Ödön von Horváth Ein Sklavenball mit Gesang und Tanz in drei Akten Personen: K. R. Thago  , ein punischer Bankier Idiotima  , seine Tochter Gloriosus  , deren Mann Toxilus  , Oberkammersklave Lemniselenis  , eine Hetäre Matrosa  , deren Dienerin Der Aufseher Paegnium    , ein Sklavenlausbub Bagnio  , ein entlaufener Sklave Der Praetor   von Pompeji Dordalus  , Sklavenhändler Sklaven und Sklavinnen Zeit: Im Altertum. Innerhalb vierundzwanzig Stunden. Schauplatz: Kleiner Privathafen vor einer Villa am Meer, unweit von Pompeji. Die Villa ist der ländliche Lustsitz des reichen punischen Bankiers K. R. Thago, eines naturalisierten Römers. Hier wohnt er im Frühling mit seiner Tochter Idiotima und deren Gatten Gloriosus. Rechts im Vordergrunde sieht man einige Säulen der Villa, links im Hintergrunde liegt das Meer. Erster Akt Das Stück beginnt mit einem lebenden Bild: Im Hafen, links im Hintergrunde, ankert die Luxusgaleere des Bankiers. Zahlreiche Sklaven und Sklavinnen schleppen vom Ufer Gepäckstücke auf das Schiff, Kisten, Truhen, Fässer, Schläuche, Geschirr. Sie werden von einem Aufseher mit Nilpferdpeitsche in drohender Pose beaufsichtigt. Im Vordergrunde stehen von links nach rechts: Gloriosus, stolz auf den Knauf seines Schwertes gestützt; neben ihm kniet der Sklavenlausbub Paegnium und putzt einen Schild; dann Idiotima, umgeben von drei Kammersklavinnen, die noch etwas am Saum ihres Kleides zu nähen haben und ihr mit einer Brennschere auch noch Löckchen ins Haar brennen; dann K. R. Thago persönlich mit der achtzehnjährigen Hetäre Lemniselenis und deren Dienerin Matrosa, einer Person im gefährlichsten Alter, die sich nun etwas im Hintergrund hält, denn der Bankier tätschelt gerade der Hetäre Wange. Ganz im Vordergrunde steht Toxilus als Prologus, in einen feierlichen weißen Radmantel gehüllt, eine Pergamentrolle in der Hand. Es ist ein herrlicher Tag, ohne Wellen und Wolken. Alle Personen tragen griechische Masken, die die wesentlichen Züge ihrer Charaktere, so wie man sich selbe landläufig vorstellt, darstellen sollen. So steht nun Toxilus mit der typischen Prologmaske vor dem Publikum. K. R. Thago, ein gütiger Börsianer, Lemniselenis, ein freches Dirnchen, Matrosa, eine alte Dirnchenmutter, Idiotima, gepflegt, versnobt, mit dem leeren Lächeln der Gesellschaftsdame, Gloriosus, eitel, dumm und aufgeblasen, Paegnium, ein pfiffiger Spitzbub, der Aufseher roh und niederträchtig, die Sklaven und Sklavinnen, niedergedrückt, bemitleidenswert armselig, so wie es sich eben gehört. Toxilus   zum Publikum: Als Prologus Beginne ich mit einem Zitat aus Plautus: »Oh Publikum! Laßt Euch behaglich auf Euere Sitze nieder Bezahlt oder unbezahlt – das ist nicht die Frage Die Frage ist vielmehr: Ob Ihr satt oder hungerig hierhergekommen seid. Wer bereits genachtmahlt hat, der hat das bessere Teil erwählt Doch wer hungert, esse sich an unseren Witzen satt – Aber wem zu Hause das Nachtmahl steht Der ist ein Narr Ein großer Narr Daß er uns zulieb nüchtern hergekommen ist!« Er nimmt seine Maske ab und entledigt sich seines Mantels. Huh, ist mir heiß! Verzeiht, daß ich mich demaskiere Doch hoffe ich, daß Ihr mich auch ohne Maske goutieren werdet – Erlaubt, daß ich mich vorstelle: Ich heiße Toxilus und bin hier der Oberkammersklave. Eigentlich bin ich zwar eine Herrennatur Die eben nur im Sklavenstande lebt Ein Mann voll geistiger Kraft und Gewandtheit Voll Witz und Gesundheit Dem sich seine Umgebung willig unterordnet Die Sklaven nämlich, deren Oberster ich bin – Jedoch auch – leise – meine Herrschaft! Ich sag es leise, denn sie steht hier hinter mir und soll es nicht hören! Sonst setzt es was ab auf meinen Buckel und das wollt Ihr mir doch nicht gönnen! Laut. Erlaubt nun, daß ich Euch die Szenerie erläutere: Ihr seht hier ein lebendes Bild. Rechts die Villa meiner Herrschaft und links im Hintergrunde das Meer – dort ankert die Luxusgaleere meines Herrn, des Präsidenten des Romanisch-phönizischen Kreditinstitutes, K. R. Thago – er deutet auf K. R. Thago – er ist ein gebürtiger Punier, hat sich aber in Rom naturalisieren lassen und allerhand Geld gemacht. Er verabschiedet sich soeben von seiner Fräulein Hetäre, namens Lemniselenis – die Alte dahinter ist ihre Dienerin Matrosa, ein treuer Schatten! Jawohl, mein Herr verabschiedet sich, denn er segelt mit seiner Tochter Idiotima und deren Gatten Gloriosus nach Kreta in die Sommerfrisch, denn Kreta ist zur Zeit der letzte Schrei. Die Herrschaften segeln noch heute, sie warten nur noch, bis die Sklaven das viele Gepäck auf die Luxusgaleere gebracht haben. Der Rüpel dort hinten mit der Peitsche, das ist der Aufseher, ein roher, niederträchtiger Mensch – Aufseher   fällt ihm ins Wort: Was bin ich?! Toxilus   Hast es nicht gehört? Zweimal sag ichs nicht. Aufseher   Ich bin ein roher, niederträchtiger Mensch?! Toxilus   Hab ich das gesagt? Aufseher   Jawohl! Toxilus   Dann wirds schon stimmen – Aufseher   Es stimmt aber nicht! Da, schau her – Er reißt seine Maske herunter, ein rundes, gutmütiges Gesicht wird sichtbar. Ist das das Antlitz eines Peitschenkulis?! Toxilus   perplex: Sieh da! Komisch, daß ich dein Gesicht noch nie gesehen hab – hm. Nein, roh und niederträchtig sieht es nicht aus, eher ein bisserl blöd – Aufseher   braust jähzornig auf: Ein solches Wort noch und – Er hebt drohend seine Peitsche. Toxilus   herrscht ihn an: Schäm dich, immer nur die Peitsche, die Peitsche, die Peitsche! Bist doch selber nur ein Sklav! Aufseher   Sklave her, Peitsche hin! Ich erfüll ja nur meine Pflicht! Er knallt mit der Peitsche und brüllt die Sklaven, die die Gepäckstücke tragen, an. Vorwärts-vorwärts! Nur nicht getrödelt, gewurstelt, geschlafen, sonst weck ich euch auf, Sklavenpack! Die Sklaven tragen ihre Lasten auf das Schiff. Aufseher   zählt die an ihm vorbeigeschleppten Gepäckstücke. – 84, 85, 86, 87 – los-los! Wir haben noch 164 Stück! Er knallt wieder mit der Peitsche. Idiotima zuckt etwas zusammen. Toxilus   zum Publikum: Nachdem ich Euch alles erklärt habe, darf ich nun wohl gehen – ich muß nämlich auf das Schiff, um nachzusehen, ob auch alles richtig verstaut wird. Ich komme wieder, wenn ich muß! Rasch ab auf das Schiff. Aufseher   brüllt einen alten Sklaven grimmig an: Tempotempo! 107, 108, 109 – hast nicht gehört, altes Stück Elend?! Er knallt abermals mit der Peitsche. Idiotima   zuckt abermals zusammen: Oh saget ihm, er knalle nicht so mit der Peitsche! Er schlage lieber, dann gibts nicht diesen schrillen Ton! Meine Nerven vertragen keine Disharmonien. Ich bin geschwächt – Gloriosus   Paegnium! Wo bleibt mein Schild? Paegnium   reicht ihm den Schild: Aufzuwarten, gnädiger Herr! Gloriosus   blickt auf seinen Schild, wie in einen Spiegel: Ich kann mich in meinem Schild nicht sehen. Wo bin ich? Du sollst meinen Schild so putzen, daß ich ihn als Spiegel benützen kann – begreifs doch endlich, daß ich mit Mars verwandt bin! Er reicht ihm wieder seinen Schild. Putz ihn, sonst erledig ich dich, wie jene fünfhundert in Kappadozien im vorigen Herbst – fünfhundert mit einem Streich, obwohl mein Schwert abgestumpft war! Paegnium putzt eifrig den Schild. Idiotima nimmt langsam ihre Maske ab; eine verhärmte, frühgealterte Frau wird sichtbar. Die Kammersklavinnen stürzen sich sofort eifrigst auf die Maske, schminken und pudern sie. Idiotima     blickt zum Himmel empor: Ach, Wölklein in der Höh Nur Du erkennst mein Weh: Mein Gatte ist ein Berufsmensch. Er liebt nur sein Schwert, seinen Schild, seinen Panzer – Was gilt ihm der Venusberg neben einem befestigten Hügel? Nichts, oh nichts! Er fürchtet nur immer, ob seine Rüstung auch richtig glänzt. Heut zieht er sich schon seit gestern an Er legte sich garnicht zu Bett in der Nacht Er zog sich nur an – Ich frag mich oft: Warum kennt mein Gatte keine Gemütlichkeit? Gloriosus   Ein böses Wort! Viel lieber als in die Sommerfrische zog ich in einen flotten Krieg Viel lieber würd ich blutige Dinge vollbringen Als friedlich meine Brust in der Sonne bräunen – Denn meine Brust sehnt sich nach der befreienden Tat! Idiotima   einfach: Ich hasse den Krieg. Gloriosus   Versündig dich nicht! Wenn das Mars hört! Idiotima   Laß mich aus mit deinem Gott! Wenn mein Vater kein Krösus wär Wäre mein Gatte ein friedlicher Hirte Aber das Geld meines Vaters läßt ihn nicht arbeiten – So langweilt er sich auf dem Felde der Ehre zu Tode. Gloriosus   reißt sich wütend die Maske herab; ein feminines Gesicht wird sichtbar mit ängstlichen Augen; er fixiert unsicher Idiotima; plötzlich herrscht er sie an: Du nimmst den Mund voll, als hättest du mir einen Sohn geschenkt! Idiotima will schreien, doch die Kammersklavinnen binden ihr rasch, fast gewalttätig, die frisch hergerichtete Maske um. K. R. Thago   zu Lemniselenis: Wohl begreif ich deine Trauer, mein süßes, teuerstes Geschöpf! Du kostspieliges, du – Denn ich fahr nun fort und laß dich da. Doch sei beruhigt: Ich laß auch mein Geschäft da, Handel und Wandel, die Börs, das Kontor – Mögen die Papiere fallen oder sich heben Ich muß ruhen! Der Arzt hats mir verordnet, der Weise Er kennt mein Leiden. Es ist nicht der Ausfluß des üppigen Lebens Sondern der Erregung über das Leben in Geschäften. Verlieren