Ödön von Horváth Mit dem Kopf durch die Wand Komödie in vier Akten Personen: Der Marquis de Bresançon Bientôt    , sein alter Gärtner Jean  , sein Diener Professor Bossard Sein Assistent Sein Pianist Manuel Die Unbekannte Alexander Semper,         Generaldirektor der Pandora-Filmgesellschaft Dr. Peter Huelsen  , sein Sekretär Robert  , ein ergrauter Mixer Adolf  , ein junger Mixer Nevieux Dessen Tante Ein Notar Ein Bildreporter Zimmerkellner           im Hotel Terminus Filmballpublikum   Ort der Handlung: Paris Zeit: Gegenwart Erster Akt Appartement des Professor Bossard im Hotel Terminus. Salon Louis-seize. Links eine Türe nach den übrigen Zimmern, im Hintergrund Tür auf den Korridor. Rechts ein Fenster, davor ein prächtiger schwarzer Flügel, der in Kontrast steht zu der Architektur des Raumes und der Möbel. An dem Flügel sitzt ein Pianist und phantasiert vor sich hin, besonders Akkorde in Moll; er ist ein junger sympathischer Mann und macht einen gewandten Eindruck. Ein anderer junger Mann (wir wollen ihn »Assistent« nennen) steht links vor einem Wandspiegel, betrachtet sich immer wieder und treibt mimische Studien; aus einem Köfferchen holt er sich Requisiten, Bärte und Kopfbedeckungen, wie ein Imitator im Varieté. 1. Auftritt Pianist, Assistent. Assistent   kämmt sich die Locke in die Stirne und setzt sich ein Kissen auf den Kopf: Napoleon! Pianist   nickt ihm abwesend zu und phantasiert weiter. Assistent   setzt sich eine Glatze auf und bindet sich ein Band um die Stirne. Julius Caesar! Pianist   wie vorhin. Assistent   nimmt die Glatze ab und setzt sich eine Richard-Wagner-Mütze auf. Wer ist das? Pianist spielt das Gralsmotiv. Richtig! Er nimmt die Mütze wieder ab, klebt sich rasch einen Offenbach-Bart, setzt Perücke und Zwicker auf, ergreift einen Taktstock und klopft damit nach Kapellmeisterart in den hölzernen Spiegelrahmen. Pianist   blickt hin und hört momentan auf zu phantasieren. Assistent dreht sich ihm ruckartig zu mit erhobenem Taktstock. Pianist   spielt leise Offenbach. Assistent   dirigiert. Es klopft an die Türe im Hintergrunde. Pianist   bricht das Spiel mittendrin ab, erhebt sich rasch und klappt den Flügel zu. Assistent   reißt sich hastig die Maske ab und verstaut alles schnell im Köfferchen. Es klopft abermals. Herein! 2. Auftritt Assistent, Pianist, Zimmerkellner. Zimmerkellner   erscheint in der Türe: Herr Generaldirektor Semper und Sekretär wünschen Herrn Professor Bossard! Assistent   Schon? Pianist   rasch ab durch die Türe links. Assistent   zum Zimmerkellner. Wir lassen bitten! Zimmerkellner zieht sich zurück und läßt Semper mit Huelsen ein. 3. Auftritt Assistent, Semper, Huelsen. Assistent   verbeugt sich: Herr Generaldirektor! Einen Augenblick nur, werde Herrn Professor sofort verständigen, bin sein Assistent – Ab mit seinem Köfferchen durch die Türe links. 4. Auftritt Semper, Huelsen. Alexander Semper ist ein dicker, jedoch beweglicher Herr von fünfzig Jahren, energisch mit rascher Auffassungs- und Kalkulationsgabe, überarbeitet und daher leicht hypochondrisch, gut angezogen und zu unrecht immer etwas ungepflegt wirkend. Ihm folgt sein Sekretär: Dr. Peter Huelsen, ein Literat Mitte Dreißig mit resigniertem Blick, doch zu guter Letzt praktischer Lebenseinstellung; überzeugt, daß die Welt von Plebejern terrorisiert wird, überschätzt er dennoch das Gewicht der schönen Literatur. Ein anständiger Mensch. Semper   sieht sich um: Assistenten hat er auch. Was glauben Sie, was das für ein Professor ist? Huelsen   deutet auf den Flügel: Vielleicht Musik – Semper   Man hätt sich erkundigen sollen. Apropos erkundigen: – Er nimmt einen Brief aus seiner Brieftasche und überreicht ihn Huelsen, der ihn überfliegt. Da schreibt uns die Dianafilm! Das Geschäft wär perfekt, wenn man nur eine Soubrett hätt, aber ich seh keine auf weiter Flur! Huelsen   Wie wärs mit der Carry? Semper   Aber die hat doch keine Stimme! Huelsen   Und die Montez? Semper   Die kann wieder nicht tanzen! Und die Silvini wird operiert, schon seit Wochen! Großer Gott, man müßt direkt was Neues entdecken! Tief gesunken! Huelsen   gibt sich einen Ruck und nimmt aus seiner Brieftasche eine Photographie heraus: Herr Direktor! Als Ihr Sekretär ist es zwar nicht meine Aufgabe, aber ich kenne eine junge Schauspielerin – Semper   unterbricht ihn: Was Sie nicht sagen! Huelsen   unangenehm berührt: Ich kenne sie nur so, als Künstlerin – Semper   Er wird rot wie ein Mädchen! Huelsen   Aber ich muß schon bitten! Semper   Ihr Vorgänger hat auch immer entdeckt – Himmel tu dich auf, was der dahergebracht hat! Also zeigens schon her das Photo! Er nimmt ihm das Bild ab und betrachtet es. Hm, ganz hübsch. Hat sie schon gefilmt? Huelsen   Nein. Sie war ein Jahr in der Provinz engagiert, aber ich bin überzeugt, daß sie außergewöhnlich begabt ist. Semper   Werden sehen! Er will das Bild einstecken. Huelsen   rasch: Bitte das Bild! Semper   Das behalt ich. Huelsen   Es steht was drauf. Hinten. Etwas Privates – Semper   Also doch! Pardon Diskretion! Da habens Ihr Fräulein Braut! – Er gibt es ihm wieder. Huelsen   steckt es ein und lächelt: Ich bin ein schlechter Manager. Semper   Das spricht für Sie. 5. Auftritt Semper, Huelsen, Bossard. Professor Bossard ist ein sechzigjähriger Weltmann mit Hornbrille, groß und hager; manchmal hat er Bewegungen und eine Aussprache, als würde er eine Rolle spielen. Bossard   kommt durch die Türe links und verbeugt sich kaum merkbar vor Semper: Bossard! Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind – Semper   Meinerseits! Er stellt vor. Doktor Huelsen, mein Sekretär! Bossard   verbeugt sich noch steifer und bietet den Beiden stumm Platz an; man setzt sich; zu Semper: Ich weiß es zu schätzen, daß Herr Generaldirektor mich entgegenkommenderweise hier im Hotel besuchen und es mir also ersparen, Sie im Büro aufsuchen zu müssen, aber wie ich Ihnen bereits telefonierte, erheischt die ganze Angelegenheit peinlichste Diskretion, da ich mich gewissermaßen noch im Anfangsstadium befinde – Semper   unterbricht ihn ungeduldig, jedoch höflich: Um was dreht es sich, bitte? Bossard   Es dreht sich um einen Film. Semper   Das dachte ich mir. Bossard   Um einen klassischen Film – Semper   fällt ihm rasch ins Wort: Also nur das nicht! An die Klassik hab ich grauenvolle Erinnerungen! Mein Macbeth-Film – brrr! Das einzig filmisch Hübsche war der wandernde Wald – aber wer geht schon in einen Film, um einen Wald wandern zu sehen! Unser Publikum besteht aus sechzig Perzent Weibern und vierzig Perzent Männern, und von diesen vierzig Perzent gehen neunzig Perzent in jenen Film, der ihnen von ihrer jeweiligen weiblichen Begleitung vorgeschlagen wird – ergo haben wir mit einem Publikum von über fünfundneunzig Perzent Weibern zu rechnen, und die wollen etwas ganz anderes wandern sehen, als ein paar Tannenbäum! – Verzeihen Sie, daß ich gleich zu Anfang in unserm beiderseitigen Interesse folgendes feststelle: ich bin als Filmproduzent bekannt dafür, daß ich mir prinzipiell alles anhör, anseh und persönlich prüfe, was mir angetragen wird. Ich les den Brief einer jeden kleinen Schauspielerin, jede Anregung, jedes Exposé, weil ich mir immer vorstell, vielleicht wills der liebe Gott, daß man was entdeckt, was sich verwerten läßt – es gibt aber leider niemals nix! Herr Professor, ich bin ein Skeptiker! Bossard   lächelt: Ich bitte sogar um Ihre Skepsis. Wie ich Ihnen bereits telefonierte, bin ich auf Grund meiner wissenschaftlichen Forschungen in der Lage, Ihnen einige sensationelle Ergebnisse mitzuteilen – Semper   unterbricht ihn abermals: Dreht sichs etwa um einen Kulturfilm? Bossard   Nein. Um einen Spielfilm. Semper   Sie haben ein Manuskript? Bossard   Ich habe nur einen Fall, und – einen Menschen. Semper   Ah, Sie wollen wen protegieren? Bossard   lächelt wieder: Erraten. Semper   hämisch, da er sich bereits über seine verlorene Zeit ärgert: Eine Frau, wie? Bossard   wie vorhin: Gewiß. Eine junge Frau. Aber sie ist bereits tot. Semper   perplex: Tot? Bossard   Seit zirka dreißig Jahren. Semper wirft einen hilfesuchenden Blick auf Huelsen. Man nennt sie die Unbekannte der Seine. Semper   zuckt mit den Schultern: Unbekannte der Seine –? Bossard   Sie kennen sie nicht? Semper   Was ist das? Ich kenne keine Toten! Huelsen   zu Bossard: Verzeihung, dreht es sich um jene bekannte Totenmaske? Bossard   Ja. Huelsen   erleichtert: Achso. Semper   zu Huelsen: Versteh kein Wort. Huelsen   zu Semper: Wir hatten auch schon mal ein Exposé bekommen, vor zehn Tagen mit dem Titel »Die Unbekannte der Seine«, der Stoff wurde uns bereits angetragen, aber ich finde ihn unfilmisch – Bossard   rasch: Finden Sie? Huelsen   Ja. Der Verfasser jenes Exposés steht mir zwar persönlich nahe, sehr nahe sogar, trotzdem muß ich sagen, daß es miserabel ist. Semper   Lobenswert, sehr lobenswert! Aber jetzt möcht ich es endlich wissen, um was es sich dreht?! Bossard   Einen Augenblick! Erlauben Sie, daß ich in knappen Worten den Fall skizziere: vor einigen Jahrzehnten zog man eine Mädchenleiche aus der Seine, irgend eine junge Selbstmörderin, also eine ganz alltägliche Begebenheit. Man wußte nichts von ihr, nicht wie sie lebte, wie sie starb, wer sie war, wie sie hieß und warum sie ins Wasser ging – man hat es auch nie erfahren, und das junge Geschöpf wäre verscharrt worden, sang- und klanglos, hätte sie nicht zufällig ein junger Bildhauer erblickt, dem das unbeschreiblich rätselhafte Lächeln, das das Antlitz der Leiche überirdisch verklärte, derart anzog, daß er ihr die Totenmaske abnahm. So blieb uns dies ewige Antlitz mit seinem zarten, göttlich-traurigen Lächeln – und dies Lächeln eroberte die Welt. Er erhebt sich. Viele Dichter hat die Unbekannte angeregt, aber alle tappen im Dunkeln – Er nimmt die Totenmaske der »Unbekannten«, die auf dem Flügel liegt, und zeigt sie Semper, der sich ebenfalls erhoben hat. Hier. Sie kennen sie doch? Semper   Nein. Bossard   überreicht ihm den Abguß: Eine zweite Mona Lisa. Semper   betrachtet den Abguß: Wie die lächelt – Bossard   Aus einer anderen Welt. Stille. Semper   Was es alles gibt. Bossard   In Millionen Exemplaren. Semper   Schon gut! Aber man schaut halt nicht hin – Er betrachtet noch immer die Unbekannte. Bossard   Erschütternd, was? Semper   scheinbar keineswegs erschüttert: Ja. – Hier hat sie einen Sprung. Er legt die Totenmaske nieder auf den Flügel. Und man weiß wirklich nichts von ihr? Keinen Namen, keinen Stand, keine Nationalität? Bossard   Nichts. Das heißt: ich bin der einzige Mensch, der etwas von ihr weiß. Huelsen   Ach! Bossard   Ich kenne ihr Leben und ihren Tod. Semper   Woher? Bossard   Sie hat es mir erzählt. Eine einfache Geschichte und dennoch so seltsam phantastisch – Huelsen   unterbricht ihn: Sie haben mit ihr gesprochen?! Bossard   Gewiß. Des öfteren sogar. Semper   Seinerzeit? Bossard   Nein. Erst gestern wieder – Semper   Gestern?! Aber ich denk, die ist doch schon seit dreißig Jahren tot! Bossard   lächelt: Das tut nichts zur Sache. Semper   Ich werd verrückt! Verzeihung, Moment! Was sind denn Herr Professor überhaupt für ein Professor? Bossard   Ich bin Mediziner. Irrenarzt. Semper   schreckt etwas zusammen. Bossard   lächelt leise. Ich leitete jahrelang die größte Privatheilanstalt in Rio – aber meine heimliche Liebe galt der Magiobiologie, vor allem der Metapsychologie, Paraphysiologie und Magiophysik. Meine theoretische Verarbeitung dieses Tatsachengebietes reicht Jahrzehnte zurück, meine experimentelle vierzehn Jahre. Ich habe, wohl auch vom Glück begünstigt, erstaunliche Resultate erzielt, so bei der Durchdringung der Materie, zahlreichen Apporten und im Spezialgebiet der vierten Dimension. Bis vor kurzem lehnte ich die spiritistische Hypothese radikal ab – muß aber heute gestehen, daß ich aus einem Saulus ein Paulus geworden bin. Ich sprach mit einem Alchimisten aus Padua, einem Leutnant, der bei Borodino fiel, ich sprach mit Ermordeten, die uns ihre unausgeforschten Mörder verrieten – die Polizei bestätigte mir hernach die Richtigkeit der Enthüllungen. So klärten wir einige kriminelle Fälle, und endlich wagte ich mich heran, ein ganzes unbekannt gebliebenes Leben klären zu wollen. Ich sprach mit der »Unbekannten der Seine«. Er macht eine Kunstpause. Vor drei Monaten gelang es mir durch mein Medium zum erstenmal mit ihr in Kontakt zu kommen. Anfangs kamen nur Klopfzeichen, doch bald materialisierte sie sich, und dann – dann, meine Herren, kam das stärkste Erlebnis meines Lebens: ich hörte ihre Stimme. Er erhebt sich. Herr Generaldirektor! Ich bat Sie hierher, um einer Seance beizuwohnen: Sie sollen selbst sehen und hören. Ich bin nur ein bescheidener Diener am Werke des menschlichen Geistes, der in das Rätselhafte dringt, immer in der edlen Hoffnung, einen kleinen Baustein zu liefern, auf daß die Vernunft die Welt einst beherrschen möge. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick! Ab durch die Türe links. 6. Auftritt Semper, Huelsen. Semper   Das also steckt dahinter! Hokuspokus, Tischerlrückerei. Huelsen   So einfach darf man die Dinge nicht abtun. Er steht beeindruckt auf und geht hin und her. Es gibt gewiß Tatsachen, die wir noch nicht enträtselt haben, und diejenigen, die Neuland betreten und kühn vordringen, die haben immer schon Hohn und Spott erdulden müssen! Semper   Was hör ich? Sie glauben an Gespenster? Huelsen   Was wissen wir schon über den Tod! Semper   Hin ist hin! Huelsen   Sie meinen, daß Sie einfach aufhören? Semper   Ich hoff es! Huelsen   Ich nicht. Pause. Semper   Gelungen! Eine Intellektualität glaubt an Himmel und Hölle. Glaubens lieber mir: dieser Professor ist ein Scharlatan oder ein Narrenarzt, der selber ein Narr geworden ist! Huelsen   Nein! Das Wort zuvor, das er sprach, von der ersehnenswerten Herrschaft der Vernunft, dies Wort hat mich verwandtschaftlich berührt. Jawohl, es ist unsere Aufgabe, Licht in das Dunkel zu bringen! 7. Auftritt Die Vorigen, Bossard, Manuel, Assistent, Pianist. Manuel ist ein schmächtiger Jüngling mit rotunterlaufenen, wässerigen Augen und einer bläulich kranken Haut; er geht unsicher und Bossard führt ihn, indem er ihn am Oberarm stützt, durch die Türe links herein, gefolgt von den beiden Anderen. Bossard   stellt vor: Meine beiden Assistenten! Und mein Medium Manuel Estraduros. Er ist Portugiese. Semper   zu Manuel: Habla español? Manuel sieht hilfesuchend auf Bossard. Bossard   wechselt mit ihm einen raschen Blick: Nein. Manuel – ist stumm. Semper   Großer Gott! Assistent   zu Semper und Huelsen: Bitte die Herren – Er deutet auf Plätze neben dem Flügel im Vordergrunde. Pianist   hat sich an den Flügel gesetzt und phantasiert seine Akkorde in Moll. Bossard setzt den apathischen Manuel mitten im Raum auf ein Stühlchen, faßt ihn am Kinn, sieht ihm einige Sekunden routiniert in die Augen, streicht dann väterlich über das pomadig schwarze Haar, tritt hinter das Stühlchen und gibt dem Assistenten ein Zeichen, ohne sein Medium aus den Augen zu lassen. Assistent   dreht auf das Zeichen hin das Licht aus, bis auf eine dunkelgrüne Birne; dann geht er auf Fußspitzen zur Türe links und öffnet weit ihre beiden Flügel, so daß Manuel in das stockdunkle Nebenzimmer starren muß; hierauf begibt er sich wieder ebenso leise auf seinen Platz beim Lichtschalter neben der Türe im Hintergrunde. Semper   der mit Huelsen Platz genommen hat, leise zum Pianisten: Darf man rauchen? Pianist   Ungeniert. Semper   holt sich eine Zigarre hervor; leise zu Huelsen: Die Akkorde, die der da spielt, sind sehr stimmungsvoll, die müßt man sich merken für Titelvorspann, Einleitungsmusik – Er zündet ein Streichholz an. Bossard   wendet sich ruckartig Semper zu und gibt ihm einen energischen Wink, sich richtig zu verhalten. Semper   unterdrückt. Oh pardon! Er bläst das Streichholz hastig aus. Pause. Pianist   hört mittendrin auf zu spielen und lauscht, als hätte er etwas gehört. Stille – aber dann ertönt plötzlich, anfangs sehr leise, eine traurig-weiche Mädchenstimme, die eine Art wehmütiges Wiegenlied vor sich hinsummt. Alle, außer Manuel, horchen gespannt auf das rätselhafte Organ, das aus dem Nebenzimmer zu dringen scheint; plötzlich bricht es jäh ab. Manuel   stürzt von seinem Stühlchen und liegt bewußtlos auf dem Teppich. Bossard   schnell zu ihm hin: Licht! Assistent   dreht das Licht an, holt rasch ein Kästchen mit Injektionsspritzen und bemüht sich mit Bossard um das Medium. Pianist   zu Semper und Huelsen, die aufgesprungen sind: Keine Angst, meine Herren! Manuel ist lediglich geschwächt durch die zahlreichen Seancen – einige Injektionen, und er ist wieder aktiv. Semper   sehr blaß mit der Hand auf dem Herz: »Aktiv« nennt er das. »Einige Injektionen« – ein Gemütsmensch! Er setzt sich wieder langsam; zu Huelsen. Haben Sie auch gehört? Huelsen   starrt fortgesetzt auf Bossard: Natürlich. Semper   Nein, so singt niemand. Mir scheint, Doktor, Sie haben recht: das Sterben ist kein Schluß. Armer Portugiese! Schaut aus, als wär das Stummerl schon drüben! Pianist   Die Wissenschaft fordert ihre Opfer. Semper   Ja, mir ist auch übel – Er zündet sich eine Zigarre an. Huelsen   betrachtet noch immer Bossard: Eigentümlich, aber wie mich zuvor der Professor ansah, war es mir, als hätt ich diese Augen schon irgendwo – Semper   fällt ihm ins Wort: Vielleicht in einer Illustrierten. Ist ja ohne Zweifel eine Kapazität! Er bläst den Zigarrenrauch genießerisch von sich. Huelsen   der Bossard nicht aus den Augen läßt: Ohne Zweifel hat er eine starke hypnotische Kraft. Semper   Mich kann man nicht hypnotisieren! Er wendet sich, bereits wieder erholt, an den Pianisten. Sagen Sie, von wem waren die Akkorde zuvor, die Sie da gespielt haben? Pianist   Von mir. Semper   Bravo. Haben Sie schon mal Filmmusik? Pianist   Nein, das heißt: ich interessiere mich sehr und würde gerne mal – Semper   unterbricht ihn: Kommens morgen zu mir ins Büro! Pianist   hastig: Sicher! Semper   zu Huelsen: Ein begabtes Talent! Musikalisch! Assistent dreht das Licht wieder aus, da Manuel wieder hergestellt auf seinem Stühlchen sitzt, bewacht von Bossard. Pianist fängt wieder an zu phantasieren. Pause. Manuel krümmt sich, als hätte er heftige Leibschmerzen. 8. Auftritt Die Vorigen, Unbekannte. In dem Licht der dunkelgrünen Birne erscheint nun die Unbekannte in der offenen Türe links; ihre Augen sind geschlossen, auf ihrem Antlitz liegt ein weißgrüner Schein; sie scheint schwarz gekleidet zu sein und ist kaum zu erkennen. Alle außer Manuel, der halbtot zu sein scheint, starren sie fasziniert an, besonders natürlich Semper und Huelsen, aber auch der Pianist hat sich erhoben. Unbekannte   öffnet die Augen und hebt langsam den Kopf, als würde sie zu einem großen Manne, der neben ihr steht, emporblicken; dann fängt sie an zu sprechen, doch ungemein leise, mit ihrem rätselhaften Lächeln: – Schau mich doch an – ich warte. Ich warte – mit grünen Augen im grünen Meer – Huelsen   schnellt plötzlich empor und schreit: Halt! Halt um Gottes Willen! Assistent   dreht sofort das Licht aus, einen Augenblick ist es stockdunkel, bevor es wieder ganz hell wird; die Unbekannte ist verschwunden und Manuel sitzt auf seinem Stühlchen mit dem Genick über der Lehne und verglasten Augen. 9. Auftritt Die Vorigen, ohne Unbekannte. Bossard starrt Huelsen entsetzt an. Huelsen   außer sich: Was sprach sie da?! Was sprach sie, was sprach sie?! Semper   Was denn los, Doktor?! Huelsen   Nein, dieser Abgrund! Dieser Zynismus! Er läßt sich auf seinen Platz fallen und hält die Hände vors Gesicht. Bossard   zu Semper: Es gibt leider Übernervöse, die derartige Seancen – Semper   fällt ihm nervös ins Wort: Verstehe, verstehe! Huelsen   schnellt plötzlich wieder empor: Professor oder wer Sie sind, wer war dieses Weib?! Bossard   scharf: Das wissen Sie! Er fixiert ihn und ändert dann den Ton. Beruhigen Sie sich – Huelsen   Ich hab es deutlich gesehen – Bossard   unterbricht ihn scharf: Nichts haben Sie gesehen! Nichts! Huelsen   verzweifelt: Ich bin doch nicht blind! Semper   Sie sind blind! Bossard   ergreift Huelsens Handgelenk: Puls anormal – Huelsen   reißt sich los: Lassen Sie das! Ich bin nicht krank! Semper   Sie sind krank! Huelsen   höhnisch zu Semper: Sie müssen es ja wissen! Semper   Unerhört! Bossard   beschwichtigt Semper: Er wird sich beruhigen – Semper   Ist ja unvorstellbar! Absurd! Huelsen   wie zu sich selbst: »Mit grünen Augen« – sie war es, sie war es! Semper   grimmig: Natürlich war sie es! Zu Bossard. Professor, Sie haben mich bekehrt; so spricht kein Mensch! Bossard   Es war die Stimme eines – Huelsen   unterbricht ihn drohend: Sprechen Sie das Wort nicht aus, Sie nicht! Semper   Warum soll er denn nicht?! Bossard   fest: Es war die Stimme eines Engels. Stille. Huelsen   lächelt grimmig-wehmütig: Ja. Aber eines gefallenen Engels – Bossard   deutet Semper mit einer Geste auf die Stirn an, daß Huelsen total verwirrt ist, und zieht ihn etwas weiter weg und zu sich: Und nun, Herr Generaldirektor, muß ich Ihnen noch eine Eröffnung machen. Der tiefere Grund, weshalb ich Sie hierher bat, dürfte Sie besonders interessieren: es ist mir bereits des öfteren gelungen, die Erscheinung der Unbekannten zu photographieren, ja wir haben sie sogar, natürlich nur mit einer Amateurkamera, gefilmt. Semper   Gefilmt?! Bossard   Herr Generaldirektor! Ich bin überzeugt, es muß uns gelingen, die Hauptrolle Ihres Filmes mit der herbeizitierten Unbekannten besetzen zu können – und ihr wahres Leben zu verfilmen, das sie uns allerdings leider nur bruchstückweise erzählt! Semper   Das ist zuviel. Ich werd verrückt! Bossard   zum Assistenten: Theodor! Bringen Sie die Probeaufnahmen! Assistent, der mit Hilfe des Pianisten sich um Manuel bemüht hat, so daß jener nun apathisch wieder auf seinem Stühlchen sitzt, eilt in das Nebenzimmer und schließt bei dieser Gelegenheit die Türe links. 10. Auftritt Die Vorigen, ohne Assistent. Bossard   zu Semper: Ich muß Sie nur bitten, da sich unsere filmischen Versuche gewissermaßen noch im Rohstadium befinden, alles, was Sie hier sahen und hörten, unter strengster Diskretion – Semper   unterbricht ihn: Ehrenwort! Bossard   Danke! Ich bitte aber auch um das Ehrenwort Ihres Herrn Sekretärs – Huelsen   der auf seinem Platz vor sich hinbrütete, zuletzt jedoch zuhörte, kurz: Geb ich aber nicht! Semper   schluckt vor Wut; dann scharf: Vergessen Sie nicht, daß Sie als Festangestellter Pflichten haben! Huelsen   Ist mir egal! Semper   Mir aber nicht! Ein Festangestellter hat sich mit Leib und Seel und Ehrenwort für das Wohl und Weh seiner Firma einzusetzen, bitt ich mir aus! Bossard   mit Betonung: Und für das Wohl und Wehe mancher Menschen! Huelsen   zuckt zusammen, wendet sich ruckartig Bossard zu, lächelt ironisch, nickt vor sich hin, macht eine wegwerfende Geste und erhebt sich ernst; tonlos: Mein Ehrenwort – Langsam ab durch die Tür im Hintergrund. 11. Auftritt Die Vorigen, ohne Huelsen. Semper   sieht Huelsen nach: Was ist? Nicht einmal grüßen?! Bossard   Lassen Sie ihn! Ich glaube, es ist eine vorübergehende Abulie, eine harmlose Form der Persönlichkeitsspaltung. Eine Art Besessenheit – Semper   Großer Gott! Bossard   Morgen ist er wieder gesund. Semper   Hoffentlich! Er ist meine rechte Hand. 12. Auftritt Die Vorigen, Assistent. Assistent   kommt mit einer kleinen Filmrolle aus dem Nebenzimmer. Bossard   nimmt sie ihm ab und überreicht sie Semper: Hier bitte, die Probeaufnahmen! Zu treuen Händen – Semper   sehr aufgeregt: Millionen Dank! Ich werd sie mir selber allein vorführen! Schad, daß mein Privatapparat defekt ist, sonst tät ichs sofort, noch bevor ich zu diesem Filmball heut Nacht – Bossard   fällt ihm ins Wort: Aber nur absolute Diskretion! Semper   Heiligstes Ehrenwort! Und sollten die Aufnahmen was sein – Herr Professor! Für dieses Manuskript, diese Regie, diese Besetzung, für dieses Originalleben ist mir kein Honorar zu teuer! Bossard   verbeugt sich steif: Würde mich freuen, wenn ich dadurch in die Lage versetzt werden könnte, meine kostspieligen wissenschaftlichen Forschungen weiter auszubauen – Semper   Sie werden sie ausbaun, unberufen! Und wie gesagt: ich werd Ihr Vertrauen zu lohnen wissen! Herr Professor! Meine Herren! Wiedersehen morgen in aller Früh! Ab durch die Tür im Hintergrunde, die der Assistent hinter ihm schließt. Bossard   Meine Hochachtung! 13. Auftritt Die Vorigen, ohne Semper. Alle atmen befreit auf. Assistent   Allerhand! Bossard   Sperr zu! Assistent   sperrt die Türe im Hintergrunde rasch zu. Pianist   Er hat sie natürlich erkannt, wie ich es euch prophezeite! Bossard   Er wird schweigen! Pianist   Werden sehen! Bossard   Keine Angst! Die erste Schlacht ist gewonnen, Semper ist fasziniert. Vorausgesetzt, daß wir zusammenhalten und keiner abspringt – Er wendet sich ruckartig an den Pianisten. Du wirst doch nicht extra verhandeln? Ich hab es gehört! Pianist   Fällt mir nicht ein! Assistent   etwas spöttisch: Unberufen! Manuel   zu Bossard: Du warst herrlich! Und die schlagfertige Geistesgegenwart, ich sei ein stummer Portugiese! Ich hab mich so anstrengen müssen, daß ich nicht loslach! Er lacht nervös. Alle lachen ebenso mit. 14. Auftritt Die Vorigen. Unbekannte. Unbekannte   erscheint, noch immer weiß geschminkt, in der Türe links: Ich hör euch da lachen – ist er weg? Pianist   Ah, unser Gespenst! Manuel   Göttlich warst du! Bossard   Vollendet! Ich gratuliere – Unbekannte   Und ich kondoliere. Sie braust auf. Ihr seid ja unverantwortliche Trottel! Pianist   Wie bitte?! Bossard   beruhigt lächelnd seine Mitarbeiter: Ruhe! Unser Geist hat Temperament! Assistent   grinst: Gefällt dir? Alter Sünder! Manuel   Mir auch. Unbekannte   zittert innerlich vor Wut; höhnisch: Wie interessant! Nein, was seid ihr doch für interessante Trottel – Alle verbeugen sich spöttisch vor ihr. Unbekannte braust wieder los. Verbeugt euch nur! Schad, daß ich nicht der Semper bin, ich tät euch heimleuchten. Da hetzt man sich ab mit der Unbekannten, und was ist dann?! Ein teuflischer Leichtsinn ist dann: kein Wort mir zu sagen, daß der Huelsen dabei ist! Bossard   Absichtlich! Du wärest sonst befangen gewesen – Unbekannte   fällt ihm ins Wort: Ich bin nie befangen! Das hab ich mir abgewöhnt! Manuel   Walte Gott! Unbekannte   Ich bitt dich, laß den lieben Gott aus unserem Spiel! Anstatt daß ihr hier überlegen lächelt, überlegt euch lieber unsere Situation! Bossard   Ausgeschlossen, daß er dich erkannt hätte! Unbekannte   Genauestens sogar! Assistent   Bei dieser Beleuchtung? Er schaltet für einen Augenblick nur die dunkelgrüne Birne ein. Unbekannte   Licht spielt keine Rolle! Bossard   Und die Stimme allein sagt nichts! Unbekannte   Allerdings! Aber ich habe seinen Text gesprochen. Bossard   perplex: Was für einen Text? Unbekannte   Gestern abend hat er mir aus seinem Roman vorgelesen und da hab ich mir diesen Satz mit den grünen Augen und dem grünen Meer gemerkt. Pianist   schlägt einen Akkord an, als würde er damit ausdrücken wollen: »Himmel, tu dich auf, jetzt ist alles aus!