Hugo von Hofmannsthal Der Kaiser und die Hexe Personen: Der Kaiser Porphyrogenitus . Die Hexe . Tarquinius , ein Kämmerer. Ein Verurteilter . Ein armer Mensch . Ein uralter Blinder . Der oberste Kämmerer , der Grossfalkonier , der Präfekt des Hauses und andere Hofleute. Ein Hauptmann. Soldaten. Eine Lichtung inmitten der kaiserlichen Jagdwälder. Links eine Quelle. Rechts dichter Wald, ein Abhang, eine Höhle, deren Eingang Schlingpflanzen verhängen. Im Hintergrund das goldene Gitter des Fasanengeheges, dahinter ein Durchschlag, der hügelan führt. Der Kaiser tritt auf, einen grünen, goldgestickten Mantel um,     den Jagdspiess in der Hand, den goldenen Reif im Haar . Wohl, ich jage! ja, ich jage . . . dort der Eber, aufgewühlt schaukelt noch das Unterholz, hier der Speer! und hier der Jäger!     Er schaudert, lässt den Speer fallen . Nein, ich bin das Wild, mich jagt es, Hunde sind in meinem Rücken, ihre Zähne mir im Fleisch, mir im Hirn sind ihre Zähne.     Greift sich an den Kopf . Hier ist einer, innen, einer, unaufhörlich, eine Wunde, wund vom immer gleichen Bild ihrer offnen, weissen Arme . . . und daneben, hart daneben, das Gefühl von ihrem Lachen, nicht der Klang, nur das Gefühl wie ein lautlos warmes Rieseln . . . Blut? . . . Mein Blut ist voll von ihr! alles: Hirn, Herz, Augen, Ohren! in der Luft, an allen Bäumen klebt ihr Glanz, ich muss ihn atmen. Ich will los! Die Ohren hab' ich angefüllt mit Lärm der Hunde, meine Augen bohr' ich fest in das Wild, ich will nichts spüren als das Keuchen, als das Flüchten dieser Rehe, dieser Vögel, und ein totenhafter Schlaf soll mir nachts mit Blei versiegeln diese Welt . . . doch innen, innen ist die Thür, die nichts verriegelt! Keine Nacht mehr! Diese Nächte brechen, was die Tage schwuren.     Er rüttelt sich an der Brust . Steh! es wird ja keine kommen, sieben sind hinab, vorbei . . . Sieben? Jetzt, nur jetzt nichts denken! Alles schwindelnd, alles schwank, jagen und nur immer jagen, nur bis diese Sonne sank, diesen Taumel noch ertragen! Trinken hier, doch nicht besinnen. Die Hexe , jung und schön, in einem durchsichtigen Gewand,     mit offenem Haar, steht hinter ihm . Nicht besinnen? nicht auf mich? nicht auf uns? nicht auf die Nächte? auf die Lippen nicht? die Arme? auf mein Lachen, auf mein Haar? nicht besinnen auf was war? und auf was, einmal verloren, keine Reue wiederbringt . . .? Der Kaiser . Heute, heute ist ein Ende! ich will Dir's entgegenschrein: sieben Jahre war ich Dein, war ein Kind, als es begann, end' es nun, da ich ein Mann! Wusstest Du nie, dass ich's wusste, welches Mittel mir gegeben, abzureissen meinem Leben die Umklamm'rung Deiner Arme sichrer als mit einem Messer?     Verwirrt . Sieh mich nicht so an . . . ich weiss nicht, Du und ich, . . . wie kommt das her? Alles dreht sich, alles leer!     Sich ermannend . Wusstest Du nie, dass ich's wusste? immerhin . . . ich will nicht denken, welch verschlungenen Weg dies ging, fürchterlich wie alles andre . . . ich steh hier! dies ist das Innre eines Labyrinths, gleichviel wo ich kam, ich weiss den Weg, der hinaus ins Freie! Freie –     Er stockt einen Moment unter ihrem Blick;     dann plötzlich sehr laut . Sieben Tage, wenn ich Dich nicht berührt! Dies ist der letzte! Diese Sonne, dort im Wipfel hängt sie, wie ein goldnes Ei, nur so wenig muss sie fallen, nur vom Wipfel bis zum Boden, und hinab in ihren Abgrund reisst sie Dich und ich bleib hier! Sieben Tag' und sieben Nächte hab ich Deinen Leib nicht anders als im Traum berührt – der Traum und der Wahnsinn wacher Träume steht nicht in dem Pakt! – mit Händen und mit Lippen nicht den Leib, nicht die Spitzen Deiner Haare hab ich angerührt in sieben Tag' und Nächten – Traum ist nichts! – Wenn die Sonne sinkt, zerfällst Du: Kröte! Asche! Diese Augen werden Schlamm, Staub wird Dein Haar, und ich bleibe, der ich war. Die Hexe , sanft . Ist mein Haar Dir so verhasst, hast doch in das End' davon mit den Lippen einen Knoten drein geknüpft, wenn wir dort lagen, Mund auf Mund und Leib auf Leib, und ein Atemholen beide hob und senkte, und der Wind über uns im Dunkel wühlte in den Bäumen. Der Kaise r.               