Johann Wolfgang von Goethe Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire   Personen Arsir , Ältester des Ritterchors von Syrakus Orbassan Loredan       Ritter von Syrakus Roderich Tancred , Ritter, aus einer verbannten syrakusanischen Familie, in Byzanz erzogen Aldamon , Soldat Amenaide , Tochter Arsirs Euphanie , ihre Freundin Mehrere Ritter, als Glieder des hohen Rats Knappen, Soldaten, Volk Der Schauplatz ist in und bei Syrakus. Die Zeit der Handlung fällt in das Jahr 1005 Die afrikanischen Sarazenen hatten, im neunten Jahrhundert, ganz Sicilien erobert. Da Syrakus ihr Joch abschüttelte, behielten sie Palermo und Girgenti. Die griechischen Kaiser besaßen Messina.   Erster Aufzug Ratssaal im Palaste der Republik.   Erster Auftritt Die versammelten Ritter, in einem halben Zirkel sitzend. Arsir Erlauchte Ritter, deren Mut und Kraft Des Vaterlands Bedrängnis rächen soll, Mir, als dem Ältesten, erlaubet ihr Euch zu versammeln, euren Rat zu hören. Entschlossen seid ihr, mit gesamter Hand Der Doppeltyrannei, die sich Siciliens Bemächtigte, die Brust zu bieten, euch Und Syrakus die Freiheit zu verschaffen. Die beiden ungeheuren Mächte, die Sich in die Welt zu teilen lange kämpfen, Des Orients Monarchen und der Sarazenen Verwegne Fürsten, beide machen sich Die Ehre streitig, uns zu unterjochen. Dem Kaiser von Byzanz gehorchen schon Messinens Völker; Solamir, der Maure, Beherrschet Agrigent und Ennas Flur, Bis zu des Ätna fruchtbeglücktem Fuß, Und beide drohten Knechtschaft unsrer Stadt; Doch aufeinander eifersüchtig beide, Begierig beide solchen Raub zu haschen, Bekämpften sich und stritten so für uns. Sie haben wechselweise sich geschwächt, Nun öffnet sich ein Weg uns zu erretten; Der Augenblick ist günstig; nützet ihn! Der Muselmannen Größe neigt sich schon, Europa lernet weniger sie fürchten. Uns lehrt in Frankreich Karl Martell, Pelag In Spanien, der heil'ge Vater selbst, Leo der Große, lehrt, mit festem Mut, Wie dieses kühne Volk zu dämpfen sei. Auch Syrakus vereinigte sich heut An seinem Teil zu solchem edlen Zweck. Uneinigkeit und Ungewißheit soll Nicht länger eure Heldenschritte lähmen. Vergessen wir die unglücksvolle Zeit. Da Bürger gegen Bürger aufgestanden Und, grausam, diese Stadt die eignen Kinder Ermordet und vertrieben und sich selbst Entvölkert. Orbassan, an dich ergeht Mein erster Aufruf: laß uns nun verbunden Für Eine Sache stehn! fürs Allgemeine, So wie fürs Beste jedes Einzelnen! Ja, laß uns Neid und Eifersucht verbannen, Ein fremdes Joch, das uns gewaltig droht, Mit Heldenkraft zerbrechen, oder sterben! Orbassan Nur allzutraurig war der Zwist, Arsir, Der unsre beiden mächt'gen Stämme trennte Und der geteilten Stadt die Kraft entzog. Nun hoffet Syrakus die Orbassans Mit deinem Blut, Arsir, vereint zu sehen. So werden wir uns wechselweise schützen – Und also reich' ich deiner edlen Tochter, Ein wohlgesinnter Bürger, meine Hand; Dem Staate will ich dienen, dir, den Deinen, Und vom Altar, wo unser Band sich knüpft, Stürz' ich mich rächend Solamir entgegen. Doch sind es nicht allein die äußern Feinde, Der Byzantiner hier, der Maure dort, Auch selbst in dem Bezirk von Syrakus Sehnt sich ein Teil betrognes Volkes noch Dem längst vertriebnen Frankenstamme nach, Man rühmet seinen Mut und wie er sich, Freigebig, aller Bürger Herz verbunden. Wen er beraubt daran denkt keiner mehr; Nur was er gab verwahrt noch das Gedächtnis. Mit welchem Recht verbreitete der Franke Sich über alle Welt und nahm auch hier In unsern reichen Gegenden Besitz? Coucy! mit welchem Recht verpflanzt er sich Vom Seine-Strom zu Arethusens Quelle? Bescheiden erst und einfach, schien er nur Sich unserm Dienst zu weihen; doch sein Stolz Und seine Kühnheit machten ihn zum Herrn. Sein Stamm, der ungeheure Güter häufte, Erkaufte sich des Volkes Neigung bald Und über meinen Stamm erhub er sich; Doch nun sind sie gestraft, sie sind verbannt, Auf ewig ihres Bürgerrechts verlustig. Das ist beschlossen; doch das Schwerste bleibt, Nun dem Gesetz die volle Kraft zu geben. Ein Sprosse des gefährlichen Geschlechts, Tancred, ist übrig, der als Knabe schon Mit seinen Eltern die Verbannung teilte. Den Kaisern von Byzanz hat, wie man sagt, Mit Ehren er gedient, und trägt gewiß, Von uns gekränkt, den tiefsten Haß im Busen. Vielleicht erregt er gegen uns die Macht Der Griechen, die schon in Sicilien, Durch den Besitz Messinas, eingegriffen, Und denkt vielleicht, durch seinen Einfluß hier, Uns innerlich zu untergraben. Doch Wie ihm auch sei! wir stehen einer Welt Entgegen, die von allen Seiten her Nach unsern fruchtbeglückten Feldern dringt, Und uns des reinen Himmels Frohgenuß Im schönsten Land der Erde rauben möchte, Nicht mit Gewalt allein, mit List noch mehr. Laßt gegen den Verrat uns, ohn' Erbarmen, Als würd'ge Führer einer Stadt entbrennen. Gebt den Gesetzen neue Kraft, die jeden Der Ehre, wie des Lebens, ledig sprechen, Der mit dem Feinde, mit dem Fremden sich Zu heimlichen Verbindungen gesellt. Untreue wird durch Müdigkeit erzeugt. Kein Alter spreche künftig, kein Geschlecht, Zur Schonung eines Schuldigen, das Wort. So tat Venedig, wo mit großem Sinn Mißtraun und Strenge sichre Losung war. Loredan Welch eine Schande für die Eingebornen, Daß sie ein Fremder, sie ein Feind so leicht Durch irgend einen Schein verblenden kann! Welch ein Verdruß für uns daß Solamir, Als Muselmann, in dieser Christeninsel, Ja selbst in dieser Stadt Verräter soldet, Uns Friede bietet wenn er Krieg bereitet, Um uns zu stürzen, uns zu trennen sucht. Wie Mancher von den Unsern ließ sich nicht Durch Wissenschaft und Kunst betören, die Der Araber uns zu entkräften bringt. Am meisten aber, daß ich nichts verschweige, Neigt sich der Frauen leicht verführt Geschlecht Den Lockungen des fremden Glanzes zu. An Solamir und seinen Edlen schätzt Ein weiblich Auge, lüstern, manchen Reiz, Des Morgenlandes auserles'ne Pracht In Kleid und Schmuck, Gewandtheit der Gestalt, Der Neigung Feuer und der Werbung Kühnheit; Indes wir der gerechten Sache nur, Dem Wohl des Staates, Sinn und Arme widmen, Und Kunstgewerbe ritterlich verschmähn. Im Siege mag sich unsre Kunst enthüllen; Mir trau' ich viel, euch trau' ich alles zu. Besonders aber laßt, gerecht und streng, Uns gegen der Verräter Tücke wachen; Ein Einziger zerstöret, leicht und schnell, Was viele tausend Redliche gebaut. Und wenn ein Solcher des Gesetzes nicht Des Unglücks, das er stiftet, nicht gedenkt; So laßt, wenn er entdeckt ist, im Gericht, Uns nicht an Gnade, nicht an Milde denken. Und Syrakus liegt sicher hinter uns, Wenn wir uns Solamir entgegen stürzen. Auf ewig ausgeschlossen sei Tancred, Und ihm und seinem Stamme jede Hoffnung Der Rückkehr abzuschneiden, werde nun Des Ritterrates letzter Schluß vollbracht. Die Güter, das Vermögen, die der Franken Vertriebner Stamm in Syrakus verließ, Sei Orbassan verliehen, der für uns So viel getan, so viel zu tun sich rüstet; Solch eines Vorzugs ist der Bräutigam, Arsirens Tochter solcher Mitgift wert. Roderich So sei es! Mag Tancred doch in Byzanz Sich jeder Gunst des Kaiserhofes freuen! Er fordre nichts in unserm Freibezirk. Gab er sich einen Herrn, so tat er selbst Auf unsre heil'gen Rechte hier Verzicht. Er sei verbannt. Der Sklave der Despoten Kann in dem freien Kreise nichts besitzen; Der Staat, den Orbassan bisher beschützt, War schuldig ehrenvoll ihn zu belohnen. So denk' ich und ein jeder so mit mir. Arsir Er ist mein Eidam! Einer Tochter Glück Und Wohlstand bleibt des Vaters heißer Wunsch; Doch den Vertrieb'nen, den verwais'ten Mann, Der, ganz allein noch übrig in der Welt Von einem hohen Stamme, sich verliert, Nicht gerne hab' ich, zu der Meinen Vorteil, Der letzten Hoffnung ihn beraubt gesehn. Loredan Du tadelst den Senat? Arsir Die Härte nur. Doch was die Mehrheit immer ausgesprochen, Ich ehr' es als ein göttliches Gesetz. Orbassan Dem Staat gehören diese Güter! Mag Er sie doch auch besitzen und verwalten. Arsir Genug hievon! Gefährlich immer ist's Das schon Entschiedne wieder aufzuregen. Laß uns vielmehr des schönen Bunds gedenken, Der unsre Häuser fest vereinen soll; Laß uns die Feier heute noch vollbringen, Und Morgen sei der Tag beglückter Schlacht. Da fühle Solamir daß du mit ihm Um Eine Braut, um Einen Kranz gerungen! Entreiß' ihm beide, glücklich hier und dort! Ja, der verwegne Muselmann verlangte, Zum Friedenspfande, meiner Tochter Hand. Durch solch ein Bündnis glaubt' er mich zu ehren. Auf! meine Freunde! – Wenn das Alter mir Den Ehrenplatz euch anzuführen raubt, So ist mein Eidam dieser Stelle wert. Nicht ferne will ich von dem Kampfe sein; Mein Herz wird neue Regungen empfinden, Mein Auge blickt auf eure Tapferkeit Und sieht den schönsten Sieg eh' es sich schließt. Loredan Du bist es der uns leitet! Hoffen wir Daß auch das Glück den edlen Kampf begünstigt. Wir schwören daß ein ehrenvoller Sieg, Wo nicht, ein ehrenvoller Tod uns krönen soll.   Zweiter Auftritt Arsir. Orbassan. Arsir Kann ich mich endlich deinen Vater nennen? Ist, wackrer Orbassan, der alte Groll In dir verloschen? Darf ich eines Sohns Gesinnung von dir hoffen, auf dich zählen? Orbassan Laß uns erwarten daß das Leben uns, Das uns bisher getrennt, verbinden möge; Daß, wie wir uns bisher geschadet, nun Wir unsre Kraft zu beider Vorteil brauchen. Laß denn Vertrauen zwischen uns entstehn, Gegründet auf gemeinsames Bestreben, Den Staat, uns selbst, die Unsern zu beglücken. Gewohnt von Jugend auf dein Widersacher Und deines ganzen Hauses Feind zu sein, In dieses Bündnis war' ich nicht getreten, Hätt' ich dich selbst als Feind nicht ehren müssen. Ob Liebe Teil an diesem Schluß gehabt, Das laß uns hoffen, aber nicht erforschen. Amenaidens hohen Frauenwert Darf jeder Ritter zu besitzen wünschen. Sie wird nun mein! Mich ihrer wert zu nennen Muß ich die Feinde dämpfen, Syrakus Von jeder Not befreien, dir, mein Vater, Der ersten Stelle hohe Würde sichern. Das ruft zum Kampfe mich, zur Tätigkeit. Und unter dem Geräusch der Todeswaffen, Wenn Liebe spräche, würde sie gehört? Arsir Wenn sich ein Krieger durch Freimütigkeit, Durch trockne, derbe Sinneskraft empfiehlt; So gibt es eine Härte die ihm schadet. Gefällige Bescheidenheit erhebt Den Glanz der Tugend, ist der beste Schmuck Der Tapferkeit. Ich hoffe meine Tochter Soll deiner Sitte Heldenstrenge mildern. Sie ging, in früher Zeit, mit ihrer Mutter Den Stürmen unsers Bürgerzwists entflohn, Am Hofe von Byzanz die ersten Blüten Jungfräulicher Gesinnung zu entfalten. Und blieb ihr Herz der Schmeichelei verschlossen; So ist ihr Ohr doch diesen Ton gewohnt. O, laß dir eines Vaters Rat gefallen! Befremde sie durch Ernst und Strenge nicht! Ein weiblich Herz glaubt nur an seinen Wert, Wenn es den rohen Menschensinn bezwingt. Orbassan Und diese rauhe Schale müßt ihr mir Zu gute halten, denn ich bin im Lager Vom kriegerischen Vater auferzogen. Dort spricht die Tat den Wert des Mannes aus, Dort lernt' ich biedern Sinn, Entschlossenheit, Den unverruckten Schritt zum Ziele schätzen. Und lernt' ich gleich des Hofes Sprache nicht, Kann ich kein Scheinverdienst, durch Gleisnerei, Mir eigen machen, und, mit glatten Worten, Erlogne Neigung jedem Weibe bieten, So fühl' ich doch die Würde meiner Braut Vielleicht so gut als man sie fühlen soll; Und mein Betragen zeige wie ich sie Und euch und mich in ihr zu ehren denke. Arsir Ich habe sie berufen, sie erscheint.   