Ludwig Holberg Der elfte Juni. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   Der elfte Juni war zu Holbergs Zeit derjenige Tag im Jahre, an welchem die Geschäftstreibenden von nah und fern in der Hauptstadt zusammenkamen, ihre Geschäfte zu ordnen und abzuschließen. Da wurden Contracte unterzeichnet und verlängert, Kapitalien einkassirt und ausgeliehen, Zinsen bezahlt und neue verschrieben \&c. Die jütländischen Pächter und Grundbesitzer, reich durch ihre Viehzucht, spielten dabei eine Hauptrolle; sie waren die eigentlichen Geldlieferanten für die Hauptstadt, deren Vergnügungen sie sich dabei nebenher im reichsten Maße zu nutze machten. Das Holbergsche Stück, das nach diesem Tage den Namen führt, ist das fünfte des Dichters, folgt also unmittelbar auf »Jeppe vom Berge«. Die Fabel ist theils Molière's berühmtem »Μονσιευρ δε Πουρχεαυγναχ«, theils einer italienischen Farce, » Disgracie d'Arlichino «, nachgebildet, die Molière selbst als Quelle gedient hatte. »Der elfte Juni« (das fünfte Stück, mit dem Holberg vor die Oeffentlichkeit trat) wurde zuerst an dem gleichnamigen Tage des Jahres 1723 aufgeführt, und zwar unter ungeheurem Zulauf. Auch später wurde das Stück regelmäßig am 11. Juni wiederholt, wiewol das Theater damals für gewöhnlich geschlossen war und nur ausnahmsweise zu Benefizvorstellungen u. dgl. geöffnet ward. Mit der angeblichen Verfeinerung des Geschmacks jedoch, die seit Mitte des Jahrhunderts eintrat, verminderte sich der Beifall, so daß das Stück von 1748 bis 1769 nur noch zehnmal, dann aber bis 1787 gar nicht mehr gegeben wurde. Erst in dem letztgenannten Jahre brachte der damalige Vorstand des königlichen Theaters, der Oberauditeur P. Rosenstand Goiske, ein enthusiastischer Verehrer Holbergs, es wieder auf die Bühne und nun mit solchem Erfolge, daß es bis in den Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts häufig wiederholt werden konnte. Eine modernisirte Bearbeitung des »Elften Juni« steht in Kotzebue's »Almanach dramatischer Spiele für das Jahr 1815«; sie führt den Titel: »Der Gimpel auf der Messe«, ist jedoch, so viel uns bekannt, niemals zur Aufführung gekommen. Personen:         Ochsendorf , ein jütländischer Pächterssohn. Schuldenborg , sein Schuldner. Heinrich , Schuldenborgs Diener. Jacob , Wirth. Lucretia . Niels Christensen , Ochsendorfs Vetter. Drei Gutsbesitzer . Zwei Fremde . Ein dritter Fremder . Ein Kaufmann . Ein Jude . Ein zweiter Kaufmann . Jens Trockenholz . Ein Knabe . Ein Mädchen . Zwei Zeugen . Zwei Gerichtsdiener . Knud , Procurator. Ein zweites Mädchen . Ein Kerl . Ein Wächter . Ein zweiter Wächter     Erster Akt. Erste Scene. Drei Gutsbesitzer treten auf, einer nach dem andern, mit ihren Peitschen klatschend. Erster Gutsbesitzer . Na, da sollt Ihr schön Dank haben, Herr Visitator, daß Ihr mir nicht auch noch in die Hosentaschen gefühlt habt! Das sind ja eigene Kerle hier, die gehen ja mit den Menschen um wie mit dem Vieh. Wär' ich in die Stadt gekommen, um mich zu verheirathen, so möchte es noch angehen, da könnt' ich denken, sie hätten sich versehen und mich für ein Thier mit Hörnern gehalten. Sieh da, da kommen meine Reisekameraden. Der zweite Gutsbesitzer . Element, wie hat mich die verdammte Kutsche zugerichtet, die da vorbeifuhr! Man sollte denken, hier wohnten nichts als reiche Leute in der Stadt. Denn gehst Du auf die Straße, so kannst Du kaum fortkommen vor Pferden, Wagen und buntscheckigen Lakaien; kommst Du auf die Börse, so ist es ebenso. Willst Du aber Deine Zinsen haben, da heißt es: Mosjö, Er muß Geduld haben, das Geld ist nie so knapp gewesen wie dieses Jahr. Damit ruft und pfeift man nach Lakaien oder Läufern, sie sollen schnell da und da hinspringen und Geld holen. Die Lakaien thun, als ob sie darnach gingen, in Wahrheit aber bleiben sie in der Küche (denn so find sie abgerichtet) und kommen dann nachher herein mit dem Bescheid, morgen oder übermorgen könne der Herr so viel Geld kriegen, als er Lust habe, und übrigens lasse der Wechsler sich dem Herrn und der Madame bestens empfehlen. Vor diesem hieß der größte Kaufmann 194 schlechtweg Hans Jansen, Peter Petersen und seine Frau Anne Peters oder Else Christophers; aber da bekam man auch seine Zinsen richtig ausgezahlt, den zwölften oder dreizehnten Juni. Seit sie aber große Herrschaften geworden sind und in Kutschen fahren und sich Zunamen gemacht haben mit einem Von vorne dran und haben einen ganzen Haufen Kohlraupen hinter sich oder gestreifte Lakaien und Haarbeutel an den Perücken, seitdem ist der vierundzwanzigste Juni noch ein guter Zahltag. Ja, wenn das so zunimmt, so ist in zehn Jahren der vierundzwanzigste Juli ein guter Zahltag, nachher der vierundzwanzigste August, und zuletzt wird es dahin kommen, daß wir mit leeren Händen wieder fortreisen und es für eine prompte Bezahlung rechnen, wenn sie versprechen, den elften Juni nächsten Jahres zu bezahlen. Wenn es hier so viel Geldbeutel gäbe wie Haarbeutel, so wäre das eine reichere Stadt als Amsterdam oder London. Aber das ist das Unglück: sie haben die Beutel hinten hängen und nichts darin. Erster Gutsbesitzer . Das ist ganz so, wie Du sagst, Brüderchen. Diese Leute sind wie ein Schaum, der sieht auch aus, als wäre er was, aber faßt man das Ding genauer an, da wird es zu nichts. Dritter Gutsbesitzer . Ich bin nun dreimal auf der Börse gewesen, jedesmal in der Hoffnung, Geld zu kriegen; aber ich habe nichts gekriegt, als zerrissene Strümpfe, so haben sie mit ihren Degen und Lichtspießen Mit dem Degen an der Seite zu gehen, war damals allgemeine Sitte, nicht blos bei Edelleuten, sondern auch bei Bürgerlichen; die gewöhnlichen Patentdegen, deren die letzteren sich dabei bedienten, waren sehr leicht und dünn, daher dieser Vergleich mit einem »Lichtspieß«, wofür wir heutzutage, wo auch die »Lichtspieße« aus der Mode gekommen sind, wol eher sagen würden »Bratspieß«. – Die gleich darauf folgende Bemerkung über die Stiefel betreffend, muß man festhalten, daß Schuhe und Strümpfe damals in Kopenhagen (wie anderwärts) die allgemein übliche Tracht waren, Stiefel aber nur bei schlechtem Wetter, auf Reisen und bei ähnlichen Gelegenheiten getragen wurden. A.d.Ü. mich in die Beine gestochen. Ein andermal werde ich mich vorsehen und Stiefel anziehen, wiewol das schlecht aussieht im Junimonat. Ich glaube wahrhaftig, ich mache noch einen Vorschlag: nämlich alle die unnützen Degen in die Münze zu schicken und Federmesser daraus zu schlagen. Das ist ja wahrhaftig keine Börse mehr, sondern ein Assemblix oder Fechtboden. Die Kaufleute in England oder Holland sollten sich einmal so aufführen und mit dem Degen an der Seite auf die Börse kommen, ei ja! Ihr kennt doch den Adrian van Enkhuysen, der alle Jahre selbst kommt und Ochsen bei mir einkauft, das ist ein Mann von etlichen Tonnen Goldes und geht doch gekleidet, nicht anders, als ein gemeiner Schiffer. 195 Erster Gutsbesitzer . Apropos, Brüderchen, habt Ihr einen guten Handel gemacht mit Euren Ochsen? Zweiter Gutsbesitzer . Gott beßre es mit dem Handel, den wir machen. Der Teufel ist in den Holländer gefahren, er fängt an, sich die Ochsen auszusuchen; alle Tage wird er klüger. Ich glaube wirklich, der Adrian van Enkhuysen ist einer von den gelehrtesten Ochsenhändlern in ganz Holland; kein Ambassadeur kann größere Intriguen anwenden bei einem Friedenstractat, als er gebraucht, um einen Ochsencontract zu schließen. Wenn er bei mir aufs Gut kommt, um Ochsen zu kaufen, stellt er sich, als wollte er eigentlich ganz wo anders hinreisen und käme nur blos so ein bischen mit vor bei mir. Wenn ich ihn dann frage: Sullen vü niet koepslagen mit malkander, Mynheer Adrian? so antwortet er: icken veet dat niet, dat is geen Kans langer hier to vaeren, Mynherr Proprietaris, dat is geen Stuyver meer op die Ossenhandel to verdienen: so daß ich ihm erst ein Paar Krüge Doppelbier in den Leib pumpen muß, ehe ich ihn dazu kriegen kann, sich zu äußern. Aber ein Jahr hab' ich ihn doch brav barbirt: ich goß ihm Branntwein ins Bier, da wurde er so weichherzig wie ein Kätzchen und sagte: het sall op an Daeler of tien niet aenkommen, Vader! Aber dafür hat er letztes Jahr mich wieder barbirt, da wies er mir einen falschen Brief wie vom Pächter Niels, der sollte ihm Ochsen angeboten haben für billiges Geld, so daß ich mich beeilte, mit ihm abzuschließen, und dabei schwor er auf seine Holländerseligkeit, daß er mir mehr gäbe, als er jedem Andern geben würde. Ein andermal indeß werde ich mich hüten, ihm wieder zu glauben, wenn er noch so viel schwört. Denn dem Pastor sein Sohn, der in der Fremde gewesen ist, der hat mir erzählt, daß es in Holland Leute giebt, die schwören darauf, der Satan solle sie holen, daß es keinen Teufel giebt Man erinnere sich sowol an die zahlreichen religiösen Secten, die im damaligen Holland bestanden, als auch an die Freistatt, die es schon damals den Anfängen der französischen Aufklärung bot. A.d.Ü. . 196 Zweite Scene. Schuldenborg in gallonirten Kleidern. Heinrich in stattlicher Livree. Die drei Gutsbesitzer . Schuldenborg . Serviteur, Messieurs. Ich bedaure vielmals, daß Ihr glücklich in die Stadt angekommen seid; die angenehmste Zeitung, die ich hören kann, ist, wenn so um den elften Juni herum Leute auf dem Wege von Kallundborg nach Aarhus ertrinken. Auf diesem Wege, den Holberg durch seinen Peter Paars unsterblich gemacht hat, pflegte damals die Ueberfahrt von Jütland (Aarhus) nach Kallundborg (Seeland) und umgekehrt gemacht zu werden. Der seltsame Rath, den Schuldenborg den jütländischen Pächtern einige Zeilen weiter ertheilt, nämlich um die Schabe (»Skagen«) herum zu fahren, würde darin bestanden haben, daß die Reisenden sich auf der westlichen, also der von Seeland abliegenden Seite eingeschifft hätten, durch das Skagerrak am Kap Skagenshorn vorbei, durch das Kattegat in den Sund gefahren und so erst nach Kopenhagen gelangt wären; eine Route, auf der die Entfernung etwa verzehnfacht worden wäre. In demselben Maße wäre aber natürlich auch die Gefahr gewachsen, und das eben ist es, was Schuldenborg wünscht, in dessen Augen diese jütischen Pächter, die zum 11. Juni nach Kopenhagen kommen, Gelder zu kündigen und Schulden einzutreiben, höchst überflüssige Leute sind, die am besten auf Meeresgrund gebettet würden. A.d.Ü. Erster Gutsbesitzer . Was? Ist das christlich gesprochen? Aber mit Erlaubniß, wer Spaß ausgiebt, muß Spaß einnehmen: Mosjö ist gewiß kein besonders accurater Zahler, daß Ihm so bange ist vor dem elften Juni? Die Uebrigen (lachend) . Ha, ha, ha! Kommst Du mir so, komm' ich Dir so! Schuldenborg . Das ist ganz so, wie Ihr sagt: ich weiß wirklich nicht, wie ich mich retten soll vor diesem elften Juni. Zweiter Gutsbesitzer . Das ist eine schlimme Geschichte, da wird Mosjö in dieser Zeit wol wenig ruhige Nächte haben? Schuldenborg . Ei warum nicht gar, ganz ruhige; ich habe ja auf nichts zu denken, ich habe beschlossen, nichts zu bezahlen, nämlich, weil ich nichts habe. Wie dagegen meine Creditoren schlafen können aus Angst wegen der Bezahlung, das weiß ich freilich nicht. Uebrigens wie steht es denn heuer mit dem Ochsenhandel in Jütland? Aber apropos, da wir doch von Ochsen sprechen, ist's richtig, daß Henning Nielsen diesmal hier erwartet wird? Ihr kennt ihn doch? Erster Gutsbesitzer . Nu, ob wir ihn kennen, das ist ein reicher Pächter, er wohnt gar nicht weit von uns. Aber selbst kommt er dies Jahr nicht, sondern er schickt seinen ältesten Sohn nach Kopenhagen, Niels Ochsendorf, das ist noch ein junger Mensch, aber just so gerieben wie der Alte; er spart gräulich viel Geld zusammen, ich glaube, er wird noch mal ein zweiter Midas. Schuldenborg . Das glaub' ich auch, wenigstens die Ohren, hör' ich, hat er schon. Aber sollten bei dem Sturm, den wir 197 gestern hatten, keine Fahrzeuge von Aarhus zu Schaden gekommen sein? Zweiter Gutsbesitzer . Nein, auf diesem Wasser hört man nicht viel von Schaden. Schuldenborg . Das ist eben das Unglück; warum fahrt Ihr aber auch nicht lieber gleich zu Wasser um die Schabe herum, durchs Cattegat, so spartet Ihr ja eine Menge Geld dabei? Der Gutsbesitzer . Freilich wol, aber wir könnten auch verunglücken auf dem Wege. Schuldenborg . Was will das sagen, einmal müßt Ihr ja doch sterben. Der Gutsbesitzer . Nein, auf dem Wasser umkommen, das paßt uns nicht; Mosjö kann solche Reisen besser machen als wir, für ihn ist das nicht so gefährlich. Schuldenborg . Wie so? Der Gutsbesitzer . Ei nun, weil es im Sprüchwort heißt: Was hängen soll, ertrinkt nicht. (Die Andern lachen wieder.) Schuldenborg .. Aber, Messieurs, vom Spaße auf den Ernst zu kommen: ist das gewiß, daß Niels Ochsendorf so bald kommt? Der Gutsbesitzer . Ja, er kommt, glaub' ich, heute oder morgen. Schuldenborg . Aber ist er so gerieben, wie Ihr sagt? Der Gutsbesitzer . Ja gewiß, sonst hätt' ihn sein Vater nicht allein hergeschickt, zumal er noch nie in Kopenhagen gewesen ist. Schuldenborg . Ich will den Messieurs ein gutes Logement recommandiren. Der Gutsbesitzer . Nein, wir danken Ihnen, mein Herr, wir haben unser Quartier ein für allemal in der Weinkanne Die verschiedenen Kopenhagener Wirthshäuser, die in diesem Stücke genannt werden, wie die Weinkanne, die Drei Hirsche \&c., bestehen daselbst zum größten Theil noch heute. Ebenso Hungershof oder, wie er im Dänischen heißt: »Knap Naering«. Das Paradies , in welchem ein Theil unserer Komödie spielt, war zu Holbergs Zeit ein übel berüchtigtes öffentliches Haus. Der Holländerberg ist der heutige Königs-Neumarkt, der Hauptplatz von Kopenhagen; die Kallebörne heißt jetzt Am Friedrichsholmer Kanal. A.d.