regt auf Aber verdienen noch mehr – Und viel verdienen, das legt sich aufs Herz Denn viel verdienen ist Schmerz Teuer erkaufter Schmerz, du Kind – Lemniselenis   Der Sommer mag kommen, der Herbst vergehen Meine Lieb zu Euch wird immer bestehen Denn Ihr habt mich gekauft. K. R. Thago   Lieb, sehr lieb – Er tätschelt wieder ihre Wange. Toxilus   erscheint rasch an Bord des Schiffes und springt auf den Kai: Euere Hochwohlgeborenen! Die Segel sind gesattelt, der Anker gelichtet, das Gepäck verpackt, und die Ruder sind ruderbereit – es schwimmt alles in Butter, schiffet Euch ein! Idiotima   Endlich! Ab auf das Schiff. Gloriosus   zu Paegnium: Her damit! Er nimmt ihm seinen Schild ab und betrachtet sich in ihm; entsetzt, denn er sieht sich ohne Maske. Was?! Das soll ich sein?! Er herrscht Paegnium an. Ich seh mich noch immer nicht! Wart nur, Bube, wenn ich heimkehr, laß ich dich blenden! Rasch ab auf das Schiff. Paegnium   sieht ihm nach; leise: Idiot! Er nimmt seine Maske ab, ein mageres, trotziges Knabengesicht wird sichtbar; er fächelt sich mit der Maske und wischt sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirne. K. R. Thago   zu Lemniselenis: Kurz und gut, mit einem Wort: es wird höchste Zeit, daß ich einsteig und du – du kehrst morgen wieder zu Dordalus zurück. Lemniselenis   entsetzt: Was sagt Ihr?! Wohin?! Zu Dordalus?! K. R. Thago   Ja. Nach Pompeji. Lemniselenis   wie zuvor: Ich soll wieder zum Sklavenhändler?! Ihr wollt mich abermals wieder weiterverkaufen?! Sie reißt sich die Maske ab; ein schönes Kind mit traurigen Augen und einem frühverbitterten Zug starrt K. R. Thago verzweifelt an. K. R. Thago   stutzt unwillkürlich etwas: Warum so verzweifelt? Vielleicht kauft dich ein Besserer, Schönerer, Reicherer – Lemniselenis   unterbricht ihn: Es gibt keinen Reicheren als Euch! Oh, bringt mich nicht wieder auf den Sklavenmarkt! Es folget so selten was Besseres nach! K. R. Thago   Aber-aber, großes Kind! Was hast du dir denn vorgestellt? Und außerdem möcht man doch nur dein Gutes – Lemniselenis   Wollet lieber das Schlechte, mein Herr! Gewährt mir weiter Euere Huld Ich bleib Euch nichts schuld. Wenn Ihr heimkehrt von Euerer Sommerfahrt Wird von mir alles in bar bezahlt. Jeder Groschen ein Kuß Wenn ich nicht wieder auf den Sklavenmarkt muß – K. R. Thago   Wer weiß, ob ich zurückkehr? Ob das Schiff nicht versinkt? Wer befiehlt dem Meer, dem Sturm – Neptun oder ich? Bin ich dem Neptun sein Vertrauter? Na also! Abgesehen davon, daß ich dich jetzt ein halbes Jahr umsonst ernähren müßt! Vorsicht ist die Mutter der Weisheit und Sparsamkeit ist eine Weltanschauung. Verkenne mich nicht, mein Kind! Stille. Lemniselenis   Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll, Herr Präsident. K. R. Thago nimmt langsam die Maske ab; er hat überhaupt kein Gesicht. Lemniselenis starrt ihn außer sich an. K. R. Thago   feierlich: Glaub nicht der Gosse Glaube mir Glaub nicht den Geldlosen Ohnehosen Glaube den Reichen Sie haben Recht! Das Armselige Wird immer vertan Das Ewig-Geldliche Zieht uns hinan! Lemniselenis   schreit auf : Nein!! Sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen. K. R. Thago   setzt sich langsam wieder seine Maske auf und streicht Lemniselenis über die Haare: Du bist unter Brüdern sechshundert Silberlinge wert. Verkauf dich nur ja nicht zu billig – Ab auf das Schiff. Toxilus   zu K. R. Thago: Gute Erholung, frohe Fahrt! Ins Orchester. Darf man bitten, Herr Kapellmeister! Musik erklingt. Alle Sklaven   außer Lemniselenis, singen und winken dem verschwindenden Schiffe nach: Keine Well auf der See Und der Himmel blau Frohe Fahrt! Keine Wolk in der Höh Und die Luft so lau Frohe Fahrt! Keine Sorg in der Brust Und im Herz nur Lust Frohe Fahrt! Fahret hin, fahret her Leise. Ertrinket im Meer! Laut. Frohe Fahrt! Ertrinket im Meer! Aufseher   horchte perplex auf, das Schiff ist nun verschwunden; er brüllt: Was hör ich?! »Ertrinket im Meer«?! Was soll der Text?! Beim Jupiter, das halt ich nicht aus. Er hebt seine Peitsche. Toxilus   Halt! Du wirst doch da nicht herumprügeln, wo wir Sklaven jetzt sozusagen untereinander sind?! Aufseher   Das ist mir wurscht! Toxilus   Mir aber nicht! Aufseher   Das ist mir erst recht wurscht! Toxilus   ruhig: Halt den Mund. Aufseher   braust auf: Was erlaubst du dir – Toxilus   unterbricht ihn: Kannst du lesen? Aufseher   perplex: Nein. Toxilus   Dann schau her – Er zeigt ihm ein Dokument . Während der Abwesenheit unserer Herrschaft wurde ich, ich Toxilus, zum obersten Verwalter dieser Villa eingesetzt, verstanden?! Denn ich genieße das restlose Vertrauen meines Herrn, verstanden?! Und hier hat mir nun jeder zu gehorchen, denn ich bin die höchste Instanz, bitt ich mir aus! Also los-los, an die Arbeit! Rastet nicht, damit ihr nicht rostet! Tempo-Tempo! Aber geprügelt wird hier nicht mehr, du mazedonischer Büffel! Gib mir dein Werkzeug, auf der Stell, von heut ab prügel nur ich! Los, her damit! Vorwärts! Aufseher   gibt ihm widerwillig seine Peitsche: Werd glücklich. Jetzt möcht ich nur wissen, zu was ich noch leb – ich kann doch nur strafen, sonst hab ich ja nichts gelernt! Toxilus   Ich weiß – ich weiß! Du hast die Peitschenvolksschul mit lauter Einser bestanden, hast die Prügelmatura summa cum laudis absolviert und hast auf der Folterhochschul einige Semester studiert – ich weiß – ich weiß! Aufseher   Jaja, ich hatte eine goldene Jugend! Toxilus   Noch ist kein triftiger Grund zur Melancholie vorhanden – Aufseher   unterbricht ihn: Ohne Arbeit kann ich nicht leben! Toxilus   Kannst du reiten? Aufseher   perplex: Reiten? Toxilus   Ja. Aufseher   Natürlich kann ich reiten! Ich bin sogar gewissermaßen auf dem Pferd geboren – Toxilus   Man merkts noch immer! Also höre: Du reitest jetzt sofort nach Pompeji, und zwar zum Sklavenhändler Dordalus – Du kennst ihn doch? Aufseher   Leider! Ich war ja selber mal seine Ware. Toxilus   Ich auch. Ein schäbiger Geizhals! Aufseher   Wenn ich kein Sklav wär, sondern ein freier Mann, dann tät ich dem Kerl was erzählen! Toxilus   Vorerst beherrsch dich und erzähl ihm nur folgendes: einen schönen Gruß von unserem abwesendem Herrn und er hätt ihm ein Fräulein Hetäre zum Verkauf zu übergeben – in Kommission! Er möcht sich aber das Fräulein bald abholen, denn wir haben hier kein Eis, auf das wir es legen könnten, und da es heiß ist, verdirbts uns noch am End – Er grinst. Fahr ab! Aufseher   Geht in Ordnung! Wird prompt erledigt. Toxilus   Reit nur zu! Daß du mir aber dein Pferd nicht zu sehr schindest! Aufseher   Ich? Ich sollt ein Tier mißhandeln?! Für was hältst du mich?! Entrüstet ab. Während der vorigen Szene sind auch alle Sklaven, außer Lemniselenis und Matrosa, ab. Lemniselenis sitzt am Fuße einer Säule und weint still vor sich hin. Toxilus   betrachtet sie; zu Matrosa: Was hat sie denn? Matrosa   Sie weint. Toxilus   Warum? Matrosa   Es ist ihr hier so gut gegangen, und jetzt hat sie Angst vor der Zukunft. Toxilus   Aber – aber! Einen solchen schiechen alten Kracher, wie meinen gnädigen Herrn, den wird doch solch liebliches Ding immer wieder leicht finden! Direkt über Nacht! Matrosa   Unberufen! Toxilus   Sie kriegt auch junge fesche stramme – Lemniselenis   unterbricht ihn: Also nur das nicht! Toxilus   perplex: Was hör ich? Matrosa   zu Toxilus: Sie möcht von der männlichen Jugend nichts wissen. Wenns nach ihr ging, tat sie sich einen Herrn Gebieter aus dem Greisenasyl holen. Toxilus   Aha! Capisco! Einen gichtigen Greis, wacklig, zittrig, hirnrissig, der mit dem einem Haxen bereits durch die Unterwelt hatscht und von dem sich gar federleicht allerhand erben läßt – schau – schau! Mit himmelblauen Pupillen blickt die Unschuld geschäftstüchtig in die Welt. Jaja, im Kontor der Tugend wird mit der Jugend gar häufig gewuchert! Lemniselenis   Ihr versteht mich nur halb. Toxilus   Möglich. Denn die eine Hälfte, daß Ihr nämlich von der männlichen Jugend überhaupt nichts wissen wollt – diese Hälfte kapier ich überhaupt nicht! Lemniselenis   Diese Hälfte kann ich mir nicht leisten. Darum: Ich möcht einen Mann von hundert Jahren Mit dem könnt ich dann Schlitten fahren Ich tät ihn pflegen, tränken, füttern Tag und Nacht nur ihn bemuttern – Ich möchte einen Mann, der bald nimmer ist Der bald verbrannt wird und zwar ganz gewiß Ich opfer dann dem Pluto eins – zwei Gulden Und bin sie los, alle Schulden – Denn: was hat man von seiner Jugend ohne Freiheit? Nichts! Und wie wird man frei? Nur durch Geld! Auch die Freiheit ist nämlich nur ein käuflicher Artikel – und ohne Groschen pfeif ich auf meine Jugend! Denn Jugend ist Freiheit und Freiheit ist Geld! Darum: Ich möchte einen Mann von hundert Jahren Mit dem würd ich dann in die Freiheit fahren Ich tät ihn immer pflegen, hegen Lang tät er ja nimmer leben – Es lebe die Jugend! Matrosa   zu Toxilus: Sie ist eine geborene Krankenschwester. Toxilus   grinst: Allerdings. Lemniselenis   Ihr dürft nicht annehmen, daß ich mit unerlaubten Mitteln, als da sind: böse Kräuter, Schlangengift, etcetera – das Ableben eines gebrechlichen Gebieters beschleunigen wollte. Ich würde auch nimmer ein maßgebliches Wort in seinem Testament fälschen, aber ich tät ihm die Schrecken der