An David Wilkie . Mein lieber Herr! Sie werden sich erinnern, daß wir bei unsern gemeinschaftlichen Wanderungen in einigen der alten Städte Spaniens, namentlich in Toledo und Sevilla, eine große Mischung des Sarazenischen mit dem Gothischen – Ueberbleibsel aus der Zeit der Mauren – bemerkten, und mehr als einmal über Scenen und Vorfälle in den Straßen staunten, welche uns Stellen aus den Mährchen der tausend und einen Nacht zurückriefen. Sie drangen damals in mich, etwas zu schreiben, das diese Eigenthümlichkeiten erläuterte, »etwas in dem Haroun Al Raschid Styl,« das einen Beigeschmack von jenem arabischen Gewürz hätte, welches Alles in Spanien durchdringt. Ich erinnere Sie daran, um Ihnen zu zeigen, daß Sie in gewisser Hinsicht für dieses Werk verantwortlich sind, in welchem ich einige Arabesken-Skizzen aus dem Leben, und auf Volksüberlieferungen gegründete Erzählungen gegeben habe, welche während eines Aufenthalts in einem der vorzugsweise Maurisch-Spanischen Paläste der Halbinsel gesammelt wurden. Ich weihe Ihnen diese Blätter als ein Andenken an die fröhlichen Scenen, von denen wir in jenem Lande der Abentheuer gemeinschaftlich Zeugen waren, und als einen Beweis der Achtung für Ihren Werth, die nur von der Bewunderung Ihrer Talente übertroffen wird. Ihr Freund und Reisegefährte,           Im Mai, 1832.   der Verfasser.     Inhalt.         Die Reise Befehlshaberschaft der Alhambra Das Innere der Alhambra Der Thurm der Comares Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien Die Haushaltung Der Flüchtling Des Verfassers Gemach Die Alhambra im Mondlichte Bewohner der Alhambra Der Löwenhof Boabdil el Chico Erinnerungen an Boabdil Der Balcon Das Abentheuer des Maurers Ein Spaziergang auf die Hügel Örtliche Sagen Das Haus des Wetterhahns Sage von dem arabischen Astrologen Der Thurm der Prinzessinnen Sage von den drei schönen Prinzessinnen Besucher der Alhambra Sage vom Prinzen Ahmed al Kamel, oder der Liebespilger Sage von des Mauren Vermächtniß Sage von der Rose der Alhambra, oder der Page und der Geierfalke Der Veteran Sage von dem Statthalter und dem Notar Statthalter Manco und der Soldat Sage von den zwei verschwiegenen Statüen Muhamed Abu Alahmar Yusef Abul Hagig Die Reise. Im Frühling 1829 machte der Verfasser dieses Werkes, den die Neugierde nach Spanien geführt hatte, in Gesellschaft eines Freundes, einem Mitgliede der russischen Gesandtschaft zu Madrid, eine Reise von Sevilla nach Granada. Der Zufall hatte uns aus verschiedenen Regionen des Erdballs zusammengeführt und eine Gleichartigkeit des Geschmacks veranlaßte uns gemeinschaftlich in Andalusiens romantischen Bergen umher zu wandern. Wenn ihm diese Blätter zu Gesicht kommen, wohin auch die Pflichten seines Berufes ihn geschleudert haben, ob er an dem Gepränge der Höfe Theil nehme, oder über den echteren Glanz der Natur nachsinne, mögen sie die Scenen unserer abentheuerlichen Genossenschaft und mit ihnen die Erinnerung an Jemand zurückrufen, bei dem weder Zeit noch Entfernung das Andenken an sein einnehmendes Wesen und seinen Werth verlöschen werden. Und hier sey es mir, ehe wir die Reise beginnen, vergönnt, vorläufig einiges über spanische Landschaften und spanisches Reisen zu bemerken. Mancher mag sich wohl in seinem Geiste Spanien als ein mildes, südliches Land denken, mit all den üppigen Reizen des wollüstigen Italiens ausgeschmückt. Im Gegentheil ist es, obgleich in einigen der Küstenprovinzen Ausnahmen gefunden werden, zum größern Theil ein ernstes, melancholisches Land, mit rauhen Gebirgen, lang hinziehenden Ebenen, baumlos, unbeschreiblich stumm und einsam, dem wilden und abgeschlossenen Charakter Afrika's sich nähernd. Was dieses Schweigen und diese Einsamkeit vermehrt, ist der Mangel an Singvögeln, eine natürliche Folge des Abgangs an Laubwerk und Hecken. Wohl sieht man den Geier und den Adler über den Bergen kreisen und über die Ebenen schweben, und Gruppen von scheuen Trappen auf den Heiden umherschreiten; allein die Myriaden kleinerer Vögel, welche den ganzen Charakter anderer Gegenden beleben, trifft man nur in wenigen Provinzen Spaniens und hier vorzüglich in den Obststücken und Gärten, welche die Wohnungen der Menschen umgeben. In den innern Provinzen durchschneidet der Reisende zuweilen große Strecken, die so weit das Auge reichen kann, mit Frucht besäet sind, jetzt in grünen Wellen wogend, jetzt nackt und sonnenverbrannt; aber vergebens sucht er rund umher die Hand, welche den Boden gebaut hat. Endlich bemerkt er irgend ein Dorf an einer steilen Höhe oder an einem rauhen Fels, mit zerfallenden Zinnen und den Trümmern eines Wartthurms, in alten Zeiten ein fester Platz gegen Bürgerkrieg oder Maurischen Einfall; denn die Gewohnheit, sich zu wechselseitigem Schutz zu versammeln, wird zufolge der Räuberei umstreifender Freibeuter, in den meisten Theilen Spaniens noch unter den Landleuten beibehalten. Obgleich es aber einem großen Theile von Spanien an dem Schmucke des Laubwerks und der Wälder und den sanfteren Reizen einer kunstreichen Anbauung fehlt, so hat seine Scenerie doch etwas von einem hohen und stolzen Charakter, wodurch jener Mangel ausgeglichen wird. Sie hat einige Aehnlichkeit mit den Eigenthümlichkeiten ihres Volkes, und ich glaube den stolzen, kühnen, mäßigen und enthaltsamen Spanier, seinen männlichen Trotz gegen Mühseligkeiten und seine Verachtung gegen Verweichlichung besser zu kennen, seit ich das Land gesehen habe, welches er bewohnt. Auch in den streng einfachen Zügen der spanischen Landschaft ist etwas, das die Seele mit einem Gefühle der Erhabenheit erfüllt. Die unermeßlichen Ebenen der beiden Kastilien und der Mancha, die sich, soweit das Auge nur reichen kann, ausdehnen, erhalten selbst durch ihre Nacktheit und Unabsehbarkeit ein Interesse und haben etwas von der feierlichen Größe des Oceans. Wenn man diese grenzenlosen Wüsten durchwandert, fällt der Blick da und dort auf eine einzelne Rinderheerde von einem einsamen Hirten gehütet, der bewegungslos wie eine Statue steht und dessen langer, schlanker Stab wie eine Lanze in die Luft emporragt; oder man sieht einen langen Zug von Maulthieren, die sich langsam die Einöde entlang bewegen, wie ein Zug Kamele in der Wüste; oder einen einzelnen Hirten, der, mit Gewehr und Dolch bewaffnet, durch die Ebene eilt. So hat das Land, so haben die Sitten, selbst das Aussehen des Volkes etwas von dem arabischen Charakter. Der allgemeine Gebrauch der Waffen beweißt, daß es überall unsicher in dem Lande ist. Der Hirt auf dem Feld, der Schäfer in der Ebene hat seine Flinte und sein Messer. Der reiche Dorfbewohner wagt sich selten in den Marktflecken, ohne seinen Trabuco und vielleicht einen Diener zu Fuß mit einer Büchse auf der Schulter bei sich zu haben, und die unbedeutendste Reise wird mit den Vorbereitungen eines kriegerischen Unternehmens angetreten. Die Gefahren auf der Heerstraße veranlassen auch eine Reiseart, die in einem kleinen Maßstab den Karawanen des Osten gleicht. Die Arrieros, oder Kärner, vereinigen sich zu Geleitschaften und gehen an bestimmten Tagen in großen und wohlbewaffneten Zügen ab, während hinzukommende Reisende ihre Zahl vermehren und ihre Stärke erhöhen. Auf diese alt einfache Weise wird der Handel des Landes betrieben. Der Maulthiertreiber ist der allgemeine Vermittler des Verkehrs und der gesetzmäßige Durchzieher des Landes, der die Halbinsel von den Pyrenäen und den asturischen Gebirgen bis zu den Alpujarras, der Serrania de Ronda und selbst zu den Pforten von Gibraltar durchstreift. Er lebt mäßig und mühevoll; sein Alfurjas von grobem Tuche enthält seinen knappen Vorrath von Lebensmitteln; eine Lederflasche, die an dem Sattelbogen hängt, ist mit Wein oder Wasser gefüllt, um auf dem öden Gebirg oder den dürren Ebenen den Durst zu stillen. Eine Maulthierdecke, auf den Boden gebreitet, ist des Nachts sein Bette und sein Packsattel ist sein Kissen. Seine kleine, aber schön gegliederte und kräftige Gestalt zeugt von Kraft; seine Gesichtsfarbe ist dunkel und sonneverbrannt; sein Auge entschlossenen aber ruhigen Ausdrucks, ausgenommen wenn eine plötzliche Erregung es entflammt; sein Benehmen ist frei, männlich, höflich und er geht nie an dir vorbei ohne einen ernsten Gruß: »Dios guarde à usted!« »Va usted con Dios, Caballero!« – »Gott schirme euch! Gott sey mit euch; Herr!« Da diese Leute oft ihr ganzes Vermögen in dem Gepäck ihrer Maulthiere tragen, so haben sie ihre Waffen, die an den Sattel befestigt und augenblicklich zu verzweifeltem Widerstand bereit sind, stets zur Hand. Ihre vereinte Zahl aber sichert sie gegen kleine Banden von Schnapphähnen; und der einsame Bandolero , bis zu den Zähnen bewaffnet und auf seinem Andalusier sitzend, umschwebt sie, wie ein Seeräuber das Geleitschiff eines Kauffahrers, ohne einen Angriff zu wagen. Der spanische Maulthiertreiber hat einen unerschöpflichen Vorrath von Liedern und Balladen, um sein unaufhörliches Wanderleben damit zu erheitern. Die Weisen sind rauh und einfach, indem sie nur aus wenigen Inflexionen bestehen. Diese singt er mit lauter Stimme und langem, gezogenem Tonfall heraus, während er quer auf seinem Maulthier sitzt, das mit unendlichem Ernste zu lauschen und mit seinem Schritte den Takt zu der Weiße zu halten scheint. Die so abgesungenen Strophen sind oft alte überlieferte Romanzen, die Mauren betreffend, oder irgend eine Heiligen-Legende, oder ein Liebesliedchen; oder, was noch häufiger der Fall ist, eine Ballade auf einen kecken Schleichhändler, oder einen kühnen Bandolero, denn der Schmuggler und der Räuber sind poetische Helden bei dem gemeinen Volke Spaniens. Oft ist der Gesang des Maulthiertreibers ein Erzeugniß des Augenblicks und bezieht sich auf eine örtliche Scene oder auf irgend einen Reisevorfall. Dieses Talent des Gesanges und der Improvisation ist sehr häufig in Spanien und soll ihnen von den Mauren vererbt worden seyn. Es hat etwas wild Ergötzliches, diesen Liedern in den rauhen und einsamen Gegenden, von denen sie Kunde geben, zu lauschen, wenn sie von dem Geklingel der Glocke des Maulthirs begleitet werden. Es ist auch von einer sehr malerischen Wirkung, in einem Gebirgspaß auf einen Zug von Maulthiertreibern zu stoßen. Zuerst hört man die Glocken der vordern Maulthiere, die mit ihrem einfachen Tone die Stille der luftigen Höhe unterbrechen; oder vielleicht die Stimme des Maulthiertreibers, der ein träges oder vom Weg abgekommenes Thier ermahnt, oder mit der ganzen Kraft seiner Lunge eine alte Ballade singt. Endlich sieht man die Maulthiere sich langsam den engen Felsenpaß entlang winden, zuweilen steile Klippen niedersteigend, so daß sie sich scharf gegen den Himmel abzeichnen, zuweilen aus den tiefen öden Klüften unten sich empor arbeitend. Während sie sich nähern, unterscheidet man ihren bunten Schmuck von wollenen Büschen, Troddeln und Satteldecken, während, bei'm Vorüberziehen, der stets bereite Trabuco hinter den Päcken und Sätteln, die Unsicherheit der Straße andeutet. Das alte Königreich Granada, in welches wir nun eintreten, ist eines der bergigsten Länder Spaniens. Weite Sierras, oder Gebirgsketten, ohne Strauch oder Baum, farbig von mannigfachen Marmorn und Graniten, erheben ihre sonnverbrannten Gipfel gegen einen tief blauen Himmel; allein in ihren schroffen Gründen liegen die grünsten und fruchtbarsten Thäler eingeklüftet, wo Wüste und Garten um den Vorrang streiten und selbst der Fels gezwungen scheint, Feigen, Orangen und Zitronen zu spenden und sich mit der Myrthe und der Rose zu schmücken. Der Anblick ummauerter Städte und Dörfer, die wie Adlernester an den Klippen hängen und von maurischen Zinnen umgeben sind, oder von zerfallenden Wartthürmen, die auf luftigen Kuppen thronen, führen in den wilden Pässen dieser Berge den Geist in die ritterliche Zeit des christlichen und mahomedanischen Kriegslebens und zu dem romantischen Kampf um Granada's Eroberung zurück. Der Reisende muß, wenn er diese hohe Gebirge durchzieht, absteigen und sein Pferd die steilen und eingekerbten Pfade, die bergan und thalab führen und den zerbrochenen Stufen einer Treppe gleichen, auf und nieder leiten. Zuweilen windet sich der Weg schwindlige Abgründe entlang, ohne ein Geländer, das ihn vor der Tiefe unten schützt, und stürzt dann tiefe, dunkle und gefährliche Abhänge nieder. Zuweilen geht er durch rauhe Barrancas, oder Schluchten, von Winterströmen ausgewaschen, der heimliche Pfad der Schmuggler; während da und dort das bedeutungsvolle Kreuz, das Denkzeichen einer Räuberei oder eines Mordes, auf einem Steinhaufen an irgend einem einsamen Theil des Weges errichtet, den Reisenden ermahnt, daß er im Bereich von Banditen, vielleicht in diesem Augenblick unter den Augen eines lauernden Bandolero ist. Zuweilen setzt ihn, wenn er sich durch die engen Thäler windet, ein rauhes Gebrüll in Erstaunen und er sieht über sich, auf einem grünen Einschnitt der Bergseite, eine Heerde wilder andalusischer Stiere, die zum Kampfe der Arena bestimmt sind. Es ist etwas Schauerliches in dem Anblick dieser furchtbaren Thiere, mit schreckenhafter Kraft begabt und, fast Fremdlinge dem Antlitze des Menschen, in ungezähmter Wildheit ihre heimathlichen Weiden durchstreifend; sie kennen niemand, als den einsamen Hirten, der sie hütet und er selbst wagt es zu Zeiten nicht, ihnen nahe zu kommen. Das tiefe Brüllen dieser Stiere und ihr drohendes Aussehn, wenn sie von der Felsenhöhe nieder blicken, erhöht die Wildheit der rauhen Scenerie umher. Ich habe mich unwillkührlich verleiten lassen, bei den allgemeinen Zügen des Reisens in Spanien länger zu verweilen, als meine Absicht war. Es ist aber etwas Romantisches in jeder Erinnerung an die Halbinsel und die Einbildungskraft scheidet ungern davon. Am ersten Mai verließen mein Gefährte und ich Sevilla, um nach Granada zu gehen. Wir hatten alle Vorbereitungen getroffen, welche eine solche Reise durch gebirgige Gegenden, wo die Wege wenig mehr als bloße Pfade für Maulthiere und zu häufig von Räubern belagert sind, nothwendig machte. Der werthvollere Theil unseres Gepäcks war durch Arrieros vorausgeschickt worden; wir behielten nur Kleidung und das Nothwendigste für den Weg und Geld für die Ausgaben der Reise bei uns; doch steckten wir von letzterm einen kleinen Ueberschuß zu uns, um den Erwartungen der Räuber, wenn wir angegriffen würden, Genüge zu thun, und uns die rauhe Behandlung zu ersparen, die den zu sparsamen geldarmen Reisenden erwartet. Zwei starke Pferde wurden für uns, ein drittes für unser kleines Gepäck und einen stämmigen Biskaier gemiethet, einen Burschen von ungefähr zwanzig Jahren, der uns durch die Irrgewinde der Bergwege führen, für die Pferde sorgen, gelegentlich die Stelle unseres Bedienten und immer die unseres Wächters vertreten sollte; denn er hatte einen furchtbaren Trabuco oder Karabiner, um uns gegen Rateros, oder Straßenräuber zu Fuß, zu vertheidigen; er prahlte mit dieser Waffe ungemein viel, obgleich ich, zur Unehre seiner Anführerschaft, sagen muß, daß sie gewöhnlich ungeladen hinter seinem Sattel hing. Er war jedoch ein treues, munteres, gutherziges Wesen, voller Phrasen und Sprichwörter, wie jenes Wunder von Knappen, der berühmte Sancho selbst, dessen Namen wir ihm gaben; und als echter Spanier überschritt er, obgleich wir ihn mit genossenschaftlicher Vertraulichkeit behandelten, nicht einen Augenblick, selbst nicht in seiner besten Laune, die Grenzen des respectvollen Anstandes. So ausgerüstet und begleitet begaben wir uns auf die Reise, in der echten Stimmung, uns zu vergnügen. Welch ein Land ist, mit einer solchen Stimmung, Spanien für einen Reisenden, wo das elendeste Wirthshaus voll Abentheuer wie ein bezaubertes Schloß, und jede Mahlzeit an sich schon eine Heldenthat ist! Laßt andere über den Mangel regelrechter Straßen und stattlicher Gasthäuser und all die künstlichen Behaglichkeiten eines zu Zahmheit und Alltäglichkeit ausgebildeten Landes klagen; aber mir gebt das rauhe Bergklettern, das umschweifende, aufs Gradewohl hingehende Wanderleben, die offenen, gastfreundlichen, obwohl halbwilden Sitten, welche dem romantischen Spanien einen so echten Hochgeschmack geben. Unser erstes Nachtlager bot etwas der Art dar. Wir kamen nach einer ermüdenden Reise über eine weite, hauslose Ebene, wo Regenschauer uns wiederholt durchnäßt hatten, nach Sonnenuntergang zu einer kleinen Stadt in den Bergen. In dem Wirthshaus war eine Abtheilung von Miqueletes , welche die Gegend durchstreiften, um Räuber zu verfolgen. Die Erscheinung von Fremden, wie wir, war in dieser entlegenen Stadt etwas Ungewöhnliches; unser Wirth studirte mit zwei oder drei alten gesprächigen Kameraden in braunen Mänteln in einer Ecke der Posada unsere Pässe, während ein Alguazil bei dem trüben Licht einer Lampe mit Schreiben beschäftigt war. Die Pässe waren in fremden Sprachen und verwirrten sie, bis unser Knappe Sancho sie in ihren Studien unterstützte und unsere Wichtigkeit mit der Großsprecherei eines Spaniers erhob. Mittlerweile hatte die großmüthige Vertheilung einiger Cigarren die Herzen aller um uns gewonnen; nach kurzer Zeit schien die ganze Gemeinde in Aufruhr, um uns zu bewillkommnen. Der Corregidor selbst machte uns seinen Besuch, und die Wirthin machte mit Gepränge einen Armstuhl mit einem Strohsitz in unserer Stube für die Bequemlichkeit dieser wichtigen Person zurecht. Der Anführer der Misqueletes aß mit uns zu Nacht, ein lebendiger, gesprächiger, lachlustiger Andalusier, der einen Feldzug in Südamerika mitgemacht hatte, und uns seine Liebes- und Kriegsthaten mit vielem Wortgepräng, heftigem Mienenspiel und geheimnißvollem Rollen der Augen erzählte. Er sagte uns, er habe eine Liste aller Räuber der Umgegend, und gedenke, einen wie den andern an's Tageslicht zu ziehen; zugleich bot er uns einige seiner Soldaten als Geleit an. »Einer reicht hin, Sie zu schützen, Sennores; die Räuber kennen mich und kennen meine Leute; der Anblick eines einzigen reicht hin, Schrecken in der ganzen Sierra zu verbreiten.« Wir dankten ihm für sein Anerbieten, versicherten ihn aber in seiner eignen Weise, unter dem Schutz unseres gefürchteten Knappen Sancho flößten uns alle Räuber Andalusiens keine Angst ein. Während wir mit unserm eisenfresserischen Freunde zu Nacht aßen, hörten wir die Töne einer Guitarre und den Schall von Castagnetten, und dann einen Chor von Stimmen, die eine bekannte Melodie sangen. In der That hatte unser Wirth die Sänger und Musiker und die ländlichen Schönen der Nachbarschaft zusammen gerufen, und als wir hinaustraten, bot der Hof des Wirthshauses eine Scene echt spanischer Festlichkeit dar. Wir nahmen unsere Sitze bei dem Wirthe, der Wirthin und dem Anführer der Patrouille unter dem Bogenthor des Hofes; die Guitarre ging von Hand zu Hand, aber ein jovialer Schuhmacher war der Orpheus des Ortes. Er war ein freundlich aussehender Bursche mit großem schwarzem Backenbart; seine Aermel waren bis zu den Ellenbogen aufgerollt; er spielte die Guitarre meisterhaft, und sang kleine verliebte Lieder mit einem ausdrucksvollen Seitenblick auf die Frauen, bei denen er augenscheinlich sehr in Gunst stand. Er tanzte dann zur großen Freude der Zuschauer mit einer drallen andalusischen Maid den Fandango. Aber keine der anwesenden Mädchen konnte sich unsers Wirthes hübscher Tochter, Pepita, vergleichen, die sich weggeschlichen und ihre Toilette gemacht, und ihren Kopf mit Rosen geschmückt hatte, und sich in einem Bolero mit einem schönen jungen Dragoner auszeichnete. Wir hatten unserm Wirth aufgetragen, Wein und Erfrischungen unter den Leuten herumzugeben, und obgleich die Gesellschaft aus einem bunten Gemisch von Soldaten, Maulthiertreibern und Dörflern bestand, überschritt doch niemand die Grenzen nüchterner Belustigung. Die Scene konnte eine Studie für Mahler abgeben: die pittoreske Gruppe der Tänzer, die Miqueletes in ihrer halb militärischen Tracht, die Landleute in ihre braune Mäntel drappirt, auch darf ich des alten magern Alguazil in einem kurzen schwarzen Mantel nicht vergessen, der an nichts, was um ihm vorging, Theil nahm, sondern in einem Winkel saß, und emsig bei'm trüben Licht einer großen kupfernen Lampe schrieb, welche in den Tagen des Don Quixote eine Rolle gespielt haben mochte. Ich schreibe keinen regelmäßigen Reisebericht, und beabsichtige keine Schilderung der mannigfaltigen Begegnisse unserer mehrtägigen Streifereien über Thäler und Höhen, Niederungen und Berge. Wir reiseten auf echte Schleichhändlerweise, indem wir alles das Rauhe wie das Freundliche hinnahmen, wie sich's fand, und mit allen Klassen und Ständen in einer Art landstreicherischer Genossenschaft verkehrten. Dieß ist die rechte Weise, in Spanien zu reisen. Da wir die Spärlichkeit der Speisekammer der Wirthshäuser und die öden Landstriche kannten, welche der Reisende oft durchziehen muß, sorgten wir bei der Abreise, daß die Alforjas oder Sattelsäcke unseres Knappen mit kaltem Mundvorrath gut versehen, und sein Bota oder lederne Flasche, die einen stattlichen Umfang hatte, bis zum Hals mit ausgesuchtem Valdepenas-Wein gefüllt war. Da dieser Kriegsvorrath für unsern Feldzug sogar wichtiger war, als sein Trabuco, ermahnten wir ihn, ein wachsames Auge darauf zu haben, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sagen, daß sein Namensvetter, der 1eckere Sancho, selbst ihn als sorglichen Proviantmeister nicht übertreffen konnte. Obschon die Alforjas und die Bota auf der Reise wiederholt und kräftig angegriffen wurden, schienen sie doch die wunderbare Eigenschaft zu haben, daß sie nie leer wurden; denn unser wachsamer Knappe sorgte, daß alles, was von unserer Abendmahlzeit in den Wirthshäusern übrig blieb, eingepackt und für die Zwischenmahlzeit des nächsten Tags aufgehoben wurde. Welche üppigen Nachmittagsmahle hielten wir auf dem grünen Rasen, zur Seite eines Bachs oder Brunnens, unter einem schattigen Baum! und dann welche köstliche Siesta's auf unsern Mänteln, die wir auf das Grün breiteten! Wir hielten eines Nachmittags, um ein Mahl dieser Art uns zu nehmen. Es war auf einer freundlichen, kleinen, grünen Wiese, von Hügeln umgeben, die mit Olivenbäumen bedeckt waren. Unter einer Ulme, am Rand eines sprudelnden Bächleins, waren unsere Mäntel ausgebreitet; auf einem grasigen Platz weideten die los angebundenen Pferde, und Sancho brachte seine Alforjas mit triumphirender Miene. Sie enthielt die Beisteuer von vier Reisetagen, hatte sich aber dadurch ungemein vermehrt, daß ein gut versehenes Wirthshaus zu Antequerra am vergangenen Abend neuen Vorrath lieferte. Unser Knappe zog den verschiedenartigen Inhalt allmählig hervor, und schien nicht zum Ende kommen zu können. Zuerst erschien ein gerösteter Bocksschlegel, der durch das Aufheben nicht viel schlechter geworden war; dann ein ganzes Rebhuhn; dann ein großes Stück gesalzenen Stockfisches, in Papier gewickelt; dann der Rest eines Schinkens, dann ein halbes Huhn mit verschiedenen Broden und einem bunten Haufen von Orangen, Feigen, Rosinen und Wallnüssen. Auch seiner Rota war mit trefflichem Malaga-Wein nachgeholfen worden. Bei jedem neuen Zug aus dem Sacke ergötzte er sich an unserm scherzhaften Staunen, warf sich zurück auf das Gras und lachte wie ein Kind. Dem einfach- gutmüthigen Burschen gefiel nichts mehr, als wegen seiner Leckerhaftigkeit mit dem berühmten Knappen des Don Quixote verglichen zu werden. Er war in der Geschichte des Don sehr belesen, und hielt sie, wie die meisten gemeinen Leute in Spanien, für eine wahre Historie. »Alles das hat sich aber doch vor langer Zeit zugetragen, Sennor?« fragte er mich eines Tages mit forschendem Blick. »Vor sehr langer Zeit,« war die Antwort. »Ich glaube wohl, vor mehr als tausend Jahren?« immer noch zweifelhaft aussehend. »Ich glaube wohl nicht weniger.« Der Knappe war zufrieden gestellt. Während wir, wie gesagt, unser Mahl hielten, und uns an dem einfach drolligen Wesen unsers Knappen belustigten, näherte sich uns ein Bettler, der fast das Aussehen eines Pilgers hatte. Er war augenscheinlich sehr alt, hatte einen grauen Bart und stützte sich auf einen Stab, doch hatte das Alter ihn noch nicht gebeugt; er war groß und grade, und zeigte die Trümmer einer schönen Gestalt. Er trug einen runden andalusischen Hut, eine Jacke von Schafspelz und lederne Hosen, Kamaschen und Sandalen. Seine Kleidung war alt und geflickt, aber anständig, sein Benehmen männlich; er redete uns mit jener ernsten Höflichkeit an, die man bei dem niedrigsten Spanier bemerkt. Wir waren in einer für solchen Besucher günstigen Stimmung, und gaben ihm in einem Anfall launenhafter Milde etwas Silber, ein schönes Waizenbrod und einen Becher von unserm trefflichen Malagawein. Er nahm dieß erkenntlich an, doch ohne den kriechenden Tribut der Dankbarkeit. Als er den Wein versucht hatte, hielt er ihn, mit einem leichten Strahl des Erstaunens in seinem Auge, gegen das Licht; dann leerte er den Becher auf einen Zug. »Es sind viele Jahre,« sagte er, »daß ich solchen Wein nicht gekostet habe. Er thut dem Herzen eines alten Mannes wohl.« Und dann auf das schöne Waizenbrod schauend: »Bendito sea tal pan« (gesegnet sey solches Brod). Bei diesen Worten steckte er es in seine Tasche. Wir drangen in ihn, es sogleich zu essen. »Nein, Sennores,« sagte er, »den Wein mußte ich trinken, oder hier lassen; aber das Brod muß ich für meine Familie mit nach Hause nehmen.« Unser Freund Sancho suchte unser Auge, und da er darin die Erlaubniß las, gab er dem Alten etwas von den reichen Resten unsers Mahls, jedoch unter der Bedingung, daß er sich niedersetze und esse. Er nahm also seinen Sitz in einiger Entfernung von uns, und begann langsam und mit einer Nüchternheit und einem Anstand zu essen, der einem Hidalgo Ehre gemacht hätte. Es war etwas Gemessenes, eine ruhige Selbstbeherrschung in dem alten Mann, die mich glauben ließ, er habe bessere Tage gesehen. Auch seine Sprache hatte, obschon sie einfach war, gelegentlich etwas malerisches und fast poetisches in der Ausdrucksweise. Ich hielt ihn für einen herabgekommenen Adligen. Ich irrte mich; es war nichts als die angeborne Sittenfeinheit des Spaniers, und die poetische Wendung der Gedanken und Worte, wie man sie oft in den niedrigsten Klassen dieses geistvollen Volkes findet. Fünfzig Jahre, sagte er uns, sey er ein Schäfer gewesen, doch jetzt sey er ohne Beschäftigung und verlassen. »Als ich jung war,« sagte er, »konnte mich nichts grämen oder beunruhigen; ich war stets gesund, stets heiter; aber jetzt bin ich 79 Jahre alt und ein Bettler, und mein Muth fängt an mich zu verlassen.« Doch war er noch kein eigentlicher Bettler; erst neuerlich hatte ihn der Mangel zu dieser Erniedrigung getrieben; er gab uns ein rührendes Gemälde von dem Kampf zwischen Hunger und Stolz, als die äußerste Noth über ihn kam. Er kehrte von Malaga ohne Geld zurück; er hatte eine Zeit lang nichts gegessen, und mußte eine der größten Ebenen Spaniens, wo sich nur wenige Wohnungen finden, durchwandern. Als er vor Hunger fast verging, hielt er an der Thüre einer Venta (Wirthshaus auf dem Lande) an. »Perdon usted por Dios, hermano« (entschuldigt uns um Gottes willen, Bruder), war die Antwort – in Spanien die gewöhnliche Art, einen Bettler abzuweisen. »Ich wandte mich,« sagte er, »hinweg, meine Scham war größer als mein Hunger, denn mein Herz war noch zu stolz. Ich kam an einen Fluß mit hohen Ufern und tiefer, rascher Strömung, und fühlte mich versucht, hinein zu stürzen. Wozu soll, sagte ich mir, ein solcher alter, unnützer, unglücklicher Mann, wie ich bin, leben? Als ich aber an dem Rande des Ufers war, gedachte ich der gebenedeiten Jungfrau und wandte mich ab. Ich reiste weiter, bis ich in einiger Entfernung von der Straße einen Landsitz sah. Ich trat an das äußere Thor des Hofes. Die Thüre war verschlossen, aber an einem Fenster waren zwei junge Sennora's. Ich näherte mich und bettelte: Perdon usted con Dios, hermano« (entschuldigt uns um Gottes willen, Bruder), und das Fenster schloß sich. Ich kroch aus dem Hofe, aber der Hunger übermannte mich und meine Kraft brach. Ich glaubte, meine letzte Stunde sey gekommen, legte mich drum an dem Thore nieder, empfahl mich der heiligen Jungfrau und verhüllte mein Haupt, um zu sterben. Nach einer Weile kehrte der Herr des Hauses zurück; da er mich an seinem Thore liegen sah, enthüllte er mein Haupt, fühlte Mitleid mit meinem grauen Haare, nahm mich in sein Haus und gab mir zu essen. So sehen Sie, Sennores, daß man stets Vertrauen in den Schutz der Jungfrau setzen sollte.« Der alte Mann war auf dem Weg zu seinem Geburtsort, Archidona, das ganz nahe, auf dem Gipfel eines steilen und rauhen Berges lag. Er zeigte auf die Ruinen eines alten maurischen Schlosses. »Dieses Schloß,« sagte er, »wurde zur Zeit der Kriege von Granada von einem maurischen König bewohnt. Die Königin Isabelle umzingelte es mit einem großen Heere; aber der König blickte aus seinem Schlosse in den Wolken nieder, und lachte ihrer höhnisch. Darauf erschien die Jungfrau der Königin, und führte sie und ihr Heer einen geheimnißvollen Pfad in den Bergen empor, welchen vorher noch niemand gekannt hatte. Als der Maure sie kommen sah, war er erstaunt, sprang mit seinem Pferde von einer Klippe und wurde zerschmettert. Am Rande des Felsens,« sagte der alte Mann, »sieht man noch heute die Spuren von den Hufen seines Rosses. Und sehen Sie, Sennores, dort ist der Weg, auf welchem die Königin und ihr Heer emporstiegen; Sie sehen ihn wie ein Band die Seite des Berges hinanziehen; aber das Wunderbare ist, man sieht ihn wohl in einiger Entfernung, wenn man aber näher kömmt, verschwindet er.« Der geglaubte Weg, auf den er zeigte, war ohne Zweifel ein sandiger Wasserriß des Berges, welcher in der Entfernung schmal und begrenzt aussah, aber breit und unbestimmt wurde, wenn man näher kam. Der Wein erwärmte das Herz des alten Mannes, und er erzählte uns eine Geschichte von einem vergrabenen Schatze, der unter dem Schlosse des maurischen Königs liege. Sein Haus grenze an die Grundmauer des Schlosses. Der Pfarrer und der Notar hätten dreimal von dem Schatze geträumt, und begonnen, an dem durch die Träume bezeichneten Orte zu graben. Sein eigener Schwiegersohn habe den Klang ihrer Bicken und Spaten in der Nacht gehört. Niemand wisse, was sie gefunden; sie seyen plötzlich reich geworden, hätten aber ihr Geheimniß für sich behalten. So war der alte Mann einst vor der Thüre des Glückes gewesen, war aber verurtheilt, nie mit ihm unter dasselbe Dach zu kommen. Ich habe bemerkt, daß die in ganz Spanien gäng' und geben Geschichten von Schätzen, welche die Mauren vergraben, unter den ärmsten Leuten am gangbarsten sind. Die gütige Natur tröstet auf diese Art mit Schatten für die Entbehrung des Wesentlichen. Der Durstige träumt von Quelle und strömenden Bächen; der Hungrige von idealen Schmäußen; und der Arme von Haufen verborgenen Goldes; es gibt gewiß nichts prächtigeres als die Einbildungskraft eines Bettlers. Die letzte Reise-Skizze, welche ich geben werde, ist eine Abendscene in dem Städtchen Loxa. Dieß war ein berühmter kriegerischer Grenzposten zu den Zeiten der Mauren, und Ferdinand wurde vor seinen Wällen zurückgeworfen. Es war die Schutzwehr des alten Aliatac, des Schwiegervaters von Boabdil, als der feurige alte Krieger mit seinem Schwiegersohn zu seinem unglücklichen Ueberfall auszog, welcher mit dem Tode des Anführers und mit der Gefangenschaft des Monarchen endigte. Loxa liegt wild in einem öden Gebirgspasse, an den Ufern des Xenil, unter Felsen und Laubwerk, Wiesen und Gärten. Das Volk scheint noch ganz den kühnen, feurigen Geist der alten Zeit zu besitzen. Unser Gasthaus war der Stelle angepaßt. Es war im Besitz einer jungen und schönen andalusischen Wittwe, deren niedliche Basquinna von schwarzer Seide, mit Glaskorallen besetzt, das Spiel einer anmuthigen Form und runder gelenker Glieder hervorhob. Ihr Gang war fest und elastisch, ihr schwarzes Auge voll Feuer, und die Koketterie ihres Wesens und der vielfache Schmuck an ihrem Körper zeigte, daß sie gewohnt war, bewundert zu werden. Ein Bruder, fast mit ihr von gleichem Alter, paßte trefflich zu ihr; sie waren vollkommene Vorbilder der andalusischen Majo und Maja. Er war groß, kräftig, schön geformt, mit heller Oliven-Gesichtsfarbe, einem dunkeln, strahlenden Auge und lockigem, kastanienbraunen Backenbart, der unter dem Kinn zusammengewachsen war. Er war zierlich in eine kurze grüne sammtne Jacke gekleidet, die seiner Gestalt angepaßt, und verschwenderisch mit silbernen Knöpfen geschmückt war, und hatte in jeder Tasche ein weißes Taschentuch. Die Hosen waren von demselben Stoff, mit Reihen von Knöpfen von der Hüfte bis zu den Knieen; ein blaßrothes seidenes Halstuch, das durch einen Ring zusammen gehalten ward, und auf einem schön gefältelten Hemde ruhte, um den Hals; einen Gürtel um den Leib; Bottina's oder Kamaschen vom schönsten braunen Leder, zierlich ausgenäht und an der Wade offen, um die Strümpfe sehen zu lassen, und braune Schuhe, die einen schön geformten Fuß hervorhoben. Während er an der Thüre stand, kam ein Reiter die Straße herab, und begann eine leise und ernsthafte Unterhaltung mit ihm. Er war in ähnlicher Weise gekleidet und fast mit gleicher Zierlichkeit; ein Mann gegen dreißig, stark gebaut, mit kräftigen römischen Gesichtszügen, schön, obgleich leicht von den Blattern zerrissen, mit einem freien, kühnen und etwas anmaßenden Wesen. Sein kräftiges schwarzes Pferd war mit Trodeln und fantastischem Putz geschmückt, und ein Paar weitgemündete Büchsen hingen hinter dem Sattel. Er hatte das Ansehen eines jener Schleichhändler, welche ich in den Bergen von La Ronda gesehen hatte, und stand offenbar im Einverständniß mit dem Bruder der Wirthin; ja, wenn ich nicht irre, war er ein Liebling der Wittwe. Das ganze Wirthshaus und seine Bewohner hatte in der That etwas von schleichhändlerischem Ansehen, und die Büchse stand in einem Winkel neben der Guitarre. Der Reiter, dessen ich gedachte, brachte seinen Abend in der Posada zu, und sang mehrere kecke Gebirgslieder mit vieler Lebhaftigkeit. Während wir zu Nacht aßen, kamen zwei arme Asturier herein, und baten um Speise und Nachtherberge. Sie waren auf einem Markt im Gebirge gewesen, Räuber hatten sie auf dem Rückweg angefallen, ihnen ein Pferd genommen, das ihren ganzen Waaren-Vorrath trug, sie ihres Geldes und des größten Theils ihrer Kleidung beraubt, sie geschlagen, weil sie sich widersetzt, und sie fast nackt auf der Straße gelassen. Mein Gefährte befahl mit dem raschen Edelsinne, der ihm eigen, daß man ihnen Nachtessen und ein Bett geben solle, und schenkte ihnen eine Summe Geldes, damit sie ihre Heimath erreichen könnten. Mit dem Vorschreiten des Abends vermehrten sich die Personen des Drama's. Ein dicker Mann, ungefähr sechzig Jahre alt, von kräftiger Gestalt, kam herein, um mit der Wirthin zu schwatzen. Er war in der gewöhnlichen andalusischen Tracht, hatte aber einen großen Säbel unter dem Arme stecken; er trug einen großen Schnurrbart und hatte ein etwas großthuerisches, windiges Wesen. Alles schien ihn mit großer Ehrerbietung zu behandeln. Unser Bursche Sancho flüsterte uns zu, es sey Don Ventura Rodriguez, der Held und Kämpe von Loxa, berühmt wegen seiner Kühnheit und der Kraft seines Armes. Zur Zeit des französischen Einfalls überraschte er sechs Reiter, die eingeschlafen waren; er brachte erst ihre Pferde in Sicherheit, griff sie dann mit seinem Säbel an, tödtete einen und nahm die übrigen gefangen. Wegen dieser That bewilligte ihm der König eine Peseta (den fünften Theil eines Duro oder Thalers) täglich, und verlieh ihm den Titel eines Don. Es ergötzte mich, das hochfahrende seiner Sprache und seines Benehmens zu beachten. Er war sichtbar ein ächter Andalusier, so prahlerisch als brav. Sein Säbel war stets in seiner Hand oder unter seinem Arm. Er trägt ihn überall mit sich herum, wie ein Kind sein Spielzeug, nennt ihn seinen Santa Teresa und sagt, wenn er ihn ziehe, »trempla la tierra« zittere die Erde. Ich saß bis spät in die Nacht da, und lauschte den vielfachen Gesprächen dieser bunten Gruppe, welche mit der Rückhaltslosigkeit einer spanischen Posada mit einander verkehrten. Wir hörten Schleichhändlerlieder, Räubergeschichten, Guerillathaten, und maurische Legenden. Die letzteren waren von unserer schönen Hausfrau, welche einen poetischen Bericht von den Infiernos, oder den Höllenlegionen von Loxa mittheilte – dunkle Höhlen, in denen unterirdische Ströme und Wasserfälle einen geheimnisvollen Ton hervorbringen. Das gemeine Volk sagt, es seyen dort Geldmünzer seit der Zeit der Mauren eingeschlossen, und die maurischen Könige bewahrten ihre Schätze in diesen Höhlen. Wenn es der Zweck dieses Werkes wäre, könnte ich alle seine Blätter mit den Begebenheiten und Scenen unserer Wanderung anfüllen; aber mich ladet ein anderer Vorwurf ein. Auf diese Weise reisend, kamen wir endlich aus dem Gebirge, und betraten die schöne Vega von Granada. Wir verzehrten hier unser letztes Mittagsmahl unter einer Gruppe von Olivenbäumen, am Rand eines Bächleins, die alte maurische Hauptstadt in der Entfernung, und von den röthlichen Thürmen der Alhambra d. h. die rothe (Burg), so genannt, weil die Strahlen der Sonne sich dort zuerst des Morgens röthen, oder wegen der Farbe des Gesteins, aus dem sie gebaut ist. belebt, während ferne darüber die schneeigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silber glänzten. Der Tag war ganz wolkenlos, und die Hitze der Sonne durch den kühlen Wind aus dem Gebirge gemäßigt; nach dem Mahle breiteten wir unsere Mäntel aus, und hielten unsere letzte Siesta, von dem Gesumm der Bienen in den Blüthen und dem Girren der Ringeltauben in den nahen Olivenbäumen eingelullt. Als die heißen Stunden vorüber waren, setzten wir unsere Reise fort; der Weg führte durch Aloegebüsch und indische Feigen und durch ein Labyrinth von Gärten; gegen Sonnenuntergang kamen wir an die Thore von Granada. Der Reisende, der von einem Gefühl für das Historische und Poetische durchdrungen ist, sieht in der Alhambra einen eben so würdigen Gegenstand der Verehrung, wie jeder echte muhametanische Pilger in dem Kaaba oder dem heiligen Hause von Mekka. Wie viele wahre und fabelhafte Legenden und Erzählungen; wie viele, spanische und arabische Gesänge und Romanzen von Liebe, Krieg und Ritterlichkeit sind mit diesem romantischen Gebäude verbunden! Der Leser kann sich daher unsere Freude denken, als uns der Gouverneur der Alhambra kurz nach unserer Ankunft zu Granada die Erlaubniß gab, seine unbewohnten Gemächer in dem maurischen Palaste zu bewohnen. Mein Gefährte wurde bald von den Pflichten seines Standes hinweggerufen; ich aber blieb mehrere Monate an das alte bezauberte Gebäude festgebannt. Die folgenden Blätter sind das Ergebniß meiner Träumereien und Untersuchungen während dieser köstlichen Zeit. Wenn sie im Stande sind, etwas von den bezaubernden Reizen des Ortes, der Einbildungskraft des Lesers mitzutheilen, so wird er es nicht bereuen, eine Zeit lang mit mir in den sagenvollen Hallen der Alhambra zu verweilen. Befehlshaberschaft der Alhambra. Die Alhambra ist eine alte Veste oder ein ummauerter Palast der maurischen Könige von Granada, wo sie über ihr gerühmtes irdisches Paradies geboten, und wo ihre Herrschaft über Spanien am längsten währte. Der Palast nimmt nur einen Theil der Vestung ein, deren Mauern, mit Thürmen besetzt, sich unregelmäßig um den ganzen Kamm eines stattlichen Hügels ziehen, der die Stadt überschaut, und ein Vorsprung der Sierra Nevada oder des schneeigen Gebirges ist. Zu den Zeiten der Mauren konnte die Vestung ein Heer von vierzig tausend Mann in ihrem Umfang einschließen, und diente gelegentlich als fester Platz für die Herrscher gegen ihre aufrührerischen Unterthanen. Als das Königreich in christliche Hände gekommen war, blieb die Alhambra ein königliches Besitzthum, und wurde zuweilen von den kastilischen Monarchen bewohnt. Karl der Fünfte begann ein kostbares Gebäude in ihrem Umkreis aufzuführen; wiederholte Erdstöße aber schreckten ihn von der Vollendung ab. Die letzten königlichen Bewohner waren Philipp V. und die schöne Königin Elisabeth von Parma, am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts. Man machte große Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme. Der Palast und die Gärten wurden einigermaßen hergestellt, eine neue Reihe von Gemächern gebaut, und von italienischen Künstlern ausgeschmückt. Der Aufenthalt des Herrscherpaars war vorübergehend, und nach ihrer Abreise wurde der Palast wieder öde und verlassen. Doch wurde der Platz mit einigem militärischen Prunk erhalten. Der Statthalter hatte ihn unmittelbar von der Krone; seine Gerichtsbarkeit erstreckte sich auf die Vorstädte hinab, und war unabhängig von dem Oberbefehlshaber von Granada. Eine bedeutende Garnison wurde beibehalten, der Kommandant hatte seine Zimmer auf der Vorderseite des alten maurischen Palastes, und kam nie ohne ein militärisches Geleite nach Granada. Die Veste war freilich eine kleine Stadt an sich, da sie mehrere Straßen mit Häusern innerhalb ihrer Mauern hatte, sowie ein Franziskanerkloster und eine Pfarrkirche. Die Entfernung des Hofes war jedoch ein Unglück für die Alhambra. Ihre schönen Säle wurden öde, und einige verfielen in Trümmer; die Gärten wurden verwüstet, und die Brunnen hörten auf zu springen. Allmählig füllten sich die Wohnungen mit einer zweideutigen und gesetzlosen Bevölkerung; mit Schleichhändlern, welche die unabhängige Gerichtsbarkeit des Platzes in Anspruch nahmen, um ihr Schmuggler-Gewerbe dreist und ausgedehnt zu betreiben; mit Dieben und Schurken aller Art, welche hierher flüchteten, um Granada und seine Umgebungen von diesem Punkte aus zu plündern. Die Regierung schritt zuletzt kräftig ein; die ganze Gemeinde wurde einer durchgehenden Prüfung unterworfen; niemand durfte bleiben, als der, welcher einen ehrbaren Charakter und ein gesetzliches Recht des Aufenthaltes hatte; der größere Theil der Häuser wurde niedergerissen, und es blieb ein bloßes Dörfchen mit der Pfarrkirche und dem Franziskanerkloster. Als Granada, während der neuen Unruhen in Spanien, in den Händen der Franzosen war, lag eine französische Besatzung in der Alhambra, und die Oberoffiziere bewohnten zuweilen den Palast. Mit jenem erleuchteten Geschmacke, der die französische Nation stets bei ihren Siegen auszeichnete, wurde dieß Monument maurischer Eleganz und Größe von dem gänzlichen Ruin und der Zerstörung, der es anheim gegeben war, gerettet. Die Dächer wurden hergestellt, die Säle und Galerieen vor dem Wetter geschirmt, die Gärten angebaut, die Wasserleitungen wieder hergestellt, die Brunnen versendeten wieder ihre glänzenden Wasserstrahlen; und Spanien darf seinen Eroberern danken, daß sie ihm das schönste und anziehendste seiner historischen Monumente erhalten hat. Bei der Abreise der Franzosen sprengten sie einige Thürme an der äußern Mauer, und ließen die Vestung in einem kaum haltbaren Zustande. Seit dieser Zeit hat die militärische Wichtigkeit des Platzes ein Ende. Die Besatzung besteht aus einer handvoll Invaliden, deren Hauptdienst darin besteht, einige der äußern Thürme, die gelegenheitlich als Staatsgefängniß dienen, zu bewachen; und der Statthalter verläßt die luftige Höhe der Alhambra, und wohnt, zu bequemerer Erledigung seiner Dienstpflicht, in der Mitte von Granada. Ich kann diese kurze Nachricht von dem Zustand der Veste nicht schließen, ohne der ehrenvollen Bemühungen ihres jetzigen Statthalters, Don Francisco de Gerna, zu gedenken, der alle die beschränkten Hülfsmittel, über die er zu gebieten hat, benützte, um den Palast in wohnlichem Stande zu erhalten, und durch seine kluge Vorsicht seinen zu gewissen Verfall verzögert hat. Wären seine Vorgänger den Pflichten ihres Postens mit gleicher Treue nachgekommen, so wäre die Alhambra noch fast in ihrer früheren Schönheit geblieben; unterstützte die Regierung ihn mit Mitteln, welche seinem Eifer gleich kämen, so dürfte dieses Gebäude noch erhalten werden, um das Land zu schmücken, und die Neugierigen und Aufgeklärten jedes Himmelstriches manche Lebensalter hindurch anzuziehen. Das Innere der Alhambra. Die Alhambra ist so oft und so genau von Reisenden beschrieben worden, daß eine bloße Skizze wahrscheinlich hinreichen wird, dem Leser das Ganze in das Gedächtniß zurückzurufen; ich will daher eine kurze Nachricht von dem Besuche geben, den wir am Morgen nach unserer Ankunft zu Granada dort abgestattet haben. Indem wir unsere Posada »La Espanda« verließen, schritten wir über den berühmten Platz von Vivarrambla, einst die Scene maurischer Tourniere und Kampfspiele, jetzt ein besuchter Marktplatz. Von da kamen wir in das Zacatin, die Hauptstraße dessen, was zu der maurischen Zeit der Bazaar war, wo die kleinen Läden und engen Gäßchen noch den orientalischen Charakter bewahren. Nun gingen wir über einen offenen Platz vor dem Hause des Oberbefehlshabers, und stiegen eine enge, gewundene Straße hinauf, deren Name uns an die ritterlichen Tage von Granada erinnerte. Man heißt sie »Calle,« oder Straße der Gomeres, von einer in der Geschichte und in Gesängen berühmten maurischen Familie. Diese Straße führte zu einem massiven Thorweg, der, in griechischem Styl, von Karl V. erbaut, den Eingang zu den Bezirken der Alhambra bildet. Am Thore schliefen auf einer steinernen Bank zwei zerlumpte, abgelebte Soldaten, die Nachfolger Zegris und der Abencerragen, während ein langer, hagerer Bursche, dessen rost-brauner Mantel augenscheinlich dazu diente, den zerlumpten Zustand der Unterkleidung zu bedecken, im Sonnenschein sich gütlich that und mit einer alten Schildwache im Dienst plauderte. Er kam, als wir in das Thor traten, zu uns und erbot sich, uns das Schloß zu zeigen. Ich theile das Mißfallen der Reisenden an dienstfertige Ciceroni und fand auch an dem Kleid des Erbötigen keinen Gefallen. »Ich hoffe, Ihr seyd mit dem Orte gut bekannt?« »Ninguno mas; pues Sennor, soy hijo de la Alhambra.« (Niemand besser, denn, Herr ich bin ein Sohn der Alhambra.) Der gemeine Spanier hat gewiß eine sehr poetische Art sich auszudrücken. »Ein Sohn der Alhambra!« Der Name gewann mich alsbald; selbst das zerrissene Gewand meines neuen Bekannten erhielt eine gewisse Würde in meinen Augen. Es war ein Sinnbild der Schicksale des Ortes und paßte zu der Nachkommenschaft einer Ruine. Ich stellte ihm einige fernere Fragen und fand seine Ansprüche gesetzmäßig. Seine Familie hatte von Geschlecht zu Geschlecht seit der Zeit der Eroberung in der Veste gelebt. Sein Name war Mateo Ximenes. »Dann seyd Ihr vielleicht,« sagte ich, »ein Nachkomme des großen Kardinals Ximenes?« – »Dios sabe! das weiß Gott, Sennor. Es kann seyn. Wir sind die älteste Familie in der Alhambra, – Christianos viejos, alte Christen, ohne einen Mackel von Mauren oder Juden. Ich weiß, daß wir irgend einer großen Familie angehören, aber ich vergaß, welcher. Mein Vater kennt das alles genau: denn er hat das Wappenschild in der Hütte, droben in der Veste, aufgehängt.« Es gibt keinen noch so armen Spanier, der nicht einige Ansprüche auf eine hohe Abstammung hätte. Die erste Bezeichnung dieses zerlumpten Herrn hatte mich jedoch vollkommen gewonnen, so daß ich die Dienste des »Sohnes der Alhambra« gern annahm. Wir kamen jetzt in eine tiefe, enge Schlucht, mit schönem Gebüsch angefüllt, und zu einem steilen Aufweg, und vielen Fußpfaden, die sich durch denselben wanden, mit steinernen Sitzen zur Seite und mit Brunnen verziert. Zu unserer Linken sahen wir die Thürme der Alhambra über uns emporragen; zur Rechten, auf der entgegengesetzten Seite der Schlucht, überragten uns gleichfalls zwei aufstrebende Thürme auf der felsigen Höhe. Wir hörten, dies seyen die Torres vermejos, oder die rothen Thürme, wegen ihrer Farbe so genannt. Man kennt ihren Ursprung nicht. Sie sind viel älter als die Alhambra: einige glauben, sie seyen von den Römern erbaut worden, andere, von einer wandernden Kolonie der Phönizier. Indem wir den steilen und schattigen Aufgang hinaufstiegen, kamen wir an den Fuß eines großen, viereckigen maurischen Thurms, der eine Art von Warte bildete, durch die der Haupteingang in die Veste führte. In der Warte war eine zweite Gruppe alter Invaliden, deren einer am Portal Wache stand, während die andern, in ihre zerfetzten Mäntel gehüllt, auf den steinernen Bänken schliefen. Dieses Portal heißt man das Thor der Gerechtigkeit, von dem Gerichte, welches während der mohamedanischen Herrschaft zum unmittelbaren Richterspruch über kleine Streitsachen in dem bedeckten Gang desselben gehalten wurde, eine Sitte, welche der orientalischen Nation gemein ist und auf die in der heiligen Schrift gelegentlich angespielt wird. Die große Vorhalle, oder den Thorgang bildet ein unermeßlicher arabischer Bogen, in Form eines Hufeisens zur halben Höhe des Thurmes emporspringend. Auf dem Schlußstein dieses Bogens ist eine riesige Hand eingehauen. In dem Gange, auf dem Schlußstein des Portals, ist in gleicher Art ein gigantischer Schlüssel zu sehen. Die, welche einige Kenntniß von den mohamedanischen Symbolen zu haben glauben, behaupten, die Hand sey das Sinnbild der Wissenschaft, der Schlüssel das des Glaubens; der letztere, sagen sie, sey auf der Fahne der Mosleminen zu sehen gewesen, als sie Andalusien unterjochten – ein Gegenstück zu dem christlichen Sinnbild des Kreuzes. Eine andere Erklärung gab uns aber der rechtmäßige Sohn der Alhambra, die auch mehr in Einklang mit den Ansichten des gemeinen Volkes war, an alles, was maurisch ist, etwas Geheimnißvolles und Magisches knüpft und jede Art Aberglauben mit dieser alten mohamedanischen Veste verbindet. Mateo zufolge war es eine von den ältesten Bewohnern herrührende Sage, die er von seinem Vater und Großvater gehört hatte, daß die Hand und der Schlüssel magische Bilder seyen, von denen das Schicksal der Alhambra abhänge. Der maurische König, der sie gebaut, sey ein großer Zauberer gewesen, oder habe sich, wie einige glauben, dem Teufel verschrieben gehabt und habe die ganze Veste unter einen Zauberbann gelegt. Dadurch war sie mehrere hundert Jahre gestanden, trotz Stürmen und Erdbeben, während fast alle andern maurischen Gebäude zerfallen oder verschwunden wären. Dieser Zauber, ging die Sage weiter, würde dauern, bis die Hand an den äußern Bogen nieder reiche und den Schlüssel ergreife, wo denn das ganze Gebäude in Trümmer zerfallen und alle von den Mauren unter demselben vergrabenen Schätze an das Licht kommen würden. Trotz dieser unheilschwangern Prophezeiung wagten wir es, durch den bezauberten Thorweg zu schreiten, indem wir ein wenig Zuversicht gegen die Zauberkünste in dem Schutze der Jungfrau fanden, von der wir eine Statue über dem Portal bemerkten. Wir gingen durch die Warte, stiegen eine kleine, durch Mauern sich windende Gasse hinan und kamen auf eine offene Esplanade innerhalb der Veste, die Plaza de los Algibes, oder Platz der Cisternen genannt, wegen der großen Wasserbehälter unter demselben, welche zum Bedarf der Veste von den Mauren in den lebendigen Fels gehauen wurden. Auch ist hier ein Brunnen von unermeßlicher Tiefe, welcher das klarste und kälteste Wasser liefert, – ein ferneres Denkmal des zarten Geschmacks der Mauren, welche in ihren Bemühungen, dieses Element in seiner krystallnen Reinheit zu erhalten, unermüdlich waren. Auf der Vorderseite dieser Esplanade ist das glänzende Gebäude, welches Karl V. angefangen und das, wie man sagt, die Wohnung der maurischen Könige übertreffen sollte. Bei all seiner Größe und seinem architektonischen Werth erschien es uns wie eine anmaßende Aufdringlichkeit; wir gingen vorüber und traten in ein einfaches anspruchloses Portal, das in das Innere des maurischen Palastes führte. Der Uebergang war beinahe magisch; es schien als wären wir plötzlich in andere Zeiten und in ein anderes Reich versetzt und beträten die Szenen der arabischen Geschichte. Wir fanden uns in einem großen Hofe, mit weißem Marmor gepflastert und an jedem Ende mit leichten maurischen Säulengängen geziert: er heißt der Hof der Alberca. In der Mitte war ein großes Basin, oder ein Fischteich, 130 Fuß lang und 30 Fuß breit, mit Goldfischen besetzt und von Rosenhecken begrenzt. An dem obern Ende dieses Hofes stieg der große Thurm des Comares empor. Aus dem untern Ende gingen wir durch einen maurischen Thorweg in den berühmten Löwenhof. Kein Theil des Gebäudes gibt uns eine vollkommnere Idee von der ursprünglichen Schönheit und Pracht, als dieses, denn keiner hat von den Verwüstungen der Zeit weniger gelitten. In der Mitte ist der in Liedern und der Geschichte berühmte Brunnen. Die Alabaster Basins ergießen noch ihre Diamant-Tropfen: und die zwölf Löwen, welche sie tragen, spenden ihre Krystal-Ströme wie zu den Zeiten Boabdil's. Der Hof ist mit Blumen-Beeten ausgelegt und von leichten arabischen Arkaden von durchbrochener Gold-Arbeit umgeben, welche von leichten weißen Marmorsäulen getragen werden. Eher Eleganz als Größe charakterisirt die Architectur hier, wie in allen andern Theilen des Palastes; es gibt sich ein zarter und zierlicher Geschmack und eine Neigung zu müßigem Vergnügen überall kund. Wenn man auf die feenhafte Zeichnung der Säulengänge und das anscheinend gebrechliche Schnitzwerk an den Wänden sieht, wird es schwer zu glauben, daß so vieles den Sturm der Zeit, die Verwüstung der Erdbeben, die Verheerung des Kriegs, und die stille, aber nicht minder verderbliche Diebshand des gebildeten Reisenden überlebt hat; es reicht beinahe hin, die Volkssage zu entschuldigen, das Ganze werde durch einen Zauber geschirmt. Auf der einen Seite des Hofes öffnet sich ein reich verziertes Portal in einen hohen Saal, dessen Boden mit weißem Marmor ausgelegt ist und welcher der Saal der zwei Schwestern heißt. Eine Kuppel oder Laterne gewährt eine mäßige Beleuchtung von oben und freien Luftzug. Der untere Theil der Mauern ist mit schönen maurischen Ziegelplatten belegt, auf denen man hier und da die Wappen der maurischen Monarchen gemalt sieht; der obere Theil ist mit dem schönen Stucco bedeckt, das zu Damascus erfunden ward und aus großen, in Formen gegossenen und kunstreich zusammengesetzten Platten besteht, so daß das Ganze mühevoll mit der Hand in leichte Reliefs und fantastische Arabesken, mit Sprüchen aus dem Koran und poetischen Inschriften, in arabischen und cufischen Charakteren untermischt, ausgearbeitet scheint. Diese Verzierungen der Wände und Kuppeln sind reich vergoldet und die Zwischenräume mit Lasurstein und andern glänzenden und dauerhaften Farben ausgemalt. An jeder Seite des Saales sind Vertiefungen für Ottomanen und Ruhebette. Ueber dem innern Durchgang ist ein Balkon, der mit den Frauengemächern in Verbindung stand. Die vergitterten »Jalousien,« von welchen die dunkeläugigen Schönheiten des Harem's ungesehen auf die Freuden des Saals herabblicken konnten, sind noch zu sehen. Es ist unmöglich, auf diesen ehemaligen Lieblingssitz orientalischer Sitten zu schauen, ohne die frühern Anklänge der arabischen Mährchenwelt zu fühlen, und fast zu erwarten, daß der weiße Arm irgend einer geheimnißvollen Prinzessin von dem Balkone winke, oder ein schwarzes Auge durch das Gitter blicke. Der Sitz der Schönheit ist hier, als habe sie erst gestern hier geweilt; aber wo sind die Zoraydas und Lindaraxas! Auf der entgegengesetzten Seite des Löwenhofes ist der Saal der Abencerragen; so genannt von den edlen Rittern dieses erlauchten Stammes, der hier hinterlistig ermordet wurde. Manche zweifeln an der ganzen Wahrheit dieser Geschichte; allein unser demuthsvoller Diener Mateo zeigte uns das Pförtchen des Portals, durch welches sie, einer nach dem andern eingeführt wurden, und den weißen Marmorbrunnen in der Mitte des Saals, wo man sie enthauptete. Er wieß auch auf gewisse röthliche Flecken auf dem Fußboden; Blutspuren, welche, nach dem Glauben des Volkes, unverlöschlich sind. Da er fand, daß wir ihm leichtgläubig zuhörten, setzte er hinzu, man höre oft Nachts in dem Löwenhofe einen leisen, unbestimmten Ton, der dem Murmeln einer Menschenschaar gleiche, und dann und wann ein schwaches Klingeln, wie fernes Kettenklirren. Dieses Geräusch wird wahrscheinlich durch das sprudelnde Fließen und den klingenden Fall des Wassers hervorgebracht, das unter dem Fußboden durch Röhren und Kanäle in die Brunnen geleitet wird; nach der Erzählung des Sohnes der Alhambra aber geht er von den Geistern der ermordeten Abencerragen aus, welche diese Scene ihrer Leiden nächtlich besuchen und die Rache des Himmels auf ihre Mörder herabrufen. Aus dem Löwenhofe gingen wir in den Hof der Alberca, oder des großen Fischteiches zurück, schritten durch diesen und kamen zu dem Thurm des Comares, nach dem Namen des arabischen Baumeisters so genannt. Er ist von starkem Bau und stolzer Höhe, denn er beherrscht das übrige Gebäude und überragt die steile Hügelseite, welche sich jählings zu den Ufern des Durro hinabsenkt. Ein maurischer Bogengang führte uns in einen weiten, hohen Saal, welcher das Innere des Thurmes einnimmt und das große Audienz-Gemach der arabischen Monarchen war und daher den Namen des Gesandten-Saales hatte. Er trägt noch Spuren seiner ehemaligen Pracht. Die Wände sind reich mit Stucco belegt und mit Arabesken verziert; das Tafelwerk der gewölbten Decke, aus Zedernholz gefertigt und der Höhe wegen fast ganz unsichtbar, glänzt noch in reicher Vergoldung und den glänzenden Farben des arabischen Pinsels. Auf drei Seiten des Saals sind diese Fenster durch die ungemein dicken Mauern gehauen, deren Balkone auf das grünende Thal des Durro, die Straßen und Kloster des Albaycin blicken und eine Aussicht auf die ferne Vega gewähren. Ich könnte fortfahren, die übrigen schönen Gemächer dieser Seite des Palastes im Einzelnen zu beschreiben; den Tocador, oder das Toilettenzimmer der Königin, ein offenes Belvedere, auf der Höhe eines Thurmes, wo die maurischen Sultaninnen die reine von dem Gebirg wehende Luft und die Aussicht auf das Paradies umher genossen; den abgeschlossenen kleinen Patio, oder Garten der Lindaraxa mit seinem Alabaster-Brunnen, seinem Rosen- und Myrthen-, Citronen- und Orangen-Gebüsch; die kühlen Säle und Grotten der Bäder, wo der Glanz und die Hitze des Tages zu einem sanften geheimnißvollen Licht und einer steten Frische gemäßigt sind. Allein ich enthalte mich, bei diesen Gemälden zu verweilen; meine Aufgabe ist blos, den Leser im Allgemeinen in eine Wohnung einzuführen, wo er, wenn er dazu geneigt ist, die folgenden Blätter hindurch bei mir weilen und sich allmählig mit allen Oertlichkeiten derselben vertraut machen mag. Ein reicher Vorrath von Wasser, durch alte maurische Wasserleitungen aus dem Gebirg hierher geführt, ist im ganzen Palast vertheilt, füllt seine Bäder und Fischteiche, funkelt in Strahlen in seinen Sälen oder murmelt in Röhren das Marmorpflaster entlang. Wenn es der königlichen Wohnung seinen Tribut gebracht und deren Gärten und Weiden besucht hat, fließt es den langen Weg, der in die Stadt führt, nieder, in kleinen Bächen klingend, in Brunnen strömend und ein stetes Grün in den Laubengängen erhaltend, welche den ganzen Hügel der Alhambra umhüllen und verschönern. Nur wer in dem heißen Klima des Südens gewohnt hat, kann die Freuden einer Wohnung schätzen, welche die wehende Kühlung des Gebirgs und die Frische und Grüne des Thals verbindet. Während die Stadt unten in der Nachmittagshitze schmachtet und die ausgedürrte Vega vor dem Auge zittert, spielen die zarten Lüfte von der Sierra Nevada durch diese hohen Säle und bringen die Süße der Gärten umher mit sich. Alles ladet zu jener trägen Ruhe, dem Glücke des südlichen Klima's, ein; und während das halbgeschlossene Auge von beschatteten Balkons auf die glänzende Landschaft hinaus sieht, wird das Ohr vom Rauschen des Laubwerks und dem Murmeln der fließenden Wasser eingewiegt. Der Thurm des Comares. Der Leser hat das Innere der Alhambra flüchtig überschaut und wird nun auch eine allgemeine Vorstellung von dessen Umgebung zu haben wünschen. Der Morgen ist heiter und lieblich; die Sonne hat noch nicht Kraft genug erlangt, die Frische der Nacht zu vernichten; wir wollen auf die Spitze des Thurmes des Comares steigen und Granada und dessen Umgebungen überschauen. Komm denn, werther Leser und Gefährte, folge meinen Schritten in diese Vorhalle, die mit reichem Bildwerk geschmückt ist und in den Gesandtensaal führt. Wir wollen aber nicht in den Saal treten, sondern uns links zu dieser kleinen Thüre wenden, die sich in der Mauer öffnet. Gieb Acht! hier ist eine steile Wendel-Treppe und nur spärliches Licht; doch auf dieser engen, dunklen, gewundenen Treppe sind die stolzen Herrscher von Granada und ihre Gemahlinnen oft zu den Zinnen des Thurms emporgestiegen, um der Annäherung der christlichen Heere zu achten, oder auf die Kämpfe in der Vega zu schauen. Endlich sind wir an dem Dache oben und können einen Augenblick Athem holen, während wir einen allgemeinen Blick auf das glänzende Panorama von Stadt und Land; von felsigem Gebirg, grünem Thal und fruchtbarer Ebene; von Schloß, Kathedrale, maurischen Thürmen und gothischen Domen; von zerfallenden Ruinen und blühenden Laubgängen werfen. Laß uns zu den Zinnen treten und unmittelbar niederblicken. Sieh, auf dieser Seite haben wir den ganzen Plan der Alhambra vor uns ausgebreitet und können in ihre Höfe und Gärten niedersehen. Am Füße des Thurms ist der Hof der Alberca mit seinem großen Becken, oder Fischteich, von Blumen umgeben; und dort ist der Löwenhof mit seinem berühmten Brunnen und seinen leichten maurischen Arkaden; und in dem Mittelpunkt des Gebäudes ist der kleine Garten, der Lindaraxa, in dem Herzen des Baues, mit seinen Rosen und Citronen, und seinem Gebüsch von Smaragd Grün begraben. Jener Gürtel von Zinnen, der mit viereckigen Thürmen besetzt, sich um die ganze Stirn des Hügels zieht, ist die äußere Grenze der Veste. Einige Thürme sind, wie du siehst, verfallen und Rebenstöcke, Feigenbäume und Aloen bedecken ihre großen Trümmer. Laß uns auf die nördliche Seite des Thurms schauen. Es ist eine schwindliche Höhe; selbst die Grundpfeiler des Thurmes überragen die Bäume an der steilen Hügelseite. Und sieh! ein langer Spalt in der festen Mauer sagt uns, daß der Thurm durch eines jener Erdbeben gespalten worden, welche von Zeit zu Zeit Granada in Schrecken setzten, und die früher oder später, dieses zerfallende Gebäude in einen bloßen Trümmerhaufen verwandeln müssen. Die tiefe, enge Schlucht unter uns, die sich allmählig erweitert, wie sie von dem Gebirg ausläuft, ist das Darro-Thal; du siehst den kleinen Fluß, wie er sich unter belaubten Terrassen und durch Obststücke und Blumengärten fortwindet. Es ist ein in der alten Zeit berühmter Fluß, denn er führte Gold mit sich und sein Sand wird noch dann und wann gereinigt, um das kostbare Metall auszuscheiden. Einige jener weißen Pavillons, welche da und dort aus Baumgängen und Weinlaub herausschimmern, waren ländliche Aufenthaltsorte der Mauren, wo sie sich der Frische ihrer Gärten erfreuten. Der luftige Palast mit seinen schlanken, weißen Thürmen und langen Arkaden, der sich unter prachtvollen Baumgruppen und hängenden Gärten an jenen Berg lehnt, ist der Generalife, ein Sommerpalast der maurischen Könige, wohin sie sich in den heißen Monaten zurückzogen, um eine luftigere Region als die der Alhambra zu genießen. Der nackte Gipfel der Höhe darüber, wo du einige gestaltlose Ruinen siehst, ist die Gilla del Moro, oder der Sitz des Mauren, so genannt, weil sie der Zufluchtsort des unglücklichen Boabdil während der Zeit einer Empörung war, und er sich hier niedersetzte und trauernd auf seine empörte Stadt niederblickte. Ein murmelnder Klang des Wassers tönt dann und wann aus dem Thal empor. Er kömmt aus der Wasserleitung jener maurischen Mühle, nahe am Fuße des Hügels. Der Baumgang jenseits ist die Alameda, die Ufer des Darro entlang, ein Lieblingsspaziergang am Abend und der Zusammenkunftsort der Liebenden in Sommernächten, wo man von den Bänken an ihren Lustwegen die Guitarre in späten Stunden hören kann. Jetzt sieht man nur einige lustwandelnde Mönche und eine Gruppe Wasser-Träger vom Avellaros-Brunnen dort. Du bebst? es ist nichts als ein Habicht, den wir aus seinem Neste aufgeschreckt haben. Dieser alte Thurm ist ein wahres Brutnest für diese gefiederten Schwärmer; in jeder Ritze und Spalte sind eine Menge Schwalben und anderer Vögel, die den ganzen Tag umher flattern, während des Nachts, wenn alle andern Vögel zur Ruhe gegangen sind, die träumerische Eule aus ihrem Versteck hervorkömmt und ihr bedentungsvolles Geheul von den Zinnen hören läßt. Sieh, wie der Habicht, den wir verscheucht haben, unter uns dahin fliegt, die Wipfel der Bäume berührend und sich zu den Ruinen über dem Generalife emporschwingend! Laß uns diese Seite des Thurmes verlassen und unsere Augen nach Westen wenden. Du siehst hier in der Ferne eine Reihe von Bergen, welche die Vega begrenzen, diese alte Scheidewand des arabischen Granada und des Landes der Christen. Unter jenen Höhen bemerkst du noch jetzt kriegerische Städte, deren graue Mauern und Zinnen mit dem Felsen, auf den sie gebaut sind, eins zu seyn scheinen; während da und dort eine einsame Atalaya, oder Warte, auf einem erhabenen Punkt gebaut, gleichsam aus dem Himmel in die Thäler nach allen Seiten niederschaut. Von den Schluchten dieser Berge, durch den Paß von Lope stiegen die christlichen Heere in die Vega nieder. Um den Fuß jenes grauen und nackten Berges, der fast gesondert von den übrigen dasteht und sein kühnes, felsiges Vorgebirg in die Brust der Ebene herausdehnt, kamen die eindringenden Schwadronen stäubend, mit fliegenden Fahnen und dem Klang von Trommeln und Trompeten. Wie anders ist jetzt die Scene. Statt der glänzenden Reihe gepanzerter Krieger sehen wir den geduldigen Zug des mühevollen Maulthiertreibers sich langsam den Saum des Berges entlang bewegen. Hinter jenem Vorgebirg ist die merkwürdige Puente (Brücke) de Pinos, berühmt wegen manches blutigen Kampfes zwischen Mauren und Christen; aber noch berühmter als der Ort, wo Columbus von den Boten der Königin Isabelle eingeholt und zurückgerufen ward, als er im Begriff war, in Verzweiflung abzureisen, um seinen Entdeckungsplan an den Hof von Frankreich zu bringen. Sieh einen zweiten in der Geschichte des Entdeckers berühmten Platz. Jene Linie von Mauern und Thürmen, die in der Morgensonne glänzen, ganz in der Mitte der Vega, ist die Stadt Santa Fe, während der Belagerung von Granada von den katholischen Herrschern erbaut, nachdem ein Brand ihr Lager zerstört hatte. In diese Mauern wurde Columbus von der heldenmüthigen Königin zurückgerufen; und innerhalb derselben wurde der Vertrag abgeschlossen, welcher zur Entdeckung der westlichen Erde führte. Hier, nach Süden hin, schwelgt das Auge in den üppigen Reizen der Vega; eine blühende Wildniß von Bäumen und Gärten und fruchtbaren Obststücken, durch welche der Xenil sich in Silberringen windet und wo er unzählbare Wassergräben unterhält, die durch alte maurische Kanäle gefüllt werden und die Landschaft in ein stetes Grün kleiden. Hier sind die theuern Lauben und Gärten und ländlichen Wohnungen, für welche die Mauren mit solcher verzweifelten Tapferkeit fochten. Selbst die Pachthäuser und Hütten, welche nun von den Bauern bewohnt werden, zeigen Spuren von Arabesken und andern geschmackvollen Verzierungen, welche beweisen, daß sie in den Tagen der Araber zierliche Wohnungen gewesen waren. Jenseit des umlaubten Landstrichs der Vega, nach Süden, siehst du eine Reihe öder Hügel, an denen sich ein langer Zug von Maulthieren langsam hinab bewegt. Von dem Gipfel eines dieser Hügel warf der unglückliche Boabdil seinen letzten Blick nach Granada zurück und machte seinem Seelenkampfe Luft. Es ist der Platz, berühmt in Lied und Geschichte, »der letzte Seufzer des Mauren,« genannt. Hebe nun dein Auge zu dem schneeigen Gipfel jener Gebirgsmasse, die wie eine weiße Sommerwolke in dem blauen Himmel glänzt. Es ist die Sierra Nevada, der Stolz und die Freude Granada's; die Quelle seiner kühlenden Winde und ewigen Grüne, seiner strömenden Brunnen und unerschöpflichen Bäche. Diese herrliche Gebirgsmasse gibt Granada jene Verbindung von Wonnen, die in einer Stadt des Südens so selten sind: die frische Vegetation und die gemäßigten Lüfte des nördlichen Klimas mit der belebenden Kraft einer tropischen Sonne und dem wolkenlosen Azur eines südlichen Himmels. Dieser luftige Schnee-Schatz ist es, der, nach dem Verhältnisse der steigenden Sommerhitze schmelzend, durch jede Schlucht und Spalte der Apuxarras Bäche und Ströme niedersendet und smaragdnes Grün und Fruchtbarkeit in einer ganzen Kette glücklicher und abgeschlossener Thäler verbreitet. Man darf diese Berge wohl die Glorie von Granada nennen. Sie beherrschen die ganze Ausdehnung von Andalusien und können von seinen fernsten Theilen gesehen werden. Der Maulthiertreiber begrüßt sie, wann er ihre eisige Spitzen auf dem heißen Boden der Ebene erblickt; und der spanische Matrose sieht auf dem Deck einer Barke, fern, fern auf dem blauen Schooße des mittelländischen Meeres mit sinnigem Auge auf sie, denkt an das ergötzliche Granada und singt mit leiser Stimme eine alte Romanze von den Mauren. Doch genug – die Sonne steht hoch über den Bergen und ergießt ihre vollen Strahlen auf unsere Häupter. Schon ist das hohe Dach des Thurmes heiß unter unsern Füßen: laß uns es verlassen, niedersteigen und unter den Arkaden an der Löwenquelle uns erfrischen. Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien. Einer meiner Lieblingsplätze ist der Balkon des mittlern Fensters des Saales der Gesandten, in dem stolzen Thurme des Comares. Ich hatte mich eben dort niedergesetzt und mich des Schlusses eines langen glänzenden Tages gefreut. Wie die Sonne hinter die blauen Berge von Alhama niedersank, sandte sie einen Glanzstrom das Darro-Thal hinauf, welcher eine melancholische Pracht über die röthlichen Thürme der Alhambra verbreitete, während die Vega, mit einem leichten schwüligen Dunst, der die Strahlen der Abendsonne auffing, bedeckt, in der Ferne wie ein goldener See dalag. Kein Lufthauch störte die Stille der Stunde; und obgleich dann und wann der schwache Klang von Musik und Lust aus den Gärten des Darro aufstieg, machte dies die Grabesstille des Gebäudes, das mich überschattete, nur noch eindringlicher. Es war eine jener Stunden und Scenen, denen das Gedächtniß eine fast magische Gewalt anheim gibt, und seine zurückblickenden Strahlen, wie die Abendsonne, die diese zerbröckelnden Thürme überglänzt, zurücksendet, um die Herrlichkeiten der vergangenen Zeit zu beleuchten. Wie ich die Wirkung des sinkenden Tageslichtes auf diese maurischen Gebäude betrachtete, wurde ich zur Erwägung des leichten, zierlichen und üppigen Charakters der in seiner ganzen innern Architektur vorherrschend ist, und zu einer Vergleichung mit der großartigen aber düstern Feierlichkeit der gothischen, von den spanischen Herrschern aufgeführten Gebäude veranlaßt. Selbst der architektonische Styl zeigt die entgegengesetzten und unvereinbaren Naturen der zwei kriegerischen Völker, die sich so lange hier die Herrschaft über die Halbinsel streitig machten. Ich verfiel allmählig in ernstes Nachdenken über das sonderbare Schicksal der arabischen oder maurischen Spanier, deren ganzes Daseyn wie eine vorübergegangene Erzählung klingt und gewiß eine der seltsamsten, und doch glänzendsten Episoden in der Geschichte abgibt. Mächtig und dauerhaft, wie ihre Herrschaft war, wissen wir doch kaum, wie wir sie nennen sollen. Sie sind gewissermaßen eine Nation ohne rechtmäßiges Land und ohne einen Namen. Eine ferne Welle der großen arabischen Ueberschwemmung, auf den Strand Europa's geworfen, schien sie den ganzen Ungestümm des ersten Ausbruchs der Strömung zu haben. Ihre Siegerbahn, von Gibraltar's Felsen bis zu den Klippen der Pyrenäen war so rasch und glänzend, wie die mohamedanischen Siege in Syrien und Aegypten. Ja, wäre ihnen auf den Ebenen von Tours nicht Einhalt gethan worden, so wäre ganz Frankreich, ganz Europa mit derselben Leichtigkeit überwältigt worden, wie die Reiche des Osten, und der Halbmond würde heute auf den Tempeln in Paris und London glänzen. Innerhalb der Grenzen der Pyrenäen zurückgeworfen, gaben die vereinigten Horden Asiens und Afrika's, aus denen dieser große Einfall bestand, den mohamedanischen Grundsatz der Eroberung auf und suchten in Spanien eine friedliche und dauernde Herrschaft zu gründen. Als Eroberer hatten sie eben so viel Heldenmuth als Mäßigung, und in beidem übertrafen sie eine Zeitlang alle Nationen, mit denen sie kämpften. Von ihrer Heimath getrennt, liebten sie das Land, das ihnen, wie sie glaubten, Allah gegeben hatte, und waren bemüht, es mit allem zu verschönern, was zur Glückseligkeit des Menschen beitragen kann. Indem sie ihre Macht auf ein System weiser und billiger Gesetze gründeten, Künste und Wissenschaften eifrig pflegten, Ackerbau, Manufacturen und Handel förderten, bildeten sie allmählig ein Reich, dem an glücklichem Gedeihen keines der Reiche der Christenheit gleichkam; und indem sie sich mit der Anmuth und Verfeinerung, welche das arabische Reich im Osten auszeichnete, umgaben, verbreiteten sie das Licht des orientalischen Wissens in den westlichen Regionen des umnachteten Europa's. Die Städte des arabischen Spaniens wurden der Aufenthalt christlicher Künstler, um sich in den nützlichen Künsten zu unterrichten. Die Universitäten von Toledo, Cordova, Sevilla und Granada wurden von dem bleichen Wißbegierigen anderer Länder besucht, um die Wissenschaft der Araber und ihre gehäuften Schätze des Alterthums kennen zu lernen: die Freunde des heiteren Wissens begaben sich nach Cordova und Granada, um morgenländische Poesie und Musik einzusaugen; und die stahlgekleideten Krieger des Nordens eilten dahin, sich in den anmuthsvollen Uebungen und den zierlichen Sitten des Ritterthums zu vervollkommnen. Wenn die mohamedanischen Denkmäler in Spanien, wenn die Moschee von Cordova, der Alcazar von Sevilla, und die Alhambra von Granada noch Inschriften haben, welche die Macht und Dauer ihrer Herrschaft ruhmredig erheben – darf diese Ruhmredigkeit als anmaßend und eitel belacht werden? Geschlechter um Geschlechter, Jahrhunderte um Jahrhunderte waren vorübergegangen und stets behielten sie Besitz von dem Land. Eine längere Periode war verflossen, als die, seit England von dem normanischen Eroberer unterjocht worden, und die Nachkommen von Musa und Tirac mochten eben so wenig ahnen, daß sie auf demselben Weg, den ihre triumphirenden Vorfahren durchschritten, in die Verbannung getrieben würden, als die Nachkommen von Rollo und Wilhelm und ihrer alten Genossen sich es träumen lassen, an die Küste der Normandie zurückgeworfen zu werden. Bei all dem war dennoch das mohamedanische Reich in Spanien eine schöne ausländische Pflanze, welche keine dauernde Wurzel in den Boden schlug, den sie verschönerte. Von allen ihren Nachbarn im Westen durch unüberschreitbare Schranken des Glaubens und der Sitten geschieden, und durch Seen und Meere von ihrem Stamme im Osten getrennt, waren sie ein isolirtes Volk. Ihr ganzes Daseyn war ein verlängerter, obschon stattlicher und ritterlicher Kampf um einen Anhaltspunkt in einem eroberten Lande. Sie waren die Vorposten und Grenzen des Islamismus. Die Halbinsel war das große Schlachtfeld, wo die gothischen Eroberer des Nordens und die moslemitischen Eroberer des Ostens auf einander stießen und um die Herrschaft kämpften; und der feurige Muth der Araber wurde zuletzt durch die hartnäckige und ausdauernde Tapferkeit der Gothen besiegt. Nie war die Vernichtung eines Volkes vollständiger, als die der maurischen Spanier. Wo sind sie? fragt die Gestade der Barbarei und ihre öden Plätze! Der verbannte Rest ihres einst mächtigen Reichs verschwand unter den wilden Völkern Afrika's und hörte auf, eine Nation zu seyn. Sie haben nicht einmal einen bestimmten Namen zurückgelassen, obgleich sie fast acht Jahrhunderte hindurch ein bestimmtes Volk waren. Das Land, das sie als Heimath angenommen, das sie Jahrhunderte lang besessen, weigert sich, sie anzuerkennen, es wäre dann als Eindringlinge und unrechtmäßige Besitzer. Wenige zertrümmerte Denkmäler sind alles, was übrig geblieben ist, um von ihrer Macht und Herrschaft Zeugniß zu geben, wie einsame Felsen, welche fern in dem Innern zurückgeblieben sind, von der Ausdehnung irgend einer großen Ueberschwemmung Zeugniß geben. So die Alhambra. Ein moslemitisches Gelände inmitten eines christlichen Landes; ein orientalischer Palast inmitten der gothischen Bauten des Westen; ein zierliches Andenken an ein tapferes, verständiges und anmuthreiches Volk, das eroberte, herrschte und verschwand. Die Haushaltung. Es ist Zeit, ein Bild von meiner häuslichen Einrichtung in dieser seltsamen Wohnung zu geben. Der königliche Palast der Alhambra ist der Sorgfalt einer guten alten jungfräulichen Dame, Donna Antonia Molina genannt, anvertraut, die jedoch, der spanischen Sitte zufolge, bei dem vertraulicheren Name Tia Antonia (Tante Antonia) gerufen wird. Sie hält die maurischen Säle und Gärten in Ordnung und zeigt sie den Fremden; zufolge dessen gesteht man ihr alle von Besuchern erlegten Nebengelder und den ganzen Ertrag der Gärten zu, ausgenommen, daß man erwartet, sie werde einen gelegentlichen Tribut von Früchten und Blumen an den Statthalter abgeben. Ihre Wohnung ist in einer Ecke des Palastes; und ihre Familie besteht aus einem Neffen und einer Nichte, den Kindern von zwei verschiedenen Brüdern. Der Neffe, Manuel Molina, ist ein junger Mann von gediegenem Werth und spanischer Gravität. Er hat in der Armee, sowohl in Spanien als in Westindien gedient; allein er studirt jetzt Medizin, in der Hoffnung, einstmal Arzt in der Festung zu werden, eine Stelle, die mindestens 150 Thaler des Jahres einträgt. Was die Nichte betrifft, so ist sie ein dickes, kleines, schwarzäugiges andalusisches Fräulein, Dolores genannt, die aber, wegen ihrer glänzenden Augen und ihrer fröhlichen Laune einen heiterern Namen verdient. Sie ist die erklärte Erbin aller Habe ihrer Tante, die in gewissen baufälligen Häusern in der Festung besteht und ein jährliches Einkommen von 150 Thaler abwirft. Ich war noch nicht lange in der Alhambra, als ich entdeckte, daß eine ruhige Liebschaft zwischen dem besonnenen Manuel und seiner strahlenäugigen Base vor sich ging und daß nichts fehlte, ihre Hände und ihre Erwartungen zu vereinigen, als das Doctor-Diplom und eine Dispensation vom Pabste, wegen ihrer Verwandtschaft. Mit der guten Dame Antonia habe ich einen Vertrag gemacht, demzufolge sie mir Kost und Wohnung gibt, während die frohherzige kleine Dolores mein Zimmer in Ordnung hält und bei dem Essen die Stelle einer Dienerin vertritt. Ferner steht mir zu Befehl ein langer, stotternder, gelbhaariger Bursche, Pepe genannt, der im Garten arbeitet und gern Bedientenstelle vertreten möchte; darin aber war ihm Mateo Ximenes, der Sohn der Alhambra, zuvorgekommen. Dieser muntere und geschäftige Bursche hat es, ich weiß nicht wie, zu machen gewußt, daß er stets, seitdem ich ihm zuerst an dem äußern Thor der Festung begegnete, um mich hockte und sich in alle meine Plane verwob, bis er sich als meinen Kammerdiener, Cicerone, Führer, Wächter und historiographischen Knappen anstellte und festsetzte; ich bin auch genöthigt gewesen, dem Zustand seiner Garderobe nachzuhelfen, damit er seinen mannigfachen Dienstverrichtungen keine Schande mache, so daß er seinen alten grauen Mantel, wie die Schlange ihre Haut, abgelegt hat und jetzt in der Festung zu seinem unendlichen Vergnügen, und zum großen Staunen seiner Kameraden in einem schmuken andalusischen Hut und Jacke erscheint. Der Hauptfehler des ehrlichen Mateo ist eine übertriebene Aengstlichkeit, nützlich zu werden. Da er sich es bewußt ist, daß er sich in meinen Dienst eingeschlichen hat, und daß meine ruhigen und einfachen Gewohnheiten seine Lage zu einer Sinecure machen, so weiß er sich nicht zu rathen, um Mittel aufzufinden, sich für mein Bestes recht wichtig zu machen. Ich bin gewissermaßen das Opfer seiner Dienstfertigkeit; ich kann meinen Fuß nicht über die Schwelle des Palastes setzen, um die Festung zu umgehen, so ist er an meiner Seite, um alles, was ich sehe, zu erklären; wenn ich es unternehme, in den umliegenden Hügeln umherzustreifen, so besteht er darauf, mich als Wache begleiten zu wollen, obgleich ich ihn stark in Verdacht habe, er möchte wohl der Länge seiner Beine mehr vertrauen, als der Stärke seines Armes, wenn ich angegriffen würde. Bei allem dem ist der arme Bursche doch zuweilen ein unterhaltender Gefährte; er ist einfachen Herzens von unendlich guter Laune und hat die Redseligkeit und Klatschhaftigkeit eines Dorfbarbiers; auch kennt er alle Fraubasen-Histörchen des Ortes und seiner Umgebungen; worauf er sich aber am meisten zu gut thut, ist sein Vorrath von örtlichen Kenntnissen, da er die wunderbarsten Geschichten zu erzählen weiß von jedem Thurm und Gewölbe und Thorweg der Festung, denen allen er den unbedingtesten Glauben schenkt. Die meisten hörte er, seiner eignen Auskunft zu Folge, von seinem Grosvater, einem kleinen sagenreichen Schneider, welcher fast bis zu einem Alter von hundert Jahren lebte, während deren er nur zwei Wanderungen jenseits des Umkreises der Veste gemacht hatte. Seine Werkstätte war, während des größern Theils eines Jahrhunderts der Zusammenkunftsort eines Häufchens von ehrbaren Gevattern, welche halbe Nächte hier zubrachten und von vergangenen Dingen und den wundervollen Begebenheiten und den verborgenen Geheimnissen des Palastes plauderten. Das ganze Leben, Weben, Denken und Thun dieses kleinen historischen Schneiders war auf diese Art an die Mauern der Alhambra gebunden; innerhalb derselben war er geboren, hatte er gelebt, fand er sein Auskommen; innerhalb derselben starb und ward er begraben. Zum Glück für die Nachkommenschaft ist seine Sagen-Weisheit nicht mit ihm gestorben. Der wahrheitsliebende Mateo pflegte als ein kleiner Knabe den Erzählungen seines Grosvaters und der plauderhaften Gruppe, die sich um den Arbeitstisch versammelt hatte, aufmerksam zuzuhören und besitzt so einen Vorrath schätzbarer Kenntnisse über die Alhambra, welche man nicht in den Büchern findet und welche der Aufmerksamkeit jedes wißbegierigen Reisenden werth sind. Dies sind die Personen, welche zu meinen häuslichen Bequemlichkeiten in der Alhambra beitragen, und es fragt sich, ob irgend ein Potentat, Moslem oder Christ, der mir in diesem Palaste voranging, mit größerer Treue bedient wurde oder einen heitrern Scepter führte. Wenn ich am Morgen aufstehe, bringt mir Pepe, der stotternde Gärtnerbursche, einen Strauß frisch gepflückter Blumen, welche dann von der geschickten Hand der Dolores, die einen weiblichen Stolz in die Ausschmückung meines Zimmers setzt, in Vasen geordnet werden. Meine Mahlzeiten nehme ich zu mir, wo es die Laune will; zuweilen in einem der maurischen Säle, zuweilen unter den Arkaden des Löwenhofes, von Blumen und Brunnen umgeben; und wenn ich ausgehe, führt mich der eifrige Mateo zu den romantischsten Plätzchen des Gebirgs und in die köstlichen Lustörter der umliegenden Thäler, die ohne Ausnahme die Scenen irgend einer wundervollen Geschichte sind. Obgleich ich den größeren Theil des Tages gern allein zubringe, begebe ich mich doch zuweilen an den Abenden in den kleinen häuslichen Kreis der Donna Antonia. Dieser versammelt sich gewöhnlich in einem alten maurischen Gemach, welches sowohl als Küche als auch als Gesellschaftssaal dient, indem man einen rohen Feuerheerd in einer Ecke anbrachte, dessen Rauch die Wände entfärbte und die alten Arabesken fast unsichtbar machte. Ein Fenster, mit einem Balkon, der das Thal des Darro übersieht, läßt den kühlen Abendwind herein; und hier nehme ich mein frugales Abendmahl, das aus Milch und Früchten besteht, ein und mische mich in die Unterhaltung der Familie. Die Spanier besitzen ein natürliches Talent oder, wie man es nennt, Mutterwitz, welcher sie zu verständigen und angenehmen Gesellschaftern macht, was auch ihr Stand und wie vernachlässigt auch ihre Erziehung seyn mag: dazu kömmt, daß sie nie pöbelhaft sind; die Natur hat sie mit einer angeborenen Würde des Geistes ausgestattet. Die gute Tia Antonia ist eine Frau von starkem und verständigem, obgleich ungebildeten Geiste; und die glüh-äugige Dolores hat, obgleich sie im ganzen Laufe ihres Lebens nicht über drei oder vier Bücher gelesen, ein einnehmendes Gemisch von Naivetät und gesundem Verstand und überrascht mich oft durch das Treffende ihrer kunstlosen Einfälle. Der Neffe unterhält uns häufig durch das Vorlesen irgend eines alten Lustspiels von Calderon oder Lope de Vega, wozu ihn augenscheinlich der Wunsch treibt, seine Base Dolores sowohl zu unterhalten, als ihrer Bildung ein wenig nachzuhelfen; obgleich das kleine Fräulein zu seiner großen Demüthigung gewöhnlich vor dem Ende des ersten Aktes einschläft. Zuweilen erhält die Tia Antonia von ihren demuthvollen Freunden und Angehörigen, den Bewohnern des nahen Dorfes oder den Weibern der invaliden Soldaten, einen Besuch. Sie sehen mit großer Ehrerbietung zu ihr, als der Schirmerin des Palastes, empor und machen ihr den Hof, indem sie ihr die Neuigkeiten des Ortes oder die Gerüchte hinterbringen, die sie in Granada aufgelesen haben. Indem ich diesem Abendgeplauder lauschte, habe ich manche merkwürdige Thatsache erfahren, welche zur Erläuterung der Sitten des Volkes und den Eigenthümlichkeiten der Nachbarschaft dienen. Es sind dies einfache Einzelnheiten über einfache Freuden; die Natur des Ortes ist es allein, was ihnen Interesse und Wichtigkeit gibt. Ich betrete bezauberten Boden und bin von romantischen Bildern umgeben. Von meiner ersten Kindheit an, als ich an den Ufern des Hudson zuerst in die Blätter der alten spanischen Geschichte von den Kriegen von Granada mich vertiefte, war diese Stadt ein Gegenstand meiner wachen Träume und oft durchschritt ich im Geist die romantischen Hallen der Alhambra. Sieh da den Tagtraum nun verwirklicht! Doch kann ich meinen Sinnen kaum trauen und glauben, daß ich wirklich den Palast des Boabdil bewohne und von seinen Balkons auf das ritterliche Granada hinabschaue. Während ich durch diese orientalische Gemächer streife, und das Murmeln der Brunnen und den Gesang der Nachtigallen höre; während ich den Duft der Rosen einathme und den Einfluß des balsamischen Klima's fühle, bin ich fast versucht, mich in das Paradies Mohamed's zu denken und in der dicken kleinen Dolores eine der stralen-äugigen Houris zu sehen, die bestimmt sind, das Glück der echten Gläubigen zu fördern. Der Flüchtling. Seit ich die vorstehenden Blätter niedergeschrieben habe, hatten wir eine kleine Trübsal-Scene in der Alhambra, die eine Wolke über das sonnige Antlitz der Dolores warf. Dieses kleine Fräulein hat eine weibliche Leidenschaft für Hausthiere aller Art und einer der verfallenen Höfe der Alhambra ist voll dieser ihrer Lieblinge. Ein stattlicher Pfau und seine Henne scheinen den königlichen Scepter über aufgeblähte Truthähne, zänkische Perlhühner und ein durcheinander von gemeinen Hahnen und Hühnern zu führen. Die große Lust der Dolores aber vereinigte sich seit einiger Zeit in einem jungen Taubenpaare, die neulich in den heiligen Ehestand getreten sind und eine gesprenkelte Katze und ihre Jungen in dem Herzen des Mädchens ausstachen. Als Wohnung, in welchem sie ihre Haushaltung beginnen sollten, hatte sie ein kleines Gemach an der Küche, dessen Fenster auf einen der ruhigen maurischen Höfe ging, eingerichtet. Hier lebten sie in glücklicher Unwissenheit alles dessen, was jenseits des Hofs und seinen sonnigen Dächer vorging. Nie hatten sie daran gedacht, über die Zinnen zu fliegen oder sich zu den Spitzen der Thürme empor zu schwingen. Ihre tugendhafte Verbindung wurde endlich mit zwei fleckenlosen und milchweißen Eiern gesegnet, zur großen Freude ihrer zärtlichen kleinen Herrin. Nichts konnte löblicher seyn als das Benehmen der jungen verheiratheten Leute bei dieser interessanten Gelegenheit. Sie saßen abwechselnd auf dem Neste, bis die Eier ausgebrütet waren und solange ihre ungefiederte Brut der Wärme und Bedeckung bedurfte; während das eine so das Nest hütete, ging das andere nach Nahrung aus und brachte reichen Vorrath zurück. Diese Scene ehelichen Glücks erhielt plötzlich einen argen Stoß. Als Dolores heute früh den Tauber fütterte, fiel es ihr ein, ihn ein wenig in die große Welt blicken zu lassen. Sie öffnete daher ein Fenster, welches auf das Darro-Thal geht, und ließ ihn jenseits der Zinnen des Alhambra fliegen. Zum erstenmal in seinem Leben sollte der erstaunte Vogel die volle Kraft seiner Flügel versuchen. Er senkte sich in das Thal hinab und hob sich dann plötzlich empor und schwebte fast bis zu den Wolken hinan. Er hatte sich nie vorher zu einer solchen Höhe erhoben oder eine solche Lust an dem Fliegen gefühlt, und wie ein junger Verschwender, der eben in den Besitz seines Vermögens kömmt, machte ihn dies Uebermaaß von Freiheit und das grenzenlose, seiner Thatkraft plötzlich geöffnete Feld, schwindlich. Den ganzen Tag schwebte er in launenhaften Kreisen von Thurm zu Thurm, von Baum zu Baum. Vergeblich jeder Versuch, ihn durch Frucht, die auf die Dächer gestreut wurde, zurück zu locken; er scheint alle Gedanken an die Heimath, an seine zärtliche Gattin und die nackten Jungen vergessen zu haben. Um die Angst der Dolores noch zu vermehren, stießen zwei palomas ladrones oder Räuber-Tauber zu ihm, deren Instinkt es ist, verirrte Tauben in ihren Schlag zu locken. Wie viele andere gedankenlose Jünglinge bei ihrem ersten Ausflug in die Welt, scheint der Flüchtling ganz bezaubert von diesen erfahrnen, aber verderbten Gefährten, die es unternommen haben, ihm die Welt zu zeigen und ihn in die Gesellschaft einzuführen. Er flog mit ihnen über alle Dächer und Kirchenthürme von Granada. Ein Donnerwetter war über die Stadt hingezogen, aber er hatte sein Haus nicht gesucht; die Nacht war herangekommen und er blieb aus. Um die Sache noch pathetischer zu machen, ging das Weibchen, das mehrere Stunden auf dem Nest geblieben war, ohne daß es abgelöst worden, endlich heraus, um seinen abtrünnigen Gatten zu suchen; es blieb aber so lange weg, daß die Jungen aus Mangel an Wärme und Schutz der elterlichen Brust, zu Grunde gingen. In später Abendstunde brachte man Doloren die Nachricht, der Ausreisser sey auf den Thürmen des Generalife gesehen worden. Nun hat zufällig der Administrator dieses alten Palastes auch einen Taubenschlag, unter dessen Insassen zwei oder drei jener verführerischen Tauben, der Schrecken aller benachbarten Taubenfreunde, seyn sollen. Dolores schloß sofort, die zwei gefiederten Gauner, welche bei ihrem Flüchtling gesehen worden, seyen diese des Generalife. Alsbald wurde in dem Gemach der Tia Antonia ein Rath gehalten. Das Generalife ist ein, von der Alhambra getrenntes Rechtsgebiet und folglich besteht zwischen ihren Aufsehern einige Spitzfindigkeit, wenn nicht Eifersucht. Es wurde daher beschlossen, Pepe, den stotternden Gärtnerburschen als Gesandten an den Administrator zu schicken und ihn zu ersuchen, wenn ein solcher Flüchtling in seinen Bereich komme, ihn als Unterthanen der Alhambra auszuliefern. Sonach ging Pepe mit seinem diplomatischen Auftrage durch die mondbeglänzten Baumgänge und Pfade ab, kehrte aber nach einer Stunde mit der traurigen Nachricht zurück, in dem Taubenschlag des Generalife sey kein solcher Vogel zu finden. Der Administrator jedoch habe sein erhabenes Wort zum Pfand gegeben, wenn ein solcher Flüchtling dort, selbst um Mitternacht, erscheine, solle derselbe sofort angehalten und als Gefangener an seine kleine schwarzäugige Gebieterin abgeliefert werden. So steht es mit diesem melancholischen Vorgang, der in dem ganzen Palast so viel Schmerz verursacht und die untröstliche Dolores auf ein schlafloses Kissen gesendet hat. »Nachts weilen die Sorgen,« sagt das Sprichwort, »aber die Freude kömmt am Morgen.« Das erste, was mir heute morgen, als ich mein Zimmer verließ, in die Augen fiel, war Dolores mit dem flüchtigen Tauber in ihren Händen und mit Augen, die vor Freude funkelten. Er war in früher Stunde auf den Zinnen erschienen, scheu von Dach zu Dach umherflatternd; endlich kam er doch in das Fenster und überlieferte sich als Gefangener. Er gewann aber wenig Vertrauen durch seine Rückkehr; denn die gefräßige Art, mit welcher er die ihm vorgesetzte Nahrung verschlang, zeigte, daß er, wie der verlorene Sohn, durch den baaren Hunger nach Hause getrieben worden war. Dolores schalt ihn wegen seines treulosen Benehmens und gab ihm alle Arten von schlimmen Namen (obgleich sie, nach Frauenart, ihn zu gleicher Zeit zärtlich an ihren Busen drückte und mit Kissen bedeckte). Ich bemerkte jedoch, daß sie die Vorsicht gebraucht hatte, ihm die Flügel zu beschneiden, um künftigen Ausflügen zuvorzukommen, eine Maßregel, die ich zum Heile allen denen erwähne, die flüchtige Liebhaber oder umstreifende Männer haben. Mehr als eine schätzbare Lebensregel läßt sich aus der Geschichte von Dolores und ihrer Taube abnehmen. Des Verfassers Wohnung. Als ich meine Wohnung in der Alhambra aufschlug, wurde das eine Ende einer Reihe leerer Gemächer von neuerer Bauart, die zur Wohnung des Statthalters bestimmt sind, zu meiner Aufnahme eingerichtet. Sie waren auf der Vorderseite des Palastes und hatten die Aussicht auf die Esplanade; jenseits stießen sie an eine Anzahl kleiner, theils Maurischer, theils neuerer Zimmer, die Tia Antonia und ihre Familie bewohnten; diese liefen in einem großen Gemach aus, das der guten alten Dame als Besuchzimmer, Küche und Audienzsaal diente. Es war zu den Zeiten der Mauren nicht ohne bedeutenden Glanz, allein ein Feuerheerd war, wie gesagt, in eine Ecke gebaut worden, dessen Rauch die Wände entfärbt und die Verzierungen beinahe vernichtet, und eine düstere Färbung über das Ganze verbreitet hat. Aus diesen düstern Gemächern führt ein enger finsterer Gang und eine dunkle Wendeltreppe hinab zu einem Winkel des Thurms des Comares, welchen man entlang tappt und nun, bei dem Oeffnen einer kleinen Thüre unten, plötzlich geblendet wird, indem man in das glänzende Vorzimmer des Gesandten-Saales, den funkensprühenden Brunnen des Hofes der Alberca vor sich, eintritt. Ich war nicht zufrieden, in Zimmern des Palastes wohnen zu sollen, die neu waren und auf der Vorderseite lagen, und wünschte mich in dem Herzen des Gebäudes einzunisten. Als ich eines Tags in den maurischen Sälen umherstreifte, fand ich in einer entlegenen Galerie eine Thüre, welche ich nie zuvor bemerkt hatte und die offenbar zu geräumigen, vor dem Publikum verschlossenen Gemächern führte. Hier war also ein Geheimniß; hier war der bezauberte Flügel des Schlosses. Ich verschaffte mir jedoch den Schlüssel ohne Mühe; die Thüre führte in eine Reihe leerer Zimmer von europäischer Bauart, obgleich sie über eine maurische Arkade, den Garten der Lindaraxa entlang, gebaut waren. Die Decken zweier hohen Zimmer hatten tiefe Verzierungsfelder von Cedernholz, in welche Früchte und Blumen neben grotesken Masken und Gesichter, reich und künstlich eingegraben, obgleich an vielen Stellen verdorben waren. Die Wände waren offenbar in alten Zeiten mit Damast behangen, jetzt aber nackt und mit den nichtssagenden Namen eitler Reisenden überdeckt; die Fenster, welche ohne Fassung, und Wind und Wetter geöffnet waren, gingen auf den Garten der Lindaraxa und die Orangen- und Zitronenbäume bogen ihre Zweige in das Zimmer. Jenseits dieser Zimmer waren zwei weniger hohe, auch in den Garten gehende Säle. In den Feldern der verzierten Decken waren Körbe von Früchten und Kränze von Blumen von einer geschickten Hand gemalt und ziemlich gut erhalten. Auch die Mauern waren in Fresco, im italienischen Styl gemalt gewesen, aber die Malereien fast verwischt; die Fenster waren in demselben wüsten Zustande, wie in den andern Gemächern. Diese merkwürdige Reihe von Zimmern endigte in einer offenen Galerie mit Geländern, welche in rechten Winkeln eine andere Seite des Gartens entlang lief. Die ganze Zimmerreihe hatte eine Zierlichkeit und Anmuth in ihrer Ausschmückung, und es war etwas so Freundliches und Abgeschlossenes in ihrer Lage, diesen entlegenen kleinen Garten entlang, daß sie ein Interesse an ihrer Geschichte erweckten. Als ich nachfragte, erfuhr ich, sie seyen eine in dem Anfange des vergangenen Jahrhunderts, zur Zeit, als Philipp V. und die schöne Elisabeth von Parma in der Alhambra erwartet wurden, von italienischen Künstlern verzierte Zimmerreihe, welche für die Königin und die Damen ihres Gefolges bestimmt waren. Eines der höchsten Zimmer war ihr Schlafgemach gewesen; und eine kleine Treppe, welche aus demselben führt, jetzt aber vermauert ist, öffnete sich auf ein entzückendes Belvedere, ursprünglich ein Söller der maurischen Sultaninnen, aber zu einem Toilettenzimmer für die schöne Elisabeth eingerichtet, daher es noch heute den Namen des Tocador, oder der Toilette der Königin hat. Das Schlafzimmer, dessen ich erwähnt habe, hatte von dem einen Fenster die Aussicht auf das Generalife und seine umlaubten Terrassen; unter einem andern Fenster spielte der Alabaster-Brunnen des Gartens der Lindaraxa. Der Garten führte meine Gedanken noch weiter zurück, in die Periode einer andern Herrschaft der Schönheit, zu den Tagen der maurischen Sultaninnen. »Wie schön ist dieser Garten!« sagt eine arabische Inschrift, »wo die Blumen der Erde mit den Sternen des Himmels wetteifern! Was kann mit der Vase jenes Alabaster-Brunnens, gefüllt mit crystalnem Wasser, verglichen werden? Nichts als der Mond, wenn er voll ist und in der Mitte eines wolkenlosen Himmels glänzt!« Jahrhunderte sind entschwunden, und doch – wie vieles von dieser Scene von offenbar so vergänglicher Schönheit blieb noch. Der Garten der Lindaraxa war noch mit Blumen geschmückt; der Brunnen bot noch seinen crystalnen Spiegel dar; es ist wahr, der Alabaster hat seine Weiße verloren und das Basin darunter, mit Unkraut bedeckt, ist der Aufenthalt der Eidechsen; aber es war selbst in der Verfallenheit etwas, das das Interesse der Scene erhöhte, indem es von dem Wechsel sprach, der das unwiderrufliche Loos des Menschen und aller seiner Werke ist. Auch die Oede dieser Gemächer, einst die Wohnung der stolzen und anmuthreichen Elisabeth, hatte einen rührenderen Reiz für mich, als wenn ich sie in ihrem frühern Glanz, von dem Prunke eines Hofes stralend, gesehen hätte. Ich beschloß sofort, in diesen Zimmern meine Wohnung aufzuschlagen. Mein Entschluß erregte großes Staunen in der Familie, die sich gar keinen vernünftigen Grund für die Wahl einer so einsamen, entlegenen und verlassenen Wohnung denken konnten. Die gute Tia Antonia betrachtete es für höchst gefährlich; die Nachbarschaft, sagte sie, sey mit Tagedieben angefüllt; die Höhlen der nahen Berge wimmelten von Zigeunern; der Palast sey im Verfall und an vielen Orten leicht zugänglich; und das Gerücht von einem Fremden, der allein in einer der zerfallenden Zimmerreihen wo die übrige Bewohnerschaft ihn nicht hören könne, wohne, möchte des Nachts leicht unwillkommene Besucher reizen, besonders da man von Fremden immer annehme, daß ihre Börse gut gefüllt sey. Dolores schilderte die schreckliche Einsamkeit des Platzes, wo weitum nichts zu sehen sey als Fledermäuse und Eulen; sodann hielten sich auch ein Fuchs und eine wilde Katze um die Gewölbe auf und streiften Nachts umher. Ich war nicht von meinem Einfall abzubringen; daher wurde ein Zimmermann zur Beihülfe hergerufen, so wie der stets dienstfertige Mateo Ximenes, welche Thüren und Fenster bald in einen Zustand von ziemlicher Sicherheit brachten. Aller dieser Vorbereitungen ungeachtet muß ich bekennen, daß die erste Nacht, welche ich in diesen Zimmern hinbrachte, unaussprechlich traurig war. Die ganze Familie gab mir das Geleite bis in mein Gemach und ihr Abschiednehmen von mir und ihre Rückkehr, die öden Vorzimmer und hallenden Galerien entlang, erinnerten mich an jene Geistergeschichten, wo man den Helden allein läßt, um die Fährlichkeiten eines bezauberten Hauses zu bestehen. Selbst die Gedanken an die reizende Elisabeth und an die Schönheiten ihres Hofes, welche einst diese Zimmer verherrlicht hatten, erhöhten jetzt durch den Kontrast dieses Düster. Hier war der Schauplatz ihrer vorübergehenden Freude und Lieblichkeit; hier waren sogar noch die Spuren ihrer Zierlichkeit und ihrer Vergnügungen; allein was und wo waren sie? – Staub und Asche, Bewohner des Grabes, Schattenbilder des Gedächtnisses! Eine unbestimmte und unbeschreibliche Furcht überschlich mich. Ich hätte sie gern den Gedanken an Räuber, welche durch die Abendunterhaltung in mir geweckt worden, zugeschrieben, aber ich fühlte, daß es etwas nichtigeres und abgeschmackteres war. Mit einem Worte, die lange begrabenen Eindrücke der Ammenstube belebten sich wieder und behaupteten ihre Gewalt über meine Phantasie. Alles begann von dem Drängen meines Geistes angesteckt zu werden. Das Flüstern des Windes in den Zitronenbäumen unter meinem Fenster hatte etwas unheimliches. Ich warf meinen Blick auf den Garten der Lindaraxa; die Bäume bildeten einen Schlund voll Schatten, das Dickicht unbestimmte und gespenstische Gestalten. Ich war froh, als ich mein Fenster geschlossen hatte; allein selbst mein Gemach wurde angesteckt. Eine Fledermaus hatte den Weg herein gefunden und flatterte über meinem Kopfe und gegen meine einsame Lampe; die grotesken Gesichter, welche in die Cederndecke geschnitzt waren, schienen mich anzustarren und mir Gesichter zu schneiden. Mich zusammennehmend und über diese augenblickliche Schwäche halb lächelnd, entschloß ich mich, ihr Trotz zu bieten, nahm meine Lampe in die Hand und eilte fort, in dem alten Palast einen Spaziergang zu machen. Trotz aller geistigen Anstrengung war die Aufgabe ernst. Die Strahlen meiner Lampe verbreiteten sich nur in einer sehr beschränkten Entfernung um mich; ich ging gleichsam in einem bloßen Lichtkreis, jenseit dessen dichte Finsterniß herrschte. Die gewölbten Gänge glichen Höhlen; die Gewölbe der Säle waren in Dunkel vergraben; welcher ungesehene Feind konnte nicht vor mir oder hinter mir lauschen! mein eigner Schatten, der auf den Wänden spielte und der Widerhall meiner eigenen Fußtritte schreckten mich. Während ich in diesem erregten Zustand den großen Gesandtensaal durchschritt, kamen wirkliche Töne zu jenen muthmaßlichen Gebilden. Tiefes Stöhnen, unbestimmtes Rufen schien gewissermaßen unter meinen Füßen emporzusteigen; ich hielt an und lauschte. Es schien nun wieder außerhalb des Thurms zu schallen. Zuweilen klang es wie das Heulen eines Thieres, dann wieder war es ersticktes Schreien mit vernehmlichem Toben des Wahnsinns vermischt. Die durchschauernde Wirkung dieser Klänge, in dieser stillen Stunde und an dieser sonderbaren Stelle, benahm mir alle Lust, meinen einsamen Spaziergang fortzusetzen. Ich kehrte munterer in mein Gemach zurück als ich es verlassen hatte und athmete freier, als ich wieder innerhalb seiner Wände und die Thüre hinter mir verriegelt war. Als ich am Morgen erwachte und die Sonne durch mein Fenster herein schien und jeden Theil des Gebäudes mit ihren holden und wahrheitkündenden Strahlen beleuchtete, konnte ich mich kaum der Schatten und Trugbilder erinnern, welche das Düster der vergangenen Nacht herauf beschworen hatte, oder es glauben, daß die Scenen um mich her, so nackt und bekannt, sich mit solchen eingebildeten Schrecken hätten bekleiden können. Doch war das düstere Geheul und Rufen nichts eingebildetes; mein Mädchen Dolores gab mir Auskunft deßhalb; es war das Rasen eines Wahnsinnigen, eines Bruders ihrer Tante, der heftigen Anfällen unterworfen war, während deren man ihn in ein gewölbtes Zimmer unter dem Gesandten-Saal einsperrte. Die Alhambra im Mondlichte. Ich habe ein Gemälde meiner Zimmer bei meiner ersten Besitznahme derselben gegeben; wenige Abende haben eine gänzliche Veränderung in der Scene und in meinen Gefühlen hervorgebracht. Der Mond, der damals unsichtbar war, hat allmählig Gewalt über die Nacht erlangt und zieht jetzt in vollem Glanze über den Thürmen hin und streut eine Masse sanften Lichtes in jeden Hof und Saal. Der Garten unter meinem Fenster ist lieblich beleuchtet; die Orangen- und Citronenbäume sind mit Silber getüpft; der Brunnen funkelte in den Mondstrahlen und selbst das Erröthen der Rose ist schwach sichtbar. Ich saß stundenlang an meinem Fenster, trank die Süße des Gartens in mich und dachte über das launenvolle Loos derer nach, deren Geschichte in den zierlichen Denkmälern rundum sich trüb abzeichnet. Zuweilen ging ich um Mitternacht, wenn alles ruhig war, hinaus und durchwanderte das ganze Gebäude. Wer kann eine Mondscheinnacht unter einem solchen Himmel und an einem solchen Orte genug preißen? Die Temperatur einer andalusischen Sommer-Mitternacht ist wahrhaft himmlisch. Wir scheinen in eine reinere Atmosphäre emporgehoben; es ist eine Heiterkeit der Seele, eine Schwungkraft des Geistes, eine Elastizität des Körpers, welche das bloße Daseyn zu einem Freudegenuß macht. Auch auf die Alhambra wirkt das Mondlicht wie ein Zauber. Jeder Riß, jede Spalte des Alters, jede zerstäubende Farbe und jeder Wetterflecken verschwindet; der Marmor nimmt seine ursprüngliche Weiße wieder an; die langen Säulenreihen glänzen in den Mondstrahlen; die Säle sind mit sanftem Glanze gefüllt, bis uns zuletzt das ganze Gebäude wie ein bezauberter Palast aus den arabischen Mährchen vorkömmt. Zu einer solchen Zeit stieg ich auf den kleinen Pavillon, welcher die Toilette der Königin genannt wird, um mich an seiner mannichfaltigen und ausgedehnten Aussicht zu ergötzen. Rechts glänzten die schneeigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silberwolken gegen das dunklere Firmament und alle Umrisse des Gebirgs erschienen gesänftigt und doch zart angedeutet. Meine größte Wonne jedoch war es, mich über die Brustwehr des Tocador zu lehnen und auf Granada hinabzublicken, das wie eine Karte unter mir ausgebreitet lag, in tiefe Ruhe begraben, und seine weißen Paläste und Klöster gleichsam im Mondenschein schlafend. Zuweilen hörte ich die schwachen Klänge der Castagnetten einer Tanzgesellschaft, die noch in der Alameda weilte; ein anderes Mal drang der ungewisse Klang einer Guitarre zu mir und die Töne einer einzelnen Stimme erhoben sich aus einer einsamen Straße und malten mir irgend einen jungen Ritter, der vor dem Fenster seines Liebchens ein Ständchen bringt – eine artige Sitte früherer Tage, die jetzt leider überall in Abnahme kommt, die entlegenen Städte und Dörfer Spaniens ausgenommen. Dieser Art waren die Scenen, welche mich so manche Stunde in den Höfen und auf den Balkons des Schlosses weilen ließen, und wo ich mich jener Mischung von Träumerei und Empfindung erfreute, welche in den südlichen Himmelsstrichen die Tage hinwegstiehlt, und der Morgen war oft nahe, wenn ich mein Bett aufsuchte und mich von den fallenden Wassern des Brunnens der Lindaraxa in Schlaf wiegen ließ. Bewohner der Alhambra. Ich habe es oft bemerkt, daß je stolzer ein Haus in den Tagen seines Glückes besetzt war, sind seine Bewohner in den Tagen seines Verfalls um so ärmlicher, und daß die Paläste der Könige gewöhnlich zuletzt der Aufenthalt von Bettlern werden. Die Alhambra ist in einem reißenden Zustande ähnlichen Uebergangs. Wo ein Thurm verfällt, nehmen zerlumpte Familien Besitz davon und machen sich in Gemeinschaft mit den Fledermäusen und Eulen zu Bewohnern seiner vergoldeten Säle und hängen die Lumpen, diese Banner der Armuth, aus seinen Fenstern und Schießscharten. Es hat mich ergötzt, manche dieser scheckigen Charaktere zu beobachten, welche die alte Wohnung von Königen so an sich gerissen haben und die hierher gesetzt zu seyn scheinen, um dem Drama des menschlichen Stolzes einen komischen Schluß zu geben. Einer derselben trägt sogar den Spotttitel einer Königin. Es ist dies eine kleine alte Frau, welche Maria Antonia Sabonea heißt, aber gewöhnlich La Reyna Coquina oder die Muschelkönigin genannt wird. Sie ist klein genug, um eine Fee abzugeben und sie mag nach allem, was ich erfahren konnte, eine Fee seyn, denn niemand kennt ihren Ursprung. Ihre Wohnung ist eine Art Kämmerchen unter der äußern Treppe des Palastes und sie sitzt in dem kühlen steinernen Gange, braucht ihre Nadel emsig, singt vom Morgen bis in die Nacht und hat für jeden, der vorbei kömmt, einen Scherz in Bereitschaft; denn obgleich sie eine der ärmsten Frauen ist, so lebt doch kaum ein lustigeres kleineres Wesen. Die Gabe des Geschichten-Erzählens ist ihr Hauptverdienst, denn ich glaube wahrhaftig, daß sie eben so viele Erzählungen zu ihrem Befehl hat als die unerschöpfliche Scheherezade der tausend und einen Nacht. Manche derselben habe ich sie in den Abend-Tertulias der Dame Antonia, bei denen sie sich zuweilen einfinden darf, erzählen hören. Daß irgend eine Feengabe an diesem geheimnißvollen kleinen alten Weibe seyn muß, geht schon aus ihrem ungemeinen Glück hervor, indem sie, obgleich sehr klein, sehr häßlich und sehr arm, ihrer eigenen Erzählung zu Folge fünf und einen halben Mann gehabt hat, wobei sie einen jungen Dragoner, der während der Brautzeit starb, für einen halben rechnet. Mit dieser kleinen Feenkönigin wetteifert ein stattlicher alter Bursche mit einer dicken Nase, der in einem verbrauchten Kleide mit einem aufgekrempten wachstaftnen Hut und einem rothen Federbusch umher geht. Er ist einer der rechtmäßigen Söhne der Alhambra und hat sein ganzes Leben in Erfüllung mancherlei Pflichten hingebracht; so war er Unter-Alguazil, Küster in der Pfarrkirche, und Wärter bei dem Ballspiel-Hof, der am Fuße eines der Thürme errichtet worden war. Er ist arm wie eine Kirchenmaus, aber so stolz als er zerlumpt ist, denn er rühmt sich von dem edeln Hause der Aguilar abzustammen, aus welchem Gonsalvo de Cordova, der große Feldherr, hervorging. Ja, er trägt wirklich den Namen Alonzo de Aguilar, der in der Geschichte der Eroberung von Granada so berühmt ist, obgleich die ruchlosen Schelmen der Veste ihm den Titel el padre santo, oder der heilige Vater gegeben haben – die gewöhnliche Bezeichnung des Pabstes, die ich in den Augen echter Katholiken für viel zu geheiligt glaubte, als daß man sie so scherzhaft anwendete. Es ist eine seltsame Laune des Schicksals, in der grotesken Person dieses Lumpen einen Namensverwandten und Abkömmling des stolzen Alonzo de Aguilar, des Spiegels der andalusischen Ritterschaft, zu bieten, der fast ein Bettlerleben in dieser einst so stolzen Festung führt, welche sein Ahnherr zerstören half; und doch möchte das Loos der Nachkommen von Agamemnon und Achilles ein ähnliches seyn, wären sie in der Nähe der Ruinen von Troja geblieben. Von dieser bunten Gesellschaft möchte wohl die Familie meines gesprächigen Geleitsmannes, Mateo Ximenes, wenigstens der Zahl nach, einen sehr wichtigen Theil ausmachen. Seine Ansprüche, ein Sohn der Alhambra zu seyn, sind nicht ungegründet. Seine Familie hat die Veste seit der Zeit der Eroberung bewohnt, und die Armuth von dem Vater auf den Sohn vererbt, denn noch nie hatte ein Glied dieser Familie einen Maravedi in seinem Besitze. Sein Vater, ein Bandmacher seines Gewerbes, und seit dem Tode des historischen Schneiders das Haupt der Familie, ist jetzt fast 70 Jahre alt, und lebt in einer Hütte von Schilf und Lehm, die er sich mit eigner Hand grade über dem eisernen Thore gebaut hat. Das Geräth besteht aus einem zerbrechlichen Bette, einem Tisch und zwei oder drei Stühlen, einer hölzernen Kiste, welche seine Kleider und die Archive der Familie enthält, d. h. einige Papiere, alte Prozeßsachen betreffend, die er nicht lesen kann; aber der Stolz seiner Hütte ist ein Familien-Wappen, das prachtvoll gemalt und in einem Rahmen an der Mauer aufgehängt ist, und durch seine Felder deutlich die verschiedenen edlen Häuser andeutet, mit welchen diese armselige Brut verwandt seyn will. Was Mateo selbst betrifft, so hat er sein möglichstes gethan, um seinen Stamm fortzupflanzen, da er eine Frau und eine zahlreiche Nachkommenschaft hat, welche eine fast dach- und fachlose Hütte in dem Dorfe bewohnen. Wie sie es anfangen, sich zu erhalten, kann Er nur sagen, der in alle Geheimnisse schaut; die Erhaltung einer spanischen Familie dieser Art bleibt mir stets ein Räthsel; indessen leben sie, und was mehr ist, scheinen sich ihres Daseyns zu freuen. Die Frau geht Sonntags in dem Pasco von Granada mit einem Kind im Arme und einem halben Dutzend auf der Ferse, spazieren, und die älteste Tochter, die jetzt zur Jungfrau übergeht, flicht sich Blumen in das Haar, und tanzt lustig zu den Castagnetten. Es gibt zwei Klassen von Leuten hier, denen das Leben ein langer Feiertag zu seyn scheint – den sehr reichen und den sehr armen; den einen, weil sie nichts zu thun brauchen, den andern, weil sie nichts zu thun haben; es versteht aber niemand die Kunst, nichts zu thun und von nichts zu leben, besser, als die armen Klassen von Spanien. Das Klima thut die eine Hälfte und das Temperament das übrige. Man gebe einem Spanier Schatten im Sommer und die Sonne im Winter, etwas Brod, Zwiebeln, Oel, Erbsen, einen alten Mantel und eine Guitarre, so mag die Welt sich drehen wie sie will. Was Armuth! sie hat für ihn nichts beschimpfendes. Sie umgibt ihn mit einem grandiosen Styl, wie sein zerlumpter Mantel. Er ist ein Hidalgo selbst in Fetzen. Die Söhne der Alhambra sind eine treffliche Veranschaulichung dieser praktischen Philosophie. Wie die Mauren glaubten, das himmlische Paradies hänge über diesem begünstigten Fleck, so bin ich manchmal geneigt zu denken, ein Abglanz von dem goldnen Zeitalter schwebe noch über der zerlumpten Bewohnerschaft. Sie haben nichts – sie thun nichts – sie sorgen für nichts. Und dennoch, obgleich sie augenscheinlich die ganze Woche müßig sind, beobachten sie alle Feiertage und Heiligenfeste eben so eifrig, wie der thätigste Handwerker. Sie besuchen alle Tänze und Feste zu Granada und dessen Umgebungen, zünden am Abend des St. Johannistags Freudenfeuer auf den Hügeln an, und haben neulich die mondhellen Nächte durchtanzt, um die Erndtefeuer eines kleinen Stück Feldes innerhalb der Veste, welches kaum einige Büschel Waizen abwarf, festlich zu begehen. Ehe ich diese Bemerkungen schließe, muß ich einer der Unterhaltungen dieses Ortes gedenken, die mir besonders auffiel. Ich hatte öfter einen langen spanischen Kerl bemerkt, der auf dem Gipfel eines der Thürme saß, und zwei oder drei Angelruthen handhabte, als wollte er nach den Sternen angeln. Das Thun dieses Luftfischers setzte mich eine Zeit lang in Verlegenheit, und diese Verlegenheit wuchs, als ich andere bemerkte, welche auf gleiche Weise auf verschiedenen Theilen der Zinnen und Bastionen beschäftigt waren; das Geheimniß erschloß sich mir nicht eher, als bis ich Mateo Ximenes zu Rath zog. Die reine und luftige Lage des Veste scheint sie, wie Macbeths Schloß, zu einem fruchtbaren Hecknest für Schwalben und andere Vögel gemacht zu haben, die mit der Feiertagslust von Jungen, welche eben aus der Schule gelassen worden, zu Tausenden um ihre Thürme spielen. Diese Vögel nun in ihrem gedankenlosen Umherkreisen mit Angeln, an denen Fliegen stecken, zu fangen, ist eines der Lieblings-Vergnügungen der zerfezten »Söhne der Alhambra,« welche mit dem zu nichts brauchbaren Witze ausgemachter Müßiggänger auf diese Art die Kunst erfunden haben, in dem Himmel zu angeln. Der Löwenhof. Der besondere Reiz dieses alten träumerischen Palastes besteht in seiner Macht, vage Träumereien und Bilder der Vergangenheit hervorzurufen, und so die nackte Wirklichkeit mit den Täuschungen des Gedächtnisses und der Einbildungskraft zu umkleiden. Da es mich ergötzt, in diesen »eiteln Schatten« zu wandeln, suche ich auch gern die Theile der Alhambra auf, welche diesem Schattenspiel des Geistes am günstigsten sind, und dies ist bei keinem mehr der Fall, als bei dem Löwenhofe und den Sälen umher. Hier ist die Hand der Zeit am sanftesten verfahren, und die Spuren maurischer Eleganz und Pracht bestehen fast noch in ihrem ursprünglichen Glanze. Erdbeben haben die Grundpfeiler dieses Gebäudes erschüttert, und ihre härtesten Thürme gespalten; allein sieh, nicht Eine jener schlanken Säulen kam aus ihrer Stelle, nicht Ein Bogen jenes leichten und gebrechlichen Ganges ist gewichen. Und all die niedliche Bildnerei an den gewölbten Decken, augenscheinlich so zart gehalten, wie die Crystalarbeit eines Morgenfrostes besteht noch nach dem Verlaufe von Jahrhunderten, und ist so neu, als käm sie eben aus der Hand des arabischen Künstlers. Ich schreibe inmitten dieser Andenken der Vergangenheit, in der frühen Stunde des Frühmorgens, in dem unglücklichen Saal der Abencerragen. Der blutbefleckte Brunnen, der Sage nach das Denkmal ihrer Ermordung, ist vor mir; der hohe Wasserstrahl sprengt fast seinen Thau auf mein Papier. Wie schwer ist es, die alte Geschichte von Gewaltthat und Blut mit dem lieblichen und friedvollen Schauspiele rundum zu vereinen! Alles scheint hier berechnet, freundliche und glückliche Gefühle zu erregen, denn alles ist mild und schön. Selbst das Licht fällt sanft von oben herab, durch die Laterne eines wie von Feenhänden gemalten und gearbeiteten Domes. Durch den weiten und mit Bildnerei gezierten Bogen des Portals sehe ich den Löwenhof in dem Glanz der Sonne, die seine Colonnaden entlang strahlt, und in seinem Brunnen funkelt. Die lebhafte Schwalbe senkt sich in den Hof, erhebt sich wieder aufwärts, und schießt zischend über die Dächer dahin; die geschäftige Biene treibt sich summend unter den Blumenbeeten umher, und bunte Schmetterlinge flattern von Pflanze zu Pflanze und fliegen dann empor und spielen mit einander in der sonnigen Luft. Die Phantasie braucht sich nur sehr wenig anzustrengen, um sich irgend eine sinnige Schönheit des Harems zu mahlen, welche in diesen abgeschlossenen Plätzchen orientalischer Ueppigkeit weilt. Der aber, welcher diese Scene gern mehr im Einklang mit ihrem Geschick sehen möchte, muß kommen, wenn die Schatten des Abends den Glanz des Hofes mildern, und ihr Düster über die Säle umher verbreiten. Es kann dann nichts heiter-wehmüthigeres, oder mit der Geschichte entschwundener Größe übereinstimmenderes geben. In solchen Stunden suche ich wohl auch den Saal der Gerechtigkeit auf, dessen tiefe schattenvolle Arkaden sich am obern Ende des Hofes hinziehen. Hier wurde in Gegenwart von Ferdinand und Isabella und ihres siegtrunkenen Geleites, das festliche Hochamt bei der Besitznahme von Alhambra gehalten. Das Kreuz ist sogar noch auf der Wand zu sehen, an welcher der Altar stand, und wo der Groß-Kardinal von Spanien und andere der höchsten kirchlichen Würdenträger des Landes den Gottesdienst hielten. Ich malte mir das ganze Schauspiel, als das siegreiche Heer diesen Ort füllte, dieses Gemisch von Prälaten in ihrem Ornat, und von geschornen Mönchen, von stahlbepanzerten Rittern und seidnen Höflingen, wenn Kreuze und Krummstäbe und Kirchenfahnen sich mit den stolzen Wappenzeichen und den Bannern der Edlen Spaniens mischt, und im Triumph über diese arabischen Säle flattert. Ich male mir Columb, den künftigen Entdecker einer Welt, wie er in einem fernen Winkel seinen bescheidenen Platz nimmt, ein demüthiger und vernachläßigter Zuschauer des Festgepränges. Meine Phantasie läßt mich dieß katholische Herrscherpaar sehen, wie es sich vor dem Altar niederwirft, und seinen inbrünstigen Dank für den Sieg darbringt, während die Gewölbe die heiligen Gesänge und das lauttönende Te Deum widerhallten. Die kurze Täuschung ist vorüber – das Fest entschwindet dem innern Auge – Monarchen, Priester und Krieger kehren in die Vergessenheit zurück, so wie die armen Mosleminen, über welche sie triumphirten. Ihre Siegshalle ist öde und leer. Die Fledermaus fliegt um ihr Dämmergewölbe und die Eule krächzt auf dem nahen Thurm des Comares. Als ich vor einigen Abenden in den Löwenhof trat, erschrack ich über den Anblick eines beturbanten Mauren, der ruhig am Brunnen saß. Es schien einen Augenblick, als ob eines der Märchen des Ortes sich verwirklicht, und ein alter Bewohner der Alhambra den Zauber von Jahrhunderten vernichtet hätte, und sichtbar geworden wäre. Es fand sich aber, daß es ein gewöhnlicher Sterblicher war, ein Eingeborner von Tetuan in der Berberei, der einen Laden in dem Zacadin von Granada hatte, wo er Rhabarber, Flittern und Wohlgerüche feil hielt. Da er das Spanische geläufig sprach, konnte ich mich mit ihm unterhalten, und fand ihn klug und verschlagen. Er sagte mir, er komme zuweilen im Sommer den Hügel herauf, um einen Theil des Tages in der Alhambra hinzubringen, wo er an die alten Paläste in der Berberei erinnert werde, welche in einem ähnlichen Style, obgleich mit weniger Pracht, gebaut wären. Als wir im Palast umhergingen, zeigte er auf verschiedene arabische Inschriften, welche viele poetische Schönheit enthielten. »Ja, Sennor,« sagte er, »als die Mauren Granada inne hatten, waren sie ein muntreres Volk, als sie heut zu Tage sind. Sie dachten nur an Liebe, Musik und Poesie. Sie machten Verse bei jeder Gelegenheit, und setzten sie alle in Musik. Der, welcher die beste Verse machen konnte, und die, welche die klangvollste Stimme hatte, konnten der Gunst und Beförderung gewiß seyn. Wenn in jenen Tagen jemand Brod forderte, hieß es: mach' mir einen Vers; und der ärmste Bettler, welcher in Reimen bettelte, wurde oft mit einem Goldstück belohnt.« »Und ist das so verbreitete Gefühl für Poesie,« sagte ich, »bei euch jetzt gänzlich verloren?« »Keineswegs, Sennor; das Volk der Berberei, selbst aus den niedrigsten Klassen, macht noch immer wie in den alten Tagen, Verse, und auch gute Verse; allein das Talent wird nicht belohnt wie ehedem; der Reiche zieht das Klingeln seines Goldes dem Klang der Poesie und Musik vor.« Während er sprach, heftete sich sein Auge auf eine der Inschriften, welche der Macht und dem Ruhme der maurischen Herrscher, den Gebietern dieses Gebäudes, Unsterblichkeit verkündeten. Er schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, als er sie übersetzte. »Das wäre wohl der Fall gewesen,« sagte er; »die Mosleminen könnten noch jetzt in der Alhambra regieren, wäre Boabdil kein Verräther gewesen, und hätte er die Hauptstadt den Christen nicht übergeben. Die spanischen Monarchen wären nie im Stande gewesen, sie in offnem Kampf zu erobern.« Ich bemühte mich, das Andenken des unglücklichen Boabdil von diesem Flecke zu reinigen, und zu zeigen, daß die Streitigkeit, welche zum Sturze des maurischen Thrones geführt, ihren Ursprung in der Grausamkeit seines tigerherzigen Vaters gehabt hätten; aber der Maure ließ keine Rechtfertigung gelten. »Mulei Hassan,« sagte er, »mag grausam gewesen seyn; allein er war tapfer, wachsam, ein Freund des Vaterlandes. Wäre er recht unterstützt worden, so wäre Granada unser geblieben; allein sein Sohn Boabdil durchkreuzte seine Plane, lähmte seine Macht, säete Verrath in seinen Palast und Zwiespalt in sein Lager. Der Fluch Gottes komme auf ihn wegen seiner Verrätherei.« Mit diesen Worten verließ der Maure die Alhambra. Der Zorn meines beturbanten Gefährten stimmt mit einer Anecdote überein, die mir ein Freund erzählte, welcher während einer Reise in der Berberei den Pascha von Tetuan gesprochen hatte. Der maurische Statthalter fragte sehr eifrig nach dem Land, und vorzüglich nach dem glücklichen Gebiete Andalusiens, den Wonnen Granada's und den Ueberbleibseln des königlichen Palastes daselbst. Die Antworten weckten alle jene theueren den Mauren so tief im Herzen ruhenden Erinnerungen an die Gewalt und den Glanz ihrer alten Herrschaft in Spanien. Der Pascha wandte sich zu seinem mohamedanischen Gefolge, raufte seinen Bart, und brach in leidenschaftliche Klagen aus, daß solch eine Herrschaft den echten Gläubigen entrissen worden. Er tröstete sich jedoch mit der Gewißheit, daß die Macht und das Glück der spanischen Nation im Abnehmen sey, und daß eine Zeit kommen würde, wo die Mauren ihr rechtmäßiges Land wieder eroberten; daß der Tag vielleicht nicht mehr fern sey, wo der mohamedanische Gottesdienst wieder in der Moschee von Cordova gefeiert, und ein mohamedanischer Prinz auf seinem Throne in der Alhambra sitzen würde. Der Art ist der allgemeine Wunsch und Glaube unter den Mauren der Berberei, die Spanien und besonders Andalusien für ein rechtmäßiges Erbe ansehen, dessen sie durch Verrath und Gewalt beraubt worden. Diese Gedanken werden von den Nachkommen der verbannten Mauren von Granada, welche in den Städten der Berberei zerstreut sind, genährt und fortgepflanzt. Viele derselben wohnen zu Tetuan, behalten ihre alten Namen, z. B. Paez und Medina, bei, und versagen es sich, in irgend eine Familie zu heirathen, welche nicht auf gleich hohe Abstammung Ansprüche hat. Ihr gerühmtes Geschlecht wird mit einem Grad von Ehrfurcht von dem Volke betrachtet, welchen man bei Mohamedanern erblichen Vorzügen, ausgenommen in dem königlichen Stamme, selten erzeigt. Diese Familien sollen fortwährend nach dem irdischen Paradiese ihrer Vorfahren seufzen, und Freitags in ihrer Moschee Gebete anstellen, Allah anflehend um die Beschleunigung der Zeit, wo Granada den Rechtgläubigen wieder zugestellt wird, ein Ereigniß, dem sie eben so sehnsüchtig und vertrauungsvoll entgegen sehen, wie die christlichen Kreuzfahrer der Entdeckung des heiligen Grabes. Ja, man setzt hinzu, einige derselben bewahrten noch die alten Karten und Urkunden der Besitzungen und Gärten ihrer Vorfahren zu Granada, und sogar die Schlüssel ihrer Häuser, welche sie als Beweise ihrer erblichen Ansprüche aufheben, um sie an dem Tag der gehofften Wiederherstellung des alten Zustandes vorzuzeigen. Der Löwenhof hat auch seinen Theil übernatürlicher Sagen. Ich habe bereits des Glaubens an das Murmeln von Stimmen und das Klirren von Ketten gedacht, Töne, welche man den Geistern der ermordeten Abencerragen zuschreibt. Mateo Ximenes erzählte vor einigen Abenden bei einer der Gesellschaften in der Dame Antonia Gemache eine Thatsache, welche sich während der Lebzeiten seines Großvaters, des segenreichen Schneiders, zugetragen hatte. Ein Invalide hatte die Pflicht über sich, die Alhambra den Fremden zu zeigen. Als er eines Abends in der Dämmerung durch den Löwenhof ging, hörte er in dem Saal der Abencerragen Fußtritte. Er dachte, einige Besucher hätten sich dort verspätet, und schritt näher, um sie zu begleiten, als er zu seinem Erstaunen vier reich gekleidete Mauren erblickte, mit vergoldeten Harnischen, Säbeln und Dolchen, welche von kostbaren Steinen funkelten. Sie gingen feierlichen Schrittes auf und ab, standen jetzt aber still, und winkten ihm. Der alte Soldat aber ergriff die Flucht, und konnte nachher nie wieder dahin gebracht werden, die Alhambra zu betreten. So wenden Menschen manchmal ihrem Glück den Rücken; denn es ist Mateo's fester Glaube, die Mauren hätten den Platz bezeichnen wollen, wo ihre Schätze verborgen liegen. Ein Nachfolger des Invaliden war klüger; er kam arm in die Alhambra, aber nach Verlauf eines Jahres reiste er nach Malaga, baute Häuser, hielt sich einen Wagen, und lebt noch dort als einer der reichsten, so wie der ältesten Leute des Ortes, was alles, wie Mateo weise ahnt, zufolge der Auffindung des goldnen Geheimnisses dieses gespenstischen Mauren geschah. Boabdil el Chico. Meine Unterhaltung mit dem Mann in dem Löwenhofe veranlaßte mich, über das seltsame Schicksal Boabdils nachzudenken. Seine Unterthanen nannten ihn »el Zogoybi« oder »der Unglückliche« und nie war ein Beiname besser angewendet. Sein Unglück begann fast in der Wiege. In seiner zarten Jugend wurde er von einem unmenschlichen Vater gefangen, und mit dem Tode bedroht, dem er nur durch eine List seiner Mutter entging; in spätern Jahren wurde sein Leben durch die Feindseligkeiten eines eroberungssüchtigen Oheims verbittert und öfter gefährdet; seine Regierung wurde durch Einfälle von außen und durch Entzweiungen im Innern beunruhigt; er war abwechselnd der Feind, der Gefangene, der Freund und immer der Spielball Ferdinands, bis die vereinte List und Macht dieses treulosen Königs ihn besiegte und entthronte. Verbannt aus seinem Heimathlande flüchtete er zu einem Fürsten Afrika's, und fiel ruhmlos in einer Schlacht, für die Sache eines Fremden fechtend. Sein Unglück hörte aber noch nicht mit seinem Tode auf. Wenn Boabdil den Wunsch hegte, in der Geschichte ehrenvoll genannt zu werden, – wie grausam wurde er dann in seinen Hoffnungen getäuscht! Wer hat der romantischen Geschichte der maurischen Herrschaft in Spanien die geringste Aufmerksamkeit gewidmet, ohne bei der angeführten Abscheulichkeit Boabdils vor Zorn zu erglühen? Wen haben die Leiden seiner lieblichen und holden Gemalin, welche er, auf eine falsche Anklage der Untreue, zu einer Probe auf Leben und Tod verurtheilte, nicht gerührt? Wen hat es nicht empört, daß er in einem Anfall von Zorn seine Schwester und seine zwei Kinder umgebracht haben sollte? Wem hat das Blut nicht gekocht bei dem unmenschlichen Morde der tapfern Abencerragen, die er, der Erzählung zufolge, sechs und dreißig an der Zahl, in dem Löwenhof enthaupten ließ? Alle diese Anklagen sind in mannigfachen Formen wieder zum Vorschein gebracht worden; sie gingen in Balladen, Dramen und Romanzen über, bis sie in dem Gemüthe des Publikums zu fest Wurzel gefaßt hatten, als daß man sie hätte vernichten können. Jeder Fremde von Bildung, der die Alhambra besucht, fragt nach dem Brunnen, wo die Abencerragen gemordet worden; und blickt mit Schrecken auf die vergitterte Galerie, wo, der Sage nach, die Königin gefangen saß; jeder Bauer der Vega und der Sierra singt die Geschichte in rohen Strophen zur Begleitung seiner Guitarre, während seine Zuhörer selbst den Namen Boabdils verwünschen lernen. Nie jedoch wurde ein Mann schmähliger und unbilliger verläumdet. Ich habe alle authentischen Chroniken und Briefe untersucht, welche von Spaniern, den Zeitgenossen Boabdils, geschrieben wurden; manche derselben besaßen das Vertrauen des katholischen Herrscherpaars, und waren während des ganzen Krieges in dem Lager gegenwärtig gewesen. Ich habe alle arabische Quellen, welche ich vermittelst Uebersetzungen benutzen konnte, geprüft, und kann nicht finden, was diese schwarze und gehässige Anklage rechtfertigt. Das ganze dieser Erzählungen läßt sich auf ein Werk zurückführen, was gewöhnlich den Titel hat: »die bürgerlichen Kriege von Granada,« und eine angebliche Geschichte der Streitigkeiten der Zegries und Abencerragen während der letzten Zuckungen der maurischen Herrschaft enthält. Dieses Werk erschien ursprünglich in spanischer Sprache, und sollte von einem Gines Perez de Hila, einem Eingebornen von Murcia, aus dem Arabischen übertragen seyn. Es wurde seitdem in mehrere Sprachen übersetzt, und Florian hat vieles in seinem Gonsalvo von Cordova daraus genommen; seitdem hat es in gewissem Grad das Ansehen eines wirklichen Geschichtswerkes in Anspruch genommen, und wird gewöhnlich von dem Volk, besonders aber von den niedern Klassen Granada's, geglaubt. Das ganze ist jedoch eine Masse von Dichtungen mit wenigen entstellten Wahrheiten vermischt, welche ihm das Ansehen geschichtlicher Treue geben. Es enthält innere Proben seiner Falschheit, indem die Sitten und Gebräuche der Mauren darin auf das übertriebenste entstellt, und Begebenheiten geschildert werden, welche ganz unverträglich sind mit ihren Gewohnheiten und ihrem Glauben, und von einem mohamedanischen Schriftsteller nie berichtet worden wären. Ich gestehe, es scheint mir in den absichtlichen Verdrehungen dieses Buches etwas fast Verbrecherisches zu liegen: man muß der romantischen Dichtung ohne Frage einen großen Spielraum zugestehen; allein es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten darf, und die Namen ausgezeichneter Todten, welche der Geschichte angehören, dürfen nicht mehr verläumdet werden, als die berühmten Lebenden. Auch hätte man denken sollen, der unglückliche Boabdil habe wegen seiner zu rechtfertigenden Feindseligkeit gegen die Spanier genug gebüßt, da er seines Thrones beraubt worden, und man brauche seinen Namen nicht noch so muthwillig zu beflecken, und ihn zu einem Schimpfwort und zum Gegenstande der Schmach in seinem Heimathland und selbst in der Wohnung seiner Väter zu machen! Damit soll nicht behauptet werden, daß die Handlungen, welche Boabdil zugeschrieben werden, ohne alle historische Begründung sind; so weit man ihnen aber folgen kann, scheinen sie von seinem Vater, Aben Hassan, ausgegangen zu seyn, der sowohl von christlichen [als auch] arabischen Geschichtschreibern als ein Mann von wildem und grausamem Charakter geschildert wird. Er war es, der das berühmte Geschlecht der Abencerragen morden ließ, weil er sie im Verdacht einer Empörung hatte, durch die er von seinem Thron gestoßen werden sollte. Auch die Geschichte der Beschuldigung gegen die Gemalin Boabdils und ihrer Einkerkerung in einen der Thürme, läßt sich als ein Begebniß in dem Leben seines tigerherzigen Vaters nachweisen. Aben Hassan heirathete in seinen vorgerückten Jahren noch eine schöne christliche Gefangene von edler Abkunft, welche den maurischen Namen Zorayde annahm, und mit der er zwei Söhne hatte. Sie war von ehrgeizigem Charakter, und bemüht, ihren Kindern die Nachfolge auf dem Throne des Vaters zu sichern. Zu diesem Zwecke wirkte sie auf das argwöhnische Gemüth des Königs, und entflammte ihn mit Eifersucht gegen die Kinder seiner andern Weiber und Beischläferinnen, die sie der Anschläge gegen seinen Thron und sein Leben bezüchtigte. Einige derselben wurden von dem wilden Vater ermordet. Ayxa la Horra, die tugendhafte Mutter Boabdils, welche einst die ganze Liebe seines Herzens besessen hatte, wurde gleichfalls ein Gegenstand seines Verdachtes. Er sperrte sie und ihren Sohn in den Thurm des Comares, und hätte Boabdil seiner Wuth geopfert, wenn ihn seine Mutter nicht des Nachts vermittelst ihrer und ihrer Dienerinnen Schärpen vom Thurme gelassen, und so in den Stand gesetzt hätte nach Guadix zu flüchten. Dieß ist der einzige Schatten einer Begründung der Geschichte der angeklagten und gefangenen Königin, den ich auffinden konnte, und nach diesem erscheint Boabdil als der Verfolgte, nicht aber als der Verfolger. Während des ganzen Zeitraums seiner kurzen, stürmischen und unglücklichen Herrschaft, gibt Boabdil Beweise eines milden und freundlichen Charakters. So gewann er sich durch seine leutseligen und anmuthigen Sitten die Herzen des Volkes, war stets friedfertig, und ließ diejenigen, welche sich gegen ihn empört, niemals die Strenge seines Armes fühlen. Er war persönlich tapfer, allein es fehlte ihm an moralischem Muthe, und in schwierigen und wirren Zeiten war er schwankend und unentschlossen. Diese Schwäche seines Geistes beschleunigte seinen Fall, während sie ihn jener heroischen Grazie beraubte, welche seinem Schicksale Größe und Würde gegeben, und ihn werth gemacht hätte, das glänzende Drama der mohamedanischen Herrschaft in Spanien zu schließen. Erinnerungen an Boabdil. Während die Schicksale des unglücklichen Boabdil meinen Geist noch lebhaft beschäftigten, begab ich mich daran, die mit seiner Geschichte verbundenen Andenken, welche noch in diesem Schauplatze seiner Herrschaft und seines Unglücks zu finden sind, kennen zu lernen. In der Gemälde-Galerie des Palastes des Generalife hängt sein Porträt. Das Gesicht ist mild, schön und etwas melancholisch, die Farbe schön, das Haar gelb. Wenn es ein treues Abbild des Mannes ist, so mag er schwankend und unsicher gewesen seyn, allein es ist nichts Grausames oder Unfreundliches in seinem Anblick. Ich besuchte zunächst den Kerker, wo er in seiner Jugend eingesperrt war, als sein Vater ihn zu verderben dachte, – ein gewölbtes Gemach in dem Thurm des Comares, unter der Gesandtenhalle; ein ähnliches, durch einen engen Gang getrenntes Zimmer war das Gefängniß seiner Mutter, der tugendhaften Ayxa la Horra. Die Mauern sind von einer merkwürdigen Dicke, und die kleinen Fenster mit Eisenstangen vermacht. Eine schmale steinerne Galerie mit einer niedrigen Brustwehr zieht sich rund um die drei Seiten des Thurms, grade unter den Fenstern, aber in einer bedeutenden Höhe vom Boden. Man nimmt an, daß die Königin von dieser Galerie zur Nachtzeit mit ihren und den Schärpen ihrer weiblichen Dienerschaft, ihren Sohn an der Hügelseite herabgelassen habe, an deren Fuß ein Diener mit einem raschen Rosse harrte, um den Prinzen in das Gebirge zu bringen. Während ich über diese Galerie ging, mahlte mir meine Phantasie die angstvolle Königin, wie sie sich über die Brustwehr lehnte, und mit dem fieberhaften Klopfen eines Mutterherzens auf den letzten Widerhall des Pferdehufs lauschte, als ihr Sohn das enge Thal des Darro entlang flog. Mein nächster Gang galt dem Thore, durch welches Boabdil aus dem Alhambra schied, als er im Begriff war, seine Hauptstadt zu überliefern. Mit der melancholischen Laune eines niedergeschmetterten Geistes forderte er von dem katholischen Herrscher, daß fortan niemand mehr durch dieses Thor solle gehen dürfen. Den alten Chroniken zufolge wurde durch die Theilnahme Isabellens an seinem Unglück diese seine Bitte erfüllt, und das Thor vermauert. Eine Zeit lang fragte ich vergeblich nach einem solchen Portale; endlich aber erfuhr mein armer Diener Mateo von den alten Bewohnern der Veste, daß ein zerfallener Thorweg bestehe, durch welchen, der Sage nach, die maurischen Könige die Alhambra verlassen hätten, der aber niemals, so lange den ältesten Bewohnern denke, offen gewesen wäre. Er führte mich zu der Stelle. Der Thorweg ist in dem Mittelpunkt eines ehemaligen unermeßlichen Thurmes, la Torre de los Siete Suelos, oder der Thurm der sieben Stockwerke genannt. Es ist ein in den abergläubischen Geschichten der Umgegend berühmter Ort, da er der Schauplatz wundersamer Erscheinungen und maurischer Verzauberungen ist. Dieser einst furchtbare Thurm ist jetzt ein bloßes Wrack, denn, als die Franzosen die Vestung verließen, sprengten sie ihn mit Pulver in die Luft. Große Mauerstücke liegen zerstreut umher, in den üppigen Kräutern begraben, oder von Weinreben und Feigenbäumen überschattet. Der Bogen des Thores, obgleich durch die Erschütterung gesprungen, steht noch; allein der letzte Wunsch des armen Boabdil ist wider, obgleich unabsichtlich, erfüllt worden, denn das Portal wurde mit losen Steinen aus den Trümmern verschüttet, und bleibt unzugänglich. Indem ich dem Weg des maurischen Königs, wie ihn die Sage beschreibt, folgte, ritt ich über den Hügel los Martyros, und kam an dem Garten des Klosters desselben Namens entlang, und dann eine rauhe Schlucht hinab, welche mit Aloegebüsch und indianischen Feigen bewachsen war, und an deren Seite Höhlen und Hütten waren, welche von Zigeunern wimmelten. Es war der Weg, den Boabdil gewählt hatte, um nicht durch die Stadt ziehen zu müssen. Der Abhang war so steil und holprich, daß ich gezwungen war, abzusteigen, und mein Pferd zu führen. Als ich diese Schlucht verlassen hatte, und an der Puerta de los Molinos (Mühlenthor) vorüber war, führte mich mein Weg über den öffentlichen Spaziergang, der Prato genannt, und indem ich dem Laufe des Xenil folgte, kam ich an eine kleine maurische Moschee, welche jetzt in die Kapelle oder Einsiedelei von San Sebastian umgeschaffen ist. Eine Tafel in der Mauer berichtet, daß Boabdil an dieser Stelle den kastilianischen Herrschern die Schlüssel von Granada übergeben habe. Von hier ritt ich langsam durch die Vega zu einem Dorfe, wo die Familie und der Haushalt des unglücklichen Boabdil ihn erwartete, denn er hatte sie in der Nacht vorher aus der Alhambra vorausgeschickt, damit seine Mutter und seine Gemahlin nicht an seiner persönlichen Demüthigung Theil nehmen, oder den Blicken der Sieger blosgestellt werden möchten. Indem ich dem Wege dieser traurigen Schaar königlicher Verbannten folgte, kam ich an den Fuß einer Kette öder und trauriger Höhen, welche den Saum des Alpuxarra Gebirgs bildet. Von dem Gipfel einer dieser Höhen warf Boabdil seinen letzten Blick auf Granada; er trägt den ausdrucksvollen Namen seiner Leiden, la Cuesta de las Lagrimas, (Thränenhügel). Jenseits desselben windet sich ein sandiger Weg durch eine rauhe, freudlose Oede, welche dem unglücklichen König doppelt trübselig erschienen seyn mag, da sie zur Verbannung führte. Ich spornte mein Pferd auf die Höhe eines Felsen, wo Boabdil seinen letzten schmerzvollen Ruf ausstieß, als er seine Augen von dem letzten Abschiedsblick abwandte: er heißt jetzt noch El ultimo Suspiro del Moro, (der letzte Seufzer des Mauren). Wer wundert sich über seinen Schmerz, sich aus einem solchen Königreich und einer solchen Wohnung verbannt zu sehen? Mit der Alhambra schien er alle Ehren seines Stammes allen Ruhm und alle Freuden des Lebens aufzugeben. Hier war es auch, wo sein Kummer durch den Vorwurf seiner Mutter, Ayxa, welche ihm so oft in den Zeiten der Gefahr beigestanden, und sich vergeblich bemüht hatte, ihm ihren eigenen entschlossenen Geist einzupflanzen, noch verbittert wurde. »Du thust wohl,« sagte sie, »daß du das wie ein Weib beweinst, was du nicht wie ein Mann vertheidigen konntest,« – eine Rede, welche mehr von dem Stolz der Fürstin als der Zärtlichkeit der Mutter zeugt. Als der Bischof Guevara Karl dem Fünften diese Anekdote erzählte, stimmte der Kaiser in den Ausdruck der Verachtung über die Schwäche des schwankenden Boabdils ein. »Wäre ich Er, oder Er ich gewesen,« sagte der stolze Herrscher, »so hätte ich die Alhambra eher zu meinem Grabe gemacht, als ich ohne ein Königreich in der Alpuxarra gelebt hätte.