Ödön von Horváth Ein Dorf ohne Männer Lustspiel in sieben Bildern Dieses Stück ist keine Dramatisierung des Romans »Die Frauen von Selischtje« von Koloman Mikszáth, dem großen ungarischen Romancier, sondern es stellt nur den Versuch dar, auf Grund einzelner Motive jenes Romans ein Lustspiel zu schreiben. Die Personen im Stück haben mit jenen im Roman nichts zu tun. Personen: Matthias Corvinus  , König von Ungarn Der Graf von Hermannstadt Der Statthalter Der Hofbeamte Der Hauptmann Der Bader Thomas,   der Wirt vom ›Einhorn‹ Ein Dicker Ein Dürrer Ein Bärtiger Ein Lakai Der Hofwirt Zwei Gardisten Zwei Herren Ein Page Die Blonde Die Schwarze Die Rote Eine Badmagd Die Polin Herren Gardisten  Häßliche und schöne Frauen Zeit: Während der Türkenkriege – in der frühen Renaissance. Erstes Bild Saal in der Ofner Burg mit hohen gotischen Fenstern im Hintergrund, durch die man ins weite Ungarland hinabsehen kann. Hier empfängt der Statthalter alle heilige Zeit Deputationen des sogenannten niederen Volkes, hier hört er dessen große Sorgen und kleine Bitten. Der Raum hat eine gewisse Verwandtschaft mit einem Gerichtssaal – links eine thronähnliche Estrade, auf der der Statthalter mit seinen Herren zu ruhen pflegt, daneben ein Pult für den Schreiber. Rechts und links je eine Türe, rechts tritt das Volk ein, links gehts in die Gemächer des Statthalters. Vor den beiden Türen steht je ein Gardist mit Visier, Brustpanzer und Hellebarde auf Wache. Ein Hauptmann der Garde kommt von links und inspiziert den Ersten Gardisten bei der linken Türe. Er betrachtet ihn von oben bis unten, vorn und hinten. Hauptmann   Ein Visier gehört poliert, bitt ich mir aus! Er geht auf den Zweiten Gardisten zu, betrachtet ihn ebenso intensiv und herrscht ihn plötzlich an. Was ist denn das mit dieser Hellebarde? Die ist ja voll Schmutz! Zweiter   Melde gehorsamst, das ist kein Schmutz, das ist nur Blut. Hauptmann   perplex: Wieso Blut? Zweiter   Melde gehorsamst, ich hab heut früh einen Bauern angestochen. Hauptmann   Wegen was? Zweiter   Wegen nichts. Stille. Hauptmann   Was soll das? Zweiter   Melde gehorsamst, der Bauer, den ich angestochen habe, der hat den Herrn Statthalter beleidigt. Hauptmann   Und das ist nichts? Er fixiert ihn. Stille. Hauptmann   langsam, fast lauernd: Übrigens: der Säbel ist auch zu kurz – Zweiter   Melde gehorsamst, das sieht nur so aus, weil ich zu lang bin. Hauptmann   »Zu lang« – Er grinst. Um einen ganzen Kopf – Paß auf! Hofbeamter   kommt von rechts; er sieht etwas mitgenommen aus; zum Hauptmann: Wann gehts denn los? Hauptmann   Seine Exzellenz, der Herr Statthalter, geruhen noch zu essen. Hofbeamter   murmelt: Der frißt schon seit fünf Stunden – ist er wenigstens bereits beim Dessert? Hauptmann   lächelt: Vor paar Minuten war er noch bei der Gans. Hofbeamter   Erst bei der Gans? Er seufzt und hält sich sein Taschentuch an die Stirne. Hauptmann   Kopfschmerzen? Hofbeamter   Kein Wunder! Da draußen hocken hundert Bauern seit sieben geschlagenen Stunden, alle warten auf die Audienz und alle duften nach Knoblauch, daß es ein wahres Vergnügen ist – wer hält das aus? Ich nicht! Leise, damit ihn die Gardisten nicht hören. Wenn diese braven Bauern wüßten, wie wenig Sinn es hat, ihre Beschwerden hier vorzubringen – Hauptmann   fällt ihm leise ins Wort: Die würden schön daheim bleiben – Er lächelt. Hofbeamter   Ja. Sie würden daheim bleiben und alles anzünden. Hauptmann   zuckt etwas zusammen, und horcht auf; sieht sich dann um, sehr leise: Sag mal, unsereins kommt ja hier nicht heraus: ist es wahr, daß das Volk murrt? Hofbeamter   nickt ja: Es murrt. Stille. Hauptmann   sieht sich wieder um; noch leiser: Tatsächlich? Hofbeamter   Ja, und zwar gefährlich tatsächlich. Hauptmann   Aber warum denn nur? Hofbeamter   Warum? Gott, seid ihr Militärs naiv! Denk doch nur an die vielen Kriege, die wir alle gewonnen haben! Wir haben die Türken besiegt – stimmt! Aber für jeden Eimer Türkenblut ist auch ein Eimer ungarisches geflossen. Wir haben die Ungläubigen zurückgeschlagen und Europa gerettet, doch unser halbes Land ist verwüstet und ausgestorben. Hauptmann   Jaja, wir haben viel Ehre geerntet. Hofbeamter   Ohne Zweifel. Aber leider kein Brot. Unsere Bauern hungern. Wenn die wüßten, daß Seine Exzellenz noch nicht einmal beim Dessert sind – na gute Nacht! Das Volk, kann ich dir verraten, traut den hohen Herren nicht mehr, und es ist unser Glück, daß wir gerade jetzt einen neuen König bekommen haben – Hauptmann   Wieso? Hofbeamter   Weil das Volk diesen neuen König liebt. Hauptmann   Also der hat doch bisher noch gar keinen richtigen Krieg geführt! Hofbeamter   Das spielt anscheinend keine Rolle. Das Volk hat eben einen sonderbaren Instinkt, es liebt ihn wirklich, unseren jungen Herrn Matthias Corvinus – und warum? Weil er mit besonderer Vorliebe seine eigenen Minister einsperrt. Er wird bereits »der Gerechte« genannt, »Matthias der Gerechte« – Er lächelt. Tja, um vom Volk geliebt zu werden, muß man mit dessen Phantasie kalkulieren – Ein Page   tritt links ein: Seine Exzellenz der Herr Statthalter! Der Statthalter, ein dicker Magnat, kommt geräuschvoll von links mit seinen Herren, darunter dem jungen Grafen von Hermannstadt, der ganz in Schwarz gekleidet ist; auch der Schreiber betritt den Saal, begibt sich sogleich an das Pult, schlägt das Audienzbuch auf und prüft die Feder; der Hauptmann salutiert und der Hofbeamte verbeugt sich. Statthalter   zu seinen Herren: Also, meine Herren: noch einmal ein solches Dessert und ich dank ab! Das sollen Zwetschkenknödel gewesen sein?! Das waren keine Knödel, das waren alte Kanonenkugeln – aus dieser Mehlspeisköchin gehört ein Gulasch gemacht, ein Gulasch für wütende Hunde! Er lacht. Alle, außer dem Grafen von Hermannstadt, lachen mit, mehr minder heftig. Statthalter   lacht plötzlich nicht mehr und beobachtet den Grafen. Du lachst schon wieder nicht mit? Was fehlt dir denn? Haben dir etwa die Knödel geschmeckt? Graf   Nein. Statthalter   Na also! Alle, außer dem Statthalter und dem Grafen, lachen wieder. Graf lächelt wehmütig, Statthalter   fixiert besorgt den Grafen. Wie der lächelt – als wär ihm seine große Liebe gestorben oder gar sein bestes Pferd. Ein Herr   Er ist nur nervös. Statthalter   Ist er krank? Zweiter Herr   Er hat heut Nacht tausend Taler verspielt. Statthalter   Uiweh! Graf   Es dreht sich nicht um die tausend Taler, ich spiel ja nicht, um zu gewinnen – aber ich habe eben zuvor schlimme Botschaft erhalten: die Erträgnisse meiner Güter im fernen Siebenbürgen werden immer minimaler, wenn das so weitergeht, werd ich bald arbeiten müssen – Er lächelt selbstironisch. Statthalter   versteht keine Selbstironie: Schlimm, schlimm! Aber arbeiten müssen wir alle – schau mich an, lieber Vetter! Anstatt, daß ich mich nach dem Essen ein bisserl hinlegen könnt, muß ich da Audienzen abhalten, Bittsteller trösten, Bauernsorgen teilen und was weiß ich noch – Erster Herr   sarkastisch: Seine Majestät haben es eben so befohlen – Statthalter   grimmig: Jawohl, Seine Majestät – Unterdrückt zu den Herren. Der junge Herr scheint ein Idealist werden zu wollen, er kümmert sich ein bisserl zu viel um unsere Leibeigenen. Die Gerechtigkeit ist zwar eine schöne Sache, eine gute Sache, aber wer die Macht hat, der braucht sie nicht. Wir werdens diesem Herrn Corvinus schon austreiben – Er setzt sich schwerfällig und ächzt. Puh, tut mir der Magen weh – Also herein mit dem Bauernpack! Bin grad in der richtigen Stimmung! Zum Hofbeamten. Wieviel hocken denn draußen? Hofbeamter   Zirka hundert. Statthalter   Großer Gott! Hofbeamter   Manche warten schon seit Wochen – Statthalter   unterbricht ihn scharf: Ich habe nicht gefragt, wie lange sie warten, ich habe gefragt, wieviele warten! Wir bitten, unsere Fragen präziser zu beantworten! Also los, los! Herein mit dem hochgeborenen Volk! Hofbeamter öffnet rechts die Türe, und fünf Frauen treten schüchtern ein; es sind dies fünf Bäuerinnen und weißgott nicht hübsch; sie knien nieder. Statthalter   betrachtet die Frauen ungnädig ob ihrer Häßlichkeit; zum Hofbeamten. Was ist das? Hofbeamter   Es sind Frauen aus dem Dorfe Selischtje. Graf horcht auf. Statthalter   zum Hofbeamten: Frag, was sie uns mitgebracht haben! Hofbeamter   zu den Frauen: Seine Exzellenz, der Herr Statthalter geruht, Euch gnädigst zu fragen, was Ihr seiner Exzellenz mitgebracht habt? Die Frauen tauschen ängstliche Blicke. Was, Ihr habt nichts mitgebracht?! Ja, wißt Ihr es denn nicht, daß Bittsteller immer etwas mitbringen müssen, irgendein Geschenk? Eine riesige Melone oder eine uralte Münze, die man beim Ackern findet, oder ein Lamm mit zwei Köpfen – Ihr gefallt mir! Statthalter   murmelt: »Gefallen«? Gott soll einen hüten! Hofbeamter   zu den Frauen: Beispiellos, daß Ihr hier ohne irgendetwas einzutreten wagt, ohne irgendein gefälliges Nichts! Die Frauen weinen. Statthalter   Weinen auch noch! Er faßt sich an den Magen. Ich halt das nicht aus! Zum Hofbeamten. Raus! Raus damit! Hofbeamter   zu den Frauen: Raus! Graf   Halt! Zum Statthalter. Gnädigster Herr Vetter, diese Weiber kommen doch aus Selischtje? Statthalter   Was weiß ich! Hofbeamter   zum Grafen: Sie kommen aus Selischtje. Graf   zum Hofbeamten: Richtig! Zum Statthalter. Dann gehören nämlich diese Frauen mir. Statthalter   perplex: Dir? Graf   Das Dorf Selischtje gehört zu meinem Siebenbürger Besitz. Statthalter   Ah so! Na, wenn mein lieber Herr Vetter lauter solche Leibeigene hat, dann kann ichs begreifen, daß er seinen Besitz verspielt – Er grinst. Gratuliere zu deinen Schönheiten! Zum Hofbeamten. Frag, was sie wollen, dann aber raus damit! Graf   ernst: Danke. Hofbeamter   zu den Frauen: Weint nicht! Ruhe! Habt Ihrs denn nicht gehört?! Seine Exzellenz geruhen sich ja herbeizulassen, Euch zu fragen, was Ihr wollt – Na los! Redet! Wo brennts denn?! Die Frauen reden ängstlich mit dem Hofbeamten. Statthalter   blickt plötzlich ängstlich um sich: Ist Darmverschlingung eigentlich heilbar? Zweiter Herr   Leider! Kaum! Statthalter   melancholisch: Mir scheint, ich leb nimmer lang Erster Herr   Aber! Statthalter   Weils in mir immer so murrt – Hauptmann   zuckt etwas zusammen und horcht auf: Murrt? Statthalter   Ja, tatsächlich, und zwar gefährlich tatsächlich. Hofbeamter   tritt vor den Statthalter: Exzellenz, diese Weiber haben eine etwas absonderliche Bitte – Statthalter   fällt ihm ins Wort: Geld? Hofbeamter   lächelt: Nein. Sie bitten, Euere Exzellenz möchten ihnen Männer geben. Statthalter   Männer?! Hofbeamter   Ja. Statthalter   braust auf: Sind sie wahnsinnig?! Hofbeamter   Exzellenz, die Weiber sagen, solange sie Männer hatten, benahmen sie sich nicht geizig gegen den König, der immer und immer wieder die vielen Soldaten verlangte. Es blieb kein erwachsener Mann zuhause, lauter Frauen wohnen im Dorf – und die Frauen sagen, sie hätten die Männer dem König bloß geliehen, jetzt möge Euere Exzellenz sie ihnen zurückgeben, denn eine Hand wäscht die andere, und wenn der König noch weiter aus Selischtje Soldaten haben will, so müssen diese erst geboren werden, daher also – Statthalter fängt an zu lachen und lacht immer dröhnender. Alle, außer dem Grafen und den Frauen, lachen mit. Statthalter   zum Grafen: Also das sind deine Weiber?! Na, die müssen ja arg in Nöten sein! Graf   ernst: Mein gnädiger Herr Vetter, es ist leider nicht zum Lachen, daß mein in Gott ruhender Vater die Männer ausgerottet hat, indem er Seiner seligen Majestät jahraus, jahrein Soldaten geliefert hat. Seine selige Majestät mußten nur sagen: »Noch tausend, Michael!« und er trieb noch tausend zusammen. »Noch tausend!« und er ließ auch die Knaben zusammenfangen – jetzt liegen die Felder brach und ich hab keine Einnahmen. Diese Frauen, mein gnädiger Herr Vetter, haben schon einigermaßen recht: von den kampfunfähig gewordenen Soldaten könnte man ihnen ja hie und da etliche zukommen lassen – und: Ihr würdet sie auch mir zukommen lassen, denn dann würden meine Felder wieder bebaut werden können. Statthalter   Hm. Er überlegt, wendet sich dann an den Schreiber. Schreib: die Frauen von Selischtje bekommen vom König Männer. Gegeben am – undsoweiter. Schreiber schreibt. Statthalter   zum Grafen: Dir zu lieb. Graf   lächelt: Danke. Statthalter   deutet auf die Frauen, zum Hofbeamten: Jetzt aber raus damit! Raus! Hofbeamter   zu den Frauen: Raus! Raus mit Euch! Die Frauen verschüchtert ab nach rechts. Statthalter   zum Grafen: Wieviel Männer willst denn haben? Graf   Dreihundert. Statthalter   zum Schreiber: Schreib: dreihundert! Der Page   tritt links ein: Seine Majestät, der König! Alle schrecken etwas zusammen, der Statthalter erhebt sich und Matthias Corvinus, König von Ungarn, ein junger Mann, einfach gekleidet, kommt rasch von links; der Hauptmann salutiert, und alle verbeugen sich, mehr oder minder tief. Matthias   hält einen Augenblick und grüßt kurz, eilt dann zu dem Schreiber hin, blickt in das Audienzbuch und fixiert den Statthalter: Wieso? Ist dies heut erst die erste Deputation? Statthalter   Wir haben uns etwas verspätet, Majestät – ich fühlte mich nicht wohl, mein schwacher Magen – Matthias   fällt ihm ins Wort: Du müßtest mal fasten – Er lächelt zweideutig. Statthalter   Ich bin krank. Matthias   lächelt wie zuvor: So? Statthalter   verwirrt: Majestät, es murrt immer so in mir – Matthias   Dann gehörst du pensioniert. Zum Hofbeamten. Wieviel Deputationen warten noch draußen? Hofbeamter   Zirka hundert, Majestät. Matthias   Wird alles heute erledigt. Statthalter   fast weinerlich: Das dauert doch bis morgen früh – Matthias   unterbricht ihn: Und wenn es bis übermorgen dauert! In diesem Lande bleibt nichts mehr unerledigt, dafür werden Wir sorgen – Er blickt wieder in das Audienzbuch und kriegt große Augen; zum Statthalter. Was heißt das? »Die Frauen von Selischtje bekommen vom König