Ludwig Holberg Don Ranudo de Colibrados oder Armuth und Hoffart. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   »Don Ranudo de Colibrados oder Armuth und Hoffart« (Fattigdom og Hoffaerdighed) ist das dreißigste in der Reihenfolge der Holbergschen Stücke. Zwar nach der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner Komödien vom Jahre 1723 war es schon damals fertig; dennoch vergingen mehr als 20 Jahre, bevor es in die Oeffentlichkeit trat, indem es erst 1745 gedruckt ward und erst 1748 zur Aufführung gelangte. Allem Vermuthen nach geschah es absichtlich, daß der Verfasser sein Stück so lange zurückhielt. Dänemark selbst wimmelte damals von armen Edelleuten; das Laster des Hochmuths und der thörichten Rangsucht, obenein bei mangelnden Mitteln, das er darin verspottet, war sehr verbreitet und erfreute sich sehr hohen und sehr einflußreichen Schutzes, so daß die Verhöhnung desselben dem Verfasser nothwendig zahlreiche und mächtige Gegner erwecken mußte. Adelserhebungen bildeten damals eine Lieblingsbeschäftigung der dänischen Könige; namentlich seit einem Edict Christians V. vom Jahre 1679, durch welches allen Hofbedienten, einschließlich der Professoren, der Adel beigelegt, den Bürgerlichen aber wenigstens Hoffnung auf den Adel eröffnet worden war, hatte eine allgemeine Sucht nach Rangauszeichnung und Titelwesen sich der mittleren Klassen zu bemächtigen angefangen, während die neugebackenen Edelleute selbst immer hochmüthiger und anmaßender auftraten. Der Hof allerdings wußte sehr wohl, was er damit bezweckte: an jedem neuen Adelspatent haftete eine ansehnliche Steuer, und so besaß man also in diesen Rangerhöhungen ein ebenso bequemes wie ausgiebiges Mittel, die ewig leeren königlichen Kassen zu füllen. Erst als unter Friedrich V. (seit 1746) wenigstens ein Nachlaß in diesem Unwesen eintrat, wagte Holberg, indem er jetzt überhaupt nach zwanzigjähriger Unterbrechung sich zuerst wieder der Bühne zuwandte, sich mit dem früh entworfenen Stücke hervor. Dieselbe Rücksicht veranlaßte ihn ohne Zweifel auch, die Scene des Stücks, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in die Fremde, nach Spanien zu verlegen, das allerdings durch seine Rang- und Titelsucht, als das Mutterland des damaligen Ceremoniels, sowie durch seinen zahlreichen, meist heruntergekommenen Adel schon damals sprüchwörtlich geworden war, wie dies auch in dem Stücke selbst mehrfach erwähnt wird; der Spott erschien zahmer, die Satire milder, indem sie sich nicht unmittelbar gegen die Landsleute des Dichters, sondern gegen jene spanischen Granden, die Genossen eines Don Quixote, richtete, welche durch ihren Hochmuth und ihre Mittellosigkeit das Gelächter Europa's erregten. Dennoch machte das Stück auf dem dänischen Theater verhältnißmäßig nur geringes Glück; am 20. August 1752 zum ersten Mal aufgeführt, erlebte es in den nächstfolgenden zwanzig Jahren nur dreizehn Vorstellungen, um bald darauf gänzlich zu verschwinden. Desto größeres Glück dagegen hat es in Deutschland gemacht, sowol in der alten Dethardingschen Uebersetzung, in der es auch vielfach nachgeahmt ward, als namentlich in der (sehr willkürlichen) Bearbeitung, welche Kotzebue im Jahre 1801 davon veröffentlichte und die, getragen durch Darsteller wie Iffland, Wurm \&c., längere Zeit hindurch sich als ein Lieblingsstück der Zeit behauptete. Die Form des Stücks anlangend, ist dieselbe, einzelne Scenen und Einfälle aus der »Intrigue d'Arlequin« in Gherardi's Théâtre Italien abgerechnet, Holbergs Eigenthum in einer Ausdehnung, wie kaum ein zweites seiner Stücke, so daß es auch in dieser Hinsicht eine besondere Beachtung verdient. Was endlich den Titel anbetrifft (»Don Ranudo de Colibrados«, so ist »Don Ranudo« ein Anagramm von »O Du Narr«, der Name »Colibrados« dagegen soll seinen Ursprung einem Einfall König Friedrichs IV. (starb 1730) verdanken. Dieser König nämlich war zwar mit Adelserhebungen auch nichts weniger als sparsam; dennoch, als einst ein reich gewordener Koch in Kopenhagen sich um das Adelspatent bewarb, soll der König ihn gefragt haben, wie er sich denn eigentlich als Edelmann zu nennen gedenke, ob etwa »Herr von Kohl und Braten«? Doch wird von Anderen und, wie es scheint, mit gutem Grund, die Echtheit der Anekdote in Abrede gestellt. Schließlich sei noch erwähnt, daß Holberg denselben Gegenstand noch in einem zweiten Lustspiel behandelt hat; dasselbe betitelt sich »Die edle Ehrsucht« (Den honette Ambition) und war lange Zeit ein Lieblingsstück des dänischen Publikums. Personen: Don Ranudo de Colibrados , ein Grand d'Espagne. Donna Olympia , seine Gemahlin. Donna Maria , ihre Tochter, in Gonzalo verliebt. Eugenia , deren Schwester, halb erwachsen. Gonzalo de las Minas , ein spanischer Edelmann, in Donna Maria verliebt. Isabella , seine Schwester. Leonora , Kammermädchen bei Donna Maria. Gusman , Page bei Don Ranudo. Pedro , Bedienter bei Don Ranudo. Ein Gerichtsdiener . Ein Dolmetsch . Ein Notarius . Ein Bauer . Angebliches prinzliches Gefolge , darunter ein Hofnarr .     Erster Akt. Erste Scene. Gonzalo de las Minas . Isabella . Gonzalo . Das ist gewiß, liebe Schwester, viel Vortheil habe ich von dieser Partie nicht, aber Ihr müßt auch beachten, daß meine Liebe ohne Eigennutz ist. Aelter und angesehener ist ihre Familie allerdings, doch ist die unsere deshalb von keinem weniger guten Adel; haben sie in ihrem Geschlechte sich mehr großer Männer zu rühmen, so dürfen wir uns dagegen unseres Reichthums rühmen und ihn der erbärmlichen Armuth entgegensetzen, in der sie leben und die größer ist, als sich beschreiben läßt. Aber wie gesagt, liebe Schwester, mein Vortheil kommt hier überhaupt nicht in Betracht; mein Herz brennt von reiner und inniger Liebe zu ihrer Tochter Donna Maria, die ich ebenso sehr wegen ihrer Armuth beklage, als wegen der Thorheit ihrer Eltern, die durch ihren Hochmuth bereits das Märchen der ganzen Stadt geworden sind, so daß die ganze spanische Nation darunter unschuldig zu leiden hat. Isabella . Nein, theuerster Bruder, ich habe nichts dagegen einzuwenden; Ihr seid reich genug, die Armuth, in der sie sich befinden, zu verdecken. Allein weshalb sich so demüthigen? weshalb in Verbindung treten mit einer Familie, die Euch verachtet? Ihr hättet wol so viel Ehrgefühl haben sollen, in demselben Augenblick, wo Ihr das geringste Zeichen von Verachtung bemerktet, ihr den Rücken zu wenden und nie mehr an diese Liebe zu denken. 352 Gonzalo . Ach, meine theure Schwester, Ihr wißt nur nicht, was Liebe ist; wüßtet Ihr es, würdet Ihr wol anders sprechen. Mein Ehrgefühl hat in dieser Angelegenheit nur allzu oft mit meiner Liebe in Streit gelegen, allemal hat die letztere den Sieg davon getragen. Isabella . Aber wenn es nun doch kein Mittel giebt, Euren Zweck zu erreichen, solltet Ihr da nicht als verständiger Mann Euch diese Liebe aus dem Sinne schlagen? Gonzalo . Statt meine Liebe zu erkälten, dient die Geringschätzung, welche ihre Eltern mir erweisen, nur dazu, dieselbe immer mehr zu entzünden; sie ist ein Oel, das meine Flamme erst recht in Brand setzt. Isabella . Das wird ja, wie es scheint, mein lieber Bruder, ein vollständiger Roman; mir wenigstens kommt eine derartige Liebe allemal höchst phantastisch vor. Gonzalo . Meine Hoffnung ist aber doch noch nicht so gänzlich vernichtet, daß nicht wenigstens noch ein Fünkchen geblieben wäre; kommt es mit ihrer Armuth nur erst zum Aeußersten, so werden sie hoffentlich, ehe sie im Elend ganz und gar zu Grunde gehen, den thörichten Ehrgeiz doch endlich fahren lassen und sich dazu entschließen, die Hand ihrer Tochter einem ehrenwerthen Manne zu geben, der vermöge seines Reichthums im Stande ist, die Familie aus dem tiefsten Elend zu erretten. Isabella . Wenn Ihr so sprecht, Gonzalo, so wißt Ihr noch gar nicht, wie hochmüthig sie sind; ich bin überzeugt, sie würden lieber sterben, als sich dazu entschließen. Gonzalo . Aber ein Umstand, Isabella, ist Euch doch vielleicht unbekannt? Isabella . Nämlich welcher? Gonzalo . So groß die Geringschätzung ist, die ihre Eltern gegen mich hegen, ebenso groß, davon bin ich fest überzeugt, ist die Liebe und die Hingebung, die ihre Tochter, Donna Maria, für mich empfindet; erst kürzlich hat sie sich gegen meine Muhme über die Thorheit ihrer Eltern beklagt und die kümmerliche Lage derselben mit den lebhaftesten Farben geschildert. Isabella . Aber das wird alles nichts helfen, Gonzalo, die 353 Eltern haben ein viel zu wachsames Auge auf sie, als daß es möglich wäre, sie ohne Erlaubniß derselben auch nur zu sehen, geschweige denn zu sprechen. Gonzalo . Aber Ihr wißt ja doch wol, Isabella, daß Liebende Mittel finden, an die niemand denkt, und Wege zur Erreichung ihrer Absichten entdecken, die niemand sieht. Geht es mit Güte nicht, so muß es mit List gehen, und will auch List nicht verfangen, so muß Gewalt helfen, und wenn es mir das Leben kosten sollte. Isabella . Gewiß, mein theurer Gonzalo, Eure traurige Lage erregt mein ganzes Mitleid. Auch will ich Euer Unternehmen nicht länger tadeln, da ich ja weiß, daß, wo die Liebe einmal die Herrschaft an sich gerissen hat, der Mensch mehr zu beklagen als zu verurtheilen ist. Ich werde Euch allen Beistand leisten, den ich irgend vermag; könnte ich Euch nur wenigstens mit gutem Rath an die Hand gehen. – Aber hier kommt Pedro; geht ein wenig bei Seite, ich will versuchen, was mit ihm anzufangen ist. (Gonzalo ab.) Zweite Scene. Isabella . Pedro . Pedro . Heidi, das geht hübsch! Nun ist vollständig reiner Tisch gemacht; da sind keine Löffel, keine Teller, keine Töpfe mehr im Hause. Nun soll ich jetzt auf meinen Namen (denn auf meiner Herrschaft Namen kriege ich keinen mehr in der ganzen Stadt) einen Topf leihen. Aber wo soll ich ihn herleihen? Und wenn ich auch einen geliehen kriege, so haben wir, das weiß ich zum Voraus, doch nichts darin zu kochen; alles ist leer und öde bei uns und nichts mehr vorhanden, als blos Titel, Durchlauchtigkeiten und Hoheiten, die doch, und wenn man sie allzusammen in einen Topf thäte, nur eine sehr magere Suppe geben würden. Und doch tragen sie den Kopf noch immer hoch, besonders die gnädige Frau; die, glaub' ich, stürbe lieber vor Hunger, als daß sie nur einen einzigen Buchstaben von ihrem 354 großen Namen daran gäbe. Mir sollte das auch einfallen! Im Gegentheil, ich schwärme für das entgegengesetzte Extrem; ehe ich Noth litte, verkaufte ich lieber nicht blos meinen Vatersnamen, sondern meine Ehre dazu, alles für einen einzigen Thaler. Vornehmheit ist ganz schön, aber wenn man sein Mittagsbrod oder sein Abendessen davon machen soll, da wird man doch nicht so recht satt davon. Noch acht Tage will ich es in diesem Hause aushalten; Essen und Trinken finde ich so lange bei guten Freunden in der Stadt, meine Herrschaft aber mag unterdessen zu Hause sitzen und sich die Zähne stochern, wenn sie ihre Erbssuppe gegessen hat, und statt des Desserts mag sie sich eine Güte thun an den Heldenthaten ihrer Ahnen. – Aber sieh, was ist das?! – Unterthänigster Diener, Madame, gehen Sie so allein, ohne Hofmeisterin? Einer von den nicht allzu häufigen Zügen, durch welche Holberg das Kostüm seines Stücks zu localisiren sucht; denn bekanntlich gingen bis vor Kurzem Damen von einigem Range in Spanien niemals ohne Begleitung einer Duenna ober Aja aus. Isabella . Gewiß, Pedro, ich bin nachgerade alt genug, um meine eigene Gouvernante zu sein. Was macht Deine Herrschaft? ^ Pedro . Bei uns sind heute Gäste zu Tafel, ich sollte eben hingehen und Confect einkaufen. Isabella . Wer sind die Gäste denn? Pedro . Das ist der Duc de la Veracruz mit der Fürstin Donna Emilia de las Spadas; Hieronymus Victor, der Abt von San Jago; der Marquis Ferdinando Gonzalo; Filippo de St. Lifuenta mit der Marquisin, seiner Gemahlin, nebst unzähligen anderen, von denen zu reden ich viel zu geringe bin. Isabella . So darf ich heute wol nicht wagen, meine Aufwartung zu machen? Pedro . Heute haben wir Befehl, niemand vorzulassen, als diejenigen, die ihr Geschlecht noch von den alten Christen her rechnen können, die schon zur Zeit der Mohren in Spanien waren. Isabella . Aber wie kommen sie dazu, gerade heute eine solche Fete zu geben? Sie geben doch sonst nicht eben viele Feten. Pedro . Das geschieht zur Erinnerung an die große Victoria, welche einer ihrer Ahnen, Don Ramiro de Colibrados, einst an diesem Tage über den König von Mesopotamien davontrug, indem 355 er ihn zu Toledo gefangen nahm. Es wäre allerdings schlimm, wenn solcher Tage viele im Jahre wären, der Geldbeutel meiner Herrschaft würde ein verfluchtes Loch davon kriegen; denn das muß ich sagen, unter so ein fünfhundert Mark haben sie solchen Tag nicht. Isabella . Aber wie kommt es denn, Pedro, daß Du an solchem festlichen Tage in solcher zerlumpten und abgetragenen Livree einhergehst? Pedro . Das ist zur Erinnerung an das Hauptpanier, das höchstgedachter Ramiro de Colibrados getragen hat. (Dabei nimmt er den Hut ab.) Isabella . Aber der General trägt doch, so viel ich weiß, die Fahne in der Schlacht nicht selbst? Pedro . Nein, Madame, allerdings, ich habe ja auch gesagt sein Fähnrich. Selbiges Hauptpanier wurde von Musketenkugeln dermaßen durchlöchert, daß es gerade wie meine Livree aussah. Isabella . Wann war das denn, daß Don Ramiro diesen Sieg gewann? Pedro . Gerade heute vor sechshundert Jahren. Isabella . Alle tausend! und doch sind es noch nicht dreihundert Jahre her, seit Kugeln und Musketen zuerst in Gebrauch gekommen sind? Pedro . Ja, Madame, um mit Ihnen zu streiten, bin ich viel zu gering, ich lasse das also an seinen Ort gestellt; darauf aber kann ich schwören, daß die Standarte verflucht übel zugerichtet worden ist und daß ich zur Erinnerung daran noch heute diese Livree trage. Isabella . Aber ich dächte, ich hätte Dich in dieser zerlumpten Livree schon einen ganzen Monat gesehen? Pedro . Mag doch jeder sich anziehen, wie er Lust hat; ich habe meine guten Gründe dazu. Isabella . Was für Gründe können wol dazu gehören, im Dienste einer solchen hochgebornen Herrschaft so zerlumpt einherzugehen? Die Menschen müssen ja am Ende denken, als ob die Familie in Armuth gerathen wäre? 356 Pedro . In Armuth? Ja richtig, eine Herrschaft in Armuth gerathen, die mehr als siebzehnhundert dreiunddreißig gute richtige Ahnen zählt! Wenn Ihr blos ein Kopfstück für jeden Ahnen rechnet, so giebt das ja schon eine verfluchte Summe. Isabella . Ich glaube doch, bis ich bessern Grund höre, daß es Armuth ist. Pedro . Um Ihnen die Gedanken zu benehmen, will ich Ihnen denn also meine Gründe angeben. Eine prächtige Livree zu halten, ist, wie unsere Herrschaft bemerkt hat, jetzt verflucht ordinär geworden, und deshalb, um als vornehme Leute etwas Apartes zu haben, sind sie auf diese Invention gerathen. Sollte sich indessen zeigen, daß gemeine Diener auch anfangen zerlumpt zu gehen, so ziehe ich auf der Stelle wieder meine Livree mit Tressen an. Madame hat das ja wol in Madrid bei Hofe gesehen: je mehr die Bürgersleute sich putzen, um so einfacher geht man bei Hofe. Isabella . Einfach, ja, aber doch nicht zerlumpt. Pedro . Immerhin, Madame, meine Herrschaft weiß einmal was sie thut; die fängt wahrhaftig nichts an, was sie sich nicht vorher wohl überlegt hat. Isabella (leise) . Nun will ich ihm doch so lange zusetzen, bis er bekennt. (Laut) Aber wie Du eben sagtest, Pedro, trägst Du diese zerrissene Livree ja zum Andenken an die Hauptstandarte, die in jener großen Schlacht in Fetzen geschossen ward? Pedro (leise) . Na, so frag' Du und der Teufel! (Laut) Ich erinnere mich nicht mehr so genau an alles, was ich gesagt habe: aber das weiß ich, daß meine Herrschaft das ganze Haus voll Geld und Juwelen hat, na, und wenn das ist, so kann ich doch wol nicht aus Armuth so gehen. Denkt doch nur, Madame, unter andern Kostbarkeiten haben sie einen Stammbaum, der mehr als eine Tonne Goldes werth ist. Isabella . Aber vermuthlich, wenn es zur Auction käme, würden sie doch nicht mehr dafür kriegen als vier Schillinge, es müßte sich denn gerade ein besonderer Liebhaber dazu finden; vom Juden, das weiß ich gewiß, kriegten sie nicht mehr. Pedro . Ja, was will das mit dem Juden auch sagen? Ich 357 kenne jemand, der hat viele Tausende für eine Jungferschaft bezahlt, für die der Jude nicht einen Heller gegeben hätte. Aber um auf unser Thema wieder zurückzukommen, so möchte ich Madame doch demüthigst bitten, anders von meiner Herrschaft zu denken; es sind, auf mein Wort, blos schlechte Menschen, die ihr nachsagen, sie wäre arm. Isabella . Ich möchte von Herzen wünschen, daß es so wäre, wie Du sagst. Doch klagen, wie ich höre, sowol Kaufleute wie Handwerker darüber, daß sie nicht zu ihrem Gelde kommen können. Pedro . Ei, Madame, das sagten sie doch wol nur zum Scherz, Sie kennen den Lauf der Welt ja doch wol besser und wissen, daß es die feinste Mode ist in allen vornehmen Häusern, die