Washington Irving Erzählungen von der Eroberung Spaniens Inhalt. Vorrede Die Erzählung von Don Roderich I. Von den alten Bewohnern Spaniens. – Von Witiza des Gottlosen schlimmer Regierung II. Don Roderich's Erscheinen. – Seine Regierung III. Von Don Roderich's Liebe und der Prinzessin Elyata IV. Vom Grafen Julian V. Die Geschichte der Florinda VI. Don Roderich erhält eine außerordentliche Botschaft VII. Geschichte des wunderbaren und verhängnisvollen Thurmes VIII. Graf Julian. – Seine Schicksale in Afrika. – Er hört von der Entehrung seines Kindes. – Sein Benehmen darauf IX. Geheimer Besuch des Grafen Julian im Lager der Araber. – Erster Zug des Tarek el Tuerto X. Musa's Brief an den Kalifen. – Zweiter Zug des Tarek el Tuerto XI. Maasregeln Don Roderich's bei der Nachricht von dem Einfalle. – Der Zug Ataulph's. – Tarek's Gesicht XII. Die Schlacht von Calpe. – Ataulph's Schicksal XIII. Schrecken des Landes. – Roderich greift selbst zu den Waffen XIV. Zug des Gothen-Heeres. – Lager an den Ufern des Guadalate. – Geheimnißvolle Weissagungen eines Pilgers. – Pelistes Benehmen in Folge derselben XV. Gefecht zwischen den beiden Heeren. – Pelistes und der Bischof XVI. Verrätherische Botschaft des Grafen Julian. XVII. Der letzte Tag des Kampfes XVIII. Das Schlachtfeld nach der Niederlage, – Don Roderich's Schicksal Erläuterungen zu der Erzählung von Don Roderich Roderich's Grab Die Höhle des Herkules Erzählung von der Unterjochung Spaniens I. Bestürzung des Landes. – Benehmen der Sieger. – Botschaften zwischen Tarek und Musa II. Einnahme von Granada. – Unterjochung der Alpuxarra-Gebirge III. Magued's Zug gegen Cordova. – Vertheidigung des Vaterlandsfreundes Pelistes IV. Vertheidigung des Klosters St. Georg durch Pelistes V. Zusammentreffen zwischen dem Vaterlandsfreund Pelistes und dem Verräther Julian VI. Wie Tarek el Tuerto durch Hülfe der Juden Toledo einnahm, und wie er die berühmte magische Tafel des Königs Salomon fand VII. Musa Ben Nosair. – Sein Eintritt in Spanien. – Die Einnahme von Cordova VIII. Musa zieht gegen die Stadt Sevilla IX. Musa belagert die Stadt Merida X. Abdalasis' Zug gen Sevilla und »das Land von Tadmir« XI. Musa zieht gegen Toledo. – Seine Zusammenkunft mit Tarek XII. Musa verfolgt den Eroberungsplan. – Belagerung von Saragossa. – Vollständige Unterjochung Spaniens XIII. Zwist unter den arabischen Feldherrn. – Sie werden aufgefordert, vor dem Kalifen zu Damaskus zu erscheinen. – Tarek's Empfang XIV. Musa langt zu Damaskus an. – Seine Zusammenkunft mit dem Kalifen. – Salomon's Tafel. – Ein strenger Richterspruch XV. Benehmen des Abdalasis als Emir von Spanien XVI. Abdalasis' und Exilona's Liebe XVII. Abdalasis' u. Exilona's Schicksal. – Musa's Tod Erzählung von dem Grafen Julian und seiner Familie Anmerkung zu der vorstehenden Erzählung Vorrede. Wenige geschichtliche Begebenheiten sind in ihren Hauptzügen so hervorstechend und anziehend, in ihren Folgen so bedrückend und dauernd gewesen, wie die Eroberung Spaniens durch die Sarazenen; dennoch waren Triebfedern, Charaktere und Handlungen der Hauptpersonen selten in größere Ungewißheit und in größere Widersprüche gehüllt. Wie bei der denkwürdigen Geschichte des Falles von Troja müssen wir, so gut wir können, die wahren Einzelnheiten aus dem Dunkel poetischer Fiction herauszufinden suchen; allein das poetische Element ist mit jeder Thatsache so verschmolzen, hat ihr seine magischen Farbentöne in so hohem Grade geliehen, daß die Geschichte, desselben entkleidet, ein mageres Gerippe und aller ihrer Reize verlustig würde. Der Sturm des moslemitischen Einfalles, welcher so plötzlich über die Halbinsel daherbrach, machte die schwache Stimme der Muse eine Zeitlang verstummen und trieb die Gelehrten aus ihren Zellen. Die Feder wurde weggeworfen, und Schwert und Speer in die Hand genommen; man war zu sehr damit beschäftigt, gegen die von allen Seiten andringenden Unfälle zu kämpfen, als daß man Zeit oder Neigung gehabt hätte, sie niederzuschreiben. Als sich die Nation einigermaßen von den Wirkungen dieses betäubenden Schlages erholt oder vielmehr an den furchtbaren Wechsel, den er hervorgebracht, gewöhnt hatte und weise Männer die Einzelnheiten zu erforschen und niederzuschreiben suchten, war es zu spät, sie nach ihrer strengen Wahrheit zu vergewissern. Die Düsterheit und Schwermuth, welche sich über dem Lande gelagert hatte, erzeugte tausend abergläubische Phantasiegebilde; die Wehen und Schrecken der Vergangenheit wurden in übernatürliche Wunder und Ahnungen gekleidet, und die Helden des furchtbaren Drama's hatten bereits den zweifelhaften Charakter der Dichtung angenommen. Unternahm es aber auch einer der Eroberer, dem Gegenstande seine Feder zu leihen, so verschönerte er ihn mit all den wilden Ausschweifungen einer orientalischen Phantasie, welche sich später in die ernstern Werke der mönchischen Geschichtschreiber einschlichen. Daher haben die frühesten Chroniken, welche von dem Falle Spaniens reden, gar leicht den Beigeschmack jener Heiligenwunder, welche die frommen Bemühungen der Klöster nicht verläugnen können, oder jener phantasiereichen Dichtungen, die ihre arabischen Verfasser verrathen. Demungeachtet sind aus diesen sehr apokryphischen Quellen die anerkanntesten und geglaubtesten spanischen Geschichtsdarstellungen entsprungen, wie man klare Ströme bis zu den Pfützen und verschlammten Wassern eines Sumpfes verfolgen kann. Es ist wahr, ihre Verfasser haben mit vorsichtigem Urtheile die Einzelnheiten, deren Unwahrscheinlichkeit zu sehr in die Augen sprang, zu beseitigen gesucht und nur solche gesammelt, welche wegen ihrer Wahrscheinlichkeit und Angemessenheit als historische Thatsachen mit gutem Gewissen angeführt werden konnten; doch ist kaum eine einzige unter ihnen, welche nicht ursprünglich mit irgend einer romantischen Fiction verbunden gewesen wäre, oder, selbst in ihrem aller Dichtung entkleideten Zustande, nicht Spuren des früheren Schmuckes an sich trüge. Allein alles Phantastische und Wunderbare aus diesem Theile der spanischen Geschichte ausscheiden, hieße viele ihrer schönsten, belehrendsten und nationalsten Züge ausscheiden; es hieße, Spanien nach dem Richtmaas der Wahrscheinlichkeit beurtheilen, das zahmeren und prosaischeren Ländern zukommen mag. Spanien ist ganz eigentlich ein Land der Poesie und Phantasie, woselbst das Alltagsleben etwas Abenteuerliches hat und wo die geringste Erregung und Bewegung Alles zu hohen Thaten und Bühnen-Unternehmungen hinaufspannt. Die Spanier waren zu allen Zeiten aufwallend, hochfahrend, geistesschwungreich in Gedanken, pomphaft in Worten und tapfer, obgleich großsprecherisch und eitel, in Thaten. Ihr heldenmäßiges Streben ließ das kühlere Trachten ihrer Nachbarn weit hinter sich zurück, und ihre rücksichtlose Kühnheit trieb sie zu Unternehmungen hin, welche kluge Thatkraft niemals hätte vollbringen können. Auch hat seit der Zeit der Eroberung und Besitznahme ihres Landes durch die Araber eine starke Beimischung orientalischer Pracht ihrem Nationalcharakter sich zugesellt und den Spaniern etwas Eigenthümliches gegeben, das sie von allen andern Nationen Europa's unterscheidet. Der Verfasser hat daher in den nachstehenden Blättern es versucht, sich tiefer in die bezauberten Brunnen der alten spanischen Geschichte zu versenken, als die zu thun pflegten, welche die begebnißreiche Periode der Eroberung behandelt haben; er hofft jedoch, er werde dadurch den Charakter des Volkes und die Zeiten zu einer klaren Anschauung bringen. Er hat es für räthlich gehalten, diesen Ueberlieferungen die Gestalt von Erzählungen oder Sagen zu geben, indem er die Wahrhaftigkeit der nüchternen Geschichte nicht für sie in Anspruch nimmt, aber auch nichts gibt, das ohne historische Begründung wäre. Alle hier mitgetheilten Thatsachen werden, so seltsam auch manche derselben scheinen mögen, in den Werken weiser und ehrwürdiger Chronikenschreiber aus alten Zeiten, wo sie mit lange anerkannten Wahrheiten Hand in Hand gehen, gefunden und können durch gelehrte und eindringliche Citate an dem Rande außer allen Zweifel gesetzt werden.   Der Verfasser. Die Erzählung von Don Roderich. Viele in dieser Sage enthaltenen Thatsachen sind aus einer alten Chronik genommen, welche in zierlicher und veralteter spanischer Handschrift geschrieben und angeblich eine Uebersetzung aus der arabischen Geschichte des Mauren Rasis ist, die Mohammed, ein moslemitischer Schriftsteller, und Gil Parez, ein spanischer Priester, gefertigt haben. Man betrachtet sie als eine literarische Mosaik-Arbeit, aus arabischen und spanischen Chroniken zusammengesetzt; die meisten spanischen Geschichtschreiber haben jedoch aus diesem Werke ihre Einzelnheiten in Bezug auf die Schicksale Don Roderich's entnommen. Der Verf.   Erstes Kapitel. Von den alten Bewohnern Spaniens. – Von Witiza des Gottlosen schlimmer Regierung. Spanien, oder, wie es in den alten Zeiten genannt wurde, Iberien, war ein von den frühesten Perioden her durch Eindringlinge vielfach bedrängtes Land. Die Celten, die Griechen, die Phönizier, die Karthaginenser brachen wechselsweise oder zu gleicher Zeit in seine Gebiete ein, trieben die eingebornen Iberier aus ihren heimischen Sitzen und gründeten Kolonien und bauten Städte in dem eroberten Lande. Später fiel es in die nach Allem greifende Gewalt Rom's und war eine Zeitlang eine unterjochte Provinz; und als dies riesenhafte Reich in Trümmer zerfiel, überströmten die Sueven, die Alanen und die Vandalen, diese Barbaren des Nordens, das arme Land, verwüsteten es und theilten seine Gebiete unter sich. Ihre Herrschaft war nicht von langer Dauer. Im fünften Jahrhundert unternahmen die Gothen, welche damals Rom's Verbündete waren, die Eroberung Iberiens, und nach einem dreijährigen verzweifelten Kampfe blieben sie Sieger. Sie trieben die barbarischen Horden, ihre Vorgänger, vor sich her, verbanden sich durch Zwischenheirathen und verschmolzen sich mit den alten Eingebornen des Landes und bildeten ein mächtiges, glänzendes Reich, welches die Iberische Halbinsel, das alte Narbonesische, später Gallia gothica oder Gothisches Gallien genannt, und einen Theil der afrikanischen Küste, Tingitania geheißen, in sich begriff. Durch diese Mischung der Gothen und Iberier wurde gewissermaßen auch ein neuer Volksstamm erzeugt. Einer Verbindung kriegerischer Stämme entsprungen und inmitten des Waffengetöses gesäugt und herangewachsen, waren die Gothischen Spanier, wenn man sie so nennen darf, ein kriegerisches, ruheloses, aber hochsinniges und heldenmüthiges Volk. Ihre einfache, enthaltsame Lebensweise, ihre Verachtung körperlicher Mühseligkeiten und Leiden und ihre Liebe zu kühnen Unternehmungen machten sie ganz für das Kriegerleben geeignet. Auch waren sie dem Kriege so zugethan, daß sie, wenn es ihnen an Feinden von außen fehlte, mit denen sie sich messen konnten, sich unter einander bekämpften, und wenn sie im Handgemenge waren, konnten, wie ein alter Chronikenschreiber sagt, selbst die Donnerschläge und Blitze des Himmels sie nicht trennen. Florian de Ocampo. lib. III. cap. 12. – Justin . Abrev Trog. Pomp, lib. XLIV. Bleda , Chronica. lib. II. cap. 3. – Der Verf. Zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch blieb die Herrschaft der Gothen unerschüttert, und fünf und zwanzig Könige hatten während dieser Zeit in ununterbrochener Reihenfolge den Thron inne. Die Krone war der Wahl eines Rathes von Palatinen (Kronbeamten), der aus den Bischöfen und Edeln zusammengesetzt war, anheim gegeben; während diese Palatine dem neu gewählten Herrscher Treue schworen, verpflichteten sie ihn seinerseits durch einen Eid zu treuer Erfüllung seiner Pflichten. Sie wählten unter dem Volke, und ihre Wahl war nur einer einzigen Bedingung unterworfen – der König mußte reinen Gothischen Geblütes sein. Obgleich aber die Krone, dem Grundsatze nach, wählbar war, wurde sie durch den Gebrauch allmählich erblich, und die Macht der Könige stieg so, daß sie fast eine unbeschränkte war. Der König war Oberbefehlshaber der Heere; die Verleihung aller Stellen des Königreichs war in seinen Händen; er rief die Nationalberathungen zusammen und lös'te sie auf; er gab Gesetze und nahm sie zurück, wie er es für gut fand; und da er auch in Kirchensachen unbeschränkte Gewalt ausübte, herrschte er selbst über das Gewissen seiner Unterthanen. Die Gothen waren, zur Zeit ihres Einfalls, dem Arianismus auf das Eifrigste zugethan; nach einiger Zeit aber gingen sie zu der katholischen Lehre über, welche durch die eingebornen Spanier in vielfacher Hinsicht von den grellen abergläubischen Ansichten der Kirche von Rom fern gehalten worden war; und diese Glaubenseinheit trug mehr als alles Andere dazu bei, daß diese zwei Stämme in einen verschmolzen und sich verbanden. Die Bischöfe, so wie die übrigen Geistlichen, befleißigten sich eines musterhaften Lebens und halfen den Einfluß der Gesetze erhöhen und das Ansehen der Regierung erhalten. Die Früchte einer regelmäßigen und gesicherten Verwaltung äußerten sich in dem Erblühen des Ackerbaues, des Handels und der Künste des Friedens, so wie in erhöhtem Reichthum, Luxus und geistiger Bildung; aber man bemerkte auch den allmähligen Verfall der einfachen, kräftigen und kriegerischen Sitten, welche die Nation in ihren halb barbarischen Zeiten ausgezeichnet hatten. Dieser Art war der Zustand Spaniens, als in dem Jahre der christlichen Zeitrechnung 701 Witiza zum Könige der Gothen erwählt wurde. Der Anfang seiner Regierung erfüllte Spanien mit der Hoffnung glücklicher Tage. Er half Beschwerden aller Art ab, ermäßigte die Abgaben seiner Unterthanen und verband in der Handhabung der Gesetze Kraft und Milde auf eine seltene Weise. Nach kurzer Weile warf er aber die Maske ab und zeigte sich ganz seinem Charakter gemäß – grausam und üppig. Zwei seiner Verwandten, Söhne des vorigen Königs, weckten seinen Argwohn in Bezug auf die Sicherheit seines Thrones. Einen derselben, Namens Favila, Herzog von Cantabrien, ließ er umbringen und hätte seinen Sohn Palavo dasselbe Schicksal theilen lassen, hätte er des Jünglings, den die Vorsehung zum künftigen Heile Spaniens aufbewahrt hatte, habhaft werden können. Der andere Gegenstand seines Argwohns war Theudofred, welcher vom Hofe entfernt lebte. Witiza's ungestüme Gewalt erreichte ihn sogar in seiner Zurückgezogenheit. Die Augen wurden ihm ausgebohrt, und man mauerte ihn in einem Schlosse zu Cordova ein. Roderich, Theudofred's junger Sohn, entfloh nach Italien, wo er bei den Römern Schutz fand. Als Witiza sich nun auf dem Throne sicher glaubte, ließ er seinen ausschweifenden Leidenschaften freien Zügel und erhielt bald, in Folge seiner Tyrannei und Sinnlichkeit, den Namen Witiza der Gottlose. Die alte gothische Enthaltsamkeit verachtend und sich dem Beispiele der Sekte Mahomet's zuneigend, welche seinem lüsternen Temperament mehr zusagte, erlaubte er sich die Verbindung mit mehreren Weibern und Beischläferinnen und ermuthigte auch seine Unterthanen, dasselbe zu thun; er suchte sogar für seine Ausschweifungen die Genehmigung der Kirche zu erhalten, indem er ein Gesetz ergehen ließ, demzufolge die Geistlichen ihres Gelübdes der Ehelosigkeit entbunden und ihnen erlaubt wurde, sich zu verheirathen und Liebschaften zu unterhalten. Der Pabst Constantin drohte, ihn abzusetzen und in den Bann zu thun, wenn er dieses ruchlose Gesetz nicht aufhöbe; allein Witiza bot ihm Trotz und drohte, wie sein gothischer Vorgänger Alarich, ihn in der ewigen Stadt mit seinem Heere anzugreifen und die dort angehäuften Schätze als Beute wegzuführen. Chron. von Luitprand . 709. – Aborca , Anales de Aragon (el Mahometismo.) fol. 5. – Der Verf. »Wir wollen,« sagte er, »Unsere Fräulein mit den Juwelen Rom's schmücken und Unsere Koffer aus der Münze des h. Petrus füllen.« Ein Theil der Geistlichkeit widersetzte sich dem neuerungssüchtigen Geiste des Monarchen und war von der Kanzel herab bemüht, das Volk zu den reinen Lehren ihres Glaubens zurückzuführen; aber sie wurden ihrer geistlichen Aemter entsetzt und als aufrührerische Unruhestifter verbannt. Die Kirche von Toledo bewies sich fortwährend widerspenstig: der Erzbischof Sindared war allerdings nicht sehr abgeneigt, sich in die Verderbniß der Zeiten zu fügen und zu finden; aber die Domherrn kämpften unerschrocken gegen die neuen Gesetze des Monarchen und vertheidigten das von ihnen abgelegte Gelübde der Keuschheit mannhaft. »Da sich die Kirche von Toledo Unserem Willen nicht fügen will,« sagte Witiza, »so soll sie zwei Männer haben.« Indem er das sagte, bestimmte er seinen eigenen Bruder Oppas, der damals Erzbischof von Sevilla war, mit Sindared auf dem bischöflichen Stuhle von Toledo zu sitzen, und machte ihn zum Primas von Spanien. Er war ein Priester nach seinem Herzen und unterstützte ihn in all seinem schmählichen sittenlosen Treiben. Vergebens drohte der römische Stuhl mit seinen Blitzen; Witiza sagte dem römischen Pabste den Gehorsam gänzlich auf und bedrohte alle die mit dem Tode, welche den päbstlichen Befehlen nachkommen würden. »Wir werden es nie zugeben,« sagte er, »daß ein fremder Priester mit dreifacher Krone über Unser Land zu herrschen die Anmaßung habe.« Die Juden waren unter der vorhergehenden Regierung aus dem Lande verbannt worden; Witiza jedoch erlaubte ihnen zurückzukehren und ertheilte sogar ihren Synagogen Privilegien, deren er die Kirchen beraubt hatte. Seit den Tagen, an welchen die Kinder Israels bei ihren Vorbereitungen zu der denkwürdigen Flucht aus Egypten die goldenen Kleinodien und die silbernen Kostbarkeiten von ihren Nachbarn borgten, fehlte es ihnen nie an Gold und Silber und kostbaren Steinen, um damit Handel und Wandel zu treiben. Sie waren daher bei dieser Gelegenheit in den Stand gesetzt, mit Säcken voll Geld und Körben funkelnder Edelsteine, dem reichen Gewinne ihres morgenländischen Verkehrs, den Schutz des Monarchen zu bezahlen. Das Königreich erfreute sich damals der Ruhe von außen; aber im Inneren gewahrte man Symptome des Mißvergnügens. Witiza erschrak; er erinnerte sich des alten unruhigen Geistes der Nation und ihrer Neigung zu innern Zwistigkeiten. Durch geheime Befehle, die er nach allen Richtungen ergehen ließ, machte er daher die Mehrzahl der Städte wehrlos und zerstörte die Schlösser und Vesten, welche als Vereinigungspunkte für die Parteien hätten dienen können. Auch das Volk entwaffnete er und verwandelte die kriegerischen Waffen in Friedensgeräthe. Es schien in der That, als wenn das tausendjährige Reich über das Land kommen sollte; denn aus dem Schwert machte man eine Pflugschaar und aus dem Speer ein Baum-Messer. Während auf diese Weise das alte kriegerische Feuer der Nation vertilgt wurde, zerstörte man ihre Moralität nicht minder. Die Altäre waren verlassen, die Kirchen geschlossen; Unordnung und Lüderlichkeit herrschten überall in dem Lande, so daß, den alten Chronikenschreibern zufolge, in der Zwischenzeit weniger kurzer Jahre »Witiza der Gottlose ganz Spanien sündigen gelehrt hatte.« Zweites Kapitel. Don Roderich's Erscheinen – seine Regierung. Wehe dem Herrscher, welcher durch die Schwäche oder Verderbtheit des Volkes zu regieren hofft! Grade die Maasregeln, welche Witiza anwendete, um seine Macht dauernd zu begründen, machten seinen Sturz gewiß. Während unter dem Einflusse seiner ausschweifenden Herrschaft die ganze Nation in Lasterhaftigkeit und Verweichlichung versank und die Sehne des Krieges abgespannt war, wurde der junge Roderich, Theudofred's Sohn, in der herben, aber heilsamen Schule des Mißgeschicks zur Thatkraft erzogen. Er lernte die Waffen handhaben, wurde durch Uebungen mannigfacher Art gewandt und kräftig, lernte allen Gefahren trotzen und härtete sich gegen Hunger, Schlaf und die Rauheit der Jahreszeiten ab. Seine Verdienste und sein Unglück gewannen ihm unter den Römern viele Freunde; und als er, zu kräftigem Alter herangewachsen, es unternahm, die an seinem Vater und seinen Verwandten verübten Unbilden zu rächen, eilte ein Heer braver und kühner Krieger unter seine Fahnen. Mit diesen erschien er plötzlich in Spanien. Die Freunde seiner Familie und die Mißvergnügten aller Stände beeilten sich, ihm sich anzuschließen. In Sturmeseile und ohne Widerstand schritt er in dem unbewaffneten und entnervten Lande vorwärts. Witiza erkannte zu spät das Unglück, das er sich selbst bereitet hatte. Er hob in der Hast ein Heer aus und begab sich mit schlecht ausgerüsteten und an Kriegszucht nicht gewöhnten Truppen in das Feld, wurde aber mit leichter Mühe geschlagen und gefangen genommen; das ganze Königreich unterwarf sich Don Roderich. Die alte Stadt Toledo, die königliche Residenz der gothischen Monarchen, war der Schauplatz großer Feierlichkeiten und festlicher Ceremonien bei der Krönung des Siegers. Die Geschichtschreiber können sich nicht darüber vereinigen, ob er, der Sitte der Gothen gemäß, durch Wahl zur Regierung gelangt, oder ob er kraft des Rechts der Eroberung dieselbe an sich riß; alle stimmen aber darin überein, daß die Nation sich seinem Scepter gern unterwarf und unter ihrem neuen Herrscher auf Glück und Wohlgedeihen hoffte. Sein Aeußeres, sein Charakter schienen diese Erwartung zu rechtfertigen. Er war in dem Glanze der Jugend, und seine Erscheinung majestätisch. Sein Herz war kühn und unternehmend und schwoll von stolzen Hoffnungen. Er besaß einen Scharfsinn, welcher die Gedanken der Menschen durchdrang, und einen edeln Geist, der alle Herzen an sich riß. Der Art ist das Gemälde, welches alte Schriftsteller von Don Roderich entwerfen, als er mit der vollen Kraft der strengen und einfachen Tugenden, welche er in dem Unglück und in der Verbannung sich erworben, und von dem Siege einer frommen Rache belebt und erglühend, den gothischen Thron bestieg. Das Glück ist jedoch der wahre Prüfstein des menschlichen Herzens. Roderich sah sich kaum im Besitze der Krone, so erwachte die Liebe zur Herrschaft und der Argwohn der Gewalt in seiner Brust. Seine erste Maasregel betraf Witiza, welcher in Ketten vor ihn gebracht wurde. Roderich schaute auf den gefangenen König mitleidlosen Auges, nur der Unbilden und Grausamkeiten desselben gegen seinen Vater gedenkend. »Das Wehe, das er über Andere gebracht, soll über sein eigenes Haupt kommen,« sagte er; »wie er an Theudofred gehandelt hat, soll auch ihm geschehen.« So wurden Witiza die Augen ausgebohrt, und man warf ihn in denselben Kerker zu Cordova, in welchem Theudofred geschmachtet hatte. Hier brachte er in ewiger Dunkelheit, eine Beute des Elends und des bösen Gewissens, die wenigen ihm noch gegönnten Lebenstage hin. Roderich warf nun ein unruhiges und argwöhnisches Auge auf Evan und Siseburt, Witiza's zwei Söhne. Da er fürchtete, sie mögten eine geheime Verschwörung anzetteln, verbannte er sie aus dem Königreiche. Sie flüchteten sich auf die spanischen Besitzungen in Afrika, wo Requila, der Statthalter von Tanger, sie aus Dankbarkeit für die Gunstbezeigungen, die er von ihrem verstorbenen Vater empfangen hatte, aufnahm und schützte. Hier blieben sie, um über den Verfall ihres Glückes zu brüten und über das künftige Wehe Spaniens Plane entwerfen zu helfen. Ihr Oheim Oppas, Bischof von Sevilla, welchen Witiza zum Theilnehmer an dem erzbischöflichen Stuhle von Toledo gemacht hatte, würde dem Argwohne des Königs ohne Zweifel nicht entgangen sein; aber er war ein Mann von ungemein verschlagenem Charakter und großer äußerer Frömmigkeit und gewann sich die Huld des Monarchen. Es wurde ihm daher erlaubt, seine kirchliche Stelle zu Sevilla beizubehalten; das Bisthum von Toledo aber wurde dem ehrwürdigen Urbino anvertraut, und Witiza's Gesetz, welches das Gelübde der Ehelosigkeit der Geistlichen aufhob, zurückgenommen. Roderich's Argwohn, die Krone sei nicht gesichert auf seinem Haupte, erwachte bald von Neuem, und seine Maasregeln waren rasch und streng. Da er erfahren hatte, daß die Kommandanten gewisser Schlösser und Vesten in Kastilien und Andalusien sich gegen ihn verschworen, ließ er sie tödten und ihre festen Plätze schleifen. Er fuhr nun fort, die verderbliche Politik seines Vorgängers nachzuahmen, ließ Mauern und Thürme niederreißen und das Volk entwaffnen, und wollte jede Empörung so im Keime ersticken. Nur wenigen Städten erlaubte er, ihre Befestigungen beizubehalten; aber diese wurden Alcayden (Festungsbefehlshabern) anvertraut, deren Treue er ganz gewiß war. Der größere Theil des Königreichs ward ohne Vertheidigung gelassen. Die Edeln, deren Mannhaftigkeit während des neuen Kriegsgetümmels auf kurze Zeit erwacht war, sanken in den ruhmlosen Zustand der Unthätigkeit zurück, welcher sie während Witiza's Herrschaft so sehr entwürdigt hatte; sie brachten ihre Zeit mit Schmausereien zu und tanzten zu den Tönen weichlichen, üppigen Gesanges. Mariana , Hist. Esp. lib. VI. cap. 21. – Der Verf. Es war kaum möglich, in diesen müßigen Schlemmern und glatten Wollüstlingen die Abkommen der strengen, enthaltsamen Krieger des eisigen Nordens zu erkennen, welche Fluten und Gebirgen, Hitze und Kälte getrotzt und, durch eine halbe Welt in Waffen, sich den Weg zu Sieg und Herrschaft erfochten hatten. Es ist wahr, sie umgaben ihren Monarchen mit dem Schimmer kriegerischen Prunkes. Nichts ging über den Glanz ihrer Waffen, die von getriebener Arbeit und in Feuer vergoldet, mit Juwelen, Gold und seltenen Zierrathen geschmückt waren. Nichts konnte zierlicher und glanzreicher sein, als ihr Aeußeres; Federn, Fahnen und seidenes Gepränge allum, wenn man die kostbaren Zubereitungen zu Turnieren und Lanzenstechen und Hoffesten sah; aber die eiserne Seele des Krieges fehlte. Wie selten lernt man aus dem Unglücke Anderer, weise zu sein! Roderich hatte Witiza's Geschick vor Augen und gab sich denselben verderblichen Irrthümern hin und war bestimmt, in gleicher Weise sich den Weg zu seinem Verderben zu bahnen. Drittes Kapitel. Von Don Roderich's Liebe und der Prinzessin Elyata. Bisher war Roderich's Herz, das von den Entbehrungen und Kämpfen seines frühern Lebens, von kriegerischen Unternehmungen und den Beunruhigungen der neuerlangten Gewalt voll war, gegen die Reize des weiblichen Geschlechtes unempfindlich gewesen; jetzt aber machten in der üppigen Ruhe die sinnlichen Neigungen seiner Natur ihre Rechte geltend. Man hat mannichfache Nachrichten von der jungen Schönheit, welche zuerst Gunst vor seinen Augen fand und von ihm zum Throne erhoben wurde. Wir folgen in unserer Erzählung den Einzelnheiten eines arabischen Chronikenschreibers Perdida de Espanna por Albucacim Tarif Abentarique . lib. I. – Der Verf. , die von einem spanischen Dichter Lope de Vega. – Der Verf. bewahrheitet worden sind. Diejenigen, welche eine bessere Autorität für ihren Widerspruch anführen können, mögen unsere Thatsachen in Abrede stellen. Unter den wenigen befestigten Städten, welche Don Roderich nicht hatte schleifen lassen, befand sich auch die alte Stadt Denia, an der mittelländischen Küste gelegen und von einer auf einen Fels erbauten Burg vertheidigt, welche die See beherrschte. Der Befehlshaber dieser Burg oder Veste lag eines Tages mit vielen Bewohnern Denia's in der Kirche auf den Knieen und flehte die heilige Jungfrau um Besänftigung eines Sturmes an, welcher die Küste mit Schiffstrümmern besäete, als eine Wache die Meldung brachte, ein maurischer Kreuzer halte auf die Küste ab. Der Alcayde gab Befehl, die Sturmglocke zu läuten, Signalfeuer auf den Gipfeln der Anhöhen leuchten zu lassen und die Umgebungen der Stadt zur Hülfe herbeizurufen; denn die Küste war oft den grausamen Plünderungen der Kreuzer aus den Barbareskenstaaten Preis gegeben. Bald darauf sah man Reiter aus der Umgegend das Gestade entlang jagen, mit allem dem bewaffnet, was ihnen zuerst in die Hände gekommen war; und der Alcayde und seine kleine Besatzung stiegen die Anhöhe hinab. Mittlerweile kam das maurische Schiff, ein Spiel der rollenden Wellen, auf das Land zu. Wie es näher rückte, sah man an dem reichen Schnitzwerk und der Vergoldung, die es schmückte, an den seidenen Wimpeln und den Bänken vor den hochrothen Rudern, daß es kein Kriegsfahrzeug, sondern eine stattliche Gallione war, wie sie bei feierlichen Gelegenheiten und Prunkfesten gebraucht wurde. Man bemerkte die Wirkungen des Sturmes an dem Schiffe: die Masten waren zerbrochen, die Ruder zersplittert, und Bruchstücke von schneeweißen Segeln und seidnen Zeltdecken flatterten in dem Winde. Als die Gallione auf dem Sande festsaß, stürzte der ungeduldige Pöbel in die brandenden Wellen, um zu rauben und zu plündern; allein die Erscheinung der glänzenden Gesellschaft an Bord flößte ihm Bewunderung und Achtung ein. Sie bestand aus Mauren beiderlei Geschlechts, die, prachtvoll gekleidet und mit kostbaren Juwelen geschmückt, das Ansehen von Leuten ersten Ranges hatten. Unter ihnen war vorzüglich eine junge, prachtvoll gekleidete Schönheit bemerklich, welcher Alle die größte Ehrfurcht zu bezeigen schienen. Viele Mauren umgaben sie mit gezogenen Säbeln und bedrohten jeden mit dem Tode, der sich ihr zu nähern wagte; andere eilten aus dem Fahrzeug, warfen sich dem Alcayde zu Füßen und flehten ihn bei seiner Ritterehre und Artigkeit an, eine königliche Jungfrau gegen Unbild und Beleidigung zu schützen. »Ihr seht,« sagten sie, »die einzige Tochter des Königs von Algier und die verlobte Braut des Sohnes des Königs von Tunis vor Euch. Wir waren im Begriffe, sie an den Hof ihres harrenden Bräutigams zu geleiten, als ein Sturm uns von unserm Kurse abtrieb und uns nöthigte, an Eurer Küste Zuflucht zu suchen. Seid nicht grausamer, als der Sturm, sondern handelt edel an denen, die selbst der Sturm geschont hat und die wilde See.« Der Alcayde hörte auf ihr Flehen. Er führte die Prinzessin und ihr Gefolge in die Veste, wo man ihr jede ihrem Range gebührende Ehre erzeigte. Einige ihrer alten Diener baten, der Alcayde möge die Prinzessin wieder frei geben, und versprachen im Namen ihres Vaters unermeßliche Summen als Lösegeld; aber der Alcayde hatte für alle ihre goldenen Anerbietungen nur ein taubes Ohr. –»Sie ist,« sagte er, »eine Gefangene des Königs, und meinem Gebieter allein kömmt es zu, über sie zu verfügen.« – Nachdem die maurische Prinzessin daher einige Tage in der Veste ausgeruht und sich von der Ermüdung und dem Schrecken ihrer stürmischen Seefahrt erholt hatte, ließ er sie mit ihrem ganzen Gefolge in stattlichem Geleite an den Hof zu Don Roderich ziehen. Die schöne Elyata Von Manchen wird sie auch Zara genannt. – Der Verf. betrat Toledo eher wie eine siegreiche Herrscherin, denn wie eine Gefangene. Eine ausgesuchte Schaar christlicher Ritter, in glänzendem Waffenschmuck, kam ihr entgegen und schien zu ihrer Ehrenwache bestimmt zu sein. Sie war von den maurischen Fräulein ihres Gefolges umgeben und von ihren eignen moslemitischen Wachen gefolgt, und alle hatten sich in die Pracht gekleidet, durch welche ihre Ankunft an dem Hofe von Tunis hatte verherrlicht werden sollen. Die Prinzessin war in bräutliche Gewänder gekleidet, welche aus den kostbarsten Geweben des Morgenlandes bestanden; ihr Diadem glänzte von Diamanten und war mit den seltensten Federn des Paradiesvogels geziert; und selbst die seidenen Decken ihres Zelters, welche bis auf die Erde niederhingen, waren mit Perlen und kostbaren Steinen bedeckt. Als dieser glänzende Reiterzug über die Brücke des Tajo kam, strömte ganz Toledo heraus, ihn zu schauen, und in der ganzen Stadt hörte man nichts, als das Lob der wunderbaren Schönheit der Prinzessin von Algier. Von der Ritterschaft seines Hofes begleitet, kam König Roderich zum Empfange der edeln Gefangenen heraus. Sein neueres üppiges Leben hatte ihn für zärtliche und verliebte Regungen empfänglich gemacht, und bei dem ersten Anblick der schönen Elyata war er von ihren Reizen hingerissen. Da er ihr Antlitz von Kummer und Besorgniß umhüllt sah, tröstete und beruhigte er sie durch freundliche und artige Worte, führte sie in einen königlichen Palast und sagte: »Sieh' hier deine Wohnung, wo Niemand dich belästigen soll; denke, du sei'st daheim in dem Hause deines Vaters, und schalte über Alles und Jedes nach deinem Willen.« Hier brachte die Prinzessin mit dem weiblichen Gefolge, welches sie von Algier mitgebracht hatte, ihre Zeit hin, und Niemanden war es gestattet, sie zu besuchen, den König ausgenommen, der sich täglich mehr und mehr in seine holde Gefangene verliebte und durch zärtliche Aufmerksamkeit ihre Neigung zu gewinnen suchte. Diese freundliche Behandlung verscheuchte allmählich den Schmerz der Prinzessin über ihre Gefangenschaft. Sie war in einem Alter, wo der Kummer keine lange Herrschaft über das Herz haben kann. Von ihren jungen Gespielinnen begleitet, durchstreifte sie die geräumigen Hallen des Palastes und spielte in den Lustwäldchen und Alleen seiner Gärten. Tag um Tag wurde ihr die Erinnerung an die väterliche Heimath weniger schmerzlich, und der König gewann Tag um Tag mehr an Liebenswürdigkeit in ihren Augen; und als er ihr endlich anbot, Herz und Thron mit ihr zu theilen, hörte sie mit gesenkten Blicken und glühendem Erröthen, aber mit der Miene der Ergebung in ihr Schicksal, auf seine Worte. Ein Hinderniß stand noch der gänzlichen Erfüllung der Wünsche des Monarchen entgegen, und dieses war der Glaube der Prinzessin. Roderich bestimmte ungesäumt den Erzbischof von Toledo, die schöne Elyata in die Geheimnisse der christlichen Lehre einzuführen. Der weibliche Verstand faßt ungemein schnell das Verdienstliche neuer Lehren; es gelang daher dem Erzbischof in kurzer Zeit, nicht nur die Prinzessin, sondern auch die Mehrzahl ihres Geleites zu bekehren, und der Tag wurde festgesetzt, an welchem sie öffentlich getauft werden sollten. Die Ceremonie wurde in Gegenwart des ganzen Adels und der ganzen Ritterschaft des Hofes mit großer Pracht und Feierlichkeit begangen. Die Prinzessin und ihre Fräulein gingen, weiß gekleidet, zu Fuß in die Hauptkirche, während eine Menge schöner Kinder, als Engel gekleidet, ihren Pfad mit Blumen bestreuten. Der Erzbischof empfing sie an dem großen Thor des Domes und nahm sie, wie man zu sagen pflegt, in den Schoos der Kirche auf. Die Prinzessin gab ihren maurischen Namen Elyata auf und erhielt in der Taufe den Namen Exilona, bei welchem sie hinfort genannt wurde und auch in der Geschichte allgemein bekannt ist. Die Vermählung Roderich's und der schönen Bekehrten fand kurz darauf statt und wurde mit großer Pracht gefeiert. Kampfspiele und Turniere und Bankette und andere Belustigungen wurden veranstaltet und währten zwanzig Tage; die ersten Edeln aus allen Theilen Spaniens hatten sich dazu eingefunden. Als diese Feste vorüber waren, wurden die aus dem Gefolge der jungen Königin, welche nicht zum christlichen Glauben übertraten, sondern nach Afrika zurückkehren wollten, mit kostbaren Geschenken entlassen, und eine Gesandtschaft an den König von Algier geschickt, um ihn von der Vermählung seiner Tochter zu benachrichtigen und ihm die Freundschaft des Königs Roderich's anzubieten. »Como esta Infanta era muy hermosa y el Rey Don Rodrigo disperesto y gentil hombre, entro por medio el amor y aficion, y junto con el regalo con que la avia mandado hospedar y servir fu la causa que el Rey persuadio esta Infanta, que si se tornaba a su ley de cristiano la tomaria por muger, y que la haria sennora de sus Reynos. Con esta persuasion ella fac contenta y aviendose vuelto Christiana, se caso con ella y se celebraron sus bodas con muchas fiestas y regozijos, como era razon.« Abulcacim , Conq. de Espanna, cap. 3. – Der Verf. Viertes Kapitel. Vom Grafen Julian. Don Roderich lebte eine Zeitlang glücklich mit seiner jungen, schönen Gemahlin, und Toledo war der Schauplatz von Festlichkeiten und von Glanz. Die ersten Edeln des ganzen Königreichs begaben sich an den Hof, um dem Könige ihre Ehrfurcht zu bezeigen und seine Befehle hinzunehmen; und Niemand zeigte sich ergebener, als die, welche wegen ihrer Verbindung mit dem letzten Könige verdächtig zu scheinen fürchteten. Einer der ersten unter diesen war Graf Julian, ein Mann, der bestimmt war, eine schmachvolle Berühmtheit in der dunkeln Geschichte der Leiden seines Landes zu erlangen. Er war aus einer der stolzesten gothischen Familien, Herr von Consuegra und Algeziras, und durch seine Gemahlin mit Witiza und dem Bischofe Oppas verwandt, denn diese, die Gräfin Frondina, war die Schwester der letztern. In Betracht dieser Verwandtschaft, so wie seiner Verdienste, hatte er sich der höchsten Würden und Befehlshaberstellen erfreut; denn er war einer der Espadorios oder königlichen Schwertträger, ein Amt, das nur solche Männer in die unmittelbare Nähe des Monarchen führte, auf welche sie das größte Zutrauen setzten Condes Espatorios, so genannt wegen der gezogenen Schwerter von bedeutender Größe und Breite, mit welchen sie in den Vorgemächern der gothischen Könige Wache standen. Comes Spathariorum, custodum corporis Regum Profectus. Hunc et Propospatharium appellatum existimo. Patr. Pant. de offic. Goth. – Der Verf. . Man hatte ihm überdies die militärische Statthalterstelle über die spanischen Besitzungen auf den afrikanischen Küsten an der Meerenge anvertraut, welche zu jener Zeit von den Arabern aus Osten, den Anhängern Mahomet's, bedroht waren, deren siegreiche Fahnen bis zu dem äußersten Ende des westlichen Afrika's vordrangen. Graf Julian wählte zu seiner Residenz als Statthalter Ceuta, die Gränzveste und eines der weltberühmten Thore des mittelländischen Meeres. Hier widerstand er kühn dem Strome des moslemitischen Einfalles und hielt die Araber im Zaume. Don Julian war ein Mann von thätigem, aber rellosem Geiste und von umgreifendem Ehrgeiz. Er hegte in sich einen Trieb nach Gewalt und Größe, worin seine stolze Gemahlin es ihm gleich that; sie gedachten mit Schrecken des Sturzes ihrer Familie, welcher ihnen in Witiza's Schicksal drohte. Sie hatten sich daher beeilt, dem neuen Monarchen ihre Ehrfurcht zu bezeigen und ihn ihrer Treue an seinem Wohle zu versichern. Roderich überzeugte sich leicht von der Biederkeit der Gesinnungen des Grafen Julian; denn er kannte seine Verdienste als Krieger und Statthalter; er ließ ihm die wichtige bisher von ihm verwaltete Stelle und beehrte ihn mit vielen andern Beweisen eines unbegrenzten Vertrauens. Graf Julian suchte sich in diesem Vertrauen durch jeden Beweis der Ergebenheit zu befestigen. Es war Sitte bei den Gothen, daß eine Anzahl Kinder aus den vornehmsten Familien in der königlichen Hofhaltung erzogen wurden. Sie dienten dem Könige als Pagen, der Königin als Hoffräulein und Staatsdamen, und wurden in allen Gegenständen unterrichtet, welche ihrer edeln Abstammung angemessen waren. Als Graf Julian im Begriff war, nach Ceuta abzugehen, um seine Befehlshaberstelle wieder zu übernehmen, brachte er seine Tochter Florinda mit sich, um sie dem Herrscher vorzustellen. Sie war ein schönes Fräulein, welche das mannbare Alter noch nicht erreicht hatte. – »Ich vertraue sie Euerm Schutze,« sagte er zu dem König; »vertretet Vaterstelle an ihr und laßt sie in den Pfaden der Tugend erziehen. Ich kann Euch kein kostbareres Pfand meiner Treue zurücklassen.« König Roderich nahm das schüchterne und erröthende Mädchen unter seinen väterlichen Schutz, versprach, mit dem Auge eines Vaters über ihr Glück zu wachen und sie unter den bevorzugtesten Fräulein der Königin aufzunehmen. Mit dieser Versicherung der Wohlfahrt seines Kindes reis'te Graf Julian sehr vergnügt nach seinem Statthaltersitze Ceuta ab. Fünftes Kapitel. Die Geschichte der Florinda. Die schöne Tochter des Grafen Julian wurde von der Königin Exilona mit großer Gunst aufgenommen und den Edelfräulein zugesellt, welche den Dienst bei ihr hatten. Sie lebte hier ehrenvoll und scheinbar sicher und von unschuldigen Freuden umgeben. Don Roderich hatte der Königin zu Liebe für ihre Erholung auf dem Lande einen Palast außerhalb Toledo an den Ufern des Tajo bauen lassen. Er war in dem üppigen Style des Morgenlandes ausgeziert und stand inmitten eines Gartens. Wohlriechendes Buschwerk und Blumen erfüllten die Luft mit süßen Düften, und in den Lustwäldchen klangen die Töne der Nachtigall, während der Strom der Bäche und Wasserfälle und das ferne Brausen des Tajo ihn an den heißen Sommertagen zu einem lieblichen Aufenthalt machten. Auch herrschte der Reiz der völligsten Abgeschlossenheit in dem ganzen Raume; denn die Gartenmauern waren hoch, und zahlreiche Wachen standen draußen, um jeden Zudringling fern zu halten. In dieser reizenden Wohnung, welche eher für einen orientalischen Wollüstling, als für einen Gothenkönig paßte, pflegte Don Roderich einen großen Theil der Zeit hinzubringen, welche für die mühsamen Regierungsgeschäfte hätte verwendet werden sollen. Selbst jene Sicherheit, jener Friede, welche er durch die Vorsicht, mit der er die Mittel und Gewohnheiten des Krieges entfernte, seinem ganzen Reiche zu geben gewußt hatte, trugen dazu bei, einen unseligen Wechsel in seinem Charakter hervorzubringen. Die kühnen und heldenmäßigen Eigenschaften, welche ihm den Weg zum Throne gebahnt hatten, verloren sich allmählig in dem Schoose der Weichlichkeit. Von den Freuden eines müßigen und verweichlichten Hofes umgeben und durch das Beispiel seiner entarteten Edeln getäuscht, ließ er einer unglücklichen Sinnlichkeit den Zügel, welche während der tugendgeschmückten Tage seines Mißgeschicks in seinem Busen geschlummert hatte. Blose Liebe zu weiblicher Schönheit hatte ihn zuerst an Exilona gefesselt; dieselbe, durch üppigen Müßiggang noch genährte Leidenschaft verleitete ihn nun, eine Handlung zu begehen, welche für ihn und Spanien verhängnißvoll war. Wir theilen nachstehend die Geschichte seines Fehltrittes mit, wie wir sie in einer alten Geschichtserzählung aufgezeichnet finden. In einem entlegenen Theile des Palastes war eine für die Königin bestimmte Wohnung erbaut worden. Sie glich einem östlichen Harem, war dem Zutritt der Männer verschlossen, und nur der König kam, obgleich selten, hierher. Sie hatte ihre eigenen Höfe, Gärten und Brunnen, wo die Königin sich mit ihren Fräulein zu ergötzen pflegte, wie sie es in dem argwöhnisch abgeschlossenen Palaste ihres Vaters zu thun gewöhnt war. Eines heißen Tages begab sich der König, statt seine Siesta oder Mittagsschlafstunde zu halten, in diesen Theil des Palastes, um die Gesellschaft der Königin aufzusuchen. Als er durch eine kleine Kapelle gekommen war, zog ihn der Klang weiblicher Stimmen an ein mit Myrthen und Jasmin überhangenes Fenster. Es ging auf einen innern Garten oder Hof, welcher mit Orangebäumen besetzt war und in dessen Mitte man einen Marmorbrunnen sah, den ein mit Blumen emaillirter Grasrand umgab. Es war in den heisesten Stunden eines Sommertages, wo in dem sonnewarmen Spanien die Landschaft vor dem Auge zittert und die ganze Natur nach Ruhe lechzt, den Grashüpfer ausgenommen, der dem im Schatten entschlafenden Hirten sein träumerisches Lied vorsingt. Um den Brunnen waren viele Fräulein der Königin, welche, der geheiligten Abgeschlossenheit dieses Teils des Palastes vertrauend, in dieser kühlen Einsamkeit der Ruhe pflegten, zu welcher Stunde und Jahreszeit aufforderten. Einige lagen schlafend auf dem blumigen Rasen, andere saßen auf dem Rande des Brunnens und plauderten und lachten, während sie die Füße in seinem frischen Wasser badeten. König Roderich sah zarte, mit dem Marmor an Weiße wetteifernde Glieder in den klaren Wellen glänzen. Unter den Fräulein war eine, die mit der Königin von den Küsten der Barbarei herübergekommen war. Ihre Hautfarbe hatte den dunkeln Widerschein Mauritaniens, aber sie war klar und durchsichtig, und das hohe, reiche Rosenroth brach aus dem lieblichen Braun hervor. Ihre Augen waren schwarz und voller Feuer, und schossen Flammen mit den langen seidenen Wimpern. Ein muthwilliger Streit über die gegenseitige Schönheit der spanischen und maurischen Formen erhob sich unter den Mädchen; aber das mauritanische Mädchen enthüllte Glieder von üppigem Ebenmaas, welche jeder Nebenbuhlerschaft zu trotzen schienen. Die spanischen Schönheiten waren im Begriff, dem Siege zu entsagen, als sie sich der jungen Florinda, der Tochter des Grafen Julian, erinnerten, die, einem Sommerschlummer hingegeben, auf dem rasigen Ufer lag. Die sanfte Gluth der Jugend und Gesundheit war über ihre Wangen ausgegossen; ihre mit langen Wimpern besetzten Augenlieder bedeckten kaum die schlafenden Sterne; die frischen Rubinlippen waren sanft geöffnet und ließen eben noch einen Schimmer von ihren elfenbeinernen Zähnen sehen, während ihre unschuldige Brust sich unter dem Leibchen hob und senkte, wie das sanfte Aufwallen und Sinken einer ruhigen Welle. Es war eine athmende Zartheit und Schönheit in der schlafenden Jungfrau, welche, gleich den Blumen umher, Süßigkeit auszuhauchen schien. »Seht,« riefen ihre Gefährtinnen frohlockend, »seht hier die Streiterin für spanische Schönheit!