« Er wird sich natürlich Gedanken machen. Bossard   faßt energisch Mut: Soll er doch! Ich bin überzeugt, auch wenn er dich genauestens erkannt hätte: er wird dich nicht bloßstellen. Unbekannte   Das weiß ich nicht! Bossard   Er wird dich doch nicht verraten, wenn er dich liebt! Manuel   Er ist doch kein Unmensch! Unbekannte   Das nein – Aber bei dem steht die Pflicht an erster Stelle und dann kommt noch ewig nichts! Wie oft hab ich ihn schon gebeten, mich nur ein bisserl zu protegieren! Pianist   Wenn ich Doktor Peter Huelsen wäre, dann würdet ihr alle Hauptrollen spielen. Manuel   Ich Wilhelm Tell. Er deutet auf den Assistenten. Er Napoleon. Er deutet auf Bossard. Und jener den Pagen von Hochburgund. Alle, außer der Unbekannten, lachen. Unbekannte   Oh, diese Schauspieler! Ihr wißt anscheinend garnicht, was in dieser Sekunde über euch hängt! Manuel   lustig: Doch nicht ein Damoklesschwert? Unbekannte   Jawohl, denn Peter ist ein absoluter Pflichtmensch und traut einem immer gleich alles Schlechte zu. Pianist   für sich: Hübsch! Unbekannte   Ich habe ihm doch auch mein Exposé von der Unbekannten gegeben – zuerst sagte er, er täte es prinzipiell nicht weiterleiten, weil er bei der Firma angestellt ist, dann erklärt er es für unfilmisch und miserabel – nicht einmal versuchen will er es, wo ich es doch ohne Zweifel als Erste eingereicht habe! Nun rüttelt es an der Türe im Hintergrunde und man hört Huelsens   Stimme von draußen: »Aufmachen! Aufmachen!« Unbekannte   entsetzt unterdrückt. Heiliges Känguruh! Bossard   Rasch! Raus! Unbekannte eilt in das Nebenzimmer. Bossard gibt dem Assistenten ein Zeichen. Assistent öffnet die Türe. 15. Auftritt Bossard, Manuel, Assistent, Pianist, Huelsen. Huelsen   stürzt verstört herein und hält dicht vor Bossard: Herr! Sie haben zuvor behauptet, ich sei verwirrt – Stimmt! Sie wissen genau, weshalb! Bossard   mit hart erzwungener Ruhe: Ich weiß garnichts. Huelsen   Ich fordere Aufklärung! Ihr Gespenst vorhin sprach meinen Text! Bossard   Verstehe kein Wort. Huelsen   Das Gespenst sprach Sätze aus meinem unveröffentlichten Roman, und es gibt nur ein Wesen, das ihn kennt – Sie wissen genau, wer das ist! Das Wesen steht mir nahe, sehr nahe, und es tut mir weh, sehen zu müssen, wie es unter Schwindler geraten ist! Jawohl, Betrüger und Schwindler! Bossard   Mein Herr! Wenn ich nicht Irrenarzt wäre – Huelsen   unterbricht ihn: Sie ein Irrenarzt?! Ich werde mich informieren! Bossard   schluckt: Bitte! Übrigens: wir haben die Gewohnheit, alles was unsere Herbeizitierten sagen, peinlichst mitzustenographieren – Zum Assistenten. Theodor! Lesen Sie vor, was die Unbekannte heute sprach! Assistent   Sogleich! Er holt einen Zettel hervor und tut, als würde er lesen. Oh komm, Geliebter. Warum bist du nicht ein Mann? Mein Mann mit starkem Arm und mildem Sinn. Bossard   zu Huelsen: Ist das Ihr Text? Huelsen   betreten: Nein. Aber das hat sie nicht gesagt! Bossard   scharf: Das hat sie gesagt! Stille. Huelsen   fährt sich mit der Hand über die Augen und lächelt verlegen: Sollte ich so verwirrt sein? Ich bin allerdings überarbeitet – Entschuldigen Sie! Bossard   erleichtert: Bitte, bitte! Huelsen   starrt ihm plötzlich forschend in die Augen. Bossard   unangenehm berührt; unsicher. Was haben Sie? Huelsen   Jetzt hab ich Sie. Sie! Jetzt weiß ich, woher ich diese Augen kenne – natürlich, natürlich! Sie sind ein Statist von der Filmbörse! Bossard   verfärbt sich und wankt etwas. Manuel   schreit Huelsen plötzlich an: So schauns doch endlich, daß Sie verschwinden! Huelsen   sehr leise, fast gehässig: Jetzt lass ich euch hochfliegen, noch heute Nacht. Jetzt ohne Rücksicht auf irgendeine Person – Er schreit. Ohne Rücksicht! Rasch ab durch die Türe im Hintergrunde, die er hinter sich krachend zuschlägt. 16. Auftritt Bossard, Manuel, Assistent, Pianist, Unbekannte. Unbekannte   stürzt aus dem Nebenzimmer und rast an die Türe im Hintergrunde: Peter! Sie reißt die Türe auf und ruft auf den Korridor hinaus. Peter! – Sie dreht sich langsam um. Weg ist er. Ich hab alles gehört. Bossard   setzt sich. Unbekannte   überlegt: Ich muß ihn sprechen, bevor er mit Semper spricht – Mit einem Ruck, als hätte sie plötzlich einen Entschluß gefaßt, eilt sie vor den Wandspiegel und schminkt sich rasch ab. Bossard   mutlos: Daß der mich erkannt hat – ich mach mir Vorwürfe! Unbekannte   Lieber Alfred, du hast genug geleistet! Manuel   Übermenschlich! Bossard   winkt ab: Wieder nichts. Heut – morgen wird man zweiundsechzig – und diesmal wahrscheinlich noch Polizei. Pianist   Ich war immer dagegen! Bossard   Beginnt schon! Unbekannte   immer noch vor dem Wandspiegel: Nichts beginnt, weil nichts beginnen darf! »Polizei« wär gelacht – so, fertig! Sie hat sich nun abgeschminkt und knöpft sich hastig die Bluse auf. Ihr müßt mir nur noch paar Groschen, damit ich mir ein Taxi – los, legts zusammen! Der Huelsen fährt immer nur Untergrund! Ich werd schon alles in Ordnung, zieh mich nur um! Sie will in das Nebenzimmer eilen, sich die Bluse bereits ausziehend. Assistent   Wohin? Unbekannte   bereits in der Türe: Auf den Filmball. Pianist   Ohne Karte, ohne Geld? Unbekannte   Überlaß das mir! Ich komm durch den Notausgang hinein! Rasch ab in das Nebenzimmer. Zweiter Akt Auf dem Filmball. In der Bar, dort wo der Bartisch den ganzen Hintergrund einnimmt. Der Mixer heißt Robert und hat eine pergamentene Haut, ist ein wenig gebückt, doch immer noch rasch und gewandt, trotz eines langen nächtlichen Lebens. Während des ganzen Aktes hört man aus dem Ballsaal gedämpft die Tanzmusik. 1. Auftritt Robert, Marquis. Marquis kommt von links, Robert hört ihn garnicht kommen, so sehr ist er in eine Zeitung vertieft. Marquis   setzt sich an die Bar: Robert! Robert   erblickt ihn erst jetzt und erschrickt sehr: Oh pardon, Herr Marquis, ich hab Sie garnicht kommen hören – Marquis   Was ist denn das heut für ein Tumult? Musik? Robert   serviert dem Marquis das »Gabelfrühstück«, von dem der alte Bientôt sprach: Leider. Filmball, Herr Marquis – Marquis   peinlich berührt: Film? Robert   Ja, im ganzen Hotel. In der Halle, im Saal, im Restaurant – aber bei uns in der Bar bleibts vorerst noch still. Jetzt müssen die Prominenten noch hübsch artig ihre Plätze einnehmen, damit man ihr »Privatleben« betrachten kann, wie sie essen und trinken – das Volk ist halt neugierig! Bei uns in der Bar wirds erst später lebendig. Nach Mitternacht. Marquis   sieht auf seine Uhr: Also in zwanzig Minuten. 2. Auftritt Die Vorigen, Adolf. Adolf   der zweite Mixer, ein junger Mann, kommt von links; zu Robert: Im zweiten Rang gabs gerade eine kleine Sensation; ein Mädel wollt durch den Notausgang herein, aber man hat sie hinausexpediert. Ziemlich unsanft sogar. Marquis ist unangenehm berührt. Sie wollt den Feuerwehrmann hintergehen, angeblich raffiniert. Der Feuerwehrmann ist noch ganz außer sich. Robert   War die hübsch? Adolf   Wie alle. Wahrscheinlich eine Statistin – Er stockt und starrt fasziniert nach rechts. Hoppla! 3. Auftritt Die Vorigen, Unbekannte. Unbekannte   kommt rasch und scheu; sie ist in einer billigen Balltoilette und man merkt es ihr noch an, daß sie vor kurzer Zeit unsanft hinausexpediert wurde, denn ihr Kleid ist an der einen Seite weiß von der Wand; sie sieht, daß man sie interessiert betrachtet und hält; unsicher: Bitte, – wo sitzt Generaldirektor Semper? Ich suche die Pandoraloge. Adolf   Ihr Kleid ist weiß. Da! Er zeigt es ihr an sich. Unbekannte   Oh! Sie klopft das Weiße rasch ab. Hoffentlich gibts keinen Fleck! Sie lächelt verlegen. Ist schon raus! Adolf   Apropos raus: ein Notausgang darf nur bei Lebensgefahr benutzt werden. Unbekannte schreckt zusammen. Bei Lebensgefahr! Unbekannte   wird immer unsicherer: Das weiß ich – Adolf   Na also! Ein Notausgang ist zum Hinauslaufen da, aber nicht zum Hineinschleichen. Unbekannte   fast dem Weinen nahe: Ich verstehe Sie nicht – Adolf Noch immer nicht? Kommen Sie, Fräulein, und bitte ohne unliebsames Aufsehen! Er will zu ihr hin, um sie hinauszubegleiten; zu Robert. Ich bring sie nur raus – Marquis   Halt! Die Karte der Dame habe ich bei mir. Darf ich bitten – Er überreicht Adolf diskret eine Banknote. Adolf verbeugt sich und geht wieder an seinen Platz. Unbekannte   schaut den Marquis, der ihr erst jetzt auffällt, groß an: Ich danke – Marquis   Wieso? Ich hatte doch nur Ihre Karte bei mir. Unbekannte   Trotzdem. Sie fühlt sich verpflichtet, ihm eine Erklärung abzugeben. Ich suche nämlich einen Menschen, den ich um etwas bitten muß. Aber – Sie sieht sich um – vielleicht ist er schon da – Sie stockt, da sich ihre Blicke treffen. Marquis   Möglich. Pause. Unbekannte   reißt sich von seinem Blick los: Ich schau nur nach! Rasch ab nach links. 4. Auftritt Die Vorigen, ohne Unbekannte. Marquis   erhebt sich langsam; zu Robert: Ich komm gleich wieder – Er geht nach links. Adolf   zu Robert; ironisch: Er sieht nur nach. Marquis   hörte die Bemerkung, hält und wendet sich an Adolf: Gewiß. Ich sehe nur nach, ob jener Dame drinnen im Saal noch abermals ein geistvoller Vortrag über das Aufgabengebiet offiziöser Notausgänge gehalten wird – Er lächelt und ab nach links. 5. Auftritt Robert, Adolf. Robert   Da hast du's! Ein Kavalier der alten Schule. Adolf   Imponiert mir nicht. 6. Auftritt Die Vorigen. Huelsen. Huelsen   kommt rasch von links : Dürft ich mal telefonieren? Robert   Bitte! Huelsen   Danke! Am Apparat. Hallo! – Ja, hier Doktor Huelsen. Bitte Herrn Generaldirektor Semper persönlich – Wie? Schon unterwegs? Danke! Er hängt ein, will nach rechts und trifft perplex die Unbekannte, die soeben suchend von rechts kommt. 7. Auftritt Die Vorigen, Unbekannte. Während der folgenden Szene können Huelsen und die Unbekannte von den beiden Mixern nicht gesehen werden, infolge der Architektur des Raumes. Unbekannte   Endlich! Bist grad erst gekommen? Huelsen   unnahbar : Ja. Unbekannte   atmet kurz auf : Du hast also noch nicht mit Semper – Huelsen   fällt ihr ins Wort : Doch! Ich habe mit Semper sofort, noch vom Hotel aus, telefoniert, daß alles ein glatter Betrug ist! Unbekannte   entsetzt : Peter! Dann ist alles aus! Huelsen   Ich hab es ihm auseinandergesetzt, klipp und klar und konsequent – aber er hat es mir nicht geglaubt. Unbekannte   Wie bitte?! Huelsen   Wen die Götter vernichten wollen, bei dem beginnts im Hirn. Unbekannte   lächelt glücklich: Mir scheint, mich wollen die Götter beschützen – Huelsen   Bild dir es nur ein! Unbekannte   Oh Gott, bin ich froh! Huelsen   Keine Ursache. Ich lasse nicht locker. Unbekannte   Er hat es dir nicht geglaubt – Armer Peter! Huelsen   Lach mich nur aus! Auf diese Art zerstörst du auch noch den letzten Rest: die Erinnerung. Unbekannte   Du siehst mich in einem falschen Licht. Huelsen   Nein. Ich sehe dich klar im Schein einer dunkelgrünen Birne. Dieser jämmerliche Zauber, diese plumpe Jahrmarktsregie! Unbekannte   Die Regie war von mir. Huelsen   Das auch noch. Ich hoffte heimlich, du seiest nur eine Verführte – derweil: eigene Regie! Unbekannte   Was du jetzt denkst, ist falsch! Huelsen   Es genügt! Zwar seh ich noch nicht klar, was ihr mit diesem Betrug bezwecken wollt – Unbekannte   unterbricht ihn: Dann will ich es dir erzählen: der Bossard, der Theodor und das »Medium«, es heißt Maikowski, und ich, wir sind arme Schauspieler, und der Klavierspieler ist ein armer Klavierspieler – Huelsen   fällt ihr ins Wort: Zur Sache! Unbekannte   So laß mich doch einleiten! Also, wir 5 Arme mußten mitansehen, daß wir nicht vorkommen, geschweige denn drankommen, und da haben wir uns diese spiritistische Seance ausgedacht