Karl Immermann Tulifäntchen Ein Heldengedicht in drei Gesängen                 An Michael Beer Tulifäntchen Fliegentöter Der letzte Tulifant Die Hoffnung des Hauses Tulifäntchens Geburt Vater und Sohn Tulifäntchens Auszug Erste Rast Das Land der Weiber Die Brummfliege Brummers Tod Die Mauer von Brambambra Der Königin Leid Ritter Fis von Quinten Die Riesenwirtschaft Die Prinzessin und der Rinderbraten Die Fee im Walde Schlagadodros Tugend und Fall Die Toten Balsamine Widerspruch, du Herr der Welt! Die Eltern Drei Leiden Die Rüstung des Riesen Schmach und Verzweiflung Die Wolken Die Botschaft Seliges Ende An Michael Beer           Tulifäntchen kommt und spricht: Aus dem Stübchen, eng, umgrünet Von der Linde, der Akazie, Aus dem Stübchen, das die Malve Anlacht mit dem runden, roten Vollgesichte, schickt der Vater Mich zur großen Stadt Paris. Daß ich in den langen Gassen Mir nicht selber komm' abhanden, Gab er mir an dich Adresse. Schütze du mit deiner Weisheit Vor Verführung, Trug und Unstern Meine unerfahrne Tugend In dem Sündenlabyrinth! Tulifäntchen kommt und spricht: Von dem Vater soll ich melden, Er sei ganz und gar der alte Grillenfänger, unter strengem Zauberbanne Wechsel duldend, Jetzt in trostlos-öde Wüste Hingeschleudert und zurücke Dann mit einem Schlag geschmeichelt In das jüngste Paradies. Manch ein Edler will ihn anders, Er will manchen Edeln anders, Er bleibt er , sie bleiben sie , Und so leben Welt und Dichter In dem wunderbarsten Einklang. Tulifäntchen kommt und spricht: Ich bin nur ein winz'ger Bursche, Ich bin nur ein armes Garnichts. Mein Verdienst, vom Sonnenstäubchen Wird es weidlich überwogen. Doch der Vater sprach, mir solle Nicht das Herz darob erkranken. Jeder zeige hierzulande Sein Gesicht, krumm oder grade, Wie's gewachsen sei; erfrage Nicht danach, ob seinem Nächsten Krämpfe vom Aspekt entständen. Darum soll' auch meines herzhaft Ich nur weisen allen Leuten, Denn mir habe keiner jemals Was geschenkt, so hab' ich keinem Deutschen Landsmann was zu danken, Und wer nicht mich ansehn wolle, Lass' es bleiben immerhin! Tulifäntchen kommt und spricht: Noch ein Gleichnis gab beim Scheiden Mir der Vater auf den Weg mit: «Lieder sind wie junge Vöglein, Welche flattern flügg' vom Neste. Nahe lauscht ein dummer Jammer, Schlägt mit seiner plumpen Keule Nach den leichten; doch die Schwingen Tragen unverletzt sie fürder. Flatternd spähn sie da und dorten, Bis sie ruhn auf wackern Händen, Auf dem Knie der schönen Frauen, An der Brust geliebter Mädchen. Dann die Kehlen öffnend, gießen In den Äther sie die Seele, Daß der Dichter, schleicht er eben An so guter Statt vorüber, Wundernd fragt beim feinen Schalle: Ist das meine Brust , der Tausend! Die dort singt so nett und süß?» Tulifäntchen kommt und spricht: Zur Genüg' ist nun geplaudert. Nimm mich auf die Hand, du Wackrer, Wollen sehn, ob ich den Schnabel Auch dann öffne zu dem bißchen Melodie, das sich im kleinen Körper einquartieren konnte! Viel ging freilich nicht hinein. 1. Tulifäntchen Fliegentöter Der letzte Tulifant             O Vergänglichkeit, du Sieg'rin Aller Sieger, alte Göttin! Angetan mit grauem Leibrock, Eppich um die Brust geknotet, Eine Krone, falb vom Moose Auf dem weißen Haupt, so sitzst du Unter Trümmern regenmürbe, Auf zerbrochner Säule Sturze, Bei verblichnen Liebespfänden, Bei dem Putz verwelkter Schönen, Unter ausgetrunknen Flaschen, Ach, und unter armen Beuteln, Die von Golde strotzten, jetzo Leer in deinem Dienste ruhn! Einst im Fantenreiche blühte Das Geschlecht der Tulifanten. Reiches Kornland, zwanzig Schlösser, Schöne Wiesen, manch ein Geldsack Waren sein; jedoch wo blieb es? Mäus' verwüsteten das Kornland, Und der Strom verschlang die Wiesen, Raben trugen aus den Säcken All das blanke Geld zu Neste, Doch die Gläub'ger kauften spöttlich, Was gelassen Mäus' und Raben. Seht ihr dort am stillen Hügel Erlengrün und bachbenetzet Jenes Mäuerlein, zwei Schuh hoch, Drin die feuchtverstockte Holztür? Seht ihr jenen langen, hagern Mann im Mantel, braun wie Zimmet, Wie er feierlich durchs Feld schleicht? Nun, die Mau'r verschließt, die Türe Öffnet den Kartoffelkeller. Dieser Keller der Kartoffeln Ist das Letzte von dem Erbe Der berühmten Tulifanten, Blieb allein von zwanzig Schlössern, Weil kein Gläubiger ihn brauchen Konnte, denen sonst doch brauchbar Alles zwischen Erd' und Himmel. Und der Wandrer ist der letzte Sprosse jenes Glanzgeschlechtes, Ist der letzte Tulifant! Jetzo kam der braune Wandrer Zu der Mauer; drauf sich setzend, Schaut er ernst ins Gold der Sonne. Nahm darauf aus seinem Mantel Den Quartanten, sah die Farben Der Geschlechter an des Landes. Aber als der Abend dunkelt', Schlug er zu das Buch und rufte: «O wie hat mich Gott gesegnet, Mich und meine edle Tulpe! Wie mir im Gefühle wohl ist Richt'ger Ahnen, im Besitze Meines teuren Eigentumes! Ach, nur einen Wunsch, nur einen Ließ der Himmel unerfüllet, Diesen klag' ich hier den Lüften: Daß mir würd' ein Sohn, ein edler, Names Erbe, Erbes Erbe! Alt bin ich! Bald kommt die Stunde, Wo der ferne Lehngevetter Pflanzen wird auf diese Mauer, Ach, sein Wappenschild, das fremde! Denk' ich daran , dann erscheinst du, O Vergänglichkeit, du Sieg'rin Aller Sieger, greise Göttin, Riesig mir, gespensterhaft!» Tulifant stieg, solches sagend, Wehmutsvoll von seinem Erbe, Und er kehrte langsam, seufzend Heim zur vielgeliebten Tulpe. Die Hoffnung des Hauses           Welch ein Rennen, welch ein Kramen In dem Zimmer Tulifantens! In Geschlechtsregistern sucht er Namen, voll und hoch erklingend: Roderich, Fadrique, Perez, Luis, Jose, Pedro, Sancho, Juan, Toribio, Quadradillos, Tönen ihm noch nicht genugsam. Endlich hat er ihn gefunden, Einen Namen majestätisch: «Christoph heiß' er! Wie Sankt Christoph Einst das Heil der Welt getragen, Wird das Heil des Hauses dieser Tragen auf den beiden Schultern.» Jetzt den Diener ruft er: «Gines!» Gines kommt gewackelt: «Sennor?» «Steck ein Küchlein an den Bratspieß, Kauf ein Krüglein guten Schmalbiers, Such uns einen Korb voll Schötlein, Iß dich selber satt in Weißbrot!» Zweifelnd steht der treue Gines, Zuckt die Achseln, sagt mit Schwermut: «Herr, vergebt, es ist ja Fasttag Heute nach der Zeiten Ordnung. Gestern war der Tag des Fleisches, Heute leben wir im Geiste. Ach, bedenkt, bedenkt das Morgen, Essen heute wir das Küchlein, Trinken heute wir das Schmalbier, Pflück' ich heut Euch ab die Schötlein, Zehr' ich selber auf das Weißbrot!» Spricht der Herr: «Gines, verrichte, Was ich dir befahl, nicht zaudre! 's ist ein Festtag, nicht ein Fasttag. Wenn der Himmel sie begnadigt, Soll'n die Menschen fröhlich sein.» Zweifelnd stand noch immer Gines, Da, die Hüft' umbauscht vom Reifrock Aus gestreiftem gelbem Atlas, Der gesehn drei Menschenalter, Trat zur Tür hinein voll Würde Die erhabne Donna Tulpe. Und Don Tulifant, entgegen- Gehend der Genossin, küßt' ihr Ernst die Hand, die Wange küßt' er, Und er sprach zu ihr bedeutsam: «Immer wart Ihr, o Gemahlin, Meiner Gegenwart Beglückung; Nun schafft Ihr der Zukunft Segen. O, wie fühl' ich mich verschuldet Tief für alles, was Ihr gabet, Gebt und mir noch geben werdet!» Zweifelnd stand nicht länger Gines, Rannt' hinaus und rief mit Jubel: «Gerne fahr' ich nun ins Grab ein; Denn ich seh' des alten Hauses Junge Hoffnung winken glanzreich!» Pflückte tänzelnd drauf die Schötlein, Kochte sie und briet das Küchlein, Kaufte, halb im Taumel, Schmalbier Für den letzten Groschen, trug dann Seinen Herren auf die Mahlzeit, Aß sich selber satt in Weißbrot, Zechte tapfer dazu Wasser Und sank auf das Stroh, betrunken. Tulifäntchens Geburt           Dämmrung im verhangnen Zimmer, Grüne Dämmrung um das Ehbett! Leise weinet Donna Tulpe, Seufzend schaut Don Tulifant. Was liegt in des Vaters Schoße? Ist's ein neugebornes Wiesel? Ist es ein Alraunenmännlein? Ist's ein Püppchen zart von Seide? 's ist kein Püppchen, kein Alräunchen, 's ist kein neugebornes Wiesel, 's ist das neugeborne Knäblein, Fingerlang und fingerdick. «O, was soll mir dieser Segen, Dieser Wicht, das Zwergenknirpslein? Nimmer baut des Hauses Ehre So ein kurzes Endchen Schande, Nimmer kann zu Lehen tragen Dieser Wurm das Vatererbe. Fallet ein, ihr Kellermauern, Eh' ihr fremdes Wappen zeigt!» Leise weinet Donna Tulpe, Seufzend schaut Don Tulifant. «Ach, nun kann ich nicht ihn Christoph Taufen lassen, wie ich wollte! Denn er ist Diminutivum Eines Menschen, und die Knaben Würden, herzlos ihn verkleinernd, Ihn nur rufen: Kleiner Töffel!» Leise weinet Donna Tulpe, Seufzend schaut Don Tulifant. Siehe, durch die Dämmrung Lichtglanz Und im Glanze welch ein Wesen! Auf des Regenbogens Brücke Steigt ins Zimmer, lieblich lächelnd, Große Flügel, blaupunktierte, Goldenschillrige bewegend, Steigt zum Bett ein zartes Weiblein. Und zu den erschrocknen Eltern Sprach das goldbeschwingte Wunder: «Fürchtet nichts, ihr Guten, blickt mich Mutig an! Ich bin der Schutzgeist Eures Hauses, Fee Libelle, Auch die Letzte des Geschlechtes, Das in allen Elementen Einst so herrscherhaft gewartet, Aber im Verlauf der Tage Bis zu mir ist eingeschrumpfet. An dem Keller, eurem Erbe, Fließt das Wässerchen, darüber Grünt der Erle voller Zweigschmuck. In der Erle wohn' ich. Hofhalt Führ' ich mit den Dünngeleibten Dort, den bunten Wasserjungfern. Würd'ger Don, du hast beständig Diesen Feienbaum geschonet, Und die Donna hat, was taub war An den Ästen, abgeschnitten; Fee Libell' ist drum euch dankbar. Weine nicht, o Donna Tulpe, Seufze nicht, Don Tulifant, Denn ein Sohn ward euch geboren, Der des Hauses Stern und Blume. Euch zum Troste wisset das!» «Ach, wie soll», sprach Donna Tulpe, «Hohes Wesen, das geschehn wohl? Ist doch jene Blum', der Hausstern, Gar zu kurz und klein geraten!» Darauf sprach das goldne Wunder, Fee Libelle, Flügel schwingend: «Jetzo ist die Zeit der Kleinen! Große Taten kleiner Leute Will die Welt; noch einmal sag' ich: Freut euch dieses winz'gen Helden!» Sprach's und stieg mit Füßen zierlich Auf des Regenbogens Brücke Durch das Fenster in die Lüfte. Regenbogen troff in Flocken, Purpurn, gelben, violblauen, Auseinander, Lichtglanz graute; Wieder webt' im Zimmer Dämmrung. Zweifelnd blinzelten die Eltern, Und sie rieben sich die Augen. Da tät auf sein rosig Mündlein Tulifäntchen, so im Schoß lag Alten Tulifants, und zirpte Ganz vernehmlich wie ein Heimchen: «Eltern, ja, ich will's vollenden, Bin des Hauses Stern und Blume!» Schwörend hub er auf das Händlein Und sah tapfer aus den Augen. Wunder über Wunder machten So bestürzt den Don, die Donna, Daß sie lange schwiegen zitternd. Endlich hat der Don begonnen: «Dieses läßt sich nicht begreifen; Aber glauben wir, o Donna, An des Hauses Blum' und Stern!» Vater und Sohn           Tulifäntchen       Mein Vater, mich verzehren Der Tatenhunger und der Durst nach Ehren! Jüngling bereits an Jahren, Bin ich ein Kind in dem, was ich erfahren. Ehrwürd'ger Wappen Schilder Sehn mahnend nieder, großer Ahnen Bilder Befragen mich voll Hoheit: Wie lange bleibst du hier im Stand der Roheit? Laß mich, mein Vater, ziehen Hin, wo die Blumen heil'gen Ruhmes blühen!   Tulifant Mein Söhnlein, ach, du Kleiner, Du Daumensdicker, Fingerlanger, Feiner, Wo wüchse doch das Blümchen Wohl in der Welt, mein Kind, von deinem Rühmchen? Willst du vielleicht in Schachten Der Erde tief mit Zwergen liefern Schlachten? Die Kran'che helfen wehren Von der Pygmäen hart bedrängten Heeren? Willst zu den Liliputern Du wandern gehn, dein Schwert dort abzufuttern?   Tulifäntchen Du bist mein Vater, Vater! Quell meines Lebens, meiner Tage Rater! Drum darf ich nicht gesunden In deinem Blut von solcher Worte Wunden! Ein andrer, o Erzeuger, Der würde wohl ein kalter blasser Schweiger, Wollt' er mit Schimpf und Faxen Verspotten mich, weil ich nicht lang gewachsen. Seit wann denn hat die Elle, Den wahren Wert zu schätzen, Amt und Stelle? Nicht in den großen Gliedern, Im großen Herzen steckt der Mut dem Biedern!   