« In ihrem muthwilligen Eifer hatten sie die unschuldige Florinda halb entkleidet, ehe sie es gewahr geworden. Sie erwachte jedoch noch zeitlich genug, um ihren geschäftigen Händen zu entfliehen; aber der König hatte genug von ihren Reizen gesehen, um überzeugt zu sein, daß die vollendetsten Schönheiten Mauritaniens nicht mit ihr wetteifern konnten. Von diesem Tage an war Roderich's Herz von einer unglücklichen Leidenschaft entflammt. Mit glühender Begierde schaute er auf die schöne Florinda und suchte in ihren Blicken zu lesen, ob Leichtsinn oder Ueppigkeit in ihrem Busen wohne; aber das Auge des Fräuleins sank stets vor seinen Blicken zu Boden und blieb in jungfräulicher Bescheidenheit auf die Erde geheftet. Vergebens bemühte er sich, des heiligen Vertrauens, das Graf Julian auf ihn setzte, und des Versprechens zu gedenken, das er ihm gegeben hatte, über seine Tochter mit der Sorgfalt eines Vaters zu wachen; sein Herz wurde von sinnlichem Begehr heimgesucht, und das Bewußtsein seiner Macht hatte ihn in Bezug auf seiner Wünsche Erfüllung selbstsüchtig gemacht. Als er eines Abends in dem Garten war, wo die Königin sich mit ihren Fräulein ergötzte, und zu dem Brunnen kam, wo er die unschuldigen Jungfrauen mit ihrem Spiele beschäftigt gesehen hatte, konnte er die Leidenschaft nicht länger zurückhalten, die in seinem Busen wüthete. Er setzte sich an den Brunnen und rief Florinda zu sich, daß sie ihm einen Dorn auszöge, welcher sich in seiner Hand festgesetzt. Die Jungfrau kniete zu seinen Füßen nieder, und die Berührung ihrer zarten Finger zuckte ihm durch seine Adern. Auch fielen, während sie knieete, ihre duftigen Locken in reichen Ringen um ihren schönen Kopf, ihr schuldloser Busen klopfte unter dem hochrothen Leibchen, und ihr schüchternes Erröthen vermehrte den Glanz ihrer Reize. Nachdem sie des Königs Hand vergeblich untersucht hatte, blickte sie mit unschuldiger Verwirrung in sein Antlitz empor. »Señor,« sagte sie, »ich kann weder Dorn, noch ein anderes Zeichen von einer Wunde finden.« Don Roderich ergriff ihre Hand und preßte sie an sein Herz. – »Hier ist der Dorn, holde Florinda,« sagte er; »hier ist er, und du allein kannst ihn ausziehen.« »Mein edler Herr!« rief das erröthende und erstaunte Mädchen. »Florinda,« sagte Don Roderich, »liebst du mich?« »Señor,« sagte sie, »mein Vater lehrte mich, Euch lieben und verehren. Er vertraute mich Eurer Sorgfalt, daß Ihr Vaterstelle bei mir verträtet, wenn er in weiter Ferne wäre und Eurer Majestät mit Leben und Treue diente. Möge Gott Eure Majestät geneigt machen, mich stets als Vater zu schirmen.« Bei diesen Worten senkte das Mädchen ihre Augen auf den Boden und blieb auf ihren Knieen; aber ihr Antlitz war todtenbleich geworden und sie zitterte, während sie dakniete. »Florinda,« sagte der König, »entweder verstehst du mich nicht, oder du willst mich nicht verstehen. Du sollst mich nicht als Vater, nicht als König lieben, sondern als einen, der dich anbetet. Warum erschrickst du? Niemand soll unsere Liebe erfahren; und überdies entehrt die Liebe eines Monarchen nicht, wie die eines gemeinen Mannes – Reichthum und Ehre sind in ihrem Gefolge. Ich werde dich zu Rang und Ehren erbeben und dich über die stolzesten Frauen meines Hofes stellen. Auch dein Vater soll mit Würden und Gnadenbezeigungen mehr als irgend ein Edler meines Königreichs bedacht werden.« Florinda's sanftes Auge funkelte bei diesen Worten. »Señor,« sagte sie, »der Familie, welcher ich entstamme, kann durch so erniedrigende Mittel keine Würde erwachsen; mein Vater würde eher sterben, als er durch die Schande seines Kindes Rang und Macht erkaufte. Aber ich sehe wohl,« fuhr sie fort, »daß Eure Majestät nur in dieser Weise spricht, um mich auf die Probe zu stellen. Ihr habt mich wohl für leicht und einfältig und für unwürdig gehalten, der Königin zu dienen. Ich bitte Eure Majestät, mir zu vergeben, daß ich Euern Scherz für Ernst genommen habe.« Auf diese Weise suchte das beunruhigte Kind den Werbungen des Monarchen zu entgehen; aber ihre Wange war noch weiß und ihre Lippe zitterte, während sie redete. Der König drückte ihre Hand mit Inbrunst an seine Lippen. »Ich will verderben,« sagte er, »wenn meine Worte beabsichtigen, dich auf die Probe zu stellen. Mein Herz, mein Königreich stehen dir zu Befehl. Sei nur mein, und du sollst als unbeschränkte Gebieterin über mich und mein Reich herrschen.« Das Fräulein erhob sich vom Boden, wo sie bisher gekniet hatte, und ihr ganzes Antlitz flammte von tugendhaftem Unwillen. »Mein Gebieter,« sagte sie, »ich bin Euch unterthan und in Eurer Gewalt; nehmt mein Leben, wenn es Euch so gefällt; nichts aber wird mich verleiten, ein Verbrechen zu begehen, das ein Verrath gegen die Königin, eine Schande für meinen Vater, der Tod meiner Mutter und mein Verderben wäre.« Nach diesen Worten verließ sie den Garten, und dem König flößte ihre erzürnte Tugend für einen Augenblick zu viel Achtung ein, als daß er sich ihrem Weggehen widersetzt hätte. Wir gehen kurz über die folgenden Begebenheiten in der Geschichte Florinda's weg, da die Chronikenschreiber und Dichter viel davon gesagt und gesungen haben; die nüchternen Blätter der Geschichte sollten sich überhaupt von Scenen rein halten, welche eine üppige Phantasie zu entflammen im Stande sind, und sie Gedichten und Romanen und ähnlichen stark gewürzten Werken der Phantasie und Erholung überlassen. Wir sagen daher nur, daß Don Roderich seine Bewerbungen bei der schönen Florinda fortsetzte, indem der Widerstand des tugendhaften Fräuleins seine Leidenschaft mehr und mehr entflammte. Er kam endlich so weit, daß er vergaß, was er der hülflosen Schönheit, was er seiner eignen Ritterehre und seinem königlichen Versprechen schuldig war, und er triumphirte durch niedrige und unmännliche Gewalt über ihre Schwäche. Manche wollen freilich behaupten, die unglückliche Florinda habe den Anträgen des Monarchen ein williges Ohr geliehen, und in vielen alten Chroniken und geschichtlichen Balladen, welche die unglücklichen Begebenheiten Spaniens von Geschlecht zu Geschlecht überlieferten, ist ihr Name mit übler Nachrede behandelt worden. Sie scheint aber in Wahrheit ein schuldloses Opfer gewesen zu sein, die, so weit ein schwaches Weib dieses vermag, den Lüsten und Ränken des Monarchen, dessen Willensverfügung höchstes Gesetz war, zu widerstehen suchte und ihre Schande mit einem Schmerz beweinte, der gewahren ließ, wie theuer sie ihre Ehre hielt. In dem ersten Sturme ihres Schmerzes schrieb sie ihrem Vater einen Brief, welcher mit ihren Thränen getränkt und in ihrer tiefen Erregung fast ohne allen Zusammenhang war. »Wollte Gott, mein Vater,« sagte sie, »die Erde hätte sich geöffnet und mich verschlungen, ehe ich gezwungen worden, diese Zeilen zuschreiben. Ich erröthe, dir zu sagen, was dir nicht passend verschwiegen werden kann. Ach, mein Vater, du hast dein Lamm der Hut der Löwen anvertraut. Deine Tochter wurde entehrt, die königliche Wiege der Gothen befleckt und unser Geschlecht geschändet und beschimpft. Eile, mein Vater, dein Kind aus der Gewalt des Schänders zu retten und die Ehre deines Hauses zu rächen.« Als Florinda diese Zeilen geschrieben hatte, berief sie einen jungen Knappen, welcher als Page in den Diensten ihres Vaters gestanden hatte, zu sich. »Sattle dein Roß,« sagte sie zu dem Knappen, »und wenn du nach der Ehre eines Ritters strebst oder die Gunst einer edeln Frau zu erlangen hoffst; wenn du Treue gegen deinen Gebieter und Ergebenheit gegen seine Tochter fühlst: so eile, meine Botschaft zu bestellen. Raste nicht, halte nicht an, schone deinen Sporn nicht, sondern eile Tag und Nacht weiter, bis du die Küsten des Meeres erreicht hast; nimm den ersten Kahn und eile mit Ruder und Segel nach Ceuta und ruhe nicht eher, als bis du diesen Brief dem Grafen, meinem Vater, gegeben hast.« Der Jüngling steckte den Brief in seine Brust. »Vertraut mir, Fräulein,« sagte er, »ich werde weder anhalten, noch mein Roß von dem Wege abwenden, noch einen Blick rücklings werfen, bis ich Graf Julian erreicht habe.« Er bestieg sein schnelles Roß, flog mit ihm über die Brücke und ließ bald das grüne Thal des Tajo hinter sich. Sechstes Kapitel. Don Roderich erhält eine außerordentliche Gesandtschaft. Don Roderich's Herz war durch Sinnlichkeit noch nicht so verderbt, daß das Unrecht, dessen er sich gegen die unschuldige Florinda schuldig gemacht, und die Schande, welche er über ihr Haus gebracht, nicht schwer auf seinem Herzen gelastet hätte; eine Wolke begann sich auf seine sonst so klare und runzellose Stirn zu lagern. Der Himmel deutete zu jener Zeit, sagen die alten spanischen Chroniken, auf eine wunderbare Weise den Zorn an, mit welchem er den Monarchen und sein Volk als Strafe für ihre Sünden heimzusuchen beabsichtigte, und wir dürfen, sagen dieselben strenggläubigen Geschichtserzähler, weder staunen noch ungläubig sein, wenn wir in den Blättern der nüchternen und bescheidenen Geschichte auf Zeichen und Wunder stoßen, welche über die Wahrscheinlichkeit des gewöhnlichen Lebens hinausgehen; denn die Revolutionen der Reiche und der Sturz mächtiger Könige sind furchtbare Ereignisse, welche die physische so gut wie die moralische Welt erschüttern und oft durch wundervolle Vorzeichen und Winke des Himmels angedeutet werden. Unter dergleichen einleitenden Bemerkungen gehen die vorsichtigen, aber leichtgläubigen Geschichtschreiber der ältern Zeiten zu einem wundervollen, prophetischen und zauberartigen Begebniß über, welches in der alten Geschichte mit dem Schicksale Don Roderich's zusammenhängt, welches aber neuere Zweifler gern als eine apokryphische Sage arabischen Ursprungs hinstellen. Der Sage nach begab es sich also, daß ungefähr um diese Zeit, als Don Roderich eines Tags, von seinen Edeln umgeben, in der alten Stadt Toledo auf seinem Throne saß, zwei Männer von ehrwürdigem Aeußern in den Audienzsaal traten. Ihre schneeweißen Bärte gingen ihnen bis auf die Brust herab, und ihre grauen Haare waren mit Epheu umflochten. Sie waren in weiße Gewänder von fremdem oder altem Schnitte gekleidet, welche bis auf den Boden reichten, und trugen Gürtel, auf welchen die Zeichen des Thierkreises gewebt waren und an denen große Bündel von Schlüsseln aller Art und Gestalt hingen. Nachdem sie sich dem Throne genähert und sich verbeugt hatten, sagte einer der alten Männer: »Wisse, o König, daß in uralter Zeit Herkules von Lybien, der Starke genannt, nachdem er seinen Pfeiler an der Meerenge aufgerichtet hatte, in der Nähe dieser alten Stadt Toledo einen Thurm erbaute. Er baute denselben wunderbar stark und vollendete ihn durch Zauberkunst, indem er ein furchtbares Geheimniß in demselben einschloß, welches nimmer ohne Gefahr und Unheil zu durchdringen ist. Um dieses schreckliche Geheimniß zu schirmen, schloß er den Eingang zu dem Gebäude mit einem mächtigen Eisenthore, an welches er ein großes Schloß von Stahl legte; auch gab er Befehl, daß jeder König, welcher auf ihn folgen würde, ein anderes Schloß an das Thor legen solle; Wehe und Verderben aber kündigte er dem an, der je das Geheimniß des Thurms entdeckte.« »Die Wache über das Portal war unseren Vorfahren anvertraut worden und blieb seit den Tagen des Herkules von Geschlecht zu Geschlecht bei unserer Familie. Viele Könige haben von Zeit zu Zeit das Thor öffnen lassen und haben in den Thurm zu treten versucht; sie mußten ihre Verwegenheit aber theuer büßen. Einige fielen auf der Schwelle todt nieder, andere wurden von Schrecken bewältigt, als sie die furchtbaren Klänge hörten, welche die Grundsäulen der Erde erschütterten, und beeilten sich, das Thor wieder zu schließen und seine tausend Schlösser daran zu hängen.« »Auf diese Weise ist, seit den Zeiten des Herkules, noch kein Sterblicher in die inneren Gemächer des Gebäudes eingedrungen, und ein tiefes Geheimniß waltet fortwährend über diesem mächtigen Zauber. Dies ist, o König, alles, was wir zu berichten haben, und unser Auftrag geht dahin, dich zu bitten, zu dem Thurm zu kommen und dein Schloß an dem Portale zu befestigen, wie von allen deinen Vorgängern geschehen ist.« Nachdem die alten Männer so gesprochen, verneigten sie sich tief und verließen den Audienzsaal. Perdida de Espana por Albucasim Tarif Abentarique , lib. I. cap. 6. – Chronica del Rey Don Rodrigo por el Moro Razis . lib. I. cap. 1. – Bleda , Chronica, cap. VII. – Der Verf. Don Roderich stand nach dem Weggehen der Greise eine Zeitlang in Gedanken verloren; er entließ dann seinen ganzen Hof, den ehrwürdigen Urbino ausgenommen, der damals Erzbischof von Toledo war. Der lange weiße Bart dieses Prälaten zeugte von seinem vorgerückten Alter, und seine überhängenden Augenbraunen verriethen, daß er ein Mann von verständigem Rathe war. »Vater,« sagte der König, »ich hege den ernstlichen Wunsch, in die Geheimnisse dieses Thurmes einzudringen.« Der würdige Prälat schüttelte sein altergraues Haupt. »Hütet Euch, mein Sohn,« sagte er; »jene Geheimnisse sind dem Menschen zu seinem Besten verschlossen. Eure Vorgänger seit vielen Geschlechtern haben dieses Geheimniß geehrt, und ihre Macht, ihr Reich mehrte sich und gedieh. Die Bekanntschaft mit dem Geheimniß ist daher nicht wesentlich zu der Wohlfahrt Eures Königreichs erforderlich. Sucht also nicht einer raschen und unnützen Neugierde nachzugeben, welche unter so schrecklichen Drohungen verboten worden ist.« »Welche Wichtigkeit haben,« rief der König, »die Drohungen Herkules', des Lybiers? War er nicht ein Heide? können seine Zauber gegen einen Bekenner unseres heiligen Glaubens etwas ausrichten? Ohne Zweifel umschließt jener Thurm reiche Schätze von Gold und Juwelen, welche in den Tagen der Vergangenheit dort aufgehäuft wurden, die Beute mächtiger Könige, die Reichthümer der heidnischen Welt. Meine Koffer sind erschöpft; ich brauche Zuschuß; und gewiß wäre es in den Augen des Himmels eine nicht zu verschmähende Handlung, diese Schätze, welche unter gottlosem, schwarzkünstlerischem Zauber liegen, an das Licht zu ziehen und sie religiösen Zwecken zu weihen.« Der ehrwürdige Bischof fuhr fort, dem Könige abzurathen, aber Don Roderich achtete seines Rathes nicht, denn sein böser Stern riß ihn fort. »Vater,« sagte er, »vergeblich versucht Ihr, mich von meinem Entschlusse abzubringen. Er ist unwiderruflich. Morgen werde ich das verborgene Geheimniß oder vielmehr die verborgenen Schätze dieses Thurmes erforschen.« Siebentes Kapitel. Geschichte des wunderbaren und verhängnißvollen Thurmes. Die Morgensonne lachte glänzend auf die klippenerbauten Thürme von Toledo, als König Roderich an der Spitze eines zahlreichen Gefolges von Höflingen und Rittern aus dem Thore der Stadt und über die Brücke zog, welche über das tiefe, felsige Bette des Tajo geschlagen ist. Der glänzende Reiterzug wand sich den Weg hinauf, der in das Gebirg führt, und kam bald in die Nähe des Zauberthurmes. Von diesem berühmten Gebäude wissen die arabischen und spanischen Chronikenschreiber Wunder zu erzählen, »und ich zweifle sehr,« sagt der ehrwürdige Agapida, »ob viele Leser das Ganze nicht für ein scharfsinnig erfundenes Mährchen halten, das einer morgenländischen Phantasie entstammt ist; es ist aber meine Sache nicht, eine Thatsache zu verwerfen, welche von allen jenen Schriftstellern erzählt wird, welche die Väter unserer Nationalgeschichte sind; eine Thatsache, zu welcher sich überdies eben so viele Belege finden, wie zu den meisten wunderbaren Begebenheiten in der Geschichte Don Roderich's. Nur leichtsinnige und gedankenlose Geister,« fährt der gute Mönch fort, »weisen das Wunderbare übereilt von sich. Für den denkenden Mann ist die ganze Welt in Geheimniß gehüllt, und in dem Kleinsten ist Bedeutung und Sinn. Einem solchen Geiste wird der zauberhafte Thurm von Toledo als eines jener wunderbaren Denkmäler der vergangenen Zeit erscheinen, als eines jener egyptischen und chaldäischen Bauwerke, reich ausgestattet mit verborgener Weisheit und geheimnißvollen Wahrsagungen, welche aus vergangenen Jahrhunderten stammen, wo der Mensch sich noch des Verkehrs mit erhabenen und geistigen Naturen erfreute und die menschliche Voraussicht etwas Prophetisches hatte.« Dieser seltsame Thurm war rund und von bedeutender Höhe und Größe; er war auf einen hohen Felsen gebaut und von wildem Geklipp und steilen Klüften umgeben. Das Fundament wurde von vier ehernen Löwen getragen, deren jeder größer war, als ein Reiter zu Pferd. Die Mauern bestanden aus kleinen Jaspisstückchen und vielfarbigen Marmorsteinen: keiner dieser Steine war größer, als eines Mannes Hand; allein sie waren so genau an einander gefügt, daß man, wären die verschiedenen Farben nicht gewesen, das Ganze für einen Stein gehalten hätte. Sie waren mit einer wunderbaren Kunstfertigkeit an einander gefügt, so daß sie Kämpfe und Kriegsthaten von Zeiten und Helden darstellten, die längst dahin gegangen. Die ganze Oberfläche war so bewundernswürdig geglättet, daß die Steine wie Spiegel glänzten und die Strahlen der Sonne mit einer solchen schimmernden Pracht zurückwarfen, daß das Auge des Beschauers sich geblendet wegwandte. Der genauen Beschreibung zu Folge, welche der wackere Mönch nach den alten Chroniken von diesem Thurme gibt, scheinen die Mauern von farbiger Mosaik-Arbeit gewesen zu sein. – Der Verf. König Roderich und sein Hof kamen staunend und sich wundernd an den Fuß des Felsen. Hier befand sich ein schmaler gewölbter Weg, welcher in den Felsen gehauen war; dies war der einzige Eingang in den Thurm. Er war durch ein massives eisernes Thor geschlossen, das mit rostigen Schlössern von verschiedener Arbeit und in dem Geschmacke verschiedener Jahrhunderte, wie die Vorgänger des Don Roderich sie nach und nach daran gehängt hatten, versehen war. Auf jeder Seite des Portals stand einer der alten Wächter des Thurmes, mit den zu den Schlössern gehörigen Schlüsseln beladen. Der König stieg von seinem Pferde, näherte sich dem Thore und befahl den Wächtern, den Eingang zu öffnen. Die grauköpfigen Wächter fuhren bei diesen Worten erschreckt zurück. »Ach,« sagten sie, »was verlangt Euer Majestät von uns? Sollen wir das Unheil dieses Thurmes erschließen und es loslassen, daß es die Erde bis in ihre Grundvesten erschüttere?« Auch der ehrwürdige Bischof Urbino flehte ihn an, ein Geheimniß schlummern zu lassen, das seit Menschengedenken von Geschlecht zu Geschlecht heilig gehalten worden war und in welches selbst Cäsar, als Spanien unter seiner Gewalt war, nicht einzudringen wagte. Die jungen Ritter brannten jedoch vor Eifer, dieses Abenteuer zu bestehen, und ermuthigten ihn in seiner raschen Neugier. »Komme, was da kommen mag,« rief Don Roderich aus: »ich bin entschlossen, in dieses Geheimniß des Thurmes einzudringen.« Bei diesen Worten befahl er den Wächtern abermals, das Portal zu öffnen. Die alten Männer gehorchten unter Beben und Bangen; ihre Hände aber zitterten vor Alter, und als sie die Schlüssel brauchen wollten, waren die Schlösser so alterrostig oder von so ungewöhnlicher Arbeit, daß ihre schwachen Anstrengungen sich vergeblich erwiesen. Die jungen Ritter drängten sich nun herzu und leisteten Hülfe. Der Schlösser waren aber doch so viele und die Behandlung derselben so schwierig, daß trotz ihrem Eifer und ihrer Stärke ein großer Theil des Tages verging, ehe man derselben bis zum letzten Meister geworden war, Als der letzte Riegel endlich dem Schlüssel gewichen war, baten die Wächter und der ehrwürdige Erzbischof den König nochmals, einzuhalten und zu erwägen, was er thue. »Was auch in diesem Thurm sein mag,« sagten sie, »es ist jetzt noch harmlos und unter einem mächtigen Zauber gebunden; wagt es nicht, ein Thor zu öffnen, das einen Strom von Unglück über das Land führen kann.« Aber der Zorn des Königs war erwacht, und er befahl, daß das Portal augenblicklich geöffnet werden sollte. Vergeblich jedoch bot Einer nach dem Andern seine Stärke auf; und in gleicher Weise vergeblich vereinigten die Ritter ihre Kräfte und stemmten ihre Schultern gegen das Thor: obgleich weder Schloß noch Riegel mehr Widerstand leistete, war es doch nicht zu bewegen. Die Geduld des Königs war jetzt erschöpft, und er trat vor, selbst Hand anzulegen; er hatte jedoch das eiserne Thor kaum berührt, so ging es langsam auf und ließ, wie es sich aus seinen Angeln drehte, ein unheilverkündendes Aechzen hören. Ein kalter, feuchter Wind, von einem wilden Klange begleitet, brach hervor. Die Herzen der alten Wächter zitterten in ihrer Brust, und ihre Kniee schlugen an einander; viele der jungen Ritter aber stürzten in den Thurm, glühend, ihre Neugierde zu befriedigen oder sich bei diesem gefürchteten Abenteuer auszuzeichnen. Sie waren jedoch kaum einige Schritte vorgedrungen, so fuhren sie, durch die verdorbene Luft oder durch irgend eine furchtbare Erscheinung überwältigt, zurück. Bleda , Chronica, cap. VII. – Der Verf. Der König befahl jetzt, Feuer anzuzünden, um die Dunkelheit zu verscheuchen und die lange eingeschlossene und ungesunde Luft unschädlich zu machen. Er schritt nun selbst in das Innere voran; allein sein Fuß schwankte und säumte, obgleich er ein Mann von starker Seele war. Nachdem er eine kleine Strecke vorgeschritten war, kam er in eine Halle oder ein Vorgemach, an dessen gegenüberliegender Wand eine Thüre war; vor dieser Thüre stand auf einem Fußgestelle eine riesenhafte Gestalt von Bronzefarbe und von schrecklichem Anblick. Sie hielt eine ungeheure Keule in der Hand und schwang dieselbe ohne Unterlaß, wobei sie so wilde und widerhallende Streiche auf den Boden führte, daß es unmöglich war, in die Thüre einzudringen. Der König blieb bei'm Anblick dieser schreckhaften Gestalt stehen; denn er wußte nicht zu sagen, ob er ein lebendes Wesen oder eine durch Zauberkunst gebildete Statue vor sich habe. Auf ihrer Brust trug sie eine Rolle, auf welche in großen Buchstaben geschrieben war: »Ich thue meine Pflicht.« Bleda , Chronica, cap. VII. – Der Verf. Nach kurzer Weile faßte Don Roderich ein Herz und redete sie mit großer Feierlichkeit an. »Was du auch sein magst,« sagte er, »wisse, daß ich nicht gekommen bin, dein Heiligthum zu schänden, sondern das Geheimniß, welches es umschließt, zu erforschen; ich beschwöre dich daher, mich ungehindert vorüber zu lassen.« Die Gestalt ließ die aufgehobene Keule ruhen, und der König und sein Gefolge schritten unbelästigt durch die Thüre. Sie traten nun in einen großen Saal von schöner und kostbarer Bauart, welche schwer zu beschreiben ist. Die Mauern waren mit den edelsten Steinen bedeckt, welche so zusammengefügt waren, daß sie eine glatte und glänzende Flache bildeten. Das hohe Gewölbe schien sich selbst zu tragen und schimmerte von tausend Edelsteinen, welche wie die Sterne am Himmel glänzten. In dem ganzen Gebäude war weder Holz noch irgend ein anderer der gewöhnlichen und gemeinen Baustoffe zu erblicken. Kein Fenster oder andere Oeffnung ließ das Licht des Tages zu, und doch war in dem ganzen Innern ein glänzender Schimmer verbreitet, der von den Wänden wiederzustrahlen schien und jeden Gegenstand auf das Deutlichste beleuchtete. In der Mitte dieses Saales stand ein Tisch von Alabaster, prachtvoll gearbeitet, auf welchen in griechischen Buchstaben eingegraben war, daß des Alceus Sohn, Herkules, der Thebaische Grieche, diesen Thurm im Jahre der Welt drei tausend und sechs gebaut habe. Auf diesem Tische stand ein goldenes Kistchen, rundum reich besetzt mit kostbaren Steinen und mit einem Schloß von Perlenmutter geschlossen, und auf dem Deckel las man folgende Worte: »In diesem Kistchen ist das Geheimniß des Thurms enthalten; Keines Hand kann es öffnen, als die eines Königs. Aber er mag sich hüten! denn wunderbare Begebenheiten werden ihm enthüllt werden, die eintreffen, bevor er aus der Welt scheidet.« König Roderich streckte seine Hand kühn nach dem Kistchen aus. Der ehrwürdige Erzbischof aber legte die Hand auf seinen Arm und machte ihm die letzten Vorstellungen. »Hütet Euch, mein Sohn!« sagte er; »steht ab, dieweil es noch Zeit ist. Blickt nicht in die geheimnißvollen Beschlüsse der Vorsehung. Gott hat sie in seiner Gnade unsern Augen verhüllt, und es ist gottlos, den Schleier zu zerreißen, durch welchen sie bedeckt werden.« »Was habe ich von der Kenntniß der Zukunft zu fürchten,« versetzte Roderich mit der Miene stolzer Anmaßung. »Ist mir Gutes bestimmt, so freue ich mich dessen in der Erwartung; droht mir Böses, so werde ich gerüstet ihm entgegen gehen.« Bei diesen Worten öffnete er rasch das Schloß. In dem Kistchen fand er nichts, als ein zwischen zwei Kupfertafeln eingeschlagenes Stückchen Leinwand. Als er es entfaltet hatte, erblickte er darauf gemalte Gestalten von Reitern wilden Aussehens, nach Art der Araber in Turbane und vielfarbige Kleider gekleidet, mit von ihren Hälsen niederhangenden Säbeln und Armbrusten, die hinten am Sattel befestigt waren, und Fahnen und Banner tragend, welche mannichfache Verzierungen hatten. Ueber diesen war folgende Inschrift in griechischen Buchstaben: »Unbesonnener König! sieh hier die Männer, welche dich von deinem Throne stürzen und dein Königreich unterjochen werden.« Bei'm Anblick dieser Dinge fühlte der König seinen Muth sinken, und Furcht befiel sein Gefolge. Wahrend sie die Malerei noch betrachteten, war es, als wenn die Gestalten sich zu bewegen anfingen, und ein leiser Ton kriegerischen Lärms ging vom Tuche aus. Cymbeln klangen und Trompeten schmetterten, und man hörte das Wiehern der Kriegsrosse und das Geschrei der Heere; alle diese Töne waren aber nur undeutlich, als kämen sie aus weiter Ferne, oder als hörte man sie im Schlafe oder im Traume. Je länger sie darauf blickten, desto deutlicher wurden die Bewegungen, desto lauter der Lärm und das Getöse; und die Leinwand rollte auf und schien sich auszudehnen und gleichsam zu einer großen Fahne sich auszubreiten; und sie füllte den Saal aus und floß mit der Luft zusammen, bis von ihrem Gewebe nichts mehr sichtbar war oder das Ganze nur wie eine durchsichtige Wolke aussah; und die Schattengestalten setzten sich alle in Bewegung, und das Getöse und das Geschrei wurde wilder und wilder; und keiner der Anwesenden konnte sagen, ob das Ganze ein belebtes Gemälde oder ein Phantasiebild oder ein Heer verkörperter Geister sei. Sie erblickten vor sich ein großes Schlachtfeld, auf welchem Christen und Mahometaner im tödtlichen Kampfe begriffen waren. Sie hörten das Schnauben und Stampfen der Rosse, die grellen Töne der Trompeten und der Clarine, das Klingen der Cymbeln und das stürmische Getöse von tausend Trommeln. Man vernahm das Klirren der Schwerter und Keulen und Streitäxte und dazwischen das Pfeifen der Wurfspiese und Lanzen und das Zischen der Pfeile. Die Christen wichen zagend vor dem Feind; die Ungläubigen drangen wild auf sie und jagten sie bald vollständig in die Flucht. Die Fahne des h. Kreuzes wurde zu Boden geworfen, das Banner Spaniens mit Füßen getreten, die Luft hallte wieder von Siegesgeschrei, Wuthgebrüll und dem Aechzen Verwundeter und Sterbender. Unter den fliehenden Schaaren gewahrte Don Roderich einen gekrönten Krieger, welcher ihm den Rücken wendete, dessen Waffentracht, dessen Farbe die seinige war und der auf einem weißen Rosse ritt, das seinem eigenen Kriegsroß Orelia glich. In der wilden Verwirrung der Flucht war der Krieger abgestiegen und nicht mehr zu erblicken, und Orelia galopirte ungestüm ohne Reiter über das Schlachtfeld dahin. Roderich konnte nicht länger verweilen, nicht länger schauen, sondern stürzte aus dem unglücklichen Saale, und seine erschreckte Begleitung folgte ihm. Sie flohen durch das äußere Gemach, wo die riesige Gestalt mit der wirbelnden Keule von dem Fußgestelle verschwunden war; und als sie in das Freie traten, sahen sie die zwei greisen Wächter des Thurmes todt am Portale liegen, gleichsam als hätte ein gewaltiger Schlag sie niedergeschmettert. Die ganze Natur, die vorher klar und heiter gewesen, war jetzt in wildem Aufruhr. Den weiten Himmel verdunkelten schwere, schwarze Wolken; laute Donnerschläge rollten daher, Blitze flammten, und Regen und prasselnder Hagel gossen ungestüm nieder. Der König gab Befehl, das eiserne Portal zu schließen; aber das Thor war nicht auf seinen Angeln zu bewegen, und die Ritter erbebten vor dem furchtbaren Tumult und dem wilden Jubelgeschrei und Todtengeächze, das fortwährend in dem Innern des Thurmes erschallte. Der König und sein Gefolge eilten nach Toledo zurück, vom Sturme verfolgt und umtos't. Die Berge zitterten und hallten von den Donnerschlägen wieder; die Bäume wurden mit den Wurzeln ausgerissen und weggeschleudert, und der Tajo wüthete und brüllte und überströmte seine Ufer. Es war den erschreckten Höflingen, als wenn die Schattenheere des Thurmes heraus gerückt waren und sich mit dem Sturme vereinigt hätten; denn inmitten der Donnerschläge und des Heulens des Windes glaubten sie den Klang der Trommeln und Trompeten, das Jubelgeschrei der Sieger und das Wiehern der Rosse zu hören. So vom Sturme gepeitscht und von Schauer überwältigt, kamen der König und sein Geleite zu Toledo an, galopirten über die Tajo-Brücke und stürmten in wilder Verwirrung durch das Thor, als wenn der Feind ihnen im Rücken wäre. Am nächsten Morgen war der Himmel wieder klar, und die ganze Natur der Ruhe und Heiterkeit zurückgegeben. Der König ritt daher mit seinen Rittern abermals aus und schlug den Weg nach dem Thurme ein; eine große Menge Menschen folgte dem Zuge; denn es lag ihm viel daran, das eiserne Portal wieder zu schließen und all das Unheil, das das Land zu überschwemmen drohte, in den Zauberthurm zu bannen. Aber ha! als sie des Thurmes ansichtig wurden, bot sich ihren Augen ein neues Wunder dar. Ein Adler wiegte sich hoch in den Lüften und schien vom Himmel niederzuschweben. Er trug in seinem Schnabel einen Feuerbrand, ließ sich auf der Zinne des Thurmes nieder und fachte das Feuer mit seinen riesigen Schwingen an. Nach einer kleinen Weile stand das ganze Gebäude in hellen Flammen, als wenn es aus Harz aufgebaut gewesen wäre, und die Flammen stiegen mit einem Glanze in die Luft empor, welcher den der Sonne übertraf; und das Feuer ruhte nicht eher, als bis jeder Stein verzehrt und das Ganze nichts als ein Haufe Asche war. Dann kam eine große Schaar kleiner, dunkelfarbiger Vögel, welche den Himmel wie eine Wolke verfinsterten, und schwebten nieder und kreis'ten rund um die Asche und verursachten durch die Bewegung ihrer Flügel einen so starken Wind, daß sie in der Luft verflog und über ganz Spanien zerstreut ward, und wo das kleinste Stäubchen dieser Asche den Boden berührte, war es wie ein Blutflecken. Ferner wird von alten Leuten und den Chronikenschreibern früherer Zeiten erzählt, alle die, auf welche der Staub gefallen, seien später in dem Kampfe getödtet worden, als die Araber das Land eroberten, und die Zerstörung dieses magischen Thurmes sei ein Wahrzeichen und Fingerzeig des herannahenden Falles von Spanien gewesen. »Mögen alle die,« fährt der bedächtige Mönch fort, »welche die Wahrheit dieses wunderbaren Begebnisses in Zweifel zu ziehen für gut finden, die bewundernswürdigen Quellen unserer Geschichte, die Chronik des Mauren Rasis und das Werk, »der Fall Spaniens« betitelt, von dem Mauren Abulkasim Tarif Abentarique, zu Rath ziehen. Sie mögen ferner noch den ehrwürdigen Geschichtschreiber Bleda und die Masse anderer katholischer Schriftsteller Spaniens lesen, welche dieses Ereigniß zu besprechen Gelegenheit nahmen, und sie werden sich überzeugen, daß ich nichts erzählt habe, was nicht schon früher gedruckt und unter der Aufsicht und Genehmigung unserer heiligen Kirche veröffentlicht worden war. Gott allein kennt die Wahrheit aller dieser Dinge; ich erzähle nur, was mir aus alten Zeiten überliefert worden ist.« Achtes Kapitel. Graf Julian. – Seine Schicksale in Afrika. – Er hört von der Entehrung seines Kindes. – Sein Benehmen darauf. Der Gang unserer Erzählung führt uns nun zu einer Andeutung der Schicksale des Grafen Julian, nachdem er Toledo verlassen, um seine Statthalterschaft auf der Küste der Barbarei wieder anzutreten. Er ließ die Gräfin Frandina zu Algeziras, seiner väterlichen Besitzung; denn die Provinz, welche unter seinem Befehle stand, war durch den Einfall der Araber bedroht. In der That fand er, als er zu Ceuta ankam, diesen Platz durch die Alles bedrängenden Muselmänner sehr gefährdet. Die Araber des Osten, die Anhänger Mahomet's, hatten viele der mächtigsten Königreiche des Morgenlandes unterjocht und ihren Herrschersitz zu Damaskus aufgeschlagen, wo zu jener Zeit Waled Almanzor, Von den Arabern Walid Ben Abdelmelek genannt. – Der Uebers. mit dem Beinamen »das Schwert Gottes«, den Thron inne hatte. Von hier hatte sich der Strom der muselmännischen Eroberung weiter, bis zu den Gestaden des atlantischen Meeres, gewälzt, so daß ganz Almagreh oder das westliche Afrika der Fahne des Propheten unterworfen worden war, einen Theil von Tingitanien ausgenommen, das die Meerenge entlang lag und eben die Provinz war, welche die gothischen Spanier besaßen und welcher Graf Julian vorgesetzt war. Die arabischen Eindringlinge waren hundert tausend Mann stark, und die Mehrzahl des Heeres bestand aus alten gedienten Kriegern, die im Kriege abgehärtet und an den Sieg gewöhnt waren. Ihr Anführer war ein alter arabischer Kriegsheld, Musa Ben Nosair genannt, welchem die Statthalterschaft von Almagreh anvertraut worden war, das er selbst größtentheils erobert hatte. Dieser alte Krieger hegte den Ehrgeiz, die muselmännischen Siege vollständig zu machen, indem er die Christen von den Gestaden Afrika's verjagte; in dieser Absicht bedrohten seine Truppen die wenigen den Gothen noch bleibenden festen Plätze Tingitaniens, während er in eigener Person die Belagerung von Ceuta zu leiten beschloß. Der arabische Häuptling war durch seine fortdauernden glücklichen Erfolge vertrauensvoll und zuversichtlich geworden und glaubte, nichts könne ferner seinen Waffen und der heiligen Fahne des Propheten widerstehen. Ungeduldig über die langwierigen Zögerungen einer regelrechten Belagerung, führte er seine Truppen kühn gegen die felserbauten Thürme von Ceuta und versuchte es, den Platz durch Sturm zu nehmen. Der Angriff war wild und ungestüm, und der Kampf verzweifelt. Die dunkelfarbigen Söhne der Wüste waren gewandt und kräftig und von ungestümem Geist; aber die Gothen, welche auf diesem Grenzposten an jede Gefahr gewöhnt waren, besaßen noch ganz ihren alten kühnen Muth und die blinde Verachtung jeder Gefahr, während ihre Brüder in Spanien in hohem Grade erschlafft und verweichlicht waren. Auch hatten sie einen Anführer, der im Kriegswesen erfahren war und nach Ruhm dürstete. Nach einem heftigen Kampfe wurden die muselmännischen Stürmenden auf allen Punkten zurückgeworfen und von den Mauern der Stadt vertrieben. Graf Julian brach aus seiner Veste heraus und griff sie in ihren Verschanzungen an, und das Blutbad war so groß, daß der alte Musa sich freute, sein Lager abbrechen zu können, und die Belagerung tief gedemüthigt aufhob. Der Sieg, den Graf Julian erfochten, hallte in ganz Tingitanien wieder und verbreitete allgemeine Freude. Ueberall hörte man das Jubelgeschrei, und das Lob des Grafen Julian ertönte aus jedem Munde. Das Volk begrüßte ihn auf jedem seiner Schritte als seinen Befreier, und überall rief man Segen auf sein Haupt herab. Graf Julian's Herz schlug stolz, und seine Brust schwoll im Bewußtsein seiner Kraft; aber es war ein edler, tugendhafter Stolz; denn er wußte, daß er den Segen seiner Landsleute verdient hatte. Inmitten seiner Freude und während der Jubel des Volkes noch in seinen Ohren wiederklang, langte der Page an, welcher den Brief seiner unglücklichen Tochter trug. »Welche Nachrichten vom König?« fragte der Graf, als der Page vor ihm kniete. »Keine, mein Gebieter!« versetzte der Jüngling: »aber ich bringe einen Brief, welchen Dona Florinda in aller Eile sendet.« Er nahm den Brief aus seinem Busen und reichte ihn dem Grafen dar. Wie ihn Graf Julian las, verfinsterte sich sein Antlitz und sein Herz kochte. »Dies,« sagte er bitter, »ist mein Lohn, weil ich einem Tyrannen diente; dies ist die Ehre, welche mein Heimathland auf mein Haupt häuft, während ich in einem fremden Lande seine Schlachten kämpfe. Möge das Unglück mich treffen und die Schande auf meinem Namen lasten, wenn ich je raste, bevor ich in vollem Maase Rache genommen!« Graf Julian's Leidenschaften waren ungestüm, und er hörte in seinem Zorne auf keinen Rath. Er war ungemein hohen Geistes, aber er kannte den wahren Edelsinn nicht; war er verwundet, so kehrte er Alles zu Gift und Galle. Ein düsterer, boshafter Haß bemächtigte sich seiner Seele, nicht allein gegen Don Roderich, sondern gegen ganz Spanien. Er betrachtete jetzt sein Vaterland als den Schauplatz seiner Schande, als das Land, wo seine Familie entehrt worden; und indem er die Unbilden zu rächen bedacht war, welche er von seinem Monarchen erfahren hatte, ersann er gegen sein Geburtsland einen der schwärzesten Verrätherplane, auf die je ein menschliches Herz verfallen war. Graf Julian's Plan war, König Roderich von seinem Throne zu stoßen und Spanien in die Hände der Ungläubigen zu überliefern. Wie er diesen verrätherischen Plan in's Werk zu richten und auszuführen sann, schien sein ganzer Charakter ein anderer geworden zu sein. Jedes hohe und edle Gefühl war in ihm erstickt, und er ließ sich zu der gemeinsten Heuchelei herab. Seine erste Sorge war, seine Familie der Gewalt des Königs zu entziehen und sie aus Spanien zu entfernen, bevor seine Verrätherei bekannt würde; sodann dachte er darauf, sein Vaterland der ihm noch bleibenden Vertheidigungsmittel gegen die einfallenden Feinde zu berauben. Mit diesen schwarzen Vorsätzen in dem Herzen, aber offenen und heitern Antlitzes, ließ er sich nach Spanien übersetzen und begab sich an den Hof von Toledo. Wohin er kam, empfing man den siegreichen Feldherrn mit allgemeinem Jubel, und strahlend von dem Siege zu Ceuta trat er vor seinen König. Er verbarg vor Don Roderich seine Mitwissenschaft an der Schmach, welche seinem Hause widerfahren war, und nahm die Miene der treuesten Ergebenheit und Liebe gegen seinen Monarchen an. Der König überschüttete ihn mit Gunstbezeugungen; denn er wollte sein eigenes Gewissen beschwichtigen, indem er den Vater als Sühne für die tödtliche Unbild, welche er seinem Kinde angethan, mit Ehren überhäufte. Auch achtete er den Grafen Julian als einen fähigen und im Kriegswesen erfahrnen Mann und nahm seinen Rath in allem, was sich auf die militärischen Verhältnisse Spaniens bezog, in Anspruch. Der Graf vergrößerte die Gefahr, welche die unter seinen Oberbefehl gestellte Grenze bedrohte, und vermogte den König, die besten noch aus Witiza's Zeit übrigen Truppen zu Fuß und zu Pferd dorthin zu senden, da man derselben in dem Mittelpunkte Spaniens bei dessen jetzigem ruhigen Zustande nicht bedürfe. Die andern Schaaren wurden, auf seinen Rath, an die Grenze von Gallien geschickt, so daß das Königreich gegen einen möglichen plötzlichen Einfall in Süden fast ohne alle Vertheidigung blieb. Nachdem er seine Plane so verschlagen entworfen und Alles zu seiner Rückkehr nach Afrika angeordnet hatte, ward ihm die Erlaubniß, seine Tochter vom Hofe zu entfernen und sie bei ihrer Mutter, der Gräfin Frandina, zu lassen, welche, wie er vorgab, zu Algeziras gefährlich krank lag. Graf Julian ließ die Thore der Stadt hinter sich, von einer glänzenden, auserlesenen Schaar begleitet, während die blasse, weinende Florinda neben ihm auf einem Zelter ritt. Das Volk grüßte und segnete ihn und jubelte ihm zu, während er vorüber kam; aber sein Herz wendete sich mit Abscheu von ihnen. Als er über die Brücke des Tajo ritt, sah er mit bewölkter Stirn auf Toledo zurück und hob seine gepanzerte Faust und schüttelte sie gegen den königlichen Palast Don Roderich's, der die felsige Höhe krönte. »Eines Vaters Fluch,« sagte er, »laste auf dir und den Deinigen! Verderben falle auf dein Haus, und Verwirrung und Sturz treffe dein Reich.« Auf seiner Reise durch das Land blickte er mit boshaftem Auge um sich. Die Schalmei des Hirten und der Gesang der Landleute klangen wie Mißtöne in sein Ohr; jeder Blick, jeder Ton, welcher von dem Glück der Menschen zeugte, that seinem Herzen wehe, und in der Bitterkeit seiner Seele wünschte er, er mögte den ganzen Schauplatz des Glückes und Gedeihens durch Feuer und Schwert der Feinde verödet sehen. Die Gräfin Frandina hatte bereits die Geschichte der Schmach und Entehrung ihrer Familie erfahren. Als die unglückliche Florinda vor ihre Mutter kam, fiel sie ihr um den Hals, verbarg ihr Antlitz an ihrem Busen und weinte. Aber die Gräfin vergoß nie eine Thräne; denn sie war eine Frau von stolzem Geiste und starkem Herzen. Sie blickte streng in das Antlitz ihres Gatten. »Verderben treffe dein Haupt,« sagte sie, »wenn du diese Schmach duldest. Was mich betrifft, eine schwache Frau, werde ich die Freunde und Getreuen meines Hauses um mich sammeln und nicht rasten, bevor Ströme von Blut diesen Flecken weggewaschen haben.« »Beruhige dich,« sagte der Graf; »die Rache naht, und sie wird sicher und schrecklich sein.« Da Graf Julian nun auf seinen eigenen Besitzungen und von seinen Verwandten und Getreuen umgeben war, fuhr er fort, sein Verräthernetz vollständig zu weben. Darin unterstützte ihn sein Schwager Oppas, der Bischof von Sevilla, ein Mann, schwarz und treulos wie die Nacht, aber von frommer Miene und glatt und gleisend im Rathe. Dieser verschlagene Prälat hatte sich in das unbedingte Vertrauen des Königs zu schleichen gewußt und diesen dahin vermogt, seinen Neffen, Evan und Siseburt, Witiza's verbannten Söhnen, die Rückkehr nach Spanien zu gestatten. Sie wohnten in Andalusien und wurden nun als passende Werkzeuge bei der jetzigen verrätherischen Verschwörung betrachtet. Dem Rathe des Bischofs zufolge berief Graf Julian seine Verwandten, Freunde und Anhänger zu einer geheimen Berathung auf einen wilden felsigen Berg, nicht fern von Consuegra, welcher heute noch die maurische Benennung »la Sierra de Calderin,« oder »der Berg des Verraths« trägt Bleda , Chron, cap. V. – Der Verf. . Als Alle versammelt waren, erschien Graf Julian, von dem Bischofe und der Gräfin Frandina begleitet, unter ihnen, berief die, welche von seinem Blute und mit ihm verwandt waren, um sich, und entdeckte ihnen die Schmach, welche ihrer Familie angethan worden. Er stellte ihnen vor, Don Roderich sei ihr geschworner Feind, er habe Witiza, ihren Verwandten, entthront und nun die Ehre einer der edelsten Töchter ihres Stammes entehrt. Die Gräfin Frandina unterstützte seine Worte. Sie war eine Frau von majestätischer Gestalt und beredter Zunge, und ihre Worte regten, da die Gefühle einer Mutter sie begeisterten, die versammelten Ritter bis zur Wuth auf. Der Graf benutzte die Erregung des Augenblicks zur Enthüllung seines Planes. Die Hauptabsicht ging dahin, Don Roderich zu entthronen und die Krone den Söhnen des verstorbenen Königs Witiza zu geben. Dadurch würden sie die Sünden des Tyrannen an seinem Haupte rächen und zu gleicher Zeit die königliche Ehre ihrem Stamme zurückgeben. Ihre eigenen Kräfte würden zu diesem Zwecke hinreichen; sie könnten sich aber auch die Beihülfe des arabischen Häuptlings in Mauritanien, Musa Ben Nosair's, verschaffen, welcher ohne Zweifel freudig einen Theil seiner Truppen nach Spanien schicken würde, um das Unternehmen zu unterstützen. Der auf diese Weise von dem Grafen Julian hingestellte Plan erhielt die gottlose Genehmigkeit des Bischofs Oppas, der sich anheischig machte, ihm heimlich durch seinen ganzen Einfluß und alle seine Mittel Vorschub zu leisten; denn er hatte einen großen Reichthum an Schätzen und Besitzthum und viele Anhänger. Das Beispiel des hochgeehrten Prälaten bestimmte Alle, die ohne dieses noch gezaudert haben mögten, und sie machten sich durch furchtbare Eide verbindlich, der Verschwörung treu zu bleiben. Graf Julian nahm es über sich, nach Afrika zu gehen und Musa's Lager aufzusuchen, um dessen Hülfe zu ermitteln, während der Bischof in der nächsten Umgebung des Königs bleiben und ihn in das ihm gestellte Netz locken sollte. Nachdem Alles auf diese Weise geordnet und verabredet war, sammelte Graf Julian seine Schätze, nahm seine Gemahlin und Tochter mit sich, verließ das Land, das er zu verrathen gedachte, und schiffte sich zu Malaga nach Ceuta ein. Das Thor in der Mauer dieser Stadt, durch welches sie zogen, trug Jahrhunderte hindurch den Namen »Porta della Cava,« oder»das Thor der Hure;« denn diesen schmachvollen und unverdienten Namen gaben die Mauren der unglücklichen Florinda Bleda , Chron, cap. IV. – Der Verf. . Neuntes Kapitel. Geheimer Besuch des Grafen Julian im Lager der Araber. – Erster Zug des Tarek el Tuerto. Als Graf Julian seine Familie zu Ceuta, wo eine ihm ergebene Kriegerschaar zur Besatzung diente, in Sicherheit gebracht hatte, nahm er eine kleine Anzahl von Getreuen, auf die er sich unbedingt verlassen konnte, und begab sich heimlich in das Lager des arabischen Emirs, Musa Ben Nosair's. Das Lager breitete sich in einem jener idyllischen Thäler aus, welche sich an dem Fuße der mauritanischen Höhen hinziehen, über denen die große Kette des Atlas in der Ferne riesenhaft aufsteigt. In dem bunten Heere, welches hier versammelt war, erblickte man Krieger eines jeden Stammes und jeder Nation, die sich durch Bündnisse oder in Folge der Eroberung der Sache des Islam angeschlossen hatten. Man sah hier die, welche Musa aus den fruchtbaren Gegenden Aegyptens durch die Wüsten von Barca gefolgt waren, und die, welche, zu den sonnegebräunten Stämmen Mauritaniens gehörend, sich seiner Fahne angeschlossen hatten. Man sah hier Sarazenen und Tartaren, Syrier und Kopten und schwarze Mauren, reichgekleidete Krieger aus den civilisirten Städten des Morgenlandes und die ärmlichen, räuberischen Söhne der Wüste. Der größere Theil des Heeres bestand jedoch aus Arabern; sie unterschieden sich aber bedeutend von den ersten rohen Horden, welche sich der Fahne Mahomet's zugesellten. Fast ein hundertjähriger fortwährender Kampf mit den kultivirten Nationen des Orients hatte sie zu vollendeten Kriegern umgeschaffen; und ihr gelegentlicher Aufenthalt in den üppigen Ländern und volkreichen Städten hatte sie mit den Sitten und Künsten des civilisirten Lebens bekannt gemacht. Dennoch waren die umschweifenden, rastlosen und räuberischen Sitten der echten Söhne Ismaels, jedem Wechsel von Klima, jedem Wechsel der Lage zum Trotze, noch vorherrschend. Graf Julian fand den arabischen Eroberer Musa einigermaßen von orientalischer Pracht und Herrlichkeit umgeben. Er war in vorgerücktem Alter, aber eine edle Erscheinung; seine Jahre verbarg er dadurch, daß er sein Haupt- und Barthaar mit Henna färbte. Als der Graf vor ihn trat, nahm er die Miene kriegerischer Offenheit und Entschlossenheit an. »Bisher,« sagte er, »sind wir stets Feinde gewesen; ich komme aber in friedlicher Absicht zu dir, und es hängt nur von dir ab, mich zu dem ergebensten deiner Freunde zu machen. Ich habe fortan weder Vaterland noch König. Roderich der Gothe ist ein Kronräuber und mein Todfeind. Er hat meine Ehre an dem empfindlichsten Theile verwundet, und mein Vaterland bietet mir keine Genugthuung. Hilf mir zur Rache, und ich liefere dir ganz Spanien in deine Hände, – ein Land, das an Fruchtbarkeit und Reichthum alle die gepriesenen Regionen weit übertrifft, welche du in Tingitanien erobert hast.