Ödön von Horváth Figaro läßt sich scheiden Komödie in drei Akten (9 Bildern) Personen: Graf Almaviva Die Gräfin    , seine Frau Figaro,   Kammerdiener des Grafen Susanne  , dessen Frau, Zofe der Gräfin Vier Grenzbeamte Offizier Ein Arzt Ein Forstadjunkt Hebamme Hauptlehrer Eine Magd Antonio    , Schloßgärtner, Susannes Onkel Fanchette  , seine Tochter Pedrillo  , deren Gatte, ehemaliger Reitknecht des Grafen Almaviva Wachtmeister Cherubin  , ehemaliger Page des Grafen Almaviva Ein Gast Carlos  , Findelkind Maurizio  , Findelkind Das Stück spielt einige Zeit nach der Hochzeit des Figaro. Große Pause nach dem zweiten Akt. Erster Akt 1. Bild Im tiefen Grenzwald. Graf Almaviva, die Gräfin, Figaro und Susanne fliehen vor der Revolution. Man hört nur ihre Stimmen, denn es ist stockdunkle Nacht. Gräfin   Wo bist du? Graf   Hier. Gräfin   Ich sehe nichts. Graf   Es ist die finsterste Nacht meines Lebens. Susanne schreit kurz auf. Figaro   Was denn los? Susanne   Ich bin in etwas Weiches getreten. Gräfin   Hoffentlich gibts hier keine Schlangen. Susanne   Heiliger Himmel! Der Mond bricht bleich durch die Wolken, und nun kann man die Flüchtlinge sehen. Graf   blickt ironisch empor: Wir haben zunehmenden Mond. Gräfin   sieht sich um: Beißen Schlangen auch in der Nacht? Susanne zuckt ängstlich zusammen. Figaro   Gnädigste Frau Gräfin, wenn ich ergebenst bitten dürft, komplizierens nicht noch die Situation. Sie ist auch ohne Schlangen schon komplizierend genug. Graf   Das walte Gott. Susanne   Ich bin ganz zerkratzt vom Gestrüpp. Gräfin   Und ich zerfetzt – In der Ferne fällt ein Schuß. Susanne   bange: Was war das? Figaro   Ein Schuß. Aber wir sind gerettet. Gräfin   Ich muß mich setzen – Sie setzt sich auf eine Wurzel. Graf   langsam und leise zu Figaro: Sind wir sicher schon jenseits der Grenze. Figaro   Herr Graf, ich kenne hier jede Lichtung. Links der See, rechts die Schlucht, drüben das Moos und dort liegt das teure Vaterland. Wir haben es hinter uns. Graf   Wollen es hoffen. Seit vierundzwanzig Stunden frage ich mich immer wieder, was habe ich denn nur verbrochen, daß ich wie ein ehrloser Brigant das Land meiner Väter heimlich verlassen muß, um das nackte Leben zu retten. Figaro   Ihr seid der hoch- und hochwohlgeborene Graf, oberster Erb-, Lohn- und Gerichtsherr. Sind das nicht Verbrechen genug? Er lächelt zweideutig. Graf   Die Ereignisse der letzten Tage sind unfaßbar. Seine Majestät ermordet, der Adel vertrieben, erschlagen, die Güter geraubt, die Kirchen zerstört, die Schlösser geplündert – ein Bäckergehilfe ist Marschall, ein Schuster Präsident und ein Schreiber Gesandter in London! Die Privilegien abgeschafft, gleiches Recht für alle, ob einer Landstreicher ist oder Fürst: gleiches Recht. Nein, dieses Unrecht kann sich nicht halten, es schlägt jedem göttlichen Gesetz ins Gesicht! Kein Mensch hätte das ahnen können. Figaro   Außer denen, die die Revolution gemacht haben. Graf   sieht ihn groß an. Gräfin   bange: Es geht wer – Susanne   Wo? Alle lauschen. Gräfin   tonlos: Man verfolgt uns. Figaro   Keine Seele. Graf   Im nächtlichen Wald hört man immer Schritte. Susanne   Besonders im Herbst, wenn die Blätter fallen. Stille. Graf   zart zur Gräfin: Komm, wir müssen weiter – Gräfin   leise: Ich möchte schlafen. Graf   Hier? Im Wald? Gräfin sieht ihn groß an und summt ein melancholisches Lied. Graf hält die Hand vor die Augen. Figaro   um aufzuheitern: Gnädigste Frau Gräfin, ich hab mal mit einem Scheintoten gesprochen und der hat gesagt, lieber ein gehetztes Wild im Dickicht, als ein Kaiser unter der Erde! Lieber in einem Himmelbett, als im Himmel. Gnädigste Frau Gräfin, ich beschwör Euch, in spätestens einer halben Stunde erreichen wir das erste Dorf – ich spür es direkt! Verlaßt Euch auf meinen berüchtigten Instinkt! Gräfin   muß unwillkürlich leise lachen: Dein Instinkt, mein Bester, in allen Ehren – Susanne   fällt ihr ins Wort, ebenfalls um aufzuheitern: Oho Frau Gräfin! Über Figaros Instinkte laß ich nichts kommen! Es trifft alles ein, was er prophezeit, und er hat auch alles prophezeit. Graf   Auch die Revolution? Figaro   Die zu prophezeien, das war kein Kunststück gewesen. Graf   fixiert ihn: Kein Kunststück? Figaro   weicht aus: Wir waren alle taub. Oder blind. Susanne   Ich seh ein Licht! Dort! Alle sehen hin. Graf   Ich sehe nichts. Gräfin   Wo ist mein Lorgnon? Figaro   Jawohl, ein Licht! Ich seh es genau – ohne Zweifel ein Haus, gnädigste Frau Gräfin! Gräfin   In Gottes Namen! Sie erhebt sich. Ich glaub schon, ich sitz in der Hölle und die Hölle besteht aus lauter Wald. 2. Bild Vier Stunden später, es ist noch immer Nacht. Auf der Grenzwache, anderthalb Kilometer von der Revolution entfernt. Behördlicher Raum mit Schreibtisch, Schrank, eisernem Bett und dergleichen. Vier Grenzbeamte haben Nachtdienst. Der Erste sitzt am Schreibtisch und liest die Zeitung, er ist der Älteste. Der Zweite spielt mit dem Dritten Schach, und der Vierte liegt auf dem eisernen Bett und döst rauchend vor sich hin. Erster   Wir bekommen Verstärkung. Er liest. »Infolge der blutigen und unübersichtlichen Ereignisse in unserem Nachbarreiche, hat das königliche Kriegsministerium im Einvernehmen mit dem königlichen Innenministerium den Beschluß gefaßt, die Grenzwachen durch Militär zu verstärken, um einerseits den Zuzug unerwünschter Elemente und andererseits das Übergreifen der revolutionären Irrlehren nachhaltigst zu verhindern« – Er blickt aus der Zeitung empor. »Zu verhindern« ist gut gemeint, aber zwangsläufig-weltgeschichtliche Elementarentwicklungen lassen sich nicht aufhalten, fürchte ich – Er grinst. Zweiter   Schach! Dritter schlägt eine Figur. Element! Jetzt hab ich den König übersehen! Dritter   König übersehen, alles übersehen – Erster   Hier steht grad ein hochinteressanter aktueller Bericht, wie der König ermordet worden ist, von einem Augenzeugen – Liest. »Er starb wie ein König« – so ein Blech! Wie soll denn ein König anders sterben, als wie ein König, wenn er doch schon ein König ist! Er sieht sich, auf Zustimmung wartend um, doch keiner reagiert. Dritter   Schach! Vierter   plötzlich zum Ersten: Kennst du Kitty? Erster   perplex: Wer ist Kitty? Vierter   Wenn du sie nicht kennst, dann ist der Fall uninteressant. Sie ist Kellnerin beim wilden Mann. Erster   braust auf: Ich bitt dich, verschon mich damit! Stille. Vierter   Kitty hat die längsten Beine der Welt. Zweiter   Und die längsten Ohren. Dritter   Matt. Zweiter   springt auf: Element! Erster   Also ich versteh euch wirklich nicht mehr, Kameraden! Nur anderthalb Kilometer von uns gebiert sich eine neue Welt in sich selbst, ein Orkan der menschheits-historisch bedeutungsvollsten Ereignisse fegt Jahrhunderte über den Haufen, aber ihr spielt da Schach und kümmert euch um die langen Ohren einer Kellnerin! Offizier tritt ein. Die Vier springen auf und salutieren. Offizier   zieht Mantel und Handschuhe aus, setzt sich an den Schreibtisch: Was Neues? Erster   Melde gehorsamst, alles in Ordnung. Offizier   unterschreibt Formulare: Hat der Pöbel drüben wieder herübergeschossen? Erster   Melde gehorsamst, nur Freudenschüsse. Offizier   Bei deren Freude gibts meistens Leichen. Kannibalen! Sonst was Neues? Erster   Melde gehorsamst, eine Arretierung. Vier Personen. Offizier horcht überrascht auf. Zweiter   Ich war auf meinem Rundgang und traf besagte Arretierte unweit der Schlucht. Zwei Männer, zwei Frauen. Offizier   Flüchtlinge? Zweiter   Angeblich. Sie hatten sich verirrt und gingen im Kreis. Die ältere Frau war sehr erschöpft. Dritter   Sie war am Ende – Zweiter   Sie hatten keinerlei Legitimationen bei sich. Erster   Und da sich der Mann anläßlich der Arretierung sehr renitent benahm, haben wir bei der angeblich erschöpften Frauensperson anläßlich einer Visitation diese Perlen gefunden – Er überreicht dem Offizier eine Kassette. Offizier   öffnet sie: Huj! Er betrachtet die Perlenschnur. Also, wenn das keine Imitation ist, dann sind diese Arretierten echte Fürsten. Zweiter   Oder Räuber. Dritter   Ohne Legitimation ist das schwer zu unterscheiden. Erster lacht kurz. Offizier   horcht auf: Was soll das? Erster steht stramm. Offizier   fixiert ihn und brüllt plötzlich: Ruhe! Stille. Zum Ersten, fast leise. Bring sie herein. Alle vier. Erster   Zu Befehl! Ab in den Arrest. Offizier   Wer von euch kennt Kitty? Vierter   Melde gehorsamst, wer ist Kitty? Offizier   Kitty kriegt ein Kind. Sie behauptet, ein Grenzbeamter wäre der Vater, sie wüßte aber nicht mehr, welcher. Seht euch vor, meine Herren! Die Sache muß geordnet werden. Er deutet auf den Zweiten und Dritten. So oder so. Er deutet auf den Vierten. Oder so. Erster kommt mit dem Grafen und Figaro. Zum Ersten. Und die beiden Frauen? Graf   Meine Frau ist zusammengebrochen. Offizier   stutzt und sieht sich etwas ratlos um: Hm. Zum Ersten. Und die andere? Figaro   kommt dem Ersten zuvor: Die andere ist in der Zelle zurückgeblieben, um die kranke gnädigste Frau Gräfin zu pflegen. Offizier   stutzt wieder: Gräfin? Erster   Mir scheint, daß sie nicht simuliert, melde gehorsamst. Liegt auf der Erde und kann sich nicht rühren. Offizier   Ruf einen Arzt. Erster   Zu Befehl! Ab. Graf   ironisch zum Offizier: Ich danke Ihnen, mein Herr. Offizier   zum Grafen: Treten Sie vor. Graf   tritt vor. Ihr Name? Graf   Graf Almaviva. Offizier   Beruf? Graf   Groß-Corregidor und im diplomatischen Dienste meines unglücklichen Königs. Gesandter in London, Lissabon und Rom. Offizier   Bitte, nehmen Sie Platz. Graf rührt sich nicht. Offizier   deutet auf einen Sessel. Bitte – Graf   bleibt stehen: Ich protestiere. Ich komme aus einer Hölle, danke dem Himmel für meine Errettung und werde wie ein Verbrecher behandelt. Offizier   Da Sie ohne Legitimation und Erlaubnis die hermetisch gesperrte Grenze überschritten haben, muß ich pflichtgemäß die Amtshandlung einleiten. Sollte es sich erweisen, daß diese gesetzwidrige Überschreitung einen Akt der nackten Notwehr darstellt, so haben Sie nichts zu befürchten. Graf   Man hätte mich erschlagen. Offizier   Davon bin ich überzeugt. Graf   Bei uns regiert die Bestie. Offizier   Kannibalen. Graf   verneigt sich leicht: Und, was meine Legitimation betrifft, so bitte ich Sie, zu registrieren, daß ich die Ehre und das Vergnügen habe, Ihren Herrn Unterstaatssekretär zu meinen wenigen Freunden zählen zu dürfen. Ich kenne ihn aus meiner Londoner Zeit, er war damals Handelsattaché. Wer ich bin, wird er jederzeit beweisen. Offizier   Ich werde Ihnen in aller Früh Gelegenheit geben, sich mit dem Herrn Unterstaatssekretär zu verständigen. Und was Ihre Frau Gemahlin betrifft, so werde ich dafür sorgen, daß man sie in das Krankenhaus transportiert, sobald sie der Arzt untersucht haben wird. Wollen Sie nun Platz nehmen? Er lächelt verbindlich. Graf   Gestatten Sie mir, daß ich mich zu meiner Frau begebe? Offizier   Jederzeit, Herr Graf! Graf   verbeugt sich leicht und geht in den Arrest. Zu Figaro. Treten Sie vor. Ihr Name? Figaro   Figaro. Offizier   Beruf? Figaro   Kammerdiener des hoch- und hochwohlgeborenen Grafen Almaviva. Offizier   Geboren? Figaro   Unbekannt. Offizier   Was heißt das? Figaro   Ich bin ein Findelkind. Offizier   Und das relative Alter? Figaro   Keine Ahnung! Offizier   Aber das gibts doch nicht! Sie müssen sich doch an diverse wichtige Daten in Ihrem Leben erinnern, an Hand derer Sie Ihr Alter rekonstruieren können! Figaro   Wenn ich an Hand der diversen wichtigen Daten meines Lebens mein Alter rekonstruieren würde, dann müßt ich den Trugschluß ziehen, daß ich zirka dreihundert Jahr alt bin – soviel Diverses hab ich nämlich bereits hinter mir. Zigeuner stehlen mich, ehe ich von meinen Eltern eine Ahnung habe, ich entlaufe ihnen, weil ich kein Vagabund sein will, ich suche, strebe, ringe nach einem ehrlichen Beruf und finde alle Wege verschlossen, alle Türen