Leute mit der Bezahlung warten zu lassen. Meine Herrschaft läßt sie ebenfalls warten, aber aus Geldmangel sicher nicht; der gnädige Herr und die gnädige Frau wissen zu leben und wollen in diesen wie in allen andern Stücken zeigen, wie vornehm sie sind. Ich kenne in der Stadt einen Kaufmann, der mahnt eine vornehme Familie noch heute um ein Stück Nesseltuch, das sein Urgroßvater creditirt hat, und allem Vermuthen nach wird er noch zehn Jahre darnach laufen müssen, da nämlich die Familie nächst der unsern fast die vornehmste in ganz Spanien ist. Isabella . Die Mode machen wir nicht mit, mein Bruder Gonzalo läßt sich nie zweimal mahnen. Pedro . Das glaube ich schon, Madame, aber zwischen unserm und Ihrem Hause ist denn doch auch ein gewaltiger Unterschied; das weiß ja die ganze Welt, daß unsere Familie die älteste und vornehmste ist in ganz Spanien. Isabella . Mir scheint im Gegentheil, die reichsten Familien sind auch allemal die vornehmsten. Pedro . Ich verstehe nicht, was Madame damit meint. Meine Herrschaft ist wahrhaftig nicht arm, Madame mag sich nur in Acht nehmen, daß sie nicht wegen Verleumdung belangt wird. Meine Livree hängt in Fetzen, das ist richtig, aber nicht, weil meine Herrschaft arm ist; wie schlecht ich auch gekleidet bin, 358 so kann ich Madame doch zeigen, daß ich ein seidenes Schnupftuch in der Tasche trage. (Zieht zugleich mit einem alten Schnupftuch ein Stück verschimmeltes Brod aus der Tasche.) Isabella . Ha ha ha, da ist Dir ein Stück von Deinem Reichthum an die Erde gefallen. Pedro . Das ist ein Stück Chocolade. Isabella (hebt es auf) . Wie, grobes verschimmeltes Brod ist es; sieh her, ist das Chocolade? Pedro . Nein, allerdings, Madame, es ist keine Chocolade, es ist ein Stück Brod, das ich um einer gewissen Ursache willen bei mir trage. Nämlich jedesmal, wenn ich bei dem Fürsten von Mendez etwas zu bestellen habe, so nehme ich ein Stück Brod mit, das ich dem Hofhund gebe, damit er mich nicht beißt. Isabella . Daran thust Du wohl, Pedro, reiche Leute sind leicht um ihr Leben besorgt; ha ha ha! Pedro . Ich muß so frei sein, der gnädigen Frau bemerkbar zu machen, daß es für eine Dame wie sie nicht passend ist, über alles zu lachen. Isabella . Schön Dank, mein braver Pedro, für gefällige Notiz; ha ha ha! Pedro . Ei nicht doch, Madame, die gnädige Frau tritt ihrem guten Ruf zu nahe, wenn jemand das sieht oder hört. Isabella . Warte noch einen Augenblick, ich habe Dir noch etwas zu sagen. Wie kommt es nur, daß Du, bei so großem Verstande und so vielen ausgezeichneten Eigenschaften, doch nur ein bloßer Bedienter bist? Du müßtest doch wahrhaftig noch zu etwas Besserem zu brauchen sein. Pedro . Ich habe nicht studirt, Madame, bin jedoch im Uebrigen meinen Eltern dankbar für die gute Erziehung, die sie mir haben zu Theil werden lassen; die Natur ist ebenfalls ziemlich freigebig gegen mich gewesen, es wäre Unrecht von mir, wenn ich das leugnen wollte. Aber weiß Madame vielleicht eine bessere Verwendung für mich? Isabella . Ja gewiß, Du bist gerade der rechte Mann zum 359 Kalenderschreiben Im Text ist von »Almanachen« die Rede; der Dichter meint jene halb politischen, halb kabbalistischen Flug- und Gelegenheitsschriften, in denen den Weltbegebenheiten das Horoskop gestellt ward, und die sich beim damaligen Publikum großer Beliebtheit erfreuten. , und das ist doch ein Metier, von dem sich anständig leben läßt. Pedro . Aber ich habe immer gehört, wer dergleichen schreiben will, muß tüchtig lügen können. Isabella . Ich wüßte auch niemand, der in diesem Punkte mehr Talent hätte als Du; hättest Du der Wahrheit gemäß gesagt, daß Deine Herrschaft zu Hause ist und Erbssuppe ißt, und daß Du, statt Confect zu holen, ausgegangen bist, Dir eine Mahlzeit zu erbetteln, so hätte ich Dir dieses Metier nicht empfohlen. Pedro . Nun denn, um die reine Wahrheit zu sagen. ich wollte gern, so weit irgend möglich, die Noth und Armuth meiner Herrschaft verheimlichen, nun aber hat das Stück Brod uns verrathen. Isabella . Nein, Pedro, Deine Livree ist gerade hinreichend, um die Situation errathen zu lassen, in der die Familie sich befindet. Pedro . Ihre eigenen Kleider, fürchte ich, werden es bald noch mehr thun. Der gnädige Herr geht allerdings noch im Sammtrock, allein das Uebrige will dazu nicht passen. Die gnädige Frau hat das Hintertheil aus ihrem Rock geschnitten, um das Vordertheil damit zu flicken. Darum kann sie, wenn sie in Gesellschaft ist, sich niemals umdrehen; wenn sie weggeht, geht sie immer rückwärts, aber nicht aus Demuth, wie einige thun, wenn sie sich von Personen verabschieden, vor denen sie Respect haben, sondern aus purer Großthuerei, damit niemand die Armuth sehen soll, die ihr auf den Rücken gemalt ist; muß sie sich durchaus mal umdrehen, so müssen ich oder das Kammermädchen ihr den Rücken decken. Isabella . Dieser ganzen Noth könnte in kürzester Zeit abgeholfen werden, wenn sie nur ihren verrückten Hochmuth einmal bei Seite setzen und ihre Tochter dem Gonzalo geben wollten, der ihr mit der innigsten Liebe zugethan ist. Pedro . Ich weiß, sie haben öfters mit Hohn davon gesprochen. Vielleicht aber, da ihre Noth jetzt aufs Aeußerste gestiegen ist, entschließen sie sich dennoch dazu, besonders wenn 360 Madame selbst es ihnen vorschlägt. – Aber hier kommt das Kammermädchen, das ist ein schlaues Mädchen, und wird Madame daher gut thun, die Sache mit ihr in Ueberlegung zu ziehen. Dritte Scene. Leonora . Isabella . Pedro . Leonora . Ei, Du verwünschter Schelm, Du Broddieb, Du hast mir ja das Brod gestohlen, das auf dem Herde lag! Pedro . Was für Brod? Leonora . Nun sehe nur Einer, was er sich fromm stellen kann! Gleich marsch, gieb mir mein Brod wieder, ich habe sonst heute nichts zu essen! Pedro . Ei, dummes Zeug, sieh Dich wohl vor, was Du thust, ehe du einen ehrlichen Menschen beschuldigst, Dein Brod gestohlen zu haben. Leonora . Gleich her, ohne Redensarten! Pedro . Ich kann aber darauf schwören, daß ich kein Brod genommen habe. Leonora . Könnte der Dieb sich vom Galgen schwören, würde keiner gehängt. Pedro . Ich gebe Dir aber mein Ehrenwort darauf – Leonora . Wie viel Ehrenwörter hast Du wol? Du hast Dich schon oft genug verschworen; gleich gieb mein Brod heraus, Du Dieb! (Sie zieht ihm das Brod aus der Tasche, dasselbe bricht von einander, so daß jeder ein Stück bekommt. Dann erst wird sie Isabella gewahr, schlägt sich vor die Brust und will fortlaufen.) Isabella . Höre, Leonora, ich habe etwas mit Dir zu reden, woran mir viel gelegen ist. Leonora . Ach, Madame, ich sterbe vor Scham! Isabella . Ist die Herrschaft zu Hause, Leonora? Leonora . Ja, zu Hause ist sie, ich sollte eben Chocolade kochen und der Spitzbube von Pedro hatte die Chocolade eingesteckt, so daß ich sie ihm erst wieder fortnehmen mußte. 361 Isabella . Wahrlich, das ist eine glückliche Herrschaft, die solche treuen Diener hat, welche so eifrig bemüht sind, ihre Armuth zu verbergen. Indessen da die Lage fast der ganzen Stadt bekannt ist, und da Ihr Euch jetzt selbst verrathen habt, so ist da nichts mehr zu verbergen. (Leonora weint.) Weine nicht, mein Kind, den guten Leuten kann noch geholfen werden; Ihr wißt ja wol schon, daß mein Bruder Gonzalo sich in Euer gnädiges Fräulein verliebt hat? Leonora . Freilich weiß ich es, Madame, nur läßt sich nicht gut davon sprechen; habe ich doch selbst gehört, wie meine gnädige Frau sich über Gonzalo's Dreistigkeit verwunderte und wie er sich nur unterstehen könnte, an eine Verbindung mit ihrem Hause zu denken. Das gnädige Fräulein, das, so viel ich sehe, Gonzalo nicht abgeneigt ist, äußerte sich unlängst in Gegenwart ihrer Eltern dahin, daß die Ungleichheit doch nicht eben so groß wäre; darüber sind ihre Eltern aber sehr böse geworden und haben sie eingesperrt. Isabella . Das ist mir außerordentlich lieb zu hören. Leonora . Mir hingegen ist es außerordentlich unlieb, denn es ist das beste Kind von der Welt; hätten ihre Bitten und Thränen mich nicht zurückgehalten, ich wäre schon längst aus dem Hause. Isabella . Nein, es ist mir lieb, daß sie ebenfalls Neigung für meinen Bruder empfindet, weil ich auf die Art hoffen kann, mein Anschlag wird glücken, besonders wenn Ihr mich dabei unterstützen wollt, was Euer Schade gewiß nicht sein soll. Leonora . Madame hat ganz über mich zu befehlen; wo es auf Ränke und Intriguen ankommt, da kann man sich an niemand besser wenden als an mich. Inzwischen wird es doch wol das Beste sein, Madame macht den Eltern zuerst ihren Antrag; vielleicht hat der Zwang der Armuth ihren bisherigen Hochmuth doch ein wenig gedämpft. Will Madame in einer halben Stunde die Herrschaft besuchen, so werde ich Sorge tragen, daß Sie vorgelassen wird. (Leonora und Pedro ab.) 362 Vierte Scene. Isabella . Gonzalo . Isabella . Sei jetzt ruhig und laß mich machen, in einer halben Stunde besuche ich Don Ranudo und werde meine ganze Beredtsamkeit aufbieten; hilft das nicht, so müssen wir auf andere Mittel denken. Ich habe das sämmtliche Gesinde auf meiner Seite, das versprochen hat mir beizustehen. Gonzalo . Ach, meine theure Schwester, könnte ich mein Gemüth doch nur so lange zur Ruhe bringen! Aber – Isabella . Welche Muthlosigkeit! Ihr werdet doch gut thun, Geduld zu haben; laßt uns so lange hineingehen. Aber da kommen das Mädchen und der Bediente zurück. Fünfte Scene. Isabella . Gonzalo . Leonora . Pedro . Isabella . Hier, meine liebe Leonora, ist mein Bruder Gonzalo, der sein ganzes Wohl und Wehe in Eure Hände legt. Laßt nun sehen, ob Ihr etwas ausfindig machen könnt, das seiner Liebe zum Vortheil gereicht. Gonzalo . Ihr könnt Euch darauf verlassen, Mademoiselle, daß ich mich dankbar bezeigen werde. Leonora . Monsieur hat über mich und mein geringes Gehirn zu befehlen. Pedro . Und über meinen ganzen Kopf. Gonzalo . Aber haltet Ihr wirklich für rathsam, daß ich die Herrschaft darum anspreche? Leonora . Gestern wäre es noch unmöglich angegangen, heute indeß wird Eure Bewerbung möglicherweise schon besser aufgenommen. Gonzalo . Warum heute besser als gestern? 363 Leonora . Je nun, gestern war noch so viel zu essen da, daß es allenfalls zu einer Mahlzeit hinreichte, und so lange das der Fall ist, muß man sich darauf gefaßt machen, mit Verachtung abgewiesen zu werden. Heute dagegen hat die Herrschaft auch nicht das Mindeste mehr, ihren Hunger zu stillen, ausgenommen die Heldenthaten ihrer Ahnen, und darum ist sie heute vielleicht etwas weniger hochfahrend. Pedro . Darum giebt es auch nirgend solche ehrlichen Ratten und Mäuse als bei uns im Hause; ich wette darauf, selbst wenn man ihnen die Speisekammerthüre weit offen machte, sie rührten doch nicht das Mindeste an. Gonzalo . Ach, ich kann das nicht ohne Mitleid hören! Leonora . Und doch ist dies das einzige Mittel, sie zur Vernunft zu bringen. Man muß es hier ebenso machen, als wenn man eine starke Festung erobern will; wenn nichts anders mehr hilft, so sucht man sie auszuhungern. Pedro . Und wie Festungen erobert werden, damit weiß Leonora ganz genau Bescheid; sie hat vor Zeiten den niederländischen Krieg mitgemacht. Gonzalo . Nur sachte, Pedro, und keine solchen groben Späße gemacht! Leonora . Was der sagt, das will nicht viel bedeuten; schont er doch selbst die Herrschaft nicht. Pedro . Allerdings, in einem Hause, wo man aus purer Generosität dient, ohne Kost und Lohn, muß man doch einige Freiheit haben. Auch sage ich ihnen die Wahrheit blos, wenn wir allein sind; sind dagegen Freunde da, so zeige ich allemal die größte Ehrerbietung. Gonzalo . Aber wird die gnädige Herrschaft nicht doch zuweilen böse darüber? Pedro . Ach nein, sie legen alles so aus, daß es ihnen obenein noch zu Ehre und Ansehen gereicht. Haben sie nichts zu essen, so sagen sie, sie haben heute Fasttag; das läßt vornehm. Trinken sie Wasser statt Wein, so berufen sie sich auf das Beispiel ihrer Ahnen vor der Sündfluth, die stets nur Wasser tranken; das läßt wieder vornehm. Trägt der Herr zerrissene 364 Schuhe, so heißt es, er thut es absichtlich, weil er Hühneraugen hat; das läßt wieder vornehm. Kann die gnädige Frau nicht in die Kirche gehen, weil sie nichts anzuziehen hat, so heißt es, sie läßt eine stille Messe in ihrer Hauskapelle lesen; das läßt ebenfalls vornehm. Und endlich, wenn ich ihnen nicht für einen Schilling Ehre lasse, so heißt es, ich bin ihr Hofnarr; das läßt wieder vornehm. Gonzalo . So steht mir denn bei, liebe Kinder, es soll Euer Schade gewiß nicht sein; im Gegentheil, wenn ich meinen Wunsch erreiche, so wird Euch allen geholfen. Leonora . Der gnädige Herr darf auf meine Bereitwilligkeit zählen; die Hauptsache ist jedenfalls bereits erlangt, nämlich des Fräuleins Herz. Gonzalo . Aber was hilft mir das, so lange ihre Eltern auf ihrem Hochmuth beharren? Leonora . Der gnädige Herr muß nur zuerst mit seiner Frau Schwester den bewußten Antrag stellen; schlägt der fehl, so wird sich schon was anders finden. Wir können ihnen immerhin einen Streich spielen, ohne die geringste Gefahr, indem die ganze Stadt die Herrschaft um ihres Hochmuths willen haßt und sich freuen wird, ihre tugendhafte Tochter so wohl versorgt zu sehen. Geht denn also und sucht Euch zu beruhigen, für das Weitere werden wir schon sorgen. (Isabella und Gonzalo ab.) Sechste Scene. Leonora . Pedro . Leonora . In dieser Angelegenheit verlange ich nichts weiter von Dir als Verschwiegenheit. Pedro . Ei nun, einen guten Rath kann ich allenfalls auch geben. Leonora . Was für Rath kannst Du geben? Pedro . Als ob man den guten Rath so aus dem Aermel 365 schütteln könnte! Ich muß erst Zeit haben nachzudenken; aber mir wird gleich was einfallen. Leonora . Nun, was hast Du herausgefunden? Pedro . Nichts habe ich herausgefunden. Aber etwas ist mir doch eingefallen, nämlich, sowie wir durch unsere Schlauigkeit diese Heirath zu Stande gebracht haben, so treten wir sofort bei Gonzalo in Dienst. Leonora . Nun ja, das sind auch gerade die Einfälle, die für Dich passen. Aber ich will schon allein sehen, wie wir das Ding durchsetzen; Dir empfehle ich blos Verschwiegenheit und daß Du Dir nichts merken läßt, damit Gusman, der Page, nichts davon zu wissen kriegt. Pedro . Hm, das ist seltsam, daß ein Frauenzimmer einem Manne Verschwiegenheit empfehlen will; weißt Du auch, was ein gewisser Philosoph von den Frauenzimmern sagte? Er sagt – es ist wahrhaftig sehr hübsch, was er sagt, ich kann mich blos nicht darauf besinnen. Leonora . Er sagt, solch ein Schafskopf wie Du soll keine philosophischen Bücher lesen. Im Uebrigen mag er von der Schwatzhaftigkeit der Frauenzimmer sagen, was er will, so ist doch so viel gewiß, daß die meisten Geheimnisse von den Männern beim Glase Wein ausgebracht werden. Darum sollte auch (nach meinem Dafürhalten) niemand, dem nachgewiesen wird, daß er trinkt, irgend ein wichtiges Amt bekleiden, zu welchem Verschwiegenheit gehört. Heimliche Sachen sollten allein den Frauen anvertraut werden um deswillen, weil sie nicht trinken. Pedro . Es werden ihnen auch genug heimliche Sachen anvertraut. Aber hier kommt Gusman, laß uns jetzt still davon sein. 366 Siebente Scene. Leonora . Pedro . Gusman . Gusman . Na, Euch wird es schön gehen, daß Ihr hier steht und schwatzt, die Herrschaft hat schon dreimal nach Euch gerufen. Wenn ich etwas mit Dir reden will, Leonora, da hast Du niemals Zeit, aber mit solchem ordinären Lakaien kannst Du ganze Stunden stehen und schwatzen. Pedro . Freilich, Gusman, Du bist verflucht vornehm, das sieht man Deiner Livree an. Gusman . Marsch fort und den Mund gehalten! 367 Zweiter Akt. Erste Scene. Don Ranudo . Donna Olympia . Pedro . Don Ranudo . Nein, Donna Olympia, er war nicht unser Ahnherr, ich kann Euch in unserm Stammbaum einen Colibrados nachweisen, der in Estremadura lebte, fünfzig Jahre früher, als die Mohren nach Spanien kamen. Wir sind in der That weit vornehmer, als Ihr denkt. Donna Olympia . Ei, ist das möglich, Don Ranudo, laßt mal sehen! Don Ranudo . Seht hier, dieser Antonio de Colibrados, den Ihr hier seht, war bedeutend älter. Donna Olympia . Das wollte ich doch wahrhaftig nicht für eine Million missen! Bisher glaubte ich immer, ich hätte mir durch unsere Verheirathung etwas vergeben. Aber freilich, meinen eigenen Stammbaum kann ich an den Fingern hersagen wie mein Ave Maria, von Juliano de Monte Ricco an bis zu meinem Vater Ranudo Melchior de Monte Ricco. Don Ranudo . Daran thut Ihr auch sehr wohl, Donna Olympia, daß Ihr Euch das jederzeit ins Gedächtniß geprägt habt, denn das ist das kostbarste Kleinod, das wir besitzen. Pedro . Ich glaube, gnädiger Herr, es ist sogar das einzige; denn was Ihr etwa sonst noch im Hause findet, dafür, wenn es auf die Auction kommt, giebt es nicht acht Groschen. Don Ranudo . Das hat nichts zu sagen, Pedro, mein Name und mein Stammbaum sind mir Reichthums genug. 