« Wie leicht haben die, welche in Macht und Glück leben, dem Besiegten Heldenmuth predigen! wie wenig begreifen sie, daß das Leben selbst an Werth bei dem Unglücklichen steigen kann, dem nichts als das Leben bleibt. Der Balkon. In dem Gesandtensaal, am mittleren Fenster, ist ein Balkon, dessen ich bereits erwähnt habe; er springt wie ein Käficht auf der Fläche des Thurms hoch, mitten in der Luft, über den Wipfeln der Bäume hervor, welche an der steilen Hügelseite wachsen. Er dient mir zu einer Art Warte, wo ich mich oft niedersetze, nicht nur den Himmel oben, sondern auch die Erde unten zu beobachten. Neben der prächtigen Aussicht über Berg Thal und Vega, welche er überschaut, eröffnet sich dem Blicke auch unmittelbar unten eine geschäftige kleine Scene des menschlichen Lebens. An dem Fuße des Hügels ist eine Alameda, oder öffentlicher Spaziergang, welcher, obgleich er nicht so modisch ist, wie der neuere und glänzendere Pasco an dem Xenil, sich doch eines malerischen und manchfaltigen Besuchs erfreut. Hierher begeben sich die Leute höhern Standes in den Vorstädten, so wie Priester und Mönche, welche des Appetites und der Verdauung wegen spazieren gehen, Majos und Majas, die Stutzer und Schönen der niedern Klassen, in ihren andalusischen Kleidern, großthuerische Schleichhändler und zuweilen, auf geheime Verabredung, halbvermummte und mysteriöse Müßiggänger aus den höheren Ständen. Es ist ein bewegtes und buntes Gemälde spanischen Lebens und Charakters, an dessen näherer Bekanntschaft ich mich erfreue; und wie der Naturforscher sein Mikroscop hat, um ihn bei seinen Nachforschungen zu fördern, so habe ich ein kleines Taschen-Telescop, welches mir die Gesichter der bunten Gruppen so nahe bringt, daß ich manchmal glaube, ich könnte nach dem Spiel und Ausdrucke ihrer Züge ihre Unterhaltung errathen. Ich bin auf diese Art gewissermaßen ein unsichtbarer Zuschauer, und kann, ohne meine Einsamkeit zu verlassen, mich in einem Augenblick mitten in die Gesellschaft stürzen, – ein seltner Vortheil für Jemand, der etwas scheuen und stillen Charakters ist und gern das Drama des Lebens beobachtet, ohne ein Theilnehmer auf der Bühne zu werden. Unter der Alhambra liegt eine bedeutende Vorstadt, welche die enge Höhlung eines Thales ausfüllt und sich an dem entgegengesetzten Hügel der Albaycia hinauf erstreckt. Viele Häuser sind in dem maurischen Style, um Patios, oder Höfe, erbaut, die von Brunnen gekühlt und dem Himmel offen sind; und da die Bewohner den größern Theil ihrer Zeit während des Sommers in diesen Höfen und auf den platten Dächern hinbringen, so ergibt es sich, daß ein luftiger Zuschauer wie ich, der aus den Wolken auf sie niedersehen kann, manchen Blick in ihr häusliches Leben zu thun im Stande ist. Ich genieße einigermaßen die Vortheile des Studenten in der berühmten alten spanischen Geschichte, dessen Auge sich ganz Madrid dachlos darbot; und mein gesprächiger Knappe, Mateo Ximenes, vertritt gelegentlich die Stelle meines Asmodeus, um mir Anecdoten über die verschiedenen Wohnungen und ihre Insassen mitzutheilen. Ich mache mir jedoch lieber selbst muthmaßliche Geschichten und kann so stundenlang sitzen und aus zufälligen Begebenheiten und Andeutungen, die unter meinen Augen vorgehen, das ganze Gewebe von Planen, Intriguen und Beschäftigungen mancher der geschäftigen Sterblichen da unten ausspinnen. Es gibt kaum ein hübsches Gesicht oder eine einnehmende Gestalt, die ich täglich sehe, von denen ich mir nicht so allmählig eine dramatische Skizze gemacht habe, obgleich manche meiner Charaktere gelegentlich in geradem Widerspruch mit der ihnen zugetheilten Rolle handeln und so mein ganzes Drama verwirren werden. Als ich vor einigen Tagen die Gassen der Albaycia mit meinem Augenglase musterte, sah ich die Prozession einer jungen Nonne, die im Begriffe war, den Schleier zu nehmen, und bemerkte mancherlei Umstände, welche meine lebhafte Theilnahme an dem Schicksale dieses jungen Wesens erregten, die im Begriffe stand, sich in ein lebendiges Grab verschließen zu lassen. Ich versicherte mich zu meiner Freude, daß sie schön war; und aus der Blässe ihrer Wangen ging es hervor, daß sie eher ein Opfer als eine sich freiwillig dem Himmel weihende Fromme war. Sie war in bräutlichen Putz gehüllt und hatte einen Kranz weißer Blumen in den Haaren; aber ihr Herz sträubte sich gewiß über diese wunderliche geistige Verbindung und seufzte nach seiner irdischen Liebe. Ein schlanker, ernstaussehender Mann schritt bei der Prozession in ihrer Nähe; es war augenscheinlich der tyrannische Vater, der aus irgend einem frömmelnden oder schmutzigen Grunde dieses Opfer erzwungen hatte. Unter dem großen Geleite war ein brauner schöner Jüngling, in andalusischer Tracht, der ein tiefschmerzvolles Auge auf sie zu fesseln schien. Er war ohne Zweifel der geheime Liebhaber, von welchem sie für ewig getrennt werden sollte. Mein Unwille wuchs, wie ich den boshaften Ausdruck gewahrte, welcher sich in den Zügen der begleitenden Mönche und Klosterbrüder mahlte. Die Prozession erreichte die Kapelle des Klosters; die Sonne schien zum letzten Male auf den Kranz der armen Novize, als sie die verhängnißvolle Schwelle überschritt und in dem Gebäude verschwand. Die Menge strömte hinein mit Mönchskapuzen, Kreuzen und Gesang; der Liebhaber weilte einen Augenblick an dem Thore. Ich konnte den Aufruhr seiner Gefühle ahnen; allein er bemeisterte sie und trat ein. Es war eine lange Pause – ich dachte mir das Schauspiel, welches das Innere der Kapelle bot: die arme Novize ihres vorübergehenden Putzes beraubt, in das Klostergewand gekleidet, der bräutliche Kranz aus ihren Haaren genommen, ihr schönes Haupt der langen seidnen Locken baar – ich hörte sie das unwiderrufliche Gelübde flüstern. Ich sah sie auf ihrer Bahre ausgestreckt; die Blässe des Todes über sie verbreitet; der Leichen-Gottesdienst war vorüber; ich hörte die tiefen Töne der Orgel und das klagevolle Requiem, das die Nonnen sangen; der Vater sah mit hartem fühllosem Gesichte zu. Den Liebhaber – doch nein, meine Phantasie mochte den Liebhaber nicht schildern; das Gemälde blieb hier leer. Nach einer Weile strömt der Haufe wieder heraus und zerstreute sich auf verschiedenen Wegen, um sich des sonnigen Lichtes zu erfreuen, und sich in die regen Scenen des Lebens zu mischen; das Opfer aber blieb drinnen. Fast die letzten, welche heraus kamen, waren der Vater und der Liebhaber; sie waren in ernster Unterhaltung. Der letztere war heftig in seinem Geberdenspiel; ich erwartete irgend eine gewaltsame Entwicklung meines Drama's; aber die Ecke eines Hauses trat dazwischen und schloß die Scene. Mein Auge hat sich seitdem mit schmerzlicher Theilnahme auf das Kloster gewendet. Ich sah spät in der Nacht ein Licht in dem entlegenen Fenster eines seiner Thürme brennen. »Dort,« sagte ich, »sitzt die unglückliche Nonne in ihrer Zelle und weint, während ihr Geliebter vielleicht in vergeblichem Kummer in der Gasse unten hinschreitet!« Der geschäftige Mateo unterbrach mein Nachsinnen und zerriß in einem Nu das Spinnengewebe meiner Phantasie. Mit seinem gewöhnlichen Eifer hatte er die das Ereigniß betreffenden Thatsachen gesammelt, welche alle meine Traumbilder verscheuchten. Die Heldin meines Romans war weder jung noch schön; sie hatte keinen Geliebten – sie war aus freier Wahl in das Kloster als einen ehrenvollen Zufluchtsort gegangen und eine der fröhlichsten Nonnen, die in jenen Mauern wohnten. Es dauerte eine Zeitlang, ehe ich das Unrecht vergeben konnte, das mir die Nonne anthat, indem sie, allen Regeln des Romans zuwider, so glücklich in ihrer Zelle war; ich lenkte meine düstere Laune jedoch dadurch ab, daß ich einen oder zwei Tage lang die zierlichen Koketterien einer schwarzäugigen Brünette beobachtete, welche, unter dem Versteck eines mit blühendem Gebüsch überrankten Balkons und des seidnen Zeltes eine geheimnißvolle Zwiesprache mit einem schönen, braunen, stark bebarteten Ritter pflog, der häufig in der Straße unter ihrem Fenster war. Zuweilen sah ich Morgens in aller Frühe ihn, bis zu den Augen in einen Mantel gehüllt, sich wegstehlen. Zuweilen wartete er an einer Ecke in allerlei Verkleidungen, augenscheinlich eines geheimen Zeichens harrend, um in das Haus zu schlüpfen. Dann klang dort in der Nacht die Guitarre, und eine Laterne flog auf dem Balkon hin und her. Ich dachte mir einen Liebeshandel wie den des Grafen von Almaviva, ward aber wieder in allen meinen Vermuthungen betrogen, denn man unterrichtete mich, der geglaubte Liebhaber sey der Mann der Dame und ein bekannter Schleichhändler; und alle seine geheimnißvollen Zeichen und Bewegungen hätten ohne Zweifel irgend einen Schmuggel-Anschlag zur Absicht. Manchmal ergötzte ich mich von diesem Balkon aus den allmähligen Wechsel zu beachten, welchem, zufolge der verschiedenen Tageszeiten, die Scenen unten unterworfen waren. Kaum hatte die graue Dämmerung den Himmel gestreift, und den frühsten Hahn aus den Hütten der Hügelseite gekräht, so gaben die Vorstädte auch schon Zeichen der wiederkehrenden Belebung; denn die frühen Morgendämmerungsstunden in der Sommerjahreszeit unter einem warmen Himmelsstriche sind köstlich. Alles beeifert sich, in den Geschäften des Tages der Sonne den Rang abzugewinnen. Der Maulthiertreiber tritt mit seinem beladenen Zug die Reise an, der Reisende befestigt seinen Karabiner hinter seinem Sattel und besteigt an der Thüre des Wirthshauses sein Pferd; der braune Bauer treibt seine zaudernden Thiere an, die mit Körben sonniger Früchte und frischen thaubedeckten Gemüßen beladen sind, denn bereits eilen die sorglichen Hausfrauen auf den Markt. Die Sonne ist aufgegangen und funkelt das Thal entlang, das durchsichtige Laub der Bäume überglänzend. Die Morgenglocken klingen harmonisch in der reinen hellen Luft und verkündigen die Stunde der Andacht. Der Maulthiertreiber hält mit seinen belasteten Thieren vor der Kapelle, steckt seinen Stab hinten in seinen Gürtel und tritt, den Hut in der Hand, und sein kohlschwarzes Haar glättend, ein, um eine Messe zu hören, und bringt sein Gebet um eine glückliche Fahrt durch die Sierra dar. Und nun schleicht sich mit Feentritten die holde Sennora fort, mit der zierlichen Basquinna angethan, den rastlosen Fächer in der Hand, und das dunkle Auge unter der anmuthig gefalteten Mantilla hervorglühend: sie sucht eine der besuchtesten Kirchen auf, um ihr Morgengebet darzubringen; aber die zierliche Toilette, der niedliche Schuh, das Spinnengewebe des Strumpfes, die schön geflochtenen Rabenlocken, die frisch gepflückte Rose, welche wie ein Edelstein aus ihnen herausglänzt, zeigen, daß die Erde die Herrschaft über ihre Gedanken mit dem Himmel theilt. Laß sie nicht aus dem Auge, sorgfältige Mutter, oder jungfräuliche Tante, oder wachsame Duenna, wer du immer seyn magst, die hinter ihr geht. Während der Morgen vorschreitet, vermehrt sich das Geräusch der Arbeit auf allen Seiten; die Straßen wimmeln von Menschen, Rossen und Saumthieren und es herrscht ein Summen und Brausen, gleich den Wogen des Meeres. Wie die Sonne sich dem Mittag nähert, neigt sich allgemach der Lärm und das Geräusch; wenn die Sonne am höchsten steht, tritt eine Pause ein. Die keichende Stadt versinkt in Schlaffheit und mehrere Stunden herrscht eine allgemeine Ruhe. Die Fenster sind geschlossen, die Vorhänge niedergelassen; die Bewohner haben sich an die kühlsten Orte ihrer Behausung zurückgezogen; der gemästete Mönch schnarcht in seinem Schlafgemach; der sinnige Lastträger liegt neben seiner Bürde auf dem Pflaster hingestreckt; der Bauer und der Arbeiter schlafen unter den Bäumen der Alameda, von dem schwülen Zirpen der Heuschrecke eingewiegt. Die Straßen sind verlassen, wenn man den Wasserträger ausnimmt, der das Ohr mit dem Anpreißen der Verdienste seines krystalnen Getränkes, »kälter als der Bergschnee,« erfrischt. Wenn die Sonne sich senkt, belebt sich allmählig alles wieder und wenn die Vesperglocke ihren verhallenden Klang hören läßt, scheint sich die ganze Natur zu freuen, daß der Tyrann des Tages gefallen ist. Jetzt wird die Freude laut, denn die Städter strömen heraus, die Abendluft einzuathmen, und schwärmen während der kurzen Dämmerung in den Laubgängen und Gärten des Darro und des Xenil umher. Beim Anbruch der Nacht nimmt das wandelbare Schauspiel einen neuen Charakter an. Licht um Licht flimmert allgemach auf; hier eine Kerze in einem Balkonfenster, dort ein frommes Lämpchen vor dem Bilde eines Heiligen. So taucht die Stadt nach und nach aus dem über ihr waltenden Dunkel auf und glänzt von zerstreuten Lichtern, wie das gestirnte Firmament. Jetzt erklingt aus Höfen und Gärten, aus Straßen und Gassen der Ton unzähliger Guitarren und der Schall der Castagnetten und verschmilzt auf dieser luftigen Höhe zu einem leisen aber allgemeinen Concerte. Den Augenblick genießen, ist das Glaubensbekenntniß des fröhlichen und verliebten Andalusiers und er übt dasselbe nie eifriger aus als in den balsamischen Sommernächten, wo er seine Geliebte mit Tanz, Liebesliedern und der rührenden Serenade zu kirren strebt. Ich saß eines Abends auf dem Balkon und freute mich des leichten Lufthauchs, der die Seite des Hügels entlang durch die Gipfel der Bäume rauschte, als mein guter historiographischer Mateo, welcher mir zur Seite war, auf ein geräumiges Haus in einer unbekannten Straße der Albaycia deutete und davon, so weit ich mich erinnern kann, folgendes Geschichtchen erzählte. Das Abentheuer des Maurers. Es war einmal ein armer Maurer zu Granada, der alle Fest- und Feiertage und oben drein den blauen Montag feierte und doch, aller Frömmigkeit ungeachtet, ärmer und ärmer wurde und für seine zahlreiche Familie kaum Brod auftreiben konnte. Einst Nachts wurde er durch ein starkes Klopfen an der Thür aus seinem ersten Schlaf aufgestört. Er öffnete die Thüre und sah einen langen, magern und skeletartig aussehenden Geistlichen vor sich. »Hört, guter Freund,« sagte der Fremde; »ich habe wahrgenommen, daß Ihr ein guter Christ seyd und daß man Euch vertrauen kann; wollt Ihr euch noch in dieser Nacht einem Dienste unterziehen?« »Von ganzem Herzen, Sennore Padre, vorausgesetzt daß ich gehörig bezahlt werde.« »Dies soll geschehen; Ihr müßt Euch aber die Augen verbinden lassen.« Der Maurer hatte nichts dagegen einzuwenden; der Geistliche zog ihm daher eine Kapuze über und führte ihn durch viele holperige Gäßchen und sich windende Durchgänge, bis sie vor dem Thor eines Hauses anhielten. Der Geistliche nahm einen Schlüssel hervor, drehte ihn in einem knarrenden Schlosse und öffnete etwas, das wie eine schwere Thüre klang. Sie traten ein, das Thor wurde geschlossen und verriegelt und der Maurer durch einen hallenden Gang und geräumige Säle in einen innern Theil des Gebäudes geführt. Hier wurde die Hülle von seinen Augen genommen und er sah sich in einem Patio, oder Hof, den eine einzige Lampe schwach beleuchtete. In der Mitte war das vertrocknete Becken eines alten maurischen Brunnens, unter welchem der Priester ihn ein kleines Gewölbe aufführen hieß; Stein und Mörtel waren zu diesem Zweck zur Hand. Der Maurer arbeitet sonach die ganze Nacht, ohne jedoch das begonnene Werk zu vollenden. Grade vor Tagesanbruch legte der Geistliche ihm ein Goldstück in die Hand, verband ihm die Augen wieder und führte ihn in seine Wohnung zurück. »Seyd Ihr gesonnen,« sagte er, »wieder zu kommen und eure Arbeit zu vollenden?« »Sehr gern, Sennor Padre, vorausgesetzt, daß ich wieder so gut bezahlt werde.« »Gut denn, Morgen um Mitternacht werde ich Euch wieder holen.« So geschah es und das Gewölbe wurde fertig. »Jetzt,« sagte der Mönch, »müßt Ihr mir die Körper herbringen helfen, welche in diesem Gewölbe begraben werden sollen.« Bei diesen Worten sträubte sich des armen Maurers Haar empor; er folgte dem Geistlichen zitternden Schrittes in ein entlegenes Gemach des Hauses und erwartete, irgend ein gräßliches Todten-Schauspiel sehen zu müssen, erholte sich aber, als er drei oder vier stattliche Gefäße in einer Ecke stehen sah. Sie waren augenscheinlich mit Geld gefüllt und nur mit großer Mühe brachten er und der Priester sie fort und verwahrten sie in ihrem Grabe. Das Gewölbe wurde jetzt geschlossen, das Pflaster wieder hergestellt und alle Spuren des Geschehenen vernichtet. Die Augen des Maurers wurden wieder verbunden und er auf einem, von dem frühern verschiedenen Wege heimgeführt. Als sie eine lange Zeit durch ein wirres Labyrinth von Gassen und Gängen gewandert waren, hielten sie an. Der Geistliche legte jetzt zwei Goldstücke in seine Hand. »Wartet hier,« sagte er, »bis ihr die Glocke in der Hauptkirche zur Metten läuten hört. Wenn Ihr es wagt, eure Augen vor dieser Zeit zu enthüllen, so trifft Euch Unglück.« Mit diesen Worten ging er weg. Der Maurer wartete gewissenhaft und unterhielt sich damit, daß er die Goldstücke in seiner Hand wägte und sie aneinander klingen ließ. Im Augenblick, wo die Glocke der Kathedrale zur Metten läutete, enthüllte er seine Augen und fand sich an dem Ufer des Xenil, von wo er sich eifrig nach Hause begab und ganzer vierzehn Tage mit seiner Familie von dem Erwerb seiner zweinächtigen Arbeit schwelgte; als diese vorüber, war er wieder so arm wie immer. Er fuhr fort ein wenig zu arbeiten und viel zu beten und feierte Jahr aus Jahr ein alle Fest und Feiertage, während seine Familie so hungrig und zerlumpt heranwuchs wie eine Bande Zigeuner. Als er eines Abends an der Thüre seiner Hütte saß, kam ein reicher alter Knicker, der als Besitzer vieler Häuser und als ein filziger Hausherr bekannt war, zu ihm. Der Goldmann betrachtete ihn einen Augenblick unter einem Paar argwöhnischer zottiger Augenbraunen hervor. »Man sagt mir, Freund, Ihr wäret sehr arm.« »Die Sache ist nicht zu läugnen, Sennor – sie spricht von selbst.« »Dann kann ich voraussetzen, daß Ihr euch einer Arbeit unterzieht und wohlfeil seyn werdet?« »So wohlfeil, mein Herr, wie irgend ein Maurer in Granada.« »Das ist's, was ich suche. Ich habe ein altes Haus, das baufällig ist, und mich mehr Geld kostet, um es in gutem Stand zu erhalten, als es werth ist, denn Niemand will darin wohnen; ich muß mich daher bemühen, es so wohlfeil als möglich ausflicken und zusammenhalten zu lassen.« Der Maurer wurde sonach in ein großes verlassenes Haus geführt, das in Trümmer zu zerfallen schien. Nachdem er durch mehrere leere Säle und Zimmer gekommen war, trat er in einen innern Hof, wo ein alter maurischer Brunnen sein Auge fesselte. Er weilte einen Augenblick, denn eine träumerische Erinnerung an den Ort erwachte in ihm. »Hört,« sagte er, »wer hat dieses Haus früher bewohnt?« »Hätte er die Pest,« rief der Hausherr: »es war ein alter geiziger Pfaffe, der nur für sich selbst sorgte. Er soll unermeßlich reich gewesen seyn und da er keine Verwandte hatte, nahm man an, er werde alle seine Schätze der Kirche vermachen. Er starb plötzlich und die Priester und Mönche eilten herbei, um Besitz von seinem Reichthum zu nehmen; man konnte aber nichts finden, als einige Dukaten in einer ledernen Börse. Das schlimmste ist mir dabei anheim gefallen, denn der alte Kerl bewohnt fortwährend seit seinem Tode mein Haus, ohne Miethe zu bezahlen und einen Todten kann man nicht vor Gericht belangen. Die Leute geben vor, sie hörten die ganze Nacht hindurch in dem Zimmer, wo der Geistliche schlief, ein Klingeln von Gold, als wenn er seine Baarschaft überzählte, zuweilen auch in dem Hofe ein gewaltiges Aechzen und Stöhnen. Diese Geschichten mögen nun wahr oder falsch seyn, sie haben meinem Haus einen schlechten Namen gemacht und kein Miethsmann will darin bleiben.« »Genug,« sagte der Maurer beherzt: »laßt mich ohne Miethe in eurem Hause wohnen, bis ein besserer Miethsmann sich findet und ich will mich verbindlich machen, es auszubessern und den wandernden Geist, der es beunruhigt, zu besänftigen. Ich bin ein guter Christ und ein armer Mann, und fürchte mich vor dem Teufel selber nicht, wenn er auch in der Gestalt eines dicken Geldsacks käme!« Das Anerbieten des ehrlichen Maurers wurde mit Freuden angenommen; er zog mit seiner Familie in das Haus und erfüllte alle seine Verbindlichkeiten. Er brachte dasselbe allmählig in seinen vorigen Zustand; das Klingeln des Goldes wurde Nachts nicht mehr in der Kammer des verstorbenen Geistlichen gehört, sondern begann bei Tag in den Taschen des lebenden Maurers sich vernehmen zu lassen. Mit einem Wort, er wurde auf einmal, zum Erstaunen aller seiner Nachbarn, wohlhabend und galt bald für einen der reichsten Leute zu Granada; er schenkte der Kirche große Summen, ohne Zweifel um so sein Gewissen zu beruhigen, und enthüllte erst auf dem Todesbett seinem Sohn und Erben das Geheimniß von dem Gewölbe. Ein Spaziergang auf die Hügel. Ich mache oft gegen Abend, wenn die Hitze nachgelassen hat, zu meiner Unterhaltung lange Spaziergänge auf die benachbarten Hügel und in die tiefen, schattigen Thäler, wobei mich mein historiographischer Knappe, Mateo, begleitet, dessen Leidenschaft für das Plaudern ich bei solchen Gelegenheiten die unbeschränkteste Freiheit zugestehen; und es ist kaum ein Fels, eine Ruine oder ein zertrümmerter Brunnen, oder ein einsames Thal, von denen er nicht eine wunderbare Geschichte oder, vor allen Dingen, irgend ein goldenes Mährchen zu erzählen wüßte; denn niemals war ein armer Teufel im Vertheilen verborgener Schätze so freigebig. Vor einigen Abenden machten wir einen langen Gang dieser Art, bei welchem Mateo noch mittheilender war, als gewöhnlich. Gegen Sonnenuntergang verließen wir das große Thor der Gerechtigkeit und während wie einen Baumgang hinauf stiegen, hielt Mateo unter einer Gruppe von Feigen und Granatbäumen, am Fuße des mächtigen verfallenen Thurmes an, den man den Thurm der sieben Stockwerke ( de los Siete Suelos ) nennt. Er zeigte auf einen niedrigen gewölbten Gang an dem Fundament des Thurmes und erzählte mir von einem scheuslichen Spukgeist oder Kobold, der seit der maurischen Zeit diesen Thurm inne haben soll, um die Schätze eines moslemitischen Königs zu bewachen. In der Mitte der Nacht kömmt er zuweilen heraus und durchstreift die Wege zu der Albambra und die Straßen von Granada in der Gestalt eines kopflosen Pferdes, unter furchtbarem Gebell und Geheul von sechs Hunden verfolgt. »Hast du ihn aber auch selbst, Mateo, jemals bei einer deiner Streifereien getroffen?« fragte ich. »Nein, Sennor, Gott sey gepriesen! Aber mein Großvater, der Schneider, kannte mehrere Personen, die ihn gesehen hatten, denn er ging zu jener Zeit bei weitem öfter um, als jetzt, manchmal in dieser, manchmal in jener Gestalt. Jedermann zu Granada hat von dem Bellado gehört, denn die alten Weiber und die Ammen schrecken die Kinder damit, wenn sie schreien. Manche behaupten, es sey der Geist eines grausamen maurischen Königs, der seine sechs Söhne umgebracht und in diesem Gewölbe verscharrt hätte, und daß sie ihn jetzt zur Rache Nachts verfolgen.« Ich enthalte mich, bei den wundervollen Einzelnheiten zu verweilen, die der gutmüthige Mateo über dieses furchtbare Gespenst mittheilte, das in der That seit undenklicher Zeit ein Lieblingsgegenstand für Ammenmärchen und Volkssagen zu Granada abgab und dessen ein alter und gelehrter Geschichtschreiber und Topograph dieser Stadt ehrenvolle Erwähnung gethan hat. Ich will nur noch einmal anführen, daß der unglückliche Boabdil durch dieses Thor ging, um seine Hauptstadt zu übergeben. Wir verließen diese begebnißreichen Trümmer und setzten unsern Weg fort, indem wir die reichen Fruchtgärten des Generalife umgingen, in welchem einige Nachtigallen ihren herrlichen Gesang hören ließen. Hinter diesen Gärten kamen wir an mehreren maurischen Wasserbehältern mit einer Thüre, die in den felsigen Busen des Hügels gehauen, aber verschlossen war, vorüber. Nach Mateo's Bericht waren diese Teiche Lieblingsbadeplätze von ihm und seinen Kameraden in ihrer Knabenzeit, bis die Geschichte von einem scheußlichen Mauren, der aus der Thüre in den Felsen hervorstürzte, um die sorglos Badenden aufzufangen, sie wegschreckte. Diese bezauberten Behälter hinter uns lassend, und unsern Spaziergang fortsetzend, stiegen wir einen einsamen Maulthier-Pfad, der sich um die Hügel wand, empor und fanden uns bald inmitten des wilden und melancholischen Gebirgs, baumlos und nur da und dort mit sparsamem Grün gefärbt. Alles was ich umher sah, war wild und unfruchtbar und es war kaum möglich, sich den Gedanken als wirklich zu denken, daß nur in geringer Entfernung hinter uns das Generalife mit seinen blüthenreichen Fruchtgängen und terrassenartigen Gärten liege und daß wir in der Nachbarschaft des prächtigen Granada, dieser Stadt der Lauben und Brunnen seyen. Allein das ist der Charakter Spaniens – wild und öde, sobald man das bebaute Land verläßt; die Wüste und der Garten sind immer neben einander. Die kleine Höhlung, durch welche wir hinaus gingen, hieß nach Mateo's Angabe el Barranco de la Tinaja oder die Schlucht des Zubers, weil in früheren Zeiten hier ein Zuber voll maurischen Goldes gefunden worden war. Das Gehirn des armen Mateo geht immerdar mit solchen goldnen Sagen um. »Aber was bedeutet das Kreuz, das ich auf jenen Steinhaufen, dort in dem engen Theil der Schlucht sehe?« »O, das ist nichts – vor einigen Jahren wurde ein Maulthiertreiber dort ermordet.« »Ei, Mateo, dann habt ihr Räuber und Mörder selbst an den Thoren der Alhambra?« »Jetzt nicht, Sennor; dies war ehedem der Fall, als eine Menge lüderlichen Gesindels um die Veste zu schwärmen pflegte; aber sie sind alle ausgerottet worden. Nicht als wenn manche von den Zigeunern, welche in den Höhlen auf der Hügel-Seite wohnen, nicht zu allem fähig wären; aber wir haben seit langer, langer Zeit hier keinen Mord gehabt. Der Mann, der den Maulthiertreiber mordete, wurde in der Veste gehangen.« Unser Weg führte den Barranco, an einer kühnen, rauhen Höhe zur Linken hinauf, die »Silla del Moro« oder Stuhl des Mauren genannt ward, nach der bereits erwähnten Sage, daß der unglückliche Boabdil während einer Volksempörung hierher sich geflüchtet und während des ganzen Tags auf diesem felsigen Gipfel gesessen habe, trauervoll auf die empörte Stadt niederschauend. Wir kamen endlich zu dem höchsten Theile des Vorgebirgs über Granada, der Sonnenberg genannt. Der Abend kam heran; die untergehende Sonne vergoldete eben die höchsten Spitzen der Berge. Da und dort ließ sich ein einsamer Schäfer sehen, der seine Heerde die Abhänge hinabtrieb, um sie während der Nacht einzupferchen; oder ein Maulthiertreiber und seine zaudernden Thiere, die auf einem Bergpfade hinschritten, um vor Nacht die Stadtthore zu erreichen. Jetzt klangen die tiefen Töne der Glocke der Kathedrale die Schlucht herauf und verkündigten die Stunde des Gebets. Dieser Klang wurde von den Thürmen aller Kirchen und den lieblichen Glocken der Klöster in den Bergen beantwortet. Der Schäfer hielt an dem Bug des Hügels, der Maulthiertreiber inmitten der Straße; jeder nahm seinen Hut ab und blieb eine Zeitlang bewegungslos, sein Abendgebet flüsternd. Es ist überall etwas freundlich feierliches in diesem Gebrauch, durch welchen, auf ein klangreiches Signal, alle menschliche Wesen in dem ganzen Lande in demselben Augenblicke sich vereinigen, um Gott für die Gnaden des Tages ihren Dank darzubringen. Er verbreitet eine kurze Heiligkeit über das Land und der Anblick der in ihrer ganzen Glorie sich senkenden Sonne trägt nicht wenig zur Feierlichkeit der Scene bei. In dem gegenwärtigen Augenblicke wurde die Wirkung durch die wilde und einsame Natur des Ortes erhöht. Wir waren auf dem nackten und zerrissenen Gipfel des bezauberten Sonnenbergs, wo zerfallene Wasserbecken und Cisternen und die zertrümmerten Fundamente ausgedehnter Bauten von früherer Bevölkerung sprachen, wo aber jetzt alles stumm und verlassen war. Während wir unter diesen Spuren alter Zeiten wandelten, deutete Mateo auf eine runde Grube, die tief in das Herz des Berges einzuschneiden schien. Es war augenscheinlich ein tiefer Brunnen. welchen die unermüdlichen Mauren gegraben hatten, um ihr Lieblingselement in seiner höchsten Reinheit zu gewinnen. Mateo hatte jedoch eine andere Geschichte bereit, die mehr nach seinem Geschmacke war. Der Ueberlieferung zufolge war dies der Eingang zu den unterirdischen Höhlen des Berges, in welchen Boabdil und sein Hof durch magische Gewalt gefesselt lagen und von wannen sie zu bestimmten Zeiten aufbrachen, um ihre alten Behausungen wieder zu besuchen. Das dunkelnde Zwielicht, das in diesem Himmelsstriche von so kurzer Dauer ist, ermahnte uns, diesen Zauberboden zu verlassen. Als wir die Bergschluchten hinabstiegen, war kein Schäfer und kein Maulthiertreiber mehr zu sehen und nichts mehr zu hören als unsere Fußtritte und das einsame Zirpen des Heimchens. Die Schatten des Thales wurden tiefer und tiefer, bis alles rundum dunkel war. Der luftige Gipfel der Sierra Nevada zeigte allein noch einen zögernden Strahl des Tageslichts; seine schneeigen Zacken glänzten gegen das dunkelblaue Firmament und schienen, wegen der ungemeinen Reinheit der Atmosphäre uns ganz nahe zu seyn. »Wie nahe die Sierra diesen Abend zu seyn scheint,« sagte Mateo; »es ist, als könnten Sie sie mit ihrer Hand berühren, und doch ist sie viele Meilen entfernt.« Während er dies sagte, ging ein Stern über dem schneeigen Gipfel des Berges auf, der einzige, der jetzt schon an dem Himmel sichtbar war, und so rein, so groß, so hell und schön, daß er dem ehrlichen Mateo Ausrufungen der Freude entlockte. »Que estrella hermosa! que clara y limpia es! – No pueda ser estrella mas brillante!« (Welch ein schöner Stern! wie klar und hell – es kann keinen glänzenderen Stern geben.) Ich habe diese Empfänglichkeit des gemeinen Mannes in Spanien gegen die Reize natürlicher Gegenstände oft bemerkt. Der Glanz eines Sterns, die Schönheit, der Duft einer Blume, die crystalne Reinheit einer Quelle, erfüllt ihn mit einer Art poetischen Entzückens; und dann – welche wohlklingende Worte bietet seine prächtige Sprache dar, um seine Begeisterung auszusprechen. »Aber was sind das für Lichter, Mateo, welche ich die Sierra Nevada entlang, grade unter der Schneeregion glänzen sehe, und die man für Sterne nehmen könnte, wären sie nur nicht so röthlich und gegen die dunkle Seite des Berges?« »Das sind Feuer, Sennor, welche die Leute unterhalten, die zum Bedarf von Granada Schnee und Eis sammeln. Jeden Nachmittag gehen sie mit Eseln und Maulthieren hinauf und wechseln dann ab, ein Theil ruht und wärmt sich an den Feuern, während die andern die Körbe mit Eis füllen. Dann geht es bergab zurück, so daß sie mit Sonnenaufgang die Thore von Granada erreichen. Diese Sierra Nevada, Sennor, ist ein Eisklumpen in der Mitte von Andalusien, um im Sommer alles kühl zu erhalten. Es war nun völlige Nacht; wir kamen durch den Barranco, wo das Kreuz des ermordeten Maulthiertreibers stand, als ich eine Anzahl Lichter gewahrte, welche sich in einiger Entfernung bewegten und offenbar auf die Schlucht zugingen. Als sie näher kamen, zeigte es sich, daß es Fackeln waren, die von einem Zug seltsamer in Schwarz gekleideter Gestalten getragen wurden: es würde zu jeder Zeit eine hinreichend schauerliche Prozession gewesen seyn, sie war es aber doppelt an diesem wilden und einsamen Platze. Mateo näherte sich und sagte mir mit leiser Stimme, es sey eine Trauerprozession, die eine Leiche auf den Kirchhof im Gebirg begleite. Wie der Zug an uns vorüberkam, machte das traurige Fackellicht, das auf die rauhen Gesichter und die Leichenkränze der Begleiter fiel, die phantastischste Wirkung, die aber vollkommen gespenstisch wurde, als das Licht das Gesicht des Todten beleuchtete, der, der spanischen Sitte zufolge, unbedeckt auf einer offenen Bahre getragen wurde. Ich starrte eine Zeitlang dem traurigen Zuge nach, wie er sich die dunkle Schlucht des Berges empor wand. Ich gedachte einer alten Geschichte von einem Zuge von Teufeln, welche einen Sünder den Krater von Stromboli hinauf trugen. »Ha, Sennor,« rief Mateo, »ich könnte Ihnen eine Geschichte von einer Prozession erzählen, die einst in diesen Bergen gesehen worden ist; allein Sie würden mich auslachen und sagen, es sey eines der Vermächtnisse meines Großvaters, des Schneiders.« »Keineswegs, Mateo. Mich ergötzt nichts mehr, als eine wundervolle Geschichte.« »Gut, Sennor; sie handelt gerade von einem der Männer, von welchen wir geredet haben, die auf der Sierra Nevada Schnee sammeln.« »Sie müssen wissen, daß vor vielen, vielen Jahren, zu meines Großvaters Zeiten, ein alter Bursche lebte, Tio Nicolo genannt, der die Körbe seines Maulthiers mit Schnee und Eis gefüllt hatte und im Begriff war, den Berg herab zurückzukehren. Da er sehr schläfrig war, stieg er auf sein Maulthier und fiel bald in Schlaf; sein Kopf nickte und knickte von einer Seite zur andern, während das sicher schreitende alte Maulthier den Rand von Abgründen entlang und steile und zerrissene Barrancos hinab so sicher und stätig ging, als beschritte es ebenen Boden. Zuletzt wachte Tio Nicolo auf, sah um sich und rieb sich die Augen – und, es ist wahr, er hatte allen Grund dazu. Der Mond verbreitete fast die Helle des Tags umher und er sah die Stadt unter sich, so deutlich wie Ihre Hand da, und mit ihren weißen Gebäuden glänzend, wie eine silberne Schüssel im Mondschein; aber, Gott! Sennor, sie glich nichts weniger als der Stadt, die er vor wenigen Stunden verlassen hatte! Statt der Kathedrale mit ihrem großen Dom und ihren Thürmen und den Kirchen mit ihren schlanken Spitzen und den Klöstern mit ihren Thürmchen, alle von dem heiligen Kreuze überragt, sah er nichts als maurische Moscheen, Minarete, Kuppeln, alle mit dem glänzenden Halbmond, wie Sie ihn auf den Flaggen der Berberei sehen, geschmückt. Nun, Sennor, Sie denken sich wohl, daß Tio Nicolo mächtig verblüfft war; während er aber auf die Stadt niederblickte, marschirte eine große Armee den Berg herauf, und wand sich die Schluchten entlang zuweilen im Mondschein, zuweilen im Schatten. Als sie näher kam, sah er, daß es Fußvolk und Reiterei war, alle in maurischer Rüstung. Tio Nicolo bemühte sich, ihnen aus dem Weg zu gehen, allein sein Maulthier stand stockstill und wollte nicht von der Stelle rücken, zu gleicher Zeit zitterte es wie ein Laub – denn stumme Thiere, Sennor, erschrecken über solche Dinge eben so sehr wie menschliche Wesen. Gut, Sennor, die Koboldarmee zog daran vorüber; da waren Männer, die Trompeten zu blaßen, andere, die Trommeln zu schlagen und Cymbeln zu spielen schienen, und doch gaben sie keinen Ton von sich; alles zog ohne das mindeste Geräusch dahin, grade wie ich auf dem Theater von Granada gemalte Heere über die Bühne ziehen sah, und alle sahen blaß wie der Tod aus. Zuletzt, in dem Nachtrab der Armee ritt zwischen zwei schwarzen maurischen Reitern der Großinquisitor von Granada auf einem Maulthier, so weiß wie Schnee. Tio Nicolo wunderte sich, ihn in dieser Gesellschaft zu sehen, denn der Großinquisitor war berühmt wegen seines Hasses gegen die Mauren und, in der That gegen alle Arten von Ungläubigen, Juden und Ketzer, und pflegte sie mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Tio Nicolo jedoch fühlte sich jetzt ganz sicher, da ihm ein Priester von solcher Heiligkeit zur Hand war. So machte er das Kreuzeszeichen und bat ihn um seinen Segen, als er, Hombre! einen Schlag erhielt, der ihn und sein altes Maulthier über den Rand eines steilen Abschusses, Kopf oben Kopf unten, zu Boden warf. Tio Nicolo kam erst lange nach Sonnenaufgang wieder zur Besinnung, wo er sich in der Tiefe einer steilen Schlucht fand, während sein Maulthier neben ihm graßte und der Schnee in seinen Körben vollkommen geschmolzen war. Er kroch, arg zerschlagen und zerquetscht nach Granada zurück, freute sich aber doch, als er fand, daß die Stadt, wie gewöhnlich aussah und christliche Kirchen und Kreuze hatte. Als er die Geschichte seines nächtlichen Abentheuers erzählte, lachte ihn alle Welt aus; einige sagten, er habe das alles, während er auf seinem Maulthier saß, geträumt; andere meinten, er habe alles selbst erdacht – allein, was seltsam war und die Leute nachher ernsthafter von der Sache denken ließ, war der Umstand, daß der Großinquisitor noch in demselben Jahre starb. Ich habe meinen Großvater, den Schneider, oft sagen hören, es stecke mehr hinter diesem Koboldheere, welches das Ebenbild des Priesters entführt habe, als die Leute zu denken wagten.« »Ihr wollt also zu verstehen geben, Freund Mateo, es gebe eine Art maurischen Limbus oder Fegfeuers in den Eingeweiden dieser Berge, wohin der Pater Inquisitor gebracht wurde?« »Gott behüte mich, Sennor! Ich weiß nichts von der Sache – ich erzähle nur, was ich von meinem Großvater gehört habe.« Als Mateo seine Geschichte, die ich etwas kürzer erzählt habe und die mit vielen Erläuterungen gespickt und mit den kleinsten Einzelnheiten ausgesponnen war, beendigt hatte, erreichten wir das Thor der Alhambra. Oertliche Sagen. Das gemeine Volk Spaniens hat eine orientalische Leidenschaft für das Erzählen von Geschichten und ist dem Wunderbaren sehr zugethan. Sie pflegen sich an den Sommerabenden um die Thüren ihrer Hütten und im Winter in den großen höhlenartigen Kaminen der Ventas zu sammeln und lauschen mit unersättlichem Entzücken wunderbaren Heiligenlegenden, gefahrvollen Reiseabentheuern und kecken Thaten von Räubern und Schleichhändlern. Der wilde und einsame Charakter des Landes, die niedrige Stufe der Bildung, der Mangel an allgemeinen Gegenständen der Unterhaltung, und das romantische abentheuerliche Leben, das jedermann in einem Lande führt, wo das Reisen noch in seinem Urzustande ist – alles trägt dazu bei, diese Liebe für mündliche Erzählung zu nähren und einen starken Hang für das Außerordentliche und Unglaubliche zu erzeugen. Kein Gegenstand ist aber vorherrschender und beliebter, als der von Schätzen, welche von den Mauren vergraben worden; er geht das ganze Land hindurch. Wenn man die wilde Sierra, den Schauplatz der ältesten Kämpfe und Siege, durchschneidet, kann man keinen maurischen Atalaya oder Wartthurm, der auf den Klippen hängt oder über einem auf Felsen gebauten Dorfe thront, sehen, bei welchem der Maulthiertreiber, wenn man ihn näher befragt, mit dem Rauchen seines Cigarillo nicht inne hält, um irgend eine Geschichte von moslemischem Gold, das unter seinem Fundament vergraben, zu erzählen; ferner gibt es keinen zertrümmerten Alcazar in einem Flecken, der nicht seine goldene Sage hat, die unter den armen Leuten der Umgegend von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt wurde. Diesen liegt, wie den meisten Volkssagen, nur mehr wenig thatsächliches zu Grund. Während der Kriege zwischen Mauren und Christen, welche dieses Land für Jahrhunderte zerrütteten, waren Städte und Schlösser öfterem und plötzlichem Wechsel der Besitzer unterworfen und die Bewohner begruben gern während der Belagerungen und Stürmen ihr Geld und ihre Kostbarkeiten in die Erde oder versteckten sie in Gewölben und Brunnen, wie oft noch heut zu Tag in den despotischen und kriegerischen Ländern des Osten geschieht. Zur Zeit der Vertreibung der Mauren mag auch mancher von ihnen seine kostbarsten Habseligkeiten in der Hoffnung verborgen haben, seine Verbannung würde nur eine Zeitlang währen und er dürfte wohl eines Tages wieder kommen und seine Schätze hervorziehen können. Es ist gewiß, daß von Zeit zu Zeit Schätze von Gold- und Silbermünzen zufällig, nach Verlauf von Jahrhunderten, unter den Ruinen maurischer Vesten und Wohnungen aufgegraben wurden; und es bedarf nur weniger Thatsachen dieser Art, um tausend Sagen zu erzeugen. Die so entstandenen Geschichten haben gewöhnlich etwas von der morgenländischen Färbung und sind mit dem Gemisch von Arabischem und Gothischem bezeichnet, das mir jegliches Ding in Spanien, und vorzüglich in seinen südlicheren Provinzen zu charakterisiren scheint. Der verborgene Schatz ist stets festgebannt und durch Zauber und Talismann gesichert. Zuweilen wird er von scheuslichen Ungeheuern oder feurigen Drachen, zuweilen von verzauberten Mauren bewacht, die in voller Rüstung, mit gezogenen Schwertern, aber bewegungslos wie Statüen bei ihm sitzen und Jahrhunderte hindurch eine schlaflose Wache halten. Natürlich ist die Alhambra, der besonderen mit ihrer Geschichte verbundenen Umstände zufolge, ein fester Platz für Volksdichtungen dieser Art, welche durch mannichfaltige von Zeit zu Zeit ausgegrabene Ueberbleibsel noch mehr Gewicht erhielten. Einmal hat man ein irdenes Gefäß, maurische Münzen und das Gerippe eines Hahns enthaltend, gefunden, welcher, nach der Ansicht gewisser schlauköpfigen Beschauer, lebendig begraben seyn mußte. Ein anderes Mal wurde ein Gefäß ausgegraben, welches einen großen Scarabäus von gebranntem Thon, mit arabischen Inschriften bedeckt, enthielt und für ein wundervolles Amulet voll verborgener Kräfte erklärt ward. Auf diese Art sind die Weisen des zerlumpten Haufens, der die Alhambra bewohnt, herumgesprengt worden, bis kein Saal, kein Thurm, kein Gewölbe mehr in der alten Veste zu finden war, welches nicht zum Schauplatze irgend einer wunderbaren Sage gemacht worden wäre. Da ich, wie ich hoffe, den Leser durch die vorstehenden Blätter mit den Oertlichkeiten der Alhambra einigermaßen bekannt gemacht habe, so werde ich nun umständlicher in die damit verbundenen Erzählungen eingehen, die ich aus mancherlei sagenhaften, während meiner Spaziergänge aufgesammelten Bruchstücke und Andeutungen emsig in Form und Gestalt gebracht habe; wie ein Alterthumsforscher aus wenigen zerstreuten Buchstaben einer fast verwischten Inschrift ein regelmäßiges historisches Document herausarbeitet. Wenn irgend etwas in diesen Sagen bei dem allzu bedenklichen Leser Mißtrauen erregen sollte, so muß er sich des Charakters des Ortes erinnern und die gehörigen Zugeständnisse machen. Er darf hier jene Wahrscheinlichkeitsgesetze, welche in den gewöhnlichen Scenen und in dem Alltagsleben herrschen, nicht erwarten; er muß bedenken, daß er die Hallen eines bezauberten Palastes betritt und daß alles »gefeiter Boden« ist. Das Haus des Wetterhahns. Auf der Spitze des luftigen Hügels der Albaycia, des höchsten Theil der Stadt Granada, stehen die Ueberbleibsel eines ehemaligen königlichen Palastes, der kurz nach der Eroberung Spaniens durch die Araber gegründet wurde. Er ist jetzt in eine Fabrik umgewandelt worden und man hatte seiner so gänzlich vergessen, daß es mich, obgleich mir der scharfsüchtige und allwissende Mateo Ximenes hülfreich zur Seite stand, viele Mühe kostete, ihn zu finden. Dieses Gebäude trägt heute noch den Namen, unter welchem es Jahrhunderte hindurch bekannt war, nämlich: La Casa del Gallo de Viento, d. h. das Haus des Wetterhahns. Es erhielt diesen Namen von der Bronze-Statue eines Kriegers zu Pferd, der mit Schild und Speer bewaffnet auf einem seiner Thürme stand und sich mit jedem Winde drehte, und einen arabischen Spruch hatte, der, in das Spanische übersetzt, so lautete. Dice el sabio Aben Habuz, Que asi se defiende el Andaluz. Der weiße Aben Habuz spricht, Der Andalusier schirmt sich anders nicht. Dieser Aben Habuz war, nach den maurischen Chroniken, Feldherr in dem Ueberfallsheere des Taric, und wurde von ihm als Alcayde von Granada zurückgelassen. Er soll die Absicht gehabt haben, die arabischen Einwohner durch diese Statue immerwährend zu erinnern, daß von Feinden umgeben, wie sie es waren, ihre Sicherheit nur davon abhänge, daß sie stets auf ihrer Huth und kampffertig wären. Die Ueberlieferungen geben andere Kunde von diesem Aben Habuz und seinem Palast und behaupten, dieser bronzene Reiter sey ursprünglich ein Talisman von großer Kraft gewesen, obgleich er in spätern Jahrhunderten seine magischen Eigenschaften verloren habe und in einen bloßen Wetterhahn ausgeartet sey. Nachstehendes bezieht sich auf die hier angeführte Sage. Sage von dem arabischen Astrologen. In alten Zeiten, vor vielen hundert Jahren war ein maurischer König, Aben Habuz genannt, der über das Königreich Granada regierte. Er war ein in Ruhestand versetzter Eroberer, das heißt, ein Mann, der in seinen jüngeren Tagen ein stetes Raub- und Plünderleben geführt hatte, und nun, da er schwach und alt geworden, sich nach Ruhe sehnte und nichts mehr wünschte, als mit aller Welt in Frieden zu leben, seine Lorbeern zu wahren und sich der Besitzungen ruhig zu erfreuen, die er seinen Nachbarn entrissen hatte. Es begab sich aber, daß dieser sehr vernünftige und friedliche alte König es mit jungen Nebenbuhlern zu thun hatte; Prinzen, welche von seiner frühern Leidenschaft für Ruhm und Kampf erfüllt und geneigt waren, ihn wegen den Schulden, die er bei ihren Vätern gemacht, zur Rechenschaft zu ziehen. Auch gewisse ferne Distrikte seiner eigenen Länder, welche er während der Tage seiner Kraft sehr hochfahrend behandelt hatte, zeigten jetzt, da er sich nach Frieden sehnte, große Lust, sich aufzulehnen und drohten, ihn in seiner Hauptstadt zu umzingeln. So hatte er auf allen Seiten Feinde und da Granada von wilden und rauhen Bergen umgeben ist, welche den annähernden Feind verstecken, war der unglückliche Aben Habuz in einem steten Zustande der Unruhe und des Wachens, indem er nicht wußte, auf welcher Seite die Feindseligkeiten ausbrechen würden. Vergebens baute er sich Wartthürme auf den Bergen, stellte er Wachen bei jedem Engpaß mit dem Befehle auf, die Annäherung eines Feindes zur Nachtzeit durch Feuer, bei Tag durch Rauch zu verkünden. Seine behenden Feinde vereitelten alle Vorsichtsmaßregeln und pflegten aus irgend einem unbeachteten Paß hervorzubrechen, verwüsteten ihm das Land unter der Nase und machten sich dann mit den Gefangenen und der Beute davon in die Berge. War je ein friedlicher und ruhiger Krieger in einer unbehaglicheren Lage? Während Aben Habuz durch diese Schwierigkeiten und Störungen gequält wurde, kam ein alter arabischer Arzt an seinen Hof. Sein grauer Bart ging ihm bis auf den Gürtel und er hatte jedes Zeichen des höchsten Alters, und doch hatte er fast den ganzen Weg von Egypten zu Fuß gemacht, ohne einen andern Beistand, als einen mit Hieroglyphen gezeichneten Stab. Sein Ruf war ihm vorangegangen. Er hieß Ibrahim Ebn Abu Ajeeb, hatte, wie man sagte, seit den Tagen Mahomed's immerwährend gelebt und sollte der Sohn von Abu Ajeeb, dem letzten der Gefährten des Propheten seyn. Als Kind war er dem siegreichen Heer Amru's nach Egypten gefolgt, wo er viele Jahre geweilt und bei den egyptischen Priestern die verborgenen Wissenschaften, besonders Magie, studirt hatte. Ueberdies hatte er, wie es hieß, das Geheimniß gefunden, das Leben zu verlängern, wodurch er zu dem hohen Alter von mehr als zweihundert Jahren gekommen, obgleich er, da er das Geheimniß erst in seiner Greisenzeit entdeckt hatte, nur seine grauen Haare und Runzeln erhalten konnte. Dieser wundervolle alte Mann wurde von dem König in Ehren gehalten, denn, wie alle ausgelebten Könige, schenkte auch er den Aerzten eine ausgezeichnete Gunst. Er hätte ihm eine Wohnung in seinem Palast angewiesen, aber der Sternkundige zog eine Höhle an der Seite des Hügels vor, der sich über Granada erhebt und derselbe ist, auf welchem seitdem die Alhambra gebaut wurde. Er ließ die Höhle erweitern, so daß sie einen geräumigen Saal bildete, an dessen Decke eine runde Oeffnung war, durch welche er, wie aus einem Brunnen den Himmel beobachten und die Sterne selbst am hellen Mittag sehen konnte. Die Wände dieses Saals waren mit egyptischen Hieroglyphen, mit cabalistischen Symbolen und mit den Sternbildern in ihren Kreisen bedeckt. Diesen Saal verzierte er mit mancherlei Geräthschaften, welche von geschickten Handwerkern Granada's unter seiner Leitung gefertigt worden, deren geheime Eigenschaften aber ihm allein bekannt waren. Nach einer kurzen Zeit wurde der weise Ibrahim der vertrauteste Rath des Königs, der ihn in jedem dringenden Falle um seinen Rath anging. Aben Habuz schalt eines Tags auf die Ungerechtigkeit seiner Nachbarn und beschwerte sich über die rastlose Wachsamkeit, welche er üben müsse, um sich gegen ihre Einfälle zu sichern; als er geendigt hatte, schwieg der Astrolog eine Zeitlang, dann sagte er: »Wisse, o König, daß ich während meines Aufenthaltes in Egypten ein großes Wunder sah, das einer der alten heidnischen Priester erdacht hatte. Auf einem Berge, über der Stadt Borsa, wo man das große Thal des Nils überschauen konnte, war die Figur eines Widders und darüber die eines Hahns, die beide, aus gegossenem Erz gefertigt, sich auf einem Stifte drehten. Wenn dem Lande ein Einfall drohte, so drehte sich der Widder in der Richtung des Feindes und der Hahn krähte, worauf die Bewohner der Stadt sofort Kunde von der Gefahr und von der Richtung erhielten, in welcher sie sich näherten und bei Zeiten Vorsorge treffen konnten, sie abzuwehren.« »Gott ist groß!« rief der friedfertige Aben Habuz; »welch ein Schatz wäre ein solcher Widder, der sein Auge auf diese Berge umher richtete, und dann solch ein Hahn, der zur Zeit der Gefahr krähte. Allah Akbar! wie sicher würde ich in meinem Palast mit solchen Schildwachen auf der Höhe schlafen.« Der Astrolog wartete, bis die Verzückungen des Königs nachgelassen hatten und fuhr dann fort. »Nachdem der siegreiche Amru (möge er in Frieden ruhen) die Eroberung Egyptens vollendet hatte, blieb ich bei den alten Priestern des Landes, lernte die Gebräuche und Zeremonien ihres Götzenglaubens kennen und suchte mich in den Besitz der geheimen Weisheit zu setzen, wegen welcher sie so berühmt sind. Ich saß eines Tags an den Ufern des Nils und unterhielt mich mit einem alten Priester, als dieser auf die mächtigen Pyramiden zeigte, die sich wie Berge aus der benachbarten Wüste erhoben. »Alles, was wir dich lehren können,« sagte er, »ist nichts gegen die Weisheit, die in jenen mächtigen Gebäuden aufbewahrt wird. In dem Mittelpunkt der mittlern Pyramide ist ein Grabgemach, in welchem die Mumie des Hohenpriesters eingeschlossen ist, welcher dieses erstaunliche Gebäude errichten half; und bei ihm ist ein wundervolles Buch der Weisheit vergraben, welches alle Geheimnisse der Kunst und Magie enthält. Dieses Buch war Adam nach seinem Fall gegeben worden und kam dann von Geschlecht zu Geschlecht auf Salomon den Weisen, welcher durch seine Hülfe den Tempel von Jerusalem baute; wie er in den Besitz des Erbauers der Pyramiden gekommen, ist dem allein bekannt, der alles weiß.« »Als ich diese Worte von dem egyptischen Priester gehört hatte, entflammte sich mein Herz, in den Besitz dieses Buchs zu gelangen. Ich hatte über die Dienste vieler Krieger aus unseren siegreichen Heeren und über eine Anzahl Eingebornen zu gebieten; mit diesen ging ich an's Werk und öffnete die dichte Masse der Pyramide, bis ich, nach großer Mühe, auf einen ihrer innern und verborgnen Gänge kam. Diesen folgte ich und beschritt ein furchtbares Labyrinth, durch das ich in das Herz der Pyramide und grade in das Grabgemach kam, wo die Mumie des Hohenpriesters seit Jahrhunderten lag. Ich öffnete die äußern Umhüllungen der Mumie, löste ihre manchfachen Umschläge und Binden und fand endlich das kostbare Buch auf ihrer Brust. Ich faßte es mit zitternder Hand und suchte aus der Pyramide zu kommen, indem ich die Mumie ihrem dunkeln und stillen Grabe überließ, um dort den Tag der Auferstehung und des Gerichtes zu erwarten.« »Sohn des Abu Ajeeb,« rief Aben Habuz, »du hast viele Länder gesehen und wunderbare Dinge beobachtet; allein wozu nützt mich das Geheimniß der Pyramide und das gelehrte Buch des weisen Salomon?« »Wohl kann es dir nützlich werden, o König! durch das Studium dieses Buches unterrichtete ich mich in allen magischen Künsten und habe über den Beistand der Geister zur Förderung meiner Plane zu gebieten. Das Geheimniß des Talismans von Borsa ist mir daher bekannt und ich kann einen solchen Talisman, ja, einen von noch höherer Kraft fertigen.« »O weiser Sohn des Abu Ajeeb,« rief Aben Habuz, »ein solcher Talisman wäre besser als alle Wartthürme auf den Hügeln, und als alle Wachen an den Grenzen. Gib mir einen solchen Schirm und alle Reichthümer meiner Schatzkammer sollen zu deinem Befehle seyn.« Der Astrologe begab sich sogleich an die Arbeit, um den Wünschen des Königs Genüge zu thun. Er ließ auf der Höhe des königlichen Palastes, welcher auf dem Scheitel des Albayan-Hügels stand, einen großen Thurm bauen. Dieser Thurm ward von Steinen erbaut, die aus Egypten gebracht worden und, wie man sagte, von einer der Pyramiden genommen waren. In dem obern Theil des Thurms war ein runder Saal, dessen Fenster nach allen Punkten des Compasses sahen, und vor jedem Fenster war ein Tisch, auf welchem, wie auf einem Schachbrett, ein kleines Heer von Reiterei und Fußvolk nebst einem Ebenbild des Potentaten, der in jener Richtung herrschte, alle aus Holz geschnitzt, aufgestellt waren. Für jeden dieser Tische war eine kleine Lanze da, nicht dicker als eine Nadel, auf welcher gewisse chaldäische Charaktere gegraben waren. Dieser Saal wurde stets verschlossen gehalten; die Thüren waren von Erz und das Schloß von Stahl; der Schlüssel dazu befand sich in des Königs' Händen. Auf der Spitze des Thurms war die auf einem Stiften befestigte Bronzstatue eines maurischen Reiters, mit einem Schild in dem einen Arm und seine Lanze senkrecht tragend. Das Gesicht dieses Reiters war der Stadt zugewendet, als wache es über sie; wenn aber ein Feind sich näherte, wandte sich die Statue in dieser Richtung und legte die Lanze wie zum Angriff ein. Als dieser Talisman fertig war, wurde der König ganz ungeduldig, seine Kraft zu erproben und sehnte sich eben so sehr nach einem Einfall, als er je nach Ruhe geseufzt hatte. Sein Wunsch wurde bald erfüllt. Eines Morgens frühe brachte die Schildwache, welche den Thurm zu bewachen hatte, die Nachricht, das Gesicht des bronzenen Reiters sey gegen die Berge von Elvira gewendet und seine Lanze zeige genau nach dem Paß von Lope. »Laßt die Trommeln und Trompeten zu den Waffen rufen,« sagte Aben Habuz. »ganz Granada soll sich bereit machen.« »O König,« sagte der Astrologe: »beunruhige deine Stadt nicht und laß deine Krieger nicht zu den Waffen rufen; wir bedürfen den Beistand des Heeres nicht, um dich von deinen Feinden zu befreien. Entlasse deine Diener und laß uns allein in den geheimen Saal des Thurmes gehen.« Der alte Aben Habuz stieg, sich auf den Arm des noch ältern Ibrahim Ebn Abu Ajeeb lehnend, die Thurmtreppe hinan. Sie schlossen das eherne Thor auf und traten ein. Das Fenster, welches gegen den Paß von Lope sah, war offen. »In dieser Richtung,« sagte der Astrologe, »liegt die Gefahr: nähere dich, o König, und betrachte das Geheimniß des Tisches.« König Aben Habuz näherte sich dem anscheinenden Schachbrett, auf welchem die kleinen hölzernen Bilder aufgestellt waren, als er zu seinem Erstaunen bemerkte, daß sie alle in Bewegung waren. Die Rosse bäumten und hoben sich, die Krieger schwangen ihre Waffen, und man hörte das leise Klingen von Trommeln und Trompeten und das Schallen von Waffen und das Wiehern der Rosse; aber alles nicht lauter und deutlicher als das Summen von Bienen oder den Sommerfliegen in das schläfrige Ohr dessen tönt, der am Nachmittag im Schatten liegt. »Sieh, o König,« sagte der Astrologe, »einen Beweis, daß deine Feinde jetzt eben zu Felde gezogen sind. Sie müssen durch jene Berge, durch die Engpässe von Lope, vorgerückt seyn. Wenn du einen panischen Schrecken und Verwirrung unter sie bringen und sie ohne Blutverlust in die Flucht jagen willst, so triff diese Bilder mit dem Knopf dieser magischen Lanze; willst du aber Mord und Blutbad unter ihnen anrichten, so triff sie mit der Spitze.« Ein schwarzgelber Streif flog über das Gesicht des friedlichen Aben Habuz, er faßte die kleine Lanze mit zitternder Hast und schwankte an den Tisch, während sein grauer Bart vor freudiger Erwartung wackelte. »Sohn des Abu Ajeeb,« rief er aus. »Ich denke, wir wollen ein wenig Blut sehen.« Bei diesen Worten stach er einige der Zwergengestalten mit der Lanze und bearbeitete andere mit dem dicken Ende, worauf die erstere todt auf den Tisch fielen, die übrigen aber sich gegen einander wandten und ein buntes Gefecht begannen. Es kostete den Astrologen Mühe, der Hand des friedlichsten aller Monarchen Einhalt zu thun und ihn von einer gänzlichen Vernichtung seiner Feinde abzuhalten; endlich vermochte er es über ihn, den Thurm zu verlassen, worauf eine Streifwache in das Gebirg gegen den Paß von Lope gesandt wurde. Diese kehrte mit der Nachricht zurück, ein christliches Heer sey durch das Herz der Sierra, fast bis Angesichts von Granada vorgedrungen, wo aber unter den Kriegern ein Zwiespalt ausgebrochen sey. Sie hätten ihre Waffen gegen einander gekehrt und sich nach einem großen Blutbad über die Grenze zurückgezogen. Aben Habuz war außer sich vor Freude, daß sich die Kraft des Talismans so erprobt hatte. »Endlich,« sagte er, »werde ich ein ruhiges Leben führen und habe alle meine Feinde in meiner Gewalt. O weiser Sohn des Abu Ajeeb, was kann ich dir als Lohn für solch eine Wohlthat bieten?« »Die Bedürfnisse eines alten Mannes und eines Philosophen, o König, sind gering und einfach; gewähre mir nur die Mittel, meine Höhle zu einer wohnlichen Einsiedelei einzurichten und ich bin zufrieden.« »Wie edel ist die Entsagung des wahrhaft Weisen!« rief Aben Habuz aus, innerlich hoch erfreut über das Wohlfeile der Belohnung. Er ließ seinen Schatzmeister kommen und gebot ihm jede Summe zu zahlen, die Ibrahim fordern würde, um seine Einsiedelei zu vollenden und einzurichten. Auf Befehl des Astrologen mußten nun verschiedene Kammern in den harten Felsen gehauen werden, welche eine Reihe Gemächer bildeten, die mit seinem astrologischen Saal zusammenhingen; er ließ jene mit üppigen Ottomanen und Divans zieren und die Wände mit den reichsten Seidenzeugen von Damaskus bekleiden. »Ich bin ein alter Mann,« sagte er, »und kann meine Knochen nicht mehr auf steinernen Lagern ruhen lassen, und diese feuchten Mauern müssen eine Bekleidung haben.« Auch Bäder ließ er einrichten und versah sie mit allen Arten von Wohlgerüchen und aromatischen Oelen;»denn ein Bad,« sagte er, »ist nothwendig, um der Spröde des Alters entgegenzuarbeiten und der durch Denken eingeschrumpften Gestalt Frische und Federkraft zu geben.« Er ließ die Gemächer mit unzählbaren silbernen und crystalnen Lampen behängen, die er mit wohlriechenden, nach einem von ihm in den egyptischen Gräbern gefundenen Recept gefertigten Oele füllte. Dieses Oel war seiner Natur nach unverbrennlich und verbreitete einen sanften Glanz wie das gemäßigte Tagslicht. »Das Licht der Sonne,« sagte er, »ist zu lebhaft und grell für das Auge eines Greises und das Lampenlicht ist den Studien eines Philosophen angemessener.« Der Schatzmeister des Königs Aben Habuz seufzte über die Summen, die täglich gefordert wurden, um diese Einsiedelei einzurichten und brachte seine Klagen vor den König. Aber das königliche Wort war gegeben: Aben Habuz zuckte die Schultern. »Wir müssen Geduld haben,« sagte er: »dieser alte Mann hat seine Idee von dem Aufenthaltsort eines Philosophen dem Innern der Pyramiden und den ausgedehnten Trümmern Egyptens entlehnt; aber alles hat ja ein Ende und so auch die Einrichtung seiner Höhle.« Der König hatte recht; die Einsiedelei ward endlich fertig und bildete einen prachtvollen unterirdischen Palast. »Ich bin jetzt zufrieden,« sagte Ibrahim Ebn Abu Ajeeb zu dem Schatzmeister: »ich will mich in meine Zelle verschließen und meine Zeit den Wissenschaften weihen. Ich begehre nichts mehr, nichts, als einen unbedeutenden Zeitvertreib, um mich in den Zwischenstunden der geistigen Arbeit zu zerstreuen.« »O weiser Ibrahim, fordere, was du willst: ich bin gehalten, dir alles für deine Einsamkeit Nöthige zu liefern.« »Dann wünschte ich einige Tänzerinnen zu haben,« sagte der Philosoph. »Tänzerinnen?« wiederholte der erstaunte Schatzmeister. »Tänzerinnen,« erwiederte der Weise ernsthaft: »wenige werden hinreichen, denn ich bin ein alter Mann und ein Philosoph, von einfachen Sitten und leicht zufrieden zu stellen. Sorge aber, daß sie jung sind und schön anzuschauen; denn der Anblick der Jugend und der Schönheit ist für einen alten Mann erfrischend.« Während der Philosoph, Ibrahim Ebn Abu Ajeeb, seine Zeit so weise in seiner Einsiedelei hinbrachte, führte der friedfertige Aben Habuz in seinem Thurme furchtbare Kriege dem Bild nach. Es war höchst rühmlich für einen alten Mann von ruhigen Sitten, wie er, sich das Kriegführen zu erleichtern und im Stand zu seyn, in seinem Gemache sich damit zu ergötzen, daß er ganze Armeen wie eben so viele Schwärme Fliegen, verjagte. Er schwelgte eine Zeitlang in der Befriedigung seiner Launen und neckte und beleidigte sogar seine Nachbarn, um sie zu Einfällen in sein Land zu verleiten; allein allmählig wurden sie der wiederholten Unfälle müde und endlich wagte es keiner mehr, sein Gebiet zu überschreiten. Viele Monden blieb der bronzene Reiter auf dem Friedensstand, die Lanze in die Luft emporhaltend, und der würdige alte König fing an, den Abgang seines gewohnten Zeitvertreibs schmerzlich zu empfinden und über die einförmige Ruhe verdrüßlich zu werden. Endlich drehte sich eines Tages der Reiter plötzlich rundum, ließ seine Lanze sinken und deutete auf die Berge von Guadix. Aben Habuz eilte in seinen Thurm, allein der magische Tisch in jener Richtung blieb ruhig; kein einziger Krieger bewegte sich. Ueber diesen Umstand in Ungewißheit, schickte er einen Trupp Reiter aus, um das Gebirge zu durchspähen und sich auf Kundschaft zu legen. Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kamen sie zurück. »Wir haben jeden Bergpaß durchsucht,« sagten sie »aber nicht ein Helm ward sichtbar, nicht ein Speer. Alles was wir auf unserm Streifzug gefunden haben, war ein christliches Fräulein von ungemeiner Schönheit, welche in der Mittagszeit an einem Brunnen schlief und die wir als Gefangene mit uns weggeführt haben.