Ü. , da geben wir zwei Schillinge die Nacht. Schuldenborg . Pfui, schickt sich das für so reiche Leute, für zwei Schillinge täglich zu logiren? Der Gutsbesitzer . Ebendeswegen haben wir auch was, gutes Herrchen. Angenommen übrigens, wir liegen einen ganzen Monat in der Stadt, so beläuft sich doch schon das Logement allein auf einen Thaler. Adieu! (Ab.) 198 Dritte Scene. Schuldenborg . Heinrich . Schuldenborg . Das waren ja verteufelte Kerle, ich glaube, die verzehren in einem ganzen Jahr nicht so viel, als ich in einem Tage. Ich hätte große Lust, einige von dieser Sorte hinter's Licht zu führen. Heinrich . Ja, da muß der Herr sich nur anders anstellen, nicht seinen Geldmangel merken lassen und sie nicht so zum Narren halten. Aber da kommen zwei Andere, die sehen aus, als ob sie heute zum ersten Mal in die Stadt kommen. Vierte Scene. Zwei Fremde . Schuldenborg . Heinrich . Schuldenborg . Serviteur, Messieurs, willkommen in Kopenhagen! Fremder . Schön Dank, Mussör. Schuldenborg . Ihr seid, wie ich sehe, gute ehrliche Leute, die man lieben und achten muß. Aber Ihr seid hier wol noch nicht bekannt in der Stadt? Fremder . Ei versteht sich, das sind wir, liebes Herrchen, da ist keine große Straße, die wir nicht kennen, als z. B. der Holländerberg, die Westerstraße, die Kalleböstraße, die Kaufmacherstraße, der Ochsenplatz u. s. w.; ich für meinen Theil mache mich anheischig, von den drei Hirschen geradenwegs zum Zollhaus zu gehen, mutterseelenallein. Schuldenborg . Nein, derart Bekanntschaft ist es nicht, die ich meine; ich wollte sagen, Ihr habt wol keine Gönner hier in der Stadt oder keine Adressen an vornehme Häuser? Fremder . Nein freilich, die haben wir nicht. Schuldenborg . Da will ich, meiner Treu', Wohldieselben bekannt machen, falls es Ihnen beliebt. Denn fremden Leuten zu dienen, ist mein größtes Vergnügen, insonderheit für die 199 Jütländer hab' ich eine wahre Passion. Ja ich kann darauf schwören, als ich zuerst die Ehre hatte, Wohldieselben zu erblicken, pochte mir das Herz im Leibe, so rührte mich der Anblick. Wohl denn, Messieurs, verlaßt Euch auf mich als einen honnête-homme , ich will Dieselben in acht Tagen an mehr als dreißig vornehmen Orten bekannt machen, damit Ihr doch auch sagen könnt, Ihr seid in Kopenhagen gewesen. Fremder . Wir danken gehorsamst, wohlgeborner Herr, für Seine Gewogenheit: aber wenn wir so in die Stadt kommen, da haben wir immer eine Menge anderer Dinge zu besorgen. Schuldenborg . Da haben wir's, Ihr Jütländer seid pardi sehr honnet, aber avec votre permission , Ihr wißt nicht zu leben. Meint Ihr denn wirklich, daß es der Mühe werth, so weit herzureisen, blos um ein bischen lumpiges Geld auszuthun und darüber die Bekanntschaft vornehmer Leute zu versäumen, die in Zukunft Euch und Eure Kinder protegiren können? Was gilt's, Ihr geht nicht einmal in die dänische Komödie? Nein, Ihr seid wirklich zu wenig neugierig, übrigens gute, ehrliche Leute. – Hört, Messieurs, ich denke eben nach, wie ich Euch Eure Geschäfte erleichtern und Euch der Mühe überheben will, alle Tage auf die Börse zu laufen. Wolan, wollt Ihr so ein halb Mandel Tausender bei mir unterbringen, so will ich Euch acht Procent dafür geben. Nicht, daß ich das Geld brauchte, ich kann Euch Wechsel und Obligationen zeigen auf sechzigtausend Thaler, die ich besitze, sondern blos um Deroselben einen Dienst zu leisten. Ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja wol. Fremder . Ja, wenn mein Herr uns hinlängliches Unterpfand geben will, da kann er schon Geld bei uns kriegen. Schuldenborg . Ha, ha, das ist ma foi das erste Mal, daß Einer Pfand und Sicherheit von mir verlangt. Gerhard von Schuldenborg sollte man nicht trauen auf sein eigenes Wort? Ha, ha, Gerhard von Schuldenborgs Parole sollte nicht so sicher sein wie die beste Obligation? Ha, ha, ha, ich pardonnire den Messieurs, sintemal sie Gerhard von Schuldenborg nicht kennen. Ha, ha, Gerhard von Schuldenborg soll Pfand geben? 200 Fragt nur meinen Bedienten – Heinrich, hat je ein Mensch Pfand von mir verlangt? Heinrich . Niemals, so lange ich in des Herrn Diensten bin. Fremder . Aber der Herr muß das nicht ungnädig aufnehmen, daß wir Sicherheit verlangen, da wir ja doch nicht die Ehre haben, Ihn zu kennen. Schuldenborg . Ei, tête bleue , Ihr könnt das ja wol an meinen Kleidern und Equipage sehen, daß ich ein honnête-homme und sicherer Mann bin? Fremder . Da zweifeln wir gar nicht dran, mein Herr: allein sicherheitshalber kann es doch nichts schaden, wenn man ein Pfand hat. Schuldenborg . Er soll ein Pfand kriegen, Er soll Schrift und Siegel von mir kriegen auf Stempelpapier. Fremder . Das heißt bei uns nicht Pfand. Schuldenborg . Borgt mir auf meine Ehre! Fremder . Herzlich gern, wenn ein Pfand dabei ist. Schuldenborg . Auf meine Cavaliers-Parole! Fremder . Wie ich sage, Monsieur. Schuldenborg . Ich pardonnire Ihm, Monsieur, weil Er mich nicht kennt: denn kennte Er mich, so würde Er mir gern sein ganzes Hab und Gut anvertrauen. Ich bin pardi der honneteste Cavalier in der ganzen Stadt; ist das nicht so, Heinrich? Heinrich . Ich kann Monsieur versichern, daß Er sein Geld ohne Gefahr bei meinem Herrn unterbringen kann und daß mein Herr es Ihm schuldig bleiben wird, als ein honnête-homme . Schuldenborg . Hört, Monsieur, da Ihr doch so mißtrauisch seid, wollt Ihr mir wol fünftausend Thaler borgen? Nämlich die Wahrheit zu sagen: ich bin beauftragt, morgen für einen guten Freund zwanzigtausend Thaler auszulegen, und habe, was mir noch nie passirt ist, nicht so viel Geld in der Kasse. Heinrich, wie viel Geld ist in der Kasse? Heinrich . Da sind blos funfzehntausend Thaler. Fremder . Mein Herr, habe Er so viel oder so wenig Geld in der Kasse, als Er will: aber ohne Sicherheit kann ich Ihm nichts leihen. 201 Schuldenborg . Ah tête bleue , wenn das ein Anderer wäre, der mir so begegnete, der sollte das nicht umsonst gethan haben! Heinrich . Ei, das ist ja nicht der Mühe werth, sich darüber zu ereifern, wenn der Wechsler heut Abend nach Hause kommt, kriegt ja der Herr unzweifelhaft so viel Geld, als er haben will. Schuldenborg . Aber, Heinrich, Du weißt ja, daß ich den Vorschuß noch heute machen soll; will Monsieur mir da nicht fünftausend Thaler leihen? Ich schäme mich ma foi solche geringe Summe in den Mund zu nehmen. Ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja wol. Fremder . Mein Herr, ich leihe nicht einen Schilling, adieu. (Die Fremden ab.) Fünfte Scene. Schuldenborg . Heinrich . Ein anderer Fremder . Heinrich . Nein, das Geld sitzt doch bei diesen Kerlen verflucht fest. Aber da seh' ich einen Andern vom Wagen steigen, wir müssen versuchen, was mit dem zu machen ist. Schuldenborg . Serviteur très humble, Monsieur , willkommen in der Stadt! Hat Er nicht gehört, ob sich eine Person mit Namen Niels Ochsendorf auf dem Wege hieher befindet? Der Fremde . Ja, mein Herr, wir waren zusammen in der Röskilder Schenke, wo er sich etwas verweilte, sonst wäre er mit mir zusammen gekommen. Schuldenborg . Element, ist das möglich?! Der Fremde . Sollte es etwa meines Herrn Gläubiger sein, so thut es mir leid, der Erste gewesen zu sein, der ihm diese Nachricht gebracht hat. Schuldenborg . Ha ha ha, Gläubiger! Nein umgekehrt, ich soll sechstausend Thaler von ihm haben; ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja wol. Der Fremde . So, nun der ist der Mann dafür, zu 202 bezahlen, und wenn es zwanzigtausend wären. Das sind Leute, die scharren Geld zusammen wie Mist, mit Wucher und unbilligen Zinsen; der Sohn tritt nicht blos in des Vaters Fußtapfen, sondern wird noch schlimmer als er. Schuldenborg . Kennt Monsieur ihn? Der Fremde . Ja freilich. Schuldenborg . Will Monsieur mir da wol einen Gefallen thun? Ich soll in der Eile sechstausend Thaler auszahlen; ich will Monsieur eine Anweisung auf Monsieur Ochsendorf geben, wenn Er mir etwa die Summe vorstrecken will. Ihm kann das ja einerlei sein; ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja wol. Der Fremde . Nein bei Leibe, gutes Herrchen, das thu' ich nicht. Schuldenborg . Wie Ihm beliebt; ich dachte nur dem Ochsendorf, sowie Euch einen Dienst zu erweisen. Aber hört, Monsieur, ich sehe, Er ist ein stattlicher junger Mann, Er kommt zum ersten Male in die Stadt, die sehr verführerisch ist, und sich eine wahre Ehre daraus macht, die Fremden anzuführen. Laßt Euch mit Niemandem in ein Spiel ein, den Ihr nicht kennt, besonders kein Würfelspiel. Ich habe Fremde gesehen, die dabei um Hab und Gut gekommen sind. Monsieur, seht die Blessur, die ich hier an der Hand habe, die kriegte ich vergangenen elften Juni um eines Fremden willen, den ich gegen einen Spieler in Schutz nahm, welcher ihm eine große Summe Geldes mit falschen Würfeln abgenommen hatte. Ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja wol. Der Fremde . Mein Herr hat da ein christliches Werk gethan; ich wollte, die Stadt wäre voll lauter solcher ehrlicher Leute. Schuldenborg . Ich bin selbst ein Liebhaber vom Spiel, allein ich will wissen, mit was für Würfeln ich spiele; darum trag' ich meine eigenen Würfel bei mir, da steht der Name des Mannes darauf, der sie gemacht hat, und das ist der ehrlichste Drechsler in der Stadt. Ist's nicht so, Heinrich? 203 Heinrich . Ja wol. Schuldenborg . Seht her, Monsieur: an dieser Marke in der Ecke hier sind Drechsler Jespern seine Würfel zu kennen und da kann man ungenirt mit spielen. Ich will auch Monsieur das Haus dort in der Nähe recommandiren, wenn Er sich unterweilen divertiren will; da kann Er sicher hingehen, es sind gute ehrliche Leute, die gute Waaren haben. Wollen wir da mal ein bischen hingehen, uns die Zeit mit Karten oder Würfeln zu vertreiben? Meistens verlier' ich im Spiel, aber es macht mir beinahe noch mehr Spaß zu verlieren als zu gewinnen. Denn wiewol ich nur zum Zeitvertreib spiele, nicht um Geld zu gewinnen, so mache ich mir doch ein Gewissen daraus, fremden Leuten das Geld abzunehmen; daher, wenn ich Einen betrübt darüber sehe, so geb' ich ihm sein Geld meistens wieder zurück. Ist's nicht so, Heinrich? Heinrich . Ja meiner Seele, so ist es. Schuldenborg . Wollen wir gleich einmal hineingehen und zum Zeitvertreib ein bischen cinque et neuf spielen? Der Fremde . Nein, mein Herr, ich spiele niemals. Schuldenborg . Na, dann wollen wir hineingehen und ein Glas Wein zusammen trinken. Der Fremde . Nein, ich trinke keinen Wein. Schuldenborg . Nun, das hat nichts zu sagen, dann wollen wir die Zeitungen lesen. Der Fremde . Ich mache mir auch nichts aus den Zeitungen; ich recommandire mich, adieu! Schuldenborg . Na denn lauf', Du Schlingel! Sechste Scene. Schuldenborg . Heinrich . Schuldenborg . Heinrich! Heinrich . Herr! Schuldenborg . Willst Du Compagnie mit mir machen? Heinrich . Ei gern, wo gehen wir hin? 204 Schuldenborg . Ich will mich aufhängen. Heinrich . Nein, Herr, dazu bin ich zu gering, mich mit Ihm zu hängen, lad' Er einen von Seinen Kameraden ein, der auch so in Schulden steckt, der wird sich ein Vergnügen daraus machen, dem Herrn Gesellschaft zu leisten. Schuldenborg . Das ist eine Canaille gewesen, Heinrich, die es zuerst erfunden hat, daß man seine Schulden bezahlen soll; ich sehe darin keine Billigkeit. Heinrich . Das ist sicher. Schuldenborg . Ausgenommen, es sei, daß man bezahlen kann. Heinrich . Das versteht sich. Schuldenborg . Wenn ich mir nun etwas wünschen dürfte, weißt Du, was das wäre? Ich würde wünschen, daß kein Mond am Himmel wäre. Heinrich . Wie so? Schuldenborg . Ei, wenn es keinen Mond gäbe, so gäbe es auch keinen elften Juni, und gäb' es keinen elften Juni, so kümmerte ich mich den Teufel um Niels Ochsendorf. Da ich nun aber nichts zu wünschen habe, und auch keinen Ausweg für mich sehe, so ist es das Beste, ich hänge mich auf – außer wenn Du durch Deine Geschicklichkeit, Heinrich, mich retten kannst. Heinrich . Hoffentlich, Herr, wenn wir Beide unsern Verstand zusammenlegen, so kann sich die Sache noch machen; ich denke schon über etwas nach, Herr. Hier ist ein Student in der Stadt, mit Namen Niels Christensen, der ist mit Niels Ochsendorf Geschwisterkind; der alte Ochsendorf hat großes Zutrauen zu ihm, und ohne Zweifel hat er auch seinen Sohn an ihn recommandirt. Schuldenborg . Ja, aber was will das sagen? Heinrich . Ich will mich für diesen Studenten ausgeben, ihm, wenn er ins Thor kommt, auflauern und ihn in ein Logement führen, wo wir bekannt sind und ihn mit Bequemlichkeit ausziehen können. Aber da seh' ich den Paradieswirth kommen, recht apropos, nun kann eine vollständige Komödie gespielt werden, zu der ein verschuldeter Herr gehört, ein 205 schalkhafter Diener, ein Fremder, der geprellt wird, und ein Wirth mit solchen Meriten. Siebente Scene. Die Vorigen . Jacob . Heinrich . Sieh da, Jacob, bin ich doch beinahe vor Schrecken gestorben. Jacob . Wieso? Heinrich . Ich wußte nicht, ob Du es wärst oder Dein Geist; denn gestern hieß es in der Stadt, der Teufel hätte Dich den Tag zuvor geholt. Jacob . Ich denke doch, ich bin's. Heinrich . Da wundre ich mich, daß es nicht längst geschehen ist. Aber ich kann mir schon denken, der Teufel eilt sich nicht mehr, weil er Dich allzeit gewiß hat. Jacob . Ich glaube vielmehr, Heinrich, er hat sich durch die Fürbitte eines so ehrenwerthen Mannes abhalten lassen, wie Du bist. Heinrich . Nun, was hast Du gegen mich einzuwenden? Stehe ich nicht gegen Dich da als ein wahrer Heiliger? Jacob . Gewiß, Heinrich, wenn ich Dir einen Paß ausstellen sollte, so könnte ich ihn Dir mit gutem Gewissen nicht anders geben als so: Dem günstigen Leser unsern Gruß zuvor! Dieser junge Mensch mit Namen Heinrich Larsen ist von unehelichen Eltern ehrlich geboren. Sein Vater war einer der besten Schnapphähne im letzten schwedischen Kriege, ingleichen einer der berühmtesten Spieler; denn er starb in seinem Beruf, mit Kreuzbuben in der Hand. Seine Mutter war ein braves Frauenzimmer, das anständigen Leuten, die in Leibesnöthen waren, nie mehr abnahm als vier Schillinge. Er selbst hurt, trinkt, doppelt, flucht, betrügt, hat jedoch im Uebrigen einige vorzügliche Eigenschaften und passirt für einen der geschicktesten Bedienten in Kopenhagen. 