Männer« – was soll das? Statthalter   Majestät, es ist kein Witz – Matthias   In diesem Buch darfs auch keine Witze geben. Was in diesem Buch versprochen wird, das wird gehalten werden. Er blickt wieder in das Buch. Ach so. Zum Grafen. Dieses Dorf gehört dir? Graf   Jawohl, Majestät. Matthias   liest weiter: »Die Männer alle im Krieg geblieben« – hm. Er denkt nach und wendet sich dann wieder an den Grafen. Und deine Weiber brauchen dreihundert Männer? Graf   Jawohl, Majestät. Matthias   Wieviel Seelen hat denn das Dorf? Hofbeamter   Dreihundert, Majestät. Matthias   Und lauter Frauen? Graf   Jawohl, Majestät. Matthias   Hm. Da sind doch aber dann auch die kleinen Kinder mit einbegriffen, und die gebrechlichen Greisinnen – wie? Da käm ja dann mehr als ein Mann auf ein jedes deiner Weiber – Er lächelt. Unersättlich – Er blickt wieder ins Buch – »tapfere Krieger ansiedeln« – Hauptmann   tritt vor: Majestät! Matthias   Was gibts? Hauptmann   Als braver Hauptmann Euerer glorreichen Armee fühle ich mich verpflichtet, Majestät mitzuteilen, daß diese ganze Ansiedlerei einen kleinen Haken haben dürfte – Graf   fällt ihm ins Wort: Was soll das? Matthias   Wieso? Hauptmann   Majestät, ich denke, das wäre eine schlechte Belohnung für Euere braven Soldaten, wenn man sie diesen Weibern vorwerfen würde, denn alles, was recht ist: schön sind sie nicht! Da müßt man schon eher alle Blinden im Land zusammentrommeln. Graf   Darf ich etwas einwenden – Matthias   Bitte. Graf   Majestät, ich kenne die Frauen von Selischtje und es ist mir ein Rätsel, warum sie gerade die Häßlichsten hierhergesandt haben – vielleicht wollten sie sich durch die Intelligentesten vertreten lassen, und intelligente Frauen, Majestät, sind ja meistens nicht gerade schön – Matthias   Gottseidank! Hauptmann   Gar so intelligent kamen mir diese Weiber auch nicht vor – Graf   unterbricht ihn: Majestät! Die Frauen von Selischtje sind wunderschön, sie sind sogar berühmt in ganz Siebenbürgen! Matthias   lächelt: Was du nicht sagst – Graf   Auf mein Wort! Stille. Matthias   Hm. Ich kenne ja mein Land leider nur als Kriegsschauplatz – und hier steht Meinung gegen Meinung. Er überlegt und lächelt dann wieder; zum Grafen. Höre, schick mir doch von deinen berühmten Frauen ein kleines Muster – Statthalter   perplex: Ein was? Matthias   zum Statthalter: Ja, er soll mir aus seinem Dorf drei Frauen schicken. Wir glauben nämlich nur das, was Wir sehen – Graf   Ihr glaubt mir nicht?! Matthias   Doch, doch. Aber die Schönheit ist ein Geschmacksproblem, und ich kenne deinen Geschmack nicht – Statthalter   Er ist nicht schlecht. Matthias   Hoffentlich! Hoffentlich gibt es in Selischtje hübsche Mädchen, dann will ich dort meine tapfersten Krieger ansiedeln – Zum Grafen. Du hast Unser Wort! Graf   erfreut: Majestät! Ich reit jetzt sofort nach Siebenbürgen und bring Euch ein Muster! Er grüßt und rasch ab nach links. Matthias   lächelt: Glückliche Fahrt! Zum Statthalter. Und wir fahren auch fort! Setz dich! Zum Hofbeamten. Das nächste! Hofbeamter verbeugt sich und öffnet rechts die Türe. Zweites Bild In Siebenbürgen. In einer Badeanstalt zu Hermannstadt. Das Baden spielte in der damaligen Zeit eine große gesellschaftliche Rolle. Man badete in großen, hölzernen Wannen, in denen oft auch zwei Personen bequem Platz hatten, wenn sie sich gegenübersaßen. Da man damals noch fest daran glaubte, daß das Baden umso gesünder wäre, je länger man badete, saßen die Menschen oft tagelang in der Wanne. Die Folge davon war, daß man auch in der Wanne sitzend sein Mahl verzehrte, die Post erledigte, würfelte, Mariage spielte und dergleichen – dies alles auf einem Brett, das quer über die Wanne gelegt werden konnte und also als Tischlein fungierte. Dabei wurden die Herren von Bademägden bedient, die meist nur ein durchsichtiges Hemd anhatten und mit Recht nicht gerade im besten Rufe standen. Der Besitzer des Etablissements, der Bader, der übrigens auch als eine Art Arzt tätig war, trachtete natürlich darnach, nur sehr hübsche Bademägde zu haben, denn je hübscher sie waren, umso fleißiger badeten die Herren, und es ist also nur logisch, daß auch der Bader selbst nicht in bestem Rufe stand. Ein altes Sprichwort sagte: »Der Bader und sein Gesind, gar oft Buben und Huren sind.« Wir befinden uns nun in einer derartigen Badeanstalt. In drei großen hölzernen Wannen sitzen vier Bürger von Hermannstadt, und zwar von links nach rechts: in der ersten Thomas, der junge Wirt vom »Einhorn«, mit einer Bürste, in der zweiten ein Dicker, und in der dritten ein Bärtiger mit einem Dürren, Karten spielend. Der Dicke ißt gerade mit einem überaus gesunden Appetit zu Mittag und wird von einer Badmagd bedient, die er immer wieder abtätschelt. Links, rechts und im Hintergrund je eine Türe. Badmagd   zu Thomas: Und der Herr essen nichts? Thomas   Nein. Badmagd   Und auch ansonsten benötigen der Herr nichts? Thomas   Nein. Badmagd   Wie schade! Dicker   Der Herr ist verlobt – Er grinst. Badmagd   zu Thomas: Oh pardon! Bärtiger   sticht geräuschvoll: Atout! Atout! Atout! Dicker   zum Dürren: Mir scheint, du verlierst? Dürrer   Wenn ich noch weiter so verlier, geh ich nie mehr baden – Badmagd   zu Thomas: Und Kartenspielen tut der Herr auch nicht? Dicker   Seit er verlobt ist, rührt er keine Karte mehr an. Badmagd   betrachtet Thomas: Der Herr geht über meinen Horizont. Nicht essen, nicht trinken, nicht spielen, nicht – Zum Dicken. Ich bitt dich, zu was geht er denn überhaupt baden? Thomas   Zu Reinigungszwecken. Und weil es bekanntlich überaus gesund ist, stundenlang im Bad zu sitzen. Dicker   Das schon. Zur Badmagd. Apropos gesund: geh hol mir den Bader, Putzi, er soll mich schröpfen! Und bring mir noch ein bisserl von dem Kürbis – der ist heut ein Traum! Dicker   sieht ihr nach: Dieser Bader ist ein Tausendsassa! Immer bringt er die feschesten Weiber daher, wo er sie nur auftreibt?! Der hat direkt einen Riecher – Thomas   Ich neid ihm seinen Riecher nicht. Wenn ich so nachdenk, so war doch das Badeleben früher, noch vor relativ kurzer Zeit, geordneter, gesitteter, zweckmäßiger – mit einem Wort: seriöser. Damals sind die Leut wirklich nur deshalb hergekommen, aber seits hier diese Weiberwirtschaft gibt, ist es für einen jeden, der sich nur reinigen möcht – Dicker   unterbricht ihn: Was redest du da immer vom »Reinigen«? Bist denn gar so dreckig? Wenn sich jeder nur reinigen möcht, gäbs überhaupt kein gesellschaftliches Leben! Schau mich an, ich reinig mich auch, aber das ist doch bei mir nicht das A und das Z! Er ruft. Wo bleibt mein Kürbis?! Badmagd   kommt mit dem Kürbis von links: Ist schon da! Dicker   Brav, brav! Aber wo bleibt der Bader! Ich möcht doch geschröpft werden, geschröpft! Bader   kommt aus dem Hintergrund mit der Schröpfapparatur: Bin schon da, bin schon da! Zum Bärtigen. Habe die Ehre, Herr Sedlacek! Zum Dürren. Herr Vastag! Zu Thomas. Ah, der Herr Thomas! Daß Herr Hotelier mal wieder baden? – Zum Dicken, während er ihn zu schröpfen beginnt und die Badmagd nach rechts abgeht. Seiens mir, bittschön, nicht bös, Herr Durdurescu, aber ich hab hinten im Dampfbad einen unerwartet hohen Besuch bekommen und den hab ich jetzt erst ein bisserl behandeln müssen, herrichten, auffrischen, regenerieren – er war nämlich einigermaßen parterre von dem langen Ritt von der Hauptstadt bis zu uns – Dicker   horcht auf: Von der Hauptstadt? Wer ist denn das? Bader   Unser Herr Graf. Dicker   Ah da schau her! Herr Graf sind wieder in Hermannstadt? Bader   Seit gestern! Thomas   Ein seltener Gast bei sich zuhaus – Dicker   Was erzählt er denn Neues? Was machen die Türken, wie geht's dem König? Und der Sultan? Bader   Wir haben nicht politisiert. Er ist ziemlich wortkarg, der Herr Graf, scheint Sorgen zu haben – Dicker   Kann ich mir vorstellen! Bader   Dieser Riesenbesitz – Thomas   Der ihm nichts bringt – Bader   zu Thomas: Wenn man näher hinschaut, ist mir Euer Wirtshaus hint lieber, wie sein ganzer Fideikommiß vorn! Dicker   Das glaub ich! Thomas   Beruhigt Euch nur! Wenn ich nicht bald einen Kredit auftreib, sperr ich auch zu. Ich lauf mich schon wund nach einem Wucherer. Dicker   Wer heutzutag nicht! Thomas   Der, der dich grad schröpft. Der Bader. Bader   Nanana! Wenn mich der hohe Magistrat von Hermannstadt weiterhin so zu verfolgen beliebt, dann tausch ich sogar mit dem Grafen! Dicker   Der Magistrat verfolgt dich? Bader   Er hetzt mich, wie ein wehrloses Wild! Jeden zweiten Tag eine neue Vorschrift, ich wird kontrolliert und kontrolliert – lauter Schikan! Man könnt schon meinen, ich hätt kein solides Geschäft, hätt ein Frauenhaus und kein Badehaus! Eine Badmagd geht von rechts nach links vorbei. Zur Badmagd. Bist schon fertig? Geh zum Grafen, Anjuka – und hilf ihm ein bisserl regenerieren – Badmagd knixt und ab nach dem Hintergrund. Dicker   Wer war denn das? Eine Neue? Bader   Eine Polin. Rassig, sehr rassig! Thomas   schüttelt sich plötzlich: Brr! Dicker   Was fehlt dir? Thomas   Diese Weiberwirtschaft – peinlich! Bader   Sagens mir nur nichts gegen die Weiber, Herr Thomas! Seit Sie in Ihrem Wirtshaus keine Kellnerinnen mehr haben, sondern nur männliche Kellner, sehe ich etwas düster für Ihren Geschäftsgang – no hab ichs erraten? Thomas   Meine Braut soll ein reines Haus betreten. Seit meiner Verlobung hab ich alle Kellnerinnen zum Teufel gejagt. Bader   Herr Thomas, merkens Ihnen folgende Weisheit: ohne Kellnerinnen gibts keinen Kredit. Ehre, wem Ehre gebührt! Und ohne Kellnerinnen wird Ihr Fräulein Braut vielleicht gar kein Haus betreten, weder ein reines, noch ein unreines, denn bis dahin, ich will zwar nichts beschwören, aber immerhin – no hab ich erraten? Stille. Thomas   Lieber verlier ich mein Haus. Dicker   Blödsinn! Bader   Was tät denn dann das Fräulein Braut dazu sagen? Hat sich mit einem gutgehenden Hotel verlobt und soll eine gnädige Frau Habenichts werden! Thomas   Sie wird mit mir überall leben. Bader   Auch ohne Dach? Wo es überall hineinregnet? Thomas   romantisch: Regen oder Sonnenschein! Sie hat mich, und das genügt ihr. Bader   Na! Ihr seid durch die Liebe ein bisserl weltfremd geworden, Herr Thomas, weltfremd – und das ist gefährlich! Graf kommt aus dem Hintergrund, gefolgt von drei Bademägden. Die Badenden erheben sich etwas in den Wannen und grüßen. Graf   zu den Badenden: Bleibt nur ruhig sitzen! Danke, danke! – Du Bader! Bader   Herr Graf? Graf   Ich bitt dich, leih mir einen Taler – ich wollt mir ja ursprünglich nur die Haare schneiden lassen, aber meine Absicht hat dann unwillkürlich weitere Kreise gezogen – Er lächelt. Bader   Aber Herr Graf! Bei mir haben Herr Graf Kredit. Graf   melancholisch: Bei dir schon. Gibs der Polin – Bader gibt den Taler der Polin. Die Polin knixt. Danke, danke! Also auf Wiedersehen – Er will nach rechts ab. Bader   will ihn hinausbegleiten: Meine Hochachtung, Herr Graf! Gnädiger Herr Graf bleiben doch jetzt hoffentlich länger in Siebenbürgen – Graf   fällt ihm ins Wort: Nein. Ich reite morgen wieder retour. Bader   Schon? Ewig schad! Als gäbs in Hermannstadt keine schönen Mädchen – Graf   fällt ihm ins Wort: Ich muß heut nur noch nach Selischtje – Bader   fällt ihm ins Wort: Also in Selischtje werden Herr Graf keine Schönheiten finden! Graf   horcht perplex auf: Wie meinst du das? Bader   Ich mein das nur logisch – die Weiber von Selischtje sind ja berühmt häßlich! Solche Pratzen, solche Mündchen, Ohren wie die Bernhardiner – wo man hinschaut, lauter linke Füß, und was für Füß! Nicht die Spur von einer Grazie, einem Charme – kurz: lauter elende Trampeln! Kein Wunder, daß sie keine Männer kriegen! Unlängst habens nämlich eine Deputation zum König geschickt – Graf   unterbricht ihn: Du weißt davon? Bader   Ich hör hier alles. Und ein jeder sagt, denen ihre Männer sind nicht im Krieg geblieben, die haben den Krieg nur als Vorwand benützt, um nicht wieder nachhause zu müssen! Haben Herr Graf beim König zufällig die Deputation gesehen? Graf   Ja, es war wirklich abscheulich. Bader   Und derweil waren das noch die Schönsten! Graf   entsetzt: Die Schönsten?! Bader   Sie haben sich vorher noch ausgewählt – Schönheitskonkurrenz in Selischtje! Können Herr Graf sich vorstellen, wie die Zuhausgebliebenen – Graf   unterbricht ihn: Lieber nicht! Er überlegt. Hm. Das ist eine schlimme Botschaft – das ist sogar so schlimm, daß es wirklich schon schlimm ist. Bader   horcht auf: Wieso, Herr Graf? Graf   Der König will mir nämlich nur dann männliche Arbeitskräfte geben, wenn die Weiber hübsch sind. Er will seine braven Soldaten nicht häßlichen Hexen vorwerfen – Bader   Dieser König wird immer gerechter. Der wird noch populär werden – ojeh! Graf   Was nützt mir das? Ich gab ihm mein Wort, ich bring ihm drei hübsche Frauen aus Selischtje – wieder ein Strich durch die Rechnung! Ich bin halt ein Pechvogel. Meine Felder liegen brach und meine Weiber sind Hexen. Wie soll sich da einer sanieren? Bader   Herr Graf haben dem König drei Stück Hübsche versprochen? Graf   Im besten Glauben! Aber kann ich aus einer Kuh eine Aphrodite machen? Bader   Warum nicht? Graf   fast grob: Du vielleicht! Bader   leise: Herr Graf, soweit ich die Situation ermesse, benötigen Herr Graf drei Stück schöne Frauen aus Selischtje – sie müssen ja nicht aus Selischtje sein – Graf   Ah so! Bader   Logischerweise! Stille. Graf   Keine schlechte Idee – Bader   Sie liegt direkt auf der Hand. Herr Graf, schickens zum Beispiel gleich die Drei da – Er zeigt auf die Bademägde, die sich um die Badenden bemühen. Graf   unterbricht ihn: Nein, das geht nicht! Nicht aus diesem Milieu! Bader   Der König würd das gar nicht merken – Graf   Der König würds schon merken, er ist ein durchtriebener Mensch – Nein, nein, das müßten schon drei andere sein! Zum Beispiel drei anständige, verschwiegene Witwen – oder die Braut eines ehrbaren Bürgers – Bader   unterbricht