Henrik Ibsen Das Fest auf Solhaug Übersetzt von Christian Morgenstern Schauspiel in drei Akten Personen Bengt Gautesön, Herr auf Solhaug Margit, seine Ehefrau Signe, ihre Schwester Gudmund Alfsön, ihr Vetter Knut Gaesling, Vogt des Königs Erik von Haegge, sein Freund Ein Knecht Ein zweiter Knecht Des Königs Sendbote Ein alter Mann Eine Magd Gäste, Herren und Frauen. Gefolgsmannen Knut Gaeslings. Knechte und Mägde auf Solhaug Vorrede 1. Akt 2. Akt 3. Akt VORREDE ZUR ZWEITEN AUSGABE »Das Fest auf Solhaug« habe ich in Bergen geschrieben, im Sommer 1855, also ungefähr vor 28 Jahren. Das Stück wurde daselbst den 2. Januar 1856 in einer Festvorstellung zur Erinnerung an den Stiftungstag der norwegischen Bühne zum ersten Mal aufgeführt. Ich war damals Instruktor am Bergener Theater und leitete so die Einstudierung meines Stückes selber. Es erfuhr eine vorzügliche, in seltenem Maße stimmungsvolle Darstellung. Mit Lust und Hingebung wurde es gespielt und ebenso auch aufgenommen. »Die Bergener Lyrik«, die, wie verlautet, die letzten politischen Wahlen da oben entschieden haben soll, war an jenem Theaterabend in dem vollen Hause ungewöhnlich stark vertreten. Die Vorstellung endete mit zahlreichen Hervorrufen des Verfassers und der Schauspieler. Später am Abend brachte mir die von einem großen Teil des Publikums begleitete Kapelle ein Ständchen vor meinen Fenstern. Ich glaube beinahe, ich ließ mich dazu hinreißen, eine Art Ansprache an die Versammlung zu halten; jedenfalls – das weiß ich – fühlte ich mich sehr glücklich. Ein paar Monate später wurde »Das Fest auf Solhaug« in Christiania aufgeführt. Auch dort wurde es vom Publikum mit großem Beifall aufgenommen, und Björnson schrieb den Tag nach der ersten Aufführung im »Morgenblatt« einen jugendlich warmen, liebenswürdigen Artikel darüber. Es war eigentlich kein Bericht, auch keine Kritik – es war vielmehr eine stimmungsreiche, freie Phantasie, eine dichterische Improvisation über das Stück und über die Vorstellung. Aber dann kam die richtige Kritik, besorgt von den richtigen Kritikern. Wie wurde man zu jener Zeit – ich meine in den Jahren von 1850 bis etwa 1860 – in Christiania ein richtiger Literaturkritiker und namentlich ein richtiger Theaterkritiker? Ja, das ging in der Regel so zu: Nach einigen vorbereitenden Übungen im »Gesellschafsblatt« und nach häufigerer Teilnahme an den Diskussionen, die nach den Theaterabenden in Treschows Café oder »bei Ingebret« gepflogen wurden, begab sich der werdende Kritiker in Johann Dahls Buchhandlung und ließ sich aus Kopenhagen ein Exemplar von J. L. Heibergs »Prosaschriften« kommen, die, wie er hatte sagen hören, eine »Über das Vaudeville« betitelte Abhandlung enthielten. Diese Abhandlung wurde dann gelesen, in grübelndem Geiste erwogen und vielleicht auch zum Teil verstanden. Durch jene Schriften wurde man des weiteren mit einer Polemik bekannt, die Heiberg seinerzeit mit Professor Oehlenschläger und dem Dichter Hauch in Sorö geführt hatte. Ebenfalls bei dieser Gelegenheit erfuhr man, daß J. J. Baggesen (der Verfasser der »Gespensterbriefe«) schon früher einen ähnlichen Feldzug gegen den großen Dichter von »Axel und Valborg« und »Hakon Jarl« eröffnet hatte. Vieles andere noch, was einem Kritiker nützlich zu wissen war, ließ sich diesen Schriften entnehmen. Man lernte z. B. daraus, daß ein rechter Kritiker im Namen des Geschmacks verpflichtet ist, an jedem Hiatus Anstoß zu nehmen. Wurde in den Versen hier und da ein solches Ungeheuer angetroffen, so konnte man sicher sein, daß die jungen kritisierenden Hieronymusse Christianias, ganz wie Holbergs Hieronymus, ihr »Potztausend, die Welt steht nicht mehr bis Ostern!« ausriefen. Und dann hatte damals die Kritik der norwegischen Hauptstadt noch eine besondere Eigentümlichkeit, über deren Ursprung ich mir lange den Kopf zerbrochen habe. Unsere Kritiker pflegten nämlich jedesmal, wenn ein neu auftretender Schriftsteller ein Buch herausgab oder ein kleines Theaterstück auf die Bühne brachte, in unbändigen Zorn zu geraten und sich zu gebärden, als ob durch die Herausgabe des Buches oder die Aufführung des Stückes ihnen und den Zeitungen, für die sie schrieben, eine blutige Beleidigung zugefügt würde. Wie gesagt, ich habe lange über dieses sonderbare Benehmen nachgegrübelt. Endlich wurde mir die Sache klar. Beim Lesen der dänischen »Monatsschrift für Literatur« nämlich wurde ich darauf aufmerksam, daß seinerzeit den alten Staatsrat Molbech ein schwerer Zorn zu überkommen pflegte, wenn in Kopenhagen ein junger Dichter ein Buch herausgab oder ein Schauspiel auf die Bühne brachte. So, oder doch ungefähr so, war der Gerichtshof beschaffen, der sich nun in der Tagespresse vornahm, »Das Fest auf Solhaug« vor die Schranken der Kritik zu stellen. Er war zum größten Teil aus jungen Leuten zusammengesetzt, die im Betrachte der Kritik gemeinhin auf Borg lebten. Ihre kritischen Gedanken waren längst von anderen gedacht und ausgesprochen, ihre Meinungen längst anderswo formuliert worden. Geborgt war ihre ganze ästhetische Theorie; geborgt war ihre ganze kritische Methode; geborgt war von Anfang bis Ende, im Großen wie im Kleinen die polemische Taktik, deren sie sich bedienten. Ja sogar ihre Gemütsstimmung, sie war geborgt. Geborgt, geborgt war alles. Das einzige Originale dabei war, daß sie das Geborgte immer und ewig verkehrt und zur Unzeit anbrachten. Daß dieses Kollegium, dessen Mitglieder ihr Dasein von Anlehen fristeten, bei mir als Dichter etwas Ähnliches voraussetzen zu müssen glaubte, kann niemand wundernehmen. Eine Zeitung oder zwei da oben, möglicherweise auch mehr, fanden denn auch ganz prompt heraus, daß ich dies und das Henrik Hertzens Schauspiel »Svend Dyrings Haus« entlehnt hätte. Diese kritische Behauptung ist grundlos und unzutreffend. Offenbar hat die Anwendung des Versmaßes der Kaempeviser in beiden Stücken sie veranlaßt. Aber bei mir ist der sprachliche Ton ganz anders als bei Hertz; die Ausdrucksweise hat in beiden Stücken ein ganz verschiedenes Klanggepräge. Über dem Rhythmischen in meinem Stücke weht eine leichte Sommerluft; über dem Rhythmischen bei Hertz lastet es wie Herbstwetter. Auch was die Charaktere, die Handlung oder überhaupt den tatsächlichen Inhalt angeht, so findet sich keine andere oder doch keine größere Ähnlichkeit als die, die notwendig daraus folgt, daß der Stoff beider Stücke dem engen Vorstellungskreis der Kaempeviser entnommen ist. Mit ebensoviel oder wohl noch mit größerem Recht könnte man behaupten, Hertz habe in »Svend Dyrings Haus« hier und da etwas, und zwar gar nicht so wenig, Heinrich von Kleists »Käthchen von Heilbronn« entlehnt, das zu Beginn dieses Jahrhunderts geschrieben worden ist. Käthchens Verhältnis zum Grafen Wetter vom Strahl deckt sich in allem Wesentlichen mit Ragnhilds Verhältnis zum Ritter Stig Hvide. Ebenso wie Ragnhild wird auch Käthchen von einer rätselhaften, unerklärlichen Macht getrieben, dem Manne, den sie liebt, auf allen seinen Wegen zu folgen, ihm heimlich nachzuschleichen, sich willenlos in seiner Nähe hinzulegen und zu schlafen, mit Naturnotwendigkeit zu ihm zurückzukehren, so oft sie auch fortgejagt wird. Auch sonst greift das Übernatürliche bei Kleist wie bei Hertz noch auf mancherlei Weise ein. Aber zweifelt jemand daran, daß es mit einigem guten oder bösen Willen nicht möglich wäre, in der noch älteren dramatischen Literatur ein Schauspiel aufzutreiben, von dem behauptet werden könnte, ihm habe Kleist Verschiedenes für sein »Käthchen von Heilbronn« entnommen? Ich zweifle jedenfalls nicht daran. Doch dergleichen nachzuweisen wäre müßig. Das, was ein Kunstwerk zum geistigen Eigentum seines Urhebers macht, ist der Stempel seiner eigenen Persönlichkeit, den er dem Werke aufdrückt. Ich meine deshalb, daß trotz der angedeuteten Ähnlichkeiten »Svend Dyrings Haus« ebenso unbestritten und ausschließlich ein Originalwerk Henrik Hertzens, wie »Käthchen von Heilbronn« ein Originalwerk Heinrich von Kleists ist. Dasselbe Recht nehme ich auch für mein »Fest auf Solhaug« in Anspruch. Ich hoffe nicht minder, man wird in Zukunft jeden der drei Namensvettern ungeschmälert im Besitz dessen lassen, was ihm zu Recht gehört. Georg Brandes hat gelegentlich das Verhältnis des »Festes auf Solhaug« zu »Svend Dyrings Haus« so dargestellt, als sei mein Stück zwar nicht auf irgend einem Anlehen aufgebaut, aber doch unter einer Einwirkung, einem Einfluß des älteren Dichters auf den jüngeren entstanden. Seine Äußerungen über meine Arbeit sind im übrigen so wohlwollend, daß ich allen Grund habe, ihm dafür, wie für so vieles andere, dankbar zu sein. Nichtsdestoweniger aber muß ich daran festhalten, daß die Sache in Wirklichkeit sich auch nicht so verhält, wie Brandes sie aufgefaßt hat. Henrik Hertz hat als dramatischer Dichter mich niemals sonderlich angesprochen. Es will mir darum nicht in den Kopf, daß er, mir unbewußt, irgend welchen Einfluß auf meine eigene dramatische Produktion ausgeübt haben könnte. An diesem Punkt und in Verbindung hiermit könnte ich mich darauf beschränken, auf Dr. Valfrid Vasenius, Dozenten der Ästhetik an der Universität Helsingfors, hinzuweisen. Sowohl in seiner Doktordissertation »Henrik Ibsens dramatiska diktning i dess första skede« (1879) als auch in seinem Werke »Henrik Ibsen, ett skaldeporträtt« (343 Seiten. Jos. Seligmann \& Comp., Stockholm 1882) hat er seine Grundanschauung über das hier behandelte Schauspiel entwickelt, - in der letztgenannten Schrift noch unter Berücksichtigung dessen, was ich ihm vor drei Jahren bei einem Zusammensein zu München in aller Kürze mitgeteilt habe. Hierauf könnte ich, wie gesagt, hinweisen. Aber der Ordnung halber will ich doch selbst auf den folgenden Blättern die Entstehungsgeschichte des »Festes auf Solhaug« in großen Zügen erzählen. Hier ist sie: Ich habe diese Vorrede mit der Erklärung eingeleitet, daß das Stück im Sommer 1855 verfaßt worden ist. Im Jahre vorher hatte ich »Frau Inger auf Oestrot« geschrieben. Die Arbeit an diesem Drama hatte mich genötigt, mich literarisch und historisch in das norwegische Mittelalter, namentlich in dessen spätere Epoche zu vertiefen. Ich versuchte, so gut es ging, mich in die Sitten und Gebräuche jener Zeiten einzuleben, in das Gefühlsleben ihrer Menschen, in ihre Denkungsart und Ausdrucksweise. Diese Periode ist jedoch nicht ansprechend genug, um lange bei ihr zu verweilen; sie bietet auch nicht sonderlich viel Stoff, der sich zu dramatischer Behandlung eignete. Ich flüchtete denn auch bald zur eigentlichen Sagazeit hinüber. Aber die Königssagas und überhaupt die strengeren historischen Überlieferungen aus diesem fernen Zeitalter fesselten mich nicht; ich konnte damals für meine dichterischen Zwecke von den Streitigkeiten zwischen Königen und Häuptlingen, zwischen Parteien und Gefolgschaften als Dramatiker keinen Gebrauch machen. Das sollte erst später kommen. In reichem Maße dagegen fand ich in den isländischen Familiensagas, was ich zur menschlichen Einkleidung der Stimmungen, Vorstellungen und Gedanken brauchte, die mich damals erfüllten oder mir doch mehr oder minder klar vorschwebten. Diese altnordischen literarischen Beiträge zur Personalgeschichte unserer Sagazeit hatte ich bisher nicht gekannt, kaum noch nennen hören. Da fiel mir durch einen Zufall N. M. Petersens hinsichtlich des sprachlichen Tons jedenfalls vortreffliche Übersetzung in die Hände. Aus diesen Familienchroniken mit ihren wechselnden Verhältnissen und Auftritten zwischen Mann und Mann, zwischen Weib und Weib, überhaupt zwischen Menschen und Menschen schlug mir ein