Enden, enden will ich dieses Teufelsblendwerk! Die Hexe . Wenn Du aufwachst in der Nacht und vor Dir das grosse schwere Dunkel ist, der tiefe Schacht, den kein Schrei durchläuft, aus dem keine Sehnsucht mich emporzieht, wenn Du Deine leeren Hände hinhältst, dass ich aus der Luft niederflieg an Deine Brust, wenn Du Deine Hände bebend hinhältst, meine beiden Füsse aufzufangen, meine nackten Füsse, schimmernder und weicher als der Hermelin, und nichts schwingt sich aus der Luft hernieder, und die beiden Hände beben leer und frierend? Nicht die goldne Weltenkugel Deines Reiches kann sie fällen, nicht die Welt fällt den Raum, den meine beiden nackten Füsse schimmernd füllten? Der Kaiser . Welch ein Ding ist diese Welt! Sterne, Länder, Menschen, Bäume: ein Blutstropfen schwemmt es fort! Die Hexe . Jeden Vorhang hebst Du auf, windest Dich in den Gebüschen, streckst die Arme in die Luft, und ich komm nie mehr! Die Stunden schleppen hin! die Tage leer, leer die Nächte! und den Dingen ihre Flammen ausgerissen, jede Zeit und jeder Ort tot, das Glühen alles fort – Der Kaiser , die Hand vor den Augen . Muss ich denn allein hier stehen! Gottes Tod! ich bin der Kaiser, meine Kämm'rer will ich haben, meine Wachen, Menschen, Menschen! Die Hexe . Brauchst die Wachen, Dich zu schützen, armer Kaiser, vor Dir selber? Droh ich Dir, rühr' ich Dich an? Nein, ich gehe, und wer will kommt mir nach und wird mich finden. Armer Kaiser!     Sie biegt die Büsche auseinander und verschwindet . Der Kaiser .             Nicht dies Lachen! Einmal hat sie so gelacht . . . was dann kam, ich will's nicht denken! Hexe, Hexe, Teufelsbuhle, steh! Ich will Dich seh'n, ich will nicht steh'n wie damals vor dem Vorhang. Gottes Tod, ich will's nicht denken! Faune, ekelhafte Faune küssen sie! die weissen Hände toter, aus dem Grab gelockter Heiden sind auf ihr, des Paris Arme halten sie umwunden: ich ertrag es nicht, ich reisse sie hinweg! Tarquinius , aus dem Hintergrunde rechts auftretend .                     Mein hoher Herr! Der Kaiser . Was? und was? wer schickt Dich her? Tarquinius . Herr, es war, als ob Du riefest nach den Kämm'rern, dem Gefolge. Der Kaiser , nach einer langen Stille . Rief ich und Du hörtest, gut.     Er hört ins Gebüsch . Hier ist alles still, nicht wahr? Tarquinius . Herr, die Jagd zog dort hinunter, jenseits des Fasangeheges. Der Kaiser . Lass die Jagd! Du hörst hier nichts? nichts von Flüstern, nichts von Lachen? wie?     In Gedanken verloren, plötzlich .         Abblasen lass die Jagd! Ich will meinen Hof um mich: meine Frau, die Kaiserin, soll hierher, mein Kind soll her, um mich her mein ganzer Hof, ringsum sollen Wachen stehen, und so will ich liegen, liegen, auf den Knien die heilige Fahne, zugedeckt, so will ich warten bis die Sonne . . . wohin gehst Du? Tarquinius . Herr, zu thun, was Du befahlst, Deinen Hof hierher zu rufen. Der Kaiser , halblaut . Wenn sie kommt vor meinen Hof, sich zu mir hinschleicht und flüstert und die Scham hält mich, ich muss ihren Atem fühlen, dann wird es stärker sein als ich! Bleib bei mir, es kommen andre. Du bleib da. Ich will mit Dir reden, bis die andern kommen.     Er geht auf und ab, bleibt schliesslich     dicht vor dem Kämmerer stehen . Der Kaiser . Bist der jüngste von den Kämm'rern? Tarquinius , auf ein Knie gesunken . Nicht zu jung, für Dich zu sterben, wenn mein Blut Dir dienen kann! Der Kaiser . Heiss'st? Tarquinius .                 Tarquinius Morandin. Der Kaiser , streng . Niemands Blut kann niemand dienen, es sei denn sein eignes. Tarquinius .                           Herr, zürn' mir nicht, die Lippen brennen, einmal Dir's herauszusagen. Der Kaiser . Was? Tarquinius steht verwirrt . Der Kaiser , gütig .           Nun was? Tarquinius .               Gnädiger Herr, dass ich fühle, wie Du gut bist, so mit Hoheit und mit Güte wie ein Stern mit Licht beladen. Der Kaiser . Kämmerer, Du bist ein Kind wenn Du nicht ein Schmeichler bist! Junge Menschen sind nicht gut, und ob älter auch wie Du, bin ich jung. Nimm Dich in acht; ich weiss nichts von Dir, weiss nicht wie Du lebst, nur Seele seh ich, die sich so aus Deinen Augen lehnt, wie aus dem Kerkerfenster ein Gefang'ner nach der Sonne; nimm Du Dich in acht, das Leben hat die rätselhafte Kraft, irgend wie von einem Punkt aus diesen ganzen Glanz der Jugend zu zerstören, blinden Rost auszustreu'n auf diesen Spiegel Gottes . . . wie das alles kommt?     