Ödön von Horváth Sportmärchen Der Faustkampf, das Harfenkonzert und die Meinung des lieben Gottes ! k. o. !! k. o. !!! heulten grelle Plakate in die Stadt; und der eines überhörte, dem sprangen drei ins Gesicht: !k. o. !!k. o. !!! Und nur ein einziges Zeitschriftlein wagte zu widersprechen; aus eines schwindsüchtigen Buchladens schmalbrüstiger Auslage wisperte sein fadenscheiniges Stimmlein: Harfenkonzert – – – Harfenkonzert – – – Tausende gingen vorbei bis einer es hörte; und das war ein grauer grober Mann, der sogleich stehen blieb; auf seine niedere Stirne zogen finstere Falten und aus seiner Tasche quoll ein großer gelber Zettel, den er knurrend auf das Fenster der Auslage klebte; und der Zettel brüllte bereits kaum die Scheibe berührend derart durchdringend, daß Männlein und Weiblein von weitumher zusammenliefen: !k. o. !!k. o. !!! Da verstummte das Zeitschriftlein, denn nun schwand auch seine letzte Hoffnung; und in dem Schatten, den das tobende Plakat auf sein kleines Titelblatt warf, ward es sich klar, daß seine Sache im Sterben sei. Und es schlich aus der Auslage, riß sich in Stücke und erhängte sich an einem gewissen Orte. Später, als man das dem lieben Gott mitteilte, da zuckte er die Achsel und meinte: »Hja, mein Gott – – –« Start und Ziel Manchmal plaudern Start und Ziel miteinander. Es sagt das Ziel: »Stände ich nicht hier – – – wärest du ziellos!« Und der Start sagt: »Das ist schon richtig; doch denke: wäre ich ziellos – – – was dann?« »Das wäre mein Tod.« Da lächelt der Start: »Jaja – – –so ist das Leben, Herr Vetter!« Der sichere Stand Einst kletterte ein Kletterer über einen berüchtigten ungemein brüchigen Grat empor – – – und fürwahr! er war ein kühner Bursche: denn selbst von Zacken mit Zipperlein (die nur noch den erlösenden Rülps ersehnten um die Fahrt nach dem Friedhof tief unten im Kar antreten zu können) rief er denen, die hinter ihm herkletterten, zu: »Kommt immer nur nach! Habe sicheren Stand!« Und einmal hielt er sich gar nur mit zwei Fingerspitzen der linken Hand an einem kaum sichtbaren Griff, doch schon rollte er rasch mit der Rechten das Seil ein und schrie: »Sicherer Stand!« – – – da seufzte sein Griff und brach ab: kopfüber flog er aus der Mutterwand und mit ihm unser Kletterer, während ein scharfer Stein schmunzelnd das Seil durchbiß – – – – – – und erst nach gut fünfhundert Metern klatschte er wie eine reife Pflaume auf eine breite Geröllterrasse. Aber sterbend schrie er noch seinen Gefährten zu: »Nachkommen! Sicherer Stand!« War das ein Optimist!! Legende vom Fußballplatz Es war einmal ein armer kleiner Bub, der war kaum sieben Jahre alt, aber schon loderte in ihm eine Leidenschaft: er liebte den Fußball über alles. Bei jedem Wettspiel mußt er dabei gewesen sein: ob Liberia gegen Haidhausen, ob Belutschistan gegen Neukölln – – – immer lag er hinter einem der Tore im Grase (meistens bereits lange vor Beginn) und verfolgte mit aufgerissenen runden Kinderaugen den mehr oder minder spannenden Kampf. Und wenn ein Spieler grob rempelte, ballten sich seine Händchen erregt zu Fäusten und mit gerunzelter Stirne fixierte er finster den Übeltäter. Doch wenn dann vielleicht gar gleich darauf des Schicksals Laune (quasi als Racheakt) ein Goal schoß, so tanzte er begeistert und suchte strahlend all den Anderen, die um ihn herum applaudierten, ins Antlitz zu schauen. Diese Anderen, die neben ihm lagen, waren ja meistens schon um ein oder zwei Jahre älter und andächtig horchte er, wenn sie sich in den ungeheuerlichsten hochdeutschen Fachausdrücken, die sie weiß Gott wo zusammengehört hatten, über die einzelnen Spieler und Clubs ergingen; ergriffen lauschte er trüben Weissagungen, bis ihn wieder ein wunderbar vollendet geköpfter Ball mit sich riß, daß sein Herz noch höher flog wie der Ball. So saß er oft im nassen Grase. Stundenlang. Der Novemberwind schmiegte sich an seinen schmalen Rücken, als wollt er sich wärmen und hoch über dem Spielplatz zog die Fieberhexe ihre Raubvogelkreise. Und als der Schlußpfiff verklungen war, da dämmerte es bereits; der kleine Bub lief noch einmal quer über das Feld und ging dann allein nach Hause. In den leeren Sonntagsstraßen war es ihm einigemale als hörte er Schritte hinter sich: als schliche ihm jemand nach, der spionieren wolle, wo er wohne. Doch er wagte nicht umzuschauen und beneidete den Schutzmann, der solch große Schritte machen konnte. Erst zuhause, vor dem hohen grauen Gebäude, in dem seine Eltern den Gemüseladen hatten, sah er sich endlich um: ob es vielleicht der dicke Karl ist mit dem er die Schulbank teilt und der ihn nie in Ruhe läßt – – – aber es war nur ein dürres Blatt, das sich mühsam die Straße dahinschleppte und sich einen Winkel suchte zum Sterben. Und am Abend in seinem Bette fror er trotz tiefroter Backen; und dann hustete er auch und es hob ihn vornüber, als haute ihm der dicke Karl mit der Faust in den Rücken. Nur wie durch einen Schleier sah er seiner Mutter Antlitz, die am Bettrande saß und ihn besorgt betrachtete; und er hörte auch Schritte im Zimmer, langsame, hin und her: das war Vater. Der Nordwind hockte im Ofenrohr und zu seinem Gesumm fingen Regenbogen an einen Reigen um ihn zu tanzen. Er schloß die Augen. Da wurd es dunkel. Und still. Doch nach Mitternacht wich plötzlich der Schlaf und feine Fingerknöchelchen klopften von außen an die Fensterscheibe – – – und er hörte seinen Namen rufen – – – »Hansl!