persönlicher, voller, lebendiger Lebensgehalt entgegen; und aus diesem meinem Zusammenleben mit all jenen abgeschlossenen, einfachen, persönlichen Naturen entstand in meinem Geiste der erste rohe, unbestimmte Entwurf zu den »Helden auf Helgeland«. Wie viel von den Einzelheiten sich damals in mir ausgestaltet hat, weiß ich heute nicht mehr anzugeben. Aber erinnere ich mich recht wohl, daß die zwei Gestalten, die zuerst meinen Blick auf sich zogen, die beiden Frauen waren, aus denen später Hjördis und Dagny wurden. Ein großes Festgelage mit aufreizenden Reden und verhängnisvollem Zusammenstoß sollte in dem Stücke vorkommen. Im übrigen wollte ich von Charakteren, Leidenschaften und gegenseitigen Verhältnissen all das aufnehmen, was mir als am meisten typisch für das Leben der Sagazeit erschien. Mit einem Wort, – ich wollte einfach, was in der Völsungensaga episch umgedichtet worden war, dramatisch wiedergeben. Irgend einen vollständigen, zusammenhängenden Plan habe ich damals wohl nicht entworfen. Doch stand es klar vor mir, daß ein solches Schauspiel das erste sein müßte, was nun geschrieben würde. Allein da kam mancherlei dazwischen. Das meiste davon, und vermutlich das zunächst und am stärksten Entscheidende, war wohl persönlicher Natur; aber ich glaube doch, es war nicht ganz ohne Bedeutung, daß ich eben damals Landstads Sammlung »Norwegischer Volkslieder«, die ein paar Jahre vorher erschienen war, eingehend studierte. Die Stimmungen, in denen ich mich damals befand, vertrugen sich besser mit der literarischen Romantik des Mittelalters als mit den Tatsachen der Sagas, besser mit der Versform als mit dem Prosastil, besser mit dem sprachmusikalischen Element der Kaempevise als mit dem charakterisierenden der Saga. So geschah es, daß sich der formlos gärende Entwurf zu der Tragödie »Die Helden auf Helgeland« vorläufig in das lyrische Drama »Das Fest auf Solhaug« umgesetzt hat. Die beiden Frauengestalten der geplanten Tragödie, die Pflegeschwestern Hjördis und Dagny, wurden in dem ausgeführten lyrischen Drama zu den Schwestern Margit und Signe. Die Abstammung dieses zuletzt genannten Paares von den Frauen der Saga wird leicht in die Augen fallen, wenn man erst darauf aufmerksam geworden ist. Die Familienähnlichkelt ist unverkennbar. Der damals nur flüchtig gezeichnete Held der Tragödie, der weitgereiste und an fremden Königshöfen wohl aufgenommene Häuptling, der Wiking Sigurd, formte sich in den Rittersmann und Sänger Gudmund Alfsön um, der auch lange in fremden Landen umhergezogen war und am Hof des Königs gelebt hatte. Seine Stellung zu den beiden Schwestern wurde gemäß dem Wandel der Zeitumstände und Verhältnisse geändert; aber die Stellung beider Schwestern ihm gegenüber blieb im wesentlichen dieselbe wie in der ursprünglich geplanten und später ausgeführten Tragödie. Das verhängnisvolle Festgelage, an dessen Schilderung mir bei meinem ersten Entwurf so viel gelegen war, wurde in dem Drama der Schauplatz, auf dem die Personen durchweg auftraten. Es bildete den Hintergrund, von dem sich die Handlung abhob, und teilte dem Gesamtbilde die Grundstimmung mit, die ich beabsichtigt hatte. Der Schluß des Stückes wurde natürlich seiner Art gemäß, als der eines Dramas und nicht einer Tragödie, gedämpft und gemildert; aber unter strenggläubigen Ästhetikern dürfte gleichwohl darüber gestritten werden können, ob in diesem Schluß nicht ein Zug von unvermittelter Tragik zurückgeblieben ist, als ein Zeugnis von des Dramas Ursprung. Hierauf werde ich jedoch nicht weiter eingehen. Ich habe nur aufrecht erhalten und feststellen wollen, daß das vorliegende Schauspiel, ebenso wie alle meine übrigen dramatischen Arbeiten, ein naturnotwendiges Ergebnis meines Lebensganges an einem bestimmten Punkte ist. Es ist von innen heraus entstanden und nicht irgendwie durch äußeren Ansporn oder Einfluß. So und nicht anders verhält es sich mit der Entstehung des »Festes auf Solhaug.« Rom, im April 1883 HENRIK IBSEN ERSTER AKT (Eine stattliche Stube mit je einer Tür im Hintergrund und auf beiden Seiten. Vorn rechts ein Erkerfenster mit kleinen runden, in Blei gefaßten Scheiben, davor ein Tisch mit einer Menge Weiberschmuck. An der Wand links ein großer Tisch mit silbernen Krügen, Bechern und Trinkhörnern. Die Tür im Hintergrund führt auf eine offene Außengalerie, von der man auf eine weite Fjordlandschaft sieht.) ( Bengt Gautesön, Frau Margit, Knut Gaesling und Erik von Haegge sitzen links um den Trinktisch. Im Hintergrunde sitzen und stehen Knuts Mannen umher; ein paar Bierhumpen machen unter ihnen die Runde. In weiter Ferne hört man Kirchenglocken zur Frühmesse läuten.) Erik (erhebt sich vom Tische.) Und nun, kurz und gut, was für einen Bescheid habt Ihr mir auf meine Brautwerbung im Namen Knut Gaeslings zu geben? Bengt (schielt unruhig nach seiner Ehefrau.) Ja, ich – ich denke nun – (Da sie schweigt:) Hm, Margit, laß uns erst hören, was Du meinst. Margit (steht auf.) Herr Knut Gaesling, – es war mir lange bekannt, was Erik von Haegge von Euch erzählte. Ich wußte gar wohl, daß Ihr aus einem berühmten Geschlechte stammt; Ihr seid reich an Geld und Gut, und unser königlicher Herr ist Euch sonderlich gewogen. Bengt (zu Knut.) Sonderlich gewogen, – das sag' auch ich. Margit . Und sicherlich könnte sich meine Schwester keinen besseren Ehemann wählen – Bengt . Keinen besseren; just dasselbe denk auch ich . Margit . – wenn Ihr sie nur bewegen könnt, Neigung zu Euch zu fassen. Bengt (ängstlich, halblaut.) Aber, – aber, meine Liebe – Knut (springt auf.) Ja so, Frau Margit! Ihr meint, daß Eure Schwester –? Bengt (sucht ihn zu beruhigen.) Nicht doch, Knut Gaesling! Nicht doch! Versteht uns nur recht! Margit . Meine Worte können Euch nicht kränken. Meine Schwester kennt Euch ja nur aus den Weisen, die über Euch im Schwange sind, – und sittsamen Ohren klingen diese Weisen übel.     Euer Väterhof ist ein unsicher Haus     Mit all seinen wilden Gästen.     Christ helfe der Braut, wenn tagein tagaus     Die Fremden am Tische sich mästen!     Christ helfe der Braut, die Eure Geschmeid'     Und Güter und Wälder verblenden; –     Bald wird sie sich sehnen, ein Leben voll Leid     Im Schlummer des Grabes zu enden. Erik . Freilich – nur zu wahr – Knut Gaesling lebt etwas wüst und zügellos. Doch dergleichen ändert sich leicht, sobald man sich eine Frau ins Haus schafft. Knut . Und nun sollt Ihr noch folgendes vernehmen, Frau Margit. Es mag eine Woche her sein, da war ich zu einem Trinkgelag auf Haegge bei Erik, der hier steht. Das Bier war stark; und da es auf den Abend ging, tat ich das Gelübde, daß Eure schöne Schwester Signe mein Weib werden müsse, eh' noch das Jahr um sei. Nun soll man Knut Gaesling nimmer nachsagen, daß er irgend ein Gelübde gebrochen hat. Daher seht Ihr selbst, daß Ihr mich zum Mann Eurer Schwester wählen müßt, – im Guten oder im Bösen. Margit . Bevor dies geschieht, nun, ich will's Euch nicht hehlen, Da müßt Ihr erst andre Gesellschaft wählen; Da dürft Ihr nicht länger, ein greulicher Troß, Das Land durchjagen zu Wagen und Roß! Sorgt lieber, daß nicht gleich jeder erschrickt, Sobald sich Knut Gaesling zur Freite anschickt, Gesittet und ruhig reitet zum Schmause, Und laßt mir die Axt an der Wand zuhause; – Denn Ihr wißt, wie sie los' Euch im Handgelenk sitzt, Wenn der Met und das Bier Euch die Schläfen erhitzt. Ehrbaren Weibern tut nichts zuleid; Dem Handelsmann laßt seine Ware; Und schickt nicht jedem den frechen Bescheid, Er halte nur gleich sein Sterbhemd bereit, Wenn er Eure Straßen befahre. Betragt Ihr Euch so, bis das Jahr verrinnt, So glückt's Euch vielleicht, daß Ihr Signe gewinnt. Knut (mit verbissenem Grimm.) Ihr wißt Eure Worte klug zu belegen, Frau Margit. Fürwahr – Ihr hättet ein Pfaff werden sollen und nicht Eures Mannes Frau. Bengt . O, was das betrifft, so könnte auch ich wohl – Knut (ohne auf ihn zu achten.) Aber das mögt Ihr Euch merken – hätt' ein gewaffneter Mann auf solche Weise zu mir gesprochen wie Ihr, so – Bengt . Nein aber, so hört doch, Knut Gaesling, – Ihr müßt uns recht verstehen! Knut (wie vorher.) Nun, kurz und gut, so sollt' er spüren, daß mir die Axt los' in der Hand sitzt, wie Ihr vorhin sagtet. Bengt (leise.) Da haben wir's! Margit, Margit, das geht nicht gut aus. Margit (zu Knut.) Ihr habt um ehrlichen Bescheid gebeten, und den hab' ich Euch gegeben. Knut . Ja, ja; ich will es auch nicht so genau mit Euch nehmen, Frau Margit. Ihr habt mehr Klugheit, als wir andern alle zusammen. Da ist meine Hand; – kann sein, Ihr habt triftigen Grund zu all den scharfen Worten, die Ihr mir gesagt habt. Margit . Das gefällt mir; da seid Ihr ja schon auf gutem Wege, Euch zu bessern. Und nun noch etwas. Wir feiern heut ein Fest auf Solhaug. Knut . Ein Fest? Bengt . Ja, Herr Gaesling. Ihr müßt wissen, es ist unser Hochzeitstag; heute vor drei Jahren ward ich Frau Margits Gemahl. Margit (ihn ungeduldig unterbrechend.) Wie ich sagte, wir feiern heut ein Fest. Wenn Ihr nun von der Kirche kommt und Eure übrigen Geschäfte erledigt habt, so reitet wieder hierher zurück und nehmt am Gelage teil. Da könnt Ihr meine Schwester kennen lernen. Knut . Schön, Frau Margit; ich dank' Euch. Doch bin ich heut nicht ausgeritten, um die Kirche zu besuchen. Meine Reise gilt Gudmund Alfsön, Eurem Vetter. Margit (stutzt.) Ihm! Meinem Vetter? Wo wollt Ihr den treffen? Knut . Sein Hof liegt ja hinter der Landspitze, auf der andern Seite des Fjords. Margit . Aber er selbst ist sehr fern. Erik . Sagt das nicht; er dürfte näher sein, als Ihr denkt. Knut (raunt ihm zu.) Schweigt still! Margit . Näher? Was meint Ihr damit? Knut . So habt Ihr nicht gehört, daß Gudmund Alfsön wieder im Land ist? Er kam mit dem Kanzler Audun von Haegranaes, der nach Frankreich entsandt worden war, unsere neue Königin einzuholen. Margit . Das ist ganz richtig; aber dieser Tage wird in Bergen des Königs Hochzeit mit großer Pracht gefeiert, und da ist Gudmund dabei. Bengt . Ja, und da hätten wir auch mit dabei sein können, wenn meine Frau gewollt hätte. Erik (leise zu Knut.) Frau Margit weiß also nicht, daß –? Knut (leise.) Es scheint so; aber laß Dir auf keine Weise etwas merken. (Laut.) Nun ja, Frau Margit, ich muß gleichwohl auf gut Glück aufbrechen; zur Abendzeit komm' ich wieder. Margit . Und da mögt Ihr zeigen, ob Ihr Euren wilden Sinn beherrschen könnt. Bengt . Ja, merkt Euch das! Margit . Ihr rührt nicht an Eure Axt! Hört Ihr, Knut Gaesling! Bengt . Weder an Eure Axt, noch an Euer Messer, noch an irgendwelche andere Wehr, die Ihr bei Euch tragt. Margit . Denn sonst dürft Ihr niemals hoffen, mit mir verschwägert zu werden. Bengt . Nein, das haben wir fest bei uns beschlossen. Knut (zu Margit.) Habt nur keine Sorge. Bengt . Und wenn wir etwas bei uns beschlossen haben, so steht das fest. Knut . Das gefällt mir, Herr Bengt. Ich habe dasselbe gesagt; und ich hab' nun einmal auf unsere Schwagerschaft getrunken. Ihr sollt sehen, ob ich nicht auch an meinem Wort festhalte. – Behüt' Euch Gott bis heut abend! (Er und Erik gehen mit ihren Mannen durch den Hintergrund ab. Bengt folgt ihnen bis zur Türe. Das Glockenläuten hat mittlerweile aufgehört.) Bengt (kommt zurück.) Es kommt mir vor, als ob er uns drohte, als er ging. Margit (zerstreut.) Ja, so klang es. Bengt . Mit Knut Gaesling ist nicht gut Kirschen essen. Zwar wenn ich's bedenke, so haben wir ihm auch allzuviel unfreundliche Worte gegeben. Na, laß uns nicht weiter darüber grübeln. Heut müssen wir lustig sein, Margit! Und ich meine, wir haben guten Grund dazu, wir beide. Margit (lächelt mühsam.) Ja, gewiß! Bengt . Ich war nicht