206 Heinrich . Hast Du diesen Paß mit gutem Gewissen ausgestellt? Jacob . Das hab' ich. Heinrich . Aber wie bist Du zu dem guten Gewissen gekommen? Noch in meinem Leben hab' ich nicht gehört, daß ein Paradieswirth ein gutes Gewissen gehabt hat. Ja solch ein Wirth mit gutem Gewissen ist so rar wie ein reicher Soldat, ein verschwiegener Barbier, ein ehrlicher Müller und ein friedfertiger Advocat. Jacob . Die Lakaiengewissen, bild' ich mir ein, sind auch nicht weit her. Heinrich . Nun Spaß bei Seite, Jacob: ich habe Dir einen Vorschlag zu machen, der sowol Dir als meinem Herrn von Nutzen sein wird. In Zeit einer Stunde erwarten wir einen jungen Menschen vom Lande, den wir in Deinem Hause einquartieren wollen; das wird einen fetten Braten geben, er hat Geld wie Heu. Jacob . Das Geld soll ich ihm wol stehlen und mich dann hängen lassen für Euch? Heinrich . Ich werd' ihm das Geld schon mit List wegpracticiren und Du sollst Deinen Theil davon haben, laß mich nur machen. Du hast verschiedentliche honnete Frauenzimmer in Deinem Hause – bitt' um Entschuldigung, ich wollte sagen, hübsche: davon muß die Schönste sich in ihn verliebt stellen und ihm einbilden, als wäre sie Deine Frau; Du selbst mußt Dich eifersüchtig stellen und ihn nicht aus den Augen lassen, um ihn desto mehr in seinem Glauben zu bestärken. Jacob . Aber wenn er nun nicht verliebter Complexion ist, was soll das dann helfen? Heinrich . Ei was, ein junger Mensch von zwei und zwanzig Jahren sollte nicht verliebter Complexion sein, das wäre eine schöne Geschichte, zumal wenn ein listiges Frauenzimmer ihm entgegenkommt. Da bin ich Mann dafür, daß er verliebt wird, ja, ich will ihn selbst noch darin bestärken, sobald er nur erst Vertrauen zu mir hat. Wenn wir ihn nur erst so weit haben, das Uebrige findet sich hernach, sobald ich Zeit habe, 207 nachzudenken. Laß ihn uns nur erst im Hause haben, so will ich die Sache schon weiter mit Dir überlegen. Schuldenborg . Heinrich, jetzt fängt es mir schon an, leichter ums Herz zu werden. Heinrich . Laßt uns jetzt nur rasch nach Hause gehen, ich muß mir einen schwarzen Rock besorgen, sintemal ich einen Studenten agiren soll. 208 Zweiter Akt. Erste Scene. Ochsendorf . Heinrich . Ochsendorf, in einem altmodischen Rocke mit silbernen Knöpfen daran, eine Peitsche in der Hand, kommt in die Stadt. Die Studenten rufen » Fuchs « hinter ihm drein. Zu Johannis fand damals alljährlich eine große gelehrte Prüfung statt, zu der sich viele angehende Studenten aus der Provinz einzustellen pflegten, und ist es daher ganz naheliegend, daß auch Ochsendorf, indem er am 11. Juni, also kurz vor Johannis, in Kopenhagen einrückt, für einen jungen Studenten, einen »Fuchs« oder, wie die Dänen, sagen: einen »Russen« gehalten wird. A.d.Ü. Ochsendorf . Ei, so ruft, Ihr Canaillen, daß Ihr verrückt werdet! (Hinter der Scene: » Fuchs, Fuchs, Fuchs, Fuchs! «) Hol' mich der Teufel, wenn ich deponirt habe oder Zeit meines Lebens deponiren werde; ich bin ein Pächterssohn aus Jütland, und komme, Geld einzukassiren. (Wie oben: » Fuchs, Fuchs, Fuchs, Fuchs! «) Ei, haltet die Mäuler, Ihr Racker, der Satan soll mich holen, ich bin kein Fuchs, wißt Ihr's nun? (Wie oben: » Fuchs, Fuchs, Fuchs, Fuchs! «) Nein, nun hör' mal Einer die Kuchenjungen, wie die rufen! (Wie oben: » Fuchs! « . . . .) Kommt mal an, Ihr Hunde, Einer nach dem Andern, ich will Euch, hol' mich der Satan, schon weisen, mit wem Ihr zu thun habt! (Wie oben: » Fuchs, Fuchs, Fuchs, Fuchs! «) Ja, ruft nur, daß Euch die Kaldaunen zum Halse 'raus kommen! Ihr habt wol auch 'ne rechte Ehre davon, fremden Leuten nachzurufen, Ihr, die Ihr selbst mal geistliche Herren werden wollt! (Wie oben: » Fuchs! « . . . .) Hört Ihr denn nicht, Ihr verfluchten Kerle, Ihr seht ja 209 doch wol, daß ich kein Student bin, noch denk' ich daran, je einer zu werden?! Student werden oder, wie es in der akademischen Sprache heißt, sich immatriculiren lassen, nennen die Dänen noch heute mit einem Ausdruck, der auch bei uns bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts üblich war, nämlich: deponiren. Zu den (zum Theil sehr barbarischen) Feierlichkeiten dieser Deposition gehörte auch, daß dem angehenden Studenten, nach glücklich bestandener Prüfung, was wir jetzt Abiturientenexamen nennen, von dem Decan der Facultät etwas Salz oder auch ein Bissen Brod mit Salz in den Mund gesteckt und ein wenig Wein auf den Kopf gegossen ward: symbolische Zeichen der höheren Erleuchtung, die ihm mit seiner Aufnahme in den Orden der Studenten gekommen war. A.d.Ü. (Wie oben: » Fuchs, Fuchs! «) Element, könnt' ich nur einen Stein finden, Euch sollte das Donnerwetter! Hört, Kerle, nehmt Euch in Acht, wen ich packe, dem schlag' ich den Kopf von einander, daß ihm die eine Hälfte auf der einen Schulter baumeln soll und die andere auf der andern. Hört Ihr wol? Das war nun auf gut Jütländisch! Heinrich (leise) . Element, da ist er, nun geht die Komödie sogleich los, nun heiß' ich nicht mehr Heinrich, sondern Niels Christensen. (Laut) Ei, Ihr unverschämten Menschen, so dazustehen und einer fremden Person nachzurufen! Das ist ja ein Schimpf und eine Schande für die ganze Stadt, wenn die Fremden nach Hause kommen und erzählen, wie man ihnen hier begegnet ist. Ihr könnt doch wol sehen, daß das kein Fuchs ist? Und gesetzt, es wäre ein Fuchs, müßt Ihr ihn darum so verfolgen? Ich merke schon, es ist ein artiger, vornehmer Herr, der hieher gekommen ist, Geld einzufordern und auszuleihen, nicht um sich Salz und Wein auf den Kopf schütten zu lassen. Pfui, schämt Euch, es schneidet mir in das Herz, so etwas von Euch, meinen Ordensbrüdern, zu hören! Ochsendorf . Monsieur, ich danke gehorsamst für die Güte, die Er mir erweist; ich wünschte von Herzen, ich könnte Ihm wieder dienen, weiß aber nicht, woher diese Güte gegen mich rührt, da ich Ihm ja doch ganz unbekannt bin. Heinrich . Monsieur, mir blutet das Herz im Leibe, wenn ich sehe, daß man fremden Leuten Unrecht thut. Ochsendorf . Ich merke schon, Monsieur ist ein vortrefflicher Mann und ein rechtschaffener Christ. Heinrich . Ich werde wirklich noch krank davon werden, so ärgre ich mich. Ochsendorf . Das nenn' ich ein redliches Gemüth. Heinrich . Wartet nur, Ihr Lausekerls, ich werde Euch gleich weisen, was das heißt einen armen Fremden zu verfolgen! Ochsendorf . Der arme Kerl nimmt sich die Sache mehr zu Herzen, als ich selbst. 210 Heinrich . Solchen braven anständigen Herrn! Ochsendorf . Es sollte mir leid thun, wenn Monsieur sich ereiferte und Schaden nähme um meinetwillen. Heinrich . Der Euch nie was zu Leide gethan hat! Ochsendorf . Gebt Euch zufrieden, gutes Herrchen, ich hab' es schon vergessen. Heinrich . Hätt' ich Euch nur, ich wollte Euch schön durchschmieren! Ochsendorf . Ei, Monsieur muß ihnen nicht nachlaufen, er könnte ein Unglück dabei haben. Heinrich . So wollt' ich sie tractiren! (Packt Ochsendorf bei den Haaren und wirft ihn zur Erde.) Ochsendorf . Element, die christliche Liebe geht doch zu weit! Heinrich . Verzeihung, Monsieur, ich bin so zu sagen außer mir vor lauter Eifer. Ochsendorf . Wo findet man noch solche Leute? Aber darf ich fragen, wie mein Herr heißt, damit ich Ihn dafür rühmen kann? Heinrich . Monsieur, ich verlange keinen Ruhm, das ist nichts, als was ich und Jedermann verpflichtet sind, zu thun. Uebrigens aber heiße ich Niels Christensen, zu dienen. Ochsendorf . Niels Christensen? Den Namen kenn' ich, meiner Six. Heinrich . Je nun, mein Herr, hier in Kopenhagen giebt es über hundert Niels Christensen; sowie einer, der Christen heißt, auf den Einfall kommt, seinen Sohn Niels zu nennen, so ist der Niels Christensen fertig. Ochsendorf . So hieß also meines Herrn Vater Christen? Heinrich . Ich hoffe doch, sintemal man mich Niels Christensen nennt. Beschwören freilich kann ich es nicht, das wird meine Mutter am besten wissen. Ochsendorf . War denn sein lieber Vater verheirathet? Heinrich . So viel ich weiß. Ochsendorf . Mit einer Frau? Heinrich . Das ist eine närrische Art zu fragen, ich dächte doch, mit Kühen verheirathet man sich nicht. 211 Ochsendorf . Apropos, da wir doch von Kühen sprechen – ja, wie war das doch, was wollt' ich doch sagen – wie hieß denn Seine liebe Mutter? Heinrich (leise) . Wäre der Bengel nicht so dumm, man sollte denken, er thäte es aus Bosheit. (Laut) Meine Mutter heißt Elisabeth Hansen. Ochsendorf . Lisbeth Hansen? Ich kenne eine Frau, Namens Lisbeth Hansen, die mit mir verwandt ist. Heinrich . Das kann schon sein, Monsieur, ich kenne eine Menge Frauenzimmer dieses Namens, es giebt, glaub' ich, keine Straße in Kopenhagen, wo man nicht ein Stücker sechzehn Lisbeths finden kann. Ochsendorf . Ist mein Herr nicht in Jütland geboren? Heinrich . Nein, aber mein seliger Vater hat da lange gewohnt und meine Mutter wohnt noch da und ich habe Verwandte daselbst. Ochsendorf . Wohnt Sein seliger Vater denn gegenwärtig in Kopenhagen? Heinrich . Nein, Monsieur, seit er todt ist, nicht mehr. Ochsendorf . Herr Gott, ist der selige Mann todt? Heinrich . Ja, sonst könnt' er wol nicht gut selig sein. Ochsendorf . Das ist auch wahr, meiner Six, ich stehe hier nur so und schwatze in Gedanken so hin. Heinrich . Hat nichts zu sagen, Monsieur, man kann sich ja wol mal versprechen. Uebrigens war das noch immer besser, daß Er fragte, ob der selige Mann todt, als wenn Er gefragt hätte, ob der todte Mann selig. Es war übrigens noch ein ganz junger Mann, da er starb. Ochsendorf . Da condolire ich meinem Herrn, es thut mir von Herzen leid, daß sein guter Vater so zeitig in den Himmel gekommen ist. Heinrich . Ich danke gehorsamst, Monsieur, und wünsche, daß Seine guten Eltern nicht so rasch dahin kommen. Ochsendorf . Serviteur. Aber da mein Herr doch Freunde in Jütland hat, kennt Er nicht einen Mann, mit Namen Henning Ochsendorf? 212 Heinrich . Ist das nicht der Pächter Henning Nielsen? Ochsendorf . Ja, früher hieß er Henning Nielsen, seit er aber das Gut geerbt hat, von dem Ihr vielleicht gehört habt, heißt er Pächter Henning Ochsendorf. Meine Mutter wollte eigentlich, er sollte sich Henning von Ochsendorf nennen, aber er wollte absolut nicht, solch ein ehrlicher, altfränkischer Mann ist er. Heinrich . Wie sollt' ich denn nicht meiner eigenen Mutter Bruder kennen? Ochsendorf . Ach, ist es möglich?! So seid Ihr ja der richtige Niels Christensen, den ich suche, an den ich einen Brief habe?! (Sie umarmen einander und weinen.) Heinrich . Das ist doch wirklich, wie es im Sprüchwort heißt: das Blut mag so dünn sein, wie es will, es ist doch immer dicker als Wasser. (Sie weinen wieder.) Ochsendorf . Hier ist der Brief, den mein Vater an Monfrere geschrieben hat: a Monsieur Monsieur Niels de Christensen, Sacrosanctae Philosophiae Studiosus , abzugeben im Hungershof in Kopenhagen. Heinrich (liest den Brief.) Ach mein Herzensmonfrere, alle diese Complimente waren nicht nöthig, ich bin ja obligirt, Ihm mit allem zu dienen, was mir möglich ist. Ochsendorf . Gehorsamster Diener, mein allerliebster Monfrere und Cousin! Will Er mir nun aber erstlich den Dienst erzeigen und mich nach meinem Logement in den drei Hirschen weisen? Heinrich . Pfui, da darf Er wahrhaftig nicht logiren, da ist es zu unruhig, ich werde Ihn zu meinem Schwager bringen. Ochsendorf . Ich möchte doch lieber im Wirthshaus wohnen, Monfrere, denn vielleicht, wenn der Mann aus Rücksicht auf die Schwägerschaft kein Geld nehmen wollte, so würde mich das nur geniren. Heinrich . Er hält ebenfalls ein Wirthshaus, Monfrere, und läßt sich bezahlen, obschon er nicht so theuer ist wie die Andern. Ochsendorf . Na, dann ist's gut, dann will ich Monfrere 213 auf dem Flecke folgen. (Sie gehen auf die andere Seite des Theaters und klopfen an; der Wirth vom Paradies kommt heraus.) Zweite Scene. Ochsendorf . Heinrich . Jacob . Heinrich . Guten Tag, Schwager. Dieser gute Mann, den Ihr hier seht, ist mein Vetter und eben von Jütland gekommen; ich recommandire ihn dem Schwager, als wäre ich es selbst. Er wollte in den drei Hirschen einkehren, aber beim Schwager, denk' ich mir, ist er besser aufgehoben. Jacob . Das würde mir leid gethan haben, wenn Er wo anders eingekehrt wäre. Ich gratulire Ihm zur Ankunft in der Stadt. Ochsendorf . Das ist mir lieb, daß ich gleich einen Schwager gefunden habe, bei dem ich logiren kann; wenn Er mich bei sich logiren will, soll mich's freuen. Wüßt' ich aber, daß Er kein Geld nehmen will, so möcht' ich Ihn nicht incommodiren, sondern lieber in den drei Hirschen einkehren. Jacob . Ei ja doch, wir werden schon zurecht kommen. Ochsendorf . Mein Herr Schwager muß mir erst versprechen, daß Er sich auch hübsch will bezahlen lassen. Jacob . Ei, mache der Herr Schwager sich doch darum keine Gedanken, das hat gute Wege. Ochsendorf . Nein, auf meinen Eid, Schwager, ich kehre nicht eher bei Ihm ein, als bis Er mir verspricht, daß Er sich will von mir bezahlen lassen wie von jedem andern Fremden. Heinrich . Hör', Schwager, anders thut's mein Vetter nun einmal nicht. Jacob . Nun ja, ja, so soll Er denn bezahlen wie ein Anderer, ich wollte nur, ich könnte Ihm einige Unterhaltung verschaffen; ich selbst, wie der Herr Schwager sieht, bin ein einfältiger, schlichter Mann, und meine Liebste ist ebenso. Heinrich (zu Ochsendorf gewendet) . Das Letztere muß Monfrere nun nicht glauben; seine Frau ist eine der artigsten Frauen in 214 der Stadt. Aber er selbst ist etwas zu eifersüchtig, obwol ich mich darauf zu schwören getraue, daß er keine Ursache dazu hat. Denn Alle, die sie kennen, halten sie für eine tugendhafte und ehrsame Dame. Aber Monfrere weiß wol selbst, wie das geht, wenn ein alter Mann sich eine junge hübsche Frau nimmt. Ochsendorf . Da fürcht' ich ja, wir gerathen einander in die Haare; ich habe gar zu gern mein kleines Späßchen mit den Frauenzimmern. Heinrich . Ei, das hat nichts auf sich, er ist im Uebrigen eine gute ehrliche Haut. Ochsendorf . Aber doch ein bischen eifersüchtig. Ha ha ha! Jacob . Worüber lacht der Schwager so von Herzen? Ochsendorf . O bitte, Schwager, über nichts, es war nur wegen einer närrischen Geschichte, die mein Vater in dem Briefe an meinen Monfrere Niels Christensen geschrieben hat. Jacob . Will der Herr Schwager nicht so gut sein und hineinspazieren? Ochsendorf . Ich muß wol erst zu meinem Wagen, er steht hier gleich an der Ecke. Will der Herr Schwager nicht mitkommen? Heinrich . Ich muß Dieselben auf eine halbe Stunde verlassen, werde aber die Ehre haben, Dieselben sogleich im Hause wieder zu sehen. Ochsendorf . Adieu denn so lange. (Ochsendorf und Jacob ab.) Dritte Scene. Heinrich allein. Heinrich . Die Sache macht sich, die Sache macht sich wirklich; nie hätt' ich einen passenderen Kerl finden können, meine Künste an ihm zu üben. Was sollte dem wol abgehen, der in solche gute Hände fällt, der mich zum Vetter und den Paradieswirth zum Schwager hat? Aber da kommt mein Herr. 215 Vierte Scene. Schuldenborg . Heinrich . Schuldenborg . Nun, wohlgelahrter Heinrich Gaudieb, wie geht's? Heinrich . Wie geschmiert; er küßt mich und nennt mich seinen Vetter und den Paradiesjacob seinen Schwager. Was meint der Herr, ist der Anfang nicht gut? Schuldenborg . Ha, ha! Wie nun weiter? Heinrich . Laßt mich nur machen, ich habe schon den ganzen Kopf voll Tollheiten; ich werde Jacob weitere Anweisung geben, was er zu thun hat. Schuldenborg . Aber wenn Jacob ihm nun all sein Geld stiehlt und fortläuft, so ist unsere Sache ja erst recht verdorben? Heinrich . Um ihn daran zu verhindern, will ich in demselben Hause logiren. Schuldenborg . Ja, so geht's. Heinrich . Aber um das Project auszuführen, das ich im Kopfe habe, müssen wir noch einige Mitspieler haben. Schuldenborg . Ich werde ein paar gute Freunde schaffen, die sich schon dazu bequemen. Heinrich . Sieh, da kommt er zurück; nun geht nur fort. (Schuldenborg ab; Heinrich in den Hintergrund.) Fünfte Scene. Ochsendorf . Jacob . Später Heinrich . Ochsendorf . War das nicht ein verfluchter Kerl, der unterstand sich, zwei Schillinge zu fordern, blos für den Koffer hinaufzutragen. Jacob . Ja, Herr Schwager, das sind unverschämte Leute, die sehen sich um zwei Schillinge noch nicht mal um. Ochsendorf . Als ob zwei Schillinge nicht Geld wären! 