Washington Irving Humoristische Geschichte von New-York Inhalt. Vorrede des Uebersetzers (Auszug eines Briefes an den Verleger) Nachricht über den Verfasser An das Publikum   Erstes Buch. Welches verschiedne scharfsinnige Theorien und philosophische Speculationen über die Erschaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zusammenhang mit der Geschichte von New-York. Erstes Kapitel. Beschreibung der Erde. Zweites Kapitel. Cosmogonie oder Erschaffung der Welt, nebst einer Menge vortrefflicher Theorieen, wornach die Schöpfung keine so schwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt. Drittes Kapitel. Wie der berühmte Seefahrer Noah verschiedne ganz schändliche Namen erhielt, und wie er ein unverzeihliches Versehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entstandenen großen Verwirrung unter den Philosophen, und von der Entdeckung Amerika's Viertes Kapitel. Wie die Philosophen große Arbeit gehabt, Amerika zu bevölkern, und wie die Eingebornen – zum großen Troste des Autors – durch Zufall erzeugt wurden Fünftes Kapitel. Worin der Verfasser mit Hülfe des Mannes im Monde eine große Frage völlig abthut, und damit nicht allein Tausende von Menschen aus großer Verlegenheit reißt, sondern auch dieses einleitende Buch beschließt.   Zweites Buch. Worin die erste Ansiedlung in der Provinz der neuen Niederlande abgehandelt wird. Erstes Kapitel. Welches von verschiednen Gründen handelt, warum ein Mann nicht mit Uebereilung schreiben soll; dann von Herrn Hendrik Hudson und seiner Entdeckung eines seltsamen Landes, endlich von seiner glänzenden Belohnung durch die Freigebigkeit Ihrer Hochmögenden Zweites Kapitel. Welches einen Bericht enthält von einer mächtigen Arche, die unter dem Schutz des heiligen Nicolaus von Holland nach den Galgen-Inseln schwamm – von den seltnen Thieren, die daraus hervorkamen – und von einem großen Siege, mit Beschreibung des alten Dorfes Communipaw Drittes Kapitel. Worin die wahre Art, Handel zu treiben, vorkommt – auch das wundersame Verschwinden einer großen Hauptstadt im Nebel – und die Biographie gewisser Helden von Communipaw Viertes Kapitel. Wie die Helden von Communipaw nach dem Höllenthor reisten, und wie sie dort empfangen wurden Fünftes Kapitel. Wie die Helden von Communipaw etwas weiser zurückkehrten, als sie gekommen waren – und wie der weise Oloff einen merkwürdigen Traum hatte Sechstes Kapitel. Worin ein etymologischer Versuch – dann die Gründung und das Wachsthum der großen Stadt Neu-Amsterdam abgehandelt wird   Drittes Buch. Worin das goldne Alter der Regierung Wouter's Van Twiller beschrieben wird. Erstes Kapitel. Von dem berühmten Wouter Van Twiller und seinen einzigen Tugenden, seiner unaussprechlichen Weisheit und dem Erstaunen des Volkes darüber Zweites Kapitel. Von dem großen Rath zu Neu-Amsterdam – und warum ein Rathsherr fett seyn muß – zusammt andern Merkwürdigkeiten von der großen Stadt Drittes Kapitel. Wie die Stadt Neu-Amsterdam aus dem Schlamm emporstieg und gewaltig polirt und policirt wurde – mit einer Schilderung der Sitten unserer Ururväter Viertes Kapitel. Getreue Beschreibung des betriebsamen Volkes von Connecticut und der Umgegend, Yankees genannt Fünftes Kapitel. Wie das Fort der guten Hoffnung furchtbar belagert wurde – wie der berühmte Wouter in einen tiefen Zweifel fiel und endlich ausschmauchte   Viertes Buch. Welches die Chronik der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen enthält. Erstes Kapitel. Beschreibt die universellen Eigenschaften Wilhelms des Eigensinnigen, und zeigt, wie ein Mann es so weit in den Wissenschaften bringen kann, daß er für nichts zu brauchen ist Zweites Kapitel. Erzählt die Kunst, mit Proclamationen zu Felde zu ziehen – sowie die schmählige Behandlung des ritterlichen Jacobus Van Curlet in dem Fort der guten Hoffnung Drittes Kapitel. Welches die fürchterliche Wuth Wilhelms des Eigensinnigen und den großen Schmerz der Neu-Amsterdamer beschreibt, ferner wie Jener die Stadt stark befestigte und Stoffel Brinkerhoofd große Thaten that Viertes Kapitel. Neues Unglück im Süden. – Heimlicher Zug des Jan Jansen Alpendam gegen die Schweden, und unverhoffter Lohn Fünftes Kapitel. Wilhelm der Eigensinnige als Gesetzgeber, wie er sein Volk sehr aufgeklärt und unglücklich macht Sechstes Kapitel. Von der großen Pfeifenverschwörung – und von dem Elend, welches Wilhelm dem Eigensinnigen die Erleuchtung der Menge bereitete Siebentes Kapitel. Mit schrecklichen Nachrichten von Gränzkriegen und himmelschreienden Verletzungen der Wegelagerer von Connecticut – dann dem Entstehen des großen Amphictyonen-Gerichts im Osten und dem Ende Wilhelms des Eigensinnigen   Fünftes Buch. Erster Theil der Regierung Peter Stuyvesants und seine Händel mit den Amphictyonen. Erstes Kapitel. Worin gezeigt wird, daß der Tod eines großen Mannes grade kein so heftiges Unglück ist – und wie Peter Stuyvesant durch die ungewöhnliche Stärke seines Kopfes einen großen Namen erlangte Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige sich beim Antritt seines Amtes mit den Ratzen und Spinnweben herumtrieb und gefährliche Mißgriffe in den Berührungen mit den Amphictyonen beging Drittes Kapitel. Vom Krieg und von Kriegsverhandlungen – von dem großen Uebel, welches ein Friedenstractat ist – und wie Peter Stuyvesant von dem Raubgesindel hintergangen wurde und sich aus der Affaire zog Viertes Kapitel. Wie die Neu-Amsterdamer groß in den Waffen wurden, aber eine furchtbare Katastrophe herbeiführten – wie dann Peter Stuyvesant die Stadt befestigte und der erste Gründer der Batterie wurde – wie endlich die Amphictyonen von ihren feindlichen Vorsätzen abstanden Fünftes Kapitel. Wie der Fürst der Finsterniß die Bevölkerung des Ostens berückte und wie man den Feind ausrottete – wie dann ein ritterlicher Held unter den Holländern aufstand und zeigte, daß ein Mann, wie eine Blase, mit lauter Wind gefüllt seyn kann   Sechstes Buch. Enthaltend den zweiten Theil der Regierung Peters des Starrköpfigen, sammt den ritterlichen Thaten am Delaware. Erstes Kapitel. Kriegerisches Portrait des großen Peters und Erzählung der wichtigen Dienste des Generals Van Poffenburg beim Fort Casimir Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige das Mißgeschick seines Generals erfuhr, und wie er sich dabei benahm, mit einigen Zügen von seiner Fahrt den Hudson hinauf Drittes Kapitel. Beschreibung des gewaltigen Heeres, das sich bei der Stadt Neu-Amsterdam sammelte, und der Zusammenkunft Peters des Starrköpfigen mit dem unglücklichen General Van Poffenburg Viertes Kapitel. Wie der edle Ritter die Seinen zur Abfahrt versammelte, von den Bürgern Abschied nahm und rüstig zum Fort Casimir gelangte – wie dort der Schwede Schamade schlug und ehrenvollen Abzug erhielt Fünftes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant, von unersättlicher Kriegslust erfüllt, das schwedische Fort Christina angriff und das Murren seiner Völker zuvor mit einer soliden Mahlzeit beschwichtigen mußte Sechstes Kapitel. Worin die entsetzliche Schlacht beschrieben wird, so jemals in Poesie oder in Prosa gefeiert worden, mit den bewunderungswürdigen Thaten Peters des Starrköpfigen Siebentes Kapitel. Verfasser und Leser ruhen nach der Schlacht aus und gerathen in eine ernsthafte Betrachtung – wonach erzählt wird, wie Peter Stuyvesant sich auf seinen Sieg benommen   Siebentes Buch. Enthaltend den dritten Theil der Regierung Peters des Starrköpfigen, seine Händel mit der brittischen Nation, wie endlich das Sinken und Verfallen der holländischen Dynastie. Erstes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant das souveraine Volk der Bürde enthob, sich um Regierungsangelegenheiten zu bekümmern – nebst einigen Besonderheiten seines Benehmens in Friedenszeiten Zweites Kapitel. Wie Peter Stuyvesant von dem Raubgesindel des Ostens und von den Riesen von Merryland sehr beunruhigt wurde – und wie eine schwarze Verschwörung in dem brittischen Cabinet gegen das Glück der Manhatto's ausbrach Drittes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant nach dem Osten auszog, und wie er, obwohl ein alter Fuchs, sich doch nicht vor Fallen zu hüten wußte Viertes Kapitel. Wie das Volk von Neu-Amsterdam in die größte Furcht gerieth durch die Nachricht eines drohenden Einfalls, und die Art, wie man sich in Vertheidigung setzte Fünftes Kapitel. Wie der große Rath der Neuen Niederlande wunderbar mit langen Zungen begabt wurde, und wie die Oekonomie einen großen Triumph feierte Sechstes Kapitel. Worin die Verwirrung von Neu-Amsterdam immer dicker wird – dann die Bravheit eines Volkes gezeigt wird, das sich in Zeiten der Gefahr entschlossen vertheidigt Siebentes Kapitel.  Wie Antonius der Trompeter ein trauriges Schicksal hatte, und wie Peter Stuyvesant, als ein zweiter Cromwell, plötzlich ein Rumpf-Parlament auflöste Achtes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant die Stadt Neu-Amsterdam einige Tage, Kraft der Stärke seines Kopfes, vertheidigte Neuntes Kapitel. Welches die würdige Abdankung und tödtliche Uebergabe Peters des Starrköpfigen enthält Zehntes Kapitel. Des Verfassers Betrachtungen über das Erzählte Vorrede des Uebersetzers. ( Auszug eines Briefes an den Verleger. ) Ihre Frage über die passendste Bearbeitung der humoristischen Geschichte von New-York, die jetzt zum ersten Male vor das deutsche Publikum tritt, kann ich nach Durchlesung nur dahin beantworten, daß sie sich allerdings für Ihre Gesammtausgabe besonders eignet. Ich finde sie, bis auf einige Gedehntheiten, trefflich, echt humoristisch, und noch frischer als die späteren niederländischen Skizzen desselben Verfassers, deren Wiederholung oder Variirung der beste Beweis für uns ist, daß die ersten Versuche darin (eben diese Geschichte von New-York) ausgezeichnete Aufnahme fanden. Statt der 5 oder 6 Bändchen, welche das Volumen des Originals angibt, könnten wir uns jedoch füglich mit 3 bis 4 begnügen, weil doch Manches etwas fremd und zu gedehnt für unser deutsches Publikum ist, und gedrängter werden die satyrischen Scenen auf jeden Fall mehr Effekt machen. Ich finde kein Blatt in diesem Werke, wo nicht ein guter Witz, komischer Gedanke, treffender Einfall vorkäme; wie sehr der trockne, unschuldige Ton der Erzählungen Irving's fesselt, ist bekannt, und so macht es früheren Unternehmern gleich wenig Ehre, daß sie die Bearbeitung, weil das Werk etwas zu ausführlich ist, ganz unterlassen, als Anderen, daß sie Schriften wie die Nordamerikaner von Cooper zu so hohem Preis und in der ganzen Breite dem Publikum übergeben haben. Ich zeichne für einen prüfenden Kenner einige Stellen im Verlaufe des Buches, die besonders witzig und charakteristisch sind, und den Ton der chronikartigen Erzählungsweise genau angeben. Diese Art der Auffassung ist in ihrer Art einzig und höchst originell, weil sie in fortlaufenden Karrikaturbildern höchst ähnlich und treu schildert, wie überhaupt echte Karrikaturen seyn müssen, eine Auffassung, die wir aber im historischen Felde, in dieser ernsthaften Verbindung der Geschichte und Poesie, nicht kennen. Wenn Shakspeare in anderer Form die hohe Poesie der Geschichte bewunderungswürdig getroffen hat, so eignet unserem Humoristen das Verdienst, die niedere Poesie der Geschichte, oder die poetische Niederländerei, in gegenwärtiger Heldenhistorie, welche mit mannichfaltigen skurrilen Bildern und Einfällen glücklich ausgestattet ist, auf eigenthümliche Weise begründet und in dieser neuen Gattung sogleich ein Muster aufgestellt zu haben. Der Anfang mit Erschaffung der Welt, worin Irving die Chronikenschreiber parodirt, verbirgt Resultate gelehrter Forschungen, geistreiche Ansichten und schöne Lichtblicke unter der Schalksmaske. Diese an sich ernsten Präludien haben viel mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte gemein und schließen sich trefflich an Irving's Columbus an, indem sie Andeutungen zur Urgeschichte Amerika's enthalten. Nachricht über den Verfasser. Wenn ich mich recht erinnere, so war es im Herbst 1808, daß ein Fremder in's Independent-Colnmbian-Hotel in der Mulberry-Straße kam, dessen Gastwirth ich bin, und ein Logis begehrte: ein kleiner, grämlich aussehender alter Herr in einem abgeschabten schwarzen Rock, olivenfarbenen sammtnen Beinkleidern und einem kleinen aufgekrempten Hut. Seine wenigen grauen Haare waren glatt nach hinten gestrichen und sein Bart stand in Stoppeln von circa 48 Stunden. Der einzige Staat, den er an sich hatte, waren ein Paar viereckige silberne Schuhschnallen, und sein ganzes Gepäck bestand aus einem Felleisen, das er unter'm Arm trug. Sein Aeußeres hatte etwas Außergewöhnliches, und meine Frau, welche einen geübten Blick hat, erklärte ihn auf der Stelle für einen bedeutenden Landschulmeister. Da wir nicht viel Platz in unserm Gasthof haben, wußte ich nicht recht, wohin mit ihm. Aber meine Frau, welcher er besonders zu gefallen schien, gab ihm sogleich unser Familienzimmer, mit unsern Silhouetten von berühmten Meistern geschmückt und mit schöner Aussicht auf die Straße, gerade dem Spital gegenüber. Die ganze Zeit, wo er bei uns wohnte, fanden wir einen gutmüthigen alten Mann an ihm, der aber ein wenig wunderlich war. Er blieb ganze Tage auf seinem Zimmer, und wenn in seiner Nähe eins von den Kindern schrie oder lärmte, so sprang er plötzlich mit einer Hand voll Papiere heraus, und sprach von «Confusion in seinen Ideen,» woraus meine Frau schloß, daß es bei ihm im Oberstübchen nicht richtig sey. Hierauf ließ denn Manches schließen. Denn in seinem Zimmer lag alles von Papieren und Büchern durcheinander, die Niemand anrühren durfte. Einmal wurde in seiner Abwesenheit das Zimmer rein gemacht; wie schimpfte er da, sagte, alles sey aus seiner Ordnung und nun nicht mehr aus dem Labyrinth zu kommen. Und doch hatte er zuvor oft stundenlang nach Papieren gesucht, die er gut aufgehoben zu haben versicherte. Meine Frau konnte nicht umhin, ihn zu fragen, was er mit so vielem Zeug denn anfange. Seine Antwort: «daß er die Unsterblichkeit suche,»bestätigte sie noch mehr in ihrer Vermuthung über den Gemüthszustand des alten Mannes. Er war ein recht eifriges Männchen; wenn er nicht auf dem Zimmer saß, lief er den ganzen Tag in der Stadt nach Neuigkeiten herum und bekümmerte sich viel um die Wahlen. Zu Hause aber schimpfte er auf beide Partheien, die der Nation noch die Röcke vom H–n reißen würden. Unter den Nachbarn galt er als ein Orakel; besonders am Nachmittage, wo sie sich um ihn sammelten, wenn er auf der Bank am Thor sein Pfeifchen rauchte; und gewiß würde er alle auf seine Seite gebracht haben, wenn sie nur jemals hätten klar kriegen können, was er eigentlich meinte. Meine Frau verlor endlich, weil gar keine Zahlung erfolgte, die Geduld, und gab ihm zu verstehen, daß es Zeit wäre, «daß gewisse Leute von gewissen Leuten Geld zu sehen bekämen.» Der alte Herr antwortete sehr stolz, sie solle sich keine Ungelegenheiten machen, er habe da drinnen (auf den Mantelsack deutend) einen Schatz, der ihr ganzes Haus aufwiege. Da er nie etwas anderes zur Antwort gab, auch bedeutende Männer zu Verwandten hatte, so wollte sie ihn am Ende frei bei sich hausen lassen, wenn er nur ihren Kindern dafür Unterricht im Buchstabiren geben wollte, vielleicht auch noch den Nachbarskindern dazu; aber das nahm der alte Herr gewaltig übel und sie durfte nicht wagen, diese Saite je wieder zu berühren. Ungefähr zwei Monate darauf ging er eines Morgens mit einem Bündelchen in der Hand aus – und ließ nichts weiter von sich hören. Alle Nachforschungen waren vergebens, eben so verschiedene Anzeigen in den Zeitungen. Nun glaubte meine Frau, daß wir nicht länger säumen dürften, uns seiner Habe zu bemächtigen. Im Beiseyn seines Freundes, des Stadtbibliothekars, schritten wir zur Eröffnung seines Mantelsacks. Aber es fand sich darin nichts als Stücke von alten zerrissenen Hosen und ein dicker Stoß beschriebenes Papier. Dieses letztere wollte der Bibliothekar für den Schatz gehalten haben, da es eine treffliche und gewissenhaft treue Geschichte von New-York sey, welche herauszugeben er uns sehr anrieth, da wir damit unsere Rechnung zehnfach bezahlt bekämen. Ein sehr gelehrter Schulmeister, der Lehrer unserer Kinder, hat sich an diese Arbeit gemacht und viele schätzbare Anmerkungen beigefügt. Dieß sind also die Gründe, warum ich das Buch gedruckt habe, ohne die Einwilligung des Verfassers abzuwarten, und ich erkläre hiermit, daß, wenn er je zurückkommen sollte, (woran ich jedoch leider zweifeln muß), ich wie ein ehrlicher Mann mit ihm abrechnen werde. Eines hochzuverehrenden Publikums unterthäniger Diener Seth Handaside. Independent-Columbian-Hotel, New-York. Das Vorstehende wurde der ersten Ausgabe dieses Werkes vorangedruckt. Bald nach dem Erscheinen desselben erhielt Herr Handaside einen Brief von Knickerbocker, aus einem kleinen holländischen Dorf am Hudson datirt, wo er sich aufhielt, um einigen alten Ueberlieferungen nachzuspüren. Da dieß eines jener glücklichen Dörfer war, die noch keine Zeitungen kennen, so durfte man sich nicht wundern, daß er erst spät und durch bloßen Zufall von jener Verfügung über seinen Nachlaß etwas erfuhr. Er äußerte seinen Schmerz über das allzufrühe Erscheinen, welches verschiedene Verbesserungen und Nachträge vereitelt habe. Bei einer weiteren Reise hatte er die guten alten holländischen Sitten, die er geschildert, sehr verändert gefunden. In Albani erndtete er zwar großes Lob, aber man wies ihm dort einige grobe Irrthümer nach, besonders den von dem Klumpen Zucker, der zu gemeinschaftlichem Gebrauch über den Theetischen von Albany hänge, eine Sitte, die seit mehreren Jahren abgeschafft worden, und dergleichen mehr, wie auch Fehler hinsichtlich der Genealogieen, welche in diesem republikanischen Lande viele Unruhe machen. Der Gouverneur drückte ihm zu verschiedenen Malen die Hand und obgleich er von einem anderen politischen Bekenntniß war, ging er doch so weit, daß er eines Tages nach Tisch an seiner Tafel erklärte, Knickerbocker sey ein recht wohlmeinender alter Mann, und kein Narr. Diesem nach hätte er vielleicht unter andern Umständen zu einer Notar- oder Friedensrichterstelle gelangen können! – Einige gingen noch weiter und schätzten ihn sogar so hoch, wie seine Verwandte bei'm Congreß. Da er die Aufgabe seines Lebens mit der Publication seiner Geschichte als beschlossen ansah, hätte er sich nun noch auf zwei Dinge, auf's Politisiren oder auf's Trinken legen können, aber er that keins von beiden, da er für so etwas zu gute moralische Grundsätze hatte. Zwar versuchte er noch, an einer zweiten Auflage zu arbeiten, um seinem Ruhm Dauer, seinem Werk authentisches Ansehn – die Seele der Geschichte – zu verschaffen. Allein der Lichtblick der Composition war verglommen, er war unsicher und zweifelnd im Aendern und Verbessern geworden, und brachte nichts mehr zu Stande. Endlich kehrte er nach seiner Vaterstadt New-York zurück und erlebte hier die ganze Glückseligkeit eines berühmten Mannes. Man trug ihm die Fertigung aller möglichen Anzeigen, Petitionen, Billets \&c. an, und obgleich er nie etwas mit den öffentlichen Blättern zu schaffen hatte, so wollte man ihn doch überall, in unzähligen Versuchen und beißenden Ausfällen von den verschiedenartigsten Richtungen, lediglich «an seinem Styl» erkennen. Außerdem contrahirte er eine große Schuld auf der Briefpost, durch die vielen unfrankirten Schreiben, die er von Schriftstellern und Druckherrn um Unterschrift erhielt; wohlthätige Gesellschaften, die sich an ihn wandten, wurden gern von ihm bedacht, da er diese Einladungen als so viele Complimente ansah. Eine Menge Ehren wurden ihm angethan. Er konnte nicht mehr unbemerkt über die Straße gehen, und oft liefen ihm die Jungen nach, wenn er mit Stock und dreieckigem Hut durch die Gassen zog, und schrieen: «da geht der Dietrich.» – welches dem alten Herrn nicht wenig gefiel, da er in diesen Begrüßungen den Schall des Nachruhms vernahm. Die größte Ehre widerfuhr ihm durch eine überaus lobende Anerkennung in dem kritischen Blatt: Portfolio; und diese Gerechtigkeit übermannte ihn so sehr, daß er zwei Tage krank danieder lag. Kurz, man muß bekennen, daß keinem Schriftsteller je so hoher Lohn zu Theil ward, oder so im Voraus die Unsterblichkeit zu genießen gegeben wurde. Die Stuyvesants räumten ihm, wegen der ruhmwürdigen Verewigung ihres großen Verwandten einen ländlichen Aufenthalt auf einem Familiengute ein. Er wohnte dort sehr freundlich an den Gestaden eines der Salzsümpfe jenseits Corlears-Haken, an einer Stelle, die zwar öfteren Ueberschwemmungen ausgesetzt war und im Sommer von Moskito's wimmelte, aber sonst recht angenehm war, und viel Salzgras, wie auch Farrenkräuter hervorbrachte. Hier erkrankte denn der gute alte Mann sehr bedenklich an einem Fieber von den benachbarten Salzsümpfen. Als er sein Ende herannahen sah, ordnete er seine weltlichen Angelegenheiten und vermachte seine geistige Hinterlassenschaft der historischen Gesellschaft in New-York, seine werthvollsten Bücher der Stadtbibliothek und sein Felleisen dem Hrn. Handaside. Er vergab allen seinen Feinden, d. h. allen, die etwas Schlimmes gegen ihn im Schilde führten, denn von sich selbst bekannte er, daß er in Frieden mit der ganzen Welt von dannen fahre; nach Anbefehlung einiger Botschaften und Grüße an verschiedene Verwandte und dicke Freunde unter den holländischen Bürgern, verschied er in den Armen seines treuen Gefährten, des Bibliothekars. Seine sterblichen Ueberreste wurden nach seinem Willen auf dem St. Markus-Kirchhof, neben den Gebeinen seines Lieblingshelden, Peter Stuyvesant, begraben, und es heißt, die historische Gesellschaft wolle ihm auf dem Rasen ein hölzernes Denkmal errichten lassen. An das Publikum. «Um das Andenken vergangener Dinge der Vergessenheit zu entreißen und vielen großen und wunderbaren Thaten unserer holländischen Vorfahren den gerechten Tribut des Nachruhms zu verschaffen, stellt Dietrich Knickerbocker, aus New-York gebürtig, diesen historischen Versuch an's Licht.» Wie Herodotus, der große Vater der Geschichte, dessen Worte ich so eben auf mich angewandt, handle ich von längst vergangenen Dingen, über welche das Zwielicht der Ungewißheit bereits seine Schatten geworfen hat und auf welche die Nacht der Vergessenheit bereits unerbittlich herabzusteigen im Begriff war. Mit großer Besorgniß sah ich schon lange die Geschichte dieser ehrwürdigen alten Stadt dem Erfassen unserer Hände entrinnen, auf den Lippen des redseligen Alters erzittern und tagtäglich ein Stück nach dem andern in's Grab sinken. Wie kurze Zeit noch, dachte ich, und jene ehrwürdigen holländischen Bürger, wankende Denkmäler der guten alten Zeiten, werden zu ihren Vätern versammelt seyn; ihre Kinder, von verführerischen Vergnügungen oder unbedeutenden Beschäftigungen in Anspruch genommen, werden es versäumen, mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu geizen, und die Nachwelt wird sich vergebens nach Memoiren aus den Tagen der Patriarchen umsehen. Der Ursprung unserer Stadt liegt dann in ewiger Vergessenheit begraben und selbst die Namen und Thaten eines Wouter Van Twiller, eines Wilhelmus Kieft und Peter Stuyvesants, erscheinen gleich denen des Romulus und Remus, Karls des Großen, König Arthurs, Rinaldo's und Gottfrieds von Bouillon, in Dunkel und Erdichtung gehüllt. Fest entschlossen, diese drohende Gefahr, so viel ich vermochte, abzuwenden, sammelte ich unermüdlich alle Fragmente aus der Kindheit unserer Geschichte, und wo diese nicht ausreichten, versuchte ich, wie mein ehrwürdiges Vorbild, Herodotus, die Kette der Geschichte durch wohlbeglaubigte Traditionen zu ergänzen – es ist das Resultat eines in Einsamkeit hingebrachten mühevollen Lebens! Viele gelehrte Bücher wurden, wiewohl vergebens befragt. Ein Manuscript bei der Familie Stuyvesant gab mir viele schätzbare Beiträge; andere würdige holländische Bürger, auch alte Damen, die nicht genannt seyn wollen, endlich die berühmte historische Gesellschaft von New-York haben in gleicher Beziehung Anspruch auf meinen Dank. Meine Art der Geschichtschreibung ist nicht einem besondern Muster entlehnt. Ich strebte nach der größten Wahrheitsliebe, gleich Xenophon. Wie Sallust habe ich meine Geschichte mit kräftigen Charakteren alter Helden und Edlen erfüllt. In tiefen politischen Gedanken strebte ich Thucydides nach, milderte sie mit der Grazie eines Tacitus, und durchdrang das Ganze mit der Würde, Größe und Pracht eines Livius. Selten konnte ich, gerade wie Herodot, der Versuchung widerstehen, mich in kühne Excursionen einzulassen – in jene reizende Episoden, die wie Blumenränder und duftende Lauben den bestaubten Weg des Historikers einfassen, und ihn einladen, sich auszuruhen und zu erfrischen von seiner mühevollen Reise. Gern hätte ich wie Polybius die strenge Einheit der Geschichte beobachtet, aber die unzusammenhängende Beschaffenheit vieler Thatsachen ließ dieß kaum zu. Was diese Regel noch mehr erschwerte, war die Nachweisung vieler Sitten und Einrichtungen dieser besten Stadt in ihrer Entwicklung und Veränderung nach dem Stande der Cultur. Wahrheit – Wahrheit bis in's Kleinste war es, wonach ich strebte; und ich darf es mir sagen, daß ich die Geschichte eines großen Punktes der Erde vom Untergang gerettet habe; – so verzeihe denn der Leser die Eitelkeit dem mühevollen Streben, er sehe mich, wie ich die Feder niederlege, mich den Vorgänger so vieler nachfolgenden Geschichtschreiber dieses Landes, in der Vogelperspective schwebend über einer Reihe von 300 Jahren, das Buch unter'm Arm, New-York im Rücken, vorwärts, vorwärts, ein ritterlicher Führer zu Ruhm und Unsterblichkeit! Solche eitle Bilder drängen sich wohl zuweilen in das Gehirn eines Schriftstellers – erhellen mit himmlischen Lichtern sein einsames Kämmerlein, frischen seine Lebensgeister auf und beleben neu die Lust zu schaffen. Ich habe gern diese Ausrufungen hier mit aufgenommen, wie sie sich rhapsodisch darboten; nicht aus Egoismus, warlich nein, sondern, damit der Leser einen Begriff habe von dem, was ein Autor denkt und fühlt, wenn er schreibt – eine Art der Erfahrung, die selten und seltsam, und eben deßhalb sehr begehrungswürdig ist. Erstes Buch. Welches verschiedne scharfsinnige Theorieen und philosophische Speculationen über die Erschaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zusammenhang mit der Geschichte von New-York. Erstes Kapitel. Beschreibung der Erde. Den besten Autoritäten zufolge ist die Erde, worauf wir wohnen, eine ungeheure, dunkle, wiederstrahlende, leblose Masse, die in dem Aethermeere von unbegränztem Raume schwimmt. Sie hat die Gestalt einer Orange, eine Spheroide, sonderbar an zwei entgegenstehenden Stellen abgeplattet, wo die Pole, zwei gedachte Punkte liegen, die sich angenommenermaßen im Mittelpunkt der Kugel begegnen; so bilden sie eine Axe, an welcher sich die ungeheure Orange täglich einmal umdreht. Wie diese Umdrehung Tag und Nacht hervorbringt, so hat die Rotation um den feurigen Sonnenball in einem Jahre die Jahrszeiten zur Folge. Was die Gestalt der Erde betrifft, so behaupteten einige alte Philosophen, sie sey eine ausgedehnte Ebene, von großen Säulen gestützt; andre, sie ruhe auf dem Kopf einer Schlange oder auf dem Rücken einer ungeheuern Schildkröte – da sie aber weder für einen Ruhepunkt der Säulen oder Schildkröte sorgten, so fiel die ganze Theorie, aus Mangel einer Begründung, auseinander. Die Braminen versichern, der Himmel ruhe auf der Erde, und Sonne und Mond schwämmen darin wie Fische im Wasser, indem sie sich am Tage von Osten nach Westen bewegten und in der Nacht unterm Saum des Horizontes hinwieder an ihren alten Ort glitten; während die Erde nach den Pauranicas von Indien eine große Ebene ist, von sieben Meeren voll Milch, Nektar und anderen köstlichen Flüssigkeiten eingefaßt, von sieben Bergen gestützt und in dem Mittelpunkt mit einem hohen Bergfelsen von geläutertem Golde geziert; ein großer Drache soll sich zuweilen über den Mond legen und so die Finsternisse hervorbringen. Neben solchen weisen Meinungen haben wir auch noch die tiefen Conjecturen des Abul-Hassan-Ali in seiner Schrift «die goldnen Wiesen und die Minen der Edelsteine,» wo er die Geschichte der Welt vom Anfang bis zu sich, im 336. Jahr der Hegira, erzählt. Er belehrt uns, die Erde sey ein ungeheurer Vogel, Mekka und Medina der Kopf, Persien und Indien der rechte, das Land Gogs der linke Flügel, und Afrika der übrige Leib; ferner, es habe eine andre Erde vor dieser (die er so zu sagen nur für ein Küchlein von 7000 Jahren hält ) existirt, und sie erneuere sich in verhältnißmäßig ungeheuren Zeiträumen. Wie die Gelehrten eben so uneinig über die Gestalt der Sonne gewesen, und die einen sie für ein strahlendes Feuerrad, die andern für einen bloßen Spiegel oder eine Kugel von Krystall, oder für eine feurige Eisen- oder Steinmasse, endlich auch den Himmel für ein Steingewölbe mit glimmenden Stückchen gehalten, darüber kann ich schneller hinweggehen, da das Volk von Athen jene Männer durch Verbannung aus ihrer Stadt gründlich widerlegt hat, eine sehr passende Sitte jener Tage, auf unwillkommne Lehren zu antworten. Noch Andere haben die Himmelskörper für Ausdünstungen unserer Erde erklärt, die sich dort oben sammeln und verbrauchen, so ungefähr, wie unsre Laternen auf den Straßen. In alter Zeit soll der Sonne auf diese Art einmal das Oel ausgegangen seyn, welches denn bei dem würdigen alten Weiner Heraclitus große Besorgniß erregte. Zu diesen Theorieen kam nun die Meinung von Herschel, daß die Sonne ein prächtiger bewohnbarer Aufenthalt sey, und ihr Licht von gewissen leuchtenden oder phosphorescirenden Wolken herrühre, die in ihrer durchsichtigen Atmosphäre schwämmen. Professor van Puddingcoft (Puddingkopf) war ein berühmter Professor in Leyden, gewichtig in seinem Thun, und gewohnt, in der Mitte seiner Untersuchungen sich schlafen zu legen, welches seinen Schülern zu großer Erleichterung gereichte. Im Laufe seiner Vorlesungen nahm er einst eine Flasche mit Wasser und schwang sie in der Länge des Arms um seinen Kopf, dessen rothes Gesicht nicht unpassend die Sonne darstellte, wie die Flasche die Erde, mit Centrifugal- und Centripetalkraft am ausholenden und ziehenden Arm versehen. Wenn erstere Kraft, erklärte er den staunenden Zöglingen, einmal gestört werde, müsse die Erde in die Sonne fallen, sehr verhängnißvoll für jene Planeten, und auch für die Sonne beschädigend. Ein unglücklicher Bursche, einer der unnützen Genies, die in die Welt gesetzt zu seyn scheinen, um solche würdige Puddingköpfe zu ärgern, wollte sich von der Richtigkeit der Angabe überzeugen, und hielt plötzlich den Arm des Professors ein, als grade das Glas im Zenith stand, welches dann mit erstaunlicher Richtigkeit auf das philosophische Haupt des Jugendlehrers herabfiel. Ein hohler Ton und ein heftiger Klatsch folgte auf die Berührung; aber die Theorie war dadurch auf's Siegreichste bestätigt, denn das unglückliche Glas ging dabei zu Grunde; aber das glühende Gesicht des Professors van Puddingcoft tauchte aus dem Wasser hervor und glühte stärker als je vor Zorn; worauf die Studenten sehr erbaut und bedeutend weiser den Hörsaal verließen. Seitdem hat sich nun aber die Ansicht von der Sache geändert, und ein wohlmeinender Professor ging darin mit gutem Beispiel voran, daß er sich weislich entschloß, seine Theorie der Erde anzupassen, da sie sich ihr nicht anpassen wollte. Nun hat man sich mit Anstand so aus der Affaire gezogen, daß man die Umdrehung der Erde von der ersten Veranlassung unabhängig erklärt hat, und seit dieser merkwürdigen Aera läßt man die Erde ihren eignen Gang gehen, wie es ihr am bequemsten ist. Zweites Kapitel. Cosmogonie oder Erschaffung der Welt; nebst einer Menge vortrefflicher Theorieen, wornach diese Schöpfung keine so schwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt. Nachdem ich meine Leser mit der Welt bekannt gemacht, werden sie ohne Zweifel wissen wollen, woher sie kam und wie sie geschaffen wurde. Die Aufklärung dieses Punkts gehört auch ganz in unsere Geschichte, da es mehr als wahrscheinlich ist, daß, wenn die Erde nicht erschaffen worden wäre, auch die berühmte Insel, worauf die Stadt New-York liegt, nicht existirte. Von der Erschaffung der Welt haben wir tausend widersprechende Berichte, und obgleich in der göttlichen Offenbarung eine ganz genügende Auskunft darüber gegeben wird, so glaubt doch jeder Philosoph es seiner Ehre schuldig zu seyn, uns eine bessere zu ertheilen. Ich will als unpartheiischer Geschichtschreiber diese erbaulichen und belehrenden Theorieen hersetzen. Einige alte Weltweise glaubten, die Erde und das ganze Universum sey die Gottheit selbst; so Zenophanes und alle Eleatiker, auch Strabo und die peripatetische Schule. Pythagoras schuf das berühmte Zahlensystem der Monaden, Dyaden, Triaden und durch seine heilige Vierzahl erläuterte er die Bildung der Welt, die Geheimnisse der Natur und die Grundsätze der Musik und Moral. Andre Weise hingen an dem System der mathematischen Körper. Wieder andre bildeten die große Theorie der vier Elemente, nebst einem fünften: einem unsichtbaren, belebenden Prinzip. Nicht zu übergehen ist das große atomistische System des Moschus, noch vor der Belagerung von Troja, welches Demokrit lachlustigen Andenkens auffrischte, Epikur, der König aller Lebemänner, verbesserte, und der phantasiereiche Descartes modernisirte. Ich lasse unerörtert, ob mit diesen Ansichten der Glaube an eine Weltseele verbunden wird, wie der große Plato sie lehrte, dieser ruhige Weltweise, welcher das kalte Wasser seiner Philosophie über die Gemeinschaft der Geschlechter ausgoß und die Lehre von der platonischen Liebe schuf – ein höchst veredelter Umgang, der sich aber besser für die idealen Bewohner seiner erträumten Insel Atlantis, als für das derbe Geschlecht eignet, das, aus rebellischem Fleisch und Blut zusammengesetzt, die von uns gemeinte Insel bewohnt. Außer diesen Systemen haben wir noch die Theogonie des alten Hesiod, der das Universum im regelmäßigen Gang der Schöpfung entstehen läßt, und die plausible Ansicht Anderer, nach welchen die Erde aus dem großen Ei der Nacht hervorbrach, welches in dem Chaos schwamm und von den Hörnern des himmlischen Ochsen aufgestoßen wurde. Burnet hat in seiner Theorie der Erde dieses Welt-Ei genau beschrieben und es einem Gänse-Ei wunderbar ähnlich befunden. Weniger bekannt ist die Lehre andrer Philosophen, der Brahminen, in den Blättern ihrer geoffenbarten Schastah, daß der Engel Bistnu, der sich in einen großen Eber verwandelt, in die Tiefe der Gewässer tauchte und die Erde auf seinen Hauern in die Höhe brachte. Von ihm ging dann eine mächtige Schildkröte und eine mächtige Schlange aus, und Bistnu setzte die Schlange grade auf den Rücken der Schildkröte, und auf den Kopf der Schlange die Erde. Die Neger-Philosophen von Congo versichern, daß die Welt aus den Händen von Engeln hervorgegangen sey; aber ihr eignes Land habe das höchste Wesen selber geschaffen, damit es ganz vorzüglich werde. Große Mühe gab sich Gott mit den Bewohnern und machte sie sehr schwarz und schön, und wie er mit dem ersten Menschen fertig war, gefiel er ihm sehr, und er strich ihm über das Gesicht, woher denn seine Nase und die aller seiner Nachkommen eine platte Gestalt erhielt. Die Mohawk-Philosophen erzählen uns, daß ein schwangeres Weib vom Himmel gefallen sey, und eine Schildkröte es auf ihren Rücken genommen habe, weil alles mit Wasser bedeckt gewesen, und daß das Weib auf der Schildkröte sitzend mit den Händen im Wasser geplätschert und die Erde heraufgezogen habe, woher es zuletzt kam, daß die Erde höher als das Wasser wurde. Doch genug von diesen alten und ausländischen Philosophen, deren beklagenswerthe Unwissenheit sie, trotz aller Gelehrsamkeit, nöthigte, in Sprachen zu schreiben, welche nur wenige meiner Leser verstehen; ich will kurz noch ein Paar neuere, elegante Theorieen ihrer Nachfolger aus unseren Zeiten hersetzen. Der große Büffon hielt unsern Erdkörper für einen ursprünglichen Feuerball, den ein Komet von der Sonne abgestoßen, so wie vom Feuerstein durch den Stahl ein Stückchen als Funken abspringt. Zuerst hätten ihn dicke Dünste eingehüllt, diese sich abgekühlt und allmählig verdichtet und nach ihrer Dichtigkeit Erde, Wasser und Luft gebildet und in solcher allmähligen Bildung die brennende oder verglaste Masse des Mittelpunkts umgeben. Hutton meint im Gegentheil, daß das Wasser zuerst da gewesen sey, und er schreckt sich mit der Idee, daß die Erde so gelegentlich durch die Gewalt des Regens, der Ströme und Bergwasser hinweggewaschen werde, bis sie sich mit dem Ocean vermenge, d. h. sich ganz in ihm auflöse. Eine erhabene Vorstellung, welche die Geschichte des weichherzigen Dämchens im Alterthum weit übertrifft, die sich in eine Quelle hineinweinte, oder die gute Dame von Narbonne in Frankreich, die wegen der allzugroßen Beweglichkeit ihrer Zunge verurtheilt wurde, 500,039 Zwiebeln zu schälen, und ehe sie noch die Hälfte der schrecklichen Arbeit vollbracht hatte, sich so zu sagen ganz aus den Augen herausgeweint hatte. Whiston stellt die Hypothese auf, die Erde sey ein chaotischer Komet gewesen, der zum Aufenthalt des Menschen ausersehen und der Sonne beigegeben worden, worauf denn die Confusion dieses Sterns sich in Ordnung aufgelöst habe. Der Philosoph setzt hinzu, die Sündfluth sey von der unhöflichen Begrüßung eines anderen Kometen mit dessen wässerigem Schweif entstanden; ohne Zweifel aus Neid über den gereifteren Zustand des andern; ein trauriger Beweis, daß auch unter den himmlischen Körpern Eifersucht herrscht, und Zwietracht die selige Harmonie der Sphären stört, welche die Poeten so entzückend schildern. Endlich hat Dr. Darwin, der Liebling der Damen, noch eine ganz andre Ansicht aufgestellt. Dieser gelehrte Thebaner ist auf eine seiner entzündlichen Phantasie ganz würdige Vermuthung gefallen. Das Chaos machte einmal eine starke Explosion wie ein Pulverfaß, und spie in diesem Act die Sonne, diese in ihrem Fluge durch einen ähnlichen Proceß die Erde, und diese eben so den Mond aus, und so gestaltete sich durch eine Verkettung von Explosionen das ganze Sonnensystem und setzte sich sehr regelmäßig in Bewegung. Doch genug von diesen Systemen. Jedermann wird sie sehr consequent finden und meine ungelehrten Leser werden vielleicht auf den Schluß kommen, daß die Erschaffung der Welt gar kein so schweres Ding war, wie sie anfänglich wohl dachten; und ich zweifle nicht, wenn einer der letztgenannten Philosophen einen manierlichen Kometen habhaft werden und das philosophische Waarenhaus, Chaos genannt, zu seiner Disposition stellen könnte, würde er einen eben so guten Planeten fabriziren, oder einen noch besseren, als der, den wir bewohnen. Und hier kann ich nicht umhin, die Güte der Vorsehung zu preisen, welche zum Troste verwirrter Philosophen Kometen werden ließ. Durch ihre Hülfe sind mehr plötzliche Entwicklungen und vorübergehende Erscheinungen in der Natur möglich, als in der Pantomime durch das wunderthätige Schwerd Harlequins. Sollte einer unserer modernen Weltweisen in seinen theoretischen Flügen nach den Sternen jemals sich in den Wolken verirren und in Gefahr kommen, in einen Abgrund von Unsinn und Albernheit zu fallen, so darf er nur einen Kometen beim Bart nehmen, sich auf seinen Schweif schwingen und im Triumph davon reiten, wie ein Bezauberer des Hippogryphen, oder wie eine Hexe von Connecticut auf ihrem Besenstiel, «um die Spinnenweben aus dem Himmel zu kehren.» Es gibt ein altes Sprichwort vom «Bettler zu Pferd,» und ich möchte es bei Leibe nicht auf diese würdigen Philosophen anwenden; aber ich muß bekennen, daß sich einige von diesen Herren, wenn sie eins dieser feurigen Rosse bestiegen haben, so wild darauf herumtummeln, wie weiland Phaeton, als er Phöbus Sonnenwagen zu regieren sich unterstand. Der eine jagt seinen Kometen grade auf die Sonne und bricht mit dem Stoß die Erde von ihr ab; ein anderer ist gemäßigter und macht eine Art Lastthier aus seinem Renner, der der Sonne regelmäßig Nahrung und Reisbündel zutragen muß – ein dritter, von verbrennlicherem Wesen, läßt ihn wie eine Bombe gegen die Erde fliegen und sprengt diese damit wie eine Pulvermühle in die Luft, während ein vierter, mit wenig Schicklichkeitsgefühl gegen diesen Planeten und seine Bewohner, gradezu ankündigt, daß einst sein Komet sich mit dem Schweif gegen die Erde richten und sie unter Wasser setzen werde! – Aus diesen vielen Systemen mögen nun die einsichtsvollen Leser sich eins herauswählen. Es zeigt sich dabei, daß ein Genie immer die Lustschlösser des andern zerstört. Theorieen sind die mächtigen Seifenblasen, womit sich die erwachsenen Kinder unterhalten, und das ehrliche Volk steht in stummer Bewunderung und beehrt diese gelehrten Grillen mit dem Namen Weisheit! – Gewiß hatte Sokrates recht, wenn er sagte, die Philosophen seyen nur eine nüchternere Art von Verrückten, die sich in nicht zu ergründende Dinge einließen, deren Erforschung, wenn sie möglich wäre, sich nicht der Mühe der Entdeckung verlohnte. Bis die Gelehrten sich nun vereinigt haben werden, begnüge ich mich wenigstens mit der Erzählung Mosis, und folge darin dem Beispiel unserer verständigen Nachbarn in Connecticut, die bei ihrer ersten Ansiedlung erklärten, daß die Colonie durch die Gesetze Gottes regiert werden sollte, bis sie Zeit hätten, bessere Gesetze zu machen. Eins aber scheint festzustehen, nämlich daß die Welt wirklich geschaffen worden und daß sie aus Land und Wasser besteht. Ferner erscheint mit Gewißheit, daß sie wunderlich zerstückelt und in Inseln und Festlande getheilt ist, und daß unter ersteren die berühmte Insel von New-York wohl von Jedermann gefunden werden wird, der sie an der rechten Stelle sucht. Drittes Kapitel. Wie der berühmte Seefahrer Noah verschiedne ganz schändliche Namen erhielt, und wie er ein unverzeihliches Versehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entstandenen großen Verwirrung unter den Philosophen, und von der Entdeckung Amerika's. Noah, der erste Seefahrer, von dem wir lesen, hatte drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Es gibt Schriftsteller, welche behaupten, dieser Patriarch habe mehrere Söhne gehabt. So macht Berosus ihn zum Vater des Riesengeschlechts der Titanen, Methodius gibt ihm einen Sohn Namens Jonithus oder Jonicus, und andre nennen einen Sohn Namens Thuiskon, von dem die Teutonen, Deutschen kommen, oder mit andern Worten die «dutsch» oder die holländische Nation abstammt. Die Geschichte des großen Noah ist sehr verwickelt; denn überall, wo dieser Seefahrer hinkam, erhielt er einen andern Namen. Die Chaldäer nennen ihn Xisuthrus, eine kleine Veränderung, welche den Historikern, die in der Etymologie bewandert sind, keine Schwierigkeiten machen wird. Die Egypter verehren ihn als Osiris, die Indier als Menu, die Griechen und Römer vermischen ihn mit Ogyges und die Thebaner mit Deukalion und Saturn. Aber die Chinesen, welche die Welt weit länger kennen, als alle andre Nationen, sagen, Foha sey es gewesen; nach ihnen kam nämlich Noah bis nach China, und zwar zur Zeit des babylonischen Thurmbaues (wahrscheinlich um sich in dem Studium der Sprachen zu befestigen) und der gelehrte Dr. Schackford versichert uns, die Arche habe sich auf einem Gebirg an der chinesischen Gränze niedergelassen. Wir können die Verkettungen, die durch diese Ansichten für die Historiker entstehen, ihrem eignen Scharfsinn überlassen und uns mit dem Resultate begnügen, daß Noah drei Söhne hatte. Wie mißlich dieses aber für diesen unsern Welttheil war, werden wir sogleich sehen. Als Noah, der einzige Herr und Erbe der Erde, wie ein guter Vater seine Güter unter seine Kinder theilte, bekam Sem Asien, Ham Afrika und Japhet Europa. Nun aber ist es tausendmal zu beklagen, daß er nur drei Söhne hatte; denn hätte er noch einen vierten gehabt, so würde dieser ohne Zweifel Amerika bekommen haben. So kam es denn – zum Jammer der Historiker und Philosophen – daß unser Welttheil als wildes ödes Land links liegen blieb und davon keine Erwähnung geschah. Diesem unverzeihlichen Schweigen des Patriarchen ist das Unglück zuzuschreiben, daß Amerika erst später als die andern Theile der Erde zur Welt gerechnet wurde. Zwar haben einige Schriftsteller ihn von diesem Vergehen freigesprochen und behauptet, er habe wirklich Amerika entdeckt. So Marc Lescarbot und der Jesuit Pater Charlevoix, letzterer sogar mit der Behauptung, daß dieses ebenfalls zu Wasser geschehen sey, indem Noah ein ausgezeichneter Seemann gewesen. Aber der Niederländer Hanns de Laet, der als solcher mit der Mannschaft der Arche besser bekannt gewesen seyn muß, erklärt diese Ansicht für höchst lächerlich; man muß in der That die vertraute Bekanntschaft bewundern, in welche die Historiker immer mehr mit den Patriarchen und andern großen Männern des Alterthums kommen, auf diese Art werden wir bald von Noah's Schiffsbüchern eben so genau unterrichtet seyn, wie von denen Cooks und Robinsons Crusoe. Da die gelehrten Forscher doch so weit mit ihren schwierigen Untersuchungen gekommen sind, daß das Factum feststeht, daß dieses Land entdeckt worden , so darf ich über diesen Gegenstand kurz seyn. Ich brauche mich daher nicht dabei aufzuhalten, ob Amerika zuerst durch ein umherschweifendes Schiff der berühmten phönicischen Flotte entdeckt wurde, die nach Herodot Afrika umschiffte, oder von jener carthaginiensischen Expedition, die nach dem Naturforscher Plinius die canarischen Inseln fand, oder ob es durch eine Colonie von Cyrus angebaut wurde, wie nach Aristoteles und Seneca. Auch will ich nicht nachforschen, ob es vielleicht durch die Chinesen bevölkert ward, wie Vossius höchst scharfsinnig behauptet, oder durch die Norweger im Jahr 1002 unter Björn, noch ob durch Behaim, den deutschen Seefahrer, wie Hr. Otto den Savans der gelehrten Stadt Philadelphia zu beweisen gesucht hat. Auch will ich nicht die neueren Ansprüche der Bewohner von Wallis untersuchen, die sie auf eine Reise des Prinzen Madoc im 11. Jahrhundert gründen, der ohne Zweifel, da er nie zurückgekehrt ist, nach Amerika ging, nach einem ganz einfachen Satz, der so lautet, wenn er nicht dorthin ging, wo soll er anders hingegangen seyn? – eine Frage, welche gewiß höchst sokratisch allen weiteren Streit aufhebt. Lege ich nun diese und andre befriedigende Vermuthungen ganz bei Seite, so komme ich auf die schlichte historische Thatsache im Munde des Volks, daß Amerika am 12. October 1492 von Christovallo Colon, einem Genueser, entdeckt wurde, dessen Namen man sehr ungeschickt in Columbus verwandelt hat, aus welchem Grund, weiß ich nicht. Ohne mich bei diesem bekannten Factum aufzuhalten, will ich nur beiläufig erwähnen, daß dieses Land eigentlich Colonia Zu deutsch hieße es Cöln . – Anm. d. Uebers. nach seinem Namen heißen müßte. Ehe wir nun zu dem glücklichen Besitz dieses Welttheils kommen, gibt es noch allerhand zu thun: Wälder niederzuhauen, kleines Gehölz zu roden, Sümpfe auszutrocknen und Wilde auszurotten. – In gleicher Weise muß ich auf dem historischen Felde mit Fragen, Zweifeln und Paradoxen kämpfen, bis wir endlich über dieses Land klar sehen. Viertes Kapitel. Wie die Philosophen große Arbeit gehabt, Amerika zu bevölkern, und wie die Eingebornen – zum großen Troste des Autors – durch Zufall erzeugt wurden. Wie viele Gänseschwingen sind nicht geplündert, wie viele Seen von Dinte nicht ausgeschrieben, wie viele Köpfe von Gelehrten nicht ausgeleert und völlig verwirrt worden, um so viele Millionen Mitgeschöpfe, wie die alten Amerikaner, dem von andern Philosophen über sie verhängten Nichts zu entreißen. Ueber alle Folianten, Quartanten, Octavbände steigen wir hinweg und kommen in der Geschichte bei den nächst competenten Reclamanten, den Nachkommen Abrahams an. Christoval Colon zog bei der Entdeckung der Goldminen von Hispaniola auf der Stelle und mit einer Schärfe, die einem Philosophen Ehre gemacht haben würde, den Schluß, daß er das alte Ophir Salomo's gefunden habe; er glaubte sogar die Schmelzöfen der Hebräer in vorhandenen Ueberresten zu erkennen. Sogleich wurde dies von den Gründlingen der Gelehrsamkeit aufgefaßt, besonders von Vetablus und Robertus Stephens; Arius Montanus behauptete, Mexico sey das wahre Ophir und die Juden die ältesten Amerikaner. Possevin, Becan und andre scharfsinnige Antoren führen zu dem Ende eine vermuthete Prophezeihung im 4. Buch Esräs an, die ihrer Ansicht, als Grundstein ihres Stützpfeilers, unerschütterliche Dauer gibt. Aber unser Hans de Laet, der große Holländer, wirft alle diese Hypothesen nieder und schreibt die Spuren vom Christenthum und Heidenthum, die sich im alten Amerika finden, alle dem Teufel zu, der sich von jeher bestrebt habe, den Dienst des wahren Gottes nachzuäffen, worin ihm auch der Padre d'Acosta beistimmt. Dagegen behaupten wieder einige Autoren, worunter Lopez de Gomara und Juan de Leri, die Canaaniten, aus dem Lande der Verheißung der Juden vertrieben, seyen so von panischem Schrecken ergriffen worden, daß sie geflohen seyen, ohne sich umzusehen, immer weiter, bis sie sich mit heiler Haut in Amerika befunden hätten. Da sie weder ihre Landessprache, noch ihre Sitten und Gesichtszüge mitgebracht, so vermuthet man, sie hätten das alles in der Eile zu Hause zurückgelassen – dem kann ich jedoch meinen Beifall nicht schenken. Ich übergehe die Vermuthung des gelehrten Hugo Grotius, welcher ein Gesandter und ein Holländer dazu war und daher große Achtung verdient, daß nämlich Nord-Amerika von umherschweifenden Norwegern, und Peru von einer chinesischen Colonie bevölkert worden und Mango Capak, der erste der Inkas, noch ein Chinese gewesen sey; auch will ich mich nicht dabei aufhalten, daß Pater Kircher den Egyptern, Rudbeck den Scandinaviern, Charron den Galliern, Juffredus Petri einer Schlittenparthie von Friesländern, Milius den Celten, der Sicilier Marinocus den Römern, le Comte den Phöniciern, Postel den Mauren, Martin von Angleria den Abessiniern die Bevölkerung zuschreibt, endlich glaubt der weise de Laet, daß England, Irland und die Orkaden sich zu der Ehre melden könnten. Von Marco Polo's Insel Cipangi, von Plato's Atlantis schweige ich ganz, weil es Träumereien sind; auch mag des Paracelsus heidnische Ansicht hierher gezogen werden, daß jede Halbkugel mit einem Adam und einer Eva versehen worden sey, oder die mehr schmeichelnde Ansicht des Dr.  