Ludwig Holberg Jacob von Tyboe oder Der großsprecherische Soldat. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   »Jacob von Tyboe«, das elfte der Holbergschen Lustspiele – es kam im Frühjahr 1724, unmittelbar nach der »Maskerade«, zum ersten Mal zur Darstellung – ist, wie der Dichter selbst bekennt, hauptsächlich dem berühmten » Miles gloriosus « des Plautus nachgebildet; Vieles ist auch dem »Eunuch« des Terenz, Einzelnes den » Promenades à Paris « des » Théâtre Italien « entlehnt. Der Stoff – den Holberg auch noch in einem zweiten Stücke, »Dietrich Menschenschreck« (von 1725) behandelte – war damals sehr populär; dennoch scheint »Jacob von Tyboe« Anfangs nur geringes Glück gemacht zu haben, wenigstens wurde er in den 21 Jahren von 1748 bis 1769 nur achtmal gegeben. Später verschwand er sogar völlig, bis er zu Anfang der achtziger Jahre, unterstützt und getragen durch die vorzüglichen Darsteller, deren die Kopenhagener Bühne sich damals erfreute, einen Schwarz als Tyboe, Gjelstrup als Jens, Kemp und später Lindgren als Peter, Knudsen als Christoph, Madame Knudsen als Mutter, Madame Gjelstrup als Pernille \&c., viel Beifall erlangte und häufig wiederholt ward. – Auch in Deutschland war das Stück sehr beliebt und beherrschte lange Zeit das Repertoire, wie denn Schröder noch 1760 in Straßburg zum ersten Mal den Peter spielte. Personen:         von Tyboe . Christoph , sein deutscher Diener. Peter , sein Diener. Jesper , ein Schmarotzer Magister Stygotius . Jens , sein Diener. Leonard . Leonora . Lucilia . Pernille . Petronius . Ein Wirth . Ein Musikant . Acht Soldaten . Vier Studenten . Ein Offizier . Ein Bedienter . Zwei Sänftenträger .     Erster Akt. Erste Scene. Jesper Oldfuchs . Jesper . Will Einer meinen Namen wissen, so heiße ich, mit Respect zu sagen, Oldfuchs. Will Einer meine Hantierung wissen, so bin ich ein Schmarotzer, zu dienen. Will Einer wissen, was mein Vater war, auch ein Schmarotzer; mein Großvater, auch ein Schmarotzer; mein Urgroßvater, auch ein Schmarotzer. Von dieser Art kann ich gut meine sechzehn Ahnen aufzählen. Fragt aber Einer, mit wem ich gut Freund bin, so antworte ich: mit aller Welt. Will Einer wissen, wem ich treu bin, so antworte ich: niemand außer Monsieur Leonard. Will Einer wissen, warum ich ihm treu bin, so stutze ich, und die Schamröthe steigt mir ins Antlitz; denn in diesem Punkt versündige ich mich gegen meine Profession und weiche von dem Pfade meiner theuren Ahnen, die mit niemand eine Ausnahme machten. In diesem Hause hier linker Hand wohnt eine vornehme, aber unbemittelte Dame, Namens Leonora; sie hat eine schöne Tochter, die Lucilia heißt und in die sich drei Personen verliebt haben. Der erste nennt sich Jacob von Tyboe, ein Kerl, nach meinem Dafürhalten, dem eine Schraube im Kopfe los ist; er behauptet, in ausländischen Diensten gestanden zu haben, kann jedoch weder Paß noch Abschied aufweisen. Die übrigen Offiziere hier in der Stadt stehen auf gutem Fuß mit ihm und tituliren ihn bald Herr Kapitän, bald Herr Major, bald Herr Oberst, je nachdem er sie seltener oder öfter freihält. Erzählt er von seinen Thaten, so stellen sie 8 sich, als ob sie ihm mit Verwunderung zuhörten; tritt ihm Einer zu nahe, so nehmen sie ihn in Schutz; braucht er Soldaten, stellen sie ihm welche zur Verfügung und richten sie ab, ihm den gehörigen Respect zu erweisen. Summa Summarum: er ist das Amüsement der ganzen Garnison. Der zweite heißt Styge Stygesen, seit er jedoch von Rostock zurück ist, schreibt er sich Magister Stygotius; er spielt unter den Gelehrten dieselbe Rolle wie jener unter den Offizieren. Der dritte ist ein vornehmer junger Herr mit Namen Leonard, der freilich zur Zeit noch kein Vermögen besitzt, wol aber die Aussicht hat, einen reichen Oheim zu beerben, der schon mit einem Fuß im Grabe steht. Diese bewerben sich alle drei um Fräulein Lucilia. Die Mutter und das Kammermädchen Pernille, das in dem Hause das große Wort führt, sind für einen von den beiden ersteren, das Fräulein selbst dagegen ist für den dritten. Ich für meine Person stehe auf gutem Fuß mit Stygotius sowol wie mit Tyboe, theils wegen der fetten Bissen, die ich von ihnen lucrire, theils um ihre Anschläge auszuspioniren und Monsieur Leonard in Kenntniß davon zu setzen. Aber da seh' ich Monsieur Leonard kommen; ich sprach erst kürzlich mit ihm von seiner Liebschaft, mußte jedoch abbrechen, weil etwas dazwischen kam. Zweite Scene. Leonard . Jesper Oldfuchs . Leonard . Ach Jesper, was könnte ich nun wol noch hoffen, da ich zwei solche mächtige Rivalen habe? Jesper . Das mein' ich auch, zwei verwetterte Rivalen: der Eine ist ein Narr und der Andere ein Pedant. Leonard . Was will das helfen, Jesper? Jesper . Das will so viel helfen, daß Fräulein Lucilia trotz ihrer Jugend doch nachgerade geschickt genug ist, sich niemals in Einen von diesen zu verlieben; denn wenn man sie beide zusammenthut mitsammt ihrem Verstand, ihrer Tugend und Liebenswürdigkeit, so kommt in Summa noch nicht so viel dabei heraus, wie bei 9 einem mittelmäßigen Pferd zu finden. Der Eine ist so toll im Kopfe, daß ich ihm weißmachen kann, er hätte größere Thaten verrichtet als Alexander Magnus, und was die Schönheit betrifft, so reichte Prinz Absalon ihm nicht das Wasser, und jedesmal, so oft in der Kirche geläutet wird, so wäre das wegen eines Frauenzimmers, das aus Liebe zu ihm gestorben. Der Andere ist närrisch vor lauter lateinischen Glossen und Distinctionen, spricht griechisch sogar mit Frauenzimmern, macht die Cour in lauter Syllogismen und hat zu alledem ein solches Schulmeistergesicht und solche Magistermanieren, daß, wenn Ihr ihn von Weitem seht, er Euch vorkommt, als wäre er ein alter lateinischer Autor classicus und Gott und die Natur hätten ihn allein dazu erschaffen, auf einem Büchergestell zu stehen zwischen andern Folianten und Quartanten. Meint Monsieur denn wirklich, daß Fräulein Lucilia sich verlieben könnte in ein altes Schweinsleder, in einen Autor, einen . . . . Leonard . Aber, Jesper, Du kennst die Situation ja so gut wie ich, und daß sie beherrscht wird von einer geizigen Mutter, die lediglich aufs Geld sieht? Jesper . Darum macht Euch nur keine Sorgen, Monsieur, ich will schon etwas aussinnen, was Euch helfen soll. Leonard . Du hast ja wol freien Zutritt zu beiden? Jesper . Nicht blos freien Zutritt habe ich zu ihnen, sondern ich bin sogar ihr intimster Freund, dem sie alles vertrauen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Aber hier sehe ich Tyboe's Diener Peter kommen, der erst seit Kurzem seine Livree trägt; laßt uns ein wenig bei Seite treten. (Treten bei Seite.) Dritte Scene. Peter allein. Peter . Es muß doch ein schönes Geschäft sein, Poet zu sein; dabei kann man Geld verdienen wie Heu. Ich begreife deshalb auch nicht, warum die Mehrzahl von ihnen so verlumpt aussieht. Denn wenn ich einen Menschen sehe in einem alten 10 schwarzen Rock, mit Flicken auf den Ellenbogen, so bin ich jedesmal sicher, daß es ein Poet ist. Sie werden wol trinken, die Hunde; was sie verdienen, jagen sie sofort durch die Kehle. Mein Herr von Tyboe hat mich ausgeschickt, einen Poeten aufzusuchen, und hat mir zwei Reichsthaler mitgegeben zu einem Gedicht, welches er Fräulein Lucilia schicken will, weil er nämlich durch ihr Kammermädchen, Mamsell Pernille, in Erfahrung gebracht hat, daß heute des Fräuleins Namenstag ist. Weil aber mein Herr gerade solch ein Poet ist wie ich, so müssen wir fremde Köpfe für uns arbeiten lassen. Das ist ein verwettertes Mädel, die Pernille. Ich habe sie freilich nur erst ein paarmal gesprochen, weil ich erst kürzlich bei Tyboe in Dienst getreten bin; so viel aber habe ich in dieser kurzen Zeit schon bemerkt, daß die Aufmerksamkeiten, welche sie uns dem Fräulein zu erweisen räth, immer nur in Gedichten und Nachtmusiken bestehen, die Aufmerksamkeiten dagegen, die sie für sich selbst in Anspruch nimmt, die bestehen allemal in Geld und noch dazu in Kronthalern, für die wir, das kann ich beschwören, neulich vierzehn Procent gegeben haben bei dem verfluchten Juden, der hier in der Straße wohnt und der noch obenein der billigste sein soll. Es ist doch eine eigenthümliche Sorte, diese Juden, man sollte wirklich glauben, daß sie nicht die Spur von Christenthum oder Gewissen haben. Aber jetzt muß ich sehen, wo ich einen Poeten herkriege; wenn man das Teufelszeug braucht, so ist keiner zu finden, braucht man sie aber nicht, so giebt es ihrer so viele wie Fliegen im September. Aber da kommt jemand, sollte das nicht ein Poet sein? Nein, es ist ein Mensch. Mit dem Burschen muß ich sprechen, er hat so was Närrisches im Gesichte. Vierte Scene. Peter . Jens . Peter (winkt ihm) . Hör', Kamerad, auf ein Wort! Jens . Ist da jemand, der mich sprechen will? Peter . Nein, ich wahrhaftig nicht. 11 Jens . Was willst Du denn? Peter . Hab' ich Dir etwa Rechenschaft zu geben, was ich will? Jens . Du mußt nicht richtig im Kopfe sein. Erst ruft er mich, und nachher, wenn man ihn fragt, was er will, da nimmt er es übel. Peter . Ich will wahrhaftig nichts als Dich sehen; nämlich, die Wahrheit zu sagen, sah ich Dich an unserm Thorweg vorübergehen, und da kam es mir vor, als hättest Du so was Närrisches im Gesichte. Jens . Der Kerl ist wirklich nicht richtig im Kopfe. Bei wem dienst Du denn? Peter . Bei meinem gnädigen Herrn. Jens . Das war noch das Klügste, was ich von Dir gehört habe. Aber hast Du mich schon früher gesehen? Peter . Ja, es ist mir so, als hätt' ich letztes Frühjahr die Ehre gehabt, Dich auf einem Ostindienfahrer zu sehen, da lagst Du aber auf Deck an der Kette, und warst rauh über den ganzen Leib und hattest vier Beine. Jens . Hol' Dich der Henker, Du Spottvogel! Du bist noch eher ein Affe als ich; denn Du siehst nicht blos aus wie ein Affe, sondern Du hast auch Manieren wie ein Affe. Peter . Ei, Landsmann, das mußt Du mir nicht übel nehmen, daß ich ein bischen Faxen mache, ich sehe gar zu viel Tollheiten in dem Hause, wo ich diene. Jens . Wo dienst Du denn? Peter . Ich bin kürzlich in den Dienst getreten bei einem Kriegsmann, mit Namen Jacob. Jens . Ja, nun bin ich noch so klug wie vorher, wenn Du mir nicht seinen Zunamen sagen kannst. Peter . Er heißt Jacob von Tyboe. Jens . Ach, den kenn' ich, der ist ja ein Narr. Peter . Der Klügste ist er nicht, da hast Du allerdings Recht, indessen ist er doch so ziemlich bei Verstande. Aber bei wem dienst Du denn? Jens . Ich diene bei Magister Stygotius. 12 Peter . Ach, den kenn' ich, der ist ja ein Narr. Jens . Ei, Possen, ein wohlstudirter Mann ist er. Ich habe schon mehr als Einen sich wundern hören, wie er nur hat so gelehrt werden können, da er doch blos in der Christenbernikov-Straße geboren ist. Peter . Je nun, vielleicht ist er im Studentenhofe oder in der Regenz Der Studentenhof, eine Art Collegium, in welchem viele Studenten zusammenwohnen; die Regenz, ein königliches Gebäude zu gleichem Zweck. A.d.Ü. gesetzt und in der Christenbernikov-Straße blos herausgegeben worden. Jens . Mag er gemacht sein, wo er will, so ist er jedenfalls so gelehrt, daß er, wenn es sein müßte, eine Postille sein könnte. Peter . Kann er denn jedes dänische Buch lesen, das er will? Jens . O Du Tölpel, er sollte Magister sein und nicht lesen können?! Peter . Ja, was weiß ich denn, was zu einem Magister gehört. Im Uebrigen will ich gern zugeben, daß er sehr gelehrt ist, aber ein Narr kann er doch sein, nämlich ein hochgelahrter Narr. Jens . Da kommst Du der Wahrheit ziemlich nahe. Peter . Na, da sind wir ja so gut wie Schwäger, da es ja eine Familie ist, in der wir dienen. Aber hör', Kamerad, nun laß uns mal wirklich im Ernst sprechen. Da wir nun doch Schwäger sind, so sag' mir mal, was das Wort »von« so eigentlich im Deutschen heißen will? Der ächte alte dänische Adel nannte sich nie »von«; letztere Bezeichnung wurde erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts durch den deutschen Adel eingeführt, der sich damals massenhaft in Dänemark niederzulassen anfing, und griff dann freilich sehr rasch um sich. A.d.Ü. Ich verstehe nämlich, ohne mich zu rühmen, so ziemlich alles im Deutschen, blos einige Worte giebt es noch, die ich nicht verstehe; schreiben kann ich es perfect, aber nur nicht lesen. Jens . Was interessirt Dich aber das Wort »von« so sehr? Peter . Je nun, weil ich gehört habe, daß mein Herr vor diesem, als er noch nicht so vornehm war wie jetzt, blos Jacob Tyboe geheißen hat; seitdem er aber höher aufgerückt ist, läßt er sich von Tyboe nennen. Warum nennt sich denn Dein Herr nicht auch von Stygotius? Jens . Na, bei uns Gelehrten ist das nicht Mode. Wo die Kriegsleute das Wort »von« zu ihrem Namen setzen, da 13 brauchen wir das Wort »us«, und zwar setzen wir uns das hinten an. Peter . Wie hieß denn Dein Herr, bevor er den Grad nahm? Jens . Styge. Peter . So müßte er ja nun heißen Stygeus? Jens . Nein, das wäre zu einfach; man setzt gern, um des Wohllauts willen, noch einige Buchstaben zu. Peter . Aber steht das fest, daß das Wort jedesmal hinten angehängt wird, so daß man niemals sagen kann »Us Styg«? Jens . Nä, die Redensart ist bei uns nicht Mode; wir machen es hierin wie in allen andern Stücken gerade umgekehrt wie Ihr. Wäre beispielsweise Dein Herr ein Gelehrter, so nennte er sich statt von Tyboe Tybotius. Peter . Ah so, nun verstehe ich, was Du meinst; wir bevortheilen unsere Herren und Ihr hängt ihnen hinten was an, wenn sie zu etwas kommen. Aber im Grunde ist dies doch nicht der Gegenstand, von dem ich sprechen wollte, ich wollte blos wissen, was das Wort »von« bedeutet, wenn es zu einem Namen gesetzt wird. Jens . »Von« bedeutet bei Euch dasselbe wie »us« bei uns in der Kanikestraße. Peter . Ja, nun bin ich noch gerade so klug wie vorher. Jens . Es ist auch ein seltsamer Einfall von Dir, daß ich Vernunft in eine Sache bringen soll, wo keine Vernunft drin ist. Warum heißt Einer, der krummbeinig zur Welt gekommen, wohlgeboren? Warum nennt man heute Einen hochgelahrt, der gestern kaum noch Buchstaben kannte? Warum schreibt man eine französische Adresse auf einen Brief, der nicht weiter geht als von Slagelse nach Ringsted? Warum kann man nicht ein anderes Wort gebrauchen für Franco? Und so tausend Dinge, die ich unmöglich alle aufzählen kann. Peter . Es ist wahrlich, wie Du sagst; ich bin nur ein armer Bedienter, aber daß dies Narrheit ist, das begreife ich doch. Oder wäre ein Wechsel nicht ebenso gut, wenn das Wort »Valuta« auf Dänisch geschrieben wäre? 14 Jens . Das meine ich auch, gerade wie Dein Herr nicht um ein Haar besser ist, seitdem er sich von Tyboe nennen läßt, als da er noch schlecht und recht Tyboe hieß. Indessen das sind Dinge, über die man nicht allzu viel nachdenken muß, vielmehr muß man es machen wie Andere und sich damit zufrieden geben, daß es nun einmal so Mode ist. Peter . Ja, aber Mode oder nicht, und wenn ich auch was werde, von Peter nenn' ich mich doch nicht. Jens . Nein freilich, Du Narr, Du müßtest ja auch erst einen Zunamen haben. Peter . Ja, wo zum Henker soll ich den wol herkriegen? Mein Vater hieß blos schlecht und recht Peter, mein Großvater und Urgroßvater ebenso; es fehlt nicht viel, so kann ich meine sechzehn Ahnen aufzählen von lauter Petern, die niemals einen Zunamen weiter gehabt haben. Jens . Ei nun, da ließe sich noch einmal helfen; wo bist Du geboren? Peter . In Europa. Jens . Ja, das glaub' ich wohl, schon an Deiner Sprache höre ich ja, daß Du ein Europäer bist und kein Polacke. Aber an welchem Ort im Lande bist Du geboren? Peter . In Kopenhagen. Jens . In welcher Straße in Kopenhagen? Peter . In den Tuchlauben. Eine bekannte Straße in Kopenhagen (Klaederbörne). Ebenso Apenrade , dazumal in der Vorstadt, nahe am Thor belegen. A.d.Ü. Jens . Ja, so kannst Du Dich ja nennen lassen: Peter oder Peiter von Tuchlauben. Peter . Na, mir wird es schlecht gehen, daß ich hier müßig stehe, da ich doch so viel für meinen Herrn zu besorgen habe. Er will ein französisches Gedicht gemacht haben auf ein Mädchen, in das er verliebt ist; aber weil er selber nicht studirt hat, so hat er mich ausgeschickt, einen Poeten aufzusuchen, der so was in aller Schnelligkeit zu Stande bringt. Jens . Ich werde Dir einen nachweisen, der Verse macht für einen billigen Preis. Peter . Wo wohnt er? Jens . Er wohnt in Apenrade, dicht beim Goldschmied. 