Dritter Auftritt Arsir. Orbassan. Amenaide. Arsir Der hohe Rat, besorgt fürs Wohl des Ganzen, Der Bürger Stimme, die ihr Herz befragen, Dein Vater, ja der Himmel, führen dir Den Bräut'gam zu, dem mit ergebner Pflicht Und holder Neigung du entgegen gehst; Dein Wort empfing er aus des Vaters Munde. Du kennest seinen Namen, seinen Rang Wie seinen Ruhm, den er als edler Führer Des Ritterheeres täglich mehren kann. Daß er zu seinen großen Gütern noch Tancredens Rechte vom Senat empfing – Amenaide (für sich) Tancredens? Arsir – möchte der geringste Wert Der auserwähltesten Verbindung sein. Orbassan Wie sie mich ehrt, das hab' ich längst gefühlt; Nun fühl' ich auch in dieser Gegenwart, Wie sehr ich mich beglückt zu nennen habe. O! daß zu deiner Gunst und ihrer Wahl Auch mein Verdienst um euch sich fügen möchte! Amenaide Zu allen Zeiten hast du, teurer Vater, Mein Leid empfunden, wie mein Glück befördert. Indem du einem Helden mich bestimmst, So soll nach langes Kampfes wilden Tagen Durch deine Weisheit Fried' und Freude blühn, Und deine Tochter soll des Glückes Pfand, Für unsre Stadt, für unsre Häuser sein. Die Würde dieser Pflicht empfind' ich wohl, Den Vorteil auch erkenn' ich wünschenswert; Doch Orbassan wird einem weichen Herzen, Das, ach! von Jugend auf, zu sehr belastet Von manchem Druck unsel'ger Tage war, Das selbst sich jetzt, in dieser neuen Lage, Betroffen fühlen muß, vergönnen, sich An eines Vaters Busen zu erholen. Orbassan Ich schätze diese Fordrung der Natur; Ich weiß dein kindliches Gefühl zu ehren, Dem herzlichen Vertrauen laß ich Raum. An meiner Seite will ich unsers Heers Geprüfte Ritter mustern; Wachsamkeit Auf unsers Feinds Bewegungen empfehlen. Nur wenn ich eine solche Hand verdiene, Fass' ich sie mit Vertrauen; unser Fest Werd' ich mit wahrer Freude nur begehn, Wenn ich es reich mit Lorbeern schmücken kann.   Vierter Auftritt Arsir. Amenaide. Arsir Du bist betroffen, und dein starrer Blick, Von Tränen trübe, wendet sich von mir. Erstickte Seufzer heben deine Brust. Und wenn das Herz gewaltig widerstrebt, Was kann die Lippe Günstiges verkünden? Amenaide Erwartet hätt' ich nicht, ich will's gestehn, Daß du, nach solchen Kämpfen, solchem Haß, Mit der Partei des Orbassans dich je, Als etwa nur zum Schein, verbinden würdest; Daß deiner Tochter zitternd schwache Hand Gefordert werden könnte solchen Bund Zu kräftigen, und daß mein Arm den Feind, Der uns so sehr bedrängt, umfassen sollte. Kann ich vergessen daß der Bürgerkrieg Des eignen Herds behaglich freie Stätte Dir wild verkümmert; daß die gute Mutter, Zwar wider Willen, doch für mich besorgt, Aus dieser Stadt, nach fremden Ufern zog! Und teilt' ich nicht, der Wiege kaum entwachsen, Dort in Byzanz, ihr trauriges Geschick? Lernt' ich von ihr, der irrenden, verlass'nen, Verbannter Bürger Jammertage nicht, Des stolzen Hofs erniedrigende Gnade, Und Mitleid, schlimmer als Verachtung, tragen? Herabgesetzt, doch edel ausgebildet, Verlor ich bald die würd'ge Führerin. Die Mutter starb, ich fand mich mit mir selbst, Ein schwaches Rohr, und in dem Sturm allein. Da leuchteten dir neue, bess're Tage, Und Syrakus, bedürftig deines Werts, Gab dir die Güter, dir das Ansehn wieder, Und seiner Waffen Glück in deine Hand. Da wichen von den blutbefleckten Pforten Der Vaterstadt die Feinde schnell hinweg. Ich sehe mich in meines Vaters Armen, Aus denen frühes Unglück mich gerissen. Ach! führt ein größres etwa mich zurück? Ich weiß, zu welchem Zweck, in welcher Hoffnung Du meine Hand dem Gegner angelobt. Bedenke daß ein unnatürlich Bündnis, Das beiden Gatten Unglück zubereitet, Verderblich oft dem Allgemeinen wird. Vergib wenn ich vor dieser Stunde bebe, Die mir auf unabsehlich lange Reihen Von Schmerz- und Kummerstunden schrecklich zeigt. Arsir Laß nicht Erinnerung vergangnes Übels Der Zukunft weite Räume dir verengen! Gedenke jetzt wie Syrakus gemurrt, Als deine Hand, zum Pfande, Solamir, Des angebotnen Friedens sich bedingte. Nun geb' ich dir den Helden, der mit ihm Sich messen, der von ihm uns retten soll, Den besten unsrer Krieger, der mich sonst Befeindete, und der uns nun verstärkt. Amenaide Verstärkt! O, laß dich nicht durch jene Güter, Die er vielleicht verschmähen sollte, blenden! Ein Held, so mächtig und so bieder, könnte Unschuldig Ausgetriebene berauben? Arsir Der strengen Klugheit des Senates kann Ich nichts entgegen setzen. In Tancreden Bestraft man nur den eingedrungnen Stamm Herrschsücht'ger Franken, die uns längst getrotzt. Er muß verlöschen. Amenaide Irr' ich, Herr, nicht ganz, So ist Tancred in Syrakus geliebt. Arsir Wir ehren alle den erhabnen Geist, Den Mut, der, wie man sagt, Illyrien Dem Kaiser unterwarf, sich überall Wo er sich hingewendet ausgezeichnet; Doch eben weil er jenem Dienst sich weihte, Hat er bei uns das Bürgerrecht verwirkt, Sein reiches Erbe bleibt ihm abgesprochen, Und wie er flüchtig ist, er bleibt verbannt. Amenaide Verbannt! Auf ewig! Er? Arsir Man fürchtet ihn. Du hast ihn eh'mals in Byzanz gesehen; Du weißt, er hass't uns. Amenaide Damals glaubte ich's nicht. Auch meine Mutter hoffte: Syrakus Sollt' er dereinst beschützen und befrein. Und als der Bürger, undankbar verirrt, Sich gegen dich für Orbassan erklärte, Dich unterdrückte, deiner Güter dich Beraubte, damals hätte, wie mir schien, Tancred für dich den höchsten Kampf bestanden. Arsir Genug, Amenaide! Rufe nicht Vergangner Tage Schattenbild hervor! Laß uns von Zeit und Ort Gesetze nehmen! Tancred und Solamir, Byzanz und Hof Sind alle gleich verhass't in Syrakus, Und wirken bald auf uns nicht weiter ein; Doch deines Lebens nächstes ganzes Glück Kannst du dir durch Gefälligkeit erschaffen. Nun sechszig Jahre stritt ich für dies Land, Ich liebt' es, dient' ihm als ein treuer Bürger, So ungerecht, so undankbar es auch Sich gegen mich bewiesen, und ich denke Noch eben so in meinen letzten Stunden. Solch eine Denkart zeige mir nun auch Zu Trost und Hoffnung meiner alten Tage, Und gehe sicher, an der Hand der Pflicht, Dem Glück, das dir bereitet ist, entgegen. Amenaide Du sprichst von Glück, das nirgends mir erscheint. Zwar seh' ich nicht auf die vergangnen Zeiten, Nicht auf den Glanz des Kaiserhofs zurück; Dir weih' ich die Gefühle meines Herzens; Doch eh du mich auf ewig binden magst, Laß wenig Tage noch vorübergehen! Die Gunst ist groß, durch die sich Orbassan Vom Volk und vom Senat erhoben sieht. Du eilest, staatsklug, Teil daran zu nehmen; Und doch ist diese Gunst so leicht verscherzt! Und die Partei, statt uns empor zu tragen, Zieht uns in ihrem Sturze mit hinab. Arsir Was sagst du? Amenaide Wenn ich dir, o Herr! vielleicht Zu kühn erscheinen möchte, so vergib. Ich leugn' es nicht, das schwächere Geschlecht Hat an dem Kaiserhofe größre Rechte; Dort fühlt man sich und waget auszusprechen, Was in der Republik verboten ist. Man dient uns dort, hier will man uns befehlen. Es war nicht immer so! Der Muselmann, Der eines Weibes edle Rechte kränkt, Hat in Sicilien zu starken Einfluß. Auch unsre Helden hat er gegen uns Herrschsücht'ger, ungefälliger gemacht; Doch deine Vatergüte bleibt sich gleich. Arsir So lange du als Tochter dich erzeigst. Mißbrauche nicht die väterliche Huld! Du durftest zaudern, aber nicht versagen. Nichts trennet mehr das festgeknüpfte Band; Das Ritterwort kann nicht gebrochen werden. Wohl ist es wahr: ich bin zum Unglück nur Geboren! kein Entwurf gelang mir je! Und was ich jetzt zu deinem Glück getan, Wird, ahnungsvoll, von dir voraus verfinstert. Doch sei ihm wie ihm wolle! das Geschick Wird nicht von uns beherrscht und unsern Wünschen, Und so ergib dich ihm, wie wir es tun.   Fünfter Auftritt Amenaide, hernach Euphanie. Amenaide Tancred! Geliebter! Sollt' ich meine Schwüre Um deines großen Feindes willen brechen? Ich sollte, niedrig, grausamer als er, Die dir geraubten Güter mit ihm teilen? Ich sollte – komm, Euphanie! vernimm, Welch ungeheurer Schlag mein Leben trifft: Mein Vater gibt mir Orbassan zum Gatten. Euphanie Wie wird es möglich zu gehorchen sein? Ich kenne dein Gefühl und seine Stärke. Nicht des Geschicks Gewalt, des Hofes Reiz Vermochte, wenn du deinen Weg gewählt, Dich aufzuhalten, oder abzulenken; Du gabst dein Herz fürs ganze Leben hin. Tancred und Solamir empfanden beide, Für dich entzündet, gleicher Neigung Macht! Doch der, den du im Stillen, und mit Recht, Dem andern vorgezogen, der dein Herz Gewonnen und verdient, wird dieses Herzens Auch würdig bleiben. Wenn er in Byzanz Vor Solamir den Vorzug sich gewann, So möchte schwerlich Orbassan sich hier Des Sieges über ihn zu rühmen haben. Dein Sinn ist fest. Amenaide Er wird sich nie verändern. Ach, aber man beraubt Tancreden hier, Verbannt ihn, kränkt die Ehre seines Namens. Verfolgung ist Geschick des edlen Manns; Doch mein Geschick ist nur, ihn mehr zu lieben. Und so vernimm: ich wage noch zu hoffen; Ihn liebt das Volk noch immer! Euphanie Wie man hört. Wenn seines Hauses Freunde lange schon Den Vater und den Sohn vergessen, die In ferne Lande die Verbannung trieb, Wenn Große nur dem eignen Vorteil frönen, So ist das Volk gutmütig. Amenaide Oft gerecht! Euphanie Jetzt unterdrückt; und wer Tancreden liebt, Darf lange schon nur im Verborgnen seufzen. Tyrannisch waltet des Senats Befehl. Amenaide Nur weil Tancred entfernt ist wagen sie's. Euphanie Wenn er sich zeigen könnte hofft' ich auch; Doch er ist fern von dir. Amenaide Gerechter Gott! Dich ruf ich an – Zu Euphanien. und dir vertrau' ich mich. Tancred ist nah' und wenn man endlich, ihn Ganz zu verderben, harte Schlüsse nahm, Wenn Tyrannei sich über alles hebt; So tret' er vor, daß alle sich entsetzen. Tancred ist in Messina! Euphanie Großer Gott! Vor seinen Augen will man dich ihm rauben. Amenaide Ich bleibe sein, Euphanie! Vielleicht Gebietet er den Syrakusern bald, Wie meinem Herzen – Dir vertrau' ich alles; Doch alles muß ich wagen! Dieses Joch, Es ist zu schimpflich, und ich will es brechen, Verraten könnt' ich ihn? und niederträchtig Der Macht, die ein Verbrechen heischt, gehorchen? Nein! Männerstärke gibt mir die Gefahr. Um meinetwillen kam er in die Nähe; Mich sollte seine Nähe nicht begeistern? Und könnt' ich einer falsch verstandnen Pflicht Freiheit und Ehre, Glück und Leben weihen? Wenn Unglück sich von allen Seiten zeigt So ist's das größte das mich ihm entreißt. O Liebe, die du mein Geschlecht erhebst, Laß dieses Wiedersehn beschleunigt werden! Laß in der Not uns deinen Einfluß fühlen, Und schufst du die Gefahr, so rett uns nun!   Zweiter Aufzug Saal im Palaste der Republik.   