Friedrich Huch Enzio Ein musikalischer Roman Es war ein weites, bequem eingerichtetes Gemach, das noch soeben von zwei Stimmen erfüllt gewesen war, die lebhaft, hoffnungsvoll und heiter redeten, befreit von einem schweren Druck. Eine verstaubte Flasche alten Weines stand auf dem Flügel, der schräg die Mitte des Zimmers beherrschte, neben ihr zwei halbgeleerte Gläser, undeutlich beleuchtet von einer elektrischen Stehlampe mit grünem Seidenschirm. Ihr Schein fiel voll auf eine Partitur, deren Zeichen vielfach durchstrichen, verbessert und noch nicht vollendet waren. An den Wänden hingen sehr große Lorbeerkränze mit goldbedruckten roten Bändern. Jetzt öffnete sich die Tür wieder, und der Kapellmeister trat herein. Er stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus und ließ sich in einen Sessel fallen, wie jemand, der nach langem Kranksein, nach schließlicher Operation endlich aus dem Hospital entlassen, sich auf diesen Augenblick mit einem abschließenden: Gott sei Dank schon tagelang gefreut hat. Alles glücklich überstanden! murmelte er für sich, alles am Ende noch gut abgelaufen, aber es hat meine Nerven doch sehr heruntergebracht. – Er starrte in einen Winkel, fühlte eine leise Übelkeit, der sich sogleich der Wunsch anreihte, sich zu stärken, und sah verlangend nach der Weinflasche. Aber sollte er schon wieder aufstehen von seinem schönen weichen Sitze? Nach kurzem Schwanken erhob er sich, trat langsam zum Flügel, sah die beiden Gläser an und wußte nun nicht mehr, welches sein eigenes und welches das Glas des Arztes gewesen sei. Mit leidendem Gesicht füllte er sie beide, trank das eine aus und stellte das andere vor sich auf die Flügelplatte, auf der er dann selber mit beiden Ellenbogen für seinen Kopf einen Stützpunkt fand. Sein Mähnenhaar fiel herab und spiegelte sich mit dem Gesichte undeutlich auf dem schimmernden Grund. – Und wenn ich dieses alles hätte persönlich aushalten sollen, dachte er wieder, das hätte ich ganz sicher nicht überstanden, wie nur eine Frau das durchmachen kann! Und später steht sie wohl und gesund wieder auf und weiß doch, daß ihr so etwas vielleicht noch öfter geschehen wird. Ich hätte kein Talent zur Frau, zur Mutter; Schmerzen sind etwas Entsetzliches. Ob der Junge ihm wohl selber ähnlich werden würde? Dann konnte er sich nur freuen. – Er verschob etwas den grünen Lichtschirm und trat zum Spiegel. Das war ihm ein gewohnter Gang. Er galt als einer der schönsten Männer in der Stadt und liebte es, sich dieses manchmal vor sich selber zu bestätigen. Die Stirn war ohne Zweifel fest, stark, schön gebaut, bedeutend; sie paßte gut zu dem eben geformten, großen Mund und zu seiner untersetzten, breiten Gestalt. Auch die Nase gefiel ihm ausnehmend gut: Sie sah geradezu edel aus und bog auch nicht um die kleinste Linie nach links oder nach rechts ab. Dann begegnete er seinen Augen: Groß, schön und sanft... leider etwas zu verschwommen! murmelte er wieder und seufzte leise. Unwillkürlich sah er zum Flügel hin, auf dem seine letzte Komposition stand. Er war längst in den Reifejahren und sein Name ragte kaum über die Grenzen seines Orts hinaus. Sollte er sich mit den verkannten Genies trösten, oder war es wirklich so, wie er in heimlichen Momenten dachte: daß er zwar ein ganz guter Kapellmeister, aber kein guter Tondichter sei? Mit halbem Widerwillen trat er zum Flügel, blätterte hie und da in dem beschriebenen Heft, und alle die ihm bis zum Überdruß bekannten, halb wirklich erfundenen, halb ausgedachten Motive starrten ihn so entsetzlich breitspurig und anspruchsvoll an! Er las weiter und immer weiter, stets im Wunsche, abzubrechen, ohne den Zeitpunkt zu finden, denn all dies Zeug hing doch innerlich zusammen, und wenn einmal ein Abschluß kam, so folgte wieder etwas Neues, das dem Vorangegangenen erst die richtige Beleuchtung gab. Ganz so schlimm, wie ich glaubte, ist es aber doch nicht! so dachte er mehrere Male, – hier die Stelle da ist sogar ohne jede Einschränkung schön, wie? Er las sie mehrmals, und sah sie schließlich doch wieder unschlüssig an, als erwarte er, daß sein Gefühl einen letzten, endgültigen Stoß bekäme, der alle Zweifel aus dem Wege räume. Dann versuchte er, um seinem Urteil noch mehr Sachlichkeit zu geben, sich einzubilden, diese Erfindung stamme von einem andern, und schloß die Augen, alles nur noch, mit dem innern Ohr hörend. Man ist so nah, so gräßlich nah zu seinen eignen Sachen! Mir kommt es vor, als könnten diese Takte von einem allerersten Meister stammen! Rasch ging er auf den Flügel zu und spielte sie stehend. Eine Wendung in der Harmonie störte ihn plötzlich, ihm war, als müsse es anders heißen. Er fand die andere Wendung, und nun erschienen ihm die Takte erst in ihrer wirklichen Vollendung. Wie, wenn ich hieraus ein Hauptthema zu einem späteren Satze entwickelte? Er sang die Töne halblaut in Gedanken. Sein musikalischer Einfall erschien ihm so frisch und ursprünglich in der Erfindung, daß er in der Freude seines Herzens wieder ein Glas Wein trank. Dann dachte er neu gestärkt: wir werden die ganze Geschichte noch wunderschön zusammenbekommen! Dies wird etwas Gutes, und auch Caecilie wird sich freuen! – Der Wein war stark und rollte glutig durch seinen Körper. Plötzlich erfaßte ihn eine große Dankbarkeit gegen seine Frau. Sie war doch der einzige Mensch, der an ihn glaubte, mit aller Kraft! So sehr, daß er fast ein Schuldbewußtsein gegen sie empfand, mit seinem schlapperen Temperament und seiner Liebe zur Bequemlichkeit, wie sie sich in der letzten Zeit herangebildet hatte, wie war sie zielbewußt und ehrgeizig für ihn! Sie hatte durchgesetzt, daß er hier am Hoftheater die angesehene Kapellmeisterstelle bekam; es war nur eine mittlere Residenzstadt, aber immerhin war er ein kleiner König. Vorurteilslos hatte sie mit ihm zusammen gelebt, noch ehe sie verheiratet waren, und sich dadurch ihrer Familie entfremdet, in der es hieß: Sie hat sich in sein schönes Gesicht verliebt! Später, als er diese gute Stelle bekam, zog sich der Riß zwar wieder etwas zusammen, sie waren ja auch nun verheiratet, und als bald darauf ihr Vater starb, hinterließ er ihr einen großen Teil seines beträchtlichen Vermögens, aber die Entfremdung blieb, Caecilie sah sich auf ihren Mann allein angewiesen, und mit um so größerer Liebe hing sie an ihm, mit dem sie lange Zeit hindurch freiwillig alle Entbehrungen getragen hatte. Ihre Liebe war zum halben Teil ein Glaube an seine Berufenheit. Damals schrieb er noch seine schönen Lieder, die sie so gefangen nahmen, später hatte er sich einer ernsteren Kunst zugewendet. Gemütlich betrachtete er jetzt die Zeit ihres Zusammenlebens und ihrer Ehe: Eigentlich hatte sie ihn geheiratet und nicht er sie. Ohne sie saß er vielleicht noch heute irgendwo als kümmerlich musizierender Junggeselle. Und doch! Auch diese Jahre waren schön gewesen Er unterdrückte einen leichten Seufzer. Aus dieser Junggesellenzeit hatte er ihr früher manches erzählt. Ganz zu Anfang lachte sie darüber, später liebte sie nicht mehr davon zu hören, und schließlich tat sie so, als seien jene Zeiten nie gewesen, als habe er von Anfang an nur sie geliebt. Sein Verkehr am Theater brachte manche Leichtigkeit und Freiheit mit sich. Aus diesen Freiheiten wurde zwar niemals Ernst, aber Caecilie bekam doch langsam eine Abneigung gegen die Frauen von der Bühne, und allmählich mied sie die Berührung mit ihnen, so gerne sie das Theater an sich hatte. So kam es, daß ihr Haus mit der Zeit ein stilles wurde, und daß sie selber in den Ruf einer etwas hochmütigen Frau geriet. Am Theater sagte man, ihr Mann stehe gänzlich unter ihrem Einfluß und sie verfolge ihn mit Eifersucht. Dies letzte war nicht richtig, obgleich er zuweilen sagte: Kind, wir sind doch keine Brautleute mehr; du kannst nicht verlangen, daß ich mich gänzlich von allem abschließe! Der Kapellmeister seufzte leise, wie er an dies alles dachte. Und wie sollte sein Sohn genannt werden? Diese Frage würde wohl langwierig und ernsthaft werden. Einen gewöhnlichen Namen bekommt er nicht! hatte Caecilie gesagt, die sich von allem Anfang an einen Knaben, nicht ein Mädchen wünschte. – Er lächelte in sich hinein: Was sie sich da wohl wieder ausdenken würde! Wie wäre es, schoß es ihm durch den Kopf, wenn ich mein Thema zu einer Festmusik für die Taufe meines Sohns verwendete? Das gäbe eine wunderschöne Überraschung für Caecilie! wieder sang er es, indem er mit dem rechten Arme dazu dirigierte, aber plötzlich stutzte er, dachte nach, ging endlich zu dem großen Wandschrank, holte eine gewisse Partitur und schlug sie auf. Wahrhaftig! Da stand sein schönes Thema, schon vor über fünfzig Jahren erfunden und gedruckt, fast genau so wie sein eigenes, nur rhythmisch noch konziser und viel besser in der Linie. Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Schumann! Schumann! rief er: Muß ich denn immer und ewig wieder gegen diesen Kerl anrennen! Ich hatte so felsenfest geglaubt, dieser Einfall sei von mir! Ist das nun Diebstahl? Nein, es ist viel schlimmer! Ein unbewußtes Nachschleichen! Diebstahl wäre wenigstens noch ehrlicher und offener! Jetzt versank er in eine Stimmung, wie sie selten, dann aber auch mit größter Wucht über ihn kam, wo ihm das Leben nichtig und er sich selber überflüssig auf der Welt erschien. Er stand wieder auf und drehte das Licht aus, um sich ganz seiner schwarzen Verzweiflung zu überlassen. Und dann, wie immer am Schlusse solcher finstren Stimmungen, zeigte sich das Lichtchen einer neuen Hoffnung, beschworen durch lange Monologe. War alles, was er anstrebte, verfehlt? Befand er sich in einem fremden Fahrwasser, in dem er nichts zu suchen hatte? Sollte er wieder, so wie in ganz früheren Jahren, graziöse, zierliche und oberflächliche Musik schreiben, auf die er jetzt verachtend herabsah? Davon, so dachte er, habe ich mich freigemacht, ein für allemal, es wäre ein Verbrechen an mir selbst, wollte ich zu dieser Art von Kunst zurückkehren! Es muß anders werden, ganz anders werden! Ich weiß: ich habe auf dem Grunde meiner Seele vieles, was nach Ausdruck ringt! Ich muß es an das Licht befördern, mit ungeheurer Anstrengung herausheben aus mir selber! Es muß gelingen, und dann wird ein Kunstwerk entstehen, das nur ich geschaffen haben kann! Ich habe kein Selbstvertrauen, es fehlt mir die eiserne Energie, das ist die ganze Ursache. Manchem wurde es leicht, Gott warf ihm die Musik in den Schoß. Mozart, Schubert! Die wußten gar nicht, was es heißt, ein Kunstwerk mit Schmerzen gebären! Ja, ja, auch er hatte Schmerzen, Wehen durchzumachen, schlimmer wahrscheinlich noch als seine Frau am heutigen Tage! Viel schlimmer sogar! Ihm ging es wie Beethoven, der so unendlich schwer geschaffen hatte und der doch der Größte war. In der Art des Schaffens hatte er Ähnlichkeit mit Beethoven, wenn er auch wußte, daß er mit ihm verglichen nur ein Zwerg war. Er stand im Dunkel auf, tastete nach dem Weine und trank im Stehen ein Glas nach dem andern, bis die Flasche leer war. Und mein Thema? dachte er, soll ich nun mein Thema fallen lassen, weil ein anderer vor mir ein ähnliches erfunden hat? Weil die Musiker sagen können: Das hat er gestohlen? Nun grade, nun erst recht nicht! Ich will schon zeigen, was ein selbständiger Kopf aus einem selbständigen Einfall machen kann, der nur mit einem andern auf gleichem Boden gewachsen ist! Er drehte wieder an dem Lichtknopf, daß das Zimmer von neuem hell ward, und ging auf seine Partitur zu: Mag sie doch schlecht sein! Ich mache eben Besseres! Sein Blick, noch halb verachtend, ging schon wieder in Aufmerksamkeit über: was er da grade ansah, war nicht so schlecht, nicht ganz in Grund und Boden zu verdammen! Gute Ansätze waren überall vorhanden, aber jetzt wollte er einmal das Ganze einer wirklichen, erbarmungslosen Kritik unterziehen. Er begann die ersten, vollen, einleitenden Akkorde anzuschlagen. – Nicht übel! Dies Schwanken zwischen zwei nicht verwandten Tonarten war geistreich, originell! Aber in reinen, leisen Posaunen instrumentiert, würde es noch besser wirken, viel eindringlicher. Er spielte weiter, und mehr und mehr vergaß er, daß er kritisieren wollte. Wie falsch und übertrieben war doch sein gänzlich vernichtendes Urteil gewesen! Er begann sich an seinen eignen Tönen zu berauschen. Da gab es Stellen, allerdings, die blieben dürr und unsympathisch, aber wenn ihm nichts Besseres einfiel, so hoben sie um so mehr das Folgende. Unwillkürlich griff er einzelne Stimmen in Oktaven, brach er feste Akkordganze in brandende Harfenarpeggien, hörte er Trompeten anstatt der vorgeschriebenen Hörner; allmählich ging sein Spiel über in eine freie Phantasie. Und nun kam ein ungezügeltes, uferloses Schwelgen in rauschend süßen Kadenzen, bis die Musik schließlich übergehen zu wollen schien in eine vorläufig noch fragwürdige Attacke. Immer wieder ertönten pathetisch aufsteigende, vorbereitende Passagen, in immer dringlicherer Stärke, da er gar nicht wußte, wie es weitergehen sollte – und plötzlich schwieg das Klavier, wie verdutzt; die letzten Töne verklangen unter seinen ratlosen Händen. Dann war Totenstille um ihn her. Halb beschämt starrte er auf die Tasten, und dann in die Dunkelheit der Zimmerwinkel. Ihm war, als müsse dort jemand sitzen, der ihn ansah mit steinernem Gesicht. Er lauschte. Auf einmal drehte er sich auf seinem Stuhl zurück und blickte nach der Tür. Es klopfte ziemlich stark, dann öffnete sie sich und eine Frau im Pflegerinnenkostüm stand auf der Schwelle: Herr Kapellmeister, sagte sie, ich möchte doch aus Rücksicht auf Ihre Frau Gemahlin bitten, daß Sie etwas leiser spielen! Wir hören es durch alle Türen! Der Kapellmeister erhob sich, und wie er jetzt aufrecht im Zimmer stand, fühlte er einen leichten Schwindel. Mit einem vollen, halb sanften, halb, leeren Blick aus seinen feuchten, blauen Augen sagte er: Sie haben recht, liebe Frau! Diese Musik klang mir selbst abscheulich in den Ohren, und da sie uns allen nur zum Kummer dient, so ist es wohl das beste, sie verschwindet ganz und gar. Damit ergriff er das Heft und riß es durch. Aber mittendrin durchfuhr ihn der Gedanke: was mache ich denn da? Halb war es doch Phantasie, vorhin! – Die Pflegerin sagte jetzt, seine Frau wünsche ihn zu sehen. – Ach so, ganz recht! nickte er und folgte ihr sofort. Er fühlte die Wirkung des Weines in sich und wußte gleichzeitig, daß er niemand etwas davon merken lassen dürfe, daß jetzt alles darauf ankomme, fest und sicher zu erscheinen. Geben Sie mir das Licht! sagte er, ich will Ihnen leuchten, ich kenne meine Räume besser als Sie! Und er schritt voraus, ohne irgendwo anzustoßen, sein Gang war sicherer, elastischer als sonst. Halt! sagte sie endlich, wo wollen Sie denn hin? Hier ist doch die Tür! – Der Kapellmeister stand einen Augenblick wie im Nachsinnen, dann legte er seine Hand auf die der Frau, welche bereits die Türklinke leise gefaßt hielt, und sah ihr eine Zeitlang in die Augen. Dann sprach er: Sagen Sie mir eines, liebe Frau: Kann man auch das Kind schon ansehn? – Sie nickte beruhigend. – Nein, so meine ich es nicht, wie Sie zu glauben scheinen! Ich möchte fragen: Ist der Anblick nicht gar zu erschreckend? Sie müssen bedenken: Ich bin darauf gefaßt, ein junges Menschenkind zu sehen, das sein Leben mir verdankt, und in dem ich schon Ähnlichkeiten mit mir selbst zu finden hoffe! Wenn ich statt dessen so ein kleines Äffchen sähe, das gar nicht wie ein Mensch aussieht, wissen Sie: haarig und wie aus Pergament, oder violett und aufgedunsen – – es gibt solche Fälle, nicht nur im Tierreich – – mir kommt da eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit, aus dem zoologischen Garten. Stellen Sie sich vor: Ich gehe da ganz harmlos, setze nur immer Schritt vor Schritt, so wie man eben als Junge tut, wenn man die netten, possierlichen Tierchen sehen will, nicht wahr – – Die Frau, unterbrach ihn etwas