Unterwelt ausmalen, und das fiele mir leicht, denn ich müßt ihm doch nur vom Schicksal der Sklaven auf der Oberwelt berichten. Die Haare würden ihm alle gen Himmel stehen und er würd mich vor lauter Grauen garantiert freikaufen, um nicht in der Unterwelt als Sklave verhandelt zu werden, als ein Ding mit menschlichen Allüren – Oh Götter, es fällt mir immer schwerer an Euere Güte zu glauben! Sagt mir: gibt es Euch denn überhaupt? Und wenn es Euch gibt, warum seid Ihr denn so böse zu mir? Wie gern würde ich gut sein – Toxilus   Das ist ein Traum. Matrosa   zu Toxilus: Sie hat eine zarte Seele. Toxilus   zu Matrosa: Was verstehst du unter Seele? Lemniselenis   Was sich aus einem fortsehnt. Stille. Toxilus   zu Lemniselenis: Wo kommt Ihr her? Lemniselenis   Mein Papa ist ein Parasit. Er betreibt das gleiche Geschäft, das meine Ahnen Von ältesten Zeiten her betrieben haben Und er pflegt es mit viel Talent. Ich kenne keinen meiner Vorfahren Der sich nicht durch Parasiten-Kunst gemästet hätt. Großpapa, Urgroßpapa, Ur-ur und noch ein Urpapa Sie alle haben stets Von fremder Kost gelebt Und an Gefräßigkeit konnt sie keiner überbieten. Meine Freiheit wurd ein Opfer ihrer Gier: Papa verkaufte mich als Sklavenkind um ein opulentes Menü Er konnt den Fasanen, Muränen und Hummern nicht widerstehen Sie haben ihn überwältigt, die geschlachteten Tiere Sie wohnen in ihm und sitzen auf seinem Willen – Er kennt nur die Lust Sonst nichts. Toxilus   Und Ihr habt Euch so einfach verkaufen lassen? Lemniselenis   Man muß seinen Eltern gehorchen. Außerdem wurd ich nicht gefragt und ich hätt auch nicht antworten können, denn ich war erst drei Jahre alt. Toxilus   Seltsam sind die Schicksale der Sklaven! Sie sind sich alle gleich, auch wenn sie anders sind – Auch ich verlor meine Freiheit als dreijähriger Knirps. Ich wurd bei Babylon gefangen – Lemniselenis   Ach, Ihr seid ein Perser? Toxilus   Keine Ahnung! Ob Perser, Grieche, Inder, Ägypter – was weiß ich, woher ich stamm! Lemniselenis   Schad! Denn Perser sind interessant – Matrosa   Wieso? Lemniselenis   Perser sind alle schwarz, und ich bin blond. Stille. Toxilus   zu Lemniselenis; er lächelt: Wenn Ihr es wünscht, dann bin ich ein Perser – Lemniselenis   klatscht in die Hände: Fein! Matrosa   Wie man freiwillig ein Perser sein möchte, das geht über meinen Horizont. Lemniselenis   Warum? Matrosa   Weil alle Perser böse Menschen sind. Lemniselenis   lacht: Böse Menschen gibt's überall! Toxilus   starrt Lemniselenis an: Mir tuts nur leid, daß ich noch keine hundert Jahr alt bin – Er lächelt. Lemniselenis stutzt und schaut ihn groß an. Weil ich Euch dann freikaufen würde. Matrosa   Warum? Toxilus   zu Lemniselenis: Weil Ihr mir gefallt. Matrosa   erhebt sich; zu Lemniselenis: Kommt herein, gehen wir! Lemniselenis   hört nicht auf sie, sondern fixiert Toxilus: Ihr würdet mich freikaufen? Toxilus   Was kostet Ihr denn? Lemniselenis   Soviel ich weiß, sechshundert Silberlinge. Toxilus   Potz Pluto! Das ist ein Vermögen! Lemniselenis   lächelt: Bin ichs nicht wert? Matrosa   zu Lemniselenis: Los – los, Herrin! Das fängt sich immer so an: »Ihr gefallt mir« und »Bin ichs nicht wert?« Ich bitt Euch, macht keine Dummheiten, Ihr seid eine brave Hetär und jener ist ein Sklav – diese Verbindung schickt sich nicht, göttlich, menschlich, gesetzlich nicht – Ihr werdet Euch noch ins Unglück stürzen! Lemniselenis   sieht Toxilus unbeirrt an: Wenn Ihr mich freikaufen würdet, würd ich immer bei Euch bleiben. Ohne Zwang. Matrosa   verzweifelt: Schaut euch da nicht so an, ihr verliert ja noch die Köpf! Toxilus   Ich schau nicht weg. Lemniselenis   lächelt: Ich auch nicht. Toxilus   zuckt plötzlich zusammen: Au! Er faßt sich ans Herz und windet sich etwas. Lemniselenis   erschrickt: Was ist? Was habt Ihr? Toxilus   leise: Mir scheint, ich bin verwundet – so ein stechender Schmerz – Lemniselenis   Tuts weh? Die Luft klingt. Lemniselenis blickt empor und ruft. Amor, Amor! – Dort fliegt er, dort! Matrosa   Um aller Götter Willen! Jetzt aber rasch in das Haus, Fenster und Türen versperrt, sonst schießt er sie auch noch an, dieser unberechenbare Bursch! Sie zieht Lemniselenis rasch mit sich in die Villa. Zweiter Akt Es ist Nacht geworden, der Mond scheint und das Meer summt. Toxilus tritt aus der Villa, hält vor den Säulen und blickt in die menschenleere Welt hinaus. Toxilus   Ich kann nicht schlafen. Oh, Lemniselenis – warum hast du so einen langen Namen? Woher soll sich ein armer Bursche die Zeit nehmen, um dich immer wieder aussprechen zu können? Du bist zu lang für einen Bettler. Wie gern würd ich dich freikaufen, um dein Sklave werden zu dürfen, zu sollen, zu müssen – aber sechshundert Silberling! Oh du mein armer Toxilus! Woher nehmen und nicht stehlen? Matrosa   kommt aus der Villa; unterdrückt: He, hallo! Toxilus   schrickt etwas zusammen: Ach, du bists! Was willst du? Matrosa   Nur auf ein Wort. Ich weiß, du bist mir böse, weil ich Fenster und Türen versperrt hab, damit du nicht zu meiner Herrin kannst – Toxilus   Willst du sie nun öffnen? Matrosa   Nein. Toxilus   Dann fahr ab und laß mich allein! Matrosa   Ich fahr nicht ab, denn das verbietet mir mein Mitleid. Toxilus   perplex: Dein was? Matrosa   Mein Mitleid. Sie nimmt die Maske ab; eine brave, gutmütige Frau wird sichtbar. Toxilus   starrt sie interessiert an: »Mitleid«? Was ist das? Matrosa   einfach: Du tust mir leid. Toxilus   grimmig: Das freut mich! Matrosa   Ich weiß, du findest keinen Schlaf, als hättest du bittere Zahnschmerzen – Toxilus   fällt ihr ins Wort: öffne Lemniselenis Tür und es tut mir garantiert nichts mehr weh! Matrosa   Lieber mög dich alles brennen – Toxilus   grimmig: Wie freundlich! Matrosa   ehrlich: Ich fühle mit dir – Toxilus   braust auf: Jetzt aber noch ein Wort und ich hau dir eine auf deinen Mund, daß dir alle deine gelben Zähne im Gänsemarsch hinten hinausmarschieren! Fahr ab! Stille. Drohend. Du bist noch da? Matrosa   fährt ihn plötzlich an: Wenn du das Mädel ehrlich liebst, dann darfst du ihm nicht so den Kopf verdrehen! Was soll denn diese Wichtigtuerei?! Die Ärmste wälzt sich drin herum – Toxilus   unterbricht sie: Wälzt sich?! Matrosa   Hin und her und auf und ab! Toxilus   Oh Götter! Sie wälzt sich! Matrosa   Sie kann nicht schlafen – Toxilus   Schweig, Furie! Matrosa   So nimm doch Vernunft an! Die Liebe ist allerdings ein Vesuv, der in einer Tour ausbrechen möcht, aber ein Sklave hat kein Krater zu sein, sondern höchstens ein sanfter Hügel! Spar deine Lava und beherrsch dich! Du bringst ja noch eine sittsame Hetäre dazu, daß sie dich wirklich liebt, ohne daß du ihr was bieten kannst – also das schlägt jedem Moralbegriff ins Gesicht, abgesehen davon, daß es der Kaiser feierlich verboten hat, daß sich ein Sklav mit einer Hetär – Toxilus   unterbricht sie barsch: Schluß! Schluß! Beiseite. Sie wälzt sich! Laut. Geh und sag deiner Herrin meinen lieblichsten Gruß – ich, ich Toxilus, würde sie freikaufen. Matrosa   Du? Toxilus   Ja. Bis morgen bring ich sechshundert Silberling – tot oder lebendig. Sags ihr! Matrosa   Nein, das sag ich ihr nicht. Ich werd mich schön hüten, einen solchen Blödsinn auszurichten! Toxilus   Blödsinn?! Wenn Toxilus sagt, daß er bis morgen sechshundert – Matrosa   unterbricht ihn: Daß ich nicht wieher! Toxilus   Wieher nur, altes Pferd! Aber richt es aus! Matrosa   Fällt mir nicht ein! Toxilus   Du – bring mich nicht zur Raserei! Matrosa   Halt andere zum Narren, aber nicht uns, mich und meine sanfte Herrin! Toxilus   Weib, sag ich dir, richt es ihr aus – sonst passiert noch ein Unglück! Ich kauf deine Sanfte frei, unter allen Umständen, in jeder Weise, auf jede Art – und wenn ich einen reichen Gauner erschlagen und berauben müßt! Matrosa   Verblendet, verblendet! Du endest noch am Kreuz! Toxilus   Scher dich, Unke! Unk anderswo! Sonst häng ich dich ins Meer hinein! Mit dem Kopf nach unten, damit dich die Polypen kitzeln! Marsch – marsch! Matrosa   Ein ungehobelter Mensch! Rasch ab in die Villa. Toxilus   allein; er fährt sich etwas erschöpft mit der Hand über die Augen und seufzt: Lemniselenis wälzt sich – und ich steh da! Achjaja, wer als Habenichts eindringt in die Pforten der Liebe, der überflügelt mit seiner Qual selbst die Qualen des Herkules. Lieber als mit Amor möcht ich mit der Hydra selber kämpfen – oder mit dem Eber aus Ätolien, den stymphalischen Vögeln, ja lieber sogar mit dem Riesen Antäus persönlich! So martere ich mein Gehirn: woher nimmst du sechshundert Silberling? Und ich weiß doch im voraus: die, die ich um einen Pump bitten könnt, die würden alle nur sagen: »Ich habe selber nichts« Er hat sich gesetzt und vergräbt seinen Kopf in den Händen. Bagnio   ein davongelaufener Sklave, der auf die schiefe Ebene geraten ist, schleicht sich mit einem dicken Prügel bewaffnet, gefolgt von zwei Kumpanen, die desgleichen adjustiert sind, von links an die Villa heran; unterdrückt: Da wären wir. Dort habt Ihr also besagte Villa – Säulen, als wärs ein Tempel des Jupiter, derweil ist es nur der ländliche Lustsitz eines alten Wucherers, Erpressers, Wechsel- und Kontofälschers, Witwen- und Waisengeldbehälters! Das lebt sich, diese punische Banksau, Zinsenhengst