« rief eine sanfte Stimme – – – »Hansl!« Da erhob sich der kleine Bub aus seinem Bette, trug einen Stuhl vor das Fenster, erkletterte ihn und öffnete – – –: draußen war tiefe stille Nacht; keine Trambahn läutete mehr und auch die Gaslaterne an der Ecke war schlafen gegangen und – – – vor seinem Fenster im vierten Stock schwebte ein heller Engel; der ähnelte jenem, welcher Großvaters Gebetbuch als Spange umschloß, nur, daß er farbige Flügel hatte: der linke blau und gelb: das waren die Farben des Fußballvereins von Oberhaching; der rechte rosa und grün: das waren die Farben dessen von Unterhaching; seine schmalen Füße staken in purpurnen Fußballschuhen, an silberner Sternenschnur hing um seinen Schwanenhals eine goldene Schiedsrichterpfeife und in den durchsichtigen Händen wiegte sich ein mattweißer Fußball. »Schau« sprach der Engel »schau!« und köpfte den Ball kerzengerade in die Höhe; der flog, flog – – – bis er weit hinter der Milchstraße verschwand. Dann reichte der Himmlische dem staunenden Hansl die Hand und lächelte: »Komm mit – – – zum Fußballwettspiel – – –« Und Hansl ging mit. Wortlos war er auf das Fensterbrett gestiegen und da er des Engels Hand ergriffen, da war es ihm als hätte es nie einen dicken Karl gegeben. Alles war vergessen, versank unter ihm in ewigen Tiefen – – – und als die beiden an der Milchstraße vorbeischwebten fragte der kleine Bub: »Ist es noch weit?« »Nein«, lächelte wieder der Engel, »bald sind wir dort.« Und weil Engel nie lügen leuchtete bald durch die Finsternis eine weiße rechteckige Fläche, auf die sie zuflogen. Anfangs glaubte Hansl es wäre nur ein Blatt unliniertes Papier, doch kaum, daß er dies gedacht hatte, erfaßte sein Führer auch schon den Rand; nur noch ein Klimmzug – – und es war erreicht! Doch wie erstaunte da der kleine Bub! Aus dem Blatt unliniertem Papier war eine große Wolke geworden, deren Oberfläche ein einziger herrlich angelegter Fußballplatz war; auf buntbewimpelten Tribünen saßen Zuschauer wie sie in solcher Zahl unser Kleiner noch bei keinem Wettspiel erlebt hatte. Und das ganze Publikum erhob sich zum Gruß und aller Augen waren voll Güte auf ihn gerichtet, ja selbst der Aufseher, der ihn doch sonst immer sofort hinter das Tor in das nasse Gras trieb, führte ihn unter fortwährenden Bücklingen auf seinen Platz: Tribüne (!) Erste Reihe (!!) Mitte (!!!) »Wie still nur all die Leute sind!« meinte der kleine Bub. »Sehr recht, mein Herr«, lispelte der Aufseher untertänig, »dies sind ja auch all die seligen Fußballwettspielzuschauer.« Unten am Rasen losten die Parteien nun um die Sonne-im-Rücken-Seite und – – –»das sind die besten der seligen Fußballspieler«, hörte Hansl seinen Nachbar sagen; und als er ihn ansah nickte ihm dieser freundlich zu: da erkannte er in ihm jenen guten alten Herrn, der ihn einst (als Borneo gegen Alaska verlor) vor dem dicken Karl verteidigte; noch hielt er den Rohrstock in der Hand mit dem er dem Raufbold damals drohte. Wie der dann lief! Unermeßliche Seligkeit erfüllte des armen kleinen Buben Herz. Das Spiel hatte begonnen um nimmermehr beendet zu werden und die Zweiundzwanzig spielten wie er noch nie spielen sah. Manchmal kam es zwar vor, daß der eine oder andere dem Balle einfach nachflog (es waren ja auch lauter Engel) doch da pfiff der Schiedsrichter (ein Erzengel) sogleich ab: wegen unfairer Kampfesweise. Das Wetter war herrlich. Etwas Sonne und kein Wind. Ein richtiges Fußballwetter. Seit dieser Zeit hat niemand mehr den armen kleinen Buben auf einem irdischen Fußballplatze gesehen. Regatta Tausend Fähnlein flattern im Wind: regettete regattata In hundert Segel speit der Wind: Huuuu – – – Einer wird Erster, einer wird Letzter: Regatta! Einer ist munter: regattattatatararaaa!!! Einer geht unter: r. Vom artigen Ringkämpfer Manche Menschen besitzen das Pech zu spät geboren worden zu sein. Hätte zum Beispiel der Ringkämpfer, den dies Märlein des öfteren ringen sah, Sonne und Sterne nur tausend Jahre früher von der Erde aus erblickt, so wäre er wahrscheinlich Begründer einer Dynastie geworden – – – so aber wurd er nur Weltmeister. Nichtsdestotrotz war er artig gegen jedermann. Selbst gegen unartige Gegner, selbst gegen ungerechte Richter. Nie hörte man ihn murren – er verbeugte sich höflich und rang bescheiden weiter; und legte alles auf beide Schultern. So ward er Beispiel und Ehrenmitglied aller Ringkämpfer-Kongregationen. Eines Nachts nun (es war nach seinem berühmten Siege über den robusten kannibalensischen Herkules) setzte sich Satan in persona an sein Bett und sprach wie eine Mutter zu ihrem Kinde: »Ach, du mein artiges zuckersüßes Würmchen, wenn du mir folgst und den bösen Erzengel besiegst, so schenk ich dir auch etwas Wunderwunderschönes!« »Was denn?« frug gar neugierig unser braver Ringkämpfer. »Die Welt!« flüsterte Satan und stach mit dem Zeigefinger in die Luft. Doch da gähnte der artige Knabe: »Danke dafür – – – bin ja bereits Weltmeister.