Ödön von Horváth Die Bergbahn Volksstück in drei Akten Personen Karl Schulz Veronika Xaver Sliwinski Reiter Moser Oberle Maurer Hannes Simon Ingenieur Aufsichtsrat Schauplatz: Hochgebirge Zeit: Vierundzwanzig Stunden Randbemerkung : Dialekt ist mehr als ein philologisches ein psychologisches Problem. Verfasser befolgte im Folgenden weder philologische Gesetze, noch hat er einen Dialekt (hier Dialekte des ostalpenländischen Proletariats) schematisch stilisiert, sondern er versuchte Dialekt als Charaktereigenschaft der Umwelt, des Individuums, oder auch nur einer Situation, zu gestalten. Erster Akt In der Arbeiterbaracke Nr. 4 der Bergbahn A. G. Links Matratzenlager. Rechts Herd und langer Holztisch, darüber Petroleumlampe. Im Hintergrund eine Tür ins Freie, rechts eine nach dem Räume des Ingenieurs. Neben letzterer Telephon. Spätnachmittag. Herbst. Veronika lacht . Karl grimmig : Wie die lacht! Wie die lacht! Veronika Ausgerutscht! Ausgerutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater – Schulz ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, tritt ein; verbeugt sich leicht; er lispelt ein wenig : Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies hier, dies gehört doch zum Bergbahnbau? Veronika Ja. Schulz Dies ist doch Baracke Nummer 4? Veronika Ja. Schulz Hm. Karl Wer san denn Sie? Schulz Mein Name ist Schulz. Karl Was wollns denn da? Schulz Ich möchte den Herrn Ingenieur sprechen. Karl Der is jetzt net hier. Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Karl Suchens Arbeit? Schulz Ja. Karl schnallt sich ein Gestell auf den Buckel : So? Drum. Schulz lächelt verlegen : Eben. – Wann kommt der Ingenieur? Veronika Nit vor der Nacht. Sie nähert sich Karl. Mußt scho nunter? Wieder nunter? Du trauriger Bua – Karl Tu nur net so! So scheinheili! – Alsdann, was brauchst? A Mehl, dreißig Pfund und a Marmelad. Veronika Und an Schnaps. Karl Und an Schnaps. – Und? Veronika Sonst nix. Karl Nix? Veronika Nix. Nix vo dir. Stille. Karl Jetzt glaub ichs, was d'Leut im Dorf redn. Es is scho wahr: Dei Mutter hat mitn Teufl paktiert, an Vater hat ja no kaner gsehn! Veronika Halts Maul! Karl Du bringst bloß Unglück! Lach net! Herrgottsakra! Des Fleisch! Du bist scho des best Fleisch im Land, auf und nieder! Di hat net unser Herrgott gformt; den Arsch hat der Satan baut! – Adies, Höllenbrut! Rasch ab. Veronika betrachtet Schulz; etwas spöttisch: Was wollns denn vom Ingineur? Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Veronika äfft ihm nach: So? Das habe ich nicht gehört. Ab. Schulz allein: Hm. Xaver, Sliwinski, Reiter kommen von der Arbeit mit Spaten, Hacken usw. Xaver und Sliwinski legen sich auf die Matratzen, nur Reiter beachtet Schulz. Reiter Wer bist denn du? Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Reiter lacht kurz: So? Wo hast denn des ghört? Schulz In, in – ich weiß nicht, ob es stimmt. Reiter Des stimmt net. Aber scho gar net. Schulz setzt sich. Reiter lehnt seine Hacke an die Wand und will wieder hinaus, trifft in der Türe auf Veronika, die mit einer Schüssel Kartoffeln und einigen rohen Koteletts eintritt. Veronika Wohin? Reiter Des geht di nix an! Ab. Veronika erblickt Schulz: Jetzt hockt der no allweil da! Schulz Ja. Stille. Eßt ihr hier alle Tage Fleisch? Veronika Ah! Die Schnitzel da san für an hohn Herrn, an Direktor. Der is d'Bergluft nit gwohnt, drum muß er fest essn – was schauns mi denn so an? Schulz Ich dachte nur nach: wann ich das letztemal Fleisch – Veronika Was für Fleisch? Schulz Fleisch – Veronika Aso! Stille. Wendet sich ihm zu. Um Gotts willn! Mensch, was habens denn?! Sie san ja ganz gelb, als warens tot! Schulz Mir ist es nur plötzlich so schwindlig. Das dürfte wohl auch die Luft gewesen sein, die Bergluft, die eben nicht jeder gewohnt ist. Fest essen, fest essen. Veronika setzt sich neben ihn und schält die Kartoffel: Woher kommens denn? Schulz Von unten. Veronika Na, i mein: woher? aus welcher Stadt? Sie san do aus der Stadt, Sie redn ja so. Schulz Ich bin aus Stettin. Veronika Stettin? Schulz Stettin liegt am Meer. Veronika Am Meer? Am richtigen Meer? Schulz lächelt: Am richtigen. Stille. Veronika San Sie schon mal durch Berlin kommen? Schulz Oft! Veronika I, wenn i Sie war, i war nie fort von dort! Schulz Es gibt dort zu viele ohne Arbeit. Veronika I glaub allweil, Sie habn no nit viel garbeitet. Schulz Wieso? Veronika Die feinen Hand! Wie ane Hebamm. Da, schauns meine an: kochn, waschn, scheuern – da platzns und werdn rot, wie der Krebs. Schulz Die müssen Sie einfetten und fleißig baden. In heißem Wasser. Dann wird die Haut wieder sammetweich und elfenbeinern. Am besten: Sie nehmen die Salbe von Meyer et Vogel in der blauen Tube. Veronika Woher wissens denn all das? Schulz Eigentlich bin ich Friseur. Veronika Drum diese Hände! Schulz Ich habe schon viele hundert Frauenhände behandelt. Veronika Geh hörens auf! Schulz Jawohl! Dazumal, als ich in Warnemünde über die Sommersaison arbeitete: im ersten Haus am Platze! Tipptopp! – Fräulein, das war mein goldenes Zeitalter! Ich war, sozusagen, Intimus der Damenwelt. Da war eine Frau Major, die vertraute mir – alles an! Veronika Da habens freili viel ghört und gsehn. Danebn is unserans a neugeborens Kalb. Schulz Ich schätze naive Frauen. Nur zu rasch übersättigen einen die Raffinierten. Veronika Wir habn hier auch an, der scho weit in der Welt rumkommen is. Der alt Oberle, der war kriegsgfangen, in der Mongolei, ganz hint. Bei den Gelbn, Schlitzäugigen und Juden. In Asien. – Waren Sie scho in Asien? Schulz Nein, noch nicht. Veronika So sieht halt jeder was andres. Schulz Durch unseren Beruf bekommt man automatisch Einblick in manche Geheimnisse des weiblichen Wesens. Man enträtselt allmählich die Sphinx. Er hustet stark . Veronika klopft ihm auf den Rücken: Hoppla! Sie solltn nit so viel redn. Die Bergluft – Schulz Ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar, daß Sie mit mir reden. Ich habe nun fünf Tage lang kaum geredet. Da verlernt man selbst die Muttersprache. Man ist überrascht von der eigenen Stimme, wie der Dichter sagt. Er hustet wieder . Veronika ließ ihre Hand auf seinem Rücken; befühlt nun seine Schultern, Arme : Hörens: i glaub kaum, daß Sie hier mitarbeitn werdn; Sie san zu schwach. Schulz Meinen Sie? Veronika Wie der guckn kann! Direkt spaßig! Schulz Sie lachen so schön – Veronika Sie san a komischer Mensch! Schulz Gestatten: mein Name ist Schulz. – Max Schulz. – Und Sie? Veronika Vroni. Schulz Das soll wohl Veronika sein? Veronika Ja. Stille. Habens scho viele rasiert? Schulz Rasiert, frisiert, onduliert – Veronika »Onduliert«? Schulz Das läßt sich nicht so einfach erklären. – Moser erscheint in der Türe. Die Sonne ist untergegangen. Rasch wird es Nacht. Veronika Die Friseur san alle gscheite Leut. Friseur und Dokter. Die kennst kaum ausanand. – Sans verruckt?! Schulz riß sie an sich: Was bin ich? – Schwach? Veronika Lassens! Nit! Ni – Schulz küßt sie. Veronika entdeckt Moser: Jesus Maria!! Moser I habs gsehn! Lüg net! Du Fetzn! Veronika I lüg nit, Moser! Moser I habs scho gsehn, wie Ihr beieinanderhockt! Und jetzt! Veronika Der hat mi überfalln! Meuchlerisch, heimtückisch! I hab bloß gredt, und da hat er mi packt! Moser fixiert Schulz. Schulz weicht zurück. Xaver, Sliwinski sind von den Matratzen aufgeschnellt. Oberle, Maurer, Hannes, Simon traten hinter Moser ein. Moser drängt Schulz an die Wand; breitspurig: Wer bist denn du, ha? Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Moser gibt ihm eine schallende Ohrfeige. Einzelne lachen halblaut. Oberle Moser! Moser Schweig! So a Krüppl ghört zu Mus gtretn! Er schlägt ihm mit der Faust ins Antlitz. Spürst was, Bürscherl? – Der lacht! Wart! Da! Oberle Schlag do kan Krüppl! Moser Halts Maul, damischer Wanderapostl! Predig in der Höll! I glaub an d'Faust! Da, du Lump! Und da! Schulz brüllt plötzlich los: Au! Au! Ich habe ja nichts – Au!! Moser Nix?! So is des a nix! Spürst des »Nix«?! Er schlägt tobend auf ihn ein; immer ins Gesicht. Alle außer Oberle, haben sich zurückgezogen. Schulz wimmert blutüberströmt und bricht bewußtlos an der Wand zusammen. So. Der langt jetzt kaner mehr an den Bart. – Aber heiß werd an bei dem Geschäft. Heiß! Er sauft. Oberle beugt sich zu Schulz nieder. Oberle! Dokter, was macht unser Patient? Fühl den Puls, ob er si bschissn hat! Es stinkt so! Ganz sakrisch! Oberle Halts Maul! – Moser, du kenntest an Menschn niederschlagn, als wars an Ochs. Moser lacht kurz: Vieher san wir alle. I, er und du a. Schulz räkelt sich langsam empor. Oberle Was wollns hier? Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. – Woher hätte ich es wissen sollen, daß das Fräulein einen Bräutigam hat? Moser Naus! Naus! Schulz ab. Es ist Nacht geworden. Simon Licht! Veronika zündet die Lampe an; tritt an den Herd. Alle ziehen sich die Stiefel aus, wechseln Socken, Hemden, Joppen – liegen, sitzen auf den Matratzen oder stehen herum. Gemurmel. Moser zieht sich das Hemd aus: Wer hust da was von Rohheit? Wer? Die paar Pflaster hat si der Hundling redli verdient! War ja glacht! Er a scho mit de grossn Hund pieseln! Pürscht si da ran, der Beihirsch! In diesem Punkte kennt der Moser weder Spezi no Bruder! Will er net kennen! Da werd er wild! – Vroni! Geh her – Daher! Veronika tritt zu ihm ihn. Ha? Hab i den zu stark gschlagn? Veronika Du weißt es nit, wie stark du schlagn kannst. Moser! Du bist a Tier! A wilds Tier! Ausm großn Wald! Moser Und du? Sags! Ha? Veronika Du! Du machst mi zum Tier – Sie beißt in seine Brust. Moser stößt Veronika von sich; grinst Oberle an; gröhlt: Jessas, die wandelnd Nächstenlieb! Stehts auf allesamt! Zu! Präsentierts der frommen Seel! Dem verschleimt Apostl, der Wasser predigt, Luft frißt und do nur Dreck scheißt! So präsentierts do! Zu! Los! Keiner reagiert. Moser sieht sich überrascht um. Ja, Herrgott – Sakrament – Schweigen. Fixiert heimtückisch Oberle; lacht gewollt. Oberle! Oberle! Du hättest Christkind werdn solln! Oder Papst! Oberle Und du Metzger. Oder Henker. Reiter leise: Horch, der Wind – Maurer ebenso: Wie a Opernsängerin. Moser näherte sich langsam Oberle; unterdrückt: Du, geh her! Wie hast du des gmeint, des mit dem – Henker? Oberle Des werst leicht erratn. Er läßt ihn stehen. Simon überlaut, als wollte er etwas überschreien: Wann kimmt denn der Herr? Xaver Was für a Herr? Simon Der Direkter! Hannes Was für a Direkter! Einzelne lachen befreit auf. Sliwinski Der an Ingineur braucht zum aufikeuchn, zwegn dem Großkopf! Xaver Und zwegn der Wampn! Hat an Bauch, wies Goldne Kalb! Maurer War ka Wunder! Schaugts hin aufn Herd, was so a hoher Herr für Brotzeit macht, bal er mal fünf Stund hatscht. Simon Dafür is er a Direkter und du bist bloß der Arbeitsmann. Er dirigiert und schluckt Schnitzl mit Salat und sauft sein Champagnerwein, daß ihm die Sauce bei der Lefzn runterrinnt – und du darfst di schindn und hast an Schmarrn! Hannes Aber an guatn, des muß ma da Vroni laßn! Sliwinski Recht hast, kenigli boarischer Haus- und Hoftepp! Simon Der Kavalier! Der Zawalier! Xaver Geb nur acht, daß di der Moser net derwischt! Moser Was gibts da mim Moser? Oberle Nix. Sliwinski spielt auf einer Mundharmonika. Maurer grinst Moser ins Gesicht: Bravo! Xaver schnalzt: Tanzn sollt ma halt kennen! Tanzn! Simon A Tanz ohne Dirn, is wie a Stier, der net springt! Reiter Zum Landler ghört a Mensch, wie a Köchin zum Kaplan! Maurer singt: Guten Morgen, Herr Pfarrer Wo is der Kaplan? Er liegt auf der Köchin Und kräht wie a Hahn! Schallendes Gelächter. Xaver Kreizkruzefix! War scho höchste Zeit, daß an was Weiblichs zulauft! Alls kannst unmögli nausschwitzn! Simon singt: Und Keiner ist so eigen Und Keiner so verschmitzt Als wie der, der ins Bett macht Und sagt, er hätt geschwitzt – Telephon. – Alles verstummt und horcht. Veronika tritt ans Telephon: Hier Baracke Nummer vier. Ja. – So. Ja. Sie hängt ein. Der Ingineur is unterwegs. Der Direkter übernacht vielleicht auf Nummer drei. Simon Auf Nummer sicher! Sliwinski Den hats zerrissn! Der hat si mit di Berg überhobn! Hannes Wißt Leutl, des mit di Direkter. Des is so: da ghöret a Lift her, wies es in die Wolkenkratzer habn, drübn in Amerika. So an Wolkenkratzer is nämli häher, als inser höchster Berg! Xaver Jawohl, Herr Nachbar. Reiter Des is ja gar ka Direkter, des is an Aufsichtsrat. Simon Richti! Des san die, die allweil aufpassn, ob die andern net faulenzen. Dabei sitzens in lauter Schaukelstuhl und schnupfn. Sliwinski spielt nun ein sentimentales Stück. Maurer Pst! Alle lauschen. Xaver singt leise: Und die Wasserl habn grauscht Und die Bacherl habn plauscht Hannes fällt ein: Aber gschwind, wie der Wind Lassens trauri mi hint – Gesumm. Denn auf den Bergen Da wohnt die Freiheit Ja, auf den Bergen Da, is es scheen – Einzelne summen mit. Da is es scheen – Moser näherte sich Oberle; leise; unsicher: Oberle, du bist so hinterlisti still. – Hast etwa zuvor sagn wolln, daß i den da draußn, daß der da draußn – Oberle Na. Aber bremsn mußt! Sonst könnts leicht mal an Unglück gebn. Der blut nur, aber leicht kennt si mal aner verblutn. Moser grinst: So? Halt! Sag: was hättest denn du dann – hättst ihn gestreichelt und gschmeichelt, hättest Kratzfüß gmacht, daß der Dreck nur so rumgspritzt war, ha? Net zughaut, na na! Und warum net? Weißt warum net? Weil du net kannst! Weil deine Arm ohne Schmalz san, verstehst, du Schleimer! I hab di scho heraußen, Oberle! Oberle Meinst? Moser Jawohl! Sogar sehr! – Oberle, kennst