von Cäsars Gnaden – Er herrscht den einen Kumpanen an. Tritt auf keinen dürren Ast, sonst spring ich dir auf den Nabel, miserabler Anfänger! Das Tor ist versperrt, wir treten durchs Fenster ein, und zwar durch das fünfte von links, ich kenn mich da aus, denn hier war ich zuhaus – Hier lebt ich einst als armer Sklav Fleißig, ehrlich, bieder, brav Hab geschuftet Tag und Nacht Bis ich habs herausgebracht: Warum schuften, warum plagen Warum an den Knochen nagen? Machs doch, wie der Herre Dein Achte weder Sein noch Mein! Nimm, was er den Sklaven nimmt Und Dein ganzes Leben stimmt! Alle Drei   Nimm, was er den Sklaven nimmt Und Dein ganzes Leben stimmt! Bagnio   Trara! Trara! Die Einbrecher sind da! Alle Drei   Trara! Trara! Die Einbrecher sind da! Toxilus   horcht auf: Wer murmelt denn da? Die Drei erblicken erst jetzt Toxilus und zucken zusammen. Toxilus   erblickt die Drei nicht. Sonderbar. Sollt ich schon Gespenster hören? Jaja, wenn die Liebe erwacht, sitzt man auf seinem Verstand – Er lächelt wehmütig und grübelt wieder vor sich hin. Bagnio   sehr leise zu seinen Kumpanen: Folget mir vorsichtig nach, Freunde! Ich werd mal jenem Burschen dort ein bisserl den Kürbis spalten – Er schleicht sich mit seinem dicken Prügel an Toxilus heran . Toxilus   erblickt nun Bagnio und schnellt empor : Halt! Bagnio   unterdrückt: Schrei nicht! Ich bin zu dritt und sags dir im Guten, respektive im Bösen: ein lautes Wort und du hörst den Zerberus bellen! Toxilus   horcht auf: Wer seid ihr? Bagnio   Kindische Frage! Ein Dieb natürlich! Ein Aus- und Einbrecher, Haus-, Garten- und Straßenräuber, Gewalttäter, auch Totschläger, wenn ihrs mal versuchen wolltet – Toxilus   wie zuvor: Diese Stimme kenn ich doch, dieses rauhe Organ – Bagnio   Mein Organ ist allerdings etwas heiser durch den übermäßigen Genuß des Weines. Toxilus   Ist das nicht Bagnio? Bagnio   perplex: Du kennst mich? Toxilus   Bagnio! Du möchst mich erschlagen? Mich?! Bagnio   Ich pfleg mich nicht vorher zu erkundigen, wen ich hinterher erschlagen hab. Toxilus   Ich bin Toxilus. Bagnio   hocherfreut und -überrascht: Was?! Toxilus?! Oh Jupiter Venus Apollo! Ist das aber eine Überraschung! Na, das hätt mir aber itzo ehrlich leid getan, wenn ich dir deinen Kürbis demoliert hätt! Zu seinen Kumpanen. Wißt ihr, wer das ist? Das ist der einzige Sklav in meinem Leben, der mal ein Mitgefühl mit mir gehabt hat, wie man mich auf den Block gespannt hat, weil ich meine Mitsklaven bestohlen hab! Alle haben mich gehaßt, nur er hat mich verteidigt – das vergeß ich dir nimmer! Wie gehts, wie stehts, lieber guter alter Freund? Bist noch immer artig folgsam, ha? Toxilus   Ich fürchte – fürcht, bald werd ichs nimmer sein – Er lächelt wieder wehmütig. Bagnio   Anständig, sehr anständig! Toxilus   Ich benötig nämlich dringendst Geld. Bagnio   So fängts an! Wieviel? Toxilus   Sechshundert Silberling. Bagnio   Sechshundert? Respekt vor deinem Appetit! Toxilus   Ich grübl schon die halbe Nacht, wer mir etwa soviel leihen tät – Bagnio   fällt ihm ins Wort: Leihen? Dir? Was fällt dir ein, unverschämter Kerl?! Toxilus   Ich weiß, ich bin verwirrt – Verzeih! Bagnio   Na also! Stille. Toxilus   Drinnen im Haus ist eine Kasse. Bagnio   Ich kann mich noch erinnern. Toxilus   Im dritten Zimmer. Bagnio   Gleich rechterhand. Toxilus   Wenn man von links kommt. Bagnio   mit geschlossenen Augen: Ich seh sie noch vor mir. Stille. Toxilus   Man kann auch durchs Fenster. Bagnio   Stimmt. Durchs fünfte von links. Toxilus   Nein. Dort schläft heut wer. Durchs vierte von rechts. Bagnio   Aha. Stille. Toxilus   Die Herrschaft ist verreist. Bagnio   Ehschonwissen! Drum bin ich ja da. Toxilus   Aha. Stille. Bagnio   Was ist denn in der Kasse? Toxilus   Neunhundert Silberling. Bagnio   faßt sich ans Herz: Sags nochmal! Toxilus   Neunhundert. Bagnio   Wie das klingt! Neun-hun-dert – das zerrinnt auf der Zunge, wie Butter – Stille. Toxilus   plötzlich entschlossen: Wenn du mir sechshundert abgibst, garantier ich dir, daß dich niemand entdeckt. Bagnio   Lieb von dir. Zwar hab ich keine Angst, entdeckt zu werden, denn es ist noch keine neue Strafe ersonnen worden, an die ich mich nicht schon gewöhnt hätt – jedoch: gemacht! Du kriegst deine sechshundert – Zu seinen Kumpanen. Aufgehts, los! Durchs fünfte Fenster von links – Toxilus   fällt ihm ins Wort: Aber – aber! Durchs vierte von rechts! Bagnio   herrscht ihn an: Verzweifel nur nicht gleich, wenn sich mal einer verspricht! Übrigens: was machst du eigentlich mit soviel Geld? Willst du fliehen? Toxilus   Nein. Ich möchte jemand freikaufen. Bagnio   Freikaufen? Wer ist denn heutzutag noch soviel wert? Toxilus   Die, die ich meine, wäre sechstausend wert, und es war immer noch zu wenig. Bagnio   begreift voll Verachtung: Ach, ein Weib – Toxilus   Amor hat mein Herz durchbohrt. Bagnio   stutzt: Wer? Ja, lieben denn Sklaven auch? Toxilus   Was tun? Den Göttern trotzen? Bin ich ein Titane? Bagnio   Du bist ein Tepp. Aber verlaß dich auf mich – Zu seinen Kumpanen. Mir nach! Ab mit ihnen hinter die Villa. Lemniselenis   tritt im Nachtgewand aus der Villa, sieht sich um, erblickt Toxilus, nähert sich ihm unhörbar und hält ihm plötzlich von hinten mit beiden Händen die Augen zu; leise: Wer bin ich? Toxilus   erschrickt und reißt sich los: Wer da?! Ach – Er starrt sie entgeistert an. Lemniselenis   lächelt: Dreimal darfst du raten – Toxilus nähert sich ihr langsam und reißt sie plötzlich stürmisch an sich. Nicht so laut! sie läßt sich von ihm umarmen, umarmt ihn, und beide küssen sich; dann löst sie sich langsam los. Die brave Matrosa schläft – Toxilus   Endlich! Lemniselenis   Ich hab ihr in ihren Erfrischungstee mein stärkstes Pülverchen hineingeschmuggelt – jetzt schnarcht sie, daß die Betten zittern. Toxilus   Hoffentlich zittern sie lang! Lemniselenis   traurig: Wer weiß! Sie blickt zum Himmel empor. Oh Venus! Steinig und steil sind die Straßen der liebenden Herzen Denen die Götter die Freiheit der Küsse nicht gönnen. Arm ist das Mädchen, das heimlich sich fortschleichen muß Angstvoll zu leeren den Becher der hastigen Lust. Arm ist das Mädchen, das in fremde Gedanken verstrickt Zwischen zwei Türen, furchtsam bei jedem Geknarre erschrickt. Wie gern wär ich unbewacht, gekettet an Dich allein. Hinter verriegelten Fenstern und Türen im eigenen Heim. Toxilus   Ach, Lemniselenis – Ich finde keine Worte, nur deinen Namen. Lemniselenis   Oh, jetzt gehts mir gut! Plötzlich bin ich reich. Was gehört mir nicht alles! Das Meer und die Luft, die Wolken, der Mond und die silbernen Farben der Nacht! Das alles hast du mir geschenkt. Ich danke dir. Toxilus   Dank mir nicht, sonst bricht mir das Herz – Lemniselenis   Wenn man nur keinen Kopf hätte! Toxilus   Sei so gut! Lemniselenis   Wenn man nur nicht denken müßt – denn was wird schon morgen sein? Morgen schon wird gesungen: »Schmücke Dich, Mädchen, schmücke Dich, es kommt der Sklavenhändler« – Toxilus   Also den laß ruhig kommen. Lemniselenis   Wie einfach du das sagst Toxilus   Ich sag es einfach, weil es einfach ist. Du wirst nämlich morgen einfach frei. Ich kauf dich frei – ganz einfach! Lemniselenis   Du? Woher willst denn du dir das viele Geld hernehmen?! Toxilus   Ein Freund wirds mir beschaffen, er gab mir sein Wort. Lemniselenis   Was ist das für ein Freund? Toxilus   Ein alter Bekannter. Ein verläßlicher Mensch. Lemniselenis   Und der hat soviel Geld? Toxilus   Er hat. Beruhig dich, er hat. Lemniselenis   Ist er denn so reich? Toxilus   Reich ist gar kein Ausdruck! Wenn er will, gehört ihm die ganze Welt, er muß nur zugreifen – Er macht die Geste des Stehlens. Lemniselenis   Jetzt hab ich Angst. Toxilus   Warum, Liebste? Lemniselenis   Du – du wirst doch nicht stehlen? Toxilus   Ich? Was denkst du von mir? Warum nicht? Lemniselenis   entsetzt: Nein! Toxilus   Für dich: ja! Lemniselenis   wie zuvor: Nein, nicht für mich, nie! Versprich es mir, daß du mich lieber nicht freikaufst, als daß du mich auf verbrecherische Art erwirbst – versprich es mir, bitte – bitte! Ich bin doch besorgt um dein leibliches Wohl, man wird dich noch vierteilen! Toxilus   fixiert sie: Liebst du mich? Lemniselenis   Ja, aber – Toxilus   unterbricht sie: Dann laß mich stehlen! Stille. Lemniselenis   Oh Götter, ahnt ich es doch! Toxilus   Höre: in meinen Augen gibt es nur ein Verbrechen: Dich weiter im Joche der Sklaverei zu belassen, dich wieder weiterzuverkaufen, zu verschachern, zu vertrödeln, wie ein lebloses Ding – Heut kenne ich nur dieses einzige Verbrechen, und sonst sei mir alles Recht! Lemniselenis   Wenn mein Verkauf ein Verbrechen ist, dann ist doch auch jeder Verkauf eines Menschen – Toxilus   fällt ihr ins Wort: Ist er auch, ist er auch! Alles Verbrechen, lauter Verbrechen! Man hat uns alle gestohlen, alle – alle! Lemniselenis   Nicht so laut! Sie sieht sich ängstlich um. Toxilus   Dann sag ichs leise: du wirst noch sehen, wir stehlen uns alle zurück, alle! Stille. Lemniselenis   Hast du gehört, daß es einen neuen Gott geben soll? Toxilus   Einen neuen Gott? Lemniselenis   Ja. Er soll unsichtbar sein. Toxilus   Unsichtbar? Lemniselenis   Er soll immer um einen herum sein – um einen jeden von uns, denn er sagt, daß