Erster Auftritt Amenaide, hernach Euphanie. Amenaide Die Ruhe flieht und ach! die Sorge folgt! Vergebens wandl' ich durch die öden Säle. Hier, in dem Busen, schwanket Ungeduld; Unstet bewegt mein Fuß sich hin und wider. Ist's Furcht? Ist's Reue? – Furcht! o, denk' an ihn! Und sollte dich die edle Kühnheit reuen? Gefaßt, mein Herz! Zu Euphanien, die eintritt. Ist mein Befehl vollbracht? Euphanie Dein Sklav empfing den Brief und eilte fort. Amenaide So ist mein Schicksal nun in der Gewalt Des letzten meiner Knechte, weil ich ihn Zu einem solchen Auftrag tüchtig finde, Weil er von Muselmannen stammt, bei uns Geboren und erzogen, beide Sprachen, Der Sarazenen Lager und des Bergs Verborgne, fürchterliche Pfade kennt. Wird er auch jetzt, so glücklich und so treu, Messinas Pfort' erreichen, als zur Stunde, Da er mir dort Tancreden ausgeforscht? Wird er, wie damals, eilig wiederkehren, Und allen Dank und allen Lohn empfangen, Den ihm mein stolzes Herz, mit Freude, zollt? Euphanie Gefährlich ist der Schritt; doch hast du selbst, Durch weise Vorsicht, die Gefahr gemindert. Tancredens Namen hast du jenem Blatt, Das ihn berufen soll, nicht anvertraut. Wenn des Geliebten Namen sonst so gern Die Lippe bildet, sie der Griffel zieht, Hier hast du ihn verschwiegen, und mit Recht. Im schlimmsten Falle mag der Maure nun Den Boten fangen, mag die Zeilen lesen, Die ihm ein unerklärlich Rätsel sind. Amenaide Noch wacht ein guter Geist für mein Geschick; Tancreden führt er her, ich sollte zittern? Euphanie An jedem andern Platz verbind' er euch; Hier lauern Haß und Habsucht hundertäugig, Der Franken alter Anhang schweigt bestürzt; Wer soll Tancreden schützen wenn er kommt? Amenaide Sein Ruhm! – Er zeige sich und er ist Herr. Den unterdrückten Helden ehrt im Stillen Noch manches Herz. Er trete kühn hervor, Und eine Menge wird sich um ihn sammeln. Euphanie Doch Orbassan ist mächtig, tapfer! Amenaide Ach! Du solltest meine Sorge nicht vermehren. O, laß mich denken, daß ein gut Geschick In früher Jugend uns zusammen führte, Daß meine Mutter, in der letzten Stunde, Uns, mit dem Scheidesegen, fromm vereint. Tancred ist mein! Kein feindliches Gesetz, Nicht Staatsverträge sollen mir ihn rauben. Ach! wenn ich denke, wie vom Glanz des Hofs, Vom herrlichsten der Kaiserstadt umgeben, Wir uns nach diesen Ufern hingesehnt, Wo jetzt Gefahr von allen Seiten droht, Wo mir Tancredens laut erklärter Feind Das ungerecht entrissene Vermögen, Als Bräutigam, zur Morgengabe beut. Der edle Freund soll wenigstens erfahren, Wie ihn Parteisucht hier behandelt, wie Mich sein Verlust in Angst und Kummer setzt. Er kehre wieder und verteidige Sein angebornes Recht! Ich ruf ihn auf. Dem Helden bin ich's, bin's dem Freunde schuldig; Ach! gerne tät' ich mehr, vermöcht' ich's nur. Ja, hielte mich die Sorge nicht zurück Des alten Vaters Tage zu verkürzen, Ich selbst erregte Syrakus, zerrisse Den Schleier der die Menge traurig dämpft. Von Freiheit reden sie, und wer ist frei? Der Bürger nicht der vor dem Ritter bebt, Der Ritter nicht der sich von seines Gleichen Befehlen und verstoßen lassen muß. Ist denn mein Vater frei? der doch von allen Der Älteste, des Rates Erster sitzt. Bin ich es, seine Tochter? deren Hand Dem alten Feinde meines Hauses nun, Im klugen Plane, dargeboten wird. Ist Orbassan darum nun liebenswert, Weil die Parteien, müde sich zu kränken, In unserm Bund auch ihren Frieden sehn? Solch ein Vertrag empört, wie solch ein Zwist, Des zarten Herzens innerstes Gefühl. Ein Einziger kann die Verwirrung lösen. Und er ist nah, er kommt – es ist getan. Euphanie Und alle deine Furcht? – Amenaide Sie ist vorüber. Euphanie Doch mir durchbebt sie heftiger die Brust. In diesem Augenblicke der Entscheidung Empfind' ich meine Schwachheit nur zu sehr! Und du hast nichts von dem Gesetz gehört, Das der Senat, mit wohlbedachter Strenge, Noch diesen Morgen erst, erneuert hat? Amenaide Welch ein Gesetz? Euphanie Es ladet Schand' und Tod Auf jeden, der mit unsern Feinden sich, Der sich mit Fremden ingeheim verbunden. O Gott! dir drohet es, und trifft vielleicht! Amenaide Laß ein Gesetz von Syrakus dich nicht, So sehr es immer droht, in Furcht versetzen. Ich kenne schon den waltenden Senat; Versammelt sinnt er auf das Beste, will, Mit Herrscherwort, den Übeltaten steuern, Und so entspringet weise manch Gesetz; Gerüstet steht's, Minerven gleich, die sich Einst aus dem Haupt des Göttervaters hob, In seiner vollen Kraft, und scheint zu treffen. Den Bürger trifft es auch und den nicht oft; Doch weiß ein Ritter, was die Seinigen Verletzen könnte, mächtig abzulenken, Und keine Strafe trifft ein hohes Haupt.   Zweiter Auftritt Amenaide, Euphanie, im Vordergrunde, Arsir und die Ritter im Hintergrunde. Arsir Weh über uns! – O Ritter! wenn ihr mich Bei dieser Nachricht ganz vernichtet seht, Bejammert mich! Zum Tode war ich reif; Doch solche Schande dulden wer vermag's! Zu Amenaiden, mit Ausdruck von Schmerz und Zorn. Entferne dich! Amenaide Mein Vater sagt mir das? Arsir Dein Vater? Darfst du diesen heil'gen Namen Im Augenblicke nennen, da du frech Dein Blut, dein Haus, dein Vaterland verrätst? Amenaide (sich fortbewegend) Ich bin verloren! Arsir Bleib! und soll ich dich Mit einemmal von diesem Herzen reißen? Ist's möglich? Amenaide Unser Unglück ist gewiß, Wenn du dich nicht zu meiner Seite stellst. Arsir Zur Seite des Verbrechens? Amenaide Kein Verbrechen Hab' ich begangen. Arsir Leugnest du das Blatt? Amenaide Ich habe nichts zu leugnen. Arsir Ja, es ist Von deiner Hand geschrieben, und ich stehe Betroffen und beschämt, verzweifelnd hier. So ist es wahr! – O! meine Tochter! – Du Verstummst? – Ja, schweige nur, damit mir noch Im Jammer wenigstens ein Zweifel bleibe. Und doch – o sprich, was tatst du? Amenaide Meine Pflicht! Bedachtest du die deine? Arsir Rühmst du noch Dich des Verbrechens vor dem tief Gekränkten? Entferne dich, Unglückliche! Verlaß Den Ort, den Stand, das Glück, das du verwirkt, Und mir soll fremde Hand mein Auge schließen. Amenaide Es ist geschehn!   Dritter Auftritt Arsir, die Ritter. Arsir Wenn ich, nach dieser Tat, Nach dem Verbrechen, das sie selbst bekannte, Nicht ritterlich gelassen unter euch, Wie es mir wohl geziemte, stehen kann, Wenn meine Tränen wider Willen fließen, Wenn tiefe Seufzer meine Stimme brechen; Ach! so verzeiht dem tiefgebeugten Mann. Was ich dem Staat auch schuldig bin, Natur Macht allzudringend ihre Fordrung gelten. Verlangt nicht, daß ein unglücksel'ger Vater, Zu euren strengen Schlüssen bebend stimme: Unschuldig kann sie nicht gefunden werden; Um Gnade wag' ich nicht für sie zu flehn; Doch Schand' und Tod auf sie herab zu rufen Vermag ich nicht. Es scheint mir das Gesetz, Nunmehr auf sie gerichtet, allzustreng. Loredan Daß wir, o Herr, den würdigsten der Väter In dir bedauern, deine Schmerzen fühlen Und sie zu schärfen selbst verlegen sind, Wirst du uns glauben; aber dieser Brief! – Sie leugnet nicht, der Sklave trug ihn fort; Ganz nah am Lager Solamirs ergriff Den Boten unsre frische Doppelwache; Er suchte zu entfliehn, er widersetzte Sich der Gewalt, die ihm den Brief entriß, Er war bewaffnet und er ist gestraft. Das Zeugnis des Verrates liegt zu klar Vor aller Augen! die Gefahr der Stadt! Wer sollte hier der wiederholten Schwüre Vergessen können? wer der ersten Pflicht? Und selbst die edlen väterlichen Schmerzen, Sie überreden nicht, so sehr sie rühren. Arsir In deinem Spruche seh' ich deinen Sinn; Was auf sie wartet fühl' ich mit Entsetzen. Ach! sie war meine Tochter – dieser edle Mann Ist ihr Gemahl – ich überlasse mich Dem herben Schmerz – euch überlass' ich mich. Gewähre Gott mir nur vor ihr zu sterben!   Vierter Auftritt Die Ritter. Roderich Sie zu ergreifen ist Befehl gegeben – Wohl ist es schrecklich, sie, von edlem Stamme, So hoch verehrt von allen, jung und reizend, Die Hoffnung zweier Häuser, von dem Gipfel Des Glücks, in Schmach und Tod gestürzt zu sehn; Doch welche Pflichten hat sie nicht verletzt? Von ihrem Glauben reißet sie sich los; Ihr Vaterland verrät sie, einen Feind Ruft sie, uns zu beherrschen, frech heran. Oft hat Sicilien und Griechenland An seinen Bürgerinnen das erlebt, Daß sie der Ehre, daß dem Christennamen, Daß den Gesetzen sie entsagt und sich Dem Muselmann, der alle Welt bedrängt, Im wilden Feuer, lüstern, hingegeben; Doch daß sich eines Ritters Tochter, sie, zu Orbassan. Die Braut solch eines Ritters, so vergiss't Und, auf dem Wege zum Altare, noch Ein solch verrätrisch Unternehmen wagt, Ist neu in Syrakus, neu in der Welt. Lass't unerhört das Unerhörte strafen! Loredan Gern will ich es gestehn, ich bebe selbst, Indem ich ihre volle Schuld mir denke, Die nur durch ihren Rang sich noch vermehrt. Wir alle kennen Solamirs Beginnen, Wir kennen seine Hoffnung, seine Liebe, Die Gabe zu gefallen, zu betrügen, Geister zu fesseln, Augen zu verblenden. An ihn gerichtet hat sie dieses Blatt! »Regier in unserm Staate!« – Braucht es mehr Die gräßlichste Verschwörung zu enthüllen? Und was noch sonst Verwerflich's diese Züge Vor uns're Augen bringen, sag' ich nicht zu Orbassan. In deiner Gegenwart, verehrter Mann! Wir schämen uns wo sie der Scham vergaß. Und welcher Ritter sollte nun für sie, Nach altem, löblichem Gebrauche, streiten? Wer fände sie noch würdig, ihretwegen, Die keinen Schein des Rechtes vor sich hat, Sein Blut und seinen Namen zu verschwenden? Roderich Wir fühlen, Orbassan, die Schmach wie du, Womit ein fremder Frevel uns getroffen. Komm! wir entsühnen uns im Schlachtgewühl. Sie hat das Band verräterisch zerrissen; Dich rächt ihr Tod, und er befleckt dich nicht. Orbassan Betroffen steh' ich, das vergebt ihr mir! Treu oder schuldig sie ist mir verlobt. Man kommt – sie ist's – die Wache führet sie. Soll meine Braut in einem Kerker jammern? Mich trifft, mich reizt die unerhörte Schmach. Lass't mich sie sprechen!   Fünfter Auftritt Die Ritter im Vordergrunde. Amenaide im Hintergrunde, mit Wache umgeben. Amenaide Ewige Himmelsmächte! Auf diesem Weg des Elends leitet mich. Du kennst, o Gott! der Wünsche löblich Ziel; Du kennst mein Herz! Ist denn die Schuld so groß? Roderich (im Begriff, mit den übrigen Rittern abzugehen, zu Orbassan) Die Schuldige zu sprechen bleibst du stehn? Orbassan Ich will sie sprechen. Roderich Sei es! doch bedenke: Gesetz, Altar und Ehre sind verletzt, Und Syrakus, obgleich mit Widerwillen, Mit eignem Schmerz, verlangt des Opfers Blut. Orbassan Mir sagt, wie euch, der Ehre Tiefgefühl, Wie jeder denkt, und wie er denken soll. Die Ritter gehen ab, er spricht zur Wache. Entfernet euch!   