« Vom unartigen Ringkämpfer War das ein unartiger Ringkämpfer! Wie der kratzte, pfauchte, biß und schlug! Haare ausriß, Bein stellte und Finger brach (selbst wenn der Gegner nur seine Hälfte wog!) – – – bei Gott! es war platterdings das unsportlichste Ungeheuer, das jemals die Matte entweihte! Und wie eitel er war! Sah über alles hinweg (wohl weil sein kurzes Köpfchen kraft seines Corpus alles überragte) und sprach nur mit dem Spiegel, vor dem er gar gerne, manchmal sogar schäkernd, seine Muskeln spielen ließ. Und als er sieben Jahre unbesiegt blieb, schwor er schier jeden Eid, daß es vor ihm noch nie einen Weltmeister gegeben habe. Eines Abends nun kam er an einem alten Kloster vorbei, dessen Kirchlein sich einst einen Turm gebaut, wohl um des lieben Gottes Stimme besser erhören zu können. Und rings um das Zifferblatt auf seiner Stirne mahnten die Worte aus Stein: »Unser Herr Tod Kennt kein Gebot« Als dies der unartige Weltmeister las, da fuhr ihm die Schlange Übermut ganz in den Bauch und juckte ihn dortselbst derart, daß er mit seinen Riesenhänden das Türmlein um den Hals packte; und feist grinsend preßte er dessen Kehle zu – – – bis die Turmspitze entseelt herabhing, wie eines Erhängten Kopf in Zipfelmütze. Nach dieser Untat verschwand unser starker Mann überaus befriedigt in dem Gasthof um die Ecke, zum »Asketen Sport«. Dort trank er roten und weißen Ungarwein und ließ die Päpstin der Amazonen hochleben – – – denn dies war die einzige Frau, die er schätzte. Und als er sie das siebenundsiebzigstemal hochleben ließ, da ward er plötzlich von dem Verlangen nach jener Einsiedelei geplagt, von der die Sage geht, daß man sie meistens nur durch einen hinteren Ausgang erreichen kann. Dort schrieb er, während er sich entleerte, mit Kreide an die Wand: »Unser Herr Tod Kennt kein Gebot« Da traf ihn der Schlag. Ein anderer Weltmeister war eingetreten und legte den unartigen Ringkämpfer auf beide Schultern, obwohl er körperlich weit leichter war, denn er bestand ja nur aus Knochen – – – Aber er besaß eine brillante Technik!! Der große und der kleine Berg Als einst der große Berg, der vor lauter Erhabenheit schon schneeweiß geworden war, dem kleinen Berge gebot: »Staune ob meiner Größe!« antwortete jener Felsenzwerg schnippisch nur dies: »Wieso?« Da reckte sich der Riese und sein Scheitel berührte die Wolken, als stünde Goliath in einer niederen Bauernstube – – – und durch seine drohende Stimme lief das Grollen der Lawinen: »Ich bin der Größere!!« Doch der kleine Berg ließ sich nicht einschüchtern: »Aber ich bin der Stärkere!« Wie lachte da der große Berg! Doch der Kleine wiederholte stolz: »Ich bin der Stärkere, denn ich bin der Schwierigere! Du wirst bei unseren Feinden, den Bergsteigerkreisen, nur als leicht belächelt, ich hingegen werde als sehr schwierig geachtet und gefürchtet. Mich ersteigen jährlich höchstens sieben! Und dich – – –? Blättere nur mal nach in deinem Gipfelbuch, dort steht der Unterschied unverfälschbar!« Auf das sichere Auftreten des bisher (über die Achsel) Angesehenen hin wurd der Große doch etwas stutzig und blätterte stirnrunzelnd in seinem Gipfelbuche und – – – oh, Graus! –: Namen, Namen, zehntausende! und was für Namen!! fünfjährige Kinder und achtzigjährige Lehrerinnen!! Er zitterte. Da bröckelten Steine aus seiner Krone und wurden als Steinschlag eines Bergsteigers Tod, der wenn er seinen Namen in ein Gipfelbuch schrieb, immer nur dies dachte: »Berge! staunet ob meiner Größe!« Und als dies der große Berg erfuhr, sagte er nur: »Wehe mir!« Was ist das? Zwei Schwergewichte werden als Zwillinge geboren und hassen sich schon in der ersten Runde ihres Daseins. Aber nie reicht die Kraft, um den anderen im freien Stil zu erwürgen, nie wirken die heimlich im Ring verabreichten Gifte genügend gefährlich und alle Schüsse aus dem Hinterhalt prallen von den zu Stein trainierten Muskelteilen (vom Gürtel aufwärts!) ab. Und so leben die beiden neunzig Lenze lang. Aber eines Nachts schläft der eine beim offengelassenen Fenster, hustet dann morgens und stirbt noch am selbigen Abend. Was ist das? Ein Punktsieg. Stafetten Nur an der Schaltjahre Schalttagen treffen sich die Brüder Stafetten zu einem gemütlichen Plausch. Die Stafette von und zu Ski erzählt von korrekt verschneiten Tannenwäldern, drolligen Lawinenkindern, neckisch vereisten Stellen und störig verharschten Sprunghügeln. Die Stafette aus dem Stadion ergeht sich in Prophezeiungen über die Aussichten der guten und schlechten Starts anläßlich einer Nachricht über Möglichkeit der Abhaltung des jüngsten Gerichts und liest zwecks seelischer Gesundung mahnende Stellen aus dem Werke »Das ewige Übergeben« vor. Die Schlittschuhstafette propagiert mit einem Temperament, das der Laie ihrer eisgrünen Hornbrille niemals zutraute, die Erbauung künstlicher Eisbahnen – – – wegen der immer mehr zunehmenden Impotenz der Stadtwinter. Und die Schwimmstafette gibt Ergötzlichkeiten aus Wiesenbächen und Weltmeeren zum besten; unter anderem, von einer neuentdeckten Sardinenart, für die der freie Stil ein Buch mit sieben Siegeln sei, und von menschenfressenden träumerischen Tiefseelilien. Zu all dem trinkt man köstlichen Kaffee und raucht seinen Lieblingstabak. Kurzum: unvergeßliche Stunden! Wintersportlegendchen