ihn: »Braut eines ehrbaren Bürgers«? Herr Graf, mir scheint, eine haben wir bereits! Einen Moment! Er ruft. Herr Thomas! Kommens mal geschwind her! Der gnädige Herr Graf hätten dringend mit Euch zu reden! Thomas   überrascht: Mit mir? Bader   Ja! Kommens, kommens! Zur Polin. Anjuka, hilf ihm! Polin hilft Thomas aus der Wanne und hängt ihm ein Tuch um. Bader   zum Grafen: Die Braut dieses Mannes ist nämlich eine Schönheit, sie ist die Tochter eines Jägers in Rotkirchen – und er ist der Wirt vom »Einhorn« – Zu Thomas, der nun neben ihm steht. Hörens her! Der Herr Graf wollen mit Ihnen ein Geschäft machen – ich sag nur: Kredit! Verstanden? Thomas   Was, der Herr Graf will mir Kredit – Bader   fällt ihm ins Wort: Ja. Thomas   hocherfreut: Aber das wär ja wunderbar – Bader   fällt ihm wieder ins Wort: Er benötigt natürlich gewisse Sicherheiten – Thomas   begeistert, unterbricht ihn: Aber alles, alles! Mein Haus, mein Vieh, mein Wald – Bader   fällt ihm abermals ins Wort: Nein, er benötigt andere Sicherheiten. Herr Thomas, Sie wollen doch heiraten? Thomas   perplex: Ja. Bader   Schön. Dann haben Sie also auch eine Braut? Thomas   wird mißtrauisch: Ja. Und? Bader   Der Herr Graf benötigen nämlich Ihre Braut – Thomas   unterbricht ihn: Was?! Was hör ich?! Graf   Unsinn! Zum Bader. So erzähls ihm doch vernünftig! Bader   Ich kann nur so! Thomas   In diesem Punkt, Herr Graf, kenn ich keine Vernunft! Und wenn ich auch nur ein gemeiner Bürger bin und Ihr ein hochedler und hochwohlgeborener Graf – Bader   unterbricht ihn: Idiot! So mach doch da keinen Bauernkrieg! Es ist doch alles radikal anders, hör her – Er flüstert mit ihm. Thomas kriegt große Augen. No ist es anders? Thomas   Ja. Bader   Einverstanden? Thomas   Ja. Warum nicht? Bader   Eine kleine Reise in die Residenz – das ist alles. Thomas   Hoffentlich. Bader   Wie hab ich das gemacht? Thomas   Wann krieg ich den Kredit? Graf   Hol ihn dir noch heute ab. Thomas   Sehr geehrt, Herr Graf, sehr geehrt! Bader   Abgemacht! Thomas   zum Grafen: Darf ich mich nun wieder in meine Wanne zurückziehen? Bader   Du darfst. Thomas setzt sich wieder in die Wanne, unterstützt von der Polin. Graf   zum Bader, leise: Wie hoch ist dieser Kredit? Bader   Eine Kleinigkeit – dreihundert Taler. Graf   Dreihundert? Hoffentlich zahlt sichs aus – Er lächelt. Bader   Herr Graf können beruhigt abreisen, es wird alles prompt erledigt! Ich beschaff Euch noch zwei derartige Weiber, daß Seine Majestät sofort die halbe Armee in Selischtje ansiedeln wird! Herr Graf können sich auf meine Routine verlassen! Graf   Schön. Aber, wie gesagt, nicht aus diesem Milieu – Bader   Nein, nein! Lauter höchstehrbare Witwen, Bräute, Töchter – garantiert! Graf   Wenn alles klappt, hast du nichts zu bereuen. Bader   Es klappt, es klappt! In drei Wochen hat der König das Muster! Graf   Schön. Also auf Wiedersehen – Bader   Herr Graf, ich hätt jetzt nur noch eine kleine persönliche Bitte – nicht bös sein, bitte! Graf   Na los! Bader   Herr Graf, der Magistrat verfolgt mich, wo er nur kann! Redens mal mit dem Bürgermeister, da habens jetzt wieder so eine sekkante Vorschrift erlassen – Er zieht ein Dekret aus seiner Tasche und liest. »Kein Mann soll in ein Badehaus hineingezogen oder hineingelockt werden« – also das ist doch wirklich Schikan! Drittes Bild Wieder im Audienzsaal der Ofner Burg. Der Statthalter sitzt auf der Estrade und ißt von einem silbernen Tablett, das ihm der Page hinhält, Sandwiches. Am Pult steht der Schreiber und nickt immer wieder ein. Vor den beiden Türen wachen die Gardisten. Statthalter   zum Pagen: Also die Gansleber ist heut nicht berühmt – Skandal! Hofbeamter kommt von rechts. Statthalter   essend zum Hofbeamten. Alles in Ordnung? Hofbeamter   gibt keine Antwort, sondern geht dicht an den Statthalter heran; leise, damit ihn der Page nicht hört: Wie ich soeben informiert wurde, werden uns Seine Majestät heute nicht um halbsechs, sondern bereits um dreiviertelfünf »überraschen« – Statthalter   Was? Schon um dreiviertelfünf? Uiweh! Er gibt dem Pagen ein Zeichen, er möge sich mit dem Tablett entfernen. Page ab mit dem Tablett nach links. Hofbeamter   Gottlob halten sich Euere Komödianten bereits seit Stunden bereit. Statthalter   Hoffentlich haben sie auch ihre Rollen anständig gelernt! Hofbeamter   lächelt hinterlistig: Gewissenhaft, Exzellenz! Gewissenhaft! Statthalter   Wie sehens denn aus? Hofbeamter   Wie eine wirkliche Deputation. Statthalter   Wahrheitsgetreu? Hofbeamter   Das echte Volk. Statthalter   Bravo. Wie spät ist es denn schon? Hofbeamter   sieht auf eine Sanduhr: Punkt halbfünf. Statthalter   Geht der Sand nicht nach? Hofbeamter   Nur paar Minuten, Exzellenz! Statthalter   Herein mit den Komödianten! Hofbeamter   öffnet rechts die Tür und läßt zwei Komödianten ein; sie sind als Bauern verkleidet und fallen sofort auf die Knie. Statthalter mustert sie zufrieden. Echt, wirklich echt – Zum Hofbeamten. Wenn es Seiner Majestät beliebt, unsere Amtsführung zu kontrollieren, und zwar direkt überfallsartig zu kontrollieren, dann müssen wir uns eben wehren! Auch der Wurm krümmt sich, wenn er kontrolliert wird. Ich verstehs nicht, was hat er eigentlich gegen die Korruption? Was hat ihm schon die Korruption getan? Wo doch die Korruption gewissermaßen die pikante Sauce ist für diese ganze fade Regiererei! Apropos fad: wir können eine kleine Probe abhalten – Zum ersten Komödianten. Nun, mein Sohn, wie kann ich dir helfen? Erster   Exzellenz, Euere Güte kennt keine Grenzen, wie soll ich armer Bauer Euch danken – Statthalter   Ah, du willst dich bedanken? Erster   Euere Exzellenz haben mir doch schon wieder gnädigst sechs Schafe und zwölf Ziegen geschenkt – Zweiter   Auch ich möcht mich bedanken – Statthalter   Brav, sehr brav! Zweiter   Euere Exzellenz haben mir doch allergnädigst die Steuern nicht nur gestundet, sondern sogar gestrichen, angesichts der großen Not – Statthalter   unterbricht ihn: Du leidest Not? Zweiter   Bitterlich. Und mein armes Weib ist gar arg krank – Statthalter   zum Schreiber: Schreib: dieser brave Bauer bekommt fünf Taler, damit er Medizin für sein krankes Weib – Erster Gardist   unterbricht ihn plötzlich: Halt! Er tritt rasch auf den Statthalter zu und schlägt mit seiner Hellebarde auf das Pult des Schreibers. Halt! Statthalter   außer sich: Was los?! Ist der Hund des Teufels?! Erster Gardist Du bist des Teufels! Er öffnet rasch sein Visier; es ist Matthias. Statthalter   brüllt auf: Der König! Der König! Matthias   Ja. Er nimmt den Helm ab und herrscht plötzlich die beiden Komödianten an. Steht auf! Rutscht hier nicht auf den Knien herum, das schickt sich nicht! Ihr seid doch in keiner Kirche! Auf! Die Komödianten erheben sich entsetzt. Zum Schreiber. Schreib: dieser brave Bauer bekommt keine fünf, sondern fünfundzwanzig, aber keine Taler, sondern vom Büttel! Zweiter   entsetzt: Majestät! Matthias   zum Schreiber: Schreib: diese beiden braven Bauern werden auf der Stelle in Ketten gelegt, denn das sind keine Bauern, sondern Komödianten, die ihre Begabung mißbrauchen, um ihren König zu betrügen und um, was noch schlimmer ist, ihr eigenes Volk zu betrügen – Er ruft. Die Wache! Gardisten treten rechts und links mit dem Hauptmann ein. Hofbeamter   deutet auf die zwei Komödianten; zum Hauptmann: Abführen! Hauptmann   zu den Gardisten: Abführen! Die Komödianten   verzweifelt: Gnade, Majestät! Gnade! Sie werden von zwei Gardisten nach links abgeführt. Matthias   fixiert den Statthalter: Es gibt keine Gnade. Stille. Statthalter   kleinlaut: Majestät – Matthias   fällt ihm ins Wort: Ihr wißt es also, wann ich Euch »überrasche«? Er lächelt. Man hats mir schon gestern erzählt – Statthalter   fällt ihm ins Wort: Wer? Matthias   deutet auf den Hofbeamten: Dieser treue Mann! Statthalter   fixiert wütend den Hofbeamten: Diese Beamtenseele?! Diese Kreatur!? Matthias   Halt den Mund! Statthalter   braust auf: Was erlaubt Ihr Euch? König, ich bin ein Edelmann! Matthias   Umso schlimmer! Du hast dir Komödianten engagiert, aber ich kenne mein Volk, ich weiß, wie es denkt und fühlt, und ich weiß auch, wie es über deinesgleichen denkt, hoher Herr – Zum Hauptmann. Im Namen des Volkes! Abführen! Statthalter   Matthias Corvinus, dazu habt Ihr kein Recht! Matthias   grinst: Wer die Macht hat, braucht kein Recht – das ist doch dein Gesetz! Statthalter   Ich bin kein lumpiger Bauer! Matthias   zum Hauptmann: Abführen! Raus! Statthalter   zum Hofbeamten: Diese Schmach sollst du mir büßen! Er wird von den Gardisten und dem Hauptmann links abgeführt. Hofbeamter   sieht ihm besorgt nach: Büßen? Er schluckt. Matthias   lächelt: Hast du Angst? Hofbeamter   Angst gerade nicht – aber ein unangenehmes Gefühl. Matthias   Der kommt nicht mehr zurück. Hofbeamter   Wer weiß! Matthias horcht auf und sieht den Hofbeamten groß an. Zweiter Gardist   bei der Tür rechts, ruft plötzlich: Es lebe der König! Matthias   horcht abermals auf, geht dann langsam auf den zweiten Gardisten zu, hält dicht vor ihm und betrachtet seine hünenhafte Gestalt; er klopft plötzlich auf seinen Brustpanzer, als würde er ihn streicheln und lächelt ernst: Dankeschön! – Er geht wieder zum Hofbeamten und deutet auf den verwaisten Platz des Statthalters. Komm, setz dich dorthin – Hofbeamter   überrascht: Wohin?! Matthias   Ja. Wir haben das Dekret bereits vor vier Tagen unterzeichnet, du bist Statthalter. Exzellenz – Hofbeamter   glücklich: Majestät – Matthias   fällt ihm ins Wort: Ich bitt dich, tu nur nicht so, als hättest dus nicht schon gewußt! Du weißt es doch schon seit drei Tagen – von der großen Schwester meines Pagen, nicht? Hofbeamter   grinst: Majestät scheinen allwissend zu sein – Matthias   lächelt wieder: Nein, ich hab halt nur auch meine lieben Spitzel. Du bist zwar ein großer Komödiant – Hofbeamter   unterbricht ihn gekränkt: Majestät! Matthias   Ich wollte nur sagen, das Sympathische an dir ist, daß du es weißt, daß du ein Gauner bist. Ein guter Statthalter muß Gewissensbisse haben, sonst ist er ein dummer Tropf. Verzeih, ich wollte dich nicht kränken! Wir leben in einer rauhen Zeit. Die feinzugespitzten Aperçus schlummern ja noch unter den Steinen, aus denen dereinst die Schulen gebaut werden – Aber weiter! Setz dich! Zum zweiten Gardisten. Los, das echte Volk, es trete ein! Er setzt sich wieder neben den Schreiber und der Hofbeamte läßt sich auf den Platz des Statthalters nieder. Zweiter Gardist salutiert vor Matthias und öffnet dann die Türe rechts: der Bader in Gala tritt ein, gefolgt von drei Frauen, die so schön sind, daß selbst Matthias betreten hinstarrt – Eine Schwarze, eine Rote, eine Blonde. Sie sind als Bäuerinnen gekleidet, geschmückt, geputzt und hergerichtet, mit kurzen Röckchen und bunten Stiefeln; ihr Auftreten ist, trotz einer gewissen Befangenheit, sehr sicher, sie wissens nämlich, daß sie wirken; sie machen einen Knix vor dem Hofbeamten und der Bader verbeugt sich tief. Hofbeamter erhebt sich unwillkürlich. Bader   tritt vor: Hochgeborener Herr Statthalter! Exzellenz – Hofbeamter   unterbricht ihn: Was für eine Deputation seid Ihr? Bader   deutet auf die drei Frauen: Das ist keine Deputation, Exzellenz halten zu Gnaden, sondern das ist ein Muster. Hofbeamter   verwirrt: Ein Muster? Mit Euch ists wohl nicht ganz richtig. Was für ein Muster? Ich versteh kein Wort – wieso ein Muster? Bader   Exzellenz halten zu Gnaden, das sind die drei Frauen aus dem Dorfe Selischtje, die ich im Auftrage meines Herrn, des Grafen von Hermannstadt, dem König bringen soll, damit der König sich überzeuge, daß er dortselbst mit bestem Gewissen seine tapfersten Krieger ansiedeln – Matthias   unterbricht ihn: Ach so! Aha – Hofbeamter   wird immer verwirrter; zu Matthias: Wieso, Ihr kennt diesen Fall? Matthias   Jaja, ich kann mich noch erinnern. Bader   Es war vor zirka fünf Wochen – Matthias   fällt ihm ins Wort: Stimmt. Damals haben Seine Majestät dem Grafen von Hermannstadt den Auftrag erteilt, ihm dieses Muster zu übersenden – Hofbeamter   sieht Matthias groß an: So? Matthias   kurz: Ja. Stille. Hofbeamter   zu Matthias: Und? Matthias   Nun, ich denke, Exzellenz: Ihr seid zwar der Stellvertreter des Königs, doch nicht in allen Angelegenheiten seid Ihr im Stande, ihn zu vertreten. Wie mir scheint, gehört auch diese hier dazu. Hofbeamter   Aha. Was also ratet Ihr uns zu tun? Matthias   Nun, ich bin zwar nur Euer geringster Ratgeber, ja sozusagen nur Euer Diener, Exzellenz – doch, wenn ich etwas raten dürfte, so solltet Ihr Euch zuerst einmal mit dem König in Verbindung setzen – Zu den Frauen. Wartet bis dahin draußen, liebe Kinder. Hofbeamter   Vortrefflich! Wartet draußen! Die Frauen machen wieder einen Knix und ab mit dem Bader nach rechts. Schreiber   bläst vor sich hin: Püh – Hofbeamter   deutet auf den Schreiber; zu Matthias: Ihm wurd es auch ganz heiß – Er grinst. Matthias   lächelt: Begreiflicherweise. Hofbeamter   Diese Schwarze! Matthias   Und die Rote? Hofbeamter   Und die Blonde? Matthias   Jaja, alle drei. Hm. Was ist da zu tun? Hofbeamter   lächelt verschmitzt: Wenn ich meinem geringsten Ratgeber raten dürfte, so könnte man es dem König ruhig sagen, daß er seine tapfersten Krieger mit bestem Gewissen in Selischtje ansiedeln kann – und dieses Muster, das schicken wir nun wieder nachhaus, wir haben uns ja bereits überzeugt, daß es nicht häßlich ist – nicht? Matthias   lächelt auch verschmitzt: Wie mir scheint, ist der König noch nicht ganz überzeugt – Hofbeamter   Dann wird er sich wohl noch ein bisserl überzeugen müssen. Matthias   wird plötzlich etwas verlegen: Hm. Spaß beiseite: was ist da wirklich zu tun? Hofbeamter   sarkastisch: Tja, was denn nur? Stille. Matthias   Ich bin doch schließlich der König. Hofbeamter   Das wäre noch kein direkter Grund. Matthias   Aber ich kann doch nicht meine braven Landeskinder, nur weil sie