« Musa's Herz klopfte hoch vor Freude, als er diese Worte hörte; denn er war ein hochfliegender und ehrgeiziger Eroberer, und hatte bei seinen Zügen durch das westliche Afrika oft ein begehrliches Auge auf die Gebirge Spaniens geworfen, wenn er sie jenseits der Wasser der Meerenge schimmern sah. Dennoch besaß er die ganze Vorsicht eines bejahrten Kriegers, und fürchtete sich, ohne die Genehmigung seines Gebieters Dies war der Kalife Walid Ben Abdelmelek (Almanzor). – Der Uebers. ein so wichtiges Unternehmen einzugehen und seine Waffen in einen andern Welttheil zu tragen. Nachdem er vom Grafen Julian über die Einzelnheiten seines Planes gehörig unterrichtet war, und die Mittel kannte, welche ihm zu dessen Ausführung zu Gebote standen, machte er seine vertrauten Räthe und Hauptleute mit dem Ganzen bekannt und fragte sie um ihren Rath. »Die Worte des Grafen Julian,« sagte er, »können falsch sein und auf eine Täuschung hinausgehen; vielleicht besitzt er auch die Macht nicht, seine Versprechungen zu erfüllen. Das Ganze kann ein vorgeblicher Verrath sein, um uns in unser Verderben zu locken. Es ist natürlicher, daß er an uns zum Verräther wird, als an seinem Vaterlande.« Unter den Häuptlingen, welche unter Musa's Befehl standen, war ein ärmlicher, schwarzer, mit Narben bedeckter Veteran, – ein echter Araber, der seine größte Lust im Umherstreifen und in verzweifelten Abenteuern fand und sich um nichts in der Welt bekümmerte, als um sein Roß, seine Lanze und seinen Säbel. Er war ein Eingeborner von Damascus und hieß Tarek Ben Zejad. Da er eines seiner Augen verloren hatte, nannten ihn die Spanier gewöhnlich »Tarek el Tuerto« oder »Tarek der Einäugige.« Das heise Blut dieses alten Ismaeliten war im höchsten Aufruhr, als er von einem neuen Reiche hörte, das überfallen, und von ausgedehnten Länderstrichen, welche unterjocht werden sollten; und er fürchtete sehr, durch Musa's vorsichtiges Zaudern mögte der ruhmwürdige Preis eines solchen Unternehmens verloren gehen. »Nach deinen Worten,« sagte er, »bist du ungewiß über die Wahrheit der Aussagen dieses christlichen Ritters; es ist aber leicht, sich über deren Zuverlässigkeit zu vergewissern. Gib mir vier Schiffe und eine Handvoll Menschen, und ich ziehe mit diesem Grafen Julian, durchstreife die christliche Küste und bringe dir Nachricht von dem Lande und des Mannes Mitteln, es in deine Gewalt zu bringen.« Die Worte des alten Kriegers gefielen Musa Ben Nosair, und er gab seine Zustimmung, und Tarek reisete, von dem Verräther Julian Julian der Ungläubige. Dies ist die Bezeichnung, welche die arabischen Geschichtschreiber dem Grafen gewöhnlich geben. – Der Uebers. geführt, mit vier Gallionen und fünfhundert Mann ab. Benter , Chron. genealog. de Espana. lib. I. cap. 28. – Marmol . descript. de Africa. lib. II. cap. 10. – Der Verf. Dieser erste Zug der Araber gegen Spanien fand, einigen Geschichtschreibern zufolge, in dem Jahre des Herrn siebenhundert und zwölf statt; andere aber stimmen damit nicht überein, wie denn freilich fast in keinem einzigen Punkte dieser frühern Geschichtsepoche Spaniens eine Uebereinstimmung zwischen den Erzählern vorherrscht. Das Jahr, welchem die urtheilsfähigen Chronisten sich zuneigen, ist das von siebenhundert und zehn, in dem Juliusmonat. Es scheint auch aus einigen bewährten Schriftstellern hervorzugehen, daß die Schiffe Tarek's unter dem angenommenen Charakter von Handelsboten die Küsten von Andalusien und Lusitanien entlang kreuzten; und dies ist nicht ganz unwahrscheinlich, da sie das Land nur einstweilen auskundschaften und sich mit den Landungsplätzen bekannt machen wollten. Wo sie landeten, sendete Graf Julian Boten aus, welche den Auftrag hatten, seine Freunde und Anhänger an einem bestimmten Platze zu versammeln. Sie trafen heimlich zu Gezira Alhadra, das heißt: die grüne Insel Das heutige Algesiras. Nach den besten Autoritäten war der 28. April 711 der Tag der Landung; ihnen zufolge war Graf Julian, ehe er mit Tarek und dessen Truppen über die Meerenge setzte, allein mit den Seinigen auf die spanische Küste gesendet worden und hatte, um den Arabern einen Beweis seiner Anhänglichkeit zu geben, geplündert und gemordet und reiche Beute und viele Gefangene zurückgebracht. – Der Uebers. , zusammen, wo sie in Gegenwart Tarek Ben Zejad's eine Unterredung mit dem Grafen Julian hatten. Hier gaben sie von Neuem die Versicherung, sich unter seiner Fahne zu sammeln, sobald diese offen entfaltet würde, und stellten ihre mannichfachen Vorbereitungen zum Beginne der Empörung dar. Tarek überzeugte sich aus Allem, was er hier gesehen und gehört hatte, daß Graf Julian ihn weder in Bezug auf seine Gesinnungen, noch auf seine Mittel getäuscht hatte. Seinem Charakter als Araber nachgehend, machte er einen Einfall in das Land, sammelte große Beute, führte viele Gefangene hinweg und brachte seinen Raub im Triumphe zu Musa als einen Vorgeschmack der Reichthümer, welche eine Eroberung des christlichen Landes zu bieten versprach. Conde , Hist. Dom. Arab. part. 1. cap. 8. – Der Verf. Zehntes Kapitel. Musa's Brief an den Kalifen. – Zweiter Zug des Tarek el Tuerto. Als Musa die von Tarek el Tuerto mitgebrachte Kunde vernahm und die Beute sah, welche er gesammelt hatte, schrieb er einen Brief an den Kalifen Walid Almanzor, in welchem er das verrätherische Anerbieten des Grafen Julian und die Wahrscheinlichkeit darlegte, mittelst seines Beistandes einen erfolgreichen Einfall in Spanien zu machen. »Ein neues Land,« sagte er, »breitet sich vor unsern entzückten Augen aus und lädt uns ein, es in Besitz zu nehmen; ein Land, ähnlich Syrien an Fruchtbarkeit des Bodens und ewiger Klarheit des Himmels; Yemen oder dem glücklichen Arabien an seiner erquickenden Temperatur; Indien an seinen Blumen und Gewürzen; Cathay an seinen kostbaren Mineralien, und Aden an der Vortrefflichkeit seiner Buchten und Häfen! Auch ist es bevölkert und reich; denn es zählt viele prachtvolle Städte und majestätische Denkmäler der alten Kunst. Was sollte dieses glorreiche Land hindern, ein Erbe der Gläubigen zu werden? Wir sind bereits Sieger der Stämme der Barbaren, von Zab, von Derar, von Zaara, von Masamuda und Sus, und die siegreichen Fahnen des Islam flattern auf den Thürmen von Tangier. Aber ein Meer, vier Stunden breit, trennt uns von den gegenüber liegenden Küsten. Ein Wort von meinem Gebieter, und die Eroberer von Afrika überströmen Andalusien mit ihren Legionen, befreien es von der Herrschaft der Ungläubigen und unterwerfen es den Gesetzen des Koran. Conde, part. I. cap. 8. – Der Verf. Der Kalife frohlockte über den Inhalt dieses Briefes. »Gott ist groß,« rief er aus, »und Mahomet ist sein Prophet! Der Gesandte Gottes hat es geweissagt, sein Gesetz würde sich verbreiten bis zu den entlegensten Theilen der Welt und durch das Schwert in neue und unbekannte Länder gebracht werden. Sieh, ein neues Land eröffnet sich den Siegen der Gläubigen. Es ist Allah's Wille, und seinem erhabenen Rathschluß ist man Gehorsam schuldig.« Der Kalif schickte demnach eine Botschaft an Musa und ermächtigte ihn, die Eroberung zu unternehmen. Nun begannen große Vorbereitungen; zahlreiche Schiffe wurden zu Tangier zusammengebracht und ausgerüstet, um auf ihnen das Heer der Araber über die Meerenge zu bringen. Zwölftausend Mann wurden zu diesem Zuge auserlesen, größtentheils leichte arabische Truppen, im Kriege geübt und an Gefahren und rasche Unternehmungen gewöhnt. Unter diesen befand sich eine große Zahl Reiter, mit schnellen arabischen Pferden versehen. Das Ganze wurde dem Befehle des alten Kriegers, Tarek's el Tuerto oder des Einäugigen untergeordnet, auf welchen Musa das unbedingteste Vertrauen, wie auf sein zweites Ich, setzte. Tarek übernahm den Oberbefehl mit Freude; sein ganzes kriegerisches Feuer erwachte bei dem Gedanken, ein solches Heer unter seinem ausschließlichen Befehl und ein solches Land zu besiegen zu haben; und er beschloß bei sich, nie anders denn als Sieger zurückzukehren. Er wählte eine finstere Nacht, um seine Truppen über die Meerenge des Herkules zu führen; und als der Tag anbrach, begannen sie die Landung, bevor die Umgegend Zeit hatte, sich gegen den Feind zu erheben. Eine kleine Anzahl Christen sammelte sich an der Küste und widersetzte sich der Landung; sie wurden aber leicht in die Flucht geschlagen. Tarek stand am Gestade des Meeres und harrte, bis das letzte Häuflein an das Land gesetzt, und alle Pferde, Waffen und Kriegsvorräthe an die Küste gebracht waren, worauf er Befehl gab, die Schiffe in Brand zu stecken. Die Moslemen bebten vor Schrecken, als sie sahen, wie ihre Schiffe sich in Rauch und Flammen hüllten und in die Tiefe des Meeres versanken. »Wie werden wir entrinnen,« riefen sie, »wenn das Kriegsglück uns nicht begünstigt?« »Für den Feigen gibt es kein Mittel zu entrinnen!« sagte Tarek, »und der Tapfere denkt nicht daran; euch bleibt nichts übrig, als zu siegen.« »Aber wie werden wir ohne Schiffe jemals in unsere Heimath zurückkehren können?« »Eure Heimath,« sagte Tarek, »liegt vor euch; aber ihr müßt sie euch mit euern Schwertern erkämpfen.« – Wahrend Tarek noch mit seinen Begleitern redete, entdeckte man, erzählt einer der alten Chronikenschreiber, in der Ferne ein christliches Weib, das ein weißes Fähnchen an einem Rohre zum Zeichen des Friedens schwenkte. »Señor,« sagte sie, »ich bin ein altes Weib, und es sind nun volle sechszig Jahre dahin gegangen, seit ich, als ich in einer Winternacht am Heerde wachte, meinen Vater, einen ungewöhnlich alten Mann, eine Prophezeihung lesen hörte, welche von einem frommen Mönche geschrieben sein sollte, und Folgendes war der Inhalt der Prophezeihung: es würde eine Zeit kommen, wo unser Land von einem Volk aus Afrika von fremder Tracht und fremder Zunge und einem fremden Glauben überfallen und erobert werden würde. Die Schaaren sollten von einem starken und tapfern Häuptlinge geführt werden, welchen man an diesen Zeichen erkennen würde: auf seiner Schulter sollte sein ein haariges Maal, und sein rechter Arm sollte viel länger sein, als der linke, und zwar von einer solchen Länge, daß er sein Knie mit seiner Hand bedecken könne, ohne sich zu bücken.« Tarek hörte der Alten mit großer Aufmerksamkeit zu, und als sie geendigt hatte, entblößte er seine Schulter und sieh, da war das Maal, grade wie sie es beschrieben hatte; auch fand man, daß sein rechter Arm in der That den linken an Länge übertraf, jedoch nicht in dem Grade, wie es in der Prophezeihung gesagt worden. Darauf erhoben die Araber ein lautes, stürmisches Jubelgeschrei und fühlten sich ihres Sieges vergewissert. Perdida de Espana, por Abulcasim Tarif abentarique. Lib. I. cap. VII. – Der Verf. Obgleich der vorsichtige Antonio Agapida diesen Umstand erwähnt, wie er in den alten Chroniken erzählt wird, schenkt er der angeblichen Prophezeihung doch keinen Glauben, sondern betrachtet das Ganze als eine von Tarek ausgedachte List, durch welche er den Muth seiner Truppen steigern wollte. »Ohne Zweifel,« sagte er, »fand eine Verabredung zwischen der alten Sybille und dem verschlagenen Sohn Ismaels statt; denn diese ungläubigen Häuptlinge waren voller verdammlichen Erfindungen, um auf die abergläubische Phantasie ihrer Begleiter zu wirken und sie mit einem blinden Vertrauen in den Erfolg ihrer Waffen zu begeistern.« Dem sei nun, wie ihm wolle, der alte Tarek benützte die Aufregung seiner Kriegerschaaren und führte sie weiter, um von einem festen Punkte Besitz zu nehmen, welcher gewissermaßen der Schlüssel zu der umliegenden Gegend war. Dies war ein hoher, in die See vorspringender und von derselben fast ganz umgebener Berg; die Landzunge, welche ihn mit dem festen Lande verband, war nur schmal. Er wurde der Fels von Calpe genannt und beherrschte den Eingang in das mittelländische Meer, gleich dem gegenüber liegenden Ceuta. Hier hatte in der alten Zeit Herkules einen seiner Pfeiler aufgerichtet, und die Stadt Heraklea war hier erbaut worden. Als sich Tarek diesem Vorgebirge näherte, stellte sich ihm eine Schaar Christen entgegen, die in der Eile die Waffen ergriffen und sich unter den Fahnen eines gothischen Edeln von großer Macht und Bedeutsamkeit, dessen Besitzungen die gebirgigen Küsten des mittelländischen Meeres entlang lagen, gesammelt hatten. Der Name dieses christlichen Ritters war Theodomir, von den arabischen Geschichtschreibern wird er aber allgemein Tadmir genannt; er ist berühmt als der erste Kriegsführer, welcher sich dem Einfalle der Moslemen zu widersetzen versuchte. Er mogte ungefähr vierzig Jahre alt sein; er war kühn, rasch und verschlagen; und wenn alle gothischen Edeln sich eben so wachsam, thätig und klug in ihrer Vertheidigung benommen hätten, so würde die Fahne des Islams nimmermehr über das Land triumphirt haben. Theodomir, oder richtiger Theudemir, hatte nur siebenzehnhundert Mann unter seinem Befehle, und diese waren nicht auf das Beste ausgerüstet; dennoch leistete er mit ihnen einen entschlossenen Widerstand gegen Tarek's Heer und vertheidigte den Paß zu dem Vorgebirge mit großer Tapferkeit. Er sah sich zuletzt genöthigt, sich zurückzuziehen, und Tarek schritt vor und pflanzte seine Fahnen auf dem Felsen von Calpe auf und befestigte ihn als eine starke Brustwehr und einen sichern Punkt, welcher den Eintritt in das Land schirmte und deckte. Zum Andenken seines ersten Sieges änderte er den Namen des Vorgebirges und hieß es Gibel Tarek oder den Berg des Tarek; im Laufe der Zeit aber ging der Name allmählig in den von Gibraltar über. Nachdem der patriotische Kriegsführer Theudemir seine zerstreuten Kräfte wieder gesammelt hatte, lagerte er sich mit ihnen auf den Saum der Gebirge und rief das Land ringsum auf, sich unter seine Fahne zu reihen. Er sendete in aller Eile Boten an den König und theilte ihm in kurzen und graden Ausdrücken die Neuigkeit von dem Einfall mit, und bat ihn mit gleicher Offenheit um Beistand. »Señor,« sagte er in seinem Schreiben, »die Schaaren Afrika's sind über uns gekommen; ob sie aber vom Himmel oder aus der Erde kommen, kann ich nicht sagen. Sie schienen aus den Wolken gefallen zu sein, denn sie haben keine Schiffe. Wir sind durch List überfallen, durch die Masse überwältigt und gezwungen worden, uns zurückzuziehen; und sie haben sich gegen uns auf unserm Gebiete befestigt. Sendet uns mit der größten Eile Unterstützung, oder vielmehr, kommt selbst zu unserm Beistande.« Conde, part. I. cap. 9. – Der Verf. Eilftes Kapitel. Maasregeln Don Roderich's bei der Nachricht von dem Einfalle. – Der Zug Ataulph's. – Tarek's Gesicht. Als Don Roderich hörte, daß Legionen von beturbanten Schaaren aus Afrika in das Land eingebrochen waren, kamen ihm die Gesichte und Prophezeihungen des Zauberthurms in das Gedächtniß zurück, und großes Bangen bemächtigte sich seines Herzens. War er aber gleich von seiner frühern Kraft und Tugend herabgekommen und durch Weichlichkeit entnervt, und durch ein böses Gewissen entmuthigt und geknechtet, so war er doch entschlossenen Herzens und raffte sich auf, um der drohenden Gefahr entgegen zu gehen. Er hob in der Eile ein Heer von Reiterei und Fußvolk aus, das sich auf vierzigtausend Mann belief; allein nun fühlte man die Wirkung des heimtückischen Rathes des Grafen Julian; denn die besten zum Dienste des Landes bestimmten Truppen zu Fuß und zu Roß waren nach Afrika geschickt worden und dienten jetzt den Absichten der Verräther. Freilich eilten viele Edle mit den prächtigen Schaaren, mit welchen sie auf Turnieren und Kampfspielen zu erscheinen gewohnt waren, dem Heere zu; aber die meisten ihrer Vasallen waren ohne Waffen, und in Lederkürasse oder in fast ganz verrostete Panzer gekleidet. Sie waren ohne Zucht und ohne Feuer, und ihre Pferde, gleich ihnen, durch trägen Frieden verderbt, wenig geeignet, die Hitze, den Staub und die Mühseligkeiten eines langen Feldzugs zu ertragen. Don Roderich stellte dieses Heer unter den Befehl seines Verwandten Ataulph, eines Prinzen aus dem königlichen Geblüte der Gothen, von edlem, hochherzigem Charakter; und er befahl ihm, in aller Eile aufzubrechen und dem Feinde entgegen zu ziehen und unterwegs seine Macht durch die Truppen Theudemir's zu verstärken. Mittlerweile hatte Tarek el Tuerto große Verstärkungen aus Afrika erhalten und die Anhänger des Grafen Julian und alle, die mit der Herrschaft Don Roderich's unzufrieden waren, hatten sich eilig unter seine Fahne gereiht; denn Viele waren durch die Vorstellungen des Grafen Julian getäuscht worden und glaubten, die Araber seien gekommen, ihm die Söhne Witiza's auf den Thron setzen zu helfen. Von dem Grafen geführt, drangen Tarek's Schaaren in verschiedene Theile des Landes ein, und verwüsteten Alles, wohin sie kamen, worauf sie, mit reicher Beute beladen, in ihre Veste auf den Felsen Calpe zurückkehrten. Der Prinz Ataulph zog mit seinem Heere durch Andalusien, und Theudemir stieß mit seinen Schaaren zu ihm. Er traf auf mehrere Abtheilungen des Feindes, welche das Land plünderten, und hatte viele blutige Gefechte mit ihnen; allein es gelang ihm, sie vor sich herzutreiben, und sie zogen auf den Felsen von Calpe, wo sich Tarek mit der Hauptmacht seines Heeres verschanzt hatte. Der Prinz lagerte sich nicht fern von der Bucht, welche sich vor dem Vorgebirge ausdehnt. Am Abend sendete er den alten Theudemir mit einem Trompeter ab, um eine Unterredung mit dem arabischen Heerführer zu verlangen, der die Botschaft in seinem Zelle, von seinen Häuptlingen umgeben, empfing. Theudemir war geradezu und kurz in seiner Sprache; denn er hatte den größten Theil seines Lebens fern von den Höfen hingebracht. Er entledigte sich in unumwundenen Worten des Auftrags, den ihm der Prinz Ataulph gegeben, warf dem arabischen Heerführer seinen zügellosen Einfall in das Land vor, und forderte ihn auf, sein Heer gefangen zu geben, oder keiner Gnade gewärtig zu sein. Tarek el Tuerto's einziges Auge glühte wie eine Feuerkohle bei dieser Botschaft. »Sagt Euerm Befehlshaber,« versetzte er, »ich sei über die Meerenge gekommen, um Spanien zu erobern, und ich würde nicht eher zurückkehren, als bis ich meinen Zweck erreicht. Sagt ihm, ich hätte kriegserfahrne, eisenbewaffnete Männer um mich, mit deren Hülfe ich hoffen könnte, mit seinem zusammengelaufenen Heere bald fertig zu werden.« Ein Murmeln des Beifalls lief durch die Versammlung der moslemitischen Häuptlinge. Theudemir warf ihm einen trotzigen Blick zu; aber sein Auge ruhete auf einem abtrünnigen Christen, einem seiner alten Kriegsgefährten und einem Verwandten des Grafen Julian. »Was Euch betrifft, Don Graubart,« sagte er, »der Ihr in Euerm späten Alter zum Abtrünnigen werdet, so erkläre ich Euch hier für einen Verräther an Eurem Gotte, Euerm Könige und Euerm Vaterland; und ich bin bereit, es in diesem Augenblick an Euerm Körper zu beweisen, wenn mir freier Raum dazu gestattet wird.« Der verrätherische Ritter schäumte vor Wuth, als er diese Worte hörte; denn die Wahrheit bohrte sie ihm stachelnd in das Herz. Er würde der Herausforderung augenblicklich entsprochen haben, wenn Tarek es nicht verboten und befohlen hätte, den Christen aus dem Lager zu geleiten. »Mag es sein,« versetzte Theudemir; »Gott wird mir die Gelegenheit bieten, welche Ihr mir abschlagt. Jener grauköpfige Verräther mag morgen in dem Kampfe auf seiner Hut sein; denn ich schwöre, ich werde meinen Speer gegen niemand Anderen wenden, ehe sein Blut den heimischen Boden tränkt, welchen er verrathen hat.« Mit diesen Worten verließ er das Lager, und die moslemitischen Häuptlinge konnten sich nicht enthalten, den biedern Unwillen dieses patriotischen Ritters zu bewundern, während sie insgeheim seinen abtrünnigen Gegner verachteten. Die alten maurischen Chronikenschreiber erzählen viele schreckliche Vorzeichen und seltsame, geheimnißvolle Gesichte, welche sich in dieser bangen Nacht den Anführern der beiden Heere zeigten. Gewiß war es eine Nacht furchtbarer Aengstlichkeit, und Moslemen und Christen blickten ungewiß auf das Schicksal des kommenden Tages. Die spanischen Wachen schritten nachdenkend auf und nieder und lauschten gelegentlich auf die unbestimmten Töne auf dem entfernten Felsen von Calpe, auf denselben schauend, wie der Seemann auf die schrecken- und verderbenschwangere Gewitterwolke schaut. Auch die Araber sahen von ihren hohen Klippen die zahlreichen Lagerfeuer der Christen allmählich aufflammen und überzeugten sich, daß ein mächtiges Heer sich ihnen gegenüber stelle; zu gleicher Zeit hörten sie mit dem Nachtwind das wilde Rauschen des Meeres, welches sie von Afrika trennte. Als sie ihre gefährliche Lage erwogen – auf der einen Seite ein Heer und eine ganze Nation, dasselbe zu verstärken, und auf der andern eine nicht zu überschreitende See: sank vielen Kriegern der Muth, und sie bereuten den Tag, an welchem sie sich in dieses feindliche Land gewagt hatten. Tarek bemerkte ihre Niedergeschlagenheit wohl, aber er sagte nichts. Kaum zitterte aber der erste Streifen des Morgenlichts über das Meer, so forderte er seine Kriegsobristen zu sich in das Zelt. »Seid guten Muthes,« sagte er; »Allah ist mit uns und hat seinen Propheten gesendet, um uns seiner Hülfe zu versichern. Ich hatte mich in der vergangenen Nacht kaum in mein Bett begeben, als ein Mann von majestätischem und ehrwürdigem Ansehen vor mir stand. Er war um eine Handbreit größer, als der gewöhnliche Menschenstamm; sein fliegender Bart war von Goldfarbe, und seine Augen so glänzend, daß sie feurige Blitze zu versenden schienen. Ich habe den Emir Bachamet und andere alte Männer den Propheten beschreiben hören, den sie, während er auf Erden wandelte, oft gesehen hatten, und der Art waren seine Gestalt und seine Züge.« »Fürchte nichts, o Tarek,« sagte er, »wegen des morgigen Tages – ich werde mit dir sein im Gefechte. Kämpfe daher kühn und siege. Diejenigen deiner Begleiter, welche die Schlacht überleben, werden dieses Land zu ihrem Erbe erhalten; für die, welche fallen, ist ein Wohnsitz im Paradies bereit und unsterbliche Houris harren ihres Kommens.« »So sprach er und verschwand; ich hörte Töne himmlischer Musik, und die Düfte des glücklichen Arabiens erfüllten mein Zelt.« Auch dies war, sagen die spanischen Chronikenschreiber, eines der Kunststücke, durch welche dieser verschmitzte Sohn Ismael's die Herzen seiner Begleiter zu beleben suchte; während die angebliche Erscheinung von den arabischen Schriftstellern als ein wirkliches Begebniß erzählt wird. Wunderbar in der That war die Wirkung, welche diese Aussage auf die arabischen Krieger hatte, die nun feurig verlangten, gegen den Feind geführt zu werden. Zwölftes Kapitel. Die Schlacht von Calpe. – Ataulph's Schicksal. Die grauen Spitzen des Felsen von Calpe erglänzten von den ersten Morgenstrahlen, als das christliche Heer aus seinem Lager rückte. Der Prinz Ataulph ritt von Schaar zu Schaar und feuerte seine Krieger zum Kampfe an. »Nimmer dürfen wir unsere Schwerter in die Scheide stecken,« sagte er, »so lange einer dieser Ungläubigen in dem Lande weilt. Sie sind auf jenem felsigen Berge eingeschlossen; wir müssen sie in ihrem klippigen Verstecke aufsuchen. Wir haben einen langen Tag vor uns; laßt die Sonne bei ihrem Niedergange auf Keinen aus ihrem Heere scheinen, der nicht flieht, gefangen oder todt ist.« Mit Jubelruf wurden des Prinzen Worte aufgenommen, und das Heer rückte gegen das Vorgebirg an. Als sie dahinzogen, hörten sie den Schall von Cymbeln und das Schmettern von Trompeten, und die Felsenbrust des Berges glänzte von Helmen, Speeren und Säbeln; denn die Araber, durch Tarek's Worte von Neuem mit Vertrauen erfüllt, stürzten mit fliegenden Fahnen dem Kampfe entgegen. Der kühne arabische Feldherr stand auf einem Felsen, als seine Schaaren vorbeizogen; er hatte seinen Schild auf den Rücken geworfen und schwang in der Hand einen zweispitzigen Speer. Er rief die vielen Häuptlinge bei ihren Namen und ermahnte sie, ihre Angriffe gegen die christlichen Anführer und vorzüglich gegen Ataulph zu richten. »Ist der Häuptling gefallen,« sagte er, »so werden seine Leute wie der Morgennebel vor uns verschwinden.« Die gothischen Edeln waren an dem Glanze ihrer Waffen leicht zu erkennen; besonders aber zeichnete sich Prinz Ataulph vor allen übrigen durch die jugendliche Anmuth und das Majestätische seiner Erscheinung und die Pracht seiner Rüstung aus. Er ritt einen stolzen arabischen Streithengst, mit einer reichen goldgestickten Decke von rothem Sammt behangen. Sein Waffenrock war von gleicher Farbe und gleicher Verzierung, und die Federn, welche auf seinem polirten Helme weheten, waren vom reinsten Weiß. Zehn berittene, prachtvoll gekleidete Pagen folgten ihm in die Schlacht; ihr Amt bestand aber nicht sowohl darin, zu fechten, als ihrem Gebieter stets zur Hand zu sein und ihm sein Roß oder Waffen zu bringen, wenn er winkte. Die christlichen Truppen waren, obgleich weder in den Waffen geübt, noch an Ordnung und Kriegszucht gewöhnt, voll angebornen Muthes; denn der alte Kriegergeist ihrer gothischen Vorfahren glühte noch in ihrer Brust. Unter des Prinzen Truppen waren zwei Abtheilungen Fußvolk; er stellte diese jedoch in das Hintertreffen; »denn,« sagte er, »Gott verhüte, daß das Fußvolk den Ehrenplatz in der Schlacht haben sollte, wenn ich über so viele tapfere Reiterei zu verfügen habe.« Als die Heere sich aber näher kamen, ergab es sich, daß das Vordertreffen der Araber aus Fußvolk bestand. Die Reiterei hielt demzufolge die Pferde an und begehrte, das Fußvolk sollte vorrücken und dieses Gesindel zerstreuen; denn sie glaubten, es sei unter ihrer Würde, mit einem unberittenen Feinde zu kämpfen. Der Prinz befahl ihnen aber anzugreifen, worauf sie ihren Pferden die Sporen gaben und auf den Feind stürzten. Die Araber hielten den Anprall männlich aus und empfingen die Rosse mit den Spitzen ihrer Lanzen. Viele Reiter stürzten von den Bolzen der Armbruste oder den Dolchen der Moslemen. Den Reitern aber gelang es, in die Mitte der Schaar zu brechen und sie in Verwirrung zu bringen, wobei sie Viele mit ihren Schwertern zusammenhieben, Andere mit ihren Speeren durchbohrten und Andere unter den Hufen ihrer Pferde zertraten. In diesem Augenblicke wurden sie von einer Schaar spanischer Reiter, den abtrünnigen Anhängern des Grafen Julian, angegriffen. Sie stürzten sich wild und ungestüm auf ihre Landsleute, welche durch den Kampf mit dem Fußvolk in Unordnung gekommen waren, und mancher wackere christliche Ritter fiel unter dem Schwerte eines unnatürlichen Feindes. Der erste dieser abtrünnigen Krieger war der seinem Glauben untreu gewordene Ritter, welchen Theudemir in dem Zelte Tarek's herausgefordert hatte. Mit gewaltigem Arme und boshafter Wuth führte er ringsum Hiebe; denn nichts ist furchtbarer, als der Haß eines Glaubensabtrünnigen. Inmitten seines Weges gewahrte ihn der kühne Theudemir, welcher sein Roß dem Feinde entgegen spornte. »Verräther.« rief er, »ich habe mein Gelübde gehalten. Keinen Feind hat diese Lanze berührt, die bestimmt ist, deiner treulosen Seele einen Ausgang zu bereiten.« Der Abtrünnige war, bevor er an seinem Glauben treulos wurde, wegen seiner Tapferkeit berühmt gewesen; aber die Schuld saugt des stärksten Herzens Muth aus. Als er Theudemir auf sich stürzen sah, hätte er sich gern gewendet und wäre geflohen. Nur der Stolz hielt ihn zurück; und obgleich man seine Geschicklichkeit im Handhaben des Säbels allgemein bewundert hatte, verlor er alle Gewandtheit in der Vertheidigung gegen seinen Gegner. Bei'm ersten Angriff stieß ihm Theudemir seine Lanze durch die Brust. Er stürzte zu Boden, knirschte, wahrend er sich im Staub wälzte, mit den Zähnen, verhauchte aber seinen Geist, ohne einen Laut von sich zu geben. Die Schlacht wurde jetzt allgemein und währte mit wechselndem Erfolge den ganzen Morgen. Tarek's Kriegslist begann aber, ihre Wirkung zu äußern. Die christlichen Heerführer und die ansehnlichsten Ritter zogen vor Allen die Blicke der Araber auf sich, und übermächtige Schaaren griffen sie einzeln an. Sie fochten verzweifelt und thaten Wunder der Tapferkeit, fielen aber, einer nach dem andern, unter tausend Wunden. Dennoch schwankte der Sieg unentschieden einen großen Theil des Tags hindurch, und als die scheidende Sonne durch die Staubwolken glänzte, war es, als wenn die streitenden Heere in Rauch und Feuer gehüllt wären. Prinz Ataulph sah, daß das Kriegsglück gegen ihn war. Er ritt über das Schlachtfeld und rief die Namen seiner tapfersten Ritter aus. Allein nur wenige antworteten auf seinen Ruf; die übrigen lagen zusammengehauen auf dem Schlachtfeld. Mit dieser Handvoll Krieger bemühte er sich, den Sieg wieder auf seine Seite zu rufen, als er von Tenderos, einem Anhänger des Grafen Julian, an der Spitze einer Schaar abtrünniger Christen, angegriffen wurde. Beim Anblick dieses neuen Gegners sprühten die Augen des Prinzen Feuer; denn Tenderos war in dem Hause seines Vaters auferzogen worden. »Du thust wohl, Verräther,« rief er ihm zu, »daß du den Sohn deines Gebieters, der dich nährte, angreifst, du, der sein Vaterland und seinen Gott verrathen hat.« Bei diesen Worten ergriff er eine der Lanzen, die seine Pagen trugen, und stürmte wüthend auf den Abtrünnigen ein; inmitten des Laufes aber stieß Tenderos auf ihn, und des Prinzen Lanze flog zersplittert zu Boden. Ataulph faßte nun seine Keule, welche an seinem Sattelbogen hing, und ein Gefecht, dessen Ausgang sehr ungewiß war, erfolgte. Tenderos war von mächtigem Körperbau und in der Handhabung seiner Waffen überlegen; aber der Fluch des Verraths schien seinen Arm zu lähmen. Er brachte Ataulph eine leichte Wunde zwischen den Schienen seiner Rüstung bei; aber der Prinz versetzte ihm einen Schlag mit seiner Keule, welcher ihm durch Helm und Schädel ging und sein Gehirn zerschmetterte. Tenderos stürzte zu Boden, und seine Rüstung rasselte wild, als er fiel. In demselben Augenblick durchbohrte ein Wurfspieß, den ein Araber daher geschleudert hatte, Ataulph's Pferd, das unter ihm zusammenstürzte. Der Prinz ergriff die Zügel von Tenderos' Streitroß; aber das treue Thier, welches in ihm den Feind seines getödteten Herrn zu erkennen schien, wich scheu zurück und bäumte sich und ließ ihn nicht aufsitzen. Der Prinz bediente sich seiner jedoch als eines Schildes, um sich gegen den Andrang der Feinde zu schützen, während er sich mit seinem Schwerte gegen die vertheidigte, welche er vor sich hatte. Tarek Ben Zejad kam auf den Schauplatz des Kampfes und hielt einen Augenblick an, die außerordentliche Tapferkeit des Prinzen bewundernd. Als er jedoch erwog, daß sein Fall ein Todesstreich für sein Heer sein würde, spornte er sein Pferd auf ihn ein und versetzte ihm mit seinem Säbel eine schwere Wunde. Bevor er seinen Hieb wiederholen konnte, führte Theudemir eine Schaar christlicher Ritter zu seiner Rettung herbei, und Tarek wurde durch das Ungestüm des Gefechtes von seiner Beute getrennt. Mit Wunden bedeckt und durch den Blutverlust erschöpft, sank der Prinz zu Boden. Ein treuer Page zog ihn unter den Hufen der Pferde hervor und führte ihn, unterstützt von einem bejahrten Krieger, einem alten Vasallen Ataulph's, eine kurze Strecke abseiten des Schlachtfelds, an den Rand einer kleinen Quelle, welche aus dem Felsen rieselte. Sie stillten das aus seinen Wunden fließende Blut und wuschen ihm den Staub von dem Angesicht und legten ihn an der Quelle nieder. Der Page saß zu seinen Häupten und hielt seinen Kopf auf seinen Knieen; der alte Kriegsmann stand zu seinen Füßen, das Antlitz gesenkt und die Augen mit Schmerz gefüllt. Der Prinz kam allmählig zu sich und öffnete seine Angen. »Wie steht es mit der Schlacht?« sagte er. »Der Kampf ist heiß,« versetzte der Kriegsmann, »aber der Sieg kann immer noch unser werden.« Der Prinz fühlte, daß sein Tod nahe war, und hieß sie, ihm auf seine Kniee zu helfen. Sie hoben ihn auf, und er betete eine kleine Weile mit glühender Andacht, bis er, im Gefühle seiner stets wachsenden Schwäche, dem alten Krieger winkte, sich neben ihn auf den Fels zu setzen. So beichtete er, immer noch auf seinen Knien liegend, diesem alten Kriegsmanne seine Sünden; denn es war kein Priester oder Mönch zur Hand, welcher in dieser letzten Stunde dieses Amt bei ihm hätte verrichten können. Als dies geschehen war, sank er wieder auf die Erde und drückte seine Lippen darauf, gleichsam als wollte er seinem geliebten Heimathlande ein herzliches Lebewohl sagen. Der Page wollte nun sein Haupt aufheben, fand aber, daß sein Gebieter den Geist aufgegeben hatte. Ein Haufen arabischer Krieger, welche zu der Quelle kamen, um ihren Durst zu löschen, schlugen dem Prinzen das Haupt ab, trugen es im Triumphe zu Tarek und riefen: »Seht hier das Haupt des christlichen Heerführers!« Tarek befahl sogleich, das Haupt mit dem Waffenrock des Prinzen auf die Spitze einer Lanze zu stecken und es unter dem Klange der Trompeten, Pauken und Cymbeln auf dem Schlachtfelde umher zu tragen. Als die Christen den Waffenrock sahen und die Züge des Prinzen erkannten, bebten sie vor Schrecken, und Herz und Hand verloren ihre Kraft. Vergeblich bemühte sich Theudemir, sie zu sammeln; sie warfen ihre Waffen weg und flohen; und sie flohen immerdar, und der Feind verfolgte sie immerdar und hieb sie zusammen, bis die Dunkelheit der Nacht kam. Jetzt kehrten die Moslemen zurück und plünderten das christliche Lager, wo sie reiche Beute fanden. Dreizehntes Kapitel. Schrecken des Landes. – Roderich greift selbst zu den Waffen. Die zerstreuten Flüchtlinge des christlichen Heeres erfüllten das ganze Land mit Schrecken. Die Bewohner der Städte und Dörfer sammelten sich um sie, wie sie an ihren Thüren um Nahrung baten oder an den öffentlichen Brunnen sich kraftlos und verwundet niederlegten. Als sie die Geschichte ihrer Niederlage erzählten, schüttelten die Greise ihre Häupter und seufzten, und die Frauen weinten laut und klagten. Ein so neues und unerwartetes Ungemach erfüllte sie mit Angst und Verzweiflung; denn seit langer Zeit hatte des Getümmel des Krieges nicht in ihrem Lande wiedergehallt, und dies war ein Krieg, welcher Ketten und Sklaverei und alle Arten von Schrecken in seinem Gefolge hatte. Don Roderich saß mit Exilona, seiner schönen Gemahlin, in dem königlichen Palaste, welcher die felsige Höhe von Toledo krönt, als der Ueberbringer der Unglücksbotschaft über die Brücke des Tajo in die Stadt jagte. »Welche Nachricht bringst du von dem Heere?« fragte der König, als der keichende Bote vor ihn geführt wurde. »Nachrichten kläglichen Inhalts!« rief der Kriegsmann. »Der Prinz ist im Kampfe gefallen. Ich habe sein Haupt und seinen Waffenrock auf einer maurischen Lanze gesehen. Das Heer ist überwältigt und in die Flucht gejagt worden.« Als Roderich diese Worte hörte, bedeckte er sein Antlitz mit seinen Händen und saß eine Zeitlang schweigend da; und alle seine Höflinge standen stumm und starr, und keiner wagte ein Wort zu reden. In diesem furchtbaren Zwischenraume des Schweigens gingen an Roderich's Seele alle seine Fehler und alle seine Verbrechen und all das Unglück, das ihm in dem Zauberthurme geweissagt worden war, vorüber. Sein Geist war mit Schrecken und Besorgniß erfüllt; denn die Stunde seines Verderbens schien zur Hand zu sein. Aber sein starker und stolzer Sinn wußte dieser Erregung Herr zu werden, und als er sein Antlitz wieder enthüllte, war Niemand im Stande, die Unruhe und Verwirrung seines Herzens auf seinen Zügen zu lesen. Von nun an brachte jede Stunde neue Unglücksnachrichten. Boten auf Boten sprengten in die Stadt und erfüllten sie mit banger Besorgniß. Die Ungläubigen, sagten sie aus, befestigten sich in dem Lande; Truppensendungen kämen fast täglich aus Afrika herüber; die Seeküste von Andalusien erglänzte von Säbeln und Lanzen. Die Ebenen von Sidonien bis zu den Ufern der Guadiana heran wimmelten von Schaaren beturbanter Reiter. Die Gefilde würden verwüstet, Städte und Flecken geplündert, die Bewohner gefangen weggeführt, und das ganze Land läge in Rauch und Trümmern. Roderich hörte alle diese Nachrichten mit unverzagtem Antlitz, niemals gab er ein Zeichen der Bestürzung; aber in seinen kriegerischen Zurüstungen zeigte sich die Besorgniß seiner Seele deutlich. Er erließ Befehle: jeder Edle und jeder Prälat des Königreichs sollte sich an die Spitze seiner Vasallen stellen und in das Feld ziehen; jeder waffenfähige Mann sollte zu seiner Fahne eilen und die Pferde, Maulthiere und Waffen mit sich bringen, die in seinem Besitze wären; die Ebene von Cordova wurde als der Platz bezeichnet, wo das Heer sich zu versammeln hatte. Der König warf sofort das ganze Gepränge seines erschlafften und üppigen Lebens von sich und rüstete sich zu kriegerischer Thätigkeit; an der Spitze seiner Wachen, welche aus der Blüthe des jungen Adels bestand, verließ er Toledo. Seine Gemahlin Exilona begleitete ihn; denn sie hatte um Erlaubniß gebeten, in einer andalusischen Stadt bleiben zu dürfen, um in der Zeit der Gefahr ihrem Gebieter nahe zu sein. Einer der ersten, welche sich zeigten, um den König zu Cordova zu bewillkommen, war der Bischof Oppas, der geheime Verbündete des Grafen Julian. Er brachte seine zwei Neffen, Evan und Siseburt, die Söhne des vorigen Königs, Witiza's, und eine große Schaar von Vasallen und Dienstleuten mit sich, alle gut bewaffnet und ausgerüstet; denn sie waren von dem Grafen Julian mit einem Theile der Waffen versehen worden, welche der König nach Afrika gesendet hatte. Der Bischof war gleisnerischer Zunge und ein ausgelernter Heuchler. Er stellte sich eifrig und ergeben, und der Schauder, mit welchem er von der Verrätherei seines Verwandten sprach, täuschte den leichtgläubigen Geist des Königs, und er wurde sofort zu seinen geheimsten Berathungen zugezogen. Die Nachricht von dem Einfalle der Ungläubigen hatte sich in dem ganzen Königreiche verbreitet und die gothische Tapferkeit seiner Bewohner belebt. Nach dem Empfange der Befehle Roderich's hatte jede Stadt und jedes Dorf, jeder Berg und jedes Thal seine wehrbaren Männer abgesendet, und das ganze Land war auf dem Wege nach Andalusien. Nach einer kurzen Frist sammelten sich auf der Ebene von Cordova beinahe fünfzig tausend Reiter und ein zahlloses Heer von Fußvolk. Die gothischen Edeln erschienen in polirten, schön gearbeiteten und verzierten Rüstungen, mit Ketten und anderm Schmuck von Gold und Edelsteinen, und seidenen Schärpen und Waffenröcken von Brocat oder reich gesticktem Sammt, den Luxus und den Prunk auf diese Weise verrathend, welchem sie, statt der eisernen Kraft ihrer kriegerischen Vorfahren, anheim gefallen waren. Das Volk angehend, so hatte dieses theilweise Lanzen, Schilder, Schwerter und Armbruste; die Mehrzahl jedoch war unbewaffnet oder blos mit Schleudern und Keulen, die mit Nägeln beschlagen waren, und dem Eisengeräthe des Ackerbaues versehen, und viele hatten sich aus den Thüren und Fensterläden ihrer Häuser rohe Schilder gefertigt. Sie bildeten ein ungeheures Heer und erschienen, nach dem Ausdrucke arabischer Chronikenschreiber, wie eine bewegte See; aber, obschon kühnen Geistes, hatten sie doch keine Kenntnisse von der Kriegskunst und waren, da es ihnen an Waffen und Kriegszucht fehlte, eine unwirksame Masse. Viele der ältesten und erfahrensten Ritter, welche der Zustand des Heeres nicht entging, riethen Don Roderich, die Ankunft regelmäßigerer Truppen zu erwarten, welche in Iberien, Cantabrien und dem gothischen Gallien ihre Quartiere hatten; diesem Rath widersetzte sich auf das Eifrigste der Bischof Oppas, welcher den König drängte, sofort gegen die Ungläubigen zu ziehen. »Bis jetzt,« sagte er, »ist die Zahl der Araber noch nicht sehr bedeutend; jeden Tag aber landen neue Schaaren, Heuschreckenschwärmen ähnlich, aus Afrika. Sie werden sich schneller vermehren, als wir; auch leben sie auf unsere Kosten, und, während wir zaudern, zehren die beiden Heere das Mark des Landes auf.« König Roderich hörte auf den listigen Rath des Bischofs und beschloß, ohne Zögern vorzurücken. Er bestieg sein Streitroß Orelia und ritt unter seine auf der geräumigen Ebene versammelten Schaaren, und wo er sich zeigte, wurde er mit Jubel empfangen; denn nichts vermag den Muth des Kriegers mehr zu erheben, als wenn er seinen Beherrscher gewaffnet sieht. Er sprach in Worten zu ihnen, die geeignet waren, ihre Herzen zu rühren und ihren Muth zu beleben. »Die Sarazenen,« sagte er, »verwüsten unser Vaterland, und ihre Absicht ist, es zu erobern. Gelingt es ihnen, so ist selbst euer Dasein als ein Volk zu Ende. Sie werden eure Altäre umstürzen und das h. Kreuz mit Füßen treten; sie werden eure Städte verwüsten, eure Frauen und Töchter wegführen und euch und eure Söhne zu harter und grausamer Sklaverei verdammen. Eure einzige Rettung liegt in der Kraft eurer Waffen. Mich angehend, so werde ich, der ich euer König bin, euer Führer und der Erste sein, der jeder Mühseligkeit und jeder Gefahr Trotz bietet.« Die Krieger antworteten ihrem Monarchen mit lautem Zuruf und machten sich feierlich anheischig, bis zu ihrem letzten Athemzuge für die Vertheidigung ihrer Freiheit und ihres Glaubens zu kämpfen. Der König gab nun Befehle in Bezug auf die Anordnung des Marsches. Alle die, welche mit Panzern und Brustharnischen versehen waren, kamen in den Vortrap und in die Nachhut; das Centrum des Heeres bestand aus der bunten Masse derer, welche ohne Rüstungen und nur knapp mit Waffen versehen waren. Als Alles zum Abmarsch gerüstet war, rief der König einen edlen Ritter, mit Namen Ramiro, vor sich, übergab ihm das königliche Banner und beauftragte ihn, es zur Ehre Spaniens zu schützen und zu schirmen. Der gute Ritter hatte jedoch seine Hand kaum an das Banner gelegt, so fiel er todt von seinem Rosse, und der Stab des Banners zerbrach in Stücke. Viele alte Höflinge, welche zugegen waren, betrachteten dies als ein böses Vorzeichen und riethen dem Könige, an diesem Tage den Marsch nicht zu beginnen; er aber achtete keines Vorzeichens und keiner Warnung, sondern befahl, das königliche Banner auf eine Lanze zu stecken, und übergab es dem Schutze eines andern Ritters; darauf ließ er die Trompeten schmettern und zog an der Spitze seines Heeres ab, um den Feind aufzusuchen. Das Feld, auf welchem dieses große Heer zusammengekommen war, hieß nach dem feierlichen Schwur, welchen die Edlen und die Krieger hier abgelegt hatten, »El Campo de la Verdad« oder »das Feld der Wahrheit,« ein Name, welchen es, dem weisen Geschichtschreiber Abulcasim zufolge, noch bis auf den heutigen Tag trägt. La perdida de Espana. Cap, IX. – Bleda , Chronica, lib. III. cap, 8. – Der Verf. Vierzehntes Kapitel. Zug des Gothen-Heeres. – Lager an den Ufern des Guatalate. – Geheimnißvolle Weissagungen eines Pilgers. – Pelistes' Benehmen in Folge derselben. Andalusiens Hoffnungen erwachten wieder, als dieses gewaltige Heer in ausgedehnten Reihen seine fruchtbaren Ebenen entlang zog. Vom Morgen bis in die Nacht dauerten unter dem Klange der Trommeln und Trompeten die Züge, welche die stolzesten Edeln und die tapfersten Ritter des Landes anführten, und die, wenn es ihnen nicht an Waffen und Kriegszucht gefehlt hätte, die Eroberung der Welt unternommen hätten. Nach einem Marsche von wenigen Tagen bekam Don Roderich das Heer der Moslemen zu Gesicht. Es hatte sein Lager an den Ufern des Guatalate Dieser Name ist dem Flusse in der Folge von den Arabern gegeben worden. Er heißt »der Todesfluß.« S.  