ungeduldig und flüsterte noch schnell: Treten Sie leise ein und seien Sie ganz behutsam! Da war er auch schon drinnen. Ich sehe nichts! murmelte er beunruhigt. Dann aber unterschied er sogleich die Gestalt seiner Frau, und er ließ sich sanft und vorsichtig auf dem Bettrand nieder, Caecilie! sagte er leise und blickte ihr mit stummer und eindringlicher Zärtlichkeit in die Augen. Sie lächelte ganz schwach und bewegte ein wenig ihren rechten Arm. Er nahm und streichelte ihn leise, diesen Arm, der so schlank und fest, so voll und gedrungen war in seiner Form, viel männlicher als sein eigner, über den sie früher manchmal so gelacht hatte, wie war sie jetzt verändert! War das dieselbe zierliche Caecilie, die sonst so herzlich, so kurz und klingend lachen konnte? Die noch gestern früh, als er ihr dringend riet, sich niederzulegen, ihm sorglos antwortete: Mein Kind, ich glaube, du bist verrückt? – Die Wärterin machte ihm ein Zeichen. Er erhob sich leise von seinem Platz, trat zu dem kleinen Wagen und sie schlug die Vorhänge zurück, lüftete das Deckbett, so daß er auch den umwundenen kleinen Leib und jetzt auch die nackten, zarten Füße zu sehen bekam. Da versank er in innige Bewunderung, faltete die Hände und sah das Kindchen an, als wäre es der Heiland. So stand er minutenlang, und als ihn die Wärterin endlich bedeutete, er möchte nun hinausgehn, nickte er ihr langsam, mit inbrünstigem Blicke zu, als höre er in ihren Worten etwas ganz, ganz anderes. Und wie sie ihm wieder hinausleuchten wollte, sagte er leise: lassen Sie, lassen Sie, meine liebe Frau, Sie sind sowieso schon viel zu gütig gegen mich! Dieses Kind, o dieses Kind! murmelte er schmachtend, indem er langsam wieder zu seinem Zimmer zurückschritt – und diese sonderbare, mystische Ruhe da drinnen! Mir war, als säße ich wie in einer Gondel, die ganz von selber vorwärts ging, durch ein stilles, tiefes Gewässer! – Wie er wieder in sein Zimmer trat, starrte er einen Moment wie geistesabwesend auf die zerrissene Partitur, die noch an derselben Stelle lag, wo er sie hingeworfen hatte. Merkwürdig! dachte er, wenn das nun ein Tier wäre, so hätte es sich wahrscheinlich in meiner Abwesenheit in irgendeinen Winkel verkrochen! wo wäre sie wohl jetzt? Er bückte sich und hob sie auf; und wie er wieder aufrecht stand, dachte er: in was für einer sonderbaren Stimmung bin ich denn? Macht das der Wein, oder liegt es an allem zusammen? – Er öffnete ein Fenster und beugte sich eine Zeitlang in die kühle Nachtluft. Dann trat er zurück, bemerkte, daß er das Heft noch immer in der Hand hielt, und dachte: Etwas muß doch nun damit geschehn! Und dann sprach er laut: Heute, an dem Geburtstag meines Sohnes, will ich in mich gehn und den Abend mit einem Opfer beschließen. Er ging zum Ofen, öffnete die kleine Tür und hob die Hand. Aber dann zögerte er wieder, wer verbürgt mir denn, so dachte er, daß ich morgen nicht die gräulichsten Gewissensbisse empfinde, daß mir all das vernichtete Zeug nicht auf einmal viel besser erscheint, nachdem es nicht mehr da ist? Und ist es nicht von vornherein ganz unvernünftig, irgend welche Spuren unseres Ringens – mag es nun zu Gutem oder Üblem führen zu vernichten? Sind sie nicht unter allen Umständen wenigstens Dokumente unseres Strebens? Mir fällt ein Ausweg ein: Dies Werk soll leben und doch tot sein! – Er schritt zum Schreibtisch, wickelte um die Papiere sorgsam einen Umschlag, versiegelte ihn und schrieb darauf: Nach meinem Tode uneröffnet zu verbrennen. Dann ging er zu Bett, und sein letzter Gedanke war: wenn ich mein Leben noch einmal beginnen könnte, so wie dieses Kind jetzt, aber mit der Erinnerung an mein eigenes, – würde ich wohl später noch einmal denselben Beruf erwählen? – Undeutliche Orchestermusik klang in ihm, zwischen Traum und Wachen, von unerhörter Schönheit, wie es seinem schon umnebelten Sinne schien, und dann schlief er ein. Wochen vergingen, und eines Tages kam Caecilie in ihre gewohnte Häuslichkeit zurück. Als der Kapellmeister grade am Flügel arbeitete, legte sich von hinten etwas Festes, warmes um seine Augen, und eine warme, weiche Wange an die seine. Er bog sich leise zurück. Nun, sagte er mit träumerischer, sanfter Stimme, haben wir dich wieder bei uns? Ich hab dich lang genug entbehren müssen! Sie antwortete nicht; in ihrem Gesicht, das er nicht sehen konnte, stand noch das erste glückliche Lächeln, ein Lächeln, das wartete, und in das allmählich der Keim einer Enttäuschung trat. Endlich sagte sie: Ja, willst du dich wirklich nicht erheben?! – Aber Kind, antwortete er, stehn wir so mit einander, daß ich vor dir wie vor einem Gaste aufstehn muß? Was machst du denn für ein Gesicht, Caecilie? – Sie sagte gar nichts. – Caecilie, ich bitte dich: Mach nicht so ein Gesicht! Du hast keine Ahnung, wie du dann aussiehst! Du siehst aus, als hätte ich eine Todsünde begangen! – Sie versuchte zu lächeln; er sah auf ihren geschlossenen, festen Mund, küßte ihn und murmelte: Ich bin ein schlechter Mensch, Caecilie, aber ich bitte dich, bedenk doch: Grade als du hereintratst, hinter mich, war ich mitten in der Arbeit! Und noch jetzt, wo ich mit dir rede, klingt es halb unbewußt in mir weiter, dagegen kann ich nichts machen! Weshalb hast du einen Musiker geheiratet, die sind eben anders als andre Menschen. Sei mir nicht böse und glaube mir: Ich habe dich so lieb wie immer, ja noch viel lieber! – Sie sah ihm mit einem Blicke in die Augen, in dem so viel Verschiedenes lag, daß er nicht alles davon in sich aufnahm: Hingebende Liebe, Forderung von Liebe, Glaube an seine Künstlerschaft, ein kleiner Selbstvorwurf wegen ihrer egoistischen Gekränktheit, und zugleich doch wieder ein Wille, nichts von sich aufzugeben, unter allen Umständen fest zu verharren wie sie war. – Wie siehst du denn aus? fragte er, weshalb hast du denn grade heute dies wundervolle Kleid angezogen? – Weil ich zum ersten Male wieder vorn in meinen schönen Räumen bin und mich selbst ein wenig bewundern möchte in den großen Spiegeln! – So sagte sie, und ihre Augen sprachen dagegen: Das alles war doch nur für dich, nachdem du mich so lange in den häßlichen und viel zu bequemen Morgentoiletten hast sehen müssen! Nun, sagte sie, als sie sich zum Frühstück niedersetzten, und du hast mich noch immer nicht gefragt, wie ich nun unsern Sohn nennen will? – Ja? hast du dich inzwischen besonnen? – Sie errötete etwas und sah ihn mit heimlichem Glücke an: Du möchtest ja immer, sagte sie, daß er Heinrich heiße, so wie du. Aber ich will das nicht, es soll nur einen Heinrich geben. Nun ist mir ein wundervoller Ausweg eingefallen: Enzio wollen wir ihn nennen! – Enzio? wiederholte er; hm; gefällt mir eigentlich wenig. In ihre Augen trat sofort jener Ausdruck, wie ihn Kinder haben, wenn sie streiten: Unumstößlicher Glaube an das eigene Rechthaben, und Vergessen aller übrigen Beziehungen. So ein schöner Name! rief sie; ich dachte, du würdest begeistert sein über meinen Vorschlag, und statt dessen ... Aber liebes Kind – suchte er sie zu unterbrechen – ich habe doch noch gar nichts gesagt – Herrlich ist der Name! rief sie dazwischen, es gibt so eine Fülle von Namen, kein einziger paßt; du heißt Heinrich und der Name Enzio ... Aber du erlaubst doch wohl, unterbrach er sie, jetzt auch erregter, daß ich mich erst ein wenig gewöhne! Ich will dir ja durchaus nicht dreinreden in deine Pläne! – Beide schwiegen. Sie hatte sich so sehr gefreut auf ihre Überraschung, und nun verdarb er ihr die ganze Freude. – Endlich sah sie ihn wieder an, mit einem warmen Blick. sei mir nicht böse, sagte sie und streckte ihm die Hand hin über den Tisch. Und, um diese kleine Gewitterwolke ganz zu verscheuchen, fügte sie hinzu: Heut wollen wir zum erstenmal zu dritt sein! Ich gehe und hole unsern kleinen Sohn. Merkwürdig, dachte er, wie er allein zurückblieb, wie grundlos gereizt sie manchmal ist. Ich glaubte, das wäre ganz vorbei. – Diese sonderbare Seite, scheinbar grundlos