Romayne, daß Adam ein Indianer gewesen – zuletzt stehe noch hier die erschreckende Vermuthung von Büffon, Helvetius und Darvin, welche die Menschheit so hoch ehrt, daß sie ihr den Ursprung ganz zufällig von einer merkwürdigen Affenfamilie gibt. Bei dieser letzten Hypothese war mir, ich gestehe es, zu Muthe, wie dem Pierrot in der Pantomime, wenn er starr, in dummer Verwunderung über die Sprünge Harlequins, plötzlich von einem Schlag des hölzernen Schwerdes zwischen den Schultern electrisirt wird. Mir war, als ob eine eben so plötzliche Verwandlung in Thiere mit mir und meinen Lesern vorgegangen wäre. Ich beschloß seitdem feierlich, mir mit keiner dieser Theorieen mehr die Finger zu verbrennen! Theorien, dachte ich, gleichen jenen berühmten beiden Töpfen, welche zusammen eine Reise machten. Einmal dem Strom überlassen, stehen sie jede Minute in Gefahr, an einander zu zerbrechen. Ich erstaune wirklich, daß noch keiner der angeführten Schriftsteller auf die Idee kam, die neue Welt vom Mond aus zu bevölkern, oder die Menschen auf Eisschollen, wie die Eisbären, heranschwimmen zu lassen, oder in Luftballons, wie man von Dover nach Calais schifft, oder durch Zauberei, wie Simon Magus mit Extrapost nach den Sternen fuhr, oder wie die berühmte Scythin Abaris, die, wie die Hexen in New-England auf Vollblut-Besenstielen, unerhörte Reisen auf einem ihr von Apoll verehrten goldnen Pfeil machte. Nur noch ein Weg bleibt uns, die Bevölkerung Amerika's zu erklären, ich versparte ihn bis zuletzt, weil er alle andere aufwiegt, dieser Weg ist – Bevölkerung durch Zufall! So meint es nämlich der tiefdenkende Pater Charlevoix von den Inseln Salomo's, Neu-Guinea und Neu-Holland, so auch von Amerika. Die merkwürdigen Worte, womit er den gordischen Knoten zerhaut, sind diese: «Nichts ist leichter; – die Menschen auf beiden Halbkugeln sind ohne Zweifel Kinder desselben Stammvaters. Dieser aber empfing den ausdrücklichen Befehl vom Himmel, die Welt zu bevölkern, und demnach bevölkerte er sie auch . Um dieß zu bewerkstelligen, mußten alle Schwierigkeiten besiegt werden, und diese wurden denn auch besiegt! » Frommer Logiker! wie machst du auf einmal die ganze Schaar der Theoretiker schaamroth, indem du ihnen ruhig, mit fünf Worten erklärst, was ihnen nach furchtbarer Abmattung mit dickleibigen Quartanten noch nicht klar werden wollte. Es wäre also bewiesen, einmal, daß Amerika wirklich bevölkert ward, welches die noch lebenden Wilden bezeugen, sodann, daß dies auf fünfhunderterlei Weise geschah, nach den vielen Schriftstellern, die alle Augenzeugen gewesen zu seyn scheinen, und endlich, daß ihre Bewohner eine Menge Väter hatten, welches ihnen nach den gewöhnlichen Begriffen keine große Ehre macht, weshalb wir uns auch darüber nicht weiter verbreiten wollen. – So wären also diese Fragen auf immer beseitigt und zur Ruhe verwiesen. Fünftes Kapitel. Worin der Verfasser mit Hülfe des Mannes im Monde eine große Frage völlig abthut, und damit nicht allein Tausende von Menschen aus großer Verlegenheit reißt, sondern auch dieses einleitende Buch beschließt. Ein Geschichtschreiber gleicht in gewisser Hinsicht einem abenteuerlichen Ritter, der sich auf seinem ehrenvollen Zuge, wo tausend Gefahren seiner warten, vor keinem Feinde fürchtet, und vor keinem noch so schrecklichen Ereigniß zurückbebt. So gewappnet hebe auch ich mit Entschlossenheit die Feder und gehe mit aller Kraft auf jene herzhaften Fragen und subtilen Paradoxen los, die wie feurige Drachen und blutgierige Riesen das Thor einer Geschichte besetzt halten und mir den Eingang wehren wollen. Und grade jetzt steigt eine riesenhafte Frage auf, die ich sogleich bei'm Bart fassen und darniederwerfen muß, ehe ich auf meinem historischen Grund und Boden einen Schritt weiter thun kann – aber es ist sicher auch der letzte Gegner, der zu bekämpfen ist, und ich werde den Leser dann im nächsten Buche im Triumph mitten in's Werk, medias in res, versetzen. Die Frage, welche sich so mit einem Male erhoben, ist die: Welches Recht hatten die ersten Entdecker von Amerika, von einem Lande Besitz zu nehmen, ohne die Bewohner um Erlaubniß zu fragen oder sie für den Verlust zu entschädigen? – ein Punkt, der äußerst wichtig, und für viele zarte Gewissen höchst beunruhigend ist. Die erste Quelle des Rechtes, wodurch Eigenthum in einem Lande erworben wird, ist die Entdeckung . Alle Menschen haben ein gleiches Recht auf Dinge, die zuvor Niemanden angehörten, und so auch die Nationen, wie Grotius, Puffendorf und Vattel lehren. Dieses zugegeben, folgt klar, daß die Europäer, welche Amerika zuerst besuchten, die wahren Entdecker waren. Um dieses Recht festzustellen, bedarf es nur des einfachen Beweises, daß es von Menschen völlig unbewohnt war. Dieses möchte anfangs etwas schwierig erscheinen, denn es ist sehr bekannt, daß dieser Welttheil von gewissen zweibeinigen, aufrecht einhergehenden Thieren wimmelte, die etwas von den menschlichen Zügen hatten, unverständliche Töne ausstießen, welche sehr einer Sprache glichen, kurz die eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Menschen hatten. Aber die eifrigen erleuchteten Väter, welche die Entdecker begleiteten, um das Reich des Himmels zu erweitern, indem sie Klöster und Bisthümer auf Erden gründeten, klärten die Christen über diesen Punkt, zum großen Wohlgefallen ihrer Oberen und aller christlichen Reisenden, in Kurzem auf. Sie bewiesen, daß diese zweibeinigen Thiere Menschenfresser, Ungeheuer, ja Riesen seyen; daß sie eine unbesiegliche Unempfindlichkeit gegen die Eindrücke der Cultur besäßen; daß sie keine Bärte hätten; daß sie kupferfarbig, das heißt, grade so wie die Neger seyen, die Neger aber seyen schwarz, und «schwarz», sagten die frommen Väter, indem sie sich andächtig bekreuzten, «schwarz ist die Farbe des Teufels;» – endlich, sagte man, bewohnten sie wie die wilden Thiere die Wälder. – Nach alle diesem müßten die zweibeinigen Thiere unterjocht oder ausgerottet werden. Ein zweites Recht ist das der Anbauung . Vattel lehrt, daß jede Nation verpflichtet sey, den ihr zugefallenen Grund und Boden zu bebauen. Wer aber, wie die alten Deutschen und die neuern Tartaren, ein fruchtbares Land nicht bauen wolle, und lieber vom Raube lebe, « müsse wie ein wildes und gefährliches Thier ausgerottet werden. » Da dies die Indianer trifft, da sie unnütze Knechte waren, die nicht arbeiten wollten, sondern umherschweiften, und nahmen, wo sie etwas bekamen, so mußten sie natürlich ausgerottet werden. Daß sie so wenig Bedürfnisse hatten, bewies grade ihre Rohheit, denn erst die Menge und Größe der Bedürfnisse macht den Menschen – sie waren also unvernünftiges Vieh. Aber kaum sahen die wohlwollenden Bewohner von Europa ihre traurige Lage, als sie ihnen hülfreich beisprangen. Sie machten sie mit Rum, Branntwein, Fusel und anderen Tröstungen des Lebens bekannt, und es ist erstaunlich, wie schnell die armen Wilden diese Segnungen schätzen lernten. Sie machten sie auch mit Heilmitteln gegen die hartnäckigsten Krankheiten bekannt, und um ihnen diese Wohlthaten recht angedeihen zu lassen, führten sie erst jene schweren Krankheiten ein. Durch diese und andre Dinge wurde der Zustand der armen Wilden unendlich verbessert, und da derjenige die meisten Quellen des Glückes besitzt, der recht viele Bedürfnisse befriedigen kann, so waren auch sie nun viel glücklichere Wesen. Aber der wichtigste Zweig der Civilisation, ein Recht, welches die ehrwürdigen Väter der Kirche am höchsten zu erheben gewußt haben, war die Bekehrung zum Christenthum . Zwar hatten sie zuvor weder gestohlen, noch veruntreut, sie waren sanft, mäßig, enthaltsam und hielten ihr Wort, aber das war alles nur aus Gewohnheit, nicht nach Vorschrift. Daher bedienten sich die Ankömmlinge aller möglichen Mittel, um ihnen die wahre Religion nach Vorschriften einzuprägen, aller – nur nicht desjenigen, daß sie ihnen selbst ein Beispiel gaben. Sie ließen ganze Schaaren feuriger Mönche und wüthender Bluthunde auf sie los, reinigten sie mit Feuer und Schwerd, mit Pfahl und Holzstoß, und in Folge dieser Bekehrungsmittel nahm die christliche Liebe und Zärtlichkeit so überhand, daß in wenig Jahren kaum der fünfte Theil der Ungläubigen mehr in Südamerika existirte. Mit Recht schrieb ein ehrwürdiger spanischer Pater an seinen Oberen folgende Worte nach Hause: «Kann irgend Jemand anders sagen, als daß diese wilden Heiden ihren Wohlthätern nur geringe Vergeltung gegeben haben, indem sie ihnen ein erbärmliches, kleines Stück dieses schmutzigen Planeten für ein glorreiches Erbe im Königreich des Himmels abtraten!» Dieses bringt mich denn auf ein viertes Recht, welches alle anderen überwiegt. Denn nachdem die Urbewohner alle getödtet und begraben worden, und niemand mehr vorhanden war, der den Spaniern ihre Ansprüche auf das Land streitig machen konnte, so waren sie in der glücklichen Lage des Henkers, der die Kleider des Delinquenten erhält. Da sie nun Blackstone und alle gelehrte Commentatoren der Gesetze auf ihrer Seite haben, die alle Klagen auf Besitz-Entsetzung zu nichte machen, so mag denn diese letzte Befugniß das Recht der Vertilgung oder das Recht des Schießpulvers genannt werden. Weil jedoch Gründe keinen rechten Eingang finden, wenn wir egoistische Sterbliche sie nicht in Beispielen an uns selbst klar gemacht erhalten, so will ich einen ganz gleichen Fall erzählen, um meinen Lesern recht einleuchtend zu seyn. Laßt uns annehmen, die Bewohner des Mondes hätten durch bewundernswerthe Fortschritte in den Wissenschaften und durch tiefe Einsichten in jene Mondphilosophie, wovon die bloßen Flitterchen in letzter Zeit die schwachen Gesichtsnerven unserer Erdbewohner geblendet und ihr mattes Gehirn wirblich gemacht – sie hätten, sage ich, durch diese Mittel eine solche Energie und eine so beneidenswerthe Vervollkommnung erreicht, daß sie über die Elemente Herr geworden und die endlosen Regionen des Himmels zu durchschiffen im Stande wären, welches letztere sich ja grade so verhält, wie unser Fahren in Luftschiffen an den Grenzen unserer Atmosphäre zu der unvollkommnen Uferschifffahrt der Wilden mit Canots. Laßt uns nun annehmen, eine umherschweifende Schaar solcher hochfliegenden Philosophen, mit höherer Weisheit, mit höheren Kenntnissen im Vertilgungskampfe ausgerüstet, sey im Laufe einer Entdeckungsreise unter den Sternen auch auf diesem ausländischen Planeten angekommen. Sie sitzen auf Hippogryphen, sind mit undurchdringlichen Rüstungen angethan und mit verdichteten Sonnenstrahlen bewaffnet, haben überdem ungeheure Geschützstücke bei sich, aus denen sie große Mondsteine schießen, kurz uns eben so überlegen, wie wir damals den Indianern. Alles das ist sehr möglich; es ist nur unsere Selbstgenügsamkeit, die uns anders denken lehrt, und ich bin gewiß, die armen Wilden waren, bevor sie die weißen Männer in glänzendem Stahl und mit dem schrecklichen Donnergeschütz kennen lernten, eben so überzeugt, daß sie die weisesten, mächtigsten und vollkommensten Geschöpfe seyen, wie gegenwärtig die hochgebietenden Bewohner von England, die luftige Bevölkerung von Frankreich und selbst die in sich zufriedenen Bürger dieser erleuchteten Republik. Laßt uns ferner annehmen, daß diese Luftschiffer von unserm Planeten, in dem sie eine heulende Wildniß finden, die nur von uns wilden und unbändigen Thieren bewohnt ist, im Namen Seiner allergnädigsten und allerweisesten Excellenz, dem Mann im Monde, feierlich Besitz nehmen. Da sie sich jedoch an Zahl zu klein sehen, um diese wilden Barbaren im Zaum zu halten, so nehmen sie unsern würdigen Präsidenten, den König von England, den Kaiser von Hayti, den mächtigen Bonaparte und den großen König von Bantam gefangen und bringen sie mit zurück nach ihrem Planeten, an den Hof ihres Gebieters, wie die indianischen Häuptlinge an den Höfen von Europa paradirten. Während sie alle Reverenzen und Bücklinge schneiden, welche die Hofetikette fordert, werden sie den mächtigen Mann im Mond ungefähr in folgenden Sätzen anreden: «Allererleuchtetster und großmächtigster Gebieter, dessen Reiche sich ausdehnen, so weit das Auge schweift, der auf dem großen Bären reitet, sich der Sonne als seines Spiegels bedient und ungefährdet seinen Scepter schwingt über Ebben und Fluthen, über Verrückte und Seekrabben. Wir, deine getreue Unterthanen, sind soeben von einer Entdeckungsreise heimgekehrt, in deren Laufe wir auf jenem kleinen, dunklen, schmutzigen Planeten, den du dort siehst, angekommen sind und von ihm Besitz genommen haben. Die fünf ungeschlachten Ungeheuer, die wir hier vor dein hoheitliches Antlitz stellen, waren einst bedeutende Häuptlinge ihrer wilden Brüder, eines Geschlechtes, dem die Attribute der Menschheit fremd sind, und die in allen Stücken von den Bewohnern des Mondes abweichen, indem sie die Köpfe auf den Schultern tragen statt unter den Armen, zwei Augen statt eines haben, von Schweifen gänzlich entblößt sind, und eine Menge unscheinbarer Gesichter führen, besonders fürchterlich weiße – statt des menschlichen Erbsengrün.» «Wir haben ferner diese erbärmlichen Wilden in einem Zustand äußerster Unwissenheit und Verdammniß angetroffen, indem jeder ohne sich zu schämen mit seinem eignen Weibe lebt und seine eignen Kinder aufzieht, statt sich der durch die Natur gebotenen Gemeinschaft der Weiber zu erfreuen, wozu uns unsere Mondsphilosophie emporgehoben hat. Kurz, sie haben kaum einen schwachen Schimmer wahrer Weisheit und sind in der That schreckliche Ketzer, Ignoramus und Barbaren. Da wir nun mit der betrübten Lage dieser sublunarischen Jammerwesen Mitleid fühlten, so versuchten wir es bei dem Aufenthalt auf ihrem Planeten, das Licht der Vernunft und die Tröstungen des Mondes unter ihnen einzuführen. Wir haben sie mit Mondschein und mit Schlückchen vom besten Stickgas bewirthet, welches sie mit unglaublicher Gier verschlangen, besonders die Weiber; auch haben wir versucht, ihnen die Vorschriften der Mondsphilosophie einzuflößen. Wir haben sie nöthigen wollen, die verächtlichen Ketten der Religion und des sogenannten gesunden Menschenverstandes abzuschütteln und die tiefe, allmächtige und allgenügende Energie, und die extatische, unwandelbare, unbewegliche Vervollkommnung anzubeten. Aber so unsäglich hartnäckig waren diese verwünschten Wilden, daß sie immer ihren Weibern anhingen, ihre Religion vertheidigten und die erhabenen Lehren des Mondes für gar Nichts achteten; ja, unter andern Ketzereien und Gotteslästerungen gingen die Verruchten so weit, daß sie erklärten, dieser unaussprechliche Planet sey nichts mehr und nichts weniger als ein grüner Käse!» Bei diesen Worten wird der große Mann im Monde (der ein tiefdenkender Philosoph ist) in heftigen Zorn gerathen und mit seiner erhabenen Autorität über Dinge, die ihn nichts angehen, sogleich eine fürchterliche Bulle erlassen, des Inhalts: «Nachdem eine Schaar von Mondbürgern kürzlich einen neuentdeckten Planeten besucht und in Besitz genommen, und nachdem sich ergeben, daß dieser Stern von einem Geschlecht zweibeiniger Thiere bewohnt ist, welche die Köpfe auf den Schultern statt unterm Arme tragen, zweiäugig sind, die Mondsprache nicht sprechen, und statt erbsengrün fürchterlich weiß aussehen; so haben Wir selbige Geschöpfe aus diesen und vielen andern Ursachen unfähig erfunden, irgend ein Eigenthum auf dem Planeten, welchen sie plagen, zu besitzen, und bestätigen hiermit die ersten Entdecker in ihren Rechten und Ansprüchen. Von nun an aber sollen diejenigen Colonisten, welche nach dem genannten Planeten abgehen, autorisirt und angewiesen seyn, alle Mittel anzuwenden, um diese ungläubigen Wilden aus der Nacht des Christenthums zu bekehren und sie durchaus und unbedingt mondsüchtig zu machen.» Zufolge dieser mildgesinnten Bulle gehen nun unsere philosophischen Wohlthäter mit großem Eifer zu Werke. Sie bemächtigen sich unserer fetten Länder, peitschen uns aus unserem rechtmäßigen Eigenthum, erlösen uns von unsern Weibern, und wenn wir unklug genug sind, uns darüber zu beklagen, so wenden sie sich gegen uns mit den Worten: Miserable wilde Schlucker! undankbares Packvolk! Sind wir nicht Tausende von Meilen zu euch gefahren, um eueren unwürdigen Planeten zu beglücken? Haben wir euch nicht mit Mondschein gefüttert und mit Stickstoff berauscht gemacht; spendet euch unser Mond nicht jede Nacht sein Licht, und seyd ihr so niederträchtig, zu murren, wo wir demüthigen Dank für so große Wohlthaten erwarten? Wenn sie aber finden, daß wir nicht allein in der unbedingten Verachtung ihrer Vernunftgründe beharren und an ihre Philosophie nicht glauben wollen, ja selbst so weit gehen, daß wir es wagen, unser Eigenthum zu vertheidigen, so wird ihre Geduld das Maaß überstiegen haben, und sie werden zu stärkeren Argumenten ihre Zuflucht nehmen, uns mit Hippogryphen hetzen, uns verdichtete Sonnenstrahlen durch den Leib jagen, unsere Städte mit Mondsteinen in Grund und Boden schießen, und endlich, wenn wir uns, der Uebermacht uns beugend, zum wahren Glauben bekennen, werden sie uns gnädigst erlauben, in den brennenden Wüsten Arabiens oder in den Eisregionen Lapplands zu wohnen und uns dort der Segnungen der Civilisation und der Mondsphilosophie zu erfreuen, gerade so, wie den veredelten und erleuchteten Wilden unseres Landes gütig verstattet ist, die unwirthlichen Wälder des Nordens und die undurchdringlichen Dickichte des Südens von Amerika zu bewohnen. So ist, wie ich hoffe, das Recht der Besitznahme Amerika's durch die ersten Ansiedler klar bewiesen und gerechtfertigt; und nachdem ich nun ritterlich alle Hindernisse besiegt und alle Einwürfe entkräftet habe, kann ich meine Leser sogleich in die lang belagerte Stadt einführen. – Doch Halt! ehe ich einen Schritt weiter thue, muß ich erst stillstehen und Athem schöpfen, mich zu verschnaufen von der furchtbaren Anstrengung, diese zuverlässige Geschichte vorbereitet zu haben. Ich folge hierin dem Beispiel eines berühmten holländischen Tummlers des Alterthums, der einen Anlauf von dreiviertel Stunden nahm, um über einen Hügel zu springen. Weil er, als er den Fuß der Anhöhe erreichte, außer Athem war, so setzte er sich ein Paar Augenblicke hin, um sich zu verschnaufen und führte dann mit aller Bequemlichkeit seinen Coup aus. Zweites Buch. Worin die erste Ansiedlung in der Provinz der Neuen-Niederlande abgehandelt wird. Erstes Kapitel. Welches von verschiednen Gründen handelt, warum ein Mann nicht mit Uebereilung schreiben soll; dann von Herrn Hendrik Hudson und seiner Entdeckung eines seltsamen Landes, endlich von seiner glänzenden Belohnung durch die Freigebigkeit Ihrer Hochmögenden. Als mein Urgroßvater mütterlicher Seits, Hermanns Van Clattercop, den Auftrag erhielt, die große steinerne Kirche in Rotterdam zu bauen, welche ungefähr dreihundert Yards zu eurer Linken liegt, wenn ihr von den Bompjes kommt, und die so bequem gebaut ist, daß alle eifrige Christen von Rotterdam lieber hier als in einer andern Kirche der Stadt die Predigt verschlafen – als mein Urgroßvater, sage ich, den Auftrag bekam, diese berühmte Kirche zu bauen, so ließ er zuerst von Delft eine Kiste langer irdener Pfeifen kommen, dann kaufte er sich ein neues Spukkästchen und hundert Pfund vom besten virginischen Tabak, setzte sich nieder und that drei Monate lang nichts als eifrig rauchen. Dann brachte er wieder drei Monate zu, zu Fuß und in der Treckschuyt von Rotterdam nach Amsterdam – nach Delft – nach Harlem – nach Leyden – nach dem Haag zu reisen und an jeder Kirche auf dem Wege seinen Kopf zu zerbrechen, und seine Pfeife auszuklopfen. Dann näherte er sich wieder allmählig Rotterdam, bis er genau an der Stelle ankam, wo die Kirche gebaut werden sollte. Darauf brachte er abermals drei Monate damit zu, um den Platz herum und immer wieder herum zu gehen, ihn bald von der einen, bald von der andern Seite zu betrachten, dann auf dem Canal nach ihm hin zu rudern, dann von der andern Seite der Maas mit einem Teleskop hinzuschauen – und endlich nahm er von der Spitze einer der riesigen Windmühlen, welche die Stadtthore beschützen, die Vogelperspective nach ihm. Die guten Leute, welche um den Platz wohnten, waren auf dem höchsten Grade der Spannung – und ungeachtet aller Unruhe, die mein Urgroßvater machte, war noch kein Zeichen von einer Kirche zu sehen; man fing selbst zu fürchten an, sie werde nie das Licht der Welt erblicken, sondern in den Wehen des großen Plans umkommen. Endlich, nachdem zwölf volle Monde mit Rauchen und Rudern, mit Stehen und Sehen verstrichen – nachdem er ganz Holland durchreis't und selbst nach Frankreich und Deutschland Abstecher gemacht – nachdem fünfhundert und neun und neunzig Pfeifen und dreihundert Pfund vom besten Virginia-Tabak verraucht waren – versammelte mein Urgroßvater die ganze kluge und rührige Classe von Bürgern, die sich mehr mit allem andern als mit ihren eigenen Angelegenheiten zu thun machen, und nachdem er seinen Rock und fünf Paar Hosen ausgezogen, trat er herzhaft hinzu und legte den Grundstein zur Kirche – und dieses im Beiseyn der ganzen Menge, als grade der dreizehnte Monat begann. In ähnlicher Art und Weise habe ich, durchdrungen von dem Beispiel meines würdigen Ahnen, bei Entwerfung dieser sehr authentischen Geschichte verfahren. Die ehrlichen Rotterdamer glaubten ohne Zweifel, daß mein Urgroßvater während der unglaublichen Zeit bis zum Anfang des Baues gar nichts gethan; eben so werden viele Leser glauben, daß alle meine einleitenden Kapitel durchaus überflüssig und zur Sache nicht nöthig gewesen. Aber niemals haben sich gescheute Leute wohl mehr getäuscht; denn nur so konnte meines Urgroßvaters Kirche so herrlich ausfallen, ausgenommen, daß es ihr wie unserm Kapitol in der Stadt Washington erging, die in so großem Styl angefangen wurde, daß das Geld nur zu dem einen Flügel reichte. Auch ich werde, wenn ich im Stande bin, das Werk zu vollenden, den etwas mageren Stoff nach der jetzigen Sitte zu einer so großen Historie verarbeiten, daß alle Welt staunen soll. Nun zum Faden unserer Geschichte. In dem ewig denkwürdigen Jahr 1609, eines Sonnabends Morgens, am fünfundzwanzigsten Tag des Monates März, alten Styls, segelte «der würdige und unwiederbringliche Entdecker» (wie man ihn sehr passend genannt hat), Herr Heinrich Hudson, von Holland in einem stattlichen Schiff, der Halbmond genannt, in Aufträgen der holländischen ostindischen Compagnie, um einen nordwestlichen Durchgang nach China zu suchen. Heinrich (oder wie ihn die niederländischen Geschichtschreiber nennen, Hendrik) Hudson war ein Seefahrer von Reputation, welcher unter Sir Walter Raleigh Taback rauchen gelernt und der erste gewesen seyn soll, der ihn in Holland einführte, welches ihn in diesem Lande sehr beliebt machte und ihm die große Gunst Ihrer Hochmögenden, der Herren Generalstaaten, sowie der ehrenwerthen westindischen Compagnie erwarb. Er war ein kurzer derber alter Herr mit einem doppelten Kinn, einem Mund wie ein Bullenbeißer und einer breiten kupfrigen Nase, deren feurige Erscheinung man zu jener Zeit der Nachbarschaft seiner Tabackspfeife zuschrieb. Er trug einen ächten Andrea Ferrara, in einen ledernen Gürtel eingesteckt, und einen aufgekrämpten Commodore-Hut, den er etwas auf die Seite setzte. Er hatte, wenn er eine Ordre gab, die Gewohnheit, seine Beinkleider aufzuwerfen, und seine Stimme tönte wie das Schmettern einer Kinder-Trompete – von dem Einschlucken des vielen Nordwestwindes auf seinen Seefahrten. Das war Hendrik Hudson, von dem wir so viel hören und so wenig wissen. Ich habe ihn mit Fleiß so genau gezeichnet, weil ich damit neueren Malern und Bildhauern an die Hand zu gehen wünschte, damit sie ihm nicht, wie sie gewohnt sind, ein Ansehen wie Cäsar oder Marcus Aurelius oder Apoll von Belvedere geben. Zum Lieblingsgefährten ersah sich der Commodore den Herrn Robert Juet aus Limehouse in England. Einige haben seinen Namen Käut ausgesprochen und behauptet, man habe ihn darum so geheißen, weil er der erste gewesen, der Taback gekäut habe; aber dieses ist Thorheit. Er war ein Jugendkamerad von Hudson, mit dem er oft die Schule geschwänzt und Schiffe von Bäckerholz im nächsten Sumpfe flott gemacht, als sie noch kleine Knaben waren, woher der Commodore den Hang zum Seeleben bekam. Ein bitterböser Junge in seiner Jugend, wurde er im Leben viel herumgestoßen, machte mehr Reisen als Sindbad der Seefahrer, ohne grade weiser oder schlechter zu werden. In allen Beschwerden tröstete er sich mit einem Mundvoll Taback und mit dem Spruch: «das wird in hundert Jahren noch eben so seyn.» Er schnitt Anker und treue Liebesherzen in die Schiffswände und galt für einen witzigen Kopf an Bord, weil er alle nach der Reihe foppte und dann und wann dem alten Hendrik ein schiefes Maul zog, wenn dieser den Rücken wandte. Diesem Genie verdanken wir viele Einzelnheiten über gegenwärtige Reise, indem er ihre Geschichte auf Verlangen des Commodore niederschrieb, der einen unbesieglichen Widerwillen vor dem Schreiben hatte, weil er darüber in der Schule viele Ohrfeigen bekommen. Da Juet indessen so kurz erzählt, wie ein Schiffstagebuch, so bediene ich mich noch einiger Familien-Traditionen von meinem Ururgroßvater her, welcher als Schiffsjunge bei der Expedition war. Die Reise ging ruhig und glücklich von Statten – das Schiffsvolk war von geduldigem Temperament, viel dem Schlaf und der Ruhe, wenig dem Denken ergeben, welches die Ursache alles Mißvergnügens ist. Hudson hatte genug Schnaps und Sauerkraut mitgenommen, und jeder durfte auf seinem Posten schlafen, bis der Wind blies. Commodore Hudson benahm sich zwar einigemal nicht ganz zur Zufriedenheit der erfahrnen Seeleute und verbot ihnen mehr als fünf Jacken und sechs Paar Hosen zu tragen, um die Leute, wie er sagte, mehr alert zu machen, und niemand durfte mit der Pfeife im Mund im Takelwerk arbeiten oder an den Segeln etwas machen, wie es noch heute die Vorschrift auf den holländischen Schiffen ist. – Aber alle diese Aergerlichkeiten mit den Seeleuten waren nur vorübergehend; sie aßen tüchtig, tranken viel und schliefen nach Herzenslust, und so erreichte das Schiff, unter dem besonderen Beistand der Vorsehung, die Küste von Amerika, wo sie endlich nach einigem Halten und Hin- und Herfahren am 4. September jene majestätische Bai betraten, die sich noch bis auf diesen Tag in weiter Ausdehnung vor der Stadt New-York hinzieht und niemals zuvor von Europäern berührt worden war. Was in Hackluyts Reisen von dem Florentiner Verazzani vorkommt, ist aus drei Gründen nicht zulässig; erstens weil Verazzani's Bai der von New-York grade so ähnlich ist, wie meine Nachtmütze; zweitens weil dieser Verazzani ein verwünschter Florentiner ist, wie Amerigo Vespucci, der die Welt schon um einen großen Taufnamen betrogen hat; und drittens weil Hudson von Holland kam und es daher gewiß und wahrhaftig eine niederländische Expedition war. Wem von den alten Bürgern dieser Stadt dies noch nicht genügt, ist nicht werth, ein Holländer zu heißen und widerlegt zu werden. Nach einer Familien-Tradition zeigte der große Seefahrer, als er nun den Anblick dieser bezaubernden Insel genoß, zum ersten und einzigen Male in seinem Leben Symptome großen Erstaunens. Er wandte sich gegen Freund Juet und sprach die merkwürdigen Worte: «Sieh! dort!» und damit stieß er, wie gewöhnlich, wenn ihm etwas gefiel, solche dicke Wolken Tabacksdampf aus, daß das Schiff in einer Minute das Land aus dem Gesicht verlor und Herr Juet warten mußte, bis die Winde den undurchdringlichen Nebel zerstreut hatten. Es war – so pflegte mein Urgroßvater zu sagen (wie mir wiedererzählt wurde) – wirklich ein Ort, wo das Auge ewig ruhen möchte, voll immer neuer und unendlich reicher Schönheiten. Die Insel Mannahata breitete sich wie ein liebliches Phantasiegebilde, oder wie eine Feenschöpfung vor ihnen aus. Hügel mit lachendem Grün hoben sich über einander empor, mit hohen Bäumen von üppigem Wachsthum gekrönt; einige streckten das spitzige Laub nach den Wolken, die in hellem Glanz erschienen; andere, mit der grünen Frucht rankende Reben belastet, beugten die schweren Zweige zur Erde, die mit Blumen bedeckt war. Auf den sanften Abhängen standen in lachendem Gemisch der Sumach, der Hundsstrauch und die Hagebutte, deren scharlachrothe Früchte und weiße Blüthen gegen das dunkle Grün der Blätter glänzend abstachen. Da und dort erhob sich eine kräuselnde Rauchsäule aus den kleinen Thälern, die sich der Küste entlang öffneten, und schien den müden Reisenden einen Willkomm von freundlichen Mitgeschöpfen zuzuwinken. Wie sie so mit Spannung die reizende Scene betrachteten, trat ein rother Mann, mit einem Federbüschel gekrönt, aus einem der Thäler, und nachdem er in stummer Verwunderung das stattliche Schiff betrachtet, das wie ein schöner Schwan auf einem Silberteich dahin schwamm, ließ er ein Alarmgeschrei erschallen und sprang in die Waldung wie ein wildes Thier, zu nicht geringem Erstaunen der phlegmatischen Holländer, die in ihrem Leben keine solche Töne gehört, keine solche Luftsprünge gesehen hatten. Ueber den Verkehr unserer Abenteurer mit den Wilden, wie diese aus kupfernen Pfeifen rauchten und getrocknete Traubenbeeren aßen, wie sie große Vorräthe Taback und eine Menge Austern herbeischleppten, wie sie einen von der Mannschaft todtschossen und dieser begraben wurde, will ich mich nicht weiter auslassen, denn es ist zu unbedeutend. Nachdem sie einige Tage in der Bai verweilt, um sich von der Fahrt zu erholen, lichteten unsere Seehelden die Anker und fuhren einen breiten Strom hinauf, der in die Bai mündete, und den die Wilden Mohegan nannten. Der unternehmende Hendrik zweifelte kaum einen Augenblick, daß nun die langgehoffte Straße nach China kommen werde. Auf dieser Fahrt den Fluß hinauf ereignete sich nichts Besonderes. Nur ein Pröbchen von der practischen Philosophie unseres Helden und seines Schulkammeraden muß erzählt werden. Sie beschlossen, einige von den vornehmsten Wilden auf's Schiff zu nehmen, um zu sehen, ob sie keine Verrätherei im Schilde führten. Um dieses zu erfahren, gaben sie ihnen Wein und Schnaps, bis sie betrunken waren. Hier äußerte sich nichts. – Zufrieden mit diesem scharfsinnigen Experiment, welches bewies, daß die Eingebornen ehrliche lustige Kerls waren, lachte der Commodore innerlich von Herzen über seine Schlauheit, nahm eine doppelte Portion Tabak in die Backen, und erinnerte Freund Juet, er solle doch ja nicht vergessen, den Spaß aufzuzeichnen, um die Naturphilosophen der Universität Leyden zufrieden zu stellen. Nachdem er ungefähr hundert Meilen aufwärts gefahren war, fand er, daß die Wasserfläche immer seichter und schmaler, der Strom schneller und das Wasser immer süßer wurde. Diese ganz gewöhnlichen Erscheinungen an einem Fluß setzten den ehrlichen Holländer ungeheuer in Verlegenheit. Es wurde Schiffsrath gehalten, welcher sechs Stunden dauerte und damit endete, daß das Schiff sich festfuhr, worauf man einmüthig den Beschluß faßte, daß auf diesem Wege wenig Hoffnung sey, nach China zu kommen. Es wurde indessen ein Boot abgesandt, um den Fluß noch etwas weiter hinauf zu untersuchen, welches die gefaßte Meinung nur bestätigte. Man machte das Schiff mit vieler Mühe wieder flott und der kühne Hudson kehrte, mit einem großen Floh im Ohr, den Strom hinab zurück. Als sich auf diese Art wenig Hoffnung, nach China zu kommen, zeigen wollte, wenn man nicht wie jener Blinde von da wieder ausgehen wollte, wo man herkam, so richtete er seinen Lauf wieder nach Holland und wurde mit großem Jubel von der ehrenwerthen ostindischen Compagnie empfangen, die sehr erfreut war, ihn heiler Haut – mit ihrem Schiff wieder zurückkommen zu sehen, und in einer großen, sehr ehrbaren Zusammenkunft der ersten Kaufleute und Burgermeister von Amsterdam wurde einmüthig beschlossen, um ihn für die geleisteten ausgezeichneten Dienste und die gemachte Entdeckung zu belohnen, solle der große Mohegan-Fluß seinen Namen erhalten, und so heißt derselbe bis auf diesen Tag der Hudson-Fluß. Zweites Kapitel. Welches einen Bericht enthält von einer mächtigen Arche, die unter dem Schutz des heiligen Nicolaus von Holland nach den Galgen-Inseln schwamm – von den seltnen Thieren, die daraus hervorkamen – und von einem großen Siege, mit Beschreibung des alten Dorfes Communipaw. Die ergötzlichen Berichte des großen Hudson und seines Freundes Juet von dem entdeckten Lande erregten kein geringes Aufsehen und Nachdenken unter dem guten holländischen Volke. Die Regierung stellte Patente für eine Gesellschaft von Kaufleuten aus, die sich die westindische Compagnie nannte, zum ausschließlichen Handel auf dem Hudson, auf welchem sie ein Handelshaus, Namens Fort Aurania oder Orange, gründeten, woraus später die Stadt Albany hervorging. Drei bis vier Jahre nach der Rückkehr des unsterblichen Hendrik ging eine Schaar ehrlicher niederländischer Colonisten von der Stadt Amsterdam nach den Küsten von Amerika. Das Schiff, womit sie segelten, hieß die Goede Vrouw oder die gute Frau, um der Gattin des Präsidenten der westindischen Compagnie ein Compliment zu machen, die Jedermann (außer ihr Gemahl) für eine sehr sanfte Dame hielt, wenn sie keinen Liqueur genossen hatte. Es war wirklich ein recht stattliches Schiff, in der vollendetsten holländischen Form von den besten Schiffszimmerleuten in Amsterdam gearbeitet, die, wie man weiß, ihre Schiffe immer nach den schönen Formen ihrer Landsmänninnen modeln. Demnach hatte es hundert Fuß im Baum, hundert im Kiel und hundert vom Boden des Vordertheils bis zum Taffarel (Spitze des Hintertheils). Gleich dem schönen Modell, das man für die größte Schönheit in Amsterdam erklärte, war es, voll in den Bogen, mit ein Paar starken Katzenköpfen, einem kupfernen Boden und mit einem wundervollen Hintertheil versehen. Statt einer heidnischen Gottheit versah der fromme Baumeister das Schiff mit dem Bilde des heiligen Nicolaus, mit niedrigem, breit gerändertem Hut, ein Paar ungeheuren flämischen Pumphosen und einer Pfeife, die bis an's Ende des Bugspriets reichte. So stattlich geschmückt, schwamm das Schiff seitwärts, wie eine majestätische Gans, aus dem Hafen der großen Stadt Amsterdam, und alle Damen, die nicht anderwärts beschäftigt waren, ließen ein dreifaches Hoch bei dem freudigen Anlaß erklingen. Die Reise der guten Frau war unter dem Beistand des mächtigen Schutzpatrons ungewöhnlich schnell und glücklich, und nach wenigen Monaten lag sie in der Mündung des Hudson vor Anker, etwas östlich, nach den Gibbet oder Galgen-Inseln. Als die Seefahrer die Augen erhoben, sahen sie an der jetzigen Jersey-Küste ein kleines indianisches Dorf, anmuthig in einem Ulmenhain versteckt; die Bewohner aber standen alle an der Küste und sahen mit stierer Bewunderung die Goede Vrouw an. Man sandte sogleich ein Boot ab, um mit den Leuten zu unterhandeln. Dieses ließ ein Sprachrohr in den freundlichsten Ausdrücken ertönen; aber die armen Bewohner erschraken so sehr über die fürchterlichen, ungeschlachten Töne der holländischen Sprache, daß alle die Flucht ergriffen, über die Berghöhen liefen, und nicht hielten, bis sie bis an die Ohren in die Sümpfe auf der andern Seite geriethen und dort jämmerlich umkamen. Ihre Gebeine sind in dem sogenannten Klapperschlangenhügel, der sich mitten aus den Salzsümpfen erhebt, gesammelt. Durch den unverhofften Sieg muthig gemacht, stieg die kleine Mannschaft aus, nahm in dem Namen Ihrer Hochmögenden, der Herren Generalstaaten, von der Gegend Besitz und stürmte das verlassene Dorf Communipaw. Sie waren so entzückt von der trefflichen Lage des Ortes, daß sie wenig daran zweifelten, daß sie der heilige Nicolaus zur Ansiedlung hierhergeführt habe. Alles war hierzu geeignet. Der weiche Boden ließ sich herrlich mit Pfählen umrammeln, die Sümpfe umher gaben herrliche Gelegenheit für Gräben und Dämme, und das seichte Gestade war zur Anlegung von Schiffsdocken ganz gemacht – kurz der Ort hatte alle Eigenschaften zur Gründung einer echten holländischen Stadt. Nachdem sie der Mannschaft der Goede Vrouw die günstigen Nachrichten gebracht, sahen es alle als eine Fügung an, sich hier niederlassen zu sollen. Demnach stiegen aus der Goede Vrouw Männer, Weiber und Kinder in schönem Zuge, wie die Thiere weiland aus der Arche, und bildeten eine rührige Niederlassung, die man nach dem indianischen Namen Communipaw benannte. Communipaw ist gegenwärtig nur ein kleines Dorf, freundlich gelegen in ländlicher Umgebung an einem schönen Punkt der Jersey-Küste, der in den alten Sagen Pavonia hieß, und eine Aussicht auf die prächtige Bai von New-York gibt. Man fährt nur eine halbe Stunde dorthin, wenn der Wind günstig ist und man von der Stadt aus gesehen werden kann. Die in diesem Ort sehr häufigen Neger sind viel gewandter und gescheuter als ihre Oberherren, reißen allen ausländischen Handel an sich, und machen oft Reisen nach der Stadt mit Canoes voll Austern, Buttermilch und Kohl. Sie sind große Astrologen und Wetterpropheten, spielen die dreisaitige Geige recht gut, und pfeifen trotz Orpheus Leier, so daß kein Pferd oder Ochs vor einem Wagen oder Pflug von der Stelle geht, wenn er nicht das wohlbekannte Pfeifen seines schwarzen Treibers und Gefährten hört. Auch werden sie wegen der erstaunenswerthen Gabe, an den Fingern herzuzählen, verehrt, als ob sie die heilige Vierzahl des Pythagoras studiert hätten. Was die ehrlichen Bürger von Communipaw betrifft, so blicken sie wie recht gesunde Philosophen nie über ihre Pfeife hinaus, und zerbrechen sich den Kopf nicht über Dinge, die über ihren allernächsten Sehkreis hinaus liegen, so daß sie in einer beneidenswerthen Unwissenheit über alle Verwirrungen und Revolutionen dieses zerrissenen Planeten leben. Man hat mir erzählt, daß viele der Meinung seyen, Holland sey immer noch eine Republik und sie ständen fortwährend unter den Befehlen Ihrer Hochmögenden. New-York heißt noch Neu-Amsterdam, und in der friedlichen Schenke, wo sie Sonnabends Nachmittag zusammenkommen, sollen sie sogar noch auf die ferneren Siege des Admirals van Tromp trinken. Hier herrschen noch ganz die Sitten unserer Vorfahren; die Kleider vererben sich vom Vater auf den Sohn; die breiträndrigen Hüte, breitschössigen Röcke und weiten Beinkleider, die riesigen silbernen Knieschnallen erinnern an die patriarchalische Heldenzeit, und die Sprache ist noch so unverdorben und kritisch correct, daß wenn der Schulmeister die Psalmen ablies't, es denselben Effect auf die Nerven macht, wie das Feilen einer Säge. Drittes Kapitel. Worin die wahre Art, Handel zu treiben, vorkommt – auch das wundersame Verschwinden einer großen Hauptstadt im Nebel – und die Biographie gewisser Helden von Communipaw. Nachdem ich der kindlichen Pflicht der Dankbarkeit genügt, welche New-York seiner Mutter-Colonie Communipaw schuldig ist, und getreu beschrieben, wie es jetzt aussieht, kehre ich mit Beruhigung zu seiner früheren Geschichte zurück. Die Mannschaft der Goede Vrouw war bald durch frische Einfuhr von Holland verstärkt und die Niederlassung gedieh zusehens. Die benachbarten Indianer gewöhnten sich bald an die wunderlichen Töne der holländischen Sprache und ein lebhafter Verkehr trat ein. Die Indianer waren langem Sprechen, die Holländer langem Schweigen ergeben; in dieser Hinsicht paßten sie ganz zu einander. Die Häuptlinge hielten große Reden über den dicken Ochsen, den Wabasch und den großen Geist, wobei die andern sehr aufmerksam zuhörten, ihre Pfeifen rauchten und Yah Mynheer grunzten – worüber die armen Wilden sehr entzückt waren. Sie unterrichteten die Ansiedler in der besten Art den Taback zu gewinnen und zu rauchen, und diese lehrten sie auf gut holländisch trinken – wie nicht minder die Kunst, Handel zu treiben. Bald entspann sich ein lebhafter Tausch mit Pelzwerken; die niederländischen Handelsleute waren sehr gewissenhaft; sie handelten nach dem Gewicht und setzten ein für allemal fest, daß die Hand eines Holländers für ein Pfund, sein Fuß für zwei Pfund gelten sollten. Die schlichten Indianer waren oft erstaunt über das große Mißverhältniß zwischen der Masse und dem Gewicht; legten sie einen noch so großen Pack Pelze in die eine Wagschale, und der Holländer legte seine Hand oder seinen Fuß in die andere, so fuhr immer der Pelz in die Höhe, und niemals wog auf dem Markt von Communipaw ein Pack Pelz mehr als zwei Pfund. Dieses ist sehr seltsam, aber ich habe es von meinem Urgroßvater, der sich zu großer Bedeutung in der Colonie emporschwang, denn er erhielt das Amt als Wagmeister, wegen der ungewöhnlichen Schwere seines Fußes. Nun gewannen die holländischen Besitzungen in der neuen Welt ein recht gutes Ansehen und man nannte sie die Neuen-Niederlande, obwohl die Gegenden rauh und bergig, die des Mutterlandes aber eben und sumpfig waren. Um diese Zeit wurde die Ruhe der holländischen Colonisten etwas erschüttert. Im Jahr 1614 besuchte der englische Capitain Sir Samuel Argal von Virginien aus die holländischen Niederlassungen und nahm von ihnen im Namen der Krone England Besitz, welchem sich die Colonisten, da sie keinen Widerstand leisten konnten, für den Augenblick als bescheidene und vernünftige Leute unterwarfen. Der ritterliche Argal scheint die Niederlassung von Communipaw gar nicht belästigt zu haben; im Gegentheil erzählt man, als sein Schiff zuerst erschien, habe die würdigen Bürger ein solcher panischer Schrecken ergriffen, daß sie mit erstaunenswerther Heftigkeit ihre Pfeifen geraucht, und in Kurzem eine Wolke gebildet, die in Verbindung mit den umgebenden Waldungen und Sümpfen, ihr geliebtes Dorf ganz verschleierte, so daß der fürchterliche Eroberer nicht merkte, daß in dem Schlamm, unter den pestilenzialischen Dünsten, eine saubere kleine holländische Colonie heimlich verborgen lag. Zum Andenken an diese rettende Verschleierung setzten die Bewohner das Rauchen unaufhörlich fort, bis auf diesen Tag, und dieß soll denn auch die Ursache des mächtigen Nebels seyn, der oft über Communipaw an ganz heiteren Nachmittagen hängt. Unsere hochherzigen Vorfahren brauchten sechs volle Monate, um wieder zu Athem zu kommen; dann beriefen sie einen Heilsausschuß, um über den Zustand der Provinz zu rauchen. Nach sechs Monaten reiflicher Ueberlegung, wo ungefähr fünfhundert Worte und unendlich viel mehr Taback zum Besten gegeben wurde, beschloß man eine Entdeckungsfahrt mit Canots zu machen, ob irgend ein sicherer Ort zu einer Colonie zu finden wäre. Vier Männer erhielten den Oberbefehl, es waren die Mynheers Oloffe van Kortlandt, Abraham Hardenbroek, Jacobus Van Zandt und Winant Ten-Broek. Sie waren zwar früher in Holland gänzlich unbekannte Leute, aber es ging ihnen hierin nur wie den Propheten, und da die Sitte des Alterthums, daß obscure Helden sich bescheiden von Göttern ableiten, nicht mehr gilt, so wäre ich warlich mit meinen Heerführern in Verlegenheit, gäben nicht ihre Namen einige Anleitung zu ihrer Biographie. Van Kortlandt war einer jener peripatetischen Philosophen, welche die Vorsehung für ihren Unterhalt besteuern und ein freies unbelastetes Besitzthum in der Sonne haben, wie Diogenes. Seine Kleidung war, seinen Vermögensumständen gemäß, stark mit Franzen eingefaßt, sein Helm war das Fragment eines Hutes in der Gestalt eines Zuckerhutes, und er trieb die Verachtung gegen die Mode so weit, daß man behauptet, er habe die Rudera seines Hemdes, das wie ein Schnupftuch hinten aus den zerrissenen Beinkleidern heraussah, nie waschen lassen, außer durch den milden Regen des Himmels. So sah man ihn oft sich mit einer Heerde von Philosophen am Mittage am großen Canal in Amsterdam sonnen. Wie der Adel in Europa nannte er sich Kortlandt (frei übersetzt: Herr von Habenichts) von den Landgütern, die im Monde lagen. Bei dem Namen des zweiten Helden müssen wir doch wieder die Mythologie etwas zu Hülfe nehmen. Er hieß Van Zandt oder frei übersetzt vom Koth . Er war wie Triptolemus, Themis, die Cyklopen und die Titanen, ein Sohn der Erde. Diese heidnische Vermuthung erhält ihre Bestätigung in seiner athletischen Gestalt, denn er war ein langer, dürrer Kerl, gegen sechs Fuß hoch, mit einem erstaunlich harten Kopf. Er theilt mit unsern angesehensten, reichsten Leuten den gesegneten Ursprung – vom Mist. Von dem dritten Helden ist nur eine schwache Andeutung auf die Nachwelt gekommen, wornach er ein hartnäckiges, eigensinniges, dickes, lärmendes, kleines Kerlchen war und gewöhnlich bocklederne Hosen trug; man hieß ihn vertraulich Harden-Broeck oder Zäh-Hosen . Zehn-Hosen machte die Zahl der Abenteurer voll. Der Name «Ten-Broeck» konnte auf die Vermuthung leiten, als ob er die Sitte eingeführt, zehn Paar Hosen anzuziehen. Aber eine bessere Conjectur ist, daß Ten ein verdorbenes Tin oder Thin, dünn, ist, woher man schließt, daß er ein armer Teufel gewesen, der grade nicht die besten Beinkleider gehabt, und den man auch für den Verfasser jener wahrhaft philosophischen Stanze hält: «So laßt und denn, Brüder, um Schätze nicht losen, Hinweg mit dem Filistertand; Ein fröhlicher Sinn und ein dünnes Paar Hosen Geh'n frisch über Meer und Land!» Diese übernatürliche Gabe war in seinem Dorfe eben so hoch geschätzt, wie bei den erleuchtetsten Nationen des Alterthums. Aehnlich dem klugen Ulysses, war er allemal besser mit dem Schlafen, als mit dem Wachen berathen, woher er denn auch den Namen Oloffe der Träumer erhielt. Nach geschehener Auswahl der Mannschaft, sowie nach dringender Ermahnung an alle, ihr Haus zu bestellen, rüstete Oloff sich mit seinen Gefährten zur Reise. Viertes Kapitel. Wie die Helden von Communipaw nach dem Höllenthor reisten, und wie sie dort empfangen wurden. Und nun begann das jungfräuliche Roth des Morgens im Osten sich zu verbreiten, und bald schoß die aufsteigende Sonne aus goldnem und purpurnem Wolkenmeere ihre fröhligen Strahlen auf die blechenen Wetterhähne von Communipaw. Es war die köstliche Jahreszeit, wo die Natur, aus der starren Knechtschaft des alten Winters erlöst, wie ein blühendes Mädchen von der Tyrannei eines filzigen, alten Vaters, mit tausend Reizen aufknospend, in die Arme des jugendkräftigen Lenzes sinkt. Jeder Strauch und jeder Blüthenhain ertönte von bräutlichen Melodieen, selbst die Insecten, die den Thau sogen, der das zarte Gras der Wiesen beperlte, stimmten in das fröhliche Brautlied mit ein; furchtsam regte sich die Blüthengestalt der Jungfrau, die Turteltaube zog durchs Gefild, und das Herz des Mannes schmolz dahin in Zärtlichkeit. O, süßer Theokrit, hätte ich dein Haberrohr, womit du einst die lachenden Ebenen Siciliens entzücktest – oder, milder Bion, deine Hirtenpfeife, an der sich die glücklichen Schäfer der lesbischen Insel so oft ergötzten, dann dürfte ich es wagen, mit sanfter Bukole oder nachlässigem Idyll die ländlichen Schönheiten dieser Scene zu feiern – so aber habe ich, um meine Begeisterung zu beflügeln, nur diesen stumpfen Gänsekiel, muß alle Spiele der Phantasie fahren lassen und meine Bahn in niedrer Prose fortsetzen, mich tröstend mit der Aussicht, zwar nicht so süß in das Ohr des Lesers einzudringen, doch mit jungfräulicher Schüchternheit mich seinem besseren Urtheil empfehlen zu dürfen, wenn ich mich in das keusche, einfache Gewand der Wahrheit kleide. Kaum hatten die ersten Strahlen des gnädigen Phöbus die Fenster Communipaws vergoldet, als der weise Van Kortlandt aus seinem Schloß hervortrat, eine Muschelschale ergriff und einen grellen Ton ausstieß, der seine Gefährten zur Abfahrt mahnte. Sie kamen mit dem ganzen Dorf in langen Familienprocessionen herab, mit Bündeln und Schachteln beladen, nach der Sitte, wie man einen Vetter vom Lande aufs Marktschiff begleitet. Bei dem Einschiffen riefen ihnen die Angehörigen unter dem Lebewohl die gewöhnlichen unschätzbaren Warnungen zu, nicht zu ertrinken und sich gut zu verwahren – und bald hatten die Schiffenden die grünen Gestade Pavonia's aus den Augen. Zuerst berührten sie die beiden reizenden Inseln, die Communipaw fast gegenüberliegen, dann Governors-Island, welches jetzt stark befestigt ist. Um keinen Preis wären sie hier an's Land gestiegen, da sie die Insel für den Aufenthalt von Geistern und Dämonen hielten, die in diesen Tagen durch das wilde, heidnische Land ihr Wesen trieben. Grade kam eine Schaar von herrlichen Braunfischen oder Meerschweinen daher geschwommen, sie drehten die glatten Seiten nach der Sonne und spieen das salzige Element in funkelnden Strahlen aus. Der weise Oloff war hierüber sehr erfreut. «Dies,» – rief er, «weissagt uns Gutes – denn der Braunfisch ist ein fettes, wolconditionirtes Thier – ein Burgemeister unter den Fischen – sein Anblick deutet auf Gemächlichkeit, Ueberfluß und Glück – ich betrachte diesen runden, fetten Fisch mit Bewunderung, und zweifle nicht, daß er ein Unterpfand des guten Erfolges unserer Fahrt ist.» So redend, ließ er das kleine Geschwader diesen Rathsherrn der Gewässer folgen. Sie wandten sich demnach links, in die Straße, die jetzt East-River genannt wird. Die rasche Strömung ergriff den Kübel des Commodore mit einer Heftigkeit, deren sich die nur an Canalfahrten gewöhnten Niederländer nicht versehen hatten; um so mehr glaubte Van Kortlandt in dem Schutz einer unsichtbaren Macht den Braunfischen nachzufliegen. So flogen sie denn um die Corlears-Spitze (Corlears-Haken) und indem sie die reiche, gewundene Bai von Wallabout zur Rechten ließen, trieben sie in einem prächtigen Wasserspiegel, mit Küsten von erfrischendem Grün. Wie sie sich nun in diesem heitern, sonnigen Teich recht wohl zu fühlen begannen, sahen sie plötzlich in der Entfernung eine Gruppe bemalter Wilden, emsig mit Fischen beschäftigt; sie schienen mehr die unbekannten Gottheiten des Ortes und ihr zierliches Kanot schaukelte leicht wie eine Feder auf der sanftwallenden Fläche der Bai. Die Gemüther der Helden von Communipaw geriethen in nicht geringes Entsetzen. Aber zum Glück stand am Bord des Commodore-Bootes ein tapfrer Mann, Hendrik Kip, welches soviel wie Hans Hasenfuß bedeutet. Kaum sah er diese heidnischen Schelme, als er vor lauter Ungeduld zu zittern anfing, und obgleich sie noch eine gute Viertelstunde entfernt waren, ergriff er den neben ihm liegenden Muskedonner, wandte den Kopf weg und feuerte mit großer Unerschrockenheit der lieben Sonne ins Gesicht. Das schwer geladene Gewehr prallte zurück und gab ihm einen argen Stoß, so daß er ins Boot plumpte und die Beine gen Himmel streckte. Aber die Wirkung des donnernden Geschützes war so groß, daß die wilden Waldmenschen erschreckt die Flucht ergriffen und eiligst in eine der tiefen Einfahrten von Long-Island zurückruderten. Dieser entscheidende Sieg erfüllte die kühnen Seefahrer mit neuem Muth, und sie gaben der umgebenden Bai, der Heldenthat zu Ehren, den Namen Kip's-Bai, den sie noch jetzt trägt. Der gute Van Kortlandt schwärmte schon in süßen Träumen von den weiten Wiesen, den Salzsümpfen und den unabsehlichen Kohlfeldern, als die Ebbe eintrat, die ihn schier aus diesem Lande der Verheißung hinweggetragen hätte, wenn er nicht sogleich zum Landen commandirt hätte. Dies geschah bei den Felsenhöhen von Bellevüe, wo unser wackerer Rath für das Wohl der Republick gut ißt und trinkt, auch die Schildkröten mästet, die bei feierlichen Gelegenheiten geschlachtet werden. Hier, auf der grünen Wiese, am Rande eines Flüßchens, das unter dem hohen Grase funkelnd dahinrann, erfrischten sie sich wieder und genossen die mitgebrachten reichlichen Vorräthe, worauf sie in ernstliche Berathungen eingingen. Dies war das erste Rathsessen zu Bellevüe und der Tradition zufolge ist hier auch der Ursprung der großen Feindschaft zwischen den Häusern Hardenbroeck und Tenbroeck zu suchen, die nachmals von so entscheidendem Einfluß auf den Bau der Stadt war. Der herzhafte Hardenbroeck, entzückt über die Salzsümpfe der Kip-Bai, rieth dorthin zurückzukehren und die Stadt zu gründen; dagegen erhob sich der unbezähmbare Ten-Broeck, und viele eigensinnige Redensarten erhöheten den Zwiespalt. Endlich machte der weise Oloff dem Streit damit ein Ende, daß er den Weg weiter zu verfolgen beschloß, den die geheimnißvollen Meerschweine so deutlich bezeichnet hatten – da verließ der hartnäckige Zäh-Hosen die Expedition, nahm von einem benachbarten Hügel Besitz und in einem Anlauf von Wuth bevölkerte er den ganzen Strich Landes, der bis auf diesen Tag noch von den Hardenbroecks bewohnt wird. Unterdessen war der muntere Phöbus, wie ein muthwilliger Igel, der spielend einen grünen Hügel hinabkollert, den Himmelsabhang heruntergerollt; und da jetzt wieder die Fluth eintrat, so überließen sich die entschlossenen Pavonier ihr aufs Neue und fuhren an den Westküsten hin nach den Straßen der Blackwell-Insel. Und hier gaben die wunderlichen Strömungen den berühmten Seefahrern nicht wenig Erstaunen und Schrecken, denn bald wurden sie um eine Spitze herum in eine romantische Bucht der Manhatten-Insel getrieben, bald an den Fuß von Felsen geschleudert, über welche üppige Traubenguirlanden herabhingen und deren Waldeskronen einen breiten Schatten über die Wogen hinwarfen, bald wurden sie wieder mitten in den Kanal getrieben und mit reissender Geschwindigkeit fortgerissen. Wo die Reisenden ihre Blicke hinwandten, schien eine neue Schöpfung rings aufzusprossen. Kein Zeichen menschlichen Fleißes störte die entzückende Wildheit der Natur, die in dem üppigsten Wechsel erschien. Die jetzt, gleich einem Stachelschwein, mit Reihen von Pappeln (erbärmlichen Modegewächsen) besetzten Hügel, waren damals mit den kräftigen Sprößlingen der Heimath, der königlichen Eiche, dem prächtigen Kastanienbaum, der anmuthigen Ulme, bewachsen, und dazwischen erhob der Tulpenbaum, jener Riese der Wälder, sein majestätisches Haupt. Wo der Luxus sich jetzt liebliche Landsitze erbaut hat, Villa's im Zwielicht der Lauben versteckt, wo des städtischen Jünglings Seufzer durch verliebte Flöten Sprache erhalten, da baute noch der Fischreiher sein einsames Nest auf einen dürren Baum, von dem er sein Wasserreich überblickte. Das furchtsame Reh weidete noch ungestört an den Gestaden, die jetzt durch Spatziergänge von Liebenden und durch den zarten Fußtritt der Schönen geheiligt sind; eine einsame Wüstenei war diese Gegend, wo gegenwärtig die stattlichen Thürme der Jones, Schermerhornes und Rhinelanders emporsteigen. Sie bogen um die Spitze des Vorgebirgs, das, gleich einem Elephanten, auf seinem Rücken ein schönes Schlößchen trägt, und deshalb Gracie's-Point genannt wird. Wasser und Land verbanden sich in reizender Abwechslung zu den herrlichsten Landschaften. Grade war die Sonne untergegangen und die Dämmrung lag wie ein durchsichtiger Flor über dem Busen der jungfräulichen Natur–ach, täuschende Scenen der Entzückung! unglückliche Reisende, die so unbefangen diese Küsten der Circe anstaunen – verrätherisch ist dieses Lächeln, Verderben bringend die Liebkosung! Unvermerkt geriethen unsre Seefahrer durch die eintretende Ebbe in jene Strömungen und Strudel, welche die dortige Gegend so gefährlich zu passiren machen; die Wellen schwanden von den Felsen, dann brodelten und schäumten sie mit fürchterlicher Wuth. Der verwunderte Oloff erwachte wie aus einem Traum, und schrie, man sollte umkehren, aber man konnte ihn vor dem Tosen der Brandung nicht verstehen. Eine schreckliche Bestürzung folgte – bald wurden sie zwischen wilde Brandungen geschleudert, bald in reissenden Strömungen fortgerissen; von der scyllaähnlichen Henne mit den Küchlein geriethen sie in den Topf , der sie in kreiselnder Bewegung umtrieb, wie die Charybdis, und so kamen sie, denen endlich Bäume, Felsen, alles ringsum tanzte, nicht eher zur Besinnung, als bis sie, an der Küste von Long-Island gestrandet, aus der Bezauberung erwachten. Der würdige Commodore ließ sich's nicht ausreden, daß er Geister in der Luft gesehen und die Kobolte lachen gehört und die Hand in den Topf