mehr ganz jung, da ich um Dich freite, – das ist wahr. Aber der reichste Mann auf Meilen und Meilen im Umkreis, das war ich wahrhaftig. Du warst eine schöne Jungfer, aus edlem Geschlecht; aber die Mitgift war nicht danach, einen Freier zu reizen. Margit (vor sich hin.) Und doch war ich damals so reich. Bengt . Was hast Du gesagt, Frauchen? Margit . Oh, nichts, nichts. (Geht nach rechts hinüber.) Ich will mich mit Perlen und Ringen schmücken. Ist es doch mein Freudenfest heut abend. Bengt . So hör' ich Dich gern reden. Laß mich sehen, wie Du Dich in Deinen besten Staat kleidest, auf daß unsere Gäste sagen können: Glückselig sie, die Bengt Gautesön zum Mann bekommen hat! – Aber nun muß ich hinaus in die Vorratskammer; da ist heute vollauf zu tun. (Er geht links ab.) Margit (sinkt auf einen Stuhl am Tische rechts.) O gut, daß er ging! Wenn er hier drinnen, Da wird mir, als wollte mein Blut gerinnen; Da wird mir, als hielte Wintersgewalt Eisig mein junges Herz umkrallt. (Unter hervorbrechenden Tränen.) Er ist mein Herr. Ich bin sein Weib! Wie lange hält wohl ein Menschenleib? Ein halb Jahrhundert und mehr wohl gar; – Und ich bin – im dreiundzwanzigsten Jahr! (Ruhiger, nach kurzem Schweigen.) Ja, seufze die goldene Mauer nur an, Und harre dein Alter im Käfig heran! (Sucht zerstreut in den Kleinodien umher und beginnt sich zu schmücken.) Mit den Perlen und Ringen, die er mir gab, Soll ich mich nun für ihn brüsten! Ich wollte mich lieber zum stillen Grab Als zu eh'lichen Festen rüsten. (Abbrechend.) Doch Herze, nicht länger gezagt und geklagt – Du kennst ja ein Lied, das die Sorge verjagt. (Sie singt:)     Der Bergkönig ritt hinunter ins Land;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Er kam, zu frein um der Schönsten Hand.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Der Bergkönig ritt vor Herrn Håkons Tor;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Klein Kirstin stand fliegenden Haares davor.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Der Bergkönig freite das schöne Weib;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Umschlang ihm mit silbernem Gürtel den Leib.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Der Bergkönig steckte der Lilie hold     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     An jeglichen Finger drei Ringe von Gold.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Drei Sommer gingen und fünf dahin;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Kirstin saß immer im Berge drin.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Fünf Sommer gingen und gingen mehr;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Klein Kirstin bangte nach Sonne so sehr.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! –     Das Tal hat Vögel und Blumenpracht;     – Wie rinnen mir harmvoll die Tage! –     Im Berg da ist Gold und ewige Nacht.     – Ergib Dich! Vergebene Klage! – (Sie erhebt sich und geht durchs Zimmer.) Wie oft sang Vetter Gudmund das, Wenn er abends bei Vater gesessen! Es ist etwas drin, weiß selber nicht was, Doch konnt' ich es niemals vergessen; Ein Etwas, das mich einst mächtig erregt, – Und heute noch seltsam zum Grübeln bewegt. (Steht erschrocken still.) Goldne Ringe! Der Gürtel um meinen Leib –! Mit Golde freite Bergkönig sein Weib! (Sinkt verzweifelt auf eine Bank am Tische rechts.) Weh! Ich bin es selbst, die Bergkönig gefreit! Und niemand erlöst mich – in Ewigkeit. ( Signe , freudestrahlend, kommt durch die Tür im Hintergrund hereingestürmt.) Signe (ruft:) Margit, Margit – er kommt! Margit (springt auf.) Wer? Wer kommt? Signe . Gudmund, unser Vetter! Margit . Gudmund Alfsön! Hierher! Wie kannst Du glauben –? Signe . O, ich bin dessen gewiß. Margit (geht nach rechts hinüber.) Gudmund Alfsön ist mit beim Hochzeitsfest im Königsschloß; das weißt Du so gut wie ich. Signe . Kann sein; aber dennoch bin ich sicher, er war's. Margit . Hast Du ihn denn gesehen? Signe . O nein, nein. Aber hör' nur – Margit . Ja, so erzähl' doch! Signe . Es war heut morgen; der Glocken Klang Bewog mich, zur Kirche zu reiten; Hell lärmte der wilden Vögel Gesang In den Weiden und Birken zuseiten. Es war ein Jubel in Luft und Land; Zu spät fast kam ich zum Ziele, Denn auf dem schattigen Pfade fand Ich der winkenden Rosen zu viele. Doch leise trat ich am Ende noch ein; Der Priester stand am Altare Und las und sang, und die fromme Gemein' Lauschte dem Mann im Talare. Da plötzlich klang was über den Fjord – Die Heiligen selber vergaßen den Ort Und drehten die Häupter wie horchend fort ... Margit . Was war es, Signe, – sag' an, was klang? Signe . Es war ein geheimnisvoller Gesang, – Der zog mich aus dem gemauerten Haus Nach Tal und Hügel der Landschaft hinaus. Unter weißen Birken schritt ich einher, Lauschend und fast wie im Traume; Hinter mir stand das Gotteshaus leer; Denn auch Priester und Gläubige litt es nicht mehr In seinem dämmrigen Raume. Es war ganz still auf dem Kirchensteig; Die Vöglein selber lauschten vom Zweig, Die Lerchen schwiegen, der Kuckuck ward stumm, Und Felder und Höhen klangen ringsum. Margit . Und nun? Signe .             Da bekreuzten sich Männer und Frauen; (Mit den Händen gegen die Brust.) Doch mich durchfuhr ein seliges Grauen. Ich kannte das Lied ja, zu Haus im Saal Sang Gudmund es uns gar manches Mal, So manchen Abend den Winter lang, – Ich kenne doch alles, was Gudmund sang. Margit . Und Du glaubst –? Signe .                         Es kann gar nicht anders sein! So schlag Deine Zweifel doch nieder! (Lachend.) Kommt denn nicht jedes' Singvögelein Zuletzt aus der Fremde wieder? Ich weiß selbst nicht – doch ich bin so froh –! Da fällt mir ein – so mach' ich es, so! Seine Harfe hing all die Zeiten Da drin an der Wand. Ich nehm' sie herab Und mach' sie zurecht und staube sie ab Und stimme die goldenen Saiten. Margit (geistesabwesend.) Tu, was Dich lüstet – Signe (vorwurfsvoll.)     Ach Margit, so nicht! (Umfaßt sie.) Wenn Gudmund kommt, wird Dein Sinn wieder licht, Wie, da wir noch Kinder waren. Margit (vor sich hin.) Was hab' ich seit damals erfahren – – Signe . Margit, Du solltest doch glücklich sein! Hast Du nicht Hof und Gesinde? Hast Du nicht kostbare Kleider im Schrein Und Spangen und Perlengewinde? Am Tage jagst Du den Rehen nach Und reitest durch Wälder und Au'n; Die Nächte ruhst Du im Frauengemach Auf Polstern von weichstem Daun. Margit (blickt durch das Erkerfenster.) Und er, er spräche auf Solhaug ein?! Signe . Was sagst Du? Margit (wendet sich um.)                         Nichts – geh, schmücke Dich fein! So hoch wie ich kannst Du leichtlich steigen – Wer weiß, wie bald – Signe .                                 Wie sollte das sein? Margit (streicht ihr übers Haar.) Ich meine, – nun ja, das wird sich ja zeigen, – Gesetzt, es stellte ein Freier sich ein –? Signe . Ein Freier? Um wen? Margit .                         Um Dich. Signe (lacht laut.)                         Gute Nacht! Der hätt' sich umsonst auf den Weg gemacht! Margit . Doch würb' er nun wirklich um Deine Hand? Signe . So würd' ich ihm sagen, ich sei bis zum Rand Voll Glück, und Heiraten lockte mich nicht. Margit . Doch wenn er Dir Macht und Besitz verspricht? Signe . Und wär' mir selber ein König hold Und böte mir Seide und rotes Gold, Wie ließ ich ihm gerne das Seine. Ich hab' mich doch selber, was frag' ich danach, Und den Sommer, die Sonne, den rauschenden Bach Und Dich und die Vöglein im Haine. O liebste Schwester, – ich bleib', wo ich bin; Der König bekommt keine Königin; Denn ich hab' keine Zeit und zu fröhlichen Sinn! (Sie eilt singend links hinaus.) Margit (nach einer Pause.) Gudmund Alfsön sollte hierher kommen? Hierher – nach Solhaug? Nein, nein, das kann nicht sein. – Sie hätte ihn singen hören. So sagte Signe. Wenn ich die Tannen rauschen hörte tief drinnen im Wald, wenn ich den Wasserfall donnern hörte und die Vöglein locken in den Wipfeln der Bäume, da kam es mir oft genug vor, als ob Gudmunds Lieder in all das sich mischten. Und doch war er weit von hier, – Signe hat sich getäuscht. Gudmund kommt nicht. Bengt (in geschäftiger Eile, ruft aus dem Hintergrund.) Ein unerwarteter Gast, liebe Frau! Margit . Wer denn? Bengt . Gudmund Alfsön, Dein Vetter. (Ruft durch die Tür rechts hinaus.) Die beste Gastkammer instand setzen – und das sofort! Margit . Ist er denn schon auf dem Hof? Bengt (blickt über die Außengalerie hinaus.) Noch nicht; aber lange wird es nicht währen. (Ruft wieder rechts hinaus.) Das geschnitzte Eichenbett mit den Drachenköpfen! (Tritt zu Margit.) Sein Waffenträger brachte Gruß und Botschaft von ihm; er selbst folgt ihm nach. Margit . Sein Waffenträger? Kommt er mit Waffenträgern hierher? Bengt . Ja, das wollt' ich meinen. Ein Waffenträger und sechs gerüstete Mannen sind bei ihm. Na ja, Gudmund Alfsön ist auch jetzt ein ganz andrer Mann denn damals, als er auf die weite Reise auszog. Aber ich muß hinunter und ihn empfangen. (Ruft hinaus.) Legt den Sattel von Goldleder auf mein Roß! Und vergeßt nicht den Zaum mit den Schlangenköpfen! (Blickt wieder hinaus.) Au, da ist er schon an der Hecke! Na, dann meinen Stab her – den mit dem silbernen Knopf! Solch ein Herr, – Gott straf' mich – er muß mit Ehren empfangen werden, mit großen Ehren. (Er geht durch den Hintergrund ab.) Margit (grübelnd.) Ein armer Gesell, so zog er einst aus, Nun kommt er mit Knappen und Mannen nach Haus. Was will er? Ob er zu schauen begehrt, Wie bitter mich Kummer und Weh versehrt? Lockt ihn, zu prüfen, wie viel ich ertrage, Bevor ich gebrochenen Herzens verzage? Meint er, daß –? Ah, prüfe nur fein; Du sollst Deiner Freude betrogen sein! (Sie winkt durch die Tür rechts hinaus.) ( Drei Mägde kommen herein.) Margit . Merkt auf, meine Kinder. Vor allem schafft Ihr mir den Mantel aus blauem Taft. Dann folgt mir zur Kammer an Euer Amt Und kleidet mich prächtig in Pelz und in Samt. (Zu zweien von ihnen.) Ihr hüllt mich in Scharlach und Hermelin. (Zur dritten.) Du sollst mir mit Perlen das Haar durchziehn (Zu allen.) Nun nehmt meinen Schmuck und tragt ihn hinaus! (Die Mägde gehen mit dem Schmuckkästchen links ab.) So will ich's! Ich bin ja in Bergkönigs Haus. Heut stell' ich einmal meinen Brautstaat aus. (Sie geht links ab.) ( Bengt führt Gudmund Alfsön über die Außengalerie im Hintergrunde herein.) Bengt . Und noch einmal, – Heil Euch unter Solhaugs Dach, meiner Frauen Vetter! Gudmund . Ich dank' Euch. Und wie geht es ihr? Sie fühlt sich doch wohl in jeder Hinsicht, will ich hoffen? Bengt . Ja, darauf könnt Ihr schwören, das tut sie. Es fehlt ihr nichts. Mit ganzen fünf Zofen kann sie schalten und walten; ein trefflich gesattelt Roß steht bereit, sobald sie nur danach lüstet. Na, kurz gesagt, sie hat alles, was ein sittsam Weib begehren kann, um mit seiner Lage zufrieden zu sein. Gudmund . Und Margit, – sie ist denn auch wohl zufrieden? Bengt . Gott und jedermann sollte glauben, sie müßt' es sein; aber seltsam genug – Gudmund . Was meint Ihr? Bengt . Ja, Ihr mögt es nun glauben oder nicht, es kommt mir so vor, daß Margit munterer war, da sie noch in dürftigen Verhältnissen lebte, als seit sie Herrin auf Solhaug ward. Gudmund (vor sich hin.) Ich wußte es doch; es mußte so kommen. Bengt . Was sagt Ihr, Vetter? Gudmund . Ich sage: höchlich wundert mich, was Ihr da von Eurer Frau erzählt. Bengt . Ja, meint Ihr nicht, daß es mir ebenso geht? Ich will nimmermehr ein ehrlicher Gutsherr heißen, wenn ich weiß, was sie sich noch wünschen könnte. Ich bin den ganzen Tag um sie, und niemand wird mir nachsagen können, daß ich sie streng hielte. Alle Aufsicht über Haus und Hof hab' ich auf mich genommen; – und nichtsdestoweniger –. Na, Ihr wart ja immer ein lustiger Gesell; ich denke wohl, Ihr bringt Sonnenschein mit. – Pst, da kommt Frau Margit! Laßt Euch nicht anmerken, daß ich – ( Margit kommt in reicher Tracht von links.) Gudmund (geht ihr entgegen.) Margit, – liebe Margit! Margit (bleibt stehen, sieht ihn befremdet an.) Verzeiht mir, Herr Ritter; aber –? (Als ob sie ihn jetzt erst erkenne.) Fürwahr, irr' ich nicht, so ist das Gudmund Alfsön. (Streckt ihm die Hand entgegen.) Gudmund (ohne die Hand zu ergreifen.) Und Du kanntest mich nicht gleich wieder? Bengt (lachend.) Nein, aber Margit, an was denkst Du nur immer? Ich hab' Dir doch vorhin gemeldet, daß Dein Vetter – Margit (geht nach dem Tische rechts hinüber.) Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, Gudmund. Das grünste Kraut kann zehnmal verderben derweilen – Gudmund . Sieben Jahre sind's, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Margit . Nein gewiß, es muß länger her sein. Gudmund (sieht sie an.) Ich möcht' es fast glauben, aber es ist doch so, wie ich sage. Margit . Ganz seltsam. Ich war doch sicherlich noch ein Kind damals; und das scheint mir eine ewig lange Zeit her zu sein, daß ich Kind war. (Läßt sich in einen Stuhl fallen.) Setzt Euch doch, lieber Vetter! Ruht Euch aus; heut abend sollt Ihr tanzen und uns mit Eurem Gesang erfreuen. (Mit einem gezwungenen Lächeln.) Ja, Ihr wißt wohl, wir sind heute gar fröhlich auf dem Schloß – wir feiern ein Fest. Gudmund . Das ward mir gesagt, gerade als ich den Hof betrat. Bengt . Ja, heute vor drei Jahren ward ich – Margit (abschneidend.) Mein Vetter hat es schon gehört. (Zu Gudmund.) Wollt Ihr nicht Euren Mantel ablegen? Gudmund . Ich dank' Euch, Frau Margit. Aber es kommt mir vor, als sei es kalt hier, kälter – als ich erwartet hätte. Bengt . Da bin ich dagegen in hellem Schweiß. Aber ich hab' auch vollauf zu tun. (Zu Margit.) Laß nur unserem Gast die Zeit nicht lang werden, während ich draußen bin. Ihr könnt ja zusammen schnacken von alten Tagen. (Will gehen.) Margit (unentschlossen.) Gehst Du? Willst Du nicht lieber –? Bengt (lachend, zu Gudmund, während er zurückkommt.) Seht Ihr wohl; Herr Bengt auf Solhaug ist der Mann, der mit Weibervolk umzugehen versteht. Keine Stunde, noch so kurz, kann meine Frau ohne mich sein. (Zu Margit, indem er sie unter das Kinn faßt.) Tröst' Dich; ich werd' bald wieder bei Dir sein. (Er geht durch den Hintergrund ab.) Margit (vor sich hin.) O, Qual und Harm, all das leiden zu müssen! (Kurze Pause.) Gudmund . Wie geht's Eurer lieben Schwester? Margit . Ich danke; ganz gut. Gudmund . Mir wurde gesagt, sie ist bei Euch. Margit . Sie ist auf Solhaug hier, seit er – (Bricht ab.) Vor drei Jahren kam sie mit mir hierher. (Nach kurzer Pause.) Sie tritt gewiß gleich selber an. Gudmund . Sie war einst so heiter und herzensrein, So fremd allen Listen und Ränken; Glaub' ich ihr Blauauge vor mir zu sehn, So muß ich an Engel denken. Doch viel kann in sieben Jahren vergehn. Sagt mir, – während ich fern vom Norden, Ist auch sie eine andre geworden? Margit (gezwungen scherzend.) Auch sie? Gewöhnt man bei Hofe sich, So artig mit Frau'n zu verkehren? Ihr mahnt mich daran, was die Jahre lehren – Gudmund . Ach Margit, verstellt Euch nicht gegen mich. Einst mochtet Ihr Schwestern so gut mich leiden, Und als ich fort sollte, da weintet Ihr beiden Und wolltet mir schwesterlich Treue bewahren In Leid und Lust, in Glück und Gefahren Ihr überstrahltet der Jungfrauen Kreis; Weit, weit im Lande scholl Euer Preis – Und heute noch seid Ihr ein Weib voll Wonnen. Doch Solhaugs Herrin, ich merk' es, sie reut Des armen Verwandten. So kalt seid Ihr heut, Die ihr einst mir so freundlich gesonnen. Margit (fast von Tränen erstickt.) Ja einst –! Gudmund (blickt sie teilnehmend an, schweigt und sagt dann mit gedämpfter Stimme:)                 Wir wollen von damals reden, – So war es ja auch Eures Gatten Begehr. Margit (heftig.) Nein, nein, nicht davon! (Ruhiger.)                                     Es fällt mir zu schwer, Mich dran zu erinnern; ich lern's nimmermehr. Sprecht lieber von Euren Fahrten und Fehden; – Die Zeit verrann wohl an Taten nicht arm; Ihr kämt wohl sobald nicht zu Ende! Da draußen die Welt ist ja weit und warm, – Da sind Sinn und Gedanken behende. Gudmund . Und doch! Nie lacht' ich am Hofe so hell, Als da ich daheim noch, ein armer Gesell. Margit (ohne ihn anzusehen.) Und ich – ich preis' mich zu allen Tagen, Daß mich der Himmel nach Solhaug verschlagen. Gudmund . Wohl Euch, sofern Ihr Euch preisen könnt – Margit (heftig.) Und hat mir das Schicksal nicht alles gegönnt? Leb' ich nicht frei und geehrt dahin? Folgt man mir nicht, sobald ich befehle? Hier bin ich die Erste, die Herrscherin, Und Ihr wißt, danach brannte mir immer die Seele. Ihr dachtet, Ihr fändet ein kummermüd Weib; Doch Ihr seht, ich bin munter an Seele und Leib. Seht, deshalb brauchtet Ihr nicht zu kommen, – Die Reise dürfte Euch wenig frommen. Gudmund . Was meint Ihr, Frau Margit? Margit (erhebt sich.)               Ich weiß es genau, Was Euren Besuch mir beschieden. Gudmund . Und billigt ihn nicht, meine edle Frau? (Grüßt und will gehen.) So lebt denn wohl – Gott schenk' Euch Frieden! Margit . Wenn Ihr beim König geblieben wärt, Es hätte Euch wahrlich höher geehrt. Gudmund (bleibt stehen.) Beim König? Ihr spottet noch meiner Not? Margit . Eurer Not? Nun, Vetter, hoch müßt Ihr streben! Wozu sich wohl noch Eure Wünsche erheben! Ihr könnt Euch kleiden in Sammet rot, Seid ein Königischer, habt Gut und Geld – Gudmund . Ihr wißt ja doch, wie es damit bestellt. Ihr sagtet, man hatte Euch zugetragen, Warum ich hierher kam – Margit .                               Nun, und was dann? Gudmund . So wißt Ihr doch, wie mich das Schicksal geschlagen, Und wißt doch, daß ich ein friedloser Mann. Margit (schreckensstarr.) Friedlos! Du, Gudmund! Gudmund .                         Ja, wie Ihr wohl wißt. Doch schwör' ich Euch zu beim heiligen Christ, Hätt' ich geahnt, wie Ihr mir geneigt, Ich hätte mich nimmer auf Solhaug gezeigt. Ich meinte, Ihr fühltet mit mir noch mit, Wie damals, als ich von dannen ritt. Doch nur keine Gnade! Der Wald ist groß, Mein Bogen wird mich ernähren; Mir gnügt ein Tisch aus Fels und Moos Und als Kammer das Loch eines Bären. (Will gehen.) Margit (hält ihn zurück.) Friedlos! Nein, bleib! Ich schwöre Dir, Ich wollte Dich nur überlisten. Gudmund . Es handelt sich um mein Leben hier, Und sein Leben will jedermann fristen. Ich lag wie ein Hund drei Nächte im Freien; In den Bergen ruht' ich mein müdes Gebein Und lehnte mein Haupt an das Felsgestein. Mir Obdach zu betteln in fremden Hofteien, Das schien mir zu große Erniedrigung; Mein Mut war so keck; meine Hoffnung so jung! Ich dachte: nun kommst du nach Solhaug in Bälde, Da bist du aus deiner Feinde Klauen; Da findest du Freunde; auf die kannst du bauen, – Doch Hoffnungen sind wie Blumen vom Felde. Wohl zeichnete mich Euer Eheherr aus Vor gastlich geöffneten Toren; – Doch öde dünkt mich nun Euer Haus; Die Halle ist düster, die Freundschaft verloren. Nun gut; so zieh' ich denn wieder dahin. Margit (flehentlich.) O hör' mich! Gudmund .       Mein Sinn ist kein Sklavensinn. Nun dünkt mich das Leben unselige Gabe; Ich achte es fast für nichts mehr wert. Ihr habt mir das Herz im Leibe verkehrt, Daß ich all mein liebliches Hoffen begrabe. Fahrt wohl, Frau Margit! Margit .                               Nein, Gudmund, bleib! Bei Gott und den Heiligen –! Gudmund .                               Leb' und treib Deine Tage in Freuden und Ehren; Nie soll mein Fuß Herrn Bengtens Weib Die Schwelle wieder beschweren. Margit . Halt ein! Dein bitteres Wort kann Dich Sonst leicht noch drücken und nagen. Hätt' ich gewußt, daß ein Friedloser sich Hierher durch die Lande geschlagen, – So pries ich die Stunde tausendfach, Da Du Schutz begehrtest von Solhaugs Dach; So pries ich als frohestes Festgeschenk, Daß der Friedlose kam, alter Treue gedenk. Gudmund . Du sagst –! Wes soll ich mich nun versehn? Margit (reicht ihm die Hand.) Daß treue Freunde hier zu Dir stehn. Gudmund . Doch das, was Du eben –? Margit .                                 Ich sprach nicht wahr. Hör' mich, so wird Dir das Ganze klar. Für mich ist das Leben tiefschwarze Nacht; Hab' Sonne und Sterne vergessen. Und niemand kann meine Qualen ermessen; Denn ich hab' meine Jugend zu Markte gebracht. Meinen freudigen Sinn verkauft' ich um Gold; Ich garnte mich selber in schimmernde Netze. Glaub' mir, so kläglich sind alle Schätze, Wenn unserm Herzen das Glück nicht hold. Wie war unsre Kindheit hell und warm! Unser Kleid war gering, unser Haus war arm; Doch von Hoffnungen flog uns das Herz im Leibe. Gudmund , (der sie unverwandt betrachtet hat.) Und indessen gediehst Du zum reizendsten Weibe. Margit . Kann sein; doch des Lobes Überschwall, Das ich hörte, ward meines Glückes Fall. Du mußtest fort nach dem fremden Lande, Doch all Deine Weisen blieben mir drin Im tiefen Herzen, im tiefen Sinn Und schlugen mein klares Denken in Bande. Diese Lieder wußten von so viel Lust Der unerschöpflichen Menschenbrust; Diese Lieder wußten so festliche Mär Von Leben und Liebe. – Nun, und zum Rest Kamen Freier von Ost und Freier von West; Und so – so folgt' ich Herrn Bengt hierher. Gudmund . Ach, Margit! Margit .             Doch nur ein Kleines verging, Da quollen schon bittere Tränen. Nur wenn ich an Dich die Gedanken hing, Vermocht' ich mich glücklich zu wähnen. Wie wurden mir Solhaugs Hallen nun leer Und die großen Stuben ein Grauen. Wohl gasteten Ritter, Herren und Frauen, Wohl sang mancher Skalde mir Preis und Ehr', – Doch keiner verstand meinen wehen Mut, Doch keiner begriff meinen Jammer; – Ich fror, als säß' ich in felsener Kammer; Doch schmerzte mein Haupt, doch brannte mein Blut. Gudmund . Aber Dein Mann –? Margit .                       Den hasse ich ja! Sein Gold nur konnt' mich gewinnen; Sprach er zu mir, saß er mir nah, Ich kam vor Marter von Sinnen. (Schlägt die Hände zusammen.) Dies Leben hab' ich drei Jahre gelebt! Es dünkt mich aus endlosem Wehe gewebt. Da hieß es plötzlich, Du kämst. Du weißt es, Ich war von Jugend auf stolzen Geistes; So schwieg ich von meinen Kümmernissen – Denn Du, Du mußtest ja alles wissen. Gudmund (bewegt.) Und darum wandtest Du kalt Dich ab? Margit (ohne ihn anzusehen.) Ich dachte, Du kämst, Dich heimlich zu weiden. Gudmund . Margit, Du konntest –? Margit .                           Nun kurz, es gab Der Gründe genug. Doch all die Leiden Zerblies nun ein himmlischer Frühlingswind; Ich brauche nicht länger einsam zu schweigen; Ich fühl' mich so leicht und frei, wie ein Kind Unter blühenden Apfelzweigen. (Fährt erschrocken zusammen.) Ach, ich vergaß ja! O neue Sorgen! Ihr Heiligen, neigt Euch mir gnädig zu! Friedlos, sagst Du –? Gudmund (lächelt.)     Hier bin ich geborgen Und hab' vor des Königs Reisigen Ruh'. Margit . Doch schienst Du noch jüngst zu Großem erwählt, – Wie kam das nun –? Gudmund .                   Das ist bald erzählt. Du weißt, ich war in den fränkischen Gauen, Dahin von Bergen zur bräutlichen Kur Der Kanzler, Audun von Haegranaes, fuhr, Die Prinzessin samt ihren Mannen und Frauen Zum König zu holen. Herr Audun war Für Weiberaugen von hoher Gefahr. Und wen der Prinzessin Augen baten, Den traf ihr holdseliger Zauber heiß. Sie sprachen zusammen, sie flüsterten leis. Worüber? Das war schwer zu erraten. Da war's eines Nachts; ich lehnt' über Bord, Und meine Gedanken flogen Den weißen Möven nach gen Nord Wohl über die weiten Wogen. Da flüstern zwei Stimmen, – ich wende mich um, – Es waren jene beiden. Sie sahen mich nicht; ich saß ganz stumm – Doch konnt' ich sie wohl unterscheiden. Sie sah zum Kanzler beweglich auf Und sprach: "Ach, wollte des Kieles Lauf Zum schönen Süden uns tragen, Und wären wir zwei auf dem Schiff allein, Da würd' meine Stirne bald kühler sein Und mein Herz nicht so heftig mehr schlagen!" Er widersprach; doch sie drängte ihn keck, Drängte mit Worten, so wilden, so heißen, – Ich sah ihre Augen wie Sterne gleißen, – Sie bat ihn – (Abbrechend.)                   