verletzt zu sein, gehörte einmal zu ihr und war unzertrennbar von ihrem Verhältnis zu ihm. Und er wußte auch, wo die Wurzel hiervon lag: In ihrer ganz instinktiven Auffassung von der Ehe, oder vielmehr ihrer Ehe: Eines sollte in dem andern aufgehn, eines genau die Wünsche des andern haben. Es fiel ihm, wie er so nachsann, ein kleines Erlebnis vergangener Jahre ein: Da war sie eines Tages, als er nach Haus kam, abgereist, und ein kleiner Zettel, den sie zurückgelassen, sagte ihm, sie sei ins benachbarte Gebirg gefahren, für drei Tage, um einmal ganz still für sich zu sein. Von blinder Eifersucht geplagt, reiste er ihr nach und fand sie, ganz allein, im Walde, in einem dicken, mehrbändigen Buche lesend. Ein Roman war es, in dessen Haupthelden sie sich beinah verliebt hatte. Es knüpften sich an dies Erlebnis endlose Gespräche über Ehe, die nie zu einem Ziele führten; und aus allem fühlte er heraus, daß sie von ihrem Zusammenleben enttäuscht war, und daß es nach ihrer Meinung nur in seiner Hand lag, das frühere Glück, so wie es gewesen war, wieder herzustellen. Sie liebte keinen andern, sie liebte ausschließlich ihn, das wußte und fühlte er, und es gab ihm die Beruhigung, daß er um ihre Treue nicht zu bangen habe. Dann kam die Zeit, wo sie ihr Kind erwartete, und wo sie still und ausgeglichen war und in seiner Liebe keinen Mangel zu empfinden schien. – Und jetzt – sollte jene frühere Zeit etwa zurückkehren? Gut, dachte er, daß dieses Kind geboren ist! Es wird sie mehr ausfüllen als ihr früheres Leben, und sie wird fühlen, daß ich ein besserer Vater bin, als sie vielleicht gedacht hat. Caecilie kehrte zurück, strahlend, das Kindchen auf dem Arm. Enzio – wie er nun wirklich genannt wurde, hatte sich in diesen Wochen zusehends entwickelt und an Form gewonnen. Seine Augen blickten groß auf dem Tisch umher und seine kleine Hand streckte sich nach einem Glas mit Wein aus. Du goldenes, du entzückendes Kind! sagte der Kapellmeister mit sentimentaler Stimme: Nächste Woche werden wir dich taufen, und du wirst einen schönen südländischen Namen bekommen. Man wird dich mit Wasser taufen, ich aber taufe dich mit einem Weine aus dem Lande der Musik und Liebe! Mit diesen Worten tauchte er die Spitze seines Fingers in das Glas und ließ den Tropfen, der sich an sie heftete, auf die Stirn des Kindes fallen, worauf er es wieder schmachtend ansah. Enzio wuchs heran zu einem Knaben von außerordentlicher Schönheit. Er war so schön, daß die Menschen auf den Straßen erstaunt stehen blieben und ihm nachsahen. Denk dir, sagte Caecilie eines Tages zu ihrem Mann, Enzio kommt zu mir in mein Schlafzimmer und sagt: Mama, schick Susanne weg; ich mag Susanne nicht mehr; sie ist häßlich. – Der Kapellmeister schmunzelte: Nicht übel, Susanne ist auch nicht mein Geschmack. – Aber er kennt sie doch solange er nur denken kann, und sie ist immer nur liebevoll zu ihm gewesen! Ich habe ihm das auseinandergesetzt, er weinte sogar, sah alles ein und schenkte ihr darauf seinen silbernen Becher. Aber ich verstehe das von Enzio nicht, da er doch soviel Seele hat! – Schickst du nun Susanne fort? – Liebes Kind, sagte Caecilie, du bist zerstreut! klopfte ihm auf die Schulter und ging wieder. Enzio weinte oft lange, wenn ihm Caecilie Vorstellungen machte wegen einer begangenen Ungezogenheit, dachte nicht viel über den Sinn ihrer Worte nach, sondern hatte nur den einen Gedanken: Sie soll mich lieb haben! Fühlte er dieses wieder, so schlang er heftig seine Arme um ihren Nacken und ließ seinen blühenden Mund zu einer besonderen Art von Kuß auf ihrer Wange hin und her gehen: Er küßte mit offenen Lippen, sie rollten sich ein wenig und hinterließen nasse Spuren. Höre, Enzio, sagte sie einmal, so küßt man seine Mutter nicht. – wie denn sonst? fragte er erstaunt. Sie zeigte es ihm, er versuchte es nachzumachen, schüttelte den Kopf und sagte: das finde ich gar nicht schön. – Du küßt doch deinen Vater auch nicht so! – Das ist auch ganz anders! Papa hat Haare auf der Backe. Übrigens liebte Caecilie an ihm diese Art des Unterschieds in seinen Zärtlichkeiten sehr. In solchen Augenblicken hatte sie ganz das Gefühl, als sei er ihr Junges. Nach ihrer Überzeugung gehörte dieses Kind in allererster Linie ihr; ja sie konnte eine leise Eifersucht zuweilen nicht ganz unterdrücken, wenn er auch zu seinem Vater auf den Schoß kam und mit ihm zärtlich war. – Ich kann dieses anhimmelnde Wesen von dir zu Enzio manchmal nicht ertragen! sagte sie wohl zu ihm, wenn sie allein waren, du machst den Jungen weichlich. – Ich weiß wirklich nicht, antwortete er dann, wie ich es dir recht machen soll, wäre es anders, so würfest du mir wahrscheinlich Kälte vor. – Alles hat doch Maß und Ziel. – Erlaube! du selbst bist zuweilen gänzlich ohne Maß und Ziel. – Das ist nicht wahr; aber wenn es wahr wäre: dafür bin ich auch seine Mutter! Ein Vater muß härter sein mit seinen Kindern. – Dann sah der Kapellmeister weich zur Decke und sagte: Ich werde ihm also von heute ab etwas mehr von meinen Härten zeigen, wenn du es befiehlst. – Er war nach Laune verschieden gegen seinen Sohn. Oft ließ er ihn vergnüglich in sein Zimmer ein, hieß ihn sich unter den Flügel setzen und da still zuhören, während er spielte, und manchmal beugte er sich plötzlich ungeduldig hinab und sagte mit unfreundlicher Stimme: Geh hinaus. Caecilie konnte aus diesen Symptomen abnehmen, ob ihr Mann zufrieden oder unzufrieden mit sich selber war. All die Jahre ihrer Ehe war das nun so weitergegangen mit ihm: Ein ewiges Auf und Ab seiner Gefühle für sein eigenes Talent. Bald hörte sie, daß er, wenn das Geschick ihm gnädig sei, ein Werk vollenden würde, das ganz aus innerm Zwang entstanden sei, zuweilen gab es auch einen kleinen Erfolg, aber dann versank immer alles wieder. In ihrer liebenden Seele vergrößerten sich diese Erfolge wie unter einer Lupe, ihre Hoffnungen auf das neue Werk stiegen auf das Höchste, angstvoll hielt sie ihrem Manne alles fern, was ihn zerstreuen, verstimmen konnte, und war oft unglücklich darüber, daß sie nicht mehr, nichts Positives für ihn zu tun vermochte. Sie konnte nur beistimmen, wenn ihr etwas schön erschien, schweigen, wenn ihr etwas nicht gefiel was ihm gefiel, und ihm wieder beistimmen, wenn er ein abfälliges Urteil äußerte, das schon vorher, noch unausgesprochen, auch das ihre war. Er hörte ihre Kritiken gern, und namentlich, wenn sie zuvor etwas gelobt hatte, wünschte er auch Mißfälliges von ihr zu hören. Darin war sie zurückhaltend. So sehr und so offen sie auch aus sich herausging, wenn es sich um Dinge handelte, wo sie sich mit ihm auf gleichem Boden fühlte, so sehr legte sie sich Zwang auf in den andern Dingen, die zu seinem eigentlichen Beruf gehörten. In früheren Jahren war das anders gewesen. Da hatte sie noch frei heraus geäußert, was sie empfand. Ihre Kritik regte ihn damals an, und wenn sie einwendete: ich bin doch kein Musiker, ich verstehe doch von diesen Dingen viel zu wenig – so antwortete er: Aber deine Stimme ist die Stimme des musikalischen Publikums, auf das ich vor allem angewiesen bin. Jetzt sagte er viel öfter: du verstehst das nicht, du hast kein Urteil, du bist kein Musiker. Und doch machte er ihr dann wieder Vorwürfe, daß sie zu wenig offen sei. Sie empfand und wollte doch nicht empfinden, daß sich ihr Mann in einem ihm ursprünglich fremden künstlerischen Element befand. Aber vielleicht irrte sie sich, wer konnte es wissen! Sie verstand von diesen neuen Kompositionen nichts – so redete sie sich ein – und wollte vor sich selbst nicht wahr haben, daß sie langweilig seien. Manchmal erschien ihr etwas hübsch – niemals tief – und mit einer Art von Erleichterung sprach sie dann lange über diese Stellen. Der Kapellmeister war mit den Jahren empfindlicher gegen eine abfällige Kritik geworden, sowohl in dem Sinne, daß sie überzeugender und bohrender in ihm nachwirkte, als auch in dem andern: daß sie ihn geradezu verletzte, was er aber