Halb für sich . Anfangs ist's in einem Punkt, doch dann schiebt sich's wie ein Schleier zwischen Herz und Aug' und Welt, und das Dasein ist vergällt; bist Du aussen nicht wie innen, zwingst Dich nicht, Dir treu zu sein, so kommt Gift in Deine Sinnen, atmest's aus und atmest's ein, und von dem Dir gleichen Leben bist Du wie vom Grab umgeben, kannst den Klang der Wahrheit hören, so wie Hornruf von weither, doch erwidern nimmermehr; was Du sprichst, kann nur bethören, was Du siehst, ist Schattenspiel, magst Dich stellen wie Du willst, findest an der Welt nicht viel, wandelst lebend als Dein Grab, Hexen Deine Buhlerinnen . . . Kehr' Dich nicht an meine Reden, wohl! wenn Du sie nicht verstehst. Denk nur eins: ich will Dir Gutes! Nimm's, als käm' es Dir von einem, den Du sterbend wo am Wege liegen findest; nimm's an Dich, drück's an Dich wie eine Lampe, wenn Dich Finsternis umschlägt; merk Dir: jeder Schritt im Leben ist ein tiefrer. Worte! Worte! Merk Dir nichts als dies, Tarquinius: wer nicht wahr ist, wirft sich weg! . . . Doch vielleicht begreifst Du dies erst, wenn es zu spät ist; merk' dies allein: nicht eine einzige Stunde kommt zweimal im Leben, nicht ein Wort, nicht eines Blickes ungreifbares Nichts ist je ungescheh'n zu machen, was Du gethan hast, musst Du tragen, so das Lächeln wie den Mord!     Nach einer kleinen Pause . Der Kaiser . Und wenn Du ein Wesen lieb hast, sag' nie mehr, bei Deiner Seele! als Du spürst. Bei Deiner Seele! Thu' nicht eines Halms Gewicht mit verstelltem Mund hinzu: dies ist solch ein Punkt, wo Rost ansetzt und dann weiter frisst. Dort am Durchschlag hör' ich Stimmen: Jäger sind es wohl, die kommen, aber hier ist alles still . . . oder nicht? . . . Nun geh' nur, geh', thu', wie ich Dir früher sagte. Tarquinius . Hierher ruf ich das Gefolge. Der Kaiser . Ja! was noch. Tarquinius .             Du hast befohlen.     Geht . Der Kaiser . Irgendwo ist Klang der Wahrheit wie ein Hörnerruf von weitem, doch ich hab ihn nicht in mir; ja, im Mund wird mir zur Lüge, was noch wahr schien in Gedanken. Schmach und Tod für meine Seele, Dass sie in der Welt liegt wie ein Basilisk, mit hundert Augen, die sich drehen, nach den Dingen äugend! dass ich Menschenschicksal so gelassen anseh'n kann wie das Steigen und Zerstäuben der Springbrunnen! dass ich meine eigne Stimme immer höre, fremd und deutlich wie das Schreien ferner Möwen! Tod! mein Blut ist verzaubert! Niemand, niemand kann mir helfen und doch bin ich stark, mein Geist ist nicht gemein, neugeboren trug ich Purpur, diesen Reif, bevor die Schale meines Kopfs gehärtet war –     Er reisst sich den Reif vom Kopf . und er schliesst das Weltall ein: diese ganze Welt voll Hoheit und Verzweiflung, voll von Gräbern und von Aeckern, Bergen, Meeren, alles schliesst er ein . . . was heisst das? was ist mir dies alles? welche Kraft hab ich, die Welt zu tragen? bin ich mir nicht Last genug!     Er zerbricht den Reif, wirft die Stücke     zu Boden und atmet wild . Die Stimme der Hexe aus dem Gebüsch . Der Kaiser horcht vorgebückt . Die Stimme . Komm, umschling mich mit den Armen, wie Du mich so oft umschlungen! Fühlst Du nicht, wie meine Schläfen klopfen, fühlst Du's mit den Lippen? Der Kaiser , sich zurückwerfend, mit emporgestreckten Armen . Redet sie zu mir? zu einem andern? ich ertrag es nicht! Hat sie alles noch mit andern wie mit mir? Dies ist so furchtbar, dass es mich zum Wahnsinn treibt . . . alles ist ein Knäu'l, Umarmung und Verwesung einerlei, Lallen von verliebten Lippen wie das Rascheln dürrer Blätter, alles könnte sein, auch nicht . . .     Die Arme sinken ihm herunter,     seine Augen sind starr zu Boden gerichtet.     Er rafft sich auf und schreit . Der Kaiser . Menschen, Menschen, ich will Menschen! Die drei Soldaten mit dem Verurteilten treten von Rückwärts auf.     Der Kaiser läuft auf sie zu . Der Kaiser . Ihr seht aus wie Menschen. Hierher tretet! hier! Ein Soldat .         Was will der Mensch? Zweiter . Still, das ist ein Herr vom Hof! Thu, was er uns heisst. Der Kaiser . Diesen hier macht frei! die Ketten sind für mich! in mir ist einer, der will dort hinein, er darf nicht stärker werden! gebt die Ketten!     Allmählich beruhigter . Der Kaiser . Zwar mich dünkt, nun ist es still . . . und die Sonne steht schon tief! . . . – Welch ein Mensch ist dies, wohin führt ihr ihn? Erster .                 Zu seinem Tod. Der Kaiser . Warum muss er sterben? Der Soldat .                             Herr, Lydus ist es. Der Kaiser .           Lydus? Der Soldat .                       