216 Jacob . Wol wahr, man soll lange suchen, bis man zwei Schillinge auf der Straße findet. Ochsendorf . Sowie die einen Fremden sehen, so denken sie auch, es giebt was zu fischen. Aber von mir, da verlaßt Euch drauf, sollen sie nicht fett werden; die Ochsendorfs, das sind die Leute nicht, die sich an der Nase führen lassen, die wissen besser, wozu das Geld nütze ist. Jacob . Nein, nein, soweit ich den Herrn Schwager kenne, wird Ihn Keiner so leicht hinter's Licht führen. Ochsendorf . Den wollt' ich sehen, dem das gelingen sollte, und wenn es Alexander Magnus selbst wäre. Uebrigens wie klug der Kerl war, so hab' ich ihn doch angeführt: ich gab ihm einen halben Schilling, der war mit Quecksilber bestrichen, so daß er aussah wie ein Achtschillingstück, und so hab' ich sechs Schilling zurückgekriegt. Jacob . Aber ich fürchte, wenn er das merkt, so kommt er wieder? Ochsendorf . So leiste ich einen Eid darauf, daß er ihn nicht von mir gekriegt hat; so einige kleine Eide nämlich hab' ich immer in Reserve, mit denen ich mich frei schwören kann, ohne doch falsch zu schwören. So zum Beispiel: ich schwöre darauf, daß ich ihm kein Geld versprochen habe, so versteh' ich darunter zum Geschenk; hab' ich ihm nun gar nichts bezahlt, so schwöre ich doch darauf, daß ich bezahlt habe, nämlich nicht ihn, sondern einen Andern für andere Arbeit. Jacob . Der Herr Schwager schlägt seinen lieben Eltern nach, die passiren allgemein als die schlausten Leute weit und breit; ein guter Baum giebt gute Frucht. Ochsendorf . Das ist mein Hauptvergnügen, solche Leute anzuführen. Ich habe eine ganze Menge falsches Geld, das will ich den Leuten in Kopenhagen anschmieren, so kommt mir die Reise nicht so theuer; auf so etwas verstehen sich die Ochsendorfs und darum hab' ich auch was im Sack. Ich halte das auch für keine Sünde; steht ja doch geschrieben, daß Kaufleute klug sein sollen wie die Schlangen. Wie denkt der Herr Schwager darüber? 217 Jacob . Ei was Sünde, ein Dieb, der sich nährt, ist auch ein ehrlicher Kerl. Ochsendorf . Da heißt es: thu' die Augen auf oder den Beutel. Jacob . Ja, so steht's im Sprüchwort. Ochsendorf . Das müssen doch herrliche Leute gewesen sein, die das Sprüchwort gemacht haben; die sind Gold werth, wahrhaftig. Heinrich (kommt) . Sieh da, willkommen zurück! Ochsendorf . Schön Dank, mein Herzensvetter, könnt' ich Euch nur allezeit bei mir haben! Heinrich . Wißt Ihr was? Ich werde hier im Hause logiren, so lange der Herr Vetter in Kopenhagen ist, das kommt für mich auf Eins heraus. Ochsendorf . Ach, das wäre prächtig! Ich muß bekennen, Vetterchen, Ihr seid ganz so, wie man Euch mir beschrieben hat; wir können zusammen in einer Kammer und einem Bett logiren. Heinrich . Ganz wohl, so bezahle ich die halbe Miethe. Ochsendorf . So sparen wir beide einen Thaler Geld dabei. Aber hört, mein Herzensvetter, Ihr müßt mich zu einem Manne bringen hier in der Stadt, mit Namen Schuldenborg. Wenn der Kerl mich nicht bezahlt bis auf den letzten Heller, so soll ihn der Teufel holen; ich will ihm zeigen, daß ich Niels Henningsen Ochsendorf heiße. Wie steht's mit dem Manne? Geht's hinterwärts mit ihm? Heinrich . Ei nein, er hat, wie ich weiß, auf einer Stelle allein viertausend Thaler stehen. Könnte Monfrere eine Anweisung auf diesen Mann bekommen, oder wollte selbiger Mann erlauben, daß das Geld auf ihn übertragen würde, und gäbe er Monfrere dafür eine Hypothek auf eins von seinen großen Häusern, da stünde das Geld schon sicher. Ochsendorf . Wie heißt der Mann? Heinrich . Er heißt Lars Andersen, einer der besten und zahlungsfähigsten Männer in der Stadt. 218 Ochsendorf . Ich habe von dem Manne gehört; wenn er mir nur für mein Geld gut stehen wollte. Heinrich . Mache der Herr Vetter sich darum nur keine Sorgen, das wird alles in Richtigkeit gebracht werden. Nun laßt uns hineingehen. (Sie gehen ab.) 219 Dritter Akt. Erste Scene. Die Börse. Nach und nach kommen verschiedene Kaufleute. Ein Kaufmann und ein Jude mit einem Barte. Der Kaufmann . Es ist noch Niemand da, wie ich sehe, ich wollte mir Kronen umwechseln, aber der Teufel gebe ihnen elf und ein Viertel Procent. Ich bitte lieber um Prolongation bis morgen oder übermorgen: denn der Cours wird ja hoffentlich fallen. Aber da sehe ich einen Juden, ich muß doch mal hören, was er haben will. Serviteur, Monsieur , hat Er keine Kronen zu wechseln? Der Jude . Nein, Monsieur, ick globe nit, daß ick welche hob; ist's viel, wos der Härr will hoben? Der Kaufmann . Viertausend Thaler. Der Jude . Ick hob itzund selber kane, Monsieur, aber vielleicht kann ick Ihne welche schaffen von ein guten Fraind for zwelftehalb Procent. Der Kaufmann . Zwölftehalb Procent? Das ist ja jüdisch. Der Jude . Mein, ick bin auch ein Jüd. Ick will Ihm sogen, Monsieur, der Cours ist elf und en Vertelchen, un muß ick doch hoben zum mindesten fer meine Mih e Vertelchen? 220 Zweite Scene. Der Kaufmann . Ein zweiter Kaufmann . Der Jude . Erster Kaufmann . Nein, da bedanken wir uns, so lange noch Christen im Lande sind, handeln wir nicht mit Juden. Aber sieh, da sehe ich ja einen braven ehrlichen christlichen Kaufmann. Hört, mein Herr, hat Er keine Kronen zu verwechseln? Zweiter Kaufmann . Ja, zu dienen. Erster Kaufmann . Wie viel Procent nimmt Er? Zweiter Kaufmann . Zwölf Procent. Erster Kaufmann . Da kann ich sie ja bei dem andern Juden für elf kriegen? Zweiter Kaufmann . Kann wol sein. Erster Kaufmann . Ich sehe schon, die christlichen Juden sind noch schlimmer, ich muß nur wieder zu dem Vorigen. Hör' Schmuel, dann gieb mir was von Deinen Kronen. Der Jude . Mein Name ist Mauses, mein Herr, ich bin kein Schmuel, sondern an Jüd aus Portugal; will der Herr mit mir kümmen nach Hause, kann Er welche kriegen, aber billiger nicht. Erster Kaufmann . So wollen wir nur gehen. Der zweite Kaufmann (bleibt zurück) . Ehe ich meine Kronen unter zwölf Procent verwechsele, sollen sie lieber geradezu liegen bleiben. Ich denke aber, ich werde wol noch mehr herausdrücken, wenn das ostindische Schiff weggehen soll. Dritte Scene. Schuldenborg . Der Kaufmann . Schuldenborg . Serviteur, Monsieur . Ich brauche da schnell etwas Geld, ich bin gern bereit, doppelte Zinsen zu geben, wenn Monsieur mir so ein tausend Thaler leihen will. Der Kaufmann . Will mein Herr mir zwölf Procent geben, so kann Er es schon kriegen. 221 Schuldenborg . Von Herzen gern und wenn es vierzehn wären; nicht als ob ich es so nöthig brauchte, sondern weil ich in aller Eile ein höchst vortheilhaftes Geschäft damit machen kann. Der Kaufmann . Ja, wenn Monsieur mir ein Pfand, Caution oder Endossement verschafft, so kann Er es gern kriegen, und wenn es zweitausend wären. Schuldenborg . Monsieur, ich werde Ihm einen Wechsel von mir geben. Er kennt mich ja hinlänglich und weiß, daß ich ein honnête homme bin. Der Kaufmann . Nein, Monsieur, ich muß mein Wort zurücknehmen, mir fällt eben ein, daß ich kein Geld habe. Schuldenborg . Monsieur, ich will Ihm sechzehn Procent geben. Der Kaufmann . Nein, wirklich, im Ernst, mein Herr, ich habe keins. Schuldenborg . Wolan, ich will Ihm zwanzig geben und Ihm das Agio vorauszahlen. Der Kaufmann . Auf mein Wort, ich habe kein Geld; adieu. (Ab.) Vierte Scene. Schuldenborg allein. Schuldenborg . Na, so wünsch' ich Dir, daß Du auch nie was kriegst! Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich mich vor diesem elften Juni retten soll, es müßte denn sein, daß Heinrichs Anschlag gelingt. Aber ich zweifle daran, der Anschlag ist gar zu verwegen. Und doch muß ich ihm freie Hand lassen: denn wenn ich ihm etwas einwende, so wird er böse. Der Anschlag ist nämlich dieser, daß mein College Jens Trockenholz sich ausgeben soll für Lars Andersen, einen der reichsten Männer der Stadt; er soll vorgeben, als ob er mir eben so viel Geld schuldet, wie ich dem Ochsendorf, soll das Geld auf sich überschreiben lassen und ihm dafür eine erste Hypothek aufs Rathhaus geben. Wie ich den Anschlag zuerst hörte, fragte ich ihn, ob er den Verstand verloren; denn das ist ja so dreist, das kann kein 222 Komödienschreiber gebrauchen. Er aber erwiderte: Bedenken Sie, Herr, nur zwei Dinge, erstlich die Dummheit des Menschen, zweitens das Vertrauen, das er zu mir als seinem Vetter und besten Freunde trägt, so hat die Sache gar nichts Unmögliches. Jetzt ist er hin, um das Rathhaus zu besehen, das er für Lars Andersens Haus hält; ich warte mit Schmerzen auf meinen Collegen, er versprach mir . . . . . . . Aber da kommt er ja. Fünfte Scene. Schuldenborg . Trockenholz . Schuldenborg . Wo bleibt Ihr denn so lange, Monfrere? Trockenholz . Es schlug eben erst halb Zwölf. Aber wo ist der Dummkopf denn? Schuldenborg . Er ist mit Heinrich hin, das Haus zu besehen, das Ihr ihm verpfänden wollt. Trockenholz . Was für ein Haus ist denn das? Schuldenborg . Das Rathhaus. Trockenholz . Ha, ha, ha! Schuldenborg . Stelle Dich nur höchst ehrbar und laß Heinrich machen. Da kommen sie zurück. Sechste Scene. Die Vorigen auf- und abspazierend. Ochsendorf und Heinrich treten ein. Ochsendorf (sich nach allen Seiten umsehend) . Element, was ist diese Börse für ein Haus? Heinrich . Das ist ein schönes Gebäude und in den Buden da draußen kann Monsieur alles bekommen, was er verlangt. Ochsendorf . Wenn ich ein gutes spanisches Rohr kriegen könnte, so möcht' ich wol so ein oder zwei Mark daran spendiren oder auch allenfalls drei. Heinrich . Ei ja, ein gutes spanisches Rohr kann Monfrere unter sechs Thalern nicht kriegen. 223 Ochsendorf . Gott steh' meinen sechs Thalern bei! Nein, da schlag' ich mir den Firlefanz lieber aus dem Sinne; Geld, das ist heutzutage ein Ding, womit man nicht spaßen darf. Heinrich . Belieben der Vetter nicht sonst was Hübsches zu kaufen? Ochsendorf . Ich möchte wol so einen kleinen hölzernen Vogel, mit 'ner Pfeife im Hintern, für meinen jüngsten Bruder Christian, wenn ich nach Hause komme, aber er muß nicht zu theuer sein. Aber wem gehören diese Gemälde, die hier herumhängen? Ohne Zweifel Porträts von Bürgermeistern, Rathsherren, angesehenen Kauf- und Handelsherren, die zum Schmuck der Börse dienten. A.d.Ü. Heinrich . Wenn Monfrere Liebhaber ist, die kann er sich kaufen. (Leise) Element, wenn ich den dazu bringen könnte, die Gemälde hier zu kaufen, die der Börse gehören, das wäre eine nette Geschichte. Ochsendorf . Nein, Vetter, die sehen gar zu altfränkisch aus. Heinrich (leise) . Hol' ihn der Teufel, er beißt nicht an. Ein Knabe (kommt mit Büchern unter'm Arm) . Kauft schöne neue Bücher, Monsieur! Kauft: »Zufriedenheit ist mein Vergnügen! Zufriedenheit ist kein Vergnügen!« Ochsendorf . Hast Du nicht Peter Paarsen seine Chronik? Von Chroniken, Vetter, bin ich ein großer Liebhaber; vordem hatte ich dem Saxo seine Grammatik Er meint Saxo Grammaticus, den berühmten dänischen Gelehrten, den Vater der dänischen Geschichtschreibung, wenn auch freilich in fremder (lateinischer) Sprache. Die Hvitfeldtsche Chronik erschien zuerst 1595 und hatte den damaligen dänischen Reichskanzler Arvild Hvitfeldt (geboren 1549, gestorben 1609) zum Verfasser; das Buch war sehr verbreitet und erlebte viele Auflagen, selbst noch zu Holbergs Zeit. Der »Peter Paars« ist natürlich Holbergs eigenes berühmtes Gedicht. A.d.Ü. und die Hvidtfeldtsche Chronik, aber Peter Paarsen seine Chronik gefällt mir besser, denn in der andern sind keine Kupferstiche. Der Knabe . Ja, hier ist ein Peter Paars. Ochsendorf . Was soll er denn kosten? Der Knabe . Vier Mark. Ochsendorf . Hol' Dich der Henker mit Deinen vier Mark; willst Du acht Schillinge haben? (Der Knabe geht weiter und bietet seine Bücher den Uebrigen an, die auf- und abgehen.) Ochsendorf . Der Kerl thut noch ganz vornehm zu meinen acht Schillingen und doch ist das wahrhaftig alles, was das Buch werth ist; es ist nicht mal alles wahr, was drin steht. Uebrigens hör' ich, daß Peter Paars ein anständiger Kerl gewesen sein soll; Schande genug, daß sie dem armen Kerl nicht 224 einmal die Ruh' im Grabe gönnen. Aber was giebt's, Vetter? Seid Ihr nicht wohl, der Schweiß steht Euch ja auf der Stirn? Heinrich . Seid still von dem Buch, Vetter, mir wird's schlimm, sowie ich davon höre; kein Türke hätte den Baccalaurussen und Magistern so zu Leibe gehen können als der Verfasser dieses Buchs. Aber was meint der Herr Vetter denn zu Lars Andersens Haus am Markt? Ochsendorf . Das Haus ist soweit ganz schön, aber nur ein bischen seltsam gebaut. Es ist die Rede von dem alten Rathhaus, das zwischen Alt- und Neumarkt lag, einzeln stand und mit einem Thurme und hohen Mauern versehen war; das jetzige Rathhaus, ungefähr an derselben Stelle belegen, links am Neumarkt, wurde erst 1815 von Hansen erbaut. A.d.