Da faßte mich jäher Schreck. Margit . Sie bat –? Gudmund .   Ich erhob mich; sie fuhren zurück – Ich stand allein auf des Schiffes Deck; – (Zieht ein Fläschchen hervor.) Doch wo sie gesessen, da fand ich dies Stück. Margit . Und dies –? Gudmund (mit gedämpfter Stimme.)                   Dies enthält einen argen Saft; – Ein Tropfen davon in des Feindes Becher, – So siecht ihm langsam die Lebenskraft, Und nichts mehr rettet den armen Zecher. Margit . Und der –? Gudmund (flüsternd.)                 War dem Könige aufgespart. Margit . Alle Heiligen! Gudmund (indem er das Fläschchen wieder verbirgt.)                     Gut, daß ich ihn verwahrt. – Drei Tage später war'n wir im Hafen. Da floh ich heimlich mit meinen Braven; Ich wußte, Herr Audun würde nicht ruhn, Mich zu verdächtigen, alles tun, Mich durch Ränke zu stürzen – Margit .                                       Das ist nun vorbei. Und bald ist alles wieder beim Alten. Gudmund . Beim Alten? Nein, Margit, – da warst Du noch frei. Margit . Wie –? Gudmund .           Nichts. Ich muß mir die Stirne halten; Mir ist ja so froh und freudig zu Sinn, Daß ich wieder wie einst bei Euch beiden bin. Doch sag', wo ist Signe –? Margit (zeigt lächelnd auf die Tür links.)                                         Sie kommt gleich herein. Sie will doch vor ihrem Vetter bestehen Und wird noch nicht ganz mit sich fertig sein. Gudmund . Ob sie mich wiedererkennt? Laß sehen! (Er geht links ab.) Margit (blickt ihm nach.) Wie schön und männlich er ist. (Mit einem Seufzer.) Welch ein Unterschied zwischen ihm und – (Räumt ein wenig auf dem Trinktisch auf, hält aber wieder damit inne.) Damals warst Du noch frei, sagte er. Ja, damals! (Kurze Pause.) Das war eine seltsame Erzählung, von der Prinzessin, die –. Sie hatte einen andern lieb, und da –. Ja, diese Weiber in den fremden Landen – ich hab' es immer gehört – die sind nicht so weichherzig wie wir; die fürchten sich nicht, einen Gedanken zur Tat zu machen. (Nimmt einen Becher vom Tische.) Aus diesem Becher tranken Gudmund und ich auf ein fröhliches Wiedersehen, da er fortzog. Er ist fast das einzige Erbstück, das ich mit nach Solhaug gebracht habe. (Stellt den Becher in einen Wandschrank.) Wie freundlich dieser Sommertag ist. Hier ist es so licht herinnen. So lieblich hat seit drei Jahren die Sonne nicht mehr geschienen. ( Signe und hinter ihr Gudmund treten von links auf.) Signe (läuft lachend auf Margit zu.) Hahaha! Er kennt mich nicht mehr! Margit (lächelnd, zu Gudmund.) Siehst Du, während Du fern vom Norden, Ist auch sie eine andre geworden. Gudmund . Gewiß! Doch daß dies Signe wär' –, Nein, daran hätte ich nie gedacht. (Ergreift Signes Hände und blickt sie an.) Und doch, aus diesen Blauaugen lacht Mich noch immer Dein unschuldig Kinderherz an, – So zweifle ich denn nicht länger daran. Es ist zum Lachen, wie anders ich Dein Bild gehegt, – stets so, wie ich Dich Auf dem Arm trug. Damals warst Du noch Kind; Nun bist Du ein Elflein, gefährlich zu necken. Signe (droht mit dem Finger.) Ja, hüt' Dich, den Zorn dieses Elfleins zu wecken, Damit es Dich nicht in sein Garn einspinnt. Gudmund (für sich.) Fast kommt es mir vor, als wär's schon geschehen. Signe . Doch wart'! Du hast ja noch nicht gesehen, – Ich hielt Dir auch Deine Harfe in Ehren. (Während sie links abgeht.) Nun mußt Du mich all Deine Lieder lehren! Gudmund (blickt ihr nach, leise.) Aufgesprungen zur lieblichsten Blüte, Die noch am Morgen verschwiegen glühte! Signe (bringt die Harfe.) Sieh her! Gudmund (nimmt sie.)               Meine Harfe! Und wie sie blinkt! (Schlägt einige Akkorde.) Sie weiß noch wohl von den alten Klängen! – Nun sollst du nicht länger die Wand verhängen – Margit (vom Hintergrund.) Da kommen schon Gäste. Signe (während Gudmund präludiert.)                                       Horch, – stille! Er singt! Gudmund (singt.) Ich streifte trüb-einsam auf Bergessteigen; Die Vöglein sangen von allen Zweigen; So listig sangen sie mir zu Blut: Hör' zu, wie Liebe entstehen tut. Sie wächst wie ein Baum mit langjährigen Ringen, Sie nährt sich von Träumen und Sorgen und Singen. Sie keimt so leicht – in der flüchtigsten Stund' Faßt sie Wurzel im Herzensgrund. (Er geht während des Nachspiels nach dem Hintergrund, wo er die Harfe fortstellt.) Signe (wiederholt nachdenklich für sich.) Sie keimt so leicht; in der flüchtigsten Stund' Faßt sie Wurzel im Herzensgrund. Margit (zerstreut.) Sagtest Du etwas zu mir? – Ich hörte nicht zu – Signe . Ich? Nein, nein. Ich meinte nur – (Versinkt wieder in Träumen.) Margit (halblaut; starrt vor sich hin.) Sie wächst wie ein Baum mit langjährigen Ringen, Sie nährt sich von Träumen und Sorgen und Singen. Signe (erwachend.) Was sagst Du –? Margit (fährt mit der Hand über die Stirn.) Oh, es war nichts weiter. Komm, wir müssen unsern Gästen entgegengehen. ( Bengt kommt mit einer Menge von Gästen, Männern und Frauen, über die Außengalerie herein.) Die Gäste (singen.)       Mit festlichem Sang und Saitenklang       Wir über die Schwelle schreiten.       Gott schenk' Euch Schutz Euer Leben lang       Und Glück und Segen zu allen Zeiten!       Mag immer ein Himmel, wie heut so blau,                     Schloß Solhaugs Bau                           Überbreiten! ZWEITER AKT (Eine Birkenwaldung neben dem Hause, von dem eine Ecke links sichtbar ist. Ein Fußsteig führt auf die Berghalde im Hintergrund hinauf. Dem Steig zur Rechten schäumt ein Bach hernieder, der sich zwischen Felsblöcken und Steinen verliert. Es ist helle Sommernacht. Die Tür zum Hause steht offen; die Fenster sind erleuchtet. Man hört drinnen Musik.) Die Gäste (singen in der Feststube.)     Die Fiedel klinge! Bei Saitenklang     Tanzen wir bis zum Morgen lang.     Wie lustig die Dielen dröhnen!     Die Jungfern brennen so hell wie Blut;     Das machen die Bursche, – mit keckem Mut     Umfahn sie die Hüften der Schönen. ( Knut Gaesling und Erik von Haegge treten aus dem Hause. Musik, Tanz und Jubel tönt weiter während des Folgenden gedämpft heraus.) Erik . Wenn es Dich nur nicht reuen wird, Knut. Knut . Laß mich nur machen. Erik . Ja, ja, aber gewagt bleibt es doch. Du bist des Königs Vogt. Da ergeht an Dich der Befehl, Gudmund Alfsön zu fahen, wo Du ihm beikommen kannst. Und nun, da Du ihn in nächster Nähe hast, sagst Du ihm Deine Freundschaft zu und läßt ihn frei fahren, wohin es ihm beliebt. Knut . Ich weiß, was ich tue. In seiner eignen Behausung hab' ich ihn gesucht, und da war er nicht zu finden. Und wenn ich es nun unternähme, ihn hier dingfest zu machen, – meinst Du wohl, daß da Frau Margit gewillt wäre, mir Signe zum Weib zu geben? Erik (gedehnt.) Nein, im Guten wohl nicht, aber – Knut . Und im Bösen möcht' ich ungern vorgehn. Gudmund ist übrigens auch mein Freund von altersher; und er kann mir viel nützen. (Bestimmt.) Darum bleibt es bei dem, was ich gesagt habe. Heut abend soll niemand hier auf dem Hof erfahren, daß Gudmund Alfsön friedlos ist; – morgen mag er zusehen, wie er sich selber hilft. Erik . Ja, aber des Königs Gebot? Knut . Ah, des Königs Gebot! Du weißt so gut wie ich, des Königs Gebot wird hier in unsern Gauen nicht groß geachtet. Sollte des Königs Gebot immer gelten, so müßte mancher prächtige Kerl unter uns für Brautraub und Männermord büßen. – Nun komm! Ich möchte wissen, wo Signe –? (Sie gehen rechts ab.) ( Gudmund und Signe kommen den Fußsteig im Hintergrunde herab.) Signe . Sprich weiter! Du redest mir nie zu viel; Es hört sich wie lieblichstes Saitenspiel. Gudmund . Signe, mein holdes, mein reizendes Mädchen! Signe (mit froher, stiller Verwunderung.) Ich – ich bin ihm lieb! Gudmund .                     Ja, niemand als Du! Signe . Ich bände Dich fest mit goldenem Fädchen? Ich gäb' Deinem Sinn die ersehnte Ruh? O, darf ich Dir traun? Gudmund .                     Das darfst Du fürwahr! Hör' mich, Signe, Jahr um Jahr, Ob es winterte oder Sommer blühte, Trug ich Euch beide in treuem Gemüte. Doch fühlt' ich noch unklar zu Euch zwein; – Dich sah ich immer als Elflein klein, – So wie sie unter des Waldes Bäumen Gern spielen, während wir schlafen und träumen. Doch seit ich mich heute auf Solhaug schaue, Da, fühl' ich, ist mir der Schleier gefallen, – Ich sehe, wie Margit die stolzeste Fraue, Doch Du die holdseligste Maid von allen. Signe (die seinen Worten nur halb gelauscht hat.) Ich weiß noch, wir saßen am lohenden Herd, Eines Winterabends, vor Jahren und Jahren; – Du sangst von dem Mägdlein mit goldigen Haaren, Die der Neck am Grunde zum Weib begehrt. Da vergaß es Vater und Mutter unten, Vergaß es Bruder und Schwester drunten, Vergaß sich von Himmel und Erde fort, Vergaß seinen Gott und sein heiliges Wort. Doch dicht am Ufer, da stand sein Gespiel; Ihn dünkte das Leben ohn' Zweck und Ziel; Voll Leide griff er der Harfe Saiten, Das klang so laut und lang in die Weiten. Das Mägdlein, tief auf des Bergsees Grund, Erwachte und ward seines Bannes gesund. Was half dem Neck die ohnmächtige Wut? – Es floh zwischen Lilien hin über die Flut Und ward wieder Mensch unter Menschen hinfort Und glaubte wieder an Gott und sein Wort. Gudmund . Liebste! Signe .             So ging auch ich dahin Wie eine träumende Schläferin; Bis Du mir heute der Liebe Macht Enträtselt; – da bin ich selig erwacht. Nie sah ich früher den Himmel so blau, Noch die Welt von so strahlender Weite; Ja selber die Sänger in Wald und Au Versteh' ich an Deiner Seite. Gudmund . So mächtig ist Liebe; – in unserer Brust Weckt sie Sinnen und Sehnsucht und Lust. – Doch komm, nun laß uns zu Margit gehn. Signe (verschämt.) Soll sie –? Gudmund .   Wir wollen ihr alles sagen. Signe (wie vorher.) Ach Du, – ich würde in Flammen stehn; – Willst Du's nicht lieber ohne mich wagen? Gudmund . Nun gut, auch so. Signe .                       Und ich warte hier, ja? (Horcht nach rechts.) Oder besser – drunten am Sturzbach! – Da Hör' ich Knut Gaesling mit Gästen kommen! Gudmund . Dort wartest Du? Signe .                       Bis Du ihr Urteil vernommen. (Sie geht rechts ab. Gudmund geht ins Haus. Margit kommt von links hinter dem Hause hervor.) Margit . Die Stube strahlt von festlichem Glanze, Die Weiber und Männer drehn sich im Tanze. Doch mir ward so schwül und beklommen zu Mut, – Gudmund war nicht zu sehen. (Atmet tief.) Hier außen ist's still; hier weilt es sich gut, Wo mich nächtliche Winde umwehen. (Grübelt eine Weile.) Dieser arge Gedanke – ich kenn' mich nicht mehr! Er treibt und ängstigt mich hin und her. Das Fläschchen – mit seinem Wundersaft –? Ein Tropfen davon – in des Feindes Becher, – So siecht ihm langsam die Lebenskraft, Und nichts mehr rettet den armen Zecher. (Wiederum Pause.) Wüßt' ich, daß Gudmund – empfänd' er mit mir, – Ich trüg' kein Bedenken – ( Gudmund kommt zur Haustür heraus.) Gudmund .                         