368 Wenn ich in dem Buche hier lese und mir die Heldenthaten meiner Ahnen vor die Seele rufe, da fühle ich mich so satt, als wäre ich bei dem prächtigsten Gastmahl gewesen. Pedro . Ja, nun begreife ich schon, warum der gnädige Herr und die gnädige Frau auch so wenig Werth auf das Essen legen; wer so seine fünf bis sechs Schock Colibradosse im Magen hat, der kann es freilich schon aushalten. Ich habe mir auch schon öfters gedacht, wenn ich das Knurren in des gnädigen Herrn Magen hörte, das rührt wol von diesen alten Colibradossen her, die als ritterliche Helden noch im Tode Krieg mit einander führen. Dagegen wenn es bei mir knurrt, so bedeutet das schlechtweg Hunger. Aber mit mir ist es auch was anders, ich habe blos einen ganz gemeinen leeren Magen, deswegen muß ich aber auch was zu essen kriegen, weshalb ich dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau sonst nicht länger dienen kann. Donna Olympia . Das ist doch was Schauderhaftes mit diesen gemeinen Leuten; ich glaube wirklich, sie sind aus einem ganz andern gröbern Stoff, und auch ihre Seele muß anders sein als bei uns Vornehmen. Ihr ganzes Dichten und Trachten geht nur immer dahin, sich den Bauch zu füllen; ob diese gemeinen Leute, mein theuerster Don Ranudo, wol auch in den Himmel kommen? Don Ranudo . Ei nun ja, so gewissermaßen kommen sie, glaube ich, wol ebenfalls in den Himmel, aber doch nicht in denselben Himmel wie wir; denn wie ein Unterschied ist zwischen gewöhnlichen Menschen und Thieren, so ist auch wieder ein Unterschied zwischen hoch- und niedriggeborenen Menschen. Daß die letztern überhaupt nicht in den Himmel kommen, das will ich gerade nicht behaupten, obwol man ihnen nach den ordinären Ansichten, die sie haben, nur wenig Gutes prophezeien kann. Pedro . Seht einmal, gnädiger Herr, wie meine Livree aussieht. Don Ranudo . Das ist doch aber eine vornehme Livree. Pedro . Ei ja, nicht nur vornehm ist sie, sondern sogar durchlauchtig. Uebrigens freut es mich doch, daß der gnädige 369 Herr sich wenigstens mit dem Jenseits trösten kann; denn im Diesseits ist Ihro Hoheit auch nichts anderes zu Theil geworden als Hunger und Armuth. Donna Olympia . Du mußt nie vergessen, Pedro, wer Du bist und mit was für einer Herrschaft Du sprichst; Du scheinst mir das gar nicht mehr zu beachten. Pedro . Redefreiheit, gnädige Frau, ist das einzige Gute, das ich hier im Hause genieße; soll ich diese Freiheit auch noch verlieren, so diene ich wirklich aus purer Generosität. Wollt Ihr mir indessen geben, was andere Herrschaften ihren Dienern geben, so will ich auch denselben Respect vor Euch haben wie andere Diener vor ihrer Herrschaft. Don Ranudo . Ei, so laßt ihn doch reden, Donna Olympia: Kaiser, Könige und Fürsten ertragen ja gerne solche Spottreden von lustigen Köpfen, die sie dazu ausdrücklich anstellen. Auch in diesem Punkt müssen wir zeigen, weß Standes wir sind. Rede nur immerzu, Pedro, so lange wir allein sind, magst Du sagen, was Du willst; wenn Du uns nur in Anwesenheit Anderer den schuldigen Respect nicht versagst. Pedro . So sage ich denn, der hohe Rang, den die gnädige Herrschaft in dieser Welt einnimmt, ist ein Baum, der nur schlechte Früchte trägt; hier wächst Verachtung, dort Hunger und Durst. Doch wird er vielleicht im Jenseits bessere tragen. Don Ranudo . Was Du da zusammenredest, Pedro! Wer vornehm ist, ist niemals arm; darum heißt es ja: riccos hombres, reiche Leute. Pedro . Ja wol, reiche Leute, gerade wie die Mönche Diener Gottes heißen; denn die sind auch gerade so gottesfürchtig wie jene reich sind. Reiche Leute, das ist blos dem Namen nach reich; wer aber blos dem Namen nach reich ist, der ist nicht wirklich reich. Don Ranudo . Worüber seid Ihr so in Gedanken, Donna Olympia, Ihr steht ja so tief versunken? Donna Olympia . Ich dachte darüber nach, wie das wol zugeht, daß heute gar keine Poeten kommen, die mir Gedichte zum Namenstage überreichen. 370 Pedro . Ha ha, die gnädige Frau, merk' ich, kennt unsere Poeten schlecht! Hier in dies Haus kommt nie wieder ein Poet, weil hier der Magnet fehlt, der dieses Eisen an sich zieht. Ihro Gnaden sollten mal alle ihre Titel aufschreiben und den Zettel an die Thüre heften, und der Schneider, unser Nachbar, soll dagegen mal einen Braten oder eine Pastete auf seine Hausflur stellen, dann würde sich gleich zeigen, welcher Magnet der stärkere ist. Ich kenne sämmtliche Poeten der Stadt, und welchem von ihnen ich eine Mahlzeit vorsetze, der rechnet mir sofort einen Stammbaum her von König Salomo und reimt sich um Seele und Seligkeit, ja dem Teufel selber verschreibt er sich, daß ich vornehmer bin als die gnädige Herrschaft. Donna Olympia . Der Pedro ist doch ein lächerlicher Mensch, es wäre ja doch ein schlechter Dienst, den der Poet ihm erwiese, wenn er seinen Stammbaum bis König Salomo heraufführte, indem das ja doch dasselbe wäre, als wenn er Dich zum Juden machte. Pedro . Ei nein, war König Salomo ein Jude? König Salomo kenn' ich recht gut, das kann die gnädige Frau mir glauben, so ungelehrt ich übrigens auch bin. Aber was ich sagen wollte: wenn ein Poet ein Gedicht macht, so kümmert er sich nicht darum, ob der Mann, dem zu Ehren er es macht, gottesfürchtig, tugendhaft, tapfer \&c. ist, sondern blos, ob er sein Gedicht auch hübsch bezahlt kriegt. Sowie sie das Geld sehen, werden sie sofort vom Teufel auf den Gipfel des Apollo oder Helikon versetzt, wie sie das nun nennen, und da werden sie sofort von einem poetischen Geist erfüllt, daß ihnen die Verse zugleich hinten und vorne. abgehen. Bleibt dagegen das Geld aus, so wissen sie auch von keiner Tugend, noch ist in ihrem ganzen Leibe ein Reim zu finden, und wenn man sie aufschneiden und die Kaldaunen durchsuchen wollte; damit muß ich Bescheid wissen, denn ich bin gewissermaßen selbst so ein Stück Poet, insofern ich in meiner Verwandtschaft mehr als sechs Poeten habe, die alle ähnliche Schlingel gewesen sind. Don Ranudo . Darum bist Du noch nicht selbst Poet, weil Du Poeten in Deiner Verwandtschaft hast. 371 Pedro . So könnte ich also auch sagen: die gnädige Herrschaft ist darum noch keineswegs vornehm, weil sie so viele große Männer in ihrer Verwandtschaft hat; denn wenn nur der ein Poet heißen soll, der selbst Verse macht, so darf auch nur der berühmt und vornehm heißen, der selbst große Thaten vollbringt. Don Ranudo . Nein, Pedro, das letztere wird Einem angeboren. Pedro . Die Poesie ebenfalls; sagt man doch, der Poet wird geboren. Don Ranudo . Ja allerdings, aber das ist doch anders. Zweite Scene. Leonora . Die Vorigen . Leonora . Isabella, Gonzalo's Schwester, ist draußen und wünscht die gnädige Herrschaft zu sprechen. Donna Olympia . Bitte, daß sie die Güte hat, einen Augenblick in der andern Stube zu warten, bis wir uns ein wenig zurecht gemacht haben. Don Ranudo . Gieb mir meinen Sammtrock, Pedro. Pedro . Das wird nett aussehen zu den Löchern in den Strümpfen. Don Ranudo . Hab' ich Löcher in den Strümpfen? Pedro . Ja, blos so ein Dutzend. Don Ranudo . Nimm etwas Tinte und streiche sie über die Löcher, so sieht man es nicht. Pedro . Ich fürchte nur, gnädiger Herr, das ganze Tintenfaß wird nicht ausreichen, es sind gar zu viele Löcher. Don Ranudo . Komm und thu', wie ich Dir sage. (Pedro streicht Tinte über die Löcher.) Pedro . Soll ich die Schuhe auch mit Tinte bestreichen? Denn die haben ebenfalls große Löcher. Don Ranudo . Nein, das geht nicht, ich kann ja aber sagen, sie sind vorsätzlich gemacht von wegen der Hühneraugen. 372 Pedro . Aber da ist ja kein Hintertheil am Rock, da kann man doch nicht sagen, daß das vorsätzlich geschehen ist von wegen der Hühneraugen. Don Ranudo . Zu Zeiten lasse ich mir diese Späße schon gefallen, aber zu Zeiten gehen sie auch zu weit. Doch hat es alles nichts zu sagen, wenn Du mir nur in Gegenwart von Fremden die schuldige Ehrfurcht erweisest. Um den Rock mach' Dir übrigens nur keine Sorge, ich will mich schon so stellen, daß niemand die Hinterseite zu sehen kriegen soll. Pedro . Aber, gnädiger Herr, wäre es nicht besser, wir verkauften diesen halben Sammtrock und kauften einen ganzen Tuchrock dafür? Don Ranudo . Nein, Pedro, der Sammt giebt zu erkennen, daß ich, wenn auch keinen Reichthum, doch wenigstens einen hochgemuthen Sinn habe. Hätte ich blos einen schlichten Tuchrock an, so könnte man mich ja für einen Bürgersmann halten oder denken, ich hätte mein Ehrgefühl oder das Bewußtsein meiner Hoheit abgelegt; so aber, trage ich auch kein reiches, so trage ich doch ein vornehmes Kleid. Ist die gnädige Frau fertig? Donna Olympia (hat sich ebenfalls ausgeputzt) . Ja, ich bin vollständig fertig. Don Ranudo . Ach, Donna Olympia, das ist ja eine Pracht und ein Glanz wie im Escurial. Pedro . Ja, gnädiger Herr, aber hinten läßt es wie ein Armenhaus. Donna Olympia . Nun laßt Madame Isabella nur eintreten. (Leonora geht zur Thüre, um sie einzuführen; Pedro steht hinter seines Herrn Stuhl mit der Brille auf der Nase, wie es in Portugal Mode ist.) 373 Dritte Scene. Isabella . Die Vorigen . Donna Olympia sitzt in einem Lehnstuhl in größter spanischer Grandezza und stochert sich die Zähne; ebenso Ranudo. Sie erheben sich ein wenig von ihren Stühlen, bis ein Stuhl für Isabellen herbeigebracht wird, setzen sich jedoch früher wieder nieder als diese. Pedro hat einen Fächer, mit dem er ihnen Luft zuweht. Isabella . Ich bitte hundertmillionenmal um Verzeihung, daß ich so frei bin und mich unterstehe, der gnädigen Frau heute mit einem Besuche beschwerlich zu fallen. Donna Olympia . Keineswegs beschwerlich, Madame, wir sind das so gewohnt, Besuch zu haben von früh bis spät. Heute, glaub' ich, haben wir bereits mehr als acht der vornehmsten Besuche gehabt; kann Don Ranudo sich vielleicht erinnern, wer heute schon alles bei uns gewesen? Don Ranudo . Nein, das bin ich nicht im Stande, es geht ja bei uns ein und aus wie bei Hofe. Pedro, kannst Du Dich vielleicht erinnern? Pedro (rückt seine Brille zurecht und liest aus seinem Notizbuch ab) . Das war Conte Jago de Monte d'Oro; Marquis Ferdinando de Leo Nigro nebst der Marquisin, seiner Frau Gemahlin; Don Sebastian de Brogues d'Oro mit dem Herzog de Eta Casa und der Frau Fürstin; ferner Marquis Ferdinando Gonzaleo Filippo Carlos Jago Sebastiano Manuel de Rifuentez mit Frau Gemahlin. (Leise) Der letzte muß wol mehr als einen Vater gehabt haben, weil er so sehr viel Namen hat. Donna Olympia . Da hört Madame, was für Visiten wir blos an diesem einen Tage gehabt haben. Uebrigens wird Madame pardonniren, daß ich hier sitze und mir eben die Zähne stochere; aber wir haben gerade einen Kapaun gegessen und Kapaunenfleisch macht mir allemal große Beschwerde an den Zähnen. Isabella . Die gnädige Frau will sich ganz ihrer Bequemlichkeit bedienen. Auch bin ich hier nur im Auftrag eines vornehmen jungen Herrn, der kein dringenderes Anliegen hat, als 374 dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bestens empfohlen zu sein. Donna Olympia . Sowol meinem Gemahl wie mir selbst ist es stets ein besonderes Vergnügen, wackeren Leuten gefällig zu sein; er will vermuthlich nach Madrid reisen und möchte gern Recommandationsbriefe von uns haben. Aber wer ist der junge Mann? Isabella . Es ist mein Bruder Gonzalo, der eine zärtliche Neigung zu Dero Tochter Donna Maria gefaßt hat. Donna Olympia . Madame, ich sowol wie mein Gemahl haben beide alle mögliche Hochachtung vor Ihnen und Ihrem Bruder, so weit unser Rang es eben zuläßt; allein – Isabella . Ich weiß schon, was die gnädige Frau sagen will: Dero Familie ist älter als die unsere, und dieser Unterschied des Standes läßt keine Verbindung zu. Aber sollte das Gleichgewicht nicht hergestellt werden, wenn man unser Vermögen mit dem Ihren vergleicht? Donna Olympia . Ach, Madame, nach Geld fragen wir ganz und gar nicht; lieber will ich die bitterste Armuth aushalten, als etwas thun, das der Stellung unserer Familie zuwiderläuft. Ich will Ihnen unsern Stammbaum vorlegen, daraus werden Sie sich selbst überzeugen, daß dies ein Ding ist, das unmöglich angeht. Ich erinnere mich noch immer sehr wohl an meines Herrn Vaters letzte Worte: Vermögen, sagte er, lasse ich Dir nicht, meine Tochter, aber Rang; fürchte Gott, ehre die Heiligen und stirb lieber als alte Jungfer, ehe Du etwas thust, was der Stellung der Familie zuwider ist. Isabella . Recht christlich, in der That, selbst noch auf dem Sterbebette zum Hochmuth zu ermahnen. Donna Olympia . Das war nicht Hochmuth, Madame, sondern nur das richtige Ehrgefühl. Auch bin ich seiner Ermahnung nachgekommen und bin mit dem vornehmsten Hause von ganz Spanien in Verbindung getreten. Isabella . Aber bedenkt doch nur, wohledle Frau, was für ein Elend es für die Vornehmen ist, ihren Stand aufrecht erhalten zu sollen und nicht die erforderlichen Mittel dazu zu 375 haben. Denn außerdem, daß man Noth leidet, muß man auch noch Spott und Hohn über sich ergehen lassen. Donna Olympia . Madame kann sich versichert halten, nicht einen einzigen Buchstaben von meinem angestammten Namen verkaufte ich, und wenn ich das schönste Rittergut in ganz Spanien dafür kriegen könnte. Don Ranudo . Das war recht heldenmüthig gesprochen, Donna Olympia, mit goldenen Buchstaben verdient das aufgeschrieben zu werden: Nicht einen Buchstaben verkaufe ich, nicht für das beste Rittergut! (Pedro wiederholt es nochmals und zeichnet es in sein Taschenbuch.) Isabella . Aber Dero Tochter würde dabei ja auch nichts von ihrem hohen Range verlieren? Don Ranudo . Ei, Madame, das müssen wir besser verstehen; die ganze Welt kennt ja doch den Unterschied, der zwischen den las Minas und den Colibrados ist. Isabella . Aber dergleichen Familien haben sich doch schon öfters verbunden. Don Ranudo . Und wenn die ganze Welt es thäte, Don Ranudo de Colibrados thut es nicht. (Pedro wiederholt es ebenfalls und schreibt es auf.) Isabella . Da sehe ich denn allerdings, daß andere Nationen Recht haben, uns Spaniern unseren Hochmuth vorzuwerfen. Don Ranudo . Sagt das nicht, Madame, es gibt Nationen, wo der Adel noch von einem viel größeren Selbstgefühl erfüllt ist. Da giebt es beispielsweise in Indien Leute, Nairos genannt, die sich allemal die Hände waschen, wenn sie Leute anderen Standes angerührt haben, und die daher, wenn sie ausgehen, vor sich her rufen lassen, damit ihnen ja niemand zu nahe kommt. Isabella . Das sind freilich sehr gebildete Nationen, deren Beispiel Ihr citirt. Aber ich sehe schon, daß hier mit Worten nichts auszurichten ist. Beleidigt fühle ich mich übrigens von dieser Zurückweisung nicht, vielmehr habe ich aufrichtiges Mitleid mit der armseligen Lage, in der Ihr Euch befindet und aus 376 der Euch in Folge Eures Hochmuths wol schwerlich wird zu helfen sein. Donna Olympia . Haltet ein, Madame, mit diesen schnöden Redensarten; wer uns dergleichen vorzuwerfen wagt, dem soll es übel bekommen. Es ist die pure Verleumdung, Madame; man braucht darum noch keineswegs arm zu sein, wenn man auch einmal kein Geld hat; man thut ja zuweilen sein ganzes Geld auf Zinsen aus und wenn man dann etwas braucht, so muß man natürlich selber borgen. Das sind nur böse Menschen, die uns nachsagen, wir wären arm. Isabella . Ich mache niemand seine Armuth zum Vorwurf, ich bin einzig in der Absicht hergekommen, Euch einen honneten Antrag zu thun, besonders bei der Lage, in der Ihr Euch befindet. Donna Olympia . Wir sind mit der Lage, in der wir uns befinden, gerade zufrieden. Isabella . Wenn Ihr mit Eurer Lage zufrieden seid, so habe ich nichts weiter zu sagen. Doch möchte ich bitten, selbst einmal zu überlegen, was für eine Zufriedenheit das geben wird, wenn, wie ich für ganz gewiß gehört habe, die Gläubiger kommen und das letzte Stück Möbel in Beschlag nehmen, und ob Euch das nicht zu um so größerer Schande gereichen wird, wenn die Leute in Erfahrung bringen, was für ein vortheilhafter Antrag Euch in dieser Lage gemacht und von Euch zurückgewiesen ist. Donna Olympia . So viel Scheinbares Ihre Worte auch haben, Madame, und so viel Vortheilhaftes in Ihrem Antrage zu liegen scheint, so lassen doch weder ich, noch mein Gemahl uns dazu bereden. Don Ranudo (lächelnd) . Nein, das wollen Sie nur ernstlich glauben, daß dies eine Sache ist, aus der schlechterdings nichts werden kann. Isabella . So bedaure ich, mich diesem Auftrag überhaupt unterzogen zu haben. Donna Olympia . Wir sind ganz gewiß nicht böse darüber; 377 Sie sind in unsern Augen entschuldigt, weil Sie es ja für Ihren Bruder gethan haben, und auch deshalb sind Sie entschuldigt, weil wir ja wissen, wozu einen die Liebe alles treiben kann. Im Uebrigen ist das aber etwas, was schlechthin unthunlich. Isabella . So will ich mich denn gehorsamst empfehlen. Donna Olympia . Ihr Diener, Madame, können wir Ihnen sonst worin dienen, so brauchen Sie nur zu befehlen. Was jedoch diesen Punkt angeht, so werden Sie bei reiflichem Nachdenken wol selber finden, daß daraus nichts werden kann. (Isabella geht, von Leonora begleitet, während die beiden Andern sich ein wenig von ihren Stühlen erheben.) Vierte