Herr, wenig weisst Du, was im Land, was sich im Gebirg ereignet, wenn Du nichts von diesem weisst. Dieser ist der Fürchterliche, der ein ganzes Land verbrannte, Feuer warf in sieben Städte, sich Statthalter Gottes nannte und der Ungerechten Geissel, selbst ein ungerecht Begehren wie ein Rad von Blut und Feuer durch das Land des Friedens wälzend. Der Kaiser . Doch die Richter? Der Verurteilte , den Blick am Boden .                               Einen Richter, der das Recht bog, wollt' ich hängen, so fing alles an. Der Kaiser .                 Der Kaiser? der doch Richter aller Richter? Der Soldat . Herr, der Kaiser, der ist weit.     Eine kleine Stille . Der Hauptmann , kommt gelaufen . Hier ist nicht der Weg. Wir müssen weg von hier. Des Kaisers Jagd kommt bald hier vorbei.     Erkennend .                                       Der Kaiser!     Kniet nieder, sogleich auch die drei Soldaten . Der Kaiser zum Verurteilten . Stehst Du, Mensch? die andern knien. Der Verurteilte , den Blick am Boden . Diese Spiele sind vorüber; morgen Knie ich vor dem Block. Der Kaiser . Mensch, bei Gott, wie fing dies an? wie der erste Schritt davon? Der Verurteilte hebt seinen Blick     und richtet ihn fest auf den Kaiser . Mensch, bei Gott, mit einem Unrecht. Der Kaiser . Das Du thatest? Der Verurteilte , immer die Augen auf ihn geheftet .                           Das ich litt! Der Kaiser . Und was weiter kam? Der Verurteilte .                 Geschick. Der Kaiser . Und die Toten? Der Verurteilte .     Gut gestorben. Der Kaiser . Und was morgen kommt? Der Verurteilte .                       Das Ende, das höchst nötige gerechte Ende. Der Kaiser . Doch gerecht? Der Verurteilte , ruhig .     Jetzt wohl. Der Kaiser geht auf und ab. Endlich nimmt er seinen     Mantel ab, hängt ihn dem Verurteilten um,     winkt den Soldaten, aufzustehen . Tarquinius , zurückkommend, verneigt sich . Der Kaiser . Kämm'rer, schliess dem Mann den Mantel und mach ihm die Hände frei!     Es geschieht . Der Verurteilte blickt unverwandt, mit äusserster     Aufmerksamkeit, beinahe mit Strenge den Kaiser an . Der Kaiser , Tarquinius zu sich, nach rechts vorne, heranwinkend . Die Galeeren nach Dalmatien, die Seeräuber jagen sollen, warten, weil ich keinen Führer noch genannt. Ich nenne diesen, diesen Lydus. Wer sich selber furchtbar treu war, der ist jenseits der gemeinen Anfechtungen. Als ich in der Wiege lag, trug ich Purpur, um mich her stellten sie im Kreise Männer, und auf wen mit unbewusstem Finger ich nach Kinderart lallend deutete, der war über Heere, über Flotten, über Länder zum Gebieter ausgewählt. Ein grosses Sinnbild! Auf mein ungeheures Amt will ich Kaiser mich besinnen: meine Kammer ist die Welt und die Tausende der Tausend sind im Kreis um mich gestellt, ihre Aemter zu empfangen. Aemter! darin liegt noch mehr! Kämm'rer, führ den Admiral! Lydus heisst er, Lydus, merk. Sonst ist nichts von nöten, geh'.     Sie gehen ab, noch im Weggehen heftet der Mann     seinen ernsten, beinahe strengen Blick auf den Kaiser . Der Kaiser . Doch – wie eitel ist dies alles, Und wie leicht, daran zu zweifeln, wie so leicht es wegzuwerfen! Dieses Hauchen lauer Luft saugt mir schon die Seele aus! Kommt nicht irgend etwas näher? schwebt es nicht von oben her unbegreiflich sanft und stark? meinem Blut wird heiss und bang . . . Wie soll dies aus mir heraus? Nur mit meinen Eingeweiden! Denn ich bin darin verfangen, wie der Fisch, der allzugierig eine Angel tief verschlang. Sklave! Hund! was steh' ich hier? Weiss, dass sie mich nehmen will, steh' ihr selbst am Kreuzweg still! Dies muss sein! Ich will mich selber an den Haaren weiter schleppen bis zum Sinken dieser Sonne! Jagen! Jagd ist alles! Schleichen auf den Zehen mit dem Spiess, eigne Kraft in eines fremden Lebens Leib so wie der Blitz hineinschleudern . . . eine Taube! wie sie an den Zweigen hinstreift, trunken wie ein Abendfalter, Kreise zieht um meinen Kopf! Wo der Spiess? Doch hier der Dolch! Hier und so!     Er wirft den Dolch nach der Taube. Die Hexe,     angezogen wie ein Jägerbursch, taumelt hervor.     Sie presst die Hände auf die Brust und sinkt     am Rand eines Gebüsches rechts nieder . Die Hexe .             Weh! getroffen! Der Kaiser . Trug und Taumel! wessen Stimme? Vogel war's! Die Taube flog!     In der Nähe, aufschreiend . Was für Augen, welche Lippen!     