versperrt. Ich hungerte und hatte Schulden – welch ein wunderliches Geschick! Endlich fand ich eine offene Tür und griff nun alle Berufsarten auf, nur um leben zu können, war Journalist, Kellner, Politiker, Spieler, Vertreter, Barbier, bald Herr und bald Diener, wie es dem Zufall beliebte, ehrgeizig aus Eitelkeit, fleißig aus Not, aber träge von Natur und Wonne! Schönredner bei Gelegenheit, Dichter zur Erholung, Musiker nach Bedarf, Liebhaber aus Laune! Alles habe ich gesehen, getan, genossen, jede Täuschung war geschwunden, ich war nur zu sehr erwacht, bis ich dann – geheiratet habe! Das war der Markstein in meinem Leben, die große Um- und Einkehr, denn seit jener Hochzeit des Figaro bin ich ein anderer Mensch – Offizier   unterbricht ihn, maßlos erstaunt über den plötzlichen Redeschwall, und schlägt auf den Tisch: Jetzt aber Schluß! Zu den Grenzbeamten. Hat er getrunken? Figaro   Ja. Offizier   grimmig: Das merk ich. Figaro   Da ich seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hab und da weder meine Frau noch der Graf noch die Gräfin auf das bißchen Schnaps, das wir bei uns führten, gesteigerten Wert legten, vertilgte ich das bißchen im Augenblick unserer Verhaftung, um es vor der drohenden Konfiskation zu bewahren. Offizier   seufzt gequält: Ein Hofnarr! Zu Figaro. Name der Frau? Figaro   Susanne. Sie ist die Kammerzofe der gnädigsten Frau Gräfin. Offizier   Aha. Figaro   Wir sind schon sechs Jahre verheiratet. Offizier   Das geht mich nichts an. Erster kommt mit dem Arzt zurück. Arzt   begrüßt den Offizier: Ist jemand tot? Figaro   Noch nicht. Offizier   muß lächeln: Wir haben nur eine Patientin. Bitte, nach mir – Geht mit dem Arzt in den Arrest ab. Figaro   Hat einer der Herren eine Zigarette? Erster   Rauchen verboten! Zweiter   Geh, das ist doch kein Mörder! Zu Figaro. Hopp, Hofnarr! Er wirft ihm eine Zigarette zu. Figaro   fängt sie: Dank, Herr General – Zündet sie an. Zweiter   zum Ersten: Er ist froh, daß er lebt. Stille. Dritter   zu Figaro: Gehts bei euch wirklich so drunter und drüber, wie es in unseren Zeitungen steht? Figaro   Es ist nicht so schlimm, sie zünden nur alles an und erschlagen die Herrschaft. Erster   Da habt ihrs! Ich habs ja gewußt, daß alle diese Greuelnachrichten übertrieben sind! Zweiter   zu Figaro: Ist es wahr, daß sie alle Grenzbeamten entlassen haben! Ohne Pension? Figaro   Alles Greuel! Die Herren Grenzbeamten versehen ihren Dienst genau so, als wäre nichts geschehen. Erster   Da habt ihrs. Vierter   Und wie stets eigentlich mit den Alimentationen? Ich hab gelesen, sie hätten die freie Liebe eingeführt, und die Weiber sind also Gemeingut – es tat mich nur interessieren, wer sorgt denn dann für die Kinder? Figaro   Nach dem Programm: die Allgemeinheit. Zweiter   Element! Das täte uns not! Vierter   grinst: Das wär ein Programm – Erster   Eine bevölkerungspolitische Tat! Figaro   Nach dem Programm soll überhaupt das ganze Verhältnis zwischen Mann und Weib neu geregelt werden. Ich, zum Beispiel, hab schon oft mit meiner Frau über das Kinderkriegen debattiert, denn ich war immer dagegen. Als Diener und Zofe, denen an jedem Ersten und Fünfzehnten gekündigt werden kann, darf man sich keinen Kindersegen gestatten, wär ja ein strafbarer Leichtsinn, solange deine Existenz auf der Laune deines Herrn basiert. Erster   zu den Grenzbeamten: Da hört ihrs wieder! Laune des Herrn und derweil steht doch dieser brave Mann – Er deutet auf Figaro – weißgott nicht in Verdacht, ein Sendbote der Revolution zu sein, er haßt sie vielmehr und ist geflohen – Figaro   unterbricht ihn: Pardon, aber hassen tu ich die Revolution nicht. Wie käm ich denn dazu? Ich find es absolut verzeihlich, daß jemand aufbegehrt, weiß ich es doch aus allerintimstem Kontakt, daß die jetzt vertriebenen Herren Zahlreiches auf dem Kerbholz haben, habe auch auf dem eigenen Buckel verspürt, daß es zu einer Explosion kommen muß – ich hab es direkt wetterleuchten gesehen und hab es auch prophezeit. Dritter   Sie haben also mit der Revolution kokettiert? Figaro   Kokettieren tu ich nie. Meine Herren, ich war der erste Diener, der seiner Herrschaft die Wahrheit gesagt hat. Stille. Erster   Wenn Sie die Wahrheit gesagt haben, warum sinds denn dann nicht zuhaus geblieben? Er grinst. Figaro   Das hat Gründe privatester Natur. Meine Herren, als ichs mit meiner Frau besprochen habe, sollen wir beide nun bleiben oder mit unserer Herrschaft flüchten, da hat sie gesagt, es gäbe auch eine Treue und man hätt nicht nur Pflichten gegen sich selbst, sondern auch gegen seine Mitmenschen, wenn es auch nur die eigene Herrschaft war. Wir hätten mit ihr in der guten Zeit gelebt und würden sie also auch im Unglück nicht verlassen dürfen – wißt ihr, meine Frau ist ein richtiger Mensch mit Herz. Vierter   Eigentlich sind Sie also nur wegen Ihrer Frau geflohen? Figaro   horcht auf, stutzt; leise: Vielleicht. Er denkt nach. Stille. Zweiter   Ich frag mich oft, warum gibts eigentlich zweierlei Menschen, Mann und Frau – Dritter   Frag den lieben Gott. Erster   Es gibt keinen Gott. Figaro   plötzlich: Könnt ich mal meine Frau sprechen? Vierter   Jederzeit. Figaro   Danke – Er will ab in den Arrest und trifft in der Tür Susanne, die soeben heraustritt. Susanne   Ach, da bist du ja – Figaro   Ich wollt gerade zu dir. Susanne   lächelt: Komisch. Ich muß schon seit fünf Minuten immer an dich denken. Figaro   Und ich an dich. Telepathie – Er grinst leise. Susanne   Wo stecktest du denn die ganze Zeit? Figaro   Ich hab mich mit den Herren unterhalten. Susanne   lächelt: Ich hatte schon Angst, du hättest mich sitzen lassen – Figaro   Nein. Wie gehts der Gräfin? Susanne   Schlecht. Figaro   Was sagt der Arzt? Susanne   Der sagt keinen Ton. Stille. Figaro   Sie wird schon wieder gesund. Susanne   Ich weiß nicht, du bist so teilnahmslos – Figaro   Ich bin nur auch etwas nervös. Susanne   Die arme Gräfin kann sich überhaupt nicht beruhigen, jetzt hat sie schon eine Spritze bekommen, aber immer hört sie Schritte und glaubt, sie würde verfolgt – Erster   seufzt: Hier wird sie von niemand verfolgt! Hier herrscht Ruhe und Ordnung. Susanne   Gottseidank! Ich bin ja nur froh, daß ich über der Grenze bin, drüben herrscht ja die Hölle! Sie können sich das gar nicht ausmalen, selbst in Ihrer kühnsten Phantasie, meine Herren! Lauter Verbrechen, Raub und Mord und – Figaro   unterbricht sie: Nana! Übertreib nur nicht so! Susanne   perplex: Übertreiben? Ich?! Figaro   Was die treiben, das wird bei jeder Revolution getrieben und ist nur logisch, denn vom Standpunkt der Revolution aus haben die Leut auch recht. Susanne   Recht? Figaro   Es gibt zweierlei Recht. So oder so. Dir und mir, zum Beispiel, hätt keiner ein Haar gekrümmt, wir hätten ruhig zuhaus bleiben können, wie deine ganze Verwandtschaft, Antonio, Pedrillo, Fanchette – uns zwei hätt niemand erschlagen, höchstens wär ich vielleicht sogar Schloßverwalter geworden – Susanne   fällt ihm ins Wort: Schloßverwalter?! Figaro   Warum nicht? Stille. Susanne   starrt ihn an: So hab ich dich noch nie reden gehört – Figaro   fixiert sie: Nein? Hast es denn vergessen? Stille. Susanne   sieht sich fast ängstlich um; leise: Ich muß jetzt wieder zur Gräfin – Ab in den Arrest. Stille. Erster   zu Figaro: Sagen Sie, Verehrtester: wieso reagiert denn Ihre Frau Gemahlin auf welthistorische Ereignisse so ganz anders wie Sie? Figaro   grinst: Sie glaubt noch an den lieben Gott. 3. Bild Drei Monate später. Hoch drohen in den Bergen, in einem der schönsten Winterkurorte der Welt. Große Hotelterrasse, die zum Appartement des Grafen Almaviva gehört, mit herrlicher Aussicht auf hochalpine Majestäten. Auf dem Eislaufplatz vor dem Hotel spielt Musik. Susanne zieht der wiederhergestellten Gräfin Schlittschuhe an. Schnee und Sonne. Gräfin   Daß ich in diesem Leben noch mal aufs Eis gehen werde, das hätt ich mir nicht geträumt, noch vor wenigen Wochen – Susanne   So vergeht das Böse, Frau Gräfin. Die Schuhe sitzen fabelhaft. Gräfin   Sie sind mir zu eng. Susanne   Oh, das vergeht! Figaro   erscheint: Der Eislehrer wartet, gnädigste Frau Gräfin. Gräfin   Bin schon bereit. Wo steckt denn der Graf? Figaro   Herr Graf befinden sich im Casino. Gräfin   lächelt: Er sollt auch lieber Sport treiben, als immer spielen, wo er doch nur verliert. Susanne   Viel Vergnügen, Frau Gräfin! Gräfin   Leg dich in die Sonne, Susanne! Ab. Susanne   Komm, Figaro, jetzt machen wir es uns bequem – Während sie zwei Liegestühle in die Sonne rückt. Weißt du, wie hoch wir hier sind? Zweitausend Meter über dem Meer. Figaro   Immer noch zu nieder für die hohen Preise. Der teuerste Winterkurort der Welt. Und das teuerste Hotel. Susanne   Du und ich, wir zahlens ja nicht. Figaro   Meinst du? Susanne   bietet ihm Platz an: Darf man bitten, Herr Graf – Figaro   setzt sich: Diese Höhensonne ist ungesund. Sie ist nur gesund für Kranke. Susanne   Wer sagt das? Figaro   Ich. Susanne   lächelt : Hast Angst, daß du krank wirst? Armer Figaro! Figaro   Amüsier dich nur. Susanne   Ach Figaro, wie hast du dich verändert! Was fehlt dir denn eigentlich? Drei Monate sind wir nun fort, zuerst war die arme Gräfin sieben Wochen im Sanatorium – Figaro   unterbricht sie : Das war kein Sanatorium, das war eine Irrenanstalt für die höheren Zehntausend. Die teuerste Irrenanstalt der Welt. Stille. Susanne   Früher warst du nicht so pedantisch. Figaro   Ich habe Sorgen. Susanne   Du machst dir Sorgen! Es ist uns noch nie so gut gegangen wie in dieser Emigration. Lauter große Hotels, und wir werden wie Gäste behandelt. Figaro   Wie bezahlende Gäste. Aber wie lange werden wir denn noch bezahlen können bei dem luxuriösen Lebenswandel, den unsere Herrschaft zu führen beliebt? Bis Ostern, und was ist dann? Dann ist es Schluß mit den Perlen, die wir vor die Säue geworfen haben! Susanne   fettet sich mit einer weißen Sonnensalbe ein : Gestern abend sagte der Graf zur Gräfin, in spätestens vier Wochen sind wir wieder zu Hause. Figaro   springt auf Ich kann diesen Blödsinn nicht mehr hören! Vor drei Monaten hat er gesagt, in zwei Monaten ist alles aus. Essig! Vor acht Wochen hat er gesagt, in sechs Wochen ist alles aus. Essig! Vor vier Wochen hat er gesagt, Weihnachten feiern wir zuhaus – und Weihnachten ist übermorgen! Also wieder Essig! Ich sage dir, es ist alles Essig, die Lage konsolidiert sich, alles kapituliert, und wir werden das Ende nicht mehr erleben, nur unser Ende! Essig, Essig, Essig! Susanne   Der Graf ist ein gewiegter Diplomat, willst du es besser wissen? Figaro   hält ruckartig und fixiert sie Wähle zwischen ihm und mir! Susanne   perplex : Was heißt das? Figaro   Susanne, es ist eine Welt zusammengebrochen. Als in jener Nacht wir über die Grenze gingen, mitten im Wald, und ich, um der Gräfin Mut zu machen, den Unsinn von dem Scheintoten erzählte – erinnerst du dich? –, da wurde es mir plötzlich klar, daß ich zu Scheintoten rede und daß ich lüge, wenn ich den Hofnarren spiele, um vor Schwerkranken für das Leben zu plädieren. Es wäre besser für den Grafen und die Gräfin gewesen, sie wären nie über die Grenze gekommen, wären geblieben und man hätte sie erschlagen – Susanne   entsetzt Figaro! Figaro   Es ist eine Welt zusammengebrochen, eine alte Welt. Der Graf und die Gräfin, sie leben nicht mehr, sie wissen 's nur noch nicht. Sie liegen aufgebahrt in den Grand-Hotels und halten die Pompesfunebres für Portiers, die Totengräber für Oberkellner und die Leichenfrau für die Masseuse. Sie wechseln jeden Tag die Wäsche, es bleibt aber immer ein Totenhemd, parfümieren sich, es riecht aber immer nach Blumen, die auf einem Grab verwelken. Es geht in die Grube, Susanne! Willst du mit? Ich nicht. Susanne   ängstlich Ich versteh dich nicht, Figaro – Figaro   Wir müssen uns von den Almavivas trennen. Susanne   Trennen?! Figaro   Wir müssen uns selbständig machen. Heut ist der Erste. Susanne   Bist du verrückt?! Figaro   Ich bin zwar kein gewiegter Diplomat, aber ich weiß, was ich will. Er holt eine Zeitung aus seiner Tasche hervor. Ich lese hier in den kleinen Anzeigen: es ist ein Barbiergeschäft zu verkaufen. Susanne   Barbier? Figaro   Ja, ich werde wieder Barbier. Er liest eine kleine Anzeige. »Bestrenommierter Friseursalon wegen Ausheirat zu verkaufen. In Großhadersdorf.