Scene. Leonora . Don Ranudo . Donna Olympia . Pedro . Leonora . Madame Isabella läßt ihren unterthänigsten Respect vermelden und bittet, der gnädige Herr und die gnädige Frau möchten doch diese Börse mit Geld nicht verschmähen, die sie mir gegeben hat. Donna Olympia . Ei, die Canaille, die denkt wol gar, wir sind Bettler? Gleich lauf' zurück und wirf sie ihr ins Gesicht! Das soll wahrhaftig nicht ungerochen bleiben, das ist eine Unverschämtheit sonder gleichen: eine lumpige de las Minas will einer Monte Ricco Almosen geben, deren Aeltermutter die Hand eines Mannes verschmäht hat, wie Don Alfonso de Ribera? (Leonora läuft mit dem Geld hinaus, kommt aber sogleich zurück; sie und Pedro äffen ihrer Herrschaft nach, indem sie sich einer um den andern stellen, als ob sie ebenfalls wüthend wären.) Pedro (leise) . Und die ihrer Enkelin zwei ungeheure Kisten als Erbtheil hinterließ, die eine voll Hochmuth, die andere voll Armuth. Don Ranudo . Einem Colibrados will sie ein Almosen geben, der dem Staate solche ungemeine Dienste geleistet hat?! 378 Pedro (leise) . Und dessen Nachkomme nun Tag aus Tag ein im Lehnstuhl sitzt und sich die Zähne stochert. Donna Olympia . Deren Ahnen nie andere Geschenke machten, selbst nicht den Bettlern, als in Gold und Edelsteinen?! Leonora (leise) . Und deren Nachkommen jetzt nichts zu verschenken haben, als – salva venia – einen alten Dreck. Don Ranudo . Deren Ahnen allein durch ihre Tugend und Tapferkeit sich auf diese Höhe geschwungen haben?! Pedro (leise) . Und deren Nachkommen um ihrer Untüchtigkeit und Trägheit willen verdienten, kopfüber von ihrer Höhe wieder heruntergestoßen zu werden. Don Ranudo . Der in gerader Linie abstammt von dem großen Don Prospero de Colibrados, der in der Schlacht bei Burgos vierhundert Mohren mit eigener Hand erschlug?! Pedro (leise) . Und dessen ruhmreicher Sprößling, der große Don Ranudo, täglich verschiedene Creaturen mit den Nägeln todtschlägt, mehr will ich nicht sagen – Donna Olympia . Was würde mein Stammvater Don Juliano de Monte Ricco wol sagen, wenn er aufstehen und das sehen könnte?! Leonora (leise) . Er würde sagen: nimm das Geld, Du Närrin, und kaufe Dir ein Hintertheil in Dein Kleid. Don Ranudo . Was würde nicht Don Antonio de Colibrados sagen, wenn er aus dem Grabe aufstünde?! Pedro (leise) . Er würde sagen: Du Narr, laß Deine Hochmuthsgrillen fahren und gehe hin und arbeite, damit Du Geld zu einem Paar Schuhe kriegst. Donna Olympia . Was würde meine Ahnfrau Donna Adonida sagen, die sich weigerte, ganze hundert Mark anzunehmen, welche die Regierung ihr anbot, aus Rücksicht auf die Dienste, die ihr Gemahl dem Staate geleistet?! Leonora (leise) . Sie würde sagen: bei mir war es eine Tugend, weil ich ohnedies reich genug war, Du aber verdientest in den Narrenthurm gesperrt zu werden, weil Du im Begriff bist, Hungers zu sterben, und dennoch verschmähst, was gute Menschen Dir bieten. 379 Don Ranudo . Was würde Don Gusman de Colibrados sagen, der allein eine Tonne Goldes auf die Errichtung dreier Pyramiden verwandte?! Pedro (leise) . Er würde sagen: ist es denkbar, daß aus unseren Landen solche Subjecte hervorgegangen sind, die sich durch ihre Faulheit in solche Lage gebracht haben?! Don Ranudo . Vermuthlich indessen hat sie es nur aus Einfalt gethan; solche Art Leute sind im Vergleich mit uns nicht besser als wie Bauern. Müßte ich mich freilich überzeugen, daß sie es aus Geringschätzung gethan hat, so wollte ich wahrhaftig nicht eher ruhen, als bis ich ihr ganz Geschlecht ausgerottet. Doch hat sie es gewiß nur aus purer Einfalt gethan, und also kann ich darüber lachen. – Das war eine schöne Geschichte, nicht wahr, Pedro? Pedro . Ja gewiß war das eine schöne Geschichte. Ich kann den gnädigen Herrn versichern, so ein armer Teufel ich auch bin, so habe ich neulich,. da ich zufällig vier Schillinge in der Tasche hatte, mich doch kaum unterstanden, sie der gnädigen Herrschaft aus Mitleid zu geben. Das Seltsamste und Schönste ist aber doch, daß die gnädige Herrschaft vor Zorn so außer sich geräth, weil mildthätige Seelen ihr unter die Arme greifen wollen. Donna Olympia . Nein, Don Ranudo, länger darf dieser unverschämte Mensch nicht in unserm Hanse geduldet werden, seine Frechheit geht zu weit. Pedro . Die gnädige Frau kann überzeugt sein, daß sie mir einen großen Dienst damit erweisen würde, wenn sie mich fortjagt; ich diene hier ja doch nur aus bloßer Höflichkeit. Don Ranudo . Ich habe Euch schon gesagt, Donna Olympia, daß wir einem lustigen Kopfe schon einiges zu Gute halten müssen; so viel Unsinn er auch redet, so ist doch immer ein Körnchen Wahrheit dahinter. Auch hat er insoweit Recht, daß die gnädige Frau allerdings sich einer kleinen Nachlässigkeit schuldig gemacht, insofern sie unterlassen hat zum 380 Kaufmann zu schicken und sich in meinem Namen Zeug zu einem neuen Anzug geben zu lassen. Weil ich gerade daran denke, Pedro: geh' doch nachher einmal zum Kaufmann Juan und laß Dir in meinem Namen einen seidenen Stoff zu einem Anzug für die gnädige Frau geben. Pedro . Ich will einmal hingehen, vielleicht hat der Kaufmann heute eine andere Ansicht von der Sache als gestern. 381 Dritter Akt. Erste Scene. Donna Maria . Leonora . Donna Maria . Ach, Leonora, die Thorheit meiner Eltern und unsere Armuth sind gleich unbeschreiblich; Glück und Wohlstand wird uns geboten und aus reinem Hochmuth weisen wir es zurück. Wäre es eine gemeine Bürgerfamilie, die mit uns in eine derartige Verbindung treten wollte, so könnte man es doch begreifen; aber nein, der um meine Hand anhält, ist aus einem alten adeligen Hause und einer der reichsten und liebenswürdigsten Männer der Provinz. Leonora . Mein theuerstes Fräulein, Ihr sündigt gegen Euch selbst, wenn Ihr Euren Eltern noch den mindesten Gehorsam erweist; das ist nicht mehr Ehrgeiz, das ist Tollheit. Donna Maria . Ach, theure Leonora, Du bist mir wegen Deiner Treue zu mir so lieb wie mein eigenes Leben. Auch weiß ich, daß Du uns schon lange verlassen hättest, wäre es nicht um meinetwillen. Ich freilich kann Dir Deine Treue nicht belohnen, aber der Himmel wird es thun. Ich verlasse mich in dieser Angelegenheit ganz auf Dich und folge Deinem Rathe. (Sie weint.) Leonora . Weint nicht, gnädiges Fräulein, wir wollen schon noch einen Ausweg finden. Keine Mauer ist so stark, ich reiße sie nieder, kein Riegel so fest, ich habe einen Schlüssel dazu. Folgt nur blindlings meinem Rathe, so soll alles schon noch gut werden. Ich habe mir mit Gonzalo's Schwester Isabella etwas 382 ausgedacht, das soll, hoffe ich, glücken. Und wenn es nicht glückt, so müssen wir Ernst machen und uns entführen lassen. Aber da kommen Eure Eltern, geht nur bei Seite. (Beide ab.) Zweite Scene. Don Ranudo . Donna Olympia . Pedro . Don Ranudo . Nun, Pedro, was sagte der Kaufmann? Pedro . Er antwortete kurz und gut: sag' Deiner betrügerischen Herrschaft, Du Schlingel, ich ließe sie grüßen und sie möchte mir erst bezahlen, was sie noch schuldig ist. Wenn man den Kaufleuten schuldig ist, da ist mit ihnen nicht zu spaßen; wenn man dann in dergleichen Berührungen mit ihnen kommt, so fallen ihre Complimente eben nicht feiner aus. Don Ranudo . Hast Du keine Zeugen zu seinen Worten? Pedro . Das ist eben das Unglück, Euer Gnaden, daß er gar nicht mit Worten gesprochen hat, sondern blos mit Geberden, nach der türkischen Mode in Constantinopel. Nämlich erst gab er mir rechts eine Maulschelle, das war so viel, als ob er sagte: Du Schlingel! und dann links eine zweite, die übersetzte ich mir: grüß' Deine betrügerische Herrschaft. Hernach schlug er mir den Hut vom Kopfe, das übertrug ich mir: bezahle erst, was Du schuldig bist; zuletzt, da ich fortlief, drohte er noch mit der geballten Faust hinter mir drein, das verstand ich so: will Deine Herrschaft nicht mit Gutem bezahlen, so werde ich sie von Gerichtswegen dazu zwingen. Selbst kann ich die Geberdensprache nicht sprechen, aber an andern verstehe ich sie perfect. Donna Olympia . Es sind so verwünscht viel ordinäre Canaillen in dieser Stadt, da ist gar kein Respect mehr vor den Vornehmen. Pedro . Gewiß, gnädige Frau, sie müßten es sich ja zur Ehre schätzen, von solcher Herrschaft betrogen zu werden. Don Ranudo . Nun, nun, Pedro, menagire Dich nur etwas mit Deinen Expressionen, und jetzt geh' mal ein bischen hinaus, ich will mit der gnädigen Frau allein sein. 383 Donna Olympia . Heiß' meine jüngste Tochter, Fräulein Eugenia, kommen, da kannst Du hören, was die, wiewol sie nur erst ein Kind ist, doch schon für nobles sentiments hat. Pedro (leise) . Darin, glaub' ich, verrechnet die gnädige Frau sich, die ist klüger als die Eltern alle beide. Donna Olympia . So oft ich das Kind sehe, Don Ranudo, freue ich mich jedesmal. Don Ranudo . Sie gleicht in allen Stücken ihren Eltern, und zwar mehr als ihre Schwester. Donna Olympia . So oft ich sie sehe, ist es mir jedesmal, als stünde meine Mutter Donna Elvira vor mir, sie ist ihr leibhaftiges Ebenbild und hat dasselbe Bewußtsein ihres hohen Ranges wie jene. Don Ranudo . Ja, Eure Mutter wußte jederzeit, daß ihr Rang und der Name ihres Geschlechts ihr größtes Kleinod. Donna Olympia . Das wird, wenn ich mich nicht täusche, Eugenia ebenfalls thun, ihre Schwester dagegen hat in Haltung und Mienen etwas Bürgerliches, das mir gar nicht ansteht. Mir scheint auch, als ob sie sich ab und zu mit Leuten geringen Standes familiarisirt; vergangene Woche sah ich sie mit einer Bürgersfran sprechen, als wäre sie ihresgleichen. Aber ich habe ihr auch den Kopf dafür zurechtgesetzt. Don Ranudo . Das hätten Sie doch lieber nicht thun sollen, Madame, man kann sich familiarisiren mit Bauern und Bürgern, ja mit seinen eigenen Dienstboten, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Dagegen wenn man mit Leuten zu thun hat, die sich einbilden, als wären sie unsersgleichen, da muß man fest auf seiner Würde halten; denn jene empfangen unsere Familiarität als eine Gnadenbezeugung, diese dagegen beanspruchen sie als ein Recht. Donna Olympia . So ist es. Aber da kommt sie. 384 Vierte Scene. Donna Olympia . Don Ranudo . Eugenia . Pedro . Donna Olympia . Komm mal her, Du allerliebste kleine Eugenia, Du bist doch das leibhafte Ebenbild Deiner Großmutter Elvira und ich hoffe, daß Du ihr auch übrigens nachfolgen wirst. Eugenia . Was that sie denn? Donna Olympia . Sie hatte jederzeit ihren Stand und ihre Würde vor Augen und hielt sie höher als irgend etwas in der Welt. Eugenia . Das will ich ebenfalls thun, nur – Donna Olympia . Was willst Du mit diesem Nur sagen? Eugenia . Nichts, Mama, nur – Donna Olympia . Was soll dies Nur heißen? Pedro . Kann Euer Gnaden wirklich nicht errathen, was dies Nur bedeuten soll? Sie will damit ja offenbar sagen: nur habe ich heute sehr schlecht gefrühstückt. Donna Olympia . Was hat sie denn heute gefrühstückt? Pedro . Genau dasselbe wie wir andern, wir sind alle noch nüchtern, ausgenommen der schwarze Kater, der sich von der Jagd nährt. Donna Olympia . Ihr gemeines Volk macht doch geradezu Euren Magen zu Eurem Gott und denkt an nichts als essen und trinken. Pedro . Fragt nur das gnädige Fräulein, ob es nicht ganz ebenso denkt. Donna Olympia . Sag' mal, mein Kind, was achtest Du höher, Deinen Adel oder Geld? Eugenia . Geld achte ich am höchsten. Donna Olympia . Was? Geld achtest Du am höchsten? Warum ist Dir Geld das Höchste? Eugenia . Weil man sich für Geld Kleider und Essen und Trinken kaufen kann, aber für seinen Adel kriegt man gar nichts. Pedro . Darin hat das gnädige Fräulein vollkommen 385 recht; für fünfzig Ahnen kriegt man auf dem Markte noch nicht ein Bund Schwefelfaden zu kaufen. Donna Olympia . Hast Du das von mir gelernt, meine Tochter? Eugenia . Nein, Mama. Donna Olympia . Warum sagst Du denn so was? Eugenia . Weil der gnädigen Mama ihre Lehren falsch sind. Donna Olympia . Meine Lehren sind falsch? Pedro . Ja, und wenn ich frei von der Leber weg sprechen darf, so hat der gnädigen Frau ihr Katechismus ein Loch. Donna Olympia . Du, halt' nur den Mund, ich weiß doch schon, wer mir das Kind verführt hat. Ach Himmel, ist es möglich, daß ich so was an diesem Kinde erleben muß, von dem ich gerade so gut gedacht habe?! Hör' an, Eugenia, es heißt, eine Person, von niedrigem Stande verglichen mit unserm Hause, hat ein Auge auf Deine Schwester geworfen; gefällt Dir das? Eugenia . Nein, es gefällt mir ganz und gar nicht, weil ich den jungen Mann für mich selber haben will. (Fängt an zu weinen.) Donna Olympia . Ach, der Kummer bringt mich noch um meinen Verstand. Höre Du, ich schicke Dich ins Kloster. Eugenia . Da werde ich doch wenigstens keine Noth leiden. Donna Olympia . Ich enterbe Dich. Eugenia . Enterben? Ha ha ha, hi hi hi! Donna Olympia . Lachst Du noch darüber? Eugenia . Ihr habt ja gar nichts zu vererben! Donna Olympia . Aus meinen Augen, Du ungerathenes Mädchen! Eugenia . Enterben, ha ha ha, hi hi hi! (Geht ab.) Donna Olympia . Sieh mal, wie trotzig sie noch obendrein ist und ihrer Eltern spottet. Pedro . Wohlgeborne Frau, wenn Kinder und Dienstboten nicht kriegen, was ihnen gehört, da achten sie weder Eltern noch Herrschaft, gleichviel von welchem Stande sie sind. Donna Olympia . Ja wol, die verfluchten Dienstboten, die haben das Kind verführt. 386 Pedro . Keineswegs. Aber Natur geht über Erziehung; was sagt nicht Seneca? Donna Olympia . Er sagt, daß solche lumpigen Kerle, wie Du bist, nicht so dreist sein sollen. Pedro . Er sagt aber auch: Mulier taceat in ecclesia. Don Ranudo . Hinaus, Du Meister Philosoph, und laß uns allein! (Pedro ab.) Fünfte Scene. Don Ranudo . Donna Olympia . Don Ranudo . Die Aufführung unserer jüngsten Tochter hat mich ganz aus der Fassung gebracht. Donna Olympia . Sie ist durch die Dienstboten verführt worden; ich will schon noch herauskriegen, wer daran schuld ist. Don Ranudo . Da sieht man, was beim Umgang mit gemeinen Leuten herauskommt; das Kind ist ja so verändert, daß man es gar nicht wiedererkennt. Donna Olympia . Man muß sie nur verhindern, diese Art von Umgang fortzusetzen, so wird sie schon auf den rechten Weg, zu ihrem alten edlen Stolze zurückkehren. Don Ranudo . Ach, ach, einen größeren Kummer giebt es doch nicht, als wenn Eltern sehen müssen, wie die Kinder aus der Art schlagen! Sagt aber, Madame, was werden wir heute essen? Donna Olympia . Ja, was werden wir anders essen, als was wir gestern und vorgestern und alle die Zeit her gegessen haben? Zum ersten Gericht Erbsen, zum zweiten Gericht wieder Erbsen und zum dritten Gericht nochmals Erbsen. Don Ranudo . Aber lange können wir auf diese Art doch nicht mehr fortleben; meine Kräfte haben schon dermaßen abgenommen, daß ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Donna Olympia . Ach, wenn es sich doch nur für mich schickte, zu arbeiten und mein Brod zu verdienen; Hunger thut doch weh. 387 Don Ranudo . Da sitzt ein armer Bauer vor unserer Thüre und ißt; in diesem Punkte ist er glücklicher als wir. Donna Olympia . Glücklicher als wir kann er nicht sein; denn wie gut es ihm auch geht, so ist und bleibt er doch immer nur ein Bauer. Uebrigens thut mir der arme Mann ordentlich leid, daß er da so unter freiem Himmel sitzen und essen muß. Don Ranudo . Aber was mag wol schlimmer sein, unter freiem Himmel zu essen oder unter Dach und Fach zu hungern? Donna Olympia . Es ist beides schlimm; das Eine ist gemein, macht aber satt, das Andere ist vornehm, macht aber nicht satt. Don Ranudo . Laß uns den armen Mann hereinrufen, damit er hier innen in Ruhe essen kann; draußen lassen ihm ja Sonne und Wind, Fliegen, Menschen und Hunde keine Ruhe. Donna Olympia . Ja, er soll hereinkommen. Ein Bauer oder Bürger ist mir in meinem Hause willkommener, als einer von schlechtem Adel; denn jene legen es mir als christliche Demuth aus, dieser dagegen will für meinesgleichen gehalten sein und nimmt es als ein Recht in Anspruch, mit mir umzugehen. Sechste Scene. Don Ranudo . Donna Olympia . Der Bauer . Don Ranudo . Hör', Du armer Mann, komm nur herein mit Deinem Ranzen! Der Bauer . Dazu bin ich viel zu gering, wohlgeborner Herr, in solch ein Haus zu treten. Don Ranudo . Wir sind alle Menschen; Du thatst mir leid, wie ich Dich da so unter freiem Himmel sitzen und essen sah. Hier, setz' Dich auf den Stuhl, da kannst Du doch wenigstens in Ruhe essen. Der Bauer . Schön Dank, wohlgeborne Herrschaft. Don Ranudo . Wo wohnst Du? Der Bauer . Vier Meilen von hier. Don Ranudo . Was hast Du heute zur Stadt gebracht? 