und einstudiert, nur damit uns dein Semper endlich mal zu sehen bekommt! Endlich wollten wir mal zeigen dürfen, was wir künstlerisch leisten können – und wenn deinem Semper morgen früh meine Probeaufnahme als Gespenst gefällt, dann haben wir auf der ganzen Linie gesiegt! Huelsen   Ich kann diesen Blödsinn nicht hören! Ein Großfilm mit einem Gespenst als Star! Ja, glaubt ihr denn auch nur einen Augenblick, daß du als Geist unter Jupiterlampen?! Unbekannte   Ich bin doch nicht hirnverbrannt! Wir wollten doch deinen Semper nur von unseren schauspielerischen Fähigkeiten überzeugen, wir sprachen ihm sozusagen nur vor, allerdings ins Leben transponiert! Huelsen   Dieser Ausdruck ist nicht von dir! Unbekannte   Der ist von Bossard. Huelsen   Ach! Du lernst von dem alten Statisten? Unbekannte   Der alte Statist hat fünf Semester Universität! Huelsen   Gratuliere. Weiter! Unbekannte   Kommandier mir nicht! Also, wir haben uns im Terminus eingemietet, wie wir das Appartement bezahlen werden, ist mir zwar noch etwas unklar – Huelsen   fällt ihr ins Wort: Nett, sehr nett! Unbekannte   Ob nett oder nicht nett: man kann doch nicht verkümmern! Ich nicht! Und wenn dein Semper – Huelsen   fällt ihr abermals ins Wort: Warum sagst du immer »dein« Semper? Unbekannte   trotzig: Du kennst ihn doch gut! Huelsen   Stimmt! »Mein« Semper ist ein ungebildeter Enthusiast. Wenn der euren Spiritismus erfährt, dann spielt ihr garantiert keine Rolle! Er verzeiht alles, nur keine persönliche Blamage! Unbekannte   Überlaß das mir! Huelsen   Denk nur ja nicht, daß dir alles gelingt! Unbekannte   Alter Pessimist! Huelsen   Dein hemmungsloses Vertrauen zum eigenen Glück wird dich nochmal ins Unglück stürzen! Unbekannte   Alte Unke! Qua, qua, qua! Huelsen   Quak nur zu! Ohne Zweifel: Was du da treibst, ist und bleibt Betrug! Unbekannte   Deine Schuld! Huelsen   perplex: Wie bitte? Unbekannte   Klar. Warum protegierst du mich nicht ein bisserl? Weil du nicht willst! Weil du ganz unpraktische Ehrbegriffe hast! Wer hat denn das erste Exposé eingereicht? Ich! Aber du hast es nicht einmal weitergeleitet! Huelsen   Ist ja garnicht wahr! Alles hab ich versucht, aber alles ist aussichtslos! Und außerdem ist das Exposé miserabel! Unbekannte   So gut, wie dein Roman, ist es immer noch! Huelsen   schlägt sich auf die Stirne: Richtig! Jetzt kommt die Hauptsache! Du hast die Stirne besessen, den Satz mit den grünen Augen zu einer elenden Scharlatanerie zu mißbrauchen! Was ich schreibe, ist meine Seele, und du hast meine Seele degradiert! Ach, das hab ich ja jetzt ganz vergessen! Wie gut, daß es mir eingefallen ist! Unbekannte   Ich bitte dich, sei nicht so eitel! Huelsen   fixiert sie: Der Abgrund wird immer tiefer. Unbekannte   Und warum? Warum sagst du es nicht deinem Semper, daß du eine junge, begabte Schauspielerin kennst – Huelsen   unterbricht sie: Hab ich doch schon! Aber ich kann dieses plebejische Lächeln nicht sehen, dieses vertrauliche Zuzwinkern – ich kann es nicht vertragen, wie du vor mir selbst erniedrigt wirst! Unbekannte   Du überläßt also alles mir? Ich soll mich selber erniedrigen, was?! Pause. Huelsen   fixiert sie: Wie kommst du hier eigentlich herein? Unbekannte   trotzig: Sag ich nicht. Huelsen   Woher hast du die Karte, das Geld? Unbekannte   frech aus Unsicherheit: Na und du? Huelsen   Ich hab doch Freikarte! Unbekannte   Ich auch. Pause. Huelsen   Woher? Unbekannte   Da du mir nie Freikarten verschaffst, hat mir ein Herr eine Karte geschenkt. Huelsen   Wer? Unbekannte   Irgendein Herr. Huelsen   Wird ja immer netter. Pause. Unbekannte   Was denkst du jetzt? Huelsen   Ja. Er läßt sie stehen und ab nach links. Unbekannte   sieht ihm nach; dann leise: Ach so. Sie dreht sich ruckartig um und will rasch nach rechts ab, stößt jedoch dabei mit Semper zusammen, der gerade erscheint; sie erkennt ihn. Heiliger Himmel! Sie läuft an ihm vorbei; ab. 8. Auftritt Robert, Adolf, Semper. Semper   sieht ihr nach und ordnet seine Frackbrust; er ist sehr aufgeräumt: Was ist? Überfährt einen am hellichten Tag! Bin ich ein Passant?! Er ruft der Unbekannten nach. Fräulein! Sie haben kein Schlußlicht! Er tritt an die Bar; zu Robert, der im 7. Auftritt Rechnungen ordnete, während Adolf Zeitung las. Einen Kognak! Robert   Habe die Ehre, Herr Generaldirektor! Adolf   legt rasch die Zeitung beiseite und bedient Semper. Semper   Grüß Sie Gott, Robert! Einen doppelten Kognak! Ich hab das größte Erlebnis meines Lebens hinter mir! Robert   Werden Sie heiraten? Semper   Unberufen im Gegenteil! Ich leb doch schon sechs Jahr in Scheidung und seit wann sind Advokaten Erlebnisse?! Das sind Sorgen, Misere, Nervosität! Aber heut! Wenn Gott will, hab ich heut Nacht den leuchtendsten Stern entdeckt! Adolf   Eine neue Frau? Semper   blickt empor: Einen Engel! Ein absolut einmaliges Talent – Kasse, Kasse! Morgen laß ich mir in aller Früh die Probeaufnahmen vorführen, unberufen! Robert, haltens mir den Daumen! Robert   Zu Befehl, Herr Generaldirektor! Semper   leert hastig das Glas. 9. Auftritt Die Vorigen, Marquis. Marquis erscheint links, erblickt Semper und beobachtet ihn interessiert. Semper   zu den Mixern: Hört mal her, ihr zwei Begabungen! Glaubt ihr an Gespenster? Adolf   An was? Semper   An Gespenster. Geister. Spuk. Robert   Nein. Adolf   Ich auch nicht. Semper   Ich aber ja! Und zwar seit heut! Noch einen doppelten Kognak! Adolf   schenkt ein: Bitte, Herr Semper – Marquis   Ach! Er erkennt ihn plötzlich. Herr Semper! Semper   dreht sich ihm unfreundlich zu: Sie wünschen? Marquis   Schauen Sie mich mal an. Semper   betrachtet ihn mißbilligend. Marquis   lächelt. Robert hat mich sogleich erkannt – Semper   frostig: Na und? – Er stockt und erkennt ihn. Großer Gott! Der Marquis! Der Herr Marquis de Bresançon! Ich dacht, Sie wären schon längst tot! Ist das aber eine Freud! Marquis   Ich gratuliere übrigens: Generaldirektor ist allerhand! Semper   Nicht auszudenken! Eine Karriere, eine schwindelerregende! Er lacht; dann zu den Mixern. Hört mal her: was glaubt ihr, woher wir zwei uns kennen? Robert   Aus Australien? Semper   Sie sind verrückt! Was soll ich in Australien? Bin ich ein Beduine? Nein! Der Herr Marquis de Bresançon und Alexander Semper kennen sich aus dem Atelier Swoboda. Marquis   Aber Semper! Semper   Swoboda! Das ist ein reeller Begriff! Damals war ich dort Zuschneider und hab dem Herrn Marquis seine Hosen genäht. Marquis   Lieber Freund, zuvor galt meine Bewunderung Ihrer Karriere, aber jetzt verehre ich Sie; man findet selten einen Generaldirektor, der es selbst erzählt, daß er Hosen genäht hat. Semper   Ich kann es mir leisten! Ich werd nur wild, wenn mir einer sagt, daß ich Hosen verkauft hab! Ich hab immer gearbeitet! Adolf   Hoch der Herr Generaldirektor! Semper   Ausreden lassen! Ich hab aber nie gern gearbeitet! Auf das werte Wohl, Herr Marquis! Marquis   Prost, Semper! Semper   blickt empor: Wo ist die Zeit! Damals war die ganze Filmerei noch garnicht erfunden! Marquis   lächelt: Nana! So alt bin ich noch nicht! Semper   Auf alle Fälle stak damals der Film erst in den Kinderschuhen, denn wie ich dazu kam, kam er in die Flegeljahr. Jetzt mutiert er grad, und das nennt man Tonfilm – Er erhebt sich. Kommens, Marquis, ein bisserl in den Saal, ich muß mich dem Volk zeigen. Marquis   zu Robert: Bin gleich wieder da. Er folgt Semper. Semper   hält plötzlich und dreht sich dem Marquis zu; leise: Marquis, Sie sind doch ein Mann von Wort – und ich muß mit jemand darüber reden, es drückt mir die Luft ab! Sie werden aber schweigen? Marquis   lächelt: Gewiß. Semper   sieht sich forschend um, ob auch niemand zuhört; sehr leise: Sie haben doch schon was von der »Unbekannten der Seine« gehört, oder? Marquis   zuckt etwas zusammen: Ja. Semper   Von der Totenmaske? Marquis   Natürlich. Wieso? Semper   Ich plane jenes tote Mädel als Film. Marquis   erleichtert: Interessant. Semper   Und ich bin der wahren Geschichte auf der Spur. Was sagen Sie jetzt? Marquis   starrt ihn entsetzt an; tonlos: Nichts. Semper   Da kann man auch nichts sagen! Marquis   bekämpft seine Erregung; lauernd: Wie – sagen Sie: wie sind Sie dahinter gekommen? Semper   Geheimnis! Marquis   So reden Sie doch! Semper   Warum denn so aufgeregt? Soll ich mein Ehrenwort brechen? Marquis   beherrscht sich: Nein. Semper   Nach Ihnen, Marquis! Ab mit ihm nach links. 10. Auftritt Robert, Adolf, Huelsen, Unbekannte, Filmballpublikum. Es ist nun nach Mitternacht und aus dem Saal kommen Herren und Damen; sie nehmen an der Bar Platz, während Huelsen und die Unbekannte rechts erscheinen; er führt sie an der Hand. Huelsen   gedämpft: Begreifst du es nun, daß ich dich beleidigen mußte, weil ich prinzipiell derartige Methoden ablehne? Unbekannte   Mit dem Prinzip kommt man nicht weiter. Huelsen   Richtig! Nachdem du mir deinen Notausgang erklärt hast, bekomm ich eine völlig neue Einstellung zur Aktivität. Ich schäme mich vor dir. Unbekannte   gibt ihm plötzlich einen langen Kuß und er umarmt sie; dann: Du bist ein anständiger Mensch. Huelsen   Aber! Unbekannte   Und ich werd dich auch nicht mehr quälen, daß du mich protegierst – Huelsen   Und ich werde alles widerrufen, was ich dem Semper telefoniert hab und werde schweigen – Ja, ich war wirklich verwirrt! Was ist doch die Pflicht für ein abstrakter, zweideutiger Begriff! Sind wir nicht vielmehr verpflichtet, solch eine Begabung zu fördern, als auf einer pflichtgemäßen Methode herumzureiten, die nur zu einem Abgrund führt – zu einem Abgrund, der zwei Menschen trennt. Wie lächerlich, wie albern! Jetzt seh ich erst, wie falsch mein letztes Romankapitel ist – ich werd es ändern! Komm, laß diese Leute hier, ich les es dir bei mir zuhaus vor. Unbekannte   Morgen. Huelsen stutzt. Nicht böse sein, bitte – aber ich muß hier noch jemand kennenlernen. Huelsen   wird wieder mißtrauisch: Wen? Unbekannte   lächelt: »Deinen« Semper. Huelsen   erschrocken: Semper? Unbekannte   wie zuvor: Nur keine Angst! Jetzt protegiert sich die Unbekannte selbst – Sie nickt ihm zu und ab nach rechts. Huelsen   sieht ihr nach: »Angst«? Ich bin doch nicht feig? Er setzt sich verärgert an die Bar. Einen Kognak! Einen doppelten Kognak! 11. Auftritt Die Vorigen, Semper, Marquis, Unbekannte. Unbekannte kommt in Sempers Gesellschaft mit dem Marquis von links. Huelsen ist sehr überrascht. Semper   erblickt Huelsen: Was seh ich? Zu Huelsen. Mein Herr Sekretär sind auch da? Für Sie wärs besser zuhaus im Bett und kalte Umschläg um die Füß! Er hat mit dem Marquis und der Unbekannten am Bartisch Platz genommen, zu Huelsen. Was starren Sie, Doktor! Habens einen Starrkrampf?! Kommens lieber her! Huelsen   folgt. Semper   zum Marquis. Darf ich vorstellen: mein Privatsekretär, Doktor Huelsen, ein sehr ein feingeistiger Mensch. Sie dürfen nicht denken, daß wir beim Film keine literarischen Ambitionen haben! Marquis   verbeugt sich vor Huelsen. Semper   zur Unbekannten. Gestatten, meine Dame: Doktor Huelsen – Huelsen   kann sich nicht mehr halten und unterbricht ihn: Wir kennen uns schon. Semper   überrascht: Woher? Unbekannte   faßt sich: Flüchtig! Von einem literarischen Tee. Huelsen   Wie bitte?! Unbekannte   bestimmt: Von einem literarischen Tee bei der Baronesse Kalkowska. Huelsen   Das ist zuviel! Unbekannte   rasch: Wie bitte?! Semper   zur Unbekannten: Pardon, aber er ist heut ein bisserl wirr! Er zieht Huelsen mit sich bei Seite. Jetzt gibts nur zweierlei: entweder krieg ich einen Anfall oder Sie! Aber ich kann besser toben, mach ich Sie aufmerksam! Kein Wort! Mit einem Besessenen kann man nicht plauschen, ich hab noch genug von Ihrer Telephoniererei zuvor! Mein Erlebnis soll ein Schwindel gewesen sein?! Mich kann man nicht betrügen, höchstens betrüg ich, Sie Anfänger! Sehens die junge Dame vom Marquis, die hat mir alles genau erzählt! Sie kennt Rio de Janeiro und kennt natürlich auch Professor Bossard! Er verkehrte im Haus Ihrer Eltern. Natürlich hab ich kein Sterbenswörtlein über unsere Seance gesagt, Ehrenwort ist auch bei mir ein Ehrenwort! So, und jetzt gehens mit Gott! Habe die Ehre und gute Besserung! Adieu! Er läßt ihn stehen. Huelsen   Ja, gute Nacht – Ab nach links. Unbekannte wirft ihm einen kurzen, besorgten Blick nach. 12. Auftritt Die Vorigen, ohne Huelsen, Bildreporter, Gehilfe. Bildreporter   erscheint mit seinem Gehilfen von rechts und hält freudig überrascht vor dem Bartisch: Einen Augenblick, meine Herrschaften! Ach, unser Generaldirektor! – Bitte, bitte, nur noch eine einzige Aufnahme für das »Journal«! Semper   gruppiert sich mit der Unbekannten an der Bar und lächelt in den Apparat. Bildreporter   visiert. So ist es fein! Zum Marquis. Bitte, etwas näher! Marquis   Ich gehör nicht dazu. Bildreporter   Pardon! Zu der Gruppe. Achtung! Unbekannte erhebt im letzten Moment ein Sektglas. Gehilfe läßt das Blitzlicht aufflammen. Danke! Semper verläßt während der folgenden Szene die Bar. 13. Auftritt Robert, Adolf, Marquis, Unbekannte, Bildreporter, Gehilfe. Bildreporter   zur Unbekannten: Verzeihen Sie, bitte: dürft ich um Ihren werten Namen bitten – für das »Journal«. Unbekannte   überlegt; lächelt dann: Mein Name spielt keine Rolle. Ich spiele nämlich nur die Hauptrolle im nächsten Großfilm der Pandora. Bildreporter   begreift nicht ganz; automatisch: Titel? Unbekannte   Die Unbekannte der Seine. Bildreporter   Ach! Marquis   horcht auf. Bildreporter   lächelt überlegen. Verstehe! Ein genialer Reklametrick! Die Unbekannte spielt die Unbekannte! Unbekannte   Und zwar an Hand der wahren Begebenheit – Bildreporter   Aber die kennt doch niemand! Unbekannte   Doch. Wir wissen bereits alles. Bildreporter   Hochinteressant! Unbekannte   Mehr darf ich nicht sagen. Bildreporter   Genügt überaus. Gnädigste! Heißen Dank! Er verbeugt sich tief und rasch ab mit seinem Gehilfen nach links. 