gesteckt, wie sie drin herumkreiselten, und das Wasser siedend heiß gefunden; ein Paar verdächtige Gestalten sollten auf Felsen gesessen und mit großen Löffeln den Schaum abgeschöpft haben – aber die größte Freude machte es ihm, zu erzählen, wie die schurkischen Braunfische, die allein an ihrem Jammer Schuld waren, die einen auf dem Roste brieten und die andern in der Bratpfanne schmorten! Vgl. die Erzählungen eines Reisenden, 6. Bdch. S. 47. Gewiß verdankte man die späteren wunderlichen Sagen von dieser Meerenge Oloff dem Träumer, nämlich, daß man den Teufel oft auf dem Schweinerücken reiten sähe und die Violine spielen höre, daß er dort, bevor ein Sturm komme, sich Fische brate, und all solche Dinge mehr. Wegen diesen fürchterlichen Erscheinungen gab der Befehlshaber Oloff der Meerenge den Namen: das Höllenthor . Vgl. d. Erz. eines Reis. 5. Bdch. S. 82 ff. Fünftes Kapitel. Wie die Helden Communipaw's etwas weiser zurückkehrten, als sie gekommen waren – und wie der weise Oloff einen merkwürdigen Traum hatte. Nach einer fürchterlich stürmischen Nacht, wo die Geister heulten und huschten, und die Elemente vor Wuth brüllten, erwachten die, welche sich vom Schiffbruch gerettet hatten, an verschiednen Theilen der Küste, wo sie größtentheils blieben und sogleich Colonieen gründeten. Ten-Broeck hatte das Glück, über Bord zu fallen und wurde durch seine vielen Beinkleider gerettet, die ihn wie ein Meerweibchen oben hielten, und die er am Morgen eifrig im Sonnenschein zu trocknen beflissen war. Mit Schrecken und Zagen schifften die muthigsten wieder durch die gefährliche Meerenge, an welcher sie keinesweges gesonnen waren, eine Stadt zu gründen. Aber Neptun widersetzte sich ihrer Rückkehr und warf die Tonne oder den Zuber des Commodore Van Kortlandt ohne Weiteres auf den Strand von Manna-Hata. Sie machten ein Feuer unter einem großen Baum, wo jetzt die Batterie liegt; dann sammelten sie eine große Menge Austern, die dort im Ueberfluß zu finden waren, leerten den Inhalt ihrer Schnapsäcke aus und richteten ein stattliches Rathsessen her. Der würdige Van Kortlandt war besonders andächtig bei dieser feierlichen Verrichtung, und da er bei der Fahrt die hauptsächlichste Mühe und Sorge hatte, so hielt er es für nöthig, auch für das Gemeinwohl tüchtig zu essen. Je mehr Oloff sich mit den schmackhaften Speisen bis zum Rande füllte, stieg auch das Herz dieses trefflichen Bürgers bis zur Kehle empor, so daß er an dem guten Essen und an der Fröhlichkeit ordentlich drückte und würgte. Wenn dieser Zustand des emporsteigenden Herzens eintritt, kann man auch eigentlicher vom Herzen reden und das Gespräch fließt von Liebe und Freundschaft über. So fühlte auch der würdige Oloffe, nachdem er den letzten Bissen hinabgedrückt und mit einem brennenden Schluck niedergewaschen, sein Herz von sanften Schmerzen bewegt und seinen ganzen Körper gleichsam erweitert von unbegrenztem Wohlwollen. Alles umher schien ihm köstlich und ergötzlich; er legte die Hände an seine umfassende Rundung, ließ die halbgeschlossenen Augen über den reizenden Wechsel von Land und Wasser dahinschweifen und rief mit fetter, halb erstickter Stimme: «Welch reizender Prospect!» Die Worte erstickten ihm in der Gurgel – er schien über die schöne Scene einen Augenblick nachzudenken – die Augenlieder schlossen sich schwer – der Kopf sank auf die Brust – allmählig rutschte er auf den grünen Rasen herab und fiel nach und nach in einen tiefen Schlaf. Und der weise Oloffe träumte einen Traum – und siehe, der gute, heilige Nicolaus kam über die Wipfel der Bäume daher gefahren, in demselben Wagen, worin er den Kindern alljährlich seine Geschenke bringt; und er kam und stieg dicht an der Stelle aus, wo das Rathsessen gehalten worden war. Und der schlaue Van Kortlandt kannte ihn an dem breiten Hut, an der langen Pfeife und an der Aehnlichkeit überhaupt, die er mit der Figur am Vordertheil der Goede Vrouw hatte. Und er steckte seine Pfeife am Feuer an und setzte sich nieder und rauchte; und indem er rauchte, stieg der Rauch von seiner Pfeife in die Luft und breitete sich wie eine Wolke über ihnen aus. Und Oloffe besann sich und eilte sich und kletterte auf den Wipfel eines der höchsten Bäume und sah, daß der Rauch sich über eine große Fläche verbreitete – und wie er genauer zusah, war es ihm, als nehme die große Masse Rauchs mannichfaltige wunderliche Formen an, wo sich denn in dem düstern Nebel Paläste und Kirchen und hohe Thürme unterschieden, die aber nur einen Augenblick sichtbar waren und dann verschwanden, indem die Decke hinwegrollte und nichts als die grünen Wälder zurückließ. Als der heilige Nicolaus seine Pfeife ausgeraucht hatte, steckte er sie in sein Hutband, legte den Zeigefinger an die Nase und sah den erstaunten Van Kortlandt sehr bedeutungsvoll an; dann stieg er wieder in den Wagen, kehrte über die Spitzen der Bäume zurück und verschwand. Und Van Kortlandt erwachte aus seinem Schlaf sehr weise und er weckte seine Gefährten und erzählte ihnen den Traum, und deutete ihn so, daß es der Wille des heiligen Nicolaus sey, daß sie sich hier niederlassen und eine Stadt bauen sollten, und daß der Rauch der Pfeife in seiner ganzen Ausdehnung als Vorschrift gelte, wie weit die Stadt gehen solle, sintemal die Rauchwolken sich über eine große Strecke verbreitet hätten. Darauf stimmten Alle einmüthiglich der Auslegung bei, ausgenommen Mynheer Ten-Broeck, welcher den Traum so deutete, daß es eine Stadt geben werde, wo wenig Feuer großen Rauch mache, mit andern Worten, eine recht dunstige kleine Stadt – und beide Auslegungen sind merkwürdig in Erfüllung gegangen! Und die Helden von Communipaw kehrten zurück und erzählten, was sie erlebt und was Oloffe von Kortlandt geträumt. Und das Volk erhob seine Stimme und segnete den guten heiligen Nicolaus, und von nun an stieg der weise Van Kortlandt mehr als je im Ansehen wegen seiner großen Gabe, zu träumen, und man erklärte ihn für einen sehr nützlichen Bürger und braven Mann – wenn er schlafe. Sechstes Kapitel. Worin ein etymologischer Versuch – dann die Gründung und das Wachsthum der großen Stadt Neu-Amsterdam abgehandelt wird. Der Name der Insel, wohin das Geschwader von Communipaw so glücklich verschlagen wurde, ist Gegenstand des Streites. Ein alter Gouverneur, der etwas von einem Spaßvogel hatte, behauptete, das Wort Manhattan komme von Indianern mit Hüten, die man dort getroffen, und die man, sowie dann auch die Insel, «Man-hat-on» (Mann-Hut-auf) genannt habe – ein alberner Spaß, doch bedeutend genug für einen Gouverneur. Von andern wird die Insel Manhadaes und Manahanent genannt; und in alten Briefen unsrer Vorfahren heißt sie Monhattoes, Munhatos und Manhattoes. Dieser letzte Name wird von dem Indier Manetho abgeleitet, der hier seinen Lieblingssitz gehabt haben soll. Denn nach den indianischen Ueberlieferungen war die Bai einst ein krystallheller See mit Silber- und Goldfischen und die Insel lag mitten darin, mit köstlichen Früchten und Blumen; doch zerstörte eine Ueberschwemmung des Hudson alles, und Manetho floh über die großen Gewässer des Ontario hinaus. Doch das ist alles fabelhaft. Die älteste, beste und poetischste Erklärung ist die, welche Juet von der Reise Hudsons mitgebracht hat; er nennt sie klar und richtig Manna-hata; das heißt so viel, wie die Manna-Insel oder «ein Land, wo Milch und Honig fließt!» Die erste Niederlassung unter Oloffe dem Träumer beginnt mit fleckenloser Rechtlichkeit und seltner Großmuth, und es muß hier als Zeugniß niedergelegt werden, daß unsere würdigen Vorfahren nicht eher ein Haus bauten, als bis sie den Eingebornen das Land dazu ehrlich abgekauft hatten. An der Stelle, wo St. Nicolaus im Traume herabgekommen war, auf der Südwestspitze der Insel, bauten sie ein mächtiges Fort und Handelshaus, Fort Amsterdam genannt. Um diese Festung her schaarten sich kleine holländische Häuser mit Ziegeldächern, wie Küchlein unter den Flügeln der Mutter, und das ganze war gegen Ueberfälle mit Pallisaden eingefaßt. – Lustig schoß die neue Colonie auf dieser gesegneten Insel empor, die wie ein prächtiger Dunghaufen die fremden Gewächse nährte und kräftigte. Und nun war es Zeit, daß die Niederlassung einen ehrlichen Christennamen erhielt, und man nannte sie demnach Neu-Amsterdam , wie man die kleinen Schreihälse nach großen Staatsmännern, Würdenträgern und Heiligen benennt, damit sie einst an Rufe mit ihnen wetteifern. Als Oloff sich von der Erschöpfung, die ihm die Erbauung des Forts verursacht, allgemach erholt hatte, lud er seine Räthe und Freunde zu einer Versammlung ein. Sie steckten demnach die Pfeifen in den Mund und sanken in eine sehr tiefe Berathung. Es erhob sich eine mächtige Meinungsverschiedenheit. Mynheer Tenbroeck brachte einen Plan hervor, wornach die Stadt mit Kanälen durchschnitten werden sollte, wie die herrlichsten Städte von Holland. Dagegen wollte Mynheer Hardenbroeck Docken und Werften in den Fluß hineinbauen, mit Pfählen, auf einem Rost; so sagte er, trotzen wir diesen ungeheuern Flüssen einen beträchtlichen Raum ab und gewinnen eine herrliche Amphibie, wie Amsterdam, Venedig u.s.w. Tenbroeck erwiederte mit einer verachtenden Miene, daß dieses gegen die Natur der Dinge verstoße. «Was ist eine Stadt ohne Kanäle?» – sagte er – «gerade was ein Körper ohne Adern ist; er muß umkommen, weil keine nährende Flüssigkeit darin circulirt.» – – Zäh-Hosen wandte sich mit beißendem Spott gegen seinen Feind, und ward persönlich. «Was,» rief er, indem er auf die hagere Gestalt des Gegners deutete, «circulirt in diesem Körper vielleicht Flüssigkeit; Jedermann weiß ja, daß in zehn Jahren kein Tropfen Blut durch eure Mumie gelaufen ist, so viel Spektakel Ihr auch in der ganzen Colonie macht.» Persönlichkeiten haben selten den Erfolg, daß sie auf andre Gedanken bringen, und ich habe noch Niemanden kennen gelernt, der sich durch Fingerzeige auf seine körperliche Gebrechen von Irrthümern hätte zurückbringen lassen. Ein scharfes Wort gab das andre. Zehn-Hosen besaß den Vortheil größerer Zungenfertigkeit, dagegen Zäh-Hosen den Panzer der Hartnäckigkeit umschnallte. Keiner kam zum Ende; sie schieden höchst erbost, und von da an schreiben sich die großen Familienfehden, welche, gleichwie in Italien die Häuser Montague und Capulet, hier die Zehn-Hosen und Zäh-Hosen ewig entzweiten. Diese Streitigkeit hatte im Rath böse Folgen; man versammelte sich zwar regelmäßig einmal die Woche, die Frage lag immer auf dem Tisch, aber die Mitglieder rauchten ganz still ihre Pfeifen, machten wenig Gesetze, erzwangen kein einziges, und so gingen die Dinge in der Niederlassung weiter – wie es Gott gefiel. Das Protokoll jeder Versammlung lautete in zwei Zeilen so: «Der Rath war an diesem Tage versammelt und rauchte zwölf Pfeifen über das Wohl der Colonie.» Hieraus geht hervor, daß die ersten Ansiedler die Zeit nicht nach Stunden maßen, sondern wie die Entfernungen noch heutiges Tages in Holland, nach Pfeifen, ein höchst merkwürdiger Maßstab, da die Pfeife in dem Mund eines ächten Holländers niemals Zufälligkeiten und Störungen unterworfen ist, wie unsere Uhren. So vergingen Wochen, Monate, Jahre über der Berathung, wie man die Stadt bauen solle, und gerade wie ein Naturkind aufwächst frisch und kräftig ohne Wickelbänder und andre Teufeleien, womit die Ammen die Kinder zu Krüppeln machen, wuchs Neu-Amsterdam so rasch empor und dehnte sich so stattlich aus, daß man nun mit einem Plan zu spät kam und ihn wohlweislich ganz aufgab. – Wie alle gute Christen, dachten die Bewohner nun, nachdem sie zuerst an sich gedacht, auch an den lieben Gott. Sie erbauten dem guten und gnädigen heiligen Nikolaus für den geleisteten Schutz eine schöne Kapelle mit seinem Namen innerhalb des Forts, und er hat auch seitdem der Stadt als Schutzpatron alles erdenkliche Gute erwiesen. Nach einem alten holländischen Legenden-Buch nahm man den h. Nikolaus vom Vordertheil der Goede Vrouw und setzte ihn vor die Kapelle in die Mitte des nachherigen Bowling-Green. Die Legende erzählt von verschiednen Wundern, die seine gewaltige Pfeife bewirkt habe; ein Zug aus dieser Pfeife war ein souveraines Mittel gegen Unverdaulichkeiten – warlich eine unschätzbare Reliquie für diese Colonie von wackern Tafelhelden. Bald wurde Neu-Amsterdam die Hauptstadt mehrerer Ansiedlungen umher und gewann einen ansehnlichen Länderbezirk. Der zunehmende Reichthum und die wenige Mühe, die diese Colonie machte, zog bald die zarte Sorge des Mutterlandes auf sich; dieses wurde plötzlich um ihre Existenz und Sicherheit besorgt und fing an, sie mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen, wie gewisse schlaue Leute reiche Verwandte mit Artigkeit und Zärtlichkeit zu umgarnen pflegen. Bald gingen die gewöhnlichen Zeichen des Schutzes von ihr aus; sie setzte der mächtigen Colonie Beherrscher, um so viel Geld als möglich von ihr zu ziehen. In Gemäßheit dessen wurde im Jahr der Gnade 1629 Mynheer Wouter Van Twiller als Gouverneur der Provinz der Neuen Niederlande hinübergesandt, auf Befehl und Auftrag Ihrer Hochmögenden der Herren Generalstaaten der Vereinigten Niederlande und der privilegirten westindischen Compagnie. Dieser berühmte alte Herr kam im lieblichen Junimonat in Neu-Amsterdam an, wo Apollo auf dem klaren Firmamente tanzt, das Rothkehlchen, die Drossel und andre Müßiggänger der Haine ihre Musikantenkehlen in verliebten Weisen ertönen lassen, und die lebhaftesten Blumen üppig die Kelche erschließen – alle solche glücklichen Zeichen überredeten die alten Damen von Neu-Amsterdam, die in Ahnungen und Prophezeihungen bewandert waren, daß dieß eine glückliche und ersprießliche Verwaltung bedeute. Drittes Buch. Worin das goldne Alter der Regierung Wouter's Van Twiller beschrieben wird. Erstes Kapitel. Von dem berühmten Wouter Van Twiller und seinen einzigen Tugenden, seiner unaussprechlichen Weisheit und dem Erstaunen des Volkes darüber. Traurig ist das Amt des Historikers, wenn er als ein Fremdling im Lande seiner Väter wandert, mit keinem weinenden Weibe, mit keinen hülfsbedürftigen Kindern gesegnet ist – armer Knickerbocker, ungekannt gehst du durch die Straßen und mußt dir von den fremden Eindrängern, die dich im Getümmel der Handelswelt umringen, manchen Rippenstoß gefallen lassen, ohne zu murren, – unglücklicher Dietrich, der du mit Hochmuth von der Schwelle gestoßen wirst, wo deine Vorfahren einst so glücklich den Scepter schwangen! Doch der Historiker soll über den Menschen die Oberhand behalten, und die süßen Erinnerungen der Patriarchenzeit sollen mich auch nicht weich machen – aber ach, nie kehren sie zurück – nie werden wieder die holden Tage der Einfalt und Behaglichkeit über der lieblichen Manna-Insel ruhen! Wouter (oder Walter) Van Twiller stammte von einer langen Reihe von holländischen Burgermeistern ab, die nach einander ihr Leben im sanften Dusel verschwelgt und auf der Rathsbank in Rotterdam fett geworden waren. Sie betrugen sich so eigenthümlich weise, daß man von ihnen nie etwas hörte, welches der Ehrgeiz aller weisen Magistratspersonen und Herrscher seyn sollte. Sein Zuname Twiller soll aus dem Wort Twyster oder Zweifler entstanden seyn, eine Benennung, die sehr bezeichnend ist. Denn obgleich er so verschlossen war wie eine Auster Nach einer Note des in der Einleitung erwähnten Schulmeisters that Kaimes den Ausspruch: daß die Menschen durch Unthätigkeit in Austern ausarten. , und so nachdenkend, daß er selten anders als in einsilbigen Tönen sprach, so that er doch über zweifelhafte Punkte gar seinen Verstand nicht auf. Dieses kam nach der Erklärung seiner Anhänger von der Größe seiner Ideen, die es nicht erlaubten, sie in dem Hirnkasten umzuwenden und von zwei Seiten zu betrachten, woher es denn kam, daß er immer in Zweifel lebte. Es gibt zwei entgegengesetzte Wege, wodurch man sich berühmt machen kann, der eine, daß man sehr viel spricht und wenig denkt, und der andre, daß man sich den Mund verstopft und gar nichts denkt. In dem letzteren Fall befindet sich die Eule, einer der dümmsten Vögel der Erde, der aber von der gescheuten Welt der Weisheitsvogel genannt wird. Dies ist eine ganz zufällige Bemerkung, welche ich nicht um alles in der Welt auf den Gouverneur van Twiller bezogen haben will. Im Gegentheil, er war ein sehr weiser Niederländer, denn er sagte nie etwas Dummes, und war so ernsthaft, daß man ihn in seinem langen glücklichen Leben nie lachen, auch nicht einmal lächeln sah. Doch wurde nie eine Sache in Vorschlag gebracht, worüber die gewöhnlichen, mit kurzem Gedärm behafteten Sterblichen auf den ersten Blick entscheiden, wo der berühmte Wouter nicht mit einem bedeutend geheimnißvollen Blick den fähigen Kopf geschüttelt, fünf Minuten mit doppelter Ernsthaftigkeit geraucht und dann sehr weise bemerkt hätte, «daß er Zweifel über die Sache habe.» Die Gestalt dieses berühmten Mannes war so regelmäßig geformt, wie ein niederländischer Bildhauer sich nur ein Bild der Größe und Majestät entwerfen kann. Er war genau fünf Fuß sechs Zoll hoch und sechs Fuß fünf Zoll breit. Sein Kopf war völlig rund und so ungeheuer dick, daß die gütige Mutter Natur, trotz aller Erfindungsgabe, nicht im Stande war, einen Hals für ihn zu finden; sie machte sich daher die Sache leicht und setzte ihn grade auf die Schultern. Sein Leib war ein längliches Viereck, und nach dem Boden zu besonders umfänglich, welches die Vorsehung wohlweislich so einrichtete, da sie merkte, daß er ein Mann von stiller Gemüthsart und der vergeblichen Arbeit des Gehens abhold war. Die Beine, wiewohl äußerst kurz, waren sehr kräftig für das schwere Gewicht, so daß er, wenn er sich aufrichtete, einem wohlconditionirten Bierkübel mit zweien Stollen nicht wenig ähnlich sah. Sein Gesicht, der untrügliche Spiegel seines Geistes, bot eine weite Fläche dar, ganz ohne jene Furchen und Winkel, welche die menschlichen Züge unter dem schönen Namen «Ausdruck» entstellen. Ein kleines graues Augenpaar blinkte schwach in der Mitte, wie zwei Sterne letzter Größe an einem nebligen Nachthimmel, und seine fetten Backen, die von Allem, was in den Mund einging, Zoll genommen zu haben schienen, waren wunderlich dunkelroth gefleckt und gestreift, ungefähr wie ein recht kernhafter brauner Mad-Apfel. Seine Lebensart war so regelmäßig wie seine Figur. Viermal des Tags aß er, jedesmal eine Stunde; das Rauchen und Zweifeln kostete ihm acht Stunden, und die übrigen zwölf Stunden schlief er. So war Wouter Van Twiller beschaffen; als ein wahrer Philosoph hatte er sich nie um die Sorgen und Verkehrtheiten der Welt bekümmert. Er hatte Jahre lang gelebt, ohne darauf neugierig zu werden, ob die Sonne sich um die Erde, oder die Erde um die Sonne drehe; er hatte fast ein halbes Jahrhundert lang dem Rauch seiner Pfeife zugesehen, wie er sich nach der Decke kräuselte, ohne auf den Gedanken zu kommen, warum denn dieser Rauch sich über und nicht unter die ihn umgebende Luft erhob. Im Rathe präsidirte er mit großer Salbung und Feierlichkeit. Er saß in einem schönen großen Sessel von Eichenholz aus dem berühmten Haag, die Armlehnen und Füße mit riesenhaften Adlersklauen. Als Scepter schwang er eine große türkische Pfeife mit Jasmin und Bernstein verziert, die dem Statthalter von Holland beim Abschluß eines Tractats mit einer der kleinen Mächte der Berberei überreicht worden war. – Da saß er denn in seinem stattlichen Stuhl, rauchte die prächtige Pfeife, bewegte sein rechtes Knie und richtete die Augen oft stundenlang auf einen kleinen Kupferstich von Amsterdam, der in einem schwarzen Rahmen ihm gegenüber an der Rathswand hing. Ja, wenn es eine Berathung von besonderer Länge und Schwierigkeit war, soll er die Augen ganz zugedrückt haben, oft auf zwei Stunden, um sich nicht durch Außendinge zerstreuen zu lassen. Dann gab sich die innere Bewegung seines Geistes durch gewisse regelmäßige Gurgeltöne kund, welche seine Bewunderer lediglich für das Getöse des Kampfes seiner Gedanken und Zweifel erklärten. Van Twiller war nicht allein der erste, sondern auch der beste Gouverneur dieser Provinz – nie wurde unter ihm ein Verbrecher bestraft, welches gewiß ein Zeichen milder Regierung ist. Bei dem Beginn seiner Laufbahn zeichnete sich dieses treffliche Oberhaupt durch ein Exempel von einer scharfsinnigen Entscheidung aus, welches sehr merkwürdig und von großen Folgen war. Er war nämlich am Morgen nach seiner Besitzergreifung gerade beim Frühstück und hatte eine merkwürdig große irdene Schüssel mit Milch und indianischem Pudding vor sich, als einer Namens Wandle Schoonhoven zu ihm kam und sich bitter über einen Namens Barent Bleecker beklagte, der sich böswilligerweise geweigert, Gegenrechnung zu stellen, nachdem er die des Wandle größer als die seinige befunden. Der Gouverneur Van Twiller war, wie ich bereits bemerkt habe, ein Mann von wenig Worten und gleichfalls ein tödtlicher Feind von vielen Schreibereien – eben so auch von der Unterbrechung im Frühstück. Er hörte den Kläger aufmerksam an, grunzte ein wenig, so wie er einen Löffel mit Pudding in den Mund steckte – entweder aus Behagen an der Mahlzeit, oder um anzudeuten, daß er die Erzählung verstanden habe; dann rief er den Gerichtsdiener, zog aus seiner Hosentasche ein großes Sackmesser, um es dem Beklagten als Vorladung zu präsentiren, und seine Tabacksbüchse dazu, als Auftrag der Vollziehung. Diese sumarische Procedur war in jener einfältigen Zeit so wirksam, wie der Siegelring des großen Harun al Raschid unter den Gläubigen. Beide Partheien brachten ihre Bücher, und sie waren gewiß so schwer zu entziffern wie ein egyptischer Obelisk. Aber der weise Wouter nahm eins nach dem andern, wog sie in der Hand, zählte wohlbedacht die Blätter und fiel sogleich in einen großen Zweifel, indem er eine halbe Stunde rauchte, ohne ein Wort zu sprechen; endlich legte er den Finger an die Nase, schloß ein wenig die Augen, mit der Miene eines, der eben einen schlauen Gedanken beim Schopfe erwischt, zog langsam die Pfeife aus dem Mund, puffte eine Wolke Taback aus, und erkannte nun mit wunderbarer Gravität zu Recht – «nachdem sich die Blätter der Bücher gleich befunden und das Gewicht nicht minder, so hat der Gerichtshof endlich entschieden, daß die Rechnungen sich gegen einander aufheben – weßhalb beide Partheien einander zu quittiren, und der Gerichtsdiener die Kosten zu bezahlen hat.» Diese sogleich bekannte Entscheidung verbreitete einen unendlichen Jubel durch Neu-Amsterdam, denn das Volk merkte hieran wohl, daß es einen weisen und gerechten Magistrat habe. Die glücklichste Folge aber war die, daß während seiner ganzen Verwaltung kein Proceß mehr entstand und die Gerichtsdiener-Stelle ganz in Verfall gerieth. Noch eine Merkwürdigkeit ist hierbei zu erwähnen, die nämlich, daß dieser Fall der einzige in dem Leben des berühmten Wouter war, wo es bei ihm zu einer Entscheidung kam. Zweites Kapitel. Von dem großen Rath zu Neu-Amsterdam – und warum ein Rathsherr fett seyn muß – zusammt andern Merkwürdigkeiten von der großen Stadt. Der zweifelnde Wouter zählte als Beistände in der Regierung eine Anzahl Magistratspersonen, die über die öffentliche Sicherheit wachten. Diese Körperschaft bestand aus einem Schultheiß, fünf Burgermeistern und fünf Schöffen oder Bouteillenhaltern und Pfeifenstopfern der Burgermeister. Die letzteren mußten auch die Einkäufe zu den großen Rathsmahlzeiten machen und sich zur Zielscheibe der Witze ihrer Oberen hergeben, auch über alle ihre Witze herzlich lachen. Diese letzte Verpflichtung, welche in unseren Tagen weit mehr überhand genommen hat, wurde indessen erlassen, als ein kleiner fetter Schöffe über einer vergeblichen Anstrengung, recht zu lachen, bei einem der besten Witze des Burgermeisters Van Zandt erstickte. Zur Belohnung für diese demüthigen Dienste durften sie im Rath Ja! oder Nein! sagen und sich die besten Schüsseln bestellen. Es ist ein praktischer Grundsatz in allen gesunden Städten, daß ein Rathsherr fett seyn muß, damit sie, da der Körper das entsprechende Gefäß der Seele ist, ein Bild der Gravität und Ruhe seyen. Denn Niemand hat noch von Unruhen, welche dicke Leute erregt hätten, gehört; immer waren es die Magern und Hungerleider, die sich empörten. Der göttliche Plato gibt dem Menschen drei Seelen, die eine, unsterblich und vernünftig, sitzt im Gehirn, um den Körper zu übersehen und zu regieren, die zweite enthält die Leidenschaften, welche wie kriegführende Mächte das Herz belagern, die dritte, sterblicher und sinnlicher Natur, der Vernunft beraubt, liegt im Bauch gefesselt, um die göttliche Seele nicht durch ihr gieriges Geheul zu stören. Ganz nach dieser Theorie ist ein fetter Rathsherr eingerichtet. Sein Kopf ist wie ein großes rundes Zimmer, wo auf dem sanften Gehirn die vernünftige Seele gar anmuthig und heimlich wie auf einem Federbett liegt; die Augen, die Fenster dieses Schlafzimmers, sind gewöhnlich mit den Läden halb geschlossen, damit der Schlummer nicht durch äußere Gegenstände gestört werde. Ein Geist, der so bequem logirt und vor Unruhe geschützt ist, wird gewiß seine Verrichtungen leicht und regelmäßig bewirken. Durch gute Mahlzeiten wird die sterbliche, bösartige Seele, die im Bauch eingeschlossen ist, durch ihr Rasen und Schreien die reizbare Seele in der Nähe des Herzens in unerträgliche Leidenschaft versetzt und auf diese Art die Menschen aus lauter Hunger unwirrsch und streitsüchtig macht, völlig besänftigt und zur Ruhe gebracht. Und nun sind eine Menge geselliger Eigenschaften und gutmüthiger Neigungen, die schüchtern und verstohlen aus den Schlupfwinkeln des Herzens gesehen hatten; sie kommen, wenn sie merken, daß dieser Cerberus schläft, alle fröhlich in ihren Sonntagskleidern hervor und springen das Zwergfell auf und ab, stimmen zum Lachen, zu guter Laune und zu tausend freundlichen Pflichten gegen den Nebenmenschen. Darum sind die fetten Rathsherrn immer die besten und es ist Pflicht, sie immer mit den fettsten Speisen zu versehen, wie Austern und Schildkröten, die sie so gern verschlingen, daß sie am Ende die Thätigkeit der ersten und die Gestalt, den Wackelgang und das grüne Fett der zweiten erlangen. Die Folge davon ist, daß diese guten Dinge einen solchen Gleichmuth und eine solche Seelenruhe hervorbringen, daß ihre Verhandlungen wegen ihres nüchternen monotonen Charakters berühmt werden. Kurz, der schöne rundbauchige Burgermeister liegt wie ein wohlgenährter Bullenbeißer ruhig vor der Thüre des Hauses, stets bereit, für seine Sicherheit zu wachen; wollte man aber einen magern Naseweis von einem Candidaten nehmen, wie das wohl zuweilen geschehen ist, so möchte ich eben so gut einen Windhund vor meine Hausthüre legen oder ein Racepferd vor einen Ochsenwagen spannen. Die Burgermeister wurden daher wohlweislich nach dem Gewicht gewählt, die Schöffen aber, um auf sie acht zu haben und ihnen essen zu helfen. Alsdann wurden Letztere auch mit der Zeit wählbar, nachdem sie sich genung in den Dienst hineingegessen hatten, wie die Maus in den holländischen Käs. Nichts glich der tiefen Berathung, in welcher Wouter mit seinen würdigen Räthen dasaß, rauchend und duselnd über die öffentliche Angelegenheiten, ohne durch ein Wort die so nöthige feierliche Stille zu unterbrechen. – Unter ihrem nüchternen Scepter gedieh denn die werdende Colonie trefflich, erhob sie sich aus Sümpfen und Wäldern und bot den gemischten Anblick von Stadt und Land dar, wie heutzutage Washington, die große Hauptstadt, die einen so enormen Eindruck – auf dem Papier hervorbringt. Es war ein erfreuliches Bild, welches in jenen Tagen die ehrlichen Bürger machten, wenn sie, wie die alten Patriarchen, auf der Bank vor der Hausthüre saßen unter dem Schatten eines riesenhaften Sykomorns oder überhängenden Weidenbaums. Hier rauchte man seine Pfeife an einem schwülen Nachmittag und labte sich an den kühlenden Lüftchen aus Süden, horchte mit stillem Vergnügen auf das Gakern der Hennen, das Schnattern der Gänse und das sonore Grunzen der Schweine, diese lieblichen Melodieen der Bauernhöfe, die man warlich für silbernen Klanges erklären kann, indem sie einen einträglichen Markt verkünden. Es herrschte eine große Gleichheit der Gaben und Kenntnisse, eine große Einfalt der Sitten und Gebräuche. Niemand schien mehr zu wissen als sein Nachbar, und jeder hatte nur seine eignen Angelegenheiten im Kopfe; der Pfarrer und der Rathsschreiber waren die einzigen in der Gemeine, die lesen konnten, und der weise Van Twiller unterzeichnete seinen Namen immer nur mit einem Kreuz. Und wie in den alten Tagen die Götter oft zu den Menschen herabstiegen, so kam, wie wir hören, der heilige Nicolaus in den ländlichen Zeiten Neu-Amsterdams oft über die Wipfel der Bäume fahrend oder auf den Dächern reitend, herab, an einem Sonntag Nachmittag, und zog prächtige Geschenke aus seinen Pumphosen und ließ sie in die Kamine seiner Lieblinge hinabfallen, statt daß er in dieser eisernen Zeit uns nur Einmal im Jahr besucht und nur den Kindern etwas schenkt, weil die Eltern so entartet sind. Drittes Kapitel. Wie die Stadt Neu-Amsterdam aus dem Schlamm emporstieg und gewaltig polirt und policirt wurde – mit einer Schilderung der Sitten unserer Ururväter. Da der weise Rath wie im vorigen Kapitel bemerkt worden, nicht im Stande war, über einen Plan zum Bau der Stadt zu entscheiden, so nahmen dieß die Kühe auf sich; wenn sie nämlich auf die Weide und zurück gingen, machten sie ihre Pfade durch die Büsche, wo denn die guten Leute zu beiden Seiten ihre Häuser bauten, und dieß ist eine der Ursachen der sonderbaren und auch malerischen Windungen oder Labyrinthe, welche manche Straßen von Neu-York noch heutiges Tages beschreiben. Der Bau der Häuser ist bekannt. Die vordere Thür wurde nie geöffnet, außer bei Hochzeiten, Leichenbegängnissen, am Neujahrstage, am Nicolausfest oder anderen Feiertagen. Das Haus war in einem Zustand beständiger Ueberschwemmungen, unter der Herrschaft der Wischer, Besen und Schrubber; die guten Hausfrauen waren dazumal eine Art von Amphibien, und ein Geschichtschreiber jener Zeit erzählt ganz ernsthaft, daß sie Schwimmhäute zwischen den Fingern gehabt, ja von einigen sagt er sogar, daß sie in einen Fischleib ausgelaufen seyen, welches ich indessen für eine Einbildung oder für absichtliche Ungebühr halten muß. Das große Besuchzimmer war das Allerheiligste, wo die Leidenschaft des Reinigens alles Maaß überschreiten durfte. In dieses heilige Gemach durfte Niemand treten, außer einmal in der Woche die Hausfrau und ihre vertraute Magd, um es durchaus zu reinigen und alles wieder zurecht zu rücken – immer beobachteten sie die Vorsicht, die Schuhe an der Thüre auszuziehen und andächtig nur in den Strümpfen hereinzukommen. Nachdem sie den Boden gerieben, ihn mit seinem weißen Sand bestreut und diesen mit einem Besen in schöne Winkel, Schlangenlinien und Rauten ausgeziert, nachdem sie die Fenster geputzt, das Getäfel abgerieben und geglättet und ein neues Büschel Immergrün aufs Kamin gesetzt, wurden die Fenster wieder zugemacht, damit die Fliegen nicht hineinkamen, und das Zimmer sorgfältig verschlossen, bis die wandelnde Zeit in der nächsten Woche wieder den Putztag herbeiführte. Die Familie ging immer durch das Thor aus und ein und lebte fast ganz in der Küche. Der Herd hatte ein wahrhaft patriarchalisches Ansehen, die ganze Familie, Alt und Jung, Herr und Gesinde, Weiße und Schwarze, Hunde und Katzen, freuten sich der schönen Gemeinschaft und jedes hatte sein eignes Eckchen. Hier saß denn der alte Burger und schmauchte ruhig sein Pfeifchen, sah mit halbgeschlossenen Augen in's Feuer und dachte stundenlang an nichts. Die Goede Vrouw auf der andern Seite war fleißig mit Spinnen oder Stricken beschäftigt. Das junge Volk saß um den Herd gekauert und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit einem alten Schaaf von einem Neger zu, der das Orakel der Familie war und gleich einem Raben in einem Winkel am Schornstein hockte und an langen Winterabenden unglaubliche Geschichten von den Hexen in Neu-England, von grausigen Geistern, von Pferden ohne Köpfe, von haarsträubenden Fluchten und blutigen Handgemengen daherkrächzte. In jenen glücklichen Tagen stand eine Familie immer mit Tagesanbruch auf, aß um eilf Uhr zu Mittag und ging mit der Sonne schlafen. Das Essen war durchaus Privatgeschäft und man ließ sich darin nicht gern vom Nachbar stören. Dagegen war man bei den sogenannten Theeparthieen desto geselliger. Diese Parthieen fanden unter den höheren Ständen statt, d. h. unter denen, die ihre eigenen Kühe und Wagen hatten. Man versammelte sich um drei Uhr und ging um sechse auseinander; im Winter war es etwas früher, damit die Frauenzimmer noch bei Tage zurück kamen, wo denn die Herrn für die galante Begleitung einen derben Kuß mit nach Hause nehmen durften. – Der Theetisch trug eine große irdene Schüssel, mit Schnitten von fettem braungebratenem Schweinefleisch, das in der Sauce herumschwamm. Die Gesellschaft saß rings um den Tisch, alle waren mit Gabeln bewaffnet und zeigten eine große Geschicklichkeit, die fettsten Stücke zu durchbohren, – so wie die Schiffer die Meerschweine oder unsere Indianer die Salmen in den Seen stießen. Zuweilen war der Tisch mit ungeheuern Aepfeltorten oder Gläsern mit eingemachten Pfirsichen oder Birnen besetzt; aber immer stand eine große Schüssel mit Ballen von süßem Teig, in heißem Fett gebacken und Teignüsse oder Olykoeks genannt, auf dem Tisch – ein köstliches Backwerk, das man in dieser Stadt fast gar nicht mehr kennt, außer bei den echten holländischen Familien. Der Thee wurde aus einer majestätischen Theekanne aus Delft servirt, die mit Gemälden verziert war, welche kleine fette holländische Schäfer und Schäferinnen neben ihren fressenden Schweinen, und Schiffe in der Luft, Häuser in den Wolken und andere solche holländische Phantasiebilder darstellten. Die Schönen zeichneten sich in der Geschicklichkeit aus, den Theetopf aus einem ungeheuern kupfernen Theekessel zu füllen. Um das Getränk zu süßen, lag ein Klumpen Zucker neben jeder Tasse, und die Gesellschaft sog und leckte mit großem Anstande daran, bis eine gescheute und sparsame alte Dame eine Verbesserung einführte und einen dicken Klumpen mittelst einen Bindfadens von der Decke auf den Theetisch herabhängen ließ, so daß er von Mund zu Mund geschwungen werden konnte, welches bei einigen Familien in Albany und auf allen unsern unbefleckten Dörfern noch jetzt Sitte ist. Bei diesen ursprünglichen Theeparthieen ging es denn sehr ehrbar zu; kein Gaukeln und Kokettiren, kein Spielchen bei den alten Damen, kein hölzernes Gelächter und kein Geschnatter bei den jungen, kein selbstzufriednes Aufblähen bei den reichen Herrn, die mit dem Kopf immer in der Geldtasche stecken, keine Unterhaltungsspiele und äffische Zeitvertreibe, wie sie unsere modischen jungen Herrn vorschlagen. Da saßen die jungen Damen still auf ihren Binsenstühlen und strickten sich wollne Strümpfe; sie öffneten die Lippen nur, um «yah Mynheer» oder «Yah, yah Vrouw» auf die Fragen zu antworten und sich in allen Dingen wie ehrbare wohlerzogene Jungfrauen zu benehmen. Die Herren rauchten alle in Frieden ihre Pfeifchen und schienen in Betrachtung der blau und weißen, gebrannten Steine verloren, welche die Kamine einfaßten und Darstellungen aus der Bibel enthielten. Wie Tobias und sein Hund, Haman am Galgen, oder Jonas, der lustig aus dem Wallfisch springt, wie der Hanswurst durch ein feuriges Faß. Die Gesellschaft brach ohne Geräusch und Verwirrung auf. Nach Hause fuhren sie auf Schusters Rappen, außer diejenigen, denen der Reichthum eine Kutsche erlaubte. Die Herren begleiteten die Damen galant nach Hause und nahmen sich an der Thüre den bemeldeten kräftigen Kuß, der damals nichts Arges war, und auch noch, aus Hochachtung für unsere Vorältern, so angesehen werden sollte. Die Häuslichkeit der Frauen offenbarte sich sogleich an den großen gesteppten und gestickten, buntfarbigen Taschen, an den daneben hängenden Scheeren und Nadelkissen. Sie trugen eine Menge Röcke, sehr kurz, kaum über's Kniee hinab, wahrscheinlich, um ihre schönen blauwollnen Strümpfe mit prächtigen rothen Zwickeln oder einen hübschen Fuß, auf hohem Absatz und mit schönen Silberschnallen, oder wohlgeformte Waden zur Schau zu tragen. So finden wir, daß das schöne Geschlecht zu allen Zeiten denselben Hang offenbart hat, die Gesetze des Decorums etwas zu überschreiten, um verborgene Reize hervorzuziehen oder einer unschuldigen Freude am Putz nachzuhängen. Je mehr Kleider über einander, desto reicher, desto schöner. Ein recht breites Dämchen mit zwölf Röcken wurde von einem niederländischen Sonettendichter mit einer strahlenden Sonnenblume oder einem strotzenden Kohlkopfe verglichen. Der Reichthum der Damen bestand in den selbstgewirkten Röcken, wie bei den Damen von Kamtschatka und Lappland in den Bärenpelzen oder Rennthierfellen, und die besten Zimmer waren, statt mit Gemälden, mit diesen Röcken und Kleidern behangen. Die Herren entsprachen diesem Schmuck in vielen und weiten Beinkleidern, einem aus Wollen und Leinen gemachten Rock mit großen Messingknöpfen, alles vielleicht das Werk seiner Hausfrau oder Töchter, die Schuhe mit großen kupfernen Schnallen; ein niedrer breiträndiger Hut überschattete das dicke Gesicht, und das Haar hing in einem merkwürdigen Zopf von einer Aalhaut den Rücken herab. So ausgestattet, sprang auch der Jüngling muthig daher, um mit der Hirten-Pfeife ein versteinertes Mädchenherz zur Uebergabe zu zwingen – keine Pfeife, wie sie Galatheen zum Preise erklang, sondern ein ächtes Delfter Fabrikat mit duftendem Kraut gestopft. Hiermit setzte er sich entschlossen vor die Festung hin und selten schlug es ihm im Laufe der Zeit fehl, den Feind auf ehrenvolle Bedingungen zur Uebergabe zu rauchen. Ohne Furcht und Tadel hingen die Liebenden, er mit zehn Beinkleidern, sie mit zwölf Röcken, den unschuldigen Schäckereien untadelhafter Liebe nach. Was konnte auch eine Tugend zu befürchten haben, die von einem Schild guten leinwollnen Zeuches beschirmt war, wie der unbesiegliche Ajax von den sieben Stierhäuten. O glückliche, nie wiederkehrende Zeit, wo der Buttermilch-Kanal bei niedrem Wasser völlig trocken war, wo es im Hudson von Salmen wimmelte, wo der Mond noch in reinem Silberglanz erschien, statt des melancholischen gelben Lichtes, welches die Folge seines Kränkelns über die Verworfenheiten ist, wovon er jetzt in dieser entarteten Stadt jede Nacht Zeuge seyn muß! Viertes Kapitel. Getreue Beschreibung des betriebsamen Volkes von Connecticut und der Umgegend, Yankees genannt. Der Provinz der neuen Niederlande drohten bald Gefahren von Eindrängern an den östlichen Grenzen. In England hatte die geistliche Gewalt den Leuten das Reden verboten. Die, welche sich der schrecklichen Tyrannei nicht unterwerfen wollten, wanderten nach Amerika, wo sie ihrem Hang, zu schwatzen, freien Lauf lassen konnten. Sie erhoben an dieser geschwätzigen Küste auch sogleich ein solches Durcheinander von Geschrei, daß die Vögel und das Wild weit entflohen und gewisse hier sehr zahlreiche Fische so stumm und dumm wurden, daß man sie noch heut zu Tage Stummfische nennt. Von jener Zeit rührt das Palladium unseres Vaterlandes, das sogenannte «Recht zu sprechen», welches dieses Land so eifrig unterhält in Zeitungen, Pamphleten \&c. Es ist dieß das wichtige Recht, gedankenlos und ohne unterrichtet zu seyn, über alles mitsprechen zu dürfen. Die einfachen Urbewohner des Landes betrachteten dieses fremde Volk eine Zeitlang mit großem Erstaunen; als sie aber fanden, daß sie zwar geräuschvolle, doch unschuldige Waffen führten und ein regsamer, gutartiger Schlag Menschen seyen, wurden sie zuthunlich und gesellig und gaben ihnen den Namen Yanokes , welches in der Meis-Tchusang- (oder Massachusett) Sprache stille Menschen bedeutet – eine schalkhafte Benennung, die man in Yankees abgekürzt hat und noch heute gebraucht. Was diese Yankees für unsere holländischen Vorfahren am gefährlichsten machte, waren mehrere Gewohnheiten, vor Allem das herumziehende unruhige Leben, das sie gleich den Söhnen Ismaels führten, wobei sie Land urbar machten und Häuser bauten, die sie anderen überließen, als die wahren Araber Amerika's. Wie die alten Patriarchen wanderten sie mit Weibern, Kindern, Knechten und Heerden weiter, mitten in die Wälder, lichteten sie und wirthschafteten darin. «Verbesserung» war dabei ihr stetes Ziel, d. h. eine ewige Veränderlichkeit. Diese treibt sie endlich hinaus, sich einen neuen Ort der Ansiedlung zu suchen, wieder Bäume zu fällen, Felder anzubauen, wieder Häuser, Ställe und Scheunen zu bauen und sie wieder zu verlassen. Der Art waren die Bewohner von Connecticut, die östlichen Nachbarn der Neu-Niederländer, und meine Leser können sich leicht denken, welche Nachbarn dieses mercurialische Völkchen für unsere ruhigen Vorfahren waren. Schaaren von Marodeurs streiften in ihr Gebiet hinüber und setzten ganze Dörfer durch ihre Behendigkeit und ihren Forschungstrieb in Angst und Schrecken, zwei Eigenschaften, die bis dahin unter ihnen unbekannt oder verabscheut waren. Auch gab es viele Scenen der Eifersucht durch ihre schnellen Bekanntschaften mit dem göttlichen Geschlecht; denn bald hatten sie mit ihrer verwetterten Zunge und gewandten Art den einfachen holländischen Schönen die Köpfchen verrückt. Unter andern häßlichen Gewohnheiten wollten sie auch die vertraute Sitte des «Bündelns» einführen, welches bei Liebeshändeln damit anfängt, womit andere aufhören; aber diese ausländische Neuerung verbaten sich die Mütter, die besser als ihre Töchter mit der Welt und den Männern bekannt waren, sehr ernsthaft. Ohne Weiteres nahmen sie oft von niederländischen Landestheilen Besitz, um den Boden zu cultiviren oder zu verbessern, wie sie sagten. Diese Art, sich ohne Complimente neuen Grund anzueignen, nannte man technisch Squatten, und daher bekamen sie den Namen Squatters, welcher allen großen Oekonomiebesitzern ein Gräul ist. Das ruhige Cabinet Van Twillers ertrug alle diese Unglücksfälle mit einer Großmuth, die unsterblichen Ruhm verdient – man gewöhnte sich allmählig an diese wachsende Last, wie jener starke Mann im Alterthum, der ein Kalb von der Geburt an alle Tage trug, bis es ein großer Ochs geworden war. Fünftes Kapitel. Wie das Fort der guten Hoffnung furchtbar belagert wurde – wie der berühmte Wouter in einen tiefen Zweifel fiel und endlich ausschmauchte. Schon sehr früh und vor der Ankunft des berühmten Wouters hatte das Cabinet der Neuen-Niederlande die Ländereien am Connecticut gekauft und dort zum Schutz einen befestigten Punkt am Ufer errichtet, welchen man das Fort der guten Hoffnung nannte, dicht bei der jetzigen schönen Stadt Hartford. Das Commando mit dem Titel als Commissär erhielt der ritterliche Jacobus Van Curlet oder Van Curlis. Er hatte das Ansehen eines langen Mannes auf kurzen Beinen, und machte deßhalb solche Schritte, daß man ihn hätte für den Däumling mit den Siebenmeilenstiefeln halten sollen; dabei tappte er so stark auf, daß seine Leute immer fürchteten, er werde sich selbst einmal unter die Füße treten. Dieses verwegenen Mannes und seines starken Forts ungeachtet, unterließen es die Yankees doch nicht, in das Gebiet einzudringen und sich selbst in der Umgebung des Forts festzusquattern. Bei solcher Beleidigung unterließ es auch der langleibige Van Curlet nicht, hervorzukommen, auf gut holländisch dagegen zu protestiren und eine Abschrift der Protestation mit einem höchst beschwerenden Bericht an den Gouverneur zu schicken. Nun sprach er seinen Leuten Muth ein, schloß das Thor der Festung, rauchte drei Pfeifen, ging zu Bett und erwartete mit großer Kaltblütigkeit den Erfolg, welches seinen Leuten großen Muth und seinen Feinden ohne Zweifel Zaghaftigkeit einflößte. Nun geschah es zu selbiger Zeit, daß der berühmte Wouter Van Twiller, an Jahren und Ehren und Rathsmahlzeiten reich, die Lebensperiode erreicht hatte, die nach dem großen Gulliver zum Eintritt in den alten Orden der Struldbruggs berechtigt. Als nun Seine Excellenz der Gouverneur die Protestation des ritterlichen Jacobus Van Curlet zu lesen bekam, fiel er gradeswegs in den tiefsten Zweifel, den er je gehabt hatte; sein umfassender Kopf sank allmählig auf die Brust herab, er schloß die Augen, neigte das Ohr auf die eine Seite, als wolle er genau der Discussion zuhören, die in seinem Magen vor sich ging, welcher bei ihm das Unterhaus des Parlaments war. Ein unarticulirter Ton, der sehr einem Schnarcher glich, entfuhr ihm, aber diese innere Ueberlegung kam nie mehr zu Tage, da er über diesen Gegenstand gegen Niemanden seine Lippen mehr öffnete. Mittlerweile lag die Protestation Van Curlets ruhig auf dem Tisch, wo sie dazu diente, die Pfeifen anzuzünden, und in dem großen Tabacksdampf, den der Rath verbreitete, war bald das Fort der guten Hoffnung und sein ritterlicher Vertheidiger umwölkt und vergessen, wie eine wichtige Frage in einer Congreßsitzung durch vieles Schwatzen und Entschließen. Während nun Wouter in seinen Zweifeln vorrückte, schritt der Feind in dem Gebiet weiter und baute in der Nähe des Forts die Stadt Pyquag, die jetzt Weathersfield heißt, und nach dem würdigen Historiker John Josselyn wegen ihrer Hexen verflucht war. Die Bewohner derselben wurden so keck, daß sie ihre Zwiebeln, wodurch sie berühmt geworden sind, der Garnison der guten Hoffnung dicht unter die Nase bauten, so daß die guten Holländer nach dieser Gegend nicht ohne Thränen in den Augen hinausblicken konnten. Diese schreiende Ungerechtigkeit erregte den vollen Unwillen des ritterlichen Jacobus Van Curlet. Er zitterte vor Zorn und Muth, und dieser Ausbruch von Leidenschaft wurde durch die Länge seines Leibes verstärkt. Er ging heraus, vermehrte die Befestigungen und schickte einen zweiten Courier mit der furchtbaren Nachricht von seiner gefährlichen Lage ab. Der erwählte Courier war ein kleiner, fetter, schmieriger Kerl, der die Hetze wohl aushalten konnte. Man gab ihm das schnellste Wagenpferd in der ganzen Garnison, welches hoch und lang war, derbe Knochen hatte und stark stieß; der kleine Mann mußte sich am Schweif über das Hintertheil hinaufarbeiten. Aber er eilte sich so sehr, daß er in etwas weniger als einem Monat im Fort Amsterdam ankam, obwohl die Entfernung gute zweihundert Pfeifen ausmachte. Das Außerordentliche seiner Erscheinung würde die Stadt Neu-Amsterdam in Schrecken versetzt haben, wenn sich die guten Leute je um irgend etwas, außer ihren häuslichen Angelegenheiten, bekümmert hätten. Mit dem Anschein der größten Eile sprengte er in scharfem Trab durch die schmutzigen Gassen der Hauptstadt und überritt ganze Häuser von Koth, welche die kleinen Kinder am Wege bauten, für welche plastische Kunst die Jugend dieser Stadt immer bekannt gewesen ist. Als er beim Haus des Gouverneurs ankam, rutschte er mit großer Hast vom Pferd herab, weckte den grauköpfigen Thürsteher, den alten Skaats – klopfte heftig an der Thüre des Rathszimmers und erschreckte die Mitglieder, die über einen Plan zu einem Markte in stilles Brüten versunken waren. In diesem Augenblick wurde ein sanftes Grunzen oder vielmehr ein tiefer, schnarchender Athemzug von dem Stuhl des Gouverneurs gehört, sogleich sah man eine Rauchwolke seinen Lippen entschlüpfen und eine kleinere dem Pfeifenkopfe. Der Rath glaubte, er sey für das Wohl der Gemeine eingeschlafen, und es wurde, wie sonst in solchem Falle, Stille geboten, als auf einmal die Thüre aufging und der kleine Courier ins Zimmer tappte, zur Hälfte in großen Steifstiefeln versteckt, die er eigens zu diesem Ritt mit bekommen hatte. Die rechte Hand hielt die verhängnißvolle Depesche und die linke den Hosenträger, der ihm beim Absteigen gerissen war. Er ging mit Entschlossenheit auf den Gouverneur los und übergab mit mehr Eile als Vorsicht die Botschaft. Aber glücklicherweise kamen diese traurigen Nachrichten zu spät, um die Ruhe dieses friedlichen Herrschers zu stören. Seine ehrwürdige Excellenz hatte so eben den letzten Zug gethan – seine Lunge und Pfeife gingen mit einander aus und seine friedliche Seele schwang sich in dem letzten Puff, der seiner Tabackspfeife entstieg, zu besseren Gefilden empor. Mit einem Wort, der berühmte Walter der Zweifler, welcher so oft mit seinen Collegen geschlafen, schlief nun mit seinen Vätern, und Wilhelmus Kieft ward Gouverneur an seiner Stelle. Viertes Buch. Welches die Chronik der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen enthält. Erstes Kapitel. Beschreibt die universellen Eigenschaften Wilhelms des Eigensinnigen, und zeigt, wie ein Mann es so weit in den Wissenschaften bringen kann, daß er für nichts zu brauchen ist. Nun beginnt der Strom unserer Geschichte, der bis jetzt in friedlichem Laufe dahin floß, auf immer seine stillen Umgebungen zu verlassen und durch viele wilde und furchtbare Umgebungen sich durchzukämpfen. Wie ein schimmernder Ochs, der sich in einem fetten Kleefelde weidlich gemästet hat, in üppiger Ruhe daliegt und erst auf wiederholte Schläge und Rippenstöße die unbehülflichen Glieder rührt und mit plumper Anstrengung sich aus seinem Schlummer erhebt: so wurde auch die Provinz der Neuen Niederlande, nachdem sie lange unter der gedeihlichen Verwaltung des Zweiflers geschlummert und fett geworden, unbarmherzig wachgeprügelt unter der unruhigen Regierung seines Nachfolgers. Der Leser wird nun die Art und Weise kennen lernen, wie eine Gemeinde allmählig in den Zustand des Kriegs übergeht, worin sie leider dem Pferde gleicht, das sich der Trommel nähert. Dieß geschieht zwar mit vieler Parade und lebhaftem Tanzen, doch sehr langsam und oft mit dem Hintertheil voran. Wilhelmus Kieft, der im Jahre 1634 den Gouverneursitz bestieg, war in Gestalt, Zügen und Charakter das völlige Gegentheil seines berühmten Vorgängers. Er war von sehr respectabler Abkunft, denn sein Vater war Inspector der Windmühlen der alten Stadt Saardam gewesen, und unser Held stellte, wie wir hören, in seiner Jugend sehr merkwürdige Versuche über die Natur und das Arbeiten dieser Maschinen an, welche ihn später so sehr zum Gouverneur qualificirten. Sein Name war nach den scharfsinnigsten Sprachforschern eine Verketzerung von Kyfer oder Keifer und drückte eine erbliche Eigenschaft seiner Familie aus, die nahe an zweihundert Jahre die windige Stadt Saardam warm gehalten und mehr Weinstein und Schwefel producirt, als zehn Familien zusammen, und kaum hatte Wilhelmus Kieft ein Jahr sein Gouvernement verwaltet, als er auch allgemein Wilhelm der Eigensinnige genannt wurde. Er war ein lebhaftes, zanksüchtiges, kleines altes Männchen, das zusammengeschwunden und abgewelkt war, theils durch den natürlichen Proceß der Jahre, theils durch das heftige Brennen seines feurigen Geistes, der stark wie ein Nachtlicht in seinem Busen glühte und ihn ewig zu mannhaften Kämpfen, Zwistigkeiten und Mißgeschicken trieb. Ein tiefdenkender Philosoph machte mir einst die Bemerkung, wenn ein Weib mit den Jahren fett werde, sey ihr Leben nicht sehr zu verbürgen, wenn sie mager werde, lebe sie ewig – dieses war gerade der Fall mit Wilhelm dem Eigensinnigen, der je magerer desto zäher wurde. Sein Gesicht war breit und seine Züge scharf, die Nase hatte einen fast unbesonnenen Schwung in die Höhe, die Wangen verglühten dunkelroth – wahrscheinlich durch die Nachbarschaft eines heftigen kleinen grauen Augenpaars, durch welches seine glühende Seele mit tropischer Hitze strahlte. Die Ecken des Mundes standen wunderlich hervor, wie in erhabner Arbeit oder wie die eckige Schnauze eines reizbaren Mopshundes – kurz er war einer der selbstständigsten, unruhigsten, häßlichsten kleinen Männer, die sich jemals um Nichts ereiferten. In seiner Jugend hatte er auf der berühmten Universität im Haag mit vieler Auszeichnung den Wissenschaften, den todten Sprachen, der Logik und Metaphysik obgelegen, Dinge, auf die er so stolz seyn konnte, wie ein General auf seine Trophäen, und die ihn mit einem Nimbus von Unverständlichkeit umgaben, aus dem er nie ganz heraustrat und der seine Kämpfe unendlich hartnäckig machte. Es geht bei den Wissenschaften wie mit dem Schwimmen; der, welcher prahlerisch an der Oberfläche arbeitet, macht mehr Lärm und Gesprütz und zieht die Aufmerksamkeit mehr an, als der fleißige Perlenfischer, der nach Schätzen bis zum Grunde untertaucht. Die «universelle Bildung» des Wilhelm Kieft wurde von seinen Landsleuten höchlich bewundert, er figurirte im Haag wie ein gelehrter Bonze, der sich der Hälfte des chinesischen Alphabets bemeistert hat; mit einem Wort, er erhielt den Titel Universalgenie! Ich habe viele Universalgenies kennen gelernt, doch kein einziges gefunden, das in Dingen des gemeinen Lebens nur sein Gewicht in leerem Stroh werth gewesen wäre – und für's Regieren will ein wenig gesunde Urtheilskraft und schlichter Menschenverstand mehr sagen, als alle die funkensprühenden Genies, die jemals Theorieen erfanden oder Gedichte machten. Auch unserm edlen Kieft machten die philosophischen und politischen Experimente nach den Regeln der Alten so viel zu schaffen, daß er in seiner Verwaltung mehr Knoten schlug, als ein Dutzend Nachfolger aufzulösen im