die Hirsch? Was macht denn der Hirsch, wenn a Fremder über sein Rudel kimmt, ha? Der rauft damit! Und dersticht ihn! Der Stärkere den Krüppl, verstehst? Oberle Wir san aber kane Hirsch. Wir san arme Teufl. Wir kennens uns net leistn zwegn an Madl – und wars a ganzer Harem, uns die Schädl zu zerschlagn! Wir müssn des Hirn und all unsere Kraft sparn. Wir habn nur Feind, lauter mächtige Feind! Moser Wo hast denn die Sprüch glernt? Oberle Im Krieg. Da hab i den Feind gsehn, ganz deutli und scharf. – Damals warst du no klein. Hast Schneemanner baut und net lesen kennen. – Komm jetzt! Veronika hatte zwei dampfende Schüsseln auf den Tisch gestellt um den die anderen bereits Platz genommen haben. Oberle setzt sich. Moser folgt ihm langsam nach. Alle essen. Der Wind wimmert und rüttelt an den kleinen Fenstern. Sliwinski lauscht: Der bringt Schnee. Viel Schnee. Reiter Oktober. Nachher werds nimmer gut. Xaver Ja, die Berg warn a zu rot. Schweigen. Maurer Jetzt heut wars scho gar nimmer so einfach. Der weni Neuschnee in der letztn Nacht, da rutscht alls, und drobn des Gröll, des hat der Satan angschaut – da, wer net hinhorcht, da ists glei aus mitn schönen Land Tirol! Schweigen. Reiter Wie hat si nur jetza der geschriebn, dens im Frühjahr runtergwaht hat? Beim Hilfskabel. Da hast schier nimmer gwußt, was da vor dir liegt. Im Sack habns den Brei aufn Gottsacker gschafft. Simon Der Müller Anton wars. Von Pfaffenhofen. Maurer Richti! Ja, des war schreckli. Und a Weib und vier unmündige Kinder. Schweigen. Es is scho a wahre Sünd, was mit die Menschn gtriebn werd. Da turnst herum, wie kaum a gewiegter Turist, rackerst di ab mit Lawinen, Steinschlag, Wetter – und was erreichst? Grad, daß dei Essen hast und a Lager, wie a Unterstand, als hätt der Krieg kan End! Abgschnittn von der Welt. Schweigen. Sliwinski Neuli habens a Ingineur gfeiert. Maurer In der Zeitung is gstanden, er sei unsterbli. Simon Aber von die Totn schreibt kaner! Reiter Die Totn san tot. Oberle hebt langsam das Haupt: Die san net tot! Die lebn! Schweigen. Sliwinski Da liest überall vom Fortschritt der Menschheit und die Leut bekränzn an Ingineur, wie an Preisstier, die Direkter sperrn die Geldsäck in d'Kass und dem Bauer blüht der Fremdenverkehr. A jede Schraubn werd zum »Wunder der Technik«, a jede Odlgrubn zur »Heilquelle«. Aber, daß aner sei Lebn hergebn hat, des Blut werd ausradiert! Simon Na, des werd zu Gold! Xaver Wahr ists. Reiter Allweil. Schweigen . Xaver Allweil des Geld. Hannes Des Geld hat der Teifl gweiht! Maurer Des Grundübel, des is die kapitalistische Produktionsweise. Solang da a solche Anarchie herrscht, solang darfst wartn mit den Idealen des Menschengeschlechts. Die Befreiung der Arbeiterklasse – Simon unterbricht ihn: Des san Sprüch. Maurer Was san des? Simon Sprüch. – Und weist warum? Weil mans nur hört, aber net spürt! Da hat erst neuli einer drunt gesprochn, vor der letztn Wahl wars, und Leut warn da von weit und breit, gstecktvoll! Und gredt hat der, zwa Stund! Vom Klassenbewußtsein und der Herrschaft des Proletariats, und vom Zukunftsstaat, zwa Stund – aber nacher, da hat er mit an Gendarm kegelt, vier Stund! Lauter Kränz habns gschobn, lauter Kränz! An Kenig habns stehn lassn, a jedesmal! Akkurat! – Alle neune, muß heißn! Alle neune!! Maurer Des san Sprüch! Sliwinski Des und des! Was nützt des Redn ohne Macht? Simon Richti! Aber wie willst denn du die Macht erobern? Sliwinski Wie du! Damit! Simon Bravo! Sliwinski Mit der Faust! Er schlägt auf den Tisch. Und, wenns an Oberle a net passn sollt – Oberle Obs an Oberle paßt oder net paßt, des is ganz gleich – aber ob uns mit der Faust gholfen is, des bezweifelt der Oberle. Er glaubt, daß man mit der Faust nix erreicht – Sliwinski unterbricht ihn: Also möcht der Oberle, daß alls so bleibt, wies is. Oberle Es werd net so bleibn. Simon Richti! Es werd no viel schlimmer werdn! Oberle Was weißt denn du, wie schlimm daß es war?! Wie alt bist denn du, ha? Was hast du scho gsehn?! Sliwinski Holla, holla, holla – der sanft Oberle – Reiter Ruhe! Hannes Laßt an do essn! Sliwinski grinst: Friß nur, friß – daß di aber nur net verschluckst! Simon zu Oberle: Entschuldigens, Herr, daß i bisher nur Dreck gsehn hab. I kann aber nix dafür, daß i no net in Asien war – du, du kannst ja a nix dafür! Oberle lächelt: Na, da kann i nix dafür. Mir wars lieber, kannst es glaubn, i hätt des Asien nie gsehn und war heut erst zwanzig Jahr. Sliwinski Jetzt predigt er scho wieder! Simon »Liebe den Kapitalismus wie dich selbst!« Xaver lacht. Sliwinski Der Moser hat recht! Des is an Apostl, auf und nieder! Recht hast, Moser! Moser rührt sich nicht. Schweigen. Oberle Der Moser weiß, daß durch Gewalt nix gedeiht. Nix. Alle starren Moser verdutzt an. Der Moser weiß, daß sei Faust stark is, furchtbar stark – und es kann ja leicht möglich sein, daß er sei Faust mal gebrauchn werd müssn, aber da gabs bloß Blut. Sonst nix. Schulz tritt rasch ein und bleibt verstört in der offenen Tür stehen; sein Gesicht ist blaurot vor Kälte und Blut, sein Anzug zerfetzt, zerschunden. Veronika schreit gellend auf. Moser, Oberle, Maurer, Simon schnellen empor. Alle versteinert. Der Sturm heult in den Raum, fegt ein Glas vom Herde, das klirrend zerbricht und bläst fast die Petroleumlampe aus. Veronika schreit: Des Licht! Des Licht! Simon schreit: Ist d'Höll los?! Maurer Die Tür! Die Tür! Schulz schließt sie und lächelt verlegen. Stille. Schulz Eigentlich wollte ich absteigen, aber ich habe mich verstiegen. Und dann stürmt es so grausam und die Berge wachsen in der Nacht. Man muß es gewohnt sein – darf man sich wärmen? Oberle deutet auf den Herd. Schulz verbeugt sich leicht: Danke. Veronika entsetzt: Er soll si do des Gsicht abwischn! Schulz Warum? Oberle Es is voll Blut. Moser heiser: Vroni! Gib ihm a Tuch! Zu! Veronika reicht Schulz scheu einen Lappen. Schulz Ich danke, Fräulein Veronika. Ingenieur und Aufsichtsrat treten ein; bleiben perplex stehen: Wer ist das? Oberle, was ist denn hier geschehen? Oberle Herr Ingineur – Schulz unterbricht ihn: Herr Ingenieur! Ingenieur Wer ist das? Schulz aufgeregt: Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden! Er überreicht ihm hastig seine Papiere. Hier! Mein Name ist Schulz, Max Schulz. Ingenieur Mensch, wie siehst du aus! Alle außer Ingenieur und Schulz, sehen Moser an. Schulz Ich habe Nasenbluten. Moserwendet sich ab und starrt vor sich hin. Ingenieur fixiert Schulz scharf: So? Schulz verwirrt: Und dann bin ich auch gestolpert, hierherauf, und gestürzt, einigemale – ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Bitte! Moment! Ich bin nicht schwach, ich wirke nur so! Ich bin klein, aber stark – jede, auch die schwerste Arbeit! Ingenieur blättert in den Papieren; lächelt spöttisch: Sie sind Friseur? Schulz Jawohl, jedoch – Ingenieur unterbricht ihn: Bedaure! Rasiere mich immer selbst. Gewaltiger Sturmstoß. Ingenieur fährt zusammen: Hoppla! – Hm. Mensch, Sie haben Schwein. Gut! Ich stelle Sie ein. Wir müssen fertig werden, bevor das Wetter etwa umschlagen sollte. Oberle! Er arbeitet mit auf 3018. Zu Veronika. Mein Essen! Zum Aufsichtsrat. Darf ich bitten! Aufsichtsrat Na bequem ist anders! Ab mit dem Ingenieur nach rechts. Maurer Habts ghört? Paßts auf! Wies Wetter umschlagt, stellens die Arbeit ein! Xaver Was sagst? Reiter Lang san wir nimmer da. Maurer I weiß net, wo i nacher hin soll! Sliwinski I a net. Hannes I scho. Simon Du scho! Freili! Du rollst di in dei Dorf retour und hütst die Gäns im Stall! Hannes Da täuscht di! I, wanns hier zugmacht werd, i geh stehln! Pfeilgrad! I geh stehln! Alle schauen ihn groß an. Zweiter Akt Breiter Gratrücken. Gletscher ringsum. Rechts Arbeiterbaracke Nummer vier der Bergbahn A.