Petruza, Hist. Granad. part. III. cap. 1. – Der Verf. Die Römer hatten diesem Flusse den Namen Chryssus gegeben. Die Scene, welche der Verf. hier schildert, wird dadurch genauer bezeichnet, daß sie in der Nähe der von Weinbergen umgebenen Stadt Xerez de la Frontera vorging. – Der Uebers. aufgeschlagen, da, wo dieser schöne Fluß sich durch das fruchtbare Xerez-Gelände schlängelt. Das Heer der Ungläubigen stand dem der Christen an Zahl weit nach; allein es war aus abgehärteten und gewandten Truppen zusammengesetzt, welche im Kriege erstarkt und auf das Trefflichste gewaffnet waren. Das Lager glänzte prachtvoll in den Strahlen der untergehenden Sonne und hallte wieder von dem Klang der Cymbeln, dem Geschmetter der Trompeten und dem Wiehern feuriger arabischer Rosse. Man sah dort schwarze Schaaren aus allen Völkerschaften der afrikanischen Küste, so wie syrische und egyptische Legionen, während die leichte Reiterei der Beduinen auf der nahen Ebene die Pferde tummelte. Die Herzen der christlichen Krieger kränkte und entflammte jedoch am meisten der Anblick des ein wenig abseiten von dem Heere der Moslemen aufgeschlagenen Lagers spanischer Reiterei, über deren Zelten das Banner des Grafen Julian in der Abendluft flatterte. Es waren ihrer zehntausend an der Zahl, tapfere und abgehärtete Männer und die erfahrensten Krieger in dem ganzen spanischen Heere; denn die meisten hatten lange in den afrikanischen Kriegen gedient; auch waren sie trefflich bewaffnet und in dem besten Stande. Der Graf hatte seinen König um die Waffen dieser schönen Schaaren betrogen, und es war ein jammervoller Anblick, so gute Krieger gegen ihr Vaterland und ihren Glauben zu dem Schwerte greifen zu sehen. Um die Vesperstunde schlugen die Christen ihre Zelte eine kleine Stunde von dem Feinde entfernt auf und sahen mit Bangen und Schrecken auf dieses barbarische Heer, welches in dem Lande so viel Ungemach verursacht, so große Verwüstung angerichtet hatte; denn der erste Anblick eines feindlichen Lagers in einem an Krieg nicht gewöhnten Lande ist für den zum ersten Male unter die Fahne tretenden Krieger stets schrecklich. Nach der Erzählung der arabischen Chronikenschreiber hätte in dem christlichen Lager ein wunderbares Begebniß Statt gefunden; die besonnenen spanischen Geschichtschreiber berichten dasselbe jedoch sehr abweichend und scheinen es als einen Kunstgriff des verschlagenen Bischofs Oppas zu betrachten, der dadurch die Biederkeit und Treue der christlichen Ritter erforschen wollte. Während mehrere Häuptlinge des Heeres bei dem Bischof in seinem Zelte saßen und sich über den unsicheren Ausgang des bevorstehenden Kampfes unterhielten, zeigte sich ein alter Pilger an dem Eingange. Die Last der Jahre beugte seinen Rücken, sein schneeweißer Bart floß bis auf seinen Gürtel nieder, und seine schwankenden Kniee stützte ein Pilgerstab. Die Ritter erhoben sich und empfingen ihn, als er in das Zelt vortrat, mit großer Achtung. Er hob seine welke Hand empor und rief: »Wehe, wehe Spanien! Denn die Zornesschale des Himmels ist im Begriffe, sich über dieses Land auszugießen. Hört, Krieger! und laßt euch warnen. Es sind nun vier Monate, da hatte ich meine Pilgerfahrt in das gelobte Land Palästina vollendet und schickte mich an, in mein Heimathland zurückzukehren. Müde und matt von der Wanderung, legte ich mich einst Nachts unter einem Palmbaum an dem Rande eines Brunnens nieder; da wurde ich durch eine Stimme geweckt, welche in sanftem Tone so zu mir redete: »Sohn des Schmerzes, warum schläfst du?« Ich öffnete meine Augen und schaute ein Wesen von schönem und reizendem Antlitz, in glänzendem Gewand und mit prachtvollen Flügeln; es stand an dem Brunnen, und ich sprach: »Wer bist du, daß du mich in dieser tiefen Stunde der Nacht aufrufst?« »Fürchte nichts,« versetzte die himmlische Gestalt: »ich bin ein Engel des Himmels und gesendet, dir das Schicksal deines Landes zu enthüllen. Sieh, die Sünden Roderich's sind zu Gott empor gestiegen, und sein Zorn ist gegen ihn angefacht worden, und er hat ihn überliefert, daß er überfallen und vernichtet werde. Eile daher nach Spanien zurück und suche das Lager deiner Landsleute auf. Thue ihnen kund, daß nur die unter ihnen gerettet werden, welche Roderich verlassen; die aber, welche ihm anhängen, werden seine Strafen theilen und unter den Schwertern der einbrechenden Feinde fallen.« Der Pilger schwieg und ging aus dem Zelte. Einige der Ritter eilten ihm nach, um ihn festzuhalten, damit sie fernere Kunde über diesen Gegenstand von ihm erführen; allein er war nirgends mehr zu finden. Die Wache vor dem Zelte sagte aus: »Ich habe Niemand aus dem Zelte kommen sehen; aber es war, als wenn ein Windstoß an mir vorbeigezogen wäre, und ich hörte ein Rauschen, wie das von dürren Blättern.« Der Ritter blickten erstaunt einander an. Der Bischof Oppas saß da, sein Auge zu Boden geschlagen und von den überhängenden Braunen beschattet. Endlich brach er das Schweigen und sagte mit leiser, schwankender Stimme: »Ohne Zweifel kömmt diese Botschaft von Gott; und da er Erbarmen mit uns hat und uns von seinem bevorstehenden Gerichte Kunde gab, geziemt es uns wohl, auf das ernsthafteste zu berathen und festzusetzen, wie wir seinen Willen am besten erfüllen und seinen Zorn abwenden.« Die Häuptlinge saßen immer noch schweigend da, wie von tiefer Betrübniß befangen. Unter ihnen befand sich ein alter edler Krieger, Pelistes genannt. Er hatte sich in den afrikanischen Kriegen ausgezeichnet und mit dem Grafen Julian oft Seite an Seite gefochten, der letztere hatte es aber nie gewagt, seine Treue zu versuchen; denn er kannte seine strenge Biederkeit. Pelistes hatte seinen einzigen Sohn, welcher sein Schwert noch nie gezogen hatte, außer in Turnieren, mit sich in das Lager gebracht. Als der Jüngling bemerkte, daß die alten Krieger stumm blieben, färbte das Blut plötzlich seine Wangen; er besiegte seine Bescheidenheit und machte einer edeln Wärme Luft. »Ich weiß nicht, Ritter,« sagte er, »was in euerm Geiste vorgeht; was mich betrifft, so halte ich diesen Pilger für einen Abgesandten des Teufels; denn niemand anders hätte einen so feigen und treulosen Rath geben können. Ich sage euch, ich bin bereit, meinen König, mein Vaterland und meinen Glauben zu vertheidigen. Ich kenne keine höhere Pflicht, als diese, und wenn es Gott gefällt, mich in deren Erfüllung den Tod finden zu lassen, so mag sein höchster Wille geschehen.« Als der junge Mann sich erhoben hatte, um zu sprechen, hatte sein Vater mit ernster und strenger Miene das Auge auf ihn gefesselt und, auf sein großes Schwert gelehnt, seinen Worten zugehört. Sobald der Jüngling geendigt hatte, umarmte ihn Pelistes mit der Zärtlichkeit eines Vaters. »Du hast recht gesprochen, mein Sohn,« sagte er; »wenn ich zu dem Rathe dieses schurkischen Pilgers geschwiegen habe, so geschah es nur, weil ich deine Meinung hören und erfahren wollte, ob du deiner Abstammung und der Erziehung würdig bist, welche ich dir gegeben habe. Hättest du einen andern Rath ausgesprochen, als den, welchen du gegeben hast; hättest du dich feig und ehrlos gezeigt: würde ich dir, so wahr mir Gott hilft, mit diesem Schwerte, das ich in meiner Hand halte, den Kopf abgeschlagen haben. Aber du hast gerathen, wie ein ehrenfester und christlicher Ritter, und ich danke Gott, daß er mir einen Sohn gegeben hat, würdig, die Ehre meines Stammes fortzupflanzen. Was jenen Pilger angeht, so liegt mir nichts daran, ob er ein Heiliger oder der Teufel sei; so viel verspreche ich, daß, wenn ich denn in der Vertheidigung meines Königs und meines Vaterlandes sterben muß, der Feind mein Leben theuer bezahlen soll. Fasse ein Jeder den gleichen Entschluß, und ich hege die Hoffnung, wir werden beweisen, daß der Pilger ein Lügenprophet gewesen.« Pelistes' Worte richteten den Muth vieler Ritter wieder auf; andere blieben jedoch voller ängstlicher Besorgnisse und Ahnungen; und als sich das Gerücht von dieser Wahrsagung in dem Lager verbreitete, wie die Kreaturen des Bischofs denn Sorge trugen, daß dies geschah – erregte sie Schrecken und Zagheit unter den Kriegsleuten. Fünfzehntes Kapitel. Gefecht zwischen den beiden Heeren. – Pelistes und sein Sohn. – Pelistes und der Bischof. Am folgenden Tage blieben die Heere in den Lagern und schauten sich wechselseitig mit vorsichtigen, aber drohenden Blicken an. Gegen Mittag schickte König Roderich eine auserlesene Schaar von fünfhundert Reitern und zweihundert Mann zu Fuß, die bestbewaffneten Mannen seines Heeres, ab, um dem Feind ein Gefecht anzubieten, weil er, wenn er einen theilweisen Sieg davon trüge, den Muth seiner Krieger zu beleben hoffte. Sie wurden von Theudemir, demselben gothischen Edeln, angeführt, welcher sich durch seinen ersten Widerstand gegen den Einfall der Moslemen ausgezeichnet hatte. Die christlichen Schaaren stellten sich mit fliegenden Fahnen in dem Thale, welches die beiden Heere trennte, in Schlachtordnung auf. Die Araber zeigten sich nicht träge, der Herausforderung zu entsprechen. Ein zahlreicher Reiterhaufen stürzte zum Angriffe hervor, unter ihnen dreihundert von des Grafen Julian Mannen. Ein heißes Gefecht entspann sich auf dem Gefilde und auf den Ufern des Flusses; auf beiden Seiten wurde manche wackere That vollbracht, und viele tapfern Krieger wurden erschlagen. Als die Nacht einbrach, forderten die Trompeten von beiden Seiten die Schaaren auf, vom Kampfe zu lassen und in das Lager zurückzukehren. Die Christen verloren in dem Gefechte dieses Tages viele ausgezeichnete Ritter; denn die edelsten Herzen wagen gewöhnlich am meisten und stellen sich am ersten der Gefahr blos; und die Krieger der Moslemen hatten Befehl, die Führer des feindlichen Heeres in das Auge zu fassen. All dies soll nach dem Anschlage des treulosen Bischofs Oppas geschehen sein, welcher geheimen Verkehr mit dem Feinde unterhielt, während er auf die Beschlüsse des Königs seinen Einfluß äußerte, und die gewisse Hoffnung hatte, durch solche theilweise Scharmützel die Hauptkräfte des christlichen Heeres zu schwächen und die Uebrigen zu entmuthigen. Am folgenden Morgen wurde ein größere Schaar zum Angriff ausgesendet, und der Theil der Truppen, welche unbewaffnet waren, erhielt Befehl, sich bereit zu halten, die Waffen der Getödteten und Verwundeten zu übernehmen. Unter den ausgezeichnetsten Kriegern, welche an diesem Tage fochten, befand sich Pelistes, der gothische Edle, welcher die verrätherische Absicht des Bischofs Oppas so ernst und kräftig abgewiesen hatte. Er war der Führer einer zahlreichen Schaar seiner eigenen Vasallen und Dienstleute und der Ritter, welche in seinem Hause auferzogen worden waren, ihn in den afrikanischen Kriegen begleitet hatten und ihn eher als ihren Vater, denn als ihren Kriegshauptmann betrachteten. An seiner Seite war sein einziger Sohn, welcher nun zum ersten Male sein Schwert in der Schlacht schwang. Der Kampf, welcher an diesem Tage gefochten wurde, war allgemeiner und blutiger, als am vergangenen Tage. Das Blutbad der christlichen Kämpfer war unermeßlich, weil es ihnen an Vertheidigungswaffen fehlte; und da nichts die Blüthe der gothischen Ritterschaft abhalten konnte, ihre Rosse in den Kampf zu sprengen, wurde das Schlachtfeld mit den Leichen der jungen Edeln bedeckt. Am meisten litten jedoch die jungen Kriegerschaaren des Pelistes. Ihr Führer selbst war kühn und kräftig, und bot seine Brust überall den Gefahren dar; aber Jahre und Erfahrung hatten sein Jugendfeuer gemäßigt. Sein Sohn jedoch brannte vor Eifer, sich an diesem Tage, seiner ersten ernsten Waffenprobe, auszuzeichnen, und warf sich mit ungestümer Gluth in das Gefecht, wo es am heisesten war. Vergebens rief ihm sein Vater zu, um ihn zur Vorsicht zu mahnen; er war immer voran, und schien der Gefahren, welche ihn umgaben, unbewußt zu sein. Die Ritter und Dienstmannen seines Vaters folgten ihm mit Ergebenheit und treuem Eifer, und Viele von ihnen bezahlten ihre Anhänglichkeit mit dem Leben. Als die Trompeten am Abend zum Rückzug bliesen, war die Schaar des Pelistes die, welche am letzten in das Lager rückte. Sie zogen langsam und düster daher, und ihre Reihen waren sehr gelichtet. Ihr alter Führer saß auf seinem Streitroß, aber das Blut rieselte aus den Schienen seiner Rüstung. Seinen tapferen Sohn trugen seine Vasallen auf ihren Schildern. Als sie ihn nahe dem Platze, wo der König stand, auf den Boden niederließen, sahen sie, daß der heldenmüthige Jüngling an seinen Wunden gestorben war. Die Ritter umgaben die Leiche und drückten ihre Betrübniß laut aus; der Vater aber hielt seinen tiefen Schmerz an sich und blickte mit der ernsten Ergebung des Kriegers hin. Don Roderich überschaute das Schlachtfeld mit traurigem Blicke; denn es war mit den verstümmelten Leichen seiner ersten und wackersten Krieger bedeckt. Auch sah er mit Besorgniß, daß der große Haufe, welcher nicht an den Krieg gewöhnt und durch Disciplin nicht gezügelt war, durch die fortwährenden Mühseligkeiten und Gefahren hart mitgenommen, in seinem Eifer und Muth erkaltete. Der verschlagene Bischof Oppas beachtete die innere Unruhe des Königs und glaubte, der günstige Augenblick sei gekommen, ihn für seine Absicht zu stimmen. Er erinnerte ihn an die mannichfachen Vorzeichen und Weissagungen, welche ihrer jetzigen Gefahr vorangegangen waren. »Laßt uns nicht, mein hoher Herr,« sagte er zu ihm, »leichtsinnig über diese geheimnißvollen Mittheilungen weggehen, deren unglückliche Erfüllung immer gewisser zu werden scheint. Die Hand des Himmels ist ohne Zweifel gegen uns. Das Verderben schwebt über unsern Häuptern. Unsere Schaaren sind roh und ohne Geschick und Uebung, nur ärmlich bewaffnet und in ihrem Herzen sehr entmuthigt. Besser ist es, wir schließen eine Uebereinkunft mit den Feinden, und suchen, indem wir ihnen einen Theil ihrer Anforderungen zugestehen, unser Vaterland vom gänzlichen Untergange zu schirmen. Wenn dieser Rath meinem Herrn und König annehmbar scheint, erkläre ich mich bereit, als Abgesandter in das Lager der Moslemen zu gehen.« Als Pelistes, der im dumpfen Schweigen dagestanden und auf die Leiche seines Sohnes geblickt hatte, diese Worte hörte, brach er in edeln Unwillen aus. »Bei diesem guten Schwerte,« sagte er, »der Mann, welcher einen so feigen Rath gibt, verdient eher den Tod von der Hand seiner Landsleute, als von der des Feindes; und ich will keinen Theil am Himmel haben, wenn ich, hielt die Gegenwart des Königs mich nicht ab, ihm nicht auf der Stelle den Tod gäbe.« Der Bischof wandte ein giftiges Auge auf Pelistes. »Herr!« sagte er, »auch ich trage ein Schwert und weiß es zu schwingen. Wäre der König nicht hier, würdet Ihr es nicht wagen, mir zu drohen, noch würdet Ihr einen Schritt thun, ohne daß ich mich beeilen würde, Euch entgegen zu treten.« Der König trat zwischen die hadernden Edlen und tadelte den Ungestüm des Pelistes, zugleich aber verwarf er den Rath des Bischofs mit Unwillen. »Der Ausgang dieses Kampfes,« sagte er, »ist in Gottes Hand; nimmer aber werde ich mein Schwert in die Scheide stecken, so lange einer der ungläubigen Fremdlinge in dem Lande ist.« Er pflog jetzt Rath mit seinen Heerführern, und es wurde beschlossen, am kommenden Tage dem Feinde einen allgemeinen Kampf anzubieten. Ein Herold wurde abgesendet, welcher Tarek Ben Zejad zu dem Kampfe herausforderte, und die Herausforderung wurde von dem Moslemen freudig angenommen. Bleda , Chronica. – Der Verf. Don Roderich entwarf nun den Schlachtplan und wies jedem seiner Hauptleute seinen Platz an, worauf er seine Heerführer entließ, und jeglicher sein Zelt aufsuchte, um alle Vorkehrungen zu treffen oder sich für des nächsten Tages begebnißreichen Kampf auszuruhen. Sechszehntes Kapitel. Verrätherische Botschaft des Grafen Julian. Tarek Ben Zejad hatte mit Staunen und Ueberraschung die Tapferkeit der christlichen Ritter in den letzten Gefechten und Scharmützeln, so wie die Zahl und unverkennbare Ergebenheit der Schaaren gesehen, welche dem König auf das Schlachtfeld gefolgt waren. Die zuversichtliche Aufforderung des Don Roderich vermehrte sein Erstaunen. Als der Herold sich entfernt hatte, wandte er ein Auge voller Argwohn auf den Grafen Julian. »Du hast mir,« sagte er, »deine Landsleute als in Weichlichkeit versunken und jedem edeln Streben unzugänglich geschildert; ich sehe aber, daß sie mit dem Muthe und der Kraft der Löwen fechten. Du hast deinen König als von seinen Unterthanen verabscheut und von geheimem Verrath umringt geschildert; aber ich sehe, daß seine Zelte die Hügel und Thäler in Weiß kleiden, während in jeder Stunde Tausende zu seinen Fahnen strömen. Wehe dir, wenn du trügerisch an uns gehandelt oder uns durch verrätherische Worte getäuscht hast.« Don Julian begab sich sehr beunruhigten Herzens in sein Zelt, und die Furcht überkam ihn, der Bischof Oppas mögte falsches Spiel mit ihm getrieben haben; denn es ist das Loos der Verräther, daß sie stets einander mißtrauen. Er ließ denselben Pagen rufen, welcher ihm den Brief von Florinda, der ihm die Geschichte ihrer Entehrung enthüllte, gebracht hatte. »Du weißt, mein treuer Page,« sagte er, »daß ich dich in meinem Hause erzogen und vor allen deinen Gefährten geliebt habe. Wenn du Treue und Liebe zu deinem Herrn in deinem Herzen hegst, so ist jetzt die Zeit gekommen, ihm zu dienen. Eile sogleich in das christliche Lager und suche das Zelt des Bischofs Oppas zu erreichen. Sollte Jemand deiner ansichtig werden und fragen, wer du seist, so sage ihm, du gehörtest zu dem Hause des Bischofs und überbrächtest ihm eine Botschaft von Cordova. Wenn du vor den Bischof gekommen bist, so zeige ihm diesen Ring, und er wird jeden verdächtigen Zeugen entfernen und dir sein Vertrauen zuwenden. Sage ihm dann, Graf Julian grüße ihn als seinen Bruder und frage ihn, wie die Schmach seiner Tochter Florinda ausgeglichen werden könne. Beachte seine Antwort wohl und bringe sie mir Wort für Wort wieder. Halte deine Lippen verschlossen, aber öffne deine Augen und deine Ohren und habe auf alles Bemerkenswerthe in dem Lager des Königs Acht. So rüste dich eilig zu deiner Botschaft – fort! fort.« Der Page sattelte in aller Eile ein Barbaresken-Roß, flüchtig wie der Wind und von pechschwarzer Farbe, so daß es in der Nacht nicht leicht zu erkennen war. Er umgürtete sich mit einem Säbel und einem Dolch, schlang einen arabischen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen um und warf einen Schild über seine Schulter. Das Lager verlassend, suchte er die Ufer des Guadalate und eilte in tiefem Schweigen den Fluß entlang, welcher die fernen Feuer des christlichen Lagers wiederspiegelte. Als er an dem Platze vorbeikam, welcher die Scene des letzten Scharmützels gewesen, hörte er von Zeit zu Zeit das Stöhnen sterbender Krieger, welche in das Röhrigt an dem Ufer des Flusses gekrochen waren, und zuweilen schritt sein gutes Roß vorsichtig über die verstümmelten Leichen der Erschlagenen. Der junge Page war nicht an den Anblick solcher Blutscenen gewöhnt, und sein Herz klopfte stürmisch in seiner Brust. Als er sich dem christlichen Lager näherte, riefen ihn die Wachen an; er antwortete der Anleitung des Grafen Julian gemäß, und wurde in das Zelt des Bischofs Oppas geführt. Der Bischof hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben. Als er des Grafen Julian Ring erkannte und die Worte hörte, welche der Page ausrichten sollte, überzeugte er sich, daß er vollkommenes Vertrauen in den Jüngling setzen könne. »Eile zurück zu deinem Gebieter,« sagte er, »und laß ihn wissen, er möge mir vertrauen, und Alles werde gut gehen. Bis jetzt habe ich meine Schaaren dem Kampfe fern zu halten gewußt. Sie sind alle frisch, gut bewaffnet und in dem besten Stande. Der König hat mir, unterstützt von den Prinzen Evan und Siseburt, den Befehl über einen Flügel des Heeres anvertraut. Morgen in der Mittagsstunde, wenn beide Heere in der Hitze des Kampfes begriffen sind, werden wir mit unsern Mannen zu den Moslemen übergehen. Ich begehre jedoch, daß ein Vertrag mit Tarek Ben Zejad abgeschlossen werde, demzufolge mein Neffe als Herr über Spanien eingesetzt und nur dem Kalifen von Damaskus tributpflichtig werde.« Mit dieser verrätherischen Botschaft entfernte sich der Page. Er führte sein schwarzes Roß an dem Zügel, um der Beachtung weniger ausgesetzt zu sein, als er an den verlöschenden Feuern des Lagers vorbeikam. Als er die letzten Außenposten erreichte, wo die Wachen schlaftrunken auf ihren Waffen ruhten, hörte man seinen Tritt und rief ihn an; allein er sprang leicht in seinen Sattel und gab seinem raschen Thiere die Sporen. Ein Pfeil schwirrte an seinem Ohre vorbei, und zwei andere drangen in den Schild, welchen er auf seinen Rücken geworfen hatte. Das Klappern leichter Hufe tönte hinter ihm; aber er hatte von den Arabern fechten und fliehen gelernt. Er riß einen Pfeil aus seinem Köcher, wandte sich um, erhob sich, während sein Renner in gestrecktem Galopp dahin flog, aus den Bügeln, legte den Pfeil auf und schnellte ihn gegen seinen Verfolger ab. Dem scharfen Zischen der Bogensehne folgte unmittelbar das Klirren einer Rüstung und ein tiefes Stöhnen, als der Reiter vom Pferd stürzte. Der Page setzte seinen raschen Ritt ohne fernere Belästigung fort und erreichte vor dem Anbruche des Tages das Lager der Moslemen. Siebenzehntes Kapitel. Der letzte Tag des Kampfes. Die ganze Nacht hindurch hatte eine Kerze in dem Zelte des Königs gebrannt, und unruhige Gedanken und Unglück verkündende Gesichte hatten seine Ruhe gestört. Wenn er in Schlummer versank, sah er in seinen Träumen die Schattenbilder, welche sich ihm in dem Zauberthurme gezeigt, oder die entehrte Florinda, blaß, die Haare wild gelös't, die Rache des Himmels auf sein Haupt herabbeschwörend. Um Mitternacht, als ringsum nichts zu hören war, die Tritte der Wache ausgenommen, welche vor seinem Zelte auf und nieder ging, stand der König von seinem Lager auf, ging hinaus und schaute gedankenvoll auf das kriegerische Schauspiel, das sich seinen Augen darbot. Die blasse Sichel des Mondes hing über dem maurischen Lager und erhellte die Windungen des Guadalate schwach. Das Herz des Königs war schwer und niedergedrückt; aber er fühlte nur für sich, sagt Antonio Agapita; er gedachte der Gefahren nicht, mit welcher Tausende ihm angeborne Unterthanen in dem Lager vor ihm, welche, so zu sagen, an dem Rande ihres Grabes schlummerten, bedroht waren. Das schwache Dröhnen ferner Hufe, die in rascher Flucht begriffen schienen, erreichten das Ohr des Monarchen, aber die Reiter waren nicht zu ersehen. In eben dieser Stunde kam die nachtumhangenen Ufer des Flusses entlang, auf welchem dann und wann die spärlichen Strahlen des Mondlichts erglänzten, der flüchtige Bote des Grafen Julian mit dem Plane des Verrathes für den nächsten Tag. Das Morgenlicht dämmerte noch nicht, als der schlaflose und ungeduldige König seine Mannen aufrief und sich zur Schlacht rüstete. Er schickte dann nach dem ehrwürdigen Bischof Urbino, welcher ihn in das Lager begleitet hatte, legte seine königliche Krone zur Seite und kniete entblös'ten Hauptes nieder und beichtete seine Sünden vor dem frommen Manne. Darauf wurde in dem Zelte des Königs eine feierliche Messe gelesen und dem König das Abendmahl gereicht. Als diese religiösen Handlungen vollbracht waren, ersuchte er den Erzbischof, sogleich nach Cordova abzureisen, dort den Ausgang der Schlacht zu erwarten und sich bereit zu halten, dem Heere neue Verstärkungen und Vorräthe von Lebensmitteln zuzuführen. Der Erzbischof ließ sein Maulthier satteln, und reiste ab, als eben die Morgenröthe im Osten schwach zu erglühen begann. Bereits hallte das Lager von dem schmetternden Rufe der Trompeten, dem Klirren der Waffen und dem Stampfen und Wiehern der Rosse wieder. Als der Erzbischof durch das Lager kam, blickte er mit schmerzerfülltem Herzen auf diese zahllosen Haufen, von denen so viele bald nicht mehr athmen sollten. Die Krieger drängten sich heran, ihm die Hand zu küssen, und mancher Reitersmann, der, voller Jugend und Feuer jetzt, vor dem Abend noch kalt und erstarrt auf dem Schlachtfeld hingestreckt liegen sollte, empfing seinen Segen. Als die Truppen in das Feld gerückt waren, schickte Don Roderich sich an, in der Pracht und dem Pompe auszuziehen, mit welchem die gothischen Könige in die Schlacht zu gehen pflegten. Er war in ein Gewand von Goldbrocat gekleidet; seine Sandalen waren mit Perlen und Diamanten geschmückt; er hielt ein Scepter in seiner Hand und trug eine Königskrone, mit unschätzbaren Juwelen geziert, auf dem Haupte. In diesem kostbaren Schmuck bestieg er einen hohen Wagen von Elfenbein, dessen Achse von Silber und dessen Räder und Deichsel mit polirten Goldplatten bedeckt waren. Ueber seinem Haupt war ein Thronhimmel von Goldstoff, mit Wappen-Emblemen geschmückt und mit Edelsteinen dicht besäet Entrand , Chron. an. Christi 714. – Der Verf. . Dieser prächtige Wagen wurde von milchweißen Pferden gezogen, deren Decken von rothem, mit Perlen besetztem Sammt waren. Tausend junge Ritter umgaben den Wagen, alle vom edelsten Geblüte und voll hohen Muthes; alle von des Königs eigener Hand zu Rittern geschlagen und durch heilige Schwüre verpflichtet, ihn bis zu ihrem letzten Athemzuge zu vertheidigen. Als Roderich, sagt ein arabischer Schriftsteller, in diesem glänzenden Pompe, von seinen Wachen in vergoldeten Rüstungen, und wehenden Helmbüschen, und Schärpen und Waffenröcken von tausend verschiedenen Farben umgeben, auszog, war es, als wenn die Sonne in dem schimmernden Wagen des Tages mitten aus den prächtigen Morgenwolken hervorträte. Während der königliche Wagen vor den Reihen des Heeres dahinrollte, jubelten die Krieger vor Bewunderung. Don Roderich schwang seinen Scepter und redete sie von seinem hohen Wagen herab an, indem er sie an den Schrecken und die Verwüstung erinnerte, welche bereits von dem eindringenden Feinde über das Land verbreitet worden. Er forderte sie auf, die alte Tapferkeit ihres Stammes zu bewähren und das Blut ihrer Brüder zu rächen. »Ein Tag ruhmwürdigen Kampfes,« sagte er, »und diese ungläubige Horde wird in das Meer getrieben oder unter euern Schwertern vernichtet werden. Kühn in die Schlacht hinein! Eure Familien sind hinter euch und flehen zu Gott, daß er euch den Sieg verleihe; die Feinde eures Vaterlandes sind vor euch; Gott, der über uns, segnet seine heilige Sache; und euer König führt euch in die Schlacht.« Das Heer rief, wie aus einer Brust: »Hin auf den Feind! Der Tod sei dessen Loos, der dem Angriffe ausweicht!« Die aufgehende Sonne begann die schimmernden Wasser des Guadalate entlang zu glänzen, als das maurische Heer, Zug an Zug, bei dem Klange einer kriegerischen Musik stäubend eine sanfte Anhöhe niederbrauste. Ihre Turbane und Gewänder, eben so verschieden an Farben wie an Schnitt, gaben ihrem Heere ein prachtvolles, glänzendes Ansehen. Als sie einher zogen, erhob sich eine Staubwolke und verbarg sie theilweise dem Blicke; dennoch sah man Blitze des Stahls und Strahlen des polirten Goldes wie den Schimmer lebhaften Wetterleuchtens durchbrechen; während der Klang der Trommeln und Trompeten und der Schall der maurischen Cymbeln in dieser Sturmwolke des Kampfes wie kriegerischer Donner dahertönte. Als die Heere einander näher kamen, verschwand die Sonne in den sich aufthürmenden Wolken, und die Staubsäulen, welche von den beiden Heeren emporstiegen, vermehrten die Düsterheit des Tages. Endlich bliesen die Trompeten zum Angriff. Die Schlacht begann mit einem Regen von Pfeilen, Steinen und Wurfspießen. Das christliche Fußvolk war bei dem Gefechte im Nachtheil, da der größere Theil ohne Helme und Schilde war. Eine Abtheilung leichter arabischer Reiterei, angeführt von einem griechischen Abtrünnigen, Magued el Rumi genannt, sprengte vor die christliche Linie, schoß ihre Pfeile ab und jagte dann weg, weit aus dem Bereiche der ihnen nachfliegenden Wurfgeschosse. Theudomir führte jetzt, von dem alten Pelistes unterstützt, seine bewährten Schaaren in den Kampf, und nach einer kleinen Weile ward das Gefecht wüthend und wirre. Es war herrlich, in dieser Stunde furchtbarer Prüfung die alte gothische Tapferkeit in ihrem ganzen Glanze leuchten zu sehen. Wo die Moslemen fielen, stürzten die Christen vor, bemächtigten sich ihrer Pferde und nahmen ihnen Rüstung und Waffen. Sie fochten verzweifelt und siegreich, denn sie fochten für ihr Vaterland und ihren Glauben. Die Schlacht wüthete mehrere Stunden; das Schlachtfeld war mit Erschlagenen besäet, und die von der Menge und der Wuth ihrer Feinde überwältigten Mauren fingen an zu schwanken. Als Tarek Ben Zejad seine Schaaren vor dem Feinde zurückweichen sah, warf er sich ihnen entgegen, erhob sich in seinen Bügeln und rief: »O Moslemen! Eroberer Afrika's! wohin wollt ihr fliehen? Das Meer ist hinter euch, vor euch der Feind! All eure Hoffnung ruht auf eurer Tapferkeit und der Hülfe Gottes! Thut wie ich, und der Sieg ist euer.« Bei diesen Worten gibt er seinem Pferde die Sporen und sprengt unter den Feind, rechts und links Hiebe vertheilend und zusammenhauend und vernichtend, was ihm entgegen kömmt, während sein Roß, ungestüm wie er selbst, das Fußvolk mit seinen Hufen zerstampft und mit seinen Zähnen zerfleischt. In diesem Augenblicke erhebt sich auf verschiedenen Theilen des Schlachtfeldes ein mächtiges Geschrei; – die Mittagsstunde ist gekommen. Der Bischof Oppas und die beiden Prinzen, welche bisher ihre Schaaren dem Kampfe fern gehalten hatten, gehen plötzlich zu dem Feinde über und kehrten ihre Waffen gegen ihre überraschten Landsleute. Von diesem Augenblicke an wechselte das Schicksal des Tages, und das Schlachtfeld wurde der Schauplatz wilder Verwirrung und blutigen Gemetzels. Die Christen wußten nicht, mit wem sie kämpfen, wem sie vertrauen sollten. Es schien, als hätte der Wahnsinn sich ihrer Freunde und Verwandten bemächtigt, und als wären ihre schlimmsten Feinde in ihren eignen Reihen. Don Roderich's Muth wuchs mit der Gefahr, die ihn umringte. Er warf die ihm lästigen königlichen Gewänder von sich, stieg von seinem Wagen, schwang sich auf sein Roß Orelia, ergriff Lanze und Schild und bemühte sich, seine zurückweichenden Truppen wieder zu sammeln. Von einem starken Haufen seiner eigenen verrätherischen Unterthanen umgeben und angegriffen, vertheidigte er sich mit einer bewundernswürdigen Tapferkeit. Der Feind umzingelte ihn dichter und dichter; seine getreuen Ritter, die ihn als Wachen umgeben hatten, waren, im wackern Kampfe zu seinem Schirme, gefallen. Als man den König zum letzten Male sah, war er in der Mitte der Feinde, wo von jedem seiner Hiebe Todte stürzten. Furcht und Schrecken bemächtigte sich der Christen vollständig; sie warfen ihre Waffen weg und entflohen nach allen Richtungen. Sie wurden unter einem furchtbaren Blutbade verfolgt, bis die Dunkelheit der Nacht es unmöglich machte, den Freund vom Feinde zu unterscheiden. Tarek ließ nun seine Schaaren von der Verfolgung abstehen und nahm Besitz von dem königlichen Lager, und die Stätte, auf welcher Don Roderich in der vorigen Nacht mit so großer Unbehaglichkeit sich ausgestreckt hatte, bot seinem Sieger jetzt gesunde Ruhe. Diese Schlacht wird von den Geschichtschreibern bald die Schlacht von Guadalate, bald die bei Xeres, der Nähe dieser Stadt wegen, genannt. – Der Verf. Achtzehntes Kapitel. Das Schlachtfeld nach der Niederlage. – Don Roderich's Schicksal. Am Morgen nach der Schlacht ritt der arabische Heerführer, Tarek Ben Zejad, über dieses blutige Gefild am Guadalate, das mit den Trümmern jener glänzenden Schaaren bedeckt war, welche vor so kurzer Zeit noch wie ein prachtvoller Festprunk die Ufer des Flusses entlang gezogen waren. Da lagen Mauren und Christen, Rosse und Reiter, von klaffenden Wunden entstellt; und der Fluß, noch geröthet vom Blute, war mit den Leichen der Erschlagenen bedeckt. Der wilde Araber glich dem Wolfe, der durch die Hürde streift, welche er verheert hat. Wohin er schaute, schwelgte sein Auge in der Zerstörung des Landes, in den Trümmern des stolzen Spaniens. Da lag die Blüthe der jungen Ritterschaft, zerstümmelt und zermalmt, da die Kraft der Landbewohnerschaft in den Staub hingestreckt. Der gothische Edle lag vermischt mit seinen Vasallen; der Bauer mit dem Fürsten; jeder Rang und jede Würde waren in einem gemeinschaftlichen Blutbad vereinigt. Nachdem Tarek das Schlachtfeld in Augenschein genommen hatte, ließ er die Waffen der Erschlagenen und die Beute des Lagers vor sich bringen. Es war ein unermeßlicher Schatz. Man sah hier schwere Ketten und seltenen Schmuck von Gold, Perlen und reichen Edelsteinen, prachtvolle seidene und Brocatgewänder, und viele andere Gegenstände des Prunks und des Luxus, in welchen sich die gothischen Edeln während der letzten Zeit ihrer Entartung gefallen hatten. Auch unermeßliche Summen Geldes wurden gefunden, welche Roderich zur Bestreitung der Ausgaben des Kriegs mitgebracht hatte. Tarek befahl nun, die Leichen der moslemitischen Krieger zur Erde zu bestatten. Die der Christen wurden in großen Haufen auf einander gelegt, große Holzstöße errichtet, und sie darauf verbrannt. Die Flammen dieser Holzstöße stiegen hoch in die Luft und wurden während der Nacht in weiter Ferne gesehen; und als die Christen sie von den benachbarten Bergen sahen, zerschlugen sie sich die Brust und zerrauften sich das Haar und weinten über ihnen, wie über den Leichenfeuern ihres Vaterlandes. Das Blutbad, welches dieser Kampf veranlaßte, steckte die Luft an und verpestete sie zwei ganze Monate lang, und mehr als vierzig Jahre hindurch sah man Gebeine auf dem Schlachtfelde aufgehäuft; ja, es waren Jahrhunderte dahin und entschwunden, da fanden die Landleute, wenn sie den Boden umgruben, noch Bruchstücke von gothischen Panzern und Helmen und maurische Säbel – die Ueberbleibsel jener schrecklichen Schlacht. Drei Tage hindurch verfolgten die arabischen Reiter die flüchtigen Christen und jagten sie über die Gefilde ihres Vaterlandes, so daß nur ein kleiner Theil jenes mächtigen Heeres davon kam, um in der Heimath die Geschichte ihres Unglücks zu erzählen. Tarek Ben Zejad sah seinen Sieg so lange für unvollständig an, als der gothische König am Leben war; er setzte daher öffentlich große Belohnungen für einen Jeglichen aus, welcher ihm Don Roderich todt oder lebendig ausliefern werde. Demzufolge stellte man nach allen Seiten die eifrigsten Nachforschungen an, – lange Zeit war aber Alles vergeblich. Endlich brachte ein Krieger dem arabischen Heerführer das Haupt eines christlichen Kämpen, dessen Bedeckung mit Federn und kostbaren Edelsteinen geschmückt war. Tarek nahm dieses Haupt als das des unglücklichen Roderich an und sandte es, als eine Trophäe seines Sieges, dem Musa Ben Nosair, welcher es, in gleicher Weise, dem Kalifen von Damaskus übermachte. Die spanischen Geschichtschreiber haben jedoch stets in Abrede gestellt, daß es Don Roderich's Haupt gewesen. Ein geheimnißvoller Schleier hing stets und wird fortwährend über dem Schicksale des Königs Roderich an jenem düstern und schmerzreichen Tage Spaniens hangen. Es muß immerdar ein Gegenstand der Vermuthung und des Streites bleiben, ob er inmitten des Schlachtgetümmels geblieben ist und durch ein vaterländisches Grab seine Sünden und Verirrungen büßte, oder ob er am Leben blieb, um sie in einsamer Verbannung zu bereuen. Der gelehrte Erzbischof Rodrigo, welcher die Begebenheiten dieser unglücklichen Schlacht berichtet hat, behauptet, Don Roderich sei unter dem rächerischen Schwerte des verrätherischen Julian gefallen und habe auf diese Weise mit seinem Blute sein Verbrechen gegen die arme Florinde gebüßt; allein in diesem seinem Berichte wird der Erzbischof von andern Chronikenschreibern nicht unterstützt. Man scheint allgemein zugestanden zu haben, Orelia, das Lieblingsroß des Don Roderich, sei in einem Moore an den Ufern des Guadalate gefunden worden, und die Sandalen, der Mantel und die königlichen Insignien Don Roderich's hätten nahe dabei gelegen. Der Fluß ist hier breit und tief und war mit den Leichen von Kriegern und mit todten Pferden bedeckt; man nahm daher an, er sei in dem Flusse umgekommen; aber sein Körper wurde nicht in dem Wasser gefunden. Schon waren viele Jahre dahin gegangen, und die Gedanken der Menschen begannen, da die Ruhe wieder in einem gewissen Grade zurückgekehrt war, sich mit den Begebenheiten dieses unheilvollen Tages zu beschäftigen, als sich das Gerücht verbreitete, Roderich sei dem Blutbade an den Ufern des Guadalate entgangen und wandle noch unter den Lebenden. Der Sage nach hatte er, wie er von einer Erhöhung aus das ganze Schlachtfeld überschaute und sich überzeugte, daß die Schlacht für ihn verloren war und sein Heer sich nach allen Richtungen flüchtete, sein Heil gleichfalls in der Flucht gesucht. Man setzte hinzu, eine Schaar arabischer Reiter habe bei einem Streifzug in den Gebirgen, um der Flüchtlinge habhaft zu werden, einen Hirten gefunden, welcher in die königlichen Gewänder gekleidet gewesen; man habe diesen vor den Sieger gebracht, da man ihn für den König selbst gehalten. Graf Julian klärte jedoch den Irrthum bald auf. Der zitternde Landmann erzählte, nachdem man ihn zur Rede gestellt: während er auf den Weideplätzen des Gebirgs seine Schaafe gehütet, sei ein Ritter auf einem müden und abgetriebenen Rosse gekommen, das unter dem Reiter zusammen zu brechen gedroht habe; der Ritter habe ihm mit gebieterischer Stimme und drohender Miene befohlen, die Kleider mit ihm zu wechseln; er habe sich in die rauhe Hülle der Schafpelze gekleidet, seinen Schäferstab und Brodtasche genommen und den Weg die klippigen Engpässe der Berge empor, die nach Kastilien führen, eingeschlagen, bis er ihn aus dem Gesichte verloren. Bleda , Chronica, lib. II. cap. 9. – Albucasim Tarif Abentarique , lib. I. cap. 10. – Der Verf. Diese Ueberlieferung wurde von Vielen theuer gehalten, welche an dem Glauben, ihr König sei noch am Leben, als ihrer einzigen Hoffnung, Spanien gerettet zu sehen, sich anklammerten. Es wurde sogar behauptet, er habe mit einem Theile seiner Truppen auf einer Insel des »oceanischen Meeres« Zuflucht gefunden, von wo er einst noch zurückkehren könne, um seine Fahne wieder auszubreiten und für die Wiedererwerbung seines Thrones zu kämpfen. Jahr um Jahr verstrich jedoch, und man hörte nichts von Don Roderich; dennoch blieb sein Name, wie der des Königs Sebastian von Portugal oder Arthur's von England, eine Art Vereinigungspunkt für das Volk, das an seinem Andenken hing, und das Geheimnißvolle seines Endes erzeugte fortwährend romantische Fabeln. Als endlich Geschlecht um Geschlecht in das Grab hinabgestiegen und beinahe zwei Jahrhunderte dahin geschwunden waren, wollte man Spuren entdeckt haben, welche über das endliche Loos des unglücklichen Don Roderich's Licht verbreiteten. Zu dieser Zeit hatte Don Alonso der Große, König von Leon, die Stadt Viseo in Lusitanien den Händen der Moslemen entrissen. Als seine Krieger die Stadt und ihre Umgebungen durchstreiften, entdeckte einer derselben auf einem Felde außerhalb den Stadtmauern eine kleine Kapelle oder Einsiedelei, vor welcher ein Grabstein war, auf dem man folgende Inschrift in gothischen Charakteren las: HIC REQUIESCIT RIODERICUS, ULTIMUS REX GOTHORUM. Hier ruht Roderich, der letzte König der Gothen . Viele haben geglaubt, dies sei das wahre Grab des Monarchen, und in dieser Einsiedelei habe er in bußfertiger Abgeschiedenheit seine Tage vollendet. – Als der Soldat das angebliche Grab des einst so stolzen Roderich's sah, vergaß er aller seiner Verbrechen und Verirrungen und weihte seinem Andenken die Thräne des Kriegers. Als sich seine Gedanken aber an den Grafen Julian wendeten, brach sein patriotischer Unwille aus, und mit seinem Dolche grub er einen rauhen Fluch auf den Stein. »Verflucht« sagte er »sei die gottlose, wahnsinnige Rache des Verräthers Julian. Er war der Mörder seines Königs, der Schlächter seiner Verwandten, der Verräther seines Vaterlandes. Möge sein Name in jeder Stunde verhaßt, sein Andenken bei allen Geschlechtern ehrlos sein!« Hier endigt die Erzählung von Don Roderich. Erläuterungen zu der Erzählung von Don Roderich. Roderich's Grab. Der ehrwürdige Bischof von Salamanca, Sebastiano, sagt, die Inschrift auf dem Grabe zu Viseo in Portugal habe zu seiner Zeit noch bestanden, und er selbst habe sie gesehen. Eine eigene Erzählung von der Verbannung und dem Einsiedlerleben Roderich's wird von Berganza mitgetheilt, der sich auf portugiesische Chronikenschreiber stützt. »Einige portugiesische Geschichtschreiber,« sagt Berganza, Chron. lib. I. cap. 13. – Der Verf. »versichern, der König Don Rodrigo habe sich, nachdem er die Schlacht verloren, nach Merida begeben und sich in das Kloster Cauliniano zurückgezogen, wo er seine Sünden bereut und unter vielen Thränen gebeichtet habe. Da er aber ein noch abgezogeneres Leben zu führen wünschte, wählte er einen Mönch, Namens Roman, zu seinem Gefährten, nahm ein Christusbild, welches Cyriakus, ein griechischer Mönch, von Jerusalem in das Kloster Cauliniano gebracht hatte, und begab sich auf einen sehr rauhen Berg, welcher über dem Meere, in der Nähe des Dorfes Pederneyra, lag. Rodrigo lebte in Gesellschaft des genannten Mönchs ein Jahr lang in der Tiefe einer Grotte; darauf begab er sich zu der Einsiedelei von San Miguel, welche bei Viseo lag, und wo er starb und begraben wurde. »Man kann diese Nachricht in den Noten des Don Thomas Pamayo zu Paulus Diaconus lesen. Die Chronik von San Millan, welche bis zum Jahre 883 geht, sagt aus, man habe bis zu seiner Zeit nichts von dem Ende des Königs Rodrigo erfahren. Als wenige Jahre darauf der König Don Alonso der Große die Stadt Viseo eingenommen hatte, fand er in einer Kirche die Grabschrift, welche in lateinischer Sprache besagt: »Hier liegt Rodrigo, der letzte König der Gothen.« – Die Höhle des Herkules. Da die Erzählung von dem Zauberthurm eine der verbreitetsten sowohl, als auch der am wenigsten glaubwürdigen Punkte in der Geschichte Don Roderich's ist, so scheint es rathsam, sie durch den Bericht von einem andern Wunder der Stadt Toledo zu stützen und zu befestigen. Diese alte Stadt, welche ihr Dasein beinahe aus den Zeiten der Sündfluth herschreibt und als ihren Gründer Tubal, den Sohn Japhet's und Enkel Noah's, anführt, Galazar , Historia Granad. Cardinal. Prolog. vol. I. pl. 1. – Der Verf. hat vielen Generationen und einer wechselnden Menge von Völkerstämmen als fester Kriegspunkt gedient. Sie trägt Spuren des Scharfsinns und der Erfindungskunst ihrer mannichfaltigen Besitzer und zeigt eine Fülle von Geheimnissen und Vorwürfen, welche die Alterthumsforscher in Zweifel und Verwirrung zu setzen vermögen. Sie ist auf einem hohen Bergvorsprung erbaut, an dessen Fuß die Wellen des Tajo grollend vorüberbrausen, und wird von steilen, zerrissenen Höhen beherrscht. Die Höhen sind voller Klüfte und Grotten; und der Bergvorsprung selbst, auf welchem die Stadt erbaut wurde, zeigt Spuren von Gewölben und unterirdischen Wohnungen, welche gelegentlich unter den Trümmern alter Häuser oder unter Kirchen und Klöstern entdeckt worden sind. Nach den Annahmen Vieler waren dies die Wohnungen oder Zufluchtsörter der ursprünglichen Bewohner des Landes; denn, Plinius zufolge, war es Sitte der Alten, in hohen, felsigen Gegenden Höhlen zu graben und in ihnen zu wohnen, um so den Fluthen auszuweichen; und eine solche Vorsicht, sagt der würdige Don Pedro de Roxas in seiner Geschichte von Toledo, war bei den ersten Toledanern natürlich genug, in Betracht, daß sie ihre Stadt kurz nach der Sündfluth gründeten, während das Andenken daran ihrem Gedächtnisse noch neu war. Andere haben angenommen, diese geheimen Grotten und Gewölbe seien Verstecke der Einwohner und ihrer Schätze gewesen, während Krieg und Gewalt in dem Lande wütheten, oder rohe Tempel zur Verrichtung religiöser Ceremonien in den Zeiten der Verfolgung. Ferner fehlt es nicht an andern, sehr ernsten Schriftstellern, welche ihnen einen weit düsterern Ursprung zuschreiben. In jenen Höhlen, sagen sie, wurden die teuflischen Mysterien der Zauberei gelehrt; in ihnen wurden jene höllischen Festlichkeiten und Zauberkünste vorgenommen, welche in den Augen Gottes und der Menschen schrecklich sind. »Die Geschichte,« sagte der gute Don Pedro de Roxas, »ist voll von Berichten, daß die Magier ihre Zaubereien und ihre abergläubischen Gebräuche in tiefen Höhlen und geheimnißvollen Plätzen verrichteten; denn da diese Teufelskunst schon seit dem ersten Ursprung des Christenthums verboten war, suchten sie stets verborgene Orte auf, um sich derselben hinzugeben.