« Großhadersdorf ist ein emporstrebender, mittlerer Ort mit dreitausendvierhundert Seelen. Schöne Umgebung, hügeliges Land. Ich hab mich erkundigt. Viel Wald. Stille. Susanne   starrt ihn an Ist das dein Ernst? Figaro   Absolut. Und als Abfertigung soll uns der Graf nur jene Summe gewähren, die wir hier zu viert in einer Woche verbrauchen, exklusive jener Unsummen, die er täglich im Kasino verspielt. Nein, Susanne, ich spiele nicht mehr mit, wir machen uns selbständig und werden uns retten. Was starrst mich denn so an? Susanne   Weil mir etwas eingefallen ist – Figaro   Was? Susanne   Du hörst es nicht gern. Figaro   Mir kannst du alles sagen. Stille. Susanne   Als wir geheiratet haben, hast du immer gesagt, zwei derart unselbständige Existenzen wie Zofe und Diener, die könnte sich doch kein Kind leisten, und das hab ich ja auch eingesehen – Figaro   Na also! Susanne   Aber du hast auch immer gesagt, sollten wir mal unsere eigenen Herren werden, dann sofort – »Sofort!« hast du gesagt. Figaro   Stimmt. Aber ich muß erst sehen, wie der Hase läuft. Susanne   Was für ein Hase? Figaro   Abwarten, ob wir auch unsere eigenen Herren bleiben! Susanne   lächelt seltsam : Wie ängstlich du geworden bist – Figaro   Ich bin nicht feig, ich hab nur Respekt vor der Zukunft! Stille. Susanne   plötzlich : Für mich wird der Graf schon sorgen. Figaro   Für dich hat niemand zu sorgen, nur ich! Susanne   Ich bleibe. Figaro   So? Du willst mich jetzt allein lassen, wo ich doch nur wegen dir geflohen bin? Susanne   Das ist nicht wahr, du wärest auch aus Treue zum Grafen – Figaro   unterbricht sie: Das ist möglich, aber ich wär auch geblieben, wenn du geblieben wärst! Zu guter Letzt bin ich einzig und allein nur wegen dir emigriert, ich bin ein Emigrant aus ehelicher Treue und aus sonst nichts! Stille. Susanne   Wie wirds denn sein, wenn wir alt werden und es ist niemand da, der zu uns gehört? Ich werde nie das Wort »Mutter« hören und du nie das Wort »Vater«. Es wird sinnlos geworden sein, daß wir überhaupt gelebt haben. Figaro   Viel Sinn hats so und so nicht. Und woher willst du wissen, ob wir überhaupt alt werden in solch unruhigen Zeiten? Susanne   Wenn du so redest, möcht ich gleich sterben. Figaro   zart: Glaub es mir, ich hab dich sehr lieb. Susanne   Das allein genügt mir nicht. Figaro   Genügt dir nicht? Graf   kommt zu Susanne: Wo ist denn die Gräfin? Figaro   Sie tanzt auf dem Eise. Graf blickt Figaro überrascht an und mustert ihn mißtrauisch, denn er merkt in seinem Tonfall eine gewisse Respektlosigkeit. Susanne   will retten: Figaro ist heut so nervös – Graf   leicht ironisch: Ach! Ist es der Föhn, oder habt ihr euch wieder mal gestritten? Figaro   Nein, Herr Graf, wir sind derselben Meinung. Graf   Das wäre ja nur begrüßenswert – Er setzt sich. Susanne wendet sich weinend ab. Graf blickt sie überrascht an. Figaro   gibt sich einen Ruck: Herr Graf, Sie haben Artikel über Artikel verfaßt und Vorträge gegen die neuen Herrschaften gehalten – Graf   unterbricht ihn: Das hatte keinen Sinn, das sah ich ein. Die neuen Herrschaften werden sich gegenseitig stürzen, in längstens vier Wochen – Figaro   fällt ihm ins Wort: Herr Graf, und wenn sie sich nicht stürzen? Graf   fährt hoch. Pardon! Stille. Graf   Susanne sagte mal, du könntest prophezeien. Aber ich kann auch prophezeien. Gib acht! Figaro   Ich verstehe Sie nicht, Herr Graf. Graf   Ein Mensch, der heute zu meiner täglichen Umgebung gezählt werden will, der soll mir nicht immer seine Ansicht sagen, selbst wenn sie richtig ist, er soll mich lieber durch bedingungslose Zustimmung belügen, denn eine Wahrheit in solcher Zeit ist häufig nur heimliche Kritik. Und für heimliche Kritik sorge ich persönlich – Er nickt ihm lächelnd zu. Figaro   Ich hätte nie so unbesorgt gefragt, aber ich darf leider nicht sorglos in die Zukunft leben, denn ich habe auch für meine Frau zu sorgen, ob es ihr paßt oder nicht, es ist meine Pflicht Nummer eins. Herr Graf, ich würd mich an Ihrer Stelle an einem gutgehenden Kaffeehaus beteiligen, heut ist noch Zeit. Graf   Du bist wohl krank! – Was sind das für laszive Vorschläge? Figaro   Sie sind von der Not diktiert. Graf   Leidest du Not? Susanne   weinend: Herr Graf, er ist verrückt geworden, er möcht kündigen – kündigen möcht er! Sie schluchzt. Graf   Kündigen? Er fixiert Figaro. Stille. Figaro   verlegen und unsicher: Es ist heut der Erste, Herr Graf – Graf   fällt ihm ins Wort: Spielt keine Rolle. Wer nicht bei mir bleiben will, kann jederzeit fort. Akzeptiert. Figaro   Danke, Herr Graf! Stille. Graf   zu Susanne: Wo wollt ihr denn hin? Etwa zurück? Figaro   kommt Susanne zuvor: Ich kann mich beherrschen, Herr Graf! Graf   zu Figaro: Gib acht! Wenn du als Emigrant zurückkehrst, verlierst du den Kopf! Figaro   Mit Recht. Graf   perplex: Recht? Figaro   Herr Graf, es gibt leider zweierlei Recht. So oder so. Susanne   fährt plötzlich Figaro an: Es gibt aber auch zweierlei Unrecht! So oder so! Figaro   zu Susanne: Das liegt in der Natur der Dinge. Stille. Graf   zu Susanne: Ihr wollt also nicht nach Hause – Susanne   weinend: Er will wieder Friseur werden – Graf   Wieder Friseur! Er lächelt unwillkürlich. Figaro   Herr Graf, ich möchte nach Großhadersdorf – Graf   unterbricht ihn: Interessiert mich nicht. Figaro   Bitte – bitte! Stille. Graf   Wie lange warst du bei mir? Figaro   Neun Jahre, Herr Graf. Graf   Hm. Es tut mir leid, daß wir uns trennen, aber ich habe es erwartet, denn ich fühle bereits seit einiger Zeit, du treibst passive Resistenz. Figaro   Pardon, das ist alles nur aktiver Selbsterhaltungstrieb. Graf   Ich vertrage alles, nur eines nicht: du bist bürgerlich geworden, lieber Figaro – Er lächelt leise. Figaro   Herr Graf, ich habe in meinem Leben schon so oft immer hungern müssen, daß das Wort »bürgerlich« für mich seine Schrecken verloren hat. Gräfin   kommt vom Eislaufplatz und erblickt den Grafen: Ach, schon zurück vom Casino? Nun, was haben wir heute verloren? Graf   Figaro und Susanne. Zweiter Akt 1. Bild In Großhadersdorf. Nach einem Jahr. Figaro hatte den bestrenommierten Friseursalon übernommen. Links eine Tür zur Privatwohnung. Es ist Ende Dezember, so um den Mittag herum. Im Friseursalon bedient Susanne soeben den Herrn Forstadjunkten, einen geriebenen Naturburschen. Sie seift ihn ein. Adjunkt   Aber rasieren wird mich doch der Herr Gemahl? Susanne   lächelt: Nein. Haben Sie Angst, Herr Forstadjunkt? Adjunkt   Offen gestanden, ein Rasiermesser in zarten Händchen – Aber ich werd mich schon revanchieren! Er lacht. Stille. Was machen Sie denn am Donnerstag, Frau Susanne? Susanne   Wieso, Herr Forstadjunkt? Adjunkt   Donnerstag ist doch Silvester und dann beginnt ein neues Jahr. Stille. Susanne   Mein Mann und ich, wir gehen zum Postwirt. Adjunkt   Dann gehe ich auch zum Postwirt. Tanzen Sie gern? Susanne   Ja. Adjunkt   Daß man Sie aber nirgends sieht, bei keinem Kränzchen, keiner Reunion – Susanne   In Großhadersdorf gibts keine Tänzer. Adjunkt   Stimmt! Ich persönlich stamm nämlich nicht aus Großhadersdorf, ich bin hier nur stationiert. Susanne   lächelt: Ich auch. Adjunkt   Dann wären wir ja Leidensgenossen. Wenn ich nicht grad im Wald bin, langweil ich mich zu Tod. Susanne   rasiert ihn nun: Sie sind der einzige Mann, der sich von mir rasieren läßt. Adjunkt   Und der Herr Gemahl? Susanne   Der rasiert sich selber. Stille. Adjunkt   Wo steckt denn der Herr Gemahl? Susanne   Er schläft. Immer nach dem Mittagessen. Adjunkt   Und Sie schlafen nicht? Susanne   Wir wechseln uns ab. Adjunkt   Sie schlafen also nie zusammen? Susanne stockt, starrt ihn einen Augenblick erschrocken an und rasiert dann weiter, als hätte sie nichts gehört. Stille. Also ich bin der einzige – der einzige, der sich von Ihnen rasieren läßt? Susanne   Ja. Adjunkt   Ich fürcht mich nicht. Von Ihnen ließe ich mir auch gern die Gurgel durchschneiden – Er grinst. Susanne   lacht gezwungen: Gott, wie blutig! Was würd denn das Fräulein Braut dazu sagen? Ein Bräutigam ohne Gurgel! Adjunkt   Die muß sich an alles gewöhnen. Stille. Susanne   hat ihn nun fertig rasiert: Scharf oder Stein? Adjunkt   Scharf und noch schärfer. Ich bin für das Scharfe – Er packt sie plötzlich brutal und raubt ihr einen Kuß. Susanne   reißt sich los; unterdrückt: Nicht! Was fällt Ihnen ein?! Adjunkt   Etwas durchaus Natürliches – Er erhebt sich und nähert sich ihr langsam. Susanne   Lassens mich, Sie – Sie, ich schneid Ihnen wirklich die Gurgel durch – Adjunkt   unterbricht sie: Schneid nur! Er faßt blitzschnell ihr Handgelenk und drückt zu. Susanne   Au! Sie läßt das Rasiermesser fallen. Sie, mein Mann! Wenn der aufwacht, ich rufe ihn – Ich ruf – Adjunkt   hat sie in die Ecke gedrängt: Ruf nur, es wird dich keiner hören, nur ich – Er packt sie wieder und küßt sie. Susanne   reißt sich wieder los und verliert dabei einen Brief: Sie Tier – Sie Tier – Gehen Sie jetzt, sonst geh ich – Adjunkt rührt sich nicht. Stille. Adjunkt   wendet sich langsam von ihr ab und zieht sich seinen Pelz an: Dich hol ich ein. Susanne   Nie. Adjunkt   Morgen. Nach dem Kino. Susanne antwortet nicht. Ich muß noch bezahlen. Susanne   Vierzig. Adjunkt   gibt es ihr: Da. Susanne   Danke. Adjunkt ab; er trifft in der Tür die Hebamme, die eben mit einem kleinen Koffer eintritt. Hebamme   Grüß Sie Gott, Frau Figaro! Schnell eine kleine Ondulation, muß gleich wieder weiter – Sie setzt sich. Wie gehts Geschäft? Susanne   bedient sie: Danke, man lebt. Hebamme   Ich kann mich kaum mehr retten vor lauter Arbeit. Fünf Geburten in einer Woch. Davon gleich zweimal Zwillinge. Das hielt der stärkste Mann nicht aus! Wenn das so weitergeht, wird unser braves Großhadersdorf bald eine Weltstadt und meine armen Locken sind schon ganz deformiert vor lauter Storch! Eine Invasion! Grad komm ich von der Frau Hauptlehrer. Der hat er ein Töchterchen gebracht – klein wenig zu früh, aber die Frau Hauptlehrer wird trotzdem ihre Freud mit dem Kind haben, es ist gut bestrahlt, Steinbock und Merkur. Susanne   Kennen Sie sich aus am Himmel? Hebamme   Ich kenn mich überall aus. Susanne   Was ist denn Mai? Hebamme   Den Mai regiert die Venus im Zeichen des Stieres. Wer soll denn das sein? Susanne   Ich. Hebamme   So? Und der Herr Gemahl? Susanne   Das weiß man nicht. Er ist ein Findelkind. Hebamme   Ach! Na, na. Bei den Herren der Schöpfung spielen die Sterne überhaupt keine solche Rolle, Mannsbilder verändern sich leicht und trotzdem bleibens immer Gauner, manchmal möcht man schon meinen, ein Mannsbild hätt überhaupt keinen Stern. Wie lange sinds denn bereits verheiratet, junge Frau? Susanne   Sieben Jahre. Hebamme   Schon? Sieht man Ihnen aber nicht an. Susanne   Ich hab mit achtzehn geheiratet. Hebamme   Gebens nur acht, die Zahl Sieben ist eine verflixte Zahl! In jeder Ehe gibts nämlich alle sieben Jahre einen Klaps, das ist eine so verflixte metaphysische Regel. Warum habt ihr eigentlich keine Kinder? Das erste Haus in seiner Branche, ihr könnt euch doch wirklich welche leisten! Susanne   Ich möcht auch, aber mein Mann ist schuld. Stille. Hebamme   Ihr lebt doch wie Mann und Weib? Susanne   Selten. Was habe ich ihm schon zugeredet, daß ich ohne Kind verkomm. Aber er geht auf mich nicht ein. Radikal nicht. Hebamme   Dem Manne kann geholfen werden. Glaubens mir, ich hab solche Fälle schon massenweis miterlebt! Hörens her, junge Frau. Sie treten jetzt einfach vor den Herrn Gemahl hin und beschwindeln ihn kategorisch, daß