hübsch sind – Hofbeamter   Majestät geruhen total zu vergessen, diese drei braven Landeskinder suchen doch Männer! Matthias   Das schon! Hofbeamter   Man merkts ihnen auch an. Matthias   Aber die suchen doch ganz andere Männer! Tüchtige Siedler, arbeitsame, kernige Bauern! Hofbeamter   Nun, Majestät, ich glaube, die würden sich auch mit einem kernigen Städter zufrieden geben, zum Beispiel, mit einem arbeitsamen Statthalter – Matthias   Sei so gut! Graf   tritt links rasch ein, erblickt Matthias und verbeugt sich: Majestät! Matthias   Ach, unser lieber Graf! Graf   Majestät, soeben hab ichs vernommen, daß mein Muster eingetroffen ist – ich habs in der Burg gehört, die ganze Stadt ist ja in heller Begeisterung, so prächtig soll mein Muster sein! Matthias   Fürwahr! Wenn ganz Selischtje so aussieht, erbaue ich dort nächsten Winter eine Burg! Hofbeamter   Und ich werde Burgvogt. Matthias   Schon wieder? Graf   Wo sind sie? Ich möcht sie ja auch schon gern sehen – Matthias   fällt ihm ins Wort: Kennst du sie denn nicht? Graf   Mein Gott, Majestät, ich hab meinen Präfekten beauftragt, er möge drei Frauen aus Selischtje hierherbringen, irgendwelche drei, die nächsten besten drei, die er trifft, und nun bin ich natürlich begierig, welche drei er getroffen hat. Matthias   Dort warten sie. Graf geht rasch zur Türe rechts, öffnet sie heimlich und blickt hinaus – er fährt etwas zurück, faßt sich, blickt nochmals hinaus, ist bestürzt, jedoch beherrscht, schließt die Türe und faßt sich ans Herz. Matthias   hat mit dem Hofbeamten konferiert. Schön. Wenn du meinst – Hofbeamter   Wir werden dies Problem schon meistern. Nur Mut, Majestät! Matthias   fixiert ihn: Mut? Hofbeamter   Oh pardon! Pardon, Majestät! Stille. Matthias   erblickt den Grafen und stutzt: Was fehlt denn dir? Du bist ja weiß – Graf   leise: Nichts, Majestät – es war nur das Herz. Das hört manchmal so komisch auf. Stille. Matthias   Es tät mir leid, wenn du heut Abend nicht mit dabei sein könntest. Bei meinem kleinen Fest – Graf   Das tät mir auch sehr leid. Matthias   Du willst doch nicht kommen? Graf   Ich komme, Majestät. Sicher. Matthias   Du solltest dich lieber schonen – Graf   Ich schone mich nicht. Matthias   etwas unwillig, zum zweiten Gardisten: Ruf sie herein! Er setzt sich wieder neben den Schreiber. Zweiter Gardist öffnet die Türe rechts. Bader tritt allein ein, erblickt den Grafen, der ihn nicht aus den Augen läßt, und schrickt etwas zusammen. Hofbeamter   wieder auf dem Platz des Statthalters: Wo sind die Frauen? Bader   Verzeihung, hochgeborener Herr Statthalter, aber die eine ist durch das lange Warten grad vorhin ein bisserl schwindlig geworden – Matthias   fällt ihm ins Wort: Schwindlig? Hofbeamter   Hoffentlich wirds bald wieder gut? Bader   Sicher! Es war nur das Herz. Das hört manchmal so komisch auf – Matthias horcht auf und beobachtet den Grafen, der noch immer den Bader fixiert. Hofbeamter   Nun, höret! Ich habe mich mit Seiner Majestät in Verbindung gesetzt und Seine Majestät geruhten allergnädigst zu bestimmen, daß Seine Majestät die Frauen aus Selischtje auf seinem Jagdschloß zur Audienz erwarten, und zwar noch heute Nacht – wollte sagen: heute Abend. Bis dahin sollt Ihr im Hofgasthaus wohnen, als Gäste Seiner Majestät, Ihr werdet dann abgeholt. Gehet nun in Frieden! Bader verbeugt sich tief, geht an dem Grafen, der ihn noch immer anstarrt, vorbei, macht ihm ein heimliches Zeichen, als wollte er sagen: »Ich bin unschuldig, ich kann nichts dafür!« und ab nach rechts. Graf   blickt ihm kurz nach, tritt dann rasch vor Matthias: Majestät, darf ich nun wieder fort – Matthias   fällt ihm verschmitzt lächelnd ins Wort: Warum? Bleib nur noch und hilf uns, wir haben viel zu tun – Zum zweiten Gardisten. Das Nächste! Zweiter Gardist verbeugt sich und öffnet rechts die Türe. Viertes Bild Im Hofgasthaus. Ein Zimmer des Appartements, in welchem das Muster abgestiegen ist. Rechts und links je eine Türe. Im Hintergrund das Fenster und ein großer Schrank. Tisch und Stühle. Alles ist voller Blumen. Von der Straße tönen Serenaden empor, Mandolinengesang und Zigeunermusik. Der Bader sitzt und schreibt. Es klopft. Bader   Herein! Der Hofwirt   tritt links mit viel Blumen ein; er ist einäugig: Es sind wieder Blumen gekommen für die Täubchen – Er stellt die Blumen auf den Tisch. Bader   Danke, Herr Hofwirt. Hofwirt   Die ganze Stadt ist aus dem Häusel, sogar gerauft ist schon worden, wer daß die Schönste wär – die Schwarze, die Rote, die Blonde! Wo stecken denn die Damen? Bader   deutet auf die Türe rechts: Dort. Sie ziehen sich an. Hofwirt   blickt nach rechts: »Sie ziehen sich aus« – Bader   fällt ihm ins Wort: An! Hofwirt   Das ist wurscht. Jaja, jung müßt man halt wieder sein, und schön! Ich hab zwar nur ein Auge, aber ich würd selbst dieses eine Auge riskieren – Euere Weiber sind ja das reinste Kanonenpulver! Hörens nur, wie die Leut singen, besonders, seit es publik geworden ist, daß sie der König auf sein Jagdschloß geladen hat! Wißt Ihr, was das bedeutet? Bader   Ich kanns mir vorstellen. Hofwirt   Die seltenste Auszeichnung! Das war überhaupt noch nicht da! Bader   Geh – geh – geh! Hofwirt   Was Schreibens denn da? Bader   Mein Testament. Hofwirt   perplex: Testament? Bader   lächelt schmerzlich: Man weiß es nie. Vielleicht schon diese Nacht – Hofwirt   Mit einem solchen Muster denkt der Mensch ans Sterben – Beiseite. Provinzler! Ab nach links. Bader   sieht ihm nach: Daß es in einer Haupt- und Residenzstadt solche Naivlinge gibt – und die reden was über unsere Provinz! Er erhebt sich und riecht an diversen Blumen. Wirklich prachtvoll – wie auf einem Friedhof. Nötig hab ich das gehabt, mich da einzulassen, der Graf zerreißt mich in der Luft – Er tritt an die Türe rechts und klopft. Seids bald fertig mit der Anzieherei? In einer halben Stund ist der Wagen des Königs da! – Vergeßt euch nicht den Hals zu waschen – was? Wie? Also nur nicht renitent werden! Beherrsch dich gefälligst! Thomas öffnet leise die Schranktüre und steigt vorsichtig aus dem Schrank. Bader   erblickt ihn und erschrickt. Allmächtiger! Thomas   Ich bins. Bader   grinst geschwächt: Thomas, der liebe Thomas – der hat mir noch gefehlt! Seit wann stecken wir denn wieder in diesem Schrank? Thomas   fährt sich mit der Hand über die Augen: Was weiß ich, mir ist schon direkt übel – Bader   Wärst erstickt! Thomas   Freundlich, sehr freundlich! – Wie war denn die Audienz? Bader   Die Damen haben gefallen. Thomas   Bravo. Dann fahren wir morgen zurück. Bader   Möglich ist alles! Aber heut abend müssen wir noch zum König. Wir sind eingeladen auf sein Lustschloß – Thomas   »Lust«? – Um Gottes Willen! Bader   Es ist sogar vorgesehen, daß wir eventuell sogar draußen übernachten – Thomas   Übernachten?! Bader   Möglich ist alles. Ich habs nicht arrangiert. Thomas   Aber das wär ja grauenhaft! Nein, ich laß das nimmermehr zu, daß meine Braut da so einfach übernachtet! Nein, nein, nie! Ah, das wär das Schönste! Bader   Das Schönste her, das Schönste hin! Hör her, du Narr! Ich hab dich aus Hermannstadt mitziehen lassen, aber unter einer Bedingung, nämlich daß du unsere Expedition nicht hemmst! Wenn ich das geahnt hätte, was ich mir mit dir da aufhals, na servus! Diese ewigen Scherereien mit deiner hirnverbrannten Eifersucht! Was willst denn machen gegen den Willen eines Königs, Obernarr?! Und überhaupt: Du könntest dich nur geehrt fühlen, wenn ein König sich für deine Braut interessiert. Thomas   Ich fühl mich aber nicht geehrt. Auf dieser Ebene gibts für mich keinen König! Da hört sich das Vaterland auf! Wenn er es wagen sollte – Bader   unterbricht ihn entsetzt: Halts Maul! Trottel! Verliert sich noch seinen Kopf – Er sieht sich ängstlich um. Stille. Thomas   Könnte ich mal meine Braut sprechen? Bader   Jetzt werd ich aber wirklich wild! Jetzt werd ich aber sogar rabiat! In einer halben Stund wird sie abgeholt und du möchtst sie vorher noch aufregen, was?! Wo sie eh schon nervös genug ist! Sitzt da drin und richtet sich her – verschwind, sag ich dir, sonst – Thomas   unterbricht ihn: Du drohst mir?! Bader   Jawohl, ich drohe dir! Noch ein Wort – und ich fang an zu weinen! Du reißt uns ja noch alle in die gediegenste Katastrophe! In einen Strudel! Thomas   Gut, ich geh. Aber das eine merk dir: wenn etwas passieren sollte, dann bin ich da – dann komm ich aus irgend einem Schrank, und, wenns auch Gottbehüt der König selber wär, ich bring ihn um! Rasch ab nach links. Bader   sieht ihm nach: Der hat mir aber wirklich noch gefehlt – Graf tritt rasch links ein. Bader erblickt ihn und erschrickt sehr. Graf nähert sich ihm langsam und drohend. Bader retiriert verlegen lächelnd. Graf   hält endlich und fixiert ihn: Schurke. Lump. Verbrecher. Bader   Gnädigster Herr Graf – Graf   Halt den Mund! Das also ist dein Muster – Bader   windet sich: Die Braut dieses Thomas – Graf   unterbricht ihn: Das ist die Eine, und? Bader   wie zuvor: Und die Zweite: eine brave hochachtbare Witwe – Graf   »Hochachtbare«! Bader   Sehr wohl, gnädigster Herr Graf! Sie kommt aus Kronstadt, eine Kürschnermeisterswitwe – Graf   »Kürschner«? Dir müßte man mal das Fell abziehen, Verbrecher! Das ist keine Witwe, das ist eine Badmagd! Lüg nicht! Ich kenne sie genau! Bader   So? Und mir hat das Stück geschworen es kennt Euch nicht! Na, der werd ichs aber geben! Graf   Egal! Und wenn du alle Dirnen aus Siebenbürgen hergebracht hättest – egal! Jetzt sag mir nur mal: wer ist denn die Dritte, he? Jawohl, die Dritte? Er zieht den Degen. Bader   verzweifelt: Herr Graf, nur kein Blut! Ich bin unschuldig, radikal unschuldig! Sie hat unseren Plan erfahren und hat mich gezwungen – Tuns das Messer weg, Herr Graf! Jawohl, gezwungen hat sie mich, sie hat mich kommen lassen und hat mir gedroht, daß sie alles sofort verraten würd, unsere ganze Musteraffär, wenn ich sie nicht als Dritte mitnimm – und, Herr Graf, ich konnts doch nicht verraten lassen, wenn das herausgekommen wär, daß der Graf von Hermannstadt seinen König betrügt – Graf   unterbricht ihn: Still! Er sieht sich ängstlich um und steckt dann seinen Degen wieder in die Scheide. Bader atmet erleichtert auf. Schick sie heraus. Bader   Jetzt? Eine Viertelstund, bevor die Equipage des Königs – Graf   unterbricht ihn: Auf der Stelle! Los! Bader   Schön. Herr Graf, ich möcht nur noch bemerkt haben, daß die beiden Anderen keine Ahnung haben, wer die Dritte ist – Graf   herrscht ihn an: Schick sie heraus! Er zückt wieder etwas seinen Degen. Bader rasch ab nach rechts. Graf   allein; sein Blick streift die Blumen und bleibt dann unwillkürlich auf dem Testament des Baders, das noch immer auf dem Tische liegt, heften; er stutzt und liest. »Mein Testament« – Er blickt überrascht auf die Türe rechts und liest dann weiter – »und so stifte ich dem Spital von Hermannstadt ein Bett für obdachlose Kellnerinnen und mein Personal bekommt meine Badewannen« – Er blickt wieder auf die Türe rechts und muß leise lächeln. Die Blonde kommt von rechts, sie ist noch nicht ganz angezogen und hält vor dem Grafen. Graf starrt sie an. Blonde lächelt etwas unsicher. Graf   herrscht sie unterdrückt an. Was fällt dir ein?! Stille. Blonde   wie zuvor: Ich weiß, du könntest mich töten. Könntest mich auf der Stelle durchbohren – was? Graf   Mit Recht. Blonde   wie zuvor: Natürlich. Graf   Mit was denn sonst! Stille. Blonde   Als ich dich vorhin beim Statthalter sah, wurd es mir allerdings etwas schwindlig – aber nur momentan. Graf   Mich traf fast der Schlag, als ich dich sah, dich meine Frau – Blonde   fällt ihm ins Wort: Niemand wird mich erkennen, da es ja niemand weiß, daß ich deine Frau bin! Wer ahnt es denn schon, daß du überhaupt verheiratet bist?! Graf   Gottseidank! Er macht eine wegwerfende Geste. Blonde   herrscht ihn an: Hör auf damit! Stille. Graf   Was hast du hier vor? Blonde   Du hast mich auf deiner Burg wie eine Gefangene gehalten – Graf   fällt ihr ins Wort Mit Recht! Blonde   lächelt seltsam Mit was denn sonst? Stille. Graf   Wer hat dir die Sache mit dem Muster verraten? Blonde   Der Bader. Graf   Was?! Der?! Blonde   Ich ließ ihn nämlich mal auf die Burg kommen, damit er mir das Fieber nimmt, ich war so verkühlt und fühlte mich elend. Da erzählte er es, um mich zu erheitern – Sie lächelt . Und er hat mich auch erheitert, ich wurd sogar sofort gesund, denn ich sah sogleich, jetzt kannst du endlich verreisen! Graf   Und du hast ihm gedroht, wenn er dich nicht mitnimmt, alles zu verraten? Blonde   Es war nicht fein. Aber fünf Jahre Kerker – Graf   unterbricht sie: Kerker? Blonde   Du hast mich auf deiner Burg wie eine Gefangene gehalten – Still! Eine Gefangene, ohne Liebe, ohne Freude, ohne einen Kreuzer Geld! Ich könnt ja nirgendhin, mußt immer bleiben, bleiben, bleiben! Und die Welt wurd mir immer weiter, aber in der Nacht kamen die Sternlein zu mir. Wer kann von Sternlein leben? Ich nicht. Stille. Graf   Du weißt, ich bin nicht schuld. Wenn du so lächelst, denk ich manchmal, du weißt es noch immer nicht, was du mir angetan hast. Warum bin ich denn nie zuhaus, warum betrink ich mich jeden Tag, warum verspiel ich denn alles?! Nur deinetwegen! Blonde   Oh, wie oft hab ich schon bereut, daß ich es dir verschwiegen hab! Graf   Am Tag nach der Hochzeit hast du es mir gestanden. Blonde   Wenn ichs dir vorher gesagt hätte, hättest du mich nie geheiratet. Graf   Allerdings. Blonde   Drum hab ichs ja auch erst hinterher gesagt, denn ich hatte dich lieb. Graf    Ich dich auch. Aber du kannst es von mir nicht verlangen, daß ich mit einer Frau lebe, deren Familie verflucht ist. Begreifst du denn das nicht? Blonde   nickt vor sich hin: Ich begreifs, ich begreifs. Graf   Du hast mir den Fluch ins Haus gebracht. Nun haben wir es zu tragen, du und ich. Wir sind aneinandergekettet vor Gott. Blonde   leise: Wenn ich nur mal mit Gott sprechen