gab der Aufhebung der Jesuiten dann erst ihr Placet, als man ihr, um sie von der Gefährlichkeit, Wortbrüchigkeit, Ungeistlichkeit der Jesuiten zu überzeugen, von ihrer letzten, einem Jesuiten gesprochenen 125 Beichte – aus Madrid eine Abschrift schickte –! Terschka wußte, daß der Orden diesen Verrath auf eine Intrigue der über seinen Fall frohlockenden Dominicaner schob. Aber welche Fülle der Beziehungen doch in dem vom General ihm Mitgetheilten! Welche Aussichten zur Bewährung! Was sollte geschehen, was von ihm gefördert und unterstützt werden? Welche Hülfsmittel, welche Verbindungen gab es für ihn? Wohin hatte er die Reise zu richten? Zu jener so muthvollen, herausfordernden protestantischen Gräfin? Zu jener jüngern katholischen? Sollte die Urkunde gesucht werden? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder, wie so oft, »dirigirt« werden in dem Sinne, daß der junge Offizier seine Confession änderte? Allmählich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen Kriegers ein. Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezügen. Es überkam ihn eine Ahnung, daß man ihn vielleicht in dessen Nähe würde senden. Diese Ahnung betrog ihn nicht. Der General eröffnete ihm nach einiger Zeit, daß er zur Direction des Grafen Hugo von Salem-Camphausen abgeschickt werden sollte. Mitwirkungen und Erleichterungen würden ihm genannt werden. Seine Aufgabe leitete sein Souverän in folgender Weise ein: Wir wünschen, daß Graf Hugo katholisch wird! Die Rücksichten auf seine Mutter und auf ihre Umtriebe, auf jene Provinz und auf die Erbschaft, im eventuellen Fall auf jene Mischehe, sind die nächsten und dringendsten Aufforderungen, drohenden Gefahren zu begegnen. Zuletzt ist auch das Werk schon an sich ein wohlthätiges. Doch ist es nicht leicht. Wir haben über den jungen Krieger Nachrichten, die für eine große Verehrung seiner Mutter sprechen. Solange sie lebt, würde er ihre Irrthümer schonen und ihr schwerlich die Strafe zufügen. die sie schon wegen ihrer Umtriebe gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein plötzliches 126 und schnell errungenes Resultat. Wir arbeiten in allem nicht für die Minute, sondern für das Jahr; ein Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhöhlen – Sehen Sie die Statue des St.-Peter auf dem Vatican! Wer möchte glauben, daß man einen Fußzehen von uralter felsenfester Bronze so allmählich – hinwegküssen kann. Es gehört dazu eben ein Jahrtausend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht. Sie dürfen sich Zeit dazu nehmen. Sie dürfen Ihr ganzes Leben daran setzen und müssen es, um die Absicht nicht zu verrathen, die Sie mit Ihrer Handlungsweise verbinden – Sie legen Ihr geistliches Kleid ab. Der Orden dispensirt Sie von jeder Rücksicht auf Ihren Stand. Sie bleiben, was Sie sind – nie verweht der Duft des heiligen Oels, das Sie salbte! Aber selbst das Zeichen der Demuth auf Ihrem Haupte müssen Sie schwinden lassen – Sie erhalten ein Patent als ein auf unbestimmte Zeit beurlaubter »Rittmeister in päpstlichen Diensten«! Denn gerade darin, daß Sie diesem Anschein, ein Krieger zu sein, wirklich auch zu entsprechen verstehen, lag – liegt der Grund, warum gerade Sie zu dieser Aufgabe gewählt wurden. Wenzel von Terschka stand betäubt. Darum hatte man keinen Anstoß an seiner Vergangenheit genommen! Darum gleich anfangs keine Erinnerung an seine vergangene Laufbahn! Die Aussicht, mit der Erhebung, mit der Bildung, die er jetzt empfangen, aufs neue ein weltliches Leben, wenn auch nur zum Schein, beginnen zu können, machte ihn schwindeln. Der Stand, eine weit höhere gesellschaftliche Stellung, als die sein Vater bekleidete – alles wieder aufs neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt –! Gehoben und gehalten von unsichtbaren, mächtigen Händen – – Kaum vermochte er sich zu sammeln und dem in aller Würde, mit feierlichem Ernst, ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in seinen Einzelheiten zu folgen. 127 Es ist unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder seine Schüler hätten gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet sich nirgends in ihren Constitutionen. Aber einst schon sagte der Dechant von St.-Zeno, Franz von Asselyn, zu Bonaventura, als dieser über ein Pamphlet eiferte, das die »Geheimen Verordnungen« der Jesuiten neu wieder abdrucken ließ: »Du hast Recht. mein Sohn, diese Schrift ist eine Lüge, die seit zweihundert Jahren entlarvt ist. Ich weiß es, ein polnischer Jesuit schrieb diese ›Monita secreta‹ , um sich an dem Orden, der ihn ausstieß, zu rächen; Hieronymus Zaorowski war zügellos und unsittlich und verdiente die Strafe seiner Obern. Nein, nie haben diese Anleitungen zur Erbschleicherei, zur Verführung jugendlicher Gemüther, zur Bereicherung des Ordens, zur Verhetzung der Ehen, zur Verhetzung des Staatsfriedens, so niedergeschrieben, in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden, aber – die Monita secreta sind ein Codex ex post! Sie sind die Praxis des Ordens! Sie sind die Tradition neben dem Grundtext. Der Talmud, wie mein alter Freund Leo Perl gesagt haben würde, die Mischna und Gemara neben der Thora! Als scheinbar verlangte Vorschrift stellte jener rachsüchtige Pole alles dar, was sich infolge der Verderbniß des Ordens gleichsam als etwas Selbstverständliches in demselben festgesetzt hatte. Ich nehme einige glänzende Erscheinungen des Ordens aus! Darum aber ist seine Gefährlichkeit dieselbe; sie liegt schon in seinem eigenen Wesen, liegt sogar in einer an sich geistvollen und denkwürdigen Eigenthümlichkeit desselben! Ja, die Jesuiten können ein großes Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Sie können sagen: Ihr habt alle bisher nur den Christen im Auge gehabt; wir waren die ersten Priester, die im Christen auch dem natürlichen Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten! Die Seele ist es, die ein Lieblingsstudium des Ordens wurde. Zu allen Zeiten von einem brennenden 128 Ehrgeiz getrieben, wagten die Jesuiten einen Wettkampf mit der Philosophie einzugehen. Sie wollten dem Christenthum die größten Glorien erwerben, selbst die, einen Cartesius überflüssig zu machen – Da mußten sie denn wol in die Arena des Denkens steigen! Nun aber dachten sie den Menschen. Sie dachten ihn zu der ganzen Schwäche, die uns Priestern durch den Beichtstuhl so geläufig wird. Sie dachten ihn mit jener unsäglichen Geduld und Liebe. die wir gerade nach dieser Seite hin für die Ausübung unsers Amtes stündlich empfinden müssen. Sie dachten ihn in jenen Momenten der Reue, der Halbheit, der innern Wehmuth, die entsteht, wenn man Großes will und in der Ausführung doch der Natur unterliegt. So entstand ihr berüchtigtes System der Erwägung, der Rücksicht. der Entschuldigung, der halben und der Viertel-Sünde, kurz jener Molinismus, der sich zuletzt noch durch den Einfluß einer von Paris und Versailles ausgegangenen galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung früherer Roheit und Brutalität der Hofsitten in eine Moral der ewig lächelnden und achselzuckenden Duldung verwandelte und in die Absicht, in die Intention, in den Rückhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte, gänzlich die höhere und wahre Sittlichkeit preisgebend!« Für Wenzel von Terschka gab es kein anderes Denken, als eines in den Formen dieses Molinismus. Daß die Absicht des Ordens, den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katholisch zu machen, eine höchst löbliche war, bezweifelte er nicht im mindesten. Er harrte der Anleitung, wie gerade er, als päpstlicher Rittmeister en retraite , ein solches Ziel fördern sollte. Der General sprach: Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien! Geldmittel – nicht im Ueberfluß; es wird sogar nöthig sein, daß Sie Schulden machen. Sie sollen eben suchen, sich auf die natürlichste Art dem jungen Grafen zu nähern! 129 Sein Sinn ist offen und leicht. Das gemeinschaftliche Band könnte – Ihr altes Metier sein! Die gleiche Vorliebe für Rosse dürfte die Gelegenheit zur ersten Anknüpfung bieten. Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln gebunden vor. Wenn Sie das so thun, daß Sie nicht allzu entblößt dabei erscheinen, so wird Graf Hugo Vertrauen fassen! Sind Sie dann vollends dankbar, so haben Sie sein Gemüth gewonnen. Ihre Vergangenheit war abenteuerlich. Sind Sie auch darüber dem Grafen Hugo aufrichtig, so bindet ihn Ihre Offenheit. Natürlich darf von Ihrem Priesterstand nicht die Rede sein – sehr, sehr selten sogar von der Religion! Alles das fand Terschka in der Ordnung. So wurde ein hochgestellter junger Mann, von dem man eine Rückkehr zur Kirche wünschte, am besten beobachtet. Als er noch zweifelnd aufhorchte, stutzend, wie gerade die Religion als Gesprächsstoff zwischen ihm und dem Grafen ausgeschlossen sein konnte – sagte der General: Man kann die Rückkehr zu unserm Glauben mit Gewalt fördern, man kann sie aber auch von selbst entstehen lassen aus einem sich meldenden Bedürfniß des Gemüths. Aus welchen Stimmungen wählt man nicht das Gewand des Mönches! Sie, Bruder Stanislaus, traten in den Orden – zunächst aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten liegt der Anlaß oft im Ueberdruß an ihren unfruchtbaren Forschungen. Fürsten und Standespersonen wechselten den Glauben zuweilen infolge der Reue über ein vergangenes leichtsinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergnügen. Vielleicht kommen Stunden der Erschöpfung, die dem Heil seiner Seele günstig sind. Diese benutzen Sie vorläufig zu leichten und ganz nur wie zufälligen Erweckungen. Wir lassen Ihnen zu dieser Beobachtung Zeit, jahrelang Zeit! Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf alle seine 130 Verhältnisse ein! Nur dann und wann geben Sie uns Bericht; das Uebrige wird sich finden, wenn auch erst nach Jahren. Mit diesen dunkeln, nur von einem zuckenden Streiflicht der Ahnung erhellten Andeutungen verließ der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das Collegium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur Rolle eines päpstlichen Rittmeisters machte er im Gasthof der Croce di Malta. Gern hätte er sich noch vorher dem Cardinal Ceccone empfohlen. Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, erhielt auch die Erlaubniß, bat im Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt. Er sollte im Palais der Herzogin von Amarillas erscheinen, wo der Cardinal, nach immer mehr auch in Rom um sich greifender englischer Sitte, jeden Abend den Thee trank. Die stolze Römerin, ehemals eine Sängerin, die in Rollen wie Semiramis geglänzt hatte, vor Jahren in Paris einen spanischen Herzog heirathete, der jedoch bald starb, und als dessen Witwe in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen, später mit reicheren Mitteln ein Haus machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls eine der Kaiserinnen, die sie ehemals spielte, auch hätte sein können. Es war der Kopf jener Herme aus den Gärten des Quirinals. Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka zu der Art, wie man die Deutschen behandeln müsse. Fest und bestimmt! sagte sie. Dies deutsche Volk ist voll List und Verschlagenheit! Es ist um so gefährlicher, als es sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt! Nie hab' ich eine falschere Nation gefunden, als diese – und ich bin viel gereist – Ohne Charakter ist sie in allem! Ich habe die schönsten und vornehmsten Frauen gesehen, die einem Menschen wie dem König Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen 131 suchten. Und dabei rühmen sich diese Frauen, besonders in vornehmer Sphäre, wie überhaupt diese so gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwährend ihrer Treue und Ehrlichkeit. Terschka kannte Deutschland wenig und ließ sich durch diese sonderbare Charakteristik belehren. Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmaßregeln, ohne zu wissen, in welchen Aufträgen der ehemalige Protégé Olympia's nach Deutschland zu reisen hatte. Erst jetzt, in den gegenwärtigen Stimmungen Terschka's hier auf Schloß Westerhof, kam ihm die Erinnerung, daß damals sicher die Herzogin von Amarillas von einer Gegend gesprochen hatte, die mit der, in welcher er sich augenblicklich befand, identisch war. Sie hatte damals Namen genannt, die seinem Gedächtniß erloschen waren, und immer sinnender, immer vor sich hinbrütender hatte sie gesessen, das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestützt, ja nicht einmal bemerkt, daß in einem seidenen Kleide Olympia durch die Zimmer rauschte, die »Nichte« des Cardinals, ihre Schutzbefohlene. Dem jungen, inzwischen herangewachsenen, wenn auch auffallend kleinen Mädchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehässigen, medusenhaften Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der Reitschule gänzlich entschwunden. Die Herzogin erinnerte sie daran und erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ihr Pater Stanislaus aus dem Collegium geschrieben. Olympia machte eine spöttische Miene und wandte sich kalt und gleichgültig ab. Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet. Wenn ein Cardinal die Ehre seines Besuchs einem römischen Privathause ertheilt, so muß ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter entgegengehen und ihn wie einen Fürsten bereits an der Treppe empfangen. Tiburzio 132 Ceccone, ein immer noch jugendlicher, wenigstens lebensmuthiger Mann, der Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenstaat, machte einen imponirenden Eindruck, da ihm die Tracht der Cardinäle, wenn sie außerhalb ihrer Functionen sind, schwarzes Habit habillé mit rothem Vorstoß, rothen Knöpfen, kurzen schwarzen Beinkleidern, langen rothen Strümpfen, rothem Sammetkäppchen, darüber ein langer schwarzer Krämpenhut, auf dem Rücken ein schwarzes Abbémäntelchen, gefällig stand. Er entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte sich mit forschend zusammengedrücktem Auge nach dem Ziel seiner Reise. Wohl mochte er die Befangenheit Terschka's sehen, der ihm ausweichend antworten mußte. Seine Zärtlichkeit für Olympia machte den Cardinal so zerstreut, daß Terschka reden konnte, was er wollte – Ceccone würde nur zu allem wie abwesend genickt haben. Er war offenbar über Terschka's Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der Gesellschaft Jesu, namentlich die, welche sie im Kaiserstaate gemacht hatte, und sprach von einer Stadt an einem großen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Auch die Herzogin glaubte eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen, nannte aber den Fluß nur klein. Sie verständigten sich beide in der Geographie Deutschlands wie über ein Land, das im Grunde ein einziger großer wüster Wald wäre, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und an Verschmitztheit, wie wiederum die Herzogin hinzufügte, ihresgleichen suchten. Sie ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal jedoch Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben – Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien. In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Paß, der ihn als einen beurlaubten 133 päpstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in seine neue Rolle zu finden, durfte ihn selbst überraschen. Hätte er nicht annehmen müssen, daß ihm, wie gewöhnlich, ein Wächter gestellt wäre, der seine Schritte beobachtete, er würde seine Freiheit in vollen Zügen genossen haben. Bald fand sich die Gelegenheit, des Grafen Hugo Bekanntschaft zu machen. 134 11. Die erste Begegnung mit dem damals schon dreißigjährigen Grafen Hugo fand in dessen Garnison zu Bruck an der Leitha statt. Wir schildern sie nicht, da sie sich aus allem entnehmen läßt, was wir von Terschka's persönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin Erdmuthe wissen. »Das ist ja ein Jesuit!« hatte sofort bei der ersten Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes der edlen Frau eine ahnungsvolle innere Stimme gerufen. Ein Beweis zugleich, daß Terschka damals noch die Weise des Paters Stanislaus hatte. Damals war Terschka noch höflich bis zum Unterwürfigen und zart bis zum Süßen. Er sprach selbst und hörte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde. Er billigte das Gehörte zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er diese auch inzwischen noch fortsetzte. Er vertheidigte nichts, was irgendjemand unangenehm berühren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklärten Blick gen Himmel und folgte der Phantasie der Gräfin bis auf die Anfänge der Hussiten, bis auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten – all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der »Prolusion«. Geistig war er so biegsam, wie er es nun auch wieder körperlich werden mußte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die 135 bald den jungen Cavalerieoffizier und dessen Kameraden an den päpstlichen Rittmeister außer Diensten fesselte. Nach einem halben Jahr empfand Terschka die vielen Bedenklichkeiten, die sich aus dieser Verbindung für seine Gelübde ergaben. Ueberhaupt welches war das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf schloß sich ihm mit der ganzen Innigkeit an, die jungen Männern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei Vorkommnisse ihrer fröhlichen Lebenslust Rath, Beistand, bald Schmeichler, bald Warner, bedürfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes-, Ehren- und Geldhändel. Terschka's Klugheit, seine im Grunde schüchterne und maßhaltende Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe. Nun sich aber auch selbst freihalten von den Einflüssen eines solchen Umgangs vermochte der Genosse nicht länger. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie Boccaccio geschildert hat: wie sollte sich dazu der Priester verhalten? Er bat seinen Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens. Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, daß ihn die oberste Ordensgewalt aller Rücksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen zwar nicht ganz nach den Worten Mephisto's verfahren: Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten! Versenkt ihn in ein Meer des Wahns –! sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbniß locken, um dann den auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude mit erschöpfter Kraft Niedergesunkenen als ein erobertes Opfer dem Schoos der Kirche zuzuführen (oft hatte die Kirche 136 diesen Triumph über entnervte Sünder gefeiert) – aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die für den Grafen zuweilen eintraten, dann und wann für harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen, die nur gelegentlich, ganz nur wie zufällig und absichtslos einzustreuen waren. So wenigstens beschied man ihn. Wie jedoch der menschliche Geist ist, kann er, wenn auch noch so geschult, da nie für sich gutsagen, wo ihm das zuweilen zweifelhafte Glück der ungebundenen Bewegung zu Theil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn Dirigirende, sondern wie der von seinem Zögling Dirigirte. Er hatte mit der Zeit vollkommen verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten, die sogar in zweifelhaften Fällen eher das Schlimme, als das Gute zu wählen anriethen, und so war er dem natürlichen Zuge seines beinahe gleichalterigen Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller Anhänglichkeit, liebte ihn und ließ sich von ihm beherrschen, statt daß er ihn beherrschte. Die Berichte, die Terschka nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen über Richtungen des Gemüths, in welche sein Zögling verfallen wäre, die jeder Begründung entbehrten. Nun kam den Obern die Furcht, der junge Graf könnte wol gar bei solcher Stimmung in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesù das deutsche Sprichwort: »Der Weg nach Rom geht über Herrnhut!« so würde doch die ganze Bemühung der Jesuiten verfehlt gewesen sein, wenn sich der Graf in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische Entschiedenheit angenommen hätte. Ein vorzüglicher Nachdruck mußte auf den Einfluß der Frauen 137 gelegt werden. Damals war im Leben des vornehmen Cavaliers ein eigenthümlicher Collisionsfall eingetreten. Jene Angiolina, die Graf Hugo bei einer Kunstreitergesellschaft in der dalmatinischen Stadt Zara gesehen hatte, war von ihm vor acht Jahren in einem gemüthlichen Zuge seines Wesens, das von plötzlichen Einfällen beherrscht wurde, ihrer Truppe abgekauft und in Pension gegeben worden. Das damals elfjährige bildschöne Mädchen hatte er dann und wann wiedergesehen, stets mit einer mächtigen Erregung seines Gefühls. Immer überraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina's. Einmal gab er sie weit fort aus seiner Nähe, nur um sich nicht hinreißen zu lassen und blindlings seinem Gefühl zu folgen. Die Neigung Angiolina's für ihren Wohlthäter war nicht minder bedenklich. Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens, wenn im glänzenden Harnisch der schöne junge Mann vor ihr stand und sein sonst so feuriges Auge in milder Dämpfung auf sie niedersenkte. Einige Jahre währte dieser Kampf. Terschka wurde der Vertraute desselben und nahm zuletzt Partei für den Gedanken, ein so reines Bild nicht zu zerstören. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt darunter. Oft warf er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht leben ohne sie! Von Rom kam eine dunkle Weisung, die an das Wort der Schrift erinnerte, daß ein Sünder dem Himmel lieber ist, als zehn Gerechte. Pater Stanislaus sah das Maß der künftigen Reue sich mehren, wenn Verhältnisse eintraten, die doch nicht auf die Dauer bleiben konnten. Die »Prolusio« malte es ihm aus: Endlich verläßt ein so vornehmer Herr doch seine Geliebte wieder – vielleicht wird es eine Verbindung wie die Ehe – die Gräfin Paula verlangt nicht nur ihre standesmäßige, sondern die volle, auch die sittliche Höhe ihrer Rechte als Gattin – der im stillen gedemüthigte Gatte wird schwächer und schwächer und muß zuletzt 138 der katholischen Gattin – ein Opfer bringen, eben jenes, das die Gattin und – die Kirche, wenn auch stumm, verlangen. Aqua Toffana der Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniß unserer Natur gezogen! Die Sünde hört auf, wo das Leben des Einzelnen nur ein Theil einer großen Maschine wird, die wiederum nicht ein Einzelner dirigirt, sondern ein großes Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die Olive das klare, fließende Oel wird, muß nicht nur ihre saftige Hülle, auch ihr Kern zerstampft, auf der Mühle zermalmt werden; was kümmert dich die zerstörte schöne Frucht, wenn aus ihr ein Höheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an der flüchtigen, wenn auch schönen Erscheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt eine Linie, die, trotzdem daß sie nur Einem Pole zustrebt, doch schwankend ist wie die Magnetnadel, die Grenze zwischen »Gut« und »Böse«. Ihre Uebergänge sind oft schroff, ganz deutlich unterscheiden sie sich, wie das Oel vom Wasser; aber ebenso oft auch rinnen sie in einander und das schwache Herz, der Sünde schon verfallen, glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu stehen! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen. Sein Richard III., der im Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten für sich zu gewinnen, hatte jenen Basiliskenblick, der erstarren macht und jede moralische Entschlußnahme tödtet – Klingsohr, der, eben von der Leiche seines Vaters kommend, in einer dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen, imponirend dämonischen, seinen Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur überredet wurde, sie zu schonen – Da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des menschlichen Gemüthes, die niemand sicherer zu wandeln weiß über Dorn und Klippe, den, welchen sie führen, fest an der Hand haltend, als die Jesuiten. Wie sollst du dich dem 139 Menschen nahen? Der Orden sagt: Ut si non bene ei succedant negotia! (Wenn es ihm in seiner äußern Lage gerade schlecht geht!) Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis vitiis! (Auch aus den Schlechtigkeiten selbst heraus entwickelt sich manchmal ein guter Anlaß zur Bekehrung!) Was hier zunächst nur vom Gewinn des Gemüths für die Gottseligkeit überhaupt gesagt worden ist, wurde es auch von jedem Gewinn für die Kirche selbst. So lebte Terschka eine Reihe von Jahren als täglicher Begleiter, Secretär, Geschäftsführer seines von ihm geliebten Freundes, des Grafen Hugo von Salem-Camphausen. Sorglos durfte er auf alles eingehen, was zu dessen Lebensverhältnissen gehörte. Er durfte die Mutter des Grafen auf Schloß Salem und in Castellungo besuchen. Er durfte sich dem großen Erbschaftsproceß widmen, durfte im Interesse desselben reisen, durfte die Anhänglichkeit an seinen Freund ohne jeden Eigennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht auf das fünf- oder sechsunddreißigste Lebensjahr des Grafen, er begnügte sich mit einem Schritt, den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten, siebzigsten that. Die Stunden kommen dann schon von selbst, wo ein alter Podagrist über die Welt, die jung bleibt, während ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht hat, verdrießlich wettert; die Stunden, wo man an einem kalten Winterabend bei Schneegestöber im warmen Zimmer sitzt, Anekdoten aus der Vergangenheit durchspricht, die nicht mehr zünden wollen, und zuletzt sagt: O Terschka, Terschka, manchmal fange ich doch an zu moralisiren: was ist nun wol das Leben! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener, jetzt auch weißhaariger Freund, der das Gnadenbrot des Protectors ißt, die Achseln, spricht mit seinem Lächeln von der Ruhe, die ihm denn doch zuletzt sein Glaube gewähre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo er seine Abende behaglich zubringt und auf welche der alte Freund 140 eifersüchtig wird. Dann auch einmal das nun schon kühnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal positive Dinge glauben will, lieber Graf, so soll man es auch ganz; lieber alles oder nichts! Und das wird zuweilen entscheidend. Daraufhin schrieb Gräfin Erdmuthe einst aus Castellungo, daß Lady Elliot sie besucht hätte und voll Verzweiflung aus Rom gekommen wäre –: vierzehn Engländer hätten zu gleicher Zeit in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katholischem Ritus genommen – eben deshalb, weil: » Will man einmal positive Dinge glauben, dann auch gleich ganz; sonst lieber nichts! « Terschka genoß das wiener Leben, als wäre er dafür geboren und erzogen worden. Er war der Matador der Gesellschaft und war viel heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren trübsinnig, nachdenklich und nur noch stoßweise von seinem alten Humor erheitert wurde. Terschka hatte seine Rolle keineswegs vergessen; aber sie schreckte ihn beinahe. Er fühlte etwas wie eine Mahnung an – ein leicht zu entdeckendes Verbrechen, an dem er betheiligt war, nicht an eine ernste und ihm werthe Pflicht. Er konnte vor einem Brief mit geistlichem Siegel erbeben. Oft war es ihm in Abendstunden, wenn er über die Straßen Wiens eilte, als wenn in den dunkeln Schatten der Häuser ihm eine verhüllte Person folgte. Die Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfängen lag dann vor ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einst Nachts im Novembersturm eine Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen. Es war nur eine Gaukelei seiner erhitzten Phantasie – er kam von Angiolina, der ehemaligen Kunstreiterin, wo es glückliche, unterhaltende Abendstunden gab. Dann stürzte er wol am andern Morgen in den Beichtstuhl der Piaristen zu Maria-Treu, auf den er von Rom aus angewiesen war. Kehrte er zurück von der Josephstadt 141 ins Innere Wiens, so war es ihm oft, als müßte ihm aus einem der Fiaker, die an einsamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenschein ein Unbekannter winken, ihn zum Einsteigen auffordern und ihn mit sich zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, deren es im al Gesù genug gibt. Oft auch wünschte er das Ende seines Lebens, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen, seine Furcht zu heftig ihn zu erschüttern begann. Für Terschka war der geistliche Stand nur gewesen, was Andern Schul-, Gymnasial- und Universitätsbildung überhaupt. Nur durch Sklaverei hatte er zu einer schöneren Freiheit gelangen können. Aber die Kette ließ ihn nicht. Ueberall zog er sie hinter sich her. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer, unmuthiger und unmuthiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Discussion ein. War doch das damals ein Geist der Freiheit, der Opposition gegen die Herrschaft des allmächtigen Staatskanzlers, eine Lust am Verbotenen und Versagten bis in die höchsten Kreise hinauf, ja bis in die der Unterdrücker selbst, die mit demjenigen, was sie öffentlich verfolgten, heimlich liebäugelten. Wie konnte er gegen die Mode des Tages Einspruch thun? Terschka scherzte mit den andern, lachte mit den Spöttern, vertheidigte nichts, was angegriffen wurde, denn wäre etwas festgehalten worden, so hätte es über seine wahre Lebensstellung leicht Verdacht erwecken können. Doch nicht ungestraft wandelt man unter Palmen! Man lernt die süße Luft der Freiheit liebgewinnen! Die erquickenden Schatten laden zum traulichen Hüttenbauen ein! Terschka kämpfte mit sich, ob er die Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm hochverehrten ehrwürdigen Mutter desselben ganz und für immer sich offenbaren sollte. Den Drang seiner Brust, diesen Entschluß zu ergreifen, 142 vermehrte zuletzt die Bekanntschaft der »Frau in silbernen Locken« bis zur Unwiderstehlichkeit. Die Liebe als reine, geläuterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein Wildling gewesen, Wanderer der Heide, Gaukler, Zigeuner. Je schreckhafter er auf das zurückblickte, was er gewesen, je gewissensbanger er an seine unwiderrufbaren Gelübde dachte, desto ungestümer wuchs sein Verlangen, in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika's religiöser Freimuth durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, allen war er werth; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen Natur willkommen, besonders da, wo sie vorzugsweise im Mann nur einen Ableiter ihrer Laune zu haben wünscht. Aber Monika's Geist war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und konnte Partei ergreifen. »Die Menschen sind so dumm, so dumm!« Mit einem Zorn konnte sie das ausrufen, daß ihre Augen Funken sprühten. Terschka hatte nur immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. »Sie sind der ewige Leimer und Versöhner!« sagte sie dann. »Sie vermählen den Großtürken mit der Republik Venedig! Was wäre die Welt geworden, hätte es nicht Frauen von Gesinnung gegeben! Perikles lernte erst Reden halten von Aspasien! Die Kraft der Römer lag in ihren Gattinnen und Müttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor dem Uebermaß der Barbarei bewahrt! An jeden großen Namen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts knüpft sich ein Weib, das für ihn kämpfte, mit ihm litt, seinen wankenden Muth befeuerte! Heute noch herrschte Napoleon, wenn er einer Frau von Geist, vielleicht der Staël, die ihn liebte – sie haßte ihn wenigstens aus Liebe – hätte vergeben können, daß sie häßlich war!« Graf Hugo sagte auf dies Wort in seiner trockenen und einfachen Art: »Das vergibt sich 143 schon, meine gnädige Frau, wenn man nur nicht eine so häßliche Frau dann auch sogleich wiederlieben soll!« Die Mutter fand den Beruf der Frauen für große Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die immerhin etwas zweideutige That der Judith, wohl aber die der Deborah, die alles Volk zum Kampfe wider Sissera aufgefordert, ja jene Jaël, die dem Sissera, als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb – nur hätten diese Frauen dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den atheistischen Gönnerinnen der »Herren Rousseau und Voltaire« nicht sagen könnte. » Chère maman «, sagte Graf Hugo scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum offen stehenden Fenster hinausblasend, » il y en a encore beaucoup de femmes , die uns den Kopf – ›vernageln‹! Mais, chère maman , – sie müssen hübsch sein!« Terschka vermittelte und kam auf Napoleon zurück, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines einfachen und rein – weiblichen Weibes – »Pah«, sagte Monika, »Josephine Beauharnais war empfindlerisch und verstand nur, sich in türkische Shawls zu drapiren!« Hätte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe Monika's gewinnen können, er würde sich zu allem entschlossen haben, was zur vollständigen Erreichung seines Glücks gehört hätte. Traten Beide zur Confession der Gräfin Erdmuthe, ihrer Gönnerin, über, so war ihre Verbindung möglich. Aber Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder sie gab sich den Schein, sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner Gefälligkeit aus. Sie hatte eine eigenthümliche, namenlose Scheu vor ihm. Ja die stete Rückkehr der Gräfin auf ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und neulich erst vor ihrer Reise nach England offen behandeltes Kapitel fing sie zu beunruhigen an. Sie floh vor einer 144 Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; sie floh – der Gefahr entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurückgekehrten Gatten übergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte in der Absicht, Kocher am Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in räthselhafte Nebel und Schleier gehüllten Ulrich von Hülleshoven kennen lernen. Aber die Erbschaftsfrage rief ihn bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit beinahe einem halben Jahre, in dem ganzen, äußerlich mit bewunderungswürdiger Virtuosität verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen Innern, in steter Angst vor einer ihm drohenden, wol gar ihn ganz abrufenden Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschließungen, die dann für sein ganzes Leben gelten mußten. Und wie war er jetzt so nahe gerückt allen maßgebenden Momenten seiner Vergangenheit; seiner nächsten in der außerordentlichen Katholicität der Gegend – seiner entferntesten in den plötzlichen Entdeckungen, die er über den Laienbruder Hubertus machen mußte –! Er hatte eine Ahnung, daß ihm bald die mächtige Hand, der er nimmermehr glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen würde. Er verbrachte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Morgen begann er seine gewöhnliche Thätigkeit. Er klopfte an die Thür des Onkel Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, ließ sich von seinen alten Zauberbüchern, an welche der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher Andacht studirte, von seinen chemischen Präparaten erzählen, scherzte sogar über einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen Erben und Fortpflanzer des Namens Hülleshoven hinterlassen würde; dann war er einige Stunden im Rentamt, begrüßte die Damen nach der Toilette, begegnete auch bereits im Schlosse wieder Thiebold, der gekommen war auf Anlaß des inzwischen schon auf morgen angesetzten großen Jagdfestes und 145 mancherlei über seinen Ankauf zu besprechen hatte; später begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen der Tante zum Trotz ab und zu doch plötzlich auf dem Schlosse erschien, da im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug auch für ihn gegeben war. Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere und zuvorkommende Art und dennoch war sein Inneres in räthselhafter Unruhe. Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und ließ ihn seine Briefe selbst aussuchen. Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht mit deren Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur noch wenige Meilen entfernt war. Armgart, als wenn sie die Ahnung hätte, dieser Brief, den Terschka befremdet an sich nahm und betrachtete, sollte die Ankunft der Mutter verdecken, fixirte den Empfänger. Oeffnen Sie ihn doch. sagte sie mit Bestimmtheit. Es ist doch wol nur ein Brief von meiner Mutter – nicht wahr? Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift – Und jetzt allerdings las Terschka den Brief am wenigsten. Ich weiß alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der Nähe stand, und eilte davon. Terschka stand bestürzt. Ein Diener, der des Weges kam,. hob einige herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka's Geheiß zum Onkel Levinus. Auf seinem Zimmer sah Terschka, daß Armgart recht hatte. Monika war in einer der nahe gelegenen kleinen Städte angekommen und deutete an, daß sie hoffte in kurzem auf Westerhof zu erscheinen. Sie machte Terschka nicht zum Vertrauten ihrer Absichten. Sie schrieb ihm nur aus Anlaß einer Einlage der Gräfin, die ihr diese mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte. Die Sache, in welcher Gräfin Erdmuthe schrieb, war 146 unbedeutend – sie wollte Monika nur eben zwingen, mit Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische Proselytenmacherin, wie die Jesuiten. Monika's Begleitschreiben wich allem aus, was ihr Terschka über das nächste Geschäftliche hinaus geschrieben hatte, es war sogar förmlich. Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich: Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfüllt sich nicht! Das war ein Traum, der nur zu deiner Phantasie gelebt hat. Dahin ziehen dich deine Sterne nicht! . . . Und jetzt mußte ihn Armgart's Wesen befremden. Er hatte ihrem Benehmen anfangs nicht viel nachgedacht. Seit einigen Tagen jedoch bildeten sich in seinem Innern seltsame Gedankenreihen. Liebt dich denn wol gar das Mädchen? sagte er sich schon seit längerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit auch begonnen und sich überzeugt, welche wilden Geister sich in ihrem Innern befanden – gebunden zwar, aber wie leicht entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend gewesen. Es flammte und brauste deshalb in seinem Innern. So kalt die Luft ging, das Fenster mußte er aufreißen. Träume, Wahngebilde der berauschendsten Möglichkeiten umgaukelten ihn. Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur flüchtig hereinschaute. Bester Baron! sagte Benno mit dem ihm eigenen ironischen Lächeln, das vorzugsweise auch nur Terschka gegenüber seine Lippen umzog. Wissen Sie schon? Das Obertribunal hat gestattet, daß Nück's Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen zu dürfen, genehmigt wird! Herr von Hülleshoven hat dafür den nächsten Montag bestimmt. Ist es da auch wol Ihnen genehm? Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden. 147 Es lag in Terschka's Charakter, nicht im Zimmer zurückzubleiben,. sondern trotz der größten Aufregung seinem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An die Cadenz der Höflichkeit, wie sie in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er gewohnt. Als er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden. Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe. Dort stand Armgart und reichte Thiebold de Jonge eben die Hand. Thiebold küßte diese und sie ließ es geschehen. Fast schien es, als hätte Thiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in Händen hielt, mit Küssen bedeckt. Armgart schien sogar zu weinen. Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer Hand. Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand. Thiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch, trocknete sich – halb die Augen, halb, trotz der Kälte wie im heißesten Sommer, die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgeschoß führten. Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als müßte er Armgart anreden. Schon faßten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten ihn die wenigen Worte Benno's über die Urkunde in erschreckender Weise an den Augenblick erinnert, wo sein General damals vor ihm stand und ihm sagte: Fände sich die Urkunde, die für die Antretung der Erbschaft das Bekenntniß unserer Religion bedingt, so würde sich das ganze Verhältniß ändern, die Gräfin würde durch einen Familienpact den Grafen Hugo heirathen müssen und die Aufgabe würde für uns hinfort eine leichtere werden! Terschka combinirte: Findet sich die Urkunde, dann ruft man dich vielleicht – nach Rom zurück! Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden 148 Gedankenreihe konnte er nicht volles Gehör schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und Qual rangen wie im Titanenkampf. Es zog ihn vorwärts und vorwärts. Was sollte dieser Abschied Armgart's von dem jungen Thiebold? Warum nur stand vor Thiebold der liebliche Engel so seltsam bewegt? Wie verklärt waren diese Augen! Wie ganz dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das wirklich blühende Leben – kein Silberschnee des Haars, der die Jugend Lügen strafte –! Und Terschka's Abenteurernatur entfesselte sich. Losgebunden regte sich die Seele des Emporkömmlings, der sich an alles hält, was ihn erheben und fortreißen kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Thieres nach der andern, der »Probabilismus« und die siebenköpfige jesuitische Moral des: »Besser ist besser!« packten ihn in furchtbarster Gewalt. Taumelnd folgte er. Er kam an das Ende des Ganges, das, da das Schloß im Geviert gebaut war, hier zugleich den Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen bildete. Hier sah er, daß Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geöffnet hatte und hinunterwinkte. Dem ihm zunächstliegenden Fenster sein Auge zuwendend, sah er nun auch, daß es Benno war, den sie mit schwacher. erstickter Stimme anrief. Benno unten verstand sie nicht sofort. Nun winkte sie ihm heraufzukommen. Benno eilte auf der ersten der kleinen Treppen, die in den Hof gingen, herauf. Terschka zog sich zurück. Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eine Scene gehabt, die sie mit Asselyn wiederholen will! Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber ohne Zweifel tieferbebend an Armgart dargebrachten Morgengruß vernommen. Armgart erwiderte nichts. Terschka hörte nur das Klappen einer Thür. Er trat jetzt wieder vor. Armgart und Benno waren verschwunden. 149 Das Zimmer, in das sie hatte gehen müssen, kannte er. Es war dasselbe, wo Bonaventura neulich seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, am wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, von dem Versuch ab, das Gespräch Benno's und Armgart's zu belauschen. Die Schlüssel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprüngen war er beim Onkel Levinus, schützte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in einem großen Speisesaal hing, nahm die Schlüssel von der Wand, schloß etwa fünf bis sechs Thüren von derjenigen, hinter welcher jenes Gespräch stattfand, entfernt einen Saal auf, schloß wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam durch die entweder offenstehenden oder nur leise aufzuklinkenden Verbindungsthüren hindurch bis zu dem Nebenzimmer jenes Fremdenstübchens. Dort trennte ihn von dem Gespräch nur eine Thür, an die er sein Ohr legte. Es war kalt und schauerlich still in allen diesen alterthümlichen Räumen, von denen einige mit großer Pracht ausgestattet waren. Ihn kümmerte nichts. Er horchte. 150 12. Tief in seinen Erörterungen mußte das junge Paar schon vorgerückt sein und doch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen. Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser Stimme, daß folgen zu können auch nur Sein feines Gehör geschickt war – nein, nein, wissen Sie wol, lieber Freund, damals in Lindenwerth, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Ein Frühlingstag war es! Die Syringen blühten, die Nachtigall sang! Das Pensionat wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns. Als wir in eine Schlucht kamen, die sich so wunderschön öffnete – ganz grün war sie und sie verlor sich dann in Felder mit goldenen Repssaaten – da hieß es, dies Thal wäre die Aue – und da sagten Sie: Hartmann von der Aue! Wer ist das? fragte ich. Ein Minnesänger! sagten Sie und setzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen Heinrich nicht –? Eine Pause trat ein. Benno schien sich zu besinnen. Vom armen Benno! sagt' ich wol – warf er leise und bedeutungsvoll ein. Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich, dem zu Liebe einst eine fromme Jungfrau sich geopfert hätte. Sie wollten's mir erzählen und die dummen Mädchen kamen dazwischen mit ihren Eseln – wissen Sie noch, sie wollten sämmtlich Esel reiten und die Steigbügel waren zu lang –? 151 Werden Sie denn morgen wirklich mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch nicht zu ahnen schien, was Armgart mit ihm Ernstes vorhatte. Ich weiß es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren! Paula ist auch heute wieder aufgeregter denn je – Benno schien nur zuzuhören. Die Tante hat den Münnichs versprochen, den Püttmeyer'schen Bildern beizuwohnen. Zu diesen wenigstens könnte ich mitgehen trotz der Trauer. Aber ich weiß es noch nicht. Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich. Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwäbischer Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte, statt mit großer Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen konnte. Man nannte die Krankheit die Mifelsucht. Ritter Heinrich war nicht einmal jung, vielleicht sogar nicht besonders liebenswürdig, aber er war ein guter Guts- und Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meyer, wie unser altdeutsches Gedicht sagt, blühte ein Töchterlein, den Namen hab' ich vergessen – Wollen wir sie – Armgart nennen? Gewiß! antwortete Armgart und gab diese Zustimmung aus schwerem Herzen und voll Ernst. Nun gut! Des Meyers Töchterlein, Armgart, hört von dem Leid des guten Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in medicinischen Angelegenheiten berühmtesten Universität wegen. Salerno liegt in Italien – Ich weiß! sagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmlose Erklärung. Aber ihr: Ich weiß! war ohne jede Empfindlichkeit. Clärchen im »Egmont« konnte, mit dem Leben abschließend, ihr elegisches: »Weißt du, wo meine Heimat ist?« nicht ergebener sprechen. 152 Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort. Der Ritter könnte genesen, hieß es, wenn eine Jungfrau rein sich fände, die für ihn in den Tod ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe Freundin – Sie müssen den Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ich – ob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geöffneten Adern aufnehmen sollte . . . Letzteres ist vorgekommen auf der Universität Göttingen neulich, das heißt umgekehrt: ein junger Student hat sich hergegeben, sein Blut durch Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau hinüberleiten zu lassen. Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut. Wird sie ihn nicht ewig lieben müssen? Scherzen Sie nicht, Asselyn! Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch wol nicht, wie zwei Freunde es machen müssen, die scheiden und sich in die Ferne treue Kunde geben wollen? – Gesetzt, wir beide! Ich reise nächster Tage ganz aus Ihrer Nähe – und wer weiß, auf wie lange! Asselyn –! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen und sich von einander Kunde geben wollen? Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, füllen das tröpfelnde Blut einer dem andern in die seinige und lassen so die Wunde heilen! Reist nun der eine gen Amerika und der andere gen Asien, so können sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle Telegraphie im Nu verständigen. Der eine will dem andern sagen: Ich grüße dich von ganzer Seele! – da nimmt er eine Stecknadel und sticht auf die geheilte Wunde. Im Nu fühlt der andere den Stich an derselben Stelle. Jetzt gibt er Obacht; dieser erste Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt 153 Papier, einen Bleistift und zählt die fernern Stiche, die er fühlt. Ein einzelner Stich bedeutet den Buchstaben A, unmittelbar hintereinander zwei Stiche B, drei Stiche C u. s. w. So kommen bestimmte Wörter zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde können über tausend Meilen weit sich im Nu sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und ewig! Ich sterbe und dergleichen Späße – Benno –! Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres hörte. Sein Herz schlug so laut, daß es ihm selbst hörbar wurde. Endlich schien Benno sich gefunden zu haben . . . Wenigstens hörte Terschka von ihm die Worte: Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder wollen Sie etwa weiter noch – nach dem Osten? Vielleicht – Wohin? Nach Wien. Terschka horchte auf . . . Mit Ihrer Mutter? fragte Benno gelassen. Armgart schwieg. Mit wem? fragte er dringender. Erzählen Sie mir von der Tochter des Meyers! war Armgart's ausweichende Antwort. Mit wem? drängte Benno. Wie ließ sie ihr Leben für den kranken Ritter? Mit wem? wiederholte Benno und rief so laut diesmal, daß ihn Armgart um aller Heiligen willen um Ruhe bat. Was that die Jungfrau? sagte sie dann. Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen und sich von den Professoren 154 zerschneiden lassen. Das Mädchen, ein zweites Käthchen von Heilbronn, reiste nach Salerno, bietet sich auf der Anatomie zu jedem Experiment an – Die Professoren erstaunen und, wie beim Opfer Abraham's schon der Wille für die That gewirkt hatte, so wird auch hier der Ritter gesund und heirathet die Tochter seines Meyers. Das ist dumm! wallte Armgart auf. Wie so? Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod? Gewiß! Das Schicksal ist auch wol so gnädig. wie ihr Poeten? Wo etwas Nothwendiges von den Umständen vorgeschrieben wird, da geschieht es auch! Das steht in den Sternen. Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn doch – die Liebe Gottes nicht ist? Welchen Opfertod suchen Sie nur? Armgart schwieg. Sprechen Sie, Armgart –! Was wollen Sie zu Wien –? Ich beschwöre Sie! Benno errieth nicht, welche Gedankengänge in Armgart schlummerten, welchen Opfertod sie meinte. Daß aber Wien mit Terschka zusammenhing, das mußte ihm gewiß sein. Terschka hörte, daß er eine Rede abbrach, die aus seiner mächtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit mühsam sich beherrschender Stimme sprach er: Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern? Das thu' ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein! Wer sagt Ihnen das? Meine Ahnung! Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfügen! Selbst – Sie nicht, Armgart! 155 Sie sind ein Atheist! Können Sie wissen, was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben? Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn – Die Kirche scheidet nicht! Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter – beide sind Menschen voll Hochherzigkeit und Edelmuth? Und sie sollten sich nicht angehören? Nicht ewig? Liebe erzwingt sich nicht! Das – – das seh' ich ja. Die Liebe ist ein Wahn! Armgart! Nur Gott ist die Liebe. Gott sagt, wen und was die Liebe wählen soll! Ha, Sie sprechen von Glück, Benno? Thorheit, Thorheit menschlicher Schwäche, die nur in der Befriedigung ihrer eiteln Wünsche Beruhigung findet! Wohl! Schön muß es sein und herrlich zu leben, das geb' ich zu, erreicht das Herz, wonach es verlangt. Aber auch stückweise dies hinzugeben, begehrt es die höhere Pflicht, die Prüfung unserer Größe – darin kann dieselbe Freude liegen – oder glauben Sie nicht, daß Hedwig von Polen glücklich war, als sie dem Manne entsagte, den sie liebte, Ferdinand von Oesterreich – und den Heiden Jagello zum Manne nahm, der ihr seine Taufe, die Taufe eines ganzen Volkes zur Morgengabe brachte? Als sie ihren Brautschleier der Mutter Gottes von Krakau schenkte, da muß ihr anfangs das Leben wie unter einem schwarzen Gewitterhimmel dahingezogen sein! Dann aber umsäumte sich ihr Leben rosig und gewiß, gewiß – sie wurde glücklich! Armgart –! rief Benno jetzt außer sich und voll Erstaunen. Und alles wurde still. Im Geist sah Terschka seinen Schutzheiligen, den achtzehnjährigen Polen Stanislaus von Kostka, dem beim Gebet sein Antlitz von Verklärungsschimmer überleuchtet wurde. Ebenso auch hörte er Monika, deren Methode zu 156 fühlen und zu denken ganz dieselbe war, wie bei ihrer Tochter, kam ihr Fühlen und ihr Denken auch andern Ergebnissen zugute. Sein Herz verstand, was er gehört hatte. Dämonen raunten ihm zu: Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, der seinen Abschied auf ewig – doch wol nur um deinetwillen erhält? Willst du thöricht sein und um einer solchen von Göttern zu beneidenden Hingebung willen gestehen, daß ihr Selbstopfer – ihre Absicht, ihn – von ihrer Mutter zu trennen , auf einem Irrthum beruht? Armgart! Armgart! Ich beschwöre Sie, was geht in Ihnen vor? rief jetzt Benno. Ich lebe – einem Gelübde! Kann denn irgendeine That Gott wohlgefällig sein, die Ihr Herz Gefahren aussetzt, für welche keine, keine Himmelskrone Sie entschädigen wird? Das ist Lästerung! Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Terschka?! Es erfolgte kein Aufschrei Armgart's. Alles blieb still. Lange, lange blieb es still. Terschka begriff nicht, warum beide so plötzlich schwiegen. Allmählich begann Benno wieder zu sprechen. Er sprach jedoch so leise, daß Terschka nicht folgen konnte. Dem Schlüsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht; er war ungewiß, ob nicht die nebenan herrschende Stille jede seiner Bewegungen verrathen könnte. Benno stand in diesem Augenblick vor Terschka's Phantasie, als müßte er Armgart an beiden Händen halten, ihr tief in die Augen blicken, mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens enthüllen und ihr sagen: So sollst du denn hinschwinden, schöner Traum meines Lebens, und – wer, wer konnte dich fesseln! Wer konnte dir werther sein, als ich! – – 157 Die Worte, die Terschka dann allmählich unterschied, lauteten: Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so oft in den Gärten des Enneper Thals nach den schwellenden Früchten über uns nicht langten, ebenso auch sein Glück dahinziehen läßt unerstrebt, so bin ich es! Aber – bleiben Sie nur, Armgart! Ich wurde schon ruhiger, seit ich wußte, daß auch mein Freund Thiebold Sie liebt! Denn wie wollen Sie es nennen, wofür die Sprache nur Ein Wort hat! Sie erklärten vorhin meinem Freunde ohne Zweifel mit derselben Bestimmtheit, wie mir, daß Sie aus unserm Leben auszuscheiden wünschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mehr dulden mögen. Nun denn! Ich nehme den Aschenbecher, wie Thiebold, der Fröhlichere – die Tasche für schnell verkohlende – Cigarren! Wer Ihr Herz besitzt, ich sagte es vorhin. Herr von Terschka wird eine große gesellschaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das schöne Wien entführen, dort werden Ihnen Glück und Reichthum lächeln! Fliegen Sie mit ihm dahin zu Roß in flatterndem Gewande! Aber nehmen Sie ein Wort von mir zum Abschied! Ich bin Ihnen nichts mehr und nun – nun bin ich mir noch weniger, als schon seit lange. Ihre Tante hat recht, mich wie einen Zigeunerknaben zu behandeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt. Ich bin ein verflogener Vogel und passe für euere Käfige nicht . . . Doch ich werde Sie wiedersehen – das weiß ich. Wissen Sie, Armgart, daß ich auch Das sicher und fest weiß – daß ich Sie, trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskrone – ich weiß nicht warum! – unglücklich finden werde? Und Sie bejahen es –? Gewiß! Ihr räthselhaftes Märtyrerthum wird Sie nicht befriedigen! Es gibt Naturen, die aus Erdenstoff gar nicht geschaffen scheinen und die dennoch den Gesetzen der Erdenschwere mehr unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter schon rettete sich nur durch eine Flucht, 158 die sie ganz aus der Welt heraus verbannen sollte, vor Gefahren, in die nun auch Sie sich begeben wollen: Ihre Mutter wird von Tausenden verurtheilt, ohne daß sie es verdient; sie wird verurtheilt und – sie leidet darunter. Auch Sie, Sie, Armgart – werden den Beifall der Menschen suchen, dann, dann vergebens suchen, wenn Sie ihn nicht mehr finden können. Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft! Armgart erwiderte leise und sprach lange. Terschka konnte nichts verstehen, als daß sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach. Endlich wurde alles still. Die Thür ging. Noch hörte Terschka nur ein plötzliches, heftiges, aus tiefster Seele kommendes Schluchzen. Armgart mußte allein sein. Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig, daß davon sein Innerstes durchschnitten wurde. Anfangs wollte er hinüberstürzen, sich ihr zu Füßen werfen, die Liebe, die nur ihm, ihm geweiht sein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit bekennen, daß er Priester wäre und ein gerade in ihren Augen todwürdiges Verbrechen schon dadurch begehen würde, an ihren Besitz nur zu denken – – Dann aber erschreckten ihn – gerade die Thränen Armgart's; er konnte ihr Weinen nicht mehr hören und verlor die Besinnung. Leise schlich er auf den Zehen durch die Zimmer zurück, kam zum großen Speisesaal, öffnete die Thür, die in den Corridor führte. Alles war still. Niemand schien ihn beobachtet zu haben. Er blickte durch ein Fenster in den Hof und entdeckte Benno und Thiebold, die beide schweigend und wie vernichtet und erstarrt zur Erde blickend zum Portal des Schlosses hinausgingen, wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn – und in ein neues Leben zurückzukehren. Die Mittagsglocke, die im kleinern Speisezimmer alles vereinigte, läutete. Tischgenossen, die der Zufall brachte, gab es in dem 159 gastfreien Hause immer. Armgart trat schon hinter Terschka hervor. Ihre Augen waren zwar noch tiefverweint, doch hatte sie wenigstens scheinbar wieder ihre Unbefangenheit gewonnen. Herr von Terschka, sagte sie mit leiser Stimme, ich will Nachmittags nach Heiligenkreuz. Der Wagen ist schon für die Damen bestellt! sagte er – Wie mußte er sich beherrschen, nicht ihre Hand zu ergreifen. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Es sind mir ihrer zu viel – So bestell' ich zwei Wagen! Ich will zu Fuß gehen. Es wird Abend werden, ehe Sie fortkönnen. Sie können – ja, Sie können mich ja – begleiten – Damit stand Terschka allein. Auf dies Wort kämpften Himmel und Hölle in ihm. Hatte es doch geradezu gelautet wie eine Aufforderung zu einer vertraulichen Beziehung. Terschka begriff, was in Armgart vorging. Sie hatte ein Gelübde gethan, nicht einem ihrer Aeltern allein, sondern nur beiden und nur, wenn sie sich versöhnt hätten, anzugehören. Nun glaubte sie: Er liebte die Mutter und die Mutter ihn. Wie ein Glühstrom fiel es auf ihn: Deshalb reißt sie mich mit Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will lieber selbst mich gewinnen – – – Die Möglichkeit, daß ein solcher Gedanke in ihr entstehen, dies Ertödten ihrer Neigung zu Benno möglich sein konnte, übersah er vollkommen. War doch Armgart »katholisch«! Sollte er dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden, immer verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen? Um sich greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung, die – das sah er ja mit Beschämung – in Betreff Monika's eine völlig unbegründete war und auf Verwickelungen hinausführte, die nie zu lösen schienen –? 160 Schon sah er sich im Geist mit Armgart allein dahinschreiten durch die Winterlandschaft . . . Er sah im Geiste Armgart neben sich, wie sie im Pelz die Hände barg, wie er, von fernem Glück überwältigt, beim Eintritt in den dichtern Tannenforst eine derselben verwegen ergriff. Er hörte im Geist, was sein Uebermuth, sein Leichtsinn wagen würde ihr zu sagen: Wie hab' ich Sie schon einst in leiser Ahnung gesucht an jenem stürmischen Regentag, als die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich damals schon Ihre Flucht Ihnen nach! Den schnellsten Renner hätt' ich satteln lassen mögen vor Eifersucht, nur um der Dritte sein zu können unter denen, die in Ihrer Nähe weilen durften! Er sah Eulen auffliegen, die den Schnee von den Aesten verschütteten, auf denen sie gesessen. Hirsche, Rehe – Unthiere mit großen Köpfen sah er durch die Gebüsche brechen, aufgescheucht vom Vortreiben zur morgenden großen Jagd. Der Mond stieg am äußersten Rand des Horizontes auf. Ausmalen mußte er sich, wie er an der Allee, die nach Heiligenkreuz führt, würde Abschied nehmen und zurückkehren müssen, gerade wenn sein alter, gewohnter Lebensübermuth ihn übermannt hätte. Toll würde er in die Nacht hinauslachen müssen, bis – – vielleicht aus den Büschen am Seitenwege plötzlich ein Bote seines vergangenen Lebens träte – Jean Picard, sein Gespiele – Franz Bosbeck, sein Lebensretter – van Prinsteeren, der ihn zuerst auf ein Pferd gehoben – jener Schweizersoldat, der ihn mit in die Alpen nahm – Er hörte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu Rom – sah die Benfratellen, die ihn in das Spital an der Tiber trugen – aber plötzlich hatten sie Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz – es war die Bruderschaft della Morte – So noch fiebernd, so noch in Jesuitenart schwankend, so im 161 zagenden Begriff zur Gesellschaft einzutreten, erschütterten ihn zwei Thatsachen, die zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen. Um ihn her war es plötzlich seltsam lebendig geworden. Er sah, daß es die Anzeichen einer neuen Vision der Gräfin waren. Stimmen des Erstaunens gingen durcheinander. Er sah Bonaventura kommen, sah ihn von Tante Benigna, von Onkel Levinus in hastiger Aufregung begrüßt, sah, wie der Domherr erbleichte, als ihm die Mittheilung wurde, Paula läge im Hochschlaf und würde von den schmerzlichsten Anschauungen gefoltert. Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen Zimmern führte, im weitesten Hintergrund und von einem Sonnenstrahl grell beleuchtet – einen Mönch. Ein Lebender war es, der dort herkam, aber seine funkelnden Augen schienen zwei Flammen aus den Höhlen eines Todtenkopfs zu sein. Die Kiefern des Mundes bewegten sich. Sie lächelten Terschka von weitem so freundlich, daß die Grübchen auf den Wangen sich ausfüllten wie mit Blumen um Leichensteine. Ein langes, weites, braunes Gewand hing wie über einem Skelet, das lässig, aber absichtsvoll daherschritt. Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund. Ist dort! sagten andere und schossen an ihm vorüber. Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken. Der Mönch näherte sich. Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um Gott, was hat sie gesehen? Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her. Unter Terschka wankte der Boden. Der Mönch kam näher und näher. Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzählte man durcheinander. Sie sieht ein Haus in Flammen stehen! Sie fürchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie, Herr Domherr –! Aber auch der, welcher einst Terschka aus den Flammen eines 162 brennenden Hauses gerettet, kam näher und dennoch schien sich der Corridor weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren und Kerkern – des al Gesù in Rom. Der gespenstische Bruder hielt einen Brief empor, der nur an Terschka gerichtet sein konnte. Nur auf ihn, ihn allein, blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todtenhaupts. Es ist das Schloß, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er Hülfe bringen und Paula beruhigen. Das ist Hubertus –! sagte sich Terschka und auch an seinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer. Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grüne Zimmer getreten wie ein Hülfebringender, ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er, seiner Ahnungen und Beichtbürden eingedenk, um sich her durch die Fenster hereinbrechen, rings das Gebälk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah. Auch Terschka sollte folgen, erwartete Onkel Levinus und harrte. Doch der Mönch, was will – der Mönch? Ah, Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden Umständen begrüßend. Sie kommen eben recht, um jemand aus den Flammen zu retten! Die Gräfin hat die schwere Vision einer Feuersbrunst . . . Bruder Hubertus trat näher, verbeugte sich, zuckte die Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gottheit keine Hülfe, und übergab an Terschka den Brief, den er ihm schon so lange entgegenhielt. Terschka ergriff den Brief. Das Siegel war geistlich – – doch kam er nicht aus Rom. Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner zu Himmelpfort, schrieb ihm nur, unter dem großen Siegel seines Klosters. Terschka erbrach und las. Jetzt zog ihn aber der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern 163 drinnen nicht länger zu versäumen. Ich werde kommen! hauchte Terschka – gelbbleich war er geworden, dem von der Wintersonne gefärbten Schnee auf den Feldern ähnlich. Noch einmal wandte er sich zu dem an der Thürschwelle harrenden und mit glühenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte: Ein Brief – für mich – schreibt Ihr Guardian, wäre im Kloster angekommen – Wissen Sie nicht – woher? Mit einer Miene, die das selige Gefühl ausdrücken sollte: Bist du denn, Mann mit dem mir so theuren Namen, mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt, bist du denn nicht verwandt mit dem Kinde, das ich einst – oder bist du es nicht selbst –? sprach dieser ein Wort, das für Terschka's Ohr wie die Posaune des Weltgerichts erklang: Ja! Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria-Treu in Wien! Terschka verschwand jetzt. Nicht zusammenbrechend, nicht niedergeschmettert von einem Wort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde ist abgelaufen! sondern wie mit einem Muth auf Tod und Leben. Er dachte an Armgart und wollte einen Entschluß fassen, der es auf einen Kampf mit Rom ankommen ließ. Der Mönch stand immer noch und sagte nur zu den Dienern staunend: Wenzel von Terschka –?! Von den Vielbeschäftigten konnte ihm aber auf seine mehrfachen Fragen niemand Gehör geben. Elftes Bändchen. 3 13. Noch in nämlicher Nacht schlug das Wetter um. Zum Schnee gesellte sich Regen. Somit begann die Jagd bereits ganz mit Bestätigung jener trüben Ahnungen, die Tante Benigna schon um die Nachtruhe gebracht hatten; am Tage zuvor sah Paula eine Feuersbrunst und zusammenstürzende Gebäude, die sie nicht zu nennen vermochte. Schon war heute in aller Frühe Terschka aufgebrochen und hatte, um nach Schloß Münnichhof zu kommen, wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des großen Jagdfestes versammeln wollte, einen Umweg über Kloster Himmelpfort gemacht. Noch am Abend hatte er gestern Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet, war spät wiedergekommen und beim Thee nicht mehr erschienen. Bonaventura hatte sich bereits entfernt, unmittelbar nach der Vision. Mit leicht erklärlicher Aufregung hatte er Paula befragt, welches Gebäude sie brennen sähe, doch keine Antwort von ihr erhalten. Ja er magnetisirte sie, um ihr Auge zu schärfen. Sie verfiel dadurch nur in einen sanften Schlummer, aus dem sie niemand mehr aufwecken mochte. Onkel Levinus gehörte einer Familie an, die in den frühern geistlichen Zeiten die Landesoberjägermeister der Fürstbischöfe von Witoborn stellte. In jagdgemäßen Traditionen war er 4 aufgewachsen. Von dem Ideal eines Nimrod stand er jedoch so weit entfernt, daß Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu befürchten, man könnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn selbst, den weiland Candidaten des Erblandoberjägermeisteramts, auf dem Beutewagen nach Hause bringen. Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fußsack seinem Leibschützen Soetbeer auf die Seele band, ja diesem sogar zuflüsterte, wenn der Baron einen feuchten oder zu lang andauernden Stand im Walde bekäme, den Fußsack bei der Hand zu behalten; wie sie das Lederfutter untersuchte, worin die prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag, da hätte nur die – frühere Armgart gefehlt, um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu übersetzen. Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostüme, wozu sich noch die Wildschur gesellte, wie zur Weihnachtszeit der »Pelzmärtel«. Aus Bär und Zobel konnte man ihn kaum herausfinden. Das Gesicht war erkennbar nur an zwei Brillengläsern, ohne die er heute keinen Rehbock treffen zu können behauptete. Bei seinen Fabrikationen von Berliner Blau, Stärkemehl, Pottasche, künstlichen Düngererden hatte er nie die Brille nöthig; nur auf die Jagd nahm er sie mit, um den Spott, der ihn als Abkommen so vieler fürstbischöflicher Erblandoberjägermeister heute wieder unfehlbar treffen würde, durch ein »kurzes Gesicht« zu mildern. Und dann war Graf Münnich als ein »schußneidischer« Cavalier in der Gegend bekannt. Der ist eifersüchtig auf jeden Schuß, der nicht aus seiner Büchse kommt! sagte der Onkel in einem Ton, als würden heute durch seine Kugel mindestens ein Dutzend Rehe fallen. Eine Jagd in einem Walde, der im Frühjahr nicht mehr sein wird! seufzte beim Abschied Paula. Ja, alles wird weggeschossen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel. 5 Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante ärgerlich über einen so gefährlichen und herausfordernden und noch dazu, sie wußt' es ja, affectirten Ton ein. Bitte, sehen Sie nur zu, daß man Ihre Pelzmütze schont! Die Tante ließ es noch zweifelhaft, ob auch sie zu den Transparentbildern Püttmeyer's, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jäger gezeigt werden sollten, kommen würde. Sie wußte, nachher gab es ein stattliches Jagdbanket, und die Trauer Paula's gestattete weder ihr, noch Paula, sich in solchem Grade in die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen. Von Armgart, sagte sie, ließe sich erwarten, daß sie mit den Stiftsdamen auf Schloß Münnichhof zu Püttmeyer's Triumphen kommen würde; diese hätten drei Equipagen aus Witoborn bestellt. Zwei Stiftsdamen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam, gehörten sogar zu den Jägerinnen und waren berühmt durch ihren Muth und ihre Fehlschüsse. Mit der Versicherung, daß man sich verlassen könnte, er würde sich weder zu lange an dem Banket, noch an dem selbst in dieser frommen Sphäre nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel betheiligen, entzog sich der Onkel endlich dem beklommenen Abschied. Das leichte, trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwägelchen rollte von dannen. Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillengläser des kühnen Jägers beschlugen; oft verlor er den Athem beim Umsetzen des Windes, wenn der Leibschütz und der Kutscher, die vor ihm saßen, als Windfang nicht mehr dienen konnten. Dennoch wurde er nicht müde, Jagdanekdoten theils selbst zu erzählen, theils sich erzählen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glänzendsten Zeiten seiner Familie hinausreichten und keineswegs dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! entsprachen; denn immer handelte sich's um eine Heldenthat, wo »Se. 6 fürstbischöflichen Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen« oder sich von einem sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hatten darreichen lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum »Plaisir Serenissimi zusammengemördert« hatten. Gegen zehn Uhr war man auf Münnichhof. Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl Lünetten für noch vorhandene alte eiserne Böller, mit Wällen und in einem großen ringsumgehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder sogenannten Dücs d'Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blüte und Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts versetzte, fand man den größten Theil der Gesellschaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind die letzte Ehre gegeben hatte. Bereits war der Hof belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem großen Jagdpersonal der Dorstes vermehrt worden war. Da standen die Wagen für die Jagdtheilnehmer und für die gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweißhunde an der Leine und mancher von letztern trug noch am Halse die »Korallen«, einen Stachelring, nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Thier würde um so gieriger an seine wilde Arbeit gehen. Der musikalische Theil der Jagd war durch einige horngeschickte Jäger, namentlich durch die in Jagdcostüme gekleideten Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten; ja sogar ein Bajazzo fehlte nicht – der bucklige Stammer hatte sich vom gräflich Dorste'schen Oberförster ein Costüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen. In seiner grünen Mütze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die Gräfin von Münnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Buße nicht ins Theater ging, mußte im 7 Kreise ihres Besuchs wider Willen über ihn lachen, als sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem Hornsolo, das jedoch des Guten zu viel that und zuletzt in Dissonanzen übersprang. Zur Blüte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen, hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. Amazonenhaft traten nur einige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen aus dem Stift – Ohne Zweifel blieben die Fräulein von Merwig und von Absam schon auf dem für den Beginn der Jagd abgesteckten Standort zurück, an welchem sie vorüberfahren mußten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die über Münnichhof einen Umweg gemacht haben würden. Terschka war nicht zu sehen. Jeder fragte nach ihm. Fest stand, daß ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen würde. In der That schon mit »Schußneid« sagte das Graf Münnich, ein schlanker, von Kopf bis zu Fuß jagdgemäß gerüsteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig bis dreißig Cavalieren die lebhafteste war. Benno und Thiebold sollten gleichfalls kommen. Letzterer schon als baldiger Herr des heute zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden Waldes. Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger widerstehen können, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen für Benno's ihn »jetzt ängstigenden« Trübsinn und den minder gefährlichen eigenen die erheiternde Wirkung eines solchen Vergnügens geltend machte, auch »nicht leugnen« konnte, daß ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn schleunigst nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcostüm nicht übel stehen müßte. In dem großen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit über den Westfälischen Friedensschluß hinausreichenden 8 Familienporträts die wunderbarsten Hirschgeweihe hingen, solche sogar, die mit Baumästen verwachsen waren, nahm man ein Frühstück ein. Unfehlbar wäre man dann, da die, welche noch fehlten, auf dem gewählten Schießstande im Warten ungeduldig werden konnten, aufgebrochen, wenn sich nicht auf eine eigenthümliche Art durch das Eintreten einer Persönlichkeit, deren Erscheinen niemand hier erwartete, die Scene geändert hätte. Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die Brust mit Orden bedeckt, trat ein. Hinter ihm folgte ein Jäger, der, wie alle Leibschützen, die Flinte seiner Herrschaft trug. Der Landrath! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren schon wieder angezogenen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren Physiognomieen. Niemand war bestürzter, als der Wirth, Graf Münnich selbst. Was ist das? rief er erstaunt und allen hörbar. Bald stellte sich heraus, daß den Landrath von Enckefuß niemand eingeladen hatte. Noch mehr. Der feierliche Aufzug des in dieser Sphäre lange schon durch die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beängstigendes. Daß sich dieser weiland »schöne Mann«, ein alter Cavallerieoffizier, mit der größten Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefärbt, ja sogar die Runzeln seines fast fleischlosen und nur noch aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes hinweggemalt hatte, überraschte niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe Chevalerie mit den Damen, dasselbe stramme Auftreten mit den hohen Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war. Aber in so seltsamer Uebertreibung kam an ihm alles zum Vorschein, daß man annehmen mußte, entweder hatte er bereits seinem vormittägigen Lieblingsgetränk, dem Curação, stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst im Zustand geistiger Unzurechnungsfähigkeit. Sofort bildete sich ein Phalanx gegen den Vertreter der 9 Regierung, gegen den Mann, der einen Bruder des Kirchenfürsten im Duell erschossen hatte, gegen den Freund des Kronsyndikus, den Vater des Assessors, des jetzigen Raths von Enckefuß; wiederum sah man die große Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn. Allgemein stellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung, er sollte den unberufenen Eindringling bedeuten, daß sein Eintreffen auf Schloß Münnichhof ein Misverständniß wäre. Sogar die Gräfin besaß den Muth, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter gewordenen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äußern Erscheinung, in dem Hochgefühl ihres Zusammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone, den Landrath auf ein »Misverständniß« aufmerksam zu machen; sie wollte sagen, daß sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben würde, den Herrn von Enckefuß »mit Elementen« zusammenzuführen, »die ihm nur unangenehm sein müßten«. Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefuß wäre durch die Nichteinladung zu einer Jagd, an welcher jeder Adelige der Gegend theilnähme, in einem Grade beleidigt worden, daß man ihn seiner für nicht mehr mächtig halten könnte. Stündlich hätte er die Einladung zur Jagd abgewartet, hätte sein Schießzeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich außer Brot, Caro! Dann wäre seine Ungeduld gestiegen, immer hätte er gefragt: Keine Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka? Seit gestern hätte er dann eine Miene angenommen, als wäre die Einladung wirklich erfolgt. Nun hätte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jäger zu kleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, hätten die heftigsten Zornausbrüche geantwortet, sodaß man zuletzt 10 vorgezogen, zu schweigen und sich in alles zu fügen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im mindesten empfindlich. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten Freunde und Bekannte wären. Ein ängstlicher Waffenstillstand zwischen zwei feindlichen Lagern –! Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen wäre, in den unheimlichen Eindruck des so außerordentlich sichern, ja fröhlichen Benehmens des Landraths ertönten die Signale des Aufbruchs, die Rüden schlugen an, johlten und heulten vor Jagdungeduld, die Jäger klatschten mit den Peitschen und noch ehe man den Landrath entfernt hatte, kam der Zug in Bewegung. Auch jetzt folgte Enckefuß wohlgemuth und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehörte. Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb dieser zurück. Dafür schloß sich dem Landrath ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdtheilnehmer zum Beistand beorderten Jäger an. Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen Tannen und Buchen bestandenen Wald. Es war die letzte große Jagd in einem Walde, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war. An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Männern, die hier schon zu Fuß und zu Wagen harrten, nur einer, der sich das in stillem Träumen sagte und, rings um sich blickend, es wehmüthig genug nachfühlte. Wie selten liegt ein feiner Sinn in den Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Thatsachen vorüber, an denen ein anderer mit Schmerz verweilt –! Benno war es, dessen schlanke Gestalt durch einen einfachen kurzen grauen Militärmantel mit rothem Kragen, einen Mantel, den er fest an den Hüften zusammengeschnürt über seiner gewöhnlichen Kleidung trug, gefällig gehoben wurde; ein schwarzer bürgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz. Trotz seiner 11 schwermüthigen Stimmung aber mußte er lächeln – über Thiebold, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem er bereits wieder in bester Laune seine amerikanischen Abenteuer und seinen berühmten Sturz in den St.-Moritz erzählte. Für Benno's Jugendträume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher dahin. Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den grünen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern; zum letzten mal waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen im Mondlicht sonst die Hirschkühe ihre Kleinen zur Tränke führten, von den Schatten hoher Bäume bekränzt. Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter der schmelzenden Schneedecke so geheimnißvoll und traulich im Holze öffneten, dem Winde preisgegeben sein, der über die zurückgelassenen todten Stumpfe der verkauften Stämme fegte. In einem von einem leichtsinnigen Verschwender schon vor der Zeit gelichteten Walde glaubt man ohnehin oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei musicirenden Eichhörnchen und brummenden Borkenkäfern und taktschlagenden Spechten in den Zweigen. Hier, wo der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt werden sollte, brauste einst die Locomotive dahin und schnaubte und pfiff so teufels- und aufklärungsgemäß, wie nicht blos Norbert Müllenhoff neulich gesagt hatte, sondern selbst Onkel Levinus selbst wiederholte, der, je besorgter er allmählich wurde, desto mehr zu sprechen anfing. Benno war von ihm aufs freundlichste begrüßt worden. Levinus plauderte schon deshalb soviel, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der sich auf der Herfahrt von Schloß Münnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrüßung auf seine Kosten zu entwickeln anfing. Man fragte ihn, welche Nummer seine Brille hätte, wie viel Wild er heute würde am Leben 12 lassen, ob er es unter einem Sechzehnender thun würde und so fort in jenem jagdüblichen Schrauben, das bei allen schon im vollen Gange war. Ich kenne eure Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen durch eure schlechten Witze! So wild werd' ich darum doch noch nicht, daß ich vor Zorn mich mit dem ersten besten Stand begnüge, der mir angewiesen wird! Das ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Münnich, uns im Spaß alles übersehen zu lassen! Wir Landesoberjägermeister kennen das! Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Fläche, die auf einige hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung einer doppelten Schützenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum, vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schloß mitgekommen war, ließ sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine schon bejahrtere Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß watete selbst durch den Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen. Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst zurückgeblieben. In der Ferne und immer näher kommend hörte man schon ein Rasseln und Schlagen in den Büschen und der Oberförster versicherte, es wäre die höchste Zeit, die Posten einzunehmen. Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle spähten nach ihm; nicht blos Onkel Levinus, nicht blos Benno und Thiebold, welche hinter zwei mächtigen Erlenbäumen, die, gabelförmig aus der Erde gewachsen, zusammenstanden, Platz genommen hatten. Terschka's Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis zu gewinnen. Da er ausblieb, wollte man nun doch beginnen. Der Onkel aber bedeutete die Signalisten und rief: Diese Eile ist wieder nur eine eurer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht und 13 Bedacht die Plätze anzuordnen, wird nun alles mit Hast übers Knie gebrochen! Schweigt! Schweigt! sag' ich. Die verdammten Intriguanten haben alles abgekartet. Endlich hörte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aber aus der Ferne. Das wird Terschka sein! hieß es. Terschka kam in der That auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon eine Strecke vor ihm – allgemeiner Jubel! – zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll heiligenkreuzer Stiftsdamen, die Terschka eben einholen wollte. Das war ein Grüßen jetzt und Rufen und Lachen und Spotten. Aus dem Gewirr der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jägerinnen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam. Und nun plötzlich ertönte noch eine Salve von Bravis und schallendem Händeklatschen. Noch eine dritte Amazone sprang vom Wagen. Es war Armgart von Hülleshoven. Thiebold und Benno trauten ihren Augen nicht. Sie riefen zum Erstaunen des Onkels diesem Armgart's Namen hinüber und jetzt nicht im mindesten zu seinem Schrecken. Levinus dachte nur an sich selbst. Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor Furcht) kühner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker. Benno und Thiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut. Es war Armgart! Armgart, die trotz ihrer gestrigen Thränen aus dem einen der drei großen offenen Omnibus, der mit den übrigen Stiftsdamen zum Schloß Münnichhof fuhr, heraussprang und von Terschka's Armen aufgefangen wurde. Sie trug einen blauen engen, gefütterten Tuchrock über einem grauseidenen Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe und einen carrirten blaugrünrothen Plaid rings um ihre Schultern geworfen. Ihr Antlitz war geisterblaß. Ihr Ausdruck, ihr Lächeln ließ ihre zwei weißen Zähnchen blinken, wie immer, wenn sie träumerisch abwesend war. Sie grüßte niemanden, blinzelte nur zu den weißen Erlen hinüber, wo Benno 14 und Thiebold standen, und ging dorthin, wohin sie Terschka stellte, willig wie ein Opferlamm. Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter – Die katholische Macht des »Gelübdes« –! Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend: Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schön werden – mit der Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind! Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Thiebold: Das wird heute eine förmliche Erklärung! Eine öffentliche Vorstellung vor der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flüstert! Auch Thiebold »war im Begriff, außer sich zu gerathen«; aber hinter jedem der Jagdtheilnehmer stand ein Jäger und bediente das Schießzeug – man mußte vorsichtig sein und that besser, zu schweigen. Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jägerbursche, in der dorstischen grüngelben Livree, sprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar schon im Einverständniß und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung. Sie nahm sie, wie wenn ihre Hand ein Todesloos aus der Urne zog. Trara! Trara! Trara! begann es jetzt überall und Halloh! Halloh! An die Plätze! Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll. Der mittlere Plan war leer. Zwei Jägerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang. Am äußersten Ende stand der immer laut perorirende Landrath. Ein Rascheln, ein Knacken hörte man jetzt. Siehe da! Fünf Hirsche brachen aus der rechten Flanke des Quarrés, das die Gesellschaft bildete. Die Hunde, die noch an der Leine gehalten wurden, winselten. Noch standen die Thiere Keinem schußrecht. Da plötzlich ruft eine Stimme – es war die des Grafen –: Tire haut! 15 Tire haut? Alles lachte. Der Lärm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in Aufregung gebracht; aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte: Was sind das für Sachen! Dieser verdammte Münnich! Nur die Aufmerksamkeit will er vom laufenden Wild ablenken durch die Vögel, die heute gar nicht in Betracht kommen! Es sind nur Flederwische da oben! Doch über ihn her fiel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn. Pancraz sagte: Herr Baron! Oben »steht Alles ein«! Während Armgart über den technischen Ausdruck von »einstehendem« Geflügel vom Onkel eine Belehrung zugeflüstert bekam, erscholl es Piff! Paff! Von allen Seiten. Vier Hirsche lagen; der fünfte war durchgebrochen. Aber auch der Auerhahn stürzte herab. Diesen hatte Terschka geschossen. Darüber gab es Verwirrung genug. Man hatte die Hunde losgelassen. Verwundet war das fünfte Thier entflohen. Auf dem Schnee sah man die Schweißspuren. Einige hundert Schritt von der andern Flanke der Pläne, die man bestand, stutzte der Hirsch, machte, von den Treibern der andern Seite empfangen, Halt und wandte sich zurück. Nun stellte ihn die Meute und der Zunächststehende war berufen, das Thier zu schießen. Es waren gerade Benno und Thiebold. Thiebold, »vorwitzig, wie auch nur ich sein kann«, schoß – schoß fehl. Jetzt legte Benno an – wollte losdrücken. Paff! Im Nu schon sank das Thier, von einer Kugel getroffen, die vom äußersten Ende der Jagdreihe kam. Der Landrath hatte geschossen. Aus einer Entfernung, wo ihm zum Schuß jede Berechtigung fehlte. Darüber gab es denn einen gewaltigen Lärm. Diese Anmaßung war gegen alle Regel. Die Kugel hätte fehltreffen, jemanden verwunden, tödten können. Zornig schrie man durcheinander. Dem Onkel wurde es wirr zu Muthe. Das fortgesetzte 16 Knallen der Büchsen – an andern Orten brach neues Wild durch – die Nähe der Schießstände, das Pfeifen der Kugeln, Armgart's ihm jetzt »tollkühn« erscheinende Anwesenheit, alles mahnte zu Vorsicht und in leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich, die mit den ängstlichsten Warnungen ihn beschwor, sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben. Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen, die sein Leibschütz Soetbeer mitbekommen. Hätte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas vom »Fußsack« merken lassen, so würde der Onkel es ihm schön gegeben haben; nun, in dem Geknatter und in dem Pulverdampf, ließ er alles zu seinem Besten geschehen. Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorüber. Der Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders geängstigt »dahergestapelt«, wie Fräulein von Merwig rief – die Familie des Fräuleins hing nach des Onkels Ansicht unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen – der Bock schien zu wissen, daß wenigstens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, vor dem Schusse sonst sicher sind, da man Weibchen nicht schießt; es galt hier aber einen Vertilgungskampf. Unter dem Beileid der kunstgerechten Jäger brachen auch diese zarten Thierchen zusammen und mit so vielen Kugeln, daß sich darüber neuer Streit erhob. Armgart war schon in fieberhafter Erregung angekommen, jetzt stand sie vollends zitternd und hielt sich an – Terschka, der nach dem Meisterschuß auf den Auerhahn nicht mehr schoß und nur links und rechts spähte, vorzugsweise hinüberschielend auf Benno und Thiebold. Benno gehörte plötzlich zu den wildesten Jägern. Jede Ladung suchte er so schnell wie möglich los zu werden. Thiebold bat ihn wiederholt, sich zu mäßigen – nach seinem Fehlschuß hatte er die Courage verloren; Armgart käme ihm vor, sagte er, als wollte sie das Ziel aller Kugeln sein. Und doch schien sie ein überirdischer Geist, den keine Kugel treffen konnte. 17 Inzwischen fuhr der Landrath fort, eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu begehen. Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß vorüber. Die Fräulein aus dem Stifte, ohnehin gegen ihn tendenzgereizt, sprachen über den »tollen Mann« in Ausdrücken, die keineswegs verriethen, daß auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehörten. Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, wählt man die Ausdrücke nicht und so hörte der Landrath eine Beleidigung nach der andern. Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde, in Gelächter aus. Man würde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre, um mehr ostwärts zu ziehen. Dem Oberförster kam des Wildes zu wenig. Er schrieb's auf Rechnung des Windes. Nun trat alles aus den Büschen hervor und zog weiter. Onkel Levinus aber war entschieden dafür, daß man erst den Mann entfernte, »durch den hier heute noch ein Unglück entstehen würde«. Alle die, welche schlecht geschossen hatten, unterstützten seine Meinung. Meine Damen! rief der Landrath im Dahinwaten über die Pläne, wo inzwischen schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell ausgeweidet wurde. Amor schießt blind, immer blind und trifft doch! Haha! Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein Blinzeln nur von so schönen Damenaugen und gleich gehöre ich zu den lumpigsten »Schneidern«, die's nur geben kann – Meck! Meck! Meck! Meck! Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und Thiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, daß dies Meck! Meck! von ihm spottweise gerufen 18 wurde, weil schlechte Schützen »Schneider« genannt werden. Fräulein von Merwig hatte den beständigen Beinamen des »Fräulein von Anflicker«, den sie von ihrer Leidenschaft für die Jagd und ihrer geringen Trefffähigkeit für immer zu behalten fürchten mußte. Doch schon aus dem Aerger, den sie über diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend es wirkte, daß der Landrath allen Jagdgenossen unausgesetzt nun sein höhnisches Meck! Meck! nachrief. Die gutmüthigsten Naturen können auf der Jagd, besonders wenn die Füße kalt werden und lieber die Hände in den Pelzhandschuhen stäken, als harrend am kalten Lauf der Flinte, einen determinirten Auflug von Malice bekommen. Jetzt riefen sogar schon die früher schweigsamen Stimmen: Ungebetene Gäste wirft man zur Thür hinaus. Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch für die Füchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von »Amor«? Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns! Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten. Darüber kam man an den neuen Stand, den der Oberförster bereits angeordnet hatte. Es war wieder eine Pläne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben. Leider aber hatte sich der Oberförster verrechnet. So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren Knitteln an die Bäume schlugen, keine »Pfote kam heraus« – zuletzt einen einzigen Hasen ausgenommen, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter erregte. Lampen schoß in natürlicher Großmuth als zu geringfügige Beute niemand; der Geängstete wurde durch die Stände hindurch hin- und hergewiesen, bis er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, daß sie ihn an den Ohren hätten fassen können. Aber wieder störte der Landrath dies komische Intermezzo durch 19 seinen aufgeregten Eifer. Er schoß den Hasen dicht vor den Füßen Armgart's nieder und hätte diese, die sich dessen nicht gewärtigte, leicht verwunden können. Darüber brach denn der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus. Halb bewußtlos lag Armgart an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die sie, ohne zu schießen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hülfe gesprungen und setzten sich selbst darüber dem nächsten Schusse aus. Ueber alles das entstand eine Scene der höchsten Aufregung. Sie mehrte sich, als der Landrath vorsprang und rief: Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich –! Wuthschäumend stand er jetzt auf der Mitte der Pläne. Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn: Er ist verrückt! Haltet ihn! Bindet ihn! Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte, deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und würde ein Unglück angerichtet haben, wenn nicht sofort jemand hervorsprang, ihm die Arme festzuhalten. Auf die Jäger rechnend, hielt man Benno und Terschka zurück. Eine leicht erklärliche Scheu vor der ersten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt aber die Nächststehenden noch eine Secunde ohne Entschluß – Da theilten sich die Büsche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit auffliegender Kutte ein Franciscanermönch auf den Plan, hielt mit einem Arm die Flinte des Landraths und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft fuchtelnden Hände des ungeberdig Drohenden und Rasenden, daß sich dieser zwar mit schaumbedecktem Munde fest und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos verharren mußte, nur noch machtlos seinen Bändiger anstarrend. Bruder Hubertus war es, der weiland selbst ein Jäger gewesen und den entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka's Anwesenheit angezogen hatte – im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden 20 demselben zu nähern gesucht, war jedoch kalt von ihm abgewiesen worden. Die Gesellschaft, außer sich über den Vorfall, umringte die Gruppe und rief dem Mönch, der wie der bändigende Tod dastand: Bewachen Sie ihn! Führen Sie ihn fort! . . . Ich will Ihnen Leute zurücklassen, rief Graf Münnich. Der Mönch schüttelte den Kopf, sich verbürgend, er würde allein schon den Unglücklichen in Sicherheit bringen. Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner. Schon zog sich die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald; Armgart geführt von Thiebold – Im Augenblick, da Hubertus erschien, war Terschka verschwunden. Still und stiller wurde es ringsum. Die Signale nur hörte man noch, die den Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von diesen fernher wieder beantwortet wurden. Es war ein einziger schreckenvoller Augenblick. Jedermann eilte nun, ihm zu entfliehen. 21 14. Wie wenn sich in nächtlicher Waldeinsamkeit zwei kämpfende Hirsche mit ihren Geweihen so ineinander verwickelt haben, daß sie sich nicht mehr auseinander zu winden wissen, bis die Kraft ihrer Stirnen nachläßt und beide ermattet und zum Sterben bereit, ja wie zuvor im Tode noch versöhnt, zu gleicher Zeit hinsinken, so standen sich der Irrsinnige und der Mönch mit dem Todtenkopf gegenüber. Immer schwächer und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wuthschäumenden, der mit schweißbedeckter Stirn barhaupt dastand – seine Mütze war ihm entfallen. Wie aus einem Traum erwachend, begann er zuletzt in Ohnmacht zu sinken. Mit ungeschwächter Kraft fing ihn der Mönch auf. Unbeweglich hielt er ihn in seinen Armen. Kein Laut, keine Anrede kam aus seinem Munde. Der Landrath brach zusammen und verlor die Besinnung. Einsamkeit ringsum. Nur die düstern Tannen waren die stillen Zeugen des schreckhaften Auftritts. Beide Männer auf dem schmelzenden Schnee stehend. Hubertus in Sandalen, der Nässe und Kälte nicht achtend, der Rittmeister mit Koth bespritzt bis zur Achsel. Zum sich weitab verziehenden Lärm der Jagd, zum Knallen der Büchsen, zum Bellen der Hunde, zum noch 22 jeweiligen Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend anhielt, ein Gegensatz, der den Muth und die Geistesgegenwart eines Helden herausforderte. Noch immer ließ der Mönch den Arm des Landraths nicht. Er wollte ihn, wenn er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und wieder der Gesellschaft nachzurennen; denn daß er mit einem Mann zu thun hatte, der das Licht der Vernunft verloren, hörte Hubertus bald an allem, was der Unglückliche allmählich zu sprechen begann. Ich bin der Landrath –! sagte er erwachend. Wohl! Wohl! Herr von Enckefuß! flüsterte der Mönch mit milder und beruhigender Stimme. Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort. Große Ehre, Herr Landrath! Sie sind der Doctor Klingsohr! Pater Sebastus jetzt! Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde Wittekind fortzuschicken? Das war mein bester, einzigster Freund! Und der – wollte sonst doch auch das Pfaffengesindel nicht. Laß mich, Kapuziner! Der Mönch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Münnich mit dem Kronsyndikus verwechselte, auf dessen Jagden er früher den Matador gemacht, mit nickenden Zustimmungen. Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte der Landrath kleinlaut. Diese Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz fort: Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Du sagst wol auch Wellington? Landesverräther! Man muß euch hier alle niederschießen! Alle! Eher kommt ins Land keine Ruhe und kein Patriotismus! Dabei gingen beide schon fürbaß. Manchmal zankend und 23 ringend, manchmal beruhigt still stehend. Der Mönch ermüdete nicht, den Tobenden durch Eingehen auf die Vorstellungen eines kranken Mannes zu besänftigen. Jener rief: Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern, wer meine Protection ist! Schon mehr als dreißigmal hat der König mit mir gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber – ich gebe keine fünfzig Procent! Auf Spiel steht jetzt Strafe! Haha! Tangermann! Zimmer 15! Lieutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuß – nehmt euch in Acht! Rittmeister a. D. Ade! Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden –? Der Verirrte sprach letzteres Wort fast mit Weinen. Zur Nachgiebigkeit mußte ihn der Zuspruch des klugen Mönchs ermuntern, der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in dem Glauben, daß er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann der Provinz wäre, bestärkte und ihn doch wieder festhielt, wenn er ungeberdig um sich schlug. Hedemann, sagte Hubertus, der, der wäre ja der Müller! Aber auch noch ein Oberst könnte hier ein Müller werden, setzte er plaudernd hinzu. Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft kindlichen Mönch das Vertrauen des Unglücklichen zuzuwenden, so war es die Erwähnung seines Sohnes. Auf das Kichern und Lachen, mit welchem der Landrath, nach der Erwähnung des Obersten, ein Dutzend mal hintereinander: Papiermüller! Papiermüller! rief, hatte derselbe einen uneröffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen: Na da kuck' einmal! Das ist von meinem Sohn! Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mönch wiederholt und von seiner letzten Reise her dessen hoffnungsvolle Carrière gerühmt, so leistete der Landrath keinen Widerstand mehr, sondern ergab sich ruhig, folgte und sprach, auf den Brief deutend, 24 mit Behagen: Ja, mein Sohn – der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er schon – er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiß mein Junge! Und wenn du schweigen kannst, Pfäffchen, sollst du auch hören, was mir mein Sohn geschrieben hat! Das ist die Handschrift, die der König so sehr an ihm liebt! Sein König! Das kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heißt: Mein König! »Helft Leute mir vom Wagen ab« (er sang mit leiser Stimme), »mein König trank daraus!« Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der Grundstrich immer wie ein Bindestrich! Das hilft nun nichts! 'Was Apartes muß der Mensch haben! . . . Mit der feierlichsten Würde seine Autorität behauptend, öffnete er den vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und ließ, während er ihn vorlesen wollte, den Mönch mit einsehen. Nicht daß der Alte in der braunen Kutte neugierig war; ihm genügte, daß den Wahnwitzigen diese Gedankenreihen zerstreuten und er hoffen konnte, ihn auf diese Art allmählich zum Meyer von Borkenhagen, dem nächsten Ort, zu führen, wo er ein Fuhrwerk anspannen zu lassen gedachte, um den Kranken nach Witoborn in seine Wohnung zurückzubringen. Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor welchem ihn Schauder ergriff. War in dem Briefe – von ihm selbst die Rede? Stammer (der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt – Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen, ein Galgenrad, auf seinem fleischlosen Arme. Und dies nämliche Zeichen – in diesem Briefe hier sah er es abgebildet! Was sollte das –? Der Landrath hielt, nach Art der Fernsichtigen, den Brief so 25 weit von sich, daß Hubertus mit einsehen konnte während des Vorlesens. Der Irrsinnige las jedoch etwas völlig Anderes, als was im Briefe stand. Er las nur aus ihm die Ideen heraus, die in seinem Kopfe lebten, während Hubertus sofort bemerkte, daß der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persönlich betreffender war. Der Landrath las: Lieber Vater! Die Canaillen helfen einmal nicht – Dieser Kattendyk ist und bleibt ein Esel – Nück hat Dir den Tod geschworen – Deine Widersacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme – Dann soll es mir und Dir nicht fehlen und auch dem Präsidenten zahlst Du heim, gegen den Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! – Warum lässest Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen? Warum schonst Du Räuber und Mörder und thust alles das umsonst? Weil Du zu stolz bist! – Ja! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno 13 kennen. Einen Rittmeister von den braunen Husaren! – Ihr Landfriedensbrecher! Ihr Römlinge! Die Cocarde erkenn' ich euch ab! – Auf die Jagd bekommst Du Deine Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! – Monsieur le Baron d'Enckefuss est invité à la chasse  –! Hier salutirte der Rittmeister mit dem Brief an seiner wachsledernen Mütze, die ihm Hubertus von der Erde aufgehoben, dann getragen und zuletzt wieder aufgesetzt hatte. Seine schwarzen Augen funkelten, die rothe Nase glühte, im Regen hatte sich die Tusche seiner Gesichtsfarbe verwischt und floß in langen Streifen um den sich jetzt in seiner Grauheit verrathenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen wäre und hätte beide schreckhafte Gestalten gesehen, wäre bebend zurückgewichen. Denn auch Hubertus hätte sich jetzt an dem Wankenden halten mögen. Sein Geist war mächtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination. Anfangs ganz ohne Verständniß blickte 26 er in die Schrift, die ihm der Landrath entgegenhielt, bald aber las er im klarsten Zusammenhange und die Pausen des Landraths nutzend, Folgendes: »Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir persönlich mittheile, damit Du Dir allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und die Kränkungen, die über Dich der Parteigeist verhängt, durch Deine Thätigkeit beschämen kannst! Ein Verbrecher, der in Frankreich zwanzig Jahre auf den Galeeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich bei seinem ersten Auftreten sogleich in seiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich an einem mir noch unbekannten Orte in unserer Stadt verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die sich über die Verhaftnahme des Kirchenfürsten noch täglich wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde des verschlagenen, heimtückischen Nück. Schon Hammaker, der uns seit Jahren das Nück'sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, daß jener Kerl in Eure Gegend gehen würde, um etwas dort auszuführen, was Hammaker noch nicht zu wissen behauptete. Ich aber weiß so viel, daß Jean Picard, auch Jan Bickert genannt (Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines Busches), auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich mit Geld ausgestattet. Suche auf Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen: Jean Picard ist gegen funfzig Jahre alt, spricht schlecht deutsch, gut französisch, holländisch, hat mittlern Wuchs, röthliches Haar und eine stark orientalische Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der französischen Galeeren T. F. ; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeeren in Brest geschrieben wurde, der holländische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schließlich mach' ich Dich 27 aufmerksam, daß soeben in größter Eile von hier eine Dir von früher vielleicht nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz nach Witoborn gereist ist. Beobachte auch deren Schritte! Ich vermuthe sogar, daß ihre plötzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem, möglicherweise auf Nück's Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird dicht in Deiner Nähe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an welche sie von hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang genau und laß besonders das Schloß Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, daß sich gerade dort etwas ereignen könnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile Dein treuer Sohn E.« Schon auf eine bloße Anerkennung der vortrefflichen Handschrift hin konnte der Mönch den Brief ganz an sich nehmen und behalten. Seine knöcherne Hand zitterte, als er das Schreiben in seine Kutte steckte. Er, der sonst so schnell Gefaßte, hatte die Besinnung verloren. Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt, eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtausend Thalern hinterlassen. Längst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich entwöhnt. Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick. Nur in Gesprächen mit Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf. Noch kürzlich sagte Sebastus zu ihm in seiner Krankenzelle: Hubertus! Sie müssen in Java gelernt haben Liebestränke brauen! Gewiß hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie und ich will nicht hoffen, daß Ihre Erbschaft das Ergebniß einiger Giftmorde ist, zu denen Frau von Buschbeck ihre Force gehabt haben soll! Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft nicht ab. Die 28 grausame Zerstörerin seines Lebensglücks war durch die Hand desselben Mannes gefallen, der ihn einst in jenes Convict begleitet hatte, wo er selbst am Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, welcher den Tod zu lieben vorgab, auch nicht verhinderte, wirklich aus dem Leben zu gehen. Damals war dieser, kürzlich erst hingerichtete, Jodocus Hammaker ein Mann von Bildung, von Talent gewesen, von angenehmen, gefälligen Formen. Wie, dachte er, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, zum Mörder werden können! Ihm weckte das sein eigenes vergangenes Leben, seine Jünglingszeit, wo auch er am Rande des Verbrechens, gefahrvoll für seine Seele, dahingeschritten. Gedenkend des Tages, wo er im Klostergarten dem Mörder Hammaker erzählte von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden Hause, kam ihm mit wehmuthvollen Klängen die Erinnerung an jene beiden Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, zwei Seelen, die Gott durch ein Wunder, durch seinen Muth errettet wissen wollte, zwei Zöglinge, von denen er sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen Herzens getrennt hatte. Wo mochten sie jetzt wol sein? Das beschäftigte den »wunderlichen Heiligen« in seiner Klostereinsamkeit sonst schon seit Jahren, so jetzt aufs neue und lebendiger denn je. Was war aus ihnen geworden? Wie, wenn sie im Elend, auf dem Wege des Verbrechens lebten! Er erhielt eine so ansehnliche Summe! Sollte er sie seinem Kloster geben? Er mochte es nicht, seitdem der ihm und allen verhaßte Pater Maurus Guardian und jetzt sogar Provinzial geworden war. Wie, dachte er, wenn ich das Geld annähme, meine beiden Pflegebefohlenen zu entdecken suchte und es ihnen zukommen ließe, falls sie's bedürfen sollten oder dessen würdig wären? Diese Vorstellung erfüllte ihn mit solcher Lebhaftigkeit, daß er in der Einsamkeit der Klöster, auf den Wanderungen, die er im 29 Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stündlich darauf zurückkam: Wo lebt Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? Vor vier Monaten hatte er auf einer dieser Wanderungen zuerst die Nachricht über jene Erbschaft empfangen – gerade war er in Ordensaufträgen in Belgien gewesen, nach Holland gegangen und befand sich nun in Gröningen. Er hatte von Jean Picard nichts vernommen, als daß er von Brest nach einer Reihe von Jahren fortkam und in Paris verschollen sein sollte; von Wenzel von Terschka nichts, als daß er nach seinem Unfall in Amsterdam südwärts nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war. Jetzt begegnete er plötzlich vielleicht beiden – hier! Dem einen in einer vornehmen, glänzenden Stellung! Dem andern auf dem längst von ihm geahnten Wege des Verbrechens! Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er gehört hatte, so häufig in Böhmen vorkommt, wie in Deutschland die Namen Wilhelm von Schulze oder Heinrich von Schmidt vorkommen könnten. Aber die seltsame Aehnlichkeit der Züge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fünften Lebensjahre gekannt hatte, als er anfangs an der einsamen Mühle des Müllers Sterz, dann bei einem Scharfrichter zwischen Zütphen und Deventer mit den beiden Knaben lebte! Allerdings, dieser vornehme Cavalier, der heute früh in so geheimnißvoller Art mit dem Pater Maurus eingeschlossen war (im einsamen Bibliotheksaale des Klosters, der für diesen Zweck eigens hatte geheizt werden müssen), dieser stand ihm keine Rede, lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen seiner Familie ab. Jetzt aber – Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! Ein Mann mit jenem Verbrecherstempel, welchen er so gern hätte bei der Jagd auf Terschka's linkem Arm entdecken mögen! Und diesem Picard gesellte sich der Name jener Lucinde, die er zwar nie auf dem von ihm gemiedenen Schloß Neuhof selbst gesehen hatte, die er jedoch in allem 30 kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so werth gemacht hatte und noch machte. Auch sie in der Nähe! Sie, um derentwillen noch jetzt Sebastus in seiner Strafzelle seufzte, um derentwillen er, vor seiner Rückkehr aus Holland, mit einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte. Sie in Verbindung mit Verbrechern! Unmöglich, unglaublich schien es ihm. War sie in der That bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschloß er, soweit ihm die Ueberraschung, soweit ihm die Sorge um den Kranken, den er führte, schon jetzt einen Entschluß, den er zu fassen hatte, möglich machte, zunächst Lucinden aufzusuchen, ihr den Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen und ihr die Pflicht vorzuhalten, soweit ihre Kraft reichte, ihn jetzt zu unterstützen, um Verbrechen zu hindern, in denen dieser Unglückliche nur zu heimisch zu sein schien. In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er führte, die Obhut und Sorge nicht aus dem Auge. Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich vom immer mehr verklingenden Lärmen der Jagd. So manches Reh war an ihnen vorübergesprungen. In den kahlen Zweigen der Bäume rauschte es von deren aufgescheuchten Bewohnern. Schon war es Ein Uhr. Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne. An einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiß im Freien getroffen. Vor Fünf rechnete man nicht auf die im Schloß zu genießenden Leistungen der gräflich Münnich'schen Küche, während die versammelten Damen der Jäger so lange von Püttmeyer's Transparentbildern unterhalten werden sollten. Immer ruhiger, immer stiller und hinfälliger wurde der Landrath. Hubertus mußte bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft 31 Zitternden unter Dach und Fach zu bringen. Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten Boden war kaum noch fortzukommen. Kaum hielt sich der Landrath noch aufrecht; er mußte fast getragen werden. Nur noch durch Zeichen äußerte sich der Wille des Kranken; aus Ueberreizung war er halb in Ohnmacht gesunken; er klapperte mit den Zähnen. Ein so unendlich wehmüthiger Ausdruck war, trotz der entstellten und beschmuzten Gesichtszüge, aus diesen herauszulesen, daß man wohl annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen Mann hatten die fortgesetzten Kränkungen seines Ehrgefühls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen. Der dem Walde zunächstliegende Kamp war dem Mönch als der armseligste in ganz Borkenhagen bekannt. Hier wohnten die im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann's. Daß es gerade der Landrath gewesen, der diese mit ins Elend gebracht hatte, wußte Hubertus. Er sah sich um in der Gegend. Niemand war zugegen, der ihm den ohnmächtigen Mann hätte abnehmen können und in ein Obdach tragen helfen, das er als Angehöriger der Kirche eigentlich nicht betreten sollte. Doch wagte er die Sünde auf Rechnung der vielen, die er bald würde zu beichten haben, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die mit der Nennung des Namens Terschka und dem Brief, den er in seiner Kutte trug, seinen ganzen Menschen erfüllten. Eine kleine Anhöhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's führte, für dessen Bestellung jene betrogenen Alten seit Jahren nichts mehr gethan hatten. Da lag schon das Staket, welches sonst das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte, in einzelnen Theilen im Wege. Am Brunnen, den kein Stroh vorm Erfrieren des Wassers schützte, lagen die Eimer 32 leck oder eingefroren. Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bäume zum andern; einige weiße Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im Winde flatterten. Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm. Die Thür stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu gewinnen war. In der Küche am Herd saßen auf dem im Kamin brennenden Baum die beiden Alten. Hedemann's Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammern – ein Erwerb, den er auf Drängen des Meyers ergriffen, als in der Fremde der Sohn nicht ahnte, wie übel es mit den Aeltern stand, und den er nun fortsetzte, obgleich er ihn nicht mehr nöthig hatte; ein Verlassen oder Verbessern ihres Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit durch eine Magd oder einen Knecht aufdrängen, am Nöthigsten aber ließ er es ihnen nicht mehr fehlen. Schon wußte der Mönch, daß er keinen Gruß bekam, daß ihn ein dumpfes Murmeln hinwies, sich das zu nehmen, was er begehrte. Selbst der ungewohnte Anblick: ein Mönch, der einen kranken vornehmen Herrn, noch dazu den Landrath, hereintrug und auf einen Futterkasten setzte – der Landrath fieberte jetzt und war besinnungslos – nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und menschenscheuen Fassung bringen. Die Alte spann, der Greis schnitt seine Dauben. Hubertus fand jedoch Hülfe. Eben, als er an den Herd gehen wollte, um den großen Kessel abzuhenken, in welchem sich in diesen Bauernhäusern immerfort heißes Wasser befindet – er hoffte Butter und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu machen – bemerkte er in der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins, einen Mann, der über ein Buch gebeugt saß und darin las. Wie aus einem Traum erwachend 33 fuhr der Leser auf und sah erst jetzt, was während seiner Zerstreuung geschehen war. Remigius Hedemann, der Sohn, war es, der hier bei seinen Aeltern gesessen und in seiner Lectüre sich nicht hatte wollen stören lassen – er las in einer italienischen Bibel. Was ist das? fragte er, nun sich erhebend und voll Staunen den Rittmeister von Enckefuß betrachtend, den er sogleich erkannte. Hat der Landrath ein Unglück gehabt? Der Mönch erklärte in Kürze den Zustand des Leidenden und bat, sich seiner annehmen zu wollen. Er seinerseits wollte, nach weiterer Besinnung, lieber auf Münnichhof zurück und den Diener des Landraths rufen, der mit einem Wagen kommen sollte, um den Unglücklichen nach Witoborn in seine Wohnung zu fahren. Der unerwartete Beistand, den Hubertus gefunden, half ihm den Besinnungslosen auf ein Strohlager tragen. Hubertus' Auge fiel dabei auf das dicke Buch in kleinem Format. Anfangs hielt er den Druck für Latein und drückte sein Erstaunen aus über die Gelehrsamkeit, die Hedemann aus Amerika mitgebracht. Da ist es kein Wunder, sagte er, daß Ihr in Witoborn Papier machen wollt! Lächelnd erwiderte Hedemann: Thut Buße und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen! Der Landrath erwachte beim Anordnen des Ruhelagers, besann sich jedoch weder auf die Lage, in welcher er sich befand, noch auf die Personen, die ihn umgaben. Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel. Den letztern sah er im Geist deutlich vor sich und lachte, wie kahl er den Kerl geschoren hätte. Er hielt die Finger spielend in die Höhe, als ließe er die Flocken 34 durchgleiten, die er dem Thier erst kürzlich weggeschnitten. Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden. Hubertus versprach, so schnell wie möglich Hülfe zu schicken. Thut wohl euerm Feinde und so ihn hungert, speiset ihn! sagte auch er mit Bibelworten, des Landraths Verhältniß zu dieser Hütte andeutend. Es war der Landrath gewesen, der diese Leute einst in ihrem patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priesterthums irre gemacht hatte. Hedemann nickte diesem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Mönchs und sagte, zunächst wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in welchem seine Aeltern lebten: Darin sind wir ja einig! Der Landrath blieb bei seinen Feinden. Hedemann pflegte den Sterbenden und gedachte nicht mehr jenes Tags, wo dessen Sohn ihn und Porzia Biancchi beleidigt hatte im Wirthsgarten an der Landstraße von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall. Seine Mutter spann; sein Vater schnitzelte Dauben ruhig und antheillos. Hubertus, beruhigt jetzt über das nächste Schicksal des Landraths, eilte, um auf Schloß Münnichhof den Diener desselben und einen Wagen zu suchen. Er überlegte, wie er später in Witoborn es versuchen sollte, sich der Frau von Sicking einzuführen; wie er Schloß Westerhof umspähen, Jean Picard entdecken, ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte – So eilte er über die glatten Wege mit seinen groben Halbschuhen dahin. Indessen hatte sich auf Schloß Münnichhof immer zahlreicher jener Kreis von Damen gemehrt, die ebenfalls von Runen und von Zeichen, ebenfalls von Kreuzen und von Rädern sich ergreifen lassen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der unbekümmert um Schnee und Regen dahinschreitende, tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hüllende Laienbruder. Die 35 Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gotte beten, war in einer Bauernhütte geweiht durch die Nächstenliebe und vielleicht im Schloß des Grafen durch – den Denkergeist –? Wenigstens erschien gegen drei Uhr Doctor Laurenz Püttmeyer auf Schloß Münnichhof so feierlich, wie wenn er die erste Vorlesung auf dem ihm endlich überlassenen Lehrstuhl Hegel's zu halten gedächte. Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die Schleife seines weißen Halstuchs gebunden. Er war so gründlich rasirt, daß man der Meinung hätte sein können, die Natur hätte ihn in das Geschlecht der Blaubärte versetzen wollen; offenbar war er mit dem frisch rasirten Kinn in die Kälte gegangen, wovon ein europäischer Mensch bekanntlich blau wird. Auf sauber gefältelter Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel; die weiße Weste, obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit einer schweren Uhrkette garnirt. Die elegantesten gelben Handschuhe, die in Eschede nur waren aufzutreiben gewesen, saßen, wenn auch mit etwas zu langen Fingern, doch das Feierlichste versprechend, auf seinen Händen, die heute das Ewige, das Unergründliche hinter ölgetränktem Papierrahmen sichtbar und anschaulich machen wollten. Alles was der Doctor jener Curatel, unter der er stand, hatte abtrotzen können, schmückte ihn heute, auch der große Siegelring mit einem prächtigen Karneol, der dann leider unter dem Handschuh die Naht gesprengt hatte. Von einigen zwanzig Damen wurde er mit jenem ironischen Lächeln begrüßt, das die vornehme Welt dem der höhern Lebensformen ungewohnten Gelehrten immer bereit hält. Indessen war dies Lächeln, wenn auch satirisch, nicht boshaft. Man ließ die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so mehr gelten, als man in ihm eine originelle, unter den besondern Bedingungen der dortigen Provinzialeigenthümlichkeiten stehende 36 Denkergröße zu besitzen glaubte. Seine mathematische Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewählten, hier die übliche Landstraße deutschen Dichtens und Denkens gänzlich vermeidenden Kreisen und glücklich schätzte er sich, heute den vornehmsten und angesehensten Damen der sonderthümlichsten Gegend des deutschen Vaterlandes einen kurzen Ueberblick seines Systems geben zu können. Die Gräfin Münnich versicherte ihm, daß er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits all die Vorbereitungen getroffen finden würde, die er sich in einem umständlichen Kanzleischreiben an die Frau Gräfin erbeten hatte. Ein durchaus dunkles Zimmer, ein Gerüst, einige Näpfchen mit Oel, eine Flasche Spiritus. Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubniß aus, vorläufig seine Vorbereitungen treffen zu können, bis er die hochgeehrten gnädigsten Damen abrufen würde. Diese Spannung währte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und paarweise folgten sie dem glücklichen Seher. Lachend und doch beklommen ging es durch den Ahnensaal, wo aufs einladendste schon die Tafel zum großen Jagdbanket gedeckt wurde. Püttmeyer war so erfüllt von seiner Aufgabe, daß ihm völlig entging, wer unter den Damen zugegen war. Es waren jüngere und ältere, hohe und kleinere Gestalten, alle in gewählter Kleidung, alle mit Trauerzeichen – um den Kirchenfürsten. Paula, Tante Benigna, Armgart – auch diese glaubte Püttmeyer zugegen. Seine Verwirrung war so groß, daß er eine Gräfin oder Freifrau mit der andern verwechselte. Anfangs brannten in dem Zimmer, das sie alle betraten, einige Kerzen. Man mußte sich wenigstens orientiren, wo man Platz nahm. Als dies geschehen war, erloschen diese Kerzen auch und machten alles stichdunkel. Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich räuspernd saßen die vornehmen Frauen. 37 Püttmeyer rumorte, wie ein Puppenspieler, hinter einem großen transparenten Rahmen, der sich allmählich zu erhellen begann. Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen. Dann rief die Gräfin, ob er nicht Beistand nöthig hätte? Nein! nein! Meine Allergnädigste! antwortete er. Dennoch aber hörte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem Gehülfen sprechen. Eine zarte, schüchterne Stimme umwisperte ihn. Himmel! hätte Armgart, wenn sie hier gesessen, gewiß gedacht, vielleicht – steckt Angelika hinten, die glückliche Angelika! Wenn sie diesen Augenblick, diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebt hätte! Das Zimmer war überheizt und die Damen bekamen eine eigenthümliche Exaltation allein schon von den Ausströmungen des Ofens. Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den frühern, der etwas stark auf Verbrauch von Oel und Spiritus schließen ließ. Die Stimmung wurde immer erregter. Man schwieg jetzt deshalb schon, um sich nur beherrschen zu können, und harrte der kommenden Dinge. Endlich klingelte Püttmeyer und sprach mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme: Meine hochgräflichen – hmhm. – und hochfreiherrlichen – hmhm! – Gnaden! Ich bin so glücklich – Ihnen den Entwickelungsgang meines Systems in einer Reihe von Bildern so anschaulich machen zu können, daß Sie selbst prüfen mögen, ob meine Lehre – hmhm! – wol Ihre überzeugte Zustimmung findet! Denken Sie nur immer dabei, daß das, was in Gott Ein Moment ist, im Denken – durch Raum und Zeit seine – hmhm! – Ruhepunkte haben muß! Auch unser christ – hmhm! – christlicher Glaube zerlegt Gottes Größe in ein Vorher und ein Nachher; denn wie würden wir sonst die Lehre von den sieben – hmhm! – Schöpfungstagen haben? 38 Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal. Dann folgte tiefste Stille. Die Weihrauchdüfte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller Ueberraschung etwas völlig Unerwartetes, eine wunderbare Musik. Wo kam diese Musik her? Leise anschwellend hoben sich die Töne wie auf Aeolsschwingen. Was hatte der Zauberer von Eschede für ein Instrument mitgebracht? Es war keine Flötenuhr, kein Klavier, keine Orgel. Es war von allen etwas. Das Zimmer erbebte von Wohllautsschwingungen, von welchen die Luft zu einer klingenden gemacht wurde. Brausend schwoll es an, so mächtig und so lind und lieblich wieder, daß davon die ganze Seele erfüllt sein durfte. Und niemand war erstaunter, als die Gebieterin des Schlosses selbst, die nicht hoch genug versichern konnte, daß sie kein Instrument besäße von solcher Wirkung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse. Wenn Püttmeyer Orphische Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemüths nicht mächtiger getroffen werden. Als die Töne verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend, da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tiefsten Grunde, sei's des Himmels oder des Meeres, entwickelten sich leise Schatten, die allmählich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und einander durchschneidender Kreise annahmen. Püttmeyer sprach mit erhöhter Begeisterung: Musik ist das Leben des Alls! Denn – das All besteht aus zersprengten – Atomen, die – sich suchen, sich finden – sich abstoßen, verfolgen! – Sehnsucht und Liebe, demzufolge auch Abneigung – hmhm! – und Haß – ist die Seele des Alls –! . . . Die Kreise bewegten sich auch theilweise zurück und es entstand ein Chaos so flimmernder Schatten, wie wenn bei Blutandrang das geschlossene Auge ein Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht. Das 39 Instrument begann dazu in lebhaftern Rhythmen eine entsprechende Begleitung. Nicht schrill oder in mistönender Malerei – seinem Wesen entsprachen nicht so grelle Ausdrucksformen – wohl aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes und aus der wehmüthigsten Verkennung der Liebe empor. Inzwischen schilderte Püttmeyer das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende Streben alles Geschaffenen und des Denkens über alles Geschaffene zum Kreise und die Transparenttafel verwandelte sich allmählich in einen einzigen lichten Kreis und die blaue Farbe ging in eine rothe über. Die Frauen beanstandeten nicht im mindesten, was Püttmeyer, in immer flüssiger werdender Rede, über das Symbol der Liebe, über den Ring, über die Schlange, ja über die Schlangeneier sprach. Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata-Morganen der Ahnung. Ueber die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen, die eingeweiht waren, herumgeflüstert, daß sie auf einer Ueberraschung beruhte, die man der Gräfin bereitete. Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes schöne alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, dies Instrument wäre zwar in der Art, wie man es handhaben müsse, nicht eben schön zu nennen, würde aber in seiner Wirkung höchstens nur von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht. Jedermann hatte begehrt es zu hören. Man wußte, der »Pfarrer«, die »Frau Pfarrerin« – wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht Entweihung war – die schon herangewachsenen »Kinder« desselben spielten jenes Instrument mit großer Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den hiesigen Verhältnissen angemessen, noch auch der Würde desselben zuzumuthen, daß er selbst oder seine 40 Angehörigen sich außerhalb desselben mit ihren Leistungen hören ließen. Um so größer nun die Ueberraschung, daß Püttmeyer das Allersehnte möglich gemacht hatte. Schon erzählten die Flüsterworte, daß die Verehrerinnen des Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres Schooskindes zu seinem größern Effecte durchgesetzt hätten, sie, die Armgart in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrümpfen verglichen –! Es hieß, der »Prediger«, wie man lieber hier zu Lande Herrn Huber nannte, hätte zu dem Vorschlag gelächelt, als er an die ihm schon durch seinen frühern Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jérôme von Wittekind, bekannte Philosophie der Drechselbank erinnert worden; er hätte eingewilligt in den Transport des Instruments und es heute mit Püttmeyer'n in einem verdeckten Wagen und sogar mit seiner eignen Tochter abgesandt; diese überträfe in der Kunst dies Instrument zu spielen sogar noch ihn und seine Gattin. Püttmeyer empfand die Genugthuung nicht, die seinem verketzerten Werke: »Christus und Pythagoras«, durch diesen jetzt ganz gern gesehenen Bund mit den Ketzern zu Theil wurde. Ach, er war zu sehr schon in seiner steten Furcht vor Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um noch von sich gegenwärtig zu haben, daß unter dem alten Schlafrocke seines freudlosen, verkümmerten Daseins die jugendlich schöne Psyche seiner Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflügeln immer noch verborgen lebte. Nicht ganz paßte auf ihn ein Wort, das neulich Onkel Levinus mit stolzem Bewußtsein bei Gelegenheit einer muthigen That sprach, die von einem deutschen Professor gekommen –: »Ja, sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinthen der Metaphysik, sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingänge zu den Pyramiden verschüttet, haben wir uns sogar als mit Orden umschnürte Geheimeräthe ganz in 41 Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Glückspilzen verloren: plötzlich ruft uns doch irgendein Signal an unsere stolze Wissenschaftsfahne zurück und wir kämpfen für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Denkens, wir wissen selbst nicht wie –!« Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in diesem Kreise überraschenden großen That eines deutschen Gelehrten. Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlaß des Kirchenstreites (richtiger, seiner nah bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen, die Tochter sollte bei ihr bleiben) seine außerordentliche, ohnehin unbesoldete Professur niedergelegt. Püttmeyer stand doch edler da! Er empörte sich nicht gegen seine Unterdrücker, zu denen auch die Geistlichen gehört hatten; er liebte die Kirche, die ihn auf den Index zu setzen gedroht. Aber mit Stolz fing er nun auch von sich selbst zu reden an. Wer würde seines Selbstvertrauens haben spotten mögen! Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel für die Dreieinigkeit, ein dunkelglühendes Kreuz für die Offenbarung der Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten im Zeitlichsten. Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind die Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwärtig sind. Sie umspannen hier ihre Herzen wie mit magischen Fäden. Und selbst die anwesende Frau von Sicking, die Frommste der Frommen, hätte nicht geahnt, daß sie diese Stunde ebenso feierlich stimmen würde, wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der »Wandlung« beim heiligsten der Opfer und wie sie hoffte angemuthet zu werden durch die Müllenhoff'schen Exercitien. Andachtsvoll hörte man auch manchem Scherz Püttmeyer's zu, sogar dem, daß das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer angehöre, auch dem Gotte 42 Gambrinus, setzte er lachend hinter dem muthmachenden Oelpapier hinzu, der mit diesem Zeichen in Göttingen anzeigt, wo gutes Bier feil wäre, »worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge, ein Hausthür-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt stattfände, und zwar« – hier hätte allerdings den Doctor eine seiner escheder Gönnerinnen ein wenig am Frackschoos zupfen sollen – »auf dem Bock, welches Thier sothanerweise auch noch bis gen München hin im innigsten Zusammenhang geblieben wäre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des Wonnemonds«. Püttmeyer erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu einem Streite über Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlaßt haben würden, in eine reinere Höhe, als er, angeregt wahrscheinlich von Göttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewußtsein fortfuhr: Heureka – hmhm! – meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pythagoras, als er seinen berühmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte! Heureka! soll auch der Titel meines nächsten Werkes – hmhm! – sein! Zu Gott hoff' ich, daß sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich erst heute erfuhr, in jene Berge drüben, wo ein treuer Anhänger meiner Lehre – hmhm! – der edle Jérôme von Wittekind, den Dank für die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen Würfel schrieb. Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine – hmhm! – Damen, ist es zu allen Zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein. In einem dichten, unzugänglichen Walde erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nähe des Ortes Eibendorf jetzt nur erst sich ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von Schilf und Blumen 43 umstandeneu stillen See. Kein Nachen fährt dahin auf diesem See, kein Fischer steht an seinem Ufer. Ein solches einsames Heureka! ist anfangs nur für die Wildniß da, für einen Vogel, der sich auf ihm ausruht, für eine Lacerte, die ihr Lager sich im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel überwuchert. Dann kommt aber doch die Zeit, wo zu einem solchen einsamen Steine auch eine große und bequeme Landstraße hinführen wird. Die Frauen murmelten Beifall. Die Musik begann ihre anschwellenden Töne. Püttmeyer rüstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte. Ohne Zweifel hatte die Tochter des Pfarrers auf der Herfahrt vom Denkstein bei Eibendorf erzählt, von jenem Heureka! das einst Jérôme von Wittekind auf einen Würfel schrieb, welchen er an der Stelle errichten ließ, wo er im Riedbruch Lucinden, sein Elfenkind, gefunden. Als dort Lucinde auf ihrer Flucht vor Oskar Binder unter den Farrenkräutern und Glockenblumen ohnmächtig zusammengesunken war, glitt in der That über sie hinweg eine Lacerte, die sie freilich in ihrer Bewußtlosigkeit nicht mehr fühlte. Hätte sie aber das Thier noch über ihre Hand gleiten sehen, sie würde ohne Zweifel so aufgesprungen sein, wie sie jetzt eben – die nämliche Lucinde – mitten unter Püttmeyer's Zuhörerinnen aufsprang, mit einem Ausruf, als wenn ihr der Athem versagte und sie wirklich eine Schlange stäche. Sie hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein: Bitte! Bitte! – schwankte jedoch der Thür zu und verließ das Zimmer. Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen und vorzugsweise die Herren des Schlosses von einem nothwendigen 44 Beistand sprachen. Es ist die Mamsell, mit der ich vorhin gekommen bin –! Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, welche die Fremde eingeführt, verlassen und beruhigen zu dürfen. Die seraphischen Klänge der Harmonica tönten indessen fort und Püttmeyer erläuterte. 45 15. Lucinde, die sich so plötzlich aus dem qualmenden, dunstigen, für eine beengte Brust unerträglichen Zimmer entfernt hatte, floh in den großen, nun schon dunkelnden Speisesaal – gejagt von Empfindungen, die sich krampfhaft an ein Herz preßten, von dessen lauten Schlägen sie fürchtete, sie könnten in der rings sie umgebenden Stille vernommen werden. Nicht daß sie so überwältigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Sie sagte sich: Das sind Narren! Nicht daß sie von Wehmuth durchzuckt war beim Anhören der Harmonica, die ihr einen Jugendmärchentraum zurückrufen mußte. In dem Heranwuchs der Kinder jenes Pfarrers, dessen Namen sie einst angenommen hatte, als sie die Bühne betrat, sah sie verdrießlich nur den Gradmesser ihres eigenen Alterns – Nicht auch daß sie Jérôme so rührte, der um ihretwillen Erschossene, der sie anbetete wie eine Heilige, der gerade ihr, ihr jenes Heureka! der dankbarsten Erinnerung im einsamen Walde gerufen hatte. Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sentimentalität. Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernächste. Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schlosse Münnichhof erschienen. Schon mit dem größten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer gefolgt. So gefaßt und ruhig sie erschien, 46 als sie Frau von Sicking als eine ihr aus der Residenz des Kirchenfürsten Empfohlene einführte und der Herrin des Schlosses vorstellte, sie trat hier auf einem Boden auf, der unter ihren Füßen wankte. Dennoch richtete sie sich hoch und majestätisch auf, als ihr Name beim Vorstellen genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer gehüllt war, musterten, das bleiche, erröthende Antlitz anziehend fanden, ein goldenes Kreuz, das auf der Brust unter einer Trauerecharpe von Spitzen hervorblinkte, für ein Zeichen besonderer Frömmigkeit nahmen. Jenes Mädchen, das vor längern Jahren hier, auf Schloß Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiß schon einmal einige unter den Anwesenden gesehen hatten, erkannte niemand. Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen. Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt. Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer größerer Anzahl sich versammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit, eine Bürgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog, obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen, daß man auch durch Gesinnung geadelt sein könnte. Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Paula, Armgart, Stift Heiligenkreuz, Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber, ohne daß jemand ihren Antheil bemerkte. Selbst als sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von Heiligenkreuz kamen, Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeyer's »chinesischen Schatten« entschuldigten und vom gestrigen ängstlichen Flammensehen der letztern erzählten, bemerkte niemand das Beben der zusammengepreßten Lippen, niemand die Verlegenheit des Lächelns; auch nicht da, als Frau von Sicking sagte: Ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu können –! Diese Anknüpfungen waren 47 ihr wichtiger und beschäftigten sie ganz. Was sollte sie in dem lebensluftleeren Zimmer auf die Orphische, »Unsinns-Weisheit« lauschen! Sie mußte reden, wenigstens gehen können. So sprang sie auf. Und als ihr Beispiel, wie bei der Nervenschwäche der Frauen geschieht, ansteckte, als nicht lange nach ihr eine zweite, eine dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weißen Gedecken, seinen Gläsern, Schüsseln, Tellern, hinaus und suchte das erste beste Zimmer auf, dessen Thür ihr zunächstlag. So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes behagliches, trauliches Cabinet. Es war auch hier dunkel; aber sie hätte noch dazu die Vorhänge herablassen, hinter sich zuriegeln mögen, so sehr fühlte sie das Bedürfniß, sich in der Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen für sie so gefahrvollen Boden hergeführt hatten. Erschöpft sank sie auf ein Sopha nieder. So für sich allein hatte sie etwas Spinnenhaftes bekommen, Mageres, Lauerndes, von »Schmerz Gekrümmtes«, wie sie's nannte, wenn man ihr Vorwürfe deshalb machte. Ihr hoher Wuchs sowol, wie die religiöse Rolle, die sie mit immer größerer Uebung, Gewöhnung, ja sogar schon mit aufrichtigem Einverständniß spielte, brachten es mit sich, daß sie zu den vielen mittlern und kleinen »erbärmlichen« Wesen dieser Erde ihren Medusenkopf niederbeugte. Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben (heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking; hier hatte sie nicht Trendchen, die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weiße Härchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und lauschte so, wie ihr einst Nück ärgerlich gesagt hatte. »jung-hexenhaft, daß man mutatis mutandis « – sie verstand ja diese Milderung – »an die alte Frau Buschbeck denken könnte, wenn die mit mir oder mit Hammaker vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach!« Dann freilich konnte sie sich auch wieder 48 aufrichten und sich auf ihre »doch immer noch blühenden« zwanziger Jahre besinnen. Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die vornehmsten Kreise der Devotion. Sprach hier etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie jetzt eine Convertitin. Eine solche war auch Frau von Sicking selbst. Eine Nachkommin jenes tapfern Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom sein Leben einsetzte, verließ sie einen mit soviel Thränen und blutigen Opfern erkauften Glauben. Sie gehörte jenem engeren Kreise katholischer Gottseligkeit an, der sich über ganz Europa verbreitet hat, einem Kreise, in welchen einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, weil sie wußte, daß auch Bischöfe und Erzbischöfe mit andachtsvollen weiblichen Seelen die Freuden der Geselligkeit genießen. Frau von Sicking war reich. Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine andere Besitzung im Süden Deutschlands, hier und da in geistlichen Städten Deutschlands und Belgiens Absteigequartiere. Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur , nach Pondichéry und Guadeloupe. Ihre Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen. Aber auf allem, was sich an ihren Namen knüpfte, lag ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht, von Beförderung des Menschenwohls, von Veredlung unsrer Zeitlichkeit. Jetzt waren die »Exercitien« ihre Parole. Der Andrang dazu war so groß, daß Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete. Der ostensible Grund, warum bei ihr Lucinde Schwarz erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienräthin Kattendyk, sie und ihre Töchter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen. Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienräthin die größten Opfer, die etwa verlangt werden sollten, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Glück und die 49 Ehre haben könnte, an dieser vornehmen »Andacht zum Kreuze« theilzunehmen. Gestern war Lucinde angekommen und hatte noch keine Fassung gewinnen können über ihre Rückkehr in diese Gegend, auf einen Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie sie ahnte, im glücklichsten Bunde mit ihrer einstigen Pflegbefohlenen Paula. Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth beschienenen weißen Höhen, auf denen Schloß Neuhof lag und nun der Kronsyndikus – nicht mehr lebte! Diese Todeskunde erschütterte sie nicht und lockte ihrem Herzen keine Rührung ab. Nur einen gewonnenen Vortheil mehr sah sie darin und tröstlich klang es ihr zu hören, als Frau von Sicking sagte: Die Frau Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen, die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt. Aber man ist hier entschlossen, keineswegs sofort auf ihre Wünsche einzugehen! Die Rücksicht nur auf ihren edeln Sohn, den Domherrn, wird die Gesellschaft bestimmen, ihren Empfindungen nicht jetzt schon einen entschiedenen Ausdruck zu geben! Und selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf dem Kirchthurm des Klosters Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschäftigte sie nicht. Diese weiße, mit Abendschatten sich füllende Ebene, auf welche sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloß Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Glückes, als dasjenige war, das sie dort in einer nur scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt, sie bot nichts anderes, was ihr Auge gesucht hätte, als allein das Schloß Westerhof, das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war. Bei Bonaventura's Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefaßt, nur der Rache zu leben. Ohne daß sie den Oberprocurator, Dominicus Nück, in alles einweihte, was von ihrem Herzen 50 dieser selbst theilweise schon wußte, theilweise errieth, war sie mit ihm vertrauter geworden. Nück's Huldigung gab sich so maßlos, daß sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb einigermaßen entgegenkommen mußte, um nur nicht sein Benehmen der Gesellschaft zu auffallend erscheinen zu lassen. Er kannte ihre Liebe – Bonaventura. Diese mußte er schonen. Sie duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene Leidenschaft unter der einzigen Bedingung, daß sie Nück wie eine anderweitig Vermählte betrachtete. Bonaventura wurde ihr bei alledem wieder ihr alter Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrümmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener Urkunde, mit welcher sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu halten vermochte, sprach sie am allerwenigsten zu Nück. Der Schmerz und eine kurze Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura schon wieder gemildert. Dabei wurde Nück für sie ein psychologisches Räthsel. Sein Lebensüberdruß war eine Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes thun, als sie denken. Könige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden, weil sie eine Welt von schönen Gedanken, Plänen und Entwürfen in sich trugen und keine Menschen fanden oder – suchten, die sie bei ihrer Ausführung unterstützten! Ein Muth, der bei ihnen schon nicht vorhanden war zum Brechen mit den Rücksichten, welche sie banden, fehlte ihnen für alles, was das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an- und auszieht. Und zu wissen dann: Das ist unwahr, was du denkst und thust! und es doch befördern – darum befördern, weil einem andern, den man haßt, die Lüge zu Schaden verhilft –! das untergräbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe. Nück konnte zu Lucinden, in ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst, scheinbar in Aufträgen, in jenem Zimmer besuchte, 51 das zum Garten der Seminaristen hinausging, und nun vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha saß, unter dem verhängnißvollen Ringhaken an der Decke – er konnte ganz wie Serlo sprechen: Es ist nichts mit all unserm Hoffen und Glauben! Erde wird wieder Erde! Wir düngen die Zukunft! Apostel oder Mörder – omnes una manet nox! (alle erwartet eine und dieselbe Nacht!) – Und doch ging ein Mann mit solchen Ansichten in Kirchen und Kapellen, bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe. Nück konnte über die Priester spotten, konnte in seiner cynischen Art von reichen, wohlgenährten Pfründnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf, sagen: »Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettäpfel, die die gebratene Gans, ›Kirche‹ genannt, in ihrem Steiße trägt!« Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf und entfernte sich, so nahm sie das staunende Gefühl mit sich: Dennoch kämpfst du wie ein Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten? Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, daß es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden Abend besuchte. Das wird die Lernäische Schlange! rief er wol. Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder! Die Zeiten sind vorüber, wo die Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre Bedürfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hören konnten: »Wozu ist denn da drüben die – katholische Kirche?!« Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nück bei seinen Bildern bediente. Die Frauen protestirten zwar durch Aufstehen und heftige Vorwürfe. Bald aber setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling, der plötzlich in Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte. Das graue Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwägerin Johanna Kattendyk. Guido Goldfinger, ihr Verlobter, klatschte Nück Beifall, 52 wenn er in seinen seltner kommenden politisch-conservativen Anwandelungen polterte: »Aufklärung! Kaum hat die Dummheit der Bauern gehört, daß die Sternschnuppen nicht direct von Gottes Lichtputze kommen, Abends, wenn der Alte, im Flurhypothekenbuch der Menschheit vertieft, sich die Sternenlichter putzt, nur um ihre Sünden in desto deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt sie auch gleich: Nun all' gut, nun Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Rathhäuser gestürmt, wo die unbezahlten Steuerreste und die Schuldverschreibungen liegen!« Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf, setzte dieser nur die »Neunmal-Weisen« in Verlegenheit. Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widersprüche heben sich auf, nichts bleibt übrig, als was Nück in seinen geheimsten Stunden war, ein tief Lebensüberdrüssiger, Verzweifelnder. Nächtlich konnte er umherrasen, gehüllt in seinen alten grauen Mantel. Dann war Frau Schummel die Vertraute seiner entfesselten Sinne; Bedürfnisse hatte er, deren Befriedigung an einem Abend Unglaubliches kostete. Plötzlich aber stieß er alles wieder von sich und predigte Buße und dachte an Selbstmord. So überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbaren sich Erhängenwollens. In vertrautester Stille konnte er um Hammaker klagen: »Was war nun das für ein Unglück, daß er den bösen Drachen umgebracht hat? Die natürliche Vergeltung ist ja das hier schon auf Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch schon Einer ohne viel Aufsehen gerichtet!« »Mädchen, kannst du lügen?« »Kannst du falsche Handschriften machen?« »Kannst du Feuer anlegen?« So hatte Nück zu Lucinden an jenem Piter'schen Festabend gesprochen. Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wußte sie etwas von einer gewissen 53 That, für welche dieser durch Hammaker war gedungen worden. Nie war Nück wieder auf diese Zumuthungen, ein Verbrechen zu unterstützen, zurückgekommen. Er hatte von Lucindens Besuch im Profeßhause und von ihrer damaligen Todesangst einiges in Erfahrung gebracht – die Erwähnung der »Spinozistin« Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf. Aber über alles Andere, was von ihm zum Gewinn des großen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte, waren seit Benno's Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen. So schien alles still und friedlich. Lucinde wurde die Vertraute des Hauses, die Freundin, die Tochter , wie die Commerzienräthin ihr oft zuflüsterte – vorzugsweise, wenn sie einer Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte. Piter ließ nicht von Trendchen. Au contraire – seit seinem verunglückten Gesellschaftsabend war er entschiedener denn je darauf bedacht, sich durch gänzliche Nichtübereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen Menschen so gefährlich wie möglich zu machen. Der uns bekannte Entschluß Ernst Delring's, aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde durch ein Ereigniß erleichtert, dessen betrübender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte. Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen. Das Hauptmotiv, mit welchem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk'schen Bitte zu rühren hoffen konnte, war Mutterschmerz und Geschwisterliebe: Hendrika Delring lebte nicht mehr. Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die einst Trendchen Ley so herablassend zu schmücken verstand, die so tief beklommen dem Gebet zugehört, als Trendchen niederkniete zur zurückgesetzten Madonna, die gleichfalls dann die Hände faltete – über der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind mit dessen ganzer Zukunft schenken wollte, die geschmähte Schwester, die vor Piter's Tyrannei in den 54 Beichtstuhl Bonaventura's flüchtete, sie hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden. Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Körper leistete Widerstand – um die Mutter zu retten, mußte das Kind geopfert werden; bald darauf entwich ihr die Kraft, ein letzter Hauch des versagenden Athems und sie ging in ein Land hinüber, wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete. Das Leben ist so! sprach Lucinde zu dem in Thränen verzweifelnden Trendchen, das sich bis zum letzten Augenblick bewährt hatte, es sich nicht hatte nehmen lassen, die Todte zu entkleiden, zu waschen, sie für die Bahre zu schmücken. Gerade das, wofür die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das, dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann, an das wir all unsern Muth, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das – tritt nicht ein –! Dies sprach Lucinde einem Urtheil in Serlo's Papieren über eine Dichtung nach. »Der Held mußte sterben! Wie könnte man soviel reden und handeln lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Misgeschick nicht wirklich ein Ungethüm wäre, welches Menschenkraft nicht überwindet? Die Götter strafen jede Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber nicht so niederdrückend, wie es scheint. Wenn der Vorhang fällt, wenn wieder die Menschen an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen, daß nicht Gott, sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen doch zuletzt ›sich kriegen‹, so glauben sie's im Grunde nicht. ›Romeo und Julia‹ kann kein Schauspiel sein. Der Tod – wird zuletzt etwas Süßes für uns und ist die einzige Schönheit, die eine That ins Große verklärt. Wäre nicht der Tod, wir unternähmen gar nichts mehr, was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als forderte uns um so mehr ein Preis heraus, je höher die damit 55 verbundene Gefahr ist. Ja wirklich, was könnten wir sein, wenn das Schöne auf Erden sich hielte! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniß zieht uns darum auch himmelan!« Einige Tage nach Hendrika's Begräbniß wurde der Edeln ein Opfer gebracht, das reiner gen Himmel stieg, als alle Seelenmessen, die für sie auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden. Trendchen Ley kehrte in die volle Trauerkleidung zurück, welche sie, obgleich ihr Trauerjahr um ihre Mutter noch nicht vorüber war, auf ihrer seligen Herrin Wunsch doch theilweise schon gemindert hatte. Tief verhärmt war sie lange schon; ihr schönes blondes Haar verrieth nichts von seiner alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem gewissen geheimen Familienconvent nicht beigewohnt. Als er dessen Resultat erfuhr, das Beziehen des obern Stocks durch die jungen Goldfingers – Johanna sollte sich, infolge von Guido's heroischer Niederlegung der Professur nun doch noch vor Beendigung der »Heiligen Botanik« verehelichen – erklärte er das ganze obere Stockwerk für sich allein zu bedürfen, d. h. für seinen nächstens zu eröffnenden Hausstand, und niemand anders, als »ein einfaches, bescheidenes Mädchen aus dem Volke«, keine »Staatsdame«, würde er heirathen. Gegen dieses Au contraire war ein Widerstand schon deshalb schwierig, weil in der That die ganze Familie Trendchen liebte und wie eine Verwandte behandelte. Plötzlich nun verschwand Trendchen eines Tages. Sie war, wie man erfuhr, bei den Karmeliterinnen. Man konnte annehmen, daß sie den Schleier nehmen wollte. Cajetan Rother, Beichtvater der Damen vom Römerweg, kam selbst zur Commerzienräthin und erklärte, schon lange trüge dies junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen, eine Braut Christi zu werden. 56 Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im Kattendyk'schen Hause zur Folge hatte – Piter drohte nicht weniger, als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen – waren Veranlassungen eingetreten, die Lucinden bestimmten, sich zur Dolmetscherin der Wünsche zu machen, welche die Commerzienräthin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sicking hegte. Im höchsten Grade aufgeregt kam sie in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und fragte mit angstentstelltem Antlitz, ob sie nicht, um jene Bußfrage zu ordnen, selbst nach Witoborn reisen könnte. Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Thränen der Rührung über diesen edeln Entschluß, küßte Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im Entschnürtwerden begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens. Noch am selben Abend durfte Lucinde, wie sie es wünschte, abreisen. Als Lucinde sich wieder entfernt hatte, kam Nück, der unterdessen Rother'n auf der Straße begegnet war, mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der Ursachen, die der Flucht Trendchen's zum Grunde liegen mochten – Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hülfe, die ihm (nach der Bulle De salute animarum ) nicht werden konnte, sobald Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall, einem Handwerker, die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte. Nun hörte Nück von der Reise, welche Lucinde beabsichtigte. Nach Witoborn –? fragte er staunend. Das ist ja seltsam, setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer. Am Vormittag war sie, ohne ihn zu finden, zweimal bei ihm gewesen. Er hatte gerade am Gericht plaidirt. Als Nück eintrat, fand er Lucinden schon vollständig zur Reise gerüstet. Erst wollte sie mit einem hastigen Worte aufwallen, 57 dann beherrschte sie sich und sank auf einen der Koffer nieder, die rings um sie her standen. Aber was ist denn, mein liebes Fräulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen. Was – ist –? Ich reise – nach Witoborn! war die leise verhauchende Antwort. Das hör' ich mit Befremden, erwiderte Nück. Und mit Extrapost noch dazu? Im Hof unten steht »Mutters« Reisewagen. Joseph begleitet Sie doch? . . . Und nicht einmal das? Nein? Nur die Pferde fehlen noch? Aber, liebste Freundin, welche Eile –? Alles das – machen Sie mir nichts weiß! – der Exercitien wegen –? Lucinde saß, beide Hände aufgestützt. Die eine hielt die Bänder eines Reisehuts, der auf der Erde schleifte. Allmählich hob sie von unten her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators. Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen –? fragte dieser mit erhöhtem Erstaunen. Zweimal! antwortete sie scharf betonend und durch seine Ruhe in ihrer Elasticität schon nachlassend. Gestehen Sie, wandte sich ihr Nück näher, es ist die Eifersucht, die Sie so mächtig ergreift! Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört. Tagelang ist er mit Gräfin Paula zusammen. Er magnetisirt sie sogar. Lucinde hielt die Hände über die Augen, als blendeten sie die Lichter, die auf dem Tische standen. Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört? fuhr Nück fort. Ich hörte vorläufig nur, daß er sterben wird! Fürchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein? Lucinde schwieg. Der Präsident von Wittekind ist bereits nach Neuhof gereist. 58 Hätten auch Sie noch so viel Theilnahme für den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen? Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin. Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er, damals schon leichenartig, bei den Geschwistern Carstens sie aufsuchte. Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach. Dann drängte sich aber in die Theilnahme für ihn sein Schweigen, als sie mit Serlo's Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine Hülfe hoffte. Sie zeigte sich für seinen möglichen Tod ohne jede Theilnahme. In Nück's Benehmen nun keine Bestätigung gewisser Ahnungen, die sie hatte, findend, erhob sie sich und ging entschlußlos im kleinen Zimmer auf und nieder. Wollen Sie Klingsohr das Mittel mittheilen, das ich Ihnen neulich sagte. um ihn aus dem Kloster zu bringen? Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen Nück ein: O schweigen Sie! nach dem andern ein. Ihr Reisegrund war in der That einer, den sie ihm nicht mitzutheilen wagte. Am frühen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken überlief. Am Posthof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten. Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde. In Begriff einzusteigen, sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fußsäcken, sechs bis acht Passagiere harren. Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr, wie sie sogleich sah, fiel sie selbst diesem Reisenden auf. Kaum hatte sie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrünen Flausrock, mit einem rothen Comfortable um den Hals, geworfen, als sich dieser auch sofort abwandte und schnell die Hände aus den Rocktaschen zog, in die er ruhig sie gesteckt gehalten. Sie sagte sich: Das ist ja Bickert –! Darüber konnte 59 ihr kein Zweifel sein. Wuchs, Gesichtszüge waren unverkennbar, nur das Haupthaar war ein anderes. Sonst roth, war es jetzt dunkelschwarz und lockig. Sie mußte stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher näher in Augenschein zu nehmen. Jetzt, sah sie, entdeckte er, daß auch sie ihn erkannt hatte, und nun vermied er immer mehr, ihr ins Angesicht zu sehen. Einen Augenblick that sie, als entfernte sie sich; sie that es, um wieder zurückkehren zu können und sich vor die auf den Thüren befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen. Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht. Sie hörte: »Nach Witoborn!« Ihre Brust klopfte. Sollte sie den Unglücklichen anreden, der ihr seinerseits seine Nichtentdeckung, dem aber auch sie kürzlich eine große Hülfe und die Rettung ihrer Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen, wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin über Bonaventura's Schicksal gemacht hatte? Sollte sie ihn fragen, ob denn er derjenige wäre, der nach Witoborn reiste? Da fiel ihr seine Mittheilung über Hammaker's Anträge, sein Wort vom »rothen Hahn auf ein Schloß« ein, sein » Sapristi! « als sie selbst in dem unterirdischen Gange von Westerhof und sogar von Nück begonnen hatte. Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich Nück nun möglicherweise doch noch einließ, noch wogte die Furcht, länger hier so stehen zu bleiben, als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden. Der, welcher ihr Bickert oder Jean Picard schien, stieg mit der Bezeichnung: »Herr Dionysius Schneid« in den Wagen. Sie hatte sich's aufs Beste merken können; denn der Name wurde zweimal gerufen. Nun blies der Postillon. Der Verbrecher fuhr von dannen. Unter der Einfahrt der Post drückte er sich in eine Ecke, um nicht beim Vorüberfahren und so in nächster Nähe beobachtet zu werden. In erster Aufregung war Lucinde zu Nück geflogen. um aus 60 seinem Benehmen zu erkennen, ob sie sich ihn wirklich im Zusammenhang mit dieser Reise denken mußte – im Postbureau war ihr bestätigt worden, daß Herr »Dionysius Schneid aus Strasburg« seinen Platz bis Witoborn genommen hatte – Dann freilich sagte sie sich wieder: Nein, wie kannst du Nück an Dinge erinnern, die von seiner Seite ein einziges mal und auch da nur flüchtig und scherzhaft hingeworfen wurden –! Sie wußte, um was es sich in jenem zu Nück's tiefstem Verdruß verlorenen Proceß handelte, in jenem Proceß, der Paula's Lebensschicksal entschied. Sie wußte, daß zwar Paula mit dem Fund der Urkunde ihr Erbe erhielt, dann aber auch dem von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellten Ansinnen, sich mit dem Grafen Hugo zu vermählen, nachgeben mußte. Ihrer Rache konnte an und für sich nichts Süßeres geboten werden, als dieser schadenfrohe Hinblick auf Bonaventura's Schmerz. Dennoch wirkte entweder zu mächtig noch in ihrem, für alles Uebrige abgestorbenen, Herzen die Liebe und Sorge für ihn, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, daß sich um den grausamen, sie »mit Füßen tretenden« Mann soviel Wildes begeben könnte, oder sie gedachte der Gefährdung durch einen Frevel, der dem Scheitern leicht ausgesetzt sein konnte und sie dann wol gar selbst in neue Wirren stürzte. Schon war wiederholt ihr Name genannt worden bei Veröffentlichung der Beda Hunnius'schen Briefe. Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfüllen? Sollte sie wol gar durch die wirkliche Ausführung geheimer Anschläge auf die Bahn des Verbrechens hinübergeführt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert überwiesen, wegen ihrer Erlebnisse auf dem Profeßhause dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden? Sie wünschte die Folgen der That mit heißester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen. Und da ergriff sie denn die ihr eigene namenlose Angst, welche sie vor jeder Katastrophe, ehe sie da war, erzittern ließ. Flügel hätte sie sich geben mögen, den Verbrecher einzuholen, ihm nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem Vorhaben zurückzuhalten. Noch einmal ging sie zu Nück, fand ihn aber wieder nicht. Wohl sagte ihr die Ruhe des Nück'schen Hauses, die Ordnung des Geschäfts, der außerordentliche Reichthum, dessen Spuren sie auf Tritt und Schritt begegnete, immer und immer: Thörin, wessen hältst du Nück für fähig! Für wahnsinnig würd' er dich halten, sprächst du davon –! Und bin ich's vielleicht nicht? warf sie sich selbst ein. Seh' ich mich nicht mit Hammaker auf dem Schaffot, seh' ich mich dort nicht mit meinen Brüdern, mit Oskar Binder, mit meiner Hauptmännin – wie ich so oft träume! Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchsten Gewissensangst kam über die in sich haltlose, so tief ehrgeizige und nur noch aus Furcht vor Bonaventura am Guten haltende Seele. Um nur etwas thun zu können, was wenigstens den Augenblick festhielt, betrieb sie ihre Reise, schützte Gründe der Eile vor, ließ alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen. Das Beste glaubte sie wenigstens darin zu thun, daß sie, selbst wenn keine Verständigung mit Nück möglich war, doch in die Nähe jenes Verbrechers zu kommen suchte, um seinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Durch dich sollen mich die ewigen Mächte nicht rettungslos hinunterziehen! Obgleich sie jetzt in ihrem kleinen Zimmer auf Nück Blicke der Verzweiflung warf, so erschien sie ihm doch bei alledem eine Zauberin; nur die rothen Kleider, die phantastischen Zeichen fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Händen und er hätte sie zur Priesterin, welcher Religion sie wollte, gemacht. Schon sprach er, mit heißen Seufzern sich ihr nähernd: Sie sind krank, Lucinde! Sie fuhr zurück, als fürchtete sie, von seinem Athem vergiftet zu werden. 62 Sich sammelnd, bat er sie, sich zu beruhigen und ihm zu gestatten, die Pferde abzubestellen. Seine Augenbrauen zuckten dabei hin und her. Er öffnete in der That das Fenster, sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab. Lucinde ließ alles geschehen. Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie mit mir aufrichtig! Ich kann alles hören! sagte er jetzt gelassen. Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend, daß Lucinde, als jetzt die Thür aufging und die Commerzienräthin, Johanna, die Hausfreunde herbeieilten und mit Staunen von Nück den veränderten Reiseplan hörten, nicht widersprach und mit nach vorn zu gehen bereit war, ihre Furcht und ihr Bangen für den Augenblick beschwichtigend. Nück folgte mit Ingrimm. Man hatte ihn in einer längst ersehnten Stunde gestört. Sein Humor scherzte jedoch alles hinweg. Er sagte, daß er nie geglaubt hätte, sich wieder an Thee gewöhnen zu können. Bei der zur Schau getragenen Harmlosigkeit des schreckhaften Mannes vergingen Lucinden einige Tage in einem Zustand halber Beruhigung. Mehr noch vielleicht war es Abspannung. Monika von Hülleshoven machte Condolenzbesuch und nahm zugleich Abschied, um ebenfalls nach Witoborn zu reisen. Lucinde hätte sich der Hand dieser offnen, freundlichen und mit Rührung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern und rufen mögen: Nimm mich mit! Monika's Blick war ihr jedoch kalt und streng. Es schien, als wollte auch sie schon nach seither öfter erfolgter Begegnung sagen – wie fast alle Frauen –: Wir gehören nicht zusammen! Ihre Furcht erwachte aufs neue. An Nück zu schreiben wagte sie nicht. Täglich hatte er das Princip wiederholt, das sie von ihm bei ihrer ersten Unterhaltung bereits gehört: nur nicht 63 schreiben! Schon nach drei Tagen war ihr Zustand wieder völlig rathlos. Als sie gerade in den obern, schon von Delring verlassenen Zimmern des zweiten Stockes räumte, kam ihr Nück entgegen – wie zufällig. Hier, in den schallenden Zimmern, ohne Tisch und Stuhl, hier wagte er, nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbestätte, wo sie standen, eine Scene herbeizuführen, wie die erste an jenem Piter'schen Festabend gewesen und wie sie neulich ihm gestört worden war. Doch unterbrach ihn Lucinde und sagte: Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszuführen, wofür Ihr Hammaker den Bickert gedungen hat, der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist, Ihren Proceß durch Mordbrennerei zu entscheiden? Nück sah sie mit seinen weit aufgerissenen weißen Augen an. Schon ertrug sie diese Augen, die ihr früher so unheimlich waren. In – diesem – Augenblick –? Was reden Sie da? sprach er. Lucinde wiederholte ihre Frage. Hammaker? Wer ist – Sie kennen – Was – wer ist – Ihr Bickert? Letztere Frage war eine heuchlerische; aber die erste Rede, die Nück in angstunterbrochenen Worten ausgestoßen hatte, war in der That unverstellt. Bickert, sagte Lucinde, jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend, Bickert – jener Kirchhofräuber des Dorfes St.-Wolfgang! Ich entdeckte ihn hier bei jener Gefahr im Profeßhause, wovon ich Ihnen noch nicht alles erzählt habe. Sie aber, Sie hat er mir genannt als den Mann, der ihm die Mittel geben würde, für immer nach Amerika zu entfliehen, wenn er – ja staunen Sie nur! – zuvor – auf einem Schlosse – Feuer angelegt und bei dieser Gelegenheit eine falsche Urkunde – 64 Gott im Himmel! Nicht so laut! unterbrach sie Nück. Die Wände haben ja Ohren –! Was sprechen Sie da alles zusammen? Sprachen Sie nicht einst selbst so zu mir? Ich? Zu Ihnen? Wann? . . . Nück stand besinnungslos. In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist? fuhr Lucinde mit überlegener Ruhe fort. Dionysius – Schneid –? Wer – ist denn – das? Nück zeigte eine unverstellte Befremdung und war zugleich in eine Aufregung versetzt, die ihm, dem Kalten, Ruhigen, Allem gleichgültig Zuwartenden den Schweiß auf die Stirne trieb. Kein Stuhl war im Zimmer, auf den er sich niederlassen konnte. Er taumelte zum Fenster hin, um sich dort zu halten; zufällig ergriff er eine noch zurückgebliebene Vorhangschnur. Diese ließ er sofort aus den Händen gleiten und stöhnte: Ich fange an – zu – ahnen –! Jesus Maria! . . . Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zurück! Ja, ja! Sie müssen fort, fort, sogleich! . . . Wär' es denn möglich! . . . Ich sah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn – sogar die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch –! Und nun – Fort! fort! Gleich! In diesem Augenblick! Jetzt erbebte Lucinde noch mehr. Es war vor der Angst eines sonst so muthigen Mannes. Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort, über – die Urkunde – scherzte, wenn ich – die Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula – zur Gräfin von Salem-Camphausen – machen könnte, so geschah's im Taumel der Wonne, Sie allein zu sehen, Sie in Ihren Geheimnissen zu überraschen, Sie zu bewundern an einem so berauschenden Abend in Ihrem Glanz, zu Ihrer Schönheit! Können Sie wirklich glauben, daß ich in meinem Haß so, so weit gehen könnte –? Aber ja, Sie haben 65 Recht. Ich Wahnsinniger, einst habe ich zu solchen Plänen gelacht, habe drei verzweiflungsvolle Monate meines Lebens über dies Lachen hingebracht – drei Monate, wo Hammaker unter den Verhören der Richter stand. Damals kam kein Schlaf über meine Augen. Ich irrte umher, scherzte und – lachte, aber unterm Damoklesschwert. Hammaker war – ja, ich muß es doch zugestehen – ein Höllenbrand –! Für seine verlorene Ehre, für die nicht genug anerkannte Bildung, die er besaß, rächte er sich am Menschengeschlecht. Wie er mich auf dem Gewissen hat, darüber beicht' ich Ihnen, Lucinde, Ihnen – doch nur – wenn wir einmal in Rom sind. – Lassen Sie mir dies Bild – in der Wüste meines Lebens! Hammaker'n ließ ich – schon seit lange – für sich – gewähren und suchte nur von ihm loszukommen . . . Sobald er diese meine Absicht merkte, konnt' ich sicher sein, von ihm einen neuen Anschlag zu erleben. Er war der dunkle Schatten meines Lebens –! Und so von mir unzertrennlich blieb er, daß ich ihn sogar vor Gericht noch vertheidigen mußte –! Die unglückselige Dose –! Daß ich sie auch gerade in so peinvoller Situation ziehen mußte und ihm den Griff in sie verweigern! Eine Hölle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick. Ich sehe – jetzt ist sie losgelassen! Nück mußte sich halten vor Erschütterung – Lucinde dachte an Serlo, der damit einen ganzen Abend hatte zubringen können, zu errathen, wen wol Goethe in seinem »Clavigo« im Sinne gehabt, als er Carlos sagen läßt: »Ich, der ich dabei war, als dem Ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen« –? Lucinde hätte jetzt den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberführter oder unerwartet vom Schicksal Geäffter, die Serlo aus seinem Leben nennen konnte, auch den Oberprocurator Nück hinzufügen können. Eines Tages, fuhr er in stammelnder Rede und so hastig fort, als würde schon allein durch seine Erzählung 66 der Moment des Handelns versäumt – eines Tages, als ich über die in dem großen Processe fehlende Urkunde klagte, sagte Hammaker, der ein Jurist war und seltene Kenntnisse besaß: Nück! Spielen wir – ein bischen Pseudo-Isidor –! Aber Sie verstehen das nicht – Doch! sagte Lucinde. Der heilige Isidor von Sevilla hat die Regeln aufgeschrieben, nach denen sich allmählich euer kirchliches Recht bildete! Ein Geistlicher in Mainz, Benedict Levita, gab diese dann noch einmal heraus, aber gefälscht durch Zusätze, die der Macht der Bischöfe über den Klerus günstig waren. Die Bischöfe, um sich sicher zu stellen vor den Folgen jener Verfälschung, ließen ihrerseits durch neue Fälschungen dem ersten Bischof in Rom die höchsten Ehren zukommen. Ohne diese Lügengewebe des falschen Isidor von Sevilla gäb' es keinen Papst in Rom, keine dreifache, die Welt beherrschende Krone, auch keinen Orden vom goldenen Sporn! Scherzen Sie nicht! sagte Nück gezwungen lächelnd und reichte mit zitternder Hand zu Lucindens Stirn hinauf, als wollte er sagen: Werth bist du, selbst eine Krone zu tragen –! Mit einem Gemisch von Huldigung, gemachter Frömmigkeit und Ironie warf er die Worte hin: Bei alledem sind Sie eine große Ketzerin –! Dann fuhr er fort: Ja! Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor, der allerdings Rom groß gemacht hat – Und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Lüge! schaltete der Schurke ein. Ich lachte – lachte ohne Arg –! Ich beschwöre Ihnen das! Bei – Ihrer – Liebe zum Domherrn – beschwör' ich es, denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht! Hammaker veranstaltete alles, was ich – nur so obenhin zwar – aber doch schon von Entsetzen ergriffen – plötzlich zu ahnen begann. Immer hatte er etwas, was bald zu meinem Glück, bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte. Er besaß alle 67 Kenntnisse, die dazu gehörten, eine falsche Urkunde im Geschmack der alten Zeit aufzusetzen, sie aufs zierlichste zu copiren, sie mit chemischen Mitteln wie wurmstichig zu machen, sie mit Kaffeesatz zu bräunen. Nur durch einen Act der List oder Gewalt konnte eine solche Urkunde in die Archive kommen. Ich ahnte ein Vorhaben dieser Art, das mich ewig zu seinem Sklaven gemacht hätte – Und das wollte er eben. – Ich beruhigte mich indessen – ich sah ja sein nahes Ende. Im Gefängniß wär' ich gern einmal auf meine Furcht zurückgekommen, nur hatt' ich Feuer an den Sohlen, so oft ich mit ihm reden mußte . . . Noch jetzt – sehen Sie – Nur an ihn denken und nicht schon handeln ist gefährlich – Sie müssen reisen, Lucinde – heute, heute noch –! Lucinde stand mit klopfendem Herzen, zwar von Schrecken ergriffen, doch gefaßter schon, da sie die – Mitfurcht eines so mächtigen Dritten hatte. Vielleicht irr' ich mich auch in den Voraussetzungen über die Verkleidung jenes Picard! sagte sie, um Nück noch mehr aus sich herauszulocken. Nein, nein! Diesen Dank hat mir Hammaker fürs Leben als sein Testament hinterlassen wollen! Nun weiß ich es für gewiß! Als er aufs Schaffot mußte, riefen die Teufel in seiner Brust: Folge mir auch du! Ich deutete in meinen Gefängnißgesprächen mit ihm auf seine frühern Aeußerungen über den falschen Isidorus hin. Da fuhr er auf und sagte höhnisch, daß ich ihm denn doch auch zu viel Devotion für meine Interessen zutraute. Für – meine Interessen? fragte ich forschend, mußte jedoch abbrechen. Und sehen Sie nun, wie ich mit ihm stand – jedesmal daß ich bei ihm war, hatte ich Gift bei mir, um es ihm anzubieten. Einmal machte ich davon eine Andeutung. Da sprang er auf mich zu und erschlug mich beinahe mit seiner Handschelle. Zum Glück entfloh ich noch rechtzeitig und die Wache kam herbei. Aber ich hörte die nichtswürdigsten Worte hinter mir herrufen. 68 Er glaubte einmal nicht an seine Hinrichtung – er wollte die Buschbeck nur im Ringen, nur im Vertheidigungsstand gegen eine Wüthende erwürgt haben. Voll Rache, auch gegen mich und meine scheiternde Vertheidigung, bestieg er das Schaffot. Seitdem athmete ich auf und ahnte nicht, daß er mich geradezu nach sich zieht. Neulich merkt' ich davon etwas zum ersten male. Ein Mensch kam zu mir und stellte sich mir als ein von Hammaker Gedungener vor – Den – Den eben mein' ich! schaltete Lucinde ein. Als ein Mensch, der tausend Thaler von mir bekommen würde, wenn er auf Schloß Westerhof bei Witoborn Feuer anlegte – im dortigen Archiv. Entstünde dann ein Tumult, – sollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt zu Hause hätte, in das Archiv bringen. Sie können sich denken, ich stand erstarrt. Endlich mich ermannend fuhr ich dem Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen. Darüber entsank mir wieder der Muth. Immer würde auf mir ein Verdacht, ein Flecken geblieben sein. So redete ich dem frechen, der deutschen Sprache nicht ordentlich mächtigen Menschen zu, bat ihn vernünftig zu sein, solche Nichtswürdigkeiten nicht zum zweiten mal gegen mich auszusprechen und gab ihm zur sofortigen Abreise hundert Thaler. Wie bereu' ich die geringe Summe, die ich ihm gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nachrief! Sofort, sagte ich ihm die Thür weisend, fahre ich auf das Polizeiamt! Ich werde Sie anzeigen und beobachten lassen! Da erst besann ich mich: Hammaker wird ihm gesagt haben: Gelingt es oder gelingt es nicht, so sind für Nück's Furcht tausend Thaler mehr oder weniger eine Bagatelle. Ewig kannst du auf die Art Geld von ihm ziehen! Jedenfalls mehr, als wenn du, heute oder morgen, in Westerhof uns beide angäbest und zum Dank – dann doch mit ans Eisen 69 müßtest! . . . Alles das höre ich! Lucinde, wir erleben eine große Demüthigung! Nück kam unter dem Druck dieser Vorstellungen zu keiner Besinnung mehr und steigerte nur noch die Furcht Lucindens aufs äußerste. Er drängte wiederholt in sie, sofort abzureisen, Bickert aufzusuchen und durch ihre Beredsamkeit, natürlich auch durch so viel Geld, als sie nur mitnehmen wollte, den Verbrecher von seiner That zurückzuhalten. So reiste sie noch am selben Abend ab und kam in der leidenschaftlichsten Erregung nach Witoborn. Nur zu bald erfuhr sie hier, wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand. Schon auf Westerhof! Schon am Ziel seiner gewinnsüchtigen und frevlerischen Absichten! Wie aber näherst du dich ihm? Wie rettest du dich vor Schimpf und Schande? Im Geist sah sie sich schon durch alle diese Vorgänge auf die Bank vor den Assisen gebracht. Willenlos hatte sie sich heute schmücken lassen. Willenlos war sie nach Münnichhof gefahren. Schon hatte Paula gestern von einer Feuersbrunst die Vision gehabt! Das hörte sie nun. Sie sah in Püttmeyer's rothen Transparentbildern nur immer Mord und Brand. Sie mußte sich selbst schon wie aus den Flammen losreißen. Brütend, wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte, saß sie, zum Tod vernichtet, in dem dunkeln Zimmer. Entsetzt aber fuhr sie auf, als ein Bedienter den Kopf durch die Thür steckte und sie nach ihrem Namen fragte. Vor ihren Blicken standen sogleich Häscher und Richter. Der Bediente sagte, ein Mönch, ein Laienbruder hätte bei einigen Dienern, die von Witoborn mitgekommen wären, nach dem Fräulein gefragt und zu seinem Erstaunen gehört, daß sie selbst hier anwesend wäre. Ob er sie sprechen dürfte? Wer? fragte sie halb ablehnend, halb nicht begreifend. 70 Der Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter aus dem Kloster Himmelpfort drüben! Hubertus –! Sie kannte ja den Namen. Aus Serlo's Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich, den einst Hubertus gerichtet hatte. Sie wußte auch, Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmännin. Der »Bruder Abtödter«, der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte. Naht sich schon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene schmiedet? rief es in ihrem verzweifelnden Innern. Sie wollte den Mönch abweisen. Ehe sie jedoch noch erwidert hatte, öffnete sich die Thür und ein dunkler Schatten huschte herein. 71 16. Vor der Unschönheit des Anblicks, der sich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden ein Schauder. Das waren keine Züge, die dem Leben angehörten! Die Chinesenköpfe, die sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen, traten ihr entgegen. So lächeln allenfalls die Mumien. Was wünschen Sie? fragte sie mit sich sammelnder, ablehnender, hoffärtiger Kälte. Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch weniger zu Freundlichkeit stimmen. Mein geehrtes Fräulein – begann mit seinem im wunderlichen Tonfall gesprochenen fremdartigen Dialekt Hubertus und unterbrach sich bereits selbst, um sich erst zu versichern, ob seine Rede unbelauscht blieb. Lucindens Schrecken mehrte sich. Was wollen Sie? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf. Dunkler und dunkler war es geworden. In einem Kamin, das sah erst Lucinde jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen. Mein Fräulein, begann der Mönch aufs neue und mit Milderung seiner auffallenden Hast – Sie wohnen bei Frau von Sicking –? Ja! Warum –? Sie heißen Lucinde –? Schwarz! Was fragen Sie danach? 72 Ich möchte wissen, ob Ihnen der Name – eines gewissen – Jean Picard bekannt ist? Lucinde mußte sich am Rand des Kamins halten. Das tödliche Wort war gefallen –! Das Geheimniß ihres Innersten ausgesprochen –! Die Welt wußte, ihrer Meinung nach, nun schon alles –! Der Mönch sah die Vermuthung des Enckefuß'schen Briefes bestätigt. Allmählich zog er ihn aus der innern Tasche seiner Kutte. Vor Aufregung lächelte er selbst. Konnte eine so schöne, junge Dame mit Verbrechern bekannt sein? Bei seinem Lächeln gingen ihm die Winkel seines Mundes bis zum Ohr. Es war nicht zu unterscheiden, ob ihr der schreckliche Mönch Vorwurf oder Theilnahme bezeigte. Lucinde stöhnte mit schwerem Athem: Jean Picard? Den Namen hab' ich – einmal nennen hören. Ja! . . . Was soll es mit ihm? Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen – Derselbe! Ganz recht! ergänzte der Mönch, entfaltete den Brief und prüfte Lucindens Benehmen, die sich erfolglos zu fassen suchte. Wissen Sie, wo er ist? Sie würden – mit der Angabe – den Behörden einen Gefallen thun! sagte sie kleinlaut. Hubertus legte die Hand an den Knochen, der sein Kinn war, und betrachtete von unten her, forschend und mistrauisch, die kalte Ruhe, die sich ihm gegenüber als völlig sorglos zu geben suchte. Ob diese Ruhe gemacht war, unterschied er nicht. Der gute Bruder hatte ein edles Herz, viel erlebt, seine Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten. Fräulein, sprach er, als Lucinde so erwartungsvoll fragend dastand. Hier ist ein Brief an die Behörden in Witoborn! Der Regierungsrath von Enckefuß wünscht, daß Sie – ja Sie, Fräulein! – von seinem Vater, dem Landrath, um Ihre Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden. 73 Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen: Droht dir eine Gefahr und du weißt es und sie naht endlich, dann denke dir nur immer gleich die ganze Fülle des Elends! Laß nichts von beschönigenden Mittelstufen, von möglichen bessern Erwartungen zu! Sage gleich: Alles ist verloren! Und bricht dann dennoch nicht alles so herein, wie du fürchtetest, so hast du gleich eine kleine Abschlagzahlung wieder auf Glück –! So sah sie sich jetzt, wo schon die Sicherheitsbehörden ihr Geheimniß wußten, geradezu bereits in Ketten und Banden. Sie sagte sich: So wandelst du hin! So wird dein Loos sich erfüllen! Das wird aus einem Weibe, wenn – »es keine Liebe findet!« So war dir's, als du auf der Bühne scheitertest! So war dir's, als dir in der Dechanei gekündigt wurde! Nun sieh nur zu, was noch alles kommt! Der Mönch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Mädchen voll Staunen und Mitleid. Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, stand sie und bemerkte nicht, daß ihr der Alte mit seiner knöchernen Hand den Brief selbst zu lesen gab. Die Augen gingen ihr tief innenwärts. Lesen Sie's nur selbst! sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend. Es ist zu dunkel! antwortete sie, wollte lesen und konnte nicht. Sie wandte sich, weil ihre Hände zitterten und hauchte: Sagen Sie nur selbst, was drinnen steht! Hubertus theilte ihr den Inhalt des Briefes im kurzen Zusammenfassen mit. Lucinde hörte ihr Todesurtheil. Sie sah Flammen um sich her und konnte nicht entfliehen. Sie hörte Sturm läuten von den Thürmen und rannte sinnlos mit den andern. Grützmacher, der Wachtmeister aus Kocher am Fall, stand vor ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein: »Na Paschol, Mamsell!« Eine Emissärin hieß sie den Behörden schon lange . . . 74 So stand sie wie eine Statue. Bei alledem sagte sie. Dummheit! Da seh' ich die ganze – blonde – blauäugige – Weisheit des – Herrn von Enckefuß wieder! Wie kommen denn Sie – Sie, ein Klosterbruder, dazu, von diesen Menschen – in – Criminalsachen gebraucht zu werden? Der Landrath kennt diesen Brief noch nicht! sagte Hubertus. Auch soll er seinen Inhalt sobald nicht erfahren – Darauf geb' ich Ihnen mein Wort – falls Sie mir sagen, Fräulein, wo ich – Jean Picard finde! Lucinde wandte staunend ihr Antlitz. Und was geschah? Schon lag das Papier auf dem halb im Verkohlen begriffenen Feuer des Kamins. Der Mönch hatte es eben hineingeworfen und das plötzliche Wehen des Kleides, das entstanden war, als Lucinde sich hoffnungsbelebt umwandte, brachte den Zugwind, an welchem sich das Papier entzündete und langsam zu verbrennen anfing. Ich begreife Sie nicht –! flüsterte sie und fühlte bereits jene Serlo'sche »Abschlagzahlung wieder auf Glück« – ihre Augen blitzten, wie aus Regenwolken ein Sonnenstrahl. Mein Fräulein, begann der Mönch, mag dem sein wie ihm wolle, und was Sie auch zusammengebracht hat mit solchem Volk, ich gebe Ihnen den Schwur beim Patron meines Ordens, daß ich diesen Teufel kneble, binde, geradezu aufhänge, wenn ich ihn finde, um ihn von seinem Lasterleben zurückzuhalten! Sagen Sie mir nur, wo ich ihn entdecke – diesen Jean Picard! Waren das Worte der Verstellung? War dieser muthige, entschlossene Ton die Sprache eines Feindes oder eines Bundesgenossen? Der Mönch richtete auf sie jene Miene, die, das erkannte sie jetzt, ein Lächeln sein sollte. Sie vertraute dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und fragte im Vorgefühl befriedigender Aufklärungen: Was für ein Interesse haben Sie 75 denn aber nur an solchen Verbrechern, die, wie Herr von Enckefuß glaubt, meine Freunde sein können? Bei St.-Franciscus! rief Hubertus. Das ist, denk' ich, keine Kleinigkeit, wenn man jahrelang an jemand in Liebe denkt, ihn wiedersehen will und wiedersehen muß und gerade im selben Augenblick von ihm erfährt, ein Dieb, ein Räuber ist's geworden, wie – die andern waren! Sehen Sie diesen Picard milder an, so weiß ich nicht, warum, Fräulein! Ich habe in jungen Jahren ein paar gute Körner in den Schurken gelegt: Sind die so schlecht aufgegangen? Ist so ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwischen zwei Bäumen im Wald mach' ich aus ihm eine Hängematte und laß' ihn nicht eher zur Erde herunter, als bis er mir vor Gott ein besserer Zeuge wird! Das schwör' ich Ihnen! Wie kühlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze überrieselten diese Worte Lucindens Furcht und Bangen. Sie sah eine Möglichkeit, den Verbrecher zurückzubringen von seinem boshaften Plane, der, trotz besserer Anwandelungen bei dem Gange durch die unterirdischen Gewölbe, doch ohne Zweifel kein andrer war, als Nück zu den höchsten Geldzahlungen zu zwingen. Sie entsann sich seiner Scheu vor einem Madonnenbilde, entsann sich seines Ganges in den Beichtstuhl Bonaventura's. Vielleicht war Bickert nicht nur einer Drohung, sondern selbst einer Mahnung zum Bessern zugänglich. Lebte doch in ihm jene, von der moralischen Milde des Katholicismus in den Köpfen der Masse angerichtete Ideenverwirrung. Sie sündigt und beichtet und beichtet und sündigt. Der Bravo läßt erst den Dolch weihen, der gedungen ist, einen andern zu morden. Die gemachte Beute wird mit der Gottesmutter und mit den Heiligen getheilt. Um ihre Freude nicht zu verrathen, schwieg Lucinde und redete auch dann noch nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer 76 Eile fortfuhr: Sie kennen Jean Picard! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht, wo ist er? Verlieren wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jüngstes Gericht! In Lucindens Innern zog es wie eine himmlische Musik auf. Jetzt erschien ihr Hubertus schön. Sie hätte ihn küssen können – aber auch schon lachen vor innerstem Krampf und namenloser Freude. Dennoch verharrte sie schweigend. Sagen Sie mir es nicht? Mir? Dem Mönch? Was sollte auf Westerhof geschehen? Lucinde zuckte zusammen. Reden Sie! Ich bitte! Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen! Ich will Ihnen vertrauen! sprach sie. Auch ich – möchte – den – verirrten – Menschen schonen! Eine elende Vorspiegelung hat ihn bestimmt, hieher zu reisen und ein Verbrechen auszuführen, das ich – Ihnen nicht anzugeben weiß, das aber gute – unschuldige Menschen – ja mich selbst in peinliche Lagen bringen kann! Versichern Sie sich seiner Person! Haben Sie Einfluß auf ihn, so können Sie mir und manchem, der Ihnen dafür ewig danken wird, keinen größern Dienst erweisen, als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend können, unschädlich machen! Ich wünschte, Sie wären nicht so geldscheu, wie Klosterbrüder es sein sollen! Verlassen Sie sich hier auf Geld! Geld scheint das einzige Mittel zu sein, diese wüste Seele zum Bösen oder vielleicht auch noch zum Guten zu lenken – Und wenn ich Ihnen aus meinen Mitteln – Das lassen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie sich alles treffen muß – Dem Schurken hielt ich zehntausend Thaler in Bereitschaft –! Sie staunen? Noch mehr! Das ist Geld, an dem Ihre Thränen haften, Fräulein! Ja, Ihre! Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger und 77 Entbehrung! Mir fiel ja jene Erbschaft der ermordeten Frau zu, die auch Sie auf dem Gewissen hat –! Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Thränen zu hören. Wie sich der ewig Unglückliche des Glücks entwöhnen kann und dessen Annäherung gar nicht mehr mit voller Beseligung fühlt, so entwöhnt sich auch das Herz, das man ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung seiner bessern Gefühle. Sie war mehr erstaunt als gerührt über diese Worte. Sie erschrak sogar über sie: sie erinnerten an Klingsohr. Woher wissen Sie das? fragte sie. Durch Pater Sebastus weiß ich es! bestätigte Hubertus und musterte Lucinden mit dem vollen Rückblick auf alles, was er über sie wußte und, nach dem Eindruck, den sie ihm machte, jetzt wol für glaublich halten konnte. O wüßt' er, fuhr er mit freundlichem Nicken fort, daß Sie in seiner Nähe sind! Darf ich's dem Armen nicht sagen? Wem? fragte sie ausweichend und befremdet. Heinrich Klingsohr! Wir sprechen von den Gefallenen, nicht von den Erhöhten! sagte Lucinde mit einer devoten Wendung. wie sie ihr jetzt so geläufig geworden. Sie finden den, welchen Sie suchen, auf dem Schlosse Westerhof! Unter dem Namen »Schneid« hat er dort eine Stelle gefunden. Sein Aeußeres – Seit wie lange schon sahen Sie ihn nicht? Seit länger als dreißig Jahren! Aber ich habe das Merkzeichen meiner Kinder. Also schon in Westerhof! Was wollt' er nur dort? Warnen Sie ihn! Warnen? Damit halte ich mich nicht auf! Ich trag' ihn auf einen Thurm und werf' ihn hundert Fuß hinunter, wenn er nicht Ordre parirt! Ist aber noch an ihm zu flicken, so schaff' 78 ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff – mag er dann nach Amerika gehen! Lucinde sagte sich selbst: Werde nur nicht übermüthig, seit du siehst, daß dich noch der Himmel liebt –! Hubertus begann eine Frage, die er, die Gelegenheit nutzend, auch noch nach Terschka richten wollte, unterbrach sich jedoch, weil in der Ferne die Jagdhörner ertönten. Also auf Westerhof! wiederholte er. »Schneid«! Und – Sie – Sie Wilde! Warum soll ich nicht den Pater Sebastus grüßen? Einem Kloster ziemt kein Frauengruß! Aber der Arme sitzt in Haft! Wie hätt ich ihm gegönnt, nach Lüttich zu entfliehen –! So vertraut war Hubertus mit Klingsohr . . . In Haft? fragte Lucinde. Wenn ihn nicht heute der Domherr von Asselyn frei bekommt. Der wollte ein Wort für ihn beim Provinzial einlegen. Lucinde sah im Geist zwei, drei Räder vor ihren Augen gehen und sich selbst in deren Mitte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – alles rollte rundum – Noch einmal rief sie dem schon Abschiednehmenden und immer vor sich hin: »Schneid!« »Schneid!« Murmelnden und richtete die Frage an ihn: Wissen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erschlagene Eiche? Im Düsternbrook! Gewiß! In einen solchen Baum soll Klingsohr entfliehen! In – einen – Baum –? Ja! Ich denke – Wo möchte der Pater am liebsten sein? Entweder wo Sie sind oder – in Rom! Nun gut! Der Weg nach Rom führt durch jenen hohlen Baum –! Aber die Jäger kommen – Ein andermal –! Was Jäger! Auch ich war einmal einer – hier und in den 79 Wildnissen Javas! Was Entbehrung und Anstrengung heißt, das kenn' ich! Ich bin von Schlangen gebissen worden und Malayen sogen mir das Gift aus der Wunde. Selbst lernt' ich dann Gift aus einem frisch gebrochenen Schlangenzahn saugen und keine Schlange mehr hatte seitdem Gewalt über mich. Doch ja! Eine – Eine freilich –! Aber was soll's mit dem Baum? Ich verstehe – nur – erst – halb und halb . . . Lucinde wiederholte einen von Nück gegebenen Rath. Die Regel Ihres Ordens, sprach sie schnell und wie zwischen Thür und Angel, gestattet Ihnen Veränderungen Ihrer Lage, doch müssen Sie – vom Strengen zum Strengeren übergehen! Flieht der Pater in einen Baumstamm, lebt dort als Einsiedler, erträgt die Härte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, hütet sein Crucifix und kümmert sich nicht, wer oder was ihn ernährt, so hat kein Kloster mehr Gewalt über ihn; das Bedürfniß größerer Gottseligkeit ist heilig. Kommt dann aber – der Frühling – kommen die Schwalben – So entfliehen wir nach Rom! Auch Sie? Auch ich! Nun gut! Aber – ohne Schuhe, ohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricks – mit dem Stachelgürtel! Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie vorgeben müssen in Rom annehmen zu wollen. Seinen getreuen Alcantarinern wird St.-Franciscus Verzeihung gewähren – die Prüfung ist groß! Aber wo seh' ich Sie wieder? Man kommt! . . . Morgen in der Frühe im Münster von Witoborn! Im Münster von Witoborn–? wiederholte der erstaunte Mönch. Schon aber drängte sie ihn aus dem Zimmer, zog die Thür schnell wieder an sich und eilte die Reste des Briefes vollends zu 80 zerstören, ihr Haar, ihre Kleider zu ordnen und sich zur Rückkehr in die Gesellschaft zu sammeln. Ihre Brust athmete auf. Kann denn für dich, riefen ihr tausend frohlockende Stimmen, noch ein Wunder geschehen? Selbst das Gefühl der Versöhnung mischte sich in ihren Jubel. Wurde das Verbrechen unterdrückt, so zog keine unerbittliche Hand Paula von Bonaventura's Seite. Auch das glaubte sie jetzt wünschen zu können! Mit erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte sie in den nunmehr vom Kerzenlicht schon widerstrahlenden Saal zurück. Inzwischen war das ganze Schloß in Bewegung gekommen. Man hörte Hörnerschall, Peitschenknallen, Hundegebell in nächster Nähe. Die Jagd kehrte heim. Jubelndes Halali wurde geblasen, herein schon bis in den Schloßhof. Im Saale standen die Frauen geschart zum Empfang der Männer. Von Püttmeyer's Künsten waren sie noch wie Traumbefangene; nicht minder behaglich war die Wirklichkeit, in welche sie der Glanz der Lichter, der Duft der Speisen zurückrief. Zuletzt war der Erfolg der Jagd noch der lohnendste gewesen. Das erlegte Wild kam in einer langen Wagenreihe an, hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Sämmtliche Treibleute, die den Tag über und schon gestern meilenweit mitgewirkt hatten, standen im Schloßhof und empfingen ihren Lohn für die gehabte Anstrengung. Man zahlte mit Geld und mit anerkennenden Worten. Der Graf hatte große Treffer von sich zu rühmen und war in bester Laune. Der gefürchtete Terschka hatte weniger geleistet, als man erwartet; er trug an der grünen Mütze seinen Tannenschmuck ohne Berechtigung zur Ueberhebung. Nun traten auch der Dorste'sche Oberförster und seine Gehülfen, der Wildmeister und die Leibschützen, mit den bisher zurückgehaltenen Glossen der echten Jägerpraktika hervor und erklärten jeden Schuß, wie er hätte sein sollen, berichtigten jedes Misverständniß, deuteten an, wie man jenen Rehbock, diesen Spießer sogleich da oder dort hätte aufs Blatt nehmen sollen. Darin waren alle einverstanden, daß die Freude und das zuletzt dann auch nicht ausgebliebene Glück erst eingezogen, als der Landrath entfernt worden. Ueber diesen Zwischenfall wurde laut nicht mehr viel gesprochen; der Damen wegen flüsterte man nur davon. Der Landrath mußte für »tollgeworden« gelten. Ueber dabei etwa Versäumtes beruhigte einer den andern, seit man von Hubertus' glücklich getroffenen Anordnungen und von der Abholung des Landraths aus einem Bauernhause durch sein Fuhrwerk und seinen Bedienten wußte. Der Hinblick auf die Vorgänge im Hof hätte für die Frauen ein abschreckender sein sollen, denn das letzte erlegte Wild wurde hier von den Jägern ausgeweidet. Lunge, Herz, Leber, das Feiste in den Wammen, alles fiel den jagdkundigen Helfern zu, nach Jägerrecht. Sorglichst wurde weder hievon abgewichen, noch von den Trinkgeldern, die man Demjenigen in die Hand drückte, der den Herren das Tannenreis an Hut oder Mütze flocht. Der Anblick, an sich schon wild, machte sich malerisch durch die angesteckten Fackeln. Rings die alterthümlichen Wände und Galerieen. Schon allein das Getreibe der Hunde, die jetzt auch für die lang zurückgehaltene Gier durch ihren Antheil belohnt wurden, war eine Aufgabe für die Vereinigung der Talente eines Snyders und Rubens. Dann wurde der Rückblick auf die Geschichte des Zusammensturzes dieser Thiere, die mit ihrem Blut den Boden bedeckten, mit einem Stimmeneifer begleitet, als handelte es sich um die größten Begebenheiten der Welt. Jeder stutzende Seitensprung eines Böckleins wurde noch jetzt belacht, nicht etwa gerade weil die 82 »nobeln Passionen« Empfindungslosigkeit mit sich bringen, sondern weil in der That doch der Mensch an der Ausübung seiner Hoheitsrechte über die Natur eine berechtigte Freude haben darf. Die Spottreden waren nicht mehr so scharf gesalzen, wie im Beginn. Hatten doch auch des Tannenzweigs, d. h. Trinkgelds wegen, die jedem Einzelnen mitgegebenen Schützen dafür gesorgt, daß zuletzt jeder auch noch so lateinische Jäger gleichsam wie von Samiel's Hand eine sicher treffende Freikugel bekam, und sollte sie auch nur in der diabolisch vermessenen Sicherheit bestanden haben, mit der unter fünf glücklichen Schüssen, welche auf zwanzig Schüsse überhaupt kamen, einer sicher auf den von jenen secundirten Herrn gerechnet wurde. Dieser glaubte es dann selbst und je dunkler es wurde, desto weniger Widerspruch fand sich auch bei den andern. Onkel Levinus strahlte vor Genugthuung und Zufriedenheit. Auch die Amazonen, selbst Fräulein von »Anflicker«, hatten heute getroffen und zeigten im Hof ihre Opfer. Nur Armgart erklärte mit aller Offenheit, sie hätte nichts erlegt. Sie war auch die einzige, deren Zähne vor Frost klapperten. Sie suchte fiebernd den Ofen und hockte wie ein Wurzelmännlein. Terschka und Thiebold machten sich ständig um sie zu schaffen. Benno sah man nicht mehr. Zu Thiebold's Leidwesen hatte er sich zu Fuß auf den Weg gemacht und war mit lässig übergeworfener Flinte auf Witoborn zu hinausgeschritten in die stille Nacht. Graf Münnich war der höflichste Wirth. Die Jäger, die jetzt bei der Bewirthung halfen, gingen mit Tellern, Flaschen, Servirbretern geschäftig an ihm vorüber, als wenn er heute früh keinen einzigen von ihnen bei Seite genommen und gesagt hätte: Gegen Baron von Stein, gegen Graf Mengenberg hab' ich nicht die mindeste Lust großmüthig zu sein! Wie sie mir, so ich ihnen! Laßt sie nur immer in Büsche treten, wo sie nicht mehr ein noch aus wissen –! Trotz dieser tückischen Jagdpraktika folgte jetzt Behagen, Genuß, Erholung. Die Gattinnen, Töchter und Schwestern der Nimrods würzten nicht nur das Mahl durch ihre Erzählungen über den allgemein mit Verehrung begrüßten Doctor Püttmeyer, der sich wie ein aufgeschreckter Gnom des Waldgebirges zeigte, vorher sein Hemd gewechselt und das gute Fräulein Huber sogar ohne Dank für ihr Spiel hatte abreisen lassen (sie blieb nicht beim Mahl, trotz der Bitte der Gräfin), sondern sie hinderten auch den Ausbruch allzu wilder Natürlichkeit, die Wahl allzu sorgloser Wortbezeichnungen, das Erzählen allzu derber Anekdoten. An Gesundheiten fehlte es nicht. Der Graf ließ seine Gäste leben, die Gäste ließen Graf und Gräfin leben. Dann kam der Toast, der immer neu ist, wenn auch der gewöhnlichste von allen, auf die Damen. Unter diesen befand sich jene jagdmuthige Seele, die Freiin von Böckel-Dollspring-Sandvoß, die in ironischer Weise »die Philosophinnen« leben ließ. Diese rächten sich und ließen durch Mengenberg »die Amazonen« leben. Die Amazonen brachten wieder einen Toast auf Doctor Püttmeyer aus. Diesen von Fräulein von »Anflicker« gesprochenen Toast nahm man mit Jubel auf. Er übertönte das Wohl aller andern um so mehr, als inzwischen die Husarentrompeter herausgekommen waren und ihre Instrumente lustig in den Saal herein erschallen ließen. Fanfaren folgten auf Fanfaren, ein Jagdstücklein aufs andere; der grüne Heuschreck Stammer fehlte nicht und machte seine landbekannten Possen. Dann erhob sich der Oberförster, der an der Tafel theilnahm, und hielt eine Rede, die sogar theilweise an Thiebold gerichtet war, eine Rede, die sich bis in die altdeutschen Urwälder verlief, in einigen Sümpfen stecken blieb und endlich nach langen Umwegen, während man wunder dachte wo er herauskommen würde, unter Thränenanflug bei seiner »theuern, liebwerthesten gnädigsten jungen Herrschaft« anlangte, bei Comtesse Paula. 84 Das gab nun einen Sturm von Beifall. Alle Gläser erklangen. Auch das Glas Armgart's, die zwischen Onkel und Terschka saß. Wie ihre Augen sich gefeuchtet hatten, bemerkte niemand. Gräfin Paula auf Westerhof erschien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes. Lucinde saß in einem Kreise von Offizieren. Schon fing sie an allgemeines Interesse zu erregen. Terschka hatte sie sogleich erkannt und wollte auf sie Armgart aufmerksam machen. Diese aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres wahnbethörten Herzens zu verbergen, mit Püttmeyer, der ihr gegenübersaß, und entschuldigte ihre Nichtanwesenheit bei seinem Vortrag, der ja, sie sprach dies Lob im vollen Glauben aus, »so entzückend schön« gewesen sein sollte. Püttmeyer hörte indessen nur halb. Er wollte den ihm dargebrachten Toast erwidern und es ist ein eigener Zustand im Menschen, wenn er einen Toast, so zu sagen, im Leibe hat. Oder wie anders soll man die Lage nennen, die nicht unähnlich sein soll der Sehnsucht nach einer glücklichen Niederkunft? Sage man was man will, Steckenbleiben ist bitter und Geistesgegenwart ist nicht jedermanns Sache, am wenigsten derer, die grade Geist haben. Da sitzt ein toastschwangerer Mensch und die Speisen werden ihm servirt und er nimmt mit dem Löffel, was er mit der Gabel greifen soll, tief abwesend und nur in der Repetition aller der schönen Dinge lebend, die er sagen möchte. Nun begegnet ihm wol gar noch das Unglück, daß ihm links ein Nebenmann fortwährend die Flammen der Begeisterung schüren will, mit dem Messer an ein Glas zu schlagen droht, zum Zeichen, daß jemand hier sprechen wolle. Um Gottes willen, noch nicht! ruft der verzweifelnde Demosthenes dazwischen, während er wieder, statt sich in Muße sammeln zu können, zur Rechten von einer unglücklichen Plaudertasche ins Gebet 85 genommen wird; die ihn, nichts ahnend, über alles ausfrägt, den Kirchenstreit, den Kirchenfürsten, über Roms Allocutionen, Concordate, über Exercitien, Barmherzige Schwestern, Hoffnungen auf neue Klöster und Jesuiten. Eine Erklärung wie: Beste gnädigste Frau Gräfin, schonen Sie mich, ich habe einen Toast im Leibe! kann ein Mensch von Geist unmöglich abgeben, da ein Toast immer nur die Schöpfung eines fast bewußtlosen, genial improvisirenden Mittheilungsdranges sein soll. Ein verzweiflungsvoller Zustand! Um so mehr, wenn der rechte Moment vorübergehen kann, wo Toaste, die nach vielen andern kommen, bereits ihre Zündkraft verlieren. Püttmeyer hatte die Gräfin Münnich zur Linken, das Fräulein von »Anflicker« zur Rechten, Armgart sich gegenüber. Klopfte auch jene nicht, einen »Zustand« an ihm bemerkend, vorschnell mit dem Messer an ihr Glas, so glaubte doch die Dame zur Rechten alles aufbieten zu müssen, den hochberühmten Denker so zu unterhalten, wie es einer Dame auch ihres vielseitigen Rufs geziemte; denn Fräulein von Merwig-Anflicker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem Unternehmungsgeist, der in allen Gebieten Courage zeigte, in der Jagd, im Musikalischen, in der Plastik, in der Poesie, in der Declamation – nichts fehlte, als der Erfolg. Püttmeyer! Püttmeyer! Wahre deinen Vortheil! Gleiche dem Maikäfer, den der glückliche Knabe über die Hand laufen läßt! Im besten Bewundern seines ob schwarzen ob braunen Halsschildes, seiner behaarten Fußschienen, fliegt er dem Beobachter auf und davon! Fräulein von Merwig-Anflicker reißt die Debatte an sich und dich mit hinein! Sie muß ja streiten, streiten bis zum Unschönen – sie stritt schon sogar einmal bis zu einem nur mühsam beigelegten Pistolenduell. Die Offiziere necken sie heute über den Tisch hinweg mit ihrer Kunst zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen spricht, in Anspielung auf die 86 ungedruckten Gedichte des Fräuleins – vom Hufbeschlag des Pegasus und vom Riemzeug und vom Geschirr der Sonnenrosse . . . Nun erwidert sie: Dem Huf des Pegasus sind die Hufeisen verkehrt angeschlagen! Wer seinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu würdigen weiß, wie der Aermste mit geknicktem Flügel über die Sandflächen der Erde dahinjagen muß, den führt seine Spur gerade immer nur auf die entgegengesetzte Seite hin, als die ist, wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande nachtrottet –! Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zustimmung, zerstreute aber leider Püttmeyer'n. Das tief sympathische Wort »Nichtsnutzige Kritik« brachte ihn vollends aus dem Kreisen seines Toastes. Aber die Sonnenrosse –? rief Onkel Levinus und hob sein Römerglas, heute die ganze Freiheit seiner – ungeschlossenen Ehe genießend. Wie die Sonnenrosse eingeschirrt werden, fuhr er begeistert fort, das kann man nur wissen, wenn man Aurora auf ihrem Gespann von einem Berg der Alpen begrüßt hat oder vom Capitol in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands aus! Da hört man die Sonnenrosse, wie sie angeschirrt werden! Da sieht man's, wenn die ersten gelben Lichter über die dunkelblauen Wellen im Ost wie von einem Wind heraufgetragen erscheinen, das Meer geweckt wird aus nächtlichem Schlummer, dann sich alles purpurn und violett und blau übermalt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Bräutigam, entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, das sieht man jetzt! Neptun, Io und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles bläst und spritzt Wasserstrahlen über sich her und auf Delphinen schwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden Bändern! Nein, meine Herren und Damen, im Süden haben die Sonnenrosse gar keine Eisen an den Hufen! Nur hier, 87 hier bei uns, wo sie ihren feurigen Wagen über die traurigen Eisschollen des Philisterthums schleppen müssen, hier, hier muß wol – die alte westerhofer Schmiede dran! Das gab eine Erregung! So konnte Onkel Levinus sprechen, wenn durch sein eigenes Philisterthum einmal der Genius, der ihm nicht fehlte, hindurchbrach. Der Adel wußte, was er an diesem Manne besaß. Er drückte ihm aus, was zu besitzen ihm Beruhigung gewährte, wenn man Schiller und Göthe ablehnte. Da waren ja auch Denken und Dichten, Wahrheit und Schönheit vertreten; wozu brauchte man die protestantische Welt? Auf Freiherrn Levinus von Hülleshoven war die ganze Provinz stolz – nur mußte er nicht von Rom, Griechenland und Jerusalem gleich auch nach Abyssinien und Cochinchina reisen. Deshalb kamen die Hörner gerade recht, die ein lustiges Jagdlied schmetterten. Schon war das reiche Mahl beinahe zu Ende, schon war der heute so auffallend schweigsame Terschka in die Nothwendigkeit versetzt, sowol auf Rom, wie auf den Hufbeschlag der Pferde Rede zu stehen – hatte er doch die Offiziere durch seine Kenntniß des letztern, wie die Damen durch seine Kenntniß des erstern oft genug gefesselt – als Püttmeyer endlich an sein Glas klopfte. Beim fortgesetzten Gefülltwerden desselben hatte er bemerkt, daß seine Sinne zu schwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der Mensch von Einsicht erkennt, daß er keinen Toast mehr bringen soll. Er wollte daher die Zeit nutzen. Allgemeines Bravo und Klopfen an die Gläser folgte. Püttmeyer steht auf. Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Füßen wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er stundenlang sprechen können – jetzt aber mußte er seinen ganzen Menschen aufbieten, um sich zu behaupten. Danken wollte er für das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum seiner Philosophie, wie sich's erwarten ließ, eine anerkennende 88 Zukunft prophezeien. Schon sah Armgart durch die flimmernden Thränennebel ihrer Augen hindurch die sonnenbeschienene Warte des Geyerfels, von welcher Angelika Müller einst in einer schönen Stunde gesprochen: Da möchte man predigen! Schon war Püttmeyer's: Hochzuverehrende Damen und Herren! über seine Lippen, die etwas im Tone Schnuphase's sprachen; schon hatte er wiederum zum Beginn seiner eigenen Verherrlichung gelegenheitsgemäß gesagt: »Wie aus dem Wald – hmhm! – in welchem die edle Waidmannskunst vor wenigen Stunden – hmhm! – zum letzten mal, ehe die Axt des Holzschlägers die alten Stämme niederlegen wird, ihr fröhliches Jagen erschallen ließ, sich in kurzer Zeit die Grundlagen einer jener Eisenstraßen erheben werden, welche das Gaslicht – hmhm! – der Aufklärung endlich auch in unser Land – hmhm! – in das Land der Böotier« – – und schon war nach dem stürmischen Jubel auf dies ironische Sichselbstverspotten durch ein Stichwort, womit die fragliche Provinz nicht selten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der Damentaschentücher, die in diesem Augenblick zu Kriegsfahnen wurden für den neueröffneten Kreuzzug gegen Ketzer- und Beamtenthum – schon war Püttmeyer im Begriff, seinem »einsamen Denkstein« und seinem: »Heureka!« auch vor den Männern eine genugthuunggebende Zukunft zu verheißen, als auch in diesem Augenblick wieder – die Lacerte am Riedbruch dahinhuschte, wieder wie zur Flucht Lucinde, die schon Allbeobachtete, aufsprang und die Thür suchte. Diesmal war aber die Störung das Signal eines allgemeinen Aufbruchs. Im Saal waren die Fenster nicht verhängt gewesen. Durch eine große dreigetheilte Balkonthür hindurch hatte man einen erschreckenden Anblick. Feuer! riefen draußen schon Stimmen zu gleicher Zeit. Feuer! wiederholte man auf den Corridoren. Ein Nordlicht ist's! rief 89 zwar jemand im Saale, zur Beruhigung auffordernd. So glührother Schein konnte aber nur einem Brande angehören. Eine Weile herrschte Todtenstille. Der Feuerschein war im Süden. In St.-Libori ist's! riefen die einen. In Heiligenkreuz! die andern. Auf Westerhof! schrie Armgart und stürzte wie aus einem Traum erwachend, der den Tag über dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatischer Erregung zur Thür hinaus. Die Rede und das Fest waren zu Ende. Püttmeyer stand an der Tafel, wie ein kalt gewordenes Gericht. Er konnte sich nicht finden. Es war ihm, als wäre ihm plötzlich sein eigener Verstand davon und zur Thür hinausgelaufen. Die Beruhigungen des Wirthes und der Diener konnten niemanden mehr zurückhalten. Ein breiter glührother Schein blieb quer über dem schneebedeckten Rücken eines Tannenwaldes liegen. Am Zittern des Scheins sah man, daß die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald war der Schein stärker, bald schwächer; die Bewegung kam wie in regelmäßigen Pulsschlägen. So unheimlich sah es sich an, daß die Frauen die Erscheinung schon fühlten, wie die intermittirende Bewegung des eigenen Herzens. – Die Phantasie der einen machte sich durch Aufschreie Luft, die andern gingen wie in der Irre. Jede Natur, mochte sie sich eben auch ganz in der Beherrschung gegeben haben, die Bildung und Ueberbildung mit sich bringen, warf jetzt die Fesseln ab. Die schweigsamste wurde beredt, die lauteste verstummte. Schluchzen hörte man, Trostworte. Alle aber riefen: Die arme Paula! Und sie hat es vorausgesehen! Levinus, Armgart, Terschka und Thiebold waren längst verschwunden. Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren, zurückkehrten und die Nachricht brachten, es schiene in der That entweder das Schloß Westerhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen, war der 90 Saal entleert. Im Hof drängte man sich kaum zum Durchkommen. Die Pferde, die Spritzen wurden aus den Ställen und Remisen gezogen. Viele Herren, selbst Fräulein von Merwig setzten sich auf eine der Spritzen, um rasch nur an Ort und Stelle zu kommen. Dabei fehlten gerade die Diener, die Jäger, die Mägde. Viele schon hatte der magische Reiz, den jede Feuersbrunst ausübt, angezogen. trotz der ernsten Warnung des Grafen, die jedem verbot sich ohne Erlaubniß zu entfernen. Frau von Sicking war unter allen die verlassenste. Ihr Besitzthum war glücklicherweise nicht genannt worden. Sie ließ sich von jedem, der noch nicht im Besitz seiner Pelze, Mäntel, Fußsäcke war, Bericht erstatten von Paula's gestriger Vision und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um. Wo ist mein Fräulein? rief sie. Ein Jäger sagte, das Fräulein wäre wie ein angeschossener Vogel gewesen und plötzlich verschwunden. Man suchte sie. Lucinde war nicht zu finden. Mit Verdruß über »diese denn doch merkwürdigen Sonderbarkeiten«, aber mit interessanten Thatsachen für ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert, fuhr Frau von Sicking allein nach Hause. 91 17. Friede! Linder, sanfter, himmlischer Friede! Du, der du Stirnen kühlst, die vom Kampf des Lebens noch erglühen, lindernden Balsam träufelst auf Herzen voll Kummer – deine heiligsten Tempel baut Mutter Natur –! Doch segnest du auch jedes bescheidene Dach, wo das Echo des schallenden Marktes verhallt, wo der Pendelschlag der Uhr – fernklingendes Schärfen der Sichel Saturn's! – uns nur in die grünen Matten versetzt, in die zeit- die raumlosen, die Paula's geschlossenes Auge erblickt! Segnest dem ermüdeten Wanderer sein Lager mitten auf Landstraßen! Segnest einem zum Tod ermatteten Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht, unbekümmert um des Siegers Ueberfall, mitten auf dem Weg seiner Triumphe, die Schlummerstätte! Zahllos sind die Wohnungen des Friedens selbst noch auf dieser streitbewegten Erde. Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz, als sich Frieden zu zaubern die Liebe versteht. Glückliche, die erlaubte Liebe? Die sieht sich noch zuweilen um und beobachtet die Welt, ob sie auch bei so viel Glück noch steht, beobachtet die Menschen, ob sie auch neidisch sind. Aber die ungestandene, die noch verschwiegene Liebe hat Ohr und Auge ganz verloren. Sind da Sterne vom Himmel gefallen, sind Thürme eingestürzt, war 92 ein Erdbeben – indessen der Lampe milder Schimmer das Antlitz der Geliebten beschien, indessen die Weiße ihrer Hand wetteiferte mit den Spitzen, an denen sie stickte – das Ohr hörte nichts davon. Schwirrte aber ein Käfer in ihrer Nähe oder fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nähtisch zu Boden – das sind dann Weltbegebenheiten! So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken saß Bonaventura bei Paula während dieser Stunden . . . Sie waren heute nicht allein – Tante Benigna kehrte beiden im grünen Zimmer den Rücken und schrieb und las an einem geöffneten Schreibbureau. Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein? Und: Wenn nur kein Unglück geschieht –! Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertelstündlich wiederholt, die Liebenden störten. Seit vorgestern Abend hatte Bonaventura den Weg zur Erde nicht mehr zurückfinden können. Er schwebte hoch in Lüften. Irdische Verpflichtungen gab es nach allen Seiten hin, nach Schloß Neuhof zur Mutter zu gehen, nach Himmelpfort zu Klingsohr, es drängten Briefe und geschäftliche Mahnungen, auch die Zumuthungen Müllenhoff's, seines polternden Wirthes; Sorge drückte ihn um Benno, auf dessen dunkles Leben des Onkels Brief so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen, auch ein längst bezweckter längerer Besuch bei Hedemann, alles drängte auf ihn ein – aber er entschied sich für nichts, er entschloß sich zu nichts, es zog ihn nach Westerhof. Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt. Er sah und hörte ihr angstvolles Ringen gegen eine unheimliche Anschauung und mußte sie doch verlassen, da sie der Ruhe bedurfte, gefoltert von den Bildern, die Paula gesehen. Es waren Bilder des Brandes und der Zerstörung, Bilder, die ihn an seine Beichtgeheimnisse, seine stummen, schweren Bürden 93 erinnerten – Bürden, deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen. Sprechen durfte er wol: Terschka ist mir verdächtig! Oder: Wenn Nück etwas im Schilde führte! Das war aber auch alles. Mehr zu sagen war ihm nicht gestattet; denn bei genauerem Hinweis wußte sogleich jeder, er stellte Beichtbekenntnisse bloß. Der Tag war so öde hingegangen, so einsam. Sein Herz klopfte. Wem sollte er sich vertrauen? Bei wem Beruhigung suchen! Ziemten seine Empfindungen dem Priesterherzen? Und hätte er sich vielleicht auch gegen Benno, der selbst litt, aussprechen dürfen, er räumte dem Stifter des Zölibats, Gregor VII., ein, daß kein Gefühl uns in der That mit größerm Egoismus erfüllt, als die Liebe. Doch, setzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kämpfende, nicht die glückliche Liebe! Auf seinem Zimmer schloß er sich ein und las in seinen mitgebrachten Büchern, erst im Augustinus, dann in seiner geliebten »Trutz-Nachtigall«; er schrieb auch selbst in sein »Sünden-Brevier«, wie er ein kleines Büchlein seiner geheimsten Gedanken nannte: Ich kann es nicht sagen – was jeder doch weiß! Ich kann es nicht tragen – und trag's doch so heiß! Ich kann es nicht finden – was überall liegt! Ich kann es nicht binden – und hab's doch besiegt! Ihr Sterne behütet's? Das dank' ich euch nicht! Dich schelt' ich, o Mond, der sein Schweigen nicht bricht! O Sonne, o Sonne! Mit strahlender Miene Sag' du der Welt, welcher Königin ich diene! So im Lied sich tröstend und erhebend und voll Ahnung in den Frühling sich versetzend und in Wonneschauern schon die erste Lerche erblickend, die im Felde aufsteigt, wirbelt, immer höher und höher sich schwingt, schrieb er auch heute in erster Morgenfrühe: 94 Lerche, schwebst im blauen Feld Willst gen Himmel dringen? Ist's dein Ton, der so dich hält? Trägt dich so dein Singen! Vöglein, Vöglein, wüßtest du, Wie du singst uns Andern, Die wir durch die Sonntagsruh' Durch die Felder wandern, Wie in deine Triller sich Unsre Jubel mischen, Unsre Herzen sich durch dich Mit im Blau erfrischen – Wüßtest du, was alles wir In dein Singen legen, Wie wir auf in dein Revier Mit die Flügel regen– Ach, du stiegest erdenfern! Nicht gehört – gesehen wär' dein Lied nur, das als Stern Würd' am Himmel stehen! Aus seinem Capitel kamen dann Briefe – Anfragen, ob er nicht eine Mission nach Wien übernehmen wollte zur Begrüßung des dort erwarteten Cardinals Ceccone, ob er auch seine Stimme zu diesem Protest und zu jenem Begehren mitgäbe. Es kamen Müllenhoff's Exercitien und – die lächerlichste Scene von der Welt. Schon wieder hatte man dem Pfarrer von St.-Libori einen Streich gespielt, schon wieder an seiner Thür ein Neugeborenes ausgesetzt, diesmal sogar ein Lebendiges, kein Kind, sondern ein frischgeworfenes Kätzchen, das mit einem Häubchen und wie ein Wickelkind eingeschlagen und befestigt bei erster Morgenfrühe in einem Korb vor seiner Hausthür wehwinselte . . . 95 Erst in dem darob entstandenen Lärmen erfuhr Bonaventura, daß diese Verspottung bereits neulich vorgekommen war. Er suchte den Pfarrer zu trösten, der diesmal kleinsilbig wurde und der Kathrein, dem alten Tübbicke und den Hausangehörigen das Toben und Androhen mit den Gerichten verwies. Tübbicke versicherte dabei aufs bestimmteste: Es kommt nicht von der Schmeling. Bonaventura erfuhr, daß man für diese Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte, die Müllenhoff öffentlich des »Teufels Großmutter« genannt haben sollte. »O brächte doch der Cardinal Ceccone«, stöhnte Müllenhoff, seinen Zorn mit einem Stück saftigen Schinkens beim Frühstück hinunterwürgend, »o brächte er doch eine großmächtige Kette von einigen hundert Meilen im Umfang, daß man unsere deutsche Wildniß wieder an Roms Gesetz und Regel binden könnte! Frau von Sicking sagte mir gestern, und eine junge Dame, die soeben aus der Residenz des Kirchenfürsten bei ihr eingetroffen ist, bestätigt mir's, daß die Curie Sie entsenden will, Hochgeehrtester, den Cardinal zu begrüßen – Gewiß, Sie werden einer solchen Ehre und Gelegenheit, bald Bischof in partibus , mindestens Weihbischof zu werden, nicht ausweichen! Die ganze germanische Kirchenprovinz bittet für Sie, trotz Ihrer Jugend, um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten geschliffen –!« Daran reihten sich dann einfach, wie der Pfeffer zum Schinken, in Müllenhoff's Reform: »Bischofsrecht über jedes Amt in Schule und Kirche! Keine Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Christi! Kein Amt, keine Pfründe, keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf weltliches Gesetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Gesetz gegen Geistliche anzurufen, der wird excommunicirt! Priester sind jetzt schon zu erziehen von Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel 96 ist! Religion aus keiner Schule mehr, als durch uns. Kein Placet, kein Transeat, kein Cabinetspaß für den Willen Roms! Gottesdienst überall, im Tempel und im Freien! Congregationen, Bruder- und Schwesterschaften nach Bedürfniß! Klöster mit ganzer und halber Regel! Selbstbeschauung, wer nur Lust hat, sich, sei's als Eremit allein, im Spiegel seiner Nacktheit zu erblicken, oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr zwischen Rom und jeder Hütte von Baumzweigen, wo nur ein stümpernder St.