15 Peter . Wie heißt er? Jens . Ich glaube, er heißt gar nicht; wenigstens hab' ich ihn niemals anders nennen hören als den Poeten in Apenrade. Peter . Na, aber das weiß ich doch, daß die Poeten so gut getauft sind wie andere Menschen? Jens . So ganz genau kann ich Dir das nicht sagen, jedenfalls wird es schon genügen, Du fragst nach dem Poeten in Apenrade. Peter . Dank für guten Bescheid. Erst will ich aber mal ein bischen bei Christoph hineingehen und einen Krug Bier trinken; nachher will ich sehen, daß ich den guten Poeten treffe. Adiös. (Ab.) Jens . Serviteur. Wer Henker mag das sein, in die er verliebt ist? Das geht ja in diesen Tagen um wie eine Krankheit; mit meinem Herrn, scheint mir, ist es auch nicht ganz geheuer. (Ab.) Fünfte Scene. Leonard . Jesper . Jesper . Donnerwetter, Monsieur, das war schön, daß wir das herausgebracht haben, nämlich, daß er ein Gedicht auf Fräulein Lucilia gemacht haben will. Leonard . Aber was folgt daraus? Jesper . Daraus folgt so viel, daß . . . . Laßt mich nur machen. Leonard . Ach, sage mir doch, was Du vor hast? Jesper . Ich werde ihn an einen Poeten recommandiren, der soll ihm ein so wahnwitziges Gedicht machen, daß er sich damit um seinen ganzen Credit bringt. Leonard . Aber es versteht sich ja doch von selbst, daß er das Gedicht vorher liest? Jesper . Aber Ihr hört ja doch, daß er ein französisches Gedicht haben will. Leonard . Aber wenn er es nun jemand anders zeigt? Jesper . Das thut er gewiß nicht, er hat aller Welt 16 eingebildet, als ob er perfect Französisch verstehe, und darum läßt er sich das Gedicht gewiß von niemand übersetzen. Außerdem soll auch niemand wissen, daß er jemand die Cour macht; denn alle seine Erzählungen gehen darauf hinaus, daß alle Frauenzimmer in seine Schönheit verliebt sind, so daß er weder Tag noch Nacht Ruhe vor ihnen finden kann. Leonard . Willst Du den Poeten vorstellen, so mußt Du Dich sputen, ehe der Bediente zurückkommt. Jesper . Nein, Monsieur, Ihr selber müßt ihn machen. Aber da kommt Magister Stygotius, der soll uns dabei helfen, er konnte uns zu gar keiner gelegeneren Zeit kommen. Geht Ihr inzwischen ein wenig bei Seite. (Leonard ab.) Sechste Scene. Stygotius . Jens . Jesper . Stygotius . Höre, Jens, hast Du wirklich nichts anderes zu thun, als Dich auf der Straße herumzutreiben und Maulaffen feil zu halten? Otium est pulvinar Diaboli, Müßiggang ist des Teufels Ruhebank. Ich habe dieser Tage her so viel verrücktes Zeug im Kopfe, daß es mir an Zeit fehlt, selbst das Nöthigste zu bedenken. Es ist doch ein Scandal, daß die Schrift, die ich so lange versprochen habe, publici juris facere, noch immer ungedruckt ist. Aber ach, wenn dem Menschen erst Amors Grillen im Kopfe stecken, dann muß Philosophia sub scamno liegen. Wenn Veneris Sohn, ich will sagen Cupido, einmal seinen Einzug gehalten hat in eines Philosophi Herz, so geht Minerva oder, wie sie apud poetas auch genannt wird, Pallas flöten. So bin auch ich jetzt zu meinem eigenen Unglück et etiam maximo reipublicae literariae detrimento getroffen von Cupido's Pfeilen. Ach, Fräulein Lucilia, das war eine unglückselige Stunde, da ich Dich zuerst erblickte! Alle meine Ruhe hast Du mir genommen, Du bist das Objectum, das mir jetzt allein vor Augen steht, so daß ich weder Gedanken noch Neigung mehr habe zum Studiren. 17 Mein einziges Vergnügen ist, hinaus zu wandern aufs Land und mich im Walde zu ergehen und zu seufzen und meine Noth den Bäumen zu klagen, nach der alten Hirten Weise. Jens . Und was antworten die Bäume? Stygotius . Halt' den Mund, Du Narr! Sie geben mir dieselbe Antwort, die sie einst den Hirten gaben. Jens . Ei Herr, nehmt Euch das nicht so nahe, es giebt ja doch keine Festung, die so stark wäre, daß sie nicht zuletzt doch eingenommen würde. Es ist ja keine Lucretia, keine Nonne, in die Ihr Euch verliebt habt, sondern eine Dame, die vermuthlich ebenso zahm ist wie die übrigen. Ich habe freilich nicht die Ehre sie zu kennen, doch denk' ich mir, sie wird wol auch nur ein Mensch sein. Stygotius . Allerdings könnte ich mir einige Hoffnung machen, wäre nur nicht ein gewisser Offizier, der sich Jacob Tyboe nennt, mein Rival. Sed hinc illae lacrymae, da liegt der Hund begraben! Er trägt sich vornehm und hat mehr Geld als ich. Ich will Dir die ganze Sache klar darlegen: ich habe mich kürzlich in eine junge Dame verliebt, welche ein Kammermädchen hat, das bei der Dame in großem Ansehen steht; es ist das Außenwerk, das erst erstürmt werden muß, bevor man in die Festung selbst gelangen kann, und zwar kann dieses nicht anders geschehen, als mit aureis et argenteis armis, will sagen: durch Gold und Silber. Zuweilen stellt sie sich, als wäre sie auf meiner Seite, aber den Tag drauf kehrt sie mir wieder den Rücken, und da kann ich mir denn schon denken, daß sie sich von Tyboe hat schmieren lassen. Die Mutter schwankt noch zwischen uns beiden. Doch geh' an Dein Geschäft, Jens. (Jens ab.) Hier sehe ich Jesper kommen, der in Tyboe's Hause aus- und eingeht. Der brave Kerl meint es gut mit mir; denn so viel Gutes ihm auch in Tyboe's Hause widerfährt, so habe ich doch bemerkt, daß er mir mehr zugethan ist als ihm. Jesper (tritt auf) . Serviteur, Herr Magister. Das ist gut, daß ich Ihn finde; wie geht es mit der Liebe? Stygotius . Ja, wie soll es damit gehen, Monsieur Jesper. Ihr wißt ja wol selbst, daß mein Rival besser im Stande ist, 18 Mamsell Pernille zu schmieren, als ich. Aber was macht denn von Tyboe? Jesper . Der Narr! Das kann ich den Herrn Magister versichern, daß die guten Bissen, die ich von ihm habe, sauer verdient sind. Muß ich doch so viel dummes und thörichtes Zeug von ihm hören, daß mir geradezu ist, als müßte ich platzen! Nein, da ist es doch ein ganz anderer Genuß, mit solchen Leuten umzugehen wie der Herr Magister. Stygotius . Ich bin nur nicht in der Lage, Euch so viel Angenehmes zu erweisen wie er. Jesper . Was will das sagen? Kann ich nur mit gelehrten Männern umgehen, so frage ich nichts nach Essen noch Trinken. Hört, Herr, ich habe mir etwas ausgedacht, womit wir dem Jacob von Tyboe bei Fräulein Lucilia so ziemlich das Spiel verderben können. Stygotius . Nämlich womit? Jesper . Eben war ich zugegen, wie Tyboe's Bedienter erzählte, daß sein Herr dem Fräulein ein Gratulationscarmen zu ihrem heutigen Namenstag schicken will. Stygotius . Ist es möglich?! Jesper . Nun wißt Ihr ja, daß Tyboe ein Pferd ist und nicht einmal seinen eigenen Namen in Prosa schreiben kann, geschweige in Versen, und deswegen hat er denn seinen Bedienten ausgeschickt nach einem Studenten, der ihm für Geld ein paar Verse zurecht machen soll. Stygotius . Aber was hat das alles zu bedeuten? Jesper . Nun, meine ich, müssen wir jemand dazu anstellen, daß er ihm ein paar recht verrückte Verse macht, die das Fräulein vor den Kopf stoßen. Die Verse müssen in einer Sprache abgefaßt sein, die er nicht versteht. Stygotius . Aber wo wollen wir jemand auftreiben, der den Poeten macht? Jesper . Ich wollte ihn gerne machen, wenn sein Diener mich nur nicht kennte. Will der Herr Magister die Rolle nicht selbst übernehmen? Stygotius . Es wäre mir lieber, wenn es ein Anderer thäte; 19 denn ich für meinen Theil habe einen Eid darauf abgelegt, nichts zu thun, was eines Philosophen unwürdig ist. Aber hier kommt mein guter Freund Petronius, er ist ein aufgeweckter Kopf, einen besseren könnten wir gar nicht dazu finden. Siebente Scene. Stygotius . Jesper . Petronius . Stygotius . Domine frater, wir sind eben dabei, einem Bedienten, der hier gleich aus dem Wirthshause kommen wird, einen Possen zu spielen. Er will für seinen Herrn ein Gedicht gemacht haben für das Fräulein Lucilia, das Ihr ja kennt; wollt Ihr Euch wol für einen Poeten ausgeben und ihm ein paar verrückte Verse machen, durch die er sich um seinen Credit bringt? Petronius . Alle solche Schwänke mach' ich mit Plaisir. Jesper . Da kommt er; nun macht Euch nur an ihn, wir gehen indessen bei Seite. (Jesper und Stygotius ab.) Achte Scene. Peter . Petronius . Peter . Das ist ein verfluchtes Ende Weg in solchem Schneetreiben, von hier bis nach Apenrade zu gehen. Diese Hundsfötter von Poeten müßten hübsch mitten in der Stadt wohnen, wie das andere Volk, das was zu verkaufen hat. Aber vermuthlich wohnen sie so nah am Wald, damit sie Sommers doch auch was Grünes zu sehen kriegen. Petronius . Jetzt muß ich nur vor und ihm auf halbem Wege entgegen kommen. (Geht langsam auf und nieder, wie Einer, der in tiefen Gedanken ist.) Peter . Aber wer mag das sein? Entweder ein Verrückter oder ein Poet. Seid Ihr nicht ein Poet, Monsieur? 20 (Hier bekommt Peter eine ungeheure Maulschelle und beginnt zu rufen:) Was schlagt Ihr mich denn, ich thue Euch ja doch nichts Böses?! Petronius . Um Verzeihung, ich that es in Gedanken. Wenn Einer kommt und mir in mein Concept hineinredet, da kriegt er jedesmal Prügel; daran soll man erkennen, was ein rechter Poet ist. Peter . Poet oder Prophet, einerlei was Ihr seid, so sollt Ihr mir diesen Schlag theuer bezahlen; ein armer Bedienter kriegt auch noch Recht. Petronius . Ei, Unsinn, hast Du nie von der licentia poetica gehört? Peter . Das Mensch kenn' ich nicht. Petronius . Hast Du nicht gehört, daß nach allen Gesetzbüchern die Poeten gewisse Vorrechte haben? Peter . In welchem Kapitel des Gesetzbuchs steht das? Petronius . In dem Kapitel von den Poeten. Peter (bei Seite) . Es wird wol das Beste sein, ich bleibe bei diesem; von dem in Apenrade, weil er ja doch der beste Poet in der Stadt ist, krieg' ich am Ende doppelte Prügel. (Laut) Monsieur, ich möchte gern in aller Eile ein Gedicht haben; was kosten sie jetzt nach dem Marktpreis? Petronius . Was für eine Gattung von Versen willst Du haben, französisch oder dänisch, deutsch, italienisch, spanisch, moskowitisch, elamitisch, mesopotamisch, lateinisch, schwerinisch oder lübisch? Peter . Verzeihung, mein Herr, daß ich den Hut aufbehalten: ich habe nicht gewußt, daß Er so gelehrt ist. Ich wollte unterthänigst bitten um ein paar französische Verse für Geld und gute Worte. Petronius . Willst Du haben heroische, satirische, panegyrische, lyrische, sapphische, spagyrische, dromedarische, malabarische u. s. w. u. s. w.? Peter . Der Herr Doctor wird das wol selbst am besten einrichten; das Gedicht soll für Eine sein, die Lucilia heißt und hier in der Straße wohnt, aber nächsten Michaelis zieht sie aus. 21 Petronius . Das thut nichts zur Sache; soll das Gedicht lang oder kurz sein? Peter . Ja, mein Herr wird wol selbst am besten wissen, wie viel Ellen zu einem Gratulationscarmen gehören. Petronius . Nach der Elle wird das nicht verkauft, indessen gebe ich Dir mein Wort darauf, daß Du haben sollst, was sich gehört, nur aber unter der Bedingung, daß Du es keinem andern Poeten zeigst; denn wie niemals ein Kleidungsstück von einem Schneider gerühmt wird, der es nicht gemacht hat, so wird auch niemals ein Gedicht von einem andern Poeten gerühmt. Ich selbst, unter uns gesagt, habe so einen Nagel im Kopfe; und wenn mir Einer den Stock vor die Nase hielte, so könnte ich es doch nicht über mich gewinnen, einen fremden Vers zu loben, und wäre es der beste von der Welt. Es war ja wol ein französisches Gedicht, das Du haben wolltest? (Zieht einen Bleistift heraus und schreibt auf ein Stück Papier.) Peter . Seid so gut und lest es mir vor. Petronius . Mater tua lena est, tu meretrix, ancilla prostibulum Peter . Das ist meiner Treu ein schöner Vers, aber nur ein bischen kurz. Petronius . Darin eben besteht die Kunst, in wenigen Worten einen großen Gedanken auszusprechen; ich bin sicher, Ovidius selbst hätte das nicht besser gemacht. Peter . Ovidius, der Schneider in Aalborg? Der macht keine guten Verse; da will ich mich verpflichten, sie ebenso gut zu machen. Petronius . Nicht doch, ich meine einen alten Poeten Ovidius. Peter . Und was soll das Gedicht nun kosten? Petronius . Wär' es für einen Andern, so thäte ich es nicht unter zwei Mark, Ihr aber sollt es für achtundzwanzig Schillinge haben. Du mußt nämlich bedenken, daß Verse theurer sind als andere Schriften, sintemalen die Poesie die Sprache der Götter ist. Peter (bei Seite) . Vielmehr, dünkt mich, die Sprache der 22 Bettler; denn alle Poeten, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, waren Lumpen. (Laut) Ach, Herr Doctor, mit zehn Schillingen, mein' ich, wird es wol auch bezahlt sein. Petronius . Ja, da mußt Du noch zwei Schillinge zulegen; es ist überhaupt nicht sowol des Geldes, als der Ehre halber, daß ich schreibe. Peter . Da habt Ihr sie denn. Petronius . Adieu. Peter . Serviteur. Neunte Scene. Peter allein. Peter . Das ist doch ein wunderlicher Menschenschlag, diese Poeten. Giebt Einem ein anderer ehrlicher Mann in Gedanken eine Maulschelle, so schleppt man ihn in den Narrenthurm; bei denen jedoch ist so etwas ein Merkmal von Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit. Uebrigens habe ich mit dem Gedichte doch einen guten Kauf gemacht. Menschen, die so wenig eigennützig sind, verdienen wirklich einige Vorrechte; denn was wollen zwölf Schillinge bedeuten für solchen gelehrten Herrn? Allerdings verstehe ich mich nicht auf Gedichte; daß dies aber sein Geld werth ist, das sehe ich doch. Meinem Herrn werde ich nun einbilden, ich habe zwei Reichsthaler dafür gegeben, so bringt das Geschäft mir elf Mark und vier Schillinge. Der Lohn, den ich kriege, ist nur klein, aber dafür nähre ich mich redlich mit Commissionen. Es ist mancher brave Mann hier in Kopenhagen, der sich mit Frau und Kindern davon durchbringt; wovon sollten die armen Kerle sonst auch leben? Verstände ich meinem Herrn den Hof zu machen, wie Jesper thut, könnte ich auch die fetten Bissen und die Geschenke haben, die er kriegt. Aber, ohne mich selbst zu rühmen: ich bin ein ehrlicher Kerl, der nie anders spricht, als er denkt. Wenn mein Herr anfängt von den Heldenthaten zu erzählen, die er im brabantischen Kriege vollbracht hat, so schweigt Peter mausestill; ich weiß 23 nämlich, daß er niemals jenseit des Beltes gewesen ist, geschweige denn in Brabant, das noch ein paar tausend Meilen weiter liegt. Nein, ehrlich währt doch am längsten. Ich sage mit dem Holländer: Thue Unrecht und scheue den Teufel. Ja, wenn ich so gut Deutsch könnte wie Holländisch, da wäre Peter wol ein anderer Mann, als er ist; hab' ich Schulmeister Alexander doch oft sagen hören: Wer Deutsch kann und das Geld dazu hat, dem steht ganz Europa offen. Aber der Teufel hole dies »der, die, das« Er meint den Artikel »der, die, das«, dessen Anwendung dem Dänen, der den Artikel als Suffix hinten an das Wort setzt, ebenso ungewohnt ist und ebenso viel Schwierigkeiten macht wie uns Deutschen der dänische Gebrauch. A.d.Ü. , da braucht man allein vierzehn Tage dazu und weiß es doch noch nicht. (Ab.) 24 Zweiter Akt. Erste Scene. Tyboe . Jesper . Tyboe . Ja, das war noch nichts, Jesper, gegen die brabantische Belagerung, da stand ich zwei volle Stunden allein auf der Mauer und schlug mich mit der ganzen Garnison herum. Von Zeit zu Zeit sah ich mich um, ob mir denn niemand zu Hülfe käme, aber da war nicht Hinz noch Kunz, der sich zutraute mir zu folgen. Jesper . Vor zwei Jahren ging es mir auch höchst sonderbar. Vierhundert Mann hatte ich allein in die Flucht geschlagen, der Anführer befand sich bereits in meinen Händen, gerade aber wie ich ihm den Kopf abhauen wollte, kam Einer und weckte mich. Aber was steh' ich hier und schwatze, das gehört ja gar nicht hierher, der Herr hat es ja im Wachen gethan. Ach, Herr von Tyboe, wer hätte auch wol für nöthig finden sollen, nachzufolgen? Ihr wart ja der Mann dazu, die Stadt ganz allein einzunehmen. Tyboe . Was sie sich dabei gedacht haben, weiß ich nicht, wol aber weiß ich, daß den Tag Jacob Tyboe und ich die ganze Armee allein auf ihr Gewissen nehmen mußten. Es war nur mein Glück, daß ich den Rücken frei hatte, indem ich mich an eine Kirchenmauer lehnen konnte, welche auf dem Walle stand. Jesper . Ei ja wohl, ich weiß, sie heißt noch heutzutage Tyboe's Kirchhof, von wegen der vielen Todten, welche der Herr da geopfert hat. 25 Tyboe . Nein, wirklich, heißt sie so, Jesper? Sie kann in der That ein Kirchhof heißen; ich hatte ordentlich eine Brustwehr um mich her von lauter Leichen. Der schlimmste Gegner, der mir am meisten zu schaffen machte, das war einer von den Herrenstaaten von Holland in eigener Person, den ich an seinem Ordensbande erkannte; der schlug um sich, wie ein honneter Kerl, das muß ich ihm noch im Tode nachsagen. Jesper . Vermuthlich hat er sich fest machen können, wie leider so viele in Holland thun. Tyboe . Ja, wie fest er auch war, zuletzt mußte er doch ins Gras beißen. Ich traf ihn nämlich just auf den Nabel und hieb ihn mitten durch wie einen Kohlstrunk; bevor er starb, rief er noch dreimal auf Holländisch: mors, mors, mors; deswegen darf ich auch noch heutigen Tags nicht nach Holland kommen. Aber wo hast Du das gehört, daß man den Ort Tyboe's Kirchhof nennt? Zur Zeit der brabantischen Belagerung nannte ich mich doch noch schlechtweg Jacob. Jesper . Ich denke mir, gnädiger Herr, sie werden wol hinterdrein herausbekommen haben, welchen Namen der gnädige Herr angenommen haben. Diese Holländer sind eine verfluchte Nation, die haben ihre Spione überall. Der gnädige Herr wird von allen gekannt, obwol der gnädige Herr selbst nur wenige kennt. Und nun fällt mir ein, wie ich es erfahren habe: gestern Abend war ich in Nummer vier, da saß Schiffer Adrian, der kürzlich von Vlie d. h. Vließingen. A.d.