Wenn Schneeflocken fallen binden sich selbst die heiligen Herren Skier unter die bloßen Sohlen. Also tat auch der heilige Franz. Und dem war kein Hang zu steil, kein Hügel zu hoch, kein Holz zu dicht, kein Hindernis zu hinterlistig – – – er lief und sprang und bremste derart meisterhaft, daß er nie seinen Heiligenschein verbog. So glitt er durch winterliche Wälder. Es war still ringsum und – – – eigentlich ist er noch keinem Menschen begegnet und auch keinem Reh. Nur eine verirrte Skispur erzählte einmal, sie habe ihn auf einer Lichtung stehen sehen, wo selbst er einer Gruppe Skihaserln predigte. Die saßen um ihn herum im tiefen Schnee, rot, grün, gelb, blau – – – und spitzten andächtig die Ohren, wie er so sprach von unbefleckten Trockenkursen im Kloster »zur guten Bindung«, von den alleinseligmachenden Stemmbögen, Umsprung-Ablässen und lauwarmen Telemarkeln. Und wie erschauerten die Skihaserln, da er losdonnerte wider gewisse undogmatische Unterrichtsmethoden! Vom wunderlichen Herrn von Bindunghausen I Wächtengleich droht des Herrn von Bindunghausen Burg dort droben auf jenem Sprunghügel, der trutzig verharscht in lawinenloser Landschaft wurzelt. Seht Ihr? – – – rings gleiten die eisblauen Berge als das ideale Skigelände in den glattgefrorenen See, an dessen Gestaden Seehundfelle röhren; und nirgends findet der Wanderer Straßen, nur Bobbahnen und statt der Pfade Rodelbahnen – – – und an so mancher stimmungsvollen Kurve mahnt zum inneren Bremsen ein Kreuz aus ungleichem Schneeschuhpaar. Sanft überwölbt der silbergraue Himmel Bilder emsiger Arbeit: um dereinst magere Jahre zu mästen verspeichert sich heute die Pulverschnee-Ernte, dort drinnen, wo das Skifett sich konserviert, des Burgherrn pikanteste Delikatesse. Und der Gemächer Wände verkünden aus großer Zeit der Vorfahren Ruhm: da hängen Schneereifenschilde, Skistocklanzen und krumme Säbel aus Schlittschuhstahl. Und der Wappen derer von Bindunghausen spricht: »Nur auf die Bindung kommt es an!« – – – (was aber angezweifelt werden kann) Wahrlich: ein bezaubernder Besitz! II Des Nachts, wenn am Hochgericht Sturm, Strick und Rad musizieren, besucht ihn die wilde Jagd – – –und jedesmal wieder führt er die Gäste gerührt in jenen einfachen Anschnallraum, in welchem König Winter MLXXVII. das letztemal nächtigte, als er gen Süden zum Frühling nach Canossa zog. III Leitartikel las er nur schlittschuhlaufend: Bogen links, Bogen rechts, Dreier, Dreiersprung, sprungpung – – – pung! da saß er am Hintern und tief im Teiche rief der Wassermann: »Herein!« Denn man darf nicht aufhören zu hoffen. So dachten auch die Nixlein unterm durchsichtigen Eis und zwinkerten ihm, wenns dämmerte aus Schlingpflanzen zu: »Kleiner komm runter – – –«. Sie waren zwar recht kitschig, doch nichts Menschliches blieb ihm fremd. IV Obwohl er durchaus kein Wüstling war, dürfte wohl seinem Geschlechtsleben auch der gebildete Laie Interesse entgegenbringen. Wahrscheinlich weil er wintersportlich empfand, reizten ihn nur weibliche Schneemänner. Wie peinlich für ihn, falls es mal zu sehr fror, doch um wie viel peinlicher für die Frauen, wenn er mal zu sehr transpirierte! Seine angetraute Gemahlin war jene zweieinhalbmeter hohe nibelungenhaft herbe Erscheinung, die ihm bereits sieben rassereine Albinos gebar: bei roten Äuglein weiß an Haut und Haar. Mutter und Kinder stellten fürwahr malerische Familienbilder. Und gar oft führte geile Intuition seine Finger und er formte am nahen Übungshügel Dicke, Dünne, Große, Kleine, Reife – – – so frönte er seiner Gefrierfleischeslust. V Weltberüchtigt war die große Kurve, die noch von niemandem befriedigend bezwungen worden war. Dieselbe richtig zu nehmen, war des Herrn von Bindunghausen Lebensziel – – –»dann erst« so sprach er zu seinen Söhnen »kann ich ruhig sterben. Denn Leben heißt Kurven nehmen.« – – – – – – Über das Meer Sowohl noch nie als auch schon oft habt Ihr folgende Geschichte gehört: Ein nüchternes Brustschwimmen wollte nach Amerika. Es sprang zu Le Havre ins Meer und schwamm – – – Tagelang. Jahrelang. Jedoch mitten am Meere wurde es müd. Schlief ein und träumte – – – Tagelang. Jahrelang. Und erwachte als romantisches Rückenschwimmen. Aus einem Rennradfahrerfamilienleben Er überrundet bereits die sechste Nacht im Sportpalast und sein Endspurt zwingt den Zeitrichter die Lichtsekundenstoppuhr zu zücken! Inzwischen streitet zuhause seine Frau mit der Nachbarin: »Was? ich habe ein Rad zuviel? ja – – – gibt es denn ein Rad mit weniger als zwei Rädern?!