« »Ein Fräulein von ungemeiner Schönheit!« rief Aben Habuz aus und seine Augen funkelten vor Erregung: »laßt sie vor uns führen.« Das schöne Fräulein wurde sonach vor ihn geführt. Sie war in die ganze reiche Pracht gekleidet, welche zur Zeit der arabischen Eroberung bei den gothischen Spaniern herrschte. Perlen von glänzender Weiße waren in ihre Rabenlocken geflochten; Juwelen funkelten auf ihrer Stirne und wetteiferten mit dem Glanz ihrer Augen. Um den Hals hatte sie eine goldene Kette, an welcher eine silberne Leyer befestigt war, die an ihrer Seite hing. Die Strahlen ihrer dunkeln leuchtenden Augen fielen wie Feuerfunken auf das verwitterte, aber noch brennbare Herz des Aben Habuz; die elastische Ueppigkeit ihres Ganges machte seine Sinne taumeln. »Schönste der Frauen,« rief er entzückt, »wer und was bist du?« »Die Tochter eines der gothischen Fürsten, die erst vor kurzem noch über dieses Land geboten. Die Heere meines Vaters sind wie durch Zauberkraft in diesen Gebirgen zerstreut worden; er wurde in die Verbannung geschickt und seine Tochter ist eine Gefangene.« »Hüte dich, o König!« flüsterte Ibrahim Ebn Abu Ajeeb, »dies kann eine der nordischen Zauberinnen seyn, von denen wir gehört haben, die die verführerischesten Gestalten annehmen, um den Sorglosen zu hintergehen. Mich dünkt, ich lese Hexerei in ihren Augen und Zauberkraft in jeder ihrer Bewegungen. Ohne Zweifel ist sie die Feindin, welche der Talisman angezeigt hat.« »Sohn des Abu Ajeeb,« versetzte der König: »du bist, ich gebe es zu, ein weiser Mann, ein Zauberer nach allem was mir bekannt ist; allein auf Weiber verstehst du dich wenig. In dieser Kenntniß werde ich keinem Menschen weichen; nicht einmal dem weisen Salomon selbst, der Zahl seiner Weiber und Beischläferinnen ungeachtet. Was dieses Fräulein betrifft, so sehe ich nichts Böses an ihr; sie ist schön anzusehen und findet Gunst vor meinen Augen.« »Höre, o König!« erwiederte der Astrologe. »Ich habe dir durch meinen Talisman zu manchem Siege verholfen, allein ich habe nie an der Beute Theil genommen. Gib mir darum diese verirrte Gefangene, um mich in meiner Einsamkeit an ihrer silbernen Leyer zu letzen. Ist sie wirklich eine Zauberin, so habe ich Gegenmittel, welche allen ihren Zauberkünsten Trotz bieten.« »Wie, noch mehr Weiber?« rief Aben Habuz. »Hast du nicht bereits Tänzerinnen genug, dich zu letzen?« »Tänzerinnen habe ich, es ist wahr, aber keine Sängerinnen. Ich möchte gern eine kleine Sängerschaft haben, um meinen Geist zu erfrischen, wenn er von den Mühen des Studierens getrübt ist.« »Still mit deinen Einsiedler-Wünschen,« sagte der König ungeduldig. »Dieses Fräulein habe ich für mich ausersehen. Ich finde viel Behagen an ihr; grade solch Behagen, wie David, Salomons des Weisen Vater, an Abis Abigail der Sunamiterin.« Ferneres Bitten und Warnen des Astrologen hatten nur eine entscheidendere Antwort des Königs zur Folge und sie schieden in großem Unwillen. Der Weise schloß sich in seine Einsiedelei ab, um über seine fehlgeschlagene Erwartung zu brüten; ehe er aber ging, warnte er den König nochmals, sich vor seiner gefährlichen Gefangenen zu hüten. Aber welcher verliebte Greis wird auf Rath hören? Aben Habuz gab sich der vollen Herrschaft seiner Leidenschaft hin. Sein einziges Trachten war, wie er sich in den Augen der gothischen Schönheit angenehm machen könne. Es ist wahr, durch Jugend konnte er sich nicht empfehlen, aber er hatte Schätze; und wenn ein Liebhaber alt ist, so ist er gewöhnlich freigebig. Der Zacatin von Granada wurde der kostbarsten Erzeugnisse des Morgenlandes beraubt; Seidenzeuge, Juwelen, Edelsteine, herrliche Wohlgerüche, alles was Asien und Afrika Reiches und Seltenes bot, wurde an die Prinzessin verschwendet. Alle Arten von Schauspielen und Festlichkeiten wurden zu ihrer Unterhaltung ersonnen; Gesang, Tanz, Turniere, Stiergefechte. Granada war eine Zeitlang der Schauplatz ununterbrochener Feste. Die gothische Prinzessin betrachtete alle diese Pracht wie jemand, der an solchen Glanz gewöhnt ist. Sie nahm alles als einen Tribut hin, den man ihrem Range oder vielmehr ihrer Schönheit schuldig war, denn die Schönheit ist in ihren Anforderungen sogar noch hochfahrender als der Rang. Ja, sie schien ein geheimes Vergnügen zu empfinden, den König zu Ausgaben zu reizen, vor denen sein Schatzmeister zitterte; und dann behandelte sie seine ausschweifende Freigebigkeit, wie etwas, das sich von selbst versteht. Der ehrwürdige Liebhaber konnte sich überdies bei allem seinem Eifer und seiner Großmuth nicht schmeicheln, einen Eindruck auf ihr Herz gemacht zu haben. Sie zürnte ihm nie, es ist wahr, aber sie lächelte auch nie. So oft er seiner Liebe das Wort reden wollte, schlug sie ihre silberne Leyer an. Es war ein geheimnißvoller Zauber in dem Klang. Augenblicklich fing der König an zu nicken; eine Schläfrigkeit überschlich ihn und er sank allmählig in Schlaf, aus welchem er wunderbar erquickt, aber für eine Weile vollkommen von seiner Liebe abgekühlt, erwachte. Seinem Werben war dies freilich nicht günstig; aber dieser Schlaf war stets von angenehmen Träumen begleitet, welche die Sinne des schläfrigen Liebhabers vollkommen fesselten; so fuhr er fort zu träumen, während ganz Granada über seine Bethörung spottete und über die Schätze seufzte, die für eine Leyer vergeudet wurden. Endlich brach eine Gefahr auf das Haupt des Aben Habuz herein, vor der sein Talisman ihn nicht warnen konnte. Eine Empörung brach in seiner eignen Hauptstadt aus; sein Palast wurde von bewaffnetem Pöbel umzingelt, der sein und seines christlichen Schätzchens Leben bedrohte. Ein Funken seines alten kriegerischen Geistes erwachte in der Brust des Monarchen. An der Spitze eines Häufleins aus seiner Wache brach er heraus, jagte die Empörer in die Flucht und erstickte die Revolution im Keim. Als die Ruhe wieder hergestellt war, suchte er den Astrologen, der sich immer noch in seiner Einsamkeit verschlossen hielt und an der bittern Rinde des Unwillens nagte. Aben Habuz näherte sich ihm mit verhöhnendem Tone: »O weiser Sohn des Abu Ajeeb,« sagte er, »wohl hast du mir Gefahren vorhergesagt, welche die gefangene Schönheit veranlassen würde: sag mir darum auch, der du so schnell die kommende Gefahr erschaust, was ich thun muß, um sie zu vermeiden.« »Entferne die ungläubige Maid von dir, die der Grund derselben ist.« »Lieber lass' ich von meinem Königreich,« rief Aben Habuz. »Du schwebst in Gefahr, beide zu verlieren,« versetzte der Astrologe. »Sey nicht rauh und zornig, tiefster aller Philosophen: bedenke das doppelte Unglück eines Königs und eines Verliebten und ersinne mir Mittel, mich vor den Uebeln, die mir drohen, zu schirmen. Ich frage nichts nach Größe, ich frage nichts nach Macht. Ich sehne mich nur nach Ruhe; hätte ich doch einen stillen Aufenthaltsort, wohin ich mich aus der Welt und allen ihren Sorgen, ihrem Prunk und ihrer Unruhe flüchten und den Rest meiner Tage der Ruhe und Liebe widmen könnte.« Der Astrologe betrachtete ihn einen Augenblick aus seinen buschigen Augenbraunen hervor. »Und was würdest du mir geben, wenn ich dir einen solchen Ort verschaffte?« »Du möchtest deinen Lohn selbst bestimmen und es sollte, was es auch seyn mag, sofern es sich im Bereich meiner Macht findet, dein seyn, so wahr meine Seele lebt.« »Du hast, o König, von dem Garten von Irem gehört, einem der Wunder des glücklichen Arabiens?« »Ich habe von diesem Garten gehört; seiner ist in dem Koran gedacht, in dem Abschnitt, der »die Dämmerung des Tags« überschrieben ist. Ich habe überdies von Pilgern, die zu Mecca waren, wunderbare Dinge von ihm erzählen hören; allein ich hielt es für tolle Fabeln, wie Reisende, welche ferne Länder besucht haben, zu erzählen pflegen.« »Setze, o König, die Erzählungen der Reisenden nicht herab,« erwiederte der Sternkundige ernsthaft; »denn sie enthalten kostbare Schätze des Wissens, aus den Enden der Erde zusammengebracht. Was den Palast und den Garten von Irem betrifft, so ist die allgemeine Sage wahr; ich habe sie mit meinen eignen Augen gesehen – höre auf mein Abentheuer, denn es steht mit dem Gegenstand deines Begehrens in Zusammenhang. »In meinen jüngern Jahren, als ich ein bloßer Araber der Wüste war, führte ich die Kamele meines Vaters. Als wir durch die Wüste von Aden zogen, entfernte sich eines von den Uebrigen und war verloren. Ich suchte es mehrere Tage lang, allein umsonst, bis ich mich eines Mittags, ermüdet und kraftlos, niederlegte und unter einem Palmbaum, an einem kleinen Brunnen entschlief. Als ich erwachte, sah ich mich an den Thoren einer Stadt. Ich trat ein, und schaute prächtige Straßen, Plätze, Märkte; aber alles war stumm und ohne Einwohner. Ich wanderte umher, bis ich an einen herrlichen Palast mit einem Garten kam, der mit Brunnen und Fischteichen und Laubgängen und Blumen und Obststücken, mit köstlichen Früchten beladen, geziert war; aber immer war noch niemand zu sehen. Erschreckt durch diese Einsamkeit, eilte ich wegzukommen, und als ich aus dem Thore der Stadt war, und mich umkehrte, um alles noch einmal zu übersehen, war nichts mehr davon da, und nur die stumme Wüste breitete sich vor meinen Augen aus. »In der Nähe begegnete ich einem alten Derwisch, der in den Sagen und Geheimnissen des Landes bewandert war, und erzählte ihm, was mir vorgekommen. »Dies,« sagte er, »ist der weitberühmte Garten von Irem, eines der Wunder der Wüste. Er zeigt sich nur manchmal einem Reisenden, wie dir, und erfreut ihn mit dem Anblick von Thürmen, Palästen und Gartenmauern, von reich beladenen Fruchtbäumen überhangen, und dann verschwindet er, und nichts bleibt als eine einsame Wüste. Und dieß ist seine Geschichte. Als in alten Zeiten dieses Land von den Additen bewohnt war, gründete der König Sheddad, der Sohn Ad's, des Urenkels von Noah, eine prächtige Stadt hier. Als sie vollendet war, und er ihre Größe sah, schwoll sein Herz von Stolz und Anmaßung, und er beschloß, einen königlichen Palast mit Gärten zu bauen, welche mit allem wetteiferten, was in dem Koran von dem himmlischen Paradies berichtet würde. Allein der Fluch des Himmels traf ihn wegen seiner Anmaßung. Er und seine Unterthanen wurden von der Erde weggerissen, und seine glänzende Stadt, der Palast und die Gärten wurden unter einen steten Zauber gelegt, der sie jedem menschlichen Auge verbirgt, nur daß sie zu Zeiten gesehen werden, wenn man seiner Sünden unablässig eingedenk ist.« »Diese Sage, o König, und die Wunder, die ich gesehen hatte, blieben meinem Gedächtniß stets gegenwärtig, und in spätern Jahren, als ich in Aegypten gewesen, und im Besitze des Wissens des weisen Salomo war, beschloß ich zurückzukehren, und den Garten des Irem wieder zu besuchen. So that ich, und fand ihn meinem gereifteren Blick erschlossen. Ich nahm von dem Palaste Sheddad's Besitz, und brachte mehrere Tage in diesem kleinen irdischen Paradiese hin. Die Genien, die den Palast bewachen, waren meiner magischen Kraft unterthan, und entdeckten mir die Zauber, durch welche der ganze Garten gewissermaßen in's Leben gerufen worden, und durch die er unsichtbar war. Solch einen Palast und Garten, o König, kann ich dir selbst hier auf dem Berge über der Stadt machen. Kenne ich nicht alle die geheime Zaubersprüche? und bin ich nicht im Besitz des Buches des Wissens Salomons des Weisen?« »O weiser Sohn des Abu Ajeeb!« rief Aben Habuz, vor Begierde zitternd: »du bist in der That ein Reisender, und hast wundervolle Dinge gesehen und gelernt! Verschaffe mir ein solches Paradies, und fordre jeden Lohn, wär' es auch die Hälfte meines Königreichs.« »Ach!« versetzte der Andere: »du weißt, ich bin ein alter Mann und ein Philosoph, und leicht zufrieden gestellt; aller Lohn, welchen ich fordere, ist das erste Lastthier mit seiner Bürde, das in das magische Thor des Palastes eingehen wird.« Der König bewilligte mit Freuden ein so mäßiges Begehren, und der Astrolog begann sein Werk. Auf dem Gipfel des Hügels, unmittelbar über seiner unterirdischen Einsiedelei, ließ er einen großen Thorweg, welcher in die Mitte eines starken Thurmes führte, errichten. Außerhalb war eine Vorhalle mit einem hohen Bogen, und innerhalb desselben ein Thor, welches starke Thüren schlossen. Auf den Schlußsteinen des Thores bildete der Astrologe mit eigener Hand die Gestalt eines großen Schlüssels ab; und auf den Schlußstein des äußern Bogens der Thorhalle, welcher höher war als der des Thores, grub er eine riesige Hand ein. Dieses waren zwei mächtige Zaubermittel, über welche er viele Sprüche in einer unbekannten Sprache murmelte. Als dieser Thorweg fertig war, verschloß er sich zwei Tage in seinen astrologischen Saal, mit geheimen Beschwörungen beschäftigt; am dritten bestieg er den Hügel; und brachte den ganzen Tag auf dessen Gipfel zu. Spät in der Nacht kam er herab, und ging zu Aben Habuz. »Endlich, o König,« sagte er, »ist meine Arbeit vollendet. Auf dem Gipfel des Hügels steht einer der entzückendsten Paläste, die je der Kopf eines Menschen ersonnen, oder das Herz eines Menschen begehrt hat. Er umschließt kostbare Säle und Galerieen, prächtige Gärten, kühle Brunnen und duftreiche Bäder; mit einem Wort, der ganze Berg ist in ein Paradies umgewandelt. Gleich dem Garten des Irem steht er unter dem Schirm eines mächtigen Zaubers, welcher ihn dem Auge und dem Forschen der Sterblichen, mit Ausnahme derer entzieht, welche im Besitz des Geheimnisses seines Talismans sind.« »Genug!« rief Aben Habuz vergnügt: »Morgen früh mit dem ersten Tageslicht wollen wir hinaufgehen, und Besitz nehmen.« Der glückliche König schlief diese Nacht nur sehr wenig. Kaum hatten die Strahlen der Sonne angefangen um den schneeigen Gipfel der Sierra Nevada zu spielen, als er sein Pferd bestieg, und, nur von wenigen auserwählten Dienern begleitet, einen steilen und engen Pfad emporstieg, der den Hügel heraufführte. Neben ihm ritt auf einem weißen Zelter die gothische Prinzessin, deren ganzes Gewand von Juwelen funkelte, während ihre silberne Leier um ihren Hals hing. Der Astrologe schritt an der andern Seite des Königs, und stützte sich auf seinen hieroglyphischen Stab, denn er bestieg nie ein Pferd. Aben Habuz schaute auf, um die Thürme des Palastes über sich glänzen, und die umtaubten Terrassen der Gärten die Höhe entlang ziehen zu sehen; allein es zeigte sich ihm nichts der Art. »Das ist das Geheimniß,« sagte der Astrolog, »und die Schutzwache des Ortes; man kann nichts entdecken, bis man den zaubergebannten Thorweg überschritten hat, und in den Besitz des Ortes gesetzt ist.« Als sie sich dem Thorweg näherten, hielt der Astrolog an, und zeigte dem König die mystische Hand und den Schlüssel auf dem Thor und dem Bogen. »Das ist der Zauber,« sagte er, »welcher den Eingang in dieses Paradies bewacht. Bis jene Hand herabreicht, und diesen Schlüssel ergreift, wird weder menschliche Macht noch Zauberkraft dem Besitzer dieses Berges etwas anhaben können.« Während Aben Habuz mit offnem Munde und stummer Verwunderung diese mystischen Zauber anstarrte, schritt der Zelter der Prinzessin weiter, und trug sie durch das Portal in die Mitte des Thorweges. »Sieh,« rief der Astrologe, »meinen versprochenen Lohn – das erste Thier mit seiner Bürde, das in das magische Thor eingehen würde.« Aben Habuz lächelte über diesen, wie er glaubte, scherzhaften Einfall des alten Mannes; als er aber sah, daß es Ernst sey, zitterte sein grauer Bart vor Unwillen. »Sohn des Abu Ajeeb,« sagte er streng: »welche Zweideutigkeit ist dies! Du kennst den Sinn meines Versprechens. das erste Lastthier mit seiner Bürde, welches in dieses Thor einschreiten würde. Nimm das stärkste Maulthier in meinen Ställen, belade es mit dem Kostbarsten, was mein Schatz enthält, und es ist dein; aber wage es nicht, deine Gedanken zu ihr zu erheben, die die Freude meines Herzens ist.« »Was sollen mir die Schätze,« sagte der Astrologe verächtlich: »habe ich nicht das Buch Salomons des Weisen, und durch dieses den Schlüssel zu allen Schätzen der Erde? Die Prinzessin ist nach dem Vertrage mein; dein königliches Wort ist gegeben; ich spreche sie als mein Eigenthum an.« Die Prinzessin blickte stolz von ihrem Zelter nieder, und ein leichtes Lächeln der Verachtung kräuselte ihre rosige Lippe während dieses Streites zweier Graubärte um den Besitz der Jugend und Schönheit. Der Zorn des Königs besiegte seine Klugheit. »Elender Sohn der Wüste,« rief er, »du magst in vielen Künsten Meister seyn; aber erkenne mich als deinen Meister, und wage es nicht, mit deinem König zu scherzen.« »Mein Meister?« wiederholte der Astrologe: »mein König? der Beherrscher eines Maulwurfshügels will dessen Herrscher seyn, der im Besitz von Salomons Zauber ist? Lebe wohl, Aben Habuz, herrsche über dein winziges Königreich, und schwärme in deinem Narrenparadies; ich werde dich in meiner philosophischen Einsamkeit auslachen.« Bei diesen Worten faßte er den Zügel des Zelters, stieß seinen Stab in die Erde, und sank mit der gothischen Prinzessin durch den Mittelpunkt des Thorgangs. Der Boden schloß sich über ihm, und keine Spur verblieb von der Oeffnung, durch welche er verschwunden war. Aben Habuz war eine Weile von Staunen stumm. Als er sich erholt hatte, ließ er tausend Arbeiter mit Aexten und Spaten in den Boden graben, wo der Astrologe verschwunden war. Sie gruben und gruben, aber umsonst; der felsige Busen des Hügels widerstand ihren Werkzeugen, oder wenn sie ein wenig eingedrungen waren, füllte sich die Oeffnung wieder so schnell als sie gemacht worden war. Aben Habuz suchte den Eingang der Höhle am Fuße des Hügels, durch welchen man in den unterirdischen Palast des Astrologen gelangte; allein er war nirgends zu finden. Wo vorher ein Eingang gewesen, war jetzt die feste Fläche eines Urfelsen. Mit dem Verschwinden des Ibrahim Ebn Abu Ajeeb hörte auch die Wirkung seines Talismans auf. Der bronzene Reiter stand nun fest, sein Gesicht dem Hügel zuwendend, und mit dem Speer auf die Stelle deutend, durch welche der Astrolog verschwunden war, als ob dort der tödtlichste Feind von Aben Habuz noch weilte. Von Zeit zu Zeit konnte man den Klang von Musik und die Töne einer weiblichen Stimme schwach aus der Tiefe des Hügels heraufschweben hören, und ein Landmann brachte eines Tages dem König die Kunde, er habe in der vergangenen Nacht einen Spalt in den Felsen gefunden, durch den er gebrochen sey, bis er in einen unterirdischen Saal sah, in welchem der Astrologe auf einem prächtigen Divan saß, schlummernd, und zu dem Klang der silbernen Leier der Prinzessin, die eine magische Gewalt über seine Sinne zu üben schien, nickend. Aben Habuz suchte den Spalt in dem Fels, aber er war wieder geschlossen. Er erneuerte die Versuche, seinen Nebenbuhler aufzugraben, aber alles vergebens. Der Zauber der Hand und des Schlüssels war zu mächtig, als daß ihn menschliche Gewalt hätte lösen können. Der Gipfel des Berges aber, wo der versprochene Palast und Garten gelegen, blieb eine nackte Oede; das gepriesene Elysium ward entweder durch Zauberei vor dem Auge verborgen, oder es war ein bloßes Märchen des Astrologen gewesen. Die Welt nahm gutmüthig das letzte an, und viele nannten den Platz »des Königs Narrheit,« während andere ihn »des Narren Paradies« benamseten. Um den Kummer des Aben Habuz zu erhöhen, machten die Nachbarn, welche er mit Trotz und Hohn behandelt, und, im Besitz seines schirmenden Reiters, nach Laune zu Grund gerichtet hatte, und die sahen, daß er nicht mehr im Besitz des Zaubers war, von allen Seiten Einfälle in sein Gebiet, und der Lebensrest des friedlichsten der Monarchen war ein Gewebe von Unruhen. Endlich starb Aben Habuz, und wurde begraben. Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Die Alhambra ist auf dem merkwürdigen Berge erbaut worden, und verwirklicht in gewissem Grade die mährchenhaften Freuden von Irem's Garten. Der bezauberte Thorweg steht, indem ihn ohne Zweifel die magische Hand schirmt, noch vollständig, und bildet jetzt das Thor der Gerechtigkeit, den Haupt-Eingang zur Veste. Unter diesem Thor wohnt der Sage nach, der alte Astrolog in seinem unterirdischen Saal, und nickt auf seinem Divan, von der Silber-Leyer der Prinzessin eingewiegt. Die alten Invaliden, welche die Wache an dem Thore haben, hören zuweilen in den Sommernächten die Töne, und nicken, der einschläfernden Kraft derselben weichend, ruhig auf ihren Posten. Ja, ein so schläfriger Einfluß beherrscht den Palast, daß man diese Wachen selbst bei Tag auf den Steinbänken der Thorhalle nicken oder unter den nahen Bäumen schlafen sieht, so daß es in der That der schläfrigste Posten in der ganzen Christenheit ist. Alles das, sagt die alte Legende, wird von Jahrhundert zu Jahrhundert währen, die Prinzessin wird die Gefangene des Astrologen bleiben, und den Astrologen wird die Prinzessin in magischem Schlummer halten, bis zum letzten Tag, wenn die geheimnißvolle Hand nicht den gefeiten Schlüssel ergreift, und den ganzen Zauber dieses behexten Berges aufhebt. Der Thurm der Prinzessinnen. Bei einem Abendspaziergange durch ein enges Thälchen hinauf, welches das Gebiet der Veste von dem des Generalife trennt, und von Feigenbäumen, Granaten und Myrthen überschattet ist, fiel mir der romantische Anblick eines maurischen Thurms in der äußern Mauer der Alhambra auf, der über die Baumwipfel empor stieg, und die röthlichen Strahlen der untergehenden Sonne zurückgab. Ein einziges Fenster in einer großen Höhe hatte die Aussicht auf das Thälchen. Während ich hinaufsah, blickte ein junges Frauenzimmer heraus, dessen Haare mit Blumen geschmückt waren. Sie hörte offenbar nicht der gemeinen Klasse des Volkes an, welche die alten Thürme der Veste bewohnen; und ihre plötzliche romantische Erscheinung erinnerte mich an die Beschreibungen von gefangenen Schönheiten in den Feenmärchen. Diese phantastischen Ideenverbindungen wurden noch durch die Nachricht bestärkt, welche mir mein Begleiter Mateo gab, daß dieses der Thurm der Prinzessinnen (la Torre de las Infantas) sey, und so genannt werde, weil er, der Sage nach, die Wohnung der Töchter der maurischen Könige gewesen. Ich habe seitdem den Thurm besucht. Man zeigt ihn in der Regel den Fremden nicht, obgleich er der Beachtung werth ist; denn das Innere steht, an Schönheit der Architektur und Zierlichkeit der Ausschmückung, keinem Theile des Palastes nach. Die Eleganz des mittlern Saals mit seinen Marmorbrunnen, seinen hohen Bögen und der reichen Deckenverzierung, die Arabesken und die Stuccoarbeiten des kleinen aber in schönen Verhältnissen gebauten und nur leider durch Zeit und Vernachläßigung sehr beschädigten Gemaches – alles stimmt mit der Geschichte überein, daß einst königliche Schönheiten hier geweilt. Die kleine alte Feenkönigin, die unter der Treppe der Alhambra wohnt, und die Abend-Tertulias der Dame Antonia zuweilen besucht, erzählt manche wundersame Geschichte von drei maurischen Prinzessinnen, welche einst von ihrem Vater, einem tyrannischen König von Granada, in diesen Thurm gesperrt, und denen nur Nachts erlaubt worden war, in den Bergen umher zu reiten, wo es bei Todesstrafe niemand wagen durfte, ihnen zu begegnen. Man kann sie, der Nachricht jener Frau zufolge, noch manchmal bei'm Vollmond an einsamen Plätzen die Bergseite entlang auf reich aufgezäumten Zeltern und von Edelsteinen funkelnd, reiten sehen; aber sie verschwinden, sobald man sie anredet. Ehe ich aber das Weitere in Betreff dieser Prinzessinnen erzähle, wird der Leser begierig seyn, etwas von der schönen Bewohnerin des Thurmes mit den blumenbegränzten Locken, die aus dem hohen Fenster sah, zu erfahren. Es fand sich, daß sie seit kurzer Zeit die Gattin des würdigen Invaliden-Adjutanten war, der, obgleich ziemlich bejahrt, den Muth gehabt hatte, eine junge, dralle andalusische Maid an sein Herz zu nehmen. Möge der gute alte Caballero in seiner Wahl glücklich seyn, und in dem Thurm der Prinzessinnen einen sicherern Aufenthalt für weibliche Schönheit finden, als er sich in der Zeit der Mosleminen erwieß, wenn man folgender Sage glauben darf! Sage von den drei schönen Prinzessinnen. In alten Zeiten herrschte ein maurischer König zu Granada, der Mahomed hieß, und dem seine Unterthanen den Beinamen »el Haygari« oder den Linkischen gaben. Einige sagen, man habe ihn so genannt, weil er wirklich seine linke Hand besser zu brauchen verstand, als seine rechte; andere, weil er gewöhnlich alles an dem unrechten Ende angefangen, oder mit andern Worten, alles, womit er sich befaßt, verpfuscht habe. Gewiß ist es, er lebte stets in Trübsal, sey es nun aus Unglück oder Ungeschicklichkeit; dreimal wurde er vom Thron gestoßen, und rettete das eine Mal mit Noth kaum sein Leben, indem er in der Verkleidung eines Fischers nach Afrika floh. Doch war er eben so tapfer, als ungeschickt, und schwang, obgleich linkhändig, seinen Säbel so wacker, daß er sich jedesmal, kraft harten Kampfes, wieder auf den Thron schwang. Statt aber aus dem Unglück Weisheit zu lernen, wurde er halsstarriger, und sein linker Arm in Eigenwille gestärkt. Das öffentliche Unglück, das er so auf sich und sein Königreich brachte, kann man in den arabischen Jahrbüchern Granada's nachlesen; die gegenwärtige Sage hat es nur mit seinem häuslichen Leben zu thun. Als dieser Mahomed eines Tags mit einer Schaar seiner Höflinge den Fuß des Berges von Elvira entlang ritt, begegnete er einem Reiterhaufen, der von einem Streifzug in das Gebiet der Christen zurückkam. Sie führten einen langen Zug Maulthiere, welche mit Beute und vielen Gefangenen beiderlei Geschlechts beladen waren; unter den letztern fiel dem König ein schönes, reich gekleidetes Fräulein auf, das weinend auf einem kleinen Zelter saß, und der tröstenden Worte einer Duenna, die neben ihr ritt, nicht achtete. Der von ihrer Schönheit geblendete König erfuhr von dem Anführer der Schaar, sie sey die Tochter des Alcalde einer Grenzveste, welche während des Streifzugs überrumpelt und geplündert worden sey. Mahomed nahm sie als königlichen Antheil an der Beute in Anspruch, und ließ sie in seinen Harem in der Alhambra führen. Hier that man alles Ersinnliche, um ihre Schwermuth zu besänftigen, und der mehr und mehr verliebte König suchte sie zu seiner Gemalin zu machen. Die spanische Maid wieß erst seine Anträge zurück – er war ein Ungläubiger – er war der offene Feind ihres Landes – was noch schlimmer, er war bei Jahren. Als der König sah, daß seine Bemühungen fruchtlos blieben, beschloß er, die Duenna, welche mit dem Fräulein gefangen genommen worden, für sich zu gewinnen. Sie war von Geburt eine Andalusierin, ihr christlicher Name ist aber vergessen worden, denn in den maurischen Sagen hat sie keinen andern Namen, als den der klugen Kadiga – und klug war sie in der That, wie ihre ganze Geschichte deutlich zeigt. Der maurische König hatte nicht sobald eine kurze geheime Unterredung mit ihr gehabt, so begriff sie auch schon das dringliche seiner Gründe, und unternahm es, seine Sache bei ihrer jungen Herrin zu führen. »Ei was,« sagte sie, »wozu denn all dieß Weinen und Jammern? ist es nicht besser, die Gebieterin dieses schönen Palastes mit allen seinen Gärten und Brunnen zu seyn, als sich in Eures Vaters alten Grenzthurm einsperren zu lassen? Daß dieser Mahomed ein Ungläubiger ist, was thut dieß zur Sache? Ihr heirathet ihn, nicht seine Religion, und wenn er ein wenig alt zu werden anfängt, so werdet ihr um so eher eine Wittwe und Eure eigne Herrin seyn; in jedem Falle seyd Ihr in seiner Gewalt, und müßt entweder eine Königin oder eine Sclavin seyn. Wenn man in die Hände eines Räubers gefallen ist, so ist es besser, seine Waare um einen guten Preis abzusetzen, als sie sich mit Gewalt abnehmen zu lassen.« Die Gründe der klugen Kadiga siegten. Die spanische Dame trocknete ihre Thränen, und wurde die Gattin Mahomed des Linkischen; sie bequemte sich sogar, dem Anscheine nach, zu dem Glauben ihres königlichen Gemals; und ihre kluge Duenna bekannte sich alsbald zu den Lehren des Moslemim; in dieser Zeit erhielt letztere den arabischen Namen Kadiga, und die Erlaubniß, die Vertraute der Königin zu bleiben. Zur gehörigen Zeit wurde der König zu dem stolzen und glücklichen Vater von drei liebenswürdigen Prinzessinnen gemacht, die alle drei zur selben Stunde das Licht der Welt erblickten; er mochte sich wohl Söhne gewünscht haben, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß drei auf einmal geborne Töchter etwas ganz hübsches für einen Mann von Jahren wäre, zumal für einen linkischen. Wie es bei den moslemitischen Monarchen Sitte ist, berief er bei diesem glücklichen Begebniß seine Astrologen. Sie stellten die Nativität der drei Prinzessinnen, und schüttelten die Köpfe. »Töchter, o König,« sagten sie, »sind immer ein unsicheres Gut; aber diese werden deine Wachsamkeit am meisten vonnöthen haben, wenn sie in das mannbare Alter kommen; zu jener Zeit nimm sie unter deine Schwingen, und vertraue sie keinem andern Schutze.« Mahomed der Linkische war seinen Höflingen als ein weiser König bekannt, und betrachtete sich gewiß selbst als einen solchen. Die Prophezeihung der Astrologen verursachte ihm nur wenig Unruhe, denn er baute auf seinen Scharfsinn, seine Töchter zu hüten, und das Schicksal zu überlisten. Die dreifache Geburt war die letzte eheliche Trophäe des Monarchen; seine Gemalin gebar ihm keine Kinder mehr, und starb in wenigen Jahren, ihre jungen Töchter seiner Liebe und der Treue der klugen Kadiga vermachend. Viele Jahre mußten noch verlaufen, ehe die Prinzessinnen jene Periode der Gefahr – das mannbare Alter – erreichen konnten. »Es ist aber gut, bei Zeiten vorsichtig seyn,« sagte der schlaue König; und sonach beschloß er, sie in dem königlichen Schlosse Salobrenna erziehen zu lassen. Dieß war ein stattlicher Palast, der gewissermaßen wie ein Kern in der Rinde einer mächtigen maurischen Vestung und auf dem Gipfel eines Hügels lag, welcher das mittelländische Meer überblickte. Er war eine königliche Wohnung, in welcher die moslemitischen Monarchen diejenigen ihrer Verwandten, welche ihrer Sicherheit gefährlich schienen, eingesperrt hielten, und ihnen jede Art Wohlleben und Unterhaltung gestatteten, in deren Mitte sie ihr Leben in wollüstiger Trägheit hinbrachten. Hier blieben die Prinzessinnen, von der Welt abgesondert, aber von Freuden umgeben und von Sklavinnen bedient, welche ihren Wünschen zuvorkamen. Sie hatten zu ihrer Erholung köstliche Gärten, voll der seltensten Blumen und Früchten, mit aromatischen Gebüschen und wohlriechenden Bädern. Von drei Seiten schaute das Schloß auf ein reiches Thal nieder, das mit dem mannichfaltigsten Anbau geziert, und von dem hohen Alpuxarra-Gebirg begrenzt war; auf der andern Seite zeigte es das weite sonnige Meer. Die Prinzessinnen erwuchsen in dieser köstlichen Wohnung, unter einem glücklichen Klima und einem wolkenlosen Himmel zu wunderbarer Schönheit; allein, obgleich sie alle auf gleiche Weise erzogen wurden, gaben sie doch früh Zeichen einer großen Verschiedenheit des Charakters. Ihre Namen waren Zayda, Zorayda und Zorahayda; und so folgten sie in dem Alter, denn es waren genau drei Minuten zwischen ihrer Geburt. Zayda, die älteste, war von unerschrocknem Geist, und ging ihren Schwestern in allem voran, wie sie dies schon bei dem Eintritt in die Welt gethan hatte. Sie war neugierig und wissenslustig, und sah gern allen Dingen auf den Grund. Zorayda hatte ein großes Gefühl für Schönheit, was ohne Zweifel der Grund des Vergnügens war, das sie empfand, wenn sie ihr eigenes Bild in einem Spiegel oder einem Brunnen sah, so wie ihrer Vorliebe für Blumen, Juwelen und andern schönen Putz. Was Zorahayda, die jüngste betrifft, so war sie sanft und schüchtern und ungemein gefällig, zugleich besaß sie viel hingebende Zärtlichkeit, wie man aus der Menge ihrer Lieblingsblumen und Lieblingsvögel und andern Lieblingsthieren ersah, die sie alle mit der zärtlichsten Sorgfalt pflegte. Auch ihre Unterhaltungen waren freundlicher Art, und es mischte sich ihnen etwas sinniges und träumerisches bei. Sie saß oft stundenlang auf einem Balkon, und sah zu den funkelnden Sternen einer Sommernacht empor, oder auf die See, die der Mond überglänzte, und in solchen Augenblicken reichte das Lied eines Fischers, von dem Strande schwach herauftönend, oder die Töne einer maurischen Flöte aus einer tanzenden Barke, hin, ihre Gefühle bis zur Verzückung zu steigern. Der kleinste Aufruhr der Elemente aber erfüllte sie mit Leidwesen, und ein Donnerschall reichte hin, sie in eine Ohnmacht zu versenken. Jahre entschwanden in Wonne und Heiterkeit; die kluge Kadiga, der man die Prinzessinnen anvertraut hatte, war ihrer Pflicht treu, und weihte ihnen die unermüdlichste Sorgfalt. Das Schloß Salobrenna war, wie gesagt, auf eine Anhöhe an der Seeküste gebaut. Eine der äußern Mauern lief an der Seite des Hügels hinab, bis sie einen abschüssigen Felsen erreichte, der über die See hinaushing, mit einem schmalen sandigen Pfad an seinem Fuß, den die spülenden Wogen küßten. Eine kleine Warte auf diesem Felsen war zu einem Pavillon eingerichtet worden, dessen vergitterte Fenster die Seeluft zuließen. Hier pflegten die Prinzessinnen die warmen Stunden des Mittags hinzubringen. Die neugierige Zayda saß eines Tags an einem der Fenster des Pavillons, während ihre Schwestern, auf Ottomanen ruhend, ihre Siesta hielten. Ihre Aufmerksamkeit war von einer Barke, die mit abgemessenen Ruderschlägen die Küste entlang kam, in Anspruch genommen worden. Als sie näher kam, bemerkte sie, daß sie mit Bewaffneten bemannt war. Das Fahrzeug ankerte an dem Fuße des Thurms; eine Anzahl maurischer Soldaten landete an dem schmalen Gestade; sie führten mehrere christliche Sclaven. Die neugierige Zayda weckte ihre Schwestern, und alle drei lugten vorsichtig durch die dichten Jalousieen des Fensters, welche verhinderten, daß man sie sehen konnte. Unter den Gefangenen waren drei reich gekleidete spanische Ritter. Sie waren in der Blüthe der Jugend und von edlem Ansehen; und die stolze Art ihres Benehmens, trotz der Ketten, mit denen sie beladen und der Feinde, von denen sie umgeben waren, verrieth die Größe ihrer Seelen. Die Prinzessinnen schauten mit hoher athemloser Theilnahme. Da sie bisher in diesem Schlosse mit weiblicher Bedienung eingeschlossen waren, und von dem männlichen Geschlechte nichts gesehen hatten, als schwarze Sclaven oder die rauhen Fischer am Seegestade, kann man sich nicht wundern, daß die Erscheinung von drei edeln Rittern in dem Stolze der Jugend und männlichen Schönheit eine Regung in ihren Herzen hervorbrachte. »Hat je etwas Edleres die Erde betreten, als jener Ritter in Scharlach?« rief Zayda, die älteste der Schwestern. »Seht wie stolz er sich benimmt, als wären alle die um ihn seine Sclaven!« »Aber schaut jenen in Grün!« rief Zorayda: »welche Anmuth! welche Zierlichkeit! welche Hoheit!« Die holde Zorahayda sagte nichts, aber sie gab insgeheim dem Ritter im Grün den Vorzug. Die Prinzessinnen wandten kein Auge ab, bis die Gefangenen aus dem Gesicht entschwanden; dann verhauchten sie schwere Seufzer, wendeten sich um, blickten einander einen Augenblick an, und setzten sich sinnig und nachdenkend auf ihre Ottomanen. Die kluge Kadiga fand sie in dieser Lage; sie erzählten ihr, was sie gesehen hatten, und selbst das verwitterte Herz der Duenna erwärmte sich. »Arme Knaben!« rief sie aus: »Ich bürge, das Herz mancher schönen und hochgebornen Dame seufzt in ihrem Heimathlande über ihre Gefangenschaft! Ach, meine Kinder, Ihr könnt Euch kaum denken, welches Leben diese Ritter in ihrer Heimath führen. Welch eine Pracht bei den Tournieren. welche Ergebenheit gegen die Frauen, welches Liebeswerben und Ständchenbringen!« Die Neugierde Zayda's war vollständig wach; sie war unersättlich in ihren Fragen, und entlockte der Duenna die lebendigsten Gemälde der Scenen ihrer Jugendtage und ihres Heimathlandes. Die schöne Zorayda richtete sich empor, und betrachtete sich schlau in einem Spiegel, als die Rede auf die Reize der spanischen Frauen kam, während Zorahayda bei der Erwähnung der Mondschein-Serenaden einen schweren Seufzer unterdrückte. Jeden Tag erneuerte die neugierige Zayda ihre Fragen, und jeden Tag wiederholte die kluge Duenna ihre Geschichten, denen ihre schönen Zuhörerinnen mit hoher Theilnahme, obgleich auch unter häufigen Seufzern, lauschten. Die kluge alte Frau fühlte zuletzt doch das Unheil, das sie anzustellen im Begriff war. Sie war daran gewöhnt, der Prinzessinnen nur wie Kinder zu gedenken; sie waren aber unmerklich unter ihren Augen herangereift, und blühten nun vor ihr als drei liebliche Prinzessinnen von mannbarem Alter. Es ist Zeit, dachte die Duenna, dem König Nachricht zu geben. Mahomed der Linkische saß eines Morgens auf einem Divan in einer der kühlen Hallen der Alhambra, als ein Sclave von der Veste Salobrenna als Bote der weisen Kadiga ankam, welche ihm zu dem Geburtstage seiner Töchter Glück wünschte. Der Sclave reichte ihm zu gleicher Zeit ein schönes Körbchen mit Blumen dar, in denen auf einer Unterlage von Wein- und Feigenlaub ein Pfirsich, eine Aprikose und eine Nectarine lag, mit ihrer Blüthe, ihrem Pflaum und ihrer thauigen Lieblichkeit darauf, und alle in der frühen Zeit verführerischer Reife. Der König war in der morgenländischen Früchte- und Blumensprache erfahren, und errieth sogleich den Sinn dieses bildlichen Geschenkes. »Also,« sagte er, »ist die bedeutungsvolle Zeit, welche die Astrologen andeuteten, gekommen; meine Töchter sind in einem mannbaren Alter. Was ist zu thun? Sie sind vor den Augen der Männer abgeschlossen; sie sind unter den Augen der klugen Kadiga: – alles sehr gut – doch aber sind sie nicht unter den Augen ihres Vaters, wie durch die Astrologen vorgeschrieben wurde; ich muß sie unter meine Schwingen nehmen, und darf sie keinem andern Schutze vertrauen.« So sprach er, und befahl, daß ein Thurm in der Alhambra für ihre Aufnahme eingerichtet werden solle, worauf er an der Spitze seiner Wachen nach der Veste Salobrenna abreis'te, um sie persönlich nach Hause zu geleiten. Gegen drei Jahre waren vergangen, seit Mahomed seine Töchter gesehen hatte, und er konnte seinen Augen kaum trauen, als er die wunderbare Veränderung gewahrte, welche dieser kurze Zeitraum in ihrem Aeußern hervorgebracht hatte. Sie hatte in diesem Zwischenraume die wundervolle Grenze im weiblichen Leben überschritten, welche das wilde, ungezähmte und gedankenlose Mädchen von dem blühenden, erröthenden, nachdenkenden Weibe trennt. Es ist, wie wenn man aus den flachen, schaalen, langweiligen Ebenen der Mancha in die üppigen Thäler und schwellenden Hügel Andalusiens übergeht. Zayda war groß und schön gebildet, und hatte eine stolze Haltung und ein durchdringendes Auge. Sie trat mit gemessenem und entschiedenem Schritte ein, und machte Mahomed eine tiefe Verbeugung, ihn mehr als ihren Fürst, denn als ihren Vater behandelnd. Zorayda war von mittlerem Wuchse mit einem bezaubernden Blick und leichter Haltung, und einer glänzenden Schönheit, welche durch den Beistand des Putztisches noch erhöht wurde. Mit einem Lächeln näherte sie sich ihrem Vater, küßte ihm die Hand, und grüßte ihn mit mehreren Strophen aus einem beliebten arabischen Dichter, was dem König große Freude machte. Zorahayda war scheu und schüchtern, kleiner als ihre Schwestern, und besaß eine Schönheit jener zarten, bittenden Art, die Liebe und Schutz sucht. Sie war wenig geeignet zu befehlen, wie ihre ältere Schwester, oder zu blenden, wie die zweite; sie war eher geschaffen, sich an die Brust männlicher Liebe zu schmiegen, sich darin festzusetzen, und glücklich zu werden. Mit schüchternem und fast wankendem Schritt trat sie an ihren Vater heran, und würde seine Hand gefaßt haben, um sie zu küssen, wenn sie nicht in sein Antlitz emporgesehen hätte; da sie bemerkte, daß ein väterliches Lächeln darauf glänzte, machte sich die Zärtlichkeit ihres Wesens Luft, und sie warf sich an seine Brust. Mahomed der Linkische sah auf seine Töchter mit einem Gemisch von Stolz und Verlegenheit; denn während er über ihre Reize entzückt war, gedachte er der Prophezeihung der Astrologen. »Drei Töchter! drei Töchter!« murmelte er wiederholt für sich: »und alle in mannbarem Alter! das sind verführerische Hesperiden-Früchte, welche die Wache eines Drachen fordern.« Er schickte sich zur Rückkehr nach Granada an, und wandte Herolde vor sich her, mit dem Befehl, niemand auf dem Weg, welchen er nehme, weilen, und bei dem Herannahen der Prinzessinnen alle Thüren und Fenster schließen zu lassen. Als dieß bestellt, brach er unter dem Geleite einer Schaar schwarzer Reiter von scheußlichem Anblick, und in glänzende Rüstungen gehüllt, auf. Die Prinzessinnen ritten, sorgfältig verschleiert auf weißen Zeltern mit sammtnen Schabraken, welche mit Gold besetzt waren und auf dem Boden schleiften, neben dem König; die Gebisse und Steigbügel waren von Gold, und die seidnen Zügel mit Perlen und Edelsteinen geschmückt. Die Zelter waren mit kleinen Silberglocken behängt, welche, während sie zierlich dahinschritten, das harmonischeste Klingeln hören ließen. Wehe aber dem unglücklichen Wichte, welcher auf dem Weg zauderte, wenn er das Klingeln dieser Glöckchen hörte! – Die Wachen hatten Befehl, ihn ohne Gnade niederzuhauen. Der Reiterzug näherte sich Granada, als er an den Ufern des Flusses Xenil eine kleine Schaar mauerischer Soldaten, welche Gefangene führten, einholte. Es war für die Soldaten zu spät, aus dem Wege zu gehen; sie warfen sich daher mit ihren Gesichtern auf die Erde, und befahlen ihren Gefangenen, ein Gleiches zu thun. Unter den Gefangenen waren dieselben drei Ritter, welche die Prinzessinnen vom Pavillon aus gesehen hatten. Sie hatten den Befehl entweder nicht verstanden, oder waren zu stolz, um ihm zu gehorchen, und blieben stehen, und betrachteten den Reiterzug, der sich näherte. Der Zorn des Monarchen entbrannte bei diesem auffallenden Trotz gegen seine Befehle. Er zog seinen Säbel, sprengte vorwärts, und war im Begriff, einen linkhändigen Streich zu führen, der wenigstens einem der Schauenden tödtlich werden konnte, als die Prinzessinnen sich um ihn drängten, und um Gnade für die Gefangenen baten; selbst die furchtsame Zorahayda vergaß ihre Scheue, und wurde beredt zu ihren Gunsten. Aufgehobenen Säbels hielt Mahomed ein, als der Führer der Wachen sich ihm zu Füssen warf. »Deine Majestät,« sagte er, »lasse sich zu keiner That verleiten, welche in dem ganzen Königreich große Aergerniß erregen könnte. Du siehst drei tapfere und edle spanische Ritter vor dir, welche, wie Löwen fechtend, im Kampf gefangen wurden; sie sind von hoher Geburt, und können ein großes Lösegeld einbringen.« – »Genug!« sagte der König, »ich werde ihr Leben schonen, aber ihre Kühnheit bestrafen; – setzt sie in den rothen Thurm, und gebt ihnen schwere Arbeit.« Mahomed machte einen seiner gewöhnlichen linkischen Streiche. In dem Tumult und der Erregung dieses stürmischen Auftritts waren die Schleier der drei Prinzessinnen zurückgefallen, und der Glanz ihrer Schönheit enthüllt worden; und durch die Verlängerung der Verhandlung hatte diese Schönheit Zeit gewonnen, ihre volle Wirkung zu thun. In jener Zeit verliebten sich die Leute viel schneller als jetzt, wie die alten Geschichten darthun; man darf sich daher nicht wundern, daß die Herzen der drei Ritter vollkommen gefesselt wurden, besonders da sich die Dankbarkeit zu ihrer Bewunderung gesellte; es ist jedoch etwas wunderbar, obschon darum nicht minder gewiß, daß jeder von ihnen in eine andere Schönheit verliebt war. Was die Prinzessinnen betrifft, so waren sie mehr denn je über die edle Haltung der Gefangenen erstaunt, und pflegten in ihren Herzen alles liebevoll, was sie von ihrer Tapferkeit und edlem Geblüt gehört hatten. Die Reiter setzten ihren Weg fort; die drei Prinzessinnen ritten nachdenklich auf ihren klingelnden Zeltern entlang, und warfen zuweilen einen verstohlenen Blick zurück nach den christlichen Gefangenen, und die letztern wurden in ihr angewiesenes Gefängniß im rothen Thurm gebracht. Die für die Prinzessinnen eingerichtete Wohnung war eine der zierlichsten, die man sich denken kann. Sie war in einem Thurm, etwas abgesondert von dem Hauptpalaste der Alhambra, obgleich durch die Hauptmauer, welche den ganzen Gipfel des Hügels umgab, mit ihm verbunden. Auf der einen Seite überschaute man hier das Innere der Veste, und blickte an dem Fuße des Thurms auf einen kleinen mit den seltensten Blumen geschmückten Garten. Auf der andern Seite hatte man die Aussicht auf eine tiefe belaubte Schlucht, welche das Gebiet der Alhambra von dem des Generalife trennte. Das Innere des Thurms war in kleine feenhafte Gemächer getheilt, welche schön in dem leichten arabischen Style ausgeschmückt waren, und einen hohen Saal umgaben, dessen gewölbte Decke fast bis zum Gipfel des Thurms emporstieg. Die Wände und das Getäfel des Saals waren mit Arabesken und erhabener Arbeit, von Gold und glänzenden Farben funkelnd, geziert. In der Mitte des Marmorbodens war ein Alabasterbrunnen, der ringsum mit aromatischem Gesträuch und Blumen besetzt war, und einen Wasserstrahl emporsandte, welcher das ganze Gebäude kühlte, und einen lieblich sanften Ton verbreitete. Um den Saal hingen Käfige von Gold und Silberdraht, in welchen Singvögel von dem schönsten Gefieder so wie der süßesten Stimme waren. Da die Prinzessinnen als stets fröhlich geschildert worden waren, so lange sie das Schloß Salobrenna bewohnten, so erwartete der König, sie entzückt von der Alhambra zu sehen. Zu seiner Verwunderung aber fingen sie an, sich zu grämen, und melancholisch und unzufrieden mit allem um sie her zu werden. Die Blumen gaben ihnen keinen Duft, der Gesang der Nachtigal störte ihre Nachtruhe, und der Alabasterbrunnen mit seinem ewigen Getropf und Geplätscher, von Morgen bis zur Nacht und von der Nacht bis zum Morgen, brachte sie um alle Geduld. Der König, der etwas mürrischer und tyrannischer Natur war, nahm dies anfangs sehr ungnädig auf; allein er bedachte, daß seine Töchter ein Alter erreicht hätten, wo der weibliche Geist sich ausdehnt, und seine Wünsche sich vermehren. »Sie sind keine Kinder mehr,« sagte er zu sich selbst: »sie sind Jungfrauen geworden, und verlangen passende Gegenstände, welche sie anziehen.« Er ließ demnach alle Schneider, alle Juweliere, alle Gold- und Silberarbeiter in dem ganzen Zacatin von Granada in Anspruch nehmen, und die Prinzessinnen wurden mit Kleidern von Seide und Goldstoff und Brokat, und Kasimir-Shawls und Halsbändern von Perlen und Diamanten, und Ringen und Spangen und Armbändern und allen Arten von kostbaren Dingen überschüttet. Allein es half alles nichts; die Prinzessinnen blieben blaß und schmachtend inmitten ihres Putzes, und sahen aus, wie drei verdorrende Rosenknospen, die an einem Stengel schmachten. Der König wußte nicht, was er thun sollte. Er hatte im Allgemeinen ein lobenswerthes Vertrauen in sein eigenes Urtheil, und nahm nie Rath an. Die Launen und Einfälle drei mannbarer Töchter aber reichten hin, sagte er, den schlauesten Kopf zu verwirren. So nahm er zum ersten Mal in seinem Leben Rath zu Hülfe. Die Person, an welche er sich wandte, war die erfahrne Duenna. »Kadiga,« sagte der König, »ich weiß, du bist eine der klügsten Frauen der Welt, so wie eine der treuesten; aus diesen Gründen habe ich dich immer um meine Töchter gelassen. Väter können nicht zu genau zusehen, wem sie ein solches Vertrauen schenken; ich wünschte jetzt, daß du die geheime Krankheit ausfindig machtest, welche an den Prinzessinnen zehrt, und daß du auf Mittel sinnst, sie der Gesundheit und Freude zurückzugeben.« Kadiga versprach unbedingten Gehorsam. In der That wußte sie mehr von der Krankheit der Prinzessinnen, als diese selbst. Sie schloß sich jedoch mit ihnen ein, und bemühte sich, in ihr Vertrauen sich einzuschmeicheln. »Meine liebe Kinder,« sagte sie: »warum seyd ihr so betrübt und niedergeschlagen, an einem so schönen Orte, wo ihr alles habt, was das Herz wünschen kann?« Die Prinzessinnen schauten gedankenlos im Zimmer umher und seufzten. »Was wollt ihr denn mehr haben? Soll ich euch den wundervollen Papagei verschaffen, der alle Sprachen spricht und das Vergnügen von Granada ist?« »Abscheulich!« rief Prinzessin Zayda: »ein häßlicher, kreischender Vogel, der Worte ohne Gedanken schnattert; man müßte hirnlos seyn, solch eine Pest zu ertragen.« »Soll ich nach einem Affen vom Felsen Gibraltars schicken, um euch durch seine Schwänke zu zerstreuen?« »Ein Affe, pfui!« rief Zorayda: »der abscheuliche Nachahmer des Menschen. Ich hasse das widerliche Thier.« »Was sagt ihr zu dem berühmten schwarzen Sänger Casem, aus dem königlichen Harem von Marocco? Er soll eine Stimme haben, so schön, wie die eines Weibes.« »Mich erschreckt der Anblick dieser schwarzen Sclaven,« sagte die zarte Zorahayda. »überdies habe ich alle Freude an der Musik verloren.« »Ach, mein Kind, ihr würdet nicht so sprechen,« sagte die alte Frau listig, »wenn ihr die Musik hörtet, die ich die letzte Nacht von den drei spanischen Rittern, denen wir auf unserer Reise begegneten, gehört hättet. Aber Himmel, Kinder, was gibt es denn, daß ihr so erröthet und in solche Glut gerathet?« »Nichts, nichts, gute Mutter; bitte, fahre fort.« »Gut; als ich gestern Abend an dem rothen Thurm vorbei kam, sah ich die drei Ritter, die nach ihrer Tagesarbeit ausruhten. Der eine spielte auf der Guitarre – so schön! und die andern sangen abwechselnd, und zwar so, daß selbst die Wachen wie Statüen oder bezauberte Männer aussahen. Allah verzeihe mir. Ich konnte nicht umhin, mich gerührt zu fühlen, als ich die Lieder meines Heimathlandes hörte. Und dann – drei so edle und schöne Jünglinge in Ketten und Sclaverei zu sehen!« Hier konnte die gutmüthige alte Frau sich der Thränen nicht erwehren. »Vielleicht könntest du es einrichten, Mutter, daß wir diese drei Ritter sehen,« sagte Zayda. »Ich glaube,« sagte Zorayda, »ein wenig Musik könnte uns ziemlich erheitern.« Die schüchterne Zorahayda sagte nichts, aber sie schlang ihren Arm um Kadiga's Hals. »Allah sey mit mir!« rief die kluge alte Frau: »was sagt ihr da, meine Kinder? Euer Vater ließ uns alle umbringen, wenn er so etwas hörte. Gewiß, diese Ritter sind sichtlich wohlerzogene und hochherzige Jünglinge; allein was hilft es? sie sind die Feinde unseres Glaubens und ihr dürft nicht einmal ohne Abscheu an sie denken.« Es ist eine bewundernswürdige Kühnheit in der weiblichen Willenskraft, besonders wenn sie mannbaren Alters sind, welche weder durch Gefahr noch durch Verbote eingeschüchtert wird. Die Prinzessinnen umringten ihre alte Duenna, und liebkoseten sie und baten und schworen, eine abschlägige Antwort würde ihre Herzen brechen. Was konnte sie thun? Sie war ohne Frage die klügste alte Frau in der ganzen Welt und eine der treuesten Dienerinnen des Königs; aber konnte sie die Herzen von drei schönen Prinzessinnen brechen sehen, wegen des bloßen Geklimpers einer Guitarre? Ueberdies war sie, obgleich sie nun so lange unter den Mauren war und nach dem Beispiel ihrer Gebieterin als treue Geleiterin ihren Glauben geändert hatte, eine geborene Spanierin und trug die Sehnsucht nach dem Christenthum in ihrem Herzen. So sah sie sich um, wie die Wünsche der Prinzessinnen zu befriedigen wären. Die christlichen Gefangenen, die in dem rothen Thurme wohnten, standen unter der Aufsicht eines dickbärtigen, breitschultrigen Renegaten, Hussein Baba genannt, der in dem Rufe stand, die kitzlichste Hand zu haben. Sie begab sich heimlich zu ihm, ließ ein großes Goldstück in seine Hand gleiten und sagte: »Hussein Baba, meine Herrinnen, die Prinzessinnen, welche in dem Thurme eingeschlossen sind und aller Unterhaltung entbehren, haben von den musikalischen Talenten der drei spanischen Ritter gehört und möchten gern eine Probe ihrer Geschicklichkeit hören. Ich bin überzeugt, du bist zu gutherzig, um ihnen eine so unschuldige Freude zu versagen.« »Wie? damit mein Kopf über dem Thore meines eigenen Thurmes grinzt? denn das wäre der Lohn, wenn es der König entdeckte.« »Keine Gefahr der Art droht; die Sache läßt sich so einleiten, daß die Laune der Prinzessinnen befriedigt werden kann, ohne daß ihr Vater deshalb klüger wird. Du kennst die tiefe Schlucht außerhalb der Mauer, die unmittelbar unter dem Thurme hinzieht. Laß dort die drei Christen arbeiten und in ihren Ruhestunden laß sie spielen und singen, als wär' es zu ihrer eignen Unterhaltung. Dadurch werden die Prinzessinnen im Stande seyn, sie von den Fenstern des Thurmes zu hören und du darfst überzeugt seyn, daß sie die Gefälligkeit reichlich belohnen.« Als die gute alte Frau ihre Anrede schloß, drückte sie freundlich die rauhe Hand des Renegaten und ließ ein zweites Goldstück darin zurück. Ihre Beredsamkeit war unwiderstehlich. Schon am nächsten Tag mußten die drei Ritter in der Schlucht arbeiten. Während der Mittagshitze saßen sie, während ihre Unglücksgefährten in dem Schatten schliefen und die Wache schlaftrunken auf ihrem Posten nickte, unter dem Laubwerk am Fuße des Thurmes und sangen einen spanischen Rundgesang zur Begleitung der Guitarre. Das Thälchen war tief, der Thurm war hoch, aber ihre Stimmen erhoben sich vernehmlich in der Stille des Sommernachmittags. Die Prinzessinnen lauschten von ihrem Balkon; ihre Duenna hatte sie die spanische Sprache gelehrt und die Zärtlichkeit des Liedes rührte sie. Allein die kluge Kadiga war schrecklich betroffen. »Allah bewahre uns!« rief sie: »sie singen ein Liebesliedchen, das an euch gerichtet ist. Hat je ein Sterblicher solch eine Kühnheit gehört? Ich will zu dem Sclavenaufseher eilen und ihnen eine tüchtige Bastonade auswirken.« »Wie? die Bastonade solchen edeln Rittern und deshalb, weil sie so lieblich singen?« die drei Prinzessinnen schauderten bei diesem Gedanken. Bei allem ihrem tugendhaften Zorne war die gute alte Frau sehr versöhnlichen Charakters und leicht zu besänftigen. Außerdem schien die Musik einen wohlthuenden Einfluß auf ihre junge Herrinnen gehabt zu haben. Eine rosige Glut färbte bereits ihre Wangen und ihre Augen fingen an zu funkeln. Sie machte daher keine ferneren Einwendungen gegen das Liebeslied der Ritter. Als es vollendet war, blieben die Prinzessinnen eine Zeitlang stumm; endlich nahm Zorayda eine Laute auf und sang mit süßer, obgleich schwacher und bebender Stimme ein kleines arabisches Lied, dessen Refrain lautete: »die Rose ist unter ihren Blättern versteckt, aber sie lauscht mit Vergnügen dem Gesang der Nachtigal.« Von dieser Zeit an arbeiteten die Ritter fast täglich in dem Abhang. Der gewissenhafte Hussein Baba wurde immer nachsichtiger und schlief täglich lieber auf seinem Posten. Eine Zeitlang wurde eine Art Verkehr durch beliebte Gesänge und Romanzen unterhalten, welche sich gewissermaßen auf einander bezogen und die Gefühle der Betheiligten aussprachen. Allmählig zeigten sich die Prinzessinnen auf dem Balkon, wenn sie dies thun konnten, ohne von den Wachen bemerkt zu werden. Sie unterhielten sich auch mit den Rittern durch Blumen, mit deren bildlicher Sprache sie wechselseitig bekannt waren: die Schwierigkeiten ihres Verkehres erhöhte dessen Reiz und stärkte die Leidenschaft, die so seltsam entstanden war; denn die Liebe kämpft gern mit Schwierigkeiten und gedeiht am besten auf dem ärmlichsten Boden. Die durch diesen geheimen Verkehr bewirkte Veränderung in den Blicken und dem Geiste der Prinzessinnen überraschte und erfreute den linkischen König; niemand aber war stolzer als die kluge Kadiga, die alles ihrer geschickten Anordnung zuschreiben zu dürfen glaubte. Endlich wurde diese telegraphische Korrespondenz unterbrochen: mehrere Tage hindurch ließen sich die Ritter nicht mehr in der Schlucht sehen. Die drei schönen Prinzessinnen sahen fruchtlos aus ihrem Thurme. Fruchtlos neigten sie ihre schwanengleichen Hälse über den Balkon; fruchtlos sangen sie wie gefangene Nachtigallen aus ihren Käfigen: nichts war von ihren christlichen Liebhabern zu sehen; nicht ein Laut antwortete aus dem Laubwerk. Die kluge Kadiga eilte nach Kundschaft aus und kam bald mit einem unruhevollen Gesichte zurück. »Ach, meine Kinder,« sagte sie, »ich sah, wohin dies alles führen würde; allein ihr wolltet euern Willen haben; ihr könnt nun eure Lauten an den Weiden aufhängen. Die spanischen Ritter sind von ihren Familien losgekauft worden; sie sind drunten zu Granada und rüsten sich zur Rückkehr in ihre Heimath.« Diese Nachricht setzte die drei schönen Prinzessinnen in Verzweiflung. Die schöne Zayda war erzürnt über diese ihnen angethane Geringschätzung, indem sie so ohne ein Abschiedswort verlassen worden. Zorayda rang ihre Hände und weinte, und blickte in den Spiegel und wischte sich die Thränen weg und weinte von neuem. Die holde Zorahayda lehnte sich auf den Balkon und weinte schweigend, und ihre Thränen fielen Tropfen um Tropfen in die Blumen des Abhangs, auf dem die treulosen Ritter so oft gesessen. Die kluge Kadiga that alles, was sie konnte, um ihren Kummer zu mildern. »Tröstet euch, meine Kinder,« sagte sie: »dies ist nichts, wenn ihr daran gewöhnt seyd. Es geht in der Welt nicht anders. Ach, wenn ihr so alt seyn werdet, wie ich, werdet ihr schon den Werth dieser Männer kennen. Ich steh' euch dafür, diese Ritter haben ihre Geliebten unter den Schönheiten Cordova's und Sevilla's und werden bald unter ihren Balkons Nachtständchen bringen, und nicht mehr an die maurischen Schönheiten in der Alhambra denken. Tröstet euch deshalb, meine Kinder, und verbannt sie aus euern Herzen.« Die ermunternden Worte der klugen Kadiga verdoppelten nur den Schmerz der drei Prinzessinnen, und zwei Tage lang waren sie untröstlich. Am Morgen des dritten trat die gute alte Frau in ihr Gemach, ganz außer sich vor Unwillen. »Wer hätte sterblichen Menschen eine solche Frechheit zugetraut!« rief sie, sobald sie Worte finden konnte, um ihre Gefühle auszudrücken: »aber dies ist die Strafe, daß ich zur Täuschung eures würdigen Vaters die Hand lieh. Sprecht mir nicht mehr von euren spanischen Rittern.« »Ei, was hat es gegeben, gute Kadiga?« riefen die Prinzessinnen in athemloser Angst. »Was es gegeben hat? – Verrath hat es gegeben; oder was fast eben so schlimm ist, Verrath ist mir zugemuthet worden, mir, der redlichsten aller Unterthanen, der treuesten aller Duennas. Ja, meine Kinder, die spanischen Ritter haben es gewagt, mich gewinnen zu wollen, euch zu überreden, mit ihnen nach Cordova zu flüchten und ihre Frauen zu werden.« Hier bedeckte die treffliche alte Frau ihr Gesicht mit ihren Händen und gab dem heftigen Ausbruch des Kummers und Unwillens Raum. Die drei schönen Prinzessinnen wurden roth und blaß, und blaß und roth, und zitterten und blickten zu Boden und sahen scheu einander an, aber sie sagten nichts. Mittlerweile saß die alte Frau da und wiegte sich vorwärts in wilder Bewegung und brach dann und wann in den Ausruf aus: »daß ich eine solche Beleidigung erleben mußte – ich, die treueste der Dienerinnen!« Endlich näherte sich ihr die älteste Prinzessin, die den meisten Muth hatte und immer voran war, legte die Hand auf ihre Schulter und sagte: »Nun, Mutter, angenommen, wir wären gesonnen, mit diesen christlichen Rittern zu fliehen – ist so etwas unmöglich?« Die gute alte Frau ließ plötzlich von ihrem Gram und blickte auf. »Möglich!« wiederholte sie: »gewiß möglich ist es. Haben die Ritter nicht bereits Hussein Baba, den Renegaten und Anführer der Wache bestochen und den ganzen Plan gemacht? Aber dann – nur zu denken, euren Vater zu hintergehen? Euren Vater, der so viel Vertrauen in mich setzte.« Hier gab die würdige Frau einem neuen Ausbruch des Kummers Raum, wiegte sich wieder vorwärts und rückwärts und rang die Hände. »Aber unser Vater hat nie Vertrauen in uns gesetzt,« sagte die älteste Prinzessin, »sondern hat uns Riegeln und Schlössern vertraut und als Gefangene behandelt.« »Nun, das ist sehr wahr,« erwiederte die alte Frau, sich wieder ihrem Grame entschlagend: »er hat euch freilich unvernünftig behandelt, daß er euch hier einschloß, die Blüthe eures Lebens in einem langweiligen alten Thurm zu vergeuden, wie Rosen, die man in einem Blumentopf verwelken läßt. Aber dann – aus eurem Geburtsland zu fliehen!« »Und ist das Land, in das wir fliehen, nicht das Geburtsland unsrer Mutter, wo wir in Freiheit leben werden? Und wird nicht jede von uns, statt eines strengen alten Vaters, einen jungen Gatten haben?« »Nun, auch das ist alles wahr; und euer Vater, ich muß es gestehen, ist etwas tyrannisch; aber dann – wieder in ihren Kummer verfallend – »wollt ihr mich zurücklassen, um seiner Rache zuerst blos gestellt zu seyn?« »Keineswegs, meine gute Kadiga! kannst du nicht mit uns fliehen?« »Sehr wahr, mein Kind; und, die Wahrheit zu sagen, als ich die Sache mit Hussein Baba besprach, gab er mir sein Wort, für mich zu sorgen, wenn ich euch auf eurer Flucht begleiten wollte: aber dann überlegt es, Kinder, wollt ihr dem Glauben eures Vaters entsagen?« »Der christliche Glaube war der ursprüngliche Glaube unserer Mutter,« sagte die älteste Prinzessin, »ich bin bereit, ihn anzunehmen, und gewiß, meine Schwestern auch.« »Abermals recht!« rief die alte Frau, sich erheiternd: »er war der ursprüngliche Glaube eurer Mutter und bitterlich hat sie es an ihrem Todbette beklagt, daß sie ihm entsagt hatte. Da versprach ich ihr, für eure Seelen zu sorgen und freue mich zu sehen, daß ihr auf dem rechten Wege des Heils seyd. Ja, meine Kinder, auch ich bin eine geborne Christin, bin eine Christin im Herzen geblieben und fest entschlossen, zu dem Glauben zurückzukehren. Ich habe von der Sache mit Hussein Baba gesprochen, der von Geburt ein Spanier ist und von einem Orte herstammt, der nicht weit von meiner Vaterstadt liegt. Auch er ist begierig, seine Heimath wiederzusehen und sich mit der Kirche zu versöhnen; und die Ritter haben versprochen, für uns, wenn wir geneigt wären, nach der Rückkehr in das Vaterland uns zu verehelichen, anständig zu sorgen.« Mit einem Worte, es zeigte sich, daß diese äußerst kluge und vorsichtige alte Frau mit den Rittern und dem Renegaten Rath gepflogen und den ganzen Plan der Flucht verabredet hatte. Die älteste Prinzessin stimmte ihm sogleich bei, und ihr Beispiel bestimmte, wie gewöhnlich, den Entschluß ihrer Schwestern. Es ist wahr, die jüngste zauderte, denn sie war zart und schüchtern und es bekämpften sich in ihrem Herzen kindliches Gefühl und jugendliche Leidenschaft: die letztere aber trug, wie gewöhnlich, den Sieg davon und mit stummen Thränen und erstickten Seufzern bereitete sie sich zur Flucht. Der schroffe Hügel, auf welchem die Alhambra gebaut ist, hatte in alten Zeiten eine Menge unterirrdischer Gänge, die durch die Felsen gehauen waren, und aus der Veste zu verschiedenen Theilen der Stadt und zu fernen Ausfallspforten an den Ufern des Darro und des Xenil führten. Sie waren zu verschiedenen Zeiten von den maurischen Königen als Mittel zur Flucht bei plötzlichen Empörungen, oder als geheime Ausgänge bei Privat-Unternehmungen gebaut worden. Viele von ihnen sind jetzt kürzlich eingestürzt, während andere theils mit Schutt bedeckt, theils vermauert sind – Denkmäler der eifersüchtigen Vorsicht und der Kriegslist der maurischen Regierung. Durch eine dieser Gänge hatte Hussein Baba es unternommen, die Prinzessinnen zu einer Ausfallspforte jenseits der Mauer der Stadt zu führen, wo die Ritter mit schnellen Rossen bereit seyn sollten, um die ganze Gesellschaft über die Grenze zu bringen. Die anberaumte Nacht kam; der Thurm der Prinzessinnen wurde, wie gewöhnlich, verschlossen und die Alhambra war in tiefen Schlaf begraben. Gegen Mitternacht lauschte die kluge Kadiga von dem Balkon eines Fensters, das in den Garten ging. Hussein Baba, der Renegat, war bereits unten und gab das verabredete Zeichen. Die Duenna befestigte das Ende einer Strickleiter an dem Balkon, ließ es in den Garten und stieg hinab. Die zwei Prinzessinnen folgten ihr klopfenden Herzens; als aber die Reihe an die jüngste Prinzessin, Zorahayda, kam, zauderte und bebte diese. Mehrere Male wagte sie es, den zarten kleinen Fuß auf die Leiter zu setzen und eben so oft zog sie ihn zurück, während ihr armes kleines Herz mehr und mehr zitterte, je länger sie zögerte. Sie warf einen kummervollen Blick zurück in das seidene Gemach; sie hatte darin freilich gelebt, wie ein Vogel in seinem Käfig; aber innerhalb desselben war sie sicher: wer konnte ihr sagen, welche Gefahren ihr drohten, wenn sie in die weite Welt hinaus flatterte? Dann aber dachte sie an ihren edlen christlichen Geliebten und ihr kleiner Fuß war augenblicklich auf der Leiter; und plötzlich fiel ihr der Vater ein und sie bebte zurück. Aber vergeblich ist der Versuch, den Kampf in der Brust eines Wesens zu schildern, das so jung und zärtlich und liebend, aber so schüchtern und so unbekannt mit der Welt war. Umsonst das Bitten der Schwestern, das Schelten der Duenna, das Fluchen des Renegaten unter dem Balkon, die holde kleine maurische Maid stand ungewiß und schwankend an dem Rande der Entweichung, von der Süße der Sünde gelockt, aber durch ihre Gefahren geschreckt. Jeder Augenblick vermehrte die Gefahr der Entdeckung. Ein ferner Tritt wurde gehört. »Die Wachen machen die Runde,« rief der Renegat, »wenn wir zaudern, sind wir verloren. Prinzessin, steigt alsbald nieder oder wir lassen euch zurück.« Zorahayda war einen Augenblick in furchtbarer Erregung; dann machte sie mit verzweifeltem Entschluß die Strickleiter los und warf sie vom Balkon. »Es ist entschieden!« rief sie: »die Flucht ist mir jetzt unmöglich. Allah geleite und segne euch, meine theuren Schwestern.« Den zwei ältesten Prinzessinnen war der Gedanke, sie zurückzulassen, peinvoll und sie hätten gern gezögert, aber die Wache kam näher; der Renegat war wüthend und sie wurden in aller Eile fort zu dem unterirdischen Gang gebracht. Sie tappten durch ein schauderhaftes Labyrinth, welches durch das Herz des Felsen gehauen war und erreichten glücklich und unentdeckt ein eisernes Thor, das sich außerhalb der Mauern öffnete. Hier empfingen sie die spanischen Ritter, als maurische Soldaten verkleidet, und von dem Renegaten angeführt. Zorahayda's Anbeter war außer sich, als er hörte, daß sie sich geweigert habe, den Thurm zu verlassen; allein es war keine Zeit mit Klagen zu verlieren. Die zwei Prinzessinnen nahmen ihre Sitze hinter ihren Liebhabern ein, die kluge Kadiga stieg hinter dem Renegaten auf und alle ritten in raschem Schritt nach der Richtung des Passes von Lope hin, der durch die Gebirge nach Cordova führt. Sie waren noch nicht weit, als sie das Lärmen von Trommeln und Trompeten von den Zinnen der Alhambra hörten. »Unsere Flucht ist entdeckt,« sagte der Renegat. »Wir haben schnelle Rosse, die Nacht ist dunkel und wir können jeder Verfolgung zuvorkommen,« erwiederten die Ritter. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und flogen durch die Vega, Sie kamen an den Fuß des Elvira-Berges, der wie ein Vorgebirg in die Ebene hereinragt. Der Renegat hielt an und lauschte. »Bis jetzt,« sagte er, »ist uns noch keiner auf der Spur; wir werden die Gebirge glücklich erreichen.« Während er sprach, stieg auf der Zinne des Wartthurms der Alhambra ein blasses Feuer in einer lichten Flamme auf. »Verderben!« rief der Renegat: »dieses Feuer wird alle Wachen der Pässe in Bewegung setzen. Fort! fort! Spornt wie toll – es ist keine Zeit zu verlieren.« Sie stürzten fort – der Schall der Hufe ihrer Pferde hallte von Fels zu Fels wieder, als sie den Pfad entlang flogen, der an dem Felsberg von Elvira hinzieht. Während sie dahin sprengten, sahen sie, daß das blasse Feuer der Alhambra in allen Richtungen beantwortet ward; Licht auf Licht entflammte auf den Atalayas oder Wartthürmen der Berge. »Vorwärts, vorwärts!