vor sich selber nicht zugeben wollte. Sie durchschaute diese Schwäche sehr wohl, und war um so trauriger darüber, als sie einsah, daß der Grund hierfür in seinem Bewußtsein des Nichtbessermachenkönnens lag. War Enzio musikalisch? Es erschien ihr fast wie ein Treuebruch an ihrem Mann, schon jetzt über sein Schaffen hinaus zu denken an ein Menschenleben, das noch so unentfaltet vor ihr lag. Und außerdem: wer wußte denn, wie es mit der Kunst ihres Mannes werden würde? Konnte nicht trotz allem jeder Tag der Anfang von etwas Großem werden? Enzio schien sich, abgesehen von den Stunden unter dem Klavier, nicht viel um Musik zu kümmern; aber gelegentlich hörte ihn sein Vater leise pfeifen, und einmal traute er seinen Ohren kaum, als er das Thema eines Symphoniesatzes hörte, den er niemals zu Ende komponiert hatte; rein und taktsicher vorgetragen, denn Enzio glaubte sich allein im Zimmer. Dies machte den Kapellmeister sehr glücklich; er pries Caecilie gegenüber den Geschmack seines Sohnes, der gerade diese schöne Melodie behalten, und setzte in einer Anwandlung halb bitteren, halb versöhnlichen Selbsthumores hinzu: So gibt es doch wenigstens einen Menschen, bei dem ich populär werde. Enzio sah sehr gerne Bilderbücher an; die traurigen Bilder liebte er mehr als die lustigen, aber eins gab es, das liebte er über alles: Es stellte das magisch erleuchtete Innere einer Höhle dar, aus deren bodenlosem Grunde weibliche Schemengestalten emporstiegen und einem Jägersmanne winkten, der in diese Höhle eingedrungen war. Er machte eine Gebärde der Abwehr und des Entsetzens. Und diese Mädchen waren doch alle so wunderschön! Das mittlere, die Königin unter ihnen, trug ein Diadem aus blitzendem Kristall im Haar, und diese liebte er am meisten. Es schien, als ob sie ihn selber ansehe, ihm selber winke, und oft beugte er sich nieder, um ihr Gesicht zu küssen. Das ward von diesen Küssen im Lauf der Zeit entstellt und schmutzig. Hierüber war er traurig, liebte sie nun aber nicht mehr so und sah nachdenkend auf all die andern, um herauszufinden, welche nun die Schönste sei. Auf das Engste verbunden lebte er mit seiner Mutter. Caecilie fand und nährte das in ihm, was sie in ihrem Manne vermißte. Enzio hatte von früher Kindheit an einen instinktiven Blick für ihre Mienen, er wußte wahre Heiterkeit von erkünstelter oder beherrschter wohl zu unterscheiden, und es konnte vorkommen, daß er bei Tische sagte: Papa, wenn du so mit dem Messer und dem Teller klapperst, so tust du Mama weh! so daß der Kapellmeister erstaunt vom Essen aufsah und fragte: Fühlst du dich nicht wohl, Caecilie? Dann lächelte sie und sagte: doch, ganz wohl, aber sie reichte Enzio die Hand dabei. Caecilie merkte zuweilen, daß sie neben ihrem Sohne auch sich selbst ein wenig miterzog. Sie ließ ihre Sachen nicht mehr so unbekümmert herumliegen, wie sie es früher gewohnt war, riß in seiner Gegenwart niemals Kartons auseinander, wenn sie sich nicht gleich öffnen wollten, und gewöhnte sich selbst an eine größere Pünktlichkeit in allen Dingen, die das häusliche Leben betrafen. Doch war ihre Natur zu stark, als daß sie nicht gelegentlich glatt all diese Regeln durchbrochen hätte. Wenn ihr eine hübsche Jacke, die sie für ihn arbeitete, schließlich im Schnitt doch nicht gefiel, riß sie den Stoff mit plötzlichem Entschluß mitten durch, warf ihn in die Ecke und meinte: besser ein für allemal kaputt, als immer diesen dummen Anblick an dir haben, nur weil das Ding einmal gemacht ist. Es ist doch nun ganz egal, sagte der Kapellmeister, ob der Junge eine Jacke trägt, die tadellos im Schnitt ist oder ob sie etwas weniger gut sitzt. Mir selber zum Beispiel wäre es vollkommen gleichgültig, ich sehe so etwas gar nicht. – Und doch, antwortete Caecilie, hast du vor vierzehn Tagen deinem Schneider den Abschied gegeben, weil du erfuhrst, daß der Stoff deines neuen Anzuges nicht mehr ganz modern war. – Das sagte nicht ich, rief er eifrig, das sagte unser Intendant! Der weiß so etwas stets viel besser und sicherer als ich! Da habe ich natürlich sofort meinen Schneider zur Rede gestellt! Ich werde doch nicht in Stoffen von unsern Vorvätern herumlaufen! – Ein andermal entdeckte er, daß Enzio wundervoll polierte Nägel hatte. – Wie kommst du denn dazu? – Das macht Mama mir, jeden Morgen. – Hol mir doch mal den Kasten! Enzio brachte ihn, und der Kapellmeister zog sich auf eine ganze Stunde damit zurück. Später verglich er Enzios Finger mit den seinen und fand, daß, was bei seinem Sohne natürlich und schön aussah, für seine eignen Formen wenig passend erschien. – Was soll denn das mit Enzios Fingernägeln! sprach er nörgelnd zu Caecilie; du machst den Jungen eitel! Nägelpflege! so eine Dummheit! – Eitel, antwortete sie, sind Menschen nur dann, wenn sie ihren besseren Zustand nicht als natürlich, nicht als normal empfinden. Für Enzio gehört so etwas ganz selbstverständlich zur Morgentoilette. Wenn ein Erwachsener seine Finger pflegt, warum soll man einem Kinde nicht die Finger pflegen? – Dann sag mir wenigstens: wie machst du das, daß die Ränder so glatt und rund werden? – Sie verstand ihn zunächst nicht, bis er ihr seine eigenen polierten und etwas verschnittenen Nägel vorhielt. Solche pädagogischen Unterhaltungen, die von seiner Seite am Schluß oder auch am Anfang schon entgleisten, fanden öfter zwischen ihnen statt. Manchmal auch war es umgekehrt: daß Caecilie ihrem Manne etwas vorwarf, vor allem, daß er Enzio zu sehr verwöhne: Ich drücke viel zu oft ein Auge zu, weil ich mir sage: du siehst das Kind nur in den Erholungsstunden und sollst bloß Freude an ihm haben; all meine schönen Prinzipien schlägst du mit irgendeiner Erlaubnis, die sie durchbricht, entzwei, und wenn ich dann mit dir scheinbar derselben Meinung bin, so geschieht es, weil ich die Ansicht habe: Kinder dürfen nur einen Willen über sich empfinden. Es ist manchmal schwer für mich, denn Enzio kennt mich so genau, daß ich fürchte, er merkt zuweilen doch mein inneres Schwanken. Was Caecilie da aussprach, entsprang ihrer Überzeugung, nur war eines dabei die stillschweigende, unausgesprochene Voraussetzung: daß die Stimme des Vaters sich nach der der Mutter zu richten habe. Und die geheime Triebfeder dieser Forderung war das Gefühl: Enzio sollte bei allem, was er genoß, die Empfindung haben, daß er es in erster Linie ihr verdanke. Sie wollte ihm die Nächste sein und bleiben. Sie hatte Angst, er könne sich vielleicht mehr seinem Vater anschließen, ganz kindlich-egoistisch, wenn er bei dem mehr Duldung seiner Schwächen, eine größere Verwöhnung spüre. Halb im Scherz sagte einmal ihr Mann zu ihr: wenn du noch ein anderes Kind hättest, außer Enzio, würdest du wohl nicht so eifersüchtig über ihm wachen! – Ich will kein anderes Kind haben außer Enzio! sagte sie mit einer Leidenschaftlichkeit, die ihn erstaunte, ohne daß er sich jedoch weiter den Kopf darüber zerbrach. Es kam die Zeit, wo Caecilie sich entschließen mußte, Enzio in die Schule gehen zu lassen. Sie hatte länger damit gezögert als andere Mütter, da es ihr schwer ward, sich von ihm zu trennen, und doch freute sie sich nun auch auf diese Schulzeit. Für sie beide ergab sich eine neue, einigende Beschäftigung in dem Anfertigen der Schularbeiten, dem Wiederholen des Gelernten, es mußte sich für ihn eine neue Welt erschließen, die sie aus nächster Nähe mit genoß. Viel Erinnerungen an ihre eigne Kindheit gab es da, die wieder aufwachen würden, an die sie anknüpfen konnte, so daß Enzio auch ein Bild davon gewinnen würde, wie seine Mutter als Kind gewesen war. Eines Tages ward er angemeldet für die unterste Klasse der Volksschule, und der Kapellmeister schnitt ein säuerliches Gesicht, als er es bei Tisch erfuhr. Volksschule! sagte er; ich glaubte, du würdest ihn in eine Privatschule schicken! – Sie warf ihm einen Blick zu, welcher bat zu schweigen, aber der Kapellmeister sah ihn nicht, steckte ein Praliné in den Mund und sagte kauend: wenn ich an den Tag denke, wo ich zum ersten Male in die Volksschule ging! Es stank! Ich habe gar keinen andern Ausdruck. Alle Schüler spuckten; einer immer auf den andern; und ich saß mitten drin. Der Lehrer spuckte auch; der allerdings immer nur auf den Fußboden. Es war fabelhaft. Enzio hörte erst voll Neugierde, dann mit steigendem Entsetzen zu. Den Kapellmeister belustigte dies groß auf ihn gerichtete Gesicht und spornte ihn zu immer neuen Übertreibungen. – Da will ich nicht hin! sagte Enzio und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Mama hat mir gerade das Gegenteil davon gesagt, aber wenn das so ist, – da gehe ich nicht hin. Caecilies Blicke zu ihrem Mann hin waren immer flehender geworden. Er bemerkte sie erst, nachdem er bereits geendet. – So ist es gar nicht! sagte sie, dein Vater, Enzio, ist zu einer Zeit in die Schule gegangen, wo es noch ähnlich sein mochte, aber das hat sich alles inzwischen längst geändert. Jeder muß sich tüchtig waschen, gerade so wie du, und gespuckt wird überhaupt nicht. Aber auf Enzio hatten die Beschreibungen einen viel zu starken Eindruck gemacht. Sie redete noch eine weile auf ihn ein, und als alles nichts half, wurde sie auf einmal so eifrig, als ob sie einen Erwachsenen vor sich habe, redete von hygienischen Vorschriften, Ventilationsapparaten und andern Dingen, die ihm nicht einmal dem Namen nach bekannt waren, und schließlich rief sie ihrem Manne zu: So rede du doch auch ein Wort! Du hast doch dies Ganze angerichtet! – Hättest du den Jungen nicht so verwöhnt, mit deiner »Körperpflege«, antwortete er, so würde er sich als ein rechter Junge freuen auf die Schule! Sie verschluckte ihre Antwort auf diesen unsinnigen Einwurf, wurde aber ganz blaß vor Selbstbeherrschung. Nachmittags sprach sie noch mehrere Male mit Enzio, ohne Erfolg, aber gegen Abend kam er ganz von selbst, in seinem schönsten Anzug, und erklärte, er gehe nun sehr gerne morgen in die Schule, da er heute ins Theater dürfe. Das ist ganz gegen meinen Willen, sagte sie zu ihrem Mann, noch dazu so ein dummes Ausstattungsstück! Und wo er morgen früh frisch sein soll! – Am Abend dieses Tages dachte Enzio kaum mehr an die Schule; er dachte nur an jene schöne Tänzerin, die er gesehen, deren Rücken so seidenweich und nackt und schimmernd war, daß er zu seinem Vater sagte: ach, wenn ich sie doch nur ein einziges Mal streicheln dürfte! so daß der Kapellmeister laut lachte und diesen Wunsch seines Sohnes in seinem Beisein während der Pause mehreren Bekannten erzählte. Am nächsten Morgen wachte Enzio gleich wieder mit dem Gedanken an sie auf, und erst als er sich anzog, fiel ihm ein, daß er ja zur Schule müsse. – Caecilie hatte etwas Angst vor seinen Eindrücken, aber es stellte sich im Lauf der Zeit heraus, daß Enzio ganz gern zur Schule ging, viel Vergnügen machten ihr seine Beschreibungen der Schüler und der Lehrer. Fast alle mochte er leiden, und die wenigen, die er nicht gerne mochte, beschrieb er so, daß doch immer wieder irgendwo ein heimliches Wohlwollen zu liegen schien. Am Sonntag nachmittag war das Haus jetzt stets voller Jungen, die er sich einlud. Einmal seufzte er, daß ein gewisser Schüler, den er nicht mochte, ebenfalls käme. – Aber warum hast du ihn dann eingeladen? – Er mag mich so gerne! – Das ist doch noch kein Grund! – Wenn er mich gerne mag?! fragte Enzio erstaunt. – Wie sieht er denn aus? – Häßlich. – Aber deshalb kann er doch ein sehr netter Junge sein! – Wenn er häßlich ist, dann ist er doch nicht nett! – Aber er kann doch sehr nette Eigenschaften haben. – Ja – sagte Enzio gelangweilt, ich mag aber keine Menschen, die nicht hübsch aussehn. – Jetzt, wo sie zum ersten Male darüber nachdachte, fiel es Caecilie auf, daß in der Tat alle Knaben, die er sich einlud, zum mindesten angenehme Gesichter hatten. – Wir können nicht immer nur mit schönen Menschen verkehren! Erstens gibt es gar nicht so viele– –Aber eine Masse! fiel Enzio ein, fast alle Menschen sind doch schön! – Wie sie nun den Verkehr mit seinen Kameraden beobachtete, bemerkte sie mit Verwunderung, daß er keinen von ihnen allen bevorzugte. Manchmal schien es, als habe er eine tiefere Neigung gefaßt, aber plötzlich war sie dann vorbei, und er sagte: ich mag ihn nicht mehr, zuckte auf weitere Fragen die Achseln und machte nur ein tief unglückliches Gesicht, wenn sie sagte: du sollst dich schämen, Enzio! – um sie gleich darauf wieder süß und unbefangen anzulächeln. – Der einzige Mensch, auf den er all seine Liebe und Zärtlichkeit ausschüttete, war, und blieb seine Mutter. Zuweilen war sie überrascht über die Art seiner Liebkosungen. Er strich ihr das Haar zurück und küßte sie langsam und innig auf die Stirne, oder wenn sie in ihrem geschmackvollen Kleide mit dem weiten Halsausschnitt am Tische saß und Briefe schrieb, kam er von hinten, und sie fühlte seine warmen, weichen Lippen voll auf ihrem Nacken ruhn, oder aber, wenn es geschehen konnte, nahm er ihren Kopf, bog ihn zu sich hinab, vergrub Nase und Mund in ihr volles Haar, atmete eine Zeitlang darin, küßte mitten hinein und sagte mit einem wohligen Seufzer: O, riechen deine Haare herrlich! Sie duften ganz anders als Papas Haare oder alle Haare in der Schule! – Oft umschlang er sie auch unversehens von hinten, daß sie fast umfiel, nachdem sie grade gesagt hatte, nun habe er sie genug geküßt und er solle jetzt an seine Arbeit gehn; und wenn sich ihre zierliche Figur dann freimachen wollte, hielt er sie fest, lachte laut über ihr Sträuben und ruhte nicht eher, als bis er seinen Willen hatte. Sie war oft halb erschöpft von diesem Ringen und dachte manchmal: Mein Gott, wie kurz liegt die Zeit zurück, wo ich ihn noch unter meinem Herzen trug, und nun ist er so groß und stark geworden, daß ich mich in ein paar Jahren im Ernstfall kaum noch gegen ihn wehren könnte! Ich mag das nicht mehr, sagte sie einmal, scheinbar ärgerlich, was zuviel ist, ist zuviel! – Da sah er sie mit sprechenden, zärtlich überlegenen Blicken an, und mit geöffneten, weichen Lippen, und antwortete: wenn ich dir alles glaube – das glaube ich dir doch nicht! Wenn er abends zu Bette ging, erst seinem Vater, dann seiner Mutter den Gutenachtkuß gab, dann war es jedesmal, als seien sie beide andere, ja, der Kapellmeister sagte manchmal: Du dürftest deiner Mutter wohl etwas weniger flüchtig gute Nacht sagen, Enzio! Dann sah er seinen Vater erschrocken an und tat es noch einmal. – Vor dir geniert er sich, sagte Caecilie bei Gelegenheit, Enzio ist, wenn wir allein sind, ganz anders gegen mich. Sie hatte dies nicht sagen wollen, aber irgend etwas trieb sie dazu. – Du siehst ja beinah triumphierend aus? meinte er gemütlich. – Ich? wieso, denn? fragte sie erstaunt. In der Schule war Enzio ziemlich fleißig, das Lernen machte ihm viel Freude, und er wurde stets einer der Ersten von einer Klasse in die andere versetzt. Seine Lehrer hatten ihn sämtlich gern, verwöhnten ihn, nannten ihn mit Vornamen, und er durfte sich viel mehr gegen sie erlauben als die übrigen Schüler. Er wiederum merkte, daß er sie gerne hatte, erst in dem Augenblicke, wo er sich von ihnen trennen sollte. Einmal, als ein neues Schuljahr begann, brachte er einen Blumenstrauß mit in die Klasse, um ihn einem besonders verehrten Lehrer, der in der verlassenen zurückblieb, nach der Schule zu überreichen. – Nun, was hat er gesagt zu deinem Strauß? fragte Caecilie, als er heimkam. Enzio errötete und blickte sie an wie ein Mädchen, dem ein Geständnis schwer wird: Er hat ihn gar nicht bekommen! sagte er endlich; und dann kam es heraus, daß er ihn dem neuen Lehrer schenkte, weil der ihn einmal während der Stunde so besonders angesehn und ihm dann zugenickt hatte. Ist Papa eigentlich »berühmt«? so fragte er eines Tages. In der Schule war dies Wort in einer Lektüre vorgekommen, und der Lehrer hatte es erklärt. – Berühmt? fragte Caecilie, und unterdrückte einen leisen Seufzer. Nein, was man berühmt nennt, ist er