seine Befürchtungen eben Früchte getragen hätten. Was will er darauf erwidern? Nichts! Susanne   Da kennen Sie ihn schlecht. Hebamme   Was kann er dagegen tun? Höhere Gewalt! Er wird sich von der lieben Natur überlistet fühlen und wird nichts mehr befürchten, wenns eh keinen Sinn mehr hat. Diese Lösung des Problems, nämlich die Vorwegnahme der Folgen, das ist das Ei des Kolumbus! Sie erhebt sich, denn sie wurde nun fertig onduliert. Was bin ich Ihnen schuldig, junge Frau? Susanne   Ich wär Ihnen ewig dankbar. Achtzig, bitte! Hebamme   zahlt: Im September sehen wir uns wieder. Mars und die Waage, ich gratuliere! Lebens wohl, Frau Figaro! Ab. Susanne   Auf Wiedersehen, Madame! Figaro   kommt im Hausrock und Pantoffeln aus der Privatwohnung; er ist noch etwas verschlafen, gähnt, zieht den Hausrock aus, den Friseurmantel an und kontrolliert dann die Kasse: Eine Rasur, eine Ondulation – Zu Susanne. Ist das alles? Susanne   Ja. Figaro   Komisch, daß sich jetzt vor Neujahr nicht mehr Leut die Haare schneiden lassen, werden dann wieder alle auf einmal daherkommen, am Silvesternachmittag, knapp vor der Sperrstund, damit man die Hälfte wieder zur Konkurrenz schicken muß – na servus! Ich werde diese Frage wieder mal im Wirtschaftsverein ventilieren. Und den Herren Lehrern täts auch nicht schaden, wenn sie mal die Eltern aufklären würden, daß sie ihre Kinder nicht immer am Samstagnachmittag herschicken – die schönsten Vollbärt muß man auslassen wegen so einem Saububen, wo man doch am Kinderhaarschneiden eh nichts verdient. Wieso liegt denn da ein Rasiermesser auf dem Boden? Er hebt es auf. Ein gebrauchtes Rasiermesser! Er wirft einen strafenden Blick zu Susanne. Schlamperei sowas! Er wendet sich fast feierlich an Susanne. Ich muß ein ernstes Wort mit dir reden, Susanne. Es wird allmählich Zeit. Vor dreiviertel Jahren haben wir hier diesen Salon übernommen und es ist meiner Kunst gelungen, daß sich alle örtlichen Honoratioren, vom Pfarrer bis zur Hebamme, bei uns behandeln lassen, rasieren, frisieren, ondulieren, maniküren, ja sogar das Pediküren hab ich eingeführt, etcetera, etcetera – aber die größere Kunst ist es nicht, Kundschaft zu erobern, sondern selbe nicht wieder zu verlieren, und hierbei kommts nicht nur auf erstklassiges Rasieren, Frisieren etcetera an, sondern auf gewisse diplomatisch-psychologische Kniffe, indem man der Kundschaft menschlich entgegenkommt, sich für ihre Probleme interessiert, mit ihrem Urteil übereinstimmt, ihren Eitelkeiten schmeichelt, ihre Sorgen teilt, ihre Fragen beantwortet, lacht, wenn sie lacht, weint, wenn sie weint – Susanne   unterbricht ihn: Ist das deine Freiheit? Figaro   Verwirr mich nicht, bitte, und laß mich ausreden! Meine Freiheit äußert sich nicht zuletzt darin, daß ich heucheln darf, und geheuchelt muß werden, sonst liegen wir eines Tages draußen im Dreck! Du verkennst den Ernst der Situation. Unlängst auf der Reunion in der Turnhalle hast du die Bürgermeisterin fast geschnitten – Susanne   fällt ihm ins Wort: Sie hat in einer Tour von ihrem Bruch erzählt, das hält kein Mensch aus. Figaro   Bruch her, Bruch hin, du hast es auszuhalten! Du trägst eine Verantwortung, und es ist auch deine selbstverständliche Pflicht, morgen abend das dramatische Fest des humanitären Vereines zu besuchen! Die Frau Konditor ist eine prima Kundschaft, und du mußt dir ihre Tochter Irma anschauen! Susanne   Ich bleibe lieber zuhaus und lese einen Roman – Figaro   Du hast keinen Roman zu lesen, du hast dir die Irma anzuschauen! Susanne   Das häßlichste Mädel der Welt! Ein schielender Zwerg mit so einem Wasserkopf – Figaro   Wasserkopf her, Wasserkopf hin! Du hast diese Mißgeburt für äußerst herzig zu halten und hast zu applaudieren, bis du rote Hände kriegst, bitt ich mir aus! Susanne   Ich hasse diese Spießer! Figaro   Wir leben von diesen Spießern, ob du sie liebst oder haßt! Susanne   Wenn sie en masse nur nicht so riechen würden – Figaro   Die Zeiten, wo wir von Herrschaften umgeben waren, die eine parfümierte Existenz hatten, diese Zeiten sind tot. Endgültig tot. Susanne   Tu nur nicht so, als sehntest du dich nicht auch zurück! Figaro   Ich pflege mich nicht mehr zu sehnen, das hab ich mir abgewöhnt. Ich pflege nur zu denken, an das Heute und an das Morgen. Susanne   dumpf: In diesem Nest verkomm ich noch – Sie fährt ihn plötzlich an. Ich bin nicht dazu geboren, eine Frau Konditor zu frisieren und Mißgeburten für charmant zu halten, ich hab schon an den größten Sängerinnen Kritik geübt, ich bin nicht dazu geboren, in verräucherten Wirtshäusern Bier zu trinken, ich hab schon mal in meinem Leben Champagner getrunken, ich bin nicht dazu geboren, in Damenkränzchen über Brüche zu diskutieren, ich war die Vertraute einer Gräfin – Sie stockt plötzlich und weint heftig. Wären wir doch bei Almavivas geblieben! Figaro   Möchte nicht wissen, wie rosig es jetzt den ärmsten Almavivas ergehen mag. Susanne   weinend: Besser wie mir auf jeden Fall. Figaro   Versündige dich nicht! Stille. Susanne   Manchmal sprichst du schon wie unsere Kundschaft – Figaro   Wir müssen uns nach der Decke strecken, sonst bekommen wir kalte Füße und werden krank – Er grinst. Susanne   Großhadersdorf ist der Tod. Figaro   Ich bin nicht schuld, daß wir hier gelandet sind. Susanne   fährt ihn plötzlich wieder an: Sondern?! Natürlich! Ich bin schuld daran! Ich! Nur wegen mir und meiner »blöden« Treue zur Herrschaft sind wir ja emigriert und haben uns all dies eingebrockt, denn wir hätten ja ruhig daheim bleiben können wie Onkel Antonio, Pedrillo, Fanchette – und du wärst sogar vielleicht Schloßverwalter geworden, was, wie?! Ich hör es ja jeden Tag dreimal! Figaro   Das ist nicht wahr! Nur ein einziges Mal hab ich dergleichen geäußert! Susanne   Aber ich höre es, auch wenn du schweigst! Ich höre es, wenn du die Zeitung liest, ich höre es, wenn du zum Fenster hinausschaust, ich höre es, wenn du neben mir liegst, daß du es träumst – Figaro   ironisch: Was hörst du denn noch? Susanne   Daß es nicht mehr stimmt zwischen uns, Figaro. Stille. Figaro   Wieso? Susanne   Als wir uns von der Gräfin trennten, da habe ich dir gesagt, ich gehe mit dir überall hin, denn ich gehöre zu dir – Erinnerst du dich? – Ich folge dir auch nach Großhadersdorf, hab ich gesagt, denn ich liebe dich, aber ich muß auch deine Frau sein, richtig deine Frau. Figaro   Was heißt das? Bin ich nicht dein Mann? Susanne   Erinnerst du dich denn nicht? Stille. Es dämmert. Hebamme   kommt rasch zurück: Habe ich hier nicht meine Tasche gelassen? Da ist sie ja, Gottseidank! Sie nimmt ihren kleinen Koffer an sich. Figaro   Bei uns kommt nichts weg, Madame! Hebamme   Das wär eine teure Überraschung gewesen und der Storch hätt Augen gemacht. Apropos teure Überraschung: Wissen Sie es schon, Herr Figaro? Figaro   Was? Susanne   plötzlich: Ich habe es ihm nicht erzählt. Figaro   Versteh kein Wort. Susanne   zu Figaro: Ich konnt es dir nicht sagen. Figaro   Was heißt das? Es gibt nichts auf der Welt, was du deinem Mann nicht sagen könntest, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nur nach dem Essen wünsche ich nicht gestört zu werden. Zur Hebamme. Hat sie was zerbrochen? Hebamme   lächelt: Im Gegenteil, Herr Figaro! Eine freudige Botschaft. Figaro   Freudige Botschaft? Hebamme   zu Susanne: Nur Mut! Zu Figaro. Hören Sie mal – Sie flüstert mit ihm. Figaro kriegt große Augen und blickt immer wieder auf Susanne. Susanne wendet den beiden den Rücken zu und säubert in Gedanken versunken das gebrauchte Rasiermesser. Hebamme   So. Zu Susanne. Jetzt ist es heraußen. Zu Figaro. Ich gratuliere, gratuliere! Auf Wiedersehen, junge Frau! Ab. Figaro   starrt versteinert auf Susanne; leise: Ist das wahr? Susanne   tonlos: Ja. Figaro   Woher? Susanne   fährt herum: Woher, fragst du? Traust du es mir denn zu, daß ich dich betrüge?! Figaro   Nein, das trau ich dir natürlich nicht zu. Wie kämst du denn auch dazu, wo du doch alles hast. Verzeih, ich bin etwas wirr. Ein so ein Unglück. Susanne   Unglück? Figaro   Soll ich vielleicht jubeln? Stille. Susanne   Du bist ein Unmensch. Figaro   Wie oft soll ich es dir noch sagen, daß ich kein Unmensch bin. Ich besitze lediglich Verantwortungsgefühl und du weißt, ich kann prophezeien. Soll ich es vom Himmel droben mitansehen, wie mein Kind im nächsten Krieg fällt? Susanne   Ich glaube, du hast für den Himmel zuviel Verantwortungsgefühl. Du kommst in die Hölle. Figaro   Überlaß das mir, bitte! Mit ruhigem Gewissen kann man sich in unserer Zeit kein Kind leisten. Liest du denn keine Zeitungen? Jeden zweiten Tag ein neuer Tod – alle werden daran glauben müssen. Hier in Großhadersdorf wird sichs ja relativ noch am längsten leben lassen, keine Festung in der Nähe, kein Knotenpunkt, nichts, was wert wäre, zerstört zu werden. Sie werden aber auch das Wertlose zerstören und die Erdbeben werdens vollenden. Wir leben in einer Völkerwanderung, Susanne, und nie noch haben Menschen mit mehr Recht wie du und ich sagen dürfen: nach uns die Sintflut! Setz du dein Kind in die Welt, setz es nur! Es wird in einer Mondlandschaft leben, mit Kratern und giftigem Dunst – ich muß mal mit dieser braven Hebamme reden, sie wird schon einen Ausweg wissen – Susanne   bricht los: Red nur mit ihr, red nur! Ich will auch kein Kind mehr von dir – Und wenn ich eins bekäme, ich würd mich verkriechen wie eine Hündin, damit du es nicht weißt, wo dein Kind das Licht der Welt erblickt, damit du es nicht behext, denn du wünschst ihm ja nicht das Leben – nie würde ich dir dein Kind zeigen, nie! Du verdienst es ja nicht anders, du bist der Tod! Der Tod! Figaro   sieht sich besorgt um, er geht zur Tür und öffnet sie, schließt sie wieder: Nicht so laut, Susanne! Wahren wir wenigstens die Form. Die Leut tuscheln bereits – Susanne   fällt ihm gehässig ins Wort: Immer diese Leute! Figaro   Immer und immer und ewig! Jawohl! Stille. Susanne   fixiert ihn gehässig: Du willst deine Ruhe haben? Figaro   Erraten. Susanne   langsam und gehässig: Dann werd ich jetzt den Streit schlichten. Figaro, ich hab dich vorhin belogen. Ich erwarte kein Kind von dir – Figaro   fährt hoch: Was?! Kein Kind?! Susanne   Ich habe es nur so gesagt, damit du dich endlich meiner erbarmst. Es war nur eine List von mir – Figaro   List? Susanne   Deine Frau wollte dich überlisten, damit sie durch dich, du Herrlicher, Mutter wird. Doch das ist nun aus. Der Mann, von dem sie ein Kind haben möchte, der wohnt nicht in Großhadersdorf. Figaro   Sei so gut! Susanne   Ich habe heut Nacht von ihm geträumt. Er beugte sich über mich und sein Schatten war dreimal so groß wie die Welt. Ich habe ihn genau erkannt. Figaro   Wen? Susanne   Meine große Liebe. Stille. Figaro   Wie heißt er? Susanne   Er ist tot. Stille. Figaro   Wer war das? Susanne   Er hieß Figaro. Figaro   Figaro?! Susanne   Ja. Mein Figaro freute sich über die Zukunft, wenn ein Gewitter am Himmel stand, und sprang ans Fenster, wenn es einschlug, aber du? Du gehst nicht ohne Schirm aus dem Haus, wenn nur ein paar Wölkchen am Himmel stehen! Mein Figaro saß im Kerker, weil er seine Meinung schrieb, du würdest dich nicht mal trauen, heimlich seine Schriften zu lesen! Mein Figaro war der erste, der selbst einem Grafen Almaviva auf der Höhe seiner Macht die Wahrheit ins Gesicht sagte, du wahrst die Form in Großhadersdorf! Du bist ein Spießer, er war ein Weltbürger! Er war ein Mann, und du! Figaro   Ob ich ein Mann bin oder nicht, das kannst du nach siebenjähriger Ehe nicht so mir nichts, dir nichts konstatieren. Ich konstatiere es aber, daß du eine Schwindlerin bist und keine Mutter, mehr Zofe als Geschäftsfrau, immer vor dem Spiegel und dennoch verschlampt im Betrieb, eitel, gefallsüchtig, wehleidig, äußerlich – Susanne   fällt ihm ins Wort: Äußerlich? Äußerlich, sagst du?! Figaro   grinst: Äußerlich und innerlich, wir kennen uns aus. Susanne   Du hast dich mal ausgekannt, aber heut hast du alles vergessen. Hauptlehrer   kommt: Haarschneiden, bitte! Guten Tag, schöne Frau! Susanne läuft aufschluchzend in die Privatwohnung. Hauptlehrer sieht ihr perplex nach. Was hat sie denn? Figaro   Launen. 