388 Der Bauer . Ein paar Dutzend junge Hühner, die ich auf dem Markte verkauft habe. Don Ranudo . Wenn Du ein ander Mal so ein paar recht fette Kapaunen hast, die kannst Du nur zu uns bringen. Der Bauer . Will die Herrschaft keine jungen Hühner haben? Don Ranudo . Nein, aus jungen Hühnern mache ich mir nichts; wir essen überhaupt blos Kapaunen und Wildpret, das ist das einzige Fleisch, das wir essen. Der Bauer . Ja, das sieht man der gnädigen Herrschaft auch an, sie sehen alle beide ein bischen mager aus. (Beide fahren sich mit der Hand übers Gesicht.) Don Ranudo . Wie heißt Du, mein guter Mann? Der Bauer . Ich heiße Juan. Don Ranudo . Bewohnte Dein Vater denselben Hof, den Du bewohnst? Der Bauer . Ja. Don Ranudo . Wie hieß er denn? Der Bauer . Das weiß ich wahrhaftig nicht. Don Ranudo . Das ist doch was Entsetzliches, nicht mal den Namen seiner Eltern zu wissen; das größte Glück in der Welt besteht ja doch darin, den Namen seiner Eltern zu wissen und aus welchem Hause man stammt. Der Bauer . Bei uns auf dem Lande wird es für das größte Glück gehalten, wenn das Land hübsch Korn und Früchte trägt, daß man zu leben hat, wenn die Weiber alle Jahre ein Kind kriegen und wenn die Kinder tüchtig wachsen, damit sie uns bald an die Hand gehen können. Don Ranudo . Das ist eigenthümlich. Wir Vornehmen halten es für ein Unglück, viele Kinder zu haben; je mehr Kinder, je mehr Ausgaben. Der Bauer . Bei uns heißt es umgekehrt: je mehr Kinder, je mehr Einkünfte. Je mehr Edelleute, je mehr Verzehrer im Lande, aber je mehr Bauern, je mehr Arbeiter. Don Ranudo . In der That, Du sprichst wie ein Philosoph. Aber wie alt warst Du, als Du Dich verheirathetest? Der Bauer . Ich war just achtzehn Jahre. 389 Don Ranudo . Das war aber doch wol ein bischen zu zeitig. Wir Vornehmen heirathen nicht so zeitig; mitunter müssen wir sogar bis ins vierzigste oder fünfzigste Jahr warten, bis wir in der Lage sind, unsre Familien auf demselben großen Fuße zu erhalten wie unsere Väter. Der Bauer . Wir im Gegentheil heirathen, sowie wir im Stande sind, uns fortzupflanzen. Denn für uns sind Weiber und Kinder keine Last; je mehr Hände im Hause, je mehr Arbeiter giebt es ja, und je mehr Arbeiter, je mehr bringt man ja vor sich. Don Ranudo . Dieser Mann spricht in der That wie ein Weiser, Donna Olympia, der Bauernstand hat es darin wirklich gut. Gewiß ist dies auch der Grund, weshalb die Kinder der Bauern gesünder und stärker sind als die Kinder der Vornehmen, weil jene erzeugt werden, während ihre Eltern noch im vollen Besitz ihrer Kräfte sind. Der Bauer . Wenn der gnädige Herr es nicht ungnädig aufnehmen will, so ist das, glaub' ich, auch die Ursache, weshalb unter uns Bauern nicht so viel Hahnreie sind als unter den Vornehmen. Denn wenn die Vornehmen bis in ihr fünfzigstes Jahr warten, bis sie im Stande sind, ein Haus zu versorgen, so sind sie dann auch nicht mehr im Stande, eine Frau zu versorgen; es müßte denn sein, daß die Frauen der Vornehmen nichts weiter brauchen als Essen und Trinken, was jedoch bei uns auf dem Lande keineswegs der Fall ist. Don Ranudo . Ha ha ha, es ist wirklich unterhaltend, einen gemeinen Bauer über so was räsonniren zu hören. Uebrigens sehe ich mit Bewunderung, wie Du diese gemeine Kost mit so vielem Appetit verzehrst. Der Bauer . Ei, das Brod und der Käse schmeckt mir vermuthlich besser als der gnädigen Herrschaft der beste Braten. Alle Kost ist gleich gut, es kommt nur darauf an, wie der Magen sich gewöhnt hat. Don Ranudo . Man muß alles in der Welt versuchen; laß mich mal curiositätshalber von Deinem Käse kosten, ich muß doch mal sehen, ob ich ihn hinunterkriegen kann. 390 Donna Olympia . Ach, Don Ranudo, das geht ja doch nimmermehr! Der Bauer . Will der gnädige Herr mal versuchen? Don Ranudo . Nun ja, aber blos curiositätshalber. – Ei, das schmeckt wirklich gar nicht so schlecht. Der Bauer . Die gnädige Frau sollte auch ein Stück nehmen. Donna Olympia . In der That, der Käse schmeckt nicht übel, ich hätte es wirklich nicht gedacht. Don Ranudo . Ha ha ha, ich muß wahrhaftig noch ein Stück nehmen, das ist ein merkwürdiges Abenteuer, das ich nie zu erleben gedacht hätte, und von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde. Schneide nur ein ganz gehöriges Stück ab, Juan, und gieb uns etwas von Deinem groben Brod dazu. (Sie essen beide tüchtig.) Donna Olympia . Das soll wahrhaftig das Erste sein, was ich erzähle, sowie ich wieder nach Hofe komme, daß ich mit einem Bauern Brod und Käse gegessen habe. Don Ranudo . Ha ha ha, gieb uns noch ein Stück, Juan, ich will doch wirklich mal essen, so lange es mir schmeckt. Der Bauer . Ich zweifle nur, wohlgeborner Herr, ob mein Käse noch viele solche Schnitte aushalten wird. Don Ranudo . Ha ha ha! (Er nimmt den Käse eigenhändig und schneidet die Hälfte davon ab.) Nun sollst Du Dich überzeugen, Juan, daß weder die gnädige Frau, noch ich gemeine Bauernkost verschmähen. (Der Bauer thut seine Eßwaren wieder in den Ranzen und kratzt sich im Kopfe.) Donna Olympia . Gieb mir noch ein Stück, ich muß doch sehen, ob mein Fräulein Tochter ebenfalls im Stande ist, solche grobe Kost zu genießen. Ha ha ha, so zur Veränderung ist das wirklich gar nicht übel. Der Bauer . Das Stück, das der gnädige Herr vorhin abschnitt, war groß genug für eine ganze Familie, nicht blos zum Kosten, sondern sogar um sich satt daran zu essen. Don Ranudo . Wenn Du wieder zur Stadt kommst, so laß Dich nur dreist bei uns sehen. 391 Der Bauer . Mich bei der gnädigen Herrschaft gehorsamst zu bedanken. (Leise) Aber der Teufel soll den holen, der seinen Eßkober wieder mitbringt! Don Ranudo . Wenn Du nach Hause kommst, Juan, wirst Du, hoffe ich, unsere Herablassung zu rühmen wissen. Der Bauer . Versteht sich, besonders, wenn der gnädige Herr so gut sein will, mir eine kleine Entschädigung zu geben; die Wahrheit zu sagen, hatte ich nur gerade so viel zu essen bei mir, als ich selbst unterwegs brauche. Don Ranudo . Was sollen wir diesem ehrlichen Manne wol geben, Donna Olympia? Soeben erst habe ich einem guten Freunde zweitausend Rosenobel geliehen, so daß ich für den Augenblick auch nicht ein Goldstück mehr in der Tasche habe, und Silbermünzen als Geschenk zu geben, das schickt sich doch nicht für mich, noch für irgend jemand aus dem Colibradosschen Hause. Der Bauer . Ei, gnädigste Herrschaft, ich will gern mit Silbergeld zufrieden sein. Don Ranudo . Nein, Juan, das geht nicht an, der Ruf unseres Hauses würde darunter leiden; die Belohnungen, die wir austheilen, sind allemal Gold oder Ehre. Der Bauer . Aber weil die gnädige Herrschaft doch jetzt gerade kein Gold hat, und weil ich selbst genau so viel Ehre habe, als ich brauche, so möchte ich doch gehorsamst um eine kleine Entschädigung in Silbergeld gebeten haben, damit ich mir wieder etwas zu essen kaufen kann. Don Ranudo . Wollen wir ihm denn eine Hand voll Drittel reichen, Donna Olympia? das heißt: unter der Bedingung, daß es niemand nachsagt. Donna Olympia . Nein, gnädiger Herr, das lasse ich nicht zu, das wäre ja eine ewige Schande für unser Haus. Der Bauer . Ich will es ganz gewiß niemand nachsagen, daß ich Silbergeld bekommen habe. Don Ranudo . Höre, Juan, ich bin überzeugt, wenn Du nach Hause kommst und den übrigen Bauern erzählst, was Dir 392 begegnet ist, so wirst Du in Zukunft der angesehenste Mann im Dorfe. Der Bauer . Wenn die gnädige Herrschaft denn gar nicht bei Gelde ist, so möchte ich doch demüthigst gebeten haben, mir etwas aus Dero Küche geben zu lassen, theils um unterwegs davon zu leben, theils um es den andern Bauern zu zeigen, zum Beweise, daß ich auch wirklich in der gnädigen Herrschaft ihrem Hause gewesen bin. Don Ranudo . Ich werde Dir einen Abdruck unseres Wappens geben, den kannst Du mit nach Hause nehmen zum Beweise, daß Du wirklich bei der Herrschaft im Hause gewesen bist. Der Bauer . Werde ich da auch so ein vornehmer Herr, wenn der gnädige Herr mir sein Wappen schenkt? Don Ranudo . Ei, warum nicht gar! Der Bauer . Ich dachte, mit dem Wappen wäre alles gethan; giebt es ja doch manch Einen, der seinen hohen Rang durch nichts anderes beweisen kann, als durch die Wappen seiner Vorfahren. Allein da mir das auf die Art doch nichts helfen kann, so gebt mir nur lieber etwas Eßbares, damit ich doch nicht unterwegs zu hungern brauche. Don Ranudo . Wenn jemand einen Zweifel erhebt und sagen sollte: wie könnte das wol möglich gewesen sein, daß Don Ranudo de Colibrados, der da abstammt von Antonio Prospero Alfonso, Gonzalvo Hippolito Stephano Mustacho . . . . Der Bauer . Aber, gnädigster Herr – Don Ranudo . Lopez Melchior, Gusman Theodosio, Theophrasto, Theodoro Carlos, Philippo Manuel, Balthasar . . . .. Der Bauer . Aber gnädigster Herr – Don Ranudo . Manuel Juan Aurelio, Sancho Ramirez, Don Jago, Juliano Sebastiano, Valentino Stemogeniano, Melchior Lopez . . . Der Bauer . Aber, gnädigster Herr, ich sollte – Don Ranudo . Casparo Ranudo, Trincalo Ventoso \&c. \&c. \&c. 393 Der Bauer . Davon habe ich noch immer nichts zu essen, gnädigster Herr. Don Ranudo (zeigt ihm die Reihe der Namen auf seinem Stammbaum und sagt) . Etcetera, etcetera, etcetera! Der Bauer . Der gnädige Herr mag mir so viele Don Juliane und sonstige Anen, so viele Don Quichoten und Don Sancho Pansa's herrechnen, als er will, so giebt mir das . . . . Don Ranudo . Wenn jemand, sage ich, Zweifel daran erheben und sagen sollte: wie sollte das möglich gewesen sein, daß ein solcher Herr einem armen Bauer solche Ehre erwiesen hätte, so hast Du nichts weiter zu thun, als ihm diesen Abdruck zu zeigen. Der Bauer . Aber will die gnädige Herrschaft mir nicht wenigstens einen Schluck Wein geben lassen? Don Ranudo . Höre, Donna Olympia, da liegt gerade ein Abdruck auf dem Tische, den kann der gute Mann mitnehmen als Erinnerung, daß er wirklich hier gewesen. Der Bauer . Aber dürfte ich nicht erst nach dem Lakaien rufen, daß er mir mein Fläschchen füllt? Don Ranudo . Sieh hier, Juan, verwahre das wol, und nimm Dich in Acht, daß es Dir nicht unterwegs entzwei geht. Der Bauer . Aber darf ich nicht selbst in die Küche springen und den Kellermeister rufen? Don Ranudo . Nun will ich Dir auch erklären, Juan, was alles in dem Wappen steht. Hier in diesem ersten Felde ist ein blauer Falke – Der Bauer (leise) . Na da soll mich doch dieser und jener holen, wenn ich meinen Eßkober hier wieder herbringe! Don Ranudo . In dem zweiten Felde ist ein Leopard – Der Bauer . Ich kann mich nicht länger aufhalten, ich muß gehen. Don Ranudo . In diesem dritten sind vier Lilien – Der Bauer . Meinetwegen können es sechzehn sein. Don Ranudo . In dem vierten befindet sich ein Schwert – Der Bauer . Hol' sie der Teufel alle beide, das Schwert so gut wie die Lilien! 394 Don Ranudo . Nun werde ich Dir aber auch erklären, was das alles zu bedeuten hat – Der Bauer . Empfehle mich der gnädigen Herrschaft und bedanke mich vielmals für die Ehre, die sie mir angethan, indem sie mir meinen Käse und Brod aufgegessen hat. (Ab.) Siebente Scene. Donna Olympia . Don Ranudo . Don Ranudo . Wie wird der Bauer uns rühmen und preisen, wenn er nach Hause kommt! Donna Olympia . Ja gewiß, ich weiß aufs Haar, was er sagen wird, nämlich: was ist das für eine gnädige Herrschaft, da ist ja mancher Bauer nicht so herablassend wie der wohlgeborne Herr nebst Frau Gemahlin. Don Ranudo . Allerdings würden nicht viele unseres Standes so mit einem armen Bauer umgegangen sein wie wir. Donna Olympia . Das hat nichts zu sagen, Don Ranudo, das thut unserer Ehre nicht das Mindeste. Ich bin gewiß nicht hochmüthig, aber eben darum kann ich auch nicht leiden, wenn Einer was vorstellen will, was er doch nicht ist. Bauern geben sich als Bauern, und die Ehre, die man ihnen erweist, sehen sie als eine Gnade an. Aber da sind so gewisse Leute, so ein Monsieur und Madame (Ihr wißt schon wen ich meine), die geben sich solch vornehmes Ansehen und doch guckt ihnen der Bürger überall hervor, wie sehr sie ihn auch zu verstecken suchen. Es geht ihnen, wie einem gewissen Lakaien nacherzählt wird, der so viel Geld in der Lotterie gewann, daß er selbst den Herrn machen und ein prächtiges Leben führen konnte; einmal aber versah er es doch, denn statt sich in die Kutsche zu setzen, stellte er sich hinten auf. So schlägt auch den Leuten, von denen ich spreche, der Bürger noch immer in den Nacken. Ich kann mich wahrhaft ärgern, wenn ich sehe, wie Madame (der Name thut nichts zur Sache) in ihrer Portechaise sitzt, den Kopf auf der linken Schulter mit einem melancholischen Ausdruck wie aus 395 Unzufriedenheit, daß ihr Mann es noch nicht weiter gebracht hat – und doch, wenn sie sich nur erinnern wollte, daß ihre Frau Mutter in Sevilla auf öffentlichem Markte Feigen verkauft hat, so müßte sie ja ganz schwindelich im Kopfe werden und sich mit beiden Händen an der Portechaise festhalten. Aber freilich, von ihrer Grandmama pflegt sie nicht zu sprechen, gerade wie Monsieur nicht von seinen Eltern zu sprechen pflegt. In der That, mein theurer Ranudo, ich könnte gleich vor Aerger platzen, so oft in an diese Sorte denke. Don Ranudo . Ei was, mein Schatz, Sie müssen sich darüber nicht so sehr ärgern, es ist ja nicht der Mühe werth. Donna Olympia . Wenn sie blos einmal die Frechheit hätten und wollten mir die Visite machen, sie sollten mir, weiß Gott, eine ganze Stunde im Vorzimmer warten, das sage ich und darauf schwöre ich. Was will das – Don Ranudo . Hilf Himmel, wird der gnädigen Frau übel? Sie wird wahrhaftig ohnmächtig; hätte ich doch nur rasch etwas zu riechen! Hier, riecht an das Stückchen Käse, vielleicht wird es davon besser. Ah, das nenne ich noch adeliges Gefühl! (Sie kommt wieder zu sich.) Donna Olympia . Eine ganze Stunde, sag' ich, Don Ranudo, sollte sie im Vorzimmer warten, das wäre gerade gut für sie, ich achte sie nicht so viel wie das Stück Käse, das Ihr da in der Hand habt. (Mit diesen Worten nimmt sie ihm den Käse aus der Hand und ißt ihn auf.) Achte Scene. Pedro . Die Vorigen . Pedro . Na nun ist der Teufel los! Da sind die Gläubiger mit dem Gerichtsdiener, die wollen Execution vollstrecken und tragen alles fort, was sie finden. Don Ranudo . Wo sind sie? Pedro . Die grüne Stube haben sie schon erbrochen. Don Ranudo . Komm, laß uns gehen. 396 Neunte Scene. Gerichtsdiener . Die Vorigen . Gerichtsdiener (mit einer tiefen Verbeugung) . Ich bitte die gnädige Herrschaft allerunterthänigst um Verzeihung, daß ich hier in solchem unangenehmen Auftrag erscheine; ich bin nur ein geringer Diener, der bei Verlust seines Amtes thun muß, was die Obrigkeit befiehlt. Don Ranudo . Zu welchem Ende hat man Ihn hergeschickt? Gerichtsdiener . Ich bin angewiesen, eine allerunterthänigste Execution bei Dero Gnaden zu vollstrecken und kraft des vor vierzehn Tagen ergangenen Urtheils alles fortzunehmen, was ich in Dero hochadeligem Hause finde, selbst auch die hochadeligen Kleider nicht ausgenommen, die Ihro Gnaden auf dem Leibe tragen. Don Ranudo . Ich hoffe doch, daß Ihr ein wenig anders mit mir umgehen werdet als mit einem gemeinen Bürger. Gerichtsdiener . Das wird wol nicht angehen; wo es sich um Geldsachen handelt, macht das Gesetz leider keinen Unterschied zwischen den Leuten. Don Ranudo . Seht Euch wohl vor, was Ihr thut, Monsieur. Gerichtsdiener . Ich habe mich sehr wohl vorgesehen, die wenigen paar Möbel, die sich in den andern Zimmern befinden. habe ich bereits durch meine Leute in Beschlag genommen. Da das alles jedoch für die schuldigen Summen bei weitem nicht zureicht, so muß ich schon so frei sein, Hand an die Kleider zu legen, die Euer Gnaden auf dem Leibe haben, bitte jedoch allerunterthänigst, es ja nicht ungnädig aufzunehmen. Don Ranudo . Kann so etwas auch gnädig aufgenommen werden? Ihr könnt mir gewiß keinen Grund angeben, solch ein Verfahren zu rechtfertigen? Gerichtsdiener . Gründe anzugeben ist für diesmal keine Zeit. Im Uebrigen werde ich mit der größten Schonung 397 verfahren und dem gnädigen Herrn, mit Rücksicht auf Dero hohen Stand, die Unterhosen lassen. Don Ranudo . Das ist eine erstaunliche Höflichkeit, das muß ich bekennen! Gerichtsdiener . Ei ja, ich weiß was jedem gebührt. (Zieht ihm den Rock ab, indem er drei tiefe Verbeugungen dabei macht.) Don Ranudo . O Himmel, in welchen Zeiten leben wir! Gerichtsdiener . Nun muß ich mich mit demselben Anliegen auch an die gnädige Frau wenden. Donna Olympia . Das kann den Hals kosten, Hand an eine Dame zu legen, wie ich bin, bedenkt das wohl! Gerichtsdiener . Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich aufs Aeußerste darüber betrübt bin, diese Execution vollstrecken zu müssen; allein ich bin lediglich das unschuldige Werkzeug, dessen die Obrigkeit sich bedient. Donna Olympia . Dann sagt dem Magistrat nur, daß er dafür exemplarisch bestraft werden soll. Gerichtsdiener . Werde unterthänigst alles bestellen, was die gnädige Frau befiehlt; jetzt aber muß ich mir die Freiheit nehmen und muß mich als Abrechnung auf die Schuld ihrer Kleider bemächtigen. (Zieht ihr das Kleid ab, indem er der gnädigen Frau dabei die Schürze küßt.) Donna Olympia . Ach Himmel, ich sterbe vor Scham! Don Ranudo (mit seiner Tabaksdose in der Hand) . Ei, Madame, wir wollen das mit Verachtung behandeln, um zu zeigen, daß unsere Denkweise nicht minder hoch ist als unsere Geburt. – Monsieur, wir nehmen Ihm das in der That nicht übel, seht da, will Er eine Prise? Gerichtsdiener . Dürfte ich wol fragen, ob die Dose dem gnädigen Herrn gehört? Don Ranudo . Ja wem denn sonst? Gerichtsdiener . Dann muß der gnädige Herr entschuldigen, wenn ich sie ebenfalls auf Abrechnung mitnehme. (Don Ranudo geht mit gesenktem Kopf und brummt ein Lied in den Bart.) Wetter, wie ich sehe, ist hier nichts; haben Ihro Gnaden sonst noch was zu befehlen? (Macht drei tiefe Verbeugungen und geht ab.) 398 Pedro . Die Dose hätte der gnädige Herr wol noch retten können. Don Ranudo . Es hat nichts zu sagen, Pedro, laß uns hineingehen. Pedro . Das war ein verteufelter Kerl! der versteht sich darauf, Einem mit der höflichsten Manier das Fell vom Leibe zu ziehen. Aber ich merke schon, er ist noch nicht weg, er wird wol die übrigen Zimmer auch noch durchschnüffeln; da muß ich nur laufen und mein bischen Armuth auf die Seite bringen. 399 Vierter Akt. Erste Scene. Leonora . Isabella . Leonora . Nun, Madame, was meint Euer Bruder Gonzalo zu diesem Vorschlag? Isabella . Es gefällt ihm ganz wohl, und auch mir scheint dieser Weg offenbar der sicherste. Leonora . Er soll sich für den Sohn eines Königs aus Mohrenland ausgeben und soll sich nennen: Caspar Melchior Balthasar Ariel Theophrastus Bombastus, Prinz von Aethiopien. Isabella . Das ist ein prächtiger Name; schon allein der Name Bombastus gefällt, glaube ich, Deiner Herrschaft so gut, daß sie ihm Donna Maria zur Frau geben. Aber ist es nicht ein wenig gar zu auffallend, sich für einen äthiopischen Prinzen auszugeben? Der Einfall erscheint mir etwas gar zu verwegen, selbst auf dem Theater würde man ihn nicht ertragen. Nimmt man ja doch schon in dem »Bürger als Edelmann« »Le bourgeois gentilhomme« , ein ebenso bekanntes wie beliebtes Lustspiel von Molière. Anstoß daran, daß ein Kaufmann sich aufbinden läßt, der Sohn des türkischen Kaisers wäre nach Paris gekommen, um seine Tochter zu heirathen. Leonora . Nein, Madame, so ungereimt die Erfindung in jener Komödie ist, so leicht läßt sie sich hier ins Werk setzen. Denn einem Kaufmann weiß zu machen, des türkischen Kaisers Sohn mitsammt dem Großmufti und der übrigen Geistlichkeit käme tief nach Europa hinein gereist, blos um sich mit einer unbekannten Pariser Bürgerstochter zu verheirathen, das ist 400 allerdings eine Erfindung, gerade so keck wie jener war, der sich für den Gesandten des Kaisers im Monde ausgab, um eine Heirath zwischen seiner kaiserlichen Majestät und einer Doctorstochter zu Stande zu bringen. In diesem Falle dagegen kommt ein christlicher Prinz aus Afrika nach Spanien, unter dem Vorgeben, als ob er die römische Religion angenommen, der viele vornehme Herren in Aethiopien zugethan sind, und als ob er sich umdeswillen nur mit einer der vornehmsten Familien in Spanien zu verschwägern sucht, als wofür er die Familie der Colibrados hält. Darin ist also nichts, was einen Scrupel machen könnte, ausgenommen, daß er schwarz ist. Indessen das ist ja ein Punkt, der allein die Braut angeht. Im Uebrigen wißt Ihr ja, daß in ganz Spanien keine Familie ist, auf welche meine Herrschaft nicht mit Geringschätzung herabblickt. Zweite Scene. Pedro . Die Vorigen . Pedro . Hei, Leonora! Leonora . Was giebt es denn? Pedro . Mach' schnell, Du sollst herein kommen und versiegelt werden mitsammt den übrigen Möbeln im Hause. Leonora . Versiegelt werden, was soll das heißen? Pedro . Das heißt: es soll Euch ein Stempel aufgedrückt werden. Das war ein Spectakel im Hause, nicht ein Schrank ist da, den die Gläubiger nicht haben versiegeln lassen; alles, was nicht niet- und nagelfest, haben sie mitgenommen, selbst die Kleider, die der gnädige Herr und die gnädige Frau auf dem Leibe trugen. Leonora . Na, das soll ihnen schön bekommen; die Kleider, die ich habe, sind sämmtlich mein Eigenthum, auch habe ich sie besessen, ehe ich hier ins Haus kam. Pedro . Das hilft dabei nichts, ich machte denselben Einwand, wurde jedoch abgewiesen; der Gerichtsdiener ging mit 401 seinen sämmtlichen Hoppheichen ab, und tröstete mich damit, daß ich ja Regreß an meine Herrschaft nehmen könnte. Leonora . Allerdings, das war ein schöner Trost. Pedro . Auch nach dem Kammermädchen fragten sie, ich war jedoch so ehrlich und sagte, sie wäre nicht zu Hause, bat auch, sie möchten sich nur ein Stündchen gedulden, sie würde gleich wieder kommen. Leonora . Nein, sieh einmal, was der ehrlich ist! Pedro . Eure Hoppheichen würden sie wahrhaftig auch nicht verschont haben, wenn ich mich anders auf das Rechtswesen verstehe. Leonora . Ich habe nichts, was das Einschließen verlohnt, meinetwegen mögen sie nehmen, was sie finden. Aber was sagen der gnädige Herr und die gnädige Frau dazu? Pedro . Sie sind noch gerade so hoffärtig wie vorher, obschon sie kaum noch ihre Blöße decken können; im ganzen Hause ist, so viel ich weiß, nichts mehr zu finden, womit der gnädige Herr seinen armseligen Leichnam bedecken kann, als ein alter Trauermantel. Leonora . Ach, da tritt einem doch das Wasser in die Augen, so was hören zu müssen! Isabella . Nur Geduld, Leonora, es wird bald besser werden. Pedro . Wie soll das besser werden? Wie soll das besser werden? Isabella . Aber Du weißt ja doch, was wir miteinander verabredet haben. Doch da kommt Gusman. Dritte Scene. Gusman . Die Vorigen . Gusman (für sich) . Hol' Euch der Henker, Ihr Vogel Greifs, wie Ihr da gebacken seid! Wollt Ihr mir etwa das Fell über die Ohren ziehen? Das nützt Euch ja doch nichts. Oder wollt Ihr 402 meine Kleider nehmen? Die sind ja keinen Heller werth. Wollt Ihr mir etwa meinen Pagentitel abpfänden? Das wäre mir gerade recht, so käme ich doch vielleicht bei honneten Leuten als Bratenwender unter. Aber es wird Euch schon noch zu Hause kommen, Ihr Gripomenesse, wie Ihr mit der Herrschaft umgegangen seid! Erst nahmen sie alles, was im Hause zu finden war, und hinterdrein verhöhnten sie die Herrschaft noch. Erst nahmen sie dem gnädigen Herrn den Hut vom Kopfe, dann den Rock, dann, mit Respect zu sagen, das Halstuch, so daß ihm endlich nichts übrig geblieben als ein Trauermantel. Kurz zu sagen: im ganzen Hause ist nichts mehr vorhanden, womit der gnädige Herr seinen Leichnam bedecken könnte, als blos ein Trauermantel, und in dem sieht er aus schlimmer als der Teufel. Aber der Sinn steht ihm bei alledem noch ebenso hoch wie früher; denn er sagte zu mir: Sieh her, Gusman, in all dem Unglück habe ich doch meinen Stammbaum gerettet. Leonora . Sieh da, Gusman, was giebt es Neues? Gusman . Allerdings wird es wol Neues geben müssen, da ja das Alte alles rein weg ist. Doch da kommt die gnädige Frau. Isabella . So will ich mich nur entfernen. (Ab.) Vierte Scene. Donna Olympia . Leonora . Pedro . Gusman . Donna Olympia . Ach, ich sterbe vor Kummer! O Unverschämtheit sondergleichen! Rache muß ich haben und wenn es mich mein ganzes Vermögen kosten sollte! Gusman (bei Seite) . Ja, das ist ja aber schon lange flöten. Donna Olympia . Sowie ich blos daran denke, kocht mir das adelige Blut in sämmtlichen Adern! Pedro (bei Seite) . Na, dann kocht doch wenigstens etwas im Hause, in der Küche hat es schon lange nicht mehr gekocht. Donna Olympia . Ach, ich platze! Pedro (bei Seite) . Aber gewiß nicht von zu vielem Essen. 403 Donna Olympia . Hat das Pack denn nur ganz vergessen, wer ich bin? Pedro (bei Seite) . Nein, das ist ja eben das Unglück, daß sie uns nicht vergessen haben; sonst hätten wir doch das Wenige behalten, das noch übrig war. Donna Olympia . Aber wo nur meine Leute sein mögen, ich muß mit ihnen überlegen, was anfangen. Leonora . Hier sind wir alle zusammen; was hat die gnädige Frau zu befehlen? Donna Olympia . Ach, Leonora, Du bist mir von jeher eine treue Dienerin gewesen. Leonora . Ich habe jederzeit nur meine Pflicht gethan. Donna Olympia . Ach, Leonora, weißt Du auch, was für eine Beschimpfung mir widerfahren ist? Leonora . Nur allzu gut, leider! Donna Olympia . Aber wie wird so etwas nur so bald ruchbar? Leonora . Wie sollte so etwas nicht ruchbar werden? Wir sind ja alle im Hause in derselben Verdammniß. Donna Olympia . Was für treue Diener, so an dem Schimpf ihrer Herrschaft Theil zu nehmen! Leonora . Der Schimpf ließe sich noch ertragen, aber der Schaden. Donna Olympia . So kannst Du unmöglich wissen, was uns begegnet ist! Leonora . O gewiß weiß ich, der Gerichtsdiener hat – Donna Olympia . Ei, das ist noch gar nichts! Nein, uns ist noch etwas ganz anderes widerfahren, das noch weit schlimmer ist. Kaum, daß der Gerichtsdiener fort war, kam ein Kammermädchen geradewegs in mein Zimmer, ohne sich melden zu lassen, und sagte folgende spöttische Worte: Ein Compliment von meiner Herrschaft, sie nähme herzlichen Antheil an der Unannehmlichkeit, welche uns betroffen, und bäte, die gnädige Frau wollte doch dies seidene Kleid nicht zurückweisen, es wäre erst zweimal getragen. – Aber nein, die Wuth erstickt mir die Stimme! (Ab.) 404 Fünfte Scene. Don Ranudo , im schwarzen Trauermantel. Leonora . Pedro . (Wie die beiden letzteren ihn sehen, fallen sie auf die Kniee und bekreuzigen sich.) Don Ranudo . Ei, nicht doch, Kinderchen, das ist der Demuth zu viel, ich bin ja doch kein Heiliger, ein hochgeborner Edelmann bin ich allerdings, aber immerhin ein Mensch. Pedro . Ach, seid Ihr es, gnädiger Herr? Don Ranudo . Nun, das siehst Du ja, steh' nur auf, ich verlange eine derartige Verehrung von meinen Dienstleuten nicht. Pedro . Aber es ist auch, weiß Gott, nicht aus Demuth geschehen, sondern weil ich dachte, der gnädige Herr wäre ein Gespenst. Don Ranudo . Ja freilich, das macht der schlechte Mantel, den ich umhabe. Indessen so wahr ich Don Ranudo de Colibrados heiße, so soll das nicht ungerächt bleiben, was mir heute passirt ist, sondern meine Gläubiger sollen vernichtet werden, sammt ihren Frauen und Kindern. Was meinst Du wol, wenn das angezeigt wird, ob die Uebelthäter nicht an Vermögen und Gütern bestraft, der gesammten Stadt aber ihre Privilegien entzogen werden? Pedro . Ach, gnädiger Herr, nur die Stadt bitte ich zu verschonen, was können andere ehrliche Leute dafür? Don Ranudo . In solchen Fällen leidet der Unschuldige mit dem Schuldigen. Pedro . Aber wenn solch ein vornehmer Mann, wie der gnädige Herr, eine Fürbitte für die Stadt einlegt, so wird sie gewiß verschont. Don Ranudo . Gut, Pedro, wenn es so weit ist, so werde ich sehen, was sich thun läßt. Pedro . Ich danke dem gnädigen Herrn im Namen der Stadt. Don Ranudo . Aber was war das für ein Frauenzimmer. das hier eben weglief? Pedro . Das war das Kammermädchen bei dem Prinzen, der hier angelangt ist. 405 Don Ranudo . Wie nennt sich der Herr? Leonora . Er nennt sich Melchior Caspar Balthasar Theophrastus Bombastus Uriel David Georgius, Prinz von Aethiopien. Don Ranudo . Alle Wetter! Aber woher kennt ihn das Kammermädchen? Leonora . Ihre Herrschaft, nämlich die Mutter des gedachten Herrn und Schwester des Kaisers, will nicht haben, daß sie mit Dienstboten aus andern Häusern umgeht als allein aus unserm, und deshalb machte sie mir die Visite. Don Ranudo . Das gefällt mir, die Leute wissen, merke ich, was sich schickt; denn, die Wahrheit zu sagen, ist im Uebrigen in der That in der ganzen Stadt nicht eine Familie, mit der man umgehen kann. Leonora . So viel ich merke, ist jedoch noch etwas anderes dabei im Spiel. Wie das Kammermädchen nämlich zu verstehen gab, ist mehrgedachter Prinz lediglich zu dem Ende hergekommen, um sich mit uns näher zu verbinden und unser Fräulein zu heirathen. Er ist nicht allein ein sehr mächtiger, sondern auch ein höchst christlicher Prinz, was Ihr schon daraus merken könnt, daß er nach den heiligen drei Königen getauft ist. Don Ranudo . Wäre es möglich, Leonora? Ruf' schnell die gnädige Frau, damit sie es ebenfalls erfährt! Sechste Scene. Donna Olympia . Die Vorigen . Donna Olympia . Ach, Don Ranudo, ich schäme mich, in dieser bürgerlichen Tracht mich sehen zu lassen. Leonora (bei Seite) . Das ist meiner Treu ein altes Kleid von mir, das die gnädige Frau an hat. Don Ranudo . Nur gemach, Donna Olympia! Soeben ist ein mächtiger Prinz angekommen, der mit unserer Familie in Verbindung treten will. 406 Donna Olympia . Vermuthlich einer von den neu creirten Prinzen? Don Ranudo . Im Gegentheil, einer der ältesten in der Welt. Er stammt geradewegs von der Königin von Saba; es ist ein äthiopischer Prinz, Leonora weiß den Namen. Leonora . Er heißt Melchior Caspar Balthasar Theophrastus Bombastus Uriel David Georgius. Donna Olympia . Ist es möglich?! Leonora . Ich glaube ganz sicher, er macht noch heute Visite bei uns. Nur Eines macht mich besorgt: das gnädige Fräulein wird ihn nicht mögen, weil er nämlich schwarz ist. Donna Olympia . Das hat nichts zu sagen, wenn er nur von richtigem alten Adel ist. O welch ein Glück! Don Ranudo . Aber ich kann doch nicht einen solchen Herrn in diesem Aufzuge empfangen. Höre, Pedro, hier ist ein fremder Prinz angekommen, der unsere Tochter zur Ehe begehrt, und zwar ein Prinz aus Mohrenland. Pedro . Pfui, will der gnädige Herr sein Fräulein Tochter einem Tartaren an den Hals werfen? Don Ranudo . Das will nun weiter nichts helfen, sie kommt dadurch in einen ganz vornehmen Stand. Aber wo soll ich einen Anzug herbekommen? Pedro . Nur ein klein wenig Geduld, gnädigster Herr, ich werde augenblicks einen Anzug schaffen, ich werde ihn auf meinen Namen borgen. Don Ranudo . Aber nur hübsch schnell, lieber Pedro! Pedro . Ich bin im Augenblick wieder da. (Geht ab.) Don Ranudo . Aber was klopft da an der Thüre? Donna Olympia . Lauf', Leonora, und sieh zu, was es ist. Leonora . Ach, der Dolmetscher des Prinzen ist draußen und wünscht die gnädige Herrschaft zu sprechen. Don Ranudo . Ach, ist es möglich?! Was sollen wir nun anfangen? Ihr müßt sagen, Leonora, wir wären nicht zu Hause. Donna Olympia . Nein, wahrhaftig, das geht nicht, den 407 Boten eines solchen Herrn darf man nicht vor den Kopf stoßen, wir müssen etwas anderes ausdenken. Don Ranudo . Aber hier ist nichts auszudenken, ich kann mich doch in diesem Anzug nicht sehen lassen? Leonora . Mir fällt etwas ein, das kann uns vielleicht doch noch helfen: der gnädige Herr muß sich krank stellen und sagen, der Doctor hätte ihm gerathen, solchen Mantel umzubinden, das wäre bei dieser Art Krankheit ein besonders kräftiges Heilmittel. Don Ranudo . Nein, das geht nicht. Leonora . Oder noch etwas anderes: der gnädige Herr kann sich ja stellen, als ob er seinen Leib kasteiete, um Pönitenz zu thun, und da hätte er diesen Mantel daher aus lauter Frömmigkeit angezogen. Don Ranudo . Ja, das geht, Leonora, laß ihn nur sofort hereinkommen. Siebente Scene. Der Dolmetsch . Die Vorigen . Leonora . Der Herr wolle sich nicht verwundern über die Situation, in welcher er meine gnädige Herrschaft findet. Mein gnädiger Herr, Don Ranudo, ist nicht nur der vornehmste Mann in der Stadt, sondern auch der frömmste; nach König Nabuchodonosors Vorgang hat er sich dermaßen gedemüthigt, daß er einem wilden Thiere ähnlicher sieht als einem Menschen und hat sich vorgesetzt, seiner Sünden halber seinen Leib volle vierzehn Tage lang zu kasteien. Anfangs beschloß er barfuß zu gehen, doch schien ihm diese Art der Buße nicht hinreichend, so daß er endlich die wahrhaft königliche Resolution faßte, sich eben so tief zu erniedrigen wie einst Sanct Nabuchodonosor, von dem er übrigens, so viel mir bekannt, selbst abstammt. Seine Familie ist nämlich beinahe die älteste in ganz Spanien. Eigentlich wollte er auch auf allen Vieren kriechen, wie Nabuchodonosor, doch haben wir ihn sämmtlich durch kniefälliges Bitten und Seufzen und Weinen davon abgebracht. Und auch das würde 408 uns nicht gelungen sein, hätte nicht der Erzbischof selbst nebst der gesammten Clerisei ihn durch eine Deputation ermahnen lassen, seinen frommen Eifer ein wenig zu mäßigen. Der Dolmetsch . Ach, Don Ranudo, es giebt also, wie ich merke, nicht nur große Helden in der Colibradosschen Familie, sondern auch große Heilige. Don Ranudo . O nein, mein Freund, davon bin ich sehr weit entfernt, mich für einen Heiligen auszugeben, ich bin im Gegentheil überzeugt, daß ich der größte Sünder bin und daß, wenn meine Buße meinem Verbrechen gleich kommen sollte, diese Züchtigung noch lange nicht hinreichend wäre. Der Dolmetsch . Gerade an diesem Bekenntniß, Don Ranudo, erkennt man den Heiligen; denn sowie ein Heiliger erst selbst daran glaubt, daß er ein Heiliger ist, so ist er kein Heiliger mehr. Aber wo ist Donna Olympia, Dero Frau Gemahlin? Don Ranudo . Dort steht sie in der Gestalt einer gemeinen Bürgersfrau, in eben der Erniedrigung, in der wir beschlossen haben, volle vierzehn Tage zu verharren. Der Dolmetsch . Ich darf darüber nicht streiten, vielleicht ist irgend eine außerordentliche Missethat die Veranlassung zu dieser außerordentlichen Buße. Don Ranudo . Ich hatte vorgestern einen häßlichen, unanständigen Traum, ich beging im Schlaf eine vollständige Sünde, und