-Antonius oder St.-Hieronymus beten will! Jeder Heller endlich, so der Kirche gehört, nur zu unserer eigenen Regula de Tri verrechnet!« Alles das tobte die Verzweiflung aus, daß er Mutter Schmeling nicht sogleich unter den Hexenhammer einer geheimen, sicher wirkenden Inquisition bringen konnte. Unter den Zeitungen, Briefen, Visitenkarten, die Renate geschickt hatte, fiel Bonaventura die Traueranzeige über den Tod Hendrika Delring's auf. Er widmete ihrem Andenken die innigste Theilnahme. Er vergegenwärtigte sich die Wirkungen dieses Schicksalsschlages, der das Kattendyk'sche Haus betroffen. Schon so frei, schon so entfesselt von seinen frühern Anschauungen war er, daß er sich sagte: Also ein Zeugniß für die Liebe weniger in der Welt! Von Lucindens Nähe hatte er keine Ahnung. In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfüllt und von den Nachrichten, die bereits über den Landrath eingelaufen waren. Er selbst mußte sich geistlichen Aufträgen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloster Himmelpfort, so gern er wollte. Dann mußte er jedenfalls die in Westerhof heute so verlassenen Damen besuchen. Onkel Levinus und Terschka konnten möglicherweise erst spät Abends zurückkehren. Gegen vier Uhr fand er Westerhof einsam und still. Die Dienerschaft war größtentheils zur Jagd. Sogar die Beamten 97 feierten – sie wohnten ringsum zerstreut in den entlegneren Wirthschaftsgebäuden. Zwei Diener waren daheim geblieben und von diesen war Dionysius Schneid seines Ungeschicks wegen kaum zu rechnen. Nur an weiblichem Personal war kein Mangel. Er hörte sogleich, daß Paula heute wieder wohler war. Wie immer mußte er sich erst Bahn brechen durch Hülfebegehrende, die sich auch von ihm die geistliche Segnung, welche er im Vorübergehen spendete, nicht entgehen ließen. Jetzt erst – zweimal vierundzwanzig Stunden nach seiner unterbrochenen Frage: Und wenn nun doch noch die Urkunde gefunden würde – und man dann verlangen würde, daß Sie das Opfer brächten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen –? sahen sich die Liebenden wieder. Paula's Antwort lag in den stummen Gegenfragen der Begrüßung: Und jetzt erst seh' ich dich wieder? Ist denn noch alles so, wie an jenem Abend? War es kein Traum? Hältst du Wort, Wort dir selbst und mir? Deutlich sprachen dies die ersten Grüße; doch mildernd und dämpfend mußte sich Tante Benigna's Nähe einmischen, ja Bonaventura's eigener Anblick – der Gruß, einem Geistlichen, den die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, verstand sich von selbst als Entsagung. Sofort fiel eine Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in Bonaventura's Zügen schmolz sein erstes frohes Lächeln zum mildesten Ernst. Grade aber auch heute mußte die Tante nichts unterlassen, was den Eindruck der Würde eines Priesters mehrte und seine Erscheinung mit allen Glorien der Heiligkeit umgab. Sie begann bald die Nähe Monika's und Ulrich's von Hülleshoven einzugestehen. Jene hatte an sie selbst geschrieben und der heute so stille Abend war bestimmt, ihr zu antworten. Von Ulrich lag ein Brief an seinen Bruder vor. Benigna durfte alles an den Onkel Gerichtete eröffnen – es war vorgekommen, daß ein vortheilhafter Verkauf von – Schweinen, der 98 Hauptbranche dortiger Viehzucht, versäumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrochen hatte, den er für die Abfertigung eines Recensenten hielt, mit dem er über alte römische Helme in Streit gerathen war. In diesen Briefen wurden an Schwester und Bruder die gleichen Ansprüche auf Armgart gestellt. Tante Benigna las Monika's Brief: »Liebe Schwester! Ich schreibe Dir im Vertrauen auf jene Versicherung Eurer Versöhnlichkeit, die Levinus Gräfin Erdmuthen gegeben! Ist es Euch genehm, so erschein' ich auf Westerhof. Armgart verläßt auf ein Jahr das Stift, begleitet mich nach Wien, nach Italien; – lasse sie zurückkehren, wenn ihr der Aufenthalt im Stifte Vortheile bringt, die sie nicht verscherzen dürfte. Wollt Ihr Ulrich den Vorzug lassen, so kann ich Euch keine Beweise meiner größern Würdigkeit geben. Mein Herz kämpfte, ob ich nicht in längerer Zuschrift das Urtheil meines Kindes gewinnen sollte; ich entschied dagegen. Darf ich, wie ich war und wie ich bin, in Euerm Kreise erscheinen und hab' ich Euern Beistand, daß die Erziehung einer Tochter der Mutter gebührt, und stellt sich Armgart gehorsam und ergeben einem Auge dar, dessen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Thränen sie für keine Selbstanklage zu halten berechtigt ist, so hab' ich das Glück meines Lebens erreicht. Entscheidet!« Paula klagte diese Sprache der Kälte und des Hochmuths an. Sie, die sonst so Gütige und Milde, sagte: Welche Selbstzufriedenheit! Mir ist's ein Wunder, wie nur immer Herr von Terschka die Tante so rühmen kann! Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nähern Bekanntschaft mit Monika aus dem Beichtstuhl verrathen. Doch stand ihm versöhnend das Bild des Abschieds vor Augen, den auch die Frau in silbernen Locken am Portal des Capitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphase seine Rede hielt. Darauf 99 hin sprach er wie bekannt von ihr und sagte: Ist denn Herr von Terschka so für sie eingenommen –? Ueberschwenglich spricht er von ihr –! Die Tante schwieg. Sie hatte diese Neigung Terschka's wohl bemerkt. Und Bonaventura gedachte der Fragen, die Monika über die zweite Liebe einer Geschiedenen an ihn gerichtet hatte, aber auch des Vorzugs, den plötzlich Armgart dem Fremdling zu geben schien und den offenbar dieser Zweideutige annahm – Die ängstliche Stille, die entstand, auch in Bonaventura, der sich sagte: Das Leben eines katholischen Geistlichen ist ein ewiges Niederblicken! unterbrach Benigna durch die Vorlesung des Briefes von ihrem Schwager. »Lieber Bruder!« schrieb der Oberst. »Die Grüße, die Dir schon im Herbst Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald soll, denk' ich, mein Handschlag folgen! Ich wäre schon bei Euch gewesen, aber ich suchte auf Bergbau mein Heil zu gründen und erwartete von Kocher am Fall etwas. Indessen reichen die Mittel nicht aus für Versuche, die zuletzt doch ohne Lohn bleiben. So will ich denn nach Witoborn. Meine Pension ist nicht groß, wir hatten keine Wunden zu taxiren; man hat in England immer noch das System, die Wunden zu messen; zwei Zoll tief – 5 Pfund mehr; drei Zoll tief – 10 Pfund; ganz kalt – dann allerdings werden Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider – heil und gesund und muß mich tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht stören, den ich für mein Herz längst geschlossen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben zuruft: Laßt alles das der Jugend! Was ich noch Rest von dieser Jugend habe, das hätt' ich gern an Armgart geschenkt! Aber die glaubt, hör' ich mit Erstaunen, der Mutter zu nahe zu treten, wenn sie mir den Vorzug gibt. Nun hat sie gar ein Gelübde gethan – – Seltsame Welt, von deren Anschauungen ich mich jenseit des Meeres – 100 entwöhnt habe! Als guter Soldat will ich einstweilen den Waffenstillstand ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich Schwägerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen für alles Gute, was sie Armgart erwiesen hat. Mein Sinn ist, sagt Ihr, Eigensinn? Ich kenne, was von uns Brüdern ich vom Vater, Du von der Mutter hast. Zuletzt ist aber das Leben so, daß wir, beim Zurückblicken auf die Fälle, wo wir Recht hatten, mit Trauer an unsere Schwächen, beim Zurückblicken auf die, wo wir irrten, mit Freude an unsere Kraft erinnert werden. In Frieden und in guter Hoffnung!« Benigna las diesen Brief in einem Ton der Angst und Sorge, der seinem so versöhnlichen Inhalt widersprach. Auch sie war mit der Zeit so von der Krankhaftigkeit der ganzen Sphäre, in der sie hier lebte, angesteckt, daß sie ihre eigene resolute Weise verloren hatte und sie nur noch zuweilen bei aufloderndem Poltern geltend machte. So sicher und fest, wie in diesen beiden Briefen, war auf Westerhof lange nicht gesprochen worden. Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Armgart den an Terschka gerichteten Brief ihrer Mutter zurückbehalten hatte, sagte mit derselben Zuversicht wie damals: Sie versöhnen sich beide! Und Armgart hat es zur seligsten Jungfrau gelobt, daß auch sie nicht eher ruhen will! Die Sehnsucht beider nach ihrem Kinde wird das harte Eis der Herzen brechen! Was könnte noch dazwischen liegen –? Der Vermuthung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terschka, hatte sie gleich anfangs nicht nachleben mögen; Armgart's neue Gedankengänge kannte sie nicht. Sie war befremdet über Bonaventura's Schweigen. Diesem hatte freilich Monika von Ehescheidung und von zweiter Liebe gesprochen. Inzwischen sagte, Bonaventura's stillen Schmerzensblick nicht beachtend, die Tante: Ich schreibe beiden: Kommt und versucht 101 euer Heil. Armgart ist kein Kind, das sich regieren läßt! Ihre Stellung im Stift macht sie auch selbstständig! So und ähnlich schrieb sie in der That und ließ damit dem Flüstergespräch der beiden Liebenden Raum . . . Aber Bonaventura blieb – ein Priester und Paula – eine Leidende. Wie die zarte Gestalt, die Künstlerhand aus Alabaster schuf, nur mit äußerster Vorsicht von prüfenden Händen berührt wird, so schonungsvoll mußte sich jedes Wort, jede Bewegung in Paula's Gegenwart von selbst geben. Der Athem eines so räthselhaften Mundes, der feuchte Glanz eines Auges, das so geisterhaft in die Ferne sehen konnte – hinderte das Gefühl: Risse ich dich jetzt mit mächtigem Arm an meine Brust und bedeckte deine Lippen mit Küssen, du würdest dem uns alle bindenden Leben angehören, den gemeinsamen Sinnen, die für unsere Natur die alleinigen Schranken sind! Bonaventura konnte wol bange werden in dieser unheimlichen, spukhaften Umstrickung von Fäden, die Geisterhände um Paula zu spinnen schienen. Sah er die sanften schwarzen Wimpern über die blauen Augen sich senken und das unendlichste Behagen ihrer edeln Formen die Neigung ausdrücken, sanft in jenes dunkle Zwischenland zwischen Wachen und Traum, zwischen Leben und Tod zu entschweben, in jenes Land, das hier zu Lande den Menschen das Jenseits erschien, so erschrak er. Ihre weißen Hände sanken dann nieder in den Schoos. Ihr ganzes Sein schien dann eine Nahrung einzufangen, die ihr aus der Luft zuströmte, ja aus Bonaventura's Athemzügen. Die hingegebene, willenlose Schwäche, der unwiderstehlichste Reiz des Frauenthums, benahm ihm fast die Sinne. Wäre bei wahrer Liebe nicht immer der Vorbau des Herzens darauf gerichtet, sich zu sagen: Entweihe deine Gottheit nicht! Laß sie rein und unberührt von deinen stürmischen Wünschen! Lege für noch seligere Zukunft deine Schätze zurück –! er würde sich nicht haben halten können, mit 102 seinen Armen diese seltsame Welt an sich zu ziehen und – sie zu zwingen, sich zur allgemeinen Menschheit zu bekennen. So kam die siebente Stunde schon. Tante Benigna schrieb immer noch fort und störte die Liebenden nicht. Sie wußte – und sie wußte nicht, sie sah – und sie sah nicht; sie war in den ihr unbewußten Fesseln eines Idealanfluges, der sogar, als sie zuletzt beim »Aufarbeiten ihrer Rester« Gänse, Enten, Schweine, Ochsen addirte, ihre Phantasie geradezu dabei doch wie ins Paradies versetzte, wo ja doch auch so fromm und heilig wildes und zahmes Gethier um den noch unberührten Baum der Erkenntniß wandelte. Es blieb tiefe Stille. Nur viertelstündlich sagte die Tante: Wo nur Armgart bleibt –! Wenn die Jagd nur kein Unglück bringt –! Plötzlich fällt ein seltsam heller Schein ins Zimmer. Die beschlagenen Fensterscheiben klirren leise. Anfangs beachtet niemand diesen Schein und dies Klirren. Jetzt dringt auch ein Geruch ins Zimmer, der selbst der Tante, die an die Consequenzen der Landwirthschaft gewöhnt ist, zu fremdartig vorkommen sollte. Aber sie nimmt Anstand, dem Besuch zu verrathen, worauf alles man im Landleben gerüstet sein müsse. Sie schweigt und räth auf die Küche und das verbrannte Nachtessen. Nun aber wird der Schein zu licht. Alle drei erheben sich zu gleicher Zeit. Da hört man auch schon das schrille Klirren von zerspringenden Fensterscheiben. Das ist Feuer –! ruft die Tante und greift an den Klingelzug. Schon stürzen die Dienstmädchen den todtblassen Damen entgegen – sprachlos. Statt ihrer spricht der in Glührothschimmer getauchte Vorsaal. Es brennt –?! wollte die Tante ausrufen. Aber der Ton erstickte schon in ihrer angstgeschnürten Brust. Und schon war sie hinaus. Bonaventura hielt Paula zurück. Die Mädchen hatten schon inzwischen gesagt, daß die Kapelle brenne. 103 Menschenstimmen – Rufen, Schreien ertönte durcheinander Das Laboratorium! hörte man. Das Archiv –! Zusammenkrachendes Gebälk, eingeschlagene Thüren. Bonaventura, seinerseits selbst halb bewußtlos, übergab Paula den Mädchen, um nach den hoffentlich noch unversehrten Ausgängen des Schlosses zu sehen. Die Treppen waren zum Glück von Stein. Im Hof entdeckte er eine mächtig lodernde Flamme, die wie eine gierig aus der bereits eingeschlagenen Thür der Kapelle leckende Zunge nach Nahrung suchte. Noch schien sich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beschränken. Wer wußte aber, was drinnen schon zerstört war! Dem Archiv suchte man durch andere Zimmer beizukommen. Im Hof arbeitete bereits mächtig eine der Spritzen, die sich im Schlosse befanden. Tante Benigna leitete sie selbst. Noch aber fehlte es an Menschen. Die Diener sagten dem Domherrn, man spanne bereits an. Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Gräfin zum Stift! Bonaventura kehrte zurück und sorgte für die Zurüstungen zur Flucht. Paula fand er gefaßter. Man eilte, nach Kleidern für sie zu suchen. Bonaventura verschloß schnell das offen gebliebene Schreibbureau der Tante und steckte den Schlüssel zu sich. Inzwischen mehrte sich der Zustrom der Nachbarn, die jetzt nach außen hin eine Riesenflamme hatten ausbrechen sehen, eine Flamme, die ihren Weg in der That von dem in Brand befindlichen Altartabernakel zum Archiv suchte, dem sich von außen leider nicht beikommen ließ, da die Fenster über und über vergittert waren. Der eine Flügel des Schlosses schien verloren; schon machte sich die Flamme durch das erste und zweite Stockwerk Bahn. Bonaventura verlor jetzt nicht mehr seine Geistesgegenwart. Die wichtigsten Schränke ließ er sich bezeichnen, ließ Silbergeräth einpacken und folgte den Weisungen Paula's, die gerade 104 jetzt in den seltsamsten Zustand gerieth. Nicht daß sie ihr Bewußtsein verlor, wie eine Traumwandelnde schritt sie dahin, eine Geisterjungfrau, die zuletzt, falls sie entfloh, so war der Eindruck, auf einem Gespann von geflügelten Drachen hätte entschweben müssen. Sie gab Weisungen, Aufklärungen, wie im Sturm am Ufer des brausenden Meeres eine Seherin. Dort! Die Kisten! rief sie. Die Schlüssel hängen ja hier! Nehmt sie! Hier sind die Bücher der Grundverschreibungen! Der Ausgang ist frei! Uebereilt nichts! Der Dachstuhl brennt, aber an den Eckthürmen ist alles von Stein –! Leert das Laboratorium von brennbaren Sachen! Der Bau selbst ist feuerfest –! Seht, der Wasserstrahl trifft ja mächtig! Rettet nur das Archiv in den Keller –! . . .. Ha, der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken stürzt –! Niemand sah den Mann, den sie von der Galerie des Hofes aus erblicken wollte. Indessen ertönte ein furchtbares Krachen im Innern. Nach innen mußte das zweite Stockwerk eingestürzt sein. Die Flamme schlug schon oben zum Dach hinaus. Von den beiden Eckthürmen aus bekämpfte man ihr Weiterdringen durch die hinaufgezogenen Schläuche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig hatten wirken können. Dabei tönte hülferufend die Schloßglocke bereits seit einer Viertelstunde von einem dritten der vier Eckthürme. Paula lehnte jede Entfernung vom Schlosse, jede Schonung ihrer selbst ab. War es der entschlossene Beistand Bonaventura's, war es die Erregung des Augenblicks oder welche Geister standen ihr zur Seite – sie befehligte ganz wie die Gebieterin. Sie war die Stammherrin der Dorste-Camphausen, die Letzte ihres Geschlechts! Sie stand mit leuchtenden Augen, beschienen von Flammen, im erstickenden Qualm des Rauches verlor sie die Besinnung nicht. Dagegen brach die Tante nun zusammen. 105 Wenigstens bedachte sie nur noch die Rettung des Kleinen und Einzelnen, während Paula im Ganzen lebte. Menschen waren endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten. Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht. Gensdarmen kamen dahergesprengt. Man isolirte das Feuer mit Erfolg. Ueber die Entstehung schwankten die Meinungen. Die einen leiteten das Unglück aus dem Laboratorium her, die andern aus einem Kohlentopf in der Kapelle, den vielleicht ein Andächtiger, der sich über demselben die Füße gewärmt, zurückgelassen hatte. Daß schon die Gräfin das Feuer gestern gesehen, war ein Wunder, wodurch die Anstrengung des Rettens, die Erhöhung der Stimmung noch gemehrt wurde. Bonaventura irrte durch trübe Ahnungen und barg sich jetzt – vor Müllenhoff, der im Rettungseifer angekommen war, vorläufig jedoch nur seine Zunge in Bewegung setzte, um der Entrüstung Worte zu geben über Fräulein Benigna, die, kaum ihn erblickend, so viel Besinnung gewonnen hatte, geradezu ihn als die Ursache des Feuers zu beschuldigen – denn ihm und seiner »Toilette« zu Liebe hätte man die Zahl der Vorhänge am Altar vermehrt, jene Sakristei hinter dem Altar improvisirt und ihm in dem engen Raum den seit Jahrhunderten dort verpönten Gebrauch von Licht gestattet. Den heftigen, ganz aus geistlicher Sprache und Rücksicht herausfallenden Wortwechsel unterbrach die Ankunft eines Pikets Husaren aus Witoborn. Man sperrte den Zudrang der Menschen ab, die von allen Richtungen herbeiströmten. Nur wer sich ausweisen konnte, wurde jetzt noch über die kleine Brücke gelassen, die zu der Insel führte, auf welcher Westerhof lag. Glücklicherweise war Windstille. Die Funken flogen nicht an die nahen Wirthschaftsgebäude und Kornspeicher. Unter denen, die noch über die Brücke wollten, befand sich auch der allen wohlbekannte Bruder Hubertus. Er machte sich 106 mit einer Gewalt, die unwiderstehlich war, Bahn. Laßt mich, rief er den ansprengenden Reitern entgegen und keines Roßhufs achtend drängte er zur Brücke hinüber und stürmte in die Gefahr hinein, die inzwischen nachzulassen anfing. Vorzugsweise war es jetzt, wie Paula vollkommen recht gesehen hatte, ein einziger Mann, der mit Anstrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umsichgreifen des Brandes Einhalt that – jener Dionysius Schneid, dem man anfangs vergebens gerufen hatte, der sogleich die Pferde und den Wagen für Paula in den Wirthschaftsgebäuden hatte bestellen sollen, der sich dort »eine Ewigkeit«, wie die Angst der Tante ein Dutzend mal ausrief, aufgehalten, der aber auch jetzt beim Einreißen der Zwischenmauer, beim Absperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte. Mit geschwärztem Antlitz, plötzlich rothen Haars, das seit dem Finkenhof niemand wieder an ihm gesehen hatte, saß er in einer buntgestreiften Stalljacke mitten in der Verwüstung des halb in Trümmern liegenden Flügels zwischen den beiden Thürmen, hob die Axt, zertrümmerte glühende Balken in kleinere Stücke, um deren Zündkraft zu mildern, und arbeitete allen andern, die sein Beispiel ermunterte, fast mit einer Art Wildheit zuvor. Hubertus war mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen angekommen. Wie mußte er erstaunen, als man ihm auf diesen Namen eben den Mann zeigte, der hoch im qualmenden Gebälk saß, die blinkende Axt in der Hand. Unmöglich! entgegnete er. Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte allgemein Anerkennung über die Entschlossenheit des sonst so trägen Dieners. Im Hof war ein Gedränge und kaum zum Hindurchkommen bildeten Eimer, Spritzen, geborgene Geräthschaften schon einen hohen Haufen, über den die Menschen hinwegklettern mußten. Man würde den Mönch, welchen die am wassertriefenden Gebälk zuweilen noch aufzuckenden blauen Flammen in seinen 107 allbekannten Todtenkopfzügen beleuchteten, nicht geduldet haben, hätte man nicht gewußt, daß in solchen Fällen der riesenstarke Bruder sich nützlich zu machen liebte. Schon hatte Hubertus, immer den in der qualmenden Zerstörung sitzenden Schneid im Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten, um Wasser zu holen aus dem glücklicherweise im Thauen begriffenen Teich, der die Insel bildete. Schon wollte er in unwillkürlichem Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten des Landraths mechanisch Folge leisten, als ihm ein noch einmal auf die Stätte der Zerstörung im obern Stock geworfener Blick eine plötzliche Gefahr zeigte, in welche dort der Diener des Hauses gerathen. Sein eigener Zuruf erstickte auch schon in dem allgemeinen Geschrei: Er stürzt! Eine Leiter! Er ist verloren –! Der schwarzberußte Mensch, der sich da oben wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und Rauch den Weg zu bahnen suchte, wollte sich vor einem drohenden Mauersturz retten, sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm zusammenbrach, stürzte tiefer und tiefer und schwebte mit seinen Füßen, die ohne Halt im Leeren tasteten, zuletzt über einem Abgrund, in den er unfehlbar hinunterstürzen mußte, da sich seine Hände nur noch am glühenden Stumpf eines Balkens halten konnten. Nirgends war eine Leiter anzulegen . . . Wenige Minuten noch – und unfehlbar mußte der Diener aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeröll und Balken mit zerschmettertem Schädel niederfallen. Aber nur eine Secunde der Rathlosigkeit, wo man die Leiter anbringen sollte, die an sechszig Sprossen zählte und vor der Macht ihres Gewichts hin- und herschwankte, da stand Hubertus schon und rief: Hinauf! Hinauf! Wer steigt hinauf? Und in seinen knöchernen Armen hielt er die Leiter, daß sie frei schwebend stand, wie an eine Mauer gelehnt. Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer dringender redete er den 108 Ablehnenden zu. Habt doch keine Furcht! bedeutete er die, welche zögerten, die nur frei in der Luft gehaltene Leiter zu besteigen. Endlich wagte es einer der Feuerleute aus Witoborn. Schon berührten die Füße des in der Luft Hängenden die obere Sprosse der Leiter – aber er würde sich nicht haben halten können ohne einen Arm, der ihn umschlang. So kletterte denn der Feuermann empor an der aus freier Hand gehaltenen Leiter. Wie eine Gerte bog sie sich, je höher er kam. Doch Hubertus stemmte sich fest wie ein Athlet und balancirte die ungeheuere Wucht. Hülfe, die hinzusprang, stieß er zurück mit dem Ruf: Gleichgewicht! Das – kann nur Einer oder ihr müßt es subtil anfassen! Und mit den Zähnen knirschte er zum Zeichen seiner äußersten Anstrengung, bis die Umstehenden begriffen und ihn vorsichtig in der von ihm angedeuteten Weise unterstützten. Jetzt war der Arbeiter oben. Er ergriff den schon Sinkenden, dessen Hände verbrannt sein mußten. Er zog ihn zu sich herüber auf die Leiter. Diese, vom doppelten Gewicht überlastet, bog sich. Ein Schrei des Entsetzens unter allen Umstehenden, von denen einige Kräftige hinzusprangen, um Hubertus zu unterstützen. Doch »Zurück«! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee, die Arme in der fünften und sechsten Sprosse eingeschlungen, sodaß er die gewaltige Last nur wie eine vom Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt. Glücklich stieg der Arbeiter mit dem Ohnmächtigen nieder. Je näher Jean Picard dem Mönche kam, je näher ihm der Anblick des Armes möglich wurde, auf welchem er das verhängnißvolle Zeichen der Erkennung suchen wollte, desto schwächer wurde die Kraft des Bruders, dessen Kutte hie und da an den noch brennenden Trümmern schon sengte. Nun ließ er das Hinzukommen aller geschehen. Als der Arbeiter mit dem 109 Geretteten auf unterster Sprosse stand, sank die Leiter in die Hände der Uebrigen. Hubertus holte einige Augenblicke Athem, hörte mit lächelndem Kopfnicken die bewundernden Beifallsäußerungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter, der den Bewußtlosen von der Brandstätte wegtrug. Diesem bot man jetzt Hülfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flügel des Schlosses. Hubertus aber sagte zu dem Träger: Laßt's jetzt gut sein, Landsmann! Ich trag' ihn schon selbst weiter! Mit Brandwunden weiß ich umzugehen! Damit nahm er den Ohnmächtigen und trug ihn aus dem Gewühl und ganz aus dem Schloß hinaus in das inzwischen aufs neue und immer mächtiger vom Menschenstrom belebte Dunkel der Nacht. Während jetzt von allen Thürmen auf Meilen weit umher die Feuerglocken riefen, kamen auch die Theilnehmer der Jagd an. Terschka mit Armgart voraus auf einem leichten Wagen; dann Thiebold und der Onkel. Auch von Witoborn kamen Benno und Hedemann. Armgart machte sich durch alle Bahn. Paula's hohe Entschlossenheit und muthvolle Haltung hörte erst auf, als sie in die Arme ihrer weinenden Freundin sinken konnte. Bonaventura stand voll Rührung und sprach, als die Gefahr vorüber schien, mit – tiefahnungsvoller, zitternder Stimme ein Dankgebet, in das alle Nahestehenden mit entblößten Häuptern einstimmten. Seine Worte deuteten die Strafe des Himmels an, wenn hier ein Frevel vorläge. Alles war erschüttert. Selbst Müllenhoff, der eine Menge gebrauchter grober Ausdrücke zu bereuen hatte, drückte ihm ergriffen die Hand. Die Thurmuhren schlugen zehn. Jedes sagte: Wenigstens noch ein Glück, daß der Unfall so zeitig ausbrach –! Für die Nacht wurden Wächter bestellt. Allmählich wurde alles stiller. 110 Die Gruppen lösten sich auf. Man zerstreute sich. Auch die Schloßbewohner bedurften der Ruhe. Onkel Levinus fand sich in neue Thatsachen, die er gedruckt las, leicht, schwerer in solche, die er selbst erlebte und mit dem Alltäglichen zu vermitteln hatte. Er hatte mehr als gewohnt dem Rebensaft zugesprochen, auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstärkung zu sich genommen. Um sich zu finden und im Nichtzuändernden zu orientiren, irrte er mit einem offenen Lichte so lange im Schlosse auf und ab, bis ihn die Wächter aufmerksam machten, er könnte leicht den Brand aufs neue entzünden. Armgart flüchtete auf ihr Zimmer wie ein verstörter Geist. Terschka, dem man kaum die Anwesenheit des Mönchs Hubertus und dessen gewaltige That erzählt hatte, als er auch schon in seine unversehrt gebliebene Wohnung entschlüpfte, schien am längsten zu wachen. Das Licht an seinen Fenstern erlosch erst nach Mitternacht. Bonaventura war mit Benno, Thiebold, Hedemann und Müllenhoff zu Fuße fortgegangen. Endlich breitete die Nacht über das Gemälde des Schreckens ihre dunkeln Schwingen. Schauerlich ist es, wenn nach solchen Begebnissen der Schlummerlose auf einsamem Lager so laut und hell und wohlgemuth das Krähen des Hahns hört, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und er sich doch sagen muß: Der anbrechende Morgen wird das entsetzlich Neue in seiner ganzen folgenschweren Größe zeigen! 111 18. Jenes Mütterchen, durch das, wie wir wissen, eine ganze Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte, die Hebamme Frau Schmeling wußte ihre Nächte zu schätzen. Der himmlische Vater läßt seine Kinder öfter bei Nacht in dies Freuden- und Jammerthal einschlüpfen als bei Tage. Selbst eine so große Begebenheit, wie der Brand auf Schloß Westerhof, brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistöckigen, stattlichen Häuschen, das ein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag, zugänglich ihrer Stadt- und Landpraxis, umgeben von einer gewissen geheimnißvollen Verschwiegenheit, die nicht wenig seit nahezu vierzig Jahren das Zutrauen zu ihrem Wirken gemehrt hatte. Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht. Schon war sie zur Ruhe gegangen, als sie ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd, weckte und ihr die Schreckenskunde vom Brand in Westerhof brachte. Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Müllenhoff zu St.-Libori, der ihr auf ihr bevorstehendes funfzigjähriges Jubiläum mit dem Kirchenbann hatte drohen und sie des Teufels Großmutter nennen können, daß sie herausbrummte: Ob's denn auch wirklich auf dem Schlosse wäre? Und nicht »lieber« etwa – in St.-Libori? Ein leises Kichern hörte nicht einmal die Magd, auch 112 nicht die still für sich ins Bettkissen, ja in einen kleinen grauen Bart gebrummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Er läßt vielleicht schon illuminiren –! Ne, ne! sagte die Magd, dat muot en groot Füer sin! und zeigte beharrlich nach Westerhof. Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling: So will ick denn man upstahn un Licht maken. Inzwischen unterhielt sie's, den großartigen Lärm zu hören, der sich allmählich auf der Landstraße entwickelte. Ihr Häuschen lag in einem Hohlwege, der sich ein wenig von der Landstraße abwärts senkte allerlei Gärten zu, die zur großen Besitzung der Frau von Sicking gehörten. Im Sommer war's hier ringsum gar grün. Lämmlein und – Schweine genug weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Bäume, die hinterm Gärtchen des Hauses lagen, hatten sogar einen gewissen Ruf durch die ihnen angehefteten Bildchen und frommen Sprüchlein und besonders durch eine erquickliche Aussicht und eine Bank, wo unter nächtlichem Sternenglanz mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne in ernst bedeutsamem Gespräch mit der Alten aus dem Häuschen da unten verweilen und über mancherlei Naturgrillen seufzen konnten. Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk von Witoborn, obgleich es noch Strecken von Wiesen und von Kirchhöfen genug gab, bis man die Mauern der alten souveränen Bischofsstadt erreichte. Jetzt jagten die Spritzen mit Fackeln nach Westerhof. Gensdarmen sprengten dahin, zuletzt ein Piket Husaren. Und die Menschen liefen und – – lachten sogar. Denn »Feuer ist – eine Bürgerfreude!« sagt ein frankfurter Sprichwort. Daß aber auch die junge Gräfin das Feuer nicht beschwören kann! meinte die Magd, die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte. Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die 113 bewanderter im Gebiete des Wissens war. Eine weise Frau – sie verstand darunter eine Zauberin, keine sage femme – eine weise Frau kann wol andern Gutes thun, aber nicht sich selbst –! Nach so tiefsinniger Aeußerung überlegte sie, ob wol im Bereich des Schlosses jemand wäre, den Mutterhoffnungen auf ihre demnächstige Hülfe anwiesen. Es kamen Fälle vor, wo gerade solche Schreckensaugenblicke manche Geburten beschleunigten, andere vereitelten. Sie zählte an den Fingern, wie weit es noch mit der Moorbäuerin und mit der Frau Leyendeckerin hin war. Gleichwol bog niemand vom Weg in ihren Hohlweg ab. Sie verbrannte nur unnützes Oel. Die Wand, wo sie schlief, faßte sich noch kalt an. Sie legte sich wieder zur Ruhe. Vergebens mochte sie eine Stunde den Schlaf gesucht haben – der Lärm der Glocken, das Blasen und Trommeln in Witoborn, das Rasseln auf der Landstraße förderten ihre Ruhe nicht – als sie an ihre Hausthür heftig pochen hörte. Die Magd, die sich nicht nehmen ließ oben auf dem Dache nach Westerhof zu die malerische Aussicht zu genießen, kam erschreckt in die Stube zur ebenen Erde mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flüsterte der Alten, die aufhorchte: Wat sall dat? De ole Bettelpape bringt uns enen Minschen her – huckepack –! Die Hebamme wußte, wer der alte Bettelpfaff war. So? sagte sie ruhig und erhob sich, trotz des Pochens noch zweifelnd. Eine Mannsperson trägt er – ich sah ihn über die Lehmgrube kommen und dachte erst: Wer sökt nur da wat? Nu kummt he gerod' öber'n Wall – un dat da buten, dat sind se – Wieder pochte es stärker und stärker. Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben. Ein Rock war bald übergeworfen. Mach mal auf! sagte sie. Einer Gefahr 114 glaubte sie bei solchem bewegten Nachtleben wie heute in keiner Weise gewärtig zu sein. Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Bürde ein, die er von Schloß Westerhof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege gemacht, um die Landstraße zu vermeiden. Jetzt verließ ihn allmählich die Kraft. Welche Anstrengungen hatten die Erlebnisse dieses Tages vom Beginn der Jagd an ihm schon zugemuthet! Er ließ den noch immer Bewußtlosen in dem Zimmer, dessen Eingang sogleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnstuhl sinken, rückte zwei Stühle herbei, legte darauf die Füße der über und über geschwärzten abschreckenden Gestalt in der gestreiften Jacke und sank nun selbst. anfangs sogar sprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erstaunen hinschob, während schon die Magd nach der Küche lief, um für den kalt gewordenen Ofen Torf zu holen. Heiliger Lazarus, was ist denn das – für ein Schornsteinfeger – Der ist wol verunglückt – auf dem Schloß? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwärmen der Stube – auch schon in Betracht ihrer selbst. Hubertus, allmählich wieder zu Kräften kommend, machte sich mit der Bequemlichkeit seines in Erschöpfung liegenden Geretteten zu schaffen und trat mit dem Verlangen hervor, Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen Hause ihre obern Zimmer für diesen allerdings beim Brande Verunglückten öffnen, den er anfangs nach Witoborn hätte ins Spital tragen wollen, nun aber, da ihm die Last bis dahin doch zu schwer werde, lieber hier selbst verpflegen wolle – es wäre ein Mensch, wohlhabend genug, sie zu bezahlen. Ein Wagen würde den Kranken jetzt zu sehr erschüttern. Deshalb hätt' er ihn auch lieber selbst getragen. Ne, dat geiht nich! Da oben? Bruder, dat geiht nich! Warum nicht –? 115 Ihr wißt, ich hab' Euch immer gern gedient, schon – als Ihr noch weltlich wart! Aber – dat geiht nich! Der Mann ist brav, seine Wunden schmerzen ihn – und die Kosten – Darum ist's nicht – Oben ist't besett't! schaltete jetzt die Magd ein. Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte: Besetzt oder nicht. Se snakkt –! Aber – Ja. Ich erwarte – Wieder so eine – Prinzessin –? Ja – ja – Kann woll sien – Was bringt's Euch denn ein? Ich selbst habe ja nichts! Aber da der Mann ist reich – Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmählich Erholenden, der die Augen aufschlug, wieder sinken ließ und sich erst allmählich an die von einem spärlichen Lampenlicht erhellte kleine, aber nicht unfreundliche Stube gewöhnte. Die Nähe eines Mönchs mußte ihn annehmen lassen, er wäre im Spital – Die weitere Verhandlung über seine im obern Stock zu bewerkstelligende Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung, die der Gerettete mit Aufhebung einer seiner blutig rothen und an andern Stellen schwarzen Hände zu begehren schien. Hubertus lehnte vorerst noch das Erbieten der Frauen für Wasser oder Thee ab und zog aus seiner Kutte eine Korbflasche, die er dem Verschmachtenden an den Mund setzte. Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Mönches an, trank ein angenehm duftendes gebranntes Wasser und athmete gestärkter auf. Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! begann Hubertus aufs neue. Wie gesagt, er ist wohlhabend! Ein Diener vom Schloß zwar nur, aber in guten Verhältnissen! Ich habe sein 116 Geld zu mir gesteckt! Nehmen Sie hier, zehn Thaler! Ihr Bett und alle Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, sollen vergütet werden! Wo kann er auch besser gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann sorgen wir ja schon weiter! Er will zu seinen Angehörigen! Das ist drei Meilen von hier und dahin fährt er morgen oder übermorgen! So lange wird's doch gehen –? Frau Schmeling fuhr sinnend mit ihrem rechten Zeigefinger hinter dem rechten Ohr hin und her, während Schneid den Mönch anstarrte, nicht begreifend, was er alles da zu vernehmen bekam. Für einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen, lehnte aber die hohe Bezahlung ab. Ich erwarte nur Besuch – sagte sie. Ja. Ja! Ich weiß schon! scherzte hocherfreut Hubertus. Dann werden die Gardinen zugezogen! Bei St.-Franz! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu lange hier liegen lassen, weil hier nächstens der Kirchenbann anklopft –! Darüber lachte zwar Frau Schmeling erst hellauf, zankte dann aber doch über so »nichtswürdige« Reden. Nun, nun! beruhigte Hubertus. Wir Mönche beten dann auch desto mehr für Sie –! Schneid schielte nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein: Diable! nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken bei jedem Reize sie auszusprechen. Frau Schmeling wetterte über den Pfarrer Müllenhoff, öffnete die Thür, leuchtete voran und schloß eine zweite Thür auf, die zur Treppe in den ersten Stock führte. Man konnte diesem auch durch eine Hühnersteige und eine geöffnete Fallthür von der Küche aus beikommen. Hubertus bestellte heißes Wasser, einen 117 Napf mit so viel Speiseöl, als im Hause nur vorräthig wäre, und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf. Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens, wenn er bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der Erkennung zuflüstern würde, war er gefaßt. Soyez donc tranquille, Jean Picard! flüsterte er ihm mitten auf der Treppe ins Ohr. Auf das mächtige Aufzucken, Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des durch dies Wort wie von einem elektrischen Schlage getroffenen Halbgelähmten hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptischen bändigt, Glied an Glied. Oben empfing sie Frau Schmeling. Starr, mit aufgerissenen Augenlidern, sah Bickert in die festen Augen des Mönchs. Es war ein Bild, wie sich auf der Guillotine ein Opfer, um nicht erst mit den Armen festgebunden zu werden, freiwillig niederwerfen mag. Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag sogleich wieder auf Hubertus' Lippen. Bickert ließ sich jetzt behandeln wie ein Kind. Wie eine Geistesverwirrung mußte es über ihn kommen, als der Mönch fortfuhr: Waschen Sie ihm doch auch das Gesicht, Frau! Ei, ei, ei! Allerdings! Ihr sauberes, sauberes Bett! Für wen ist's denn diesmal bestimmt –? Das ist ja gerade wie dazumal bei unserer armen Hedwig! Wissen Sie noch? Ziehen Sie nur gleich die Ueberzüge herunter –! Aber ich will ihn doch erst ein bischen sauberer machen. Seinen Rock hab' ich nicht mitgebracht, aber all sein Geld – ja sein Geld – Nur heißes Wasser jetzt und das Oel! Ich mach's so gut, wie im Spital! Bis so weit war mir denn doch die Last zu schwer! Es war ein geräumiges Schlafzimmer, einfach, aber sauber gehalten, wo Hubertus den aus seinen Schmerzen nicht mehr Aufstöhnenden, nur vor Furcht und Schrecken zu einem starren 118 Schweigen Beharrenden auf eine Strohmatratze legte, die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte. Dann nahm er das inzwischen heraufgebrachte Oel, verlangte Leinzeug, woran in diesem Hause kein Mangel war, und bestrich damit die verbrannten Hände, die er dann in die leinenen Streifen einschlug, den Einschlag mit Bändern befestigend. Bickert sah bei alledem bald ihn, bald die Frauen an und wagte keine Frage, erwartungsvoll, was in dieser Lage ihm noch werden sollte. Hubertus plauderte immer fort, schilderte das Feuer, lobte die Aufopferung des Geretteten, sprach harmlose Vermuthungen über den Grund des Brandes aus und endete, wie nur ganz gelegentlich, mit den Worten: Im Feuer – ja da bin ich auch groß geworden, wenigstens in vierzig Grad Hitze – und schon früh hab' ich meine Haut zum Braten hergeben müssen! Einmal – schon als Junge – ei nein, ich konnte doch schon von den neuen Tabackstengeln rauchen, die hier nach Deutschland erst die Spanier unter Napoleon mitgebracht haben – als ich zwei Stock hoch aus einem Brand hinuntersprang, zwei kleine Schlingel im Arm, Jantje der eine und der andere – Wenzel hieß er ja wol –? So elektrisch getroffen fährt im Käfig ein Panther auf, wenn er die Nähe seines Wärters spürt, streckt den Kopf, reckt die Ohren und starrt erwartungsvoll ins Leere, wie jetzt Bickert. Aber der Mönch drückte ihn wieder, scheinbar ganz harmlos, mit nervigem Arme nieder. Ruhig, ruhig! sagte er. Jetzt kommen wir an die Sonntagswäsche! Brav, Jungfer! brav! Nur her mit dem Schwamm –! . . . Freilich schade wär's um eure Betten! Um eure Prinzessin! Wer ist denn diesmal die weiße Unschuld? Richtig – Jantje. Von dem sprach ich! Na. dem wäre schon damals besser gewesen, er hätte einen Mühlstein an den Hals bekommen! Verstand hatte er ohnehin nicht viel! Manchmal – da kam ein bischen guter Wille zum Vorschein! 119 Sonst aber –! Hier her, Frau Schmeling! Gelt, Landsmann, der Schwamm thut gut? . . . Mutterchen, könnten wir Pfaffen doch überall so die Sünden und – Brandmale wegtilgen – – besonders die an uns selbst –! Während Frau Schmeling die Bemühungen der Pfaffen um solche Seelenwäsche nach ihren neuesten Erfahrungen als sehr problematisch schilderte und namentlich die neueste hierländische geistliche Seife als viel zu beizend verwarf, wusch Hubertus die entblößten Arme, auf denen er beim Herübertragen des Bewußtlosen vom Schlosse längst die verhängnißvollen Zeichen schon erblickt hatte. Seid Ihr denn da so kitzlich? fragte er, als Bickert dem Aufknöpfen der Jacke und dem Aufstreifen der Aermel wehrte. Laßt doch nur! Franz Bosbeck, wie sonst mein Name hieß, ist ja keine zimperliche Dame! Mir gegenüber – Jantje, Jantje –! Seid doch nicht so verschämt! Solche Muttermäler kenn' ich ja! So! Es macht sich! Die Frauen hörten nicht alle diese Reden; sie gingen ab und zu, trugen das schwarze Spülicht fort, trugen die Kleider hinaus, brachten frisches Wasser, ein frisches Hemd. Ehe dann zuletzt eine Suppe kam, die Hubertus schon beim Hinaufsteigen bestellt hatte, reichte er dem mit geöffneten Lippen ihn Anstarrenden noch einmal die Korbflasche. Bickert trank zwar, sprach aber für sich Fluch auf Fluch, wilde Worte, die er sogar mit dem Namen der Mutter Gottes bekräftigte. Welche denn? fragte Hubertus. Doch wol die Mutter Gottes von Neus? . . . Eine in seinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna. Nein! Eine andere! sagte Bickert, drückte seine Augen zu und sank in Erschöpfung zurück. Mütterchen, flüsterte jetzt Hubertus, nun hilft nichts mehr! Die Nacht halt' ich hier oben Wache! Die Matratze liegt schon 120 da; ein Kissen noch und ich schlafe wie ein Hamster! Mein Kloster soll's hernach schon hören und mich freisprechen, wenn ich auf Reisen war und Heiden bekehrte. Und sie warten ja auch sonst nicht allzu lange auf mich mit dem Kartoffelsalat und mit der Grütze. Morgen, da macht Ihr mein Leibgericht – Kartoffelpfannkuchen mit Speck –! Während dieser Plaudereien, bei denen seine Gedanken doch oft mehr auf Lucinden, auf den Landrath gerichtet waren, trug der Mönch den Verbrecher ins Bett, das aus einem Ueberfluß von Federn aufgehäuft war – dergestalt, daß immer noch davon weggenommen werden konnte und doch genug übrig blieb, den jetzt von dem heftigsten Fieberfrost Ergriffenen zu erwärmen. Die Wirkung, die Hubertus dabei auf den Verbrecher ausübte, war die des Magnetiseurs. Bickert war in physische Betäubung versunken. Machtlos starrte er ins Leere. Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Löffel gegeben werden. Sein zerschundener Kopf sank ins Kopfkissen zurück und bald schien es, als wenn er entschlief. Auch Hubertus übermannten nun die Folgen seiner Anstrengungen. Er legte sich auf die Strohmatratze, zog ein Kissen unter den unbehaarten Kopf und in einer Viertelstunde war im Häuschen alles so ruhig, wie nur jemals in der Nacht diejenigen es antrafen, die Mutter Schmeling zur geheimnißvollsten Feierstunde des Lebens abriefen. Der Morgen brach an. Ein eigenes Düster ist es, womit uns der Tag nach ereigniß- und verhängnißvollen Erlebnissen begrüßt. Bleiern drückt die unabänderliche Nothwendigkeit; jeder Athemzug, der sich sonst frisch und sorglos der Brust entrungen hätte, ist von Furcht und Erwägung gehemmt. Hubertus erwachte am frühesten und doch schlugen die Thurmuhren von Witoborn schon Sieben. Die Tage brachen jetzt schon 121 etwas zeitiger an. Hell genug war es, um sich schon im Hause zurecht zu finden. Bickert schlief noch – wie eine jener Ratten, über die er in den unterirdischen Gängen des Profeßhauses sorgloser gelacht hatte, als er es heute beim Erwachen thun könnte. Hubertus rechnete bestimmt darauf, daß sich zwei Erkundigungen durchkreuzen müßten. Eine nach dem Befinden des Dieners, für welchen man sicher vom Schloß aus würde Sorge tragen wollen; eine andere, die von den Behörden ausgehen und in dem gestrigen Helfer vielleicht schon den Urheber des Brandes suchen würde. Zunächst hatte er die Sorge um das Befinden des Landraths und um die Auskunft, die von ihm Lucinde im Münster bei der Messe erwartete. Der Verbrecher schlief einen so festen Schlaf, daß ihn Hubertus nicht wecken mochte. Die Brust hob sich in so regelmäßigen Zügen, daß es ihm ein Stärkungsschlaf schien, den der völlig verthierte und doch wieder furchtsame und feige Mensch deshalb bedurfte, um die nöthige Kraft für Hubertus' weitere Pläne zu gewinnen. Immer noch kämpfte er mit sich, ob er einen Mordbrenner der gerechten Strafe entziehen durfte. Schon während er aus der Ferne die Flamme auflodern sah und ihm der Gedanke kam: Das, das ist die That, wozu sich der Unselige hat dingen lassen! gab er die Absicht des Schutzes auf und beflügelte nur noch um Lucindens willen seine Eile – er konnte nicht fassen, wie sich ein Mädchen, das ihm durch Klingsohr so anziehend geworden war, an so verbrecherischen Vorgängen betheiligt wissen konnte. Dann sah er doch wieder den, welchen er suchte, als den Thätigsten bei der Rettung –! Durch diesen unerwarteten Anblick gewann er für den Verlorenen neue Theilnahme. Selbst wenn er sich sagen mußte: Der Verzagende warf sich nur deshalb unter die Rettenden, um den Schein der Anstiftung abzuwenden, die Umstände zwangen ihn, seine Rolle zu wechseln – so erfüllte 122 ihn doch das Räthselhafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen, erst aus Bickert's Mund selbst darüber aufgeklärt zu werden. Dem Arm des Gesetzes ihn zu entziehen, konnte unter seinen Entschlüssen nicht sogleich derjenige sein, der die Oberhand behielt. Vorläufig wollte er den Verdächtigen um Lucindens willen in Sicherheit bringen, ihn noch heute gegen Abend weiter befördern und ihm nur für den einen Fall auf den Weg nach Bremen verhelfen, daß er in ihm einen Menschen antraf, dem sich noch mit gutem Gewissen eine Hülfe gewähren ließ, und daß ihm keine, etwa durch die Brandstiftung verdeckte, sonstige schwere Unthat zur Last fiel. Um Aufklärungen über Bickert's Beginnen konnte er jetzt aber nicht drängen. Allmählich ließen sich auch die Frauen hören und sorgten für einen erquickenden Morgentrunk. Sollte vom Schlosse geschickt werden, sagte sich zum Gehen anschickend Hubertus, so erzählt nur, daß ich ihn ins Spital tragen wollte, mit meinen Kräften aber nur bis hieher kommen konnte! Was man dann an Erquickungen bringt, nehmt getrost an! Kann man ihn selbst von niemanden sprechen lassen, desto besser! Um ihn zu schonen ließe ich an Euerer Statt niemanden zu ihm. Die Frauen versprachen zu thun, was in ihren Kräften stand. Nur sagte die Schmeling: Wenn aber die Gensdarmen kommen – Ich vermuthe – Die Gensdarmen? Warum die? Mutter Schmeling fuhr wieder mit dem gekrümmten Zeigefinger hinter ihrem Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen, obgleich sie entschlossen dabei ihre noch übrigen Zähne zusammendrückte. Was habt Ihr denn –? fragte der Mönch. Mutter Schmeling stand nicht Rede, sondern lästerte über die Ordnungen der Welt. Sie stellte hundert Fragen in Aussicht, 123 die bekanntlich ein Narr thun und doch selbst nicht der Weiseste auf Erden beantworten kann. Hubertus sah, daß diese Erwartung eines Besuchs durch die Gensdarmen nicht in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Ursache des Brandes stand, forschte dann auch nicht länger und begnügte sich eingesehen zu haben, daß auf alle Fälle sein Plan, Bickert weiter zu entführen, zu beschleunigen war. Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feldweg und über die Kirchhöfe hinweg. Auf das vergoldete Holz und Gestein, auf die welken Kränze, auf die grünen Hängetannen hier und da blickend, sagte er sich: Der Abend deines Lebens ist da und wie kommst du nur noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen Dingen! Längst dem Weltleben entrückt, kannst du nicht vom Abenteuer lassen! Sonst, unter dem milden Henricus, ganz nur den stillen Werken des Klosters hingegeben, regt dich dieser schroffe und gewaltthätige Pater Maurus auf, läßt dich umirren wie einen verstörten Geist, treibt dich an die Bahre deines bösesten Feindes, des Kronsyndikus – nun gehst du gar schon mit Nachtunholden, die der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht! Vielleicht fliehst du wirklich noch mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der weltlichen Obrigkeit oder flüchtest dich in die den Franciscanern erlaubte Alcantarinerregel, die ein Heiliger stiftete, der vierzig Jahre lang nur knieend schlief und in die Speisen, wenn sie ihm zu gut dünkten, Asche warf! . . . Er wußte wol nicht, der gute Bruder, daß Peter von Alcantara ein Zeitgenosse Karl's V. im Kloster St.-Just, der heiligen Therese und – des Don Quixote war –! Sonst stand Hubertus bei jedem Kinde, das ihm begegnete, still und konnte mit ihm plaudern. Heute hafteten seine Gedanken nur an den Namen Lucinde, Picard, Terschka – Von diesem letztern glitt noch alle Annäherung ab, wie Stahl vom 124 spiegelglatten Eise –! So verloren in seine Gedanken war Hubertus, daß er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte, der ihm, beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhöfen auf die Wallanlagen von Witoborn, in einem Einspänner auf Schloß Westerhof zu vorüberjagend, freundlichst nickte. Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz besetzten Mantel, aus dem hervor die weißesten Vatermörder wie Bram- und Reffsegel lugten, war Löb Seligmann, der vielgeschäftige Gütermakler, der neben dem hochgemuthen Küfer neulich gestanden hatte beim Todtengericht. Hubertus wandte sich links den Mühlen zu, die von dem Witobachgrund herüber schon mit Donnerton hörbar wurden. Es that ihm wohl, diese wilde Musik zu hören. Sie wurde vorzugsweise durch die mittlere Mühle hervorgebracht, ein gewaltiges, an einem alten Thurm gelegenes Werk; in unmittelbarer Nähe war noch ein weitrauschendes Wehr, das gestellt und dann in andere Abzüge gelenkt werden konnte – selbst im Winter fror hier die Witobach nicht. Aus diesem Thurm kam eben in weißen, gleichfalls vom Brande Spuren tragenden Müllerkleidern Hedemann. Beide begrüßten sich als alte und jetzt durch das Zusammentreffen in Borkenhagen neuverbundene Bekannte, ohne vor dem Lärm des Wassers und der Mühle sich verständigen zu können. Hedemann sprach vom Landrath, vom Brande; Hubertus mußte jedoch dazu den Kopf schütteln. Mindestens dreißig Schritte weit hatten beide erst über schmale und glatteisende Stege wegzuschreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo sie sich verständlich machen konnten. Der Landrath, hörte Hubertus, war noch in dieser Nacht gestorben. Sein Diener kam von Schloß Münnichhof, erzählte Hedemann, und holte ihn ab. Dann wurde sein Zustand immer 125 schlimmer. Er verblieb in seiner Erschöpfung und so hat er denn die ewige Ruhe! Was an der Ehre nagt, geht langsam, aber es trifft! konnte Hubertus nach den Verhältnissen, die er kannte, hinzufügen. Für Bickert's und Lucindens Interessen schien diese Wendung ihm besorglich. Leicht konnte nunmehr der junge Enckefuß hier in Person erscheinen. Vom Brand erzählte Hedemann Dinge, die Hubertus zwar schon wußte, sich aber doch berichten ließ. Er wollte alles noch einmal nach anderer Auffassung hören. Noch immer wollte sich die Volksmeinung für den in der Kapelle zurückgebliebenen Kohlentopf entscheiden. Im Laboratorium war nichts versehrt. Gerade dorthin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schränke, die zur größten Betrübniß des in archivalischen Studien so gern verweilenden Herrn Baron von Hülleshoven verbrannt sein sollten. Die Glocken läuteten von allen Seiten. Die kirchen- und altarreiche Stadt wurde zu den vielen stillen Messen gerufen, die täglich vor der einen großen gelesen werden. Ins Münster mußte man niederwärts steigen. Mehrere Stufen führten erst in eine alte Vorkapelle. Hier standen Grabmäler und Standbilder aus ältester Zeit. Alles war hier dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich; dem Innern des Münsters selbst fehlte dagegen das Licht nicht. Die Fenster waren nicht bunt. Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig. Nur der Hochaltar, der bereits in der Mitte der Kirche begann, trug Embleme Jahrhunderte alter Auszeichnungen. Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen. Indem sich Hubertus an jeder dieser Kapellen verneigte, wandelte er auf dem steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betstühlen nach einer Knieenden in schwarzen Kleidern, die er anzutreffen unfehlbar erwarten durfte. Von den 126 Vorgängen auf dem Schlosse des Grafen Münnich konnte er nichts wissen. Eine der Bänke zum Knieen nach der andern musterte er. Mit dem Schein eines blos äußern Interesses durfte er bei seinem Stande nicht in dem heiligen Bau wandeln. Seinen Rundgang mußte er durch ein Niederknieen da und ein längeres Beten dort erklärbar finden lassen. Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht. Wir sehen nur, daß er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zurückbleibt. Wer ihn beobachtete, konnte annehmen, daß er in dieser Form durch die Kirche hin, wie dergleichen oft geschieht, einen Rosenkranz betete. Lucinden entdeckte er nicht. Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der »Wandlung« vorüber, schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem: Ite, missa est! angekommen sein. Da fiel neben der letzten Kapelle und dicht schon wieder am Eingang sein Blick durchs Fenster aus einen eben vorrollenden Wagen, dessen Kutscher eine Livree trug, die ihm als die gräflich Münnich'sche bekannt war. Sollte er vielleicht dort eine Erkundigung einziehen –? Als er eben im Begriff war, die Kirche zu verlassen und der düstern Vorkapelle sich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt, einen schwarzen Mantel von schwerem Pelz übergeworfen – wofür hatte nicht alles die gute Wally Kattendyk gesorgt! – den Sammethut zierte eine niederwärts gehende geschwungene Reiherfeder. Diese so stattlich geschmückte Gestalt hatte die Formen, die er suchte. Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Vorüberschreitenden bestätigte seine Voraussetzung. Auf den ersten Blick konnte Lucinde sehen, daß die Messen bald vorüber waren. Aber auch stille Gebete genügten für ein 127 längeres Verweilen in der Kirche. Hubertus, der sich die mächtigen Pfeiler des mittlern Schiffs entlang ihr nachschlich, bemerkte, wie sie die entlegenste Gegend der Kirche suchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern, wo ein alter Taufstein stand. In diesem kleinen Viereck war alles dunkel und still. Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier. Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden. Das Schreckliche ist geschehen! murmelte die Beterin vor sich hin. Hubertus rückte näher. Was wird nun kommen? fuhr sie angsterfüllt fort. Hubertus, der sich in diese wunderliche und doch in katholischen Kirchen so oft vorkommende Form der Zwiesprache nicht sogleich finden konnte, erzählte ohne besondere Geläufigkeit das in dieser Nacht von ihm Erlebte. Oft auch mußte er in seinem Bericht deshalb innehalten, weil bald ein Meßner vorüberging, bald ein Geistlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor emporstieg. Die Vorübergehenden mußten denken: Das sind zwei Seelen, die sich heute dem heiligen Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof von Bremen stand in roher Sculptur dicht über ihnen – Bremen freilich war, in minder geweihtem Sinn, das Endziel der Hubertus'schen Mittheilung. Lucinde sagte: Geben Sie doch in diesem Fall jede Rücksicht auf die Gesetze preis. Was ist Strafe?! Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern?! Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, daß diese Brandstiftung eines dereinst seiner Strafe gewiß nicht entgehenden Bösewichts auch noch andere ehrliche Leute in Verdacht bringen kann, so glauben Sie mir's. Entfernen Sie diesen Menschen auf ewige Zeiten aus dieser Gegend, ja aus unserm Welttheil! Welche Macht Sie auch über ihn gewinnen, Sie finden einen mit 128 abergläubischer Schwäche gepaarten verstockten bösen Sinn, den Sie zu heilen und zur Besserung zu führen nur die kostbare Zeit verlieren! Seine That mag Gott richten! Theilweise hat er sie ja schon selbst gebüßt durch seine Beschädigung und sogar gesühnt durch eine gewisse Aufopferung –! Hubertus hörte in dieser Rede alles wieder, was er über Lucindens wilde Natur von Klingsohr wußte. Noch machte er gegen die mächtig bestürmende Kraft ihrer Worte die Einrede: Aber – als der Schurke das Feuer anlegte! was war seine Absicht? Welchen Gewinn konnte er daraus ziehen? Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstände nur am Stehlen? flüsterte Lucinde. Untersuchten Sie, wo er, was er sich etwa aneignete, geborgen hat? Mit diesen Forschungen würde aber jede Stunde mir und andern verderblich werden und ich schwöre Ihnen, Sie erhalten einst die volle Aufklärung – Ich würde sie Ihnen schon jetzt geben, wenn mich nicht – die Beichte bände – oder – wenn Sie ein Priester wären! In diesem Augenblick mußte der Laienbruder rasch ein Gebet murmeln. Denn die ringsum stehenden Bilder der Heiligen lockten andere Beter auch an. Schon befürchtete er, daß eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz nehmen würde. Wie war sie zu verscheuchen? Er sah sie mit seinem Todtenkopfantlitz aus der Kapuze, die er über sich gezogen hatte, starr an; da erschrak sie so, daß sie zurückfuhr und sich entfernte. Es war Frau von Sicking selbst, die täglich von ihrem Landsitz aus in eigner Equipage eine der Messen zu besuchen pflegte. Sie hatte draußen vom Münnich'schen Kutscher Lucindens Anwesenheit im Münster erfahren! Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder. Anreden durfte sie aber die Betende nicht. Der schreckhafte Mönch vertrieb sie in der 129 That zu einem Altar, der den Schmerzen Mariä gewidmet war – sie liebte Gottes Wort in einnehmenderer Erscheinung. Lucinde hatte ein scharfes Auge. Indem sie nur etwas von der Seite aufblickte, erkannte sie Frau von Sicking. Mit bebender Stimme sprach sie zum heiligen Ansgarius: Ich lasse Sie nicht, wenn Sie mir nicht versprechen, die Gefahr noch heute zu entfernen! Diesen Menschen vor allem, so weit Sie können! Unbekümmert um seine ruchlose That sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewähren! Ist Ihnen der Mensch noch vor kurzem von Werth gewesen, warum wollen Sie ihn jetzt wieder aufgeben? Hubertus murmelte laut ein wirkliches Gebet, denn Lucinde mäßigte sich nicht. Warum antworten Sie nicht? unterbrach sie ihn. Sie wissen doch wol, was weltliche Gerechtigkeit ist! Sie, der Sie Ihre Liebe geopfert sahen, ohne den lachenden Triumph der Mörder gestraft zu sehen. Erst die göttliche Gerechtigkeit strafte die Buschbeck! Waren Sie nicht selbst der gottberufene Richter des Paters Fulgentius? Den Kronsyndikus strafte Gott dadurch, daß er den gefürchteten Tyrannen zum Kinderspott werden ließ! Hat noch Klingsohr eine Schuld auf dem Herzen, so sehen Sie ja sein tägliches Elend – aus dem ich übrigens ihn und Sie mit ihm befreien werde! Hubertus betete. Diese Seele riß zu ungestümen Thaten hin – Sie können Frost und Hitze ertragen! Sie werden dem Pater Sebastus zur Seite stehen müssen, wenn er nach Rom – natürlich ohne – Schuhe gehen will –! Kennen Sie – auf dem Schlosse – Wenzel von Terschka –? fragte der Mönch, des Mädchens entschlossene Rücksichtslosigkeit 130 für fähig zu allem haltend und in der That zunächst nur, um ihrem Drängen auszuweichen. Unwillig über die unerwartete Querfrage, schwieg sie. Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes, den ich nannte? wiederholte Hubertus. Was soll mir jetzt das? Terschka ist ein Cavalier aus Wien – ein Böhme – War dieser Mann nie in Rom? Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf. Sie kommen nicht selbst nach Westerhof? . . . Doch. Doch! Warum aber? antwortete sie endlich . . . Hubertus überlegte, ob er Lucinden nicht zur Vertrauten des Interesses machen sollte, das er ebenso an Wenzel von Terschka wie an Bickert nahm. Aber Frau von Sicking's Andacht mußte durch irgend etwas gestört worden sein. Sie erhob sich und blickte auf die noch immer Betenden, deren Geflüster ihr auffallen durfte. Als sie näher kam, hatte Hubertus wieder kein anderes Mittel, sie zu entfernen, als seinen Blick. Frau von Sicking ging an einen entlegneren Altar. Ich beschwöre Sie, betete Lucinde, verlieren Sie keinen Augenblick! Jeder Moment des Zögerns ist verderblich – Wollen Sie mir nur eines versprechen? – sagte Hubertus, und jetzt fast nothgedrungen der äußern Umgebungen wegen – Sie haben mächtige Verbündete, große Beschützer. Wollen Sie für uns sorgen. wenn wir in den Orden der unbeschuhten Alcantariner treten und nach Rom entfliehen? Lucindens eigene Wege deuteten lange schon nach Rom. Sie kämpfte einen Augenblick, sagte dann aber doch – so mächtig fühlte sie sich in ihrer Anlehnung an Nück –: Ich verspreche Ihnen alles! Nun erklärte sich Hubertus bereit, einen Wagen zu suchen, 131 um Jean Picard nordwärts, den Bergen zu, fortzubringen. Aufklärungen über die Absicht des Verbrechers würde er nicht früher begehren, als bis derselbe in Sicherheit wäre. Durch die Hoffnung, die er ihm in Aussicht stellen würde, nach und nach die halbe Erbschaft zu gewinnen, hoffe er ein Mittel in der Hand zu haben, ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu führen. Das Geld befinde sich auf dem Gericht in Witoborn und könne ihm vielleicht am besten durch einen renommirten soliden Advocaten zukommen. Hubertus nannte den auch hierorts allbekannten Nück. Nein, nein! . . . Lucinde lehnte diesen Namen in solcher Verbindung entschieden ab. Hubertus hatte kein Arg und erklärte, sich auch sonst wol helfen zu können. Damit erhob er sich und ließ die Beterin allein, die es auch ihm, wie so vielen – »angethan« hatte. Allmählich erhob auch Lucinde ihr Haupt von dem Pult, vor dem sie kniete, schlug erschöpft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angsttropfen befeuchtete Stirn. Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen. Und auch Frau von Sicking riß sich jetzt aus ihrer Anbetung los und schloß sich Lucinden an, die sie, wie aus einem Traum erwacht, begrüßte. Beim Austreten aus dem Münster erzählte Lucinde, daß sie bei Gewittern und Feuersbrünsten in einen Zustand gerathe, der sie zwänge, sich in dem dunkelsten Winkel zu verstecken. In dem gestrigen Tumult wäre sie aufgesprungen, hätte sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen, auf alles Rufen und Klopfen keine Antwort gegeben, bis im Schlosse alles still geworden und der Feuerschein nachgelassen hätte. Dann hätte sie ihren Versteck verlassen. Gräfin Münnich hätte sie gezwungen, die Nacht auf dem Schloß zu bleiben; doch schon in aller Frühe wäre sie von dort aufgebrochen. Sie hätte das Gelübde gethan, sämmtlichen Altären 132 des Münsters nach der Reihe ihre Verehrung zu bezeugen. Darum auch wäre sie zuerst in den Münster gegangen. An alledem war vielleicht nichts Unwahres, aber – Frau von Sicking hatte doch gestern schon so manches über Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute schon von einiger Zurückhaltung. Ihre Erzählung der Vorfälle auf Schloß Westerhof, während jetzt beide, nach Erledigung verschiedener Besorgungen in der Stadt, im Wagen der Baronin auf deren Besitzung zurückfuhren, hatte die geheime Absicht, den frühern Beziehungen Lucindens zu Gräfin Paula näher zu kommen. Lucinde merkte dies allmählich, merkte auch die der Gräfin Paula nicht eben günstige Gesinnung der Frau von Sicking, die mit großer Schärfe urtheilen konnte. Als sie Lucinden zur Chocolade festhielt, immer wieder von Paula und den zweideutigen und höchst »incorrecten« Visionen derselben anfing, fiel ihr eine seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung, auf die Teppiche, über die sie hinschritten, auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gothischen schwarzen Möbeln, bilderbeladenen Wänden, auf die mit rothem Sammet überzogenen Betschemel. Die Frau ist neidisch auf Paula wegen Bonaventura! sagte sie sich. Wo sieht sie ihn denn nur? Fährt sie deshalb so oft zu Müllenhoff –? Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloß Westerhof zur Condolenz und forderte ihren Besuch auf, sie dorthin zu begleiten. Die eben auf einem silbernen Plateau überreichte neueste Post für Frau von Sicking gestattete Lucinden, ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu verbergen. Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des Laienbruders, durch ihre Zähmung selbst eines »Bruders Abtödter« ermuthigt und auf ein günstiges Verlaufen ihrer drohenden Gefahren hoffend, warf sie voll Uebermuth schon wieder auf 133 ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie – eine Schöne, die vom Balle kommt, etwa ihren Fächer hinwirft, hinter welchem sie eine Eroberung machte. Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie jetzt sogar ein mit Cherubimköpfen umrahmter Spiegel. Sie fand ihr Aussehen noch zu angegriffen und hielt es nicht für gerathen, daß sie heute schon diese bedeutungsvolle Scene wagen sollte. 134 19. Auch diesen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorüberfahren ein Gruß gespendet worden aus dem von Westerhof bereits wieder heimkehrenden Wägelchen jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen. Löb Seligmann war es, der in der allerglückseligsten Laune grüßte. Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der im Lauf dieses Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr von ihm zu verlassenden Gegend beim Rasiren seines Barts, beim Kämmen und Ansingen seines wolligen Haars eine nicht gewöhnliche Anzahl von grauen Löckchen bemerkt, so kamen diese doch nur als ein zufälliger Tribut an seine Jahre, nicht als Folge von Kummer und Sorge. Im Gegentheil, er war in einer von so mannichfachen Aengsten und Bedrängnissen erfüllten Sphäre, welche wir schildern, die zufriedenste, frohste, vielleicht die einzige »gesunde Natur«, gesund wenn nicht gerade am Körper, doch an der Seele. Das Vertrauen, das ihm Terschka schenkte, das sich dann dem ganzen Adel der Gegend mittheilte, gab ihm einen Schwung, der nur von der ihm manchmal eigenen Rührung über sich selbst gemildert wurde. Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmuth, wie sonst wol beim Hinblick auf Kocher am Fall, auf den Korb der Hasen-Jette, auf die schwachen Beine David's, auf Veilchen, die »Blüte des Ghetto«, die unter der Geldgier seines 135 ihm so unähnlichen Bruders Nathan schmachtete, kamen ihm jetzt seltener. Nur der hierortige Mangel an Opernmusik, die seiner Seele sonst ein so nothwendiges Labsal war, bildete eine Lücke in seinem Dasein. Musikalisch war er tief überzeugt von der classischen Anmuth der Arie: »Ha, das Gold ist nur Chimäre!« (die Textesworte würde er bei seinen gegenwärtigen glänzenden Einnahmen weniger übereinstimmend unterschrieben haben) – aber singen mußte er sie sich leider allein. Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume, der Ertragsfähigkeit der Güter, der einschmeichelndsten Ueberredungskünste, bald beim Bauer, bald beim Edelmann, verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim. Er ließ Löb nach Witoborn kommen und »schlachtete« bereits im voraus, wie der Kunstausdruck lautet, die Güter des Grafen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terschka hafteten aus den Lebenssphären seiner frühesten Kindheit andere Eindrücke vom Judenthum, als er sie durch Seligmann empfing. Heyum Picard und – Löb Seligmann –! Letzterer mit den rührendsten Gleichnissen und Sprüchen aus dem Talmud, die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten – Löb citirte sie zuweilen mit einer gewissen jungfräulichen Verschämtheit. »Wir haben ein Sprichwort, Herr Baron – Das war die stehende und mit Erröthen gesprochene Phrase, womit Löb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte, gleichsam einen Traum aus der Menschheit kindlichsten Tagen, eine geheimnißvolle, der Oeffentlichkeit entzogene Familienangelegenheit der Juden. Eine wunderbare Kunst besaß Seligmann, alle Verhältnisse, in welche ihm das Leben einen Einblick gestattete, bis auf den Grund auszukosten. Selbst einen so entschieden negativen Umstand, wie den, daß Armgart von Hülleshoven, als er sich die 136 Rettung der kleinen Pensionärinnen von Lindenwerth vor Wassersfluten so angelegen sein ließ, unter den zur Villa Dahinwatenden damals nicht anwesend war, benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntschaft mit ihr, ja zu dem seelenvollsten Genuß und Nachgenuß der Thatsache: Also Fräulein, Sie waren damals nicht dabei –! Dazu dann sein Auge –! In seinem Gemüth hallte die Nachbetrachtung mit den schmelzendsten Accorden. Angelika Müller, die kannte er dann auch – aus der Dechanei und die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Püttmeyern – Und Grützmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah er sich dessen ehemalige Wohnung nebst Stall an und knüpfte die Bekanntschaft seines Nachfolgers an: Also das ist ein Vetter von Ihnen? Und ein einziges seelenvolles Durchempfinden eines solchen Verhältnisses erleichterte freilich auch sein Geschäft, das eben in Couragemachen zu Veränderungen und Expropriationen gemüthlich werthgewordenen Eigenthums bestand. Aber es war das nicht allein, was sein Gemüth bei solchen Anknüpfungen wünschte –! Benno von Asselyn, der ihn als Student für seine Güterschlachterei aus dem Roland »geschmissen« hatte, Benno war ihm eine kocherer Bekanntschaft von einem Heimatsgefühl, von einer Seelenerquickung, als sänge, da er ihn zum ersten mal hier sah, sein ganzes Sein: »Ich komme aus der Normandie –!« Ebenso elegisch betrachtete er Thiebold de Jonge –! Ebenso Hedemann –! »Unbekannterweise«, aber um seines Sohnes willen, auch den Landrath von Enckefuß, dessen Geldverlegenheit ihn um so mehr rührte, als er, gelegentlich von ihm um Hülfe angegangen, bedauerte erklären zu müssen, daß er »Geschäfte dieser Art« nicht mache –! Mit Bonaventura vollends trat ihm die alte Kathedrale von St.-Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen; zugleich das Sterbebett der Nachbarin Ley, 137 Trendchen und mit ihr der an jenem Morgen für Veilchen gekaufte Blumenstrauß –! Alles das hob ihm Seele und Gemüth. Mit besonderer Andacht besuchte Löb das große Dorf Borkenhagen. Von allen Seiten betrachtete er sich jenes Pfarrhaus, wo »denn also« Leo Perl, sein leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben seiner Väter, gelebt hatte und gestorben war –! Er betrachtete die Fenster, die Walleinfriedigung, den Brunnen und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Rückblick, daß der jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers öffnete und ihn fragte: Wünschen Sie etwas –?! Durch seine Seele zogen bei diesem rauhen Anruf alle Töne des Gefühls unverdienter Kränkung, die nur je sein angebeteter Bellini componirt hat. Von Veilchen wußte er über Leo Perl so viel Wunderbares – Perl war ein Freidenker und doch – ein Kabbalist –! In Paris hatte er in alten Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt. Nun erschien ihm Leo Perl einer jener Rabbis, die durch gewisse Zahlenzusammenstellungen, die sie einer thönernen Figur auf die Stirn schreiben, diese lebendig machen. Eine solche Figur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle Geschäfte, macht das Schwierigste möglich und begehrt dafür keinen andern Lohn, als gut essen und trinken zu können. Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn des »Golem« oder der Rabbi vergißt eine gewisse Formel, so wird das Thonbild zum leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt. Gott – so immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl –! Das war nun da die Kirche, wo dieser, ein Jude, celebrirt hatte –! Das war nun der Friedhof, wo er begraben lag –! Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er sich allenfalls einen Golem hätte bilden können –! Im Kloster Himmelpfort, hieß es eines Tages im Wirthshause, lebten noch Mönche, die den Pfarrer Perl näher gekannt 138 hätten. Mit diesem Kloster kam Löb in Verbindung durch einen Besuch. Vor ungefähr acht Tagen wurde er in Witoborn »Bei Tangermanns« durch den Küfer Stephan Lengenich überrascht. Der »Gerechtfertigte« kam jedoch jetzt aus dem Gefängnisse, das er aufs neue als Strafe für geheime Verbindungen hatte verbüßen müssen, seiner Betheiligung wegen an jener Versammlung im Roland. Der vierschrötige, feierliche, exaltirte Mann trat bei ihm ein in einem großen kaffeebraunen Mantel und gab sich in so fragwürdiger Schreckhaftigkeit, daß Löb Seligmann unwillkürlich an eine seiner Lieblingsopern, »Zampa«, und zwar an das erste Auftreten des Räuberhauptmanns denken mußte. Der Küfer kündigte ihm an, daß er sein Begehren nach dem Stück Tuch vom Jagdrock des Kronsyndikus (der bei seiner Ankunft noch lebte) zwar für einige Zeit durch Veilchen's Beredsamkeit hätte fallen lassen können, doch nicht für immer und am wenigsten jetzt, wo er seit beinahe einem halben Jahre wiederum die Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor den Menschen hätte erfahren müssen. Er verfluchte den Verführer Hammaker, der seinen Lohn gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim. Es war jene volksthümliche Rachestimmung über ihn gekommen, die bei solchen Gelegenheiten unter welthistorischeren Bedingungen zu Masaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers machen kann, in unserm Alltagsleben, wie es kommt und geht, etwa zu – commandirenden Spritzenmeistern. Lengenich wollte nun zu näherer Auskunft über den Tuchstreifen ins Kloster zum Mönch Sebastus. Zitternd und doch zugleich voll hohen Interesses nahm Löb Seligmann den Vorschlag entgegen, ihn dorthin zu begleiten. Die wildesten Racheklangfiguren aus »Norma« und »Lucrezia Borgia« tanzten vor seinem Ohr und Auge. Glücklicherweise – so kann man hier wol sagen und nun 139 leugnete noch Veilchen die unmittelbare Vorsehung! – starb noch an dem nämlichen Tage der Kronsyndikus und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zähnen; denn er war gekommen, um gegen den Kronsyndikus einen Proceß einzuleiten. Eine festliche Einholung in die Keller der Moppes'schen Weinhandlung, wo ihm seine unterirdische Stellung vorbehalten blieb, hatte er um diesen Proceß verschoben. Nicht eher wollte er, mit Blumen geschmückt, wie Bacchus, auf einem Fasse in die Keller getragen werden unter Männergesangbegleitung – der junge Moppes hatte eine Cantate dazu componirt – als bis er, endlich im Besitz des Tuchstreifens, zum »Tyrannen« gesagt: »Schließ' deine Rechnung mit dem Himmel, deine Uhr ist abgelaufen!