2. Bild In einer großen fremden Stadt. Billig möbliertes Zimmer. Die Gräfin sitzt im einzigen Lehnstuhl und liest Novellen aus der Leihbibliothek. Sie ist weiß geworden. Der Graf steht am Fenster. – Es schneit. Graf   Es schneit. Gräfin   lächelt: Es wird wieder Winter. Hoffentlich ein milder, denn das Holz ist gestiegen. Graf   Ist die Post schon gekommen? Gräfin   Erwartest du etwas? Graf   Ja. Antwort von der Redaktion. Gräfin   Es wäre Zeit. Graf   Wir werden heute bezahlen. Gräfin   Ich fürcht mich schon direkt, wenn wer klopft, wo wir doch vierzehn Tage nichts mehr beglichen haben – Graf   Ein Graf Almaviva bleibt niemand etwas schuldig. Es klopft an der Türe. Herein. Magd   bringt zwei Briefe: Die Post, Herr Graf! Ab. Graf   Für dich. Und von der Redaktion – Er öffnet seinen Brief und überfliegt ihn. Gräfin   öffnet den ihren und liest die Unterschrift: Ach! Sie vertieft sich in den Inhalt. Graf   hat den seinen gelesen und steckt ihn apathisch ein; tonlos: Wer schreibt dir? Gräfin   Susanne. Graf   Susanne? Ich hab dich doch ersucht, nicht mit ihnen zu korrespondieren. Gräfin   Ich korrespondier ja auch nicht, da sieh das Kuvert! Es ging noch ins Esplanade und wurde uns nachgesandt. Graf   liest die Adressen auf dem Kuvert: Esplanade, Carlton, Regina – Gräfin   lächelt: Von Station zu Station. Graf   Von Stufe zu Stufe. Stille. Gräfin   Hast noch Sehnsucht nach dem Esplanade? Graf   starrt noch immer auf die Adressen: Dritter Stock. Möbliert. Bei Therese Bader – Er legt das Kuvert auf den Tisch. Gräfin   Frau Bader ist ein braver Mensch. Graf   Ja. Sie hat Mitleid mit uns. Gräßlich. Gräfin   Du mußt noch lernen. Graf   Ich habe meine Studien bereits absolviert. Gräfin   Wir sitzen noch in der Schule, wenn auch in einer höheren Klasse, vielleicht sogar schon auf der Universität – Sie lächelt. Siehst du, die kleine Susanne, die lernt erst lesen und schreiben und fürchtet sich, wie alle Kinder, wenn man sie allein im Dunkeln läßt. Wir fürchten uns nicht mehr, was? Graf   Du bist so tapfer geworden – Er lächelt leise. Gräfin   Ich hab mich verändert. Gottseidank. Stille. Graf   Was schreibt denn Susanne? Gräfin   Sie möchte fort von Figaro. Graf   überrascht: Fort? Warum? Gräfin   Weil er sich verändert hat. Graf   Betrügt er sie? Gräfin   Nein, doch scheint er nur seinen Salon zu kennen und vernachlässigt ihre Liebe – Sie blickt in den Brief. Arme Susanne! Sie fragt, ob sie wieder zu uns kommen könnte – Graf   Zu uns? Gräfin   Als Zofe. Graf grinst. Sie hat Sehnsucht nach dem, was gewesen ist. Stille. Graf   erhebt sich und geht auf und ab: Die Redaktion schrieb mir übrigens, daß meine Memoiren fürs Feuilleton nicht in Frage kämen, auch nicht für die Sonntagsbeilage. Ein Graf Almaviva bietet sich an und kommt nicht in Frage! Sein Name wird ausradiert, sein Leben wird Nebel – Er holt seinen Brief aus der Tasche und überfliegt ihn noch einmal. Frechheit! Ich hätte einen altertümelnden Stil, schreiben diese Proleten, wo doch heutzutage keiner mehr einen anständigen Satz verfassen kann – lauter Schmieranten! Da – Er gibt ihr seinen Brief. Gräfin   liest ihn und sieht dann den Grafen groß an: Willst du nicht ins Café gehen? Graf   Ich hab kein Geld. Gräfin   Ich habe noch etwas – Komm, geh! Graf   Und was willst du heut abend essen? Gräfin   Für dich ist schon gesorgt. Ich esse nichts. Graf   Du kannst doch nicht hungern! Gräfin   Gesundheitlich ist es nur gut, wenn man mal aussetzt – Geh nur, spiel bißchen Schach, kommst auf andere Gedanken – Graf   lächelt : Heut bin ich mal wieder dein Sohn – Er zieht den Mantel an und will ab, hält jedoch in der Türe . Und was wirst du Susanne antworten? Gräfin   Ich werd ihr schreiben, sie soll den Mut nicht verlieren. Graf   Und über unsere momentanen Verhältnisse, da geh so darüber hinweg – Gräfin   Ich gehe, ich gehe – Sie nickt ihm lächelnd Abschied zu. Graf   Lebwohl! Ab. Gräfin   holt Briefpapier und schreibt : Liebe Susanne, eine Frau gehört zu ihrem Mann – 3. Bild Nach einem halben Jahre, im Lande der Revolution und zwar auf dem ehemaligen ländlichen Herrensitz des emigrierten Grafen Almaviva. Vor dem herrlich barocken Schloßportal sitzen Antonio, der alte Schloßgärtner, und Pedrillo, der einstige Reitknecht des Grafen und jetzige Schloßverwalter, in der Sonne. Der Erste raucht, der Zweite liest die Zeitung. Es ist Hochsommer. Antonio   Was steht denn in der Zeitung? Pedrillo   Es geht vorwärts. Antonio   Wo? Pedrillo   Bei uns. Überall auf der Welt gehts rapid abwärts, nur bei uns gehts aufwärts. Antonio   Schön wärs, wenn mans auch spüren tät – Pedrillo   Du bist ein gefährlicher Nörgler. Meiner Seel, wenn du nicht mein leibhaftiger Schwiegervater wärst, dich hätt ich schon längst vor das Revolutionstribunal gebracht. Antonio   Kannst mich ruhig bringen, Herr Schwiegersohn, ich bin ein Greis und leb eh nimmer lang, und ich täts auch deinen Freunderln im Tribunal sagen: als hier bei uns noch der hochgeborene Graf Almaviva residierte, diese Zeiten kommen nie wieder! Pedrillo   Gottseidank! Antonio   Das waren bessere Zeiten. Pedrillo   So? Und was ist mit den unzähligen Verbrechen deines hochgeborenen Grafen? Erinnerst du dich denn nicht mehr, was dieser hochgeborene Lump für empörende Schandtaten übereinander gehäuft hat, ha?! Ich erinnere dich nur, mit welch brutalem Egoismus er seinen zynischen Herrenrechten frönte! Die armen Mädchen des Volkes waren ja schier Freiwild für seine niedere Lust, selbst jene Susanne, die Frau seines intimsten Kammerdieners, hätt seinerzeit als Braut fast dran glauben müssen – hätt sie doch nur, ich hätt es diesem elenden Figaro von Herzen vergönnt, diesem Verräter an der Idee des Volkes! Hilft dem Grafen über die Grenze, einem Grafen, der allzeit nur seinem bestialischen Triebleben frönte! Ein Sarkast! Antonio   Ich glaub, wenn wir zwei Grafen gewesen wären, dann hätten wir auch gefrönt – Pedrillo   Wir waren aber keine Grafen, bitt ich mir aus! Du warst hier sein bedauernswerter, gequälter Schloßgärtner – Antonio   unterbricht ihn: Was war ich? Gequält? Pedrillo   Hast der Gräfin die extravagantesten Gemüse gezüchtet für ihre raffinierte Tafel – und deine Tafel? Du hast Kraut gefressen, tagaus – tagein! Antonio   grinst boshaft: Kraut erhält jung. Pedrillo   brüllt ihn an: Ich mag aber kein Kraut, verstanden? Weder Kraut, noch Rüben! Kinder laufen lachend und schreiend vorbei; sie spielen mit einem Ball und der Ball trifft Antonio. Antonio   sieht den Kindern böse nach: Freche Lümmel – Pedrillo   Das sind keine Lümmel, das sind Zöglinge des staatlichen Kinderheimes im ehemaligen Schlosse deines hochgeborenen Grafen, merk dir das endlich! Wo früher geschminkte Vergangenheit frivole Scherze trieb, wächst nun ein starkes Geschlecht der Zukunft heran, froh, frei und gestählt. Antonio   Dein gestähltes Geschlecht der Zukunft hat mir neulich meine ganzen Äpfel gestohlen – Pedrillo   Du bist ein alter, boshafter Nihilist! Antonio   braust auf: Beleidigen laß ich mich nicht! Wer bist denn du? Der blödeste aller Schloßverwalter! Siehst nur die »Zukunft«, die »Zukunft«! Aber daß das kunstvollste Inventar im Keller vermodert, all die Bilder, Möbel, Gobelins, das ist dir wurscht! Mir bricht das Herz, wenn ich an die Keller denk! Pedrillo   Ein lebender Mensch ist mir mehr wert als alle tote Kunst der Welt. Antonio   In welchem Bücherl hast denn das gelernt? Pedrillo   Wenn ich so unbelesen wär wie du, dann tät ich mir leid! Fanchette läuft aufgeregt herbei: Pedrillo, Pedrillo! Pedrillo   Wo brennts denn? Fanchette   Denk dir nur, was ich sah – ich steh grad im Park, am Brunnen des Neptun – Pedrillo   unterbricht sie: Es gibt keinen Brunnen des Neptun, nur einen Brunnen des dreiundzwanzigsten September, merk dir das endlich! Fanchette   Ist ja egal! Pedrillo   Hoho! So spricht mein Weib – Zu Antonio. Deine Tochter! Antonio   Hab mich gern! Pedrillo   Das werd ich dich nicht haben! Zu Fanchette. Weiter. Fanchette   Kommandier mich nicht, ich gehör nicht zu deiner Garde! Also: ich steh an dem Brunnen des dreiundzwanzigsten Neptun und da kommt wer über die große Wiese, mir blieb direkt das Herz stehen, momentan dacht ich, es kommt ein Gespenst! Antonio   Ein Gespenst? Fanchette   zu Antonio: Am hellichten Tag! Pedrillo   zu Fanchette: Es gibt keine übersinnlichen Wesen. Weiter! Fanchette   Es war auch nichts Übersinnliches, sondern ein durchaus sinnlicher Mensch aus Fleisch und Blut – ein alter Bekannter! Pedrillo   Wer? Fanchette   Ihr werdet es mir nicht glauben – Pedrillo   So red doch schon! Fanchette   Figaro. Antonio   Figaro?! Pedrillo   Was?! Dieser elende Emigrant wagt sich zurück?! Das ist ja der Gipfel des Hohns, die Dreistigkeit in persona, die schamloseste Herausforderung des Jahrhunderts! Fanchette   Ich bitt dich, red nicht so geschraubt! Pedrillo   fixiert sie: Paßt es dir etwa nicht, wenn ich ihn einkerkern laß? Fanchette   Bist schon wieder eifersüchtig? Pedrillo   Auf einen Emigranten? Für was hältst du mich?! Figaro   kommt und hält: Ach! Da seid ihr ja – Er lächelt. Die Drei verziehen keine Miene. Grüß Gott, Fanchette! Pedrillo   finster: Guten Tag. Figaro   zu Pedrillo: Habe die Ehre! Wie gehts? Antonio   Schlecht. Stille. Pedrillo   grimmig: Wir haben dich nicht erwartet. Figaro   lächelt: Ihr seid überrascht, was? Pedrillo   grinst grimmig: Sehr angenehm sogar – Er fährt Figaro an. Lumpiges Emigrantengesindel, das täte uns hier noch not! Stille. Figaro   plötzlich: Wiedersehen! Er will ab. Pedrillo   Halt! Du weißt, was dir blüht! Figaro   lächelt: Viel kann mir nicht blühen – Pedrillo   Oho! Figaro   Ich bin doch zu guter Letzt nur wegen meiner Frau fort, ein Emigrant aus Liebe – Er grinst. Pedrillo   Liebe ist ein privates Problem der individuellen Anarchie und alles Individuelle interessiert uns politisch einen Dreck. Fanchette   Wo steckt denn Susanne? Figaro   Keine Ahnung. Fanchette   perplex: Wieso? Figaro   Wir sind geschieden. Fanchette   Geschieden?! Figaro   Von Tisch und Bett. Schon seit einem halben Jahr. Fanchette   Du hast sie betrogen? Figaro   Im Gegenteil! Und umgekehrt. Fanchette   kann es nicht fassen: Sie dich? Figaro   Ja. Pedrillo   wirft einen raschen Blick auf Fanchette; grimmig grinsend zu Figaro: Was du nicht sagst! Fanchette   für sich: Arme Susanne! Pedrillo   Mit wem hat sie dich denn betrogen? Er wirft wieder einen Blick auf Fanchette. Mit dem Grafen? Figaro   lächelt: Nein, nur mit einem Forstadjunkten, einem gewöhnlichen Sterblichen – Pedrillo   Es gibt weder gewöhnliche noch ungewöhnliche Sterbliche, es gibt einfach nur Sterbliche und basta, merk dir das, du Hergelaufener! Figaro   fixiert ihn: Wer ist ein »Hergelaufener«? Ich bin kein Hergelaufener, hörst du! Ich bin zwar ein Findelkind, und weiß es nicht, ob ich hier geboren wurde, aber es ist mir bekannt, daß ich hier gefunden wurde – Pedrillo   Leider! Figaro   Ob es dir leid tut oder nicht, ich bin hier zuhause, wie die Bäume, die Wiesen, das Wasser, die Luft, verstanden?! Pedrillo   drohend: Du brüll dich nicht mit mir. Ein Emigrant ist immer ein Hergelaufener und hat auch kein Zuhause, denn er hat es verraten. Figaro   Einen Schmarrn hab ich verraten, du Narr! Ich erinnere mich an einen gewissen Pedrillo, er war der Reitknecht des Grafen, und ohne einen gewissen Figaro würdest heut noch ein Stallknecht sein! Wer gab dir denn das erste Buch, in dem es schwarz auf weiß stand, daß ein Knecht nicht ewig Knecht bleiben muß?! Von wem hast denn du die Revolution gelernt?! Von mir, von einem gewissen Figaro! Pedrillo   fährt ihn an: Aber ohne einen gewissen