Tulifant Dies Wort voll Kraft und Ruhe Setzt, Sohn, zu deiner Länge viele Schuhe. Du widerlegtest bündig Mein Argument; Erzeugter, du bist mündig.   Tulifäntchen So gib mir, Vater, Waffen!   Tulifant Ich will dir, die du tragen kannst, verschaffen. Tulifäntchens Auszug               O du freudges Waffenblitzen! Edle Waffen, rechte Waffen! Tulifant, der Vater, sitzet Bei dem Licht in seiner Kammer, Schaft das Schwert dem tapfern Söhnlein. Eine Federmesserklinge, Stark und scharf und spitz und stahlblank, Hält er in den Händen, schmelzet Siegellack und macht den Griff dran Von dem Siegellack in Kreuzform. Welch ein Prachtgewehr, unscheltbar! Federklinge mit dem Lackgriff! Ritterrüstung! Panzerrüstung! Gute Rüstung, tücht'ge Rüstung! Donna Tulpe sucht in Zähren, Frommen Zähren, Mutterzähren, Einen Silberling, durchlöchert. Fäden zieht sie, seidne Fäden Durch die Löcher, schlingt die Knoten. Ei, welch mächtig Silberschildlein, Mit den Riemen, seidenfadig! Donna Tulpe geht im Baumhof Zur Kastanie, liest die Frucht auf, Schnitzet aus der braunen Hülle Armesschienen, Beinesschienen Und den Küraß, den gewalt'gen. Eine halbe hohle Nußschal' Holt sie aus der Vorratskammer, Macht daraus dem Sohn das Helmdach. Aus der Türe tritt der Vater, Führet seinen Sohn und saget: «Nun beweiset, edle Donna, Mut, gleich der Spartan'schen Mutter! Denn es geht zum Scheiden jetzo; Doch es geht in hohe Tatbahn!» «Kehre mit ihm oder auf ihm!» Spricht die Mutter, reicht dem Sohne Den betränten Silberlingsschild. «Decke dich der Panzer treulich!» Spricht die Mutter, wappnet sorgsam Ihren Sohn mit der Kastanie. «Sei dir stets der Helm ein Schutzdach!» Spricht die Mutter, setzt aufs Haupt ihm Ihre halbe hohle Nußschal'. Spricht der Vater: «Kniee, Junkherr!» Nieder kniet Don Tulifäntchen, Und der Vater gibt ihm Schwertschlag Dreimal mit der Federklinge: «Führ dies Schwert zum Heil der Waisen, Führ's zum Hort der Witwen, Jungfraun, Führ's zum Trutz der schnöden Unbill!» Freudig sprang der neue Ritter Auf vom Boden, rief: «Mein Vater, Laßt mir bringen nun mein Schlachtroß, Unsern Schimmel, den bewährten, Den loyalen Zuckladoro, Denn ich reite gleich auf Taten.» Gines brachte, der Getreue, Jetzt den alten, guten Schimmel, Den loyalen Zuckladoro. «Wollt Ihr, Ritter, fraunhaft querwärts Sitzen oder männlich schrittlings? Fast zu kurz sind Eure Beinlein Für des Rückenteils Beschreitung.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Nicht will schrittlings, nicht will querwärts Ich auf diesem Schimmel reiten. Nein, ich setze mich ins Ohr ihm Und gebiet' ihm, wie er gehn soll.» Drauf versetzt der treue Gines: «Pferde dulden nichts im Ohre, Kitzeln wird es unsern Schimmel, Und hinaus Euch schütteln wird er.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Dulden wird mich Zuckladoro. Kitzel ist ein Wort des Pöbels. Dieser Schimmel ist ein Schimmel, Welcher durch Vernunft besieget Der Natur gemeine Regung.» Alles dies verstand der Schimmel, Und er bog das Knie. Der Held nun Schwang von Haar zu Haar sich aufwärts, Bis er kam zum Rand des Ohres. Drinnen, setzt' er sich zurechte Auf dem Knorpel, auf dem festen, Grüßte mit dem Schwerte höflich Seine Eltern, grüßte huldvoll Auch den vielgetreuen Gines, Rief: «Ihr höret von mir Großes Oder nichts mehr! – Trab, mein Schimmel!» Schimmel schnob und strich von dannen, Aus Vernunft hielt er das Ohr steif, Daß der Held gesichert sitze. Staunend sahn die guten Eltern Nach dem wunderbaren Sohne, Sahn noch lange seiner Augen Tatendeutungsvolles Leuchten Unterm Helm von Haselnußschal' Aus dem Ohr des wackern Schimmels. Erste Rast                     Nieten sind in jedem Lostopf, Taube Nüss' auf jedem Nußbaum, Und Windeier legt ein jedes Noch so tät'ge Huhn mitunter. So hat diese Heldensage Auch die taube Nuß, die Niete, Und das Blatt gleich einem Windei. Tulifäntchen ritt in Hasten In dem Ohr des wackern Schimmels Über Heiden, Felder, Halden Ohne Taten, ohne Wunder. Sonne schien, und Lüfte spielten, Sangen Vögel, muntre, kleine, Schimmel nahm als wahrer Weiser, Stillestehnd, am Weg mitunter Gras und Kraut ein derbes Maulvoll, Eh' die Gottesgabe faulte. Äußerst böse, daß sich nirgends Zeigt' ein Tatumstand von Würde, War der Held Don Tulifäntchen. Doch als er sich satt gezürnet, Und als nichts dabei herauskam, Wurd er müde, gähnte, schlief bald. Der loyale Zuckladoro Merkte kaum des Helden Schnarchen Auf dem Knorpel seines Ohres, Als er sprach: «Wir schlummern gleichfalls.» Ließ sich nieder leise, sächtlich; Seine Augen schloß er beide, Auch im Schlafe steif erhielt er Aus Vernunft das Ohr, auf daß nicht Haltlos in den Sand der Heide Fiel die Hoffnung des Gedichtes. Aber wachend überschienen Alle Sterne Roß und Heide Mit dem Licht, dem kalten, weißen. Das Land der Weiber                 Immer noch schlief Tulifäntchen, Als schon auf den Feuerrädern Helios' goldner Wagen rollte, Wach schon lang war Zuckladoro. Schimmel, nach dem Schläfer horchend, Sprach bei sich: «Hier gilt nicht zaudern; Rasch von dannen, in die Weite! Schlummernd soll mein Herre vorwärts Gleich so manchem Tatentäter.» Sprach's und hob sich auf die Füße, Rannte durch die Welt im schrägen Windelweichen Schaukelpaßgang. Tulifäntchen träumt' indessen Von den Drachen, Riesen, Ogern, Hieb auf gift'ge Ungeheuer, Fing den Phönix ein, den Vogel, Wohnt' in Bergkristallengrotten, Liebend mit der Nixe kost' er. Doch ein lärmend Rufen kreischte Jetzt ins Ohr des Schimmels, weckend Drang es in des Helden Öhrchen. Rings um ihn erscholl es: «Haltet, Haltet auf das Pferd, das ledge, Auf den Schimmel, den verloffnen!» Aus dem Ohre höchst gereizet Sprang der Held, Don Tulifäntchen, Glitt von Haar zu Haar hinunter, Feu'r vom Wirbel bis zur Zehe, Trotzig rief er: «Wer da waget Zu behaupten, daß ein ledger Schimmel sei an diesem Platze, Der verfechte die Behauptung! Ich beweis' auf Tod und Leben, Daß ein Schimmel mit dem Reiter Ist zur Stelle. Hier der Reiter!» Aber als er um sich blickte, Sah er nichts als Weiber; Schürzen Sah sein Aug', so weit es reichte. Und er stand vor einer großen Stadt und vor dem großen Stadttor. Überm Tore prangt' ein mächt'ges Wappen, und im Wappen stolzte Eine Kunkel als das Hauptschild. Frug der Held, Don Tulifäntchen: «Wo bin ich, und wes das Land hier?» Und die Nächste, zu ihm tretend, Eine kräftige Brünette, Sprach: «Du bist im Land der Weiber, Vor der Stadt der Weiber stehst du.» Sinnend fragte Tulifäntchen: «Leben hier denn keine Männer, Wie gebräuchlich allerorten?» Sprach die kräftige Brünette: «Keine Männer sind geduldet, Oder nur im Sklavenkittel, Unterm Schatten jener Kunkel. Groß ist unser Reich; die Grenzen Schlossen sich noch nicht des Landes. Täglich mehren die Provinzen Sich durch wachsende Erobrung. Frauen führen die Geschäfte Hier des Orts. In Ehr' und Staatsamt Siehst du Frauen nur; die Kön'gin Grandiose herrscht ob allen.» Frug der Held, Don Tulifäntchen: «Doch wie kam es, daß das Mannsvolk Euch gewichen ist? Das sag mir!» Sprach die kräftige Brünette: «Unsre Männer hießen girrend Uns der Schöpfung Meisterstücke, Engel, irdsche, ohne Flügel, Lagen stets Zu unsern Füßen, Nannten sich der Schönheit Knechte. Dies geschah so lang, bis daß wir Einstens sprachen: Nun, so wollen, Da wir Engel sind, wir künftig Wohnen in der Herrschaft Himmel, Und der Schöpfung Meisterstücke Solln nicht ferner euch, den niedern Rohen Dutzendfabrikaten Kochen Supp' und Fleisch, Gemüse. Griffen drauf zu unsern Waffen, Zu den Spindeln, zu den Nadeln, Schlugen unsre Männer – schwächlich Waren sie vom Knien geworden –, Trieben sie nach fernen Zonen, Und so haben wir die Herrschaft. Doch nicht länger frag, o Fremdling! Führen muß ich zum Palast dich, Da du gleichfalls bist ein Mannsbild.» «Nur noch eines fragen laß mich», Sprach Don Tulifäntchen; «sag mir, Wie erhält wohl euer Staat sich Ohne Männer für die Folge?» Sprach die kräftige Brünette: «Dafür auch ist schon gesorget. Denn Provinzen, neu erobert, Grenzen an des Paradieses Lang verschollnen grünen Garten. Dort wächst eine Art von Bäumen, So die teuren Schwestern alle Ohne jenen Spruch des Fluches Hätt' der Mühe überhoben, Die seitdem herkömmlich worden. Denn es reifen an den Ästen Dicht und voll die schönsten Kinder. Dieser Baumfleck ist Regale. Welche nun der Weiber wünschet Mutterfreuden zu genießen, Diese löset von der Herrschrin Aufgestempeltem Papiere Einen Kinderschein und darf dann So viel Früchtchen, als sie liebet, Dort sich von den Zweigen schütteln. Siehe, Jüngling, so erneut sich Ohne Männer, ohne Kindsnot Unser Staat allein durch Baumobst. Aber jetzt frag mich nicht weiter, Folge mir zur Kön'gin spornstracks.» Tulifäntchen blickte glühend Um sich, rief: «Bin ich denn wehrlos?» Dann, die Hand zur Stirn geführet, Faßte sich der Held und sagte: «Weißen Händen gern ergibt sich Jeder Paladin von Ehre.» Sprach's mit adliger Gebärde, Neigend zierlich Haupt und Schwertlein. Und voran schritt die Brünette, Hinterdrein schritt Tulifäntchen, Schimmel folgte, jetzo schüttelnd Voll Bedenklichkeit das Ohr schwer. Also schritt der Zug palastwärts Durch die weiberangefüllten Straßen, durch die Straßen, voll von Kindern aus dem Pflanzenreiche. Die Brummfliege               Fürsten zürnen, böses Zürnen! Königsgrimm, o schlimm Verhängnis! Herrlich glänzt das Schloß, das güldne, Von der Säulen Wald umkränzet, Mit den Toren, blau, von Jaspis; Aber das Entsetzen blicket Tulifäntchen bleich entgegen In dem Schloß aus jedem Antlitz. Auf nun rauschen ihm die Flügel Zu den innersten Gemächern, Und er steht im Marmorsaale Unter weiblichen Ministern, Reichs-Kron-Würdeträgerinnen, Adjutantinnen der Garde. Die Brünette ging zurücke; Tulifäntchen war alleine Unter den besternten Weibern. Alle schaun, von Angst geschüttelt, Nach dem roten Damastvorhang, Welcher deckt den Grund des Saales. Aber die Premierministrin Lauschet durch des Zeuges Falte. Tulifäntchen naht sich zierlich Der Ministrin, spricht in Züchten: «Damen seh' ich voll Bedrängnis; Wollet, Exzellenz, gebieten Über Eures Ritters Kräfte! Was trübt Euer Augen Sternglanz, Daß sie, Sonnen des Gesichtes, Nur durch Nebel düster brennend, Künden finstern Tag der Seele?» «Ritter», sagte die Ministrin, «Wisse, dieses ist die Stunde, Wo die nie genug gelobte Große Kön'gin Grandiose Denkt ans Glück der Untertanen.» «Nicht versteh' ich Eure Rede», Sprach der Held, Don Tulifäntchen. «Siehe!» sagte die Ministrin, Hob den Vorhang auf; da schaut' er Im gewölbten Kabinette Hehr die Kön'gin Grandiose, Angetan mit Hermelin-Vlies, Auf dem Haupt die goldne Krone, Goldnen Zepter in der Rechten, In der Linken den Reichsapfel, Ganz genau wie Karo-Dame. Sinnend saß sie, tiefes Denken Hatte sie durchaus umwoben. Der bemeldete Reichsapfel War gefüllt mit Spaniole, Und sie schnupfte draus voll Inbrunst. «Warum bebt Ihr, wenn der Kön'gin Landesmütterliche Liebe Sich zum Heil des Volkes abmüht?» Frug der Held, Don Tulifäntchen. Trüb versetzte die Ministrin: «Fremdling du im Land der Frauen, Wisse, daß die große Kön'gin Nie so leicht ist aufzuregen, Als wenn sie sich ganz vertieft hat In die edelsten Gedanken. Darum faßt uns stets ein Bangen, Denkt sie an das Glück des Landes; Denn dann fließen ihre Tränen Einem schönen Ideale, Wie es könnte sein und nicht ist. Greift das Leben dann, das rohe, Ins Konzert der Seele, stört sie Nur ein Sonnenstäubchen, das nicht Nach dem höchsten Willen kräuselt, Fährt sie furchtbar auf, und meistens Läßt sie, um sich herzustellen Zum Regentengleichgewichte, Ihrer Nächsten köpfen ein'ge.» Ernst erwog in seiner Seele Dies der Held. Urplötzlich aber Sah er dringende Gefahren Für die schutzvertrauten Frauen, Für das Volk von Mikromona, Denn so hieß die Stadt, die große. Zu dem offnen Fenster sausend Schoß herein der Fliegen eine, Die uns Brummer oder