\& G. Davor Quelle und primitive Bank. An einer Leine hängt buntgeflickte Wäsche. Links Felskanzel. Vor Sonnenaufgang. Windstill. Ingenieur steht auf der Kanzel und blickt empor. Oberle tritt lautlos aus der Baracke und stellt sich neben den Ingenieur. Ingenieur zuckt zusammen: Ach Sie sind es, Oberle! Oberle San Sie jetzt erschrockn? Ingenieur Wer? Oberle Sie! Ingenieur Ich? Er lacht. Oberle Sie san halt nervös. Ingenieur spitz: Finden Sie? Oberle Sie san halt überarbeit. Sie solltn net alls allein machn wolln. Ingenieur Ich verbiete es Ihnen, sich mit meiner Person zu beschäftigen. Stille. Der Herr wünschen? Oberle I wollt bloß nachschaun. Wies werd. Ingenieur Was denn? Oberle Das Wetter. – Sie passen doch auch aufs Wetter, oder? Ingenieur immer spöttisch aus Unsicherheit: Ich bewundere Ihre Beobachtungsgabe. Alle Arbeiter und Veronika kommen nach und nach aus der Baracke; waschen sich am Brunnen, holen ihr Werkzeug herbei; Veronika verteilt Tee. Oberle Das Wetter is nix. Und werd nix. Ingenieur Das Wetter hält. Oberle Man sieht net durch die Wand. Vielleicht schneits scho drübn, hinterm Grat. Es gfallt mir net, daß so still is. Stille. Ingenieur fast zu sich: Es hält, es hält, es hält. Ich habe eine Idee verkauft. Habe ich mich verrechnet? Ein miserabler Vertrag. Es dreht sich hier nicht um Geld. – Warum erzähle ich Ihnen das? Oberle lächelt: Manchmal muß man halt redn. Sie san ja allweil allein. Ingenieur scharf: Was geht Sie das Wetter an? Maurer Herr Ingineur! Ingenieur Was gibts? Maurer Wir hättn nur a Frag. Es heißt, daß wanns Wetter umschlagt, die Arbeit eingstellt werd, hier obn. Stimmts? Ingenieur Stimmt. Maurer Und daß wir nacher net etwa weiter untn oder anderswo beschäftigt werdn, sondern weggschickt. Ingenieur Und? Maurer Ja, des is nämli a so: des Wetter hält sie höchstns no drei Tag, länger net. Und nacher darfst gehn. Wann wir aber gleich gingen, kenntn wir no leicht unterkommen, druntn beim Straßnbau zwischn Reith und Neukirchn – nacher aber nimmer. Und, wanns halt bloß vom Wetter abhängt, nacher gingen wir halt gleich. Ingenieur Seid ihr verrückt geworden? Simon Werdn wir abgbaut, oder net?! Ingenieur Erstens: das Wetter hält. Hannes Is des so sicher? Ingenieur Zweitens: Keiner wird entlassen. Simon Is des so sicher? Ingenieur Wir müssen es schaffen! Niemand wird entlassen! Stille. Oberle Sie san a gscheiter Mann, Herr Ingineur. – Is des wahr, daß nur Sie zu bestimmen habn? Nur Sie? Ingenieur Das Wetter hält. Es muß. Er steigt empor. Schulz Wie lange haben wir zu steigen? Reiter So zwa Stund. Schulz Wie? Sliwinski gewollt hochdeutsch: Zwei Stunden. Schulz Sind es wirklich nur zwei Stunden? Oberle Ja. Schulz Manchmal vergehen zwei Stunden rasch. Veronika zu Moser: Warum schaust mi denn net an? Schau mi an! Moser I schau ja. Veronika Was hast denn? Moser Nix. Veronika Lüg net! Moser Laß mi! Veronika Mann, was hast denn? Was is denn? Was hab i dir denn getan?! Moser I weiß, was i gtan hab. Stille. Veronika leise: I kann do nix dafür, daß du den gschlagn hast. Moser Meinst? Veronika Wannst mi so anschaust, glaub i schier, i hätt wen umbracht. Moser Mögli. Veronika Moser, tu net als warst a Tier. Moser gehässig: Fürchte dich nicht! Er läßt sie stehen. Simon zu Veronika: So laßn! Veronika Was hab i denn nur gtan? Simon Du brauchst nix gtan zu habn und es gschieht was. Veronika I kann do nix dafür. Simon Des is an Moser gleich. Der geht unter die Apostl. I hab dirs scho mal gsagt, wies kommen werd. Daß aus werd, ganz plötzli. I kenn an Moser. Und di. Veronika Ja, jetzt fallts mir wieder ein. Simon Werst es wieder vergessn? Veronika Na. Ab in die Baracke. Simon, Xaver, Hannes steigen nach links empor. Maurer zu Schulz: Zu! Zu! Es pressiert! Schulz Moment! Man muß es gewohnt sein. Sliwinski Jetzt kimmt d'Sonn. Schulz Wie? Maurer gewollt hochdeutsch: Die Sonne. Schulz Wo? Reiter lacht kurz: Wo? Wo? Jetzt fragt der, wo d'Sonn aufgeht! Maurer Wo geht denn d'Sonn auf bei dir zhaus? Schulz Im Osten. Sliwinski Hergott Sakarament! Jetzt ist d'Sonn scho da, und wir san no allweil net drobn! I geh! I mag da net naufschwitzn in der Hitz! Heut is so so dumpf – als war die ganz Welt a Kasemattn. Er steigt empor. Reiter, Oberle, Maurer folgen ihm nach. Schulz stiert müde vor sich hin; will den Anderen nach. Moser Halt! Schulz erblickt ihn und zuckt etwas zusammen; will weiter. Halt! – Du, hör her – i bin extra etwas hint bliebn, weil i di hab sprechn wolln, weil i mit dir hab redn wolln, wegen gestern. Mancher werd halt leicht wütend, des ist Veranlagungssach, net? Verstehst, aber man meints ja gar net so drastisch. Des gestern, des war – horch! I will di net um Verzeihung bittn, i war ja im Recht, verstehst? Wenn da so a Fremder über dei Mensch kimmt, ha? I hab scho ganz recht ghabt! Net? Oder? – Aber da plärrt gleich alls und Jeder, man is a Rohling, und man hat do recht, das sakrische Recht is do auf meiner Seitn, net? Des versteht do jeder! – Aber, weißt, was i net versteh? Daß i im Recht bin und daß es mir trotzdem is, als hätt i Unrecht gtan – verstehst du des? Kann des a Mensch verstehn?!     