Ü. gekommen ist, und plauderte so mit verschiedenen seiner Collegen von der letzten brabantischen Belagerung, der hat mir zugeschworen, daß der gnädige Herr noch jetzt in ganz Holland nicht anders genannt wird als der brabantische Jacob. Tyboe . Ja, das glaub' ich schon, daß man mich in ganz Holland kennt, sowol von der Belagerung her, als von wegen der großen Schlacht bei Amsterdam, in der ich mit eigener Hand über sechshundert Feinde erlegte. Jesper . Ei, der gnädige Herr muß noch eine Null dazusetzen. Tyboe . Das überlasse ich Anderen, ich ma foi habe 26 niemals nach der Zahl gefragt, auf ein Hundert mehr oder minder kam es Jacob von Tyboe damals gar nicht an; es ist mir selber unbegreiflich, wie mein Säbel es noch so lange ausgehalten hat. Jesper . Ei, der gnädige Herr hätte die Leute auch mit einer Schreibfeder todtgeschlagen; nicht auf den Säbel kommt es an, sondern auf die Hand, die ihn führt. In einer alten Chronik habe ich von Alexander Magnus gelesen, daß er mit einem einzigen Hiebe dem größten englischen Ochsen den Kopf abschlagen konnte. Da nun Nebukadnezar, unter dem Alexander als Feldmarschall diente, davon zu hören kriegte, so bat er Alexander, ihm seinen Säbel zu leihen, und wollte versuchen, ob er dasselbe zu Stande brächte. Allein es gelang ihm nicht. Da wurde denn Nebukadnezar zornig und sagte: Das ist ja der rechte Säbel nicht, Herr General! Diese Worte sind im Text deutsch; ebenso Akt III, Sc. 5, » Wo ist Seiner vorigen Corasia «, Akt IV, Sc. 6: » Einmal ist keinmal «, Akt V, Sc. 8: » Aber in meinem Namen nichts « \&c. A.d.Ü. worauf Alexander erwiderte: »ich habe Eurer kaiserlichen Majestät wol meinen Säbel geliehen, nicht aber meinen Arm«. Tyboe . Du bist ja ein studirter Mann, Jesper, wie ich höre; wo hast Du denn das gelesen? Jesper . In Arved Hvitfeldts Chronik. Tyboe . Ich dachte sonst, die Geschichte wäre von Meister Mons Weingarten beschrieben; das ist ein Buch, das ich sechzehnmal gelesen habe, ja noch sechzehnmal dazu, und habe in meinen verschiedenen Feldzügen den größten Nutzen davon gehabt. Dieser Meister Mons muß selber ein großer General oder Staatsmann gewesen sein, sonst hätte er unmöglich alles so genau beschreiben können. Aber apropos, Jesper, hast Du gehört, wie ich gestern den Jacob Christoffersen abgeführt habe? Der wollte über Tisch seinen Spaß mit mir treiben und fragte mich, ob ich mich im Winter, wenn die Tage kurz sind, ebenfalls Jacob von Tyboe nennte. Jesper . Das war ein verwettert dreistes Stück gegen so einen Mann, wie der gnädige Herr ist. Tyboe . Nein, nun höre nur, was ich ihm zur Antwort gab; ich sagte so laut, daß die ganze Gesellschaft es hören mußte: »Monsieur Christoffersen, Ihr seid ma foi ein Narr.« 27 Jesper . Ha ha ha, der gnädige Herr spricht wirklich wie mit Engelzungen! Und was sagten die Andern dazu? Tyboe . Sie lachten alle, als ob sie platzen wollten, besonders Franz Franzen, der sagte: »Jacob von Tyboe ist nie um eine Antwort verlegen«. Aber jetzt muß ich hin und hören, ob mein Bedienter, der Peter, noch nicht Bescheid zurückgebracht hat; ich habe ihn nämlich zu einem Poeten geschickt von wegen eines Gedichtes auf Fräulein Lucilia. Jesper . Da ist er ja. Zweite Scene. Peter . Die Vorigen . Tyboe . Höre, Peter, hast Du das Gedicht gekriegt? Peter . Ja, Meister, aber das kostet ein Stück Geld. Tyboe . Ei, Du Schlingel, kannst Du denn nicht das Wort »gnädiger Herr« in Deinen Dummkopf hineinbringen? So einen dummen Bedienten hab' ich doch wirklich noch niemals gehabt, da lob' ich mir den Christoph, meinen alten deutschen Bedienten, der hat doch mehr Politur. Peter . Um Verzeihung, da möchte ich den gnädigen Herrn doch bitten, mich ebenfalls Lakai zu nennen. Tyboe . Das mag ich leiden, Peter, daß Du Ehr' im Leibe hast; Du hast Recht, Du bist Lakai. Aber was kostet das Gedicht? Peter . Ach, Bagatelle, blos zwei Reichsthaler. Tyboe . Zeig' her; zwei Reichsthaler für eine Zeile, ist das nicht unverschämt, Jesper? Jesper . Ei, Peter, da hast Du Dich schön anführen lassen. Peter . Das verstehen wir Poeten besser; je kürzer ein Gedicht ist, je theurer. Dies hier hat der Poet in Apenrade gemacht, ein Mann, der allein mit seinen Versen Frau und Kinder ernährt; der kann Gedichte machen, die blos ein Wort lang sind, aber wenn man sie so kurz haben will, da kann sie der Teufel selbst nicht mit Geld bezahlen. Jesper . Ha ha ha ha ha! 28 Tyboe . Worüber lachst Du, Jesper? Jesper . Ich muß noch immer über die Antwort lachen, die der gnädige Herr dem Jacob Christoffersen gab. Tyboe . Das war so: »Monsieur Christoffersen, Ihr seid ma foi ein Narr.« Jesper . Ha ha ha! Der gnädige Herr, muß ich sagen, hat doch wahrhaftig nicht Seinesgleichen. Tyboe . Hör', Peter, ist das Gedicht auch wirklich gut? Du hast ihn gehörig darum gefragt? Peter . Ei was, gnädiger Herr, solche Leute darf man nicht lange fragen, ob ihre Arbeit gut ist; solche Meister sind kurz angebunden. Tyboe . Aber, Jesper, wenn sie nur nicht erfährt, daß ich das Gedicht nicht selbst gemacht habe; es wäre doch eine rechte Blamage für mich. Jesper . Je nun, gnädiger Herr, wenn sie es auch erfährt, so denkt sie doch wol blos: Herr von Tyboe ist vermuthlich heute bei Hofe gewesen, oder hat andere wichtige Dinge zu thun gehabt und deshalb hat er einen seiner Untergebenen beauftragt, ein Gedicht zu machen, das er selbst ohne Zweifel weit besser gemacht hätte. Tyboe . Meinst Du, daß sie das denken wird? Jesper . Was denn anders? Warum sollte sie von dem gnädigen Herrn nicht ebenso denken wie alle andern Menschen? Der gnädige Herr ist ein Herr, der zu allem geschickt ist. Wer stehenden Fußes, ohne sich zu besinnen, eine solche Antwort geben kann, wie der gnädige Herr dem Jacob Christoffersen gegeben hat, der ist auch zu allem andern geschickt, denn der gnädige Herr wolle beachten: es ist eins, gute Einfälle haben, und ein anderes, sie aus dem Stegreif haben. Wie war die Antwort doch? Nun hab' ich sie schon wieder vergessen. Tyboe . Sie war so: »Monsieur Christoffersen, Ihr seid ma foi ein Narr.« Jesper . Hahaha, ha ha ha! Hol' der Henker den gnädigen Herrn, was der für gnädige Einfälle hat, ha ha ha, ha ha ha ha! 29 Tyboe . Aber glaubst Du wol, Jesper, daß ich ebenfalls Gedichte machen könnte, wenn ich wollte? Jesper . Nun das versteht sich, wenn der gnädige Herr Gedichte machen wollte, er stäche alle Poeten und Poetinnen aus, die in der Stadt sind. Für einen solchen Mann jedoch, wie der gnädige Herr, ist es nicht anständig, Gedichte zu machen und als Schriftsteller aufzutreten oder sich mit irgend etwas zu befassen, was nach Pedanterei schmeckt. Ich habe mir erzählen lassen von einem großen General in Castilien oder Brasilien (er hieß Holofernes, glaub' ich), der, da er gefragt ward, wen er für den größten Poeten halte, zur Antwort gab: diesen halte ich für den größten General, jenen für den größten Admiral, und den für den größten Staatsmann; womit er zu verstehen gab, daß es für ihn als einen Offizier nicht anständig sei, über Poeten zu urtheilen. Tyboe . Neulich habe ich doch auch ein Gedicht gemacht, unter uns gesagt. Jesper . Ach gnädiger Herr, das laßt mich hören! Tyboe . Ich fürchte nur, unter uns gesagt, daß es herauskommt, und daß mein Ruf bei der Armee darunter leidet, gleich als ob ich mich mit Pedantereien befaßte. Jesper . Von mir soll es wahrhaftig keine Seele erfahren. Tyboe . Geh mal ein bischen bei Seite, Peter, wir haben etwas zu sprechen, was Du nicht zu hören brauchst. Das Gedicht war an Fräulein Lucilia und lautete folgendermaßen: Lucilia, Du stolze Schöne, Meines Herzens Lust, Trompete und Paukengedröhne, Deine Schönheit hat mich gemacht zum Coujon Und hat genommen mit Sturm meines Herzens Bastion, Deines Auges Bajonnet und Musket' hat mich verletzet Und meinen Verstand in Verwirrung gesetzet,     So daß ich geworden ein Narr! So weit bin ich gekommen, es fehlt mir blos noch der letzte Vers, zu dem habe ich noch nicht Zeit gehabt; er muß sich auf »arr« endigen, so viel weiß ich schon. 30 Jesper . Wie lang hat der gnädige Herr gebraucht, das Gedicht zu machen? Tyboe . Ich kann drauf schwören, nicht mehr als eine halbe Stunde oder höchstens dreiviertel, unter uns gesagt. Jesper . Ei, das ist doch was Erstaunliches, in einer halben Stunde solch ein Gedicht, und in dem einen Vers sind noch dazu zwei Reime: Bajonnet und Musket'. Nein, das muß ich sagen, das heiße ich Talent! War es nicht so? (Wiederholt das Gedicht.) Ach, wenn der gnädige Herr nur einen Reim zum letzten Vers finden könnte, einen Thaler wollt' ich darum geben: »So daß ich geworden ein Narr.« Könnte man nicht auf die Art schließen: »Ich will ein Hundsfott sein, wenn es nicht ist wahr!« Tyboe . Das ist gar nicht so übel, Jesper, aber ich hätt' es doch gern selbst herausbekommen, ich mag das nicht, daß ich mir von Dir helfen lasse. Ich will es darum auch nicht auf die Art machen, sondern lieber etwas gedrungener, nämlich so: »Ich bin eine Canaille, ist es nicht wahr.« Jesper . Ja, Euer Gnaden, das klingt freilich besser! Tyboe . Und mit allen diesen Qualitäten, die ich besitze, Jesper, ist es nicht unbegreiflich, daß ein lumpiger Pedant, ein Per caudi Ein damals beliebtes studentisches Schimpfwort für Pedant, Bücherwurm, mit dem Nebenbegriff des Feigen, Unmännlichen. A.d.Ü. sich unterstehen darf, mein Rival zu sein? Jesper . Er muß verrückt im Kopf sein, gnädiger Herr, sein Studiren muß ihn wahnsinnig gemacht haben, und dann erstlich ist der gnädige Herr so schön wie kein lebendes Mannsbild, ja ohne zu schmeicheln, was nicht meine Art ist, darf ich sagen, daß, was körperliche Schönheit anbetrifft, nie Einer gewesen ist, der sich Ihm vergleichen kann, seit seiner Durchlaucht des Prinzen Absalon Zeiten – unter uns gesagt. Tyboe (indem er leicht an seinen Hut greift) . Serviteur, Jesper, ich bedanke mich für die gute Meinung, die Du von mir hast; es paßt mir nicht, mich selbst zu rühmen, ich überlasse das lieber Andern. Aber meinst Du nicht, Jesper, daß ich zugleich auch etwas Majestätisches in meinem Gesicht habe, was zugleich Furcht und Beben einflößt? Im Ernst? Jesper . Das kann kein Mensch dem gnädigen Herrn abdisputiren; man möchte wirklich glauben, Euer Gnaden Vater 31 wäre ein Löwe gewesen und die Mutter ein Schaf, solch ein Gesicht hat der gnädige Herr, so zugleich aus Mildigkeit und Majestät. Tyboe . Serviteur, Jesper, ich danke. Jesper . Zum Zweiten ist der gnädige Herr ein Herr, der vermittelst seiner Mannhaftigkeit und Streitbarkeit so viel Ehre eingelegt hat, daß die Feinde des gnädigen Herrn zittern, sowie sie nur des gnädigen Herrn Namen hören. Denn des gnädigen Herrn ganze Erscheinung ist eitel Feuer und Flamme, ja ich glaube, steckte man Holzstecken in des gnädigen Herrn Blut, es würden auf dem Fleck Schwefelhölzer daraus. Tyboe . Serviteur, Jesper, mich zu bedanken. Jesper . Zum Dritten hat der gnädige Herr Verstand wie ein Engel. Tyboe . Serviteur, Jesper. Jesper . Zum Vierten hat der gnädige Herr solche angenehmen und liebenswürdigen Manieren, daß, wenn der gnädige Herr auch nicht so schön wäre, dennoch alle Frauenzimmer sich in den gnädigen Herrn verlieben müßten. Wol hundertmal habe ich in Gesellschaft bemerkt, daß, sowie ein Frauenzimmer des gnädigen Herrn ansichtig wird, ihr sofort die Sprache vergeht und sie anfängt zu seufzen, als wollte ihr die Seele aus dem Leibe gehen. Tyboe . Serviteur, Jesper. Hast Du das wirklich bemerkt? Jesper . Nicht einmal, sondern hundertmal. Weiß der gnädige Herr nicht mehr neulich auf der Hochzeit, wie der gnädige Herr zu tanzen anfing, was für ein Gelächter und Geflüster da sofort unter den Frauenzimmern entstand? Von keinem der übrigen, die da tanzten, wurde so viel gesprochen. Tyboe . Und doch habe ich niemals tanzen gelernt; es ist das pure angeborene Talent. Jesper . Ach, möchte der gnädige Herr nicht eine Menuet tanzen? Nichts in der Welt würde ich mit größerem Vergnügen sehen. (Tyboe tanzt auf höchst bäurische Manier und so oft er sich umwendet, schneidet Jesper ihm Gesichter. Jesper klatscht in die Hände.) 32 Tyboe . Ich habe doch ma foi niemals tanzen gelernt. Jesper . Ach, gnädiger Herr, das machen die natürlichen Anlagen! Tyboe . Aber was das Fechten anbetrifft, da glaub' ich allerdings, daß ich unvergleichlich bin. Komm, mach' mal einen kleinen Versuch, mit mir zu fechten, blos mit den Händen! Wo willst Du den Stoß nun hin haben, aufs Herz oder auf den Arm? Jesper . Aufs Herz, aber der gnädige Herr muß auch nicht so stark stoßen. (Jesper dreht sich während des Stoßes um, wie aus Furcht, und Tyboe stößt ihn an den Hintern, daß er umfällt.) Alle Donner, das kommt davon, wenn man sich mit Einem einläßt, der stärker ist! Tyboe . Ha ha ha ha ha ha! Laß uns noch einen Versuch machen! Jesper . Nein, gnädiger Herr, das ist mir nichts nutze; kriege ich noch einen solchen Herzstoß, so könnt' ich nur gleich mein Testament machen, der gnädige Herr stößt ja so gewaltig, der gnädige Herr weiß ja selber nicht, wie stark er ist. Tyboe . Was meinst Du aber, Jesper, wie ich gewachsen bin? Jesper . Es ist das reine Wunder, wie der Herr gewachsen ist, kein Schneider in der ganzen Stadt kann eine schönere Taille haben . . . . (Er hustet.) Tyboe . Was sagst Du, kein Schneider? Jesper . Ich war noch nicht zu Ende, gnädiger Herr, ich wollte sagen: kein Schneider in der ganzen Stadt kann eine bessere Taille haben – als Muster, um Maß danach zu nehmen. (Hustet wieder.) Tyboe . Da hast Du Recht. Erst neulich schalt einer meiner Kameraden auf den Schneider, weil ihm die Kleider nicht so gut säßen wie mir die meinigen; da antwortete der Schneider: Ja aber, gnädiger Herr, Ihr habt auch nicht von Tyboe's Taille. Deswegen muß ich auch ordentlich Leute anstellen, schlecht von meiner Figur zu sprechen, damit ich wenigstens zu Zeiten Ruhe vor den Frauenzimmern habe. Jesper . Will der gnädige Herr sich nicht mal umdrehen? 33 Ach, es ist doch was Wunderbares: von hinten sieht der gnädige Herr aus, als wäre er nach dem Modell vom Wimmelskaft der nämlich eine der krummsten unter den namhafteren Straßen von Kopenhagen ist. Amager Markt, ebenfalls eine bekannte Straße in Kopenhagen. A.d.