« Nun war die Uhr abgelaufen – freilich in anderer Art. Stephan Lengenich sprach mit Advocaten, die ihm keine Ermuthigung gaben. Seine »Entlastung« konnte er nur, wie sein pathetischer Sinn ihn zuletzt überredete, an der Eiche selbst vollziehen. So besuchte denn Löb Seligmann mit ihm am Begräbnißmorgen das Kloster Himmelpfort, um auf alle Fälle jetzt von Klingsohr den Streifen Tuch zu erhalten. Sie trafen den Pater auf dem Krankenbette. Siech und elend blickte dieser sie an. Vor dem Küfer, gegen den er einst falsches Zeugniß abgelegt hatte, schlug er die Augen nieder. Auch auf Löb Seligmann besann er sich; er hatte ihn einst, trotz seiner Verehrung vor dem Judenthum in der Theorie, in Praxis beim Zinngießer Klingelpeter zur Thür hinausgeworfen. Bekannt war ihm, daß Seligmann die Brieftasche bei Nathan, seinem Bruder, in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Küfer Kunde gegeben hatte. Seligmann führte das Wort und erzählte, daß der Küfer bisher nur durch Veilchen's Beredsamkeit, dann durch seine neue Haft in seinem Verlangen nach jenem Fetzen Tuch wäre aufgehalten worden, daß er denselben aber nun aufs bestimmteste von ihm 140 begehre. Bereits hatte Klingsohr die Kunde vom Tod des Kronsyndikus erhalten und gab nun gern den Tuchstreifen und ließ geschehen, was da wollte. Er fragte dabei nach Veilchen. Löb erzählte von ihrer Güte und Milde. Klingsohr erwiderte: Euch Juden steht es viel besser an, wenn ihr dem Shylock gleicht! Nehmt, Stephan Lengenich! Macht damit, was Ihr wollt! Auch aus mir – und – meinem falschen Zeugniß! Bringt mich ins Zuchthaus –! Dumpfe Stille herrschte in dem Kämmerlein. Der Mönch wandte dem Besuch den Rücken und streckte sich, lang wie er war, gegen die Mauer auf sein Lager. Stephan Lengenich kannte das Schicksal dieses Mönchs. Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der Regierung, einen gottesfürchtig gewordenen Mann, den man verhinderte, für die Sache der Kirche zu wirken. Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch zu verklagen verbot seine ganze Stimmung. Seligmann hatte mit der ihm eigenen Rührung schon oft zu ihm gesagt: Der Mann wollte den Mörder seines Vaters, der die That aus Jähzorn that, nicht unglücklich machen! Gott im Himmel, er hatte von ihm Wohlthaten empfangen! Der Schmerz darüber hat ihm das Herz gebrochen und er ist ins Kloster gegangen! Die Kunde auch, Lengenich hätte bei weltlichen Gerichten einen Mönch des Meineids beschuldigt, würde ihn bei gegenwärtigen Zeitläufen daheim um seinen vaterstädtischen Triumph gebracht haben. Pater, sprach er, Sie haben mir durch das Unterschlagen dieses Tuchfetzens vom Rock des Mörders bitteres Leid angethan, das ist wahr – jahrelang – Aber ich höre, die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher geschickt! Sie sehnen sich nach Freiheit! Löb Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies theilnehmende Wort hervorbringen konnte. Seligmann –! wandte sich der Küfer zu diesem. 141 Herr Lengenich! Sie schwören uns – Gott im Himmel –! Wenn es nicht anders sein kann –! In der That – es wurde jetzt eine Flucht besprochen. Warum sollte der fromme Küfer nicht den Pater nach Lüttich befördern helfen zu den Vätern der Gesellschaft Jesu? Klingsohr hatte sich auf die seiner Phantasie vorgespiegelte Flucht wild umgewandt. Seligmann war außer sich, als die Verabredung getroffen wurde, daß an zwei einsamen Pappeln, die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete, in der Dämmerung am heutigen Tage des Leichenbegängnisses der Lengenich'sche Wagen stehen sollte – er war mit eigenem Fuhrwerk gekommen . . . Erst als Klingsohr zu Löb sagte: Sind Sie denn feiger, als ein Mädchen? Meine Flucht war ja von Ihrer – neuen Deborah veranstaltet! gab er nach. Veilchen hatte allerdings etwas vom Geiste der Deborah, selbst noch hinterm Ofen. Die Flucht scheiterte, wie wir wissen, an der Akustik der Krankenstube des Klosters. Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Düsternbrook gehalten, hatte, wie sich so leicht an alles Erhabene der Schnörkelstrich des Lächerlichen knüpft, die Unterbrechung durch die Possen Stammer's erleben müssen, hatte die Genugthuung sowol der Unterstützung des Mönches Hubertus, wie der Ohnmacht jener Lisabeth, welche ihre Falschheit entlarvte – zu ihrer goldenen Uhr trug sie schon lange mehr als nur Eine Kette. Alles Wunderbare war geschehen, der Zug vorübergegangen. Löb Seligmann zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des »Tyrannen« wenigstens noch mit Pfeilen des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des gestörten Leichenzuges. Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem großen Todten und Weinrichter angeschmeichelt um seine Gelbsiegel, als es galt dem Gelungenen und noch Kommenden zu trinken, 142 vielmehr stellte dieser drei Rothsiegel als »die Sorte nicht« zurück, die ihm allein genügen konnte, seine Zunge zu befeuchten, während er den umstehenden Neugierigen Aufklärungen gab über sein ganzes großartigverschlungenes Lebensschicksal. Im Sturm und zu allen Unternehmungen fähig, fand er sich dann mit seinem Einspänner an den beiden Pappeln beim Kloster ein. Er wartete, wartete zwei Stunden aus den Flüchtigen. Aber Pater Sebastus kam nicht. Dann fuhr er ab, dem Triumphzug in seine heimatlichen Keller entgegen. Löb Seligmann aber dankte Gott dem Unaussprechlichen, Gott Adonai, als er von diesen Beziehungen zu einem so eigenthümlichen Staatsdemagogen befreit wurde, Beziehungen, worein er sich nur auf das magische Wort »Veilchen« und auf die Hoffnung eingelassen hatte, im Kloster Himmelpfort würde er Bekanntschaften machen, von denen er etwas über Leo Perl erführe. Selbstverständlich war es, daß er sich einige Tage später die Brandstätte in Schloß Westerhof ansah. Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu thun: er mußte vom Neuesten als Augenzeuge sprechen können. Gerade bei einer Bekanntschaft, die er mit besonderem Gewinn gemacht hatte, der mit dem Präsidenten von Wittekind und dessen geschäftskundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Asselyn, konnte ihm ein solcher authentischer Bericht die Bürgschaft eines angenehmen Eindrucks werden, falls er sich, wozu er Veranlassung hatte, gerade heute noch nach Schloß Neuhof begab. Mit Rührung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufräumten, im Wege gestanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er sich dem Strahl einer noch immer arbeitenden Spritze ausgesetzt. Er sah nur, staunte und schüttelte sich die Tropfen ab. Es war ein Einschnitt in die eine Seite des Schlosses entstanden. Man konnte von der Brandlücke links und rechts die offenen 143 Zimmer sehen, wie nach Löb's Phantasie im Theater, wenn »Zu ebner Erde und erster Stock« gespielt wird. Haufen von Büchern, Kissen und Kasten erinnerten ihn an die Rumpelgasse. Eben trugen Bediente und Arbeiter Körbe voll Schriften nach einem entlegenen Thurm. Baron von Hülleshoven und Baron von Terschka, beide hatten heute kein Auge für ihn. Sie begleiteten die Körbe und hoben auf, was denselben entfiel. Es waren Schriften und Documente und darunter gewiß lateinische und französische – für David Lippschütz würden sie vielleicht »den Ankauf von Schulbüchern ersetzt« haben. Löb sah sich darauf hin schon einige derselben an; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand genommen. »Dulden ist das Erbtheil unseres Stammes!« lag in seinen wehmuthumflorten Augen. Hatte er diese Bücher denn heimlich einstecken wollen? Heute war auch Fräulein Benigna, den Umständen entsprechend, von mehr abweisendem, als zuvorkommendem Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirthschaft. Gräfin Paula schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstörter Geist. Er hatte viel von ihren Wundern und Ferngesichten gehört und befand sich darüber, wie seinem Glauben natürlich ist, im Zustande gelinden Zweifels. Ein Gespensterglaube, der sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewöhnen soll, die durch ein Zahlengeheimniß die Befähigung erhalten, jeden Freitag mehr als menschenmöglich Schalet zu essen, kann das Gemüth nicht besonders für das Wunderbare empfänglich stimmen. Nur Armgart berücksichtigte ihn plötzlich und sogar mit hohem Interesse. Als sie ihn sah, rief sie ihn voll Schrecken an: Haben Sie wol Neues aus Kocher am Fall? Mein gnädiges Fräulein –! Ist mein Vater abgereist? Vielleicht schon in Witoborn? Reden Sie! 144 Mein Fräulein –! . . . Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage. Er genoß zu lange erst die Thatsache der Anrede als solche selbst. Als er sich dann aber in die Begebenheit gefunden hatte, glich sein Antlitz den Gesetzestafeln, wie sie aussahen, als Moses auf den Sinai hinaufging – sie waren leer. Armgart ließ ihn, da sein Schweigen nur ein umständliches Vorbereiten auf das Verschleiern seines Nichtwissens wurde, ebenso schnell stehen, wie sie ihn angeredet hatte. Das kostete wieder einige Zeit des Besinnens und wieder einige Spritzengüsse. Bei alledem aber doch höchst geschmeichelt und befriedigt von einer so »ehrenvollen Aufnahme«, carriolte er wieder auf Witoborn zurück. Er führte sein halbbedecktes Wägelchen selbst. Es gehörte einem witoborner Kutscher, dem er für die richtige Behandlung des Gauls ein ansehnliches Pfand hatte zurücklassen müssen. Löb verstand sich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehört. Er war die seltsamste realistische Natur, die sich zugleich zum Idealen erheben konnte. Sein Wissen und Thun war erfüllt von Thatsachen der Wirklichkeit bis zum Klee und zum Dünger hinab und sein Fühlen blieb dabei ganz Aether. Seligmann war kein Pantheist oder Spinozist (die Einwendung, die er einst gegen Veilchen's Pantheismus gemacht hatte, lautete: »Ei Veilchen, der Geist Gottes schwebte doch über den Wassern! Und Sie sagen: Er schwebte in ihnen –?«) – aber sein Gott blies alle Instrumente und in der Luft klang es ihm wie Sphärenmusik. Bei Witoborn wieder angekommen (bereits nach dem Gruß an die Dame von Sicking und ihre verschleierte Begleiterin) mußte Löb etwas langsamer fahren, denn die Wallanlagen sind erhöht. Wieder traf er hier mit jenem Mönch zusammen, der an der Eiche sich so nützlich gemacht hatte. Wieder grüßte er ihn aufs verbindlichste. Für die abschreckenden Gesichtsformen dieses resoluten Mannes 145 hatte er kein Auge – Er dachte nur an Aufklärungen über Leo Perl, auch über den armen »Feind von ihm« – über Sebastus – Hubertus ging eine Weile neben seinem Wagen einher und redete jetzt Löb an. Er ließ sich von der Brandstätte erzählen. Der Verdacht über den Ursprung des Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf. Im Hören und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan. Als Löb Seligmann in die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick still zu halten. Wollen Sie einsteigen? fragte der gefällige und auf diese Art seinen Absichten wegen Leo Perl so nahe kommende Mann und rückte schon zur Seite. Hubertus sagte, er möchte so gern einen Kranken, der hier dicht in der Nähe läge – er wäre beim Brande verunglückt – ins Kloster schaffen; er verstünde sich auf das Heilen von Brandwunden besser, als die Aerzte im Spital. Aber ich muß nach dem Schlosse Neuhof – entgegnete Löb, theils einem an sich unbequemen Ansinnen ausweichend, theils auch gelegentlich die Orientirung des Mönches über seine vornehmen Bekanntschaften unterstützend. Das ist nur ein Umweg! – sagte Hubertus. Sie werden nicht viel um eine Stunde später ankommen. Freilich, setzte er hinzu, mit einem Kranken muß man etwas langsam fahren –! Diese Worte kamen aber so vom Herzen, so theilnahmvoll und Gemüth auch im Juden voraussetzend, daß schon Löb gewonnen war. Er hörte im Geist seine Schwester sagen: Gott soll dich segnen hundert Jahre! So stieg Hubertus ein und der Gaul lenkte in einen Seitenweg, auf welchen der Mönch mit seinen knöchernen Fingern gedeutet hatte. Sogleich gaben die Kirchhöfe den natürlichsten Uebergang des Gesprächs auf die gemeinschaftlichen Erlebnisse am Düsternbrook, auf den Küfer, Pater Sebastus, von dem Löb erfuhr, daß 146 er für seine beabsichtigte Flucht in der Strafzelle sitzen müsse, auch auf den Tod des Landraths von Enckefuß. Hubertus erzählte seine Betheiligung an des Landraths letzten Lebensstunden und mehrte dadurch nicht wenig den Anschluß Seligmann's, der sein Selbander zwischen Jud und Christ zwar nicht ganz mit den Empfindungen genoß, zu denen Andere wol durch Lessing's »Nathan« angeregt werden, doch jedenfalls mit mancher wohlthuenden Reminiscenz aus Marschner's Oper: »Der Templer und die Jüdin.« Bald war es Mittagszeit. Löb sprach von einem Wirthshause, wo man in einer Stunde würde füttern können. Vor drei, vier Uhr erreichte man beim langsamen Fahren und Einschlagenmüssen von Vicinalstraßen das Kloster nicht. Hubertus stimmte zu und Löb begann schon von Borkenhagen. Da aber zeigte Hubertus auf das Haus der Mutter Schmeling, in dessen Nähe sie halten wollten. Sie fuhren nun eine Strecke seitwärts vom Wege ab. Plötzlich stutzte Hubertus. Er entdeckte einen Gensdarmen, der eben ins Haus der Hebamme trat. Unwillkürlich fuhr sein linker Arm auf die Kapuze, die sein kahles Haupt bedeckte, und drückte sie tief ins Gesicht. Er fürchtete sein Erschrecken zu verrathen. Der Wagen hielt und Hubertus wußte eine Weile nicht, sollte er aussteigen oder bleiben. Ein Halbdach bedeckte beide, ihn und Seligmann. Er drückte sich sogar an die Hinterwand zurück. Kommt der Mann von selbst herunter? dachte Seligmann, den Grund des Zögerns nicht begreifend, und stemmte seine Peitsche erwartungsvoll auf die Schöße seines blauen Mantels. Hubertus ermannte sich endlich und stieg aus. Mit Empfindungen, gemischt aus Theilnahme, allerlei Gedanken über Religionsunterschiede und zugleich etwas Neugier über den Gensdarmen und die ihm unbekannte Hantierung der Frau 147 Schmeling, sah Löb dem Mönche nach, der in die Nebelnässe hinaustrat und den sich verengenden Hohlweg erst nieder-, dann aufwärts schritt. An der Hauspforte blieb Hubertus eine Weile stehen und horchte. Mutter Schmeling hatte ja schon früher, das wußte er, in ihm unbekannten Angelegenheiten Gensdarmen bei sich erwartet. Seiner Besorgniß aber schien es nun doch entschieden, daß der an den Landrath gegangene Brief in officieller Weise wiederholt worden war. War der Verbrecher erkannt, wie durfte er ihn da noch der gerechten Strafe entziehen –! Schon ergab er sich und dachte: Arme Lucinde! So handelte und fühlte er schon im Bann der bestrickenden Ueberredung dieses Mädchens –! So in Erregung schon durch das bevorstehende abenteuerliche Leben als Eremit und die Flucht nach Rom –! Hubertus hörte die Stimme der Schmeling und das Säbelrasseln des Gensdarmen, der eben die Treppe hinaufstieg. Je mehr sich der Wächter der öffentlichen Ordnung von der Schmeling zu entfernen schien, desto lauter erscholl ihre Stimme. Jetzt unterschied er deutlich, daß sie hinter ihm herrief: Ja, suchen Sie nur oben! Suchen Sie! Sehen Sie, ob bei mir Katzen entbunden werden! Aber daß Sie sich nur nicht dabei am höllischen Feuer verbrennen! Teufels Großmutter muß böse Katzen haben. Mies, mies, mies –! Komm Mies und nimm dein Wochensüppchen von dem Herrn Gensdarmen! Herr Müllenhoff schickt dir's ja! Komm! Komm! Unser Kindchen hat zwar die Nothtaufe gekriegt, aber sie ziehen's mit Milch und Wasser auf! Großmutters Mieschen –! Hubertus hatte kaum etwas von einer Katze gehört, als er auch wol annehmen konnte, hier wurde eine andere Fährte, als die des Brandstifters gesucht. Er hatte die Beruhigung, den Gensdarmen, der, als er nun selbst eintrat, schon wieder die Treppe 148 herabstieg, lachend sprechen zu hören: Schon gut, schon gut – Frau Schmeling! Wir thun eben, was uns befohlen wird! Ich höre und sehe und, was die Hauptsache ist, ich rieche nichts von Katzen bei Ihnen! Nämlich Katzen, die hier gejungt hätten! Schon gut! Schon gut! Ei, da kriegt Ihr ja Mittagsgäste! Wir haben heute alle Hände voll zu thun –! Nun, er ist richtig hinüber, Väterchen! Wer? fragte Hubertus, dessen Gedanken nur an Bickert hafteten. Der Landrath – Ja so! Den Menschen vom Schloß oben sucht Ihr wol? unterbrach sich der Gensdarm selbst. Wetter, das war gestern Abend Euer Meisterstück! Ich glaub's, daß Ihr ihn nicht weiter habt bringen können, als bis hieher –! Inzwischen hielt Frau Schmeling schon dem Landrath nicht die erbaulichste Nachrede. Und der Gensdarm schilderte Hubertus' gestrige Rettung des gräflichen Dieners. So lief diesem alles gemüthlich und beruhigend ab. Inzwischen fiel der doch immer noch nach Katzen spähende Blick des Gensdarmen auf ein junges Mädchen, das in der Küche stand. Ei Lene! sagte er erstaunt und fuhr mit zweideutigem Tone fort: Sie hier? Na! das dacht' ich wol, daß es mit Ihr so weit kommen würde! Geb' Sie nur keinen Unrechten an –! Frauen, wie Mutter Schmeling, sind immer in der Lage, bei vermöglichen Leuten für Ammen sorgen zu müssen und die Lene war ein schwarzäugiges Ding, das nächstens dazu empfohlen werden konnte. Ja, sagte die Hebamme höhnisch, auf dem Finkenhof kommt nun bald keine mehr zu Schaden! Der Finkenhof wird ja ein Betsaal! Bruder, Bruder! fuhr, inzwischen schon wieder dem Mönche zugewandt, der Gensdarm fort. Die Leiter so lange frei zu halten, 149 das hätte keiner fertig gekriegt! Und schon am Morgen bei der Jagd die Noth mit unserm Alten –! Der ist denn also hin. Guter Kerl gewesen, das ist wahr, aber krank war er im Kopf schon lange – vor lauter Ambition! Wir sagten's nur keinem. Als der Kronsyndikus begraben wurde, sagte er noch: Gebt Acht, nun weiß ich, was der arme Tropf mir vermacht hat! Hier vorn auf den »Deetz« zeigte er – Was steht denn da draußen für ein Fuhrwerk? unterbrach sich der Argusäugige, der zum Zeichen der vom Kronsyndikus auf den Landrath vererbten Geisteskrankheit auf den Kopf gedeutet hatte. Hubertus sprach ohne langes Besinnen, der Mann im Wagen draußen wolle ihm helfen den Kranken ins Spital bringen. Herr Seligmann –? Das Fuhrwerk gehört Schöninghs . . . Mit diesen ruhig controlirend hingesprochenen Worten war der Gensdarm in verhallender Rede schon wieder zum Haus hinausgetreten und schon zum Hohlweg hinuntergegangen auf Löb zu, der ihn mit herabgezogenem Hute begrüßte. Inzwischen hatte das Lachen und Zanken der Schmeling kein Ende. In ihren Reden spielten Staat, Kirche, Welt, Zeit, Sitte, Vorurtheil, das Gleichniß vom Splitter und Balken, der Pfarrer zu St.-Libori und ein junges Kätzchen, dessen Mutter man bei ihr suchte, die Hauptrollen – Sie kicherte höhnisch und hexenhaft. Hubertus war mit seinem nächsten Vorhaben zu beschäftigt, um sich bei diesem Zwischenfall lange aufzuhalten. Wie geht's denn oben? fragte er, als ihm die Magd den gestern bestellten Speckkartoffelpfannkuchen brachte, dessen Fett- und Zwiebelgeruch das Haus durchduftete. Suppe hat er und auch ein Stück Fleisch genommen! hieß es. Nun, dann wird er's aushalten können! Ich nehm' ihn jetzt – ins Spital mit oder – 150 Hubertus murmelte während des Essens und blickte, scheinbar ruhig, nach der vorerwähnten Lene aus, die sich auch vor ihm versteckt hielt. Jetzt trat sie in ihrem Hoffnungszustande vor und stand mit kecken, funkelnden Augen vor dem Bruder und setzte dem Kopfschütteln desselben eine leichtfertige Geberde entgegen. So, so weit also, Lene! sagte Hubertus. Das hätt' ich wissen sollen, als ich dir immer die Briefe an den braven Wachtmeister schrieb, der dich heirathen wollte! Was Wachtmeister! rief Mutter Schmeling. Die Lene ist heilig! Ja, heilig, sag' ich Ihnen. Wer bei einem Pfarrer gedient hat, der kann gar nicht sündigen! Hubertus ließ sich auf so leichtfertige Anspielungen nicht ein. Inzwischen klatschte draußen Seligmann ungeduldig mit der Peitsche. Es fing ihn an zu frieren, zu hungern und – auch zu ihm dufteten die Zwiebeln und der Speck anmuthend hinüber. Hubertus eilte nach oben und war im Begriff, in das Staatszimmer einzutreten. Als er die Thür öffnete, bot sich ihm ein erschreckender Anblick. Der Kranke stand im Hemde, mit den beiden eingewickelten Händen in abwehrender Stellung, Furcht und Schrecken auf seinen Mienen. Unfehlbar hatte ihn in solche Aufregung das Suchen des Gensdarmen gebracht, den er im Hause gehört hatte. Der Gensdarm hatte zwar nur die Thür geöffnet und den gräflichen Diener scheinbar schlafend gefunden und sich mit leichtem Murmeln ohne weiteres entfernt. Bickert war aber hinter ihm aufgesprungen und stand jetzt da, wie auf Tod und Leben gerüstet. Jantje, Jantje! rief Hubertus, indem er sich schon zu einem Handgemenge rüstete. Ihr erkältet Euch ja! Wer ist Jantje! stöhnte Bickert, aber mit gesammelter äußerster Kraft. Sieh, sieh, du kannst reden! Ich dachte gestern – Bei so 151 großem Schreck hat mancher einen Krampf im Kinnbacken weg – zeitlebens –! Schreck? Worüber? Wer seid Ihr? Bringt mich aufs Schloß! Zu meiner Herrschaft, sag' ich! Hubertus wußte nicht, ob ihn der stumpfsinnige Mensch seit gestern nicht mehr erkannte, und noch weniger, ob er eine Erinnerung hatte an seine früheste Knabenzeit, die ihm gestern doch nicht ganz verklungen zu sein schien, oder ob er seinen Absichten mistraute und sich so nur verstellte. Es ist ja ein Kohlentopf gewesen! sagte er mit Schärfe und drängte den vor Kälte Zitternden ins Bett zurück. Jetzt aber ruhig! Eure Stalljacke hält nicht sehr warm – Ich habe aber unten eine tüchtige Pferdedecke. Ein Kohlentopf war's, von dem das Feuer aufkam. Nun, haltet doch Stand! Ich ziehe Euch jetzt an! So war's nicht immer dazumal, wenn Heyum Picard an der Waldecke stand und pfiff und von der Windmühle pfiff's wieder und Abraham kam und seine Gevattern – nein, so können wir nicht Leon Levi und Moses Ocker nennen – die Taufe kam in Brest erst, wo sie einem dann – haha! – gleich so ein hübsches Pathengeschenk mit auf den Arm brannten! Haltet doch nur! So zart hat uns freilich die Hanne Sterz dazumal Sonntags nicht geputzt! . . . Die Macht aller dieser Worte war niederschmetternd. Der Verbrecher vermochte nicht dagegen aufzukommen. Hubertus würde beim Ankleiden ruhig so haben fortfahren können, die Erinnerungen an das Gewissen des verstockt Niederblickenden zu wecken, wenn nicht vor Ungeduld, Neugier, Nächstenliebe, Anziehungskraft des Pfannkuchens Löb Seligmann auf der Treppe erschienen wäre und sich erboten hätte, den Kranken tragen zu helfen – »Gott! Bei deinen Kräften!« hörte er freilich im Geist die Hasen-Jette sagen. Dem Gaul hatte er die Leine gekürzt und ihn vertrauensvoll stehen lassen. 152 Auf diese Art konnte Hubertus keine weitere Verständigung herbeiführen, als eben nöthig war, um den jetzt Angekleideten zum Folgen zu zwingen. Sich tragen zu lassen widerstand Bickert. Wohin? murmelte er. Gott im Himmel! sprach Löb Seligmann, staunend über diese Widersetzlichkeit. Der Mann ist noch im Fieber –! Wohl mußte er befremdet sein über die wilde Miene des Trotzes, über den Widerstand gegen eine Hülfe, die dem Kranken so liebevoll geboten wurde. Hubertus führte Bickert und sprach laut: Daß ich Euch nur da am Arme nicht weh thue! Da, wo Ihr das Brandmal bekommen habt, Aermster! Ich meine, gestern –! Es sieht aus, wie wenn auf dem Arme chinesische Buchstaben stünden – Chinesisch hab' ich lesen gelernt! Ein Jahr später, als wir alle von Mynheer Kattrepel abgeholt wurden – wißt Ihr noch, Vater Kattrepel unterm Dreibein –! Ich meine – als ich unter die Soldaten nach Java ging! . . . Ja Lene! Lene –! Wachtmeister war ich auch einmal. Und betrogen – das wurd' ich auch! Aber so nicht, wie der brave Spikermann bei den Husaren von dir! Leichtsinniges Ding du! . . . Laß dir's nur erzählen von Mutter Schmeling, wie mir's einst ergangen –! Aber eine Vergleichung mit dir wäre eine Sünde! Frau, rechnet Euch all Euer Gutes, das Ihr schon gethan habt, vor Gott an – und auch dies Werk der Barmherzigkeit – ich meine, wenn Ihr einmal zur Rede stehen müßt für Eure lästerlichen Reden über den Pfarrer zu St.-Libori und uns andere Gottesheilige –! Im Verlassen des Hauses mußte Hubertus dennoch den auf dem glatten Boden bergab Ausgleitenden tragen. Bickert wußte nicht, ging es mit ihm hinter Schloß und Riegel oder zur Freiheit. Wer der Mönch sein konnte, dessen entsann er sich . . . Dennoch, selbst wenn er ein Gegenstand nur der wohlwollendsten 153 Absichten blieb, erbitterte ihn die Entdeckung seiner Thäterschaft, die er so tief verschleiert geglaubt hatte und von welcher er auch jetzt annehmen konnte, daß sie hier niemand außer diesem Mönche wußte – Hammaker, der ihn gedungen und kurz vor seiner Verhaftung mit der Urkunde versehen hatte, war ja todt! Noch einmal erhob er sich, schlug um sich und rief: Ich will aufs Schloß! Zu meiner Herrschaft! Löb Seligmann fuhr so jählings zurück, daß er fast noch gefallen wäre – zum Dank für all seine Menschenliebe. Nur die Kraft und Geistesgegenwart des Mönchs halfen zuletzt zum Ziel. Hubertus setzte den in die Pferdedecke Eingehüllten entschlossen in den Wagen, wies Seligmann vorn auf den Bock und nahm neben Bickert Platz. So fuhren sie alle drei von dannen. Bickert zusammengekauert in einer Wagenecke. Hubertus neben ihm, voll Grübeln über die Veranstaltungen seiner weiteren Hülfe und hinausstarrend in die winterliche Gegend. Löb vorn, mit zurückkehrender Heiterkeit und Redseligkeit, die sich um so mehr in zuweilen geträllerten kleinen Liedchen kund gab, als beim Ort Borkenhagen die Aufklärungen über Leo Perl beginnen sollten. An dem von Löb bezeichneten Wirthshause wurde halt gemacht und der Gaul gefüttert. Auch Löb nahm hier mit Auswahl, was vorhanden war. Hubertus verschmähte trotz seines Pfannkuchens nichts, was ihm die Küche hier noch schenken konnte – Bickert lehnte alles ab. Er schien sich inzwischen mit dem Gaule zu befreunden. Hubertus blieb jedoch in der Nähe, um jede verdächtige Bewegung zu beobachten. Kennt Ihr mich also jetzt, Jean Picard? fragte er, indem er mit einem Suppentopf zu ihm herantrat und mit dem hölzernen Löffel, den er immer bei sich führte, aß. Bickert sagte, düster die buschigen Augenbrauen 154 zusammenziehend und ihn voll Verlegenheit angrinsend: Ich kenne Euch nicht und heiße auch nicht so! Das wäre schlimm! entgegnete Hubertus. Denn ich bring' Euch in mein Kloster, wo ich gerade für den, dem Ihr so ähnlich seht, eine hübsche Summe Geld liegen habe. Im Bettstroh, Brüderchen, da heben wir Mönche uns manchmal auch was auf – Der Verbrecher drehte sich vor Unruhe hin und her. Daß Ihr's brauchen könnt, weiß ich von einem wunderschönen Fräulein – Weiß der Himmel, wie die an Euch gekommen! Ja, es gibt manchmal seltsamen Geschmack! – Amerika ist weit und einen guten Platz wollt Ihr doch auch haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo drei auf zehn immer sterben. Särge gibt's auf dem Wasser nicht, das wißt Ihr doch – Wer draufgeht, muß ins Wasser! Ganz so nackt, so kahl, wie dazumal der Todte war, dem ein gewisser Teufel seine letzte Ruhe störte. Bickert erhob sich starr. Rollt ja so die Augen –! Im Mondschein hab' ich vielerlei gesehen, Löwen und Tiger, wie sie Menschen zerrissen hatten – Selbst Hyänen, wie sie Leichen stahlen – Aber noch sah ich keinen Todten, dessen Seele schon im Himmel ist, neben seinem Sarge liegen, worin ein Mensch noch nach Geld sucht! War denn kein heiliges Bild in der Nähe, das dazu zu sprechen anfing? Heyum Picard's Taufe mag freilich nicht tief gegangen sein – Hanne Sterz war aber doch leidlich fromm! Wo steckt die wol jetzt? Auch – unter der Erde –? Bickert sah bei diesen scharf betonten und fast nach den Silben ihm zugezählten Worten empor wie zu einem Richtschwert. Inzwischen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten wollte. Die Kunde von dem beim Brand Verunglückten, durch Hubertus so aufopfernd Geretteten hatte 155 sich bereits im Wirthshause verbreitet. Der Wagen wurde von Neugierigen umstanden. Bickert verbarg sich in seiner Decke. Die Fahrt ging weiter, ohne daß sich Hubertus vollkommener mit Bickert verständigen konnte. Bickert sah ihn wie den Boten seiner Richter an. Tapfer und frisch ermuthigt schwang Seligmann die Peitsche. Hubertus gerieth ins Erzählen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem, was von ihm erlebt worden war, wunderbar genug sein konnten. Allmählich schien darüber Bickert zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es wol am gerathensten sein würde, den guten Absichten des Alten, auf den sich seine verdüstertes Gedächtniß mehr und mehr besann, zu vertrauen. Schon war es Dämmerung, als die langsam gehende Fahrt bei Borkenhagen und dem dortigen Pfarrhause ankam. Auf Löb Seligmann's Frage nach Leo Perl erwiderte Hubertus in der That: O, den kannt' ich! Ein getaufter Jude war's! Juden – nehmen Sie's nicht übel, lieber Herr – Juden sind die curioseste Nation. In Java hab' ich sie gerad' so gefunden, wie hier. Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner! Aber – auch schlimme – blutdürstige sogar – –! Wo sie unter sich und nach ihren eigenen Gesetzen leben, begreift man, wie sie sonst steinigen konnten, wie sie hinter Propheten herliefen, sie um Wunder fragten und, wenn sie noch soviel Wunder auch thaten, sie doch ans Kreuz nageln ließen. Das ist die alte heiße Sonne Asiens –! Auch Löb fühlte in den Finales und bei den Chören der heroischen Opern etwas vom Blut der Makkabäer. Gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem drusenheimer Sonntage wirklich im Geist nach dem Schwert gegriffen. Doch lehnte er alle diese Ansichten über das Temperament seines Volks ab und sagte lachend: Der Jude ist heiß, das ist wahr! Aber er ist, wie Gott 156 der Herr – ein Busch voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, immerhin – an einem Juden verbrennt sich keiner! Bei Erwähnung des Namens »Leo Perl« und des Umstandes, daß Seligmann mit diesem Priester verwandt war, horchte Bickert auf. Auch ihm war ja dieser Name erinnerlich – es war die, allerdings mühsam, von ihm herausbuchstabirte Unterschrift unter dem lateinischen Papier, das er – statt Geld – im Sarge des alten Mevissen gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur Uebergabe an den Beichtpriester. Ich sagte, fuhr Hubertus fort, daß ich den Pfarrer Perl kannte. Eigentlich aber zum Kennen war es kein Mann. Er verrichtete sein Amt, war ein großer Redner, celebrirte wie ein Heiliger, stattlich stand er am Tabernakel. Aber in seine Nähe ließ er niemanden und die Leute fürchteten sich vor ihm. Warum ist er Christ geworden –? Aus Erleuchtung – denk' ich – Da oben hinterm Berg der Kronsyndikus und der Dechant von Asselyn in Kocher am Fall waren die Ursache seiner Erleuchtung! Auf den Namen »Asselyn« zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch Hubertus kam von Seligmann's Fragen durch die Erwähnung des Kronsyndikus ab. Seligmann unterbrach jedoch sein Grübeln: Sie haben Leo Perl nicht näher gekannt? Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn gesprochen. Was hat er gesprochen? Gesprochen hat er, um es recht zu sagen, vorher schon ein Jahr lang mit mir, aber nur durch Blicke. Durch Blicke? Wie so Blicke? Immer, wenn er mir im Felde begegnete, sah er mich mit seinen großen schwarzen Augen an. Warum sah er Sie an? 157 Damals war ich kurz zuvor noch Jäger gewesen und eben erst ins Kloster gegangen. Oft war es mir, wenn ich ihn grüßte, als wollt' er mit mir reden. Dann blieb ich stehen. Aber er ging vorüber. Das dauerte, bis seine schwere Krankheit kam – Welche –? Die Zehrung. Der starke Mann die Zehrung –! Wenn er hustete, krachte es wie ein Gewölbe! Gott im Himmel –! Ich ließ ihm ein Mittel anbieten – Ich dokt're ein wenig – Es half nichts? Er nahm's nicht! Aus Stolz auf die Gelehrsamkeit, auf die Wissenschaften –! Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen. Das sagte er mir, als ich mit ihm das einzige mal gesprochen hatte. Warum sprach er mit Ihnen –? Er wollte mir für mein Mittel danken! Wollte Ihnen danken –! Bruder, sagte er, ich werde sterben – In drei Tagen bin ich todt! Das wußt' er –? Wollt Ihr mir einen Gefallen thun? Sprach der Pfarrer zu Ihnen? Und Sie thaten ihn –? Finster zuckten seine Augen. Er mußte wieder heftig husten. Als sich die Brust beruhigt hatte und er wieder sprechen konnte, schickte er seinen Vicar hinaus. Seinen Vicar? Namens Langelütje – Langelütje! Nun sah er sich um und sprach mit seiner heisern Stimme: Bruder Hubertus, ich habe von Euch manches Gute gehört! 158 Aber auch Euch ist's schlecht im Leben ergangen. Auch Euch haben Liebe und Freundschaft betrogen – Wen hat Liebe und Freundschaft betrogen? Doch nicht alle, fuhr Hubertus fort, ohne Löb's Uebermaß von Wißbegierde und Einsammlung von Unterhaltungsstoff für Veilchen Gehör zu geben, sind so versöhnlich wie Ihr! Wer sind die Andern –? Wen hat die Liebe betrogen –? Andere treibt die Rache –! Wen hat die Rache getrieben –? Bei diesem Worte erstickte des Pfarrers Stimme und der Husten begann so heftig, daß es wol eine Viertelstunde bedurfte, bis er sich erholt hatte. Nun erhob er sich von seinem Lager und flüsterte mir zu: Da! Wenn ich todt bin, Bruder, seht – da hab' ich eine Schrift – Bickert's furchtentstelltes Antlitz bekam einen Ausdruck schärferer Fassungskraft. Hubertus merkte nichts davon – nur sorgen mußt' er, daß Löb nicht sein Pferd aus dem Auge verlor – und fuhr fort: Wenn ich todt bin, sagte der Pfarrer, da hab' ich eine Schrift – Schwört mir zu Gott dem Allmächtigen, daß Ihr diese Schrift nie erbrechen wollt –! Seht, sie ist mit meinem Kirchensiegel versiegelt! Bickert fühlte in der Erinnerung dies Siegel des lateinischen Briefes gleichsam handgreiflich. Tragt diesen Brief, sobald ich begraben bin – hört Ihr, nicht gestorben, sondern erst, wenn ich begraben bin – so, wie sich einem Pfarrer geziemt begraben, versteht Ihr – nach Witoborn – hört Ihr, zum Bischof! Warum zum Bischof –? brach Seligmann erstaunend aus. Er war auf Testamentsgedanken gekommen und suchte im Tone anzudeuten, ob katholische Pfarrer nicht einfach ein Testament bei den Gerichten niederlegen dürften. 159 Zum Bischof! bestätigte Hubertus. Es war dies damals Bischof Konrad. Ein Freund meines gutes Guardians, des Provinzials Henricus. Ein sanfter, milder Greis, der den Pfarrer Perl getauft hatte, ihn im Seminar zu Witoborn unterrichtete, zum Priester weihte. Ein guter, in die Jahre gekommener und sehr vergeßlicher Mann. Immer noch steht er vor mir lebendig – mit einer Nase – so lang –! Hätten Sie die Nase gehabt und gemerkt, was in dem Briefe stand –! sagte Seligmann. Das erfuhr ich nie. Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an den Bischof. Dem denn gab ich ihn. Der Bischof erbrach, sah eine lange Zuschrift in Latein, legte sie zum spätern Lesen zurück und plauderte mit mir. Nun – und das ist alles, was ich mit Leo Perl im Leben zu thun gehabt habe! Und plauderte mit mir –? wiederholte sich Seligmann. Und mit einer nur scheinbaren Geringschätzung sagte er dann laut: Was kann er geschrieben haben? Löb wollte verschleiern, daß man hier eine außerordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen hätte. Hubertus zuckte die Achseln und konnte in der That keine weitere Auskunft geben. Warum war der Brief lateinisch –? fragte Seligmann. Er hatte ohne Zweifel die Bestimmung, nach Rom geschickt zu werden. Nach Rom! Warum nach Rom –? Weil der Heilige Vater alle unsere Wünsche persönlich und deshalb in lateinischer Sprache zu hören wünscht. Warum schickte Perl seine Wünsche nicht selbst nach Rom? Der Weg nach Rom geht für einen Pfarrer nur über seinen Bischof! Wissen Sie was? sagte Seligmann in immer mehr sich 160 steigerndem Verlangen, hinter diesen letzten Willen seines leiblichen Vetters zu kommen. Ich glaube, der Bischof hat den Brief gar nicht nach Rom geschickt! Ich meine – weil er so vergeßlich war! Nicht unmöglich –! Und wenn er ihn doch schickte, dann hat er vorher eine Abschrift genommen! Was für Rom bestimmt ist, muß für Rom bestimmt bleiben . . . Nein, ich sage, der Brief liegt noch drüben im witoborner Archiv und enthält die Anzeige, daß Perl's Vetter Löb Seligmann oder dessen Neffe, Namens David Lippschütz, ein Sohn von Henriette Lippschütz, alle seine geheimen Ersparnisse erbt, ausgenommen die Bücher, die ein gewisses Fräulein Veilchen Igelsheimer kriegt, deren Liebe und Freundschaft ihn nicht betrogen haben, und die alten Kleider – die sind fürs Geschäft seines Vetters Nathan Seligmann bestimmt! Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben! sagte Hubertus, erheitert von dieser nicht ganz im Scherz gemeinten Rede. Ihr erster Mann war der Regierungsrath von Asselyn, der Vater des Domherrn von Asselyn. Diese Frau kann vielleicht – Was kann diese Frau, die ich ja heute noch sehen werde? sagte Löb und wandte sich auf Hubertus' Stocken um. Hubertus zeigte eben jetzt nach dem Kloster Himmelpfort. Das Ziel seiner Reise war erreicht und nahm nur noch allein seine Gedanken in Anspruch. Wir sind am Ziel, sagte er, ließ halten und setzte nur noch, schon im schnellen Absteigen begriffen, hinzu: Der Regierungsrath hat sogleich nach dem Tod des Bischofs alle Bibliotheken und Archive Witoborns zu ordnen gehabt. Wenn er die Schrift damals noch vorfand, so liegt sie jetzt in der Bibliothek des Königs; sie war wie in Kupfer gestochen! 161 Diese Reden verhallten schon in den Zurüstungen des Aussteigens. Die ernsteste und schwierigste Aufgabe war eben jetzt für Hubertus zu lösen, die, Bickert unbemerkt ins Kloster zu bringen. Er lehnte ein Vorfahren am Kloster ab und weckte erst jetzt in Seligmann's Zügen einen Anflug von Staunen und Mistrauen. Es war dunkel geworden. Das Wetter war durchaus in Regen umgeschlagen. Schwer senkten sich lange schon die Nebel über die nahen Höhen. Einsam und still lag das Kloster. Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf. Um acht Uhr ging dort schon alles zur Ruhe. Zwischen sechs und sieben Uhr fand der Imbiß zur Nacht statt. Löb Seligmann fühlte sich jetzt von seiner ganzen Situation hier in der abendlichen Dämmerung unheimlich berührt. Vorzugsweise hatte Hubertus beim Erzählen die Klosterkirche im Auge behalten, am Zifferblatt der Kirchthurmuhr schien er die Minuten zu zählen, die noch übrig waren bis Fünf. Meistens wurde die Kirche um Fünf geschlossen. Zugänglich war sie überhaupt nur durch einen Nebeneingang, der halb schon ins Kloster selbst führte. An den beiden Pappeln, wo Stephan Lengenich so lange vergebens geharrt hatte, um den Pater Sebastus in seinem Wagen mitzunehmen, hielt nun auch Seligmann und sah, wie Hubertus, den Schlag öffnend, dem jetzt ruhig folgenden, immer stiller gewordenen Kranken den Arm bot, um ihm hinunterzuhelfen. Schon läutete es drüben zur Vesper. Hubertus wußte, den Strang zur Vesperglocke zog Pater Ivo. Vor dem konnte er ruhig vorübergehen und sogar Bickert im Arme tragen, der Pater würde nicht aufgeblickt, sondern nur gesungen haben: Maria, Maienkönigin –! Hubertus wandte sich an den über das Geheimnißvolle im 162 Benehmen des Mönches immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten: Guter Mann! Ich danke Ihnen von Herzen! Aber thun Sie mir jetzt noch einen Gefallen! Warten Sie hier ein Viertelstündchen! Ich muß – erst die Bewilligung – des Guardians – einholen. Ein Viertelstündchen! Dann vielleicht komm' ich zurück – Wo nicht, nun, dann denken Sie: Es ist alles gut! Dann dank' ich Ihnen von Herzen und, wollen Sie mir noch eine einzige Liebe thun, so sprechen Sie von unserer Reise mit niemanden, der nicht darnach frägt oder, besser noch, mit niemanden, der zu fragen kein Recht hat! Vor allem von der Unterkunft des Mannes hier im Kloster zu keiner Menschenseele! Sie wissen, es ist – von wegen der Doctoren. Wir sollen ja in Klöstern nur – die Seelen heilen –! Aber ich verstehe mich auf Brandwunden besser, als alle Aerzte in Witoborn! Seligmann, der nicht gern auf ungesetzlichen Wegen wandelte, versprach mit merklicher Befangenheit, warten und schweigen zu wollen. Indem Hubertus den Kranken langsam dem Kloster zuführte und mit ihm allmählich hinter Hecken und im Abenddunkel verschwand, bekam erst für sein Samaritanerherz der ganze Vorfall etwas auffallend Abenteuerliches. Zu gewissen ängstlichen Vorstellungen, für welche ihm nur der Name fehlte, gesellte sich Leo Perl's Husten, Begräbniß und der lateinische Brief an den Bischof von Witoborn. Die geheimnißvolle Uebergabe erst nach dem richtigen Begräbniß eines katholischen Pfarrers –! Und die scharfe Betonung der Rache –! In den ersten fünf Minuten seines Harrens hier im Abenddunkel begnügte sich Löb noch, in allem heute in Erfahrung Gebrachten blos eine reiche Befruchtung seiner Phantasie, seines Verstandes und Herzens zu Mittheilungen an seine kleine Weisheit in der Rumpelgasse zu besitzen. Das Dunkel der Nacht 163 nahm aber zu. Die Einsamkeit wurde gespenstisch. Das Davonschleichen des Mönches mit dem Kranken, der, wie er jetzt bemerkte, sogar seine Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte – alles das mehrte seine Beklemmung. Und die Viertelstunde verging. Und es verging eine halbe Stunde. Und Hubertus kam nicht zurück. Die Weisung des Mönches, daß er weiter fahren könnte, wenn er nicht zurückkehrte, hatte Seligmann allerdings für bestimmt empfangen. Aber gab er auch seine Pferdedecke preis – er taxirte sie auf die Zinsen, die ihm die kleine Auslage – vor Gott wieder einbringen würde! – sein gefälliger Sinn bestimmte ihn noch zu bleiben oder wenigstens seinen Gaul nur langsam und auch nur dem Kloster zu sich in Bewegung setzen zu lassen. Er sah sich dabei nach rechts und nach links um und spähte, ob nicht doch noch der Mönch zurückkehrte. Alles blieb still und einsam. In der Ferne sah er Häuser wie im Nebel schwimmen. In nächster Nähe befanden sich nur Felder, abgegrenzte Gärten, kleine Baumgruppen, keine Menschen. So erreichte er eine stattliche Allee, die zum Kloster führte, und hielt auch hier noch eine Weile. Da er durchaus niemanden zurückkommen sah, fuhr er langsam die Allee entlang dem Kloster zu und bekam immer mehr Mistrauen über all die sonderbaren Umstände, unter denen Hubertus seinen Pflegling mit sich genommen hatte. Warum alles das so heimlich? sagte er sich. Von jener Vorsicht, die man im Kloster wegen der Aerzte zu nehmen hätte, war er anfangs entschiedener überzeugt gewesen, als jetzt. Inzwischen stand er schon dicht an der stattlichen Treppe, die zum geschlossenen Portal der Kirche führte. Als es noch immer still blieb, wollte er endlich weiter fahren. Aber sein 164 wißbegieriger Sinn bestimmte ihn, noch einmal einen Versuch zu machen, ob er nicht etwas von den beiden Verschwundenen in der Kirche entdecken sollte. Die Pferdedecke war an sich verschmerzt; er hätte aber doch gern gewußt, wo sie geblieben und wo sie einem Leidenden Gutes stiften sollte. Dicht neben der stattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die Einfriedigungsmauer des Klosters. Einige Schritte entfernt lag eine Thür, von welcher er durch den Besuch bei Pater Sebastus wußte, daß sie in einen kleinen Vorhof, dann zur Linken ins Kloster, zur Rechten durch einen Gang zu die Kirche führte. An diese Thür ging er heran und drückte, mit einiger Beklemmung über seinen Antheil an den Ursachen, die den Pater Sebastus in Haft gebracht hatten, auf die Klinke. Die Thür ging auf. Alles war still. Vorsichtig trat er einige Schritte weiter in den Gang zur Kirche. Da hörte er plötzlich einen lauten, entsetzlichen Schrei. Gellend, markdurchdringend ertönte dieser Schrei, der von der Kirche her kam und wie die Stimme eines Erstickenden war. Unmittelbar darauf hörte er noch ein furchtbares Krachen, das weit im Schiff der Kirche widerhallte. So bang ihm jetzt zu Muthe wurde und so wenig ihm eine Melodie der Ermuthigung ins Ohr klang – etwa ein »Frischgewagt!« aus dem »Maurer und Schlosser« – er war mit zwei Schritten, die auf dem Steinboden ängstlich widerhallten, vollends der Thür der Kirche – noch – näher getreten –! Der Tollkühne hörte jetzt eine leise Stimme singen, hörte einen Schlüsselbund klirren, sah jemand aus der Kirche kommen und huschte erst jetzt zurück auf den kleinen Vorhof, wo sich die Gänge nach links und nach rechts theilten. Bei alledem dachte er: Ei was! Du kannst ja ein Verlangen tragen, dir die Kirche anzusehen! So blieb er stehen. Was 165 kann denn auch, dachte er, so Entsetzliches geschehen sein, da ein so ruhiger Zeuge zugegen war –! Eben wurde die Kirchthür zugeschlossen. Ein Mönch ging an ihm vorüber dem Kloster zu und sang ruhig und friedlich vor sich hin. Wie er Löb Seligmann erblickte, rief er allerdings ein plötzliches: Husch! Dies Husch! war eigen. Husch! husch! wiederholte der Mönch und wehte mit seinem Weihwedel durch die Luft und schon ganz dicht unter Seligmann's Nase. Wie ein Donnerwetter sprang Löb jetzt von dannen, ließ die Mauerthür offen, rannte an seinen Wagen, sprang auf diesen hinauf, ergriff die Peitsche und lenkte den Gaul von der Treppe abwärts. Niemand kam ihm nach. Das Husch! des Paters Ivo war für den, der es noch nicht kannte, so im einsamen Abenddunkel und bei völliger Einsamkeit ausgesprochen, gewiß in hohem Grade entsetzenerregend. Löb mußte annehmen, daß seine Aufgabe erfüllt war, und fuhr spornstreichs von dannen. Noch einmal fuhr er die ganze Länge der Kirche vorüber – und seltsam! – nun war es ihm, als sähe er an einem vergitterten Fenster der untersten Gewölbe einen Lichtstrahl. Er hielt sich indessen nicht auf. Der entsetzliche Schrei, das furchtbare Krachen, das Husch! Husch! eines offenbar Irrsinnigen und nun wieder das so gespenstisch in den Gewölben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt gewünschter Beruhigung. Er stockte plötzlich mitteninne in einem »Vorfall«, den er in so geheimnißvoller und wol gar polizeiwidriger Tragweite nicht erwartet hatte. Noch zwei Stunden brauchte er, bis er, bergauf fahrend, Schloß Neuhof erreicht hatte. Er athmete etwas freier auf, als er die schönen Tannen des freiherrlich Wittekind'schen Parks sah. Dort 166 ließ ihm allerdings die Präsidentin im Seitenflügel ein freundliches, wohlgeheiztes Mansardenzimmer anweisen, ließ ihm ein Essen vorsetzen und ihn auf morgen bescheiden. Aber sein Herz blieb unbefriedigter, als sein Magen. Vom Brand auf Westerhof war, wie er an der Bedienung sah, auch hier alles erfüllt. Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener. Er hätte von alledem als Kenner berichten können und sollte nun schweigen –! Er hatte vollständig den Muth verloren, sich als einen Eingeweihten der Kirche zu bekennen. Es kam ihm eine Vorstellung, als setzte ihn das Schicksal vielleicht bald einmal selbst in Musik und verwandelte ihm ein Leben, das sich seither so heiter angelassen hatte, in eine Oper mit tragischem Ausgang. Inzwischen riegelte er die Thür zu und entschlief mit gespannter Erwartung auf die kommenden Enthüllungen. Für die morgende feierliche Aufwartung bei Herrn und Frau von Wittekind faßte er den Vorsatz, durch taktvoll diplomatisches Beherrschen seines Mittheilungsdranges nach allen Richtungen hin der »höheren Sphäre«, in welcher er hier leben durfte, Ehre zu machen. Er hatte sogar gehört, daß morgen ein großer Familienconvent auf dem Schlosse stattfinden sollte. Vielleicht erhielt er Aufträge, deren ehrlich erworbene Procente ihn über das ängstliche Schlagen seines Gewissens beruhigen und trösten konnten. Zwölftes Bändchen. 1 20. Obgleich der Kronsyndikus die letzten Jahre seines Lebens in Geistesschwäche zugebracht hatte, so sah man doch überall in Schloß Neuhof noch die von früher her stammenden Spuren seines rastlosen, gewinn- und ruhmbegierigen Geistes. Die Güter der Dorste-Camphausen waren damit verglichen im Verfall. Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen, die in ihrer Bedeutung und für die Zeit des Wachsens und Blühens vielversprechend sogar aus der winterlichen Decke hervortraten. Auf den Feldern, obschon sie hoch lagen, bemerkte man die sorgfältige Cultur selbst noch in den schneebedeckten Furchen. Kalköfen, Ziegeleien fanden sich auch hier; alles in stattlicherer Erscheinung, als bei den Dorstes. Der Holzschlag in den Waldungen war nach der Regel, mit Schonung und Voraussicht auch für künftige Zeit. Die Buschmühle, wo einst der Deichgraf gehaust, war ein Meyerhof von ganz besonderer Pflege. Daß dem Deichgrafen gleichfalls dafür ein Ruhm gebührte, wurde nicht mehr erwähnt, denn raschlebend ist unser Geschlecht – Oder – entschuldigt sich die Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug aufgebürdet sind? Traurige Kränze, die auf Friedhöfen niemand mehr erneuert! Trauriger Herbst, der zwischen verrosteten Gittern jahrelang hängen bleibt, bis ein Windstoß zu Hülfe kommt und damit – die Erde düngt –! 2 Der Park schien unverfallen. Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde so oft dahinhuschte, standen hoch und auch ohne Blätter stolz und vornehm. Die Tannenbäume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens. Die Pavillons verriethen Bewohner, wie sonst. Nur der Teich war noch nicht aufgethaut; das große Geflügelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus – seine Bewohner mußten gegen die Kälte geschützt werden. Wie stattlich war das Schloß! Wie gewandt waltete der neue Erbherr schon! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern schon in der Frühe alles in Bewegung –! Frau von Wittekind schritt trotz der Kälte und der feuchten Luft über den Hof und konnte, resolut wie sie war, Löb von der Unannehmlichkeit befreien, eben die nähere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundländern zu machen. Gut geschlafen, Herr Seligmann? lächelte sie. Sie bleiben doch den Tag über hier? Wir haben viel zu plaudern, aber erst nach Tisch! Machen Sie sich's inzwischen bequem! Sie sind unser Gast –! »Sie sind unser Gast –!« Seit jenem: »Speisen Sie bei mir in Drusenheim!« das so vielverheißend und so wenig erfüllend im letzten Herbst Bernhard Fuld ihm zugerufen, nahm Löb eine solche Phrase nicht mehr allzu wörtlich. Er wußte auch bereits, Frau von Wittekind war genau. Sie liebte das Geld; sie verhandelte mehr mit ihm darüber, als ihr Gatte – Löb sollte über noch weitere Verbesserungen der großen Besitzungen sein Urtheil abgeben und Vorschläge machen zu Entäußerungen; es war an baarem Gelde Mangel. Auch standen nach dem Testamente des Kronsyndikus nicht kleine Legate zu bezahlen. Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid, in das sie sich schon in aller Frühe geworfen hatte, von den weißen Wänden des Schlosses stattlich ab. Sie schlüpfte behend über den mit Kieselsand bestreuten Hof. Ein eigenthümlicher 3 Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das noch schöne dunkle Haar der schlanken Frau, die gegen die gedrücktere und durch die Jahre verkümmerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche hervorhob. Da Besuch erwartet wurde, sollte sich Löb erst den Nachmittag zu umständlicheren Conferenzen bereit halten. In den Zimmern, wo Lucinde und Klingsohr einst jene verhängnißvolle Abendstunde verlebt hatten, wurde schon eine Tafel hergerichtet. Wie immer waltete bei den Vorbereitungen dazu die Lisabeth, die den Makler scheu von der Seite anblickte. Löb wußte, daß sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Küfer nachtrug. Unter andern Umständen hätte sie sich wie eine Dame gezeigt, die sie beinahe auch geworden war. Heute mochte sie immerhin durch die Angst, es könnte bald die letzte Stunde ihrer hiesigen Wirksamkeit geschlagen haben, freundlicher gestimmt sein, als schon lange in ihrer Art lag. Löb suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und liebte es, sich aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein zu plaudern. Schönes und Vornehmes übte auf sein ästhetisches Gemüth einen besondern Reiz. Silberne Geräthschaften, die man in die obern Zimmer trug, reizten nach dem Glanz, nach den Farben, dem Marmor, die oben verschwendet sein sollten, seine Neugier . . . Nur die fatalen Hunde umschnoberten ihn noch immer und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern wach, auch die dunkeln Sagen vom vergangenen Leben auf Schloß Neuhof überhaupt. Geängstigt umirrend und doch träumerisch alles bewundernd und taxirend, kam Löb auf die große Treppe. Stufe für Stufe zählend, schlich er hinauf. Eine hohe Thür stand mit beiden Flügeln offen. Behutsam trat er hier ein und maskirte seine Neugier durch den Schein einer hingerissenen 4 Bewunderung. Zuletzt ergriff ihn über all diese Pracht in der That ein natürliches Staunen. Er hatte viele Herrenhöfe besucht; diese Schönheit aber an Stuccaturen und Malereien, an bronzirten Marmortischen, in denen man sich hätte spiegeln und rasiren können, war ihm noch nicht vorgekommen. Reizend war eine nach links gehende Galerie, die an den bemalten Wänden mit seidenen Divans und Glaskronen und Bronzeleuchtern geschmückt war. Die Malereien stellten Scenen vor, wie sich Löb ganz richtig sagte, aus dem Olymp. Wenn aber auch der Klang des Liedes: »Vom hohen Olymp herab ward uns die Freude!« das im Roland am Hüneneck oft die Studenten sangen, in seine Seele drang, so war es nur eine kleine Verwechslung, daß er die vom »Olymp« herabkommende Freude mit – »Olim's Zeiten« in Verbindung brachte. Er machte diesen kleinen Schnitzer zum Staunen seines Neffen David Lippschütz, als er diesen Vorfall später in einem Briefe nach Kocher meldete. Allerdings war auch hier die olympische eine Olim's Zeit! Für so verfängliche Gegenstände, wie an diesen Wänden von Künstlerhand wiedergegeben waren, würde die Gegenwart kaum die raschbereiten Künstlerhände gefunden haben. Sie glichen den Fresken über Alexander und Roxane, die sich von Rafael's Hand zu Rom im Hinterzimmer der Galerie des Fürsten Borghese finden. Löb betrachtete sie voll Unschuld. In unverfänglicher, rein kunstkennerischer Stimmung verlor er sich immer weiter und kam in einen großen Saal, der durch seine riesigen Dimensionen und seine Unwohnlichkeit und Kälte etwas »Schauerliches« hatte. Dieser Saal war rings mit Spiegeln belegt. In ganzer Figur, von seinen etwas zu kurzen schwarzen Beinkleidern an mit den hervorstehenden Knieen bis zum Scheitel seines heute ohne Musikbegleitung frisirten Haares konnte sich Löb hier in Lebensgröße betrachten. Es interessirte ihn, durch 5 den ganzen Saal einen Doppelgänger neben sich gehen zu sehen. Er und sein Spiegelbild, beide gingen auf den Zehen. Sie griffen an den Girandolen die Glastropfen an und ließen sie hin- und herbaumeln. Sie erfreuten sich an dem hellen Ton, den die Gehänge von sich gaben. Dann taxirten sie das Krystall, die Bronze, den Sammet und waren besonnen genug, die Kunst der Decoration höher anzuschlagen als den massiven Werth. Viele der Bronzirungen zeigten ein starkes Benagtsein durch den »Zahn der Zeit«. Jenen Begriff, welchen Veilchen in ihrem Humor vorgeschlagen hatte zum Namen des Nathan Seligmann'schen antiquarischen Geschäfts zu wählen. In das Geschäft: »Zum Zahn der Zeit« gehörte bei näherer Besichtigung fast jeder dieser Plüsch- und Seidenstühle. So bekam auch Löb Handelsideen zum Besten seines Bruders. Darüber verging eine geraume Zeit. Als sich die Doppelgestalt dann endlich auf den Weg machte, um umzukehren, erschrak sie bei einem flüchtigen Blick in den Hof. Aus einem eleganten Wagen, der eben anfuhr, stieg ein Mönch heraus. Bruder Hubertus – das? sagte sich Löb und die Erinnerung an die gestrigen Erlebnisse ergriff ihn mit schreckhafter Macht. Es war aber Hubertus nicht. Löb besann sich, es war Pater Maurus, der Provinzial und Guardian selbst. Kam er, um sich nach ihm zu erkundigen? Die Diener verbeugten sich dem Besuche tief. Löb beruhigte sich. Der Klosterabt schien mit freiherrlich Wittekind'schem Wagen aus seiner Zelle abgeholt zu sein. Vor Neugier und Gewissensbissen gerieth Löb bei dem Gedanken an seinen Rückzug in einen falschen Corridor. Es liefen deren zwei in den großen Ballsaal ab. Einer sah dem andern so ähnlich, daß Löb nicht wußte, war er durch den linken oder den rechten gekommen. 6 Als er den nächstliegenden gewählt hatte und seinen Irrthum erkannte, mochte er den weiten Weg nicht umkehren; er hoffte eine der mehreren kleinen Thüren, die er hier sah, verbände vielleicht beide Corridore. Er drückte eine derselben auf. Siehe da! Das war ein seltsames Gemach. Er trat einen Schritt vor, orientirte sich in der hier herrschenden Dämmerung. Da – o Himmel! – fiel die Thür hinter ihm in ein Schloß, zu dem er keinen Drücker fand. Im Dunkeln durchtastet der zu allen Schrecken nun auch noch sogar Gefangene die ganze Länge der Ritzen an der Thür, reißt sich an der Spitze eines hervorstehenden Nagels die Veranlassung zum schmerzhaftesten Au! von der Welt ein und steht nun noch mit einem blutenden Finger. Was jetzt thun? Klopfen? Lärm machen? Seine Neugier selbst an die Oeffentlichkeit bringen? Großen Männern gehen ihre Schatten voraus, sagt Jean Paul, und lebhafte Phantasieen erfassen sofort die äußerste Möglichkeit. Löb Seligmann sah sich vor Discretion, vor Scham und vor, vielleicht jetzt erst kaum halb bestrafter, Neugier »stumm rings um«. Er sah sich hier eines langsamen Hungertodes sterben – ganz wie Florestan in »Fidelio«. Das Zimmer war ohne Fenster. Es konnte nur benutzt werden durch Erleuchtung. Höchst prachtvoll, wenn auch gleichfalls schon für das Geschäft »Zum Zahn der Zeit« brauchbar, war die Decoration. Sicher mußten hier einst die üppigen Schönen auf schwellenden Divans geruht haben, wenn sie auf Bällen aus der Hitze des Tanzsaals entflohen. Das sind Cabinete, dachte er, wie die, in welche Don Juan die »Tausend und Eins« entführte! Und um ihn her geigte und trompetete alles und im Geist rief er mit dem Schrei der Zerline: »Hülfe! Rettung!« Mit der linken Hand, die er der Vorsicht wegen jetzt lieber mit einem glücklicherweise in der Tasche vorgefundenen 7 Pelzhandschuh bewaffnete, rutschte er an den Wänden entlang, immer noch in der Hoffnung, den Drücker zu einer, nur nicht sofort ersichtlichen, andern Thür zu finden, und schon gewöhnte sich sein Auge an die Finsterniß. Wirklich – da! die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke – und ein neues Zimmer ging auf. Aber – auch dies Zimmer war ohne Ausgang. Es war von gleicher Beschaffenheit, wie das vorige. Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet. Gott meiner Väter! seufzte Löb. Er hatte manchen vornehmen Ball, selbst Bälle bei seinen Vettern Fuld, wenn auch aus angemessener Ferne, beobachtet; er konnte sich denken, wie das prachtvoll sein mußte, wenn alles hier von Lichtern widerstrahlte, Eis herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegossen die Schönen auf den Divans lagen, die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie. Da und dort sah er Spieltische. Gold und Silber glänzte ihm unter den Karten entgegen – Aber – links und rechts waren sämmtliche Drücker abgeschraubt! Nur in der Mitte gingen die Thüren auf. So zu einem dritten Zimmer, das er gleichfalls noch öffnete. Die Luft war dumpf und stickig. Hier war seit Jahren nicht gelüftet worden. Löb wurde immer mehr lebendigbegraben. Schon schickte er sich an, seinen Weg durch die drei Verließe zurückzunehmen und sein Heil, mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem Schlosse, in einem durchdringenden Hülferuf zu suchen, als er hinter einer Wand, da, wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte, sprechen hörte. Jehovah sei Dank! war sein erstes Gefühl . . . Er wußte, daß nun schon ein lautes Klopfen genügen würde, ihm Beistand zu bringen. Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche Tapetenthür pochen oder sich vorläufig in Ruhe verhalten? Das Gespräch nebenan schwieg plötzlich. Leise wagte er auf den 8 an den inneren Verbindungsthüren vorhandenen, aber überall festgeschraubten Drücker den wunden Finger zu legen. Hier jedoch war die Thür verschlossen und sicher vermuthete man nebenan statt ihrer nur eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewärtig. Wieder begannen die Stimmen. Löb vernahm jetzt Worte, hörte Namen, die ihm bekannt waren. Selbst die Namen »Borkenhagen« – »Himmelpfort« – »Westerhof« fielen. Sie schienen Anlaß zu Mittheilungen zu werden, die ihn interessiren durften und die vielleicht mit seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen. Deutlich unterschied er die Stimme Terschka's. Deutlich die des Präsidenten. Zwei andere wußte er noch nicht unterzubringen. Eine davon war ihm nicht unbekannt. Kämpfend mit sich selbst, was hier zu thun sei, ob er rufen oder schweigen sollte, ging er durch alle Zimmer noch einmal leise zurück, suchte nochmals überall, wo ein Ausweg sein konnte, fand aber keine Gelegenheit zu seiner Befreiung und überredete sich nun, daß er entweder entschlossen sein müßte, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetenthür mit seiner »fragwürdigen« Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten – oder sich hinzusetzen und zuzuhören. Er fand letzteres für den Augenblick gerathener. Es erforderte weniger Entschluß und Aufschwung. Er erkannte jetzt auch die dritte Stimme. Es war der ehemalige Vicar von St.-Zeno in Kocher am Fall, der Neffe des Dechanten, Domherr von Asselyn. Der Vierte war ohne Zweifel der Provinzial. Sollte er nun wol seinen hülfeflehenden Septimenaccord einsetzen und ein so schönes Quartett stören! So kam es, daß er auf einem Polstersessel und dicht an der Thür verblieb, zum Horcher wurde mit und wider Willen, daß er Dinge 9 hörte, die ihm vor eisigem Schreck die Erinnerung an den noch nicht überstandenen Februar weckten, daß er eine der schweren Seidendamastdecken von den Tischen zog und sie, trotz der darin befindlichen Motten, um sich schlang, ja daß er sogar noch eine zweite holte, sich auch noch in diese einhüllte und sich nun wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit Urim und Thumim, denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer über die Brust hinweg. Präsident von Wittekind sprach mit einer, wie es schien erregten und von seiner gewöhnlichen kalten Art abweichenden Stimme fest und bestimmt die deutlich hörbaren Worte: Ja, Herr von Terschka! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmächtigten, den man mir in dieser betrübenden Angelegenheit von Rom aus schicken würde. Daß aber Sie es sein würden, gesteh' ich, hätte ich nicht erwartet! Seligmann brauchte nur von »Rom« zu hören, um mit desto gespannterer Aufmerksamkeit zu folgen. Herr Präsident, antwortete Terschka mit seiner leutseligen, Löb bekannten Harmlosigkeit, die nur zuweilen, wie Löb ebenfalls hätte bestätigen können, unter vier Augen nachdrücklich und bis zur Malice gehend abgelegt werden konnte, Herr Präsident, bei meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag, wie ich ihn vorgestern durch den Herrn Pater Provinzial entgegengenommen habe, nicht so auffallend. Kenne ich doch auch genau das außerordentlich liebenswürdige Mädchen, das so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist! Seligmann rüstete sich auf Vervollständigung seiner genealogischen Kenntnisse, die in diesen hohen Kreisen empfehlend sind. Ich muß Sie, lieber Sohn, sprach der Präsident und redete ohne Zweifel damit den Domherrn von Asselyn an, ich muß Sie mit dem Gegenstand unserer Verhandlung bekannt machen! 10 Sie wohnen ihr nicht nur in Ihrer Eigenschaft als mein Sohn und Freund, sondern auch als geistlicher Rathgeber und zuverlässiger Zeuge bei. Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten Schreiben ausdrücklich – Diese Worte brachen in einer für Löb nicht ganz verständlichen Weise ab. Eine Pause deutete die stumm bejahende Geberde des Pater Maurus an, der wirklich also zu den drei Löb bekannten Personen die vierte war. Mein Vater, fuhr der Präsident mit Erregung fort, hat leider aus dem himmlischen Gnadenschatz all die Spenden nöthig, die Rom und, mehr als Rom, Gott in unsrer Beichte uns Sündern bietet. Ich spreche dies mit Schmerz, aber offen aus. Vorzugsweise muß ich gestehen, daß zu einer ganz besondern Kränkung für mich die lebenden Zeugen seiner Verirrungen dienen müssen. Doch werden diese befriedigt werden und sie sind es zum Theil schon – – Nur Ein Verhältniß bot und bietet immer noch Schwierigkeiten. In Rom befindet sich eine Frau, von der man behauptet, sie hätte Ansprüche, sich die zweite Gemahlin meines Vaters nennen zu dürfen. Sie soll in der That von einem frühern Pfarrer – dieser – Gegend – ich glaube – Leo Perl – Seligmann erbebte bei Nennung dieses Namens. Jetzt verwarf er alle Ermahnungen seines Gewissens, die unausgesetzt ihm zuflüstern wollten, sich ein Zimmer weiter zurück zu setzen und sich nicht in so ungeziemender Weise in die Geheimnisse der vornehmen Welt einzudrängen. Nicht wahr? unterbrach sich der Präsident, als suchte er sich der Richtigkeit des Namens zu vergewissern. Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geistlichen nicht mehr, der sie traute –! bemerkte Terschka. Der sie traute – haha! Das ist es! Mit meinem Vater 11 nämlich traute, lieber Sohn! sagte der Präsident. Es handelt sich um eine Frau, die nichtsdestoweniger, daß sie sich Frau von Wittekind-Neuhof zu nennen berechtigt sein will, doch 1843 von Kassel aus nach Paris flüchtete und dort eine neue Heirath einging mit einem spanischen Granden, leider einem Granden ohne Vermögen, dessen langer Titel sie lockte. Von der schweren Sünde der Bigamie, scheint es, will die römische Curie die Herzogin von Amarillas freisprechen und sich jetzt plötzlich für ihre erste Ehe entscheiden! Keineswegs, Herr Präsident! sagte eine rauhe Stimme. Ohne Zweifel war es die des Mönches Maurus. Bigamie –! Zwei Männer auf einmal! Löb Seligmann schauderte vor einer Situation, die ihn zum Zeugen solcher Enthüllungen machte. Dennoch blieb er – mit nur gespannterem Interesse. Der Präsident in seiner Anklage gegen Rom sich mäßigend, fuhr fort: Allerdings gestehe ich, Herr Provinzial, in dem Interesse, für welches Herr von Terschka auftritt, nicht völlig klar zu sehen und wieder nicht in dem, wofür Sie beauftragt sind. Ich weiß und will es nicht leugnen, diese sogenannte Frau von Wittekind soll von meinem Vater zwei Kinder besitzen; als Herzogin von Amarillas war sie gewissenlos genug, beide zu opfern. Von meinem Vater muß ich leider dieselbe Gewissenlosigkeit eingestehen; er machte sich aus den Folgen seines – Temperaments – keine Sorgen. Diese Kinder, denen ich ihr Dasein und eine gewisse Berechtigung auf meine Anerkennung als natürliche Geschwister nicht im mindesten bestreiten will, überließ er dem Zufall, der sie dann auch wirklich seinen Augen ganz entrückte. Jetzt soll eines dieser Kinder entdeckt sein. Von wem entdeckt? Entdeckt in einem Augenblick, wo die Herzogin von Amarillas in Wien aufzutreten gedenkt, in Wien, wo, wie überall, 12 Gesetze gegen Bigamie herrschen, falls – die Casuistik der Curie nicht hilft! Doch, wie gesagt, räthselhaft ist mir weniger eine Schwester, die ich haben soll, als die nähere Absicht der Entdecker derselben. Die Gemeinte ist eine gewisse Angiolina – Pötzl, glaub' ich, ein Mädchen, das, wie Herr von Terschka sagt, vom Grafen Hugo vor Jahren angenommen worden – es war – wol, mein' ich, bei einer – Kunstreitergesellschaft –? Auf dies auffallend scharf betonte Wort trat eine Pause ein. Terschka schien die Frage überhört zu haben. Graf Hugo, fuhr in immer mehr sich steigernder Schärfe der Präsident fort, hat an dem Kinde edel gehandelt. Es wurde von jener sogenannten Frau von Wittekind, meiner Stiefmutter –! mitten auf der Landstraße verlassen – freilich bei der Flucht der kasselschen Oper damals – Ich vergaß Ihnen zu sagen, lieber Sohn, Frau von Wittekind-Neuhof war ursprünglich eine italienische Sängerin! Hörten für Löb Seligmann schon lange bei Nennung des Namens Leo Perl die Gewissensscrupel auf, so fühlte er nun die behaglichste Wärme, sowol unter seinen bunten Decken und auf dem gepolsterten Sessel, wie vor Antheil am Vernommenen selbst. Ein Uebergang der Enthüllungen in die Sphäre der Oper! Eine italienische Sängerin! Er gedachte der berühmten Henriette Sontag, die eine Gräfin Rossi geworden war. Graf Hugo, fuhr der Präsident fort, hat sein Pflegekind lieb gewonnen, so lieb, daß er nicht abgeneigt sein soll, seine Gemahlin daraus zu machen. Sie irren! unterbrach Terschka. Doch! doch! ließ sich der Präsident seine Behauptung nicht nehmen. Das ginge auch ganz nach Wunsch, wäre nachgewiesen, daß Angiolina Pötzl eine rechtmäßige Freiin von Wittekind wäre. Von Herrn von Terschka wird mir das Ansinnen gestellt, die 13 Wendung der Finge möglich zu machen. Ist dies der Antrag des Grafen Hugo selbst? Offen gestanden, ich kann es nicht glauben. Würde er in Wien nicht seine Schwiegermutter mit einem Proceß auf Bigamie empfangen müssen? Auf diese scharf betonte Hervorhebung aller Dunkelheiten der in Frage stehenden Situation trat eine Pause ein. Aber mochte sich auch Seligmann diese Pause mit noch so viel stürmischen Passagen füllen, sein musikgeübtes Ohr hörte die Accorde nicht, die in Bonaventura's Innern auf und nieder wogten und riefen: So sprichst du, du – von Bigamie! Du, mit dem sich vielleicht – meine eigene Mutter in der gleichen Sünde befindet –! Graf Hugo, fuhr der Präsident fort, wird jetzt so reich, daß er unmöglich für sein Pflegekind blos eine Ausstattung, unmöglich nur Geld begehren kann. Meine junge Stiefschwester soll schön und gebildet sein. Herr von Terschka verglich sie schon lange mit jener abenteuernden Lucinde, von der Sie, lieber Sohn, vielleicht schon hörten – sie war der Anlaß zum Tode meines armen Bruders Jérôme. Jene Dame meine ich, von der man sagt. daß sie jetzt plötzlich in Witoborn wieder aufgetaucht ist. Wieder trat auf diese gelegentliche Anmerkung eine Pause ein. Schwerlich würde der Musikschwärmer Seligmann, wenn er mit den ebengehörten Worten auch deren Eindruck auf die Hörer hätte belauschen können, ein Tonbild gefunden haben, das dem wilden Sturm entsprach, welchen sie in dem Herzen Bonaventura's aufregen mußten – Lucinde in Witoborn! Inzwischen sagte Terschka wie zu einem, der daran zweifelte: Ja! das genannte Fräulein war vorgestern auf Münnichhof. Aber Sie erwähnen sie nicht zu ihrem Vortheil, Herr Präsident! Es ist eine Reihe von Jahren her, daß Graf Hugo und ich Ihrem Vater und diesem Mädchen, seiner damaligen Begleiterin, 14 am Strande der Ostsee begegneten. Wir kauften dort Pferde ein. Mein Freund, der Graf, besprach mancherlei, was zu seinen hiesigen Erbschaftshoffnungen gehörte und worüber Ihr Herr Vater, der Onkel und damalige Vormund der Gräfin Paula, Auskunft geben konnte. Auf jenes schöne Mädchen, das unter seinem Schutze reiste, kam die Rede. Allerdings verglich ich sie mit Angiolina. Der Kronsyndikus gerieth über meine Analyse in die größte Verwirrung. Die Nacht soll er eine aufgeregte Scene gehabt und nur von seiner zweiten Gemahlin gesprochen haben. Das aber wie von einem Wesen, dessen Vorhandensein aufs allerschwerste sein Gewissen drückt! Ich bestreite dies nicht, nur irren Sie sich in einigen Punkten! fiel mit seiner frühern Schärfe wieder der Präsident ein. Jene Lucinde verglichen Sie nicht nur mit Angiolina, auch mit jener so unrühmlich bekannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom! Darüber kam dann der Schrecken meines Vaters; der Name Fulvia Maldachini war der frühere Name der Herzogin von Amarillas. Von Ihrer Angiolina scheint er nichts gewußt zu haben. Seligmann sah jetzt im Geist echt italienische große Oper. Maldachini –! Welch ein Klang –! Der Präsident, der immer mehr in eine beinahe drohende Vortragsweise kam, fuhr fort: Der Stand der Dinge ist der: Mein Vater hat, als er noch bei Geisteskräften war, vor einigen Jahren eine Generalbeichte beim ehrwürdigen Pater Maurus hier niedergelegt. Diese war so inhaltsreich, daß sie nach Rom geschickt werden mußte. Dort scheint sie einflußreichen Personen bekannt geworden zu sein – Nur meinem General! unterbrach der Pater. Des Präsidenten Lächeln konnte Seligmann nicht sehen. Er durfte es aber aus einem leichten Husten abnehmen, nach 15 welchem der Präsident fortfuhr: Jedenfalls erfuhren Personen davon, die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas mehr Interesse zu haben scheinen, als die vielleicht sehr vernünftige Frau selbst, welche wenigstens seit Jahren nicht mehr die mindeste Erinnerung an Schloß Neuhof verrathen hat. War ihr Gedächtniß früher zu schwach für zwei Kinder, die sie in Deutschland zurückließ, wie sollte es jetzt aufleben für das Bekenntniß einer Schuld, die vielleicht die römische Curie, nicht aber die bürgerliche Gesetzgebung verzeiht! Der Herzog von Amarillas war arm. Ein echter Grand von Spanien, besaß er nur seinen Namen, der in seiner ganzen Vollständigkeit acht bis zehn Güter repräsentirte, die für ihn im Monde lagen. Mein Vater schickte damals bedeutende Summen nach Rom; in frühester Zeit wurden sie erbeten, in späterer gefordert. Dann plötzlich verhallte alles, was für ihn dort drohend genug laut geworden. Wer ist es nun jetzt, der plötzlich dort wieder Sprache gewonnen hat, wer redet nun jetzt durch Sie, Herr von Terschka –? Angiolina ist so liebenswürdig, unterbrach Terschka aufs eiligste, daß ihr die Auszeichnung, mit Ihnen verwandt zu sein, an und für sich schon zu gönnen ist. Wer ist Ihr Auftraggeber? drängte der Präsident. Ich – wich Terschka, ohne Zweifel lächelnd aus – ich kann nur sagen, man wünscht, daß ich in aller Stille die Verhältnisse sondire, namentlich das Factum herstelle, ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmäßige Stiefmutter ist. Die weiteren Folgerungen daraus, gesteh' ich, liegen meinem Verständniß gänzlich fern. Löb ersah Terschka's ihm bekannte diplomatische Schlauheit. Nun wohl, Herr Provinzial! wandte sich der Präsident an den Mönch. Sie sehen, alles geschieht, um das Siegel von jener Beichte, die Sie empfingen, zu brechen. Ihr 16 Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt, den Inhalt dieser Beichte zu erzählen, aber Sie sollen – so ungefähr, denk' ich mir, schrieb man Ihnen – nach dem wirklichen Zusammenhange aller dieser Dinge forschen. Wohlan denn! In Ihrer Gegenwart, lieber Sohn, in Ihrer, Herr von Terschka, leg' ich hiemit die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor, die leider nicht mehr am Leben sind; sie haben der sogenannten Vermählung meiner Stiefmutter beigewohnt. Dann aber bitt' ich Sie, Herr Provinzial, lesen Sie sich in die Handschrift des edeln Dechanten von St.-Zeno hinein, des Herrn von Asselyn in Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, und theilen Sie uns später diese Zuschrift mit, die ich gestern Abend noch, auf eine Stafette, die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte, erhalten habe. Sie wird uns über diese Ehe und über Leo Perl's dabei gespielte Rolle die genügende Auskunft geben. Löb mußte aufstehen. Es war in der That zu viel, was hier auf seine Wißbegierde einstürmte. Er bedachte: Erfährt man je, daß du ein Mitwisser dieser Familiengeheimnisse bist, so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich auf irgendeine andre Art unschädlich, wie jenen Lauscher in den »Falschmünzern«. Er mußte seine Decken lüften, denn er war in Transspiration. Nach einer Weile, während ohne Zweifel Bonaventura voll Staunen oder – voll Besorgniß der Worte seines Onkels gedachte: »Lass' alles das unter Priestern bleiben!