Ü. Heinrich . Das Haus, kann ich Monfrere versichern, wird nicht unter zwanzigtausend Thaler verkauft; er hat es selbst gebaut, aber ich möchte schwören, nicht mit dreißigtausend Thalern. Ochsendorf . Das ist ein närrischer Einfall, so viel Geld in ein Haus zu stecken. Heinrich . Ei ja doch, was denkt Ihr? Lars Andersen achtet dreißigtausend Thaler nicht mehr als Monfrere zehn Thaler. Ochsendorf . Ja, bei uns in Jütland kennt man Lars Andersen auch; will der ein Kapital von mir haben, so kann er das auf seine bloße Handschrift kriegen. Heinrich . Das ist schon wahr, Monfrere, aber der sicherste Weg ist doch immer der beste. Aus der Stadt hier dürfte sich Keiner unterstehen, ein Unterpfand von ihm zu verlangen: aber Monfrere muß nur sagen, daß er hier fremd ist, da wird es sich schon machen. Ich für mein Theil kann Monfrere mit nichts dienen als blos mit meinem Rathe, denn meine Lage ist nicht von der Art, daß ich die Güte, die Seine Eltern für mich gehabt haben, jemals vergelten kann. Ochsendorf . Ei, mein allerliebster Vetter, guter Rath ist ja besser als Geld. Heinrich . Dann kann ich Monfrere auch nicht zugeben, daß Er sich mit seiner bloßen Unterschrift begnügt, sondern er muß Ihm Hypothek geben auf das große Haus am Markt. Denn Seine Eltern wollen doch, daß das Geld auf Hypothek gegeben werden soll? 225 Ochsendorf . Gut, Monfrere soll Seinen Willen haben. Aber da fällt mir eben was ein: nämlich warum wir, da wir doch Vettern sind, noch Ihr zu einander sagen. Heinrich . Das ist auch wahr; von jetzt ab wollen wir uns, wie es Brüdern geziemt, Du nennen. Ochsendorf . Ist's nicht so? (Sie küssen einander.) Heinrich . Aber wahrhaftig, da seh' ich ja den Lars Andersen; schau, wie er umhergeht und nachdenkt. Ochsendorf . Das will ich Dir erklären, Monfrere: solcher Mann hat Tausenderlei im Kopf, besonders so um den elften Juni herum. Ich weiß aber nicht, ob es sich für mich wol paßt, ihn anzureden; will Monfrere nicht so gut sein, und es statt meiner thun? Heinrich . Gehorsamster Diener, mein Herr Andersen, ich möchte gern wissen, ob Monsieur Schuldenborg nicht etwas Geld bei Ihm stehen hat? Trockenholz . Ich glaube ja; aber was geht das Euch an? Heinrich . O ja, mein Herr, daran liegt uns sehr viel. Trockenholz . Ich habe jetzt keine Zeit, mich damit zu befassen, Ihr könnt ein andermal wieder kommen. Heinrich . Ach, mein Herr, da ich einmal das Glück habe, Ihn so zeitig auf der Börse zu treffen, bevor noch Andere da sind, möchte ich Ihn doch gehorsamst bitten, mich anzuhören. Dieser junge Mann, den mein Herr da sieht, hat dreitausend Thaler bei Schuldenborg zu fordern. Schuldenborg hat aber schon seit mehren Jahren die Zinsen nicht pünktlich bezahlt und darum will er ihm das Geld kündigen und es anderwärts sicher unterbringen. Wenn mein Herr Andersen so gut wäre, das Kapital zu übernehmen, so stände das Geld freilich sicher. Trockenholz . Ei was, damit gebe ich mich nicht ab, ich zahle Monsieur Schuldenborg sein Geld und dann sind wir auseinander. Wie heißt der junge Mensch denn? Ochsendorf . Ich heiße Ochsendorf und bin Henning Nielsens Sohn. Trockenholz . Ei, seid Ihr Henning Nielsens Sohn? Euer 226 Vater ist ein hübscher Mann, seinetwegen will ich thun, was ich kann. Ochsendorf . Ergebenster Diener, meine Eltern werden es sich angelegen sein lassen, Eure Güte zu erwidern. Trockenholz . Ei, Bagatell. Hätten wir nur Monsieur Schuldenborg hier, so könnten wir die Sache bald ins Reine bringen. Ich glaube, da geht er; ja das ist er! Hört, Monsieur Schuldenborg, auf ein Wort! Dieser junge Mann hat erfahren, daß Ihr ein Kapital bei mir stehen habt, und da er eine Summe Geldes von Euch zu fordern hat, die er gern anders unterbringen will, so hab' ich ihm versprochen, daß die bei mir untergebracht werden kann, so daß ich sein Schuldner werde. Ja, Monsieur, da hilft nun kein Augenwinken, ich bin ein ehrlicher Mann, der sich auf kein Hocuspocus versteht. Und obenein hab' ich diesem jungen Manne meine Dienste zugesagt um seiner braven Eltern willen. Schuldenborg . Wer sagt, daß ich mit den Augen winke? Hätte mein Herr das wo anders gesagt, so . . . .. Trockenholz . Nun, was wäre dann? Denkt Ihr, ich lasse mich verblüffen von charmanten Kleidern? Ihr scheint Lars Andersen noch nicht recht zu kennen. Schuldenborg . Nun ja, ich weiß, daß Er ein reicher Mann ist, im Uebrigen jedoch . . . Trockenholz . Was wollt Ihr sagen mit dem »im Uebrigen jedoch«? Heinrich (tritt dazwischen). Ach, mein Herr Andersen! ereifere Er sich doch nicht, bedenk' Er doch, wir sind auf der Börse! Trockenholz . Ihr habt Recht. Hört, Monsieur Ochsendorf, Ihr sollt Euer Kapital von mir bekommen. Schuldenborg . Aber ich bin doch der Mann, ihn selbst zu bezahlen? Heinrich . Nein, das wünscht er eben nicht, seine Eltern wollten das Geld lieber bei Monsieur Lars Andersen stehen haben. Wenn Monsieur überhaupt bezahlen will, so kann Ihm das ja einerlei sein. 227 Schuldenborg . Das ist wol wahr, aber ich kann es nicht vertragen, wenn man an meiner Ehrlichkeit zweifelt. Ochsendorf . Ich zweifle ja nicht an Seiner Ehrlichkeit, meine Eltern wollen es ja blos so haben. Schuldenborg . Wolan denn, ich bin es zufrieden; wenn die Börse vorbei ist, wollen wir nach Hause gehen und die Sache ins Reine bringen. Heinrich . Aber ich möchte gern noch ein Wort mit Monsieur Andersen reden, wenn Er es nicht ungütig nehmen will. Daß Monsieur Ochsendorf sein Geld in keinen bessern Händen haben kann als bei Ihm, davon ist er überzeugt, allein seine Eltern haben ihm einmal befohlen, es nicht wegzugeben, es sei denn als Hypothek auf ein Haus. Trockenholz . Ja, mir ist's recht; dann kann Er eine Hypothek auf mein großes Haus am Markt kriegen. Ochsendorf . Das ist charmant, ich habe das Haus gesehen, das wird wol auch einen Thaler acht Groschen zu bauen gekostet haben. Trockenholz . Jetzt muß ich die guten Herren verlassen, bis die Börse vorbei ist. Adieu. Siebente Scene. Die eigentliche Börsenzeit wird vorgestellt. Es treten so viele Personen auf, wie der Raum nur irgend fassen will. Einige lassen die Köpfe hängen, Andere drohen einander, Andere zanken sich, Andere sind vergnügt, Andere sind traurig und ringen die Hände. Ein Jeder kann sprechen was er will, da man doch nichts davon versteht. Verschiedene Knaben treten auf mit Plakaten und neuen Liedern, welche sie feil bieten. Endlich verliert sich Einer nach dem Andern, nachdem der Lärm eine Viertelstunde gewährt hat, bis die vorigen Personen allein sind, und zuletzt gehen dieselben ebenfalls fort. 228 Vierter Akt. Erste Scene. Ochsendorf allein. Ochsendorf . Ha ha ha, das dacht' ich wol, daß das so kommen würde; mein Schwager ist ganz eifersüchtig. Und allerdings, wär' er nicht mein Schwager, ich macht' ihn zum Hahnrei. Es ist eins der niedlichsten und angenehmsten Weiber, die ich je gesehen habe. Auch merk' ich schon, sie ist zahm genug, so daß es mich nicht viel Mühe kosten würde. Sie läßt mich nicht aus den Augen, und wie sie mich zum ersten Mal sah, seufzte sie, als ob ihr die Seele aus dem Leibe führe. Ich bin auch kein Klotz und habe meine Empfindungen wie die Andern, ja ich muß sagen, wenn . . . . . Aber da ist mein Vetter Niels Christensen, ich muß doch hören, ob er noch nichts von der Geschichte gemerkt hat. Zweite Scene. Ochsendorf . Heinrich . Ochsendorf . Serviteur, mon frère , wo kommst Du her? Heinrich . Ich komme von unserer Schwägerin; Du hast Glück, Monfrere. Ochsendorf . Wie so? Heinrich . Du hast Glück. Ochsendorf . Worin besteht das Glück? 229 Heinrich . Die Madame ist ganz verliebt in Dich. Ochsendorf . Hast Du es auch gemerkt? Heinrich . Nicht nur gemerkt hab' ich's, sondern auch gehört, und zwar aus ihrem eigenen Munde. Ochsendorf . Du magst den Teufel?! Heinrich . Es fiel mir gleich Anfangs auf, wie sie sich benahm; ich konnte doch unmöglich denken, daß solch ehrbares Weib sich verlieben könne. Als ich aber vorhin an ihrer Kammer vorbeiging, hört' ich ein Seufzen und Heulen, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Ich ging etwas näher und da hört' ich denn, daß es meine Schwägerin war, und daß sie Monfrere's Namen wiederholte wol mehr als zehnmal. Ach mein allertheuerster Ochsendorf, sagte sie, daß doch dein Herz sich zu mir neigte, wie meins zu dir! Ach unselige Stunde, da ich dich zum ersten Mal erblickte! Und so in der Art weiter! Ich war ganz bestürzt darüber: denn ich kann Monfrere zuschwören, ich kenne sie nun in die acht Jahre und habe nie bemerkt, daß sie in die geringste Anfechtung verfallen wäre, obschon sie viele Anbeter gehabt hat. Aber Monfrere hat nun mal solchen glücklichen Stern, und ich selbst muß sagen, wär' ich ein Frauenzimmer, verliebte ich mich ebenfalls in Dich bis über die Ohren. Denn Du hast nicht nur ein schönes Aeußere, sondern auch ausgezeichnete angenehme Manieren, so daß es schwer hält, einem solchen Manne zu widerstehen. Ochsendorf . Ich kann das nicht leugnen, Monfrere, daß ich schon manches Frauenzimmer in Versuchung geführt habe . . . Aber was will das Mädchen hier? Ein Mädchen . Hier ist ein Brief von Jemand, den soll ich an Monsieur bestellen und soll auf Antwort warten. (Giebt ihm heimlich einen Brief.) Ochsendorf (liest den Brief laut) . »Monsieur! Nie hätte ich mir eingebildet, daß ein Mensch in der Welt im Stande wäre, mein Herz dermaßen in Unruhe zu versetzen, daß ich die Modestie verletzen sollte, welche bis dahin meine Haupttugend gewesen, und meine Liebe einem fremden Manne anbieten. Aber ach, trotze Niemand auf seine Tugend! Ich glaubte bisher auch 230 vollkommner zu sein als andere Menschen; aber Monsieurs Gestalt und angenehme Manieren haben meine Ehrbarkeit erschüttert und ein solches Feuer in meinem Herzen entzündet, daß dasselbe in kurzer Zeit verzehrt sein wird, wenn Monsieur nicht mit einer geneigten Antwort beruhigt, die ich verbleibe \&c. Abelone Jacob Petersens. Postscript. Ich bitte den Brief doch ja gleich zu zerreißen.« Heinrich . Element, ist's also richtig, wie ich sagte? Was willst Du nun antworten? Ochsendorf . Ich kann nicht antworten, Monfrere, ich zittere an allen Gliedern. Heinrich . Ja so, bist Du schon so angeschossen? Ochsendorf . Will Monfrere nicht statt meiner antworten? Ich schreibe zwar einen Brief so gut wie Einer, in diesem Augenblick aber kocht mir das Blut dermaßen, daß ich nicht im Stande bin zu antworten. Schreib' ihr, mein Herzensmonfrere, daß ich noch zehnmal verliebter in sie bin . . . . Aber wahrhaftig, da kommt der Herr Schwager in Person, laß uns auf unsere Kammer hinaufgehen und den Brief schreiben. (Reißt den Brief in Stücke.) Dritte Scene. Jacob allein. Jacob . Alles geht wie bestellt. Eine von den Mamsellen ist meine Frau und spielt ihre Rolle, daß es eine Lust ist zu sehen. Er ist verliebt und will mich zum Hahnrei machen, während ich doch gar nicht verheirathet bin, und ich bin eifersüchtig auf meine Frau, obschon ich gar keine habe. Heinrich läßt sich vortrefflich an, recht wie ein alter durchtriebener Schelm. Kurz, hier wird eine Komödie gespielt, die, wenn uns Niemand stört, ganz allerliebst werden kann. Da ist Heinrich. 231 Vierte Scene. Jacob . Heinrich . Heinrich . Nun, wie geht's, Schwager? Ist's wahr, bist Du wirklich so eifersüchtig? Jacob . Krieg' Du den Teufel mit Deiner Schwägerschaft und Vetterschaft! Aber, Heinrich, ich fürchte, wenn die Historie einmal herauskommt, so geht's uns schlecht. Heinrich . Die kann gar nicht herauskommen, außer wir verrathen uns selbst. Uebrigens wenn sie auch herauskommt, was hat es zu sagen? Ich bringe mich wol durch, und Dir kann doch auch nicht mehr passiren, als daß Du gehängt wirst. Na, und das ist wol ein rechtes Unglück, als ob es Dir nicht einerlei wäre, Du wirst heut gehängt oder morgen. Jacob . Wenn es einerlei ist, ob man heut gehängt wird oder morgen, so hoff' ich, Du wirst aus alter Freundschaft Dich statt meiner hängen lassen. Heinrich . Nein, Jacob, ich möchte Dich gern überleben, um Dir die Grabschrift zu setzen, und die sollte so lauten: Hier hängt Jacob Christophersen, weiland wohlverdienter Wirth im Paradiese, seines Alters vierzig Jahre. Fragst Du, wie es zugeht, daß er nicht schon vor zwanzig Jahren gehängt ist, so wisse, daß der Teufel seinen Leuten Zeit läßt. Dieses hat dem Verstorbenen zu Ehren errichtet sein tiefbetrübter nachgelassener Freund Heinrich Larsen, fecit . Jacob . Nun, nun, Heinrich, nur nicht gar zu grob. Heinrich . Ei, Jacob, ich weiß ja, daß Du Spaß verstehst. Jacob . Alles mit Maßen. Heinrich . Wärst Du nicht mein guter Freund, so würd' ich nicht so mit Dir spaßen. Jacob . Spaß versteh' ich schon, aber meinem ehrlichen Namen und Ruf muß Keiner zu nahe treten. Heinrich . Freilich wol, die Wirthe im Paradies waren 232 von jeher vortreffliche Leute. Aber weißt Du auch, Jacob, was der Dummkopf jetzt treibt? Jacob . Nein. Heinrich . Er schreibt eine höchst bewegliche Antwort auf der Mamsell ihren verliebten Brief. Jacob . Ha ha ha, da kommt sie selbst. Fünfte Scene. Lucretia . Heinrich . Jacob . Lucretia . Eben hab' ich einen Brief gekriegt, der ist Gold werth; nun ist das Spiel gewonnen. Jacob . Was antwortet er? Lucretia . Ei, das sind nichts als Engel vorn und hinten. Jacob . Nu, spiele Deine Rolle nur brav weiter. Lucretia . Possen, als ob ich nicht vom Handwerk wäre. Aber sieh, da kommt er. Sechste Scene. Ochsendorf . Heinrich . Jacob . Lucretia . Ochsendorf . Serviteur, Schwager. Nun bin ich seelenvergnügt, ich habe mein Kapital einem unzuverlässigen Manne aus den Händen genommen und bei einem Andern untergebracht, bei dem mir meine Zinsen auf Tag und Stunde sicher sind. Jacob . Wer ist der Mann, Schwager? Ochsendorf . Das ist Lars Andersen. Jacob . Ja, der ist freilich gut, ich wollte nur, ich hätte eine Tonne Goldes bei ihm stehen. Ochsendorf . Er hat mir eine Hypothek dafür gegeben auf sein großes Haus am Markt, und das alles dank' ich meinem Vetter Niels Christensen; solchen Vetter giebt's nicht wieder. Heinrich (den Wirth