Ü. gemacht; dem gnädigen Herrn sein Hinterer ist der Amager Markt, und die Wellenlinie im Rücken ist der Wimmelskaft. Tyboe . Das ist ein seltsames Gleichniß. Jesper . Ja, gnädiger Herr, das ist aber die Manier, wie ein rechter Rücken sein soll. Tyboe . Jesper, Du kennst mich nun doch schon so lange, aber alle meine Qualitäten kennst Du doch nicht; denn ich bin nicht von den Leuten, die sich selber rühmen. So hab' ich Dir, glaub' ich, noch niemals gesagt, daß ich mehr als zehn Sprachen verstehe. Zum Exempel die Worte: »ich muß mich zurecht machen« kann ich Dir in zehnerlei Mundarten hersagen. Auf Schwedisch heißt es: Jag musten lage mäg til. Auf Norwegisch: Aeg man lage emy til. Auf Jütisch: A me la me til. Auf Französisch: allons. Auf Italienisch: franco. Auf Deutsch: ich muß mir zulassen. Jesper . Ach, der gnädige Herr muß seinen Eltern noch im Grabe danken, daß sie ihn in seiner Jugend haben so viel lernen lassen! Tyboe . Aber das Seltsamste an mir ist doch dies, daß mit allen diesen Qualitäten ich doch nicht der Mann bin, der sich selber rühmt, ja daß ich mit all meiner Tapferkeit doch eher sanft als heftig genannt werden muß. Meine Dienstmädchen, darauf kann ich schwören, hab' ich, so lange ich lebe, keine zwanzigmal geprügelt; Lakaien hab' ich nicht mehr todtgeschlagen als zum Höchsten sechs. Darum aber ärgert es mich auch, daß Fräulein Lucilia einen Per caudi einem solchen Manne vorzieht wie ich. Denn das darf ich sagen, daß man zehn Hospitäler möbliren könnte mit den Frauenzimmern, die alle crepirt sind und haben die Gelbsucht gekriegt von wegen meiner Kaltsinnigkeit. Und nichts desto weniger wagt solch ein Schlingel . . . . Wenn ich ihn nur hier hätte, ich wollte ihn morden, ich wollte ihn zermalmen, ich wollte ihn in tausend Stücke zerreißen! Potz Schlapperment, tête bleu! Ha – wo bist Du, Pedantus, Pedanta, Pedantum?! Zieh vom Leder, Canaille! (Er zieht den Degen; 34 Jesper fällt auf die Kniee und zittert.) Sieh da, Jesper, bist Du es? Ich bin ganz blind vor lauter Courage! Jesper . Ach, gnädiger Herr, schont meines Lebens! Tyboe . Steh' nur wieder auf, ich habe Dich viel zu lieb, als daß ich meine Stärke gegen Dich in Anwendung bringen sollte. Jesper . Der gnädige Herr nahm mich für den Magister. Tyboe . Es ist wahr, ich gerathe jedesmal in Rage, so oft ich an den Kerl denke. (Pfeift nach Peter.) Peter . Gnädiger Herr? Tyboe . Gieb mir das Gedicht. Mein deutscher Diener Christoph soll es dem Fräulein überbringen. Ich muß erst hin und meine Garderobe in Stand setzen; dann will ich dem Fräulein meine Visite machen, der Abrede gemäß, die ich mit Pernille getroffen habe. 35 Dritter Akt. Erste Scene. Leonora . Pernille . Leonora . Hör', Pernille, wenn ich erfahre, daß Du noch einmal den Monsieur Leonard hier ins Haus lässest, so bleibst Du keine Stunde länger in meinem Brode. Pernille . Aber, meine theuerste Madame, wenn er sich nun selber hineinpracticirt, was kann ich dazu thun? Leonora . Hast Du sonst gemerkt, daß er öfters in meiner Abwesenheit hier gewesen ist? Pernille . Nein, davon hab' ich nichts gemerkt. Leonora . Meinst Du, daß ich sie wol dazu bringe, entweder den von Tyboe oder den Stygotius zu lieben? Pernille . Das sind allerdings zwei Personen, mit denen sich nicht viel Staat machen läßt; der eine ist ein bischen verrückt und der andere ist ein Pedant. Bei alledem sind es doch die liebenswürdigsten Männer der Stadt, weil sie nämlich Geld haben wie Heu. Leonora . Ja ja, Du treibst Deinen Spaß, Pernille; wenn wir jedoch unsere Lage ins Auge fassen, so müssen wir wirklich den für den besten halten, der das meiste Geld hat. Kann Leonard wol Lucilien und mich ernähren mit seinen trockenen Meriten? Pernille . Den Teufel kann er. Leonora . Das eben mein' ich. Wollte sein Oheim die Gefälligkeit haben und sterben, so stelle ich allerdings nicht 36 in Abrede, daß ich ihn den Andern vorziehen würde. Aber darauf zu warten, das dauert lange, und inzwischen könnten wir vor Armuth zu Grunde gehen. Pernille . Ja freilich könnten wir es; sagt man doch, daß, während das Gras wächst, die Kuh stirbt. Leonora . Also muß sie einen von den beiden zum Manne nehmen, entweder Stygotius oder Tyboe; denn beide sind in der Lage, sowol mich als meine Tochter zu versorgen. Du aber, Pernille, wirst mir den größten Dienst erweisen, wenn Du Gutes von ihnen sprichst. Pernille . Zu was anderem habe ich ja, weiß Gott, auch keine Ursache, da sie ja beide außerordentlich höflich gegen mich sind. Leonora . Von welchem hältst Du am meisten? Pernille . Ich halte von beiden gleich viel. In gewisser Hinsicht gebe ich aber doch dem Tyboe den Vorzug; kein Doctor kann ein Fieber mehr lieben als ich ihn. Denn abgerechnet, daß er ein Mann ist, der sich nicht lumpen läßt, so hab' ich eine gewisse angeborne Passion für die rothen Röcke; das Herz im Leibe wackelt mir, wenn ich die Plümage auf seinem Hute sehe. Auch hab' ich ihm, weil heute doch des Fräuleins Namenstag ist, einen Wink gegeben, daß er ihr ein paar hübsche Verse schicken soll. Leonora . Daran hast Du wohl gethan. Im Uebrigen will ich sie zu dem Einen nicht mehr zwingen als zu dem Andern, nur Einen von beiden muß sie nehmen und wenn sie närrisch darüber wird. Aber da kommt sie; ich gehe ein wenig hinein, suche Du sie indeß bei guter Laune zu erhalten. Lucilia . Pernille . Lucilia . Was meinst Du, meine liebe Pernille, sehe ich hübscher aus, wenn ich geschnürt bin, oder wenn ich in meiner Adrienne gehe? 37 Pernille . Meine Allertheuerste, Ihr kommt mir niemals hübscher vor, als wenn Ihr ungeschnürt seid. Eine Dame im Schnürleib möchte ich einem hübschen Garten vergleichen, eine ungeschnürte dagegen einem lieblichen Wald oder Hain; dort ist eine künstliche, hier aber eine natürliche Schönheit, wenn man sie sich nur zu Nutze zu machen weiß. Ueberhaupt weiß ich nicht, wozu die Damen sich putzen, es müßte denn zu ihrem eignen Vergnügen sein. Gäbe es keine jungen Mannspersonen, auf der Stelle gäbe ich meinem Schminknäpfchen, meinen Schönpflästerchen, meiner Puderbüchse den Abschied; ich wüsche mir gewiß nicht die Füße mit Rosenwasser, ich brächte meine Balsambüchse auf den Aussterbeetat und salbte mir den Busen nicht mit Bisam, blos um mir selbst zu gefallen. Ich kann mich erinnern, wie ich sechs Jahre alt war und noch meine Jungfernschaft hatte, daß ich da schon ebenso thöricht war. Als ich jedoch älter wurde und zu Verstand kam, seitdem hab' ich alles immer nur aus gewissen Ursachen gethan; den Puppenkram ließ ich fahren und legte mich auf das Solide. Lucilia . Ei, wie doch, so sollte man sich um der jungen Männer willen putzen? Das wäre doch nicht hübsch. Pernille . Hübsch oder nicht, so hat es doch seinen Nutzen. Ich wenigstens habe mich nicht schlecht dabei befunden, zum mindesten habe ich Mühe und Kosten dabei herausbekommen. Lucilia . Auf welche Art kann einem denn die Mühe bezahlt werden, wenn man sich für Andere putzt? Pernille . Was Liebessachen betrifft, mein Herzchen, seid Ihr eine kleine Gans und schlecht erzogen, wie ich merke. Manches Bauermädchen, glaub' ich, ist darin klüger und geschickter; man merkt Euch wirklich nicht an, daß Ihr von so gutem Hause seid. Ich für mein Theil bin blos eine arme Pächterstochter vom Lande, aber diese Dinge hab' ich doch am Schnürchen seit dem siebenten Jahr, und dafür danke ich meinen lieben Eltern noch im Grabe; zu erben habe ich von ihnen nichts gekriegt, wol aber eine gute Erziehung. Wo meint Ihr denn wol, daß das goldene Armband hergekommen ist und die Halskette und die Tabaksdose und das Porträt? Hab' ich das etwa 38 geerbt? Ja schön Dank auch, erworben hab' ich es mir durch Fleiß und Betriebsamkeit. Lucilia . Um so besser für Euch, nur begreife ich nicht, wie das zugegangen ist. Pernille . Eure Einfalt, mein Herzchen, ist gerade so groß wie Eure Schönheit; ich glaube wirklich, wenn ich Euch auch alles rein heraussagte, und ohne Schminke, Ihr verständet mich doch nicht. Lucilia . Ei, Pernille, wenn Ihr in diesem Tone fortfahrt, so mag ich gar nichts mehr mit Euch zu thun haben. Pernille . Der verdient nicht ein Mensch zu heißen, der keine Liebe in sich spürt und nicht gerührt wird von Liebesseufzern und Thränen. Seht doch alle übrigen Menschen, seht die Thiere, seht die Vögel, ja selbst die Würmer: allem, was ist, hat die Natur den Trieb der Liebe eingepflanzt; könnten Bäume und Sträucher sprechen, ich glaube, sie sagten: wir lieben ebenfalls. Ihr allein seid in diesem Punkt wie eine fühllose todte Säule, ja wie ein Kiesel auf dem Felde; ohne gerührt zu werden, hört Ihr den Jammer zweier verliebter Herzen. Ich habe kein Interesse dabei, ihren Fürsprecher zu machen; was ich thue, thue ich aus Mitgefühl und weil ich solche verzweifelte Worte aus ihrem Munde vernommen habe, daß mir die Haare auf dem Kopf zu Berge standen. Wenn sie sich ins Unglück stürzen – wenn sie sich selbst ums Leben bringen – würde es Euch nicht am Gewissen nagen, so lange Ihr lebt? Lucilia . Höre, Pernille, ich will keine Mannsperson an mich locken oder ein freundliches Gesicht machen außer blos dem, den ich liebe, und da ich mein Herz mehr als Einem weder schenken kann, noch darf, so kann und darf ich auch nur Einem ein freundliches Gesicht machen. Pernille . Nun, da könnte man doch gleich vor Kummer platzen, wenn man so was hören muß. Lucilia . Hier sind drei Personen, die nach mir seufzen und mein Herz zu gewinnen wünschen; der Eine, nämlich Leonard, gefällt mir, die beiden Andern dagegen kann ich für den Tod nicht leiden. 39 Pernille . Ach, Himmel, was für Geschwätz! Just der, den Ihr liebt, ist ein Greuel in meinen Augen. Lucilia . Ich bin darin durchaus anderer Meinung. Pernille . Die beiden Andern dagegen sind die honnetesten Männer, die ich kenne; wollt Ihr sie nicht um ihrer eigenen Qualitäten willen lieben, so liebt sie um meinetwillen. Lucilia . Aber weshalb verwendest Du Dich so lebhaft für diese Beiden? Es scheint doch wirklich, als hättest Du ein Interesse dabei. Pernille . Denkt doch nicht so was von mir, Fräulein. Nie im Leben hab' ich irgend etwas aus Interesse gethan; so oft ich auch in meinen jungen Jahren den Mannsleuten aus der Noth geholfen habe, so habe ich es doch immer nur aus purem Mitgefühl gethan. Wiewol ich nicht in Abrede stellen kann, daß, wenn mir Einer hinterdrein seine Dankbarkeit für geleistete treue Dienste hat erweisen wollen, so hab' ich es jederzeit mit gutem Gewissen angenommen, was mir auch niemand zum Vorwurf machen kann, gerade so wenig, wie unsern biedern Richtern und Schiedsmännern, die auch niemals Geld im Voraus nehmen, damit sie den Leuten durch die Finger sehen und zu ihren Gunsten sprechen, nachher aber, wenn sie ihnen geholfen haben, nehmen sie mit gutem Gewissen, was ihnen geboten wird. Auf die Art habe ich den Männern in meiner Jugend gedient, so lange ich konnte, und nun, da ich allmählig zu Jahren komme und ihnen selbst nicht mehr so recht dienen kann, so suche ich wenigstens Andere dazu anzutreiben. Laßt es Euch ein für allemal gesagt sein, Fräulein: zeigt Ihr nicht einem von diesen beiden zum wenigsten ein freundliches Gesicht, so werd' ich wahrhaftig Eure Feindin. Und zwar kann ich darauf schwören, Fräulein, daß ich es durchaus nicht aus Eigennutz thue, sondern aus purem Mitgefühl, einer Tugend, die mir angeerbt ist; denn ganz ebenso war es mit meiner Mutter, meiner Groß- und Urgroßmutter. Aber da kommt Ihre Mama. 40 Dritte Scene. Leonora . Lucilia . Pernille . Leonora . Höre, meine Tochter, Du weißt, daß ich Dich so herzlich liebe, wie nur jemals eine Mutter ihr Kind hat lieben können, weshalb ich denn auch Tag und Nacht daran arbeite, Dich wohl versorgt zu sehen. Hier sind nun zwei Personen, die uns beide glücklich machen können, Dich sowol wie mich. Zwingen will ich Dich so wenig zu dem Einen wie zu dem Andern; denn wiewol der Eine mehr Vermögen hat als der Andere, so sollst Du doch frei wählen dürfen, welcher von beiden Dir am besten gefällt. Lucilia . Wer sind die Personen? Leonora . Stygotius und von Tyboe. Lucilia . Ach Mama, ich will lieber ledig bleiben, als an Einen von diesen gebunden sein. Denn erstlich sind es in meinen Augen die widerwärtigsten Menschen und zweitens hab' ich mein Herz bereits an Monsieur Leonard vergeben. Leonora . Leonard?! Das ist auch wahrhaftig die richtige Partie für Eine, die vor Armuth zu Grunde gehen will! Glaub' mir, meine Tochter, wo in der Ehe kein Wohlstand ist, da hat auch die Liebe keinen Bestand. Die Jugend freilich denkt: ach könntest Du doch nur den oder den kriegen, wie glücklich wolltest Du mit ihm sein! Im Anfange sind sie auch glücklich; sowie aber Schmalhans Küchenmeister wird, so verkehrt sich die Liebe in Haß und Vorwürfe, und der eben noch als ein anderer Absalon vor uns stand, sieht auf einmal aus wie ein Jammerlappen; derjenige dagegen, den wir Anfangs nicht ohne Ekel ansehen konnten, stellt sich unsern Augen nun als ein Adonis dar, so oft wir den Wohlstand bedenken, in den er uns versetzt hat. Lucilia . Aber Monsieur Leonard hat ja doch Vermögen zu erwarten, er soll ja seinen Oheim beerben, der schon ein alter Mann und mit dessen Gesundheit es schlecht bestellt ist. Leonora . Was er zu erwarten hat, das haben die Andern 41 schon in Händen. Ueberdies, auch selbst wenn sein Oheim heute oder morgen sterben sollte, so wird er doch niemals so reich, wie die Andern jetzt schon sind. Hier helfen daher keine Redensarten, Einen von ihnen mußt Du Dich entschließen zu nehmen. Lucilia . Ach, meine Herzensmutter! Leonora . Ich will kein Wort mehr hören; ich werde Dir zeigen, was es zu bedeuten hat, wenn eine Tochter sich gegen ihre Eltern auflehnt. Aber hier kommt ein Bedienter; höre, was er will, Pernille. Vierte Scene. Jens . Stygotius . Leonora . Lucilia . Pernille . Jens . Mein Herr läßt seinen demüthigsten Salutemsgruß vermelden und läßt anfragen, sofern es Madame und dem Fräulein genehm ist, so möchte er die Ehre haben und ihnen aufwarten; er ist hier draußen. Leonora . Er soll uns von Herzen willkommen sein. (Zu Lucilia) Wenn Du ihm spöttisch begegnest, so kannst Du Dich darauf verlassen, meine Tochter, daß es Dir übel bekommen soll. Stygotius (kommt und macht ein pedantisches Compliment) . Gaudio nec non laetitia salit cor meum, mein Herz im Busen hüpfet mir vor Freude, Sie zu sehen, meine tugendbelobteste Matrone, und Sie sammt Ihrer tugendgeschmückten Fräulein Tochter bei gutem Salute anzutreffen. Die Griechen haben ein Proverbium oder Sprüchwort: Kakas korakos kakon oon, hier aber heißt es: kalas korakos kalon oon, denn von solchem herrlichen Stirpe oder Stamme, wie Ihre Matronschaft ist, kann nur solch ein nobler Zweig pulluliren oder hervorsprossen, als deren jungfräuliche Tugendsamkeit, scilicet Ihre werthe Tochter, in deren Tugend und Schönheit eine vis occulta et quidem plane magnetica enthalten ist, und welche meines Herzens Eisen an sich reißt. Madame und Fräulein werden mir vergeben, daß ich nicht modo vulgari oder nach der gemeinen Mode spreche: denn sonst müßte ich sagen, eine magnetische Kraft, die meines Herzens Eisen an 42 sich zieht. Es ist nämlich eine durchaus abgemachte Sache, daß dergleichen nicht geschieht per attractionem, sondern per impulsionem. Lucilia . Mein Herr Magister, ich bin nicht so glücklich, auch nur das Mindeste von dem zu verstehen, was Er mir sagt. Stygotius . Das kommt daher, mein schönes Fräulein, weil Sie nicht weiß, was materia striata ist, aber dies nur in parenthesi Kommen wir auf die Materie selbst. Ja . . . . höre, Jane, wovon sprach ich eben? Jens . Vom Magneten, Herr! Stygotius . Rem acu tetigisti, so ist es. Ich sage, des Fräuleins Tugend und Schönheit ist der Magnet, der meines Herzens Eisen an sich zieht, das Rad, das meiner Seele Uhrwerk treibt, die Sonne, die Wärme, die materia subtilis, die allein im Stande gewesen, aufzuthauen und in Bewegung zu setzen das Eis meines philosophischen Blutes: denn ich, der zuvor, wie der Poet sagt Metamorphoseon libro secundo, eine glaciali frigore pectus hatte, muß nun wiederum mit dem Poeten ibidem rufen: In flammas abeo, nunc uror pectore toto. Pernille . Will denn Wohlgelahrtheit nicht Platz nehmen? So viel Verse zu machen, greift an. Stygotius . Gratias quam maximas ago. (Alle setzen sich, ausgenommen das Mädchen und der Diener.) Leonora . Was hört man denn Neues in der Stadt, Herr Magister? Stygotius . Man hört nichts als blos Arges und Verwerfliches. Leonora . Freilich, das Böse nimmt mehr und mehr überhand. Stygotius . Und das Gute nimmt mehr und mehr ab. Ich kann per Jovem schwören, Madame, daß diese letzten zehn Jahre her solche Veränderungen vorgegangen sind in re literaria, daß ich fürchte, es bricht eine neue barbaries herein. Ehedem sah man nur die gelehrtesten Dissertationes über rare Materien; ich habe Baccalaurei gekannt, die allein vier- bis fünfmal über eine rare Materie disputirten; jetzt jedoch sieht man ab ipsis magistris blos einige wenige theses von drei, höchstens vier 43 Blättern. Ich kann der Madame und dem Fräulein Justi Matthiadis quinque dissertationes de veritate complexa sive enunciata zeigen, und doch war er damals noch nicht einmal Baccalaureus. Aber . . . . o tempora! o mores! Ignorantia greift in allen Stücken dermaßen um sich, daß es gegenwärtig selbst alte Academici giebt, die nicht wissen, wie viele praedicamenta oder praedicabilia es in logica giebt. Ja, ich kann ein Exempel davon anführen, über das Madame und Fräulein sich verwundern werden. Jane, geh' ein bischen bei Seite, ich habe etwas zu sagen, was Du nicht zu hören brauchst. (Jens geht hinaus und Stygotius fährt fort, indem er flüstert:) Ich habe gehört, wie ein licentiatus sogar publice in cathedra das Ubi praedicamentale und Ubi transcendentale confundiret hat. Pernille . Das war ja fürchterlich! Stygotius (im Eifer) . Das mag Sie mit Recht sagen, Mamsell! Denn damit zeigte er ja, daß er nicht wußte, was für ein Unterschied zwischen Logica und Metaphysica. Aber wir wollen bei der Materie nicht länger verweilen; die Haare auf dem Kopf stehen mir zu Berge, wenn ich daran denke. Thue Jeder, was er verantworten kann; ich für mein Theil trete in die Fußtapfen der Alten, wofür ich übermorgen den Beweis führen werde, wenn ich volente deo meine Disputation halte. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen ein Exemplar offeriren darf? Pernille . Ei, das ist eine hübsche Desputatz; wovon handelt sie? Stygotius . Sie handelt, zu dienen, de alicubitate und soll noch fünf Continuationen kriegen. Leonora . Pernille, geh' an die Thüre, es klopft! Pernille . Das ist, meiner Treu, von Tyboe! Stygotius . Ei, Madame, was will der Kerl hier? Leonora . Mein Herr Magister, er hat seine Gedanken auf meine Tochter gerichtet, gerade wie Ihr; zwingen will ich sie zu keinem, Ihr müßt Euch selbst zu insinuiren suchen, mir soll es recht sein, welchen von beiden sie nimmt. 44 Fünfte Scene. von Tyboe in einer Sänfte. Die Vorigen . (Während er draußen auf dem Gange spectakelt, werden die Stühle zurechtgesetzt.) Tyboe . Hal . . . t! Hal . . . t! Hal . . t! (Stößt in eine Pfeife.) Peter! Franz! Jochen! Christoph! Jörgen! Niclas! Heinrich! (Pfeift abermals.) Wo seid Ihr Canaillen? Halte ich mir etwa dazu sechs bis acht Bedienten, um doch ohne Aufwartung zu sein? Man muß nur mal so fünf bis sechs von den Kerlen hängen lassen, eher bessern sie sich doch nicht! (Springt aus der Sänfte und pfeift wieder.) Christoph! Christoph . Wohlgeborner Herr! Tyboe . Wo steckt Ihr Hunde denn alle acht? Christoph . Da ist dem Herrn niemand gefolgt, als blos ich. Tyboe . Peste de tête bleu! Ihr verfluchten Schubiacke, hab' ich Euch nicht hundertmillionentausendmal gesagt, daß, wenn ich engrassirt und in Compagnie mit Frauenzimmern bin, so sollt Ihr alle acht zur Stelle sein. (Zu den Sänftenträgern, indem er den Degen zieht) Heda, Porteurs, Achtung! Rechtsum kehrt! (Die Sänftenträger machen mit der Sänfte kehrt.) Marsch! (Sie gehen ein wenig zurück.) Halt da bis auf weitere Ordre! – Christoph! Christoph . Ihro Wohlgeboren! Tyboe . Christoph! Christoph . Ja, Ihro Tapferkeit! Tyboe . Christoph! Christoph . Gestrenger Herr! Tyboe . Christoph! Christoph . Ihro Gestrengen! Tyboe . Gut, Christoph, spring' mal gleich hin zum Offizier in die Wache, wo wir vorüberkamen, und sag' ihm, daß er von mir gefordert ist zu morgen auf ein Paar Pistolen. Christoph . Es soll geschehen, wohlgeborner Herr! Tyboe . Frag' ihn, weshalb er nicht das Gewehr hat präsentiren lassen, als ich an der Wache vorbeikam. Christoph . Es soll nachgelebt werden. Tyboe . Hei, Christoph! 45 Christoph . Ihro Tapferkeit. Tyboe . Gut, Christoph. Sag' ihm, er soll seine ganze Compagnie mit sich bringen, ich allein würde sie sammt und sonders in die Pfanne hauen. Christoph! Christoph . Gestrenger Herr! Tyboe . Sag' ihm, ich hätte noch denselben Degen, mit dem ich in der Bataille von Amsterdam drei holländische Herrenstaaten auf einmal durch und durch gestochen habe. Sag' ihm, ich würde ihn lehren, was das heißt, einen solchen Offizier despectirlich und unmanierlich behandeln. Hei, Christoph! Christoph . Ihro Wohlgeboren! Tyboe . Laß man bleiben bis auf weitere Ordre, wir haben uns bedacht. (Wendet sich zu den Frauenzimmern, welche aufschreien, da sie den entblößten Degen sehen, Tyboe steckt ihn deshalb in die Scheide und sagt:) Mademoiselle, ich war entschlossen noch heute am Tage ein halbes Schock Cavaliere aufzuopfern, allein in dem Moment, da ich Sie erblickte, besänftigte sich mein Zorn. Ich bin nicht mehr der unüberwindliche Held, der löwenherzige von Tyboe, der ich noch vor einem Augenblick war; die Kanonen Ihrer Augen haben eine solche Bresche in die Festung meines Herzens geschossen, daß ich Schamade schlagen und mich auf Gnade und Ungnade ergeben muß. So leg' ich denn hier zu Ihren Füßen den Degen nieder, mit dem ich Millionen von Menschen ins Grab verholfen habe. Sollte freilich der König von Holland mich in dieser Positur erblicken, würde er sagen: Wo ist Seiner vorigen Corasia, Seiner alten herculianischen Bravour, mein wohlgeborener Herr von Tyboe? Ich aber würde antworten: Hercules, der die fünf Welttheile bezwang, mußte sich zuletzt doch von einer Delila coujoniren lassen; sagt Venus zu ihrem Sohn Cupido: Ladet das Gewehr! so müssen die größten Helden zittern; sagt sie: Oeffnet die Pfanne, schlagt an, gebt Feuer! so muß der größte Held sich unterwerfen. – Aber hier ist solch ein seltsamer Geruch, es riecht hier so pedantisch, so lateinisch, so griechisch; wo auch nur ein Donat im Hause steckt, da juckt es mir gleich in der Nase. Wahrhaftig, hier muß sich irgend ein verschimmelter Magister wo versteckt haben? 46 Stygotius . Hört, Domine, sprecht mit Respect von gelehrten Männern. Tyboe . Hab' ich es nicht gedacht? Hört, wer seid denn Ihr? Stygotius . Wer seid Ihr? Tyboe . Mein Name ist von Tyboe. Stygotius . Und mein Name ist Magister Stygotius. Tyboe . Das heißt auf gut Dänisch: ich bin König Salomo und Ihr seid Jörgen Hutmacher. Stygotius . Ich bin ein gelehrter Mann und legitime promotus magister. Tyboe . Und ich bin ein Mann, der allen Magistern der Welt ein Schnippchen schlägt. Ihr wißt vermuthlich nicht, wer der Herr von Tyboe ist? Stygotius . Ihr wißt vielleicht nicht, wer Magister Stygotius ist? Tyboe . Ich habe mehr als zwanzig Bataillen gewonnen. Stygotius . Und ich habe mehr als zwanzigmal disputirt. Tyboe . Alle Welt weiß von mir zu sagen, in ganz Holland und Brabant. Stygotius . Alle Literaten wissen von mir zu sagen in Rostock, Helmstädt und Wittenberg. Tyboe . Mit dieser meiner Hand habe ich die stärksten Helden zu Boden geschlagen. Stygotius . Mit diesem meinem Mund habe ich die stärksten opponentes geschlagen. Tyboe . Nicht eine halbe Secunde brauche ich, um so einen Kerl wie Ihr auf den Hintern zu setzen. Stygotius . Und mit einem halben Syllogismen kann ich eine ganze Armee ad absurdum reduciren. Tyboe . Haltet mich, Madame, oder ich schneide den Kerl mit einem Hieb in vier Stücke! Leonora . Ich bitt' Euch, mein Herr, nehmt Rücksicht auf uns Damen; mit solcher Aufführung gelangt Ihr nimmermehr ans Ziel, meine Tochter will auf eine andere Art gewonnen sein. 47 Tyboe . Kann Madame sich noch bedenken, einen Mann wie mich einem Lexikon vorzuziehen? Leonora . Mein Herr, ich schätze Sie alle beide aufs Aeußerste und werde mit Vergnügen denjenigen, der das Herz meiner Tochter gewinnt, meinen Schwiegersohn nennen. Doch müßt Ihr alle beide einen andern Weg einschlagen; es steht jedem frei, sich ihr so angenehm zu machen wie möglich; einstweilen aber ziehen ich und meine Tochter uns zurück, um uns und unser Haus keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen. (Beide ab.) Sechste Scene. Tyboe . Pernille . Stygotius . Tyboe . Hört, Mamsell Pernille, ich dachte, Ihr wärt ganz auf meiner Seite, so daß niemand hier Zutritt hätte, als ich? Pernille . Es soll auch wahrhaftig nicht wieder geschehen, der gnädige Herr kann sich darauf verlassen. Diesmal ließ er sich anmelden, wie ich gerade nicht da war; wäre ich zugegen gewesen, er wäre gewiß nicht hereingekommen. Nun wartet nur einen Augenblick, ich will gleich zu ihm und ihm auf eine gute Manier sagen, daß er sich nicht weiter bemühen soll. (Geht auf die andere Seite.) Herr Magister, Ihr seht ja doch, daß dieser Tyboe ein Narr ist; Ihr, solch ein hochgelehrter Mann, müßt Euch nicht zu Herzen nehmen, was solch ein Tropf sagt. Habt Ihr gehört, was ich ihm eben sagte? Stygotius . Nein, das habe ich nicht gehört. Pernille . Merkt Ihr denn nicht, wie still er danach geworden ist? Stygotius . Ja allerdings, stille ist er. Aber was habt Ihr ihm denn gesagt? Pernille . Hört, Monsieur Tyboe, habe ich ihm gesagt, die Madame und das Fräulein sind noch unentschieden zwischen Euch beiden, ich aber nicht; denn so lange ich einen Athem in der Brust habe, so soll sie niemals einen Kriegsmann nehmen. 48 Seht mal, wie er steht und den Kopf hängen läßt, seit ich ihm den Bescheid gegeben habe! Stygotius . So ist es, per Jovem optimum. Hört, Pernille, ich werde Euch heute Abend einen Beutel mit Geld schicken. Pernille . Er soll tausend Dank haben, nur muß Er nicht glauben, als ob ich Ihm solche Dienste aus Eigennutz leiste. Von Kindesbeinen an habe ich eine Vorliebe für die Gelehrten gehabt, Kriegsleute dagegen sind mir jederzeit ein Abscheu gewesen. Besonders aber hasse ich diesen Tyboe wegen seiner Großsprecherei und seiner Narrheit; selbst wenn er in Damengesellschaft ist, macht er alle seine Kriegsmanöver vor. Als ich ihn zuerst sprach, zeigte er mir sämmtliche Stöße in der Fechtkunst, ich getraue mich es ihm nachzumachen, wenn er selbst dabei steht. So setzte er sich in Positur, wie ich jetzt stehe; das ist eine Seconde, Mamsell, sagte er, und stieß mich vor die Brust, wie ich jetzt den Herrn Magister, und das ist eine Quart . . . . Tyboe (für sich) . Potz Schlapperment, wie höhnisch sie mit ihm umgeht; nun überzeuge ich mich wirklich, daß sie es ehrlich mit mir meint. Pernille . Bedenkt doch nur selbst, Herr Magister, was für ein Narr er sein muß, und wie wenig Ihr von solchem Rivalen zu fürchten habt. Gebt Euch also nur ganz zufrieden und geht nach Hause; sobald ich mein Fräulein dem Herrn Magister geneigt gemacht habe, lasse ich Ihn wissen, wann Sein Besuch am besten angebracht ist. Adieu so lange. (Stygotius geht; Pernille zu Tyboe.) Hei, Triumph, Herr von Tyboe, nun ist der Rival uns vom Halse, der kommt sicher nicht wieder. Saht Ihr, was für einen Brustkuchen ich ihm applicirte? Tyboe . Gewiß habe ich es gesehen, mit großem Contentement und Plaisir; nur nimmt es mich Wunder, daß er so demüthig abzog mit Schlägen und Scheltworten. Pernille . Na, was will denn solch ein Hasenfuß auch für Widerstand leisten? Belieben der gnädige Herr sich jetzt nur zurückzuziehen und mich für das Uebrige sorgen zu lassen. Aber apropos, wo bleibt denn das Gedicht, das Sie uns zu heute versprochen? 49 Tyboe . Ich habe es bereits meinem zweiten Diener, dem Peter übergeben; ich schmeichle mir, das Gedicht wird dem Fräulein gefallen. Pernille . Das ist schön; so will ich nun hinein zu der Madame und dem Fräulein und den gnädigen Herrn bestens recommandiren. Tyboe . Adieu denn, Mamsell. (Er stößt in seine Pfeife, die Sänftenträger erscheinen mit der Sänfte.) Linksum kehrt! (Die Sänftenträger kehren sich schleunigst um.) Marsch! (Gehen mit ihm ab.) Siebente Scene. Pernille . Nachher Peter . Pernille . Jetzt bin ich vergnügt, ha ha ha! Es ist mir weniger um ihre Ansprüche zu unterstützen, als um mir ein gut Stück Geld zu machen. Wenn mich nämlich Einer fragte, wem von beiden ich denn am meisten zugethan bin, so antworte ich mit gutem Gewissen: dem, der mir die meisten Geschenke macht. Denn wenn mein Interesse dabei im Spiele wäre, so möchte meinetwegen der Narr an des Pedanten Gedärmen aufgehängt werden. Peter (ohne Pernille zu sehen) . Das ist eine Teufelswirthschaft, bei Verliebten in Dienst zu stehen. Jetzt muß man hierhin, jetzt dahin und nun wieder hierhin und nun wieder dahin laufen; jetzt zur Mamsell de la Kupplerin mit Geld, jetzt mit Versen; jetzt Schildwache stehen und spioniren, jetzt sehen, wie sein Herr übler Laune ist, seufzt, weint, und, mit Permission zu sagen, noch was anderes thut vor lauter Verliebtheit. Doch man muß sich mit Demuth in alles schicken, was kommt; es giebt doch noch immer gewisse Gänge, die etwas einbringen. So zum Exempel, wenn ich Geld wegzutragen habe, so bin ich nicht so dumm, daß ich nicht mein Agio davon nähme; auf dergleichen müssen wir Kopenhagener Lakaien uns verstehen. Als ich noch in Slagelse beim Bürgermeister diente, da glaubte ich wahrhaftig noch, wenn ich jemand zwanzig Thaler zu bringen hatte, ich müßte sie auch 50 vollständig ohne Abzug abliefern. Aber da war ich auch blos noch Bedienter, jetzt bin ich Lakai. Es sind doch dumme Teufel, diese Bedienten in den kleinen Städten, die gehen so ihren Gang von einem Tag zum andern wie ein Uhrwerk. Ich weiß noch, wie ich in Slagelse war, wenn ich da einen Schilling auf der Straße verlor, so legte ich ihn aus meinem eigenen Beutel wieder zu; in Kopenhagen giebt es kein Pferd und keine Sau, die so dumm und einfältig wäre, so etwas zu thun. Ein Bedienter auf dem Lande gleicht vollständig einem Esel in Kopenhagen. Aber nein, es ist ja wahr, vierbeinige Esel giebt es hier nicht – ich wollte also sagen, einer Auster – ja so paßt es sich, das darf ich mit gutem Gewissen sagen und darf es schriftlich geben. In großen Städten hat das schon eine andere Manier, da weiß man sich schon alles zu Nutze zu machen, da kann man in einem Tage mehr lernen, als . . . . Aber da sehe ich Pernille. Nun, Jüngferchen, wie geht's? Für das Mal führe ich nur eine schlechte Ladung, keine so fette wie vorige Woche; seht her, da habt Ihr das Gedicht, nach dem Ihr verlangt habt, kurz ist es, aber gut. Pernille . Höre, Peter, ich will Dir was sagen, nicht als ob ich eitel wäre, das ist, weiß Gott, nicht meine Manier, sondern blos damit Du doch erfährst, wie Du Personen meines Standes zu tituliren hast. Ich bin keine Jungfer, daß Du es nur weißt, und noch weniger will ich mich so von Dir nennen lassen, ich bin eine Demoiselle. Stubenmädchen kannst Du Jungfern nennen, wenn Du mit ihnen sprichst – Peter . So ist es, Mamsell, ich habe mich blos versprochen. Hier übrigens ist das Gedicht, das mein Herr Euch zugesagt hatte. Pernille . Hat er das selbst gemacht? Peter . Ja, aufs Versemachen da ist er der reine Hund; kein Propst und kein Bischof, glaube ich, könnte es besser machen, und dabei macht er solche Gedichte zehn an einem Tage. Es ist aber ein possierlicher Anblick, wenn er Gedichte macht; jetzt schreibt er, jetzt kratzt er sich am Kinn, um so recht ins Concept zu kommen und die Lebensgeister aufzuwecken; dann schreibt er, dann 51 streicht er wieder aus; – das wird eine glückliche Frau, die den zum Mann kriegt, der ist so gut, wie der Tag lang ist; ja wahrhaftig so ist er, Jüngferchen . . . . ich wollte sagen Mamsell, ich bedachte nicht, daß Sie ja keines jener Mädchen vom Lande ist, die ihre Jungferschaft noch haben. Pernille . Wenn aber Dein Herr ein so guter Poet ist, kannst Du ihm nicht etwas absehen von der Kunst? Du hast doch übrigens einen guten Kopf. Peter . Ich danke ergebenst für die gute Meinung, welche die Mamsell von mir hat, die Natur hat mich allerdings nicht vernachlässigt, und ich thäte Sünde, wenn ich es anders sagte. Ich glaube allerdings, ich könnte auch ein Gedicht machen, wenn ich nur mit den Reimen zu Stande käme. Pernille . Ei nun, das Reimen ist ja doch nicht so schwer. Peter . Ja, mit den Reimen käme ich allenfalls auch noch zu Stande, es ist nur der Uebelstand dabei, daß sie keinen Zusammenhang haben. Ich versuchte einmal, ein Gedicht zu machen, und wählte mir dazu erstlich zwei Reime, nämlich Futter Butter, und da sollten sich nun die übrigen Worte dazu finden. Aber, auf mein Wort, drei volle Tage und Nächte hat es mir nicht gelingen wollen, das Futter mit der Butter zusammenzubringen. Seitdem hab' ich nie wieder ein Gedicht gemacht. Pernille . Jetzt, mein guter Peter, muß ich Dich verlassen und das Gedicht überreichen. Peter . Habt die Güte, meinen gnädigen Herrn aufs Angelegentlichste zu recommandiren. Pernille . Zweifelt nicht an meiner Bereitwilligkeit; adieu. Peter . Serviteur. 