nicht. Aber er wird vielleicht noch einmal sehr berühmt! – Warum ist er es denn noch nicht? Ist er noch nicht alt genug? – Ein andermal fragte er: Kann ich auch einmal berühmt werden? Und als sie dies bejahte, galt ihm ihre Antwort soviel wie eine ganz feste Zusicherung. Die Zeiten, wo er unter dem Flügel liegend seinem Vater zuhörte, waren längst vorbei. Jetzt saß er still in dem großen Ledersofa, neben seiner Mutter, wenn Quartett gespielt wurde, wie es seit einiger Zeit im Hause des Kapellmeisters eingeführt war. Und das musikalische Blut in ihm begann sich leise zu regen. Ganz heimlich schlich er sich zuweilen in das Zimmer seines Vaters, wenn er niemand darin wußte, setzte sich an den Flügel und suchte sich Akkorde zusammen. Unter ihnen war einer, von dem er glaubte, daß es ihn eigentlich nicht gäbe, daß er ihn gefunden habe, und das war der allerschönste. Es war ein Akkord mit einem Vorhalt, der auf die Auflösung wartete, und es lag in ihm eine so schmerzliche Süßigkeit, daß er ihn immer von neuem anschlug und sich leise an ihm berauschte. In diesem Klang war etwas, das ganz anders war als alles in der Welt, etwas, das mit allem nicht einverstanden war und sich nach einem andern sehnte, ohne es zu finden; denn Enzio versuchte stets erfolglos aus ihm herauszukommen, immer auf eine andere Weise. – Der Kapellmeister lauschte mehrere Male hinter der Tür, fühlte, wo er hinaus wolle, und dachte voller Freude: Der Junge hat das echte Musikantenblut in sich; merkwürdig, das erste, womit er anfängt, ist gleich ein Problem! – Einmal, wie er wieder so lauschte, trat er ein. Sofort erhob sich Enzio und wollte zur andern Tür hinaus. Er hielt ihn aber zurück und hieß ihn seinen Akkord nochmals anschlagen. Er tat es nicht, aber wie sein Vater mit gemütlicher Energie darauf bestand, schlug er aufs Geratewohl einen verminderten Dreiklang an. – Der ist auch sehr schön, aber den wollte ich nicht hören. Spiel den, den du vorher gespielt hast, wie du allein warst. – Enzio tat als dächte er nach, dann sagte er, dieser sei es gewesen, Sein Vater sah ihn zweifelnd an: glaubte er das selbst im Ernste? – Diesen hier hast du gespielt! meinte er und schlug den rechten an: und dann konntest du nicht weiter! Enzio errötete. Ihm war, als habe er einen Schatz versteckt gehabt und als werde der nun gelüftet. – Paß auf, die Geschichte ist ganz einfach: Der Kapellmeister improvisierte ein paar Takte, in denen er auf jenen Akkord hinarbeitete, sagte: Jetzt! als er ihn anschlug, und dann griff er, lauter und langsamer als zuvor, zwei neue und endete mit einem Schlußakkord, wie Enzio ihn aus allen Liedern kannte. – Was machst du denn für ein Gesicht? Gefällt dir das nicht? – Enzio schüttelte den Kopf. Der Kapellmeister führte die Harmonie zu einer andern Lösung. – Ist es so schöner? –Enzio holte Atem, hielt ihn einen Augenblick an, und stieß ihn wieder aus, ohne etwas zu sagen. – Mir scheint, dir gefällt's noch immer nicht? – Bald nach dieser ersten musikalischen Unterhaltung bekam Enzio Klavierunterricht bei seinem Vater. Er führte ihn auch in die Anfangsgründe der Harmonielehre ein, die Enzio schon längst instinktiv begriffen hatte, ohne zu wissen, daß sie etwas Besonderes sei. Nach nicht allzulanger Zeit konnten sie dazu übergehn, kleine, einfache Lieder in Begleitung zu setzen. – Das ist aber alles genau so wie in der Schule! sagte er einmal, so einfach – ich mochte gerne etwas Schwereres! Alle Einwände seines Vaters halfen nichts dagegen, und zum Spaße meinte er: So, jetzt spiel du da oben mit beiden Händen in Oktaven deine bekannte Melodie, und ich werde links dazu eine Begleitung machen, die nicht so einfach ist; es soll mich doch wundern, ob du durchkommst. Beide setzten sich vor den Flügel und begannen. Es war eines der Volkslieder, wie sie in der Schule gesungen wurden. Gleich nach den ersten Tönen drohte Enzio alles zu verlieren. – Paß auf den Weg! paß auf den Weg! rief sein Vater. Das Ganze klang in Enzios Ohren falsch und doch wieder richtig, mit äußerster Konzentration seiner Erinnerung rang er dem Klavier die Melodie ab und hörte dabei doch immer die verwirrenden Klangfolgen neben sich. Er bekam rote Wangen und geriet in Schweiß, es war wie ein Kampf auf Leben und Tod, wie ein Wettlauf mit Bleigewichten an den Füßen, wie eine langsame Flucht durch eine enge Höhle, als wenn ihm ein unbekanntes Ding dicht auf den Fersen bliebe und ihn immer vorwärts drängte, ohne daß er doch die Hoffnung hatte je herauszukommen. Immer angstvoller, atemloser wurde es. Endlich war es vorüber. Eine ungeheure Anstrengung war das für ihn gewesen. Bravo! rief der Kapellmeister, bravo! Ich hätte nicht gedacht, daß du durchkämest. Was machst du denn für ein Gesicht? – Enzio fühlte sich vollkommen leer im Kopf. Er sah seinen Vater an und lachte, kurz und grundlos, und dann zuckte es heftig um seine Lippen. Er ist himmlisch, einfach himmlisch! sprach der Kapellmeister später zu seiner Frau, von einer musikalischen Nervosität, und von einem Ehrgeiz – ich hätte niemals gedacht, daß er einen solchen Ehrgeiz hätte! Allmählich gelangte Enzio, dazu, selbständig kleine Melodien zu schreiben zu einem Begleitgerüst, das ihm sein Vater gab. Ihm ging eine ganz neue Welt auf. Leise lernte er die Freude des Schaffens kennen, wenn auch in ganz primitiven Formen. Aber wenn ihm etwas auch noch so gut gelungen war: immer hatte er das Gefühl, als müsse es noch viel schöner sein. So einfach wie die Sachen sind, sagte der Kapellmeister, sie sind fast alle miteinander von einer ganz besondern Qualität. Ich erinnere mich nicht, Besseres gemacht zu haben, wie ich so alt war. – Halb froh, halb schmerzlich war es Caecilie, wenn sie ihren Mann so reden hörte. Denn aus seinen Worten klang ihr eine unausgesprochene Resignation in bezug auf seine eignen Kräfte. Jetzt arbeitete er an einer tragischen Oper, aber es schien, als werde sie nie über den Anfang des zweiten Aktes hinauskommen. Langsam und mühselig war sein Schaffen, vielleicht, sagte sie einmal zu ihm, solltest du dich doch wieder der früheren Art deines Talentes zuwenden, warum muß es denn durchaus schwer und tragisch sein ! – Caecilie, das verstehst du nicht! antwortete er nervös und ungeduldig. Jene Zeiten sind vorbei, müssen vorbei sein. Du wirst es schon erleben, ob ich Erfolg habe oder nicht; überhetzen, übereilen darf ich nichts, alles muß langsam und natürlich reifen. – Sollte Enzio einmal denselben Beruf erwählen wie ihr Mann? Diese Frage lag ja noch in weiter Zukunft, aber Caecilie begann sich doch schon jetzt mit ihr zu beschäftigen. Und wenn ihn dasselbe Schicksal treffen würde wie seinen Vater? Oder wenn seine Begabung nicht ausreichte? Sprach der Kapellmeister von Enzios Zukunft, so lenkte sie die Unterhaltung bald auf andere Dinge. Und eines stand ganz klar in ihrer Seele: Nie würde sie zugeben, daß Enzio sich ganz der Musik widmete, wenn dieses nicht sein einziger, sein glühender und durch nichts umzustoßender Wille wäre. – Ach, wenn er es doch wäre! so kam es ihr unwillkürlich in die Gedanken, wenn ich in ihm doch rein und strahlend aufblühen sähe, was in seinem Vater so furchtbar schwer zum Durchbruch kommt! Einmal, zu Weihnachten, hatte Enzio seiner Mutter ein kleines Stück komponiert. Da gab es den ersten Kampf. Der Kapellmeister zerstörte ihm eine überraschende Wendung zum Schluß hin. Enzio rief leidenschaftlich: Wenn du mir den Takt durchstreichst, wenn du ihn änderst, dann werde ich das ganze Blatt zerreißen! So wie ich es geschrieben habe, ist es am schönsten, und grade den Takt mag ich am liebsten von allen! – Es half ihm nichts, er mußte sich fügen. Als aber der Abend kam, spielte er doch alles so, wie es zuerst gewesen war. – Hierüber war der Kapellmeister ernstlich verstimmt. – Caecilie, sagte er eifrig, wie wenn es sich um eine wirkliche Nebenbuhlerschaft handele, ich mache dich zur Schiedsrichterin, da es für dich geschrieben und von