Sechster Auftritt Amenaide. Orbassan. Amenaide Was unterfängst du dich? Willst meiner letzten Augenblicke spotten? Orbassan So sehr vergess' ich meiner Würde nicht. Dich wählt' ich mir, dir bot ich meine Hand; Vielleicht hat Liebe selbst die Wahl entschieden. Doch davon ist die Rede nicht. Was auch In meinem Herzen peinlich sich bewegt, Gefühl der ersten Neigung gegen dich, Verdruß daß ich der Liebe nachgegeben: Ertragen könnt' ich nicht entehrt zu sein. Verraten wär' ich? Sollt ich das mir denken! Um eines Fremden, eines Feindes willen, Der unsrer heil'gen Lehre widerstrebt? Zu schändliches Verbrechen! Nein, ich will Die Augen schließen, nichts von allem glauben, Dich retten und den Staat und meinen Ruhm. Mir werd' es Pflicht, ich ehre mich in dir; Heut' sah mich Syrakus als deinen Gatten; Nun steh' ich dem Beleid'ger meines Rufs. Das Gottes-Urteil ruht in unsrer Faust; Das Schwert erschafft die Unschuld vor Gericht. Ich bin bereit zu gehen! Amenaide Du? Orbassan Nur ich! Und dieser Schritt und dieses Unternehmen, Wozu, nach Kriegersitte, mich die Ehre Berechtigt, wird ein Herz das mir gebührte, So hoff ich, tief erschüttern und es wird Mich zu verdienen wissen. Was auch dich In einen Irrtum augenblicklich stürzte, List eines Feinds, Verführung eines Fremden, Furcht mir die Hand zu reichen, frag' ich nicht. Die Wohltat wirkt auf edle Herzen viel, Die Tugend wird durch Reue nur gestärkt Und unsrer beider Ehre bin ich sicher. Doch das ist nicht genug; ich habe mir Auf deine Zärtlichkeit ein Recht erworben: Sei's Liebe, sei es Stolz, ich fordre sie. Wenn das Gesetz den heil'gen Schwur befiehlt, Der Schwache bindet, sie in Furcht versetzt, Und am Altare sie sich selbst betrügen; Freimütig fordr' ich so Freimütigkeit. Sprich, offen ist mein Herz, mein Arm bewaffnet. Bereit zu sterben fordr' ich deine Liebe. Amenaide Im Abgrund des Entsetzens, da ich kaum Von jenem Sturz der mich hierher geschleudert, Mich mit verstörten Sinnen wiederfinde, Ergreift mich deine Großmut noch zuletzt. Du nötigest mein Herz zur Dankbarkeit, Und an der Gruft die mich verschlingen soll, Bleibt mir nur das Gefühl noch dich zu schätzen. O! kenntest du das Herz, das dich beleidigt! Verraten hab' ich weder Vaterland, Noch Ehre! Dich! auch dich verriet ich nicht. Bin ich zu schelten daß ich deinen Wert Verkannte; g'nug! Ich habe nichts versprochen. Undankbar bin ich, bin nicht ungetreu, Und redlich will ich sein so lang ich atme: Dich lieben kann ich nicht! Um diesen Preis Darf ich dich nicht zu meinem Ritter wählen. Mich drängt, in einer unerhörten Lage, Ein hart Gesetz, die Härte meiner Richter; Den Tod erblick' ich den man mir bereitet. Ach! und ich seh' ihm nicht mit kühner Stirn, Mit unbewegtem Busen nicht entgegen. Das Leben lieb' ich, doppelt war mir's wert. Weh über mein Geschick! Mein armer Vater! – Du siehst mich schwach, zerrüttet; doch betrüg' ich Auch so dich nicht. Erwarte nichts von mir! Du bist beleidigt und ich scheine dir Erst schuldig; aber doppelt wär' ich's, Sucht' ich nun dir und deiner Gunst zu schmeicheln. Verzeih den Schmerzensworten! Nein, du kannst Nicht mein Gemahl und nicht mein Retter sein. Gesprochen ist's, nun richte, räche dich! Orbassan Mir sei genug mein Vaterland zu rächen, Die Frechheit zu verhöhnen, der Verachtung Zu trotzen, nein! sie zu vergessen. Dich Zu schützen war auch jetzt mein Arm bereit. So tat ich für den Ruhm, für dich genug, Von nun an Richter, meiner Pflicht getreu, Ergeben dem Gesetz und fühllos, wie Es selbst ist, ohne Zorn und ohne Reue.   Siebenter Auftritt Amenaide, Soldaten im Hintergrunde, hernach Euphanie. Amenaide Mein Urteil sprach ich – gebe selbst mich hin – Du Einziger! der dieses Herz verdiente, Für den ich sterbe, dem allein ich lebte; So bin ich denn verdammt – ich bin's für dich! Nur fort – ich wollt' es – aber solche Schande, Des hochbetagten armen Vaters Jammer, Der Bande Schmach, der Henker Mörderblicke – O Tod! vermag ich solchen Tod zu tragen? In Qualen, schändlich – es entweicht mein Mut – Nein, es ist rühmlich für Tancred zu leiden! Man kann mich töten und man straft mich nicht. Doch meinem Vater, meinem Vaterland Erschein' ich als Verräterin! Zu dienen Gedacht' ich beiden, die mich nun entehren. So kann mir denn in dieser Schreckensstunde Mein eigen Herz allein das Zeugnis geben. Und was wird einst Tancred – zu Euphanien, die eben eintritt. Dich seh' ich hier? Ist einer Freundin Nähe mir erlaubt? Euphanie Vor dir zu sterben wär' mein einz'ger Wunsch. Sie umarmen sich, die Soldaten treten vor. Amenaide Sie nahen! Gott! man reißt mich weg von dir. Dem Helden bringe dem ich angehörte Mein letzt Gefühl, mein letztes Lebewohl! Laß ihn erfahren daß ich treu verschied; Nicht wird er seine Tränen mir versagen. Der Tod ist bitter; doch für den Geliebten, Für ihn zu sterben, halte mich empor!   Dritter Aufzug Vorhalle des Palastes. An den Pfeilern sind Rüstungen aufgehangen.   Erster Auftritt Tancred, zwei Knappen, welche seine Lanzen und übrigen Waffen tragen, Aldamon. Tancred Wie hängt am Vaterland ein frommes Herz! Mit welcher Wonne tret' ich hier herein! Mein braver Aldamon, Freund meines Vaters, Als einen Freund beweisest du dich heut. Durch deine Posten lassest du mich durch, Und führst mich Unerkannten in die Stadt. Wie glücklich ist Tancred! der Tag wie froh! Mein Schicksal ist erneut. Ich danke dir, Mehr als ich sagen darf und als du glaubst. Aldamon Mich Niedrigen erhebst du, Herr, so hoch; Den kleinen Dienst, den ein gemeiner Mann, Ein bloßer Bürger – Tancred Bürger bin auch ich! Und Freunde sollen alle Bürger sein. Aldamon Und alle Bürger sollen dich verehren. Zwei Jahre hab ich unter dir mit Lust Im Orient gestritten; deiner Väter Taten Sah ich dich übertreffen; nah bei dir Lernt' ich bewundern deiner Tugend Glanz. Das nur ist mein Verdienst. In deinem Hause Bin ich erzogen, deine Väter waren Mir väterliche Herrn, ich bin dein Knecht. Ich muß für dich – Tancred Wir müssen Freunde sein! Das also sind die Wälle, die zu schützen Ich hergeeilt? der Mauern heil'ger Kreis, Der mich als Kind in seinem Schoß bewahrt, Aus dem parteiische Verbannung mich gerissen, Zu dem ich ehrfurchtsvoll zurück mich sehnte! Doch sage mir: wo wohnt Arsir? – und wohnt Mit ihm Amenaide, seine Tochter? Aldamon In dem Palaste hier der Republik, Wo sich der hohe Ritterrat versammelt, Ward ihm, dem Ält'sten, Würdigsten, die Wohnung, Nach langen Bürgerzwisten, angewiesen. Hier leitet er die Ritter, die dem Volk Gesetze geben, deren Tapferkeit Die Stadt beschützt und sich die Herrschaft sichert. Sie überwänden stets den Muselmann, Wenn sie nicht ihren Besten, dich, verstoßen. Sieh diese Schilde, Lanzen und Devisen! Der kriegerische Prunk verkündet laut, Mit welchem Glanz sie ihre Taten schmückten. Dein Name nur fehlt diesen großen Namen. Tancred Verschweigt ihn, da man ihn verfolgt. Vielleicht Ist er an andern Orten g'nug berühmt. Zu seinen Knappen. Ihr aber hänget meine Waffen hin. Kein Wappen rufe den Parteigeist auf. Ganz ohne Schmuck, als Zeugen tiefer Trauer, Wie ich sie in der ernsten Schlacht geführt, Den nackten Schild, den farbelosen Helm, Befestigt ohne Pomp an diese Mauern, Und füget meinen Wahlspruch nicht hinzu; Er ist mir teuer, denn in Schlachten hat Er meinen Mut erhoben, mich geleitet Und aufrecht meine Hoffnungen gehalten, Es sind die heil'gen Worte: Lieb' und Ehre . Steigt nun das Ritterchor zum Platz herab, So sagt: ein Krieger wünsche, nicht gekannt, Gefahr und Sieg mit ihnen zu bestehen, Und ihnen nachzueifern sei sein Stolz. Zu Aldamon Arsir ist Ältester? Aldamon Im dritten Jahre. Zu lange hielt die mächtige Partei, Die auch vom Volke nicht geliebt ist, ihn Den Edlen selbst untätig und im Druck; Doch nun erkennt man seinen Wert. Es gilt Sein Rang, sein Name, seine Redlichkeit. Doch ach! das Alter schwächte seine Kraft Und Orbassan wird leider auf ihn folgen. Tancred Wie, Orbassan? Tancredens ärgster Feind! Mein Unterdrücker! Sage mir, Getreuer, Vernahmst du das Gerücht das sich verbreitet? Ist's wahr, daß dieser kühne, rohe Mann Den schwachen Vater zu bestimmen wußte? Ist's wahr, daß beide Stämme sich vertragen? Und daß Amenaide sich zum Pfande Des nimmer sichern Bundes weihen soll? Aldamon Erst gestern hört' ich nur verworrne Reden. Fern von der Stadt, in jene Burg verschlossen, Auf meinem Posten wachsam, wo ich gern Dich aufgenommen, sicher dich hieher In die bewachten Grenzen eingeführt, Dort hör' ich nichts und nichts mag ich erfahren Aus diesen Mauern die dich ausgestoßen; Wer dich verfolgen kann, ist mir verhaßt. Tancred Mein Herz muß dir sich öffnen, mein Geschick Muß ich dir anvertrauen. Eile, Freund, Amenaiden aufzusuchen. Sprich Von einem Unbekannten, der für sie, Für ihres Stammes Ruf, für ihren Namen, Für ihres Hauses Glück von Eifer brennt, Und, ihrer Mutter schon als Kind verpflichtet, Geheim mit ihr sich zu besprechen wünscht. Aldamon In ihrem Hause ward ich stets gelitten, Und jeden der noch treu an dir sich hält, Nimm man mit Freude dort, mit Ehren auf Gefiel es Gott, das reine Blut der Franken Dem edlen Blut Arsirens zu verbinden, Dem fremden Joch entrissest du das Land Und innre Kriege dämpfte, Herr, dein Geist. Doch was dein Plan bei diesem Auftrag sei, Du sendest mich und er soll mir gelingen.   Zweiter Auftritt Tancred und seine Knappen im Hintergrunde. Tancred Es wird gelingen! Ja! Ein gut Geschick, Das mich geleitet, mich zu der Geliebten Nach mancher schweren Prüfung wieder bringt, Das immer seine Gunst der wahren Liebe, Der wahren Ehre göttlich zugekehrt, Das in der Mauren Lager mich geführt, Das in der Griechen Städte mich gebracht; Im Vaterlande wird's den Übermut Der Feinde dämpfen, meine Rechte schützen. Mich liebt Amenaide. Ja, ihr Herz Ist mir ein zuverläss'ger Bürge, daß Ich keine Schmach hier zu befürchten habe. Aus kaiserlichem Lager, aus Illyrien, Komm' ich ins Vaterland ins undankbare, Ins vielgeliebte Land, um ihretwillen. Ankomm' ich und ihr Vater sollte sie An einen andern eben jetzt versagen? Und sie verließe, sie verriete mich? Wer ist der Orbassan? der Freche, wer? Und welche Taten führt er für sich an? Was konnt' er Großes leisten, daß er kühn Den höchsten Preis der Helden fordern darf? Den Preis, der auch des Größten würdig wäre, Den wenigstens die Liebe mir bestimmt? Will er ihn rauben, raub' er erst mein Leben, Und selbst durch diese Tat gewinnt er nichts; Denn auch im Tode blieb' sie mir getreu. Dein Herz ist mir bekannt, ich fürchte nichts; Es gleicht dem meinen. Wie das meine bleibt's Von Schrecken, Furcht und Wankelmut befreit.   