« Und was schreibt wohl dem Weihnachtsmann dieser beider Kindlein, das fast auf einem Damenrade geboren wurde, wäre seine geistesgegenwärtige Mutter nicht noch im allerletzten Augenblicke abgesprungen? Es schreibt: »Du guter Weihnachtsmann gib, daß ich bald kann radfahren um häuslichen Herd rascher als Mond um Erd« Dann schläft es ein und träumt, während Vater siegt und Mutter Reifen flickt, von Motorradelfen und dem Prinzeßlein im Beiwagen; und von Kühlerkobolden auf Märchenkraftwagen und den sieben radfahrenden Geislein, Bremshexen und Übersetzungsschlänglein – – – Begegnung in der Wand Als einst der geübte Bergsteiger von einer hehren Alpenzinne herabkletterte, begegnete er in der sich nach unten zu einem äußerst schwierigen Kamin verengenden plattigen Rinne dem ungeübten Bergsteiger. Der lag schon seit einigen Jahren an dieser Stelle. Kopfabwärts. Sein Rückgrat war gebrochen und lugte nun aus seiner Kehle wie eine schlechtsitzende Krawatte; dadurch hing sein Schädel hinten herunter als hätt er den Hals vergessen. Statt Kleider flatterten im kühlen Bergwind nur Fetzen der Wickelgamaschen um seine Knochen, auf denen sich am relativ besten die Fleischteile über der Brust behaupteten. Und er besaß nur mehr einen Arm, denn der andere hatte bereits zu letzt Frühjahr seinen Rumpf verlassen und war nach unten in die finstere Randkluft geflogen. Das Fliegen hatte jener wahrscheinlich den Jochgeiern abgeguckt, denen die Augen seines Herrn seinerzeit als Leckerbissen mundeten. Da nun der geübte Bergsteiger neben diesem Wesen an der Wand klebte, sprach er nach kurzem Gruße: »Wenn ein Ungeübter mit solch Schuhzeug (geschweige denn Kletterschuhe) hier herunterklettert, obendrein allein, so hab ich kein Mitleid!« »Verzeihen Sie – – –« erwiderte der ungeübte Bergsteiger »verzeihen Sie, daß als ich noch klein war über meinem Bette ein Gebirgsbild hing; denn seit jenen Jahren hört ich sie singen in mir: die Sehnsucht nach den blauen Bergen – – – ohne jemals auch nur einen Hügel erblickt zu haben. Und dies war meine erste – – –« »Man merkts«, unterbrach ihn der Geübte und hielt sich die Nase zu. »Jaja!« nickte die Leiche und lächelte leise. »Sichere Kletterer behalten immer Recht: es duftet nicht nach Hyazinthen – – – jedoch ich hoffe Sie werden mir trotzdem einen Gefallen tun: wenn Sie auch kein Mitleid mit mir haben. Aber ich sehe: Sie sind geübt und gelangen daher wieder heil hinab ins Tal. Und ich bitte: wären Sie nicht so liebenswürdig diese Postkarte, die ich bereits vor zwei Sommern an meine Mutter in Tilsit schrieb, mitzunehmen und in einen Briefkasten befördern?« »Warum nicht?« »Warum ja? – – – haben Sie Angst?« »Geben Sie die Karte her!!« schrie da der Sichere – – – und kaum fühlte er sie in der Hand, kletterte er fluchtartig, als drohten ihm Gewitterfinger, fort ohne Gruß von dem redseligen Leichnam. Doch dieser hat ihm noch freundlich nachgewunken mit seinem einen Arm: als er unten über den Ferner lief – – – bis er verschwand: dort hinter dem Buckel wo die Hütte liegt im Tal, das schon ganz in Schatten versank. Und bald umrangen auch Nachtnebel grau die verlassenen Gipfel und die Dunkelheit hielt Hochzeit im stillen Kar. Und irgendwo sang ein Salamander Ständchen – – – Da grub der ungeübte Bergsteiger aus einer Felsenspalte einen Führer hervor und las nach, welch Wand oder Grat seiner blauen Berge er noch nicht erklettert hat. Denn die Nächte gehören den Abgestürzten. Die Mauerhakenzwerge Unzählbare Mauerhaken stecken in Spalten und Falten der Felsen. Auf diesen turnt in Neumondnächten ein gar lustiges Völklein: die Mauerhakenzwerge. Da machen sie Handstand und Purzelbaum und nie kugelt einer herunter, denn sie sind derart winzig leicht, daß sie in der Luft klettern, wie wir, beispielsweise, in einem Kamin. Aber am Tage bleiben sie unsichtbar und treiben mit den Bergsteigern harmlosen Ulk. So unter anderem, wenn einer klettert, kneifen sie ihn in die Ohren oder krabbeln an seiner Nase, damit er sich kratzen muß; und kichern wenn er flucht. Gerät aber ein Gerechter in Lebensgefahr und finden seine zitternden Glieder weder Griff noch Tritt – – – so schweben die Mauerhakenzwerge heran und schmiegen sich dort an die Wand, wo er gerade einen Griff oder Tritt erfleht: wie ein Bienenschwarm mit weißen wallenden Bärten unter Tarnkäppchen und lassen sich als Stufe benützen – – – und der solch Stelle überwand, wundert sich hernach selber, wie dies nur möglich gewesen sei! Freilich: an die braven Mauerhakenzwerge denkt keiner. Und es sind doch so sehr sympathische Leute! Die Eispickelhexe Hoch droben in dem Lande in dem es weder Wälder noch Wiesen nur zerklüftete Eisäcker gibt, dort haust die Eispickelhexe. Statt den Zehen wuchsen ihr Pickelspitzen und ihre Zähne sind klein und aus blauem Stahl. Ihre Brüste sind mächtige Hängegletscher und – – – trinkt sie Kaffee mit Gemsenblut, darf niemand sie stören. Nicht einmal die Mauerhakenzwerge. Sie ist aller Eispickel Schutzpatronin. Drum in den Nächten auf den Hütten, wenn jene sich unbeobachtet meinen, schleichen sie aus den Schlafräumen ihrer Herrn: von den Haken herab, aus den Ecken heraus, unter den Bänken hervor – – – unhörbar zur Türe hinaus. Dort knien sie nieder und falten ihre Pickelschlingen und beten zum Schutzpatron um guten Schnee – – – Die Beratung Es war einmal ein Bergsteiger, der vernachlässigte in gar arger Weise seine Ausrüstung. Das ließ sich diese aber nicht länger mehr gefallen und trat zusammen zur Beratung. Die Nagelschuhe fletschten grimmig die Zähne und forderten, da er sie ständig fettlos ernähre, seinen sofortigen Tod. Darin wurden sie vom Seil unterstützt. Die Kletterschuhe zeigten ihre offenen Wunden dem Rucksack, der noch etwas ungläubig tat, da er erst gestern aus dem Laden gekommen war, und erzählten ihm erbebend den jeglicher Zivilisation hohnsprechenden Martertod seines Vorgängers. Der Eispickel bohrte sich gehaltvoll bedächtig in den Boden und sprach: »Es muß anders werden!