« In den Zeiten der Mauren wurde diese Kunst, wie man berichtet, gleich Astronomie, Mathematik und Philosophie, öffentlich auf ihren Universitäten gelehrt, und nirgends geschah dies mit größerem Erfolg, als in der Stadt Toledo. Daher hatte diese Stadt stets eine düstere Berühmtheit wegen magischer Weisheit, so daß die Franzosen, und mit ihnen andere Nationen, die Zauberkunst auch Toledanische Kunst ( arte Toledana ) nannten. Allein unter allen Wundern dieser alten, malerischen, romantischen und zauberischen Stadt übertrifft in neuern Zeiten keines die Höhle des Herkules, sofern wir nämlich der Nachricht des Don Pedro de Roxas Glauben beimessen. Der Eingang zu dieser Höhle befindet sich in der Kirche von San Gines, welche fast in dem höchsten Theile der Stadt liegt. Massive Thore führen in das Innere; diese Thore öffnen sich in den Mauern der Kirche, werden aber stets streng verschlossen gehalten. Die Höhle läuft unter der Stadt und unter dem Bette des Tajo fast drei Meilen jenseits des Flusses fort. An vielen Stellen ist die Bauart bewundernswerth; sie besteht hier aus kleinen, zierlich behauenen Steinen und wird von Säulen und Bogen getragen. In dem Jahre fünfzehnhundert sechs und vierzig erhielt der Erzbischof und Kardinal Martinez Silizeo Nachricht von dieser Höhle, und da er neugierig war, sie zu untersuchen, befahl er, den Eingang aufzuräumen. Eine Anzahl Leute, mit Lebensmitteln, Laternen und Stricken versehen, gingen nun in das Innere, und nachdem sie eine halbe Stunde vorgeschritten waren, kamen sie zu einer Stelle, wo sie auf eine Art Kapelle oder Tempel mit einem Tische oder Altar stießen und wo viele Bronzestatuen in Nischen oder auf Fußgestellen umherstanden. Während sie diesen geheimnißvollen Schauplatz der alten Gottesverehrung oder der Zauberei betrachteten, stürzte eine der Statuen mit einem Getöse, welches in der Höhle dumpf wiederhallte und die Herzen der Abenteurer mit Furcht und Schrecken erfüllte. Als sie sich von ihrer Angst erholt hatten, schritten sie weiter, wurden aber bald wieder durch ein Rauschen und Brüllen erschreckt, das zunahm, je weiter sie vordrangen. Dies rührte von einem wüthenden und schäumenden Bache her, dessen schwarzes Wasser zu tief und breit und reißend war, als daß sie es hätten überschreiten können. Ihre Herzen waren jetzt so erstarrt, daß sie unvermögend waren, einen andern Weg zu suchen, auf welchem sie weiter hätten gelangen können; sie kehrten also um und verließen eiligen Schrittes die Höhle. Die Nacht brach schon an, als sie aus der Höhle kamen, und die Angst, welche sie ausgestanden hatten, und die kalte, dumpfige Luft der Tiefe, gegen welche sie um so empfindlicher waren, als man sich im hohen Sommer befand, hatte sie so angegriffen, daß sie sich sämmtlich krank fühlten, und mehrere von ihnen starben. Die Geschichte berichtet nicht, ob der Erzbischof entmuthigt wurde, seine Nachforschungen fortzusetzen und seine Neugierde zu befriedigen. Alonso Telle de Meneses erzählt in seiner Weltgeschichte: nicht lange vor seiner Zeit habe ein Knabe von Toledo, dem sein Herr mit einer scharfen Strafe bedroht, die Flucht ergriffen und sich in diese Höhle versteckt. Da er glaubte, sein Verfolger sei ihm auf den Fersen, achtete er weder der Dunkelheit, noch der Kälte der Höhle, sondern tappte auf das Gerathewohl vorwärts, bis er drei Stunden von der Stadt in's Freie kam. Nach einer andern, sehr beliebten Sage von dieser Höhle, welche unter dem gemeinen Volke gäng und gebe ist, liegen große, von den Römern zurückgelassene Schätze Goldes in ihren fernen Schlupfwinkeln verborgen. Wer diesen kostbaren Hort heben will, muß durch viele Wölbungen oder Grotten gehen, in deren jeder etwas eigenthümlich Schreckhaftes ist, und welche alle unter der Hut eines wilden Hundes stehen, der den Schlüssel zu sämmtlichen Thüren habe und Tag und Nacht Wache hält. Wenn sich Jemand nähert, zeigt er seine Zähne und erhebt ein scheusliches Geheul; noch kein goldgieriger Abenteurer hat aber bis jetzt den Muth gehabt, einen Kampf mit diesem schrecklichen Cerberus zu wagen. Der unerschrockenste Bewerber, dessen man gedenkt, war ein armer Mann, welcher Alles, was er besessen, verloren und eine Frau und eine große Menge Kinder – diese mächtigen Hebel zu verzweifelten Unternehmungen – zu Haus hatte. Als er von den Schätzen in der Höhle hörte, beschloß er, sich allein in die Tiefe derselben zu wagen und den Hort zu heben. Demnach ging er hinein und irrte, vor Schrecken außer sich, viele Stunden darin umher. Oft war er nahe daran, umzukehren, aber der Gedanke an seine Frau und seine Kinder trieb ihn vorwärts. Endlich erreichte er die Stelle, wo, nach den Berichten, der Schatz versteckt sein mußte. Er sah jedoch, zu seiner großen Bestürzung, daß der Boden der Höhle hier mit Menschenknochen ganz bedeckt lag – ohne Zweifel die Reste von Abenteurern, gleich ihm, welche hier in Stücke zerrissen worden waren. Nun verließ ihn sein ganzer Muth; er kehrte um und suchte wieder aus der Höhle zu kommen. Schauer häuften sich um ihn, als er floh. Er sah scheusliche Phantome rund um sich glänzen und flüstern, und hörte in dem Wiederhall seiner Fußtritte den Klang von Schritten, die ihn verfolgten. Von Schrecken ganz überwältigt, erreichte er seine Wohnung; mehrere Stunden vergingen, bevor er sich so weit erholt hatte, daß er seine Erzählung vorbringen konnte, und am nächsten Tage starb er. Der scharfsinnige Don Antonio de Roxas hält die Nachricht von dem verborgenen Schatze für märchenhaft, das Abenteuer dieses unglücklichen Mannes aber für sehr möglich, da er von Goldgier oder vielmehr von der Hoffnung, seinem verzweifelten Loose abzuhelfen, geführt worden sein konnte. Auch erklärt er seinen Tod kurz nach seiner Rückkehr für etwas sehr Wahrscheinliches, weil die Dunkelheit der Grotte, ihre Kälte, sein Schrecken bei'm Anblick der Gebeine, die Angst, dem geglaubten Hunde zu begegnen, sich vereinigt hatten, auf einen Mann zu wirken, welcher seine kräftigsten Jahre bereits hinter sich hatte, und dessen Körper durch Armuth und knappe Nahrung sehr geschwächt war, so daß er eine leichte Beute des Todes wurde. Viele haben geglaubt, diese Höhle sei ursprünglich bestimmt gewesen, der Stadt als ein Weg zu Ausfällen oder als Zuflucht zu dienen, wenn sie eingenommen würde, – eine Ansicht, welche als wahrscheinlich angenommen wird, da die Höhle sehr geräumig und ausgedehnt ist. Der gelehrte Galazar de Mendoza führt es jedoch in der Geschichte des großen spanischen Kardinals als eine hergestellte Thatsache an, daß Tubal, Japhet's Sohn und Noah's Enkel, die Höhle zuerst in den Fels habe hauen lassen, und daß später Herkules, der Egyptier, welcher, nachdem er seinen Pfeiler in der Meerenge von Gibraltar aufgerichtet, seine Wohnung hier aufgeschlagen, sie ausgebessert und bedeutend vergrößert habe. Auch unterrichtete er hier, der Sage nach, seine Begleiter in der Magie und lehrte sie jene übernatürlichen Künste, mittelst deren er seine mächtigen Thaten vollbrachte. Andere glauben, sie sei ein dem Herkules geweihter Tempel gewesen, wie dies, dem Pomponius Mela zufolge, mit der großen Höhle in dem Felsen von Gibraltar der Fall war; gewiß ist es, daß sie stets den Namen »die Höhle des Herkules« getragen hat. Auch fehlt es nicht an Männern, welche behauptet haben, sie sei ein Werk, welches aus den Zeiten der Römer herstamme, und ihre Bestimmung sei gewesen, als Kloake oder Kanal für die Stadt zu dienen; eine solche gemeine Ansicht wird der Leser jedoch, nachdem er von den edlern Zwecken, welchen diese wunderbare Höhle geweiht war, gehört hat, mit der Wegwerfung behandeln, die sie verdient. Aus allen diesen Umständen, welche wir aus gelehrten und geachteten Schriftstellern hier angeführt haben, ist es wohl für Jeden einleuchtend, daß Toledo eine an Wundern sehr fruchtbare Stadt ist, und daß der Zauberthurm des Herkules sich einer festern Grundlage erfreut, als die meisten Gebäude von ähnlicher Bedeutsamkeit in der alten Geschichte. Der Verfasser dieser Blätter wagt es, das Ergebniß seiner persönlichen Untersuchungen in Bezug auf die in Frage stehende weitberühmte Höhle hier anzufügen. In Gesellschaft einer kleinen Schaar von Alterthumsjägern, unter welchen sich ein berühmter britischer Maler Herr D. Wilkin. – Der Verf. und ein englischer Edelmann Lord Mahon. – Der Verf. befand, welcher sich seitdem selbst durch Untersuchungen über die Geschichte Spaniens ausgezeichnet hat, durchstreifte ich im Jahre 1826 die Stadt Toledo; wir richteten unsere Schritte der Kirche von San Gines entgegen und erkundigten uns nach der Thüre zu der geheimen Höhle. Der Sakristan war ein zungenfertiger und mittheilsamer Mann, der in Bezug auf Alles, was er wußte, gar nicht sehr haushälterisch oder geizig zu Werke ging oder bei Herzählung aller zu seiner Kirche gehörigen Wunder mundfaul war. Er erzählte jedoch, er habe gehört, unmittelbar unter dem Eingang in die Kirche sei ein gemauerter Bogen, wahrscheinlich der obere Theil irgend eines unterirdischen Thores; allein Alles sei zugeworfen und ein Pflaster darüber gelegt worden; so daß die Frage, ob dieser Eingang in die magische Höhle oder in den Zauberthurm führt, ein Geheimniß bleibt und bleiben wird, bis ein König oder ein Erzbischof wieder Muth und Gewalt hat, den Zauber zu sprengen. Die Erzählung von der Unterjochung Spaniens. In dieser Erzählung gründen sich die meisten Thatsachen hinsichtlich des Einfalls der Araber in Spanien auf die Autorität arabischer Schriftsteller, welchen die genauesten Mittel, sich zu unterrichten, zu Gebot standen. Die auf die Spanier bezüglichen Mittheilungen sind aus spanischen Chroniken genommen. Es muß bemerkt werden, daß die arabischen Nachrichten meistens das Ansehen der Wahrheit haben, und daß die Begebenheiten, wie sie sie erzählen, von dem gewöhnlichen Gange des Alltagslebens nicht abweichen. Die spanischen Nachrichten dagegen sind reich an Wunderbarem; denn es gab keine größern Romanziers, als die mönchischen Chronikenschreiber. Der Verf.   Erstes Kapitel. Bestürzung des Landes. – Benehmen der Sieger. – Botschaften zwischen Tarek und Musa. Die Niederlage des Königs Roderich und seines Heeres an den Ufern des Guadalate öffnete das ganze südliche Spanien dem Einfalle der Moslemen. Das ganze Land floh vor ihnen; Dörfer und Weiler wurden augenblicklich verlassen; die Bewohner luden ihre Greise und Kranke, ihre Weiber und Kinder und ihre kostbarsten Habseligkeiten auf Maul- und andere Last-Thiere, trieben ihre Heerden vor sich her und begaben sich in ferne Theile des Landes, auf die Vesten der Berge und in solche Städte, welche noch Mauern und Bollwerk hatten. Viele blieben, müde und kraftlos, auf dem Wege liegen und fielen in die Hände des Feindes; Andere verließen, sobald sie in der Ferne eines Turbans oder einer moslemitischen Fahne ansichtig wurden oder das Schmettern einer Trompete hörten, ihre Heerden und beschleunigten ihre Flucht mit ihren Familien. Wenn ihre Verfolger sie einholten, warfen sie ihr Hausgeräth und, was ihnen zur Last war, von sich und priesen sich glücklich, wenn sie nackt und blos flüchten und irgend einen Versteck erreichen konnten. Auf diese Weise waren die Straßen mit zerstreut wandernden Heerden und den mannichfachsten Gegenständen bedeckt. Man konnte die Araber jedoch einer muthwilligen Grausamkeit und Verwüstung nicht anklagen; im Gegentheil, sie benahmen sich mit einer Mäßigung, welche man bei weit gebildeteren Siegern nur selten antraf. Obgleich Tarek el Tuerto ein Mann von der Klinge war und alle seine Gedanken einen kriegerischen Charakter hatten, gab er doch Beweise eines wunderbaren Scharfsinns und großer Ueberlegung. Mit strenger Hand hielt er die räuberischen Sitten seiner Schaaren im Zaum. Es war ihnen unter Androhung schwerer Strafe verboten, friedliche und unbefestigte Städte oder unbewaffnete und widerstandslose Leute, welche ruhig in ihren Häusern blieben, zu belästigen. Es war nirgends erlaubt, Beute zu machen, als auf dem Schlachtfeld, in den Lagern versprengter Feinde oder in Städten, welche mit dem Schwert weggenommen worden. Tarek hatte selten nöthig, seine Strenge geltend zu machen; denn man gehorchte seinen Befehlen eher aus Liebe, als aus Furcht, weil er der Abgott des Heeres war. Man bewunderte seinen rastlosen, kühnen Geist, den nichts beunruhigen und niederdrängen konnte. Seine abgemagerte, knochige Gestalt, sein feuriges Auge, sein mit Schrammen bedecktes Gesicht paßte ganz zu der Kühnheit seiner Thaten; und wenn er auf seinem dampfenden Rosse saß und mit der zuckenden Lanze oder dem blitzenden Säbel über das Schlachtfeld dahin flog, begrüßten ihn seine Araber mit dem Jubel der Begeisterung. Was ihn jedoch seinen Mauren noch theurer machte, war seine heldenmüthige Verachtung jeder Gefahr. Er hatte keine Leidenschaft, als die, zu siegen; der Ruhm war der einzige Lohn, um den er buhlte. Die Schätze, welche ihm der Sieg zuführte, die Beute, welche er machte, vertheilte er ehrlich unter seine Leute, und seinen eigenen Antheil verschleuderte er mit der unbesorgtesten Großmuth. Während Tarek seine Siegesbahn durch Andalusien fortsetzte, wurden Musa Ben Nosair die Nachrichten von seinem erstaunenswerthen Siege an den Ufern des Guadalate überbracht. Bote auf Bote kamen bei Musa an und wetteiferten unter sich, wer die Thaten des Siegers und die Größe des Gewinnes am meisten erhöbe. »Tarek« sagten sie »hat die ganze Macht der Ungläubigen in einer einzigen mächtigen Schlacht zertrümmert; ihr König ist erschlagen; Tausende und Zehntausende ihrer Krieger sind geblieben; das ganze Land ist unserer Gnade anheim gegeben; und Stadt um Stadt überliefert sich den siegreichen Waffen Tarek's.« Das Herz des Musa Ben Nosair sank trüb bei diesen Nachrichten, und statt sich des Sieges der Fahne des Propheten zu freuen, bebte er vor eifersüchtigem Bangen, die Triumphe Tarek's in Spanien würden seine eigenen Siege in Afrika in Schatten stellen. Er schickte Eilboten an den Kalifen Walid Almanzor ab und benachrichtigte ihn von diesen neuen Siegen und Eroberungen, nahm aber den ganzen Ruhm für sich in Anspruch und erwähnte der Dienste Tarek's gar nicht, oder gedachte seiner wenigstens nur beiläufig als eines untergeordneten Befehlshabers. »Die Schlachten« sagte er, »waren schrecklich, wie am Tage des Gerichts; durch Allah's Beistand aber haben wir den Sieg erfochten.« Er rüstete sich nun in aller Eile, um nach Spanien überzusetzen und den Befehl über das siegreiche Heer selbst zu übernehmen. Vorher übersandte er Tarek ein Schreiben, um ihn inmitten seiner Laufbahn aufzuhalten: »Wo dich dieser Brief auch treffen mag« – sagte er, »ich befehle dir, mit deinem Heere Halt zu machen und meine Ankunft zu erwarten. Deine Macht ist der Unterjochung des Landes nicht gewachsen, und du kannst durch ein zu rasches Wagniß Alles auf das Spiel setzen. Ich werde schleunigst und mit einer Truppenverstärkung zu dir stoßen, welche ein so großes Unternehmen fordert.« Dieser Brief traf den alten Tarek in der vollen Begeisterung seiner glücklichen Siege, als er einige der reichsten Theile Andalusiens überzogen und eben die Nachricht von der Uebergabe der Stadt Ecija erhalten hatte. Als er das Schreiben las, stieg ihm das Blut in die sonneverbrannten Wangen, und das Feuer glühte in seinen Augen; denn er durchblickte Musa's Beweggründe. Er unterdrückte jedoch seinen Zorn und wendete sich mit einem bittern Ausdruck erzwungener Fassung zu seinen Hauptleuten. »Sattelt eure Rosse ab« sagte er »und steckt eure Lanzen in den Boden, schlagt eure Zelte auf und pflegt der Ruhe; denn wir müssen der Ankunft des Walid harren, der uns ein mächtiges Heer zuführt, uns in unserm Siege zu unterstützen.« Die arabischen Krieger brachen bei diesen Worten in ein lautes Murren aus. »Wozu bedürfen wir der Hülfe« riefen sie, »wenn das ganze Land vor uns flieht? Und welchen bessern Befehlshaber können wir erhalten, um uns zum Siege zu führen, als Tarek?« Auch Graf Julian, der anwesend war, beeilte sich, ihm seinen verrätherischen Rath zu geben. »Warum sollen wir« rief er »in diesem kostbaren Augenblicke Halt machen? Das große Heer der Gothen ist besiegt, und ihre Edlen sind getödtet oder zerstreut. Verfolgt den Sieg, den ihr erfochten, ehe das Land sich von seinem Schrecken erholen kann. Bemächtigt Euch der Provinzen, faßt festen Sitz in den Städten, macht Euch zum Herrn der Hauptstadt, und Euer Sieg ist vollständig. Condre , I. c. p. I. cap. 10. – Der Verf. Alle arabischen Häuptlinge, welchen jede Unterbrechung in dem Laufe ihres Sieges zuwider war, sprachen sich beifällig für Don Julian's Rath aus. Tarek ließ sich leicht zu dem überreden, was der Wunsch seines Herzens war. Er achtete daher des Schreibens Musa's nicht weiter, sondern schickte sich an, seine Siege zu verfolgen. Zu diesem Zwecke ließ er seine Gesammtmacht zu einer Musterung auf der Ebene von Ecija zusammen kommen. Ein Theil der Truppen hatte Pferde, welche sie noch aus Afrika mitgebracht; den übrigen gab er Rosse, die er den Christen abgenommen hatte. Er wiederholte seine allgemeinen Befehle gegen muthwillige Kränkung der Eingebornen und gegen die Plünderung solcher Plätze, die keinen Widerstand darböten. Auch wurde ihnen untersagt, sich mit Beute oder selbst mit Lebensmitteln zu sehr zu beladen; sie sollten, hieß es, ihren Zug durch das Land in aller Eile fortsetzen und alle festen Plätze und Bollwerke desselben wegnehmen. Er theilte sein Heer nun in drei für sich bestehende Züge. Den ersten stellte er unter den Befehl des griechischen Renegaten, Magued el Rumi's, eines Mannes von verzweifeltem Muthe, und sandte ihn gegen die alte Stadt Cordova. Den zweiten schickte er gegen die Stadt Malaga; diese führte Zayd Ben Kesadi, von dem Bischof Oppas unterstützt. An der Spitze des dritten stand Tarek selbst, und mit diesem beschloß er, eine ausgedehnte Streiferei durch das Königreich zu machen. Chron. de Espana, de Alonzo el Gabio , p. III. c. 1. – Der Verf. Zweites Kapitel. Einnahme von Granada. – Unterjochung der Alpuxarra-Gebirge. Der Schrecken der Waffen des Tarek Ben Zejad ging ihm voran und, zu gleicher Zeit, der Ruf von seiner Milde gegen die, welche sich ohne Widerstand fügten. Wohin er kam, schickten die meisten Städte einige ihrer angesehensten Einwohner ihm entgegen, um ihm die Schlüssel anzubieten; denn sie waren ohne Befestigung und Schutzwehr, und ihre waffenfähigen Männer waren im Kampfe untergegangen. Sie leisteten alle dem Kalifen den Eid der Treue und wurden gegen Plünderung und jede Belästigung geschützt. Nachdem er eine Strecke in dem Lande vorgedrungen war, betrat er eines Tages eine schöne und ausgedehnte Ebene, welche mit Dörfern bedeckt, mit Gärten und Waldpartieen geschmückt, von windenden Bächen durchschnitten und von hohen Bergen umschlossen war. Es war die berühmte Vega oder die Ebene von Granada, die bestimmt war, den Moslemen Jahrhunderte hindurch als Lieblingsaufenthalt zu dienen. Als die arabischen Sieger diese liebliche Vega erblickten, waren sie vor Bewunderung außer sich; denn es schien, als hätte der Prophet ihnen ein irdisches Paradies als Lohn für ihre Dienste in seiner Sache gegeben. Tarek näherte sich der Stadt Granada, welche, auf stolzen Höhen gelegen und durch gothische Mauern und Thürme befestigt und durch das rothe Schloß oder die Zitadelle, welche in alten Zeiten von den Phöniziern oder Römern erbaut worden war, vertheidigt, einen furchterregenden Anblick darbot. Als der arabische Feldherr den Platz in Augenschein nahm, erfreute er sich des starken, kriegerischen Charakters desselben, welcher mit der lächelnden Schönheit der Vega und der Frische und üppigen Fülle ihrer Hügel und Thäler in so grellem Gegensatze stand. Er ließ seine Zelte vor den Mauern der Stadt aufschlagen und schickte sich an, sie mit seiner ganzen Macht anzugreifen. Die Stadt hatte jedoch nur den äußern Schein mächtiger Befestigung. Die Blüthe der Jugend war in der Schlacht am Guadalate gefallen; viele der ersten Bewohner der Stadt hatten sich in die Gebirge geflüchtet, und die Zahl derer, welche zu Haus geblieben, war nur klein und bestand aus alten Männern, Frauen und Kindern und einer Anzahl Juden, welche letztere ziemlich geneigt waren, mit den Feinden gemeinschaftliche Sache zu machen. Die Stadt übergab sich daher bald und wurde unter günstigen Bedingungen in die Knechtschaft der Sarazenen aufgenommen. Die Einwohner sollten ihr Eigenthum, ihre Gesetze und ihren Glauben beibehalten; ihre Kirchen und ihre Geistlichen sollten geachtet werden; keine andere Abgabe sollte von ihnen bezahlt werden, als die, welche sie ihren gothischen Königen zu bezahlen gewohnt waren. Nach der Besitznahme von Granada legte Tarek eine Besatzung in die Thürme und festen Punkte, und ließ einen Alcayde oder Statthalter, Namens Betiz Aben Habuz, einen Eingebornen aus dem glücklichen Arabien, zurück, der sich durch seine Tapferkeit und Befähigung ausgezeichnet hatte. Dieser Alcayde erhob sich in der Folge zum König von Granada und baute auf einer der Höhen einen Palast, von welchem man noch heut zu Tag die Trümmern sieht. Das Gebäude, welches man als die Wohnung des Aben Habuz zeigt, wird »la Casa del Gallo« oder »das Haus des Wetterhahns« genannt. Dieser Name stammt, wie Pedraza in seiner Geschichte von Granada sagt, von der ehernen Gestalt eines mit Lanze und Schild bewaffneten und darüber angebrachten arabischen Reiters her, der sich bei jedem Winde drehte. Auf dieser kriegerischen Wetterfahne las man folgende Inschrift in arabischen Buchstaben: »Dice el sabio Aben Habuz, Que asi se defiende el Andaluz. »Wie der weise Aben Habuz spricht, Schirmt sich anders Andalusien nicht.« Selbst die Wonnen von Granada waren nicht vermögend, den thätigen und glühenden Tarek zurück zu halten. Oestlich von der Stadt sah er eine hohe, bis zum Himmel sich aufthürmende Gebirgskette, welche mit glänzendem Schnee bedeckt war. Dies waren » die Berge der Sonne und der Luft; « und der ewige Schnee auf ihren Gipfeln erzeugte die Bäche und Flüsse, welche die Ebenen fruchtbar machten. In ihren Einschnitten, welche von Klippen und Abgründen umgeben waren, zogen sich viele kleine Thäler von entzückender Schönheit und Ueppigkeit hin. Die Bewohner derselben waren ein kühner, abgehärteter Stamm, welcher seine Berge als Vesten betrachtete, die nie genommen werden könnten. Aus der ganzen Umgegend waren die Leute in diese natürlichen Verschanzungen geflohen und hatten ihre Heerden herauf getrieben, der sichern Zuflucht sich freuend. Tarek fühlte wohl, daß die Herrschaft über die Ebenen, die er mit seinen Truppen überzogen, unsicher sein würde, so lange er nicht in diese stolzen Gebirge eingedrungen und sie unterjocht hätte. Er überließ daher Aben Habuz den Oberbefehl über Granada, zog mit seinem Heere durch die Vega und betrat die Schluchten der Sierra, welche nach Süden hinzieht. Die Bewohner flohen mit Entsetzen, als sie die maurischen Trompeten hörten und das Herannahen der beturbanten Reiter gewahrten, und begaben sich tiefer in die Schluchten und Verstecke ihrer Berge. Während das Heer vorrückte, wurde der Weg rauher, schroffer und beschwerlicher; zuweilen wand er sich große felsige Anhöhen empor, zuweilen führte er steil in tiefe Schluchten, das Bett der Winterbäche, hinab. Die Berge waren ungemein wild und öde in Klippen und Abgründe gesprengt, wo der bunte Marmor zu Tag trat. Zu ihren Füßen waren kleine Thäler, welche mit Lustwäldchen und Gärten geziert, von Silberbächen durchströmt und mit Dörfern und Weilern, freilich jetzt aller ihrer Bewohner baar, bedeckt waren. Niemand ließ sich sehen, um den Moslemen den Weg streitig zu machen, die ihren Zug mit wachsender Zuversicht fortsetzten; ihre Fahnen wehten von Fels und Klippe, und die Thäler hallten vom Klange der Trompeten, Trommeln und Cymbeln lustig wieder. Endlich erreichten sie einen Engpaß, wo der Berg aus einander gerissen schien, um einem schäumenden Waldbache Platz zu machen. Der enge, felsige Pfad wand sich an dem schwindelnden Abhang einer Schlucht hin und führte zu einer Stelle, wo eine Brücke über den Abgrund geschlagen war. Es war ein fürchterlicher und düsterer Weg; mächtige Felsstücke hingen drohend über dem Pfad, und drunten brüllte der wilde Waldstrom. Dieser schaurige Engpaß war in der Kriegsgeschichte jener Gebirge stets berühmt. Ehedem hieß er die Barranca de Tocos und jetzt die Brücke von Tablete. Das Heer der Sarazenen betrat den Paß furchtlos. Ein Theil hatte die Brücke bereits überschritten und arbeitete sich langsam den zerrissenen Weg auf der andern Seite hinauf, als ein mächtiges Geschrei gehört wurde und plötzlich jeder Felsvorsprung mit wüthenden Feinden bevölkert schien. In einem Augenblicke regnete es eine Fluth von Wurfgeschossen auf die erstaunten Moslemen herab. Pfeile, Speere, Wurfspieße und Steine flogen zischend und pfeifend nieder und lasen sich unter den Reitern die hervorragendsten als Beute aus; dann und wann stürzten große Felsenmassen donnernd die Bergseite nieder, zerschmetterten ganze Reihen auf ein Mal oder warfen Rosse und Reiter über den Rand der Abgründe. Es war vergeblich, diesem Gebirgskrieg Trotz zu bieten. Die Feinde waren außer dem Bereiche der Pfeile und gegen Verfolgung gesichert, und die Pferde der Araber waren hier eher ein Hinderniß, als ein Beistand. Die Trompeten riefen zum Rückzug, und die Truppen eilten stürmisch und in großer Verwirrung zurück, von dem Feinde heftig bedrängt, bis sie aus dem Engpasse heraus waren. Tarek hatte gesehen, wie Städte und Vesten sich ohne einen Schwertstreich ergaben, und war wüthend, daß eine blose Horde von Gebirgsbewohnern ihm Trotz zu bieten wagte. Er machte einen zweiten Versuch, in das Gebirge einzudringen, wurde aber zum zweiten Mal überfallen und unter einem furchtbaren Blutbade zurückgeworfen. Der feurige Sohn Ismael's schäumte vor Wuth, sich in seiner Siegerbahn aufgehalten und um seine Rache betrogen zu sehen. Er war im Begriff, sein Unternehmen aufzugeben und auf die Vega zurückzukehren, als ein christlicher Landmann sein Lager aufsuchte und vor ihn geführt wurde. Dieser elende Wicht besaß im Gebirge eine Hütte und ein Fleckchen Landes, und erbot sich, wenn man diese vor der Verwüstung schirmen wollte, dem arabischen Befehlshaber einen Weg anzugeben, auf welchem er seine Reiterschaaren unbelästigt in den Schoos der Sierra einführen und sich das ganze Gebirg unterwerfen könne. Der Name dieses Schurken war Fantino, und er verdient, daß seiner ewig mit Schmach gedacht werde. Sein Fall ist ein Beispiel, wie sehr es zuweilen in der Gewalt des unbedeutendsten Wesens steht, großes Unheil anzurichten, und wie all der Heldenmuth der Edeln und Braven an dem Verrath eines Selbstsüchtigen und Verachtenswerthen scheitern könne. Durch diesen Verräther unterrichtet, ließ der arabische Befehlshaber zehntausend Mann zu Fuß und viertausend Reiter, unter der Anführung eines tapfern Feldhauptmanns, Ibrahim Albuxarra mit Namen, zur See in den kleinen Hafen Adra bringen, der am mittelländischen Meere und am Fuße der Gebirge liegt. Hier landeten sie, und drangen, von dem Verräther geführt, in das Herz der Sierra, und verheerten und verwüsteten Alles. Die wackern Bergbewohner, welche auf diese Weise zwischen zwei Heere eingezwängt, aller festen Punkte entblös't und ohne Hoffnung auf Beistand waren, sahen sich genöthigt, sich zu ergeben; aber ihre Tapferkeit war nicht ohne alle Früchte; denn niemals hat, selbst in Spanien, ein besiegtes Volk sich auf stolzere oder ehrenvollere Bedingungen übergeben. Wir haben den Namen des Wichtes genannt, der seine heimischen Berge verrieth; wir wollen des Namens dessen gleichfalls gedenken, dessen fromme Vaterlandsliebe sie vor gänzlicher Verwüstung schützte. Es war der ehrwürdige Bischof Centerio. Während die Krieger in ingrimmiger und drohender Stille auf ihren Waffen ruhten, stieg dieser ehrwürdige Prälat zu den arabischen Zelten in dem Thale nieder, um bei den Friedensverhandlungen gegenwärtig zu sein. Unter dem, was er zum Besten des Bergvolks anführte, vergaß er auch nicht, zu bemerken, daß sie tapfere Männer seien und immer noch hinreichend Waffen in ihren Händen hätten. Er erhielt Bedingungen, welche von der Eindringlichkeit seiner Gründe zeugten. Man kam überein, daß sie ihre Wohnungen, Ländereien und ihre gesammte Habe behalten sollten; daß sie in ihrer Religion unbelästigt, daß ihre Kirchen und Geistlichen geachtet werden sollten; und daß sie keinen anderen Tribut, als den, welchen sie gewöhnt waren, ihren Königen zu geben, bezahlen sollten. Wenn sie es jedoch vorzögen, ihre Heimath zu verlassen und sich in ein anderes Land der Christenheit zu begeben, so sollte ihnen zugestanden sein, ihre Besitzungen zu verkaufen und das Geld und alle ihre übrigen Habseligkeiten mitzunehmen. Pedraza , Hist. Granad. p. III. cap. II. – Bleda , Chron. Lib. II. cap. 10. – Der Verf. Ibrahim Albuxarra behielt den Oberbefehl über die Gegend, und die ganze Sierra oder Bergkette nahm seinen Namen an, welcher seitdem nur wenig in den der Apuxarras verderbt wurde. Die Unterjochung dieses rauhen Landstriches war jedoch noch eine geraume Zeit unvollständig; viele der Christen wußten sich in einer wilden und feindlichen Unabhängigkeit zu erhalten, indem sie in den grünen Thälern und kleinen Einschnitten der Berge lebten; und die Sierra der Alpuxarras ist in allen Jahrhunderten einer derjenigen Theile von Andalusien gewesen, welcher am schwierigsten zu unterjochen war. Drittes Kapitel. Magued's Zug gegen Cordova. – Vertheidigung des Vaterlandsfreundes Pelistes. Während der alte Tarek diese ausgedehnte Streiferei durch das Land machte, setzte sich der Renegat Magued mit seiner Schaar gen Cordova in Bewegung. Die Bewohner dieser alten Stadt hatten das große Heer Don Roderich's gesehen, wie es sich, einem Meere gleich, auf der Ebene des Guadalquivir ausbreitete, und hatten mit Zuversicht erwartet, es würde die ungläubigen Eindringlinge aus dem Lande jagen. Wie groß war daher ihre Bestürzung, als zerstreute Flüchtlinge, außer sich vor Schauer und Schrecken, ihnen die Nachricht von der gänzlichen Niederlage jenes gewaltigen Heeres und von dem Verschwinden des Königs brachten. Inmitten ihrer Bestürzung langte der gothische Edle Pelistes, erschöpft durch körperliche Anstrengungen und die Leiden seiner Seele, mit den Trümmern der ihm ergebenen Ritter, welche die furchtbare Schlacht an dem Guadalate überlebt hatten, an ihren Thoren an. Die Cordovaner kannten den muthigen, unbeugsamen Geist des Pelistes und sammelten sich um ihn, als um ihre letzte Zuflucht. »Roderich ist gefallen,« riefen sie, »und wir haben weder König noch Feldherren; bleibt bei uns als Herrscher; übernehmt den Oberbefehl über unsere Stadt und schützt uns in dieser Stunde der Gefahr.« Pelistes' Herz war frei von Ehrgeiz, und der Kummer hatte sich zu tief in demselben festgesetzt, als daß ihm das Anerbieten eines Herrscherstabs hatte schmeicheln können; allein er fühlte vor allem Andern die Leiden seines Vaterlandes, und war bereit, jeden schwierigen Dienst zu dessen Rettung zu übernehmen. »Eure Stadt,« sagte er, »ist von Mauern und Thürmen umgeben, und kann sich den Fortschritten des Feindes widersetzen. Versprecht, mir bis auf das Aeußerste beizustehen, und ich werde eure Vertheidigung übernehmen.« Die Cordovaner versprachen sämmtlich den unbedingtesten Gehorsam und die eifrigste Ergebenheit; denn was versprechen und betheuern nicht die Bewohner einer reichen Stadt in dem Augenblicke der Gefahr? Sobald sie aber von der Annäherung der moslemitischen Schaaren hörten, packten die reichern Bürger ihre Habseligkeiten ein und entflohen in die Gebirge oder in die ferne Stadt Toledo. Selbst die Mönche sammelten die Reichthümer ihrer Kirchen und Klöster und entflohen. Obgleich sich Pelistes von denen verlassen sah, welchen die Erhaltung der Stadt am meisten am Herzen liegen mußte, beschloß er dennoch, die Vertheidigung derselben nicht aufzugeben. Er hatte noch sein treues, aber sehr zusammen geschmolzenes Ritterhäuflein um sich, so wie eine Anzahl von Flüchtlingen aus dem Heere, alle zusammen die Zahl von vierhundert Mann nicht übersteigend. Er stellte daher Wachen an den Thoren und auf den Thürmen aus, und machte alle Vorbereitungen zu einem verzweifelten Widerstande. Mittlerweile rückte unter dem Befehle des griechischen Renegaten Magued, und von dem Verräther Julian geführt, das Heer der Moslemen und der abtrünnigen Christen näher heran. Während sie noch in einiger Entfernung von der Stadt waren, brachten ihre Späher ihnen einen Hirten, welchen sie an den Ufern des Guadalquivir aufgegriffen hatten. Der zitternde Knecht war ein Insasse von Cordova, und entdeckte ihnen den Zustand der Stadt und die Schwäche ihrer Besatzung. »Und sind die Mauern und Thore,« fragte Magued, »stark und wohlbewacht?« »Die Mauern sind hoch und von wunderbarer Stärke,« versetzte der Hirte; »und Kriegsleute halten Tag und Nacht Wache an den Thoren. Allein es gibt eine Stelle, wo man unbemerkt in die Stadt gelangen kann. In einem Theile der Stadtmauern, nicht weit von der Brücke, sind die Zinnen eingestürzt, und eine Oeffnung findet sich in nicht bedeutender Höhe von dem Boden. Nahe dabei steht ein Feigenbaum, mittelst dessen man leicht auf die Mauern steigen kann.« Als Magued diese willkommne Nachricht vernommen hatte, ließ er seine Schaaren Halt machen und schickte mehrere ehemalige Christen, Anhänger des Grafen Julian, voraus, die in Cordova eintraten, gleichsam, als flüchteten sie vor dem Feinde. In einer dunkeln und stürmischen Nacht näherten sich die Moslemen dem Ende der Brücke, welche über den Guadalquivir führt, und legten sich in Hinterhalt. Magued nahm ein kleines Häuflein auserlesener Männer, setzte, von dem Hirten geführt, an einer seichten Stelle über den Fluß und schlich im Schatten der Nacht heimlich die Mauer entlang zu der Stelle, wo der Feigenbaum stand. Die Verräther, welche durch List und Trug in die Stadt gekommen waren, hielten sich auf der Mauer bereit, den Eindringenden Beistand zu leisten. Magued befahl seinen Begleitern, die langen Tücher ihrer Turbane statt der Stricke zu brauchen, und es gelang ihnen ohne Schwierigkeit, in die Bresche einzudringen. Nun zogen sie ihre Säbel und eilten an das Thor, welches sich auf die Brücke öffnete. Die Wachen waren auf nichts weniger als einen Ueberfall von ihnen gefaßt und wurden überrascht und leicht überwältigt. Das Thor wurde geöffnet, und das Heer, das im Hinterhalt lag, eilte über die Brücke und zog ohne Widerstand in die Stadt ein. Unterdessen hatte sich der Lärm in der Stadt verbreitet; allein ein Strom von Bewaffneten wogte bereits in den Straßen. Pelistes brach mit seinen Rittern und den Kriegsleuten, die er in der Eile um sich sammeln konnte, hervor und bemühte sich, den Feind zurückzudrängen; jegliche Anstrengung war jedoch umsonst. Die Christen wurden allgemach von Straße zu Straße und von Platz zu Platz gedrängt und machten dem Feinde jeden Schritt streitig, bis sie, als ihnen eine neue Schaar der Moslemen in den Rücken kam und sie angriff, sich in ein Kloster flüchteten und es ihnen gelang, die schweren Thore zuzuwerfen und sie zu verrammeln. Die Mauren versuchten die Thore zu sprengen, wurden aber mit Wurfgeschossen aller Art aus den Fenstern und von den Zinnen so ungestüm bedrängt, daß sie sich genöthigt sahen, zum Rückzug zu blasen. Pelistes untersuchte das Kloster, und fand es trefflich geeignet, als Schutzwehr zu dienen. Es war von großer Ausdehnung und hatte geräumige Höfe und Kreuzgänge. Die Thore waren stark und mit Riegeln und Barren vermacht; die Mauern hatten eine außerordentliche Dicke; die Fenster waren hoch und mit Gittern versehen; auch fehlte es nicht an einem großen Wasserbehälter oder einer Cisterne, und die Mönche, welche aus der Stadt geflohen waren, hatten einen guten Vorrath von Lebensmitteln zurückgelassen. Pelistes beschloß daher, hier festen Fuß zu fassen und Alles zu thun, um sich so lange zu halten, bis Unterstützung aus irgend einer andern Stadt eintreffen würde. Sein Entschluß wurde von seiner treuen Schaar mit großem Jubel aufgenommen; denn es war nicht Einer unter ihnen, der nicht bereit gewesen wäre, sein Leben dem Dienste seines Anführers zu weihen. Viertes Kapitel. Vertheidigung des Klosters St. Georg durch Pelistes. Drei lange und ängstliche Monate vertheidigte der gute Ritter Pelistes und sein wackeres Häuflein ihren heiligen Zufluchtsort gegen die wiederholten Angriffe der Ungläubigen. Die Fahne des wahren Glaubens wehte stets von dem höchsten Thurme, und während der Nacht brannten Fackeln dort, als Signale, welche das Land umher von der Noth der Belagerten unterrichten sollten. Der Wächter dieses Thurmes heftete ein sorgfältiges Auge auf das Land umher; denn in jeder Staubwolke, die aufstieg, hoffte man, die schimmernden Helme christlicher Krieger zu entdecken. Allein das Land war und blieb einsam und verlassen, oder, wenn man jemals ein menschliches Wesen entdeckte, so war es ein arabischer Reiter, welcher über die Ebene des Guadalquivir so furchtlos dahin jagte, als wenn er auf seiner heimischen Wüste wäre. Allmählich gingen die Vorräthe des Klosters aus, und die Ritter mußten ihre Rosse eines nach dem andern schlachten, um nicht zu verhungern. Ohne zu murren, erduldeten sie das verheerende Elend der Hungersnoth und zeigten ihrem Anführer stets lächelnde Mienen. Pelistes aber las ihre Leiden in ihren bleichen, abgezehrten Gesichtern und fühlte mehr für sie, als für sich selbst. Es that ihm im tiefsten Herzen weh, daß so viele Biederkeit und Tapferkeit nur zu Knechtschaft oder Tod führen sollte, und er beschloß, einen verzweifelten Versuch zu ihrer Rettung zu wagen. Eines Tages rief er sie in dem Hofe des Klosters zusammen und entdeckte ihnen seinen Vorsatz. »Kameraden und Waffenbrüder,« sagte er, »es ist vergeblich, tapfern Leuten die Gefahr zu verhehlen. Unsere Lage ist eine verzweifelte; unsere Landsleute kennen sie entweder nicht, oder bekümmern sich nicht darum, oder haben die Mittel nicht, uns zu helfen. Es gibt für uns nur ein Rettungsmittel: es ist voller Gefahr, und ich nehme, als euer Anführer, das Recht, ihr Trotz zu bieten, für mich in Anspruch.« »Morgen mit dem Anbruche des Tages verlasse ich das Kloster und begebe mich in dem Augenblicke an die Thoren der Stadt, wo sie geöffnet werden. Niemand wird auf einen einzelnen Reiter Verdacht werfen; man wird mich für einen jener abtrünnigen Christen halten, welche sich auf verächtliche Weise dem Feinde zugesellt haben. Wenn es mir gelingt, aus der Stadt zu kommen, werde ich nach Toledo eilen, um dort Hülfe zu suchen. Was auch geschehen mag, ich werde in weniger als zwanzig Tagen zurück sein. Richtet ein wachsames Auge auf den nächsten Berg. Wenn ihr auf seinem Gipfel fünf Lichter seht, so seid gewiß, daß ich mit Hülfe zur Hand bin, und rüstet euch, die Stadt anzugreifen, während ich die Thore stürme. Sollte es mir nicht gelingen, Beistand zu erlangen, so werde ich zurückkehren, um mit euch zu sterben.« Als er geendigt hatte, erboten sich die Krieger, einer um den andern, das Abenteuer zu bestehen, und widersetzten sich lebhaft seinem Entschlusse, sich selbst solcher Gefahr preiszugeben; er war aber in seinem Vorsatz unerschütterlich. Am nächsten Morgen vor Tagesanbruch wurde sein Roß gezäumt in den Klosterhof geführt, und Pelistes erschien in voller Rüstung. Er versammelte seine Getreuen in der Kirche und betete eine Zeitlang mit ihnen vor dem Altar der Mutter Gottes. Dann erhob er sich und sprach, in ihre Mitte tretend: »Gott weiß es allein, meine Gefährten, ob wir fortan noch ein Vaterland haben! Haben wir keine Heimath mehr, so wäre es besser, wir lägen in unsern Gräbern. Redlich und treu seid ihr gegen mich gewesen und treu wart ihr gegen meinen Sohn, selbst bis zur Stunde seines Todes; und es schmerzt mich, daß ich kein anderes Mittel habe, meine Liebe zu euch darzuthun, als indem ich mein werthloses Leben daran setze, um euch zu befreien. Das Einzige fordere ich, ehe ich euch verlasse, von euch, daß ihr mir feierlich versprecht, euch als tapfere Männer und als christliche Ritter bis zu dem Aeußersten zu vertheidigen und nie euerm Glauben zu entsagen oder euch der Gnade des Abtrünnigen Magued oder des Verräthers Julian zu ergeben.« Sie gaben sämmtlich ihr Wort zum Pfand und schworen einen feierlichen Eid, es zu halten, vor dem Altare. Pelistes umarmte nun einen nach dem andern und gab ihnen seinen Segen, und indem er dies that, blutete sein Herz; denn sein Gefühl gegen sie war nicht sowohl das eines Waffenbruders und Anführers, als das eines Vaters; und er nahm Abschied von ihnen, als ging er in seinen Tod. Die Ritter ihrer Seits umdrängten ihn schweigend, küßten ihm die Hand und den Saum seines Waffenrockes, und viele der Unerschütterlichsten vergossen heise Thränen. Das Grau der Morgendämmerung säumte den östlichen Himmel; da nahm Pelistes seine Lanze in die Hand, schlang seinen Schild um den Hals, bestieg sein Roß und ritt still aus einem geheimen Thörchen des Klosters hinaus. Langsam zog er die leeren Straßen entlang und der Hufschlag seines Pferdes hallte in dieser schweigsamen Stunde in der Ferne wieder; aber Niemand argwöhnte, daß der Kriegsmann, der so allein und still durch eine bewaffnete Stadt ritt, ein Feind sein könne. Er erreichte das Thor in dem Augenblicke, wo es geöffnet wurde. Eine Streifpartie, die zum Raube ausgeritten, zog eben mit Ochsen und Rindern und Lastthieren in die Stadt zurück, und Pelistes kam unbeachtet durch das Gedräng. Sobald er den Kriegsleuten, welche das Thor bewachten, aus den Augen war, beschleunigte er seines Pferdes Schritt, trieb es dann zum vollen Galopp an und war so glücklich, das Gebirg zu erreichen. Hier hielt er an und stieg an einem einsamen Pachthof ab, um sein keuchendes Thier ausruhen zu lassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, so hörte er aus der Ferne den Hufschlag eines Verfolgenden und sah einen Reiter sein Roß bergan spornen. Rasch warf er sich wieder auf sein Pferd, ging von dem Wege ab und jagte über die zerrissenen Felsböden dahin. Die tiefe, ausgetrocknete Rinne eines Waldbaches setzte seiner Eile Schranken, und sein Pferd, das an dem Rande strauchelte, stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe. Pelistes ward durch den Fall schmerzlich verwundet, und sein ganzes Gesicht war im Blut gebadet. Auch sein Pferd hatte Schaden genommen und war nicht im Stande, sich auf den Füßen zu halten, so daß alle Hoffnung, zu entrinnen, verschwand. Der Feind kam näher, und es zeigte sich, daß derselbe der abtrünnige Feldherr, Magued der Grieche, war, welcher ihn, als er aus den Thoren der Stadt ritt, bemerkt und allein verfolgt hatte. »Willkommen, Señor Alcayde,« rief er aus; »willkommen und glücklich eingeholt. Uebergebt Euch mir als Gefangenen!« Pelistes antwortete nicht, sondern zog sein Schwert, nahm sein Schild vor und stellte sich in Vertheidigungsstand. Obgleich Magued ein Glaubensabtrünniger und ein roher Kriegsmann war, besaß er doch einige Funken von ritterlichem Edelmuthe. Da er seinen Gegner unberitten sah, verschmähte er es, davon Vortheil ziehen zu wollen, sondern stieg ab und band sein Pferd an einen Baum. Der Kampf, welcher nun folgte, war verzweifelt und unsicher; denn selten waren zwei Krieger auf einander gestoßen, welche sich an Stärke und Tapferkeit so sehr gleich kamen. Ihre Schilder wurden zu Stücken gehauen, der Boden mit den Trümmern ihrer Rüstung und mit ihrem Blute bedeckt. Sie ruhten mehrere Male aus, um Athem zu schöpfen, und betrachteten sich gegenseitig mit Erstaunen und Bewunderung. Allein Pelistes, der vorher durch seinen Fall verwundet worden, war in dem Kampfe sehr im Nachtheil. Der Renegat bemerkte es und suchte, ihn nicht zu tödten, sondern lebendig gefangen zu nehmen. Indem er den Kampfplatz stets änderte, ermüdete er seinen Gegner, welchen sein Blutverlust mehr und mehr schwächte. Endlich schien Pelistes seine ganze ihm noch übrige Kraft zu sammeln, um einen entscheidenden Streich zu führen; er wurde geschickt abgewehrt, und Jener stürzte zu Boden. Der Renegat sprang herzu, setzte seinen Fuß auf sein Schwert und die Spitze seines Säbels an seine Kehle und forderte ihn auf, um Gnade für sein Leben zu bitten; Pelistes lag aber ohne Besinnung, wie todt, da. Magued lös'te jetzt den Helm seines besiegten Feindes und setzte sich auf ein Felsstück neben ihm, um Athem zu schöpfen. In dieser Lage wurden die beiden Krieger von einigen maurischen Reitern gefunden, welche über die Spuren dieses wilden und blutigen Kampfes sehr erstaunt waren. Da sie bemerkten, daß in dem christlichen Ritter noch Leben sei, setzten sie ihn auf eines ihrer Pferde, halfen Magued wieder auf sein Roß und zogen der Stadt langsam entgegen. Als der Zug an dem Kloster vorüber kam, schauten die Ritter heraus und sahen ihren Anführer, der blutend und als Gefangener dahin geführt wurde. Wüthend über diesen Anblick, stürzten sie zu seiner Befreiung heraus, wurden aber von der Uebermacht zurückgetrieben und bis an das Thor der Kirche gedrängt. Der Feind drang sich in dem Gewirre des Kampfes mit ein, und man focht von Flügel zu Flügel, von Altar zu Altar und in den Höfen und Gängen des Klosters. Der größere Theil der Ritter starb den Tod der Ehre, mit dem Schwert in der Hand; die übrigen wurden durch Wunden unfähig zum Kampfe und mußten sich ergeben. Das Kloster, das noch vor Kurzem ihre Veste, wurde nun ihr Gefängniß, und in den späteren Zeiten erhielt es, zur Verewigung dieses Ereignisses, den bedeutsamen Namen: »St. Georg zu den Gefangenen.