52 Vierter Akt. Erste Scene. Leonard . Jesper . Leonard . Das war in der That eine charmante Idee, Jesper; auf die Art, hoff' ich, wird Tyboe seinen ganzen Credit ruiniren. Denke nur, wenn sie dieses Gedicht zu sehen kriegt, wie wird ihr zu Muthe werden! Jesper . Die Hauptkunst besteht darin, daß Einer den Andern hinters Licht führt, während Ihr ganz aus dem Spiele bleibt. Denn wie der Magister Stygotius den Tyboe um seinen Credit gebracht hat, so soll Tyboe ihn wieder um den seinen bringen; sie müssen erst beide mit Fräulein Lucilia in Streit gerathen, nachher müssen sie Einer dem Andern in die Haare gerathen und Monsieur trägt den Preis davon. Leonard . Ach, Jesper, das ist Trost für mein Herz, das eben noch ganz verzweifelt war; es ist doch das größte Unglück, das es giebt, zu lieben, wo man niemals hoffen darf zu besitzen. Jesper . Gebt Euch nur zufrieden und geht einstweilen bei Seite, ich sehe Tyboe kommen; da will ich ihm gleich einen guten Rath geben, wie er seinen Rivalen hinters Licht führen soll. 53 Zweite Scene. Jesper . Tyboe . Tyboe . Sieh da, Jesper, bist Du hier? Du verkehrst also, wie ich merke, auch mit meinem Rivalen; was soll das bedeuten? Jesper . Das will bedeuten, daß ich alle Intriguen ausspionire. Tyboe . Ah so, wenn das ist, so magst Du immerhin mit ihm umgehen. Aber welchen Plan schmiedet er denn jetzt? Jesper . Binnen hier und einer Stunde soll des Magisters Diener der Mamsell Pernille einen versiegelten Geldsack bringen; das hat der Magister selbst mir soeben mitgetheilt; er hält mich nämlich für seinen intimsten Freund und dafür soll ihm nun von mir ein Streich gespielt werden. Tyboe . Du willst vermuthlich das Geld unterwegs für Dich selbst wegschnappen? Jesper . Ei nein, was könnte das wol helfen? Ich habe einen andern Plan, bei dem Christoph mir beistehen soll. Der gnädige Herr muß Christoph einen großen Sack voll Kupfergeld geben, und wenn er das hinbringt und dabei dem Bedienten des Magisters begegnet, so muß er sich stellen, als wäre er total betrunken. Tyboe . Was aber weiter? Jesper . Ich werde ihm dann einbilden, daß in des gnädigen Herrn Beutel noch mal so viel Geld ist, und werde ihm zureden, des gnädigen Herrn Diener mit sich ins Wirthshaus zu nehmen und da den Geldbeutel zu vertauschen. Denkt Euch, wie blamirt der Magister vor Mamsell Pernille dastehen wird, wenn er ihr ein Geschenk bringen wird, bestehend in einem Beutel mit Rechenpfennigen und Hellern! Was meint der gnädige Herr zu dem Einfall? Tyboe . Das ist ein admirabler Einfall; ich weiß gar nicht, wie ich mich Dir dankbar erzeigen soll. Jesper . Belieben der gnädige Herr jetzt nur hineinzugehen 54 und die Rechenpfennige und Heller anzuschaffen, inzwischen will ich den Christoph schon abrichten, wie er sich zu benehmen hat. Denn der andre Diener, der Peter, taugt dazu nicht, das ist ein Kümmeltürke, und überdies ist er auch erst zu kurze Zeit in des gnädigen Herrn Diensten. Jesper . Christoph, kannst Du wol einen Betrunkenen machen? Christoph . Versteht sich, ausgezeichnet, besonders wenn ich so meine zwei Quart Branntwein im Leibe habe. Jesper . Ja, da kann es Jeder; nein, Du mußt nüchtern sein und doch aussehen, als wärst Du betrunken. Laß mal sehen, wie Du die Sache machst, damit ich nachhelfen kann, wenn noch was fehlt. (Christoph taumelt hin und her wie ein Betrunkener.) Du mußt aber auch was sprechen! Christoph . Was soll ich denn sprechen? Jesper . Je verrückter, je besser; Du mußt spectakeln und randaliren. Christoph . Hie . . . . hie . . . . bist Du da, Jesper Schmarotzer? Jesper Fuchsschwanz? . . . . Jesper . Nicht übel, Christoph, Du fängst das Ding ganz hübsch an, merk' ich. Christoph (fortfahrend) . He, Du Hund, bist Du da? Du Tagedieb, der nie Lust zur Arbeit hat, sondern umherläuft und vor aller Welt mit dem Schwanze wedelt, wo es irgend einen guten Bissen zu erhaschen giebt? Jesper . Gar nicht übel, sag' ich, ich zweifle jetzt nicht länger an Deinen Talenten. Christoph . Komm' an, Du Hund, Du Ohrenbläser, Du Heuchler, der immer anders spricht, als er es meint, Du Freund nicht der Menschen, sondern der Küchen und Keller, komm' an! Halloh, Du Fresser! 55 Jesper . Ei, so hör' auf, in des Teufels Namen, ich habe schon mehr gehört, als mir lieb ist! Christoph . So muß man mit solchen Scheinheiligen umgehen! (Zieht Jesper bei den Haaren.) Jesper . Laß los, oder das Donnerwetter soll Dich regieren! Heda, Herr von Tyboe, zu Hülfe! Christoph . Na, Jesper, versteh' ich mich nun darauf, einen Betrunkenen zu machen? Jesper . Hol' Dich der Teufel, Du bist klüger, als ich dachte. Christoph . Ich kann es auch noch auf eine andere Manier machen; der Erste war Einer, der sich in Bier betrunken hat, nun will ich mal Einen vorstellen, der sich in Branntwein betrunken hat. Als zum Exempel . . . . Jesper . Halt' ein in des Teufels Namen, ich habe genug an dem Biersäufer. Und nun hör' zu, Christoph: sobald Du des Magisters Diener mit einem Geldsack erblickst, so mußt Du Dich stellen, als wärst Du betrunken, und wenn er Dich dann ins Wirthshaus führt, so mußt Du Deinen Beutel in die Ecke werfen, und wenn er sie dann verwechselt, so mußt Du Dich stellen, als ob Du nichts davon merkst; hast Du das begriffen? Christoph . Das ist nicht schwer zu begreifen; ich soll thun, als ob er mich betrügt, und dabei betrügt er sich selbst. Jesper . So ist es. Nun aber lauf' und hole Deinen Beutel. Sieh' da, hier kommt der Magister, eben zur rechten Zeit. (Christoph ab.) Vierte Scene. Stygotius . Jens . Jesper . Stygotius . Das hätte gar nicht besser ablaufen können, Jens; er nahm also wirklich das Gedicht, das seinen Herrn um allen Credit bringen wird? Ich muß jetzt zu einer Disputation, Du indessen, um mein Spiel noch zu verstärken, geh' auf der Stelle zu Mamsell Pernille und bring' ihr diesen Sack mit Geld, so daß sie dem Tyboe sein niederträchtiges Gedicht und mein Geschenk beides in derselben Stunde kriegt. Spute Dich, 56 daß Du zurückkommst, und bring' mir Bescheid. (Zu Jesper) Quid novi ex Africa? Jesper . Tyboe's Diener ist eben auf dem Wege zu Mamsell Pernille mit einem ungeheuren Geldsack. Stygotius . Wird da wol mehr Geld drin sein, als in diesem Sack? Jesper .. Der Sack ist gerade noch mal so groß. Stygotius . Das war mir ein schlimmer nuntius. Ach, Himmel, omnibus artibus contremisco! Jesper . Der Diener ist aber so betrunken, daß er nicht auf den Beinen stehen kann, und da könnte man ihm denn einen Streich spielen, der noch ärger wäre als der vorige, nämlich dergestalt, daß Jens ihn unterwegs ins Wirthshaus lockt, ihn völlig um seinen Verstand bringt und die Geldsäcke heimlich vertauscht. Versteht der Herr Magister, wie ich's meine? Stygotius . Capio mentem tuam et laudo artificem. Jesper . Und dann laßt Ihr den Jens frischweg mit dem großen Geldsack zu Pernille gehen und ihr ihn in Eurem Namen überreichen. Stygotius . Optime! optime! Höre, Jane! Jens . Ita. Stygotius . Sieh' her, da hast Du einen Beutel, mit dem gehst Du auf die Straße und promenirst auf und ab, bis Du Tyboe's Diener gewahr wirst, der nämlich total betrunken ist, mit dem läßt Du Dich dann ins Plaudern ein, bittest ihn, mit Dir ins Wirthshaus zu kommen, und machst ihn da immer betrunkener und dabei vertauschest Du dann die Geldbeutel. Jens . Er wird sich schon in Acht nehmen, er ist ein schlauer Bruder. Jesper . Heute hält es nicht schwer, ihn hinters Licht zu führen, er ist so im Thran, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Stygotius . So wollen wir es denn auf den Versuch ankommen lassen. Sieh', da ist der Beutel, abi bonis avibus. 57 Fünfte Scene. Jens . Christoph . Christoph . Ich gehe hier und treibe mich umher, um des Magisters Diener einen Streich zu spielen und den Plan auszuführen, den Jesper entworfen hat. Aber da kommt er schon, nun muß ich nur schnell thun, als ob ich totalbetrunken wäre. – Rund – rund – rund! So freudiglich, so freudiglich, der Becher geht im Kreise rund! Jens . Seh' ich recht, so ist das Tyboe's Christoph, und zwar betrunken über die Maßen – und dabei hat er, hol' mich dieser und jener, einen ungeheuren Geldsack unterm Arm. Christoph . Rund, rund, rund! So freudiglich, so freudiglich! Der Becher geht im Kreise rund! Jens . Er ist grausam besoffen; hätte ich ihn nur erst im Wirthshaus, so wollte ich ihm das Geld schon abnehmen oder wenigstens die Geldsäcke vertauschen; denn seiner ist noch mal so groß wie meiner. Christoph . So freudiglich, so freudiglich, so freudiglich, so freudiglich! Jens . Wo geht die Reise denn hin, Christoph? Christoph . Heda, lustig! frisch eingeschenkt! Rund, rund, rund, rund! Jens . Aber so hör' doch, Christoph! Christoph . Wer da? Jens . Gut Freund. Christoph . Bist Du es, Jens? Du kannst Deinen Herrn nur heute Abend bitten, daß er sich aufhängt, noch ehe er zu Bette geht. Jens . Weshalb denn? Christoph . Hier in diesem Sack sind vierzig Thaler, das ist mehr, als Dein Herr aus dem Stroh bringen kann! Rund, rund, rund, rund, rund, rund! Sollen wir erst mal zusammen zu Christoffer 'reingehen? Jens . Ei ja. (Leise) Nun hab' ich mein Spiel gewonnen. 58 Christoph . Ich bin meiner Treu so durstig wie ein Hund. Jens . Dann laß uns nur 'reingehen. Heda, Christoffer, aufgemacht, hier giebt's einen Groschen zu verdienen! (Der Wirth kommt heraus.) Sechste Scene. Christoph . Jens . Der Wirth . Christoph . Guten Morgen, Christoffer! Wirth . So sagen die Diebe im Dunkeln. Christoph . Ich bin besoffen wie ein Schwein, Christoffer. Wirth . Wir sind alle Menschen, einmal ist keinmal. Christoph . Und das vom bloßen Branntwein. Wirth . Wo seid Ihr denn gewesen? Christoph . In Meister Daniel seinem Garten; da hab' ich Kegel gespielt und hab' das Herz aus dem Leibe geschoben und Acht um den König und damit hab' ich zwei Mark gewonnen und die hab' ich versoffen. Rund, rund, rund! So freudiglich, so freudiglich, so . . . . (Fällt um.) Wirth . Ach der arme Kerl! Wenn er sich nur nicht gestoßen hat; wenn Einer im Thran ist, da hab' ich allemal das größte Mitleid. Wißt Ihr auch wol, was das Beste ist, wenn man zu viel getrunken hat? Christoph . Ein Hundsfott, der es weiß. Wirth . Von vorne anfangen mit Trinken; mancher möchte zwar denken, ich sagte so blos aus Eigennutz, aber in vielen Fällen hat es wirklich schon geholfen. Christoph . Bring' uns denn noch einen Humpen Branntwein heraus, ich trinke das Zeug zwar eigentlich nie, als blos wenn ich Magendrücken habe, ich bin nur leider niemals ohne Magendrücken. (Wirth ab.) Jens . Das Beste wird wol sein, wir geben dem Wirth unsere Beutel in Verwahrung. Christoph . Richtig. Hör', Christoffer, setz' mal diese beiden Säcke mit Geld so lange in Deinen Schrank, unterdessen wir 59 trinken. Hei, fratres, laßt uns lustig sein! Celerestote sepost molestum senectutam, post molestum senectutam nos habebat humus. Jens . Kennst Du nicht die Melodie, Christoph: »Zu Leipzig war ein Mann«, das geht allerliebst. Christoph . Nein, die deutschen Melodien kann ich nicht leiden, ich singe blos dänisch und lateinisch. Parva scintillula habet contemptula magnum magnum citabat incendium. (Stellt sich, als ob er bewußtlos wird, fällt an die Erde und schläft ein.) Jens . Ach, Herr Wirth, laßt den guten Kerl doch hier liegen und seinen Rausch bei Euch ausschlafen; hätte ich nicht eine gar so eilige Besorgung, würde ich selber bei ihm bleiben, es ist der beste Freund, den ich in der ganzen Stadt habe. (Christoph wird zu Bett gebracht.) Herr Wirth, hier ist auch das Geld für den Branntwein und dann seid auch so gut und gebt mir meinen Beutel. Wirth . Ja, nun weiß ich nicht, welcher von beiden es ist; sie stehen alle beide auf dem Ladentisch. Jens (Geht hinein und hebt den größten Beutel, der mit Rechenpfennigen gefüllt ist) . Herr Wirth, gebt nur gut Acht auf meinen Kameraden und hebt ihm sein Geld gut auf, in einer halben Stunde bin ich wieder da. Wirth . Da könnt Ihr ganz ruhig sein, da ist wahrhaftig kein Mensch, der sagen könnte, in Christoffers Hause wäre ihm auch nur ein Schilling weggekommen. Jens . Adieu. Wirth . Serviteur; seid so gut und laßt Euch bald mal wieder sehen. (Wirth ab.) Siebente Scene. Jens . Nachher Pernille . Jens . So ist Tyboe's Diener denn also richtig angeführt, solch ein schlauer Kunde er sonst auch ist. Nun will ich nur 60 schnell das überflüssige Geld nehmen und es in meine Tasche stecken. Pernille (kommt) . Was machst Du denn da, Jens? Wenn Dein Herr das erfährt, daß Du ihm die Geldbeutel auf der Straße aufmachst, dann wird es Dir schlecht ergehen. Jens . Nein über das Unglück, daß sie auch gerade kommen muß, ehe . . . Pernille . Dein Herr schenkt Dir viel zu viel Vertrauen. Wie darfst Du wol etwas aufmachen, das Dir verschlossen übergeben ist? Jens . Ich bin unterwegs gefallen und da wollte ich blos nachsehen, ob auch keins von den Geldstücken entzwei gegangen ist. Pernille . Eine herrliche Entschuldigung! Jens . Nicht einen Schilling hab' ich genommen, weiß Gott; ich wollte ja lieber etwas zulegen, als wegnehmen. Pernille . Ja richtig, so pflegen es die Bedienten in Kopenhagen auch zu halten, daß sie Geld zulegen. Aber dies Geld, weiß ich, ist für mich. Jens . Ja, mein Herr bittet, gütigst vorlieb zu nehmen. Pernille . Grüße Deinen Herrn vielmals und versichere ihn meiner guten Dienste. Sowie er kommt, will ich ihn gleich einlassen. (Jens geht weinend ab.) Achte Scene. Pernille allein. Pernille . Stygotius hat sich diesmal ja wahrhaftig recht angegriffen, es soll ihm nicht unbelohnt bleiben; in diesem Beutel sind ja, glaub' ich, mehr als vierzig Thaler. Leg' ich das nun zu dem übrigen Gelde, das ich zu Hause habe, so kann ich ja die schönste Mantille dafür kriegen, die jemals getragen ward. Gebt nur Acht, nächsten Sonntag, wie geputzt ich sein werde, da werden diese Tugendspiegel von Mädchen in ihren Lumpen dann wieder räsonniren: die Pernille ist doch reinweg des Teufels, 61 kein Mensch kann begreifen, wo sie die vielen schönen neuen Kleider herkriegt, es scheint wirklich, als ob sie hexen kann! Aber dieses Gewäsche läßt mich kühl. Nun muß ich doch aber mal das Geld nachzählen; ich glaube wahrhaftig, es sind lauter Achtschillingstücke! Ach, wenn es doch lauter Achtschillingstücke wären! – Ach Himmel, was seh' ich? Ach, ich platze vor Aerger! Das sind ja Rechenpfennige und Heller?! Na, die Schmach soll nicht ungeahndet bleiben, so wahr ich Pernille heiße! Neunte Scene. Lucilia . Pernille . Lucilia (wirft Pernille das Papier ins Gesicht) . Sieh' da, Pernille, komm' Du mir noch einmal mit Deinen Recommandationen! Weder Du, noch so ein Schlingel sollen mich je wieder zum Narren haben; meine Mutter nennt er eine Kupplerin, mich eine Dirne, und Du bist auch nicht vergessen. Pernille . Wie denn, hat sich denn schon wieder was Neues ereignet? Lucilia . Niemand kann mir etwas Uebles nachsagen, darum braucht er mich auch nicht in seinem Gedicht auf so höhnische Weise zu mißhandeln. Ich habe das Gedicht zwei Herren gezeigt, jedem einzeln, und beide übersetzten es folgendermaßen: Deine Mutter ist eine Kupplerin, Du selbst bist eine Courtisane, und Dein Mädchen ist eine Allerweltsdirne. Es freut mich nur, daß meine Mutter den Spitzbuben auf die Art kennen gelernt hat; würde ihr der Andere nur ebenso verhaßt, so wäre ich sie alle beide los. Pernille . Ach, ach, nun merke ich den Zusammenhang Die beiden Rivalen haben sich vertragen und haben einen Frieden geschlossen, bei welchem, wie es so zu geschehen pflegt, derjenige als Opfer gefallen ist, der die Veranlassung zu ihrem Zwist gegeben hat. Eben in diesem Augenblick, meine allerliebste Lucilia, kriege ich von Stygotius einen Sack, angefüllt mit 62 Rechenpfennigen und Hellern. Ach, ich sterbe, wenn ich nicht Rache nehmen kann, noch ehe die Sonne untergeht! Lucilia . Hab' ich es Dir nicht immer gesagt, Pernille, daß den Männern nicht zu trauen ist? Uns nennen sie hinterlistig und unstät, ja sie bringen den Wankelmuth der Frauenzimmer aufs Theater und machen ein öffentliches Spectakel daraus und doch sind sie selbst die ärgsten Wetterfahnen, die es giebt; jetzt thun sie, als wollten sie sterben vor Liebe, und ein ander Mal machen sie sich ein Vergnügen daraus, uns zu beschimpfen. Und davon nehme ich keinen aus, als blos Leonard, denn der, weiß ich, ist treu und hat ein edles Herz. Pernille . Laßt uns bei Seite treten, da kommt Tyboe; vermuthlich hat er sich die Sache anders überlegt und kommt, um Verzeihung zu bitten. Nun gebt nur Acht, wie hübsch ich mich rächen werde! Zehnte Scene. Tyboe . Ein Musikant . Tyboe . Das Fräulein, dünkt mich, steht am Fenster; schleichen wir uns nun leise heran, Du aber stelle Dich beim Musiciren so, daß man Dich blos hört, ohne Dich zu sehen. (Der Musikant duckt sich nieder, nimmt seine Violine da Gamba hervor und spielt darauf, während Tyboe das Liebeslied singt, das er oben in Akt 2, Scene 2 dem Jesper mitgetheilt hat. Pernille steckt den Kopf zum Fenster hinaus, sieht hinunter, bittet, das Stück noch einmal zu wiederholen; sie singen und spielen noch einmal.) Lucilia (gießt dem Tyboe ein Gefäß mit Wasser über den Kopf und sagt:) Für solche Poeten gehört ein solcher Kranz! (Tyboe und der Musikant gehen beschämt ab, während die im Hause sie auslachen.) 