« rief der Renegat unter manchem Fluch: »zur Brücke, ehe das Lärmzeichen dort gesehen wird.« Sie kamen um den Vorsprung der Berge und sahen die berühmte Puente del Pinos, die einen wilden, oft von Christen- und Mosleminen-Blut gefärbten Fluß kreuzt. Zu ihrem Schrecken flammte der Thurm an der Brücke von Lichtern und glänzte von bewaffneten Leuten. Der Renegat hielt sein Pferd an, erhob sich in den Steigbügeln und schaute einen Augenblick umher, dann winkte er den Rittern, verließ den Weg, ritt eine Zeitlang den Fluß entlang und stürzte dann in seine Wellen. Die Ritter mahnten die Prinzessinnen, sich an ihnen festzuhalten, und folgten dem Renegaten. Der rasche Strom riß sie eine Strecke abwärts und die Wogen brüllten um sie; allein die schönen Prinzessinnen hielten sich an ihren christlichen Rittern fest und ließen nie eine Klage hören. Die Ritter erreichten glücklich das jenseitige Ufer und wurden von dem Renegaten auf rauhen und unbesuchten Wegen, und wilde Barrancos durch das Herz des Gebirgs geführt, so daß alle gewöhnlichen Pässe umgangen wurden. Mit einem Worte, es gelang ihnen, die alte Stadt Cordova zu erreichen, wo ihre Rückkehr in die Heimath und zu den Freunden mit großen Lustbarkeiten gefeiert wurde, denn sie gehörten zu den edelsten Familien. Die schönen Prinzessinnen wurden alsbald in den Schoos der Kirche aufgenommen und nachdem sie in der gebührenden Form Bekennerinnen des Christenthums geworden waren, wurden sie zu glücklichen Frauen gemacht. In unserer Eile, die Flucht der Prinzessinnen durch den Strom und die Berge hinan zu schildern, vergaßen wir des Looses der klugen Kadiga zu gedenken. Sie hatte sich bei dem Fluge durch die Vega wie eine Katze an Hussein Baba geklammert, bei jedem Satze laut schreiend und dem bärtigen Renegaten manchen Fluch entlockend; als er sich aber anschickte, in den Fluß zu stürzen, kannte ihre Angst keine Grenzen. »Klammre dich fest an mich,« rief Hussein Baba: »halte dich an meinem Gürtel und bange nicht.« Sie hielt sich mit beiden Händen an dem ledernen Gürtel fest, welcher den breitrückigen Renegaten umschloß; als er aber mit den Rittern auf dem Berggipfel anhielt, um Luft zu schöpfen, war die Duenna nicht mehr zu sehen. »Was ist aus Kadiga geworden,« riefen die Prinzessinnen bestürzt. »Allah allein weiß es!« erwiederte der Renegat. »mein Gürtel ging inmitten des Flusses los und Kadiga wurde mit ihm stromabwärts gerissen. Der Wille Allah's geschehe! Aber es war ein gestickter Gürtel und von hohem Werthe.« Es war keine Zeit mit vergeblichem Bedauern zu verlieren; doch beweinten die Prinzessinnen den Verlust ihrer klugen Rathgeberin bitterlich. Diese treffliche alte Frau verlor jedoch nicht mehr als die Hälfte ihrer neun Leben: ein Fischer, der etwas weiter stromabwärts seine Netze einzog, brachte sie auf's Land und war über seinen wunderbaren Fischfang nicht wenig erstaunt. Die Sage erzählt nicht, was ferner aus der klugen Kadiga geworden; gewiß ist es, daß sie ihre Klugheit dadurch beurkundete, daß sie sich nie wieder in das Bereich Mahomed's des Türkischen wagte. Fast eben so wenig weiß man von dem Verhalten dieses scharfsinnigen Königs, als er die Flucht seiner Töchter und den Betrug entdeckte, den ihm die treueste der Dienerinnen gespielt hatte. Es war das einzige Mal, daß er Jemand um Rath gefragt hatte, und man hörte später nie wieder, daß er sich einer ähnlichen Schwäche schuldig gemacht hätte. Er war jedoch sehr besorgt, die ihm bleibende Tochter, die keine Neigung zum Entweichen hatte, zu bewachen: man glaubt freilich, sie habe es heimlich bereut, zurückgeblieben zu seyn; man sah sie dann und wann sich auf die Zinnen des Thurmes lehnen und traurig auf das Gebirg in der Richtung von Cordova schauen; und manchmal hörte man die Töne ihrer Laute klagende Lieder begleiten, in welchen sie, wie man sagte, den Verlust ihrer Schwestern und ihres Geliebten beklagte und ihr einsames Leben beweinte. Sie starb jung und wurde, dem allgemeinen Gerücht zufolge, in einem Gewölbe unter dem Thurm begraben und ihr früher Tod gab Veranlassung zu mehr als einer märchenhaften Sage. Besucher der Alhambra. Es sind nun fast drei Monate vergangen, seit ich meine Wohnung in der Alhambra aufschlug; das Vorschreiten der Jahreszeit hat seitdem viele Veränderungen hervorgebracht. Als ich hier ankam, war alles in der Frische des Mai's; das Laub der Bäume war noch zart und durchsichtig; die Granate hatte ihre glänzende hochrothe Blüthe noch nicht abgestreift; die Fruchtgärten am Xenil und Darro standen in voller Blüthe; die Felsen waren mit wilden Blumen behangen und Granada schien vollkommen von einer Wildniß von Rosen umgeben, unter welchen unzählige Nachtigallen nicht nur Nachts, sondern den ganzen Tag hindurch sangen. Der vorrückende Sommer hat die Rosen welk und die Nachtigallen stumm gemacht, und das entferntere Land beginnt dürr und versengt auszusehen; aber unmittelbar um die Stadt und in den tiefen engen Thälern am Fuße der schneebekappten Berge herrscht eine ewige Grüne. Die Alhambra hat Plätzchen, welche der zunehmenden Hitze des Sommers angepaßt und unter denen die fast unterirdischen Badezimmer am merkwürdigsten sind. Diese bewahrten noch ihren alten orientalischen Charakter, obgleich die Spuren des Verfalls leider auch hier sichtbar werden. Am Eingang, der in einen kleinen, früher mit Blumen gezierten Hof führt, ist ein Saal, der nicht sehr geräumig, aber leicht und anmuthig gebaut ist. Man kann ihn von einer kleinen Galerie übersehen, die von Marmorsäulen und maurischen Bogen getragen wird. Ein Alabaster-Brunnen in der Mitte des Pflasters hebt noch seine Wasserstrahlen empor, um den Ort zu kühlen. Auf jeder Seite sind tiefe Alkoven mit erhöhtem Boden, wo die aus dem Bade Kommenden sich auf üppige Kissen legten und durch den Duft der gewürzreichen Luft und die sanften Musiktöne von der Galerie in wollüstige Ruhe gewiegt wurden. Jenseits dieses Sälchens sind die inneren noch heimlicheren und abgeschlosseneren Zimmer, in welche das Licht nur durch kleine Oeffnungen in die gewölbten Decken eindrang. Hier war das Allerheiligste der weiblichen Einsamkeit, wo die Schönheiten des Harem's sich der Ueppigkeit der Bäder überließen. Ein sanftes, mysteriöses Licht herrscht allum; die zerbrochenen Bäder sind noch da, so wie Spuren der alten Eleganz. Das durchgehends herrschende Schweigen und Dunkel hat diese Gemächer zum Lieblingsaufenthalt der Fledermäuse gemacht, welche während des Tages in den dunkeln Ecken und Winkeln nisten und, wenn sie aufgescheucht werden, geheimißvoll in den dämmernden Zimmern umherfliegen, und das Verfallene und Verlassene derselben in einem unsäglichen Grade vermehren. In diesem kühlen und zierlichen, obgleich verfallenen Raum, welcher die Frische und Abgeschlossenheit einer Grotte hat, brachte ich in der letzten Zeit die warmen Stunden hin und ging erst gegen Sonnenuntergang heraus; in der Nacht aber nahm ich in dem großen Wasserbehälter des Haupthofes ein Bad. Auf diese Weise war ich im Stand, den erschlaffenden und entnervenden Einfluß des Klima's einigermaßen abzuwehren. Aber mein Traum von absoluter Herrschaft ist zu Ende. Ich wurde kürzlich aus demselben durch den Knall von Feuergewehren aufgeschreckt, welcher an den Thürmen wiederhallte, als wenn das Schloß durch Ueberrumpelung genommen worden wäre. Als ich heraus eilte, fand ich einen alten Cavalier mit einer Anzahl Bedienten im Besitz des Gesandten-Saals. Er ist ein alter Graf, welcher aus seinem Palast zu Granada herausgekommen ist, um eine kurze Zeit der reineren Luft wegen in der Alhambra hinzubringen, und der, als ein alter und eingefleischter Jäger, bemüht war, seinen Appetit für das Frühstück zu schärfen, indem er von den Balkons Schwalben schoß. Es war ein harmloses Vergnügen, denn obgleich er durch die Raschheit seiner Leute im Laden der Gewehre in den Stand gesetzt war, ein lebhaftes Feuer zu unterhalten, konnte ich ihn doch nicht des Todes einer einzigen Schwalbe anklagen. Ja, die Vögel schienen selbst Freude an der Sache zu haben und seines Mangels an Geschick zu spotten, indem sie in Kreisen nahe an den Balkons umherschwärmten und beim Vorbeistreichen zwitscherten. Die Ankunft dieses alten Herrn hat das Ansehen der Dinge einigermaßen geändert, aber auch Stoff zu angenehmen Betrachtungen gegeben. Wir haben schweigend die Herrschaft unter uns getheilt, gleich den letzten Königen von Granada, nur daß wir einen höchst freundschaftlichen Bund unterhalten. Er herrscht unbeschränkt über den Löwenhof und die anstoßenden Säle, während ich in friedlichem Besitz der Gebiete der Bäder und des kleinen Gartens der Lindaraxa bleibe. Wir nehmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich unter den Arkaden des Hofes ein, wo die Brunnen die Luft abkühlen und sprudelnde Bächlein die Rinnen des Marmorbodens entlang laufen. Am Abend sammelt sich ein häuslicher Kreis um den würdigen alten Herrn. Die Gräfin kömmt mit einer Lieblings-Tochter von ungefähr sechszehn Jahren aus der Stadt herauf. Sodann finden sich hier die Bediensteten des Grafen ein, der Kaplan, der Anwald, der Schreiber, der Haushofmeister und andere Offizianten und Geschäftsleute seiner ausgedehnten Besitzungen. So hält er eine Art Privat-Hof, wo Alle zu seiner Unterhaltung beizutragen suchen, ohne ihr Vergnügen und ihre Selbstachtung zu opfern. Warlich, was man auch von dem spanischen Stolze sagen mag, dem geselligen oder häuslichen Leben bleibt er gewiß fern. Unter keinem Volke sind die Verhältnisse zwischen Verwandten herzlicher, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen freier und natürlicher; in diesen Beziehungen hat das Leben in den Provinzen Spaniens vieles von der gerühmten Einfalt der alten Zeiten beibehalten. Jedoch das anziehendste Glied dieser Familien-Gruppe ist die Tochter des Grafen, die reizende, obgleich fast kindliche kleine Carmen. Ihre Gestalt hat ihre Reife noch nicht erlangt, besitzt aber schon das ausgezeichnete Ebenmaß und die geschmeidige Grazie, welche in diesem Lande so vorherrschen. Ihre blauen Augen, ihre schöne Gesichtsfarbe, ihr blondes Haar sind in Andalusien ungewöhnlich und geben ihrem Wesen eine Milde und Holdseligkeit, welche mit dem gewöhnlichen Feuer der spanischen Schönen kontrastirt, aber mit der arglosen und vertrauensvollen Unschuld ihrer Sitten vollkommen übereinstimmt. Sie hat überdies die ganze eingeborne Geschicklichkeit und Gewandtheit ihrer bezaubernden Landsmänninnen und singt, tanzt, und spielt die Guitarre bewundernswürdig. Der Graf gab wenige Tage nach seinem Einzuge in die Alhambra an seinem Namenstag ein kleines Fest, zu welchem er die Glieder seiner Familie und seines Haushalts um sich versammelte, während mehrere alte Diener von seinen entfernten Gütern kamen, um ihm ihre Verehrung zu beweisen und an dem guten Mahle Theil zu nehmen. Diesen patriarchalischen Geist, welcher den spanischen Adel zur Zeit seines Reichthums charakterisirte, hat mit ihrem Vermögen abgenommen; aber einige, die, wie der Graf, ihre alten Familiengüter noch besitzen, behalten ein wenig von der alten Sitte bei und lassen ihre Güter von der Nachkommenschaft müßiger Insassen überschwemmen und fast aufzehren. Zufolge dieser großartigen altspanischen Sitte, an welcher Edelmuth und Nationalstolz gleich Theil haben, wurde ein veralteter Diener nie entlassen, sondern erhielt eine Anstellung für seine übrige Lebenszeit; ja, seine Kinder und Kindeskinder, und oft seine Verwandten, links und rechts, fielen allmählich der Familie zu. Daher waren die großen Paläste des spanischen Adels, welche ein solches Aussehen von leerem Prunke haben, wenn man ihre Ausdehnung mit der Mittelmäßigkeit und Spärlichkeit der Möbel vergleicht, in den goldenen Tagen Spaniens den patriarchalischen Sitten ihrer Besitzer zufolge durchaus nothwendig. Sie waren wenig besser als große Kasernen für die erblichen Geschlechter von Anhängern, welche sich auf Kosten eines spanischen Edlen mästeten. Der würdige alte Graf, der in verschiedenen Theilen des Königreichs Güter hat, versicherte mich, daß manche derselben blos die Schaaren solcher dort eingenisteten Insassen ernährten, welche sich für berechtigt hielten, freie Wohnung auf dem Gute anzusprechen, weil es mit ihren Vorfahren seit mehreren Geschlechtern so gehalten worden. Das Familien-Fest des Grafen unterbrach das gewöhnliche Still-Leben der Alhambra; Musik und Gelächter hallte in ihren sonst so stillen Sälen wieder; Gruppen von Gästen unterhielten sich auf den Galerien und in den Gärten, und geschäftige Diener ans der Stadt eilten durch die Höfe und trugen Gerichte in die alte Küche, welche wieder von den Tritten der Köche und Mägde lebendig ward und vom ungewohnten Feuer erglänzte. Das Fest, denn ein vollständiges spanisches Mittagessen ist ein Fest, wurde in dem schönen maurischen Saal gegeben, »La Sala de las dos Hermanas« (Saal der zwei Schwestern) genannt; die Tafel dröhnte unter der Fülle der Speisen und eine fröhliche Geselligkeit herrschte um den Tisch; denn obgleich die Spanier gewöhnlich ein enthaltsames Volk sind, so sind sie doch bei einem Feste vollkommne Schmauser. Für mich selbst war etwas eigenthümlich Anziehendes darin, bei einem Mahle zu sitzen, das in den königlichen Sälen der Alhambra von dem Stellvertreter eines ihrer berühmtesten Eroberer gegeben wurde; denn der ehrwürdige Graf stammt, obgleich er selbst nicht kriegerischen Geistes ist, in grader Linie von dem »großen Feldherrn,« dem berühmten Gonsalvo de Cordova ab, dessen Schwert er in den Archiven seines Palastes zu Cordova aufbewahrt. Als das Mahl geendigt war, begab sich die Gesellschaft in den Gesandtensaal. Hier trug jeder zur allgemeinen Unterhaltung bei, indem er irgend ein Talent geltend machte; Singen, Improvisiren, Erzählen wundervoller Geschichten oder Tanzen zu dem allum herrschenden Talisman spanischer Freude, der Guitarre. Die Seele und der Zauber der ganzen Gesellschaft jedoch war die reichbegabte kleine Carmen. Sie übernahm eine Rolle in zwei oder drei Scenen aus spanischen Komödien und erwies ein hinreichendes dramatisches Talent; sie gab Nachahmungen beliebter italienischer Sängerinnen mit merkwürdigem und auffallendem Glück, und einer seltenen Schönheit der Stimme; sie ahmte die Dialecte, die Tänze und Balladen der Zigeuner und umwohnenden Landleute nach; that aber alles mit einer Leichtigkeit, einer Zierlichkeit, einer Anmuth und einer durchgehenden Niedlichkeit, welche vollkommen bezaubernd waren. Jedoch der große Reiz ihrer Leistungen war ihr gänzliches Freiseyn von aller Anmaßung oder Ehrgeiz, sich zeigen zu wollen. Sie schien die Vielseitigkeit ihrer eigenen Talente nicht zu kennen, und ist in der That gewöhnt, sie nur zufällig, wie ein Kind, zur Unterhaltung des häuslichen Kreises zu üben. Ihr Beobachtungsgeist und ihr Tact müssen ungemein rasch und fein sey, denn sie hat ihr Leben in dem Schoos ihrer Familie hingebracht und kann nur zufällig und vorübergehend auf die mannigfaltigen Charaktere und Züge geblickt haben, welche sie in Augenblicken geselligen Frohsinns, wie der, von dem hier die Rede ist, aus dem Stegreife zum Besten gab. Mit Freude sieht man die Liebe und Bewunderung, mit welcher jeder aus dem Hause auf sie blickt; es wird nie, selbst nicht von den Bedienten, anders geheißen, als La Ninna, das Kind, eine Bezeichnung, welche, so angewendet, etwas eigenthümlich liebliches und zärtliches in der spanischen Sprache hat. Ich werde nimmer der Alhambra gedenken, ohne mich der lieblichen kleinen Carmen zu erinnern, wie sie in deren Marmorsälen in glücklicher und unschuldiger Lust spielte, zu dem Klang der maurischen Castagneten tanzte, oder den Silberton ihrer Stimme mit der Musik der Brunnen verschmolz. Bei dieser festlichen Gelegenheit wurden viele seltsame und unterhaltende Sagen und Geschichten erzählt, von denen ich viele wieder vergessen habe; eine derselben aber fiel mir am meisten auf und ich will mich bemühen, dem Leser eine Unterhaltung zu bereiten. Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger. Es war einst ein maurischer König von Granada, welcher nur einen Sohn hatte, Ahmed genannt, dem seine Höflinge den Beinamen al Kamel, der Vollkommne, gaben, wegen der unbezweifelbaren Zeichen von Uebervortrefflichkeit, welche sie schon in seiner Kindheit bei ihm bemerkten. Die Astrologen bestärkten sie in ihrer Ahnung, indem sie alle zu seinen Gunsten vorsagten, was zu einem vollkommnen Prinzen und einem glücklichen König gehörte. Eine Wolke nur ruhte auf seinem Schicksal und selbst diese war von rosiger Farbe. Er würde, hieß es, verliebten Charakters seyn und durch diese zärtliche Leidenschaft in große Gefahren gerathen; wenn er aber den Lockungen der Liebe bis zu seinem mannbaren Alter fern gehalten werden könnte, würden diese Gefahren abgewendet und sein späteres Leben eine ununterbrochene Bahn des Glückes seyn. Um alle Gefahren dieser Art abzuwenden, beschloß der König weise, den Prinzen in einer Einsamkeit erziehen zu lassen, wo er nie ein weibliches Antlitz sehen, ja, selbst den Namen Liebe nicht hören könnte. Zu diesem Ende baute er einen schönen Palast auf dem Gipfel des Hügels jenseits der Alhambra, inmitten entzückender Gärten, aber von hohen Mauern umgeben; dieß ist in der That derselbe Palast, den man heut zu Tag unter dem Namen Generalife kennt. In diesen Palast wurde der junge Prinz eingesperrt und der Bewachung und dem Unterricht von Eben Bonabben übergeben, einem der gelehrtesten und ausgetrocknetsten der arabischen Weisen, der den größten Theil seines Lebens in Aegypten mit dem Studium von Hieroglyphen und mit Nachforschungen in den Gräbern und Pyramiden hingebracht hatte und mehr Reize in einer Mumie fand, als in den verführerischesten lebendigen Schönheiten. Der Weise erhielt den Befehl, den Prinzen in allen Arten von Kenntnissen zu unterrichten, eine ausgenommen – er sollte mit der Liebe gänzlich unbekannt bleiben. »Wende zu diesem Zweck jede Vorsicht an, die dir nöthig scheint,« sagte der König, »allein bedenke, o Eben Bonabben, wenn mein Sohn etwas von diesem verbotenen Wissen lernt, so lange er unter deiner Pflege ist, so sollst du mit deinem Kopfe dafür büßen.« Ein verwelktes Lächeln überflog das trockne Gesicht des weisen Bonabben bei dieser Drohung. »Möge dein königliches Herz so unbesorgt um deinen Sohn seyn, wie das meinige um meinen Kopf ist: sehe ich wohl aus, wie jemand, der in der müßigen Liebe Unterricht gibt?« Unter der wachsamen Sorge des Philosophen wuchs der Prinz in der Einsamkeit des Palastes und seiner Gärten auf. Er hatte schwarze Sklaven zur Bedienung – stumme Scheusale, die nichts von Liebe wußten, oder wenn es der Fall war, keine Worte hatten, es mitzutheilen. Seine geistige Ausbildung war die besondere Sorge Eben Bonabben's, der ihn in die tiefsinnige Weisheit Aegyptens einzuweihen suchte; allein darin machte der Prinz kleine Fortschritte und es war augenscheinlich daß er keine Neigung zur Philosophie hatte. Er war jedoch auffallend lenksam für einen jungen Prinzen, bereit jedem Rath zu folgen und von dem letzten Rathgeber stets geleitet. Er unterdrückte sein Gähnen und lauschte geduldig den langen und gelehrten Reden Eben Bonabben's, von welchem er ein wenig aus allen Zweigen des Wissens lernte und so sein zwanzigstes Jahr glücklich erreichte, ein Wunder prinzlicher Weisheit – allein mit der Liebe ganz unbekannt. Um diese Zeit aber änderte sich das Benehmen des Prinzen. Er ließ seine Studien vollständig liegen und lief in dem Garten umher und saß nachdenkend an dem Rande der Brunnen. Unter seine verschiedene Befähigungen gehörte auch ein wenig Musik; sie nahm jetzt einen Theil seiner Zeit hin und eine Neigung für Poesie ward sichtbar. Der weise Eben Bonabben erschrack und bemühte sich, ihm diese müßigen Launen mit einem ernsten Vortrag über Algebra aus dem Kopfe zu bringen – allein der Prinz wandte sich mit Abscheu von dieser Wissenschaft. »Ich kann die Algebra nicht ausstehen,« sagte er: »sie ist mir ein Greuel. Ich muß etwas haben, das mir mehr zum Herzen spricht.« Der weise Eben Bonabben schüttelte seinen trocknen Kopf bei diesen Worten. »Hier ist's mit der Philosophie aus,« sagte er: »der Prinz hat entdeckt, daß er ein Herz hat. Er hielt seinen Zögling nun unter der sorgfältigsten Aufsicht und sah, daß die geheime Zärtlichkeit seines Herzens in Thätigkeit war und nur eines Gegenstandes bedurfte. Er wanderte in den Gärten des Generalife in einem Taumel der Gefühle umher, dessen Grund er nicht kannte. Zuweilen saß er in köstliche Träume verloren; dann pflegte er seine Laute zu ergreifen, und ihr die rührendsten Töne zu entlocken und dann warf er sie zur Seite und brach in Seufzer und Ausrufungen aus. Stufenweise dehnte sich diese liebende Neigung auf unbelebte Gegenstände aus; er hatte seine Lieblingsblumen, die er mit zärtlichem Eifer pflegte; dann ward er manchfachen Bäumen zugethan und vorzüglich an einen von anmuthiger Form und schmachtendem Laub verschwendete er seine verliebte Inbrunst, indem er seinen Namen in seine Rinde schnitt, Blumen an seine Aeste hängte und zu seinem Lobe Lieder sang, die er mit seiner Harfe begleitete. Der weise Eben Bonabben war über diesen aufgeregten Zustand seines Zöglings erschreckt. Er sah ihn an dem Rand des verbotenen Wissens – der kleinste Wink konnte ihm das unglückliche Geheimniß enthüllen. Das Wohl des Prinzen und die Sicherheit seines eigenen Kopfes machten ihn zittern und er eilte, ihn den Verführungen des Gartens zu entziehen und schloß ihn in den höchsten Thurm des Generalife ein. Dieser enthielt schöne Gemächer und hatte eine fast grenzenlose Aussicht, allein er lag weit über jener Atmosphäre der Schönen und jener bezaubernden Lauben, die den Gefühlen des allzu empfänglichen Ahmed so gefährlich waren. Was war aber zu thun, um ihn mit diesem Zwange auszusöhnen und die trägen Stunden hinzubringen? Er hatte alle Arten angenehmer Kenntnisse erschöpft, und der Algebra durfte nicht erwähnt werden. Glücklicherweise war Eben Bonabben, als er in Aegypten reißte, in der Sprache der Vögel von einem jüdischen Rabbiner unterrichtet worden, welcher diese Wissenschaft in grader Linie von Salomon dem Weisen hatte, dem die Königin von Seba darin Unterricht gegeben hatte. Als eines solchen Studiums nur erwähnt wurde, funkelten die Augen des Prinzen vor Freude und er betrieb dasselbe mit einer solchen Wißbegier, daß er es so weit brachte, wie sein Lehrer. Der Thurm des Generalife war fortan keine Einsamkeit mehr; er hatte Gefährten zur Hand, mit denen er verkehren konnte. Seine erste Bekanntschaft war ein Habicht, welcher sein Nest in einer Spalte der hohen Zinnen gebaut hatte, von wannen er weit und breit nach Beute ausflog. Der Prinz fand aber wenig oder nichts an ihm zu achten. Er war ein bloßer Pirate der Luft, großthuend und prahlerisch und sein Geschwätz drehte sich nur um Raub, Muth und verzweifelte Thaten. Seine nächste Bekanntschaft war eine Eule, ein mächtig weise aussehender Vogel, mit einem großen Kopf und starren Augen, der den ganzen Tag blinzelnd und glotzend in einem Mauerloche saß, aber des Nachts ausflog. Er machte große Ansprüche auf Weisheit, sprach etwas über Astrologie und den Mond und ließ Winke über geheime Wissenschaften fallen; allein er war der Metaphysik schmählich ergeben und der Prinz fand sein Geschwätz noch langweiliger als das des Eben Bonabben. Dann fand sich eine Fledermaus, die den ganzen Tag an ihren Beinen in der dunkeln Ecke eines Gewölbes hing, aber mit dem Zwielicht im Schlarren-Style ausflog. Sie hatte aber über alle Gegenstände nur Zwielichtsideen, verspottete Dinge, von denen sie nur unvollkommene Kenntnisse hatte und schien an nichts Freude zu haben. Außer diesen war auch eine Schwalbe da, von welcher der Prinz anfangs sehr eingenommen war. Sie hatte ein gutes Mundwerk, war aber ruhlos, lärmend und immer auf den Flügeln; selten blieb sie lange genug zu einer fortgesetzten Unterhaltung. Es fand sich zuletzt, daß sie eine bloße Schwätzerin war, die nur über die Oberfläche der Dinge hinstreifte, alles zu wissen vorgab, aber nichts gründlich wußte. Dies waren die einzigen gefiederten Freunde, mit welchen der Prinz Gelegenheit hatte, die neu erlernte Sprache zu üben; der Thurm war zu hoch, als daß die andern Vögel ihn hätten besuchen können. Er wurde seiner neuen Freunde bald müde, deren Unterhaltung so wenig zu seinem Kopfe und gar nicht zu seinem Herzen sprach; allmählig verfiel er wieder in seine Einsamkeit. Ein Winter verging, der Frühling erschloß alle seine Blüthen, sein Grün und seine duftige Süße und die glückliche Zeit kam, wo sich die Vögel paaren und ihre Nester bauen. Gleichsam in Einem Augenblick erscholl ein allgemeiner Ausbruch von Gesang und Melodie in den Lauben und Gärten des Generalife und erreichte den Prinzen in der Einsamkeit seines Thurmes. Von allen Seiten hörte er dasselbe allgemeine Wort – Liebe – Liebe – Liebe – in allen Tönen und Weisen singen und beantworten. Schweigend und verwirrt lauschte der Prinz. »Was mag diese Liebe seyn,« dachte er, »von welcher die Welt so voll scheint und von der ich nichts weiß?« Er wandte sich an seinen Freund, den Habicht, um sich belehren zu lassen. Der wüste Vogel antwortete in verächtlichem Tone: »du mußt dich an die gemeinen friedlichen Vögel der Erde drunten wenden, welche geschaffen sind, uns Fürsten der Luft zur Beute zu dienen. Mein Gewerbe ist der Krieg und der Kampf meine Freude. Mit einem Worte, ich bin ein Krieger und weiß nichts von einem Dinge, das man Liebe heißt.« Der Prinz wandte sich mit Abscheu von ihm und suchte die Eule in ihrem Loche auf. »Dies ist ein Vogel von friedlichen Sitten,« sagte er, »und kann wohl meine Frage beantworten.« So bat er dann die Eule um Auskunft, was diese Liebe sey, von welcher alle Vögel in den Gebüschen drunten sängen. Die Eule aber nahm eine Miene beleidigter Würde an: »Meine Nächte,« sagte sie, »sind dem Studium und Forschen geweiht und meine Tage dem Nachdenken in meiner Zelle über alles, was ich gelernt habe. Was diese Singvögel betrifft, von denen du sprichst, so höre ich nie auf sie – ich verachte sie und ihre Worte. Allah sey gelobt, ich kann nicht singen; ich bin ein Philosoph und weiß nichts von diesem Dinge, das Liebe genannt wird.« Der Prinz begab sich nun zu dem Gewölbe, wo seine Freundin, die Fledermaus, an den Beinen hing, und trug ihr dieselbe Frage vor. Die Fledermaus zog ihre Nase mit einem höchst verdrießlichen Ausdruck empor. »Warum störst du mich in meinem Morgenschlaf mit einer solchen müssigen Frage?« versetzte sie grämlich. »Ich fliege nur in der Dämmerung umher, wenn alle Vögel schlafen und bekümmere mich nicht um ihr Treiben. Ich bin weder Vogel noch Säugthier und danke dem Himmel dafür. Ich habe sie alle als Schurken kennen gelernt und hasse die einen, wie die andern. Mit einem Wort, ich bin ein Misanthrop – und weiß nichts von dem Ding, das Liebe genannt wird.« Die letzte Zuflucht des Prinzen war jetzt die Schwalbe: er suchte sie auf und hielt sie an, als sie eben die Zinnen des Thurmes umkreiste. Die Schwalbe war, wie gewöhnlich, in einer mächtigen Eile und hatte kaum Zeit zu antworten. »Auf mein Wort,« sagte sie, »ich habe so viele öffentliche Geschäfte und muß so vielen Arbeiten obliegen, daß ich keine Zeit habe, über die Sache nachzudenken. Ich habe täglich tausend Besuche zu machen und tausend wichtige Geschäfte zu besorgen, so daß ich nicht einen Augenblick Muße für diese kleinen Sing-Sang-Geschichten habe. Mit einem Wort, ich bin ein Weltbürger – ich weiß nichts von dem Dinge, das Liebe genannt wird.« Bei diesen Worten schoß die Schwalbe in das Thal hinab und war augenblicklich aus dem Blicke verschwunden. Der Prinz stand getäuscht und verwirrt da; aber seine Neugier war durch die Schwierigkeit, sie zu befriedigen, nur reger geworden. Während er in dieser Stimmung war, trat sein alter Hüter in den Thurm. Der Prinz trat ihm lebendig entgegen. »O weiser Eben Bonabben,« rief er: »du hast mir vieles Wissen der Erde enthüllt; aber es gibt einen Gegenstand, über den ich in der tiefsten Unwissenheit bin und gern belehrt wäre.« »Mein Prinz hat nur die Frage vorzulegen und alles in dem beschränkten Kreise des Verstandes seines Dieners ist zu seinem Befehl.« »So sage mir denn, du Ausbund von Weisheit, was ist das Wesen des Dinges, das man Liebe nennt?« Der weise Eben Bonabben war wie von einem Donnerkeil getroffen. Er zitterte und erblaßte und es war ihm, als säße sein Kopf ganz locker auf den Schultern. »Was konnte meinen Prinzen zu einer solchen Frage verleiten? – wo mag er ein so müssiges Wort gehört haben?« Der Prinz führte ihn an das Thurmfenster. »Höre, o Eben Bonabben!« sagte er. Der Weise lauschte. Die Nachtigal saß in einem Dickicht unten am Thurm und sang ihrer geliebten Rose; aus jedem blühenden Zweig und jeder duftigen Laube stiegen melodische Töne empor und Liebe – Liebe – Liebe war der stets wiederkehrende Ton. »Allah Akbar! Gott ist groß!« rief der weise Bonabben: »wer kann sich anmaßen, dieses Geheimniß dem Herzen des Menschen vorenthalten zu wollen, wenn sich selbst die Vögel der Luft vereinigen, es zu verrathen?« Darauf wandte er sich zu Ahmed und sagte: »O mein Prinz! Schließe dein Ohr diesem verführerischen Klange! Verhülle deinen Geist diesem gefährlichen Wissen. Wisse, diese Liebe ist die Ursache der Hälfte aller Uebel der unglücklichen Menschheit. Sie ist's, die Bitterkeit und Streit zwischen Brüdern und Freunden erzeugt, verrätherischen Mord und verheerenden Krieg gebiert. Kummer und Sorgen, öde Tage und schlaflose Nächte sind ihr Gefolge. Sie zerstört die Blüthe und vergiftet die Freuden der Jugend und bringt die Uebel und die Wehen des vorzeitigen Alters herbei. Allah erhalte dich, mein Prinz, in gänzlicher Unwissenheit über dieses Ding, das Liebe genannt wird.« Der weise Bonabben zog sich eilig zurück und ließ den Prinzen in nur noch größerer Verwirrung zurück. Vergebens versuchte er, sich die Sache aus dem Sinn zu schlagen; sie blieb stets oben auf in seinen Gedanken und quälte und erschöpfte ihn mit eiteln Vermuthungen. »Gewiß,« sagte er sich, als er dem melodischen Gesang der Vögel lauschte: »es ist kein Kummer in diesen Tönen: alles scheint Zärtlichkeit und Freude! Wenn die Liebe so viel Unglück und Streit erzeugt, warum schmachten diese Vögel nicht in der Einsamkeit, oder zerreißen einander in Stücken, statt fröhlich in den Büschen umher zu flattern und mit einander in den Blumen zu spielen?« – Er lag eines Morgens auf seinem Lager und sann über diesen unerklärlichen Gegenstand nach. Das Fenster seines Gemaches war offen, um den sanften Morgenwind herein zu lassen, der beladen mit dem Dufte der Orangenblüthen aus dem Darrothal herauf kam. Die Stimme der Nachtigal, stets die gewohnten Töne singend, wurde schwach gehört. Während der Prinz lauschte und seufzte, entstand ein plötzliches Rauschen in der Luft; eine schöne Taube, von einem Habicht verfolgt, schoß in das Fenster und fiel keuchend auf den Boden, während der Verfolger, seiner Beute baar, zu den Bergen hinüberstrich. Der Prinz nahm den schwer athmenden Vogel auf, glättete sein Gefieder und koßte ihn an seinem Busen. Als er ihn durch seine Liebkosungen beruhigt hatte, setzte er ihn in einen goldnen Käfig und bot ihm mit eigenen Händen das weißeste und schönste Waizenbrod und das reinste Wasser. Der Vogel aber wollte nichts fressen und saß schmachtend und gramvoll da und stieß jammernde Seufzer aus. »Was fehlt dir?« sagte Ahmed: »Hast du nicht alles, was dein Herz wünschen kann?« »Ach, nein!« erwiederte die Taube: »bin ich nicht von dem Freunde meines Herzens getrennt, und noch dazu in der Frühlingszeit, der wahren Zeit der Liebe?« »Der Liebe!« wiederholte Ahmed: »ich bitte dich, mein hübsches Thierchen, kannst du mir sagen, was Liebe ist?« »Zu gut kann ich dies, mein Prinz. Sie ist die Qual von einem, das Glück von zweien, der Streit und die Feindschaft von dreien. Sie ist ein Zauber, welcher zwei Wesen mit einander verbindet und sie durch köstliches Gleichgefühl vereinigt, ihr Zusammenseyn zum Glück, ihre Trennung zum Unglück machend. Gibt es kein Wesen, zu welchem du durch diese Bande zärtlicher Neigung hingezogen wirst?« »Ich liebe meinen alten Lehrer, Eben Bonabben, mehr als irgend ein anderes Wesen; allein er ist oft langweilig und ich fühle mich manchmal glücklicher ohne seine Gesellschaft.« »Dies ist nicht das Gleichgefühl, welches ich meine. Ich spreche von der Liebe, dem großen Geheimniß und Prinzip des Lebens; der berauschenden Jugendlust, der nüchternen Freude des Alters. Blick hinaus, mein Prinz, und sieh, wie voller Liebe die ganze Natur in dieser glücklichen Jahreszeit ist. Jedes geschaffene Wesen hat seinen Gespielen; der unbedeutendste Vogel singt seiner Buhlin; selbst der Käfer wirbt um sein Weibchen im Staub, und jene Schmetterlinge, die du hoch über dem Thurm flattern und in der Luft spielen siehst, sind glücklich in ihrer gegenseitigen Liebe. Ach, mein Prinz, hast du so viele der köstlichen Jugendtage verlebt, ohne etwas von Liebe zu wissen? Gibt es kein holdes Wesen des andern Geschlechtes – keine schöne Prinzessin oder liebliches Fräulein, die dein Herz gefesselt und deine Brust mit einem sanften Sturm süßer Pein und zärtlicher Wünsche erfüllt hat?« »Ich fange an zu verstehen,« sagte der Prinz seufzend: »solch einen Sturm habe ich mehr als einmal gefühlt, ohne den Grund zu kennen; – und wo soll in dieser öden Einsamkeit einen Gegenstand suchen, wie du ihn beschreibst?« Die Unterhaltung wurde noch einen Augenblick fortgesetzt und die erste Liebeslection des Prinzen war geschlossen. »Ach,« sagte er, »wenn die Liebe wirklich eine solche Wonne, und ihre Unterbrechung solch ein Elend ist, so verhüte Allah, daß ich die Freude irgend eines ihrer Verehrer störe!« Er öffnete den Käfig, nahm die Taube heraus und trug sie, nachdem er sie zärtlich geküßt hatte, an's Fenster. »Gehe, glücklicher Vogel,« sagte er, »freue dich des Freundes deines Herzens in den Tagen der Jugend und der Frühlingszeit. Warum soll ich dich zum Mitgefangenen in diesem öden Thurme machen, in welchem die Liebe nie eintreten kann?« Die Taube öffnete ihre Flügel mit Entzücken, schoß mit Einem Schwung in die Luft und senkte sich dann mit zischenden Fittigen in die blühenden Laubengehänge am Darro. Der Prinz folgte ihr mit den Augen und gab nun bitterm Unwillen Raum. Das Singen der Vögel, das ihn sonst ergötzte, vermehrte jetzt seine Bitterkeit. Liebe! Liebe! Liebe! Ach, armer Jüngling, er verstand jetzt die Töne. Seine Augen sprühten Feuer, als er den weisen Bonabben zuerst wieder sah. »Warum hast du mich in dieser tiefen Unwissenheit gelassen?« rief er. »Warum ist mir das große Geheimniß und Prinzip des Lebens vorenthalten worden, in welchem ich das kleinste Insekt so bewandert finde? Sieh, die ganze Natur ist in einem Taumel der Lust. Jedes geschaffene Wesen erfreut sich seines Gespielen. Dies – dies ist die Liebe, in welcher ich unterrichtet seyn wollte. Warum bin ich allein von ihren Freuden ausgeschlossen? Warum ist ein so großer Theil meiner Jugend ohne die Kenntniß ihrer Freuden vergeudet worden?« Der weise Bonabben sah, daß alle fernere Zurückhaltung nutzlos war; denn der Prinz hatte die gefährliche und verbotene Kenntniß erlangt. Er enthüllte ihm daher die Vorhersagung der Astrologen und die Vorsicht, welche man bei seiner Erziehung angewendet hatte, um dies gedrohte Unheil abzuwenden. »Und nun, mein Prinz,« setzte er hinzu, »ist mein Leben in deinen Händen. Wenn dein Vater entdeckt, daß du die Leidenschaft der Liebe kennen gelernt, während du unter meiner Aufsicht warst, so muß mein Kopf dafür büßen.« Der Prinz war so vernünftig wie ein guter Theil junger Leute seines Alters und hörte gern auf die Vorstellungen seines Führers, da nichts gegen dieselben sprach. Ueberdies war er dem weisen Bonabben wirklich zugethan und da er bis jetzt nur theoretisch von der Leidenschaft der Liebe unterrichtet war, so willigte er ein, die Kenntniß derselben lieber bei sich zu bewahren, als den Kopf des Philosophen in Gefahr zu bringen. Seine Großmuth sollte aber auf weitere Proben gestellt werden. Als er einige Morgen darauf auf den Zinnen des Thurmes sinnend umherging, kreiste die Taube, der er die Freiheit wieder gegeben hatte, über ihm in der Luft und ließ sich furchtlos auf seine Schulter nieder. Der Prinz drückte sie an sein Herz. »Glücklicher Vogel,« sagte er, »der so zu sagen auf den Schwingen des Morgens zu den äußersten Theilen der Erde fliegen kann. Wo warst du, seit wir schieden?« »In einem weiten Lande, mein Prinz, von wannen ich dir zum Lohn für meine Freiheit Nachricht bringe. In meinem wilden Flug, der über Berge und Ebenen dahin geht, hob ich mich in die Luft und sah unter mir einen köstlichen Garten mit allen Arten von Früchten und Blumen. Er lag in einer grünen Aue, an den Ufern eines schlängelnden Flusses; und in der Mitte des Gartens war ein prächtiger Palast. Ich ließ mich in eine der Baumgruppen nieder, um nach einem mühsamen Fluge auszuruhen. An dem Ufer unter mir war eine junge Prinzessin, in der ersten Lieblichkeit und Blüthe ihrer Jahre. Sie war von weiblichen Dienerinnen, jung, wie sie, umgeben, die sie mit Blumenkronen und Kränzen schmückten; aber keine Blume des Feldes oder des Gartens konnte mit ihr an Holdseligkeit verglichen werden. Allein sie blühte hier in geheimem, denn der Garten war von hohen Mauern umgeben und kein Sterblicher durfte eintreten. Als ich diese schöne Maid sah, so jung, so unschuldig, so unbefleckt von der Welt, dachte ich, hier sey ein Wesen, das der Himmel geschaffen habe, meinem Prinzen Liebe einzuflößen.« Die Erzählung war ein Feuerfunken in das brennbare Herz Ahmed's. All die stille Liebessehnsucht seines Wesens hatte plötzlich einen Gegenstand gefunden, und er faßte eine unermeßliche Leidenschaft für die Prinzessin. Er schrieb einen in der leidenschaftlichsten Sprache abgefaßten Brief, der seine glühende Liebe athmete, aber die unglückliche Gefangenschaft seiner Person beklagte, welche ihn abhielt, sie aufzusuchen und sich zu ihren Füßen zu werfen. Er legte Strophen voll der zärtlichsten und rührendsten Beredsamkeit bei; denn er war von Natur ein Dichter und von Liebe begeistert. Er überschrieb seinen Brief – »An die unbekannte Schönheit, von dem gefangenen Prinzen Ahmed;« er durchdüftete ihn mit Moschus und Rosen und gab ihn der Taube. »Fort, treuester der Boten!« sagte er. »Fliege über Berg und Thal, über Fluß und Ebene; ruhe nicht im Laub, setze deinen Fuß nicht auf die Erde, ehe du diesen Brief der Herrin meines Herzens gegeben hast.« Die Taube schwebte hoch in die Luft empor, sie sah ihren Weg und schoß in einer graden Richtung davon. Der Prinz folgte ihr mit den Augen, bis sie ein bloßer Punkt an einer Wolke war und allmählig hinter einem Berg verschwand. Tag um Tag harrte er auf die Rückkehr des Liebesboten, aber vergeblich. Er fing an, ihn der Vergeßlichkeit anzuklagen, als eines Abends gegen Sonnenuntergang der treue Vogel in sein Gemach flatterte, zu seinen Füßen fiel und starb. Der Pfeil eines muthwilligen Bogenschützen hatte seine Brust durchbohrt, doch hatte er noch seine letzte Lebenskraft aufgeboten, um seine Botschaft auszurichten. Wie der Prinz sich kummervoll über diesen holden Martyr der Treue beugte, sah er eine Perlenschnur um seinen Hals, an welche unter dem Flügel ein kleines Bild in Email befestigt war. Es stellte eine holde Prinzessin, in der ersten Blüthe des Lebens, dar. Es war ohne allen Zweifel die unbekannte Schönheit des Gartens; aber wer und wo war sie – wie hatte sie seinen Brief aufgenommen und wurde dieses Gemälde als ein Zeichen ihrer Billigung seiner Leidenschaft gesendet? Unglücklicher Weise ließ der Tod der treuen Taube alles in Geheimniß und Zweifel. Der Prinz blickte auf das Gemälde, bis seine Augen in Thränen schwammen. Er drückte es an seine Lippen, an sein Herz; er saß Stunden lang, und betrachtete es, fast in einem Todeskampf der Zärtlichkeit. »Schönes Bild!« sagte er: »ach, du bist nur ein Bild! Aber deine thauigen Augen glänzen zärtlich auf mich; diese rosigen Lippen scheinen Ermuthigung auszusprechen. Eitle Träume! haben sie nicht einem glücklichern Nebenbuhler eben so gelächelt? Aber wo in der weiten Welt kann ich hoffen, das Original zu finden? Wer weiß, welche Gebirge, welche Reiche uns trennen, – welche Unfälle eintreten können! Vielleicht sammeln sich jetzt, eben jetzt Anbeter um sie, während ich als ein Gefangener hier in einem Thurme sitze, und meine Zeit mit der Anbetung eines gemalten Schattens verliere.« Der Entschluß des Prinzen Ahmed war gefaßt. »Ich will aus diesem Palaste fliehen,« sagte er, »der ein verhaßtes Gefängniß geworden ist, und will als ein Liebespilger diese unbekannte Prinzessin in der ganzen Welt suchen.« Während des Tags, wenn alles wach war, aus dem Thurm zu fliehen, war schwierig; aber des Nachts war der Palast nur unbedeutend bewacht, denn niemand fürchtete irgend einen Versuch der Art von dem Prinzen, der immer in seiner Gefangenschaft sich so leidend verhielt. Wie aber sollte er sich bei dieser nächtlichen Flucht zurecht finden, da er die Gegend nicht kannte? Die Eule fiel ihm ein, die gewöhnt war, des Nachts umher zu streifen, und jeden Nebenweg, jeden geheimen Gang kennen mußte. Er suchte sie in ihrer Einsiedelei auf, und fragte sie hinsichtlich ihrer Kenntniß des Landes. Darauf nahm die Eule ein mächtig wichtiges Wesen an, und sagte: »du mußt wissen, o Prinz, daß wir Eulen von einer sehr alten und ausgebreiteten Familie sind, obgleich sie vielleicht etwas in Verfall kam, und daß wir in allen Theilen Spaniens zertrümmerte Schlösser und Paläste besitzen. Es ist kaum ein Thurm auf diesen Bergen, oder eine Veste in den Ebenen, oder eine alte Burg in der Stadt, in welcher nicht irgend ein Oheim oder ein Vetter wohnt; indem ich nun diese meine zahlreiche Verwandtschaft zu besuchen die Runde machte, habe ich in jede Ecke und in jeden Winkel geschaut, und mich mit allen Geheimnissen des Landes vertraut gemacht.« Der Prinz war überfroh, die Eule in der Ortskunde so tief bewandert zu finden, und vertraute ihr nun seine zärtliche Leidenschaft und seine beabsichtigte Entweichung an, und drang in sie, ihn auf der Reise zu begleiten, und mit ihrem Rath zu unterstützen. »Warlich!« sagte die Eule mit einem unfreundlichen Blicke: »bin ich ein Vogel, der sich mit Liebeshändeln befaßt? ich, deren Zeit dem Nachdenken und dem Mond geweiht ist?« »Sey nicht bös, höchst ehrwürdige Eule,« versetzte der Prinz, »entziehe dich eine Weile dem Mond und dem Nachdenken, und sey mir bei meiner Flucht behülflich, und du sollst haben, was dein Herz wünschen kann.« »Das habe ich bereits,« sagte die Eule, »einige Mäuse reichen für meinen frugalen Tisch hin, und diese Mauerhöhle ist geräumig genug für meine Studien, und was verlangt ein Philosoph, wie ich, mehr?« »Bedenke, weiseste Eule! Während du in deiner Zelle die Augen verdrehst und den Mond anstarrst, gehen alle deine Geistesgaben für die Welt verloren. Ich werde eines Tages gebietender Fürst, und kann dich zu irgend einer Stelle von Ehre und Rang befördern.« Obschon der Vogel ein Philosoph und über die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens erhaben war, so war er doch nicht ohne Ehrgeiz; so wurde er denn endlich dahin gebracht, mit dem Prinzen zu fliehen, und sein Führer und Mentor bei dieser Pilgerschaft zu werden. Die Pläne eines Liebhabers sind schnell ausgeführt. Der Prinz nahm alle seine Juwelen zusammen, und verbarg sie zur Bestreitung der Reisekosten in seinem Gewand. Noch in dieser Nacht ließ er sich an seiner Schärpe von einem Balkon des Thurms, kletterte über die Außenmauer des Generalife, und entfloh, von der Eule geführt, noch vor Anbruch des Morgens in das Gebirge. Er hielt mit seinem Führer Rath über seinen künftigen Weg. »Wenn ich rathen darf,« sagte die Eule, »so empfehle ich, nach Sevilla zu gehen. Du mußt wissen, daß ich vor vielen Jahren einen Oheim besuchte, einen Vogel von hohem Rang und Ansehen, der dort in einem zerfallenen Winkel des Alcazar wohnt. Bei meinen nächtlichen Streifereien über der Stadt bemerkte ich häufig ein Licht, das in einem einsamen Thurme brannte. Endlich ließ ich mich auf die Zinnen nieder, und fand, daß es von der Lampe eines arabischen Zauberers ausging; er war von seinen magischen Büchern umgeben, und auf seiner Schulter saß sein Vertrauter, ein alter Rabe, der mit ihm aus Aegypten gekommen war. Ich bin mit diesem Raben bekannt, und schulde ihm einen großen Theil der Kenntnisse, die ich besitze. Der Zauberer ist seitdem gestorben, aber der Rabe bewohnt den Thurm noch, denn diese Vögel haben ein wunderbar langes Leben. Ich rathe dir, o Prinz, diesen Raben aufzusuchen, denn er ist ein Wahrsager und Beschwörer, und treibt die Schwarzkunst, derentwegen alle Raben, und besonders die Aegyptens, berühmt sind.« Die Weisheit dieses Rathes drang sich dem Prinzen auf, und er nahm demnach seinen Weg nach Sevilla. Seinem Gefährten zu Gefallen reiste er nur des Nachts, und hielt während des Tags in irgend einer dunkeln Höhle oder zerfallenen Warte an, denn die Eule kannte jeden Schlupfwinkel dieser Art, und hatte einen höchst antiquarischen Geschmack an Ruinen. Endlich erreichten sie eines Morgens bei Tagesanbruch die Stadt Sevilla, wo die Eule, welche den Glanz und das Lärmen der überfüllten Straßen haßte, vor dem Thore anhielt, und ihre Wohnung in einem hohlen Baume nahm. Der Prinz trat in das Thor, und fand alsbald den magischen Thurm, der über die Häuser der Stadt emporstieg, wie ein Palmbaum sich über das Buschwerk der Wüste erhebt; es war in der That derselbe Thurm, der heute noch steht, und als die Giralda, der berühmte maurische Thurm von Sevilla, bekannt ist. Der Prinz stieg auf einer hohen Wendeltreppe zu den Zinnen des Thurms empor, wo er den cabalistischen Raben fand – einen alten, geheimnißvollen, grauköpfigen Vogel, mit struppigem Gefieder, und mit einer Haut über dem Auge, welche ihm den starren Blick eines Gespenstes gab. Er saß auf dem einen Bein, drehte seinen Kopf auf die eine Seite, und prüfte mit dem einen ihm bleibenden Auge eine Figur, welche auf das Pflaster gezeichnet war. Der Prinz näherte sich ihm mit der Ehrfurcht und Scheu, welche ihm sein ehrwürdiges Aussehen und seine übernatürliche Weisheit einflößte. »Vergib mir, alter und nächtlich weiser Rabe,« rief er aus, »wenn ich einen Augenblick diese Studien, welche die Bewunderung der Welt ausmachen, unterbreche. Du siehst einen Jünger der Liebe vor dir, welcher gern deinen Rath hören möchte, wie er zu dem Gegenstand seiner Leidenschaft gelangen könnte.« »Mit andern Worten,« sagte der Rabe mit einem bedeutungsvollen Blick, »du willst meine Geschicklichkeit in der Chiromantie erproben. Komm, zeige mir deine Hand, und laß mich die geheimnißvollen Glückslinien entziffern.« »Entschuldige,« versetzte der Prinz, »ich komme nicht, in die Beschlüsse des Schicksals zu schauen, die Allah vor dem Auge der Sterblichen verhüllt hat; ich bin ein Pilger der Liebe, und will nur den Faden zu dem Gegenstand meiner Pilgerschaft finden.« »Und kannst du in dem liebereichen Andalusien um einen Gegenstand verlegen seyn?« sagte der alte Rabe, mit seinem einen Auge ihn anschielend; »vor allem kannst du in dem üppigen Sevilla in Verlegenheit seyn, wo schwarzäugige Mägdlein die Zambra unter allen Orangen tanzen?« Der Prinz erröthete, und staunte einigermaßen, einen alten Vogel, mit der einen Kralle im Grabe, so locker sprechen zu hören. »Glaube mir,« sagte er ernst, »ich bin auf keiner so leichten und lustigen Fahrt, wie du mir zumuthest. Die schwarzäugigen Mägdlein Andalusiens, die unter den Orangen des Guadalquivir tanzen, kümmern mich nicht. Ich suche eine unbekannte aber makellose Schönheit, das Vorbild zu diesem Gemälde; und ich bitte dich, höchst mächtiger Rabe, sage mir, wenn es in dem Umfang deines Wissens und in dem Bereich deiner Kunst liegt, wo ich sie finden kann.« Der grauköpfige Rabe fand sich durch den Ernst des Prinzen getroffen. »Was weiß ich,« erwiederte er trocken, »von Jugend und Schönheit? Meine Besuche gelten dem Alten und Verwitterten, nicht dem Frischen und Schönen. Des Schicksals Bote bin ich, und krächze das Zeichen des Todes von der Schornsteinspitze, und schlage meine Flügel an des Kranken Fenster. Du mußt anderswo Nachrichten über deine unbekannte Schönheit suchen.« »Und wo anders soll ich suchen, als bei den Söhnen der Weisheit, die im Buche des Verhängnisses bewandert sind? Ich bin ein Königssohn, von den Sternen zu einem geheimnißvollen Unternehmen, von welchem das Schicksal von Reichen abhängen kann, bestimmt und ausgesendet.« Als der Rabe hörte, daß es eine Sache von der höchsten Wichtigkeit sey, an welche sich die Theilnahme der Sterne knüpfe, änderte er Sprache und Benehmen, und lauschte der Geschichte des Prinzen mit hoher Aufmerksamkeit. Als dieser geschlossen hatte, versetzte er: »Was diese Prinzessin betrifft, so kann ich selbst dir keine Nachricht geben, denn ich fliege nur um die Gärten und Lauben der Frauen; allein gehe nach Cordova, suche den Palmbaum des großen Abderahman auf, der in dem Hofe der Hauptmoschee steht; am Fuße desselben wirst du einen berühmten Reisenden finden, der alle Länder und Höfe besucht hat, und ein Liebling bei Königinnen und Prinzessinnen war. Er wird dir Kunde über den Gegenstand deines Nachforschens geben.« »Vielen Dank für diesen köstlichen Nachweis,« sagte der Prinz; »lebe wohl, ehrwürdigster Zauberer.« »Lebe wohl, Pilger der Liebe.« sagte der Rabe trocken, und begann wieder über die Figur nachzugrübeln. Der Prinz verließ sofort Sevilla, suchte seinen Reisefährten, der noch in dem hohlen Baum die Augen verdrehte, und reiste nach Cordova ab. Hängenden Gärten, Orangen- und Citronen-Wäldchen entlang, welche das schöne Guadalquivirthal überschauen, nahten sie der Stadt. Als sie an dem Thore ankamen, flog die Eule in ein dunkles Loch in der Mauer hinauf, und der Prinz ging weiter, um den Palmbaum aufzusuchen, den der große Abderahman in uralten Zeiten gepflanzt hatte. Er stand in der Mitte des Hofes der großen Moschee, über Orangen- und Zipressenbäume hervorragend. Derwische und Fakire saßen in Gruppen unter den Säulen des Hofes, und viele der Gläubigen verrichteten ihre Reinigungen an dem Brunnen, bevor sie die Moschee betraten. Am Fuße des Palmbaums war eine Menge Menschen versammelt, und lauschte den Worten eines Redners, der mit großer Geläufigkeit zu sprechen schien. »Dieser muß,« sagte der Prinz zu sich, »der berühmte Reisende seyn, der mir Nachrichten von der unbekannten Prinzessin geben soll.« Er mischte sich in die Menge, sah aber zu seinem Erstaunen, daß sie alle einem Papageien zuhörten, welcher mit seinem hellgrünen Rock, seinem vorwitzigen Auge und seiner bündigen Kopfschleife das Ansehen eines Vogel hatte, der mit sich selbst im vortrefflichen Vernehmen stand. »Wie kömmt es,« sagte der Prinz zu einem der Umstehenden, »daß so viele ernste Männer an der Geschwätzigkeit eines schnarrenden Vogels Gefallen finden können?« »Ihr wißt nicht, von wem Ihr sprecht,« sagte der Andere; »dieser Papagei ist der Abkömmling des berühmten persischen Papagei's, berühmt wegen seiner Erzählergabe. Er hat alle Weisheit des Morgenlandes an der Spitze seiner Zunge, und kann Gedichte eben so schnell hersagen, als er sprechen kann. Er hat viele fremde Höfe besucht, wo man ihn als ein Orakel der Gelehrsamkeit angesehen hat. Er war auch der allgemeine Liebling des schönen Geschlechtes, welches eine ungemeine Bewunderung für gelehrte Papageien hat, die Gedichte hersagen können.« »Genug!« sagte der Prinz; »ich will eine geheime Unterredung mit diesem großen Reisenden haben.« Er bemühte sich um eine geheime Zwiesprache, und setzte die Ursache seiner Wanderschaft auseinander. Er hatte dieselbe kaum genannt, als der Papagei in ein trocknes, heischeres Lachen ausbrach, das ihm Thränen in die Augen lockte. »Entschuldige meine Heiterkeit,« sagte er; »aber ich muß immer lachen, wenn ich von Liebe reden höre.« Der Prinz war über diese unzeitige Heiterkeit unwillig, und sagte: »Ist die Liebe nicht das große Geheimniß der Natur, das geheime Prinzip des Lebens, das allgemeine Band des Gleichgefühls?« »Larifari!« rief der Papagei ihn unterbrechend; »sage mir nur, woher du dieses sentimentale Kauderwelsch hast? Glaube mir, die Liebe ist ganz außer Cours; man hört in Gesellschaft schöner Geister und feingebildeter Leute nicht mehr von ihr reden.« Der Prinz gedachte der ganz verschiedenen Sprache seiner Freundin, der Taube, und seufzte. Aber, dachte er, dieser Papagei hat am Hofe gelebt; er ahmt das Wesen eines geistreichen und feinen Herrn nach; er weiß nichts von dem Dinge, das Liebe genannt wird. Da er das Gefühl, welches sein Herz erfüllte, nicht mehr dem Spotte preisgeben wollte, richtete er seine Nachforschungen auf den unmittelbaren Grund seines Besuches. »Sage mir,« sprach er, »hochgebildeter Papagei, der du allenthalben zu den geheimsten Lauben der Schönheit Zutritt hattest, begegnete dir während deiner Reise das Vorbild zu diesem Porträt?« Der Papagei nahm das Gemälde in seine Krallen, neigte den Kopf hin und her, und betrachtete es neugierig bald mit dem bald mit jenem Auge. »Auf meine Ehre,« sagte er, »ein sehr schönes Gesicht; sehr schön; allein man sieht so viele schöne Frauengesichter auf seinen Reisen, daß man sich kaum – doch halt! – Ei, ei! Ich muß es noch einmal ansehen – ohne alle Frage, es ist die Prinzessin Aldegonda; wie konnte ich ein Wesen vergessen, das ich so ungemein hoch hielt?« »Die Prinzessin Aldegonda?« wiederholte der Prinz, »und wo kann man sie finden?« »Langsam, langsam!« sagte der Papagei; »sie ist leichter zu finden, als zu bekommen. Sie ist die einzige Tochter des christlichen Königs, der zu Toledo herrscht, und man hat sie bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag von der Welt abgeschlossen, wegen einer Prophezeihung dieser zudringlichen Bursche, der Astrologen. Du kannst ihrer nicht ansichtig werden – kein Sterblicher kann sie sehen. Ich bin vor sie gelassen worden, um sie zu unterhalten, und versichere dich auf das Wort eines Papageis, der die Welt gesehen hat, ich habe schon mit viel einfältigeren Prinzessinnen gesprochen.« »Ein Wort im Vertrauen, mein lieber Papagei,« sagte der Prinz; »ich bin der Erbe eines Königreichs, und werde eines Tags einen Thron einnehmen. Ich sehe, du bist ein Vogel von Talent, und kennst die Welt. Hilf mir in den Besitz dieser Prinzessin, und ich werde dich zu einer ausgezeichneten Stelle am Hofe befördern.« »Von ganzem Herzen,« sagte der Papagei; »aber laß es, wenn möglich, ein Faulamt seyn, denn wir schönen Geister haben gegen das Arbeiten einen großen Widerwillen.« Die Uebereinkunft wurde alsbald getroffen. Der Prinz verließ Cordova durch dasselbe Thor, durch welches er gekommen war, rief die Eule aus dem Mauerloch, stellte sie seinem neuen Reisegenossen als eine Mitgelehrte vor, und man trat nun die Reise an. Es ging bei weitem nicht so schnell, als die Ungeduld des Prinzen es wünschte; allein der Papagei war an das vornehme Leben gewöhnt, und hatte es nicht gern, daß man ihn früh Morgens störte. Auf der andern Seite schlief die Eule gern um Mittag, und verlor viele Zeit mit ihren langen Siesta's. Auch war ihr antiquarischer Geschmack hinderlich; denn sie bestand darauf, bei jeder Ruine anzuhalten, und sie zu beschauen, und hatte lange märchenhafte Geschichten von jedem alten Thurm und jedem Schlosse in dem Lande zu erzählen. Der Prinz hatte gehofft, sie und den Papagei, beide Vögel von Gelehrsamkeit, würden in ihrer gegenseitigen Gesellschaft Freude finden, allein er hatte sich nie mehr geirrt. Sie waren ewig im Streit. Der eine war ein Schöngeist, der andere ein Philosoph. Der Papagei citirte Poesien, kritisirte neue Lesearten, und war über kleine Punkte der Gelehrsamkeit beredt; die Eule behandelte alles dieß Wissen als nichtig, und fand an nichts Geschmack, als an Metaphysik. Dann sang der Papagei Lieder, wiederholte gute Einfälle, und riß Witze auf seinen feierlichen Nachbarn, und lachte schmählich über seine eignen Späße; welches ganze Benehmen die Eule als einen empfindlichen Eingriff in ihre Würde ansah, und schmollte, zürnte und sich erboßte, und einen ganzen langen Tag stumm blieb. Der Prinz beachtete die Zänkereien seiner Gefährten nicht, da er in den Träumen seiner eignen Phantasie und der Betrachtung des Porträts der schönen Prinzessin verloren war. Auf diese Weise reisten sie durch die rauhen Pässe der Sierra Morena, über die sonnenverbrannten Ebenen der Mancha und Castiliens, und die Ufer des goldnen Tajo entlang, der seine zauberischen Irrwege durch halb Spanien und Portugal windet. Endlich kamen sie zu einer festen Stadt mit Mauern und Thürmen, die auf einen felsigen Bergvorsprung gebaut war, um dessen Fuß der Tajo mit lärmender Heftigkeit kreiste. »Sieh,« rief die Eule, »die alte und berühmte Stadt Toledo, eine wegen ihrer Alterthümer berühmte Stadt. Sieh diese ehrwürdigen Dome und Thürme, grau von der Zeit und mit sagenreicher Größe umgeben, die Scene des Nachdenkens so vieler meiner Ahnen.« »Still!« rief der Papagei, ihr feierliches antiquarisches Entzücken unterbrechend. »Was gehen uns Alterthümer und Sagen und deine Ahnen an? Sieh das, woran hier mehr liegt – sieh die Wohnung der Jugend und Schönheit – sieh endlich, o Prinz, die Wohnung deiner lange gesuchten Prinzessin.« Der Prinz sah in der von dem Papagei angezeigten Richtung, und erblickte in einer herrlichen grünen Aue an den Ufern des Tajo einen stattlichen Palast, der aus dem Laubwerk eines köstlichen Gartens emporstieg. Der Ort stimmte ganz genau mit der Beschreibung zusammen, welche ihm die Taube gegeben hatte. Er sah mit klopfendem Herzen hin. »Vielleicht,« dachte er, »spielt die schöne Prinzessin in diesem Augenblick unter jenen schattigen Laubengängen, oder durchschreitet mit zartem Tritte jene schöne Terassen, oder ruht unter jenen hohen Dächern!« Als er genauer hinsah, bemerkte er, daß die Gartenmauern sehr hoch waren, so daß sie jedem Zugang trotzten, während Schaaren bewaffneter Wachen um sie kreisten. Der Prinz wendete sich zu dem Papageien: »Vollkommenster aller Vögel,« sagte er, »du hast die Gabe der menschlichen Rede. Eile in jenen Garten, suche das Idol meiner Seele, und sage ihr, Prinz Ahmed, ein Liebespilger, und von den Sternen geführt, sey, sie suchend, an den blumigen Ufern des Tajo angekommen.« Stolz auf seine Gesandtenrolle, flog der Papagei dem Garten zu, schwang sich über seine hohen Mauern, schwebte eine Zeitlang über die Gänge und Alleen desselben, und ließ sich auf dem Balkon eines Pavillons, der auf den Fluß ging, nieder. Hier sah er, als er durch ein Fenster blickte, die Prinzessin auf ein Lager hingegossen, und das Auge auf ein Papier geheftet, während Thränen sich sachte über ihre blassen Wangen herabstahlen. Der Papagei putzte seine Flügel einen Augenblick, machte seinen hellgrünen Rock zurecht, hob seine Kopfschleife, und setzte sich mit einem zierlichen Wesen neben ihr nieder; dann nahm er einen zärtlichen Ton an und sagte: »Trockne deine Thränen, schönste der Prinzessinnen, ich komme, deinem Herzen Trost zu bringen.« Die Prinzessin erschrack, als sie eine Stimme neben sich hörte, drehte sich aber um, und da sie nichts sah, als einen kleinen grünröckigen Vogel, der sich vor ihr neigte und beugte, sagte sie: »ach, welchen Trost kannst du geben, da ich sehe, daß du nur ein Papagei bist?« Den Papagei ärgerte diese Frage. »Ich habe zu meiner Zeit manche holde Dame getröstet,« sagte er. »Doch nichts davon. Jetzt komme ich als Gesandter eines königlichen Prinzen. Wisse, daß Ahmed, der Prinz von Granada, hier angekommen ist, dich zu suchen, und daß er eben jetzt auf den blumigen Ufern des Tajo gelagert ist!« Die Augen der schönen Prinzessin funkelten bei diesen Worten heller, als die Diamanten in ihrer kleinen Krone. »O lieblichster der Papageien,« rief sie, »wonnig sind in der That deine Nachrichten, denn ich war zag und verdrüßlich, und fast todtkrank aus Ungewißheit über Ahmeds Treue. Begib dich zurück, und sag ihm, die Worte seines Briefes seyen in mein Herz gegraben, und seine Gedichte seyen die Nahrung meiner Seele gewesen. Sag ihm aber auch, er müsse sich rüsten, seine Liebe durch die Kraft der Waffen zu bewähren; morgen ist mein siebenzehnter Geburtstag, wo der König, mein Vater, ein großes Turnier hält; mehrere Prinzen werden in den Schranken erscheinen, und meine Hand wird der Preis des Siegers seyn.« Der Papagei machte sich, durch das Gebüsch rauschend, davon, und flog zu dem Prinzen zurück. Das Entzücken Ahmeds, das Original seines angebeteten Porträts gefunden zu haben, und sie hold und treu zu wissen, begreifen nur die begünstigten Sterblichen, welche das Glück gehabt haben, Tagträume verwirklicht und Schatten in Wesenheit verwandelt zu sehen. Aber Eines mäßigte noch sein Entzücken – dieses bevorstehende Turnier. In der That, die Ufer des Tajo glänzten schon von Waffen, und hallten von den Trompeten der vielen Ritter wieder, die mit stolzem Gefolge Toledo entgegen zogen, um dem Feste beizuwohnen. Derselbe Stern, der das Schicksal des Prinzen lenkte, hatte auch über das der Prinzessin bestimmt, und bis zu ihrem siebenzehnten Jahre war sie von der Welt abgeschlossen gewesen, um sie vor der zärtlichen Leidenschaft zu bewahren. Der Ruf von ihren Reizen war aber durch diese Abschließung eher erhöht als verdunkelt worden. Mehrere mächtige Fürsten hatten sich um ihre Hand beworben; ihr Vater, ein König von wunderbarer Schlauheit, wollte sich keine Feinde machen, indem er für einen derselben entschied, und verwieß sie auf die Entscheidung durch die Waffen. Unter den Mitbewerbern waren mehrere wegen ihrer Kraft und Tapferkeit berühmt. Welch ein Zustand für den unglücklichen Ahmed, der nicht mit Waffen versehen und in den Künsten des Ritterthums nicht geübt war. »Unseliger Prinz, der ich bin,« sagte er, »daß ich in der Abgeschiedenheit unter den Augen eines Philosophen auferzogen wurde! Was nützen mir nun Algebra und Philosophie in Liebesangelegenheiten? Ach, Eben Bonabben, warum hast du es versäumt, mich in dem Gebrauch der Waffen zu unterrichten?« Bei diesen Worten brach die Eule ihr Schweigen, und ließ ihrer Rede einen Ausruf vorangehen, denn dieser Vogel war ein frommer Muselmann. »Allah Akbar! Gott ist groß!« rief sie. »In seinen Händen sind alle geheimen Dinge – er allein regiert das Geschick der Prinzen! – Wisse, o Prinz, daß dieses Land voller Geheimnisse ist, welche nur denen erschlossen sind, die, wie ich, im dunkeln nach den Wissenschaften tappen können. Wisse, daß in den benachbarten Bergen eine Höhle ist; in dieser Höhle nun ist ein eiserner Tisch, und auf diesem eisernen Tisch liegt eine vollständige magische Rüstung, und neben dem Tisch steht ein bezaubertes Pferd, was alles viele Geschlechter hindurch dort abgeschlossen ist.« Der Prinz war außer sich vor Staunen, während die Eule, mit ihren großen runden Augen blinzelnd, und ihre Hörner spitzend, fortfuhr. »Vor vielen Jahren begleitete ich meinen Vater bei einer Reise durch seine Besitzungen in diese Gegenden, und wir übernachteten in jener Höhle, und so wurde ich mit dem Geheimniß bekannt. Es ist eine Sage in unserer Familie, welche ich von meinem Großvater hörte, als ich nur erst ein kleines Eulchen war, diese Rüstung gehöre einem maurischen Zauberer, der sich in die Höhle geflüchtet, als Toledo von den Christen eingenommen worden, und dort gestorben war, Roß und Wehr unter einem Zauberbann lassend, daß nur ein Moslem sie gebrauchen solle, und dieser nur von Sonnenaufgang bis zum Mittag. Wer sie aber während dieser Zeit gebraucht, werde jeden Gegner besiegen.« »Genug! laß uns diese Höhle aufsuchen!« rief Ahmed. Von seinem sagenreichen Begleiter geführt, fand der Prinz die Höhle, welche in einer der wildesten Schluchten dieser Felsklippen waren, die um Toledo aufsteigen; nur das mausende Auge einer Eule oder eines Antiquars hätte den Eingang finden können. Eine Todtenlampe mit nie sich verzehrendem Oel verbreitete ein feierliches Licht in der Höhle. Auf einem eisernen Tisch in der Mitte der Höhle lag die magische Rüstung, die Lanze war daran gelehnt, und darneben stand ein arabisches Roß, zum Kampfe aufgezäumt, aber regungslos wie eine Statüe. Die Rüstung war glänzend und hell, wie sie in früherer Zeit geleuchtet hatte; das Roß in einem so guten Zustand, als käm es eben von der Weide, und als Ahmed seine Hand auf seinen Hals legte, stampfte es den Boden, und ließ ein lautes Wiehern der Freude hören, welches die Wände der Höhle erschütterte. So stattlich mit Roß und Waffen versehen, beschloß der Prinz, sich dem Kampfe in dem bevorstehenden Turnier zu stellen. Der entscheidende Morgen kam. Die Schranken für den Kampf waren in der Vega oder Ebene grade unter den auf Klippen erbauten Mauern Toledo's hergerichtet, und Bühnen und Galerieen mit reichen Tapeten bedeckt, und durch seidene Dächer vor der Sonne geschützt, für die Zuschauer erbaut. Auf diesen Galerieen waren alle Schönheiten des Landes versammelt, während unten schmucke Ritter mit ihren Pagen und Knappen prunkten; hier stachen vorzüglich die Prinzen hervor, welche in dem Turnier kämpfen sollten. Alle Schönheiten des Landes aber wurden verdunkelt, als die Prinzessin Alvegonda in dem königlichen Zelt erschien, und sich zum ersten Mal den Blicken einer bewundernden Welt darstellte. Ein Murmeln des Staunens über ihre unvergleichliche Schönheit lief durch die Menge, und die Prinzen, welche sich blos auf den Ruf ihrer gerühmten Reize um ihre Hand beworben hatten, entbrannten jetzt in zehnfacher Glut für den Kampf. Die Prinzessin aber sah traurig aus. Ihre Wangen erblaßten und rötheten sich, und ihr Auge irrte mit einem ruhelosen und unzufriedenen Ausdruck über die schmucken Schaaren der Ritter hin. Die Trompeten sollten eben zum Kampfe rufen, als der Herold die Ankunft eines fremden Ritters ankündigte, und Ahmed sich den Schranken näherte. Ein gestählter Helm, mit Edelsteinen besetzt, erhob sich über seinem Turban; sein Panzer war mit Gold ausgelegt; Säbel und Dolch waren aus den Werkstätten von Fez, und funkelten von kostbaren Steinen. Ein runder Schild hing an seiner Schulter, und in seiner Hand trug er die mit Zauberkraft begabte Lanze. Die Decke seines Arabers war reich gestickt, und fiel bis zum Boden nieder, und das stolze Thier bäumte sich und schnobberte die Luft und wieherte vor Freude, die Kampfreihen noch einmal zu sehen. Die stolze und anmuthige Haltung des Prinzen fesselte jedes Auge, und als man ankündigte, daß er sich den »Liebespilger« nenne, wurde eine allgemeine Unruhe und Bewegung unter den schönen Fräuleins auf den Galerieen bemerklich. Als Ahmed sich aber an den Schranken darstellte, schlossen sich diese vor ihm; nur Prinzen, hieß es, würden zum Kampfe zugelassen. Er nannte seinen Namen und Rang. »Noch schlimmer!