« Fünftes Kapitel. Zusammentreffen zwischen dem Vaterlandsfreunde Pelistes und dem Verräther Julian. Die Biederkeit und Tapferkeit des guten Ritters Pelistes hatte ihm die Achtung selbst seiner Feinde gewonnen. Er lag an seinen Wunden eine lange Zeit nieder, während welcher er von den arabischen Häuptlingen, die auf alle Weise bemüht waren, seinen Trübsinn zu verscheuchen und ihn vergessen zu lassen, daß er ein Gefangener, auf das Freundlichste behandelt wurde. Als er von seinen Wunden genesen war, veranstalteten sie ihm ein stattliches Mahl, um ihre Bewunderung für seine Tugenden an den Tag zu legen. Bei diesem Mahle erschien Pelistes in einer schwarzen Rüstung und mit blassem, niedergeschlagenem Antlitz; denn das Wehe seines Landes nagte immerwährend an seinem Herzen. Unter den versammelten Gästen war Graf Julian, welcher eine hohe Stelle in dem Heere der Moslemen begleitete und in einer Weise gekleidet war, welche halb christlich und halb maurisch war. Pelistes war in früherer Zeit ein warmer und inniger Freund Julian's gewesen und hatte mit ihm in den afrikanischen Kriegen gedient. Als nun jetzt der Graf sich mit der gewohnten Freundschaft ihm zu nähern anschickte, wandte er sich stumm weg und würdigte ihn keiner Beachtung; auch während des ganzen Mahles richtete er nie ein Wort an ihn, sondern behandelte ihn als einen Unbekannten. Als das Mahl fast zu Ende war, wandte sich das Gespräch auf die Begebenheiten des Krieges und die sarazenischen Häuptlinge verweilten mit großen Lobsprüchen bei den Verdiensten der christlichen Ritter, welche in den Kämpfen gefallen waren, und Alle erhoben die Tapferkeit derer, welche neulich bei der Vertheidigung des Klosters umgekommen waren. Pelistes blieb eine Zeitlang stumm und drängte den Kummer zurück, welcher in seinem Herzen anschwoll, als er seiner treuen Ritter gedachte. Endlich erhob er seine Stimme und sagte: »Glücklich, die todt sind; denn sie ruhen in Frieden und sind dahin gegangen, den Lohn ihrer Frömmigkeit und ihrer Tapferkeit zu empfangen. Ich würde über den Verlust meiner Waffengefährten trauern, wenn sie nicht ehrenvoll gefallen wären; wenn ihnen das schreckliche Gefühl nicht erspart wäre, das mein Herz zerreißt, indem ich Zeuge der Knechtschaft meines Vaterlandes sein muß. Ich habe meinen einzigen Sohn, den Stolz und die Hoffnung meiner alten Tage, an meiner Seite tödten sehen; ich habe Verwandte, Freunde und Dienstmannen einen nach dem andern um mich fallen sehen, und bin an diese Verluste so gewöhnt worden, daß ich keine Thräne mehr vergoß. Ueber einen Mann aber werde ich nimmer und nimmer aufhören, mich zu grämen. Er war der geliebte Gespiele meiner Jugend und der stete treue Gefährte meiner spätern Jahre. Er war einer der biedersten christlichen Ritter. Als Freund war er zärtlich und bieder; als Krieger waren seine Thaten über alles Lob erhaben. Ach, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Wenn er im Kampfe gefallen ist und mir Jemand sagte, wo seine Gebeine liegen; ob sie auf den Ebenen um Xerez bleichen oder in den Wellen des Guadalate begraben sind, würde ich sie suchen und sie als die Reliquien eines heiligen Vaterlandsfreundes aufbewahren. Oder wenn er, gleich so vielen andern seiner Waffengefährten, gezwungen worden wäre, in fremden Ländern zu irren, würde ich in seiner düstern Verbannung zu ihm eilen, und wir würden mit einander über das Unglück unseres Vaterlandes trauern.« Diese Klage des guten Pelistes erschütterte selbst die Herzen der arabischen Krieger, und sie sprachen: »Wer war dieser unvergleichliche Freund, welchem dein glühendes Lob gilt?« »Sein Name,« versetzte Pelistes, »war Graf Julian.« Die sarazenischen Krieger standen überrascht. »Edler Ritter,« riefen sie, »hat der Gram deine Sinne verdüstert? Sieh, dein Freund lebt und steht hier vor dir, und dennoch erkennst du ihn nicht! Dieser Mann – dieser Mann hier ist Graf Julian!« Darauf wandte Pelistes seine Augen auf den Grafen und betrachtete ihn eine Zeitlang mit stolzer und strenger Miene; und das Antlitz des Grafen verdüsterte sich und zeigte die Unruhe seines Herzens, und sein Auge sank vor dem Blicke dieses biedern und ehrenhaften Ritters. Und Pelistes sagte: »In dem Namen Gottes befehle ich dir, unbekannter Mann, mir zu antworten. Wagst du es, dich Graf Julian zu nennen?« Der Graf erglühte vor Zorn bei diesen Worten. »Pelistes,« sagte er, »was bedeutet dieses Possenspiel? Du kennst mich wohl; du weißt, daß ich Graf Julian bin.« »Ich weiß, daß du ein elender Lügner bist!« rief Pelistes. »Graf Julian war ein edler gothischer Ritter; du aber erscheinst in zweideutiger maurischer Tracht. Graf Julian war ein Christ, fromm und treu; in dir aber sehe ich einen Abtrünnigen und Ungläubigen. Graf Julian war seinem König stets ehrenvoll ergeben, und der Erste, wo es das Wohl seines Vaterlandes galt; lebte er, er würde der Erste sein, der seinen Schild um den Hals schlänge und seine Lanze in die Hand nähme, um das Land von den Eindringlingen zu befreien; – du aber bist ein grauköpfiger Verräther! deine Hände sind mit dem königlichen Blute der Gothen befleckt, und du hast dein Vaterland und deinen Gott verrathen! Daher wiederhole ich es, unbekannter Mann, wenn du sagst, du seiest Graf Julian, so lügst du! Ach, mein Freund ist todt, und du bist wohl ein böser Geist der Hölle, welcher sich seiner Gestalt bemächtigt hat, um sein Andenken zu entehren und ihn zum Abscheu der Menschen zu machen.« Bei diesen Worten wandte Pelistes dem Verräther den Rücken und ging aus der Halle, während Graf Julian in peinlicher Verwirrung dastand, ein Gegenstand der Verachtung aller sarazenischen Häuptlinge. Sechstes Kapitel. Wie Tarek el Tuerto die Stadt Toledo durch Hülfe der Juden einnahm, und wie er die berühmte magische Tafel Salomon's fand. Während sich dies zu Cordova begab, richtete der einäugige arabische Feldherr Tarek Ben Zeyad, nachdem er die Stadt und die Vega von Granada unterjocht und die Berge der Sonne und der Luft unter seine Botmäßigkeit gebracht hatte, seinen Zug in das Innere des Königreichs, um die alte Stadt Toledo, die Residenz der gothischen Könige, anzugreifen. Der Schrecken, welchen die reißenden Siege der Moslemen verbreiteten, war so groß, daß schon bei dem blosen Gerüchte von ihrer Annäherung viele der Bewohner, obgleich sie sich in der festesten Stadt des Königreichs befanden, ihre Mauern verließen und mit ihren Familien in die Berge entflohen. Die Zahl der Zurückbleibenden war jedoch groß genug, um eine furchtbare Schutzwehr darzubieten, und da die Stadt auf einen hohen Fels gebaut, von massiven Mauern und Thürmen umgeben und fast ganz von dem Tajo umgürtet war, drohete sie, einen langen Widerstand zu leisten. Die arabischen Krieger schlugen ihre Zelte in der Vega an den Ufern des Flusses auf und schickten sich zu einer langwierigen Belagerung an. Während Tarek eines Abends in seinem Zelte saß und über die Art nachdachte, wie er diese felsenthronende Stadt angreifen sollte, brachten einige der Rundwachen des Lagers einen Fremden vor ihn. »Als wir unsere Runde machten,« sprachen sie, »sahen wir, wie dieser Mann an Stricken von einem Thurme herabgelassen wurde. Er überlieferte sich uns freiwillig und bat, wir mögten ihn vor dich führen, da er dir gewisse Dinge mitzutheilen hätte, welche dir sehr wichtig seien.« Tarek heftete sein Auge auf den Fremden. Er war ein jüdischer Rabbi mit einem langen Bart, der über sein grobes Gewand floß und bis auf seinen Gürtel niederging. »Was hast du mir zu entdecken?« fragte er den Israeliten. »Was ich dir zu sagen habe,« versetzte der Andere, »darf nur dein Ohr hören. Laß daher, ich bitte dich, diese Männer abtreten.« Als sie sich entfernt hatten, redete er Tarek in arabischer Sprache an. »Wisse, o Führer des Heeres des Islam« sagte er, »daß die Kinder Israels, die in Toledo ansässig sind, mich zu dir abgesendet haben. Wir sind von den Christen in der Zeit ihres Glückes unterdrückt und verhöhnt worden, und nun haben sie, da sie von der Belagerung bedroht sind, uns alle unsere Vorräthe und unser Geld genommen; sie haben uns gezwungen, wie Sklaven zu arbeiten, um ihre Mauern auszubessern, und sie nöthigen uns, Waffen zu tragen und einen Theil der Thürme zu bewachen. Wir verabscheuen ihr Joch und sind bereit, so fern du uns als Unterthanen aufnehmen und uns freie Ausübung unseres Glaubens und den Genuß unseres Eigenthums zugestehen willst, die Thürme, welche wir bewachen, in deine Hände zu liefern und dir einen sichern Weg in die Stadt zu zeigen.« Dieser Antrag überraschte den arabischen Feldherrn auf das Freudigste, und er erzeigte dem Rabbi große Ehre und gab Befehl, ihn in kostbare Gewänder zu kleiden und seinen Bart mit Essenzen von hohem Wohlgeruch zu salben, so daß er der Duftreichste in seinem ganzen Stamme war; und er sagte: »Halte Wort und setze mich in den Besitz der Stadt, und ich werde Alles und mehr thun, als du begehrt hast, und werde dich und deine Brüder mit unzählbaren Schätzen überhäufen.« Nun wurde unter ihnen der Plan verabredet, wie die Stadt verrathen und übergeben werden sollte. »Wie kann ich mich aber« sagte Tarek »versichern, daß dein ganzer Stamm erfüllen wird, was du versprochen hast, und daß dies nicht eine Kriegslist ist, mich und die Meinigen in eure Gewalt zu bekommen?« »Deine Sicherheit soll diese sein« sagte der Rabbi: »zehn der vornehmsten Israeliten werden in dieses Zelt kommen und als Geiseln hier verbleiben.« »Dies genügt!« sagte Tarek und leistete einen Eid, daß er halten wolle, was er versprochen. Und die jüdischen Geiseln kamen und lieferten sich in seine Hände. In einer dunkeln Nacht näherte sich eine auserlesene Schaar sarazenischer Krieger dem von den Israeliten bewachten Theil der Stadtmauern; sie wurden heimlich durch ein kleines Pförtchen eingelassen und versteckten sich in einem Thurme. In derselben Zeit legten sich zehntausend Araber in den Felsen und dem Buschwerk, auf einer Anhöhe der andern Seite des Flusses, wo man die Stadt übersehen konnte, in Hinterhalt. Am nächsten Morgen verwüstete Tarek die Gärten des Thales, warf Feuerbrände in die Höfe und Hütten, schlug dann sein Lager ab und zog weg, als wenn er die Belagerung aufgäbe. Mit dem größten Staunen blickten die Einwohner Toledo's von ihren Mauern und Zinnen auf die sich zurückziehenden Schaaren des Feindes und wagten es kaum, an ihre unerwartete Befreiung zu glauben. Noch ehe die Nacht einbrach, war nicht ein Turban, nicht eine Lanze mehr auf der weiten Vega zu sehen. Die fromme Bewohnerschaft von Toledo schrieb al1 dies der besondern Vermittlung ihrer Schutzheiligen Leocadia zu; und am nächsten Tage – es war der Palmsonntag – zogen sie in feierlicher Prozession – Männer, Frauen und Kinder – in die Kirche dieser Heiligen, welche außerhalb der Stadtmauern liegt, um ihr für den wunderbaren Schutz Dank zu sagen. Als ganz Toledo herausgeströmt war und mit Kreuz und Reliquien und feierlichem Gesange der Kirche entgegen zog, brachen die Araber, welche in dem Thurme versteckt waren, hervor und schlossen und verrammelten die Thore der Stadt; andere zerstreuten sich in den Straßen und machten alle nieder, die sich ihnen widersetzten; andere eilten auf die höchste Höhe der Veste und zündeten ein Feuer an und ließen die Rauchsäule hoch zum Himmel hinan steigen. Bei'm Anblick dieses Zeichens erhoben sich die Araber, welche jenseits des Flusses im Hinterhalt lagen, mit großem Geschrei und griffen die Menge an, welche sich zu der Kirche der heiligen Leocadia drängte. Hier entstand ein furchtbares Gemetzel, obgleich das Volk ohne Waffen war und keinen Widerstand leistete; und in den alten Chroniken wird erzählt, der verrätherische Bischof Oppas sei es gewesen, der die Moslemen ihrer Beute entgegen geführt und sie zu diesem Blutbad angefeuert habe. Der fromme Leser, sagt Fray Antonio Agapida, wird eine solche Ruchlosigkeit schwerlich glauben; allein es gibt nichts Giftigeres, als den Haß eines abtrünnigen Priesters; denn das Beste, was diese Welt hat, wird, wenn es sich dem Bösen ergibt, das Schlimmste und Fluchwertheste. Viele Christen hatten sich in die Kirche geflüchtet und die Thore verrammelt; aber Oppas befahl, Feuer an den Thoren anzulegen und drohte, Jeden in der Kirche über die Klinge springen zu lassen. Glücklicherweise langte der alte Tarek noch zeitig genug an, um die Wuth dieses hochwürdigen Renegaten zu zügeln. Er ließ die Trompeten schmettern, und auf ihren Ruf mußten die Schaaren vom Gemetzel abstehen; seine Gnade erstreckte sich über alle noch lebenden Bewohner der Stadt. Es wurde ihnen erlaubt, im ruhigen Besitze ihrer Häuser und Habseligkeiten zu bleiben; doch mußten sie eine mäßige Abgabe entrichten. Auch gestand man ihnen die freie Ausübung ihrer Religion in den noch bestehenden Kirchen, deren Zahl sich auf sieben belief, zu; allein es wurde ihnen untersagt, neue zu bauen. Die, welche es vorzogen, die Stadt zu verlassen, durften ungefährdet abziehen, aber nichts von ihren Habseligkeiten mitnehmen. Tarek fand eine unermeßliche Beute in dem Alcazar oder königlichen Schlosse, welches auf einer Felsenhöhe auf dem erhabensten Theile der Stadt lag. Unter den hier in einem versteckten Gemache verwahrten königlichen Kleinodien waren fünf und zwanzig Königskronen von dem feinsten Golde, mit Hyacinthen, Amethysten, Diamanten und andern Edelsteinen besetzt. Dies waren die Kronen der verschiedenen gothischen Könige, welche in Spanien geherrscht hatten, indem es Sitte war, bei dem Tode eines jeden Königs seine Krone in diesen Schatze niederzulegen und seinen Namen und sein Alter darauf zu schreiben. Conde , Hist. de los Arabes en Espana, cap. 12. – Der Verf. Als Tarek sich auf diese Weise in den Besitz der Stadt gesetzt hatte, kamen die Juden in feierlichem Zuge, unter Gesang und Tanz und dem Klange der Trommel und des Psalters , und begrüßten ihn als ihren Herrn und Gebieter und erinnerten ihn an seine Versprechungen. Der Sohn Ismael's hielt den Kindern Israel's sein Wort; sie erhielten Schutz in der Ausübung ihrer Religion und durften ihre Gesammthabe behalten; überdies wurden sie mit Kleinodien von Gold und Silber und vielem Gelde belohnt. Eine kurze Erzählung von der List der Juden von Toledo findet sich in der Chronik des Bischofs Lucas de Tuy; ausführlich wird sie berichtet in der Chronik des Mauren Rasis. – Der Verf. Einen spätern Streifzug führte Tarek el Tuerto gegen Guadalaxara, das sich ohne Widerstand ergab. Auch nahm er die Stadt Medina Celi ein, wo er eine unschätzbare Tafel fand, die zu der Beute gehört hatte, welche Alarich zu Rom gemacht hatte, als diese heilige Stadt von den Gothen überwältigt und eingenommen wurde. Sie bestand aus einem einzigen ganzen Smaragd und besaß Zauberkraft; denn die Sage behauptet, sie sei ein Werk der Genien, welche sie für König Salomon den Weisen, den Sohn David's, gefertigt hatten. Tarek bewahrte dieses wunderbare Ueberbleibsel aus der alten Zeit sorgfältig und betrachtete es als das Kostbarste unter allem, was er erbeutet; er bestimmte es zu einem Geschenk für den Khalifen, und zum Andenken daran wurde die Stadt von den Arabern »Medina Almeyda,« das heißt »die Stadt der Tafel,« genannt. Nach den arabischen Erzählungen war diese Tafel ein Spiegel, welcher alle großen Begebenheiten enthüllte, so daß, wenn der Besitzer darauf blickte, er Schlachten und Belagerungen und Reiterangriffe und alle denkwürdigen Ereignisse schaute und auf diese Art die Wahrheit aller geschichtlichen Begebenheiten sicher stellen konnte. Es war daher ein Spiegel der Geschichte und hatte ohne Zweifel dazu beigetragen, daß König Salomon jene wunderbaren Kenntnisse und jene Weisheit erlangte, durch die er so berühmt geworden ist. – Der Verf. Nachdem Tarek diese und andere Eroberungen von geringerer Wichtigkeit gemacht und eine große Menge von Gold und Silber und reichen Stoffen und kostbaren Steinen gesammelt hatte, kehrte er mit seiner Beute in die königliche Stadt Toledo zurück. Siebentes Kapitel. Musa Ben Nosair. – Sein Eintritt in Spanien und die Einnahme von Carmona. Wir lassen nun den kühnen Tarek eine Zeitlang seine siegreichen Züge von Stadt zu Stadt fortsetzen und wenden unsere Blicke auf Musa Ben Nosair, den berühmten Emir von Almagreb, den Oberbefehlshaber der moslemitischen Heere im Westen. Als dieser eifersüchtige Feldherr sein Schreiben abgesandt, welches Tarek befahl, Halt zu machen und seine Ankunft abzuwarten, rüstete er Alles zu, um mit einer mächtigen Verstärkung in Spanien einzutreffen und den Oberbefehl des siegreichen Heeres zu übernehmen. Seinen ältesten Sohn, Abdalasis, hatte er zu Cärvan zurückgelassen und ihm die Statthalterschaft über Almagreb oder Westafrika übergeben. Dieser Abdalasis war in der Blüthe der Jugend und wegen seiner Großmuth und der einnehmenden Leutseligkeit, die seinen Muth verschönte, von den Kriegern ungemein geliebt. Musa Ben Nosair setzte mit einem auserlesenen Heere von zehntausend Reitern und achttausend Fußgängern, Arabern und Afrikanern, über die Meerenge des Herkules. Seine zwei Söhne, Meruan und Abdelola, und zahllose arabische Edle aus dem Stamme Koreish begleiteten ihn. Er stieg mit seinen glänzenden Legionen auf der Küste von Andalusien an's Land und ließ seine Zelte am Guadiana aufschlagen. Hier erhielt er die erste Kunde, daß der ungestüme Tarek gegen seine Befehle ungehorsam gewesen und, ohne seine Ankunft zu erwarten, seinen Zug fortgesetzt und die edelsten Provinzen und Städte des Königreichs mit seiner leichten arabischen Reiterei durchstreift und unterjocht habe. Musa's argwöhnischer Geist wurde durch diese Nachrichten nur noch erbitterter. Er betrachtete fortan Tarek nicht mehr als seinen Freund und Mithelfer, sondern als einen neidischen Nebenbuhler, als den entschiedensten Feind seines Ruhms; und er beschloß, ihn zu verderben. Sein erster Gedanke war jedoch, sich einen Theil an der wirklichen Eroberung des Landes zu sichern, bevor es gänzlich unterjocht wäre. Er wählte zu diesem Zwecke unter seinen christlichen Gefangenen einige Führer und brach auf, um sich solche Theile des Landes zu unterwerfen, welche von Tarek noch nicht besucht worden waren. Der erste Platz, welchen er angriff, war die alte Stadt Carmona. Sie war nicht von bedeutendem Umfange, wurde aber durch hohe Mauern und feste Thürme vertheidigt; auch hatten sich viele der Flüchtlinge des großen Heeres, das bei Xerez geschlagen worden war, in diese Stadt geworfen. Die Gothen hatten sich um diese Zeit von ihrem ersten Schrecken erholt; allmählig hatten sie sich an den Anblick der sarazenischen Schaaren gewöhnt, und ihr angeborner Muth war durch die Gefahr neu belebt worden. Kurz nachdem die Araber ihre Zelte vor den Mauern von Carmona aufgeschlagen hatten, machte ein auserlesenes Häuflein von Rittern eines Morgens vor Anbruch des Tages einen plötzlichen Ausfall, überrumpelte den nichts ahnenden Feind, tödtete dreihundert Mann in den Zelten und zog sich wieder in die Stadt zurück; sie ließen zwanzig der Ihrigen, mit ehrenvollen Wunden bedeckt, und zwar in dem Mittelpunkte des feindlichen Lagers, todt zurück. Am nächsten Tag machten sie wieder einen Ausfall und stürzten sich auf einen andern Theil des Lagers; die Araber waren aber dies Mal auf ihrer Hut und stellten ihnen überlegene Streitkräfte entgegen. Nachdem sie eine Zeitlang tapfer gefochten, wurden sie in Unordnung gebracht und flüchteten in voller Eile nach der Stadt, während die Araber ihnen auf den Fersen folgten. Die Wachen drinnen fürchteten, die Thore zu öffnen, um nicht mit ihren Freunden einen Strom von Feinden in die Stadt zu lassen. Als die Fliehenden sich auf diese Weise ausgeschlossen sahen, beschlossen sie, wie brave Krieger zu fallen, ehe sie sich übergäben. Sie wendeten daher plötzlich ihre Pferde, öffneten sich einen Weg mitten durch die Schaar ihrer Feinde, schlugen sich wieder bis zu dem Lager durch und wütheten in demselben mit verzweifelter Wildheit, bis sie, nachdem sie dem Feinde gegen achthundert Mann getödtet, sämmtlich niedergehauen wurden. Abulcasim , Perdida de Espana, lib. I. cap. 13. – Der Verf. Musa befahl nun, die Stadt durch Sturm zu nehmen. Die Moslemen griffen sie von allen Seiten an, fanden aber tapfern Widerstand. Es regnete Steine, Pfeile und siedendes Pech auf sie, wodurch viele ihren Tod fanden; andere, welche Sturmleitern angelegt hatten, wurden kopfüber von den Zinnen herab gestürzt. Der Alcayde Galo vertheidigte, nur von zwei Kriegern unterstützt, einen Thurm und einen Theil der Mauer, und tödtete und verwundete mit einer Armbrust mehr als achtzig feindliche Krieger. Der Angriff hatte über einen halben Tag gedauert, als die Moslemen mit einem Verluste von fünfzehnhundert Mann zurückgedrängt wurden. Musa war erstaunt und erbittert, vor einer so kleinen Stadt auf einen solchen verzweifelten Widerstand zu stoßen; denn Carmona war einer der wenigen Plätze, wo während dieser denkwürdigen Eroberung die Tapferkeit der Gothen sich in ihrem ganzen alten Glanze zeigte. Während das Heer der Moslemen vor der Stadt lag, stießen zu ihm der Renegat Magued und der Verräther Graf Julian nebst tausend Reitern, größtentheils abtrünnige Christen, elende Verräther ihres Vaterlandes und in ihrem kriegerischen Thun wilder noch, als die Araber der Wüste. Um sich bei Musa in Gunst zu setzen und seine Anhänglichkeit an die Sache des Islam darzuthun, übernahm es der Graf, durch eine arge Kriegslist diese tapfere Stadt in die Hände der Mauren zu liefern. Eines Abends in der Dämmerstunde kamen eine Anzahl Christen, die als Handelsleute gekleidet waren, an einem der Thore an und hatten einen Zug Maulthiere, die mit Waffen und manchfachem Kriegsgeräthe beladen waren, bei sich. »Oeffnet das Thor schnell!« riefen sie: »wir bringen Vorrath für die Besatzung; aber die Araber haben uns entdeckt und sind uns auf den Fersen.« Das Thor wurde geöffnet, die Handelsleute zogen mit ihren Lastthieren ein und wurden freudig empfangen. Speise und Trank wurde ihnen vorgestellt, und nachdem sie sich erfrischt hatten, begaben sie sich in die ihnen angewiesenen Wohnungen. Diese angeblichen Handelsleute waren Graf Julian und eine Anzahl seiner Getreuen. In der Mitternachtsstunde stahlen sie sich still heraus, sammelten sich an einem verabredeten Platze und zogen dem sogenannten Thore von Cordova zu. Hier fielen sie plötzlich über die nichts ahnenden Wachen her, ließen sie über die Klinge springen, öffneten das Thor und ließen eine große Abtheilung arabischer Krieger herein. Der Klang von Trompeten und Trommeln und der Hufschlag der Rosse weckten die armen Bewohner aus dem Schlafe. Die Araber jagten durch alle Gassen; ein furchtbares Blutbad begann, worin Niemand verschont wurde, als solche weibliche Wesen, die jung und schön waren und den Harems der Sieger zur Zierde zu dienen hoffen ließen. Die Ankunft Musa's machte der Plünderung und dem Gemetzel ein Ende, und er gestand denen, die noch am Leben waren, günstige Bedingungen zu. So fiel die tapfere kleine Stadt Carmona, nachdem sie den offenen Angriffen der Ungläubigen den edelsten Widerstand geleistet, als ein Opfer der Verrätherei abtrünniger Christen. Chron. gen. de Espana, por Alonso el Sabio , p. III. c. 1. – Der Verf. Achtes Kapitel. Musa zieht gegen die Stadt Sevilla. Nach der Einnahme von Carmona stieg Musa in eine stolze Ebene hinab, welche mit Getraidefeldern bedeckt und mit Obst- und Blumengärten geschmückt war, durch die der sanft gleitende Guadalquivir floß. An den Ufern des Flusses lag die alte Stadt Sevilla, von römischen Mauern umgeben und durch ihren goldnen Thurm vertheidigt. Da Musa durch seine Kundschafter erfuhr, daß die Stadt die Blüthe ihrer Jugend in der Schlacht am Guadalate verloren hatte, erwartete er einen nur schwachen Widerstand. Es war jedoch noch eine bedeutende Truppenabtheilung innerhalb der Mauern, und was ihnen an Zahl abging, ersetzte ihre Kühnheit und Entschlossenheit. Viele Tage widerstanden sie mit dem größten Muthe den Angriffen des Feindes und vertheidigten ihre Mauern beherzt; allein der Mangel an Kriegsbedarf und die überlegene Macht und Geschicklichkeit des belagernden Heeres ließ ihnen keine Hoffnung, lange ausdauern zu können. Es waren zwei junge Ritter von ungewöhnlicher Tapferkeit in der Stadt. Sie sammelten die Krieger um sich und redeten sie so an: »Wir sind nicht im Stande, die Stadt zu retten; aber uns wenigstens können wir retten und so manchen kräftigen Arm für den Dienst unseres Vaterlandes erhalten. Laßt uns einen Weg durch das Heer der Ungläubigen bahnen, und suchen wir irgend eine sichere Veste zu erreichen, woher wir mit neuer Verstärkung zurückkehren können, um die Stadt zu entsetzen.« Der Rath der jungen Ritter wurde angenommen. In der Dunkelheit der Nacht versammelte sich die Besatzung, ungefähr dreitausend Mann, die größtentheils beritten waren. Sie brachen plötzlich aus einem der Thore und stürzten in dicht gedrängter Masse auf das Lager der Sarazenen, das nachlässig bewacht wurde; denn die Moslemen erwarteten eine solche That der Verzweiflung nicht. Das Lager wurde ein Schauplatz großen Gemetzels und Gewirres; von beiden Seiten fielen viele Krieger. Die beiden tapfern Anführer der Christen blieben, mit Wunden bedeckt, auf dem Kampfplatz; der treuen Schaar jedoch gelang es, sich einen Weg mitten durch das feindliche Heer zu bahnen und zu Baja in Lusitanien eine Zuflucht zu finden. Musa konnte sich nicht erklären, was dieser verzweifelte Ausfall bedeuten sollte. Als der Tag kam, sah er die Thore der Stadt weit geöffnet. Eine Anzahl alter, ehrwürdiger Männer erschienen in seinem Zelte, boten Unterwerfung an und flehten um Gnade; denn Niemand war in der Stadt geblieben, als Alte, Kranke und Gebrechliche. Musa hörte theilnehmend auf ihr Flehen und gewährte ihnen, um was sie baten; und die einzige Abgabe, welche er forderte, bestand in drei Maas Weizen und drei Maas Gerste, welche jedes Haus oder jede Familie zu liefern hatte. Er legte eine Besatzung von Arabern in die Stadt und ließ eine Anzahl Juden dort, welche sich zu Sevilla ansässig machen sollten. Nachdem er sich auf diese Weise zwei bedeutende Plätze in Andalusien gesichert hatte, überschritt er die Grenzen dieser Provinz und rückte mit vielem kriegerischen Pompe in Lusitanien ein. Neuntes Kapitel. Musa belagert die Stadt Merida. Musa's Heer bestand nun aus ungefähr achtzehntausend Reitern; nur weniges Fußvolk nahm er mit sich; denn dieses ließ er als Besatzung in den weggenommenen Städten. Er fand bei seinem Eintritt in Lusitanien keinen Widerstand. Eine Stadt legte nach der andern ihre Schlüssel zu seinen Füßen nieder und bat, in friedliche Dienstbarkeit aufgenommen zu werden. Nur eine einzige Stadt rüstete sich zu tapferem Widerstande – das alte Merida, ein Ort von großem Umfang, wunderbarer Stärke und zahllosem Reichthum. Ein edler Gothe, Namens Sacarus, war Befehlshaber der Stadt – ein Mann von ausgezeichneter Klugheit, Vaterlandsliebe und Tapferkeit. Als er von dem Herannahen der Eindringlinge hörte, versammelte er innerhalb der Mauern die ganze Bevölkerung des umliegenden Landes, mit ihren Pferden und Maulthieren, ihren Heerden und ihrer besten Habe. Damit er sich einen bedeutenden Vorrath von Brod sichere, füllte er die Magazine mit Getraide und ließ auf den Kirchen Windmühlen errichten. Nachdem dies geschehen war, verwüstete er die Umgegend weit und breit, so daß ein Belagerungs-Heer sich auf einer Wüste lagern mußte. Als Musa diese prachtvolle Stadt zu Gesicht bekam, stand er in Bewunderung verloren. Er schaute eine Zeit lang schweigend auf diese mächtigen Mauern, auf diese stolzen Thürme, ihre große Ausdehnung und auf die stattlichen Paläste und Kirchen, welche sie schmückten. »Gewiß,« rief er zuletzt aus, »gewiß haben alle Nationen der Erde ihre Macht und Geschicklichkeit vereinigt, um diese Stadt zu verschönern und zu vergrößern. Alla Achbar! Glücklich der, welcher den Ruhm haben wird, ihrer Herr zu werden!« Da er einsah, daß ein so bevölkerter und so stark befestigter Platz einen langen und fruchtbaren Widerstand leisten würde, sandte er Boten nach Afrika an seinen Sohn Abdalasis, um alle die Truppen, welche in den festen Plätzen Mauritaniens entbehrt werden konnten, zu sammeln, zu ihm zu eilen und sein Heer zu verstärken. Während Musa's Truppen ihre Zelte aufschlugen, brachten ihm Flüchtlinge aus der Stadt die Kunde, eine auserlesene Schaar habe im Sinn, um Mitternacht einen Ausfall zu machen und sein Lager zu überraschen. Der arabische Befehlshaber nahm Augenblicks seine Maasregeln, sie mit einer Ueberraschung von seiner Seite zu empfangen. Nachdem er seinen Plan entworfen und den vornehmsten Führern seines Heeres mitgetheilt hatte, befahl er, man solle den ganzen Tag hindurch dem Lager das Ansehn nachlässiger Verwirrung und Unordnung geben. Die Außenposten waren nur schlecht bewacht; da und dort wurden Feuer angezündet, als schicke man sich zu fröhlichen Gelagen an; überall schallten die Töne der Musik und das Gelächter fröhlicher Schmausenden, und das ganze Lager schien in sorgloser Sicherheit sich zu ergötzen und in der Beute des Landes zu schwelgen. Als die Nacht heranrückte, erlosch ein Feuer nach dem andern, und ein tiefes Schweigen folgte, als wenn die sämmtliche Mannschaft nach dem Festgelag in schweren Schlaf gefallen wäre. Mittlerweile zogen einzelne Truppenabtheilungen still und heimlich aus, um die Außenposten zu verstärken. Der Renegat Magued legte sich mit einem zahlreichen Kriegerhaufen in einen tiefen Steinbruch, an welchem die Christen vorüber mußten, in Hinterhalt. Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, erwarteten sie in athemlosem Schweigen die Ankunft des Feindes. Um Mitternacht versammelte sich die erlesene Schaar, welche den Ausfall wagen wollte, und der Oberbefehl wurde dem Grafen Tendero, einem gothischen Ritter von erprobter Tapferkeit, anvertraut. Nachdem sie eine feierliche Messe gehört und den Segen des Geistlichen empfangen hatten, zogen sie in möglichster Stille aus dem Thore. Man ließ sie unbelästigt an dem Hinterhalte in dem Steinbruche vorüber. Als sie sich dem Lager der Moslemen näherten, schien Alles still und ruhig; denn das Fußvolk war in Hohlwegen und Schluchten versteckt, und jeder arabische Reiter lag bewaffnet neben seinem Rosse. Die Wachen auf den Außenposten warteten, bis die Christen ihnen ganz nahe waren, und flüchteten sich dann in scheinbarer Bestürzung. Graf Tendero gab das Zeichen zum Angriff, und die Christen stürzten voller Zuversicht voran. In einem Augenblick brach auf allen Seiten ein Sturm von wirbelnden Trommeln, schmetternden Trompeten und grellem Kriegsgeschrei los. Ein Heer schien aus der Erde heraufzusteigen; Reiterschaaren griffen sie donnernd von vornen an, während der Steinbruch Legionen bewaffneter Krieger in ihrem Rücken ausströmte. Das Getöse des furchtbaren Kampfes, der statt fand, wurde auf den Mauern der Stadt gehört und durch Jubelruf beantwortet; denn die Christen waren der Meinung, es käme von dem Schrecken und der Verwirrung des arabischen Lagers. Nach kurzer Weile jedoch wurden sie durch diejenigen enttäuscht, welche, todtenbleich vor Schrecken und mit Wunden bedeckt, aus dem Gefechte entflohen. »Die Hölle selbst« riefen sie »ist auf der Seite der Ungläubigen; die Erde speit Krieger aus und Rosse, um ihnen beizustehen. Wir haben nicht mit Menschen, sondern mit Teufeln gefochten.« In diesem schrecklichen Gemetzel wurde der größere Theil der auserlesenen Truppen, welche bei dem Ausfalle waren, in Stücke gehauen; denn das Gewitter des Kampfes, welches so plötzlich über sie hereingebrochen war, hatte sie verwirrt. Graf Tendero focht mit verzweifeltem Muthe und fiel, mit Wunden bedeckt. Sein Körper wurde am nächsten Morgen unter den Erschlagenen liegend und mit vielen Lanzenstichen durchbohrt gefunden. Der Renegat Magued schlug ihm das Haupt ab und band es an den Schweif seines Pferdes und begab sich mit dieser barbarischen Trophäe zu dem Zelte Musa's; allein die Feindschaft des arabischen Feldherrn war von minder bösartiger Natur. Seinem Befehle zufolge mußte das Haupt und der Körper auf eine Bahre gelegt und mit geziemender Achtung behandelt werden. In dem Laufe des Tages kam ein Zug von Priestern und Mönchen aus der Stadt an; sie baten um Erlaubniß, die Leiche des Grafen aufsuchen zu dürfen. Musa übergab ihnen dieselbe und fügte viele kriegsmännische Lobeserhebungen über die Tapferkeit dieses guten Ritters hinzu. Die Geistlichen bedeckten sie mit einem Tuche von Goldstoff und trugen sie in düstrer Prozession in die Stadt zurück, wo sie mit lautem Wehklagen empfangen wurde. Die Belagerung wurde nun mit großem Eifer betrieben, und wiederholte Angriffe wurden gemacht – allein vergeblich. Musa überzeugte sich endlich, daß die Mauern zu hoch waren, um sie ersteigen, und die Thore zu stark, um sie ohne die Hülfe von Maschinen erbrechen zu können; und er ließ von den Angriffen ab, bis die nöthigen Werkzeuge hergerichtet werden konnten. Der Befehlshaber der Stadt vermuthete nach diesem Aufhören der kriegerischen Thätigkeit, der Feind schmeichle sich, den Platz durch Hungersnoth in die Enge zu treiben. Er ließ demzufolge große Körbe mit Brod über die Mauern der Stadt werfen und sandte Boten an Musa, welche ihn benachrichtigten, wenn es seinem Heere an Brod fehle, so würde er es damit versehen, da er in seinen Speichern hinreichendes Getraide für eine zehnjährige Belagerung habe. Bleda , Chronica, lib. I, cap. 11. – Der Verf. Die Bürger aber hatten den kühnen und ungezähmten Geist ihres Befehlshabers durchaus nicht. Als sie bemerkten, daß die Moslemen furchtbare Maschinen zur Zerstörung ihrer Mauern bauten, verloren sie allen Muth, umringten den Befehlshaber mit Geschrei und Wehklagen und zwangen ihn, Leute auszusenden, welche wegen der Uebergabe unterhandeln sollten. Mit Beben und Zagen erschienen diese Abgesandten vor Musa; denn sie konnten nur einen grausamen und furchtbaren Krieger in dem Manne vermuthen, welcher das Land mit solchem Schrecken erfüllt hatte: zu ihrem großen Erstaunen erblickten sie aber einen alten, ehrwürdigen Mann mit weißem Haar, einem schneeigen Bart und blassem, abgemagertem Gesichte. Er hatte die vergangene Nacht schlaflos hingebracht und war den ganzen Tag in den Umgebungen der Stadt gewesen; er war daher durch Wachen und Ermüdung erschöpft, und sein Gewand war mit Staub bedeckt. »Welch ein Teufel von einem Menschen ist dies,« sagten die Abgesandten leise unter sich, »daß er an dem Rande des Grabes eine solche Belagerung unternimmt! Laßt uns unsre Stadt nach unsern besten Kräften vertheidigen; wir halten es gewiß länger aus, als das Leben dieses Graubarts währt.« Sie kehrten daher in die Stadt zurück und höhnten eines Eindringlings, der geeigneter schien, sich auf eine Krücke zu stützen, als eine Lanze zu handhaben. Und die Bedingungen, welche Musa anbot, und die man sonst für ehrenvoll erachtet hätte, wurden von den Bewohnern der Stadt höhnisch zurückgewiesen. Wenige Tage enttäuschten sie aber in ihrer schlecht berechneten Zuversicht. Abdalasis, der Sohn Musa's, kam an der Spitze eines Verstärkungs-Heeres aus Afrika; er brachte sieben tausend Reiter und eine Unzahl Bogenschützen aus den Barbaresken-Staaten mit; es war ein prachtvolles Schauspiel, ihn mit diesem Heere in das Lager ziehen zu sehen. Die Ankunft dieses jungen Kriegers wurde mit dem größten und lautesten Jubel begrüßt, so sehr hatte er sich durch die Gradheit, Offenheit, die Anmuth und das Edle seines Benehmens die Herzen der Araber gewonnen. Sogleich nach seiner Ankunft wurde ein großer Sturm gegen die Stadt unternommen, und da viele der großen Sturmmaschinen vollendet waren, wurden sie auf Rädern heran gebracht und begannen, gegen die Stadt zu donnern. Der wankelmüthige Pöbel wurde von Neuem von Schrecken ergriffen; abermals umringten sie den Befehlshaber der Stadt mit Geschrei und Wehklagen und zwangen ihn, eine zweite Gesandtschaft an den arabischen Feldherrn zu senden, um nochmals wegen der Uebergabe zu unterhandeln. Als die Abgesandten vor Musa erschienen, konnten sie ihren Augen kaum trauen uns waren ungewiß, ob dies der welke, weißköpfige alte Mann sei, von welchem sie neulich so wegwerfend gesprochen hatten. Sein Haupthaar und sein Bart waren mit einem röthlichen Braun gefärbt; seine Züge waren durch Ruhe erfrischt, und der Unwille färbte seine Wange; überhaupt erschien er als ein Mann in der reifen Kraft seines Lebens. Die Abgeordneten waren von Schauer durchbebt. »Gewiß,« sagten sie leise unter sich, »dies ist entweder der Teufel oder ein Zauberer, welcher sich nach Belieben alt und jung machen kann.« Musa empfing sie stolz. »Fort!« sagte er, »fort von hier, und sagt denen, die euch senden, daß ich ihnen dieselben Bedingungen zugestehe, welche ich ihnen schon ein Mal angeboten habe, sofern sich nämlich die Stadt augenblicklich ergibt; aber ich schwöre es bei dem Haupte des Propheten, zögert man nur im geringsten, so soll Keiner, der da athmet in der Stadt, von mir Gnade erhalten.« Blaß und niedergeschlagen kehrten die Abgesandten in die Stadt zurück. »Beeilt euch.« sagten sie; »beeilt euch und nehmt jede Bedingung an, welche man euch stellt; was nützt es, gegen Männer zu fechten, welche sich nach Gefallen verjüngen können? Seht, neulich verließen wir den Anführer den Ungläubigen als einen alten schwachen Mann, und heute haben wir ihn jung und kräftig wieder gefunden.« Conde , p. I. cap. 13. Ambrosio de Morales . – Wir wollen nicht unbemerkt lassen, daß in der auf Befehl Alonso's des Weisen verfaßten Chronik dieses Begebniß als bei der Belagerung von Sevilla vorgefallen erzählt wird. – Der Verf. Die Stadt wurde demzufolge unverweilt übergeben, und Musa hielt seinen siegreichen Einzug. Seine Bedingungen waren gnädig. Diejenigen, welche bleiben wollten, wurden in ihren Rechten, Besitzungen und in ihrem Glauben geschützt; er nahm nur das Eigenthum derer, welche die Stadt verließen oder im Kampfe gefallen waren; auch nahm er alle Waffen und Pferde, so wie die Kostbarkeiten und Schätze der Kirchen für sich in Anspruch. Unter der Beute, welche auf diese Weise aus heiligen Orten herrührte, war ein Becher, der aus einer einzigen Perle gefertigt worden und den ein ehemaliger König von Spanien aus dem Tempel von Jerusalem mitgebracht hatte, als er von Nebucadnezar zerstört worden war. Diesen kostbaren Becher bot Musa dem Kalifen als Geschenk dar, und er wurde in der ersten Moschee der Stadt Damaskus aufbewahrt. Marmol , Descript. de Africa. T. I, l. 2. – Der Verf. Musa wußte selbst in dem Feinde das Verdienst zu schätzen. Als Sacarus, der Befehlshaber von Merida, vor ihm erschien, zollte er dem Muth und der Geschicklichkeit, welche er bei der Vertheidigung der Stadt gezeigt hatte, hohes Lob, nahm seinen eigenen Säbel, welcher von großem Werthe war, und gürtete ihm denselben um. »Trage ihn,« sagte er, »als einen armen Beweis meiner Bewunderung für dich; ein Krieger von solcher Tugend und Tapferkeit ist bei weitem höherer Ehren würdig.« Gern hätte er ihn überredet, in seine Dienste zu treten, oder als einer der ersten Vasallen des Kalifen in der Stadt zu bleiben; aber der hochsinnige Sacarus verschmähte es, sein Haupt unter das Joch der Eroberer zu beugen; auch vermogte er es nicht über sich, ruhig in seiner Heimath zu leben, so lange sie unter der Herrschaft der Ungläubigen seufzte. Er sammelte alle die, welche es vorzogen, ihn in die Verbannung zu begleiten, um sich und schiffte sich ein, um ein Land aufzusuchen, wo er in Frieden und in freier Ausübung seiner Religion leben könnte. Auf welchem Gestade »die Pilger des Oceans« landeten, ist nie bekannt geworden; die Sage läßt uns jedoch vermuthen, es sei auf irgend einer unbekannten Insel, fern in dem Schoose des atlantischen Meeres, gewesen. Abulcasim , Perdida de Espana, lib. I. cap. 13. – Der Verf. Zehntes Kapitel. Abdalasis Zug gegen Sevilla und »das Land von Tadmir.« Nach der Einnahme von Merida gab Musa seinen Feldhauptleuten und den ausgezeichnetsten Kriegern in dieser prachtvollen Stadt ein großes Festmahl. Bei diesem kriegerischen Gelage waren viele arabische Edle, welche in den mannichfachen Schlachten gegenwärtig gewesen waren, und nun mit einander wetteiferten, die kühnen Thaten zu erzählen, welche sie vollbracht, und der glänzenden Siege zu gedenken, deren Zeugen sie gewesen waren. Während sie mit Entzücken und Begeisterung sprachen, saß Abdalasis, Musa's Sohn, allein schweigend und mit niedergeschlagenem Antlitz da. Als endlich eine Pause entstand, wendete er sich zu seinem Vater und redete ihn mit bescheidenem Ernste an: »Mein Herr und Vater,« sagte er, »ich erröthe, wenn ich deine Krieger von den Mühen und Gefahren sprechen höre, welche sie bestanden haben, während ich noch nichts gethan habe, das mich berechtigt, mich ihren Genossen zu nennen. Wenn ich nach Egypten zurückkehre und vor den Kalifen trete, wird er mich fragen, was ich in Spanien gethan, welche Schlacht ich gewonnen, welche Stadt oder Veste ich weggenommen habe. Welche Antwort werde ich ihm geben können? Wenn Ihr mich daher als Euern Sohn liebt, so übergebt mir eine Befehlshaberstelle, vertraut mir ein Unternehmen an und laßt mich einen Namen erwerben, der würdig ist, unter Männern genannt zu werden.« Musa's Augen funkelten vor Freude, als er sah, wie glühend Abdalasis sich nach Waffenruhm sehnte. »Allah sei gepriesen!« rief er aus; »mein Sohn hat das Herz an der rechten Stelle! Es ziemt der Jugend, das Antlitz empor zu richten und nach dem Höchsten zu streben. Dein Wunsch, Abdalasis, soll erfüllt werden.« Es bot sich in derselben Zeit eine Gelegenheit dar, die Kühnheit und Umsicht des jungen Mannes zu erproben. Während der Belagerung von Merida war die Schaar der Christen, die sich nach Baja geflüchtet hatte, von Penaflor her verstärkt worden, und sie kehrten plötzlich zurück und zeigten sich vor den Thoren der Stadt Sevilla Espinosa , Antiquid, y Grand. de Sevilla. lib. II. c. 3. – Der Verf. . Einige christliche Bewohner der Stadt öffneten ihnen die Thore und ließen sie ein. Die Schaaren stürzten gegen den Alcazar, nahmen ihn durch Ueberraschung und ließen viele von der sarazenischen Besatzung über die Klinge springen; die Uebrigen flüchteten in aller Eile und suchten das Lager der Araber vor Merida auf, indem sie Sevilla in den Händen der Christen ließen. Da die Belagerung von Merida zu Ende war, beschäftigte sich der alte Musa mit dem Gedanken an die Wiedereinnahme von Sevilla und an die Bestrafung der Bewohner dieser Stadt, und in dieser Zeit redete Abdalasis obige Worte zu ihm. »Sieh da,« rief er aus, »sieh da, ein würdiges Unternehmen für dich, mein Sohn! Nimm alle Truppen mit dir, welche du von Afrika herüber gebracht hast; unterwerfe die Stadt Sevilla wieder und pflanze deine Fahne auf ihrem Alcazar. Allein beschränke dich nicht darauf. Trage dein siegreiches Schwert in die südlichen Theile Spaniens; du wirst dort eine Aernte von Ruhm finden, die noch von keiner Schnitterhand berührt worden ist.« Abdalasis verlor keine Zeit, zu diesem Unternehmen zu schreiten. Er nahm den Grafen Julian, Magued el Rumi und den Bischof Oppas mit sich, um von ihrer Kenntniß des Landes Nutzen zu ziehen. Als sein Auge der schönen Stadt Sevilla ansichtig ward, welche, wie eine Königin, inmitten ihrer goldnen Ebne thronte, während der Guadalquivir ihre Mauern bespülte, schaute er mit dem Auge eines Liebenden darauf und beklagte es in seiner Seele, daß er sie als Rächer heimgesucht hatte. Seine Schaaren blickten jedoch zornerfüllten Auges hin und gedachten nur ihrer Empörung und des Todes ihrer Landsleute in dem Alcazar. Der angesehenere Theil der Bevölkerung der Stadt hatte an jenem hochherzigen aber vergeblichen Aufstande keinen Theil genommen, und jetzt, da sie das Heer des Abdalasis auf den Ufern des Guadalquivir gelagert sahen, wären sie gern hinausgegangen, um Erläuterungen zu geben und um Gnade zu bitten. Das Volk untersagte es jedoch einem Jeglichen, die Stadt zu verlassen, schloß und verrammelte die Thore und schickte sich an, die Stadt bis auf das Aeußerste zu vertheidigen. Der Platz wurde mit einer Wuth angegriffen, der nichts Widerstand leisten konnte. Bald waren die Thore gesprengt, und die Moslemen stürzten racheschnaubend herein. Sie beschränkten ihr wildes Gemetzel nicht auf die Krieger in dem Alcazar, sondern stürmten durch alle Straßen und Gassen, schonten weder des Schuldigen noch des Unschuldigen bei ihrem blutigen Thun, und nur mit der größten Mühe konnte Abdalasis es zuletzt dahin bringen, daß sie von dem furchtbaren Blutbad abließen. Conde , p, I. cap. 14. – Der Verf. Musa's Sohn bewies sich im Siege eben so mild, als er in dem Kampfe unerschrocken gewesen war. Die Mäßigung und das Wohlwollende seines Benehmens verminderte die Schrecken der Besiegten, und seine weisen Vorsichtsmaasregeln stellten die Ruhe wieder her. Nachdem er die geeigneten Vorkehrungen zum Schutze der Bürger getroffen hatte, legte er eine starke Besatzung in die Stadt, um einem künftigen Aufstande vorzubeugen, und zog dann weiter, um seine Unternehmungen zu verfolgen. Wohin er kam, waren seine Waffen siegreich, und dieselbe Milde, dieselbe Großmuth zeichnete seine Siege aller Orten aus. Endlich erreichte er die Gränzen jenes schönen Landes, das, von hohen und steilen Gebirgen durchzogen, mit reichen und anmuthigen Ebenen geschmückt, später unter dem Namen des Königreichs Murcia bekannt geworden ist. Dieser ganze Theil des Landes wurde von dem alten Theudemir vertheidigt, welcher durch sein kluges und geschicktes Walten nach der Niederlage an den Ufern des Guadalata die Trümmer seiner Schaaren um sich gesammelt hatte. Theudemir war ein tapferer Krieger, aber ein eben so umsichtiger und kluger Mann. Er hatte sich überzeugt, daß es eine Thorheit wäre, den Arabern auf dem offenen Felde Widerstand leisten zu wollen, wo ihre Reiterei und die treffliche Bewaffnung ihnen eine große Ueberlegenheit gab. Bei ihrer Annäherung zog er daher seine gesammte waffenfähige Mannschaft zusammen und besetzte mit ihr die Höhen und Gebirgspässe. – »Hier,« sagte er, »ist ein einzelner Ziegenhirte, der Felsen und Steine hinabrollen kann, so gut, wie ein in das beste Eisen gekleideter Ritter.