könnte – Graf   Das kann man immer. Blonde   Findest du? Stille. Graf   Seit du mein Weib bist, geht alles krumm. Entweder regnets im Sommer, daß alles verfault, oder die Dürre verbrennt Feld und Flur. An unserem ersten Hochzeitstage hielt die Pest ihren Einzug in Hermannstadt, und an deinem Geburtstag überfielen uns die Horden des Sultans – ich wette, diese Sache mit meinem Muster geht jetzt natürlich auch krumm, wenn du dabei bist – Blonde   fällt ihm ins Wort: Oh, ich werd mich nur bemühen, damit du möglichst viele männliche Arbeitskräfte bekommst – verlaß dich drauf! Graf   Dann bin ich aber wirklich verlassen! Blonde   Glaubst du denn wirklich, daß ich schuld bin an der Pest? Graf   Wer denn sonst? Blonde   Vielleicht hätte aber der Sultan auch ohne meinen Geburtstag angegriffen – Graf   Lächerlich! Eine Frau, deren Tante als Hexe verbrannt wurde! Deren Großvater mütterlicherseits mit Satansrezepten Gold kochte, und deren Onkel man beide Ohren abschnitt, weil er behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne! Eine segensreiche Rasse! Mit dir soll ich leben als Mann und Frau? Du sollst Mutter meines Kindes – Blonde   hält sich die Ohren zu und unterbricht ihn schreiend: Schweig! Schweig! Schweig! Stille . Graf  Daß ich dich so blind heiratete, daß ich dich liebte, ohne zu fragen – das war dein Werk. Du hast mich behext. Blonde   Willst du mich auch noch auf den Scheiterhaufen bringen? Ich bin keine Hexe! Graf   Dir trau ichs zu. Blonde   So reg mich doch jetzt nicht so auf, eine Viertelstund bevor ich zum König soll! Stille. Graf   Hoffentlich bringst du dem König kein Unheil. Blonde   Hoffentlich. Ich möcht ihn nur gern kennenlernen, ich hätt ihm gar manches zu berichten. Graf   mißtrauisch: Was denn? Blonde   Nichts über uns speziell – nur eben so manches, wovon er wahrscheinlich noch nie etwas hörte. Graf   Das gibt es nicht. Blonde   lächelt: Oh, doch! Der König ist nur von Männern umgeben, Männer regieren, und davon, was ich ihm erzählen möcht, davon wißt ihr Männer nichts. Graf   Was willst du ihm denn erzählen? Blonde   Etwas vom Schicksal der Frauen in seinem Reich. Graf horcht auf und sieht sie groß an. In der Ferne ertönt Hörnerklang; die Schwarze und die Rote eilen rasch von rechts herein und stürzen ans Fenster; sie sind ebenfalls noch nicht ganz fertig angezogen. Schwarze   Sie kommen, sie kommen! Rote   Sie blasen bereits! Sie erblickt den Grafen und schrickt etwas zusammen. Schwarze   erblickt ihn nun auch und deckt sich rasch zu; zur Blonden: Wie kommt denn da ein Mann ins Zimmer? Skandal! Ein fremder Mann! Blonde   lächelt: Darf ich vorstellen: dieser fremde Mann ist unser gnädiger Herr Graf, der Graf von Hermannstadt. Schwarze   Oh! Sie macht einen artigen Knix . Blonde   deutet auf die Schwarze; zum Grafen: Das ist die Braut des Wirtes vom »Einhorn«, eine Jägerstochter aus Rotkirchen – Sie deutet auf die Rote. Und das ist eine Kürschnermeisterswitwe aus Kronstadt – Rote   fällt ihr ins Wort: Kannst es ihm ruhig sagen, wer ich bin, der Bader hat mir schon Vorwürf gemacht, daß er mich erkannt hat! Blonde   Erkannt? Zum Grafen. Ihr kennt euch? Rote   Schon gar nicht mehr wahr! Blonde sieht den Grafen groß an. Graf   etwas verwirrt: Darf ich mich jetzt empfehlen – Bader   erscheint vorsichtig in der Türe rechts; zur Roten: Ist er weg? Graf   Noch nicht. Bader erblickt ihn, erschrickt und rasch wieder ab nach rechts. Graf   lächelt unwillkürlich und wendet sich dann an sein Muster. Also auf Wiedersehen beim König – Wiedersehen! Ab nach links. Das Muster macht einen Knix. Rote   zur Blonden: Laß dich nur mit dem nicht ein! Der ist gefährlich. Blonde   So? Rote   Er soll mal ein netter Bursch gewesen sein, aber seit er geheiratet hat – Schwarze   fällt ihr ins Wort: Er ist verheiratet? Rote   Heimlich, ganz heimlich nur, aber mir hat ers erzählt. Die Tante seiner Frau hat ein Verhältnis mit dem Teufel gehabt und seit dieser Zeit liebt der Graf seelisch kein Weib mehr. Er gebraucht uns nur. Schwarze   Armer Graf! Blonde   Wieso arm? Schwarze   Wenn er die Liebe nicht kennt – und dabei sieht er so gut aus. Rote   Besser schon, wie dein Thomas. Schwarze   Red nicht immer über meinen Bräutigam! Ich glaub schon, du willst ihn mir wegschnappen! Rote   Blöde Urschel! Hörnerklang vor dem Hause. Hofwirt   steckt bei der Türe links rasch den Kopf herein: Der Wagen ist da! Der Wagen des Königs! Ab. Schwarze   ist mit der Roten ans Fenster geeilt: Oh! Da reitens ja auch! Berittene, Berittene! Rote   Kavallerie! Schwarze   Husaren! Rote   Meine Lieblingssoldaten! Bader   erscheint vorsichtig in der Türe rechts; zur Blonden: Ist er weg? Blonde   nickt in Gedanken versunken: Schon lang. Bader   tritt aufrecht ein: Also dann hurtig, hurtig! Weg dort vom Fenster! Ziehts euch fertig an – los, los! Er tritt ans Fenster und sieht hinab. Großer Gott! Schwarze   zieht sich hurtig fertig an: Sechs Schimmel ziehen die Equipage – und alles ist Gold und Glas! Rote   zieht sich ebenfalls hurtig an: Und Husaren, Husaren! Ein komplettes Fähnlein! Bader   dreht sich vom Fenster dem Muster zu; aufgeregt: Also das ist ein Märchen! Meiner Seel, ein Märchen! Blonde   lächelt: Vielleicht! Fünftes Bild Im Park vor dem Jagdschloß des Königs. Aus den hohen Türen fällt das Licht auf eine Terrasse, zu der einige Stufen emporleiten. Dort stehen Matthias und der Hofbeamte und blicken zum Himmel empor. Es ist eine warme Sommernacht und in der Nähe rauscht der große Wald. Matthias   Die Damen scheinen sich zu verspäten. Hofbeamter   Weiber lassen sogar einen König warten. Matthias   So? Nun, ich bin auf diesem Gebiete nicht so bewandert, ich kenne ja schließlich auch die Frau nur vom Kriegsschauplatz her – bessere Marketenderinnen und so. Hofbeamter   Sind nicht die schlechtesten. Matthias   Ich will auch nichts gegen sie gesagt haben, aber ich glaube, es ist doch nicht das richtige. Wenn man nur mehr Zeit hätt! Ein Wunder, daß ich mich heut abend freimachen konnte – diesen türkischen Gesandten hab ich für morgen verschoben, weiß der Himmel, was der Sultan wieder plant! Ich muß um fünfe in der Früh aufstehen jaja! Übrigens: hast du auch schon Hunger? Hofbeamter    Wenn mein Magen nicht an die Hofetikette gewöhnt wär, würd er schon längst knurren. Matthias   Hier auf meinem Jagdschloß gibts keine Etikette, laß ihn ruhig knurren. Hofbeamter   Ich werds ihm ausrichten. Stille. Matthias   Sag mal: fiel es dir auch auf, wie nervös heut dieser Graf war? Er lächelt ironisch . Seit wann ist er denn herzkrank? Hofbeamter   Ich glaubs auch, das war ein Schwindel. Er hat doch durch die Tür nach seinem Muster geschaut und da wird er halt wahrscheinlich eine bemerkt haben, die ihn peinlich erinnert, vielleicht hat er sie mal gezwungen dazu – Matthias   fällt ihm ins Wort: Gezwungen? Hofbeamter   Es sind doch seine Leibeigenen. Matthias   Ah so – Hofbeamter   Die müssen parieren. Matthias   Richtig. Hm. Er überlegt und sieht sich dann um. Ich stelle mit Genugtuung fest, daß der Graf auch noch nicht erschienen ist. Hofbeamter   Daß er es heut nicht begriffen hat, daß wir ihn nicht dabei haben möchten – Majestät hätten es ihm direkt sagen müssen, daß er nicht herauskommen soll. Matthias   Das kann ich nicht. Hofbeamter   Nun, Majestät, ich hab Euch schon sehr häufig sehr direkt reden gehört. Matthias   Aber nicht in so einer privaten Angelegenheit. Freilich wärs blöd, wenn er käm. Hofbeamter   Dann sags ich ihm, wie er kommt, daß er gleich wieder gehen soll – Matthias   fällt ihm ins Wort: Nein, nein, das sieht ja ganz dumm aus! Lassen wir ihn schon da! Stille. Hofbeamter   Apropos dumm: wer hat es eigentlich angeordnet, daß dieses Muster mit sechs Schimmeln und Husaren abgeholt wird? Matthias   Ich. Hofbeamter   Ihr?! Matthias   Ja. Warum? Hofbeamter   Nichts. Ich fragte nur so. Stille. Matthias   So red doch. Hofbeamter   Es ist wirklich nichts, Majestät. Matthias   Jetzt befehl ich es dir, daß du sprichst! Sofort! Los! Hofbeamter   Also, wenn Ihr es mit Gewalt hören wollt: ich wollt mir nur zu bemerken erlauben, daß ich die sechs Schimmel nicht versteh – Matthias   fällt ihm ins Wort: Wieso? Ich wollt den Frauen eine Freude machen! Wie unlängst diesem Sterngucker aus Bologna – den ließ ich doch auch mit Husaren abholen! Hofbeamter   Einen Sterngucker schon, aber nicht ein Muster aus Selischtje. Ich wollt mir ja nur zu bemerken erlauben, man hätte diesen ganzen Transport auch etwas weniger auffällig arrangieren können, es muß ja nicht gerade ein jeder wissen, daß der König – Matthias   Du hast recht. Er sieht sich um. Wenn das Muster jetzt nicht bald kommt, dann essen wir allein und gute Nacht! Hofbeamter   Aber Majestät werden sich doch nicht die Laune – Matthias   unterbricht ihn: Reden wir von etwas anderem! Stille. Hofbeamter   lauscht: Was rauscht denn da so? Der Fluß? Matthias   Nein, der Wald. Hofbeamter   Herrlich, diese Luft! Matthias   Ja. Stille. Hofbeamter   Ist es wahr, daß Ihr bei der letzten Hatz allein vier Eber erjagtet? Matthias   Fünf. Hofbeamter   Kolossal! Matthias   Ja. Stille. Hofbeamter   Euere neuen Doggen sind herrlich. Besonders die Hündinnen – Matthias   plötzlich: Sag mal, welche gefällt dir am besten? Hofbeamter   Die gefleckte. Matthias   Wieso die gefleckte? Bist du irr? Hofbeamter   perplex: Ich versteh Euch nicht, Majestät – Matthias   Ich frage dich, welche von den Weibern aus Selischtje dir am besten gefällt, und du antwortest: die gefleckte! Wir haben doch nicht von meinen Doggen gesprochen! Hofbeamter   lächelt verstohlen: Ach so. Stille. Matthias   Na, welche gefällt dir? Hofbeamter   Alle drei. Matthias   Da bin ich bescheidener. Mir gefallen nur zwei. Hofbeamter   Und welche nicht? Matthias   Die Schwarze. Ich glaub, die ist dumm. Hofbeamter   Möglich. Sie scheint allerdings noch ein bißchen sehr jung zu sein – Matthias   Und ich kann mit sowas Jungem nichts anfangen! Nichts! Er lächelt plötzlich. Was? Ich spreche schon wie ein alter Roué – Hofbeamter   lächelt heimlich überlegen: Fast! Stille. Matthias   Am besten gefällt mir – Rat mal! Hofbeamter   Die Blonde? Matthias   Nein, die Rote! Hofbeamter   So? Matthias   Sie hat so etwas herrlich Selbstbewußtes – ich liebe Frauen, die wissen, was sie sind! Hofbeamter   Also diese Rote, die wirds sicher schon wissen, aber ich weiß nicht – Er zuckt die Schultern. Matthias   Was gibts denn schon wieder? Hofbeamter   Darf man ganz ohne Blatt vor dem Mund reden? Matthias   Bitte, bitte! Hofbeamter   Majestät, mir scheint, das ist eine – no ja. Matthias   Eine was? Hofbeamter   Majestät dürfen sich auf mich verlassen. An Hand meiner persönlichen Erfahrungen – Matthias   unterbricht ihn: Unsinn! Stille. Sag mal: wie soll sich denn das jetzt eigentlich alles abwickeln? Ich meine, also wenn jetzt die Drei kommen – Hofbeamter   fällt ihm ins Wort: Ich habs mir folgendermaßen gedacht: zuerst essen wir. Matthias   Richtig. Hofbeamter   Dabei trinken wir schon Wein und dadurch wird ganz von allein alles angeregter. Dann überreichen wir den Damen die kleinen Präsente, über die sie sich phantastisch zu freuen haben – nun, und dann wird sich schon alles präzis abwickeln, so wie es eben kommen dürfte. Matthias   überlegt etwas: Eigentlich ist es mir unangenehm – Hofbeamter   Was? Matthias   Diese ganze Affäre. Seine Majestät, der König, erobern ein Weib. Da ist doch nichts dabei – Hofbeamter   Was soll denn da dabei sein? Ein Weib ist natürlich keine feindliche Burg – Matthias   fällt ihm ins Wort: Das ist es ja eben, daß nichts dabei ist! Der König kann jedes Weib haben – theoretisch. Hofbeamter   Und praktisch auch. Matthias   Noch dazu hierunter seinem eigenen Dache! Diese Frauen aus Selischtje sind doch genau genommen meine Gäste, ich müßte sie ja beschützen, anstatt – Nein, ritterlich ist es nicht, unser Benehmen! Man müßt auch den freien Willen des Weibes achten. Zu einem ehrlichen Kauf gehört ein Käufer und ein Verkäufer, zum Rauben allerdings nur ein Räuber. Hofbeamter   Ihr macht Euch sonderbare Gewissensbisse. Jedes Weib würde sich hochgeehrt fühlen – Matthias   Aber ich fühle mich nicht hochgeehrt! Am liebsten wärs mir, man könnt inkognito kommen – Vielleicht gehts auch, das Muster weiß es ja noch nicht, wer der König ist! Hofbeamter   Theoretisch gings. Matthias   Ich komm als Euer Adjutant. Hofbeamter   betrachtet ihn unwillkürlich: Ob Ihr aber als Adjutant in der Praxis prompte Erfolge haben – Matthias   unterbricht ihn, fast scharf: Was heißt das? Hofbeamter   erschrickt: Oh pardon! Matthias   fixiert ihn: Du denkst – Er sieht an sich herab. Hm. Schon möglich, daß ich nicht direkt praktisch wirk – Er lächelt ein bisserl traurig. Ein Lakai   erscheint in der Türe: Die Damen aus Selischtje fahren soeben vor! Hofbeamter   Endlich! Zum Lakai. Sofort! Lakai ab. Matthias   zum Hofbeamten: Geh jetzt nur allein hinein – Hofbeamter   Aber Majestät – Matthias   Nein, nein, laß mich nur noch etwas heraußen, ich werd dann schon kommen. Du bist wenigstens ehrlich zu mir, wenns auch nicht immer deine Absicht ist. Iß nur artig mit den Damen und sag ihnen, der König hat eine Konferenz, er kommt etwas später – geh! Hofbeamter etwas bekümmert ab. Thomas schleicht unterhalb der Terrasse von rechts herbei. Matthias erblickt ihn und starrt ihn an. Thomas bemerkt Matthias nicht und will an ihm vorbei auf die Türe zu. Matthias   plötzlich: Halt! Thomas   erschrickt entsetzlich: Himmel tu dich auf! Matthias   unterdrückt: Schrei nicht! Wer bist du? Wohin? Thomas   Gnade, Herr! Gnade! Matthias   Winsel nicht! Was hast du hier verloren? Thomas   Meine Braut, Herr! Meine Braut! Matthias   perplex: Deine Braut? Thomas   deutet auf die Türe: Da drinnen! Dort nachtmahlt sie grad mit dem König! Tut mir nichts, edler Herr, Ihr habt doch sicher auch schon geliebt und habt es gefühlt, wie das brennt! Er