Margit, Du hier? So allein? Ich suchte Dich drinnen im Haus. Margit . Ich floh aus dem Dunst in die Nachtluft hinaus. – Siehst Du die weißen Nebelweben Lautlos über das Moor herschweben? Hier ist nicht Dunkel noch Helle allein; Hier – wie in mir – herrscht zweifelnder Schein. (Blickt ihn an.) Nicht wahr, – wenn Dein Fuß solche Nacht durchzieht, Da weißt Du oft selber nicht, wie Dir geschieht; Doch bricht es wie heimliches Leben hervor Aus Blättern und Blumen, aus Büschen und Rohr! (Mit plötzlichem Übergang.) Weißt, was ich möchte? Gudmund .                         Nun was? Margit .                                             Daß ich Eine Elfe wäre, im Walde drinnen. Wie wollt' ich da listige Zauber spinnen! Glaub' mir –! Gudmund .                     Was fehlt Dir, Margit? Sprich! Margit (ohne auf ihn zu hören.) Wie wollt' ich singen, wie wollt' ich klagen! Klagen und singen in Nächten und Tagen! (Mit steigender Erregung.) Wie wollt' ich es locken, das mutige Blut, Durch den grünen Wald – in die Felsenkammer; – Vergessen wär' aller irdische Jammer In unserer Liebe brennender Glut! Gudmund . Margit! Margit! Margit (immer leidenschaftlicher.)                         Und Mitternacht, Du Legten wir uns zur süßesten Ruh! Und stürb' ich auch bis zum Morgenrot, – Sag', wär' es denn nicht ein seliger Tod? Gudmund . Du redest im Fieber! Margit (bricht in Lachen aus.)                               Hahahaha! Lachen! Lachen! Das löst! Gudmund .                             Ja, ja, Du bist noch immer so maßlos wie je! Margit (plötzlich ernsthaft.) Du darfst mich nicht so durch Schelten strafen – So bin ich nur nachts, wenn die Menschen schlafen; Am Tage bin ich so scheu wie ein Reh. Und was ist denn weiter? Erinnre Dich, wie Die Weiber in fremden Landen sind, – sie, Die schöne Prinzessin – ja, sie war wild; Dagegen bin ich wie ein Lamm so mild. Sie schmachtete nicht nur, sie hatte auch Mut; Sie sann auf Tat; und sieh, das – Gudmund .                                     Wie gut! Du mahnst mich daran! Den wertlosen alten Scherben – wozu ihn noch länger behalten! (Zieht das Fläschchen hervor.) Margit . Das Fläschchen! Du meinst –? Gudmund .                                 Ich hob es noch auf, Weil ich dachte, ich hätte dann leichteren Kauf, Wenn des Königs Haufe nach mir begehrt. Doch all das verlor heut für mich seinen Wert. Nun stütz' ich mich fröhlich auf mich und mein Schwert; Und kommt es zum Schlimmsten, so stehn mir im Streite Gesippen und Freunde zur Seite. (Will das Fläschchen gegen einen Felsen werfen.) Margit (faßt ihn beim Arm.) Nein, halt! Gudmund .   Was hast Du –? Margit .                               Ein besseres Ziel. Der Neck dort soll es empfangen. Er hielt mich so oft durch sein munteres Spiel Und sein seltsames Singen gefangen. Gib her! (Nimmt ihm das Fläschchen aus der Hand.)             Da hast Du's! (Tut, als ob sie es in den Bach würfe.) Gudmund (geht nach rechts und blickt in die Tiefe hinab.)                                   Warfst Du's hinein? Margit (indem sie das Fläschchen versteckt.) Du sahst doch – (Geht flüsternd dem Hause zu.)                         Nun mag mir Gott gnädig sein! Nun heißt es nichts oder alles wagen! (Lauter.) Hör', Gudmund – Gudmund (nähert sich.)                           Ja? Margit .                         Ich möchte Dich fragen, – Es geht eine Sage hier unter den Leuten – Von der Kirche da drunten; die sollst Du mir deuten. Es war eine Frau und ein Edelknab', Die hielten einander so wert; Und als sie vorausging ins frühe Grab, Da sprang er ins eigene Schwert. Sie trug man zur südlichen Kirchenwand, Ihn grub man im Norden ein; – Nie wollten früher Blumen am Rand Der geweihten Mauern gedeihn; Im nächsten Lenz aber sproßte ein Flor Aus ihrer Herzen Flammen Und rankte sich über das Kirchdach empor Und spann sich blühend zusammen. – Nun deute mir das! Gudmund (blickt sie forschend an.)                             Mir ist nicht klar – Margit . Man kann's verschieden deuten, wohl wahr! Doch glaub' ich, die Deutung ist recht und schlicht: Was sich liebt, das trennt auch die Kirche nicht. Gudmund (leise.) Alle Heiligen, wenn –! Nun gilt es zu eilen Und alles ihr mitzuteilen. (Laut.) Sag', Margit, – willst Du mir helfen, wenn –? Margit (freudig bewegt.) Ob ich will! Gudmund .     Ja, ich meine – Margit .                               Was hast Du? Gudmund .                                               Nun denn! Du könntest mich heut noch so glücklich schaun – Margit (ausbrechend.) Gudmund! Gudmund .   Hör' mich, ich will Dir vertraun – (Er hält plötzlich inne. Vom Ufer des Baches her schallen Stimmen und Gelächter.) ( Signe und einige junge Mädchen kommen von rechts. Knut , Erik und mehrere jüngere Männer folgen ihnen.) Knut (noch in einiger Entfernung.) Gudmund Alfsön! Halt! – ich möchte ein Wort mit Dir sprechen. (Er bleibt im Gespräch mit Erik stehen. Die übrigen Gäste gehen inzwischen ins Haus zurück.) Margit (zu sich selbst.) Ich könnte ihn heut noch so glücklich schauen –! Was kann er anders meinen, als –! (Halblaut.) Signe, – liebe, liebe Schwester! (Sie faßt Signe um die Hüfte und geht mit ihr im Gespräch nach dem Hintergrund, die Anhöhe hinauf.) Gudmund (leise, indem er ihnen mit den Augen folgt.) Ja, so ist es am ratsamsten. Signe und ich müssen von Solhaug fort. Knut Gaesling hat sich mir ja als Freund gezeigt; er wird mir gewiß helfen. Knut (leise zu Erik.) Ja, sag' ich, ja. Gudmund ist ihr Vetter; er kann meine Sache am besten führen. Erik . Na, wie Du willst. (Geht ins Haus.) Knut (kommt näher.) Hör' mal, Gudmund – Gudmund (lächelnd.) Kommst Du mir zu sagen, daß Du mich nicht länger frei herumgehn lassen darfst? Knut . Darfst? Sei deshalb unbesorgt; Knut Gaesling darf alles, was er will. Nein, es handelt sich um was andres. – Du weißt wohl, ich gelte hier in unsrer Gegend für einen wilden, unbändigen Kerl – Gudmund . Ja, und wenn das Gerücht nicht lügt, so – Knut . O nein, dies und das mag ja wohl wahr sein –. Aber nun sollst Du hören – (Sie gehen im Gespräch die Anhöhe im Hintergrunde hinauf.) Signe (zu Margit , während sie den Steig beim Hause herabkommen.) Ich versteh' Dich nicht. Du sprichst, als ob Dir ein unerwartetes Glück zu teil geworden ist. Was meinst Du denn damit? Margit . Signe, – Du bist noch ein Kind. Du weißt nicht, was es heißt, in ewiger Furcht zu schweben, daß – (Plötzlich abbrechend.) Denk Dir, Signe, – hinwelken, sterben zu sollen, ohne gelebt zu haben! Signe (blickt sie verwundert und kopfschüttelnd an.) Nein, aber Margit? Margit . Ja, ja, Du begreifst das nicht. Gleichviel – (Sie gehen im Gespräch wieder die Anhöhe hinauf. Gudmund und Knut kommen auf der anderen Seite herab.) Gudmund . Nun, wenn es so steht, – wenn Dir dies tolle Leben nicht länger behagt, so will ich Dir den besten Rat geben, den Dir ein Freund geben kann: nimm Dir eine ehrbare Maid zur Frau. Knut . Schau', schau'! Und wenn ich Dir nun sage, daß ich just an dasselbe gedacht habe? Gudmund . Nun dann viel Glück und Heil, Knut Gaesling! Aber nun wisse, daß auch ich – Knut . Du? Gehst Du auch mit solchen Gedanken um? Gudmund . Ja, das tu' ich! – Aber des Königs Ungnade –, ich bin ja ein friedloser Mann – Knut . Ei, das soll Dich wenig kümmern. Außer Frau Margit weiß hier ja noch niemand darum; und solange ich Dein Freund bin, hast Du einen Menschen, auf den Du Dich vollständig verlassen kannst. Nun hör' aber – (Er fährt flüsternd fort , während sie die Anhöhe wieder hinangehen.) Signe (indem sie und Margit abermals zurückkommen.) Aber so sag' mir doch, Margit, – Margit . Mehr darf ich Dir nicht sagen. Signe . Da will ich ehrlicher gegen Dich sein. Aber antworte mir zuerst auf eins. (Verschämt, zaudernd.) Hat Dir – hat Dir niemand etwas über mich gesagt? Margit . Über Dich? Nein; was denn? Signe (wie vorhin, schlägt die Augen nieder.) Du hast mich heut morgen gefragt: wenn nun ein Freier erschiene –? Margit . Jawohl. (Leise.) Knut Gaesling – sollte er schon –? (Gespannt, zu Signe.) Nun? Und dann? Signe (leise, jubelnd.) Der Freier ist gekommen! Er ist gekommen, Margit! Damals ahnt' ich nicht, wen Du meinst: aber jetzt –! Margit . Und was hast Du ihm geantwortet? Signe . O, das weiß ich nicht. (Schlingt die Arme um ihren Hals.) Aber die Welt dünkt mich so schön und reich von dem Augenblick an, da er mir sagte, er hätte mich lieb. Margit . Aber Signe, Signe, ich begreife nicht, daß Du so bald –! Du hast ihn ja bis heute kaum gekannt. Signe . O, ich versteh' mich ja noch so wenig auf Liebe; aber eins weiß ich, wahr ist das, was in dem Liede steht:     Sie keimt so leicht; in der flüchtigsten Stund'     Faßt sie Wurzel im Herzensgrund – Margit . Mag sein. Ist es aber so, dann hab' ich nicht länger nötig, Dir etwas zu verheimlichen. Ah – (Sie hält plötzlich inne, da sie Knut und Gudmund näherkommen sieht.) Knut (vergnügt.) Schau', das gefällt mir, Gudmund. Hier ist meine Hand. Margit (leise.) Was ist das? Gudmund (zu Knut.) Und hier die meine. (Sie schütteln einander die Hände.) Knut . Aber nun wollen wir uns auch beide sagen, wen wir – Gudmund . Gut. Hier auf Solhaug, unter all den schönen Weibern, hab' ich sie gefunden, die – Knut . Ich auch. Und ich entführe sie noch heut Nacht, wenn's vonnöten ist. Margit , (die sich unbemerkt genähert.) Alle Heiligen! Gudmund (nickt Knut zu.) Dasselbe ist auch meine Absicht. Signe , (die ebenfalls zugehört hat.) Gudmund! Gudmund und Knut (flüstern miteinander, während sie beide auf Signe zeigen.) Die dort! Gudmund (wird stutzig.) Ja, meine. Knut (ebenso.) Nein, meine. Margit (leise, halb verwirrt.) Signe! Gudmund (wie vorher, zu Knut.) Was meinst Du damit? Knut . Ich will doch Signe – Gudmund . Signe! Signe ist meine Braut vor Gott. Margit (mit einem Aufschrei.) Sie war's! Nein, nein! Gudmund (sie erblickend, leise.) Margit! Sie hat alles gehört! Knut . Alle Wetter! Steht es so? – Hört, Frau Margit, Ihr habt nicht nötig, so verwundert zu tun; ich durchschaue jetzt das Ganze. Margit (zu Signe.) Aber Du hast doch eben gesagt –? (Erfaßt plötzlich den Zusammenhang.) Gudmund meintest Du! Signe (verwundert.) Ja, wußtest Du das nicht? – Aber was fehlt Dir, Margit? Margit (mit fast tonloser Stimme.) O nichts, nichts. Knut (zu Margit.) Und heut früh, da Ihr mir mein Wort abnahmt, heut abend keinen Unfrieden hier zu stiften, – habt Ihr also gewußt, daß Gudmund Alfsön zu erwarten war! Haha, bildet Euch nur nicht ein, daß Ihr mit Knut Gaesling Possen treiben könnt! Signe ist mir lieb geworden. Noch am Vormittag war es nur mein unbesonnenes Gelübde, das mich trieb, um sie zu freien; aber jetzt – Signe (zu Margit.) Er? Das war der Freier, an den Du dachtest? Margit . Still, still! Knut (ernst und bestimmt.) Frau Margit, – Ihr seid Signes ältere Schwester; eine Antwort sollt Ihr mir geben. Margit (mit sich selbst kämpfend.) Signe hat ihren Bräutigam schon gewählt; – mehr kann ich nicht sagen. Knut . Gut! So hab' ich auf Solhaug nichts weiter zu schaffen. Aber nach Mitternacht – merkt's Euch – da ist der Tag um! Da dürftet Ihr mich wohl wiedersehen, und dann mag das Glück entscheiden, wer Signe heimführt, Gudmund oder ich. Gudmund . Ja, versuch's nur! Es soll Dich eine blutige Stirn kosten! Signe (voll Angst.) Gudmund! Bei allen Heiligen –! Knut . Hab' Geduld, hab' nur Geduld, Gudmund Alfsön! Eh' die Sonne aufgeht, bist Du in meiner Gewalt. Und sie – Deine Braut –. (Geht zur Tür, winkt und ruft leise.) Erik! Erik, komm! Fort zu unsern Gesippen! (Drohend, während Erik sich in der Tür zeigt.) Ja, – weh' Euch allen, wenn ich wiederkomme! (Er und Erik gehen links im Hintergrund hinaus.) Signe (leise zu Gudmund.) Ach, aber so sag' mir doch, – was soll das alles bedeuten? Gudmund (flüsternd.) Wir müssen beide noch heut nacht Solhaug verlassen. Signe . Gott steh' mir bei! – Du willst –! Gudmund . Verrate uns nicht! Kein Wort zu irgend einem Menschen; nicht einmal zu Deiner Schwester. Margit (für sich.) Sie – sie ist es! Sie, an die er kaum gedacht hat bis zum heutigen Tag. Wär' ich frei gewesen, so weiß ich wohl, wen er gewählt hätte. – Ja, frei! ( Bengt und die Gäste, Männer und Weiber, kommen aus dem Hause.) Junge Mädchen und Bursche (singen:)     Auf! Weiter hier draußen gescherzt und gelacht     Auf blumigem Wiesenraine,     Daß rings der Vögelein Volk erwacht                           Im Birkenhaine!     