Kriecht auf den Knieen der Hingesunkenen näher . Die Hexe , sanft wie ein Kind . Lieber, schlägst Du mir mit Eisen rote Wunden, blutig rote neue Lippen? Dort wo Deine Lippen lagen oft und oft! Weisst Dir alles das nicht mehr? so ist alles aus? Leb wohl, aber Deiner nächsten Freundin, wenn ich tot bin, sei getreuer, und bevor Du gehst und mich hier am Boden sterben lässt, deck mir noch mit meinen Haaren meine Augen zu, mir schwindelt! Alle Bäume drehen sich um mich her und thun mir weh. Der Kaiser hebt die Hände auf, sie zu berühren.     In diesem Augenblick überschüttet die dem Untergang     nahe Sonne den ganzen Waldrand mit Licht und den     rötlichen Schatten der Bäume. Der Kaiser schaudert     zurück, richtet sich auf, geht langsam, die Augen     auf ihr, von ihr weg; sie liegt wie tot . Der Kaiser . Tot! was ist für diese Wesen tot? die Sonne ist nicht unten, dunkel flammt sie, scheint zu drohen. Soll ich sie hier liegen sehen? sollen Ameisen und Spinnen über ihr Gesicht hinlaufen und ich sie nicht anrühr'n? ich! der mit zehnmal soviel Küssen ihren Leib bedeckt hab', als das Gewebe ihres Kleides Fäden zählt, wie? soll ich sie liegen lassen, dass mein Hof, meine Diener ihr Gesicht mir betasten mit den Blicken? Ich ertrüg' es nicht, ich würfe mich auf sie, sie zuzudecken! Dort! ein Mensch, der Stämme schleppt, abgeschälte, schwere Stämme. Hier ist eine schön're Last.     Er tritt in eine Lichtung und winkt . Du, komm her! komm hierher! hier! zwar, womit den Menschen lohnen? auf den Gold- und Silberstücken ist mein Bild, doch hab ich keines! Doch, der Reif, den ich zerbrach: wenn die Krone auch zerschlagen da und dort am Boden rollt, ist sie doch noch immer Gold.     Er bückt sich und hebt ein paar Stücke auf.     Er betrachtet die Stücke, die er in der Hand hält . Wohl, so lange Du geformt warst, warst Du viel. Dein blosses Blinken konnte ungeheure Heere lenken wie mit Zauberwinken. Krone, brauchtest nur zu leuchten, nur zu funkeln, nur zu droh'n – kaum die Dienste eines Knechtes zahlt Dein Stoff, der Form entfloh'n.     Eine kleine Stille . Mitten drunter kann ich denken, ruhig denken, sonderbar. Der arme Mensch , in Lumpen, ein junges, entschlossenes     Gesicht und eine unscheinbare gebückte Haltung . Herr, was riefst Du, dass ich thun soll? Der Kaiser , steht von der Leiche abgewandt . Diesen Toten . . . Der Mensch .                 Herr, ein Weib! Der Kaiser . Frag nicht, schaff' sie fort! Der Mensch .                             Fort? Wohin? Der Kaiser .   Gleichviel! ins Dickicht. Wo sie keiner sieht, wo ich sie nicht sehe! später dann . . . Hier ist Gold für Deine Arbeit. Der Mensch , steht starr . Dies? dafür? für nichts als das? Der Kaiser . Nicht genug? komm später wieder. Der Mensch . Nicht genug? es wär genug, mir mein Leben abzukaufen. Herr, wer bist Du? um dies Gold stoss' ich Dir am hellen Tag, wen Du willst von Deinen Feinden, während er bei Tisch sitzt, nieder . . . um dies Gold verkauft Dir meine Schwester ihre beiden Töchter!     Er richtet sich gross auf, mit ausgestreckten Armen . Der Kaiser . Später dann, wenn's dunkel ist, kommst Du wieder und begräbst sie, gräbst im Dunkeln ihr ein Grab, aber so, dass auch kein Wiesel davon weiss und je es aufspürt; hüte Dich! Der Mensch .     Ich will es graben, dass ich selber morgen früh nicht den Ort zu sagen wüsste: denn mit diesem Leib zugleich werf' ich in die dunkle Grube meinen Vater, meine Mutter, meine Jugend, ganz beschmutzt mit Geruch von Bettelsuppen, mit Fusstritten finstren Schicksals! Der Kaiser . Geh' nun, geh'! Doch hüte Dich, dass Du sie nicht anrührst, nicht mehr als nötig, sie zu tragen. Ich erführ' es, sei versichert, ich erführ's, und hinter Dir schickte ich dann zwei, die grüben schneller Dir ein Grab im Sand, schneller noch und heimlicher als Du diese wirst begraben.     