Steiler Grat. Gletscher ringsum. Ziehende Wolken. Stoßweise Sturm. Vormittag. Simon, Xaver, Hannes ziehen ein Kabel, das über eine Walze aus der Tiefe nach der Höhe rollt, empor: »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« verschnaufen ab und zu; wechseln wenige Worte. Simon Der sakrische Sturm! Da kannst schier nimmer schnaufn! Xaver Die Sonn glitzert wie a Seifenblasn. Simon Lang hält sichs nimmer. Xaver Schau, wie die Wolkn runterdruckn. Als bügelt der Himmel die Berg platt. Zu an Pfannkuchen! »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« Simon Zieh zu, Hannes! Fester! Hannes I zieh ja! Xaver An Dreck ziehst! I spürs! Simon Wenn wer auslaßt, kimmt kaner vom Fleck! Xaver Zu! »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« – Auf Punkt 3018 wird gesprengt. Simon Gsprengt. Hannes Die Stein! Die Stein! Des donnert runter, wie beim Jüngstn Gricht. Xaver Glaubst du an des Jüngst Gricht? Hannes Ja. Xaver Unmögli wars ja net. Simon Hin is hin. Hannes Na! Wir auferstehn! Simon Du scho! I net! I mag net! I laß mei Arsch lieber von Die Würm zernagn, als daß ihn dei Jüngst Gricht auf ewig ins höllisch Feuer steckt! Is ja auch nur a Klassengricht! Nebn an gutn Gott spitzelt der Gendarm und dir stellns an Verteidiger, der an sei Schellensolo denkt, net an di! Es gibt kane Gerechtigkeit! »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« Xaver Des war net recht vom Moser. Gestern. Na, des war net recht, des Theater mit dem Schulz, oder wie er si schreibt. Hannes Theater! Hihihi! De Vroni markiert an Unschuldsengel und is do a läufigs Luder! Xaver Im Schlaf hat der scho so danebngredt, als hätt ihn a toller Hund bißn, direkt wild. Und gwinselt, die ganz Nacht. Habts denn bloß gschnarcht und nix ghört? Hannes Den werds halt von lauter Abortdeckl gträumt habn! Vom Moser seine Prankn! Wie a Löw! Hihihi! Xaver Halts Maul, Dorftepp damischer! »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« Sakradi! Die Kalt reißt an d'Haut vo der Hand! Des Scheißkabl schneidt wie a Rasiermesser. Simon Hast kane Handschuh? Xaver San a scho zerfetzt! Hannes Und schwaar is des Zeig! Simon Aufn Bindfadn hängt man kan Waggon! Für dreißig Personen mit Sitzgelegenheit. »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!« No zehn Meter. Hannes Einmal, wanns ferti is, möcht i scho damit fahrn. Rauf und runter. Simon Da werst net weni Taler brauchn! A Bergbahn werd ja bloß für Direkter baut, für lauter Direkter! – Aufn Gipfel kimmt no a Hotel mit Bad und Billard. Auf Punkt 3018 wird wieder gesprengt: zweimal. Hannes Scho wieder! Und no mal! Xaver Wenns nur des ganz Klump in d'Luft sprengen tatn! Simon Wartn, Xaverl, wartn! Kimmt scho no! Kimmt scho! Es gibt bereits welche, die mehr sprengen, als a Bergbahn braucht samt Hotel mit Bad und Billard! Die sprengen die ganzn Paläst und Museen, alles, von dem der arbeitende Bürger nix hat! Die Moskowiter, sag i euch, hint im riesign Rußland, die habn alles anbohrt, auch an härtestn Marmor, Pulver neigsteckt und angsteckt! Piff! Paff! Schweigen. Xaver No zehn Meter. »Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!«     Vor der Arbeiterbaracke. Es ist zehn Uhr und die Sonne scheint. Gelbes Licht. Aufsichtsrat sitzt in der Sonne vor einem kleinen Tische und ißt Koteletts, Kartoffel und Salat; Thermosflaschen in verschiedenen Größen stehen vor ihm, aus denen er ab und zu trinkt. Ingenieur kommt von links herab. Aufsichtsrat Na guten Morgen! Hören Sie, bequem ist anders. Meine armen Knie. Nein, schrecklich! Überall Sport. Aber, glauben Sie mir: trotz aller Anstrengung beneide ich selbst unseren letzten Arbeiter. Immer in herrlicher Höhenluft, inmitten gewaltiger Natur! – Wollen Sie nicht mithalten? Ingenieur Danke. Aufsichtsrat Sie haben schon gefrühstückt? Ingenieur Ja. Aufsichtsrat Übrigens: nettes Mädel das hier. Frisch! Aber dreckig! Die kommen ja nie zum Baden. Er lacht. Wissen Sie, ich habe mich nämlich so gefragt: wie halten Sie das aus, so vier, fünf Monate ohne Weiblichkeit? Pardon, ich wollte nicht indiskret – Ingenieur Oh, bitte. Aufsichtsrat Ich glaube, Sie können gar nicht lieben. Sie sind so ein Höhlenheiliger, was? Ingenieur Ich weiß nicht, was Sie unter »Liebe« verstehen. Aufsichtsrat Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie nicht wissen, was Liebe ist. Liebe ist das Köstlichste, ein Geschenk des Himmels. Gott! Jeder Mensch hat doch einen, dem sein Herz gehört – ich hänge sehr an meinen Kindern, aber ich sehe sie nie, man ist zu sehr im Joch. – Sie haben keinen Familiensinn. Sie sind trotz Ihrer Arbeit ein destruktiver Mensch, haha, guter Witz! Ingenieur Verzeihen Sie, daß ich Sie im Essen störe. Ich muß leider wieder fort. Darf ich bitten? Aufsichtsrat erhebt sich und folgt dem Ingenieur. Hier bietet sich einem die beste Sicht über die letzte Strecke der Anlage. Sie sehen: dort unten, oberhalb jener vermurten Gletscherzunge Stütze vier. Der helle Fleck. Höhe 2431. Aufsichtsrat durchs Fernglas: Jawohl! Ingenieur Nach rund 1200 Metern erreicht die Bahn Stütze fünf: dort oben, links der schwarzen Wände, jene rostbraune Stelle. Gesprengt. Höhe 3018. 587 Meter Höhe in knapp sieben Minuten. Aufsichtsrat Rekord! Und Hochachtung! – Unter uns: in der letzten Aufsichtsratssitzung fiel der Satz: Sie seien besessen von Ihrer Arbeit, Ihre Besessenheit ist kapital! Im wahren Sinne des Wortes: Kapital! Und Geheimrat Stein sagte, wenn das Vaterland lauter solche Männer hätte, stünde es besser um uns. Ich füge hinzu: dann wäre dieses Wunderwerk, Ihr Wunderwerk, in drei Wochen fahrtbereit! Ingenieur Bis dato war uns der Oktober freundlich gesinnt. Nur noch vier Tage, und das Hilfskabel hängt auf Hilfsstütze fünf, das Pensum rollte sich planmäßig ab. Dann dürfte es wettern. Tag und Nacht. Aufsichtsrat betrachtet die Landschaft durchs Fernglas: Wir verringern natürlich die Belegschaft. Ingenieur Alles wird entlassen, bis auf die vierzehn Mann der Talstation. Sturmstoß. Aufsichtsrat Teufel, dieser Sturm! Durch und durch! Ingenieur Würden wir gezwungen, die Vorarbeiten vorzeitig abzubrechen, so folgerte freilich hieraus – Aufsichtsrat unterbricht ihn: Herr! Weitere Verzögerungen wären untragbar! Ingenieur Ob man sie tragen muß, entscheidet der Sturm. Die kommenden vier Tage. Denn schlägt das Wetter im Oktober um, dann kommt der Winterschlaf. Und setzt gar das Frühjahr spät und schlecht ein, so dürfte sich die Inbetriebnahme leicht um ein volles Jahr verzögern. Aufsichtsrat Wie? Was?! Mensch, was reden Sie da! Ein Jahr?! Ingenieur Vielleicht! Aufsichtsrat Ist nicht wahr! Ist nicht wahr! Das ist ja der Tod! Das Nichts! Die Pleite! Ingenieur Wenn ich nicht falsch unterrichtet worden bin, hat die A.