« Er war ein Moslem, und konnte an einem Turnier nicht Theil nehmen, dessen Preis die Hand einer christlichen Prinzessin war. Die prinzlichen Bewerber umringten ihn mit stolzen und drohenden Mienen; und einer von unverschämtem Benehmen und herkulischer Gestalt verlachte höhnisch seine leichte und jugendliche Form, und spottete über seinen Liebes-Beinamen. Der Zorn des Prinzen war rege. Er forderte seinen Nebenbuhler zum Kampfe heraus. Sie stellten sich an, umkreisten sich, und begannen den Kampf; und bei der ersten Berührung der magischen Lanze war der sennige Spötter aus dem Sattel geworfen. Der Prinz hätte jetzt gern eingehalten – aber ach, er hatte es mit einem dämonischen Pferd und gleichen Waffen zu thun – wenn sie einmal im Kampfe waren, konnte nichts sie zügeln. Das arabische Roß schoß in das dichteste Gedräng; die Lanze warf alles, was ihr vorkam, nieder; der sanfte Prinz wurde wie toll auf dem Kampfplatz umhergerissen, und bedeckte ihn mit hoch und niedrig, adlig und schlicht, und betrübte sich über seine eignen unfreiwilligen Heldenthaten. Der König stürmte und wüthete über diese Schmach an seinen Unterthanen und Gästen. Er ließ alle seine Wachen ausziehen – so schnell sie herankamen, wurden sie aus dem Sattel geworfen. Der König warf seine Staatsgewänder ab, ergriff Schild und Lanze, und ritt heraus, den Fremdling mit der Gegenwart der Majestät selbst zu schrecken. Ach! es erging der Majestät nicht besser, als dem Pöbel – das Roß und die Lanze achtete der Personen nicht, und zu Ahmeds Betrübniß wurde er in vollem Lauf gegen den König getragen, und in einem Augenblick waren die königlichen Fersen in der Luft, und die Krone rollte in den Staub. In diesem Augenblick erreichte die Sonne die Mittagshöhe; der magische Bann nahm seine Kraft zurück; der Araber durchflog die Bahn, setzte über die Schranken, stürzte in den Tajo, schwamm durch dessen wilde Strömung, trug den Prinzen athemlos und außer sich in die Höhle, und stand wieder neben dem eisernen Tische wie eine Statüe. Der Prinz stieg recht froh ab, und legte die Rüstung an ihre Stelle, um der ferneren Bestimmungen des Schicksals zu harren. Dann setzte er sich in der Höhle nieder, und dachte über den verzweifelten Zustand nach, in welchen ihn dieses teuflische Roß und die Waffen gebracht hatten. Er durfte es nicht wagen, sich zu Toledo sehen zu lassen, nachdem er eine solche Schmach über dessen Ritterschaft gebracht, und dessen König so schwer beleidigt hatte. Und was dachte wohl die Prinzessin von einem so rohen und stürmischen Beginnen? Voller Unruhe sandte er seine gefiederten Boten aus, um Nachrichten zu sammeln. Der Papagei begab sich an alle öffentlichen Orte und besuchten Plätze der Stadt, und kehrte bald mit einer Menge Geplauder zurück. Ganz Toledo war in Bestürzung. Die Prinzessin war ohnmächtig in den Palast getragen worden; das Turnier hatte in Verwirrung geendigt; alle Welt sprach von der plötzlichen Erscheinung, den wunderbaren Thaten und dem sonderbaren Verschwinden des Moslem-Ritters. Einige erklärten ihn für einen maurischen Zauberer; Andere hielten ihn für einen Teufel, der menschliche Gestalt angenommen, während Andere Sagen von bezauberten Kämpen, die in den Höhlen der Berge versteckt seyen, erzählten und glaubten, es könne einer derselben gewesen seyn, der plötzlich aus seiner Höhle losgebrochen sey. Alle waren darüber eins, daß kein gewöhnlicher Sterblicher solche Wunder verrichten oder solche vollkommene und tapfere christliche Ritter aus dem Sattel heben könnte. Des Nachts flog die Eule fort, schwebte über der nächtlichen Stadt und setzte sich auf die Dächer und Schornsteine. Dann nahm sie ihren Weg empor zu dem königlichen Palast, der auf der felsigen Höhe von Toledo stand, und schlich um seine Zinnen und Terrassen, an jeder Spalte lauschend und mit ihren dicken glotzigen Augen in jedes Fenster, wo ein Licht war, schielend, so daß ein oder zwei Staatsfräulein in Ohnmacht fielen. Aber erst, als die graue Dämmerung über die Berge schaute, kehrte sie von ihrer nächtlichen Wanderung zurück und erzählte dem Prinzen, was sie gesehen hatte. »Während ich um einen der höchsten Thürme des Palastes strich,« sagte sie, »sah ich durch ein Fenster eine schöne Prinzessin. Sie war auf ein Lager gelehnt, Dienerinnen und Aerzte um sie, allein sie wollte nichts von ihrem Dienste und ihrer Hülfe wissen. Als sie weg waren, sah ich, wie sie einen Brief aus ihrem Busen zog, ihn las und küßte und in laute Klagen ausbrach, worüber ich, so sehr ich auch Philosoph bin, nicht anders als gerührt seyn konnte.« Ahmed's zärtliches Herz betrübten diese Nachrichten sehr. »Zu wahr waren deine Worte, o weiser Eben Bonabben,« rief er. »Sorge und Kummer und schlaflose Nächte sind das Loos der Liebenden. Allah bewahre die Prinzessin vor dem verderblichen Einfluß dieses Dings, das Liebe genannt wird.« Fernere Kunde aus Toledo bestätigte die Nachricht der Eule. Die Stadt war eine Beute der Unruhe und der Verwirrung. Die Prinzessin war in den höchsten Thurm des Palastes gebracht worden, und jeder Zugang zu demselben wurde streng bewacht. Mittlerweile hatte eine verzehrende Schwermuth sich ihrer bemächtigt, deren Grund niemand errathen konnte – sie wieß jede Nahrung von sich und wendete ihr Ohr jedem Trost ab. Die geschicktesten Aerzte hatten vergeblich ihre Kunst versucht; man glaubte, irgend ein Zauber sey an ihr geübt worden, und der König ließ öffentlich bekannt machen, wer sie heilen könne, sollte den reichsten Juwel in dem königlichen Schatze erhalten. Als die Eule, die träumerisch in einer Ecke saß, von dieser Bekanntmachung hörte, rollte sie ihre großen Augen und blickte geheimnißvoller denn je. »Allah Akbar!« rief sie: »glücklich der Mann, dem diese Heilung gelingt, wenn er nur weiß, was er in dem königlichen Schatz wählen soll.« »Was meinst du, höchst ehrenwerthe Eule?« sagte Ahmed. »Höre, o Prinz, was ich dir berichten will. Wir Eulen, mußt du wissen, bilden eine gelehrte Gilde und sind dunkelm und ständigem Forschen sehr ergeben. Während meiner letzten nächtlichen Streiferei um die Dome und Thürme Toledo's, entdeckte ich eine Gesellschaft antiquarischer Eulen, welche ihre Zusammenkünfte in einem großen gewölbten Thurm halten, wo der königliche Schatz aufbewahrt wird. Hier besprachen sie die Gestalten und Inschriften und Zeichen auf alten Gemmen und Juwelen, auf goldenen und silbernen Gefäßen, welche, Beweise des Geschmacks aller Länder und Zeiten, in dem Schatz aufgehäuft sind; am eifrigsten aber behandelten sie gewisse Reliquien und Zaubermittel, welche seit den Zeiten Roderichs des Gothen in der Schatzkammer lagen. Unter diesen war ein Kistchen von Sandelholz, welches durch Stahlbande von orientalischer Arbeit geschlossen und mit mystischen nur wenigen Gelehrten bekannten Charakteren überschrieben war. Dieses Kistchen und seine Inschrift hatte die Gesellschaft mehrere Sitzungen beschäftigt und viele lange und ernste Streitigkeiten herbeigeführt. Zur Zeit meines Besuches saß eine sehr alte Eule, die neulich aus Aegypten gekommen war, auf dem Deckel des Kistchens und hielt über die Inschrift einen Vortrag, in welchem sie bewies, das Kistchen enthalte den seidnen Teppich von dem Throne Salomon's des Weisen, der ohne Zweifel von den Juden, welche sich nach dem Sturz von Jerusalem nach Toledo geflüchtet hatten, mitgebracht worden sey.« Als die Eule ihre antiquarische Rede geschlossen hatte, blieb der Prinz eine Zeitlang in Gedanken verloren. »Ich habe,« sagte er, »von dem weisen Eben Bonabben von den wunderbaren Eigenschaften dieses Talismans gehört, welcher bei dem Falle Jerusalems verschwand und für das menschliche Geschlecht verloren zu seyn schien. Ohne Zweifel bleibt er für die Christen von Toledo ein geschlossenes Geheimniß. Wenn ich in den Besitz dieses Teppichs kommen kann, ist mein Glück gewiß.« Am nächsten Tage legte der Prinz seine reiche Tracht bei Seite und kleidete sich in das einfache Gewand eines Arabers der Wüste. Er gab seinem Gesicht eine dunkle Farbe und niemand hätte in ihm den glänzenden Krieger erkannt, der so viel Bewunderung und Unheil bei dem Turnier veranlaßt hatte. Den Stab in der Hand, an der Seite die Tasche und eine kleine Hirtenpfeife, begab er sich nach Toledo, stellte sich an dem Thore des königlichen Palastes dar und kündigte sich als einen Mitbewerber um den Lohn an, der für die Wiederherstellung der Prinzessin geboten worden. Die Wachen wollten ihn mit Schlägen wegtreiben und sagten: »was vermag ein herumziehender Araber, wie du, in einem Falle, an welchem die Gelehrtesten des Landes scheiterten?« Aber der König hörte den Lärm und befahl, den Araber vor ihn zu bringen. »Mächtigster König,« sagte Ahmed, »du siehst einen Bedouinen vor dir, der den größten Theil seines Lebens in den Einöden der Wüste hingebracht hat. Es ist bekannt, daß diese Einöden von Dämonen und bösen Geistern besucht werden, die uns arme Hirten bei unserer einsamen Wachen befangen, in unsere Schafe und Heerden fahren und zuweilen selbst das geduldige Kamel wüthend machen; gegen diese ist unser Zauber die Musik und wir haben alte Weisen, welche von Geschlecht zu Geschlecht auf uns kamen, und die wir singen und pfeifen, um diese bösen Geister zu vertreiben. Ich gehöre einem begabten Stamme an und besitze diese Kraft in ihrer vollsten Stärke. Wenn ein böser Einfluß dieser Art deine Tochter bezaubert hat, so setze ich meinen Kopf zum Pfand, daß ich diesen Bann löse.« Der König war ein Mann von Verstand und wußte, welche wunderbare Geheimnisse diese Araber besaßen; die zuversichtliche Sprache des Prinzen erfüllte ihn daher mit Hoffnung. Er führte ihn sogleich zu dem hohen, durch mehrere Thüren vermachten Thurm, auf dessen höchster Höhe das Gemach der Prinzessin war. Die Fenster gingen auf einen Gang mit Geländern und hatten die Aussicht auf Toledo und die Umgegend. Die Fenster waren verhängt, denn die Prinzessin lag drinnen, die Beute eines verzehrenden Kummers, der jede Erleichterung von sich wieß. Der Prinz setzte sich auf den Gang und blies auf seiner Hirtenpfeife mehrere wilde arabische Weisen, die er von seinen Dienern in dem Generalife zu Granada gelernt hatte. Die Prinzessin blieb gefühllos und die Doctoren, die zugegen waren, schüttelten ihre Köpfe, und lächelten ungläubig und verächtlich. Endlich legte der Prinz die Pfeife bei Seite und sang in einer einfachen Melodie die Liebesverse, durch welche er in dem Briefe seine Leidenschaft erklärt hatte. Die Prinzessin erkannte die Worte – eine rasche Freude stahl sich in ihr Herz; sie erhob ihr Haupt und lauschte; Thränen brachen aus ihren Augen und strömten über ihre Wangen nieder; ihr Busen hob sich und fiel in dem Aufruhr der Gefühle. Sie hätte gern begehrt, daß der Sänger vor sie gebracht werde, aber jungfräuliche Scheu hielt sie zurück. Der König errieth ihren Wunsch und auf seinen Befehl wurde Ahmed in das Gemach geführt. Die Liebenden waren klug; sie wechselten nur Blicke, aber diese Blicke sprachen unendlich viel. Der Triumph der Musik war nie vollständiger. Die Rose kehrte auf die sanfte Wange der Prinzessin zurück, die Frische auf ihre Lippen und das thauige Licht in ihre schmachtenden Augen. Alle anwesenden Aerzte starrten einander verwundert an. Der König betrachtete den arabischen Sänger mit einem Gemisch von Bewunderung und Ehrfurcht. »Wunderbarer Jüngling!« rief er aus, »du sollst fortan der erste Arzt meines Hofes seyn und kein anderes Recept will ich brauchen als deinen Gesang. Für jetzt empfange deinen Lohn, den kostbarsten Juwel in meiner Schatzkammer.« »O König,« versetzte Ahmed: »Ich setze keinen Werth auf Silber, Gold oder Edelstein. Eine Reliquie hast du in deiner Schatzkammer, welche von den Moslemin, denen einst Toledo gehörte, herstammt – ein Kistchen von Sandelholz, welches einen seidenen Teppich enthält: gib mir dieses Kistchen und ich bin zufrieden.« Alle Anwesenden staunten über die Genügsamkeit des Arabers; dies war noch mehr der Fall, als das Kistchen von Sandelholz gebracht und der Teppich hervorgezogen wurde. Er war von schöner grüner Seide, mit hebräischen und chaldäischen Charakteren bedeckt. Die Hofärzte blickten einander an, zuckten die Schultern und lächelten über die Einfalt dieses neuen Arztes, der sich mit einem so elenden Lohn begnügte. »Dieser Teppich,« sagte der Prinz, »deckte einst den Thron Salomons des Weisen; er ist werth, daß man ihn zu Füßen der Schönheit legt.« Bei diesen Worten breitete er ihn auf dem Gang, unter einer Ottomanne aus, die für die Prinzessin gebracht worden war; dann setzte er sich ihr zu Füßen und sagte: »Wer wird hindern, was in dem Buche des Schicksals geschrieben steht? Seht, die Weissagung der Astrologen ist erfüllt. Wisse, o König, daß deine Tochter und ich uns lange insgeheim liebten. Sieh in mir den Liebespilger.« Diese Worte waren kaum von seinen Lippen, als der Teppich sich in die Luft erhob und den Prinzen und die Prinzessin entführte. Der König und die Aerzte blickten ihm mit offenem Munde und weit geöffneten Augen nach, bis er ein kleiner Fleck an der weißen Brust einer Wolke wurde und dann an dem blauen Himmelsgewölbe verschwand. Der König war in Wuth und ließ seinen Schatzmeister kommen: »Wie kömmt es,« rief er, »daß du einen Ungläubigen in den Besitz eines solchen Talismans kommen ließest?« »Ach, Herr, wir kannten seine Kraft nicht und konnten die Inschriften auf dem Kistchen nicht entziffern. Wenn es wirklich der Teppich des Throns des weisen Salomon ist, so besitzt er magische Kraft und kann seinen Besitzer von Ort zu Ort durch die Luft tragen.« Der König sammelte ein mächtiges Heer und brach nach Granada auf, die Flüchtigen verfolgend. Der Weg war lang und mühselig. Auf der Vega ließ er Halt machen und schickte einen Herold ab, um die Rückgabe seiner Tochter zu verlangen. Der König selbst kam ihm mit seinem ganzen Hof entgegen. In dem König sah er den leibhaften Sänger, denn Ahmed war nach dem Tode seines Vaters König geworden und die schöne Aldigonda war seine Sultanin. Der christliche König war leicht zufrieden gestellt, als er sah, daß seine Tochter ihren Glauben beibehalten hatte: nicht als wenn er besonders fromm gewesen wäre; aber die Religion ist immer ein Gegenstand des Stolzes und der Etiquette bei den Fürsten. Statt blutigen Schlachten folgten sich jetzt Feste und Ergötzlichkeiten, nach welcher der König sich ganz vergnügt nach Toledo zurückbegab, und das junge Paar eben so glücklich als weise in der Alhambra zu regieren fortfuhr. Es muß bemerkt werden, daß die Eule und der Papagei gesondert dem Prinzen in kleinen Tagreisen nach Granada folgten; jene reiste bei Nacht und hielt in den verschiedenen erblichen Besitzungen ihrer Familie an; dieser glänzte in den fröhlichen Kreisen jeder Stadt und Burg, die er auf seiner Reise berührte. Ahmed vergalt die Dienste dankbar, die sie ihm bei seiner Pilgerschaft geleistet. Er machte den Weisheitsvogel zu seinem ersten Minister, den Papagei zu seinem Ceremonienmeister. Es ist unnöthig zu bemerken, daß nie ein Land weiser regiert oder ein Hof mit pünktlicherer Sorgfalt in Ordnung gehalten wurde. Sage von des Mauren Vermächtniß. In der Festung der Alhambra, vor dem königlichen Palast, ist eine breite, offene Esplanade, welche der Platz der Cisternen (La Plaza de los Algibes) genannt wird, weil sie von Wasserbehältern, die vor dem Auge verborgen sind und noch aus der Zeit der Mauren herstammen, untergraben ist. In der einen Ecke dieses Platzes ist ein maurischer Brunnen, der bis zu erstaunlicher Tiefe in den lebendigen Fels gehauen und dessen Wasser so kalt wie Eis und so klar wie Krystal ist. Die von den Mauren gebauten Brunnen sind stets in Ansehen, denn es ist bekannt, welche Mühe sie sich gaben, um zu den reinsten und besten Quellen und Brunnen durchzudringen. Der, von dem wir hier reden, ist in ganz Granada berühmt, da die Wasserträger, bald mit großen Wassergefäßen auf ihren Schultern, bald Esel mit irdenen Krügen vor sich hertreibend, die steilen buschigen Zugänge der Alhambra, vom frühesten Morgen bis zur späten Abendzeit, auf- und absteigen. Brunnen und Quellen waren immer, seit den Tagen der h. Schrift, als Plauderplätze in den heisen Himmelsstrichen bekannt und an dem fraglichen Brunnen wird den lieben langen Tag von den Invaliden, den alten Weibern und anderm neugierigen, nichtsthuerischen Volk der Festung ein ständiger Klub gehalten; sie sitzen da auf den steinernen Bänken, unter einem über den Brunnen gedeckten Dache, um die Zolleinnehmer vor der Sonne zu schützen und beschwatzen die Vorfälle der Festung und fragen jeden Wasserträger, der da kömmt, über die Stadtneuigkeiten, und machen lange Betrachtungen über alles, was sie sehen und hören. Zu jeder Stunde des Tags sieht man zaudernde Weiber und müßige Mägde hier mit dem Krug in der Hand oder auf dem Kopf weilen, um den Schluß des endlosen Gewäsches dieser Ehrenleute zu hören. Unter den Wasserträgern, welche einst zu diesem Brunnen kamen, war ein starker, breitschultriger, krumbeiniger kleiner Kerl, Namens Pedro Gil, den man aber der Kürze wegen Peregil hieß. Als Wasserträger war er natürlich ein Gallego, oder Gallicier. Die Natur scheint Geschlechter von Menschen, wie von Thieren, für verschiedene Arten von Plackerei geschaffen zu haben. In Frankreich sind alle Schuhputzer Savoyarden, alle Thürhüter Schweizer – und in den Tagen der Reifröcke und des Haarpuders konnte niemand eine Sänfte gehörig in Gang bringen, als ein langbeiniger Irländer. So sind in Spanien die Wasser- und Lastträger sämmtlich stämmige kleine Leute aus Gallicien. Niemand sagt: »Schafft mir einen Träger,« – sondern »ruft einen Gallego.« Um von dieser Abschweifung zurückzukommen: Peregil der Gallego hatte sein Geschäft blos mit einem großen irdenen Krug angefangen, den er auf seiner Schulter trug; allmählig hob er sich in der Welt und war im Stand, sich einen Gehülfen von einer entsprechenden Klasse von Thieren anzuschaffen – nämlich einen starken, zottelhaarigen Esel. Auf jeder Seite dieses langöhrigen Adjutanten waren in einer Art Korb seine Wasserkrüge, auf welchen Feigenblätter lagen, um sie vor der Sonne zu bedecken. Es gab keinen fleißigeren Wasserträger in ganz Granada, und auch keinen fröhlichern. Die Straßen hallten von seiner lustigen Stimme wieder, während er seinem Esel nachtrabte und das gewöhnliche Sommerlied sang, das man in allen spanischen Städten hört; »Quien quiere agua – agua mas fria que la nieve?« – Wer will Wasser – Wasser kälter als Schnee? Wer will Wasser von Brunnen der Alhambra, kalt wie Eis und klar wie Krystal. Wenn er einem Kunden das klare Glas darreichte, hatte er stets ein freundliches Wort zur Hand, das zum Lächeln zwang, und wenn es vielleicht eine hübsche Dame oder eine schmucke Maid mit Grübchen in den Wangen war, geschah es stets mit einem schlauen Lächeln und einem Kompliment über ihre Schönheit, das unwiderstehlich war. So war Peregil der Gallego in ganz Granada als einer der höflichsten, lustigsten und glücklichsten Menschen bekannt. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt und der hat nicht das leichteste Herz, der am lautesten singt und am meisten scherzt. Bei allem diesem vergnügten Aeußern hatte der ehrliche Peregil seine Noth und Sorgen. Er hatte einen großen Haufen zerlumpter Kinder zu ernähren, die hungrig und lärmend waren, wie ein Nest voll junger Schwalben, und ihn jeden Abend bei seiner Rückkehr mit ihrem Geschrei nach Brod umringten. Er hatte auch eine Gehülfin, aber er hatte nichts weniger als Hülfe von ihr. Sie war vor ihrer Heirath eine Dorfschönheit gewesen – berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit, den Bolero zu tanzen und die Castagnetten zu rühren; und sie behielt ihre früheren Liebhabereien bei, vergeudete den mühsamen Erwerb des ehrlichen Peregil in Putz und nahm sogar den Esel in Beschlag, um Lustparthien auf das Land zu machen, so oft ein Sonntag oder Festtag oder einer der zahllosen Feiertage kam, die in Spanien so zu sagen häufiger sind als die Tage der Woche. Bei allem dem war sie auch ein wenig von einer Schlumpe, etwas mehr von einer Faullenzerin und vor allem eine Klatsche von der ersten Sorte, die ihr Haus, ihren Haushalt und alles Uebrige vernachlässigte, um in den Häusern ihrer geschwätzigen Nachbarn herumzufahren. Er aber, der dem geschornen Lamme den Wind zumißt, paßt auch das Ehestandsjoch dem sich beugenden Nacken an. Peregil ertrug alle die schweren Lasten von Weib und Kindern mit so mildem Sinne, wie sein Esel die Wasserkrüge, und obgleich er seine Ohren wohl für sich schüttelte, wagte er es doch nie, die Haushaltungstugenden seines schlumpigen Weibchens in Zweifel zu ziehen. Er liebte seine Kinder auch, wie eine Eule ihre Eulchen liebt, weil sie in ihnen ihr eigenes Bild vervielfältigt und verewigt sieht; denn es war eine starke, breitschultrige, krummbeinige kleine Brut. Die größte Freude des ehrlichen Peregil aber war, wenn er sich zuweilen einen Feiertag machen konnte und einige Maravedis auszugeben hatte, das ganze Nest mit sich hinaus zu nehmen – einige auf dem Arm, einige an seinem Rockschoß hängend, und einige ihm auf den Fersen nachtrabend – um sie in den Gärten der Vega zu bewirthen, während seine Frau mit ihren Feiertags-Freundinnen in den Angosturas des Darro tanzte. Es war spät in einer Sommernacht, und die meisten Wasserträger hatten sich schon aus den Straßen entfernt. – Der Tag war ungewöhnlich heiß gewesen; die Nacht war eine jener köstlichen Mondscheinnächte, welche die Bewohner der südlichen Länder einladen, sich für die Hitze und Unthätigkeit des Tages zu entschädigen, indem sie im Freien bleiben und die gemäßigte Milde der Luft bis nach Mitternacht genießen. Es waren daher noch Leute heraus, die Wasser forderten. Peregil dachte als ein besonnener, arbeitsamer, kleiner Vater an seine hungrigen Kinder und sagte zu sich: Noch einen Gang zum Brunnen, um einen Puchero für die Kleinen auf den Sonntag zu verdienen. Bei diesen Worten schritt er muthig den steilen Pfad zu der Alhambra hinan, sang unterwegs und gab dann und wann seinem Esel einen tüchtigen Schlag mit seinem Prügel in die Seite, entweder als Takt zu dem Lied oder als Ermunterung für das Thier; denn tüchtige Schläge dienen bei allen Lastthieren Spaniens statt des Hafers. Als er an den Brunnen kam, fand er ihn von allen verlassen, einen einsamen Fremden in maurischem Gewand ausgenommen, der auf der Steinbank im Mondschein saß. Peregil hielt erst an und betrachtete ihn mit Staunen, das nicht ganz ohne Furcht war; aber der Maure winkte ihm mit schwacher Hand, sich zu nähern und sagte: »ich bin schwach und krank; hilf mir in die Stadt zurück und ich will dir das doppelte von dem bezahlen, was du mit deinen Wasserkrügen verdient hättest.« Das biedere Herz des kleinen Wasserträgers war bei dieser Bitte des Fremden von Mitleid durchdrungen. »Gott verhüte,« sagte er, »daß ich einen Lohn oder eine Gabe für eine Handlung der Menschlichkeit verlange.« Er half also dem Mauren auf seinen Esel und zog langsam nach Granada hinab; der arme Moslem war so schwach, daß er ihn auf dem Thiere halten mußte, damit er nicht herabfiel. Als sie in die Stadt kamen, fragte der Wasserträger, wohin er ihn führen solle. »Ach,« sagte der Maure schwach, »ich habe weder Haus noch Wohnung; ich bin ein Fremdling in dem Lande. Laß mich mein Haupt diese Nacht unter deinem Dache niederlegen und du sollst reichlich belohnt werden.« Der ehrliche Peregil sah sich auf diese Art unerwartet mit einem ungläubigen Gast belastet, war aber zu menschlich, um einem Manne, der in einer so verlassenen Lage war, ein Nachtlager zu versagen; er führte den Mauren daher in seine Wohnung. Die Kinder, die wie gewöhnlich, wenn sie den Tritt des Esels hörten, mit offnem Mund herauskamen, liefen erschreckt zurück, als sie den beturbanten Fremden sahen, und versteckten sich hinter ihre Mutter. Die letztere schritt unerschrocken heraus, wie eine gluckende Henne vor ihrer Brut, wenn ein verlaufener Hund naht. »Welchen ungläubigen Gefährten,« sagte sie, »bringst du in dieser späten Stunde in das Haus, um die Augen der Inquisition auf uns zu ziehen?« »Sey ruhig, Frau!« sagte der Gallego: »es ist ein armer, kranker Fremdling, ohne Freund und Obdach; wirst du ihn abweisen, daß er auf der Straße sterbe?« Das Weib hätte sich noch gesträubt, denn obgleich sie in einer elenden Hütte lebte, so war sie doch eine eifrige Kämpferin für den Kredit ihres Hauses; aber der kleine Wasserträger war dieses Mal hartnäckig und wollte sich nicht unter das Joch beugen. Er half dem armen Moslem absteigen und breitete eine Matte und ein Schaafsfell für ihn in dem kühlsten Theil des Hauses auf den Boden – ein besseres Bett konnte seine Armuth nicht bieten. Nach einer kleinen Weile bekam der Maure die heftigsten Krämpfe, die aller hülfreichen Geschicklichkeit des einfachen Wasserträgers trotzten. Das Auge des armen Kranken sprach seine Erkenntlichkeit aus. In einem schmerzenfreien Augenblick rief er ihn an seine Seite und sagte mit leiser Stimme zu ihm: »mein Ende, fürchte ich, ist nahe. Wenn ich sterbe, vermache ich dir diese Kapsel als Lohn für deine Güte.« Bei diesen Worten öffnete er seinen Albornoz oder das Ueberkleid, und zeigte eine kleine Kapsel von Sandelholz, die mit einem Riemen um seinen Leib gebunden war. »Gott gebe, mein Freund,« versetzte der würdige kleine Gallego, »daß Ihr viele Jahre lebt, um euch eures Schatzes zu erfreuen, welcher Art er auch seyn mag.« Der Mann schüttelte den Kopf; er legte seine Hand auf die Kapsel und schien noch etwas in Bezug auf dieselbe sagen zu wollen, aber seine Krämpfe kamen mit erhöhter Heftigkeit zurück und nach einer kurzen Weile starb er. Des Wasserträgers Weib war jetzt wie wahnsinnig. »Das kömmt von deiner thörigten Gutmüthigkeit,« sagte sie, »die dich immer in's Unglück stürzt, um Andern zu helfen. Was wird aus uns werden, wenn man diese Leiche in unserm Hause findet? Man wird uns als Mörder ins Gefängniß stecken, und wenn wir mit dem Leben davon kommen, so werden uns die Advokaten und Gerichtsdiener zu Grund richten.« Der arme Peregil war in gleicher Unruhe und bereute es beinahe, eine gute That gethan zu haben. Endlich durchkreuzte ihn ein Gedanke. »Es ist noch nicht Tag,« sagte er, »und ich kann die Leiche aus der Stadt bringen und sie in dem Sand an den Ufern des Xenil begraben. Niemand sah den Mauren in unser Haus kommen und niemand soll etwas von seinem Tode erfahren.« Wie gesagt, so gethan. Die Frau half ihm. Sie wickelten die Leiche des unglücklichen Moslem in die Matte, auf welcher er gestorben war, legten sie über den Esel und Peregil zog mit ihr an das Ufer des Flusses. Zum Unglück wohnte dem Wasserträger gegenüber ein Barbier, Namens Pedrillo Pedrugo, einer der neugierigsten, schwatzhaftesten und boshaftesten seiner klatschhaften Zunft. Es war ein wieselköpfiger, spinnenbeiniger Schurke, geschmeidig und zuthunlich; der berühmte Barbier von Sevilla konnte ihn in umfassender Kenntniß der Angelegenheiten Anderer nicht übertreffen und er konnte nicht mehr bei sich behalten, wie ein Sieb. Man sagte, er schliefe immer nur mit Einem Auge, und habe Ein Ohr unbedeckt, so daß er selbst im Schlaf alles hören und sehen konnte, was vorging. So viel ist gewiß, er war eine Art von Läster-Chronik für die Neuigkeitsüchtigen von Granada und hatte mehr Kunden als alle übrigen Barbiere der Stadt. Dieser ruhelose Barbier hörte den Peregil zu einer ungewöhnlichen Stunde der Nacht ankommen; auch vernahm er das Geschrei von Weib und Kindern. Alsobald steckte er auch seinen Kopf aus dem kleinen Fenster, das ihm als eine Art Luge diente und sah seinen Nachbarn einem Manne in maurischem Gewand in seine Wohnung helfen. Dies war ein so auffallendes Ereigniß, daß Pedrillo diese Nacht nicht eine Minute schlief. Alle fünf Minuten war er an seiner Luge und gab auf das Licht acht, das durch die Spalten der Thüre des Nachbars flimmerte, und sah vor Anbruch des Tags Peregil mit seinem ungewöhnlich beladenen Esel abziehen. Der neugierige Barbier war außer sich; er schlüpfte in seine Kleider, stahl sich schweigend fort und folgte in einiger Entfernung dem Wasserträger, wo er ihn denn auf dem Sandufer des Xenil eine Grube graben und etwas in dieselbe verscharren sah, das wie die Leiche eines Menschen aussah. Der Barbier eilte nach Haus, polterte in seiner Bude umher und warf alles drunter und drüber, bis der Tag kam. Jetzt nahm er das Becken unter den Arm und eilte in das Haus seines täglichen Kunden, des Alcalde. Der Alcalde war eben aufgestanden. Pedrillo Pedrugo setzte ihm einen Stuhl, band ihm eine Serviette um den Hals, steckte ihm ein Becken mit heisem Wasser unter das Kinn und fing an, ihm den Bart mit den Fingern zu erweichen. »Seltsame Vorfälle!« sagte Pedrugo, der zumal den Neuigkeitskrämer und den Barbier spielte: –»Seltsame Vorfälle! Raub – Mord – und Begräbniß – alles in einer Nacht.« »Holla! – Wie? Was sagt Ihr da?« rief der Alcalde. »Ich sage,« versetzte der Barbier und rieb dem Würdenträger ein Stück Seife über die Nase und den Mund, denn ein spanischer Barbier verachtet es, einen Pinsel zu brauchen – »ich sage, Peregil der Gallego hat einen maurischen Muselmann in dieser gebenedeiten Nacht beraubt, gemordet und begraben. Maldita sea la noche verflucht sey die Nacht!« »Aber wie habt Ihr das alles erfahren?« fragte der Alcalde. »Habt Geduld, Sennor, und Ihr sollt alles hören,« erwiederte Pedrillo, nahm ihn bei der Nase und ließ das Rasirmesser über seine Wange gleiten. Er erzählte dann alles, was er gesehen hatte und machte beide Operationen zu gleicher Zeit ab, indem er ihm den Bart abkratzte, sein Kinn wusch, uns ihn mit einer schmutzigen Serviette abtrocknete, während er den Moslem beraubte, mordete und begrub. Nun begab es sich, daß der Alcalde einer der hochfahrendsten und zugleich einer der habsüchtigsten und schlechtesten Filze in ganz Granada war. Jedoch konnte nicht geläugnet werden, daß er einen hohen Werth auf die Gerechtigkeit setzte, denn er verkaufte sie nach ihrem Gewichte in Gold. Er dachte sich, der vorliegende Fall sey ein Raubmord; ohne Zweifel habe es reiche Beute dabei abgesetzt; wie war diese in die rechtmäßige Hand des Gerichtes zu bringen? – denn den Verbrecher blos zu ertappen – das hieß nur den Galgen füttern: – aber den Raub ertappen – das hieß den Richter bereichern und dies war, seiner Ansicht nach, der große Zweck der Gerechtigkeit. So dachte er und rief seinen treuesten Aguazil – einen ausgetrockneten, hungrigaussehenden Schurken, nach der Sitte seines Standes in die altspanische Tracht gekleidet, einen breiten schwarzen Hut nach allen Seiten aufgestülpt; ein sauberer Kragen; ein kleiner schwarzer Mantel von den Schultern flatternd; alte schwarze Unterkleider, welche seine schwanke, drähterne Gestalt noch mehr hervorhoben, während er in seiner Hand einen dünnen weißen Stab trug, das gefürchtete Abzeichen seines Amtes. Der Art war der gesetzliche Spürhund, von der alten spanischen Zucht, den er auf die Spuren des unglücklichen Wasserträgers hetzte; und der Art war seine Eile und Zuversicht, daß er dem armen Peregil auf den Fersen war, ehe er noch sein Haus erreichte, und ihn und seinen Esel vor den Spender der Gerechtigkeit brachte. Der Alcalde warf einen seiner fürchterlichsten Blicke auf ihn. »Hörst du, Verbrecher!« brüllte er in einem Ton, daß dem armen Gallego die Knie aneinander klapperten. – »hörst du, Verbrecher, du brauchst deine Schuld nicht zu läugnen, ich weiß bereits Alles. Ein Galgen ist der beste Lohn für das Verbrechen, das du begangen hast; aber ich bin mitleidig und lasse gern mit mir reden. Der Mann, den du in deinem Hause ermordet hast, war ein Maure, ein Ungläubiger, ein Feind unserer Religion. Ohne Zweifel hast du ihn in einem Anfall religiösen Eifers todt geschlagen. Ich will daher nachsüchtiger seyn; gib die Habe heraus, welche du ihm genommen hast und wir wollen die Sache vertuschen.« Der arme Wasserträger rief alle Heilige als Zeugen seiner Unschuld an; aber ach, keiner von ihnen kam; und wenn sie gekommen wären, der Alcalde hätte alle Heilige des Kalenders Lügen gestraft. Der Wasserträger erzählte die ganze Geschichte von dem sterbenden Mauren mit der ungeschmückten Einfachheit der Wahrheit; aber alles war umsonst. »Wirst du darauf bestehen,« fragte der Richter, »daß dieser Moslem weder Gold noch Juwelen hatte, welche ein Gegenstand deiner Habgier waren?« »So gewiß ich selig zu werden hoffe, Eure Gnaden,« versetzte der Wasserträger: »er hatte nichts als eine kleine Kapsel von Sandelholz, die er mir als Lohn für meine Dienste vermachte.« »Eine Kapsel von Sandelholz? Eine Kapsel von Sandelholz?« rief der Alcalde und seine Augen funkelten bei den Gedanken an Edelsteine. »Und wo ist diese Kapsel? wo hast du sie versteckt?« »Euer Gnaden zu dienen,« sagte der Wasserträger, »sie ist in einem der Körbe meines Esels und steht Euer Gnaden herzlich gern zu Diensten.« Er hatte diese Worte kaum gesprochen, so schoß der treffliche Aguazil schon fort und erschien in einem Augenblick wieder mit der geheimnißvollen Kapsel von Sandelholz. Der Alcalde öffnete sie mit hastiger und zitternder Hand; alles drängte sich herzu, um die Schätze zu sehen, welche sie, wie man hoffte, enthielt, als, zu ihrem Mißmuth, sich nichts als eine Pergamentrolle mit arabischen Buchstaben bedeckt, und ein Stück von einer Wachskerze zeigte. Wenn nichts durch die Ueberführung eines Gefangenen zu gewinnen ist, so ist die Gerechtigkeit, in Spanien sogar, manchmal unpartheiisch. Als sich der Alcalde von seinem Verdruß erholt hatte, und sah, daß wirklich nichts Namhaftes in der Kapsel war, hörte er leidenschaftlos auf die Auseinandersetzung des Wasserträgers, welche durch das Zeugniß seiner Frau bekräftigt ward. So von seiner Unschuld überzeugt, entließ er ihn aus seiner Haft; ja, er erlaubte ihm sogar, sein maurisches Vermächtniß, die Kapsel von Sandelholz und deren Inhalt als wohlverdienten Lohn für seine Dienste mit nach Hause zu nehmen; aber den Esel behielt er an Geldes statt für Kosten und Gebühren. Da war denn der unglückliche kleine Gallego wieder in die Nothwendigkeit versetzt, sein eigner Wasserträger zu werden und mit einem großen irdenen Krug auf seiner Schulter zu dem Brunnen der Alhambra herauf zu keichen. Wenn er sich in der Hitze eines Sommernachmittags die Höhe heraufarbeitete, verließ ihn seine gewöhnliche gute Laune. »Verdammter Alcalde!« rief er dann wohl aus: »der einem armen Mann die Mittel seines Unterhalts, den besten Freund raubte, den er auf der Welt hatte.« Und dann brach, bei der Erinnerung an den geliebten Gefährten seiner Mühen, die ganze Zärtlichkeit seines Wesens hervor. »Ach, Esel meines Herzens!« rief er aus, indem er seinen Krug auf einen Stein stellte und sich den Schweiß von der Stirne wischte – »ach, Esel meines Herzens! Ich weiß es gewiß, du denkst an deinen alten Herrn! Ich weiß es gewiß, du vermissest die Wasserkrüge – armes Thier!« Um seinen Kummer zu vermehren empfing ihn seine Frau, wenn er nach Hause kam, mit Murren und Greinen; sie hatte nun offenbar den Vortheil über ihn, denn sie hatte ihn gewarnt, die edle Handlung der Gastfreundschaft, welche all dieses Unheil über sie brachte, nicht zu üben; und als eine kluge Frau nahm sie jede Gelegenheit wahr, ihm ihren überlegeneren Scharfsinn vorzuhalten. Wenn ihre Kinder kein Brod hatten oder ein neues Kleid brauchten, sagte sie wohl höhnisch – »geht zu euerm Vater – er ist der Erbe des Königs Chico von der Alhambra – sagt ihm, er solle euch mit der Büchse des Mauren helfen.« Wurde je ein armer Erdenmensch so arg gestraft, weil er eine gute That vollbracht hatte? der unglückliche Peregil war an Leib und Seele niedergeschlagen, dennoch ertrug er den Hohn seiner Frau mit Gelassenheit. Endlich aber, eines Abends, als er nach saurer Tagesarbeit heimkehrte, und sie ihn wieder in der gewöhnlichen Weise aushöhnte, verlor er alle Geduld. Er wagte es nicht, sie es entgelten zu lassen, aber sein Auge ruhte auf der Kapsel von Sandelholz, die mit halb offenem Deckel, als spotte sie über seine Noth, auf einem Brette lag. Er ergriff sie und warf sie zornig auf den Boden. »Verflucht der Tag,« rief er, »an welchem ich dich zuerst erblickte und deinen Besitzer unter meinem Dache aufnahm!« Als das Kistchen auf den Boden fiel, öffnete sich der Deckel weit und die Pergamentrolle fiel heraus. Peregil betrachtete die Rolle eine Zeitlang in düsterem Schweigen. Endlich sammelte er seine Gedanken – »wer weiß,« dachte er, »vielleicht ist diese Schrift nicht unwichtig, da der Maure sie so sorgfältig bewahrte?« Er nahm sie daher und steckte sie an seine Brust; und als er am nächsten Morgen Wasser in den Straßen ausrief, blieb er an dem Laden eines Mauren stehen, eines Eingebornen von Tangiers, der Wohlgerüche und andere Kleinigkeiten verkaufte, und bat ihn, ihm den Inhalt zu erklären. Der Maure las die Rolle aufmerksam, strich dann den Bart und lächelte. »Diese Handschrift,« sagte er, »enthält eine Zauberformel, um verborgene Schätze, welche gebannt liegen, aufzufinden. Es heißt, sie habe eine solche Kraft, daß die stärksten Riegel und Bande, ja selbst Demantfelsen ihr weichen müssen.« »Pah,« sagte der kleine Gallego, »was nützt mir das alles? Ich bin kein Beschwörer und weiß nichts von begrabenen Schätzen.« Bei diesen Worten nahm er seinen Wasserkrug auf die Schulter, ließ die Rolle in den Händen des Mauren und machte seine gewöhnliche Runde. Als er aber am Abend in der Dämmerstunde an dem Brunnen der Alhambra ausruhte, fand er eine Gesellschaft von Plaudertaschen versammelt, deren Unterhaltung, wie das in diesen abendlichen Stunden nicht ungewöhnlich ist, sich um alte Mährchen und Sagen von übernatürlichen Ereignissen drehte. Da sie alle arm wie Ratten waren, verweilten sie mit Vorliebe bei dem vielbeliebten Stoffe – bei bezauberten Schätzen, welche die Mauren in verschiedenen Theilen der Alhambra zurückgelassen. Vor allem stimmten sie in dem Glauben überein, es lägen tief in der Erde unter dem Thurm der sieben Stockwerke große Schätze verborgen. Diese Geschichten machten einen ungewöhnlichen Eindruck auf den Geist des guten Peregil und senkten sich tiefer und tiefer in seine Gedanken, als er durch die dunkeln Pfade einsam zurückkehrte. »Wenn denn doch wirklich ein Schatz unter diesem Thurme begraben läge – und wenn die Rolle, die ich bei dem Mauren gelassen habe, mich in den Stand setzte, sie zu heben!« In der plötzlichen Verzückung dieses Gedankens hätte er beinahe seinen Wasserkrug fallen lassen. Er wälzte sich diese Nacht ruhelos in seinem Bette und konnte vor allen den Gedanken, die sein Gehirn umtrieben, nicht einen Augenblick schlafen. Mit dem frühen Morgen eilte er in die Bude des Mauren und erzählte ihm alles, was ihm in dem Kopf herum gegangen war. »Ihr könnt Arabisch lesen,« sagte er: »laßt uns miteinander in den Thurm gehen und die Wirkung der Zauberformel versuchen; schlägt es fehl, so sind wir nicht schlimmer daran, als vorher; gelingt es, so theilen wir den ganzen Schatz, den wir finden, in gleiche Theile.« »Halt,« versetzte der Moslem: »die Schrift allein reicht nicht hin; sie muß um Mitternacht, bei dem Licht einer Kerze gelesen werden, welche auf besondere Art zusammengesetzt und hergerichtet, und wozu das Erforderliche nicht in meinem Bereiche ist. Ohne diese Kerze ist die Rolle von keinem Nutzen.« »Kein Wort mehr!« rief der kleine Gallego: »ich habe eine solche Kerze zur Hand und werde sie den Augenblick herbringen.« Damit eilte er nach Haus, und kam bald mit dem Ende der gelben Wachskerze zurück, die er in der Kapsel gefunden hatte. Der Maure fühlte und roch daran. »Hier sind seltne und kostbare Wohlgerüche mit diesem gelben Wachse verbunden,« sagte er. »Dies ist die Art Kerze, wie sie in der Rolle bezeichnet ist. So lange sie brennt, werden die stärksten Mauern und geheimsten Höhlen offen bleiben. Aber wehe dem, der wartet, bis sie verloschen ist. Er bleibt verzaubert bei dem Schatze.« Sie kamen nun überein, den Zauber noch in derselben Nacht zu versuchen. Als daher in später Stunde sich nichts mehr regte, als Eulen und Fledermäuse, bestiegen sie die waldbewachsene Anhöhe der Alhambra und näherten sich dem schauerlichen Thurm, der von Bäumen umbuscht und durch so viele Sagen furchtbar gemacht worden ist. Bei dem Lichte einer Laterne tappten sie sich durch Büsche und über Steine zum Thor eines Gewölbes unter dem Thurme fort. Mit Furcht und Zittern stiegen sie eine in den Felsen gehauene Treppe hinab. Sie führte zu einer leeren, feuchten und öden Kammer, aus welcher eine zweite Treppe in ein tieferes Gewölbe ging. Auf diese Art stiegen sie vier verschiedene Treppen hinab, welche in eben so viele Gewölbe, eines unter dem andern, führten; aber der Boden des vierten war fest; und obgleich der Sage nach noch drei Gewölbe tiefer unten waren, so war es doch, wie man behauptete, unmöglich, weiter einzudringen, da ein starker Zauber diese untere Theile verschloß. Die Luft dieses Gewölbes war feucht und kalt, und roch nach Erde und das Licht verbreitete nur einen schwachen Strahl. In athemloser Ungewißheit standen sie eine Zeitlang hier, bis sie die Glocke des Wachtthurms schwach zwölf schlagen hörten; nun zündeten sie die Wachskerze an, welche einen Geruch von Myrrhen, Weihrauch und Storax verbreitete. Der Maure begann schnell zu lesen. Er hatte kaum geendigt, als ein Geräusch wie unterirdischer Donner entstand. Die Erde bebte, der Boden that sich auf, und zeigte eine Treppe. Zitternd und bebend stiegen sie hinab, und sahen sich bei dem Licht der Laterne in einem andern mit arabischen Inschriften bedeckten Gewölbe. In der Mitte stand eine große Kiste, welche mit sieben Stahlbanden befestigt war, und an deren Enden zwei bezauberte Mauren in voller Rüstung aber regungslos wie eine Statüe saßen, denn sie waren in der Gewalt des Bannes. Vor der Kiste standen mehrere mit Gold und Silber und Edelsteinen gefüllte Krüge. In den größten derselben steckten sie ihre Arme bis zum Ellbogen und holten sich mit jedem Griffe händevoll breite gelbe Stücke maurischen Goldes, oder Spangen und Schmuck desselben kostbaren Metalls, während manchmal ein Halsband von orientalischen Perlen sich an ihre Finger hängte. Stets bebten und athmeten sie fieberartig, während sie ihre Taschen mit der Beute füllten; und manchen furchtsamen Blick warfen sie auf die bezauberten Mauren, die bewegungslos und grimmig da saßen, und sie mit starren Augen ansahen. Endlich faßte sie bei einem eingebildeten Geräusch ein panischer Schrecken und sie stürzten beide, einer über den andern stolpernd, die Treppe hinauf, in das obere Gemach, warfen die Wachskerze um, und verlöschten sie, und der Boden schloß sich wieder mit einem donnernden Schall. Von Furcht erfüllt standen sie nicht eher still, als bis sie sich aus dem Thurm herausgetappt hatten, und die Sterne durch die Bäume glänzen sahen. Jetzt setzten sie sich auf das Grab, und theilten den Fund, entschlossen, für jetzt mit dieser bloßen oberflächlichen Untersuchung der Krüge sich begnügen zu wollen, aber in einer künftigen Nacht wieder zu kommen, und sie bis auf den Grund zu leeren. Damit einer des andern sicher wäre, theilten sie die Zaubermittel unter sich; der eine behielt die Rolle, der andere die Kerze; als dieß gethan war, brachen sie mit leichten Herzen und wohlgespickten Taschen nach Granada auf. Als sie den Hügel hinabstiegen, flüsterte der verschlagene Maure dem einfachen kleinen Wasserträger ein Wort des Rathes zu. »Freund Peregil,« sagte er, »dieser ganze Handel muß ein tiefes Geheimniß bleiben, bis wir uns den ganzen Schatz zugeeignet, und ihn in gute Verwahrung gebracht haben. Wenn der Alcalde auch nur eine Sylbe davon erfährt, sind wir verloren.« »Gewiß,« versetzte der Gallego, »nichts kann wahrer seyn.« »Freund Peregil,« sagte der Maure, »du bist ein kluger Mann, und wirst gewiß ein Geheimniß für dich behalten können; aber du hast eine Frau.« »Kein Wort soll sie davon erfahren,« erwiederte der Wasserträger barsch. »Genug,« sagte der Maure; »ich verlasse mich auf deine Klugheit und dein Wort.« Nie war ein Wort bestimmter und redlicher gegeben worden; welcher Mann kann aber vor seiner Frau ein Geheimniß behalten? Gewiß keiner, wie Peregil, der Wasserträger, der einer der liebevollsten und gutmüthigsten Ehemänner war. Als er nach Hause kam, fand er seine Frau, die gedankenvoll in einem Winkel saß. »Ganz recht,« rief sie, als er eintrat; »endlich bist du da, nachdem du bis in diese Stunde der Nacht umherschwärmtest. Mich wundert, daß du nicht wieder einen Mauren als Hausgenossen heimgebracht hast.« Darauf brach sie in Thränen aus, rang ihre Hände, und schlug sich die Brust. »Unglückliche Frau, die ich bin,« rief sie, »was soll aus mir werden? Mein Haus von Advokaten und Alguazils beraubt und geplündert; mein Mann ein Taugenichts, der kein Brod mehr für seine Familie heimbringt, sondern mit ungläubigen Mauren Tag und Nacht herumstreicht? O meine Kinder! Meine Kinder! Was wird aus uns werden? Wir werden alle in den Straßen betteln gehen müssen!« Der ehrliche Peregil ward durch den Gram seiner Frau so gerührt, daß er sich nicht enthalten konnte, auch zu schluchzen. Sein Herz war so voll wie seine Tasche, und mußte sich ausschütten. Er steckte seine Hand in die letztere, that drei oder vier dicke Goldstücke heraus, und ließ sie in ihren Busen gleiten. Die arme Frau war starr vor Staunen, und wußte nicht, was dieser goldne Regen bedeuten sollte. Ehe sie sich von ihrem Staunen erhohlen konnte, zog der kleine Gallego eine goldene Kette hervor, und ließ sie vor ihr baumeln, während er vor Freude sprang, und den Mund von einem Ohr zum andern aufriß. »Die heilige Jungfrau schirme uns!« rief die Frau.«Was hast du gethan, Peregil? Du hast doch nicht Raub und Mord begangen?« Dieser Gedanke war der armen Frau kaum durch den Kopf geflogen, so war er auch schon Gewißheit bei ihr. Sie sah schon einen Kerker und einen Galgen vor sich, und einen kleinen krummbeinigen Gallego, der an demselben aufgehängt war; und von den durch ihre Phantasie heraufbeschwornen Schauern überwältigt, verfiel sie in Krämpfe. Was sollte der arme Mann thun? Er hatte kein anderes Mittel, seine Frau zu beruhigen, und die Trugbilder ihrer Phantasie zu verscheuchen, als daß er ihr die ganze Geschichte seines Glückes erzählte. Er that dieß jedoch nicht eher, als bis er ihr das feierliche Versprechen abgedrungen hatte, keinem lebenden Wesen ein Wort von der ganzen Sache zu erzählen. Es würde unmöglich seyn, ihre Freude zu beschreiben. Sie schlang ihre Arme um den Hals ihres Gatten, und erstickte ihn bald mit ihren Liebkosungen. »Jetzt, Frau,« rief der kleine Mann mit offener Freude, »was sagst du jetzt zu dem Vermächtniß des Mauren! Fortan schilt mich nicht mehr, wenn ich einem unglücklichen Mitmenschen beistehe!« Der ehrliche Gallego legte sich auf seine Schafpelz-Matte, und schlief so gesund, wie auf einem Pflaumbett. Nicht so seine Frau! sie schüttelte den ganzen Inhalt seiner Taschen auf die Matte, und zählte die ganze Nacht Goldstücke von arabischem Gepräg, probirte Halsbänder und Ohrringe, und dachte, wie sie eines Tages aussehen würde, wenn sie sich ihrer Schätze erfreuen dürfte. Am nächsten Morgen nahm der ehrliche Gallego ein dickes Goldstück, und ging damit in die Bude eines Juwelenhändlers auf dem Zacatin, um es zum Kauf anzubieten, indem er vorgab, er habe es in den Trümmern der Alhambra gefunden. Der Juwelier sah, daß es eine arabische Umschrift hatte, und von dem reinsten Golde war; er bot aber nur den dritten Theil des Werthes, womit der Wasserträger vollkommen zufrieden war. Peregil kaufte jetzt neue Kleider für seine kleine Heerde, sowie alle Arten von Spielsachen, und reichen Vorrath für ein tüchtiges Mahl, worauf er heimkehrte, und alle seine Kinder um sich her tanzen ließ, während er, der glücklichste Vater, in ihrer Mitte hüpfte! Die Frau des Wasserträgers hielt ihr Versprechen zu schweigen, mit erstaunlicher Pünktlichkeit. Anderthalb Tage ging sie mit geheimnißvollem Blick und einem Herzen, das zum bersten voll war, umher, aber sie schwieg, obgleich sie von ihren Gevatterinnen umgeben war. Es ist wahr, sie konnte es nicht verwinden, sich etwas Ansehen zu geben, entschuldigte ihre zerrissenen Kleider, sprach von dem Bestellen eine Basquinna, besetzt mit goldenen Borten und Korallen und einer neuen Spitzen-Mantilla. Sie ließ auch Winke von der Absicht ihres Mannes fallen, sein Gewerbe als Wasserträger aufgeben zu wollen, da es nicht mehr ganz zu seinen Gesundheitsumständen passe. Sie glaubte wirklich, sie würden sich alle den Sommer auf das Land zurückziehen, wo die Kinder die Bergluft genießen könnten, denn es sey unmöglich, in der heißen Jahreszeit die Stadt zu bewohnen. Die Nachbarinnen starrten einander an, und glaubten, die arme Frau habe ihren Verstand verloren; und ihr aufgeblasenes Wesen, ihr Schönthun und ihre vornehmen Ansprüche waren der allgemeine Gegenstand des Spottes und der Belustigung ihrer Freundinnen, sobald sie ihnen den Rücken gewendet hatte. Wenn sie jedoch draußen zurückhaltend war, so entschädigte sie sich zu Haus, und legte eine Schnur reicher orientalischer Perlen um ihren Hals, maurische Spangen um ihre Arme, und einen Schmuck von Diamanten um ihre Haare, und segelte in der Stube rückwärts und vorwärts in ihren schlumpigen Fetzen, und stand dann und wann still, um sich in einem Stück zerbrochenen Spiegelglases zu betrachten. Ja, in dem Drange ihrer albernen Eitelkeit konnte sie einmal nicht widerstehen, sich an dem Fenster zu zeigen, um sich des Eindrucks ihres Putzes auf die Vorübergehenden zu erfreuen. Das Unglück wollte aber, daß Pedrillo Pedrugo, der zudringliche Barbier, in diesem Augenblicke müßig in seiner Bude auf der entgegengesetzten Seite der Straße saß, als das Funkeln eines Diamants sein Auge traf. Augenblicks war er an seiner Luge, und sah die schlumpige Frau des Wasserträgers in der Pracht einer morgenländischen Braut herausgeputzt. Er hatte nicht sobald ein genaues Verzeichniß ihres Schmuckes aufgenommen, so flog er auch schon in aller Hast zu dem Alcalde. Nach einer kleinen Weile war der hungrige Alguazil wieder auf der Spur; und ehe der Tag vorüber war, wurde der unglückliche Peregil wieder vor den Richter geschleppt. »Wie ist's, Schurke!« rief der Alcalde mit einer fürchterlichen Stimme. »Du sagtest mir, der in deinem Hause verstorbene Ungläubige habe nichts als ein leeres Kistchen hinterlassen, und jetzt höre ich, deine Frau stolziere in ihren Lumpen herum, mit Perlen und Diamanten geschmückt. Elender, der du bist! Bereite dich, die Beute deines unglücklichen Opfers herauszugeben, und an dem Galgen zu baumeln, der bereits müde ist, länger auf dich zu warten.« Der erschrockene Wasserträger fiel auf seine Kniee, und gab eine vollständige Erzählung von der wunderbaren Art, auf welche er zu seinem Reichthum gekommen war. Der Alcalde, der Alguazil und der neugierige Barbier lauschten mit offenen Ohren auf dieses arabische Märchen von bezauberten Schätzen. Der Alguazil wurde abgeschickt, den Mauren herzubringen, der bei der Beschwörung zugegen gewesen. Der Moslem trat ein, halb außer sich vor Schrecken, sich in den Händen der Harpien der Gerechtigkeit zu sehen. Als er den Wasserträger mit seinen Schafsaugen und den niedergeschlagenen Mienen dastehen sah, begriff er alles. »Elendes Thier,« sagte er, als er an ihm vorüber ging, »habe ich dich nicht vor dem Plaudern deiner Frau gewarnt?« Die Geschichte des Mauren stimmte genau zu der seines Genossen; aber der Alcalde stellte sich hartgläubig, und drohte mit Gefängniß und strenger Untersuchung. »Langsam, guter Sennor Alcalde,« sagte der Muselmann, der unterdessen seine gewöhnliche Verschlagenheit und Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte. »Laßt uns die Gaben des Glücks nicht durch Streit um sie vergeuden. Niemand weiß von dieser Sache etwas als wir – bewahren wir das Geheimniß. Es sind Schätze genug in der Höhle, uns alle zu bereichern. Versprecht eine gewissenhafte Theilung, und alles soll bekannt werden – verweigert sie, und die Höhle wird für immer geschlossen bleiben.« Der Alcalde berieth sich heimlich mit dem Alguazil. Der letztere war ein alter Fuchs in seinem Gewerbe. »Versprecht alles,« sagte er, »bis ihr im Besitz des Schatzes seyd. Ihr könnt dann das Ganze nehmen; und wenn er und sein Mitfrevler zu murren wagen, so droht ihnen mit dem Scheiterhaufen und dem Pfahl als Ungläubige und Hexenmeister.« Dem Alcalde gefiel der Rath. Er glättete seine Stirne und sagte, zu dem Mauren gewendet: »diese Geschichte ist wunderbar, und mag wahr seyn – aber ich muß mich mit eignen Augen davon überzeugen. Noch in dieser Nacht müßt ihr die Beschwörung in meiner Gegenwart widerholen. Wenn wirklich ein solcher Schatz da ist, wollen wir ihn freundschaftlichst unter uns theilen, und nicht ferner von der Sache sprechen; habt ihr mich aber getäuscht, so erwartet von mir keine Gnade. Mittlerweile müßt ihr im Gefängniß bleiben.« Der Maure und der Wasserträger stimmten diesen Bedingungen freudig bei, zufrieden, daß der Ausgang die Wahrheit ihrer Worte bewähren würde. Gegen Mitternacht machte sich der Alcalde, begleitet von dem Alguazil und dem zuthunlichen Barbier, alle gut bewaffnet, in aller Stille auf den Weg. Sie führten den Mauren und den Wasserträger als Gefangene, und hatten sich den starken Esel des letztern noch zugesellt, um ihm den gehofften Schatz aufzubürden. Ohne bemerkt zu werden, kamen sie an den Thurm, banden den Esel an einen Feigenbaum, und stiegen in das vierte Gewölbe des Thurmes hinab. Die Rolle wurde hervorgeholt, die gelbe Wachskerze angezündet, und der Maure las die Beschwörungsformel. Die Erde bebte wie früher, der Boden öffnete sich mit einem donnernden Schall, und die schmale Treppe ward sichtbar. Der Alcalde, der Aguazil und der Barbier waren schreckenbleich, und konnten nicht so viel Muth finden, hinabzusteigen. Der Maure und der Wasserträger traten in das untere Gewölbe, und fanden die zwei Mauren stumm und regungslos, wie früher, dasitzen. Sie hoben zwei große mit Goldmünzen und kostbaren Steinen gefüllte Gefäße weg. Der Wasserträger schleppte sie, einen nach dem andern, auf seinen Schultern hinauf; obgleich er aber ein senniger kleiner Mann, und an das Tragen von Lasten gewöhnt war, wankte er doch unter ihrem Gewichte, und fand, als er sie auf den beiden Seiten seines Esels befestigt hatte, daß sie so viel ausmachten, als sein Esel nur tragen konnte. »Laßt uns für jetzt zufrieden seyn,« sagte der Maure, »wir haben hier so viel Kostbares, als wir ohne bemerkt zu werden, fortschaffen können, und genug, um uns alle so reich zu machen, als das Herz es nur verlangen kann.« »Ist der Schatz noch nicht ganz in unsern Händen?« fragte der Alcalde. »Das Kostbarste,« sagte der Maure, »ist noch zurück – eine große mit Stahlbanden geschlossene Kiste, mit Perlen und Edelsteinen angefüllt.« »Wir müssen diese Kiste haben, es koste, was es wolle,« rief der habsüchtige Alcalde. »Ich werde nicht mehr hinabgehen,« sagte der Maure verdrießlich; »genug ist genug für einen Vernünftigen – mehr ist überflüßig.« »Und ich,« sagte der Wasserträger, »werde keine Last mehr herauftragen, meines armen Esels Rücken zu brechen.« Da der Alcalde Befehle, Drohungen und Bitten gleich vergeblich fand, wendete er sich zu seinen Getreuen. »Helft mir,« sagte er, »die Kiste heraufbringen, und ihr Inhalt soll unter uns getheilt werden.« Bei diesen Worten stieg er die Treppen hinab, und zitternd und widerstrebend folgten ihm der Alguazil und der Barbier. Der Maure sah sie kaum in der Tiefe, so verlöschte er die gelbe Kerze; der Boden schloß sich mit dem gewöhnlichen Schall, und die drei Helden blieben im Schoos der Erde vergraben. Er eilte jetzt die verschiedenen Treppen herauf, und holte erst Athem, als er unter freiem Himmel war. Der kleine Wasserträger folgte ihm so schnell, als es seine kurzen Beine gestatteten. »Was hast du gethan,« rief Peregil, sobald er Athem geholt hatte. »Der Alcalde und die andern zwei sind in dem Gewölbe eingeschlossen.« »Es ist der Wille Allah's!« sagte der Maure fromm. »Und willst du sie nicht wieder befreien?« fragte der Gallego. »Gott bewahre!« versetzte der Maure, und strich den Bart. »Es steht in dem Buche des Schicksals geschrieben, sie sollen verzaubert bleiben, bis irgend ein künftiger Abentheurer den Bann bricht. Der Wille Gottes geschehe.« Mit diesen Worten schleuderte er das Ende der Wachskerze weit weg in das dunkle Dickicht des Thales. Jetzt war nicht mehr zu helfen, und der Maure und der Wasserträger schritten daher mit dem reich beladenen Esel der Stadt zu. Der gute Peregil konnte sich nicht enthalten, seinen langöhrigen Arbeitsgenossen, den er so aus den Krallen der Gerechtigkeit gerettet sah, zu streicheln und zu küssen, und es steht wirklich dahin, was dem einfachen kleinen Burschen in dem Augenblick mehr Freude machte, das Gewinnen des Schatzes oder das Wiederfinden des Esels. Die zwei Glücksbrüder theilten ihre Beute freundschaftlich und redlich, nur daß der Maure, der einige Liebhaberei an Flitterstaat hatte, es zu machen wußte, daß die Perlen, Edelsteine und anderer Tand stets auf seinen Haufen kamen; aber dann gab er dem Wasserträger immer statt der kostbaren Edelsteine gediegenes Gold, fünfmal so groß, womit der letztere herzlich zufrieden war. Sie waren bedacht, sich keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen, sondern begaben sich in andere Länder, um sich ihres Reichthums zu erfreuen. Der Maure kehrte nach Afrika in seine Vaterstadt Tetuan zurück, und der Gallego eilte mit Frau und Kindern und seinem Esel nach Portugal. Hier wurde er unter dem Schutz und Schirm seiner Frau ein Mann von einiger Wichtigkeit; denn sie sorgte, daß der lange Körper und die kurzen Beine des würdigen kleinen Mannes mit Wamms und Hosen geschmückt wurden, setzte ihm einen Federhut auf, steckte ihm ein Schwert an die Seite, und hieß ihn seinen vertraulichen Namen Peregil mit dem wohlklingendern Titel Don Pedro Gil vertauschen. Seine Nachkommenschaft wuchs gedeihlich und fröhlichen Herzens heran, während Sennora Gil von Kopf bis zu den Füßen befranzt, bespitzt und betrottelt, an allen Fingern Ringe, das Muster einer schlumpigen Mode- und Putzdame wurde. Was den Alcalden und seine Treuen betrifft, so blieben sie unter dem großen Thurm der sieben Stockwerke vergraben und bleiben dort heute noch festgebannt. Wenn es jemals in Spanien an kupplerischen Barbieren, gaunerhaften Alguazils und bestechlichen Alcaldes fehlt, kann man sie suchen; wenn sie aber so lange mit ihrer Erlösung warten sollen, so droht ihre Bezauberung bis zum jüngsten Tag zu währen. Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk. Nachdem die Mauren Granada übergeben hatten, war diese herrliche Stadt eine Zeitlang der Lieblingsaufenthalt der spanischen Könige, bis sie durch aufeinander folgende Erdbeben, welche viele Häuser niederstürzten und die alten moslemitischen Thürme bis in ihre Tiefe erschütterten, von hier verscheucht wurden. Viele, viele Jahre vergingen nun, während welchen Granada selten von einem königlichen Gaste beehrt wurde. Die Paläste des Adels standen leer und verschlossen; und die Alhambra saß, wie eine vernachlässigte Schönheit, traurig und verlassen in den der Pflege beraubten Gärten. Der Thurm der Prinzessinnen, einst der Aufenthalt der drei schönen maurischen Königstöchter theilte die allgemeine Verwüstung; und die Spinne spann ihr Gewebe über die vergoldete Decke und Fledermäuse und Eulen nisteten in den Gemächern, welche die Gegenwart Zayda's, Zorayda's und Zorahayda's verschönert hatte. Die Vernachlässigung dieses Thurmes mag zum Theil den abergläubischen Ansichten der Bewohner zugeschrieben seyn. Das Gerücht ging, der Geist der jungen Zorahayda, welche in diesem Thurm starb, werde oft beim Mondschein gesehen, wie er neben den Brunnen in dem Saale sitze oder trauernd um die Zinnen wandle und die Klänge ihrer Silberlaute hätten Wanderer, die durch die Schlucht kamen, oft um Mitternacht gehört. Endlich erhielt Granada wieder königlichen Besuch. Es ist allbekannt, daß Philipp V. der erste Bourbon war, der den spanischen Scepter führte. Es ist allbekannt, daß er Elisabetha oder Isabella (denn es ist dasselbe) die schöne Prinzessin von Parma in zweiter Ehe heirathete; und es ist allbekannt, daß durch diese Kette von Begebnissen ein französischer Prinz und eine italienische Prinzessin sich zusammen auf den spanischen Thron setzten. Zum Empfange dieses hohen Paares wurde die Alhambra eingerichtet und in aller Eile ausgeschmückt. Die Ankunft des Hofes änderte das ganze Aussehen des kürzlich noch öden Palastes. Der Klang der Trommeln und Trompeten, das Stampfen der Rosse in den Zugängen und äußern Höfen, der Glanz der Waffen, das Flattern der Fahnen um Warte und Zinnen rief den alten und kriegerischen Ruhm der Veste zurück. Ein milderer Geist herrschte jedoch in dem königlichen Palaste. Hier rauschten seidne Gewänder und klang der vorsichtige Tritt und die leise Stimme der ehrerbietigen Höflinge in den Vorzimmern; in den Gärten wandelten Pagen und Staatsfräulein und aus offenen Fenstern stahl sich der Klang der Musik. In dem Gefolge der Monarchen befand sich ein Lieblingspage der Königin, Namens Ruyz de Alarcon. Wenn man ihn den Lieblingspagen der Königin nennt, so heißt dies ihm eine Lobrede halten, denn Alle im Gefolge der schönen Elisabeth waren durch Anmuth, äußern Reiz und geistige Gaben ausgezeichnet. Er hatte eben sein achtzehntes Jahr erreicht, war leichten, geschmeidigen Wuchses und anmuthig wie ein junger Antinous. Gegen die Königin war er ganz Ehrerbietung und Unterwürfigkeit, in seinem Herzen aber war er ein spitzbübischer Gelbschnabel, eigensinnig und von den Damen am Hofe verwöhnt und wußte mit den Frauen weit besser umzugehen, als seine Jahre erwarten ließen. Dieser Page streifte eines Morgens in den Lustwäldchen des Generalife, welche das Gebiet der Alhambra überschauen, müßig umher. Er hatte zu seiner Unterhaltung einen Lieblings-Geierfalken der Königin mit sich genommen. Bei seinem Umherschlendern sah er einen Vogel aus dem Gebüsch aufstiegen, nahm dem Falken die Haube ab und ließ ihn fliegen. Der Falke schwang sich hoch in die Luft, stieß auf seinen Raub, und schoß, da er ihn verfehlte, taub gegen den Ruf des Pagen, davon. Der letztere folgte dem flüchtigen Vogel auf seinem launenhaften Fluge mit den Augen, bis er sah, daß er auf den Zinnen eines einsamen und entfernten Thurms in den äußern Mauern der Alhambra, an dem Rand eines Abhangs erbaut, der die königliche Veste von dem Gebiete des Generalife trennte, sich niederließ. Es war in der That der »Thurm der Prinzessinnen.« Der Page stieg in die Schlucht hinab und näherte sich dem Thurm, aber dieser hatte keinen Eingang von dem Thälchen und seine große Höhe machte jeden Versuch, ihn zu ersteigen, vergeblich. Er machte daher, indem er eines der Thore der Veste suchte, einen weiten Umweg gegen die innerhalb der Mauern gelegene Seite des Thurms. Vor dem Thurm lag ein Garten, von einem Zaun von Schilf umschlossen, der mit Myrthen überhangen war. Der Page öffnete ein Pförtchen und ging durch Blumenbeete und Rosengebüsch zu der Thüre. Sie war verschlossen und verriegelt. Eine Ritze in der Thüre ließ ihn in das Innere blicken und er sah einen kleinen maurischen Sal mit Wänden in Stuccoarbeit, leichten Marmorsäulen und einem Alabasterbrunnen, den Blumen umgaben. In der Mitte hing ein vergoldeter Käfig mit einem Singvogel, darunter lag auf einem Stuhle eine gesprenkelte Katze, darneben eine Seidenwinde und andere Gegenstände weiblicher Arbeit, und eine Guitarre, mit Bändern geziert, war an den Brunnen gelehnt. Ruyz de Alarcon staunte über diese Spuren weiblicher Zierlichkeit und Anmuth in einem einsamen und wie er geglaubt hatte, verlassenen Thurm. Sie erinnerten ihn an die in der Alhambra gängen Märchen von bezauberten Sälen und die gesprengelte Katze sollte wohl eine bezauberte Prinzessin seyn. Er klopfte leise an der Thüre. Ein schönes Gesicht schaute oben aus einem kleinen Fenster, zog sich schnell aber wieder zurück. Er wartete in der Hoffnung, die Thüre würde geöffnet werden; aber sein Harren war umsonst; kein Fußtritt war drinnen zu hören – alles war stumm. Hatten ihn seine Augen getäuscht oder war die holde Erscheinung die Fee des Thurms? Er klopfte wieder und härter. Nach einer kleinen Weile blickte das strahlende Gesichtchen wieder heraus; es war das eines blühenden fünfzehnjährigen Mädchens. Der Page nahm augenblicklich seine mit Federn geschmückte Mütze ab und bat in dem höflichsten Tone um die Erlaubniß, den Thurm besteigen zu dürfen, um seinen Falken zu holen. »Ich darf die Thüre nicht öffnen, Sennor,« erwiederte das kleine Mädchen erröthend, »meine Tante hat es verboten.« »Ich bitte Euch, schöne Maid – es ist der Lieblingsfalke der Königin: ich darf ohne ihn nicht in den Palast zurückkehren.« »Ihr seyd also einer der Hofkavaliere?« »So ist's, schöne Maid; allein ich werde um die Gunst der Königin und um meine Stelle kommen, wenn ich den Falken verliere.« »Santa Maria! vor euch Hofkavalieren hat mir meine Taute ganz absonderlich befohlen die Thüre zu verriegeln.« »Ohne Zweifel vor schlechten Kavalieren; aber ich bin kein solcher, sondern ein einfacher, harmloser Page, der unglücklich und elend seyn wird, wenn ihr die kleine Bitte nicht gewährt.« Das Unglück des Pagen rührte das Herz des kleinen Mädchens. Es wäre doch gar zu Schade gewesen, wenn er durch die Verweigerung einer so unbedeutenden Bitte um seine Stelle gekommen wäre. Er konnte auch gewiß keines jener gefährlichen Wesen seyn, welche ihre Tante als eine Art Kannibalen, stets bereit, gedankenlose Mädchen zu ihrem Raub zu machen, geschildert hatte; er war sanft und bescheiden und stand so bittend da, die Mütze in der Hand, und sah so schön aus. Der schlaue Page sah, daß die Besatzung zu wanken anfing und verdoppelte seine Bitten in so rührenden Ausdrücken, daß es nicht in der Natur sterblicher Mädchen gewesen wäre, ihn abzuweisen; so kam denn die kleine erröthende Wächterin des Thurmes herab und öffnete die Thüre mit bebender Hand; und wenn der Page bei dem flüchtigen Anschaun ihres Gesichtes vom Fenster herab entzückt war, so wurde er, als die ganze Gestalt sich ihm darstellte, bezaubert, hingerissen. Ihr andalusisches Leibchen und die hübsche Basquinna hoben das volle aber zarte Ebenmaß ihrer Gestalt hervor, die ihre jungfräuliche Ausbildung kaum erreicht hatte. Ihr glänzendes Haar war auf der Stirn mit gewissenhafter Genauigkeit getheilt und, dem allgemeinen Gebrauch des Landes zufolge, mit einer frisch gepflückten Rose geschmückt. Es ist wahr, ihr Gesicht war von der Glut einer südlichen Sonne etwas gebräunt, aber dies diente nur, die reiche Blüthe ihrer Wangen zu zeigen und den Glanz ihrer schmelzenden Augen zu erhöhen. Ruyz de Alarcon sah alles dies auf einen Blick, denn es kam ihm nicht zu, zu zögern; er murmelte nun seinen Dank und sprang leicht die Wendeltreppe hinauf, um nach seinem Falken zu sehen. Bald kam er, den flüchtigen Vogel auf seiner Faust, zurück. Das Mädchen hatte sich indessen an den Brunnen im Saal gesetzt und wand Seide; aber in ihrer Erregung ließ sie die Winde auf die Erde fallen. Der Page sprang herzu und hob sie auf, ließ sich anmuthig auf die Knie nieder und bot sie ihr dar; aber er faßte die darnach langende Hand und drückte einen glühenderen und inbrünstigeren Kuß darauf, als er je der schönen Hand seiner Gebieterin aufgedrückt hatte. »Ave Maria, Sennor!« rief das Mädchen, vor Verwirrung und Ueberraschung noch höher erröthend, denn sie war nie auf diese Weise begrüßt worden. Der bescheidene Page entschuldigte sich tausendmal und versicherte sie, dies sey bei Hofe die Weise, die tiefste Ehrfurcht und Achtung auszudrücken. Ihr Zorn, wenn sie ja zornig war, wurde leicht besänftigt; allein ihre Erregung und Verlegenheit blieb und sie saß da, höher und höher erröthend, die Augen auf ihre Arbeit niedergeschlagen und den Seidenfaden, den sie aufwinden wollte, verwirrend. Der listige Page sah die Verwirrung in dem feindlichen Lager und hätte gern davon Gewinn gezogen, aber die schönen Reden, die er hören lassen wollte, starben ihm auf den Lippen und seine Artigkeitsversuche waren linkisch und ohne Erfolg; und zu seinem Befremden fand sich der gewandte Page, der mit solcher Anmuth und Ungezwungenheit mit den klügsten und erfahrendsten Hofdamen verkehrt hatte, vor einem einfachen fünfzehnjährigen Mädchen beschämt und verblüfft. Das kunstlose Mädchen hatte in der That in ihrer Bescheidenheit und Unschuld einen bessern Schirm, als in den Riegeln und Schlössern, welche ihre sorgsame Tante vorgeschrieben hatte. Aber wo ist die weibliche Brust, die gegen das erste Flüstern der Liebe gestählt ist? Das kleine Mädchen verstand bei aller ihrer Kunstlosigkeit alles, was die stotternde Zunge des Pagen nicht auszudrücken im Stande war und ihr Herz zitterte, als sie zum ersten Mal einen Liebhaber – und einen solchen Liebhaber, zu ihren Füßen sah. Die Schüchternheit des Pagen war zwar ungeheuchelt, aber nur kurz, und er erlangte seine gewöhnliche Ruhe und sein Selbstbewußtseyn wieder, als in der Ferne eine gellende Stimme gehört ward. »Meine Tante kömmt aus der Messe zurück,« rief das Mädchen erschreckt: »Ich bitte Sennor, entfernt Euch!