das ist der Grund, weshalb ich mich dieser Buße unterwerfe. Der Dolmetsch . Ah, dafür allein schon verdient Ihr heilig gesprochen zu werden. Im Uebrigen bin ich hierher gekommen, Euer Wohlgeboren anzuzeigen, daß der hochgeborene Prinz von Abyssinien, mein gnädiger Herr, in hiesiger Stadt angekommen ist. Doch ist dies weder mein einziger, noch mein vornehmster Auftrag, vielmehr erschien ich hier hauptsächlich, eine Allianz zwischen Dero hohen Häusern in Vorschlag zu bringen und Dero werthe Tochter, Fräulein Maria, für meinen gnädigen Herrn zur Ehe zu begehren. Don Ranudo . Ein recht ehrenvoller Antrag. Allein dürfte ich Seine Excellenz wol fragen, wie der Prinz auf diesen Gedanken gekommen ist? 409 Der Dolmetsch . Die Veranlassung, um Dero willen Seine Durchlaucht sich auf eine so weite Reise begeben haben, ist diese: in Aethiopien oder Abyssinien sind zwar der Kaiser sowol wie die Unterthanen Christen, allein in einigen Punkten weichen sie doch von dem Lehrbegriff der römischen Kirche ab. Und aus diesem Grunde sind auch zahlreiche portugiesische Jesuiten hingeschickt worden, um Abyssinien dem römischen Stuhle wieder zu gewinnen. Durch die Vorstellungen und Predigten dieser Jesuiten ist mein gnädiger Herr nun dermaßen gerührt und überzeugt worden, daß er unter den Jesuiten selbst für einen durchaus rechtgläubigen Katholiken gilt. Auch seinem Oheim, dem Kaiser, ist dieser Umstand gar wol bekannt, doch läßt er ihm nicht nur, wie allen Uebrigen, volle Gewissensfreiheit, sondern er hat ihm auch gestattet, sich nach Belieben eine hochadlige Dame aus Spanien oder Italien auszusuchen. Zu diesem Ende hat er mich, Jago de las Cores, seinen vornehmsten Dolmetsch und einen gebornen Spanier, um Rath gefragt und hat sich bei mir nach den vornehmsten spanischen Familien erkundigt, unter denen ich Seine Durchlaucht denn sofort auf das Colibradossche Haus aufmerksam gemacht habe, als das erste und älteste katholische Haus in Spanien und somit in ganz Europa. Nur bei uns in Abyssinien sind allerdings Familien, die bedeutend älter sind; der Stammbaum Seiner Durchlaucht geht Mann für Mann bis auf die Königin von Saba zurück, seine ersten christlichen Ahnen aber waren die heiligen drei Könige. Don Ranudo . So weit freilich reicht mein Stammbaum nicht. Leonora . Das kann Euer Wohlgeboren nicht wissen; verschiedene gelehrte Männer habe ich bereits so unter der Hand davon sprechen hören, daß die Colibradosse in gerader Linie von einem Sohn Noahs herkommen mit Namen Sem, Ham und Japhet. Don Ranudo . Das ist auch gar nicht unwahrscheinlich; schade nur, daß es in alten Zeiten nicht gehörig aufgezeichnet worden ist. Der Dolmetsch . Das Einzige, was Dero Wohlgeboren vielleicht abhalten könnte, meinem gnädigen Herrn Dero Tochter zu geben, ist, daß Seine Gnaden gerade so schwarz sind wie die Mohren überhaupt. 410 Don Ranudo . Das hat nichts zu sagen, die Spanier haben ja auch einen kleinen Stich ins Schwärzliche. Der Dolmetsch . Ich habe ebenfalls keinen Anstand genommen, eine Eingeborene zu heirathen, nämlich die Helicon Comtra, dermalen Oberleibwaschfrau des Kaisers, ein Amt, das in Abyssinien nur stets die allervornehmsten Damen bekleiden. Euer Wohlgeboren weiß ja, jedes Land hat so seine eigenen Manieren. Das Befremdlichste indessen, das Einem in Abyssinien aufstößt, ist doch die Sprache, die nicht sowol eine Sprache ist als ein Gesang. Als zum Exempel: spreche ich das Wort Tahunki im Baß aus, so bedeutet es einen Tisch; eine Terz höher »Tahunki« bedeutet es einen Berg; noch einen Ton höher »Tahunki« bedeutet es eine Kirche und endlich noch einen Ton höher »Tahunki« bedeutet es einen Elephanten. Don Ranudo . Alle Wetter, die Sprache lernt meine Tochter im Leben nicht. Der Dolmetsch . Binnen hier und einem Jahre wird sie dieselbe so geläufig sprechen wie eine eingeborene Abyssinierin. Don Ranudo . Ich fürchte nur, meine Tochter wird die große Hitze nicht vertragen können, die in Abyssinien herrscht. Der Dolmetsch . Ei, in der kaiserlichen Residenz ist ein ganz temperirtes Klima. Aber unter dem Volke, da giebt es allerdings welche, die unter der Linie wohnen, und da ist es denn freilich so heiß, daß man Schwefelfaden an ihnen anzünden kann; ja wenn sie ihr Essen kochen wollen, so brauchen sie blos aufs Holz zu niesen, da haben sie sofort Feuer. Don Ranudo . Wunderbar! Der Dolmetsch . Ja allerdings, die Natur ist sehr wunderbar. Auf Eines aber muß ich noch aufmerksam machen, nämlich, daß der gnädige Herr, wenn der abyssinische Prinz zu ihm kommt, die Güte hat, das Haupt zu entblößen und die erste Verbeugung zu machen, das ist eine Ehrenbezeigung, die er von allen Unterthanen fremder Fürsten fordert, welche nicht selbst aus königlichem Blute stammen. Don Ranudo . Nein, dazu entschließe ich mich nimmermehr! Was? Ein Colibrados, ein Grand d'Espagne, der das 411 Privilegium hat, bedeckten Hauptes mit dem König von Spanien selbst zu sprechen, sollte vor einem fremden Prinzen den Hut abnehmen? Leonora (bei Seite) . Das ist doch um die Schwerenoth zu kriegen! Aber es ist echt spanisch; er ist so arm, daß er weder Mütze, noch Hut hat, und doch weigert er sich, sein Haupt zu entblößen. Der Dolmetsch . Dann wird aus der Sache freilich nichts werden können; es ist dies die einzige Bedingung, unter welcher Seine Gnaden sich zu einer Zusammenkunft herbeiläßt. Don Ranudo . Ich bedaure, daß aus solcher ansehnlichen Heirath nichts werden soll, will jedoch lieber vor Armuth sterben, als irgend etwas thun, was der Hoheit meines Ranges zum Präjudiz gereichen könnte. Leonora (bei Seite) . Wie gesagt, echt spanisch! Donna Olympia . Und wenn Don Ranudo sich dazu überreden ließe, so würde ich sofort auf Scheidung von Tisch und Bett antragen. Don Ranudo . Wieder ein Ausspruch, der mit goldenen Buchstaben über die Thüre unseres Vorsaales geschrieben zu werden verdient. Leonora (bei Seite) . Ja richtig, mit gewissen andern Buchstaben an einem gewissen andern Flecke. Der Dolmetsch . So sehe ich denn wol, daß Seine Gnaden unverrichteter Sache wird abreisen müssen. Don Ranudo . Das bedaure ich, kann mich aber nicht dazu entschließen, und wenn ich mich damit vom Tode erretten könnte. Donna Olympia . Mit der Muttermilch haben wir das Bewußtsein unseres Standes eingesogen. Leonora (bei Seite) . In der That, erzspanisch! Don Ranudo . Lieber mag meine Tochter ins Kloster gehen. Leonora (bei Seite) . Und ihr beide in den Narrenthurm. Der Dolmetsch . So muß ich mich denn empfehlen und die abschlägige Antwort Seiner Durchlaucht hinterbringen. (Ab.) Don Ranudo . Nun, Leonora, was sagst Du nun? Wissen wir nicht für unsere Ehre gut zu stehen? 412 Leonora . Ja allerdings, so gut steht Ihr, daß Ihr sie mit Füßen tretet. Denn was die Herrschaft Ehre und schuldigen Respect nennt, das rechnen Andere vielmehr für unauslöschlichen Spott, Schimpf und Schande. Dieser Hochmuth geht wirklich zu weit, eine ganze Komödie könnte man davon schreiben. Das Schönste dabei ist, daß der gnädige Herr gar keinen Hut hat. Don Ranudo . Höre, Leonora, um Deiner langjährigen treuen Dienste willen muß man Dir schon etwas durch die Finger sehen. Leonora . Das Reden müssen Euer Gnaden mir schon frei lassen, denn seit vier Jahren bekomme ich geringe Kost und keinen Lohn. Achte Scene. Pedro . Die Vorigen . Pedro . Hier ist ein Rock, gnädiger Herr, ich habe aber heilig versprechen müssen, ihn binnen hier und drei Tagen wiederzubringen. Don Ranudo . Ja nun ist das zu spät, des Prinzen Dolmetsch war hier, ist aber unverrichteter Sache wieder fortgegangen, so daß aus der Partie nichts wird. Donna Olympia . Es wird vielleicht doch noch was; wir können nicht wissen, ob der Prinz nicht von seinen Prätensionen absteht und noch einmal herschickt. Laßt uns unterdessen fortgehen. (Sie gehen fort.) Pedro . Was ist denn der Grund, Leonora, daß die Herrschaft auf einmal anderen Sinnes geworden ist? Leonora . Der gnädige Herr wollte sich ein für allemal nicht entschließen, den Prinzen mit entblößtem Haupte zu empfangen. Pedro . Aber was soll auch dieses närrische Verlangen? Leonora . Damit sie ihn desto sicherer für einen Prinzen halten. Laß mich nur sorgen, es wird schon alles gut gehen. Der falsche Prinz kann seine Prätensionen ja jederzeit 413 zurücknehmen. Aber hier kommt der gnädige Herr zurück, und zwar umgekleidet. ( Don Ranudo und Donna Olympia kommen zurück.) Don Ranudo . Nein, wie groß unsere Armuth auch sei, so werde ich mich doch dazu niemals herbeilassen. Donna Olympia . Ei was Armuth, das ist auch so ein Wort, das die gemeinen Leute im Munde führen; Leute von unserem Range sind niemals arm. Pedro . Aber wenn die gnädige Herrschaft nun Hungers stürbe, wie sollte man das nun mit offenen ehrlichen Worten nennen? Donna Olympia . Vor Hunger sterben ist noch nicht vor Armuth sterben, man nennt das vielmehr einen heroischen Tod, und edelgesinnte Herzen wählen denselben freiwillig, ehe sie sich erniedrigen. Pedro . Ich fürchte nur, der gnädigen Herrschaft wird man aufs Grab schreiben: Hier ruhet Don Ranudo mit seiner hochgeborenen Frau Gemahlin; um der Armuth zu entgehen, starben sie vor Hunger. – Aber sieh da, da kommt der Abgesandte wieder! Neunte Scene. Der Dolmetsch . Die Vorigen . Der Dolmetsch . Seine Durchlaucht, mein gnädigster Herr, fühlen sich durch Euer Wohlgeboren Widerstand nicht im mindesten beleidigt, im Gegentheil, sie bewundern diese Hochherzigkeit um so mehr und achten Euer Wohlgeboren um so höher, überlassen es auch Dero eigenem Ermessen, ob Sie ihm die verlangte Ehrenbezeigung erweisen wollen oder nicht. Don Ranudo . Sintemalen der Prinz es nicht als ein Recht verlangt, so will ich mich aus freien Stücken dazu herbeilassen. Donna Olympia . Wie? Don Ranudo . Ja, Donna Olympia, wir können jedem selbst die größte Ehre gewähren, sobald sie uns nicht abgezwungen wird, das heißt dann blos Höflichkeit, nicht 414 Schuldigkeit. Aus der spanischen Chronik kann ich Euch beweisen, daß Einer unserer Ahnen, Don Sancho, den Hut abzog vor einem gemeinen Soldaten, der in der großen Feldschlacht bei Xeres de la Frontera acht Mohren niedergemacht hatte. Der Dolmetsch . So gratulire ich Euer Wohlgeboren denn zu dieser großen und glänzenden Schwägerschaft und werde in Zeit einer Stunde die Ehre haben, Seine Durchlaucht mit Ihrem ganzen Gefolge herzuführen. 415 Fünfter Akt. Erste Scene. Leonora . Gusman . Gusman . Aber, Leonora, was wird nur der verliebte Gonzalo dazu sagen, daß seine Liebste nach Mohrenland ziehen soll? Daß sie aus Gefängniß, Hunger und Armuth zu Hoheit und Wohlstand gelangt, freut mich allerdings aufrichtig, aber um Gonzalo's willen wäre es mir doch lieber, diese Partie zerschlüge sich. Leonora . Nein, Gusman, diese Partie ist besser. Gusman . Ich sehe schon, Du bist eine Wetterfahne und hast Deine Mucken wie alle Kammermädchen. Leonora . Ei Thorheit! Wenn das gnädige Fräulein selbst ganz zufrieden damit ist – Gusman . Aber hilf Himmel, wie kann sie sich nur entschließen, einen Schwarzen zu nehmen?! Leonora . Es ist ein christlicher und tugendhafter Prinz aus einem gebildeten Lande, ich für meine Person bleibe bei dem Fräulein und begleite sie, wohin es ist. Gusman .. So begleite ich sie meiner Seele ebenfalls. Leonora . Nun versteht sich! Gusman . So bleiben wir also in demselben Dienst, und das ist mir höchst erwünscht. Denn ich liebe Dich, Leonora, und hänge an Dir wie der Doctor am Fieber; denkst Du wie ich, so können wir uns nur auf dem Fleck verloben, und in kürzester Zeit wirst Du meine Frau. Lange warten taugt uns 416 beiden nicht, und obenein habe ich noch meinen ganz besondern Grund, mich baldmöglichst zu verheirathen. Leonora . Ei Du Tölpel, weißt Du auch, daß Du mit einer spanischen Jungfrau sprichst und weder in Frankreich, noch in Deutschland bist, wo man heute sagt: wollt ihr mich haben? und morgen Hochzeit hält, ja wo man schon vor der Hochzeit so bekannt mit einander wird, daß man sich in der Brautnacht nichts Neues mehr zu sagen hat? Willst Du Dir meine Liebe erwerben, so mußt Du es hübsch machen, wie es hier zu Lande Mode ist. Erst mußt Du ein ganzes Jahr umhergehen und seufzen und in Alteration gerathen, wenn Du mich siehst; von Zeit zu Zeit mußt Du auch den Anschein haben, als wolltest Du Dich aus Liebe aufhängen, ohne bei alledem merken zu lassen, wem das gilt, vielmehr muß ich das ganz von selbst errathen. Später darfst Du Dich dann auch bei mir in Gunst zu setzen suchen, indem Du unter meinem Kammerfenster Musik machst und verliebte Lieder singst; wenn ich Dich aber mit Scheltworten hinwegweise und Dir Wasser über den Kopf gieße, so mußt Du das ruhig ertragen. Demnächst mußt Du durch Geld den Beistand eines alten Weibes erkaufen, das eine gute Freundin von mir ist, damit es Dich gegen mich herausstreicht, auf bewegliche Weise die traurige Lage schildert, in die Deine Liebe Dich gebracht hat, und mir zuredet, aus Christenliebe Dein Leben dadurch zu fristen, daß ich Dich gnädig ansehe und von Zeit zu Zeit ein Gedicht von Dir annehme, das Du mit Deinem Blute geschrieben hast; sodann Geschenke von Dir anzunehmen, dann mit Dir durchs Fenster zu sprechen und endlich Dich in meine Kammer einzulassen. Gusman . Du hast Recht, Leonora, so sollte es sein, aber die Zeit wartet nicht, und in weniger als fünfzig Jahren könnte ich mit diesen Weitläufigkeiten nicht zu Stande kommen; es fehlt blos noch, daß Du mir räthst, mich aus Liebe ernstlich aufzuhängen. Nein, Leonora, ich weiß, was besser ist und wie wir in aller Schleunigkeit ein Paar werden können, ohne gegen die Gebräuche des Landes zu verstoßen. Du mußt nur hübsch mal des Nachts Deine Kammerthüre offen lassen und mußt Dich 417 stellen, als ob Du im allertiefsten Schlafe lägest; dann schleiche ich mich hinein und beschlafe Dich. Dabei kannst Du immerhin um Hülfe rufen, aber nur nicht so laut, daß es Einer hören kann. Habe ich Dich dann auf diese Weise erobert, so folgt daraus ganz nothwendig, daß Du die Hochzeit beschleunigst, um Deine Ehre wieder zu erhalten, die ich Dir auf so betrügerische und gewaltsame Manier geraubt habe. Leonora . Sei doch still, Gusman, mit solchem Gewäsche, ich sage es sonst wahrhaftig der Herrschaft, und da sollst Du dann Dein böses Maul schon büßen. Gusman . Es war ja nur ein Vorschlag, Leonora, Du kannst ja noch immer thun, was Dir beliebt, und endlich thut mir das Heirathen ja auch noch nicht so sehr noth. Leonora . Mir wahrhaftig auch nicht. Gusman . Siehst Du, Leonora, da kommen wir ja doch zusammen. Aber hier ist Donna Maria, ich kann ihren Anblick nicht ertragen, das Herz im Leibe blutet mir, wenn ich denke, daß sie einen schwarzen Prinzen kriegen soll. Ich mache mich also davon. (Ab.) Zweite Scene. Donna Maria . Leonora . Pedro . Donna Maria . Ach, Leonora, der Anschlag, den Du ersonnen, ist zwar unvergleichlich, dennoch fürchte ich, er wird entdeckt, bevor der Ehecontract noch unterzeichnet ist. Leonora . Wenn wir uns nicht selbst verrathen, wird er schwerlich entdeckt. Deshalb habe ich auch dem Gusman nichts davon gesagt, er ist ein Schwachkopf und könnte uns verrathen. Donna Maria . Aber ist das nicht ein Jammer, daß meine Eltern so blind vor Hochmuth sind, daß sie lieber Hungers sterben, als ihre Tochter einem ehrenwerthen Manne geben, der nicht nur das Vermögen, sondern auch den Willen hat, ihm wieder aufzuhelfen, blos weil sein Rang um eine Kleinigkeit geringer ist? 418 Leonora . Das ist der verfluchte Hochmuth, der hier zu Lande regiert. Daher kommt es auch, daß im Auslande spanisch so viel heißt wie hoffärtig. Donna Maria . Nein, Leonora, die Landesart ist das nicht, das hieße unserer Nation Unrecht thun. Es ist allerdings richtig, daß es eine ganze Menge solcher Leute in Spanien giebt, doch darf man deshalb noch nicht einen Charakterzug der gesammten Nation daraus machen. Denn nichts ist in der That unbilliger, als nach dem Betragen Einzelner sich das Bild einer ganzen Nation entwerfen. Auf diese Weise geschieht es, daß eine und dieselbe Nation bald als gut, bald als schlecht dargestellt wird. Hat man das Glück, die kurze Zeit, die man im Lande ist, mit honneten Leuten in Berührung zu kommen, so heißt nachher das ganze Land honnet. Giebt es dagegen in der Gegend, wo man eingekehrt ist, stolze und hoffärtige Menschen, so werden bei der Rückkehr ganze Bücher davon geschrieben, daß das ganze Land voll Hoffart steckt. Wenn meine Eltern z. B. so thöricht sind, daß sie lieber vor Armuth sterben, als ihre Tochter in eine Familie verheirathen wollen, die nach ihrer Ansicht nicht ganz so vornehm ist wie sie selber, darf man darum wol das ganze Land dieses Lasters beschuldigen? Nein, das wäre unbillig; die meisten Menschen in der Stadt verdammen sie sogar deswegen und werden sich freuen, wenn unser Anschlag gelingt. Pedro . Das gnädige Fräulein hat vollkommen Recht; auch beweist sie selbst ja durch ihr eignes Beispiel, daß keineswegs alle mit