Auf! Weiter erbaue nun Tanz und Sang     Die fröhlichste Festgemeine, –     All Leid muß enden beim Fiedelklang                           Im Birkenhaine! Bengt . Recht, so soll es sein! Das gefällt mir! Ich bin lustig und mein Weib ist lustig; und darum sollt auch Ihr lustig sein alle miteinander. Einer von den Gästen . Ja, laßt uns ein Versturnier veranstalten! Viele (rufen.) Ja, ja, ein Versturnier. Ein anderer Gast . Nein, laßt das lieber bleiben; das bringt nur Unfrieden in die Gesellschaft. (Mit gedämpfter Stimme.) Bedenkt, daß Knut Gaesling heut auf dem Schloß ist –! Mehrere (untereinander flüsternd.) Ja, ja, das ist wahr! Ihr erinnert Euch noch an das letzte Mal, da er –. Man sei auf der Hut – das ist das Beste! Ein alter Mann . Aber Ihr, Frau Margit –; ich weiß, Euer Geschlecht war allzeit sagenkundig, und Ihr selbst wußtet viele schöne Geschichten, da Ihr noch ein Kind wart. Margit . Ach, ich habe sie alle, alle vergessen. Doch fragt meinen Vetter Gudmund Alfsön; der singt Euch gern eine lustige Geschichte. Gudmund (leise, bittend.) Margit – Margit . Ei, was setzest Du für ein kläglich Gesicht auf! Lustig, Gudmund! Lustig! Ja, ja, es fällt Dir nicht so leicht, glaub's wohl. (Lachend, zu den Gästen.) Er hat heut abend die Waldelfe geschaut. Sie wollt' ihn verführen; aber Gudmund ist ein treuer Gesell. (Wendet sich wieder zu Gudmund.) Nun ja, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wenn Du Dein Herzlieb übers Gebirg' und durch die Wälder entführst, so wende Dich ja nicht um; schau' niemals zurück; – die Waldelfe sitzt hinter jedem Busch und lacht; und zuletzt – (Mit gedämpfter Stimme, indem sie dicht an ihn herantritt:) kommst Du doch nicht weiter, als sie will. (Sie geht nach rechts hinüber.) Signe (leise.) O Gott, o Gott! Bengt (geht vergnügt unter den Gästen umher.) Hahaha! Frau Margit versteht so etwas zusammenzusetzen. Wenn sie erst einmal will, so macht sie's viel besser als ich. Gudmund (für sich.) Sie droht mir. Ich muß ihr die letzte Hoffnung rauben; eher beruhigt sich ihr Gemüt nicht. (Wendet sich zu den Gästen.) Ich kenn' ein kleines Lied. Wenn Ihr Lust habt, es zu hören, so – Mehrere Gäste . Bitte, bitte, Gudmund Alfsön! (Man schließt um ihn einen Kreis; einige sitzen, andere stehen. Margit lehnt an einem Baum rechts vorn. Signe steht links in der Nähe des Hauses.) Gudmund (singt:)     Ich ritt durch weite Wälder,     Ich fuhr nach fremdem Strand;     Doch meine Braut, die freit' ich mir     Im lieben Heimatland.     Da war eine böse Elfe,     Die wollt' vor Neid vergehn:     Nie soll mit ihm sein feines Lieb     Am Traualtare stehn.     Hör' mich, Du böse Elfe,     Was machst Du Dir Beschwer?     Zwei Herzen, die in Liebe eins,     Die trennst Du nimmermehr! Ein alter Mann . Das ist ein schönes Lied! Schau', wie die jungen Burschen verstohlen dort hinüber gucken. (Zeigt auf die Mädchen.) Ja, ja, jeder hat schon die seine, glaub's wohl. Bengt (macht Margit Zeichen.) Ja, und ich hab' die meine, das weiß ich genau. Hahaha! Margit (leise, bebend.) O, all den Spott und Hohn dulden zu müssen! Nein, nein! Nun muß ich das Äußerste versuchen. Bengt . Was fehlt Dir? Du bist ja so blaß. Margit . Es geht bald vorüber. (Wendet sich zu den Gästen.) Mir ist, als ob ich vorhin gesagt hätte, ich hätte all meine Geschichten vergessen. Aber eine ist mir doch noch eingefallen. Bengt . Recht so, mein Frauchen! Heraus damit! Junge Mädchen (bittend.) Ja, erzählt, erzählt, Frau Margit! Margit . Fast bin ich bange, daß sie Euch wenig gefallen wird; aber sei dem nun, wie ihm wolle. Gudmund (leise.) Alle Heiligen, sie will doch wohl nicht – Margit . Es saß einmal eine Jungfrau fein Wohl auf ihres Vaters Schloß; Sie säumte Seide, sie säumte Lein, – Trübeinsamkeit war ihr Genoß. Sie ging so verlassen und freudlos umher In den leeren Stuben und Sälen; Doch nährte ihr Herze gar hohes Begehr, Nur einen vom Adel zum Manne zu wählen. – Da stieg Bergkönig aus seinem Schacht Und kam mit Gold und Mannen Und führte des dritten Tages Nacht Sie – als sein Weib – von dannen. Nun saß sie im Berge und ließ sich den Met Aus goldenem Horne entgegenschäumen, Das Tal lag da wie ein blühendes Beet, – Sie sah seine Pracht nur in Träumen. – Da war ein Spielmann, jung und fein, Sang draußen im Lichte der Sonnen; Das klang bis zum Schoße der Felsen hinein, Wo ihr Sommer um Sommer verronnen So wundersam löste sich nun ihre Qual; – Auf sprang das Bergtor in weitem Bogen; Gottvaters Friede lag über dem Tal, Nun ward ihr Auge um nichts mehr betrogen. Ihr war, als sei bei des Harfentons Macht Zum ersten Male ihr Herz erwacht, Als ob ihr nun erst erschlossen werde, Wie reich, wie überreich die Erde. Nun müßt ihr wissen allesamt, – Den, der zum Felsenkerker verdammt, Kann Harfenspiel leicht vom Banne befrein! Nun sah er sie schmachten, hörte sie schrein, – Doch er warf seine Harfe in seinen Kahn, Zog seidene Segel auf seine Rah'n Und steuerte über das salzige Meer Samt seiner Braut – auf Niewiederkehr. (In steigender Leidenschaft.) Du rührtest so herrlich der Saiten Gold, – Nun ward ich dem Leben von neuem hold! Ich muß fort, ich muß fort in die grünen Tale! Ich sterbe da drinnen im steinernen Saale! Er spottet nur mein! Er umfaßt sie, er Flieht mit ihr über das salzige Meer. (Schreit auf.) Mit mir ist es aus; die Felsen winken! Sonne leuchtet nicht mehr; alle Sterne versinken. (Sie wankt und sinkt ohnmächtig an einen Baum.) Signe (ist weinend hinzugeeilt, um sie in ihren Armen aufzufangen.) Margit! Schwester! Gudmund (zugleich, stützt sie.) Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sie stirbt! (Bengt und die Gäste scharen sich unter Ausrufen des Schreckens um sie.) DRITTER AKT (Die große Stube auf Solhaug wie im ersten Akt, aber jetzt vom Fest her in Unordnung. Es ist noch immer Nacht; eine milde Dämmerung ist über das Zimmer und die Landschaft draußen gebreitet.) ( Bengt steht auf der offenen Außengalerie, einen Bierhumpen in der Hand. Eine Schar Gäste ist im Begriff, das Schloß zu verlassen. In der Stube geht eine Magd umher und räumt auf.) Bengt (ruft den Fortziehenden nach.) Also, Gott mit Euch, und ein froh Wiedersehen auf Solhaug! Ihr hättet sonst wirklich hier bleiben und ausschlafen können, ebensogut wie die andern. Na ja, ja –; nein wartet! Ich komm' noch bis zur Pforte mit; ich muß Euch doch noch einmal zutrinken. (Geht ab.) Die Gäste (singen, sich entfernend:)     B'hüt Gott und Lebwohl Euch insgemein     Hier hinter Solhaugs Türen!     Nun ziehn wir hin über Stock und Stein; –     Frisch auf! Die Fiedel mag führen!             Bei Tanz und Gesang     Wird der Heimweg uns nicht so schwer und lang.            Hei, lustig dahin! (Der Gesang verliert sich mehr und mehr in der Ferne. Margit tritt durch die Tür links in die Stube.) Die Magd . Jesus Christus, Frau, Ihr seid schon auf? Margit . Ich bin frisch und munter; Du kannst hinunter gehen und Dich schlafen legen. Halt! Sag' mir: sind schon alle Gäste fort? Die Magd . Nein, nicht alle; ein Teil ist über Nacht geblieben. Die schlafen gewiß schon. Margit . Und Gudmund Alfsön –? Die Magd . Er schläft wohl auch. (Zeigt nach rechts.) Eben vorhin ging er in seine Kammer, dort, gleich überm Gang. Margit . Gut; Du kannst gehn. (Die Magd links ab.) (Margit geht langsam durch die Stube, setzt sich an den Tisch rechts und blickt zum offenen Fenster hinaus.) Margit . Wenn es tagt, so zieht wohl Gudmund hinaus, – Und ich werde ihn nie mehr wiedersehen; Dann sitz' ich wieder beim Gatten zu Haus –. Mir spielt das Geschick wie dem Blümlein mit, Wie dem Hälmchen, das irgend ein Fuß zertritt, – Mein Los ist Verwelken, Vergehen. (Kurze Pause, sie lehnt sich in den Stuhl.) Mir fällt das blinde Geschöpfchen ein, Das harmlos zum Kinde gediehen, Bis daß ihm die Mutter mit Zauberei'n Die Gabe, zu sehen, verliehen. Nun schaute es staunend unverwandt Über Berg und See, über Tal und Strand. Da versagten die Künste der Gauklerin, Und das Kind ging wieder in Dunkel dahin; Die Lust am Spielen war ihm vergangen. Von Sehnsucht bleichten ihm seine Wangen. Hinsiechend lebte es all seine Tage In ewiger, namenloser Klage. – So ging auch ich wie blindgeboren Im blühenden Sommer, im strahlenden Licht – (Sie springt auf.) Und dann –! Und dann wieder alles verloren! Nein, nein, so wohlfeil verkauf' ich mich nicht. Drei Jahre ertrug ich die Höllenpein, Nun muß mein Opfer ein Ende finden! Könnt' ich noch länger dies Dasein verwinden, Ich müßte wie eine Taube sein. Hier wird mir die Jugend verkränkt und vergällt, – Und draußen, da wogt die unendliche Welt; – Gudmund will ich folgen mit Schild und mit Bogen, Teilen sein Glück und mildern seinen Kummer, Hüten seinen Schritt und schützen seinen Schlummer; – Das Staunen! Kommen wir so gezogen, Der kühne Ritter und Margit, sein Lieb – Sein Weib! (Schlägt die Hände zusammen.)                   O Herrgott, vergib, vergib! Weiß selber nicht mehr, was ich spreche. – Rette mich, eh' ich zusammenbreche! (Geht eine WeiIe grübelnd umher.) Signe –? Könnte ich Ruhe haben, Wenn sie Dich vor der Zeit begraben? Und doch –? Wer weiß? Sie ist ja noch Kind; In ihren Jahren vergißt man geschwind. (Abermals Pause; sie zieht das Fläschchen hervor, betrachtet es lange und sagt leise.) Dies Fläschchen –! Es ließe mich alles gewinnen –! Ein Griff – und mein Gatte müßte von hinnen. (Erschrocken.) Nein, nein, ich werf' es hinaus in den Bach! (Will es zum Fenster hinauswerfen, hält aber inne.) Und doch, – ich fühlte mich nicht zu schwach – – (Flüstert mit einem aus Schauder und Entzücken gemischten Ausdruck.) In welch verführerischer Gestalt Lockt doch der Sünde süße Gewalt! Mich dünkt, das Glück gewährt höchsten Genuß, Das mit Leib und mit Seele erkauft werden muß. ( Bengt, den leeren Bierhumpen in der Hand, kommt über die Außengalerie herein; sein Gesicht glüht; er geht mit unsicheren Schritten.) Bengt (schleudert den Humpen auf den Tisch links.) So! Das war ein Fest, das in der ganzen Gegend von sich reden machen wird. (Erblickt Margit.) Na, da bist Du ja? Bist wieder zu Dir gekommen? Das freut mich. Margit , (die inzwischen das Fläschchen verborgen hat.) Ist das Tor geschlossen? Bengt (setzt sich an den Tisch links.) Ich hab' für alles gesorgt. Ich folgte den letzten Gästen bis zur Pforte hinunter. Aber wo blieb Knut Gaesling heut abend? – Gib mir Met, Margit! Ich bin durstig. Füll' mir den Becher da. (Margit nimmt eine Metkanne aus dem Schrank und schenkt den Becher voll, der vor ihm auf dem Tische steht.) Margit (geht mit der Kanne nach rechts hinüber.) Du fragtest nach Knut Gaesling. Bengt . Ja freilich, freilich. Der Prahler, – der Großsprecher! lch weiß noch, wie er uns gestern früh drohte. Margit (setzt die Kanne auf den Tisch rechts.) Er führte schlimme Reden im Munde heut nacht, als er aufbrach. Bengt . Tat er das? Recht so! Ich werd' ihm den Schädel einschlagen. Margit (lächelt verächtlich.) Hm – Bengt . Ich werd' ihm den Schädel einschlagen, sag' ich! Ich bin nicht furchtsam, und wenn ich zehn solcher Kerle begegnete. Draußen im Vorratshause hängt meines Großvaters Streitaxt; der