\& G. die Bodenbank interessiert. Aufsichtsrat Man hat Sie unterrichtet? Ingenieur Ja. Aufsichtsrat Wer? Ingenieur Die Bodenbank ist beteiligt. Seit sechs Wochen. Mit 45 %. Stimmts? Ja oder nein? Aufsichtsrat Es stimmt. Auffallend! Und? Ingenieur Es stimmt! Und ich lasse mich nicht hetzen! Herr, ich gebe mein Letztes her, doch gen Elemente kann keiner kämpfen! Aber die Bodenbank kann zahlen. Auch zwei Jahre länger! Aufsichtsrat Auch zwanzig Jahre länger! Ingenieur Sehen Sie! Aufsichtsrat Ich sehe. Doch Sie scheinen blind zu sein! Der A. G. ist es völlig piepe, ob sie an Konserven, Spielwaren oder Bergbahnen verdient. Mann, es geht um die A. G. und nicht um Ihre Beschäftigung! Jeder Tag mehr kostet uns Herzblut. Wir verlieren die Mehrheit und unsere Millionen werden Nullen vor der Zahl. Ingenieur Das dürfte übertrieben sein. Aufsichtsrat Ihnen dürfte es freilich gleichgültig sein, wer sein Geld für Ihre Pläne riskierte! Ingenieur Nichts war riskiert! Aufsichtsrat Das sagen Sie! Ingenieur scharf: Und Sie? Aufsichtsrat Hahaha! Sie entpuppen sich ja als Idealist! Sie bauen tatsächlich in die Wolken! Hahaha! – Mein lieber Herr! Merken Sie sich: Wir sind Kaufleute. Also nicht naiv. Ingenieur Mein Werk ist kein Geschäft. Aufsichtsrat Großer Gott! Wir finanzieren doch nicht Ihren Ruhm! Ingenieur Über der Person steht das Werk. Aufsichtsrat Um unser Geld! Ingenieur Aber die Person fordert Bewegungsfreiheit, um schaffen zu können! Man ist doch in keinen Käfig gesperrt! Aufsichtsrat grinst: Sie verkennen Ihre Lage. Ingenieur Um das Werk zu vollenden, werde ich rücksichtslos! Aufsichtsrat Richtig! Ditto! Um das Geld nicht zu verlieren, sagt die A. G. »Hören Sie! Wir haben Ihr Patent erworben. Und die Konzession!« Ingenieur Was soll das? Aufsichtsrat Aha! Erraten! Es gibt nur wenige A. G.'s, aber zahlreiche Ingenieure. Ingenieure, gleichtüchtige, die sich aber auch gerne hetzen ließen, wenn – Und die auch gegen die Arbeiterschaft energischer einschreiten! Eine Unerhörtheit dieser letzte Streikversuch! Ingenieur Wann? Aufsichtsrat Voriges Jahr. Zwei Wochen schlecht Wetter und schon Drohung mit Lohnerhöhung! Pack kennt keine Pflicht. Mehr Energie, Herr! Mehr Faust! Wann haben Sie – Ingenieur unterbricht ihn: Wann habe ich nicht? Was habe ich nicht? So denken Sie doch nach! Da ist der Fall Klaus, und die Geschichte der drei – Habe ich etwa Schlappschwanz markiert? Aufsichtsrat Die unter allen Umständen ungerechtfertigten, jeder Grundlage entbehrenden Beschwerden der Belegschaft sind strikte zurückzuweisen. Wir müssen zwingen. Und sollte es Schwefel schneien! Ingenieur Jetzt reden wir aneinander vorbei. Aufsichtsrat Freut mich! Aufrichtig! Es wäre doch auch zu traurig, wenn man im zwanzigsten Jahrhundert noch derart vom Wetter abhängen müßte! Sollte sich also die Inbetriebnahme wieder verzögern, selbst nur um paar Tage, sind Sie entlassen. Ingenieur Hahaha! – Und unser Vertrag? Aufsichtsrat Prozessieren Sie! Ingenieur Das können Sie nicht! Aufsichtsrat Das können Sie nicht! Wir können! Und noch mehr! Ingenieur Gratuliere! Aufsichtsrat Danke! – Sie sind Fanatiker. Um Ihr Ziel zu erreichen, schritten Sie über Existenzen. Über Leichen! Ingenieur Und Sie? Aus ferner Höhe tönt ein »Huuu!« sechsmal hintereinander; der Nebel hüllt alles in Grau: unheimlich still und düster. Aufsichtsrat entsetzt, feige: Was war das? Ingenieur Sechsmal in der Minute. Das Notsignal! Aufsichtsrat Die Leichen! Ingenieur Vielleicht! – Guten Appetit! Ich sehe nach! – Nur keine Angst! Aufsichtsrat Ich hab keine Angst, Sie! Ingenieur lacht ihn aus und eilt nach links empor. Veronika tritt aus der Baracke: Hat da nit wer grufn? – Es war doch, als hätt wer grufn. Aufsichtsrat sieht auf die Uhr: Zehn auf elf. Er überlegt; setzt sich wieder und fängt an mechanisch zu essen. Veronika sieht ihm zu: Schmeckts? Aufsichtsrat nervös: Sie sollten mal im Adlon essen! Veronika Wo? Aufsichtsrat Im Adlon. – Zum Donnerwetter, was glotzen Sie denn so?! Haben Sie noch nie jemanden essen sehen?! So ein Geglotze! Ist ja widerlich! Die Rufe ertönen wieder. Veronika Da is was gschehn! Aufsichtsrat Was soll denn schon geschehen sein?! Was? Wie? Veronika Es san scho paar runter – Aufsichtsrat wird immer nervöser: Wo runter? Was runter?! So machen Sie doch Ihr Maul auf, gefälligst, ja! Veronika Schreins nit so mit mir! Aufsichtsrat brüllt: Was erlauben Sie sich für einen Ton?! Freches Frauenzimmer! – Nichts ist geschehen. Es darf nichts geschehen! Basta! Sturmstoß. Veronika Nur kane Angst! Aufsichtsrat Ich habe keine Angst, Sie! Dritter Akt Gratscharte. Graugelber Nebel. Oberhalb der Scharte die Konturen der Hilfsstütze Nummer fünf, wie eine riesige Spinne. Neuschnee. Moser, Reiter, Sliwinski, Simon ließen Oberle an einem Seile in den Abgrund, um den abgestürzten Schulz zu bergen. Maurer auf einem Gratzacken; ruft durch Handtrichter: Huuu! – Huuu! Xaver, Hannes lauschen auf Antwort. Stille. Hannes Nix. Sturmstoß in der Ferne, der sich rasch nähert. Xaver Horch, wie die Berg scheppern! Hannes Des winselt, wie a kranke Katz. Maurer Huuu! Sliwinski Maurer! Des hat kan Sinn, des Schrein! Des Wetter plärrt besser! Des überplärrt jeds Signal! Der Sturmstoß fegt vorüber. Maurer klettert vom Zacken herab. Xaver leise: Wie so an Unglück passiert – Maurer ebenso: Schnell!! Der Reiter hat a Klammer braucht, und der Oberle sagt zum Schulz: hol ane her! und der arm Teufl springt dahin, ganz eifrig, und schreit glei, ganz entsetzli, und runter is er a scho über d'Wand. So vierzig Meter. Und bloß ausgrutscht – Moser erregt; unterdrückt: Hörts! Stehts do net so rum! Der Oberle holt den scho rauf! Laufts um a Tragbahr und telefonierts um an Dokter! Zu! Hannes Da werd nimmer viel zum doktern sein. Moser Meinst? Hannes Ja. Der is hin. Moser Was is hin? Wer is hin?! Der is net hin, du Rindvieh! Der darf net hin sein! Reiter Achtung, Moser! Oberles Stimme aus dem Abgrund: Auf! Moser, Reiter, Sliwinski, Simon, Xaver, Maurer ziehen das Seil empor. Hannes will ihnen helfen. Moser Weg! Tepp! Simon zu Moser: Halts Maul! Im Abgrund wimmert Schulz; schreit gellend auf; verstummt. Reiter Achtung! Um Gotts willn! Sturmstoß. Sliwinski Net auslaßn! Zu! Oberle, Schulz erscheinen am Seile über der Kante; Oberle stützt den bewußtlosen Schulz, der sofort aus den Schlingen befreit und unter einer überhängenden Felspartie gebettet wird. Oberle löst den Seilknoten; verschnauft: Seids alle da? Reiter untersucht Schulz: Habts ka Wasser? Simon Hier! Sliwinski Net so tief, an Kopf! Reiter Des überlaß nur mir! I bin Samariter. Oberle Den hats da drunt auf an Zackn ghaut, daß der Fels kracht hat. Xaver A Gsicht voll Blut. Wie a roter Neger. Schweigen. Reiter erhebt sich langsam: Aus. Der werd nimmer. Des is ja des ganz Geripp zersplittert. Simon Ja, der is runter. Maurer gedämpft: Der Neuschnee halt, der Neuschnee! Und des Schuhzeug is a nix fürs Hochgebirg. Die Sohln wie Papier. Da liegt er. Schweigen. Sliwinski Als tat er bloß träumen. Reiter Träumen, schlafn. – Das Best für den is gar nimmer aufwachn. Xaver Das Best ists freili. Für an jedn. Simon Möchst denn du scho eingscharrt sein? Und verfauln? Xaver Manchmal. Simon I net. No lang net! Sliwinski Manchmal ists a direkte Gnad, der Tod. Schweigen. Maurer Wo war denn der zhaus? Oberle In Stettin. Hannes Stettin? Oberle Stettin liegt