14. Auftritt Robert, Adolf, Marquis, Unbekannte. Unbekannte   wendet sich wieder der Bar zu. Marquis   hat sich erhoben, steht nun vor ihr und fixiert sie. Unbekannte   hält vor ihm. Marquis   sehr erregt, doch beherrscht: Ich hörte soeben, daß Sie die wahre Geschichte der Unbekannten kennen. Unbekannte   Ja. Marquis   Also kennt sie Semper von Ihnen? Unbekannte   Ja. Pause. Marquis   leise: Woher kennen Sie den Tatbestand? Unbekannte   lächelt: Sag ich nicht. Marquis   Weiß Semper alles? Unbekannte   Nein. Das Wichtigste noch keineswegs, das kommt erst noch – Sie lächelt wieder. Pause. Marquis   faßt sich ans Herz: Was wünschen Sie von mir? Unbekannte   perplex: Wieso? Marquis   fährt sie unterdrückt an: So sprechen Sie doch! Unbekannte   starrt ihn an. Marquis   beherrscht sich und nickt ihr fast ironisch zu. Vorhin, als ich Sie im Saal herumirren sah, da hatte ich Mitleid mit Ihnen – Unbekannte   verlegen: Oh bitte! Marquis   ändert wieder den Ton; sachlich: Ich lege Wert darauf, daß diese Angelegenheit sofort, noch heute Nacht, bereinigt wird. Er sieht sich um. Aber hier ist wohl nicht der Platz. Darf ich Sie zu mir bitten, die Adresse wird Ihnen wohl bekannt sein, trotzdem – Er überreicht ihr seine Karte. Hier! Unbekannte   nimmt die Karte, liest sie und sieht ihn wieder groß an; fast ängstlich: Zu Ihnen? Marquis   Fahren Sie vor, ich komme gleich nach. Unbekannte zögert. So gehen Sie doch schon! Unbekannte ab nach rechts, als würde sie träumen. 15. Auftritt Robert, Adolf, Marquis. Marquis   sieht ihr in Gedanken versunken nach; dann zu Robert: Könnt ich telephonieren? Robert Bitte, Herr Marquis! Marquis   am Apparat; leise: Hallo. – Ja, ich bin es. Hören Sie, es wird eine junge Frau kommen, sie soll warten. Und wecken Sie den alten Bientôt. Er hängt ein; tonlos. Zahlen – Vorhang. Dritter Akt Das Arbeitszimmer im Palais des Marquis de Bresançon. Durch ein hohes Fenster im Hintergrunde fällt der matte Schein einer Straßenlaterne auf den Schreibtisch. Rechts führt eine etwas geöffnete Türe in die Bibliothek, links eine geschlossene in das Schlafzimmer. Neben dem Fenster, fast schon in der Ecke, eine Tapetentüre. Alles im Raum ist alt, einfach und wertvoll, mit einem Wort: kultiviert. Der Marquis de Bresançon kommt vom Filmball, er eilt sofort in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und entledigt sich erst unterwegs seines Mantels, Schals und Hutes, wobei ihm Jean behilflich ist; dieser schaltet auch das Licht ein, eine Lampe auf dem Schreibtisch, die aber genügend hell leuchtet, um den ganzen Raum erkennen zu können. 1. Auftritt Marquis, Jean. Marquis   tritt durch die Tapetentüre ein: Haben Sie den Alten geweckt? Jean   Sehr wohl, Herr Marquis! Er sitzt in der Bibliothek – Er deutet auf die Türe rechts. Und die avisierte Dame ist auch bereits eingetroffen, ich habe sie unten in den Salon geführt. Marquis   Lassen Sie sie warten, bis ich rufe. Jean   Sehr wohl, Herr Marquis! Er will ab. Marquis   als würde ihm plötzlich noch etwas einfallen: Und: es wird noch ein gewisser Herr Nevieux kommen, den führen Sie sofort zu mir. Jean   Sofort! Er verbeugt sich und ab durch die Tapetentüre mit Mantel, Schal und Hut. 2. Auftritt Marquis. Marquis   steht kurze Zeit mitten im Raum und denkt vor sich hin; geht dann langsam an seinen Schreibtisch, öffnet eine Lade, holt ein Notizbuch hervor und scheint Zahlen zu addieren; unten im Parterre schlägt eine alte Uhr die dritte Stunde; nun hält er das Büchlein in der Hand, als würde er es wiegen wollen – plötzlich zuckt er zusammen und lauscht; durch die Stille dringt aus der Bibliothek leises Schnarchen, das allerdings immer kräftiger wird; er muß unwillkürlich lächeln, erhebt sich, geht an die etwas geöffnete Türe rechts, öffnet sie ganz und ruft hinein: Bientôt! Das Schnarchen bricht ab. Komm! 3. Auftritt Marquis, Bientôt. Bientôt   taucht in der Türe rechts verschlafen auf. Marquis   freundlich: Setz dich! Zigarre? Er hält ihm ein Kistchen entgegen. Bientôt   setzt sich unfreundlich in einen breiten Lehnstuhl: Nein. Ich pflege Nachts nicht zu rauchen, sondern zu schlafen. Oder zu trinken. Marquis   deutet auf ein Tischchen: Dort steht Kognak! Bientôt   Wo? Er erhebt sich wieder, geht auf das Tischchen zu und schenkt sich ein. Seltsam! Ich hab zuvor grad von Kognak geträumt – Marquis   Tröste dich, du bist nicht der Einzige, den ich aus seinen Träumen reißen mußte – Nevieux wird auch sogleich erscheinen. Bientôt   stockt beim Trinken: Nevieux? Dreht es sich also darum? Marquis   Ja. Immer hab ich gehofft und hab es doch klar gewußt, daß mit der Zeit auch dieser Augenblick seine Aufwartung machen wird – Bientôt   Was für ein Augenblick? Marquis   Es kommt ans Licht. Bientôt   schreit: Ist nicht Ihr Ernst! Also ich hab kein Wort, keine Silbe! Nichts, nichts! Ich hab geschwiegen Sommer und Winter, Jahr für Jahr, Tag und Nacht! Er leert verzweifelt sein Glas und schenkt sich rasch wieder ein mit zitternden Händen. Marquis   ruhig: Warten wir auf Nevieux. Stille. Marquis   zuckt plötzlich zusammen; unterdrückt. Hast du gehört? Bientôt   Was? Marquis   bange: Es geht jemand draußen – Bientôt   Wer? Marquis   wie zuvor: Ich weiß es nicht. Bientôt   Es gibt keine Gespenster! Die Tapetentüre öffnet sich langsam. Heilige Jungfrau! Marquis   schnellt empor: Wer da?! 4. Auftritt Die Vorigen, Unbekannte. Unbekannte   erscheint in der Tapetentüre und sieht ängstlich herein. Marquis   Ach, Sie – Unbekannte   mit leisem Vorwurf: Sie sind schon zuhaus und ich wart im Salon – Marquis   Hat Sie der Diener herauf? Unbekannte   Nein. Marquis   Hübsch. Unbekannte   Wieso? Ich hab hier oben einen Lichtstrahl gesehen und bin halt herein – Marquis   ironisch: Nur einen Lichtstrahl? Unbekannte   begreift plötzlich; empört: Wo denken Sie hin?! Ich werd doch nicht spionieren! Aber Ihr Salon ist ja eine dumpfe Gruft, mit lauter Totenmasken, und da soll man warten, warten, warten, und weiß überhaupt nicht, auf was, warum und wieso?! Marquis   Später! Unbekannte   ruckartig entschlossen: Ich geh jetzt. Marquis   tritt ihr in den Weg: Halt! Unbekannte   Auf der Stell oder ich schrei! Marquis   ruhig, doch bestimmt: Nehmen Sie, bitte, Vernunft an. Bientôt   Richtig! Unbekannte   erblickt ihn erst jetzt und erschrickt heftig: Da ist ja noch einer! Marquis   deutet vorstellend auf Bientôt: Herr Bientôt, mein Freund! Unbekannte   stutzt, mustert Bientôt; sieht den Marquis ungläubig an. Jawohl, mein Freund – der treu meinem Hause diente. Unbekannte   lächelt: Achso – Marquis   fixiert sie: Sie werden warten. Unbekannte   unwillig: Warum?! Marquis   wie zuvor: Es dreht sich immerhin um ein Leben. Unbekannte   sieht ihn groß an und schweigt. Marquis   sehr bestimmt. Sie warten. Unbekannte   Aber nicht in der Gruft! Marquis   muß leise lächeln: Dann hier – Er geleitet sie zur Türe rechts. Sie werden es nicht bereuen. Unbekannte   frech aus Unsicherheit: Sie müssen es ja wissen! Marquis   plötzlich sehr ernst: Gewiß! Er schließt hinter ihr die Türe rechts. 5. Auftritt Marquis, Bientôt. Bientôt   kichert vor sich hin: Daß die über mich erschrocken ist – Marquis   Freut dich? Bientôt   Ja. Wer war denn das? Marquis   sitzt wieder am Schreibtisch und blättert in seinem Notizbuch: Später! Bientôt   Seltsam! Die sieht ihr nämlich ähnlich – Marquis   Wem? Bientôt   Ihr. Marquis   herrscht ihn an: Schweig! Es klopft an die Tapetentür. Marquis   zuckt zusammen; dann. Herein! 6. Auftritt Die Vorigen, Jean. Jean   tritt ein: Herr Nevieux! Marquis   erhebt sich: Ich lasse bitten! Jean läßt Nevieux eintreten und schließt die Tapetentüre hinter sich. 7. Auftritt Marquis, Bientôt, Nevieux. Der Kohlenhändler Nevieux ist ein lebhafter Herr von ungefähr fünfundvierzig Jahren; Kleidung, Sprache und Benehmen nach ist er ein braver Kleinbürger, doch etwas an seinem Wesen erinnert an einen passionierten Kartenspieler. Er scheint recht nervös zu sein. Nevieux   verbeugt sich : Marquis! Er entdeckt Bientôt . Ah, Bientôt! Noch gute Nacht oder schon guten Morgen, man weiß es nicht, was man wünschen soll! Marquis   schenkt sich Kognak ein : Es wird bald licht. Marquis   Wir haben noch Zeit. Bitte – Er bietet Nevieux Platz an. Alle setzen sich. Marquis   leise : Ich bat Euch zu mir, um klar zu sehen, und zwar sofort. Wir drei sind die einzigen, die jene tragische Verkettung alltäglicher Umstände – doch nein – nein! Ich will mich nicht freisprechen! Es war und bleibt meine Schuld. Stille. Ihr, meine Freunde, – ich darf Euch wohl so nennen? Nevieux   Aber Marquis! Marquis   winkt ab : Ich bin mir der Kluft bewußt zwischen ehrbaren Menschen und meiner Person! Ihr seid die einzigen Zeugen jener Tat, die mein Schicksal sein sollte. Und Ihr habt meine Last mitgetragen, seit jener verhängnisvollen Stunde, in der es geschah – seit jener Nacht, in der eine Seele erlosch durch meine Schuld. Nevieux   der nervös-gelangweilt zuhörte, als hätte er diese Eröffnungen schon unzähligemal gehört, kann nun seine Neugierde nicht mehr bezähmen : Sie sagten mir vorhin am Telephon, es müßte jemand gesprochen haben? Bientôt   Also ich kein Wort! Nevieux   Auch nicht im Rausch? Bientôt   böse : Junger Mann, wenn ich einen Rausch hab, dann werd ich totenstill! Marquis   Sprechen wir leise, es ist wer nebenan! Nevieux   Wer? Marquis   Jemand, der alles weiß. Nevieux   erschrickt sehr : Wie bitte?! Sehr aufgeregt. Herr Marquis, ich hab keinen Ton, keine Silbe, keine Andeutung, schon im ureigensten Interesse! Heiligstes Ehrenwort! Er leert hastig sein Glas Kognak. Stille. Marquis   Es hat also jeder geschwiegen? Nevieux   rasch: Jeder! Marquis   Da sich also keiner von uns erinnert, gesprochen zu haben, stehen wir vor einem Rätsel. Nevieux   wird immer nervöser: Vielleicht hat wer – Marquis   unterbricht ihn scharf: Wer? Er fixiert ihn. Wer weiß noch davon außer uns? Nevieux   rasch: Niemand! Verzeihung, Marquis, es war nur eine gedankenlose Redensart – Er grinst verlegen. Verzeihung! Marquis   mißtrauisch geworden: Bitte! Stille. Nevieux   versucht seine Nervosität niederzuringen: Sie sagten zuvor, nebenan wäre jemand, der alles wüßte – Marquis   Stimmt. Eine junge Frau. Nevieux   Ach! Marquis   Eine Schauspielerin, allerdings ohne Engagement. Nevieux   Aha. Erpressung? Marquis   Ich nehme es an. Nevieux   Was denn sonst? Bientôt   Dem Luder möcht ich mal meine Meinung ins Gesicht – Marquis   unterbricht ihn: Du wirst dich beherrschen! Nevieux   Hier hilft nur Geld, wenigstens meiner persönlichen Erfahrung nach. Nur Geld! Marquis   Werden sehen. Nevieux   Trumpf sticht! Marquis   nickt: Rien ne va plus. Nevieux   Die Kugel rollt – Marquis   Rot oder schwarz. Stille. Nevieux   Und wenn wir verspielen? Bientôt   »Wir«? Ich weiß nichts! Radikal nichts! Nevieux   Erzählen Sie das der Polizei! Marquis   herrscht ihn unterdrückt an: Nicht so laut! Er erhebt sich. Ich danke Euch! Bientôt   erhebt sich ebenfalls: Wiedersehen! Marquis   Ich kenne den Einsatz, ich kenne das Spiel. Zwar besitz ich nur einen einzigen Trumpf, aber ich werde mich wehren bis zum Nichts. Nevieux   der sich auch erhoben hat, verbeugt sich: Marquis! Ab mit Bientôt, der die Kognakflasche mitgehen läßt, durch die Tapetentüre. 