schluchzt. Matthias   lächelt leise: Das muß anscheinend sehr brennen. Thomas  Der König ist zwar ein gerechter Mann, aber wie kann er einem so was antun! Matthias   Sei beruhigt: da drinnen passiert nichts. Thomas   Nichts?! Wenn ein König mit einem armen Mädchen nachtmahlt?! Matthias   Der König ist nicht hochmütig. Er läßt auch einen armen Menschen an seinem Tische sitzen. Thomas   Besonders wenn er einen Unterrock anhat. Matthias   Du hast eine scharfe Zunge. Thomas   Ich häng mich auf, ich häng mich auf. Stille. Matthias   überlegt: Also die Eine ist deine Braut? Thomas   schluchzt wieder : Ja. Matthias   Hm. Ich dachte, Selischtje ist ein Dorf ohne Männer? Thomas   weinerlich: Ah was Selischtje! Matthias horcht auf. Thomas wendet sich wieder der Türe zu. Matthias   Wohin? Thomas   Ich bitt Euch, laßt mich mal durch die Tür dort hineinschauen, nur einen einzigen Blick – Matthias   Ausgeschlossen! Der König hats verboten. Thomas   Er muß es ja nicht erfahren. Matthias   Dann müßt ich ja den König betrügen – Thomas   Meiner Treu! Als ob der nicht täglich hundertmal betrogen würd! Matthias   Er wird betrogen? Der König? Lauernd. Wer betrügt ihn denn wohl? Thomas   Alle. Jeder. Bader tritt durch die Tür auf die Terrasse. Matthias   leise zu Thomas: Weg! Es kommt wer! Wir sprechen uns noch! Thomas versteckt sich. Bader   erblickt Matthias : Ah, meine Hochachtung! Wir kennen uns doch vom Statthalter her, Ihr seid doch seine Schreiberseel oder so – Matthias   lächelt: Sein Ratgeber. Bader   Auch ein Beruf! Hört mal: ist Euer Herr, dieser besagte Statthalter, immer so neidig? Matthias   Wieso? Bader   Kaum sitzen wir beim Essen, schickt er mich schon heraus – er möcht sich mit den drei Weibern allein sein! Kapazität! Ich mach mir schon Sorgen, wenn der König sich noch lang verspätet – dieses Muster ist ja, wenn überhaupt für wen, dann für den König bestimmt, aber der drin ist sich imstand und ramponiert mir noch meine mühsam zusammengeklaubte Kollektion! Matthias   Kollektion? Zusammengeklaubt? Bader   No ja, man sagt das halt so. Stille. Matthias   Sagt mal: es ist mir zuvor ein eigentümlicher Gedanke gekommen: sind diese Frauen wirklich aus Selischtje? Bader   Der Gedanke ist gar nicht so eigentümlich, aber die Weiber sind wirklich aus Selischtje. Matthias   Und die Zuhausegebliebenen sind auch alle so schön? Bader   Im Durchschnitt, ja. Matthias   Dann gratulier ich Euch. Denn, wer den König betrügt, verliert den Kopf. Bader   Großer Gott! Er sieht sich ängstlich um und will in den Park. Matthias   Wohin? Bader   Spazieren. Matthias   Habt Ihr denn keinen Hunger? Bader   No, mir ist der Appetit ein bisserl vergangen – Matthias   freundlich, jedoch sehr bestimmt : Geht jetzt nur trotzdem schön hinein und eßt etwas. Bader   Aber er laßt mich ja nicht, Euer Herr! Matthias   Sagt ihm, ich schick Euch, sein Ratgeber. Er hört auf meinen Rat. Bader   Schön. Ein bisserl ein Milchreis könnt einem alten Mann nix schaden – Ab durch die Tür. Matthias   sieht ihm nach, wendet sich dann wieder dem Park zu und ruft unterdrückt: Hallo! Bist du noch da? Thomas   erscheint aus seinem Versteck: Natürlich! Matthias   Komm! Thomas   Wer seid Ihr eigentlich? Türsteher, was? Matthias   Auch das. Thomas   Ihr kommt mir plötzlich so bekannt vor. Matthias   Ich seh dem König etwas ähnlich. Thomas   Dem? Der ist doch ein untersetztes Bürscherl und den Kopf hält er immer ein bisserl so schief – Nein, dem seht Ihr nicht ähnlich! Ihr seid viel stattlicher! Matthias   lächelt: Das freut mich! Er sieht sich um. Paß auf, du willst also, daß deiner Braut nichts passiert? Thomas   Das will ich, meiner Seel! Matthias   Gut, ich werde dir helfen – ich garantier dir sogar, daß ihr nichts passiert! Thomas   hocherfreut: Wirklich? Matthias   Nicht so laut! Thomas   Ich werd mich auch revanchieren – da, da habens einen Taler! Wir sind ja nicht so! Matthias   steckt lächelnd den Taler ein: Danke – Thomas   Ich bin nämlich der Wirt vom »Einhorn« und wenn Ihr mal nach Hermannstadt kommt, dann besucht mich nur, Ihr seid mein Gast, prima Haus und keine solche Kellnerinnen Wirtschaft! Ihr sollt es nicht bereuen, daß Ihr meine ärmste Braut beschützen wollt! Matthias   Die Ärmste wird beschützt – allerdings unter einer Bedingung. Thomas   Bedingung? Ihr habt doch schon einen Taler bekommen! Matthias   Das war nur Trinkgeld. Thomas   Trinkgeld? Ein Taler?! Mit einem Taler, Herr, da hab ich schon ganz andere Leut bestochen! Da könnt ich erzählen, wenns Euch interessiert! Matthias   Das interessiert mich sogar sehr. Das mußt du mir mal alles genau erzählen – doch nun paß auf: ich werde über deine Braut wachen, auf Leben und Tod, wenn du mir jetzt ehrlich antwortest: sind diese drei Frauen aus Selischtje oder nicht? Thomas   Das ist eine verzwickte Frage – Matthias   Sie sind also nicht aus Selischtje? Thomas   Tja! Matthias   Dacht ich mirs doch! Stille. Thomas   Die Wahrheit wächst im Himmel, mein lieber Herr, doch die Wurzeln der Lüge gedeihen alle so um das Haus herum im täglichen Leben – und der Teufel schleppt noch den Dünger herbei, damit sie besser wachsen. Diese drei Frauen sind so wenig aus Selischtje, wie der Turm da uns vis-à-vis oder dort drüben der Springbrunnen. Die Schwarze ist meine Braut – Matthias   unterbricht ihn: Die Schwarze? Thomas   Die Schönste! Matthias   No ja! Thomas   Sie ist aus Rotkirchen, und die Rote ist aus Kronstadt, eine Kürschnermeisterswitwe, und die Blonde ist auch irgendwoher – mir scheint, aus Großwardein. Aber ich bitt Euch, verratet es keiner Seele, daß ichs Euch verraten hab! Ich wurd ja nur wegen meiner Braut zum Verräter. Matthias   Wenn das der König erfährt – Thomas   unterbricht ihn : Ah, das war mir wurscht! Wenns nur der Graf nicht erfährt! Der ist imstand und vierteilt mich! Matthias   grimmig: Der Herr Graf haben also seinen König betrogen, damit er die männlichen Arbeitskräfte bekommt – Thomas   Natürlich! Hofbeamter tritt aus der Türe auf die Terrasse. Matthias   unterdrückt zu Thomas: Weg! Thomas   Wiedersehen in Hermannstadt! Ab. Matthias   grimmig: Auf Wiedersehen! Wiedersehen! Hofbeamter   Mit wem habt Ihr denn jetzt gesprochen? Matthias   Nur mit mir selbst. Hofbeamter   horcht perplex auf: Ich wollt mir nur erlauben zu fragen, wann Majestät hereinkommen, wir halten bereits beim Dessert – Matthias   unterbricht ihn grimmig und wird immer wütender: Ich brauch kein Dessert! Am liebsten würd ich jetzt da hinein und alles kurz und klein schlagen! Eine solche Niedertracht! Mir das anzutun! Dieser Bursche gehört ja geköpft, geköpft! Hofbeamter   entsetzt: Majestät! Welcher Bursche, um Gottes Willen?! Matthias   Und diese Weiber gehören in Ketten gelegt und hinausgeschmissen! Hofbeamter   wie zuvor: Majestät, mir scheint, es ist Euch nicht ganz wohl – Ihr habt Euch hier draußen verkühlt und fiebert – Matthias   unterbricht ihn: Ich fiebere nicht! Wohl ists mir allerdings auch nicht! Aber es ist wahr: diese armen Weiber können ja nichts dafür – sie wurden ja »zusammengeklaubt«, zusammengepreßt durch List, Betrug, Willkür! Zusammengefangen, wie das liebe Vieh! Hofbeamter   immer entsetzter: Zusammengefangen?! Matthias   Ja, um abgestochen zu werden! Hofbeamter   verzweifelt: Abgestochen?! Majestät, ich werd verrückt! Matthias   Das glaub ich dir gern! Laß mich allein! Glotz mich nicht so geistvoll an! Geh, und mach mit diesem Muster, was dir beliebt – das heißt: mit einer Ausnahme! Wenn du die anrührst, laß ich dich auch köpfen! Hofbeamter   verwirrt: Welche? Die Rote? Matthias   Falsch! Die Schwarze! Hofbeamter   total verwirrt: Die Schwarze? Aber die ist doch dumm, sagtet Ihr! Und außerdem bin ich ja grad – Matthias   unterbricht ihn: Du wirst bei dieser Schwarzen nirgends grad sein, verstanden? Schick sie heraus! Auf der Stell! Heraus damit! Hofbeamter total verwirrt ab durch die Türe. Matthias   allein. Männer will er von mir haben, der Herr Graf von Hermannstadt? Männer – Er grinst grimmig. Gut, er soll erhalten, was er verlangt. Aber ich will ihm eine solche Sorge an den Hals hängen, daß Herr Graf zeitlebens daran denken werden – Die Schwarze tritt mit der Blonden durch die Türe auf die Terrasse. Matthias   schroff. Hierher! Schwarze   schüchtern: Was wollt Ihr? Blonde   stutzt einen Augenblick, da sie Matthias erblickt, und sieht nun genauer hin: Ach, Ihr habt uns rufen lassen? Matthias   wie zuvor : Euch hab ich nicht rufen lassen! Blonde   lächelt leise: Ich bin nur mit, weil meine Freundin Angst hatte – Schwarze   Man schickt mich in die Nacht hinaus – Blonde   Wenn Ihr einer von uns was zu sagen habt, warum kommt Ihr nicht herein? Warum sollen wir heraus? Ihr seid doch dem Statthalter sein Ratgeber, nicht? Matthias   etwas perplex über ihren Ton: Ja. Blonde   Ich hab Euch gleich erkannt. Matthias   fixiert sie etwas lauernd und winkt dann der Schwarzen: Komm! Wir beißen dir nichts ab – Schwarze nähert sich langsam und hält vor ihm. Matthias   betrachtet sie; leise, damit es die Blonde nicht hört. Ein Mann will dich haben – Schwarze   fällt ihm entsetzt ins Wort: Heiliger Himmel! Matthias   Kreisch nicht! Ich hab es deinem Bräutigam versprochen, daß ich über dich wachen werde. Schau hin! Er deutet nach dem Park zu. Dort steht er! Dort hinter dem Baum! Schwarze   überglücklich: Thomas! Matthias   Geh hin und ab! Schwarze will hinlaufen, hält jedoch ängstlich um. Was hast denn? Schwarze   Angst. Matthias   Vor wem denn? Schwarze   Vor dem König. Wenn der jetzt kommt und ich bin nicht da – Matthias   muß lächeln: Hast Angst vor dem König? Er zeigt ihr den Taler, den er von Thomas bekommen hat. Schau, diesen Taler, da ist sein Bild droben – sieht er denn so grausam aus? Schwarze   betrachtet den Taler : Nein, das nicht – Sie zuckt plötzlich zusammen und starrt Matthias an, schaut dann wieder auf den Taler und starrt dann wieder den König entgeistert an. Majestät! Majestät! – Sie will in die Kniee fallen. Matthias   läßt es nicht zu: Nicht knien! Das vertrag ich nicht! Lauf nur jetzt zu deinem Bräutigam, gib ihm diesen Taler und einen schönen Gruß von mir, er solls nur ja nie wieder wagen, derartige Trinkgelder zu verteilen! Diesmal hat er ja noch Glück gehabt, daß er nur seinen eigenen König bestochen hat – Geh! Lauf zu! Schwarze   Aber wie kommen wir durch die Wachen? Matthias   Dort ist ein Hintertürl! Marsch! Schwarze   überglücklich: Thomas! Thomas! Sie läuft in den Park und ab. Matthias blickt ihr nach. Blonde   Glaubt Ihr, daß der König noch kommt? Matthias   Kaum! Blonde   Das war aber nicht schön von ihm, uns sitzen zu lassen – Matthias   fällt ihr ins Wort: Er hat halt zu tun. Denkt nur an unsere lieben Türken, zum Beispiel! Blonde   Ja, man weiß es nie, ob man nicht eines Tages aufwacht und die Türken sind da – Matthias   Die Türken werden nicht da sein. Nie! Blonde   Woher wollt denn Ihr das wissen? Matthias   Weils mir der König gesagt hat. Stille. Blonde   Weiß der König, daß es vielen Frauen in seinem Reich ganz egal wär, ob die Türken kommen oder nicht? Matthias   fährt hoch : Was?! Blonde   Bei den Türken hat die Frau keine Seele. Bei uns ja – aber sie wird trotzdem nicht für voll genommen und wird gar meistens behandelt, als wär sie ein liebes Stück Tier ohne Seele. Bei den Türken sitzt die Frau im Harem, bei uns im besten Fall in der Küche – Matthias   Das ist irgendwo nicht unrichtig – Blonde   Bei den Türken dient die Frau dem Mann und bei uns – Matthias   unterbricht sie: Bei uns im Abendland ist die Frau jedenfalls keine Sklavin! Blonde   lächelt: Weiß der König, daß es im Abendland ein Gesetz gibt, daß der Mann die Frau züchtigen darf, daß aber die Frau bestraft wird, wenn sie den Mann schlägt? Matthias   Das ist nicht wahr! Blonde   Doch, doch! Seht nur mal nach! Weiß der König, daß es Frauen in seinem Reiche viel schwerer haben wie die Männer? Denn die Frau hat nur einen Beruf: das ist der Mann! Und was ist der Kampf der Männer gegen die Türken im Vergleich zu dem Kampf der armen Frauen untereinander um einen Mann! Um den Mann, bei dem jede Frau jedesmal dem Tod begegnet, wenn sie ihm das Leben gibt. Weiß der König, wie der Mann das lohnt? Stille. Matthias   Sagt mal: welcher Mann hat Euch das alles erzählt? Blonde   Diese Frage hab ich erwartet, sie kam auch prompt, aber ich muß Euch mit meiner Antwort leider enttäuschen: ich habe selber darüber nachgedacht – jaja, wir Frauen haben auch ein Hirn, wenns auch nicht immer im Kopf sitzt. Wenn man jahrelang allein ist, dann fängt man an zu denken. Matthias   horcht auf: Ihr seid allein? Blonde   lächelt: Ja und nein. Matthias   Was heißt das? Blonde   Theoretisch bin ich zu zweit, in der Praxis aber allein. Matthias   Aha! Ihr seid unglücklich verliebt? Blonde   Ja. Stille. Matthias   Eigentlich ist man immer allein. Blonde   Oho. Stille. Matthias   Ich war immer allein. Blonde   Dann habt Ihr noch nie richtig geliebt – Matthias   Dazu braucht man Zeit. Blonde   lächelt: Nicht nur das. Stille. Matthias   fixiert sie: Wer seid Ihr? Blonde   Ich bin sogar verheiratet. Matthias   lächelt verschmitzt: Witwe? Blonde   Ja und nein. Matthias   wie zuvor: Ich dachte, in Selischtje gibt es keine Männer – Blonde   lacht: Ich weiß schon, daß Ihr den Schwindel durchschaut habt, der Bader hat mich bereits gewarnt! Matthias   perplex: Was für ein Bader? Blonde   Der Alte, der sich hier als Präfekt ausgegeben hat. Matthias   Das wird ja immer schöner! Ein Bader?! Blonde   Es tut mir leid, daß ich als Muster zum König kam, aber manchmal kommt man ohne einen kleinen Betrug nicht dazu, die Wahrheit zu sagen. Wie ich den König sehe, sag ichs ihm sogleich, daß ich nicht aus Selischtje bin – ich will ihn nämlich nicht betrügen. Matthias   unwillkürlich: Warum nicht? Blonde   Weil er mir gefällt. Stille. Matthias   Ihr kennt den König? Blonde   Ja. Das heißt: persönlich nicht, aber