« – Auf diese Weise beunruhigte und hinderte er das moslemitische Heer in allen seinen Bewegungen, ließ von den überhängenden Klippen und Felswänden Wurfgeschosse aller Art auf sie niederregnen und in den engen, wilden Bergpässen ihnen Hinterhalt bereiten und sie da angreifen, wo wenige ungeübte Schaaren sich einem Heere entgegen stellen konnten. Theudemir war auf dem besten Wege, seine Feinde zu schwächen und sie zu nöthigen, sich aus seinen Gebieten zurückzuziehen; unglücklicher Weise aber hatte der alte Krieger zwei Söhne bei sich, junge Leute von einer hitzigen und stürmischen Tapferkeit, welche der Ansicht waren, all diese Klugheit ihres Vaters schmecke nach Feigheit, und vor Begier brannten, ihren Muth auf dem offenen Felde zu zeigen. »Welcher Ruhm,« sagten sie, »ist dabei zu erlangen, wenn man einen Feind auf diese Weise, aus einem Walle von Felsen und hinter dem Dickigt des Waldes her vernichtet?« »Ihr sprecht, wie junge Leute,« sagte der Greis; »der Ruhm ist ein Preis, um welchen man wohl draußen fechten und kämpfen mag; aber Sicherheit ist die erste Rücksicht, wenn der Feind vor dem Thore steht.« Eines Tages gelang es aber den jungen Männern, ihren Vater für ihre Plane zu stimmen und ihn zu überreden, in die Ebene hinab zu ziehen. Abdalasis ergriff sogleich die günstige Gelegenheit und warf sich zwischen die Gothen und ihre Bergvesten. Theudemir sah zu spät die Gefahr, in welche er sich hatte verlocken lassen. »Was vermögen unsere ungeübten Schaaren,« sagte er, »gegen eine solche Reiterei, welche sich wie feste Schlösser daher bewegt? Laßt uns einen schnellen Rückzug nach Orihuela bewerkstelligen und uns hinter seinen Mauern vertheidigen.« »Vater,« sagte der älteste Sohn, »es ist zu spät zum Rückzug; bleibt hier mit der Nachhut, während mein Bruder und ich vorrücken. Fürchte nichts; bin ich denn nicht dein Sohn und würde ich nicht sterben, um dich zu vertheidigen?« »In Wahrheit,« erwiederte der alte Krieger, »ich beginne zu zweifeln, ob du mein Sohn bist. Wenn ich nun hier bleibe, und ihr alle getödtet werdet – wo finde ich dann Jemand, der mich schützt? Komm,« setzte er hinzu, indem er sich zu seinem zweiten Sohne wendete – »komm, ich habe das Vertrauen, daß du wirklich mein Sohn bist; laß uns eilen, uns zurückzuziehen, bevor es zu spät ist.« »Vater!« erwiederte der Jüngste: »ich hege keinen Zweifel, daß ich in allen Ehren und in jeder Hinsicht dein Sohn bin, und als solcher ehre ich dich; allein ich bin in gleicher Weise meiner Mutter verpflichtet, und als ich in den Krieg zog, gab sie mir ihren Segen, so lange ich als tapfrer Mann mich halten würde, aber auch ihren Fluch, wenn ich mich als einen Feigling erweisen und vom Kampfplatz fliehen würde. – Fürchte nichts, Vater; ich werde dich schützen, so lange du lebst, und selbst dann noch, wenn du todt bist. Es soll dir niemals an einem ehrenvollen Grabe bei deinen Vorfahren fehlen.« »Die Pest auf euch beide,« rief Theudemir, »als ein Paar untergeschobenen Narren! Glaubt ihr, mir liege etwas daran, wo ihr meine irdische Hülle niederlegt, wenn ich todt bin? Eines Tages Leben in einer elenden Hütte wiegt ein Jahrhundert auf, während dessen ich in einem Marmorsarg begraben liege! Kommt, meine Freunde,« setzte er hinzu, indem er sich zu den vornehmsten Rittern wandte – »laßt uns diese heißköpfigen Gelbschnäbel verlassen und unsern Rückzug bewerkstelligen; wenn wir noch länger zögern, werden wir den Feind auf dem Nacken haben.« Als die Ritter und stolzen Hidalgos diese Worte hörten, wandten sie sich höhnisch ab, schüttelten die Köpfe und sprachen: »Wofür haltet Ihr uns, daß Ihr glaubt, wir würden dem Feinde den Rücken zeigen? Vorwärts! war von jeher das gute gothische Losungswort, und mit diesem wollen wir leben und sterben!« Während man die Zeit mit diesen Zwistigkeiten vergeudete, rückte das Heer der Moslemen immerdar weiter, bis der Rückzug nicht mehr möglich war. Der Kampf war stürmisch und blutig. Theudemir focht wie ein Löwe; es war jedoch Alles umsonst. Er sah seine zwei Söhne und die Mehrzahl ihrer raschen Gefährten niederhauen, während die undisciplinirte Schaar seiner Gebirgstruppen nach allen Seiten flüchtete. Da er sah, daß ihm keine Hoffnung mehr blieb, ergriff er den Zügel eines seiner Lieblingspagen, der ihm nahe war und im Begriff stand, seinem Pferde die Sporn zu geben, um die Berge zu erreichen. »Gehe nicht von mir,« sagte er, »sondern höre du wenigstens auf meinen Rath, mein Sohn! Und wahrhaftig, ich glaube, du bist mein Sohn; denn du bist der Sprößling einer meiner Mägde, die mir hold war.« Und wirklich glich ihm der Jüngling auffallend. Er wandte jetzt die Zügel seines eigenen Rosses, gab ihm die Sporen und floh in aller Hast, während der Page ihm folgte; und sie hielten nicht an und rasteten nicht, bis sie die Mauern von Orihuela erreicht hatten. Er befahl sofort, die Thore zu schließen und zu verrammeln, und bereitete Alles zum Empfange des Feindes vor. In der Stadt waren nur wenige Männer, welche die Waffen handhaben konnten, da die meisten jungen Leute in dem Kampfe gefallen waren. Er ließ daher die Frauen männliche Kleidung anlegen, Helme und Hüte aufsetzen, lange Rohre statt der Lanzen in die Hände nehmen und ihre Haare unter dem Kinn zusammen binden, so daß sie Bärte zu haben schienen. Mit diesen Truppen besetzte er die Mauern und Thürme. Um die Dämmerstunde näherte sich Abdalasis mit seinem Heere, ließ aber Halt machen, als er die Zinnen der Mauern so zahlreich besetzt sah. Jetzt nahm Theudemir die Friedensfahne in die Hand, ließ den Pagen den Waffenrock eines Heroldes anziehen, und Beide ritten mit einander aus der Stadt, um wegen der Uebergabe zu unterhandeln, und wurden von Abdalasis mit vieler Huld empfangen. »Ich komme,« sagte Theudemir, »von Seiten des Befehlshabers dieser Stadt, um wegen solcher Bedingungen zu unterhandeln, welche Eurer Großmuth und seiner Ehre würdig sind. Ihr seht wohl, daß die Stadt in der Lage ist, eine lange Belagerung auszuhalten; er aber wünscht sehnlich, das Leben seiner Krieger zu schonen. Versprecht, daß es den Bewohnern frei stehen solle, mit ihrer Habe unbelästigt abzuziehen, und die Stadt wird Euch morgen in der Frühe ohne einen Schwertstreich übergeben werden; ohne ein solches Versprechen sind wir gerüstet, uns zu vertheidigen, so lange ein Mann am Leben ist.« Abdalasis freute sich sehr, um so leichte Bedingungen einen so mächtigen Platz zu erhalten, und hielt sich blos aus, daß die Besatzung die Waffen niederlegen sollte. Theudemir willigte gern ein; nur nahm er den Befehlshaber der Stadt und sein Gefolge aus, was in der Berücksichtigung seiner Würde zugestanden ward. Die auf die Uebergabe bezüglichen Punkte wurden niedergeschrieben, und als Abdalasis seinen Namen und Siegel beigesetzt hatte, nahm Theudemir die Feder und schrieb seinen Namen darunter. »Seht,« sagte er, »in mir den Befehlshaber der Stadt.« Abdalasis freute sich der Kühnheit des Befehlshabers des Platzes, welcher sich persönlich in seine Hand gegeben hatte, und erzeigte dem alten Krieger nur um so größere Ehre. Als Theudemir in die Stadt zurückkam, machte er die Bewohner mit der Uebergabe bekannt und trug ihnen auf, ihre Habseligkeiten während der Nacht einzupacken und sich bereit zu halten, am Morgen die Stadt zu verlassen. Mit dem Anbruch des Tages wurden die Thore geöffnet, und Abdalasis erwartete, ein zahlreiches Heer ausziehen zu sehen; zu seinem großen Erstaunen erblickte er aber nur Theudemir und seinen Pagen in arg zugerichteter Rüstung, von einer Menge von Greisen, Weibern und Kindern gefolgt. Abdalasis wartete, bis Alle heraus gekommen waren; dann wendete er sich zu Theudemir und rief: »Wo sind die Krieger, welche ich gestern Abend auf den Mauern und Thürmen gesehen habe?« »Ich habe keine Krieger,« versetzte der Greis. »Was meine Besatzung angeht, so seht Ihr sie vor Euch. Mit diesen Frauen habe ich meine Mauern und Thürme bemannt, und der Page hier ist mein Herold, meine Wache, mein Gefolge.« Der Bischof Oppas und Graf Julian schrieen nun, die Kapitulation sei ein arger Betrug, und man dürfe die Bedingungen nicht als gültig erachten; Abdalasis aber billigte die Kriegslist des alten Ritters und befahl, dem Vertrage sollte in allen Punkten auf das Genaueste und Gewissenhafteste nachgekommen werden. Er faßte sogar eine so hohe Meinung von der Klugheit und Gewandtheit dieses Ritters, daß er ihn, nachdem er die Oberherrschaft der Araber anerkannt und sich verpflichtet hatte, dem Kalifen Tribut zu bezahlen, die Statthalterschaft über die ganze Gegend anvertraute. Noch lange Zeit wurde dieser ganze Theil von Spanien, welcher die schönen Provinzen von Murcia und Valencia in sich begriff, nach dem arabischen Namen ihres Vertheidigers genannt und wird noch in den arabischen Chroniken als »das Land von Tadmir« bezeichnet. Nachdem es Abdalasis gelungen war, dieses reiche und fruchtbare Gebiet sich zu unterwerfen, und er sich durch seine Großmuth und Tapferkeit das größte Lob errungen hatte, kehrte er mit dem größern Theil seines Heeres in die Stadt Sevilla zurück. Conde , p. I. Chronica dol Moro Rasis . – Cluron. gen. de Espana por Alonso el Sabio , p. III. cap. I. – Der Verf. Eilftes Kapitel. Musa zieht gen Toledo. – Seine Zusammenkunft mit Tarek. Als Musa Ben Nosair seinen Sohn Abdalasis abgesandt hatte, um Sevilla zu unterwerfen, reis'te er nach Toledo ab, um Tarek wegen seines Ungehorsams gegen seine Befehle zur Rede zu stellen; denn inmitten seiner eigenen Triumphe nagte die siegreiche Laufbahn dieses Heerführers an seiner Seele. Was vermag ein argwöhnisches und ehrgeiziges Herz zufrieden zu stellen? Auf dem Zuge Musa's durch das Land unterwarfen sich ihm Flecken und Städte ohne den geringsten Widerstand; er konnte den Reichthum des Landes und die edlen Kunstdenkmale, mit welchen es geschmückt war, nicht genug bewundern. Als er die in alten Zeiten von den Römern gebauten Brücken sah, erschienen sie ihm weniger als Werke von Menschen, denn von Genien. Allein alle diese bewundernswürdigen Gegenstände ließen es ihn nur um so schmerzlicher empfinden, daß er den ausschließlichen Ruhm nicht ansprechen konnte, dieses Land in Besitz genommen und sich unterworfen zu haben, und es erbitterte ihn um so heftiger gegen Tarek, weil dieser sich augenscheinlich bemüht hatte, die Eroberung als sein Werk erscheinen zu lassen. Tarek hörte von seiner Annäherung; von der Mehrzahl seiner ausgezeichnetsten Siegsgefährten begleitet, eilte er ihm nach Talavera entgegen; in seinem Gefolge befand sich ein Zug von Pferden und Maulthieren, die mit Beute beladen waren, durch welche er sich die Gunst seines Oberfeldherrn zu sichern zuversichtlich hoffte. Ihr Zusammentreffen fand an den Ufern des reißenden Flusses Tiedar statt, welcher in den Bergen von Placencia entspringt und sich in den Tajo ergießt. Musa hatte in frühern Tagen, als Tarek ihm als ein untergeordneter und unermüdlicher Heerführer diente, ihn wie sein zweites Ich geliebt und geachtet; jetzt aber, da er sich zu seinem Nebenbuhler aufgeworfen hatte, konnte er seine Eifersucht nicht verbergen. Wie der alte Tarek el Tuerto vor ihm erschien, sah er ihn einen Augenblick mit strenger und zürnender Miene an. »Warum hast du meinen Befehlen zuwider gehandelt?« sagte er. »Ich hatte dir befohlen, meiner Ankunft und der Verstärkungen zu harren, welche ich mitbringen würde; du hast aber vorschnell das Land durchstreift und unsere Heere und unsere Angelegenheiten der größten Gefahr preis gegeben!« »Ich habe so gehandelt,« erwiederte Tarek, »wie ich es für die Sache des Islam als das Beste erachtete, und indem ich so that, glaubte ich, Musa's Wünsche zu erfüllen. Was ich vollbracht habe, vollbrachte ich als Euer Diener. Seht, da ist Euer Antheil als Oberfeldherr an der Beute, welche ich gemacht habe.« Bei diesen Worten ließ er unermeßliche Schätze von Gold und Silber, kostbare Stoffe und reiche Edelsteine herbeibringen und breitete sie vor Musa aus. Der Zorn des arabischen Heerführers entflammte nur noch mehr bei dem Anblick dieser Beute; denn sie bewies, wie glänzend die Siege Tarek's gewesen waren; allein er unterdrückte für den Augenblick seinen Aerger, und sie zogen in düsterm Schweigen mit einander der alten Stadt Toledo entgegen. Als sie die königliche Stadt betraten und in den alten Palast der gothischen Könige hinaufstiegen, und Musa darüber nachdachte, daß all dies ein Schauplatz des Triumphs für seinen Nebenbuhler gewesen, konnte er seinen Zorn nicht länger zügeln. Er forderte Tarek zu strenger Rechenschaft über alle Reichthümer, die er in Spanien gesammelt, und selbst über die Geschenke auf, welche er für den Kalifen zurückgelegt hatte; vor Allem ließ er sich seine Lieblingstrophäe, die magische Tafel des Königs Salomon, ausliefern. Als all dies geschehen war, tadelte er ihn abermals bitter wegen seines Ungehorsams gegen seine Befehle und wegen der Raschheit seines Benehmens. »Welches blinde Vertrauen auf das Glück hast du gezeigt,« sagte er, »als du dich in ein so ausgedehntes Gebiet wagtest und mit deinem schwachen Heere so mächtige Städte angriffst! Welche Thorheit, einem verzweifelten Zufalle Alles anheim zu stellen, während du wußtest, daß ich mit einem Heere kommen würde, uns den Sieg zu sichern! Alle deine glücklichen Erfolge sind dem blosen Glücke anheim zu geben, nicht dem Scharfblick und der Feldherrngabe.« Er ertheilte nun den übrigen Häuptlingen großes Lob wegen der Dienste, die sie der Sache des Islam geleistet; sie erwiederten jedoch kein Wort, und ihre Züge waren düster und unzufrieden; denn sie fühlten das Unrecht, welches ihrem geliebten Führer widerfuhr. Tarek angehend, so glühete zwar das Feuer in seinen Augen, aber er hielt seinen Zorn im Zaume. »Ich habe mein Bestes gethan, um Gott und dem Kalifen zu dienen,« sagte er mit Nachdruck: »mein Gewissen spricht mich frei, und ich hoffe, so wird auch mein Gebieter thun.« »Vielleicht thut er so,« antwortete Musa bitter: »mittlerweile aber kann ich seine Interessen keinem Waghals anvertrauen, welcher alle Befehle verachtet und dem Zufalle Alles anheim gibt. Ein solcher Feldherr ist nicht würdig, daß man ihm das Schicksal von Heeren anvertraut.« So sprach er, entsetzte Tarek seiner Befehlshaberstelle und übertrug sie dem Renegaten Magued. Tarek el Tuerto behielt immerdar die Miene ernster Fassung bei. Sein einziges Wort war: »Der Kalife wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen!« Dieser lakonische Trotz steigerte Musa's Zorn so sehr, daß er ihn in ein Gefängniß zu werfen befahl und sogar sein Leben bedrohte. Darauf hatte Magued el Rumi, obgleich er seine Beförderung der Ungnade Tarek's verdankte, die Großmuth, sich warm zu seinen Gunsten auszusprechen. »Bedenkt,« sagte er zu Musa, »welches die Folgen dieser Strenge sein können. Tarek hat viele Freunde in dem Heere; auch seine Thaten waren ausgezeichnet und glänzend und berechtigen ihn zu den höchsten Ehren, zu dem größten Lobe, statt der Ungnade und der Gefangenschaft.« Musa's Zorn war jedoch nicht zu besänftigen, und er hoffte, seine Maasregeln durch die Absendung einer Botschaft an den Kalifen zu rechtfertigen, bei welchem er Tarek des Ungehorsams anklagte und sein rasches, verwegenes Benehmen hervorhob. Der Erfolg bewies die Klugheit des von Magued gegebenen Rathes. Nach einiger Zeit erhielt Musa von dem Kalifen ein demüthigendes Schreiben, worin ihm befohlen wurde, Tarek den Befehl über die Truppen, »welche er so ruhmwürdig angeführt habe,« zurückzugeben und »eines der besten Schwerter des Islam« nicht nutzlos zu machen. Conde , p. I. cap. 15. – Der Verf. Auf diese Weise bringt der Neidische Demüthigungen und Vorwürfe über sich selbst, während er sich bemüht, einen verdienten Nebenbuhler herab zu setzen. Als die Kunde von der Gerechtigkeit, welche der Kalife dem alten Krieger angedeihen ließ, in das Lager kam, verbreitete sich unter den Schaaren allgemeine laute Freude, und in den lächelnden Zügen aller derer, welche Musa umgaben, las er den strengen Tadel über sein Verfahren. Er verbarg jedoch seine tiefe Demüthigung und gab sich den Anschein, als wenn er mit der größten Freude den Befehlen seines Gebieters nachkäme. Er befreite Tarek aus dem Gefängniß, lud ihn zu einem Festmahl an seine Tafel und gab ihm öffentlich den Oberbefehl über seine Schaaren zurück. Mit Jubel und Entzücken nahm das Heer seinen Liebling auf und feierte die Wiederversöhnung der beiden Feldherrn. Aber der Jubelruf der Krieger klang widerwärtig in Musa's Ohr. Zwölftes Kapitel. Musa verfolgt den Eroberungsplan. – Belagerung von Saragossa. – Vollständige Unterjochung Spaniens. Als die Zwistigkeiten, welche das arabische Heer in dem Verfolge seiner Eroberungen eine Zeitlang aufgehalten hatten, beigelegt und die Befehlshaber der maurischen Krieger dem Scheine nach wieder versöhnt waren, brach Musa als Oberfeldherr auf, um das Unternehmen durch die Unterwerfung der nördlichen Theile Spaniens zu vervollständigen. Dieselbe rasche Weise der Eroberung, welche durch Tarek so scharfsinnig angewendet worden, wurde fortwährend befolgt. Die Truppen waren leicht gewaffnet und jeder überflüssigen Belästigung baar. Jeder Reiter hatte außer seinen Waffen eine kleine Vorrathstasche, ein kupfernes Geschirr, in welchem er das Nöthigste kochen konnte, und ein Fell, das ihm als Bedeckung und als Bett dienen konnte. Das Fußvolk hatte nichts zu tragen, als seine Waffen. Jeder Abtheilung war eine beschränkte Anzahl von Maulthieren und Treibern beigegeben, welche gerade hinreichte, das nöthige Gepäcke und den Vorrath von Lebensmitteln fortzuschaffen. Nichts ward erlaubt, was die Zahl der Kämpfenden vermindern, ihre raschen Bewegungen aufhalten oder ihre Vorräthe nutzloser Weise aufzehren konnte. Von Neuem ergingen strenge Befehle, welche bei Todesstrafe alles Plündern verboten, mit Ausnahme eines feindlichen Lagers oder solcher Städte, die durch Sturm genommen werden mußten. Conde , p. I. cap. 15. – Der Verf. Die Heere traten nun ihre verschiedenen Marschlinien an. Das unter Tarek wendete sich nordöstlich, bemächtigte sich des Landes gegen die Quelle des Tajo zu, überschritt die Kette der iberischen oder aragonischen Gebirge und verbreitete sich in den Ebenen und Thälern, welche der Ebro bewässert. Es war überraschend, in einem so kurzen Zeitraume ein so ausgedehntes und schwieriges Land in Besitz nehmen und unterwerfen und die eindringenden Heere, wie die Fluthen einer Ueberschwemmung, ihre Wogen bis in die entferntesten und verstecktesten Theile ausbreiten zu sehen. Während Tarek auf diese Weise das Land in nordöstlicher Richtung durchstürmte, schlug Musa den entgegengesetzten Weg ein; doch war es sein Plan, im Norden mit ihm zusammen zu stoßen und dort ihre Kräfte zu vereinigen. Indem er sich nach Westen wandte, umging er die Gebirgskette, trat dann in das offene Land hinaus und entfaltete seine Fahnen vor Salamanca, das sich ohne Widerstand ergab. Von hier zog er gen Astorga und unterwarf sich das von plötzlichem Schrecken ergriffene Land. Nun begab er sich in das Douro-Thal, stieg an diesem berühmten Flusse aufwärts, in östlicher Richtung vorschreitend; die Sierra de Montcayo wurde überschritten, worauf er an den Ufern des Ebro anlangte und diesen Fluß entlang zog, bis er die starke Stadt Saragossa, die Veste dieses ganzen Theils von Spanien, erreichte. In diese Stadt hatten sich viele der tapfersten gothischen Krieger geflüchtet – die zerstreuten Trümmer der geschlagenen Heere, die aus den eroberten Städten geflohenen Kämpen. Saragossa war einer der letzten Vereinigungspunkte des Landes. Als Musa ankam, hatte Tarek bereits seit einiger Zeit sein Lager vor der Stadt aufgeschlagen und den Platz eingeschlossen. Die Einwohner waren durch Hungersnoth arg bedrängt und hatten in wiederholten Kämpfen große Verluste erlitten; allein in ihrem Widerstand beurkundete sich ein Muth und eine Hartnäckigkeit, welche Alles übertrafen, was die Araber bis jetzt erfahren hatten. Musa übernahm nun den Befehl über das Belagerungsheer und gab Befehl, einen allgemeinen Angriff auf die Mauern von Saragossa zu versuchen. Die Moslemen legten ihre Sturmleitern an und stiegen mit ihrer gewohnten Unerschrockenheit hinan, wurden aber kräftig zurückgewiesen und konnten, ungeachtet aller ihrer Anstrengungen, auf den Zinnen nicht Fuß fassen. Während sie auf diese Weise die Mauern stürmten, ließ Graf Julian Brennmaterialien an einem der Thore aufhäufen und sie in Brand stecken. Vergebens suchten die Einwohner von dem Thurme aus die Flammen zu löschen. Sie loderten so ungestüm empor, daß nach kurzer Weile das Thor verbrannt war. Auf einem mächtigen Streitroß sitzend, das, wie er, ganz in Eisen gehüllt war, galoppirte er in die Stadt. Dreihundert seiner Anhänger, von Magued, dem Renegaten, durch eine Reiterschaar unterstützt, folgten ihm. Die Einwohner der Stadt machten dem Feinde jede Straße und jeden freien Platz streitig; aus den Leichen machten sie Bollwerke und kämpften im Schutze dieser aus ihren ermordeten Landsleuten bestehenden Wälle. Jedes Fenster und jedes Dach war mit Streitern besetzt; selbst die Frauen und Kinder nahmen an dem verzweifelten Kampfe Theil, indem sie Steine und Wurfgeschosse aller Art auf den Feind niederwarfen und kochendes Wasser hinabgossen. Der Kampf wüthete bis zur Vesperstunde, wo die vornehmsten Einwohner sich zur Unterhandlung verstanden und sich zur Uebergabe geneigt zeigten. Musa war durch ihren hartnäckigen Widerstand, welcher vielen seiner Soldaten das Leben gekostet hatte, auf das Höchste erbittert. Er wußte auch, daß in der Stadt die Schätze vieler Städte des östlichen Spaniens aufgehäuft waren. Er forderte daher außer den gewöhnlichen Bedingungen, daß von den Bürgern eine große Summe Geldes, der Bluttribut genannt, da sie sich durch diese Abgabe von dem Tod durch die Schärfe des Schwertes loskauften, bezahlt werde. Das Volk mußte sich fügen. Man sammelte alle Juwelen und Kostbarkeiten der reichsten Familien und der Kirchen und legte sie zu Musa's Füßen nieder; auch viele der edelsten Jünglinge wurden ihm als Geiseln übergeben. Eine starke Besatzung wurde dann in die Stadt gelegt, und so kam das stolze Saragossa unter das Joch der Eroberer. Die arabischen Heerführer setzten ihre Eroberungen selbst bis zum Fuße der Pyrenäen fort. Tarek zog dann dem Ebro und der Küste des mittelländischen Meeres entlang, unterwarf sich die berühmte Stadt Valencia mit ihren reichen und schönen Besitzungen, und trug seine siegreichen Waffen bis nach Denia. Musa unternahm mit seinem Heere einen ausgedehnteren Siegeszug. Er unterwarf die Städte Barcelona, Gerona und andere, welche an dem Saum der östlichen Gebirge lagen; zog dann in das Land der Franken und nahm die Stadt Narbonne ein, wo er in einer Kirche sieben Reiterstatuen von Silber fand, welche er als Siegestrophäen mit sich nahm. Conde , p. I. cap. 16. – Der Verf. Nach Spanien zurückgekehrt, durchstreifte er dessen nördliche Theile, Galizien und Asturien, zog siegreich durch Lusitanien und kam abermals, mit Lorbeern bedeckt und mit unermeßlicher Beute beladen, nach Andalusien. So wurde die Unterjochung des unglücklichen Spaniens vollendet. Alle seine Städte und Vesten und Vertheidigungsplätze waren in den Händen der Sarazenen, einige wilde Gebirgsstrecken ausgenommen, welche an das atlantische Meer gränzten und sich nach Norden erstreckten. Hier dürfte also die Geschichte der Eroberung zu schließen sein; aber der unermüdliche Chronikenschreiber Fray Antonio Agapida fährt fort, des Schicksals derjenigen zu gedenken, welche sich in dem Unternehmen am meisten ausgezeichnet haben. Wir wollen seinen Schritten folgen und von seiner Belehrung, welche er aus den mannichfaltigsten Quellen mit lobenswerthem Eifer zusammengetragen, Vortheil ziehen; und wahrlich, die Geschichte eines jeden in diesem großen historischen Drama Auftretenden hat ihre anziehende Moral und ist voller nützlicher Winke und belehrender Einzelnheiten. Dreizehntes Kapitel. Zwist unter den arabischen Feldherrn. – Sie werden aufgefordert, vor dem Kalifen zu Damaskus zu erscheinen. – Tarek's Empfang. Das Herz des Musa Ben Nosair schwoll nun in Stolz; denn er glaubte, seinem Ruhme nichts mehr hinzufügen zu können. Seiner Herrschaft war ein Gebiet unterworfen, mit welchem sich der Ehrgeiz des stolzesten Monarchen hätte begnügen können; denn das ganze westliche Afrika und die neu eroberte Halbinsel Spaniens waren ihm unterthan, und er war in den gesammten Ländern des Islam berühmt als der große Eroberer des Westen. Allein plötzliche Demüthigung harrte seiner in dem Augenblicke seines höchsten Triumphes. Der scheinbaren Versöhnung zwischen Musa und Tarek ungeachtet, bestand fortdauernd unter ihnen eine tiefe und unversöhnliche Feindschaft, und jeder von ihnen hatte geschäftige Anhänger, welche durch ihre Zwistigkeiten Unheil in dem Heere anzustiften bemüht waren. Von beiden Parteien wurden unaufhörlich Briefe nach Damaskus gesendet, worin sie die Verdienste ihres Anführers in den Himmel erhoben und seinen Nebenbuhler herabsetzten. Nach diesen Berichten war Tarek rasch, eigensinnig und verschwenderisch und brachte der Disciplin des Heeres die größten Nachtheile, indem er die Krieger zuweilen mit der größten Strenge behandelte, zuweilen aber der Ausschweifung und Ueppigkeit freien Lauf ließ. Musa wurde als klug, scharfsichtig, würdevoll und folgerecht in seinem Verfahren gelobt. Tarek's Freunde schilderten ihn andrer Seits als tapfer, edel und hochsinnig; als gewissenhaft in der Vertheilung der Beute, von welcher er seinem Gebieter den gebührenden Antheil aufbewahre, das Uebrige aber edelmüthig unter die Krieger vertheile und so ihren Eifer für den Dienst erhöhe. »Musa im Gegentheil,« sagten sie, »ist habsüchtig und unersättlich; er erhebt unerschwingbare Kontributionen und sammelt unermeßliche Schätze, bewahrt sie aber alle in seinen eigenen Koffern.« Der Kalife ward endlich dieser Klagen müde und fürchtete, durch die Zwistigkeiten der nebenbuhlerischen Feldherrn mögte die gute Sache des Islam gefährdet werden. Er erließ daher ein Schreiben, in welchem er ihnen befahl, ihre Stellen in die Hände passender Männer zu geben und unverweilt zu Damaskus vor ihm zu erscheinen. Der Art war der Willkomm, welcher Musa bei seiner Rückkehr von der Unterwerfung des nördlichen Spaniens erwartete. Der Schlag war hart für einen Mann von Musa's Stolz und Ehrgeiz; aber er schickte sich augenblicklich an zu gehorchen. Er kehrte nach Cordova zurück und sammelte unterwegs alle Schätze, welche er in den verschiedenen Städten aufbewahrt hatte. Zu Cordova ließ er alle die ausgezeichnetsten Häuptlinge und die Führer der Partei der abtrünnigen Christen zusammenkommen und bestimmte sie, seinem Sohne Abdalasis als Emir, oder Statthalter von Spanien, den Eid der Treue zu leisten. Er gab seinem Lieblingssohne viele weise Rathschläge hinsichtlich seines Benehmens und ließ seinen Neffen Ayub bei ihm, einen Mann, welcher bei den Moslemen wegen seiner Weisheit und Umsicht in hohen Ehren stand; er mahnte Abdalasis, diesen bei allen Gelegenheiten zu Rath zu ziehen und als seinen ersten und treuesten Rathgeber zu betrachten. An seine Anhänger richtete er eine Abschiedsrede, welche voll freudiger Zuversicht war; er versicherte sie, er werde bald zurückkehren, mit neuen Gunstbezeigungen und Ehren von seinem Gebieter überhäuft, und dann im Stande sein, sie für ihre treuen Dienste zu belohnen. Als Musa von Cordova abreis'te, um sich nach Damaskus zu begeben, glich sein Aufzug ganz und gar dem Prunkzug eines morgenländischen Gewalthabers; denn er hatte zahlreiche, prachtvoll gewaffnete und geschmückte Wachen und Diener um sich, nebst vierhundert Geiseln – junge Ritter aus den edelsten Familien der Gothen – und einer großen Anzahl von Gefangenen beiderlei Geschlechtes, welche wegen ihrer Schönheit auserlesen und als Geschenke für den Kalifen bestimmt waren. Diesen folgte ein großer Zug von Lastthieren, welche mit der Beute Spaniens beladen waren; denn er nahm alle Schätze, welche er während seiner Eroberungen gesammelt, und den Antheil, welchen er für seinen Gebieter abgesondert bewahrt hatte, mit sich. Mit dieser Menge von Siegeszeichen, mit diesem Reichthum an Beute, wodurch die Herrlichkeit des von ihm eroberten Landes recht an das Licht trat, hoffte er zuversichtlich, die Verläumdungen seiner Feinde zum Schweigen zu bringen. Als er durch das Thal des Guadalquivir zog, wandte er sich oft um und schaute gedankenvoll auf Cordova zurück. Nachdem er eine Stunde geritten war und im Begriffe stand, die Stadt aus den Augen zu verlieren, hielt er auf der Höhe eines Hügels sein Pferd an und blickte lange Zeit auf ihre Paläste und Thürme. »O Cordova!« rief er aus; »groß und glorreich bist du unter den Städten und reich an allen Wonnen! Mit welchem Schmerz und Kummer scheide ich von dir! denn ich weiß gewiß, es würde die Zahl meiner Tage verlängern, wenn ich in deinen freundlichen Mauern wohnen könnte.« Nachdem er diese Worte gesprochen, setzte er, wie der arabische Chronikenschreiber erzählt, seine Reise fort; aber seine Augen waren zu Boden geheftet, und häufige Seufzer verriethen die Schwere seines Herzens. Er schiffte sich zu Cadix ein und landete mit seinem ganzen Gefolge und seinem Gepäcke an der Küste von Afrika, um die nöthigen Anordnungen in Bezug auf seine Statthalterschaft in diesem Lande zu treffen. Er vertheilte seine Herrschaft unter seine Söhne Abdelola und Meruan, deren erstern er in Tangier, den andern in Cairvan ließ. Nachdem er, wie er glaubte, auf diese Weise seiner Familie Macht und Wohlfahrt gesichert hatte, indem er alle seine Söhne als seine Stellvertreter in den von ihm eroberten Ländern zurückließ, reis'te er nach Syrien ab und nahm die kostbare Beute des Westen mit sich. Während Musa in dieser Art über seine Befehlshaberstellen verfügte und unter der Last der Schätze langsam gen Osten zog, zeigte sich der alte Tarek bei weitem rascher und eifriger, der Aufforderung des Kalifen zu entsprechen. Er wußte, wie wichtig es da, wo Klagen gehört werden sollten, sei, zuerst vor dem Richter zu erscheinen; überdies war er zu jeder Zeit und Stunde fertig und gerüstet zum Aufbruch, und hatte nichts, das ihn in seiner Eile hemmte. Die Beute, welche er seinen Eroberungen verdankte, hatte er entweder unter seine Krieger vertheilt, oder an Musa abgeliefert, oder mit seiner gewohnten verschwenderische Freigebigkeit verschleudert. Mit einem kleinen Gefolge langgedienter Krieger erschien er in Syrien, und hatte keine andere Trophäen vorzuzeigen, als seine zerschlagene Rüstung und einen mit Narben bedeckten Körper. Mit Begeisterung aber wurde er von der Menge empfangen, welche zusammenströmte, um einen jener Eroberer des Westen zu sehen, von deren wundervollen Thaten jede Zunge sprach. Sie hatte ihre Freude an seinem hageren kriegerischen Aussehen, seinen harten, sonneverbrannten Zügen und seinem schadhaften Auge zumal. »Heil und Segen,« rief die Menge, »dem Schwerte des Islam, dem Schrecken der Ungläubigen. Seht das wahre Vorbild eines Kriegers, welcher die Schätze verachtet und nichts sucht, als Ruhm.« Der Kalife empfing Tarek el Tuerto mit vieler Huld und verlangte von ihm Berichte über seine Siege. Tarek theilte eine kriegermäßige Erzählung von seinem Thun mit, offen und gradezu, ohne geheuchelte Bescheidenheit und auch ohne eitle Ruhmsucht. »Gebieter der Gläubigen,« sagte er, »ich bringe dir weder Silber, noch Gold, noch kostbare Steine, noch Gefangene; denn die Beute, welche ich nicht unter meine Soldaten vertheilte, übergab ich Musa, als meinem Befehlshaber. Welcher Art mein Benehmen gewesen, werden die ehrenhaften Krieger meines Heeres dir erzählen; ja, laß unsere Feinde, die Christen, fragen, ob ich mich jemals feig, oder grausam oder habgierig gezeigt habe.« »Welche Art Volk sind diese Christen?« fragte der Kalife. »Die Spanier,« sagte Tarek, »sind in ihren Vesten Löwen, in ihren Sätteln Adler, aber blose Weiber, wenn sie zu Fuß sind. Werden sie geschlagen, eilen sie, wie Ziegen, in ihre Gebirge zurück; denn wie diese, brauchen sie auf die Pfade, welche sie betreten, nicht zu achten.« »Und erzähle mir von den Mauren der Berberei!« »Sie gleichen den Arabern in dem Ungestüm und der Gewandtheit ihres Angriffs und in ihrer Kenntniß von den Kriegslisten; sie gleichen ihnen auch an Gesichtszügen, an Tapferkeit und Gastfreiheit; aber sie sind das treuloseste Volk auf der weiten Erde und achten nimmer auf ein gegebenes Versprechen oder ein verpfändetes Wort.« »Und das Volk von Afrank – was sagst du von ihm?« »Es ist unermeßlich an Zahl, rasch in seinem Angriff, ungestüm in der Schlacht, aber in der Flucht unordentlich und besinnungslos.« »Und wie erging es dir unter diesen Völkern – haben sie dich zuweilen besiegt und geschlagen?« »Nie, bei Allah!« rief Tarek el Tuerto mit edler Wärme, »nie hat eine meiner Fahnen das Schlachtfeld flüchtig verlassen. Obgleich der Feind doppelt so stark war, haben meine Moslemen nie den Kampf gemieden.« Der Kalife hatte seine Freude an der kriegerischen Gradheit des alten Tarek und erzeigte ihm große Ehre; und wo der alte Krieger erschien, war er der Abgott des Volkes. Vierzehntes Kapitel. Musa langt zu Damaskus an. – Seine Zusammenkunft mit dem Kalifen. – Salomon's Tafel. – Ein strenger Richterspruch. Kurz nach der Ankunft Tarek el Tuerto's zu Damaskus verfiel der Kalife in eine schwere Krankheit, die so gefährlich ward, daß man für sein Leben fürchtete. Während er so darnieder lag, kam die Nachricht, Musa Ben Nosair habe mit einem großen Reiterzuge die Gränzen von Syrien überschritten und bringe alle die in den westlichen Ländern, die er erobert, erbeuteten Schätze und Siegeszeichen mit sich. Nun war Soliman Ben Abdelmelek, der Bruder des Kalifen, dessen Thronfolger; und er sah, daß sein Bruder nicht lange zu leben hatte, und wünschte, den Antritt seiner Regierung durch dieses siegreiche Entfalten der Beute der Christenheit zu verherrlichen. Er schickte demnach Abgesandte zu Musa und ließ ihm sagen: »Der Kalife ist krank und kann dich jetzt nicht empfangen; ich ersuche dich, unterwegs zu zögern, bis er wieder hergestellt ist.« Musa achtete jedoch nicht auf die Botschaft Soliman's, sondern beschleunigte vielmehr seine Reise, um vor dem Tode des Kalifen einzutreffen. Und Soliman gedachte seines Benehmens in seinem Herzen. Musa betrat Damaskus sozusagen im Triumph, mit einem langen die Schätze tragenden Zuge von Pferden und Maulthieren und Kameelen, und mit den vierhundert Söhnen gothischer Edlen, welche er als Geiseln mitbrachte und deren Jeder mit einem Diadem und einem Gürtel von Gold geziert war, und mit hundert christlichen Mädchen, deren Schönheit alle Beschauer blendete. Während er durch die Straßen zog, ließ er der Menge schwere Börsen Goldes auswerfen, und das Volk erfüllte die Luft mit Jubelgeschrei. »Seht,« rief es, »den wahren Besieger der Ungläubigen. Seht das wahre Vorbild eines Eroberers, welcher Schätze in seine Heimath zurückbringt.« Und sie häuften Segnungen auf Musa's Haupt. Der Kalife Walid Almanzor erhob sich von seinem Krankenlager, um den Emir zu empfangen, welcher, als er sich in den Palast begab, einen der großen Höfe desselben mit Schätzen aller Art füllte; auch die Hallen wimmelten von den jungen prachtvoll gekleideten Geiseln und den christlichen Mädchen, welche schön waren, wie die Houris des Paradieses. Als der Kalife einen Bericht über die Eroberung Spaniens verlangte, ließ Musa seiner Beredtsamkeit vollen Lauf; bei der Schilderung der mannichfachen Siege erwähnte er aber des Namens Tarek nie, sondern sprach so, als sei Alles durch ihn selbst geschehen. Wie die Rede auf die den Christen abgenommene Beute kam, gab er sich das Ansehen, als hätte er Alles mit seinen eigenen Händen genommen; und als er dem Kalifen die wunderbare Tafel Salomon's überlieferte, verweilte er mit großer Lebendigkeit bei den Kräften dieses unschätzbaren Talismans. Darauf konnte Tarek, welcher gegenwärtig war, nicht länger schweigen. »Gebieter der Gläubigen!« sagte er, »untersuche diese kostbare Tafel und sieh, ob irgend etwas daran fehlt.« Der Kalife untersuchte die Tafel, welche aus einem einzigen Smaragd bestand, und er sah, daß der eine Fuß durch einen Fuß von Gold ersetzt war. Der Kalife wandte sich zu Musa und sprach: »Wo ist der andere Fuß der Tafel?« »Ich weiß es nicht!« antwortete Musa; »der eine Fuß fehlte, als die Tafel in meine Hände kam.« Darauf zog Tarek unter seinem Gewande einen Smaragdfuß, von gleicher Arbeit wie die übrigen und zu der Tafel vollkommen passend, hervor. »Sieh, Gebieter der Gläubigen,« rief er, »den Beweis, wer der wahre Finder dieser Tafel ist; und in gleicher Art verhält es sich mit dem größern Theil der Beute, welche Musa als Zeichen seiner Thaten vorgelegt hat. Ich habe diese Schätze erobert; ich habe die Städte eingenommen, in welchen sie gefunden worden sind. Glaubt ihr meinen Worten nicht, so fragt die hier anwesenden christlichen Ritter, welche ich fast sämmtlich zu Gefangenen gemacht habe; fragt jene sarazenischen Krieger, welche mich in meinen Schlachten unterstützten.« Musa war einen Augenblick verwirrt, versuchte aber bald, sich zu rechtfertigen. »Ich habe,« sagte er, »als der Oberbefehlshaber deiner Heere gesprochen, unter dessen Befehlen, unter dessen Fahnen die Eroberung vollendet worden ist. Die Thaten des Kriegers sind die Thaten des Befehlshabers. Man kann bei einem großen Siege nicht annehmen, daß der Befehlshaber des Heeres alle Gefangene selbst genommen, alle Erschlagene selbst getödtet, alle Beute selbst gesammelt hat, obgleich in dem Berichte seines Sieges all das aufgezählt wird.« Der Kalife zürnte aber und achtete auf seine Worte nicht. »Du hast deine eigenen Verdienste herausgehoben,« sagte er, »und die Verdienste Anderer vergessen; ja, du hast einen Andern, der sich um seinen Gebieter höchst verdient gemacht hat, herabzusetzen gesucht. Der Lohn deines Neides und deiner Habsucht komme auf dein Haupt!« So sprach er und bestimmte einen großen Theil der Beute dem wackern Tarek und den andern Häuptlingen, Musa aber gab er nichts; und der alte Emir zog sich unter dem Hohne und Murmeln der Anwesenden zurück. Wenige Tage darauf starb der Kalife Walid Almanzor, und sein Bruder Soliman folgte ihm in der Regierung. Dieser neue Herrscher hegte einen tiefen Haß gegen Musa, weil er, seinem Befehle entgegen, sich an den Hof seines Bruders verfügt hatte, und er lieh den Verläumdungen seiner Feinde ein bereitwilliges Ohr; denn Musa's Thaten waren zu glorreich gewesen, als daß er nicht viele Feinde hätte haben sollen. Alle faßten nun Muth, da sie sahen, daß er in Ungnade gefallen war, und sie häuften üble Nachreden auf sein Haupt, indem sie ihn anklagten, er habe einen großen Theil der dem Kalifen gehörigen Beute für sich behalten. Der neue Kalife lieh diesen Anklagen gern sein Ohr, und befahl ihm, Alles herauszugeben, was er in Spanien erobert habe. Musa hätte den Verlust seiner Reichthümer vielleicht mit standhafter Seele ertragen; aber die Schmälerung seines Ruhmes erfüllte sein Herz mit Bitterkeit. »Von meiner ersten Jugend an,« sagte er, »bin ich ein treuer Diener des Thrones gewesen, und jetzt, in meinem Alter, werde ich meiner Ehren entsetzt. An den Schätzen liegt mir nichts; aber man beraube mich der Ehre nicht, welche mir von Gott gekommen.« Dieses Murren erbitterte den Kalifen nur noch mehr, und er nahm ihm seine Befehlshaberstelle, zog sein ganzes Habe ein, legte ihm eine Buße von zweihunderttausend gewichtigen Goldstücken auf und befahl, daß er gepeitscht und der Mittagssonne ausgestellt und dann in das Gefängniß geworfen werden sollte Conde , p. I. cap. 17. – Der Verf. . Auch das Volk verspottete und verhöhnte ihn in seinem Elende, und als es ihn den Blicken aller Welt blosgestellt und in der Sonnengluth ohnmächtig werden sah, deutete es lachend auf ihn und rief aus: »Sieh da den Neiden und Lügner! Der ist's, der vorgab, er habe das Land der Ungläubigen erobert.« Fünfzehntes Kapitel. Benehmen des Abdalasis als Emir von Spanien. Während sich das Erzählte in Syrien begab, war der junge Abdalasis, der Sohn Musa's, als Emir oder Statthalter in Spanien geblieben. Er war edeln und wohlwollenden Charakters; allein er war auch offen und vertrauensvoll und wurde leicht durch die Ansichten derer, die er liebte, geleitet und beherrscht. Glücklicher Weise hatte, wie schon bemerkt worden, sein Vater, als er von ihm schied, als ersten und treusten Rathgeber den klugen Ayub, Musa's Neffen, bei ihm gelassen; durch seinen Rath geleitet, verwaltete er eine Zeitlang die öffentlichen Angelegenheiten des Landes mit Umsicht und Erfolg. Nicht lange nach der Abreise seines Vaters erhielt er ein Schreiben von ihm, welches er auf seiner Reise nach Syrien an ihn gerichtet hatte. Es war folgenden Inhalts. »Geliebter Sohn! Ehre deines Stammes! Allah schirme dich vor jeder Gefahr und jedem Ungemach! Höre die Worte deines Vaters!« »Meide jeden Verrath, wenn er auch großen Gewinn verspricht; traue dem nicht, der dir dazu räth, selbst wenn er dein Bruder wäre. Halte fern von dir die Gesellschaft von Verräthern; denn wie kannst du gewiß sein, daß der, welcher falsch gegen Andere war, gegen dich treu und wahr sein werde?« »Hüte dich, mein Sohn, vor der Verführung der Liebe. Sie ist eine eitle Leidenschaft, welche das Herz schwächt und das Urtheil blendet; sie macht den Mächtigen schwach und wandelt Fürsten in Sklaven um.« »Wenn du bemerkst, daß irgend eine Schwäche lasterhafter Art in deiner Natur aufkeimt, so reiße sie aus, welche Schmerzen es dir auch mache. Jeder Fehler kann, so lange er neu ist, leicht ausgejätet werden; läßt man ihn aber Wurzel fassen, so kömmt er in Blüthe und trägt Saamen und bringt hundertfältige Frucht.« »Folge diesem Rathe, Sohn meines Herzens, und du wirst glücklich sein.« Abdalasis dachte über dieses Schreiben nach; denn ein Theil desselben schien ein Geheimniß zu enthalten, welches er nicht im Stande war zu durchdringen. Er ließ seinen Verwandten und Rathgeber, den klugen Ayub, rufen. »Was beabsichtigt wohl mein Vater,« sagte er zu ihm, »damit, daß er mich vor Verrath und Verräthern warnt? Glaubt er, mein Charakter sei so gemein, daß ich zu solchen niedrigen Mitteln meine Zuflucht nehme?« Ayub las den Brief aufmerksam. »Dein Vater,« sagte er dann, »will dich vor den Verräthern Julian und Oppas, und vor denen aus ihrer Partei, welche dich umgeben, gewarnt wissen. Welche Liebe kannst du von Männern erwarten, welche unnatürlich an ihren Verwandten gehandelt haben? Welche Treue kannst du von Elenden erwarten, die ihr Vaterland verrathen haben?« Abdalasis war mit dieser Auslegung zufrieden. Der Verkehr mit diesen Männern war ihm seit langer Zeit zuwider gewesen; denn ein offener und edler Charakter verabscheut nichts mehr, als Falschheit und Verrath. Auch die Klugheit forderte ihre Mitwirkung ferner nicht mehr; ihr schmachvolles Werk war vollbracht; sie hatten jetzt kein Vaterland mehr zu verrathen: aber sie konnten wieder wechseln und ihre bisherigen Freunde verrathen. Abdalasis entfernte sie daher von seinem Hofe und brauchte sie zu solchen Diensten, wo sie nicht schaden konnten; auch empfahl er seinen Untergebenen, daß sie sich in jeder Weise ihres Einflusses entschlagen und ihrer Hülfe niemals bedienen sollten. Er vertraute nun ganz und allein auf seine arabischen Schaaren und auf die maurischen Krieger Afrika's, und durch ihre Hülfe vollendete er die Eroberung Lusitania's bis zu den äußersten Theilen Algarbiens, oder des Westen, und selbst zu den Gestaden des großen »Oceanischen Meeres.« Algarbe oder Algarbien bedeutet im Arabischen den Westen, so wie Azarkia den Osten, Agulfia den Norden und Aquibla den Süden. Dies wird einige geographische Bezeichnungen der Halbinsel erklären helfen, welche offenbar arabischen Ursprungs sind. – Der Verf. Von hier sandte er seine Oberbefehlshaber aus, um alle jene öden und wilden Sierras, welche wie Bollwerke die Meeresküste der Halbinsel entlang sich erheben, zu ersteigen und sie zu säubern. Und sie trugen die Fahne des Islam im Triumphe selbst bis zu den Gebirgen Biscaya's und sammelten alle Arten von kostbarer Beute. »Es ist nicht genug, Abdalasis,« sagte Ayub, »daß wir dieses Land mit dem Schwerte erobern und beherrschen. Wenn wir wollen, daß unsere Herrschaft von Dauer sei, müssen wir die Künste des Friedens pflegen und das Vertrauen des Volkes uns sichern, das wir besiegt haben, und sein Wohlergehen fördern.« Abdalasis gefiel dieser Rath, welcher mit seinem eigenen wohlwollenden Charakter so sehr übereinstimmte. Er bemühte sich daher, das Wirre und Stürmische des Kampfes niederzuschlagen, verbot unter den schärfsten Strafen jede muthwillige Bedrückung oder Plünderung und schützte die alten Einwohner des Landes in dem Genusse und in dem Anbau ihrer Besitzungen und in der Pflege aller nützlichen Gewerbe und Künste. Auch ermuthigte er auf Ayub's Rath eine große Menge thätiger Mauren und Araber, aus Afrika einzuwandern, und gab ihnen Ländereien und Wohnungen und führte so eine friedliche mahometanische Bevölkerung in die eroberten Provinzen ein. Die gute Wirkung der Rathschläge Ayub's zeigte sich bald. Statt eines plötzlich erwachsenden, aber vorübergehenden Reichthums, welcher durch den Ruin des Landes erworben wurde und die Provinzen verarmte, ergab sich ein regelmäßiges, dauerndes Einkommen, das durch das wiederbelebte Gedeihen des Volkes erzeugt und ohne Gewalt eingezogen wurde. Abdalasis ließ die Abgaben durch öffentliche Beamten, welche zu diesem Zwecke in allen Provinzen angestellt wurden, redlich einsammeln und in dem Schatze niederlegen; und das Ganze wurde durch zehn Abgeordnete nach Damaskus geschickt, um dem Kalifen überbracht zu werden – nicht als die Beute aus einem besiegten Lande, sondern als die friedlichen Trophäen einer weise geleiteten Verwaltung. Die gemeine Schaar kriegerischer Abenteurer, die blosen Leute vom Säbel, welche sich des Raubs und der Plünderung wegen in Haufen nach Spanien gedrängt hatten, waren sehr unzufrieden, als sie sich auf diese Weise in ihrem Thun gehemmt sahen und sich überzeugten, die Herrschaft des Schreckens und der Gewalt nahe ihrem Ende. »Was ist dies für ein Häuptling,« sagten sie, »der uns verbietet, bei den Feinden des Islam Beute zu sammeln und uns des Landes zu erfreuen, welches wir den Ungläubigen entrissen haben?