bei Seite ziehend) . Hört, Schwager, Ihr 233 könnt Euch nicht vorstellen, was dem Ochsendorf seine Eltern für brave Leute sind. Und was für einen Namen sie sich gemacht haben. Das sind jetzt zwanzig Jahre her, da hatten sie nichts zu beißen noch zu brechen und waren verachtet bei allen Nachbarn, jetzt dagegen haben sie es durch ihren Fleiß und ihre Schlauheit so weit gebracht, daß ihre Nachbarn sammt und sonders Bettler sind und daß sie alles Geld allein haben. (Während sie mit einander sprechen, steht Ochsendorf und flüstert mit der Mamsell; Jacob sieht sich um und stellt sich bös darüber. Heinrich dreht ihm den Kopf wieder zu sich hin und fährt in seiner Erzählung fort:) Wie Henning Ochsendorf zuerst in die Höhe kam, Schwager, das war so: er kaufte sich von Zeit zu Zeit eine Menge Processe und wie er den ersten gewonnen hatte, da hatte er Geld in Händen, um die andern ebenfalls zu gewinnen. (Ochsendorf küßt der Mamsell die Hände; Jacob sieht sich um, wird bös und stampft vor Zorn auf die Erde. Heinrich dreht ihn wieder um.) Ich sage das nicht aus Parteilichkeit, Schwager; denn das Zeugniß müßt' ich ihnen geben und wenn sie gar nicht mit mir verwandt wären. Summa Summarum: er gewinnt einen Proceß nach dem andern, so unsicher sie waren, und davon bekamen die Leute vor ihm solchen Respect und solche Hochachtung, daß sie, wenn ihre Sache auch noch so gut war, ihre Ansprüche doch lieber gegen eine Kleinigkeit fallen ließen, ehe sie mit Ochsendorf vor Gericht gingen. Was dünkt Euch, Schwager, ist das nicht alles Mögliche von einem unstudirten Manne? (Jacob läuft hin und stellt sich, als ob er die Mamsell heimlich auszankte. Heinrich zieht ihn wieder zurück.) Summa Summarum, Schwager: wie er ein Mann von zehntausend Thalern geworden war, legte er sich auf die Handlung. Aber denkt Ihr, daß er sich darauf einließ, Schiffsparte zu kaufen, oder fremde Waaren kommen zu lassen, um sie wieder umzusetzen, oder Wechselhandel zu treiben oder irgend etwas Anderes, wobei ein Risico ist? Ja richtig, dazu war Henning Ochsendorf zu klug. (Jacob stellt sich, als ob er wieder hin will; Heinrich hält ihn zurück.) Summa Summarum: er ging den sichern Weg, Schwager, er ließ sich nur auf solche Geschäfte ein, wobei Gewinn war und kein Risico. Keinen Schilling lieh er aus ohne Unterpfand und auch das noch mit der Bedingung, daß, 234 wenn das Pfand nicht pünktlich zum Termin eingelöst wurde, so war es ihm verfallen. So wurde sein Haus angesehen und wird noch heutigen Tags angesehen als eine Bank für arme Leute, welche in Noth sind und kein Geld kriegen können außer gegen Pfand. (Jacob wird wieder unruhig und Ochsendorf lacht, daß er sich den Bauch hält.) Summa Summarum, allerwerthester Schwager: er hielt jährlich einmal Auction über diese Pfänder und das Allerergötzlichste dabei war, daß mitunter dieselben Leute, denen das Pfand gehörte, es um das Doppelte zurückkauften, wofür sie es versetzt hatten. Jacob . Ist der Schnack noch nicht bald zu Ende? Heinrich . Summa Summarum: es wäre zu wünschen, daß Andere Ochsendorfs Beispiel nachfolgten und eben solchen vorsichtigen Handel trieben, so würde es mit manchem besser stehen, als es thut. (Lucretia geht ab, indem sie Ochsendorf zuwinkt.) Siebente Scene. Jacob . Ochsendorf . Heinrich . Jacob . Was war denn das für ein Geflüster, Schwager, mit meiner Frau? Ochsendorf . Ei nichts, sie fragte mich blos nach meinen Eltern; der Herr Schwager wird mir doch nicht zutrauen, ich könnte was anders mit ihr reden, als was Jeder hören kann? Jacob . Nein doch, ich denke in der That zu gut von meiner Frau, als daß ich sie im Verdacht hätte. Heinrich . Und für meinen Vetter Ochsendorf sag' ich gut. Ochsendorf . Ich will mich nicht selbst rühmen, aber besondere Springhengste sind die Ochsendorfs nie gewesen. Heinrich . Nein gewiß, das kann Jeder hören, Monfrere. Ich habe nie solche Leute gekannt wie in Deiner Familie, die gehen alle, so viel ich ihrer kenne, mit den Frauenzimmern ebenso um wie mit den Mannsleuten. Ich weiß aber noch nicht, ob das just eine Tugend ist, so sehr kaltsinnig zu sein. 235 Jacob . Ei gewiß, Schwager, ist das eine Tugend, und zwar eine von den größten Tugenden; Ihr dürft jungen Leuten ja nichts Anderes vorpredigen. Heinrich . Ihr habt Recht, Schwager, vor jungen Leuten darf man nicht anders reden, aber immer ausgenommen Monfrere Ochsendorf. Denn wenn man dem auch ein ganzes Jahr vorpredigen wollte, man brächt' ihn doch nicht dazu, verliebt zu werden; wären alle junge Menschen von Natur so, da brauchte kein ehrlicher Mann sich um seine Frau zu ängstigen. Wo ein Mensch mal von Natur gut ist, Schwager, da ist er auch durch nichts zu verführen, und ebenso, wo die Natur schlecht ist, da hilft auch keine Ermahnung zum Guten. Ochsendorf . Es gilt darüber ein gewisses lateinisches Sprüchwort, das kannst Du uns sagen, Monfrere, da Du ja studirt hast? Ich hab' es wol zehnmal gehört, es ist ein ganz bekannter Spruch. Heinrich . Das heißt auf Latein, Monfrere: Gaudeamus igitur, post molestam sumus . Ochsendorf . Nein, so, dächt' ich, hieße es nicht. Heinrich . Ja, Monfrere, das Latein ist eine außerordentlich reiche Sprache, man kann darin ein und dieselbe Sache auf vielerlei Manieren sagen: so kann man das auch auf eine andere Manier geben, zum Beispiel: parva scintilulla habet contemtula nos habebit humus . Ochsendorf . Entschuldigt mich, ich muß auf meine Kammer und einen Brief mit der Post schreiben. (Ab.) Achte Scene. Heinrich . Jacob . Heinrich . Hol' Dich der Henker mit Deinem Latein, das war eine schöne Angst, die er mir damit gemacht hat! Jacob . Ha ha ha! Aber wozu brauchen wir denn alle diese Umschweife? 236 Heinrich . Die sind sehr nöthig, Jacob: denn je eifersüchtiger Du Dich stellst, je verliebter wird er. Weißt Du, was Du nun zu thun hast? Sobald Du sie auf Ochsendorfs Kammer husten hörst, so ist dies das Signal, daß Du mit zwei Zeugen hereinbrichst, und da wollen wir ihn dann in eine Angst versetzen, wie er sie noch in seinem Leben nicht gehabt haben soll. Laß uns nur rasch gehen. 237 Fünfter Akt. Erste Scene. Jacob . Zwei Zeugen . Jacob (geht an die Thüre und lauscht) . Hört Ihr wol, Ihr lieben Leute? So wie ich Euch einen Wink gebe, stürzt Ihr gleich mit mir hinein. (Er winkt ihnen, sie stürzen mit ihm hinein und bringen Ochsendorf herausgeschleppt.) Ei, Du undankbarer Bube, ist das der Dank für die Höflichkeit, mit der ich Dich in mein Haus aufgenommen und Dir alles Gute erwiesen habe?! Sieh her (indem er seinen Degen zieht) , ich werde Dich lehren, was das zu bedeuten hat, eine anständige Dame zu beschimpfen! Zweite Scene. Heinrich . Die Vorigen . Heinrich . Holla, was ist hier los? Was macht Ihr, Schwager? Wollt Ihr in Eurem eigenen Hause zum Mörder werden an eines braven Mannes Sohn und Eurem eigenen Verwandten?! Jacob . Laß mich los, Schwager, oder das Donnerwetter holt Euch alle zusammen! Heinrich . Ach, mein allerliebster Schwager, bedenkt doch, was Ihr thut?! Jacob . Bedenken hin, bedenken her, er muß geopfert werden, und ist meine Frau schuldig, so muß sie mit ihm sterben. Laß mich los, sag' ich! 238 Heinrich . Was ist denn geschehen, mein allerliebster Schwager?! Jacob . Er hat wollen mein Ehebett beflecken – laß mich los, he Du! (Heinrich balgt sich so lange mit ihm, bis er ihm den Degen aus der Hand windet.) Hei Gewalt! Gewalt! Ihr guten Männer sollt mir bezeugen, was hier passirt ist! Kann ich mich nicht selbst rächen, so sollen Gesetz und Recht mich rächen! Dritte Scene. Lucretia . Die Vorigen . Lucretia (mit fliegenden Haaren) . Wo ist der Schelm? Ich will ihn packen! Ist das eine Art mit einer anständigen Dame umzugehen? (Ochsendorf verkriecht sich hinter Heinrich.) Sein Herzblut muß ich sehen; denkt er, ich bin eine Hure? Wo ist er geblieben? Ach, ich sterbe, wenn ich nicht auf dem Fleck Rache bekomme! Holla, bist Du da?! (Sie faßt ihn bei den Haaren und schüttelt ihn tüchtig. Heinrich springt dazwischen und wehrt sie ab. Die beiden Männer halten Jacob.) Ei, laßt mich doch Rache nehmen an ihm! Heinrich . Ei, meine Herzensschwägerin, wir sind alle Menschen, Ihr müßt Nachsicht haben mit einem jungen Menschen. Lucretia . Die Augen will ich ihm ausreißen! Heinrich . Ei, Schwägerin, er hat sich vergangen und bekennt seinen Fehler. Lucretia . Bekennt seinen Fehler? Ist das genug? Nein, nicht lebendig soll er von der Stelle kommen! Jacob . So ist's recht, Frau, reiß' dem Hund die Augen aus! Laßt mich los, sag' ich, Ihr Kerle! Heinrich . Vetter, spring' in die Kammer und riegle die Thüre zu! (Ochsendorf läuft fort.) 239 Vierte Scene. Jacob . Lucretia . Heinrich . Die beiden Männer . Jacob . Ha ha ha, das geht schön, nun haben wir ihn tüchtig in der Klemme; wie soll es nun weiter gehen, Heinrich? Heinrich . Da muß sofort stehenden Fußes ein Proceß eingeleitet werden, nicht im Ernst, sondern nur um ihn immer mehr in Angst zu setzen. Lucretia . Spielt' ich meine Rolle nicht gut? Jacob . Du bist ein geschicktes Mädchen, Du hast Dein Meisterstück gemacht. Heinrich . Geht nur alle fort und laßt zwei gute Freunde kommen als Gerichtsdiener; unterdessen bring' ich ihn wieder heraus. (Die Uebrigen ab.) Fünfte Scene. Heinrich allein. Heinrich . Mach' auf, Monfrere. Ochsendorf (von drinnen) . Ich werde mich hüten. Heinrich . Sie sind alle fort, ich bin allein. Ochsendorf . Ich fürchte, sie kommen wieder. Heinrich . Sie können nicht wieder kommen, ich habe die Thüre verriegelt. ( Ochsendorf kommt heraus.) Ochsendorf . Ach, Monfrere, ich fürchte doch, sie kommen wieder. Heinrich . Setzt Monfrere Mißtrauen in meine Worte? Hab' ich das wol verdient, daß Du mißtrauisch gegen mich bist? Ochsendorf . Ach nein, Monfrere, Du hast an mir gehandelt, wie nur ein Bruder am andern handeln kann. Heinrich . Ja, ich habe mein Leben für Dich gewagt. Aber das hat nichts zu sagen, wenn ich nur sehe, daß Du es mir 240 gedenkst; ich werde Dir auch ferner aus allen Kräften beistehen, als treuer Bruder und Vetter. (Ochsendorf fällt ihm um den Hals und weint; Heinrich weint ebenfalls.) Ochsendorf . Ach, Monfrere, wie soll ich mich retten aus diesem Unglück? Heinrich . Ja, ich weiß es wahrhaftig auch nicht, ich bin so verwirrt im Kopf und so bestürzt, daß ich nicht weiß, ist es Tag oder Nacht? Ich habe nach dem Procurator Knud geschickt, das ist ein geriebener Mann, um seinen Rath zu hören. Ochsendorf . Aber kann Monfrere mir nicht helfen, daß ich mich rasch aus der Stadt davon mache? Heinrich . Ja richtig, das Erste, was Schwager Jacob that, war, die Hausthüre zu verschließen; Du kannst nicht heraus. Ochsendorf . Ach, ach, ich elender Mensch, das kostet mich den Hals! Aber wie kam das nur, mein Herzensvetter, daß die Madame mich so übel behandelte, da sie mir ihre Liebe doch selbst erst angetragen? Heinrich . Monfrere, Du bist noch ein wenig einfältig; sie mußte sich ja so stellen um ihres Mannes willen, um ihre Ehre zu retten, ja vielleicht ihr Leben. Ich sprach sie nachher insgeheim, da weinte sie wie ein Kind und bat mich, sie zu entschuldigen. Aber was wollen die Leute hier? Sechste Scene. Zwei Gerichtsdiener . Heinrich . Ochsendorf . Die Gerichtsdiener . Hier ist ja wol ein junger Mann mit Namen Ochsendorf? Heinrich . Was wollt Ihr von ihm? Die Gerichtsdiener . Wir haben ihn von Amtswegen vors Stadtgericht zu citiren, um Antwort zu geben auf die Klage, welche Jacob Christophersen wider ihn angestellt hat. Das ist gewiß der Mann. Hört, Monsieur, wir sollen Ihm anzeigen, daß Er sich heut über acht Tage Punkt neun Uhr auf dem Stadtgericht einfindet, um Antwort zu geben auf die Klage, welche 241 Jacob Christophersen, Bürger und Einwohner hiesiger Stadt, wider ihn angestellt hat. Heinrich . Es ist gut, Ihr lieben Leute. (Sie gehen.) Ochsendorf . Ich dächte, das wäre mäßig gut. Heinrich . Die Gerichtsdiener müssen eine Antwort haben, das thut nichts zur Sache, ob man ihnen so antwortet oder so, es genügt, daß sie ihren Auftrag ausgerichtet haben. Ochsendorf . Ach, mein Herzensmonfrere, sollt' es nicht möglich sein, sich aus dem Staube zu machen? Heinrich . Nein, er hat zwei Matrosen als Aufpasser an die Thüre gestellt, und wenn Du fortläufst, so machst Du die Sache nur schlimmer. Ochsendorf . Ach, ich elender Mensch, das ist ein betrübter elfter Juni für mich! Heinrich (weinend) . Ach Monfrere, Du kannst nicht glauben, wie schwer mir das Herz ist um Deinetwillen! (Sie weinen beide.) Ochsendorf . Ach, sollt' es nicht möglich sein, sich aus dem Staube zu machen? Heinrich . Nein, Monfrere, den Gedanken gebt auf, der thut nicht gut. (Sie weinen wieder.) Heinrich . Aber kommt da nicht mein guter Freund, Procurator Knud? Ach, Herr Advocat, Sie kommen wie gerufen, hier ist ein Schilling zu verdienen. Knud . Serviteur, Monsieur Niels Christensen! Er soll Dank haben, daß Er an mich denkt und mir einen Schilling zu verdienen giebt. Heinrich . Ach, Herr Procurator, jetzt thut Euer Möglichstes! 