Henrik Ibsen Rosmersholm Schauspiel in vier Akten Personen Johannes Rosmer , Eigentümer von Rosmersholm, ehemals Oberpfarrer Rebekka West , im Hause Rosmers Rektor Kroll , Rosmers Schwager Rektor Brendel Peder Mortensgård Madam Helseth , Haushälterin auf Rosmersholm Das Stück spielt auf Rosmersholm, einem alten Herrensitze, unweit einer kleinen Fjordstadt des westlichen Norwegens. (Sprich: Pehr Mortensgohr[d]; Gamwik.) Erster Akt Wohnstube auf Rosmersholm; geräumig, altmodisch und gemütlich. Vorn an der Wand rechts ein Kachelofen, der mit frischem Birkengrün und Wiesenblumen geschmückt ist. Weiter hinten eine Tür. An der Rückwand eine Flügeltür, die ins Vorzimmer führt. An der Wand links ein Fenster und davor ein Behälter mit Blumen und Pflanzen. Beim Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnstühlen. Rings an den Wänden hängen ältere und neuere Porträts von Geistlichen, Offizieren und Beamten in Uniform. Das Fenster steht offen. Ebenso die Vorzimmertür und die äußere Haustür. Draußen sieht man die großen, alten Bäume einer Allee, die zum Gut hinführt. Sommerabend. Die Sonne ist untergegangen. Rebekka sitzt in einem Lehnstuhl am Fenster und häkelt an einem großen weißen wollenen Schal, der bald fertig ist. Dann und wann guckt sie spähend zwischen den Blumen zum Fenster hinaus. Nach einer Weile kommt Madam Helseth von rechts. Madam Helseth . Ich könnte jetzt wohl so langsam den Tisch fürs Abendessen decken, Fräulein? Rebekka . Ja, tun Sie das. Der Herr Pastor wird wohl bald kommen. Madam Helseth . Zieht es nicht recht sehr da, wo Sie sitzen, Fräulein? Rebekka . Ja, ein wenig. Bitte, machen Sie zu. Madam Helseth geht zur Vorzimmertür und schließt sie; dann geht sie zum Fenster hin. Madam Helseth sieht hinaus, indem sie zumachen will . Aber ist das nicht der Herr Pastor, der da hinten geht? Rebekka rasch . Wo? Steht auf. Ja, das ist er. Hinter dem Vorhange. Treten Sie zur Seite. Er braucht uns nicht zu sehen. Madam Helseth in der Mitte des Zimmers . Denken Sie nur, Fräulein, – er geht schon wieder den Mühlenweg. Rebekka . Den Mühlenweg ist er auch schon vorgestern gegangen. Guckt zwischen Vorhang und Fensterrahmen hinaus. Aber nun wollen wir mal sehen – Madam Helseth . Traut er sich über den Steg? Rebekka . Das will ich ja gerade sehen. Nach kurzer Pause. Nein. Er kehrt um. Geht auch heut oben herum. Tritt vom Fenster zurück. Ein weiter Umweg. Madam Helseth . Herrgott, ja. Es muß dem Herrn Pastor wohl schwer fallen, den Steg da zu betreten. Wo so etwas geschehen ist – Rebekka legt das Häkelzeug zusammen . Auf Rosmersholm hängen sie lange an ihren Toten! Madam Helseth . Ich meine nun, Fräulein, es sind die Toten, die so lange an Rosmersholm hängen. Rebekka blickt sie an . Die Toten? Madam Helseth . Ja, – man möchte beinahe sagen, sie könnten sich gar nicht trennen von den Hinterbliebenen. Rebekka . Wie kommen Sie darauf? Madam Helseth . Ja, denn sonst würde doch wohl nicht das weiße Roß kommen, denke ich mir. Rebekka . Was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem weißen Roß, Madam Helseth? Madam Helseth . Ach, es lohnt sich nicht, davon zu reden. An so etwas glauben Sie ja doch nicht. Rebekka . Glauben Sie denn daran? Madam Helseth geht hin und schließt das Fenster . Ach, ich will mich vor Ihnen nicht lächerlich machen, Fräulein! Sieht zum Fenster hinaus. Ja, aber – ist das nicht wieder der Herr Pastor da drüben auf dem Mühlenweg –? Rebekka blickt hinaus . Der Mann da? Tritt ans Fenster. Das ist ja der Rektor! Madam Helseth . Richtig, es ist der Rektor! Rebekka . Nein, das ist aber famos! Denn Sie sollen sehen, er will zu uns her. Madam Helseth . Er, – er geht wahrhaftig schlankweg über den Steg! Und dabei war es doch seine leibliche Schwester! – Na, Fräulein, dann will ich man hineingehen und den Tisch decken. Sie geht rechts ab. Rebekka steht einige Augenblicke am Fenster; dann grüßt sie, lächelt und nickt hinaus. Es beginnt zu dunkeln. Rebekka geht zur Tür rechts und spricht hinaus . Ach, liebe Madam Helseth, Sie sorgen wohl dafür, daß was extra Gutes auf den Tisch kommt. Sie wissen ja, was der Rektor am liebsten ißt Madam Helseth draußen . Jawohl, Fräulein. Soll geschehen. Rebekka öffnet die Tür zum Vorzimmer . Na endlich einmal –! Herzlich willkommen, lieber Herr Rektor! Rektor Kroll im Vorzimmer, stellt den Stock hin . Danke schön. Ich komme also nicht ungelegen? Rebekka . Sie ? Pfui, schämen Sie sich –! Kroll tritt ins Zimmer . Immer liebenswürdig. Sieht sich um. Rosmer ist wohl auf seinem Zimmer oben? Rebekka . Nein, er ist aus und macht einen Spaziergang. Er bleibt ein bißchen länger als gewöhnlich. Aber er muß jetzt gleich kommen. Zeigt nach dem Sofa. Bitte schön, nehmen Sie unterdessen Platz. Kroll legt den Hut hin . Danke Sehr. Setzt sich und sieht sich um. Nein, wie hübsch und nett Sie das alte Zimmer hergerichtet haben. Blumen, wohin das Auge blickt! Rebekka . Rosmer hat so sehr gern frische, lebende Blumen um sich. Kroll . Und Sie wohl auch, nicht wahr? Rebekka . Ja. Ich finde, sie berauschen so himmlisch. Früher mußten wir uns das Vergnügen ja versagen. Kroll nickt schwermütig . Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen. Rebekka . Und die Farben auch nicht. Sie war immer ganz betäubt davon – Kroll . Ich weiß das noch ganz gut. In leichterem Ton. Na, wie geht es denn so hier draußen? Rebekka . Ja, hier geht alles seinen stillen, gewohnten Gang. Einen Tag wie den andern. – Und bei Ihnen zu Haus? Ihre Frau –? Kroll . Ach, mein liebes Fräulein, sprechen wir nicht von meinen Angelegenheiten. In einer Familie, da ist immer etwas, das quer geht. Besonders in einer Zeit wie der unsrigen. Rebekka nach einer Pause, setzt sich in einen Lehnstuhl neben dem Sofa . Warum haben Sie sich in den Schulferien nicht ein einziges Mal bei uns sehen lassen? Kroll . Na, man kann den Leuten doch nicht so das Haus einrennen – Rebekka . Wenn Sie nur wüßten, wie sehr wir Sie vermißt haben – Kroll . – und außerdem war ich doch verreist – Rebekka . Ja, die paar Wochen. Sie sind ja auf Volksversammlungen herum gewesen? Kroll nickt . Ja, was sagen Sie dazu? Hätten Sie gedacht, ich könnte auf meine alten Tage noch politischer Agitator werden? Was? Rebekka lächelt . Ein bißchen haben Sie doch schon immer agitiert, Herr Rektor! Kroll . Na ja, so zu meinem Privatvergnügen. Aber in Zukunft soll es wirklich Ernst werden. – Lesen Sie jemals diese radikalen Blätter? Rebekka . Ja, lieber Herr Rektor, ich will nicht leugnen, daß – Kroll . Liebes Fräulein, dagegen läßt sich nichts sagen. Wenigstens nichts, was Sie angeht. Rebekka . Ja, das meine ich auch. Ich muß doch mitgehen, auf dem Laufenden sein – Kroll . Na, von Ihnen, einer Dame, verlange ich ja durchaus nicht, daß Sie entschieden Partei ergreifen sollen in dem Bürgerzwist, – Bürgerkrieg möchte man beinah sagen, der hier tobt. – Aber dann haben Sie doch auch gelesen, wie diese Herren vom »Volke« mich anzufahren geruhten? Was für infame Grobheiten sie sich herausgenommen haben? Rebekka . Ja, aber mir scheint, Sie haben ganz gehörig um sich gebissen. Kroll . Das habe ich auch. Das muß ich selbst sagen. Denn nun habe ich Blut geleckt. Und sie sollen schon noch spüren, daß ich nicht der Mann bin, der ihnen gutwillig die Backe hinhält –. Unterbricht sich. Nein, aber wissen Sie, wir wollen jetzt nicht auf diesen traurigen und empörenden Gegenstand eingehen. Rebekka . Nein, tun wir das nicht, lieber Herr Rektor. Kroll . Sagen Sie mir lieber, wie Sie sich eigentlich auf Rosmersholm fühlen, seit Sie allein sind. Seit unsere arme Beate –? Rebekka . Na danke; so ziemlich gut. In mancher Hinsicht hat sie freilich eine große Leere hinterlassen. Und Sehnsucht und Trauer auch, – natürlich. Sonst aber – Kroll . Denken Sie hier zu bleiben? Ich meine, dauernd. Rebekka . Ach, lieber Herr Rektor, ich denke wirklich an gar nichts. Ich bin ja nachgerade hier so ganz heimisch geworden, daß es mir beinahe vorkommt, als gehörte ich hierher. Kroll . Sie?! Das sollte ich auch meinen. Rebekka . Und solange Herr Rosmer findet, daß ich zu seinem Wohlbehagen etwas beitragen kann – bleibe ich recht gern hier. Kroll blickt sie bewegt an . Wissen Sie, – es liegt doch etwas Großes darin, wenn ein Weib so seine ganze Jugend in der Aufopferung für andere hinbringt. Rebekka . I, für was hätte ich denn sonst leben sollen! Kroll . Erst diese ewige Plage mit Ihrem lahmen, stumpfsinnigen Pflegevater – Rebekka . Glauben Sie nur nicht, daß der Doktor West da oben in Finmarken so stumpfsinnig war. Die schrecklichen Seereisen, die haben ihn auf dem Gewissen. Dann freilich, nachdem wir hierher gezogen waren, – ja, dann kamen noch ein paar schwere Jahre, bis er ausgelitten hatte. Kroll . Waren die Jahre, die dann kamen, nicht noch schwerer für Sie? Rebekka . Nein! Wie können Sie nur so sprechen! Ich habe doch Beate so sehr lieb gehabt –. Und die Ärmste war ja doch auch so sehr auf sorgsame Pflege und auf nachsichtige Umgebung angewiesen. Kroll . Bedankt und gepriesen sollen Sie dafür sein, daß Sie ihrer so schonend gedenken! Rebekka rückt ihm ein wenig näher . Lieber Herr Rektor, Sie sagen das so ehrlich und warm, daß ich überzeugt bin, die Verstimmung ist vorbei. Kroll . Verstimmung? Was meinen Sie damit? Rebekka . Nun, es wäre ja auch durchaus kein Wunder, wenn Sie es als etwas Peinliches empfänden, mich fremden Menschen auf Rosmersholm so schalten und walten zu sehen. Kroll . Aber wie kommen Sie denn nur – Rebekka . Es ist also nicht der Fall?! Reicht ihm die Hand. Ich danke Ihnen, lieber Rektor! Ich danke, danke Ihnen herzlich. Kroll . Aber wie sind Sie denn bloß auf diesen Gedanken gekommen? Rebekka . Ich bekam es ein bißchen mit der Angst, da Sie uns so selten hier draußen besuchten. Kroll . Da waren Sie aber gründlich auf dem Holzwege, Fräulein West. Und außerdem, – in der Sache selbst hat sich hier ja gar nichts geändert. Sie haben ja doch – und Sie allein –, hier schon während Beates letzter Leidenszeit die ganze Wirtschaft geführt. Rebekka . Das war nur mehr so eine Art von Regentschaft im Namen der Hausfrau. Kroll . Ist ganz egal –. Wissen Sie, Fräulein West – ich für mein Teil hätte wirklich nichts dagegen, wenn Sie –. Aber so etwas darf man wohl nicht sagen. Rebekka . Was denn? Kroll . Wenn es sich nun so machte, daß Sie den leeren Platz einnähmen – Rebekka . Ich habe den Platz, den ich wünsche, Herr Rektor. Kroll . In der Tätigkeit allerdings, aber nicht in – Rebekka unterbricht ihn ernst . Schämen Sie sich doch, Herr Rektor! Wie können Sie über so etwas scherzen? Kroll . Ach ja, unser guter Johannes, der mag den Ehestand wohl gründlich satt haben. Und doch – Rebekka . Wissen Sie – jetzt lach' ich Sie aber gleich aus. Kroll . Und doch –. Sagen Sie einmal, Fräulein West –. Wenn ich fragen darf –. Wie alt sind Sie eigentlich? Rebekka . Zu meiner Schande sei's gesagt – ganze neunundzwanzig, Herr Rektor. Ich gehe nun in die Dreißig. Kroll . Na ja. Und Rosmer, – wie alt ist der? Warten Sie mal. Er ist fünf Jahre jünger als ich. Er ist also gut und gern dreiundvierzig alt. Ich finde, das paßt prächtig. Rebekka erhebt sich . Ja, gewiß, gewiß. Es paßt großartig. – Trinken Sie den Tee mit uns? Kroll . Danke, ja. Ich wollte mich so wie so hier häuslich niederlassen, denn ich habe mit unserm guten Freund eine Sache zu besprechen. – Und – damit Sie nicht wieder auf törichte Gedanken kommen, liebes Fräulein, so werde ich mich wieder häufiger hier sehen lassen wie in früheren Tagen. Rebekka . Ach ja, tun Sie das doch! Schüttelt ihm die Hände. Dafür bin ich Ihnen wirklich dankbar. Sie sind doch ein lieber, guter Mann. Kroll brummt leise . So? Bei mir zu Hause bekomme ich so etwas nicht zu hören. Rosmer tritt durch die Tür rechts ein. Rebekka . Herr Rosmer, – sehen Sie mal, wer da sitzt? Johannes Rosmer . Madam Helseth hat es mir schon gesagt. Rektor Kroll ist aufgestanden. Rosmer mild und mit gedämpfter Stimme, drückt seine Hände . Ich heiße Dich wieder in meinem Haus willkommen, lieber Kroll. Legt die Hände auf seine Schultern und sieht ihm in die Augen. Du lieber, alter Freund! Wußte ich doch, es würde eines Tages wieder zwischen uns werden wie früher. Kroll . Aber Menschenskind, – auch Du warst von der verrückten Einbildung besessen, zwischen uns sei etwas nicht in Ordnung? Rebekka zu Rosmer . Ja, was sagen Sie, – wie gut, daß es nur Einbildung war. Rosmer . War es das wirklich nur, Kroll? Aber warum hast Du Dich denn so ganz von uns zurückgezogen? Kroll ernst und mit leiser Stimme . Weil ich hier nicht als eine lebendige Mahnung an Deine Unglücksjahre herumgehen wollte – und an sie, – die im Mühlengraben endete. Rosmer . Das war ja von Dir schön gedacht. Du bist ja immer so rücksichtsvoll. Aber es war ganz unnötig, aus diesem Grunde fortzubleiben. – Komm, Du; wir wollen uns aufs Sofa setzen. Sie setzen sich. Nein, der Gedanke an Beate hat wirklich nichts Quälendes für mich. Wir sprechen täglich von ihr. Für uns gehört sie sozusagen noch zum Hause. Kroll . Tut Ihr das wirklich? Rebekka zündet die Lampe an . Ja, allerdings. Rosmer . Das ist doch ganz selbstverständlich. Wir hatten sie ja doch beide so sehr lieb. Und Rebek – Fräulein West wie ich, wir sind uns bewußt, alles für die arme Dulderin getan zu haben, was in unserer Macht stand. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. – Und darum hat für mich der Gedanke an Beate etwas so Mildes und Wohltuendes. Kroll . Ihr lieben, prächtigen Menschen! Von heut an besuche ich Euch jeden Tag. Rebekka setzt sich in einen Lehnstuhl . Wir wollen einmal sehen, ob Sie Wort halten. Rosmer ein wenig zaudernd . Du, Kroll, – ich hätte von Herzen gewünscht, unser Verkehr hätte nie eine Unterbrechung erfahren. Bist Du doch während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft mir der berufene und berechtigte Ratgeber gewesen. Schon in meiner ersten Studentenzeit. Kroll . Na ja, und darauf habe ich sehr großen Wert gelegt. Handelt es sich jetzt vielleicht um etwas Besonderes –? Rosmer . Es gibt allerlei, worüber ich gern rückhaltlos mit Dir reden möchte. Frei von der Leber weg. Rebekka . Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich meine auch, zwischen alten Freunden – da wäre es angebracht – Kroll . Ach, Du, glaube nur, ich habe mit Dir noch über mehr zu reden. Denn Du weißt doch wohl, daß ich inzwischen aktiver Politiker geworden bin. Rosmer . Ja, das bist Du ja. Wie ist das eigentlich zugegangen? Kroll . Ich mußte, mein Lieber. Mußte, ob ich nun wollte oder nicht. Es ist jetzt ein Ding der Unmöglichkeit, noch länger den müßigen Zuschauer zu machen. Jetzt, da bedauerlicherweise die Radikalen ans Ruder gelangt sind, – jetzt ist es die höchste Zeit –. Darum habe ich auch unseren kleinen Freundeskreis in der Stadt bewogen, sich enger zusammenzuschließen. Es ist die höchste Zeit, sage ich Dir! Rebekka mit leichtem Lächeln . Ja, ist es nicht eigentlich schon ein bißchen zu spät? Kroll . Kein Zweifel, wir wären heut besser dran, wenn wir schon an einem früheren Zeitpunkt den Strom gehemmt hätten. Aber wer konnte denn auch voraussehen, was da kommen würde? Ich jedenfalls nicht. Steht auf und geht im Zimmer umher. Aber jetzt sind mir die Augen gründlich aufgegangen. Denn der Geist des Aufruhrs ist nachgerade sogar in die Schule gedrungen. Rosmer . In die Schule? Doch wohl nicht in Deine Schule? Kroll . Allerdings ist er das! In meine eigene Schule! Was sagst Du da zu? Ich bin dahinter gekommen, daß die Jungen der obersten Klasse, – das heißt ein Teil der Jungen, – schon länger als ein halbes Jahr heimlich einen Verein haben, wo Mortensgårds Blatt gehalten wird! Rebekka . Ah, das »Blinkfeuer«! Kroll . Ja, nicht wahr, ein gesundes Geistesfutter für künftige Staatsbeamte? Aber das Traurigste an der Sache ist, daß gerade die begabtesten Jungen der Klasse sich verschworen und dies Komplott gegen mich angestiftet haben. Nur die Stümper und Faulpelze haben sich davon ausgeschlossen. Rebekka . Geht Ihnen denn das so zu Herzen, Herr Rektor? Kroll . Na, und ob! Zu sehen, wie man mir in meiner Lebensarbeit Steine in den Weg legt und entgegenarbeitet. Leiser. Aber fast hätte ich gesagt, das möge noch hingehen. Aber nun kommt das Allerärgste. Sieht sich um. Da horcht doch wohl keiner an den Türen? Rebekka . I bewahre. Kroll . So wisset denn, daß die Zwietracht und der Aufruhr in mein eigenes Haus gedrungen sind – in meine eigenen ruhigen vier Wände, – und mir den Frieden des Familienlebens gestört haben! Rosmer steht auf . Ist wohl nicht möglich! Bei Dir zu Haus –? Rebekka geht zum Rektor hin . Aber, Bester, was ist denn da passiert? Kroll . Wollt Ihr wohl glauben, daß mein eigen Fleisch und Blut –. Kurz und gut, – Laurits ist das Haupt des Schülerkomplotts! Und Hilda hat eine rote Mappe gestickt, um das »Blinkfeuer« drin aufzubewahren. Rosmer . Das hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen, – daß bei Dir – in Deinem Hause – Kroll . Ja, wer hätte sich auch so etwas träumen lassen? In meinem Hause, wo immer Gehorsam und Ordnung geherrscht haben; – wo es bis heut nur einen einträchtigen Willen gegeben hat – Rebekka . Wie stellt sich denn Ihre Frau zu der Geschichte? Kroll . Ja, sehen Sie, das ist das Allerunglaublichste. Diese Frau, die ihr Lebtag – im Großen wie im Kleinen – meine Ansichten geteilt und alle meine Anschauungen gebilligt hat – die ist weiß Gott drauf und dran, es mit den Kindern zu halten in manchen Stücken. Und dann gibt Sie mir die Schuld an dem, was geschehen ist. Sie sagt, ich tyrannisiere die Jugend. Gerade als ob das nicht nötig wäre –. Nun, so geht also der Unfrieden in meinem Hause um. Aber ich rede natürlich so wenig wie möglich darüber. So etwas schweigt man am besten tot. Geht auf und ab. Ach ja, ja, ja! Stellt sich, die Hände auf dem Rücken, ans Fenster und sieht hinaus. Rebekka hat sich Rosmer genähert und sagt leise, schnell und so, daß es der Rektor nicht merkt : Tu es! Rosmer ebenso . Heut nicht! Rebekka wie vorher . Gerade! Sie macht sich an der Lampe zu schaffen. Kroll kommt durchs Zimmer . Ja, mein lieber Rosmer, nun weißt Du also, wie der Zeitgeist seine Schatten auf mein häusliches Leben wie auf meine amtliche Tätigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, zersetzenden und zerstörenden Zeitgeist sollte ich nicht mit allen Waffen bekämpfen, die mir zu Gebote stehen? Ich bin fest entschlossen, es zu tun. In Schrift wie in Wort. Rosmer . Hast Du denn aber auch Hoffnung, auf diese Weise etwas auszurichten? Kroll . Ich will jedenfalls als Staatsbürger meiner Wehrpflicht genügen. Und ich meine, daß es die Aufgabe eines jeden patriotisch gesinnten und um die gute Sache besorgten Mannes ist, dasselbe zu tun. Siehst Du, hauptsächlich da rum bin ich heute zu Dir gekommen. Rosmer . Aber, mein Lieber, was willst Du –? Was soll ich –? Kroll . Du sollst Deinen alten Freunden helfen. Gemeinsame Sache mit uns machen. Dich mitbetätigen, so gut Du kannst. Rebekka . Aber, Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Widerwillen gegen so etwas. Kroll . Den Widerwillen muß er jetzt zu überwinden suchen. – Du bleibst zurück, Rosmer. Du vergräbst Dich hier mit Deinen historischen Sammlungen. Na ja, – allen Respekt vor Stammbäumen und dem, was dazu gehört. Aber für solcherlei Beschäftigungen ist jetzt nicht die Zeit – leider Gottes. Du hast keine Vorstellung davon, wie es im Lande hergeht. Ich möchte sagen, alle Begriffe sind auf den Kopf gestellt. Es wird eine Riesenarbeit geben, bis diese ganzen Verirrungen wieder ausgerottet sind. Rosmer . Das glaube ich auch. Aber eine Arbeit dieser Art liegt mir ganz und gar nicht. Rebekka . Und dann glaube ich auch, daß Herr Rosmer nachgerade die Dinge im Leben mit offneren Augen ansieht als früher. Kroll stutzt . Offneren Augen? Rebekka . Ja, – oder mit freieren Augen. Unbefangener. Kroll . Was soll das heißen? Rosmer, – Du bist doch wohl nie und nimmermehr so schwach, Dich von solch einer Zufälligkeit beeinflussen zu lassen, daß die Führer des großen Haufens einen vorläufigen Sieg errungen haben! Rosmer . Lieber Freund, Du weißt doch, wie wenig Verständnis ich für Politik habe. Aber es kommt mir doch so vor, als wäre in den letzten Jahren sozusagen etwas mehr Selbständigkeit in das Denkvermögen des einzelnen gekommen. Kroll . Na, – und das siehst Du so ohne weiteres als einen Gewinn an! Übrigens bist Du gründlich im Irrtum, mein Freund. Hör' nur einmal herum, was das für Ansichten sind, die unter den Radikalen gang und gäbe sind, hier auf dem Lande wie in der Stadt. Sie sind nicht um ein Haar anders als die Weisheit, die im »Blinkfeuer« verkündet wird. Rebekka . Ja, Mortensgård hat hier in der Gegend großen Einfluß auf die Leute. Kroll . Ja, denkt nur einmal – ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit! Ein Mensch, der eines unsittlichen Verhältnisses wegen aus seinem Lehramt gejagt worden ist –! Und so einer will sich als Volksführer aufspielen! Und es geht! Es geht wirklich! Sein Blatt will er jetzt vergrößern, höre ich. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, daß er einen geschickten Mitarbeiter sucht. Rebekka . Es wundert mich nur, daß Sie und Ihre Freunde ihm nichts entgegenstellen. Kroll . Das ist ja gerade das, was wir jetzt wollen! Heute haben wir die »Amtszeitung« gekauft. Mit der Geldfrage hatte es keine Schwierigkeiten. Aber – wendet sich zu Rosmer. Ja, nun bin ich bei dem eigentlichen Zweck meines Besuches angelangt. Sieh mal, mit der Leitung – der journalistischen Leitung, damit hapert es. – Sag' mal, Rosmer, – könntest Du Dich nicht, um der guten Sache willen, dazu entschließen, sie zu übernehmen? Rosmer fast erschrocken . Ich! Rebekka . Aber wie können Sie nur so etwas denken! Kroll . Daß Du Dich vor den Volksversammlungen fürchtest und nicht den Brutalitäten aussetzen magst, ohne die es da nicht abgeht, das ist ja am Ende begreiflich. Aber die unauffälligere Tätigkeit eines Redakteurs oder besser gesagt – Rosmer . Nein, nein, lieber Freund, so etwas darfst Du mir nicht zumuten. Kroll . Ich möchte mich ja selbst sehr gern auch in der Richtung versuchen. Aber ich würde es absolut nicht schaffen können. Es lastet ohnehin schon eine Unmasse Arbeit auf mir –. Du hingegen bist jetzt von Amtsgeschäften völlig frei. – Wir anderen werden Dir natürlich helfen, so gut wir können. Rosmer . Ich kann nicht, Kroll. Ich bin zu so etwas nicht geschaffen. Kroll . Nicht geschaffen? Dasselbe hast Du gesagt, als Dein Vater Dir das Amt erwirkte – Rosmer . Ich hatte recht. Darum habe ich es auch wieder aufgegeben. Kroll . Ach, wenn Du nur als Redakteur so tüchtig bist, wie Du als Pfarrer warst, dann sind wir ganz zufrieden. Rosmer . Lieber Kroll, – nun sage ich Dir aber ein für allemal, – ich tue es nicht. Kroll . Na, dann wirst Du uns aber doch Deinen Namen leihen? Rosmer . Meinen Namen? Kroll . Ja, schon der Name Johannes Rosmer würde ein Gewinn für das Blatt sein. Wir andern gelten ja doch für ausgeprägte Parteimänner. Ich selbst bin, wie ich höre, als ein arger Fanatiker verschrieen. Deshalb können wir nicht darauf rechnen, unter eigenem Namen dem Blatte erfolgreichen Eingang bei den irregeführten Massen zu verschaffen. Du hingegen, – Du hast Dich immer vom Kampfe ferngehalten. Deine milde, redliche Gesinnung, – Deine feine Denkungsart – Deine unantastbare Ehrenhaftigkeit sind von jedermann hier in der ganzen Gegend bekannt und geschätzt. Und dann die Achtung und der Respekt, den Du noch von Deiner früheren Stellung als Geistlicher her genießt. Und endlich die Ehrwürdigkeit Deines Familiennamens! Rosmer . Ach, der Familienname – Kroll zeigt auf die Porträts . Die Rosmers auf Rosmersholm – Priester und Offiziere. Beamte in hohen, verantwortungsvollen Stellungen. Korrekte Ehrenmänner, einer wie der andere, – ein Geschlecht, das nun schon bald ein paar hundert Jahre hier als das erste im Bezirk ansässig ist. Legt die Hand auf Rosmers Schulter. Rosmer, – Du bist es Dir selbst und den Traditionen Deines Geschlechts schuldig, mitzutun und das zu verteidigen, was bis jetzt in unserer Gesellschaft für recht und billig gegolten hat. Wendet sich um. Ja, was sagen Sie , Fräulein West? Rebekka mit einem leichten, stillen Lachen . Lieber Herr Rektor – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie lächerlich mir die ganze Geschichte vorkommt. Kroll . W–as? Lächerlich? Rebekka . Ja, denn ich will Ihnen nur gerade heraus sagen – Rosmer schnell . Nein, nein, – nicht doch! Jetzt nicht! Kroll blickt beide abwechselnd an . Aber was in aller Welt, liebe Freunde, –? Bricht ab. Hm! Madam Helseth kommt durch die Tür rechts. Madam Helseth . Draußen im Küchenflur ist ein Mann. Er sagt, er will zum Herrn Pastor. Rosmer erleichtert . Ah so! Lassen Sie ihn bitte nur herein. Madam Helseth . Hier in die Stube? Rosmer . Jawohl. Madam Helseth . Aber er sieht gar nicht so aus, daß man ihn in die Stube lassen kann. Rebekka . Wie sieht er denn aus, Madam Helseth? Madam Helseth . Na, nicht sehr schön, Fräulein. Rosmer . Hat er nicht gesagt, wie er heißt? Madam Helseth . Ja, ich glaube, er hat gesagt, er heißt Hekmann oder so ähnlich. Rosmer . Ich kenne keinen dieses Namens. Madam Helseth . Und dann sagt er noch, er heißt Uldrik. Rosmer stutzt . Ulrik-Hetman! So vielleicht? Madam Helseth . Ja, richtig – Hetman. Kroll . Den Namen, den habe ich schon einmal gehört – Rebekka . So hat er sich doch gewöhnlich unterzeichnet, jener wunderliche – – Rosmer zu Kroll . Das ist Ulrik Brendels Schriftstellername, Du. Kroll . Der verkommene Ulrik Brendel. Ganz recht! Rebekka . Er ist also noch am Leben. Rosmer . Ich glaubte, er reiste mit einer Theatergesellschaft umher. Kroll . Er säße im Arbeitshause – das war das letzte, was ich von ihm hörte. Rosmer . Lassen Sie ihn herein, Madam Helseth. Madam Helseth . Ja, ja. Ab. Kroll . Willst Du diesen Menschen wirklich in Deine Stube lassen? Rosmer . Du weißt doch, daß er einmal mein Lehrer war. Kroll . Ja, ich weiß, daß er Dir den Kopf mit aufrührerischen Ideen vollstopfte, und daß Dein Vater ihn dann mit der Reitpeitsche zum Hause hinaus jagte. Rosmer ein wenig bitter . Vater war ja Major auch hier in seinem Haus. Kroll . Noch im Grabe solltest Du ihm dafür danken, mein lieber Rosmer. Na! Madam Helseth öffnet Ulrik Brendel die Tür rechts, geht wieder und schließt hinter ihm. Er ist eine stattliche, etwas abgemagerte, doch bewegliche, rührige Erscheinung; Haar und Bart grau. Übrigens gekleidet wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Zerschlissener Rock, elendes Schuhwerk; vom Hemd sieht man nichts. Er hat alte schwarze Handschuhe an; einen weichen schmutzigen Hut trägt er zusammengeklappt unter dem Arm, und in der Hand einen Spazierstock. Brendel zuerst unsicher, geht dann schnell auf den Rektor zu und reicht ihm die Hand . Guten Abend, Johannes! Kroll . Erlauben Sie – Brendel . Du hast wohl nicht geglaubt, mich noch einmal wiederzusehen? Und noch dazu in diesen verhaßten Mauern? Kroll . Erlauben Sie –. Zeigt. Da – Brendel wendet sich um . Richtig. Da ist er ja! Johannes – mein Junge, – mein Liebling! Rosmer reicht ihm die Hand. Mein alter Lehrer! Brendel . Trotz gewisser Erinnerungen wollte ich doch nicht an Rosmersholm vorüber gehen, ohne eine flüchtige Visite gemacht zu haben. Rosmer . Sie sind hier jetzt herzlich willkommen. Das dürfen Sie glauben. Brendel . Ah! die reizende Dame? – Verbeugt sich. Natürlich die Frau Propstin. Rosmer . Fräulein West. Brendel . Vermutlich eine nähere Anverwandte. Und jener Fremde –? Gewiß ein Amtsbruder. Rosmer . Rektor Kroll. Brendel . Kroll? Kroll? Warte mal – – haben Sie nicht in Ihren jungen Jahren Philologie studiert? Kroll . Ja, selbstverständlich. Brendel . Goddam, dann habe ich Dich ja doch gekannt! Kroll . Erlauben Sie mal – Brendel . Warst Du nicht – Kroll . Erlauben Sie mal – Brendel . – einer von den Tugendtrabanten, die nicht eher ruhten, als bis ich aus dem Debattierklub heraus war? Kroll . Das kann wohl sein. Aber ich protestiere gegen jede nähere Bekanntschaft. Brendel . Na, na! As you like it, Herr Doktor. Das kann mir ganz egal sein. Ulrik Brendel bleibt doch der Mann, der er ist. Rebekka . Sie wollen wohl in die Stadt, Herr Brendel? Brendel . Frau Pastor haben es getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich genötigt, eine Schlacht zu schlagen für meine Existenz. Ich tus' nicht gern, doch – enfin – die zwingende Notwendigkeit – Rosmer . Mein lieber Herr Brendel, kann ich Ihnen da vielleicht mit irgend etwas dienen? Ich meine in irgend einer Hinsicht – Brendel . Ha! was für ein Vorschlag! Willst Du etwa das Band beflecken, das uns aneinander knüpft? Niemals, Johannes, – niemals! Rosmer . Was haben Sie denn in der Stadt vor? Glauben Sie nur, es wird Ihnen nicht so leicht fallen – – Brendel . Laß das nur meine Sorge sein, mein Junge. Die Würfel sind gefallen. Wie ich hier vor Dir stehe, befinde ich mich auf einer umfassenden Reise. Umfassender als all meine früheren Streifzüge zusammen. Zum Rektor. Darf ich mir die Frage erlauben, Herr Professor – entre nous, – gibt es in Ihrer werten Stadt so ein einigermaßen anständiges, respektables und geräumiges Versammlungslokal? Kroll . Das geräumigste ist der Saal des Arbeitervereins. Brendel . Haben Sie, Herr Dozent, vielleicht einen qualifizierten Einfluß in diesem gewiß sehr nützlichen Verein? Kroll . Mit dem Verein habe ich nichts zu schaffen. Rebekka zu Brendel . Sie müssen sich an Feder Mortensgård wenden. Brendel . Pardon, madame, – was ist das für ein Idiot? Rosmer . Warum muß der denn gerade ein Idiot sein? Brendel . Das höre ich doch schon am Namen, daß ein Plebejer ihn trägt! Kroll . Auf die Antwort war ich nicht gefaßt. Brendel . Aber ich will mich bezwingen. Es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Wenn man – wie ich – an einem Wendepunkt seines Lebens steht –. Abgemacht. Ich setze mich mit dem Menschen in Verbindung – leite direkte Unterhandlungen ein – Rosmer . Im Ernst – stehen Sie wirklich an einem Wendepunkt? Brendel . Das müßte mein geliebter Junge doch wissen: wo Ulrik Brendel auch steht, da steht er immer in vollem Ernst. – Ja, mein Lieber, jetzt will ich einen neuen Menschen anziehen. Will heraustreten aus der reservierten Haltung, die ich bis jetzt beobachtet habe. Rosmer . Wie –? Brendel . Ich will mit kräftiger Hand ins Leben eingreifen. Hervortreten. Auftreten. Es ist eine sturmbewegte Zeit der Sonnenwende, in der wir atmen. – Jetzt will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung niederlegen. Kroll . Wollen Sie auch –? Brendel zu allen gewendet . Hat das Publikum hier genauere Kenntnis von meinen einzelnen Schriften? Kroll . Nein, ich muß aufrichtig gestehen, – Rebekka . Ich habe Verschiedenes gelesen. Denn mein Pflegevater hatte sie. Brendel . Schöne Frau, – da haben Sie Ihre Zeit verplempert. Denn das ist lauter Plunder, werde ich Ihnen sagen. Rebekka . So? Brendel . Was Sie gelesen haben, ja. Meine bedeutsamsten Werke, die kennt weder Mann noch Weib. Kein Mensch – außer mir selbst. Rebekka . Wie geht denn das zu? Brendel . Weil Sie nicht geschrieben sind. Rosmer . Aber, lieber Herr Brendel, – Brendel . Du weißt, mein Johannes, ich bin ein Stück Sybarit. Ein Gourmet. Das bin ich zeitlebens gewesen. Ich liebe in Einsamkeit zu genießen. Denn da genieße ich doppelt. Nein – zwanzigfach. Sieh mal, – wenn goldene Träume sich auf mich herniedersenkten, – mich umwogten, – wenn neue, schwindelnd hohe, mächtig schweifende Gedanken in mir erstanden – mich umrauschten mit gewaltigen Flügeln – dann formte ich sie aus in Gedichten, in Gesichten, in Bildern. So in großen Umrissen, verstehst Du. Rosmer . Ja, ja. Brendel . Ach, Du! Wie habe ich in meinem Leben genossen und geschwelgt! Des Ausformens rätselvolle Seligkeit, – wie gesagt, so in großen Umrissen – der Beifall, der Dank, die Berühmtheit, der Lorbeerkranz – alles habe ich mit vollen, freudezitternden Händen eingestrichen. Mich in meinen heimlichen Vorstellungen mit einer Wonne gesättigt, – einer Wonne, – ach, so himmlisch groß –! Kroll . Hm –. Rosmer . Aber nie haben Sie es niedergeschrieben? Brendel . Kein Wort. Dieses platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen greulichen Widerwillen erregt. Und warum sollte ich auch meine eigenen Ideale profanieren, wenn ich sie in Reinheit und für mich allein genießen konnte? Aber jetzt werden sie geopfert. Wahrhaftig – mir ist dabei zumute wie einer Mutter, die ihre jungen Töchter in der Gatten Arme legt. Aber ich opfere sie dennoch, – opfere sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe formvollendeter Vorträge – überall im Lande –! Rebekka lebhaft . Das ist groß von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das Teuerste her, was Sie haben. Rosmer . Das einzige. Rebekka sieht Rosmer bedeutungsvoll an . Und wie viele gibt es denn, die das tun? Die dazu den Mut haben! Rosmer erwidert den Blick . Wer weiß? Brendel . Die Versammlung ist bewegt. Das erquickt mein Herz – und stärkt den Willen. Und somit schreite ich denn zur Tat. Doch noch eins. – Zum Rektor. Können Sie mir sagen, Herr Präzeptor, ob es einen Mäßigkeitsverein in der Stadt gibt? Einen Mäßigkeitsverein strengster Observanz? Den gibt es natürlich dort. Kroll . Zu dienen, ja. Ich selbst bin Vorsitzender. Brendel . Als ob ich Ihnen das nicht angesehen hätte! Na, dann ist es nicht unmöglich, daß ich Sie aufsuche und mich für eine Woche aufnehmen lasse. Kroll . Verzeihen Sie, – aber wir nehmen keine Mitglieder wochenweise auf. Brendel . A la bonne heure, Herr Pädagoge. Ulrik Brendel hat derlei Vereinen niemals das Haus eingerannt. Wendet sich um. Aber ich darf meinen Aufenthalt nicht länger ausdehnen in diesem Hause, das so reich an Erinnerungen. Ich muß in die Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es gibt doch wohl ein ordentliches Hotel dort, will ich hoffen. Rebekka . Wollen Sie nicht etwas Warmes trinken, ehe Sie gehen? Brendel . Was für eine Sorte Warmes, meine Gnädige? Rebekka . Eine Tasse Tee oder – Brendel . Ich danke der hochherzigen Wirtin des Hauses. Aber ich nehme die private Gastfreundschaft nicht gern in Anspruch. Grüßt mit der Hand. Leben Sie wohl, meine Herrschaften! Geht zur Tür, kommt aber wieder zurück. Ach, ist ja wahr–. Johannes, – Pastor Rosmer, – willst Du nicht Deinem alten Lehrer um unserer langjährigen Freundschaft willen einen Gefallen tun? Rosmer . Ja, herzlich gern. Brendel . Gut. So leih mir – auf einen Tag oder zwei – ein gestärktes Oberhemd. Rosmer . Das ist alles? Brendel . Denn sieh, ich reise zu Fuß – diesmal. Mein Koffer wird mir nachgeschickt. Rosmer . Jawohl. Aber brauchen Sie sonst nichts? Brendel . Ja, hör´ mal, – Du könntest vielleicht einen alten getragenen Sommerrock entbehren? Rosmer . O ja, ganz gewiß. Brendel . Und weil zu dem Rock doch auch ein Paar anständige Stiefel gehören – Rosmer . Die werden sich auch noch finden. Sobald wir Ihre Adresse haben, schicken wir die Sachen in die Stadt. Brendel . Keinesfalls! Nur keine Umstände meinetwegen! Ich nehme die Bagatellen mit. Rosmer . Gut, gut. Bitte kommen Sie mit nach oben. Rebekka . Lassen Sie mich lieber. Ich und Madam Helseth werden schon alles besorgen. Brendel . Nie werde ich erlauben, daß diese distinguierte Dame –! Rebekka . Ach was! Kommen Sie nur, Herr Brendel. Ab rechts. Rosmer hält ihn zurück . Sagen Sie, – könnte ich Ihnen sonst mit gar nichts dienen? Brendel . Ich wüßte wirklich nicht, was das sein sollte. Tod und Teufel, ja – da fällt mir ein –! Johannes, hast Du zufällig acht Kronen bei Dir? Rosmer . Wollen mal nachsehen. Öffnet das Portemonnaie. Da sind zwei Zehnkronenscheine. Brendel . Ja, ja, das ist ganz egal. Ich kann sie nehmen. Bekomme sie überall in der Stadt gewechselt. Inzwischen meinen Dank. Vergiß nicht, daß es zwei Zehner waren, die ich bekommen habe. Gute Nacht, Du mein lieber, guter Junge! Gute Nacht, verehrter Herr! Geht zur Tür rechts, wo Rosmer ihn verabschiedet und die Tür hinter ihm schließt. Kroll . Barmherziger Gott, – das also war der Ulrik Brendel, von dem die Welt früher einmal etwas Großes erwartet hat. Rosmer leise . Er hat wenigstens den Mut gehabt, das Leben nach seinem eigenen Kopf zu leben. Und das , scheint mir, ist immerhin etwas. Kroll . Was? Ein Leben wie seins! Ich glaube fast, er wäre imstande, Deine Begriffe noch einmal zu verwirren. Rosmer . Ach nein, Du. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir ins Reine gekommen. Kroll . Ach, wenn es doch nur so wäre, lieber Rosmer. Du bist so sehr empfänglich für Eindrücke von außen her. Rosmer . Setzen wir uns. Und dann will ich mit Dir reden. Kroll . Ja, tun wir das. Sie setzen sich aufs Sofa. Rosmer nach einer Pause. Findest Du es nicht schön und gemütlich bei uns? Kroll . Ja, es ist jetzt schön und gemütlich hier – und friedlich. Du, Rosmer, Du hast Dein Heim. Und ich habe das meine verloren. Rosmer . Mein Lieber, sprich nicht so. Was jetzt einen Riß bekommen hat, das kann noch wieder einmal werden. Kroll . Nie. Nie mehr. Der Stachel bleibt zurück. Es kann nie wieder werden wie früher. Rosmer . Nun hör' mich einmal an, Kroll. Wir beide stehen uns jetzt so lange, lange Jahre nahe. Hältst Du es für denkbar, daß unsere Freundschaft in die Brüche gehen könnte? Kroll . Ich weiß auf der Welt nichts, was uns entzweien könnte. Wie kommst Du auf so etwas? Rosmer . Weil Du ein so entscheidendes Gewicht auf Übereinstimmung in Meinungen und Anschauungen legst. Kroll . Na ja; aber wir beide sind doch so ungefähr einig. Jedenfalls doch in den großen Kernfragen! Rosmer leise. Nein. Nicht mehr. Kroll will aufspringen. Was ist das? Rosmer hält ihn zurück. Nein, Du mußt sitzen bleiben. Ich bitte Dich, Kroll. Kroll . Was ist denn –? Ich verstehe Dich nicht. Heraus mit der Sprache! Rosmer . Es ist ein neuer Sommer über mein Inneres gekommen. Der Geist einer neuen Jugend. Und deshalb stehe ich jetzt da  – Kroll . Wo, – wo stehst Du? Rosmer . Wo Deine Kinder stehen. Kroll . Du? Du! Das ist doch wohl nicht möglich! Sag', wo stehst Du? Rosmer . Auf derselben Seite, wo Laurits und Hilda stehen. Kroll läßt den Kopf sinken. Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig. Rosmer . Ich wäre so glücklich, – so unendlich glücklich gewesen im Gefühl dessen, was Du abtrünnig nennst. So aber habe ich schwer gelitten. Denn ich wußte ja doch, ich würde Dir einen bitteren Schmerz damit bereiten. Kroll . Rosmer, – Rosmer! Das verwinde ich niemals. Sieht ihn schwermütig an. Ach, daß auch Du mit dabei sein und Deine Hand dem Werke des Verderbens und der Zerstörung leihen mußt, von dem dieses Land heimgesucht wird. Rosmer . Es ist das Werk der Befreiung, bei dem ich mittun will. Kroll . Ja, ich weiß, ich weiß! So nennen es die Verführer wie die Verführten. Aber glaubst Du denn, daß von dem Geiste eine Befreiung zu erwarten ist, der im Begriff steht, unser ganzes soziales Leben zu vergiften? Rosmer . Dem herrschenden Geiste schließe ich mich nicht an. Keiner der streitenden Parteien. Ich will versuchen, von allen Seiten Menschen zu sammeln. So viele und so intensiv ich vermag. Ich will leben und meine ganze Lebenskraft für den einen Zweck einsetzen, – dem Volk im Lande das wahre Urteil zu schaffen. Kroll . Du meinst also, wir hätten im Volk noch nicht Urteil genug! Ich für mein Teil finde, wir alle zusammen sind auf dem besten Wege, in den Schmutz hinuntergezogen zu werden, wo sonst nur der gemeine Mann zu gedeihen pflegt. Rosmer . Eben darum stelle ich dem Urteil des Volkes die wahre Aufgabe. Kroll . Was für eine Aufgabe? Rosmer . Alle Menschen im Lande zu Adelsmenschen zu machen. Kroll . Alle Menschen –! Rosmer . Oder doch möglichst viele. Kroll . Mit welchen Mitteln? Rosmer . Ich denke: dadurch, daß ich die Geister frei mache und die Willen läutere. Kroll . Du bist ein Träumer, Rosmer. Die willst Du frei machen? Die willst Du läutern? Rosmer . Nein, mein Lieber, – ich will nur versuchen, sie dazu zu erwecken. Tun – müssen sie es selbst. Kroll . Und Du meinst, sie können es? Rosmer . Ja. Kroll . Durch eigene Kraft also? Rosmer . Nur durch eigene Kraft. Eine andere gibt es nicht. Kroll steht auf . Heißt das sprechen, wie es sich für einen Priester geziemt? Rosmer . Ich bin kein Priester mehr. Kroll . Ja, – und Dein Kinderglaube? Rosmer . Den habe ich nicht mehr. Kroll . Hast ihn nicht –! Rosmer . Ich habe ihm entsagt. Ich mußte ihm entsagen, Kroll. Kroll erschüttert, beherrscht sich jedoch . Ja so! – Ja, ja, ja. Das eine folgt wohl aus dem andern. – Des halb bist Du am Ende aus dem Dienste der Kirche ausgetreten? Rosmer . Ja. Als ich mir klar wurde über mich selbst, – als ich volle Gewißheit erlangte, daß es nicht nur eine vorübergehende Anfechtung wäre, sondern etwas, wovon ich mich nie wieder freimachen könnte oder wollte, – da ging ich. Kroll . So lange also hat es in Dir gegärt. Und wir, – Deine Freunde, wir haben nichts davon erfahren. Rosmer! Rosmer! – wie konntest Du uns diese traurige Wahrheit verschweigen! Rosmer . Weil ich fand, das wäre eine Sache, die nur mich anginge. Und dann wollte ich auch Dir und den anderen Freunden nicht unnötig Kummer verursachen. Ich dachte, ich könnte fortfahren hier zu leben wie bisher – still und froh und glücklich. Ich wollte lesen und mich in all die Werke vertiefen, die bis dahin für mich Bücher mit sieben Siegeln gewesen waren. Mich so recht warm hineinleben in die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir jetzt offenbart worden ist. Kroll . Abtrünnig. Jedes Wort zeugt davon. Aber warum bekennst Du denn nun doch Deinen heimlichen Abfall? Und warum gerade jetzt? Rosmer . Du selbst hast mich dazu gezwungen, Kroll. Kroll . Ich? Ich habe Dich gezwungen –? Rosmer . Als ich von Deinem wüsten Treiben in den Versammlungen hörte, – als ich las von diesen lieblosen Reden, die Du dort führtest, – von Deinen gehässigen Ausfällen gegen die, die auf der andern Seite stehen, – von Deinem höhnischen Verdammungsurteil über die Widersacher –. O Kroll, – was ist aus Dir geworden! Da trat die Pflicht unabweisbar vor mich hin. Die Menschen werden schlecht unter der Wirkung des Streites, der sich erhoben hat. Es muß Friede und Freude und Versöhnung in die Gemüter kommen. Und da rum trete ich jetzt hervor und bekenne mich offen als den, der ich bin. Und so will ich denn meine Kräfte erproben – wie die andern. Könntest Du – Deinerseits – nicht auch mittun, Kroll? Kroll . Nie im Leben schließe ich einen Kompromiß mit den zerstörenden Kräften der Gesellschaft. Rosmer . So laß uns doch wenigstens mit adeligen Waffen kämpfen, – wenn wir schon kämpfen müssen . Kroll . Wer nicht mit mir ist in den entscheidenden Lebensfragen, den kenne ich nicht mehr. Und ihm bin ich keine Rücksicht schuldig. Rosmer . Gilt das auch mir? Kroll . Du selbst hast mit mir gebrochen, Rosmer. Rosmer . Aber ist denn das ein Bruch! Kroll . Und ob! Es ist ein Bruch mit allen, die Dir bis heut nahe gestanden haben. Nun hast Du die Folgen zu tragen. Rebekka kommt von rechts und öffnet die Tür weit. Rebekka . So! Nun ist er auf dem Weg zu seinem großen Opferfest. Und jetzt können wir zu Tische gehen. Wenn ich bitten darf, Herr Rektor. Kroll nimmt seinen Hut . Gute Nacht, Fräulein West. Hier habe ich nichts mehr zu suchen. Rebekka gespannt . Was ist das? Schließt die Tür und kommt näher. Sie haben gesprochen –? Rosmer . Jetzt weiß er es. Kroll . Wir lassen Dich nicht aus den Händen, Rosmer. Wir werden Dich schon wieder auf unsere Seite zwingen. Rosmer . Dahin komme ich nie wieder. Kroll . Das werden wir ja sehen. Du bist nicht der Mann dazu, einsam zu stehen. Rosmer . Ich bin doch nicht so ganz einsam. – Wir ertragen die Einsamkeit hier zu zweit. Kroll . Ah –! Ein Verdacht steigt in ihm auf. Das auch noch! Beatens Wort –! Rosmer . Beate –? Kroll weist den Gedanken von sich . Nein, nein, – das war häßlich –. Verzeih mir. Rosmer . Was denn? Was? Kroll . Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir! Lebwohl! Geht zur Tür des Vorzimmers. Rosmer folgt ihm . Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehen. Morgen komme ich zu Dir. Kroll im Vorzimmer, dreht sich um . Nicht über meine Schwelle! Nimmt seinen Stock und geht. Rosmer steht einen Augenblick in der offenen Tür; dann schließt er sie und geht an den Tisch. Rosmer . Das macht nichts, Rebekka. Wir werden es zu ertragen wissen. Wir zwei treuen Freunde. Du und ich. Rebekka . Was glaubst Du, meinte er mit dem »Pfui«? Rosmer . Mach' Dir darüber keine Sorgen, meine Liebe. Er glaubte selbst nicht, was er sagte. Aber morgen will ich ihn besuchen. Gute Nacht! Rebekka . Auch heut gehst Du so zeitig auf Dein Zimmer? Nach dem, was geschehen ist? Rosmer . Heute wie sonst. Ich fühle mich so leicht, nun, da es vorüber ist. Sieh – ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Trag' auch Du es mit Fassung. Gute Nacht! Rebekka . Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf' wohl. Rosmer ab durch die Tür des Vorzimmers. Dann hört man ihn eine Treppe hinaufgehen. Rebekka schellt an einem Klingelzuge in der Nähe des Ofens. Bald darauf Madam Helseth von rechts. Rebekka . Decken Sie nur wieder ab, Madam Helseth. Der Herr Pastor will nicht speisen, – und der Herr Rektor ist nach Haus gegangen. Madam Helseth . Der Herr Rektor ist fort? Was ist denn los mit dem Herrn Rektor? Rebekka nimmt ihre Häkelarbeit . Er hat geweissagt, es würde ein schweres Unwetter heraufziehen – Madam Helseth . Das ist aber sonderbar. Es ist doch kein Wölkchen am Himmel zu sehen. Rebekka . Wenn er nur nicht dem weißen Roß begegnet. Denn ich fürchte, wir werden bald von derlei Spuk zu hören bekommen. Madam Helseth . Um Gotteswillen, Fräulein! Lassen Sie doch die ekligen Reden. Rebekka . Na, na, na – Madam Helseth leise . Meinen Sie wirklich, Fräulein, hier ist einer, der bald fort muß? Rebekka . I bewahre! Aber es gibt gar mancherlei weiße Rosse auf dieser Welt, Madam Helseth. – Gute Nacht denn! Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Madam Helseth . Gute Nacht, Fräulein. Rebekka mit der Häkelei rechts ab. Madam Helseth schraubt den Lampendocht herunter, schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin : Herrjeh, – herrjeh. Dieses Fräulein West. Was sie manchmal für Reden führt! Zweiter Akt Rosmers Arbeitszimmer. An der Wand links ist die Eingangstür. Im Hintergrund eine Türöffnung mit aufgezogenem Vorhang, durch die man ins Schlafzimmer kommt. Ein Fenster rechts, davor ein Schreibtisch, der mit Büchern und Papieren bedeckt ist. Bücherregale und Schränke an den Wänden. Einfache Möbel. Ein altmodisches Kanapee vorn links, davor ein Tisch. Rosmer , im Hausrock, sitzt in einem hochlehnigen Stuhl am Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre auf und blättert darin; hie und da schaut er ein wenig hinein. Es klopft an der Tür links. Rosmer ohne sich umzuwenden . Komm nur herein. Rebekka im Morgenkleid tritt ein. Rebekka . Guten Morgen. Rosmer blättert in der Schrift . Guten Morgen, meine Liebe. Wünschest Du etwas? Rebekka . Ich wollte nur hören, ob Du gut geschlafen hast? Rosmer . O, ich habe fest und sanft geschlafen. Keine Träume –. Wendet sich um. Und Du? Rebekka . Danke schön. So gegen die Morgenstunde –. Rosmer . Ich weiß nicht, mir ist lange nicht so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es war doch recht gut, daß ich mit der Sprache herausgekommen bin. Rebekka . Ja, Du hättest nicht so lange schweigen sollen, Rosmer. Rosmer . Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte. Rebekka . Nun, es war doch nicht eigentlich Feigheit – Rosmer . Ach ja, ja, Du, – wenn ich der Sache auf den Grund gehe, so war doch auch Feigheit mit dabei. Rebekka . Um so beherzter hast Du dann den Knoten zerhauen. – Setzt sich zu ihm auf einen Stuhl am Schreibtisch. Aber nun will ich Dir etwas erzählen, was ich getan habe, – und worüber Du mir nicht böse sein darfst. Rosmer . Böse? Meine Liebe, wie kannst Du glauben –? Rebekka . Es war nämlich am Ende doch ein bißchen eigenmächtig von mir, aber – Rosmer . Na, so laß doch hören. Rebekka . Gestern abend, wie Ulrik Brendel ging, – da habe ich ihm zwei bis drei Zeilen an Mortensgård mitgegeben. Rosmer ein wenig bedenklich . Aber, liebe Rebekka –. Nun, und was hast Du denn geschrieben? Rebekka . Ich habe geschrieben, er würde Dir einen großen Dienst erweisen, wenn er sich des unglücklichen Menschen ein bißchen annehmen und ihn nach Möglichkeit unterstützen wollte. Rosmer . Meine Liebe, das hättest Du nicht tun sollen. Du hast Brendel damit nur geschadet. Und Mortensgård, das ist doch ein Mann, den ich mir am liebsten ganz vom Leibe halten möchte. Du weißt doch, daß ich einmal Händel mit ihm gehabt habe. Rebekka . Aber bist Du nicht auch der Meinung, es wäre ganz gut, wenn Du wieder in Beziehungen zu ihm kämst? Rosmer . Ich? Zu Mortensgård? Aus welchen Gründen, meinst Du? Rebekka . Nun, weil Du Dich doch eigentlich nicht sicher fühlen kannst, jetzt, – seit das zwischen Dich und Deine Freunde getreten ist. Rosmer sieht sie an und schüttelt den Kopf . Hast Du wirklich glauben können, Kroll oder einer von den anderen hätten im Sinn, Rache zu nehmen? – Sie wären imstande –? Rebekka . In der ersten Hitze, lieber Freund –. Das kann man niemals wissen. Mir scheint, – so, wie Kroll es aufgenommen hat – Rosmer . Ach, Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann durch und durch. Heute nachmittag gehe ich in die Stadt und rede mit ihm. Ich will mit ihnen allen reden. Oh, Du wirst schon sehen, wie leicht das geht – Madam Helseth in der Tür links. Rebekka steht auf . Was ist, Madam Helseth? Madam Helseth . Herr Rektor Kroll steht unten im Vorzimmer. Rosmer steht schnell auf . Kroll! Rebekka . Der Rektor! Denk nur an –! Madam Helseth . Er fragt, ob er heraufkommen und den Pastor sprechen könnte. Rosmer zu Rebekka . Was habe ich gesagt! – Gewiß kann er das. Geht an die Tür und ruft die Treppe hinunter: Komm herauf, lieber Freund! Du sollst herzlich willkommen sein! Rosmer hält die Tür offen. – Madam Helseth geht. – Rebekka zieht den Vorhang der Türöffnung zusammen. Dann ordnet sie dies und jenes. Kroll , den Hut in der Hand, tritt ein. Rosmer leise, bewegt . Ich wußte doch, es wäre nicht das letzte Mal – Kroll . Heute sehe ich die Sachen in ganz anderem Licht als gestern. Rosmer . Ja, nicht wahr, Kroll? Das tust Du? Nun, wo Du es Dir überlegt hast – Kroll . Du mißverstehst mich durchaus. Legt seinen Hut auf den Tisch am Kanapee. Ich lege großen Wert darauf, mit Dir unter vier Augen zu reden. Rosmer . Weshalb kann Fräulein West nicht –? Rebekka . Nein, nein, Herr Rosmer. Ich gehe schon. Kroll sieht sie von oben bis unten an . Und dann muß ich Sie um Entschuldigung bitten, mein Fräulein, daß ich so früh am Tage komme. Daß ich Sie überfalle, noch ehe Sie Zeit gehabt haben – Rebekka stutzt . Wie denn? Sie nehmen wohl Anstoß daran, daß ich hier zu Haus im Morgenrock gehe? Kroll . Wie sollt' ich denn! Ich weiß doch absolut nicht, was jetzt Schick und Brauch auf Rosmersholm ist. Rosmer . Aber Kroll, – Du bist ja wie umgewandelt heute! Rebekka . Ich empfehle mich, Herr Rektor. Geht links hinaus. Kroll . Du erlaubst wohl– setzt sich auf das Kanapee. Rosmer . Ja, mein Lieber, machen wir's uns bequem und plaudern wir miteinander. Setzt sich auf einen Stuhl, Kroll gerade gegenüber. Kroll . Ich habe seit gestern kein Auge zugetan. Ich habe gelegen und mir Gedanken gemacht – die ganze Nacht. Rosmer . Und wie denkst Du nun heute? Kroll . Das läßt sich nicht mit wenigen Worten sagen, Rosmer. Laß mich mit einer Art Einleitung beginnen. Ich kann Dir etwas von Ulrik Brendel erzählen. Rosmer . Ist er bei Dir gewesen? Kroll . Nein. Er hat sich in einer schoflen Kneipe häuslich niedergelassen. In der schofelsten Gesellschaft natürlich. Er hat gezecht und traktiert, solange er noch etwas hatte. Dann schimpfte er die ganze Bande Pack und Pöbel. Da hat er übrigens recht gehabt. Aber dann bekam er Prügel und wurde in den Rinnstein geworfen. Rosmer . So ist er doch wohl unverbesserlich. Kroll . Den Rock, den hatte er auch versetzt. Aber den soll man ihm wieder eingelöst haben. Kannst Du erraten, wer? Rosmer . Du selbst vielleicht? Kroll . Nein. Der noble Herr Mortensgård. Rosmer . Ja so! Kroll . Ich habe mir erzählen lassen, Herrn Brendels erster Besuch habe dem Idioten und Plebejer gegolten. Rosmer . Das war ja ein Glück für ihn –. Kroll . Allerdings war es das. Lehnt sich über den Tisch, etwas näher zu Rosmer hin. Und da wären wir denn bei einer Sache angelangt, vor der ich Dich warnen muß um unserer alten – unserer ehemaligen Freundschaft willen. Rosmer . Mein Lieber, um was handelt es sich? Kroll . Da rum, daß man hier im Haus hinter Deinem Rücken ein falsches Spiel treibt nach irgend einer Richtung. Rosmer . Wie kannst Du das glauben? Meinst Du etwa Reb –, Fräulein West damit? Kroll . Sie – jawohl. Von ihrem Standpunkt begreife ich es sehr wohl. Sie ist nun doch schon lange gewöhnt, hier das Regiment zu führen. Trotzdem aber – Rosmer . Lieber Kroll, Du befindest Dich da in einem großen Irrtum. Sie und ich, – wir haben auch nicht das kleinste Geheimnis voreinander. Kroll . Hat sie Dir auch bekannt, daß sie mit dem Redakteur des »Blinkfeuers« in Briefwechsel getreten ist? Rosmer . Ach, Du meinst die paar Zeilen, die sie Ulrik Brendel mitgegeben hat. Kroll . Du bist also dahinter gekommen. Und billigst Du, daß sie auf solche Art Verbindungen anknüpft mit diesem Schandschreiber, der jede liebe Woche mich in meiner Lehrtätigkeit wie in meinem öffentlichen Auftreten an den Pranger zu stellen sucht? Rosmer . Mein Bester, an diese Seite der Sache hat sie gewiß nicht einmal gedacht. Und übrigens, – sie hat ebenso wie ich in allen Dingen freie Hand. Kroll . So? Das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die Du jetzt eingeschlagen hast. Denn auf Deinem Standpunkt, da steht wohl auch Fräulein West? Rosmer . Allerdings. Wir beide haben uns getreulich zusammen durchgerungen. Kroll sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf . Ach, was bist Du für ein blinder, betörter Mann! Rosmer . Ich? Wie kommst Du darauf? Kroll . Weil ich das Schlimmste nicht zu denken wage – nicht denken will . Nein, nein! Laß mich ausreden. – Du legst doch wirklich Wert auf meine Freundschaft, Rosmer? Und auch auf meine Achtung? Nicht wahr? Rosmer . Auf die Frage brauche ich wohl nicht zu antworten. Kroll . Na, aber da ist noch etwas andres, und das heischt eine Antwort, – eine offene Erklärung von Deiner Seite. – Willst Du gestatten, daß ich Dich einer Art Verhör unterziehe –? Rosmer . Verhör? Kroll . Ja, daß ich Dich ausfrage über allerlei, woran erinnert zu werden Dir peinlich sein mag. Sieh mal, – die Geschichte mit Deinem Abfall, – na, oder Deiner Befreiung, wie Du es ja nennst – die hängt mit so vielem andern zusammen, worüber Du mir um Deiner selbst willen Rechenschaft schuldig bist. Rosmer . Mein Lieber, frag' nur nach Herzenslust. Ich habe nichts zu verheimlichen. Kroll . Nun denn, so sag' mir, – was mag nach Deiner Meinung wohl der letzte Grund gewesen sein, warum Beate hinging und ihrem Leben ein Ende machte? Rosmer . Kannst Du da ran noch zweifeln? Oder, besser gesagt, kann man nach Gründen fragen für das, was ein unglücklicher, kranker, unzurechnungsfähiger Mensch unternimmt? Kroll . Bist Du sicher, daß Beate so ganz unzurechnungsfähig war? Die Ärzte waren wenigstens der Ansicht, die Sache wäre nicht so ganz ausgemacht. Rosmer . Wenn die Ärzte sie jemals so gesehen hätten, wie ich sie so manches Mal gesehen bei Tag und bei Nacht, dann hätten sie nicht gezweifelt. Kroll . Damals habe ich auch nicht gezweifelt. Rosmer . Ein Zweifel war ja doch auch leider ganz ausgeschlossen. Ich habe Dir doch von ihrer maßlosen, ungestümen Leidenschaftlichkeit erzählt und ihrem Verlangen, daß ich sie erwidern sollte. Oh, dieser Schauder, den sie mir eingeflößt hat! Und dann ihre grundlosen, aufreibenden Selbstanklagen in den letzten Jahren. Kroll . Ja, nachdem sie erfahren hatte, daß sie für immer kinderlos bleiben müßte. Rosmer . Na, also überlege selbst –. So ein qualvolles, grausiges Entsetzen über etwas ganz Unverschuldetes –! Und sie sollte zurechnungsfähig gewesen sein? Kroll . Hm –. Erinnerst Du Dich vielleicht, ob Du damals Bücher im Hause hattest, die von dem Zweck der Ehe handelten – nach der vorgeschrittenen Auffassung unserer Zeit? Rosmer . Ich entsinne mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk geliehen hat. Denn sie erbte ja, wie Du weißt, die Bibliothek des Doktors. Aber, mein lieber Kroll, Du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann Dir hoch und heilig versichern, uns trifft keine Schuld. Ihre eigenen zerrütteten Gehirnnerven, die haben sie auf diese traurigen Irrwege gebracht. Kroll . Eins kann ich Dir jedenfalls jetzt erzählen. Und zwar dies: die arme gequälte und überspannte Beate hat darum ihrem Leben selbst ein Ende gemacht, damit Du fortan glücklich leben könntest, – frei leben könntest, – nach eigenem Gefallen. Rosmer ist halb vom Stuhl aufgefahren . Was willst Du damit sagen? Kroll . Du sollst mich erst ruhig anhören, Rosmer. Denn nun kann ich darüber sprechen. In ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und Verzweiflung zu klagen. Rosmer . Über dieselbe Sache? Kroll . Nein. Das erste Mal kam sie und behauptete, Du wärst auf dem Weg des Abfalls. Du wolltest mit dem Glauben Deiner Väter brechen. Rosmer eifrig . Was Du da sagst, das ist unmöglich, Kroll! Ganz unmöglich! Da mußt Du Dich irren. Kroll . Wieso? Rosmer . Ja, weil ich, solange Beate lebte, noch in Zweifel und Kampf mit mir selbst lag. Und den Kampf kämpfte ich allein aus und in aller Stille. Ich glaube nicht einmal, daß Rebekka – Kroll . Rebekka? Rosmer . Nun ja, – Fräulein West. Ich nenne sie Rebekka der Kürze wegen. Kroll . Das habe ich bemerkt. Rosmer . Darum ist es mir ganz unbegreiflich, wie Beate auf den Gedanken kommen konnte. Und warum hat sie nicht mit mir selbst darüber gesprochen? Und das hat sie nie getan. Auch nicht mit einem Worte. Kroll . Die Arme, – sie bat und bettelte, ich sollte mit Dir sprechen. Rosmer . Und warum hast Du das nicht getan? Kroll . Konnte ich denn damals auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß sie geistesgestört sei? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie Du! – Und dann kam sie noch einmal, – etwa einen Monat später. Anscheinend war sie ruhiger. Aber als sie wegging, sagte sie: nun können sie auf Rosmersholm sich auf das weiße Roß gefaßt machen. Rosmer . Ja, ja, das weiße Roß, – von dem hat sie oft gesprochen. Kroll . Und als ich dann ihr die traurigen Gedanken auszureden suchte, da antwortete sie nur: mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Denn jetzt muß Johannes sich gleich mit Rebekka verheiraten. Rosmer fast sprachlos . Was sagst Du da –! Ich mich verheiraten mit –! Kroll . Das war an einem Donnerstag Nachmittag. – Am Sonnabend Abend stürzte sie sich vom Steg hinunter in den Mühlengraben. Rosmer . Und da hast Du uns nicht gewarnt –! Kroll . Du weißt ja selbst, wie oft sie davon sprach, daß sie sicher bald sterben müßte. Rosmer . Das weiß ich schon. Aber trotzdem; – Du hättest uns warnen müssen . Kroll . Das hatte ich auch vor. Aber da war es schon zu spät. Rosmer . Aber warum hast Du dann nicht später –? Warum hast Du dies alles verschwiegen? Kroll . Was hätte es denn für einen Zweck gehabt, hierher zu kommen und Dich noch mehr zu quälen und zu beunruhigen? Ich hielt die ganzen Geschichten ja doch für lauter leere und wüste Hirngespinste. – Bis gestern abend. Rosmer . Also jetzt nicht mehr? Kroll . Hat Beate nicht ganz klar gesehen, als sie meinte, Du würdest von Deinem Kinderglauben abfallen? Rosmer starrt vor sich hin . Ja, das verstehe ich nicht. Das ist mir das Unbegreiflichste von der Welt. Kroll . Unbegreiflich oder nicht, – es ist nun einmal so. Und jetzt frage ich Dich, Rosmer, – wieviel Wahrheit enthält ihre zweite Bezichtigung? Die letzte, meine ich. Rosmer . Bezichtigung? War das denn eine Bezichtigung ? Kroll . Du hast vielleicht nicht genau beachtet, wie die Worte lauteten. Sie wollte fort, sagte sie –. Warum? Nun? Rosmer . Damit ich mich mit Rebekka verheiraten könnte –. Kroll . Die Worte lauteten nicht ganz so. Beate drückte sich anders aus. Sie sagte: es bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Denn jetzt muß Johannes sich gleich mit Rebekka verheiraten. Rosmer sieht ihn einen Moment an; dann steht er auf . Jetzt verstehe ich Dich, Kroll. Kroll . Nun – und? Was hast Du zu antworten? Rosmer immer sacht, indem er sich beherrscht . Auf so etwas Unerhörtes –? Die einzig richtige Antwort wäre, Dir die Tür zu weisen. Kroll steht auf . Schön. Rosmer stellt sich vor ihn . Hör' mich jetzt an. Seit Jahr und Tag, – von dem Augenblick an, da Beate uns verließ,– haben Rebekka West und ich hier allein auf Rosmersholm gelebt. Diese ganze Zeit über hast Du Beatens Anschuldigung gekannt. Aber auch nicht einen Moment habe ich bemerkt, daß Du an unserem Zusammenleben hier Anstoß genommen hättest. Kroll . Bis gestern abend wußte ich nicht, daß ein Abtrünniger und eine – Emanzipierte dieses Zusammenleben führten. Rosmer . Ah –! Du meinst also, bei Abtrünnigen und Emanzipierten könnte man keinen Reinheitssinn finden? Du glaubst, es könne nicht der Sittlichkeitstrieb in ihnen leben wie eine Naturkraft! Kroll . Ich halte nicht viel von der Sorte Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im Glauben der Kirche hat. Rosmer . Und davon nimmst Du Rebekka und mich nicht aus? Nicht mein und Rebekkas Verhältnis? Kroll . Ich kann zu Euren Gunsten nicht die Ansicht aufgeben, daß die Kluft wohl nicht allzu tief ist zwischen dem freien Gedanken und der – hm! Rosmer . Und – was! Kroll . – und der freien Liebe, – wenn Du es denn durchaus hören willst. Rosmer leise . Und Du schämst Dich nicht, mir das zu sagen?! Du, der mich seit meiner frühsten Kindheit kennt. Kroll . Eben darum. Ich weiß, wie leicht Du Dich von den Menschen beeinflussen läßt, mit denen Du umgehst. Und diese Deine Rebekka –. Na, also dieses Fräulein West, – von ihr wissen wir ja eigentlich so gut wie nichts. Kurz und gut, Rosmer, – ich gebe Dich noch nicht auf. Und Du selbst, – Du mußt Dich beizeiten zu retten suchen. Rosmer . Mich retten? Wieso –? Madam Helseth guckt durch die Tür links herein. Rosmer . Was wollen Sie? Madam Helseth . Ich wollte das Fräulein bitten, herunter zu kommen. Rosmer . Das Fräulein ist nicht hier oben. Madam Helseth . Nein? Sieht sich um. Das ist doch sonderbar. Ab. Rosmer . Du sagtest –? Kroll . So höre. Was hier zu Beatens Lebzeiten im Geheimen vor sich gegangen ist, – und was hier jetzt noch vor sich geht, – das will ich nicht näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in Deiner Ehe. Und das muß Dir wohl gewissermaßen zur Entschuldigung dienen – Rosmer . Ach, wie wenig Du mich im Grunde kennst –! Kroll . Unterbrich mich nicht. Was ich also sagen wollte, – wenn dieses Zusammenleben mit Fräulein West durchaus fortgesetzt werden soll, so ist es absolut nötig, daß Du Deine Schwenkung totschweigst, – diese traurige Fahnenflucht, wozu sie Dich verleitet hat. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich sage, – schlimmsten Falles denke und meine und glaube Du in Gottes Namen, was Du willst – in der einen wie in der andern Richtung. Aber behalt Deine Ansichten für Dich selbst. Das ist ja eine rein persönliche Angelegenheit. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins ganze Land hinauszuposaunen. Rosmer . Für mich ist es eine Notwendigkeit, aus einer falschen und zweideutigen Stellung herauszukommen. Kroll . Aber Du hast eine Pflicht gegenüber den Traditionen Deines Geschlechtes, Rosmer! Vergiß das nicht! Rosmersholm ist seit undenklichen Zeiten so etwas wie ein Wohnsitz der Zucht und Ordnung gewesen, – der ehrerbietigen Achtung vor dem, was die Besten unserer Gesellschaft vertreten und verfochten haben. Die ganze Gegend hat ihr Gepräge von Rosmersholm erhalten. Es würde eine unselige, eine heillose Verwirrung entstehen, wenn es ruchbar würde, daß Du selbst mit dem gebrochen hast, was ich den Familiengedanken der Rosmer nennen möchte. Rosmer . Lieber Kroll, – von der Seite kann ich die Sache nicht ansehen. Ich halte es für meine unabweisbare Pflicht, hier ein wenig Licht und Freude zu verbreiten, wo das Geschlecht der Rosmer in der langen, langen Zeit Dunkelheit und Mißbehagen geschaffen hat. Kroll sieht ihn streng an . Ja! Das wäre eine würdige Tat für den Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Davon laß die Hände, Du! Das ist keine Arbeit, die sich für Dich eignet. Du bist geschaffen, als stiller Forscher zu leben. Rosmer . Wohl möglich. Aber ich, ich will auch einmal mittun im Kampf des Lebens. Kroll . Der Kampf des Lebens, – weißt Du, was dabei für Dich herauskommen wird? Es wird ein Kampf mit allen Deinen Freunden werden, ein Kampf auf Leben und Tod. Rosmer leise . Sie sind doch wohl nicht alle so fanatisch wie Du. Kroll . Du bist eine arglose Seele, Rosmer. Eine unerfahrene Seele bist Du. Du ahnst nicht, wie gewaltig das Unwetter über Dich hereinbrechen wird. Madam Helseth guckt durch die angelehnte Tür links. Madam Helseth . Das Fräulein läßt fragen – Rosmer . Was gibt es? Madam Helseth . Da unten ist wer, der mal gern den Herrn Pastor sprechen möchte. Rosmer . Ist es vielleicht der, der gestern abend hier war? Madam Helseth . Nein, – es ist der Herr Mortensgård. Rosmer . Mortensgård! Kroll . Aha! So weit sind wir also schon! So weit schon! Rosmer . Was will er von mir? Warum haben Sie ihn nicht wieder fortgeschickt? Madam Helseth . Das Fräulein sagte, ich sollte fragen, ob er heraufkommen dürfte. Rosmer . Sagen Sie ihm, ich hätte Besuch – Kroll . Lassen Sie ihn nur heraufkommen, Madam Helseth. Madam Helseth ab. Kroll nimmt seinen Hut . Ich räume das Feld – vorläufig. Aber die Hauptschlacht ist noch nicht geschlagen. Rosmer . So wahr ich lebe, Kroll, – ich habe nichts mit Mortensgård zu schaffen. Kroll . Ich glaube Dir nicht mehr. In keinem Punkte. In gar keiner Beziehung glaube ich Dir fortan mehr. Krieg bis aufs Messer gilt es jetzt. Wir wollen doch einmal sehen, ob wir Dich nicht unschädlich machen können. Rosmer . O, Kroll, – wie tief – wie unendlich tief stehst Du jetzt! Kroll . Ich! Und so einer wie Du sagt mir das! Denk an Beate! Rosmer . Fängst Du wieder da mit an?! Kroll . Nein. Wie Du das Rätsel des Mühlengrabens löst, das mache mit Deinem Gewissen ab, – wenn Du so etwas überhaupt noch hast. Peder Mortensgård kommt leise und unauffällig durch die Tür links. Er ist ein kleiner, dürrer Mann mit dünnem, rötlichem Haar und Bart. Kroll mit einem Blick voll Haß . Na also, das »Blinkfeuer« –. Angesteckt auf Rosmersholm! Knöpft seinen Rock zu. Ja, dann brauche ich nicht länger im Zweifel zu sein, welchen Kurs ich zu steuern habe. Mortensgård gemütlich . Das »Blinkfeuer« wird immer angesteckt sein, um dem Herrn Rektor heimzuleuchten. Kroll . Ja, Ihre gute Absicht, die kennen wir längst. Allerdings gibt es ein Gebot, das sagt: wir sollen nicht falsch Zeugnis ablegen wider unsern Nächsten – Mortensgård . In den Geboten brauchen Sie mich nicht zu unterweisen, Herr Rektor. Kroll . Auch nicht in dem sechsten? Rosmer . Kroll –! Mortensgård . Ist das nötig, so wäre wohl der Herr Pastor der Berufenste. Kroll mit verborgenem Hohn . Der Herr Pastor? Ja, unleugbar ist der Pastor Rosmer in dem Punkte der Berufenste. – Gute Verrichtung, meine Herren. Geht und schlägt die Tür hinter sich zu. Rosmer mit einem langen Blick auf die Tür, sagt dann vor sich hin : Ja, ja, – dann muß es eben so sein! Wendet sich um. Wollen Sie mir bitte sagen, Herr Mortensgård, was Sie zu mir führt? Mortensgård . Mein Besuch galt eigentlich Fräulein West. Ich glaubte ihr für den freundlichen Brief danken zu müssen, den ich gestern von ihr bekommen habe. Rosmer . Ich weiß, daß sie Ihnen geschrieben hat. Haben Sie sie schon gesprochen? Mortensgård . Ja, ganz kurz. Mit flüchtigem Lächeln. Ich höre, die Anschauungen hier auf Rosmersholm haben sich in mancher Beziehung geändert. Rosmer . Meine Anschauungen haben sich in vielen Dingen geändert. Ich möchte beinah sagen – in allen Dingen. Mortensgård . Das Fräulein hat es mir gesagt. Und darum, meinte sie, könnte ich hinaufgehen und mit Ihnen ein wenig darüber reden, Herr Pastor. Rosmer . Über was, Herr Mortensgård? Mortensgård . Würden Sie mir gestatten, im »Blinkfeuer« von Ihrer Sinnesänderung Mitteilung zu machen, – und auch davon, daß Sie sich der Sache des Freisinns und des Fortschritts anschließen? Rosmer . Das können Sie getrost tun. Ich bitte Sie sogar, es mitzuteilen. Mortensgård . So soll es morgen früh hinein. Es ist eine große und wichtige Neuigkeit, daß der Pastor Rosmer auf Rosmersholm der Ansicht ist, er könnte auch in diesem Sinne für die Sache des Lichtes kämpfen. Rosmer . Ich verstehe Sie nicht ganz. Mortensgård . Ich meine nur, das Rückgrat unserer Partei wird jedesmal neu gestärkt, so oft wir einen ernsthaften, christlich gesinnten Anhänger gewinnen. Rosmer ein wenig erstaunt . Sie wissen also nicht –? Hat Fräulein West Ihnen nicht auch das gesagt? Mortensgård . Was denn, Herr Pastor? Das Fräulein hatte alle Hände voll zu tun. Sie sagte, ich sollte nur hinaufgehen und das übrige aus Ihrem eigenen Munde hören. Rosmer . So will ich Ihnen denn sagen, daß ich mich durchaus freigemacht habe. Nach allen Seiten. Ich stehe jetzt in gar keinen Beziehungen mehr zu den Lehrsätzen der Kirche. Diese Dinge gehen mich fortan nicht das Geringste mehr an. Mortensgård sieht ihn bestürzt an . Nein, – und wenn der Mond vom Himmel fiele, ich könnte nicht erstaunter –! Sie sagen selbst sich los, Herr Pastor –! Rosmer . Ja. Ich stehe jetzt da, wo Sie selbst schon lange gestanden haben. Das dürfen Sie also morgen im »Blinkfeuer« mitteilen. Mortensgård . Das auch? Nein, lieber Herr Pastor –. Verzeihen Sie, – aber diese Seite der Sache verdient nicht berührt zu werden. Rosmer . Verdient nicht? Mortensgård . Vorläufig nicht, meine ich. Rosmer . Aber ich begreife nicht –. Mortensgård . Sehen Sie mal, Herr Pastor –. Sie stehen nicht so mittendrin in den Verhältnissen wie ich, wissen Sie. Wenn Sie nun aber ins Lager des Freisinns übergehen, – und wenn Sie – wie Fräulein West sagte – teil an der Bewegung nehmen wollen, – so tun Sie das doch wohl mit dem Wunsche, dem Freisinn und der Bewegung sich so nützlich zu machen, wie Sie nur irgend können. Rosmer . Ja, das wünsche ich von Herzen. Mortensgård . Na, dann will ich Ihnen nur gleich sagen, Herr Pastor: machen Sie aus Ihrem Abfall von der Kirche eine öffentliche Angelegenheit, so binden Sie sich gleich im ersten Augenblick die Hände. Rosmer . Meinen Sie? Mortensgård . Ja, seien Sie überzeugt, Sie werden dann nicht mehr viel ausrichten in unserer Gegend. Und überdies, – an Freidenkern haben wir genügenden Vorrat, Herr Pastor. Fast möchte ich sagen, wir haben schon zu viel von dieser Art Leute. Was die Partei braucht, das sind christliche Elemente, – etwas, das alle respektieren müssen. Und an denen fehlt es uns gewaltig. Darum ist es das ratsamste, Sie halten reinen Mund über Dinge, die das Publikum nichts angehen. Sehen Sie, das ist so meine Ansicht. Rosmer . So –. Sie wagen also nicht, sich mit mir einzulassen, wenn ich offen meinen Abfall bekenne? Mortensgård schüttelt den Kopf . Ich täte es ungern, Herr Pastor. In letzter Zeit habe ich es mir zur Regel gemacht, keiner Sache oder keiner Person mehr meine Unterstützung zu leihen, die den kirchlichen Dingen zu Leibe will. Rosmer . Haben Sie sich denn selbst in letzter Zeit der Kirche wieder zugewandt? Mortensgård . Das ist eine Sache für sich. Rosmer . Aha, auf die Art also. Ja, dann verstehe ich Sie. Mortensgård . Herr Pastor, – Sie dürfen nicht vergessen, daß ich – besonders ich – nicht volle Freiheit des Handelns habe. Rosmer . Was bindet Sie denn? Mortensgård . Ich bin ein Gezeichneter – und das bindet mich. Rosmer . Ah, – ja so. Mortensgård . Ein Gezeichneter, Herr Pastor. Das sollten ganz besonders Sie nicht vergessen. Denn Sie waren es ja in erster Reihe, der mir das Zeichen aufgedrückt hat. Rosmer . Hätte ich damals gestanden, wo ich heute stehe, so hätte ich Ihre Verfehlung mit behutsameren Händen angefaßt. Mortensgård . Das denke ich auch. Aber jetzt ist es zu spät. Sie haben mich ein für alle Mal gezeichnet. Fürs ganze Leben gezeichnet. Na, Sie wissen wohl nicht so ganz, was das auf sich hat. Aber jetzt werden Sie vielleicht den brennenden Schmerz bald selbst spüren, Herr Pastor. Rosmer . Ich? Mortensgård . Ja. Denn Sie glauben doch wohl nun und nimmer, Rektor Kroll und sein Kreis werden Absolution haben für ein Vergehen wie das Ihre?! Und die »Amtszeitung«, heißt es, soll jetzt recht blutig werden. Es kann schon der Fall eintreten, daß auch Sie ein Gezeichneter werden. Rosmer . Auf allen Gebieten des Persönlichen fühle ich mich unverwundbar, Herr Mortensgård. Mein Wandel läßt sich nicht antasten. Mortensgård mit einem feinen Lächeln . Das war ein großes Wort, Herr Pastor. Rosmer . Mag sein. Aber ich habe das Recht, ein so großes Wort auszusprechen. Mortensgård . Auch wenn Sie Ihren Wandel so gründlich prüften, wie Sie einmal den meinen geprüft haben? Rosmer . Sie sagen das so sonderbar. Was meinen Sie denn damit? Ist es etwas Bestimmtes? Mortensgård . Ja, es ist eine bestimmte Sache. Nur eine . Aber die könnte eine mehr als schlimme Wendung nehmen, wenn boshafte Gegner davon Wind bekämen. Rosmer . Wollen Sie mir nicht bitte sagen, was das sein könnte? Mortensgård . Erraten Sie es nicht selbst, Herr Pastor? Rosmer . Nein, wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung. Mortensgård . Na, dann muß ich ja wohl damit herausrücken. – Ich habe einen seltsamen Brief in Verwahrung, der hier auf Rosmersholm geschrieben ist. Rosmer . Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam? Mortensgård . Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber ich habe einmal einen andern Brief aus diesem Haus bekommen. Rosmer . Auch von Fräulein West? Mortensgård . Nein, Herr Pastor. Rosmer . Nun, von wem denn? Von wem? Mortensgård . Von Ihrer seligen Frau. Rosmer . Von meiner Frau! Sie haben einen Brief von meiner Frau bekommen? Mortensgård . Ja, das habe ich. Rosmer . Wann? Mortensgård . Es war in der letzten Lebenszeit der Seligen. Es mag nun wohl so etwa anderthalb Jahre hersein. Und der Brief, der ist seltsam. Rosmer . Sie wissen wohl, daß meine Frau damals gemütskrank war. Mortensgård . Ja, ich weiß, es gab viele, die das glaubten. Aber ich meine, dem Brief konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich sage, der Brief war seltsam, so meine ich das in anderer Beziehung. Rosmer . Und wie in aller Welt konnte es meiner armen Frau nur einfallen, Ihnen zu schreiben? Mortensgård . Ich habe den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr so: sie lebe in großer Angst und Sorge. Denn es gäbe hier zu Lande so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen dächten nur daran, Ihnen Verdruß zu bereiten und Schaden zuzufügen. Rosmer . Mir? Mortensgård . Ja, so sagt sie. Und nun kommt das Seltsamste. Soll ich es sagen, Herr Pastor? Rosmer . Ja gewiß! Alles! Ohne Vorbehalt. Mortensgård . Die Selige bittet und fleht mich an, großmütig zu sein. Sie wüßte, – schreibt sie, – daß Sie es gewesen sind, Herr Pastor, der meine Entfernung vom Lehramt durchgesetzt hat. Und dann bittet sie mich inständig, mich nicht zu rächen. Rosmer . Womit, glaubte sie denn, könnten Sie sich rächen? Mortensgård . Es stand in dem Brief: sollte ich von Gerüchten hören, daß auf Rosmersholm sündige Dinge im Schwange wären, so dürfte ich dem keinen Glauben schenken. Denn nur schlechte Menschen streuten so etwas aus, um Sie unglücklich zu machen. Rosmer . Das steht in dem Briefe! Mortensgård . Sie können ihn bei Gelegenheit selbst lesen, Herr Pastor. Rosmer . Aber ich begreife nicht –! Die bösen Gerüchte so wie sie in ihrer Einbildung bestanden, – worauf sollten die denn hinauslaufen? Mortensgård . Erstens, daß Sie von Ihrem Kinderglauben abgefallen wären, Herr Pastor. Das leugnete Ihre Frau mit aller Entschiedenheit – damals. Und ferner – hm – Rosmer . Ferner? Mortensgård . Ja, ferner schreibt sie, – und das ist ziemlich verworren, – ihr wäre von einem sündigen Verhältnis auf Rosmersholm nichts bekannt. Nie sei ein Unrecht an ihr begangen worden. Und wenn derlei Gerüchte dennoch verbreitet werden sollten, so flehte sie mich an, das im »Blinkfeuer« nicht zu berühren. Rosmer . War kein Name genannt? Mortensgård . Nein. Rosmer . Wer hat Ihnen den Brief gebracht? Mortensgård . Ich habe versprochen, es nicht zu sagen! Er wurde eines Tages in der Dämmerung mir ins Haus gebracht. Rosmer . Hätten Sie sich gleich erkundigt, so hätten Sie erfahren, daß meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war. Mortensgård . Ich habe mich erkundigt, Herr Pastor. Aber ich muß sagen, daß ich einen solchen Eindruck nicht empfangen habe. Rosmer . Nicht? – Aber warum machen Sie mich jetzt eigentlich mit diesem alten, konfusen Brief bekannt? Mortensgård . Um Ihnen den Rat zu geben, äußerst vorsichtig zu sein, Herr Pastor. Rosmer . In meinem Lebenswandel, meinen Sie? Mortensgård . Ja. Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie fortan kein geweihter Mann mehr sind. Rosmer . Sie bleiben also dabei, daß es hier etwas zu verbergen gibt? Mortensgård . Ich weiß nicht, weshalb ein freier Mann nicht das Recht hätte, sein Leben voll auszuleben. Aber wie gesagt, seien Sie von heut an vorsichtig. Sollte irgend was in die Öffentlichkeit dringen, das den Vorurteilen zuwiderläuft, so können Sie sicher sein, die ganze freie Geistesrichtung muß es ausbaden. Adieu, Herr Pastor. Rosmer . Adieu. Mortensgård . Und nun gehe ich gleich in die Druckerei und setze die große Neuigkeit ins »Blinkfeuer«. Rosmer . Setzen Sie alles hinein. Mortensgård . Ich setze nicht mehr hinein, als die guten Leute zu wissen brauchen. Er grüßt und geht. Rosmer bleibt in der Tür stehen, während Mortensgård die Treppe hinunter geht. Man hört, wie die Haustür geschlossen wird. Rosmer in der Tür, ruft mit gedämpfter Stimme : Rebekka! Re –. Hm. Laut. Madam Helseth, ist Fräulein West nicht unten? Madam Helseth . Man hört sie unten im Vorzimmer . Nein, Herr Pastor, hier ist sie nicht. Der Vorhang im Hintergrund wird zur Seite geschoben. Rebekka erscheint in der Türöffnung. Rebekka . Rosmer! Rosmer dreht sich um . Was! Du warst drin in meinem Schlafzimmer? Meine Liebe, was hast Du da gemacht? Rebekka geht zu ihm hin . Ich habe gehorcht. Rosmer . Nein, aber Rebekka, wie konntest Du nur? Rebekka . Nun ja – warum nicht. Es klang so häßlich, – was er da von meinem Morgenrock sagte – Rosmer . So? Du warst also auch drin, als Kroll –? Rebekka . Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte. Rosmer . Das hätte ich Dir ja doch erzählt. Rebekka . Schwerlich hättest Du mir alles erzählt. Und sicher nicht mit seinen eigenen Worten. Rosmer . Du hast alles gehört? Rebekka . Das meiste, denke ich. Wie Mortensgård kam, da mußte ich auf einen Augenblick hinunter. Rosmer . Und dann bist Du wieder gekommen – Rebekka . Sei mir deshalb nicht böse, lieber Freund. Rosmer . Tu ganz, was Du für recht und richtig hältst. Du hast ja doch Deine volle Freiheit. – Aber was sagst Du nun, Rebekka –? Ach, nie, meine ich, war ich so auf Dich angewiesen wie jetzt. Rebekka . Wir beide waren doch auf das vorbereitet, was einmal kommen mußte. Rosmer . Nein, nein, – auf das nicht. Rebekka . Auf das nicht? Rosmer . Ich konnte mir schon denken, daß früher oder später einmal unser schönes, reines Freundschaftsverhältnis beschmutzt und verdächtigt werden würde. Aber nicht von Kroll. Von ihm hätte ich so was nimmermehr erwartet. Nur von dieser rohen und niedrig gesinnten Gesellschaft. O ja, – ich hatte schon meine guten Gründe, wenn ich unsern Bund so eifersüchtig vor den Augen der Welt verbarg. Es war ein gefährliches Geheimnis. Rebekka . Ach, was schert uns denn das Urteil dieser anderen! Wir sind uns ja selbst bewußt, daß wir ohne Schuld sind. Rosmer . Ich? Ohne Schuld? Ja, das glaubte ich freilich auch – bis zu dieser Stunde. Aber jetzt, – jetzt, Rebekka – Rebekka . Nun, – jetzt? Rosmer . Wie soll ich mir Beatens entsetzliche Anklage erklären? Rebekka ungestüm. Ach, sprich nicht von Beate. Denk nicht mehr an Beate! Nun warst Du doch so schön losgekommen von ihr, der Toten. Rosmer . Seit ich das da erfahren habe, ist sie gewissermaßen wieder unheimlich lebendig geworden. Rebekka . Nein, – nicht doch, Rosmer! Nicht doch! Rosmer . Doch, sage ich Dir. Wir müssen der Sache auf den Grund zu kommen suchen. Wie ist Beate in dieses unselige Mißverständnis hineingeraten? Rebekka . Du fängst doch wohl nicht selbst an zu zweifeln, daß sie so gut wie irrsinnig war? Rosmer . O ja, Du! Eben davon bin ich nicht mehr so ganz fest überzeugt. Und außerdem, – wenn es der Fall war – Rebekka . Wenn es der Fall war? – Und was dann? Rosmer . Ich meine, – wo sollen wir dann die eigentliche Ursache dafür suchen, daß die kränkliche Beschaffenheit ihres Gemüts in Irrsinn überging? Rebekka . Ach! was hilft es denn, daß Du Dich unablässig in solche Grübeleien verlierst! Rosmer . Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese quälenden Zweifel nicht los werden, so gern ich auch will. Rebekka . Aber es kann doch gefährlich werden, – wenn man so ewig um diesen einen trostlosen Gedanken herumschwirrt. Rosmer geht unruhig und gedankenvoll umher . Ich muß mich auf irgend eine Art selbst verraten haben. Sie muß bemerkt haben, wie glücklich ich mich von dem Augenblick an gefühlt habe, da Du zu uns kamst. Rebekka . Nun ja, lieber Freund, und wenn es nun so wäre –! Rosmer . Du sollst sehen, – es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben Bücher lasen. Daß wir einander suchten und von den vielen neuen Dingen sprachen. Aber ich begreife es nicht! Denn ich war doch so eifrig auf ihre Schonung bedacht. Wenn ich zurückdenke, so ist mir, als hätte ich sie um mein Leben nicht an unseren Angelegenheiten teilnehmen lassen mögen. Oder war das nicht der Fall, Rebekka? Rebekka . O freilich war es das! Rosmer . Und bei Dir auch. – Und dennoch –! Ach! der Gedanke daran ist furchtbar! So ist sie also hier umhergegangen, – diese Frau, – mit ihrer leidenden Liebe, – und hat geschwiegen und geschwiegen, und uns beobachtet, – und alles bemerkt und, – und alles mißverstanden. Rebekka ringt die Hände . Ach, wäre ich doch nie nach Rosmersholm gekommen! Rosmer . Ach, wenn man sich vorstellt, was sie in der Stille gelitten hat! Was für scheußliche Dinge mag sie sich in ihrem kranken Hirn zurechtgelegt und uns zum Vorwurf gemacht haben! – Hat sie zu Dir irgend eine Äußerung getan, die Dir etwas wie einen Fingerzeig hätte geben können? Rebekka wie aufgescheucht . Zu mir! Glaubst Du, ich wäre dann auch nur einen Tag länger hier geblieben? Rosmer . Nein, nein, selbstverständlich. – O, was für einen Kampf muß sie gekämpft haben. Und allein gekämpft haben, Rebekka! Verzweifelt und ganz allein. – Und dann schließlich – ergreifend und anklagend – dieser Sieg – im Mühlengraben! – Er wirft sich in den Stuhl am Schreibtisch, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und vergräbt sein Gesicht in den Händen. Rebekka nähert sich ihm vorsichtig von hinten. Nun hör' mich mal an, Rosmer. Wenn es in Deiner Macht stände, Beate zurückzurufen – zu Dir – nach Rosmersholm, – würdest Du es dann tun? Rosmer . Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde. Ich habe für nichts anderes Gedanken als für das Eine, – das unwiderruflich ist. Rebekka . Jetzt solltest Du zu leben anfangen, Rosmer, Du warst schon im Begriff. Du hattest Dich ganz frei gemacht – nach allen Seiten. Du fühltest Dich so froh und so leicht – Rosmer . Ach ja, – das tat ich wirklich. – Und nun kommt diese drückende Last. Rebekka hinter ihm mit den Armen auf der Stuhllehne. Wie schön war es, wenn wir in der Dämmerung unten in der Stube saßen und einander halfen, die neuen Lebenspläne zu entwerfen. Du wolltest in das lebendige Leben eingreifen, – in das lebendige Leben des Tages, – wie Du sagtest. Du wolltest wie ein befreiender Gast von Heim zu Heim ziehen. Wolltest die Geister und die Willen Dir gewinnen. Adelsmenschen schaffen rings umher, – in weiten und immer weiteren Kreisen. Adelsmenschen. Rosmer . Frohe Adelsmenschen. Rebekka . Ja – frohe. Rosmer . Denn es ist die Freude, die die Geister adelt, Rebekka. Rebekka . Und meinst Du – nicht auch der Schmerz? Der große Schmerz? Rosmer . Ja, – wenn man durch ihn hindurch könnte. Über ihn hinweg. Ganz über ihn hinweg. Rebekka . Und das mußt Du. Rosmer schüttelt wehmütig den Kopf. Darüber komme ich niemals hinweg – ganz hinweg nie. Immer wird ein Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Ich werde nie mehr in dem Gefühl schwelgen können, das das Leben so wunderbar schön macht. Rebekka über der Stuhllehne, leiser . Was meinst Du damit, Rosmer? Rosmer sieht zu ihr auf . Die stille, frohe Schuldlosigkeit. Rebekka tritt einen Schritt zurück . Ja. Die Schuldlosigkeit. Kurze Pause. Rosmer stützt die Ellenbogen auf den Tisch, den Kopf in der Hand, und blickt vor sich hin . Und wie sie verstanden hat, zu kombinieren. Wie systematisch sie Glied an Glied gereiht hat! Erst nährt sie leise Zweifel an meiner Rechtgläubigkeit –. Wie konnte sie nur damals auf so etwas verfallen. Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs der Zweifel zur Gewißheit. Und dann, – ja, dann war es ihr ja eine Leichtigkeit, alles andere für denkbar zu halten. Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durchs Haar. O, alle diese wüsten Vorstellungen! Ich kann sie nie wieder los werden. Das fühle ich wohl. Ich weiß es. Ehe man sich dessen versieht, kommen sie dahergestürmt und erinnern an die Tote! Rebekka . Wie das weiße Roß auf Rosmersholm! Rosmer . Genau so. Dahersausend in der Dunkelheit. In der Stille. Rebekka . Und dieses unseligen Hirngespinstes wegen willst Du dem lebendigen Leben entsagen, in das Du eben erst eingegriffen hast? Rosmer . Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber eine Wahl steht mir nicht frei. Wie sollte ich wohl da rüber hinwegkommen können. Rebekka hinter dem Stuhl . Indem Du Dir neue Verhältnisse schaffst. Rosmer stutzt, sieht auf . Neue Verhältnisse? Rebekka . Ja, neue Verhältnisse zur umgebenden Welt. Lebe, wirke, handle. Sitz nicht da und grüble und brüte über unlösbare Rätsel. Rosmer steht auf. Neue Verhältnisse! Geht durchs Zimmer, bleibt an der Tür stehen und kommt dann zurück. Eine Frage fällt mir ein. Hast Du Dir nicht auch die Frage gestellt, Rebekka? Rebekka atmet mühsam. Laß mich – hören – was das für ein Frage ist. Rosmer . Wie, meinst Du, wird sich unser Verhältnis fortan gestalten? Rebekka . Ich denke, unsere Freundschaft wird schon standhalten – allem, was da kommen mag. Rosmer . Nun, so meinte ich es gerade nicht. Aber das, was uns von Anfang an zusammengeführt – das, was uns so fest miteinander verknüpft hat, – unser gemeinsamer Glaube an ein reines Zusammenleben von Mann und Weib – Rebekka . Nun ja, – und? Rosmer . Ich meine, ein solches Verhältnis also – wie das unsere, – eignet sich das nicht zunächst für ein Leben, das man in stillem, glücklichem Frieden führt –? Rebekka . Nun und weiter –? Rosmer . Doch jetzt tut sich mir ein Leben auf voll Kampf und Unruhe und heftiger Gemütsbewegungen. Denn, Rebekka, ich will es leben, mein Leben! Ich lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden werfen. Ich lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden noch – von anderen. Rebekka . Nein, nein – duld' es nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann, Rosmer! Rosmer . Aber weißt Du, was mir da in den Sinn kommt? Weißt Du es nicht? Siehst Du nicht, wie ich am besten Erlösung finden kann von diesen quälenden Erinnerungen, – von der ganzen traurigen Vergangenheit? Rebekka . Nun? Rosmer . Indem ich ihr eine neue, lebendige Wirklichkeit entgegenstelle. Rebekka greift nach der Stuhllehne. Eine lebendige –? Was – heißt das? Rosmer geht näher . Rebekka, – wenn ich Dich nun fragte – willst Du meine zweite Frau werden? Rebekka , einen Augenblick sprachlos, jubelt auf . Deine Frau! Deine –! Ich! Rosmer . Gut. Versuchen wir's. Wir beide wollen eins sein. Der Platz, den die Tote hier gelassen, darf nicht länger leer stehen. Rebekka . Ich – an Beatens Stelle –! Rosmer . Dann ist sie aus der Welt. Ganz und gar. Für alle Ewigkeit! Rebekka leise und bebend . Glaubst Du das, Rosmer? Rosmer . Es muß sein! Es muß! Ich kann – ich will nicht durchs Leben gehen mit einer Leiche auf dem Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und laß uns denn alle Erinnerungen in der Freiheit, der Freude, der Leidenschaft ersticken. Für mich wirst Du die einzige Frau sein, die ich je gehabt habe. Rebekka sich beherrschend . Komm da rauf nie wieder zurück. Ich werde nie Deine Frau. Rosmer . Was! Nie! Ach, Du meinst wohl, Du könntest nicht Liebe für mich haben? Ist denn nicht schon ein Funken Liebe in unserer Freundschaft? Rebekka hält sich wie erschrocken die Ohren zu . Halt ein, Rosmer! Sag' so etwas nicht! Rosmer ergreift ihren Arm . Doch, doch – es ist der Keim einer Möglichkeit in unserem Verhältnis. O, ich sehe Dir an, daß auch Du das empfindest. Nicht wahr, Rebekka? Rebekka wieder bestimmt und gefaßt . Hör' mich an. Das sage ich Dir, – wenn Du so fortfährst – dann verlasse ich Rosmersholm. Rosmer . Verlassen! Du! Das kannst Du nicht. Das ist unmöglich. Rebekka . Noch unmöglicher ist es, daß ich Deine Frau werde. Nie und nimmer kann ich das werden. Rosmer sieht sie verblüfft an . Du sagst »kann«. Und das sagst Du so seltsam. Warum kannst Du nicht? Rebekka ergreift seine beiden Hände. Lieber Freund, – um Deinet- und um meinetwillen – frage nicht, warum. Läßt ihn los. So, Rosmer. Geht zur Tür links. Rosmer . Fortan gibt es für mich nur noch die eine Frage – warum? Rebekka wendet sich um und blickt ihn an. Dann ist es aus. Rosmer . Zwischen Dir und mir? Rebekka . Ja. Rosmer . Nie wird es zwischen uns beiden aus sein. Nie verläßt Du Rosmersholm. Rebekka mit der Hand auf der Türklinke. Nein, das vielleicht nicht. Aber dringst Du in mich mit Fragen, so ist es gleichwohl aus. Rosmer . Gleichwohl aus? Wieso –? Rebekka . Ja, – dann gehe ich den Weg, den Beate gegangen ist. – Nun weißt Du es, Rosmer. Rosmer . Rebekka –! Rebekka in der Tür, nickt langsam. Nun weißt Du es. Sie geht. Rosmer starrt wie vor den Kopf geschlagen auf die geschlossene Tür und sagt dann vor sich hin: Was – ist – das? Dritter Akt Wohnstube auf Rosmersholm. Das Fenster und die Wohnstubentür stehen offen. Die Vormittagssonne scheint draußen. Rebekka , angezogen wie im ersten Akt, steht am Fenster, begießt die Blumen und macht sich sonst mit ihnen zu schaffen. Ihr Häkelzeug liegt im Lehnstuhl. Madam Helseth geht mit einem Federbesen umher und reinigt die Möbel. Rebekka nach einer Pause. Merkwürdig, wie lange der Herr Pastor heut oben bleibt. Madam Helseth . Ach, das tut er ja oft. Aber nun muß er ja doch bald herunter kommen. Rebekka . Haben Sie etwas von ihm gesehen? Madam Helseth . Eben nur so viel. Wie ich mit dem Kaffee hinaufkam, da ging er in sein Schlafzimmer und kleidete sich an. Rebekka . Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war. Madam Helseth . Ja, das sah man ihm an. Ich möchte man bloß wissen, ob zwischen seinem Schwager und ihm irgend etwas los ist? Rebekka . Was sollte das nach Ihrer Meinung wohl sein? Madam Helseth . Kann ich das wissen? Vielleicht ist es dieser Herr Mortensgård, der die beiden gegeneinander aufgehetzt hat. Rebekka . Das ist schon möglich. – Kennen Sie diesen Peder Mortensgård näher? Madam Helseth . I bewahre! Wie können Sie nur so etwas denken, Fräulein? So einen, wie der ist! Rebekka . Meinen Sie, weil er die garstige Zeitung herausgibt? Madam Helseth . Nicht des wegen bloß. – Fräulein haben doch wohl gehört, daß er ein Kind mit einer verheirateten Frau hatte, der der Mann durchgebrannt war? Rebekka . Ich habe so etwas gehört. Aber das war wohl lange, bevor ich hierher kam. Madam Helseth . Ja, du lieber Himmel, er war damals noch so jung. Und sie hätte gescheiter sein sollen als er. Er wollte sie doch auch heiraten. Aber dazu konnte er nicht den Konsens kriegen. Und dann hat er schwer genug dafür büßen müssen. – Seitdem aber hat sich dieser Mortensgård herausgemacht – wahrhaftigen Gott! Es gibt gar viele, die den Mann suchen. Rebekka . Die meisten kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn irgend etwas los ist. Madam Helseth . Na, es dürften wohl auch noch andere sein als bloß die kleinen Leute – Rebekka blickt sie verstohlen an . So? Madam Helseth am Sofa, stäubt ab und fegt eifrig . Es dürften Leute sein, von denen man es am allerwenigsten denken sollte, Fräulein. Rebekka macht sich bei den Blumen zu schaffen . Das ist doch wohl nur eine Vermutung von Ihnen, Madam Helseth. Denn Sie können doch so etwas nicht so bestimmt wissen. Madam Helseth . Fräulein meinen also, ich kann das nicht wissen? Und ob ich das kann! Denn ich, – wenn es nun doch schon einmal heraus soll –, ich bin selber einmal mit einem Brief bei Mortengård gewesen. Rebekka dreht sich um . So? – Wirklich? Madam Helseth . Allerdings bin ich das. Und der Brief, der war Ihnen hier auf Rosmersholm geschrieben. Rebekka . In der Tat, Madam Helseth? Madam Helseth . Wahrhaftigen Gott, ja! Und auf feinem Papier war er geschrieben. Und mit feinem, rotem Lack war er gesiegelt. Rebekka . Und Sie bekamen den Auftrag, damit hinzugehen? Ja, meine liebe Madam Helseth, dann ist es ja wohl nicht schwer zu erraten, von wem der Brief war. Madam Helseth . Na? Rebekka . Natürlich hat das die arme Frau Rosmer in ihrem kranken Zustand – – Madam Helseth . Das sagen Fräulein, nicht ich. Rebekka . Aber was stand denn in dem Brief? Ach, es ist ja wahr – das können Sie nicht wissen. Madam Helseth . Hm! Es könnte schon sein, daß ich es doch wüßte. Rebekka . Hat sie Ihnen gesagt, was sie geschrieben hat? Madam Helseth . Nein, das gerade nicht. Aber als er, der Mortensgård, ihn gelesen hatte, da fing er an, mich so auszufragen, die kreuz und quer, daß ich schon erraten konnte, was drin stand. Rebekka . Was, glauben Sie denn, stand drin? Ach, liebste, beste Madam Helseth, sagen Sie es mir doch! Madam Helseth . Nee, Fräulein, – um keinen Preis der Welt. Rebekka . Ach, mir können Sie es doch sagen. Wir zwei sind doch so gute Freunde. Madam Helseth . I Gott bewahre, wie werde ich Ihnen denn so etwas sagen, Fräulein. Ich kann nur sagen, daß es was Garstiges war, das sie der armen kranken Frau eingeredet hatten. Rebekka . Wer hatte ihr es denn eingeredet? Madam Helseth . Schlechte Menschen, Fräulein West! Schlechte Menschen. Rebekka . Schlechte –? Madam Helseth . Ja, Das sage ich noch mal. Ganz schlechte Menschen müssen es gewesen sein. Rebekka . Und wer, glauben Sie, könnte das gewesen sein? Madam Helseth . Ach, ich weiß, was ich zu glauben habe. Aber Gott bewahre meine Zunge. Da in der Stadt, da ist eine gewisse Frau – hm! Rebekka . Ich kann Ihnen ansehen, Sie meinen Frau Kroll. Madam Helseth . Ja, die hat es hinter den Ohren! Mir gegenüber hat sie sich immer so mausig gemacht. Und Sie waren ihr auch immer ein Dorn im Auge. Rebekka . Meinen Sie, Frau Rosmer war bei vollem Verstande, als sie den Brief an Mortensgård schrieb? Madam Helseth . Mit dem Verstand, damit ist es so eine Sache, Fräulein. Ganz von Sinnen, glaube ich, war sie nicht. Rebekka . Aber sie war doch wie vor den Kopf geschlagen, als sie hörte, daß sie keine Kinder bekommen könnte. Und da nach trat der Irrsinn zu Tage. Madam Helseth . Ja, das hat sie schwer getroffen, die arme Frau. Rebekka nimmt das Häkelzeug und setzt sich auf den Stuhl am Fenster. Übrigens – meinen Sie nicht auch, es war im Grunde ein Glück für den Herrn Pastor, Madam Helseth? Madam Helseth . Was, Fräulein? Rebekka . Daß keine Kinder da sind. Wie? Madam Helseth . Hm! Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. Rebekka . Ja, Sie können es mir glauben. Es war für ihn das beste. Der Pastor Rosmer ist nicht dazu geschaffen, das ewige Kindergeschrei mitanzuhören. Madam Helseth . Die kleinen Kinder schreien nicht auf Rosmersholm, Fräulein. Rebekka sieht sie an. Schreien nicht? Madam Helseth . Nein. Hier auf dem Gut hatten die kleinen Kinder nie die Gewohnheit zu schreien, – so lange die Leute denken können. Rebekka . Das ist aber doch merkwürdig. Madam Helseth . Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber das liegt in der Familie. Und dann ist noch eine merkwürdige Sache. Wenn sie größer werden, dann lachen sie nie. In ihrem ganzen Leben lachen sie nicht. Rebekka . Das ist aber doch seltsam – Madam Helseth . Haben Sie auch nur ein einziges Mal den Herrn Pastor lachen gehört oder gesehen, Fräulein? Rebekka . Nein, – wenn ich nachdenke, dann glaube ich fast, Sie haben Recht. Aber die Menschen hier in der Gegend, scheint mir, lachen im allgemeinen nicht viel. Madam Helseth . Das tun sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute, hat es angefangen. Und dann hat es sich wohl wie eine Art Seuche verbreitet. Rebekka . Sie sind mir eine nachdenkliche Frau, Madam Helseth. Madam Helseth . Ach, machen Sie sich doch nicht über mich lustig, Fräulein – horcht. Pst, pst, – jetzt kommt der Herr Pastor herunter. Er kann den Federbesen in der Stube nicht leiden. Sie geht hinaus durch die Tür rechts. Rosmer , Hut und Stock in der Hand, kommt durch das Vorzimmer herein. Rosmer . Guten Morgen, Rebekka. Rebekka . Guten Morgen, mein Freund. Pause; häkelt. Willst Du ausgehen? Rosmer . Ja. Rebekka . Das Wetter ist auch so schön. Rosmer . Du warst heute Morgen nicht bei mir oben. Rebekka . Nein, – allerdings nicht. Heut nicht. Rosmer . Kommst Du auch in Zukunft nicht? Rebekka . Ach, Du, ich weiß noch nicht. Rosmer . Ist etwas für mich gekommen? Rebekka . Die »Amtszeitung« ist gekommen. Rosmer . Die »Amtszeitung« –! Rebekka . Sie liegt da auf dem Tisch. Rosmer legt Hut und Stock fort. Steht etwas drin –? Rebekka . Ja. Rosmer . Und da schickst Du sie mir nicht herauf – Rebekka . Du bekommst es noch früh genug zu lesen. Rosmer . Nun ja. Nimmt das Blatt und liest am Tische stehend. Was! – – »kann nicht genug vor charakterlosen Überläufern warnen« – sieht sie an. Sie nennen mich einen Überläufer, Rebekka. Rebekka . Es ist kein Name genannt. Rosmer . Das ist doch einerlei. Liest weiter.  –»heimliche Verräter an der guten Sache« –. »Judasnaturen, die ihren Abfall frech bekennen, sobald sie glauben, daß der günstige und – profitabelste Zeitpunkt gekommen ist«. »Rücksichtsloses Attentat auf das Andenken ehrwürdiger Ahnen« –. – »in Erwartung, daß die Machthaber des Augenblicks mit einer passenden Belohnung nicht zurückhalten werden.« Legt die Zeitung auf den Tisch. Und das schreiben sie über mich! Und das alles glauben sie doch selbst nicht. Und obwohl sie wissen, daß kein wahres Wort daran ist, – sie schreiben's doch! Rebekka . Es steht noch mehr da. Rosmer nimmt die Zeitung wieder . – »als Entschuldigung der Mangel an Urteil, – verderblicher Einfluß, – der sich vielleicht auch auf ein Gebiet erstreckt, das wir vorläufig nicht zum Gegenstand öffentlicher Besprechung machen wollen« – sieht sie an. Was ist das? Rebekka . Das geht auf mich, kannst Du Dir wohl denken. Rosmer legt die Zeitung fort . Rebekka, – das ist die Handlungsweise unehrlicher Männer. Rebekka . Ja, mir scheint, die haben Mortensgård nichts vorzuwerfen. Rosmer auf und ab gehend . Hier ist ein Werk der Rettung zu leisten. Alles, was gut ist im Menschen, geht zu Grunde, wenn das so weiter gehen darf. Aber das soll es nicht! O, wie froh, – wie froh wäre ich, könnte ich ein wenig Licht bringen in das Düster dieser Abscheulichkeiten. Rebekka steht auf . Ja, nicht wahr? Das wäre eine große und herrliche Lebensaufgabe für Dich! Rosmer . Denk nur, wenn ich sie zur Selbsterkenntnis auferwecken könnte. Wenn ich sie dahin bringen könnte, daß sie bereuen und sich vor sich selbst schämen. Wenn ich erreichen könnte, daß sie sich einander nähern in Verträglichkeit, – in Liebe, Rebekka. Rebekka . Ja, setz' nur alle Kräfte da für ein, und Du wirst sehen, Du gewinnst. Rosmer . Ich glaube, es müßte gelingen. Ach, was für eine Lust wäre es dann, zu leben. Kein haßerfüllter Streit mehr. Nur Wettstreit. Aller Augen gerichtet auf das eine Ziel. Jeder Wille, jeder Sinn vorwärts strebend, – empor, – ein jeglicher auf seinem eigenen, naturnotwendigen Wege. Das Glück aller, – geschaffen durch alle. Sieht zufällig hinaus, schrickt zusammen und sagt schwermütig: Ah! Nicht durch mich. Rebekka . Nicht –? Nicht durch Dich? Rosmer . Und auch nicht für mich . Rebekka . Ach, Rosmer, laß doch solche Zweifel nicht in Dir aufkommen. Rosmer . Glück, – liebe Rebekka, – Glück ist zuerst und vor allen Dingen das stille, frohe, sichere Gefühl der Schuldlosigkeit. Rebekka sieht vor sich hin. Ja, die Schuld –. Rosmer . Ach, das kannst Du gar nicht so recht beurteilen. Aber ich – Rebekka . Du am wenigsten! Rosmer zeigt zum Fenster hinaus. Der Mühlenbach! Rebekka . Ach, Rosmer –! Madam Helseth sieht durch die Tür rechts herein. Madam Helseth . Fräulein! Rebekka . Später, später. Jetzt nicht. Madam Helseth . Nur ein Wort, Fräulein. Rebekka geht zur Tür. Madam Helseth teilt ihr etwas mit. Sie flüstern eine Weile zusammen. Madam Helseth nickt und geht. Rosmer unruhig. War es etwas für mich? Rebekka . Nein, bloß häusliche Angelegenheiten. – Du solltest jetzt einen Spaziergang in der frischen Luft machen, lieber Rosmer. Jawohl, einen tüchtigen Spaziergang. Rosmer nimmt den Hut. Ja, komm. Machen wir ihn zusammen. Rebekka . Nein, mein Lieber, ich kann jetzt nicht. Du mußt allein gehen. Nun suche aber auch die trübseligen Gedanken loszuwerden. Versprich mir das. Rosmer . Die werde ich wohl nie wieder los, – das fürchte ich. Rebekka . Daß etwas so Grundloses aber auch solche Macht über Dich erlangen kann –! Rosmer . Es ist eben nicht so grundlos, – leider. Die ganze Nacht habe ich gelegen und über das Ganze nachgesonnen. Beate hat am Ende doch richtig gesehen. Rebekka . Worin, meinst Du? Rosmer . Richtig gesehen, als sie glaubte, ich liebte Dich, Rebekka. Rebekka . Richtig gesehen – da rin! Rosmer legt den Hut auf den Tisch . Die Frage beschäftigt mich unausgesetzt, – ob wir beide uns nicht die ganze Zeit selbst betrogen haben – wenn wir unser Verhältnis Freundschaft nannten. Rebekka . Meinst Du am Ende, man hätte es ebensogut nennen können ein – Rosmer . – Liebesverhältnis. Ja, das meine ich. Schon als Beate noch lebte, warst Du es, der alle meine Gedanken gehörten. Nach Dir, und nur nach Dir stand mein Sehnen. Bei Dir, und nur bei Dir empfand ich jene stille, frohe, wunschlose Glückseligkeit. Wenn wir es uns recht überlegen, Rebekka, – so hat unser Zusammenleben wie eine süße, heimliche Kinderliebschaft angefangen. Ohne Wunsch und ohne Träume. Hattest Du nicht dieselbe Empfindung? Sag' mir das. Rebekka kämpft mit sich . Ach, – ich weiß nicht, was ich Dir antworten soll. Rosmer . Und dieses Leben, das wir innerlich mit einander und für einander führten, das haben wir für Freundschaft gehalten. Nein, Du, – unser Verhältnis ist eine geistige Ehe gewesen – vielleicht schon von den ersten Tagen an. Darum ist eine Schuld auf meiner Seite. Ich hatte kein Recht dazu, – ich durfte es nicht Beatens wegen. Rebekka . Durftest nicht glücklich sein? Ist das Deine Meinung, Rosmer? Rosmer . Sie sah unser Verhältnis mit den Augen ihrer Liebe an. Beurteilte unser Verhältnis nach der Art ihrer Liebe. Natürlich, Beate konnte nicht anders urteilen, als sie getan hat. Rebekka . Aber wie kannst Du Dich selbst verantwortlich machen für Beatens Irrtum! Rosmer . Aus Liebe zu mir, – wie sie es verstand – ging sie in den Mühlengraben. Die Tatsache steht fest, Rebekka. Und da rüber komme ich niemals hinweg! Rebekka . Ach, so denke doch an nichts anderes als an die schöne, große Aufgabe, für die Du Dein Leben eingesetzt hast. Rosmer schüttelt den Kopf . Du, – die wird sich gewiß nie durchführen lassen. Nicht von mir. Nach dem, was ich jetzt weiß. Rebekka . Warum nicht von Dir? Rosmer . Weil der Sieg nie einer Sache werden kann, die ihren Ursprung in der Schuld hat. Rebekka impulsiv . O! das sind die Zweifel – Beängstigungen – Skrupel, die alle ein Erbstück der Familie sind. Man erzählt sich hier, die Toten kämen zurück als stürmende weiße Rosse! Mir scheint, dies ist so etwas. Rosmer . Sei es, was es will. Was hilft es, wenn ich nun doch nicht davon loskommen kann? Und Du kannst mir glauben, Rebekka, es ist, wie ich sage. Die Sache, die zu dauerndem Sieg geführt werden soll, – darf nur von einem frohen und schuldlosen Manne vertreten werden. Rebekka . Ist die Freude Dir denn so ganz unentbehrlich, Rosmer? Rosmer . Die Freude? Ja, Du, – das ist sie. Rebekka . Dir, der nie lachen kann? Rosmer . Gleichwohl. Glaub' mir, ich habe große Anlagen zum Fröhlichsein. Rebekka . Nun sollst Du aber gehen, mein Lieber. Weit – recht weit gehen. Hörst Du? – So, da ist Dein Hut. Und da hast Du den Stock. Rosmer nimmt beides . Danke schön. Und Du gehst nicht mit? Rebekka . Nein, nein, ich kann jetzt nicht. Rosmer . Nun, wie Du willst. Du bist ja doch mit mir. Er geht durch das Vorzimmer ab. Bald darauf guckt Rebekka hinter der offenen Tür hinaus. Dann geht sie an die Tür rechts. Rebekka öffnet und sagt halblaut : So, Madam Helseth. Nun können Sie ihn hereinlassen. Geht hinüber an das Fenster. Gleich darauf tritt Kroll von rechts ein. Er grüßt schweigend und gemessen und behält den Hut in der Hand. Kroll . Ist er nun weg? Rebekka . Ja. Kroll . Pflegt er weit zu gehen? Rebekka . O ja. Aber heute ist er ganz unberechenbar. Und wenn Sie ihm nicht begegnen wollen – Kroll . Nein, nein. Mit Ihnen wünsche ich zu sprechen. Und ganz allein. Rebekka . So lassen Sie uns die Zeit nützen. Nehmen Sie Platz, Herr Rektor. Sie setzt sich in den Lehnstuhl am Fenster. Kroll läßt sich auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder. Kroll . Fräulein West, – Sie machen sich schwerlich eine Vorstellung davon, wie nahe sie mir geht und wie schmerzlich ich sie empfinde, diese Schwenkung, die Johannes Rosmer vollzogen hat. Rebekka . Wir waren darauf vorbereitet, daß das der Fall wäre – im Anfang. Kroll . Nur im Anfang? Rebekka . Rosmer hatte die sichere Hoffnung, Sie würden früher oder später doch mit ihm gehen. Kroll . Ich! Rebekka . Sie so gut wie die anderen Freunde. Kroll . Da sehen Sie es. So unfähig ist sein Urteilsvermögen, wenn es sich um Menschen und Lebensverhältnisse handelt. Rebekka . Übrigens – wenn er es nun einmal als eine Notwendigkeit empfindet, sich nach allen Seiten frei zu machen – Kroll . Ja, sehen Sie – das glaube ich eben nicht. Rebekka . Was glauben Sie denn? Kroll . Ich glaube, Sie stecken hinter der ganzen Geschichte. Rebekka . Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor. Kroll . Es kann Ihnen doch gleichgültig sein, von wem ich es habe. Aber das ist sicher, ich habe starke Zweifel, – außerordentlich starke Zweifel, sage ich, – wenn ich nachdenke und mir Ihr ganzes Auftreten vergegenwärtige von dem Augenblick an, als Sie hierher kamen. Rebekka sieht ihn an . Es schwebt mir vor, als hätte es eine Zeit gegeben, wo Sie ein außerordentlich starkes Vertrauen zu mir hatten, mein lieber Herr Rektor. Ein warmes Vertrauen, hätte ich fast gesagt. Kroll mit gedämpfter Stimme . Wen könnten Sie auch nicht behexen, – wenn Sie es drauf anlegen. Rebekka . Habe ich's drauf angelegt –! Kroll . Ja, das haben Sie getan. Ich bin jetzt nicht mehr so dumm zu glauben, daß irgend eine Empfindung mit im Spiel gewesen ist. Sie wollten sich ganz einfach Eingang in Rosmersholm verschaffen. Sich hier festsetzen. Und da zu sollte ich Ihnen verhelfen. Nun sehe ich es. Rebekka . Sie haben also ganz vergessen, daß Beate es war, die mich quälte und anflehte, ich möchte hier ins Haus ziehen. Kroll . Ja, nachdem Sie auch die behext hatten. Oder kann man das, was Beate für Sie nachgerade empfand, Freundschaft nennen? Es grenzte an Abgötterei, – Anbetung. Es artete aus in – wie soll ich's nur nennen? – in eine Art desperater Verliebtheit. Ja, das ist das rechte Wort. Rebekka . Seien Sie so freundlich und vergessen Sie den Zustand Ihrer Schwester nicht. Was mich betrifft, so glaube ich nicht, daß man von mir sagen kann, ich wäre irgendwie überspannt. Kroll . Nein, das sind Sie wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie den Menschen, auf die Sie Einfluß haben wollen. Ihnen wird es leicht, mit Überlegung und erschöpfender Berechnung zu handeln, – eben weil Sie ein kaltes Herz haben. Rebekka . Ein kaltes Herz? Wissen Sie das so genau? Kroll . Jetzt weiß ich ganz genau. Sonst hätten Sie hier nicht jahraus, jahrein unausgesetzt Ihr Ziel so unerschütterlich verfolgt. Ja, ja – Sie haben erreicht, was Sie gewollt haben. Sie haben ihn und die ganzen Verhältnisse in Ihrer Gewalt. Doch um dies alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurückgeschreckt, ihn unglücklich zu machen. Rebekka . Das ist nicht wahr! Nicht ich , – Sie selbst haben ihn unglücklich gemacht. Kroll . So? Ich! Rebekka . Jawohl, – als Sie ihn auf die Idee brachten, er wäre schuld an dem schrecklichen Ende, das Beate nahm. Kroll . Das hat ihn also so tief ergriffen? Rebekka . Das können Sie sich doch wohl denken. Ein so weiches Gemüt wie er hat – Kroll . Ich glaubte, ein sogenannter »freier« Mann wisse sich über alle Skrupel hinwegzusetzen. – Da haben wir's also! Na ja, – schließlich hätte ich es mir ja auch denken können. Dem Sproß der Männer, die da auf uns herniederschauen, – wird es am Ende doch erspart bleiben, sich von dem lossagen zu müssen, was als unveräußerliches Besitztum sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt hat. Rebekka die Augen gedankenvoll gesenkt. Johannes Rosmer wurzelt tief und stark in seinem Geschlechte. Nichts wahrer als das. Kroll . Ja, und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen sollen, wenn Sie etwas für ihn fühlten. Aber solche Art Rücksicht konnten Sie wohl nicht üben. Die Voraussetzungen bei Ihnen und bei ihm sind ja doch so himmelweit voneinander verschieden. Rebekka . Was für Voraussetzungen meinen Sie? Kroll . Ich meine die Voraussetzungen der Geburt. Der Herkunft, – Fräulein West. Rebekka . Ach so. Ja, das ist wahr. Ich bin aus sehr bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen. Indessen – Kroll . Stand und Stellung – die meine ich nicht. Ich denke an die moralischen Voraussetzungen. Rebekka . Voraussetzungen – in welcher Beziehung? Kroll . In bezug auf Ihre ganze Herkunft. Rebekka . Was sagen Sie da? Kroll . Ich sage das ja nur, weil es Ihr ganzes Tun erklärt. Rebekka . Das verstehe ich nicht. Ich will deutlichen Bescheid. Kroll . In der Tat, ich meinte, Sie wüßten ganz genau Bescheid. Es wäre doch sonst recht merkwürdig gewesen, daß Sie sich von Doktor West adoptieren ließen – Rebekka steht auf. Ah so! Jetzt verstehe ich. Kroll . – daß Sie seinen Namen angenommen haben. Ihrer Mutter Name war Gamvik. Rebekka auf und ab gehend. Meines Vaters Name war Gamvik, Herr Rektor. Kroll . Der Beruf Ihrer Mutter mußte sie ja doch immerzu mit dem Bezirksarzt zusammenführen. Rebekka . Da haben Sie recht. Kroll . Und da nimmt er Sie zu sich, – gleich, nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen Pfennig hinterlassen wird. Sie haben ja auch nur eine Kiste Bücher bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus. Ertragen seine Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick. Rebekka am Tisch stehend, blickt ihn höhnisch an. Und dafür, daß ich dies alles getan, – haben Sie die Erklärung, es hafte an meiner Geburt etwas Unsittliches – etwas Verbrecherisches! Kroll . Was Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem unwillkürlichen Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte ich für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft. Rebekka heftig. Es ist doch kein wahres Wort an allem, was Sie sagen! Das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch gar nicht in Finmarken, als ich geboren wurde. Kroll . Entschuldigen Sie, – Fräulein. Er kam das Jahr vorher dorthin. Das habe ich festgestellt. Rebekka . Sie irren sich, sage ich! Sie irren sich vollständig! Kroll . Vorgestern haben Sie an dieser Stelle gesagt, Sie wären neunundzwanzig Jahre. Sie gingen in das dreißigste. Rebekka . So? Habe ich das gesagt? Kroll . Ja, das haben Sie. Und also kann ich ausrechnen – Rebekka . Halt! Das Rechnen hilft Ihnen nichts. Denn ich will es Ihnen nur lieber gleich sagen: ich bin um ein Jahr älter, als ich mich mache. Kroll lächelt ungläubig. Wirklich? Das ist neu. Wie ist denn das gekommen? Rebekka . Als ich fünfundzwanzig geworden, kam ich mir – unverheiratet wie ich war, – so furchtbar alt vor. Und da nahm ich mir vor, ein Jahr zu unterschlagen. Kroll . Sie? Eine Emanzipierte. Sie haben Vorurteile im Punkte des Heiratsalters? Rebekka . Ja, es war mordsdumm – und lächerlich zugleich. Aber es bleibt an einem noch immer dies oder das hängen, wovon man sich nicht emanzipieren kann. Wir sind nun einmal so. Kroll . Mag sein. Aber die Rechnung kann dennoch richtig sein. Denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde, ist West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen. Rebekka begehrt auf. Das ist nicht wahr! Kroll . Ist nicht wahr? Rebekka . Nein! Denn davon hat meine Mutter nie etwas gesagt. Kroll . So? Hat sie das nicht? Rebekka . Nein, – niemals. Und Doktor West auch nicht. Kein Sterbenswort. Kroll . Könnte das nicht deshalb sein, weil die beiden allen Grund hatten, ein Jahr zu überspringen? Wie Sie es gemacht haben, Fräulein West. Das ist vielleicht eine Familieneigentümlichkeit. Rebekka geht umher und ringt heftig die Hände. Es ist unmöglich. Sie wollen mir das bloß einreden. Das kann ja nun und nimmermehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! Nun und nimmermehr –! Kroll steht auf. Aber, meine Liebe, – warum um Gottes willen werden Sie denn so heftig? Sie machen mir geradezu angst! Was soll ich glauben und denken –! Rebekka . Nichts. Sie sollen weder etwas glauben noch etwas denken. Kroll . Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie sich diese Sache, – diese Möglichkeit so zu Herzen nehmen. Rebekka faßt sich wieder. Das ist doch sehr einfach, Herr Rektor. Ich habe doch keine Lust, für ein uneheliches Kind zu gelten. Kroll . Nun ja. – Ja, ja, wir wollen uns also bei dieser Erklärung beruhigen – vorläufig. Sie haben demnach also auch in diesem Punkt ein gewisses – Vorurteil behalten? Rebekka . Ja, das habe ich wohl. Kroll . Na, ich denke, es wird sich ebenso verhalten mit dem größten Teil dessen, was Sie Ihre Emanzipierung nennen. Sie haben sich eine ganze Masse neuer Gedanken und Ansichten angelesen. Sie sind auf verschiedenen Gebieten einigermaßen mit der Forschung vertraut, – mit der Forschung, die manches von dem umzustoßen scheint, was bei uns bisher für unumstößlich und unantastbar gegolten hat. Aber das Ganze ist bei Ihnen nur ein Wissen geworden, Fräulein West. Doktrin. Es ist Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Rebekka nachdenklich. Mag sein, Sie haben recht. Kroll . Ja, prüfen Sie sich nur selbst, und Sie werden sehen! Und wenn es so mit Ihnen steht, so weiß man wohl auch, wie es um Johannes Rosmer bestellt ist. Es wäre ja der reinste Wahnsinn, – es hieße ja blindlings ins Verderben rennen, wenn er vor die Öffentlichkeit treten wollte und seinen Abfall bekennen! Denken Sie doch bloß, – er mit seinem zaghaften Gemüt! Stellen Sie sich ihn vor: verstoßen, – verfolgt von dem Kreise, dem er bisher angehört hat. Den rücksichtslosen Angriffen der Besten ausgesetzt, die unsere Gesellschaft hat. Im Leben ist er nicht der Mann, der das übersteht. Rebekka . Er muß es überstehen! Jetzt ist es zur Umkehr zu spät. Kroll . Noch gar nicht zu spät. In keiner Beziehung. Was geschehen ist, kann totgeschwiegen werden, – oder es kann zum mindesten als eine ganz vorübergehende, wenn auch beklagenswerte Verirrung ausgelegt werden. Aber – eine Maßregel ist unter allen Umständen nötig. Rebekka . Und was wäre das für eine? Kroll . Sie müssen ihn veranlassen, daß er das Verhältnis legalisiert, Fräulein West. Rebekka . Das Verhältnis, in dem er zu mir steht? Kroll . Ja. Sie müssen ihn dazu zu bewegen suchen. Rebekka . Sie halten also nach wie vor an der Ansicht fest, unser Verhältnis bedürfe der – Legalisierung, wie Sie sich ausdrücken? Kroll . Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehen. Aber ich glaube allerdings die Beobachtung gemacht zu haben, daß man am leichtesten die sogenannten Vorurteile auf dem Gebiet besiegt, wo es sich handelt um – hm. Rebekka . Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie? Kroll . Offen gesagt – ja, das glaube ich. Rebekka geht auf und ab und sieht durchs Fenster. Fast hätte ich gesagt, – möchten Sie doch recht haben, Herr Rektor. Kroll . Was meinen Sie damit? Es klingt so sonderbar. Rebekka . Ach was! Reden wir nicht mehr davon! – Ah, – da kommt er. Kroll . Schon! Dann gehe ich. Rebekka geht zu ihm. Nein, – bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas hören. Kroll . Nicht jetzt. Ich habe das Gefühl, ich kann ihn jetzt nicht sehen. Rebekka . Ich bitte Sie, – bleiben Sie! Tun Sie es doch. Sie würden es sonst später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas bitte. Kroll sieht sie erstaunt an und legt den Hut hin. Nun wohl, Fräulein West. Gut denn. Längere Pause. Dann tritt Rosmer durch das Vorzimmer herein. Rosmer erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen. Was! – Du bist da! Rebekka . Er wäre Dir am liebsten aus dem Wege gegangen, Rosmer. Kroll unwillkürlich. Du! Rebekka . Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich, – wir sagen »Du« zueinander. Unser Verhältnis hat das mit sich gebracht. Kroll . Das war es wohl, was ich hören sollte. Rebekka . Das – und noch ein wenig mehr. Rosmer kommt näher. Was bezweckt Dein heutiger Besuch? Kroll . Ich wollte noch einmal versuchen, Dir entgegenzutreten und Dich zur Umkehr zu bewegen. Rosmer weist auf die Zeitung. Nach dem, was da steht? Kroll . Das habe ich nicht geschrieben. Rosmer . Hast Du Schritte getan, es zu unterdrücken? Kroll . Das wäre unverantwortlich gewesen der Sache gegenüber, der ich diene. Und außerdem hat es nicht in meiner Macht gestanden. Rebekka reißt die Zeitung in Stücke, knüllt die Fetzen zusammen und wirft sie hinter den Ofen. So! Aus den Augen – und damit auch aus dem Sinn! Denn es kommt nichts weiter von der Art, Rosmer. Kroll . Ach ja, wenn Sie das doch nur erreichen könnten. Rebekka . Komm, mein Lieber, – setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles sagen. Rosmer setzt sich mechanisch. Was ist denn über Dich gekommen, Rebekka? Diese unheimliche Ruhe –. Was bedeutet das? Rebekka . Die Ruhe des Entschlusses. Setzt sich. Setzen Sie sich doch auch, Herr Rektor. Kroll nimmt auf dem Sofa Platz. Rosmer . Des Entschlusses, sagst Du. Welches Entschlusses? Rebekka . Ich will Dir zurückgeben, was Du für Dein Leben brauchst. Du sollst Deine frohe Schuldlosigkeit wieder haben, lieber Freund. Rosmer . Was ist denn das  –! Rebekka . Ich will nur erzählen. Nichts weiter. Rosmer . Nun –! Rebekka . Als ich – zusammen mit Doktor West – von Finmarken hierher kam, da war es mir, als öffnete sich mir eine neue, große, weite Welt. Der Doktor hatte mich von allem etwas gelehrt. Das Unzusammenhängende, was ich damals von dem Leben und seinen Verhältnissen wußte. Mit sich kämpfend und kaum hörbar. Und dann – Kroll . Und dann? Rosmer . Aber Rebekka, – das weiß ich ja doch. Rebekka nimmt sich zusammen. Ja, ja, da hast Du schließlich recht. Du weißt davon genug . Kroll sieht sie scharf an. Es ist vielleicht richtiger, ich gehe. Rebekka . Nein, Sie sollen sitzen bleiben, lieber Herr Rektor. Zu Rosmer. Ja, sieh mal – das war es also: ich wollte die neue Zeit, die anbrach, tätig miterleben. Wollte teilhaben an all den neuen Gedanken. – Der Rektor erzählte mir eines Tages, Ulrik Brendel hätte einmal großen Einfluß auf Dich gehabt, als Du noch ein Junge warst. Und da meinte ich, es müßte mir gelingen können, diese Einwirkung wieder aufzunehmen. Rosmer . Du bist mit einer geheimen Absicht hergekommen –! Rebekka . Ich wollte, wir beide sollten Hand in Hand vorwärts schreiten zur Freiheit. Weiter und weiter. Immer Vorwärts bis zur äußersten Grenze. – Aber da stand ja doch diese düstere, unübersteigbare Mauer zwischen Dir und der ganzen, vollkommenen Befreiung. Rosmer . Was für eine Mauer meinst Du? Rebekka . Ich meine das so, Rosmer, daß Du Dich nur im hellen Sonnenschein frei auswachsen konntest –, und nun kränkeltest Du doch und siechtest dahin im Düster einer solchen Ehe. Rosmer . Nie hast Du bisher von meiner Ehe in solcher Weise gesprochen. Rebekka . Nein, – das wagte ich nicht; denn es hätte Dir angst gemacht. Kroll nickt Rosmer zu. Hörst Du wohl? Rebekka fährt fort. Aber ich wußte ganz gut, wo die Rettung für Dich war. Die einzige Rettung. Und so handelte ich. Rosmer . Was für Handlungen meinst Du damit? Kroll . Wollen Sie damit sagen, daß –. Rebekka . Ja, Rosmer – steht auf. Bleib nur sitzen. Auch Sie, Herr Rektor. Es muß jetzt doch an den Tag. Du warst es nicht, Rosmer. Du bist schuldlos. Ich habe Beate –, habe allmählich Beate auf Irrwege gelockt – Rosmer springt auf. Rebekka! Kroll springt vom Sofa auf. – auf die Irrwege! Rebekka . Auf die Wege – die zum Mühlengraben führten. Jetzt wißt Ihr es – alle beide. Rosmer wie vor den Kopf geschlagen. Aber ich verstehe nicht –. Was sagt sie da? Ich verstehe nicht ein Wort –! Kroll . O ja, Du. Ich fange an zu verstehen. Rosmer . Aber was hast Du denn getan? Was hast Du ihr denn sagen können! Es gab ja nichts. Nicht das Allergeringste. Rebekka . Sie bekam zu wissen, daß Du im Begriff wärst, Dich aus den alten Vorurteilen herauszuarbeiten. Rosmer . Aber das war ja damals noch gar nicht der Fall. Rebekka . Ich wußte, dieser Fall würde bald eintreten. Kroll nickt Rosmer zu. Aha! Rosmer . Und dann? Was weiter? Ich will jetzt den Rest auch wissen. Rebekka . Bald darauf – bat ich sie inständigst, sie möchte mich fortlassen von Rosmersholm. Rosmer . Warum wolltest Du fort – damals? Rebekka . Ich wollte nicht fort. Ich wollte bleiben, wo ich war. Aber ich sagte ihr, es wäre für uns alle das Beste – wenn ich beizeiten wegkäme. Ich ließ durchblicken: wenn ich noch länger bliebe, – so könnte, – so könnte irgend etwas geschehen. Rosmer . Das also hast Du gesagt und getan. Rebekka . Ja, Rosmer. Rosmer . Das war es, was Du »handeln« nanntest. Rebekka mit gebrochener Stimme. So nannte ich es, jawohl. Rosmer nach einer Pause. Hast Du nun alles gebeichtet, Rebekka? Rebekka . Ja. Kroll . Nicht alles. Rebekka sieht ihn erschrocken an. Was sollte denn noch mehr sein? Kroll . Haben Sie Beate nicht schließlich zu verstehen gegeben, es wäre notwendig – nicht bloß es wäre das Beste – sondern es wäre notwendig, aus Rücksicht auf Sie und Rosmer, daß Sie wegkämen, wo andershin – und zwar so schnell wie möglich? – Nun? Rebekka leise und undeutlich. Vielleicht habe ich auch so etwas gesagt. Rosmer sinkt in den Lehnstuhl am Fenster. Und an dieses Gespinst von Lüge und Betrug hat sie – die unglückliche Kranke, geglaubt! So fest und entschieden geglaubt! So unerschütterlich fest! Sieht zu Rebekka auf. Und nie hat sie sich an mich gewandt. Mit keinem einzigen Wort! Ach, Rebekka, – ich sehe es Dir an, – Du hast ihr davon abgeraten. Rebekka . Sie hatte es sich ja doch in den Kopf gesetzt, daß sie, – die kinderlose Frau, kein Recht hätte, hier zu sein. Und so bildete sie sich ein, es wäre eine Pflicht gegen Dich, den Platz zu räumen. Rosmer . Und Du, – Du hast nichts getan, um ihr dieses Hirngespinst auszureden? Rebekka . Nein. Kroll . Sie haben sie am Ende noch darin bestärkt? Antworten Sie! Taten Sie das nicht? Rebekka . Sie verstand mich vermutlich so. Rosmer . Ja, ja, – und Deinem Willen fügte sie sich in allen Dingen. – Und so räumte sie den Platz. Springt auf. Wie konntest Du, – konntest Du nur dies entsetzliche Spiel treiben! Rebekka . Ich dachte mir, hier wäre zwischen zwei Leben zu wählen, Rosmer. Kroll streng und gebieterisch . Sie hatten kein Recht, eine solche Wahl zu treffen. Rebekka heftig . Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit kühler, kluger Überlegung! Damals war ich doch nicht, was ich heute bin, wo ich vor Euch stehe und erzähle. Und dann gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten Willen in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben! Auf irgend eine Art. Aber ich glaubte doch nicht, es würde jemals dahin kommen. Bei jedem Schritt, den es mich reizte vorwärts zu wagen, war es mir, als schrie etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr! – Und doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch ein winziges Spürchen weiter. Nur noch ein einziges Spürchen. Und dann noch eins – und immer noch eins –. Und so ist es geschehen. – Auf diese Weise geht so etwas vor sich. Kurze Pause. Rosmer zu Rebekka . Wie stellst Du Dir nun eigentlich Deine Zukunft vor? Nach dem, was geschehen ist? Rebekka . Meine Zukunft sei, wie sie will. Darauf kommt es gar nicht so sehr an. Kroll . Kein Wort, das auf Reue schließen läßt. Sie fühlen am Ende keine? Rebekka kalt abweisend . Verzeihung, Herr Rektor – aber das ist eine Sache, die keinen andern etwas angeht. Das habe ich mit mir selbst abzumachen. Kroll zu Rosmer . Und mit einer solchen Frau lebst Du unter einem Dach zusammen. Noch dazu in einem vertraulichen Verhältnis. Betrachtet die Porträts. Ach! Wenn diese Toten jetzt herabsehen könnten! Rosmer . Gehst Du in die Stadt? Kroll nimmt seinen Hut . Ja. So schnell wie möglich. Rosmer nimmt ebenfalls seinen Hut . So gehe ich mit Dir. Kroll . Das wolltest Du? Ja, ich wußte wohl, Du wärst für uns noch nicht ganz verloren. Rosmer . So komm, Kroll, komm! Beide gehen durch das Vorzimmer ab, ohne Rebekka anzusehen. Bald darauf geht Rebekka vorsichtig ans Fenster und guckt zwischen den Blumen hindurch hinaus. Rebekka spricht halblaut mit sich selbst . Auch heute nicht über den Steg. Sie gehen oben herum. Über den Mühlengraben kommen sie nie. Niemals. Verläßt das Fenster. Ja, ja! Geht und zieht den Glockenstrang. Bald darauf tritt Madam Helseth von rechts ein. Madam Helseth . Was ist, Fräulein? Rebekka . Madam Helseth, seien Sie so gut und lassen Sie meinen Reisekoffer vom Boden holen. Madam Helseth . Den Reisekoffer? Rebekka . Ja, den Koffer von braunem Seehundsleder – Sie wissen schon. Madam Helseth . Freilich. Aber mein Gott, – wollen Fräulein denn auf Reisen gehen? Rebekka . Ja, – ich verreise jetzt, Madam Helseth. Madam Helseth . Und das gleich auf der Stelle? Rebekka . Sobald ich gepackt habe. Madam Helseth . So etwas habe ich doch in meinem Leben noch nicht gehört! Aber Fräulein kommen doch gewiß bald wieder? Rebekka . Ich komme nie wieder. Madam Helseth . Nie! Aber du großer Gott, was soll denn hier auf Rosmersholm werden, wenn Fräulein West nicht mehr da sind? Nun hatte es der arme Herr Pastor doch gerade so gut und gemütlich. Rebekka . Ja, aber heute habe ich Angst bekommen, Madam Helseth. Madam Helseth . Angst?! Jesus, – wovor denn? Rebekka . Ja, mir war, als hätte ich einen Schein von weißen Rossen gesehen. Madam Helseth . Von weißen Rossen! Am hellerlichten Tage! Rebekka . Ach, die lassen sich wohl früh und spät blicken, – die weißen Rosse auf Rosmersholm. Bricht ab. Nun, – also bitte den Reisekoffer, Madam Helseth. Madam Helseth . Jawohl. Den Reisekoffer. Beide gehen rechts hinaus. Vierter Akt Wohnstube auf Rosmersholm. Es ist später Abend. Die Lampe, mit Schirm, steht mitten auf dem Tische. Rebekka steht am Tische und packt einige Kleinigkeiten in einen Reisesack. Ihr Mantel, Hut und der weiße gehäkelte Wollschal liegen über der Sofalehne. Madam Helseth kommt von rechts. Madam Helseth spricht mit gedämpfter Stimme und scheint zurückhaltend . Die ganzen Sachen wären jetzt herausgetragen, Fräulein. Sie stehen auf dem Küchenflur. Rebekka . Gut. Der Kutscher ist doch bestellt? Madam Helseth . Ja. Er fragte, wann er mit dem Wagen hier sein sollte. Rebekka . Ich denke, so gegen elf Uhr. Das Dampfschiff geht um Mitternacht. Madam Helseth ein wenig zögernd . Und der Herr Pastor? Wenn er nun nicht bis dahin nach Hause kommt? Rebekka . Deshalb reise ich doch. Sollte ich ihn nicht mehr sehen, so können Sie ihm sagen, ich würde ihm schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie das. Madam Helseth . Ja, das ist ja alles gut und schön, – die Geschichte mit dem Schreiben. Aber, armes Fräulein – ich meine doch, Sie sollten es noch mal drauf ankommen lassen, mit ihm zu reden. Rebekka . Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Madam Helseth . Nein, – daß ich so etwas erleben muß; – das hätte ich nie und nimmer gedacht! Rebekka . Was hätten Sie denn gedacht, Madam Helseth? Madam Helseth . Ach, ich hätte doch gedacht, Herr Pastor Rosmer wäre ein reellerer Mann. Rebekka . Ein reellerer Mann? Madam Helseth . Ja, wahrhaftigen Gott, das sage ich! Rebekka . Aber, liebe Frau, was meinen Sie denn damit? Madam Helseth . Ich meine: alles, was recht ist, Fräulein, – er sollte sich nicht auf die Weise davon drücken. Rebekka sieht sie an. Nun hören Sie einmal, Madam Helseth. Sagen Sie mir offen und ehrlich, – warum, meinen Sie, gehe ich weg? Madam Helseth . Lieber Gott, es ist wohl nötig, Fräulein. Ach ja, ja, ja! Aber ich meine doch, es ist nicht hübsch von dem Herrn Pastor. Für Mortensgård –, für den mochte es eine Entschuldigung geben. Denn ihr Mann war ja noch am Leben. Die beiden also konnten sich nicht heiraten, so gern sie auch wollten. Aber sehen Sie, der Herr Pastor, der – hm! Rebekka mit einem flüchtigen Lächeln. So etwas konnten Sie von mir und Pastor Rosmer denken? Madam Helseth . I Gott behüte. Das heißt, – bis heute nicht. Rebekka . Aber heute, da –? Madam Helseth . Na, – nach all den ekligen Geschichten, die über den Pastor in den Zeitungen stehen sollen – Rebekka . Aha! Madam Helseth . Denn meine Meinung ist, dem Mann, der zu Mortensgård seiner Religion übergehen kann, dem kann man, wahrhaftigen Gott, alles mögliche zutrauen. Rebekka . O ja, das mag schon so sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir? Madam Helseth . Herrjeh, Fräulein, – Ihnen, meine ich, ist nicht viel vorzuwerfen. Für ein alleinstehendes Frauenzimmer ist es wohl nicht ganz leicht zu widerstehen, denke ich mir. – Wir sind ja alle miteinander bloß Menschen, Fräulein West. Rebekka . Das ist ein wahres Wort, Madam Helseth. Wir sind alle miteinander Menschen. – Wonach horchen Sie? Madam Helseth leise. Ach, Jesus, – ich glaube, er kommt noch gerade zur rechten Zeit. Rebekka fährt zusammen. Also doch –! Bestimmt. Nun ja. Sei es denn! Rosmer kommt aus dem Vorzimmer herein. Rosmer sieht die Reiseeffekten, wendet sich zu Rebekka und fragt: Was soll das heißen? Rebekka . Ich reise. Rosmer . Jetzt gleich? Rebekka . Ja. Zu Madam Helseth. Also um elf Uhr. Madam Helseth . Schön, Fräulein. Rechts ab. Rosmer nach kurzer Pause. Wo willst Du hin, Rebekka? Rebekka . Nordwärts – mit dem Dampfschiff. Rosmer . Nordwärts. Was willst Du da? Rebekka . Da bin ich ja doch hergekommen. Rosmer . Aber da oben hast Du ja doch nichts mehr zu tun. Rebekka . Das habe ich hier unten auch nicht. Rosmer . Was willst Du denn beginnen? Rebekka . Das weiß ich nicht. Ich will nur sehen, wie ich der Sache ein Ende mache. Rosmer . Ein Ende machst? Rebekka . Rosmersholm hat mich zerbrochen. Rosmer wird aufmerksam. Wie meinst Du? Rebekka . Hat mich zerbrochen, – vollständig, rettungslos. – Ich hatte so einen frischen und mutigen Willen, als ich hierher kam. Nun aber habe ich mich unter ein fremdes Gesetz gebeugt. – Ich glaube, ich kann mich fortan an keine Sache mehr heranwagen, was es auch sei. Rosmer . Warum nicht? Was für ein Gesetz meinst Du denn da eigentlich –? Rebekka .. Mein Lieber, reden wir jetzt nicht da von. – Wie ist es denn mit Dir und Kroll geworden? Rosmer . Wir haben Frieden geschlossen. Rebekka . So. Das ist also geschehen. Rosmer . Er versammelte den ganzen Kreis der alten Freunde bei sich. Sie haben mich davon überzeugt, daß die Arbeit, die Sinne adeln zu wollen, durchaus nichts für mich ist. – Und überdies ist es an und für sich etwas so ganz Hoffnungsloses, Du. – Ich gebe es auf. Rebekka . Ja, ja, – das ist vielleicht das Beste. Rosmer . So sprichst Du jetzt? Der Ansicht bist Du jetzt ? Rebekka . Ich bin zu der Ansicht gelangt. In den letzten paar Tagen. Rosmer . Du lügst, Rebekka. Rebekka . Ich lüge –! Rosmer . Ja, Du lügst. Du hast nie an mich geglaubt. Hast nie geglaubt, ich wäre der geeignete Mann, die Sache durchzukämpfen und zum Sieg zu führen. Rebekka . Ich habe geglaubt, wir beide zusammen würden das vermögen. Rosmer . Das ist nicht wahr. Du hast geglaubt, Du selbst würdest etwas Großes im Leben vollbringen können. Würdest mich für Deine Absichten gebrauchen können. Ich würde Dir dienlich sein können für Deine Zwecke. Das hast Du geglaubt. Rebekka . Hör' mich an, Rosmer – Rosmer setzt sich schwermutsvoll aufs Sofa. Ach, laß doch! Jetzt sehe ich der ganzen Geschichte auf den Grund. Ich war nur Wachs in Deiner Hand. Rebekka . Hör' mich an, Rosmer. Wir müssen mehr über die Sache reden. Es ist das letzte Mal. Setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa. Ich hatte vor, über das alles Dir zu schreiben, – wenn ich erst wieder oben im Norden wäre. Aber es ist wohl besser, Du hörst es gleich. Rosmer . Hast Du noch nicht alles gestanden? Rebekka . Das Größte noch nicht. Rosmer . Welches Größte? Rebekka . Das, was Du nie geahnt hast. Das, was allem andern Licht und Schatten gibt. Rosmer schüttelt den Kopf. Ich verstehe kein Wort. Rebekka . Es ist ganz richtig, daß ich einst durch List mir Eingang auf Rosmersholm zu verschaffen suchte. Denn ich war der stillen Meinung, ich würde hier vielleicht mein Glück machen können. So oder so – verstehst Du. Rosmer . Du hast es ja auch durchgesetzt, – Dein Vorhaben. Rebekka . Ich glaube, ich hätte durchsetzen können, was es auch immer gewesen wäre – damals. Denn damals hatte ich noch meinen mutigen, freigeborenen Willen. Ich kannte keine Rücksichten. Keine Beziehungen, die mir ein Hindernis gewesen wären auf meinem Wege. – Aber dann allmählich ist das eingetreten, was den Willen in mir gebrochen – mich fürs ganze Leben mit so kläglicher Angst erfüllt hat. Rosmer . Was ist eingetreten? Rede so, daß ich Dich verstehe. Rebekka . Da ist es über mich gekommen, – dieses wilde, unbezwingliche Gelüst –. Oh, Rosmer! Rosmer . Gelüst? Über Dich –! Wonach? Rebekka . Nach Dir! Rosmer aufspringen. Was ist das! Rebekka hält ihn zurück. Bleib sitzen, mein Freund. Du sollst noch mehr erfahren. Rosmer . Und Du willst sagen – Du hättest mich geliebt – auf solche Art! Rebekka . Damals meinte ich, das müßte man Lieben nennen. Das wäre Liebe, glaubte ich. Aber das war es nicht. Es war so, wie ich Dir sage. Es war ein wildes, unbezwingliches Gelüst. Rosmer mit Mühe. Rebekka, – bist Du es wirklich, Du, Du – von der Du das hier erzählst! Rebekka . Ja, was sagst Du, Rosmer! Rosmer . Und aus dem Grunde, – unter der Einwirkung davon tatest Du das, was Du »handeln« nennst? Rebekka . Es war über mir gleich einem Meeressturm. Gleich einem jener Stürme, wie wir sie um die Winterszeit oben im Norden haben. Es packt einen – und trägt einen mit fort, – so weit es tragen kann. An Widerstand ist da nicht zu denken. Rosmer . Und so wurde die unglückliche Beate mit weggefegt in den Mühlengraben. Rebekka . Ja, Beate und ich kämpften damals eine Art Kampf auf dem Bootskiel. Rosmer . Du warst die Stärkste auf Rosmersholm, wahrhaftig. Stärker als Beate und ich zusammengenommen. Rebekka . Ich kannte Dich hinreichend, um zu wissen, – daß kein Weg zu Dir hinführte, solange Du nicht frei geworden wärst, in den äußeren Verhältnissen – wie im Geiste. Rosmer . Aber ich begreife Dich nicht, Rebekka. Du, – Du selbst, Dein ganzes Gebaren ist mir ein unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich doch frei, – im Geiste wie in den äußeren Verhältnissen. Du stehst jetzt unmittelbar vor dem Ziel, das Du Dir von Anfang an gesteckt hattest. Und dennoch –! Rebekka . Nie war ich weiter vom Ziel entfernt als jetzt. Rosmer . – und dennoch, sage ich, – als ich Dich gestern fragte, – Dich bat: werde mein Weib, – da schriest Du wie von Angst erfaßt auf, das könnte nie geschehen! Rebekka . Da schrie ich in Verzweiflung, Du! Rosmer . Warum? Rebekka . Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat. Hier ist mir mein mutiger Wille gelähmt worden. Und verschandelt! Für mich ist die Zeit vorbei, da ich all und jedes wagen durfte. Ich habe die Energie zum Handeln verloren, Rosmer. Rosmer . Sag' mir, wie das gekommen ist. Rebekka . Es ist durch das Zusammenleben mit Dir gekommen. Rosmer . Wieso denn? Wieso? Rebekka . Als ich mit Dir allein war, – und als Du Du selbst geworden warst – Rosmer . Nun ja? Rebekka . – denn Du warst nie ganz Du selbst, so lange Beate lebte – Rosmer . Leider, – da hast Du wohl recht. Rebekka . Aber dann, als ich mit Dir hier zusammenleben durfte, – in Stille, – in Einsamkeit, – als Du mir Deine Gedanken alle ohne Vorbehalt gabst, – eine jegliche Stimmung, so weich und so fein wie Du sie fühltest, – da trat die große Wandlung ein. Nach und nach, – verstehst Du. Fast unmerklich, – doch übermächtig zum Schluß. Bis auf den Grund meines Innern. Rosmer . Ja, was ist das, Rebekka? Rebekka . Jedes andere Gefühl, – das häßliche, sinnestrunkene Gelüst, das wich weit, so weit von mir. Diese empörten Mächte legten sich und wurden ganz ruhig. Es kam ein Seelenfrieden über mich, – eine Stille wie auf einem Vogelberg bei uns oben während der Mitternachtsonne. Rosmer . Erzähle mehr davon. Alles, was Du zu sagen hast. Rebekka . Da ist nicht mehr viel zu sagen, Du. Nur das eine noch, daß nun die Liebe in mir erstand. Die große, entsagende Liebe, die sich mit einem Zusammenleben begnügt, so wie es zwischen uns beiden gewesen ist. Rosmer . O, wenn ich nur eine Ahnung von alledem gehabt hätte! Rebekka . Es ist besser so. Gestern, – als Du mich fragtest, ob ich Deine Frau werden wollte, – da jubelte ich auf – Rosmer . Ja, nicht wahr, Rebekka! So habe ich es auch verstanden. Rebekka . Einen Augenblick, ja. In Selbstvergessenheit. Es war mein alter, kecker Wille, der drauf und dran war, sich wieder frei zu machen. Aber jetzt hat er keine Macht mehr, – auf die Dauer nicht. Rosmer . Wie erklärst Du das, was mit Dir vorgegangen ist? Rebekka . Es ist die Lebensanschauung des Hauses Rosmer, – oder wenigstens Deine Lebensanschauung, – die meinen Willen angesteckt hat. Rosmer . Angesteckt? Rebekka . Und ihn krank gemacht hat. Ihn geknechtet hat mit Gesetzen, die früher für mich nicht gegolten haben. Das Zusammenleben mit Dir, – Du, das hat meinen Sinn geadelt – Rosmer . Ach, wenn ich das nur glauben könnte! Rebekka . Du kannst es getrost glauben. Die Lebensanschauung der Rosmer adelt. Aber – schüttelt den Kopf – aber – aber – Rosmer . Aber? Nun? Rebekka . – aber, Du, sie tötet das Glück. Rosmer . Meinst Du, Rebekka? Rebekka . Mir wenigstens. Rosmer . Ja, aber weißt Du das auch so gewiß? Wenn ich Dich nun noch einmal fragte –? Dich von ganzem Herzen bäte – Rebekka . Ach, mein Freund, – komm nie wieder da rauf zurück! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit –! Denn Du mußt wissen, Rosmer, ich habe – eine Vergangenheit. Rosmer . Ist es mehr, als was Du erzählt hast? Rebekka . Ja. Anderes und mehr. Rosmer mit flüchtigem Lächeln. Ist es nicht seltsam, Du, – Rebekka? Denk Dir, eine Ahnung von so etwas hat mich zuweilen gestreift. Rebekka . Wirklich? Und –? Trotzdem –? Rosmer . Geglaubt habe ich es nie. Ich habe nur damit gespielt, – so in meinen Gedanken, weißt Du. Rebekka . Wenn Du es verlangst, so will ich Dir auch das gleich erzählen. Rosmer abwehrend. Nein, nein. Kein Wort will ich wissen. Was es auch sei, – ich habe Vergessenheit dafür. Rebekka . Aber ich nicht. Rosmer . O, Rebekka –! Rebekka . Ja, – das ist doch eben das Furchtbare: jetzt, da alles Glück der Welt mir mit vollen Händen geboten wird, – jetzt bin ich eine solche geworden, daß meine eigene Vergangenheit mir den Weg zum Glück versperrt. Rosmer . Deine Vergangenheit ist tot, Rebekka. Sie hat keine Gewalt mehr über Dich, – keinen Zusammenhang mehr mit Dir, – so, wie Du jetzt bist. Rebekka . Ach, mein Lieber, – das sind doch nur Redensarten. Und die Schuldlosigkeit? Wo nehme ich die her? Rosmer schwermütig. . Ja, ja – die Schuldlosigkeit. Rebekka . Die Schuldlosigkeit, ja. In ihr sind das Glück und die Freude. Das war ja die Lehre, die Du in jenen frohen Adelsmenschen der Zukunft lebendig machen wolltest – Rosmer . Ach, erinnere mich da ran nicht. Das war nur ein nicht zu Ende geträumter Traum, Rebekka. Eine übereilte Eingebung, an die ich selbst nicht mehr glaube. – Die Menschen lassen sich wohl nicht von außen her adeln. Rebekka leise. Meinst Du, nicht durch die stille Liebe? Rosmer gedankenvoll. Ja, – das wäre recht eigentlich das Große. Wohl die herrlichste Frucht unseres ganzen Lebens, mein' ich. – Wenn dem so wäre. Unruhig. Aber wie komme ich mit der Frage ins Reine? Wie komme ich ihr auf den Grund? Rebekka . Glaubst Du mir nicht, Rosmer? Rosmer . Ach, Rebekka, – wie kann ich ganz und unbefangen an Dich glauben? An Dich, die Du fortdauernd so sehr viel verheimlicht und verhehlt hast! – Jetzt kommst Du schon wieder mit etwas Neuem. Liegt dem irgend ein Zweck zugrunde, – so sag' es mir gerade heraus. Willst Du am Ende irgend etwas damit erreichen? Ich will ja so gern alles für Dich tun, was ich vermag. Rebekka ringt die Hände. Ach, diese tödlichen Zweifel –! Rosmer, Rosmer! Rosmer . Was? Ist es nicht furchtbar? Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich werde den Zweifel nie wieder los. Werde nie davon überzeugt sein, daß ich Dich in ganzer und reiner Liebe besitze. Rebekka . Aber legt denn in der Tiefe Deines Innern nichts Zeugnis dafür ab, daß mit mir eine Wandlung vor sich gegangen ist! Und daß diese Wandlung durch Dich gekommen ist, – durch Dich allein! Rosmer . Ach, Du, – ich glaube nicht mehr an meine Fähigkeit, Menschen umzuwandeln. Ich glaube an mich selbst in keiner Beziehung mehr. Ich glaube nicht an mich und nicht an Dich. Rebekka sieht ihn düster an. Wie willst Du denn da weiterleben? Rosmer . Ja, das weiß ich selbst nicht. Darüber bin ich mir nicht klar. Ich glaube nicht, daß ich weiter leben kann . – Und ich weiß auch auf der weiten Welt nichts, um dessentwillen es sich zu leben verlohnte. Rebekka . Ach, das Leben, – das hat seine Erneuerung in sich. Laß uns daran festhalten! Wir verlassen es noch immer früh genug. Rosmer springt unruhig auf. So gib mir den Glauben wieder! Den Glauben an Dich , Rebekka! Den Glauben an Deine Liebe! Beweise! Beweise will ich haben! Rebekka . Beweise? Wie kann ich Dir Beweise geben –! Rosmer . Das mußt Du! Geht auf und ab. Ich ertrage sie nicht, diese öde, – diese entsetzliche Leere,– diese – diese – Es klopft heftig an die Tür des Vorzimmers. Rebekka fährt vom Stuhl empor. Ah, – hast Du gehört! Die Tür wird geöffnet. Ulrik Brendel tritt ein. Er trägt ein Manschettenhemd, schwarzen Rock und gute Stiefel, in denen die Hosen stecken. Sonst ist er gekleidet wie das letzte Mal. Er sieht verstört aus. Rosmer . Ach, Sie sind es, Herr Brendel! Brendel . Johannes, mein Junge, – meinen Gruß – und leb' wohl! Rosmer . Wo wollen Sie so spät hin? Brendel . Bergab. Rosmer . Wie –? Brendel . Ich will jetzt heimwärts, mein teurer Jünger. Ich habe Heimweh bekommen nach dem großen Nichts. Rosmer . Ihnen ist etwas geschehen, Herr Brendel! Was ist es? Brendel . So? Fällt Dir die Veränderung auf? Ja, – das muß es wohl. Als ich das letzte Mal diesen Saal betrat, – da stand ich als begüterter Mann vor Dir und schlug an meine Brusttasche. Rosmer . So! Ich verstehe nicht ganz – Brendel . Aber wie Du mich in dieser Nacht siehst, bin ich ein entthronter König auf dem Aschenhaufen meines Schlosses, das in Feuer aufgegangen ist. Rosmer . Wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann – Brendel . Du hast Dir Dein Kinderherz konserviert, Johannes. Kannst Du mir etwas vorschießen? Rosmer . Ja, herzlich gern! Brendel . Kannst Du ein Ideal oder zwei entbehren? Rosmer . Was sagen Sie da? Brendel . Ein paar abgelegte Ideale! Dann tust Du ein gutes Werk. Denn ich bin jetzt blank, mein lieber Junge. Bettelarm. Rebekka . Sie konnten wohl Ihre Vorträge nicht halten? Brendel . Nein, meine verführerische Dame. Was meinen Sie! Ich stehe da, das Horn des Überflusses auszuleeren, und in dem Augenblick mache ich die peinliche Entdeckung, daß ich bankrott bin. Rebekka . Und ihre ungeschriebenen Werke alle? Brendel . Fünfundzwanzig Jahre hab' ich dagesessen, wie der Geizhals sitzt auf seinem verschlossenen Geldschrein. Und gestern, – wie ich ihn öffnen und den Schatz herausholen will, – da war keiner drin. Der Zahn der Zeit hatte ihn zu Staub zerrieben. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts mehr da – rien du tout. Rosmer . Aber wissen Sie denn das so sicher? Brendel . Hier ist kein Zweifel mehr möglich, mein Liebling. Der Präsident hat mich davon überzeugt. Rosmer . Der Präsident? Brendel . Na ja, – oder die Exzellenz. Comme vous voulez. Rosmer . Aber wen meinen Sie denn? Brendel . Peder Mortensgård natürlich. Rosmer . Was! Brendel geheimnisvoll. Pst, pst, pst! Peder Mortensgård ist der Zukunft Häuptling und Herr. Nie habe ich vor eines Größeren Antlitz gestanden. Peder Mortensgård hat die Berufung zur Allgewalt. Er kann alles, was er will. Rosmer . Ach, glauben Sie das doch nicht. Brendel . Doch, mein Junge! Denn Peder Mortensgård will nie mehr, als er kann. Peder Mortensgård ist kapabel, das Leben ohne Ideale zu leben. Und das, – siehst Du, – das ist das große Geheimnis des Handelns und des Sieges. Das ist die Summe aller Weisheit dieser Welt. Basta! Rosmer halblaut. Jetzt begreife ich, – Sie gehen ärmer von hier, als Sie kamen. Brendel . Well! Also nimm Dir ein Exempel an Deinem alten Lehrer. Mach' einen Strich durch alles, was er Dir je eingeprägt hat. Bau' Deine Burg nicht auf trügerischen Sand. Und sieh Dich vor, – und prüfe Dich genau, – ehe Du auf dieses anmutige Geschöpf baust, das Dir hier Dein Leben versüßt. Rebekka . Meinen Sie mich? Brendel . Ja, Sie reizendes Meerweib. Rebekka . Weshalb sollte man nicht auf mich bauen können? Brendel einen Schritt näher. Ich habe mir sagen lassen, mein alter Schüler hat eine Lebensaufgabe zum Siege zu führen. Rebekka . Nun, und weiter –? Brendel . Der Sieg ist ihm sicher. Aber, – wohl gemerkt, – unter einer unumgänglichen Bedingung. Rebekka . Und die wäre? Brendel faßt sie behutsam am Handgelenk. Daß das Weib, das ihn liebt, fröhlich hinaus in die Küche geht und sich den feinen, rosenweißen kleinen Finger abhackt, – hier, – gerade hier am Mittelglied. Item, daß besagtes liebendes Weib – nicht minder fröhlich – sich das wunderbar geformte, linke Ohr abschneidet. Läßt sie los und wendet sich zu Rosmer. Leb' wohl, mein siegender Johannes. Rosmer . Sie wollen fort? Jetzt? In finsterer Nacht? Brendel . Die finstere Nacht ist das Beste. – Friede sei mit Euch! Er geht. Es ist eine Weile still in der Stube. Rebekka atmet schwer. Ach, wie dumpf und schwül es hier ist! Sie geht zum Fenster, öffnet es und bleibt davor stehen. Rosmer setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen. Es bleibt doch wohl nichts anderes übrig, Rebekka. Ich sehe es. Du mußt fort. Rebekka . Ja, ich sehe keine Wahl. Rosmer . Laß uns die letzten Augenblicke nutzen. Komm her und setz' Dich zu mir. Rebekka geht und setzt sich aufs Sofa. Was willst Du denn von mir, Rosmer? Rosmer . Zunächst will ich Dir nur sagen, Du brauchst um Deine Zukunft nicht besorgt zu sein. Rebekka lächelt. Hm. Meine Zukunft! Rosmer . Ich habe alle Möglichkeiten vorausgesehen. Schon lange. Was auch geschehen mag, es ist gesorgt für Dich. Rebekka . Auch das noch, Du Lieber. Rosmer . Das hättest Du Dir doch selbst sagen können. Rebekka . Schon Jahr und Tag sind darüber vergangen, daß ich an so etwas gedacht habe. Rosmer . Ja, ja, – Du meintest wohl, es könnte niemals anders werden zwischen uns, als es war. Rebekka . Ja, das meinte ich. Rosmer . Ich auch. Aber wenn ich nun von der Welt müßte – Rebekka . Ach, Rosmer, – Du lebst länger als ich. Rosmer . Es steht doch wohl in meiner Macht, mit diesem elenden Leben zu machen, was mir beliebt. Rebekka . Was heißt das! Du denkst doch wohl nun und nimmermehr daran – Rosmer . Würde Dich das wunder nehmen? Nach der kläglichen, jämmerlichen Niederlage, die ich erlitten habe! Ich, der ich mein Lebenswerk zum Siege führen wollte –. Und nun habe ich das Ganze im Stich gelassen, – noch ehe die Schlacht recht eigentlich begonnen hatte! Rebekka . Nimm den Kampf wieder auf, Rosmer! Versuch' es nur, – und Du wirst sehen, Du siegst. Du wirst Hunderte, – Du wirst Tausende von Seelen adeln. Versuch' es nur! Rosmer . Ach, Rebekka, – ich habe doch kein Zutrauen mehr zu meinem eigenen Lebenswerk. Rebekka . Aber Dein Werk hat ja schon die Probe bestanden. Einen Menschen hast Du doch jedenfalls geadelt. Mich, – für mein ganzes Leben. Rosmer . Ja, – wenn ich Dir da rin glauben könnte. Rebekka preßt die Hände zusammen. Ja, Rosmer, – weißt Du denn nichts – gar nichts, das Dir den Glauben geben könnte? Rosmer fährt wie schaudernd zusammen. Komm nicht da rauf! Nicht weiter, Rebekka! Kein Wort mehr! Rebekka . Doch, gerade müssen wir darüber reden. Weißt Du etwas, das den Zweifel ersticken könnte? Denn ich weiß wirklich nichts. Rosmer . Gut für Dich, daß Du nichts weißt. – Gut für uns beide. Rebekka . Nein, nein, nein, – dabei kann ich mich nicht beruhigen! Weißt Du etwas, das mich in Deinen Augen freisprechen kann, so fordere ich als mein Recht, daß Du es sagst. Rosmer . als ob er gegen seinen Willen unwillkürlich dazu getrieben wird. Also laß uns einmal sehen. Du sagst, die große Liebe wäre in Dir. Durch mich wäre Deine Seele geadelt. Ist dem so? Hast Du richtig gerechnet, Du? Wollen wir die Probe aufs Exempel machen? Was? Rebekka . Ich bin dazu bereit. Rosmer . Wann soll das sein? Rebekka . Das ist mir gleich. Je früher desto besser. Rosmer . So – laß mich denn sehen, Rebekka, – ob Du, – um meinetwillen, – noch diesen Abend – Bricht ab. Nein, nein, nein! Rebekka . Doch, Rosmer! Doch, doch! Sag' es – und Du wirst sehen. Rosmer . Hast Du den Mut, – bist Du willens, – fröhlich, wie Ulrik Brendel sagte, – um meinetwillen – noch in dieser Nacht, – fröhlich, – denselben Weg zu gehen, – den Beate gegangen ist? Rebekka erhebt sich langsam vom Sofa und sagt fast tonlos: Rosmer –! Rosmer . Ja, Du, – das ist die Frage, von der ich nie loskommen werde, – wenn Du fort bist. Jeden Tag und jede Stunde werde ich auf diese selbe Frage zurückkommen. Mir ist, als sähe ich Dich leibhaftig vor mir. Du stehst draußen auf dem Steg. Mitten auf dem Steg. Jetzt beugst Du Dich über das Geländer! Dir schwindelt, und es zieht Dich hinab in den Wasserschwall! Aber nein! Du weichst zurück. Du wagst es nicht, – was sie gewagt hat. Rebekka . Wenn ich nun aber doch den Mut hätte? Und den fröhlichen Willen? Was dann? Rosmer . Dann müßte ich Dir wohl glauben. Dann würde ich wohl den Glauben an mein Lebenswerk zurückgewinnen. Den Glauben an meine Fähigkeit, Menschengemüter zu adeln. Den Glauben an die Fähigkeit des Menschengemüts, sich adeln zu lassen. Rebekka nimmt langsam ihren Schal, wirft ihn über den Kopf und sagt mit Selbstbeherrschung: Du sollst Deinen Glauben wieder haben. Rosmer . Hast Du den Mut und den Willen – da zu, Rebekka? Rebekka . Darüber kannst Du morgen entscheiden, – oder später, – wenn sie mich herausfischen. Rosmer greift an seine Stirn. Es liegt ein lockendes Grauen darin –! Rebekka . Denn ich möchte nicht gern da unten liegen bleiben. Nicht länger als nötig. Es muß dafür gesorgt werden, daß sie mich finden. Rosmer springt auf. Aber das alles, – das ist ja Wahnsinn. Reise, – oder bleib! Ich will Dir auch diesmal noch auf Dein bloßes Wort glauben. Rebekka . Redensarten, Rosmer. Jetzt nicht wieder Feigheit und Flucht! Wie kannst Du mir fortan noch auf mein bloßes Wort und auf weiter nichts glauben? Rosmer . Ich will aber nicht Deine Niederlage sehen, Rebekka! Rebekka . Es wird keine Niederlage. Rosmer . Es wird eine. Nie und nimmer denkst Du daran, den Weg Beatens zu gehen. Rebekka . Du glaubst nicht? Rosmer . Nimmermehr. Du bist nicht wie Beate. Du stehst nicht unter der Macht einer verpfuschten Lebensanschauung. Rebekka . Aber ich stehe unter der Macht der Lebensanschauung von Rosmersholm – jetzt . Was ich verbrochen habe, – das sühne ich, wie es sich gebührt. Rosmer sieht sie fest an. Auf dem Standpunkt stehst Du? Rebekka . Ja. Rosmer entschlossen. Nun wohl. Dann stehe ich unter der Macht unserer frei gewordenen Lebensanschauung, Rebekka. Es ist kein Richter über uns. Und darum müssen wir sehen, wie wir selbst Justiz üben. Rebekka mißversteht ihn. Auch das. Auch das. Mein Heimgang wird das Beste in Dir retten. Rosmer . Ach, an mir ist nichts mehr zu retten. Rebekka . Doch, doch. Aber ich – ich würde fortan nur wie ein Meertroll sein, der hemmend an dem Schiffe hängt, auf dem Du vorwärts segeln sollst. Ich muß über Bord. Oder soll ich am Ende hier oben auf der Welt umhergehen und ein verkrüppeltes Leben mit mir herumschleppen? Brüten und grübeln über das Glück, um das meine Vergangenheit mich gebracht hat? Ich muß heraus aus dem Spiel, Rosmer. Rosmer . Wenn Du gehst, – so gehe ich mit Dir. Rebekka lächelt fast unmerklich, sieht ihn an und sagt leiser: Ja, Du, komm mit, – und sei Zeuge – Rosmer . Ich gehe mit Dir, sage ich. Rebekka . Bis an den Steg, jawohl. Hinauf getraust Du Dich ja doch nicht. Rosmer . Hast Du das bemerkt? Rebekka schwermütig und gebrochen. Ja. – Das eben hat meine Liebe hoffnungslos gemacht. Rosmer . Rebekka, – hier lege ich meine Hand auf Dein Haupt. Tut, wie er spricht. Und nehme Dich zur Ehe als mein rechtmäßiges Weib. Rebekka ergreift seine beiden Hände und neigt das Haupt an seine Brust. Ich danke Dir, Rosmer. Läßt ihn los. Und nun gehe ich – fröhlich. Rosmer . Mann und Weib sollen miteinander gehen. Rebekka . Nur bis zum Steg, Rosmer. Rosmer . Und hinauf auch. So weit Du gehst, so weit gehe ich mit Dir. Denn nun getraue ich mich. Rebekka . Bist Du so unerschütterlich davon überzeugt, – daß dieser Weg für Dich der beste ist? Rosmer . Ich bin überzeugt, es ist der einzige. Rebekka . Wenn Du Dich nun darin täuschst? Wenn es nur ein Blendwerk wäre? Eins von den weißen Rossen auf Rosmersholm. Rosmer . Das könnte schon sein. Ihnen entgehen wir ja doch nicht, – wir hier auf dem Hof. Rebekka . So bleib, Rosmer! Rosmer . Der Mann soll seinem Weibe folgen wie das Weib seinem Manne. Rebekka . Sag' mir zuerst dies eine. Bist Du es, der mir folgt? Oder bin ich es, die Dir folgt? Rosmer . Dem kommen wir nie ganz auf den Grund. Rebekka . Ich möchte es doch so gern wissen. Rosmer . Von uns beiden folgt eins dem andern, Rebekka. Ich Dir und Du mir. Rebekka . Das glaube ich beinah auch. Rosmer . Denn nun sind wir beide eins . Rebekka . Ja. Nun sind wir eins . Komm! So laß uns fröhlich gehen. Sie gehen Hand in Hand durch das Vorzimmer, und man sieht, wie sie sich nach links wenden. Die Tür bleibt hinter ihnen offen. Eine Weile ist das Zimmer leer. Dann öffnet Madam Helseth die Tür rechts. Madam Helseth . Fräulein, – der Wagen ist jetzt –. Sieht sich um. Nicht da? Zusammen aus um diese Zeit? Na – da muß ich aber doch sagen –! Hm! Geht hinaus in das Vorzimmer, sieht sich um und kommt wieder herein. Nicht auf der Bank. Nein, nein. Geht ans Fenster und sieht hinaus. Jesus! Jesus! Das Weiße da –! – Ja, meiner Seel' – da stehen die beiden auf dem Steg! Gott verzeih' den sündigen Menschen! Sie umschlingen sich mit den Armen! Schreit laut auf. Oh – hinüber und hinein – alle beide! Hinein in den Graben. Zu Hilfe! Zu Hilfe! Ihr beben die Knie; sie hält sich zitternd an der Stuhllehne fest und kann kaum die Worte herausbringen: Nein. Hier keine Hilfe. – Die Selige hat sie geholt.