8. Auftritt Marquis, Unbekannte. Marquis   überlegt einen Augenblick, geht dann an die Türe rechts und öffnet sie: Darf man bitten! Unbekannte tritt ein. Marquis   hat sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Nehmen Sie Platz! Unbekannte setzt sich verärgert neben den Schreibtisch. Haben Sie drüben alles gehört? Unbekannte   empört: Ich werd doch nicht horchen! Für was halten Sie mich denn?! Marquis   unbeirrt: Kennen Sie einen Herrn Nevieux? Unbekannte   Nevieux? Ja. Warum? Marquis   Interessant. Unbekannte   Ich kenn sogar zwei Nevieux. Der eine hat eine Fischhandlung und der andere ist ein Souffleur. Marquis   ironisch: Nur zwei? Unbekannte   braust auf: Jetzt wirds mir aber zu bunt! Zuerst kommandierens mir auf dem Ball, ich soll sofort zu Ihnen, dann lassens einen in einer Gruft warten, dann schreiens mich an, ich spionier und ich horch, und dann wollens noch, daß ich einen dritten Nevieux kenn! Marquis   Man bittet um eine andere Taktik, Madame! Unbekannte   Ich hab überhaupt keine Taktik, bitt ich mir aus! Marquis   Einen Augenblick! Sie erklärten mir auf dem Ball, Sie würden alles veröffentlichen, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen. Unbekannte   Stimmt! Nämlich unter der bestimmten Voraussetzung, daß ich die wahre Geschichte der Unbekannten erfahre. Ich kenne sie leider noch nicht. Marquis   starrt sie an, als würde ihn momentan der Schlag getroffen haben; leise, doch außer sich: Was? Was reden Sie da?! Unbekannte   Keine Ahnung! Marquis   braust auf: Aber Sie erklärten mir doch eindeutig, daß Sie einen Film an Hand der wahren Begebenheit – Unbekannte   unterbricht ihn: Das hab ich nicht Ihnen erklärt, sondern dem Bildreporter vom »Journal«, und da haben Sie gehorcht, Sie und nicht ich! Sie haben mich ja überhaupt nicht zu Wort kommen lassen! Diesem blöden Reporter habe ich doch nur aus Reklamegründen etwas vorgeschwindelt, genau wie dem Semper, zu guter Letzt aus Selbsterhaltungstrieb und aus sonst nichts! Haben Sie eine Ahnung in Ihrem Palais, was dazu für ein Ränkespiel gehört, um als anständige Unbekannte eine Titelrolle zu erreichen! Was man sich da alles erklügeln muß – ujjeh! Es war doch überhaupt meine Idee, einen Film mit dieser Totenmaske zu drehen, aber mein Exposé wurd nicht anerkannt, wahrscheinlich aus Neid, und jetzt sitzen meine Kollegen verzweifelt im Terminus, weil ihnen kein richtiges Motiv einfällt, warum daß die Unbekannte in die Seine gegangen ist! Und wie Sie mich dann auf dem Ball so seltsam gefragt haben, da hats mir einen direkten Stich gegeben und ich hab es gefühlt, daß Sie etwas wissen müssen, und bin her zu Ihnen, vielleicht um etwas zu erfahren, was wir verwerten können, filmisch und dergleichen! So, jetzt wissens alles! Marquis   Es genügt. Stille. Unbekannte   Gebens mir, bitt schön, ein Glas Wasser! Marquis erhebt sich, schenkt ein und reicht es ihr. Danke! Sie trinkt aus. Marquis   Hats geschmeckt? Unbekannte   Sehr. Marquis   Das ist die Hauptsache – Er setzt sich und lächelt irr. Unbekannte   wird wieder unsicher: Ich mag nämlich eigentlich keinen Alkohol. Stille. Marquis   betrachtet sie: Und Sie wollen die Unbekannte spielen? Unbekannte   Ja. Stille. Marquis   wie zuvor: Die war anders. Unbekannte   wird immer unsicherer: Wenn ich mich anders frisiere – Marquis   Nein. Ich meine, da drinnen – Er deutet auf sein Herz. Unbekannte   Das ist mein Fach. Stille. Marquis   fixiert sie: Schämen Sie sich nicht? Unbekannte   Wieso? Stille. Unbekannte   sehr unsicher, möchte irgendetwas sagen: Und – Marquis   fällt ihr scharf ins Wort: Und?! Er erhebt sich und geht auf und ab. Es ist mir bewußt, daß ich leichtfertig annahm, Sie müßten alles wissen, was verborgen bleiben sollte. Da ich mich aber nunmal in diese Situation manövriert habe, wünsche ich keineswegs, daß sich die Legende auch meiner Person bemächtigt, ich will eine verlorene Position nicht länger verteidigen und ziehe die Wahrheit vor. Hören Sie: vor einem Menschenalter arbeitete hier im Hause, in der Gärtnerei, ein Mädchen. Der alte Bientôt, über den Sie vorhin erschraken, war damals noch keine Mumie. Er war ihr Chef – und der Einzige unter der Dienerschaft, der sie nicht immer prügelte, mit Worten, Blicken und sogar in der Tat. Sie hatte keine Eltern, keine Freunde – niemand. Sie kam aus dem Heim zum guten Hirten. Unbekannte   Ist das ein Waisenhaus? Marquis   Nein, das ist eine Korrektionsanstalt für verwahrloste weibliche Jugendliche. Die gesamte Dienerschaft, außer, wie gesagt, jene Mumie, fühlte sich durch die Anwesenheit dieses Mädchens beleidigt, entehrt, beschimpft, und gab es ihr tausendmal kund. Aber sie trug jede Kränkung, allen Spott und Schimpf mit heiliger Geduld. Ich war überzeugt von ihrer absoluten Anständigkeit. Um ihre Peiniger zu beschämen, gab ich ihr eine Gelegenheit, ihre Ehrlichkeit beweisen zu können: ich sandte sie in die Stadt, eine größere Summe auf der Bank abzuholen. Den ganzen Tag wartete ich. Sie kam erst spät in der Nacht und – hatte das Geld verloren. Erschüttert glaubte ich ihr kein Wort. Hier in diesem Raume, da, da schrie ich es ihr ins Gesicht und jagte sie vor versammelter Dienerschaft aus dem Hause. Dort ging sie hinaus. Ich werde ihren Blick nie vergessen, der mich traf. – Eine halbe Stunde später kam ein braver Mann mit dem Geld, er hatte es im Eisenbahnabteil gefunden. Sie hatte es verloren. Stille. Als ich dann jene Totenmaske erblickte, erkannte ich sie sofort. Ich und Bientôt, sonst keiner – denn keiner hatte sie im Leben jemals lächeln gesehen. Ja, es ist das Lächeln eines Engels, das Lächeln der Unschuld. Und ich bin ihr Mörder. Unbekannte   entsetzt: Nein!! Marquis   Doch! Unbekannte   wie zuvor: Sie sind doch kein Mörder, das seh ich Ihnen an! Marquis   scharf: Was sehen Sie mir an, was wissen Sie von mir?! Was wissen Sie von Ihrem Geliebten, Ihren Eltern, Freunden, Bekannten?! Nichts! Sie kennen die Fassade eines Hauses, vielleicht einige Zimmer, das ist alles! Decken Sie die Dächer ab: welche Verbrechen würden Sie entdecken! Hier! Er reicht ihr hastig aus seiner Brieftasche einen vergilbten Brief. Lesen Sie ihren Abschiedsbrief! Ihr letztes Wort, das sie mir gab – Lesen Sie! Unbekannte   liest den Brief und legt ihn dann langsam auf den Schreibtisch: Die Schrift gefällt mir nicht – Marquis   faßt sich ans Herz: Ich muß Sie bitten, in einem anderen Ton über dieses Wesen zu sprechen, das mein Schicksal geworden ist. Ich bitte um Ehrfurcht. – So, nun gehen Sie hin und drehen Sie Ihren Film! Unbekannte   schluchzt. Marquis   horcht auf und ändert den Ton; fast sanft. Was ist Ihnen? Unbekannte   fährt sich mit dem Taschentuch an die Augen; sehr leise: Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil Sie mich für etwas Schlechtes halten – Stille. Marquis   Verzeihen Sie einem alten Mann – Unbekannte   weinend: Lächerlich! Sie sind doch kein alter Mann! Marquis horcht wieder auf. Unbekannte   ängstlich. Darf ich jetzt gehen? Es klopft auf die Tapetentüre. Marquis   zuckt zusammen: Herein! 9. Auftritt Die Vorigen, Jean. Jean   tritt durch die Tapetentüre aufgeregt ein: Marquis, ein aufgeregter Mensch möcht Sie sofort sprechen, er hat mich sogar bedroht! Ein Doktor Huelsen! Unbekannte   Heiliges Känguruh, mein Bräutigam! Jean   feig: Wer?! Unbekannte   entsetzt zum Marquis: Rettens mich, rettens mich! Der glaubts mir ja nie und nimmer, daß ich nur wegen Ihnen bei Ihnen bin! Marquis   perplex: Wegen mir? Unbekannte   Oder wegen uns! Ist ja gehupft, wie gesprungen! Rettens mich, der bringt mich noch um! Marquis   Nana! Jean   Sicher! Unbekannte   zum Marquis: Sie kennen seine Novellen nicht! Marquis   Leider – Er muß lächeln und deutet dann auf die Türe rechts. Bitte! Ich werde schweigen. Unbekannte   wirft ihm einen ängstlich-dankbaren Blick zu: Oh, Sie sind lieb – Rasch ab in die Bibliothek. Marquis   horcht abermals auf; dann zu Jean: Ich lasse bitten! Jean verbeugt sich hastig, läßt Huelsen ein und schließt stumm aufatmend die Tapetentüre hinter sich. 10. Auftritt Marquis, Huelsen. Huelsen stürzt befrackt, ohne Hut und Mantel, herein; er ist außer sich. Marquis   erkennt ihn überrascht: Ach! Ich hatte bereits die Ehre – Huelsen   bitter: Gewiß! Auf dem literarischen Tee bei der Baronesse Kalkowska! Marquis! Lange Worte haben wenig Sinn: bei Ihnen ist meine Braut. Ich weiß es unfehlbar! In der Bar, vom Mixer! Marquis   kann es nicht fassen: Von Robert? Huelsen   Vom Jüngeren! Marquis   beruhigt: Achso. Huelsen   Er hörte Sie telefonieren, daß eine junge Frau zu Ihnen kommen würde. Leugnen hat keinen Sinn! Ich fuhr sofort mit der Untergrund her, leider ist die Verbindung in der Nacht miserabel – Marquis   fällt ihm ins Wort: Ihr Mixer hat sich geirrt. Hier im Hause befindet sich keine junge Dame. Huelsen   Ehrenwort? Stille. Marquis   leise: Ja. Ehrenwort. Huelsen   Danke! Ich bin historisch bewandert, und es ist mir bekannt, daß ein Marquis de Bresançon noch nie sein Ehrenwort brach, ja, daß Ihr Geschlecht den Adel dem Tatbestand verdankt, daß einer Ihrer Vorfahren sein Wort, selbst auf der Folter, nicht gebrochen hat. Marquis   Ja. Huelsen   fixiert ihn: Er ist lieber gestorben. Marquis   Sie haben recht. Stille. Huelsen   Verzeihung! Er verbeugt sich steif verabschiedend. Marquis   Bitte! Huelsen rasch ab durch die Tapetentüre. Marquis sieht ihm in Gedanken versunken nach. 11. Auftritt Marquis, Unbekannte. Unbekannte   erscheint behutsam: Diesmal hab ich gehorcht – Marquis   hört kaum hin; wie zu sich selbst: Andere sind zwar lieber gestorben – Unbekannte   perplex: Wie bitte? Marquis   nickt ihr wehmütig lächelnd zu: Sie haben alles gehört? Unbekannte   Nicht alles. Nur, daß Sie nichts gesagt haben, das hab ich gehört – Sie lächelt dankbar. Und ich werd auch nichts sagen. Auf Ehrenwort. Marquis   gereizt: Schweigen Sie, bitte! Stille. Unbekannte   faßt es nicht, warum er sie angefahren hat; sachlich aus Gekränktheit: Darf man jetzt weg? Marquis   deutet auf die Tapetentüre. Unbekannte   wendet sich langsam der Tapetentüre zu, am Fenster vorbei, blickt unwillkürlich hinaus und erschrickt sehr; unterdrückt. Oh Gott! Ich kann nicht fort! Er steht vor dem Fenster! Marquis   nickt ihr traurig zu: War zu erwarten – Er tritt an das Fenster und blickt hinaus; nach einer kleinen Pause. Stimmt. Er ist historisch bewandert, aber das Wort eines Bresançon gilt ihm nichts – Unbekannte   Der hat auch zu mir kein Vertrauen. Er ist ein geborener Pessimist. Stille. Marquis   Es regnet. Unbekannte   ängstlich: Jetzt sieht er mich an. Marquis   Er kann uns nicht sehen. Unbekannte   wie ein Kind: Weil er geblendet ist? Marquis   Stimmt! Er verläßt das Fenster. Stille. Unbekannte   Der wird sich noch eine Lungenentzündung holen, und ich bin so müd – Sie verbeißt ein Gähnen. Marquis   schenkt ihr einen Whisky ein: Wenn Sie befehlen, steht Ihnen jederzeit mein Schlafzimmer zu persönlicher Verfügung – Er deutet auf die Türe links. Unbekannte   Wo denken Sie hin?! Marquis   sieht sie groß an: Mein Kind, ich denk schon lange nichts – mehr – Er leert hastig seinen Whisky. Da es Ihr Bräutigam mir nicht glauben will, daß Sie nicht hier sind, zwingt er Sie, noch hier zu bleiben. Leider besitz ich keinen Notausgang – Er lächelt abermals wehmütig. Unbekannte   Oh, Sie sind lieb! Sie muß heftig gähnen. Jetzt fahren die Scheinwerfer eines Autos durch das Zimmer, man hört aber keinerlei Geräusch. Ein Auto! Es hält. Marquis   Hier? Unbekannte   Ein Herr steigt aus. Marquis   tritt wieder ans Fenster; überrascht: Nevieux! Unbekannte   Ach, ist das der dritte? Marquis   rasch: Ich muß Sie bitten, in der Bibliothek – Unbekannte   fällt ihm ins Wort: Ist da ein Divan drin? Marquis   Nein. Unbekannte   Also nur Bücher – Sie lächelt. Dann vielleicht doch lieber dort – Sie deutet nach links und droht ihm mit dem Zeigefinger. Aber nur zur allerpersönlichsten Verfügung! Marquis   ungeduldig: Ohne Zweifel! Er geleitet sie nach links. Unbekannte   Man ist doch kein Bücherwurm – Marquis   Schlafen Sie gut! Er schließt, kurz aufatmend, die Türe links hinter ihr. Es klopft an die Tapetentüre. Herein! 12. Auftritt Marquis, Nevieux. Nevieux   tritt ein, er scheint noch nervöser zu sein: Marquis! Ich nehme an, Sie sind überrascht, daß ich abermals auftauche, aber Ihre Befürchtungen vorhin haben mich zutiefst erschüttert. Sind Sie mit der Person ins Reine gekommen? Marquis   hält Distanz: Die Kugel rollt noch. Nevieux   Dann kann man noch setzen. Marquis! Ich habe Ihnen ein Geständnis – Marquis   fällt ihm ins Wort: Sie haben geschwätzt? Nevieux   Nicht ich! Marquis   fixiert ihn: Nevieux, Sie sind ein Hasardeur. Nevieux   Leider! Aber jetzt haben Sie die Trümpfe und ich bloß Mist. Ich vermutete ja sogleich, wer geschwätzt haben dürfte, und ich nahm mir das Frauenzimmer, sowie ich wieder zuhause war, energisch vor – endlich gab sie es zu: sie hat es der Hausmeisterin erzählt. Marquis   Versteh kein Wort. Nevieux   Marquis! Als Sie vor einem Menschenalter nach jenem tragischen Vorfall heimlich nachforschten, ob Ihre Unbekannte nicht doch irgendwo einen Verwandten hat, dem Sie irgend etwas Gutes tun könnten, um Ihr Gewissen zu entlasten, da fanden Sie mich – einen sechzehnjährigen Lehrling. Zum Studium wars zu spät, also kauften Sie mir ein Kohlengeschäft, ja sogar im Testament, wenn ich wohl unterrichtet bin – Marquis   Zur Sache! Nevieux   Ich schwieg, trug Ihre Last mit – aber jetzt hab ich Angst, denn ich habe die Skandalsucht der Öffentlichkeit mehr zu fürchten wie Sie! Marquis   Kaum! Nevieux   Doch! Dieser ganze Rattenschwanz von Presse und Polizei – Marquis! Ich bin ein Betrüger, ein erbärmlicher Betrüger! Und Ihre Unbekannte ist auch eine Betrügerin! Sie ist gar nicht tot, sie lebt! Marquis   Nevieux!! Nevieux   Sie ging wohl in die Seine, aber sie schwamm auch wieder heraus – und hat es der Hausmeisterin erzählt! Marquis   starrt ihn total durcheinander an: »Schwamm auch wieder heraus«? Nevieux   So wahr ich lebe. Stille. Marquis   faßt sich ans Herz; sehr leise: Und, meine Totenmaske? Nevieux   zuckt die Schultern: Das ist eine andere. Marquis   Eine andere? Er fährt sich mit der Hand über die Augen. Nein – nein! Sie lügen! Nevieux   Ehrenwort! Marquis macht eine wegwerfende Geste. Ich kann es begreifen, daß ein Bresançon meinem Ehrenwort keinen Glauben schenkt. Marquis   fixiert ihn grimmig. Nicht schlagen, bitte. Marquis   Ich pflege nicht zu schlagen. Stille. Nevieux   Wollen Herr Marquis Ihre Unbekannte sehen? Marquis   faßt sich wieder ans Herz: Sehen? Nevieux   Ich hab sie gleich mitgebracht. Ein korrekter Beweis aus Fleisch und Blut – Er öffnet die Tapetentüre und ruft hinaus. Tante, komme herein! 