« »Nicht eher, als bis Ihr mir die Rose in eurem Haar als Andenken gebt.« Sie machte die Rose hastig aus ihrem Rabenhaare los. »Nehmt,« sagte sie, verwirrt und erröthend, »aber geht, ich bitte.« Der Page nahm die Rose und bedeckte zu gleicher Zeit die schöne Hand, welche sie gab, mit Küssen. Dann steckte er die Blume auf seine Mütze, nahm den Falken auf seine Faust und sprang durch den Garten fort, das Herz der holden Jacinta mit sich nehmend. Als die wachsame Tante in den Thurm kam, bemerkte sie die Bewegung ihrer Nichte und eine Art Unordnung in dem Saal; allein ein erklärendes Wort genügte. »Ein Geierfalke hatte seinen Raub bis in den Saal verfolgt.« »Gott sey uns gnädig! Ein Falke, der in den Thurm fliegt! hat man je von einem so frechen Thiere gehört! Ei, unser Vogel im Käfig ist nicht mehr sicher.« Die wachsame Fredegonda war eine der vorsichtigsten alten Jungfern. Sie hatte einen gehörigen Schrecken und passendes Mißtrauen in das, was sie »das entgegengesetzte Geschlecht« nannte, Gefühle, die durch ein langes unverheirathetes Leben noch gesteigert worden waren. Nicht als wenn die gute Frau je durch die Tücken der Männer gelitten hätte, die Natur hatte ihr eine Schutzwehr in das Gesicht geprägt, welches jedes Eindringen in ihr Gebiet abhielt; aber die Frauen, die am wenigsten Grund haben, für sich besorgt zu seyn, sind am ersten bereit, reizendere Bekanntinnen streng zu bewachen. Die Nichte war die Waise eines Offiziers, der im Kriege gefallen war. Sie war in einem Kloster erzogen und neulich aus ihrem heiligen Asyl geholt und unter die unmittelbare Aufsicht ihrer Tante gegeben worden, unter deren schirmender Pflege sie in der Einsamkeit aufwuchs, wie die sich öffnende Rose unter einem Dornbusch erblüht. Diese Vergleichung ist nicht ganz zufällig; denn, die Wahrheit zu sagen, ihre Frische und sich entfaltende Schönheit hatte selbst in dieser Abgeschlossenheit das öffentliche Auge auf sich gezogen und das umwohnende Landvolk hatte ihr mit der dem Andalusier eignen poetischen Ausdrucksweise den Namen »die Rose der Alhambra« gegeben. Die bedächtige Tante fuhr fort, über die verführerische kleine Nichte so lange die treueste Wache zu halten, als der Hof zu Granada weilte, und sie schmeichelte sich, daß ihre Wachsamkeit erfolgreich sey. Es ist wahr, die gute Frau wurde dann und wann über das Klimpern von Guitarren und das Singen von Liedchen, die leise aus dem mondbeglänzten Gebüsch unten am Thurme heraufklangen, mürsch und ärgerlich; aber sie ermahnte dann stets ihre Nichte, das Ohr gegen solche eitle Singerei zu schließen, indem sie sie versicherte, dies sey einer der Kunstgriffe des »entgegengesetzten Geschlechtes,« durch welche einfache Mädchen oft in ihr Verderben gelockt würden. Ach! was vermag bei einem einfachen Mädchen eine trockne Predigt gegen ein Mondschein-Ständchen. Endlich hob König Philipp seinen Aufenthalt zu Granada auf und reiste plötzlich mit seinem ganzen Gefolge ab. Die wachsame Fredegonda gab auf den königlichen Zug acht, wie er aus dem Thor der Gerechtigkeit herauskam und den großen Weg, der in die Stadt führt, hinabging. Als die letzte Fahne aus ihrem Auge entschwand, wendete sie sich freudig zu dem Thurm, denn alle ihre Sorgen waren vorüber. Zu ihrem Staunen scharrte ein leichtes arabisches Pferd den Boden am Gartenpförtchen: – zu ihrem Schrecken sah sie durch das Rosengebüsch einen Jüngling in buntschmuckem Kleid zu den Füßen ihrer Nichte. Bei dem Schall von Fußtritten bot er ihr ein zärtliches Lebewohl, sprang leicht über den Myrthen- und Schilfzaun, schwang sich auf sein Roß und war augenblicklich verschwunden. Die zärtliche Jacinta verlor in der Heftigkeit ihres Kummers jeden Gedanken an den Unwillen ihrer Tante. Sie stürzte sich in ihre Arme und brach in Seufzer und Thränen aus. »Ay de mi!« rief sie: »er ist fort! – er ist fort! – er ist fort! – und ich werde ihn nie wieder sehen!« »Fort? – Wer ist fort? Was war dies für ein Jüngling, den ich zu deinen Füßen sah?« »Ein Page der Königin, Tante, der mir Lebewohl gesagt hat.« »Ein Page der Königin, Kind!« wiederholte die wachsame Fredegonda schwach: »Und wann wurdest du mit einem Pagen der Königin bekannt?« »Am Morgen, an welchem der Geierfalke in den Thurm kam. Es war der Königin Geierfalke – er suchte ihn bei uns.« »O albernes, albernes Mädchen! wisse, daß es keine Geierfalken gibt, die halb so gefährlich sind, wie diese jungen windigen Pagen, und grade so einfältige Vögel, wie du einer bist, fassen sie am ersten mit ihren Krallen.« Die Tante war anfangs unwillig, als sie erfuhr, daß, trotz ihrer gerühmten Wachsamkeit, ein zärtlicher Verkehr von dem jungen Liebespaar fast unter ihren Augen unterhalten worden war; als sie aber fand, daß ihre arglose Nichte, obgleich sie so, ohne den Schutz von Riegel und Schloß, den Ränken des entgegengesetzten Geschlechtes ausgesetzt war, die Feuerprobe unversengt bestanden hatte, tröstete sie sich mit der Ueberzeugung, daß solches nur den keuschen und vorsichtigen Grundsätzen zuzuschreiben sey, in welche sie sich so zu sagen bis an die Lippen getaucht hatte. Während die Tante diese lindernde Salbe auf ihren Stolz legte, erinnerte sich die Nichte der oft wiederholten Schwüre der Treue des Pagen. Aber was ist die Liebe des rastlosen, umstreifenden Mannes? Ein irrer Strom, der eine Zeitlang mit jeder Blume an seinem Ufer tändelt, dann dahinfließt und sie alle in Thränen zurückläßt. Tage, Wochen, Monden vergingen und keine Kunde kam von dem Pagen. Die Granate reifte, die Rebe bot ihre Frucht, die Herbstregen stürzten in Strömen von den Bergen nieder; die Sierra Nevada umkleidete sich mit ihrem schneeigen Mantel und die Winterstürme heulten durch die Säle der Alhambra – immer kam er nicht. Der Winter verging. Wieder brach der muntere Frühling hervor, von Gesang, Blüthen und duftigen Zephyren begleitet; der Schnee schmolz auf den Bergen, bis keiner mehr blieb als der auf dem luftigen Gipfel der Nevada, der durch die warme Sommerluft glänzte. Aber immer ließ sich nichts von dem vergeßlichen Pagen hören. Unterdessen wurde die arme kleine Jacinta blaß und gedankenvoll. Sie gab ihre früheren Beschäftigungen und Vergnügen auf, ihre Seide lag verwirrt da, die Guitarre unbezogen, ihre Blumen wurden vergessen, die Töne ihres Vogels überhört und ihre, sonst so glänzenden Augen waren von heimlichem Weinen getrübt. Wenn irgend eine Einsamkeit geeignet ist, die Leidenschaft eines liebessiechen Mädchens zu nähren, so ist es ein Ort wie die Alhambra, wo alles dazu beiträgt, zärtliche und romantische Träumereien zu erzeugen. Sie ist ein wahres Paradies für Liebende: wie traurig daher, in einem solchen Paradies allein zu seyn – und nicht nur allein, sondern verlassen. »Ach, albernes Kind,« – sagte wohl die gesetzte und unbefleckte Fredegonda, wenn sie ihre Nichte in ihrer trüben Laune sah: »habe ich dich nicht vor den Listen und Tücken dieser Männer gewarnt? was konntest du aber auch von dem Abkömmling einer stolzen und ehrgeizigen Familie erwarten? – du, eine Waise, der Sprößling eines gesunkenen und verarmten Geschlechtes? Sei überzeugt, wenn der Jüngling auch treu wäre, würde sein Vater, einer der stolzesten Edeln am Hofe, seine Verbindung mit einem so niedrigen und armen Wesen, wie du bist, untersagen. Fasse daher Muth und scheuche diese eiteln Gedanken aus deinem Kopfe.« Die Worte der unbefleckten Fredegonda dienten nur, die Schwermuth ihrer Nichte zu vermehren, aber sie suchte ihr im stillen nachzuhängen. Als sich einst spät in einer Sommernacht ihre Tante zur Ruhe begeben hatte, blieb sie allein in dem Saale des Thurms an dem Alabaster-Brunnen sitzen. Hier hatte der treulose Page zuerst geknieet und ihre Hand geküßt; hier hatte er ihr so oft ewige Treue geschworen. Des armen kleinen Mädchens Herz war übervoll von traurigen und zärtlichen Erinnerungen, ihre Thränen begannen zu fließen und fielen langsam, Tropfen um Tropfen, in den Brunnen. Allmählig bewegte sich das Wasser, sprudelte auf, wogte hin und her, bis eine weibliche Gestalt, reich in maurische Gewänder gekleidet, sich langsam emporhob. Jacinta erschrack so, daß sie aus dem Saal floh und nicht mehr zurückzukehren wagte. Am nächsten Morgen erzählte sie ihrer Tante, was sie gesehen hatte, aber die gute Frau betrachtete es für ein Schattenbild ihres beunruhigten Geistes oder dachte, sie sey eingeschlafen und habe an dem Brunnen geträumt. »Du hast an die Geschichte der drei maurischen Prinzessinnen gedacht, welche einst in diesem Thurme wohnten,« fuhr sie fort, »und dies ging in deine Träume über.« »Welche Geschichte, Tante? ich weiß nichts davon.« »Du hast gewiß von den drei Prinzessinnen, Zayda, Zorayda und Zorahayda gehört, welche von dem König ihrem Vater in diesen Thurm gesperrt wurden und mit drei christlichen Rittern zu fliehen beschlossen. Die zwei erstern flohen auch wirklich, aber die dritte verließ der Muth und man sagt, sie sey in diesem Thurme gestorben.« »Ich erinnere mich jetzt davon gehört zu haben,« sagte Jacinta; »ja, ich habe über das Schicksal der holden Zorahayda oft geweint.« »Wohl magst du über ihr Schicksal weinen,« fuhr die Tante fort; »denn Zorahayda's Geliebter war dein Vorfahr. Er trauerte lange um seine maurische Liebe, aber die Zeit heilte ihn von seinem Gram und er heirathete eine spanische Dame, von welcher du abstammst.« Jacinta dachte über diese Worte nach. »Was ich gesehen habe, ist kein Hirngespinnst,« sagte sie zu sich, »ich weiß es gewiß. Wenn es in der That der Geist der holden Zorahayda ist, der, wie ich höre, in diesem Thurme wandert, – wovor sollte mir bangen? Ich will heute Nacht am Brunnen bleiben – vielleicht zeigt sie sich mir noch einmal.« Gegen Mitternacht, als alles ruhig war, setzte sie sich wieder in den Saal. Wie die Glocke in dem fernen Wartthurm der Alhambra die Stunde der Mitternacht verkündete, bewegte sich das Wasser des Brunnens wieder, es sprudelte und wogte, bis das Maurische Weib wieder empor stieg. Sie war jung und schön; ihr Kleid war reich an Juwelen und in der Hand hielt sie eine silberne Laute; Jacinta zitterte und war einer Ohnmacht nahe; aber die sanfte und klagende Stimme der Erscheinung und der liebliche Ausdruck ihres blassen schwermüthigen Gesichts beruhigten sie. »Tochter der Sterblichen,« sagte sie, »was fehlt dir? Warum trüben deine Thränen meinen Brunnen und stören deine Seufzer und Klagen die friedlichen Wachen der Nacht?« »Ich weine über die Treulosigkeit eines Mannes und klage um mein einsames und verlassenes Loos.« »Tröste dich; deine Sorgen können noch ein Ende finden. Du siehst eine Maurische Prinzessin vor dir, welche, wie du, in ihrer Liebe unglücklich war. Ein christlicher Ritter, dein Ahnherr, gewann mein Herz und würde mich in sein Heimathland und in den Schooß seiner Kirche gebracht haben. In meinem Herzen war ich eine Bekehrte, aber mir fehlte ein Muth, der meinem Glauben gleich gewesen wäre, und ich zauderte, bis es zu spät war. Deswegen haben die bösen Geister Gewalt über mich und ich bleibe in diesen Thurme gebannt, bis ein reiner Christ den Zauber bricht. Willst du dies unternehmen?« »Ich will,« antwortete das Mädchen zitternd. «So komm hierher und fürchte nichts; tauche deine Hand in den Brunnen, besprenge mich mit dem Wasser und taufe mich nach der Sitte deines Glaubens; so wird der Zauber vernichtet werden und mein irrer Geist Ruhe finden.« Das Mädchen näherte sich wankenden Schrittes, tauchte ihre Hand in den Brunnen, nahm Wasser in die hohle Hand und sprengte es über das blasse Antlitz der Erscheinung. Diese lächelte mit unaussprechlicher Milde. Sie ließ ihre Silberlaute zu Jacinta's Füßen fallen, faltete ihre weißen Arme über ihrem Busen und verschwand; es war blos, als wenn ein Schauer von Thautropfen in den Brunnen gefallen wäre. Voll Staunen und Schrecken verließ Jacinta den Saal. Sie schloß diese Nacht kaum ein Auge und als sie mit Tagesanbruch aus einem beunruhigten Schlaf erwachte, schien ihr das Ganze einem Fiebertraum ähnlich. Als sie aber in den Saal hinabging, zeigte sich die Wahrheit der Erscheinung, denn sie sah neben dem Brunnen die Silberlaute im Morgensonnenschein glänzen. Sie eilte zu ihrer Tante, um ihr alles zu erzählen, was ihr begegnet war, und forderte sie auf, die Laute als Beweis der Wirklichkeit ihrer Erzählung zu betrachten. Wenn die gute Frau ja noch einige Zweifel hatte, so wurden diese zerstreut, als Jacinta das Instrument berührte, denn sie entlockte demselben so hinreißende Töne, daß selbst die eisige Brust der unbefleckten Fredegonda, diese Region ewigen Winters, aufthaute und sich freudig erschloß. Nur eine übernatürliche Musik konnte eine solche Wirkung hervorbringen. Die außerordentliche Macht der Laute wurde täglich bemerkbarer. Der Wanderer, der an dem Thurme vorbeikam, blieb in athemlosem Entzücken sozusagen festgezaubert. Selbst die Vögel sammelten sich auf den benachbarten Bäumen, und lauschten, ihrer eignen Lieder vergessend, in stummem Entzücken. Das Gerücht verbreitete die Neuigkeit bald weiter. Die Bewohner Granada's strömten zu der Alhambra, um einige Töne der herrlichen Musik zu erhaschen, die um den Thurm der Prinzessinnen erscholl. Die liebliche kleine Künstlerin wurde endlich ihrer Einsamkeit entrückt. Die Reichen und Mächtigen des Landes stritten sich, sie zu bewirthen und mit Ehren zu überhäufen, oder vielmehr sich den Zauber ihrer Laute zu sichern, um die Modewelt in Schaaren in ihre Säle zu locken. Wohin sie ging, hielt ihre sorgsame Tante die Wache eines Drachen an ihrer Seite und schreckte den Strom verliebter Bewunderer, die entzückt an ihrem Gesange hingen, zurück. Die Sage von ihrer wundervollen Gabe ging von Stadt zu Stadt. Malaga, Sevilla, Cordova – alle wurden nach und nach in den Strudel hineingerissen und man sprach in ganz Andalusien von nichts mehr, als von der schönen Künstlerin der Alhambra. Wie konnte es auch bei einem so musikalischen und verliebten Volke, wie die Andalusier, anders kommen, – da die Macht der Laute magisch und die Künstlerin von Liebe begeistert war? – Während ganz Andalusien so musiktoll war, herrschte an dem spanischen Hofe eine ganz andere Stimmung. Philipp V. war, wie wohl bekannt ist, ein unglücklicher Hypochondrist und allen Arten von Grillen unterworfen. Manchmal blieb er wochenlang im Bette und ächzte in eingebildeten Schmerzen. Ein anderes Mal bestand er darauf, dem Thron entsagen zu wollen: zum großen Aerger seiner königlichen Gemalin, die für den Glanz des Hofes und die Glorie einer Krone eine ziemliche Neigung hatte und den Scepter ihres kindischen Gemals mit kluger und fester Hand führte. Nichts zeigte sich wirksamer, die königlichen Schwindel zu verscheuchen, als die Macht der Musik; der König sorgte daher, die besten Sänger und Tonkünstler zur Hand zu haben, und behielt den berühmten italienischen Sänger Farinelli als eine Art königlichen Leibarztes bei Hofe. In dem Augenblicke jedoch, von welchem wir sprechen, hatte sich in dem Kopf dieses weisen und erlauchten Bourbon's eine Grille festgesetzt, welche alle frühere Einfälle übertraf. Nach einer langen eingebildeten Krankheit, die allen Arien Farinelli's und den Berathungen eines ganzen Orchesters von Hofgeigern Trotz bot, gab der Monarch in Gedanken den Geist auf und hielt sich für maustodt. Dies wäre ziemlich harmlos, ja, selbst der Königin und den Höflingen ganz gelegen gewesen, wenn er sich bequemt hätte, in der für einen Todten passenden Ruhe zu bleiben. Zu ihrer Qual bestand er aber darauf, die Leichenzeremonien mit sich vorgenommen sehen zu wollen und begann zu ihrer unaussprechlichen Verwirrung, ungeduldig zu werden und über ihre Nachlässigkeit und Geringschätzung, ihn so lange unbegraben zu lassen, bitter zu schelten. Was war zu thun? Den bestimmten Befehlen des Königs nicht zu gehorchen, war in den Augen der dienstwilligen Höflinge eines pünktlichen Hofes scheuslich – aber ihnen zu gehorchen und ihn lebendig zu begraben, wäre offenbarer Königsmord gewesen. Mitten in dieser fürchterlichen Verlegenheit erreichte das Gerücht von einer Künstlerin, die ganz Andalusien den Kopf verdrehte, den Hof. Die Königin sandte in aller Eile Boten ab, sie nach Sanct Ildefonso zu bescheiden, wo damals der Hof residirte. Als einige Tage darauf die Königin mit ihren Staatsdamen in jenen prächtigen Gärten lustwandelte, welche mit ihren Gängen, Terrassen und Brunnen den Ruhm von Versailles auszustechen bestimmt waren, wurde die weitberühmte Künstlerin vor sie geführt. Die königliche Elisabeth blickte erstaunt auf das jugendliche und anspruchslose Aeußere des kleinen Wesens, welches der Welt den Kopf verrückte. Sie war in ihrer malerischen andalusischen Tracht, hielt ihre Silberlaute in der Hand und stand mit bescheiden gesenkten Augen, aber in einer Einfachheit und Frische der Schönheit da, welche in ihr stets noch »die Rose der Alhambra« ankündigte. Wie gewöhnlich war sie von der immer wachsamen Fredegonda begleitet, welche der wißbegierigen Königin die ganze Geschichte ihrer Abstammung und Herkunft erzählte. Wenn die hohe Elisabeth von Jacinta's Aeusserem freundlich angesprochen worden war, so freute sie sich noch mehr, als sie erfuhr, daß sie aus einem verdienten obgleich herabgekommenen Geschlechte stammte und daß ihr Vater im Dienste der Krone als braver Krieger gefallen war. »Wenn dein Talent deinem Rufe gleich kömmt,« sagte sie, »und du diesen bösen Geist bannen kannst, der in deinem Könige wohnt, so soll fortan dein Glück meine Sorge seyn und Ehren und Reichthum werden dich erwarten.« Ungeduldig, ihre Geschicklichkeit zu erproben, begab sie sich alsbald in das Gemach ihres launenvollen Gemals. Durch Reihen von Wachen und Schaaren von Höflingen folgte Jacinta mit gesenktem Auge. Sie kamen endlich in ein großes Gemach, das schwarz ausgelegt war. Die Fenster waren geschlossen, um kein Taglicht eindringen zu lassen: eine Anzahl gelber Wachskerzen auf silbernen Leuchtern verbreiteten ein düsteres Licht und zeigten schwach die Gestalten von Dienern in Trauerkleidern, und von Höflingen, die mit geräuschlosem Schritt und verzweifeltem Gesicht umher schlichen. In der Mitte lag auf einem Paradebett, die Hände auf der Brust gefaltet, und bis zur Spitze der Nase verhüllt, der gern-begraben-seyn-wollende Monarch ausgestreckt. Die Königin trat schweigend in das Gemach, zeigte auf einen Schemel in einem dunkeln Winkel und winkte Jacinta, sich niederzulassen und anzufangen. Anfangs rührte sie die Laute mit bebender Hand, dann aber faßte sie Muth, und wurde während des Spiels erregt und ließ eine so himmlische Musik hören, daß alle Anwesenden vor Staunen und Entzücken außer sich waren. Der Monarch aber, der sich bereits in der Welt der Geister glaubte, dachte die Musik der Engel oder der Sphären zu hören. Allmählig wechselte der Vortrag und die Stimme der Künstlerin begleitete das Instrument. Sie sang eine der alten Balladen von dem ehemaligen Ruhm der Alhambra und den Thaten der Mauren. Ihre ganze Seele ging in den Vortrag ein, denn mit den Erinnerungen an die Alhambra war die Geschichte ihrer Liebe verwebt. Dies Todtengemach hallte von dem belebenden Gesange wieder. Er fand den Weg in das düstere Herz des Königs. Er hob sein Hand und schaute rund um: er richtete sich in seinem Bette auf, sein Auge begann zu glänzen – endlich sprang er auf den Boden und rief nach Schild und Schwert. Der Triumph der Musik, oder vielmehr der bezauberten Laute, war vollkommen; der Geist der Schwermuth war verscheucht und gewissermaßen ein Todter in das Leben zurückgerufen worden. Die Fenster des Gemaches wurden geöffnet; der glorreiche Glanz spanischen Sonnenscheins drang in die gewesene Todtenkammer; alle Augen suchten die holde Zauberin; aber die Laute war aus ihrer Hand gefallen, sie war niedergesunken und wurde im nächsten Augenblick an die Brust von Ruyz de Alarcon gepreßt. Die Hochzeit des glücklichen Paares wurde bald darauf mit großem Glanze gefeiert; doch still – ich höre den Leser fragen, wie Ruyz de Alarcon sein langes Schweigen entschuldigte? O, daran war allein der Widerstand eines stolzen, eigensinnigen alten Vaters Schuld; überdies kommen junge Leute, die wirklich einander gern haben, bald zu einem freundlichen Einverständniß und begraben alle früheren Beschwerden, wenn sie sich wiedersehen. Aber wie kam es, daß der stolze eigensinnige Vater in die Heirath willigte? O, ein oder zwei Worte der Königin verscheuchten bald alle seine Bedenklichkeiten, besonders da es Würden und Belohnungen auf den blühenden Liebling der Königin regnete. Ueberdies besaß, wie Ihr wißt, Jacinta's Laute eine Zaubermacht, welche über den eigensinnigsten Kopf und die härteste Brust gebieten konnte. Und was wurde aus der bezauberten Laute? O, dies ist das allermerkwürdigste bei der Sache und beweist offenbar die Wahrheit der ganzen Geschichte. Diese Laute blieb eine Zeitlang in der Familie, wurde aber von dem großen Sänger Farinelli, wie man glaubte, aus bloßer Eifersucht, entwendet und weggebracht. Nach seinem Tode kam sie in Italien an andere Besitzer, welche mit ihrer geheimnißvollen Macht unbekannt waren, das Silber einschmolzen und mit den Saiten eine alte Cremoneser Geige bezogen. Die Saiten haben noch etwas von ihrer magischen Kraft. Ein Wort in des Lesers Ohr, aber erzählt es nicht weiter – diese Geige bezaubert jetzt die ganze Welt – es ist die Geige Paganini's. Der Veteran. Zu den seltsamen Bekanntschaften, die ich bei meinen Streifereien um die Veste gemacht habe, gehört ein braver und mürber alter Invalidenobrist, der sich wie ein Habicht in einem der maurischen Thürme eingenistet hat. Seine Geschichte, welche er sehr gern erzählt, ist ein Gewebe jener Abentheuer, Unfälle und Widerwärtigkeiten, welche das Leben fast eines jeden Spaniers von Ansehen eben so bunt und wunderlich gestalten, wie die Blätter des Gil Blas. Er war mit seinem zwölften Jahre schon in Amerika und rechnet es zu seinen bedeutungsvollsten und glücklichsten Erlebnissen, General Washington gesehen zu haben. Seitdem hat er an allen Kriegen seines Vaterlandes Theil genommen; er kann aus Erfahrung von den meisten Gefängnissen und Kerkern der Halbinsel sprechen; er wurde an einem Fuß gelähmt, an den Händen verstümmelt und so zerhauen und zerfetzt, daß er eine Art wandelnden Monumentes aller Unruhen Spaniens ist, an welchem man für jede Schlacht und jeden Strauß eine Schmarre sehen konnte, wie auf Robinson Crusoe's Baum jedes Jahr eingekerbt war. Das größte Unglück des braven alten Herrn scheint jedoch gewesen zu seyn, daß er während einer Zeit der Gefahr und Verwirrung zu Malaga kommandirt hatte und von den Einwohnern zum General gemacht worden war, um sie gegen den Einfall der Franzosen zu schützen. Dies hat ihn in eine Menge gerechter Ansprüche an den Staat verwickelt, welche, wie ich fürchte, ihn bis zu seinem Todestage mit Schreiben und Drucken von Bittschriften und Vorstellungen beschäftigen werden, zur großen Beunruhigung seines Geistes, zur Erschöpfung seiner Börse und zur Buße seiner Freunde, deren keiner ihn besuchen kann, ohne dem Vorlesen eines furchtbaren, eine halbe Stunde langen Aktenstückes zuhören und ein halbes Dutzend Flugschriften in seinen Taschen mitnehmen zu müssen. Dies ist aber in Spanien überall so: allenthalben stößt man auf einen verdienten Wicht, der in einer Ecke brütet und irgend einen Lieblingsschmerz oder ein theures Unrecht nährt. Ueberdies kann man annehmen, daß in Spanien, der einen Prozeß oder einen Anspruch an die Regierung hat, mit Beschäftigung für sein ganzes übriges Leben versehen ist. Ich habe den Veteran in seinem Quartier in dem obern Theil des Torre del Vino, oder Wein-Thurm besucht. Sein Zimmer war klein aber niedlich und hatte eine schöne Aussicht auf die Vega. Es war mit der Einfachheit eines Soldaten eingerichtet. Drei Flinten und ein Paar Pistolen, alle glänzend und hell, hingen nebst einem Säbel und einem Stocke an der Wand und über ihnen zwei Krämphüte, der eine für die Parade, der andere für den Alltagsgebrauch. Ein kleines Brett, auf dem ein halbes Dutzend Bücher standen, machte seine Bibliothek aus; eines derselben, ein kleiner alter zerfressener Band philosophischer Maximen, machte seine Lieblingslectüre aus. Ueber diesem lag und brütete er Tag um Tag und wendete jeden Grundsatz auf sich selber an, vorausgesetzt, daß er einen kleinen Beigeschmack von Bitterkeit hatte und von der Ungerechtigkeit der Welt handelte. Bei allem dem ist er gesellig und gutmüthig, und, wenn man ihn von seinen Kränkungen und seiner Philosophie abbringen kann, ein ganz unterhaltender Genosse. Ich habe die alten wetterzerschlagenen Söhne des Schicksals gern und freue mich ihrer ungeschmückten Kriegsanekdoten. Als ich unserm Veteran meinen Besuch machte, erfuhr ich einige merkwürdige Thatsachen über einen alten militärischen Befehlshaber der Veste, welcher in mancher Beziehung viel Aehnlichkeit mit ihm gehabt und in dem Kriege gleiche Schicksale erlebt zu haben scheint. Diese Einzelnheiten sind durch Nachforschungen bei einigen der alten Bewohner des Ortes vermehrt worden, besonders bei dem Vater des Mateo Ximenes, in dessen mährchenhaften Geschichten der Treffliche, den ich jetzt bei dem Leser einführen will, einen Lieblingshelden abgibt. Der Statthalter und der Notar. In frühern Zeiten herrschte als Statthalter der Alhambra ein männlicher alter Herr, der, weil er einen Arm im Kriege verloren hatte, allgemein unter dem Namen el Gobernador Manco, oder der einarmige Statthalter bekannt war. Er that sich wirklich viel darauf zu gut, ein alter Soldat zu seyn, trug seinen Schnurrbart bis zu den Augen hinauf gedreht, ein Paar Ordonnanz-Stiefel und einem Toledo (Säbel) so lang wie ein Spieß, mit dem Taschentuch in dem Säbelkorb. Ferner war er ungemein stolz und empfindlich und hielt sehr auf seine Privilegien und Würden. Unter seiner Herrschaft wurden die Vorrechte der Alhambra, als königliche Residenz und Domaine, auf das strengste gehandhabt. Niemand durfte mit einem Feuergewehr, oder auch nur mit Säbel und Stock in die Vestung kommen, wenn er nicht von einem gewissen Range war; und jeder Reiter mußte am Thore absteigen und sein Pferd am Zügel führen. Da nun der Hügel der Alhambra sich aus der Mitte der Stadt Granada erhebt und gewissermaßen ein Auswuchs der Stadt ist, so muß es allzeit für den Ober-General, der den Befehl über die Provinz hat, etwas lästig seyn einen Staat im Staat; einen kleinen unabhängigen Posten in der Mitte seines Gebietes zu haben. In dem vorliegenden Falle wurde dieses Verhältniß noch verdrießlicher durch die reizbare Eifersucht des alten Statthalters, welcher bei der geringsten Frage hinsichtlich des Vorrangs und der Gerichtsbarkeit Feuer fing, so wie durch den lockern landstreicherischen Charakter des Volkes, das sich nach und nach in der Veste, wie in einem Heiligthum eingenistet hatte und von da aus auf Kosten der ehrsamen Bewohner der Stadt ein wahres Diebs- und Räuberleben trieb. So gab es zwischen dem General und dem Statthalter der Vestung ein stetes Hadern und Streiten, was von Seiten des letzteren um so heftiger war, in so fern der kleinere von zwei benachbarten Herrschern stets am hartnäckigsten auf seine Würde hält. Der stattliche Palast des Generals stand auf der Plaza Nueva, unmittelbar am Fuße des Hügels der Alhambra, und hier war stets die Scene des lärmenden Prunkens der Wagen und Bedienten und der Stadt-Offizianten. Eine vorragende Bastion der Veste überschaute den Palast und den Platz vor demselben; und auf dieser Bastion stolzirte der alte Statthalter gelegentlich auf und ab, seinen Toledo um die Hüfte gegürtet, und seinen Nebenbuhler mit scharfem Auge beaufsichtigend, wie ein Habicht seinen Raub aus seinem Neste in einem dürren Baume belugt. So oft er in die Stadt herabkam, geschah es stets in großem Staat, zu Pferd, von seiner Wache umgeben, oder in seiner Staatskutsche, einem alten unbehülflichen spanischen Bau von zierlich ausgeschnittenem Holz und vergoldetem Leder, von acht Maulthieren gezogen, von Läufern, Vorreitern und Lakaien umringt; bei solchen Gelegenheiten schmeichelte er sich, als Stellvertreter des Königs jeden Begegnenden mit Schrecken und Bewunderung zu erfüllen; obgleich die Witzbolde der Stadt, besonders die, welche um den Palast des Generals herumstrichen, über seinen kleinlichen Prunk spotteten, und, auf den lockern Charakter seiner Untergebenen anspielend, ihn mit dem Namen des »Bettlerkönigs« begrüßten. Eine der fruchtbarsten Quellen des Haders zwischen diesen zwei männlichen Nebenbuhlern war das von dem Statthalter angesprochene Recht, daß alles, was zu seinem und dem Gebrauch der Garnison bestimmt sey, abgabenfrei durch die Stadt gehen müsse. Dieses Vorrecht hatte nach und nach zu einem ausgedehnten Schleichhandel Veranlassung gegeben. Eine Hecke Schmuggler ließen sich in den Hütten der Alhambra und den zahlreichen Höhlen der Nachbarschaft nieder, und trieben unter dem Beistand der Soldaten der Besatzung ein sehr einträgliches Gewerbe. Die Wachsamkeit des Generals war rege. Er hielt mit seinem Rechtsanwalt und Factotum, einem schlauen, rührigen Escribano, oder Notar, Rath, der sich freute, eine Gelegenheit zu haben, den alten Potentaten der Alhambra zu necken, und ihn in ein Labyrinth von juristischen Spitzfindigkeiten zu verwickeln. Er rieth dem General, auf dem Rechte, alles, was durch die Stadt ging, untersuchen zu dürfen, zu bestehen, und erwieß dieses Recht in einem langen Briefe. Statthalter Manco war ein grade ausgehender, derber alter Soldat, der einen Escribano mehr als den Teufel haßte, und eben diesen mehr als alle andere Escribano's. »Was?« sagte er, und drehte seinen Schnurrbart zornig empor: »heißt der General diesen Federmann, mich in Verlegenheit setzen? Ich will ihm zeigen, daß ein alter Soldat sich nicht durch Schulweisheit verblüffen läßt.« Er nahm seine Feder und kritzelte mit rauher Hand einen kurzen Brief, worin er, ohne sich herabzulassen, in Beweise einzugehen, auf dem Rechte freien Durchgangs, ohne belästigendes Nachsuchen, bestand, und jedem Mauthbeamten Rache drohte, der seine ungeheiligte Hand an irgend eine von dem Banner der Alhambra geschützte Sendung legte. Während diese Frage von den zwei eigensinnigen Herrschern behandelt wurde, begab es sich, daß eines Tages ein mit Vorrath für die Veste beladenes Maulthier an dem Thore des Xenil ankam, durch welches es auf seinem Wege zur Alhambra eine der Vorstädte passiren sollte. An der Spitze des Geleites war ein mürrischer alter Korporal, der lange unter dem Statthalter gedient hatte, und ein Mann nach seinem Herzen war, so fest und rostig, wie eine alte Toleder-Klinge. Als sie dem Stadtthore nahe kamen, steckte der Korporal das Banner der Alhambra auf den Packsattel des Maulthiers, richtete sich kerzengrade empor, und schritt mit vorwärts gerichtetem Kopfe, aber dem achtsamen Seitenblick eines Hundes einher, der durch feindlichen Boden geht, und zum bellen und beißen bereit ist. »Wer da?« fragte die Wache am Thor. »Soldat der Alhambra« sagte der Korporal, ohne den Kopf zu wenden. »Was habt ihr geladen?« »Lebensmittel für die Besatzung.« »Weiter!« Der Korporal zog, von dem Geleite gefolgt, stracks vorwärts, hatte aber nur wenige Schritte gemacht, als ein Haufe Mauthbeamte aus einem kleinen Zollhause stürzten. »Halt da!« rief der Erste. »Maulthiertreiber, halt und öffne deine Päcke.« Der Korporal machte rechts um, und stellte sich schlagfertig auf. »Achtet die Banner der Alhambra,« sagte er; »diese Sachen sind für den Statthalter.« »Was geht uns der Statthalter an! Was geht uns seine Flagge an! Maulthiertreiber halt, sage ich.« »Haltet dieß Thier auf eure Gefahr an!« rief der Korporal, den Hahn seines Gewehrs spannend; »Maulthiertreiber, weiter!« Der Maulthiertreiber gab seinem Thier einen tüchtigen Puff; der Mauthbeamte sprang hervor, und faßte die Halfter, worauf der Korporal zielte, und ihn todt schoß. Die Straße war sogleich in Aufruhr. Der alte Korporal wurde ergriffen, und nachdem er manche Stöße, Schläge und Prügel erhalten hatte, die der spanische Pöbel als Vorgeschmack der nachfolgenden Strafe aus dem Stegreife austheilte, wurde er mit Ketten beladen, und in das Stadtgefängniß geführt, während seine Kameraden mit der Ladung, welche gehörig durchsucht worden war, nach der Alhambra zu ziehen Erlaubniß erhielten. Der alte Statthalter war in furchtbarer Hitze, als er diese Beleidigung an seinem Banner und die Gefangennahme des Korporals erfuhr. Eine Zeitlang tobte er in den maurischen Sälen herum, schnaubte auf der Bastion, und blickte Feuer und Schwert auf den Palast des Generals hinab. Als er seiner ersten Wuth Luft gemacht hatte, schickte er einen Boten ab, und forderte die Uebergabe des Korporals, da ihm das Recht zustehe, über die Vergehen derer, die unter seinem Befehle ständen, zu Gericht zu sitzen. Der General, von der Feder des frohen Escribano unterstützt, antwortete sehr ausführlich, und legte dar, das Verbrechen sey innerhalb der Stadtmauern und an einem Civildiener begangen worden, es sey also klar, daß es unter seine eigne Gerichtsbarkeit gehöre. Des Statthalters Brief wiederholte sein Verlangen. Der General gab ein Schreiben von weit größerer Länge und voll juristischen Scharfsinnes zurück; der Statthalter wurde heiser und bestimmter in seinem Begehren, und der General kühler und länger in seinen Antworten, bis der alte löwenherzige Soldat wirklich vor Wuth brüllte, sich so in die Netze juristischer Spitzfindigkeiten verwickelt zu sehen. Während der schlaue Escribano sich so auf Kosten des Statthalters erlustigte, leitete er das Verhör des Korporals, der, in ein enges Verlies eingesperrt, nur ein kleines vergittertes Fenster hatte, durch welches er den Freunden einen Theil seines Gesichts zeigen, und ihre Tröstungen empfangen konnte. Ein Berg von geschriebenen Zeugnissen war, nach spanischem Brauch, von dem unermüdlichen Escribano aufgehäuft worden; der Korporal war durch dieselben vollkommen überwältigt. Er wurde des Mordes überführt, und verdammt, gehangen zu werden. Vergebens schickte der Statthalter Einreden und Drohungen von der Alhambra herab. Der unglückliche Tag kam heran, und der Korporal wurde in capilla gebracht, d. h. in die Kapelle des Geheimnisses, wie man es stets mit Verbrechern vor dem Tage ihrer Hinrichtung hält, damit sie über ihr herannahendes Ende nachdenken, und ihre Sünden bereuen können. Als der alte Statthalter sah, daß es auf das Aeußerste gekommen war, beschloß er, persönlich nach dem Stand der Dinge zu sehen. Zu diesem Ende ließ er seine Staatskutsche herausholen, und rumpelte, von seinen Wachen umgeben, den Weg der Alhambra nieder in die Stadt. Er fuhr vor das Haus des Escribano, und ließ ihn an die Thüre rufen. Das Auge des Statthalters glänzte wie eine Kohle, als er den freundlichen Mann des Rechts mit einer frohlockenden Miene herankommen sah. »Was muß ich hören,« sagte er, »ihr wollt einen meiner Soldaten hängen?« »Alles nach dem Gesetz – alles in strenger Form Rechtens,« sagte der selbstzufriedene Escribano, kichernd und sich die Hände reibend. »Ich kann Eurer Excellenz das ganze geschriebene Zeugenverhör zeigen.« »Holt es hierher!« sagte der Statthalter. Der Escribano eilte in seine Arbeitsstube, froh, daß er eine neue Gelegenheit hatte, auf Kosten des hartköpfigen Veterans seinen Witz zu zeigen. Er kam mit einem Bündel Papiere zurück, und begann mit der Zungenflüchtigkeit solcher Leute eine lange Aussage vorzulesen. Unterdessen hatte sich ein Haufe Menschen gesammelt, die mit ausgestreckten Hälsen und offenem Munde zuhörten. »Höre, Mensch,« sagte der Statthalter, »setze dich in den Wagen, damit ich dich, fern von diesem verdammten Gedränge besser hören kann.« Der rothe Escribano setzte sich in den Wagen; auf einen Wink wurde die Wagenthüre geschlossen, der Kutscher ließ die Peitsche spielen – Maulthiere, Wagen und Alles flog wie ein Wetter dahin, und ließ die Menge in gaffendem Staunen. Der Statthalter ruhte nicht eher, als bis er seine Beute in einem der stärksten Kerker der Alhambra verwahrt sah. Darauf schlug er in militärischem Styl einen Waffenstillstand vor, und trug auf Friedensabschluß oder Auswechselung der Gefangenen – des Korporals und des Notars – an. Der Stolz des Generals war getroffen; er schickte eine wegwerfende abschlägliche Antwort zurück, und ließ mitten auf der Plaza Nueva einen hohen und starken Galgen zur Hinrichtung des Korporals bauen. »Oho! ist es so gemeint?« sagte der Statthalter Manco. Er gab seine Befehle, und augenblicks wurde am Rande der großen vorspringenden Bastion, welche den Platz überschaute, ein Galgen errichtet. »Jetzt,« ließ er dem General sagen, »jetzt hängt meinen Soldaten, wenn's Euch beliebt; aber in derselben Minute, wo er über dem Platze schwebt, werdet Ihr Euern Escribano in den Lüften baumeln sehen.« Der General war unbeugsam; Truppen wurden auf dem Platz aufgestellt; die Trommeln schlugen, die Glocken hallten. Eine unermeßliche Menge von Liebhabern sammelte sich, um die Hinrichtung zu sehen. Andrerseits stellte der Statthalter seine Besatzung auf der Bastion auf, und ließ das Grablied des Notars von der Torre de la Campana oder dem Glockenthurm herabläuten. Die Frau des Escribano drängte sich, mit einer ganzen Schaar kleiner Embryo-Escribanos auf der Ferse, durch die Menge, warf sich dem General zu Füßen, und bat ihn, dem Stolze nicht ihres Gatten Leben, ihr und ihrer zahlreichen kleinen Kinder Wohl zu opfern; »denn,« sagte sie, »Ihr kennt den alten Statthalter zu gut, als daß Ihr zweifeln könnt, er werde seine Drohung nicht ausführen, wenn Ihr den alten Soldaten hängt.« Ihre Klagen und Thränen, und das Jammergeschrei der nackten Brut besiegten den General. Der Korporal wurde unter Bewachung, in seinem Galgenkleid, wie ein bekapuzter Mönch, aber geraden Hauptes und eisernen Gesichts in die Alhambra gebracht. Der Escribano wurde, dem Vertrag zufolge, dagegen verlangt. Der sonst so rührige und selbstzufriedene Mann des Rechts wurde eher todt als lebendig aus seinem Loche hervorgeholt. Alle seine Gewandtheit und List war dahin; sein Haar soll vor Schrecken fast ganz ergraut gewesen seyn, und sein Blick war traurig und trübselig, als fühlte er noch den Strick um seinen Hals. Der Statthalter blieb mit untergestemmten Armen stehen, und betrachtete ihn einen Augenblick mit eisernem Lächeln. »Fortan, mein Freund,« sagte er, »mäßigt Euern Eifer, Andere an den Galgen zu bringen; seyd Eurer Sicherheit nicht zu gewiß, wenn Ihr auch das Recht auf Eurer Seite haben solltet; und vor allem, seht Euch vor, wenn ihr wieder Eure Schulweisheit an einem alten Soldaten üben wollt.« Statthalter Manco und der Soldat. Wenn Statthalter Manco, oder der Einarmige, sich einigermaßen mit seiner Besatzung in der Alhambra zeigen wollte, so ärgerte er sich über die Vorwürfe, die man seiner Vestung immer machte, sie sey ein Heckenest für Schurken und Schleichhändler. Plötzlich beschloß der alte Herrscher eine Reform; er ging kräftig zu Werk, und warf ganze Vagabunden-Nester aus der Veste und den Zigeunerhöhlen, von welchen die Hügel umher durchlöchert sind. Auch sandte er Soldaten aus, welche die Wege und Stege durchstreifen, und alle Verdächtige aufgreifen mußten. Eines klaren Sommer-Morgens saß eine solche Streifwache, bestehend aus dem mürrischen alten Korporal, der sich in der Notarsgeschichte ausgezeichnet hat, einem Trompeter und zwei Gemeinen, unter der Gartenmauer des Generalife, an der Straße, welche von dem Sonnenberg herab führt, als sie das Trampeln eines Pferdes und eine männliche Stimme hörten, welche in rauhen, obgleich nicht unmusikalischen Tönen ein altes kastilianisches Kriegslied sang. Alsbald erblickten sie einen starken, sonneverbrannten Kerl, der, in die zerlumpte Uniform eines Infanteristen gekleidet, ein kräftiges arabisches Pferd, auf die alte maurische Art herausgeputzt, führte. Der Korporal war über den Anblick eines fremden Soldaten, der, ein Roß am Zügel, diesen einsamen Berg niederstieg, sehr erstaunt, schritt vorwärts und rief ihn an. »Wer da?« »Gut Freund.« »Wer und was seyd Ihr?« »Ein armer Soldat, der eben aus dem Felde kommt, und als Lohn einen zerschlagenen Hirnschädel und leeren Beutel mitbringt.« Sie waren unterdessen in den Stand gesetzt worden, ihn genauer zu betrachten. Er hatte ein schwarzes Pflaster über der Stirne, was, nebst einem graulichen Barte, den dem Teufel trozenden Charakter seines Gesichtes noch erhöhte, während ein leichtes Schielen über das Ganze einen gelegentlichen Strahl schelmischer Laune warf. Als der Soldat die Fragen der Streifwache beantwortet hatte, schien er sich berechtigt zu erachten, auch dergleichen vorzubringen. »Darf ich fragen,« sagte er, »welche Stadt ich am Fuße des Hügels sehe?« »Welche Stadt?« rief der Trompeter: »nun, das ist zu arg. Treibt sich dieser Bursche hier um den Sonnenberg herum, und fragt nach dem Namen der großen Stadt Granada!« »Granada! Madre de Dios! ist es möglich?« »Vielleicht nicht!« versetzte der Trompeter; »und Ihr habt vielleicht keine Vorstellung davon, daß jenes die Thürme der Alhambra sind?« »Sohn einer Trompete,« versetzte der Fremde, »scherze nicht mit mir; und wenn jenes wirklich die Alhambra ist, so führt mich hin, ich habe dem Statthalter seltsame Dinge zu berichten.« »Dazu werdet Ihr Gelegenheit haben,« sagte der Korporal, »denn wir gedenken euch vor ihn zu führen.« Mittlerweile hatte der Trompeter den Zügel des Pferdes gefaßt, jeder der beiden Gemeinen hatte sich eines Arms des Soldaten bemächtigt, der Korporal selbst stellte sich an die Spitze des Zugs, kommandirte »Vorwärts – marsch!« und dahin ging der Zug der Alhambra zu.« Der Anblick eines zerlumpten Infanteristen und eines schönen arabischen Pferdes, welche die Streifwache eingebracht hatte, zog die Aufmerksamkeit aller Müßiggänger der Veste und jener geschwätzigen Gruppen an, die sich gewöhnlich früh Morgens um die Brunnen sammeln. Das Rad der Cisterne ruhte, und die Magd in ihren Schlarren stand gaffend, den Krug in der Hand, als der Korporal mit seinem Fang vorbei kam. Ein bunter Zug schloß sich nach und nach dem Nachtrab des Geleites an. Weise Winke, Bemerkungen und Vermuthungen machten die Runde. »Es ist ein Ausreißer,« sagte der Eine. »Ein Schmuggler,« sagte ein Anderer. »Ein Räuber,« sagte ein Dritter; – bis es sicher und hergestellt war, daß der Hauptmann einer verzweifelten Räuberbande durch die Kühnheit des Korporals und seiner Leute gefangen worden sey. »Gut, gut,« sagten sich die alten Basen, »Hauptmann oder nicht – er mache sich einmal aus den Händen des Statthalters Manco los, wenn er kann, obgleich jener nur einhändig ist.« Der Statthalter Manco saß in einem der innern Säle der Alhambra, und trank in Gesellschaft seines Beichtvaters, eines feisten Franziskanermönchs aus einem benachbarten Kloster, seine Tasse Morgen-Chocolade. Ein sittsames, schwarzäugiges Mädchen von Malaga, die Tochter seines Wirthschafters, bediente ihn. Die Welt gab zu verstehen, dieses Mädchen, die bei aller ihrer Sittsamkeit eine schlaue, dralle Hexe war, habe ein weiches Fleckchen in dem Eisenherzen des alten Statthalters gefunden, und habe ihn ganz unter dem Pantoffel. Doch still davon – die häuslichen Angelegenheiten dieser mächtigen Herrscher der Erde sollte man nicht so genau untersuchen. Als die Nachricht kam, ein verdächtiger Fremder, der um die Vestung herumgeschlichen, sey eingefangen worden, und bereits in dem äußern Hof unter der Aufsicht des Korporals, der die Befehle Seiner Ercellenz erwarte, schwellte der Stolz und die Würde des Dienstes die Brust des Statthalters. Er gab die Chocoladetasse in die Hände des sittsamen Mädchens, ließ seinen Säbel mit dem großen Korbe holen, gürtete ihn um, drehte seinen Schnurrbart aufwärts, setzte sich in einen großen, hochrückigen Stuhl, nahm eine sauere und abschreckende Miene an, und forderte den Gefangenen vor sich. Der Soldat wurde hereingeführt, von seinen Gefangennehmern noch gehörig festgehalten, und von dem Korporal bewacht. Er zeigte jedoch ein entschlossenes, selbstvertrauendes Wesen, und gab den scharfen, forschenden Blick des Statthalters mit einem leichten Schielen zurück, was dem empfindlichen alten Potentaten keineswegs gefiel. »Nun, Beklagter,« sagte der Statthalter, nachdem er ihn einen Augenblick schweigend angeblickt hatte, »was könnt ihr zu eueren Gunsten sagen – wer seyd ihr?« »Ein Soldat, der eben aus dem Feld kömmt, und nichts davon getragen hat, als Narben und Wunden.« »Ein Soldat – hem – ein Infanterist nach dem Rock. Ich höre, ihr hättet ein schönes arabisches Pferd. Ich vermuthe, ihr habt das auch aus dem Krieg davongetragen neben euern Narben und Wunden.« »Ich habe, mit Eurer Excellenz Erlaubniß, etwas Seltsames in Betreff dieses Pferdes zu erzählen. In der That, ich habe eines der wunderbarsten Dinge zu berichten; etwas, das auch die Sicherheit dieser Veste, ja von ganz Granada angeht. Allein es ist ein Gegenstand, den ich euch nur allein anvertrauen kann, oder nur in Gegenwart solcher Leute mittheilen darf, welche euer Zutrauen haben.« Der Statthalter dachte einen Augenblick nach, und befahl dann dem Korporal und seinen Leuten, sich zu entfernen, sich aber außen an der Thüre aufzustellen, und auf den ersten Ruf zur Hand zu seyn. »Dieser fromme Mönch,« sagte er, »ist mein Beichtvater, und ihr könnt alles in seiner Gegenwart sagen – und dieses Mädchen« – auf die Dienerin deutend, die mit dem Ausdruck großer Neugierde geblieben war – »dieses Mädchen ist sehr verschwiegen und bescheiden, und man kann ihr in allem vertrauen.« Der Soldat sah mit einem halb schielenden, halb streifenden Blick auf das sittsame Mädchen. »Es ist mir ganz recht,« sagte er, »daß das Mädchen bleibt.« Als sich die Uebrigen alle entfernt hatten, begann der Soldat seine Geschichte. Er war ein Kerl von geläufiger und geschmeidiger Zunge, und hatte eine Sprache zu seinem Befehl, die über seinen scheinbaren Stand ging. »Mit Eurer Excellenz Erlaubniß,« sagte er, »ich bin, wie ich bemerkt habe, ein Soldat, und habe harte Tage im Dienste verlebt; da meine Zeit aber aus war, wurde ich vor kurzem aus der Armee von Valadolid entlassen, und trat zu Fuß meinen Weg nach meinem Vaterorte in Andalusien an. Gestern Abend ging die Sonne unter, als ich eine große dürre Ebene von Alt-Kastilien durchzog.« »Halt!« rief der Statthalter; »was sagt ihr da? Alt-Kastilien liegt etwa zwei- bis dreihundert Meilen von hier.« »Ganz recht,« versetzte der Soldat kalt. »Ich sagte Eurer Excellenz, ich hätte seltsame Dinge zu erzählen; allein nicht seltsamer als wahr, wie Eure Excellenz finden wird, wenn sie mich eines geduldigen Gehörs würdigt.« »Weiter, Beklagter,« sagte der Statthalter, seinen Schnurrbart empordrehend. »Als die Sonne unterging,« fuhr der Soldat fort, »warf ich meine Augen umher, um ein Lager für die Nacht zu suchen; allein so weit meine Blicke reichen konnten, war keine Spur einer Wohnung. Ich sah, daß ich mein Bett auf der nackten Erde, und den Schnapsack zum Kissen würde machen müssen; aber die Excellenz ist ein alter Krieger, und weiß, daß für den, der im Felde war, ein solches Nachtlager kein großes Unglück ist.« Der Statthalter nickte Beifall, während er sein Taschentuch aus dem Säbelkorbe nahm, um eine Fliege, die um seine Nase summte, zu verscheuchen. »Nun, um eine lange Geschichte abzukürzen,« fuhr der Soldat fort, »ich trollte mehrere Meilen weiter, bis ich zu einer Brücke kam, die über eine tiefe Schlucht ging, durch welche ein kleiner Bach floß, den die Sommerhitze fast ausgetrocknet hatte. An dem Ende der Brücke war ein maurischer Thurm, dessen oberer Theil ganz verfallen war; ein Gewölbe an dem Fundamente aber war wohlerhalten. Hier, dachte ich, ist ein guter Platz zum Anhalten; so stieg ich zum Bache nieder, und trank tüchtig, denn das Wasser war rein und gut, und ich war ausgetrocknet vor Durst; dann öffnete ich meinen Sack, und nahm eine Zwiebel und einige Krusten, aus denen mein ganzer Mundvorrath bestand, heraus, setzte mich auf einen Stein am Rand des Baches, und fing an mein Abendmahl zu verzehren, worauf ich mein Nachtquartier in dem Thurmgewölbe aufzuschlagen gedachte; und es wäre ein herrliches Quartier für einen Soldaten gewesen, der eben aus dem Felde kam, wie die Excellenz, als ein alter Soldat, sich wohl denken kann.« »Ich habe zu meiner Zeit wohl schlimmeres freudig mitgenommen,« sagte der Statthalter, indem er sein Taschentuch wieder in den Korb seines Säbels legte. »Während ich meine Kruste ruhig zermalmte,« fuhr der Soldat fort, »hörte ich, daß sich etwas in dem Gewölbe regte; ich horchte – es war der Tritt eines Pferdes. Allgemach kam aus einer Thüre in dem untern Theil des Thurms, nahe an dem Rande des Wassers, ein Mann heraus, der ein mächtiges Pferd am Zügel führte. Ich konnte bei dem Sternenlichte nicht genau sehen, wer er war. Es hatte etwas Verdächtiges, in den Ruinen eines Thurmes, an diesem wilden, einsamen Orte herumzustöbern. Er konnte ein bloßer Wanderer seyn, wie ich; er konnte ein Schmuggler seyn; er konnte ein Bandelero seyn. Was lag daran! dem Himmel und meiner Armuth Dank, ich hatte nichts zu verlieren; drum saß ich still, und nagte an meiner Kruste. Er führte das Pferd an das Wasser, ganz nahe dem Flecke, wo ich saß, so daß ich die beste Gelegenheit hatte, ihn näher in's Auge zu fassen. Zu meinem Staunen war er in maurische Tracht gekleidet, hatte einen Panzer von Stahl, und eine polirte Kopfbedeckung, wie ich aus dem Widerschein der Sterne darauf unterschied. Auch sein Roß war nach maurischer Art geschirrt, mit großen schaufelartigen Steigbügeln. Wie gesagt, er führte es an den Rand des Baches, in welchen das Thier seinen Kopf fast bis zu den Augen steckte und trank, bis ich dachte, es müsse bersten.« »Kamerad,« sagte ich, »dein Pferd trinkt brav; es ist ein gutes Zeichen, wenn ein Pferd den Kopf tüchtig in das Wasser steckt.« »Es darf wohl trinken,« sagte der Fremde in maurischem Accent;»es ist ein gutes Jahr, daß es seinen letzten Trunk erhalten hat.« »Bei Santiago,« sagte ich, »das läßt selbst die Kameele, die ich in Afrika gesehen habe, hinter sich zurück. Doch kommt, ihr scheint etwas von einem Soldaten – wollt ihr euch setzen, – und eine Soldaten-Mahlzeit theilen? In der That, ich fühlte den Abgang eines Gefährten an diesem einsamen Platze, und wollte mich gern mit einem Ungläubigen begnügen. Ueberdieß ist ein Soldat, wie die Excellenz wohl weiß, nicht eben sehr eigen in Bezug auf den Glauben seiner Gefährten, und Soldaten aller Länder sind zur Friedenszeit Kameraden.« Der Statthalter nickte wieder Beifall. »Gut, wie ich sagte, ich lud ihn ein, meine Malzeit, wie sie war, zu theilen, denn ich konnte der gewöhnlichen Gastfreundschaft zufolge, nicht weniger thun. »Ich habe keine Zeit,« sagte er, »zu weilen, um zu essen und zu trinken, denn ich muß vor dem Morgen eine große Reise machen.« »In welcher Richtung,« sagte ich. »Andalusien,« sagte er. »Genau mein Weg,« sagte ich;»da ihr nun nicht bleiben und mit mir essen wollt, laßt ihr mich vielleicht aufsteigen, und mit euch reiten. Ich sehe, euer Pferd ist von mächtigem Bau, und Bürge dafür, daß es doppelte Last trägt.« »Zugegeben!« sagte der Reiter, und es wäre nicht höflich und soldatenmäßig gewesen, es abzuschlagen, besonders da ich ihm angeboten hatte, mein Abendessen mit ihm zu theilen.« »Haltet euch fest,« sagte er, »mein Roß geht wie der Wind.« »Keine Sorge,« sagte ich, und wir brachen auf. »Das Pferd ging bald vom Schritt zum Trabe, vom Trabe zum Gallop, und vom Gallop zu einem wüthenden Laufe über. Es war, als wenn Felsen, Bäume, Häuser – alles windschnell hinter uns flöge.« »Welche Stadt ist dieß?« sagte ich. »Segovia!« sagte er, und ehe das Wort aus seinem Munde war, waren die Thürme von Segovia schon aus den Augen. Wir flogen die Quadarama-Berge empor, am Escurial herab, berührten die Mauern von Madrid, und flogen über die Ebenen der Mancha. So kamen wir Bergauf und Thalab, an Thürme und Städte, all in tiefem Schlaf begraben, über Berge und Ebenen und Flüsse, die flüchtig im Sternenschein glänzten.« »Um eine lange Geschichte abzukürzen, und Eure Excellenz nicht zu ermüden – der Reiter hielt plötzlich an der Seite eines Berges an. »Hier sind wir,« sagte er, »am Ziel unserer Reise.« Ich blickte umher, konnte aber keine Spur einer Wohnung sehen; nichts als die Oeffnung einer Höhle. Während ich umschaute, sah ich Schaaren von Leuten in maurischer Tracht, einige zu Pferd, andere zu Fuß, wie vom Sturm von allen Punkten der Windrose herbeigetragen, und wie Bienen in ihren Stock in die Oeffnung der Höhle eilen. Ehe ich fragen konnte, stach der Reiter seine langen maurischen Sporen in des Rosses Seite, und stürzte mit der Menge hinein. Wir kamen einen steilen gewundenen Weg entlang, der in die Eingeweide des Berges hinabführte. Als wir weiter kamen, zeigte sich nach und nach der Schimmer eines Lichtes, wie das erste Dämmern des Tages; woher es aber kam, konnte ich nicht bemerken. Es wurde heller und heller, und ließ mich bald alles umher genau sehen. Ich bemerkte jetzt, während wir dahin stürmten, große Höhlen, die sich, wie Hallen in einem Zeughaus, rechts und links öffneten. In einigen dieser Gewölbe waren Schilde und Helme und Panzer und Lanzen und Schwerter an den Wänden aufgehängt; in andern lagen große Haufen Kriegsvorräthe und Feldgeräthe auf dem Boden.« »Es würde dem Herzen der Excellenz, als einem alten Soldaten, wohl gethan haben, solch einen großen Vorrath von Kriegsbedürfnissen beisammen zu sehen. Dann waren in andern Höhlen lange Reihen von Reitern, bis zu den Zähnen bewaffnet, mit erhobenen Lanzen und wallenden Fahnen, alle zum Kampf bereit; aber sie saßen alle regungslos in ihren Sätteln, gleich eben so vielen Statüen. In andern Hallen schliefen Soldaten auf der Erde neben ihren Pferden, so wie Fußvolk in Gruppen, bereit, sich in Reih und Glied zu stellen. Alle waren in altmodischer Maurentracht und Rüstung.« »Gut, Excellenz, um eine lange Geschichte kurz zu machen, wir kamen endlich in eine unermeßliche Höhle, oder in einen Palast, darf ich sagen, dessen Wände mit Gold und Silber geädert, und von Diamanten, Saphirn und allen Arten edler Steine zu funkeln schienen. An dem obern Ende saß ein maurischer König auf einem goldnen Throne, seine Edlen an seiner Seite, und eine Wache von afrikanischen Schwarzen mit gezogenen Säbeln. Die ganze Schaar, die fortwährend hereinströmte, und zu Tausenden und Tausenden anschwoll, ging einer nach dem andern an seinem Thron vorüber, und jeder beugte sich tief, während er vorüber ging. Viele aus der Menge waren in prächtige Gewänder ohne Flecken und Makel gekleidet, und funkelten von Juwelen; andere trugen polirte und emaillirte Rüstungen; während andere vermoderte und verwiterte Kleider und Rüstungen trugen, welche ganz zerschellt, zerschlagen und mit Rost bedeckt waren.« »Ich hatte bisher geschwiegen, denn es paßt, wie die Excellenz weiß, nicht für den Soldaten, viele Fragen zu thun, wenn er im Dienste ist; aber ich konnte mich nicht länger halten.« »Höre, Kamerad,« sagte ich, »was bedeutet denn alles dieß?« »Das ist ein großes und furchtbares Geheimniß,« sagte der Reiter. »Wisse, o Christ, daß du den Hof und das Heer Boabdils, des letzten Königs von Granada, vor dir siehst.« »Was sagt ihr mir da?« rief ich. »Boabdil und sein Hof sind vor Jahrhunderten aus dem Lande verbannt worden, und alle in Afrika gestorben.« »So wird es in euern lügenhaften Chroniken erzählt,« versetzte der Maure; »aber wißt, Boabdil und die Krieger, welche zuletzt für Granada gekämpft haben, sind alle durch mächtigen Zauber in dem Berge eingeschlossen. Was den König und die Armee betrifft, welche zur Zeit der Uebergabe von Granada wegzogen, so war dieß ein bloßer Schattenzug von Geistern und Dämonen, welche diese Gestalten annehmen durften, um die christlichen Herrscher zu täuschen. Und ferner laßt mich euch erzählen, Freund, daß ganz Spanien ein in Zaubermacht befangenes Land ist. Es gibt keine Höhle auf den Bergen, keinen einsamen Wartthurm auf den Ebenen, kein zerfallenes Schloß auf den Höhen, in deren Gewölben nicht von Jahrhundert zu Jahrhundert bezauberte Krieger schlafen, bis die Sünden gebüßt sind, wegen welchen Allah es zuließ, daß die Herrschaft eine Zeitlang aus den Händen der Gläubigen kam. Einmal im Jahr, am h. Johannistag, werden sie, vom Sonnenniedergang bis zum Sonnenaufgang von dem Zauber erlößt, und dürfen hierher kommen, um ihrem König zu huldigen, und die Menge, welche ihr in die Höhle eilen seht, sind Moslemin-Krieger, welche aus ihrem Aufenthaltsort in allen Theilen Spaniens hierher kommen. Mich betreffend, so saht ihr den verfallenen Thurm an der Brücke in Alt-Castilien, wo ich jetzt so viele Jahrhunderte Winter und Sommer hingebracht habe, und wohin ich bei Tagesanbruch zurück muß. Die Abtheilungen Reiter und Fußvolk, welche ihr in Schlachtordnung in den umliegenden Hallen aufgestellt sahet, sind bezauberte Krieger von Granada. Es ist in dem Buche des Schicksals geschrieben, daß wenn der Zauber gebrochen wird, Boabdil an der Spitze seines Heeres aus dem Berge kömmt, seinen Thron in der Alhambra und seine Herrschaft über Granada wieder einnimmt, die bezauberten Krieger aus allen Theilen Spaniens sammelt, die Halbinsel wieder erobert und sie der Herrschaft der Moslemin zurückgibt.« »Und wann wird dies eintreffen?« sagte ich. »Allah allein weiß es: wir hatten gehofft, der Tag der Befreiung sey gekommen; aber es gebietet jetzt ein wachsamer Statthalter in der Alhambra, ein tapferer alter Soldat, als Statthalter Manco wohl bekannt. So lange ein solcher Krieger über den ersten Posten befiehlt und stets fertig ist, den ersten Ausfall aus dem Berge zu vereiteln, fürchte ich, müssen Boabdil und sein Heer sich begnügen, auf ihren Waffen zu ruhen.« Hier richtete sich der Statthalter etwas senkrecht empor, zog seinen Säbel an sich und drehte seinen Schnurrbart empor. »Um eine lange Geschichte kurz zu machen und die Excellenz nicht zu ermüden, – der Reiter stieg, nachdem er diese Kunde gegeben hatte, von seinem Rosse.« »Bleibt hier,« sagte er, »und gebt auf mein Pferd acht, während ich gehe und vor Boabdil das Knie beuge!« Bei diesen Worten eilte er weg zu dem Haufen, der sich dem Thron entgegen drängte.« »Was ist zu thun?« dachte ich, als ich so mir selbst überlassen war: »soll ich hier warten, bis dieser Ungläubige zurückkömmt und mich auf seinem Kobold-Pferde wieder hinweg huscht, der Himmel weiß wohin? Oder soll ich die Zeit benutzen und von dieser Spuk-Gesellschaft mich zurückziehen? Ein Soldat ist schnell entschlossen, wie die Excellenz wohl weiß. Was das Pferd anging, so gehörte es einem offenbaren Feinde des Glaubens und des Reichs und war nach dem Kriegsrecht eine gute Prise. So schwang ich mich von dem Kreuz in den Sattel, wendete die Zügel, preßte die maurischen Steigbügel in die Seiten des Pferdes und trieb es auf dem Wege, den wir hereingekommen waren, auf das rascheste vorwärts. Als wir an den Hallen, wo die Moslemin-Reiter in bewegungslosen Abtheilungen saßen, vorüber kamen, glaubte ich Waffenklang und ein hohles Murmeln von Stimmen zu hören. Ich ließ das Pferd die Steigbügel nochmals schmecken und verdoppelte meine Eile. Es ließ sich jetzt hinter mir ein Ton, wie ein Rauschen des Windes, vernehmen; ich hörte das Trappeln von tausend Pferdehufen; ein zahlloser Haufe holte mich ein. Ich wurde in dem Gedränge mit fortgerissen und stürzte aus der Höhle, während Tausende von dunkeln Gestalten von den vier Winden des Himmels in allen Richtungen verweht wurden.« »In dem Wirbel und der Hast dieser Scene wurde ich besinnungslos vom Pferd geworfen. Als ich zu mir kam, lag ich am Rand eines Hügels und das arabische Roß stand neben mir; denn beim Fallen war mein Arm in den Zügel geschlüpft, was, wie ich glaube, es hinderte, nach Altkastilien zurückzujagen.« »Eure Excellenz mag leicht urtheilen, mit welchem Staunen ich Aloegebüsche und indische Feigen und andere Beweise eines südlichen Klima's um mich, und eine große Stadt mit Thürmen, Palästen und einer Kathedrale unter mir sah.« »Ich stieg sorgfältig den Hügel nieder, indem ich mein Pferd führte, denn ich fürchtete mich, es wieder zu besteigen und mir einen mißlichen Streich von ihm spielen zu lassen. Beim Herabsteigen stieß ich auf eure Streifwache, welche mir das Geheimniß enthüllte, daß Granada vor mir liege, und daß ich unter den Mauern der Alhambra sey, der Veste des gefürchteten Statthalters Manco, des Schreckens aller bezauberten Moslemin. Als ich dies hörte, beschloß ich sofort, Eure Excellenz aufzusuchen, euch von allem, was ich gesehen hatte, zu unterrichten und vor den Gefahren zu warnen, welche euch umgeben und untergraben, damit ihr bei Zeiten Maßregeln ergreift, eure Veste und selbst das Königreich vor diesem innern Heere zu sichern, das in den Eingeweiden des Landes lauert.« »Und höret, Freund,« sagte der Statthalter, »was würdet ihr als alter Soldat und als Krieger von vieler Erfahrung mir zu thun rathen, um diesem Uebel zuvorzukommen?« »Es ziemt sich nicht für den demüthigen gemeinen Soldaten,« sagte der Fremde bescheiden, »einen General von Eurer Excellenz Scharfsinn belehren zu wollen; allein es dürfte gut seyn, wenn Eure Excellenz alle Höhlen und Eingänge in die Berge mit gutem, festem Mauerwerk vermachen ließ, so daß Boabdil und sein Heer in ihrer unterirdischen Wohnung vollkommen eingepfropft wären. Wenn auch der gute Pater,« fügte der Soldat hinzu, beugte sich ehrerbietig vor dem Mönch und kreuzte sich fromm, »die Vermache mit seinem Segen weihen und einige Kreuze und Reliquien und Heiligenbilder darauf setzen wollte, würden sie, glaube ich, aller Macht unchristlichen Zaubers widerstehen.« »Sie würden ohne Zweifel von großem Nutzen seyn,« sagte der Mönch. Der Statthalter stemmte jetzt seinen Arm unter, legte seine Hand auf den Korb seines Toledo, heftete sein Auge auf den Soldaten und wiegte seinen Kopf lächelnd von einer Seite auf die andere. »Also, Freund,« sagte er, »ihr glaubt wirklich, ihr könntet mich mit euren Märchen von bezauberten Bergen und bezauberten Mauren hinter's Licht führen? Hört, Beklagter – kein Wort mehr! Ein alter Soldat möcht ihr seyn, aber ihr sollt sehen, daß ihr es mit einem alten Soldaten zu thun habt, und mit einem, den man nicht so leicht übertölpelt. Heda. Wache! Legt diesen Burschen in Eisen.« Das sittsame Mädchen wollte eine Fürbitte für den Gefangenen einlegen, aber der Statthalter brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Als sie den Soldaten banden, fühlte einer von der Wache etwas hartes in seiner Tasche; er zog es heraus und sah, daß es eine lange lederne Börse war, welche wohl gespickt schien. Er nahm sie an einem Ende und leerte den Inhalt vor dem Statthalter auf den Tisch und nie zeigte sich eines Freibeuters Tasche stattlicher gefüllt. Ringe und Juwelen und Perlenschnüre und funkelnde Diamantkreuze und eine Fülle alter Goldmünzen fielen heraus; viele der letztern flogen klingend auf die Erde und rollten in die fernsten Theile des Zimmers. Die Verrichtungen der Justiz wurden eine Zeitlang aufgehoben; die glänzenden Flüchtlinge setzten alles in Bewegung. Nur der Statthalter, der von dem echten spanischen Stolz durchdrungen war, behielt seinen ernsten Anstand bei, obgleich sein Auge einige Angst verrieth, bis die letzte Münze und der letzte Juwel wieder in dem Sack waren. Der Mönch war nicht so ruhig; sein ganzes Gesicht glühte wie ein Ofen und seine Augen blitzten und zuckten bei dem Anblick der Perlenschnüre und Kreuze. »Ruchloser Frevler, der du bist!« rief er: »welche Kirche, welches Heiligthum hast du dieser heiligen Gegenstände beraubt?« »Keins von beiden, frommer Vater. Wenn sie Kirchenraub sind, muß der ungläubige Reiter, von dem ich gesprochen habe, sie vor langer Zeit gestohlen haben. Ich wurde eben unterbrochen, als ich Eurer Excellenz erzählen wollte, daß ich bei der Besitznahme von dem Pferde des Reiters einen ledernen Sack losmachte, der an dem Sattelbogen hing und wahrscheinlich das enthielt, was er ehedem, als die Mauren das Land besetzten, in dem Felde erbeutete.« »Ganz trefflich; für jetzt werdet ihr euch gefallen lassen, euer Quartier in einer Kammer des rothen Thurmes zu nehmen, welche, obgleich sie nicht unter einem Zauber steht, ein eben so sicherer Aufenthalt für euch seyn wird, wie irgend eine Höhle eurer bezauberten Mauren.« »Eure Excellenz wird nach ihrem Belieben handeln,« sagte der Gefangene kalt. »Ich werde Eurer Excellenz für jede Bequemlichkeit in der Veste dankbar seyn. Ein Soldat, der im Felde war, ist, wie Eure Excellenz wissen, wegen seiner Lagerstätte nicht eigen; wenn ich einen reinlichen Kerker und regelmäßige Mahlzeit habe, werde ich mir es schon behaglich zu machen wissen. – Nur wollte ich bitten, daß die Excellenz, während sie so sehr für mich sorgt, auch der Vestung nicht vergesse und des Winks gedenke, welchen ich wegen Vermachens der Bergeingänge fallen ließ.