am Meer. Hannes Da hätt er mehr als Matros – Moser unterbricht ihn bestürzt: Ruhe!! Der hört ja! Schauts hi, wie der schaut!! Alle schrecken zusammen, versteinern. Schulz hatte die Augen aufgeschlagen und gehorcht; fixiert nun einen nach dem anderen; lächelt schwach: – Wer kennt Stettin? Und Warnemünde? – Hm – Also: Gnade. Sterben. Verfaulen. Hm. – Muß man denn wirklich schon verfaulen? Ja? Nein, ihr irrt! Ihr irrt! Ich bin ja nur gestolpert – die Haut klein wenig abgeschürft, jedoch nichts gebrochen, verrenkt, alles intakt! Ich fühle mich sauwohl, tatsächlich: sauwohl – und dann will ich wieder arbeiten. Rasieren, frisieren. Nehmen Sie Platz, bitte – Ich rasiere, frisiere, ich rasiere, ich frisiere – ich, habe, gehört – hier würden, noch – Leute – eingestellt werden – Er stirbt. Stille. Alle entblößen ihr Haupt. Hannes fällt langsam in die Knie, betet: Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiliget werde Dein Name – Moser unterbricht ihn: Verflucht! Ka Litanei, ka Rosenkranz! Der da drobn is taub für uns arme Leut! In weiter Ferne Donnerrollen. Ja, donnern, des kann der! Und blitzn und stürmen! Schreckn und vernichtn! – Was gedeiht, ghört net uns. Was ghört dem armen Mann? Wenn die Sonn scheint, der Staub, wenns regnet, der Dreck! Und allweil Schweiß und Blut! Ein leiser Wind hebt an, der allmählich zum Sturm wird. Ingenieur erscheint; atemlos; aufgeregt: Was ist hier los? Warum steht man so herum? Wer gab das Notsignal? Maurer I. Ingenieur Was ist denn geschehen? Oberle Still, Herr! Hier liegt a Toter. Ingenieur Wieso? Wo? Wer? Oberle Dort. Den Ihr gestern eingestellt habt, der Schulz. Ingenieur Scheußlich! Oberle Er ist bloß gestolpert – über die Wand da. So vierzig Meter. Schweigen. Ingenieur Verdammt! Tja, da kann keiner dafür. – Wollen wir ihn ehren, indem wir geloben, ihm, der in Erfüllung seiner Pflicht fiel, nachzueifern, weiterzuarbeiten. – Ich muß unbedingt darauf bestehen, daß die Arbeit sofort wieder aufgenommen wird. Den Leichnam lassen wir bis zum Abend hier liegen und nun – Moser unterbricht ihn: Na, der werd zuerst nuntergtragn und aufbahrt. Nachher werd weitergschafft. Eher net! Ingenieur Hoppla! Hier hat nur einer zu befehlen, und das bin ich! Pflicht kommt vor Gefühlsduselei. Reiter Pflicht is, a Leich net liegn zu lassn, wie an verrecktn Hund. Ingenieur Ich verbitte es mir, über Pflicht belehrt zu werden! Merken Sie sich das, Sie! Ich habe mir mein Ziel erkämpft und pflege meinem Willen Geltung zu verschaffen. Und seis mit schärfsten Mitteln! Simon Bravo! Bravo! Ingenieur Was soll das? Schweigen. Es wird weitergearbeitet. Mit Hochdruck und sofort. Los! Keiner reagiert. Schweigen. Hört: sollte das Wetter umschlagen und wir hätten die Vorarbeiten noch nicht beendet, – das Werk, der Bau, die Bahn ist gefährdet! Moser Sonst nix? Werd scho schad sein um die Scheißbahn! Sehr schad! Wer werd denn damit amüsiert? Die Aufputztn, Hergrichtn, Hurn und Wucherer! Wer geht dran zu Grund?! Wir! Simon Wir! Wir! Ingenieur höhnisch, doch etwas unsicher: So? Maurer Gfährdet is bloß unser Lebn! Ingenieur Hier gibt es Hetzer? Reiter Und Ghetzte! Moser Und was is denn scho, wenns überhaupt kane Bahnen gibt?! Kamst um dei Seelenheil? Stürzet die Welt ein?! Ingenieur Unreifes Zeug, dummes! Reiter Wenn Sie, Herr, so a gscheits Genie san, so denkens halt mal an uns! Bauns ka Bergbahn! Bauns uns Häuser statt Barackn! Ingenieur Hier wird nicht geredet, hier wird gearbeitet! Ohne Kritik! Oberle Habt Ihrs net donnern ghört, zuvor? Ingenieur Quatsch! Quatsch! Ich kenne das Wetter! Das hält! Hannes lacht. Oberle Herr, i bin a alter Arbeiter und die Verantwortung – Ingenieur unterbricht ihn: Nur keine Anmaßung! Die Verantwortung trage ich. Nur ich. Es donnert. Stille. Hm. Jetzt dürfte sich manches geändert – Grinst nur, grinst! Ja, jetzt könnt ihr den aufbahren. Alles aufbahren! Auch euch selbst! Er will absteigen. Maurer Halt! An Augenblick! Darf man fragn, obs stimmt, daß wir ghetzt werdn? Und daß es ganz gleich is, ob wir runterfalln, wenn nur des Kabel herobn hängt, bevors Wetter umschlagt? Und daß wir, wanns umgschlagn hat, fortgtriebn werdn – Ingenieur unterbricht ihn: Jetzt könnt ihr gehen! Maurer Wohin? Ingenieur Die Arbeit ist eingestellt. Alles ist eingestellt. Ihr seid entlassen. Maurer Habts es ghört?! Habts es ghört? Reiter Des hättns uns scho sagn können! Sliwinski Solln! Simon Müssn! Maurer Lügner! Lügner! Reiter Jetzt kriegst nirgends Arbeit! Jetzt nimmer! Ingenieur Wer arbeiten will, der kann! Jetzt und immer! Simon applaudiert. Wird immer erregter. Hört! Ich habe alles verlassen, um mein Ziel zu erreichen! Ich habe in Baracken gehaust – Moser Wir habn no nie anderswo ghaust! Ingenieur – ich habe verzichtet, ich habe im Schatten geschuftet an dem Werk! Sliwinski Im Schattn deiner Villa! Ingenieur Ich habe keine Villa! Simon Aber a Wohnung hast! Unds Fressn hast! Und an Mantl, wanns di friert! Ists wahr oder net? Ingenieur Ich werde mir erlauben, eine Wohnung zu besitzen! Doch ich hätte auch hungernd und frierend an meinen Plänen gearbeitet – Er hält plötzlich verwirrt die Hand vor die Augen. Aber ich habe ohne den lieben Gott kalkuliert. Allerdings, ja, jetzt schlägt das Wetter um – Maurer Also, weil Sie Herr sich verrechnet habn, drum stehn wir da, mittn im Winter! Ohne Dach, ohne Holz, ohne Brot! Simon A jeder redt si aufs Wetter naus, aber kaner rechnet damit! Hannes Die ganzn Plän san halt falsch. Ingenieur Was?! Kritik? Kritik! Du Trottel! Ungebildetes Pack erlaubt sich – Xaver unterbricht ihn: Ohne uns Pack, was war denn dei Werk?! Bloß a Plan! Papier! Papier!! Stille. Ingenieur geht langsam auf Xaver zu und hält dicht vor ihm; fixiert ihn; plötzlich schlägt er ihm vor die Brust, daß er zurücktaumelt. Stille. Ingenieur verliert die Nerven: Jetzt könnt ihr gehen! Verschwindet! Marsch! Oberle Wohin!? Ingenieur Was weiß ich?! Wohin ihr wollt! Wohin ihr könnt! Wohin ihr gehört! Zum Teufel! Moser Halt! Komm mit! Simon, Sliwinski Komm mit zum Teufl! Moser Dort hockn alle armen Sünder hinterm Ofen – alle in aner warmen Stub. Komm mit zum Teufl! Mit uns! Komm mit, komm mit! Er schlägt ihn nieder. Sturm. Reiter Schlagt ihn nieder, den Satan! Simon Schlagt ihn tot! Xaver Ganz tot!! Hannes Tot! Tot! Tot! Es blitzt und donnert. Ingenieur stürzt zu Boden, springt jedoch sofort wieder empor; zerfetzt und blutend. Sliwinski spuckt ihn an: Pfui Teufl! Alle, außer Oberle, wollen sich auf den Ingenieur stürzen. Oberle reißt Moser zurück, der perplex ist über seine Kraft, und stellt sich schützend vor den Ingenieur: Zurück, Leut! Zurück! Ingenieur zieht einen Revolver, stößt Oberle zur Seite: Weg! Weg! Ein Revolver langt für Halunken! Zurück! Und Hände