Er winkt ihm, Hand anzulegen, setzt sich selbst auf     einen Baumstrunk und schlägt die Hände vors Gesicht . Der Mensch schleppt den regungslosen Leib     ins Gebüsch. Lange Stille . Der Kaiser , aufstehend, umherschauend . Ist sie fort, für immer fort? . . . und die Sonne doch noch da? . . . zwar nicht Tag, nicht schöner Tag, vielmehr Nacht mit einer Sonne. Und ich that es wirklich, that es? unsre Thaten sind die Kinder eines Rauchs, aus rotem Rauch springen sie hervor, ein Taumel knüpft, ein Taumel löst die Knoten. Meine Seele hat nicht Kraft, sich zu freu'n an dieser That! Diese That hat keinen Abgrund zwischen mich und sie gethan, ihren Atem aus der Luft mir nicht weggenommen, nicht ihre Kraft aus meinem Blut! Wenn ich sie nicht noch einmal sehen kann, werd' ich nie glauben, dass ich mich mit eignem Willen von ihr losriss; dies noch einmal sehen! dies, was eine Hand zudeckt, dieses kleine Stück ihres Nackens, wo zur Schulter hin das Leben sich so trotzig und so weich, so unbegreiflich drängt, nur dieses eine sehen! sehen und freiwillig nicht – nicht! – berühren . . . aber wo? Fort! er trug sie . . . ich befahl, schuf mir selber diese Qual. Aber dort die grünen Ranken seh' ich, spür' ich nicht? sie beben! frag ich viel, ob's möglich ist! spür' ich nicht dahinter Leben?     Er reisst die Ranken weg, die den Eingang     der Höhle verhängen . Ein uralter Blinder tritt ängstlich hervor, weit mit     einem dürren Stecken vor sich hintastend.     Sein ganzes Gewand ist ein altes, linnenes Hemd . Der Kaiser , hinter sich tretend . Wie, hier auch ein Mensch! Dies feuchte Loch noch immer Raum genug für ein Leben? ist's damit, dass ich sehen soll, welch ein Ding herrschen ist, dass mir der Wald und die Strasse, ja das innre eines Berges nichts wie Menschen heut' entgegenspei'n? Heisst dies, Kaiser sein: nicht atmen können, ohne mit der Luft ein Schicksal einzuschlucken? Der Greis . War es Sturm, der meine Thüre aufriss? Weh, es ist nicht Nacht! Nicht das kleine Licht der Sterne rieselt auf die Hände nieder . . . Schwere Sonne! schwacher Wind! Der Kaiser , für sich . Diese Stirn, die riesenhaften, ohnmächtigen Glieder, innen ist mir, alles dieses hab' ich schon einmal gesehen! wann? Kindertage! Kindertage! Hier ist irgend ein Geheimnis und ich bin darein verknüpft, fürchterlich verknüpft Der Greis . Dort! es steht! es atmet jung!     Pause . Wie ein junges Tier!     Pause .                                   Ein Mensch!     Er zittert . Hab' Erbarmen! ich bin blind, lass mich leben! leben! leben! Der Kaiser . Alter Mann!, ich thu' Dir nichts. Sag mir Deinen Namen. Der Greis . Lass mich leben, hab' Erbarmen! Der Kaiser . Fühl', ich habe leere Hände! Sag' mir, wer Du bist.     Lange Pause . Der Greis , seine Hände anfühlend . Ring! Der Kaiser . Den Namen, sag' den Namen! Der Greis . Was für Stein? Der Kaiser .             Ein grüner. Der Greis .                                 Grüner? grosser grüner? Der Kaiser .               Deinen Namen!     Er fasst ihn an, der Greis schweigt. Im Hintergrunde     sammelt sich der Hof. Sie geben ihre Spiesse an die     Jäger ab. Links rückwärts wird ein purpurnes Zelt     aufgeschlagen. Unter den anderen steht der Verurteilte,     er trägt ein rotseidenes Gewand, darüber den Mantel     des Kaisers, in der herabhängenden Hand einen kurzen     Stab aus Silber und Gold . Tarquinius , knieend . Herr! die allergnädigste Kaiserin lässt durch mich melden, dass sie sich zurückgezogen, weil die Zeit gekommen war für das Bad der kaiserlichen Kinder. Der Kaiser , ohne aufzumerken, betrachtet den Greis, wirft dann     einen flüchtigen Blick auf seinen Hof, alle beugen ein Knie . Decken!     Man bringt purpurne Decken und Felle, und legt sie in die     Mitte der Bühne. Der Kaiser führt den Blinden hin und lässt ihn     setzen. Er sitzt wie ein Kind, die Füsse gerade vor sich.     Die weichen Decken scheinen ihn zu freuen . Der Kaiser , von ihm wegtretend . Grossfalkonier! ich habe diesen Menschen im kaiserlichen Forst gefunden. Wer ist das? Kannst Du mir sagen, wer das ist?     Tiefe Stille . Grosskämmerer, wer ist der Mann? mich dünkt ich seh' ihn heute nicht zum erstenmal.     Stille . Präfekt des Hauses, wer ist dieser Mensch?     Stille . Grosskanzler, wer?     Stille . Grossdragoman, wer ist das?     Stille . Die Kapitäne meiner Wachen! wer?     Stille . Du, Tarquinius, bist zu jung, um mich anzulügen, hilf mir! Tarquinius , um den Blinden beschäftigt . Herr, er trägt ein Band von Eisen um den Hals geschmiedet, einen schweren Ring mit einer Inschrift. Der Kaiser winkt ihm, zu lesen, tiefe Stille . Tarquinius liest . Ich, Johannes der Pannonier, war durch dreiunddreissig Tage Kaiser in Byzanz.     Pause. Tiefe Stille .                               Geblendet bin ich nun und ausgestossen als ein Frass der wilden Tiere auf Befehl – Der Kaiser , sehr laut .                       