« Und die Windjacke kreischte empört: »Er zieht mich sogar in der Stadt an!« Endlich ward man sich einig über seinen Tod bei der nächsten Tour: Die Windjacke sollte sich zuhause verstecken um überhaupt nicht dabei zu sein. Zuerst müßten dann die Nagelschuhe, vornehmlich mit ihren besonders spitzen Absatzzähnen, seine Fersen und Sohlen blutig beißen. Später in der Wand wird ihn der Rucksack aus dem Gleichgewicht bringen, wobei sich die Kletterschuhe aalglatt zu benehmen haben – – – und sogleich wird der Pickel in seine Gedärme dringen und das Seil ihn mit einer Schlinge erwürgen. Jedoch zu selbiger Zeit glitt der Bergsteiger auf der Straße über eine Apfelsinenschale und brach sich das Bein. Und – – – er würde sicher nicht mehr fluchen, daß er nun nie mehr in die Berge kann, wüßte er von der Beratung. Aus Leichtathletikland Als jener geniale Mensch, der als erster seines Geschlechtes aus der Baumwipfelheimat zu Boden sprang – – – da wurd die Leichtathletik geboren. Zu jenen Zeiten wuchs in allen Ländern nur Urwald – – – und schüchtern schritt das Gehen durch Dickicht und Dschungel. Doch eines Abends grunzte im Moor das Riesenschwein und wieder verdämmerte ein Zeitalter; ein neues pochte an die Pforten unseres Planeten: denn nun lief das Gehen! Jedoch erst vieltausend Jahre später teilte der Häuptling die Menschheit in Kurzstrecken- und Langstreckenläufer. (denn naturgemäß mußte lange Zeit verfließen, ehe selbst ein Häuptling zwischen Schenkel und Schenkel unterscheiden konnte) Und nun lief das Langstreckenlaufen unzählbare Male um die Erde und wurd weder müde noch alt – – – aber der Wald ward gar bald zum Greis; die vielen Jahre hatten Höhlen in seine Knochen gegraben und saßen nun drinnen und sägten und sägten; und fällten die stolzen Stämme, deren Leichen das Langstreckenlaufen oft zu meilenlangen Umwegen zwangen. Eines Morgens flog an dem Langstreckenlaufen ein Schmetterling vorbei, der derart lila war, daß das »Lang« ihm sogleich nachhaschte wie ein einfältiges Mädchen. Über die Lichtung und dann immer tiefer und tiefer hinein in den Wald. Bis die Sonne sank, der Falter verschwand und die Nacht hob die dunkle Hand. Nun erst griff sich das »Lang« an die Knie (seinen Kopf) und machte kehrt – – – doch wohin es sich auch wand, überall lagen Leichen der Riesenbäume. Sechs Tage und sechs Nächte saß nun das »Lang« gefangen auf Moos und spreizte verzweifelt die Zehen. Es war still – – – nur ab und zu stöhnte ein sterbender Stamm. Und die Luft murmelte lau – – – In der siebenten Mitternacht (es war vor Angst bereits halbtot) rief eine helle Stimme: »Siehe, dort liegt eine tote Tanne! Gehe hin und befolge das Gebot, du Auserkorener!« Da senkte das Langstreckenlaufen gläubig die abgezehrten Zehen und rannte blind und bleich auf die dunkle Masse zu – – – zwei Urhasen im Unterholz schrien gellend auf, denn sie sahen es bereits mit gespaltenen Kniescheiben vermodern – – – jedoch im allerletzten Augenblick hob ein beflügeltes weißes Wesen das »Lang« über den toten Riesen und ließ es drüben unversehrt zu Boden gleiten. Da falteten die beiden ungläubigen Urhasen die Ohren und lobpreisten laut die Allmacht; es war ja ein Wunder geschehen: Hochsprung ist erstanden! Wie unendliche Heuschreckenschwärme flog das Gerücht vom heiligen Hochsprung über die Welt und allüberall sang man Dankchoräle. Als aber kurze Zeit darauf auch das Kurzstreckenlaufen einen Hochsprung vollführte, glaubte niemand mehr an das Wunder. Und die folgende Generation glaubte überhaupt nichts mehr – – – denn nun konnte ja jeder schon vom dritten Lebensjahre ab hochspringen. Sogar aus dem Stande. Da aber erzürnte der liebe Gott gar sehr ob der allgemeinen Gottlosigkeit und sprach zum Eis: »Eis, tust du meinen Willen nicht, so geb ich dir die Sonne zum Gemahl!« Sogleich warf sich der Vater aller Winter auf den Bauch vor Gott; und gerade dort, wo er den Nabel trug, drehte sich die Erde. (– – – und grimmige Kälte und grüner Frost erwählten die Erde zu ihrem Brautbett und finstere Stürme triumphierten. Alles erstarb ohne verwesen zu dürfen. Es waren Bilder, wie sie grausiger kaum an Verfolgungswahn leidende Insassen der Hölle hätten malen können. Die wenigen, deren Blut nicht stillstand, hausten in Höhlen und weinten bittere Eiszapfen) Und das Eis sprach zu Gott: »Ich werde dein Wille, Herr!« Und der Allgütige antwortete: »So stehe auf! Denn allein wenn du so sagst, sind sie genügend gestraft!