Dritter Auftritt Tancred. Aldamon. Tancred Beglückter Mann! du hast vor ihr gestanden. Du siehest mein Entzücken! Führe mich! Aldamon Entferne dich von diesem Schreckensorte! Tancred Was sagst du? wie? du weinest, tapfrer Mann? Aldamon O, flieh auf ewig dieses Ufer! Ich, Ein dunkler Bürger, kann, nach den Verbrechen, Die dieser Tag erzeugte, selbst nicht bleiben. Tancred Wie? Aldamon Andern Orten zeige deinen Wert, Im Orient erneure deinen Ruhm! Von hier entfliehe, wende deinen Blick Von den Verbrechen, von der Schande weg, Die sich auf ewig dieser Stadt bemeistert! Tancred Welch unerhörter Schrecken faßte dich? Was sahst du? sprachst du sie? was ist geschehn? Aldamon War sie dir wert, o Herr, vergiß sie nun! Tancred Wie? Orbassan gewann sie? Ungetreue! Des Vaters Feind, Tancredens Widersacher! Aldamon Ihm hat der Vater heute sie verlobt Und alles war zum Feste schon bereitet – Tancred Das Ungeheure sollte mir begegnen! Aldamon Und doppelt wurdest du, o Herr, beraubt. Man gab der festlich schon geschmückten Braut Zur Morgengabe deine Güter mit. Tancred Der Feige raubte, was ein Held verschmäht. Amenaide! Gott! Sie ist nun sein. Aldamon Bereite dich auf einen härtern Schlag; Das Schicksal, wenn es trifft, ist ohne Schonung. Tancred So nimm das Leben, Unbarmherz'ger, hin! Vollende! sprich! du zauderst? Aldamon Eben sollte Sie deinem Feind auf ewig angehören. Er triumphierte schon; doch nun enthüllt Sich ihr verrät'risch Herz, aufs Neue, ganz. Sie hatte dich verlassen, dich verraten, Und nun verrät sie ihren Bräutigam. Tancred Um wen? Aldamon Um einen Fremden, einen Feind, Den stolzen Unterdrücker unsres Volks, Um Solamir. Tancred Welch einen Namen nennst du? Um Solamir? der schon sich in Byzanz Um sie bemüht, den sie verschmäht, dem sie Mich vorgezogen? Nein! Es ist unmöglich! Nicht hat sie meiner, nicht des Eids vergessen. Unfähig ist die schönste Frauenseele Solch einer Tat. Aldamon Ich sprach mit Widerwillen! Dort hört' ich überall es sei geschehn. Tancred Vernimm! ich kenne nur zu sehr des Neides Und der Verleumdung lügnerischen Trug; Kein edles Herz entgehet ihrer Tücke. Von Kindheit an im Unglück auferzogen, Verfolgt, geprüft, ich selbst mein eigen Werk, Von Staat zu Staat bewies ich meinen Mut Und überall umgrins'te mich der Neid. Verleumdung überall haucht schadenfroh In Republiken wie an Königshöfen Aus unbestraften Lippen ihren Gift. Wie lange hat Arsir durch sie gelitten! Das Ungeheuer ras't in Syrakus, Und wo ist seine Wut unbändiger, Als da wo der Parteigeist flammend waltet. Du auch, Amenaide! großes Herz! Auch du wirst angeklagt! Hinein sogleich! Ich will sie sehen, hören, mich entwirren. Aldamon Halt ein, o Herr, soll ich das Letzte sagen? Aus ihres Vaters Armen reißt man sie. Sie ist in Ketten. Tancred Unbegreiflich! Aldamon Bald Auf diesem Platze selbst, den wir betreten, Erwartet schmählich sie ein grauser Tod. Tancred Amenaiden? Aldamon Ist's Gerechtigkeit; So ist sie doch verhaßt. Man murrt, man weint; Doch niemand ist geneigt für sie zu handeln. Tancred Amenaide! – Dieses Opfers Graus, Dies Unterfangen soll man nicht vollenden! Aldamon Zum Saal des Blutgerichtes stürzt das Volk, Es schilt sie treulos und bejammert sie. Unwürdige Begier, das Schreckliche Zu sehn, bewegt die Menge, strömend wallt Sie in sich selbst, neugierig Mitleid treibt In Wogen sie um das Gefängnis her, Und dieser Sturm verkündet der Gefangnen Des höchsten Jammers nahen Augenblick. Komm! Diese Hallen, einsam jetzt und stumm, Durchrauschet bald ein lärmendes Gedränge. O komm, entferne dich! Tancred Der edle Greis, Der zitternd von des Tempels Pforte steigt, Wer ist er? Weinend kommt er und umgeben Von Weinenden. Sie scheinen trostlos alle. Aldamon Es ist Arsir, der jammervolle Vater. Tancred Entferne dich, bewahre mein Geheimnis! Arsiren betrachtend. Wie sehr bejammr' ich ihn!   Vierter Auftritt Tancred. Arsir. Arsir Erhöre, Gott, Mein einziges Gebet! O laß mich sterben! Beschleunige die Stunde meines Tods. Tancred Aus deiner Trauer wende deinen Blick, Verehrter Greis, mir, einem Fremden, zu. Verzeih wenn er teilnehmend sich zu dir, In diesen Schreckens-Augenblicken, drängt. Ich, unter jenen Rittern, die den Feinden Des Glaubens ihre Brust entgegenstellen, Zwar der Geringste, kam – geselle nun Zu deinen Tränen, Edler, meine Tränen. Arsir Du Einziger, der mich zu trösten kommt, Mich, den man flieht, und zu vernichten strebt; Verzeihe den verworrnen, ersten Gruß Und sage wer du seist? Tancred Ich bin ein Fremder, Voll Ehrfurcht gegen dich, voll Schmerz wie du, Der bebend keine Frage wagen darf, Im Unglück dir verwandt, und so vergib! Zu dieser Kühnheit nötigt mich mein Herz. Ist's wahr? – ist deine Tochter –? Ist es möglich? Arsir Es ist geschehn, zum Tode führt man sie. Tancred Ist schuldig? Arsir Ist des Vaters ew'ge Schande! Tancred Sie? – Was ist nun im Leben noch gewiß! Wenn ich in fernen Landen ihren Ruf, Von tausend Zungen ihren Wert vernahm; Da sagt' ich zu mir selbst: und wenn die Tugend Auf Erden wohnt, so wohnet sie bei ihr. Nun heißt sie schuldig. O verwünschtes Ufer! Auf ewig unglücksel'ge Tage! Arsir Wenn du mich Verzweifeln siehest, wenn mir gräßlicher Der Tod begegnet, wenn die Gruft sich mir Noch grauenvoller, rettungsloser zeigt, So ist es, weil ich der Verstockung denke, In der sie ihr Verbrechen liebt, in der Sie ohne Reue sich dem Abgrund naht. Kein Held zu ihrer Rettung zeigte sich, Sie unterschrieben, seufzend, ihren Tod. Und wenn der alte, feierliche Brauch, Erhabnen Seelen wert und weit berühmt Durch alle Welt, der Brauch, ein schwach Geschlecht Durch Manneskraft im Kampfe zu entsühnen, Gar Manche schon gerettet, fällt nun die, Die meine Tochter war, vor meinen Augen, Und Niemand findet sich, ihr beizustehn. Das mehret meinen Jammer, schärft den Schmerz; Man schaudert, schweigt und Keiner will sich zeigen. Tancred Es wird sich Einer zeigen! Zweifle nicht. Arsir Mit welcher Hoffnung täuschest du mein Herz? Tancred Er wird sich zeigen! Nicht für deine Tochter, Sie kann's nicht fordern, sie verdient es nicht. Doch für den heil'gen Ruf des hohen Hauses, Für dich und deinen Ruhm und deine Tugend. Arsir Es kehret sich ein Strahl des Lebens mir, Erquickend und erregend, wieder zu. Wer mag für uns sich auf den Kampfplatz wagen? Für uns, die wir dem Volk ein Greuel sind? Wer darf mir seine Hand zur Hülfe bieten? Vergebne Hoffnung! wer den Kampf bestehn? Tancred Ich werd' es! Ja, ich will's! und wenn der Himmel Für meinen Arm, für deine Sache spricht; So bitt' ich nur, statt alles Lohns, von dir, Sogleich mich zu entlassen; unerkannt Und ohne sie zu sehen, will ich scheiden. Arsir O edler Mann, dich sendet Gott hierher. Zwar kann ich keine Freude mehr empfinden; Doch naht mit lindern Schmerzen mir der Tod. Ach! dürft' ich wissen wem in meinem Jammer Ich so viel Ehrfurcht, so viel Dankbarkeit, Auf einmal schuldig bin und gern entrichte! Dein Ansehn bürgt mir deinen hohen Mut, Den Vorzug edles Sinnes, edler Ahnen. Wer bist du? sprich! Tancred Laß meine Taten sprechen!   Fünfter Auftritt Orbassan, Arsir, Tancred, Ritter, Gefolge. Orbassan Der Staat ist in Gefahr und fordert nun Vereinte Kraft und Überlegung auf. Erst morgen wollten wir zum Angriff schreiten, Doch scheint es daß der Feind von unsern Planen, Auch durch Verräter, unterrichtet ist. Es scheint, er sinnet uns zuvor zu kommen; Und wir begegnen ihm! – Doch nun, o Herr, Entferne dich von hier und zaudre nicht, Ein unerträglich Schauspiel zu erwarten. Arsir Es ist genug! mir bleibt allein die Hoffnung Im Schlachtgewühl dem Tode mich zu weihen, auf Tancreden deutend. Hier dieser edle Ritter leitet mich. Und welches Unglück auch mein Haus betraf, Ich diene sterbend meinem Vaterlande. Orbassan An diesem edlen Sinn erkenn' ich dich! Laß deinen Schmerz die Muselmannen fühlen; Doch, bitt' ich, hier entweiche! Schrecklich ist's, Was man der Unglücksel'gen zubereitet. Man kommt. Arsir Gerechter Gott! Orbassan Ich würde selbst In diesem Augenblicke mich entfernen, Wär' es nicht meines Amtes strenge Pflicht, Dem härtesten Gesetz und seinem Ausspruch, Vor einer, nur zu leicht beweglichen, Verwegnen Menge, Ehrfurcht zu verschaffen. Von dir verlangt man solche Dienste nicht. Was kann dich halten, das dich nötigte Dein eigen Blut zu sehn, das fließen soll? Man kommt! Entferne dich! Tancred Mein Vater, bleib! Orbassan Und wer bist du? Tancred Dein Widersacher bin ich Freund dieses Greises, gebe Gott! sein Rächer, So nötig dieser Stadt vielleicht, als du.   Sechster Auftritt Die Mitte öffnet sich; man sieht Amenaiden, von Wache umgeben, Ritter und Volk füllen den Platz. Arsir Großmüt'ger Fremder, leihe deinen Arm Dem Sinkenden, laß mich an deine Brust Vor diesem Anblick fliehen! Amenaide Ew'ger Richter, Der das Vergang'ne, wie das Jetzige Und Künft'ge sieht! Du schauest in mein Herz, Du bist allein der Billige, wenn hier Mich eine Menge drängt, die, unbarmherzig In blindem Eifer, leidenschaftlich richtet, Nach blindem Zufall die Verdammung lenkt. Sie tritt hervor. Euch Ritter, Bürger, die, mit raschem Spruch, Auf diese Todespfade mich gestoßen, Euch denk' ich mit Entschuld'gung nicht zu schmeicheln; Der richtet zwischen mir und euch, der oben Die einzig unbestochne Waage hält. Ich seh' in euch verhaßtes Werkzeug nur Unbilliger Gesetze; euch und ihnen Hab' ich Gehorsam aufgekündigt, euch und sie Verraten, meinen Vater selbst, der mich In ein verhaßtes Bündnis zwang, gekränkt, Hab' Orbassan beleidigt, der sich, kühn Und streng, zum Herren meines Herzens aufwarf. Wenn ich, o Bürger, so den Tod verdient, So treff er mich; doch höret erst mich an: Erfahret ganz mein Unglück! Wer vor Gott Zu treten hat, spricht ohne Furcht vor Menschen. Auch du, mein Vater, Zeuge meiner Schmach, Der hier nicht sollte stehn und der vielleicht Die Härte der Gesetze – Sie erblickt Tancreden. Großer Gott! An seiner Seite – wen erblick' ich – ihn – Mein Herz – ich sterbe! Sie fällt in Ohnmacht. Tancred Meine Gegenwart Ist ihr ein bittrer Vorwurf; doch es bleibt Beschlossen – Haltet ein, die ihr dem Tod Das Opfer allzurasch entgegenführt! Ihr Bürger, haltet ein! Für sie zu sterben, Sie zu verteidigen bin ich bereit. Ich bin ihr Ritter! Dieser edle Vater, Dem Tode nah, so gut verdammt als sie, Nimmt meinen Arm, den Schutz der Unschuld, an. Die Tapferkeit soll hier den Ausspruch geben; Dies bleibet würd'ger Ritter schönster Teil. Die Bahn des Kampfes öffne man der Ehre, Dem Mut sogleich, und jeglicher Gebrauch Sei von des Kampfes Richtern wohlbedacht. Dich, stolzer Orbassan, dich fordr' ich auf! Nimm mir das Leben, oder stirb durch mich! Dein Name, deine Taten sind bekannt; Du magst hier zu befehlen würdig sein. Das Pfand des Kampfes werf ich vor dir nieder, Er wirft den Handschuh hin. Darfst du's ergreifen? Orbassan Deinen Übermut Wär' ich vielleicht zu ehren nicht verbunden; Er winkt Einem der Seinen, der den Handschuh aufhebt. Allein mich selbst und diesen edlen Greis, Der dich hier einzuführen würdigte, Uns ehr' ich, wenn ich vor dem Kampfgericht Der Forderung Verwegenheit bestrafe. Doch sag' uns deinen Namen, deinen Rang! Der nackte Schild verkündet wenig Taten. Tancred Ihn schmückt vielleicht der Sieg nur allzubald. Doch meinen Namen ruf ich, wenn du fällst, Das letzte Wort, dem Sterbenden ins Ohr. Nun folge mir! Orbassan Man öffne gleich die Schranken! Entfesselt bleibt Amenaide hier Bis zu dem Ausgang dieses leichten Kampfes. Dies Recht genießt sogar die Schuldige, Sobald ein Ritter auftritt, sie zu retten. Und wie ich von dem Kampfplatz siegend kehre, Sieht mich an eurer Spitze gleich der Feind. Im Zweikampf überwinden ist Gewinn; Fürs Vaterland zu siegen ewig Ruhm. Tancred Gesprochen ist genug, und wenn du fällst, So bleibt noch mancher Arm, den Staat zu retten.   