« und von Terschka's Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden mußte, begann die rauhe und strenge Stimme des Pater Maurus vorzulesen: »Mein insonderst geehrter Herr Präsident und lieber Herr Schwager! Alles habe ich geahnt, was nach Ihres Vaters Tode kommen mußte! Auch schon zu meinem Neffen, unserm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem 17 abgegangenen Zuschrift darüber ausgesprochen. Es ist ein seltsamer Vorgang, auf den Sie hindeuten, und wohl versteh' ich Ihren Schmerz, Ihre tiefe Betrübniß! Beschämung – sagen Sie? Warum dies Wort – zu – Priestern? Wir Priester der römischen Kirche sind – bei solchen Dingen in – – unserm Element« – Der Vorlesende stockte. Der Präsident sagte, wie es schien, mit Lächeln: Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie überschlagen dürfen! Indessen – – Bonaventura mochte voll Besorgniß der Intoleranz des Provinzials gedenken. Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten, der so freundlich mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am Fall in Kocher besuchte, weil er zu sagen pflegte: »Reinlichkeit ist eigentlich mein erstes Religionsdogma!« »Denn«, fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung über diese Freimüthigkeit zu lesen fort, »denn unsere ganze Kirche beruht ja auf dem, was im Menschen das Natürliche ist. Wer unsere Kirche schildern will, muß vom Fleisch beginnen und im Fleisch aufhören. Die katholische Kirche erbaute Gott zu einer Hülfe für die Sünder. Sie ist in allem deshalb der Gegenpol der nackten Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet. Bei den Protestanten ist die Sünde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im Geist endenden Lehrgebäudes; bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben. Darum liebt der natürliche Mensch den Katholicismus und der Katholicismus wieder« – – Der Provinzial stockte und murmelte. Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen und ergänzte –»den natürlichen Menschen«. 18 Lassen Sie das weg! Lassen Sie das weg! unterbrach der Präsident im Ton seiner andauernden Wallung. Der Mönch fuhr jedoch fort: »Da hatt' ich beim Abschied vom Obersten von Hülleshoven den Streit über die Frage: ›Was ist unser Genius?‹ Seine Gattin Monika hatte mir einst geschrieben: ›Unser Genius ist der Schutzgeist vor unsern Schwächen!‹ Der Oberst sagte: ›Unser Genius ist der Fahnenträger unserer Tugenden!‹ Beide haben Recht und beide Unrecht. Sie hätten sagen müssen, wie der Genius im Menschen entsteht. Was ist der Genius – des Katholicismus – der Genius Napoleon's – der Genius Goethe's?« – Wieder unterbrach der Präsident. Wieder dachte Seligmann, wenn auch schon etwas schwieriger auffassend, an Bereicherungen für Veilchen. »Napoleon war körperleidend«, fuhr Pater Maurus fest und sicher zu lesen fort. »Man kann leidend sein und doch sich ganz beherrschen. Die fallende Sucht aber kann man nicht beherrschen; das ist ein trauriges Naturgebot. Oft mußte Napoleon's Kammerdiener Marchand ihn einschließen; des Kaisers Angst war: Jetzt überfällt dich dein Dämon! Napoleon's Genius war demzufolge der Geist, der ihn trieb, diesem Dämon zu entfliehen. Daher seine stete Unruhe, seine Liebe zum Frieden und doch die Unmöglichkeit, beim Frieden zu verbleiben, daher ein Vorwärtsdrängen, seine Art zu kämpfen, seine Auffassung über Welt und Zeit, sein Aberglaube, sein Wallensteinglaube an Ahnungen, seine Besuche bei Kartenlegerinnen, seine glühende Neigung zu Frauen und seine Kälte im Augenblick der Liebe selbst – Napoleon ist das Leben eines Mannes, der sich unter einem unglücklichen Naturgesetz weiß. Alles, was er that und sprach, war auf dies Naturgesetz: Entfliehe deinem Fluche! bezogen. Goethe ist nicht anders zu verstehen, als aus einem 19 Naturgesetz. Nur bezieht sich bei Goethe sein Denken und Fühlen auf ein anderes Factum – er hatte einen unehelichen Sohn! Diese Möglichkeit und sittliche Gêne mußte er durch seine Dicht- und Weltauffassung vertheidigen. ›Legitim‹ oder ›Illegitim‹ – das wurde sein Grübeln und sein schlechtestes Werk, ›die natürliche Tochter‹ war merkwürdigerweise gerade aus den geheimsten Falten seines Herzens hervorgegangen. Warum plaudere ich das alles? Ich könnte bitter sein und es so ausführen: Unsere ganze römische Kirche ist mit der Zeit allein über den einzigen dunkeln Abgrund der Seele erbaut worden, daß wir Priester nicht heirathen dürfen . . .« Der Provinzial setzte ironisch hinzu: Der Dechant gehört der philosophischen Zeit an! Er will sie auch nur schildern, sagte der Präsident und beruhigte Bonaventura. Dieser drängte auf die Mittheilung nur des Hauptsächlichen aus einem Briefe, der ihm in ängstlicher Weise die immer krankhafter werdende Aufregung des theuern Onkels verrieth. »Ich schildere Ihnen die Zeit, wo unsere Sünden jung waren, die Zeit, wo ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde. Es war gerade, als Goethe, unser damaliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde. Dies eben war Napoleon, unsere zweite Gottheit. Es war in jenem Erfurt, da, wo Goethe vor Napoleon schweigsam stand, der Mann, der ewig die Natur suchte, vor dem Mann, der ewig die Natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem sogenannten ›Parterre der Könige‹ als ein der Diöcese Dalberg's angehörender Priester. Ihr Vater war zu Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone Westfalen bei den alten deutschen Ständen des Teutoburger Waldes. Herr von Wittekind zog vor, in der Nähe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers zu leben. Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann 20 wie aus der Ritterzeit. Die eiserne Hand, die Götz nur künstlich führte, hatte Ihr Vater natürlich. Ich habe gesehen, wie er von einer Tischplatte die Ecke abbog wie August der Starke von Sachsen, dem er leider nur zu sehr glich, wenn ihm auch dessen Sinn für Größe, stolze Haltung und Bedeutsamkeit der Gesinnung versagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Baulust, wie jener den Thurm zu Babel baute, den Rest von Muth austobte, der ihm vom Jagdtreiben noch übrig geblieben. Sein Park, sein Schloß, seine Oekonomie müssen ihm Summen gekostet haben; aber er brachte sie durch Geiz wieder ein. Die Folgen seiner gewaltthätigen Natur, die genug von ihm verdeckt werden mußten, liegen Ihnen jetzt offen vor – die stärkste Prüfung, welche einem Kinde beschieden sein kann, das die Erbschaft seines Vaters antritt« – Pater Maurus besaß den Takt, hier einen Augenblick innezuhalten. Seligmann warf einen ihn still beglückenden Rückblick auf seine eigene vorwurfslose Laufbahn als Garçon. »Der Handel mit Fulvia Maldachini«, fuhr der Mönch fort, »stammt aus jener Zeit einer wilden Philosophie, aus jener Zeit, wo auch in des sonst so strengen Napoleon Heergefolge der alte französische Leichtsinn sich wieder regen durfte. Seine Marschälle waren ehemalige Perrükenmacher und Kellner. Als sie auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten sie nur genießen, wie Perrükenmacher und Kellner, die das große Loos gewonnen haben, eben genießen. Napoleon hatte Verwandte, die er, um eine neue Legitimität zu begründen, auf Throne erhob, während seine Schwestern Courtisanen, seine Brüder Champagnerreisende waren. Der Hof des Königs von Westfalen riß in seinen Strudel Männer und Frauen vom deutschesten Ursprung. Wir waren tief gesunken! Und noch jetzt – im Vertrauen – wir sind ein liebedienerisches Volk, geborne 21 Fürstenknechte! Ich habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen, die einem Nero und Caligula ebenso zuvorkommend würden gedient haben, wie einem Antonin oder Marc Aurel. Ihr Vater, ein junger Witwer – kein Stand ist gefährlicher, als der der jungen Witwen und Witwer – genoß noch einmal seine Jugendjahre. Trotz seines Amtes war er ein Händelsucher, ein Wettrenner, ein Don Juan. Damals besaß ich am Münster von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weise von einem Vicar verwalten ließ. Ich war Priester geworden, wie andere unter die Soldaten gehen. Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte, mein Bruder Max war Soldat. Als ich Priester geworden war, reiste ich in die Welt, war lange in Paris und kam nach Kassel, Erfurt und Witoborn – wie ein Abbé zurück. Goethe, Napoleon und – Grécourt waren meine Gottheiten. ich schloß mich meinem Landsmann, Ihrem Vater an. Wittekind konnte so ansteckend lachen, daß man ihm gar nicht wegen seiner sonstigen Unarten lange zürnen konnte. Wir waren ein Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich später mancherlei Unstern deshalb bestand, ich, ein Priester, entwarf nach Bildern aus Herculanum und Pompeji Zeichnungen, nach denen in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen Rufs lebende Bilder stellten, sondern die Gattinnen der Minister, die Töchter der Gesandten, Deutschlands ältester Adel –!« Eine Pause ließ Löb Zeit, die vorhin gesehene olympische Galerie und die Frömmigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen. »Eine der gefeiertsten Tagesschönheiten«, fuhr der Provinzial zu lesen fort, »war die Römerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sängerin in der italienischen Truppe, die König Jérôme noch neben der deutschen und französischen hielt. Das Repertoire überwachte der Kaiser von Paris oder dem Hauptquartier aus 22 und verfuhr darin ebenso streng, wie bei Bildung der Ministerien, des Heers und jenes Schattens von Repräsentativverfassung, dem Ihr Vater seinen ›Kronsyndikus‹ verdankte. Ich seh' Ihren Vater noch, wie er die Syndikatsuniform zum ersten mal anlegte und den Galanteriedegen umschnallte. Ungeduldig, sich bei Eröffnung der Landstände zu verspäten, war er nahe daran, gegen seinen Bedienten die etwaige Schärfe des Spielzeugs zu versuchen. Der Maldachini sagte man nach, sie wäre besserer Abkunft, wäre durch Umstände veranlaßt worden, ihre Stimme zu verwerthen – eine Stimme, die uns Deutschen mehr Entsetzen, als Bewunderung einflößte. Sie hatte, so jung und schön sie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die mit Proserpina bis in den Tartarus hinunter zu steigen schien. Das Theater erdröhnte zwar von Beifall, wenn sie ein: Perfido! knirschte; aber ein Dolch lag gleichsam neben jeder Note, die sie sang und besonders – wenn man einmal nicht applaudirt hatte« – – Seligmann wußte nichts von Gluck und Piccini. Aber Bellini's »Norma« bot Vergleichungen. Er verstand vollkommen dieses »Knirschen« und namentlich beim Nichtapplaudiren. »Es galt für unmöglich, die Gunst der Maldachini zu gewinnen . . .« las der Mönch weiter. »Das gerade reizte den Kronsyndikus. Die Schönheit ihrer Erscheinung, ihrer Gestalt war mächtig, das Geheimniß, mit dem sie sich umgab, bestrickend. Sie nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, natürlich zuerst seine Geschenke; sein Lohn dafür war nicht mehr als ein Zunicken im Theater. Sie lehnte sich an den Hof, der sie beschützte, an die große Zahl ihrer Verehrer. Der Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwäche für sie. Feste bot er ihr an, die sie auch annahm. Er ließ sie zur Fastenzeit, wo die Bühne geschlossen wurde, und in den Sommerferien in sechsspännigen Carrossen nach Neuhof kommen. Sie, Herr Präsident, 23 und Ihr seliger Bruder waren damals auswärts. Die stolze Sängerin wohnte auf Schloß Neuhof wie eine Fürstin. Nichts aber entlockte ihr eine Zärtlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbetheuerungen, die ihr, wie Lauscher mich versicherten, der Freiherr auf den Knieen gemacht hat« – – »Lauscher versicherten« –! Seligmann erbebte. Wo wol anders als hier in diesem Cabinete waren die Orte, wo man auf Schloß Neuhof lauschen konnte? »Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden. Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der That, der Freiherr von Wittekind beschloß, sie zu heirathen« . . . Löb sah den Eindruck dieser Worte –! Sah Terschka's triumphirendes Lächeln. Mit einer Stimme, deren Sicherheit deutlich verrieth, daß in allen diesen Mittheilungen für ihn nichts Neues lag, las der Provinzial weiter: »Dies Heirathsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage. Man hatte nicht im mindesten das Gefühl, als ob diese Napoleonischen Zustände nur eine Episode wären. Ein völliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefühls war bei uns eingetreten. Fast wäre Ihr Vater seiner Leidenschaft erlegen, wenn nicht seine Freunde dazwischengetreten wären. Freiherr von Malstatt, Graf von Dohrn, Baron von Liebetreu – alle widersetzten wir uns. Als Fulvia kalt blieb, höhnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren rothen Gewändern, mit dem grünen Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf, den Dolch im Busen, wie eine junge Medea zeigte und bestrickend schön, verheißungsvoll lächelnd wie der beginnende Frühling blieb, da wurde zur Rettung Ihres, wie es schien, fast verlorenen Vaters ein Entschluß gefaßt. Wir verpflichteten uns, eine Farce aufzuführen« – 24 Eine Pause trat ein. Seligmann liebte die »Farcen« nicht. Er stutzte nicht wenig über das, was er jetzt zu hören bekommen würde. »Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch«, las der Provinzial, »als soviel nöthig war, kräftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im Grunde damals alle diese Fremden; sie lebten, im eigentlichsten Sinn des Worts, wie in der Verwirklichung eines Traums. So war auch für Fulvia Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und Wald; nur vom Geld sah sie, daß es das allbekannte echte Silber und Gold war. Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrücksichten einige Jahre lang geheim gehalten werden müßte. Fulvia, die große Stellung, den großen Güterbesitz ihres Verehrers kennend, auch von seinen mächtigen Verwandten wissend, sah ein, daß für gewisse Vermögensverhältnisse, namentlich in Rücksicht auf die vorhandenen Söhne erster Ehe Schwierigkeiten entstehen konnten. Sie willigte in diese Geheimhaltung ein. In dem Dünkel und Siegesübermuth, der sie, wie damals alle diese abenteuernden Fremden, gegen jede Vorsicht blind machte, steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung, daß sie erst von spätern Zeiten die allgemeine Anerkennung ihres Titels als Frau von Wittekind abhängig machen müßte –« Seligmann hörte voll Spannung und erwartete jetzt mit Beben die Betheiligung Leo Perl's an einem Frevel. »Unser Leichtsinn ging nun so weit«, las der Provinzial, »daß der eine von uns künstliche Pacten schloß mit Siegeln von Aemtern, die nirgends existirten, der andere vorgebliche Correspondenzen eröffnete mit Wittekind's Gesammt-Familie, der dritte falsche Dimissorialen des Pfarrers von Schloß Neuhof brachte, die nothwendigen Dispense, die dem Freiherrn gestatteten, sich andern Orts trauen zu lassen – kurz es geschahen Dinge, wie sie nur in 25 einer Zeit möglich waren, wo täglich die größten Ereignisse sich drängten, Throne wankten, Völker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und setzten dies Abenteuer unserer ›noblen Passionen‹ in Scene wie eine Fastnachtsposse« . . . Löb Seligmann schauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten, der solcher Streiche fähig gewesen –! »In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen lernen, eine geniale Natur. Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude –« Löb's Athemzüge wurden ihm jetzt fast selbst vernehmbar. Er mußte aufstehen und zwei Schritte weiter gehen. Dann, um nichts zu versäumen, stand er wieder still und horchte zitternd. »Leo Perl war«, las der Provinzial, »aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts gebürtig und seines Zeichens ein Rabbiner. Sein Aeußeres war ein stattliches. Nach Paris kam er, um in den dortigen Bibliotheken talmudische Manuscripte zu lesen. Ich lernte ihn kennen und schätzen. Im Geiste der Zeit, die nicht mehr der Geist des Deismus, sondern ein Bestreben war, irgendwie aus dem Deismus herauszukommen, standen wir uns nahe. Natürlich waren wir am wenigsten Frömmler; das Leben nahmen wir leicht – ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines Alcibiades nichts nach.« Alcibiades! wiederholte sich Löb und wußte jetzt ein »feineres« Wort zu minder verletzender Bezeichnung des Leichtsinns. »Aber wir hatten ein Bedürfniß des Positiven. Freilich – wir suchten das Positive eher in Indien und an den Quellen des Ganges, als in Judäa und an den Quellen des Jordan. Leo Perl war, halb aus Scherz halb ernsthaft, Kabbalist, was mich als Curiosität anregte. Er sprach die meisten lebenden und 26 mehrere todte Sprachen. Sonst war er aufgewachsen, wie ein echter Rabbinerknabe, in alten Büchern und mikrologischen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geselligkeit fremd, seine zähe Lebenskraft jedoch, sein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm, sich auch dort zu behaupten –« Gott im Himmel –! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem Worte: »Zähe Lebenskraft.« »Perl war zugleich gefällig und interesselos, wie ein Kind. Ihm verdank' ich nicht nur den größten Theil meiner Ausbildung, die Läuterung meiner Lebens- und Kunstansichten – sondern sogar meine Existenz –« Ein Mensch –! rief Seligmann schmerzbewegt. »Durch Perl wurde ich auf das Stift St.-Zeno an seinem Geburtsort aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden. Er begleitete mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege an die Hand, mit Hülfe des Kaisers von Oesterreich diese einträgliche Stelle aus der Säcularisation zu retten und für mich zu gewinnen. Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld ist es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch äußere Beweise meiner Dankbarkeit fügen kann. Plötzlich zog er sich von uns allen zurück. Trotzdem, daß er infolge unsers Leichtsinns Christ werden mußte –« Löb setzte sich jetzt wieder ganz nahe und zusammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang. »Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensätze. Der gewaltige Mann lebte höchst mäßig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur. Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit –« Gerade wie Veilchen –! sagte Löb. 27 »Er aß trocken Brot und sprach anerkennend über die, denen nur Trüffeln mundeten –« Wie Veilchen –! »Er erklärte sich für unfähig, einen vernünftigen Satz zum Druck zu stilisiren und seine zierliche Hand schrieb Briefe voll Geist« . . . Wie Veilchen –! »Perl war der strengste Kritiker, der je beizende Lauge im Urtheil über ein Ganzes mit der Fähigkeit verband, im Einzelnen Tiefe der Absicht und Schönheiten des Details zu erkennen –« Dies Lob wurde für Löb zu hoch und – »beizende Lauge« führte ihn sogar mit unwillkommener Zerstreuung auf Veilchen's antiken Spitzenhandel. »In kleinen Aufsätzen konnte er ein Buch so tadeln, daß man den Verfasser – dennoch lieb gewann. Es war dies die Folge seiner Bonhommie. Vor Lachen wurde ein Kranker gesund, wenn er seine Scherze las« . . . Seligmann hauchte wieder für sich hin: Wie Veilchen –! »Ich nannte ihn den zwölften Apostel, den Christus zum Ersatz für Judas Ischarioth hätte nehmen müssen. Auch versicherte er, sein Vorgänger Judas Ischarioth wäre der unglücklichste aller Menschen gewesen. Er wisse für bestimmt, er hätte Christus geliebt, er hätte ihn mehr geliebt, als Johannes; er hätte Jesus nur verrathen, um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen; er hätte sich erhängt nur ans Verzweiflung, weil ihm ein Werk der Freundschaft mislungen. Würde ihn Jesus, sagte Perl, drei Jahre lang um sich geduldet haben, wenn er nicht Eigenschaften an ihm erkannt hätte, die wenigstens denen der andern Apostel gleichkamen –? So zwischen Ernst und Scherz, bald durch seine Behauptungen erschreckend, bald wieder 28 wohlthuend, konnte Leo Perl plaudern. Wir gewissenlosen Cavaliere – immer ist es mir, als hätten wir nicht Ursache gehabt, uns der spätern Wendung seines Schicksals so zu rühmen, wie wir wol zu unserer Beruhigung im Stillen thaten –!« Leo Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen! sagte Terschka mit einer dumpfen Stimme, die ihm sonst nicht eigen war. Dies Wort schien auf die bindende Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein und die Rolle vorzubereiten, die bei jener »Heiraths-Farce« Leo Perl gespielt haben mochte. Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ! erwiderte der Präsident mit parodirender Ironie. »Leo Perl«, fuhr der Provinzial fort, »wurde von uns überredet, in den Betrug der Maldachini miteinzutreten. Ganz in einer Laune, wie wir sie an ihm kannten, griff er zum Champagnerglase und sagte zu. Wir verlangten von ihm nichts Geringeres, als daß er sich in ein Priestergewand hüllte und in einer entlegenen Kapelle, auf den Gütern eines der Mitverbündeten, bei nächtlicher Weile den Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini traute. Aufrichtig gesagt, ich erstaune noch jetzt über seine Zustimmung. Ich kannte sonst die Gewissenhaftigkeit, die ihn beseelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurtheilung anderer –« Für Löb verlor sich jetzt sein: Wie Veilchen –! und der Spinozismus in Vorstellungen von drei bis fünf Jahren Gefängniß. »Perl war des Ritus so kundig, wie oft kein Domdechant –« Der Provinzial mußte im Lesen gelächelt haben; seine Stimme klang heller. »Die vermessene, wahnwitzige Scene ging vor sich bei 29 Lichterglanz und unter Assistenz eines Meßners, den eine Person spielte, die ich Ihnen nicht nennen will –« Eines Priesters also! sagte Terschka bedeutungsvoll, ohne den Dechanten, der sich jedenfalls selbst bezeichnet hatte, namhaft zu machen. Wie es scheint! bemerkte der Präsident und setzte mit Bitterkeit hinzu: Sie suchen für Ihre Casuistik irgendeine geheime Schraube! Was aber das bürgerliche Recht mit dem Zuchthaus bestraft, wird bei uns das kanonische nicht zum Sakrament erheben –! Doch lesen Sie! Ich bitte – »Eine katholische Trauung muß in dem Ort stattfinden, wo man lebt: dafür hatten wir die Dimissorialien. Sie findet in der Regel des Morgens statt: dafür hatten wir einen andern Erlaßschein. Das in einer Waldkapelle bei Nacht verbundene Paar bestieg seine Kutsche und fuhr zurück nach Schloß Neuhof. Dort lebte es so, wie der Freiherr gewünscht. Einstweilen kehrte Fulvia noch in ihre Stellung zur Bühne zurück. Sie genas eines Knaben, der auf den Namen der Mutter getauft und von einer mir befreundeten Dame erzogen worden ist, die ich bedaure nicht nennen zu können« . . . Frau von Gülpen! blitzte es in Löb auf, obgleich er sich nichts davon träumen ließ, daß auch Bonaventura auf diese Ahnung alle Fassung verlor. Aber der Provinzial fuhr fort: »Die Kämpfe der Maldachini, sich anerkannt zu wissen, gingen mit der Zeit aufs Aeußerste. Sie wurden um so gefährlicher, als sie zuletzt Verdacht schöpfte und mit Entdeckung drohte. Nur weil bei ihren Besuchen auf Neuhof und in Witoborn Perl ihr öfters in wirklicher Priestertracht entgegentreten konnte, wurde sie beruhigt. Der Kronsyndikus hatte in seinen Neigungen keinen Bestand; bald benahm er sich 30 gegen diese Frau wie gegen alle andern – sein Leben auf Neuhof steigerte sich ja bis ins Sinnlose« – Löb füllte die Pause, die entstand, mit dem Gefühl aus: Muß das ein Sohn von seinem Vater hören –! . . . »Bald erfuhr auch diese seine vermeintliche Gattin die gewöhnliche Tücke seines Benehmens. Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und bestand mitten im Gewühl der Flucht des westfälischen Hofes von Kassel 1813 ihre Entbindung. Der Kronsyndikus, sich trotzig an dem Zusammenbruch des Königreichs Westfalen haltend, verstieß sie. Hülflos wurde sie von den Mitgliedern ihrer Gesellschaft in den allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgerissen. Wir verloren sie aus den Augen und für immer. Ihr Vater erzählte mir eines Tags lachend, sie wäre in Paris eine Herzogin geworden. Damals brach jedoch die Zeit an, wo über uns alle ernstere Stimmungen kamen. Unsere mannichfach neubedingten Lebensstellungen riethen uns, unsere Aufführung zu regeln, und so entstand das Bedürfniß, auch über diesen Jugendstreich den Mantel der Vergessenheit zu breiten – zumal da ich später von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr, daß er diese Ehe –« An dieser Stelle war es dem Horcher plötzlich, als hörte er eine Bewegung, die nicht von den Männern im Nebenzimmer kommen konnte, obgleich auch drinnen die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen auszudrücken schienen. Aengstlich sprang er zur Seite und hielt die Decken fest, die ihm entgleiten wollten. Alles war wieder still. Glücklicherweise! Denn gerade die ihm werthesten Stellen der Bekenntnisse des Dechanten konnten ihm durch eine Störung verloren gehen. Der Provinzial hatte inzwischen nicht weiter lesen können; denn Terschka sprach. Terschka sprach von der Ehe und forderte 31 Bonaventura auf, zu sagen, worin die katholische Ehe ein Sakrament wäre, ob durch den Priester oder durch die Verbundenen? Die Lehre der Kirche läßt es kaum zweifelhaft! lautete die leise und mit tiefster Erschütterung gegebene Antwort des Domherrn, der nur an den von Frau von Gülpen erzogenen Sohn des Kronsyndikus dachte. Der Präsident bat um genauere Erklärung. Doch an dieser so hochwichtigen Stelle mußte Löb Seligmann den Schrecken erleben, daß sich jenes Geräusch deutlich wiederholte. Es schien sogar aus jenem der dunkeln Zimmer zu kommen, welches er zuerst betreten hatte. Bebend sprang er zur Seite und fiel beinahe über die Franzen seines improvisirten Hohenpriestermantels. Nun war wieder alles still. Dafür aber waren die Männer nebenan im lebhaftesten Streit über die Ehe und das Sakrament. Der katholische Glaube in allen Subtilitäten, deren genaue Kenntniß von Terschka mehr im Scherz als im Ernst angedeutet wurde, regte den Präsidenten so auf und veranlaßte seinerseits für die Rückhaltsgedanken der Kanonisten so heftige Wortbezeichnungen, daß der Provinzial mit entschiedener Stimme einfiel und rief: Lesen wir wenigstens den Brief zu Ende! Dann fuhr er fort: »Die Trauung selbst war allerdings eine Scene, die uns alle mit Schrecken erfüllte. Die nächtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde! Die Klänge der Orgel –« Löb Seligmann konnte nicht nachfolgen. Der Himmel strafte ihn für die Schuld seiner Väter. Das Geräusch nahm zu, er hörte einen sich nähernden, leise auftretenden Fußtritt – er bekam Gesellschaft! Unwillkürlich mußte er sich zur Erde ducken hinter einem der größern Sessel. Offenbar kam jemand, der gleichfalls die Vortheile 32 der spanischen Wände des Schlosses genießen wollte. Schon war derselbe im zweiten Zimmer und kam leise auftretend jetzt ins dritte. Es war eine Dame – die Herrin des Schlosses selbst, die Präsidentin! Löb sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gönnerin ihn hier ertappte. Die Decken waren ihm bereits entglitten. Beinahe wäre die vornehme Frau darüber gefallen; sie legte sie murmelnd auf die Tische. Sie schien hier schon orientirt zu sein. Es war die Mutter des Domherrn – und doch so völlig ihre Weise jetzt eine andere –! Löb kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd, wie sich die Frau wundern würde, wenn sie seinen Hut – – Gott sei Dank! Sein Hut war in einem Schlosse, wo er sich so heimisch fühlen durfte, auf seinem Zimmer geblieben! Die Präsidentin nahm, wie er selbst, an der Wand Platz und schien so vertieft in die Worte, die der Provinzial las, daß er es wagte, das geringere zu wählen zwischen den beiden Uebeln: Entdeckt zu werden oder über Leo Perl keineswegs völlig ins Reine zu kommen. Er mußte letzteres vorziehen. So kroch er auf allen Vieren in das nächste Zimmer, richtete sich dort behutsam auf, schlich in das erste Zimmer zurück und fand, wie er erwartet hatte, nunmehr an der Thür, die auf den Korridor führte, einen Drücker. Eben jetzt erst mußte derselbe von der Präsidentin aufgesetzt worden sein. Sanft folgte die Thür dem Druck seiner Hand. Nun, sah er wohl, fehlte der praktikable Handgriff draußen! Leise zog er die Thür wieder an sich und verschwand. Er war befreit! Die hellste Mittagssonne schien. Sie schien so frühlingsahnungsreich, so erlösend von allen Banden des Winters und 33 des Todes, daß er glaubte von einem Traum erwacht zu sein. Zu dem, was ihm noch an Vervollständigung der merkwürdigsten Geheimnisse seines Lebens fehlte, fügte er lieber das Gefühl hinzu, im Sichern zu sein, unentdeckt auf Fährten, die ihn leicht hätten aus seiner gegenwärtigen glänzenden Laufbahn entfernen können. Schloß Neuhof wurde ihm zum »Schloß Avenel«. 34 21. Also du – mein brauner Zigeunerknabe –! Du, Benno, der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen, betrogenen, bemitleidenswerthen Frau –! . . . Der Bruder einer Angiolina, die das Schicksal bereits in die wildesten Strudel warf und die gleichwol noch eine Gräfin von Salem-Camphausen werden kann, wenn ein ruchloses Gaukelspiel – – doch, doch nicht völlig misglückte! »Was du auch in diesen Tagen von mir hören dürftest, ich war schwach – um der Liebe willen!« – hatte mir der Onkel geschrieben – Aber nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren heiligste Forderungen du nicht verstandest! Das war ein Hohn, gesprochen den Gesetzen der Natur! Die Natur willst du preisen? Nur in den Sinnen hast du sie gefunden! Onkel, Onkel, Theurer, dessen milde Hand ich so gern küssen möchte, warum hast du uns das gethan –! So, tiefschmerzlich und bei alledem hochaufjauchzend freudig, rief es in Bonaventura's Innern bei den vorgelesenen Mittheilungen des Dechanten an den Präsidenten, während auch nicht einer der übrigen Hörer die Menschlichkeit besaß, zu fragen: Was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der, wenn er am Leben blieb, jetzt etwa achtundzwanzig Jahre zählen müßte? – Sind euch die Sünden des Mannes, dessen Leben so grauenvoll aufgedeckt liegt, schon so geläufig, daß nicht Terschka, nicht der Präsident, nicht der Provinzial frägt: Wo ist denn nur das erste 35 Kind? Der Sohn der Herzogin von Amarillas? Was wurde aus ihm? Hatte also Benno Recht, so oft er sprach: Alles das muß in den Beichtstühlen verborgen liegen –! Terschka, der glatte, jedem ausweichende, immer lächelnde Sendbote, der sogar das Herz einer Armgart bestrickte – wie hält er so seltsam geheimnißvoll die Fäden aller dieser Wirren in der Hand –! Nennt er vielleicht doch noch plötzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebührt – Benno, dessen Ehrgefühl so krankhaft ist, wie Verdacht in der Liebe –? Nimmermehr dürfen diese Schleier gehoben werden, ohne daß es Benno will –! Nie, nie darf ihn dieser gräßliche Fluch seines Daseins überraschen auf dem Boden, auf dem er lebt –! Der Kronsyndikus, der Mörder des Deichgrafen – der unnatürliche Vater, der den Sohn nie wiedersehen mochte, nie sich um ihn gekümmert –! Erführe das Benno, er stürmte fort von diesem Schauplatz der Lüge, die selbst deine spätere liebende Sorgfalt, Onkel Franz, nicht veredelte –! Furcht war es wol, was dich bestimmte, Benno's Ursprung so zu verbergen –! Die Zeiten hatten sich geändert, der Onkel wollte das Stift St.-Zeno erhalten und erinnerte sich, daß er jetzt den unbescholtensten Priester zu spielen hatte. Ohne Zweifel bat er den Bruder Max, als dieser aus Spanien zurückkehrte, das Kind als sein eigenes auszugeben, das er von dort mitgebracht hätte – ohne Zweifel wurde deshalb vielleicht selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen –. Alles bot man auf, die Nachforschungen nach seinem wahren Ursprung unmöglich zu machen . . . Immer und immer wieder mußten Bonaventura's Erwägungen ihn auf jene Scene zurückführen, wo ein jetzt in Amtswürden stehender Priester – der Onkel Dechant! – als Meßner einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung unterstützte, einen Juden – der – zuletzt auch noch ihn selbst, den Klagenden, getauft hatte – 36 Hier verwirrten sich seine Vorstellungen. Kaum hörte er noch der weitern Vorlesung zu. Brachen doch alle diese Thatsachen wie Blitze auf ihn herein! Und dazu noch die Nachricht: Lucinde ist dir gefolgt! Eine Kunde, die ringsum wieder alles in Nacht verdunkelte. Die Conferenz fand statt in jenem Zimmer, wo einst Lucinde und Klingsohr sich hatten finden und vereinigen sollen, um den Kronsyndikus zu schützen. Behagliche Wärme entströmte einem weißen Ofen. Die Sonne schien hell und mild durch die Fenster. Still war alles ringsum. Auf dem Tisch, um welchen die vier Männer saßen, stand Schreibzeug, lagen Federn und Papierstreifen. Terschka zerdrückte in seiner Ungeduld eine Federspalte nach der andern und kämpfte ersichtlich – seine Erinnerungen an das kanonische Recht nicht zu sehr zu verrathen. Scheu blickte er zu Bonaventura auf, als wollte er sagen: Du weißt es doch, daß das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den Ortspfarrer oder dessen zugestandene Stellvertretung und zwei Zeugen verlangt, daß es aber zum Stellvertreter sogar gestattet einen noch nicht geweihten Priester zu nehmen? Das weißt du doch, daß sich das, was an einer Ehe das Sakrament ist, durch die Verbundenen selbst vollzieht und nicht im mindesten durch den bei allen andern Sakramenten als die Hauptsache vorwaltenden Priester? Das weißt du doch, daß sogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an sich überflüssig sind, wenn ein sich selbst einander die Ehe gelobendes und vollziehendes Paar nur einer Messe beiwohnt; ja daß auch eine Messe zwar gelästert und verunreinigt werden kann durch Misbrauch, aber doch ein Opfer bleibt, das sich, richtig ausgeführt, durch seine eigene Kraft vollzieht? Die von einem Priester im Stande der Todsünde gelesene Messe bleibt wirksam – wie sollte die von einem Juden in Priesterkleidern gesprochene einfache Segnung nicht 37 wirksam gewesen sein bei einem Act, wo die heilige Mystik des Priesterthums ganz wegfällt? Hier fand eine Trauung ohne Messe statt, in einer Abendstunde, die sonst nicht Sitte, aber wiederum keineswegs hindernd ist. Endlich – schließt denn der Betrug, den man mit dem Pfarrer spielte, das gläubige und von Zeugen vernommene Ja! der Braut und das von ihr vernommene Ja! des Bräutigams aus? Das Mysterium der Ehe liegt, wie in Adam und Eva, in denen, die aus sich selbst durch die Liebe ein Abbild der Menschheit wiedergeben wollen, nicht etwa im ersten Priester des Paradieses, nicht in Gott, der sie zusammenthat; die Liebenden opfern durch sich selbst, durch die Ehe, also ohne Priester, ohne Gott. In der Ehe ist Gott oder der Priester nur der Empfangende. Beide geben nichts –, sie nehmen nur! Das alles sprach Terschka nicht ganz aus. Auch war er kaum noch so heimisch in den Prüfungen, die einst »Pater Stanislaus« hatte bestehen müssen. Doch las Bonaventura ahnend aus Terschka's Augen, daß er errieth, was er wußte. Bonaventura war in diesen Anschauungen von der Ehe so heimisch, wie der Onkel Dechant vielleicht nur in den Wandgemälden Pompejis. Der im Antlitz wie mit Purpur übergossene Präsident ersuchte den Provinzial weiter zu lesen. Pater Maurus that es – lächelnd: »Eine Scene war es, die uns selbst mit Schrecken erfüllte. Die nächtliche Stille im mondbeschienenen Walde –! Die Klänge der Orgel –! Von einem Mahle kamen wir, das uns Graf Altenkirchen gegeben hatte. Die Diener waren zurückgeblieben. Wir erklärten gegen Mitternacht, vom Kapellenthurm aus im Walde über die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondstrahlen beobachten und eine Windharfe hören zu wollen, die über einen Durchhau der Tannen gespannt war. Ich ging voraus und fand Leo Perl bereits im Ornat, einsam in der Kapelle auf- und abschreitend und mit sich 38 selbst redend. Wahrhaft schön sah er aus in seinem langen Kleide; die Stola, reichgestickt, hing über seiner Schulter. Graf Altenkirchen spielte die Orgel. Fulvia Maldachini wurde nun vom Kronsyndikus hereingeführt; Baron von Liebetreu trug die Schleppe ihres Kleides. Sie schwebte dahin wie Juno, als sie Zeus vor allen Olympiern zu seiner Gemahlin erhob. Bei ihrem Stolz und Glück hatte sie von allem kein Arg. Die Worte, die der Priester deutlich sprach: ›Willst du diese gegenwärtige Signora Maldachini, Marchesina von Montalto, zu deiner Gattin nach Vorschrift der heiligen Mutter Kirche annehmen?‹ verstand sie nicht, aber den Gebräuchen paßte sie auf. Der Wechsel der Ringe, alles erfolgte nach Vorschrift. Leo Perl war so heimisch in dem, was er zu thun hatte, daß wir darüber erstaunen mußten. Auch nicht eine Eigenheit des Ritus ging verloren! . . . Dann gingen wir zum Schloß zurück, scheu und in der That schon erschreckt von unserm Frevel. Die Windharfe, von goldenen Mondstrahlen beschienen, klagte geheimnißvoll über die Tannen herüber. Noch klang die Orgel hinter uns her – Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt, um die Kapelle zu schließen. Wir hörten das Rascheln unserer Schritte auf dem grünen Wiesenplan, wo uns die Leuchtkäfer umglühten. Der Weg war nicht zu nah bis zum Schlosse. Glücklicherweise war die Italienerin in einer so überspannten Aufregung, daß sie uns alle zu sprechen zwang. Es ging französisch, italienisch, deutsch durcheinander; aber wir fanden erst allmählich den Ton des Scherzes wieder. Einer dann aber niemals mehr – Leo Perl –« . . . Der Provinzial hielt inne – um das Gericht Gottes zu bezeichnen. »Der Freund«, fuhr er nach einer Weile gelassen fort, »hatte den Gedanken unsers Betruges, mein' ich, ganz ebenso leichtsinnig ergriffen, wie wir. Sein Geist, bedingt durch Voltaire und die Principien des Zufalls, den die Kabbala lehrt, 39 scherzte über alles, was im Leben Plan und Absicht sein sollte. In Alles müsse man sich blindlings hineinwerfen. Sogar in die Ehe. Ja sogar lächerlich erschien ihm die Anmaßung dieser Italienerin, die ›soviel Werth auf sich legte‹ und ihre Hingebung erst an Bedingungen knüpfen, sie erst für Titel und Glücksgüter bewilligen wollte. Er war auch eitel darauf, sich unsers Vertrauens zu erfreuen. So weit ging seine Lust an der Sache, daß er eine Befriedigung darin fand, zu zeigen, wie vollständig ihm, einem Rabbinen, der Ritus unserer Kirche bekannt war. Was konnte ihm, mochte er damals denken, bei einer Mitschuld so bedeutender Namen geschehen! Geld, glaubte man, würde ausreichen den Handel, wenn er bekannt würde, niederzuschlagen. Da mußten wir denn freilich überrascht werden, als wir plötzlich unsers fröhlichen Doctor Leo Perl's Spur verloren. Er war verschwunden – sogleich nach der Trauung. Wir suchten ihn mit sich mehrender Verlegenheit und erschraken nicht wenig, als wir in Erfahrung brachten, er wäre Christ geworden und befinde sich zu Witoborn im Seminar. Sofort eilte ich ihn aufzusuchen und hörte zu meinem Erstaunen, daß Leo Perl in den Priesterstand treten wollte. Als ich mit ihm sprach, erkannte ich ihn nicht wieder. Scheu blickte er zur Erde und wich allem aus, was ihn an die Vergangenheit erinnerte. Sind Sie aus einem Saulus ein Paulus geworden? fragte ich. Es gibt viel Wege nach Damascus! war seine Antwort. Es war kein Zweifel, daß für ihn der Weg zur Erleuchtung durch die Mondscheinnacht in Altenkirchen gegangen war. Hat Sie unser Frevel so erschreckt? fragte ich. Haben die Meßgewänder Sie zu unserm Ritus herübergezogen? In der That, er verrieth, daß er sich hatte taufen lassen – im Schauer über seine That, im Schmerz um seinen Leichtsinn und wie von Christus selbst darum angeredet und ermahnt und wie verfolgt von einer gespenstischen Furcht. Er 40 sprach wie Augustinus in seinen Bekenntnissen. Wie diesen sein künstlich sophistisches Redneramt mit Gewalt zum Ernste gezwungen, so geschah es ihm mit seiner falschen Rolle. Die Windharfe hätte ihm, sagte er, gerufen, was dem Redner Augustinus, als er unterm Feigenbaum in Mailand über sein stetes Lügen und rednerisches Prahlen weinte, die Kinderstimmen aus dem Nachbarhause riefen: Nimm und lies! Nimm und lies! Als ich seinen Entschluß lobte und ging, wollten andere sagen, sein Entschluß wäre nur aus Furcht vor einer weltlichen Strafe hervorgegangen; noch andere, der Kronsyndikus, der die Entdeckung zu fürchten anfing, hätte ihn zu diesem Schritt mit Geld bestimmt. So viel ist gewiß, daß Leo Perl seine erste Messe nach unser aller Wunsch im Münster von Witoborn lesen mußte, nur damit die gerade anwesende Maldachini ihn sah. Mir gegenüber wollte Perl einmal behaupten, die Ehe derselben wäre gültig –! In unserm lebhaften Streit darüber unterbrach uns der Besuch seiner Verwandten. Perl hatte eine Jugendgeliebte gehabt, an die er Briefe schrieb, wie Plato an Diotima, ob sie gleich ein einfaches Judenkind war. Er malte sie sich wie ein hohes Phantasiegebilde aus, das er freilich desto leichter aufgeben konnte. Seine Verwandten fingen deshalb an, ihn aufs heftigste zu bestürmen. Eines Tages erschien ihm sogar am Fenster eines seiner Zimmer im Convict gegenüberliegenden Hauses seine ehemalige Geliebte, geschmückt wie Esther, das Haar voll weißer Perlen und vom bräutlichen Schleier umwunden. War es Traum oder Wirklichkeit, der Eindruck auf ihn wurde so mächtig, daß er zum Rector, dem spätern Bischof Konrad, eilte und sich ihm zu Füßen warf mit der Bitte, ihn wieder freizulassen – er könne nicht Priester werden.« Der Provinzial hielt einen Augenblick inne. Nicht nur von Bonaventura's, auch von Terschka's Brust rangen sich Seufzer los. Letzterer gab sich sogleich den Schein, als wären diese Töne 41 nur die zufällige Folge des durch die Spannung hervorgebrachten Zurückhaltens seiner Athemzüge. »Der gute Rector des Seminars«, las der Provinzial weiter, »war zu dieser Freilassung gern bereit. Da jedoch soll Ihr Vater mit seiner gewohnten Gewaltthätigkeit dazwischengetreten sein, Leo Perl auf Neuhof entboten und ihn so in die Enge getrieben, ihn so eingeschüchtert haben, daß Perl, die Rache des mächtigen Mannes fürchtend, zurück ins Convict floh und wirklich Priester wurde. Gleich nach seiner ersten Messe im Münster erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre. Seitdem sah ich ihn nicht wieder. Er verfiel in Hypochondrie, blieb ein einfacher Landpfarrer und zeitlebens von verschlossenem Sinn. Auch mich überschleicht Trauer und Wehmuth, gedenk' ich jener Tage . . . Um den Sohn der Fulvia, um Ihren natürlichen Bruder, tragen Sie keine Sorge! Er lebt in Verhältnissen, die es beinahe zur Grausamkeit machen würden, ihn über seine Herkunft aufzuklären. Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweisungen aus Rom. Diese werden, denk' ich, nicht weiter gehen, als daß er die Wahrheit erforschen soll. Er hat Ihnen einen Bevollmächtigten der Ansprüche Angiolina's in Aussicht gestellt. Theilen Sie von allen meinen Geständnissen, die ich vor Gott und meiner Ehre vertrete, diesem so viel mit, als zu seiner Aufklärung nothwendig ist. Ich wünschte, es wäre ein Priester; denn scheue ich mich auch nicht, vor meinen Mitleviten zu bekennen, was wir täglich ausrufen sollen: Mea culpa maxima culpa! so wünscht' ich doch, die Gräber blieben unaufgedeckt. Was auf ihnen blüht, blüht gesund und schön! Und ist es auch Irrthum und Sünde, woraus es hervorging – es ist! So ist's auch mit unserm ganzen Leben! Wollte man nur Wahrheit pflanzen, würde sie gedeihen – –?« Noch kamen einige Worte des Grußes an Bonaventura und an dessen Mutter – die Lauschende . . . Das Bekenntniß des Dechanten war zu Ende. 42 Die Blicke aller Anwesenden waren auf Terschka gerichtet. Terschka, zu Bonaventura's Schmerz kein Priester, sondern ein Laie – er sollte jetzt sagen, wie weit seine Aufträge gingen. Der Provinzial schien eine völlig neutrale Rolle zu spielen. Terschka drückte die Federspalten, die er auseinander getrieben hatte, eine nach der andern wieder zusammen. Während der ganzen Sitzung, die von seiner Geistesgegenwart beherrscht zu werden schien, hatte sein Inneres keine Ruhe gefunden. Wie stand es doch so seltsam mit ihm –! Er war vorgestern, ehe er auf der Jagd erschien, im Kloster Himmelpfort gewesen und hatte sich dorthin voll äußerster Entschlossenheit begeben . . . Er wollte sich von seinem Orden losreißen, wollte sich Gräfin Erdmuthe anvertrauen, sich in deren Schutz begeben und die Rolle eingestehen, die er auf Roms Betrieb hätte spielen sollen und an deren Durchführung er nur durch seine Freundschaft für ihren Sohn gehindert worden wäre, er wollte sogar die Confession wechseln. Den Muth zu diesen gewagten Entschlüssen gab ihm der trunkene Taumel, in den ihn das Entzücken über Armgart's wunderbare Grille, ihre förmliche Absicht, ihn zu fesseln, versetzte. Armgart mußte schnell erobert werden! Noch vor den Enthüllungen, die ihm drohten! Hatte er erst ihr Ja! errungen, dann kam – bei seinem Charakter – ihr Schaudern vor ihm zu spät. Selbst die katholische Gesinnung Armgart's, die sein Uebertritt aufs tiefste verletzen mußte, schreckte ihn nicht. Mit Hülfe ihrer Mutter, der Gräfin Erdmuthe, seines Freundes Hugo glaubte er alles möglich machen zu können. Er sah sich mit Armgart auf protestantischem Boden, in Berlin, in London, in Amerika, und mit ihr verbunden. Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet. Er hatte seine Leidenschaft gemäßigt und doch nichts unterlassen, was den Wahn des bethörten Mädchens verstärken, ihren Entschluß, ihn von ihrer 43 Mutter abzuziehen – durch ihren eigenen geistigen Tod! – befestigen konnte. Zitternd war sie an seiner Seite hingeschritten. Im Waldesdunkel, verführt vom Reiz der Einsamkeit, hatte er gewagt, zärtlicher ihren Arm zu ergreifen. Da erschreckte ihn der Mönch, der ihnen gefolgt war, Bruder Hubertus. Er gesellte sich zu ihnen, ließ sie nicht wieder allein, ja Armgart hielt ihn absichtlich fest, nur um nicht gleichsam von einem Thurm, auf dem sie sich zu befinden glaubte, himmelhoch niederzustürzen. Armgart versprach dann zur Jagd zu kommen. Es war, als müßte sie sich besinnungslos in den Strudel des Lebens werfen. Nur um alles vergessen zu können, was sie ihrem Opfer zu Liebe that und thun zu müssen glaubte, raste sie dahin! Denn ein Gelübde nicht erfüllt zu lassen, wie wäre das einem katholischen Herzen möglich gewesen! Aus Dank über eine Krankheit, die Paula bestanden, hatte sie einmal Gott gelobt, funfzigmal an einem Tage die Antiphon » Salve regina « in deutscher Uebersetzung und zwar einen Monat lang zu sprechen. Als sie diese Pflicht nachlässig betrieb, wurde sie von Müllenhoff's mildem Vorgänger als im Stande der Todsünde befindlich erklärt – Wie konnte sie in wichtigern Dingen fehlen –! Terschka war die Nacht beim Verwalter des Stiftes geblieben. Die Furcht, es möchte sich ihm der Mönch aufs neue anschließen, bestimmte ihn, nicht sogleich wieder den Weg zurückzumachen. Am Morgen darauf mußte er zum Provinzial Maurus, dann zur Jagd. Er fuhr sich selbst auf seinem Jagdwagen und jagte querfeldein wie ein von Furien Verfolgter. Wieder redete ihn auch im Kloster Franz Bosbeck an; wieder fragte er nach seinen Verwandten. Und wenn ihm der Lästige das Dreifache in Aussicht gestellt hätte von dem, was er für seine Erben in Bereitschaft zu halten erklärte, er würde ihn wild angefahren haben: Gehen Sie nach Böhmen! Meinen Namen tragen dort Hunderte –! Beim Pater 44 Provinzial bebte er vor der Erwartung, daß er als Priester begrüßt, für etwaige Renitenz von den Vätern vielleicht sogar mit Enthüllung seines zweideutigen Ursprungs bedroht werden würde. Gefesselt an Leib und Seele war er ihm in die Bibliothek gefolgt. Pater Maurus theilte ihm ein über Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit, demzufolge sich Terschka mit ihm verständigen sollte zur Beantwortung folgender Fragen: »Ist Angiolina Pötzl, wie sie von einer Theaterfamilie genannt wurde, die rechtmäßige Tochter der in zweiter Ehe sich Herzogin von Amarillas nennenden Fulvia Maldachini –?« »Welche Umstände haben bei der Trauung der letztern mit dem Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof obgewaltet –?« Beim Lesen der genaueren Motivirungen hatte ihn höchstes Erstaunen ergriffen. Angiolina sollte eine Tochter des reichen, hier vor wenig Tagen bestatteten Kronsyndikus sein! Eine Tochter seiner Gönnerin in Rom –! Hatte man das Interesse des Grafen Hugo für sein Pflegekind wahrgenommen und dem Ursprung dieses Mädchens so angelegentlich nachgeforscht? Warum? Wer stellte die Frage: Ist Angiolina eine ebenbürtig Geborene? Graf Hugo? Nein! Die Frage stellte sein Ordensgeneral –! In der Stimmung, in welche ihn die Furcht vor dem endlichen »Ablaufen seiner Stunde« und vollends jetzt die wildsinnliche Leidenschaft für Armgart versetzte, hätte er wahrlich nichts gethan, den Vätern der Gesellschaft Jesu zu dienen, wenn ihn nicht die Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfüllt hätte. Pater Maurus, als Inhaber der Beichte des Kronsyndikus, die er seinem General in Rom, dem General der Franciscaner, der darin vorgekommenen Reservatfälle wegen hatte zuschicken müssen, schwieg zu allem, was in jenem Briefe angeregt wurde, und er konnte doch wahrlich Terschka mindestens nun für einen Affiliirten der Jesuiten halten! Terschka entschloß 45 sich daher, an einem der nächsten Tage auf Schloß Neuhof durchaus im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schönen Angiolina zu sprechen. In dieser Stimmung machte er die Jagd mit, umschwärmte Armgart mit seinen Huldigungen, begrüßte mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden, zeigte beim Brande, über welchen er kein Arg hatte, seinen gewohnten Thateifer und kam auf Schloß Neuhof an mit dem Schein einer völligen Unbefangenheit. Er stellte sich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm höchst lästig wäre und er nur opponire, um seinen Auftraggebern die unerläßliche Schuldigkeit zu thun. Aber den Präsidenten brachten seine Aeußerungen über die Legitimität der zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung. Ueberhaupt hatte Wittekind die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartet. Sein Ehrgefühl litt schon lange unter dem bösen Ruf seines Namens und vollends gereizt wurde er über die Sprödigkeit, mit der man ihm und seiner Gattin hier begegnete. Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater ein wahres Wohlgefallen. Fast betroffen war er von dem innigen Händedruck, mit dem ihn dieser begrüßt hatte. Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war in der That so aufrichtig betont, daß Bonaventura aufs lebendigste für ihn Partei ergriffen hätte, wäre ihm nicht – der Gedanke an Benno, der nun in wirkliche und, nach seiner Ueberzeugung, legitime Verwandtschaft mit ihm trat, für die Lage seines Gemüths zu bestimmend geworden. Terschka sagte auf die ganze Eröffnung des Dechanten mit einer spitzen und ironischen Betonung nur: Ich bewundere den Muth dieser Geständnisse! Aber ja, ja, die Ehe gilt –! Herr von Terschka! rief der Präsident voll äußersten Unwillens. Gewöhnen Sie sich doch an diese Vorstellung! lächelte Terschka. Sie sollten Angiolina kennen! Olympia in Rom gliche ihr –? 46 Nein, da ist zu viel Kälte! Lucinde Schwarz hier –? Da ist der Verstand zu zergliedernd! Ich versichere Sie, ich gönne es Angiolinen, zu erfahren, daß sie an Jahren älter ist, als wofür sie allgemein gilt – Ein Wort sagt alles: Sie ist ein Engel! Das Fräulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch – ihre Reitkunst! Ich weiß es! sagte der Präsident. Nur die Schuld Ihres Vaters, daß das kaum geborene Kind, dessen Alter, wie man in solchen Lagen gewohnt ist, falsch angegeben wurde – unter – Die Gaukler gerieth! ergänzte der Präsident. Ich werde Sorge tragen, daß an Angiolina Pötzl nachgeholt wird, was versäumt wurde –! Das haben Sie nicht nöthig, Herr Präsident! erwiderte Terschka. Fräulein von Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen. Sonst ist ausreichend für sie gesorgt. Am wenigsten gönnen Sie ihr wol eine solche Mutter, die man bei ihrem Erscheinen in Wien mit einem Proceß auf Bigamie begrüßen würde? Sie kennen die Herzogin von Amarillas? unterbrach Bonaventura, um den Eifer der Streitenden zu mildern. Als ich in der römischen Armee diente, sagte Terschka, sah ich sie oft, und ich gestehe Ihnen, die Gründe nicht zu begreifen, die man haben kann, eine so hochgestellte Dame mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen – Diese Gründe sollten Ihnen unbekannt sein? Vollkommen! sagte Terschka und stutzte über einen wie Hülfe suchenden Blick, den der Präsident auf den Provinzial geworfen hatte. Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters den noch heftigern Ausbruch einer nur mühsam unterdrückten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu. Die Hauptangelegenheit, 47 das Feststellen der vor Jahren stattgehabten Vorgänge war ja beendet; das Aussprechen der Legitimität der zweiten Ehe hing nur von einer Entscheidung der römischen Gewissensräthe ab. Ihn zog es nach Westerhof zu Paula, die nach dem schreckhaften Erlebniß dieser Tage seines Zuspruchs bedurfte. Auch Benno war heute auf dem Schlosse –! Er hatte die mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs, die jetzt einer neuen Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt. Wie bebte er dem ersten Gruße des Freundes entgegen –! Da wir unter uns sind, lieber Sohn, begann, dem Bitteblick erwidernd und das »unter uns« seltsam betonend, der Präsident aufs neue, so will ich eine Vermuthung aussprechen. Ich gelte schon lange für keinen besonders guten Katholiken – Doch als hätte er in diesem Augenblick das Erschrecken seiner hinter der Wand lauschenden Gattin gesehen, verbesserte er: Ich kenne wenigstens meinen Ruf! Die Regierung schenkte mir Vertrauen, und diesem Vertrauen habe ich als Patriot zu entsprechen gesucht. Das Zeugniß kann ich mir aber geben, daß ich meine Religion darum ebenso liebe, wie andere. Meine amtliche Stellung brachte mit sich, nur die Anmaßungen der römischen Curie zu beseitigen; auch da verfuhr ich mit Ueberzeugung. Zum Kirchenfürsten ging ich, weil es meine Gattin wünschte. Offen habe ich ihm ins Auge sehen können, und wenn ich es nicht gethan, so war es, um einen Gebeugten nicht zu kränken. Wir gehören einem gemeinsamen Staate an, der die gegebenen Zustände schont, ohne sich den Verbesserungen zu verschließen. Wollte der Himmel, die Nothwendigkeit der letztern würde nicht zu dringend! Verurtheilen Sie mich nicht, Herr Provinzial! Ich frage Sie – welch eine Institution ist allein schon unsere Beichte, die bis nach Rom unsere geheimsten Athemzüge vernehmen läßt! Ein Rauschen an der Wand hätte ihm den Schrecken der Gattin verrathen können. 48 Erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Provinzial mit düster zusammengezogenen Augenbrauen. Der Präsident beherrschte sich und fuhr fort: Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszusprechen, die ich nicht beweisen kann! So weit aber hat mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie einblicken lassen, daß ich vollkommen zu verstehen glaube, welche Zusammenhänge diesen Belästigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen. Sie glauben, ich würde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, sich meine zweite Mutter zu nennen, anerkennen? Ich würde nicht meine Geschwister an mein Herz ziehen? Sie irren sich! Ich bin dazu bereit, wenn die Ehe wirklich nach bürgerlichen, allgemein gültigen deutschen Gesetzen als richtig geschlossen gelten könnte. Sie kann dies nicht – und ich glaube nicht daran, daß auch irgendjemand von den Betheiligten in Wahrheit interessirt ist, daß dies geschehe. Nicht Angiolina, nicht Benno –? rief es in Bonaventura's Innern. Oder glauben Sie, Herr von Terschka, daß Sie Instructionen erhalten werden, noch eine gerichtliche Untersuchung über den Vorgang, den in so edler Offenheit der Dechant uns erzählt hat, in Angriff zu nehmen? Wahrlich nicht! Grell aufgedeckt, aller Welt bekannt soll dieser Vorfall werden? Oder was schrieben Ihnen darüber – die Jesuiten –? Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf, um auf dies leicht hingeworfene, alle erschreckende Wort lächelnd wiederholen zu können: Die Jesuiten –! Ja! Die Jesuiten! bestätigte der Präsident. Diese sind kürzlich wiederhergestellt worden. Mächtig genug sind sie schon. Aber die Macht des Ordens ist ihm noch nicht wieder die alte! Die übrigen Orden wuchsen inzwischen in zu großer Autorität empor. Von 49 den frommen Vätern des heiligen Franciscus droht allerdings seinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in die Beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch sind Sie angewiesen, die Bemühungen des Herrn von Terschka zu unterstützen! Ich weiß es! Bestreiten Sie es nicht! Die Dominicaner hätten es nicht gethan. Sie würden Ihnen, Herr Provinzial, geschrieben haben: Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab, die den Jesuiten gegenüber eine bei uns niedergelegte Beichte compromittiren könnten –! Herr Präsident –! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der ihm beistehen sollte. Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Präsident fort und strich sich seine grauen Haare, als hätte er das Gefühl, daß sie sich unter seiner zunehmenden Erregung aufsträuben müßten. Ich sage nicht, daß Sie heute überhaupt schon zu Herrn von Terschka's Beginnen ein Ja oder ein Nein verriethen. Sie ließen ihn einfach gewähren. Ich will Ihnen aber Eines nur sagen, was Sie überraschen soll. In tiefstem Frieden über alles, was uns hier beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas –! Ohne Sorge rüstet sich die jetzt hochgestellte Frau zu einer Reise nach Wien. Cardinal Ceccone hat sich seit Jahren an sie und ihren Umgang gewöhnt – Olympia, seine – Nichte – Sie kennen ja die Sage über Olympia – beherrscht die römische Welt und beherrscht ihn und die Herzogin –! Ceccone, wie uns Männern vom Regiment auf unsere alten Tage wol zu geschehen pflegt, ist der Inquisitionen und Dolche müde. Er hat das Seinige für die dreifache Krone gethan. Aus Furcht ist er sogar ein – Affiliirter der Jesuiten geworden –! Und doch, doch thut er dem Orden noch immer nicht genug! Ceccone schließt Concordate, bekämpft die Revolution, bereichert den Index der verbotenen Bücher, verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme, selbst die, 50 die sonst der Mutter Kirche ganz ergeben sind, Ceccone läßt Donner und Blitz vom Vatican selbst über die neuen Eisenbahnen rollen – dem General der Jesuiten – alles das noch nicht genug! Man erwartet, daß Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm Lande vermitteln. Aber die Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr. Ihnen scheint er für Deutschland, für Europa entscheidend. Jetzt oder – erst in einem Jahrhundert? So wollen sie den letzten Rest von Selbständigkeit, den sich der Heilige Vater durch seine nächsten Organe noch erhält, vernichten. Nur den Befehlen des Al Gesù soll er folgen, nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autorität vertreten. Erst sollen Priester, Mönche, Bischöfe sprechen, dann die Staatskanzler. So stechen sie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und Advocaten allerdings voll Weltlichkeit, in die Ferse durch die Drohung: Die Frau, ohne die du nicht leben kannst, die Frau, die der Deckmantel deiner zärtlichsten Fürsorge für Olympia ist, verfällt einem Schicksal, das sie und Olympia und dich selbst an den Pranger stellt: Sie war die Gattin zweier zu gleicher Zeit lebender Männer –! Wozu würde sich nicht Ceccone entschließen, wenn er solche Gefahren von seiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er schätzt und liebt, abwenden muß! Welche Dispense sind da nicht nöthig, um dergleichen Verbrechen zu sühnen! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Theil des geistlichen Ministeriums in Rom, der sich mit den Herzens- und Heirathssachen von hundertunddreißig Millionen Kindern der Kirche beschäftigt! Erkennen Sie nun die Möglichkeit, wie zuletzt dem Staat über solche Intriguen die Geduld reißt! Ich nehme von dem nichts zurück, was ich für die Freiheit der gemischten Ehen gethan habe. Das Rücken des Stuhles, auf dem der Provinzial saß, übertönte ein fortgesetztes Rascheln, das an der Wand hörbar wurde 51 und immer noch niemanden auffiel; selbst nicht dem Präsidenten, der es doch ausdrücklich hören sollte. Wie ergriff jedes dieser Worte Bonaventura im Hinblick auf die Empfindungen, die – eben auch darüber – seine Mutter hätte hegen müssen –! Terschka wagte nicht zu widersprechen. Vollkommen von der Wahrheit dieser Enthüllungen durchdrungen, sah er im Geist seinen löwenmuthigen General, hörte er die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden, sah den Feldherrnblick, der im Al Gesù das Nächste und Entfernteste vom kleinsten Menschen bis zum größten Staatenschicksal zu benutzen versteht, sah, wie Ceccone ihn früher entlassen, so ganz in Demuth und Ergebung vor dem, was aus dem Collegium der Jesuiten kam. Wohlan, fuhr der Präsident fort, ich bin beruhigt, wenn mir Herr von Terschka sein Ehrenwort gibt, vorläufig in dieser Sache nichts weiter zu thun, nicht in Witoborn oder sonst auf den Archiven verdächtigende Nachforschungen anzustellen, sondern nur vorläufig nach Wien oder – nach Rom zu berichten, daß dieser Handel von unsern Auffassungen und Gesetzen abgemacht wird und die Herzogin von Amarillas keineswegs die Frau von Wittekind sein kann! Was aber lähmte Terschka nur die ihm sonst so geläufige Zunge und ließ ihn über die scharfe Betonung des Wortes: »Sein Ehrenwort« erschrecken? Der Präsident sagte noch einmal: Geben Sie Ihr Ehrenwort! Terschka schwieg. Ihr Ehrenwort! Als Cavalier –! Als Terschka auch jetzt noch sinnend niederblickte und schwieg, sprach der Präsident mit ergrimmter leiser Stimme: Ich vergesse – – Herrn von Terschka bindet an seine Obern das Gelübde des Gehorsams –! Die Wirkung dieser Worte war mächtig. Der Präsident erhob 52 sich. Die andern blieben sitzen wie gelähmt. Terschka bleich mit halbgeöffnetem Munde. Selbst der Provinzial mit hoch aufgezogenen Augenbrauen. Bonaventura mit einer Ahnung, die im Hinblick auf – den ketzerischen Grafen Hugo, im Nu – die volle Wahrheit erkannte. Nehmen wir ein Frühstück, meine Herren! sprach im Gefühl seines wenigstens jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Präsident und wollte, scheinbar unbefangen, vorangehen, um die Thür zu öffnen. Die drei Priester waren zwar auch aufgestanden, blieben aber noch immer wie erstarrt stehen. Kein Wort kam von ihren Lippen. Das Wort des Präsidenten konnte für einen Scherz gelten – Man erkannte aber zu deutlich – der Falsche, der Abtrünnige, der »Segestes«, wie ihn sein Vater genannt hatte, war zu diesem Kampfe wohlgerüstet erschienen. Um die Vernichtung Terschka's, der sich, wie mit tausend Dolchen durchbohrt, am Stuhl zu halten suchte, zu mehren, ging der Präsident in leichtem, scherzendem Ton zu den Worten über: Will Graf Hugo seine Güter hier selbst antreten, so würde er allerdings gut thun, sich zuvor in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu begeben, und daß dies geschieht, dafür werden Sie schon sorgen, Herr – Pater Stanislaus! Terschka lachte zwar, als wenn sich der Präsident in Scherzen gefiele, aber sein Lachen wurde vom Beben seiner Lippen als gemacht verrathen. Indessen hatte der Präsident schon geklingelt und Diener traten ein. Nicht lange, so erschien Frau von Wittekind. Man setzte sich zu Tisch. Der Präsident entwickelte eine Heiterkeit, eine Fülle von Kenntnissen, die ihn scheinbar zum Sieger über seine Gegner machte, trotzdem daß er ahnte, wie sich ohne Zweifel mit der Zeit zwei auf Legitimität Anspruch machende Geschwister ihm zur Seite stellen würden. 53 Bonaventura brach früher auf als die andern. Wie hätte er mit Terschka länger noch zusammen sein können! Wie noch länger den Blick ertragen mögen, der in Terschka's Augen der der tiefsten Vernichtung war –! Welche Enthüllungen – Terschka ein Jesuit –! Abgesandt, wie sich ihm sogleich von selbst verstand, zur Convertirung des Grafen Hugo –! Und mit welchen Mitteln sollte er ihn bekehren? Mit welcher Kunst der Verstellung! Bonaventura's Schaudern über Rom ergriff den ganzen Menschen. Sah er auch im katholischen Sakrament der Ehe, das abweichend von den sechs andern Sakramenten, sich ohne den Priester, rein nur durch die Liebe vollzog, wieder seine vollen schönen großen Rosen in den Münstern glühen, was sollte er nunmehr – mit Benno beginnen –? Sollte er ihn lind und sanft auf seine Jugendtage zurückführen? Auf einen – Kronsyndikus als Vater?! Auf eine in Rom unter Verhältnissen, die sich aller klaren Beurtheilung entzogen, lebende Mutter! Auf eine Schwester in zweideutiger Lebensstellung –! Benno, jetzt begriff er es ganz, war der Sohn der Maldachini! Wie auch anders konnte Benno in seinen Erinnerungen das Bild einer schönen Frau haben, die aus einer prächtigen Kutsche stieg und ihn so oft voll Schmerz und Liebe betrachtete –! Wer konnte dies anders gewesen sein, als eben die Frau, die eine rechtmäßige Geburt verbergen mußte –! Als sie bald darauf in die allgemeine Flucht des westfälischen Hofes gerissen wurde, blieb ihr über den erlebten Betrug kaum noch ein Zweifel. Ohne Einsicht in die ihr beistehende Kirchenlehre ergriff sie Furcht, Haß, Scham in dem Grade, daß sie nichts vom Vergangenen mehr besitzen mochte und nun in ein neues Lebensverhältniß trat, vielleicht leichtsinnig genug. Und Benno? Zuerst hatte ihn Max von Asselyn, der aus Spanien zurückkam, als seinen Sohn mitgebracht, dann erzogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die 54 Dechanei. Alles das mußte verabredet sein um des Dechanten willen, dessen Existenz von einer plötzlich strenger gewordenen Censur abhing. Ein Zug der Natur war es nur, daß sich Benno so eifrig die Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte, sich im Italienischen zu vervollkommnen. Und neben Benno stellte sich Angiolina – Eine Rivalin Paula's – denn Graf Hugo sollte ja Angiolina lieben, möglicherweise sogar heirathen – und doch eine Abenteurerin, gewissermaßen eine zweite Lucinde! Lucinde! Sie blieb die immer wiederkehrende, nie zu vermeidende Begleiterin alles Alten und Neuen in seinem Leben! . . . Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch an ihr. – Gefolgt war sie ihm aufs neue wie sein Schatten. Auf Schloß Münnichhof, unter dem Schutze einer Frau von Sicking, wagte sie zu erscheinen. Nichts fürchtete sie von Klingsohr, von allem, was Bonaventura über ihr Leben aus ihrer ihm unvergeßlichen Beichte wußte, nichts. Es durchbebte ihn, gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens. Das war sie und das blieb sie auch und – zu einem glühenden Hassen Lucindens konnte er sich nicht einmal erheben. Nur fliehen mußte er vor ihr. Wer weiß, ob sie nicht rücksichtslos auf Schloß Westerhof erschien, sich Paula vorstellte und die Schmerzen, welche die Leidende sonst in ihrer Nähe sich mehren fühlte, erneuerte. Als er im verschlossenen Wagen seines Stiefvaters jetzt dahinfuhr, nieder zur Ebene, war es ihm, als müßte Lucinde ihm nachfliegen, umschwärmt von Raben, und mit einem Zauberstab auf die Brandstätte deuten – als den Anfang all des Unheils, das sie ihm vorausgesagt hätte. Indessen – auf den Feldern lag ein milder Sonnenschein. Der Frühling fing an sich mächtig zu regen. Die Wälder in der Ferne hatten in einer einzigen Nacht einen Schimmer bekommen, als trieben schon die Bäume ihre verjüngenden Säfte. 55 Heller hoher Mittag war es. In der Ebene mußte er den Schlag öffnen, um ganz die Sonne hereinzulassen. Und wenn es ihm da allmählich wurde, als müßte bis in die Sternenwelt schon die Lerche seines Frühlingsliedes steigen, so war es, weil sich in milder Anmuth Paula's Bild zuletzt doch siegreich auf sein inneres Auge senkte. Es verrollte immer mehr das Gewitter in ihm. Nur noch einzelne Schläge, nur noch das Zucken seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes – dann zogen die drohenden Geister der Luft immer ferner und ferner. Der innere Himmel blaute wieder und all sein Leben ruhte im Blick hinüber auf Westerhof. Nun klagten, in jener allem Dichten eigenen Wonne des Schmerzes die innern Melodieen: Muß ich es ewig sehn! In deine Locken Flicht doch den Kranz dereinst die fremde Hand! Der Myrte silberweiße Blütenflocken – Doch schimmern sie dir einst im fernen Land! Unsterblich Loos, an Sterbliche gegeben, Dich zu umfangen für ein ganzes Leben! O lächle nicht zu hold! Du kannst nicht wissen, Wie mir dein Lächeln Hoffnungsdämmerschein! Wie mir das Licht sich ringt aus Finsternissen Und hüllt die Welt in Rosenwolken ein! Du ahnst es nicht, wie deinem Zauberworte Zu sel'gen Träumen sich erschließt die Pforte! Es darf nicht sein! Es soll nur stumm verhallen! Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag! Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen! Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag! . . . Und jauchzte mir's die Welt – Dennoch: Entsage! Spräch' immer nur des Echos leise Klage. Bonaventura wurde in Witoborn von dem alten Meßner Tübbicke angehalten. Er bat ihn aufs dringendste, erst nach 56 St.-Libori zu fahren, wo Norbert Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete. Eben entbot er ihm einen Vicar. Vielleicht, bat er, hätte auch der Domherr die Freundlichkeit, den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstützen. Beichten, Messen, alles würde in Stocken gerathen, wenn die Krankheit andauerte. Bonaventura erschrak. Nichts kam ihm weniger genehm, als die Aussicht auf Beichthören, und gern billigte er als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar – demselben, aus dem einst Leo Perl gekommen. Er mußte nun den Umweg über St.-Libori nehmen. An der Besitzung der Frau von Sicking, wo Lucinde wohnte, brauchte er jetzt nicht, wie er gefürchtet, vorüberzufahren. Den Pfarrer fand er in der That im Fieber. Müllenhoff behauptete, sich beim Brand erkältet und über des Fräulein Benigna von Ubbelohde »Impertinenzen« geärgert zu haben. In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor seiner Thür gestanden hatten, der Anlaß seiner Krankheit. Als der Gensdarm von der Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert hatte, auch die Anwesenheit des verunglückten Dieners auf Westerhof, auch die jener finkenhofer Lene und ihre bei Mutter Schmeling abzuwartenden »andern Umstände«, da legte er sich ins Bett. Der Geschäfte gab es für den Eiferer so viele. Gerade war der Kirchenconvent gekommen. Er kam, um Strafen zu verhängen, um die neue Tanzordnung für den Finkenhof zu ordnen, um den Jünglings- und Jungfrauenbund für die Ostern einzuleiten. Alle diese Neuerungen mußte Bonaventura auf einen andern Tag verschieben. Müllenhoff, wie sich bei einer so markigen und kernhaften Natur erwarten ließ, wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem Lager. Vor Aufregung und 57 Erhitzung durch den Thee, den ihm die Kathrein zu trinken gab, sah er wie zum Schlagtreffen aus. Bonaventura sprach ihm Beruhigung zu. Besaß doch auch nur er diesen sanften Ton, der Herder's Behauptung widerlegen müßte, daß die Sprache von den Menschen erfunden ist– diesen Ton, der zu den Leidenden tröstend spricht, wie ein Balsamhauch über brennende Wunden fährt, den das Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt, wie der Schmerz seine Klage ausgestoßen; diesen allein tröstenden Ton, den ein Arzt hat, wenn er, ein weiser Heilkünstler, in das Zimmer eines Kranken tritt, den ein Vater hat, wenn er ein Kind an sein Herz zieht und es ermuntert, nur ihm, allein nur ihm seine jungen Leiden anzuvertrauen und die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern. Müllenhoff meinte zaghaft: Ich möchte Ihnen wol beichten –! Bonaventura hielt dies Wort für ein Zeichen der Todeserwartung, für ein Begehren, schon die Sterbesakramente zu empfangen. Er bat den excentrischen Mann, sich nicht aufzuregen. So unterblieb für Müllenhoff das Abschütteln einer, wie es schien, ihn recht bedenklich drückenden Last. Ein normirtes Vespergebet mußte Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten. Das war unerläßlich – Wer zählt die religiösen Pflichten, die sich an die Altäre der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knüpfen –! Kein Gotteshaus, und wär' es noch so klein, es hat seine Ordnung und seine bestimmten Tage, die nur ihm allein angehören. Geburtstage im Kalender der Heiligen (die Geburt eines Heiligen fällt auf seinen Todestag, an ihm war er für den Himmel geboren) gibt es mehr, als im Jahre Tage. So reicht die Zeit kaum aus für die Reihe der Zeugen und Bekenner, deren Gedächtniß die Kirche feiert. Jede Diöcese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs, 58 so festgeordnet auf Ort und Minute, wie die Astronomie die Constellation der Gestirne bestimmt. Der Wittekind'sche Wagen blieb zu Bonaventura's Verfügung. Er fuhr damit nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der Stiftsdamen. Gib Acht, du kommst nach Westerhof und triffst Lucinden schon –! Dieser Gedanke verfolgte ihn. Lange aber hatte ihm eine einfache kirchliche Function nicht so wohlgethan, wie heute nach allen Aufregungen dies stille Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts. Und das hätte allerdings dann den Damen behagt, wenn ihnen Bonaventura auch Beichte abnahm. Sie hätten sämmtlich ihren gewöhnlichen Seelenarzt Müllenhoff mit Freude aufgegeben und dem neuen weit, weit mehr als nur Fastengebotverstöße von sich eingestanden. Wie »bedeutend« hätte sich jede in ihren Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt –! Fräulein von Merwig, die »Anflickerin«, hätte ihren starken Geist gedemüthigt und ein Mittel gegen den Ehrgeiz begehrt, nur um zu verrathen, daß es Dinge gab, worauf sie ehrgeizig sein konnte. Fräulein von Absam hätte »Neid« in der Brust gehabt, nur um damit zu verrathen, worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen. Fräulein Portiuncula von Tüngel-Appelhülsen, eines der jüngern Mitglieder, erst im Anfang der Vierziger, hätte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet, die beinahe wie eine Rache herauskam. Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika, Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien. Aber die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens wichen voneinander ab wie Tag und Nacht. Unbekannt mit diesem Unterschied, ging Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, ob sie nicht bei ihr unter fremdem Namen absteigen und so in Armgart's Nähe einige Tage leben und sich ihrer Nachbarschaft einwohnen könnte, ohne daß sie es wisse. Und auf diesen Brief hatte das Fräulein geantwortet, ganz so steif, ganz so beschränkt, wie es ihrem Charakter entsprach. Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend gefunden, nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hülfe abgelehnt. Aber – dumme Menschen sind immer gefährlich und gerade die klugen Leute – die machen dann auch noch manchmal erst recht die dummsten Streiche –! Portiuncula hatte sich, aus Rache für diese Ablehnung, gestern Abend in ihrer ganzen Glorie gezeigt. Unter Kichern und zweideutigen Anspielungen hatte sie, ganz im Geist des Stiftes, zu Armgart, die seit dem Brand in Westerhof geblieben, gesagt: »Na ja, Fräulein von Hülleshoven, jetzt kann ich Ihnen doch sagen, Ihre Frau Mama ist schon in Eschede! Sie wohnt bei Schönians. Die Müller'n, die Angelika, steckt sogar von Paris aus dahinter! Ja, und von da geht sie noch heute zu Frau von Sicking, und wer, denken Sie, wird sie da eingeführt haben? Niemand anders, glaub' ich, als die Person, die mir mein ganzes Lebensglück ruinirt hat, Sie wissen – die Schwarz! O, ich könnte in Neuhof die Erbin so gut sein, wie andere! Aber wenn Sie morgen Abend in Westerhof beim Thee sitzen, da passen Sie mal auf, dann ist die Mutter da und hält Ihnen die Augen zu! Sie hat sich mit Benigna hinter Ihrem Rücken ausgesöhnt! Und wollen Sie von Ihrem Vater hören, so müssen Sie – aber verrathen Sie mich nicht – zu Hedemann nach Witoborn! Lassen Sie da Ihren Herrn von Terschka doch anfragen – Aber freilich – bei Hedemann wohnen der Herr von Asselyn und Herr de Jonge! Ei siehmal Einer an – Sie Kleine, Sie fangen schon früh an – –!« Und nun kam alles heraus, wie es so ist in der Welt, wenn der Mensch sich einbildet, sein Leben und sein Handeln wäre nur für ihn allein da; alle wissen davon und oft wissen sie mehr, 60 als wir selbst. Könnte man es nur manchmal so aufgedeckt sehen, was man alles hinter unserm Rücken von uns wissen will! Bei alledem – diese Beichten blieben glücklicherweise aus. Es war schon Abend, als Bonaventura in Westerhof eintraf und das Schloß in eigenthümlicher Bewegung antraf. Schon im Vorhause hörte er aufs lebhafteste sprechen. Die Diener standen in Gruppen. Beinahe war das Anfahren seines Wagens übersehen worden. Bonaventura achtete wenig darauf. Er fühlte sich schon erleichtert, kein Anzeichen zu sehen, das auf eine Anwesenheit von Besuch und wol gar auf Lucindens schließen ließ. Herr Domherr! hieß es. Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und Herr de Jonge! Beide lassen sich Ihnen empfehlen und hätten Sie gern noch einmal gesprochen. Ist Benno schon fort? fragte er mit Bedauern. Doch durfte er hoffen, ihn und Thiebold morgen noch in der Stadt zu finden. Ueber Terschka erfuhr er, daß dieser und Benno, Thiebold und der Onkel, wie beabsichtigt gewesen, am Nachmittag das Archiv geordnet hatten. Vom Hof aus leuchteten die Laternen, die, um Unglücksfällen vorzubeugen, die düstere Brandstätte erhellten. Klingeln erschallten von da und dort. Ist doch Paula – nicht – krank? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen, ob dies Klingeln und Laufen der Gräfin gelte – Die Herrschaften sind oben! hieß es ungefragt. Herr von Terschka kleidet sich um, auch Herr von Hülleshoven! Wozu – umkleiden? dachte er. Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm vorüber, blieb stehen und sagte: Sie wissen doch schon, Herr Domherr –? Sein Blick deutete das Gegentheil an. 61 Das Document – die langgesuchte Urkunde – Eine Klingel zwang die Sprecherin, in Eile abzubrechen . . . Bonaventura blieb – mit einem Riß durch sein Herz stehen. Indem trat Onkel Levinus zu ihm heran. Da sind Sie ja endlich! Nun Domherr, sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno? Was ist nur –? Sie hörten noch nichts? Ja! Die Urkunde ist gefunden! Beim Räumen des Archivs. Mußte uns erst ein solcher Brand auf die rechte Fährte bringen! Sehen Sie, so hab' ich mich umkleiden müssen vor Ruß und Brandgeruch! Auch Herr von Terschka! Die Urkunde ist da! Ein Wunder ist's! Staunen Sie nur! Unbegreiflich! Sie wissen doch, die Urkunde, der zufolge Graf Hugo nicht erben soll, wenn nicht die verlangte Religion zutrifft! Paula bleibt demnach die Erbin! Darüber ist jetzt kein Zweifel! Bei allen Heiligen – Wunderbar! Aber kommen Sie! Sehen Sie das Document an! Wir fanden es mitten unter den geretteten Papieren! Schon stand Bonaventura in der geöffneten Thür des großen Vorsaals und – am Weihwasserbecken. Doch hatte er die Besinnung, sich zu benetzen. Die Gruppe, die sich seinen Augen bot, ließ nichts anderes aufkommen. als zunächst den Gedanken: Paula stirbt –! Denn beleuchtet von Kerzen, die von Dienern und einigen Mädchen in die Höhe gehalten wurden, stand Paula mit einer Pergamentrolle in den Händen, leichenblaß, wachsfarben, wie ein Cherub des Himmels und im Chor der Seligen schwebend. Armgart, zu ihr in Andacht und Schrecken aufsehend, hielt sie mit ihrer Linken umfaßt, Tante Benigna mit ihrer Rechten. Paula las zwar, aber ihr Auge stand starr und wie gebrochen. Wie mit Geisterhand geschrieben waren auf ihrer 62 Stirn die Worte zu lesen: » Vorbehaltlich daß die jüngere Linie meinem Beispiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt ist. « Onkel Levinus sprach diese Worte allen hörbar. Als Bonaventura eintrat, erlosch Paula's Auge gänzlich, ihre Kniee wankten, mit einem Hauch des Schreckens verging ihr die Kraft, sich zu halten. Ohne Bewußtsein lag sie in den Armen Derer die hinzusprangen und sie nebenan auf ein Sopha trugen. Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen: Aber die Urkunde ist ja falsch –! Doch auch ihn entwaffnete ihr Anblick. Er kannte so viele solcher alten Urkunden. Diese trug die Spuren ihrer Echtheit unverkennbar. Das Pergament war zermürbt, mannichfach zerbrochen, altersbraun. Die Buchstaben der Handschrift zeigten ganz den steifen Kanzleigeschmack der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege. Während Paula ins grüne Zimmer nebenan getragen wurde, erzählte der Onkel die Art des Fundes, die Ueberraschung Benno's, die Zweifel Thiebold's und seine eigenen Untersuchungen. Aber Terschka –? fragte Bonaventura außer sich. Ist betroffen! natürlich – erschüttert! Es ändert sich vieles – wenn nicht alles –! Alles! wiederholte Bonaventura . . . Der Onkel hörte und sah nichts mehr, als die wahrscheinliche Geschichte einer Urkunde, der sich beugen zu wollen, wenn sie nur gefunden werden könnte, die jenseitige Linie, wie im triumphirenden Gefühl, daß dieser Fund unmöglich wäre, so oft versichert hatte. Er bewies an den Falten und Brüchen des Documents, wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang müsse eingeklemmt gewesen sein an der hintern Wand eines Schubfachs. Er hatte das Siegel der Dorstes nie in so richtiger Prägung gesehen. Drei Sterne fand er wieder, die gerade Maximilian 63 von Dorsts zuerst in das Wappen des Hauses einführte. Er bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften, die zu den gräflichen Gütern gehörten. Längst von ihm geahnte Ursprünge derselben sah er durch diese Schrift jetzt bewiesen. Paula blieb inzwischen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg thränenvoll ihr Haupt. Tante Benigna sagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt schon freudestrahlend: Eine großartige Wendung! Paula – bleibt die Herrin des Ganzen! Das steht nun fest und bleibt unwiderruflich! Und auf ein Wort, das sie eben von den Rücksichten der Etikette beginnen wollte, trat Terschka ein, in schwarzen Kleidern, in völlig veränderter Haltung gegen sonst, bleich wie der Tod. Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszuhalten. Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite, während er aufs neue die Urkunde ergriff. Er wußte, oft hatte man sich von Wien aus bereit erklärt, sich ihr unterwerfen zu wollen, falls sie gefunden werden könnte und überhaupt je ausgestellt wäre. Es handelte sich um eine veränderte Stellung aller Fragen, die Nück bisher vertreten hatte. Es handelte sich um die weitere Erbfolge, die eine völlig andre wurde, wenn sie von Paula, als Herrin, ausging und nicht von der jüngern Linie. Blieb Paula die Besitzerin, so hatte auch die weibliche Linie der Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste Antheil drüben auf Neuhof für die Person des Präsidenten und durch diesen für Bonaventura, sondern auch für viele entfernter wohnende Angehörende. Gerade von dieser Seite aus war lange schon und besonders durch den Kronsyndikus wie eine felsenfeste Nothwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden, daß, wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser großen Güter, weil er nicht katholisch wäre, durchdränge, dann Gräfin Paula seine Hand annehmen müßte , um 64 ihn und die jüngere Linie von ihrem Verfall wieder emporzubringen. Ein solcher Receß nun, wie er jetzt eintrat, gestattete Paula nicht die freie Disposition über ihr Eigenthum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft nahmen an den Pacten einer Ehe theil und legten die mannichfachsten Beschränkungen der vollen Besitzergreifung auch für Paula auf. Paula, die freilich immer die reiche Erbin blieb und höchstens aus freiern Willen, aus Hinopferung ihrer Hand für die jüngere Linie etwas thun konnte – für den Grafen Hugo, den Lutheraner, den Freund Angiolina's – des – Freifräuleins von Wittekind, der Schwester Benno's –! Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens Berufungen; denen ihre Kraft wenigstens jetzt noch nicht gewachsen war. Voll Schrecken und Wehmuth übersah Bonaventura dies Alles. Terschka erklärte nun mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante wohlthuend berührenden Mäßigung seine Ueberraschung durch diesen Schicksalsschlag. Seinen unbedingten Glauben an die Aechtheit der Urkunde verweigerte er vorläufig keineswegs. Er erwähnte die Anstalten, die er getroffen, sofort durch einen Kurier nach Wien die neue Wendung bekannt zu geben, eine Sendung, die man jedenfalls – er verbeugte sich gegen Paula – hoch in Ehren zu halten hätte. Dabei kämpften in seinem Innern die Entschließungen, die er für sich persönlich fassen sollte. Seine irrenden Augen suchten Armgart, welche die ihrigen verbarg. Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehört hatte, lauteten auf »Feuersbrunst« und »falsche Urkunde«. Ein Wie? ein Wo? und Wann? hatte er aus dem Munde keines von beiden erfahren können. Hatte er vielleicht in der That diese beiden Geständnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit Benno's Scherzreden bei jenem 65 Abendspaziergang am Ufer des großen Stroms, die gelautet hatten: »Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist heimisch in unserer Stadt –?« Konnte und durfte er jetzt eine Wendung, die zunächst für Paula eine glückliche war, so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin für ein Werk des Betrugs erklären? Als er Terschka lesen und lesen sah, kam ihm sogar der Gedanke: Hat wol gar ein Verräther der Freundschaft für den Grafen Hugo – ein Jesuit – dies Verbrechen gefördert – fördern müssen – in majorem Dei gloriam  –? Oder liegt den Motiven der That die Absicht zum Grunde: Man reiße Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber, den sie in den Schoos der Kirche führen soll und – führen wird –! Sicherte man sich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung dieses lutherischen Oesterreichers: Paula – und – Angiolina –? Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura. Sie wollte den Rath der geliebten Stimme hören – den Rath gegeben – an Heloisen – vom entmannten Abälard –! Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort. Benno, der bis jetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt von ihr plötzlich die höchste Anerkennung und Thiebold de Jonge verschwand eine Weile vor ihren ihn stets bewundernden Augen. Eine Neigung zum Skepticismus, die Thiebold heute beim Anblick des wunderbaren Fundes – sein Waldankauf wurde dadurch rückgängig – verrathen hatte, verdächtigte ihr Thiebold's Gemüth, sogar seine Grundsätze. Die Tante sprach kein Bedauern aus, daß der sonst so »liebenswürdige junge Herr von Jonge« heute fehlte und nun wol bald für immer fehlen würde. Bonaventura verließ endlich das Schloß, dessen Bewohner sich nicht sammeln konnten. Terschka schien zögernd mit ihm sprechen zu wollen. Er entriß sich ihm voll Grauen. 66 Wie die Nebel um ihn her aufstiegen, wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel sich hüllte, so umnachtet in seiner Seele schritt er dahin und fast den Weg verfehlend. Erst die Glocken von St.-Libori wiesen ihm die rechte Straße. Sie läuteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten-, Leidens- und Osterzeit. In seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das Kirchenjahr noch weiter hinaus – schon bis zum Tag der Verklärung und der Himmelfahrt: Ostern! Ostern! Dein Erwachen Führt nur himmelwärts den Nachen, Aufwärts aus der Erde Noth –! Ach, zu tödtlich ist der Tod –! Wer entronnen seiner Truhe, Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe. 67 22. Etikette – die Tante hatte davon zu Terschka gesprochen – das ist so ein Wort, das uns in Armgart's Welt zurückführt. Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühester Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamsten Ketten. Auch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des »Mangels an Etikette« nie anders ausgesprochen als mit einer Geringschätzung etwa, die den Mangel von sechzehn Ahnen begleitete. Wer in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau erblühten Natur das Geheimniß der Liebe beobachtet hat, weiß, daß sich die älteste aller Weltbegebenheiten im Mädchenherzen wie das Allerneueste wiederholt. Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben. Allerdings zeigt sich ihr dann bald die Tradition in ganzer Macht und sechzehnjährige Oberflächlichkeiten gibt es genug, die dann auch gleich durch das schnellste Annehmen aller über Welt, Leben, auch die Liebe überlieferten Begriffe die angeborne Nichtsbedeutung ihres Wesens kund geben und ebenso fraubasenhaft von der Liebe fühlen und sprechen, wie jede ihrer Tanten. Aber es fehlen auch Erscheinungen nicht, die sich, wie die Schnecke ihr eigenes Haus, aus ihrem Innersten ihre eigene Welt erbauen, Erscheinungen, die oft erst lange nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euern gemeinplätzlichen Entweder-Oders, euerm »Liebe oder 68 Haß«, euerm »Wille oder Zwang, euerm »Natur oder Unnatur«, diesen nun einmal geltenden Gegensätzen angekommen sind. Oft erst kommen sie da an mit gebrochenem Herzen, geknicktem Genius und für immer verbrauchter Lebenskraft. Weiß nun wol Armgart schon ganz, was Liebe ist? Sie sollte es doch wol empfunden haben, wie es thut, im Arm eines Mannes zu ruhen, der von glühender Neigung ergriffen ist. Sie sollte es doch wol wissen von damals, als sie vom Hüneneck herabstürmend in Benno's Arme sank, der sie auffing und so lange hielt, bis sie den verlorenen Athem wiedergefunden hatte. Sie sollte doch wol Thiebold's »Schmachten« verstanden haben und aus dem Pensionsleben vollends es wissen, wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen. Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu verharren. Schon als Kind lebte sie nur für andere – sie lebte für Paula, die sie bediente, der sie half, die sie, so klein sie war, vertheidigte. Der Freundin war sie ein Bannerträger, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen. Und die Tante ließ bei ihr das Gefühl, daß sie doch auch selbst etwas war, nie aufkommen. Sie wuchs auf unter Anklagen. Sie machte sich selbst Vorwürfe, daß sie, wie sie's nannte, überhaupt nur in der Welt wäre. Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb, weil sie in Frankfurt von ihm nur hören konnte. Der kalte, herzlose, unpatriotische, fürstendienerische Egoist –! Armgart hörte ebenso nichts, als daß sie einen herzlosen Vater, eine herzlose Mutter hätte. Sie hörte, daß diese eigentlich ein Leben führten, das eine Beschämung der Verwandtschaft wäre. Ein Wildling wäre sie, sie sollte nur sorgen, daß man sich nicht auch ihrer einst noch schämen müsse. Dem alten Grafen Joseph war sie in der That selten bequem. Geduldet wurde sie in 69 Westerhof nur mit einem steten Gemeistert- und Gestraftwerden. Paula schützte sie, soweit Paula überhaupt Kraft und Willen hatte. Aber mit träumerischem Herzen ging Armgart im Schloß wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelwort, das ihr wurde. Bettina fand doch einen einzigen Freund des verketzerten Goethe, die alte Mutter des Dichters. Mit der »schwärmte« sie für ihn, mit der erfand sie sich eine Idealgestalt und hielt die fest bis auf spätere Enttäuschung. So saß auch wol Armgart auf einem Fußschemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte sich den Vater und die Mutter aus – alledem entgegengesetzt, was ihr täglich von ihnen gesagt wurde; nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rath, kleine Züge des Herzens von ihren so hart Angefeindeten erzählen, Erinnerungen der Kindheit, die ein Mutterherz bewahrt. Paula war die einzige, die zuhörte, wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern und besonders an die Zeit, wo sie ihnen so gewaltsam vorenthalten wurde, ausgetrieben hatte. Der alte Tübbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium, die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzählt. Der alte Oberförster lobte jeden Soldaten, der sich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann, die in fremde Dienste und Länder gegangen waren. Was nur unterhaltend, abenteuerlich, bedeutsam im Leben war, knüpfte sich für Armgart an die Aeltern. Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewöhntes Sprichwort, das man nicht ablegt aus Laune und geradezu Menschen zum Trotz, die sich aus Gründen, die uns nicht überzeugen können, darüber ärgern. Wie dann auf Armgart die Religion wirkte, wissen wir. Die Religion war ihr, wie dem Volk und wie im Mittelalter 70 der ganzen Bildung, ein Anhalt alles Heroischen und Großen. Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums auf öffentlicher Bühne auf, um zu zeigen, daß Tyrannen, wie Herodes, vor Gott nicht bestünden. Was wollten nun diese bösen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Christenthum berechtigten Augenspiegel beginnen –? »Hauspapen«, Französinnen aus klösterlicher Region legten den Grund zu Armgart's Bildung. Das Pensionat in Lindenwerth hatte nur auszubessern. An besonders Neues ging es in dortiger Sphäre nicht. Armgart lernte ein wenig zeichnen, aber auch nur aus sich selbst. Nie, daß sie dafür zu einer Ermunterung kam; nie, daß sie angefeuert wurde, überhaupt einen Werth auf sich zu legen. Sie war so anmuthig, so hold und lieblich – aber das war ja ihre Schuldigkeit! Wie würde sie bei ihrer ohnehin so »schiefen Stellung« »gestanden« haben, wenn sie nun gar noch häßlich gewesen wäre! So warm und innig, wie mit ihr Benno sprach, so schwärmerisch, wie Thiebold, das war nicht die Fortsetzung dessen, worauf sie im Leben früh angewiesen war. Euere Liebe, ihr jungen Mädchen, ist nur das stündliche Eintreffen einer sechzehnjährigen Prophezeiung, die Folge des stündlichen Erwartens einer euch von kindischen Aeltern verheißenen männlichen Huldigung! Seht nur die blasse Klavierspielerin, wie sie am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden mustert und berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bärtchen geht heute schon zum dritten mal vorüber – gilt das dir? Und galt es ihr, so läßt sie auch gleich für ihn das Leben! Sie sagt es wenigstens den Aeltern. Werden nun aber doch die Annäherungen des jungen Mannes von diesen nicht gewünscht, so verfällt sie in einen Zustand »unglücklicher Liebe«, der ein halbes Jahr dauert und mit dem ersten Winterball endet. 71 In Lindenwerth machte es Armgart, wie sonst in Westerhof. Sie nestelte und bändelte und strickelte den ganzen Tag – für andere. Sonst schnitzte sie den kleinen Kindern – sogar den Bedientenkindern Schiffchen von Borke und machte ihnen Püppchen – Schneiderlappen, die der alte Tübbicke aus Witoborn von seinem Sohn mitbrachte. In Lindenwerth hatte sie dann erst, als sie in Erfahrung brachte, daß in jener Gegend die Aeltern angekommen waren, das Bedürfniß allein zu sein oder zusammen nur mit ihrer Lehrerin Angelika. Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben eines besten und einzigsten »Freundes«; Thiebold – war dann nur der dritte im Bunde dieser kleinen Verschwörung gegen die schlechten Menschen und die schlechten Dinge in dieser Welt. Da nun so sagen: In diesen treuen Seelen hab' ich zwei Menschen gefunden, die ich für mich festhalten will und von denen ich den liebsten mir zum Glücklichsein erwähle –! das empfand Armgart nicht. Was gab es denn nicht alles Wichtigeres in der Welt –! »Sie ist kalt!« »entdeckte« eines Tages Thiebold und in der That, ein Kuß war ihr ein Ausdruck der Seele –! Benno, ein halber Verwandter, hätte sie beim Abschied getrost und so lange er wollte küssen dürfen. Eine so wunderliche Mädchennatur muß sich dann auch noch durch ein Gelübde binden lassen! Ein Gelübde ist in der katholischen Kirche etwas Hochheiliges. Die Kirche will in diesem Auslöschen der Freiheit zunächst eine Huldigung für Gott, dann eine für sich selbst. Jede Entäußerung der freien Verfügung über ein späteres Ja! und Nein! des Willens soll sich treu bleiben; selbst die Erkenntniß der Uebereilung, selbst die bitterste Reue soll nicht die Erfüllung hindern; denn so nur erhalte sich die Würde des Altars, dem die meisten Gelübde gewidmet werden, und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in alledem, was zuletzt dann seine heiligste Gestalt 72 im Klostergelübde findet. So blieb Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde ist da, wo meine Aeltern auf mich Ansprüche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum soll ich ihnen beiden die Hand nicht festhalten und ihr Priester werden zum neugeschlossenen Bunde! Terschka stört diesen Bund. Nun wohl! Terschka ist sehr zu fürchten – Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die Freundin meiner Mutter – Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten Gedanken – Ich will sogar Paula glauben, die das Gegentheil versichert, aber Terschka ist voll List – Wohin mich auch mein Gelübde führt, Terschka soll meine Mutter nie beirren. Ahn' ich auch meinen Untergang, lieber opfere ich mich selbst an Terschka und nehm' ihn, falls er mich will. Gott wird schon mein Beginnen »crönen«! So kam es, daß Armgart neulich zu Terschka sagen konnte: Begleiten Sie mich heute Abend nach Hause –! daß sie unterwegs sprach: Soll ich morgen mit auf die Jagd gehen –? Gehen Sie hin –? So kam es, daß sie gestern früh sagte: Wie lange bleiben Sie auf Schloß Neuhof –? daß sie ihm sogar nachrief: Kommen Sie nicht zu spät zurück! Und daß dann auch noch Terschka einen bestrickenden Zug und etwas Unvermeidliches hatte, that das Uebrige zu einem Entschluß, mit dem sie vielleicht unter Tausenden allein steht. »Ich nehme nur Den, welchen ich liebe!« sagte eine Stiftsdame und that unendlich groß damit. Armgart erwiderte darauf: »Trivial –!« Bonaventura war am Abend des Tages, als die Urkunde gefunden wurde, gegangen. Paula hatte sich zurückgezogen. Man fand sich immer mehr in den Fund der Urkunde, wie man sich schon in den vorgestrigen Brand gefunden hatte. Armgart flatterte in der tiefen Verschüchterung ihres Seins dahin. Einmal hörte sie das Wort »Etikette« zu Terschka sprechen, der mit 73 Augen saß, die zwei Kratern eines Vulkans glichen. Glaubt nur nicht, rief sie, daß Paula diesen Grafen Hugo jetzt nimmt! Sie geht in ein Kloster –! Die Tante rief zornig: Und du gehst zu Bett –! Armgart ging, aber sie erschrak vor jedem Fußtritt, der gehört wurde, vor jedem Geräusch im Schlosse. Fräulein von Tüngel-Appelhülsen hatte den Stachel in ihre Brust gesenkt, daß die Mutter schon bei Frau von Sicking wäre. Bei Hedemann würde sie vom Vater hören, hatte es geheißen. In alles, was sie that und sprach, klang das wie ein stürmisches Läuten herein. Hätten nicht Benno und Thiebold bei Hedemann gewohnt, sie wäre schon in aller Frühe zu ihm gerannt. Der Onkel entließ sie zur Ruhe mit einem auf die Stirn gedrückten herzinnigen Kuß. Die Aufregung des Schlosses machte, daß die Diener nicht sogleich zur Hand waren; in ihrer Weise sagte sie darüber: Es geht jetzt wahrhaftig alles bei uns Hott und Tule! Terschka kannte diesen Ausdruck nicht. Armgart, darum befragt und ohnehin mit »schwarzen Seelen« beschäftigt, leitete ihn von den Hottentotten her; für »Tule« fragte sie den Onkel. Hott und Tule? Angeregt wie er war durch seine archivalischen Studien, hörte dieser die Deutung mit großem Erstaunen, begann von Ultima Thule , als dem äußersten Norden der Alten und ließ »Hott« in der That als äußersten Süden gelten. Auf die Art hatte er noch für die Nacht eines jener Objecte, mit denen er in der Sterbestunde seinen bevorstehenden Tod vergessen konnte. Armgart ging in ihren Thurm, erschreckend sogar vor dem Fall ihres eigenen Schattens. Spähend suchten ihre Augen, ob sie auch sicher war vor Ueberraschung. Sie riegelte hastig zu, wie auf der Flucht. 74 Eine Viertelstunde später, als sie fast entkleidet war, klopfte es . . . Wer sollte wol anders so spät noch so vorsichtig klopfen, als Terschka? Sie erbebte und meldete sich nicht. Terschka war es in der That und flüsterte: Fräulein Armgart! Ihre Mutter kommt morgen –! Sie hörte nur. Ich bin morgen früh in Witoborn zum Begräbniß des Landraths! Sie schwieg und zitterte. Haben Sie keinen Auftrag –? Möglich, daß ich erst zurückkomme, wenn Ihre Mutter schon bereits da ist. Mein Gott! Ich bin so unglücklich, die Mutter nicht begrüßen zu können. Aber ich werd's halt schriftlich thun! Küssen Sie ihr doch in meinem Namen die Hand –! Teufel! sprach Armgart mit knirschenden Zähnen und sprang vom Bett herab, auf dem sie schon halb entkleidet saß. – »Küssen Sie ihr doch in meinem Namen die Hand«! Es war dies eine jener so unverfänglichen südlichen Galanterieen, die jedoch in diesem tugendhaften Lande mehr etwas Frivoles als Artiges ausdrückten. Hören Sie denn aber? fuhr Terschka fort. Ja! sagte sie mit erstickter Stimme, doch laut genug, um vernehmbar zu werden. Sie wird oben am Cavaliersaal wohnen! fuhr Terschka fort. Die beiden Zimmer rechts; alles ist vorbereitet, ohne daß Sie ein Wort davon wissen sollen! Verrathen Sie mich aber nicht! Einstweilen müssen meine Blumen als Selam für mich sprechen! Von den Gerichten und Justizräthen rundum komm' ich morgen vor Abend nicht frei und einen Kurier muß ich auch noch von Witoborn in erster Frühe nach England expediren! Haben Sie doch ein wenig Mitleid mit mir –! 75 Nach England, wo die Menschen protestantisch werden und fünfmal hintereinander heirathen dürfen –! dachte Armgart. Vielleicht besaß Terschka nicht ganz das teuflische Raffinement, Armgart's Eifersucht anregen zu wollen, dennoch that er es mit seinen der südländischen Galanterie angehörenden Worten wirklich. Er ließ Armgart im Zustand der Verzweiflung zurück. Nicht nur, daß schon wieder die Mutter vor dem Vater einen Vorsprung hatte – Wie sprach Terschka von ihr! Mit welchem Interesse! War alles, was er Armgart in diesen Tagen an Huldigungen bewiesen, an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte, schon wieder vergessen bei dem Gedanken: Die »seltene Frau«, wie er sie nannte, ist endlich da? Wie konnte dabei das Recht ihres Vaters bestehen? Sie hätte das Schloß wach rufen mögen. Doch wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen, aus Furcht, Terschka stünde noch draußen. Die finsterste und abgelegenste Gegend des Schlosses hatte er als zur Aufnahme der Mutter bestimmt genannt! Ihr Entschluß stand fest, daß sie morgen nicht im Schlosse blieb. Sie wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen. Erst wollte sie bei Hedemann forschen und dann bis auf weiteres zu den Frauen im witoborner Clarissenkloster flüchten. So schlief sie spät ein. Im Traum erschienen ihr die Engel und die Teufel im bunten Gemisch. Auch Hedemann befand sich diesmal unter den Teufeln. Er war ihr bei jeder Begegnung strenger und strenger geworden. Verwarf er doch ganz besonders ihre Grundsätze und ihr ganzes Leben auf dem Schlosse. Er nannte die Art, wie man ihn dort empfangen hätte und wie man noch jetzt die bevorstehende Rückkehr des Obersten entgegengenommen, eine für diesen ehrverletzende. Auf ein Urtheil, das sie, um diese Art der Bewillkommnung zu entschuldigen, 76 über und gegen den Vater auszusprechen wagte, unterbrach er sie mit dem Apostel (1. Kor.): »Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen; denn das ist dem Herrn gefällig –!« Am Morgen erfuhr sie, daß sie nicht allein es war, die eine unruhige Nacht durchlebt hatte. Im Gegentheil, ihre erschöpfte Natur bedurfte der Stärkung und hatte diese in einem tiefen, wenn auch kurzen Schlaf nach Mitternacht gefunden. So hatte sie nichts vernommen von dem Klingeln, das unterdessen alle Schloßbewohner erschreckte. Paula, erfuhr sie am Morgen, war so unwohl geworden, daß man zum Arzt hatte schicken wollen. Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine Nachtwandelnde, hatte mit sich selbst gesprochen und Dinge thun wollen, deren Zusammenhang niemand verstand. Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen müssen. Diese wieder rief den Onkel. Paula weinte, riß die Thüren auf und hörte keine der liebevollsten Beschwichtigungen. Der Onkel nannte ihren Zustand die natürliche Folge des neuen Erlebnisses, die jetzt freiwerdende langjährige Spannung des Herzens und der Furcht. So wäre es immer im Menschen, sagte er; die Gefühle hätten ihre Gesetze, wie die Mechanik! Es mochte sich komisch machen, wie er das so höchst feierlich im großblumig gewirkten grünseidenen Schlafrock sprach. Sein Anblick störte aber für niemanden den erschütternden Eindruck, den Paula machte, die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und geisterhaft dahinschritt und gerade durch ihr Schweigen und das eigene Nichtdeutenkönnen ihrer Thränen alles erschreckte. Gegen Morgen schlief sie ein und konnte dann den Vormittag über nicht gestört werden. Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit. Einer der Diener gestand es Armgart sogleich. Man erwartete die Mutter. Mit den Blumen Terschka's sah es ebenso aus. Sie standen in zierlichen Vasen oben auf dem Tische. 77 Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zurückgelassen. Diesen nahm Armgart an sich, um – sagte sie, ihn selbst abzugeben – Der Tante klopfte sie noch vor dem Frühstück an ihre Thür mit den Worten: Also die Mutter kommt –? Ja, Armgart! hieß es hinter der Thür. Aber ich sage dir, daß ich Schonung verlange! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jüngsten Gericht –! Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel, den Corridor entlang kommend, seine Pfeife und trug unterm Arm große schweinslederne Chroniken, in welche die Urkunde eingelegt war. Richtig, Armgart! Ja, auch das erreicht jetzt sein natürliches Ziel! sagte er. Ordne getrost deine kleine Welt einer höhern unter – heute Abend trifft deine Mutter ein; sei ihr ein gehorsames Kind! Ich bin entzückt von ihren Briefen. Daß sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will, verdenk' ich ihr nicht – Solche aus dem Verstand geschlossene Aussöhnungen erhalten sich nicht –! Als der Onkel dies sagte, erscholl in weiter Ferne eine gewaltige Erschütterung der Luft. Sieh, sieh! unterbrach sich Levinus und horchte auf – Das ist die Salve der Husarencarabiner, die dem Landrath ins Grab mitgegeben wird! Noch eine zweite folgte. Still! So ehrt man einen ehemaligen Krieger –! Eine dritte. Ruhe seiner Asche –! Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging. Armgart dachte bei diesen kriegerischen Ehrensalven an ihren Vater, den Oberst, und blieb um so fester bei ihrem Entschluß zur Flucht. Nur deshalb schwieg sie zu allem und entfernte sich ruhig. Im Laufe des Vormittags entwickelte sich die wunderbare 78 Begebenheit der entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Nachklängen, die dergleichen in den Gemüthern hervorruft. Die einen fanden hier einen Triumph der alleinseligmachenden Kirche; die andern beklagten im stillen eine gestörte Aussicht auf merkwürdige und unterhaltende Veränderungen. Mancher aber auch hätte wieder fürchten müssen, in seinem bisherigen Verhältniß wenn nicht zu Westerhof, doch zu den übrigen Besitzungen der Dorstes gestört zu werden. Diese jubelten. Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur, daß man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewöhnt haben will. Die Tante merkte dergleichen hie und da und sagte einigen der so sonderbar erstaunenden Besucher: Es ist Ihnen wol gar nicht einmal recht, daß wir hier im Besitze bleiben –? Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen, im Herzen zunächst mit dem Gedanken an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schloß unter den Maurern und Zimmerleuten umher und ließ sich ruhig die Reden gefallen, die ihr die Tante hielt und die zuletzt sogar ihr freundlich zusprachen, ja ihr schmeichelten. Armgart, sagte sie fast mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wüßte doch gar nicht, was mir Freudigeres begegnen könnte, als gerade in diesen aufgeregten Stimmungen solch eine Beruhigung! Morgen muß ein Hochamt in St.-Libori gehalten werden – Müllenhoff wird sich schon herausreißen und der Domherr ist ja da – ein Hochamt des Dankes für diese längst ersehnte Stunde! Ich hatte ja nur diese eine Schwester! Liebte sie immer! Ach, eine trostreiche Versöhnung –! Auch Angelika Müller hat mir einen rührenden Brief aus Paris über ihre vorjährige Begegnung mit Monika geschrieben! Monika war immer ein seltenes Wesen! Zu jeder Zeit! Ich glaube, ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen! Ja und wie freu' ich 79 mich auch dieses Besuchs um Terschka's willen! Der Arme muß doch in der That durch den Fund der Urkunde vernichtet sein! Er verehrt deine Mutter so – Das wird ihn emporrichten! Dazu lächelte die Tante. Aber es war nur Schadenfreude und Ironie gegen Terschka und die so übel abgeführte »ketzerische« Linie. Ein Tag war es dann, an sich so hold, an sich so freundlich, so hellsonnig, so ganz gemacht zum Empfang von Glückwünschen, die von allen Seiten kamen. Sogar die Leidenden, die bei dem durch die Brandverwüstung ohnehin gestörten Behagen der Schloßbewohner vollends unbequem waren, wurden heute von der Treppe entfernt, um all die vornehmen Besuche durchzulassen. Durch das Begräbniß des Landraths ließ sich in dieser Sphäre niemand stören. Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern, nachdem sie ihr tägliches Amt verrichtet, das darin bestand, beim Frühgebet die Kissen zu segnen, mit denen sie heilte. Aber sie sagte: Meine Kraft ist hin! Diese Mittel helfen nicht mehr –! Man sprach ihr Muth und Fassung zu. Nein, erwiderte sie, ich bete auch nicht mehr, wie sonst! Ich habe alle Andacht verloren –! Schon kamen die Advocaten aus Witoborn. Sowol derjenige, der gegen Nück processirt hatte, wie der, welcher bisher Nück's Bevollmächtigter war. Viele Andere, die an den Angelegenheiten des Hauses betheiligt waren, fehlten nicht. Ein geschäftlich für den Grafen Hugo einstehender Justizrath war der Frommsten einer und beugte sich tief der Urkunde, die ein Gebot der Kirche enthielt. Der Brand ist hochverdächtig! Die Zerstörung des Archivs hat die Veranlassung gegeben, das falsche Document an einen Platz zu legen, wo man hundertmal es schon hätte finden müssen –! Diese Worte sprach – allein Benno. 80 Er sprach sie aber auch nur, bei sorgfältig von ihm beobachteter Thüre, in Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller Frühe in Hedemann's Häuschen besucht hatte. Von seinem in Rührung vor ihm stehenden, mit seltsamer Prüfung ihn betrachtenden Freunde erfuhr jetzt Benno mehr und mehr. Bonaventura gestand ihm, was auch er dachte. Er gestand ihm sogar, er wisse aus einer Beichte, die er natürlich nicht nannte, daß ein Verbrechen dieser Art, wie es nun vielleicht in Westerhof stattgefunden, irgendwo – den Ort kenne er nicht – im Werke gewesen. Bickert, der noch lebte, durfte nicht genannt werden; aber Hammaker'n nannte Bonaventura. Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief: Ich sage mich von Nück los! Noch heute reis' ich zurück! Es ist ein Schurke! Ich kündige ihm meine Stellung und – ich sag' es ihm auch, warum –! Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie wäre es möglich? Und wie kann man zudem gegen die Ehre und Würde des Hauses der Dorstes auftreten –! Terschka wird es doch thun müssen –! Terschka –?! sprach Bonaventura kopfschüttelnd. Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien –! Was werden sie beweisen können! Und ändert sich denn auch so viel? Man wird in Paula drängen, man wird sie auffordern, bald – bald zu vollziehen, was lange schon für diesen Fall – die Convenienz angerathen hat –! Thiebold kam vom Begräbniß des Landraths und drängte mit den Rüstungen zur Abreise. Er störte den vollen Erguß der wehmüthigen und gegenseitig gar wohlverstandenen Empfindungen. Und wenn auch alles sich ausgeklagt hätte, was hier vergebens nach Worten rang, welcher Rest blieb nicht noch im 81 Herzen Bonaventura's ganz allein zurück – beim Hinblick auf den trauernden Freund selbst –! Als von Armgart die Rede kam, von Terschka's Werbung im sie, erwiderte Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmtheit: Darüber geb' ich dir Beruhigung. Hier seh' ich bisjetzt nur das unbedingt Unmögliche! Benno und Thiebold staunten eines so entschiedenen Wortes. Nach Terschka's durch die Entdeckung der Urkunde veränderter Stellung konnten sich beide in dieser dunklen Antwort einigermaßen zurechtfinden, und doch hatte Bonaventura etwas völlig anderes sagen wollen: – Terschka ist ja ein Priester –! Ein neues düsteres Licht fiel durch Benno auch auf die Erwähnung Lucindens, die nicht ausgeblieben war. Benno betonte ihre Bekanntschaft mit Nück, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und Thiebold versicherten, bereits nahe wieder bevorstehende Abreise – Alles das mußte das Herz der Freunde aufs peinlichste drücken und beunruhigen. Gegen zehn Uhr fuhr Bonaventura nach Westerhof und fand auf dem noch immer brandig riechenden und verwüsteten Schlosse die ganze Lebhaftigkeit, die erwartet werden durfte. Besuche kamen und gingen. Auch von Armgart's Mutter und deren Nähe wurde gesprochen. Gerade mitten im lebhaftesten Gespräch von den Klöstern und während man den sich mehrenden Zustrom zum beschaulichen Leben rühmte – eine der Besucherinnen wußte sogar etwas von dem Noviziat des lieblichen Trendchen Ley in der Residenz des Kirchenfürsten – trat Paula ein. Ihr Blick schien ihm sagen zu wollen: Die Mauern eines Klosters nehmen auch mich auf! In deiner Nähe –! Wo Therese von Seefelden den Schleier trägt, da werd' ich anpochen –! 82 Bonaventura versenkte sich ganz in Paula's Anblick. Er hatte für seine Umgebung weder Auge noch Ohr mehr. Er hörte nicht als es hieß, zwei Mönche hätten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und wären Eremiten im winterlichen Walde geworden. Die Namen der Mönche und den Wald konnte man noch nicht bezeichnen. Bonaventura kannte das Märchen von der versunkenen Kirche. Ihre Glocke klang und klang und niemand wußte, wo die Kirche gestanden. Am Meer sagen die Schiffer, sie läge im Wellenschoos und wie ein mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen bei niedrigem Wasserstand über dem Spiegel auf. Die Jäger kennen eine verlorene Kirche im Walde. Auch da läutet sie unsichtbar. So tönte für Bonaventura jetzt durch alles, was Paula that und sprach und die Welt um sie her that und sprach, nur der Eine Glockenton: Dein bin ich – im Walde – im Meere – im Tode –! Zu Aller Interesse wurde plötzlich Frau von Sicking gemeldet. Bonaventura hörte auch das nicht. Im Walde – im Meere – im Tode –! Paula hatte den gemeldeten Besuch, der zu gleicher Zeit eine Begrüßung von Seiten Lucindens sein konnte, erwarten dürfen. Sie wollte ruhig bleiben, ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf. Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden – schon im physischen Schmerz. Noch ehe Lucinde im Vorsaal sein konnte, fühlte sie wie mit einem elektrischen Schlag die Annäherung ihres Gegenpols. Armgart, die, umirrend wie sie war, Lucinden unten gesehen hatte, war heraufgeeilt, sah schon die Wirkung, die sie kannte, umschlang die Freundin, wollte sie hinwegführen; doch diese blieb und lächelte, wie immer, zu ihrem Schmerz. Die Anwesenden alle – Frau von 83 Böckel-Dollspring-Sandvoß, Frau von Stein, Gräfin Münnich, Gräfin Styrum-Schorum, Fräulein von Merwig, Fräulein von Absam, alle nun schon über Lucinden unterrichteter und die Verhältnisse annähernd übersehend – nahmen Paula's Lächeln für Takt und große Güte. Sie verwiesen mit strafendem Blick dem Fräulein von Tüngel-Appelhülsen ihren laut ausbrechenden Hohn über die »Person, welche« – Lucinde war eine Büßerin und erschien in Begleitung der Frau von Sicking. Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weiblichen Tartüffes gehörte, bei denen man ihrer Unergründlichkeit wegen besser thut, ihre Gottseligkeit einfach anzuerkennen und sie getrost für das zu nehmen, wofür sie erscheinen wollen, ließ Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung, wenn Gräfin Paula von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige Gesellschafterin im orthopädischen Institut überging. Sie selbst beobachtete die Mienen Bonaventura's. Sie sind es, Fräulein Lucinde –! sprach Paula, Lucinden die Hand reichend. Erst so wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist's –! Meine Tante Benigna von Ubbelohde das! Meine Freundin Armgart von Hülleshoven! So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nächsten vor und erst, als sie an Bonaventura kam, stockte die Rede. Bonaventura erwachte aus seinen Träumen. Er verfärbte sich über den plötzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelroth und verneigte sein Haupt – was die ihn eben anredende Frau von Sicking für eine Begrüßung ansehen konnte. Er sprach auch zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern: Paula und Lucinde zusammen –! War es wie Tag und Nacht, die da zusammenstanden, dann drückte nicht die bräunliche, schwarzäugige Lucinde, mit ihren starken Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen, die Nacht und Paula, mit ihrem blonden Haar und ihren rosig lichten 84 Wangen, den Tag aus – es war umgekehrt: Paula war die träumerische Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondpriesterin – Lucinde der Tag, die Tochter tropischer Zonen, die Sonnenjungfrau. Dort Gefühl und Ahnung in jedem Blick, gestaltungsloses Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verstand, Wachsamkeit, Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zu schneidender Kälte. Beide in Trauertracht – Paula's Kleid ein glänzender, rauschender Atlasstoff; Lucindens ein hochgehendes, den braunen Hals verdeckendes geflammtes Moirée. Paula's Haar niedergleitend über die Schläfe in langen Locken, im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbändern verloren. Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder – Sie gab sich so, daß die adeligen Herrschaften Mühe hatten, aus ihrer »Tournüre« heraus die »Schulmeisterstochter« zu erkennen, als die sie ihnen nunmehr wohlbekannt war. Frau von Sicking's vorgestern schon beabsichtigter Besuch hatte erst heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der That zum Willkommen und Abschied zugleich. Ihre nächste Mission war erfüllt. Wohin Hubertus den Brandstifter geborgen, erfuhr sie nicht. Gestern Nacht aber noch beim Abendgebet im Münster kniete Hubertus hinter ihr und sprach: Alles – geschehen! Seien Sie ruhig, ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie nur für die beiden Eremiten, die in der Residenz des Kirchenfürsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach Rom ziehen sollten, dort einen Anwalt bedürfen werden –! Schon im Hof hatte sich Lucinde von ihrem Entsetzen über den Anblick der Brandstätte gesammelt, ihre Empfindungen über »den falschen Isidor«, der auf so fragwürdige und in ihren Folgen entscheidende Weise die junge Gräfin zur reichsten Erbin des Landes machte, leidlich geordnet, ebenso wie über den Anblick einer Ekstatischen, die zur heiligen Hildegard erhoben werden sollte und 85 hoffentlich doch wol nicht im Traumschlaf sah, wo – Dionysius Schneid verborgen war und mit welcher Angst erfüllt Nück auf Lucindens Rückkehr harrte –? Frau von Sicking war im vollen Strom der Erörterungen. Beileidbezeugend über den schreckhaften Brand, glückverheißend zum folgenreichen Fund der Urkunde. Ihre Sprechweise war außergewöhnlich leise. Alle räumten ihr den Vorrang ein, indem sie schwiegen, um sie besser hören zu können. Man saß. Nur Bonaventura stand gelehnt am Fenster. Auch Armgart an der Stuhllehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um deren Zittern zu mildern. Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, daß Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Mädchennaturen aufs mächtigste betheiligt sah, reichte ihr Auge noch nicht. Paula's und Lucindens Liebe zu Bonaventura war ihr ein »Schwärmen« – jene Empfindung, die ein Mädchenherz in alle Himmel versetzen kann und die Entsagung noch immer nicht zum größten Schmerz der Erde macht. Lucindens Feierlichkeit war ebenso bedingt durch ihre Begleiterin Frau von Sicking, wie durch die Neugier der Anwesenden, die sie musterten. Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart vom letztsommerlichen Begegnen an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn. Sie erzählte der jungen Gräfin vom orthopädischen Institut, von dessen Vorstand, einigen jungen Mädchen, nach denen Paula fragte, von jenem Curatus Niggl, der die armen Verwachsenen, Blinden und Lahmen bei sich zum Kaffee lud. Sogar Bonaventura wurde von ihr ganz harmlos ins Gespräch gezogen. Mit Niggl und Hunnius war er zum Priester geweiht worden. Auch ein Wort über den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausbleiben, ebenso wenig wie die Kunde über Trendchen, die ins Kloster gegangen war. 86 Bonaventura blieb so erregt, daß er nun selbst zu fragen anfing. Wie hat nicht jener große Staatsintriguant so Recht gehabt, als er sagte: Die Sprache ist erfunden, um unsere Gedanken zu verbergen –! Jetzt kam das Gespräch allgemeiner zurück auf die beiden Flüchtlinge in den Eichstamm und nun erst hörte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde. Hatte er doch – er machte seiner »priesterlichen Lässigkeit« Vorwürfe – nichts für Sebastus' Befreiung gethan. Man gab als Ursache dieser Flucht einen Streit mit dem Provinzial an. Der Name Hubertus weckte die Erinnerung an die Rettung des Dieners, den man im Spital von Witoborn glaubte. Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen, um den Namen Klingsohr und das fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt ihr bleiches Incarnat, wie immer. Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern. Nur Bonaventura's Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann vor ihr das seine nieder –! Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge – jetzt auch, als ob sie ihre geheimsten Abneigungen errathen glaubte, aufgetragen Lobendes über seine Mutter. Die Gräfin von Styrum-Schorum kam heute schon von Schloß Neuhof herüber, wo die Kunde von den beiden Mönchen eine nicht geringe Sensation erregt hatte. Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der sich solcher kecker Nutznießung seines Waldes mit Hülfe der Gensdarmen erwehren wollte, war überstimmt worden durch seine Gemahlin, die aufs dringendste gebeten hatte, dem frommen Verlangen dieser beiden Brüder nichts in den Weg zu legen. Da man diesem Bericht Beifall murmelte, mußte wol Bonaventura im Namen seiner Mutter danken. Er dankte und bemerkte 87 Lucindens Lächeln. Triumphirend schien diese sagen zu wollen: Das alles, was ich hier sehe und höre, sind schon die Opfer, die mir der Gott der Rache bringt –! Sie ließ sich Klingsohr und wieder Klingsohr ans Ohr schwirren. Ihre Blicke spannen nur lange Fäden und bald war ihr alles wie in einem großen Netz. Mit leiser Stimme flüsterte sie mitten in die Schilderung des Lagers, das sich die beiden Flüchtlinge von Moos und Baumlaub in der Eiche und um diese herum gemacht hatten, ein Bedauern der Tante Benigna zu über den Brand, eine Schilderung des Eindrucks, den ihr schon vom Schloß Münnichhof aus der Anblick der Flamme gemacht hätte. Die Tante sah nichts von dem Blick, der diese liebevollen Worte so begleitete, als wenn sie gelautet hätten: Die Welt soll noch in Feuer aufgehen, und wie ihr hier alle sitzt und lächelt, weg habt ihr's nun doch –! Sie bedauerte, morgen nicht mehr der Dankmette beiwohnen zu können, die in der Liborikirche gehalten werden sollte; diesen alten Bau würde sie erst sehen, wenn die Exercitien begännen. Ueber den Baustyl der Liborikirche und von byzantinischen Rundbögen sprach sie so unterrichtet, daß die Tante dem ihr zu »geistreich« werdenden Gespräch entschlüpfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus in Verbindung brachte, der erst jetzt zur Gesellschaft hinzutrat. Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den beiden entflohenen Mönchen und von der Requisition derselben durch den Provinzial – und sogar durch – Gensdarmen. Gensdarmen –! rief man fast einstimmig. Das duldet hoffentlich Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß. In seinem Walde kann er geschehen lassen, was er will! hieß es. Der Onkel erzählte. was er von den Jägern unten vernommen hatte. Beide Mönche wohnten in der berüchtigten Eiche, 88 wo der alte Klingsohr gefallen. Sein Sohn, der ehemalige Doctor, läge im Innern derselben auf einem Lager und läse sein Brevier. Hubertus hämmere mit der Axt eine Hütte und einen Altar und einen Kochherd. Die Nacht noch wäre eine Kälte von drei Grad gewesen. Jetzt glücklicherweise thaue es. Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hülfen den Eremiten bauen und brächten so viel Nahrungsmittel, daß Hubertus den Scherz gemacht hätte, ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten? Dennoch nahm er den Ueberschuß und schickte ihn ins Kloster, wo sich »nun wol zwei Parteien bilden werden«, sagte der Onkel lächelnd. Zurück wollen sie nicht, fuhr er fort, sich mäßigend, da niemand in seine Ironie einstimmte. Sebastus erbittet sich, für jeden, dem seine Fürbitte von Werth sein könnte, täglich so viel Rosenkranzgebete zu sprechen, als man im Wald bestellt. So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches Thatsächliches. und die kluge Mutter Bonaventura's debütirte durch die Duldung der beiden Eremiten mit gutem Erfolg. Bonaventura sah die Macht, die sie über den Präsidenten übte. Wenn ihr aber alle wüßtet, an welchen Fäden diese beiden Mönche geführt werden –! Diese Empfindung sprach Lucinde natürlich nicht aus. Jede Erregung ihrer Gefühle niederkämpfend, hob sie sogar langsam den Kopf in die Höhe, als sich Freifräulein von Tüngel-Appelhülsen nicht nehmen ließ, zu sagen: Sie kannten ja wol früher den ehemaligen Doctor Klingsohr? Nur ein Blick der Misbilligung folgte bei allen, welchen die Schärfe dieser Frage verständlich war. Lucinde erwiderte aber ruhig und ganz in dem einfachen 89 Ton, der hier üblich: Der Pater ist ein Heiliger geworden –! ich mühe mich ihm gleichzukommen. Es gelingt mir freilich nicht so gut, wie, dem Anschein nach, ihm! Sie blieb siegreich. Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen: Ja! Da strengt nur euern Witz an! Da muß alles zu Schanden werden –! Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstämme, wie immer, auf die Urwelt und die Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom. Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau, wie die Boudoirs ihrer Wohnungen in Deutschland und Belgien. Sie erzählte von einigen neu eröffneten Grabstätten der alten Christen und Lucinde wußte sogar die Jahreszahl der Verfolgung des Diocletian einzuschalten. Levinus rückte ihr überrascht näher und näher. Da erhob sich Frau von Sicking. Auch Lucinde mußte es thun. Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lächelte ihr und sprach vom Wiedersehen, vom Frühling, von Gesundheit und, leiser und demüthig, von ihrer Wunderkraft! Wie versicherte sie, daß sie für Paula bete, und bat, daß Paula dies auch für sie thun möchte –! Der Onkel unterbrach diesen Abschied und hörte voll Leidwesen, daß das gelehrte Fräulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien wieder zurückkommen würde – Die Commerzienräthin Kattendyk hatte in der That ihren Wunsch erreicht. Lucinde hatte in ihrem Namen eine große Summe für die geheime Thätigkeit der Frau von Sicking versprochen, hatte auch der »Mutter Gottes von Telgte«, einem wunderthätigen Gnadenbild der Gegend, ein neues kostbares, durch und durch mit Silber gesticktes Kleid, eine Prachtschöpfung aus dem 90 Atelier der Damen Eva und Apollonia Schnuphase, angelobt. Ein unendliches Weh lag auf den Zügen Paula's, Armgart's und Bonaventura's. In dem: »Segne Sie Gott, Gräfin!« Lucindens lag etwas, als wenn ihr für die Zukunft noch die Leiden aller Märtyrer vorausgesagt würden. Bonaventura allein fühlte die Absicht dieses nur ihm kalt und wie ein Fluch erklingenden Tones. Die Hand hätte er zurückreißen mögen, die Paula erstarrt in die schwarzbehandschuhte Lucindens gelegt. Beide Frauen, die Geliebte und die Verschmähte, waren sich an Wuchs gleich; Paula, an sich schön und noch anziehender durch den Reiz der Jungfräulichkeit, der sie wie ein Hauch umwehte, Lucinde wie eine Brunhild – bestrickend durch ihre geheimnißvolle Kälte. Paula hätte Lucinden festhalten mögen, trotzdem daß sie fühlte: Das ist sie immer noch mit ihrem Haß gegen dich und mit ihrer Eifersucht! Sie ist es immer noch, die sich berufen glaubt, die Einzige zusein, die über Bonaventura wachen dürfe! Sie, die sonst schon nicht ruhte und nicht rastete in Annäherungen und Verhinderungen der Ruhe und des Glücks eines Mannes, der, wenn er lieben dürfte, nach ihrer Meinung seine Wahl doch nicht so getroffen haben würde! Aber Lucinde war das einzige Wesen, das sie vom Traumschlaf heilen konnte –! Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das Institut, seit der ersten Einmischung der Eifersucht damals schon, als Paula, träumend, den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelübde abzuhalten suchte und Lucinde in diesem Priester Den erkannte, der ihr eben erst der wiedererstandene und veredelte Serlo erschienen – war nie wieder in Lucindens unmittelbarer Nähe jenes Traumleben eingetreten und sie sehnte sich 91 ja doch gerade von diesen unheimlichen magischen Gewalten frei zu werden –! War das endlich ein Ausbruch von Urtheilen, als Lucinde und Frau von Sicking gegangen waren! Alle Schleusen waren aufgezogen und Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehören. Die Blumen, die am Fenster blühten, die im Wasserglase gezogenen Hyacinthen, die behenden Goldfischchen in krystallener Schale, all dergleichen lieblich traulicher Vorfrühling, den beide in der Nähe des Fensters genießen konnten, hätte sie fortreißen sollen, das warme blühende Leben auch Athem an Athem zu empfinden und sich leise zu sagen: Wir, wir gehören ins doch –! Aber das lauschte und plauderte und klatschte und lauschte um sie her. Es stand glücklicherweise nichts still, alles schritt vorwärts. Selig wogen durfte wenigstens die Brust und selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit auf die Lippen treten. Inzwischen fehlte Armgart, ohne daß man es sofort bemerkte. Sie war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt, hatte Hut und Mantel und eine große Tasche ergriffen, die im Vorsaal zu ihrer Flucht schon bereit lagen, hatte in ihrem Busen den Brief Terschka's verborgen und schlich den sich Entfernenden an das Hauptportal nach. Als sie einstiegen, sagte sie rasch: Lassen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu thun! Vergeben Sie! Ich störe nicht! Ich sitze hier rückwärts –! Schon saß sie. Frau von Sicking lächelte zerstreut und meinte, sie müßte dann aber einen Umweg machen, denn sie wolle erst nach St.-Libori, um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers Müllenhoff zu erkundigen. Das thut nichts! erwiderte Armgart in Hast. Wenn Sie 92 mir nur versprechen, mich von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen! Sehr gern! sprach Frau von Sicking, noch immer mächtig ergriffen, wie es schien, von Bonaventura. Demoiselle Schwarz kann dann gleichfalls nach Witoborn mit Ihnen fahren – wohin Sie ja wollten! setzte sie wohlwollend und mit einem Blick auf Lucinden hinzu. Lucinde saß tiefbrütend und hatte Mühe, ihre Nerven zu bekämpfen. Sie war jenem Weinkrampf nahe, der sie nach langer Spannung zu überfallen pflegte. Armgart stellte Frau von Sicking über die Ankunft der Mutter zur Rede. Diese, sich in die Frage langsam findend, sagte: Sie irren sich, mein kleiner Engel! Bei mir war sie nicht! Ich werde die Bekanntschaft erst später machen! Aber Sie haben Recht! Fräulein von Tüngel und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr – ich bot ihr schon lange meine Wohnung an und ich besinne mich – Ich hörte ja – eine Grille von Ihnen –! Wie ist es doch damit? Ein Gelübde, gnädige Frau! verbesserte Armgart. Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt: Nun wohl, jetzt weiß ich –! Aber – Himmel – ich entführe Sie doch nicht etwa –? Wie war doch das Verhältniß? Richtig! Richtig! Nein, nun lass' ich halten! Der Wagen flog aber pfeilgeschwind davon und Armgart bat, keine Besorgniß zu hegen – sie hätte in Aufträgen dringend in Witoborn zu thun und die Pferde in Westerhof hätten unausgesetzt mit dem Fahren des Brandschutts zu thun. Frau von Sicking beruhigte sich endlich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt. Lange blieb auch Lucinde tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten. Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen 93 mit Bonaventura zusammenverlebten Augenblick zurück. Allmählich jedoch schien sie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen. Sie erzählte einiges von ihrer Mutter, rühmte sie, gestand zu, einen Brief der Commerzienräthin in Angelegenheiten ihrer Mutter empfangen zu haben, wandte sich dann in ihr Brüten zurück und nur noch einmal nannte sie den Namen Terschka's. Sie lächelte dabei. Armgart hätte sie für dies Lächeln erdolchen mögen. Ihr Blick war so düster, daß Lucinde ihr bemerken mußte, sie erzählte ihr erstes Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk's Gesellschaft. Armgart's beide etwas vorstehenden Zähnchen blinkten vor Aufregung. Frau von Sicking rügte mit Strenge die Absicht des »Herrn Obersten«, ihres Vaters, in Witoborn eine Fabrik zu gründen. Und paßte das auch sagte sie, für seinen Stand, was indessen niemand zugeben wird, wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wählen, der für Witoborn – ich kann es nicht anders nennen – eine Blasphemie ist! Sie werden ihn jetzt wol bald selbst sehen. Sagen Sie ihm das, mein liebes Kind! Die Gesellschaft ist darüber außer sich! Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation von Papier an – in Witoborn –! Denn sage man, was man will, das Papier ist eine Erfindung des Teufels und die Buchdruckerpresse ist es ganz gewiß! Armgart hörte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte im Grunde ebenso. In schmerzlicher Ergebung hielt sie den Vater für angesteckt von englischen Einflüssen. Sie verfiel darüber in Trauer. Lucinde bezeigte für Armgart immer nur noch ein vornehmes und geringschätzendes Mitleid. Solche kleine Welt, die »auch schon mitreden will«, war ihr ohnehin ein Gegenstand der 94 Abneigung. Dennoch fing sie an etwas zu scherzen, als Frau von Sicking am Pfarrhause abgestiegen war, um sich nach dem Befinden des Pfarrers selbst zu erkundigen und ihn womöglich zu sprechen. Sie neckte jetzt Armgart mit den Namen Benno und Thiebold. Dann auch mit Terschka, den sie am Jagdabend bei der Tafel, trotz ihrer Aufregung, scharf beobachtet hatte. Ihr kluger Blick sah sogleich, wie die Augen Armgart's aufleuchteten, als sie, wie mit einem spitzen Messer in dem jungen Herzen bohrend, sprach: Aber was red' ich denn! Terschka schwärmt ja für Ihre Mutter! Und jeder wird für sie schwärmen müssen! Zwar hat sie graue Locken, aber sehen Sie, dort liegt noch der Schnee auf dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie belebt von Frühlingsahnung. So auch – bei Ihrer Mutter! Dich kenn' ich jetzt ganz! hätte Armgart rufen und sich auf sie werfen mögen. Doch zerstreute sie Frau von Sicking's Zurückkunft, denn diese kam, becomplimentirt von Müllenhoff selbst, der zwar noch ziemlich angegriffen aussah, aber doch nicht heute die Berathung mit den Gemeindevorständen in Sachen seines Dorfconcordates hatte aussetzen wollen. Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzücken selbst. Er ließ den Bedienten nicht an den Schlag; er wollte Frau von Sicking selbst hineinheben und die beiden andern Damen begrüßen können. Esbouquet und Sammet und Seide thaten es ihm wunderbar an. Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacéhandschuhe der Dame, die er in den Wagen hob. Wol fünf Minuten lang sah er dem Wagen nach und würde sich aufs neue erkältet haben, hätte ihn nicht die Kathrein ins Haus – fast zurückgezwungen. Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer, als die frühere. Lucinde mußte über den Einfluß des persönlichen Priesterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking ihre Satire 95 unterdrücken. Armgart verfiel, je mehr sie sich Witoborn näherte, in Angst und Wehmuth. Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Länge nicht ganz die Wirkung, wie Paula. Sie sah sie prüfend an, verglich den Eindruck, den sie ihr im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen. Sie fühlte sich minder durch sie abgestoßen als damals. Sie erzählte bereits am Pfarrhause Lucinden, warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trüge, und wurde von Lucinden aufgefordert, Paula's letzte Vision zu erzählen. Als sich Frau von Sicking, nach ihrem Einsteigen, in den Gegenstand gefunden hatte, tadelte sie, daß die Comtesse nicht die reinen Anschauungen vom Kreuze hätte. Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen Hochschlafs, von dem sie zu wissen behauptete, daß mit ihm ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten, nicht selten ein Abdruck der Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer solchen begnadeten Himmelsbraut. Man schwieg. Armgart preßte nur den Brief Terschka's an ihre Brust und sah und hörte im Geiste nur die Mühlen Hedemann's und die Klingel an dem Clarissenkloster, in das sie sich einstweilen flüchten wollte. Endlich war man bei dem stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von Sicking angekommen. Diese stieg aus und bat Lucinden wiederholt, das Fräulein nach Witoborn zu begleiten. Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht. Lucinde hatte in Witoborn für ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und hoffte auch noch im Münster etwas von Hubertus zu erfahren, falls dieser sich jetzt vielleicht noch aus seinem Walde herauswagen durfte. Sie wollte fort, ehe der Rath von Enckefuß eintraf und die Verdächtigungen ihrer Anwesenheit in dieser Gegend immer bedenklicher hervortreten konnten. Sie hatte schon, um ihre Besorgnisse zu zerstreuen, 96 angefangen, dem »jungen Kinde«, mit dem sie fuhr, immer mehr Theilnahme zu schenken. Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen, die ihr bedeutungsvoll waren. Offenbar befand sich die Kleine wieder vor ihren Aeltern auf der Flucht; die Gründe dafür waren landbekannt. Allmählich verglich sie Armgart mit Trendchen Ley. Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte Lucinde schmeicheln. Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern über Armgart's Stirn. Auch Sie haben schon Sorgen? sagte sie. In Armgart's Antwortsblick lag: Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du vielleicht nicht so schlimm, wie sie alle sagen –? Lucinde verstand diesen Blick. Man lästert wol recht über mich auf Westerhof? Nicht wahr? sprach sie seufzend. Auf Westerhof? Da lästert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da stehen Sie schlecht angeschrieben. Das kann ich Ihnen sagen! Lucinde warf verächtlich die Lippen auf. Dann streckte sie die Hand aus und zog Armgart zu sich hinüber – Armgart hatte auf dem Rücksitz bleiben wollen. Sie hielt sogar Armgart's Hand fest, sodaß der Brief, den Armgart zu bedecken suchte, sichtbar wurde; doch beachtete ihn Lucinde nicht. So schlecht also hat man mich gemacht! wiederholte sie. Und gewiß ist es die Unbescholtenste von allen, Fräulein von Tüngel, die mich am meisten lästert! Hassen Sie denn nicht auch die Dummheit? Diese Dame speculirte auf einen armen Phantasten, der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte – Jérôme von Wittekind! Ich weiß alles! Und – Ihr – Ihr Doctor Klingsohr –! Den trägt man Ihnen auch – bitter – und mit Recht nach! Lucinde zuckte die Achseln und sagte: Den hab' ich nie 97 geliebt . . . Sieh, sie, weißt denn du auch schon, was Liebe ist –? Dies »Du« flocht sie, mit dem schwarzen Handschuhfinger drohend, so gewandt und listig ins Gespräch, daß Armgart zwar vor dem traulichen Ton erschrak und etwas von ihr abrückte, ihr jedoch nicht zürnen konnte. Armgart kam dies »Du« noch natürlicher vor, als sie jetzt selbst sprach: Ja Lucinde! »Dich« sollte eigentlich jeder meiden! So! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art zurück. Das spricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen vor ihr –! Wol gar wieder mit zwei jungen Männern –! Sie müßten doch wol schon gelernt haben, wie Frauen so leicht und so unschuldig in einen falschen Ruf kommen können! Armgart wurde über die beiden jungen Männer roth, fand aber diese Entgegnung ganz in ihrem Sinn. Alle Welt weiß ja schon von Ihrem Vorsatz! Ich lasse den Wagen halten und verhindere neue Thorheiten, die Sie begehen! Lucinde –! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin? Zu Hedemann – Dort finden Sie Ihren Vater! Wissen Sie das gewiß –? sagte Armgart, sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos. Diese hielt sie fest, damit nicht beide das Gleichgewicht verloren. Dann flieh' ich zu den Clarissinnen ins Kloster! Oder in den Wald zu den Eremiten – oder in die weite, weite Welt hinaus –! Lucinde mußte Armgart, die sich loswand, von ihrem Schoose freigeben. Sie betrachtete das aufgeregte Mädchen halb 98 mit Lachen, halb mit Rührung und ließ sich von Armgart's Gelübde erzählen. Ihre Augen hätten dabei glänzen können vor List und glänzten doch nur vor Theilnahme. Ihr Mund öffnete sich, ihre ganze Erregung machte sie jung und schön, wie in den Tagen ihrer ersten Blüte. Armgart athmete kaum, mit solchem Bangen erfüllte sie ihre Begleiterin und dies Bangen wurde ihr zuletzt ein wohliges. Lucinde, sagte sie tonlos, du kannst Latein, Italienisch, hast unsern Glauben angenommen – aber ich fürchte mich doch vor dir . . . Weil ich so schlecht bin! erwiderte diese und ihre schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen Armgart's – Du bist eine Schlange, eine Hexe, sagen sie – Dann bin ich es auch! Darauf verstehen sich die Menschen und besonders die Frauen! Armgart kämpfte immer mehr gegen die Bestrickung durch eine so scharfe Ironie, die auch ihrer Lebensauffassung verwandt war. Seit ich lesen kann, seit Paula in die Anstalt kam, fuhr sie fort, hab' ich dich, Lucinde, fürchten gelernt . . . Paula schrieb zwar immer von dir, ich sage dir das offen, mit Bewunderung. Sie ist so gut, sie verehrt dich –! Wahrhaftig! Und doch weiß ich, daß sie eigentlich nur immer Angst vor dir haben sollte . . . Auch jetzt noch? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung auf Bonaventura. In ihren Visionen sieht sie dich fortwährend! Und wie dann –? Nie gut! Diese Visionen lügen, kluge Armgart! Diese Visionen sind nur Widerspiegelungen aus Paula's eigenem Innern. Glaube mir! Was würden wir nicht alles sagen und verrathen 99 können, wenn wir so plötzlich den Willen und die Selbstbeherrschung verlieren! Paula sieht nichts, was außer ihr ist. Sie sieht nur Bilder der Erinnerung, ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fühlens. Sie spricht nur die Gedanken aus, die sich im Menschen unbewußt sammeln und ihm in den Mund kommen, er weiß nicht wie. Wenn du träumst, Armgart, ist es dir dann nicht gerade ebenso? Daß sie so, ohne es zu wissen, alles herausspricht, das ist freilich eine recht fatale Krankheit! Armgart dachte allen diesen Worten nach, sagte dann aber doch: Du irrst, Lucinde! Sah sie nicht kürzlich den Vater des Domherrn? Von Asselyn? Warum nicht? Sie beschrieb ihn, wie man vom Lande der Seligen träumt? Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo sie ihn sah! Terschka – bestätigte alles! Unsere Vorstellung vom Paradiese ist so etwas wie Italien! sagte Lucinde, schwieg dann aber und ließ Armgart Recht behalten. Dadurch wurde Armgart noch sicherer. Dein armer Klingsohr! fuhr sie fort. Der liebt dich wol noch jetzt! Wie weit hin ist doch der schon berühmt! Noch im letzten Herbst wurden jeden Abend seine Aufsätze bei uns vorgelesen. Alle sagten dann: Das ist der Sohn des Deichgrafen! Der, der um deine Lucinde, Paula, ins Kloster gegangen ist! Die Tante wollte nicht, daß ich erführe, was Liebe ist, und sagte: Ach was! Aus Schmerz um seinen Vater, aus Reue über sein Einverständniß mit dem Kronsyndikus ist er ins Kloster gegangen –! Da hast du Recht gehabt! sagte Lucinde und fügte träumerisch hinzu: Ein Kloster ist für vieles gut – das siehst du an deiner Mutter und an dir –! Also die Liebe solltest du nicht kennen 100 lernen und nun kennst du sie wol doch? Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter, glaub' ich, dich? Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter Stimme: Was sprichst du da? Ich sah es neulich bei dem Jagdbanket – Den Augen der Männer sieht man das bald an! Terschka's Augen verschlangen dich förmlich! Lucinde –! rief Armgart ablehnend – und doch verschlang auch ihr Auge die Augen Lucindens. Tu as la vogue! Auch Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge lieben dich –! Armgart nannte das Französische die Sprache, welche Gott geschaffen hätte, Dinge zu sagen, die andere Nationen zu sagen sich schämten. Eben das sagte sie auch jetzt. Und als Lucinde darüber lachte, fiel sie, sich von ihr abwendend, doch scherzend ein: Wähle du dir einen davon –! Lucinde ging auf den Scherz ein. Thiebold de Jonge zum Beispiel? sagte sie. Der ist sehr reich und das ist viel werth. Aber – was hilft mir ein Mann, für den ich den Verstand haben muß! Dein Vater hat ihn aus dem Wasser gezogen. Mir würde er auf die Art – ewig im St.-Moritz liegen! Immer müßte ich ihn an den Haaren halten! Seine Haare sind freilich hübsch. Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu sagen: ein echter Mann muß ein bischen dumm oder lieber noch ein bischen wild sein, dann ist's eine Lust, ihn ziehen und zähmen können. Wahrhaftig, ich nähme den Thiebold lieber noch als den Benno! Armgart horchte einer Sprache, die sie – für frivol hätte erklären müssen und die sie doch fesselnd fand. Benno – der ist schön, interessant, aber – sehr eingebildet! Der ließe keine Frau aufkommen! Immer würde er ihren 101 Verstand mit Ironie behandeln. Nein, nein, diese Männer, die sich so klug dünken – Armgart hielt Lucinden den Mund zu. Terschka freilich – fuhr Lucinde fort. Das Capitel verstehst du nicht! Lucinde machte sich frei und fuhr fort: Terschka – das denk' ich mir nun so! – Terschka ist Graf Hugo's Freund. Geht deine Freundin Paula nach Wien – denn so kommt es nun ja doch seit dem Fund der Urkunde – so wirst du natürlich folgen wollen und da – macht sich denn alles ganz natürlich – Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien? Paula! Sie geht in ein Kloster! Wie ich! Nur – daß ich schon heute gehe! Pah! Ihre Aufgabe, sagte Lucinde, durch Erinnerungen an Paula zerstreut und das »Du« wieder vergessend, die Aeltern zu versöhnen, ist nicht so schwer. Es ist wahr, Ihre Aeltern hassen sich; aber es gibt einen Haß als unmittelbaren Gegenpol der Liebe, der auch wieder bei günstiger Gelegenheit in Liebe umschlägt. Man haßt dann nur, weil man eben nicht liebt. Das ist ein großer Unterschied vom gewöhnlichen Haß. Der gewöhnliche Haß verachtet und will nicht lieben. Wenn man aber weiß: Einer ist nur außer uns im Leben, der uns ganz und gar aufhebt und vernichtet; nun ringst du gerade mit dem und mit keinem andern; weicht er oder weicht er nicht, an ihm allein missest du deine Kraft, an ihm deinen Werth! O, das ist dann ein ganz anderer Haß. Schüttle nur dein liebes Köpfchen – du verstehst das alles noch nicht. Tage und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur für dessen Widerlegung, wenn er uns misverstand, leben, Dem zum Widerspruch, aber auch 102 um Den nur allein das Höchste und Kühnste beginnen, malen, dichten, philosophiren, entbehren –! Alles das hat, ich weiß es vom Oberprocurator Nück, auch deine Mutter gethan und keiner ist ihr dabei bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger gewesen, als eben immer der Mann, der sie früher bändigen wollte, ehe sie die Lust der Freiheit gekostet oder, wie man auf deutsch richtiger sagt, gebüßt hat. Und wenn ich mir den Obersten vergegenwärtige, den ich kenne, den ich gesehen und gesprochen habe – Wo –? fragte Armgart und hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand. Daß diese ihr eigenes Verhältniß zu Bonaventura beschrieb, wußte sie nicht – so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht denken. Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erschien mir bei einem allerdings sehr kurzen Begegnen in Kocher am Fall, als ich dort, aus der Dechanei verbannt, umirrte und auf eine neue Stelle wartete, eine Natur wie aus Granit – lieben könnt' ich ihn nicht. Aber – nun kam Lucinde unbewußt wieder in die Anrede mit »Sie« zurück – Ihre Mutter, die sieht nicht, glaub' ich, die Bibliothek, die in seinem Innern aufgebaut ist von zehntausend Bänden Weisheit! Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat diese Bibliothek auch im Kopf, ich hörte das heute; aber bei ihm liegt sie wirr und kraus durcheinander, bald orientalisch, bald spanisch, bald kocht er Gold, bald Seife. Der ist nicht einmal das Conversationslexikon, wo es doch wenigstens nach den Buchstaben geht. Aber bei Ihrem Vater – da sieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach, keine Rolltreppe – in alten Klosterbibliotheken, Armgart, gibt es solche Rolltreppen, mit denen ich schon stundenlang von Fach zu Fach herumgerutscht bin –! von ihm ist alles verdaut und wirklich Fleisch 103 und Blut geworden. Denke dir, Armgart – Lucinde ging wieder in diese Anrede über – denke dir diesen Magen! Diese Gesundheit! Und deine Mutter – die ist dann gerade ebenso. Sie liebt deinen Vater. sowie sie ihn sieht – auf der Stelle! Falls freilich nicht dein höchst leichtsinniger, schlimmer, unheimlicher Terschka – Armgart hielt gerade Terschka's Brief in ihrer Hand und legte diese mit dem Brief auf Lucindens Mund. Nein! Nein! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das allbekannte Gelübde Armgart's: »In der Rechten die Mutter, in der Linken den Vater und so beide fürs Leben verbunden –!« Ein Schweigen trat ein. In Witoborn, wo es des Tages nicht blos zu jeder Stunde, sondern im Grunde immer läutet, hämmerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes Jesuitenthurms sitzt. Das ging wie der erste Anstoß an einen Sägemann auf dem Weihnachtstisch. Armgart bat Lucinden, den Wagen noch eine Weile auf den Wällen langsam dahinfahren zu lassen. Das Wetter war so schön! Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann zu den Clarissinnen ins Kloster. Lucinde that alles, wie gewünscht, und beugte sich zum Schlag hinaus, um mit dem Kutscher zu sprechen. Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz. Du bist katholisch geworden! sagte Armgart, es ihr zurücksteckend. Weißt du auch, was katholisch ist –? Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben! antwortete Lucinde. Das ist recht! wallte Armgart freudig zustimmend auf. Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe ich ins Kloster gehe, beten wir im Dom zusammen? 104 Mir fehlt Zeit – ich reise schon heute! entgegnete Lucinde ausweichend . . . Sie – ins – Kloster! setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Trendchen's, die gleichfalls nur einen vorübergehenden Schutz im Kloster suchte und dort nun vielleicht für immer blieb –! Wann reisen Sie denn? unterbrach Armgart ihre Abmahnungen. In wenig Stunden! Und kommen nicht wieder –? Gegen Ostern! Armgart's Miene war so wehmuthvoll, als wollte sie sagen: Wer weiß, wo ich dann bin –! Lucinde sah diesen Schmerz, der sich durch ein Blinken der weißen Zähnchen ausdrückte. Jetzt ergriff sie den Brief, den Armgart aus Zerstreuung noch immer in der Hand hielt. Sie wollte vom Gespräch über ihre eigenen Pläne und Absichten abkommen und sagte: Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter! Armgart erschrak und bestätigte es kleinlaut. Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schicken? Armgart blieb die Antwort schuldig. Haben Sie diese wunderlich kleine Handschrift? Nein – Herr – von Terschka . . . Lucinde nahm den Brief, verglich den Umstand, daß Armgart diesen Brief mit nach Witoborn nehmen konnte, mit allem, was sie aus Armgart's Mienen zu lesen glaubte, und sagte: Dieser Brief sollte wol in Westerhof Ihre Mutter begrüßen – nicht wahr? Und nun sind Sie neugierig, was Terschka Ihrer Mutter schreibt – wie er ihr schreibt – besonders während er auch Ihnen den Hof macht zu gleicher Zeit –? Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf! Lucinde –! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind 105 ins Wasser stürzt, griff sie nach dem Brief – Lucinde gab ihn zurück. Aber was hatte sie schon gethan? Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des Couverts gegriffen und dies aufgerissen. So gab sie den Brief geöffnet an Armgart zurück. Es war eine Regung ihrer alten Natur. Für Armgart zu viel. Sie hatte gekämpft und gekämpft – seit Tagen gekämpft, ob sie einen solchen Frevel wagen dürfte, einen nicht an sie gerichteten Brief zu erbrechen! Geschah dies ihr von erster Kindheit an als ungebührlich Eingeprägte, so mußte es wenigstens feierlich, mit einem Gebet zu Gott, mit einem Verzweiflungsgang in einen Beichtstuhl, unter Gelöbniß der größten selbstverhängten Strafen geschehen. Nun war die That geschehen und lähmte ihr die Sprache. Lucinde lachte. Abscheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief Armgart, nur zu einigen Worten sich sammelnd. Lucinde konnte nicht aus dem Lachen kommen. Schändliche! Schändliche! So lesen Sie doch, liebes Kind! Ich verbitte mir –! Was? Sie verdienen – Einen Kuß! »Demoiselle« Schwarz! Lassen Sie Ihre Vertraulichkeit! Wie kommen Sie überhaupt darauf! Armgart rief voll Zorn dem Kutscher, zu halten. Der Wagen hielt auch. Es war am Eingang in den Witobachgrund. Die Mühlen schienen eben zu rasten. Es war ringsum still. Der Bediente sprang herunter und öffnete den Schlag. Warum haben Sie mir das gethan –! lenkte Armgart wieder zum alten gütigen Tone ein und hielt den Schlag noch zu. 106 Lucinde jedoch, verletzt durch das plötzliche Herauskehren der adeligen Stellung Armgart's, wandte sich ab und that, als verlöre sie mit solchen Possen nur die Zeit. O, ich sehe es zu gut, sagte Armgart weinend, daß Ihr Uebertritt zu unserm Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, – sind eine Schlange, die sich erst warm an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt! Darum flieht auch alles vor Ihnen! Und ich, ich ließ mich doch bethören! Gerade wie die armen jungen Mädchen damals auf den Streckbetten! Nun fühl' ich den fürchterlichen Stich im Herzen wieder wie damals, als ich Sie zum ersten male sah –! Lucinde zeigte auf den geöffneten Wagenschlag, auf den Bedienten, wandte sich ab und beachtete Armgart nicht länger. Nur den Mantel zog sie fester an sich, da der offenstehende Schlag ihr kalt machte. Armgart stieg zaghaft aus. Sie wollte noch grüßen, noch etwas auf Verständigung warten. Der Bediente erhielt jedoch einen Wink, der den Kutscher bestimmte, schnell weiterzufahren. Beide Mädchen trennten sich, als wäre eine Melodie mitten in ihrem schönsten Flusse durch das Reißen einer Saite unterbrochen. 107 23. Mit ihrem Bündelchen und mit dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die verstoßene Hagar dahin. Sie betrat die Gegend Witoborns, wo sonst so mächtig das Wasser rauscht, die Räder brausen. Die Mittagszeit hatte alles still gemacht. Die Witobach hat hier eine Biegung, die einen alten Gefängnißthurm, jetzt das Hauptwerk des ganzen Mühlenbetriebs, wie auf einer Insel liegen läßt. Hier und da wird der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und großen Schuppen. Hier also wollte Armgart's Vater seinen künftigen Wirkungskreis eröffnen, hier eine »Erfindung des Satans« befördern helfen und Papier machen –! Daß doch auch die Gebetbücher und Breviere des Papiers benöthigt waren, diese Erwägung gab Armgart eine gewisse Erkräftigung gegen die strengen Vorwürfe der Frau von Sicking. Aber – welch ein räthselhaftes Wesen allerdings im Papiere liegt, das fühlte sie ja an dem Briefe, der ihr enthüllen konnte, was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte. Schon in der ersten Häuserreihe der Straßen lag das freundliche Häuschen, wo Hedemann wohnte. Hier hatten Benno und Thiebold seit einigen Wochen gewohnt, sie, die sie aus ihrem Leben ausgelöscht zu haben glaubte und es doch so wenig gethan hatte, wie die heutige Erinnerung wieder zeigte. Es war die 108 Mittagszeit. Sie konnten, wenn sie beide noch nicht abgereist waren, eben beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein. Wenn sie ihnen Rede stehen mußte! Wenn der Vater wirklich schon angekommen war! Sie schritt wie bewußtlos dahin. Auf einem der schmalen Stege und geländerlosen Brücken, die hier zu überschreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte. Der bucklige Stammer und die Hebamme Frau Schmeling. Unwillkürlich erschauderte sie trotz des demüthigen Grußes, der ihr von beiden Seiten zu Theil wurde. Stammer war im Kirchenbann und auch die Schmeling sollte hineinkommen! Auch von Hedemann hörte man, daß sein wahrer Kern sich zu Ostern, beim allgemeinen Communiongang, enthüllen würde. Die Aeltern Hedemann's waren gleichfalls im Kirchenbann. Ja ihr eigener Vater galt für einen Freigeist, wie ihre Mutter –! Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel und Hölle. Wie lag auch dann noch das Gespräch mit Lucinden auf ihrem Herzen –! Was hatte sie an Anschauungen und wilden Lebensmaximen aus diesem Munde vernommen! Diese fremde Welt war ihr gar nicht so abschreckend. Fühlte sie doch schon lange, daß eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog, daß sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula längst in immer unheimlichere Schatten trat. Sie konnte von dem, was sie so bedrückte, nichts nennen und ihr erstes Gefühl war auch, sich zu sagen: Das ist die Sünde! Aber gerade darin lag ihre Angst, daß dann wieder tausend muthige Stimmen in ihr riefen: Was Sünde! Gib dich nur, wie du mußt! Dies Müssen war ihr wie ein Gezogenwerden schon von der Hand des Teufels. Grinsend sprang der berüchtigte Musikant zur Seite. Auch die Hebamme schien ihrerseits betroffen, von dem allbekannten Stiftsfräulein mit Stammer zusammen gesehen zu werden. Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu jeder Auskunft. Armgart's 109 Zögern im Gehen verrieth, daß sie nicht wußte, wie sie aus diesem Labyrinth der kleinen Kanäle der Witobach herauskommen sollte. Ich wollte zu Hedemann! sagte sie. Der ist eben im Thurm da oben, mein gnädiges Fräulein! Eben ging er die Treppe hinauf! Dort! Sehen Sie! Die Thür –! Und Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling noch einen kürzern Weg an, auf dem Armgart zu diesem Thurm gelangen konnte. Armgart schien somit das Glück zu haben, Hedemann allein zu treffen. Alles ringsum blieb still. Sonst hätte man so viel Worte hier ohne die lebhafteste Erhebung der Stimme nicht wechseln können. Sie betrachtete den Thurm. Er mußte bewohnt sein. Eine alte Frau stieg von der Außentreppe nieder; in der Hand hielt sie einige Töpfe. Aus einem Verschlage, an welchem Armgart still stand, sah eine Ziege und bohrte mit den Hörnern an der Oeffnung. Sogar darüber wurde ihr ängstlich zu Muthe –! Vollends, als sie die aus dem Thurm gekommene Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah, daß die Alte taub war. Nun stieg sie von selbst die Außentreppe hinan und trat in die offene Thür des alten Mauerwerks ein. Von hier führte eine enge steinerne, abgetretene Treppe theils abwärts in eine Küche im Erdgeschoß, in die man hinunterblicken konnte und auf deren Herde verglimmende Kohlen lagen, theils führte sie nach oben hinauf. Sollte sie die aufwärts führenden Stufen besteigen? Sie sah sich nach einer Klingel um; die Alte folgte ihr schon dicht auf der Ferse und sprach nichts und betrachtete sie nur neugierig. Da wurde Armgart von oben angerufen und begrüßt. Es war Hedemann's Stimme. Aber sie sah ihn noch nicht. Nur die Füße bemerkte sie. Sie mußte den Kopf erst durch eine Fallthür stecken, bis sie Hedemann von Angesicht sehen konnte. 110 Fräulein Armgart, Sie sind es –? rief er ihr entgegen und reichte ihr die Hand, sie emporzuziehen. Hier sind Sie ja wie in einem Gefängniß! sagte sie. Das war hier auch ehedem so etwas dergleichen! sagte Hedemann. Der Thurm gehörte zur Vogtei –! Hedemann schien hocherfreut von diesem Besuch und setzte hinzu: Aber darum ist es hier doch ganz angenehm! Kommen Sie nur näher –! Er öffnete ein Gemach, das in der That warm und behaglich war. Die Fenster waren zwar kaum größer, als Schießscharten, aber da es ihrer vier waren und sie hoch lagen, erhellten sie den Raum, der mit einem in einem Alkoven befindlichen Bett, einem alten Lehnstuhl, einem Tisch und einigen Stühlen besetzt war. Tassen, Gläser standen auf einer Kommode. Es war das Bild einer kleinbürgerlichen Wohnung. Um den Fußboden dieses Zimmers zu betreten, mußten beide dann innenwärts noch einige Stufen hinuntersteigen. Armgart war glücklich, Hedemann hier oben allein sprechen zu können. Sie warf ihren Muff ab, band den Hut auf, lüftete den Mantel und rückte, um sich die Füße zu wärmen, dem behaglichen Ofen näher, der halb von Eisen, halb von Kacheln war. Hedemann begleitete alle diese Bewegungen mit den Worten: Nun, das ist gut! Das ist gut! Was ist gut, Hedemann? fragte sie. Daß Sie nicht in Westerhof bleiben, sondern zu uns kommen! Heute kommt Ihre Mutter! Sie wissen –? Und der Vater –? Das ist recht, Sie halten am Vater! An Vater und Mutter! Wie Sie's ja immer selbst sagten! Aergert dich aber dein Auge, so reiß es aus! Mit der Mutter können Sie nicht gehen, ohne den Vater zu kränken. Ich weiß es! Und wann kommt der Vater? 111 Ich denke, jede Stunde. Sie sind ein gutes Kind! In Ihren Jahren gehören Sie schon dem Vater! Ich will zu den Clarissinnen gehen, Hedemann, und dort so lange warten, bis beide mich abholen – Da würden Sie den Schleier nehmen müssen! Denn daß diese beiden so zusammen kommen, wie Sie's, hör' ich, verlangen, das würde lange dauern! Nun dann – dann thäte es ja auch so – vor Gott nichts – Was –? sagte Hedemann aufwallend und schien von plötzlichen Gedanken ergriffen . . . Haben Sie schon gegessen? fragte er. Essen und Trinken lehnte Armgart ab. Kommen Sie hinüber in mein Häuschen –! Benno und Herr de Jonge speisen heute nicht bei Tangermanns, sondern bei uns! Sie gönnen mir die letzte Ehre! Vielleicht überrascht uns zum Nachtisch – noch der Oberst – Nein, nein! Hedemann! Ich darf nicht! Sie bleiben dann auch gleich drüben. Bei Ihrem Vater! Ja, dessen Schild und Ehrengarde müssen Sie nun werden –! Sie wissen ja schon von Lindenwerth, wie ich über alles das denke – Der Vater will keine Versöhnung! Ich aber will sie! Läßt sich ein Mann was vorschreiben? Aber die Mutter – Umstrickt Sie! Auf Westerhof ist gestern das große Loos gezogen worden! Die Urkunde hat sich gefunden. Haha! Da mag es hoch hergehen –! Bleiben Sie getrost bei Ihrem armen gekränkten Vater! Hedemann – Sie sind jetzt alt? Wie alt? Sechzehn Jahre – denk' ich – Warten Sie, ich kann es bis auf die Minute sagen! 112 Hedemann nahm ein großes Buch, das unter den Tassen und Gläsern lag und sich an seinem Einband schon als die Bibel zu erkennen gab. Hier stehen sie alle, die zu meiner Familie gehören – Auch Sie gehören dazu! Guter Hedemann! Aber hier kann ich nicht länger bleiben – Sie – bleiben hier! Ich gehe nicht nach Westerhof zurück, das versprech' ich. Aber ich will ins Kloster – Sie bleiben bei Ihrem Vater! Da steht Buch Sirach: »Bleibe treu dem Freunde in seiner Armuth –!« In seiner – Armuth –? Reich macht Liebe, Ehre, Anerkennung, Gerechtigkeit! Das Gegentheil davon macht arm! Armgart, Sie müssen jetzt zum Vater halten! Sie müssen die Netze der Mutter fliehen! Westerhof sogar, die Tante, den Onkel, alle, die den Obersten lästern! Die Rede Ihrer Mutter wird süß sein, gewiß! Erst aber müssen Sie dem Vater in die Arme fliegen – wie Jephtha's Tochter, da er die Feinde geschlagen! Sela! Sechzehn Jahre sechs Monate und sieben Tage sind Sie alt! Da steht's! Das kann ich nicht, Hedemann! sprang Armgart jetzt auf. Sie erschrak vor des Mannes seltsamer Entschiedenheit. Wie könnt Ihr mir rathen, so meiner Mutter weh zu thun –? »Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen!« spricht Paulus, »sondern« – doch wol umgekehrt. Nein, nein! Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Clarissinnen! Ich folge ihm nur, wenn er mit der Mutter kommt –! »Der Rath des Herrn bleibt ewiglich!« Sela –! Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder fünf Stufen hinauf, die in das kleine Gemach von der Thür herunterführten. Was habt Ihr vor? rief Armgart entsetzt und sprang ihm 113 nach. Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurückgegangen war, kam ihr die Ahnung, daß er gegen sie etwas im Schilde führte . . . Jesus Marie! rief sie. Ich werde – doch wol – wieder – gehen können –? Das hat der Herr gefügt! sagte Hedemann und hielt schon die Thür in der Hand. Armgart stand wie schreckgelähmt . . . Nicht wie in Lindenwerth sind wir hier –! Nicht wieder wie damals in Nacht und Nebel vor Vater und Mutter wird hier geflohen! Armgart, die diese Wendung ihres Vertrauens nicht für möglich gedacht hatte, schrie den Namen Hedemann's so laut, daß man sie auf hundert Schritte weit über die Insel hinaus hätte hören müssen. Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hängende Klingel – und wie dem Zusammensturz eines Hauses gleich, so brausend begannen sofort die Räder der Mühlen ihre kreisenden Bewegungen, die schrillen Töne der Sägen durchschnitten die Luft, das Wehr, das gestaut gewesen, entsandte seine Donnertöne. Seine eigenen Gedanken begriff man kaum, viel weniger hörte man sein eigenes Wort oder das eines andern. Wie von einem Taumel überfallen, schwankte Armgart zurück und ehe sie sich noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Händen wie zum Angriff auf Hedemann gerüstet hatte, war dieser verschwunden. Nun stürzte sie die Stufen hinauf und rüttelte an der Thür. Sie schlug mit beiden geballten Fäusten wider sie. Die Thür war eisenbeschlagen und eisenfest. Sie suchte einen Griff, einen Riegel, um zu rütteln – Selbst diese fehlten, die Thür war nur von innen durch einen Schlüssel zu öffnen und dieser war abgezogen. Mit der Behendigkeit eines flüchtigen Wildes sprang sie die Stufen wieder hinunter, riß einen 114 der Stühle an die hoch gelegenen kleinen, kaum einen Fuß breiten Fenster, griff hinauf, um eines, das nach außen vergittert war, zu öffnen – Vergebens, von den Fenstern war gerade dies nicht zu öffnen –! Sie sprang wieder hinab, rückte den Tisch an die Wand, kletterte hinauf, suchte ein anderes Fenster zu öffnen – Dies gelang. Sie schrie hinunter ins Freie: Hülfe! Hülfe! Der Ruf verhallte in dem Lärm des Mühlenwerks und des Wehrs so ohnmächtig wie das Summen eines Käfers. Kein Haus lag gegenüber, kein Weg führte daher. Sie konnte rufen und rufen und erschöpfte nur die Kraft ihrer Stimme und den letzten Rest des Muthes, welchen sie dem so rasch ausgeführten Entschluß Hedemann's entgegensetzen konnte. Schon dachte sie: Es ist ein Scherz von ihm – Er wird wiederkommen! Aber wenn er mit dem Vater käme? Wenn ihr Gelübde – vereitelt war –! Als sie das Fenster der hereinströmenden Kälte wegen zugeworfen hatte, wieder niedergestiegen war, immer begleitet von dem betäubenden Geräusch, sank sie auf den Lehnstuhl nieder und ließ verzweifelnd die Hände zusammengefalten auf ihrem Schoose liegen. Blasser und matter neigte sich ihr Haupt. Der Hut entfiel ihr. Sie lag in Betäubung. Gefoltert ebenso vom dumpfsten Schmerz der Seele, wie vom grauenhaften, ihrer Stimme hohnsprechenden Getöse um sie her. Das hatte sie nicht für möglich gehalten! Sie war Hedemann's Gefangene –! Aus seinen Bitten, die ihr noch im Ohr klangen von den letzten Augenblicken an der Maximinuskapelle, waren Befehle geworden. Sie konnte erwarten, daß sie nur ihr Vater befreien würde. Jetzt hätte sie aus dem Fenster nach Benno und Thiebold rufen mögen. Was half es –! Nichts war von ihrem Ruf zu hören. Ihre Thränen brachen hervor. Sie, die sich selbst gefangen setzen konnte, tagelang, sie konnte es nicht von andern sein. Sie wollte aufspringen, wider 115 die Wände rennen. Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr, ihren Willen auszuführen. Und was sie auch that, nichts ging helfend an gegen die Gleichmäßigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her. Dazu dann endlich noch der Brief, der geöffnete, der vor ihr auf dem Tische lag –! Sie sah ihn lange an, indem sie sich die Ermuthigung gab, wenigstens den zu lesen und durch diese natürliche Folge eines nun einmal nicht abzuändernden Frevels in eine vorherrschende, wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu kommen. Jetzt aber gerade überfiel sie plötzlich ein Rettungsgedanke. – Sie sprang auf und lief an die Klingel, um diese zu ziehen und vielleicht auf einen Augenblick so die Räder zum Stehen zu bringen. Sie zog aber so gewaltsam – daß sie den Draht in der Hand behielt! Und die Räder gingen fort und die stürzenden Wellen des Wehrs rauschten nach wie vor. Nun saß sie wie vernichtet und ausgelöscht aus dem Leben. Allmählich entquollen ihr Thränen. Sie sah sich gestraft für eine Menge Sünden, die in langen trauervollen Bildern an ihrem Innern vorüberzogen. Sie sah sich gestraft gleichsam unmittelbar von Gott selbst. Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das sie wenig kannte, und das ihre geliebte Kirche nicht empfiehlt. Hedemann hatte zwischen manche Seite Papierstreifen gelegt, manche Stelle unterstrichen. Epheser 6, 1: »Gehorsam seid, ihr Kinder, euern Aeltern!« Und wie, wenn sie eine Antwort gesucht hätte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelübde gethan? so fand sie an einer andern Stelle, 1. Samuelis 15, 22, die Worte unterstrichen: »Gehorsam ist besser, denn Opfer!« . . . Aus ihren Träumen weckte sie nur das rauschende Rad und die Woge. Ganz allein und vergessen war sie aber doch nicht. Sie bemerkte eine halbe Stunde später ein näher kommendes Geräusch. 116 Es kam aus dem Ofen, der von außen geheizt wurde. Legte man noch Holz an? Bald bemerkte sie einen vom Ofen her kommenden Speisegeruch. Sie ging hin und sah in der warmen »Röhre« ein starkes Bret mit einer Schüssel Suppe, mit Brot, Rindfleisch, Erdäpfeln und Braten. Das befand sich dort wie hingezaubert. Die Speisen kamen von außen. Sie übersah den Ofen, der nur zur Hälfte im Zimmer stand und von seiner andern Hälfte aus eine Klappe hatte, durch die man einen hier Eingeschlossenen verköstigen konnte, ohne daß man selbst eintrat. Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo sich sogar Geräthschaften um sich zu waschen befanden, selbst einen Verschlag, den sie wieder rasch schloß. Der Thurm war für einen längern Aufenthalt eines hier oben völlig Isolirten eingerichtet. Gefangen –! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus sich nicht in Bewegung setzen ließ. Das wird dir wol vom Abschiedsmahl Benno's und Thiebold's noch geschickt! O wenn sie wüßten, für wen diese Reste bestimmt waren! Hedemann, mein Kerkermeister, wird ihnen kein Wort davon gesagt haben! Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge, die sowol zu einem längern Aufenthalt wie zur Befriedigung mancher nächsten Bedürfnisse dienen konnten. Auch Wasser stand da, trinkbares. Das Zimmer gehörte ohne Zweifel einem der ersten Beistände Hedemann's bei seinem Geschäft; derselbe war vielleicht verreist oder sollte erst zuziehen. Jetzt fanden sich nirgends Spuren eines gegenwärtig darauf angewiesenen Bewohners. Sie aß nun einige Löffel Suppe und stellte den Rest der Speisen zurück. Später nahm sie doch auch diesen noch – die Natur machte ihre Rechte geltend. Sie hätte sich schon zu fügen 117 angefangen, wäre sie nicht so gefoltert worden vom Rauschen der Räder. Das war, als rollte auch ihr eigenes Leben so um! Nun, dachte sie, geht Terschka aufs Schloß, die Mutter ist vielleicht schon da, die Geheimnisse dieses Briefes enthüllen sich, dein Liebesopfer verwirft das Schicksal, der Traum der Legenden ist – im Leben unmöglich! Wieder weinte sie – und bald wieder vor Zorn. Sie schwur, das Aeußerste daranzusetzen, ins Freie zu kommen. Sie untersuchte wieder Thür, Wände, Fenster, den Ofen. Die verbindende Platte war von Eisen. Dann hoffte sie auf den Abend, auf den Stillstand der Räder, die Kraft ihrer jugendlichen Stimme. Nein, die Nacht läßt er dich nicht hier! sagte sie. In ihrem wild erregten Innern jagte sich Bild auf Bild. Bei allem verweilte sie, bei Lucinde, Bonaventura, Paula. Zum Bilde Paula's vor ihrer Seele erhob sie die Hände in die Höhe und betete: Freundin, schließt sich dein Auge, so frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich vermissen, man wird mich doch suchen; du, du wirst sagen, wo sie mich gefangen halten –! Nun weinte sie um die Verzweiflung derer, die nicht wissen würden, wo sie geblieben. Wieder blätterte sie in der Bibel. Sie bedurfte auch deshalb dieser Zerstreuung, um des Briefes nicht zu gedenken, der sie magisch und unwiderstehlich anzog. Sie hatte ihn in ihren Hut und mit diesem auf das Bett gelegt. Noch konnte sie sich nicht entschließen, sich für ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen, die sich rings an den Wänden befanden. In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder, die aus ihrem Jugendunterricht ihr so lieb waren, die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes. Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage. Sie verweilte bei Joseph's Liebe zu seinem Vater, bei Absalon's wildem Trotz, bei den Söhnen Eli's und deren, ihren Uebermuth strafendem Ende. 118 Glocken hörte sie vor dem Lärm nicht schlagen. Schon kam der Abend. Wenn ihr Vater nun hereintrat, was würde sie ihm sagen! Die Kraft, ihn zu begrüßen mit dem Wort: Du Grausamer, du hast mich um die Wonne des Heiligsten gebracht! hatte sie nicht mehr und stiller und stiller wurde es in ihr bei dem Gedanken: Hättest du wol das Aeußerste gewagt und Terschka's Arm ergriffen und dich vor den Augen der Mutter – für ihn bekannt? Schaudernd hatte sie sich ausgemalt, das im entscheidenden Augenblick thun zu wollen, die Angehörigen zu Zeugen seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu überraschen – die Mutter, wenn sie Terschka liebte, den Vater, falls dieser davon eine Ahnung hätte. Auf der Kommode stand ein Feuerzeug, doch nur Ein Licht. Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete darauf, nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die Mühlen endlich innehalten würden, ihren Hülferuf zu erneuern. So verging die Zeit. Das Licht, das sie hatte sparen wollen, zündete sie endlich an. Es wurde ihr zu gespenstisch einsam und schauerlich ringsum. Sie hörte und sah im Geist, wie man auf Westerhof sie suchte, wie man nach dem Stift schickte und wie sich die Mutter in gleicher Lage befinden würde, wie damals, als man sie ebenso in Lindenwerth nicht fand. Sie gedachte der Geistertheorie des Onkels. Sie hätte auf irgendeine Weise, um an sich zu erinnern, auf Westerhof spuken mögen, durch Anklingen an eine Tasse oder durch ein Aufklinken der Thüre. Sie wußte, »man brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und da erschiene man ihm –«! Sie dachte sich, Paula versinkt in Schlummer, Bonaventura's Berührung bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt: Armgart sitzt hinter Schloß und Riegel im witoborner Mühlenthurm –! In solchen Zuständen läuft es in der Menschenseele hin – wie 119 uns eine Maus plötzlich erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer – eine Katze, wenn sie uns begegnet im lachendsten Blumenfelde. Sachen fielen ihr ein, lächerliche, als sollte sie wahnsinnig werden – zwei Groschen Schulden, die sie noch an eine Mitpensionärin in Lindenwerth zu bezahlen vergessen; eine wundervolle purpurrothe Schleife, die sie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Drusenheim bewundert hatte; ein Bändchen, das dem Pfarrer Müllenhoff neulich während der Messe am Halse hervorguckte; hundert kleine verworrene Thatsachen blitzten auf, als wären sie wie todt bisher in ihr aufgespeichert gewesen und rafften sich nun zum Leben auf, da ihr ganzes Sein durchaus zum Leben drängte. Sie machte Lucindens Theorie wahr, derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stäke, wenn nur eine Hand da wäre, die ohne seinen Willen die Thore des in ihm versenkten Wissens aufschlösse. Und als sie Benno's und Thiebold's gedachte und des Abschieds, den sie von beiden genommen, stieß sie dumpf die Worte aus: Gott! Gott! Laß mir die gesunden Sinne –! . . . Dann sprach sie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur Erfüllung desselben beizustehen. Sie wandte sich an die vierzehn Nothhelfer, jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend, und die Angerufenen standen auch vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war sie der Litanei: »O du gnadenreiche Mutter, du heiliger Joseph, du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein!« daß ihr die Bibel, nach der sie griff, ein fremdartiges Buch erschien. Diese gab ihr gleichsam nur das einfache Brot, ihr gewohntes Brevier aber eine viel süßere Kost. Dann weckte sie aus den Betrachtungen wieder ein Gepolter des immer gleich warm bleibenden Ofens. Jetzt sprang sie rascher hinzu. Aber schon war die Bescherung da – ein Nachtessen, reicher, 120 als die Tante Abends der Gesundheit für zuträglich hielt. Die Klappe war unerbittlich schon wieder zugezogen. Wer mag der Rabe sein, der mich nährt? sagte sie, an den Propheten Elias denkend. Die taube Alte? Indessen – sie aß und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgniß vor dem Geschirr, das in der Küche jetzt fehlen würde, da sie das vom Mittag noch zurückbehalten hatte, und nicht ohne guten Willen, es selbst zu waschen und in den Ofen zu stellen und dabei zu rufen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum Fenster hinauswerfe –! Nach zu reichlichem Nachtessen pflegte sie einzuschlummern und schon manche der schauerlichen Geschichten des gern abendlich erzählenden Onkels waren ihr dann auf Schloß Westerhof verloren gegangen. Nur weil die Mühlen noch immer rauschten, dachte sie: Es ist noch früh! Es ist noch nicht einmal Feierabend –! . . . Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft sie an sich nichts hatte, da sie wenigstens in Lindenwerth keine andern Kerzen brannte und auch der Onkel oft genug Lichter goß, die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch viel schlimmeren Geruch verbreiteten, als »gutes, reines Talg«, wie die Tante sagte. Ihr Licht war schon zum letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange, lange Nacht vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hülferuf –! Und schlafen sollte sie? Schlafen in diesem – Bett? . . . Das wollte ihr nicht einkommen. Doch deckte sie das Bett auf. Dabei mußte sie den Hut wegnehmen, die Kleider – Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert. Wie sie diese aufhob, war sie ihr wie eine glühende Kohle. Sie sah das Wort: »Freundin –« Das war ihr schon ein Stich ins Auge. Und doch wagte sie noch immer nicht, den Inhalt zu lesen. Sie ordnete die Schüsseln und Teller und stellte sie in den 121 Ofen, der, wie es schien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb. Das Bett war sauber und weiß, mindestens so gut, wie ihr Lager in Heiligenkreuz. Sie versuchte es, sich zu legen. Bald aber stand sie wieder auf. Das Zimmer war noch zu heiß. Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rücken. Aber schon ermüdete sie und ahnte, daß sie nur zu vergeblichen Versuchen zurückkehrte. Schon ergab sie sich. Die Mühlenräder gingen und gingen! Keine Hand stellte sie. Wen konnte sie rufen? Oft sogar dachte sie, Hedemann käme – in Kettenstrafe, wenn man seine ruchlose That erführe, und da wollte sie denn lieber dulden, schweigen und weinen –! »Freundin –!« Dies Wort verließ sie nicht mehr. Sich alle Beziehungen desselben ausmalend, versank sie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt, in Träume und entschlummerte allmählich. Schon hatte sie sich an das Rauschen des Wehrs und der Mühle, an das Sägen, das hirnzerschneidende, gewöhnt. Ihr Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr schmerzhaft vor. Sie träumte von einem großen dunkelblauen Bande, das sie umringelte. War es ein Thier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band – Endlich sah sie nichts mehr, als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, schwarzen Haaren –! Das war dann Lucinde, die ihr, wieder freundlich geworden, zunickte wie die »Wasserfee«. 122 24. Erst lange nach Mitternacht mußte Armgart zur Ruhe gegangen sein; denn als sie erwachte, war es schon heller Morgen. Die Sonne fiel ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln Alkoven heraus. Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug. Das Donnergeräusch um sie her hatte wol nur während ihres Schlafes aufgehört. Schon war die Luft von demselben verwirrenden Geräusch erfüllt, wie gestern. Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem Gefängnisse um. Es war ihr, als hätte es gestern Abend anders ausgesehen. Und bald auch bemerkte sie ein neues Licht. Auch frisches Wasser stand schon auf dem Tisch. So mußte also eine ordnende Hand hier schon gewaltet haben, während sie schlief. Nur der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher. Im Ofen fand sie auch ihr Frühstück. Sie nahm es und ergab sich jetzt. Ihre Augen, noch geröthet von den gestrigen Thränen, füllten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes. Aber sie klagte Hedemann's Grausamkeit nicht mehr an. Sie wollte nun dulden. Blinzelnd und erschrocken sah sie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, daß er gelesen worden war. 123 Sie machte sich zu schaffen, so gut es ging. Das Zimmer war warm. Die Bibel lud zur Erbauung, zur Zerstreuung ein. Sie las einige Seiten. Dann ging sie an ihre Kleidung, die zu ordnen war; denn zerknittert und zerdrückt war alles. Sie öffnete ihre Tasche, nahm ihr Nacht- und Nähzeug heraus und sagte: Diese Nacht wirst du, wenn man dich nicht befreit. dem Bett vertrauen und dich getrost hineinlegen –! Sie gedachte der Märtyrer in Indien, »die ja auf viel schlimmere Art ein ganzes Leben lang in Kerkern schmachteten!« Das Brausen der Luft um sie her nahm sie schon so, als wäre es bestimmt, ihr das Gehör zu rauben. Auch darüber lächelte sie seufzend. Ein Geist der Ergebung war über sie gekommen. Den Brief Terschka's wollte sie erst lesen, wenn sie die Hoffnung baldiger Freiheit gewann. Sie ahnte, daß er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden, ihr ergebenes Martyrium nur stören würde. Stundenlang saß sie, das Haupt aufstützend und in grübelndes Sinnen verloren. Sprang sie zuweilen auch auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will nicht länger! so brach sie sofort wieder zusammen, schlich an die Thür, kratzte an ihr mit den Nägeln, stieß sie auch wol plötzlich mit Füßen, allmählich aber schlich sie wieder zum Sopha zurück und ergab sich ihrem Loose. Dazu fing die Bibel an ihr vertraulicher zu werden. Sie vermißte zwar in ihr die Gottesmutter und die Heiligen. Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten. Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie, als – einige Fliegen, mit denen sie schon Bekanntschaft gemacht hatte. Als sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hörte, sprang sie auf und rief Drohungen und Zornausbrüche in die geöffnete Klappe, die sich dann sofort wieder schloß. Niemand hatte geantwortet. Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen. Auch die gestrige Mittagsrast der Mühlen fand heute nicht statt. 124 Ihre Kost war heute noch besser, als gestern. Ihr Wasservorrath reichte bis über die Nacht hinaus. Sie beschloß diese Nacht früher zu Bett zu gehen, damit sie den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschlief, sondern aus dem Bett springend ihn überraschen könnte. Wenn Shakspeare seinen Menenius sagen läßt, nach Tisch wäre der Mensch dem Mitleid zugänglicher als mit leerem Magen, so stumpfen sich jedenfalls mit zunehmendem Behagen des Körpers die heroischen Entschlüsse ab. Nach ihrer Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen, endlich den Brief Terschka's zu lesen. Sie that es jetzt. Sie las mit jener Scheu, die sich beim Oeffnen eines Briefes zuvor auch auf das Gegentheil dessen gefaßt gemacht hat, was man zu lesen wünscht. »Verehrte Freundin!« war das erste Wort. Doch nicht »Geliebte Freundin!« sagte sie sich und hielt einen Augenblick inne, um neuen Muth zu schöpfen. Aber nicht zu lange währte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr hätte beweisen können, wie voreilig sie urtheilte, wie überflüssig das Opfer war, das sie bringen wollte. Zu ihrem Schrecken las sie: »Ich begrüße Sie in einem Augenblicke wieder, wo ich den Rath der weisesten Männer der Erde, die Hülfe der mächtigsten Gewalthaber anflehen möchte und wo ich doch niemand habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, starkes Herz! Sie, Sie sind die letzte Rettung meines Lebens –!« Armgart hätte schon aufhören und erst neue Kraft sammeln mögen, aber die Buchstaben waren wie die Wirklichkeit dessen, was sie nur beschrieben, wie eine Scene, die sich auf einmal und sofort ganz gab. »Wenn ich mich erinnere, wie mir die gütige Freundschaft der Gräfin Erdmuthe stets so nachsichtig war, erinnere, wie für mich die Gräfin so oft bei Ihnen und Sie wieder bei der 125 Gräfin gesprochen haben, so schöpf' ich Muth und denke mir, der Zusammenbruch meines Lebens läßt sich noch aufhalten! Ich habe in diesen Tagen Schmerzliches gelitten und viel gekämpft. Bedenken Sie zu den innern Erfahrungen, die ich für meine Person allein machte, noch die Schreckenserlebnisse auf dem Schlosse! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die unsern Freund, den Grafen, vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner gesellschaftlichen Würde macht! Ich weiß es, diese Bekenntnisse meiner Verzweiflung werden Ihnen räthselhaft erscheinen. Sie werden sie auf die Veränderung meiner Stellung zu Hugo und der Gräfin, zu Ihrer mütterlichen Freundin, beziehen – Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer –! Ich muß ein Ende machen mit dem Elend meines ganzen Lebens. Der Wechsel der Religion ist ein leichter Schritt für eine starke Seele, die sich ihre eigene Philosophie gebildet hat; bei mir würde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein, die meine Freiheit, nicht unmöglich mein Leben, wenigstens die Fortdauer meiner gegenwärtigen Lebensstellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich wenigstens eine Hand finde, die mir den Tod versüßt! Nur das eine, eine Glück, einen letzten Preis für den Rest meines Lebens errungen zu haben, wenn es sonst auch in Nacht und Grauen dahinfährt! Ich bin schwach! Ich möchte nicht den Kampf mit dem Geschick zu herbe kämpfen und das vermag ich nur – durch Sie! Nur Sie blicken tief in das Menschenherz! Nur Sie können mit Engelzungen reden – reden, wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat –! Ein Entschluß muß gefaßt sein. In vierundzwanzig Stunden schon kann für mich alles verloren sein. Deshalb schreib' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fußfällig, gewähren Sie mir heute Abend, wenn ich von Witoborn zurückgekommen bin und ich Sie den Umständen angemessen auf Westerhof begrüßt habe, eine Stunde zur Verständigung! Ich 126 weiß nicht, wo es anders sein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht schon im Schlosse alles. Nehmen Sie mich an! Hören Sie mich! Vielleicht schon am Morgen darauf will ich nach England, zu unserer theuern Gräfin, die das Richtige in meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Denken Sie rein von mir, so rein, wie die Blumen sind, die Sie in meinem Namen zu begrüßen bereit stehen! Ich ahne, daß Ihre holdselige, liebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten Mutter entzieht: aber auch sie wird Frieden stiften helfen für Ihre Brust und – für die meine! Ihre Hand, edelste Frau, wird eine segnende sein! Nur muß ich Sie heute Abend sprechen – ich muß – muß es! Ihr Urtheil hör' ich, ich versichere Sie, über Leben oder Tod –! Ihr Terschka.« Falscher, gleisnerischer Bösewicht! rief Armgart aus, als sie zu Ende gelesen hatte. Deinen Glauben willst du ändern, nur um die Mutter heirathen zu können? Daß sie deinem Beispiel folge, dazu willst du sie überreden! Einlaß begehrst du zu ihr mit deiner schmeichlerischen Rede! O sie würde sich von deinem Winseln gerührt gefühlt haben! Sie hätte dir nachgegeben! Gott hat es gewollt, daß ich den Brief unterdrückte –! . . . Was kann aber dennoch inzwischen geschehen sein! Die List und Verschlagenheit dieses Menschen ist ja der Hölle entstammt –! So urtheilte Armgart. Sie ahnte nicht, daß in diesem, allerdings in jenem seraphischen, der Rhetorik der Jesuiten entsprechenden Ton geschriebenen Brief Wahrheit lag. Terschka wollte in der That mit seinem Stande brechen, wollte unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe, dieser heroischen Bekennerin ihres lutherischen Glaubens, vor den Folgen seiner Entlarvung sich sicher stellen. Monika's Zeugniß wollte er zu seiner Rechtfertigung vor der Gräfin für sich haben, wollte sich ganz in den Folgen seiner für den Grafen empfangenen Mission enthüllen, wollte Monika das 127 Räthsel seines Lebens zur Entscheidung vorlegen und für sich und zur Gewährung der Verzeihung sprechen lassen, wie er im Gegentheil ein Freund des Grafen wurde und seine römischen Aufträge nicht erfüllte. Wer konnte wie sie so tief nach den obwaltenden Umständen alles überblicken und ergründen, was zur Entschuldigung seiner Lage und – Lüge dienen konnte? Zuletzt wollte er in That und Wahrheit seine Liebe für Armgart bekennen. Diese Leidenschaft war so übermächtig in ihm, daß sie alle seine Schritte bestimmte. Gerade deshalb, weil sie ihm Kraft gab, den muthigsten Entschluß seines Lebens auszuführen, hielt er sie fest, und während er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb, stand wirklich nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen. Die Liebe, die den Mann auf der Höhe seines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, daß sie die letzte sein wird, die noch erhört werden dürfte, hat für ihn eine unabweisliche Kraft. Armgart las jedoch aus allen diesen Hülferufen nur im Gegentheil die Liebe zu ihrer Mutter. Jedes Wort dieser glühenden Rede war ihr ein Ausdruck der Zärtlichkeit nur für sie! Für diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben ändern und nach England entfliehen. Die Mutter mußte dann ein Gleiches thun. Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet. Schon als man hörte, Monika reiste mit Gräfin Erdmuthe nach England, war man auf einen solchen Schritt gefaßt. Diese Voraussetzungen des Briefes, wie sicher waren sie! Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nächtlicher Stille konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach längst vorausgegangener Vertraulichkeit. Der letzte Hinweis des Briefes auf sie selbst war ihr nur der Ausdruck einer matten Rücksicht; in nichts, nichts entsprach er den seit acht Tagen ihr gewidmeten Zärtlichkeiten und Huldigungen – »dieses treulosen Verräthers –!« »Das 128 der Dank für das Opfer eines – Lebens!« Hatte sie ihm nicht deutlich genug zu erkennen gegeben – daß sie ihn zum Gatten wählen würde, wenn auch mit blutendem Herzen – –? Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham färbte ihr Angesicht. Sie rannte auf und ab. Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh seine Buchstaben wieder wie Nattern. Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen! Das ist der Abgrund der Wahrheit, den das Lächeln der Lüge, die Blumen des Scherzes meist verhüllen –! Namenloses Elend aller betrogenen Menschen! Und du, du Schimpf meines geliebten Vaters! Ich kann nicht, ich kann nicht erfüllen, was ich wollte! Die Mutter ist für mich verloren –! Vergib mir, o Himmel! Vergebt mir ihr alle, die ihr Recht hattet, mich zu tadeln! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben, deine Gefangene! Schwände das Licht des Tages doch ganz und säh' ich nichts mehr, als Nacht und Dunkel, wie ein Kind im Mutterleibe –! Ein solches Bild zu wählen, war für Armgart nicht anstößig. Natürlichkeit und ihre Wahrheit gingen ihr über alles. Sie beugte das Haupt auf ihre weißen Hände, die sie aufstützte. Sie dankte, niederblickend, dem Himmel für die Lage, in der sie sich befand, dankte für das Brausen, das in ihr betäubtes Ohr drang. So war es ja doch schöner! So hätte sie jetzt untergehen mögen –! »O, diese Welt ist zu schlecht –!« Ihrem Vater hätte sie auf dem Schoose sitzen mögen, den allein mit allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens liebkosen und freilich dann diese Zärtlichkeiten selbst wieder beweinen. Nichts aber geschah zur Veränderung ihrer Lage. Sie blieb verurtheilt, auch diesen Tag, auch die Nacht so hinzuleben. Sie konnte ihren ersten Entschluß nicht ausführen, nicht zeitiger zur Ruhe gehen. Immer nur saß sie und dachte: So wandelt 129 euere Wege nur hin! So seid nur Lügner! So leugnet nur Gott und die Treue! So brecht euere Eide, enthüllt euere Sünden und schmückt euch mit ihnen noch sogar! Herr, laß mich nicht sitzen, wo die Spötter sitzen! . . . Wie erquickten sie jetzt die Psalmen! Die Bibel wurde ihr ein Trost. Jedes ihrer Worte paßte nun auch auf sie. Spät ging sie zur Ruhe. Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war, schlief sie jetzt still und fest und träumte nichts Erschreckendes. Am Morgen hatte sie wieder den geheimnißvollen Besuch verschlafen. Gewiß war es die taube Alte, die indessen im Zimmer gewesen und aufgeräumt hatte. Armgart sah sich um und fand es ganz so friedlich und wohnlich um sie her, wie sie sich ihren Aufenthalt im Kloster gedacht hatte. Das Zimmer war schon warm, im Ofen fehlte ihr Frühstück nicht, auf dem Tisch stand das frische Wasser, auch ein neues und ein besseres Licht – Zeichen einer noch vorauszusehenden längern Gefangenschaft. Sie setzte sich dann und malte sich aus, was in ihrer nun schon dreitägigen Abwesenheit von Westerhof alles geschehen sein könnte. Terschka sah sie mit ihrer Mutter auch ohne den Brief – heimlich und aufs zärtlichste verbunden! Zuletzt konnte sie Eines nicht fassen, was ihr heute Morgen besonders neu und wohlthuend war. Sie blickte um sich. Es war etwas vorhanden, was gestern fehlte. Waren es Blumen? Die dufteten doch nicht. Musik? Jetzt erst bemerkte sie, daß es um sie her still war. So in sich verloren, so an ihre Lage gewöhnt war sie schon, daß sie nicht bemerkt hatte: die Mühlen standen ja, die Wasser rauschten ja nicht, die Sägen schwiegen! Was ist das? erhob sie sich von ihrem Frühstück. Das ist der Himmel! Die Musik liegt in der ewigen Stille nach dem Geräusch des Lebens! Unwillkürlich mußte sie die Hände falten. 130 Und vorgestern und noch gestern hatte sie dies plötzliche Schweigen um sich her benutzt zu ihrer Befreiung. Heute, wo sie endlich wieder auch die Kirchenglocken hörte, riß sie nichts ans Fenster, drängte sie nichts, um Hülfe zu rufen. Selbst das Läuten des Münsters und der Jesuitenthurmglocke und der Dominicanerkirche – all diese Glocken konnte sie seit frühester Kindheit unterscheiden – all diese Zungen der Luft redeten nicht die Sprache ihres Innern. Sie sah in die Bibel und fand, daß dort die Psalmen und die Propheten andere Worte sprachen, als wie sie jetzt im Münster hätte vernehmen können. Um etwas zu sehen von der Außenwelt, stieg sie zum Fenster hinauf. Es war ein bedeckter Frühlingsmorgen, Nebel verhüllten die schon hoch stehende Sonne, Schnee und Eis waren geschmolzen. Sie öffnete, um die frische, verheißungsreiche Luft einzuathmen. Sie sah Menschen vorübergehen. Niemand blickte zu den kleinen Schießscharten des Thurms empor. Auch waren die Wände so dick, daß ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen werden konnte. Dabei war um Hülfe zu rufen gar nicht mehr ihr Bedürfniß. Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleider, flocht ihr Haar und schmückte sich mit jener Einfachheit, die sie seit Jahren gewohnt war. Die Mühlen standen immer noch still und schon berechnete sie, ob heute ein Feiertag war. Die Fastnachtszeit ging zu Ende. In wenig Tagen war Aschermittwoch. Heute begann zu St.-Libori die vierzigstündige Anbetung des allerheiligsten Sakraments. Sie wußte, daß nun die Bilder aller Altäre der katholischen Christenheit verhüllt werden und nur das Kreuz offen blieb, um für die Passionszeit allein nur auf die Leidensgeschichte die Aufmerksamkeit zu lenken. Alledem suchte sie in ihrer Bibel nachzuleben, soweit es noch zutraf. 131 Gegen elf Uhr hörte sie ein näher kommendes Geräusch. Nicht vom Ofen her kam es, sondern vom Eingang. Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Thür, durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat. Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen, ob sie gleich im ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrücken konnte. Hülfebringende müßten wol eiliger kommen! berechnete sie. Draußen ging ein Schlüssel. Die Thür öffnete sich. Armgart hatte sich nicht erhoben. Ruhig, den Kopf auf die Hand stützend und nur von ihrem Buch aufsehend, saß sie da. Jetzt aber mußte sie sich unwillkürlich erheben. Hedemann kam nicht allein. Er ließ einen Herrn und eine Dame vor sich eintreten. Die Besuchenden waren ein Paar. Sie kamen Arm in Arm. Die Dame war nicht groß, das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt. Der Herr erschien stattlich, frischen und gebräunten Antlitzes, den Kopf mit einer dunkeln Tuchmütze bedeckt, die rund herum ein goldener Streifen zierte. Hedemann sprach nichts. Die Besuchenden blieben oben an der Thür stehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter. Armgart überfiel eine seltsame Regung. Ihr Herz schien eine Weile zu stocken. Ein Zittern ergriff sie, als sie einen Schritt weiter machen und den so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen wollte. Die beiden Fremden blieben oben auf den Stufen und sahen nur stumm ins Zimmer. Der Herr mit der Mütze hatte einen schwarzen Ueberwurf um, ein buntes Tuch fast noch jugendlich um den Hals geschlungen, einen weißen aufrecht stehenden Halskragen – Er hatte etwas vom Onkel Levinus. Da schlug die Dame den Schleier zurück. Lange silbergraue Locken quollen unter dem dunkeln Sammethut hervor. In den 132 Augen der frommen, jugendlich schönen Frau, in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie Thränen. Armgart bebte – ermannte sich – glaubte – zweifelte – Endlich stürzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen Herabkommenden und lag zunächst doch nur – in den Armen der Mutter. Während dann auch Ulrich von Hülleshoven sein Kind an sich zog und in Armgart's Auge zu blicken suchte, blieb Armgart's rechte Hand noch in der Linken Monika's ruhen und zugleich hielt Monika's Rechte die edle, würdige Gestalt des Gatten umschlungen. Die Rührung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann, der den Empfindungen als Dolmetscher zu dienen hatte, konnte nicht damit vorwärts kommen. Monika riß ihr Kind fast wie eifersüchtig wieder allein an ihr Herz. Armgart – zwar noch tief mistrauend und doch wie von himmlischem Lichtglanz geblendet, wagte nicht zu ihr aufzublicken und wandte sich mehr und mehr zum Vater, aus dessen hellen blauen Augen sie eine selige Welt der höchsten Himmelsreinheit ansah. Der Oberst drängte sie aber selbst der Mutter zu und sprach in einem vor Rührung leisen, sonst männlich festen, wohllautenden Tone: Das ist ein Sieg nach langem Kampf! O Gott, o Gott! Was sind doch Menschenherzen verkehrt –! Armgart, die bisher ihr unbekannten Aeltern nun endlich sprechen hörend, sank in die Kniee. Sie umschlang die Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand. Dann blickte sie wieder zu ihnen beiden empor und sog mit ihren schwärmerisch irrenden braunen Augen ihre Bilder auf. Und wieder den Aeltern mußte es sein, als sähen sie in einen See hinunter, über dem Rosen und Lilien schimmerten – in die tiefsten Tiefen dessen, was auf Erden und im Himmel schön und gut ist – in ihre eigene Jugend. 133 »Selig, selig«, sprach Hedemann und faltete die Hände über seiner – grauen Müllermütze, »bist du, die du geglaubet hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn!« »Und Maria sprach«, fuhr Armgart, mit beinahe tonloser Stimme, mit den Worten des englischen Grußes fort: »Meine Seele erhebet den Herrn –!« Noch einmal traten Pausen ein, deren die vom höchsten Glück erschütterten Herzen bedurften. Dann folgten Verständigungen und diesen die Entschuldigungen Hedemann's. Monika sah in der von Hedemann ihr dargereichten alten Bibel die Stunde der Geburt Armgart's verzeichnet und zeigte dem Gatten dies Blatt. Dieser warf einen mild überrascht und schmerzlich lächelnden Blick darauf und zog Monika an sein Herz. Der Oberst schien ein Mann, der nicht schon mit dem Sturm der Jugend die sanfte zärtliche Empfindung verloren hatte; alles, was er sprach, war zwar eigenthümlich gemessen und bedacht, doch jugendlich innig und wohlthuend. Monika staunte nur immer und strich wie in unbewußtem Träumen ihre grauen Locken. Wo wir uns wiedergefunden haben? sprach der Oberst. Bei unserm Kinde! Bei deiner Liebe! Deiner – nun wandte er sich zu seinem Weibe – deiner vergebenden Liebe, Monika –! Beim Geist und bei der Wahrheit! sagte Monika mit leuchtenden Augen, zeigte auf die Bibel und stand neben der aufhorchenden, immer noch scheu vor ihr niederblickenden, immer noch zweifelnden Armgart wie eine ältere Schwester, so jung, so schön noch und dies keineswegs nur infolge einer sie durchleuchtenden Verklärung. Hedemann sprach vom »Kampf der Gerechten« und Armgart begriff immer noch nicht, was die Aeltern so plötzlich verbunden hätte? Sie fragte dies auch leise. 134 Monika sprach: Dein Opfer hat uns verbunden, Kind! Du bist das Kind – meiner Schmerzen! Deine Gefangenschaft! Hier dieser Thurm hat uns verbunden! Ist es nicht so? Hedemann! Wie dank' ich Ihnen –! Auch Ulrich wollte Hedemann danken, umschlang aber nur die Sprecherin und umschlang sie mit jener männlichen Würde, die den Ausbruch einer noch jugendlich regsamen Leidenschaft mildert. Sie soll noch alles hören! sprach er. Nun aber kommt! Laßt uns im Triumph nach Westerhof fahren und zeigen, was wir mitbringen können! Nun, nun erst zieh' ich ein! Anders wär' ich dort nicht erschienen! Nicht blos Armgart, sagte Hedemann, sondern sich selbst bringen Sie beide mit! Monika's Ja! war so einfach, aber sie konnte nichts besseres sagen, als dies Ja! und reichte dem Gatten die Hand. Noch schien die Aussöhnung das Werk einer vor wenigen Minuten erst gekommenen Verständigung zu sein. Monika schwankte noch wie ein vom Wind bewegtes Rohr. Kind und Gatten hatte sie in Einem Moment gefunden. Wen nur nehmen wir noch mit? rief der Oberst. Benno ist fort! Mein »Geretteter«, Thiebold de Jonge, auch – Selbst die schwarze Hexe, mit der du von Westerhof entflohen bist, du Schwarmkind, ist nicht mehr da! Der Domherr ist im Amte! Aber gestern noch suchte mich ein Herr von Terschka auf, der heute wiederkommen wollte – er wohnt auf dem Schlosse! Wer begleitet uns im Triumph? Ganz Witoborn müßte eigentlich mit! Armgart zuckte auf den Namen Terschka's zusammen und blickte zur Mutter hinüber, die sorglos und nur voll Wehmuth stand. Denn Monika sah es, offenbar gab das Herz des Kindes dem Vater den Vorzug. Sie sah dies an dem auf sie so sonderbar scheu und prüfend gerichteten Blick Armgart's. 135 Terschka suchte dich wie einen verlorenen Edelstein! fuhr der Vater harmlos fort. Und das bist du ja auch! Terschka verdanken wir eigentlich Alles! Nicht wahr, Monika –? Armgart hörte und hörte. Durch Hedemann reisefertig gemacht, ging sie schon wie eine Führerin voraus. Eros, der Griechengott, voranleuchtend mit der Fackel!– Monika rühmte im Nachfolgen Terschka's Gefälligkeit. Der Vater war ganz erfüllt von dem böhmischen Rittmeister. Fast schien es, als hätte bei ihm Terschka um Armgart angehalten. Klar blickte Armgart über nichts und sah sich nur immer nach einem störenden Schatten zwischen ihnen allen um, zerpreßte den Brief, den sie wieder auf der Brust verborgen trug, und deutete noch dies und das nach dem Lügengeist, den sie gestern als den Beherrscher des Lebens erkannt haben wollte. Wie ist das nur –? sprach sie vor sich hin und zog Vater und Mutter sich nach in die freie Gotteswelt. Jetzt begannen auch wieder die Mühlen, die Wasser rauschten. Man stieg über die Schwelle des Thurms. Die taube Alte sah ihnen verwundert und schelmisch lachend nach. Unten standen Gesellen und Bursche und zogen die Mützen und weiter und weiter ging's. Durch die Bächlein, über die Brücken. Zu sprechen war hier nichts, nur zu sehen, nur der Druck der Hand zu fühlen. Der Thurm da hat euch verbunden? hauchte Armgart, als sie an den Wällen ankamen, wo in der Allee ein Wagen auf sie wartete, ein Kutscher von Westerhof in den Dorste'schen Farben. Sie schüttelte den Kopf und ihre lieblichen beiden Zähnchen blinkten. Ja! Die Seele des Thurms! sprach der Vater. Die Mühlen! Die Mühlen! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung. Er selbst konnte dann nicht weiter folgen. So stiegen die Aeltern und Armgart allein ein. 136 Im Wagen sah Armgart, daß das Band ihrer Aeltern in der That eben erst wieder geschlossen war. Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf ihr, wie auf der Mutter. Das Auge der letztern war umflorter, als das seinige. So dachte sie sich Braut- und Bräutigamswonne beim Heimfahren von der Kirche. Du begreifst es noch nicht recht? sprach der Vater zu ihr. Und so ganz licht und hell ist auch die Zukunft noch nicht, mein Kind! Die Zeit der Kämpfe – beginnt erst. Da aber, als ich mich nach einem Beistand dafür umsah, da gerade fand ich die besten Bundesgenossen. Weib und Kind! Auf Armgart's Staunen blinkte ihm Monika ironisch zu: Sie lebt und schwärmt, sagt man, wie Paula! Das war so ein erster Zug von dem, was Armgart als das Wesen ihrer Mutter kannte. Armgart verstand nicht ganz, was die Mutter meinte, ahnte aber die Gedankenwelt, die Vater und Mutter hegten und die sie verband. Da es die nicht war, die sie theilte, so verließ sie ein gewisses Zagen nicht. Aber sie urtheilte nicht. Sie grübelte, was die Aeltern so recht, recht einigen mochte und – wie die Mutter – mit Terschka stand? Da sie fürchtete, durch ihr Schweigen kalt zu erscheinen, sagte sie zum Vater: Du warst also noch nicht – auf – Westerhof? Der Oberst schüttelte sein jetzt ernster werdendes Haupt. Nein! sprach er. Ich konnt' nur so, wie jetzt, dort ankommen! Wenn die Mutter dort war – – konnt' ich nur mit unserm Kind kommen! So seinen Worten gleich die mildere Deutung gebend, blickte er träumerisch und sich auf die Vergangenheit besinnend in die Ferne – Das da ist St.-Libori? sagte er. Die Mutter war bereits heimischer. Es war der dritte Tag schon, den sie in Westerhof zugebracht. »In bangen Aengsten!« Armgart glaubte das wohl. Aber räthselhaft, wie sorglos die 137 Mutter von Terschka sprach! Noch räthselhafter für Armgart, wie ihn der Vater so rühmen konnte! Herr von Terschka mußte gestern plötzlich zum Bischof! sagte der Vater. Er wollte doch heute in der Frühe wiederkommen. Ja, wir glaubten erst, du wärst bei den Clarissinnen! Terschka wollte es behaupten und sagte, sie verbärgen dich dort. Hedemann gestand mir noch nichts – Erst heute früh gestand er's! erklärte die Mutter. Als du kamst? fragte sie. Ja, Armgart, als ich – Ich kam zuerst – zum Vater! Sieh mir doch nur ins Auge, Seelenkind –! Armgart hielt die Hände beider Aeltern und sah dabei noch immer nach rechts und nach links. Wann sagte es denn Hedemann? – stammelte sie, ungewiß noch über alles und mit liebenden Augen die Kälte ihres Fragens mildernd. Wo du warst? fiel der Vater ein. Da sagte er es, als er sah, daß du in unsern Herzen wohnst! Liebes Kind! Deine Mutter brachte mir durch ihr Anklopfen an meine Thür Lebensmuth, Stolz, Erhebung! Sie hörte, daß sie mich so heftig in Westerhof anklagten. Sie hörte von meinen Absichten auf Witoborn. Sie war davon überrascht und vertheidigte meine Auffassungen der Zeit, meine Wahl eines Berufs und meine Denkweise. Sie hatte sich meiner Person entwöhnt und machte plötzlich einen ganz andern Menschen aus mir, als ich bin – ja sie hatte sich – sollte man's glauben – in meinen schlimmen Ruf verliebt! In Westerhof nannte man das Papier eine Erfindung des Satans. Nun, bei uns hat es sich als eine Erfindung der Engel bewährt! Ein Mühlenbesitzer, ein adeliger Papiermüller, der interessirte deine Mutter und sie kam, um als Lumpensammlerin bei mir zu dienen. Ein wichtiges Amt, Kind! Ich hoffe, du 138 bekehrst das ganze Stift Heiligenkreuz zu unserm Geschäft und verschaffst mir abgelegtes Leinzeug aus unserer ganzen Provinz – Armgart hörte nur zu. Es waren ihr ganz fremde Gedankengänge. Ulrich! fiel die Mutter ein. Sie ist zu jung, um zu verstehen, was über alles, alles im Leben geht und warum es heißt: »Im Anfang war das Wort! « Armgart widersprach keineswegs. In ihrer Seele klangen die Evangelien und die Stimmen aus der Bibel nach. Sie begriff – wenn auch mit tiefem Bangen – daß sich die Aeltern durch die Verwandtschaft ihres Denkens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den Muth ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten. Die Mutter hatte vom Vater so viel gehört, was ihrer eignen freien Gesinnung entsprach, daß sie zuletzt nicht mehr zu halten war, zu ihm zu gehen und zu sagen: Ulrich, suchen wir doch unser Kind! Sie ließen beide Armgart den Ruhm, daß sie, sie allein die letzte Entscheidung gegeben. Da Armgart so oft schwieg, so tief versunken blieb in ihre stille Welt des Glücks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Glück, so hielten sie allmählich die Aeltern für weniger geistesreif, als sie ihnen geschildert worden war. Sie beruhigten sich darüber leicht und sprachen mit ihr von der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbschaft, von den Bewohnern des Schlosses Westerhof, von Bonaventura von Asselyn, der, wie Monika sagte, für den aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe, aber schon für die nächsten Tage nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückgerufen wäre. Armgart gab klug und verständig ihre Erläuterungen und schon erfreute sie die Aeltern durch kleine Anflüge ihres Humors. Harmlos ergingen sie sich in ihren Urtheilen über Zeit und Welt. Was die Mutter von Paula berichtete, waren Zweifel 139 an ihrer Seherkraft. Doch wurden diese Zweifel milde vorgetragen und verriethen vor Armgart's Freundin Achtung. Die Mutter hatte nicht, wie Lucinde, an ihren Verneinungen Freude. Das Erstaunen, die Ueberraschung, der Triumph, womit die drei Ankömmlinge auf dem Schlosse empfangen wurden, war unverstellt und schon um Armgart's, des wiedergefundenen Flüchtlings willen! Benigna, die um Armgart's Schicksal, um Monika's plötzliche Parteinahme für ihren Gatten in heftigster Erregung zurückgeblieben war, vergoß Thränen, unaufhaltsam. Onkel Levinus setzte sich Ulrich's englische Militärmütze mit den goldenen Tressen auf und vergaß alle Anklagen über Standesetikette und Standesrücksichten, die Monika beinahe schon gestern von dannen getrieben hatten. Auch wol jetzt noch spottete er über den Papiermüller, maß sich aber doch mit ihm an der Thür, wo sie sich einst vor dreißig Jahren in ihrem Wuchse gemessen hatten und den Strich richtig noch fanden – nur daß damals Levinus der größere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachsen bin ich doch wahrhaftig nicht! Nun dann bin Ich – zusammengekrochen! gestand Levinus zu und lachte Paula entgegen, die Armgart, die »Wiederentdeckte«, an ihr Herz zog und vor Ulrich, Armgart's vielbesprochenem Vater, in Verlegenheit stand, überhaucht wie mit Rosen. Nun fehlte noch Terschka; er wurde erwartet. Auch Bonaventura, der noch in St.-Libori oder im Stifte war. Verständigungen, Aufklärungen folgten. Die Tante ging sogar auf einige der immer zahlreicher fallenden Ketzerbemerkungen ein. Sie verwies als einen sträflichen Aberglauben die Abhängigkeit, in die man sich von »unüberlegt ausgesprochenen Gelübden« setzte. Ja sie erzählte sogar, als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen, mit leisem Kichern eine Geschichte von Müllenhoff's neuer Krankheit. Sie wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's 140 Ohr. Nachdem hintereinander erst ein Püppchen, dann ein Kätzchen an des Pfarrers Hausthür wäre ausgesetzt gewesen, hätte man gestern in der Frühe ein wirkliches – lebendiges – neugebornes Kind, einen pausbackigen Jungen, hellschreiend in einem Korbe gefunden. Was von Urtheilen daran angeknüpft wurde, entging Armgart. Sie war in jener Stimmung eines Kindes am Weihnachtsabend, wenn die Bescherung längst da ist und der glücklich trunkene Blick doch immer noch irrt und irrt und das Oeffnen der lichterhellten Zimmer erst noch zu erwarten scheint. Sie machte sich Vorwürfe über ihre der Mutter bewiesene Kälte. Wie beherrschte aber auch Monika schon den ganzen Kreis durch ihren Geist, ihre Ruhe, ihre – Aehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr – Anderssein –! Terschka blieb aus. Und wenn er kam, was dann –? dachte Armgart. Ja, ihr Opfer schien ihr in der That noch nicht ganz vollzogen, das Band, das die Aeltern einigte, nicht fest genug – Nach solchem Briefe! Solcher Sprache! Kam Terschka – Sie fühlte, daß sie dann noch, Gott zu Ehren, erst von einem Felsen springen mußte! Sie bebte bei dem Gedanken: Sollst du ihn begrüßen – als den Erwählten deines Herzens? Sollte sie die Parteilichkeit der Aeltern für ihn als eine Unterstützung seiner Werbung gelten lassen? Sie hätte vergehen mögen. Sie dachte, kaum die Thränen zurückhaltend, an Thiebold und Benno. Monika stand mit Rührung über Armgart's stete Zurückgezogenheit von ihr. Oft auch mit dem Gedanken: Sie ist noch ein Kind! Sie bleibt, so schön und hold sie ist, doch hinter der Erwartung zurück, die ich von ihr haben sollte! Ein trunkenes, blindes Verlorensein des Muttergefühls im wiedergefundenen Schatz ihrer Sehnsucht lag nicht in Monika's Natur. Paula beobachtete sie deshalb prüfend genug. 141 Immer hieß es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terschka? Wurde Terschka's Name genannt, so richtete sich Armgart auf, sah die Mutter an, ob die Mutter lügen, heucheln könne, und wollte sich Muth geben, ihm sogleich mit geschlossenen Augen und wie mit zum Todesstoß dargereichter Brust entgegenzugehen. Monika blieb jedoch harmlos, ruhig, befriedigt, glücklich. Der Domherr hatte sie gestern und vorgestern so begrüßt, als kannte er sie nicht, hätte sie nie in seinem Beichtstuhl gehört. Er hatte die natürlichste Sorge um ihre Aussöhnung mit dem Obersten und das Auffinden Armgart's verrathen. Ihre Philosophie, nach welcher man der Reue nicht zu viel einräumen sollte, kannte kein Reuegefühl über ihr »maßloses Sichgehenlassen« im Beichtstuhl damals, als sie von einer »zweiten Liebe« gesprochen. Sie hatte doch eigentlich nur die Ehegesetze der katholischen Kirche angreifen wollen. Paula bildete auch jetzt noch, wie immer, den Mittelpunkt, so wenig sie diese Ehre suchte. Monika fragte forschend ihre Schwester: Warum ist sie – nur so unruhig –? Monika hätte eine Offenbarung ihres geheimnißvollen Traumlebens wünschen mögen. Benigna misverstand die Frage. Sie glaubte, Monika meinte Armgart. Denn diese stand allerdings am Fenster und wartete – auf Terschka und wie auf ihr Todesurtheil. Sie kämpfte, ob sie ihn so empfangen müßte, daß alle sagten: Das ist ja ein Paar –! Benigna aber hatte, um nur wieder zanken zu können, mit dem Essen zu thun, wozu schon gerufen wurde. Man ging zu Tische. Schon saßen alle – da rollte ein Wagen vor. Wol Terschka –? rief der das Hundertste ins Tausendste redende und im Geiste bereits auch schon Papier machende Onkel. Armgart griff an ihr Herz. Ihr Vater beobachtete sie. Auch die Mutter. Ein Diener wollte eben sagen: Herr von Terschka 142 hat hinterlassen – Da meldete man den Domherrn. Paula erglühte. Monika bekam Ahnungen von Bonaventura – als dem »Bruder Gottfried« der neuen Hildegard. Paula's Sehergabe hatte geschwiegen in diesen drei Tagen, wo der Domherr wenig auf dem Schlosse war. Endlich erschien Bonaventura. Er war ernst und milde, wie immer. Die Neuverbundenen grüßte er, ohne zu thun, als läge für ihn in dieser Verbindung etwas Unerwartetes. Er wußte schon alles von Hedemann. Von Witoborn kam er, wo auch er hatte Armgart suchen helfen wollen und den Obersten begrüßen. Er beglückwünschte mehr mit dem Auge, als mit den Lippen und forschte den Obersten nach dem Onkel Dechanten aus. Mit Armgart sprach er sogar scherzhaft und neckend. Aber bei alledem blickte er voll Trauer. Reisen Sie wirklich schon morgen? fragte der Oberst bedauernd. Bonaventura bestätigte seine Abreise, sprach von einem Auftrag nach Wien – von einer Erhebung sogar zum Domcapitular. Man beglückwünschte ihn voll Ueberraschung. Paula senkte die Augen. Monika's Art war kein kleinliches Forschen; doch bemerkte sie die Gleichzeitigkeit des trauernden »Ja!« und jener gesenkten Augen. Wie viel Gründe hatte nicht Bonaventura für seine Trauer –! Wie liebevoll und beziehungsreich sprach er von Benno und vom Dechanten –! Als man wiederholt nach Terschka spähte, überraschte er alle mit dem plötzlichen Worte: Terschka –? Sie wissen – also – noch nicht –? Die fragenden Blicke aller richteten sich auf ihn zugleich, zum Zeichen, daß man ohne jede Ahnung war. 143 Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters. Sie saß zwischen beiden. Beide verstanden allmählich ihre Aufregung und sahen in leicht erklärbarer Täuschung die »Liebe« des jugendlichen Herzens. Monika sah diese Verirrung mit Schrecken. Herr von Terschka ist abgereist! fuhr Bonaventura fort. Wußten Sie das nicht? Abgereist? So plötzlich? fragten der Onkel und die Tante und sahen sich nach den Dienern um, die davon wissen mußten. Jeden Zug beobachtete Armgart im Antlitz der Mutter und diese wieder in dem der Tochter und beide saßen sich gegenseitig anstarrend. Ich wiederhole Ihnen nur, was ich soeben in Witoborn aus jedermanns Munde hörte. Herr von Terschka war gestern Abend beim Bischof, heute in aller Frühe schon im Kloster Himmelpfort; dann will man ihn noch im Düsternbrook bei den beiden Eremiten gesehen haben. Ein Pferd soll er in Witoborn in den Stall »bei Tangermanns« gestellt haben, das über und über mit Schweiß bedeckt war. Dann nahm er Extrapost und ist abgereist. Die Tante klingelte den Dienern, die auch eben die Speisen hereintragen sollten. Monika blickte nieder – Für sich selbst fühlte sie sich wie erlöst. Hatte sie doch Terschka gestern und vorgestern mit unbesonnener Vertraulichkeit verfolgt, ja sogar in Erwartung, sie hätte seinen Brief erhalten, gewagt, Abends an ihre Thür zu pochen, wo sie sich vor seinem »Ueberfall« nur durch die Glocke hatte helfen können. Seitdem hatte sie ihm nicht mehr Rede gestanden und wies einen Brief Terschka's, eine Wiederholung des ersten, zurück. Aber – Armgart –? 144 Von den Dienern erfuhr man, daß Terschka in aller Frühe mit einem großen Koffer nach Witoborn gefahren war; der Wagen war eben jetzt allein zurückgekehrt. Der Onkel, hocherstaunt, fragte: Aber die Schlüssel seiner Zimmer? Ein Diener übergab die Schlüssel. Daß nach dem Fund der Urkunde Terschka hier nicht mehr lange verweilen würde, hatte man vorausgesehen. Dennoch war diese jähe, abschiedslose Entfernung aus seiner ihm, man sah es gestern und vorgestern, unbehaglich gewordenen Lage zu auffallend. Inzwischen blickten alle auf Armgart. Sie hing erwartungsvoll an Bonaventura's Munde . . . Als die Diener sich wieder entfernt hatten, ließ Bonaventura, ohne zu grelle Hervorhebung, wenn auch mit Beben, die Worte fallen: Sie werden bald vernehmen, was ich in Witoborn, wie gesagt, schon aus jedermanns Munde erfuhr. Terschka ist seltsamerweise – nicht in der Lage, je – hierher zurückkommen zu können – Alle horchten auf. Terschka war – das nicht, was er uns allen erschien –! Armgart hatte sich erhoben. Jeder erwartete, sie würde ausrufen: Er ist vermählt –?! Bonaventura sprach leise: Terschka ist – ein Priester –! Ein Wort des Erstaunens erstarb auf aller Lippen. Noch mehr! fuhr Bonaventura fort und dämpfte die Stimme – Man sagt es allgemein in der Stadt – er gehört dem Orden – der Gesellschaft Jesu an und hat in Rom längst das vierte Gelübde abgelegt. Mein Stiefvater – scheint – die Gesetze gegen ihn geltend gemacht zu haben, die keinen Jesuiten im Lande dulden. Oder – vermuthet man – seine Mission ist zu Ende und 145 man hat ihn schleunigst nach Rom zurückberufen. Nur zurückhaltend spricht man von diesem seltsamen Vorfall; doch scheint die Nachricht – unwiderleglich zu sein. Es gibt eine magische Lichtwirkung, die plötzlich die blühendsten, lebensfrischesten Physiognomieen in Larven verwandelt. So war die Wirkung dieser Mittheilung. Was mußte man von Terschka's Metamorphose, was von seiner Verbindung mit den Camphausens in Wien, was von seinem Leben hier auf dem Schlosse halten –? Monika, die den Beziehungen Terschka's zur Familie des Grafen Hugo durchaus nahe stand, konnte sich kaum im Sitzen erhalten. Ihre Lippen bebten, ihr Auge rollte, ihre Brust hob sich; sie hatte einen – Fluch auf der Zunge. Das sahen alle. Ihr Gatte betrachtete sie mit gleicher Empfindung und maß den Antheil, den er gleichfalls aus Monika's Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu würdigen wußte. Er verstand die Entrüstung vermöge gleicher Gesinnung. Dennoch stammelte Monika zuletzt: Fast glaub' ich, man muß dem Mann nicht zu sehr zürnen! Er war vielleicht mehr ein Opfer, als ein Werkzeug! Mehr konnte sie nicht sagen. Denn alles war erschreckt durch Armgart. Diese stand, wie wenn sie eine Geisterwelt um sich sähe. Nicht daß sich ihr sofort das Räthsel des Briefes enthüllte, daß sie sofort verstand, wie Terschka nur gerade eine Last der Seele hatte abschütteln, deshalb convertiren wollen. Sie sah nichts, als daß Terschka aufhörte ein Mann zu sein, aufhörte, verwirrend und bestrickend in Frauenseelen eingreifen zu dürfen. Die Mutter war erlöst, sie selbst war es! Sie stieß einen lauten Ton – der Freude aus, einer Freude, die nur Paula begriff. Sie stürzte auf die Mutter zu . . . Jetzt, jetzt erst sie wiedergewinnend, jetzt erst ganz an sie glaubend, nachholend, was sie an ihr 146 versäumt hatte, lichtumflossen gleichsam nach so langer dunkler Irrung, umarmte sie die Befremdete, küßte ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Hände, umfaßte ihren Leib und entfloh aus dem Zimmer. Was ist dem Mädchen? riefen alle – außer Bonaventura und Paula. Eine Pause trat ein. Man kehrte zur Gleichgültigkeit zurück, sprach den Speisen zu. Monika aber sah sich rund im Kreise um, las auf dieser, auf jener Miene – Erst allmählich begriff sie das beharrliche und auffallende Schweigen Bonaventura's und Paula's und sagte, sich in ihren Vorstellungen Licht suchend und es endlich findend: Welch ein Wahn –! Purpurroth sah sie vor Bonaventura nieder und gedachte ihrer Beichte – nun, wenn nicht bereuend, doch beschämt. Die Tante kannte Terschka's Neigung für ihre Schwester. Aber ihrer Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens über Terschka. Allem Unangenehmen gleich zur Abwehr gestimmt, hatte sie das Bedürfniß des Polterns. Sie ist eine Närrin –! rief sie Armgart nach. Bald aber stockte auch ihre Rede – voll Grauen über die Verstellungskunst, deren Zeuge man hier einen Winter über gewesen war. Der Onkel gab sich offener. Er verweilte mit unausgesetztem Erstaunen bei des Domherrn Mittheilung und fand sie für die Enthüllung römischer Zustände »ganz außerordentlich«. Armgart's Platz blieb leer. Man aß und suchte in zerstreuendem Gespräch Fassung zu gewinnen. Was stören und die eben gewonnene Einheit trüben konnte, wurde vermieden. Levinus rügte nichts am Bruder, die Tante nichts an ihrer Schwester. Ulrich und Monika behielten für sich, was beide tiefschmerzlich von Rom und Roms Bann über die Welt empfanden. Bonaventura und Paula hatten gleiche Empfindungen. Dennoch erhielt Onkel Levinus scheinbar Recht, als er das Glas erhob und sprach. Jeder Mensch ist so glücklich, wenn er die 147 erste Summe seiner Ersparnisse zurücklegen und sagen kann: Das haben wir denn nun – und das Uebrige findet sich! Halten wir uns an das Glück, das wir sehen und – mit Händen schütteln! Hoffen wir, daß im Schoos der Zukunft mehr, viel mehr noch zu unserer Freude verborgen liegen wird, als wir ahnen –! Darauf klangen auch alle an. Die Tante lachte über das Levinus'sche, sonst ihm gar nicht geläufige Bild von »zurückgelegten Ersparnissen«. An ihrem Kichern erkannte man erst, daß sie eigentlich für die unangetraute Gemahlin des Generalverwalters der Dorste'schen Besitzungen gelten konnte. Manche Neckerei würde gefolgt sein. Aber plötzlich fiel allen Paula's Blick auf. Paula hatte von den Speisen wenig nehmen mögen. Ihre Erregung mehrte sich durch die Erwartung der Wiederkehr Armgart's. Sie fragte nach ihr. Schon seltsam leise erklang ihre Stimme. Die Tante kannte diesen Ton und erhob sich. Paula blickte starr auf die großen silbernen Gefäße, die beim Mahle benutzt wurden. Die Tante rückte eine glänzende Vase zurück, in der sich Paula schon wie unbewußt spiegelte. Das glänzende Metall verursachte ihr die bekannte Wirkung. Paula begann mit Armgart seltsame Worte zu sprechen, ohne daß Armgart im Zimmer war.   Ende des fünften Buchs.