Stande waren. Kaum war dieses lärmende Männchen durch einen Windstoß des Glücks auf den Sitz der Regierung geschleudert, als er den Rath zusammenrief und eine sehr lebhafte Rede über die Angelegenheiten der Provinz hielt. Man kann sich denken, daß der kampferfahrne Wilhelm Kieft die Gelegenheit zu einer glänzenden Entwicklung seiner Talente nicht vorübergehen ließ. Ehe er begann, zog er das Schnupftuch heraus und ließ seine Nase in sehr sonoren Tönen moduliren, wie die großen Redner zu thun pflegen. Dieses scheint mir eine Art von Signalstößen mit der Trompete zu seyn, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; bei Wilhelm dem Eigensinnigen aber hatte es die Bewandtniß, daß er von dem famosen Demagogen Cajus Gracchus gelesen, wie er bei einer Rede an die römische Menge seine Töne mit einer Rednerflöte oder Zwerchpfeife modulirt habe. Nachdem die vorbereitende Symphonie vorüber war, fing er damit an, daß er ein demüthiges Bekenntniß seiner Unvollkommenheit, seiner völligen Unwürdigkeit und Unfähigkeit zu dem wichtigen Posten, kurz eine solche Verachtung seiner selbst aussprach, daß mehrere einfältige Mitglieder vom Lande, die dieß für baare Münze hielten, sich sehr verwunderten und selbst erzürnten, daß er ein Amt angenommen, wozu er gar nicht fähig sey. Dann ging er zu den Regierungen Griechenland's, Rom's und Karthago's und zu den Ursachen des Wachsthums und Verfalls vieler fremden Reiche über, von welchen die Versammlung so wenig etwas wußte, als ihre noch nicht gebornen Urenkel. Nachdem er auf solche Weise seine Gelehrsamkeit beglaubigt hatte, gelangte er endlich zu dem minder wichtigen Theil seiner Rede, dem Zustande der Provinz – und hier ereiferte er sich denn im höchsten Grade über die Yankees, die er mit den Galliern verglich, welche Rom verwüsteten, und mit den Gothen und Vandalen, welche die schönsten Gefilde Europa's durchwütheten; in angemessenen Schimpfworten wurde hierbei der Schmach des Eindrängens, der Keckheit des Ansiedelns und endlich des Schimpfes gedacht, daß sie sich nicht entblödet, ihre Zwiebeln bis unter die Wälle des Forts der guten Hoffnung zu pflanzen. Nach dem kunstvollen Climax, der in dieser letzten Periode lag, kehrte er mit der Ruhe eines Weisen zu sich zurück und erklärte mit Selbstbewußtseyn, er habe Maßregeln getroffen, um diesen Eingriffen ein Ende zu setzen – er benutze hierzu ein neuerfundenes Geschütz, welches zwar fürchterlich, aber unumgänglich nothwendig sey – es heiße Proclamationen! Ein solches Geschütz mit furchtbaren Drohungen stehe gerüstet da, und er gebe sein Wort als Gouverneur, daß nach zwei Monaten der Publication in den neuen Städten dieser Eindränger kein Stein auf dem andern bleiben werde. – Der Rath verstummte nach diesen Worten auf geraume Zeit; entweder war es Folge des tiefen Eindruckes der glänzenden Rede, oder waren sie über die Länge derselben eingeschlafen, das wird nicht mit überliefert. Endlich aber wurde ein allgemeines Beifallgrunzen gehört und die Proclamation sogleich mit gehöriger Feierlichkeit ausgefertigt, unter Anhängung des großen Insiegels der Provinz, ungefähr in der Größe eines Pfannkuchens, welches mittelst eines breiten rothen Bandes angeheftet war. Der Gouverneur fühlte sich nach diesem Erguß seines Unwillens wesentlich erleichtert, vertagte die Versammlung, setzte seinen aufgekrämpten Hut auf, zog seine blutrothen Hosen in die Höhe, bestieg ein langes dürres Pferd, und trabte damit auf seinen Landsitz, der in einem lieblichen einsamen Moraste lag und jetzt die Holländer-Gasse oder besser der Hunds-Jammer ( Dogs Misery ) genannt wird. Hier ruhte er wie der göttliche Numa von den Regierungssorgen aus und nahm neuen Unterricht – nicht bei der Nymphe Egeria, sondern bei seiner edlen Hälfte, die eines jener besondern Wesen war, welche nach der großen Fluth zur Strafe für die Sünden der Menschen erschienen und unter dem Namen «kluge Frauen» bekannt genug sind. Pantoffelherrschaft war damals noch tiefes häusliches Geheimniß, und wenn diese Art zu regieren auch keine hervorstehende Seite des Alterthums gewesen zu seyn scheint, so tröstete er sich doch mit einem classischen Spruch für die selbstauferlegte Unterwerfung; er hieß: «erst der ist würdig zu befehlen, welcher gehorchen gelernt hat.» Zweites Kapitel. Erzählt die Kunst, mit Proclamationen zu Felde zu ziehen – sowie die schmählige Behandlung des ritterlichen Jacobus Van Curlet in dem Fort der guten Hoffnung. Die Zeit verfloß, es kamen vier Jahre in's Land, und die fürchterliche Proclamation war ohne allen Erfolg, denn noch immer standen die Zwiebeln von Pyquag unter den Mauern des Forts, zu nicht geringem Augenleiden der Garnison; es entstand dicht auf den Fersen des Forts der guten Hoffnung die Colonie Hartfort, nicht minder eine neue Niederlassung Namens Newhaven in den Besitzungen Ihrer Hochmögenden. Der weise Kieft schob die Schuld nicht auf das Mittel, sondern auf die Dosis. Eine zweite Proclamation von schwererem Kaliber als die vorige, erging in donnernden langen Sentenzen, wobei kein Wort weniger als fünf Sylben zählte. Es war eine Art Verruf, welcher allen getreuen Unterthanen verbot, den Feind mit Wachholderbranntwein, Lebkuchen und Sauerkraut zu verproviantiren, oder ihnen ihre Paßgänger von Pferden, ihre finnigen Schweine, ihren schlechten Aepfelbranntwein, Yankee-Rum, Cider-Wasser, Aepfelgebäck, Weatherfield-Zwiebeln, hölzerne Schalen abzukaufen, sondern sie vom Erdboden zu vertilgen. Nach zwölf Monaten vergeblichen Harrens sandte Van Curlet abermals eine Depesche ab und stellte dringend seine traurige Lage vor. Seit Wouters Abgang war seine Garnison durch den Hintritt zweier tapfern Krieger, die sich an Salmen zu Tode gegessen hatten, um ein Achtel geschwunden; die Feinde belagerten und höhnten sie immer ärger; unter den letztern beleidigenden Umständen wird die Geschichte eines von den Yankees weggefangenen Schweins erzählt, welches der Compagnie angehörte und von dem Gras auf feindlichem Boden gefressen haben sollte, während doch diese Eindränger keinen Fleck Landes, geschweige denn Grases rechtmäßig besaßen; auch wurde über unbedeutendere Beleidigungen an Menschen, die man blutrünstig geschlagen, Klage angestellt. Die blutigen Häupter der Ihrigen, mehr noch die empörende Gefangennehmung ihres edlen Genossen, des Schweins, weckte ein sympathetisches Grunzen in Aller Herzen. Nun setzte sich aber der Gouverneur mit dem Rath ernsthaft zusammen. Die Proclamationen waren in Mißcredit gefallen; Einige meinten, man solle den Yankees Tribut senden, wie die großen Mächte den kleinen Seeräubern der Berberei jährlichen Tribut zahlen oder die Indianer dem Teufel opfern; andre wollten sie abgekauft wissen, womit aber ein Anerkenntniß ihres Rechts verbunden gewesen wäre. Ganz zufällig stolperten die weitsichtigen Politiker auf den nächsten Gegenstand, den Plan, Truppen auszusenden und die Garnison damit zu verstärken. Die Maßregel gefiel und in weniger als zwölf Monaten war das ganze Expeditionscorps von einem Sergeanten und zwölf Mann marschfertig. Gerade als über diese Truppen Revue zum Ausrücken gehalten wurde, kam der ritterliche Jacobus Van Curlet in die Stadt gesprengt sammt seiner zerlumpten Besatzung und brachte die traurige Nachricht von einer Niederlage und von der Uebergabe seines wichtigen Postens an die Yankees. Das Schicksal dieser wichtigen Festung ist eine lehrreiche Warnung für alle militärischen Befehlshaber. Sie wurde weder mit Sturm genommen, noch durch Aushungerung zur Uebergabe gezwungen, es bedurfte keiner Bresche, keiner feurigen Kugeln, keiner Zerstörung durch platzende Bomben. Das Fort wurde durch eine eben so sonderbare als wirksame List erobert, die nie fehlschlagen kann, wenn sich Gelegenheit dazu bietet. Ich darf zur Ehre unserer glorreichen Ahnen versichern, daß die Sache ihnen nicht zur Schande gereicht. Es scheint, daß die hinterlistigen Yankees, von den regelmäßigen Gewohnheiten der Garnison unterrichtet, eine vortheilhafte Gelegenheit abwarteten und sich mitten an einem schwülen Tage in das Fort schlichen, während die wachsamen Vertheidiger, mit einem guten Mittagessen gesegnet und nachdem sie die Pfeifen ausgeraucht hatten, einer nach dem andern auf ihren Posten tüchtig schnarchten und sich von einem solchen Unstern warlich nichts träumen ließen. Der Feind packte den Van Curlet und seine handfesten Myrmidonen ohne alle Lebensart beim Genick, komplimentirte sie bis zum Thor der Festung und entließ sie, einen nach dem andern, mit einem Tritt in den H—, wie Carl XII. die schwerlöthigen Russen nach der Schlacht von Narva entließ. – Van Curlet aber erhielt zur Auszeichnung seiner Würde zwei Tritte. Es wurde sogleich eine starke Garnison in die Festung gelegt: zwanzig langleibige, schwerfäustige Yankees mit Weatherfield-Zwiebeln, als Kokarden und Federn auf den Hüten, mit langen rostigen Vogelflinten, mit Mehlklösen, Stummfischen, Schweinefleisch und Kochzucker zu Vorräthen, und ein großer Kürbis wurde an eine Stange gesteckt als Standarte – da damals noch keine Freiheitskappen im Gebrauch waren. Drittes Kapitel. Welches die fürchterliche Wuth Wilhelms des Eigensinnigen und den großen Schmerz der Neu-Amsterdamer beschreibt, ferner wie Jener die Stadt stark befestigte, und Stoffel Brinkerhoofd große Thaten that. Die Sprache ist zu arm, die merkwürdige Wuth zu beschreiben, in welche Wilhelmus Kieft durch diese ehrenrührige Behandlung verfiel. Drei gute Stunden war das Rasen des kleinen Mannes zu stark für Worte, oder vielmehr Worte waren zu stark für ihn, und er erwürgte schier an einem Dutzend ungeheurer, mißgeschaffner, neuneckiger holländischer Flüche, die sich ihm in der Gurgel kreuzten. Nachdem er endlich die erste volle Lage gegeben, feuerte er ohne Aufhören drei ganzer Tage – indem er die Yankees, Männer, Weiber und Kinder, an Leib und Seele verfluchte, und sie als Diebe, Schobbejaken, Deugenieten, Twist-Zökeren, Loozen-Schalken, Blaes-Kaken, Kakken-Bedden brandmarkte, sowie mit vielen anderen Namen, die leider die Geschichte nicht aufbewahrt hat. Zuletzt schwur er, daß er nichts mehr zu thun haben wolle mit einem solchen squatternden, spatzenartigen, lauernden, ausfragenden, schnappsenden, kürbisfressenden, syrupschmierigen, schindelspaltenden, weinverwässernden, roßkammichten, zettelkrämerischen Packvolk – sie möchten auf dem Fort Goed Hoop stehn und schimmeln, ehe er seine Hände mit ihren Cadavern besudeln wolle; und um dieß zu bethätigen, ließ er die neuausgehobenen Truppen, obwohl es noch nicht einmal ganz Sommer war, sogleich die Winterquartiere beziehen. Der Gouverneur Kieft hielt sein Wort und seine Gegner ihre Posten, und so fiel der herrliche Fluß Connecticut mit seinem schönen Thal, seinen Salmen, Alsen und andern guten Fischen auf immer in die Hände der siegreichen Yankees, die bald der Schrecken der Gegend wurden, so daß die alten Mütterchen die Kinder mit dem bloßen Namen schon still machten und ins Bett jagten. Zu der Zeit lebte in Neu-Amsterdam einer Namens Anton Van Corlear (nach welchem die Corlears-Spitze benannt wird), ein schmucker kugelrunder holländischer Trompeter, mit einem lustigen dicken Gesicht, berühmt wegen seines langen Athems und buschigen Backenbarts; er blies so kräftig, als ob zehntausend Sackpfeifen einem lustig in die Nase dröhnten. Ihn erwählte der berühmte Kieft zum Kämpen und zur Complettirung der Garnison von Neu-Amsterdam, an dessen besserer Befestigung nun, nach dem Rath der alten Weiber, ernsthaft gedacht werden mußte. Er hoffte zuversichtlich, daß diese Trompete so kräftig seyn werde, wie das Horn des Paladin Roland oder das noch classischere Alecto's. O wie schnippte der Gouverneur die Finger und faselte hin und her im Entzücken, als sein schmucker Trompeter die Wälle auf und ab marschirte und lustig der Welt ins Gesicht blies, wie ein herzhafter Autor, der allen Hoheiten und Gewalten jenseits des atlantischen Meers keck aufspielt. Was die Stärke der Befestigung erhöhte, waren Zuthaten von seiner eignen Erfindung, in der Geschützkunde, Mechanik \&c.; er setzte eine Flagge in die Mitte, die über die ganze Stadt reichte, und auf der südöstlichen Bastion erbaute er eine große Windmühle. Diese letzte war etwas ganz Neues in der Fortificationskunst, aber Kieft war ein erfinderischer Kopf, ein Universalgenie, welcher Patent-Rauch-Gestelle, sodann große Schiebkarren für Pferde, und Anderes mehr erfand, besonders aber die Windmühlen, seine alte Passion, bei verschiednen Gelegenheiten höchst glücklich anwandte. Freilich wurde ihm auch hie und da der Vorwurf gemacht, daß er die ganze Regierung wie eine Windmühle behandle, und es gab viel Unruhe und Muthlosigkeit, besonders als das verzweifelte Raubgesindel von Connecticut sich an der Austerbai, ganz nahe bei Neu-Amsterdam, niederließ. Dieses griff die Ehre der Stadt unmittelbar an, denn die Auster war dasjenige Thier, welches bei unsern Landsleuten dazumal eine fast göttliche Verehrung genoß; auf allen Gassen, Plätzen, Promenaden waren ihr Tempel errichtet, und der Rath würdigte sie seines besondern Vertrauens und Behagens. Es wurde daher einmüthig beschlossen, die lästigen Gäste von der Austerbai wegzurasiren, und an die Spitze des damit beauftragten Detachements stellte man Stoffel Brinkerhoofd, oder Stoffel den Halsbrecher, der durch die ganzen Neuen-Niederlande wegen seiner geschickten Handhabung des Stuhlbeins oder Besenstiels bei unvorhergesehenen Kämpfen, gefürchtet wurde, und so groß war, daß er es mit Colbrand dem Dänen, den Gui von Warwick erschlug, hätte aufnehmen können. Stoffel war ein Mann, der wenig Worte machte, ruhig gerade ausging und nach der Ordre immer zuschlug. Langsam und mit Nachdruck passirte er die Städte Ninive, Babylon, Jericho und andre merkwürdige Oerter des Alterthums, welche die Yankees hierher gehext hatten; auch hielt er sich nicht in Puspanitsch, Patchog und Quag auf, sondern ging ohne viel Federlesen auf die Austerbai los. Hier stieß er auf eine tumultuarische Rotte von tapfern Kriegern, unter Anführung von Jöckel Stockfisch, Habakuk Nußkern, Wendum Kraft, Serubabel Unruh, Jonathan Tagdieb und Ehrenfest Gockel! – bei welchen Namen ihm zu Muthe ward, als ob das ganze Parlament der Preis-Gott-Barfüßer ihm entgegen gesandt worden wäre. Aber es war nur die Elite, und es zeigte sich, daß sie keine andre Waffen hatten als ihre Zungen, womit sie auf dem Schlachtfeld der Argumente siegen wollten. Dabei konnte der tapfre Stoffel sich aber nicht aufhalten und schlug sie sogleich in die Flucht, würde sie auch vollends in die See gejagt haben, hätten sie nicht um gut Wetter gebeten und sich zu einem Tribut verstanden. Neu-Amsterdam war über den Sieg so im Taumel, daß dem Stoffel Brinkerhoff ein großer Triumphzug votirt wurde. Er ritt auf einem Navaganset-Zelter, und vor ihm her trug man fünf Kürbisse, die wie die römischen Adler den Feinden als Standarten gedient hatten; man zählte fünfzig Karrn mit Austern, fünfhundert Büschel Weatherfield-Zwiebeln und hundert Centner Kabeljau, zwei Sauköpfe mit Zuckersyrup und viele andere Schätze, welche den Triumphzug verherrlichten. Eine Kriegsmusik, bestehend aus der Trompete Van Corlears und dem Spektakel der Gassenjungen und Neger, mit Klappern, Rasseln und lärmenden Muscheln, belebte den Zug; kein Mann konnte am Ende auf den Beinen stehn, und eingedenk der Verewigung durch Bildnisse bei den Alten, erlaubte Van Kieft, den Kopf des unerschrocknen Stoffel Halsbrecher auf alle Wirthsschilder zu malen! Viertes Kapitel. Neues Unglück im Süden. – Heimlicher Zug des Jan Jansen Alpendam gegen die Schweden, und unverhoffter Lohn. Wilhelm der Eigensinnige gerieth in «einen Habersack von Verwirrungen,» denn nicht genug, daß ihn das gebrannte Herzeleid mit den Yankees quälte, mußten auch noch die Schweden, von dem Ruf des furchtbaren Mannweibes, der Königin Christine beseelt, unter dem Commando des Peter Minnewits einen Einfall wagen und sich am Delaware niederlassen, – der ebenfalls in den Gränzen der Neuen-Niederlande belegen war. Sie errichteten im Jahr 1638 ein Fort, und Minnewits erklärte sich zum Gouverneur alles Landes ringsum, unter der Benennung Neu-Schweden. Kieft schimpfte fürchterlich, berief eine Rathsversammlung und sprach, wie seit den Zeiten der Zehnhosen und Zähhosen nicht gesprochen worden war. Die Folge war – eine neue Proclamation. Aber die Schweden blieben wo sie waren. – Nun blieb nichts übrig, als eine Kriegsrüstung. Eine furchtbare Flotte, aus zwei Schaluppen bestehend, lief unter dem Befehl Mynheers Jan Jansen Alpendam, eines sehr wackeren Admirales, aus. Die Feinde wurden zwar als riesige Eisenfresser bezeichnet, die Speckkuchen verschlängen, Maitrank und Aepfelwein söffen, und rasende Raufer, Beißer, Bohrer, Schmierer und Räuber wären. Aller dieser beregten Eigenschaften ungeachtet lief die Flotte ohne Hinderniß in den Schuylkill in Maryland ein und kam am Ort ihrer Bestimmung an. Hier griff er den Feind mit einer kräftigen holländischen Rede an, die ihm Kieft in die Tasche gesteckt hatte, nannte sie einen Pack fauler, lümmelhafter, schnapssaufender, hahnenraufender, pferdehetzender, sclavenversetzender, wirthshausliegender, sabbathbetriegender, mulattenbrütender Schlingel, und sie sollten sich auf der Stelle aus dem Lande scheeren, oder –. Hierauf antworteten sie auf gut Englisch ganz kurz: «der Teufel werde sie schon zuerst holen.» Auf eine solche Antwort war weder Jan Jansen Alpendam, noch Wilhelmus Kieft gefaßt. Hier war nichts zu thun, als zurückzukehren und die Sache in das vortheilhafteste Licht zu setzen. Man erklärte Alpendam sogleich für das Muster aller Admiräle, weil er mit so kleinen Streitkräften so viel erreicht habe, ohne einen Mann zu verlieren. Man nannte ihn den Retter des Vaterlandes; die beiden Schaluppen wurden trocken gelegt, in ein Bassin, wo sie im Schlamm verfaulten, und um den Namen des Helden zu verewigen, errichtete man ihm auf Subscription ein Denkmal von tannenen Brettern auf der Spitze des Flatten-Barrak-Hill, welches drei ganzer Jahre stand, wo es dann nach und nach zu Brennholz verbraucht wurde. Fünftes Kapitel. Wilhelm der Eigensinnige als Gesetzgeber, wie er sein Volk sehr aufgeklärt und unglücklich macht. Charondas, der Gesetzgeber der Lokrer, befahl zur Erhaltung der alten Gesetze, wer ein neues Gesetz in Vorschlag bringe, solle es mit einem Strick um den Hals thun, damit man ihn, wenn es verworfen werde, sogleich daran aufhängen und hiermit allem Disput ein Ende machen könne. So kam es, daß die Lokrer recht glücklich lebten und in der Geschichte kaum genannt werden, welches ihnen sehr zur Ehre gereicht, da nur die miserabeln Nationen in der Welt Aufsehen machen. Wie glücklich wäre Wilhelm der Eigensinnige gewesen, hätte er sich bei seiner universellen Bildung diese weise Einrichtung gemerkt. Im Gegentheil aber war es sein Grundsatz, je mehr Gesetze, desto glücklicher der Staat; er wußte sich nichts besseres, als die Menschen mit Fußangeln und Selbstschüssen zu schrecken, und so kam es oft, daß die Unschuldigen in Fallen liefen, die Anderen gestellt waren. Gerichtshöfe und Advocaten die Fülle, Entscheidungen nach Gunst und Reichthum, das waren die Ergebnisse seiner umsichtsvollen Gesetzgebung. Um diese Zeit schritt denn auch die Criminalrechtspflege weiter und es wurden ein für allemal Todesstrafen festgesetzt. Ein trefflicher Galgen ward an der Küste errichtet, und nicht weit davon ein anderer, höherer, der den des Haman gewiß beschämte. Die Strafe, welche hier vollzogen wurde, war eine scharfsinnige Erfindung unseres Kieft. Der Verbrecher wurde nämlich nicht am Hals, sondern an dem sogenannten Schmachtriemen, an der Hüfte, aufgehangen und mußte eine Stunde lang, zur großen Erbauung aller Anwesenden, in der Luft rudern. Man glaubt nicht, wie herzlich der kleine Gouverneur lachte, wenn er herumlaufendes Gesindel und kecke Bettler beim H— gefaßt hatte und sie auf dieser Flugmaschine hin und her fliegen und komische Luftsprünge machen sah. Es kamen ihm dabei tausend Witze und schnakische Einfälle. Er nannte sie seine Schooßpudelchen, seine wilden Vögel, seine Hochfliegenden – seine Spann-Adler – seine Habichte – seine Vogelscheuchen und endlich seine Galgenvögel, welche Benennung dann allen nicht bloß mit solcher höheren Aussicht, sondern auch den mit höheren Einsichten begabten Leuten, die im Staate etwas werden, auf ewige Zeiten zu Gute kam. Diese Strafe soll zugleich ein Riemen-Exercitium abgegeben haben, wobei unsere Vorfahren ihre vielen Hosen gehörig anziehen lernten. Dieses waren die wichtigen Verbesserungen, welche Kieft in der Criminal-Gesetzgebung vornahm. Sein Civil-Codex war jedoch nicht minder Gegenstand der Bewunderung, und leider erlauben die Gränzen dieses Werkes hierüber keine Ausführlichkeit. Besonders sorgte er für Leute, die das Gesetz auslegten und verwickelten, und für Rabulisten, welche der Republik bei den Ohren, sprichwörtlich zu reden, den Großvater zeigten. Diese und ähnliche Verbesserungen des vielseitigen Genies trugen zum Erwachen des Volksgeistes bei, und da der Volkshaufe in einer Stadt das ist, was die Seele in dem Körper, so gab es mancherlei unheilbringende Bewegungen, die sehr schlimm auf Neu-Amsterdam zurückwirkten, so daß in der Confusion viele gewundene, winkliche und infame Gassen und Alleen zum Vorschein kamen, welche die Hauptstadt verunzieren. Aber das Schlimmste bei der Sache war, daß der Pöbel, den man seitdem das souveraine Volk nennt, gleich Bileams Esel, anfing, erleuchteter zu werden als sein Reiter, und ein wundersames Verlangen trug, sich selbst zu regieren. Dieß war die Folge von Kiefts griechischen Ideen über Volkserziehung, und es ging ihm immer so, wenn er einmal einen guten Gedanken gefaßt hatte, so stellte er sich sicher schief in der Ausführung. Hatte nun Kieft das Volk durch betriebsame Männer genugsam über das Staatswohl aufgeklärt, und es gefiel ihnen das Ding, so kamen sie oft zusammen, tranken tüchtig, benebelten sich im Tabacksdampf, wurden beim Anhören der Orakel erstaunlich weise und, wie überall, wo der Pöbel aufgeklärt wird, erstaunlich unzufrieden. Da wurden denn jene Volksversammlungen geboren, die bis auf den heutigen Tag so wichtig geblieben sind. Da machten sich alle Müßiggänger und «geringe Standespersonen» auf, die um den Leib der Gesellschaft wie Lumpen hängen und von jedem Wind der Meinungen hinweggeblasen werden können. Schuhflicker verließen ihre Werkstätten und beeilten sich, Unterricht in der Staatswirthschaft zu ertheilen; Hufschmiede gingen von der Arbeit weg und ließen ihre Feuer ausgehen, um mit den Blasbälgen ihrer Lungen das Feuer der Factionen anzublasen; selbst Schneider, die Abschnitzel und Fleckchen der Menschheit, vergaßen ihr Maaß, um der Regierung das Maaß zu nehmen. Es fehlte nichts mehr, als ein halbes Dutzend Zeitungen und unerschrockene Redacteure, um die Erleuchtung zu vollenden und die ganze Provinz in Aufruhr zu setzen. Diese Volksversammlungen fanden in einem beliebten Wirthshause statt. Solche Oerter sind die wahren Findelhäuser guter Gedanken und Gesinnungen, denn hier fehlt es nicht an jenen Lebensströmen, welche den Partheien Kraft und Muth geben müssen. Es wird uns überliefert, daß die alten Deutschen sich im Trunk über wichtige Sachen berathen, und erst wenn sie nüchtern gewesen, entschieden hätten. Der schlaue Pöbel von Amerika liebt nicht diese zweierlei Vernunft, er entschließt sich und handelt sogleich im Trunke, wobei eine Unsumme von ärgerlichen Betrachtungen hinwegfällt – und da ein Mann, wenn er betrunken ist, doppelt sieht, so ist damit bewiesen, daß er zweimal besser sieht, als sein nüchterner Nachbar. Sechstes Kapitel. Von der großen Pfeifenverschwörung – und von dem Elend, welches Wilhelm dem Eigensinnigen die Erleuchtung der Menge bereitete. Wilhelmus Kieft war, wie ich schon angedeutet habe, ein großer Gesetzgeber im Kleinen. Als Jüngling hatte er sich den Spruch Salomo's eingeprägt: «Geh zu der Ameise, du Fauler; sieh auf ihre Wege und werde weise.» Daher kam es, daß er immer wie eine Ameise unruhig hin und her lief, sich viel zu thun machte, und oft über ein Senfkorn sich abmühete, als habe er einen Berg in Bewegung zu setzen. So geschah es denn, daß aus einem seiner Geisteskämpfe, die er Ueberlegen nannte, ein unglückliches Gesetz hervorging, welches den allgemeinen Gebrauch des Tabackrauchens verbot. Er fand durch mathematischen Beweis, daß es nicht allein für das Volk eine drückende Ausgabe, sondern auch ein Zeitverderber, ein Tödter des Glücks und der Moralität der Staatsgemeine sey. Unglückseliger Kieft! hättest du in diesem aufgeklärten und libellsüchtigen Zeitalter gelebt und die unschätzbare Preßfreiheit zu unterdrücken gewagt, du hättest die Empfindlichkeit von Millionen nicht schärfer treffen können. Der Volkshaufe ward wüthend; eine Schaar aufrührerischer Bürger versammelte sich sogar vor dem Haus des Gouverneurs, setzte sich keck hin, wie eine belagernde Armee, und rauchte mit solcher Hartnäckigkeit, als gelte es, ihn zu zwingen, daß er sich übergebe. Wilhelm der Eigensinnige rannte aus seinem Hause wie eine zornige Spinne und verlangte den Grund dieser aufrührerischen Versammlung und dieses gesetzwidrigen Rauchens zu wissen; aber die kecken Aufwiegler antworteten nur thatsächlich damit, daß sie sich sehr phlegmatisch auf ihren Sitzen ausstreckten und mit verdoppelter Wuth rauchten; sie verbreiteten so dicke Wolken, daß der kleine Mann froh war, wieder in sein Schlößchen zurück zu kommen. Der Gouverneur erfuhr bald die Ursache des Aufruhrs, und ward inne, daß es unmöglich seyn werde, eine Sitte aufzuheben, welche den Niederländern zur zweiten Natur geworden war. Dieß ist auch die Ursache, warum in meiner Geschichte dieser Sitte so oft gedacht wird. Die Pfeife kommt dem ächten Holländer nie vom Munde; sie ist sein Gefährte in der Einsamkeit, seine Erholung in müßigen Stunden, sein Rathgeber, sein Tröster, sein Augapfel, sein Stolz, kurz er scheint nur durch die Pfeife zu athmen und zu denken. Wilhelm der Eigensinnige ward endlich zu capituliren gezwungen; er wollte nun zwar die Sitte nicht aufheben, aber er verbannte jene schönen langen Pfeifen aus den Tagen Walters des Zweiflers, welche so viel Behaglichkeit, Ruhe und Mäßigung ausdrückten; an ihrer Stelle wollte er kleine pfiffige kurze Pfeifen von zwei Zoll Länge einführen, die man, wie er sagte, in eine Ecke des Mundes und in das Hutband stecken könnte, und der Arbeit nicht im Wege wären. Hierdurch schien die Menge etwas beruhigt und zerstreute sich nach ihren Wohnungen. Auf solche Weise endete der große Aufstand, der lange unter dem Namen des Pfeifen-Complotts bekannt war, und der sich, wie man etwas spitzig bemerkte, gleich den meisten Bewegungen dieser Art, in Rauch auflöste. Aber höre, Leser, welche beweinenswerthe Folgen später daraus hervorgingen. Der Rauch der schändlichen kleinen Pfeifen, der immer in Wolken um die Nase dampfte, drang durch diesen Weg in's Gehirn, umnebelte es, sog alle liebreiche Feuchtigkeit auf und machte die Menschen so wirblich und eigensinnig wie ihren berühmten kleinen Gouverneur – ja, was mehr ist, aus einer gedeihlichen, aufgequollenen Race wurden, gleich unsern würdigen holländischen Landwirthen, welche kurze Pfeifen rauchen, Laternengesichter, rauchgedörrte, lederhäutige Kerls! Das war aber noch nicht Alles. Denn von da datirten sich die Entzweiungen in der Provinz. Einige der reicheren und wichtigeren Bürger, die der alten Sitte treu blieben, bildeten eine Art Aristokratie, die den Namen Lang-Pfeifen annahm; die niederen Stände dagegen, die sich der Neuerung gutwillig unterwarfen, weil sie sich auch zu ihren Handthierungen besser eignete, wurden mit dem Namen Kurz-Pfeifen gebrandmarkt. Es entstand nun noch eine dritte Parthei, von beiden verschieden, unter Anführung der Nachkommen des berühmten Robert Chewit, dem Gefährten des großen Hudson. Diese gaben den Gebrauch der Pfeifen ganz auf und kauten den Taback, daher sie den Namen Quids erhielten. Diese Benennung hat man seitdem auf alle jene Spielarten ausgedehnt, die zuweilen aus zwei großen feindlichen Geschlechtern hervorgehen, wie der Maulesel vom Pferd und Esel abstammt. Hier ist denn auch der Ort, wo ich die große Wohlthat jener Parthei-Unterschiede bemerklich machen muß, welche die große Masse des Volkes des Denkens überhebt. Schon Hesiod theilt die Menschen in solche, die für sich selbst denken, solche, die andere für sich denken lassen, und solche, die weder das eine, noch das andere thun. Die zweite Classe begreift die große Masse der bürgerlichen Gesellschaft, und daher kommt der Ausdruck Parthei, worunter man eine Menge Menschen versteht, wovon die einen denken und die übrigen schwatzen. Die ersteren, die man die Führer nennt, discipliniren die letzteren, lehren sie, was sie billigen, bei was sie schreien und ins Zeug gehen, was sie unterstützen, doch vor allem, wen sie hassen müssen – denn Niemand kann ein guter Partheigänger seyn, wenn er nicht ein entschiedener und entschlossener Hasser ist. Wenn aber das souveraine Volk so recht in den Harnisch gebracht, angeschirrt, mit einer Kinnkette versehen und unterm Zügel ist, so kann es nur erfreulich seyn, wie sie nun den Dreckkarrn ihrer Parthei, durch Koth und Schlamm fortziehen nach dem Willen ihrer Treiber. Wie viele patriotische Congreßmitglieder habe ich gesehen, die nicht im Stande gewesen wären, zu einem Votum den Verstand zu öffnen, wenn sie nicht solche Vordenker gehabt hätten. Nun konnten die erleuchteten Bewohner von Manhattan sich zum Zwiespalt organisiren und sich systematisch hassen, das Geschäft der Politik ging wacker seinen Gang; die Partheien versammelten sich in besonderen Bierhäusern und rauchten mit unversöhnlichem Groll gegen einander, zu nicht geringem Nutzen des Staates und der Bierwirthe. Die Eifrigeren gingen weiter und salbten einander mit jenen Spitznamen und infamen kleinen Schimpfwörtern, womit die holländische Sprache gesegnet ist. Waren aber die Partheien noch so aufsässig gegen einander, so stimmten sie doch darin überein, daß sie über alle Maßregeln der Regierung raisonnirten und sie verdammten; denn Niemand interessirte sich für einen Gouverneur, den sie nicht geschaffen hatten, noch für das Glück des Landes, so lange es unter ihm stand. Unseliger Wilhelm Kieft! dem die inneren wie die äußeren Feinde alles zunichte machten. Wollte er ein Heer auf die Beine bringen, so hieß es, das seyen Heuschrecken, welche das Land verwüsteten, und eine eiserne Ruthe in den Händen der Regierung. Sammelte er im Augenblick der Gefahr allerlei Vagabunden, so schrie man über die ohnmächtige und gelderschöpfende Maßregel. Nahm er seine Zuflucht zu dem ökonomischen Schritt einer Proclamation, so lachten ihn die Yankees aus; hob er den gegenseitigen Verkehr auf, so wurden ihm seine eignen Unterthanen ungehorsam. Wo er sich hinwandte, überall Petitionen, «von zahlreichen und würdigen Versammlungen», die aus einem halben Dutzend zänkischer Kannenhelden bestanden. Er las sie alle, und was noch schlimmer war, er richtete sich nach allen. Die Folge war, daß nichts seinen geraden Weg mehr ging und vor lauter Thun am Ende gar nichts geschah. Man würde sich sehr irren, wollte man glauben, daß er alle diese Promemoria's und Bittschriften gutwillig angenommen habe; dieses würde seinem ritterlichen Geist sehr ungleich sehen. Im Gegentheil, er nahm nie in seinem Leben einen guten Rath an, ohne zuerst gegen den Rathgeber in Gift zu gerathen. Aber ich habe stets bemerkt, daß kleine heftige Menschen wie kleine Barken mit großen Segeln am leichtesten umwerfen oder aus ihrem Lauf gebracht werden; und dies zeigte sich bei dem Gouverneur Kieft, der zwar biß wie ein alter Rettig und einen Geist hatte, wo beständig Wirbelwinde und Tornado's hausten, doch sogleich umgedreht war durch den mindesten Rath, der ihm in's Ohr geblasen wurde. Ein Glück war es dabei, daß seine Macht vom Volke unabhängig war, und so thaten sie zwar mit einigem Anstand, doch mit Qual und Verdruß auf seiner Seite, ihr Möglichstes, ihn jedesmal herumzukriegen, wie ein Sonntagsreiter einen verruchten Racker von Miethklepper hin und her zerrt. Wilhelmus Kieft ward in der That durch seine ganze Verwaltung wie ein Klepper entweder hin und her gerissen oder in steifem kurzem Galopp gehalten. Siebentes Kapitel. Mit schrecklichen Nachrichten von Gränzkriegen und himmelschreienden Verletzungen der Wegelagerer von Connecticut – dann dem Entstehen des großen Amphictyonen-Gerichts im Osten und dem Ende Wilhelms des Eigensinnigen. Weise Männer des Alterthums, die mit solchen Dingen vertraut waren, versicherten, an dem Thor des Palastes Jupiters ständen zwei große Tonnen, die eine mit Segnungen, die andere mit Unheil gefüllt – es scheint, die letztere wurde über die unglückliche Provinz der neuen Niederlande ausgeleert, um sie ganz damit zu überschwemmen. Was bei den Erregungen von Außen und Innen dem hitzigen Temperament Wilhelms des Eigensinnigen immer neuen Brennstoff zuführte, waren die ewigen Einfälle der Yankees an den Gränzen. Viele Berichte darüber sind in den Archiven jener Zeit niedergelegt worden und die Offiziere an den Gränzen sandten unzählige und dickleibige Beschwerden nach Hause, wie treue Dienstboten nicht aufhören können, die kleinen Unfälle und Klatschereien der Küche brühwarm in's Zimmer zu tragen. Die Beschwerden waren aber allerdings triftig genug, und so geschah es, daß am 24. Juni 1641 Einige von Hartford ein Schwein aus der Gemeinde-Mastung hinwegführten und es, aus Bosheit oder sonstigem übelwollenden Vorurtheil, in einem Stall Hungers sterben ließen! Vom 26. Juni hieß es: die vorerwähnten Engländer trieben abermals die Schweine der Compagnie aus der Mastung von Sicojoke nach Hartford; indem sie das Volk tagtäglich mit Vorwürfen, Rippenstößen, und allem erdenklichen Ungemach und Drangsalen heimsuchten; ähnliches wird von weidenden Pferden berichtet; wobei die Hirten immer lederweich geprügelt wurden! O ihr himmlischen Mächte, welchen Zorn regte jede dieser Beleidigungen bei dem philosophischen Kieft auf! Brief auf Brief, Protestation auf Protestation, Proclamation auf Proclamation! umsonst wurde schlechtes Latein, miserables Englisch, und abscheuliches Holländisch an die unerbittlichen Yankees verschwendt; die stehende Armee, aus den vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets bestehend, war während seiner Verwaltung immer auf den Beinen, und Anton Van Corlear, der wackere Trompeter, mußte alle Schreckensnachrichten, die hin und her gingen, von den Wällen herabposaunen, welches ihn in ein Ansehn und in einen Respekt setzte, wie allemal die Buchhändler, wenn sie in die Posaune stoßen. Jetzt kann es mir aber ergehen, wie Simson, der aus eines Löwen Haupt (dem Archiv der Geschichte aus welchem ich den Honig der Weisheit ziehe) einen Schwarm von Bienen um seine Ohren lockte; ich meine die unverständigen Nachkommen jener Yankees, die warlich Unthaten an meinen Vorfahren verübten, wofür sie der Historiker – den die ewige Nemesis bestellt hat – züchtigen muß, und wovon keine Maus einen Faden abbeißt. Im Osten begannen Ereignisse zu tagen, welche den unglücklichen Gouverneur der neuen Niederlande auf die Hefen seines Witzes setzten. Bisher hatten nur die Räuber von Connecticut sich aus ihres Landes Veste herübergewagt; aber nun, es mochte um's Jahr 1643 seyn, versammelten sich die Völker im Osten, von den Colonieen Massachusets, Connecticut, New-Plymonth und New-Haven, zu einer fürchterlichen Rathsversammlung, wie ein ungeheurer Bienenschwarm, wenn sie den Stock verlassen; sie beschlossen einen schrecklichen Bund unter dem Namen der Vereinigten Colonieen von Neu-England. Sie verpflichteten sich gegenseitig zu Schutz und Trutz wider die Wilden, worunter sie ohne Zweifel auch unsre ehrenwerthen Vorfahren auf Manhattan verstanden, und um dem Bund mehr Kraft und Nachdruck zu geben, beschlossen sie eine jährliche große Zusammenkunft von Vertretern aller Provinzen. Beim Empfang dieser Nachricht ward Wilhelmus Kieft äusserst bestürzt; zum Erstenmal in seinem ganzen Leben vergaß er aufzubrausen. Er erwog in seiner geängsteten Seele alles, was er im Haag über solche Bündnisse gelesen, und fand endlich, daß dieses eine complette Nachahmung des Rathes der Amphictyonen sey, wodurch im Alterthume die Staaten Griechenlands sich zu unvergleichlicher Macht und Herrschaft emporgeschwungen hatten, und diese Vorstellung machte ihn für das Heil des Manhatten-Reichs zittern. Er ließ es sich nicht ausreden, daß es bloß darauf abgesehen sey, die Niederländer aus ihren schönen Besitzungen zu vertreiben und gerieth in große Wuth, wenn Jemand daran zu zweifeln wagte. Seine Ahnung blieb nicht ohne Bestätigung; denn bei der ersten Versammlung, die der Bund in Boston (welches Kieft nur das Delphos dieses wahrhaft classischen Bundes nannte) hielt, wurden Vorstellungen gegen die Niederländer beschlossen, «sintemal sie in ihrem Tauschhandel mit den Wilden sich Gewehre, Pulver und Blei abhandeln lassen, eine Entäußerung, die höchlich zu mißbilligen sey und den Colonisten sehr gefährlich werden könne.» Wenn die Handelsleute von Connecticut sich dasselbe zu Schulden kommen ließen, so war dieß doch ein Anderes, denn sie verkauften den Indianern immer nur solche Flinten, die ihnen sogleich platzten und daher Niemanden als diesen heidnischen Bestien gefährlich werden konnten. Das Entstehen des mächtigen Bundes war der Todesstoß für den Ruhm Wilhelms des Eigensinnigen, denn von diesem Tage an hielt er, wie viele bemerkten, nicht mehr das Haupt empor, sondern schien ganz wie abgeschlagen zu seyn. Die übrigen Tage seiner Regierung geben daher der Feder des Geschichtschreibers wenig zu thun. Versammlungen der Amphictyonen von der einen, donnernde Proclamationen und Protestationen von der andern Seite, worin Kieft wie ein erfahrner Seeheld sein ganzes Geschütz losließ, um eine Wasserhose platzen zu machen; leider aber waren es lauter blinde Schüsse. Der letzte Act, den die Geschichte von dem berühmten und gelehrten kleinen Regenten mittheilt, ist ein langes Schreiben an den Rath der Amphictyonen, wo er sich bitter über die Bewohner von Neu-Haven oder Red-Hill's beklagt, daß sie den Aufforderungen, das Land Ihrer Hochmögenden zu verlassen, mit Impertinenz und Verachtung begegneten. Von diesem Briefe, der ein Muster eleganter Schreibart, und classischer Apophthegmen und Bilder ist, kann ich wegen Enge des Raums nur folgendes mittheilen: «Wahrlich, wenn wir die Einwohner von Neu-Hartford sich über uns beklagen hören, so ist es uns, als hörten wir den Wolf des Aesopus, der das Lamm beschuldigt, oder jenen jungen Menschen, welcher seiner Mutter, die sich mit der Nachbarin zankte, zurief: «O Mutter, schimpfe Sie nur gleich tüchtig, damit die Nachbarin ihr nicht zuvorkommt.» Uns sind aber durch frühere Vorfälle wohl die Augen geöffnet worden, als zum Beispiel jene Antwort war, die wir von den Einwohnern von New-Haven erhielten: «der Adler verachte das Käfer-Geschmeiß,» aber wir verfolgen demungeachtet unser Recht, mit gerechten Waffen und Mitteln, und verhoffen ohne allen Zweifel die ausdrücklichen Befehle unserer Oberen zu vollziehen.» Um dieß zu bekräftigen, schloß er mit einem Bannfluch, der jene Bewohner Squatters nannte und ihnen das Wohnen in den Neuen Niederlanden kräftig untersagte. So endet die authentische Chronik von der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen. Die Frage, warum einige Geschichtschreiber der Zeit ihn ganz übergangen haben, möchte durch jenen Spruch des Califen zu beantworten seyn, der zu seinem Sohne sagte: «Beleidige den Derwisch nicht, damit du nicht deinem Geschichtschreiber an's Ohr schlägst.» Hätte mancher Mann des goldenen Alters diese weise Lehre beachtet, wie glücklich wäre er den unbarmherzigen Kreuz- und Querstrichen entgangen, welche die Feder des Historikers über seine Physiognomie zog. So war es denn die ernste Aufgabe für mich, einen Mann aus dem Dunkel der Geschichte hervorzuziehen, dessen schöpferisches Genie dauernden Nachruhm verdient, da er es war, der die Tactik der Proclamationen und die Vertheidigung des Landes durch Trompeter und durch Windmühlen einzuführen verstand – Erfindungen, welche der Menschheit mehr Ehre machen als die des Schießpulvers und ähnlicher Höllenerfindungen. Einige Dichter, deren es in den Neuen-Niederlanden eine Menge gibt, benutzten das Verschwinden Wilhelms des Eigensinnigen in der Geschichte zu der Fiction, daß er gleich Romulus an den Himmel versetzt worden und in jenem kleinen feurigen Stern an der linken Scheere des Krebses glänze, während Andre, eben so phantasiereich, ihm das Schicksal Arthurs von der Tafelrunde geben, den die alten wälischen Barden nach dem lieblichen Feenland entführen lassen, wo er in alter Kraft und Herrlichkeit lebt, bis er einst zurückkehrt, um das Ritterthum, die Ehre und die unbefleckte Treue seiner Zeit wiederherzustellen, und ganz Britannien wieder zu regieren, wie auch Merlin der Zauberer weissagt Diese Sagen treffen mit denen von Friedrich Barbarossa zusammen, der im Kyffhäuserberg wieder erwachen und sein Reich auf's Neue antreten soll. – Anm. d. Uebers. . Das alles aber sind Spinnengewebe der Phantasie, von jenen träumerischen Schelmen, den Poeten erfunden, denen meine ernsthaften Leser keinen Glauben beimessen werden. Zweien andern Ueberlieferungen kann ich eben so wenig Glauben schenken; die eine rührt von einem alten oder vielmehr apocryphischen Geschichtschreiber her und besagt, er habe durch den unversehenen Schlag eines Windmühlenflügels seinen Tod gefunden – ein späterer Schriftsteller aber meinte, er habe das Unglück gehabt den Hals abzustürzen und als Opfer eines philosophischen Experimentes zu enden, dem er schon mehrere Jahre nachgesonnen, daß er nämlich versucht habe, von dem Gaubloch des Stadtthurms aus Schwalben zu fangen, indem er ihnen Salz auf den Schwanz streuen wollte. Die wahrscheinlichste Auskunft über sein Ende liegt in einer alten dunklen Ueberlieferung, daß die beständigen Sorgen, Reizungen und Aergernisse sein Hirn in so fortwährende Ofenhitze versetzt hätten, bis er, wie eine holländische Familienpfeife, die ihre drei Generationen von wackeren Rauchern durchlebt, völlig ausgebrannt sey. Auf solche Weise erfuhr Wilhelm der Eigensinnige eine Art von animalischer Verbrennung, die wie ein Binsenlicht verging, so daß der Tod, als er das Flämmchen vollends ausblies, kaum noch so viel übrig ließ, daß man es begraben konnte. Fünftes Buch. Erster Theil der Regierung Peter Stuyvesants und seine Händel mit den Amphictyonen. Erstes Kapitel. Erster Theil der Regierung Peter Stuyvesants und seine Händel mit den Amphictyonen. Für einen tiefdenkenden Philosophen, wie ich bin, muß es eine Kleinigkeit seyn, zu wissen, was andre mit ihren Blicken nicht halbwegs durchdringen, daß nichts klarer und ausgemachter seyn kann, als daß der Tod eines großen Mannes etwas ganz Unerhebliches ist. Schon Plinius verglich auf diese Art die Welt mit einer wechselnden Schaubühne. Weise folgen den Weisen auf den Fersen nach; so wie ein Held von seinem Siegskarrn fällt, steigt ein andrer hinauf, und von dem stolzesten Potentaten heißt es immer nur: er ging zu seinen Vätern und sein Nachfolger regierte an seiner Statt. Ich wette zehn gegen eins, daß wenigstens gar keine Thränen vergossen wurden, wo es von dem Verlust eines großen Mannes heißt, er habe die ganze Nation in Thränen versenkt, und daß höchstens die armselige Feder eines hungrigen Autors ihre schwarzen Thränen geweint hat. Der Geschichtschreiber, der Biograph, der Dichter, diese Leute sind es, welche die Bürde des Jammerns auf sich nehmen – gütige Seelen! – die wie die Leichenbesorger in England das ganze Leid auf sich nehmen – die ein Volk mit Seufzern aufblasen, die es nie gehabt, und mit Thränen überschwemmen, die ihm nie zu vergießen einfielen. Während dieser patriotische Schriftsteller weint und heult, in Prosa, Versen und Reimen, und die Thränen der allgemeinen Trauer in sein Buch einsammelt, wie in ein Thränenglas, ist es mehr als wahrscheinlich, daß seine Mitbürger essen und trinken, fiedeln und tanzen, indem sie gar nichts von dem in ihrem Namen erhobenen Jammer wissen. Die ruhmwürdigsten Helden, welche je Nationen vernichtet haben, könnten unter dem Schutt ihrer Monumente unbekannt vermodern, wenn nicht der Geschichtschreiber sie unter seine Protection nähme und der Nachwelt ihre Namen überlieferte – und wieviel auch der ritterliche William Kieft trieb, lärmte und tummelte, während das Schicksal einer ganzen Colonie in seinen Händen lag, darf ich doch fragen, ob er nicht dieser authentischen Geschichte seinen ganzen Ruhm verdankt. Sein Ende verursachte keine Bewegung in der Stadt Neu-Amsterdam oder deren Umgebung; die Erde erzitterte nicht, noch schossen die Sterne aus ihren Kreisen – der Himmel war nicht schwarz verhüllt, wie die Poeten es bei den letzten Momenten eines sterbenden Helden weißmachen wollen – die Felsen (diese hartherzigen Schurken!) zerschmolzen nicht in Thränen, und auch die Bäume ließen nicht die Köpfe in stummer Trauer hängen; und was die Sonne betrifft, so lag diese in der folgenden Nacht eben so lang zu Bett und machte grade dasselbe Gesicht, als sie aufstand, wie sonst. Das gute Völkchen von Neu-Amsterdam erklärte ein für allemal, daß er ein sehr emsiger, thätiger, aufbrausender, kleiner Gouverneur gewesen, «der Vater seines Landes» – «das edelste Werk Gottes» – «ein Mann, wie man, kurz gesagt, keinen mehr finden wird» – diese und andre freundliche Redensarten gab es, wie man sie gewöhnlich bei dem Tode eines großen Mannes hört, und dann rauchten sie ihre Pfeifen, dachten nicht weiter an ihn, und Peter Stuyvesant regierte an seiner Statt. Peter Stuyvesant war der letzte und wie der berühmte Wouter Van Twiller auch der beste unserer alten holländischen Gouverneure; Wouter übertraf nämlich alle seine Vorgänger und Pieter oder Piet, wie die alten holländischen Bürger ihn vertraulicherweise nannten, alle seine Nachfolger. Er wäre der Trost seiner unglücklichen Provinz geworden, wenn nicht die Schicksalsschwestern, diese mächtigsten und unbarmherzigsten Spinnerinnen des Alterthums, ihn zu unentwirrbarer Confusion bestimmt hätten. Ihn bloß einen Helden zu nennen, wäre eine große Ungerechtigkeit – er war in der That ein Verein von Helden, denn er hatte derbe lange Knochen wie Ajax Telamonius, runde Schultern, um welche Hercules seine Haut gegeben haben würde (nämlich seine Löwenhaut), als er dem alten Atlas die Himmelslast abnahm. Außerdem war er, wie Plutarch den Coriolan schildert, nicht allein schrecklich durch die Stärke seines Arms, sondern auch durch die Kraft seiner Stimme, welche einen Ton gab, wie aus einem hohlen Faß, und wie derselbe Krieger, nährte er eine souveraine Verachtung gegen das souveraine Volk, und hatte eine eiserne Miene, welche seinen Feinden die Eingeweide im Leibe zittern machte. Die ganze köstliche martialische Erscheinung wurde durch eine zufällige Auszeichnung vollendet, welche, wie mich in der That wundert, weder Homer noch Virgil bei einem ihrer Helden benutzt haben. Es war nichts mehr und nichts weniger als ein hölzernes Bein, welches der einzige Lohn war, den er aus den Schlachten davontrug, worauf er aber so stolz war, daß er oftmals sagte, er schlage es höher an, als alle seine übrigen Glieder zusammen; er ehrte es so hoch, daß er es mit Silber einfaßte, welches zu der Sage Anlaß gab, es sey ganz von Silber gewesen. Wie der cholerische Krieger Achilles, war er augenblicklichen Ausbrüchen von Leidenschaft unterworfen, welche seinen Dienern und Lieblingen oftmals nicht sehr angenehm waren, indem er ihrem Begriffsvermögen auf die Art seines berühmten Nachahmers, Peters des Großen, zu Hülfe kam, daß er nämlich ihre Schultern mit seinem Spazierstock salbte. Obgleich ich nicht finden kann, daß er Plato, Aristoteles, Baco, Hobbes, Algernon Sidney und Tom Paine gelesen, so offenbarte er doch zuweilen einen Scharfsinn und feinen Blick, die man kaum von einem Mann erwarten sollte, der kein Griechisch verstand und die Alten nicht studiert hatte. Wahr ist es, und ich muß es mit Bekümmerniß gestehen, daß er einen unvernünftigen Widerwillen gegen Experimente hatte und seine Provinz gern auf die einfachste Art regierte – dann aber sorgte er, daß sie in besserer Ordnung gehalten wurde als durch den gelehrten Kieft, den alle Philosophen alter und neuer Zeit unterstützten und verwirrten. Er machte wenig Gesetze, sorgte aber dafür, daß diese wenigen streng und unpartheiisch gehandhabt wurden, und die Gerechtigkeit ging eben so gut ihren Gang, als ob ganze Stöße weiser Verordnungen und Statute jährlich erschienen und täglich überschritten oder vergessen worden wären. Ganz das Gegentheil seiner Vorgänger, war er weder still und träge wie Walter der Zweifler, noch unruhig und ängstlich wie Wilhelm der Eigensinnige; er besaß eine so ungewöhnliche Thätigkeit und Entschlossenheit des Geistes, daß er nie den Rath Anderer suchte oder annahm, sich wie ein Held der alten Zeiten auf seinen Arm, sich auf seinen Kopf verlassend, um durch alle Schwierigkeiten und Gefahren zu dringen. Die Wahrheit offen zu gestehen, so ging ihm zu einem vollkommenen Staatsmann nichts ab, als daß er immer richtig dachte, denn Niemand kann läugnen, daß er stets handelte, wie er dachte, und wenn es auch an der Richtigkeit des Gedankens mangelte, so ersetzte er diese mit Beharrlichkeit – eine herrliche Eigenschaft, die den Herrschern im Irren weit besser ansteht, als Schwanken und Inconsequenz, indem man das Richtige sucht. So genügte er wenigstens sich selber, anstatt daß er es vielleicht Niemandem hätte recht machen können. Die Uhr, welche stillsteht und mit den Zeigern unverrückt auf einen Punkt hinweis't, trifft in vierundzwanzig Stunden bestimmt zweimal das Rechte, – während die anderen Uhren beständig irren können. Diese hochherzige Eigenschaft entging auch nicht der Unterscheidungskraft des guten Volkes der Neuen Niederlande; im Gegentheil gewannen sie eine so hohe Meinung von dem selbstständigen Geiste und kräftigen Verstande ihres neuen Gouverneurs, daß sie ihn allgemein «Hardkoppig Piet» oder Peter den Starrköpfigen nannten – ein großes Compliment für die Fassungskraft dieses Mannes. Wenn du, würdiger Leser, nach allem dem Gesagten, nicht findest, daß Peter Stuyvesant ein zäher, derber, ritterlicher, verwetterter, kampflustiger, hartnäckiger, lederfester, löwenherziger, edelgesinnter alter Gouverneur war, so habe ich entweder unnützes Zeug geschrieben oder du bist sehr träge, folgerechte Schlüsse zu ziehen. Dieser höchst vortreffliche Gouverneur, dessen Charakter ich so eben in Umrissen anzugeben versuchte, fing seine Regierung am 29. Mai 1647, an einem merkwürdig stürmischen Tage, an, den alle Kalender damaliger Zeit, die bis zu uns herabgekommen sind, als den «windigen Freitag» bezeichnen. Da er auf seine persönliche und Dienst-Würde sehr eifersüchtig war, so empfing man ihn mit großen Ceremonien. Für solche Gelegenheiten hatte man den stattlichen eichenen Sessel Walters des Zweiflers sorgfältig geschont, so ungefähr wie der Sitz und Stein zu Schone in Schottland für die Krönung der caledonischen Herrscher ehrfurchtsvoll bewahrt wurde. Ich darf nicht zu erwähnen vergessen, daß die aufrührerische Gestalt der Elemente und der Umstand, daß es an jenem Unheilstage war; den man den «Tag des Aufknüpfens» nennt, tiefes Nachdenken und sehr ernsthafte Besorgnisse unter den älteren und erleuchteteren Bewohnern erweckte. Wer sich auf Astrologie und Wahrsagerei verstand, verkündete ohne Weiteres eine unglückliche Regierung – was sich leider bestätigte, aber aufs Glänzendste jene schon im Alterthum verehrte übernatürliche Weisheit rechtfertigt, die aus Träumen und Gesichten Vögelflug, Steineregen und Gänsegackern Gewißheit entnimmt, wozu noch die in unsern Tagen entdeckten wichtigen Vorboten: Sternfallen, Mondfinsternisse, Hundegeheul, Lichterflackern, hinzukommen. Soviel ist gewiß, daß der Gouverneur Stuyvesant in einer turbulenten Periode den Regentensitz bestieg, wo Feinde von Aussen drohten und drängten, Anarchie und bockbeinige Opposition im Innern ihr Unwesen trieben, und das Ansehen Ihrer Hochmögenden, der Herren Generalstaaten, obwohl auf das breite holländische Fundament friedlicher Ohnmacht begründet, obwohl von Sparsamkeit unterstützt und durch Reden, Protestationen und Proclamationen aufrecht gehalten, doch im Innersten erzitterte: – so glich die große Stadt Neu-Amsterdam, durch Flaggen, Trompeter und Windmühlen vertheidigt, einer schönen Dame von leichten Grundsätzen, die jedem Angriff zugänglich und gefaßt ist, sich dem ersten besten ungestümen Bewerber zu ergeben. Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige sich beim Antritt seines Amtes mit den Ratzen und Spinnweben herumtrieb und gefährliche Mißgriffe in den Berührungen mit den Amphictyonen beging. Die ersten Schritte des großen Peter, als er die Zügel der Regierung ergriff, entfalteten die Großartigkeit seines Geistes, obgleich sie nicht wenig Erstaunen und Unbehaglichkeit bei den Bewohnern von Manhattan erweckten. Die Widerspruchsgeister, die sich unter der vorigen Regierung gebildet hatten, ward er nämlich sehr bald müde, entließ das aufrührerische Cabinet Wilhelms des Eigensinnigen und bildete sich ein neues aus jenen fetten, schläfrigen, respectabeln Familien, die unter der friedlichen Herrschaft Walters des Zweiflers geblüht und geschlummert hatten. Allen diesen Männern gab er lange Pfeifen im Ueberfluß und viele Standesmahlzeiten, indem er sie ermahnte, für das Wohl der Nation zu rauchen, zu essen und zu schlafen, während er die Bürde der Regierung auf seine Schultern nahm – eine Einrichtung, womit sich Alle herzlich zufrieden bezeigten. Aber hierbei stand er nicht still, sondern er machte einen gräulichen Umsturz unter den Erfindungen und Mitteln seines gelehrten Vorgängers, indem er dessen Flaggen und Windmühlen umwarf, die wie mächtige Riesen die Wälle von Neu-Amsterdam bewachten, ganze Batterien von Katzenköpfen zum Duyvel jagte – die Patent-Galgen umriß, wo die Vagabunden an Schmachtriemen hingen, kurz das ganze philosophische, öconomische und Windmühlen-System des unsterblichen Weisen von Saardam über den Haufen warf. Das ehrliche Völkchen von Neu-Amsterdam begann nun für das Schicksal seines Ritters ohne Tadel, Anton des Trompeters, zu erzittern, der durch seinen Backenbart und seine Trompete gewaltige Gunst in den Augen der Weiber erlangt hatte. Peter der Starrköpfige ließ ihn vor sich kommen, und nachdem er ihn einen Augenblick vom Kopf bis zu den Füßen gemustert, mit einem Blick, der jeden Andern blaß gemacht hätte, sagte er: «Na, Kamerad! wer und was bist du?» «Herr,» erwiederte Jener nicht im geringsten erschrocken, «was meinen Namen anbelangt, so heiße ich Anton Van Corlear – meine Herkunft betreffend, bin ich meiner Mutter Kind – mein Gewerbe ist, Vorfechter und Garnison dieser großen Stadt Neu-Amsterdam zu seyn.» «Du kommst mir wie so ein schäbiger Bursche von einem Obsthöcker vor – wie in aller Welt stiegst du zu so hoher Ehre und Würde empor?» «Ha, Herr,» erwiederte der Andre, «wie so mancher große Mann vor mir, ganz einfach dadurch, daß ich in mein eignes Horn stieß .» – «So, so!» versetzte der Gouverneur, «so laß uns denn ein Pröbchen von deiner Kunst hören.» Da setzte Corlear seine Trompete an und that einen fürchterlichen Stoß, mit einem so köstlichen Triller und triumphirenden Accent, daß einem schon eine Viertelstunde davon das Herz hätte aus dem Mund springen mögen. Wie ein muthiges Streitroß, welches in friedlichen Ebenen weidet, bei dem Erklingen einer kriegerischen Musik die Ohren spitzt, und schnaubt und scharrt und in Feuer kommt, so erfreute sich die Heldenseele des gewaltigen Peter an dem Klang der Trompete. Er betrachtete mit freundlicheren Blicken den trotzigen Van Corlear, und da er fand, daß er ein schmucker, fetter kleiner Mann sey, schlau in Reden und sehr anständig und von unerschöpflichem Athem, faßte er sogleich großes Zutrauen zu ihm; er entließ ihn seines unruhigen Amtes, die Stadt zu hüten und in Aufruhr zu bringen, und behielt ihn um seine Person als ersten Günstling, vertrauten Botschafter und dienstthuenden Cavalier. Anstatt Neu-Amsterdam mit unheilverkündenden Tönen zu schrecken, mußte er dem Gouverneur bei der Mahlzeit ein Paar lustige Stückchen vorblasen, wie in den Ritterzeiten die alten Minnesänger sich hören ließen, und bei allen öffentlichen Gelegenheiten das Ohr des Volkes mit kriegerischen Melodieen kitzeln, um den edlen heldenhaften Geist desselben stets wach zu erhalten. Er nahm viele andere Verbesserungen vor und ließ die Republik mit einem Worte fühlen, daß er ihr Meister sey; das souveraine Volk behandelte er mit so tyrannischer Strenge, daß sie alle das Maul hielten, zu Hause blieben und ihren Geschäften nachgingen; alle Fehden und Partheizeichen waren bald vergessen, und mancher nährhafte Wirth und Schnapskrämer ging zu Grunde. Warlich, die kritische Lage der Dinge verlangte auch die größte Wachsamkeit und Schnelligkeit. Der furchtbare Amphictyonen-Rath, welcher dem unglücklichen Kieft so viel Herzeleid verursacht hatte, wuchs zusehends an Macht, und drohte, alle junge Staaten des Ostens in die Union zu ziehen. Im nächsten Jahr nach Stuyvesants Installirung kam eine große Deputation von der Stadt Providence, die wegen ihrer kothigen Straßen und schönen Weiber berühmt ist, und bat um Aufnahme der mächtigen Pflanzung Rhode-Island in den Bund. Der Name des einen Deputirten, Alexander (oder wie er sich schrieb «Alicxsander»), glich freilich wie der Scharlach, erstaunlich dem Schmettern einer Trompete, wenn er schon von dem sanften Zunamen Rebhuhn ( Partridge ) gemildert wurde. Aber weder diese noch andre Vorbedeutungen verfingen bei dem kräftigen Gouverneur. Wie drohend auch der Bund zu werden schien, Peter Stuyvesant war nicht der Mann, der vor solchen Schrecknissen erbebte; er ging der Gefahr immer gerades Weges entgegen und packte sie beim Bart. Entschlossen, allen den kleinen Neckereien ein Ziel zu setzen, schrieb er ein Paar herzhafte Briefe in holländischer Sprache an jenen großen Rath, worin zwar nichts vom Wolf und Schaaf und vom Käferflug vorkam, die aber ihre gute Wirkung thaten. Denn es kam eine Uebereinkunft zu Stande, worin die Gränzen berichtigt und ewiger Friede angelobt wurde. Ein feierlicher Tractat zu Hartford besiegelte diese Uebereinkunft. Als die Nachricht vom Abschluß der Convention ankam, war die ganze Gemeinde in einem Aufruhr von Entzücken. Die Trompete des wackern Van Corlear schmetterte lustig den ganzen Tag von den Wällen des Forts Amsterdam, und bei einbrechender Nacht wurde die Stadt mit zweihundert und fünfzig Unschlitt-Lichtern illuminirt; außerdem brannte noch dem freudigen Ereigniß zu Ehren ein Theerfaß vor dem Hause des Gouverneurs. Und nun, würdiger Leser, wirst du mit dem guten und großen Peter hoffen, daß wir allem Pferdestehlen, Halsbrechen, Schweineinsperren und andern Grausamkeiten dieser Gränzkriege glücklich entronnen sind. Aber dieß würde eine Unbekanntheit mit den paradoxen Wegen der Cabinette verrathen; und in der That beging Peter Stuyvesant einen so großen politischen Fehler, daß er, satt Frieden zu stiften, die Ruhe der ganzen Provinz aufs Spiel setzte. Drittes Kapitel. Vom Krieg und von Kriegsverhandlungen – von dem großen Uebel, welches ein Friedenstractat ist – und wie Peter Stuyvesant von dem Raubgesindel hintergangen wurde und sich aus der Affaire zog. Der poetische Philosoph Lucretius und nach ihm Hobbes, beschreiben den Krieg als den ursprünglichen Zustand der Menschen, die nicht besser als wilde Thiere gewesen seyen. Mit Horaz möchte ich jedoch glauben, daß wir allmählig erst mit der Verfeinerung so wüthige Thiere geworden und immer grausamere Marterwerkzeuge erfunden. Zuerst kam der Faustkampf und das Genickbrechen, dann schritt man zu Steinen und Keulen. Noch blutiger ward man durch Schwerter, Speere, Wurfspieße, Helme, Schilder und Kürasse. Der Sturmbock, Scorpion, die Balliste und Katapulte brachten im Alterthum die Vernichtungskunst auf die Spitze, und wir haben ihr mit der Friction bösartiger Mineralien, womit wir Gottes Donner nachmachen und überall hinreichen können, die Krone aufgesetzt. Und dieses ist warlich groß! Der wüthende Ochs kämpft mit den Hörnern wie seine Vorfahren, der Löwe, Leopard und Tiger vertheidigen sich stets noch mit ihren Tatzen und Krallen, und selbst die pfiffige Schlange braucht noch immer Gift und List als Waffen, wie ihr Ahnherr vor der Sündfluth. Nur der Mensch, vor seinen Mitgeschöpfen mit erfinderischem Verstande begabt, schreitet von Erfindung zu Erfindung und erhöht seine Kraft, um zu zerstören. Er bietet die ganze Schöpfung, zuletzt den Donner auf, um ihm zur Ermordung seines Mitwurms beizustehen. Aber in gleichem Maße hat die Friedenskunst ihre Segnungen ausgebreitet, und wie es keine tödtlichere Geschosse als Proclamationen gibt, so ist die Erfindung ewiger Negociationen ein Gegengewicht von heilsamer Art geworden. Diese Negociationen sind indessen keinesweges Ausgleichungen der natürlichen Verhältnisse, sondern es ist die Kunst, zu übervortheilen und zu überlisten, gerade so wie ein gewissenhafter Räuber ein ganz ehrlicher Kerl werden kann, wenn er seinen Nachbar, statt mit Gewalt, mit List aus seinem Eigenthum vertrieben hat. Während dieß durch feine und höfliche Mittel von beiden Seiten versucht wird, kann nichts der harmlosen, zärtlichen, coquetten Glückseligkeit der streitenden Theile gleichkommen, und man kann mit Wahrheit sagen, daß niemals zwei Nationen sich so gut verstehen, als wenn sich ein kleines Mißverständniß zwischen ihnen erhoben hat, und daß, so lange sie gar nicht mit einander stehen, sie auf dem besten Fuß von der Welt mit einander stehen! Besonders zu loben ist dabei die Gewohnheit, zur Hinausspinnung der Verhandlungen mehrere Bevollmächtigte zu ernennen; diese erhöhen den harmlosen Verkehr ungemein durch ihre eigne Uneinigkeit, denn es sind eher zwei Liebhaber mit einer Dame, zwei Hunde mit einem Knochen und zwei lumpige Bursche mit einem Paar Beinkleidern zufrieden, als mehrere Gesandte zu einerlei Ansichten zu bringen sind. Es wird hierdurch auch nichts verloren, als Zeit, und bei Negociationen ist bekanntlich alle verlorne Zeit im Grunde als gewonnen zu betrachten – man sieht, welche herrliche Paradoxen in dem Gang der neueren Politik verborgen liegen! So wie unter Nachbarn, welche Jahre lang in Frieden gelebt haben, ein schriftliches Abkommen über Gränzen oder Wände gewöhnlich die bittersten Streitigkeiten nach sich zieht, so geschieht es auch bei Nationen durch die Kunst der Tractate, welche die sich vertragenden Staaten gleichsam à conteau tiré gegen einander setzen. Tractate sind nur so lange bindend, als es der Vortheil erheischt, daher eigentlich mehr für den Schwächeren geschrieben, oder ganz aufrichtig gesagt, sie sind überhaupt gar nicht bindend. Keine Nation wird eine andre bekriegen, wenn sie nicht dabei zu gewinnen hofft, wovon sie kein Tractat abhält; nicht allein ist ein solcher mit dem Schwert leicht durchzuhauen, sondern er selbst muß oft den besten Vorwand zu dem Ausbruch der Feindseligkeiten herleihen. Negociationen gleichen dem Brautstande; sie sind voll Süßigkeit, verliebter Blicke und Liebkosungen – aber die Vermählung (der Tractat nämlich) ist das Signal zu ewigen Feindseligkeiten. So erging es denn auch unserem Helden mit seinem Friedensschluß; er ward Gegenstand unaufhörlicher Häckeleien mit den Gränzräubern, und ein wahrer Zankapfel zwischen ihm und den Amphictyonen. Aber wie dieß die guten Bürger von Mannahata nicht anfechten konnte, so lassen auch wir sie unberührt. Gleich jenem Spiegel der Ritterlichkeit, dem weisen und kühnen Don Quixote, überlasse ich solche Kleinigkeiten einem künftigen historischen Sancho Pansa, während ich meine Feder für wichtigere Ereignisse spitze. Der große Peter glaubte nicht anders, als daß seine Anstrengung im Osten hinlänglich gewirkt habe, und ihm jetzt nichts mehr übrig bleibe, als der innerlichen Wohlfahrt seiner geliebten Manhatten zu leben. Obgleich er ein Mann von großer Bescheidenheit war, konnte er doch nicht umhin, von sich zu sagen, daß er endlich den Tempel des Janus geschlossen habe, und wenn alle Herrscher wie eine gewisse Person wären, die der Anstand zu nennen verbiete, derselbe nie mehr geöffnet werden solle. Aber – leider war dieß zu früh gejubelt, denn kaum war die Tinte auf dem Friedenstractat trocken geworden, als auch der listige und unhöfliche Rath des Bundes einen neuen Vorwand suchte, um das Feuer der Zwietracht aufs Neue anzuschüren. Republikettchen und ähnliche Staatsvereine sind wie zarte Dämchen von delicater, kränkelnder Tugend, die in ewiger Furcht schweben, daß man ihrer jungfräulichen Reinheit zu nahe trete, und gleich, wenn sie nur ein Mann bei der Hand faßt, oder ihnen ins Gesicht sieht, Noth und Verführung schreien. Jede kräftige Maßregel ist solchen Regierungen eine Verletzung der Constitution, jede monarchische oder andre männliche Verfassung legt ihrer Unschuld Fallstricke, und beständig entdeckt man höllische Umtriebe, welche sie verrathen, entehren und an den Pranger stellen. Nicht anders geht es heute einer gewissen großen Republik; sie hat so manche Anläufe gegen ihre Tugend bestanden und schreit noch immer Mord und Verrath gegen Alt-England, obgleich ich sicher bin, daß der ehrliche alte Herr keine Gewaltthätigkeit gegen sie im Schilde führt. Dagegen habe ich dieselbe Dame mehr denn einmal bei zärtlichem Händedruck und Liebäugeln mit einem Erzverführer – Bonaparte – ertappt, der so manche edle Jungfrau, Respublica genannt, um Ehre und Namen gebracht und andere ähnliche Sünden begangen hat; – aber so ist der Lauf der Welt, solche Libertins machen immer Glück bei den Damen! Um auf unsere Geschichte zurückzukommen, so klagte die große Union im Osten den unbefleckten Peter an, er habe durch Geschenke und Versprechungen heimlich die Narraganset-, Mohawk- und Pekot-Indianer aufgemuntert, die Niederlassungen der Yankees zu überrumpeln und in ihnen ein Blutbad anzurichten. Sie bedienten sich dabei der kühnen Worte. «die Indianer rings auf mehrere hundert Meilen im Umkreise schienen tief in einen Taumelbecher, bei oder von den Manhatten, gekukt zu haben, der sie zur Wuth entflammt habe gegen die Engländer, die doch in leiblicher wie in geistlicher Hinsicht nur ihr Bestes gewollt hätten.» Die Geschichte erwähnt nicht, wie man zur Kenntniß dieser Verschwörung kam. Indessen ist es gewiß, daß man mehrere Indianer deßhalb examinirte und betrunken machte, um die Wahrheit zu erfahren. Ich stamme zwar schon von einer Familie ab, die sich von den hundsföttischen Yankees jener Zeit viel mußte gefallen lassen, aber obgleich sie meinem Urgroßvater ein Gespann Ochsen und seinen besten Renner stahlen, und er aus einem der Gränzkriege ein Paar schwarze Augen und eine blutige Nase heimbrachte, und obgleich mein Großvater, wie er noch als ein kleiner Junge die Schweine hütete, selbst gestohlen und gebackpfeift wurde von einem langbeinigen Schulmeister von Connecticut – so begrabe ich doch gern alle diese Schmach in Vergessenheit, und ich wollte selbst mit Stillschweigen übergangen haben, daß sie den wackern Jacobus Van Curlet und seine Garnison mit Tritten in den H— von dannen gejagt, ja ich wollte schweigen, wenn sie alle Schweine in die Gefangenschaft geführt und alle Hühnersteige auf dem Erdboden ungestraft geplündert hätten, allein dieser muthwillige Angriff auf den ritterlichsten Helden unserer letzten Jahrhunderte, ist zu stark, um verdaut zu werden – er überschreitet die Geduld des Historikers und die Selbstbeherrschung des Holländers. O Leser, es war falsch, was man ihm schuld gab, es war himmelschreiend falsch. Ich verpfände meine Ehre und meinen unsterblichen Ruhm dafür, daß der ritterliche Peter Stuyvesant seinen Arm, ja selbst sein hölzernes Bein in's Feuer gelegt, ehe er seinen Feind anders als in's Gesicht angegriffen hätte; vermaledeyt seyen die Schurken, die seinen edlen Namen mit solcher Schändlichkeit zu beflecken wagten! Peter Stuyvesant hatte zwar nie etwas von irrenden Rittern gehört, allein sein Herz war so ritterlich, als irgend eins an König Arthurs Tafelrunde schlug. Die Natur hatte zwar an ihr Meisterstück nicht die letzte Feile gelegt, aber dabei stand Stuyvesant dennoch als ein Wunder aus ihren Händen da. Die Ritterlichkeit, durch keine Bücher eingetrichtert, war ihm von der großen Werkmeisterin selbst eingehaucht und wucherte da unter kühnen Eigenschaften, wie wilde Blüthen zwischen Felsenstücken. Kaum erreichte die schurkische Beschuldigung die Ohren Peter Stuyvesants, als er auf der Stelle seinen ritterlichen Trompeter und dienenden Cavalier Anton Van Corlear absandte, mit dem Befehl, Tag und Nacht zu reiten und den Amphictyonen als Herold ihre schmählige Anklage gegen einen Christen, einen Ehrenmann und Soldaten, ins Gesicht zu werfen, und zu erklären, daß wer diese Schmach behaupte, in seinen Hals gelogen habe. Er ließ dabei alle, die es gelüste, oder wenigstens ihren mächtigen Kämpfer Alicxsander Rebhuhn zum Zweikampf herausfordern. Nach gehöriger Ausrichtung der Botschaft, schmetterte Van Corlear mit seiner Trompete den Amphictyonen höhnisch ins Gesicht, besonders dem Hauptmann Rebhuhn, der im Uebermaß des Erstaunens fast aus der Haut gefahren wäre, so fürchterlich war der Nasenklang des wackern Antonius. Dann schwang er sich wieder auf sein hohes mageres flandrisches Roß und trabte lustig nach Manhattan zurück, durch Hartford, Pyguay, Middletown und alle andere Gränzstädte hindurch, stieß in die Trompete wie ein wahrer Satan, daß die Thäler des Connecticut widerhallten, hielt gelegentlich an, um Kürbispasteten zu essen, auf den Kirmessen zu tanzen und mit den scharmanten Mädchen anzubinden, die er mit seinem herzerschütternden Instrument unvergleichlich entzückte. Dem großen Rathe, der aus bedeutenden Männern bestand, fiel es nicht ein, sich mit einem so hitzigen Helden zu messen – im Gegentheil, sie schickten ihm eine Antwort in den sanftesten und ehrenrührigsten Ausdrücken, worin sie bemerkten, sein Vergehen sey aufs Beste bewiesen durch das Zeugniß verschiedner nüchterner und ehrenwerther Indianer, und sie schlossen mit der Folgerung – «so daß sie sich stets die gehörige Satisfaction und Zicherheit ( sic! ) ausbitten und suchen würden, worin sie beharrten als ihre aufrichtigsten Freunde und Diener \&c. Die obigen Verhandlungen sind von partheiischen Geschichtschreibern anders erzählt worden; sie sagen, Stuyvesant habe sich eine Commission ausgebeten, um die Thatsache zu untersuchen, als diese aber ernannt worden, gesagt, er könne sich ihrer Untersuchung nicht unterwerfen. In dieser künstlichen Darstellung liegt nur ein Schein der Wahrheit. Allerdings verlangte er eine schiedsrichterliche Entscheidung, aber von einem Ehrengericht, von Pairs – und ich will verdammt seyn, wenn sie ihm etwas anders als zwei hagere hungrige Rabulisten auf eben solchen Pferden schickten, mit Felleisen hintenauf und mit grünledernen Mappen unterm Arm, als ob sie die Gerechtigkeit über Land verfolgen wollten. Der ritterliche Peter nahm gar keine Notiz von diesen schäbigen Kerls, die sich luxäugig umthaten und einige simple Indianer und alte Weiber mit sonderlichen Kreuz- und Querfragen verblüfften, bis diese sich in Widersprüche verwickelt und ein Paar falsche Eide geschworen hatten. Dann kehrten sie zu dem hohen Rath zurück und schütteten ihre Mappen und Mantelsäcke, gespickt mit albernen Geschichten, vor ihnen aus. Der große Peter achtete diese Thorheiten keinen Tabacksdrücker werth; bei Wilhelm dem Eigensinnigen wären sie warlich dem Flattergalgen nicht entronnen! Die Amphictyonen waren schon auf dem Punkt, die ganze schwierige Entscheidung aufzuheben, als sich ein blasser schwarzgalliger, ränkespinnender Redner erhob. Durch Verläumdung hatte er sich den Weg zu seinem Ehrensitz gebahnt, als einer von jenen uninteressirten Zeloten, die gern ein Haus anzünden, um ihren Topf dabei sieden zu lassen. Seine Popularität war gesichert, wenn er als ein zweiter Peter Einsiedler unter seinen Landsleuten, den famosesten Wilddieben und Freibeutern des Christenthums (die schottischen Gränz-Edelleute ausgenommen) einen Kreuzzug gegen Peter Stuyvesant und seine fromme Stadt predigte. Sechs Stunden sprach er, stellte die Niederländer als infame Ketzer dar, die weder an Hexerei, noch an die Wunderkraft des Huflattigs glaubten, ihr Land um Gewinns halber verlassen hätten, nicht wie sie wegen der Gewissensfreiheit, kurz die eine Art Kannibalen und Menschenfresser seyen, da sie Sonnabends nie Kabeljau äßen, das Schweinefleisch ohne Zuckersyrup verschlängen, und endlich die Kürbisse verachteten. Die Rede machte den gehofften Eindruck; die Mitglieder rieben sich die Augen und erklärten es für geziemend und billig, daß diesen unchristlichen Kürbishassern der Krieg erklärt werde. Nun handelte es sich darum, das Volk vorzubereiten, und es wurde demnach der christliche Text mehrere Sonntage nach einander von der Kanzel geworfen und allen guten mildgesinnten Seelen als unerläßlich empfohlen. Dieses war das erstemal, daß die im Politischen so beliebt gewordene «geistliche Lärmglocke» angeschlagen wurde. Im kirchlichen Rock stecken oft bewunderungswürdige Eigenschaften und Talente. Weltliche und geistliche Dinge sind da so wunderlich gemischt, wie die Gerüche in einer Apotheke, so Gifte als Gegengifte, und statt eine demüthigstimmende Predigt zu hören, muß der Kirchengänger oft ein politisches Pamphlet hinunterschlucken, das einen Zettel mit einem frommen Bibelspruch am Halse trägt. Viertes Kapitel. Wie die Neu-Amsterdamer groß in den Waffen wurden, aber eine furchtbare Katastrophe herbeiführten – wie dann Peter Stuyvesant die Stadt befestigte und der erste Gründer der Batterie wurde – wie endlich die Amphictyonen von ihren feindlichen Vorsätzen abstanden. Gleichwie das englische Cabinet seine geheimen Expeditionen aufs schlaueste einrichtet, daß sie den Franzosen den Augenblick kund werden, so konnte auch Peter Stuyvesant gegen die heimlichen Rüstungen bei Zeiten seine Maßregeln nehmen. Sein erstes war, daß er die Hauptstadt in Vertheidigungsstand setzte, in der wohlmeinenden Absicht, den Feind mit innerer Kräftigung und Befestigung fern zu halten, ehe noch an Gefahr zu denken war. Seines Vorgängers erstes Augenmerk war der Landsturm oder die Miliz, jene köstliche Erfindung, welche Schneider und Putzhändler zu Anführern und Helden und alle Zunftgenossen, wenn sie sich auch noch so erbärmlich präsentiren, zu wahren Teufeln auf der Parade macht, wenn sie den dreieckigen Hut aufkriegen und das Schwerd an der Seite flunkern sehen. Sie lernten rechts schauen, links schwenken, feuern ohne zu blinzeln, um ein Eck wenden, ohne in Unordnung zu gerathen, und durch Sonnenschein und Regen von einem Ende der Stadt zum andern marschiren, ohne zurückzubleiben – bis sie so muthvoll wurden, daß sie blinde Patronen abfeuerten, ohne das Gesicht abzuwenden, die größten Feldstücke spielen hörten, ohne sich die Ohren zu verstopfen oder in Ohnmacht zu fallen, und alle Fatiguen einer Sommertags-Parade mitmachten, ohne bedeutend durch Deserteurs an den Erfrischungsörtern geschwächt zu werden. Zwar herrschte bei diesem Volk ein so friedlicher Geist, daß sie in der Zeit zwischen den Feldtagen ihre ganze militärische Schule verschwitzten. Kamen sie dann wieder zur Parade, so wußten sie kaum den Kolben von dem Ende des Laufs zu unterscheiden und verwechselten immer rechte und linke Schulter – ein Fehler, dem man mit einem Kreidestrich am linken Arm ein Ende machte. Aber alle diese Ungeschicklichkeiten wollten nach dem Ausspruch des weisen Kieft nichts bedeuten, und eine Campagne sollte sie schon mehr lehren als hundert Paraden; und wenn auch zwei Drittheile als Kanonenfutter anzuschlagen waren, so konnte doch aus dem übrigbleibenden Drittheil, wenn es nicht davon lief, geprüfte Veteranen werden. Der große Stuyvesant hatte keine besondere Achtung vor den sinnreichen Maßregeln seines Vorgängers und verachtete eigentlich das Landsturmwesen, das er oft im Scherz Gouverneur Kiefts zerbrochenes Rohr nannte. Da indessen die Noth drängte, so mußte er sich die Miliz gefallen lassen, und hielt eine Musterung über seine Sonntagssoldaten. Aber, o Mars und Bellona, und ihr andern kriegerischen Himmelsmächte, was mußte er sehen! – Hier kamen Soldaten ohne Offiziere, und Befehlshaber ohne Mannschaft – lange Vogelflinten und kurze Stutzen – dort Bajonette, da keine – dort kein Flintenschloß, hier kein Ladstock, und bei einigen weder Schloß, Ladstock, noch Lauf. – Patrontaschen, Schrotbeutel, Pulverhörner, Säbel, Beile, Brodmesser, Brechstangen, Besenstiele, alles durcheinander – wie eine unserer Landarmeen beim Ausbruch der Revolution. Als der trotzige Peter Stuyvesant diese Armee, mit welcher der edle Sancho Pansa die Vertheidigung seiner Insel Barataria hätte übernehmen können, ansichtig wurde, war es ihm zu Muthe, wie einem, der den Teufel erblickt. Doch er resolvirte sich kurz und machte aus der Noth eine Tugend. Er ließ sie ordentlich exerciren und dann die Querpfeifen im Geschwindmarsch spielen, und setzte die Mannschaft auf den Straßen und umliegenden Feldern so munter in Bewegung, daß ihnen die kurzen Beine knackten und die fetten Seiten dahinschmolzen. Aber das war noch nicht alles; der kriegerische Geist des alten Gouverneurs entflammte bei dem Pfeifengequike und er entschloß sich, seinen Leuten einen Vorgeschmack des eisernen Krieges zu geben. Zu diesem Ende schlug er am Abend auf einem Hügel ein Lager auf, um sie hier bis zum nächsten Morgen ausruhen zu lassen. Aber da geschah es, daß in der Nacht ein starker Regen eintrat, der in Strömen auf das Lager herabgoß und das gewaltige Heer völlig wegschwemmte, denn als Freund Phöbus seine ersten Strahlen über das Gefild hinschoß, war außer Peter Stuyvesant und seinem Trompeter Van Corlear fast kein einziger mehr auf dem Platz zu finden. Ein Commandant wie Peter Stuyvesant ließ sich davon nicht irre machen; aber er verachtete jetzt nur um so tiefer das ganze Landsturmswesen. In Kurzem hatte er Soldtruppen auf den Beinen, die vor Allem die unerläßliche Eigenschaft hatten, wasserdicht zu seyn. Die zweite Arbeit war, daß er Neu-Amsterdam befestigte und mit Pallisaden umgab, sowohl gegen die Europäer als auch gegen die Wilden. Sie wurden zwar bei den Letzteren ein Gegenstand der Bewunderung, gereichten indessen den Bewohnern nicht sehr zum Troste, als einst eine Schaar verlaufener Kühe in einer dunkeln Nacht hindurch brach und die Bürger in großen Schrecken versetzte. Auch auf der Seeseite machte Stuyvesant Befestigungen. Es waren furchtbare Schlamm-Batterieen, die er, nach Art der damaligen niederländischen Oefen, mit Muscheln festmachte. Mit der Zeit wuchs Gras und Klee über dieses langgestreckte Bollwerk und weit schattende Sycamoren, in deren Zweigen die Vöglein lustig umhersprangen und das Ohr mit schönen Melodieen entzückten, reihten sich an einander. Die alten Bürger rauchten dort Nachmittags ihr Pfeifchen und sahen der goldnen Sonne zu, wie sie allmählig am Horizont hinabsank, ein Bild ihres eignen friedlichen Untergangs, dem sie entgegensahen – die jungen Leutchen aber gingen dort im Mondschein spazieren und sahen die silbernen Strahlen der keuschen Cynthia auf dem stillen Meerbusen spielen oder ein dahingleitendes weißes Segel beleuchten, indem sie sich die Schwüre ewiger Treue wiederholten. Dieses war der Ursprung der berühmten Bastei, die zwar eigentlich für den Krieg errichtet wurde, doch immer nur den süßen Ergötzungen des Friedens diente. Sie ward der Lieblingssitz des wankenden Alters – der Erquickungsort gebrechlicher Invaliden – das Sonntagsplätzchen des bestaubten Kaufmanns – der Schauplatz kindischer Vergnügungen – das heimliche Oertchen zärtlicher Bestellungen – der Augapfel der Bürger – der Trost Neu-Yorks – der Stolz der lieblichen Insel Mannahatta! Nachdem Peter Stuyvesant so für die zeitliche Sicherheit Neu-Amsterdams gesorgt und seine liebe Stadt gegen Ueberfälle gesichert hatte, nahm er eine Prise Taback und schnippte mit den Fingern, weil er den Amphictyonen vergebliche Arbeit gemacht. Doch können wir nicht wissen, welches Ende die Angelegenheit genommen hätte, wenn nicht der ganze Rath uneins geworden wäre, wie in den Tagen Achills. Schon waren alle Gränzörter der Union eifrig beschäftigt, ihre verrosteten Vogelflinten zu putzen und laut zur Rache zu rufen, des Sieges über die fetten holländischen Pflanzdörfer mehr als gewiß, als die mächtige Colonie Massachusets sich gegen diese Ungerechtigkeit erhob und zu ihrem ewigen Ruhm sich dem Zuge widersetzte, dadurch aber das Unternehmen scheitern machte. Es war auch in mehr als einer Hinsicht gerathen, daß das gute Volk des Ostens von feindlichen Plänen abstand, denn gerade um diese Zeit belagerte und schreckte der Erbfeind, der Fürst der Finsterniß, seine harmlosen Gebiete; kaum konnte man sich der Alliirten des Satans mehr erwehren, aber als ächte Spione und gefährliche Feinde wurden sie zum Geständniß gebracht und verbrannt, wie wir im folgenden Kapitel hören werden. Fünftes Kapitel. Wie der Fürst der Finsterniß die Bevölkerung des Ostens berückte und wie man den Feind ausrottete – wie dann ein ritterlicher Held unter den Holländern aufstand und zeigte, daß ein Mann, wie eine Blase, mit lauter Wind gefüllt seyn kann. Eine Unzahl Hexen zeigten sich im Lande; es war ein wahrer Schauder über diese Bünde mit dem Teufel. Das Merkwürdigste aber war, daß die höllischen Künste gerade den dummsten, verrunzeltsten, häßlichsten alten Weibern anvertraut wurden, die kaum mehr Verstand hatten, als die Besenstiele, auf denen sie ritten. – Aber wenn einmal Lärm geschlagen ist, bedarf es keiner großen Beweise mehr; und es geht dann mit den Anzeichen wie bei dem gelben Fieber. Wo sich eine Krankheit zeigte, mußten Hexen daran schuld seyn, und wehe dann dem alten Weibe, das in der Nachbarschaft lebte. Die schändlichen Hexen wurden schnell erkannt an den Liebesmälern des Teufels, an schwarzen Katzen, Besenstielen und dem Umstande, daß sie nur drei Thränen und zwar aus dem linken Auge weinten. – Es gab Gerüchte von Schaluppen, die mit alten Weibern bemannt waren, von einem Schiff, wo ein großes rothes Pferd am Hauptmast stand, das aber plötzlich verschwunden war, von unsichtbarem Mannzen, von schrecklichen Erscheinungen und solchen Dingen mehr. Umsonst war es, daß Viele die Vergehungen läugneten; sie mußten alle Martern durchlaufen, bis sie endlich in dem Feuer ihren gerechten Tod fanden. In der Stadt Ephesus soll sich diese Plage dadurch verloren haben, daß man ein zerlumptes altes Weib steinigte, welches der böse Feind selbst war und sich augenblicks in einen zottigen Hund verwandelte. Eben so weise verfuhr man hier mit den schnellen Ausrottungen. Die Hexen wurden alle verbrannt oder verjagt, und in kurzer Zeit gab es in ganz Neu-England kein einziges häßliches altes Weib mehr – woher es ohne Zweifel kommt, daß alle junge Weiber dort so schön sind. Das gute Volk dieses Landes aber wandte sich von jenen geheimen Künsten auf den reelleren Hokuspokus des Handels, und wenn sich ja noch Hexerei durchdrängt, so geschieht es unter Verkleidungen, in der Maske von Aerzten, Rechtsgelehrten, Geistlichen. Diese Leute zeigen eine Gelehrsamkeit und Spürkraft, die gewaltig nach Hexerei schmeckt, auch ist sehr richtig bemerkt worden, daß die Steine, die sich vom Mond ablösen, meist in Neu-England niederfallen. Der Verfasser des unschätzbaren Manuscripts in der Stuyvesant'schen Familie schreibt jene Irrungen und Plagen im Osten lediglich dem Beistande des heiligen Nikolaus zu, welches wir nicht bezweifeln wollen. Peter Stuyvesant, auf dieser Seite durch so mächtigen Schutz gesichert, wandte sich jetzt mit ernstlicher Besinnung gegen andere Freibeuter im Süden, die Schweden, die sich gegen das Ende der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen dort festgenistet hatten. Ohne vielen Lärm ließ er ein Truppencorps nach Süden marschiren und stellte es unter den Befehl des Generallieutenants Jacobus Van Poffenburg. Dieser berühmte Krieger war der zweite Commandant des Forts der guten Hoffnung gewesen, dessen Garnison mit so schmählichen Sprüngen von dannen fliegen mußte. In Folge dieser «denkwürdigen Affaire,» bei welcher er mehr Wunden an einem gewissen Ort erhielt, als alle seine Kameraden, sah man ihn immer als einen Helden an, «der sich im Dienste umgesehen.» Wilhelm Kieft würdigte ihn seines besonderen Vertrauens und gab ihm die Stelle Van Curlets, als dieser nach der Capitulation des Forts, des Dienstes satt, sich unter den Schatten seiner Lorbeern zurückzog. Seine Person war nicht besonders groß, doch ansehnlich und stattlich, nicht sowohl von Fleisch als von merklicher Aufgeblasenheit. Er war einem jener Säcke nicht unähnlich, welche Ulysses von Aeolus auf seine Reise mitbekam. Seine Kleidung harmonirte vollkommen mit seinem Wesen. Er trug eine Art Polonaise mit rothen Schnüren und war umwickelt mit einer karmoisinfarbenen Schärpe von der Art und Größe eines Fischnetzes, wahrscheinlich um das ritterliche Herz zu hindern, daß es nicht durch die Rippen springe. Kopf, Schnurr- und Backenbart waren reichlich gepudert, und in der Mitte glänzte ein vollblütiges Gesicht wie ein feuriger Ofen, und die hochherzige Seele blickte aus einem Paar großen funkelnden Augen, die hervorstarrten, wie bei einer Hummer. Ich schwör' dir's zu, wackerer Leser, sofern die Geschichte nicht lügt, mögte ich ihn gesehen haben (alles Geld in meiner Tasche hätte ich darum gegeben) von Kopf bis zu Fuß kriegerisch gerüstet, bis zur Mitte in großen Stiefeln versteckt, hoch gestutzt bis zum Kinn, einen Kragen bis an die Ohren, beschnurrbartet bis in die Zähne hinein, gekrönt mit einem weithinschattenden dreieckigen Hut und gegürtet mit einem zehn Zoll breiten ledernen Riemen, an dem ein Säbel, so lange schier als ein Weberbaum, herabhing. So gerüstet, stolzierte er umher, sauer blickend wie jener berühmte Held More von More-Hall, als er auszog, den Drachen von Mantley zu erschlagen, wie jene Ballade singt: O säht ihr ihn in seiner Pracht,       In seiner Waffen Zier, Ihr hieltet ihn gewiß für ein       Egyptisch Wunderthier; Wie floh da alles, Hund und Kuh,       Gans, Katze, Pferd und Schwein, Entsetzt sah'n sie im Rittersmann       Ein fremdes Stachelschwein. Der furchtbare General Van Poffenburg wurde hauptsächlich darum zu diesem Commando erwählt, weil sich sonst Niemand dazu meldete, auch weil Peter Stuyvesant die Anciennetät über alles achtete und nicht um alles in der Welt einen jüngeren Commandeur dazu genommen hätte. Er war eigentlich ein besserer Oekonom als Soldat, stellte lieber Kohlköpfe als Krieger in Reihe und Glied, und war behender in den Kornfeldern als auf dem Schlachtfelde. Muthig machte dieser neue Anführer seinen Weg durch Wildnisse und Einöden, Flüsse und Dickichte, und bestand nach seinen eignen Aussagen mehr Fährnisse, als die zehntausend Griechen auf ihrem Rückzuge unter Xenophon. Am Delaware angelangt, errichtete er ein Fort, dem er, den schönen schwefelfarbenen Pluderhosen des Gouverneurs zu Ehren, den Namen Fort Casimir gab. Es war das nachmals sogenannte Niew-Amstel, welches der jetzigen blühen den Stadt New-Castle den Ursprung gab, aber eigentlich No-Castle oder Nie-Schloß heißen sollte, da es niemals eine Veste war, noch je geworden ist. Die Schweden litten aber diese drohende Bewegung nicht so gutmüthig; vielmehr erließ Jan Printz, damaliger Gouverneur von Neu-Schweden, eine Protestation gegen diese Einfälle auf seinem Territorium. Aber Van Poffenburg wußte von Wilhelms Kiefts Zeiten her, was Proclamationen zu bedeuten hatten. Ohne alle Furcht besichtigte er sein fertiges Fort von vorn und von hinten, zog seine volle Uniform an und marschirte ganze Stunden vorwärts und rückwärts auf den Wällen herum, stolz wie ein Hahn auf dem Mist, oder wie einer unserer kleinen lumpigen militärischen Posten im wissentlichen Gewicht seiner Wichtigkeit. In dem ergötzlichen Roman Pierce Forest wird erzählt, daß ein junger Held, von König Alexander zum Ritter geschlagen, sich nicht enthalten konnte, sogleich in den nächsten Wald zu jagen und die Bäume kreuz und quer dergestalt niederzusäbeln, daß der ganze Hof die Ueberzeugung erhielt, er sey der stärkste und muthigste Ritter auf dem Erdboden. Grade so entledigte sich Van Poffenburg der heftigen Wildheit, die ihn befiel und zu mörderischen Kämpfen trieb. Wenn ihn nämlich die Hitze übernahm, rannte er hinaus ins Feld, riß seinen betrauten Säbel heraus und fegte gewaltig hin und her, köpfte lange Reihen von Kohlstauden, hieb ganze Fronten von Sonnenblumen nieder und nannte sie riesige Schweden; aber wenn er zufällig auf eine Colonie von dickwanstigen Kürbissen stieß, die sich still und behaglich sonnten, schrie er mit gräßlicher Stimme: «Ha, ha, ihr niederträchtigen Yankees, finde ich euch endlich!» und damit spaltete er die unglücklichen Gewächse unbarmherzig bis zum Nabel. Hatte er sein Müthchen auf solche Art gekühlt, so kehrte er beruhigt und zufrieden über seinen ritterlichen Geist zu seiner Garnison zurück. Ein zweiter Gegenstand seines militärischen Ehrgeizes war eine gute Disciplin, bekanntlich die Seele aller kriegerischen Unternehmungen. Er erzwang sie mit tyrannischer Strenge, ließ die ganze Mannschaft stark auswärts gehen und den Kopf so hoch als möglich halten, auch schrieb er genau die Breite der Hemdkrausen vor, welches aber nur für die galt, welche ein Hemd auf dem Leibe hatten. Eines Tages stieß er zufällig in der Bibel auf die tragische Geschichte von Absalons Erhängung, und in einer schwarzen Stunde erging der Befehl, daß Officiere und Mannschaft fürder in kurzem Haar erscheinen sollten. Nun geschah es aber, daß sich in der Garnison ein kühner Veteran, Namens Kildermeester, befand, der in seinem langen Leben sich ein schönes Haar gezogen hatte, womit er einem wohlbewachsenen Neufundländer Hund nicht unähnlich sah, welches er in einen unmenschlichen Schweif versteckte, der so strack war wie der Stiel einer Bratpfanne, und das Haar überm Scheitel so arg zusammenzog, daß ihm Mund und Augen in der Regel offen, und die Augenbraunen fast dastanden, wo bei andern Menschen der Wirbel ist. Es war vorauszusehen, daß der Besitzer eines solchen Kleinods sich den Befehl der Schur unter keiner Bedingung würde gefallen lassen. Als er davon hörte, machte er seinem Grimm mit einem Strom von altsoldatischen Flüchen Luft. – Dunder und Blixurn feuerte er allen auf den Kopf, die es wagen würden, seinen Zopf anzugreifen, den er jetzt steifer als jemals, dem Schwanz eines Krokodils nicht unähnlich, zur Schau trug. Jetzt wurde die Aalhaut des alten Kildermeester ein höchstwichtiger Gegenstand der Disciplin, welche mit ihrem Verschwinden oder Bleiben stehen oder fallen mußte: der ganzen Provinz, ja der Würde Ihrer Hochmögenden selber war ins Gesicht geschlagen, wenn er sich nicht unterwarf; mehr aber als Alle war der große General von Poffenburg compromittirt, und seiner Ehre mußte der Zopf zum Opfer fallen. So beschloß er denn, daß der alte Kildermeester im Angesichte der ganzen Garnison feierlich geschoren werden sollte. Der trotzige Veteran widersetzte sich. Der General ward zornig, wie es sich für einen großen Mann schickt, und stellte ihn vor ein Kriegsgericht, das ihn der Meuterei und böslichen Verlassung seiner Fahne schuldig erkannte und mit der Anerkennung der Infamie schloß, daß er es wage, einen ordonanzwidrigen, drei Fuß langen Zopf von Aalhaut, seinem General zum Trotz, den Rücken herabhängen zu lassen. Die Verhöre und die Gerüchte über das Schicksal des Zopfes und seines Besitzers setzten das Land in eine fieberhafte Bewegung. Ohne Zweifel wäre der ungehorsame Veteran, nach der, einem General in fernen Landen zustehenden Macht, geköpft worden, hätte ihn nicht glücklicherweise in Folge seiner Entrüstung ein heftiges Fieber befallen, vermöge dessen er allen irdischen Befehlen mit seinem Haarschmuck desertirte. Seine Hartnäckigkeit behielt er bis zum letzten Athemzuge, wo er befahl, daß man ihn mit der Aalhaut am Kopf zu Grabe tragen und den Zopf, so lang er wäre, durch ein Loch aus dem Sarg schauen lassen solle. Dieser großartige Kampf machte dem General einen bedeutenden Namen als Disciplinator; aber leider untergrub er die Ruhe seines Lebens. Es wird nämlich erzählt, daß ihn böse Träume und fürchterliche Gesichte Nachts geängstigt und das grausige Gespenst des alten Kildermeester an seinem Bette Wache gestanden, steif wie eine Pumpe, und der Zopf herabhängend wie der Pumpenschwengel. Sechstes Buch. Enthaltend den zweiten Theil der Regierung Peters des Starrköpfigen, sammt den ritterlichen Thaten am Delaware. Erstes Kapitel Mit dem kriegerischen Portrait des großen Peters und mit Erzählung der wichtigen Dienste des Generals Van Poffenburg beim Fort Casimir. Bis hierher, edler und liebenswürdiger Leser, habe ich dir die Verwaltung des ritterlichen Stuyvesant gezeigt, wie sie sich unter dem milden Mondschein des Friedens oder vielmehr unter der unheimlichen Ruhe ängstlicher Erwartungen gestaltete; nun aber dröhnt der Kriegsdromete Schall, und in der Ferne wirbeln Trommeln drein; der grelle Schlag feindseliger Waffen spricht furchtbare Prophezeihung künftigen Jammers. Der kühne Held erhebt sich von dem Pfühl, aus goldnen Träumen und wollüstiger Ruhe, wo, in der süßen «Sänger-Zeit» des Friedens, er Labung fand nach tausend Quälereien. Nicht in der Schönheit holdem Schooße ruhend, webt er jetzt Kränze um der Liebsten Stirn, nicht schmücken Blumen jetzt sein schimmernd Schwerd, nicht durch die schönen langen Sommertage, spinnt liebekrank er Madrigale aus. Gereift zur Mannheit wirft er weg die Flöte, reißt sich das Feierkleid vom nerv'gen Nacken, und schnallt die üpp'gen Glieder ein in Stahl. Auf dunklem Haar, wo jüngst die Myrthe bebte, und Rosen buhlerisch geduftet, steht ein Strahlenhelm und Federnbaldachin; er greift zum hellen Schild, zur schweren Lanze, besteigt mit stolzer Hast ein schnaubend Roß, und brennt vor Ungeduld nach Ritterthaten. Aber sachte, theurer Leser, ich möchte dich nicht verleiden, zu glauben, daß irgend ein preux chevalier , so häßlich mit Eisen umgeben, in der Stadt Neu-Amsterdam existirte. Es ist nur so eine poetische Redensart, und die einfache Thatsache war die, daß es dem ritterlichen Stuyvesant plötzlich einfiel, sein verrostetes Schwerd zu putzen, und sich zum Kampfspiel seines Herzens, zum Kriege zu rüsten. Ich sehe ihn vor mir, wie er auf dem Familienportrait abgebildet ist, von allen Schrecknissen eines ächten holländischen Generals umstarrt, seinen Uniformrock von Berliner Blau, mit großen messingenen Knöpfen, die vom Gürtel bis zum Kinn reichten, köstlich ausgestattet: die breiten Rockschöße an den Ecken umgewendet und hinten feierlich auseinanderstehend, um den Spiegel der kostbaren schwefelfarbenen Pluderhosen zu zeigen, ein Gebrauch, der noch jetzt in den Armeen herrscht und sich von den alten Helden herschreibt, die es verachteten, sich von hinten zu decken. Das Gesicht sah vermöge eines schwarzen Schnurbartes sehr schrecklich und kriegerisch aus; das Haupthaar strotzte auf beiden Seiten mit steifpomadisirten Ohrlocken und stieg in einem Rattenschwanz bis zum Gürtel hinab; eine glänzende Halsbinde von schwarzem Leder stützte das Kinn und ein kleiner aber trotziger dreieckiger Hut, ritterlich und unternehmend auf das linke Auge gedrückt, krönte den Helden. So, das silberbeschlagene Bein voranstellend, um seine Position fester zu machen, in der rechten Hand ein Rohr mit goldnem Knopf, die Linke auf dem Griff des Schwerdes, und dazu eine Grausamkeit verkündende Runzel auf der Stirn, stellte er eine der gebieterischsten, grimmigstblickenden und kriegerischsten Figuren dar, die je auf der Leinwand paradirten. Wir wollen nun die Ursache dieser drohenden Gebehrden untersuchen. Die eindrängerischen Schritte der Schweden im Süden des Delaware sind in der Chronik Wilhelms des Eigensinnigen erwähnt worden. Sie dauerten mit jener heroischen Hartnäckigkeit fort, welche der Eckstein des wahren Muthes ist. Die Schweden waren Christen, welche die Bibel auf ihre Art auslegten, und wenn sie den Nachbar auf den einen Backen geschlagen hatten, ihm auch auf den andern einen Streich versetzten, ob er ihn nun hinhielt oder nicht. Printz, ihr Gouverneur, war gestorben oder abberufen worden, und ihm folgte Jan Rising, ein riesenhafter Schwede, der, wenn er nicht krumme Beine und abgesetzte Glieder gehabt, zum Modell für einen Herkules hätte dienen können. Er war nicht weniger habsüchtig als mächtig und eben so listig als gierig, so daß nicht zu zweifeln war, wenn er vier bis fünfhundert Jahre früher gelebt hätte, wäre er einer von jenen gottlosen Riesen geworden, die ein grausames Vergnügen daran fanden, unglückliche Dämchen in die Tasche zu stecken, sie mit in der Welt herumzutragen und in verzauberte Schlösser einzusperren, ohne Toilette, Weißzeug und andre Lebensbedürfnisse. Wegen dieser Gewaltthaten fielen sie unter dem Rächerarm der Ritter, die alle solche Schurken über sechs Fuß Länge erschlugen, ohne Zweifel die Ursache, warum die großen Leute ausgingen und die Nachwelt immer kleinere Menschen zu sehen bekommt. Kaum trat Gouverneur Rising in seine Stelle, als er auch das wichtige Fort Casimir ins Auge nahm und die edle Entschließung faßte, davon Besitz zu ergreifen. Um aber kein Blutvergießen zu verursachen, und einer langweiligen Belagerung zuvorzukommen, nahm er zu dem dienlicheren Mittel des Verraths seine Zuflucht. Unter dem Vorwande, dem General von Poffenburg einen Besuch zu machen, segelte er mit großem Pomp den Delaware hinauf, entfaltete seine Flagge mit den gehörigen Ceremonien und beehrte das Fort mit einem königlichen Gruß, ehe er Anker warf. Das ungewohnte Donnern weckte den holländischen Veteran auf, der treu auf seinem Posten ein Schläfchen machte, und da ihm der Lunten ausgegangen war, das Compliment mit Feuer aus der Pfeife eines Nachbars, das er auf die rostige Muskete schüttete, erwiederte. Die Kanonen des Forts würden jenen Gruß auch sogleich erwiedert haben, wenn sie nicht außer Stand und die Vorräthe erschöpft gewesen wären, welches bei den Forts gewöhnlich der Fall ist und bei dem Bestand von zwei Jahren und den viel wichtigeren Beschäftigungen des Generals von Poffenburg ganz natürlich war. Rising, sehr glücklich über die höfliche Antwort auf seinen Gruß, wiederholte ihn, denn er wußte wohl, daß diese Ceremonien dem Commandanten als eine Huldigung seiner Größe erschien. Er landete darauf mit Gepränge, von einem Gefolge von dreißig Mann begleitet, welches dazumal schon etwas Großes war. Diese Zahl der Gäste hätte Verdacht erwecken müssen, wenn nicht General Poffenburg so von sich eingenommen gewesen wäre, daß er außer diesen Gedanken keinen andern aufkommen ließ und das Gefolge als ein großes Compliment für sich aufnahm – so stehen sich oft große Männer selbst im Licht und verfinstern die Gestalt ihres eignen Schatten. Van Poffenburg war nun in einiger Verlegenheit, diese Artigkeit und Respectsbezeugung zu erwiedern. Die Hauptwache wurde ins Gewehr gerufen und Waffen und Kleidungsstücke (ein volles halbes Dutzend von letzteren) vertheilt. Ein langer dürrer Kerl kam in einem Rock für einen kleinen Mann daher, die Schöße reichten ihm kaum über den Gürtel herab, die Knöpfe davon standen ihm auf den Schultern und die Ermel gingen etwas über die Ellbogen, so daß die dürren Arme wie lange Spaten hervorschauten, und da der Rock zu knapp war, um zusammenzupassen, so wurde er mit Schnüren von rothen wollnen Strumpfbändern schließend gemacht. Ein andrer hatte einen alten dreieckigen Hut mit einem Busch von Hahnenfedern nach hinten auf dem Kopf sitzen; einem dritten hingen zerrissene Kamaschen um die Knöchel; ein vierter, kurz und entenbeinig, hatte ein Paar fürchterliche Hosen von dem Gouverneur an, die er mit der einen Hand hielt, während die andere das Gewehr faßte. Die übrigen waren in ähnlicher Verfassung, bis auf drei lästerliche Lumpenkerls, die keine Röcke und nur anderthalb Hosen hatten und daher nach dem schwarzen Loch detaschirt wurden, um sie den Blicken zu entziehen. Als seine Soldaten auf diese Weise ritterlich in Reihe und Glied standen und die, welche keine Flinten hatten, mit Spaten und Hacken schulterten, und Jedem anbefohlen ward, die Hemdzipfel [zu] verbergen und die Stiefel in die Höhe zu ziehen, so that General Van Poffenburg, wie weiland More von Morehall, einen heftigen Zug schäumenden Biers, stellte sich an ihre Spitze, befahl die Zugbrücke hinüberzuschlagen, die aus tannenen Bohlen bestand, und trat aus seiner Veste hervor. Es begann zwischen den Anführern ein Complimentiren, welches aller Beschreibung spottet; sie ließen die gegenüberstehenden Truppen alle möglichen Manoeuvres durchmachen, schultern und präsentiren, wobei die Führer zum Kommen und zum Gehen salutirten – die Trommeln wurden gerührt, die Pfeifen quikten, die Fahnen wehten – sie schwenkten links, sie schwenkten rechts, sie schwenkten ganz um – sie marschirten mit Rotten rechts, mit Rotten links – in ganzen Compagnieen, halben Compagnieen, zwei Mann hoch und einzeln – im Geschwindschritt, im Paradeschritt, und in gar keinem Schritt. Nachdem alles erschöpft war, was in der Tactik gelehrt wird, und was noch nie gelehrt worden war, kam's endlich zwischen den Commandeurs und ihren Truppen zu einem «Auf der Stelle ruht!»wobei sich alles verschnaufte und völlig erschöpft war. Noch nie führten zwei mannhafte Landsturms-Anführer oder zwei flunkernde Theaterhelden ihre entenbeinigen, schwerfüßigen Myrmidonen so energisch und zu ihrer eignen Zufriedenheit wie hier. Nach Beendigung dieser Complimente begleitete General Van Poffenburg seinen erlauchten Gast mit großen Ceremonieen in das Fort und zu allen Werken, zeigte ihm die Hornwerke, Kronwerke, Halbmonde und verschiedne andre Außenwerke, oder vielmehr die Stellen, wo sie stehen sollten, wenn es ihm gefallen hätte, und erklärte ihm, daß es eine Festung ersten Ranges – im Embryo sey. Dann wurde Generalrevue über die Garnison gehalten, welche mit dem schönen Schauspiel schloß, daß die drei unglücklichen Lumpenkerls aus dem schwarzen Loch geholt wurden und sich zum Beweis der strengen Disciplin mußten überlegen lassen. Der pfiffige Rising stellte sich im höchsten Grade verwundert über die Ordnung und Mannszucht, machte aber im Stillen seine Bemerkungen, blinkte seinen Gefährten zu und diese stießen einer den andern an und lachten nach Herzenslust – in den Ermel. Nachdem die Inspection, Revue und Execution vorüber waren, ging es an ein Bankettiren, wo sich der General Van Poffenburg erst recht als ein Held zeigte, denn er ließ hier mehr Todte auf dem Feld, als sonst in seinem ganzen Leben. Es existiren noch mehrere Bülletins von solchen unblutigen Affairen, wo er sich auszeichnete und wo die Zahl der Ochsen, Schweine, Hämmel, Kohlköpfe, Kartoffeln, Bierfässer, Pfeifen, Zuckerhüte, verschlungenen Messer und Gabeln \&c. allen Glauben übersteigt und seit den Tagen Pantagruels nicht erhört worden ist, so daß in kurzer Zeit Poffenburg mit seiner Armee in einem feindlichen Lande es zum Hungertod unter den Einwohnern gebracht hätte. Ich wünschte, meine Leser könnten den wackern Poffenburg sehen, wie er, gleich dem großen Weintrinker Alexander, von Kriegern umgeben, schmaus'te und dabei erzählte von Heldenthaten und gräßlichen Dingen. Brachte er aber etwas vor, was nur im mindesten einem Witz ähnlich sah, so schlug Rising mit seiner nervigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser tanzten, warf sich in seinem Stuhl zurück und schwur aufs fürchterlichste und unter riesenhaftem Gelächter, daß es der beste Witz sey, den er in seinem Leben gehört habe. Es war ein unsäglicher Lärm im Hause, und General Van Poffenburg sprach der Flasche so lustig zu, daß er in weniger als vier Stunden mit seiner ganzen Garnison, die nicht hinter ihm zurückblieb, schwer getroffen hinsank und vom süßen Lallen in tiefen Schlaf verfiel. Kaum trat diese Krisis ein, als der listige Rising und seine Schweden, die sich wohlweislich nüchtern gehalten hatten, sich über ihre Wirthe hermachten, sie knebelten, und von dem Fort im Namen der Königin Christina förmlich Besitz nahmen. – Sie ließen alle holländische Soldaten, die sich vom Rausch erholen konnten, den Eid der Treue schwören; Rising ordnete das Festungswesen, setzte seinen vertrauten Freund Suen Scuts, einen langen, mumienartigen schwedischen Wassertrinker zum Commandanten und rückte dann mit der holländischen Garnison als seinen Gefangenen aus; ihr Commandant glich, als er sich die Augen auswischte, nicht wenig einem zappelnden Fisch oder ungnädigen Meeresungeheuer, das auf dem trocknen Land nach Wasser schnappt. Die Garnison wurde darum wegtransportirt, damit Stuyvesant nicht von der Ueberrumpelung Nachricht erhalte, denn der schlaue Rising fürchtete sehr die Rache dieses ritterlichen Anführers, dessen Name die Nachbarschaft nicht weniger in Schrecken setzte, als der unbezwingliche Scanderbeg seine räudigen Feinde, die Türken. Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige das Mißgeschick seines Generals erfuhr, und wie er sich dabei benahm, mit einigen Zügen von seiner Fahrt den Hudson hinauf. Die Hoffnung des listigen Rising ging nicht in Erfüllung. Ein umherstreifendes Genie, Namens Dirk Schuiler oder Skulker, halb Holländer, halb Wilder, halb Teufel, und die vierte Hälfte seine eigne Eigenthümlichkeit, ein langer verzweifelter Kerl mit einer guten Spürnase, schnellen Beinen und langen Fingern – der sich in allen Colonieen umtrieb und vertraulich Galgen-Dirk genannt wurde; dieser Cosmopolite war gerade bei dem Festmahl anwesend und spielte, indem er sich unter die Dienenden mischte, den Hanns in allen Ecken. Bald hatte er die Absicht der Schweden weg und sann nur darauf, wie er sie zu seinem Vortheil benutzen könne. Er entschloß sich kurz, ging, nachdem er für den Magen gesorgt, mit einigen Kleidungsstücken beider Partheien durch, und war, ehe man's glauben konnte, in seiner Geburtsstadt Neu-Amsterdam, wo er die ganze schmähliche Ueberrumpelung dem Gouverneur entdeckte. Der tapfre Peter fuhr von seinem Sitz auf, zerbrach die Pfeife, woraus er rauchte, an der Kaminbrüstung, stopfte eine unglaubliche Portion Taback in die linke Backe, blähte seine Pumphosen auf und humpelte, ein garstiges Lied brummend, in der Stube auf und ab, wie es im Zorn seine Gewohnheit war. Aber dabei blieb es nicht. Er stieg die Treppe hinauf und öffnete eine Kiste, worin seine ganze Rüstung lag, wie ich sie beschrieben habe. Diese legte er, wie Achill die des Vulkan, stillschweigend an, indem er die Augenbrauen zusammenzog und durch die verbissenen Zähne athmete. Als er sein Schwerd aus der Scheide zog, überflog seine starren Züge ein grimmiges Lächeln, es war das erste Lächeln seit fünf vollen Wochen, aber wer es sah, prophezeite der Provinz heiße Tage. Antonius Van Corlear mußte hierhin und dorthin eilen und mit Trompetenstößen die Pairs zur Rathsversammlung einladen. Man kam ohne Verweilen, setzte sich, zündete die langen Pfeifen an und blickte mit ruhigem Wesen Seine Excellenz und Dero Uniform an. Der Gouverneur aber richtete, in soldatisch kühner Stellung, die eine Hand auf der Degenkuppel, die andre in die Luft geschwungen, eine kurze kräftige Rede an die Versammlung, die ich nicht überliefern kann, weil mir die Quellen eines Livius, Thucydides, Plutarch, nicht zu Gebote stehen, die ohne Zweifel Geschwindschreiber benutzt haben mußten, weil bei ihnen die schönen Reden alle Wort für Wort aufgezeichnet sind. So viel ist gewiß, daß er ihnen kund that, nun wolle er selbst gehen und diese Obsthöcker, diese Schweden, aus dem gestohlnen Fort Casimir verjagen. Diesem raschen Entschluß gaben alle, die gerade wach waren, ihre völlige Zustimmung, und die, welche schliefen (da es an einem Nachmittage war), hatten auch nichts dawider. Die Stadt Neu-Amsterdam ward jetzt zum Waffenschauplatz. Rekruten aller Art, aus Landstreichern und Ueberläufern zusammengesetzt, Lumpenkerle, die einigen Ehrgeiz auf sechs Pence den Tag zeigten, und auf unsterblichen Ruhm daneben, ließen sich enrolliren; aber der Ehrgeiz und die Vaterlandsliebe der Bürger blieben ziemlich kalt, weil sich alle Wünsche nur um den lieben Herd sammelten. Der große Peter, von edlem Feuer entbrannt, wollte nicht auf den schläfrigen Beistand dieser öligen Bürger warten, sondern rüstete sich zu einer Werbungsfahrt den Hudson hinauf, in seiner Staatsgaleere, nachdem er einem Gottesdienst in der Kirche des heiligen Nikolaus beigewohnt; dieses schön gezierte, mit phantastischen Blumen geschmückte und wohlverproviantirte Schiff bestieg er und fuhr die reizende Wildniß der Gestade des Hudson hinauf, die bald lieblich, bald in riesenhaften Formen von Waldungen und Felsen den erstaunten Schiffenden entgegentrat, besonders als sie die furchtbaren Engpässe der Hochlande erreichten, wo sich wilde Klippen, wie von Titanen gen Himmel gethürmt, drohend in Nebel und Wolken verlieren. In diesem Schooß von Felsen band der allmächtige Manetho die rebellischen Geister, die unter seinem Scepter zu murren begannen. Hier, in Demantfesseln geschmiedet, oder in gespaltne Pinien eingeklemmt, oder von schweren Felsen gedrückt, seufzten sie manches Menschenalter hindurch, endlich aber brach der glorreiche Hudson in seinem Lauf nach dem Ocean ihr Gefängniß und rollte seine stolze Fluth im Triumph über die Trümmer. Noch immer hausen viele von diesen Geistern um ihre alten Sitze, und diese sind es, nach alten Sagen, welche die vielen Echo's verursachen, die in den furchtbaren Wildnissen schaurig hinhallen und nichts sind, als ihr schmerzliches Rufen, wenn ein Geräusch die Todtenstille ihrer Ruhe unterbricht. Aber wenn die Elemente durch Stürme aufgeregt werden, wenn die Winde losgelassen sind und der Donner brüllt, dann ist das Schreien und Heulen dieser geängsteten Geister fürchterlich und die Berge erdröhnen von ihrem gräßlichen Aufruhr; dann glauben sie, Manetho komme zurück, um sie in finstre Höhlen einzuschließen und ihr schreckliches Kerkerleben zu erneuern. Alle, selbst diese furchtbar schönen Scenen waren für unsern Helden verloren. Sein Sinn stand nur auf den eisernen Streit und auf Waffenthaten unsterblichen Ruhms. Während er im Schiff so sann, gab es allerlei Unterhaltung für die Mannschaft; wer nicht schlief, hörte rauchend dem Antonius Van Corlear zu, der manche Schnurren und alte Sagen zum besten gab. Die unzähligen Johanniswürmchen, die in der Nacht umherflogen, sollten nach ihm böse schwefelichte Dämchen aus der Geisterwelt gewesen seyn, die, zur Strafe in Insecten verwandelt, das Feuer, womit sie die Herzen der Bewohner sündlich entzündeten, nun im Schweife tragen, wie Schwefel. Weiter gab es mit dieses Van Corlears Nase ein wunderbares Ereigniß. Sie war ungeheuer groß, mit Rubinen und andern Edelsteinen geziert, und als die Sonne im vollen Morgenstrahl, da er sich eben gewaschen hatte, darauf hinblitzte, fiel der Widerschein in's Wasser, siedend heiß, und tödtete einen Stör, der an der Seite des Schiffes hinschwamm. Das Ungeheuer gab Veranlassung zu einer köstlichen Mahlzeit, und es war dieß das erstemal, daß ein solches Thier von den Holländern gegessen wurde, welches ihnen aber trefflich mundete, bis auf die Stelle, wo das Thier getroffen war, die etwas nach Schwefel schmeckte. Als Peter Stuyvesant von dem Mirakel hörte und von dem unbekannten Fisch aß, war er so sehr erfreut, daß er einem Vorgebirg in der Nähe zum ewigen Andenken den Namen Antonius-Nase gab, den es noch trägt. Unmöglich kann ich alle Wunderbegebenheiten erzählen, die sich auf dieser Fahrt ereigneten; ich möchte aber doch erwähnen, wie sie auf einem Gang an's Ufer auf einem platten Felsenstück, das in den Fluß ragt, einen Trupp lustig springender Teufel wahrnahmen, eine Stelle, die davon noch heutiges Tages des «Duyvel's Dans-Kamer» genannt wird – aber nein, Dietrich Knickerbocker, es ziemt dir nicht, in deiner Geschichte, die einem ernsteren Ziele mit raschen Schritten zueilt, so weit auszuschweifen. Vergiß für den Augenblick die vielen Sagen und Mährchen aus deiner Kindheit und wende dich zu dem erhabenen Helden, wie er unterdessen sein tapfres Heer unter die Fahnen des verletzten Vaterlandes sammelt. Drittes Kapitel. Beschreibung des gewaltigen Heeres, das sich bei der Stadt Neu-Amsterdam sammelte, und der Zusammenkunft Peters des Starrköpfigen mit dem unglücklichen General Van Poffenburg. Während der unternehmende Peter mit vollen Segeln an den Gestaden des königlichen Hudson hinfuhr und die phlegmatischen kleinen holländischen Niederlassungen zum Krieg aufbot, vereinigte sich eine mächtige Schaar von Streitern in der Stadt Neu-Amsterdam. Sie sammelten sich auf dem öffentlichen Platz vor dem Fort, der nun das Bowling-Green heißt; dort stand das Zelt, um welches sich die Leibgarde des Gouverneurs, die wackern Bürger von Amsterdam zusammenfanden. Ihr Anführer war der tapfre Stoffel Brinkerhoof, der an der Austernbai so unsterblichen Ruhm gewann – sie entfalteten als Banner einen aufsteigenden Biber in einem orangefarbenen Felde, das Wappen und Siegel der Provinz, welches so schön die beharrliche Industrie und Amphibiennatur der Niederländer ausdrückt. Rechter Hand sah man die Vasallen des berühmten Mynheer Michael Paw – der über die schönen Gefilde des alten Pavonia und der Länder nach Süden bis zu dem Navesink-Gebirg gebot, auch Patron der Gibbet-Insel war. Seine Fahne trug sein treuer Knappe Cornelius Van Vorst; sie zeigte eine große ruhende Auster in meergrünem Felde, das Wappen seiner Lieblings-Hauptstadt Communipaw. Er führte einen stolzen Trupp zu Felde, schwer bewaffnet, denn jeder trug zehn Paar leinwollene Beinkleider und war überschattet von breiträndrigen Bibern, mit kurzen Pfeifen im Hutbande. Es waren die Völker, die im Morast an der Küste hin vegetirten und nach der Fabel ihren Ursprung von den Austern herleiteten. In geringer Entfernung stand ein Kriegerstamm aus der Nachbarschaft des Höllenthors. Diese commandirten die Suy Dams und Van Dams, heftige Flucher, wie ihr Name andeutet – sie waren von furchtbarem Anblick, in breitschößige Kittel gekleidet, von jenem sonderbar gefärbten Tuch, welches in der Modesprache Donner und Blitz heißt – ihre Fahne trug als Sinnbild drei schwebende Stopfnadeln des Teufels in feuerfarbenem Felde. Dicht daneben war das Zelt der Krieger von den Marsch-Ufern der Wallfisch-Bucht (seitdem Wallabout genannt, wo jetzt der Admiralitäts-Hof steht) und von der benachbarten Gegend – sie hatten saure Gesichter, weil sie sich von den hier im Ueberfluß vorhandenen Krabben nährten. Sie waren die ersten Stifter des berühmten Ritterordens «Trutz den Marktdieben» (? – Fly market shirks ) und wenn die Ueberlieferung nicht irrt, so führten sie den berühmten Tanz Dubbel-Trubbel, eine Art Schottischen ein. Sie commandirte der furchtlose Jacobus Varra Vanger, und bei ihnen war eine nette Bande von Breukeler Fährleuten, die ein recht braves Concert auf Muschelhörnern hören ließen. Ich muß dem Unternehmen entsagen, eine genaue Beschreibung von den andern zu liefern, als da sind die Helden von Bloemen-dael, Wee-hawk und Hoboken und von andern in der Geschichte und im Gesang wohl bekannten Orten – denn nun schmettern die kriegerischen Töne der Einwohnerschaft von Neu-Amsterdam von den Wällen der Stadt herab. Plötzlich verstummte dieser Lärm, und siehe, mitten aus einer großen Staubwolke hervor sah man die schwefelfarbenen Beinkleider und das schimmernde Silberbein Peter Stuyvesants im Sonnenschein glänzen. Er nahete mit einem furchtbaren Heere, welches er längs den Gestaden des Hudson ausgehoben hatte. Der treffliche anonyme Verfasser des Stuyvesant'schen Manuscripts ergießt sich jetzt in eine lobpreisende Beschreibung der Waffenmacht, die durch das Hauptthor der Stadt herausmarschirte. Zuerst kamen die Van Bummels, welche die lieblichen Ufer der Bronx bewohnen, kurze fette Menschen mit ungeheuern Pluderhosen, berühmt als Tellerhelden und als Erfinder der Suppawn oder Milchschwammerlinge. – Dicht an ihren Versen marschirten die Van Vlotens, von Kaatskill, furchtbare Aepfelmost-Säufer und Schnapshelden. – Nach ihnen kamen die Van Pelts und Groodt Esopus, geschickte Reiter auf besenschweifigen Stuten der Esopus-Race, sie waren Rattenjäger, besonders der Bisamratze, und nach ihnen nannte man die Thierfelle Pelze. – Dann erschienen die Van Nests von Kinderhoek, ein tapfres Geschlecht von Vogelnest-Aushebern; sie werden für die Erfinder der Schlapp-Jacke und Buchweizen-Kuchen gehalten. – Nun die Van Higginbottoms, von der Wapping's Bucht; sie kamen mit Stöcken und Ruthen bewaffnet, ein Geschlecht von Schulmeistern, die zuerst die wunderbare Sympathie zwischen dem Sitz der Ehre und dem Sitz des Verstandes entdeckten, und fanden, daß der kürzeste Weg, Kenntnisse in die Köpfe zu bringen, der sey, sie dem H— einzubläuen. – Dann die Van Grolls von Antonis-Nase, die ihren Schnaps in netten runden Buttelchen nachführten, weil sie ihn wegen ihrer großen Nasen nicht anders trinken konnten. – Darauf die Gardeniers vom Hudson und der Gegend, die sich besonderer Fertigkeiten rühmten, als der Kunst, Wassermelonen zu holen, Kaninchen aus ihren Löchern zu rauchen und dergleichen, und welche die gebratene Schweinenschweifchen sehr gern aßen, daher für die Vorfahren der berühmten Congreßmitglieder dieses Namens gehalten werden. – Sodann die Van Hoesens, von Sing-Sing, große Chorsänger und Maultrommelspieler; sie marschirten zwei und zwei und sangen das große Lied vom heiligen Nikolaus. – Hiernächst die Couenhovens von Sleepy-Hollow; von ihnen stammen die trefflichen Gastwirthe ab, welche die Erfindung machten, eine Viertelmaß Wein auf Schoppenbouteillen zu ziehen. – Dann die Van Kortlandts, die an den wilden Ufern des Croton lebten und große Entenjäger waren, die sie mit langen Bogen geschickt erlegten. – Nun die Van Bunschotens von Nyack und Kakiat, die ersten, welche immer mit dem linken Fuß austraten; sie waren ritterliche Buschklopfer und Waschbären-Jäger beim Mondschein. – Dann die Van Winkles von Harlem, gewaltige Eierausschlürfer und bekannt als Pferderenner und Kreidemänner im Wirthshause; sie waren die ersten, die mit beiden Augen zugleich nickten. – Zuletzt kamen die Knickerbockers, aus der großen Stadt Scaghtikoke, wo die Leute bei windigem Wetter Steine auf die Häuser legen, damit sie nicht weggeblasen werden. Sie leiteten ihren Namen, wie Einige sagen, von knicker, schütteln, und Becker, Becher, her, als ob sie große Zechbrüder gewesen wären, aber diese Ableitung ist falsch; es heißt vielmehr Büchernicker oder Leute, die über vielem Bücherlesen endlich einschlafen – von diesen stammt der Schreiber dieser Geschichte ab. Dieß war die Legion von rüstigen Buschklopfern, die durchs große Thor von Neu-Amsterdam ein und aus zogen. Das beregte Manuscript nennt noch weit mehr Kriegerstämme, aber sie aufzuzählen wäre bei dem Drang der Ereignisse zu lang. Peter Löwenherz war hoch erfreut über die Schaaren edler Krieger, die an ihm vorbeidefilirten, und er beschloß, ihren Muth nicht länger in Fesseln zu schlagen und die Unthat auf Fort Casimir unverweilt zu rächen. Ehe ich aber zu diesen glorreichen Thaten eile, muß ich eine Pause machen und das Schicksal des Jacobus Van Poffenburg erzählen, der als General en chef ein trauriges Loos fand. So bösartig ist die Natur der Menschen, daß kaum die Nachricht von seiner Niederlage anlangte, als auch tausend Gerüchte sich in Neu-Amsterdam verbreiteten, welche auf einen Verrath, auf ein Einverständniß mit dem schwedischen Commandanten anspielten, und sogar von Geldbestechung sprachen. So viel ist gewiß, daß der General die Unbescholtenheit seines Charakters mit den heftigsten Schwüren und Protestationen rechtfertigte und jeden aus den Schranken der Ehre hinauswarf, der daran zweifelte. Wie er nach Neu-Amsterdam zurückkehrte, paradirte er die Straßen auf und ab mit einem Haufen von argen Fluchern, seinen Zechkameraden, die er tränkte und fett machte, und die bereit waren, ihn durch alle Gerichtshöfe durchzupolstern, Helden von seiner eignen Beschaffenheit, mit steifgewichsten Schnurbärten, breitschulterige Eisenfresser und Mordkerls, die aussahen, als könnten sie einen Ochsen mit Haut und Haaren verschlingen und die Hörner nur so abknaupeln. Diese Leibgardisten schimpften allen auf ihn gehäuften Schimpf durch, fochten alle seine Schlachten aus und sahen alle, die die Nase nach dem General drehten, mit einer Miene an, als wollten sie sie fressen. Ihre Rede war mit Flüchen gespickt wie mit Knallerbsen oder Sackpuffern, und zu jeder Rodomontade gab es eine donnernde Ausrufung, wie bei patriotischen Toasts das Geschütz gelöst wird. Alle diese heldenhaften Ergießungen machten einen großen Eindruck auf gewisse weise Leute, die nun nicht mehr an der Rechtschaffenheit des Generals zu zweifeln wagten, besonders weil er sie immer auf Soldaten-Ehre versicherte. Ja einige Rathsmitglieder gingen so weit, daß sie den Vorschlag thaten, man solle seinen Heldenleib durch eine unvergängliche Statue von Pariser Gyps verewigen. Aber der wachsame Peter der Starrköpfige ließ sich nicht verblüffen. Er beschied den General-Feldmarschall privatim vor sich und ließ sich seine Geschichte mit allen Eiden und Betheuerungen haarklein wiederholen, dann aber sagte er – «Höre, Kamerad, nach deinen eignen Reden bist du der bravste, edelste und würdigste Mann in der ganzen Provinz, aber du hast leider das Unglück, einen verteufelt schlechten Namen und Ruf zu genießen. Nun ist es zwar hart, einen Mann für unglückliche Ereignisse zu züchtigen, und ob es auch sehr möglich ist, daß du völlig frei an jenen, dir zur Last gelegten Verbrechen bist, so läßt doch der Himmel, gewiß aus weiser Absicht, deine Unschuld nicht an den Tag kommen, und ferne sey es von mir, mich gegen seine hohen Rathschlüsse aufzulehnen. Außerdem darf ich nicht wagen, meine Armeen einem Befehlshaber anzuvertrauen, den sie verachten, und mein Volk einem Helden preiszugeben, dem sie mißtrauen. Ziehe dich daher, mein Freund, zurück von den Mühseligkeiten und Sorgen des öffentlichen Lebens, mit dem tröstenden Gedanken – wenn du schuldig bist, daß du nur gerechten Lohn erhältst – wenn unschuldig, daß du nicht der erste große und brave Mann bist, der in dieser argen Welt mißhandelt und mit Füßen getreten worden ist, ohne Zweifel aber in einer besseren Welt dafür belohnt wird. Unterdessen aber komme mir nicht wieder vor die Augen, denn ich habe eine schreckliche Aversion vor Gesichtern unglücklicher großer Männer wie du. Viertes Kapitel. Wie der edle Ritter die Seinen zur Abfahrt versammelte, von den Bürgern Abschied nahm und rüstig zum Fort Casimir gelangte – wie dort der Schwede Schamade schlug und ehrenvollen Abzug erhielt. Jetzt mahnten die Trompetenstöße Antons Van Corlear zum Aufbruch; die Zelte bewegten sich, die Fahnen flatterten stolz in den Lüften, die Trommeln wirbelten, die Matrosen kletterten wie Katzen im Takelwerk und rüsteten die großen Seekübel, worin die Armee aufgenommen werden sollte, zur Abfahrt nach dem Delaware. Die ganze Bevölkerung der Hauptstadt, Männer, Weiber und Kinder, blickten heraus, um die Krieger zu sehen, wie sie vor der Abreise durch die Straßen zogen. Manches Schnupftuch wehte aus dem Fenster, manche schöne Nase stimmte klägliche Töne der Angst und Trauer an. Der Schmerz der schönen Damen und Fräuleins von Granada konnte nicht lauter seyn bei der Verbannung des ritterlichen Geschlechts der Abencerragen, als der gegenwärtige Jammer der Schönen von Neu-Amsterdam. Jedes liebekranke Mädchen stopfte dem Geliebten Pfefferkuchen und Teignüsse in die Taschen; wie mancher kupferne Ring wurde ausgetauscht, wie manches krumme Sechskreuzerstück zerbrochen, als Pfänder ewiger Liebe und Treue – noch existiren einige Liebesverse für diese Gelegenheit, die kein Mensch enträthseln kann und über deren Entzifferung alle Weise der Erde zu Narren werden könnten. Rührend war es anzusehen, wie die schmucken Dirnen an dem herzhaften Anton Van Corlear hingen – denn er war ein schöner, rothbackiger, muntrer Junggeselle, lustig aus der Maßen, und machte nicht wenig Glück bei den Weibern. Gern hätten sie ihn zurückbehalten, um sie für die Abwesenheit der andern Helden zu trösten, aber nichts konnte den ritterlichen Antonius bestimmen, seinen guten alten Gouverneur zu verlassen, den er wie sich selber liebte – so umarmte er denn jede junge Vrouw, gab allen, die gesunde Zähne und Rosenlippen hatten, ein Dutzend kräftige Küsse und ging, mit ihren Segenswünschen beladen, von dannen. Der Abgang des Trompeters war aber nur ein Theil des allgemeinen Jammers. Der ritterliche Peter selbst war zwar den Thorheiten seines Volkes immer entgegen gewesen, hatte sich aber durch seinen Heldenmuth sehr populär gemacht, und man hielt ihn für ein Wunder von Tapferkeit. Sein hölzernes Bein wurde mit Ehrfurcht betrachtet; jeder alte Bürger und jedes Mütterchen hatte einen Sack voll Geschichten von dem starrköpfigen Peter für die Kinder an langen Winterabenden bereit, und man glaubte, er könne selbst Beelzebub die Hölle ordentlich heiß machen; die Leute erzählten sich sogar heimlich, er habe in einer finstern stürmischen Nacht den Teufel, als er in einem Kanot durch das Höllenthor segelte, mit einer silbernen Kugel erschossen. Aber davon schweigt die Geschichte, weil es kein ganz beglaubigtes Factum ist. Der Gouverneur haranguirte noch einmal von dem Hintertheil seines Schooners die bekümmerten Bürger und empfahl ihnen Folgsamkeit und Verträglichkeit, den Kirchgang und die Arbeit, den Weibern kurze Worte und lange Röcke, den Männern Gehorsam gegen die aufgestellten Oberen, Geldmachen zu Hause und Kinderkriegen zum Wohl des Landes, den Burgermeistern gerechte Handhabung der bestehenden Gesetze ohne alle Neuerungen und lieber Verhütung als Bestrafung von Verbrechen. Endlich ermahnte er alle, sich so gut zu betragen, als sie könnten, von welchem goldnen Spruch er immer viel hielt; und damit gab er ihnen seinen Segen. Van Corlear blies die Trompete, das Volk jubelte, die Armada stieß ab, von der Batterie winkten Hände, Tücher, Hüte, und als sie um die Ecke der Meerenge bogen, verloren sich allmählig die Schönen mit stummen hängenden Köpfchen. Eine düstre Stille hing jetzt über der eben noch so lärmenden Stadt – die ehrlichen Bürger rauchten ihre Pfeifen in tiefem Hinbrüten und warfen manchen nachdenklichen Blick auf den Wetterhahn der St. Nicolaus-Kirche; alle alten Weiber aber versammelten ihre Küchlein und verrammelten, eingedenk der Abreise ihrer treuen Wächter, mit Sonnenuntergang Thüren und Fenster. Mittlerweile segelte die Armada des muthigen Peter glücklich weiter, hatte mit Stürmen und Wasserhosen, Wallfischen und andern Ungeheuern zu thun, und nachdem die ganze Garnison die schreckliche Plage, welche man Seekrankheit nennt, männlich bestanden und überwunden, kam das ganze Geschwader wohlbehalten in dem Delaware an. Ohne Anker zu werfen und die müden Schiffe zu Athem kommen zu lassen, verfolgte der unerschrockne Peter seinen Lauf stromaufwärts und erschien plötzlich vor dem Fort Casimir. Der langathmige Van Corlear trompetete ihnen zu, und Peter rief im Donnerton, sich zu ergeben. Suen Scutz, der mumienartige Commandant, pfiff mit seiner feinen Stimme, die wegen Mangel an Athem lautete, wie die Luft, die aus einem zerrissenen Blasbalg streicht, «er habe zwar keine wichtigen Gründe, sich zu weigern, aber er wünschte doch erst die Zeit zu haben, sich mit dem Gouverneur Rising zu berathen, und bitte deßhalb um Waffenstillstand.» Der cholerische Peter, entrüstet über die verrätherische Entreißung und hartnäckige Vorenthaltung seines Forts, verweigerte den begehrten Waffenstillstand und schwur bei der Pfeife des heiligen Nicolaus, die wie das heilige Feuer nie ausging, wenn das Fort sich nicht in zehn Minuten ergebe, werde er sogleich die Werke mit Sturm nehmen, die Garnison über die Klinge springen lassen und ihren Schuft von Commandanten spalten wie einen gesalznen Mutterhäring. Um der Drohung mehr Nachdruck zu geben, zog er sein Schwerd, welches im Sonnenschein geglänzt haben würde, wenn es nicht so rostig gewesen wäre, und daher auch keine große Wirkung that. Er ließ darauf eine Batterie aufführen, die aus zwei Wirbelkanonen, drei Musketen, einer langen Entenflinte und zwei Paar Reiterpistolen bestand. Mittlerweile musterte der wackre Van Corlear das Heer und begann die Operationen. Wie ein Boreas blies er die Backen auf und schmetterte ganz satanisch – die muntern Chorsänger von Sing-Sing erhoben einen abscheulichen Schlachtgesang – die Krieger von Breukelen und die Wallabonter bliesen herzhaft in ihre Muschelhörner, das gab zusammen ein Concert, als ob fünftausend französische Geiger ihre Geschicklichkeit in einer modernen Ouvertüre erprobten. War es nun, daß die plötzlich aufmarschirte schreckenerregende Fronte die Garnison zahm machte, oder daß die Aufforderung, sich auf Discretion zu ergeben, von Suen Scutz mißverstanden und auf seine eigene Discretion bezogen wurde, kurz es war ihm unmöglich, einer so artigen Aufforderung zu widerstehen. Grade noch zur rechten Zeit, als eben ein Schiffsjunge nach einem Brand gehen wollte, um die Wirbelkanonen loszufeuern, wurde auf dem Wall von der einzigen dort befindlichen Trommel Schamade geschlagen, worüber beide Partheien nicht wenig erfreut waren, da sie, obgleich ihnen der Magen aufs Kämpfen stand, doch vorzogen, ihr Mittagsmahl in Ruhe zu verzehren, als sich schwarze Augen und blutige Nasen zu holen. So kehrte denn diese unüberwindliche Festung wieder unter die Botmäßigkeit Ihrer Hochmögenden zurück; Scutz und seine Garnison von zwanzig Mann durften mit klingendem Spiel ausmarschiren, und der großmüthige Peter erlaubte ihnen, alle Waffen und Vorräthe zu behalten – man fand sie nämlich ganz untauglich, welches sie schon von den Zeiten Poffenburgs her gewesen waren. Van Corlear erhielt zum Lohn für seine bereits geleisteten Dienste ein Landgut in der Nähe, das bis auf den heutigen Tag Corlears Hook heißt. Die beispiellose Großmuth Stuyvesants erregte Unzufriedenheit in der Hauptstadt, besonders unter denen, die in den Tagen Wilhelm des Eigensinnigen geherrscht hatten, und jetzt, da der Gouverneur abwesend war, selbst auf der Straße über ihn raisonnirten. Auch in dem Rathszimmer wurde gemurrt, und man kann nicht wissen, ob sie nicht starke Reden gegen den Gouverneur gehalten hätten, wäre er nicht so klug gewesen, seinen Stock nach Hause zu schicken, um ihn als Zeichen seiner Macht auf den Rathstisch zu legen; die Herren merkten, was es zu bedeuten hatte, und hielten von da an den Mund. Fünftes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant, von unersättlicher Kriegslust erfüllt, das schwedische Fort Christina angriff und das Murren seiner Völker zuvor mit einer soliden Mahlzeit beschwichtigen mußte. Wie ein mächtiger Herr vom Rath, wenn bei einer feierlichen Amtsmahlzeit der erste Löffel Schildkrötensuppe seinen Gaumen labt und er mit zehnfach gereiztem Appetit seine kräftigen Angriffe auf die Terrine wiederholt, während seine gefräßigen Augen gierig umherrollen und alles auf der Tafel verschlingen – so empfand der kampflustige Peter Stuyvesant einen unerträglichen Hunger nach kriegerischen Thaten, der bis in alle Eingeweide raste und nach der schnellen Besitznahme des Forts Casimir nichts übrig ließ, als die Eroberung von ganz Neu-Schweden. Kaum hatte er sich daher dieß Fort gesichert, als er entschlossen aufbrach, um von dem Fort Christina (der jetzigen Stadt Christiana oder Christeen) neue Lorbeern zu erndten. Es war dies der Posten an dem kleinen Fluß desselben Namens; hier lag der listige Jan Rising fürchterlich in seinem Hinterhalte, wie eine graubärtige Spinne in der Citadelle ihres Gewebes. So wie Peter Stuyvesant ankam, ging es sogleich ans Verschanzen, und nachdem die erste Parallele gezogen war, mußte sogleich Anton Van Corlear hinauf, um die Festung zur Uebergabe aufzufordern. Van Corlear wurde mit der gebührenden Höflichkeit empfangen, bekam am Thor die Augen verbunden, und wurde durch einen schändlichen Geruch von Seefischen und Zwiebeln zu der Citadelle, einer ansehnlichen Hütte von Tannenholz, geführt. Die Binde ward abgenommen und er befand sich in der erlauchten Gegenwart des Gouverneur Rising. Dieser Befehlshaber war, wie schon bemerkt, von riesenhaftem Wuchs, er hatte einen groben blauen Rock an, um die Hüfte mit einem ledernen Gürtel, der die ungeheuern Rockschößen und Taschen recht kriegerisch abstehen machte; die schweren Beine stacken in fuchsfarbenen Courierstiefeln; so stand er mit ausgespreiztem Untergestell, wie der Coloß von Rhodus, vor einem Stückchen zerbrochenen Spiegel und kratzte sich mit einem stumpfen Rasirmesser den Bart. Diese schmerzhafte Operation brachte fürchterliche Grimassen zum Vorschein, welche das grausige Ansehen dieses Mannes um Vieles erhöheten. Wie Antonius Van Corlear genannt wurde, hielt der unheimlich blickende Commandant in einer der schwierigsten Windungen seiner Schaberei einen Augenblick ein und sah über die Schulter nach ihm hinüber, blickte ihn mit knurrendem Grinzen ein wenig an, und fuhr dann zu schaben fort. Nachdem die eiserne Erndte vorüber war, wandte er sich wieder zu dem Trompeter und fragte ihn nach dem Zweck seiner Sendung. Anton Van Corlear erzählte alle Beschwernisse der Provinz der Neuen Niederlande von vorn und endete mit der Aufforderung, daß sich das Fort sogleich ergeben solle; dann drehte er sich auf die Seite, nahm die Nase zwischen Zeigefinger und Daumen und trompetete ganz fürchterlich, als ob er auf seinem Instrumente zur Uebergabe blase. Der Gouverneur Rising hörte ihn von Anfang bis zu dem Signalstoß der Nase, die von der Nachbarschaft des Instrumentes etwas profitirt hatte, zwar an, jedoch mit großer Ungeduld, indem er sich ab und zu auf sein Schwerd stützte und mit einer ungeheuern stählernen Uhrkette spielte oder die Finger schnippte. Als Van Corlear zu Ende war, sagte er ganz kurz, Peter Stuyvesant und seine Aufforderungen sollten sich zum Teufel scheren, wohin er ihn und seine Lumpenhunde noch vor dem Mittagsbrod expediren wolle. Dann zog er das Schwerd, warf die Scheide weg und rief: «So wahr ich ehrlich bin, ich will dich nicht bedecken, bis ich aus den rauchgedörrten ledernen Häuten dieser hasenfüßigen Holländer Scheiden gemacht habe.» Nachdem er dem Feind so durch den Botschafter die trotzigste Antwort in den Bart geworfen, ließ er ihn zum Thor zurückführen, mit allen Ceremonien und Artigkeiten, die einem Trompeter, Kammerherrn und Gesandten eines so großen Machthabers gebühren, und nachdem sie ihm die Augen aufgebunden, entließen sie ihn mit einem Nasenschneller, um ihn lebhaft an seine Botschaft zu erinnern. Kaum erhielt der ritterliche Peter die unverschämte Antwort, als er eine Batterie rothglühender Schimpfwörter spielen ließ, die unbezweifelt die Festungswerke niedergeschmettert und das Pulvermagazin samt dem kecken Schweden in die Luft gesprengt haben würde, wäre nicht die Befestigung äußerst dauerhaft und das Pulvermagazin bombenfest gewesen. Als er sah, daß die Werke der starken Salve widerstanden und es durchaus unmöglich sey, (wie wirklich in jenen unphilosophischen Tagen), einen Krieg mit Worten zu führen, befahl er seinen lustigen Völkern, sich augenblicklich zum Angriff zu rüsten. Aber jetzt erhob sich ein seltsames Gemurmel, das bei dem Stamm der Van Bummels, diesen famösen Tafelhelden vom Bronx, anfing und von Mann zu Mann ging, mit gewissen meuterischen Blicken und unzufriednem Gebrumme. Nur einmal im Leben geschah es, und es war diesesmal, daß Peter bleich wurde, er glaubte wahrlich schon, sein wackeres Heer werde die Stunde der Gefahr nicht heldenmüthig bestehen und einen ewigen Schandfleck auf die Provinz der Neuen Niederlande werfen. Aber bald entdeckte er, zu nicht geringer Freude, daß er in seinem Argwohn diesem unerschrockenen Heere gewaltig unrecht gethan; denn der einfache Grund des Mißbehagens und Brummens war, daß eben die Mittagszeit eintrat und es den regelrecht lebenden holländischen Kriegern das Herz abgestoßen hätte, wären sie von ihrer festen Richtschnur abgewichen. Auch war es allezeit Vorschrift bei unsern Vorfahren gewesen, nur mit vollem Magen zu fechten, und dieser Regel mag wohl der Umstand zuzuschreiben seyn, daß sie in den Waffen so groß wurden. Und nun sind die gewaltigen Helden von Manhattan und ihre nicht geringeren Kriegskameraden alle unter den Bäumen beim Bankettiren munter, und umhalsen so zärtlich ihre Flaschen und Krüge, als ob sie auf ewig von ihnen Abschied nehmen sollten. Da ich nun voraus weiß, daß wir auf der zweiten oder dritten Seite heiße Arbeit bekommen, so rathe ich meinen Lesern sich ebenfalls zur Mahlzeit zu begeben, weßhalb ich dieses Kapitel schließen will; ich gebe mein Wort zum Pfande, daß die ehrlichen Niederländer während dieses Waffenstillstandes keinen Ueberfall oder sonstige Beunruhigung in ihrer Mahlzeit zu befürchten haben. Sechstes Kapitel. Worin die entsetzliche Schlacht beschrieben wird, so jemals in Poesie oder in Prosa gefeiert worden, mit den bewunderungswürdigen Thaten Peters des Starrköpfigen. «Nun hatten,» heißt es in jenem Manuscript, «die Holländer eine ungeheure Mahlzeit hinabgeschlungen»; wunderbar gestärkt und ermuthigt, rüsteten sie sich zum Angriff. «Die Erwartung,» sagt das Manuscript weiter, «stand jetzt auf Stelzen.» Die Erde vergaß sich umzudrehen, oder vielmehr, sie stand still, um dem Spektakel zuzusehen, gleichwie ein runder dicker Rathsherr dem Kampf zweier ritterlichen Fliegen auf seinem Rockermel zusieht. Die Augen der ganzen Welt waren, wie in solchen Fällen gewöhnlich, auf das Fort Christina gerichtet. Die Sonne lief wie ein kleines Männchen in einem Gedränge vor einem Puppenspiel am Himmel hin, steckte den Kopf bald da, bald dort durch, um einen Blick über die Schultern der unhöflichen Wolken zu thun, die ihr in den Weg traten. Die Geschichtschreiber füllten ihre Tintenfässer; die Poeten kamen ohne Essen im Leibe, entweder um sich dafür Papier und Gänsekiele zu kaufen, oder weil sie nichts zu essen bekommen konnten. Das Alterthum schielte mißgünstig aus seinem Grabe, um sich übertroffen zu sehen, und selbst die Nachwelt stand stumm in Erstaunen verloren, im Zurückblicken auf das Feld so großer Ereignisse. Die unsterblichen Gottheiten, die sich in der «Affaire» bei Troja «im Dienst umgesehen,» bestiegen nun ihre Federbett-Wolken und schifften nach der Ebene oder mischten sich in verschiedenen Verkleidungen, alle erpicht, ihren Finger in dem Teig zu haben, unter die Kämpfenden. Jupiter schickte seinen Donnerkeil zur Reparatur an einen geschickten Kupferschmidt. Venus schwur bei ihrer Keuschheit, sie wolle die Schweden beschützen, und stolzirte in Gestalt eines schlechten Weibsbildes auf den Wällen des Forts Christina umher, von Diana begleitet, welche eine Unterofficiers-Wittwe von üblem Rufe vorstellte. Der bekannte Lärmmacher Mars steckte zwei Reiterpistolen in den Gürtel, nahm eine Flinte auf die Schulter und wankte wie ein besoffener Corporal an ihrer Seite, während Apoll als ein krummbeiniger Queerpfeifer hinter ihnen drein ging und verteufelt falsch aufspielte. Auf der andern Seite war die ochsenäugige Juno zu sehen, die über Nacht, bei einer heftigen Gardinenpredigt gegen ihren alten Gemahl, ein Paar blauaufgelaufene Augen erwischt hatte; sie entfaltete ihre hohe Schönheit auf einem Bagagewagen. Minerva, als eine kräftige Marketenderin gekleidet, welche Fusel zapfte, schürzte ihre Röcke, schwang die Faust und schrie heldenmüthig in schlechtem Holländisch, (eine Sprache, die sie erst kürzlich gelernt hatte) womit sie bei den Soldaten ordentlich Feuer anschürte, während Vulkan als ein plumpfüßiger Hufschmidt, der kürzlich zum Hauptmanne vom Landsturm avancirt war, umher humpelte. Rings herrschte stummes Entsetzen oder lärmendes Klingenwetzen; der Krieg zeigte seine fürchterliche Stirn, knirschte laut mit den eisernen Zähnen und schüttelte seinen entsetzlichen borstigen Kamm von Bajonetten. Und nun musterten die mächtigen Fürsten ihre Heere. Hier stand der derbe Rising, fest wie tausend Felsen, umstarrt von Pallisaden und bis zum Kinn in Schlammbatterien verschanzt. Seine tapfere Garnison reihte sich in grausiger Linie hinter der Brustwehr hin, jeder mit trotzig gewichstem Schnurrbart, das Haar zurückpomadisirt und strack in den Zopf gezogen, daß sie über die Wälle grinzten wie Todtenköpfe. Da kam der unerschrockne Peter mit gerunzelter Stirn, knirrschenden Zähnen, geballten Fäusten, und Wolken Rauchs gingen aus seinem Munde, so stark war das Feuer, welches ihm im Busen tobte. Sein treuer Knappe Van Corlear trat ritterlich auf seine Fersen, die berühmte Trompete über und über mit rothen und gelben Bändern, den Andenken seiner Geliebten auf Manhattan, behangen. Dann kamen die herzhaften Ritter des Hudson angewatschelt; da die Van Wycks und die Van Dyk's, und die Ten Eycks – dort die Van Nesses, die Van Tassels, die Van Grolls, die Van Hoesens, die Van Giesons und die Van Blarcoms – die Van Warts, die Van Winkles, die Van Dams; die Van Pelts, die Van Rippers und die Van Brunts. Dort kamen die Van Hornes, die Van Hooks, die Van Bunschotens; die Van Gelders, die Van Arsdales, und die Van Bummels; die Van der Belts, die Van der Hoofs, die Van der Voorts, die Van der Lyns, die Van der Pools und die Van der Spiegels – da die Hoffmans, die Hooglands, die Hoopers, die Cloppers, die Ryckmans, die Dyckmans, die Hogebooms, die Rosebooms, die Oothouts, die Quackenbossels, die Roerbacks, die Garrebrantzs, die Bensons, die Brouwers, die Waldrons, die Onderdonks, die Varra Vangers, die Schermerhorns, die Stoutenburgs, die Brinkerhoffs, die Bontecous, die Knickerbockers, die Hockstrassers, die Zehnhosen und die Zähhosen mit einer Menge anderer Edlen, deren Namen zu holperig sind, um sie aufzuzählen, und die, wenn sie auch geschrieben werden können, nicht auszusprechen sind – alle mit einer guten Mahlzeit gestärkt, wie jener große holländische Poet singt: «Bis zu dem Rand gefüllt mir Zorn und Kraut!» Plötzlich hielt der mächtige Peter mitten in seinem Laufe ein, bestieg einen Baumstümmel und redete seine Truppen in elegantem Holländisch an, munterte sie auf, wie Duyvels zu fechten, versprach ihnen fette Beute, wenn sie nicht den Tod fürs Vaterland vorzögen, wo dann ihre Namen in dem Tempel des Ruhms eingeschrieben und mit allen berühmten Männern des Jahres an die Nachwelt gebracht würden. Endlich schwur er ihnen auf sein Ehrenwort zu (und sie wußten wohl, daß es in Erfüllung gehen werde), wenn er einer Mutter Sohn unter ihnen blaß oder sich memmenhaft geberden sähe, wolle er ihm das Fell gerben, bis er aus der Haut sähe wie eine Blindschleiche im Frühjahr. – Dann zog er sein betrautes Schwerd, schwang es dreimal über seinem Haupt, ließ Van Corlear den Signalstoß geben und rannte mit dem Feldgeschrei: «St. Nikolaus und die Manhatto's!» muthvoll voran. Seine kriegerischen Gefährten, die den Halt benutzt hatten, um ihre Pfeifen anzuzünden, steckten sie sogleich in den Mund, zogen gehörige Wolken und luden ritterlich unter der Decke des Tabacksdampfes ihre Gewehre. Die schwedische Garnison, welche von Rising den Befehl erhielt, nicht zu feuern, bis sie an den Feinden das Weiße im Auge sehen könnten, standen in fürchterlichem Schweigen auf dem bedeckten Gang, als die ungeduldigen Holländer über das Glacis stiegen. Nun gaben sie ihnen eine solche Ladung, daß rings alle Anhöhen bebten, dabei aber eine so starke Erschütterung erlitten, daß sie das Wasser nicht mehr halten konnten und mehrere Quellen ihnen aus den Seiten sprangen, die noch bis auf den heutigen Tag fließen. Alle Holländer hätten jetzt ins Gras beißen müssen, wenn nicht die schützende Minerva darauf gedacht hätte, daß die Schweden wie gewöhnlich allesammt die Augen zudrückten und die Köpfe wegwandten, als sie feuerten. Die Schweden verfolgten ihre vermeintlichen Siegesschüsse damit, daß sie über die Contrescarpe sprangen und mit fürchterlichem Geschrei den Feind anfielen. Und nun sah man Wunder von Tapferkeit, desgleichen weder die Geschichte noch die Poesie aus alter und neuer Zeit aufzuweisen hat. Hier stand der trotzige Stoffel Brinkerhofd und schwang seinen starken Knüttel, wie der furchtbare Riese Blanderon seinen Eichbaum (denn er verachtete jede andre Waffe) und spielte damit gar schöne Melodieen auf den Köpfen der Schweden. Da waren die listigen Van Kortlands zu sehen, in der Entfernung postirt wie die alten Locrischen Bogenschützen, denen sie nichts nachgaben. Auf einer andern Seite standen in einen Knoten verschlungen die tapfern Männer von Sing-Sing, die dem Kampf bedeutenden Vorschub leisteten, indem sie das große Lied vom heiligen Nikolaus anstimmten; aber die Gardeniers vom Hudson waren von der Schlacht abwesend, indem sie als Marodeurs beordert wurden, sich über die Wassermelonen-Pflanzungen in der Nähe herzumachen. Auf einer entgegengesetzten Seite des Feldes sah man die Van Grolls von Antoni-Nase; sie waren furchtbar erschrocken, als sie in einen Hohlweg kamen, denn sie konnten wegen der Länge ihrer Nasen nur mit Mühe hindurchkommen. Dann waren dort die Van Bunschotens von Nyak und Kakiat, so berühmt wegen ihres Tretens mit dem linken Fuß, aber ihre Geschicklichkeit half ihnen jetzt wenig, da sie von der starken Mahlzeit etwas kurz athmeten; sie wären unwiederbringlich verloren gewesen, wenn sie nicht von einem ritterlichen Corps Voltigeurs verstärkt worden wären, welches aus den Hoppers bestand, die zu ihrem Beistand schnell auf einem Fuß daherkamen. Auch darf ich nicht vergessen, die unvergleichlichen Heldenthaten Antons Van Corlear zu erzählen, der eine gute Viertelstunde sich mit einem kleinen engbrüstigen schwedischen Tambour heftig herumkampelte, auf dessen Haut er ganz charmant Wirbel schlug; wäre er mit noch anderen Waffen als seiner Trompete in die Schlacht gekommen, so hätte er ihm ohne Zweifel ein frühzeitiges Ende bereitet. Nun aber wurde der Kampf immer dichter. Da rückten der mächtige Jacobus Varra Vanger und die fechtenden Helden von Wallabout heran, hinter ihnen donnerten die Van Pelts von Esopus sammt den Van Rippers und den Van Brunts und warfen alles vor sich nieder – dann die Suy Dams und die Van Dams, die mit manchem verwetterten Fluch vorwärts drängten; sie führten die Krieger des Höllenthors an, die in ihren Donner- und Blitz-Kitteln einherschritten; endlich erschien die Leibgarde und der Fähndrich Peter Stuyvesants mit dem flatternden großen Biber von Manhatta. Jetzt begann das furchtbare Getümmel, der desperate Kampf, die wahnsinnige Wildheit, die tolle Wuth, die Verwirrung und Bewußtlosigkeit des Faustkampfs: Holländer und Schweden durch einander rissen, pufften und lederten auf einander los, was sie konnten. Der Himmel verfinsterte sich von dem Hagel der Wurfgeschosse und Schießgewehre. Pautz! gingen die Kanonen los – ratsch! hieben die Säbel ein – plumps!. fielen die Prügel drein – piff, paff! plautzten die Flinten – heillose Risse – Schläge – Tritte – Kopfnüsse – Ohrfeigen – eine Menge schwarze Gesichter und blutige Nasen verstärkten immer mehr das Schauderhafte der Scene. Schwipp schwapp, ritsch ratsch, holterdipolter, kopfüber kopfunter, knall und fall, Purzelbaum und hast du nicht gesehen! gings durch einander. – Dunder und Blixum, fluchten die Holländer – Splitter und Splutter, schrieen die Schweden – Lauft Sturm, brüllte der hardkoppige Peter – Feuer an die Minen! kreischte der heftige Rising – Tanta-ra-ra-ra! schmetterte die Trompete Antons Van Corlear – bis alle Stimmen und Töne verworren durch einander tobten – Grunzen und Röcheln, Wuthgeschrei, Siegesjubeln, mischte sich in Ein satanisches Geheul. Die Erde erzitterte, als ob sie einen Schlaganfall über den andern bekäme – Bäume schauderten zurück und verdorrten vor dem Anblick – Felsen krochen in die Erde wie Kaninchen – selbst der Christinafluß floh erschreckt zurück und lief in athemlosen Entsetzen einen Berg hinan! Lange schwankte das Kriegsglück über den Streitern; ein tüchtiger Platzregen, von dem «wolkenversammelnden Zeus» gesandt, kühlte einigermaßen ihre Hitze, gleichwie ein Kübel mit Wasser, den man über eine Hetze bissiger Hunde gießt; doch war dieß nur auf Augenblicke, und mit zehnfach erneuerter Wuth kehrten sie auf den Kampfplatz zurück und schlugen einander blau, grün und blutrünstig. Gerade als sie wieder handgemein wurden, zeigte sich eine lange und dicke Rauchwolke, die sich langsam nach dem Schlachtfeld bewegte; die Kämpfenden hielten einen Augenblick inne und betrachteten die Erscheinung mit stummem Erstaunen – plötzlich verwehte ein Windstoß die dicke Wolke, und aus ihrer Mitte tauchte das flatternde Banner des unsterblichen Michael Paw hervor. Dieser hochherzige Anführer kam ohne Furcht heran mit einer geschlossenen Reihe von austerfetten Pavoniern, welche dahinten geblieben waren, theils um ein Reservecorps zu bilden, theils um die große Mahlzeit zu verdauen, die sie gehalten hatten. Diese kühnen Dienstmannen rückten unerschrocken heran, rauchten ihre Pfeifen mit Nachdruck, marschirten jedoch ausnehmend langsam, weil sie kurzbeinig und um den Gürtel von ziemlicher Rundung waren. Doch jetzt verließen die schützenden Gottheiten des Meeres von Neu-Amsterdam unbedachtsam das Feld und gingen in ein benachbartes Bierhaus, um sich mit einem frischen Trunk zu erquicken; da hätte die schrecklichste Krisis den Niederländern beinahe den Garaus gemacht. Kaum waren die Myrmidonen des gewaltigen Paw zur Schlachtordnung angerückt, als die Schweden von dem pfiffigen Rising einen Wink erhielten und eine Tracht Hiebe auf die Tabackspfeifen regnen ließen. Betroffen über den unerwarteten Angriff und durch die zerbrochenen Pfeifen aus der Fassung gebracht, geriethen die ritterlichen Holländer in totale Verwirrung – schon fliehen sie und wie eine scheu gemachte Elephantenheerde bringen sie einander selbst in Verwirrung, indem sie eine Schaar von kleinen Hoppers in den Boden stampfen, und das heilige Banner, worauf die riesenhafte Auster von Communipaw erglänzte, wird in den Koth getreten! Die Schweden sammelten jetzt frischen Muth, drängten nach, applicirten den Fliehenden mit großer Virtuosität Tritte a posteriori, so daß es war, als flögen sie davon; selbst der berühmte Paw empfing ganz infame Grüße und empörende Berührungen von schwedischem Sohlenleder. Aber, o ihr Musen! wer malet den Zorn des muthigen Heerführers der Holländer, als er von weitem seine Leute weichen sah? Mit einer Donnerstimme brüllte er seinen schurkischen Kriegern nach. Die Männer von Manhatta rafften sich zu neuer Besinnung auf, als sie ihren Feldherrn rufen hörten – oder vielmehr sie fürchteten seine nachdrückliche Ungnade, die sie mehr scheuten, als alle Schweden in der ganzen Christenheit – aber der kühne hartkoppige Peter wartete nicht auf ihre Hülfe und stürzte sich, das Schwerd in der Faust, in den dichtesten Haufen der Feinde. Er verrichtete hier Thaten, wie sie seit dem wunderbaren Weltalter der Riesen nicht geschahen. Wo er sich hinwandte, wich der Feind bebend zurück. Mit heftigem Ungestüm drang er vorwärts und trieb die Schweden wie Hunde in ihre eignen Gräben, aber als er sich so tollkühn hineinwagte, kamen sie ihm bei und drängten ihn von der Seite. Ein heimtückischer Schwede näherte sich ihm auf diese Weise und führte sein feiges Schwerd gerade nach dem Heldenherzen; aber die schützende Macht, die über dem Leben aller großen und braven Männer wacht, lenkte die tödtliche Waffe nach einer Seitentasche, wo eine ungeheure blechene Tabacksdose ruhte, die wie der Schild des Achilles mit übernatürlicher Kraft begabt war – ohne Zweifel, weil der fromme Held auf ihr ein Bildniß des schützenden St. Nikolaus mit sich herum trug; so ward der fürchterliche Stoß abgewandt, indeß dem großen Helden ein furchtbarer Seufzer entfuhr. Wie ein wüthender Bär, den die Hunde anfallen, sich verzweifelnd wehrt, die Zähne fletscht und auf den Feind losspringt, so wandte sich unser Held nach dem verrätherischen Schweden. Der Schurke suchte in der Flucht sein Heil – aber der lebhafte, hurtige Peter erwischte ihn bei seinem unmenschlichen Haarzopf. «Ha, raupiger Bankart!» brüllte er, « hier habe ich etwas, das Hundespeise aus dir machen soll!» So sprechend, that er mit seinem trauten Schwerd einen Hieb, der dem Schweden den Kopf wie eine Rübe weggenommen hätte, wenn er weiter ausgeholt hätte, so aber trennte er nur den Zopf dicht an der Wurzel vom Kopfe. In diesem Moment richtete ein Büchsenschütze, auf der Höhe eines Erdwalls gelagert, sein tödtliches Geschoß auf den ritterlichen Stuyvesant und würde ihn ohne Zweifel als einen weheklagenden Todten zu den stygischen Gestaden hinabgesandt haben – hätte nicht Minerva, die sich so eben gebückt hatte, um ihr Strumpfband zu binden, ihren Liebling aus der plötzlichen Gefahr errettet, indem sie Boreas mit seinen Bälgen gerade noch vor dem Schuß sandte, als der Lunten ans Rohr gelegt wurde, wo der Gott mit einem glücklichen Windhauch alles Pulver von der Pfanne blies. «So wogte die schreckliche Feldschlacht» – als der stolze Rising, der das Ganze von der Höhe einer kleinen Vorschanze überblickte, seine Leute durch den unbestechlichen Peter bedrängt, geschlagen und zertreten sah. Die Sprache malt nicht den Zorn, der ihn bei diesem Anblick ergriff – er hielt nur einen Augenblick inne, um eine Last von fünftausend Flüchen abzuschütteln, dann zog er seinen Türkensäbel und stürzte in den Kampf, mit so donnernden Tritten, wie es bei Hesiod von Jupiter heißt, als er von dem Sphärensitz herabkam, um den Titanen seine Donnerkeile an die Köpfe zu werfen. Wie sich die feindlichen Anführer von Angesicht erblickten, fuhren beide stark zurück, wie routinirte Helden der Bühne zu thun pflegen. Dann sahen sie sich einen Augenblick sauer an, wie zwei wüthende verliebte Kater, wenn sie im Begriff sind, mit ihren Krallen eifersüchtige Ohrfeigen auszutheilen. Jetzt stellten sie sich in Position, darauf in eine andere, wetzten die Schwerter am Boden, und nun gings los. Worte sind unvermögend, die Wunder der Stärke und Tapferkeit bei diesem verhängnißvollen Zusammentreffen zu beschreiben, ein Zweikampf, mit welchem der des Ajax mit Hector, des Aeneas mit Turnus, des Orlando mit Rodomont, des Gui von Warwick mit Colbrand dem Dänen, und des berühmten wälischen Ritters Sir Owen von den Bergen mit dem Riesen Guylon, pure Kindereien und Sonntagsspäße waren. Endlich nahm Peter seine Gelegenheit wahr, holte aus und wollte eben den Schädel seines Gegners bis zum Kinn spalten; aber Rising hob rasch den Säbel und parirte, doch so kurz, daß der Hieb ihm die Seite streifte und ein ungeheures Schnapsfutteral wegrasirte, das er stets angeschnallt trug, dann seinen Lauf verfolgend in eine tiefe Rocktasche fuhr, die mit Käse und Brod reichlich versehen war – diese Leckerbissen rollten zwischen die Kämpfenden und verursachten ein hartnäckiges Handgemenge unter den Schweden und Holländern, so daß die Schlacht sich mit zehnfacher Heftigkeit erneuete. Wüthend, seine Kriegsvorräthe so schmählig zerstreut zu sehen, sammelte der stolze Rising alle Kraft und hieb dem Helden gerade auf den Kamm. Vergebens widersetzte sich der kleine dreieckige Hut; der Stahl biß sich durch den steifen, widerhaarigen Filz und würde ihm ohne Zweifel den Hirnkasten gespalten haben, wäre der Schädel nicht von solcher demantnen Härte gewesen, daß der schwache Säbel in Stücke brach und tausend Funken sprühte, die das gräßliche Gesicht wie Strahlen des Ruhms umgaben. Von dem Schlag betäubt, taumelte der ritterliche Peter, verdrehte die Augen nach oben und sah fünftausend Sonnen zwischen Monden und Sternen am Firmamente tanzen – endlich verlor er durch seinen hölzernen Fuß das Gleichgewicht und kam auf seinen Sitz der Ehren nieder, mit einem so heftigen Fall, daß die Höhen rings erzitterten, und gewiß sein ganzes anatomisches System zu Grund gegangen wäre, hätte ihn nicht ein Kissen, weicher als Sammt, gastlich aufgenommen, welches die Vorsehung, oder Minerva, oder der heilige Nikolaus, oder eine gütige Kuh wohlwollend zu seinem Empfang dahin gelegt hatte. Der wüthende Rising war ganz gegen jenen Grundsatz echter Ritterlichkeit, «großmüthige Fehde ist ein Juwel,» erpicht, in dem Fall des Helden seinen Vortheil wahrzunehmen, aber als er sich bückte, um ihm den Todesstreich zu versetzen, gab ihm der besonnene Peter mit dem hölzernen Bein einen kräftigen Schlag aufs Capitol, daß ihm die Ohren klangen wie von einem Dutzend Glockenspiele und Schellenbogen. Der verwirrte Schwede taumelte und in demselben Augenblick erwischte der behende Peter einen Sackpuffer, der auf dem Boden lag (er war seinem getreuen Trompeter Van Corlear während des Wirbelschlagens auf dem kleinen Tambour aus dem Schnapsack gehüpft) und feuerte ihn dem taumelnden Rising an den Kopf – doch der Leser irre sich nicht, es war keine mörderische Waffe, mit Pulver und Blei geladen, sondern ein ganz nettes steinernes Krüglein, bis zur Schnauze mit Doppeltem von ächter holländischer Courage gefüllt, die der kluge Van Corlear immer mit sich führte, um seiner Stärke von Zeit zu Zeit etwas zuzugeben. Die schmählige Bombe fuhr durch die Luft und fiel wohlgezielt, wie jenes von dem riesigen Ajax auf Hector geschleuderte Felsenstück, dem gigantischen Schweden mit unvergleichlicher Kraft auf den Schädel. Dieser schwere Schlag entschied den Ausgang der Schlacht. Das dumpfe Haupt des Generals Rising sank an die Brust, die Knie wankten, eine Todtenkälte überlief ihn und er stürzte mit solcher Heftigkeit zu Boden, daß der gute alte Pluto sehr erschrack und nicht anders glaubte, als er falle ihm das Dach seines unterirdischen Palastes ein. Der Sturz des Helden war das Signal zur Flucht und zum Siege. Die Schweden wichen, die Holländer drangen vor; die ersteren flohen Hals über Kopf, die letzteren waren rasch hinterdrein. Einige rannten mit ihnen zusammen ins Thor hinein – andere stürmten die Werke und noch andere kletterten über den Kamm. So war in kurzer Frist das Fort Christina, das, wie ein zweites Troja, eine Belagerung von vollen zehn Stunden ausgehalten hatte, mit Sturm genommen, ohne daß auf beiden Seiten nur ein Mann umgekommen wäre. Die Siegsgöttin saß in der Gestalt einer großen Bremse auf dem dreieckigen Hut des ritterlichen Stuyvesant, und alle Schriftsteller, die er miethete, um die Geschichte dieses Zuges zu beschreiben, versicherten, daß er an diesem denkwürdigen Tage eine Fülle strahlenden Ruhmes erlangt, womit man ein Dutzend der größten Helden in der Christenheit dauerhaft hätte vergolden können! Siebentes Kapitel. Verfasser und Leser ruhen nach der Schlacht aus und gerathen in eine ernsthafte Betrachtung – wonach erzählt wird, wie Peter