alle Menschen gleich sind – Toxilus   Wo hast du das gehört? Lemniselenis   Matrosa hats mir erzählt. Sie war mal da, wo sich die Leut treffen, die zu dem neuen Gott gehören – sie kommen unter der Erde zusammen. Toxilus   Was machen sie denn dort? Lemniselenis   Sie singen. Überall unter der Erde – halb Rom soll schon ganz unterhöhlt sein. Stille. Toxilus   Man hört immer wieder von neuen Göttern, man weiß schon garnicht mehr, was man glauben soll. Ich glaube nur, daß ich dich wirklich liebe – Matrosa   schreit in der Villa auf und stürzt heraus: Hilfe! Hilfe! Hilfe! Einbrecher, Räuber, Mörder! Lemniselenis   Um der Himmel Willen! Toxilus   ist erschrocken, faßte sich jedoch rasch und herrscht nun Matrosa an: Was plärrst du da und weckst das Haus?! Hier gibts doch keine Räuber und Mörder – die hätt ich doch sehen müssen, wo ich die ganze Weil heraußen steh! Du hast geträumt! Matrosa   Und dieser blaue Fleck da?! Hab ich den etwa auch nur geträumt?! Mit einem Prügel hat mich der Schurke über den Schädel geschlagen – Toxilus   unterbricht sie: Du wirst dich im Traum selber über deinen Schädel – Matrosa   erblickt erst jetzt Lemniselenis und unterbricht Toxilus: Was seh ich?! Und das Mädel hier ist vielleicht auch nur ein Traum?! Zu Lemniselenis. Hinein mit Euch! Lemniselenis   herrscht sie an: Du hast mir nichts zu befehlen, du bist meine Dienerin, merk dir das endlich! Matrosa   Die Dienerin einer Hetäre ist wie die Mutter einer freien Frau! Ich weiß, wenn ihr verkauft werdet, gelte ich nur als Zuwaag, aber trotzdem bin ich Euer schützender Geist! Toxilus   zu Matrosa: Fahr ab! Lemniselenis   Morgen werd ich frei! Toxilus   schielt nach der Villa: Hoffentlich – Matrosa   Lächerlich! Schwätzt nicht, Herrin! Lemniselenis   Ich schwätze nicht! Sie faßt sich plötzlich ans Herz. Oh, jetzt fühl ichs so stark, dies brennende Weh: man liebt nur einmal im Leben – Amor, Amor! Matrosa   blickt zum Himmel empor, sieht nichts und macht eine wegwerfende Geste: Ich möcht nicht wissen, wie oft Ihr noch lieben werdet mit Eueren lumpigen achtzehn Jahren! Lemniselenis   traurig: Ich lebe nicht lang. Matrosa   Jetzt das auch noch! Aufseher   kommt rasch von links: Hallo, ihr seid hier alle vor dem Tor? Mitten in der Nacht?! Was gibts denn?! Toxilus   Nichts. Wir können nur alle nicht schlafen. Aufseher   Komisch. Ich komm grad aus Pompeji vom Dordalus, der alte Schäbbige wird sich das Fräulein morgen in aller Früh abholen – er bringt auch gleich ein paar Kunden mit, mir scheint, aus Britannien! Toxilus   zum Lemniselenis: Verlaß dich auf mich – Lemniselenis   Ja. Paegnium   stürzt aus der Villa: Toxilus, Toxilus! Die Kasse ist geplündert! Geplündert! Aufseher   Was?! Die Kasse?! Paegnium   Drei warens, drei Verbrecher! Ich hab sie deutlich gesehen! Kommt schnell, schnell – vielleicht erwischt Ihr sie noch! Aufseher   Ich dreh ihnen die Hälse um! Rasch ab mit Paegnium in die Villa. Matrosa   zu Toxilus: Na, hab ich geträumt? Toxilus   Nein. Den Göttern sei Dank – Matrosa   horcht auf: Was murmelst du da? Matrosa   blickt ihn mißtrauisch an; zu Lemniselenis: Kommt! Lemniselenis   Nein. Matrosa zuckt die Schultern und ab in die Villa. Toxilus lauscht in die Nacht. Sind sie entkommen? Toxilus   wie zuvor: Wenn sich nichts rührt, dann ja – Stille. Lemniselenis   Ich höre nichts. Toxilus   Ich auch nichts – Er legt seinen Arm um ihre Schultern und blickt zum Himmel empor. Oh Jupiter, allmächtiger, hehrer Sohn der Rhea Höchster Gott! Aus dessen Händen Reichtum, Hoffnung, Heil entströmt Aus tiefstem Herzen bringe ich Dir Opfer dar Weil hilfreich Du dem Freund zur Flucht verhalfst Weil freundlich Du dem Freund Gelegenheit gabst Mir den allergrößten Dienst zu tun: Gestohlenes Geld zu bringen in Geldesnot. Lemniselenis! Morgen bist du frei! Dritter Akt Am nächsten Morgen. Wieder scheint die Sonne, doch diesmal wie durch Nebel, trotz des blauen Himmels. Die Sklaven und die Sklavinnen sitzen vor der Villa und frühstücken. Matrosa, mit einem Verband um den Kopf, Paegnium und der Aufseher sind auch dabei. Aufseher   zu Paegnium: Du hättest ihm ein Bein stellen sollen, zimperlicher Bursche! Paegnium   Ich? Aufseher   Jawohl, du! Mit Einbrechern muß man deutlich dischkurieren! Bein stellen und schon drauf, Daumen in die Augen, Knie auf die Brust, Knöchel verdrehen, Arm auskegeln, Tritt übers Schienbein und ein Schlag mit der Kante der äußeren Handfläche nach der Gurgelgegend – das hätt sich gehört! Aber nicht weglaufen mit Hilfegeplärr! Dann hätten wir jetzt diese Wegelagerer und das Geld in der Kasse wär gerettet! Matrosa   Du redest dich leicht mit deiner Muskulatur! Aber dies schmächtige Bürscherl hätts mit einem solchen Halunken aufnehmen sollen?! Du hättest den sehen sollen, der mir eine über den Schädel gehaut hat – breit wie ein Bär und stark wie ein Ochs! Paegnium   Und außerdem warens zu dritt! Aufseher   Zu dritt – zu dritt! Wie ich in deinem Alter war, habs ichs mal mit sechs allein aufgenommen – mit sechs Riesen, die kleinere Bäum mit der linken Hand samt den Wurzeln aus der Erde gerissen haben, und zwar aus einem steinigen Boden – Matrosa   unterbricht ihn: Nanana! Du renommierst schon manchmal, wie unser Herr Gloriosus! Aufseher   herrscht Matrosa an: Vergleich mich nicht mit dem Trottel, ja?! Die Sklaven lachen. Aufseher   herrscht die Sklaven an: Ruhe! Lacht nicht! Kuscht und freßt! Ein Sklave   Kusch selber und friß! Aufseher   schnellt empor: Was?! Der Sklave   Vergiß es nur ja nicht, daß du keine Peitschen mehr hast! Freu dich lieber, daß wirs vergessen, daß du mal eine gehabt hast! Glotz nicht so blöd, sonst schütt ich dir meine Suppe ins Gesicht! Aufseher   überaus perplex: Was sagt man! Paegnium   Kusch und friß. Aufseher   Wie bitte?! Das wagst du? Mir? Dem älteren Mann?! Paegnium   Du bist ein Sklav, genau wie ich! Aufseher   So? Na paß nur auf, was ich dir geben werde – Paegnium   wird immer frecher: Nichts. Du hast ja nichts. Aufseher   Mich sollen doch alle Götter strafen – Paegnium   fällt ihm ins Wort: Das wünsch ich dir auch als guter Freund. Aufseher   Jetzt steht die Welt nimmer lang! Eine Sklavin   schrill: Hoffentlich! Hoffentlich geht bald alles unter! Stille. Paegnium   Apropos untergehen: wo unsere Herrschaft jetzt wohl segeln mag? Matrosa   Segeln wird sie kaum, denn es weht ja nicht das geringste Lüftchen – Ein Sklave   Es ist schwül, als käm ein Wetter. Paegnium   Ich seh noch keine Wolke – Eine Sklavin   Oh, das geht rasch! Aufseher   Ohne Wind wird nur gerudert, gerudert. Die Sklaven   singen: Bet und ruder! ruft die Welt Bete kurz, denn Zeit ist Geld! An die Kette pocht der Tod Bete kurz, denn Zeit ist Brot! Und Du ackerst und Du säst Und Du nietest und Du nähst Und Du hämmerst und Du spinnst Sag, oh Sklav, was Du gewinnst! Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht Schürfst im Erz- und Kohlenschacht Füllst des Überflußes Horn Füllst es hoch mit Wein und Korn. Alles ist Dein Werk! Oh sprich Alles, aber nichts für Dich! Und von allem nur allein Die Du schmiedst, die Kette, Dein – Was Ihr hebt ans Sonnenlicht Schätze sind es für den Wicht Was Ihr kleidet und beschuht Tritt auf Euch voll Übermut. Bet und ruder! ruft die Welt Bete kurz, denn Zeit ist Geld! An die Kette pocht der Tod Bete kurz, denn Zeit ist Brot – Aufseher   zu Matrosa: Wieviel war denn eigentlich in der Kasse? Matrosa   in Gedanken: In was für einer Kasse? Aufseher   Na in unserer Kasse, die gestern geplündert worden ist! Matrosa   Ahso! Keine Ahnung – Paegnium   Das weiß nur Toxilus persönlich, denn er hat die Schlüssel zur Kasse. Matrosa   horcht unwillkürlich auf: Toxilus? Soso. Aufseher   horcht auf; zu Matrosa: Was heißt das? Dieses eigentümliche »soso«? Matrosa   Nur so. Stille. Aufseher   Du willst doch damit nicht soso etwa ausdrücken, daß unser allseits verehrter Freund Toxilus soso die Finger im Spiel dabei – Matrosa   fällt ihm ins Wort: Ich will nichts gesagt haben! Aufseher   Soso. Er braust plötzlich auf. Aber das wär ja allerhand! Paegnium Natürlich hat er seine Finger dabei. Matrosa   Was redest du da?! Schämst du dich nicht?! Paegnium   Ich weiß Bescheid. Matrosa   Nichts weißt du, nichts, Lausbub verteufelter! Aufseher   zu Matrosa: Ich versteh deine eigentümliche Aufregung nicht – Matrosa   fällt ihm ins Wort: Ich kann es nicht leiden, daß jemand beschuldigt wird ohne zwingende Beweise – oh, ich kenn das selber! Wie oft hat man mich schon verleumdet! Aufseher   schreit: Also was ist los?! Hat er die Finger im Spiel – ja oder nein?! Paegnium   Ich hab ihn nämlich zuvor belauscht, bei Lemniselenis – Matrosa   unterbricht ihn: Was?! Er steckt schon wieder bei ihr?! Paegnium   Er steckt noch immer bei ihr! Matrosa   Skandal! Na, lang dauerts nimmer, der Dordalus muß ja jeden Moment erscheinen – Aufseher   unterbricht sie brüllend: Dordalus hin und her! Was ist also mit seinen Fingern?! Paegnium   Sie stecken drin! Er hat das Geld! Alle Sklaven   die interessiert nähergetreten waren: Das Geld?! Paegnium   Toxilus hat das Geld! Aufseher   schnappt außer sich nach Luft: Mich trifft der Schlag – Er muß sich setzen. Paegnium   zu den Sklaven: Grad hat er es seiner Lemniselenis erzählt, wie