63 Elfte Scene. Stygotius . Jens . Stygotius . Das war das größte Meisterstück, das noch jemals gemacht ist! Jens . Ja Herr, da könnt Ihr Euch darauf verlassen, mit uns lateinischen Jungen ist nicht zu spaßen. Stygotius . Dein Latein wird Dir wol nicht viel dabei geholfen haben, Jens, denn das drückt Dich überhaupt nicht sehr. Jens . Ei nun, Herr, was so zum täglichen Gebrauch gehört, das weiß ich doch so ziemlich; bin ja aber auch mehr als hundertmal im Collegienhause gewesen, da muß doch wol endlich etwas hängen bleiben. Stygotius . Ja, was denkst Du denn wol, daß ich für ein Mann sein muß, der ich so viele Bücher gelesen habe? Aber wie fingst Du es an, die Beutel zu vertauschen? Jens . Er begegnete mir mit einem großen Geldsack, ganz im Thrane, aber doch nicht so, daß ihm nicht noch ein bischen Verstand geblieben wäre; da dachte ich: halt, hier mußt Du Deinem lateinischen Kopf Ehre machen und mußt sehen, wie Du ihn ganz und gar ins Netz kriegst. Sofort lud ich ihn ein, mit mir zu Christoffer dem Bierschenker zu gehen und fing an, mit ihm von frischem zu trinken. Nachdem ich ihn aber überredet hatte, dem Wirth die beiden Geldbeutel in Verwahrung zu geben, klemmte ich mich auf ihn mit Branntweintrinken, bis er unter die Bank fiel und einschlief, darauf ging ich zum Wirth und bat ihn, auf meinen Kameraden Acht zu geben, bis ich mein Geschäft besorgt und wieder käme. Der Wirth, der uns für gute Freunde hielt, versprach es mir und hieß mich selbst meinen Beutel wiedernehmen. Da machte ich mich denn rasch dabei, seinen Beutel für meinen zu nehmen, und wie ich den großen Sack nur erst hatte, der über dreißig Thaler mehr enthielt als meiner, so lief ich, als ob mir der Teufel auf den Fersen säße. 64 Stygotius . Na der Tausend, das geht gut, wir sind obenauf, in portu navigamus; laß uns nur gleich hingehen. (Jens pocht.) Pernille (sieht aus dem Fenster, sagt, sie würde sie gleich hereinlassen, gießt ihnen aber gleich darauf ein Gefäß mit Wasser über den Kopf und sagt:) Nun kommt mir ein ander Mal wieder mit Hellern und Rechenpfennigen! (Sie gehen beschämt ab.) 65 Fünfter Akt. Erste Scene. Jesper allein. Jesper . Das war wahrhaftig ein guter Einfall; er dachte einen Andern zu fangen und gerieth selbst in die Falle! Gelernt hab' ich im Grunde wenig; das Pfund, das mir zugetheilt ist, verdanke ich allein der Mutter Natur. Ich glaube wirklich, so etwas ist erblich; hab' ich doch meinen Vater sagen hören, daß sein Großvater groß gewesen ist in dieser Art von Talenten. Noch klingt es mir in den Ohren, was der brave Mann zu mir sagte, dicht vor seinem Tode: »Wenn Du Dir Deine Vorfahren zum Muster nimmst, Jesper, so kann es Dir auf Erden niemals schlecht gehen; nur«, setzte er hinzu, »laß Dich auf keine Schelmerei ein, bevor Du reif dazu bist. Uebe Dich erst, indem Du Stecknadelu stiehlst und Schuhnägel, und dann gehe stufenweise vor zu größeren Dingen; dafür, daß er gestohlen, wird Keiner gehängt, sondern blos dafür, daß er die Kunst zu stehlen schlecht verstanden hat.« Bei diesen Worten drückte er mir die Hand und versammelte sich sanft und friedlich zu seinen Vätern. Könnte mein Vater dies mein neuestes Meisterstück in Erfahrung bringen, ich glaube, er würde vor Freuden wieder lebendig. Mit dem guten Monsieur Leonard hat es nun keine Noth mehr; seit Pernille das Geld erhalten, hat sie versprochen, für niemand mehr ein gutes Wort einzulegen als blos für ihn. Aber da kommt Stygotius; am Ende ist er doch argwöhnisch geworden, seit er erfahren, wie es mit dem Gelde zugegangen, da 66 muß ich also zusehen, wie ich mich herausrede. Von Tyboe habe ich bereits mitgetheilt, daß er mit dem Gedichte angeführt ist; nun werde ich auch noch dem Magister sagen, wie es mit dem Gelde zugegangen ist. Zweite Scene. Jesper . Stygotius . Jesper . Mein größter Aerger ist blos, daß ich mich habe von solchem Schlingel hinter's Licht führen lassen. Stygotius . Da ist ja Jesper, ich muß ihm doch erzählen, was mir in Leonora's Haus passirt ist. Jesper . Von solchem Ochsen, der, glaub' ich, nicht bis fünf zählen kann. Stygotius . Er ist ganz aufgebracht. Jesper . Tyboe hat kein Zutrauen mehr zu mir, das merke ich recht. Stygotius . Was er nur haben mag? Jesper . Aber freilich er hat auch Ursache dazu; mein Herz hängt nun einmal an dem Magister, den ich um seiner Gelehrsamkeit willen verehre und liebe. Aber das ärgert mich, daß solch ein Ochse, wie sein Diener ist, mir eine Nase drehen und mich dazu gebrauchen soll, den braven Magister Stygotius zu betrügen, der mir so lieb ist wie mein eigenes Leben. Stygotius . Was giebt es denn, Jesper? Jesper . Ach, mein Herr, ich bin im Begriff vor Kummer zu sterben. Wäre es nicht des kleinen Profitchens halber, ich bräche mit dem von Tyboe noch heute Abend; ich bin so unverschämt hinter's Licht geführt worden wie noch nie im Leben. Tyboe, der Wind davon gekriegt hatte, daß der Herr Magister Pernillen Geld schicken wollte, gab seinem Diener Christoph einen Sack mit Hellern und Rechenpfennigen; damit kommt der Schuft zu mir, stellt sich, als wäre er total betrunken und redet mir vor, sein Herr hätte ihm vierzig Thaler gegeben als Geschenk für Pernille. Das hat er aber allein in der Absicht gethan, damit 67 ich es dem Herrn Magister wieder sagen sollte. Ich in meiner Einfalt gehe auch hin und sage es meinem Herrn, in der Meinung, ihm einen Dienst damit zu erweisen, allein . . . . Stygotius . Per Jovem maximum, was hör' ich? Ist dies das Geld, das wir uns eingetauscht haben? Jesper . Ja, denn eine halbe Stunde nachher kam Christoph ganz nüchtern und vergnügt zu mir und erzählte mir die ganze Geschichte. Ich that, als ob ich seinen geistreichen Einfall bewunderte, und suchte gute Miene zum bösen Spiele zu machen. In der That jedoch kriegt' ich eine solche Alteration davon im Blut, daß ich mit Mühe . . . . Stygotius . Nun ist es mir auch klar, warum ich in Leonora's Haus so übel aufgenommen worden. Jesper . Denn erstens verdroß es mich, daß ich mich sollte von solchem Ochsen haben anführen lassen; zum zweiten schmerzte es mich, daß ich in Verdacht kommen könnte bei solch einem braven Herrn, für den ich jederzeit bereit bin Blut und Leben hinzugeben. Stygotius . Nicht doch, dazu weiß ich ja zu gut, wie Du an mir hängst. Jesper . Freilich hat mein Herr den Beweis in Händen, in dem Streich, den ich ihm zu Liebe dem Tyboe mit dem Gedicht gespielt habe. Stygotius . Gewiß, das ist ja ein deutlicher Beweis, wie treu Du es mit mir meinst. Jesper . Ich bin dadurch, so zu sagen, für ewige Zeiten an den Herrn Magister gefesselt und, so zu sagen, mit meinem Wohl und Weh in seine Hand gegeben, und entzöge er mir seine Gnade und verriethe mich, so kann ich mich darauf verlassen, daß Tyboe mich ums Leben bringt. Stygotius . Nicht weiter mit diesen protestationibus, Jespere, ich habe nicht das mindeste Mißtrauen. Jesper . Wenn Einer einmal durch so was an den Andern gebunden ist, so muß er ihm treu bleiben, und ob er selbst keine Lust dazu hätte. 68 Stygotius . Ich müßte ja nicht bei Verstand sein, wenn ich Dir nicht trauen wollte. Jesper . Ich danke dem Herrn. Nun will ich noch einen ganzen Monat lang bei Tyboe aus- und eingehen, theils wegen gewisser Profitchens, die ich davon habe, theils auch, um hinter seine Intriguen zu kommen und dem Herrn Magister in seiner Liebe beizustehen. Stygotius . Die Liebe? Davon ist nichts mehr vorhanden; ich simulire blos noch darauf, wie ich an Tyboe Rache nehmen kann, und will sogleich meine Vorbereitungen dazu treffen. Adieu so lange. (Ab.) Jesper . Diese beiden Schubiacke kann ich doch an der Nase führen, wie ich will. Nun werden sie einander sogleich in die Haare gerathen; denn wie ich dem von Tyboe sagte, daß es der Magister gewesen, der ihm den Streich mit dem Gedicht gespielt, so schwur er sofort auf Deutsch, Rache zu nehmen, und lief fort, um Leute dazu anzuwerben; der Andere, merk' ich, hat etwas Aehnliches vor. Doch hier kommt Monsieur Leonard. Dritte Scene. Leonard . Jesper . Jesper . Nun, Monsieur Leonard, nun seid Ihr ja obenauf, nun wird ja Pernille, die Eurer Liebe bisher im Wege stand, dieselbe auf alle Weise in Schutz nehmen; sie will, hat sie mir geschworen, sich an den beiden Andern rächen, und wenn es ihr das Leben kosten sollte. Leonard . Ach, Jesper, Du hast mich vom Tode errettet; ich glaube zu wissen, daß ich dem Fräulein nicht mißfalle, und daß sie blos aus Furcht vor ihrer Mutter nicht gewagt hat, sich für mich zu erklären. Jesper . Ihr habt von ihnen nichts mehr zu fürchten, sie sind total ruinirt. Aber hier ist Mamsell Pernille. 69 Vierte Scene. Pernille . Leonard . Jesper . Pernille . Ach, wie leid thut es mir jetzt, daß ich mich so lange bemüht habe, des Fräuleins Herz von dem tugendhaften und liebenswürdigen Monsieur Leonard abwendig zu machen, und habe ihm im Wege gestanden, blos um die beiden andern Narren zu recommandiren! Leonard . Meine gute Pernille – Pernille . Sieh' da, Monsieur Leonard, ist Er da? Wie lebt Er? Leonard . Ich stehe eben von den Todten auf, seit ich von Euch höre, daß das reizende Fräulein, an dem all meines Herzens Wonne und mein ganzes Leben hängt, mir nicht abgeneigt ist. Pernille . Seid nur ruhig, Monsieur Leonard. Das Fräulein, kann ich Euch versichern, liebt Euch schon lange, nur ich und ihre Mutter, ich muß es gestehen, waren Euch bisher im Wege. Nun aber soll nicht nur mein Widerstand zu Ende sein, sondern ich will mir auch die äußerste Mühe geben, Eure Liebe zu unterstützen. Von Tyboe und Stygotius will die Alte nichts mehr wissen; aber auch andere Freier werde ich abzuhalten suchen, so lange mir nur irgend möglich. Unterdessen schließt hoffentlich der, den Ihr beerben sollt, die Augen, und der Alten ist es doch blos um das Geld zu thun. Leonard . Verlaßt Euch darauf, ich werde Euch meine Dankbarkeit bezeigen, so lange ich lebe. (Leonard ab; Pernille geht hinein.) Fünfte Scene. Peter . Jesper . Peter . Ja, da wird nun bald ein Haus in Trümmern liegen. Jesper . Was giebt es denn? 70 Peter . Ja, da wird nun bald ein Haus in Trümmern liegen. Jesper . Der hat, glaub' ich, einen Raptus gekriegt; am Ende macht er gar Verse. Peter . Hier wird Blut fließen. Jesper . Ha, Peter, was hast Du denn? Peter . Die brabantische Belagerung ist reines Kinderspiel dagegen. Jesper . Ja, wahrhaftig, er macht Verse; so antworte doch, Peter! Peter . Wer da? Bist Du ein Student? Jesper . Wie kannst Du wol solche Dummheiten fragen? Peter . Ich bin angewiesen, die gesammte Academie bis hinunter zu den Pedellen über die Klinge springen zu lassen. Jesper . Weswegen denn? Peter . Genommener Abrede gemäß dachte mein Herr bei Lucilia vorgelassen zu werden, statt dessen aber guckte Pernille aus dem Fenster, goß ihm ein ganzes Faß Wasser über den Kopf und sagte: Solche Gedichte verdienen solche Belohnung! Mein Herr machte gute Miene zum bösen Spiele, ging nach Hause und forschte so lange nach, bis er herausbekam, daß es Stygotius gewesen, der ihn angeführt. Jesper . Das Trauerspiel wird bei Dir anheben, weil Du Deinen Auftrag so schlecht ausgeführt hast. Peter . Was soll ich machen? Der Mensch, der mich angeführt hat, sah mir so poetisch aus, wie nur irgend möglich; Du selbst, wenn Du ihn gesehen, hättest ihn ebenfalls für einen Poeten gehalten. Außerdem aber denkt mein Herr auch viel zu großartig, um dergleichen an mir zu rächen; es giebt, sagt er, keine andere Rache für ihn, als die ganze Regenz mit sammt dem Studentenhof müssen geschleift werden, so daß nicht ein Stein auf dem andern bleibt. Aber hier kommt er mit vier Soldaten, ich muß laufen. (Ab.) 71 Sechste Scene. Jesper . Tyboe . Vier Soldaten . Tyboe . Hört ihr wol, Kinder? Die Parole ist: Per caudi! Wer einen schwarzen Rock trägt, den stoßt Ihr nieder. Wenn dann so erst die Mehrzahl auf der Straße massacrirt ist, so wollen wir die Regenz formaliter belagern. Denn die läßt sich im Nu wegnehmen; es fehlt ihr an Proviant, so daß sie, glaub' ich, keine Belagerung von vierundzwanzig Stunden aushalten kann. Aber sieh', da ist Jesper. Heda, Jesper, Du kommst eben recht, den rechten Flügel zu commandiren. Das ist brav von Dir, daß Du Stiefel angezogen hast; denn heute werden wir in Studentenblut waten bis über die Kniee. Er soll erfahren, was es zu bedeuten hat, einen Offizier zum Narren halten! Jesper . Gewiß kennt der Kerl den gnädigen Herrn gar nicht, und noch weniger hat er jemals von der brabantischen Belagerung gehört. Tyboe . Nein, gewiß nicht, und auch nicht von der Schlacht bei Amsterdam. Aber nur Geduld, man soll mich kennen lernen. Ich könnte ihn allerdings für seine einzelne Person herausfordern, aber das ist mir nicht genug; nicht blos ihn, auch seine Anhänger und seiner Anhänger Anhänger, ja die gesammte percaudische Republik soll ausgerottet werden. Es ist ja ein beispielloser Chagrin, daß solch ein Kerl, ein Philosophus, ein Grammaticus , ein Pedantus, sich unterstehen soll, zu . . . . Jesper . Ei was, der gnädige Herr muß sich nicht so ereifern, das ist ja gar nicht die Sache danach. Aber da kommt Peter und weint. Siebente Scene. Tyboe . Peter . Jesper . Peter . Ah! . . . . Ah! . . . . Mein Rücken! mein Kopf! meine Schultern! meine Hüften! meine Arme! meine sämmtlichen Gliedmaßen! mein Rumpf! mein armseliger Corpus! 72 Jesper . Was giebt's denn, Peter? Peter . Das werdet Ihr gleich erfahren. Magister Stygotius mit dem ganzen Magistergrad hat zu den Waffen gegriffen. Ach mein Rücken! ach mein Kopf! Tyboe . Das kann nicht sein, Du hast nicht recht gesehen; wie könnte er sich wol erkühnen, offensivement zu Werke zu gehen? Peter . Hab' ich nicht recht gesehen, so hab' ich, auf mein Wort, doch recht gefühlt. Sie werden gleich um die Ecke kommen; ich bin blos froh, daß ich blessirt und also im Kriege nicht mehr zu brauchen bin. Achte Scene. Jesper . Peter . Tyboe . Vier Soldaten Stygotius . Jens mit vier Studenten auf der andern Seite. Stygotius . Der Erste, der fallen muß, Domini Collegae nec non Commilitones, das ist der Anführer selbst oder imperator ipse. Ich werde ihm zeigen, was das heißt, cuprum pro argento geben, Heller für Silbergeld, und einen alten Academicum mit Pechstiefeln einfangen, der in Rostock studirt und daselbst absque praesidio disputirt hat! Ich habe noch denselben Degen, denselben Stock, mit dem ich so manchem braven Professor in Rostock die Fenster eingeschlagen habe; er soll profecto erfahren, daß es noch Kerle auf der Academie giebt, die Haare auf den Zähnen haben, und daß ich ein richtiger Academicus bin, tam in marte quam in arte. (Geht mit seinen Leuten wieder ab. Inzwischen, während Stygotius seine Rede gehalten, hat von Tyboe seine Soldaten aufgestellt.) Tyboe . Aber wie geht das nur zu, Jesper, daß der Kerl solchen Widerstand zu leisten wagt? Jesper . Das hätte ich auch nimmermehr gedacht. Darauf aber möchte ich doch wetten, daß er, sowie er den gnädigen Herrn nur zu sehen kriegt, Reißaus nimmt und zum Teufel läuft mitsammt seinem Anhang. Es fehlt mir gerade nicht an Courage, aber darauf kann ich doch einen Eid ablegen, daß ich lieber dem 73 Teufel selbst unter die Augen treten will als dem gnädigen Herrn, wenn er in Zorn ist; denn wenn ich den gnädigen Herrn ansehe, so ist es mir, als sähe ich den ganzen trojanischen Krieg oder die Zerstörung von Jerusalem im Auszug. Tyboe . Meinst Du, Jesper? Na, nun sieh' mich einmal an, nun will ich mal böse aussehen. Jesper . Ach, das ist entsetzlich, gnädiger Herr! Ach, ach, das ist ja, als wäre ich mutterseelenallein im Wald und der entsetzlichste Eber käme auf mich zu, so packt mich das Entsetzen! Tyboe . Was schwatzest Du da, warte hübsch mit Deinen Beschreibungen, bis ich wirklich böse aussehe, bis jetzt habe ich ja noch keine Miene verändert. Jesper . Ja allerdings, das ist richtig, daran habe ich nicht gedacht. Aber wenn der gnädige Herr es nur so kurz machen möchte wie möglich, ich kann den Anblick wirklich nicht so lange aushalten. Tyboe . Sieh', nun sieh' mich mal an, das ist das Gesicht, mit dem ich Sturm lief vor Brabant. Jesper . Ah . . . .! Ah . . . .! Laßt genug sein, gnädiger Herr, solch verfluchtes Gesicht kann ja kein isländischer Löwe machen, das ging ja ordentlich wie Feuerstrahlen aus des gnädigen Herrn Augen, daß man sich wahrhaftig eine Pfeife Tabak hätte daran anzünden können. Tyboe . Ha, ha, ha! das freut mich! Glaubst Du nun, daß mein Anblick allein genügt, den Feind in die Flucht zu treiben? Jesper . Ganz gewiß. Darum wird es aber auch das Beste sein, um den Krieg hübsch schnell zu Ende zu bringen, der gnädige Herr stellt sich in Person an die Spitze. Tyboe . Nein, schön Dank, der General steht alleweil hinten, aber auf Schlachtordnungen, das merk' ich schon, Jesper, verstehst Du Dich nicht. Komm her, ich will Dir zeigen, wie so etwas gemacht wird; Du sollst den linken Flügel anführen und Peter führt den rechten! Peter . Ach, gnädiger Herr, ich bin durch und durch morsch und muß daher demüthigst um meine Entlassung bitten, sowie 74 um einen Gnadenpfennig für mich, meine Frau und ein ganzes Nest voll kleiner Kinder. Jesper . Ei Thorheit, Du bist ja noch gar nicht mal verheirathet. Peter . Ja, aber ich will mich doch nächstens verheirathen. Tyboe . Bist Du gesund genug zum Heirathen, so bist Du auch gesund genug, Dich todtschlagen zu lassen. Hierher, sag' ich, und übernimm das Commando; soll ich dem Schlingel nur Lohn und Brod für nichts und wieder nichts geben? Peter . Lohn? Ich habe noch keinen Lohn gesehen. Tyboe . Desto besser für Dich, dann kriegst