Stuyvesant sich auf seinen Sieg benommen. Dem heiligen Nicolaus sey Dank! wir haben die schreckliche Schlacht glücklich beendigt: laß uns niedersitzen, edler Leser, und uns abkühlen, denn ich bin in einem schrecklichen Schweiß und Aufruhr. – Warlich, es ist keine Kleinigkeit, so eine Schlacht, und wenn die großen Helden wüßten, welche Unruhe sie ihren Geschichtschreibern machen, sie könnten es nicht über's Herz bringen, so fürchterliche Dinge zu vollführen. Aber mich däucht, ich höre meinen Leser klagen, daß in der ganzen gewaltigen Schlacht kein einziger erschlagen, nicht einmal einer verstümmelt wurde, den unglücklichen Schweden ausgenommen, dem das scharfe Schwerd Peter Stuyvesants den Schweif abhieb – welches alles doch gegen alle Wahrscheinlichkeit verstößt. Ich weiß es selbst nicht, wie es zugeht, allein es muß die große Bescheidenheit unserer Vorfahren gewesen seyn, da in allen Quellen von Blutvergießen nirgends etwas vorkömmt; und es thut mir leid, die Leser ganz umsonst blutdürstig gemacht zu haben, wie es bei einer Hinrichtung geschieht, wo dem Delinquenten das Leben geschenkt wird. Da ich über kein einziges Menschenleben disponiren konnte, so mußte ich mir eben mit Tritten, Knüffen, Rippenstößen und ähnlichen ignobeln Wunden helfen, so gut ich konnte, und dabei sah ich mich denn ungefähr in derselben Verlegenheit wie Milton, der bei den Schlachten der Unsterblichen den Ausgang vom Anfang nur wenig verschieden machen konnte, da er seinen Geistern nicht einmal eine leibliche Wunde beibringen konnte. Es hat mich allemal nicht wenig Ueberwindung gekostet, meine Helden in der besten Arbeit abzuhalten, ihre Gegner niederzuschmettern, aufzuschlitzen oder ein halbes Dutzend wie einen Spieß Lerchen auf die Klinge zu nehmen. Wenn Homer so manchen armen Teufel auf dem Gewissen hat, der nur, um den Vers voll und wohltönend zu machen, ins Gras beißen mußte, so recke ich dagegen, bei größrer Versuchung und Enthaltsamkeit, die reinen Hände der Welt und allen Kritikern entgegen! Ich will, bei ernster Betrachtung der Ereignisse, nur an den Tropfen Tinte erinnern, der in der Feder zitternd, eben so gut als Flecken vergossen werden konnte: – an sich ohne Werth, hat er in meiner Geschichte einem Helden Unsterblichkeit gegeben! Nicht Anmaßung sehe der Leser in diesen Worten. Ach, was ist der unsterbliche Ruhm – ein beschmiertes Blatt Papier – ach, wie demüthigend ist der Gedanke – daß der Ruhm eines so großen Mannes wie Peter Stuyvesant von der Feder eines so kleinen Mannes wie Dietrich Knickerbocker abhängen soll! Laß uns weinen, daß irdische Größe, so räthselhaft, in so eitles Nichts, wie unbesungener Ruhm, zerfließen kann! Und nun, theurer Leser, nachdem wir die Mühseligkeiten und Gefahren des Schlachtfeldes bestanden, wollen wir auf den Schauplatz zurück eilen und die Folgen des glorreichen Sieges betrachten. Da das Fort Christina der Hauptsitz der Colonie Neu-Schweden und gewissermaßen der Schlüssel derselben war, so folgte schnell die Unterjochung der ganzen Provinz. Nicht wenig trug dazu das großmüthige und milde Benehmen des ritterlichen Peter bei. Schrecklich in der Schlacht, war er nach dem Siege edel, gnädig und menschlich gesinnt. Er prahlte nicht über seine Feinde, noch verbitterte er die Niederlage durch ungroßmüthiges Höhnen, und wie jener Spiegel ächter Rittertugend, der weltberühmte Paladin Orlando, war er immer begieriger, große Thaten zu thun, als, nachdem sie geschehen, davon zu reden. Er ließ Niemanden sterben, sengte und brannte nicht, ließ das Eigenthum der Besiegten nicht verwüsten, und gab sogar einmal einem seiner tapfersten Offiziere einen nachdrücklichen Verweis mit dem Spazierstock, als man ihn bei der Plünderung eines Hühnerhauses ertappte. Mit gleicher Großmuth erließ er Proclamationen und Aufforderungen, sich der Gewalt Ihrer Hochmögenden zu unterwerfen; mit großer Milde verkündete er: wer sich dem Gehorsam entziehe, solle auf Staatskosten logirt werden, nicht allein in ein sicheres Schloß, sondern auch durch Schildwachen für seine Person gesichert. In Folge dessen leisteten dreißig Schweden den Eid der Treue und durften dafür an den Ufern des Delaware bleiben, wo ihre Nachkommen noch bis auf den heutigen Tag leben. Die ganze Provinz Neu-Schweden wurde in eine Colonie Namens South-River verwandelt und unter einen Stellvertreter des Gouverneurs gesetzt, welcher der Regierung von Neu-Amsterdam untergeben war. Dieser Großwürdenträger hieß Mynheer Wilhelmus Beekman oder vielmehr Beckman, der wie Ovidius Naso von seiner ungeheuren Nase den Namen hatte, die wie der Schnabel eines Papagaien gestaltet war. Er wurde der große Stammvater des Beckmans, einer der ältesten und ehrenwerthesten Familien der Provinz, die dankbar den Ursprung ihrer Würde in erstaunlich langen Nasen verewigen, die sie mitten im Gesicht tragen. Die gefährliche Unternehmung ward glücklich beendigt und nur zwei Personen verloren dabei das Leben – Wolfert Van Horne, ein langer dünner Mann, der durch die Segelstange einer Schaluppe bei einem starken Wind über Bord geworfen wurde, und der fette Brom Van Bummel, der plötzlich an einer Indigestion verschied; beide wurden als solche, die im Dienste des Vaterlandes gefallen seyen, den Unsterblichen zugezählt. Zwar verlor Peter Stuyvesant eines seiner Glieder, indem ihm bei dem Sturme des Forts das Bein zerschmettert wurde, allein es war zum Glück sein hölzernes und dem Schaden schnell abzuhelfen. Und nun bleibt mir für diesen Zweig meiner Geschichte nur noch zu bemerken, daß der unbefleckte Held und sein siegreiches Heer fröhlich nach Manhattan zurückkehrten, daß sie einen feierlichen Triumphzug hielten, mit dem gefangenen Rising und den Ueberresten seines geschlagenen Heeres, welches bockbeinig den Gehorsam verweigert hatte; es scheint, der gigantische Schwede war nur in eine Ohnmacht gefallen, von welcher er sich durch einen herzhaften Nasenstüber schnell wieder erholte. Diese gefangenen Herren wurden dem Versprechen gemäß auf öffentliche Kosten einquartiert, in ein schönes geräumiges Schloß; es war das Staatsgefängniß, von welchem Stoffel Brinkerhoff, der unsterbliche Eroberer der Austernbai, erblicher Gouverneur wurde, und welches noch steht. Es war ein glückseliger Anblick, die Wiedervereinigung der Neu-Amsterdamer wahrzunehmen. Wie drängten sich die alten Weiber um Anton Van Corlear, der die ganze Campagne haarklein erzählte, und nur darin von der Wahrheit abwich, daß er sich alle Siege zuschrieb, besonders den über den stolzen Rising, da ihn sein Fläschchen getroffen hatte. Die Schulmeister in der ganzen Stadt gaben ihren Kindern Feiertag – sie folgten schaarenweise den Trommeln, mit papiernen Mützen gekrönt, und mit Stöcken durch die Hosen gezogen. Der tolle Pöbel folgte dem Peter Stuyvesant auf den Fersen, wohin er ging, warf die schmierigen Hüte in die Höhe und rief unaufhörlich sein «Vivat hardkoppig Piet!» Es war in der That ein Tag der Lust und Wonne. Auf dem Stadthaus wurde den Siegern zu Ehren eine fürchterliche Mahlzeit gegeben, wo sich die großen und kleinen Sterne von Neu-Amsterdam zu einem seltnen Strahlenkranze vereinigten. Schout mit seiner gehorsamen Deputation, die Burgermeister mit ihren Schöffen, diese mit ihren Subalternen, und so herab bis zum Bettelvogt; jeder hatte seinen dienstbaren Geist an der Seite, um ihm die Pfeife auszurauchen, das Glas auszutrinken und über seine kühnen Witze zu lachen, kurz es zeigte sich, daß nichts in der Welt über ein Stadtfest gehe. Die Tische bogen sich unter der Last von Fischen, Fleischsorten und Geflügel aller Art, ganze Seen von edlen Flüssigkeiten wurden vergossen, tausend Pfeifen geraucht und eine Menge platter Witze mit schallendem speckfettem Gelächter aufgenommen. Ich darf nicht vergessen, zu bemerken, daß Peter Stuyvesant diesem glorreichen Siege noch einen neuen Titel verdankte – alles war so hoch entzückt, daß man ihn von nun an Peter den Großen, Pieter de Groodt nannte, oder wie es die Neu-Amsterdamer in ihre Mundart übersetzten: Piet de pig; so nannten sie ihn bis zu seinem Tode. Siebentes Buch. Enthaltend den dritten Theil der Regierung Peters des Starrköpfigen, seine Händel mit der brittischen Nation, wie endlich das Sinken und Verfallen der holländischen Dynastie. Erstes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant das souveraine Volk der Bürde enthob, sich um Regierungsangelegenheiten zu bekümmern – nebst einigen Besonderheiten seines Benehmens in Friedenszeiten. Während der Abwesenheit des Helden hatte der Pöbel von Neu-Amsterdam einen tiefen Zug aus dem berauschenden Becher seiner Macht unter Wilhelm dem Eigensinnigen gethan, und obgleich er bei dem Regierungswechsel mit der Spürkraft, die ihm gleich dem Zugvieh eigen ist, merkte, daß die Zügel straffer gehalten wurden, so konnte er doch nicht umhin, sich zu reiben, schaben und ins Gebis zu knirschen, wie ein stätiges Pferd. Kaum war Peter Stuyvesant auf seinen Zug gegen die Schweden ausgegangen, als die alten Factionsmänner auch schon die Köpfe aus dem Wasser reckten und sich in politische Clubbs zum Wohl des Landes vereinigten; eine große Rolle spielten dabei die Burgermeister und Schöffen. Diese edlen Würdenträger waren nicht mehr jene fetten, wohlgenährten stillen Magistratspersonen unter Walter dem Zweifler; im Gegentheil, aus dem Volk erwählt, bildeten sie gewissermaßen ein kräftiges Bollwerk zwischen dem Pöbel und der Regierung. Sie waren große Popularitäts-Candidaten und heftige Advocaten für die Rechte des rohen Haufens, indem sie in uneigennützigem Eifer den weitmäuligen Volkstribunen des alten Roms oder den tugendhaften Patrioten unserer Tage glichen, die man mit Begeisterung «Freunde des Volks» nennt. Unter dem Schutz dieser tiefen Politiker war es ein wahres Wunder, wie plötzlich die schweinische Menge aufgeklärt wurde in Dingen, die über ihren Horizont gingen. Schuhmacher, Kesselflicker und Schneider fühlten sich allesammt inspirirt, wie jene frommen Zeloten in den Zeiten mönchischer Aufklärung, und wurden ohne alle Vorbereitung fähig, die Bewegungen der Staatsmaschine zu leiten. Auch darf ich eine Unzahl alter hartnäckiger Bürger nicht vergessen, die als Knaben in der Goede Vrouw von Holland mitgekommen waren und bei der aufgeklärten Menge für große Orakel galten. Denn anzunehmen, daß ein Mann, der das Land entdecken helfen, nicht auch wissen solle, wie es zu regieren sey, wäre vorschnell und unbedacht geurtheilt. Da Peter Stuyvesant eine besondere Neigung hatte, seine Provinz ohne den Beistand seiner Unterthanen zu regieren, ward er sehr zornig, als er die aufrührerische Gestalt der Dinge bei seiner Rückkehr wahrnahm. Sein erstes war daher, daß er die Ordnung wiederherstellte, indem er die angemaßte Würde des souverainen Volkes zu Boden warf. Er ersah sich dazu eine gute Gelegenheit; eines Abends nämlich, als der Volkshaufe Versammlung hielt und andächtig der patriotischen Rede eines inspirirten Schuhflickers zuhörte, erschien plötzlich der unerschrockne Peter in ihrer Mitte, mit einem Gesicht, das einen Mühlstein hätte versteinern können. Die ganze Versammlung war consternirt – den Redner schien mitten in einer erhabenen Sentenz der Schlag getroffen zu haben, er stand wie verhagelt da, mit offnem Maul und schlotternden Knieen, während die Worte «Schauder! Tyrannei! Freiheit! Rechte! Besteuerung! Tod! Verderben!» und eine Fluth von ähnlichen patriotischen Ausrufungen, ihm aus der Kehle rasten, ehe er im Stande war, die Lippen zu schließen. Der schlaue Peter nahm keine Notiz von der Klique um ihn her, sondern ging gradesweges zu dem tobenden Maulmacher hin, zog eine große silberne Uhr heraus, die in damaliger Zeit hätte als Stadtuhr dienen können und noch jetzt als ein Familienstück aufbewahrt wird, und bat den Redner freundlich, sie ihm einzurichten, daß sie wieder gehe. Der Redner bekannte demüthiglich, daß dieß ganz außer seiner Fähigkeit liege, indem er mit dem Bau einer Uhr völlig unbekannt sey. «Ei was,» sagte Peter, «lieber Mann, vertraut doch nur auf euer gutes Naturell; ihr seht ja alle die Federn und Räder und wie leicht die plumpeste Hand sie einhalten und auch zerschlagen kann; sollte es schwerer seyn, sie zum Gehen zu bringen, als zum Nichtgehen?» Der Redner erklärte nochmals, seine Handthierung sey davon ganz verschieden, er sey ein armer Schuhflicker und habe in seinem ganzen Leben keine Uhr besessen – es gäbe dafür Leute, die es gut verständen, und deren Geschäft es sey; er selbst werde nur das Werk zerstören und alles in Verwirrung bringen. – «Nun denn, mein vortrefflicher Meister,» schrie Peter und sah ihm ins Gesicht, daß der arme Schuster in ein Mausloch hätte kriechen mögen – «du unterstehst dich, in Regierungssachen drein zu reden – eine künstliche Maschine reguliren, corrigiren, ausbessern, flicken zu wollen, deren Bau über deinen Horizont geht und deren einfachstes Wirken zu fein für deinen Verstand ist; und du kannst nicht einmal einen kleinen Fehler in einem bekannten Mechanismus verbessern, dessen ganzes Geheimniß offen vor Augen liegt? – Fort mit dir zum Leder und Leisten, die deinen Kopf ganz gut repräsentiren; flicke deine Schuhe und begnüge dich mit dem Amt, wozu dich der Himmel ausgerüstet hat. – Aber wofern ich,» hier erhob er die Stimme, daß die Stube dröhnte, «wofern ich dich oder einen deines Gelichters treffe, der sich wieder mit Regierungssachen zu thun macht, schinde ich den Bankart bei lebendigem Leibe und lasse Trommeln mit seinem Fell beziehen, daß er auch einmal einen nützlichen Lärm macht!» Diese Drohung und die fürchterliche Stimme, mit der sie gesprochen wurde, machte die ganze Versammlung stumm vor Entsetzen. Dem Redner stieg das Haar zu Berge, grade wie die Borsten seiner Sau im Stall daheim, und kein Held vom Fingerhut, der zugegen war, hatte noch ein Herz im Leibe und wäre gern durch ein Nadelöhr entwischt. Obgleich nun diese Maßregel augenblicklich den gewünschten Erfolg hatte, so verminderte sie doch sehr die Popularität des großen Peter bei der aufgeklärten Volksmasse. Viele klagten ihn an, er habe zu aristokratische Gesinnungen und räume den Patriziern zu viele Gewalt ein. Es lag hierin einige Wahrheit, denn er hatte ein stolzes soldatisches Ansehen und war etwas eigen in seiner Kleidung; wenn er keine Uniform trug, erschien er in einfachen aber reichen Kleidern; sein wirkliches Bein, an sich stattlich, stack in einem rothen Strumpf und in einem Schuh mit hohem Absatz. Obgleich ein Mann von großer Sitteneinfalt, war er doch so eigen geartet, daß er rohe Vertraulichkeit zurückscheuchte, während er freier und geselliger Annäherung ziemlich offen war. Er beobachtete zugleich eine Art Hofetikett. Die gemeinen Besucher empfing er unter der Vorhalle seines Hauses, nach der Gewohnheit unserer niederländischen Vorfahren. Wenn er förmlichere Besuche in seinem Wohnzimmer annahm, erwartete er, daß man mit reiner Wäsche erschien, auch nicht barfuß oder mit dem Hut auf dem Kopf. Bei feierlichen Gelegenheiten kam er in einer pompösen Equipage daher und fuhr immer in einem gelben Wagen mit rothen flammenden Rädern zur Kirche. Diese Symptome von Vornehmheit verursachten viele Unzufriedenheit bei dem gemeinen Mann, der bei dem vorigen Gouverneur ganz schlicht daran war; aber Peter Stuyvesant ließ sich das nicht irren. Er hatte gefunden, daß sie mit Wilhelm dem Eigensinnigen, so popular er war, doch eigentlich Schindluder gespielt hatten, und machte sich daher gern rar. Achtung und Glauben ist von einer glücklichen Regierung unzertrennlich wie von der Religion. Es ist gewiß von höchster Wichtigkeit, daß ein Land durch weise Leute regiert wird, aber eben so wichtig ist es, daß dieß Volk sie auch für weise hält; dann nur dieser Glauben kann willigen Gehorsam erzeugen. Um daher dieses Vertrauen zu bewirken, muß das Volk die Regierenden so wenig als möglich sehen. Wer Zutritt zu den Cabinetten erhält, erfährt bald, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird. Und so hielt Stuyvesant auf Entfernung des Volkes, auf Schweigsamkeit über seine Pläne und Maßregeln. Da er nie seine Gründe über die Dinge, die er vornahm, aussprach, so hielt man dieselben immer für sehr tief erwogen. Jede seiner Bewegungen, wie unwichtig auch und vielleicht zufällig, wurde Gegenstand des Nachdenkens, und selbst sein rother Strumpf erweckte Respect, da er von den Strümpfen der anderen Menschen verschieden war. In diese Tage müssen wir denn auch den Ursprung des Familienstolzes und Aristokratismus verlegen. Das Blut der unvermischten Nachkommen der Van Rensellaers, der Van Zandts, Van Hornes, Rutgers, Bensons, Brinkerhoffs, Schermerhornes, und aller ächten Abkömmlinge der alten Pavonier muß wohl ein edles seyn, und daher sind diese Familien der einzige legitime Adel des Grunds und Bodens, seine eigentlichen Herren. – Mit Fleiß erinnere ich hieran, weil ich mit Bekümmerniß wahrgenommen habe, wie manche jener großen Familien durch neuere Emporkömmlinge verdrängt und über die Achseln angesehen werden, von Leuten, die auch von Familie seyn wollen, und wie? Wenn sie von ihrem Vater ohne Demüthigung reden können, nehmen sie eine wichtige Miene an, wenn aber so von ihrem Großvater, sind sie aufgeblasen; wenn sie denn gar vom Urgroßvater ohne Erröthen sprechen können, ist es vor Hochmuth und Prätensionen gar nicht mehr auszuhalten. – Gott stehe uns bei! welcher Unterschied ist doch zwischen diesen Pilzen von einer Stunde und von einem Tage! Doch nach allem Vorausgegangenen darf man nicht schließen, daß Peter Stuyvesant ein Tyrann gewesen, der seine Holländer mit eiserner Ruthe gepeitscht habe, im Gegentheil, überall wo Würde und Autorität nicht mit im Spiel waren, floß er von Großmuth und Freundlichkeit über. Indem er das Volk von jenem bewußten Taumelbecher zurückhielt, beförderte er ihre Ruhe und Zufriedenheit ungemein, er machte sie dadurch aufmerksamer auf ihren Beruf und auf echtes Familienglück. Weit entfernt von sauertöpfischer Strenge im Leben, freute er sich vielmehr, die Armen und die Arbeitsamen auch einmal vergnügt zu sehen, und zu dem Ende begünstigte er sehr die Feiertagsbelustigungen. Unter seiner Regierung wurde zuerst die Sitte der Haseneyer auf Weihnachten und Ostern eingeführt. Auch der Neujahrstag mußte seine Tollheiten haben und mit Glockenläuten und Mordschlägen gefeiert werden. Jedes Haus war der Tempel des Gottes der Freude – Oceane von Kirschengeist, echten Holländer und Aepfelwein wurden losgelassen, und kein Mann war in der ganzen Stadt, der nicht seine Ehre darein gesetzt hätte, betrunken zu seyn, und zwar aus Sparsamkeit, da er bei diesen Gelegenheiten Flüssigkeiten genug für ein halbes Jahr einsog. Ein wahres Wohlbehagen hätte es jedem gemacht, den ritterlichen Peter zu sehen, wie er unter den alten Bürgern und ihren Weibern so an Sonnabenden dasaß, unter den großen Bäumen, die ihre schattigen Aeste über die Batterie ausbreiten, und zusah, wie die jungen Männer und Weiber im Grünen tanzten. Hier rauchte er seine Pfeife, riß seine Witze und vergaß die rauhe Schule des Kriegs in den süßen vergeßlichkeitspendenden Festen des Friedens. Gelegentlich nickte er den jungen Burschen Beifall zu, die am schönsten dahinglitten und hüpften, und dann und wann gab er einem schmucken Mädchen, die es am längsten ausgehalten hatte, einen kräftigen Kuß in allen Ehren. Einstens ward jedoch die Harmonie dieser Vergnügungen unterbrochen. Eine junge Vrouw, die in der eleganten Welt großes Aufsehen machte und kürzlich erst aus Holland gekommen war, erschien in nicht mehr als sechs Röcken von der auffallendsten Kürze. Ein Zischen lief durch alle Reihen; die alten Damen fühlten sich aufs Aeußerste verletzt, die jungen errötheten und hatten großes Mitleid mit dem «armen Ding,» und selbst der Gouverneur ward ein wenig verwirrt. Um das Erstaunen der Versammlung voll zu machen, unternahm sie es im Laufe eines Tanzes, eine erstaunliche algebraische Figur zu beschreiben, die sie von einem Tanzmeister in Rotterdam gelernt hatte. Entweder war sie so lebhaft in der Bewegung ihres Fußes oder drang ein landstreicherischer Zephir ihr seine Dienste auf, kurz bei einem brillanten Pas, der einen modernen Ballsaal entzückt hätte, ergab sich eine sehr unerwartete Ueberraschung, wobei die ganze Gesellschaft in große Verwunderung gerieth, einige ernsthafte Mitglieder vom Lande nicht wenig aus der Fassung kamen und der gute Peter selbst, der ein sehr sittsamer Mann war, höchst verdrießlich wurde. Die kurzen Weiberröcke, die seit den Zeiten Wilhelm Kiefts Mode gewesen waren, hatten lange seine Auge beleidigt; und obwohl er sich nie mit den Röcken der Damen zu schaffen machte, gab er doch sogleich zu bedenken, daß sie gefaltete Säume bis zu den Füßen herab haben sollten. Auch befahl er, daß die Damen und auch die Herren keine anderen Pas beim Tanzen machen sollten, als schottische und Walzer, endlich verbat er sich unter Androhung seiner höchsten Ungnade, bei den jungen Frauenzimmern, was man «graziöse Stellungen machen» nannte. Dieses war der einzige Zwang, den er in seinem Leben dem schönen Geschlecht auferlegte, aber die Schönen betrachteten es als einen tyrannischen Eingriff und widersetzten sich mit dem wackern Geiste, der sich immer bei diesem Geschlechte zeigt, wenn man seine Freiheiten gefährdet. Wirklich sah Peter Stuyvesant am Ende ein, daß er die Sache nicht auf die Spitze treiben dürfe, wenn er nicht gewärtigen wolle, daß die Damen am Ende ohne Röcke erschienen; er gab also, als ein gescheuter Mann, der Erfahrung bei den Damen gemacht hat, nach und ließ sie die Röcke tragen und die Sprünge machen, so hoch sie wollten. Zweites Kapitel. Wie Peter Stuyvesant von dem Raubgesindel des Ostens und von den Riesen von Merryland sehr beunruhigt wurde – und wie eine schwarze Verschwörung in dem brittischen Cabinet gegen das Glück der Manhatto's ausbrach. Wir nähern uns jetzt der Katastrophe unseres Werkes und werden, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, eine Welt von Arbeit in den nächsten Kapiteln haben. Es geht mit einigen Staatsgemeinden wie mit unruhigen Menschen, die eine besondere Virtuosität zeigen, in die Klemme zu gerathen; es sind meist diejenigen, die am wenigsten wieder herauszukommen wissen. Dieses kommt ohne Zweifel von der Stärke jener Staaten, die wie kleine Menschen und Töpfe, leicht überlaufen. Wenn man bedenkt, daß die Provinz der Manhatten, so wichtig sie auch für die Bewohner und für ihren Geschichtschreiber ist, doch in den Augen der übrigen Welt nicht so viel sagen wollte, das heißt wenig Reichthum und sonst versuchende Gegenstände besaß, um die Habgier zu reizen, bei Erwägung alles dessen möchte man verzweifeln, daß weder Schlachten, noch Blutvergießen, noch andere wichtige Dinge hier wahrzunehmen sind. Aber Geduld, lieber Leser, die Provinz zog sich Feinde genug zu, mußte sich gewaltig mit ihnen herumkampeln und ward eine recht beklagenswerthe arme kleine Provinz; doch dieses ließ der Himmel sicher nur darum zu, damit ihr Schicksal noch einen erhabeneren Schwung erhalte. Ich will nicht in die Details eingehen, welche die Ruhe der Niederlande untergruben. Genug sey es zu sagen, daß die unversöhnliche Feindschaft der Bewohner des Ostens und der Amphictyonen endlich doch ausbrach und sich in tausend Häkeleien an den Gränzen kund that, die mit Nomadenzügen, samt Töpfen und Kesseln, im Gebiet der Neuen Niederlande verknüpft waren, so daß sich überall unsere Landsleute zurückzogen, wie die Indianer vor den Weißen. Zugleich liefen von Mynheer Beckmann die traurigsten Nachrichten ein. Die dagelassenen schwedischen Colonisten begannen allmählig, Zeichen von Meuterei zu geben. Was noch schlimmer war, einer Namens Fendal reclamirte das ganze Territorium als ein Eigenthum des Lord Baltimore. Dieser Fendal war über die Colonie Maryland gesetzt, die anfänglich Narrenland hieß, weil ihre Bewohner nicht in der Furcht Gottes lebten und sich mit Kräutertränken und Aepfelwein fast den Verstand wegsoffen. Er war so impertinent in seinen Forderungen, daß er drohte, er wolle mit seiner Armee, die aus schreienden Gassenjungen von Maryland und aus fürchterlichen Riesen bestand, welche am Ufer des Susquehanna wuchsen, gegen sie ziehen und die ganze Provinz South-River verwüsten. Als der große Peter diese traurigen Nachrichten erhielt, war er grade mit Dämpfung indianischer Unruhen bei Esopus beschäftigt. Er tröstete Mynheer Beckmann und versprach ihm schleunige Hülfe, wenn die Gefahr sich vergrößern sollte. – Aber es zeigte sich keine weitere Gefahr. Fendal blieb mit seinen Leuten zu Hause und vergnügte sich mit ihnen bei Kuchen, Speck und Kräutertränken, an Wettrennen und Hahnengefechten. Während auch Peter Stuyvesant im Genuß des Friedens in seiner Provinz von Ort zu Ort reis'te, um den inneren Frieden aufrecht zu halten und Beschwerden abzustellen, geschah es, daß die Provinz durch das stets ungeheuere Projecte brütende englische Cabinet bedroht wurde. Seine Thaten am Delaware hatten an den Höfen von Europa Lärm gemacht und Englands Eifersucht erweckt, wie ein alter Geschichtschreiber sagt. Die Amphictyonen sandten, so fährt dieser zu erzählen fort, Agenten, um den Beistand des brittischen Cabinets anzurufen. Lord Sterling machte seine Ansprüche auf Long-Island geltend, eben so Lord Baltimore auf South-River. Das unglückliche Manhattenreich war in großer Gefahr, wie Poland Stück für Stück unter den Händen der Wilden zu enden. Aber während diese räuberischen Mächte die Krallen schärften und eben über das fette niederländische Territorium herfallen wollten, legte plötzlich der als Schiedsrichter ernsthaft dasitzende königliche Löwe seine Tatze auf den Raub; es heißt nämlich: Se. Majestät Karl II. habe, um aller Verwirrung ein Ende zu machen, einen langen Strich Landes in Nord-Amerika, worin die Neuen Niederlande mit inbegriffen waren, seinem Bruder, dem Herzog von York, geschenkt – ein wahrhaft königliches Geschenk, denn nur große Monarchen haben das Recht, wegzuschenken, was ihnen nicht gehört. Damit diese brillante Schenkung nicht bloß dem Namen nach existire, ließ Se. Majestät am 12. März 1664 eine Flotte auslaufen, um die Stadt Neu-Amsterdam zu Wasser und zu Land anzugreifen und seinen Bruder in vollständigen Besitz zu setzen. So kritisch stehen die Dinge mit den Neuen Niederlanden. Die ehrlichen Bürger, weit entfernt, ihr trauriges Loos zu ahnen, rauchen gemächlich ihre Pfeifen und denken an gar nichts, die geheimen Räthe der Provinz schnarchen, Peter, der alle Sorgen über sich genommen hat, will sich mit den Amphictyonen gut setzen, und während dessen zieht in kleinen Wölkchen das fürchterliche Gewitter herauf, das diesen nickenden Niederländern bald um die Ohren rasseln und den Muth ihres hochherzigen Gouverneurs auf eine harte Probe stellen soll. Doch komme, was da mag – er wird sich in allen Kämpfen als ein ritterlicher, untadeliger, hochherziger, bockbeiniger alter Gouverneur benehmen. – Vorwärts denn! – Erbleicht, ihr gütigen Sterne über der berühmten Stadt Manhattan, und der Segen des heiligen Nikolaus geleite deine Schritte, ehrlicher Peter Stuyvesant! Drittes Kapitel. Von Peter Stuyvesants Expedition nach dem Osten, wobei gezeigt wird, daß er, obgleich ein alter Fuchs, sich doch nicht vor Fallen zu hüten verstand. Wie das Gold im Feuer erprobt wird, so die Nationen im Elende. – Jetzt faßte unser guter Peter Stuyvesant ein Project, das des edlen Ritters von La Mancha würdig gewesen wäre. Er wollte in eigner Person vor den Amphictyonen erscheinen, in der einen Hand das Schwerd, in der andern den Oelzweig. Umsonst stellten ihm seine geheimen Räthe die Gefahr vor Augen: es wirkte gerade so viel, als wenn man einen verrosteten Wetterhahn mit einem zerrissenen Blasbalg umdrehen wollte. Anton Van Corlear wurde für den nächsten Morgen zur Abreise aufgeboten. Dieser wackere Knappe war zwar mit den Jahren etwas steif geworden und fühlte sich eigentlich glücklicher auf seinem Junggesellen-Sitz Hoek, den er der Freigebigkeit seines Beschützers verdankte, indessen wäre er ihm doch bis ans Ende der Welt gefolgt und es stiegen so manche Erinnerungen an jene Oerter und ihre schönen Weiber in ihm auf, daß er sich mit Lebhaftigkeit in die Tage seiner Blüthe zurück versetzte. So brach denn dieser Spiegel der Starrköpfigkeit mit seinem Trompeter auf und unternahm einen der gefährlichsten Züge irrender Ritterschaft. Umsonst, edler Stuyvesant, habe ich dich nun aus allen Gefahren gerettet, habe die Tabacksdose, den demantnen Schädel, das Schnapskrüglein vorgehalten, so stürzest du dich muthwillig in den Rachen der Gefahr – o hätte ich jetzt ein Kapitel aus der stillen Zeit Wouters Van Twiller vor mir, um darauf auszuruhen wie auf einem Federbett! – Doch auf, zu dem raschen Ende unserer Geschichte! Und nun zieht die rothbackige Aurora, wie ein schmuckes Stubenmädchen, die schwärzlichen Vorhänge der Nacht aus einander, und hurtig springt aus seinem Bett der liebliche rothhaarige Phöbus, verwundert, daß er so lange an der Seite seiner Dame Thetis geruht haben soll. Mit manchem kräftigen Fluch treibt er seine messingfüßigen Rosse an und peitscht sie das Firmament hinauf, wie ein verspäteter Kutscher, der die Stunden wieder einholen will. Und nun sah man diesen Götterkerl, den hartnäckigen Peter, wie er einen dürren Zelter mit einem Besenschweif besteigt und in seiner Uniform erglänzt, das messingstrahlende Schwerd an der Seite, das an den Ufern des Delaware so große Thaten gethan. Siehe dicht hinter ihm seinen herzhaften Trompeter auf einem herzschlächtigen, glasäugigen Apfelschimmel; das steinerne Schnapskrüglein, welches den mächtigen Rising niedergeschmettert, unter den Arm geschlungen, die Trompete stolz in der rechten Hand, mit einem stattlichen Banner geziert, das den großen Biber von Manhattan vorstellt. Siehe, wie sie zusammen aus dem Stadtthor reiten, wie ein alter Ritter mit seinem Knappen dicht an seinen Fersen. Das Volk folgt ihnen mit den Augen und ruft manchen Abschiedsgruß und guten Wunsch nach: Lebe wohl, hardkoppig Piet! Lebe wohl, ehrlicher Anton! – Reis't angenehm – kommt glücklich wieder. Du stolzester Ritter, der je ein Schwerd zog, du wackerster Trompeter, der je auf Schuhleder trat. So zogen sie durch das Bloemendael, ein reizendes idyllisches Thälchen, mit wilden Blüthen geschmückt, von reinen Bächen erfrischt, und hier und dort belebt durch einen freundlichen holländischen Weiler oder eine Hütte unter dem Schutz einer schroffen Anhöhe oder unter Bäumen versteckt. Nun kamen sie auf der Gränze von Connecticut an, wo sie viele Beschwernisse und Gefahren zu erdulden hatten. An einer Stelle wurden sie von einem Trupp Landbesitzer und Landsturmobersten angefallen, die trefflich beritten sie eine Strecke verfolgten und mit Fragen und Muthmaßungen quälten, besonders den würdigen Peter, dessen silbernes Bein sie nicht wenig in Verwunderung setzte. An einem andern Ort, unweit der berühmten Stadt Stamford, hielt sie eine mächtige Legion von Kirchendiaconis auf, die ihnen gebieterisch fünf Schillinge abforderten, weil sie am Sonntag reis'ten, und sie als Gefangene in eine benachbarte Kirche, deren Thurm aus den Bäumen hervorguckte, zu schleppen drohten; aber diese Hoffnung machte der ritterliche Peter gleich zu nichte, so daß sie eilends ihre Stöcke bestiegen und in starker Verwirrung davon jagten, wobei sie sogar ihre dreieckigen Hüte im Stich ließen. Nicht so leicht entkam er einem listigen Mann von Pyquag, der ihm mit unerschrockener Hartnäckigkeit seinen schönen Besenschweif abhandelte und ihn dafür eine elende Naraganset-Mähre besteigen ließ. Dieser Bedrängnisse ungeachtet, setzten sie ihren Weg munter an den Ufern des Connecticut fort, dessen sanfte Wogen durch manches fruchtbare Thal, durch manchen sonnigen Plan dahinrollten, nun die erhabnen Thürme einer lebendigen Stadt, nun wieder die ländliche Schönheit eines Weilers spiegelnd, dort vom emsigen Bienengeschwärm des Handels, hier vom heitern Gesang des Landmanns wiederhallend. Bei jeder Stadt ließ Peter Stuyvesant, der in den militärischen Gebräuchen sehr pünktlich war, zum Gruß die Trompete blasen, welches indessen die Bürger der guten Städte sehr erschreckte, da seine Thaten am Delaware durch den Osten kund geworden waren und sie seine Rache für so manche Unbill fürchteten. Aber der gute Peter ritt lächelnd durch die Städte und grüßte gar gnädig und herablassend mit der Hand, denn er hielt die Lumpen, die diese erfinderischen Leute in die zerbrochenen Scheiben gesteckt hatten, und die langen Kränze von Schnitzen und Hutzeln vorn an den Häusern für Decorationen ihm zu Ehren, wie in den Ritterzeiten das Auslegen von kostbaren Teppichen und Festguirlanden gebräuchlich war. Das schöne Geschlecht begrüßte sein Kommen an den Thüren; die kleinen Kinder liefen ihnen in Schaaren nach und verwunderten sich über seinen kriegerischen Schmuck, seine schwefelgelben Hosen und sein Silberbein, und manches kräftige Weibsbild schaute schalkhaft nach dem muntern Van Corlear hinüber, den sie seit jener Botschaft an die Amphictyonen, wo er durch ihren Ort kam, nicht vergessen konnte. Der gutmüthige Anton stieg von seinem Apfelschimmel, umarmte eine nach der andern mit großer Herzlichkeit und freute sich, eine Schaar kleiner Trompeter zu sehen, die sich um ihn drängten, um seinen Segen zu erhalten; jedem gab er einen Klaps auf den Kopf, sagte ihm, er solle ein braver Junge werden, und schenkte ihm einen Heller, um sich Kochzucker dafür zu kaufen. Das Stuyvesant'sche Manuscript meldet weiter nichts über den Ritt, außer daß die Amphictyonen den Ritter mit großer Höflichkeit aufnahmen und ihn mit Komplimenten und Geschwätz fast todt machten; es ging wie immer, man sprach viel und that wenig; eine Rede gab die andre; eine Conferenz brachte Verwicklungen, zu deren Auflösung zehn andre nöthig waren, bis nach der letzten die Partheien gerade so weit waren, wie am Anfang, außer daß sie sich in viele Fragen über die Etikette verwickelt hatten und einander freundschaftlich beargwohnten, welches die folgenden Negociationen sehr fördern mußte. Mitten in diesen Verwirrungen bekam der herzhafte Peter Wind von den schwarzen Plänen des englischen Cabinets. Hierzu kam eine Nachricht zum Schlagtreffen, daß nämlich bereits ein feindliches Geschwader von England unterwegs sey, um die Provinz der Neuen Niederlande zu unterjochen, und der große Rath der Amphictyonen durch das Vorrücken einer großen Landarmee Mitwirkung leisten wolle. Unglückseliger Peter! habe ich es nicht vorausgesehen, als du auszogst so edel und unbedacht mit deinem unbiegsamen Kopf, deiner ehrlichen Zunge, deinem unbefleckten Gewissen und rostigen Schwerd, und nur von deinem heiligen Nikolaus beschützt, nur von einem Trompeter begleitet, gegen die ganze gewürfelte Macht Neu-Englands zu Felde zu ziehen wagtest! O wie ras'te der heftige alte Krieger, als er sich nun in der Falle sah, wie ein Löwe, der ins Netz des Jäger geräth. Wie zog er sein betrautes Schwerd und wollte sich durch alle Länder des Ostens einen Pfad bahnen. Wie schwor er den Amphictyonen Verderben und jeder Mutter Kind den Tod. Endlich, als er sich abgekühlt hatte, zog er doch vor, sich ganz still und klug zu benehmen. Er verbarg dem Rath seine Mitwissenschaft und sandte eiligst einen zuverlässigen Boten an den Magistrat von Neu-Amsterdam, warnte ihn vor der Gefahr und befahl die schleunigste Instandsetzung der Vertheidigungsmittel, während er den Feind hinhalten und dann zum Beistand hinzueilen wolle. Dieß vom Nacken, fühlte er sich ausnehmend erleichtert, stieg langsam auf, schüttelte sich wie ein Rhinoceros und ging aus seiner Höhle, wie in der ritterlichen Geschichte «der Weg des Pilgers» der Riese Verzweiflung aus dem Schlosse des Zweifels heraustritt. Und nun muß ich leider unsern ritterlichen Peter in der drohenden Gefahr verlassen und zusehen, wie es in Neu-Amsterdam hergeht, wo alles in großem Tumult seyn wird. Viertes Kapitel. Wie das Volk von Neu-Amsterdam einen großen Schrecken bekam, und wie es sich gegen den drohenden Einfall zu schirmen suchte. Wie bei einer großen Feuersbrunst alles hin und her läuft, kopfüber, kopfunter schreit und lärmt, die Sturmglocken läuten, die Eimer fliegen, dem in die Stiefel, jenem über die Kleider, die Leitern angelegt und da Kammergeschirre gesichert werden, als seyen es Geldtöpfe, dort Ziegel aus den Fenstern fliegen, um sie vom Untergang zu retten, während alle, die nicht selber helfen können, durch die Straßen laufen und Feuer! Feuer! Feuer! brüllen: – so stand die Stadt Neu-Amsterdam in geschäftiger Eile, als die Jammernachricht von ihrem Gouverneur eintraf. Als man nach Sinope die Nachricht brachte, daß Philipp sie anzugreifen komme, und alles in Aufruhr war und lärmend Hülfe schaffen wollte, war Diogenes der einzige Mann, der nichts zu thun fand. Er schürzte sein Gewand und rollte sein Faß mit aller Emsigkeit im Gymnasium auf und ab. So brachte auch in Neu-Amsterdam jeder Mutter Sohn die Stadt mit unnützer Arbeit in Verwirrung und Aufruhr. «Alles lief zu den Waffen,» heißt es im Stuyvesantschen Manuscript; das ist so zu verstehen, daß nun Niemand in die Kirche oder auf den Markt zu gehen wagte, ohne daß ein Schwerd an der Seite oder eine Vogelflinte von der Schulter hing, und ohne daß man Nachts eine Laterne bei sich führte, auch Niemand um die Ecke ging, wenn er nicht vorsichtig den Hals hervorgestreckt hatte, um zu sehen, ob keine brittische Armee gegangen käme. Stoffel Brinkerhofd, den die alten Weiber für einen eben so tapfern Mann hielten, wie den Gouverneur, stellte wirklich zur Vorsicht zwei Katzenköpfe, scharf geladen, vor die beiden Eingänge des Hauses, den einen hinten und den andern vorn heraus. Aber das Beste von Allem war, daß man wieder Volksversammlungen hielt. Hier wurde ausgemacht, daß man der erleuchtetste, der würdigste, der furchtbarste und der älteste Staat auf Erden sey. Als dieser Beschluß einmüthig durchging, wurde sogleich ein andrer vorgeschlagen: ob es nicht möglich sey, Großbritannien zu vernichten? Neunundsechzig Mitglieder stimmten dafür und nur ein einziges warf einige bescheidne Zweifel auf – dieses Mitglied wurde zur Strafe für seine verrätherische Gesinnung sogleich gepackt, getheert und gefedert, welches so viel sagen wollte, als bei den Römern vom Tarpejischen Felsen gestürzt zu werden; man betrachtete ihn aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßen und seine Meinung ward der tiefsten Verachtung preisgegeben. Da also die Frage einstimmig bejaht war, so wurde sie dem Rath zum Gesetz empfohlen, welches derselbe auch ergehen ließ. Durch diese Maßregel waren die Herzen erstaunlich ermuthigt, und gewannen viel Galle und Kraft. Jetzt war auch der erste Fieberparoxismus vorüber. Die alten Weiber hatten alles Geld vergraben, welches sie habhaft werden konnten, und die Männer vertranken das übrige – damit stand nun der Staat plötzlich in der Offensive. Man machte holländische Lieder zu Dutzenden und sang sie auf den Straßen; die Engländer wurden darin gotteslästerlich getroffen und keinem Einzigen Pardon gegeben; es erschienen endlich Volksadressen, worin ein für allemal bewiesen war, daß das Schicksal von Alt-England nun lediglich von dem Gutdünken der Stadt Neu-Amsterdam abhänge! Um endlich England den Todesstoß zu geben, versammelten sich eine Menge der erleuchtetsten Einwohner und machten aus den englischen Manufacturen, die sie zusammengekauft hatten, ein ungeheures Feuer; in der patriotischen Begeisterung des Augenblicks riß Jeder, der einen englischen Hut oder dergleichen Beinkleider hatte, diese ab und warf sie in die Flammen, zum unwiederbringlichen Schaden, Verlust und Ruin der englischen Fabriken. Um das Andenken an diese große That zu verewigen, errichteten sie einen Pfahl an der Stelle, oben mit einer symbolischen Zeichnung, welche die Provinz der Neuen Niederlande vorstellte, wie sie Großbritannien tödtet; es war das Bild eines Adlers, der die kleine Insel Alt-England aus der Erdkugel herauspickt, aber durch Ungeschicklichkeit des Künstlers sah er eher einer Gans ähnlich, die sich vergeblich eines großen Klöses zu bemächtigen strebt. Dieses ist gegen die unsinnigen Vorgänge des Volkshaufens zu Baltimore bei einer politischen Erbitterung gerichtet. Viele unter ihnen waren Irländer. – d. Vf. Fünftes Kapitel. Wie der große Rath der Neuen-Niederlande wunderbar mit langen Zungen begabt wurde, und wie die Oekonomie einen großen Triumph feierte. Es bedarf wohl keines großen Nachdenkens bei denen, welche den Charakter und die Gewohnheiten jenes mächtigen und lärmenden Monarchen, des souverainen Volkes, kennen, um zu entdecken, daß ungeachtet alles dieses Lärms und Kriegsgeschreies, die berühmte Stadt Neu-Amsterdam nun nicht um ein Haar besser gerüstet war, als zuvor. Wiewohl das Volk, als die erste Angst verflogen und kein Feind vor den Thüren war, gefunden hatte, daß sie die bravste Macht unter der Sonne seyen, so hegten doch die geheimen Räthe Peter Stuyvesants darüber einige Zweifel. Sie fürchteten sogar, der gestrenge Held werde zurückkommen und finden, daß sie, statt seinen Befehlen zu gehorchen, ihre Zeit mit Anhören des herzhaften Pöbels verschwendet hätten, den er bekanntlich sehr verachtete. Um daher die verlorene Zeit so gut als möglich wieder einzubringen, wurde ein großer Divan der Räthe und Burgermeister gehalten, um über den kritischen Zustand der Provinz und die weisesten Maßregeln zur Rettung zu berathschlagen. Ueber zwei Dinge war diese ehrwürdige Versammlung schlechterdings einig: – erstens, daß die Stadt in Vertheidigungsstand gesetzt werde; zweitens, daß keine Zeit verloren werden dürfe, da die Gefahr dringend sey – und nun ging es über ein Reden und Streiten her, welches kein Ende fand. Um diese Zeit kam nämlich die Seuche, viel zu reden, auch über dieses vorher so glückliche Land. Sie zeigt sich überall, wo weise Männer versammelt sind, und entsteht, wie einige Physiker glauben, von der schlechten Luft, die sich bei einer versammelten Menge erzeugt. Nun auch führte man die Schätzung nach dem Stundenglas ein, und fand, daß der der weiseste Redner sey, der am längsten über eine Sache gesprochen hatte. Derselben Messung dürfen wir denn auch die Sitte unter den Niederländern zuschreiben, den Werth der Bücher nach ihrer Schwere zu beurtheilen. Die plötzliche Liebhaberei an endlosen Reden soll, wie einige Philosophen meinen, nebst anderen barbarischen Gewohnheiten, einer Ansteckung von den wilden Nachbarn den Ursprung verdanken, die für lange Reden und Berathungs-Feuer bekannt sind, auch nie eine Sache von einiger Wichtigkeit unternehmen, ohne ihre Häuptlinge und alten Männer darüber zu hören. Aber die eigentliche Ursache war, daß das Volk die Leute zum großen Rath lieber nach ihrer Fähigkeit, viel zu reden, wählte, als nach dem seltneren und wichtigeren Talent, den Mund zu halten. Es folgte daraus, daß dieser Körper aus den Geschwätzigsten zusammengesetzt war, und Jeder über alles mitredete, ob er es nun verstand oder nicht. Es war eine alte Sitte, die Häuptlinge im Kriege so zu begraben, daß jeder Krieger seinen Schild voll Erde auf den Leichnam trug, bis ein großer Erdhügel daraus entstand, so wurde auch hier durch das Quantum Weisheit, welches ein Jeder zutrug, der Berathungsgegenstand am Ende glücklich begraben. Jetzt erhoben sich die alten Factionen der Langpfeifen und der Kurzpfeifen, die Peter Stuyvesant mit seinen herculischen Fäusten fast erwürgt hatte, mit zehnfacher Heftigkeit wieder. Die alten Partheistreitigkeiten waren längst erloschen, allein es ist immer das Schicksal der Partheinamen gewesen, daß sie die Leute noch lange, nachdem ihre Bedeutung aufgehört hatte, zur Wuth reizten. Um die allgemeine Verwirrung voll zu machen, wurde das verhängnißvolle Wort Oekonomie , das schon unter Wilhelm dem Eigensinnigen zu Grabe getragen war, im Rathe von Neu-Amsterdam wieder flott, wie der Apfel der Zwietracht im Saal der Götter – nach welchem heilsamen Grundsatz man lieber zwanzigtausend Gulden für einen schlechten Vertheidigungsplan zum Fenster hinauswarf, als für einen guten dreißigtausend Gulden ausgab – indem so die Provinz reine zehntausend Gulden sparte. Als es aber über die Vertheidigung zu Debatten kam, gab es einen Zungenkrieg, der nicht beschrieben werden kann. Was von einem Langpfeifen vorgeschlagen war, wurde natürlich von der ganzen Reihe der Kurzpfeifen verworfen, die es als ihre erste Pflicht ansahen, den Sturz der Langpfeifen zu bewirken, als ihre zweite, sich auf den Thron zu schwingen, und als dritte, das Wohl des Landes zu fördern. Dieses war eigentlich nur das Glaubensbekenntniß der aufrichtigen Partheigänger; die große Menge aber ließ die dritte Rücksicht gar nicht mit entscheiden. Bei dieser großen Collision harter Köpfe muß man es bewundern, daß unter so vielen Vertheidigungs-Projecten keins zu finden war, das schon existirt hätte, außer in den ganz neuen Zeiten, Projecte, die das Windmühlensystem des scharfsinnigen Kieft weit hinter sich ließen. Dennoch konnte man sich über kein einziges entscheiden. Baute die eine Parthei eine stattliche Reihe Luftschlösser hin, so wurden sie von der anderen sogleich wieder zerstört. Der einfältige Pöbel stand in ängstlicher Erwartung des großen Eies, das nach diesem vielen Gakeln zum Vorschein kommen solle, aber sie sahen umsonst danach, denn es schien, als ob der große Rath entschlossen sey, die Provinz zu schützen, wie der edle Riese Pantagruel seine Armee – indem er sie mit seiner Zunge bedeckte. Zwar gab es auch eine Anzahl von ehrenwerthen Mitgliedern, fette, reiche, selbstbewußte alte Bürger, die ihre Pfeifen rauchten und gar nichts sagten, außer daß sie jeden Plan, der in Vorschlag kam, verwarfen. Sie glichen mit ihrer Ruhe nach aufgehäuften Reichthümern der phlegmatischen Auster, die eine Perle ausgestoßen hat und damit die Schale schließt, sich im Schlamm wohnlich macht, und eher dem Leben als ihrem Schatz Valet sagt. Jeder Plan schien diesen würdigen alten Herren verderbenbringend zu seyn. Eine bewaffnete Armee nannten sie ein Heuschreckenheer, welches den Staatsschatz auffresse – eine Kriegsrüstung zur See war das Geld ins Meer geworfen, – Festungen bauen, hieß bei ihnen, das Geld in den Koth begraben. Kurz sie hatten die Maxime, wenn nur die Taschen voll seyen, wie arg sie auch dabei geprügelt würden. Ein Tritt läßt keine Narbe zurück – Löcher im Kopf heilen schon von selbst – aber ein schwindsüchtiger Geldbeutel ist von allen Patienten der schlimmste, da die Natur nichts für ihn gethan hat. Auf diese Art verschwendete die Versammlung von Weisen die Zeit, wo schleunige Vereinigung dringendes Erforderniß war, über welchen Umstand sie allerdings sehr einig waren. Endlich hatte der heilige Nicolaus Erbarmen mit ihrer Noth, und bekümmert, daß sie nicht in Anarchie verfielen, fügte er es so, daß mitten in einer ihrer stürmischsten Debatten über Befestigungs- und Vertheidigungs-Anstalten, während sie sich fast schon bei den Köpfen kriegten, weil sie einander nicht überzeugen konnten, die Frage durch einen Boten abgeschnitten wurde, der mit der Nachricht ins Zimmer stürzte, daß die feindliche Flotte angekommen sey und sich der Bai nähere! Nun waren sie der Nothwendigkeit, sich zu befestigen und mit einander zu streiten, gänzlich enthoben, und dem großen Rath wurden eine Menge Worte, der Provinz eine Menge Kosten gespart – ein sehr glorreicher, ein unbedingter Triumph, den die Oekonomie davontrug! Sechstes Kapitel. Worin die Verwirrungen von Neu-Amsterdam immer dicker werden, und die Kühnheit eines Volkes gezeigt wird, das sich in Zeiten der Gefahr durch Entschlossenheit zu vertheidigen weiß. Wie eine Versammlung von musikalischen Katzen, die sich unter den schönsten Klagetönen und Maunzereien mit fürchterlichen Grimassen ansehen, einander ins Gesicht speien, jeden Augenblick bereit sind, in ein allgemeines Geohrfeige und Katzbalgen überzugehen, aber plötzlich bei der Erscheinung eines Haushundes in Verwirrung gerathen und die Flucht ergreifen: so auch war der gleich wohllautvolle Rath von Neu-Amsterdam erstaunt, entsetzt und auseinandergejagt, als er die plötzliche Nachricht von der Ankunft des Feindes erhielt. Jedes Mitglied eilte sich, nach Hause zu kommen und wackelte so gut, als die kurzen Beine unter der schweren Last arbeiten konnten, schnaufend vor Anstrengung und Schrecken. Als er in seinem Schlößchen angekommen war, verrammelte er die Hausthür, versenkte sich in den Aepfelweinkeller, und wagte nicht herauszusehen, aus Furcht, sein Kopf möge von einer Kanonenkugel weggerissen werden. Das souveraine Volk versammelte sich auf dem Marktplatz, aneinandergedrängt wie eine Heerde Schaafe, wo immer eins hinter dem Rücken des Andern Schutz sucht, wenn Schäfer und Hund abwesend sind und der Wolf um die Hürde streicht. Aber weit entfernt sich Muth zu machen, sahen sie zum Erbarmen aus. Jeder blickte kläglich seinen Nachbar an, um in seinem Gesicht den Muth zu suchen, fand aber in den dort gezeichneten jammervollen Linien nur die Bestätigung des eigenen Elendes. Kein Wort wurde jetzt davon gehört, daß Großbritanien erobert werden solle – und die alten Weiber vermehrten die Melancholie der Scene durch jammerndes Heulen über ihr Loos und durch Stoßseufzer an den heiligen Nicolaus und Peter Stuyvesant. O wie beklagten sie die Abwesenheit des löwenherzigen Peters und wie schmachteten sie nach der tröstlichen Gegenwart des Anton Van Corlear! Eine düstere Ungewißheit schwebte über dem Schicksal dieser abentheuerlichen Helden. Ein Tag nach dem andern war verstrichen, seit der Gouverneur ihnen die erschreckende Nachricht gegeben hatte, ohne daß weitere Zeitungen über seine Person nachfolgten. Manche traurige Vermuthung äußerte sich über sein und seines treuen Knappen Schicksal. Hatten die Canibalen von Marblehead und Cap Cod sie lebendig verschlungen? – hatten die Amphictyonen sich ihrer bemächtigt? – hatten die furchtbaren Bewohner von Pyquag sie mit ihren Zwiebeln erstickt? – Mitten in ihrer Angst und Verwirrung, als der Schrecken wie ein großer dicker Alp auf der kleinen, fetten, vollblütigen Stadt Amsterdam lag, wurde das Ohr der Menge plötzlich von einem seltsamen entfernten Ton getroffen – er näherte sich – er wurde immer lauter – und nun hallte es im Stadtthor wider. Sie hatten sich in dem wohlbekannten Tone nicht geirrt. – Ein Freudenschrei brach von allen Lippen, es war der ritterliche Peter, der von Staub bedeckt mit seinem getreuen Trompeter auf den Marktplatz geritten kam. Als der erste Wahnsinn der Freude vorüber war, sammelten sie sich um den ehrlichen Van Corlear, wie er vom Pferde stieg, und überhäuften ihn mit Grüßen und Glückwünschen. In athemloser Eile erzählte er ihnen die wunderbaren Abenteuer, die er mit seinem Herrn durchgemacht, und wie sie aus den Klauen der fürchterlichen Amphictyonen entronnen seyen. Es wird hier hinreichen, zu sagen, daß der ritterliche Peter Stuyvesant ängstlich in seiner Seele erwog, wie er mit Ehren entrinnen möge, als einige der Schiffe, die das Manhattenland erobern sollten, an den östlichen Häfen hielten, um Vorräthe einzunehmen und den großen Rath des Bundes zur versprochenen Mitwirkung aufzufordern. Diese Gelegenheit benutzte der wachsame Peter zu einer eiligen heimlichen Flucht; doch schmerzte es seine edle Seele sehr, daß er einer feindlichen Nation den Rücken kehren mußte. Es gab manches knappe Durchkommen und manche Gefahr, als er so, ohne Trompetenstöße, durch die schönen Regionen des Ostens flog. Das Land war schon in lebendiger Kriegsrüstung begriffen, und ein großer Umweg sollte gemacht werden, wo sie durch das Waldgebirg, des Teufels Rückgrat, sich hindurch schleichen mußten. Von da sprang der ritterliche Peter eines Tages wie ein Löwe hervor und schlug eine ganze Legion Squatters in die Flucht, drei Generationen einer fruchtbaren Familie, die eben im Begriff waren, von einem Eck der Neuen Niederlande Besitz zu nehmen. Den getreuen Anton kostete es große Ueberwindung, nicht zuweilen mit blankem Schwerd aus dem Hinterhalt der Berge einen Ausfall auf einige Gränzstädte zu machen, wie sie ihren schmutzbeinigen Landsturm exercirten. Das erste, was der Gouverneur that, als er sein Haus erreichte, war, daß er aufs Dach stieg und von da mit traurigem Blick das feindliche Geschwader betrachtete. Dieses lag schon in der Bai vor Anker und bestand aus zwei gewaltigen Fregatten, die dreihundert tapfere Rothröcke an Bord hatten. Nachdem er diesen Ueberblick genommen, setzte er sich nieder und schrieb dem Commandanten einen Brief, den dieser nicht hinter den Spiegel steckte, worin er ihn um die Ursache seines Ankerwerfens ohne vorgängige Erlaubniß, befragte. Dieser Brief soll zwar sehr artig geschrieben gewesen seyn, doch biß er dabei, wie ich für gewiß erfahren habe, die Zähne zusammen und machte ein Gesicht, das sehr bitter lächelte, so lange er an dem Brief schrieb. Nach Absendung des Schreibens hinkte der grimmige Peter mit einem sehr kriegerischen Gesicht in der Stadt umher, die Hände in den Hosentaschen, eine niederländische