Schmeißer Nennet die Naturbeschreibung. Erst vom weiten flog die Wüste In unangemessner Weise Um die Krone, um den Zepter, Um das Vlies und um die goldne Spaniol-Reichsapfel-Dose. Doch der kugelrunden Augen Freches Demagogenleuchten Zeigte deutlich, daß sie strebet, Auf die Nase sich der Kön'gin Hochverrätrisch hinzupflanzen. Da empfiehlt sich Tulifäntchen Hergebrachterweis' im stillen Der Geliebten, die noch nicht ihm Ward beschieden, zieht vom Leder, Zieh'nd am Lackgriff, schwingt und wetzet Vaters guten Federflamberg, Flüstert: «Edle Damen, gramschwer, Betet für des Jünglings Heil nun! Eine Tathandlung verrichtet Seine Faust zu eurem Frommen. Doch wenn ihn sein Stern dem Tod weiht, Geb' ein simpler Stein Bescheid nur Von dem Namen, dem Geschlechte. Tulifäntchen heißt der Jüngling, Tulifantens Sohn; er rühmt sich Reinen Bluts und edler Eltern.» Sprach's und sprang mit gleichen Füßen In das Kabinett der Kön'gin. Leise wie ein Mückchen schritt er Über die gebohnten Dielen. Kön'gin Grandiose hörte Nicht des Paladines Schreiten, Sondern dachte tiefgerühret, Eine große Trän' im Auge, An das Glück der Untertanen. Brummers Tod               Fürstenzürnen, böses Zürnen! Königsgrimm, o schlimm Verhängnis! Brummer brummt und summt und surret Um die Nase der Gesalbten, Und schon schwillt, man sieht es deutlich, Auf der Stirn der Landesmutter Mählich an die Kollerader. In dem großen Augenblicke Sammelt Tulifäntchen schleunig Alle Geister seiner Klugheit, Nimmt behend aus seinem Täschlein Ein erspartes Stückchen Zucker, Hält es lockend in die Luft hin. Kaum erschaut der grimm'ge Brummer Das geliebte, stets ersehnte, Nie genug geleckte Süße, Als er durch die Luft geschwungnen Kreises naht dem werten Zucker. Aber Tulifäntchen mutig, Sichern Blicks im Feldherrnauge, Zielet mit dem Schwert, und eben Wie das Ungeheu'r sich heftig Niederstürzen will zum Zucker, Stößt er ihm mit festem Stoße Durch den Magen grad' das Schwert nun, Daß die Spitze hinten vordrang. Opfer seiner Leidenschaften, Haucht' der Wütrich in den Hades Seine Seele, lasterschmutzig; Und der Held trug die gespießte Leiche zu den Weibern; Jubel Hallt' im Marmorsaal; vom Kusse Der Erfreuten ward der Junkherr Fast zu Tode dort gedrücket. Aber jetzt erschien die Kön'gin, Die Reichsapfeldosenträgrin, Und geruhte, sich zu äußern: «Unsre Stunde war sehr fruchtbar: Künftig wird, behufs Ersparung Überflüss'ger Tinte, niemals übers i der Punkt gesetzet. Dies erdachten Wir zum Heile Treuer Untertanen gnädigst. Das Gesetz emporzuhalten, Werden Wir sofort ernennen Hundertzwanzig Kommissarien Mit auskömmlichen Diäten. Eine Flieg' umflog, so dünkt Uns, Unserer Person, der heil'gen, Allerhöchste Riechorgane. Schon erschraken Wir im Geiste Selbst vor Unserm künft'gen Zorne, Wenn das Untier sollte wagen, Sei's durch Krabblung oder Kitzlung, Sei's durch Rennen, Rüsselfühlen, Unsre Nas' und Ruh' zu schädgen. Denn wir sind, Wir wissen's, schrecklich, Stört man Unsre weichen Stunden. Doch auf einmal stille ward es, Und Wir sannen weiter friedlich. Hat jemand vielleicht durch kluge Tücht'ge Tat die Flieg' entscheuchet, Nenn er frei sich, denn bekannt ist's, Daß Wir kein Verdienst im Staate Lassen ohne Band im Knopfloch.» Sprach jetzt die Premierministrin: «Dieser tugendhafte Degen, Kön'gin, ist der Held des Tages.» Knixte, hob auf ihren Fächer Tulifäntchen, präsentierte Ihrer Königin den Helden. Und das Knie bog Tulifäntchen, Und der Fliege Leichnam hielt er Hoch empor am Schwert, dem guten. «Mögen deines Namens Feinde All' wie dieser Brummer enden!» Sprach er mit gesetztem Mute. Doch die Kön'gin sagt' in milder, Würdger, königlicher Haltung: «Fremder Ritter, du erwarbest Großes Recht auf Unsern Dank dir. Wir erkennen's, Wir beweisen's. Leb im Staat von Mikromona, Ausnahmsweis', ein Mann und dennoch Hochgeehrt! Der Hof vernehme: Wer dem Paladine wohltut, Reicht der Königin die Wohltat. Mit des Reiches höchstem Orden Seid Ihr, Held, hiermit bestallet. Mit dem Orden vom Pantoffel!» Unbeschreiblich war die Wirkung, Welche diese Wort' erzeugten. Tulifäntchen war gerühret, Grandiose war desgleichen Sehr gerührt von ihrer Güte. Alle Kammerdamen weinten, Laut aufschluchzte die Ministrin, Schimmel draußen schwamm in Zähren. Drauf zur Tafel ging man, speiset' Mit erhöhtem Appetite. Abends war die Stadt beleuchtet, Und in rotem, grünem Feuer Brannte transparent an hundert Orten: «Vivat!» und: «Es lebe Tulifäntchen Fliegentöter!» So ward groß der Held im Kleinen An dem Hof von Mikromona, Welches liegt im Reich der Weiber. 2. Die Mauer von Brambambra Der Königin Leid                 Tulifäntchen       Schon viele Wochen habet Ihr, Kön'gin, mich mit Eurer Gunst gelabet! Ihr schuft mein Glück, ich wohne Im Sonnenschein des Heils an Eurem Throne. Jedoch mein Herz verzehret Sich in der Ruh', weil Taten es begehret! Es will mein Jugendfeuer Zu neuem Ruhm auf frische Abenteuer. Die Welt ist voll des Schlechten, Entlaßt mich, Majestät! Pflicht ist's zu fechten.   Grandiose So willst auch du mich meiden, Du teurer Held, so edel und bescheiden? In dir fand ich den werten, Vertrauten Freund, den, ach! so lang entbehrten.   Tulifäntchen Des Heldentums Verhängnis Trifft nun auch mich, des Scheidewegs Bedrängnis! Mich ruft hinweg die Tugend, Doch Dank hält in der Fessel meine Jugend. Wie soll aus Doppelketten Sein Selbst der Sohn Don Tulifantens retten? Daß sich ein Mittel fände, So Pflicht und Gegenpflicht gelind verbände! Mir künden Eure Mienen Geheimen Gram, drum sprecht: Kann ich Euch dienen?   Grandiose Willst du, daß ich dich stürze In sichre Schmach?   Tulifäntchen Du deutst auf meine Kürze! O schmerzliche Verletzung!   Grandiose Nein, durch Vertraun beweis' ich meine Schätzung. Mit dem Gemahl, dem lieben, Den ich hernach aus Stadt und Land getrieben, Genoß ich wenig Glücke; Charaktervoll war ich und er voll Tücke. Ich litt durch ihn unendlich, Doch kam ich in die Wochen unabwendlich Jedwedes Jahr. Erkläre, Vermagst du es, das Rätsel mir, das schwere, Daß wir, die schlimmsten Gatten, In sechzehn Jahren sechzehn Kinder hatten? Die Parze spann vom Rocken Rasch ihren Flachs, sie starben an den Pocken. Vermittelst der Vaccine Erhielt ich nur Prinzessin Balsamine. Die Tochter seit der Kindheit War stets ein Muster lernender Geschwindheit, Sie stand mit achtzehn Lenzen Beinah an jedes Wissens letzten Grenzen, Trieb dreizehn tote Sprachen Und las am liebsten philosoph'sche Sachen. Anatomie ins kleinste Verstand sie, spaltete Begriffe auf das feinste!   Tulifäntchen Wo ist Sie denn zu schauen?   Grandiose Geraubt, entführt, in eines Riesen Klauen!   Tulifäntchen Entführt? Ein Ries'? Ich bebe... Doch nein! Es lebt die Tapferkeit, ich lebe!   Grandiose Der Riese, wehe! wehe! Hat seinen Horst in meines Reiches Nähe Auf hohem Schloß; die Mauer, Von Eisen ließ sie machen der Erbauer, Und hinter diesen Wänden Von Eisen hält mit seinen plumpen Händen Das Untier fest die Tochter. Sie ist bei ihm. Seht, Teurer, das vermocht' er!   Tulifäntchen Von böser Lust getrieben?   Grandiose Dergleichen hat sie niemals mir geschrieben.   Tulifäntchen Schickt sie dir denn Billette?   Grandiose Allwöchentlich. Sie rühmt die Etikette In jenes Riesen Wohnung, Mir zum Erstaunen preist sie seine Schonung.   Tulifäntchen Warum sie dann verhaften?   Grandiose Aus reiner Liebe zu den Wissenschaften. Wie meist die Riesen pflegen, Hat dieser in der Jugend obgelegen Dem Spiele bloß, dem Trunke, Und niemals glomm in ihm des Geistes Funke. Auf einmal aber haben, Als er ins Alter trat der klugen Schwaben, Sich neue Wünsche, denket! In seine breite, rauhe Brust gesenket. Denn weil er sah, wie jeder Jetzt braucht den Mund und besser noch die Feder, Entschloß er sich – das Grauen – Den Geist, der lang gebrachet, anzubauen. Sogleich verschrieb er Maîtres In Sprachen, Wissenschaften und belles lettres, Wovon jedoch nicht einer Den Riesen klüger machte oder feiner. Stets blieb ein Ignorante Der späte bildungdürstende Gigante. Die Lehrer mußten tragen Die Schuld; er hat sie sämtlich totgeschlagen! Drauf hört' er von dem Rufe Der Tochter, daß sie klomm zur höchsten Stufe In der Minerva Tempel Als der Gelehrsamkeit hell strahlendes Exempel. Und alsobald im Herzen Sprach er: « Sie ist's! Sie zündet mir die Kerzen!» Als über Konjekturen Sie einst nun sann auf unsern Wiesenfluren, Sprang aus der Büsche Dicke Der räuberische Riese, voll von Tücke, Geschwinde wie der Wind her; Seit diesem Tage, Freund, hab' ich kein Kind mehr!   Tulifäntchen Leb wohl!   Grandiose      Wohin?   Tulifäntchen           Noch fragen? Du kennest mich! Nichts mehr hab' ich zu sagen.   Grandiose Du wolltest ...   Tulifäntchen      Wollen? Wollen? Gibt's hier ein andres Wort als: Müssen, Sollen?   Grandiose Ach, fürchte...   Tulifäntchen      Nur die Schande Fürcht' ich! Was fürchtet sonst ein Mann von Stande? Mir ist der Tag erschienen Der Tat, des Ruhms! Ich rette Balsaminen! Ritter Fis von Quinten                   Welche Triller, welche Läufe Dringen aus dem Busch, dem grünen? Klingt es doch wie Sterbeklaglaut! Aber singt man, wenn man abfährt? Tulifäntchen kam getrabet, Sprang behend vom Ohr des Schimmels; In das Dickicht, ohne Bangen, Abenteuerdurstgequälet, Schritt der Held, Don Tulifäntchen. Blut'ge Steine! Roter Rasen! Einen Jüngling, bleich zum Tode, Trug das rote Bett von Rasen. Tulifäntchen flog zum Wunden, Sprang auf seine Brust mitleidig, Neigte sich zum Ohr des Blut'gen, Und er wisperte ins Ohr ihm: «Sprich, wer bist du? Wer erschlug dich? Kann ich helfen? Kann ich noch dir Was erzeigen? Liebes, Gutes?» Sprach's. Da griff der Todeswunde, Welcher war ein Mann des Sanges, Mollakkord auf der Gitarre, Die er hielt in seinem Arme, Präludierte, sang. Er sang es Mit dem reinsten, schönsten Vortrag: «Nicht kannst du mir helfen, Kleiner, Liebes, Gutes nicht erzeigen. Mich ereilt der Tod inmitten Meiner harmonienschwangern, Sang- und klangdurchrauschten Tage. Sieh das Blut in meinem Schopfe, Fühl im Schädel dieses Loch!» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Nenne deinen Mörder, Jüngling, Denn ein Rächer jeder Unbill Steht, ich bin's, auf deinem Busen. Fielst du nicht in gleich gerechtem Ritterkampf von Hieb und Stoße, Schlug dich ein Verräter meuchlings, Räch' ich dich. Bei meiner Ehre Sei's geschworen, wisse solches!» Sang der blutge Gitarriste: «Solfeggierend zog durchs Land ich, Da vernahm ich daß Prinzessin Balsamine sei forcierter Maître eines dummen Riesen. Wisse nun, daß ich der Kön'gin Mich zum Dank verpflichtet fühlte. Als ich unversehns gekommen Jüngst ins Land, ins Reich der Weiber, Schenkte sie das Leben mir In Betrachtung des Tenores, Den mir die Natur verliehn. Drum den notgedrungnen Unter- richt (die Arie heischt die Unter- brechung, wie gar oft, des Wortes), Jene Zwangslehrstunden, sag' ich, Aufzuheben, schwoll das Herz mir. Nicht mit Schwert noch Spieß bewehrt' ich Meine kunstgeweihten Hände; Nein, der Macht der Töne traut' ich. Ein Konzert wollt' ich im Schlosse Jenes Riesen geben, hoffte, Im Gewühl der Menschen leichtlich Zu entführen die Prinzessin. Als ich angelangt vorm Schloßtor, Saß der Riese Schlagadodro (Dieses ist des Untiers Name) Auf der Zinne seiner Mauer, Wie er pflegt zu tun nach Tische, Gähnte, blinzte mit den Augen. Ich sang ihn mit meiner größten Arie an und bat um Einlaß, Nannt' ihn alles Schönen Fördrer, Nannt' ihn geistreich und gemütvoll. Doch der Riese rief mit rohem Spott: 'Ich hatte mytholog'sche Stunde just bei der Prinzessin Und vernahm von jenen Wundern, Welch' in alten finstern Zeiten Deiner holden Kunst gelungen. Hat sie Steine aus dem Bett nicht Nach der Töne Klang gezogen? Dies Mirakel wiederhole Heut sich in der jüngsten Sonne!' Sprach's, und eh' ich konnte ducken, Hat das Ungeheu'r den größten Stein gerissen aus dem Turme, Hat ihn mir aufs Haupt geschleudert, Daß die Stirn zerbarste klaffend. Hierher schleppt' ich mich im Blute. So als Opfer halber Bildung, Mißverstandener Antike, Fiel der Ritter Fis von Quinten, Fiel der Ritter vom Tenore.