von vielen Bildern – Matthias   Und wie gefällt er Euch? Blonde   Sehr. Stille. Matthias   Hat er nicht zu lange Ohren? Blonde   lächelt: Oh nein! Immer sieht er so ernst drein, auch ein bißchen traurig – und doch ist er nur ein Lausbub. Er muß sehr gescheit sein – Matthias   Hoffentlich! Blonde   Sicher. Stille. Matthias   sieht sich um; leise : Ich muß Euch nun etwas sagen, aber nicht erschrecken und nicht böse sein – Blonde   Was? Matthias   Aber nicht böse sein, ja? Blonde   lächelt: Nein. Nie. Matthias   sieht sie nochmals an; dann sehr leise: Ich bin der König. Blonde   wie zuvor: Warum soll ich da böse sein? Ich wußt es ja schon längst – Matthias   Ihr wußtet es? Blonde   Schon Mittag beim Statthalter – ich hab Euch gleich erkannt. Von den Bildern, die bei mir hängen. Und so seid Ihr auch. Ich kenne Euch genau. Graf tritt durch die Türe rasch auf die Terrasse, erblickt die Beiden, hält und starrt hin. Matthias   Ach, unser Graf von Hermannstadt! Graf   Majestät – Matthias   fällt ihm ins Wort: Du kommst spät. Wir haben dich nicht mehr erwartet. Graf   Ich wollte auch nicht kommen, aber dann war es mir doch, als müßt ich mal nachsehen, es ist doch schließlich mein Muster – Er grinst. Matthias   fixiert ihn: Was fehlt dir denn? Du bist ja ganz weiß – Graf   Nichts, Majestät – es ist nur das Herz. Manchmal hörts auf – Matthias   horcht auf und wirft einen forschenden Blick auf die Blonde: Schon wieder? Blonde   lächelt schwach: Ja. Stille. Matthias   Nun, Graf von Hermannstadt, Wir halten Unser Wort: Wir werden dreihundert der tüchtigsten Männer in Selischtje ansiedeln, denn das Muster, das du Uns gesandt hast, ist wahrlich schön. Wir haben Uns entschlossen, im Herbst Selischtje zu besuchen, um dort zu jagen und Uns die zuhausegebliebenen Frauen anzusehen. Wir wollen selber beurteilen, ob sie in puncto Schönheit aus demselben Neste kommen, wie die Uns gesandten. Wenn nicht, verlierst du deinen Kopf. Blonde   entsetzt: Majestät! Matthias sieht sie überrascht an. Stille. Graf   zu Matthias: Ihr wollt nach Selischtje – Matthias   unterbricht ihn, ohne den Blick von der Blonden zu wenden: Ich hoffe, du hast mich verstanden – Blonde   zu Matthias: Ihr könnt ihm doch nicht den Kopf – Matthias   unterbricht sie: Was habt Ihr denn beide miteinander? Graf   Nichts. Stille. Matthias   lauernd: Sie ist doch deine Leibeigene? Blonde   leise: Ja. Sie wirft einen traurigen Blick auf den Grafen und langsam ab durch die Türe. Graf   Sie ist eine Hexe. Matthias   Was sagst du? Hexe? Graf   Ihr Auge ist süß und herb – sie lächelt in der Sonne und sehnt sich nach ewiger Nacht. Sie bringt Unheil, nur Unheil – Verstört ab in den Park. Matthias   sieht ihm nach: Unheil? Eine Frauenstimme   singt im Schloß zur Laute ein trauriges Lied: Es ist ein Schnee gefallen Und es ist doch nicht Zeit Man wirft mich mit den Ballen Der Weg ist mir verschneit. Mein Haus hat keinen Giebel Es ist mir worden alt Zerbrochen sind die Riegel Mein Stüblein ist mir kalt. Ach Lieb, laß dichs erbarmen Daß ich so elend bin Und schließ mich in dein Armen So fährt der Winter hin – Matthias lauschte, ging langsam zur Türe und winkt hinein. Der Lakai erscheint. Matthias   Welche singt denn da? Lakai   Die Blonde. Matthias   So? Blonde   singt weiter im Schloß: Da unten in jenem Tale Da treibt das Wasser ein Rad Das treibet nichts als Liebe Von Abend bis wieder an Tag Das Rad, das ist gebrochen Die Liebe, die hat ein End Und wenn zwei Liebende scheiden Sie reichen einander die Händ. Matthias   lauscht wieder; zum Lakaien: Was macht denn die Rote? Lakai   verlegen: Die – die ist verschwunden, Majestät. Mit Seiner Exzellenz – Matthias   Ahso. Stille. Lakai   Majestät – Matthias   Was gibts? Lakai   Majestät, der alte Herr, der mit den Damen aus Selischtje gekommen ist, der ist auch verschwunden, wollt ich nur untertänigst melden. Matthias   Wohin? Lakai   Fort. In größter Eile, Majestät! Es sah fast aus wie eine Flucht – Matthias   lächelt: Aha! Er wird wieder ernst . Wer ist denn noch bei der Blonden? Lakai   Niemand, Majestät. Die Dame sitzt allein im Zimmer. Matthias   Allein? Lakai verbeugt sich und geht ab. Die Blonde   singt wieder im Schloß : Da droben auf jenem Berge Da steht ein goldenes Haus Da schauen wohl alle Frühmorgen Drei schöne Jungfrauen heraus. Die eine, die heißet Elisabeth Die andere Bernharda mein Die dritte, die will ich nicht nennen Die sollt mein eigen sein. Matthias langsam ab durch die Tür, als würde er dem Lied folgen. Sechstes Bild Im Hofgasthaus. Wieder im Appartment des Musters. Der Morgen dämmert, aber es ist noch Nacht. Der Bader in Unterhosen packt rasch seine Gala ein. Der Hofwirt kommt von links in Schlafrock und Zipfelmütze; er hat eine Kerze in der Hand und ist sehr neugierig. Hofwirt   Man hat mich grad geweckt, Ihr seid schon zurück – Wie wars denn beim König? Was hat sich denn getan? Bader   läßt sich beim Packen nicht stören; grimmig: Getan hat sich allerlei – Hofwirt   Was hat denn der König gesagt? Bader   Garnichts hat er gesagt. Hofwirt   Wie soll ich das verstehen? Sprecht! Werdet deutlicher! Bader   Schön, dann werd ich deutlicher! Der König war garnicht da. Hofwirt   perplex: Garnicht da?! Bader   Wann fährt die nächste Post? Hofwirt   Wohin? Bader   Nach Hermannstadt. Hofwirt   Ihr wollt auch bereits retour? Bader   Wieso auch? Hofwirt   Weil schon zwei nach Hermannstadt fahren, aber die sind derart verliebt ineinander, daß man nichts aus ihnen herausquetschen kann – die sehen und hören nur sich – Bader   unterbricht ihn: Von mir aus! Hofwirt   Wenn Ihr wüßtet wer die Beiden sind – Bader   wie zuvor: Mir ist das wurscht! Hofwirt   Ich täts Euch ja gern erzählen – Bader   wie zuvor: Es interessiert mich nicht, Herr! Ich hab jetzt andere Sorgen! Rote   kommt von links; sie macht einen mitgenommenen Eindruck und ist noch immer etwas beschwipst; zum Bader: Servus, Majestät! Bader   erblickt sie und greift sich an den Kopf: Großer Gott! Hofwirt   zur Roten: Ah, Küßdiehand, Gnädigste, ergebenster Diener, meine Verehrung. Rote   fällt ihm ins Wort: Servus, servus! Sie setzt sich. Püh, hab ich müde Füß – Bader   Eine Frau soll nie sagen, daß sie müde Füß hat. Weil das desillusioniert. Rote   macht eine wegwerfende Geste: Die Illusion ist ein schwankendes Rohr im Winde – Zum Hofwirt. Der Herr Statthalter haben mich hergefahren. Ein netter Mensch, ein flotter Gesellschafter und sehr belesen! Aber ein bisserl geizig – Bader   Benimm dich! Zum Hofwirt. Also seiens so gut und beschaffens mir einen Postplatz nach Hermannstadt, Raucher, Fenstersitz, in der Fahrtrichtung – Er schreit ihn plötzlich an, weil der kaum hinhört und nur die Rote betrachtet, die sich das Strumpfband richtet. Aber express, express, express! Hofwirt   braust auf: Was schreiens mich denn so an?! Bader   schreit: Weil ich nervös bin! Hofwirt   wütend: Adieu! Ab nach links und schlägt hinter sich die Türe zu. Bader   ruft ihm nach: Sie hauens da keine Türen zu, Sie sind nicht bei mir zuhaus! – Auch ein Hotelier! Rote   Du fährst schon retour? Bader   Wir sind nicht per du. Rote   ruhig: Kusch. Bader   fixiert sie: Wieviel haben wir denn getrunken? Rote   Zirka zwei Liter. Bader   Dann seis dir verziehen. Stille. Rote   Ich fahr aber noch nicht retour. Morgen bin ich nämlich wieder mit dem Statthalter verabredet, er läßt mich in einer Sänfte abholen, hat er gesagt – er soll mir lieber drei Taler schenken, was hat man schon von einer Sänfte? Man sitzt drin und das ist alles. Er will mir seine türkischen Degen zeigen, aus Damaskus. Er sagt, er war der größte Privatsammler. Eigentlich ist er ein ordinärer Mensch. Da ist mir ja der Graf noch lieber, der hat wenigstens etwas Gefährliches – Bader   hat nun fertig gepackt, zieht sich seinen Reiseanzug an und nähert sich langsam der Roten: Ich hab mir jetzt was überlegt. Du stehst mir von Euch drei Weibern ohne Zweifel am nächsten, schon rein beruflich – also hör her: laß den Statthalter Statthalter sein, bleib nicht hier, sondern hau ab, und zwar so hurtig wie nur möglich! Rote   Warum? Bader   Weil es sich herausgestellt hat, daß das Muster nicht aus Selischtje ist. Rote   Was?! Also ich hab kein Wort, kein Wort! Bader   Möglich! Aber ich hab mit diesem Ratgeber gesprochen und ich laß mir die Händ abhacken, wenn dieser Bursche nicht alles weiß! Hau ab! Ich mein das jetzt direkt väterlich! Rote   Wohin? Nach Hermannstadt? Bader   Aber keine Idee! Ich hab doch zuvor das Billett nur bestellt, damit ich die Häscher auf eine falsche Spur lock! Ich fahr in die Türkei – und, weißt was? Fahr mit! Rote   In die Türkei? Bader   Was hast du denn hier schon verloren? Man sperrt dich ein, schneidet dir die Haar ab, man stellt dich auf den Pranger und spuckt dir ins Gesicht – ein so begabtes Kind! Wirst sehen, in der Türkei machen wir beide unser Glück. Wir ergänzen uns ja, ich werd dich offerieren und bring dich garantiert in einen glänzenden Harem hinein und schon haben wir beide ausgesorgt! Rote   Du im Harem? Was willst denn du dort werden? Bader   Was kann ich schon in einem Harem werden? Eunuch! Rote   Wie du das sagst! Als wär das nichts – Bader   Für mich ist das nichts, verlaß dich drauf! Graf kommt verstört von links und sieht den Bader finster an. Schauens mich nicht so an, Herr Graf! Ich bitt Sie nur, machens lieber kurzen Prozeß und bringens mich gleich um! Graf   Ich bin jetzt zu müde dazu, um dich zu töten – Er lächelt wehmütig und setzt sich langsam. Stundenlang irr ich schon herum – ich find und find keinen Ausweg mehr. Mein Kopf, mein Kopf! Rote   Tut er Euch weh, Herr Graf? Graf   Das auch. Rote   Dann hol ich ein Pulver – Sie will nach rechts ab. Graf   Danke, danke! Er soll mir ruhig wehtun. Jetzt soll er noch machen, was er will. Ich hab ihn eh nimmer lang – Bader   entsetzt: Herr Graf! Graf   ruhig: Du halt den Mund. Dir passiert nichts. Dieser König pflegt ja immer nur den Kopf zu bestrafen, das Hirn, den Führer – jaja, die kleinen Diebe läßt er laufen und die großen hängt er auf. Er liebt uns halt nicht, uns Aristokraten – Er lächelt wieder wehmütig . Bader   horcht erfreut auf: Der König wird mir nichts tun? Graf   Nein. Aber ich. Ich laß dich rösten. Rote   Geh, Herr Graf, seiens doch nicht immer gleich derart pessimistisch! Graf   lächelt selbstironisch: Hast recht – ich hab ja allen Grund, um befriedigt zu sein! Sieg auf der ganzen Linie! Seine Majestät, der König, geben dem Grafen von Hermannstadt dreihundert tüchtige Männer! Rote   Ist das wahr?! Graf   Er hats mir selber gesagt. Bader   Na also! Graf   Aber Seine Majestät wollen diese Männer höchstpersönlich nach Selischtje bringen, um sich höchstpersönlich zu überzeugen, ob die dreihundert Damen von Selischtje so schön sind, wie mein Muster es ist. Sind sies nicht, verlier ich meinen Kopf. Bader   Krach in die Melone! Graf   Er hats mir selber gesagt. Rote   zum Grafen: Ihren Kopf?! Bader   Ich wunder mich nur, wieso hat mich heut noch nicht der Schlag getroffen – Er will ab nach links. Graf   automatisch: Wohin? Bader   Bin gleich wieder da – Ab nach links. Stille. Rote   nähert sich langsam dem Grafen: Jetzt müßt Ihr fliehen? Graf   lächelt wehmütig: Vertrieben von Haus und Hof – Er starrt ernst vor sich hin. Ich kann ohne Geld nicht leben. Rote   Das kann niemand. Stille. Graf   Wie verdient man Geld? Rote   Mit oder ohne Arbeit? Graf   Ohne. Stille. Rote   betrachtet ihn ernst und liebevoll: Verlaß dich auf mich. Graf sieht sie erstaunt an. Rote   wie zuvor. Du liegst auf der Straße? Graf   Ja. Rote   Dann bleib ich bei dir. Sie setzt sich neben ihn. Graf horcht etwas auf und wirft einen Blick auf sie; dann nimmt er seinen Degen und zeichnet am Boden. Was zeichnest da? Graf   Manderln. Stille. Rote   Eigentlich hast du mir immer gefallen und ich habs mir immer heimlich gewünscht, wenn er nur nichts hätt, wenn er nur nichts wär, wenn er nur ganz zugrund gehen würd – dann würd er mir nämlich erhalten bleiben. Graf   Das hast du dir gewünscht? Rote   Ja. Graf   ohne jede Bitterkeit: Das ist lieb von dir. Rote   lächelt leise: Komisch. Jetzt ists mir, als hätt ich uns hier schon mal sitzen gesehen – Komm, gib mir einen Kuß. Graf gibt ihr einen Kuß. Ich küß nämlich sonst garnicht gern – Bader kommt wieder von links. Thomas kommt rasch mit der Schwarzen reisefertig von rechts. Bader   schreit entsetzt auf: Thomas! Thomas   lächelt glücklich: Da schreist, was?! Habe die Ehre, Herr Graf! Auf gehts! Nach Hermannstadt! Und in drei Wochen ist Hochzeit! Schwarze   Der König hats uns erlaubt! Bader   Wer hats Euch erlaubt?! Schwarze   Seine Majestät, Matthias Corvinus, König von Ungarn! Thomas   Ja, ich hab ihn bestochen Rote   Bestochen? Schwarze   Mit einem Taler. Bader   völlig verwirrt: Mit nur so wenig?! Wo, wo habt Ihr denn den König bestochen, wollt sagen: getroffen? Thomas   Draußen im Schloß. Bader   Der war draußen?! Schwarze   Ihr habt ja auch mit ihm dischkuriert! Bader   Ich?! Schwarze   Auf der Terrasse. Der König war niemand anderer als dieser Ratgeber – Sie lacht leise. Bader   außer sich: Dieser?! Jener?! Jetzt häng ich mich auf! Rote   Das war der König?! Thomas   Ja. Rote   Wenn ich das gewußt hätt! Bader   völlig verzweifelt: Er hat mir noch gesagt: »Wer den König betrügt, der verliert den Kopf« – Ich bitt Euch, schauts hinaus, ob die Häscher nicht schon nahen – Schwarze   Aber der König nimmts doch nicht so tragisch! Er ist ein gerechter Mann – Thomas   fällt ihr ins Wort: Komm! Höchste Zeit, sonst verpassen wir noch unsere eigene Hochzeit! Zum Grafen, der während der ganzen Szene kaum reagierte und nur seine Manderln zeichnet. Habe die Ehre, Herr Graf! Zum Bader und zur Roten. Auf Wiedersehen in Siebenbürgen! Schwarze   Beim Einhorn, beim Einhorn! Ab mit Thomas nach links. Rote   plötzlich: Wenn ich das gewußt hätt! Bader   Was? Rote   Daß