« Auch die Anhänger Julian's ließen es nicht an Verläumdungen und Einflüsterungen fehlen. »Seht,« sprachen sie, »mit welcher Güte er die Feinde eures Glaubens behandelt! Alle die Christen, welche die Waffen gegen euch getragen und sich eurem Eintritte in das Land widersetzt haben, werden begünstigt und geschützt; es reicht aber hin, daß ein Christ sich der Sache des Islam geneigt zeigte, um ihn von Abdalasis zur Verfolgung ausgewählt und mit Hohn aus seinen Augen verbannt zu sehen.« Diese Einflüsterungen steigerten das Mißvergnügen jener ungestümen und räuberischen Moslemen; aber alle Freunde des Friedens und der Ordnung und guten Verwaltung zollten der Mäßigung des jungen Emirs ihren Beifall. Sechszehntes Kapitel. Abdalasis' und Exilona's Liebe. Abdalasis hatte zum Sitze der Regierung Sevilla gewählt, da die Lage dieser Stadt einen leichten und häufigen Verkehr mit den Küsten von Afrika sicherte. Sein Palast war von edler Bauart und mit reizenden Gärten geschmückt, welche sich bis zu den Ufern des Guadalquivir ausdehnten. In einem Theile dieses Palastes wohnten viele der schönsten christlichen Fräulein und Frauen, welche als Gefangene oder vielmehr als Geiseln zurückbehalten wurden, um die Ruhe des Landes zu sichern. Die, welche edeln Standes waren, lebten in Ueppigkeit und Pracht; man gab ihnen Sklavinnen, welche sie bedienen mußten, und sie kleideten sich in die reichsten Gewänder und schmückten sich mit den kostbarsten Kleinodien. Die von zartem Alter wurden in Allem, was ihr Stand forderte, unterrichtet, und selbst, wenn Arbeiten gefordert wurden, waren es Arbeiten der zierlichsten und angenehmsten Art. Sie stickten, sangen, tanzten und verbrachten ihre Zeit in heiterer Ergötzlichkeit. Viele wurden durch diese leichte und üppige Lebensweise eingelullt; die Schreckens-Scenen, welche sie überstanden hatten, erloschen nach und nach in ihrem Gedächtnisse, und der Wunsch erwachte oft in ihnen, die Augen ihrer Besieger auf sich zu ziehen. Nach Abdalasis' Rückkehr aus seinem Feldzug in Lusitania und während der Stunden, die er keinem öffentlichen Geschäfte zu weihen hatte, erheiterte er sich in der friedlichen Stille dieses Palastes und in der Gesellschaft seiner christlichen Gefangenen. Er bemerkte eine unter ihnen, welche stets abgesondert saß und nie an den Arbeiten, noch an den Vergnügungen ihrer Gefährtinnen Theil nahm. Sie war stolzer Haltung, und die Uebrigen zollten ihr stets hohe Achtung; der Kummer hatte aber ihren Reizen eine große Milde gegeben und ihre Schönheit ergreifend für das Herz gemacht. Abdalasis fand sie eines Tags mit ihren Gefährtinnen in den Gärten. Sie hatten sich das Haupt mit Blumen geschmückt und sangen die Lieder ihres Landes; aber sie saß allein und weinte. Den jungen Emir rührten ihre Thränen, und er näherte sich ihr mit freundlichen Worten. »O schönste der Frauen!« sagte er, »warum weinst du und warum ist dein Herz betrübt?« »Ach,« erwiederte sie, »habe ich nicht Ursache zu weinen, wenn ich meiner traurigen Lage gedenke und der Höhe, von welcher man mich gestürzt hat? Du siehst in mir die unglückliche Exilona, vor kurzer Zeit noch die Gemahlin Don Roderich's und die Königin Spaniens, und nun eine Gefangene und Sklavin!« Nachdem sie diese Worte gesagt, heftete sie ihre Augen zu Boden, und ihre Thränen begannen von Neuem zu fließen. Abdalasis' edle Gefühle wurden durch den Anblick der schönen, weinenden Königin erregt. Er befahl, Exilona in einer ihrem früheren Range angemesseneren Weise zu behandeln; seinen Anordnungen zufolge mußte eine Schaar von Dienerinnen ihrer Wünsche harren und eine Ehrenwache sie vor dem Zutritte Unberufener schützen. Jede Stunde, die er von den öffentlichen Geschäften erübrigen konnte, brachte er in ihrer Gesellschaft hin; ja, er vernachlässigte seinen Divan und ließ seine Räthe vergeblich harren, während er in den Gemächern und Gärten des Palastes weilte und der süßen Stimme Exilona's lauschte. Der weise Ayub sah die Gefahr, in welche sich Abdalasis begab. »O Abdalasis,« sagte er, »erinnere dich der Worte deines Vaters: »»Hüte dich, mein Sohn, vor den Verführungen der Liebe! Sie macht den Mächtigen schwach und wandelt Fürsten in Sklaven um.«« Das waren die Worte des Schreibens.« Schamröthe überzog Abdalasis' Wangen, und er schwieg einen Augenblick. »Warum,« sagte er endlich, »suchst du mich solcher Schwäche zu bezüchtigen? Von den Reizen eines Weibes bezaubert sein, ist etwas ganz Anderes, als durch ihr Unglück gerührt zu werden. Meine Stellung verlangt es, daß ich eine Fürstin tröste, welche durch die Siege unserer Waffen die größte Demüthigung erfahren hat. Indem ich dies thue, höre ich nur auf das Gebot wahrer Großmuth.« Ayub schwieg, aber seine Stirne war umwölkt, und zum ersten Male schied Abdalasis unzufrieden von seinem Rathgeber. Je unzufriedener er mit sich und Andern war, desto eifriger suchte er die Gesellschaft der schönen Exilona; denn in ihrer Unterhaltung war ein Zauber, der jeden Kummer verbannte. Er wurde täglich verliebter, und Exilona hörte allmählig auf zu weinen und begann, mit heimlicher Freude auf die Worte ihres arabischen Freundes zu lauschen. Als er jedoch auf seine Leidenschaft hindeutete, gedachte sie der geringen Achtung, welche die Anhänger Mahomed's ihrem Geschlechte zu erweisen pflegten, und ihr Antlitz wurde ernst und streng. »Das Schicksal,« sagte sie, »hat mich dir zu Füßen geworfen; sieh, ich bin deine Gefangene – deine Beute. Obgleich aber meine Person in deiner Gewalt ist, so ist meine Seele doch unbesiegt; und du mußt wissen, daß ich, wenn es mir auch an Kraft fehlt, meine Ehre zu schützen, doch Entschlossenheit genug habe, jeden Mackel derselben mit meinem Blute abzuwaschen. Ich vertraue jedoch in deine edle Sitte als Ritter, daß du mich in meinem Unglücke achtest, indem du gedenkst, wer ich gewesen, und daß, obschon die Krone von meinem Haupte gerissen worden, das königliche Blut noch warm in meinen Adern fließt. Faxardo , Corona gothica. T. I. p. 492. – Juan Mariana , De Rebus Hispan. l. VI. c. 27. – Der Verf. Exilona's erhabener Geist und ihre stolze Sprödigkeit dienten nur dazu, Abdalasis' Leidenschaft zu erhöhen. Er bat sie, ihr Schicksal mit dem seinigen zu vereinigen und seine Macht und Herrschaft zu theilen, indem er ihr versprach, sie werde in seinem Herzen keine Nebenbuhlerin oder Mitgenossin haben. Welche Zweifel auch die gefangene Königin ursprünglich gegen eine Verbindung mit einem der Besieger ihres Gemahls und mit einem Feinde des von ihr angenommenen Glaubens, gehegt haben mogte, – sie wurde leicht zerstreut, und Exilona wurde Abdalasis' Verlobte. Gern hätte er sie überredet, zu dem Glauben ihrer Väter zurückzukehren; allein, obgleich sie maurischen Ursprungs und in den Lehren des Islam auferzogen worden war, hatte sie sich doch dem christlichen Glauben zu innig hingegeben und blickte mit Widerwillen auf eine Religion, welche dem Manne gestattete, mehrere Frauen zu haben. Als der weise Ayub den Entschluß Abdalasis' vernahm, Exilona zu ehelichen, gerieth er in Verzweiflung. »Ach, mein Vetter!« sagte er: »wie bist du geblendet und bezaubert! Hast du das Schreiben deines Vaters gänzlich vergessen? »»Hüte dich, mein Sohn, vor der Liebe; sie ist eine eitle Leidenschaft, welche das Herz schwächt und das Urtheil blendet.«« So lauteten die Worte deines Vaters –« Aber Abdalasis unterbrach ihn ungeduldig und sagte: »Mein Vater sprach nur von dem Zauber üppiger Liebe, und gegen diese bin ich durch meine tugendhafte Neigung zu Exilona gesichert.« Ayub hätte ihm gern die Gefahren vorgestellt, welchen er sich unterzog, indem er den Verdacht des Kalifen und die Unzufriedenheit der Moslemen durch eine Heirath mit der Gemahlin des besiegten Königs Roderich und mit einer Feindin der Religion Mahomed's erregen mußte; aber der jugendliche Liebende hörte nur auf seine Leidenschaft. Die Vermählung wurde zu Sevilla mit großem Prunk und mit vielen Festen gefeiert, und Abdalasis gab seiner Gemahlin den Namen Omalisam, das heißt »das Köstlichste der Juwelen;« aber sie behielt bei den Christen fortwährend den Namen Exilona. Conde , p. I. cap. 17. Siebenzehntes Kapitel. Abdalasis' und Exilona's Schicksal. – Musa's Tod. Der Besitz kühlte Abdalasis' Leidenschaft nicht ab, sondern erhöhte nur ihre Gewalt; er wurde in seine Gemahlin blind verliebt und zog sie bei allen Dingen zu Rath; ja, da er allen Gefallen an dem Rathe des weisen Ayub verloren hatte, wurde er selbst in Regierungsangelegenheiten von dem Rathe der Exilona geleitet. Diese schöne Frau war unglücklicher Weise ein Mal Königin gewesen und konnte des Verlustes ihres königlichen Glanzes nur mit Leidwesen gedenken. Sie sah, daß Abdalasis große Gewalt in dem Lande hatte, – größere selbst, als die gothischen Könige besessen; allein es schien ihr, als wenn dieser Gewalt der wahre Glanz fehlte, so lange das äußere Zeichen der königlichen Würde ihre Stirne nicht umwand. Als sie eines Tages in dem Palast zu Sevilla in traulicher Einsamkeit waren, und Abdalasis' Herz sich der Zärtlichkeit hingab, redete sie ihn mit innigen, aber schüchternen Worten an. »Wird mein Gemahl nicht zürnen,« begann sie, »wenn ich mit einer unwillkommenen Bitte nahe?« Abdalasis betrachtete sie lächelnd. »Was kannst du von mir verlangen, Exilona,« sagte er, »dessen Gewährung mich nicht glücklich machte?« Exilona zeigte ihm nun eine goldene, von Kleinodien strahlende Krone, welche dem Könige Don Roderich gehört hatte, und sagte: »Sieh, deine Macht ist die eines Königs; erscheine auch äußerlich als solcher. Es ist Majestät und Glorie in einer Krone; sie gibt der Macht Weihe und Heiligkeit.« Sie setzte nun die Krone auf sein Haupt und hielt ihm einen Spiegel vor, auf daß er die Majestät seiner Erscheinung schauen möge. Abdalasis schalt sie zärtlich und legte die Krone weg; Exilona aber bestand auf ihrer Bitte. »Nie,« sprach sie, »war ein König in Spanien, der nicht eine Krone getragen hätte.« So ließ sich denn Abdalasis durch die Schmeicheleien und Liebkosungen seiner Gemahlin täuschen und mit der Krone und dem Scepter und den übrigen königlichen Insignien bekleiden. Chron. gen. de Alonzo el Gabio , p. 3. – J. Mariana , De Reb. Hisp. lib. VI. c. 27. – Conde , p. I. cap. 19. – Der Verf. Alte und umsichtige Geschichtschreiber behaupten, Abdalasis habe blos in dem Innern seines Palastes die Abzeichen der Königswürde getragen und nur, um das Auge seiner jugendlichen Gemahlin zu erfreuen. Wann war aber jemals ein Geheimniß innerhalb der Mauern eines Palastes geblieben? Bald verbreitete sich das Gerücht, Abdalasis habe sich mit den Insignien der alten gothischen Könige geschmückt, und der lebhafteste Verdacht wurde rege. Bereits waren die Moslemen eifersüchtig auf den mächtigen Einfluß dieses schönen Weibes, und man behauptete jetzt mit Zuversicht, Abdalasis sei, durch ihre Ueberredungen gewonnen, heimlich zur christlichen Religion übergetreten. Abdalasis' Feinde, sie, deren Habgier und Raubsucht in dem Wohlwollen seiner Regierung ein mächtiges Hinderniß sah, ergriffen diese Gelegenheit, ihn zu verderben. Sie sandten Briefe nach Damaskus, klagten ihn des Abfalls vom Glauben an und beschuldigten ihn der Absicht, sich in Folge des Rechtes seiner Gemahlin Exilona, als Wittwe des letzten gothischen Königs, des Thrones zu bemächtigen. Man setzte hinzu, die Christen seien gerüstet, unter seine Fahnen zu eilen, da dies das einzige Mittel sei, in ihrem Lande wieder das Uebergewicht zu erlangen. Diese Nachrichten kamen gerade nach der Thronbesteigung des blutgierigen Soliman und während der ärgsten Verfolgung des unglücklichen Musa nach Damaskus. Der Kalife wartete nicht auf Beweise, welche diese Anklagen hätten stützen können. Er sandte augenblicklich geheime Befehle ab, Abdalasis zu morden und dasselbe Loos seine zwei Brüder, welche Statthalterstellen in Afrika hatten, theilen zu lassen, als das sicherste Mittel, die Verschwörung dieser ehrgeizigen Familie zu nichte zu machen. Der Befehl, Abdalasis zu tödten, wurde an Abhilbar Ben Obeidah und Zeyd Ben Nabegat gesandt, welche Beide innige Freunde Musa's waren und mit seinem Sohne als Freunde und Waffengenossen gelebt hatten. Als sie das unglückliche Pergament lasen, fiel die Rolle aus ihren zitternden Händen. »Kann eine solche Feindschaft gegen die Familie Musa's bestehen?« riefen sie: »ist dies der Lohn für solche große und glänzende Dienste?« Die Ritter standen eine Zeit lang starr vor Schrecken und Bestürzung. Der Befehl war aber bestimmt, und es blieb ihnen keine Wahl. »Allah ist groß,« sagten sie, »und gebietet uns, unserm Kalifen zu gehorchen.« So schickten sie sich an, den blutigen Befehl mit der blinden Treue der Moslemen zu vollstrecken. Es war nothwendig, mit Vorsicht zu Werk zu gehen. Der offene und großmüthige Charakter des jungen Emirs hatte ihm die Herzen der Mehrzahl der Krieger gewonnen, und seine Pracht gefiel den Rittern, welche seine Wache ausmachten; man mußte daher fürchten, jeder Versuch gegen sein Leben würde einen blutigen Widerstand finden. Der gemeine Haufe war aber erbittert gegen ihn, weil er dessen Raubsucht gezügelt hatte, und weil sie glaubten, er sei in seinem Herzen ein Glaubensabtrünniger, der es heimlich darauf anlege, sie an die Christen zu verrathen. Während daher die beiden Ritter sorgfältige Anordnungen trafen, um jede Bewegung von Seiten der Krieger zu hindern, ließen sie die blinde Wuth des Pöbels los, indem sie den unglücklichen Befehl bekannt machten. Augenblicklich gerieth die Stadt in Gährung, und es entstand ein wilder Wetteifer, wer der Erste wäre, den Befehl des Kalifen zu vollstrecken. Abdalasis war zu dieser Zeit, nicht fern von Sevilla, auf dem Lande, in einem Palaste, welcher eine entzückende Aussicht auf die fruchtbare Ebene des Guadalquivir darbot. Hierher pflegte er sich aus dem wirren Tumult des Hofes zu flüchten, und hier brachte er seine Zeit in Lustwäldern und an rieselnden Bächen und in der süßen Stille der Gärten mit Exilona hin. Es war in der Morgenstunde, zur Zeit des Frühgebets, als der wüthende Pöbel diesen Sommerpalast erreichte. Abdalasis brachte eben in einer kleinen Moschee, welche er für das umwohnende Landvolk hatte bauen lassen, sein Morgengebet dar. Exilona war in einer Kapelle in dem Innern des Palastes, wo ihr Beichtvater, ein frommer Mönch, die Messe las. Beide wurden in ihrer Andacht überrascht und von den Pöbelschaaren herausgeschleppt. Einige Wachen, welche in dem Palaste aufgestellt waren, würden wackern Widerstand geleistet haben; allein der Anblick des schriftlichen Befehls des Kalifen entwaffnete sie. Die Gefangenen wurden im Triumphe nach Sevilla geführt. Alle wohlthätigen Tugenden Abdalasis' waren vergessen, und Exilona's Reize vermogten nicht im Geringsten, die Herzen der rohen Masse zu besänftigen. Die thierische Gier, Blut zu vergießen, welche der menschlichen Natur anzukleben scheint, war erwacht, und wehe den Opfern, wenn diese Gier durch Religionshaß angefeuert wird! Das edle Paar, mit aller Anmuth der Jugend und Schönheit geschmückt, wurde zu einem Blutgerüste auf den großen Platz zu Sevilla geschleppt und inmitten des Jubels und der Verwünschungen einer bethörten Menge enthauptet. Ihre Leichen blieben auf dem Boden liegen und würden von den Hunden zerrissen worden sein, wären sie nicht bei Nachtzeit durch irgend eine freundliche Hand weggebracht und in einem der Höfe ihres früheren Palastes ärmlich begraben worden. So endigten Liebe und Leben von Abdalasis und Exilona im Jahre nach der Geburt Christi siebenhundertvierzehn. Ihre Namen wurden als die von Märtyrern des christlichen Glaubens heilig gehalten; Viele aber erkennen in ihrem frühzeitigen Tode eine Lehre gegen Ehrgeiz und eitlen Ruhm, da sie die wirkliche Macht und begründete Gewalt dem glänzenden Spielwerk einer Krone geopfert hatten. Abdalasis' Haupt wurde einbalsamirt, in einem Schreine verschlossen und dem grausamen Soliman nach Syrien geschickt. Der Bote, welcher es trug, holte den Kalifen auf einer Pilgerfahrt nach Mekka ein. Musa war unter den Höflingen seines Gefolges, da man ihn aus dem Gefängnisse befreit hatte. Als der Tyrann den Schrein öffnete und dessen Inhalt sah, funkelten seine Augen vor boshafter Freude. Er rief den unglücklichen Vater an seine Seite und sagte: »Musa, kennst du dieses Haupt?« Der Greis erkannte die Züge seines geliebten Sohnes, und wandte sein Antlitz erschreckt ab. »Ja, ich erkenne es wohl!« versetzte er, »und Gottes Zorn treffe den, der einen bessern Mann, als er selbst ist, zu Grund gerichtet hat.« Ohne ein anderes Wort hören zu lassen, begab er sich, eine Beute der verzehrenden Schwermuth, auf den Berg Deran. Bald darauf erhielt er Kunde von dem Tode seiner zwei Söhne, welche er als Statthalter des westlichen Afrika's zurückgelassen hatte, und die als Opfer des eifersüchtigen Argwohns des Kalifen gefallen waren. Sein vorgerücktes Alter konnte diesen wiederholten Schlägen nicht widerstehen; er vermogte den gänzlichen Untergang seines vor Kurzem noch so glänzenden Stammes nicht zu überleben und sank in sein Grab, kummerbeladen und gebrochenen Herzens. Das war das beklagenswerthe Ende des Eroberers von Spanien, dessen große Thaten nicht hinreichten, um in den Augen seines Gebieters eine Schwäche zu sühnen, welcher jeder Ruhmsüchtige unterworfen ist, und dessen Siege zuletzt Verfolgung über ihn und frühzeitigen Tod über seine Kinder brachten. Hier endigt die Erzählung von der Unterjochung Spaniens. Erzählung vom Grafen Julian und seiner Familie. In den vorstehenden Erzählungen ist die wahre Geschichte des Unglücks von Spanien nach ihren düsteren Zügen dargestellt worden. Es ist dies eine Geschichte voll gesunder Moral; sie tadelt die Ungebühr des menschlichen Stolzes und die Eitelkeit des menschlichen Ehrgeizes und zeigt die Hinfälligkeit aller Größe, so fern diese nicht auf Tugend fest begründet ist. Wir haben gesehen, wie in einem sehr kurzen Zeitraume die meisten Helden dieses historischen Dramas, einer nach dem andern, von der Schaubühne verschwanden, und wie Besieger und Besiegte mit einander in das düstere, ruhmlose Grab hinabstiegen. Wir schließen nun diese begebnißreiche Geschichte damit, daß wir den Lesern, gleichsam als eine Warnungstafel, das Schicksal des Verräthers vorhalten, dessen schmachvolle Rache das Verderben über sein Vaterland gebracht hat. Der Nachrichten von dem Schicksale des Grafen Julian und seiner Familie sind in den alten Chroniken viele und mannichfaltige zu finden, und zahlreich sind die Sagen, welche über diesen Gegenstand noch heut zu Tage unter dem spanischen Volke gäng und gebe sind und in jenen unzählbaren Romanzen fortleben, welche der Landmann und der Maulthiertreiber singt, und die einen so namenlosen Reiz über das Ganze dieses romantischen Landes verbreiten. Wer Spanien in der echten Weise durchwandert hat, wie dieses Land durchwandert werden muß; – wer in seinen entlegenen Provinzen sich aufgehalten, die wilden Bergpässe und die stillen Gebirgsthälchen durchzogen und sich mit dem Volke in den von den Straßen entfernten Dörfern und selten besuchten Gegenden bekannt gemacht hat, wird sich mancher Gruppe von Reisenden und Maulthiertreibern erinnern, welche sich am Abend um die Thüre oder den geräumigen Kamin einer Bergventa versammelten, in ihre braunen Mäntel gehüllt und mit ernster, tiefer Stille der langen geschichtlichen Romanze irgend eines Bänkelsängers lauschend, welche er entweder mit wahrem ore rotundo und den harmonischen Cadenzen der spanischen Aussprache vortrug oder zu dem Klimpern der Guitarre sang. – Auf diese Weise wird er das klägliche Ende des Grafen Julian und seiner Familie in sagenhaften Reimen erzählen gehört haben, welche sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt haben. Die Einzelnheiten in Bezug auf folgende wundersame Erzählung jedoch sind aus den Schriften des Pseudo-Mauren Rasis genommen. Es ist unmöglich, nun als sicher herzustellen, ob sie wirklich als historische Thatsachen betrachtet werden können; wir müssen uns daher begnügen, wenn sie den Anforderungen poetischer Gerechtigkeit entsprechen. Bis jetzt war für Grafen Julian noch Alles glücklich ausgefallen. Er hatte seine Rache befriedigt; er war in seinem Verrathe mit Erfolg gekrönt worden, und hatte zahllose Schätze aus dem Sturze seines Vaterlandes gezogen. Aber das äußere Glück bedingt das innere Wohlergehen nicht. Der Baum trägt oft Früchte und Laub, und doch fault und verwittert er in seinem innersten Mark. Wohin Graf Julian kam, las er in jedem Auge Haß und Abscheu. Die Christen fluchten ihm als der Ursache aller ihrer Leiden, die Moslemen verachteten ihn und mißtrauten ihm als einem Verräther. Die Männer flüsterten mit einander, wenn er sich näherte, und dann wandten sie sich verächtlich weg; die Mütter entrissen ihm ihre Kinder mit Schauder, wenn er sie liebkosen wollte. Er brach zusammen unter dem Fluche seiner Mitmenschen und begann – das Letzte und das Schlimmste – sich selbst zu verabscheuen. Vergeblich versuchte er, sich zu überreden, er habe nur eine gerechte Rache geübt: er fühlte, daß keine persönliche Beleidigung das Verbrechen des Verraths an dem Vaterlande rechtfertigen kann. Eine Zeitlang suchte er in üppigem Leben das Elend seiner Seele zu beschwichtigen oder zu vergessen. Er umgab sich mit jedem Genuß, mit jeder Freude, welche ein unerschöpflicher Reichthum sich verschaffen kann; allein Alles umsonst. Er hatte keinen Geschmack an den Leckerbissen seiner Tafel; in der Musik war kein Zauber, der seine Seele einlullen konnte, und die Gewissensbisse scheuchten den Schlaf von seinem Kissen. Er sandte nach Ceuta und ließ seine Gemahlin Frandina, seine Tochter Florinda und seinen jungen Sohn Alarbot holen; denn er hoffte, im Schoose seiner Familie würde er jene Sympathie, jene Freundlichkeit finden, welche er fortan in der Welt vergeblich suchte. Ihre Anwesenheit brachte ihm aber keine Linderung. Florinda, die Tochter seines Herzens, um derentwillen er diese schreckliche Rache geübt hatte, sank als ein Opfer der Wirkung eben dieser Rache. Wohin sie ging, hörte sie einen Beinamen der Schmach und des Vorwurfs. Die Kränkung, welche sie hatte dulden müssen, wurde ihr als Leichtsinn ausgelegt, und ihr Unglück wurde zu einem Verbrechen vergrößert. Die Christen gedachten ihres Namens nie ohne einen Fluch, und die Moslemen, welche durch ihr Ungemach gewonnen hatten, sprachen von ihr nur unter dem Namen Cava, dem niedrigsten Beinamen, den sie einem weiblichen Wesen beilegen konnten. Aber die Schmähung der Welt war nichts gegen die Vorwürfe ihres eigenen Herzens. Sie klagte sich des ganzen Elends dieser unseligen Kriege, des Mordes so vieler tapfern Ritter, der Eroberung und des Untergangs ihres Vaterlandes an. Die Qualen ihres Geistes nagten an der Schönheit ihres Körpers. Ihr Auge, einst so sanft und zärtlich in seinem Ausdrucke, wurde wild und unstät; ihre Wangen verloren ihre Röthe und wurden blaß und hohl, und zuweilen war etwas Verzweifelndes in ihren Worten. Wenn ihr Vater sie umarmen wollte, entwand sie sich schaudernd seinen Armen; denn sie gedachte seines Verrathes und des Unglücks, das er über ihr Vaterland gebracht. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimath wurde ihr Zustand stets trostloser, und eine Art Wahnsinn bemächtigte sich ihrer. Als sie eines Tages mit ihren Aeltern in dem Garten ihres Palastes lustwandelte, trat sie in einen Thurm und stieg, nachdem sie das Thor verriegelt, zu den Zinnen empor. Von hier rief sie ihnen in herzzerreißenden Tönen zu, in welchen sich ihre unerträgliche Qual und ihr verzweifelter Entschluß aussprach. »Laßt diese Stadt,« rief sie, »von nun an Malacca heißen, zum Andenken des unglücklichsten weiblichen Wesens, das darinnen ihre Tage endigte.« Bei diesen Worten stürzte sie sich häuptlings vom Thurme und wurde in Stücke zerschmettert. Die Stadt, fügt der Chronikenschreiber hinzu, nahm den ihr auf diese Weise gegebenen, obgleich durch die Aussprache in Malaga gemilderten Namen an, welchen sie, zum Andenken an das tragische Ende Florinda's, noch führt. Die Gräfin Frandina verließ diesen Schauplatz des Schreckens und kehrte, von ihrem jungen Sohne begleitet, nach Ceuta zurück. Sie nahm die Ueberbleibsel ihrer unglücklichen Tochter mit sich und ließ sie in einem Mausoleum, das zur Kirche der Veste gehörte, ehrenvoll beisetzen. Graf Julian reiste nach Cartagena ab, wo er, in Schauder über dieses klägliche Ereigniß versunken, fortan lebte. Um diese Zeit hatte der grausame Soliman, nachdem er die Familie Musa's vernichtet, einen arabischen Feldherrn, Alahor genannt, nach Spanien gesendet, um Abdalasis als Emir oder Statthalter des Landes zu ersetzen. Dieser neue Emir war von grausamem und argwöhnischem Charakter und trat sein Amt mit einer herben Strenge an, welche die [Menschen] unter seinem Befehle mit Leidwesen auf den leichten Scepter des Abdalasis zurückblicken ließ. Mit mißtrauischen Augen betrachtete er die abtrünnigen Christen, welche die Eroberung des Landes gefördert hatten und nun in dem Dienste der Moslemen die Waffen trugen; aber sein schwerster Verdacht fiel auf den Grafen Julian. »Er war ein Verräther an seinem eigenen Vaterlande,« sagte er; »wie können wir gewiß sein, daß er sich nicht als Verräther an uns erweise?« Ein plötzlicher Aufstand der Christen, welche sich in die asturischen Gebirge geflüchtet hatten, gab seinem Argwohn neue Nahrung und flößte ihm Furcht vor einer gefährlichen Verschwörung gegen seine Macht ein. Seine Besorgnisse hatten ihren Höhepunkt erreicht, als er sich eines arabischen Weisen, Namens Yuza, erinnerte, welcher mit ihm aus Afrika gekommen war. Dieser Sohn der Weisheit war von verwitterter Gestalt und sah aus, als hätte er die gewöhnlichen Gränzen des sterblichen Lebens längst überschritten. In dem Verlaufe seiner Studien und Reisen in dem Morgenlande hatte er die Kenntnisse und Erfahrungen von Jahrhunderten gesammelt, sich mit der Sternkunde und, wie man erzählt, auch mit der Zauberei bekannt gemacht und besaß die wunderbare Gabe der Wahrsagung. An diesen Ausleger der Mysterien wandte sich Alahor, um zu erfahren, ob irgend ein geheimer Verrath seiner Sicherheit Gefahr drohe. Der Sternkundige lauschte mit hoher Aufmerksamkeit und finstrer Stirne auf alle die Besorgnisse und Befürchtungen des Emirs; dann schloß er sich ein, um seine Bücher zu Rath zu ziehen und mit jenen übernatürlichen Mächten in Verkehr zu treten, welche seiner Weisheit dienstbar waren. Zu der bestimmten Stunde besuchte der Emir ihn in seiner Zelle. Sie war mit dem Dufte von Wohlgerüchen erfüllt; auf dem Boden waren Vierecke und Kreise und mannichfache Figuren gezeichnet, und der Sterndeuter war in eine Pergament-Rolle vertieft, welche mit kabbalistischen Zeichen bedeckt war. Er empfing Alahor mit einer düstern, finstern Miene, und deutete ihm an, er habe schreckliche Vorzeichen am Himmel entdeckt und seltsame Träume und geheimnißvolle Gesichte gehabt. »O Emir.« sagte er, »sei auf deiner Hut! Der Verrath umgibt dich und lauscht auf deinen Wegen. Dein Leben ist in Gefahr. Hüte dich vor dem Grafen Julian und den Seinigen.« »Genug!« sprach der Emir; »sie sollen alle sterben – Aeltern und Kinder – Alle sollen sterben!« Er sandte sofort eine Aufforderung an den Grafen Julian, zu Cordova vor ihm zu erscheinen. Der Bote fand ihn in Gram über den neulichen Tod seiner Tochter versenkt. Der Graf entschuldigte sich, wegen des Unglücks, das ihn getroffen, nicht persönlich dem Befehle nachkommen zu können, schickte aber mehrere seiner Anhänger. Sein Zaudern und der Umstand, daß er seine Familie jenseits der Meerenge gesandt hatte, galten in dem argwöhnischen Gemüthe des Emirs für die vollsten Beweise der Schuld. Er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß Graf Julian in die neuerlichen Aufstände verwickelt sei und daß er seine Familie vor einem Versuche, durch die Gewalt der Waffen die moslemitische Herrschaft zu stürzen, entfernt habe. In seiner Wuth ließ er Siseburt und Evan, die Neffen des Bischofs Oppas und des frühern Königs Witiza Söhne, ermorden, da er sie im Verdacht hatte, an dem Verrathe Theil zu haben. So büßten sie ihre Verrätherei an ihrem Vaterlande während der unglücklichen Schlacht von Guadalate. Alahor eilte nun nach Cartagena, um sich des Grafen Julian zu bemächtigen. Seine Bewegungen waren so rasch, daß der Graf nur noch Zeit hatte, mit fünfzehn Rittern zu entkommen, mit welchen er in der starken Veste Marcuello, in den Gebirgen Aragoniens, Zuflucht suchte. Der Emir welcher wüthend war, daß ihm seine Beute entging, schiffte sich zu Cartagena ein und eilte über die Meerenge nach Ceuta, um die Gräfin Frandina und ihren Sohn zu seinen Gefangenen zu machen. Die alte Chronik, aus welcher wir diesen Theil unserer Erzählung entlehnt haben, entwirft ein düsteres Gemälde von der Gräfin in der starken Veste, in welche sie sich geflüchtet hatte – ein Gemälde, das durch übernatürliche Schrecken noch erhöht wurde. Der verständige Leser mag nun die letztern, nach dem Maase seines Glaubens und Urtheils, zugestehen oder nicht, dessen dürfte er stets eingedenk sein, daß in düstern und begebnißreichen Zeiten, welche, wie die in Frage stehenden das Geschick von Nationen, den Sturz von Königreichen und die Verbrechen von Herrschern und Mächtigen in sich schließen, die Hand des Schicksals zuweilen oft auf eine wundersame Weise sichtbar wird und durch Winke und Zeichen, welche weit außer dem gewöhnlichen Verlaufe der Dinge sind, die Weisheit der weltlich Weisen zunichte macht. Nach dieser Andeutung nehmen wir keinen Anstand, dem ehrwürdigen Chronikenschreiber in seiner Erzählung zu folgen. Es begab sich also, daß die Gräfin Frandina spät in der Nacht in ihrem Gemache in der Veste von Ceuta, die auf einem hohen, das Meer überschauenden Felsen liegt, in düsteres Nachdenken versenkt saß. Mit schmerzlicher Angst gedachte sie der neulichen Unfälle, die ihre Familie getroffen; da hörte sie klägliche Töne, als wenn der Seewind um die Mauern der Veste stöhnte. Sie schlug ihre Augen auf und sah ihren Bruder, den Bischof Oppas, an dem Eingange des Gemaches stehen. Sie beeilte sich, ihn zu umarmen, aber er hielt sie mit einer Bewegung seiner Hand zurück; und sie bemerkte, daß er todtenbleich war und daß seine Augen wie lodernde Flammen glänzten. »Berühre mich nicht, Schwester,« sagte er mit trauriger Stimme, »auf daß du nicht von dem Feuer verzehrt wirst, das in mir wüthet. Wache über deinen Sohn mit Sorgfalt; denn Bluthunde sind ihm auf der Spur. Seine Unschuld hätte ihm vielleicht den Schutz des Himmels gesichert, aber unsere Verbrechen haben ihn mit in unser Verderben gezogen.« – Er sprach nicht mehr und war nicht mehr zu sehen. Sein Kommen und sein Gehen waren zumal ohne Geräusch, und die Thüre des Gemaches war fest vermacht geblieben. Am nächsten Morgen kam ein Bote mit der Nachricht, der Bischof Oppas sei von den empörten Christen der Asturien in dem Kampfe gefangen worden und habe gefesselt in einem Thurme auf dem Gebirge den Tod gefunden. Derselbe Bote brachte die Kunde, der Emir Alahor habe mehrere der Freunde ihres Gemahls tödten lassen und den Grafen Julian gezwungen, sich in ein Schloß in Aragonien zu flüchten, um sein Leben zu retten; der Emir selbst schicke sich an, mit einer beträchtlichen Schaar zu Ceuta zu landen. Die Gräfin Frandina war, wie bereits bemerkt worden ist, ein Weib von muthigem Herzen, und die Gefahr gab ihr die Kraft der Verzweiflung. Unter der Besatzung befanden sich fünfzig maurische Krieger; sie fürchtete, diese mögten sich als Verräther erweisen und sich ihren Landsleuten zugesellen. Sie forderte daher die Anführer vor sich, unterrichtete sie von der drohenden Gefahr und befahl ihnen, diese Mauren zu tödten. Die Wachen beeilten sich, ihren Befehl zu vollziehen. Fünfunddreißig dieser Mauren waren, keine Gefahr ahnend, auf dem großen Platze, als ihre Henker sich an sie anschlossen und auf ein verabredetes Zeichen sie auf der Stelle niederhieben. Die übrigen fünfzehn flüchteten sich in einen Thurm. Sie wurden der Flotte des Emirs in der Entfernung ansichtig, und hofften im Stande zu sein, bis zu der Ankunft derselben auszuhalten. Auch die Krieger der Gräfin sahen die Schiffe und boten Alles auf, um sich dieser Feinde im Innern zu entledigen, bevor sie von Außen angegriffen würden. Sie machten wiederholte Versuche, den Thurm zu stürmen, wurden aber oft mit schwerem Verluste zurückgeschlagen. Sie untergruben ihn dann und stützten seine Fundamente mit hölzernen Gerüsten. An diese legten sie Feuer und entfernten sich eine Strecke, wobei sie einen fortwährenden Regen von Bolzen und Pfeilen unterhielten, um die Mauren zu hindern, herauszubrechen und die Flammen zu löschen. Das Gerüst war bald eine Beute der Flammen, und als es verzehrt war, stürzte der Thurm zusammen. Einige der Mauren wurden von den Trümmern zerquetscht; Andere wurden weit weggeschleudert und an den Felsen zerschmettert, und die Ueberlebenden machte man augenblicklich mit dem Schwerte nieder. Zur Zeit der Vesperstunde kam die Flotte des Emirs zu Ceuta an. Er landete; fand aber, daß man ihm die Thore verschlossen hatte. Die Gräfin selbst redete ihn von einem Thurme herab an, und bot ihm Trotz. Der Emir belagerte die Stadt augenblicklich. Er fragte den Sternkundigen Yuza um Rath; dieser sagte ihm, sein Stern würde sieben Tage das Uebergewicht über den des jungen Alarhot's, des Grafen Julian Sohn, haben; nach dieser Zeit aber würde der Jüngling seiner Macht nicht mehr unterworfen werden können und den Emir verderben. Alahor befahl sogleich, die Stadt von allen Seiten anzugreifen, und es gelang ihm endlich, sie durch Sturm zu nehmen. Die Gräfin flüchtete sich mit ihren Schaaren in die Veste und begann eine verzweifelte Vertheidigung; aber die Mauern wurden untergraben und hart bedrängt, und sie sah, daß bald jeder Widerstand vergeblich sein würde. Alle ihre Gedanken waren nun darauf gerichtet, ihr Kind zu verbergen. »Gewiß,« sagte sie, »denken sie nicht daran, meinen Sohn unter den Todten zu suchen!« Sie führte ihn daher in eine dunkle, schauerliche Kirche. »Du fürchtest dich nicht, in dieser Dunkelheit allein zu bleiben, mein Kind?« sagte sie. »Nein, Mutter,« versetzte der Knabe; »die Dunkelheit gewährt Stille und Schlaf.« Sie führte ihn zu Florinda's Gruft. »Fürchtest du die Todten nicht, mein Kind?« »Nein, Mutter – die Todten können Niemand etwas zu Leid thun – und was sollte ich von meiner Schwester fürchten?« Die Gräfin öffnete die Gruft. »Höre, mein Sohn,« sagte sie. »wilde und grausame Leute sind hierher gekommen, um dich zu morden. Bleibe hier bei deiner Schwester und verhalte dich ruhig, wenn dein Leben dir lieb ist.« Der Knabe, der muthigen Charakters war, that, wie ihm geheisen worden, und blieb den ganzen Tag und die ganze Nacht und den nächsten Tag bis zur dritten Stunde da. Mittler Weile waren die Mauern der Veste untergraben, die Schaaren des Emirs strömten durch eine Bresche ein, und ein großer Theil der Besatzung mußte über die Klinge springen. Die Gräfin wurde gefangen und vor den Emir gebracht. Mit stolzem Benehmen, als wäre sie eine Königin, die sich von ihm huldigen ließe, erschien sie vor ihm; als er aber nach ihrem Sohne fragte, schwankte sie und wurde blaß und erwiederte: »Mein Sohn ist bei den Todten!« »Gräfin,« sagte der Emir, »man täuscht mich nicht. Sagt mir, wo Ihr den Knaben versteckt habt, oder die Folter wird Euch das Geheimniß entreißen.« »Emir,« versetzte die Gräfin, »die größten Qualen mögen mein Loos sein, sowohl hienieden als nach dem Leben, wenn ich nicht die Wahrheit rede. Mein geliebtes Kind liegt bei den Todten begraben.« Die Feierlichkeit ihrer Worte machten den Emir irre; aber der abgehagerte Sterndeuter, welcher an seiner Seite stand und die Gräfin unter seinen buschigen Augenbrauen hervor betrachtete, bemerkte Unruhe und Verwirrung auf ihrem Antlitz und Doppelsinn in ihren Reden. »Ueberlaßt diesen Gegenstand mir,« flüsterte er Alahor zu, »ich werde das Kind zum Vorschein bringen.« Er ließ durch die Krieger die strengste Nachsuchung halten, und die Gräfin mußte überall gegenwärtig sein. Als sie in die Kirche kamen, erblaßte ihre Wange, und ihre Lippe zitterte. »Hier ist der Knabe versteckt,« sagte der kluge Astrologe. Das Durchsuchen der ganzen Kirche erwies sich jedoch gleich vergeblich, und die Krieger waren eben im Begriffe, sich zu entfernen, als Yuza in dem Auge der Gräfin einen schwachen Strahl der Freude entdeckte. »Wir lassen unsere Beute hinter uns,« dachte er; »die Gräfin triumphirt in ihrem Herzen.« Er rief sich jetzt die Worte ihrer Betheuerung, ihr Kind sei bei den Todten, in das Gedächtniß zurück. Rasch wendete er sich zu den Kriegern und befahl ihnen, die Grüfte zu durchsuchen. »Wenn ihr den Knaben nicht findet,« sagte er, »so schleppt die Gebeine der leichtfertigen Cava heraus, damit man sie verbrenne und die Asche in den Wind zerstreue.« Die Krieger durchsuchten die Gräber und fanden die Gruft der Florinda theilweise geöffnet. Drin lag der Knabe in dem gesunden Schlummer der Kindheit, und einer der Kriegsmänner nahm ihn sanft in seine Arme und trug ihn zu dem Emir. Als die Gräfin sah, daß ihr Kind entdeckt war, stürzte sie Alahor entgegen und warf sich, ihres ganzen Stolzes vergessend, vor ihm auf die Kniee. »Gnade! Gnade.« rief sie in herzzerreißenden Tönen; »Gnade für mein Kind – für meinen einzigen Sohn! O Emir! höre auf einer Mutter Bitten, und meine Lippen sollen deine Füße küssen! Wie du gnädig gegen ihn bist, so wird der höchste Vater Gnade gegen dich üben und Segen auf dein Haupt häufen.« »Bringt das tolle Weib hinweg,« sagte der Emir, »aber bewacht sie sorgsam!« Die Gräfin wurde von den Kriegsleuten, ohne Rücksicht auf ihr Widerstreben und ihr Geschrei, weggeführt und in einen Kerker der Veste gesperrt. Das Kind wurde jetzt dem Emir gebracht. Es war durch den Lärm geweckt worden, schaute aber furchtlos auf die grimmigen Gesichter der Kriegsmänner. Wenn das Herz des Emirs für Mitleid empfänglich gewesen wäre, so würde es durch die zarte Jugend und unschuldige Schönheit des Knaben gerührt worden sein; sein Herz war aber wie der härteste Kiesel, und er war auf den Untergang der ganzen Familie des Grafen Julian erpicht. Er ließ den Sternkundigen rufen und übergab ihm mit einem geheimen Befehl das Kind. Der abgemagerte Sohn der Wüste nahm den Knaben an der Hand und führte ihn die Wendeltreppe eines Thurmes hinauf. Als sie oben angekommen waren, stellte ihn Yuza auf die Zinnen. »Halte dich nicht an mir, mein Kind,« sagte er; »es ist keine Gefahr hier.« »Vater, ich fürchte mich nicht,« sagte der unerschrockene Knabe; »wir sind aber auf einer wundersamen Höhe.« Das Kind blickte mit freudigen Augen rund umher. Der frische Wind blies ihm die lockigen Haare aus dem Gesicht, und seine Wange glühte bei der gränzenlosen Aussicht; denn der Thurm stand auf dem hohen Vorgebirg, auf welchem Herkules eine seiner Säulen aufgerichtet hatte. Tief unten hörte man die Wellen des Meeres an die Felsen schlagen, die Seemöve kreis'te schreiend um das Fundament des Thurmes, und die Segel mächtiger Lastschiffe zeigten sich blos wie Flecken auf dem Schoos des Meeres. »Kennst du jenes Land drüben über dem blauen Wasser?« fragte Yuza. »Es ist Spanien,« versetzte der Knabe; »es ist die Heimath meines Vaters und meiner Mutter.« »Dann strecke deine Hände aus und segne es, mein Sohn!« sagte der Astrologe. Der Knabe ließ den Stein, an welchem er sich gehalten, los, und wie er seine Hände ausstreckte, nahm der alte Sohn Ismaels alle Kräfte seiner erschlafften Glieder zusammen und stieß ihn plötzlich über die Zinnen hinab. Er stürzte häuptlings von der Höhe dieses ungeheuern Thurmes, und jedes Glied seines zarten Körpers wurde an den Felsen drunten zerschmettert. Alahor kam an den Fuß der Wendeltreppe. »Ist der Knabe geborgen?« rief er. »Er ist geborgen!« versetzte Yuza; »komm und überzeuge dich mit deinen eigenen Augen.« Der Emir stieg den Thurm hinauf und blickte über die Zinnen und sah die Leiche des Kindes, eine formlose Masse, tief unten auf den Felsen, und die Seemöven hatten sich darauf gesetzt; und er gab Befehl, die zerschellten Glieder in das Meer zu werfen, was geschah. Am nächsten Morgen wurde die Gräfin aus ihrem Gefängniß auf den öffentlichen Platz geführt. Sie kannte den Tod ihres Kindes und wußte, daß auch ihre letzte Stunde zur Hand war; sie weinte aber nicht und flehte nicht. Ihr Haar war aufgelös't, und ihr Auge hohl vom Wachen, und ihre Wange war wie ein Leichenstein; dennoch sah man noch in ihrem Antlitz die Spuren gebieterischer Schönheit, und das Majestätische ihrer Erscheinung flös'te selbst dem großen Haufen Achtung ein. Eine Menge christlicher Gefangenen wurden jetzt herbeigebracht, und Alahor rief: »Schaut hier das Weib des Grafen Julian – schaut eine aus jener verrätherischen Familie, welche das Verderben über euch und euer Vaterland gebracht hat!« Und er befahl, sie sollten sie steinigen. Aber die Christen wichen mit Schauer vor einer solchen That zurück und sagten: »Gott ist die Rache, laßt ihr Blut nicht auf unsere Häupter kommen.« Darauf schwor der Emir unter schauderhaften Flüchen, jeder der Gefangenen, der sich weigere, solle selbst gesteinigt werden. So wurde der grausame Befehl vollzogen, und die Gräfin Frandina starb von den Händen ihrer Landsleute. Als der Emir dieses barbarische Geschäft abgethan, schiffte er sich wieder nach Spanien ein, ließ die Veste von Ceuta in Flammen stecken und segelte zur Nachtzeit bei dem Lichte der himmelan steigenden Flammen über die Meerenge. Der Tod des Grafen Julian, welcher nicht lange nachher statt fand, schloß die tragische Geschichte seiner Familie. Wie er starb, bleibt in Zweifel gehüllt. Einige behaupten, der grausame Alahor habe ihn in seinem Zufluchtsort in den Gebirgen verfolgt und, nachdem er ihn gefangen genommen, enthaupten lassen; nach Andern hatten ihn die Mauren in einen Kerker geworfen und durch langsame Qualen seinem Leben ein Ende gemacht; während Andere wollen, der Thurm der Veste von Marcuello bei Huesca in Aragonien, wohin er sich geflüchtet, sei zusammengestürzt und habe ihn unter seinen Trümmern begraben. Alle stimmen darin überein, daß seine spätere Lebenszeit über die Maasen elend, und sein Tod gewaltsam gewesen. Der Fluch des Himmels, welcher ihn so bis zu seinem Grabe verfolgte, erstreckte sich selbst auf den Ort, welcher ihm ein Obdach geboten; denn man erzählt, die Veste werde nicht mehr bewohnt wegen des auffallenden und schrecklichen Getöses, das darin gehört werde, und man sehe über ihr häufig Schaaren Bewaffneter, welche für die ruhelosen Gespenster der abtrünnigen Christen gehalten werden, die mit dem Verräther gemeinschaftliche Sache gemacht hatten. In spätern Zeiten hat man außen an der Kirche der Veste einen Grabstein als den des Grafen Julian gezeigt; aber der Reisende und der Wanderer mieden ihn oder gingen mit einer Verwünschung vorüber; und der Name Julian ist ein Schmach- und Schmähwort in dem Lande geblieben, als Warnung für alle Geschlechter. Dies sei stets das Loos dessen, der sein Vaterland verräth. Hier endigen die Erzählungen von der Eroberung Spaniens. Geschrieben in dem Alhambra, den 10. Juni 1829. Anmerkung zu der vorstehenden Erzählung. El licenciado Ardevines (Lib. II. c. 8.) dize que dichos cluendos caseros, o los del aire, hazen aparecer exercitos y peleas, como lo que se cuenta por tradicion (y aun algunas personas lo deponen como testigos de vista) de lu torre y castello de Marcuello, lugar a pie de las Montañas de Aragon (aora inhabitable, por las grandes y espandables ruidos que en el se oyen) donde se retraxo el Conde Don Julian, causa de la perdicion de España; zobre el qual castillo, deze se ven en el aire ciertas visiones, como de soldados, que el vulgo dize son los cavalleros y gente que le favorecian. S. El Ente Dislucidado, por Fray Antonio de Fuentapelaña capuchin. Seccion III. Subcession V. Instancia VIII. Num. 644. Da Leser, welche mit dem Spanischen nicht vertraut sind, das Zeugniß des würdigen und umsichtigen Kapuzinermönchs Antonio de Fuentapelaña zu kennen wünschen mögten, theilen wir es in einer Uebersetzung mit: »Der Lizentiat Ardevines (im 2. Buch, 8. Kap.) sagt, die gedachten Hausfeen oder die der Luft, veranlaßten die Erscheinungen von Heeren und Schlachten wie die, welche als Sagen (und manche Leute haben es als Augenzeugen behauptet) von der Stadt und dem Schloß von Marcuello, einer Veste an dem Fuße der aragonischen Gebirge (jetzt unbewohnbar wegen des großen und schrecklichen Getöses, das man darin hört), dem Zufluchtsorte des Grafen Don Julian, der Ursache des Falles von Spanien, erzählt werden. Man behauptet, gewisse Erscheinungen von Kriegern in der Luft gesehen zu haben, welche nach der Meinung des Volkes die der Höflinge und Leute sind, die ihn unterstützten.«