« Kaum war das Wort verklungen schien die Sonne wieder auf die Erde und all die Eiszapfentränen schmolzen und bildeten mächtige Ströme – – überall; einmal sogar zwischen einem Liebespaar. So entstand der Weitsprung. Und selbst die reuigsten Sünder konnten nicht umhin fest zu fühlen, daß dies kein Wunder sei, sondern nur natürlich. Daher beantragten sie (eben weil es kein Wunder war) ein Weitsprungverbot. Aber eben weil es natürlich war blieb es immer nur beim Antrag. Erst bedeutend später verfertigte ein Geistvoller, der weder Gott noch Weib verehrte, einen Stab, mit dem der Hochsprung einen hochaufgeschossenen Sohn zeugte: den Stabhochsprung der heutzutage besonders beim Sportphotographen beliebt ist. Randbemerkung zu Satz eins Nur um der Wahrheit Willen soll corrigieret werden, was aus Bequemlichkeit der Ausdruckweise Überlieferung geworden war – – – daß nämlich jener geniale Mensch von jenem Baume nicht heruntersprang, sondern bloß herunterfiel. Und selbst kopfunten warf er noch heulend Gebetbrocken an den Horizont: denn damals herrschte in unserem Geschlechte der Glaube, daß am Boden nicht zu leben sei. Als er aber ebendortselbst dank seines vortrefflichen Genickerbauers heil landete, staunte er zunächst stumm ob des nicht eintretenden Todes. Doch bald verkündete er mit lauter Lunge seinen Brüdern und Schwestern, daß er heruntergesprungen sei. Dies war seine geniale Tat. Und begeistert sprangen ihm die Geschwister nach ins neue Land; in der alten Heimat gab es nämlich bereits zu viel Menschen und zu wenig Äste. Freilich mit der neuen entdeckten sie auch nicht das Paradies: denn damals herrschten noch Drachen. Aber es waren ja bei dem Sprung aus dem Vaterlande nicht gerade alle auf den Kopf gefallen: einige wußten Rat. Mit Steinen und spitzen Stämmen (den Ahnen von Diskos und Speer) rotteten sie die Ungeheuer mit Müh und Plag nach und nach aus. Aber nur so, durch Leid geläutert, konnte sich die Leichtathletik entfalten. Und das ist doch Fortschritt – – – und uns allen liegt auch nichts ferner als dies: jenem Mitmenschen die kleine Formlüge nicht verzeihen zu können. Juppiter Fürchtegott Weltrekordinhaber h. c. Weitere Sportmärchen Persönlichkeiten Ein Fesselballon lag in der Luft, nicht allzuhoch, und fühlte wie fest er mit der Erde verbunden und wußte auch, daß wenn diese Verbindung reißen sollte (was Gott verhüten wolle!) er verloren wäre. Trotzdem betrachtete er mit stiller Zufriedenheit immerzu dasselbe Stückchen Land; und da es eben nur ein Stückchen war, sah er auch oft und lange in den Himmel. Doch bald flog ein weißer Walfisch stolz an ihm vorbei: es war das lenkbare Luftschiff, das, weil es kein Tau mit Mutter Erde verband, in solch kurzer Zeit über solch verschiedene Länder flog, daß seine Augen vom vielen Nach-unten-schauen dem Himmel eben abgelenkt waren. Ganz oben aber produzierte ein Flugzeug immerzu nur Sturzflüge, und sah weder Himmel noch Erde – denn es mußte ja so sehr auf seinen Motor aufpassen. So erzählte mir dies tief unten am Teiche ein romantisches Rückenschwimmen. Das Sprungbrett Ein Sprungbrett ärgerte sich grün und gelb, da es ständig nur solche Gedanken spann: »Bei Poseidon! Es ist doch empörend, daß sich diese Springer nur dann in die Höhe schnellen können, wenn sie mich niederdrücken!« Und an einem heißen Sommersonntagnachmittag riß ihm endlich die Geduld: als nun Einer, der es durch seine zahllosen Kopfsprünge am häufigsten gedemütigt hatte, zum Salto ansetzend es zum ixtenmal brutal hinabdrückte, brach es sich einfach selber ab. Dadurch fiel der Springer aber weder auf Hirn noch Hintern, sondern platschte auf seinen Bauch, der platzte. Da war er tot. Sehr stolz ob dieser gewonnenen Schlacht wiegte sich nun das Sprungbrett auf den Wellen. Doch bald und unerbittlich kam die Erkenntnis, daß der Sieg wohl an der Form, nicht aber am Wesen seiner Lage eine Änderung brachte: denn nun wurde es eben als Balken von ermüdeten Schwimmern mißbraucht, die sich auf ihm ausruhten indem sie es niederdrückten. Moral: Solange ein Sprungbrett das Schwimmen nicht verbieten kann, solange entgeht keiner seinem Schicksal! »Nur auf die Bindung kommt es an!« Es waren einmal zwei Schneeschuhläufer. Der eine konnte hervorragend laufen besaß aber, da er sehr arm war, nur billigste Bindung auf schlechten Brettern. Der andere konnte überhaupt nicht laufen, höchstens stehen, besaß aber, da er sehr reich war, vorteilhafteste Bindung auf wundervollgeschwungenen Brettern. Nun sprang der Arme über den Hügel so an die vierzig Meter, brach sich aber der vermaledeiten Bindung wegen den Knöchel. Der Reiche sah ihm dabei zu und dachte nicht daran zu springen; war vielmehr froh, daß er stand. Und der Sachverständige sprach: »Nur auf die Bindung kommt es an!« Der Fallschirm Ein Fallschirm sprach zum Flieger, seinem Herrn: »Zahlst du mir heut Abend wieder kein Glas Bier, so verschließe ich mich, springst du morgen aus dem Flugzeug, wie eine hartherzige Geliebte!« Doch der Flieger lachte nur: »Du mußt dich öffnen, mein Lieber, kenne dich ja zu genau!« Aber der Fallschirm fuhr fort: »Ich weiß, daß du mich erfunden und erbaut, jedoch: hüte dich! Denn folgst du etwa dessen Geboten, der dich ersann? Beichtest du, fastest du –?