« Hier endigte die Scene. Der Gefangene wurde in einen starken Kerker in dem rothen Thurm, das Pferd in der Excellenz Stall und des Reiters Sack in der Excellenz Koffer gebracht. Gegen letzteres äußerte, es ist wahr, der Mönch einige Bedenklichkeiten, indem er die Frage aufwarf, ob die heiligen Gegenstände, welche offenbar Kirchenraub wären, nicht in Verwahrung der Kirche gegeben werden müßten; da aber der Statthalter über die Sache kurz gebunden und unbeschränkter Herr in der Alhambra war, ließ der Mönch klug die Unterhandlung fallen, beschloß aber, den kirchlichen Würdenträgern Granada's Kunde von dem Vorfall zu geben. Um diese raschen und strengen Maßregeln des alten Statthalters Manco zu erklären, muß bemerkt werden, daß um diese Zeit die Alpuxarra Berge in der Nachbarschaft von Granada von einer Bande Räuber unsicher gemacht wurden, an deren Spitze ein kühner Bursche stand, Manuel Borasco mit Namen, der gewohnt war, aus dem Lande zu plündern, und in manchen Verkleidungen selbst in die Stadt zu schleichen, um Nachrichten über den Abgang von Handelsgütern oder von Reisenden mit wohlgespickten Börsen zu erhalten, welchen sie dann in den entfernten und einsamen Gebirgspässen auflauerten. Diese kecken und wiederholten Unbilden hatten die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen und die Befehlshaber der verschiedenen Posten hatten die Weisung erhalten, auf ihrer Hut zu seyn und alle verdächtigen Umzügler aufzugreifen. Statthalter Manco war, zufolge der manchfachen Schmach, welche auf seiner Veste ruhte, besonders eifrig und bezweifelte jetzt nicht, einen furchtbaren Waghals aus dieser Bande ertappt zu haben. Mittlerweile verlautete die Geschichte und wurde das Tagsgespräch nicht nur der Veste, sondern der ganzen Stadt Granada. Es hieß, der berüchtigte Räuber Manuel Borasco, der Schrecken der Alpuxarras sey dem alten Statthalter Manco in die Krallen gefallen und von ihm in einem Verlies des rothen Thurmes eingesperrt worden; und jeder, der von ihm geplündert worden war, eilte hin, um den Schelm sich anzusehen. Der rothe Thurm steht, wie man wohl weiß, von der Alhambra gesondert auf einer Schwester-Höhe und wird von der Hauptveste durch eine Schlucht getrennt, durch welche der Hauptweg führt. Außenmauern waren keine da, sondern eine Schildwache ging vor den Thüren auf und ab. Das Fenster des Gemachs, in welches der Soldat eingesperrt war, war mit starkem Gitter versehen und hatte die Aussicht auf einen kleinen freien Platz. Hierher eilten die guten Leute von Granada, um ihn anzustarren, wie eine lachende Hyene, die durch den Käfig einer Menagerie grinzt. Niemand erkannte ihn jedoch für Manuel Borasco, denn dieser furchtbare Räuber war wegen seiner wilden Gesichtszüge berüchtigt und hatte keineswegs das launige Schielen des Gefangenen. Nicht allein aus der Stadt, sondern aus allen Theilen des Landes kamen Besucher und in den Köpfen des gemeinen Volkes stiegen allmählig Zweifel auf, ob doch nicht etwas Wahres an seiner Erzählung seyn könnte. Daß Boabdil und sein Heer in dem Berge eingeschlossen, war eine alte Sage, welche viele der alten Einwohner von ihren Vätern gehört hatten. Haufen von Menschen bestiegen den Sonnenberg, oder vielmehr den Berg der heiligen Elena, um die von dem Soldaten erwähnte Höhle aufzusuchen, und blickten und schauten in das tiefe dunkle Loch, das, niemand weiß wie weit, in den Berg hinab geht und hier bis auf den heutigen Tag – der fabelhafte Eingang zu der unterirdischen Wohnung Boabdil's – zu sehen ist. Allmählig wurde der Soldat bei dem gemeinen Volke beliebt. Ein Freibeuter des Gebirgs ist keineswegs der verhaßte Charakter in Spanien, wie es ein Räuber in andern Ländern ist: im Gegentheil, er ist eine Art ritterlicher Person in den Augen der niedern Klasse. Auch läßt sich stets eine Neigung verspüren, das Benehmen der Vorgesetzten zu bekritteln, und manche begannen jetzt über die strengen Maßregeln des alten Statthalters Manco zu murren und den Gefangenen in dem Lichte eines Martyrs zu betrachten. Ueberdies war der Soldat ein lustiger, possierlicher Bursche, welcher für jeden, der in die Nähe seines Fensters kam, einen Scherz, und für jedes weibliche Wesen ein freundliches Wort bereit hatte. Er hatte sich auch eine alte Guitarre verschafft und saß an seinem Fenster und sang Balladen und Liebeslieder, zur großen Lust der Weiber der Nachbarschaft, die sich an den Abenden auf dem Platze versammelten und Boleros zu seiner Musik tanzten. Er hatte seinen krausen Bart hübsch aufgeputzt und sein sonneverbranntes Gesicht fand Gnade vor den Augen der Schönen und die sittsame Dienerin des Statthalters erklärte, man könne seinem schiefen Blicke durchaus nicht widerstehn. Dieses mildherzige Mädchen hatte von Anfang her eine innige Theilnahme an seinem Loose gezeigt und da sie sich vergebens bemüht hatte, den Statthalter zu erweichen, fand sie Mittel, die Strenge seiner Gefangenschaft heimlich zu mildern. Jeden Tag brachte sie dem Gefangenen einige Brosamen des Trostes, die von des Statthalters Tafel gefallen oder seiner Speisekammer entzogen worden waren, so wie auch manchmal eine erheiternde Flasche guten Val di Pennas oder trefflichen Malaga. Während dieser Verrath an dem Herrn in dem Mittelpunkt der Citadelle des alten Statthalters vor sich ging, zog sich ein Sturm offenen Kriegs bei seinen äußern Feinden zusammen. Der Umstand, daß ein Sack mit Gold und Juwelen an der Person eines angeblichen Räubers gefunden worden sey, wurde zu Granada mit vielen Uebertreibungen erzählt. Alsbald erhob des Statthalters eingefleischter Feind, der General, einen Streit über die Territorial-Gerichtsbarkeit. Er bestand darauf, der Gefangene sey außerhalb des Gebietes der Alhambra, und innerhalb seines Bereiches festgenommen worden. Er begehrte sonach den Mann und die an ihm gefundenen spolia opima . Da auch der Großinquisitor durch den Mönch von den Kreuzen und andern heiligen Gegenständen, welche in dem Sack enthalten, gehörige Nachricht erhalten hatte, nahm er den Angeklagten, als des Kirchenraubs schuldig, in Anspruch und bestand darauf, seine Beute gehöre der Kirche, sein Körper aber dem nächsten Auto da fe an. Der Streit ward grimmig, der Statthalter wüthete und schwur, ehe er den Gefangenen übergebe, werde er ihn in der Alhambra als Spion aufhängen, der innerhalb des Bereichs der Veste aufgegriffen worden. Der General drohte, er werde eine Abtheilung seiner Mannschaft schicken, um den Gefangenen aus dem rothen Thurm in die Stadt zu versetzen. Der Großinquisitor neigte sich auch dahin, eine Anzahl Diener des heiligen Gerichtes abzusenden. Die Nachricht von diesen Umtrieben kam spät Nachts zu den Ohren des Statthalters. »Laßt sie kommen,« sagte er, »sie werden mich bereit finden; der muß früh aufstehen, der einen alten Soldaten überrumpelt.« Er gab sonach Befehl, mit Tagesanbruch den Gefangenen in einen Kerker innerhalb der Mauern der Alhambra zu bringen. »Und hörst du, Kind,« sagte er zu der sittsamen Dienerin, »klopfe an meine Thüre und wecke mich ehe der Hahn kräht, damit ich selbst nach der Sache sehe.« Der Tag dämmerte, der Hahn krähte, aber niemand pochte an der Thüre des Statthalters. Die Sonne erhob sich hoch über die Bergspitzen und glänzte durch seine Fenster herein, ehe der Statthalter aus seinen Morgenträumen von dem alten Korporal geweckt wurde, der mit einem Gesicht, auf welches der Schrecken gestempelt war, vor ihm stand. »Er ist fort! er ist auf und davon!« rief der Korporal und schnappte nach Athem. »Wer ist fort – wer ist auf und davon?« »Der Soldat – der Räuber – der Teufel – nach allem, was ich gesehen habe. Sein Kerker ist leer, aber die Thüre verschlossen – niemand weiß, wie er heraus kam.« »Wer sah ihn zuletzt?« »Eure Dienerin! sie brachte ihm das Nachtessen.« »Laß sie sogleich rufen.« Jetzt gab es neue Verwirrung. Die Kammer des sittsamen Mädchens war gleichfalls leer, ihr Bett war unberührt; sie war ohne Zweifel mit dem Angeklagten davon gegangen, da sie, wie es sich herausstellte, seit mehreren Tagen schon häufige Unterhaltungen mit ihm gepflogen hatte. Dies verwundete den alten Statthalter an seiner empfindlichen Seite, aber er hatte kaum Zeit, deshalb zu klagen, als sich ihm schon neues Unheil darbot. Als er in sein Wohnzimmer ging, fand er seinen Koffer geöffnet und den ledernen Sack des Reiters gestohlen, und mit ihm ein paar dicke Säcke mit Dublonen. Aber wie und auf welche Weise waren die Flüchtigen entwischt? Ein alter Bauer, der in einer Hütte an der nach der Sierra führenden Straße lebte, erklärte er habe kurz vor Tagesanbruch den Trab eines starken Pferdes gehört, das sich den Bergen zugewendet. Er habe aus seinem Fenster gesehen und gerade noch einen Reiter mit einem vor ihm sitzenden Mädchen erkannt. »In den Ställen nachgesehen!« rief Statthalter Manco. Die Ställe wurden durchsucht; alle Pferde waren an ihrer Stelle, nur nicht der Araber. Statt seiner war ein dicker Prügel an die Krippe gebunden und daran ein Zettel, auf welchem die Worte standen: »Geschenk für Statthalter Manco, von einem alten Soldaten.« Sage von den zwei verschwiegenen Statüen. Einst wohnte in einem öden Gemache der Alhambra ein lustiger, kleiner Bursche, Namens Lope Sanchez, der in den Gärten arbeitete und so munter und lebendig war wie ein Grashüpfer, und den ganzen Tag sang. Er war das Leben und die Seele der Veste; wenn seine Arbeit gethan war, saß er auf einer der steinernen Bänke der Esplanade, klimperte auf seiner Guitarre und sang lange Lieder auf Cid, und Bernardo del Carpio und Fernando del Pulgar und andere spanischen Helden, zur Unterhaltung der alten Soldaten der Veste, oder schlug einen fröhlicheren Ton an und ließ die Mädchen Boleros und Fantangos tanzen. Wie die meisten kleinen Leute hatte Lope Sanchez eine große dralle Dirne zur Frau, welche ihn fast in ihre Tasche stecken konnte; allein das gewöhnliche Loos der Armen war ihm nicht zu Theil geworden – statt zehn Kinder hatte er nur eines. Dies war ein kleines schwarzäugiges Mädchen von zwölf Jahren, Sanchica genannt, so lustig wie er und die Freude seines Herzens. Sie spielte um ihn, wenn er in dem Garten arbeitete, tanzte zu den Tönen seiner Guitarre, wenn er im Schatten saß und lief so wild wie ein junges Reh in dem Gebüsch, den Alleen und den verfallenen Sälen der Alhambra umher. Es war jetzt St. Johannis-Abend und die feiertagfrohen Plaudermäuler der Alhambra, Männer, Weiber und Kinder kamen mit der Nacht den Sonnenberg, der sich über das Generalife erhebt, herauf, um auf dem abgeplatteten Gipfel ihre Mitte-Sommer-Nachtwache zu feiern. Es war eine glänzende Mondscheinnacht und alle Berge waren grau und silbern, und die Stadt lag mit ihren Kuppeln und Kirchthürmen im Schatten drunten, und die Vega glich einem Feenland mit bezauberten Bächen, welche aus dem düstern Laubwerk hervorglänzten. Auf der höchsten Höhe des Berges zündeten sie, nach einer alten Landessitte, die sich von den Mauren herschrieb, Freudenfeuer an. Die Bewohner der umliegenden Gegend hielten eine ähnliche Nachtwache und auf der Vega und den Seiten der Berge entlang glänzten da und dort Feuer blaß empor. Lopez Sanchez, der nie vergnügter war als bei einer Festlichkeit dieser Art, spielte Guitarre, man tanzte dazu und der Abend verging sehr heiter. Während getanzt wurde, spielte die kleine Sanchica mit einigen ihrer Genossinnen in den Trümmern einer alten maurischen Veste, welche den Berg krönt, und fand, während sie Steinchen in dem Graben suchte, eine kleine sorgfältig in Gagat geschnittene Hand, die Finger geschlossen, und den Daumen fest auf sie gedrückt. Ueberfroh über ihr Glück, lief sie mit ihrem Funde zu der Mutter. Er wurde sogleich ein Gegenstand klugen Nachdenkens und manche betrachteten ihn mit abergläubischem Mißtrauen. »Wirf's weg« – sagte der eine – »es ist Maurisch – sey überzeugt, es liegt Unheil und Hexerei drin.« – »Keineswegs,« sagte ein Anderer.«du kannst es den Juweliren des Zacatins verkaufen.« Mitten in dieser Verhandlung trat ein dunkelbrauner alter Soldat herzu, der in Afrika gedient hatte und einem Mohren glich. Er untersuchte die Hand mit einem Kennerblick. »Ich habe Dinge dieser Art bei den Mauren der Berberei gesehen,« sagte er: »es ist ein kräftiges Mittel gegen das Scheelauge Das Scheelauge schadet, als bezaubernder Blick, den Kindern. Sehr verbreiteter Aberglaube im Morgenland. und alle Arten von Zauber- und Hexenwerk. Ich wünsche Euch Glück, Lopez, das bedeutet Eurem Kinde etwas Gutes.« Als Sanchez' Weib das hörte, band sie die kleine Gagathand an ein Band und hing es ihrem Töchterchen um den Hals. Der Anblick dieses Talismans erinnerte an alle die beliebten abergläubischen Mährchen von den Mauren. Der Tanz wurde vernachlässigt und sie setzten sich in Gruppen auf den Boden und erzählten sich alte Geschichten, die sie von ihren Vorältern gehört hatten. Einige dieser Erzählungen drehten sich um die Wunder eben dieses Berges, auf welchem sie saßen und der ein berühmtes Kobold-Revier ist. Eine alte Frau gab eine weitläufige Schilderung von dem Palaste in den Eingeweiden dieses Berges, wo der Sage nach Boabdil und sein ganzer maurischer Hof festgebannt sind. »Unter jenen Trümmern,« sagte sie und deutete auf einige zerfallene Mauern und Erdwälle an einem fernen Theil des Berges, »ist ein tiefes, dunkles Loch, das tief, tief in das Herz des Berges niedergeht. Um alles Geld von Granada möchte ich nicht hineinsehen. Eines Tages hütete ein armer Mann auf der Alhambra Ziegen auf diesem Berg und kletterte in das Loch hinab, einem Zieglein nach, das hinein gefallen war. Ganz wild und stier kam er wieder heraus und erzählte von dem, was er gesehen hatte, Dinge, daß jeder glaubte, er sey toll geworden. Er faselte einige Tage von gespenstischen Mauren, die ihn in der Höhle verfolgt hätten, und konnte kaum überredet werden, seine Ziegen wieder auf den Berg zu treiben. Er that dies endlich, aber ach, der arme Mann! er kam nie wieder herab. Die Nachbarn fanden seine Ziegen um die maurischen Trümmer weiden, sein Hut und Mantel lagen in der Nähe des Loches, aber von ihm war nichts mehr zu hören. Die kleine Sanchica lauschte dieser Geschichte mit athemloser Aufmerksamkeit. Sie war neugierigen Charakters und fühlte sogleich ein mächtiges Sehnen, in diese gefährliche Tiefe zu schauen. Sie stahl sich von ihren Gespielinnen weg, suchte die entfernten Trümmer, und nachdem sie eine Zeitlang unter ihnen herumgekrochen war, kam sie an eine kleine Aushöhlung oder Becken, nahe der Spitze des Berges, wo er sich steil in das Thal des Darro hinabsenkt. In der Mitte dieses Beckens gähnte die Oeffnung jenes Loches. Sanchica wagte sich an den Rand und schaute hinein. Alles war schwarz wie Pech und gab ein Bild unermeßlicher Tiefe. Ihr Blut ward zu Eis; sie ging zurück, blickte wieder hin, wollte weglaufen und warf noch einen Blick hinein – selbst das Schauderhafte der Sache war ihr erfreulich. Zuletzt rollte sie einen großen Stein herbei und warf ihn über den Rand. Eine Zeitlang fiel er lautlos; dann traf er auf felsige Vorsprünge und sie hörte ein starkes Krachen, dann sprang er rumpelnd und polternd von Seite zu Seite, mit donnerähnlichem Lärm, fiel endlich tief, tief unten in das Wasser – und alles war wieder still. Dieses Schweigen dauerte aber nicht lange. Es schien, als wäre etwas in diesem öden Schlunde wach geworden. Ein murmelnder Ton erhob sich nach und nach aus der Tiefe, wie das Summen eines Bienenstocks. Es wurde lauter und lauter; es war ein Getös von Stimmen wie das Lärmen einer fernen Menge, und ein schwaches Klirren von Waffen, Cymbelnklang und Trompetenschall, als wenn ein Heer in den Eingeweiden des Berges sich zur Schlacht fertig mache. Mit stummem Schrecken ging das Kind weg und eilte zu der Stelle, wo es seine Eltern und Gespielinnen gelassen hatte. Alle waren fort. Das Freudenfeuer war am Erlöschen und die letzten Rauchwolken kräuselten im Mondschein empor. Die fernen Feuer, welche auf der Vega und den Bergen entlang gelodert hatten, waren alle erloschen und rings schien Alles in Ruhe versunken zu seyn. Sanchica rief ihre Eltern und einige ihrer Gespielinnen bei dem Namen, erhielt aber keine Antwort. Sie lief die Seite des Bergs hinab und die Gärten des Generalife entlang, bis sie in die Baumgänge kam, welche zur Alhambra führen, und wo sie sich auf eine Bank im Gebüsch setzte, um Athem zu schöpfen. Die Glocke in dem Wartthurm der Alhambra schlug Mitternacht. Es herrschte eine tiefe Ruhe, als wenn die ganze Natur schliefe, nur daß ein ungesehener Bach, der unter der Halle des Buschwerks dahin floß, einen leisen Klang verursachte. Die ruhige Lieblichkeit der Nachtluft wiegte sie in Schlaf, als ihr Auge von einem Glanze in der Entfernung getroffen ward und sie zu ihrem Staunen einen langen Reiterzug maurischer Krieger erblickte, welche die Bergseite hinab und die laubigen Gänge entlang eilten. Einige waren mit Lanzen und Schildern bewaffnet; andere mit Säbeln und Hellebarden, und mit polirten Harnischen, welche im Mondschein glänzten. Ihre Rosse hoben sich stolz und knirschten auf ihr Gebiß, aber ihr Schritt brachte nicht mehr Klang hervor, als wenn ihre Hufen mit Filz belegt gewesen wären, und die Reiter waren alle blaß wie der Tod. Unter ihnen ritt eine schöne Dame mit einer Krone auf dem Haupt und langen, goldnen, mit Perlen durchflochtnen Locken. Die Schabrake ihres Zelters war von Scharlachsammt mit Gold gestickt und schleifte auf dem Boden. Aber sie ritt ganz trostlos dahin, und heftete ihre Augen stets auf den Boden. Dann folgte ein Zug von prachtvoll in Gewänder und Turbane von verschiedenen Farben gekleideten Höflingen, und in ihrer Mitte ritt auf einem weißen Rosse König Boabdil el chico, in einem königlichen mit Juwelen bedeckten Mantel und eine von Diamanten funkelnde Krone auf dem Haupte. Die kleine Sanchica erkannte ihn an seinem gelben Bart und der Aehnlichkeit mit seinem Portrait, das sie oft in der Gemälde-Galerie des Generalife gesehen hatte. In Staunen und Bewunderung sah sie auf dieses königliche Gepränge, das glänzend unter den Bäumen vorüber zog; aber obgleich sie wußte, daß diese Monarchen und Höflinge und Krieger, die so blaß und so stumm, außer dem gewöhnlichen Kreis der Natur, und Zauber- und Hexenwerk waren, schaute sie doch kühnen Herzens auf sie, solcher Muth gab ihr der geheimnißvolle Talisman der Hand, der um ihren Hals hing. Als der Reiterzug vorüber war, stand sie auf und folgte. Er ging durch das große Thor der Gerechtigkeit, das weit offen stand; die alten Invaliden, welche die Wache hatten, lagen auf den Steinbänken des Thurms, in tiefen und augenscheinlich bezauberten Schlaf begraben und das Schattengepränge schwebte geräuschlos mit fliegendem Banner und stattlicher Haltung an ihnen vorüber. Sanchica wäre gern gefolgt; aber zu ihrem Staunen sah sie in dem Thurm eine Oeffnung in der Erde, welche in die Tiefe desselben hinab führte. Sie trat ein wenig näher und wurde ermuthigt, weiter zu schreiten, als sie rohe Tritte in den Felsen gehauen und einen gewölbten Gang fand, welcher da und dort mit silbernen Lampen erhellt war, welche zumal Licht und lieblichen Duft ausströmten. Sie wagte sich weiter und kam zuletzt an einen großen Saal, welcher in der Tiefe des Berges eingehauen und prachtvoll im maurischen Style ausgeschmückt und durch Lampen von Silber und Crystal erleuchtet war. Hier saß auf einer Ottomane ein alter Mann in maurischer Tracht, mit einem langen weißen Barte, schläfrig nickend und einen Stab in der Hand haltend, der ihm stets aus den Fingern schlüpfen zu wollen schien. In einiger Entfernung saß eine schöne Dame in altspanischer Tracht, mit einer kleinen von Diamanten ganz funkelnden Krone, die Locken mit Perlen durchflochten und einer silbernen Laute sanfte Töne entlockend. Die kleine Sanchica erinnerte sich nun einer Geschichte, welche sie von den alten Leuten der Alhambra hatte erzählen hören und welche eine gothische Prinzessin betraf, die ein alter arabischer Zauberer in die Mitte des Berges eingeschlossen hatte, wo sie ihn durch die Gewalt der Musik in einen magischen Schlaf gebannt hielt. Die Dame hielt erstaunt inne, als sie eine Sterbliche in dem bezauberten Saal sah. »Ist es der heilige Johannisabend?« sagte sie. »So ist's,« versetzte Sanchica. »Dann ist für eine Nacht der magische Zauber aufgehoben. Komm hierher, Kind, und fürchte dich nicht. Ich bin eine Christin, wie du, obgleich mich ein Zauber hier fesselt. Berühre mit dem Talisman, der an deinem Halse hängt, meine Bande und ich werde diese Nacht frei seyn.« Bei diesen Worten öffnete sie ihre Gewänder und zeigte einen breiten goldnen Ring, der ihren Leib umschloß, und eine goldene Kette, welche sie an den Boden fesselte. Das Kind zauderte nicht, die kleine Gagathand an den goldnen Ring zu halten und augenblicklich fiel die Kette zu Boden. Bei dem Klang erwachte der Alte und rieb sich die Augen; aber die Dame ließ ihre Finger über die Saiten der Harfe gleiten und er fiel wieder in Schlaf und begann zu nicken und sein Stab in seiner Hand zu schwanken. »Jetzt,« sagte die Dame, »berühre seinen Stab mit deiner zauberreichen Gagathand.« Das Kind that so und er fiel aus seiner Hand und der Alte sank in tiefen Schlaf auf die Ottomane. Die Dame legte ihre Laute nun auf die Ottomane und lehnte sie gegen den Kopf des schlafenden Zauberers; dann berührte sie die Saiten, bis die Töne an seinem Ohre anschlugen und sagte: »O mächtiger Geist der Musik, halte seine Sinne so gefangen, bis der Tag wiederkehrt. Nun folge mir, mein Kind!« fuhr sie fort, »und du sollst die Alhambra sehen, wie sie war in ihren glorreichen Tagen, denn du hast einen magischen Talisman, der allen Zauber enthüllt.« Stumm folgte Sanchica der Dame. Sie gingen durch die Oeffnung der Höhle in den Gang des Thores der Gerechtigkeit und von da auf die Plaza de los Algibes, oder die Esplanada innerhalb der Veste. Diese war mit maurischen Kriegern, Fußvolk und Reiterei, in Schaaren geordnet und die Fahnen entrollt, angefüllt. Auch standen an dem Portal königliche Wachen und Reihen afrikanischer Schwarzen mit gezogenen Säbeln. Niemand sprach ein Wort und Sanchica folgte ihrer Führerin furchtlos. Ihr Staunen wuchs, als sie in den königlichen Palast trat, in welchem sie aufgewachsen war. Der helle Mondschein erleuchtete alle die Säle und Höfe und Gärten als wär' es Tag, zeigte aber ein Schauspiel, das sich von dem, was sie hier zu sehen gewöhnt war, sehr unterschied. Die Wände der Gemächer waren nicht mehr von der Zeit befleckt und aufgerissen. Statt der Spinnenweben hingen reiche Seidenzeuge von Damaskus hier und die Vergoldungen und arabischen Malereien hatten ihren ursprünglichen Glanz und ihre Frische wieder. Statt der leeren und schmucklosen Säle standen nun Divans und Ottomanen von den reichsten Stoffen da, mit Perlen besetzt und mit köstlichen Steinen ausgelegt und alle Brunnen in den Höfen und Gärten sprangen. Die Küchen waren wieder in voller Thätigkeit; die Köche bereiteten geschäftig Schattengerichte und rösteten und brieten die Phantome von Hühnern und Schnepfen; Diener eilten aus und ein, Silberschüsseln mit Leckereien tragend und ein kostbares Mahl herrichtend. Der Löwenhof war voller Wachen, und Höflingen, und Alfaquis , wie in den alten Zeiten der Mauren; und an dem obern Ende des Sals der Gerechtigkeit saß Boabdil auf seinem Throne, von seinem Hofe umgeben und diese Nacht einen Schattenscepter schwingend. Ungeachtet dieses Gedrängs und scheinbaren Durcheinanders, war keine Stimme, kein Fußtritt zu hören; nichts unterbrach das mitternächtige Schweigen als das Plätschern der Brunnen. Die kleine Sanchica folgte ihrer Führerin in stummem Staunen durch den Palast, bis sie an ein Thor kamen, welches zu den gewölbten Gängen unter dem großen Thurm des Comares führte. An jeder Seite des Thores saß die Gestalt einer Nymphe von Alabaster. Ihre Köpfe waren seitwärts gewendet und ihre Blicke auf dieselbe Stelle in dem Gewölbe gerichtet. Die bezauberte Dame stand still und winkte das Kind zu sich. »Hier,« sagte sie, »ist ein großes Geheimniß und ich will es dir zum Lohn für deine Treue und deinen Muth enthüllen. Diese verschwiegenen Statüen bewachen einen großen Schatz, den ein alter Maurerkönig hier verborgen hat. Sage deinem Vater, er soll die Stelle suchen, auf welche ihre Augen gerichtet sind und er wird etwas finden, das ihn reicher machen wird als irgend ein Mann zu Granada ist. Deine unschuldigen Hände aber allein können, da du auch in dem Besitze des Talismans bist, den Schatz heben. Heiß deinen Vater ihn klug anwenden und einen Theil davon zum Lesen täglicher Messen für die Befreiung meiner Seele ans diesem unheiligen Zauber bestimmen.« Als die Dame diese Worte gesprochen hatte, führte sie das Kind weiter zu dem kleinen Garten der Lindaraxa, der nahe bei dem Gewölbe der Statüen ist. Der Mond zitterte auf den Wellen des einsamen Brunnens in der Mitte des Gartens und goß ein zartes Licht auf die Orangen- und Citronenbäume. Die schöne Dame riß einen Myrthenzweig ab und flocht ihn um den Kopf des Kindes. »Laß dir dies ein Andenken an das seyn,« sagte sie, »was ich dir entdeckt habe, und ein Beweis von dessen Wahrheit. Meine Stunde ist gekommen – ich muß in den bezauberten Saal zurückkehren: folge mir nicht, damit dir kein Unglück begegne – lebe wohl. Gedenke meiner Worte und laß Messen für meine Erlösung lesen.« Bei diesen Worten ging die Dame in einen dunkeln Gang, der unter den Thurm des Comares führte und war nicht mehr zu sehen. Aus den Hütten unten an der Alhambra, in dem Darrothale, wurde jetzt das Krähen eines Hahnes schwach gehört und ein blasser Lichtstreifen begann sich über den östlichen Bergen zu zeigen. Ein leichter Wind erhob sich und es klang wie das Rascheln dürrer Blätter in den Höfen und Gängen, und Thüre um Thüre schloß sich mit knarrendem Tone. Sanchica kehrte durch die Räume zurück, welche sie vor kurzem noch mit der Schattenmenge angefüllt sah, aber Boabdil und sein Scheinhof waren verschwunden. Der Mond schien in leere Säle und Galerien, ihres vorübergehenden Glanzes beraubt, befleckt und von der Zeit verderbt und mit Spinnengewebe behangen. In dem ungewissen Licht flatterte die Fledermaus umher und in dem Fischteich krächzte der Frosch. Sanchica eilte nun so viel sie konnte zu einer fernen Treppe, welche zu der ärmlichen Wohnung führte, die ihre Familie einnahm. Die Thüre war, wie gewöhnlich, offen, denn Lope Sanchez war zu arm, um Riegel oder Schloß zu bedürfen. Sie suchte still ihr Lager, legte den Myrthenkranz neben sich und versank alsbald in Schlaf. Am Morgen erzählte sie ihrem Vater alles, was ihr begegnet war. Lope Sanchez aber betrachtete das Ganze als einen bloßen Traum und lachte das Kind wegen seiner Leichtgläubigkeit aus. Er ging seiner gewöhnlichen Arbeit in dem Garten nach, war aber noch nicht lange da, als sein Töchterchen fast athemlos gelaufen kam. »Vater, Vater!« rief sie: »sieh den Myrthenkranz, den mir die Maurische Dame um den Kopf gewunden hatte.« Lope Sanchez sah mit Erstaunen hin, denn der Stengel der Myrthe war von lauterm Gold und jedes Blatt war ein funkelnder Smaragd. Da er nicht viel mit Edelsteinen zu schaffen gehabt hatte, kannte er den wirklichen Werth des Kranzes nicht, aber sah genug, um sich für überzeugt zu halten, daß er etwas Wesentlicheres sey, als die Dinge, aus denen die Träume gewöhnlich bestehen, und daß das Kind auf jeden Fall nicht ganz vergeblich geträumt habe. Seine erste Sorge war, seiner Tochter das unbedingteste Stillschweigen anzubefehlen; in dieser Beziehung war er jedoch sicher, denn sie war verschwiegener, als ihre Jahre und ihr Geschlecht erwarten ließen. Er ging nun in das Gewölbe, in welchem die Statüen der zwei Nymphen von Alabaster standen. Er sah, daß ihre Köpfe von dem Eingang abgewendet und daß die Blicke einer jeden auf dieselbe Stelle in dem Innern des Gebäudes gerichtet waren. Lope Sanchez konnte diese sehr kluge Erfindung, ein Geheimniß zu bewahren, nur bewundern! Er zog eine Linie von den Augen der Statüen zu dem Punkte, auf den ihr Blick geheftet war, machte ein heimliches Zeichen auf die Wand und ging weg. Lope Sanchez's Geist war jedoch den ganzen Tag von tausend Sorgen beunruhigt. Er konnte nicht umhin, die Statüen von fern im Auge zu behalten und wurde fast krank aus Angst, das goldene Geheimniß möchte entdeckt werden. Jeder Fußtritt, welcher sich dem Ort näherte, machte ihn beben. Er hätte alles drum gegeben, hätte er die Köpfe der Statüen nur wenden können, und vergaß ganz, daß sie schon mehrere Jahrhunderte in derselben Richtung blickten, ohne daß darum jemand klüger geworden wäre. »Hol' sie der Henker,« sagte er zu sich selbst: »sie werden alles verrathen; hat je ein Mensch gehört, daß man ein Geheimniß so bewahrt?« Wenn er dann jemand kommen hörte, stahl er sich weg, als ob sein Weilen so nahe an diesem Orte Verdacht erregen könnte. Dann kehrte er vorsichtig zurück, schaute von ferne hin, um zu sehen, ob noch alles bei'm alten wäre, aber der Anblick der Statüen erweckte wieder seinen ganzen Unwillen. »Ach, da stehen sie,« sagte er, »und sehen und sehen und sehen immer dahin, wohin sie nicht sehen sollten. Wären sie bei'm Henker! Sie sind, wie alle ihres Geschlechtes; wenn sie keine Zungen haben, mit denen sie plaudern können, so thun sie's gewiß mit ihren Augen.« Der ängstliche Tag näherte sich endlich zu seiner Freude seinem Ende. In den hallenden Sälen der Alhambra vernahm man keine Fußtritte mehr; der letzte fremde Besucher überschritt die Schwelle, das große Thor wurde verriegelt und vermacht, und die Fledermaus und der Frosch und die heulende Eule nahmen allmählig wieder ihre nächtlichen Rechte in dem verlassenen Palast in Anspruch. Lope Sanchez wartete aber, bis die Nacht weit vorgeschritten war, ehe er sich mit seiner kleinen Tochter in den Saal der zwei Nymphen wagte. Er fand sie so verschwiegen und geheimnißvoll wie immer auf den verborgenen Schein seines Glückes schauen. »Mit Eurer Erlaubniß, holde Damen,« dachte Lope Sanchez, als er zwischen ihnen durchging: »ich will Euch von Eurem Dienste, der die vergangenen zwei oder drei Jahrhunderte so schwer auf Euern Herzen gelastet haben mag, erlösen.« Demnach begann er an dem von ihm bezeichneten Theil der Wand seine Arbeit und öffnete nach einer kleinen Weile eine versteckte Vertiefung, in welcher zwei große Porzelankrüge standen. Er versuchte sie hervorzurücken, aber sie waren unbeweglich, bis die unschuldige Hand seines Töchterchens sie berührte. Mit ihrer Hülfe brachte er sie aus der Nische und sah zu seiner großen Freude, daß sie mit maurischen Goldstücken, nebst Juwelen und Edelsteinen gefüllt waren. Vor Tagesanbruch wußte er sie in seine Stube zu bringen und verließ die zwei wachhabenden Statüen mit ihren an die leere Wand gerichteten Augen. So war Sanchez plötzlich ein reicher Mann geworden; aber der Reichthum brachte, wie gewöhnlich, eine Welt voll Sorgen mit sich, denen er bisher gänzlich fremd gewesen war. Wie sollte er seinen Schatz sicher wegbringen? Wie sollte er sich desselben nur erfreuen, ohne Verdacht zu erregen? Zum ersten Mal in seinem Leben erwachte jetzt auch die Furcht vor Räubern in seiner Seele. Er blickte mit Schauer und Schrecken auf das Unsichere seiner Wohnung und begab sich daran, Thüren und Fenster zu verrammeln und zu vermachen; nach allen diesen Vorsichtsmaßregeln konnte er aber doch nicht ruhig schlafen. Seine gewöhnliche Heiterkeit war dahin, er hatte für seine Nachbarn keinen Scherz und keine Lieder mehr und kurz, er wurde das unglücklichste Geschöpf in der Alhambra. Seine alten Kameraden bemerkten seine Veränderung, bemitleideten ihn von Herzen und fingen an, ihn zu verlassen, indem sie dachten, er müsse in Noth versunken seyn und Gefahr laufen, sie um Hülfe ansprechen zu müssen. Der Gedanke, daß sein ganzes Elend Reichthum sey, lag ihnen sehr fern. Die Frau unseres Lope Sanchez theilte seine Angst, aber sie hatte dafür geistlichen Trost. Wir hätten schon früher erwähnen sollen, daß, da Lope ein etwas leichter, unbesonnener kleiner Mann war, seine Frau sich gewöhnt hatte, in allen wichtigen Gegenständen den Rath und Beistand ihres Beichtvaters, des Pater Simon zu suchen, eines starken, breitschultrigen, blaubärtigen, rundköpfigen Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloster, welcher in der That der geistliche Tröster der Hälfte der guten Weiber der Umgegend war. Er war außerdem in großer Achtung in verschiedenen Nonnenklöstern, welche ihm seine geistlichen Dienste durch häufige Geschenke von jenen Leckereien und Spielereien, die in Klöstern gemacht werden, belohnten, als da sind köstliches Eingemachtes, Zuckerbrot und Flaschen würziger Herzstärkungen, welche sich nach Fasten und Wachen als treffliche Erquickung auswiesen. Pater Simon gedieh in der Ausübung seiner Pflichten. Sein öhliges Gesicht glänzte in dem Sonnenschein, wenn er sich an einem heißen Tag den Hügel der Alhambra herauf arbeitete. Bei allen Annehmlichkeiten seiner Lage zeigte aber doch das knotige Seil um seinen Leib die Strenge der Zucht, die er gegen sich selbst übte; die Menge zog die Mützen vor ihm als einem Spiegel der Frömmigkeit, und selbst die Hunde spürten den Geruch der Heiligkeit, welcher seiner Kutte entströmte und heulten aus ihren Löchern, wenn er vorüberging. Dieser Art war Pater Simon, der geistliche Rathgeber des holdseligen Weibes von Lope Sanchez; und da der Beichtvater der innigste Vertraute der Frauen in Spanien ist, so war er bald, im größten Geheimniß, mit der Geschichte des verborgenen Schatzes bekannt. Der Mönch sperrte Mund und Augen auf und bekreuzte sich zwölfmal bei dieser Nachricht. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Tochter meiner Seele. Wisse, dein Mann hat eine doppelte Sünde begangen – eine Sünde gegen den Staat und die Kirche. Der Schatz, den er so für sich behalten hat, ist in den Besitzungen des Königs gefunden worden und gehört folglich der Krone; da er aber den Ungläubigen gehörte und gewissermaßen den Klauen des Satans entrissen worden ist, sollte er der Kirche geweiht seyn. Doch läßt sich die Sache immer noch beilegen. Bringe den Myrthenkranz hieher.« Als der gute Pater diesen sah, glänzten seine Augen mehr denn je vor Bewunderung der Größe und Schönheit der Smaragde. »Da dieses die ersten Früchte dieser Entdeckung sind,« sagte er, »sollte es billig frommen Zwecken geweiht seyn. Ich will es in einem Schrein vor dem Bild des h. Franziskus in unsrer Kapelle aufhängen und ihn noch in dieser Nacht angelegentlich bitten, daß dein Mann im ruhigen Besitz eures Reichthums bleibe.« Die gute Frau war froh, daß sie so wohlfeilen Kaufs ihren Frieden mit dem Himmel machen konnte, und der Mönch, der den Kranz unter seinen Mantel steckte, schritt dem Kloster mit heiligen Schritten zu. Als Lope Sanchez nach Hause kam, erzählte ihm seine Frau, was vorgegangen war. Er war sehr ärgerlich, denn ihm fehlte der fromme Sinn seiner Frau, und er seufzte schon seit einiger Zeit über die vertraulichen Besuche des Mönchs. »Frau,« sagte er, »was hast du gethan? Du hast durch dein Plaudern alles auf das Spiel gesetzt.« »Was?« rief die gute Frau: »willst du mir verbieten, mein Gewissen vor meinem Beichtvater zu entladen?« »Nein, Frau! Beichte von deinen Sünden, so viel du nur willst; aber dieses Schatzgraben ist meine Sünde und mein Gewissen ist sehr leicht unter der Last derselben.« Allein das Klagen half jetzt nichts mehr; das Geheimniß war nun einmal ausgeplaudert und ließ sich, wie auf den Sand gegossenes Wasser, nicht wieder zurücknehmen. Ihre einzige Hoffnung gründete sich auf die Verschwiegenheit des Mönchs. Während Lope Sanchez am nächsten Tag draußen war, ließ sich ein leises Klopfen an der Thüre hören und Pater Simon trat mit freundlicher und sittsamer Miene ein. »Tochter,« sagte er, »ich habe inbrünstig zu dem h. Franziskus gebetet und er hat mein Gebet erhört. In der Mitte der Nacht ist mir der Heilige im Traum erschienen, aber sein Antlitz zürnte. »Höre,« sagte er, »du betest zu mir, um Vergebung wegen dieses heidnischen Schatzes zu erhalten, während du die Armuth meiner Kapelle siehst? Gehe in das Haus des Lope Sanchez, bitte in meinem Namen um einen Theil des maurischen Goldes, um zwei Leuchter für den Hauptaltar zu kaufen, und laß ihn das Uebrige in Frieden besitzen.« Als die gute Frau von dieser Erscheinung hörte, kreuzte sie sich ehrerbietig, ging zu dem geheimen Plätzchen, wo Lope seinen Schatz verborgen hatte und füllte einen großen ledernen Beutel mit Stücken Maurischen Goldes und gab ihn dem Mönch. Dagegen ertheilte ihr der Mönch Segen genug, um, wenn der Himmel ihn auslößt, ihr Geschlecht bis in die spätesten Zeiten zu bereichern, ließ dann den Beutel in den Aermel seiner Kutte gleiten, faltete seine Hände über seiner Brust und schied mit einer Miene demüthiger Dankbarkeit. Als Lope Sanchez von diesem zweiten, der Kirche gemachten Geschenk hörte, gerieth er fast außer sich. »Unglücklicher Mann,« rief er, »was soll aus mir werden? Ich werde stückweise beraubt; ich werde zu Grund gerichtet und an den Bettelstab gebracht werden.« Nur mit großer Mühe konnte ihn seine Frau beruhigen, indem sie ihn an den ungeheuern Reichthum erinnerte, welcher ihm noch verblieb und ihn fühlen ließ, wie gütig es von dem h. Franziskus sey, sich mit einem spärlichen Antheil zu begnügen. Unglücklicherweise hatte Pater Simon eine Anzahl armer Verwandte, für welche gesorgt werden mußte, einiger halben Dutzend starker, rundköpfiger Waisen- und verlassener Findel-Kinder nicht zu gedenken, die er unter seinen Schutz genommen hatte. Er wiederholte daher von Tag zu Tag seine Besuche und seine Bitten zum Besten des h. Dominikus, des h. Andreas, des h. Jakobs, bis der arme Lope in Verzweiflung gerieth und fand, daß er, wenn er sich dem Bereich des frommen Mönchs nicht entzöge, jedem Heiligen des Kalenders Sühnopfer würde bringen müssen. Er beschloß daher, den ihm noch bleibenden Schatz zusammenzupacken, heimlich in der Nacht aufzubrechen und in einen andern Theil des Königreichs zu ziehen. Voll von diesem Plane, kaufte er ein starkes Maulthier und band es in einem dunkeln Gewölbe unten in dem Thurm der sieben Stockwerke an, an derselben Stelle, wo der Belludo, oder das Kobold-Pferd ohne Kopf, um Mitternacht herauskommen, und durch die Straßen von Granada, gefolgt von einer Meute Höllenhunde, rennen soll. Lope Sanchez schenkte der Geschichte wenig Glauben, benutzte aber die dadurch erweckte Furcht, denn er wußte wohl, daß sich niemand leicht in den unterirdischen Stall des Gespenster-Rosses wagen würde. Im Laufe des Tages schickte er seine Familie mit dem Befehle weg, ihn in einem entfernten Dorf der Vega zu erwarten. Als die Nacht vorrückte, brachte er seinen Schatz in das Gewölbe unter dem Thurm, belud sein Maulthier damit, führte es heraus und leitete es vorsichtig den dunkeln Weg abwärts. Der ehrliche Lope hatte diese Maßregeln in der größten Stille genommen, und sie niemanden, als dem treuen Weibe seines Herzens mitgetheilt. Durch irgend eine wunderbare Offenbarung jedoch waren sie dem Pater Simon bekannt geworden. Der eifrige Mönch sah diese heidnischen Schätze auf dem Punkt, seinen Krallen auf immer entrissen zu werden, und beschloß, zum Besten der Kirche und des h. Franziskus, noch einen Griff in dieselben zu thun. Als daher die Glocken zu den animas Animas, das Abendgeläute, um an die Fürbitte für die Seelen im Fegfeuer zu erinnern. geläutet hatten, und die ganze Alhambra still war, schlich er sich aus seinem Kloster, eilte durch das Thor der Gerechtigkeit nieder und verbarg sich im Dickicht der Rosen und Lorbeern, welche den großen Zugang säumen. Hier blieb er und zählte die Viertelstunden, wenn die Uhr auf dem Wartthurm schlug und lauschte auf das schauerliche Geheul der Eulen und das ferne Bellen der Hunde aus den Zigeunerhöhlen. Endlich hörte er Fußtritte und sah durch das Düster der überschattenden Bäume etwas, das wie ein Lastthier aussah, den Weg herabkommen. Der stämmige Mönch schmunzelte bei dem Gedanken, welchen klugen Streich er dem guten Lope zu spielen im Begriff stehe. Er band seine Kutte auf und krümmte sich wie eine Katze, die eine Maus auf dem Korn hat, und harrte so, bis sein Raub gerade vor ihm war, wo er aus seinem laubigen Versteck hervorbrach, eine Hand auf das Schulterblatt, die andere auf das Kreuz legte, und einen Sprung machte, der dem geübtesten Stallmeister Ehre gemacht hätte, und sich rittlings auf dem Thiere festsetzte. »Aha,« sagte der stämmige Mönch, »jetzt wollen wir sehen, wer das Spiel am besten versteht.« Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als das Thier anfing auszuschlagen, sich zu bäumen, und Sätze zu machen, und dann in vollem Lauf den Berg hinabschoß. Der Mönch versuchte, das Thier aufzuhalten, aber vergebens. Es sprang von Fels zu Fels, von Busch zu Busch; des Mönchs Kutte war in Fetzen verrissen und flatterte im Wind; sein geschorner Schädel erhielt manchen harten Schlag von den Baumästen und manche Schramme von dem Gesträuch. Um seinen Schrecken und Jammer zu vermehren, sah er eine Meute von sieben Hunden in vollem Bellen an seinen Fersen und bemerkte zu spät, daß er sich wirklich auf den schrecklichen Belludo geschwungen hatte. Fort stürmten sie in Windes-Eile, den großen Weg hinab, über die Plaza Nueva, den Zacatin entlang, um die Vivairambla – nie flogen Jäger und Hund so pfeilschnell dahin oder machten einen so höllischen Lärm. Vergebens rief der Mönch jeden Heiligen des Kalenders an, und die gebenedeite Jungfrau obendrein; so oft er einen Namen dieser Art nannte, wirkte es wie ein frischer Spornstoß und verursachte, daß der Belludo einen haushohen Satz machte. Den übrigen Theil der Nacht hindurch wurde der unglückliche Pater Simon dahin und dorthin und wohin er nicht wollte geführt, bis jeder Knochen an seinem Leib mürb war und er sich zu erbärmlich wund geritten hatte, als daß man dessen gedenken möchte. Wieder ging es über die Vivairambla, den Zacatin, die Plaza Nueva und den Brunnenweg, und die sieben Hunde heulten und bellten und sprangen empor und schnappten nach den Fersen des erschreckten Paters. Der erste Morgenstrahl schoß eben empor, als sie den Thurm erreichten; hier schlug das Koboldpferd kräftig hinten aus und schickte den Mönch mit einem Burzelbaum durch die Luft und stürzte, gefolgt von der höllischen Meute, in das dunkle Gewölbe und ein tiefes Schweigen folgte dem eben noch so betäubendem Lärm. Ist jemals einem Mönch solch ein verteufelter Streich gespielt worden? Ein Bauer, der mit der Dämmerung an seine Arbeit ging, fand den unglücklichen Pater Simon am Fuß des Thurms unter einem Feigenbaum liegen, aber so zerquetscht und zerschellt, daß er weder sprechen noch sich regen konnte. Er wurde mit aller Sorgfalt und Aufmerksamkeit in seine Zelle geführt und das Gerücht verbreitete sich, Räuber hätten ihn angegriffen und mißhandelt. Ein oder zwei Tage vergingen, ehe er wieder zum Gebrauch seiner Glieder kam; er tröstete sich mittlerweile mit dem Gedanken, daß er, obgleich ihm das Maulthier mit dem Schatz entgangen war, doch vorläufig einen guten Theil von der heidnischen Beute wegbekommen hätte. Als er sich wieder bewegen konnte, war es seine erste Sorge, unter seinem Lager zu suchen, wo er den Myrthenkranz und die ledernen Beutel mit Gold, die er der Frömmigkeit der Frau Sanchez abgezwungen, verborgen hatte. Wie groß war aber sein Jammer, als er sah, daß der Kranz wirklich nur ein verwelkter Myrthenkranz und die ledernen Beutel mit Sand und Geröll gefüllt waren! Pater Simon hatte bei all seinem Schmerze die Klugheit zu schweigen, da das Verrathen des Geheimnisses ihn bei dem Publikum nur lächerlich gemacht und die Strafe seines Vorgesetzten auf ihn herabgezogen hätte: erst viele Jahre später, auf seinem Todesbett, entdeckte er seinem Beichtvater seinen nächtlichen Ritt auf dem Belludo. Von Lope Sanchez hörte man lange nach seinem Abzug aus der Alhambra durchaus nichts. Man erinnerte sich seiner stets gern als eines fröhlichen Genossen, obgleich man aus dem Gram und der Schwermuth, welche er kurz vor seiner geheimnißvollen Abreise in seinem Benehmen zeigte, schließen zu müssen glaubte, Armuth und Unglück habe ihn zu einem verzweifelten Entschluß gebracht. Einige Jahre später wurde einer seiner alten Freunde, ein invalider Soldat, der zu Malaga war, von einem sechsspännigen Wagen umgeworfen und fast überfahren. Der Wagen hielt an; ein alter, reich gekleideter Herr, mit einem Degen und Haarbeutel, stieg aus, um dem armen Invaliden beizustehn. Wie groß war des Letztern Erstaunen, als er in diesem vornehmen Kavalier seinen alten Freund Lope Sanchez erkannte, der eben die Vermählung seiner Tochter Sanchica mit einem der ersten Granden des Landes feierte! In dem Wagen saß das Brautpaar. Da war auch Frau Sanchez, die jetzt so rund geworden war wie ein Faß, und Federn und Juwelen und Halsbänder von Perlen und Diamantschmuck und Ringe an jedem Finger, und einen Kleider-Putz trug, den man seit den Zeiten der Königin Seba nicht mehr gesehen hatte. Die kleine Sanchina war jetzt zur Frau herangewachsen und nach ihrer Anmuth und Schönheit hätte man sie für eine Herzogin, ja geradezu für eine Prinzessin halten können. Der Bräutigam saß neben ihr – ein etwas abgelebter, spindelbeiniger kleiner Mann, aber das bewies schon, daß er von ächtem Geblüt war – denn ein wahrer spanischer Grande hat selten mehr als vier Fuß Höhe. Die Mutter hatte die Heirath gemacht. Der Reichthum hatte das Herz des ehrlichen Lope nicht verderbt. Er behielt seinen alten Kameraden mehrere Tage bei sich, bewirthete ihn wie ein König, nahm ihn mit in Schauspiele und Stiergefechte und sandte ihn endlich ganz beglückt nach Haus, mit einem dicken Sacke Geldes für sich, und einen andern, der unter seinen alten Freunden in der Alhambra vertheilt werden sollte. Lope erzählt immer, ein reicher Bruder sey in Amerika gestorben, und habe ihm eine Kupfermine hinterlassen; aber die verschlagenen Plaudertaschen der Alhambra bestanden darauf, sein Reichthum rühre von nichts anderem her, als dem Umstande, daß er das von den zwei alabasternen Nymphen der Alhambra bewahrte Geheimniß entdeckt habe. Es wird bemerkt, daß diese zwei höchst verschwiegenen Statüen bis auf den heutigen Tag ihre Augen sehr bedeutungsvoll auf dieselbe Stelle in der Wand gefesselt haben, was manchen glauben läßt, es sey noch irgend ein Schatz, welcher der Aufmerksamkeit eines unternehmenden Reisenden werth seyn möchte, dort verborgen; obgleich andere, und vorzüglich weibliche Besucher sie mit großem Wohlgefallen als stete Monumente der Thatsache betrachten, daß Frauen ein Geheimniß bewahren können. Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra. Da ich mit den Wundermärchen der Alhambra so freigebig gewesen bin, fühle ich mich fast verbunden, dem Leser einige Thatsachen mitzutheilen, welche ihre eigentliche Geschichte, oder vielmehr die Geschichte jener stattlichen Fürsten, ihrer Gründer und Vollender, betreffen, denen die Welt ein so schönes und romantisches orientalisches Denkmal verdankt. Um diese Thatsachen zu gewinnen, stieg ich aus diesem Phantasien- und Märchen-Bereich, wo alles eine poetische Farbe annehmen muß, herab und wandte meine Untersuchungen den bestaubten Bänden der alten Jesuiter-Bibliothek in der Universität zu. Dieses einst so berühmte Behältniß der Gelehrsamkeit ist jetzt ein bloßer Schatten seines frühern Selbst, denn die Franzosen beraubten die Bibliothek, als sie Granada im Besitz hatten, ihrer Handschriften und seltensten Druckwerke. Dennoch enthält sie, unter vielen gewichtigen Streitschriften der Jesuiten, noch manches merkwürdige Werk der spanischen Literatur; vor allem aber eine Anzahl jener veralteten, staubigen, in Pergament gebundenen Chroniken, welche bei mir in besonderer Achtung stehen. In dieser alten Bibliothek habe ich manche köstliche Stunde ruhigen, ungestörten literarischen Fouragirens hingebracht, denn die Schlüssel zu den Thüren und Bücherschränken wurden mir freundlich anvertraut und ich allein gelassen, um nach meinem Belieben umher zu stöbern – ein seltenes Zugeständniß in diesen Heiligthümern der Gelehrsamkeit, welche nur zu oft den Wißbegierigen bei dem Anblick versiegelter Quellen des Wissens schmachten lassen. Im Laufe dieser Besuche sammelte ich folgende Einzelnheiten in Betreff der fraglichen historischen Charaktere. Die Mauren von Granada betrachteten die Alhambra als ein Wunder der Kunst und hatten eine Sage, der König, der sie gebaut, habe sich mit Zauberei abgegeben, oder sey doch ein Alchymist gewesen, wodurch er in den Stand gesetzt worden wäre, sich die unermeßlichen Summen Goldes zu verschaffen, welche bei dem Baue derselben verschwendet wurden. Eine kurze Uebersicht seiner Geschichte wird das wirkliche Geheimniß seines Reichthums darlegen. Der Name dieses Königs war nach der Inschrift auf den Wänden einiger Gemächer Abu Abdallah (d. h. Vater von Abdallah), allein in der maurischen Geschichte heißt er gewöhnlich Muhamed Abu Alahmar (d. h. Muhamed Vater des Alahmar), oder einfach Abu Alahmar, der Kürze wegen. Er war im Jahr der Hegira 591, und nach der christlichen Zeitrechnung 1195 zu Arjoua aus der edlen Familie der Bena Nasar, oder Kinder Nasar's geboren und seine Eltern sparten keine Kosten, ihn für den hohen Stand zu erziehen, zu welchem der Reichthum und das Ansehen seiner Familie ihn berechtigten. Die Sarazener Spaniens waren in der Bildung weit vorgeschritten, jede Hauptstadt war ein Sitz der Gelehrsamkeit und Künste – so daß es leicht war, die besten Lehrer für Jünglinge von Stand und Vermögen zu erhalten. Als Abu Alahmar das mannbare Alter erreicht hatte, wurde er als Alcayde oder Statthalter von Arjoua und Jaen angestellt und machte sich durch seine Güte und Gerechtigkeit sehr beliebt. Einige Jahre später, nach Abou Hud's Tod, spaltete sich die maurische Macht in Spanien in Factionen und viele Plätze erklärten sich für Muhamed Abu Alahmar. Da er lebendigen Geistes und hohen Ehrgeizes war, ergriff er die Gelegenheit, machte eine Reise durch das Land und wurde überall mit Beifallrufen empfangen. Im Jahre 1238 hielt er unter dem lebhaftesten Jubel der Menge seinen Einzug zu Granada. Er ward mit allen Zeichen der Freude als König ausgerufen und wurde bald das Haupt der Moslemin in Spanien, da er der erste des erlauchten Stammes von Beni Nasar war, der auf dem Thron gesessen hatte. Seine Regierung machte ihn zu einem Segen seiner Unterthanen. Er gab die Statthalterschaft seiner verschiedenen Städte den Männern, die sich durch Tapferkeit und Klugheit ausgezeichnet hatten und bei dem Volke am beliebtesten waren. Er setzte eine wachsame Polizei ein und erließ strenge Gesetze zur Handhabung der Gerechtigkeit. Die Armen und Unglücklichen hatten stets freien Zutritt zu ihm und er sorgte persönlich für Beistand und Abhülfe. Er errichtete Hospitäler für Blinde, Alte und Kranke und alle solche, welche nicht arbeiten konnten und besuchte sie oft – nicht an festgesetzten Tagen mit Pracht und Prunk, so daß Zeit blieb, alles in Ordnung zu bringen und jeden Mißbrauch zu verstecken, sondern plötzlich und unerwartet; durch eigene Beobachtung und genaue Prüfung unterrichtete er sich von der Behandlung der Kranken, und dem Benehmen derer, welche zu ihrem Beistande angestellt waren. Er gründete Schulen und Universitäten, welche er auf gleiche Weise besuchte, und wohnte persönlich dem Unterrichte der Jugend bei. Er ließ Fleischbänke und öffentliche Backöfen bauen, damit das Volk gesunde Nahrung zu billigen und regelmäßigen Preisen erhielt. Er führte reiche Wasserleitungen in die Stadt, ließ Bäder und Brunnen, Kanäle und Röhren bauen, um die Vega zu bewässern und fruchtbar zu machen. Durch diese Mittel herrschte Reichthum und Ueberfluß in dieser schönen Stadt; an ihren Thoren drängte sich der Handelsfleiß und die Waarenhäuser waren mit dem Luxus und den Gütern aller Länder und Himmelsstriche gefüllt. Während Muhamed Abu Alahmar sein reizendes Land so weis und glücklich regierte, bedrohten ihn plötzlich die Schrecken des Kriegs. Die Christen benützten zu dieser Zeit die Spaltung der Macht der Moslemin und setzten sich rasch wieder in den Besitz ihrer alten Gebiete. Jakob der Eroberer hatte ganz Valencia unterworfen und Ferdinand der Heilige trug seine siegreiche Waffen nach Andalusien. Der letztere belagerte die Stadt Jaen und schwor, sein Lager nicht eher aufzuheben, als bis er im Besitz der Stadt wäre. Muhamed Abu Alahmar kannte das Unzureichende seiner Mittel, mit den mächtigen Herrschern Castiliens einen Krieg zu unterhalten. Er faßte daher einen plötzlichen Entschluß, begab sich heimlich in das christliche Lager und erschien unerwartet vor König Ferdinand. »Du siehst in mir,« sagte er, »Muhamed, den König von Granada; ich vertraue deiner Ehre und begebe mich unter deinen Schutz. Empfange alles, was ich besitze und nimm mich als deinen Lehensmann an.« Bei diesen Worten kniete er nieder und küßte des Königs Hand als Zeichen der Unterwerfung. König Ferdinand war durch diesen Beweis offenen Vertrauens gerührt und beschloß, sich nicht an Edelmuth überbieten zu lassen. Er hob seinen früheren Nebenbuhler von der Erde auf und umarmte ihn als Freund; die Schätze, die er ihm anbot, wies er zurück, nahm ihn aber als Vassal an und ließ ihm die Herrschaft über sein Gebiet unter der Bedingung, daß er einen jährlichen Tribut zahle, bei den Cortes als einer der Edlen des Reichs sich einstelle und ihm im Kriege mit einer gewissen Zahl Reiter diene. Nicht lange darauf wurde Muhamed zum Kriegsdienst aufgefordert, um dem König Ferdinand bei seiner berühmten Belagerung von Sevilla beizustehen. Der maurische König zog mit fünfhundert erlesenen Reitern von Granada aus, denn niemand in der Welt wußte besser als sie ein Pferd zu reiten und eine Lanze zu führen. Es war jedoch ein trauriger und demüthigender Dienst, denn sie sollten ihr Schwert gegen ihre Glaubensbrüder schwingen. Muhamed erlangte durch seine Tapferkeit bei dieser berühmten Eroberung einen traurigen Ruhm, echtere Ehren aber durch die Milde, welche er König Ferdinand in der Kriegsführung anzunehmen veranlasste. Als im Jahr 1248 die berühmte Stadt Sevilla dem kastilischen König übergeben ward, kehrte Muhamed traurig und voller Gram in sein Gebiet zurück. Er sah das sich sammelnde Unheil, welches die Sache der Moslemin bedrohte, und ließ jenen Spruch hören, den er oft im Augenblick der Noth und Verwirrung im Mund führte: »Wie beschränkt und elend würde unser Leben seyn, wenn unsere Hoffnung nicht so weit und ausgedehnt wäre.« »Que angoste y miserabile seria nuestra vida, sino fuero tan dilatada y espaciosa nuestra esperanza!« Als der betrübte Sieger seinem geliebten Granada nahte, strömte das Volk mit freudiger Ungeduld heraus, ihn zu sehen, denn sie liebten ihn als einen Wohlthäter. Sie hatten zu Ehren seiner kriegerischen Thaten Triumphbogen errichtet, und wo er vorüber kam, wurde er mit Beifallsruf als El Ghalib oder der Sieger begrüßt. Muhamed schüttelte den Kopf, als er diesen Namen hörte. »Wa la ghalib ila Ala!« (Es gibt keinen Sieger als Gott!) rief er aus. Von dieser Zeit an diente ihm dieser Ausruf als Wahlspruch. Er ließ ihn auf ein schräges über sein Wappen laufendes Band schreiben, und er blieb der Wahlspruch aller seiner Nachkommen. Durch Unterwerfung unter das christliche Joch hatte Muhamed den Frieden erkauft, aber er wußte, daß dieser nicht sicher und dauernd seyn konnte, wo die Elemente so widerstreitend und die Beweggründe der Feindseligkeit so tief und alt waren. Er that daher nach dem alten Grundsatz: »waffne dich im Frieden, und bekleide dich im Sommer,« und benützte den eintretenden Zwischenraum der Ruhe, um sein Gebiet zu befestigen, seine Zeughäuser wieder zu füllen, und diejenigen nützlichen Künste zu fördern, welche einem Staate Wohlstand und wirkliche Macht geben. Er setzte für die besten Handwerker Preise aus, und bewilligte ihnen Vorrechte; er verbesserte die Zucht der Pferde und anderer nützlicher Thiere; er ermuthigte den Ackerbau, und wußte durch seinen Schutz die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens um das doppelte zu erhöhen, indem er die lieblichen Thäler seines Königsreichs wie einen Garten blühen machte. Er förderte auch den Bau und die Verarbeitung der Seide, bis die Weberstühle Granada's selbst die von Syrien an Feinheit und Schönheit ihrer Productionen übertrafen. Sodann ließ er die Gold-, Silber- und andere Minen, die in den bergigen Gegenden seines Reichs gefunden wurden, fleißig bearbeiten, und war der erste König von Granada, welcher Gold- und Silbermünzen unter seinem Namen schlagen ließ, wobei er Sorge trug, daß die Münzen geschickt ausgeprägt wurden. Um diese Zeit, etwa in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts und unmittelbar nach seiner Rückkehr von der Belagerung von Sevilla begann er den glänzenden Palast der Alhambra; er beaufsichtigte persönlich den Bau, und mischte sich oft unter die Künstler und Werkmeister, und leitete ihre Arbeiten. Obschon so glanzreich in seinen Werken, und so groß in seinen Unternehmungen, war er von einfachen Sitten, und mäßig in seinen Genüssen. Sein Kleid war nicht nur ohne Glanz, sondern so einfach, daß es ihn nicht von seinen Unterthanen auszeichnete. Sein Harem konnte sich nur weniger Schönheiten rühmen, und diese besuchte er selten, obgleich sie mit großem Glanze unterhalten wurden. Seine Weiber waren Töchter der ersten Edlen, und wurden von ihm als Freundinnen und verständige Gefährtinnen behandelt. Was mehr ist, er wußte es dahin zu bringen, daß sie als Freundinnen unter sich lebten. Er brachte viele Zeit in den Gärten hin, besonders in denen der Alhambra, welche er mit den seltensten Pflanzen und den schönsten und duftigsten Blumen versehen hatte. Hier ergötzte er sich, indem er Geschichten las, oder sie sich vorlesen und erzählen ließ; und zuweilen beschäftigte er sich in den Stunden der Muße mit dem Unterricht seiner drei Söhne, denen er die gelehrtesten und tugendhaftesten Lehrer ausgesucht hatte. Wie er sich frei und ungezwungen Ferdinand als Vassal angetragen hatte, blieb er auch seinen Worte getreu, und gab ihm wiederholte Beweise der Anhänglichkeit und Treue. Als dieser berühmte Monarch 1254 zu Sevilla starb, schickte Muhamed Abu Alahmar Gesandte, welche seinem Nachfolger Alonzo X. sein Beileid ausdrückten, und in ihrem Gefolge waren hundert maurische Ritter von ausgezeichnetem Rang, welche während der Begräbnißfeierlichkeit die königliche Bahre mit brennenden Kerzen umgeben und geleiten mußten. Diesen großen Beweis der Achtung widerholte der maurische König den Rest seines Lebens hindurch an jedem Jahrestag des Todes Ferdinands des Heiligen, wo hundert maurische Ritter von Granada nach Sevilla ziehen, und ihre Plätze um das Ehrendenkmal des erlauchten Todten in der Mitte der reichen Kathedrale, mit brennenden Kerzen in der Hand, einnehmen mußten. Muhamed Abu Alahmar behielt seine Rüstigkeit und Geisteskraft, bis zu einem vorgerückten Alter. In seinem neunundsiebzigsten Jahr zog er noch zu Pferd, von der Blüthe seiner Ritterschaft begleitet, in's Feld, um einen Einfall in sein Gebiet zurückzutreiben. Als das Heer von Granada auszog, brach einer der ersten Adalides oder Befehlshaber, welcher in dem Vortrab ritt, zufällig seine Lanze an einem Thorbogen. Die Räthe des Königs waren durch diesen Vorfall beunruhigt, stellten ihn als ein schlimmes Vorzeichen dar, und baten ihn zurückzukehren. Ihre Bitten waren umsonst. Der König widerstand, und am Nachmittag wurde das Vorzeichen, sagen die maurischen Geschichtschreiber, auf traurige Weise bestätigt. Muhamed wurde plötzlich krank, und wäre fast von seinem Pferde gefallen. Er wurde auf eine Bahre gelegt, und sollte nach Granada gebracht werden, aber seine Krankheit nahm in so hohem Grade zu, daß man sein Zelt in der Vega aufschlagen mußte. Die Aerzte waren voller Bestürzung, und wußten nicht, welche Arznei sie ihm verschreiben sollten. Nach wenigen Stunden starb er unter Blutspeien und heftigen Krämpfen. Der kastilische Prinz Don Philipp, der Bruder von Alonzo X. war an seiner Seite, als er starb. Sein Körper wurde einbalsamirt, in einen silbernen Sarg gelegt, und unter ungeheuchelten Klagen seiner Unterthanen, die ihn als einen Vater beweinten, in der Alhambra in einem kostbaren Marmorgrab beigesetzt. Dieß war der erleuchtete patriotische Fürst, der die Alhambra gründete, dessen Namen noch in ihren schönsten und anmuthigsten Verzierungen glänzt, und dessen Andenken geeignet ist, die erhabensten Erinnerungen bei denen hervorzurufen, die diese verfallenen Scenen seines Glanzes und Ruhmes betreten. Obgleich seine Unternehmungen ausgedehnt, und seine Ausgaben unermeßlich waren, war seine Schatzkammer dennoch stets gefüllt, und dieser scheinbare Widerspruch gab Veranlassung zu dem Gerüchte, er sey in den Zauberkünsten bewandert, und besitze das Geheimniß, gemeinere Metalle in Gold zu verwandeln. Wer sein häusliches Leben, wie es hier angedeutet ist, beachtet, wird die natürliche Magie und die einfache Alchymie, welche den Ueberfluß in seine Schatzkammer brachte, leicht einsehen. Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra. Unter des Statthalters Wohnung in der Alhambra ist die königliche Moschee, wo die maurischen Monarchen ihre Andacht im Stillen verrichteten. Obgleich sie als katholische Kirche geweiht ist, hat sie doch noch Spuren ihres moslemitischen Ursprungs; die sarazenischen Säulen mit ihren vergoldeten Kapitälern, und die vergitterte Galerie für die Frauen sind noch zu sehen, und die Wappen der maurischen Könige sind auf den Mauern mit denen der kastilianischen Monarchen vermischt. An diesem heiligen Ort starb der berühmte Yusef Abul Hagig, der hochherzige Fürst, welcher die Alhambra ausbaute, und der wegen seiner Tugenden und Talenten fast gleichen Ruhm verdient, wie ihr edler Gründer. Mit Freuden entreiße ich dem Dunkel, in welchem er allzu lange geblieben ist, den Namen eines zweiten dieser Fürsten, eines verschwundenen und fast vergessenen Geschlechts, welcher in Zierlichkeit und Glanz in Andalusien herrschte, während ganz Europa vergleichungsweise in Barbarei versunken war. Yusef Abul Hagig (oder, wie es zuweilen geschrieben wird, Haris) bestieg im Jahr 1333 den Thron von Granada, und seine persönliche Erscheinung und seine geistigen Eigenschaften waren der Art, daß er sich Aller Herzen gewann, und eine gütige und segenreiche Regierung versprach. Er hatte ein edles Aeußere, körperliche Kraft, mit männlicher Schönheit gepaart; seine Gesichtsfarbe war ungemein schön, und er erhöhte, den arabischen Geschichtschreibern zufolge, die Würde und Majestät seiner Erscheinung dadurch, daß er seinen Bart in einer bedeutenden Länge wachsen ließ, und ihn schwarz färbte. Er hatte ein treffliches mit Schätzen des Wissens und der Gelehrsamkeit ausgerüstetes Gedächtniß; er war lebendigen Geistes, galt für den besten Dichter seiner Zeit und war anmuthig, zugänglich und fein in seinem Benehmen. Yusef besaß den, allen edlen Geistern gemeinschaftlichen Muth; aber sein Geist war mehr für den Frieden als für den Krieg gebildet, und er war bei den wiederholten Gelegenheiten, wo er zu den Waffen greifen mußte, gewöhnlich unglücklich. Er nahm die Milde seines Charakters mit in das Kriegsleben hinüber, verbot alle muthwillige Grausamkeit, und befahl den Frauen und Kindern, den Bejahrten und Kranken, und allen Mönchen und Personen eines frommen und abgezogenen Lebens Gnade und Schutz angedeihen zu lassen. Unter andern unglücklichen Unternehmungen begann er auch, in Verbindung mit dem König von Marocco, einen Feldzug gegen die Könige von Castilien und Portugal, wurde aber in der denkwürdigen Schlacht von Salado geschlagen, – ein großer Unfall, welcher der Macht der Moslemin in Spanien beinahe den Todesstoß gegeben hätte. Yusef erfreute sich nach dieser Niederlage eines langen Waffenstillstandes, während welcher Zeit er sich dem Unterricht seiner Unterthanen und der Verbesserung ihres geistigen Zustandes und ihrer Sitten weihte. Zu diesem Zweck errichtete er in allen Dörfern Schulen, und führte eine einfache und gleichförmige Methode der Erziehung ein; jeder Weiler, der aus mehr als zwölf Häusern bestand, mußte eine Moschee haben; die Mißbräuche und Unziemlichkeiten, welche sich in die Religionsfeier, die Feste und öffentlichen Vergnügungen des Volkes eingeschlichen hatten, verbot er streng. Er hatte ein wachsames Auge auf die Polizei der Stadt, stellte Nachtwächter und Streifwachen auf, und beaufsichtigte alle städtischen Angelegenheiten. Seine Aufmerksamkeit war auch auf die Vollendung der großen Bauwerke, welche seine Vorfahren begonnen hatten, und auf die Errichtung anderer nach seinen eignen Planen, gewendet. Die Alhambra, welche der gute Abu Alahmar gegründet hatte, wurde jetzt vollendet. Yusef ließ das schöne Thor der Gerechtigkeit bauen, welches den Haupteingang zur Veste bildet, und das er 1348 vollendete. Er schmückte auch viele Höfe und Säle des Palastes, wie die Inschriften an den Wänden beweisen, wo sein Namen öfter vorkömmt. Er baute endlich den edlen Alcazar oder die Citadelle von Malaga, unglücklicherweise jetzt eine bloße Masse zerbröckelter Trümmer, wahrscheinlich aber in ihrem Innern einst eben so zierlich und prachtvoll, wie die Alhambra. Der Genius eines Fürsten drückt seiner Zeit seinen Charakter auf. Die Edlen Granada's ahmten Yusefs zierlichen und anmuthsvollen Geschmack nach, und füllten die Stadt Granada bald mit prachtvollen Palästen, deren Säle mit Mosaik gepflastert, die Wände und Decken mit Bildnerarbeit geziert und schön vergoldet, und mit himmelblau, roth und andern glänzenden Farben ausgemalt, oder mit Cedern und andern kostbaren Holzarten fein ausgelegt waren, wovon noch Spuren in ihrem ganzen Glanze aus dem Strudel der Jahrhunderte gerettet worden sind. Viele von den Häusern hatten Brunnen, welche Wasserstrahlen verspritzten, um die Luft zu kühlen und zu erfrischen. Sie hatten auch hohe Thürme von Holz oder Stein, seltsam verziert und geschmückt, und mit Metallplatten belegt, welche in der Sonne glänzten. Der Art war der zierliche und verfeinerte Geschmack in der Baukunst, der unter diesem eleganten Volke herrschte, so daß, um das schöne Gleichniß eines arabischen Schriftstellers zu gebrauchen: »Granada in Yusefs Tagen eine Silbervase war, gefüllt mit Smaragden und Hyazinthen.« Eine Anecdote wird hinreichen, den Edelmuth dieses trefflichen Fürsten zu zeigen. Der lange Waffenstillstand, der auf die Schlacht von Salado gefolgt war, ging zu Ende, und alle Bemühungen Yusefs, ihn zu verlängern, war vergebens. Sein Todfeind, Alonzo X. von Kastilien, zog mit einer großen Macht in's Feld, und belagerte Gibraltar. Yusef griff widerstrebend zu den Waffen, und schickte Truppen zum Entsatz dieses Platzes, als er inmitten seiner Bekümmerniß die Nachricht erhielt, sein gefürchteter Feind sey plötzlich als ein Opfer der Pest gestorben. Statt Freude bei dieser Gelegenheit an den Tag zu legen, erinnerte Yusef an die glänzenden Eigenschaften des Verewigten, und war eines edeln Kummers voll. »Ach,« sagte er, »die Welt hat einen ihrer trefflichsten Fürsten verloren, einen Fürsten, der das Verdienst in dem Feind wie in dem Freund zu ehren wußte.« Selbst die spanischen Geschichtschreiber enthalten Zeugnisse von seinem großmüthigen Charakter. Ihren Nachrichten zufolge theilten die maurischen Ritter das Gefühl ihres Königs, und legten Trauer wegen Alonzos Tod an. Selbst die von Gibraltar, die so eng umzingelt waren, beschlossen unter sich, als sie hörten, der feindliche Monarch liege todt in seinem Lager, daß keine feindselige Bewegung gegen die Christen gemacht werden solle. An dem Tage, an welchem das Lager abgebrochen ward, und das Heer, Alonzo's Leiche tragend, abzog. kamen die Mauren in Schaaren von Gibraltar, und sahen stumm und betrübt auf den Trauerzug. Dieselbe Ehrfurcht vor dem Hingeschiedenen bewiesen alle maurischen Befehlshaber an den Grenzen; sie ließen das Trauergeleite, das die Leiche des christlichen Königs von Gibraltar nach Sevilla brachte, ruhig seines Weges ziehen »Y los moros que estaban en la villa y Castillo de Gibraltar, despues que sopieron que el Rei Don Alonzo era muerto, ordenaron entresi que ninguno non fuesse osado de fazer ningun movimiento contra los Christianos, nin mover pelear contra ellos, estovieron todos quedos y dezian entre ellos qui aquel dia muricra un noble rey y Gran principe del mundo.« . Yusef überlebte den Feind, den er so edel beweint hat, nicht lange. Im Jahre 1354, während er in der königlichen Moschee der Alhambra betete, stürzte plötzlich ein Wahnsinniger von hinten auf ihn, und stieß einen Dolch in seine Seite. Das Geschrei des Königs zog seine Wachen und Höflinge zu seinem Beistande herbei. Sie fanden ihn in seinem Blute schwimmen, und in Krämpfen. Er wurde in die königlichen Gemächer getragen, starb aber fast augenblicklich. Der Mörder wurde in Stücke gehauen, und seine Glieder öffentlich verbrannt, um das wüthende Volk zufrieden zu stellen. Die Leiche des Königs wurde in einem kostbaren Grabmal von weißem Marmor beigesetzt, und eine lange Grabschrift in goldnen Buchstaben auf blauem Grund verewigte seine Tugenden. »Hier liegt ein König und Martyr, von erlauchtem Geschlecht, edel, gelehrt, und tugendhaft; berühmt wegen der Anmuth seiner Person und seiner Sitten, dessen Güte, Frömmigkeit und Wohlwollen in dem ganzen Königreiche Granada gepriesen wurde. Er war ein großer Fürst, ein berühmter Feldherr, ein scharfes Schwert der Moslemin, ein starker Fahnenträger unter den mächtigsten Monarchen,« u. s. w. Die Moschee, welche einst von dem Sterberuf Yusefs widerhallte, steht noch, aber das Grabmal, auf welchem seine Tugenden verzeichnet waren, ist seit langer Zeit verschwunden. Sein Name bleibt in den Verzierungen der Alhambra eingeschrieben, und wird in steter Verbindung mit diesem berühmten Gebäude bleiben, das zu verschönern sein Stolz und seine Freude war.