sich der Oberdieb wieder hergeschlichen, knapp vor Sonnenaufgang, und wie ihm der Gauner das Geld abgezählt überreicht hat – sechshundert Silberlinge! Aufseher   schnellt wieder empor: Wieviel?! Alle Sklaven   Sechshundert?! Paegnium   Ja. Stille. Aufseher   zu den erstarrten Sklaven: Hört ihr das? Hört ihr es, wie sich euer Toxilus benimmt – euer Abgott, euer Wohltäter, euer Götterliebling?! Wenn ihr müde von des Tages Last im Keller ruht, räubert er die Kasse aus, aber wenn die Herrschaft zurückkommt, kriegt ihr die Prügel, ihr, inklusive mir, weil hier eingebrochen worden ist – aber diese Prügel sind euch vielleicht am End noch wurscht, ihr Haus- und Hofteppen, ihr seid es ja im Stand und kümmert euch nur um die Prügel, die ich austeil! Was sagt ihr nun zu Toxilus?! Alle Sklaven   nehmen langsam, fast feierlich, ihre Masken ab; alle Leidenschaften werden sichtbar; im Sprechchor: Wir alle, jeder und jede, hätten das Geld auch genommen Wenn uns die Gnade der Götter hätt einen Weg gewiesen Um ohne Gefahr und frei von lästiger Störung Die Kasse der Herrschaft zu plündern. Wir alle Hätten so gerne gestohlen Ohne an die Unbill der Unschuld zu denken. Doch in diesem Falle Wo von der Missetat keiner und keine von uns etwas hat Holen wir uns den Missetäter, ihn zu verprügeln nach Noten! Aufseher   Nach Noten! Alle   außer Matrosa: Toxilus! Toxilus! Lemniselenis   tritt rasch aus der Villa: Ihr ruft seinen Namen?! Er schläft grad und träumt – oh still, wecket ihn nicht auf! Aufseher lacht höhnisch hellauf. Nicht doch, nicht so laut! Sie blickt nach der Villa. Reißt ihn nicht aus Morpheus Armen – Aufseher   Moment! Er entledigt sich seiner Jacke und krempelt die Ärmel hoch – und auch alle Sklaven tun desgleichen, soweit sie welche haben. Lemniselenis   ahnt Unheil, sehr besorgt: Um aller Götter Willen – was wollt ihr von meinem Mann? Aufseher   herrscht sie an: Her mit dem Geld! Wir sind im Bilde und wissen alles! Alle Sklaven   Alles! Alles! Aufseher   Her mit den sechshundert Silberling und zurück damit in die Kasse! Alle Sklaven   Oh Freund, nicht in die Kasse gebe der Mann das Geld zurück. Das Geld, das er durch frevle Tat in tiefer Nacht sich erworben Lieber verteile er es unter uns, wenn er es eh schon besitzt Damit auch wir uns an seinem Verbrechen erfreuen! Aufseher   Ah da schau her! Toxilus   der während der Sklaven Chor verschlafen und gähnend aus der Villa trat, dann die Ohren spitzte, ruft nun plötzlich: Nur auf ein Wort, oh Freunde! Alle   bemerken ihn erst jetzt; drohend: Toxilus! Toxilus  Mitsklaven! Wie rührt mich zu innerst unser Schicksal Das mich mit allen Fasern der Seele an euch kettet – Er muß gähnen. Hier steht ihr nun vor mir Söhne und Töchter aus allen Teilen der Welt Und wollt mit mir teilen das Geld Das ich gestohlen – Er muß wieder gähnen. Die Sklaven werden angesteckt und müssen auch gähnen. Aufseher   zu den Sklaven: Gähnt nicht! Er wickelt euch ein! Toxilus   Ich wickle nicht! Weder euch ein, noch mich heraus! Beim Jupiter, das hat ein Toxilus nicht nötig! Kennt ihr mich denn nicht mehr, mich, eueren Freund – habt ihr es denn vergessen, wie oft ich euch beschützte vor Hoffart, Wut und Übermut unserer Herrschaft?! Und – Er deutet auf den Aufseher – vor jenem! Hab denn nicht ich ihm erst gestern seine Peitsche genommen – ja oder nein?! Aufseher   Jawohl! Damit ich dir nicht auf die Finger klopfen kann, wenn du die Kasse öffnest! Alle Sklaven   zum Aufseher: Gib Ruh! Gib Ruh! Sie gähnen. Toxilus   Ihr alle, jeder und jede, habt schon mal »Danke!« zu mir gesagt – »Danke!« für irgendeinen, großen oder kleinen, Dienst. Aber heute, Freunde, laßt auch mich mal danken dürfen – euch danken! Gewährt mir die Bitte, erlaubt es mir, seid so gut – Die Sklaven krempeln die Ärmel wieder herab. Toxilus   lächelt leise. Gewiß, wer würds nicht verstehen, wenn ihr mich steinigen wolltet, denn ich hab ja sechshundert Silberlinge in der Tasche! Und ihr denkt, ich hätte an euere Buckel nicht gedacht, nicht an die Prügel, die ihr für mein Geld kassiert – oh Irrtum! Natürlich hab ich mit euerer Unschuld gerungen, und hab es aber trotzdem gestohlen! Aufseher   Er brüstet sich noch! Er muß plötzlich heftig gähnen. Toxilus   zum Aufseher: Gähne nicht, wenn sich ein braver Mann vor braven Menschen verteidigt! Alle Sklaven   Heil Toxilus! Heil! Toxilus   zu den Sklaven: Lange hab ich alles erwogen und hielt eine Waage in der Hand. Dann warf ich meine Ehrlichkeit und euere Buckel in die eine Schale und in die andere legte ich säuberlich die Silberling – und siehe! Die Silberlinge wogen schwerer! Ganz droben, fast unsichtbar hoch, hingen euere Buckel und meine Ehrlichkeit – und ganz tief herunten das Geld. Aber es wog nur deshalb so schwer, weil ich es nicht für mich geraubt, sondern für eine Sklavin, die ich freikaufen möchte. Es geht um eueresgleichen! Helft mir! das ist meine Bitte an euch. Rettet sie! das sei euer Dank an mich. Kauft sie frei – Lemniselenis! Eine Sklavin   Was, die?! Das nennst du eine Sklavin?! Das wär mir eine feine Sklavin – nichts arbeiten, nur auf seidenen Kissen herumlümmeln und sich parfümieren! Für sowas soll ich meinen Buckel hinhalten?! Nein, nie-nie! Kauf eine häßliche frei, eine arme Sklavin, aber keine Reiche! Lemniselenis   Oh Schwester! Was weißt du von der reichen Sklaven Leid! Ich liege auf Kissen und Polstern – doch mein Herz liegt auf Stein. Was weißt du von der armen Schönheit Kummer? Wie schwer ist es Liebe zu geben für Lohn – Die Sklavin   Lüg nicht! Lieben ist leichter, als arbeiten! Ein Sklave   zur Sklavin: Sei so gut! Die Sklavin   Laß mich, Mann! Zu Lemniselenis. Hochmütige Gans! Lemniselenis   Du hast recht, wenn du mich beschimpfst – und doch nicht recht. Ja, ich lüge fast immer, aber diesmal lüge ich nicht, so wahr es einen Jupiter gibt, eine Venus und einen Phöbus Appolon! Es war nicht Hochmut, daß ich wegsah, wenn ich an euch vorbeiging – es war Angst, Angst vor eueren Augen. Aber jetzt seh ich euch alle an und möchte keinen von euch vergessen, möchte immer schauen in der Armut Gesicht – und wenn ihr mich jetzt freikauft, dann will ich es vor allen Göttern versprechen, daß ich immer für euch sorgen werde! Betrachtet mich als euer Schwert! Schickt mich als freien Menschen unter unsere freien Feinde hinein! Ich mähe sie alle nieder – jeden und jede, die mir begegnen! Ihr braucht nur zu befehlen und ich hol mir die Seuche, die euch am bekömmlichsten dünkt, um unsere Feinde auszurotten – ich möchte sie alle ausrotten und als letzte dann mich selbst, als die letzte Freie! Nicht mitzulieben, mitzuhassen bin ich da! Sie umarmt Toxilus. Alle Sklaven   Heil Lemniselenis! Heil! Wir kaufen Dich frei! Wir kaufen Dich frei! Mit dem Pfeil dem Bogen Kommt der Schütz gezogen! Über Berg und Tal Rauscht der Wasserfall! Heil! Heil! Heil! Ein Wort ist ein Pfeil! Toxilus   unterbricht die Sklaven: Halt! Warum solch sinnlos Reden, Freunde?! Warum berauscht ihr euch am Wort? Denkt doch lieber, denkt! Alle Sklaven   horchen auf: Denken? Sie sehen sich gegenseitig an und denken dann, jeder für sich. Stille. Toxilus   Nun? Alle Sklaven   Wir denken, doch es kommt nichts dabei heraus. Wir denken, es müßt uns wer was sagen. Wir denken, daß wir warten. Toxilus   mit ganz leiser Ironie: Auf was warten wir denn? Matrosa   plötzlich: Toxilus! Was geschieht denn eigentlich mit mir, wenn Lemniselenis frei wird? Toxilus   Mit dir? Da du gewissermaßen nur die Zuwaag bist – wirst mit ihr gekauft und verkauft und wirst also auch mit ihr frei! Matrosa   überglücklich: Frei?! Ich auch?! Toxilus   Logisch! Matrosa   Frei! Oh großer Gott im Himmel – nein, daß ich das noch durft erleben! Achtundfünfzig Jahre bin ich nun gefangen und plötzlich frei, frei – wie dank ich dir, mein lieber Gott! Sie sinkt in die Knie, bekreuzigt sich, betet unhörbar, bekreuzigt sich wieder und steht auf. Alle sahen ihr verblüfft zu. Aufseher   zu Matrosa: Was hast denn jetzt getan? Matrosa   Ich habe gebetet. Toxilus   Gebetet? Seit wann betet man denn so? Matrosa   Zu meinem Gott betet man so. Aufseher   Was ist denn das für ein Gott? Matrosa   Niemand kann ihn sehen – Toxilus   wirft einen Blick auf Lemniselenis: Aha! Und du triffst ihn unter der Erde? Matrosa   Noch muß er sich verstecken, denn er ist unser Vater – der liebe Gott der Sklaven. Stille. Toxilus   zu Matrosa: Was predigt denn dieser neue Gott? Lemniselenis   sanft: Daß alle Menschen Brüder sind. Alle Sklaven   Alle? Matrosa   Ja. Ob reich, ob arm, ob frei oder unfrei – alle Menschen sind Kinder unseres Vaters im Himmel. Alle, alle! Dordalus, der Sklavenhändler aus Pompeji, kommt von links; er schreitet neben einer Sänfte einher, die von Trägern getragen wird; in der Sänfte sitzt ein Praetor aus Pompeji; einige Liktoren eskortieren das Ganze. Dordalus   zu den Trägern: Halt! Die Träger halten. Zum Praetor. Wir sind nämlich bereits am Ziel, Euere hochwohlgeborene Exzellenz! Praetor   Endlich! Doch behalt deine orientalischen Titeln für dich, ich bin der Praetor von Pompeji und das genügt! Er steigt aus der Sänfte und sieht sich um. Hm. Also dies ist jene Villa – Dordalus   Jawohl, oh Praetor! Praetor   blickt auf das Dach der Villa: Köstlich, dieser Fries – gelungene Raumeinteilung. Dordalus   Wirkt wie ein Tempel, und doch wohnt nur ein gerissener Gauner drin – Praetor   fällt ihm ins Wort: Ich kenne den Herrn! Dordalus   Ich bin zwar kein Antipunist, doch wahr ist, was wahr ist: die Römer haben die Welt, die Punier das Geld! Praetor   Wie abgeschmackt! Schaff mir lieber endlich deine Hetäre herbei, ich bin ja schon überall wund – fünf Stunden in einer Sänfte, wer hält denn das aus! Dordalus   Sofort-sofort! Zu den Sklaven. He, Sklavengesindel! Verfluchtes Pack, wo steckt denn das herrlichste Geschöpf Lemniselenis, das lieblichste Kind von Lemnos? Ich bin Dordalus, euer Händler! Lemniselenis   Hier bin ich! Dordalus   zum Praetor: Dort ist sie! Praetor   Ich habs gehört, ich bin nicht taub! Dordalus   Sie ist das entzückendste – Praetor   unterbricht ihn schroff: Ich bin nicht blind! Stille. Praetor   betrachtet Lemniselenis; plötzlich. Dreh dich um! Lemniselenis lächelt leise, wirft einen flüchtig-schalkhaften Blick auf Toxilus und dreht sich um. Dordalus   zum Praetor: No? Stille. Praetor   betrachtet Lemniselenis: Hm. Als Richter verdiene ich pro Prozeß normalerweise fünf bis zehn Silberlinge, und wenn ich ein Auge zudrück fünfzig, zwei Augen hundert. Aber heutzutag langt den meisten Leuten leider schon ein Auge, sie lassen sich lieber ein bisserl foltern, es hat halt niemand ein Geld. Zu meines Vaters Zeiten kosteten ein paar Hetären zwanzig Silberlinge und an einem Prozeß verdiente man hundert – hundert pro Auge! Zu Lemniselenis. Dreh dich wieder um! Lemniselenis folgt und scheint amüsiert zu sein. Dordalus   Zwanzig Silberling für ein paar Hetären – das muß aber schon hübsch lang her sein! Praetor   betrachtet noch immer Lemniselenis: Das war noch seinerzeit, wie der Vesuv ausgebrochen ist – wenn nämlich alles unter der Lava liegt, prozessieren die Leut am liebsten wegen ihrer Grundstücksgrenzen. Also: was soll das Kind kosten? Dordalus   Wenig. Praetor   Wenig ist garnichts. Dordalus   Bei mir ist wenig ein bisserl mehr. Praetor   Wieviel? Dordalus   Nicht viel – Praetor   Also? Dordalus   Sagen wir – was sagen wir? Praetor   Was weiß ich! Dordalus   Wären also, sagen wir, zirka – für einen Praetor von Pompeji – Praetor   unterbricht ihn: Wenn ich kaufe, bin ich kein Praetor, sondern ein einfacher freier Bürger! Dordalus   Ojjweh, das hab ich nicht gern! Praetor   Gern oder nicht gern, mir wirds jetzt zu dumm! Zeit ist auch Geld, also sagen wir: fünfzig! Dordalus   Fünfzig? Fünfzig Silberlinge? Für diese Figur, diese Haar, diese Beine, diese – Praetor   unterbricht ihn: Also wieviel?! Dordalus   Nicht unter dreihundert! Praetor   Dreihundert?! Und das nennst du wenig?! Dordalus   frech: Bei mir ist das wenig! Stille. Praetor   zu Lemniselenis: Dreh dich nochmal um – Lemniselenis dreht sich um. Praetor   betrachtet sie wieder. Hm. Eigentlich hab ich mir ja was anderes vorgestellt – Dordalus   Wieso? Praetor   Offen gesagt: mein Fall ist das nicht. Die ist mir zu zart – Dordalus   wird nun immer gehässiger: Was Ihr nicht sagt! Praetor   Die Zarten gehen einem nämlich leicht auf die Nerven und ich brauch etwas fürs Gemüt, ich neige eh zu Melancholie. Dordalus   Ihr kauft sie also nicht? Praetor   Nein. Lemniselenis   verbeißt das Lachen: Darf ich mich wieder umdrehen? Praetor   Dreh dich nur, Kind – Lemniselenis dreht sich wieder um. Dordalus   zum Praetor: Und wer zahlt die Sänfte hin und her? Praetor   Du. Dordalus   Ich? Praetor   Ja. Dordalus   Und wenn ich mich weiger? Praetor   Dann verurteil ich dich dazu. Dordalus   Oh Merkur, Gott der Kaufleute, hilf einem ehrlichen Handelsmann! Praetor   Du und ein ehrlicher Handelsmann?! Lästere nicht! Verspricht, mir in Pompeji eine überirdische Hetäre zu zeigen, eine reine griechische Aphrodite, ich vertag einen ganzen Prozeß, laß mich da mühsam heraustragen und was muß ich sehen?! Ein armseliges Geschöpf mit überall nichts dran – falsch eingehänkte Füß, abstehende Ohren, schiefer Mund, gelbe Haar, wo sie ihre Nase hat, erkennt man überhaupt erst nach längerem Hinschauen – und schielen tut sie auch! Toxilus   kann sich nicht mehr beherrschen: Was?! Lemniselenis schielt?! Praetor   zu Dordalus: Wer redet da zu mir? Dordalus   Was weiß ich, was gehts mich an! Toxilus   Ich rede, ich! Wie könnt Ihr es wagen, an diesem göttlichen Geschöpfe ein Haar in der Suppe – Lemniselenis   unterbricht ihn erschrocken: Halt, nicht – Toxilus   unterbricht sie: Nein, das halt ich nicht aus! Ich laß das nicht zu! Abstehende Ohren, hat er gesagt! Schiefer Mund, hat er gesagt! Gelbe Haar, falsch eingehänkte Füß! Oh Götter, nein-nein, jetzt werde ich es aller Welt beweisen, was an dir dran ist, und zwar überall dran – denn ich, ich versteh was von der Schönheit der Damenwelt! Praetor   Ein vermessener Bursche! Toxilus   Dordalus, du alter Hafen, schäbiger Mist voll Gier und Neid – hier, hier hast du sechshundert Silberlinge – Er zückt einen Geldbeutel. Dordalus   Sechshundert?! Toxilus   Jawohl, sechshundert! Denn Lemniselenis ist sechstausend wert! Nimm es, räudiger Geldgeier, ich kauf das Mädchen frei! Dordalus   Ein Wohltäter! Gemacht, Herr, gemacht! Aber das Geld müßt Ihr leider behalten, ich hab ja die Dame nur in Kommission zum Verkauf – wenn Ihr sie freikauft, dann gehört das Geld nicht mir, sondern dem Herrn Präsidenten Thago! Toxilus   perplex: Wem? Dordalus   Nun, dem Herrn, der hier wohnt. Legt es in seine Kasse! Toxilus   Wohin?! Dordalus   In seine Kasse. Mit Freikaufereien hab ich leider nichts zu tun – Praetor   fällt ihm ins Wort: Aber vielleicht ich, und zwar in meiner Eigenart als Richter! Es will mir nicht recht in den Kram, daß da irgendsoein Bursche für eine Hetäre, die mir mißfällt, mirnichts-dirnichts sechshundert Silberlinge – Er fixiert Toxilus. Wer seid Ihr denn? Euer Name? Toxilus   wird etwas unsicher: Toxilus. Praetor   Auch ein Name! Euer Stand? Toxilus   Ich bin hier der Oberkammersklave – Dordalus   fällt ihm ins Wort: Sklave?! Praetor   Ahnt ich es doch, daß hier etwas nicht geheuer! Nun, sag mir mal, Toxilus, wieso kann ein unfreier Mann zu soviel Geld kommen? Toxilus   Nur durch der Götter Fügung und die Gnade seiner Herrschaft. Mein Herr hats mir geschenkt. Praetor   Wie kann ein Mensch nur so dumm lügen! Toxilus   Hoher Praetor! Die Wahrheit – Praetor   unterbricht ihn: Kein Wort mehr, Schluß! Wir werden die Dinge ordentlich klären, tröste dich! Dein Herr ist verreist? Toxilus   wird immer unsicherer: Ja, in die Sommerfrische. Praetor   Und wann kommt er wieder? Toxilus   Bei meinem Herrn dauert der Sommer manchmal ein halbes Jahr. Er ist nach Kreta – Praetor   fällt ihm ins Wort: Ein halbes Jahr? Dann werden wir es also erst im Winter erfahren, ob du im Frühling die Wahrheit gesprochen hast. Bis dahin wirst du mich wohl nach Pompeji begleiten müssen – Zu seinen Liktoren. Verhaftet ihn! Lemniselenis   Nein! Oh hoher Praetor, er sagt die Wahrheit, glaubet mir, auch wenn Ihr mich nicht für schön findet! Ich selber war ja dabei, wie der Herr ihm das Geld gab, ich schwör Euch jeden Eid, der Euch heilig ist! Aber wenn Ihr ihn jetzt trotzdem einkerkert, dann kerkert auch mich ein – auch mich! Sie weint. Praetor   lächelt: Ach, ist Amor mit im Spiele? Leise zu Lemniselenis, damit es Dordalus nicht hört. Liebes Kind, im Vertrauen: ich finde dich sehr schön – und ich hab dich zuvor nur deshalb für häßlich befunden, weil du mir zu teuer warst. Verzeihe einem armen Richter – jetzt lächelst du wieder! Ich bin auch kein Unmensch und würde dir gerne deinen Toxilus gönnen, aber Recht muß Recht bleiben, sonst hört sich unsere menschliche Gesellschaft auf und alles geht drunter und drüber – Bagnio   kommt mit seinem Prügel rasch hinter der Villa hervor und ruft: Toxilus! Toxilus! Das Schiff ist untergegangen, das ganze Schiff! Matrosa   Was für ein Schiff, um Gottes Willen?! Bagnio   hocherfreut: Das Schiff Euerer Herrschaft! Toxilus   Was redest du da?! Alle Sklaven   Untergegangen?! Bagnio   Und ob! Ich lag heut früh auf meinem Felsen, von dem man das halbe Meer überschaut – von dort verfolgte ich Euere Fregatte! Plötzlich, aus heiterstem Himmel heraus, ballt sich da ein Gewitter zusammen, ein Blitz und bumm! der Kahn ist futsch! Habedieehre mit Mann und Maus! Euere Herrschaft ist nicht mehr! Alles ersoffen, alles! Aufseher   Ersoffen?! Bagnio   erblickt erst jetzt den Praetor und erschrickt: Huj, der Praetor von Pompeji! Praetor   Wer bist du? Bagnio   Ihr kennt mich nicht? Praetor   Keine Ahnung! Bagnio   Sehr angenehm! Zu Toxilus. Er hat mich zwar schon ixmal verdonnert, aber wahrscheinlich sah er mir dabei nie in die blauen Augen – Er grinst und will seine Hand auf Toxilus Schulter legen. Toxilus   Rühr mich nicht an, ich bin verhaftet! Bagnio   erschrickt sehr: Verhaftet?! Bimbambum! Praetor   Jetzt nicht mehr. Toxilus, du bist frei! Lemniselenis   hochbeglückt: Frei?! Praetor   Du sagst es – denn wo kein Kläger, kein Angeklagter, und die Beweise seiner Schuld liegen am Meeresgrund – Er blickt zum Himmel empor. Lemniselenis   Fein, fein! Sie umarmt sich mit Toxilus. Alle Sklaven sehen beglückt aus. Praetor   blickt noch immer empor: Schrecklich ist