Figaro wär mir der Graf nicht entkommen – wer schaffte ihn denn über die Grenze? Du! Verräter! Wenn ich nicht so viel revolutionäre Disziplin hätt, dann tat ich dir jetzt eine hinhaun! Fanchette   So hörts doch endlich auf! Pedrillo   zu Fanchette: Misch dich da nicht hinein, sonst passiert noch ein Unglück! Figaro   zu Pedrillo: Was hat denn dir der Graf getan? Pedrillo   Er hat mein Weib vergewaltigt. Figaro   perplex: Vergewaltigt? Er wirft einen fragenden Blick auf Fanchette. Fanchette   lächelt verlegen und macht ihm heimlich ein Zeichen, es wär nicht so schlimm gewesen. Pedrillo   Wenn ich diesen gewissen Grafen erwischt hätt, den hätt ich mir ausgeborgt – Er schlägt in die Luft. So. Und so und so! – Er wirft Figaro einen vernichtenden Blick zu. Jetzt geh ich und hol die Wache. Ab. Fanchette   zu Figaro: Flieh, ich bitt dich, flieh! Mein Mann kennt keine Witz, wenn er bei seiner Gesinnung gepackt wird. Du glaubst es mir nicht, wie der hassen kann! Antonio   Er ist ein reißendes Tier – Fanchette   fährt Antonio an: Red nicht immer per Tier von ihm, Papa! Auch Pedrillo hat seine guten Seiten, er glaubt eben an unsere Idee! Zu Figaro. Figaro, bei unserer einstigen Freundschaft fleh ich dich an, lauf davon! Er bringt dich noch ins Zuchthaus, und du verlierst den Kopf! Figaro   Den Kopf? Die Zeit, in der ein Kopf keine Rolle spielte, diese Zeit ist vorüber. Heut ist das Köpfchen wieder Trumpf und die Todesurteile werden gefällt, um nicht vollstreckt zu werden. Die »Hingerichteten« bevölkern die Börse und geben dem Henker falsche Tips – Er lächelt. Nein, Fanchette: Figaro bleibt. Er hat Großhadersdorf verlassen und ist nach Damaskus gegangen. Aber in Damaskus scheinen auch nur Großhadersdorfer zu wohnen, allerdings mit einem anderen Vorzeichen – Pedrillo   kommt mit der Wache; zu Figaro: Im Namen des Volkes! Figaro, jetzt verhafte ich dich! Figaro   Einen Moment! Zum Wachtmeister. Bevor Ihr mich in Ketten zu legen geruht, geb ich Euch den guten Rat, einen kleinen Blick in dieses Dokument zu werfen – Er überreicht dem Wachtmeister ein Dokument. Ich möchte Euch nämlich eine Blamage ersparen, die ich jenem – Er deutet auf Pedrillo – vergönn! Pedrillo   perplex: Was heißt das? Wachtmeister liest das Dokument und kriegt große Augen. Figaro   zu Pedrillo: Ich hätt sie dir nicht vergönnt, wenn du nicht derart undankbar dumm gewesen wärst – Zum Wachtmeister. Wachtmeister, haben Sie das Dokument entziffert? Wachtmeister   Zu Befehl! Er kommandiert der Wache. Angetreten! Habt acht! Präsentiert das Gewehr! Links schaut! Wache präsentiert vor Figaro. Pedrillo   außer sich: Was ist?! Ihr präsentiert da?! Wachtmeister   zu Pedrillo: Ruhe! Pedrillo   »Ruhe«?! Ich werd verrückt! Figaro   zu Pedrillo: Einen Moment! Es ist aus, Pedrillo. Schwarz auf weiß – Er überreicht ihm das Dokument. Du bist pensioniert. Pedrillo   trifft fast der Schlag: Pensioniert? Fanchette   Wer?! Pedrillo   Ich?! Figaro   Ja. Antonio   beiseite: Höchste Zeit! Fanchette   zu Pedrillo: Gib her – Sie reißt ihm das Dokument aus der Hand und liest es hastig mit ihm. Figaro   zum Wachtmeister: Danke, Herr Wachtmeister! Wachtmeister   kommandiert der Wache: Augen gerade aus! Links um! Marsch! Ab mit der Wache. Pedrillo   hat nun das Dokument hinter sich und schreit auf: Was?! Jetzt werd ich aber wirklich verrückt – du, du bist der neue Schloßverwalter?! Figaro   zu Fanchette, die ihn mit offenem Munde anstaunt: Ja. Soll ich etwa draußen redlich rasieren – frisieren, wenn ich zuhaus mit nur bißchen Verstand Schloßverwalter werden kann? Nein! Ich bin fort von hier, heimlich geflohen bei Nacht und Nebel, als war ich ein Aristokrat und kein Diener – jaja, die Liebe schläferte mich ein, ich schlief und träumte blauen Dunst – aber nun bin ich wieder erwacht, bin wieder zurück. Schon seit drei Wochen. Ich hab mich den neuen Herren zur Verfügung gestellt, hab ihnen alles gebeichtet, und sie haben mir meine Emigrationssünden vergeben, obwohl ich nicht absonderlich zerknirscht war – Er grinst. Jaja, die Revolution ist »menschlicher« geworden, eine günstige Basis für selbständige Charaktere, die den zweiten Joker suchen – Pedrillo   Solche Charaktere machen die Karrier! Figaro   Du schweig von Charakteren! Pedrillo   Was hab ich denn verbrochen, daß ich so rapid abgesägt werd? Bin ich etwa zu revolutionär?! Figaro   Vielleicht! Sehr leise, damit es die Wache nicht hört. Aber außerdem hast du falsch verrechnet. Pedrillo   Wieso falsch? Figaro   Du hast hier im Kinderheim achtundvierzig Findelkinder betreut, doch hast du diese Zahl konstant von rechts nach links gelesen: vierundachtzig. Und daß ich dich jetzt nicht verhaften laß, das verdankst du nur mir, edler Ritter. Fanchette   zu Pedrillo: Siehst du, ich habe immer gesagt, daß das mal ans Tageslicht kommt! Pedrillo   Du schweig! Wer hat sich denn das Piano auf Raten gekauft? Ich oder du? Fanchette   Und wer hat denn die Raten im Wirtshaus versoffen? Du oder ich? Figaro   Regt euch nicht auf, liebe Leute. Ihr habt ja nur das getan, was alle Schloßverwalter tun. Ich wollt, ich könnt sprechen! Antonio   beiseite: Ich könnt schon sprechen, aber ich werd mich hüten! Fanchette   Und Susanne? Figaro   Susanne? Das gibt es nicht mehr, die wollt es nicht anders haben, sie hat mich betrogen. Fanchette   Mit Recht. Figaro   Oho! Fanchette   Wenn es dich heute nichts angeht, ob sie draußen etwa bettelt, dann hat sie dich sicher mit Recht betrogen. Es gibt nämlich zweierlei Recht. So oder so. Figaro stutzt und sieht sie groß an. Fanchette langsam und fast lauernd. Und warum hat sie dich eigentlich betrogen, deine Susanne? Figaro   Wieso, warum? Wir haben uns eben auseinandergelebt – Fanchette   Soso, »auseinander« – Und wer war schuld? Figaro   Ich nicht. Fanchette   Du warst ganz unschuldig, was? Pedrillo lacht grimmig kurz auf. Figaro   Ich war ihr immer treu. Fanchette   Das beweist noch nichts. Figaro   scharf: Sondern? Stille. Fanchette   Ihr habt noch immer keine Kinder, was? Figaro   Nein. Gottseidank. Stille. Fanchette   Arme Susanne! Eine Frau ohne Kind hat doch gar keinen Sinn! Figaro   In der heutigen Zeit hat gar manches keinen Sinn – Fanchette   Aber Schloßverwalter werden, das hat einen Sinn, was, du Unschuldiger? Stille. Schäm dich. Du bist ja noch korrupter wie wir. Jawohl, korrupt – durch und durch. Figaro   Tatsächlich? Antonio   zu Fanchette: Laß ihm seine Freud! Figaro   zu Antonio: Laß sie nur! Zu Fanchette. Red ruhig weiter! Fanchette   Ich würd auch weiterreden, wenn du mich nicht lassen würdest, Herr Schloßverwalter! Stille. Figaro   zu Fanchette: Hör mal her: Seit Susanne mich betrogen hat, bin ich um eine Erkenntnis reicher; es wird auf der Welt nichts besser gehaßt und verachtet als ein redlicher Mann mit Verstand, und da gibts nur einen Ausweg. Du hast dich zu entscheiden: Redlichkeit oder Verstand. Bist du nur redlich, mußt du opfern, hast du nur Verstand, wird dir geopfert. Ich hab mich entschieden. Antonio   Bravo! Pedrillo   Hör mal her, Figaro, bevor ich jetzt ins Wirtshaus geh: ganz im Ernst, ich möcht dir jetzt nur sagen, ich hab für eine große Idee gekämpft, auch wenn ich falsch abgerechnet hab, aber das tut der Idee nichts an, und es wird immer vorwärts gehen, auch wenn alle Schloßverwalter Schwindler sind! Antonio   wegwerfend: »Vorwärts«! Figaro   fährt Antonio an: Denk nur ja nicht, daß etwa unser Herr Graf Almaviva nicht auch korrupt gewesen wär, er war es sicher genau so begeistert wie wir, nur ist das bei ihm nicht mehr so aufgefallen, weil wir uns seit Generationen daran gewöhnt haben – seine Korruption war gewissermaßen schon ein Gewohnheitsrecht geworden! Pedrillo   Stimmt! Figaro   Wer war denn überhaupt unser Herr Graf? Ein großer Herr, der sichs drum eingebildet hat, auch ein großer Geist zu sein! »In zwei Monaten ist alles aus!« Essig! Geburt, Reichtum, Stand und Rang machten ihn stolz! Was tat er denn, der Herr Graf, um so viele Vorzüge zu verdienen? Er gab sich die Mühe, auf die Welt zu kommen, und das war die einzige Arbeit seines ganzen Lebens, dessen übrigen Teil er verpraßt, verprunkt und verspielt hat! Pedrillo   Oh wie wahr! Er fährt Antonio an. Ich laß mir mein Ideal nicht nehmen, auch wenn ich jetzt pensioniert bin, verstanden?! Antonio   Hängts euch alle auf! Wütend ab. Figaro   zu Pedrillo: Du hast noch ein Ideal? Pedrillo   ernst: Ja. Stille. Fanchette   zu Figaro: Wenn er kein Ideal hätte, warum hätt er denn dann die Revolution gemacht? Figaro   Damit es ihm besser geht. Pedrillo   Das ist noch nicht alles. Zu Fanchette. Sags ihm. Fanchette   Es soll uns besser gehen, damit wir edlere Menschen werden können. Pedrillo   zu Figaro: Hast es gehört, Herr Schloßverwalter? Figaro   Ja. Pedrillo   Merk dirs – Er nickt ihm traurig zu und geht ab. Figaro   zu Fanchette: Dein Mann ist ein Narr. Fanchette   fährt ihn plötzlich an: Du wirst mir nicht alles Menschliche zerstören, du nicht! Figaro   Du hast das Wesen der Dinge noch nicht erfaßt. Wir leben in Zeitläuften, wo die Läufte wichtiger sind, als die Menschen. Leider! Dritter Akt 1. Bild Ein Jahr später, wieder in der Fremde, und zwar in Cherubins Nachtcafé, einem kleinen Emigrantenlokal. Bar, Piano und Nischen. Im Hintergrund der Eingang, rechts eine Tür nach der Küche. Es ist Abend, aber das Lokal ist noch leer. Susanne ist hier die Kellnerin und stellt soeben Blumen und Gläser auf die Tische. Ein Gast kommt, er könnte aus Großhadersdorf sein. Gedämpftes Licht. Gast   setzt sich nicht: Mir scheint, ich bin euer einziger Gast. Susanne   Wir sind ein Nachtcafé, mein Herr, und öffnen erst um zehn. Gast   Bei euch wirds erst später lebendig? Susanne   Ja, nach Mitternacht. Stille. Gast   betrachtet Susanne: Sind Sie eine Prinzessin? Susanne   Ich? Gast   In solch Emigrantenlokalen, hör ich, ist ein jeder ein Aristokrat. Der Chef ein Herzog, der Pianist ein Baron und die Kellnerin zumindest eine Hoheit – Er grinst. Cherubin erscheint, doch Susanne und der Gast bemerken ihn nicht; er ist ein dicklicher, jüngerer Herr und hat ein rosiges Antlitz voll verschwommener Brutalität; er lauscht. Susanne   lächelt: Ich bin keine Prinzessin. Gast   Was denn sonst? Susanne   Nichts. Stille. Gast   Traurig, traurig. Also, vielleicht komm ich nach Mitternacht. Wiedersehen, schönes Nichts! Ab. Susanne   Wiedersehen, der Herr, Wiedersehen! Cherubin   tritt vor: Susanne. Susanne   schreckt etwas zusammen: Herr Chef? Cherubin   Wie oft habe ich es dir schon eingeschärft, wenn dich einer für eine Prinzessin hält, dann mach ihm die Freud und sag ruhig ja, oder lächle zumindest zweideutig, es ist doch nicht der Sinn des Lebens, braven Leuten die Illusionen zu rauben und uns das Geschäft zu verpatzen – Er lächelt. Apropos Illusionen: ich hab mir heut ein neues Lied zusammengestohlen, es singt von einer großen Liebe, die nicht erwidert wird. Wüßtest du einen Titel? Susanne   Ich kann nicht dichten, Herr von Cherubin. Cherubin   Was hältst du von dem Titel »Susanne«? Susanne   lächelt: Das ist doch kein Titel. Cherubin   Wer weiß! Vielleicht wirds ein Welterfolg – Er setzt sich ans Piano. Susanne   Wenn es »Susanne« heißt, dann sicher nicht. Cherubin   Werden sehen! Er spielt und singt kitschig-leise. Susanne, ich hab dich lieb, Susanne, der Maientrieb Treibt mich hin zu dir, Weit weg von mir – Der Frühling gibts mir kund: Susanne, mein Herz ist wund. Mein Blut ruft nach dir Drinnen in mir – Susanne, mein Auge bricht, Ich sehe Himmelslicht. Im Tod noch denk ich dein, Dank dir für alle Pein –! Nun? Susanne   Sehr melodiös. Cherubin   Ist das alles? Stille. Susanne   Herr von Cherubin, es tut mir sehr weh, aber: benennen Sie, bittschön, Ihre Komposition nicht mehr nach mir. Cherubin   Weißt du, was du bist? Susanne   Ja. Undankbar. Cherubin   Aber! Susanne   Ohne Sie wär ich verhungert. Cherubin   Aber – aber! Susanne   