13. Auftritt Die Vorigen, Tante. Die unbekannte Tante ist eine Greisin, die immer beschränkt vor sich hinzulächeln scheint. Sie tritt auf einen Stock gestützt ein. Tante   zu Nevieux: Hast du mit ihm gesprochen? Nevieux   laut : Dort steht er! Tante   erblickt den Marquis erst jetzt: Ah! Sie verbeugt sich. Ihr Diener, Marquis! Marquis erkennt sie allmählich erschüttert. Tante   zu Nevieux; ängstlich. Wird er mir verzeihen? Marquis   fixiert sie. Nevieux   zum Marquis; bange: Sie fragt, ob Sie uns verzeihen – Marquis   unterbricht ihn tonlos: Ja. Nevieux   Tausend Dank! Marquis   schneidet ihm mit einer unwilligen Geste das Wort ab; dann nur um etwas zu sagen, zur Tante: Und, wie gehts? Nevieux   zum Marquis: Sie müssen lauter reden – Laut. Tante! Der Herr Marquis erkundigt sich, wie es dir geht? Tante   Gut. Sie lächelt den Marquis blöd an. Stille. Marquis   plötzlich schneidend laut: Sie waren eine gute Schwimmerin, wie? Tante   glotzt ihn an und zuckt dann entsetzt zusammen; zu Nevieux: Robert, ich frier! Der Nebel ist schwarz und der Himmel ist Wasser – Nevieux   unterbricht sie: Pst! Wir sind nicht zuhaus! Zum Marquis. Verzeihung, sie ist halt ein bisserl senil – Er deutet auf seine Stirne; zur Tante. Komm! Zum Marquis, sich verabschiedend. Marquis! Ich werde alles in Raten zurück, jede Wohltat – Marquis   Ich verzichte! Tante   keifend: Bring mich ins Bett! Nevieux   herrscht sie an: Fängst schon wieder an?! Ab mit ihr durch die Tapetentür. 14. Auftritt Marquis. Marquis   sieht der Tante und Nevieux nach; tonlos: Sie war es. – Er liest ihren Abschiedsbrief nochmals genau durch und blickt dann vor sich hin, als würde er sein Leben abrollen sehen; er nickt. Das war mein Leben. Aber die Schrift gefällt mir nicht – Er grinst und zerreißt ihren Abschiedsbrief. Vierter Akt Das Appartement des Professor Bossard im Hotel Terminus. Man merkt es dem Salon an, daß in ihm die Nacht hindurch gearbeitet wurde: überall Kaffeetassen, leere Flaschen, Gläser, Zigarettenasche und dergleichen Spuren geistiger Betätigung. Der Assistent sitzt in Hemdärmeln vor einer alten Schreibmaschine und tippt ein Drehbuch, das ihm Manuel diktiert; dieser hat sich die Schuhe und den Kragen ausgezogen, scheint aber noch der relativ frischeste zu sein. Der Pianist sitzt auf dem Boden und ordnet einen Haufen Durchschläge; um seine Hose zu schonen, hat er sich ihrer entledigt und sie über den Flügel gehängt. Alle sind fieberhaft tätig, bleich und übermüdet. Nur Bossard schlummert; er sitzt fröstelnd mit hochgeschlagenem Mantelkragen in einem Lehnstuhl im Vordergrunde rechts. 1. Auftritt Bossard, Manuel, Pianist, Assistent. Manuel   geht auf und ab und diktiert, wie gesagt, dem Assistenten: – »und die Unbekannte ertrinkt im Wasser, aber sie lächelt dabei«. Darunter: »Trickaufnahme«. Assistent   In Klammern? Manuel   Klar! Trick ist immer in Klammern! Weiter! Rechts: »Das Rauschen des plätschernden Wassers –« Pianist   Halt! Plätschern geht nicht! Das muß musikalisch untermalt werden! Assistent   Du kommst nicht zu kurz! Pianist   Aber ich red doch nur im Interesse des Gesamtkunstwerks! Manuel   Also gut! Zum Assistenten. Schreib: »Plätscherndes Wasser musikalisch untermalt.« Ist ja egal. Assistent   tippt wütend, dann: Schluß! Er reißt die letzten Durchschläge aus der Schreibmaschine und wirft sie dem Pianisten zu. Tu deine Pflicht! Pianist   schüttelt den Kopf: Ein befremdendes Benehmen – Assistent   erhob sich, reckt sich und gähnt hemmungslos unartikuliert; betrachtet plötzlich seine Hände: Mir scheint, ich hab einen Fingerkrampf – Er beschäftigt sich mit seinen Fingern. Bossard   erwacht und fährt sich mit der Hand über die Augen. Manuel   der Durchschläge korrigiert: Guten Morgen, Herr Geheimrat! Bossard   lächelt matt: Ratet mal, was ich geträumt hab – Pianist   Na? Bossard   Es war Frühling und ich fuhr mit der Unbekannten nach Nizza. Sie hat mir alles erzählt, einen wundervollen Film – Wie war denn das nur? Ja, jetzt hab ich es vergessen. Assistent   Macht nichts! Wir sind fertig. Bossard   überrascht: Mit dem Drehbuch? Pianist   Vor zwei Minuten. Bossard   Respekt! Manuel   Unberufen! Bossard   Apropos unberufen: ist sie schon zurück? Assistent   Nein. Manuel   Ein Filmball dauert oft ewig. Stille. Bossard   Hat denn keiner eine Uhr? Pianist   deutet nach dem Fenster: Draußen ist eine. Manuel   Schauen wir mal nach – Er tritt an das Fenster, öffnet es und prallt zurück, denn die Sonne scheint hell herein. Die Sonne! Es ist schon halbacht! Alle starren nach der Sonne und sind sehr betreten. Bossard   leise: Gott steh uns bei. Stille. Assistent   bange: Es muß ihr was passiert sein – Pianist   hat seine Durchschläge geordnet und zieht sich nun rasch eine Hose an: Ich hab es mir gleich gedacht, daß dieser blöde Notausgang – Manuel   unterbricht ihn: Es war der einzige Weg! Es klopft an die Türe im Hintergrunde. Da ist sie! Er will an die Türe eilen, um sie zu öffnen. Assistent   hält ihn am Arm zurück: Aber! Die klopft doch nicht! Stille. Pianist   ängstlich: Vielleicht die Polizei? Bossard   scharf: Ausgeschlossen! Es klopft noch einmal. Herein! 2. Auftritt Die Vorigen, Huelsen. Huelsen erscheint zerknittert, durchnäßt, noch immer im Frack, ohne Mantel, ohne Hut; er macht den Eindruck eines gebrochenen Mannes. Pianist   überrascht: Huelsen! Huelsen   zu Bossard: Verzeihen Sie, daß ich störe – Er lächelt schmerzvoll. Könnt ich mal unsere Unbekannte sprechen? Bossard   Leider – Huelsen   fällt ihm ins Wort: Keine Ausreden! Zuhaus ist sie nicht! Manuel   Hier ist sie auch nicht! Huelsen   schreckt zusammen: Jetzt, um halbacht?! Assistent   Weiß der Teufel, wo die steckt! Bossard   War sie auf dem Ball? Huelsen   Ja. Manuel   Ging es glatt? Huelsen   grimmig: Sehr glatt. Pianist   Na Gottseidank! Huelsen   Mit der Freikarte eines »Herrn«, der obendrein sein Ehrenwort brach – Es ist grauenhaft! Bossard   bange: Ist ihr etwas passiert? Huelsen   Wie mans nimmt! Die ist bei einem Kavalier! Stille. Bossard   Ausgeschlossen. Huelsen   Das war auch meine Meinung. Noch gestern! Bossard   Aber die geht doch zu keinem Kavalier, die nicht! Huelsen   Auch nicht zum Marquis de Bresançon? Bossard   Wer ist das? Huelsen   Ein Sonderling. Und ein Jugendfreund Sempers – Stille. Bossard   Herr Doktor! Ich kenne unsere Unbekannte, und es ist meine feste Überzeugung, daß sie niemals – Huelsen   unterbricht ihn: Auch nicht aus Berufsgründen? Bossard   Nein, auch dann nicht. Ausgeschlossen! Huelsen   Ich danke Ihnen, Herr Bossard – Er lächelt verlegen, denn er fühlt sich beschämt. Könnt ich vielleicht einen Schluck Kaffee? Pianist   Mit oder ohne Zucker? Huelsen   Ohne, bitte! Assistent   wollte einschenken: Kein Tropfen mehr da! Eine Zigarette hätt ich noch – Huelsen   Danke! Bin leider Nichtraucher. Es klopft an die Türe im Hintergrunde. Da ist sie! Er will an die Türe eilen, um sie zu öffnen. Manuel   hält ihn am Arm zurück: Aber! Die klopft doch nicht! Huelsen   Sie haben recht. Bossard   Herein! 3. Auftritt Die Vorigen, Zimmerkellner. Zimmerkellner   tritt ein: Herr Generaldirektor Semper wünschen Herrn Professor Bossard! Bossard   Schon?! Sofort, einen Augenblick! Zu seinen Kollegen. Rasch! Räumt zusammen! Er hilft auch mit, hastig Ordnung zu machen; zu Manuel. Fenster auf, frische Luft! Huelsen   zu Bossard; leise: Wird das Spiel fortgesetzt? Bossard   ebenso: Werden sehen! Er entledigt sich rasch seines Mantels und wirft ihn dem Assistenten zu. Huelsen   warnend: Ich schweige, aber ich tu nicht mit. Bossard   Schweigen genügt! Zu seinen Kollegen. Fertig? Manuel   bereits in der Türe links: Fertig! Ab mit dem Assistenten und Pianisten, beladen mit Kaffeetassen, leeren Flaschen und Gläsern, Schreibmaschine, Durchschlägen und Bossards Mantel. Bossard   zum Zimmerkellner, der erstaunt, jedoch beherrscht, die Betriebsamkeit mitansah: Ich lasse bitten! Zimmerkellner ab durch die Türe im Hintergrunde und läßt Semper ein. 4. Auftritt Bossard, Huelsen, Semper. Semper   tritt ein: Willkommen, willkommen! Professor, Sie sind ein Genie! Er erblickt Huelsen. Auch schon da? Und noch immer in grande toilette? Das lebt sich! Zu Bossard. Wie gehts unserem lieben Besessenen? Bossard   lächelt zweideutig: Er hats überstanden. Semper   Bravo! Professor, Sie sind ein wissenschaftliches Wunderwerk und Ihr Gespenst spielt alle an die Wand! Grad hab ich mir die Probeaufnahmen vorführen lassen – phantastisch! Ein Naturtalent! Sogar der Vorführer ist zu mir gelaufen gekommen, wer das Mädel ist! Aber ich hab keinen Namen genannt! Er lacht. Bossard   Ich bin glücklich – Semper   unterbricht ihn: Und ich bin begeistert! Habens nicht übrigens ein Exposé über die wahre Geschicht, nur ein paar Zeilen? Ein Drehbuch – Bossard   Leider! Semper   Wissens, man müßte die Aufnahmen versuchen, es war ein kühner Vorstoß in das Reich der vierten Dimension! Nicht auszudenken! Das laß ich von einem blöden Routinier bearbeiten und schon steht die Welt kopf! Bossard   gibt sich einen Ruck: Herr Generaldirektor! Es dürfte nun an der Zeit sein, daß ich Ihnen eine feierliche Erklärung – Semper   unterbricht ihn und läßt ihn im folgenden nicht mehr zu Wort kommen: Sie meinen den Vertrag? Keine Sorge! Sie werden einen Grandseigneur kennen lernen! Aber – Er zieht ihn etwas näher an sich und wirft einen verstohlenen Blick auf Huelsen; gedämpft. Aber jetzt hätt ich noch etwas Privates, Intimes – Bossard   leise: Dreht sichs um ihn? Semper   leise: Im Gegenteil, es dreht sich um mich! Professor, Sie wären der einzige Mediziner, zu dem ich Vertrauen hätt – als Patient. Bossard   perplex: Patient? Semper   blickt wieder auf Huelsen: Leise, leise! Nur nichts vor den Angestellten, sonst weiß es morgen die ganze Branche! Kommens ins Nebenzimmer, ich möcht Ihnen was zeigen an mir – Bossard   verzweifelt: Aber ich bin doch kein Arzt – Semper   unterbricht ihn abermals: Nicht so bescheiden, Professor! Ich bin im Bilde und hab mich erkundigt! Bossard verschlägts die Sprache. Grad heut Nacht hat mir eine Dame aus Argentinien von Ihnen erzählt, von Ihren unglaublichen Heilerfolgen! Sie kennt Sie genau! Bossard   Wen? Mich? Semper   Wen denn sonst?! Sie haben doch mit Ihrer Kunst einem Ihrer Onkel das Leben gerettet, einem alten Farmer, der sich zwanzig Jahr lang eingebildet hat, daß er ein Lama ist – Bossard   irr: Ein was? Semper   Ein Lama. Auf den Steppen, auf den Pampas! Professor, ich beschwör Sie. Ich hab keine Ruh, bevor Sie mich nicht untersucht haben! Ich hab eh nie Zeit – Kommens! Er drängt den total verwirrten Bossard mit sich durch die Türe links. 