hoch! Hoch! oder – Alle, außer Oberle, weichen und heben die Hände hoch. Revoltieren Zuchthäusler? Jetzt kommt das Gesetz. Maurer Paragraph! Paragraph! Sliwinski Kanonen, Kettn und Schafott! Nur zu! Simon lacht: Das Gesetz! Ingenieur Lach! Lach! Du erstickst daran! Reiter Die Ordnung! Die Ordnung! Ingenieur Hände hoch! Auch Sie, werter Herr Oberle! Hoch, Kerl, oder ich funke dich nieder! Hoch! Oberle folgt nicht; fixiert ihn: Wir san kane Zuchthäusler, Sie – Ingenieur Kusch! Und Hände hoch! Hoch, my boy! Oberle Nie! Ehrlich schaffn diese Hand! Ingenieur Zurück! Er schießt ihn nieder. Oberle wirft lautlos die Hände hoch und bricht tot zusammen. Es blitzt, ohne zu donnern; der Wind zirpt; durch den graugelben Nebel bricht ein Sonnenstrahl und fällt fahl auf die Gruppe; alles verstummt; Stille; dann ein gewaltiger Donnerschlag; Verfinsterung; der Sturm winselt und heult. Moser Der Satan! Der Satan! Alle Der Satan!! Moser röchelt und will sich auf den Ingenieur stürzen. Ingenieur schießt toll. Moser wankt und bricht knapp vor ihm in die Kniee. Die übrigen fliehen und suchen Deckung; finden keine; kleben an einer Wand mit hocherhobenen Händen. Ingenieur schießt trotzdem. Xaver Mörder! Sliwinski Danebn! Danebn! Simon Bravo! Bravo! Maurer Wir san doch kane Scheibn. Danebn. Hannes läuft irr vor Angst dem Ingenieur entgegen: Es lebe der Schütznkenig! Er lebe hoch! Hoch! Hoch! Ingenieur will schießen. Moser Danebn! Er schnellt sich mit letzter Kraft empor und schlägt dem Ingenieur den Revolver aus der Hand; stürzt wieder. Ingenieur entsetzt; will fliehen, doch Moser klammert sich fest an seinem Bein. Orkan. Die übrigen nähern sich drohend. Ingenieur tritt und schlägt winselnd auf Moser ein; reißt sich los und retiriert sprunghaft, den Abgrund im Rücken: Die Kreatur! Er lacht höhnisch-irr hellauf; tritt ins Leere; krallt in die Luft, brüllt verzweifelt und stürzt kopfüber hinab. Finsternis.     Schneesturm. Man sieht kaum fünf Schritte weit. Unterhalb eines Grates.     Maurer, Sliwinski, Xaver steigen ab und stützen den verwundeten Moser. Moser Halt! I kann nimmer – Sliwinski No hundert Meter! Moser Kan Schritt mehr. Maurer Zu! Wir san bald drunt! Moser Was soll i denn drunt mit an lahmen Knie? Betteln?! – Laßt mi! Wißt, man is halt bloß a Vieh – Sliwinski Bist du verruckt?! Zu! Blitz und Donner. Moser Holla! Jetzt sprengt der liebe Gott. Da fliegn Staner, schwarer als Stern – Er reißt sich los. Rettet euch! Lauft! Lauft! Laßt den Moser liegn! Der kann nimmer, der mag nimmer, der is verreckt! Maurer Und wenn wir alle verreckn! Komm! Moser Na, ihr dürft net verreckn! Ihr müßt nunter und scharf aufpaßn, daß ka Tropfn Blut vergessn werd – verstehst? – Vergeßt uns net. Und der Vroni, der sagts an schön Gruß, und es hat halt nicht sollen sein – Vergeßt uns net. Den alten Oberle Ludwig, den Schulz, und den Moser Karl aus Breitenbach – Geht! Flieht! Flieht und vergeßt uns net! Zu! Xaver I kann di net lassn – Moser Du mußt! Sonst verwaht uns alle der Sturm, wie a Spur im Schnee. Er bricht nieder. Maurer, Sliwinski, Xaver verschlingt der Sturm. Moser allein, kauert. Der Sturm läßt auf Augenblicke nach; Schnee fällt in großen Flocken. Leise. Wie des schneit, wie des schneit – still und weiß, – Wie des blut, wie des blut – rot und warm – Leb wohl, Kamerad – leb wohl – Er nickt ein; in der Ferne heult der Sturm: Kreatur! Kreatur! Er schreckt zusammen. Nur net einschlafn, nur net einschlafn! Er lauscht. Ho! Jetzt kommen die Paragraphen! Mit Musik! Horch! – links, rechts, links, rechts! Das Gewehr über! Das Gesetz! Das Gesetz! – Links, rechts, links, rechts, links, rechts, links, rechts – Es klingt wie Trommeln, marschierendes Militär und Gewehrgriffe. Stille. Die Ordnung! Sturmstoß. Ho! Ho, wohin soll i mi denn stelln?! Wohin?! Er reckt sich empor. Schießt! Schießt! Los! Legt an! Feuer!! Trommelwirbel. In der Nähe der Baracke. Im Schutze einer schwarzen Wand. Nebel. Sturm. Veronika starrt nach links empor: Drobn schneits, drobn schneits. Drobn waht die Höll. Aufsichtsrat Kommen Sie! Ich sehe nichts. Veronika Na! Aufsichtsrat Es ist sinnlos. Ich warte in der Baracke. Er sieht auf seine Uhr. Fünf nach vier. Wenn man nur absteigen könnte. Veronika lauscht: Schnee. Schnee. Und d'Leut drobn, d'Leut. Simon, Hannes, Reiter erscheinen, erschöpft und zerfetzt. Leise; bange. Wo ist der Moser? Reiter leise: Der Moser? Und der Oberle, und der Schulz, und – Veronika schreit gellend auf. Aufsichtsrat Wo ist der Ingenieur? Simon Wer is denn des? Reiter Der Direkter. Hannes Was für a Direkter? Simon Der Zirkusdirekter. Aufsichtsrat Wo ist der Ingenieur? Veronika Wo is der Moser!? Aufsichtsrat Was schert mich der Moser? Veronika Der Hals, der Hals! Schauts nur den Hals an! Wie des rausquirlt, der Speck – da sollt man mit an Brotmesser dran, mit an scharfn Brotmesser – Aufsichtsrat Ist die Person verrückt geworden?! Was ist denn los? Was ist denn geschehen? Veronika lacht verzweifelt: Es darf ja nix gschehn! Es darf nix gschehn!! Aufsichtsrat Wo ist der Ingenieur? Stille. Reiter Der Ingenieur, der is nunter. Aufsichtsrat Ins Tal? Simon In d'Höll! Hannes Kopfüber is er nunter, kopfüber! Simon Über d'Wand! Vierhundert Meter! Oder tausend! Reiter Ins Leere ist er gtretn, ins Nix. Hannes – und wissens, Sie Herr Direkter – bevor der zur Höll gfahrn is, da hat er vorher no auf Scheibn gschoßn. Er war a braver Schütz! A jedesmal hat er ins Schwarze gtroffn, a jedsmal! Akkurat! Der Schützenkenig. Aufsichtsrat Ich fordere Aufklärung. Simon Niedergschoßn hat er uns, niedergschoßn! Aufsichtsrat Quatsch! Ihr seid doch da! Reiter Da! Aber wir liegn a drobn, im Schnee! Derschoßn, derfrorn, verblut und verreckt! Veronika leise: Kimmt denn kaner mehr zruck? Simon Der Maurer und der Dings, und – die kommen schon no. Aber an Moser werdns lassn müssn. Der war ja scho drobn verblut. – Den runterbringen wolln, des is bloß a Quälerei. Veronika Des is glogn! Simon Halts Maul! Veronika Der lebt! Reiter Jetzt nimmer! Jetzt nimmer! Aufsichtsrat Der Tatbestand muß klargestellt werden. Hannes Der is scho klargstellt. Aufsichtsrat höhnisch: Ohne Justiz? Ohne Gendarmerie? Veronika nähert sich Simon: Du, is des wahr, daß er nimmer is? – Simon Wahr. Veronika unterdrückt: Simon, was werd jetzt no alls kommen?! Simon Zuerst: die Gendarmerie. Veronika Simon, i kann a Moser nimmer sehn. – I möcht fort, i kann kane Leich net sehn – I hab so Angst, Simon – Simon I hab ka Angst. Veronika Simon, laß mi nur nit allein – i kann jetzt nit allein nunter – Aufsichtsrat Wäre das Wetter nicht umgeschlagen, wäre alles in Ordnung. Reiter Die Ordnung! Simon Einmal schlagt jeds Wetter um. Nur kane Angst! Aufsichtsrat Ich habe keine Angst, Sie! Hannes lacht ihn aus.