Siebenter Auftritt Arsir, Amenaide (im Hintergrund) die wieder zu, sich kommt, nachdem man ihr die Fesseln abgenommen hat. Die Menge folgt den Rittern und verliert sich nach und nach. Amenaide Was ist aus ihm geworden? Weiß man schon? – Er ist verloren, wenn man ihn entdeckt. Arsir O meine Tochter! Amenaide Wendest du dich nun Zu mir, die du verlassen und verdammt? Arsir Wo soll ich hin vor diesem gräßlichen Geschick mich wenden? Großer Gott, zu dir! Du hast uns einen Retter hergesandt. Willst du verzeihen? oder wäre sie Unschuldig und ein Wunder soll sie retten? Ist es Gerechtigkeit, ist's Gnade? Zitternd hoff ich. Was hat zu solcher Handlung dich verleitet? Darf ich dir wieder nahen? Welche Blicke Wag' ich auf dich zu richten? Amenaide Eines Vaters Vertrauensvolle, schonungsvolle Blicke. Laß mich den väterlichen Arm ergreifen, Und deine Tochter fasse wieder an. Wer stützt uns, wenn wir uns in unserm Jammer Nicht auf einander stützen? Immer schwebt Das Beil, noch aufgehoben, über mir, Und offen liegt das Grab vor meinen Schritten. Ach! und er stürzt vielleicht vor mir hinab, Der Edelste, der mir zu Hülfe kam. Ich folge dir! Ich will, so stumm wie du, Auch unerkannt wie du, dem Grab mich weihen. Doch ach vielleicht – der immer Siegende, Sollt' er nicht auch zu meinem Vorteil siegen? Ach! darf ich einem Strahl der Lebenslust Die halberstarrte Brust zu öffnen wagen? Mein Vater – nein – Vergib! die Lippe wagt Nicht auszusprechen, was Gefahr und Not Auf mich und meinen Retter häufen möchte. Wer darf in mein so sehr verkanntes Herz Und seine liebevollen Tiefen blicken? Wer darf ihn kennen? Mache doch sein Arm Den wunderbar Verborgenen bekannt! Auch Raum verschaff er mir! Ein einzig Wort Stellt mich aufs Ehrenvollste wieder her. Mein Vater, komm! In wenigen Momenten Erblickst du mich entsündigt, oder tot.   Vierter Aufzug Vorhalle.   Erster Auftritt Tancred, Loredan, Ritter. Loredan Mit Staunen und mit Trauer schauen wir Den hohen Sieg, der dich verherrlichet. Du hast uns einen tapfern Mann geraubt, Der seine ganze Kraft dem Staat gewidmet, Und der an Tapferkeit dir selber glich; Magst du uns, edler Mann, nun deinen Namen Und welch Geschick dich hergeführt, entdecken? Tancred Vor seinem Tod' erfuhr es Orbassan, Und meinen Haß und mein Geheimnis nimmt er Mit sich ins Grab. Und euch bekümmre nicht Mein trauriges Geschick; wer ich auch sei, Ich bin bereit euch ritterlich zu dienen. Loredan Bleib unbekannt, weil du es so begehrst, Und laß, durch nützliche, erhabne Taten, Uns deinen Mut zum Heil des Staates kennen! Die Scharen der Ungläub'gen sind gerüstet. Verteidige mit uns Religion, Gesetz und Freiheit, jenes hohe Recht, Sich selbst Gesetz zu geben. Solamir Sei nun dein Feind und deiner Taten Ziel. Du hast uns unsers besten Arms beraubt; Der deine fechte nun an seiner Stelle. Tancred Wie ich versprochen, will ich alsobald Euch in das Feld begleiten. Solamir Befeindet mich vielleicht weit mehr als euch; Ich hass' ihn mehr als ihr. Doch, wie ihm sei, Zu diesem neuen Kampf bin ich bereitet. Roderich Wir hoffen viel von solchem hohen Mut; Doch wird auch Syrakus dich und sich selbst Durch seine Dankbarkeit zu ehren wissen. Tancred Mir keinen Dank! Ich fordr', ich wünsch' ihn nicht, Ich will ihn nicht. In diesem Raum der Trauer Ist nichts was meine Hoffnungen erregte. Wenn ich mein Blut vergieße, wenn ich euch, Mein jammervolles Leben endend, nütze; So fordr' ich keinen Lohn und kein Bedauren, Nicht Ruhm, nicht Mitleid. Kommt, zu unsrer Pflicht! Auf Solamir zu treffen ist mein Wunsch. Loredan Wir wünschen die Erfüllung! Nun erlaube Das Heer zu ordnen, vor die Stadt zu führen, Das mit den Feinden sich zu messen brennt. Du hörest gleich von uns. Erheitre dich! Des Siegs, des Ruhms gedenke; alles andre, Was dir auch Kummer macht, laß hinter dir!   Zweiter Auftritt Tancred. Aldamon. Tancred Verdienen mag sie's, oder nicht, sie lebt! Aldamon Sie wissen nicht, welch eine gift'ge Wunde, Dies zärtlich edle Herz in seinen Tiefen, Mit unauslöschlich heißer Qual, verzehrt. Doch wirst du nicht, o Herr, dich überwinden? Und deinen Schmerz und die Beleidigung Auf einen Augenblick vergessen? Nach der alten Bestehnden Rittersitte, dich der Schönen, Für die du kämpftest, überwandest, zeigen? Die Leben, Ehre, Freiheit dir verdankt, Wirst du ihr nicht sogleich die blut'gen Waffen Des hingestreckten Feinds zu Füßen legen? Tancred Nein, Aldamon! ich werde sie nicht sehn. Aldamon Dein Leben wagtest du, um ihr zu dienen. Nun fliehst du sie? Tancred Wie es ihr Herz verdient. Aldamon Ich fühle, wie dich ihr Verrat empört; Doch hast du selbst für den Verrat gestritten. Tancred Was ich für sie getan, war meine Pflicht. So untreu sie mir war, vermocht' ich nie Im Tode sie, in Schande sie zu sehen. Sie retten mußt' ich, nicht auch ihr verzeihn. Sie lebe, wenn Tancred im Blute liegt. Den Freund vermisse sie, den sie verraten, Das Herz, das sie verlor, das sie zerreißt. Unmäßig liebt' ich sie, ganz war ich ihr. Gefürchtet hätt' ich treulos sie zu finden? Die reinste Tugend dacht' ich anzubeten; Altar und Tempel, Schwur und Weihe schien Mir nicht so heilig als von ihr ein Wort. Aldamon Dich zu verletzen, sollte Barbarei Sich mit Verrat in Syrakus vereinen. In früher Jugend wurdest du verbannt, Nun durchs Gesetz beraubt, gekränkt von Liebe. Laß uns auf ewig dieses Ufer fliehn. In Schlachten folg' ich, ewig folg' ich dir! Hinweg aus diesen schmacherfüllten Mauern! Tancred Wie herrlich zeigt sich mir das schöne Bild Der Tugend wieder, das in ihr ich sah! Die du mich Schmerzbeladenen hinab Ins Grab verstoßest, dem ich dich entrissen, Verhaßte Schuldige, Geliebte noch! Die über mein Geschick noch immer waltet! O wär' es möglich, könntest du noch sein, Wofür im Wahne sonst ich dich gehalten! Nein! Sterbend nur vergess' ich's. Meine Schwäche Ist schrecklich, schrecklich soll die Buße sein. Umkommen muß ich. Stirb und laß dir nicht Von ihr die letzten Augenblicke rauben! Aldamon Doch schienst du erst an dem Verbrechen selbst Zu zweifeln. Ist die Welt, so sagtest du, Der Lüge nicht zur Beute hingegeben? Regiert nicht die Verleumdung? Tancred Alles ist, Ach leider, zu bewiesen, jede Tiefe Des schrecklichen Geheimnisses erforscht. Schon in Byzanz hat Solamir für sie, Ich wüßt' es wohl, geglüht; auch hier, vernehm' ich, Hat seine Leidenschaft ihn angetrieben, Sich, einem Muselmann, der Christin Hand, Vom Vater, als des Feindes Pfand, zu fordern. Er hätt' es nicht gewagt, wenn zwischen ihnen Sich kein geheim Verständnis angesponnen. Sie liebt ihn! und mein Herz hat nur umsonst An sie geglaubt, für sie umsonst gezweifelt. Nun muß ich ihrem Vater glauben, ihm, Dem zärtlichsten von allen Vätern, ihm, Der selber sie verklagt und sie verdammt. Was sagt' ich! ach! sie selbst, sie klagt sich an. Mit Augen sah ich jenes Unglücksblatt, Von ihrer eignen Hand, die Worte sah ich: »O möchtest du in Syrakus regieren, Und unsre Stadt beherrschen, wie mein Herz!« Mein Unglück ist gewiß. Aldamon Vergiß, Erhabner! Verachtend strafe die Erniedrigte! Tancred Und was mich kränkender als alles trifft, Sie glaubte sich zu ehren, glaubte sich Dem größten Sterblichen zu weihen. Ach! Wie tief erniedrigt, wie zerknirscht es mich! Der Fremde kommt und siegt, erfüllt das Land, Und das leichtsinnige Geschlecht, sogleich Vom Glanz geblendet der um Sieger strömt, Entäußert sich der alten frommen Triebe Und wirft sich dem Tyrannen an die Brust, Und opfert den Geliebten einem Fremden. Umsonst ist unsre Liebe still und rein, Umsonst legt uns die Ehrfurcht Fesseln an, Umsonst verachten wir den Tod für sie! Auch mir begegnet's, und ich sollte nicht Das Leben hassen, die Verrät'rin fliehn?   Dritter Auftritt Tancred, Roderich, Aldamon, Ritter. Roderich Beisammen ist das Heer; die Zeit enteilt! Tancred Es ist geschehn, ich folge.   Vierter Auftritt Die Vorigen, Amenaide, Euphanie. Amenaide (heftig herbeieilend) Laß, mein Retter! Herr meines Lebens! mich zu deinen Füßen – Tancred hebt sie abgewendet auf. Ich fühle hier mich nicht erniedrigt. Laß Auch meinen Vater dir die Knie umfassen! Entziehe deine hohe Gegenwart Nicht unsrer Dankbarkeit! Wer darf mich schelten, Daß ich mit Ungeduld zu dir mich stürze? Dir, meinem Retter, darf ich meine Freude Nicht völlig zeigen, nicht mein ganzes Herz. Nicht nennen darf ich dich – du blickst zur Erde! Ach! mitten unter Henkern, blickt' ich auf, Ich sah dich und die Welt verschwand vor mir; Soll die Befreite dich nicht wieder sehen? Du scheinst bestürzt, ich selber bin verworren; Mit dir zu sprechen fürcht' ich. Welcher Zwang! Du wendest dich von mir? du hörst mich nicht? Tancred Zu deinem Vater wende dich zurück Und tröste den gebeugten edlen Greis. Mich rufen andre Sorgen weg von hier, Und gegen euch erfüllt' ich meine Pflicht. Den Preis empfing ich, hoffe sonst nichts mehr. Zu viele Dankbarkeit verwirret nur, Mein Herz erläßt sie dir und gibt dir frei, Mit deinem Herzen, nach Gefühl, zu schalten. Sei glücklich, wenn du glücklich leben kannst, Und meiner Qualen Ende sei der Tod.   Fünfter Auftritt Amenaide, Euphanie. Amenaide Ist es ein Traum? Bin ich dem Grab entstiegen? Gab mich ein Gott dem Lebenstage wieder? Und dieses Licht umleuchtet es mich noch? Was ich vernehmen mußte, war es nicht Ein Urteil schreckenvoller, schauderhafter Als jenes das dem Tode mich geweiht? Wie gräßlich trifft mich dieser neue Schlag! Ist es Tancred der so sich von mir wendet? Du sahst wie kalt und tief erniedrigend Er mit verhaltnem Zorne mich vernichtet. Die Liebste sah er mit Entsetzen an! Dem Tod entreißt er mich, um mich zu töten! Durch welch Verbrechen hab' ich das verdient? Euphanie In seinen Zügen wandelte der Zorn, Erzwungne Kälte lebt' in seiner Stimme, In Tränen schwamm sein abgewandter Blick. Amenaide Er flieht, verstößt mich, gibt mich auf, beleidigt Die ihm das Liebste war. Was konnt' ihn so Verändern? Was hat diesen Sturm erregt: Was fordert er? Was zürnt er? Niemand ist Zur Eifersucht ihn aufzureizen würdig. Das Leben dank' ich ihm, das ist mein Ruhm. Als Einziger geliebt, mein einz'ger Schutz, Gewann er mir, durch seinen Sieg, das Leben; Was ich um ihn verlor erhielt er mir. Euphanie Die öffentliche Meinung reißt auch ihn Vielleicht mit fort, vielleicht mißtraut er ihr Und sie verwirrt ihn dennoch. Jener Doppelsinn Des Unglücksbriefs, der Name Solamirs, Sein Ruhm wie seine Werbung, seine Kühnheit, Spricht alles gegen dich, sogar dein Schweigen, Dein stolzes großes Schweigen, das ihn selbst, Tancreden selbst, vor seinen Feinden barg. Wer könnte dieser Hülle Nacht durchdringen? Er gab dem Vorurteil, dem Schein sich hin. Amenaide So hat er mich verkannt? Euphanie Entschuldige Den Liebevollen. Amenaide Nichts entschuldigt ihn! Und wenn mich auch die ganze Welt verklagte; Auf eignem Urteil ruht ein großer Mann, Und der betrognen Menge setzt er still Gerechter Achtung Vollgewicht entgegen. Aus Mitleid hätt' er nur für mich gestritten? Die Schmach ist schrecklich, sie vernichtet mich. Ich ging für ihn, zufrieden, in den Tod; Und nun entreißt er mir ein Zutraun, das Mich von dem Tod allein noch retten konnte. Nein, dieses Herz wird nimmer ihm verzeihn. Zwar seine Wohltat bleibet stets vor mir, Auch im gekränkten Herzen, gegenwärtig; Doch glaubt er mich unwürdig seiner Liebe, So ist er auch nicht meiner Liebe wert; Jetzt bin ich erst erniedrigt, erst geschmäht. Euphanie Er kannte nicht – Amenaide Mich hätt' er kennen sollen! Mich sollt' er achten wie er mich gekannt, Und fühlen daß ich solch ein Band, verrätrisch, Unmöglich zu zerreißen fähig sei. Sein Arm ist mächtig, stolz ist dieses Herz. Dies Herz, so groß wie seines, weniger Geneigt zum Argwohn, zärtlicher gewiß, Entsagt auf ewig ihm und allen Menschen. Falsch sind sie, voller Tücke, schwach und grausam, Betrogene Betrüger! und vergißt Mein Herz Tancreden, wird's die Welt vergessen.   