5. Auftritt Huelsen, Unbekannte. Unbekannte tritt rasch ein durch die Türe im Hintergrunde, erblickt Huelsen, der Semper besorgt-neugierig nachsieht, und schreit leise auf. Hülsen   wendet sich ihr ruckartig zu : Endlich! Wo warst du?! Unbekannte   schreit : Schrei mich nicht an! Huelsen   schreit: Wer schreit?! Die Beiden fixieren sich. Unbekannte   trotzig : Ich war auf dem Ball. Huelsen   Bis jetzt? Unbekannte   Nein. Huelsen   Sondern? Unbekannte   Ich war zuhaus. Huelsen   Das ist nicht wahr. Unbekannte   horcht auf : Du glaubst mir nicht? Hülsen   Frech auch noch. Unbekannte   braust auf : Ich laß mich nicht beleidigen, hörst du?! Ich hab dich noch nie belogen, mit keiner einzigen Kleinigkeit seit wir uns kennen, und vorher auch nicht, du oberflächlicher Pedant, du hast also gar kein Recht – 6. Auftritt Die Vorigen, Assistent. Assistent   erscheint in der Türe links und fällt der Unbekannten ins Wort; er herrscht sie unterdrückt an: Ruhe! Bist du verrückt?! Brüllt herum und drinnen ist er selbst! Unbekannte   Wer? Assistent   Semper! Unbekannte zuckt erschrocken zusammen und schlägt sich mit der Hand auf den Mund. Huelsen   zur Unbekannten: »Pedant«, hast du gesagt – Unbekannte   unterbricht ihn: Ruhe! Zum Assistenten. Und? Assistent   Du hast gesiegt. Er sprudelt direkt vor Begeisterung! Unbekannte   Ist ja herrlich! Huelsen   zur Unbekannten: »Oberflächlicher Pedant«, hast du gesagt! Unbekannte   Beherrsch dich bitte! Huelsen   Was liebst du denn eigentlich an mir?! Unbekannte   Nichts. Assistent   Ruhe! Huelsen hält dicht vor der Unbekannten und fixiert sie wütend. Unbekannte   blickt ihn groß an: Absolut nichts. Huelsen   Jetzt wirds mir zu dumm! Er umarmt sie plötzlich und gibt ihr einen langen Kuß, und sie umarmt ihn auch. Assistent wendet sich diskret ab. 7. Auftritt Die Vorigen, Manuel, Pianist. Manuel und Pianist treten durch die Türe im Hintergrunde ein, erblicken das sich küssende Liebespaar, halten und grinsen sich zu. Assistent   sehr erstaunt: Wie kommt denn ihr von dort? Das Liebespaar fährt auseinander. Pianist   Durch den Lichthof, über ein Glasdach. Zum Liebespaar. Wir mußten uns nämlich ins Bad zurückziehen, wegen Semper, aber das Bad war so eng – Er deutet es an – und drum sind wir durchs Fenster habedieehre! Huelsen   Hat Bossard schon alles gebeichtet? Manuel   Nein. Er untersucht ihn grad. Unbekannte   Wie bitte?! Assistent   Semper liegt auf dem Diwan und Bossard klopft ihn ab – Er feixt. Unbekannte   Himmel, ihr Trottel! Warum macht denn Alfred solche Faxen?! Manuel   Weil ihn der Semper nicht zu Wort kommen läßt! Pianist   Wir haben alles gehört. Zu Huelsen. Ihr Chef hat Angst, daß er verrückt wird. Speziell Tobsucht. Unbekannte   Das könnt ich brauchen! Huelsen   winkt ab: Er ist ein Hypochonder! Manuel   Lassen wir die Medizin! Voilà, das Drehbuch, fix und fertig! Er überreicht der Unbekannten das Drehbuch, das er bei sich hat, und verbeugt sich: »Die Unbekannte der Seine« – Unbekannte   nimmt es ihm ab: Danke. Assistent   Ich hab es getippt. Pianist   Wir haben geschuftet bis halb acht. Unbekannte   lächelt: Fleißig, sehr fleißig – Sie betrachtet in Gedanken versunken den Titel. Manuel   Wir habens nach deinem Originalexposé – Unbekannte   fällt ihm ins Wort: Mein Exposé ist miserabel. Zu Huelsen. Du hast recht – Sie lächelt. Pianist   Bist du wahnsinnig?! 8. Auftritt Die Vorigen, Semper, Bossard. Semper   erscheint mit dem Rücken in der Türe links und spricht zu Bossard, der ihm folgt; er ist in Hemdärmeln, hält den Rock unter dem Arm und versucht gerade nervös seine Manschettenknöpfe zuzudrücken : Sie glauben, es ist nichts Schlimmes? Bossard   Ausgeschlossen! Es ist zwar ein gewisser Hang vorhanden zu paranoiden Wahnvorstellungen bei manisch-depressiver Grundtendenz – doch ohne Sorge! Semper   atmet tief auf : Bin ich erleichtert! Direkt neugeboren! Er entdeckt die Unbekannte. Oh Pardon, eine Dame! Er zieht sich rasch den Rock an und erkennt sie. Ach, wir kennen uns ja! – Meine Verehrung, Gnädigste! Er küßt ihre Hand. Wie kommen Sie her? Unbekannte   stottert : Ich – Semper   schlägt sich auf die Stirne : Aber wo bin ich denn?! Zu Bossard. Die junge Dame kennt Sie doch aus Rio! Bossard   verzweifelt : Aus wo? Semper   Aus Rio de Janeiro! Sie verkehrten ja im Haus ihrer Eltern! Sehen S', wie vergeßlich ich bin! Bossard fixiert irr die Unbekannte, die ihm heimlich zuwinkt. Es klopft an die Türe im Hintergrunde. Semper   Herein! 9. Auftritt Die Vorigen, Mayberg, Hell, Simone. Die drei Eintretenden sind noch in Balltoilette und mehr oder minder alkoholisiert; sie haben bis jetzt gebummelt und führen Luftballons und Scherzartikel mit sich; sie leuchten vor Schadenfreude. Hell   Servus, Semper! Simone   Direktorchen, Direktorchen! Mayberg   Wir hörten im Büro, Sie wären im Terminus zu erreichen – Hell   unterbricht sie sehr böse: Aber nur wenn etwas Lebenswichtiges, bitt ich mir aus! Hell   Ist es auch! Simone   trällert: Ein Skandal, ein Skandal! Sie bläst auf einer Kindertrompete. Semper   außer sich: Ein Skandal ist es, wie ihr euch da benehmt! Ihr seid nicht bei uns, Gesellschaft! Mayberg   zu Bossard: Verzeihung, daß wir unzeremoniell eindringen, aber es steht tatsächlich zu viel auf dem Spiel – Zu Semper. Wir bummelten noch nach dem Ball und erstanden uns soeben ein Morgenblatt. Haben Sie schon das »Journal« gelesen? Semper   Nein! Ich hatte weißgott Wichtigeres zu tun! Simone   Es dürfte Sie trotzdem weißgott interessieren! Mayberg   hält Semper das »Journal« vor die Nase: Hier! Hier das Photo, wir stehen alle an der Bar – Simone   fällt ihm ins Wort und deutet auf die Unbekannte: Wo jene sich vorgedrängt hat! Semper   zu Simone: Aber ich muß schon bitten! Hell   Bitten Sie nicht, Herr General! Das Mädel ist eine kleine Schauspielerin! Er winkt der Unbekannten zu. Pa, Putzi! Simone lacht höhnisch. Semper   braust auf: Ihr seid wohl alle besoffen?! Mayberg   Ich bin nüchtern! Lesen Sie das Interview unter dem Photo! Semper   wirft unwillkürlich einen Blick auf das Interview, stutzt, fängt an zu lesen und bekommt immer größere Augen: Was?! Simone   Eine Unbekannte spielt die Unbekannte – Sie grinst schadenfroh. Eine Statistin! Unbekannte   zu Simone: Ich bin keine Statistin, Sie! Ich bin eine Seminaristin und war schon ein Jahr engagiert als erste Kraft! Semper   total verwirrt: Was ist los, was ist los? Zu Bossard. Professor, jetzt werd ich verrückt! Unbekannte   ergreift mit plötzlichem Entschluß Semper energisch am Arm: Kommen Sie! Ich werd Ihnen alles erklären, alles! Aber nicht hier, nicht vor diesen Menschen! Kommen Sie! Ab mit ihm durch die Türe links. 10. Auftritt Die Vorigen, ohne Unbekannte und Semper. Hell   spöttisch: Sie möcht ihn umgarnen – Huelsen will aufbrausen, beherrscht sich jedoch. Mayberg   Jetzt kommt die Quittung! Simone   zum Pianisten: Ach! Sind Sie nicht jener musikalische Jüngling, der zwei Filme mit mir machen wollte? Pianist   Erraten, Frau Simone! Simone   Sie haben mir die Türen eingerannt! Pianist   Mit Recht! Weil ich Ihnen einen Film vorgeschlagen habe, den Sie dann gemacht haben, allerdings mit einem andern Tonkünstler! Simone   Lüge, Lüge, Lüge! Mayberg   zu Huelsen: Doktor! Was sind denn das überhaupt für Menschen?! Huelsen   versucht zu retten: Professor Bossard – Bossard   unterbricht ihn verzweifelt, weil »Eh alles aus ist«: Nein! Zu Mayberg. Herr Regisseur! Ich war der Oberkellner in »Flammende Begierde«. Mayberg  starrt ihn an. Der Oberstleutnant in »Des Königs Husaren«. Mayberg   wie zuvor: Erinner mich nicht – Bossard   fast gekränkt: Tatsächlich? – Und hier bin ich Professor Bossard. Manuel   dem Weinen nah: Punkt. Stille. Mayberg   begreift plötzlich; zu seinen Freunden: Meine Herrschaften, wir befinden uns unter Hochstaplern – Enormer Krach im Nebenzimmer, als würde wer einen ganzen Schrank Gläser und Teller und Flaschen an die Wand schmeißen, Stühle und Tische umwerfen; es klirrt und kracht wüst. Hell   Da hat er seinen Tobsuchtsanfall! Simone   feixt: Die Seminaristin betört ihn gerade – Huelsen   fährt die Simone an: Irrtum! Mayberg   Armer, kranker Semper! Simone   zu Bossard und Kollegen: Euch bring ich noch alle ins Zuchthaus! 11. Auftritt Die Vorigen, Semper. Semper erscheint leichenblaß in der Türe links, die er ängstlich-rasch hinter sich schließt; der Krach im Nebenzimmer flaut ab. Alle starren Semper überwältigt an. Semper   atmet auf: Großer Gott – ein Temperament! Zur Simone. Neben jener sind Sie ein Waisenkind! Die argumentiert mit dem Mobiliar! Mayberg   Semper! Hier gehts nicht mit rechten Dingen zu! Semper   unwillig: Große Neuigkeiten erzählen Sie mir da! Zu Bossard. Also, Sie sind ein Statist? Mit fünf Semestern Fakultät? Bossard   Zu mehr reichte es nicht. Hell   Der Verstand? Bossard   zu Hell: Das Geld. Semper   Richtig, das liebe Geld! Ewig schad, denn Sie verstehen was von der Medizin – Er fährt ihn plötzlich wütend an. Sie Betrüger, Sie! Hell   Echt Semper! Semper   zu Hell: Kusch! Simone   Nana, Direktorchen! Semper   Auch kusch. Simone   Eine Schmach! Semper   zuckt die Schultern: Wie mans nimmt! Personen, die schielen, haben überhaupt kein Recht, schadenfroh zu sein! Simone   Wer schielt?! Semper   Was weiß ich! Mayberg   Aber Semper! Sie demaskieren sich ja – Er deutet auf Bossard und dessen Kollegen. Diese Blamage! Semper   Ich blamier mich nie! Einen Moment! Wie zu sich selbst. Kalkulation, innere Kalkulation – Er überlegt kurz, dann zieht ein verschmitzter Zug über sein Gesicht, er geht an die Türe links, öffnet sie und ruft ins Nebenzimmer. Fräulein, kommens heraus! 12. Auftritt Die Vorigen, Unbekannte. Unbekannte erscheint bleich und verweint, sie hält noch das Taschentuch in der Hand und zögert einzutreten. Semper   Hereinspaziert, hereinspaziert! Warum denn so schüchtern?! Schmeißt zuvor noch mit Tellern nach mir – Unbekannte   unterbricht ihn: Nicht nach Ihnen, nur nach der Wand. Semper   Dann heiß ich Wand! Nur näher, Fräulein, wir beißen nicht! Unbekannte   tonlos: Sie können ruhig beißen. Ich weiß, wir haben verloren – Semper   Einen Moment! Zu Mayberg und Gefolge. Meine Herrschaften! Einen Alexander Semper kann man nicht blamieren! Absurd! Ich habs doch schon gestern Abend erkannt, was hier gespielt wird – diesen ganzen Spuk! Aber ich habe nichts gesagt, denn ich wollt dahinterkommen, ob diese unentdeckten Leut schauspielerische Genies sind oder auch nicht! Die Herren Regisseure entdecken ja nichts mehr und die Primadonnen werden alt, da muß sich eben der Generaldirektor persönlich bemühen! Hingegen – Er wendet sich an die Unbekannte und ihre Kollegen – exorbitant seid ihr auch nicht, ihr Unentdeckten! Ich bin bitter enttäuscht! Künstlerisch kann ich von euch überhaupt nichts gebrauchen, höchstens, daß ich einen einzigen engagieren möcht! Nämlich jenen, der sich diesen Spuk da ausgedacht hat – den engagier ich auf der Stell! Als Reklamechef! Manuel   Das ist kein der, sondern eine die – Er deutet auf die Unbekannte. Unbekannte   Und diese die ist kein Reklamechef, sondern nur eine Schauspielerin und sonst nichts! Semper   Schön! Sie sollen auch eine Rolle spielen! Unbekannte   Und meine Kollegen? Semper   Aber ich kann doch nicht lauter Unbekannte – Unbekannte   fällt ihm ins Wort: Alle oder keiner, respektive keine! Semper   Sind wir in Rußland? Es klopft an die Türe im Hintergrund. Simone   melodisch: Herein! 13. Auftritt Die Vorigen, Zimmerkellner. Zimmerkellner   tritt ein und meldet: Herr Marquis de Bresançon! Semper   überrascht: Was hör ich?! Unbekannte   Wir lassen bitten! Zimmerkellner verbeugt sich, läßt Marquis ein und ab. 14. Auftritt Die Vorigen, Marquis, ohne Zimmerkellner. Marquis   überrascht: Semper! Semper   Was verschafft mir die Ehre? Marquis   Ich wollte eigentlich Professor Bossard – Semper   unterbricht ihn: »Professor«?! Marquis   Ich weiß alles. Semper glotzt ihn perplex an. Unbekannte   heimlich zu Bossard: Er zahlt das Appartement! Bossard glotzt sie perplex an. Marquis   zu Semper: Es trifft sich gut, daß ich Sie treffe, denn immerhin erspart es mir einen Weg und man weiß nie, wie lang es noch dauert – Semper   Was? Marquis   lächelt: Das Leben. – Er deutet auf die Unbekannte. Die junge Dame und ich, wir haben uns über einen Film unterhalten, den ich unter bestimmten Voraussetzungen finanzieren würde – Er wirft dem erstaunten Huelsen einen Blick zu. Auf meinen Wunsch hin sollten die Vorverhandlungen streng geheim geführt werden. Semper   giftig: Vielleicht gar Fräulein »Unbekannte der Seine«? Marquis   Irrtum! Da wir nichts von ihr wissen – Semper   unterbricht ihn: Das ist kein Grund! Assistent   Ich weiß, warum sie ins Wasser ging! Marquis   lächelt: Ich allerdings noch nicht. Zumindest nicht an Hand persönlicher Erfahrung – Pianist   Wieso persönlich? Wer hat sie denn gekannt? Marquis   etwas verlegen: Niemand. Unbekannte   Oder alle. Alle horchen auf. Unbekannte   einfach. Ich weiß, sie ist erst im Tod so schön geworden – drum kann sie keiner erkennen. Stille. Semper   zum Marquis: Sie wollen finanzieren? Marquis   Gewiß. Unbekannte   Die Geschichte eines Mädchens, das auszog, um das Gruseln zu lernen – Marquis   Und das sich durchsetzt im Leben. Ohne Furcht! Vielleicht eine junge Studentin, eine Chemikerin – Huelsen   fällt ihm ins Wort: Das ist mein Roman! Unbekannte   zu Huelsen: Ich habe ihn erzählt! Schreib ihn als Film! Wer liest schon heut ein Buch? Huelsen   Wenn ich den Film so schreiben darf, wie mein Buch – Marquis   Sie dürfen! Semper   Bravo! Unbekannte   deutet auf ihre Kollegen: Und wir spielen alle mit! Marquis   lächelt: Ich bitte sogar darum! Semper   Er finanziert! Marquis   Unter einer Bedingung! Daß Sie nämlich unsere »Unbekannte« nicht verfilmen. Lassen wir die Toten ruhen – Er lächelt abermals. Semper   überlegt kurz: Gemacht. Für sich. Ein Sonderling! Simone   empört zu Semper: Na und wir?! Sie deutet auf ihr Gefolge. Semper   Einen Moment! Ihr schreibt den neuen Boxerfilm für Traverson! Ich hab auch schon den Titel: »Der Unbekannte der Seine«!