manchmal das Walten der Götter Rätselhaft ihr Urteil Unfaßbar für einen irdischen Richter. Oh Jupiter! Du erschlägst das Recht mit Deinem Blitz Und läßt das Unrecht triumphieren – Sagt, Götter, was habt Ihr vor mit unserer Welt?! Stille. Praetor   wendet sich langsam lächelnd an seine Liktoren: Kommet! Wir warten umsonst auf Antwort – Ab nach links mit Dordalus und den Liktoren. Lemniselenis   Freude, doppelte, dreifache Freude! Alle Sklaven   Freude, Freude, Freude! Musik erklingt. Toxilus   Jetzt laßt uns singen – die Herrschaft ist hin! Lemniselenis   Singen und tanzen! Bagnio   Und saufen! Toxilus   zu den Sklaven: Hinein mit euch, öffnet alle Schränke und Truhen! Ziehet die Fetzen der Herrschaft an! Bagnio   Und was ihr nicht anziehen könnt, das zerfetzt in Stücke! Toxilus   Wein her! Alle Fässer, alle Flaschen! Bagnio   Zerschlagt das Glas! Toxilus Scherben bringen Glück! Toxilus und Lemniselenis laden euch ein zu ihrem Ball! Und wenns auch nur paar Stunden dauern sollt – wagt es doch mal, frei zu sein! Wagt es! Bagnio   Zertrümmert alles! Alles – alles! Alle Sklaven   befolgen mit Jubel die Ratschläge, kommen aus der Villa in den Kleidern der Herrschaft mit Wein und Braten und Torten; sie singen: Es öffnet sich heute des Sklavenzwingers Tor Da kugelen die Sklavelein ganz haufenweis hervor! Die Männlein und die Weibelein Sie wollen alle Freie sein Sie kugelen, sie kugelen Bald hin und bald her Zu unterst, zu oberst Das freut sie umso mehr! Lemniselenis   Auf dem Meer ist so still, wie die ewig Ruh Kein Orkan drückt der Matrosen Schuh Wölklein, die siehst schon von weitem wehen Heut wirds auch ohne Ruder gehen – Ihr Sklaven, wir wollen nach Kreta fahren Kreta ist jenseits aller Gesellschaftsgefahren In Kreta, dort ist der Wein so süß Dort ist das zweite Paradies – Wir segeln, wir segeln in die Sommerfrisch Lustig im Wasser schwimmt mit uns der Fisch Der uns zur Zeit verspeist gerad Tief drunten im Meeresgrab – Zu den Sklaven. Nun klatscht! Alle außer Matrosa, die sich während des ganzen Balles abseits hält, applaudieren. Aufseher   bereits etwas betrunken: Denn auf den Meeren, da wohnt die Freiheit Ja auf den Meeren ist es schön Allwo die hohen Herren, samt ihrer Freiheit Können untergehen! Toxilus   zum Aufseher: Geistreich! Sehr witzig! Aufseher   gekränkt: Wenn du mir schon die Peitsche nimmst, dann klatsch wenigstens, wenn ich sing! Nicht schön von dir! Bagnio   klopft mit seinem Prügel auf Toxilus Schulter: Fuchs du hast die Gans gestohlen Gib sie wieder her Sonst wird dich der Praetor holen Mit seinem Paragraphenheer – Aufseher   zu Lemniselenis: Prosit ex! Trink aus du kleine Hex! Allgemeiner Tanz. Alle   Ojje, ojje, wie rührt mich das Wie rührt mich das, wie rührt mich das Viel zu lang habt Ihr gelebt Das Kaputtsein kam zu spät! Lemniselenis   Der Blitz schlug ein – Hurrah, wie fein! Er schlug sie alle tot Alle, alle tot! Der Blitz schlug ein – Alle   Hurrah, wie fein! Er schlug sie alle tot Alle, alle tot! Ojje, ojje, der Kopf ist ab Der Kopf ist ab, der Kopf ist ab Wie rührt mich das, wie rührt mich das Wie rührt, wie rührt mich das! Lemniselenis   tanzt mit Toxilus: Ach, wie ist es möglich dann Daß ich dich hassen kann! Hasse Dich so schrecklich lieb Du meiner Freiheit liebster Dieb! Aufseher   Hieb um Hieb! Dick und dünn! Paegnium   Zwirn, Zwirn, Zwirn! Bagnio   Zwirn ist kein Strick Dünn oder dick! Er macht die Geste des Gehenktwerdens. Toxilus   Dick oder dünn Strick ist kein Zwürn! Er macht die Geste des Einfädelns. Bagnio und Toxilus   Laßt uns entwürrn! Toxilus   Zwirn, Zwirn, Zwirn Ein Kopf ist noch kein Hirn Ein Hut ist noch kein Kopf Ein Hals ist noch kein Kropf Gedacht, getan, etcetera Für unsereins sind nur wir da! Alle   Gedacht, getan, etcetera Für unsereins sind nur wir da! Lemniselenis   tanzt mit Toxilus einen Walzer: Hunde, die bellen, die beißen nicht Sklaven, die klagen, die morden nicht Herren, die gut sind, die gibt es nicht Die gibt es nicht, die gibt es nicht! Alle   tanzen Walzer, summen die Melodie und singen nur die letzte Zeile: Die gibt es nicht, die gibt es nicht! Paegnium   hatte sich einen Helm des Gloriosus aufgesetzt und betrachtet sich in einem seiner Schilde: Putz den Schild Putz, putz, putz! Nur kein Trutz Trutz, Trutz, Trutz! Wo bin ich, wo bin ich? Seh mich nicht, blend ich Dich – Er schreit plötzlich. Wo seid Ihr jetzt, stolzer Gloriosus?! Erhabener Tepp, siehst du dich jetzt?! Wer putzt dort deinen Schild, wer?! Kämpfst mit tausend Haifischen, Polypen und Seeschlangen und hast sie alle besiegt, was?! Alle lachen. Aufseher   nun total betrunken: Ich gerbt es gern in alle Häute ein Ich ätzt es gern in jedes Herrn Bein Dein ist mein Schmerz Dein ist mein Schmerz Und soll er ewig, ewig dein bleiben – Er fällt um. Alle lachen. Paegnium   plötzlich: Zwirn, Zwirn, Zwirn! Toxilus   Ein Kopf ist noch kein Hirn! Wieder allgemeiner Tanz. Bagnio   Gedacht, getan, etcetera Alle   Für unsereins sind nur wir da! Lemniselenis   Flieg, Delphin, flieg – Ein Krieg ist noch kein Sieg Ein Sieg ist noch kein Frieden Wo ist mein Herr geblieben? Der Blitz schlug ein – Alle   Hurrah, wie fein! Er schlug sie alle tot Alle, alle tot! Bagnio   nähert sich Matrosa: Du Prügel in meiner Linken Was soll Dein heiteres Blinken? Siehst mich so freundlich an Morgen kommst wieder du daran – Matrosa stößt Bagnio von sich. Es donnert und die Musik spielt plötzlich ganz leise. Alle hören auf zu tanzen und horchen auf; sie blicken nach dem Himmel und bemerken es erst jetzt, daß er sich bezogen hat; die Sonne verschwindet. Lemniselenis   bange: Was war das? Matrosa   Es donnert. Bagnio   Das kommt vom Meer – Pause. Toxilus   Es kommt nicht her. Matrosa   Abwarten! Toxilus   Es verzieht sich – Es donnert wieder. Bagnio   zuckt etwas zusammen: Ich glaub, es kommt – Toxilus   Aber nichts kommt! Das geht an uns vorbei und Schluß! Weiter! Wieder laute Musik und allgemeiner Tanz. Alle   Ojje, ojje, der Kopf ist ab Der Kopf ist ab, der Kopf ist ab Viel zu lang habt Ihr gelebt Das Kaputtsein kam zu spät! Lemniselenis   Der Blitz schlug ein – Alle   Hurrah, wie fein! Er schlug sie alle tot Alle, alle tot! Heftiger Blitz und Donner, die Musik verstummt, Sturmstoß – rasch wird es finster. Alle schrecken sehr zusammen. Bagnio   Es regnet! Alle   Es gießt, es gießt! Flieht, flieht! Sie fliehen in die Villa, nur Toxilus, Lemniselenis und Matrosa bleiben unter dem Vorbau bei den Säulen stehen. Zweiter Sturmstoß. Bagnio   Na servus! Also ich vertrag alles, nur kein Wetter! Da krieg ich Nerven! Rasch ab in die Villa. Wolkenbruch. Toxilus   Ein Wolkenbruch. Zu dumm! Lemniselenis   Einmal wär man in seinem Element gewesen – Stille. Matrosa   Habt ihr keine Angst? Toxilus   Wir? Warum? Matrosa   Vor dem Blitz. Toxilus   Nein. Hin ist hin! Matrosa   Und was kommt dann? Toxilus   Frag nicht so dumm – Es blitzt stark, ohne zu donnern. Lemniselenis   zuckt sehr zusammen: Oh! Sie verbirgt das Antlitz an der Brust ihres Toxilus. Toxilus   Fürchte dich nicht – Lemniselenis   Wenn der mich trifft! Toxilus   streichelt sie: Er trifft uns nicht. Matrosa   Wer hat dir das verraten? Toxilus   Frag nicht so dumm! Dritter Sturmstoß – dann wieder Stille. Matrosa   singt leise und spöttisch: Zwirn, Zwirn, Zwirn Ein Kopf ist noch kein Hirn Ein Hut ist noch kein Kopf Ein Hals ist noch kein Kropf Gedacht, getan, etcetera Für unsereins sind nur wir da – Toxilus   Mir scheint, es freut dich, daß unser Ball verregnet? Matrosa   Ja. Toxilus   Wie freundlich! Jetzt glaub ichs bald, du würdest auch singen, wenn uns beide da der Blitz träf – Matrosa   fällt ihm ins Wort: Ihr habt es verdient, daß er Euch trifft – Euch alle! Toxilus   Hoppla! Matrosa   Du tust ja, als hättest du deinen Herrn erschlagen – aber den Blitz sandte ein Anderer! Einer, der unsere Leiden sah – doch wird er uns ebenso erschlagen, wenn wir in unserem Feinde nicht auch den Bruder erkennen – Toxilus   etwas ironisch: Aha! Wieder dieser neue Gott – Matrosa   Immer und ewig. Stille. Lemniselenis   plötzlich zu Matrosa: Ich möcht gern mal mit. Zu deinem Gott. Aber ich hab Angst. Matrosa   Warum? Lemniselenis   Weil man so tief hinunter muß unter die Erde. Matrosa   lächelt: Halb so schlimm – Lemniselenis   Und finster ists drunten! Matrosa   Halb so finster, wie hier! Es brennen immer viele Kerzen. Lemniselenis   wie ein Kind: Ach fein! Die hab ich gern! Zu Toxilus. Du kommst doch auch mit? Toxilus   Warum? Matrosa   Du wirst es nicht bereuen. Toxilus horcht auf. Es ist eine andere Welt. Stille. Lemniselenis   Ich bin schon neugierig. Matrosa   Ja, es ist herrlich bei uns. Und dann singen wir. Toxilus   lächelt, fast traurig: Schöner wie wir zuvor? Matrosa   heiter: Das will ich meinen! Stille. Lemniselenis   zu Toxilus: Nicht traurig sein – Es wird langsam wieder heller. Matrosa   blickt empor: Es geht vorbei – Lemniselenis   blickt empor: Ja. Toxilus blickt auch empor, sagt aber nichts. Die Sklaven   in der Villa – fangen wieder an zu singen: Der Blitz schlug ein – Hurrah, wie fein! Er schlug sie alle tot Alle, alle tot! Toxilus   ruft plötzlich in die Villa hinein: Ruhe! Ruhe! Stille. Ein Sonnenstrahl bricht durch. Lemniselenis umarmt Toxilus.