Lies weiter, Kämm'rer! Tarquinius , liest weiter . auf Befehl des höchst heiligen, höchst weisen, des unbesiegbarsten, erlauchtesten Kindes –     Stockt . Der Kaiser , sehr laut .                 Kindes . . . lies! Tarquinius .                                 Dein Name, Herr!     Lange Stille . Der Kaiser , mit starker Stimme . Grosskämmerer! wie alt war ich, der Kaiser, als dies geschah? Der Grosskämmerer , knieend .                             Drei Jahre, hoher Herr.     Lange Stille . Der Kaiser , mit halber Stimme; nur zu Tarquinius . Kämm'rer, schau', dies war ein Kaiser! Zu bedeuten, das ist alles! was sonst bleibt, ist Schlamm und Staub.     Nach einem langen Nachdenken . Ja, den Platz, auf dem ich stehe, gab mir ungeheurer Raub, und mit Schicksal angefüllt ist die Ferne und die Nähe. Von viel buntern Abenteuern, als ein Märchen, starrt die Welt, und sie ist der grosse Mantel, der von meinen Schultern fällt. Ueberall ist Schicksal, alles fügt sich funkelnd ineinander, und unlöslich wie die Maschen meines goldnen Panzerhemdes. Denn zu unterst sind die Fischer und Holzfäller, die in Wäldern und am Rand des dunklen Meeres atmen und ihr armes Leben für die Hand voll Gold dem ersten, der des Weges kommt, verkaufen. Und dann sind die vielen Städte . . . und in ihnen viele Dinge: Herrschaft, Weisheit, Hass und Lust, eins um's andre feil, zuweilen eines mit dem andern seine Larve tauschend und mit trunknen Augen aus dem ganz verkehrten Antlitz schauend. Und darüber sind die Könige, zu oberst ich. von dieser höchsten Frucht fällt ein Licht zurück auf alles und erleuchtet jede tiefre Stufe; jede: auf den Mörder fällt ein Strahl, Taglöhner, Sklaven und die Ritter und die Grossen, mir ist alles nah; ich muss das Licht in mir tragen für den, der geblendet ward um meinet- willen, denn ich bin der Kaiser. Wunderbarer ist mein Leben, ungeheuer aufgetürmt, als die ungeheuren Dinge, Pyramiden, Mausoleen, so die Könige vor mir aufgerichtet. Ich vermag auf den Schicksalen der Menschen so zu thronen, wie sie sassen auf getürmten toten Steinen. Und so ungeheure Kunde, wer ich bin und was ich soll, brachte diese eine Stunde, denn ihr Mund war übervoll von Gestalten. – Der Greis wendet sich mit heftiger Unruhe und einem     leisen Wimmern nach dem Hintergrunde . Tarquinius . Herr, es ist, er riecht die Speisen, die sie hinteren Zelt bereiten, und ihn hungert. Der Kaiser .               Bringt zu essen.     Es kommen drei Diener mit goldenen Schüsseln. Den ersten     und zweiten beachtet der Greis nicht, nach der Richtung,     wo der dritte steht, begehrt er heftig. Tarquinius nimmt dem     dritten die Schüssel aus der Hand, kniet vor den Greis hin und     reicht ihm die Schüssel . Tarquinius , bei dem Greis knieend . Er will nur von dieser Speise: Süsses ist es.     Tarquinius will ihm die Schüssel wieder wegnehmen, der Greis     weint. Er stellt ihm die Schüssel hin . Der Greis winkt mit der Hand, alle sollen wegtreten, versichert sich,     dass er die Schüssel hat, richtet sich gross auf, streckt die Hand,     an der des Kaisers Ring steckt, gebieterisch aus, – der Arm zittert     heftig, – und ruft schwach vor sich hin .                       Ich bin der Kaiser!     Sogleich setzt er sich wieder hin, wie ein Kind, isst die Schüssel leer . Der Kaiser , rührt ihn sanft an . Du, Du hast aus meiner Schüssel jetzt gegessen; komm, ich geb' Dir jetzt mein Bett, darin zu schlafen. Der Greis nickt, der Kaiser stützt und führt ihn in das Zelt.     Der Hof zieht sich nach links rückwärts zurück. Man sieht sie     zwischen den Bäumen lagern und essen. Rechts rückwärts geht     eine Wache auf und ab. Die Sonne steht nun in dem Walddurchschlag,     dem Rand des Hügels sehr nahe . Der Kaiser , aus dem Zelt zurückkommend, neben ihm Tarquinius . Immer noch dieselbe Sonne! Geht mir's doch wie jenem Hirten, der, den Kopf im Wasserschaff, meinte, Welten zu durchfliegen.     Er setzt sich links vorne auf einen Stumpf . Ich bin heiterer, mein Lieber, als ich sagen kann – gleichviel, denk nicht nach! . . . Es ist der neue Admiral, der mich so freut. Sieh, ein Schicksal zu erfinden, ist schon schön, doch Schicksal sein, das ist mehr; aus Wirklichkeit Träume bau'n, gerechte Träume, und mit ihnen diese Hügel und die vielen weiten Länder bis hinab ans Meer bevölkern, und sie vor sich weiden seh'n, wie der Hirt die stillen Rinder –     Eine kleine Pause . Grauenhaftes, das vergangen, giebt der Gegenwart ein eignes Leben, eine fremde Schönheit, und erhöht den Glanz der Dinge wie durch eingeschluckte Schatten. Tarquinius . Die Kaiserin!     