242 Hier ist ein junger Mensch, der ist ins Unglück gekommen; könnt Ihr ihn retten, so sollt Ihr raisonnabel bezahlt werden. Knud . Um was handelt es sich? Ochsendorf . Ich bin Jacobs Frau zu nahe gekommen, Väterchen. Knud . Und sind Zeugen darauf? Ochsendorf . Ja leider. Knud . Das ist, wenn ich mich recht erinnere, eine Sache, bei der es sich um Leib und Leben handelt, ich habe das Gesetzbuch bei mir und will sicherheitshalber gleich mal nachschlagen. Das ist die Stelle, sechstes Buch, drittes Kapitel, achter Artikel: Wer einen Versuch macht, eine verheirathete Frau zu nothzüchtigen, der soll am Leben gestraft werden, auch wenn er mit seinem Vorsatz nicht zu Stande gekommen. Ochsendorf . Ach, Herr Procurator, sollte man sich denn nicht aus dem Staube machen können? Knud . Ja richtig, schön Dank auch, da verlör' ich ja einen Proceß; so lassen wir uns die Nahrung nicht aus den Händen winden. Aber ich will Euch was anders sagen: wir verdrehen den Artikel, so klar er auch ist, ich will mich Seiner schon annehmen als ein ehrlicher Mann und es schon so machen, daß Monsieur mit Pranger und Auspeitschung davon kommt. Ochsendorf . Ach, ach, ich elender Mensch! Ach, ach, sollte man sich nicht aus dem Staube machen können, Herr Procurator? Knud . Hört Er nicht, Monsieur, daß das nicht sein kann? Wie sollte ich wol eine solche wichtige Sache aus den Händen lassen? Da wär' ich ja nicht werth, je wieder vor Gericht zu agiren, ich würde ja von allen Advocaten für einen Spitzbuben gehalten werden; die werden sich schon genug darüber ärgern, daß ich, als ein junger Procurator, schon solche Sachen zu führen kriege. Heinrich (auf den Knieen) . Ach, Herr Procurator, thut Euer Möglichstes! Geht's meinem Vetter ans Leben, so sterb' ich vor Kummer mit! (Heinrich spricht heimlich mit Knud.) Knud . Wie gesagt, Monsieur Niels Christensen, verlaßt Euch auf mich, ich bin ein ehrlicher Mann. Jetzt kann ich mich 243 hier nicht länger aufhalten, ich habe vier brave Männer zu vertheidigen, die gehängt werden sollen, noch außer Eurem Vetter; adieu. (Ab.) Achte Scene. Ochsendorf . Heinrich . Ochsendorf . Was für Hoffnung gab er Dir, da er wegging? Heinrich . Dieselbe, die er Monfrere gab: er schwor mir zu, daß sich nichts weiter thun ließe. Ochsendorf . Ach weh, ach weh! Aber sollte man sich nicht aus dem Staube machen können? Heinrich . Ich hab' Euch schon gesagt, Vetter, es ist unmöglich. Doch will ich Eins versuchen, ob das geht, nämlich, ob es möglich ist, Schwager Jacob mit Geld zufrieden zu stellen. Ochsendorf . Ach, Herzensvetter, versucht das doch! Heinrich . Bleib' Du nur so lange hier, ich gehe hinein und spreche mit ihm. (Ab.) Neunte Scene. Ochsendorf allein. Nachher Heinrich . Ochsendorf . Ach, Niels Christensen, Du bist mir ein braver Vetter, lieber wollt' ich alle meine Geschwister verlieren, als blos Dich; Du hast mir solche Wohlthaten erwiesen, daß ich verpflichtet bin, mein Leben für Dich zu lassen. Komm' ich noch mit Ehren nach Hause, so will ich Dir wahrhaftig jedes Jahr einen großen Käse schicken und zwei Schinken, ja solch Vertrauen will ich zu Dir haben, daß Du nächsten elften Juni meine Zinsen für mich einkassiren sollst. Denn ich für meine Person komme mein Lebtage nicht wieder nach Kopenhagen. (Drinnen zanken sie sich.) Nein, höre mal, wie der Herzensmann sich zankt um meinetwillen! Na wer weiß, vielleicht läßt Jacob sich doch noch mit Geld zur Ruhe bringen. (Sie zanken wieder.) Nein, höre mal, nun sind sie hart aneinander; ach, ich fürchte nur, er geräth noch 244 meinetwegen ins Unglück. (Sie zanken wieder.) Jetzt haben sie sich gewiß bei den Haaren, es scheint, er läßt eher sein Leben, als daß er nachgiebt. Nun wird's wieder still. Es wird am Ende doch noch gut. (Sie zanken wieder heftig.) Nein, jetzt giebt's gewiß ein Unglück; hör' mal Einer, was der Jacob schreit! Nu wird's wieder still. Sie sprechen ganz leise; ach, wenn er sich doch bewegen ließe! Sieh da, da kommt er zurück. (Heinrich wischt sich den Schweiß ab.) Ach, Herzensvetter, ist da noch Rettung für mich? Heinrich . Ja, laß mich nur erst ein wenig verpusten. Ochsendorf . Will Monfrere nicht ein Glas Branntwein, den Aerger hinunterzuspülen? Da steht gleich welcher auf dem Tisch. Heinrich . Ja, reich' ein Glas her. Ach, das bringt mich gleich wieder zurecht; so ein Branntwein ist doch ein herrliches Ding, nämlich mit Maßen gebraucht. Hör', Monfrere, mit fünfhundert Thalern kannst Du Dich retten. Ochsendorf . Ich habe nicht mehr als zweihundert in meinem ganzen Vermögen. Ach, ach, fünfhundert Thaler! Das ist doch gar zu hart! Heinrich . Es hat Mühe genug gekostet, daß ich ihn nur so weit habe bringen können. Ochsendorf . Herzensmonfrere, sag' ihm, daß zweihundert Thaler alles sind, was ich aufbringen kann. Heinrich . Wahrhaftig, Vetter, ich habe den Muth nicht, ihm das zu sagen, er spuckt mir ins Gesicht, wenn ich ihm solch Angebot mache. Ochsendorf . Wolan, ich will ihm dreihundert Thaler geben, aber dann hab' ich auch keinen Schilling Reisegeld mehr. Heinrich . Ich will es meinetwegen versuchen, ich bin gleich wieder da. (Geht.) Ochsendorf . Funfzig Thaler hab' ich freilich noch, aber das ist mein Reisegeld, das muß ich festhalten, so lange ich kann. (Drinnen zanken sie sich wieder.) Na nu hör' mal Einer, hol' den Jacob der Teufel, daß er sich gar nicht will sagen lassen, ich fürchte, der Rest wird auch noch springen; ach, ach, nie wieder setz' ich den Fuß über den Belt! (Sie zanken sich aufs neue.) 245 Heinrich (laut) . Holla, zu Hülfe! zu Hülfe! Der Teufel befasse sich wieder mit so was, wär' ich nicht so rasch auf den Beinen gewesen, er hätte mich todt gestochen. Hör', Vetter, hier giebt es nur zwischen Zweien zu wählen: entweder Du unterwirfst Dich dem Buchstaben des Gesetzes oder Du zahlst vierhundert Thaler. Ochsendorf . Will er sich denn mit vierhundert Thalern begnügen? Heinrich . Kein Gedanke; aber ich hab' ihm versprochen, daß für die übrigen hundert Thaler Deine Koffer als Pfand zurückbleiben sollen. Ochsendorf . Ich habe wahrhaftig selbst nur noch funfzig Thaler und weiß kein Mittel mehr zu kriegen, ich müßte mir denn meine silbernen Knöpfe vom Rock schneiden. Heinrich . Thue der Herr Vetter, was Ihm beliebt. Ich für meinen Theil hätte da gar kein Bedenken; die Knöpfe abschneiden, scheint mir, ist doch noch immer besser als gehängt werden. Ochsendorf . Ach, ach, ich trenne mich so ungern von den Knöpfen, die mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater schon getragen! Heinrich . Na und wenn sie Methusalem an seinem Brautrock getragen hätte, so gäbe ich mich zufrieden und schnitte sie ab. Oder was meinst Du, was für ein Ruhm wird das sein, wenn die Leute sagen: Niels Ochsendorf ist solch ein Liebhaber von Antiquitäten gewesen, daß er sich hat lieber wollen hängen lassen, als ein paar silberne Knöpfe abschneiden, die seinen Vorfahren gehört haben? Solche verrückten Einfälle kann ich für den Tod nicht leiden. Ochsendorf . Na, so kann er nur den Rock dazu nehmen. (Zieht sich den Rock aus.) Heinrich (weint) . Es schneidet mich ins Herz, daß ich dem Herrn Vetter auf die Art den Rock aushelfen muß; doch wollen wir Gott danken, daß es noch so abläuft. Denn das kannst Du glauben: wenn Procurator Knud sagt, daß Einer zu Pranger und Auspeitschung verurtheilt wird, so wird er sicher gehängt, 246 es ist das so dieselbe Manier wie bei den Doctoren, die den Patienten die Gefahr auch immer geringer vorstellen, als sie ist. Ochsendorf . Sieh her, Vetter, da hast Du das Geld, es wird, denk' ich, richtig gezählt sein. Heinrich . Schwager Jacob wird es auf des Herrn Vetters Wort auch ungezählt nehmen. Ochsendorf . Aber, theurer Vetter, könntest Du nicht erst noch einen Versuch machen und ihm dreihundert bieten? Heinrich . Will der Herr Vetter den Versuch nicht selber machen? Ochsendorf . Ach, mein Vetter, gieb es ihm nur alles hin, damit ich nur bald fortkomme. (Heinrich ab; Ochsendorf horcht an der Thüre.) Horch, da zanken sie sich wieder! Das ist ein verflucht jähzorniger Kerl, ich fürchte, er hat sich wieder anders besonnen. Nein, nun wird er gut, er spricht kein Wort mehr. – Da kommt der Herr Vetter; na, das war ja rasch ins Reine gebracht? Heinrich . Triumph! Triumph, Monfrere! Kannst Du blos bis Röskild kommen, so hast Du nachher nicht weiter nöthig, Dich um Reisegeld zu bekümmern. Das muß ich sagen, das heißt ein gutes Herz: die Madame hat mir einen Brief in die Hand gesteckt, worin sie Knud Knudsen, einen der ersten Kaufleute von Röskild, ersucht, dem Herrn Vetter hundert Thaler zum Reisegeld auszuzahlen. Ochsendorf . Ach, die vortreffliche Frau! Heinrich . Sie weinte vor Mitleid, daß ihr die Thränen nur so rasselten wie die Hagelkörner. Ochsendorf . Ach, das edelherzige Weib! Heinrich . Nun kann der Herr Vetter reisen, wenn er Lust hat. Ochsendorf . Aber ich bin ja so nackend, als käm' ich aus Mutterleibe. Heinrich . Nicht doch, Du hast ja noch Deine Unterkleider, mit Weste und Hosen, so viel ich weiß, wird niemand geboren. Ochsendorf . Dies Geld ist doch ein kleiner Trost für mich. Heinrich . Das ist gewiß, und übrigens kann sich der Herr 247 Vetter auch mit der Hypothek trösten, die er auf das große Haus am Markte gekriegt hat. Ochsendorf . So ist es. Heinrich . Item, daß Du Dein Kapital einem so unsichern Manne wie dem Schuldenborg aus den Händen gewunden hast. Ochsendorf . So ist es, ja wohl. Heinrich . Rechne Dir alles zusammen, Monfrere, so hast Du bei dieser Reise noch mehr gewonnen als verloren, besonders wenn man die hundert Thaler rechnet, welche die Madame Dir in dem Briefe angewiesen hat. Ochsendorf . Aber wo wohnt der Mann in Röskild, bei dem ich das Geld erheben soll? Heinrich . Jedes kleinste Kind, das Du nach Knud Knudsen fragst, kann Dir sagen, wo er wohnt. Er ist just so bekannt in Röskild wie Lars Andersen in Kopenhagen; an solche bekannten Personen werden die Briefe nicht näher adressirt. Da kommen mitunter Briefe aus Indien, hol' mich der Teufel, wo nichts weiter drauf steht, als: A Mosje Lars de Anderssen abzugeben in Europa. Die Geschichte von Boerhave, dem berühmten holländischen Arzte, und dem (heißt es) aus China an ihn gerichteten Briefe: »Herrn Boerhave in Europa«, ist noch heute allbekannt, sie war damals (Boerhave starb erst 1738) noch ganz neu und hat dem Dichter ohne Zweifel bei dieser Stelle vorgeschwebt. A.d.Ü. Ochsendorf . Höre, Monfrere, wenn ich nur meine silbernen Knöpfe behalten hätte, da wollt' ich mich noch eher zufrieden geben. Heinrich . Monfrere kann sie ja wieder einlösen; schick' mir nur so viel Geld, wie die Knöpfe wiegen, so sollst Du Deine Knöpfe wieder haben in Zeit eines Monats. ( Ein Knabe kommt und sagt Heinrich etwas ins Ohr.) Heinrich . Ach, ist es möglich, daß die Rachgier einen Menschen so überwältigen kann?! Ochsendorf . Na, was ist denn nun schon wieder los? Heinrich . Unsere tugendhafte Schwägerin, Madame Jacobs, ließ mir durch diesen Knaben melden, daß Schwager Jacob an der Ecke der Straße mit drei Kerlen steht und Monfrere auflauert, um ihm den Buckel durchzubläuen. . Ochsendorf . Was? Habe ich ihn nicht zufrieden gestellt? Heinrich . Das ist schon richtig, Monfrere, einen Proceß kann er nicht mehr gegen Dich anstellen, denn das Geld ist ihm in Gegenwart von Leuten gezahlt worden, die wider ihn zeugen 248 können. Aber es geht ihm noch im Kopfe herum, daß Monfrere ihn hat zum Hahnrei machen wollen; darum hat er sich heimlicher Weise an der Straße hingestellt, um Dir mit der Karbatsche das Reisegeld auszuzahlen. Ochsendorf . Wie soll ich da nur fortkommen? Heinrich . Höre, Monfrere, besser todt als rathlos. Ich habe da ein großes Faß in der Nähe, willst Du da hineinkriechen, so soll der Junge Dich sacht über die Straße rollen, bis Du am Eckhaus vorbei bist. Ochsendorf . Ach, Monfrere, Du hast Einfälle wie ein Engel; thu' was Dich gutdünkt. (Er wird in ein großes Faß gelegt, worauf der Boden zugeschlagen wird.) Heinrich . Der Bengel hat, wie ich merke, noch etwas Geld bei sich, das muß ich auch noch haben, bevor er abreist, damit er doch sagen kann, er ist in Kopenhagen gewesen, und nicht so bald wieder kommt, seine Zinsen zu holen. (Ochsendorf, der in dem Faß keine Luft kriegen kann, fängt an zu schreien, worauf man ihn wieder herauszieht.) Ochsendorf . Ah . . . . Ah . . . . ich bin beinahe erstickt! Heinrich . Da müssen wir auf einen andern Ausweg denken. Hier hab' ich einen Sack, wenn Du Dich bequemen willst, da hinein zu kriechen, so kann ein Kerl, der hier in der Nähe ist, Dich über die Straße tragen; der Sack ist voll Löcher, da kannst Du Luft holen. (Der Kerl, der ihn trägt, fällt rücklings mit dem Sack.) Ochsendorf (ist mit Mehl bestäubt) . Ach, ich elender Mensch! Die Arznei ist schlimmer als die Krankheit! Heinrich . Höre, Monfrere, wenn Du Dich gut verstellen kannst, so hab' ich nun noch ein sicheres Mittel, Dir zu helfen. Ich habe eine vollständige Nachtwächteruniform bei der Hand, die kannst Du Dir anziehen und so dem Jacob dicht bei der Nase vorbeigehen, ohne daß er oder irgend ein Anderer Dich erkennt. Wir bleiben geschiedene Leute für ewig, wenn er hört, daß ich Dir durchgeholfen. Aber das kann nichts helfen, ich habe Dich bei dem kurzen Umgang, den wir miteinander gehabt haben, so lieb gewonnen, daß ich nicht Feuer noch Wasser scheue, 249 Dich zu retten. Du mußt fort, noch heute Abend, wie es auch sei; die Nacht über hier im Hause bleiben, ist nicht gerathen. Ochsendorf . Ach ja, Monfrere, so wollen wir dies Mittel versuchen. Heinrich . Wenn Du nur so rufen könntest wie ein Nachtwächter, so wäre das charmant; denn es ist gerade zehn Uhr. Ochsendorf . Na, ich denke doch. Heinrich . Uebe Dich nur ein bischen, unterdessen ich gehe und den Anzug hole. (Geht und Ochsendorf übt sich unterdessen, nach Art der Nachtwächter zu rufen. Heinrich kommt wieder und zieht ihm die Nachtwächterkleidung an.) Sieh da, Monfrere, nun siehst Du vollkommen aus wie ein Nachtwächter; nun geh' Du nur ruhig die Straße entlang und ruf' unterwegs die Stunde ab, und wenn Du beim Eckhaus vorbei bist, dann stoße nur in die Pfeife hier, dann weiß ich schon, wo Du zu finden bist. Jacob (sich mit der Karbatsche herbeischleichend) . Na, nu will ich den Kerl gut durchschmieren und ihm solch Reisegeld aufzählen, daß er sich in seinem Leben nicht mehr unterstehen soll, eines braven Mannes Frau zu beschimpfen. (Zu Ochsendorf gewendet) Heda, Wächter, was ist die Glocke? (Ochsendorf ruft Zehn und geht dann weiter, bis die Gefahr vorbei ist.) Ochsendorf . Nun muß ich nur in die Pfeife stoßen, damit mein Vetter mich finden kann. (Stößt dreimal in die Pfeife. Die übrigen Wächter in der Nähe glauben, es giebt Lärm in der Nachbarschaft, stoßen ebenfalls in die Pfeifen und kommen herbeigelaufen und fragen ihn, was los ist.) Ochsendorf . Nichts, Väterchen. Nachtwächter . Aber warum stößt Du denn in die Pfeife? Wo ist Dein Morgenstern? Ochsendorf . Nach dem Morgenstern müßt Ihr mich fragen, wenn Tag ist, jetzt kann ich Euch höchstens den Abendstern weisen. Nachtwächter . Kommt, Kerle, schleppt das Vieh aufs Rathhaus, er ist besoffen und hat seinen Morgenstern verloren. (Sie schleppen ihn ab.) Heinrich (läuft herzu) . Was ist los, liebe Leute? 