Sechster Auftritt Arsir, Amenaide, Gefolge. Arsir Nur langsam kehret meine Kraft zurück, Das Alter trägt die eignen Lasten kaum, Den ungeheuren Schmerzen lag ich unter. Nun laßt mich jenen edlen Helden sehn, An meine Brust ihn drücken. Sage mir, Wer war's? wer hat mein einzig Kind gerettet? Amenaide Ein Mann, der meine Liebe sonst verdient, Ein Held, den selbst mein Vater unterdrückte, Den ihr verbanntet, dessen Namen ich Vor euch verschweigen mußte, den zu mir Das unglücksel'ge Blatt berufen sollte, Der letzte Sproß des hohen Ritterstammes, Der größte Sterbliche, der mich nun auch, Wie Jedermann, verkennt! es ist Tancred! Arsir Was sagst du? Amenaide Was mein Herz nicht mehr verschweigt, Was ich mit Furcht bekenne, da ich muß. Arsir Tancred? Amenaide Er selbst! Ich wußt' ihn in der Nähe; Ihn zu berufen dacht' ich. Mich befreien Sollt' er von Orbassan; da fiel mein Blatt In eure Hand. Ihn führt sein eignes Herz In diese Mauern, mich vom Tod zu retten, Und ach! nun bin ich auch von ihm verkannt. Mit unsern Helden eilt er schon hinaus Und kämpft für uns mit tief zerriss'nem Busen. Arsir Der Edle, den wir unterdrückten, dem Wir Güter, Würde, Vaterland geraubt, Er kommt uns zu beschützen, wenn vor ihm Als tückische Tyrannen wir erscheinen. Amenaide Verzeiht euch selbst, er wird euch gern verzeihen; Auch dir vergeh' ich, daß du allzuschnell Zu meinen strengen Richtern dich gesellt, Auf der Natur gelinde Stimme nicht, Aufs Zeugnis meines Lebens nicht gehört. Arsir An ihn war jenes Unglücksblatt geschrieben? Amenaide An ihn, er war mein Einz'ger in der Welt. Arsir Und wie hat Liebe dich zu ihm geleitet? Amenaide Schon in Byzanz, an meiner Mutter Hand. Arsir Nun kränkt dich sein Verdacht? Es irrt auch er? Amenaide Dem Zeugnis eines Vaters mußt' er glauben. Arsir Wie übereilt, o! wie verstockt ich war! Amenaide O! könntest du nun auch das Rätsel lösen! Arsir Ich eile! Kommt! Zu Pferde! Laßt mich ihm Bis in der Schlacht verworrne Tiefe folgen; Dort kämpft er freudiger, wenn er erfährt Daß du ihn liebst und daß du redlich bist. Verzweiflung kämpft, ich fühl' es, nun mit ihm; Den schönern Mut wird ihm die Liebe geben. Amenaide Du gehst nicht ohne mich! Arsir Du bleibst zurück! Amenaide In diese Mauern soll mich nichts verbannen. Scharf in die Augen faßt' ich schon den Tod, Er blickte gräßlich; auf dem Feld der Ehre Erscheint er mächtig, aber nicht verhaßt. Nimm mich an deine Brust, an deine Seite! Verstoße mich zum zweitenmale nicht. Arsir Gehorsam hab' ich nicht von dir verdient, Mein väterliches Recht hab' ich verscherzt; Allein bedenke, welchen kühnen Schritt Du vor den Augen aller Bürger wagst. Zum Kampfe zieht ein zärtliches Geschlecht, Dem engen Zwang entwachsen, nicht hinaus. In andern Landen mag es Sitte sein; Doch hier versagt's Gewohnheit und Gesetz. Amenaide Gesetz, Gewohnheit, Sitte darfst du nennen; Ich fühle mich erhoben über sie. An diesem ungerechten Schreckenstage Soll mir mein Herz allein Gesetze geben. Was? Die Gesetze, die so schwer auf dir Und deinem Haus gelastet, die Geboten deine Tochter unter Henkers Hand, Vor allem Volk, entwürdigt, hinzustoßen, Die sollen jetzt verbieten daß ich, dich Ins Ehrenfeld begleitend, mich entsühne? Sie sollten mein Geschlecht vor Feindes Pfeilen, Nicht vor der Schmach des Schandgerüstes wahren? Du bebst, mein Vater? Hätte damals dich Ein Schauer überlaufen, als, geneigt, Der feindlichen Partei zu schmeicheln, du Dich mit dem stolzen Orbassan vereintest, Dem einz'gen Sterblichen zu schaden, der Euch retten sollte, damals, als in mir Den heiligen Gehorsam du zerstörtest – Arsir Halt ein und kränke den Gekränkten nie Er ist dein Vater; brauche nicht das Recht, Mich anzuklagen und verschone mich! Laß meine Schmerzen mich bestrafen, laß, Wenn du Verzweiflung eines Vaters ehrst, Laß von dem Pfeil der Mauren mich allein An unsers Helden Seite fallen, wenn Ich deine Lieb' und Unschuld ihm entdeckt. Ich gehe! Haltet sie!   Siebenter Auftritt Amenaide Wer darf mich halten? Wer hat gelitten was ich leiden muß? Und wer hilft mir ertragen was ich trage? Nein! Soll ich nicht elendiglich vergehn, So muß ich fort, ich muß mich tätig zeigen, Ich muß ihn suchen, finden! In der Schlacht Gedrängtestem Gewühle treff ich ihn. Dort sollen alle Speere die ihm dröhn Auch mir des Lebens nahes Ende deuten. Dort wirft vielleicht sich diese treue Brust Dem Streiche, der ihn treffen soll, entgegen. Er haßt, er flieht mich ungerecht! Auch mir Empört das Herz im Busen sich, und ihn Gestraft zu sehen ist mein Wunsch. Gestraft In mir! An seiner Seite soll des Feinds Geschärfter Pfeil mich treffen! dann ergreift Sein kriegerischer Arm die Sinkende; Alsdann erwacht sein Mitleid, doch zu spät! Und er erfährt, daß ich ihm treu geblieben; Er ruft umsonst ins Leben mich zurück, Und heiße Reue quillt in seinem Busen, Und alle Schmerzen jammervoller Liebe Wälz' ich im letzten Seufzer auf ihn los.   Fünfter Aufzug Fels und Wald, im Hintergrund eine Aussicht auf den Ätna.   Erster Auftritt Soldaten, welche beschäftigt sind, aus Sarazenischer Beute Trophäen aufzustellen. Volk, von verschiedenem Geschlecht und Alter, das sich hinzudrängt. Zu ihnen Ritter und Knappen. Loredan Erhebt das Herz in freudigem Gesang Und Weihrauch laßt dem Gott der Siege wallen! Ihm, der für uns gestritten, unsern Arm Mit Kraft gerüstet, sei allein der Dank! Er hat die Schlingen, hat das Netz zerrissen, Mit denen uns der Glaubensfeind umstellt. Wenn dieser hundert überwundne Völker, Mit ehrnem Stab, tyrannisch niederdrückt; So gab der Herr ihn heut' in unsre Hand. Errichtet Siegeszeichen auf dem Platze, Wo diese Wundertaten euch befreit, Und schmücket, fromm, die heiligen Altäre Mit der Ungläub'gen besten Schätzen aus. O! möge doch die ganze Welt von uns, Wie man sein letztes Gut verteidigt, lernen! O möge Spanien, aus seinem Druck, Italien, aus seiner Asche blicken! Ägypten, das zertretne, Syrien, Das fesseltragende, nun auch Zum Herren, der uns rettete, sich wenden! Doch im Triumphe laßt uns nicht Arsirs Und seiner Vaterschmerzen nicht vergessen! O daß auch ihm das allgemeine Glück In seines Hauses Jammer Tröstung bringe! Und nun, wo ist der Ritter, der für uns, Wie alle rühmen, diesen Sieg erfocht? Hat ein Triumph so wenig Reiz für ihn? Und könnt' er uns des Neids verdächtig halten? Wir sind geprüft genug, ein fremd Verdienst In seinem vollen Werte zu verehren. Zu Roderich. Er focht in deiner Nähe, wie ich weiß; Kannst du von ihm, o Herr, uns Nachricht geben? Er hat so edel die Gefahr geteilt, Will er nicht auch die Siegesfreude teilen? Roderich Vernehmt den sonderbarsten Fall durch mich. Indessen ihr des Ätnas Felsenwege Verteidigtet, entfaltete die Schlacht, Mit Ungestüm, sich an dem Ufer hin. Er war der Vorderste, war weit voraus, Und wir erstaunten, in dem tapfern Manne Nicht die Besonnenheit des Muts zu sehn, Die in dem Schlachtgewühl dem Führer ziemt; Verzweiflung trieb ihn der Gefahr entgegen. In abgebrochnen Worten, wilden Blicken, Entdeckte sich ein ungemess'ner Schmerz. Er rief nach Solamir, oft rief er auch, Mit Ungestüm, Amenaidens Namen. Er schalt sie treulos; manchmal schien sogar Sich seine Wut in Tränen aufzulösen. Er weihte sich dem Tode freventlich, Er gab sich auf und, fürchterlicher nur, Erkämpft er, statt des Todes, sich den Sieg. Die Feinde wichen seinem Arm und uns, Und unser war das freie Schlachtgefild; Doch er empfand von seinem Ruhme nichts. Gesenktes Blickes, tief in Traurigkeit Verloren, hielt er unter unserm Chor. Doch endlich ruft er Aldamon heran. Umarmt ihn weinend, spricht ihm heimlich zu. Auf einmal sprengen beide fort; der Held Ruft noch zurück: Auf ewig lebet wohl! Wir stehn bestürzt, daß solch ein edler Mann Nach solchem Dienst sich uns verbergen will. Auf einmal aber stürzt Amenaide Durch der Soldaten dicht gedrängte Schar, Entstellt und bleich, den Tod in ihren Blicken. Sie ruft Tancreden, irrt an uns heran, Ihr Vater folgt und sie, ermattet, sinkt An seine Brust; wir eilen ihn zu stützen. Der Unbekannte, ruft er, ist Tancred! Er ist der Held, der solche Wunder leistet. Amenaiden rächt er, rächt den Staat, Und eilet uns zu retten, die wir ihn Einstimmig, als Rebellen, heute noch, Behandelt. Sucht ihn auf und führet ihn, Entsühnet, im Triumph, zur Stadt zurück! Loredan Wo ist er? daß die schönste Zierde nicht An unserm holden Siegestage fehle. Führt ihn heran, damit wir zeigen können, Daß, wenn wir einen edlen Mann verkannt, Wir den geprüften gleich zu ehren wissen.   Zweiter Auftritt Die Vorigen, Arsir. Später Amenaide, im Hintergrund, von ihren Frauen unterstützt. Arsir O! eilt ihn zu befreien! ihn zu retten! Tancred ist in Gefahr. Verwegen trieb Sein Eifer ihn dem flieh'nden Feinde nach, Der wieder sich versammelt, wieder ficht. Mein Alter, ach! erlaubt mir nur zu klagen. Ihr, deren Kühnheit sich mit Stärke paart, Die noch der Jugend Heldenkraft beseelt, Verbunden, eilet hin und gebt Tancreden Euch, mir und dieser Hartgekränkten wieder. Loredan Genug! die Zeit ist kostbar, folget mir! Wenn wir das Übermaß der Tapferkeit Nicht loben können, diese düstre Wut, So sind wir doch ihm schnelle Hülfe schuldig.   