Er springt zurück.     Von hinten her ist mit leisen Schritten die Hexe herangetreten.     Sie trägt das Gewand der Kaiserin, in dessen untersten Saum     grosse Saphire eingewebt sind. Ueber das Gesicht fällt ein dichter,     goldner Schleier. In der Hand trägt sie eine langstielige goldne Lilie . Der Kaiser , ohne aufzustehen .                         So kommst Du doch! Man hat mir was gemeldet – Doch Du kommst, so sind die Kinder wohl gebadet, Helena. Lass uns von den Kindern reden! Zwar Du redest von nichts anderm – in der Kammer, wo sie schlafen, wohnt die Sonne, Regenbogen, Mond, die schönen klaren Sterne, alles hast Du in der Kammer, nicht? Mich dünkt, Du lächelst nicht! Lächelst doch so leicht: zuweilen bin ich blass vor Zorn geworden, wenn ich sah, wie leicht Dir dieses Lächeln kommt, wenn ich bedachte, dass ein Diener, der Dir Blumen bringt, den gleichen Lohn davon hat, wie ich selber . . . es war unrecht! Heut' begreif' ich's. Ueber alle Worte klar begreif' ich's heute: welch ein Kind Du bist, wie völlig aus Dir selbst dies Kinderlächeln quillt. Ich bin so froh, zu denken, dass . . . ich mein, dass Du es bist, die mir Kinder auf die Welt bringt. Meine Kinder, Helena – . . . wie von einer kleinen Quelle hergespült, wie aufgelesen von den jungen grünen Wiesen, die Geschwister ahnungsloser, aus dem Nest gefallner kleiner Vögel sind sie, Helena, Weil es Deine Kinder sind! Keine Antwort? und den Schleier auch nicht weg? Wir sind allein! Die Hexe schlägt den Schleier zurück . Der Kaiser , aufspringend . Hexe Du und Teufelsbuhle, stehst Du immer wieder auf? Die Hexe , indem sie sich halb wendet, wie ihn fortzuführen . Komm, Byzanz! Wir wollen diese Schäferspiele nun vergessen! Mit einander wieder liegen in dem goldnen Palankin, dessen Stangen Deine Ahnherrn Julius Cäsar und die andern tragen. Der Kaiser lacht . Die Hexe , mit ausgebreiteten Armen .             Ich kann nicht leben ohne Dich! Der Kaiser .       Geh' fort von mir! Die Hexe . Sieben Jahre! Der Kaiser .             Trug und Taumel! Sieben Tage brachen alles! Die Hexe . Hör' mich an! Der Kaiser .             Vorbei! Vorbei! Die Hexe . Keine Stunde! Deine Lippen beben noch. Der Kaiser .         Gott hat's gewendet! Jeden Schritt von Deinen Schritten gegen Dich! Aus allen Klüften von der Strasse, aus den Wäldern, aus dem Boden, aus den Lüften sprangen Engel, mich zu retten! Wo ich hingriff, Dich zu spüren, thaten sich ins wahre Leben auf geheimnisvolle Thüren, mich mir selbst zurückzugeben. Die Hexe schleudert ihre goldene Lilie zu Boden,     die sogleich zu Qualm und Moder zerfällt . Hingest doch durch sieben Jahr festgebannt an diese Augen und verstrickt in dieses Haar! Völlig mich in Dich zu saugen und in mir die ganze Welt; Hexe denn! und Teufel Du, komm! uns ziemt das gleiche Bette! Der Kaiser . Willst Du drohen? sieh, ich stehe! sieh, ich schaue! sieh, ich lache! Diese Flammen brennen nicht! Aber grenzenlose Schwere lagert sich in Dein Gesicht, Deine Wangen sinken nieder und die wundervollen Glieder werden Runzel, werden Grauen und Entsetzen anzuschauen. Die Hexe , zusammensinkend, wie von unsichtbaren Fäusten gepackt . Sonne! Sonne! ich ersticke!     Sie schleppt sich ins Gebüsch, schreit gellend auf und rollt im     Dunkel am Boden hin. Die Sonne ist fort. Der Kaiser steht,     die Augen starr auf dem Gebüsch. Eine undeutliche Gestalt,     wie ein altes Weib, humpelt im Dickicht nach rückwärts . Der Kaiser . Gottes Tod! dies halten! haltet! Wachen! Kämm'rer! dort! dort! dort! Tarquinius , kommt gelaufen . Hoher Herr! Der Kaiser .         Die Wachen, dort! sollen halten!     Lange Pause . Tarquinius , kommt wieder .                       Herr, die Wachen schworen: niemand ging vorüber als ein runzlich altes Weib, eine wohl, die Beeren sammelt oder dürres Holz. Der Kaiser , ihn anfassend, mit einem ungeheuren Blick :                             Tarquinius!     Zieht ihn an sich, überlegt, schweigt eine Weile, winkt ihm,     wegzutreten, kniet nieder . Herr, der unberührten Seelen schönes Erbe ist ein Leben, eines auch ist den Verirrten, denen eines, Herr, gegeben, die dem Teufel sich entwanden und den Weg nach Hause fanden.     Während seines Gebetes ist der Vorhang langsam gefallen .