Schaft ist mit Silber ausgelegt; und wenn ich mit der komme, so –! (Schlägt auf den Tisch und trinkt.) Morgen rüst' ich mich und zieh' aus mit allen meinen Mannen und schlage Knut Gaesling den Schädel ein. (Trinkt aus.) Margit (leise.) O, mit dem da leben zu müssen! (Sie will gehen.) Bengt . Margit, komm her! Schenk' mir wieder ein! (Sie kommt näher; er will sie auf sein Knie niederziehen.) Hahaha! Du bist hübsch, Margit! Ich hab' Dich gern. Margit (reißt sich los.) Laß mich! (Sie geht mit dem Becher nach rechts hinüber.) Bengt . Du bist heut abend nicht fügsam. Hahaha, – Du meinst das wohl nicht so schlimm. Margit (leise, während sie den Becher wieder vollschenkt.) Wär' es der letzte Becher! . . . . . . (Sie läßt den Becher stehen und will nach links ab.) Bengt . Hör', Margit! Für eins kannst Du dem Himmel danken, und zwar dafür, daß ich Dich geheiratet habe, bevor Gudmund Alfsön wieder kam. Margit (bleibt an der Tür stehen.) Warum das? Bengt . Nun ja, – weil sein ganzes Hab und Gut nicht den zehnten Teil so groß ist wie meins. Und dessen bin ich sicher, gefreit hätt' er um Dich, wenn Du nicht Frau auf Solhaug wärst. Margit (kommt näher, blickt verstohlen nach dem Becher.) Glaubst Du? Bengt . Darauf will ich schwören, Margit. Bengt Gautesön hat ein paar kluge Augen im Kopfe. Aber jetzt kann er ja Signe nehmen. Margit . Und Du denkst, er will –? Bengt . Sie nehmen? O ja, seit er Dich nicht mehr haben kann. Wenn Du noch frei wärst, ja dann – Hahaha, Gudmund ist just wie die andern; er mißgönnt mir, daß ich Dein Mann bin. Eben darum mag ich Dich ja so gut leiden, Margit! – Her mit dem Becher! Voll bis zum Rand! Margit (geht widerstrebend nach rechts hinüber.) Deinen Becher sollst Du haben – ganz gewiß. Bengt . Knut Gaesling hat ja auch um Signe gefreit; aber dem will ich den Schädel einschlagen. Gudmund ist ein ehrlicher Kerl; er soll sie kriegen. Denk nur, Margit, wie gut wir als Nachbarn zusammen leben werden. Dann kommen wir zueinander zu Gaste und sitzen, solang der Tag währt, jeder mit seinem Weib auf dem Schoß, und trinken und schwatzen das Blaue vom Himmel. Margit (verrät einen immer mehr sich steigernden Seelenkampf; unwillkürlich hat sie das Fläschchen hervorgezogen, während sie sagt:) Jawohl, jawohl! Bengt . Hahaha! Am Anfang, mein' ich, wird Gudmund mich ein bißchen scheel ansehen, wenn ich Dich herze; aber das verwindet er gewiß bald. Margit (leise.) Das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann! (Schüttelt den Inhalt des Fläschchens in den Becher, tritt ans Fenster, wirft das Glas hinaus und sagt, ohne ihn anzusehen.) Dein Becher ist gefüllt. Bengt . Dann her damit! Margit (kämpft in Angst und Zweifel, endlich sagt sie.) Trink heut nicht mehr! Bengt (lachend, indem er sich in den Stuhl zurücklehnt.) So, – wartest Du etwa auf mich? (Blinzelt ihr zu.) Geh nur, ich komm' bald nach. Margit (plötzlich fest.) Dein Becher ist gefüllt. (Zeigt auf ihn.) Da steht er. (Sie geht rasch links ab.) Bengt (erhebt sich.) Ich mag sie gern. Es reut mich nicht, daß ich sie zur Frau genommen, obschon ihr nicht mehr Erbgut eignete als der Becher da und der Schmuck, den sie als Braut trug. (Er tritt an den Tisch am Fenster und nimmt den Becher.) (Ein Knecht kommt eilig und erschrocken durch den Hintergrund.) Der Knecht (ruft.) Herr Bengt! Herr Bengt! Sputet Euch, so sehr Ihr könnt! Knut Gaesling zieht mit einem Haufen Gewaffneter herauf gegens Schloß. Bengt (stellt den Becher hin.) Knut Gaesling? Wer sagt das? Der Knecht . Einige von Euren Gästen sahen ihn drunten des Wegs kommen, und da liefen sie eiligst zurück, um Euch zu warnen. Bengt . Gut; so werd' ich denn auch –! Hol' mir meines Großvaters Streitaxt! (Er und der Knecht gehen durch den Hintergrund ab.) (Bald darauf kommen Gudmund und Signe leis und vorsichtig durch die Türe rechts herein.) Signe (leise.) So muß es denn sein! Gudmund (ebenso.)     Die höchste Gefahr Zwingt uns. Signe .               Ach, so flüchten zu sollen, – Aus seiner Heimat, die einen gebar! (Trocknet die Tränen.) Und doch, ich will Dir nicht grollen – Ich fliehe ja gerne Dir zulieb. Freilich, wärst Du nicht friedlos, blieb' Ich besser bei Margit. Gudmund .                     Und tags darauf Käme Knut Gaesling mit seinen Mannen Und höbe Dich auf sein Roß hinauf Und schleppte die Braut von dannen! Signe . Ja, laß uns fliehn! Doch wie fangen wir's an? Gudmund . Ich hab' draußen am Fjord einen treuen Mann; Der schafft uns ein Schiff. Durch salzige Wellen Wird uns der Nordwind die Segel schwellen. Im Dänenland, glaub' mir, ist herrlich zu sein; Da wirst Du gar bald mit Freuden wohnen; Da warten die lieblichsten Blumen Dein Unter schattigen Buchenkronen. Signe (bricht in Tränen aus.) Meine arme Schwester – ade! ade! Wie hast Du mich immer gehegt und geleitet, Mit frommem Gebet mir die Wege bereitet; Wie warst Du mir Mutter in Wohl und in Weh! – Komm, Gudmund, – trinken wir ihr zur Ehre Noch diesen Becher, auf daß ihr Herz Bald wieder genese, und Gott ihren Schmerz In Frohsinn wieder verkehre! (Sie ergreift den Becher.) Gudmund . Das woll'n wir; wir trinken ihr Wohlergehen. (Wird stutzig.) Nein, halt! (Nimmt ihr den Becher aus der Hand.)                 Wo hab' ich nur den schon gesehen? Signe . 's ist Margits Becher. Gudmund (betrachtet ihn genau.)                                 Wahrhaftig, – mich trog Mein Aug' nicht. Als ich zur Fremde zog, Trank Margit aus ihm in funkelndem Weine, Daß der Himmel uns bald wieder fröhlich vereine; – Doch trank sie sich selber nur Sorge und Pein. Nein, trinken wir keinen Met oder Wein Aus diesem Becher mehr! (Schüttet den Inhalt aus dem Fenster.)                                         Komm, 's ist Zeit! (Lärm und Rufe hinter der Szene.) Signe . Horch! – Gudmund, ich höre Lärm und Streit! Gudmund (horchend.) Knut Gaeslings Stimme! Signe .                                 Daß Gott sich erbarm'! Gudmund (stellt sich vor sie.) Keine Furcht! Dich schützt Deines Gudmund Arm. ( Margit kommt eilig von links.) Margit (nach dem Lärm hinhorchend.) Was gibt's da? Ist mein Mann –? Gudmund und Signe . Margit! Margit (erblickt sie.) Gudmund! Und Signe! Ihr seid hier? Signe (geht auf sie zu.) Margit, – liebe Schwester! Margit (voll Entsetzen, da sie den Becher bemerkt, den Gudmund noch immer in der Hand hält.) Den Becher! Wer hat ihn geleert? Gudmund (verwirrt.) Geleert –? Ich und Signe, wir wollten – Margit (schreit auf.) Gnade, Gnade! Zu Hilfe! Sie sterben! Gudmund (stellt den Becher weg.) Margit –! Signe . O Gott, was fehlt Dir? Margit (eilt nach dem Hintergrund.) Hilfe, Hilfe! Will denn niemand helfen?! (Ein Knecht kommt eilig über die Außengalerie herein.) Der Knecht (ruft erschrocken.) Frau Margit! Euer Gemahl –! Margit . Er! Hat auch er getrunken –? Gudmund (leise.) Ah, nun begreif' ich – Der Knecht . Knut Gaesling hat ihn erschlagen! Signe . Erschlagen! Gudmund (zieht das Schwert.) Noch nicht, will ich hoffen. (Flüstert Margit zu.) Sei ruhig! Keiner hat aus dem Becher getrunken. Margit . Dann sei Gott gelobt, der uns alle errettet hat! (Sie sinkt in einen Stuhl zur Linken. Gudmund will eilig ab durch den Hintergrund.) Ein anderer Knecht (unter der Tür, hält ihn auf.) Ihr kommt zu spät. Herr Bengt ist tot. Gudmund . Also doch erschlagen! Der Knecht . Aber die Gäste und Eure Leute sind der Gewalttäter Herr geworden. Knut Gaesling und seine Mannen sind gebunden. Da kommen sie. (Gudmunds Mannen, Gäste und Knechte führen Knut Gaesling, Erik von Haegge und mehrere von Knuts Leuten gebunden herein.) Knut (bleich und ruhig.) Totschläger, Gudmund! Was sagst Du dazu? Gudmund . Knut, Knut, was hast Du getan? Erik . Es geschah ohne Absicht, – das kann ich bezeugen. Knut . Er lief mich an mit geschwungener Axt; ich wollt' mich verteidigen, und so hieb ich denn blindlings zu. Erik . Hier stehen viele, die das gesehen haben. Knut . Frau Margit, fordert eine Buße, so hoch Ihr wollt, – ich bin bereit, sie zu zahlen. Margit . Ich fordere nichts. Gott möge über uns alle richten. Doch ja, – eins fordre ich; laßt Euren schlimmen Anschlag gegen meine Schwester fahren! Knut . Nimmermehr werd' ich versuchen, mein unselig Gelübde einzulösen. Glaubt mir, ich werd' mich bessern. Möchte nur keine entehrende Strafe mich treffen für meine Tat. (Zu Gudmund.) Solltest Du wieder zu Ehren und Würden gelangen, so sprich beim König ein gutes Wort für mich. Gudmund . Ich? Noch bevor der Tag kommt, muß ich über der Grenze sein. (Erstaunen unter den Gästen; Erik erklärt ihnen flüsternd den Zusammenhang.) Margit (zu Gudmund.) Du gehst? Und Signe will Dir folgen? Signe (bittend.) Margit! Margit . Alles Glück mit Euch beiden! Signe (an ihrem Halse.) Geliebte Schwester! Gudmund . Dank, Margit! Und nun leb' wohl! (Lauschend.) Horch! Ich höre Hufschlag im Hof. Signe (voll Angst.) Da kommt fremdes Kriegsvolk! Ein Knecht (unter der Tür im Hintergrund.) Des Königs Mannen stehen draußen. Sie suchen Gudmund Alfsön. Signe . O, Herr im Himmel! Margit (fährt erschrocken auf.) Des Königs Mannen! Gudmund . So ist alles vorbei! O Signe! Dich jetzt zu verlieren, – das war das Schwerste, was mich treffen konnte. Knut . Nein, Gudmund! Teuer soll ihnen Dein Leben zu stehen kommen. Lös' unsre Stricke! Wir sind alle bereit, uns für Dich zu schlagen. Erik (blickt hinaus.) Es nützt nichts; es sind ihrer zu viele. Signe . Sie kommen hier herein! O Gudmund, Gudmund! (Des Königs Sendbote samt Gefolge tritt durch den Hintergrund herein.) Der Sendbote . In des Königs Namen und Auftrag suche ich Euch, Gudmund Alfsön. Gudmund . Gut. Aber ich bin unschuldig, das schwör' ich hoch und teuer! Der Sendbote . Das wissen wir alle. Gudmund . Wie? (Bewegung unter den Versammelten.) Der Sendbote . Ich habe Befehl, Euch an des Königs Hof zu Gast zu bitten. Der König schenkt Euch seine Freundschaft wie früher und reiche Lehen dazu. Gudmund . Signe! Signe . Gudmund! Gudmund . Aber so sagt mir –? Der Sendbote . Euer Feind, der Kanzler Audun Hugleiksön, ist gestürzt. Gudmund . Der Kanzler! Die Gäste (halblaut zueinander.) Gestürzt?! Der Sendbote . Vor drei Tagen wurde er zu Bergen enthauptet. (Mit gedämpfter Stimme.) Er hatte Norwegens Königin beleidigt. Margit (tritt zwischen Gudmund und Signe.) So schlägt den Sünder des Himmels Hand! Mir hat er heut nacht seine Engel gesendet Und, als mir schon jede Hoffnung schwand, Mein Los noch gnädig zum Guten gewendet. Nun weiß ich, das Leben ist mehr als ein Jagen Nach glänzenden Gütern, nach festlichen Tagen. Ich fühlte, wie bitter der Mensch verzagt, Der seiner Seele Seligkeit wagt. – Ich tret' in Synnöves Kloster ein – (Da Gudmund und Signe sprechen wollen.) Sagt nichts! Es würde vergeblich sein. (Legt ihre Hände zusammen.) So knüpf' ich denn Eurer Liebe Band Und stell' Euer Leben in Gottes Hand! (Sie winkt zum Abschied und geht nach links. Gudmund und Signe wollen ihr folgen. Margit hält sie mit einer abwehrenden Gebärde zurück, geht hinaus und schließt hinter sich die Tür. Im selben Augenblick geht die Sonne auf und wirft ihr Licht in die Stube.) Gudmund . Signe, – mein Weib! – Sieh, der Tag will beginnen; Das ist unsrer jungen Liebe Tag! Signe . Mein schönstes Erinnern, mein bestes Sinnen Hast Du mir geschenkt und Dein Harfenschlag. Mein edler Sänger, – in Leid und Lust Schlag nur die Saiten zu höchsten Liedern; Ich trag' eine Harfe in tiefer Brust, Die soll Dir in Freuden und Schmerzen erwidern! Chorgesang (von Männern und Frauen.)     Sonne hat ihr segnend Aug' erhoben,     Hütet liebevoll der Frommen Fuß,     Sendet milder Strahlen Trostesgruß –     Lob und Preis dem Herrn im Himmel droben!