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Warum singst du stets, mein Guter, Singst noch in der Todesstunde?» Sang der Ritter Fis von Quinten: «Weil ich nichts versteh' als dieses. Schon als Knab' im weißen Jäckchen Merkt' ich, was der Welt behaget, Danach hab' ich mich geschicket.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Ist es wahr, was mir ein düstrer Spötter zugeraunet jüngstens? Unsre Welt verlangt mitnichten, Sagt' er, mehr nach Geist und Größe, Sinn und Tiefe, Tatenmarke; Denn sie gähnt in der Tragödie, Denn sie gähnt im kühnen Lustspiel, Denn sie gähnt bei dem Gedichte, Und bei dem Gespräche gähnt sie, Gähnet über Männer, gähnet Über Helden, Gott und Himmel. Diese alte Gähnevettel, Sprach der düstre Mann voll Ingrimm, Hält nur noch die Augen auf, Wenn die wollustmüden Nerven Eine Opernarie kraut. Wunder Ritter, ist dem also?» Sang der Ritter vom Tenore: «Diesem ist so, ja, gottlob! Darum lernt' ich, was jetzt not tut, Lernte singen, nichts als singen, Sang mich in den Arm der Frauen, Sang mich in der Großen Palast, Sang mich in der Kön'ge Prachtsaal. Wo ein wen'ges von gesundem Menschenwitze wollte keimen, Sang ich nieder diesen Erbfeind Aller Sänger, nieder siegreich. Sprechen hab' ich ganz vergessen Und beinah das Denken gleichfalls. So ward ich zum reinen Tone, Ward zum wandelnden Akkorde.» Schmetternd schlug ein runder Triller Aus dem Mund des Gitarristen Gleich dem Blitz in blaue Lüfte, Wurde schwächer dann und bebte Aus im Bock, dem sogenannten. Dieser erste Fehler kündet An des Sängers letzte Stunde, Nieder sinkt das Haupt, gebrochen Starr'n die Augen; fälschlich trillernd Stirbt der Ritter Fis von Quinten, Stirbt der Ritter vom Tenor. Tulifäntchen saß beweget Auf der Brust des Toten, weinte: «Rächen will ich Fis von Quinten, Retten will ich Balsaminen!» Kam ein Bauer, seufzt' und klagte: «Nieder tritt mein Korn der Riese, Ach, wer hilft, wer hilft mir Armen?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Ich will diesem Bauer helfen, Ich will rächen Fis von Quinten Ich will retten Balsaminen.» Kam ein Schäfer, seufzt' und klagte: «Ach, der Riese stahl das Schaf mir! Ach, wer schützt, wer schützt mich Armen?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Ich will diesen Schäfer schützen, Ich will jenem Bauer helfen, Ich will rächen Fis von Quinten, Ich will retten Balsaminen.» Kam der Apfelbaum gewackelt: «Riese frißt all meine Äpfel, Ach, wer schirmt die Zweig' am Stamme?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Ich will deine Zweige schirmen, Diesen Schäfer will ich schützen, Jenem Bauer will ich helfen, Ich will rächen Fis von Quinten, Ich will retten Balsaminen.» Kam die Luft heran und klagte: «Mich zerreißt der Ries' mit Schnarchen. Ach, wer heilet mich, die Arme?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Heilen will ich Luft mit Blute, Schirmen Apfelbaumes Zweige, Diesen Schäfer will ich schützen, Jenem Bauer will ich helfen, Rächen will ich Fis von Quinten Und erretten Balsaminen.» Sank die Sonn' herab und klagte: «Mir wird übel von dem Riesen. Wer bringt ihn mir aus den Augen?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Süßer, goldner Quell des Tages, Ich will bergen ihn im Grabe!» Auf vom Leichnam sprang begeistert Unser liebenswürdges Heldchen. Bauer betet, Schäfer betet Für den Paladin, den kleinen, Apfelbaum wirft ihn mit Blüten, Luft, gleich einer Siegesfahne, Wehet vor ihm her gewaltig, Sonne sieht ihm günstig lächelnd Nach auf seinen großen Bahnen. Schlaf in Frieden, Fis von Quinten! Hoff Erlösung, Balsamine! Zittre, zittre, Schlagadodro! Die Riesenwirtschaft                   Schlagadodro! Schlagadodro! Ungeschlacht hieß dein Herr Vater, Tramplagonde die Frau Mutter, Doch du selbst heißt Schlagadodro! O bedeutungsvolle Wahrheit Jenes tiefen Spruchs aus Osten: 'Was das Hänschen nicht gelernet, Wird der Hans wohl wissen schwerlich!' Folgt mir jetzo zu dem Haushalt Meines alten Riesenschülers Schlagadodro, Schlagadodro! Nur mir nach! Der Weg ist schlüpfrig Felsenauf, durch Waldgerinnicht Winden sich die Pfade rieselnd. Hütet das Gesicht vor Nesseln! Nehmt in acht die Hand vor Dornen, Vor dem Pfriemkraut, vor den Brombeern! Fürchtet nichts! Euch führt der Dichter, Und ihn führt die freudge Muse; Nur den Fels noch! So, da sind wir Auf der Blöße, hoch im Dickicht. Seht, da steht das Schloß Brambambra! Gelt, das ist ein Riesenlustschloß? Kost't dreihunderttausend Taler! Vater sel'ger Schlagadodros Kauft' es einst. Nun aber ratet, Ratet klug, von wem er's kaufte? Von dem alten Tulifanten, Welcher damals Gelder brauchte. Ha, Verhängnis! Tulifäntchen! Geht nur näher zu der Mauer Ohne Scheu! Noch speist der Riese. Seht, sie ist durchaus von Gußstahl. Schlagadodro holt' aus England Sich den Meister, der sie baute Mit geheimnisvoller Kunsthand. Nirgends seht ihr eine Schraube, Nirgends eines Stücks Verbindung, Frisch und ganz steht diese Mauer Wie ein Kind aus Mutterleibe, Und doch wurden viele tausend Eisenplatten ineinander Eingefüget; wer entdecket Dieses Werks verstecktes Wunder? Scheuern läßt der Riese samstags Seine Mohren diese Mauer, Sie mit Schmirgel reinlich putzen, Daß sie glänzt, ein blauer Spiegel, Weit vom Berg in alle Landschaft. Denn er hält auf sie unendlich, Und sie ist sein Glück, sein Abgott. Schlaft um aller Götter willen Nicht, ihr Teuren, wenn die Mauer Vorkommt, schlaft bei andern Stellen! Glaubt, sie ist vom höchsten Einfluß Auf das weitere Verläufnis Dieses großen Heldenliedes! Rasch hinweg, da naht der Riese! Nach dem Essen wird studieret. Rasch nur hinter jenen Vorsprung! Muse, bleibe du auf Posten, Sag uns treulich, was du schautest. Schlagadodro blickt verdrießlich Wie der alte Hund bei Lichtwer, Der zum Lernen war so kopflos. Unter jedem Arme trägt er Sein Getränk in einem Oxhoft. Setzt sich zwischen seine Fässer Auf der Mauer Kante, baumelt Mit den Beinen, sagt verdrießlich: «Sonne sticht auch gar zu stark hier, Und dabei soll man studieren! Ein verfluchtes, durst'ges Wetter!» Führt mit Anstand zu den Lippen Eins der beiden Oxhoftfässer, Trinkt gelinde aus dem Spundloch, Trinkt, verschluckt sich nicht im mind'sten, Trinkt das Oxhoft bis zur Neige, Wirft die Tonne von der Mauer, Trinkt die zweite, wirft sie 'nunter, Leer bis auf die Nagelprobe. Seine Augen wurden wacker. Sprach: «Nun solln die Wissenschaften Auch getrieben werden endlich. Immer Schlingen, Schlucken, Schlemmen Ist, bei Gott dem Herrn, fast viehisch. Denn im Leibe sitzt der Magen, Und im Kopfe sitzt die Seele. Brot und Fleisch verlangt der Magen, Kenntnisse verlangt die Seele. Ist der Magen satt vom Essen, Muß die Seele auch was haben, Das ist Ordnung, also will es Die Gerechtigkeit, die erste Aller Tugenden; die Seele Ist just'ment so gut, wie du bist, Musje Magen. – Damit Punktum!» Sprach's, holt' aus der Tasch' ein Büchlein: Buttmanns griechische Grammatik. Denn er stand beim Griech'schen grade, Das Ebräische soll folgen, Sagte die Prinzeß, im Herbste. Lernte: Tüpto, Tüpteis, Tüptei, Tüptomen, zuletzt Tüptusi, Daß der Wald von dem Gebrüll schon Und die Erd' in Ängsten bebte. Während so der arme Riese Griechisch lernte mit Beeifrung Und den Takt schlug mit den Beinen, Standen hinter ihm die Mohren, Seine tägliche Bedienung, Wedelnd mit den Straußenwedeln; Knull, der Obermohr, und fünfzig Kohlpechschwarze Untermohren; Einundfünfzig Stück im ganzen. «Knull, jetzt kann ich's, überhöre!» Rief voll Freuden Schlagadodro Nach dreistündiger Bemühung. Knull nahm's Buch hin, überhörte. Schlagadodro kratzt' im Haupte, Blickt' hinunter, blickt' gen Himmel, Schwang und schlenkerte die Finger, Konnte nicht ein Sterbenswörtchen; Weinte, daß das Griech'sche nimmer Woll' in seinen Kopf, den harten. Weinte zwanzig Eimer Tränen Aus den Augen, vierzigzöllig, Von der Mauer von Brambambra Nieder auf den sel'gen Buttmann. Dieses waren deine Leiden, Schlagadodro! Schlagadodro! Ungeschlacht hieß dein Herr Vater, Tramplagonde die Frau Mutter, Doch du selbst heißt Schlagadodro. Die Prinzessin und der Rinderbraten                   Süße Minne! Rätselnacht! Labyrinth der Liebeswege! In dem roten Atlasdiwan Saß Prinzessin Balsamine An dem wohlbesetzten Teetisch, Trank den Tee als wie zu Hause, Trank ihn aus gemalter Tasse; Sie trank ihren Tee mit Sahne. Ihr zu Füßen saß der Riese, Trank desgleichen Tee; doch trank er Seinen Tee mit Branntwein, schaudernd Trank er diesen Trank hinabwärts, Denn er schmeckt' ihm stets wie Spülicht. Und ein herber Kummer zehrte An der edlen schönen Seele, Seine Nerven litten sichtlich. Feurig sagte Balsamine, Die lavendelduft'ge Fürstin: «Teure Mutter, daß du wüßtest, Wie es deinem Kind so wohl geht! Hätt' ich damals ahnen können, Als du mich entführtest, guter, Von der Welt verkannter Riese, Daß ich solchen geist'gen Umgang, Solche Sympathie der Seelen, Alle die Berührungspunkte Finden würd auf Schloß Brambambra?» Sprach's und rief mit genialem Augenzwinkern, zärtlich blitzend: «Süße Minne! Rätselnacht! Labyrinth der Liebeswege!» Ärgerlich rief Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe: «Hört, Prinzesszin, menagiert Euch! Dieses Blicken, Blinzen, Blitzen Zeigt mir, was die Glocke schlug hier. Ihr habt, Hoheit, leider Gottes Sündlich Euch in mich verguckt. Lasset solche Narrenspossen! Nehmt Vernunft an, bitt' ich herzlich.» Drauf versetzte Balsamine, Die lavendelduft'ge Fürstin: «Das Genie hat kein Geschlecht! Ich bin genial! Was kümmert Mich der niedern Schwestern Zierspuk? Titan du, ich Titanide! Und ich suchte mir den andern, Und du liebtest eine andre? Kühn und frei, wie mir's geziemet, Sprech' ich: In der Zeit der Kleinen Hat mich, Riese, deine Größe, Deine echte Unnatur, Hat mich, Demant, deine Roheit, Deine ungeschliffne Einfalt Höchst energisch angesprochen!» Ärgerlich rief Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe: «Ein gesittet Frauenzimmer Muß von Energie nichts wissen! Sind mir das nicht Modefloskeln! Liebet mich in Gottes Namen, Nur macht keine Prätensionen, Ich versag' euch jede Hoffnung. Den Romanenkram, den hass' ich; Meine Ruh' ist, was ich liebe, Und ich halt' auf gute Sitten In dem Schlosse von Brambambra. Ihr seid Maître, damit basta! Dieses ist das Wort, das rohe, Eures ungeschliffnen Demants.» Drauf erhob sich Balsamine, Die lavendelduft'ge Fürstin, Und sprach hochbegeistert also: «Saft und Kraft in jedem Zuge! Schlafe wohl, du herz'ger Räuber! Gott beschirme deine Unschuld! Wie er mich so kindlich anblickt! Gute Nacht, rechtschaffne Seele!» Hüllte sich in ihre Schleier, Ging zu der gewölbten Kammer, Lehnt' ihr hohes Haupt ans Fenster, Blickt' emporwärts zu den Sternen, Schwatzte mit dem großen Bären, Bis sie endlich einschlief drüber, Von Genie, Gefühl ermüdet. Ärgerlich rief Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe: «Müssen mir noch solche Sachen Gar begegnen in dem Kursus? Hol' der Henker mein verdammtes Schwaches, zartes Herz von Butter! Die Vernunft sagt: Schlag die Närrin Tot, wie du bis jetzo totschlugst Jeden, der dir schuf Beschwernis! Alles Ding auf Erden schwindet Nach vollendeter Bestimmung, So ist's recht, das will die Ordnung. Der Prinzessin Erdenzweck war, Mich zu bilden. Aber jetzo Hat sie diesen Zweck erfüllet, Denn ich weiß die schwere Menge. Deklinieren kann ich, lernte Griechisch, kam bereits bis Tüpto. Asien, Afrika, Europa Und Amerika und unten Da im Stillen Meer das viele Gänseklein von Inselsuiten Sind die fünf Weltteil'; es lebet Ein allmächt'ger Gott im Himmel; Sterben wir, ist die Geschichte Nicht so mir nichts, dir nichts aus; Nein, dann kommt das ew'ge Leben, Und der Mensch hat freien Willen. Wenn ich frage: Wem ? dann setz' ich Mir , und frag' ich: Wen ? dann ziemt es Mich zu sagen; und die Erde Gleicht 'ner alten Pomeranze. – Wozu noch mit mehrerm Wissen Meinen Leib aufblasen? frag' ich. Wozu lebt noch die Prinzessin, Da, lass' ich die Törin leben, Sie nicht fahren läßt die Liebe, Allerhand mir in den Kopf setzt, Was mir raubet meinen Frieden, Inkommodität verursacht, Trouble bringt in meine Hausruh', Träume bringt in meinen Schlummer, Und mir störet die Verdauung, Welch' im Leben ist der Hauptpunkt? Doch das Herz spricht: Schlag sie nicht tot! Töten, was uns liebt, ist schwerlich Zu entschuldigen; man prügelt Schon nicht gern, die uns verzehren. Auch das Herz hat seine Rechte, Und ein ewiges Gesetz ruft: Schone Menschenblut! – Wie harmlos Lebt' ich, als ich noch nichts wußte Von dem ewigen Gesetze! Damals, kann ich sagen, schlug ich Tot im reinsten Seelenfrieden. Du hast aus dem Paradiese Mich getrieben, o Kulturstand! Fluch dem Baume der Erkenntnis!» Sprach's und setzte sich zum Essen. Einen fetten Ochsen trugen Vierzehn Mohren auf, am Spieße War er delikat gebraten. Schlagadodro kaute, wurde Nur der einen Keule mächtig. Melancholisch rief er: «Schlinget, Mohren, ihr des Ochsen Reste! Mir im Munde quillt der Bissen.» Stöhnend ging der biedre Riese Mit den angegriffnen Nerven Drauf spazieren in dem Mondschein. Pflückt' am Bach ein blaues Blümchen, Führt' es zu den Lippen zärtlich, Sprach: «Vergiß mein nicht, du Holde! Ja, ich muß dich schlagen tot. Einen tiefen Blick heut abend Hab' ich in mein Herz geworfen. Nie hat ein gebratner Ochse Mir bis heute widerstanden, Nicht, als starb mein teurer Vater, Nicht, als starb die würd'ge Mutter, Die verklärte Tramplagonde. Heute widerstand der Ochs mir! Suchst du noch nach andern Zeichen, Unglücksel'ger Schlagadodro? Ja, du liebst, und sie muß sterben, Denn die Tugend ist mein Stolz, Keuschheit meine Passion, Jeder hat ja Steckenpferde. Ich will nicht zu den verdorbnen Liederlichen Hünen zählen, Die in allen Sagen spuken. Nein, ich will auf meinem Sarg Einst die Inschrift: 'Hier, o Wandrer, Ruht der jungfräuliche Riese!' Arme Balsamine! Wärst du Nie was andres mir gewesen Als ein frommer, stiller Maître! Wunderbar, daß ich doch alle Meine Lehrer muß ermorden! Oh, das Schicksal ist wahrhaftig Eine Nuß, die aufzuknacken Kein Verstand besitzt die Zähne. Still! Vom Grübeln wird man mager, Sei ein Mann und schone deiner, Alle Menschen sind ja sterblich. 's ist ein Übergang! Das bißchen Tod ist kaum der Rede würdig. Sie hat's gut, sie geht zur Ruhe; Ich bleib' hier im Tal der Schmerzen. Ihr wird wohl! – Na, mir wird besser. Noch drei Tage soll sie leben, Sterben an dem vierten Tage! Süße Minne! Rätselnacht! Labyrinth der Liebeswege! Die Fee im Walde                       Traurig unter grünen Buchen, Auf dem Stiel von einem Farnkraut Saß der Held, Don Tulifäntchen. Nachgedankenvoll daneben Stand der Schimmel, der loyale, Stand der treue Zuckladoro. Über Tulifäntchens Gramhaupt Hing sein ritterlich Gewaffen An der Binse schwankem Ästlein, Hing der starke Silberlingsschild, Hing das blanke Federklingschwert, Müßig, angegelbt vom Roste, In den Sand schrieb Tulifäntchen Mit dem Fuße Zeichen, trübe, Und der Schimmel hing die Ohren. Beiden schwoll der tapfre Busen Von herzkränkender Empfindung. Aber was verdroß den Helden? Was hat ihm den Mut verdüstert? Weißst du es, so sag es, Muse. Doch sie schüttelt eigensinnig Ihr ambrosisch Haupt; so spricht sie: «Wenn der Dichter sich verfahren Und der Wagen steckt im Moore, Solln wir Götter Vorspann geben. Nein, mein Freund, nun hilf dir selber, Frag den Helden, was ihn schmerzet? Schaff den Rat, du schufst die Sorge, Mir gilt's gleich, wenn Tulifäntchen Ewig sitzen bleibt im Walde Und am schwanken Binsenaste Schwertlein, Schildelein verrostet.» Eigensinn'ge Göttin, böse! Ja, ich helf', ich helf' mir selber. Alte, die du dort das Reisig Suchst im Wald mit Mühe, keuchend, Alte, komm, sei du die Muse, Führe du das Epos weiter! Trippelnd trat die Alte, hüstelnd, Zu dem Helden, dem betrübten, Setzte sich aufs Bündel Reisig, Das sie las im Wald, und sagte: «Held, warum so hypochondrisch? Ward dir deine Liebste untreu? Sprang dein Schild? Zerbrach das Schwertlein? Lahmt dein unvergleichlich Kampfroß?» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Schimmel geht noch Schaukelpaßgang, Schwert und Schild hängt heil am Aste, Keine Liebste ward mir untreu, Denn mir fehlt der Schatz bis jetzo. Doch verstimmt und höchst verdrießlich Ist der Sohn Don Tulifants.» Ihm versetzte drauf die Alte, Hüstelnd auf dem Bündel Reisig: «Jene drei erwähnten Dinge, Waffenschaden, Damenuntreu, Spat am Schlachtroß, sind die einz'gen, Die mit Recht in Trübsal dürfen Stürzen einen tapfern Degen.» Schüttelnd drauf sein kleines Häuptlein, Sprach der Held, Don Tulifäntchen (Schimmel, der ihm alles nachmacht', Hat gleichfalls den Kopf geschüttelt) «Noch ein viertes Ding wohl gibt es, Schwerer als die drei, das schwerste Für ein adliges Gemüte. Kennst du übersehne Helden? Ich bin so ein Übersehner. Eine Welt in meinem Busen, Eine Welt von kühnem Tatdrang, Werd' ich ganz und gar verachtet! Schon drei Tage lagr' ich stillwild Vor dem Schlosse von Brambambra, Schon drei Tage klopf ich trutzvoll An die eh'rne Flügelpforte, Schon drei Tage fordr' ich schlachtheiß Meinen Gegner Schlagadodro Mir herab auf Schwerteskampfstreich; Doch mein Lagern, doch mein Klopfen, Doch mein wildes, zorniges Fordern Ist vergebens, nicht bemerkt er's. Seine Augen übersehn mich, Seine großen Ohren hören Nicht mein Dringen, Zürnen, Schelten. Vor dem Baum, dem Bauer, Schäfer, Vor der Luft und vor der Sonne Werd ich, wehe mir!, zum Spotte. Ungerächt bleibt Fis von Quinten, Ungerettet Balsamine. Wie besteh' ich vor der Kön'gin? Meine Bahn ist aus. Der Stern fiel Meines Glückes in den Abgrund! Wär' ich ein'ge Ellen länger! Ich verfluche meine Kleinheit.» Sprach's, und in dem Auge glänzt' ihm Schwer und heiß die helle Zähre. Und die Alte nahm ihn sänftlich Auf den Schoß, strich ihm die Wangen, Strich die weichen, blonden Haare. Schimmel sank auf beide Kniee, Wollte seinen Herren trösten, Leckte mit der Zung', der breiten, Über Kopf und Brust und Beine, Hätt' ihn fast dabei verschlungen. Und es sprach die Alte hüstelnd, Sitzend auf dem Bündel Reisig: «Sohn, beruhige dich! Beruh'ge Dein geliebtes Herz, sei heiter! Sieh, ich sage dir: Zur Stunde Fällt von deiner Faust Brambambra, Und dem Riesen und den fünfzig Mohren bringt der Sturz den Garaus.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Willst du meiner spotten, Mutter? Kannst du machen lang die Kürze?» Darauf sprach die Alte hüstelnd, Sitzend auf dem Bündel Reisig: «Nicht will deiner spotten, Sohn, ich. Nicht verlängr' ich deine Kürze. Horche zu. Ein groß Geheimnis Künd' ich dir; faß meine Worte.» Tulifäntchen sah ins Aug' ihr, Welches glüht' in Purpurfeuer, Seltsam, geisterhaft, doch traulich. Zucklador', der ganz getreue, Hielt sein Ohr an ihre Lippen. Achtsam lauschten Held und Schimmel. Also drauf begann die Alte, Sitzend auf dem Bündel Reisig: «Dir bekannt ist, daß der Riese Seine vielgeliebte Mauer Fert'gen ließ von einem Künstler, Der aus England kam. Nun, dieser Gentleman war seines Volkes, Des maschinengrübeltiefen, Tiefster Grübelmaschinist. Mühlen, Spritz-, Gieß-, Wasserwerke, Kettenbrücken, Eisenbahnen, Tunnel, Säg-, Dresch-, Klopfgetriebe Taten seinem Geist nicht G'nüge. Höher, immer höher stieg er An dem Himmel der Erfindung, Und aus richtigem Erwägen, Welch Unheil ein Weib oft stiftet, So aus Fleisch und Bein gebaut ward, Wieviel Ärger das Gesinde Zeugt, das Mensch ist gleich der Herrschaft, Hatt' er einen Dampfbedienten Sich gemacht und eine Dampffrau, Die ihm förmlich angetraut war. Dampfbedienter, Dampfgemahlin Taten ganz dieselben Dienste Wie zwei Menschen simpeln Schlages. Sieh, so hoch stieg die Mechanik In Alt-England! Nun hör weiter. Jener Gentleman sprach denkend Zu der dampfmaschinenschwangern, Hebel-räderträcht'gen Seele: Warum Nägel, warum Schrauben? Warum Krampen, Kitt und Mörtel, Baut man eine Mau'r von Eisen? Mit so kümmerlichen Mitteln Halfen sich die blinden Alten; Das Jahrhundert will Ersparnis Aller überflüss'gen Kräfte. Und er tat, wie er gesprochen, Auf der Höhe von Brambambra. Setzte Platt' an Platte trocken Ohne Kitt, bloß in die Falzen, Mied die Nägel, mied die Schrauben, Mied die kümmerlichen Mittel, Womit sonst man Sachen fest macht. Einen einz'gen dünnen Stift stieß Ins Scharnier ein in dem Schwerpunkt Jener Gentleman. Der Stift hält, Dieser einz'ge Stift, das merke, Hält die ganze Riesenmauer.» Auf vom Schoß der Alten glühend Sprang der Held, Don Tulifäntchen; Schimmel auch sprang auf ganz kühnlich Und schlug aus vor Freude, was er Nicht getan seit langen Zeiten. «Wo sitzt dieser Stift? Das sag mir!» Rief der Held, Don Tulifäntchen. Ihm versetzte drauf die Alte: «In dem Löchlein links der Pforte, Sitzet dieser Stift der Stifte. Ganz umsonst hätt' einem Manne Von gewöhnlicher Statur ich Solche Heimlichkeit verraten. Denn das Loch ist just so groß nur, Daß ein Held von deiner Länge Kriechen kann in seine Öffnung. Dieses ist die Zeit der Kleinen, Sag' ich, wie an deiner Wiege Ich's gesaget deinen Eltern!» Und vor den erstaunten Augen Tulifäntchens, Zuckladoros Wirkte sich ein Wunder, freud'ger Als die dürren von Alt-England. In der Alten Angesichte Glätteten sich alle Runzeln, Weiß und Rot und süße Fülle, Keimt' und reift' auf welken Wangen, An den Schultern sproßten Flügel Goldenschillernd, blaubepunktet, Das Gewand fiel ab vom Leibe, Samt dem Strick, der es gefestet, Und in nackter Götterschönheit Stand die zarte Fee Libelle, Regenbogenglanzumwoben! Nieder in den Staub der Held sank; Doch die Fee sprach mild wie Flöten: «Fürchte nichts, o mein Erkorner! Auf! In diesen Armen trag' ich Durch die Luft dich nach Brambambra.» Tulifäntchen griff betäubet Nach dem Schild, dem guten Schwertlein; In die Arme nahm, die seidnen, Fee Libell' ihn, drückt' ihn zärtlich An die Brust, die sammetweiche, Gleich der Mutter, die das Kind herzt. Stieß am Platz den zarten Fuß auf, Wie der Rudrer stößt vom Land ab, Hob sich in die Lüfte, spreitet' Aus die Flügel, goldenschillernd, Flog, den Helden lind im Arme, Felsenauf durch Klipp' und Dickicht. Aber wo ihr Fuß getreten, Sproßten duftreich Hyazinthen, Und ein Streif von rotem Lichte Zog sich, wo die Fee geflogen, Nach der göttlichen Erscheinung. Schimmel stand verdutzet, schnobernd, Roch die Blumen an, der Zweifler; Sprang dann, ein bekehrter Heide, Felsenauf, dem roten Glanz nach, Nach dem Helden, der begünstigt Schwebt' empor in Geisterarmen. Schlagadodros Tugend und Fall                     Balsamine! Schlagadodro! Macht der Schönheit! Kraft der Tugend! Auf der Mauer saß der Riese, Mit den Beinen düster baumelnd, Tief im Herzen schwarzen Vorsatz, Traurigkeit im finstern Auge Über seine strenge Tugend, Die ihn morden hieß, den Guten. Und er sprach zu seinen Mohren: «Grabet eine Gruft, sechs Schuh tief, Unterm Ringe dieser Mauer! Meine Liebste schlag' ich heute Tot und werf hinab die Leiche.» Knull, der Obermohr, die andern Kohlpechschwarzen Untermohren Neigten sich und gingen eiligst, Schaufelten das Grab sechs Schuh tief An der Mauer von Brambambra. Kam die Zofe Violette, Sprach mit ihrem schnipp'schen Munde: «Meine gnädigste Prinzessin Läßt Euch fragen, langer Recke, Weshalb Ihr seit dreien Tagen Gänzlich sie vermieden habet? Seit drei Tagen sitzt Ihr, baumelnd Mit den Beinen, auf der Mauer, Kommt nicht mehr zum Tee, zum Essen; Die Prinzessin heischt Erklärung Wegen dieser großen Grobheit.» Es versetzte Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe: «Ich vermeide Tee und Essen, Sitze baumelnd auf der Mauer, Meine Unschuld vor Verführung In der Einsamkeit zu schützen.» Maulend ging hinweg das Zöfchen. Zu der Mohren Schaufelchore Rief hinab der Tugendriese: «Grabt ein zweites Loch, ihr Schwarzen, Dran soll auch die Kammerkatze!» Unten auf der Felsenplatte Aus dem Arm der holden Schützrin Sprang der Held, Don Tulifäntchen. Schlugs Visier auf, tapfer-kühnlich, Von dem Helm von Haselnußschal'. Sprach zur goldbeschwingten Fee: «Göttin, was beginn' ich jetzo?» Drauf versetzte Fee Libelle Mit den goldenblauen Flügeln: «Dieses sage dein Gemüt dir. Deine Tat sei deines Herzens Eingebornes Kind, Geliebter!» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Mir gebeut das Herz, das edle, Erst noch einmal Schlagadodro Herzufordern mir zum Schwertkampf, Ehrlich, auf den freien Streitplan. Denn die List gebraucht der Wackre Nur, wenn offne Schlacht versagt ist.» Ihm die Augen küssend, sprach Fee Libelle: «Handle also! Du bist immerdar derselbe.» Und hinauf rief Tulifäntchen Zu dem tugendhaften Riesen: «Komm herab, du Kornverderber! Komm herab, du Schafverschlinger! Komm herab, du Äpfelfresser! Luftzerreißer! Sonnenfeind! Komm herab, du Mörder Quintens! Komm herab, Prinzessin-Räuber! Vor sein Schwert zum letzten Male Lud der Sohn Don Tulifantens Nieder deinen langen Leib!» Oben sagte Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe: «Wie das Heimchen unten zirpet! Unglückseligste Prinzessin, Dieses Heimchen singt dein Grablied.» Rief der Held, Don Tulifäntchen: «Nicht einmal mir Antwort gibt Dieser schändlichste der Riesen! Ha, so büße deinen Hochmut!» Rief's und ging und kroch ins Löchlein Links der Pforte. Fee Libelle Schwebte nah im Sonnengolde; Schimmel trabte ausgelassen, Wie verrückt, rings um die Mauer. Balsamine! Schlagadodro! Macht der Schönheit! Kraft der Tugend! Kam die Zofe Violette, Sprach zum Riesen schnipp'schen Mundes: «Meine gnädigste Prinzessin Will mit Euch Französisch treiben. Sie erwartet Euch im Divan.» Riese, Riese, laß die Tugend! Unter dir miniert das Schicksal. Geh zur genialen Schönheit, Zur lavendelduft'gen Fürstin! Es erseufzte Schlagadodro, Ungeschlachtens Sohn und Erbe, So ganz überaus erschrecklich, Daß die Zofe Violette Ward vom Luftzug umgeworfen. Darauf sprach er: «Dieser Seufzer War der Menschheit Überbleibsel; Jetzo fühl' ich mich als Halbgott. Sage deiner Herrin, eilends Soll sie sich zu mir verfügen! Du kommst auch mit, schnippischer Grasaff'. Damit holla, Punktum, basta!» Zitternd raffte sich das Zöfchen Auf und ging. Der biedre Riese War allein mit seiner Größe. Sprach: «Zwei Dinge kenn' ich einzig, Die mir einzuflößen Ehrfurcht Sind imstande. Nämlich erstens Mein Charakter. Darauf zweitens Diese Mauer. Beide passen Wie gegossen aufeinander; Ganz massiv sind alle beide, Für die Ewigkeit gegründet. Bagatellen sind dagegen Höll' und Himmel. Wohl das beste Wär's, ich gäb' den ganzen Kram auf, Religion und Gott und Teufel, Glaubte künftig an mich selbst nur Und an meine eh'rne Mauer! Doch wie ist mir denn? Was wackelt Also seltsam unterm Kreuzbein?» Und es bebt' und wippt' und wiegte, Und es schwankt' und schwappt' und schwaumelt', Und es kreischt', es riß, zerspliß, Ritz an Ritz, die Mauer rings! Und es stöhnt' und schrie und jaulte Zeternd Schlagadodro, brüllend Sank er in zerborstne Klüfte. Und es schwand und starb sein Laut hin Ins Getöse, das wild aufdrang Aus dem neugebornen Chaos. Schollernd, knallend, krachend, platzend Rutschten nieder die gelösten Eisenstücke; Eisenbalken Quetschten sich dazwischen gellend! Türme nickten, stürzten drüber, Diese Balken überwuchtend, Und sie brachen! Und hinunter Stürzten Balken, Stücke, Türme, Die zerrissen in dem Absturz! Wirrsal, Strudel, Stampfen, Qualmschutt, Donnertosende Zerstörung, Fiel die große Riesenmauer, Fiel die Mauer von Brambambra! – Aber unter Donnersturz-Graus Stand der Held, Don Tulifäntchen, Festgelehnt aufs Schwert, das gute, In dem Lärmen blickend freudig Aus den unbewegten Wimpern, Wohlbeschützt. – Ob seinem Haupte Flatterte die Fee beschirmend, Ausgespannt die beiden Flügel Wie ein Dach; so wahrte gütig Die Unsterbliche den Helden. Platten, Stein' und Balken glitten Federn gleich, vom Wind verhauchet, Links und rechts vom Haupt des Helden Nieder auf den Boden harmlos. Wohl dem Manne, dem die Götter Schützen das geliebte Leben! Lange stand er so. Der Qualm zog Um die wilde Trümmerstätte Schwer, erstickend, deckendichte, Lang, die Aussicht ihm verbergend. Als der Himmel wieder blaute, Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Göttliche, wenn dir's genehm ist, Laß uns schaun des Tages Opfer!» Ihm versetzte Fee Libelle, Faltend ihre goldnen Flügel: «Das geschehe, wie du's wünschest!» Und sie faßt' ihn bei der Locke, Schritt voran; voll freudgen Trotzes Folgt' ihr nach der kleine Kampfherr; Und so gingen Held und Fee Über Trümmer durch das Schlachtfeld. Die Toten                   Erst gelangten sie zum Platze, Wo der Riese lag, der Biedre, Sechs Feldlängen Wegs bedeckt' er; Ihm zerbrochen war das Kreuzbein, Und er jappte noch ein kleines. Tuend auf den Mund, den großen, Sprach der Riese Schlagadodro: «Fremdlinge, wofern ihr Scheu tragt Vor der Sterbenden Geboten, Setzt mir einen Stein und schreibet Drauf: Hier ruhet aus ein Riese, Dem die Tugend ward Verhängnis. Hätt' er nicht auf seiner Mauer Voll Enthaltsamkeit gesessen, Nein, dafür mit seiner Liebsten Ein französisch Buch gelesen, Brach er nimmer sich das Kreuzbein. Dieses lehrt: Auch in der Tugend Halte Maß! Beweine, Wandrer, Unsern jungfräulichen Riesen! Ungeschlacht hieß sein Herr Vater, Tramplagonde die Frau Mutter, Doch er selbst hieß Schlagadodro.» Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Was du bittest, scheint mir billig. Rüsten werd' ich dir das Grabmal Nach den Worten deines Mundes.» Und der Riese starb beruhigt, Sicher seines Keuschheitsnachruhms. Weiter gingen Held und Fee Über Trümmer durch das Schlachtfeld. Rings um zwei gegrabne Gräber Lagen fünfzig schwarze Mohren, Alle tot und schon erkaltet. Sprach der Held, Don Tulifäntchen: «Göttliche, sieh dieses Wunder! Alle fünfzig schwarze Mohren Brachen gleichfalls sich das Kreuzbein; Also zählen wir bis jetzo Einundfünfzig Brüch' am Kreuzbein, Gleiche Wunden, gleicher Bruch, wie Bei dem Herrn, so bei den Sklaven!» Ihm versetzte Fee Libelle, Flügelschwingend, rosig lächelnd: «Auf dem Schlosse von Brambambra Galt ein unbedingt Gehorchen; Was der Herr sich abgebrochen, Brachen aus Respekt die Sklaven Gleichfalls ab, im Tod noch Knechte.» Frug der Held, Don Tulifäntchen: «Göttliche, wo blieb der letzte, Einundfünfzigste der Mohren?» Ihm versetzte Fee Libelle: «Dieser war kein echter Schwarzer, Hatte sich nur angeschwärzet, Um in Dienst bei diesem Riesen Zu gelangen. Seines Zeichens War er ein Professor Deutschlands, Welcher liest die Nibelungen Auf dem neugeschnitzten Lehrstuhl. Zu des Lieds Verständnis braucht' er Blick und Einsicht in die Tiefen Einer ungeschlachten Wirtschaft; Darum ward er hier Bedienter. Heute morgen leis' entschlüpft' er, Denn sein Studium war vollendet.» Weiter schritten Held und Fee Über Trümmer durch das Schlachtfeld. Unter zwei geborstnen Balken Fanden sie, beströmt von Blute, Einen Mann in grünem Biber, Lang und hager; das Gesicht glich, Länglich, dem Gedankenstriche. Neben ihm stand ein betrübter Diener in Livree, ein Frau'nbild, Beide jammernd nach dem Takte. «Wes die Leiche? Wer die beiden?» Frug der Held, Don Tulifäntchen. «Dieser ist der Mann aus England», Sagte Fee Libelle lächelnd, «Der Maschinengrübeltiefe, Der Erbauer dieses Werkes. Er kam her auf seinen Reisen, Wollte nachsehn an der Mauer, Ob noch alles wohl im Stand sei. Da erschlug ihn seine Mauer, Was wohl nicht geschehen, hätt' er Mehr als einen Stift verwendet, Kitt gebraucht und Nägel, Schrauben Nach der dunklen Alten Weise. Dieses lehrt: Auch in Mechanik Halte Maß wie in der Tugend! Träger aber sind des Leides Dampfbedienter, Dampfgemahlin.» Wundernd schaute die Gebilde An der Held, Don Tulifäntchen. Menschen schienen sie vollständig Von gewohntem Fleisch und Beine. Nur am Hinterkopf bemerkt' er Eine Röhre, klein, von Eisen; Aus der Röhre stieg ein Rauch auf, Zeichen ihrer innern Gluten, Angefacht von Kohlenfeuer. Schalkhaft drehte Fee Libelle Einen Hahn, den beide trugen An dem linken kleinen Finger. Zischend, gischend schoß ein Dunst vor, Wurde schwächer, beide schnappten Plötzlich ab in einem «Ach!» Nicht vollendend ihre Klage; Blieben stehen, fühllos, starr, Wurden kalt wie Eis. So schloß sich Dieser Dampfmaschinen Gram. Weiter schritten Held und Fee Über Trümmer durch das Schlachtfeld. Ach, da lag am stillen Platze Unter Tränenweiden, falben, Ach, da lag ein teurer Toter, Ach, da lag mit blut'gem Haupte Zucklador', der treue Schimmel. Jammernd sah ihn Tulifäntchen, Warf sich auf des Gaules Leichnam, Und so tönt' er aus sein Wehe: «Ach, mein Roß, mein liebes Rößlein! Ach, mein vielgetreuer Schimmel! Ach, du Herz von meinem Herzen! Ach, du Seele meines Lebens! Oh, wie ist mein Sieg verarmet! Ach, nun hab' ich keinen Freund mehr Auf der Erde! Ach, mein Rößlein, Ach, mein Schimmel, lieb und brav!» Und gerührt sprach Fee Libelle: «Hätt' ich doch auch diesen schirmen Können mit den Götterflügeln! Doch wer denkt, wer denkt an alles?» Tulifäntchen lag und klagte; Fee Libelle sagte tröstend: «Nun erheb dich, Held! Das Schicksal Fordert Zoll selbst von den Göttern. Aphroditen ward Adonis Von des Ebers Zahn zerfleischet. Große Taten kauft nur Blut Und der Liebsten blasse Leiche. Mauerstürzer, Riesensieger, Auf, erheb dich! Pflanz dein Schwertlein In den Schloßhof deines Erbes! Denn die Burg war deiner Väter. Führ zur Mutter die Prinzessin, Welche liegt, vom Knall betäubet, In den Schlingen tiefer Ohnmacht.» Ernst erhob vom toten Rosse Sich der Paladin und sagte: «Folgen wir denn unserm Stern! Die Ruinen, jener Tote Sagen uns: wie auch der Lorbeer Festlich unsre junge Schläfe Heut umgrünet gleich dem Pfande Eines ewiglichen Glückes, Daß wir gleichfalls können werden Die Ruine von uns selber, Und daß wir durch keinen Sieg Sieger werden des gemeinen Loses aller Staubgebornen.» Sprach's. Durch Trümmer in den Schloßhof Ging die goldbeschwingte Fee, Ging der Held, Don Tulifäntchen. 3. Balsamine Widerspruch, du Herr der Welt!           