Dritter Auftritt Arsir. Amenaide. Arsir So hörst du denn, o Gott! des Vaters Flehn? Du gibst mir endlich meine Tochter wieder, Den Mann uns wieder dem wir alles danken. Die Hoffnung darf, geliebte Tochter, nun In unserm Herzen wieder sich entfalten. Wenn ich dich selbst verkannt, wenn ich dein Unglück Aus Irrtum selbst verschuldet, wenn ich's ganz Mit dir empfunden und getragen; laß Mich nun es end'gen, wenn der Edle kommt! Laß diesen Trost in deine Seele leuchten! Amenaide Getröstet werd' ich sein wenn ich ihn sehe, Wenn er, den ich mit Lieb' und Graun erwarte, Gerettet kommt und sich gerecht erzeigt, Wenn ich vernehme, daß er mich nicht mehr Verkennt und seinen Argwohn tief bereut. Arsir Ich fühle nur zu lebhaft, o Geliebte! Was du in dieser harten Probe leidest. Von solcher Prüfung heilt im edlen Herzen Die Wunde kaum, die Narbe bleibt gewiß, Das Nachgefühl des Schmerzens bleibt mit ihr. Doch meine Tochter denke daß Tancred, Den wir verhaßt, den wir verfolgt gesehen, Geliebt, bewundert, angebetet kommt, Und solch ein Glanz dich nun mit ihm verklärt. Je höher sich Tancred, je herrlicher, Durch unerwartet große Taten stellte, Um desto schöner werden Lieb' und Treue, Die du ihm rein und ganz gewidmet, glänzen. Wenn sonst ein guter Mensch nur seine Pflicht Zu tun versteht, erhebet sich der Held; Er überfliegt gemeiner Möglichkeit Bescheidne Grenze, ja, der Hoffnung selbst Eilt er zuvor. So tat für uns Tancred, Und über alle Hoffnung wird auch er Dich treu und seiner Liebe wert entdecken. Er wendet seine Neigung ganz dir zu, Das Volk bewundert und verehrt auch dich. Dies alles zu bewirken, seinen Irrtum Aus seiner Seele schnell hinweg zu scheuchen, Bedarf's ein Wort. Amenaide Es ist noch nicht gesprochen! Was kann mich jetzt des Volks Gesinnung kümmern, Das ungerecht verdammt, leichtsinnig liebt Und zwischen Haß und Mitleid, irrend, schwankt. Nicht seine laute Stimme rührt mein Herz; An eines Einzigen Munde hängt mein Ruf. Ja, führe dieser fort mich zu verkennen; Ich wollte lieber in den Tod mich stürzen, Als länger seiner Achtung zu entbehren. Ja, wisse – muß ich auch noch dies gestehn! – Als meinen Bräutigam verehrt' ich ihn, Ihm hat die Mutter, sterbend, mich gegeben, Ihr letzter Seufzer hat uns noch gesegnet, Und diese Hände, die sie erst verbunden, Vereinten sich die Augen ihr zu schließen. Da schwuren wir, bei ihrem Mutterherzen, Im Angesicht des Himmels, bei dem reinen Verklärten Geist, bei dir, unsel'ger Vater, Uns nur in dir zu lieben, für dein Glück, Mit kindlichem Gehorsam, uns zu bilden. Ich sah, statt des Altars, ein Mordgerüst; Mein Bräutigam verkennt mich, sucht den Tod, Und mir bleibt das Entsetzen meiner Schmach; Das ist mein Schicksal. Arsir Das nun sich erheitert. Mehr als du hofftest wird noch dir gewährt. Amenaide Ach! Alles fürcht' ich!   Vierter Auftritt Arsir, Amenaide, Euphanie. Euphanie Teilet Freud' und Jubel! Empfindet, mehr als wir, ein Wunderglück! Tancred hat abermals gesiegt, den Rest Auf ihn vereinter Flüchtiger zerstreut. Und Solamir, von seiner Hand getötet, Liegt nun, als Opfer des bedrängten Staats, Als Pfand zukünft'ger Siege, zur Entsühnung Gekränkter Frauenehre hingestreckt. Wie schnell verbreitet sich der Ruf umher! Wie freudetrunken fliegt das Volk ihm zu, Und nennt ihn seinen Helden, seinen Schutz; Des Thrones würdig preis't man seine Taten. Ein Einziger von unsern Kriegern war, Auf diesen Ehrenwegen, sein Begleiter: Der Aldamon, der unter dir gedient, Errang sich einen Teil an diesem Ruhm. Und als zuletzt noch unsre Ritter sich, Mit Ungestüm, zum Platz des Kampfes stürzten, War alles längst getan, der Sieg entschieden. In der Ferne Siegsgesang. Vernehmt ihr jener Stimmen Hochgesang? Die über alle Helden seines Stammes, Ihn über Roland, über Tristan heben. Ihm reichen tausend Hände Kranz um Kranz. Welch ein Triumph der dich und ihn verklärt! O teile, komm! den herrlichen Triumph; Du hast ihn längst verdient und längst vermißt. Dir lächelt alles nun und jeder schämt Sich jener Schmach, mit der er dich verletzt. Tancred ist dein, ergreife den Besitz! Amenaide Ach! Endlich atm' ich wieder und mein Herz Eröffnet sich der Freude. Teurer Vater! Laß uns den Höchsten, der auf solchen Wegen Mir das Verlorne wiedergibt, verehren. Vom herben Schmerz durch seine Hand befreit, Fang' ich, so scheint mir, erst zu leben an. Mein Glück ist groß; doch hab' ich es verdient. Vergessen will ich alles. O! verzeih So manchen Vorwurf, manche bittre Klage, Womit ich, edler Vater, dich gekränkt, Und wenn Tancredens Unterdrücker, wenn Sich Feinde, Bürger ihm zu Füßen werfen; Die Wonne fühl' ich ganz, denn er ist mein. Arsir Und ganz genießt dein Vater sie mit dir. – Ist dies nicht Aldamon? der, mit Tancreden, Sich in den Feind, mit echter Treue stürzte, Er, der auch unter mir so brav gedient. Vermehrt er die Gewißheit unsres Heils? Durch einen wackren Boten wird die Wonne Der guten Botschaft noch erhöht. Allein Was seh' ich? Ungewisses Trittes naht er sich! Ist er verwundet? Tiefe Schmerzen sind Auf sein Gesicht gegraben!   Fünfter Auftritt Arsir, Amenaide, Euphanie, Aldamon. Amenaide Sag' uns an: Tancred ist Überwinder? Aldamon Ja, er ist's! Amenaide Verkündet nicht ihn dieser Siegeston? Klaggesang von Ferne. Aldamon Der schon in Klagetöne sich verwandelt. Amenaide Was sagst du? Soll uns neues Unglück treffen? Aldamon Zu teuer ist des Tages Glück erkauft. Amenaide So ist er tot? Aldamon Sein Auge blickt noch auf; Doch wird ihn seine Wunde bald uns rauben. Als er, an meiner Seite, sich zum Tod Getroffen fühlte, stützt' er sich gelassen Auf meinem Arm und sprach: Ich sehe sie Nicht wieder, die mir alles war, und die Mich nun hieher getrieben. Eile hin Und bring ihr noch ein schmerzlich Scheidewort, Und sag ihr – Arsir Gott! So grenzenlose Not Verhängst du über uns! O teurer Mann! Verschweig ihr eine Botschaft die sie tötet. Amenaide Nein, sprich das Urteil nur entschieden aus! Ich habe nichts als dieses Leben mehr, Und dieses geb ich gern und willig hin. Sprich sein Gebot, das letzte, sprich es aus! Aldamon Nicht überleben könnt' ich den Gedanken, So sprach er, daß sie mir die Treue brach; Um ihretwillen sterb' ich; könnt' ich doch Auch für sie sterben, daß sie Ruf und Namen Und Lebensglück, durch meinen Tod, erwürbe. Amenaide Er stirbt im Irrtum! Werd' ich so gestraft! Arsir Verloren ist nun alles, nun der Köcher Feindseliges Geschickes ganz geleert! Und, ohne Hoffnung, ohne Furcht, erwarten, Auch ohne Klage, wir den nahen Tod. O! laß mich wenigstens, geliebtes Kind, In dieser schrecklichen Verwirrung, noch Die letzten Kräfte sammeln, laß mich laut, Daß unsre Ritter, unser Vaterland, Daß alle Völker hören, laß mich rufen: So litt ein edles Herz! so war's verkannt! Und alle Welt verehre deinen Namen. Amenaide Und mag ein unerträglich herber Schmerz Durch irgend einen Anteil milder werden? Was kann das Vaterland? was kann die Welt? Tancred ist tot. Arsir So fahre hin, mein Leben! Amenaide Tancred ist tot! und Niemand hat für mich Ein Wort gesprochen, Niemand mich vertreten! – Nein, diese letzte Hoffnung laß mir noch: Er lebt! er lebt! so lange, bis er sich Von meiner Lieb' und Unschuld überzeugt. Indem sie abgehen will, begegnet sie den Rittern, denen sie ausweicht. Drängt mich auch hier die Tyrannei zurück!   Sechster und letzter Auftritt Loredan, Roderich, Ritter, Soldaten, Volk, Amenaide, Arsir, Euphanie. Aldamon. Tancred, von Soldaten getragen, erst im Hintergrunde, Andere Soldaten mit eroberten Sarazenischen Standarten. Loredan Beklagenswerte. Beide, die ihr bang Dem Zug begegnet der sich stumm bewegt, Wohl ist für euch der Schmerzen Fülle hier. Verwundet, ehrenvoll und tödlich, naht, Auf dieser Bahre, leider nun der Held. In Leidenschaft und Wut gab er sich hin; So hat er uns vollkommnen Sieg errungen. Doch ach! wir hielten kaum des edlen Bluts, Das uns errettet, heft'gen Strom zurück. Zu Amenaiden. Der hohe Geist, der sich von hinnen sehnt, Verweilt, so scheint es, noch um deinetwillen; Er nennet deinen Namen, alles weint, Und wir bereuen unsern Teil der Schuld. Indessen er spricht, bringt man Tancreden langsam hervor. Amenaide (aus den Armen ihrer Frauen, wendet sich, mit Abscheu, gegen Loredan) Barbaren! mög' euch ew'ge Reue plagen! Sie eilt auf Tancreden los und wirft sich vor ihm nieder. Tancred! Geliebter! grausam Zärtlicher! In dieser letzten Stunde höre mich! O! wende mir dein mattes Auge zu, Erkenne mich im grenzenlosen Jammer! O! gönne dann im Grab, an deiner Seite, Mir, deiner Gattin, ehrenvollen Raum. Ja, diesen Namen, den du mir versprachst, Ich hab' ihn mir, durch Leiden, wohl verdient; Ich habe wohl verdient daß du nach mir, Der hartgeprüften, treuen Gattin blickst. Er sieht sie an. So war' es denn zum Letztenmale, daß Du mich ins Auge fassest! Sieh mich an! Kann ich wohl deinen Haß verdienen? Kann Ich schuldig sein? Tancred (sich ein wenig aufrichtend). Ach! du hast mich verraten. Amenaide Ich dich? Tancred! Arsir (der sich auf der andern Seite niederwirft, Tancreden umarmt und dann wieder aufsteht) O höre, wenn ich nun Für die so sehr verkannte Tochter spreche! Um deinetwillen kam sie in Verdacht; Wir straften sie, weil sie an dir gehangen. Gesetz und Rat und Volk und Ritter, alles Hat sich geirrt, sie war allein gerecht. Das Unglücksblatt, das solchen Grimm erregt, Es war für dich geschrieben, ihren Helden; So waren wir getäuscht und täuschten dich. Tancred Amenaide liebt mich? Ist es wahr? Amenaide Ich hätte Schmach und Schande wohl verdient Und jenen Tod, aus dem du mich gerissen, Wenn ich, unedel, deiner Liebe je, Und meiner Pflichten gegen dich vergessen. Tancred (der seine Kräfte sammelt und die Stimme erhebt) Du liebst mich! Dieses Glück ist höher als Mein Unstern. Ach! ich fühle nur zu sehr Bei diesem Ton das Leben wünschenswert. Ich glaubte der Verleumdung, ich verdiene Den Tod. Ein traurig Leben bracht' ich zu Und nun verlier' ich's, da das Glück sich mir, An deiner Seite, grenzenlos eröffnet. Amenaide Und nur in dieser Stunde sollt' ich dich, Die uns auf ewig trennt, noch einmal sprechen! Tancred! Tancred In deinen Tränen sollt' ich Trost Und Lindrung fühlen; aber ach! von dir Sollt' ich mich trennen! Herb ist solch ein Tod. Ich fühl', er naht. Arsir, o höre mich. Dies edle Herz hat seine Treue mir Auf ewig zugesagt und mir erhalten, Als Opfer selbst des traurigsten Verdachts; O! laß denn meine blutig starre Hand, Mit ihrer Hand, zuletzt, sich noch verbinden! Laß mich als ihren Gatten sterben, dich Als Vater noch umarmen! Arsir Teurer Sohn! O könntest du für sie und alle leben! Tancred Ich lebte, meine Gattin zu entsühnen, Mein Vaterland zu rächen, sterbe nun Umfaßt von beiden, und ich fühle mich So würdig ihrer Liebe, wie geliebt. Erfüllt sind meine Wünsche! Liebstes Weib! Amenaide! Amenaide Komm! Tancred Du bleibst zurück! Und schwörst mir daß du leben willst – Er sinkt nieder. Roderich Er stirbt! An seiner Bahre schäme sich der Tränen Kein tapfrer Mann; der Reue schäme sich Kein Edler, der zu spät ihn erst erkannt. Amenaide (die sich auf Tancredens Leichnam wirft) Er stirbt! Tyrannen, weint ihr? die ihr ihn Mißhandelt, ihn dem Tode hingegeben! Indem sie aufsteht und vorschreitet. Verflucht sei der Senat! Verflucht ein Recht, Das, ränkevoll, der herrschenden Partei, Gesetzlich Treu und Unschuld morden lehrt! O! reißet euch gewaltsam auseinander, Des Berges ungeheure Feuerschlünde, Die ihr das reiche Feld Siciliens Im Finstern unterwühlet, reißt euch auf! Erschüttert Syrakus, daß die Paläste, Die Mauern stürzen! Sendet Feuerquellen Aus euren Schluchten, überschwemmt das Land, Und schlingt den Rest des Volkes, die Ruinen Der großen Stadt, zur Hölle mit hinab! Sie wirft sich wieder auf den Leichnam. O! mein Tancred! Sie springt wieder auf. Er stirbt! ihr aber lebt! Ihr lebt! ich aber folg' ihm! – Rufst du mich? Dein Weib vernimmt die Stimme seines Gatten. In ew'ger Nacht begegnen wir uns wieder, Und euch verfolge Qual, so dort, wie hier! Sie wirft sich in Euphaniens Arme. Arsir O! meine Tochter! Amenaide Weiche fern hinweg! Du bist mein Vater, hast an uns, fürwahr, Des heil'gen Namens Würde nicht erprobt. Zu diesen hast du dich gesellt! – Verzeih Der kläglich Sterbenden! – Nur diesem hier Gehör' ich an, im Tode bleib' ich sein. Tancred! Sie sinkt an der Bahre nieder. Arsir Geliebtes, unglücksel'ges Kind! O! rufet sie ins Leben, daß ich nicht, Der Letzte meines Stamms, verzweifelnd sterbe!