Du das Ganze auf einmal; die Gage läuft auf die Art immer höher an. Peter (bei Seite) . Ja wohl, das ist ja eben das Unglück für uns arme Bediente, sie läuft so schnell, daß wir sie niemals einholen können. Tyboe . Bedenke, Peter, es ist ein Ehrenposten, der nicht Jedem zu Theil wird. Peter . Aber das Unglück ist, daß ich nicht ehrgeizig bin, und jemand eine Ehre aufdringen, die er nicht mag, das wäre ja dasselbe, wie Einen zu einer Speise nöthigen, gegen die seine Natur sich sträubt. (Tyboe zieht ihn nach dem rechten Flügel hin und haranguirt seine Armee, während Peter da steht und weint, als ob er Prügel kriegte.) Tyboe (redet seine Soldaten an) . Man möchte meinen, Ihr Herren, das Ende der Welt wäre vor der Thüre, wenn man sieht, wie Fliegen sich auflehnen gegen Elephanten, Mücken gegen Löwen, Zwerge gegen Riesen, ein Stygotius, ein Tintenfaß, ein Federfuchser, ein Pedantus, ein Grammaticus, ein Schulfuchs, gegen einen Mann, dessen Namen bekannt ist in Holland, in Frankreich, in Amsterdam, in Brabant, ja in ganz Europa! Spiegelt Euch nur heute, Ihr Herren, an meiner Tapferkeit und folgt meinem Exempel! . . . Jesper (ihm in die Rede fallend) . Euer Gnaden, da kommen unsere Gegner in voller Carriere. Tyboe (fährt fort, aber leise, indem er stammelt und zittert und sich den Schweiß abwischt) . Meinem Exempel . . . und meinem Exemplar – 75 kommen sie schon? – müßt Ihr folgen, Ihr Herren, und folgt . . . folgen – sind sie schon dicht bei uns? – meinem Exemplariter . . . und folgt . . . . na wegen Kürze der Zeit will ich nur lieber aufhören und als ein erfahrener Anführer mich hinten aufstellen, um zu obsalviren . . . Donnerwetter, da sind sie! (Peter will fortlaufen, allein die Andern halten ihn fest.) Tyboe . Jesper, jetzt setze ich mein ganzes Vertrauen auf Dich! Jesper . Möchten der gnädige Herr wol einen Augenblick verzeihen, ich will blos hinspringen und Mons Weingartens Buch holen, nach welchem der gnädige Herr ja seine Truppen aufzustellen pflegt. Tyboe . Das ist ein vortrefflicher Grund: Du willst blos davonlaufen und uns im Stiche lassen. Bleib' nur lieber hier und suche einen Frieden zu Stande zu bringen; nicht zwar, als ob ich nicht die Courage hätte, jenen unter die Augen zu treten, und wenn ihrer tausend wären. Jesper . Ei ja wohl, das weiß ich ja. Tyboe . Sondern blos um Christenblut zu schonen; es sind junge Leute, aus denen noch etwas werden kann, wenn sie ausgerast haben. Du sollst zwanzig Thaler kriegen, wenn Du einen Vergleich zu Stande bringst. Jesper . Ich werde mein Bestes thun; belieben der gnädige Herr sich nur inzwischen hübsch ruhig zu halten. Tyboe . Höre, Jesper, Du kannst ihnen sagen, daß ich der Mann bin, der Kräfte hat für zehn. Jesper . Ja wohl, und Verstand, werde ich hinzufügen, für zwölfe. Tyboe . Du kannst ihnen sagen, daß ich mit dieser meiner eigenen Hand zweitausend Mann erschlagen habe. Jesper . Ich werde noch zweitausend zusagen. Tyboe . Du kannst ihnen sagen, daß ich meiner Tapferkeit wegen berühmt bin über ganz Holland. Jesper . Ich werde noch England dazu nehmen. Tyboe . Du kannst ihnen sagen, daß ich auf gutem Fuß stehe mit ausländischen Fürsten und Generalen. 76 Jesper . Ich werde noch Könige dazunehmen. Tyboe . Du kannst sagen, daß der König von Holland mir sein Porträt verehrt hat. Jesper . Ich werde sagen, der Kaiser und der Papst haben dasselbe gethan. Tyboe . Du kannst sagen, daß, wenn sie nicht Frieden schließen wollten, ich die ganze Regenz in Trümmern legen werde. Jesper . Ich werde den Studentenhof noch dazunehmen. Tyboe . Du kannst ihnen in der Kürze die sämmtlichen Schlachten herzählen, in denen ich gewesen. Jesper . Ich werde diejenigen noch dazulegen, in denen der gnädige Herr nicht gewesen ist. Tyboe . Du kannst sagen, daß, wenn ich mich recht angreifen will, ich im Stande bin, die Herzen sämmtlicher vornehmen Damen in Contribution zu setzen. Jesper . Ich werde hinzusetzen, in lichterlohe Flammen; laßt mich nur machen. Stygotius . Hört, lieben Leute, bevor wir weiter gehen, scheint es mir doch am besten, wir bedenken uns die Sache nochmals. Ich habe ein Gelübde gethan, mich mit keinem Offizier zu schlagen, das sind Kerle, die keine Raison annehmen; so ist es denn wol das Beste, wir schicken jemand zu ihnen, um zu hören, ob sie sich vielleicht auf Stöcke mit uns schlagen wollen, wobei er dann gleich sagen kann, daß wir gern bereit wären, uns auf den Degen zu schlagen, wenn es nur nicht gegen leges academicas wäre. Wollen sie aber mit uns disputiren, so soll es mir noch lieber sein, gleichviel ob auf Lateinisch oder auf Griechisch. Aber da seh' ich ja Jesper auf uns zukommen; geh' ihm entgegen, Jens, und höre, was er zu bestellen hat, ich weiß gewiß, daß er mein Freund ist, obwol er sich seines Vortheils halber zum Tyboe hält. Jesper . Höre, Jens, ich will Dir was sagen: warum sollen wir uns wol die Glieder entzwei schlagen um zweier Narren willen? Jens . Da bin ich wahrhaftig ganz derselben Meinung. 77 Jesper . Herr von Tyboe wird von allen honneten Offizieren für einen Narren gehalten. Jens . Mein Herr ebenso von den Studenten. Jesper . Und für einen Poltron. Jens . Meiner ebenso. Jesper . Herr Tyboe hat nicht mehr Courage als ein Hase. Jens . Mein Herr ebenso. Jesper . Sowie Ihr nur einen Schritt vorrückt, reißen wir aus. Jens . Wir ebenso. Jesper . Ich habe Vollmacht, einen Vergleich zu schließen. Jens . Ich ebenso. Jesper . Aber ich habe nicht in Absicht, es für nichts und wieder nichts zu thun. Jens . Ich ebenso wenig. Jesper . Die Friedensartikel, meine ich, könnten wol am besten so concipirt werden: erstens soll Herr von Tyboe beiden Armeen einen Schmaus im Fischerhause geben; zweitens soll Herr Magister Stygotius den Tag darauf dasselbe thun. Jens . Du bist wahrhaftig ein Diplomat! Jesper . Heda, Herr von Tyboe, ein schöner und ehrenhafter Vergleich! Ihr sollt morgen einen Schmaus im Fischerhause geben und Stygotius übermorgen. Tyboe . Soll ich der Erste sein? Jesper . Ja gewiß, Ihr habt den Vortritt, das war gerade der schwierigste Punkt. Tyboe . Nun, ich bin es zufrieden. Jesper . Aber, Ihr Herren, bevor wir scheiden, müssen wir uns noch erst als gute Freunde die Hände geben; der Magister giebt dem gnädigen Herrn die Hand, und wir anderen, was die Subalternen und Gemeinen sind, thun dasselbe. Tyboe . Geh' hin und proponire es dem feindlichen Anführer, aber in meinem Namen nicht. Jesper . Ei wie kann der gnädige Herr wol denken, daß ich so einfältig sein würde; ich verstehe mich besser darauf, die Ehre des gnädigen Herrn wahrzunehmen. (Geht zu Stygotius.) Mein 78 Herr Magister, heute hab' ich ein großes Blutvergießen verhindert, Tyboe's Partei war, wie ich sah, die stärkere, und darum habe ich bei Zeiten an Herstellung des Friedens gearbeitet. Denn wenn auch mein Leib in Tyboe's Lager weilte, so war doch mein Herz bei dem Herrn Magister. Stygotius . Das weiß ich sehr wohl, Jesper. Jesper . Wäre es wirklich zur Schlacht gekommen, so wäre ich, davon wollen Euer Magisterheit sich überzeugt halten, mitten im Gefecht desertirt. Ich muß aber gewisser Ursachen halber so thun, als ob ich es mit Tyboe hielte. Stygotius . Ich danke Dir für die gute Gesinnung, die Du für mich hegst, und werde mich bemühen, sie Dir nach Kräften zu vergelten. Jesper (zieht Stygotius zu Tyboe hin) . Nun, Ihr lieben Herren, müßt Ihr Euch in Gegenwart beider Armeen die Hände reichen, so wollen wir übrigen der Reihe nach dasselbe thun. (Sie geben einander die Hände, die Andern machen es ebenso und küssen Einer den Andern.) Jesper . Hört nun, Ihr lieben Herren, nachdem Ihr Euch nun Beide verglichen habt, aber auch Beide gleichmäßig beleidigt seid, so wird es nun wol das Beste sein, daß Ihr eine Allianz zwischen Euren beiden Kriegsheeren errichtet und mit der gesammten Macht Rache nehmt an dem gemeinsamen Feinde. Denn wiewol dieser nicht ganz ohne Grund in Zorn gerathen ist, so dürfen doch solche Helden wie Ihr das nicht auf sich sitzen lassen, daß ihnen Wasser auf den Kopf gegossen ist; wir müssen uns sammt und sonders aufmachen und Leonora's Haus attakiren. Tyboe . Das ist wahr, Jesper, wir wollen das Haus formaliter belagern. Stygotius . Communis injuria communibus armis vindicanda est. Jesper . Aber wir müssen noch eine halbe Stunde warten, bis es nicht mehr so hell ist. Tyboe . Unterdessen können wir die nöthigen Präparatorien veranstalten. 79 Stygotius . Wollen wir uns hier wieder treffen? Jesper . Ja, in einer halben Stunde treffen wir uns an derselben Stelle wieder. Tyboe . So wollen wir uns denn so lange entfernen. (Alle ab außer Jesper.) Neunte Scene. Jesper . Nachher Leonard . Jesper . Nun will ich eine hübsche Komödie anrichten, sowol um die beiden Narren noch ärger zu beschimpfen, als um Leonards Nutzen damit zu befördern. Sieh', da kommt er eben recht. Monsieur Leonard, Ihr kommt wie gerufen! Leonard (kommt) . Wie so? Jesper . Tyboe und Stygotius haben sich vertragen und wollen mit ihrer sämmtlichen Macht Leonora in ihrem Hause überfallen. Das ist nun für Euch eine treffliche Gelegenheit, Euch dermaßen zu insinuiren, daß die Braut Euch sicher ist. Nämlich wenn das Haus überfallen wird, so müßt Ihr mit einigen guten Freunden kommen und die Belagerte entsetzen. Leonard . Aber wenn sie mir nun zu stark sind? Jesper . Das hat keine Gefahr; wenn die einen bloßen Degen sehen, laufen sie alle beide davon, und wenn die Anführer die Flucht ergreifen, so folgen die Uebrigen auf der Stelle. Auch verachten ihn im Grunde des Herzens ja alle, Offiziere sowol wie Soldaten, und stellen sich nur so, als ob sie gut Freund mit ihm wären. Leonard . Ich weiß nur nicht, wo ich in der Eile so viel gute Freunde zusammenbringen soll. Jesper . Kommt nur ganz allein mit entblößtem Degen, so bin ich Euch gut dafür, daß sie alle zusammen die Flucht ergreifen; sicherheitshalber könnt Ihr ja thun, als ob noch Andere hinterdrein kämen. Laßt Euch aber nicht irre machen, daß ich mich stelle, als ob ich auf Tyboe's Seite; ich möchte 80 nicht gern offenbar mit ihm brechen, so lange er noch einen Anker Wein im Keller hat. Leonard . Ach, Jesper, ich werde kaum im Stande sein, Dir meinen Dank zu beweisen und Deine Treue zu belohnen. Jesper . Ich thue nichts aus Eigennutz, alles, was ich verlange, ist, daß, wenn Ihr mal ordentlich eingerichtet seid, ich freie Verfügung, jus vitae et necis habe über Eure Küche und Euren Keller, nebst der Jagdfreiheit in Eurem Hofe über Hühner, Küchlein, Kapaunen, Gänse, Enten u. s. w. u. s. w. Leonard . Alles in meinem Hause soll Dir zu Diensten stehen; mein Oheim ist sehr krank, er stirbt, glaube ich, noch diese Nacht. Jesper . Aber was giebt es denn für einen Spectakel? Laßt uns bei Seite laufen, sie kommen. (Leonard ab.) Zehnte Scene. Ein Offizier . Jesper . Offizier . Ha ha ha ha ha ha! Jesper . Serviteur; worüber lacht Ihr aber so vergnügt? Offizier . Sieh' da, Jesper, bist Du es? Na, da möchte ich darauf schwören, daß Du der Urheber aller dieser Bockssprünge bist, welche von Tyboe macht. Jesper . Allerdings, so ist es; ich habe dies angerichtet, um Monsieur Leonard in seiner Liebesgeschichte beizustehen. Offizier . Das freut mich, Leonard ist ein braver und anständiger Mann. Nun aber höre ich, daß Tyboe Madame Leonora förmlich in ihrem Hause belagern will, ich habe ihm sogar selbst acht Soldaten dazu geliehen, die jedoch so abgerichtet sind, daß sie davonlaufen, sowie sie den geringsten Widerstand finden. Wir müssen dem Kerl schon in allen Stücken zu Willen sein, er ist ein zu fetter Braten für uns. Jesper . Ich fürchte nur, es macht zu viel Aufsehen. Offizier . Ei Possen! Kommt ja jemand, der sich darein 81 mengen will, so will ich ihn schon abhalten; denn sowie sie hören, daß von Tyboe dabei im Spiele ist, so wissen sie auch sofort, daß der Krieg nichts zu bedeuten hat. Ich werde mich ein wenig bei Seite halten; da kommen sie, glaub' ich. Elfte Scene. Stygotius . Tyboe mit einem Haufen Soldaten. Jesper . (Tyboe, mit einem Spieß in der Hand, stellt die Soldaten in Reihe und Glied und läßt sie exerciren, darauf zieht er ganz langsam in völliger Schlachtordnung, unter Trommelwirbel im Tacte vor das Haus; er redet die Soldaten an.) Tyboe . Messieurs und Herren! Jetzt ist die Stunde da, wo Ihr durch Eure Tapferkeit Euch den Weg zur Unsterblichkeit bahnen könnt. Diese Festung, die Ihr erstürmen sollt, scheint allerdings stark; allein je stärker sie ist, um so größer ist auch die Ehre und der Sieg. Ich selbst werde mich zuvörderst an Eure Spitze stellen, um Euch dadurch zur Tapferkeit zu ermuntern. Allons! spiegelt Euch an mir! (Läuft mit dem Spieß gegen die Thüre; die Frauenzimmer rufen zum Fenster heraus: Was soll das heißen? ) Hier ist keine Rettung, als daß Ihr Euch ergebt auf Gnade und Ungnade! (Die Frauenzimmer im Hause schreien und weinen.) Leonard (kommt) . Heda, umzingelt und greift diese Straßenräuber und seht wohl zu, daß Keiner entwischt. (Er schießt eine Pistole in die Luft, worauf sie alle hinfallen wie todt; Jesper hält Tyboe fest, indem er sich stellt, als wenn er ihn decken will.) Tyboe . Das war eine entsetzliche Salve; die ganze Armee auf einmal ruinirt! Leonard . Das ist sicher der Anführer, der muß jetzt auf der Stelle niedergemacht werden! Jesper . Ach, gnädigster Herr, schont seiner und tödtet lieber mich! Leonard . Da hilft kein Bitten, er muß sterben! Jesper . Ach, Herr, bedenkt doch, was Ihr thut! Ihr beraubt die Welt eines Mannes, der mehr als viertausend Schlachten gewonnen hat! Leonard . Hier nichts geschwatzt, er ist des Todes! 82 Jesper (weinend) . Der in der Schlacht bei Amsterdam . . . . Leonard . Fort, fort, laß ihn los! Jesper . Umgebracht hat mit eigener Hand . . . . Leonard . Wenn Du ihn nicht losläßt . . . . Jesper . Mehr als fünftausend Menschen! Tyboe (flüstert ihm zu) . Sag' ihm auch von den drei Herrenstaaten, die ich umgebracht habe! Leonard . Und wenn es Alexander Magnus selber wäre, so muß er sterben! Jesper . Und stach drei Herrenstaaten durch und durch . . . . Leonard . Hilft alles nichts! Jesper . Mit einem einzigen Hiebe! Leonard . Desto größere Ehre für mich, ihn umzubringen! Jesper . Der bei der Belagerung von Brabant ganz allein . . . Leonard . Das ist nun alles umsonst! Jesper . Sturm lief und sich eine halbe Stunde lang mit der ganzen Garnison auf der Mauer herumschlug! Leonard . Ja, da sehe ich denn wohl, daß ich Euch alle Beide umbringen muß. Jesper . Ach, lauft, Herr von Tyboe, und salvirt Euer kostbares Leben! (Tyboe läuft; Leonard setzt ihm nach und stößt ihn mit dem Degenknopf in den Rücken.) Tyboe . Ah . . . .! Ah . . . .! Ich bin tödtlich verwundet, durch und durch gestochen! (Läuft fort.) Zwölfte Scene. Leonard . Jesper . Leonora . Lucilia . Pernille . Nachher ein Bedienter . Leonard . Das ging wahrhaftig, wie es sollte, Jesper. Jesper . Ei, das wußte ich ja zum voraus; wenn seine Wunde jetzt geheilt ist, so kriege ich noch obenein was geschenkt. Aber da kommen die Belagerten heraus, nun haltet Euch dazu. Leonora . Ach, mein theuerster Monsieur Leonard, ist Er es, der uns aus dieser Angst erlöst hat? Ach, könnte ich Ihm doch nur meine Dankbarkeit beweisen. 83 Jesper . Der größte Dienst, Madame, den Ihr ihm erweisen könnt, besteht darin, ihm Eure Tochter zu geben, die er schon so lange liebt; scheint er Euch wirklich ein Mann, den man verachten darf? Leonora . Ich habe jederzeit die größte Hochachtung vor ihm gehabt, allein da er ohne Vermögen ist und meine Tochter ebenfalls, so schien es mir nicht rathsam, sie zusammenzugeben. Leonard . Was das anbetrifft, so werde ich Euch und Eure Tochter hoffentlich wol noch ernähren können. Denn so lange mein Oheim lebt, unterstützt er mich mit allem, was ich brauche; stirbt er aber, so erbe ich sein ganzes Vermögen, das nicht unbedeutend ist. Leonora . So habe ich denn gegen die Verlobung nichts einzuwenden; mit der Hochzeit müßt Ihr aber warten, bis er todt ist. Leonard . Mein Oheim macht es nicht mehr lange, ich glaube kaum, daß er noch diese Nacht überlebt. Aber da kommt sein Diener; heda, Christoph, wie geht es mit Deinem Herrn? Christoph . Ich komme, Ihm zu melden, daß Monsieur Jeronimus bereits verschieden ist. Jesper . Ah der tausend, das war sehr höflich von ihm. Nun also, Madame, werdet Ihr ja hoffentlich keine Bedenklichkeiten haben? Leonora . Durchaus nicht; ich halte meine Tochter im Gegentheil für das glücklichste Mädchen von der Welt. Jesper . So laßt uns denn kurzen Proceß machen: Ihr habt lange genug gewartet, kommt nun herein und reicht einander die Hände. (Sie reichen einander die Hände.)