Doch! Stille. Cherubin   fixiert sie freundlich: Unverbesserlich – Susanne   Ich werd nie wieder heiraten. Cherubin   Wars denn so schlimm? Susanne   Lassens mich, ich bin ein verworfenes Wesen – ich danke den Menschen, die ich verachte, und die ich achte, die kommen mir komisch vor, und dann ist gleich alles aus. Cherubin   Dieses Gefühl ist mir nicht fremd, aber ich habs mit der Emigration überwunden. Ich war ja mal ein großer Lebejüngling, noch vor – Er stockt plötzlich. Halt, wie lang ist denn das jetzt her, daß wir nicht mehr zu Hause sind? Susanne   lächelt: Zweihundert Jahre. Cherubin   grinst: Mindestens! Stille. Susanne   Wissen Sie, was heut für ein Datum ist? Heut kommt er frei. Cherubin   Wer? Susanne   Der Graf. Genau auf den Tag vor einem Jahr wurde er rechtskräftig verurteilt. Stille. Cherubin   Wird er herkommen? Susanne   Ich erwart ihn schon jeden Augenblick. Stille. Cherubin   Willst du mir eine Frage offen beantworten? Susanne   Wenn ich kann, gern. Cherubin   langsam: Hattest du etwas mit ihm, dem Grafen? Susanne   Ich? Wie kommen Sie darauf? Cherubin   Nun, er war doch hinter dir her, noch vor deiner Hochzeit mit Figaro – Susanne   Sie wissens doch, daß damals nichts passiert ist. Das ist doch allgemein bekannt. Cherubin   Und jetzt? In der Emigration? Susanne   Jetzt ist erst recht nichts passiert. Alles, was der Graf für mich tat, auch, daß er mich zu Ihnen protegierte, tat er aus purer Menschlichkeit. Cherubin   Ein seltenes Wort. Susanne   Es war aber so. Stille. Cherubin   Ist es wahr, daß die Gräfin gestorben ist, aus Kummer über das Verhältnis zwischen dir und dem Grafen? Susanne   fährt ihn an: Wer sagt das?! Das ist ja die niederträchtigste Verleumdung! Die arme Gräfin wär wegen mir gestorben! Hören Sie: ich schwöre es Ihnen bei allem, was mir noch heilig ist, die arme Gräfin ist an der Grippe gestorben, und jetzt soll sie zur Tür hereinkommen, so wie sie starb, mit offenem Mund, und soll mich holen, ich hatte nichts mit dem Grafen, nichts, nichts, nichts, denn ich liebe einen Andern, einen, der mich zerstört hat und der mich keine Mutter werden ließ und den ich hasse wie die Pest! Cherubin   Figaro? Susanne   Ja. Dieses Letzte auf der Welt. Es wird dunkel und auf dem Piano ertönt Cherubins Lied »Susanne«, von mehreren Personen gesungen und gesummt; als es wieder Licht wird, ist im Lokal Betrieb. Ein Pianist spielt und singt das Lied, und die Gäste summen es mit, auch jener Gast von vorhin, der wiedergekommen ist und nun an der Bar sitzt. Susanne   zu Cherubin, der hinter der Bar steht: Hat er gegessen? Cherubin   Er sitzt noch in der Küche. Gast   zu Susanne: Wer sitzt in der Küche? Susanne   Ein flüchtiger Bekannter – Sie läßt ihn stehen und serviert. Gast   sieht ihr nach, zu Cherubin: Was sagen Sie, wie schnippisch die ist? Cherubin   lächelt: Sie ist eine Prinzessin. Sie sagts nur nicht gern, weil sie sich schämt. Pause. Gast   plötzlich alkoholisiert: Wer sitzt denn in der Küche? Cherubin   Niemand. Gast   Herr, haltens mich nicht zum besten! Cherubin   Herr, in der Küche sitzt nur das Personal und ein Bettler! Gast   Wenn es ein Bettler ist, dann bringens ihm diesen Kognak – Er deutet auf sein großes, volles Glas. Aber sofort, bitt ich mir aus! Cherubin   Wie Sie befehlen! – Grimmig ab in die Küche mit dem Glas. Gast   ruft zu Susanne: He, Prinzessin, wer sitzt denn in der Küche? Ein Prinz? Er grinst. Susanne   Ja. Sie kehrt ihm den Rücken zu. Kommissar   kommt zu Susanne: Könnt ich mal den Chef sprechen? Polizei. Susanne   schrickt zusammen: Sofort! Sie eilt an die Küchentüre und ruft in die Küche. Herr von Cherubin! Cherubin erscheint. Susanne   deutet auf den Kommissar. Der Herr möcht Sie sprechen – Leise. Polizei – Sie wirft einen ängstlichen Blick nach der Küche. Cherubin   zum Kommissar: Bitte? Kommissar   Es dreht sich um folgenden Akt: Sie beschäftigen hier eine staatenlose Kellnerin, deren Arbeitsbewilligung bereits vor vier Wochen abgelaufen ist – Susanne   unterbricht ihn erleichtert: Ach, es dreht sich nur um mich? Kommissar   mißt sie mit einem Blick: Ja, nur um Sie – Er wendet sich wieder an Cherubin. Sie muß ihre Stellung sofort verlassen, ansonsten macht sie sich strafbar und Sie, mein Herr, dito, Sie verlieren noch Ihre Konzession – Cherubin   Aber ich kann doch das Fräulein nicht einfach auf die Straße – Kommissar   unterbricht ihn: Tut mir leid! Graf erscheint in der Küchentür, mit dem leeren Kognakglas in der Hand; er ist eine Ruine geworden, aber mit Spuren ehemaliger Eleganz; da er keinen Alkohol mehr verträgt, ist er von dem einen Glas bereits benommen. Ich tu nur meine Pflicht, und der Einzelne spielt leider keine Rolle, Gesetz ist Gesetz. Graf   lauscht: Gesetz? Cherubin   zum Grafen: Ruhe, bitte! Graf   Ich höre immer Gesetz. Kommissar   zum Grafen: Mischen Sie sich da nicht in Amtshandlungen! Graf   Eure Amtshandlungen, die kenne ich schon, und in eure Gesetze da müßt man sich mal hineinmischen – höchste Zeit wärs! Gast   Bravo, Prinz! Kommissar   zum Grafen: Halten Sie den Mund! Graf   Ich halte nicht den Mund, verstanden? Fällt mir nicht ein! Cherubin   zum Kommissar: Er hat getrunken, der alte Mann – Kommissar   Das will ich hoffen, in seinem Interesse. Graf   schreit den Kommissar an: In meinem Interesse haben Sie nichts zu hoffen, ich verbiete es Ihnen! Und getrunken habe ich nur ein Glas, aber ich vertrag noch soviel wie früher, genau soviel, verstanden?! Und jetzt sag ich Ihnen meine Meinung – Kommissar   unterbricht ihn: Sie werden hier keine Meinungen sagen! Graf   Ich werde sie sagen – Er stockt, läßt das Glas fallen, faßt sich ans Herz und taumelt. Susanne   Um Gottes Willen, Herr Graf! Graf   lallt: Ich werde jedem meine Meinung sagen, auch dem Herrn Lehrer – Er bricht auf einem Stuhl nieder. Susanne bemüht sich um ihn. Die Gäste verlassen das Lokal. Kommissar   zu Cherubin: Was ist das? Ein Graf? Cherubin   Ein Graf Almaviva. Kommissar tritt an den Grafen heran und fühlt ihm den Puls. Susanne   Ist er tot? Kommissar   Keine Spur. Alkohol und sonst nichts – Er nimmt des Grafen Brieftasche an sich, blättert in den Papieren und stutzt; leise. Nummer siebenundachtzig. Entlassen am – Cherubin   Ja, ja, es ist ein Trauerspiel. Er hat etwas verkauft, was nicht ihm gehört hat – Kommissar   Veruntreuung? Cherubin   nickt ja: Veruntreuung und glatter Betrug – ein jedes Kind hätt das sehen können, nur er nicht. Ja, ja, Not und Leichtsinn, der erschwerende Umstand hebt den mildernden auf. Graf   kommt zu sich: Wo ist mein Hut? Cherubin   In der Küche. Susanne   Ich such ihn – Ab in die Küche. Kommissar   zum Grafen: Sie können gleich gehen, ich seh nur nach, wer Sie sind – Er deutet auf die Brieftasche. Graf   erkennt seine Brieftasche: Achso. Stille. Kommissar   gibt dem Grafen die Brieftasche zurück: In Ordnung. Graf   Haben Sie auch das Schloß gesehen? Kommissar   perplex: Was für Schloß? Graf   Mein Schloß. Hier – Er holt aus seiner Brieftasche einige Photographien hervor und zeigt sie dem Kommissar. Das war der Park, der ging bis zum Wald. Und das, das sind Familienbilder, Erinnerungen, meine Frau und so – Er lächelt. Kommissar   Ich an Ihrer Stelle würde jetzt nach Hause gehen. Graf   grinst: Wohin? Kommissar   Übrigens: wo wohnen Sie? Graf   Kennen Sie das Hotel Esplanade? Und das Carlton? Kenn ich alles, alles – Meine Hochachtung, Herr Kommissar! Gute Nacht! Ab. Susanne   kommt mit des Grafen Hut aus der Küche und sieht sich perplex um: Wo ist er? Cherubin   Fort. Susanne   bange: Ohne Hut? Kommissar   Betrunkene tun sich nichts an. Cherubin   Ein einziges Glas – Kommissar   Er verträgt halt nichts mehr. Cherubin   Ja, ja, ein tragischer Fall. Kommissar   Hm. – Zu Susanne. Fräulein. Kommen Sie morgen aufs Kommissariat, vielleicht wills der liebe Gott und es gibt noch einen Aufschub – Gute Nacht! Ab. Cherubin   Meine Empfehlung, Herr Kommissar! Stille. Susanne   Ich geh nicht aufs Kommissariat! Cherubin   Bist du wahnsinnig? Susanne   Ich pfeif auf den Aufschub! Cherubin   Aber ohne Arbeitsbewilligung, von was willst denn leben?! Susanne   Ich werd einen Brief beantworten – Cherubin   Was für einen Brief? Susanne   Einen Brief, den ich schon seit zwei Wochen bei mir herumtrag. Möcht nur wissen, woher er meine Adresse weiß – Cherubin   lauernd: Wer? Susanne   überhört die Frage: Er schrieb mir, ich möchte wieder zu ihm kommen. Er war sehr einsam – Sie grinst. Cherubin   Wer? Susanne   Figaro. Stille. Cherubin   Wo steckt er denn? Susanne   Schloßverwalter ist er geworden und hat Gewissensbisse. 2. Bild Im tiefen Grenzwald. Susanne und der Graf überschreiten heimlich die Grenze, um zurückzukehren. Man hört nur ihre Stimmen, denn es ist stockdunkle Nacht. Graf   Wo bist du? Susanne   Hier. Graf   Ich sehe nichts. Susanne   Es ist die finsterste Nacht meines Lebens – Sie schreit kurz auf. Graf   Was denn los? Susanne   Ich bin in etwas Weiches getreten. Der Mond bricht bleich durch die Wolken, und nun kann man die Heimkehrenden sehen. Graf   Wir haben zunehmenden Mond – wie damals. Ich habe das Land meiner Väter verlassen, um nicht erschlagen zu werden, und jetzt kehr' ich heim durch denselben Wald, um nicht etwa wieder eingesperrt zu werden. Not kennt kein Gebot – Er lächelt. Heut frag' ich mich nicht mehr, was ich verbrochen hab, daß ich heimlich über die Grenze muß – Susanne   Aber, Herr Graf, Sie haben doch nichts verbrochen! Graf   Oho. Ich hab' mich verrechnet. »In zwei Monaten ist alles aus« – Er grinst. Figaro hatte recht. Er sieht sich um. Sind wir schon jenseits? Susanne   Ich erinnere mich hier an jede Lichtung. Rechts der See, links die Schlucht, wir haben 's hinter uns. Graf   Was versprichst du dir eigentlich davon, daß du mich mit dir nimmst? Susanne   perplex : Wieso? Graf   Nun, denkst du, es wird so glatt abgehen, wenn ich zuhaus auftauch? Susanne   Aber das haben wir doch schon alles besprochen, Herr Graf! Wir gehen jetzt heimlich zu Figaro und fragen ihn, wie die Situation liegt – Graf   fällt ihr ins Wort: Hast du es ihm eigentlich geschrieben, daß wir kommen? Susanne   Nein, er weiß noch nichts. Ich wollte, aber ich konnt nicht, hab den Brief immer wieder zerrissen. Ich muß ihn sprechen. Stille. Graf   Schloßverwalter ist er geworden, nicht? Susanne   Das wissen Sie doch, Herr Graf! Graf   Und was bin ich geworden – Er grinst. Susanne   Herr Graf, ich seh ein Licht! Graf   sieht nicht hin: Ich sehe nichts. Susanne   Kommen Sie – Graf   unterbricht sie: Nein. Der Baum, der dort liegt, sieht aus wie ein Bett. Ja, links stand das Bett, rechts das Sofa. Sie schlief auf dem Sofa, denn mir wars zu kurz. – Er blickt empor. Liegst du jetzt besser? Stille. Susanne   blickt empor: Es regnet. Jetzt weht der Wind, zunächst noch schwach. Graf   Geh, Susanne, er hat dich gerufen, mich ruft niemand. Ich bleibe. Susanne   Hier? Graf   Es war mir nie recht klar, warum ich dir zurückgefolgt bin, erst jetzt begreif ich, daß ich zuhause schlafen wollt – ja, das Sofa war zu kurz – Susanne   weinerlich: Aber, Herr Graf, komplizierens doch nicht noch die Situation! Was wollens denn hier im Wald? Graf   deutet auf den Baumstamm: Dort ist mein Bett. Starker Windstoß. Der Mond verschwindet hinter Wolken, es wird wieder stockdunkle Nacht, man hört nur Susannes Stimme aus immer weiterer Ferne, verschwindend im Sturm. Susanne   Herr Graf! Wo sind Sie denn? So antworten Sie doch! Herr Graf! Herr Graf! Stille. Jetzt bricht der Mond wieder durch die Wolken und man sieht den Grafen allein. Graf   entledigt sich seines Mantels und prüft den Gürtel auf seine Festigkeit hin; dabei summt er Cherubins Lied »Susanne«; plötzlich vor sich hin: Meine Frau sagte immer, wir sitzen noch in der Schule und warten auf die großen Ferien – Er blickt empor. Herr Lehrer, dauerts noch lang? Stimme   Halt! Graf zuckt zusammen und lauscht. Wohin? Graf starrt in den Wald und schweigt. Wachtmeister   tritt vor, es war seine Stimme: Ihre Legitimation? Graf   lächelt seltsam: Was? Wachtmeister   Ihre Papiere, Paß oder dergleichen? Graf   grinst: Was ist das? Wachtmeister   Machen Sie keine blöden Witze! Wer sind Sie? Graf   Ich? Wachtmeister   ungeduldig: Wer denn sonst? Graf   langsam: Ich, ich bin der Graf Almaviva – Wachtmeister   Almaviva?! Graf   lächelt: Ja. Wachtmeister starrt ihn fassungslos an, reißt sich dann zusammen und pfeift auf einer Alarmpfeife. Wache erscheint. Wachtmeister   zum Grafen: Im Namen des Volkes! Sie sind verhaftet! 