Als die Götter aus dem Chaos Buken diese Welt, die nicht'ge, Sah sie aus wie ein Gebäck, Das sich durfte sehen lassen, Rund und glänzend, braun und schier, Eingefaßt von schmucker Rinde. Doch im Innern blieb sie Chaos Bis ins tiefste Eingeweide. Und sobald die Rinde birst, Streckt des Chaos Sohn, der Dämon, Neckisch vor das irre Haupt, Streckst du vor das Haupt, das hinten Trägt die Augen, vorn das Haar, Oberwärts die Nas' und unten Einen quergefügten Mund, Streckst du vor die Wunderglieder, Widerspruch, o Herr der Welt! Tränen, so die Freude weint, Sind die Zeichen deiner Herrschaft, Und wenn die Verzweiflung lacht, Klinget deines Ruhms Trompete. Wenn die Braut, im Herzen Glut, Ficht im Zeichen spröden Schämens, Wenn ein langersehntes Glück, Kaum erlangt, uns angewidert, Dann, wie oft noch sonst im Jahr, Feierst du die hohen Feste, Widerspruch, o Herr der Welt! Und im Liede nur erschölle Nicht dein mächt'ges Herrscherwort? Sind doch unsre armen Reime Auch ein Stückchen Welt; erkennen Müssen sie ja wohl den Meister. Rebellion und Hochverrat Bleibe meiner Seele ferne! Nein, ich beuge dir mein Knie! Unter deinem milden Zepter Lebt man herrlich und in Freuden. Ordnung und Zusammenhang, Diese Polizeiverwalter, Hast du gnädigst abgesetzet; Wir vergessen, was wir sangen In den früheren Romanzen, Und wir falln aus dem Charakter, Ohn' uns just den Hals zu brechen. Lebe hoch, du milder Fürst, Lebe hoch, du güt'ger König, Sohn des Chaos, mächt'ger Dämon, Widerspruch, du Herr des Liedes! Widerspruch, du Herr der Welt! Die Eltern                   Kennt ihr den Kartoffelkeller Noch am erlengrünen Hügel? Kennt ihr noch den treuen Gines, Der in Wasser sich betrank, Als er hofft' auf das Gestirne Seines alten Herrenstamms? Ach, der Hügel ist nicht grün, Und der Gines ist nicht trunken. Auf dem Hügel liegt der Reif, Der Novembersturm umweht ihn; Auf dem Gines liegt das Leid, Und das Trauerkleid umhüllt ihn. Seine Hände graben mühsam An dem weißbereiften Hügel Unter Tränen tief die Grube. Kennt ihr noch den langen, hagern Mann im zimmetbraunen Mantel, Der so froh war im Besitztum Seiner Ahnen? Tulifanten? Sitzet nun gebückt am Sarge; Seine beiden Hände halten Eine weiße Totenhand. Ja, ihr kennt die Hand der Toten, Kennt die Tote, still im Prunkkleid Von verblichnem, gelbem Atlas. Seine Lippen öffnet klagend Tulifant, der alte Degen: «Nun steh' ich allein auf Erden! Meine Donna ist gestorben, Und mein Söhnlein ist verschollen, Liegt wohl auch im Grab, dem kleinen. Oh, wann kommst du, Tod? Wann forderst Du den letzten Tulifanten?» Sieg und Segen! Fest und Glorie! Paukenhall! Trompetenschmettern! Kam ein Page, blau mit Silber, Trug auf rotem Sammetkissen Dar die Leiche einer Brummflieg': «Dieses sendet, Heldenvater, Tulifäntchen Fliegentöter, Des Pantoffelordens Ritter!» Sieg und Segen! Fest und Glorie! Paukenhall! Trompetenschmettern! Kam ein Page, weiß mit Lila, Trug auf rotem Sammetkissen Dar den Stift des Maschinisten: «Dieses sendet, Heldenvater, Tulifäntchen Mauerstürzer, Erb- und Lehnsherr von Brambambra!» Sieg und Segen! Fest und Glorie! Paukenhall! Trompetenschmettern! Kam ein Page, grün mit Golde, Trug auf rotem Sammetkissen Dar das Stück von einem Strumpfband: «Dieses sendet, Heldenvater, Hoheit Tulifäntchen Kronprinz, Eidam Kön'gin Grandiosens!» Aufschrie laut der alte Vater Bei so ungeheurer Botschaft, Faßte nach dem Herzen schmerzlich. Weiß ward sein Gesicht, er lächelt' Durch die letzte Pein so selig: «Gleich muß ich zu Donna Tulpe, Ihr von unsrem Sohn berichten.» – Sprach's, und auf der Gattin Leiche Fiel er, atmete den süßen Freuden-Todesseufzer aus. Die drei Pagen stehn bestürzet, Trauer blasen die Trompeten, Leichenklage hallt die Pauke. Gines grub am Erlenhügel Unter Reif und Wintersturm Bei dem ersten Grab das zweite. Drei Leiden                 O du helle Hochzeitskerze Mit der langen schwarzen Schnuppe! Auf den Spezialbefehl Kön'gin Grandiosens, glänzend Der Prinzessin anvermählt, Der lavendelduft'gen Fürstin, Ward der Held, Don Tulifäntchen. Kleidet sich in Seid' und Sammet, Speiset indian'sche Nester Von dukatengoldnem Teller, Sitzt auf einem Bernstein-Thrönchen, Trägt ein Zepterchen von Perlen, Trägt ein Krönchen von Brillanten. Aber ach, du helle Kerze, Helle, schöne Hochzeitskerze Mit der langen schwarzen Schnuppe! Noch sind süße Flitterwochen, Wo zu küssen gilt die Sitte; Aber das Geschick verbeut es. Denn zu der Prinzessin Lippen Mit dem Mund emporzureichen, Um verschiedne Fuß zu niedrig Ist der Held, Don Tulifäntchen. Und den Schreiner heißt er kommen. Schreiner ist ein Mann von Kopfe, Fertigt ein Gerüst mit Stiegen Und mit dreigeteiltem Stockwerk, Eine Kußvorrichtung, tragbar. Wie ein Laubfrosch an den Stiegen Klomm empor und schwang der Held sich Kühn von Stock zu Stock des Sparrwerks; Neben stand die Fürstin harrend. Angelangt auf höchstem Gipfel Ehelicher Liebesleiter, Spitzte unser Held das Mündlein, Parallel der Gattin Lippen. Aber ach! Die Liebe gleichet, Wie die Dichter oft gesungen, Einer Blüte, augenblicklich Aufgeknospet, blüh'nd, verwittert! Als der Held auf dem Parkette Stand, war die Lavendelduft'ge Wirklich ungemein gefühlvoll; Bis zum Gipfel er gelangte, Kam's bei ihr zum Überdrusse, Und sie wandte sich, erkaltet. O du helle Hochzeitskerze Mit der langen schwarzen Schnuppe! Wenn beginnt die düstre Nacht Dann beginnen düstre Leiden. Die Prinzessin schläft unruhig, Regt sich und bewegt sich viel, Wendet sich zur Rechten, Linken, Was nicht abgehn kann, natürlich, Ohne heftige Erschüttrung Des gesamten Ehebettes. Fruchtlos ist's, daß der Gemahl Aus den Tiefen der Verzweiflung Ruft: «Lieg ruhig, meine Teure!» Fruchtlos, daß er bis zum Rand Flüchtet vor dem steten Schwanken Der Verhältnisse des Lagers, Fruchtlos, daß er an den Pfühl Wie an einen letzten Trostgrund Sich mit beiden Händen klammert, Nicht vernimmt ihn Balsamine. Von der Umwälzung der Kissen Wild ergriffen, über Bord Auf den Boden des Gemaches Fliegt der Held, Don Tulifäntchen. Ach, da sitzt er nun und friert Auf gebohntem Prunkgetäfel, Friert die Nacht hindurch, die kalte. O du helle Hochzeitskerze Mit der langen schwarzen Schnuppe! Die Prinzessin treibt jetzt Mystik. Jüngst las sie in Jakob Böhme; Tulifäntchen saß zur Seite, Schrieb an seinen Memoiren. Als beendigt die Lektüre, Ganz erfüllt von tiefer Mystik, Stand zerstreut auf vom Studiertisch Die lavendelduft'ge Fürstin, Wollt' auf dem Spaziergang ernstlich Überdenken das Geles'ne, Griff nach dem Gemahl, dem werten, Sonder Bosheit, nur zerstreuet, Legt' ihn, wie er schrie und stampfte, In das Buch als Lesezeichen, Ging hinaus, Gedanken bildend. So, im Buch, geklemmt als Zeichen, Fast erstickend an der Mystik Des gewaltigen Folianten, Lag der arme kleine Held. Und er sprach zu seiner Seele: «Immer schlagen wir in Wind, Was die weisen Alten pred'gen Von dem Fluch der Mesalliancen, Bis uns aufklärt die Erfahrung. Hätt' ich vor der Mißheirat Scheu getragen, nicht im Buche Läg' als Zeichen seiner Gattin Jetzt der Held, Don Tulifäntchen!» O du helle Hochzeitskerze Mit der langen schwarzen Schnuppe! Die Rüstung des Riesen (Im Münster, Dämmrung)                 Tulifäntchen       Des Abends, wenn es finster, Begibt sich die Gemahlin nach dem Münster, So wie es scheint, zu beten; Doch kehrt sie stets zurück verweint, betreten. Ich sah es augenblicklich, Als ich sie nahm, es machte sie nicht glücklich. Daß ich es nur gestehe: Wir leben in höchst unzufriedner Ehe. Nun will ich mich verstecken, Um ihres Grams Geheimnis zu entdecken. Ihr Pfeiler dieses Domes, Verbergt mich! Denn sie kommt...   Balsamine      Des Tränenstromes, Aus meinem Aug' geflossen, Gesalzner Quell, hast du noch nicht ergossen Zu Ende dich, verzehret? Doch wie kann's sein, da dich der Kummer nähret Für alle Lebenszeiten Mit immer frisch erzeugten Feuchtigkeiten?   Tulifäntchen Ich kann durchaus nichts hören, Die Resonanz muß die Akustik stören. Dort aber an der Brüstung Hängt ja des Riesen Schlagadodro Rüstung, Die als des Siegs Trophäen Man läßt dem Volke jeden Sonntag sehen. Die Gattin scheint zu klagen, Gewandt nach des Giganten Helm und Kragen, Und folglich zu dem Orte Gelangen ohne Zweifel ihre Worte. Deshalb will ich mich sächtlich Verfügen in dem Helm, der so beträchtlich, Daß er mich birgt vollkommen.   Balsamine (vor den Waffen) O Schlagadodro, mußt' es dahin kommen? Ein Phönix ist mein Kummer, Der aus der Asche steigt nach kurzem Schlummer. O Zeit, die mich entzückte, Bis, Kolossaler, dich die Mau'r erdrückte! O teure Eisenschienen, Ihr letzter, kalter Trost für Balsaminen! Du armer Rest der Größe, Zerschmettert durch des bösen Schicksals Stöße! O Brust- und Rückenteile! O Ketten, Ringe, Stäbchen, Draht und Keile! Bis in das Spezielle Betaut euch meiner Tränen heiße Welle. O Helm, von dessen Bogen Einst war das Haupt, das edelste, umzogen, Winkt mir aus dir sein Schatten?   Tulifäntchen (im Helme erscheinend) Nein, aus dem Helme dräut der Blick des Gatten! Des Gatten, der, geschändet, Zum Himmel racheflehnd sein Antlitz wendet! Es gibt hier nichts zu winken; Aus vollen Bechern sollst du Wahrheit trinken. Ich seh', ich seh', ihr Götter, Von welcher Farb' und Stimmung ist das Wetter! Ich seh', was seh' ich alles Im grellen Lichte dieses schlimmsten Falles? Ein abgeschmacktes Feuer Für jenes dumme tote Ungeheuer! O unermeßne Schande Von Mikromona, von dem ganzen Lande!   Balsamine Ha! Schimpf von dir entboten, Schimpf von dem Zwerge meinem großen Toten?   Tulifäntchen Nun ist's genug, ich komme!   Balsamine Erwäge wohl, o Kleiner, was dir fromme, Daß ich Delikatesse, Die ich sonst liebe, nicht zuletzt vergesse! Denn deiner Frevel Ähren, Sie neigen, reif, die Häupter schon, die schweren. Wer stahl durch Lügenkünste Der Mutter Herz? Vielleicht durch Zaubers Dünste? Daß sie mit Überlassung Des Throns an dich verletzte die Verfassung, Mich zum unsel'gen Bunde Gezwungen hat, und in derselben Stunde Hat ein Edikt erlassen, Das nach der Fraunstadt Mikromona Gassen Zurück aus allen Zonen Beruft die jüngst vertriebnen Mannspersonen?   Tulifäntchen O Berg von Wahn und Trügen! O Chimborasso wild erträumter Lügen! Verklärte Grandiose, Sieh nicht herab auf die Gewissenlose! Du edle, teure, nimmer Genug beweinte Schwiegermutter! Immer Erwarb mir dein Gemüte Mein schwach Verdienst und deine holde Güte. Das waren meine Künste; Das waren freilich schlimmen Zaubers Dünste! Die Weiber selbst, in hellen Gedrängten Haufen, flehten, herzustellen Der alten Ordnung Weise, Weil sie zu sehr langweilten sich im Kreise Der klatschgewalt'gen Schwestern. Und mich verklagt um das Gesetz dein Lästern? Dich endlich (es ist billig, Du hörst die Wahrheit) nahm ich widerwillig, Weil mir die Ahnung sagte, Daß mir der letzte Tag des Glückes tagte, Als wir die Ring' gewechselt; Du warest mir zu groß, gelehrt, gedrechselt! Allein die Kön'gin glaubte, Daß, was Natur an der Statur mir raubte, Erstattet sei durch Gaben, Die niedre Seelen nie begriffen haben. So bin ich, dankbezwungen Und ihr zulieb, ins Ehebett gesprungen!   Balsamine Hat uns der Zwang verbunden, So sei der Zwang der Gott von unsern Stunden! Hierher zu mir!   Tulifäntchen      Die Hände Legst du an mich? Sinnst du des Gatten Ende?   Balsamine Nein, nur des Gatten Züchtgung!   Tulifäntchen Wie? Züchtigung?   Balsamine      Des eitlen Sinns Bericht'gung!   Tulifäntchen Was willst du?   Balsamine      Wirst's erfahren. So stolzen Helden muß man wohl verwahren! Jetzt zeige deine Stärke, Die Ehe haßt den Schein, sie will die Werke!   Tulifäntchen Stürzt, Pfeiler! Brecht, Pilaster!   Balsamine Sie stehen unerschüttert auf dem Pflaster.   Tulifäntchen Hör du mich, Grandiose!   Balsamine Sie schlummert taub in ihres Grabes Schoße.   Tulifäntchen Errettet mich, ihr Sterne!   Balsamine Von einem Zwerge wandeln sie zu ferne. Schmach und Verzweiflung           Durch die Gassen Mikromonas Rennt es, fragt es, lamentiert es. Weiber stehen an den Ecken, Nieder hängt der Strickstrumpf, müßig Ob dem Eifer des Gespräches; Polizeisoldaten suchen; Vetter Hinz schlägt Vetter Kunzen Auf die Schulter neubegierig; Kinder lassen ruhn den Kreisel, Alles rennt, fragt, lamentieret: «Ach, wo blieb der kleine König, Wo der Held, Don Tulifäntchen?» Durch das Schloß von Mikromona Rennt es, fragt es, lamentiert es: Trauer tragen die Hofdamen; Die Frau Premierministrin Ringt die Hände pflichtbeflissen; Schon seit vierundzwanzig Stunden Sitzt der Staatsrat in der Sitzung. Alles rennt, fragt, lamentieret: «Ach, wo blieb der kleine König, Wo der Held, Don Tulifäntchen?» Vor dem Schloß von Mikromona, An dem Fenster hoch in Lüften, Draußen mit der Schnur am Kreuze Hing ein Vogel-Messing-Käfig. Diesen Drahtpalast bewohnte Der Prinzessin Lieblingsgimpel, Bis er starb, weh' ihm! am Pipse. Schadenfrohe Winde spielten Mit dem Vogel-Messing-Käfig. Menschenschicksal! Was ist Größe, Die der edle Mut sich anträumt? Vogelkäfig! Messingkäfig! In dir stak der kleine König, Stak der Held, Don Tulifäntchen. Bei der goldnen Sterne Glänzen Trat zum Fenster die Prinzessin, Und sprach so mit höhn'schem Worte: «Tulifäntchen, Fliegentöter, Riesensieger, Mauerstürzer, Wie behagt dir dieses Lustschloß?» Nichts versetzte solchem Schimpfe, Nichts der Held, Don Tulifäntchen; Starr und stolz, stumm, ohne Seufzer, Schwieg der großgesinnte Jüngling. Und sie rief voll gift'gen Hohnes: «Ach, der Arme hat kein Futter; Darum singt er nicht wie sonsten Sein Trompeterstückchen kecklich Von den Tätlein, die er übte. Wart, ich hol' dir blanke Hanfsaat, Füll' dein Schälchen dir mit Wasser; Vögelchen soll mir nicht