dieses Bürscherl er selber ist! Dann hätt ich mich doch nicht mit dem Statthalter abgegeben, sondern gleich mit ihm selber – ein so ein Pech! Jetzt hat sie ihn. Bader   Wer? Rote   Sie ist mit ihm auf einer Bank gesessen, im Mondschein – Hand in Hand, wie die Kinder. Ich habs deutlich gesehen vom ersten Stock und hab mir noch gedacht, da schau her, die gibt sich mit einem Schreiber ab, wo ich einen Statthalter hab! Ich war noch stolz, recht geschiehts mir! Graf   lauernd: Mit wem ist der König auf der Bank gesessen? Rote   Na mit der Blonden! Bader   schluckt: Das ist zuviel. Graf faßt sich ans Herz. Bader   schreit den Grafen plötzlich an. Ich bitt Sie, bringens mich aber jetzt endlich auf der Stell um, ja?! Nur nicht wieder verschieben, meine Nerven halten das nicht mehr aus! Rote   perplex zum Grafen: Was hat er denn? Graf   Laß mich in Ruh! Stille. Rote   Wer ist denn eigentlich diese blonde Person? Zu uns gehört sie mal sicher nicht, aber raffiniert ist dir die für zwölfe! Der Teufel soll mich auf der Stelle holen, wenn die uns nicht alle in die Tasche steckt! Ich täts auch beschwören, sie hat es schon vorher gewußt, daß dieses Bürscherl der König ist! Graf   unheimlich ruhig: Sie saß auf der Bank? Rote   Ja. Graf   Mit dem König? Rote   Ja. Graf   Und? Rote   Und – no und: nichts. Eigentlich war nichts – Graf   grimmig : Eigentlich – Rote   Was habt Ihr denn mit dieser Blonden, daß Ihr so aus dem Häusel seid? Graf   zum Bader: Sags ihr! Bader   erschöpft: Ich kann nicht mehr. Graf   zur Roten: Sie ist meine Frau. Rote   außer sich: Frau?! Euere Frau?! Die Gräfin von Hermannstadt?! Ujjegerl! Bader   hält sich die Ohren zu: Kreisch nicht! Rote   Ich sags ja immer: man lernt nicht aus, man lernt nicht aus! Eine Gräfin von Hermannstadt! Armer Herr Graf! Graf   Bemitleid mich nicht! Rote   Nanana! Gar so von oben herab – Stille. Bader   verwirrt: Das Beste ist, Herr Graf, Ihr geht, wies Tag wird, zum ersten nächsten Advokaten und laßt Euere Ehe für ungültig – Graf   unterbricht ihn: Hier wird nichts für ungültig erklärt, nichts, nichts! Nein, das laß ich nicht zu! Und wenn sie mir alles Unheil der Welt bringt, diesseits und jenseits – ich laß es nicht zu, ich laß es nicht zu! Rote   Ihr seid besessen! Graf   Das wär kein Wunder! Er will nach links ab. Bader   entsetzt: Wohin, großer Gott?! Graf   Jetzt hol ich sie mir! Rasch ab nach links . Bader   Ein Narr, ein Narr! Rennt sich in sein Verderben! Rote   Sie hat ihn behext, sie hat ihn behext – Sie lehnt ihren Kopf weinend an des Baders Brust. Bader   Aber Täubchen! Eine Frau soll nie weinen, das verdirbt den Charakter! Siebentes Bild Wieder im Park vor dem Jagdschloß des Königs. Der Morgen graut, bald kommt die Sonne. Der Lakai steht vor der Türe und späht in den Park hinaus, dann horcht er plötzlich auf, wendet sich um und verbeugt sich, denn in der Türe erscheint der Hofbeamte. Hofbeamter   Haben Majestät meine Abwesenheit bemerkt? Lakai   Keineswegs, Exzellenz! Hofbeamter   sieht sich um: Wo steckt er denn? Lakai   Im Park. Hofbeamter   Noch immer? Lakai   Schon seit Stunden. Mit der blonden Dame, Exzellenz – Hofbeamter   Jaja, es ist eine warme Nacht. Stille. Lakai   Exzellenz, es ist etwas Entsetzliches passiert. Ein Exzeß, Exzellenz – Hofbeamter   Was?! Lakai   Vor zirka zehn Minuten taucht hier plötzlich der Herr Graf von Hermannstadt auf und begehrt mit einem direkt irren Blick nach Seiner Majestät. Wir sagen, wir hätten keine Ahnung, wo sich Seine Majestät befände – da begehrt er nach jener blonden Dame. Wir sagen wieder, daß wir nichts wüßten – da zieht er den Degen – Hofbeamter   fällt ihm ins Wort: Den Degen?! Lakai   Er wollt uns alle massakrieren! Hofbeamter   War er betrunken? Lakai   Nein, Exzellenz, ich glaub, er ist verrückt geworden – Hofbeamter   Verrückt? Lakai   Immer wieder hat er geschrien, er hätt sein Weib auf seiner Burg wie eine Gefangene gehalten, aber nur, um sie nicht zu verlieren – Hofbeamter   unterbricht ihn: Was heißt das? Lakai   Lauter ungereimtes Zeug! Sein Weib sei eine Hexe, aber er liebe sie trotzdem, er hätt sie ja immer geliebt und würde sie auch immer lieben, selbst noch in der Höll, trotzdem sie nur Unheil brächt, die Pest, den Krieg, den Tod etcetera – etcetera! Wir mußten Gewalt anwenden, die Wache hat ihn überwältigt – jetzt sitzt er im Keller. Hofbeamter   denkt nach: »Sein Weib«, hat er gesagt? – Ah, nun geht mir allmählich ein Lichtlein auf – Lakai   lauscht plötzlich in den Park: Pst! Majestät – Er zieht sich mit dem Hofbeamten zurück; ab durch die Türe. Matthias   kommt mit der Blonden aus dem Park, hält mit ihr unterhalb der Terrasse und deutet nach dem Horizont, Jetzt kommt bald die Sonne. Blonde   blickt auf den Horizont: Schön. Stille. Matthias   Wie heißt Ihr eigentlich mit dem Vornamen? Blonde   Ist das so wichtig? Matthias   Ja. Blonde   Ich sag ihn aber nicht. Weil er mir nicht gefällt. Matthias   Vielleicht gefällt er mir. Blonde   Sicher nicht. Ich kenn ja Eueren Geschmack – Sie lächelt. Stille. Matthias   Wollt Ihr nicht bei mir bleiben? Blonde   Ich sagt Euch doch schon, daß ich verheiratet – Matthias   fällt ihr ins Wort: Wir werden die Ehe für ungültig erklären lassen. Ich bin schon mit schwierigeren Dingen fertig geworden. Blonde   Na! Matthias   Wer ist denn Euer Mann? Blonde   Er kümmert sich nicht um mich. Matthias   Liebt Ihr ihn noch? Blonde   Wenn er mich lieben würde – Sie lächelt. Stille. Matthias   Wer seid Ihr? Blonde   als hätte sie seine Frage überhört: Ihr werdet ihm doch nicht den Kopf nehmen? Matthias   verwirrt: Wem? Blonde   Diesem Herrn Grafen von Hermannstadt. Matthias   Ich begreif es nicht, was kümmerts Euch? Jetzt fragt Ihr mich schon das vierte Mal! Blonde   Einen Kopf zu verlieren, ist doch keine Kleinigkeit – Matthias   Er hat mich betrogen. Blonde   Aber gleich dafür den Kopf zu nehmen, das wäre doch ein bisserl ungerecht. Der König ist doch ein christlicher Monarch und kein despotischer Sultan – Sie lächelt. Mein Gott, man betrügt doch so leicht, und oft weiß mans garnicht – Matthias   betrachtet sie: Dieser Graf sagte vorhin, Ihr wäret eine Hexe – Blonde   traurig: Ja, das sagt er immer. Immer gibt er mir alle Schuld. Stille. Matthias   Ich ahn es nicht, wer Ihr seid, ich fühl es nur, Ihr seid irgendwie gefährlich – verflucht gefährlich – Blonde   entsetzt: Sagt das nicht! Nicht dieses Wort! Matthias   perplex: Welches? »Gefährlich«? Das ist bei mir ein Kompliment! Blonde   Nein, das andere! Bitte, nicht – Matthias   Was hab ich denn noch gesagt? Weiß ich gar nicht mehr! Blonde   Ihr habt gesagt: verflucht. Matthias   Na und? Blonde   Es gibt Kinder der Sonne und Kinder der Nacht. Stille. Matthias   Ihr glaubt, daß es verfluchte Menschen gibt? Blonde   Ich weiß es. Stille. Matthias   fixiert sie: Jemand, der so schön singen kann – Blonde   Vielleicht gerade deshalb. Stille. plötzlich. Ich muß jetzt weg. Matthias   Warum? Blonde   Laßt mich, bitte! Ich warn Euch vor mir – ich bring ja nur Unheil, immer nur Unheil, Unheil – Matthias   Wer könnt denn Euch verflucht haben! Blonde   Mich persönlich niemand. Aber meine Familie – Matthias   Dann gehen wir doch gleich bis Adam und Eva – Blonde   fällt ihm ins Wort: Macht keine Scherze! Ich hab schon soviel leiden müssen – Matthias   fällt ihr ins Wort: Ich scherze nicht! Ich glaub so wenig an verfluchte Geschlechter, wie an Hexen! Blonde   starrt ihn an: Ihr glaubt nicht, daß es Hexen gibt? Matthias   Nein. Ich bin ja nicht blöd. Stille. Blonde   Glaubt Ihrs denn auch nicht, daß man mit Teufelsrezepten Gold machen kann? Matthias   Ich glaub an keine Teufelsrezepte, der Satan braucht keine Rezepte, um eine Seele für sich zu kurieren – und leider glaub ich auch nicht daran, daß man Gold machen kann. Leider, leider! Stille. Blonde   Darf ich Euch noch etwas fragen? Matthias   Nur zu! Ich antworte gern! Blonde   langsam: Glaubt Ihr, daß sich die Erde um die Sonne dreht? Matthias   perplex: Die Erde um die Sonne? Blonde   Ja. Stille. Matthias   Wer behauptet das? Blonde   Mein Onkel hats irgendwo gehört und hats dann im Casino erzählt. Sie haben ihn vom Fleck weg verhaftet und haben ihm beide Ohren abgeschnitten. Matthias   Beide Ohren? Blonde   Ja. Matthias   Das war aber noch vor meinem Regierungsantritt? Blonde   Damals war ich noch nicht auf der Welt. Matthias   Drum. Also wenn sich jemand für eine solche Behauptung die Ohren abschneiden läßt, dann dürft schon etwas Wahres dran sein. Vielleicht drehen sich halt beide umeinander – die Erde um die Sonne und die Sonne um die Erde. Blonde   lächelt: Vielleicht! Matthias   Es dreht sich im ganzen Leben immer alles so umeinander herum – nicht? Blonde   Ja. Sie seufzt, leise. Jetzt, zum Beispiel, seid Ihr die Sonne – Matthias   Nein, die Erde – Sie sieht ihn groß an. Stille. Leise . Bleibt bei mir. Ich war immer allein. Blonde   Ihr seid ja auch der König. Stille. Matthias   Was denkt Ihr jetzt? Blonde   Es steht jemand hinter der Tür und schaut uns zu. Matthias   Wer? Wo? Er tritt rasch zur Türe und ergreift den Lakai, der hinter der Türe lauscht. Ach! Lakai   entsetzt: Gnade, Majestät. Matthias   Du spionierst? Lakai   Nein, um Gottes Willen, Majestät! Majestät, ich wollte ja nur gerade etwas Fürchterliches melden – Er spricht leise auf Matthias ein, damit ihn die Blonde nicht hört. Matthias   kriegt große Augen: Was?! Lakai   Sehr wohl, Majestät! Matthias  Einen Augenblick! Rasch ab durch die Türe mit dem Lakai. Blonde sieht ihm überrascht nach. Hofbeamter   der ebenfalls hinter der Türe lauschte, tritt nun vor, sieht sich heimlich um und verbeugt sich leicht vor der Blonden: Wir hatten bereits das Vergnügen – Blonde   Ja. Hofbeamter   Ich warne Euch. Weiß der König bereits wer Ihr seid? Blonde   wird unsicher: Ich versteh Euch nicht – Hofbeamter   Hm. Ratet mal, wer im Keller sitzt. Blonde   unsicher: Im Keller? Hofbeamter   Euer Gatte. Blonde   fährt herum: Wer?! Was redet Ihr da?! Hofbeamter   Euer Gatte, Frau Gräfin. Der Graf von Hermannstadt. Blonde starrt ihn außer sich an. Stimmts? Blonde   wie zuvor: Woher wißt Ihr, daß ich – Hofbeamter   fällt ihr ins Wort: Er hat es mir selber erzählt. Ich hab ihn im Keller besucht – Blonde   unterbricht ihn: In was für einem Keller?! Hofbeamter   Ja ja, Gräfin, unheimliche Situation. Wie konntet Ihr auch nur derartig leichtfertig handeln? Zuerst betrügen Graf und Gräfin den König mit dem Muster, dann wandelt Ihr mit ihm die halbe Nacht im Park herum, und dann erscheint gar Euer Gatte und möcht uns hier alle massakrieren – Blonde   Massakrieren?! Hofbeamter   Getobt hat er, daß drinnen im Saal die Geweihe von den Wänden gefallen sind – alles wegen seinem Geweih! Wie konntet Ihr nur damit rechnen, daß Euer Mann Euch so liebt! Blonde   Liebt? Er liebt mich?! Hofbeamter   Er ist ja schon wirr vor lauter Liebe! Blonde   Wunderbar! Hofbeamter   perplex: »Wunderbar«? Blonde   Oh Himmel, ist es denn zum fassen! Er liebt mich, er liebt mich, daß die Geweihe von den Wänden fallen – ich habs ja immer geahnt, immer geahnt! Hofbeamter   Habt Ihr denn keine Angst vor dem König? Blonde   Nein, nein! Jetzt fürcht ich keinen König, keinen Kaiser, keinen Sultan! Oh, wie dank ich meinem Schicksal! Jetzt hab ich endlich die Kraft und den Mut, ihm zu beweisen, daß ich kein Unheil bring! Er liebt mich, er liebt mich – Sie lacht leise und glücklich vor sich hin. Matthias   tritt mit dem Grafen, der einen Verband um die Stirne trägt, durch die Türe auf die Terrasse: Gräfin von Hermannstadt! Darf ich Euch Eueren Gatten vorstellen – er liebt Euch so blind, daß er sich dabei ein bisserl den Kopf angestoßen hat. Ja, und dabei solls auch bleiben, denn es ist richtig, was Ihr mir vorhin sagtet: man betrügt doch so leicht und oft weiß mans gar nicht – Er lächelt ein bisserl traurig. Graf horcht etwas mißtrauisch auf. Matthias   zum Grafen. Du verdankst es ihr, nur ihr – ich bitt dich, schau nicht so grimmig! Sie blieb dir treu. Graf   fixiert die Blonde: Ist es wahr? Blonde   Was der König sagt, ist immer wahr. Matthias   Viermal hat sie um deinen Kopf gebeten – Blonde   Nur dreimal. Matthias   So? Zum Grafen. Also den Kopf hätten wir ja wieder – aber die dreihundert Männer für Selischtje, die siedeln, mir scheint, im Mond. Blonde   Warum im Mond, Majestät? Selischtje ist doch so lieblich – die Erde ist gut, der Wald ist dicht, sauber die Höfe und jeder hat sein Feld. Gewiß, die Frauen sind wirklich nicht schön, das stimmt – aber sind denn alle Männer schön? Gibts denn unter Euch Männern nur Schönheiten? Gebt doch den häßlichen Weibern häßliche Männer – Ihr werdet schon welche finden, und wenn nicht, dann will ich Euch, Majestät, gerne beim Suchen helfen. Matthias   lächelt und wendet sich an den Grafen: Glaub es mir, diese Frau bringt kein Unglück, im Gegenteil: seit ich sie kenne, geht alles besser. Der Weizen steht herrlich, seit Jahren gabs nicht mehr soviel Trauben, in der ganzen Zeit kein einziger Fall von Pest, und der Sultan ist unwahrscheinlich friedlich – und Selischtje kriegt dreihundert Männer, häßlich wie der Teufel selber – Graf   lächelt: Ihr lacht mich aus? Matthias   Ja. Es kommt nicht darauf an, ob man einer verfluchten Rasse angehört, es kommt darauf an, ob man Rasse hat. Lebt wohl, Gräfin von Hermannstadt! Und wenn Euch Euer Gatte wieder einsperren möcht, dann kommt nur zu mir, ich hör Euch an, denn es ist wichtig, daß es der Frau gut gehe – schließlich seid Ihr Frauen ja immerhin die größere Hälfte meines Volkes. Lebt wohl, Graf und Gräfin von Hermannstadt! Graf und die Blonde verbeugen sich und ab in den Park. Blonde   hält nochmals; zu Matthias; leise: Auf Wiedersehen – Ab. Matthias   sieht den beiden nach: Auf Wiedersehen? – Er nickt nein und lächelt. Schad darum! Er will ab in das Schloß und winkt dem Hofbeamten. Hofbeamter   Majestät? Matthias   Das Nächste!