diesem Laster befleckt sind. Aber sieh da, da ist die gnädige Herrschaft. Dritte Scene. Don Ranudo . Donna Olympia . Donna Maria . Eugenia . Leonora . Pedro . Gusman . Don Ranudo . Endlich, meine Tochter, hat der Himmel Dir einen Bräutigam bescheert, dessen Hand Du annehmen 419 kannst, ohne Deine Familie zu erniedrigen; der Gemahl und Herr, den ich Dir bestimmt habe, ist Theophrastus Bombastus, der große Prinz von Aethiopien. Pedro . Alle Wetter, schon an dem einen Wort Bombastus hört man, was das für ein Mann sein muß! Don Ranudo . Es ist gerade solch ein braver und tugendhafter Herr, wie die Prinzen von Aethiopien von jeher gewesen sind. Pedro (bei Seite) . Das hat nichts zu sagen, wenn er nur vornehm ist. Don Ranudo . Auch soll er von wohlgefälligem Aeußern sein. Pedro (bei Seite) . Das thut ebenfalls nichts, und wenn er weder Nase, noch Ohren hätte, wenn er nur blos ein Prinz ist. Don Ranudo . Er soll auch ein sehr reicher und mächtiger Prinz sein. Pedro (bei Seite) . Ei, der braucht keinen Reichthum, in dem einen Wort Bombastus steckt ja schon ein ganzes Vermögen. Donna Maria . Ich danke meinen werthen Eltern für die Fürsorge, die sie für mich gehegt haben; denn allerdings ist es jederzeit mein Vorsatz gewesen, lieber ins Kloster zu gehen, als mich mit jemand von mittelmäßiger Herkunft zu vermählen. Donna Olympia . Ach, Don Ranudo, dieser Ausspruch unserer Tochter sollte mit goldenen Buchstaben verzeichnet und als Inschrift über alle vornehmen Häuser gesetzt werden. Aber freilich, aus diesem Colibradosschen Stamme konnte nur ein solcher Sprößling erwachsen. Leonora . Wäre das gnädige Fräulein auch geneigt gewesen, einen von mittelmäßiger Herkunft zu nehmen, so würde ich doch niemals meine Zustimmung dazu gegeben haben; lieber wäre ich gestorben, als daß ich so etwas mit angesehen hätte. Don Ranudo . Du sollst Dank haben, Leonora, für Deinen Eifer; Du bist von jeher ein treues Mädchen gewesen, voll Ehrerbietung für Deine Herrschaft. Pedro . Wahrhaftig, so lange ich den Kopf noch zwischen den Schultern trage, so lange hätte ich ebenfalls nicht zugegeben, daß unser gnädiges Fräulein einen Mann genommen hätte wie 420 diesen Gonzalo de las Minas, und wenn er noch reicher gewesen wäre, als er ist. Wie ich zuerst von dem Antrag hörte. den seine Schwester gethan, da habe ich mich doch auf mein Wort dermaßen geärgert, daß ich es noch nicht verwunden habe; noch jetzt sitzt mir davon so was im Rücken, das auch nicht für die Langeweile ist. Au, au, au! Das reißt mich jedesmal, so oft ich daran denke. War das nicht unverschämt, daß ein Kerl wie er sich unterfing, um ein Colibradossches Fräulein anzuhalten? Denkt er, meine gnädige Herrschaft ist so hinter das Geld her, daß sie sich so weit erniedrigte? Was bildet der Lump sich nur eigentlich ein? Hätte ich ihn zu packen gekriegt, umgebracht hätte ich ihn auf der Stelle! Nein, ehe ich das zugelassen hätte, hätte ich lieber das ganze Haus in Brand gesteckt und hätte alle zusammen verbrannt, den gnädigen Herrn, die gnädige Frau, das gnädige Fräulein und mich selbst. Donna Olympia . Solche Diener verdienen solche Herrschaft, und solche Herrschaft verdient solche Diener. Don Ranudo . Seine Worte gefallen mir, insofern ein ungewöhnlicher Eifer daraus hervorleuchtet. Im Uebrigen aber scheint es mir doch kein besonderes Verdienst, seine Herrschaft verbrennen zu wollen. Pedro . Und doch würde die Asche der gnädigen Herrschaft, wenn sie hätte sprechen können, mir Dank dafür gesagt haben, es wäre ein heroischer Tod gewesen, und alle Welt würde gesagt haben: sie lebten heroisch und starben heroisch. Der Ruf, in dem man steht, ist ja doch das theuerste Kleinod in der Welt; ist das fort, was können Reichthum und Wohlleben nützen? – Das ist meine wahre Herzensmeinung, habe ich sonst anders gesprochen, so habe ich in Scherz gesprochen. Don Ranudo . Gewiß, Pedro, auch ich bin überzeugt, daß, wenn Du zuweilen anders gesprochen, Du es allein gethan hast, um uns zu amüsiren. Pedro . So ist es, auf mein Wort. Aber ein Hofnarr kann auch einmal ehrbar sein, und wenn es sich um den Respect handelt, den ich der gnädigen Herrschaft schuldig bin, so meine ich es immer im Ernste. 421 Don Ranudo (Greift in die Tasche) . Sieh da, Pedro, da hast Du einen Rosenobel, weil Du so brav gesprochen. Aber richtig, da fällt mir ja ein, daß ich nicht so viel Geld bei mir habe; Du behältst den Rosenobel aber gewiß zu Gute und sogar noch mehr als den. Pedro (bei Seite) . Der gnädige Herr hat vermuthlich keine Hosen an, sonst hätte ich ihn gewiß gleich gekriegt. Don Ranudo . Bekommst Du ihn aber nicht, so sollst Du dafür etwas Besseres bekommen. Pedro . Und was, gnädiger Herr? Don Ranudo . Ich werde Sorge tragen, daß, wenn die Historie unseres Hauses geschrieben wird, was nächstens von einem unserer Clienten geschieht, auch Dein Name mit verdienter Auszeichnung darin genannt wird. Pedro . Alle Wetter, was habe ich nun wol noch für Noth?! Aber seht da, da kommt der Prinz. Gusman . Ach, wenn ich doch nun Aethiopisch könnte, ich hätte verschiedene Fragen an ihn zu richten. Ich habe mir so mancherlei von diesem Lande erzählen lassen, besonders von dem rothen Meere und dem großen Fluß Seine, der mitten hindurch fließt und voll Goldsand ist. Don Ranudo . Ei, dummes Zeug, Du Narr, die Seine fließt ja bei Paris in Frankreich. Gusman . Ich muß den gnädigen Herrn um Verzeihung bitten, ich habe mit diesen meinen eigenen Augen in einer Tragödie diese Woche gelesen: die Scene ist im Mohrenland. Aber hier ist er – ach, gnädiger Herr, der führt seinen Namen mit Recht, schon sein bloßer Anblick wirkt auf mich wie eine Bombe, so daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann! Aber schickt sich das wol für den gnädigen Herrn, ihm entgegenzugehen? Don Ranudo . Vollkommen. Aber allerdings ist es auch der einzige nichtregierende Herr, dem ich die Ehre erweise. Pedro . Ich muß mir nur die Brille aufsetzen. Gusman . Und ich ebenfalls. Nun, hoffe ich, wird die gnädige Herrschaft uns Revanche verschaffen an dem Gerichtsdiener, der uns auf so schmähliche Weise ausgeplündert hat. 422 Don Ranudo . Wer würde wol so niedrig sein, jetzt noch an dergleichen zu denken? Gusman . Inzwischen aber bin ich doch das Wenige los, das ich hatte. Ich werde wahrhaftig Seine äthiopische Durchlaucht ersuchen, den Stadtvogt mitsammt Bürgermeister und Rath aufhängen zu lassen, wenn sie mir meine Sachen nicht wiederschaffen. Don Ranudo . Du wirst schon für Deine Sachen entschädigt werden, auch ohne den Prinzen. Gusman . Aber, gnädigster Herr – Leonora . Ei, halt' den Mund, Gusman, denkst Du etwa, Aethiopien soll wegen Deiner Schuhe und Hosen Spanien den Krieg erklären? Jetzt ist nicht mehr die Zeit, von solchen Lumpereien zu sprechen. Aber was höre ich da für einen Lärm? Sieh da, da kommt wahrhaftig der Prinz in voller Procession! Vierte Scene. Der Prinz nebst Gefolge . Notarius . Die Vorigen . Der Prinz zieht in Procession herein mit seinem ganzen Gefolge, welches aus lauter Mohren besteht. Während der Zug dreimal um die Bühne geht, wird eine wunderliche Musik aufgeführt. Der Zug ist folgendermaßen geordnet: 1) Trägt einer ein Kästchen mit Geschenken. 2) Einer mit einer Tabakspfeife, so lang wie ein Spieß. 3) Der Prinz mit einem Hofnarren, der mit Schellen behängt ist und im Umherlaufen allerhand Gesichter schneidet. 4) Andere mit Armbrüsten und Pfeilen. Endlich hält der Zug still, einer der Bewaffneten tritt vor den Prinzen, schlägt zweimal seinen Kopf gegen den Boden, überreicht dann dem Prinzen eine Armbrust nebst einem Pfeil, den er auf Ranudo abschießt, der darüber erschrickt und fragt, was das bedeuten soll. Darauf antwortet der Dolmetsch . Das ist so die Art, wie sich in Aethiopien Mannspersonen begrüßen. (Darauf tritt ein Zweiter vor und schießt einen Pfeil auf Gusman, welcher vor Schreck umfällt und um Hülfe schreit. Der Hofnarr richtet ihn wieder auf und sagt: Gostuki, Gostuko, Gostuka. ) Gusman . Das war beim Henker nichts Honnetes; ein Spitzbubenstreich war das, auf einen unschuldigen Mann zu schießen! 423 Gonzalo (der den Prinzen vorstellt) . Laham tuibu, Secomta posi, la ham hubo, la hom haba. Der Dolmetsch . Der Prinz äußert den Wunsch, daß Euer Wohlgeboren noch so viele Jahre leben mögen, als Meilen zur Sonne und Sandkörner auf dem Grunde des rothen Meeres sind. Gusman (bei Seite) . Die Sprache hat eine ausgezeichnete Kürze, die ist gut im Winter. Don Ranudo (indem er den Hut lüftet) . Ich danke Seiner Durchlaucht für Ihre Wünsche und wünsche Ihr ebenfalls den Segen des Himmels. Dolmetsch (zum Prinzen) . Allola. Gusman (bei Seite) . Das ist eine verwünschte Sprache, mit der läßt sich eine ganze Chronik auf eine Seite schreiben. Gonzalo . Lacotrang hi li li. Dolmetsch . Der Prinz sagt, daß er diese weite Reise lediglich deshalb unternommen hat, um sich mit einem hochadligen Hause zu verbinden, das der römischen Religion zugethan ist, und daß er deshalb Dero Tochter, Fräulein Maria, zur Gemahlin begehrt. Gusman . Alle Wetter, was für eine bequeme Sprache! Wenn hi li li so viel heißt, so können sie ja in eine einzige Zeile eine spanische Litanei bringen, so lang wie die ganze Fastenzeit. Don Ranudo . Ich nehme mit Vergnügen Seiner Durchlaucht Bewerbung an und übergebe Ihr meine Tochter zur Gemahlin. Dolmetsch (zum Prinzen) . Lalaks. Gusman . Was mag er wol jetzt mit Lachs wollen? (Don Ranudo führt seine Tochter vor und übergiebt sie dem Prinzen, bittet auch den Notarius, den Ehecontract aufzusetzen. Der Notarius setzt sich zum Schreiben, unterdessen schleicht sich der Hofnarr zu Gusman und zupft ihn unversehens an den Haaren.) Gusman . Ach, Herr Dolmetsch, warum zieht der mich an den Haaren? Ich habe ihm ja doch nichts zu leide gethan? Dolmetsch . Das hat nichts zu sagen, mein Freund, die 424 Hofnarren und Abyssinier sprechen nie anders als durch Zeichen; sprechen sie mit Höherstehenden, so bedienen sie sich derjenigen Art von Geberden, welche Poloki heißt, sprechen sie aber mit ihresgleichen, so bedienen sie sich wieder einer andern Art von Geberden, welche Hokipo heißt. Die Geberden, die er jetzt zu Euch machte, wollten so viel sagen: ich hoffe, wir werden gute Freunde miteinander. Gusman . Der Henker hole die Freundschaft! Ist das Freundschaft, ehrliche Leute bei den Haaren zu zupfen, was will er denn da für Geberden machen, um seine Feindschaft kund zu geben? (Der Hofnarr zupft ihn nochmals an den Haaren.) Au, au, laß mich in Frieden, Du schwarzer Hund! Dolmetsch . Durch diese letzte Geberde giebt er zu verstehen: wäre ich doch so glücklich, stets in Deiner Nähe zu sein. Gusman . Das wünsche ich keineswegs, der Teufel mag in seiner Nähe sein; diese Art Leute nennen einen so lange gut Freund, bis man auf dem Platze liegen bleibt, und das heiße ich die Menschen mit Redensarten todt machen. (Der Narr droht Gusman mit den Fäusten.) Was Teufel meint er nur, daß er mir mit Fäusten droht? Dolmetsch . Damit will er sagen, daß er Euch etwas von seiner Reise aus Mohrenland erzählen will. Gusman . Ei was, Herr Dolmetsch, sagt ihm nur, ich wäre gar nicht neugierig; ehe der zur Hälfte fertig ist, hat er mir sämmtliche Knochen im Leibe zerschlagen. (Der Narr giebt ihm Nasenstüber.) Au, au, au! Dolmetsch . Das heißt: nun fange ich an, meine Reise zu erzählen. Gusman . Na, da muß ich nur auch Anstalten machen, Hokipo zu machen. (Er zieht den Narren ebenfalls bei den Haaren, beide necken sich, bis sie endlich in Ernst zusammen gerathen, so daß sie auseinandergebracht werden müssen. Während dieser Balgerei wenden die übrigen vornehmen Personen sich an den Notarius, der inzwischen den Contract ausgefertigt hat und ihn jetzt zur Unterschrift vorlegt.) Don Ranudo . Laßt den Prinzen mit meiner Tochter 425 zuerst unterschreiben, nachher unterzeichnen wir andern als Zeugen. Dolmetsch . Nein, gnädiger Herr, im Mohrenlande sind wir das so gewohnt, daß Braut und Bräutigam zuletzt unterschreiben, und die andern lassen den Raum für ihren Namen offen. Don Ranudo . Ein jedes Land hat seinen Brauch; so wollen wir zuerst unterzeichnen, da es dort so Mode ist. (Alle unterschreiben ihren Namen, zuletzt auch Gonzalo als Prinz und Donna Maria. Die ganze Versammlung ruft Vivat , während die Trompeten blasen. Nachdem dies geschehen, wird der Contract vorgelesen.) Notarius (liest) . »Zwischen uns Endesunterzeichneten ist mit Zustimmung unserer Eltern und Anverwandten ein ewiges und unauflösliches Ehebündniß geschlossen worden, und zwar, wiewol dazu natürlicher Weise nichts erfordert wird, als die Uebereinstimmung derjenigen, die ihre Herzen solchergestalt mit reiflicher Ueberlegung zusammengeben, so haben wir doch weder das bürgerliche Gesetz, noch irgend sonstige Rücksichten vernachlässigen wollen, sondern haben vielmehr die Zustimmung unserer Verwandtschaft erlangt, welche gegenwärtigen Ehecontract gleichzeitig mit uns errichtet und unterzeichnet hat. Gonzalo de las Minas . Maria de Colibrados .«         Don Ranudo . Wie? das ist Gonzalo de las Minas?! Gonzalo (nimmt die Maske ab) . Ja, allerdings, so heiße ich. Don Ranudo . Ei, das ist ja ein Betrug, der exemplarisch bestraft werden muß! Donna Olympia . Dieser Contract muß sofort vernichtet werden! Notarius . Das geht durchaus nicht an; eine Ehe, welche dem Gesetze gemäß unter allgemeiner Einwilligung der Unterschrift vollzogen ist, kann nicht wieder vernichtet werden. Donna Olympia . Hier ist ja aber Betrug und Falschheit im Spiele! Notarius . Davon ist mir nichts bekannt; wir haben nichts gethan, was wir nicht thun durften. 426 Don Ranudo . Diese Ehe ist wegen Ungleichheit des Standes durchaus ungültig. Notarius . Von solcher Ungleichheit sehen wir nichts, es ist ein Bündniß geschlossen zwischen zwei adligen Familien; ist jedoch eine Ungleichheit vorhanden, so besteht sie darin, daß Gonzalo ein armes Fräulein ohne Mitgift nimmt. Donna Olympia . Meine Tochter stirbt lieber, ehe sie einen Mann heirathet, der nicht von demselben Stande ist wie sie. Donna Maria . Ich sterbe lieber, ehe ich mich von einem Herzen reißen lasse, das ich so lange geliebt habe. Donna Olympia . Wolan, Don Ranudo, so erkennen wir sie nicht mehr als unsere Tochter und enterben sie! Pedro . Da ist ja aber nichts zu erben, gnädiger Herr, als blos der schwarze Mantel, den Ihr vorhin anhattet. Donna Olympia . Ah, Du Spitzbube gehörst also, wie ich merke, ebenfalls mit zur Bande? Rasch, Leonora, rufe uns jemand zu Hülfe! Leonora . Das kann ich nicht thun, gnädige Frau, weil ich ebenfalls mit zur Bande gehöre und der Ueberzeugung lebe, daß die ganze Stadt sich über diese Intrigue freuen wird. Gusman . Pfui, über diese Leonora, die sie nun doch zusammengekuppelt hat! Ich dachte wahrhaftig nicht anders, als es wäre ein Mohrenprinz. Donna Olympia . Die Heirath ist nicht allein null und nichtig, sondern Ihr sollt auch für diese Betrügerei exemplarisch bestraft werden. Gonzalo . Die Heirath hat ihre vollständige Richtigkeit, indem ich nicht nur die Zustimmung der Braut, sondern auch die Unterschrift ihrer Eltern habe. Don Ranudo . Ich rufe mein sämmtliches Gesinde zu Zeugen, wie es hier zugeht. Pedro . Ich kann nur bezeugen, daß hier eine Vermählung stattgefunden hat. Leonora . Und ich kann nur bezeugen, daß das gnädige Fräulein Gonzalo schon seit Langem liebt. 427 Notarius . Kinder stehen allerdings unter Gewalt der Eltern und sind ihnen unbedingten Gehorsam schuldig, so lange die Eltern sich gegen sie betragen, wie es sich gehört und bei völligem Verstande sind; wo dies jedoch nicht der Fall ist, da weiß das spanische Gesetzbuch auch von solcher Gewalt nichts, gemäß dem Artikel: Si furiosus etc. Don Ranudo . Sind wir etwa unseres Verstandes verlustig gegangen? Fragt meine Tochter und mein Gesinde, ob wir irgend etwas gethan haben, weshalb man uns den Verstand absprechen kann! Donna Maria . Und doch, theuerste Eltern, vermag ich nicht einzusehen, wie es mit der gesunden Vernunft übereinstimmen soll, lieber mit sammt seinen Kindern zu verhungern, als eine Verbindung eingehen mit einem so ehrenwerthen Herrn wie Gonzalo. Pedro . Ich bin ebenfalls der Meinung, der gnädige Herr und die gnädige Frau sind nicht richtig im Kopfe. Leonora . Ich kann ihnen ebenfalls kein besseres Zeugniß ausstellen. Gusman . Bei Verstand schienen der gnädige Herr und die gnädige Frau mir allerdings zu sein, aber so ein halb Dutzend Schrauben ist, um die Wahrheit zu sagen, doch wol los. Notarius . Hier hört Ihr das Zeugniß Eurer Dienerschaft, dessen es doch in dieser Angelegenheit gar nicht bedarf; denn zum Ueberfluß kann ich Euch versichern, daß die ganze Stadt derselben Meinung, und daß alles, was geschehen, mit obrigkeitlicher Zustimmung geschehen ist. Donna Olympia . Ach, theurer Ranudo, laß uns ins Kloster gehen! Leonora . Und wir wollen hingehen und Hochzeit halten. Eugenia . Ach, daß ich doch auch erst so weit wäre!