darben. Auch Gesellschaft will ich senden, Meise, Zeisiglein, Zaunkönig.» Sprach's und schlug das Fenster zu. Auf von seinem Folterlager Sprang der Held, Don Tulifäntchen, Und sprach so zu seiner Seele: «Klein erschufen mich die Götter, Aber kleinen Herzens nicht. Was zu tun nach solchem Tage, Sei getan! getan zu Nacht!» Und er riß aus schwarzer Scheide Rasch das gute Federklingschwert, Küßt, es, warf es in die Tiefe. Schob und hob, gestemmt, mit Mühe, An der Falltür seines Kerkers, Schweißgenetzt. Auf flog das Gatter, Und der Held trat still zum Rande, Blickte fest hinab; von drunten Starrt' entgegen ihm der Abgrund, Nächtig, grauenhaft, erschrecklich. Die Wolken               Eine Wolke hoch am Himmel, Schwebend überm Dach des Schlosses, Sah des Helden Jammerstand. Aber still! Erst muß ich sagen, Was mir gegen Morgen, schwätzend, Jüngst ein leichter Traum verkündet Von der Wolken Art und Ursprung. Wolken sind nicht taube Dünste; Nicht aus dem gemeinen Wasser Lockt der Glutenblick der Sonne Diese launenhaften Rätsel. Wolken sind der Seufzer Kinder! Aus den Seufzern, die den Menschen Abpreßt unsres Lebens Kargheit, Ballt sich der Luftfahrerinnen Wunderlicher Zauberchor. Aus der Kindlein kleinem Ach Um versagtes buntes Spielwerk, Werden die gereihten Schäfchen, Perlenrund und perlenblank, Weiße Flöckchen, die verschwinden, Wie sie kamen, lockerzart. Aus dem Seufzer der Kokette Um der Liebestauber Flucht, Aus der Eiteln siechem Stöhnen Um geschwundne Gnad' und Gunst, Spinnen sich die langen Streifen, Die ihr alle oft am Himmel Stehen saht so fahl und töricht, Daß sie euch zu sagen schienen: Selber wissen wir nicht recht, Was wir wollen und bedeuten. Wenn zerfleischte Unschuld seufzt Aus der Brust, bedrückt von Unbill, Aus den Lippen, deren Rot Welk gemacht des Frevels Pesthauch, Steigen auf die grimmigschwarzen Wolken, blitz- und donnerdrohend, Die, den Schoß entladend, zorn'ge Feuerungeheu'r gebären, Und dem Schelm im goldnen Saal Pred'gen Millionen Teufel, Einen Gott dem Frommen pred'gen. Nun kommt ihr daran, ihr dicken Durchgesognen Jammerschläuche! Graue Tonnen, wasserschwere, Die, ein unermüdlich Regnen, Unsern Tag zum Tropfenbade Schaffen, unsre Welt zur Pfütze. Euch erzeugten Seufzer, öde, Über unsre Alltagspein, über Not mit dummer Klugheit Und mit sittlichen Gemütern. Aber weg von solchem Elend Zu den guten, schönen Wolken, Zu den Fürstinnen der Luft! Blank mit Silberstreifen säumt sie Ein der Mond, die Sonne stickt sie Reich mit purpurroten Rosen, Und der Himmel hält mit ihnen Tiefes, heimliches Gespräch. Aus den holdesten und liebsten Seufzern woben sich die schönen, Aus den Seufzern keuscher Mädchen, Wenn sie schreckt des Bades Spiegel Mit den eignen süßen Reizen; Aus den Seufzern hoher Frauen, Stürzt ein heil'ger Kampf ins Blut Reine jugendblühnde Helden; Aus den Seufzern edler Dichter Über Leiden, die so lieblich, Daß sie selbst dem treusten Freund, Ihrem Lied, sie nicht vertraun. Dichterseufzer, Mädchenseufzer, Hoher Frauen heil'ge Seufzer Schaffen jene prachtgeschmückten Königinnen, hoch im Äther. Solche gute schöne Wolke, Silberblühnd im reinen Mondlicht, Sah die Not des Helden, hörte Seines großen Herzens Klage. Und sie sprach zu sich: «Hier gilt es Nicht verweilen! Zu der Fee Eil' ich, seines Lebens Schützrin, Künd' ihr an des Helden Jammer. Wind, mein schnelles Roß, wo bist du?» Kam herangeschnoben, pustend, Wind, der Hengst von feur'ger Rasse. Damenhaft schwang sich die Herrin Auf des Gaules breiten Rücken. Auf, davon, durch alle Himmel Jagte sie mit ihrem Rosse; Also, weit nach Osten, pfeilschnell Ritt die silberblühnde Wolke. Die Botschaft                   Auf der Elfenwiese, duftig, An dem Hügel, erlengrün, Wo das Bächlein plaudert lieblich, Lacht und scherzt das heimlich muntre Fest der zarten, goldnen Fee. Denn heut ist Johannisnacht, Wo der Gnom aus seinem Stollen Schlüpfet und von Kapp' und Leder Ab den Katzenglimmer bürstet, Auszuruhn vom sauren Pochwerk, Sitzet auf der Felsenkante. Wo hinunter steigt der Mondmann Zu der Erd' und auf dem Dach tanzt Mit Nachtwandlerinnen lustig, Wo der Salamander buhlet Feurig um das Fräulein Irrlicht In dem Torf- und Mooresgrund, Wo an jeder Lindenblume Fröhlich sich ein Sylphchen schaukelt, Wo den schilf'gen Strom hinabwärts Schwimmt der Nix mit Floss' und Schuppe, Base Meerweib zu besuchen. An dem Hügel, erlengrün, Auf der Elfenwiese, duftig, In dem Kelch der roten Tulpe Saß die zarte Fee Libelle, Saß das goldbeschwingte Wunder. Äußerst glänzend war das Fest! Zu der Tulpe Füßen spielte Der tonkundigen Zikaden Auserwählteste Kapelle Stücke von den besten Meistern. Ernsthaft standen Exzellenzen Feuerwürmer mit den glühnden Ordenssternen in der Runde, Flogen dann und wann galant Zu den Damen, die in Lüften Schwebten strahlend, reichgeputzet, Zu den lieblichen Libellen. Diese sind des Tages nur, Nachstellungen zu entgehen Von des Menschen ew'ger Tücke, Arg verzaubert in die Leiber, Die wir sehn um Wässer flattern. Nachts, wenn anbrach Geistertag, Werden Jungfräulein sie alle, Schön und rosig, glanzgeauget, Leichte, bunte Flügelelfen. Kleine Päglein präsentierten, Gnomenknäblein guter Herkunft, Blütenpunsch in Maienglöcklein; Alles lacht und scherzt und tändelt, Alles glüht und funkelt, schwirret Um den Thron der zarten Kön'gin, Um den roten Tulpenthron. Heiter sprach das goldne Wunder: «Nun beginnt der Nacht geweihten Reigen, euren Tauperltanz!» Alsobald in Ordnung stellten Sich die lieblichen Libellen, Faßten sich im Kreis geschlungen, Tanzten nach dem frohen Takte Der tonkundigen Zikaden Auf des Taues Perlen munter Ringelreigen um die Kön'gin, Um den roten Tulpenthron. Sicher, ohne je zu fehlen, Hüpften sie von Perl' zu Perle. Keine Perl' zerfloß erschüttert, Nicht einmal erbebt' ein Perlchen Von dem Druck der Lilienfüße. Seht, so leicht sind die Libellen! Doch die glühnden Exzellenzen Feuerwürmer gingen ernsthaft Rund in dieses Reigens Mitte, Fackelträgerdienst versehend. Aber als der Reigen kreiste Nun zum dritten Mal mit Jubel Auf den mondbeblinkten Perlen, Kam geritten hoch am Himmel Auf dem Wind, dem schnellen Roß, Jetzt die silberblühnde Wolke. Also rasch war sie geritten, Daß der Wind selbst außer Atem War gekommen und zur Erde Sank ins Gras mit kranker Lunge. In den Kreis des Festes trat sie, Und zur Fee, der goldbeschwingten, Sprach die silberblühnde Wolke: «Wie? Du feierst frohe Feste? Wie? du schaust den Tauperltanz? Und dein Held, Don Tulifäntchen, Steckt im Vogel-Messing-Käfig, Eingesperrt von der Gemahlin, Der lavendelduft'gen Fürstin! Auf und eile! Rett ihn! Fliege! Er beschloß im tapfern Herzen: Stürzen will er in den Abgrund Seinen Leib. Ich hört' es selber.» Sprach's. Da klagten alle Geister; Denn beliebt ob seiner Tugend, Hochbeliebt ob seiner milden Adeligen, feinen Sitten, In dem ganzen Dschinnistan War der Held, Don Tulifäntchen. Dunkel wurden vor Betrübnis Alle glühnde Exzellenzen. Die Zikaden machten Pause, Zagend standen die Libellen. Doch die jüngste fiel erbleichend Und mit leisem Schrei in Ohnmacht Rosalindchen hieß das weiche Schöne Kind voll Sympathie. Nur die zarte Fee Libelle Blieb gefaßt. Emporgerichtet In der Tulpe, sprach sie also: «Von dem Fest etwas ermüdet, Flög' ich wohl nicht rasch genug Zu der Rettung meines Helden. Auf, ihr Pagen, sagt dem Kutscher, Sagt dem rauhen Bärenvogel, Er soll gleich die Equipage Mit den sechs Hirschkäfern schirren!» Sprach's. Es rannten fort die Pagen Nach der Fee gewölbtem Marstall, Der im Wurzelwerk der Erle War erbaut zu ebner Erde. Aus dem Kelch der Tulpe hob sich Jetzt die Fee, bedient von wieder Glühnd gewordnen Exzellenzen, Wand ein grünes Kränzlein, schwebte Zu dem Ort, wo Rosalindchen Lag in Ohnmacht, weckte sie, Sprach süß lächelnd: «Unsern Helden Retten wir heut aus dem Kerker Und auch aus dem Arm der Gattin, Der lavendelduft'gen Fürstin. Nun, so gilt's, ein andres Bräutlein Ihm zu geben, das wohl besser Stimmt zu seiner Art und Größe.» Sprach's. Das Kränzelein, das grüne, Drückte sie dem weichen Kinde In die blonden Ringellöckchen, Flüstert' ihr zwei Wort' ins Ohr. Rosenröt' im Angesichte, Blickte zu der güt'gen Fee Auf die kleine Rosalinde. Lang schon ihre stille Liebe War der Held, Don Tulifäntchen. Aber alle Gnomenpäglein Kamen sehr bestürzt und riefen: «Fürstin, ach, der alte Kutscher, Ach, der rauhe Bärenvogel Hat sich gänzlich übernommen In gestohlnem Blütenpunsche, Liegt und schnarcht im Stall, er ist, Fürstin, zum Exzeß betrunken.» Rief die zarte Fee Libelle: «Er ist morgen aus dem Dienste! Tausendmal warnt' ich den Schlemmer; Endlich muß ich stiften Ordnung.» Und zur silberblühnden Wolke Sprach das goldbeschwingte Wunder: «Sieh, so geht es mir, Cousine, Hättest du vielleicht die Güte, Diesesmal mich zu befördern?» «Meine teuerste Cousine», Sprach die silberblühnde Wolke, «Dir zu dienen, mich entzückt es. Komm mit deinem ganzen Hofstaat, Platz für alle hat mein Roß.» Wind, dem schnellen Rosse, rief sie. Wind sprang hergestellt empor, Drehte sich nach Westen schleunig. Auf den Rücken sprang die Wolke, Alle glühnden Exzellenzen Klammerten sich an den Schweif, Alle lieblichen Libellen Schwangen sich empor zum Halse, Gnomenpägelein, Zikaden Saßen bei den schönen Fräulein; Doch im Schoße der Cousine Saß die zarte Fee Libelle Und das mitleidsvolle Bräutlein. Also wie ein Pfeil nach Westen, Nach der prächt'gen Mikromona, Ritt die silberblühnde Wolke. Seliges Ende                   In dem Vogel-Messing-Käfig, Welcher hing am Fensterkreuze, Draußen in der Öd, im Nachtsturm, Schwindelnd hoch ob Mikromonas Quaderhartem Straßenpflaster, In dem fürchterlichen Käfig Stand am Rande vor dem Abgrund Noch der Held, Don Tulifäntchen. Sprach: «Ein unerschrockner Tod Sühnt die Schande dieses Tages. Nicht geziemt's, das Haupt umrauscht Von dem Flügelschlag der Kere, Wild zu prahlen in die Lüfte; Aber sagen darf ich kühnlich: Ich bin größer als mein Leib! Heilen durch das letzte Mittel Wir die Wunden unsrer Ehre! So empfang, du grause Tiefe, Mein zerschmettertes Gebein!» Sprach's und sprang und stürzt' und stürzte, Luftumpfiffen, tiefer, tiefer, Gräßlichhaltlos, schwindeltot! Aber mit der ganzen Fabel War die silberblühnde Wolke Just darunter angelangt. Tulifäntchen stürzt' und stürzte Auf den schwanenweichsten Schoß, In die seidenzärtsten Arme. Und aus Nacht zu sel'gem Schrecken Seine Wimpern öffnend, sah er Um sich, über sich, empor Nur in Fee Libellens Augen, Nur in Rosalindchens süße, Kleine, himmeltrunkne Äuglein. Fee Libelle herzt' ihn, drückt' ihn, Und das Bräutlein küßt' ihn zärtlich. Rief der Held: «Wo bin ich? Wonne!» «Bei den Deinen!» sprach die Fee, «Bei den Deinen!» sprach das Bräutlein, «Bei den Deinen!» riefen alle Glühnden Exzellenzen, alle Gnomenpägelein, es riefen's Alle lieblichen Libellen, Die Kapelle musizierte. Und das schwirrt' und klang und glühte, Und das jauchzt' und tanzt' und schwärmte, Daß nun auch den Kopf verlor, Daß nun auch zu schwärmen anfing Die jüngst so verständ'ge Wolke. Plötzlich kam ihr in den Sinn, Sich zum Palast zu verwandeln. Auseinanderfließend zog Sie vier Mauern im Gevierte; Schlanke Säulen sproßten auf, Zierlich Schnörkelwerk von Dunst Kräuselt' an den Kapitälern, Blaues Dach darüber hin Ragt' in Winkeln, mondbeglänzet, Auf des Windes Rücken stand Blank und schlank der Hochzeitpalast. Und im Innern des Palastes War bereits die ganze Fabel. Wie aus weiter Ferne, leis Rief die zarte Fee Libelle: «Fort nach Dschinnistan! Der Held Hat vollendet auf der Erde. Uns gehört er. Ew'ge Tugend Kostet er nun in dem schönen, Traumessel'gen, grünen, tiefen, Wunderblühnden Reich der Geister!» – Auf des Windes Rücken schwebte Jetzt empor der Wolkenpalast, Prachtverklärt! Er schwebt' und schwebte, Bis er schwand zum hellen Punkt, Bis er schwand in den Azur. Nicht auf Erden mehr gesehn Ward der Held, Don Tulifäntchen.