250 Nachtwächter . Da ist ein Nachtwächter, der ist besoffen und hat seinen Morgenstern verloren. Heinrich . Ei, Ihr müßt es nicht so streng nehmen mit Eurem eigenen Kameraden! Nachtwächter . Na, dem ist der spanische Bock sicher! Zweiter Nachtwächter . Bei Licht besehen, ist das, glaub' ich, gar nicht einmal ein Nachtwächter, sondern ein verkleideter Spitzbube; in welches Revier gehörst Du denn? Ochsendorf . Ich gehöre in gar kein Revier. Zweiter Nachtwächter . Na, ich hab's ja gleich gedacht, es ist gar kein Nachtwächter! Marsch aufs Rathhaus! Heinrich . Hört, Kinderchen, laßt den armen Kerl laufen, es scheint ein einfältiger Mensch zu sein. Die Wächter . Die Schwerenoth soll er kriegen! Heinrich . Ich will Euch ja gern ein gutes Trinkgeld geben, wenn Ihr ihn gehen laßt. (Zieht Ochsendorf bei Seite.) Monfrere, aus dem Unglück könntest Du Dich noch retten, wenn Du blos noch zwanzig Thaler hättest, die Kerle damit zu schmieren; wär' ich selber nur bei Geld, Du solltest mich nicht zweimal darum bitten. Ochsendorf . Zehn Thaler hab' ich, Vetter! Heinrich . Das wird schwerlich helfen; ich will hören, was sie haben wollen. (Geht hin und spricht heimlich mit den Wächtern; dann kommt er zurück.) Das ist ein Jammer, daß Du nicht noch lumpige sechs Thaler hast; denn sie wollen sechzehn Thaler haben. Ochsendorf . Ach, Monfrere, kannst Du mir nicht sechs Thaler leihen? Heinrich . Vielleicht, aber freilich bin ich dann ganz entblößt. Doch das will nichts sagen, wo sind Deine zehn Thaler? (Ochsendorf giebt ihm das Geld, und Heinrich giebt den Nachtwächtern davon nach Belieben, worauf sie fortgehen.) Ach, Monfrere, ich fürchte, ich nehme mir noch vor Kummer das Leben! Es ist wirklich nicht meine Schuld, daß das so unglücklich ausfällt, ich hab' Alles gethan, was ein guter Freund und Bruder dem andern thun kann. Aber wenn Monfrere glaubt, daß ich strafbar bin, weil mein guter Anschlag mißglückt ist, so will ich Dir das Geld gern wiedergeben. 251 Ochsendorf . Ich danke, Monfrere. Heinrich (leise) . Was für eine verfluchte Natur in dem Kerl steckt! (Laut) Ich sage, wenn ich so glücklich wäre, bei Gelde zu sein, würd' ich Dir die zehn Thaler wieder geben und noch zehn dazu. Das Unglück ist nur, daß Monfrere gerade heute Abend fort muß; spätestens in einem Monat lasse ich einige Bücher verauctioniren, da krieg' ich Geld. Aber nun laß uns sehen, wie wir beim Eckhaus vorbeikommen. (Führt Ochsendorf auf die andere Seite.) Sieh da, Monfrere, nun sind wir in Sicherheit. (Zieht ihm die Nachtwächterkleidung wieder aus.) Ochsendorf . Ach, ich danke Dir, mein allerliebster Vetter, für alle Deine Güte; nun muß ich hier Abschied nehmen und wiederhole Dir, was ich schon vorhin gesagt habe: nämlich, daß mir nichts in der Welt ein größeres Vergnügen machen könnte, als Monfrere wieder zu dienen; ich wünschte nur, Monfrere setzte mich auf die Probe, nicht Gut noch Blut soll mir zu theuer sein, wenn ich meine Dankbarkeit dadurch beweisen kann. Ich kann nichts mehr sagen, das Wort bleibt mir vor Betrübniß im Halse stecken, daß ich solchen wahrhaften Freund verlieren soll. (Sie fallen einander um den Hals und heulen. Ochsendorf geht weiter.) Heinrich . Hör', Monfrere, noch ein Wort! Sowie Du Geld kriegst in Röskild, mußt Du Dir einen alten Ueberrock kaufen, wo Du Dich hübsch drin einwickeln kannst. Mir ist bange, Du erkältest Dich unterwegs; die Luft hier in Seeland ist scharf, sogar im Julimonat. Vergiß nicht Deine Eltern zu grüßen, und sag' ihnen, wenn ich noch sonst mit etwas dienen kann, so sollt' es mich freuen. Ochsendorf . Tausend Dank, mein süßes Brüderchen; adieu! adieu! (Ab.) Heinrich (ihm nachrufend) . Monfrere, nimm Dich gut in Acht, daß Du nicht auf dem Wagen einschläfst, Du könntest zu Schaden kommen! Und verwahre Dein Geld wohl, daß es Dir Keiner stiehlt, Du kannst Dir einen Knoten ins Hemde machen, da merkt Keiner, daß Du Geld hast! Leb' wohl! (Er winkt dreimal mit dem Hut hinter ihm drein.) 252 Zehnte Scene. Heinrich . Lucretia . Heinrich . Ging das nicht schön? Das macht, wenn man studirt hat, Mamsell. Latein ist den Menschen zu allen Dingen nütze; Ihr habt Eure Sache so leidlich gemacht, aber wenn Ihr Latein könntet, da wäre es noch weit besser gerathen. Lucretia . So viel Latein wie Du, glaub' ich, kann ich auch. Heinrich . Ja, Ihr könnt vielleicht noch mehr, in gewissem Sinne: aber doch nicht solch Latein, wie man in den lateinischen Schulen lernt. Lucretia . Bist Du denn in einer lateinischen Schule gewesen? Heinrich . Ei freilich, und das mit Ruhm; denn in dem halben Jahr, das ich in der untersten Klasse saß, bin ich allein dreimal ausgehauen worden. Sollt' ich da nicht Latein verstehen, wie meine Muttersprache? Lucretia . Aber hör', Heinrich, wenn die Beute nun getheilt wird, so bitt' ich, mich nicht zu vergessen. Heinrich . Nein, gewiß nicht, Mamsell, Ihr kennt Eure Taxe: achtundzwanzig Schillinge. Lucretia . Du Schlingel, soll ich mit achtundzwanzig Schillingen zufrieden sein? Heinrich . Das ist ja der alte Preis, das ist ja wie beim Bäcker die Semmel. Aber wir werden schon zurecht kommen; ich und mein Herr sind raisonnable Leute. Und nun laß uns hineingehen. (Beide ab.) Elfte Scene. Der rechte Niels Christensen . Nachher Ochsendorf . Niels Christensen . Das ist eine seltsame Geschichte mit meinem Vetter Niels Ochsendorf, der war schon gestern in Röskild und heute ist er noch nicht hier. Ich muß doch mal in den 253 Drei Hirschen herangehen und nach ihm fragen; man kann nicht wissen, ob dem armen Kerl nicht etwas zugestoßen; denn es ist das erste Mal, daß er in die Stadt kommt. ( Ochsendorf tritt auf; er weint und fragt nach dem Weg zum Westerthore.) Niels Christensen . Warum weint Ihr, Kamerad? Ochsendorf . Ich bitte, Gevatter, könnt Ihr mir nicht sagen, wo hier der Weg nach dem Westerthore geht? Niels Christensen . Seid Ihr denn so fremd hier in der Stadt? Ochsendorf . Ja, gewissermaßen bin ich fremd und gewissermaßen bin ich nur zu bekannt. Hätte ich doch meinen Vetter Niels Christensen gebeten, mich gleich bis zum Westerthor zu begleiten, er ist eine ehrliche Seele, er würde es gleich gethan haben. Niels Christensen . Wo wohnt der Niels Christensen? Ochsendorf . Er wohnt in einem Hause, das heißt abzugeben in Hungershof. Niels Christensen . Was Henker ist das? Was Henker ist das? In ganz Kopenhagen giebt es nur einen Hungershof und da wohnt niemand als ich. Ochsendorf . Ja, ich glaube wol, daß hier noch verschiedene Straßen sind, wo es einen Hungershof giebt. Aber dieser Hungershof liegt in einer Straße, die heißt Hafnia Hafnia ist bekanntlich der lateinische Name für Kopenhagen; Titel und Adressen aus Briefen wurden damals häufig lateinisch abgefaßt, wie bei uns, selbst noch in späterer Zeit, französisch. A.d.Ü. ; denn so stand auf dem Briefe, den ich ihm gab: Hungershof in Hafnia. Niels Christensen . Wie heißt Er, Monsieur? Ochsendorf . Ich heiße Niels Ochsendorf, jetzt aber heiße ich besser Niels Ochsenkopf, in solche Bedrängniß bin ich gerathen. Niels Christensen . Was Henker hör' ich? Seid Ihr Henning Nielsens Sohn? Ochsendorf . Kennt Ihr Henning Nielsen? Niels Christensen . Na wie sollt' ich nicht meinen eigenen Vaterbruder kennen? Ochsendorf . So seid Ihr vermuthlich ein Bruder von Niels Christensen? Ich habe noch gar nicht gewußt, daß Niels Christensen einen Bruder hat? Niels Christensen . Ich bin selbst Niels Christensen und habe keinen Bruder. 254 Ochsendorf . Ja, ich werde mir auch von Euch was aufbinden lassen. (Leise) Was das hier in der Stadt für verfluchte Menschen giebt! Niels Christensen . Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich Euer Vetter Niels Christensen bin. Ochsendorf . Den Teufel mögt Ihr! (Leise) Was das hier in der Stadt für verfluchte Menschen giebt! Niels Christensen . Na, das ist doch seltsam, daß Ihr besser wissen wollt, wer ich bin, als ich selbst? Ochsendorf . Hört, mein Herr, wo Ihr Euer Bier getrunken habt, da verschüttet auch Eure Hefe; was soll der Unsinn? Erst in diesem Augenblick hat mein Vetter Niels Christensen mich verlassen. Niels Christensen . Wollt Ihr mich besoffen oder toll machen? Ich schwöre Euch, daß ich Niels Christensen bin, Brudersohn von Henning Ochsendorf. Ochsendorf . Und ich schwöre, daß Ihr weder Niels Christensen seid, noch jemals werdet. Niels Christensen . Nun, so will ich Euch doch gleich überführen. Da seht (er nimmt fünf Briefe aus der Tasche und liest die Aufschriften davon) . »Dem ehrwürdigen und wohlgelehrten Niels Christensen, S. Theologiae Studiosus, Hafnia . A Monsieur Monsieur Niels de Christensen à Copenhague . Herrn Herrn Niels Christensen, abzugeben in Hungershof. A Monsieur Monsieur Niels de Christensen, Student très renommé dans la Hungershof, per Couvert . Dem edlen und wohlgelehrten Nicolaus Christensen, philosophiae Baccalaureus , mit einem Freund, den Gott geleite.« Wollt Ihr nun glauben, daß ich der rechte Niels Christensen bin? Ochsendorf . Nein, und wenn Ihr einen Brief zeigt so groß wie das ganze Westerthor. Niels Christensen . Ich merke schon, man hat Euch einen Possen gespielt. Aber wenn ich Euch einen Brief zeigen kann von Eurem eigenen Vater, wollt Ihr mir dann glauben? Ochsendorf . Ja, dann wird's wol nicht anders gehen . . . Niels Christensen . Seht her, lest nur diesen Brief! 255 Ochsendorf (liest den Brief) . Ach Himmel, so ist der Andere ein falscher Niels Christensen gewesen?! Niels Christensen . Ja was sonst? Aber wo habt Ihr logirt, wo sind Eure Kleider? Ochsendorf . Ich habe bei Schwager Jacob logirt, in dem Haus da drüben. Niels Christensen . In welchem Hause? Ochsendorf . Na in dem Haus da an der Ecke. Niels Christensen . Das ist ja Wester-Paradies? Ochsendorf . Das mag den Teufel ein Paradies sein, eine Hölle ist es für mich gewesen. Niels Christensen . Das war vor diesem ein liederliches Haus voll Spieler und Spitzbuben. Ochsendorf . Jetzt nicht mehr; Jacobs Frau ist eine anständige Dame, die hat gegen mich gehandelt, wie nur eine Mutter handeln kann gegen ihren Sohn. Denn nachdem ich ihretwegen Verdruß im Hause bekommen, und mich mit allem loskaufen mußte, was ich bei mir hatte, hat sie mir diesen Brief mit einem Wechsel darin gegeben an Knud Knudsen in Röskild. Seht her, hier ist der Brief: Herrn Knud Knudsen, vornehmen Handelsmann und Bankerotteur in Röskild – ach nein so, Banquier heißt es. Niels Christensen . Hilf Himmel, wie ist dieser einfältige Mensch an der Nase herumgeführt worden! Macht den Brief nur auf, Ihr werdet gleich sehen, wie Ihr betrogen seid. Ochsendorf (liest den Brief) . »Niels Henningsen Ochsendorf ist ein Narr; dies Zeugniß giebt ihm Heinrich Larsen.« Niels Christensen . Dacht' ich's nicht? Ochsendorf (weint und heult) . Ach, du betrübter elfter Juni! Niels Christensen . Ja, nun seid Ihr in Kopenhagen gewesen, Vetter! Ochsendorf . Ach, du betrübter elfter Juni! Niels Christensen . Wo habt Ihr denn aber Eure Kleider. Vetter? Ochsendorf . Wo meine Koffer sind. Niels Christensen . Und wo sind Eure Koffer? 256 Ochsendorf . Wo meine Kleider sind. Niels Christensen . Na, und wo ist denn alles Beides? Ochsendorf . Zum Teufel ist Beides. Niels Christensen . Die Eltern können das nicht verantworten, die ihre Söhne so allein reisen lassen, ohne ihnen nur einen Brief oder eine Adresse an Jemand mitzugeben. Ochsendorf . Ich hab' einen Brief mitgehabt an Niels Christensen. Niels Christensen . Wo ist er denn? Ochsendorf . Den hat ja der andere Niels Christensen gekriegt. Niels Christensen . Hört, Vetter, wenn Ihr sonst Lust habt, hängt Euch auf. Ochsendorf . Ach, du betrübter elfter Juni! Niels Christensen . Ja, das mögt Ihr wol zweimal sagen. Ochsendorf . In allem Unglück, Vetter, hab' ich doch noch Eins, was mich tröstet, nämlich, daß ich ein Kapital von einigen tausend Thalern von Gerhard Schuldenborg weg und bei Lars Andersen untergebracht habe. Niels Christensen . Den Mann kenn' ich nicht. Ochsendorf . Den großen Banquier?! Niels Christensen . Hier giebt's keinen Banquier dieses Namens. Ochsendorf . Ei doch, er hat mir ja eine Hypothek auf sein großes Haus am alten Markt gegeben. Niels Christensen . Wo liegt das Haus? Ochsendorf . Mitten auf dem Markt; es ist ein schönes Haus, der Thurm darauf ist das Geld schon allein werth. Niels Christensen . Ich kenne am Markt kein Haus mit einem Thurm darauf, außer das Rathhaus. Ochsendorf . Man geht zu beiden Seiten zwei große steinerne Treppen hinauf, auf der einen Seite ist ein Springbrunnen, auf der andern ein Rabenstein. Aber ich weiß nicht, ob der mit zum Hause gehört. Niels Christensen . Ha ha, das ist das Rathhaus! Ich habe, so lang ich lebe, noch keinen Menschen gekannt, der so 257 angeführt ist wie Ihr, ich mag nichts mehr mit Euch zu thun haben; seht her, da habt Ihr sechs Thaler auf die Reise. (Geht ab.) Ochsendorf . Ach, du betrübter, du betrübter, du betrübter elfter Juni! (Geht weinend ab.) Zwölfte Scene. Heinrich allein. Wieder in seinem Anzug als Bedienter. Heinrich . Halt, sachte, Monsieur Jacob. Bei der Vertheilung der Beute muß folgendes Verhältniß beobachtet werden. Kriegt mein Herr zehn Thaler, so krieg' ich fünf, Du drittehalb und die Mamsell sieben Mark acht Schilling; accurat wie im Felde, wo auch, wenn die Beute getheilt wird, der Oberst zehn Procent kriegt, der Kapitän fünf, der Lieutenant drittehalb, der Fähndrich halb so viel wie der Lieutenant, der Korporal halb so viel wie der Fähndrich, der Soldat gar nichts und der Tambour den Rest. Solche Theilung heißt eine mathematische Proportion und gründet sich auf natürliche Billigkeit.         Nun sprecht, wie war es? Darf ich mich Vor Euch mit Ehren zeigen? Zwar bin ich jetzo nur Lakai, Doch hoff' ich noch zu steigen. Jetzt leg' ich nun mein Aemtchen ab, Und theile aus dem Vollen, Indeß sich unser Wuchrer wird Vor Aerger hängen wollen. Nun, meinetwegen kann er's thun, Er selbst sammt seines Gleichen; Blutsauger sind sie, deren Geiz Kein Flehen kann erweichen. 258 Was ist's denn für ein Schade, geht Ein Wuchrer auch zum Teufel? Auf meinem Leichensteine liest Man einst doch ohne Zweifel: Hier liegt ein Mann, für dessen Werth Bürgt dies zum Unterpfande, Daß er vertrieben und geprellt 'nen Wucherer vom Lande!