« Da erbleichte der Flieger, sein Mut erstarrte zu Angst und er lief zum Priester beichten und tat im Dom das feierliche Gelöbnis, daß er von nun ab jeden Freitag fasten werde. Aber trotz all dem tötete ihn tags darauf sein Fallschirm: der hat seine Drohung verwirklicht – weil er sich selber das Bier zahlen mußte. Die Regel Der Hochsprung und der Weitsprung waren Todfeinde. Das kam so: Der Hochsprung behauptete, Höhe sei im Leben das Erstrebenswerteste und benahm sich daher gegenüber dem Weitsprung wie ein arroganter Aristokrat. Der Weitsprung hingegen betonte bei jeder mehr oder minder geeigneten Gelegenheit, wohl sei Höhe ein schöner Faktor, jedoch man müsse auch vom Flecke kommen, wenn man die Dinge von der praktischen Seite aus betrachte, und das sei Pflicht des Staatsbürgers und – – »Bitte« unterbrach ihn der Hochsprung und führte ihn an einen Zaun, den er fast ohne Anlauf nur so überschwebte. Doch der Weitsprung versuchte gar nicht zu springen, sondern führte den Hochsprung an einen breiten Fluß – und sein »Bitte« tönte bereits vom anderen Ufer herüber. Der Hochsprung hätte ja nun auch stehen bleiben können, aber eben weil er Hochsprung hieß, biß er die Zähne zusammen und schnellte sich in die Wolken empor – Das war ein Sprung! Doch da es nur Höhe war, stürzte er kopfüber in die Wogen; Stromschnellen sprangen über ihn, in seine Gurgel gurgelten Wirbel und der Grund ergriff ihn mit schlammigen Händen – – Erbärmlich ertrank der stolze Hochsprung. Jedoch ein regelbegeisterter Zwerg, der zu selbiger Zeit an besagtem Flußufer unter einem Farnkraute saß und Wasserflöhe fischte, hat mir erklärt, daß der Weitsprung ebenfalls ersoffen ist: logischerweise – – denn nach den Regeln aller Verbände gilt ein Weitsprung nur dann als vollbracht, wenn der ihn Ausführende beim Aufsprung im Stande geblieben ist. Und das war unser Weitsprung nicht. Also – Die beiden Magenschwinger Es war einmal ein uralter Kampfrichter, der hatte in seinem Leben bereits so Viele ausgezählt, daß, wenn man heute alles zusammenzählte, dies sicherlich die Summe von über einer Million ergeben würde. Zu diesem berühmten Salomo stürzte nun eines Tages der einarmige Magenschwinger-links, fuchtelte erregt mit seinem Vierunzenhandschuh und sprach voll ehrlicher Verzweiflung: »Oh Gott, was soll ich nur tun?!« mein Bruder der Magenschwinger-rechts wurde meineidig! beschwört, er besäße härtere Schlagkraft wie ich!« »So ist das ein Fehler im System!« unterbrach ihn der Richter »Rechts und links sollen gleich sein: dies ist heilig Wort!« »Wahr bleibt das Wort, denn wir sind gleich!« »Oh nein!« lächelte weise der Greis. »Denn höre: wäret ihr gleich kämet ihr beide – oder auch: es würde mich Vetter Kinnhaken rufen um den unglücklicheren auszuzählen. So aber seh ich: leider hat dein Bruder recht: denn wäre er nicht der stärkere, kämst du auch nicht zu mir. Doch, wie ich euch kenne –« und da verbeugte er sich leicht – »hast sicher du den besseren Charakter!« Tiefgerührt verließ Magenschwinger-links den Richter und strafte von nun ab seinen Bruder mit Verachtung. Jedoch eines Morgens stellte ihn dieser ob seines blöden Benehmens, das sich ein Mann in der Stellung eines Magenschwingers-rechts unmöglich (selbst vom eigenen Vater) gefallen lassen durfte; und nachdem er ihm mit der unbehandschuhten Faust einige blaugrüne Flecken beigebracht hatte, war Magenschwinger-links nicht nur mehr davon fest überzeugt, daß er selbst der weitaus bessere, sondern auch, daß sein Bruder der Magenschwingerrechts ein richtiger Verbrecher ist. Sommer und Winter Sowohl noch nie, als auch schon oft habt Ihr folgende Geschichte gehört: Ein Skisprunghügel aus Holz erbaut lebte auf einem regelrecht geneigten Hange; es war Winter und er hörte tagtäglich entzückt: »Ist das ein prächtiger Sprunghügel!« Und weil er dies eben tagtäglich hörte, wurde er größenwahnsinnig und leugnete selbst entfernteste verwandtschaftliche Bande zu den rings um ihn kauernden Bäumchen, die traurig unter der Schneelast in sich gegangen waren. – Später aber schmolz der Schnee und die Bäumchen reckten und streckten sich wie ebenerwachte Katzenkinder und zogen ein gar wunderbar grünes Kleidchen an; nun wurde der Sprunghügel von niemandem mehr beachtet, sondern mußte vielmehr tagtäglich hören: »Sind das liebliche Bäumchen!« Und als gar Einer sagte: »Sieh nur Tante Agathe, welch häßliche kahle Bretter! Wie die alles verhunzen!« Da dachte er an Selbstmord. Doch neues Leben zog in sein verzagendes hölzernes Herz, da Tante Agathe antwortete: »Wart nur auf den Winter!« Die drei Gesellen Im Wirtshaus zum »Asketen Sport« saßen in einer Ecke drei Gesellen beim Bier. »Ich trinke auf die Kraft!« sprach der eine mit Stentorstimme aus griechisch-römischem Brustkasten. »Ich trinke auf den harten Schlag!« sprach der zweite und unbewußter Weise ballten sich seine Hände zu Fäusten. »Ich trinke auf die Gewandtheit!« sprach der dritte, ein dürres Männlein mit gelben Schlitzaugen, der auf seinem Stuhle saß wie eine Schlange, die sich zwingt aufrecht zu tun. Nachdem nun alle drei getrunken haben, wollte ein jeder den eigenen Trinkspruch mit Erläuterungen versehen – leider: gleichzeitig. Denn da hörte ein jeder nur sich selbst, was zur Folge hatte, daß keiner den anderen verstehen konnte, was wiederum zur Folge hatte, daß alle drei in Wut gerieten. Und die Wut wuchs und wuchs bis zu pompöser Keilerei – immer einer gegen zwei! Dazu benötigt man aber bekanntlich genau so viel Kraft, wie harten Schlag und Gewandtheit. Jedoch erst am nächsten Morgen brachte sie der Spiegel zu dieser Erkenntnis. Da saßen sie nun im Stübchen und schrieben in ihre Tagebücher mit gefühlsdurchdrungenen Lettern: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede unter den Sportlern auf Erden, sofern sie guten Willens sind!« Was heißen soll: »– sofern sie dem Leben abgewandt bleiben.«