Psalmenmelodie zwischen den Zähnen brummend, die nicht wenig der Musik des Nordostwindes beim Ausbruch eines Sturmes glich. Die Hunde flohen vor Schrecken, als sie ihn erblickten; aber die alten Weiber von Neu-Amsterdam folgten ihm überall auf der Ferse nach und heulten um Beistand und Rettung vor den Mördern, Räubern und Entführern. Die Antwort des Obersten Nichols, der die Expedition der Eindränger commandirte, war in gleich artigen Ausdrücken abgefaßt: daß Seine britische Majestät Rechte und Ansprüche auf die Provinz habe, daß die Niederländer bloße Zwischendränger seyen und daß die sofortige Übergabe der Stadt und des Forts erfolgen müsse, wobei er Schutz und Sicherheit Allen versprach, die sich gutwillig der Krone England unterwerfen würden. Peter Stuyvesant las diese freundliche Epistel mit einem so lustigen Gesicht, wie ein verdrießlicher Gutsbesitzer, der sich lange auf seines Nachbars Grund und Boden fett gemacht hat, den liebevollen Brief John Stiles, der ihn vor dem Hinauswerfen warnt. Aber der alte Gouverneur ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, sondern steckte die Aufforderung in die Hosentasche, stieg dreimal im Zimmer auf und ab, nahm mit großer Heftigkeit eine Prise, schnippte gewaltig mit der Hand und versprach am nächsten Morgen die Antwort zu schicken. Mittlerweile berief er einen großen Kriegsrath aus seinen geheimen Räthen und Burgermeistern, nicht um sich ihren Rath zu erbitten, denn diesen hielt er, wie schon gesagt, keinen Pfeifenstiel werth, sondern um ihm seinen souverainen Willen kund zu thun und seine schleunige Erfüllung zu fordern. Ehe er jedoch seinen Rath zusammen rief, beschloß er drei Punkte: erstens die Stadt nicht zu übergeben, ohne ein bischen gefochten zu haben; zweitens, daß die Mehrzahl seines Rathes aus Polterern ohne allen Halt bestehe; und drittens, daß er ihnen die Aufforderung des Obersten Nichols nicht zeigen wolle, damit die guten Bedingungen sie nicht sofort zur Uebergabe verleiten möchten. Nachdem seine Befehle gehörig verkündet worden, war es ein jammervoller Anblick, die noch jüngst so tapfern Burgermeister zu sehen, die in ihren Reden das ganze brittische Reich zertrümmert hatten, wie sie ängstlich aus ihren Schlupfwinkeln guckten, dann vorsichtig herauskamen, sich durch enge Gäßchen und Alleen drückten, vor dem Klaffen jedes Hündchens zurückprallten, als wäre es eine Artilleriesalve, Laternenpfähle für englische Grenadiere hielten und in dem Uebermaß des Schreckens in den Pumpen furchtbare Soldaten sahen, welche kurze Büchsen auf sie anlegten. Als sie jedoch, allen Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz, ohne den Verlust eines einzigen Mannes und mit heiler Haut in dem Rathssaal angekommen waren, nahmen sie ihre Sitze ein und erwarteten in bänglicher Stille die Ankunft des Gouverneurs. In wenigen Augenblicken hörte man das hölzerne Bein des unerschrockenen Peter in seinen regelmäßigen stolzen Stößen auf der Treppe. Die Thür flog auf und er erschien in voller Uniform, seinen betrauten Toledo, nicht an der Seite hängen, sondern über den Arm gelegt. Da der Gouverneur sich nie auf diese Weise zeigte, außer wenn sich etwas kriegerisches in seinem Hirn bewegte, so sahen ihn die Räthe mit Zagen an, als ob in seinen eisernen Zügen Feuer und Schwerd geschrieben stehe, und vergassen in athemloser Erwartung ihre Pfeifen anzuzünden. Der große Peter war eben so beredt als tapfer. Beide seltene Eigenschaften schienen in seiner Natur unzertrennlich verbunden; und den meisten großen Staatsmännern unähnlich, deren Siege sich auf das unblutige Feld der Argumente beschränken, war er stets gerüstet, seine kühnen Worte durch eben so kühne Thaten wahr zu machen. Seine Reden zeichneten sich durch eine Einfachheit, die an Derbheit gränzte und durch sehr kathegorische Bestimmtheit aus. Er redete jetzt den Rath an und berührte kurz die Gefahren und Widerwärtigkeiten, welche er erduldet, indem er seinen lästigen Feinden entronnen sey. Dann machte er dem Rath Vorwürfe über seine eitlen Debatten und Entzweiungen, wo sie sich hätten zur Rettung des Landes vereinigen sollen. Besonders unwillig äußerte er sich über die, welche ihre Stellung dadurch entehrt hätten, daß sie elende Infectiven gegen einen edlen und mächtigen Feind erhoben hätten; jene feigen Hunde, die beständig gegen den Löwen knurrten und belferten, wenn er schlafe oder entfernt sey, aber am ersten das Hasenpanier ergriffen, wenn er in die Nähe komme. Nun rief er auch diejenigen, die so tapfer in ihren Drohungen gegen Großbrittanien gewesen waren, auf, hervorzutreten und Rühmen durch Thaten zu bekräftigen – denn nicht Worte, sondern Thaten machten eine Nation. Er rief ihnen die goldenen Tage des Glücks ins Gedächtnis, die nur durch kräftigen Widerstand gegen ihre Feinde gewonnen worden seyen, denn der Friede, den die Waffengewalt zuwege bringe, sey immer sicherer und dauernder als die von zeitlichen Concessionen zusammengeflickten Zustände. Er suchte dann ihren kriegerischen Muth zu befeuern, indem er sie an die Siege in der Provinz Neu-Schweden erinnerte. Auch suchte er ihnen Vertrauen einzuflößen, indem er sie des Schutzes des heiligen Nicolaus versicherte, der sie bisher sicher geleitet, durch alle Wilden der Einöden, durch alle Hexen und Squatters des Ostens und durch die Riesen vom Marryland. Endlich unterrichtete er sie von der frechen Aufforderung, sich zu ergeben, und schwur, er werde die Provinz vertheidigen, so lange ihn der Himmel nicht verlasse und ihn noch ein hölzernes Bein aufrecht halte, welche edle Sentenz er durch einen fürchterlichen Schlag seines platten Säbels auf den Tisch bekräftigte, der seine Zuhörer kräftig electrisirte. Die geheimen Räthe, welche schon lange an die Art des Gouverneurs gewöhnt waren und in einer Mannszucht lebten, wie die Soldaten Friedrichs des Großen, sahen, daß hier kein Federlesen gemacht werde, steckten ihre Pfeifen an und rauchten in Frieden, wie fette und bescheidne Rathsherrn. Aber die Burgermeister, die weniger unter der Gewalt des Gouverneurs standen, da sie sich als Repräsentanten des souverainen Volkes betrachteten und überdem eine hohe Meinung von sich selbst hatten, die sie in jenen Schulen der Weisheit und Tugend, den Volksversammlungen eingesogen, waren nicht so leicht zu beschwichtigen. Da sie frischen Muth in der Hoffnung schöpften, daß sie vielleicht der gegenwärtigen Gefahr ohne Blutvergießen entgehen könnten, so forderten sie eine Abschrift der Aufforderung der Engländer, um sie dem Volke zu zeigen. Eine so insolente und meuterische Zumuthung wäre hinreichend gewesen, den Zorn des stillen van Twiller zu reizen – welchen Eindruck mußte sie erst auf den großen Stuyvesant machen, der nicht blos ein Holländer, ein Gouverneur und ein ritterlicher holzbeiniger Soldat war, sondern auch eine aufbrausende, schießpulverartige Gemüthsart besaß. Er brach in einen Strom edler Verachtung aus – schwur, keiner Mutter Kind solle eine Sylbe davon zu sehen bekommen – sie verdienten alle zusammen gehängt, gereckt, geviertheilt zu werden, weil sie die Unfehlbarkeit der Regierung antasteten – was ihren Rath oder ihre Mitwirkung anbelange, so sey diese keine Tabackswolke werth, er habe sich lange genug über ihre feigherzigen Rathschläge geärgert und durch sie gehemmt gesehen; aber jetzt sollten sie sich nach Hause scheren und ins Bett legen, wie die alten Weiber, denn er sey entschlossen, die Colonie selbst zu vertheidigen, ohne ihren und ihrer Anhänger Beistand! So sprechend nahm er das Schwerd wieder übern Arm, setzte den dreieckigen Hut trotzig auf, gürtete seine Lenden, tappte unwillig mit seinem Stützelfuß aus dem Rathszimmer – und alles machte ehrerbietig Platz, als er vorbeiging. Kaum war er weg, als die rührigen Burgermeister eine Volksversammlung vor das Stadthaus beriefen, wo sie einen Namens Dofue Roerback, einen einflußreichen Lebkuchenbäcker im Lande, vormals Mitglied des Cabinets Wilhelms des Eigensinnigen, zum Präsidenten ernannten. Das Volk hatte großen Respect vor ihm und betrachtete ihn als einen Mann von occulten Wissenschaften, da er der erste war, der die Neujahrskuchen mit den dunklen Hieroglyphen des Hahns und der Hosen und mit ähnlichen Zauberzeichen versah. Dieser große Burgermeister, welcher immer den Widerbeller bei dem wackern Stuyvesant machte, weil ihn dieser bei seinem Regierungsantritt so schmählig aus dem Cabinet gestoßen hatte, richtete eine sogenannte patriotische Rede an die schmierige Menge, worin er sie von der artigen Aufforderung, sich zu ergeben, unterrichtete, und von der Weigerung des Gouverneurs, es zu thun und dem Publikum von jener Aufforderung Kenntniß zu geben, die ohne Zweifel Bedingungen enthalte, welche der Provinz sehr zur Ehre und zum Vortheil gereichen würden. Dann sprach er von Seiner Excellenz in sehr hohen und ehrenrührigen Ausdrücken, indem er ihn mit Caligula, Nero und andern großen Männern verglich, die gewöhnlich in solchen Volksreden angeführt werden. Er versicherte das Volk, daß die Weltgeschichte kein Beispiel einer ähnlichen despotischen Handlung, einer solchen Härte, Grausamkeit, Tyrannei und eines solchen Blutdurstes aufzuweisen habe. Es werde in feurigen Lettern auf blutigen Tafeln der Nachwelt überliefert werden. Ganze Jahrhunderte würden zurückrollen, wenn sie das schreckliche Thun erfahren würden. Der Mutterleib der Zeit (mit welchem sich die Redner große Freiheiten erlauben, da es ziemlich ausgemacht ist, daß die Zeit ein alter Mann und kein Weib ist), wie schreckliche Schrecken er auch gebähre, werde nie mehr einen solchen Gräul zu Tage bringen! – Mit diesen und andern starr und stutzig machenden, herzzerbröckelnden Tropen und Figuren, welche ich nicht alle aufzuzählen vermag, spickte er seine Rede. Ich brauche sie ja auch nicht, da es ganz dieselben sind, die heutzutage in allen Volksreden und patriotischen Apostrophen vorkommen und in rhetorischen Lehrbüchern unter die Rubrik «Parlage» fallen. Wie dieses große Werk der Begeisterung gethan war, gerieth die Versammlung in eine Art von Kochen und Schäumen, welches nicht allein eine Reihe sehr weiser Beschlüsse, sondern auch eine Adresse an den Gouverneur zur Folge hatte, die sein Betragen tadelte, die er aber, sowie sie ihm überreicht wurde, ins Feuer warf und auf diese Art die Nachwelt einer kostbaren Urkunde beraubte, welche den erleuchteten Schuhflickern und Schneidern unserer Tage zum Muster hätte dienen können, wenn sie ihre weisen Nasen in die Politik stecken. Siebentes Kapitel. Wie Antonius der Trompeter ein trauriges Schicksal hatte, und wie Peter Stuyvesant als ein zweiter Cromwell ein Rumpf-Parlament auflöste. Nun ergoß sich der hochherzige Pieter de Groodt in einen Strom von Vermaledeyungen gegen seine Burgermeister, als eine Race hochmüthiger, bockbeiniger Schurken, die man weder überzeugen noch überreden könne. Er entschloß sich, nichts mehr mit ihnen zu schaffen zu haben, sondern nur die Meinung seiner geheimen Räthe anzuhören, die er aus Erfahrung als die beste von der Welt kannte, da sie nie von der seinigen abwich. Auch fehlte es nicht an umgekehrten Complimenten für's souveraine Volk, welches er als eine Heerde blökender Schafe oder bellender Mopse bezeichnete, die keine Courage zu Gefechten hätten, sondern lieber zu Hause blieben und fräßen und schnarchten in unwürdiger Ruhe, statt Unsterblichkeit und Löcher in den Kopf zu erringen, indem sie ritterlich in den Gräben föchten. Fest entschlossen, seine geliebte Stadt, selbst gegen ihren eignen Willen, zu vertheidigen, ließ er seinen trauten Trompeter Van Corlear rufen, der in allen Zeiten der Noth und Gefahr die rechte Hand des Gouverneurs war. Er beschwor ihn, seine kriegverkündende Trompete zu nehmen, sein Roß zu besteigen und Tag und Nacht im Lande herum zu reiten, indem er Alarm bliese an den idyllischen Ufern der Bronx – die wilden Einöden von Croton in Entsetzen bringe – die rauhen Mannen von Weehawk und Hoboeken aufbiete – die gewaltigen Krieger von Tappaan-Bai – und die braven Jungen von Tarry Town und Sleepy Hollow – zusammt allen andern Kriegern des Landes rings umher; sie alle aufbiete, ihre Pulverhörner umzuthun, ihre Vogelflinten auf die Schulter zu nehmen und lustig auf die Manhatten-Insel loszueilen. Nun war aber in der Welt, das schöne Geschlecht allein ausgenommen, nichts, was der brave Anton Van Corlear mehr liebte, als Kreuz- und Queerzüge dieser Art. Er war gerade mit einer guten Mahlzeit fertig, schnallte sich sein Fläschchen, mit herzerhebendem Holländer gefüllt, an die Seite, und ritt lustig aus dem Stadtthor, das nach dem jetzigen Broadway führt; wie gewöhnlich schmetterte er einen kleinen Abschiedsgruß, der in munteren Echo's durch die krummen Straßen von Neu-Amsterdam hallte – ach! sie sollten sich nie mehr an den lieblichen Weisen ihres Lieblingstrompeters ergötzen! Es war eine finstere und stürmische Nacht, als der gute Anton bei dem Strom ankam, welcher der Harlem-Fluß heißt und die Insel Mannahata von dem Festlande trennt. Der Wind blies heftig, die Elemente waren in Aufruhr und kein Charon war zu finden, um den wagehalsigen Messinghornbläser übers Wasser zu setzen. Einige Momente dampfte er wie ein ungeduldiger Geist am Ufer hin, dann fiel ihm doch die Eile seines Auftrages ein, er umarmte herzlich sein steinernes Krüglein und schwur kräftigst, er wolle hinüberschwimmen, «en spit den Duyvel»(dem Teufel zum Trotz), und damit tauchte er in den Strom. – Unglücklicher Antonius! Kaum hatte er sich halbwegs in den Fluß gearbeitet, als man ihn heftig kämpfen sah, als balge er sich mit dem Geist des Wassers – instinctmäßig setzte er die Trompete an den Mund, blies ungeheuer heftig und sank auf ewig in die Fluthen! Der gewaltige Klang seiner Trompete schallte, wie das elfenbeinerne Horn des berühmten Paladin Roland, als er in dem Thal von Roncevall glorreichen Andenkens die Seele aushauchte, weit und breit durch das Land, und weckte die ganze Nachbarschaft, die sich eiligst nach dem Platz begab. Hier erzählte ein alter holländischer Bürger, der für seine Wahrhaftigkeit bekannt und Zeuge des unglücklichen Schauspiels gewesen war, den traurigen Hergang, und zwar mit dem schrecklichen Zusatz (dem ich indessen etwas mißtraue), daß er den Duyvel gesehen, wie er in Gestalt eines ungeheuern Fischreihers den herzhaften Antonius bei dem Bein ergriffen und ihn unter die Wellen gezogen habe. Gewiß ist es, daß der Ort und das anstoßende Vorgebirg, das in den Hudson ragt, seitdem den Namen «Spijt den Duyvel» oder «die Spitze dem Teufel» trägt – und der friedlose Geist des glücklichen Antonius spukt immer noch in den Einöden umher und die Nachbarn hören seine Trompete oft in stürmischen Nächten sich mit dem Heulen der Windsbraut mischen. Kein Mensch wagt nach der Dämmerung über den Fluß zu schwimmen, vielmehr hat man jetzt eine Brücke gebaut, um ähnliche traurige Vorfälle zu verhüten, und was die Fischreiher betrifft, so hat man davor einen solchen Schauder, daß kein ächter Niederländer sie zur Tafel bittet, welcher gute Fische liebt und den Teufel haßt. Das war das Ende Antons Van Corlear – der ein besseres Schicksal verdient hätte. Er lebte rund und gesund bis an seinen Tod als ein wackerer munterer Junggeselle; obgleich er nun nicht verheirathet war, so hinterließ er doch zwei bis drei Dutzend Kinder in verschiedenen Theilen des Landes – saubere, dickköpfige, lärmende, aufgeblähte Jungen. Von ihnen stammt, wenn die Ueberlieferung wahr ist (welche gewöhnlich nicht lügt), die unglaubliche Anzahl von Journalisten, die dieses Land bevölkern und vertheidigen, auch von dem Volk reichlich bezahlt werden, um einen ewigen Alarm zu unterhalten – und einander elend zu machen. Wollte Gott, daß sie den Werth wie den Wind ihres berühmten Ahnen geerbt hätten! Die Nachricht von diesem beklagenswerthen Unglück gab dem Herzen Peter Stuyvesants einen heftigeren Stoß, als die Bedrohung seines geliebten Amsterdams. Unbarmherzig traf sie die unmittelbarsten sanften Regungen, die am Herzen liegen und von seinen wärmsten Strömen genährt werden. Wie ein verirrter Pilgrim, der im Pfeifen des Sturms durch seine Locken und unter der schwarzen Nacht, die sich um ihm sammelt, seinen treuen Hund leblos vor sich niedergestreckt sieht, den einzigen Gefährten seiner Züge, der sein einsames Mahl mit ihm getheilt und so oft die Hand seines Herrn in unterthäniger Dankbarkeit geleckt hatte – solchen Eindruck machte dem hochherzigen Helden von Manhatta das Ende seines treuen Antons. Er war der folgsame Diener auf Wegen und Stegen, er hatte ihn in mancher schweren Stunde erheitert mit seiner ehrlichen Munterkeit, er war ihm mit Treue und Liebe durch so viele Gefahren und Unheilsfälle gefolgt – nun war er auf ewig dahin – und grade jetzt, wo jeder Bastardhund sich von seiner Seite wegschlich. – Dieß – Peter Stuyvesant – dieß war der Augenblick, um deine Festigkeit zu bewähren; und dieß war der Augenblick wirklich, wo du deine große Tugend geltend machtest – Peter der Starrköpfige! Das Licht des Tages hatte längst die Schrecken der stürmischen Nacht verdrängt; doch alles war noch in Dumpfheit und Betrübniß versenkt. Der sonst so lustige Apoll verbarg sein Antlitz hinter trauertragenden Wolken und sah nur dann und wann einen Augenblick hervor, als scheue er zu sehen, was in seiner Lieblingsstadt vorging. Es war der große Morgen, wo Peter an die Aufforderungen der Feinde eine Antwort zu geben hatte. Schon hatte er sich mit seinem geheimen Rath eingeschlossen, saß in grimmiger Pracht da und sann wie eine Bildsäule über das Loos seines geliebten Trompeters nach, dann und wann in Unwillen erglühend, wenn ihm die Insolenz seiner aufrührerischen Burgermeister einfiel. Während er in diesem gereizten Zustande war, kam ein Courier in aller Eile von Winthrop, dem feinen Gouverneur von Connecticut, der ihm in den theilnehmendsten Ausdrücken rieth, die Provinz zu übergeben und sich den Gefahren und dem Elend zu entziehen, welches eine Weigerung zur Folge haben würde. Welcher Moment war das zu einer Dienstfertigkeit solcher Art bei einem Manne, der nie in seinem ganzen Leben einen guten Rath angenommen hatte! – Der feurige alte Gouverneur tappte auf und ab im Zimmer, mit einer Heftigkeit, die den Herzen seiner Räthe große Angst einflößte – sie beklagten zugleich sein unglückliches Schicksal, das ihn zum Spielball rebellischer Unterthanen und jesuitischer Freunde machte. Grade in diesem übelgewählten Moment kamen die geschäftigen Burgermeister, die nun sehr auf ihre Rechte dachten und von der Ankunft geheimnißvoller Depeschen gehört hatten, ins Zimmer gerückt mit einer Legion von Schöffen und Krötenfressern hinter ihnen her, und verlangten den Brief zu lesen. So von einer «infamen Pöbelrotte» wie er sie nannte und grade in dem Augenblick, wo er durch die Botschaft von Außen so gereizt war, überfallen zu werden, war zu viel für die Wuth Peters. Er zerriß das Schreiben in tausend Stücke und warf es dem nächststehenden Burgermeister ins Gesicht – zerbrach über dem Kopf des zweiten seine Pfeife – schleuderte sein Spukkästchen auf einen unglücklichen Schöffen, der grade sehr weise aus der Thüre retirirte, und vertagte die ganze Versammlung sine die , indem er sie mit seinem hölzernen Fuß die Stiege hinabtrat. Sobald die Burgermeister sich von der Verwirrung erholen konnten, worein sie ihr plötzliches Abschiednehmen versetzt, und wieder ein bischen Zeit hatten, um freien Athem zu schöpfen, protestirten sie gegen das Benehmen des Gouverneurs, das sie ohne Bedenken tyrannisch, anticonstitutionell, höchst unanständig und etwas unehrerbietig zu nennen wagten. Dann beriefen sie eine Volksversammlung, wo sie ihre Protestation ablasen, dann in einer präparirten Rede die Menge anredeten und in allen Details, mit gehöriger Ausmalung und Uebertreibung das despotische und rachsüchtige Betragen des Gouverneurs schilderten, indem sie erklärten, daß, was sie selber betreffe, sie sich nicht so viel daraus machten, geschlagen, geworfen und mit dem hölzernen Bein Seiner Excellenz getreten zu werden, daß sie aber wohl wüßten, wie sehr die Würde des souverainen Volks verletzt worden sey durch eben jene Stöße auf den Sitz der Ehren ihrer Repräsentanten. Dieser letzte Theil der Rede machte einen heftigen Eindruck auf das Zartgefühl des Volks, indem es auf einmal jene verletzbare Empfindung und jenen eifersüchtigen Charakterstolz zeigte, in welchen sich jeder wahre Pöbel zu kleiden weiß, der zwar Injurien ohne Murren verträgt, doch erstaunlich eifersüchtig ist auf seine souveraine Würde – und man kann nicht wissen, zu welcher gewaltthätigen Handlung der Rache sie sich getrieben gefühlt hätten, wären diese schmierigen Schufte nur nicht vor ihrem alten Gouverneur mehr in Furcht gewesen, als vor dem heiligen Nicolaus, oder vor den Engländern, oder vor dem Teufel selbst! Achtes Kapitel. Wie Peter Stuyvesant die Stadt Neu-Amsterdam einige Tage, Kraft der Stärke seines Kopfes, vertheidigte. Es liegt etwas ausnehmend Erhabenes und Melancholisches in dem Schauspiel, das sich in der jetzigen Krise unserer Geschichte bietet. Eine berühmte und ehrwürdige kleine Stadt – die Hauptstadt von einem unermeßlichen Striche unbewohnten Landes – besetzt von einer herzhaften Schaar von Rednern, Stuhlherrn, Committee-Männern, Burgermeistern, Schöffen und alten Weibern – regiert von einem entschlossenen und starrköpfigen Krieger – und befestigt mit Schlammbatterieen, Pallisaden und Volksbeschlüssen – zur See blokirt, zu Land belagert – von Außen mit schrecklicher Verwüstung bedroht, während seine Eingeweide von inneren Partheiungen und Bewegungen zerrissen werden! – Noch nie zeichnete eine Feder auf ein Blatt der Geschichte verwickeltere Unglücksfälle – es wäre denn der Jammer, der die Israeliten bei der Belagerung von Jerusalem verzehrte, wie die entzweiten Bürger einander die Kehlen abschnitten, als eben die siegreichen Legionen des Kaisers Titus ihre Bollwerke niedergerissen hatten und mit Feuer und Schwerd selbst ins Allerheiligste des Tempels drangen. Nachdem der Gouverneur Stuyvesant, wie erzählt worden, seinen großen Rath triumphirend in die Flucht geschlagen und sich auf diese Art des ganzen Trosses impertinenter Rathgeber entledigt hatte, sandte er den Commandanten des angekommenen Geschwaders eine kategorische Antwort, versicherte das Recht und die Titel Ihrer Hochmögenden der Herren Generalstaaten auf die Provinz der Neuen Niederlande und sein Vertrauen auf die Gerechtigkeit seiner Sache, und forderte, sich hierauf stützend, ganz England heraus! Meine ängstliche Sorgfalt, die Leser und mich selbst von diesen unseligen Scenen bald zu befreien, erlaubt mir nicht, den ganzen ritterlichen Brief hier einzuschalten, der aber mit folgenden mannhaften und innigen Worten schließt: «Was die Drohungen am Ende eures Schreibens betrifft, so haben wir darauf nichts zu erwiedern, als daß wir nichts fürchten, was Gott (der so gerecht als gnädig ist) uns auferlegen wird; da alle Dinge in seiner huldreichen Hand liegen und wir eben so gut mit unserer kleinen Waffenmacht von ihm beschützt werden können, als mit einer großen Armee; daher wünschen wir euch alles Glück und Heil und empfehlen euch seinem Schutz. – Mylords, euer dreimal unterthäniger und herzlich ergebener Diener und Freund Peter Stuyvesant .» Nachdem er auf diese Weise ritterlich den Fehdehandschuh hingeworfen, nahm der tapfre Peter ein Paar Reiterpistolen in den Gürtel, schnallte ein ungeheures Pulverhorn an – steckte sein rechtes Bein in einen hessischen Stiefel und klapste seinen kleinen Campagne-Hut auf den Kopf – so schritt er stolz an seinem Hause auf und ab, fest entschlossen, seine geliebte Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Während alle diese traurigen Kämpfe und Spaltungen die unglückliche Stadt Neu-Amsterdam quälten, und ihr würdiger, aber von bösen Sternen verfolgter Gouverneur den obigen Brief drechselte; legten die englischen Commandeurs nicht die Hände in den Schooß. Sie unterhielten insgeheim durch Emissäre die Furcht und das Geschrei des Pöbels, und überdieß circulirte weit und breit im Lande eine Proclamation, worin sie die Bedingungen wiederholten, die bereits in ihrer Aufforderung an den Gouverneur enthalten waren, indem sie zu gleicher Zeit die einfältigen Niederländer mit den listigsten und versöhnendsten Versprechungen täuschten. Sie sagten jedem, der sich gutwillig unterwerfen würde, den ruhigen Besitz seines Hauses, seiner Vrouw und seines Kohlgartens zu. Auch dürften sie ihre Pfeifen rauchen, holländisch reden, so viele Hosen tragen als sie wollten, und Backsteine, Ziegel und steinerne Krüge aus Holland kommen lassen, statt sie im Lande zu fabriciren. Sie sollten durchaus nicht gezwungen werden, die englische Sprache zu lernen, noch anders zu rechnen, als wie bisher an den Fingern und mit Kreide auf dem Hutdeckel, wie es noch bei den Niederländern auf dem Lande gehalten wird. Jeder sollte ungestört seines Vaters Hut, Rock, Schuhschnallen, Pfeife und jedes andere Anhängsel seiner Person erben, auch Niemand zur Annahme von neuen Erfindungen, Verbesserungen oder sonstigen Neuerungen gezwungen werden, sondern im Gegentheil, Freiheit haben, sich sein Haus zu bauen, seinem Geschäft nachzugehen, seine Wirthschaft zu führen, seine Schweine zu mästen und seine Kinder zu erziehen, wie es seine Vorfahren von unvordenklichen Zeiten gethan hätten. Endlich sollten sie alle Begünstigungen des Handels genießen und nicht gehalten seyn, einen anderen Kalenderheiligen anzuerkennen als den heiligen Nicolaus, der nach wie vor als der Patron der Stadt angesehen werde. Diese Bedingungen fielen, wie man sich leicht denken kann, sehr zur Zufriedenheit des Volkes aus, welches große Lust bezeigte, sich seines Eigenthums in Ruhe zu erfreuen, und äußerst ungern in einen Streit einging, wobei sie wenig mehr als Ehre und blutige Köpfe davontragen konnten; – gegen ersteres hatten sie eine philosophische Gleichgültigkeit, letzteres aber verabscheuten sie. Durch solche schlaue Mittel also wußten die Engländer dem ritterlichen alten Gouverneur sein Volk abspenstig zu machen, welches ihn für fest entschlossen hielt, sie in garstige Ungelegenheiten zu bringen; sie zauderten nicht, ihr Herz frei auszusprechen und ihm gradezu das Widerpart zu halten – hinter seinem Rücken. Wie der mächtige Nordkaper, von tosenden Fluthen und schäumenden Strudel angegriffen und umhergestoßen, seinen Lauf unerschrocken fortsetzt, und von brüllenden Wogen überfluthet, immer wieder aus der aufgerührten Tiefe auftaucht und mit zehnfacher Heftigkeit speit und bläst – so hielt der unbeugsame Peter auch unerschüttert seine vorgesteckte Laufbahn im Auge und erhob sich mit Verachtung über das Geschrei des Pöbels. Wie aber die englischen Krieger aus dem Inhalt seiner Antwort ersahen, daß er ihre Uebermacht herausfordere, so sandten sie sogleich Werboffiziere nach Jamaica und Jericho, nach Quag, Ninive, Patchog und allen jenen Städten von Long-Island, die weiland durch den unsterblichen Stoffel Brinkerhoff unterjocht worden waren; sie riefen die ritterlichen Nachkommen jenes Jöckel Stockfisch, Habakuk Nußkern, Ehrenfest Gockel und der andern erlauchten Squatters auf, um die Stadt Neu-Amsterdam zu Lande anzugreifen. Mittlerweile machten die feindlichen Schiffe fürchterliche Rüstungen zu einem Angriff auf die Stadt von der Seeseite. Die Straßen von Neu-Amsterdam boten jetzt Scenen des wildesten Entsetzens dar. Es war umsonst, daß der heldenhafte Stuyvesant den Bürgern befahl, sich bewaffnet auf dem großen Marktplatz zu versammeln. Die ganze Parthei der Kurzpfeifen hatte sich in einer Nacht in schändliche alte Weiber verwandelt – eine Metamorphose, die nur an Rom bei dem Herannahen Hannibals ihres Gleichen hat, wo, wie Livius erzählt, Statuen vor Angst schwitzten, Ziegen sich in Schaafe verwandelten und Hähne als Hennen gackernd durch die Straßen liefen. Der gequälte Peter, von innen und außen mit Drangsalen umgeben, von den Burgermeistern nur gehetzt, von dem Pöbel angegautzt, erhitzte sich, brummte und tobte wie ein wüthender Bär, der, an einen Pfahl gebunden, von einem Rudel bissiger Hunde angefallen wird. Als er aber sah, daß alle Versuche, die Stadt zu halten, vergeblich waren, und hörte, daß ihn ein Einbruch der Gränzer und Gaudiebe von Osten zu überschwemmen drohe, so fand er sich endlich gezwungen, seinem stolzen Herzen zum Trotz, welches ihm bis zur Gurgel aufschwoll, daß er fast erstickte, in eine Capitulation einzuwilligen. Worte können nicht das Entzücken des Volkes malen, als es die Freudenbotschaft erhielt; ein Sieg über den Feind hätte sie nicht in höhere Wonne versetzen können. Die Straßen hallten von Glückwünschen wider – sie erhoben ihren Gouverneur zum Vater und Befreier des Vaterlandes – sie schaarten sich um sein Haus, um ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen und machten zehnmal mehr Spectakel in ihrem Unterwerfungsjubel, als sie bei seiner Rückkehr mit dem glorreichen Biber nach der Einnahme des Forts Christina ihren Helden bewillkommt hatten. – Aber Peter schloß voll Verachtung seine Fenster und Thüren und floh in die innersten Gemächer seines Hauses, damit ihm das erniedrigende Jubelgeschrei dieser Galgenvögel nicht zu Ohren komme. In Folge der Zustimmung des Gouverneurs verlangten die Belagernden eine Zusammenkunft, um die Punkte der Uebergabe zu verabreden. Demnach wurde eine Deputation von sechs Commissären von beiden Seiten ernannt und am 27. August 1664 kam eine Capitulation zu Stande, welche höchst vortheilhaft für die Provinz und ehrenvoll für Peter Stuyvesant ausfiel. Es war jetzt nur noch eins übrig, nämlich daß die Artikel der Uebergabe ratificirt und von den. Gouverneur unterzeichnet würden. Wie die Commissäre ihm zu diesem Ende ihre Aufwartung machten, empfing sie der alte trotzige Krieger mit der grimmigsten und bittersten Höflichkeit. – Seine kriegerische Rüstung hatte er ganz bei Seite gelegt – ein alter indianischer Schlafrock umhüllte die rauhen Glieder, eine rothe Nachtkappe überschattete die gerunzelte Stirn und ein eiserner grauer Bart mit dreitägigen Stoppeln vollendete sein grimmiges Aussehen. Dreimal ergriff er eine kurze stumpfe Feder und versuchte das verhaßte Papier zu unterzeichnen – dreimal knirschte er mit den Zähnen und machte ein Gesicht wie ein Topf voll Mäuse, oder vielmehr als solle er eine Pestdosis von Rhabarber, Sennes und Ipecacuanha verschlucken; endlich warf er es hin, riß sein messinggeschäftetes Schwerdt aus der Scheide und schwur beim heiligen Nicolaus, er wolle lieber sterben, als sich irgend einer Macht unter dem Himmel ergeben. Umsonst war jeder Versuch, den trotzigen Entschluß zu erschüttern – Drohungen, Vorstellungen, Schimpfworte, alles war vergebens – zwei Tage lang war das Haus des ritterlichen Peter von dem tumultuarischen Volkshaufen belagert, zwei Tage konnte er sich nicht von seinen Waffen trennen und weigerte sich ritterlich, die Capitulation zu unterzeichnen. Endlich bedachte sich die Volksmasse, nachdem sie gefunden, daß ein lärmendes Betragen nur seine Hartnäckigkeit vermehre, auf ein demüthiges Auskunftsmittel, welches seinen Zorn nicht reizen könne und seine Entschlossenheit entwaffnen müsse. Und nun ging eine feierliche Trauerprocession, unter Anführung der Bürgermeister und Schöffen, und mit Nachfolgen der ganzen Masse des Volkes, langsam nach dem Hause des Gouverneurs, um ihm die Capitulation zu überreichen. Sie fanden den trotzigen alten Helden wie einen Riesen in seinem Schloß verrammelt, die Hausthüre fest verriegelt und ihn selbst in voller Uniform, den dreieckigen Hut auf dem Kopf mit einem Muskedonner vom Gaubloch herabsehen. Es lag etwas in dieser furchtbaren Stellung, was auch den rohesten Pöbel mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllte. Die lärmende Menge konnte nur mit Selbstverachtung auf ihr feigherziges Betragen zurücksehen, als sie ihren kühnen aber ganz verlassenen alten Gouverneur treu auf seinem Posten sah, wie eine verlorne Schildwache, und kräftig gerüstet, seine undankbare Stadt mit dem letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Diese Gewissensbisse wurden aber bald wieder durch die Macht des öffentlichen Unwillens verdrängt. – Indessen, das Volk versammelte sich in möglichster Ordnung vor dem Hause und nahm die Hüte ab mit demüthigen Geberden – der Burgermeister Roerback, der zu den von Sallust beschriebenen Rednern gehörte, welche «schnatterhafter als beredt» sind, trat vor und haranguirte den Gouverneur in einer Rede von drei Stunden Länge, worin die klägliche Lage der Provinz in höchst pathetischen Ausdrücken gemalt, und mit ewigen Wiederholungen derselben Gründe und Redensarten gebeten ward, die Capitulation endlich zu unterzeichnen. Der mächtige Peter sah aus seinem kleinen Gaubloch mit grimmigem Schweigen auf ihn herab – dann und wann rollten seine Augen über die versammelte Menge hin und ein verachtendes Grinsen, wie das eines bösen Bullenbeißers, markirte lebhaft sein eisernes Gesicht. Aber, obgleich er ein Mann von unerschrockenem Muth war – obwohl er ein Herz hatte so dick, wie ein Ochs, und einen Kopf, welcher der Härte eines Diamanten spottete – so war er doch auch nur ein schwacher Sterblicher; von der immer wiederholten Opposition, von dem ewigen Reden matt gemacht, und wohl einsehend, daß die Einwohner, wenn er ihnen den Willen nicht thue, ihrer eigenen Eingebung oder vielmehr ihrer Furcht folgen würden, ohne auf seine Zustimmung zu warten, so befahl er ihnen denn mit trotzigem Ton, das Papier herauf zu reichen. Es wurde ihm also an dem Ende einer Latte hinaufgehalten, und nachdem er seinen Namen an den Rand hingekritzelt, verfluchte er sie alle als eine Rotte von feigherzigen, meuterischen, entarteten Memmen – warf ihnen die Capitulation auf den Kopf, schlug das Fenster zu, – und nun hörte man ihn mit heftigem Unwillen die Treppe hinabstampfen. Die Menge ergriff sogleich die Furcht, und selbst die Burgermeister waren nicht faul, sich davon zu machen, indem sie fürchteten, der trotzige Peter möchte aus seiner Höhle hervorkommen und sie mit einem unwillkommnen Zeichen seiner Ungnade begrüßen. Drei Stunden nach der Uebergabe rückte eine Legion von beefsteakfetten englischen Soldaten in Neu-Amsterdam ein und nahm von dem Fort gleichwie von der Batterie Besitz. Und nun hörte man in allen Quartieren ein fürchterliches Gehämmer von den alten niederländischen Bürgern, die emsig daran waren, die Thüren und Fenster zu vernageln, um ihre Vrouws vor diesen fürchterlichen Barbaren zu schützen, die sie in stummem Jammer von den Gaublöchern herab betrachteten, wie sie durch die Straßen paradirten. Auf solche Art kam der Oberst Richard Nichols, Commandant des brittischen Geschwaders, ruhig in den Besitz des eroberten Reiches als locum tenens für den Herzog von York. Der Sieg wurde durch keine andere Schmach bezeichnet, als durch die Veränderung des Namens der Provinz und ihrer Hauptstadt, die von da ab New-York bis auf den heutigen Tag genannt wurde. Die Einwohner behielten nach dem Tractat ruhig ihr Eigenthum; aber ihr Abscheu vor den Britten war so groß, daß sie in einer geheimen Zusammenkunft einmüthig beschlossen, nie irgend einen ihrer Besieger zu Tisch zu bitten. Neuntes Kapitel. Enthält die würdige Abdankung und tödtliche Uebergabe Peters des Starrköpfigen. So hätte ich denn diese große Geschichte beendigt; aber ehe ich die Feder niederlege, muß ich noch eine fromme Pflicht erfüllen. Wenn unter den vielen Lesern meines Buches zum Glück auch solche sind, deren Seelen, von echtem Adel, für die Geschichte aller Edlen und Braven erglühen, so werden diese ohne Zweifel begierig nach dem Schicksale des ritterlichen Peter Stuyvesant seyn. Um ein solches vollhaltiges Herz zu erfreuen, wollte ich mich in größere Längen ergießen, als damit die kaltblütige Neugierde einer ganzen Brüderschaft von Philosophen befriedigt werde. Kaum hatte der hochgeartete Cavalier die Capitulation unterzeichnet, als er auch beschloß, die Demüthigung seiner Lieblingsstadt nicht mit anzusehen, ihren Mauern daher alsbald den Rücken kehrte und sich knurrend nach seinem Bouwery oder Landsitz zurückzog, der ungefähr eine halbe Stunde entfernt lag. Hier verlebte er den Rest seiner Tage in patriarchalischer Zurückgezogenheit. Hier erfreute er sich einer Ruhe des Geistes, die er unter den zerstreuenden Sorgen der Regierung nie gekannt hatte und schmeckte die Süßigkeit unbeschränkter Gewalt, die seine aufrührerischen Unterthanen ihm so oft durch ihre Opposition vergällt hatten. Keine Ueberredung brachte ihn je dahin, daß er die Stadt wieder besuchte – im Gegentheil, er ließ sich seinen großen Lehnsessel immer mit dem Rücken gegen die Fenster nach derselben stellen, bis vor diesen Fenstern ein dickes Gebüsch von Bäumen aufwuchs, die er mit eigner Hand gepflanzt hatte, ein Schirm, der ihm alle Aussicht benahm. Er spottete immer über die unnatürlichen Neuerungen und Verbesserungen, welche die Eroberer einführten – er verbot seiner Familie auch nur ein einziges Wort von dieser verhaßten Sprache zu sprechen, welches man gern erfüllte, da Niemand im Hause eine andere Sprache als Holländisch reden konnte – er ließ sogar eine schöne Allee vor seinem Hause niederhauen, weil sie aus englischen Kirschbäumen bestand. Dieselbe unermüdliche Wachsamkeit, welche seine Regierung ausgezeichnet hatte, gab sich auch hier, zwar kräftig, doch in etwas engern Gränzen kund. Er patroullirte in unablässiger Bewegung rings um die kleinen Gränzen seines Landguts, trieb jeden Angriff mit unerschrockener Schnelligkeit zurück, bestrafte jede landstreicherische Plünderung seines Obstgartens oder seiner Felder mit unbeugsamer Strenge und führte jede umher laufende Kuh oder Sau im Triumph in den Pfandstall. Aber dem armen Nachbar, dem verlassenen Reisenden oder dem müden Wanderer war seine Thüre stets geöffnet, und an seinem geräumigen Herd, dem Sinnbilde seines eigenen warmen, edlen Herzens, fand sich immer ein Plätzchen zu seiner Aufnahme und Erquickung. Eine Ausnahme zwar machten die Engländer oder Yankees, wenn unglücklicherweise von ihnen jemand seine Hülfe ansprach, so konnte man ihn nie dahin bringen, die Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen. Ja, wenn durch Zufall ein herumreisender Kaufmann vom Osten an seiner Hausthüre mit einer Ladung von zinnerner oder hölzerner Waare hielt, fuhr der lebhafte Peter wie ein Riese aus seinem Schloß und machte ein so höllenmäßiges Geklapper unter dem Geschirr, daß der Verkäufer sogleich die Flucht ergriff. Seine Uniform, durch die Bürste fadenscheinig, war mit Sorgfalt in dem kostbaren Schlafzimmer aufgehängt und wurde jeden ersten Tag im Monat gelüftet; sein dreieckiger Hut und sein betrautes Schwerd hingen in grimmiger Ruhe über dem Kamingesimse des Wohnzimmers und bildeten Fuß und Stütze eines vollständigen Portraits des Admirals Van Tromp. In seinen häuslichen Einrichtungen hielt er strenge Ordnung und ein wohlorganisirtes tyrannisches Regiment; wenn aber auch sein Wille immer als höchstes Gesetz galt, so war doch das Wohl seiner Unterthanen das einzige Ziel seiner Wünsche. Er sorgte nicht allein für ihren unmittelbaren leiblichen Vortheil, sondern auch für ihr geistiges und ewiges Wohl, denn er gab ihnen eine Menge guter Rathschläge und es konnte sich Niemand beklagen, daß er karg sey in heilsamen Strafen, wenn es der Anlaß erforderte. Die guten alten holländischen Festlichkeiten, diese periodischen Zeichen eines überfließenden Herzens und dankbaren Gemüths, die bei meinen Mitbürgern ganz in Verfall gerathen, blieben in dem Haushalt des Gouverneurs Stuyvesant in gewissenhafter Uebung. Neujahr war ein Tag der offensten Freigebigkeit, der fröhlichsten Späße, der wärmsten Begrüßungen, wo der Busen von guter Compagnieschaft überfloß und eine reichliche Tafel mit ungenirter Freiheit und ehrlicher breitmäuliger Lustigkeit bedient wurde, die man in diesen Tagen der Entartung und Verfeinerung gar nicht mehr kennt. Die Kirchenfeste Paas und Pinxter wurden in seinen Besitzungen streng gehalten, und der St. Nikolaustag durfte nicht verstreichen, ohne daß Geschenke gegeben, der Strumpf in den Schornstein gehängt und die anderen Ceremonieen gemacht wurden. Einmal im Jahre, auf den ersten April, pflegte er sich in voller Uniform zu zeigen, es war der Jahrestag seines Triumpheinzugs in Neu-Amsterdam, nach der Einnahme von Neu-Schweden. Dieß war immer eine Art von Saturnalien unter den Dienstboten, wo sie sich die Freiheit nahmen, zu sagen und zu thun, was ihnen einfiel; an diesem Tage war ihr Herr sehr ausgelassen, spaßhaft und kurzweilig, er schickte die alten grauköpfigen Neger nach Taubenmilch in den April, mit Allen trieb er seinen Schabernack, und sie machten sich eine Ehre daraus, ihrem alten Herrn zur Zielscheibe des Witzes zu dienen. So herrschte er glücklich und zufrieden über sein Land – beleidigte und beneidete Niemanden – wurde durch keine auswärtigen Kämpfe, durch keine innerlichen Bewegungen in Unruhe und Verwirrung gebracht – die gewaltigen Herren der Erde, welche vergebens danach trachten, Frieden zu stiften und das Heil der Menschheit zu fördern, indem sie Kriege und Verheerungen wüthen lassen, würden wohl gethan haben, eine kleine Reise nach der Manhatten-Insel zu machen und in der häuslichen Oekonomie-Verwaltung Peter Stuyvesants Unterricht im Regieren zu nehmen. Im Verlaufe der Zeit jedoch fing der alte Gouverneur Stuyvesant an, wie alle Menschenkinder, Zeichen des Verfalls zu geben. Wie ein betagter Eichbaum, der lange der Wuth der Elemente getrotzt hat, zwar noch immer seine riesenhafte Gestalt behält, aber bei jedem Sturmwind zu zittern und zu knarren anfängt – so ging es auch dem ritterlichen Peter; er trug zwar noch immer das Ansehen von dem, was er in den Tagen seiner heldenmüthigen Stärke war, allein Alter und Gebrechlichkeit erschütterten die Kraft seines Körpers – doch sein Herz, diese unbezwingliche Citadelle, triumphirte noch immer als unerobert. Mit großer Begierde spannte er auf jeden neuen Zeitungsartikel, welcher von Schlachten zwischen Engländern und Deutschen handelte; sein Herz pochte stärker, wenn er von den Siegen eines de Ruyter hörte, und sein Kopf senkte sich und seine Augenbrauen zogen sich zusammen, wenn sich das Kriegsglück zu den Engländern neigte. Endlich an einem gewissen Tage hatte er gerade seine fünfte Pfeife ausgeraucht und schlummerte ein bischen nach Tisch in seinem Lehnsessel, wo er im Traum ganz England eroberte; da wurde er plötzlich von Glockenläuten, Trommelgewirbel und Kanonendonner geweckt, und sein Blut kam ganz in Aufruhr. Er erfuhr, daß es Zeichen der Freude seyen, bei einem Siege, den die vereinigte Flotte der Engländer und Franzosen über den braven de Ruyter, sowie über den jüngeren Van Tromp davongetragen. Dieß ging ihm so sehr zu Herzen, daß er sich ins Bett legen mußte und in weniger als drei Tagen durch eine heftige Cholera morbus an den Rand des Grabes gebracht war! Aber selbst in dieser äußersten Gefahr zeigte sich der unbezwingliche Geist Peter des Starrköpfigen . Er hielt sich bis zum letzten Athemzuge mit der größten Hartnäckigkeit gegen eine ganze Armee von alten Weibern, die sich bemühten, den Feind aus seinen Eingeweiden zu vertreiben, nach einer ächt niederländischen Vertheidigungsart, mit Katzenkraut und Krausemünze. Wie er so dalag und der Auflösung nahe war, kam die Nachricht, daß der brave de Ruyter nur wenigen Verlust erlitten – sich vortheilhaft zurückgezogen habe – und gesonnen sey, seinem Feind eine neue Schlacht zu liefern. Die brechenden Augen des alten Kriegers funkelten noch einmal bei diesen Worten – er erhob sich im Bett – kriegerische Begeisterung blitzte auf seinen Zügen – er ballte die dürre Faust, als ob er das Schwerd fasse, welches er einst triumphirend vor den Mauern des Forts Christina geschwungen, lächelte grimmig siegreich, sank zurück auf sein Kissen und starb. So endete Peter Stuyvesant, ein herzhafter Krieger – ein treuer Bürger – ein edler Gouverneur, und ein ehrlicher Holländer – dem nur wenige Reiche zur Verwüstung fehlten, um als ein Held unsterblich zu werden! Sein Leichenbegängniß ging mit der größten Pracht und Feierlichkeit vor sich. Die Stadt war von ihren Einwohnern verlassen; alles drängte sich hinzu, um dem guten alten Gouverneur die letzte Ehre zu erweisen. Alle seine vollgültigen Eigenschaften traten jetzt vor ihre Seele, und die Erinnerung an seine Mängel und Schwächen verschwand. Die alten Bürger stritten sich um die Ehre, wer im Zuge den Zipfel halten dürfe; das Volk balgte sich um das Glück, dem Sarg am nächsten zu gehen und der melancholische Zug schloß mit einer Schaar grauköpfiger Neger, die in der Haushaltung ihres abgeschiednen Meisters mehr als die Hälfte eines Jahrhunderts überwintert und übersommert hatten. Mit düsteren traurigen Mienen versammelte sich das Volk um sein Grab. Sie dachten mit blutenden Herzen an die hohen Tugenden, großen Dienste und ritterlichen Thaten des wackern Edlen. Sie riefen sich mit geheimen Gewissensbissen ihre eignen aufrührerischen Bewegungen ins Gedächtniß zurück, und manchen alten Bürger, dessen Backen man für viel zu fest, dessen Augen man für viel zu standhaft gehalten hätte, sah man eine gedankenvolle Pfeife rauchen und dabei dicke Tropfen über die zitternden Wangen herabrollen, während er mit wehmüthigem Laut und melancholischem Kopfschütteln in die Worte ausbrach: – «Nun denn! – der hardkoppige Peter ist auch hin!» Seine sterblichen Ueberreste kamen in die Familiengruft, unter eine Kapelle, die er fromm auf seinem Landsitz errichtet hatte und an derselben Stelle stand, wo jetzt die St. Marenskirche sich erhebt, in welcher man seinen Leichenstein noch sehen kann. Sein Gut oder Bouwery, wie es genannt wurde, blieb immer im Besitz seiner Nachkommen, die sich allgemein durch Rechtschaffenheit des Charakters und durch Anhänglichkeit an die Sitten und Gewohnheiten der guten alten Zeiten, ihres berühmten Vorfahren würdig gezeigt haben. Viel und oft wurde dieses Landgut des Nachts von unternehmenden Schatzgräbern beschlichen, die nach Goldtöpfen suchten, welche bei dem alten Gouverneur begraben liegen sollten – doch weiß ich nicht, ob irgend einer mit einem solchen Fund bereichert nach Hause kam – aber wer wäre unter meinen hier gebornen Mitbürgern, der sich nicht erinnerte, wie es in den stürmischen Tagen seiner Kindheit ein kühnes Unternehmen war, «Stuyvesants Obstgarten» an einem Sonntag Nachmittag zu plündern. In der Familien-Wohnung sind noch jetzt einige Andenken an den unsterblichen Peter zu sehen. Sein vollständiges Portrait redet in martialischen Zügen von der Wand des Wohnzimmers herab – seine schwefelfarbenen Beinkleider waren lange Zeit im Saal aufgehängt, bis sie vor einigen Jahren einen Streit zwischen einem neuverheiratheten Paar erregten – und sein silberbeschlagenes Bein wird noch immer in dem Vorrathszimmer als eine unschätzbare Reliquie bewahrt. Zehntes Kapitel. Des Autors Betrachtungen über das Erzählte. Daß Reiche aufstreben, blühen und in Nichts zerfallen, ist der traurige Inhalt der Weltgeschichte – auch das Manhatten-Reich Ihrer Hochmögenden hatte ein solches Schicksal. Die Geschichte dieses Landes ist lehrreich, und werth, mit Bedacht erwogen zu werden – hier in der Asche glimmen die Funken wahrer Wissenschaft und hier mag gelegentlich die Lampe der ewigen Weisheit angezündet werden. Möge denn das glückliche Zeitalter Walters des Zweiflers vor jeder selbstfrohen Sicherheit und Trägheit behüten, welche eine Folge des Wohlstandes und Friedens ist, aber Verlust dieses Glückszustandes unvermeidlich nach sich zieht. Möge die vom Unstern verfolgte Regierung Wilhelms des Eigensinnigen zu einer heilsamen Warnung dienen vor der fieberischen und pedantischen Art, Gesetze nach Lieblingsmeinungen auszuprägen, wo man am Ende doch mit seiner Schwäche den Partheien zur Beute wird. Möge endlich das Regiment des guten Stuyvesant zeigen, was redliche Kraft und mannhafte Entschlossenheit in schlimmen Tagen vermögen, selbst wenn kein ruhiges Urtheil und kein Glück ihnen zur Seite steht; aber möge es zugleich vor dem allzugroßen Vertrauen auf die Ehrlichkeit anderer, besonders freundlich sich gebehrdender Nachbarstaaten warnen; endlich auch zur Lection allen souverainen Volksversammlungen dienen, die mit ihren Beschlüssen doch am Ende keinen Hund aus dem Ofen locken, da ihr Muth lediglich in der Zunge liegt. Doch es sey genug der Andeutungen und Fingerzeige, die jeder aufmerksame Leser aus dieser Geschichte selbst entnehmen mag. Ehe ich aber schließe, muß ich doch noch einen feierlichen Wink aussprechen, der in einer Reihe feiner Verkettungen liegt, welche von der Eroberung des Forts Casimir ausgehen und bis zu den neuesten Umwälzungen auf unserem Erdboden reichen. So höre denn, edler Leser, auf diese einfache Entwicklung, und wenn du ein Kaiser, König oder anderer mächtiger Potentat bist, so laß dir rathen, sie in dein Herz zu schreiben – doch habe ich freilich wenig Hoffnung, daß mein Werk zu solchen Händen gelangen wird, denn ich weiß wohl, wie listige Minister alle ernste und erbauende Bücher dieser Art den unglücklichen Monarchen aus dem Weg legen, damit sie dieselben nicht vielleicht lesen und Weisheit daraus schöpfen. Durch die verrätherische Wegnahme des Forts Casimir erfreuten sich die hinterlistigen Schweden eines vorübergehenden Triumphes, zogen aber auf ihre Häupter die Rache Peter Stuyvesants herab, der ganz Neu-Schweden von ihnen befreite. Durch die Eroberung Neu-Schwedens weckte Peter Stuyvesant die Ansprüche des Lord Baltimore, dieser wandte sich an das Cabinet von Großbritannien, und dieses unterjochte die ganze Provinz der Neuen Niederlande. Durch die letztgenannte große That kam die ganze Ausdehnung Nordamerika's von Neu-Schottland bis zu den Florida's; unter die Botmäßigkeit der Krone England. – Aber nun bemerke, o Leser, die Folgen! Die bis dahin zerstreuten Colonieen, auf solche Weise verbunden und ohne eifersüchtige Nachbarcolonieen, die sie in Furcht und Zaum hielten, wurden groß und mächtig und wuchsen endlich dem Mutterland über den Kopf; sie schüttelten seine Fesseln ab und wurden durch eine glorreiche Revolution ein unabhängiges Reich. Aber die Kette der Wirkungen hört hier noch nicht auf. Die erfolgreiche amerikanische Umwälzung brachte die blutige französische Revolution hervor; diese gebahr den mächtigen Bonaparte, dieser den französischen Despotismus, und dieser machte vollends der Ruhe der Welt ein Ende! – Die großen Mächte sind allmählig für ihre unseligen Eroberungen gestraft worden, und so liegen denn, wie ich vorangestellt habe, alle die gegenwärtigen Convulsionen, Revolutionen und Unheilsdinge, welche das Menschengeschlecht überschwemmen, in der Eroberung des kleinen Forts Casimir wie im Ei beschlossen. Und nun, würdiger Leser, ehe ich dir ein trauriges Lebewohl sage – welches, ach! ein ewiges ist – möchte ich gern in herrlicher Freundschaft von dir scheiden und um dein gütiges Andenken bitten. Daß ich keine bessere Geschichte von den Tagen der Patriarchen geschrieben habe, ist nicht meine Schuld – hätte irgend Jemand eine erträgliche aufgezeichnet, so würde ich sie nicht versucht haben. Daß mich spätere Geschichtschreiber übertreffen werden, will ich nicht bezweifeln, und mich noch weniger deßhalb abkümmern, denn ich weiß wohl, daß, als der große Columbus einmal sein Ei zum Stehen gebracht hatte, ein Jeder am Tisch es tausendmal geschickter machen konnte. – Sollte sich irgend Jemand durch meine Geschichte beleidigt finden, so würde mir dieß unendlich leid thun, obwohl ich mich nicht darauf einlassen kann, ihm begreiflich zu machen, daß er sich irrt und sich über Schatten an der Wand ärgert. Ich habe eine zu hohe Meinung von der Fassungskraft meiner Mitbürger, um ihnen Belehrung geben zu wollen, und ich halte ihren guten Willen zu hoch in Ehren, um mir ihn durch guten Rath zu verscherzen. Ich bin auch keiner jener Cyniker, welche die Welt verachten, weil sie von ihr verachtet werden – im Gegentheil, obgleich ich in ihren Augen klein bin, sehe ich ihr doch mit dem besten Gewissen ins Gesicht und es thut mir wirklich nur leid, daß sie die unbegränzte Liebe, die ich gegen sie hege, gar nicht verdient. Wenn mir jedoch in dieser meiner historischen Produktion – der kärglichen Frucht eines langen mühseligen Lebens – nicht gelungen ist, den verwöhnten Gaumen des Zeitalters zu kitzeln, so kann ich nur mein Mißgeschick beklagen – denn es ist zu spät in der Jahrszeit, um es besser wachsen zu lassen. Schon hat der starre Winter seinen trostlosen Schnee mir aufs Haupt regnen lassen; nur noch eine kleine Weile und die behagliche Wärme, die noch mein Herz umschleicht und dir, würdiger Leser, ja dir mit herzlicher Zuneigung entgegenbebt, wird auf ewig erkaltet seyn. Vielleicht gibt dann dieses arme Häuflein Staub, welches in seinem Leben nur schlechtes Unkraut hat wuchern lassen, eine demüthige Scholle im Thale ab, aus welcher manche wilde Blume sprießen mag, um meine geliebte Insel Mannahata zu schmücken!