3. Bild Wieder auf dem ehemaligen ländlichen Herrensitz des Grafen Almaviva. Fanchette sitzt vor dem Portal und flickt die Hose ihres Gatten. Es ist ein warmer Herbstmorgen. Fanchette   singt vor sich hin: Der Frühling gibt mirs kund, Susanne, mein Herz ist wund, Mein Blut ruft nach dir Drinnen in mir – Figaro erscheint im Portal, hält und lauscht. Fanchette bemerkt ihn nicht und singt weiter. Susanne, ich hab dich lieb, Susanne, der Maientrieb Treibt mich hin zu dir. Weit weg von mir – Sie bemerkt erst jetzt Figaro und verstummt plötzlich. Figaro   Was singst denn da für ein Lied von einer Susanne? Fanchette   Kennst das nicht? Der neueste Weltschlager, hat sich in paar Tagen den ganzen Erdkreis erobert. Figaro   So? Mir scheint, Gassenhauer sind ansteckender als revolutionäre Lyrik. Ist die Post schon gekommen? Fanchette   Ja. Hier – Sie gibt ihm einige Briefe. Figaro   betrachtet die Briefe: Ist das alles? Fanchette   fixiert ihn: Auf was wartest du eigentlich? Figaro   Auf einen Brief. Etwas Privates. Fanchette   mit leiser Ironie, während sie die Hosen ihres Gatten ausbreitet: Daß du auch etwas Privates hast, soll man nicht für möglich halten, du lebst doch nur für das Schloß und die Kinder – Figaro   fällt ihr ins Wort: Sag: glaubst du, daß die Kinder mich gern haben? Fanchette   Wie blöd du immer wieder fragst! Du bist doch den Kindern ihr oberster Herrgott, für dich würden sie stehlen und rauben und morden – Figaro   lächelt: Meinst du? Er sieht sich um. Wann kommt denn die nächste Post? Fanchette   Morgen ist Feiertag. Figaro   Hm – Er will ab ins Schloß. Wachtmeister   kommt rasch von rechts und salutiert: Guten Morgen, Herr Verwalter! Figaro   Guten Morgen, Wachtmeister! Alles in Ordnung? Wachtmeister   Melde gehorsamst, eine wichtige Arretierung. Ein Mann. Er hat sich über die Grenze geschmuggelt, und wir trafen ihn unweit der Schlucht. Er behauptet, er sei der Graf Almaviva – Figaro   fällt ihm ins Wort: Was?! Fanchette   Almaviva? Um Gottes Willen! Figaro   Wo ist er? Wachtmeister   Wir haben ihn in den Keller gesperrt. Figaro   Sofort! Kommen Sie, Wachtmeister! Rasch ab mit ihm nach rechts. Pedrillo   kommt aufgeregt von links: He, Fanchette! Weißt du, wer im Lande ist?! Grad hab ichs im Wirtshaus gehört – der Graf Almaviva, dieser hochgeborene Unhold ist da! Na, mit dem werd ich ein Wörterl reden, mit diesem Zyniker, der mein Weib vergewaltigt hat – Fanchette   fällt ihm ins Wort: Aber Mann! Kümmer dich doch nicht mehr um Politik! Pedrillo   Eine Vergewaltigung ist keine Politik, bitt ich mir aus! Stille. Fanchette   langsam: Pedrillo, ich muß dir jetzt etwas sagen, aber du darfst mich nicht verachten – Pedrillo   Ich verachte nicht den letzten Wurm, das weißt du. Was gibts? Fanchette   Ich hab Angst. Wenn du jetzt nämlich das alles aufs Tapet bringst, was mir der Graf angetan hat, das gibt doch nur Scherereien – Pedrillo   Recht muß Recht bleiben, und ungestraft wird bei uns nicht vergewaltigt, bei uns nicht, so tief sind wir noch nicht gesunken! Fanchette   Pedrillo. Ich habe dich belogen. Pedrillo   stutzt: Was willst du damit ausdrücken? Fanchette   langsam: Damit will ich ausdrücken, daß von einer korrekten Vergewaltigung nicht die Rede sein kann – Pedrillo   Nicht die Rede?! Sondern? Fanchette   lächelt unsicher: Sondern. Stille. Pedrillo   fixiert sie: Du hast mich also nur so betrogen, so korrekt? Fanchette   Sei mir nicht bös, bitte – Pedrillo   Soll ich mich vielleicht noch freuen, daß er dich nicht vergewaltigt hat?! Da stürzt ja eine Welt in mir zusammen, ganze Berge von Theorien und überhaupt alle Rechtsbegriffe! Ich sags ja immer: es bleibt einem nur das Wirtshaus. Stille. Fanchette   Was wirst du jetzt machen? Pedrillo   Aufhängen werd ich mich nicht. Fanchette   langsam: Wirst du dich scheiden lassen? Pedrillo   fährt sie an: Willst du mir noch mehr Scherereien bereiten?! Von Scheiden kann gar keine Rede sein, schon wegen unserer Kinder, aber das eine bitt ich mir von heut ab aus: von diesem deinem Geständnis ab hast du mir aber schon radikal keine Vorschriften mehr zu machen, wann ich ins Wirtshaus geh und wie lang ich dortselbst verweil, verstanden?! Er läßt sie stehen und nach links ab. Fanchette   allein; sieht ihm nach: Du liebst mich nicht mehr – Ab in das Schloß. Figaro   kommt von rechts mit dem Wachtmeister, gefolgt von zwei Kindern, Carlos und Maurizio; zum Wachtmeister: Es bleibt dabei! Ich übernehme die volle Verantwortung! Wachtmeister   Bitte, Herr Verwalter, jedoch – Figaro   unterbricht ihn: Da gibts kein »jedoch«! Befehl ist Befehl! Wachtmeister   Zu Befehl, Herr Verwalter! Er salutiert und ab nach links. Figaro will in das Schloß. Carlos   Herr Schloßverwalter! Figaro   hält: Was gibts? Carlos   Der Graf Almaviva gehört doch sofort erschossen, nicht? Figaro   Wer sagt das? Carlos   Ich. Figaro   sieht ihn ernst an: So, du. Carlos   Ja, denn er ist ein politischer Verbrecher. Maurizio   zu Carlos: Nein, er tehört nicht tertossen, tondern er toll lebentlänglich Tuchthaus betommen? Figaro   grimmig: Und warum soll er Tuchthaus bekommen? Maurizio   Weil lebentlänglich Tuchthaus eine tlimmere Trafe ist, hat der Herr Lehrer tesagt. Figaro   So? Beiseite. Diesem Lehrer werd ich mal einen kleinen Privatunterricht in Humor geben – Zu den Kindern. Paßt mal auf, ihr zwei Richter! Erstens: Schmeißt mir lieber ein paar Fensterscheiben ein, als daß ihr politisiert! Zweitens: Der Graf Almaviva ist kein Verbrecher – Carlos   unterbricht ihn: Er ist doch ein Graf! Figaro   Warst du schon mal ein Graf? Carlos   verdutzt: Nein. Figaro   Na also! Dann red auch nicht mit. Ich sage euch, wenn ihr mal den Grafen Almaviva treffen solltet, dann müßt ihr ihn anständig grüßen, höflich und artig sein, denn er ist ein alter Mann und ihr seids Lausbuben, und wenn er Verbrechen begangen hat, dann wird er nicht auf euch warten, um bestraft zu werden. Und überhaupt: Ihr wollt einen Menschen so mir-nix-dir-nix erschießen und lebenslänglich einsperren? Was hat er euch denn getan, dir und dir? Schämts euch denn nicht? Gebt acht, vielleicht wenn ihr alt sein werdet, wirds heißen, ein jedes Findelkind ist ein Verbrecher, und es wird nur Grafen geben, und die Grafen werden die Findelkinder einsperren und erschießen – So, und jetzt werfts ein paar Fensterscheiben ein, marsch! Kinder still ab. Susanne kommt von links. Figaro   erblickt sie. Susanne! Er starrt sie an. Susanne sieht ihn an und schweigt. Figaro fährt sich verwirrt mit der Hand über die Augen. Warum hast du meinen Brief nicht beantwortet? Susanne   muß lächeln: Hätt ich schreiben sollen? Figaro   Was red ich? Es ist mir noch nicht im Kopf drinnen, daß du vor mir stehst – ich wart seit Wochen auf einen Brief – Susanne   Figaro, ich habe gehört, ihr habt den Grafen verhaftet? Figaro   Was für einen Grafen? Susanne   Den Grafen Almaviva! Figaro   Ach so, ja. Verzeih, ich bin noch wirr – Susanne   fällt ihm ins Wort: Daß dem Grafen nur nichts geschieht, hörst du mich? Ich bin ja schuld, daß er zurück ist, und es wär entsetzlich, wenn ihr ihm was tun würdet, er hat mir draußen immer geholfen – Figaro   unterbricht sie: Was sprichst du immer vom Grafen, wo wir uns so lange nicht gesehen haben? Susanne   Weil mir das jetzt wichtiger ist! Figaro   horcht auf: Wichtiger? Susanne   Versprich es mir, bitte, daß ihm nichts passiert! Figaro   Du traust es mir also zu, daß dem Grafen etwas passiert? Susanne   Ich weiß es nicht. Figaro   Du weißt es nicht? Na wart! Also der Graf ist natürlich nicht zu retten, nur, wenn er begnadigt werden sollte, bekäm er Zuchthaus, lebenslänglich – Susanne   Was?! Figaro, du mußt ihn retten! Figaro   Das kann ich nicht. Recht ist Recht. Susanne   Es gibt zweierlei Recht – Figaro   unterbricht sie: Seit wann? Susanne   Seit wann, fragst du? Das waren doch immer deine Theorien – oh, jetzt seh ich erst, wie du mich belogen hast mit deinem Brief, hast mir von Menschlichkeit geschrieben, aber bei dir ist alles nur Phrase! Figaro   Nein. Aber, obwohl du gekommen bist, traust du mir immer noch alles Böse zu, und deshalb gehörst du enttäuscht. Susanne   Du hast dich nicht verändert. Figaro   Ich glaub schon. Stille. Susanne   Ich bin zu dir zurückgekommen, weil mir meine Arbeitsbewilligung entzogen wurde. Figaro   Das freut mich. Susanne   Nur weil ich draußen nichts mehr zu Essen hatte, bin ich zu dir zurück. Figaro   Das glaub ich dir nicht. Susanne   Doch. Figaro   Nein. Susanne   Warum sollt ich dich belügen. Figaro   Warum belügst du dich selbst? Tuts dir wohl? Mir machts nichts aus. Stille. Susanne   Hast Gewissensbisse gehabt? Sie grinst. Figaro   Wenn du mich so fragst, sag ich nein. Susanne   Warum hast du mich gerufen? Figaro   Weil ich dich brauche. Susanne   höhnisch: Zu was denn? Figaro   Ich bitt dich, frag nicht so dumm! Stille. Figaro   geht langsam auf sie zu und hält dicht vor ihr: Susanne. Du hast mich mal gefragt, wie wird denn das sein, wenn wir alt werden und es wird niemand da sein, der zu uns gehört? Es wird sinnlos geworden sein, daß wir überhaupt gelebt haben – Susanne   sieht ihn groß an: Und du hast gesagt, viel Sinn hats so und so nicht – und ich hab gesagt, dann möcht ich lieber gleich sterben – Figaro   Und ich hab gesagt, ich hab dich sehr lieb. Erinnerst du dich? Susanne   leise: Ja. Aber ich hab gesagt, das allein genügt mir nicht – Figaro   Stimmt. Er nickt ihr lächelnd zu. Aber heute, heut hab ich keine Angst mehr vor der Zukunft – In der Nähe klirrt eine eingeschmissene Fensterscheibe. Die Zwei horchen auf. Es klirrt wieder. Antonio   kommt rasch von links: Figaro, die Saububen schmeißen die Fensterscheiben ein, ich reiß ihnen die Ohren aus! Figaro   Du wirst dich beherrschen. Ich habs ihnen erlaubt, daß sie die Scheiben einschmeißen. Antonio   Erlaubt? Und wieder klirrt es. Figaro   Ich habe ihnen versprochen, daß sie es dürfen, wenn sie nicht politisieren. Antonio   Das ist zuviel. Es klirrt abermals. Figaro   Das ist aber wirklich zuviel! Zu Antonio. Na, und – Er deutet auf Susanne. Was sagst du zu meiner Frau? Antonio   Wir haben uns schon begrüßt. Graf erscheint im Portal; er macht einen gepflegten, aber sehr müden Eindruck. Himmel, der Herr Graf Almaviva! Graf   lächelt: Ach, alter Antonio – lebst du auch noch? Antonio   Nimmer lang, gnädiger Herr Graf, nimmer lang! Graf   Das sowieso. Er starrt plötzlich nach links. Hopp, dort fehlt ja meine große Tanne – Antonio   Die hat der Blitz getroffen – Graf   Dann bin ich schon wieder beruhigt. Ich dachte bereits, ihr hättet sie gefällt – Er lächelt und sieht sich um. Ja, die Bänke stehen noch unter den Bäumen und die Bäume haben ihre Plätze nicht verlassen, auch die Wiesen sind zuhaus geblieben – Figaro! Figaro   tritt zu ihm hin: Herr Graf wünschen? Graf   Bin ich nun wirklich frei? Figaro   Gewiß, Herr Graf. Graf   Und ich soll wieder in meinem Zimmer wohnen? Figaro   Gewiß, Herr Graf. Graf   Hm. Ist denn die Revolution zu Ende? Figaro   Im Gegenteil, Herr Graf. Jetzt erst hat die Revolution gesiegt, indem sie es nicht mehr nötig hat, Menschen in den Keller zu sperren, die nichts dafür können, ihre Feinde zu sein. Susanne   Figaro! Sie eilt auf ihn zu und umarmt ihn. Und abermals klirrt eine Fensterscheibe.