mir dann geändert ist; ich werde dir beides vorspielen, erst seines, und dann meine Änderung! Er tat es, dann fragte er: Nun, was sagst du? – Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie: Ich glaube, beides kommt mir gleich schön vor. Enzio kam in die schwärmerischen Knabenjahre. Die Zeit, wo er Gesichter küßte, die er in Bilderbüchern fand, war vorüber, er begann seine Liebe und Verehrung auf Menschen von Fleisch und Blut zu übertragen. Das höchste, herrlichste Wesen, das er kannte, war Fräulein Battoni, die seit kurzem am Theater die Stellung einer Primadonna einnahm. Als Agathe im Freischütz hatte sie ihm einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, und abends, wenn er im Bette lag, dachte er oft: O, wenn ich sie doch kennen lernen könnte! Endlich vertraute er sich seinem Vater an: wenn ich sie nur einmal, einmal aus der Nähe sehen dürfte! – Findest du sie denn so schön? – O wunderschön! – Der Kapellmeister sah ihn mit schmelzendem Blicke an und sagte: Göttlich ist sie, du hast recht! Dann schwiegen beide, bis Enzio wieder fragte: wo kann ich sie denn einmal sehen? – Er erfuhr, daß sein Vater mittags nach den Proben meist ein Stück desselben Weges mit ihr nach Hause ging. – So kam es, daß Enzio eines Tages nach der Schule im schnellen Laufe zum Theater eilte, sich vor dem kleinen Seiteneingang aufstellte und wartete, bis die beiden endlich herauskamen. – Herr Gott! sagte Fräulein Battoni, vor Überraschung über Enzios vollendetes Gesicht beinah erschreckt, was ist dieses für ein bildschöner Junge! Das ist Ihr Sohn? Du bist ja ein bildschöner Junge! – Enzio sah sie strahlend an, sie sah ihn ebenso strahlend an, und dann streichelte sie ihm die Wange. – Ja, ja, sprach der Kapellmeister stolz, das ist der Enzio, Ihre neueste und jugendlichste Eroberung! Fräulein Battoni zeigte ihre schönen Zähne und ließ ein herzliches, klingendes Gelächter hören. Im allerersten Moment, als Enzio sie sah, war eine große Enttäuschung in ihm; der mächtige Federhut, das pompöse, seidene Jackett, der rote Atlasschirm und auch die sehr dunklen Haare, – das alles stimmte nicht zu seiner Erinnerung an die Agathe. Aber wie sie nur ihre ersten Worte sprach, war er sogleich unwiderstehlich gefangen. – Er machte nun sehr oft Umwege am Theater vorbei, manchmal verspätete er sich, zuweilen winkte Fräulein Battoni von ferne mit dem Schirm. »Mein Engel« nannte sie ihn stets. Einmal, als sie sagte, er müsse heut mit seinem Vater alleine gehn, sie habe einen andern Weg, sah er sie so enttäuscht an, daß sie ausrief: Nein, so ein entzückendes Geschöpf! sich schnell zu ihm niederbeugte und ihm einen vollen Kuß auf seine Lippen gab. Ein andermal traf er sie allein, ohne seinen Vater. Sie fragte ihn nach seiner Schule, und wie er ihr langwierig den ganzen Stundenplan erzählte, unterbrach sie ihn mit der Frage: Sag, und hast du auch schon eine kleine Freundin, die du so ganz besonders gerne magst, was? und sah ihn mit einem erwartungsvollen Blick an. Enzio antwortete hierauf nicht. – So rede doch! fuhr sie ermunternd fort, mir darfst du schon alles sagen! Ich erzähle es keinem Menschen weiter, auch deinem Vater nicht! Es wäre doch nett, wenn wir beide so ein kleines Geheimnis miteinander hätten. – Enzio schwieg. Sie drohte ihm schalkhaft mit dem Finger und sagte: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Also: Ist deine Freundin blond oder schwarz? Enzio schwieg weiter und wünschte, daß er eine hätte. Jetzt, nachdem er Fräulein Battoni kannte, traf er sie auch zuweilen in der Stadt, auf der Promenade, in den Straßen, und jedesmal neckte sie ihn mit seiner Freundin, deren Namen er nicht sagen wolle. In Gegenwart seines Vaters tat sie es nie, höchstens drückte sie ihm einmal heimlich den Arm, wenn ein hübsches Mädchen in seinem Alter vorbeikam, und dann lachte er für sich, halb verlegen und halb überlegen; so hatten sie doch eine Art Geheimnis zusammen. Manchmal aber war sie ganz zerstreut und sagte ihm kaum guten Tag. Mitunter meinte sie: Jetzt möchte ich doch wissen, was wir für Wetter bekommen! Dann lief er über den Platz bis zu der großen Scheibe, hinter der man lesen konnte, wie es wurde, lernte den Bericht rasch auswendig, aber wenn er dann zu Fräulein Battoni und seinem Vater zurückkam und herzusagen begann: »Bei mäßigem bis frischem Winde und wenig veränderter Temperatur wolkiges Wetter mit keinen oder unerheblichen Niederschlägen« mußte er seine Worte zwei-, dreimal wiederholen, ehe sie ihn zu verstehen schien. Höre, sagte sein Vater eines Tages zu ihm, ich will nicht, daß du uns so oft vom Theater abholst. Jungens haben mit Jungens von der Schule heimzukommen, und außerdem hat Fräulein Battoni einen Ton gegen dich, der mir nicht angenehm ist. Ich verstehe deine Schwärmerei sehr gut, aber nun schwärme auch einmal für jemand anders! Das tat Enzio auch bald. Er suchte sich Schwestern von Kameraden aus, und wenn er diese Kameraden besuchte, so war es im Grunde nur ein Vorwand für seine andern Neigungen. Jede hielt sich in ihrem ahnungslosen Herzen für die Bevorzugte, denn Enzio ließ sich stets und vollkommen vom Augenblick beherrschen. Hinterher freilich war er oft traurig, und wußte selber nicht warum. Sein großes musikalisches Talent, seine geschmackvolle Kleidung, sein gut gepflegter Körper gab ihm in ihren Augen etwas Übergeordnetes und Schimmerndes, und in ihren Herzen lebte er als der schönste Junge, den es gäbe. – Zu Hause erzählte er viel von ihnen, lud wohl auch die eine oder die andere ein, und Caecilie sagte: Was hast du nur an diesen Mädchen! zwang ihn wohl auch manchmal, sich statt ihrer Kameraden einzuladen, aber dann war er verstockt, unliebenswürdig und im Herzen tieftraurig, weinte später und jammerte: Wenn ich nun einmal die Mädchen lieber mag, das ist doch keine Sünde! Sie sind viel netter, viel niedlicher, viel süßer als die Jungens! so daß sie ihm schließlich seinen Willen ließ. – Wie das werden soll, dachte sie manchmal, weiß ich nicht. Sein Vater ist selbst so sehr weich, ich bin nur eine Frau, die Lehrer in der Schule verwöhnen ihn, und hier zu Hause geht es ihm viel zu gut. Alles bekommt er, nichts entbehrt er, er müßte in eine ganz feste, strenge Zucht genommen werden. Aber wie sollte sie das machen? Ihn in eine Pension schicken? Sie fühlte sich außerstande, sich von ihm zu trennen. Den ganzen Zuschnitt ihres Lebens ändern? Das durfte sie nicht, aus Rücksicht auf ihren Mann. Einen Lehrer ins Haus nehmen, der ihn hart erzog? Das mußte das Verhältnis zwischen ihr selbst und Enzio ändern. Sie wußte nichts, und so gab sie sich Mühe, rücksichtsloser und härter zu ihm zu sein. Aber das konnte sie auf die Dauer auch nicht, da sie ihn zu sehr liebte. Enzio war noch gänzlich sorglos-spielerisch. Nur Eine ernste Seite seines Wesens gab es: das war die Musik. Da schwand mit einem Male alles Kindisch-Zerfahrene in ihm, da ward er ernst wie ein Erwachsener. Seine Fortschritte waren bedeutend, der Kapellmeister setzte die allergrößten Hoffnungen auf ihn. So ging die Zeit hin, bis eines Tages die erste tiefe Neigung in sein Herz trat. An einem Theaterabend war er mit seiner Mutter in der Pause im Foyer, und nicht weit von sich sah er ein Mädchen in einem weißen Kleid; sie schien jünger zu sein als er. Sie war mit zwei hochgewachsenen, vornehmen Menschen zusammen, die sich mit einem weißhaarigen alten Herrn unterhielten, der grade wie ein Jüngling neben ihnen stand. Wer ist das? fragte Enzio leise. – Der alte Herr? Caecilie sagte den Namen; es war ein Graf, und Minister war er auch. – Den meine ich nicht! sagte Enzio, ich meine die daneben. – Die Frau ist seine Tochter, und das entzückende Mädchen wird wohl ihre eigne Tochter sein. Der andere ist ihr Mann, ein hochberühmter Bildhauer! Sie nannte ihm den Namen. Jetzt trat ein Herr auf seine Mutter zu, und während sie mit ihm redete, näherte sich Enzio jenem Mädchen immer mehr, bis er beinah vor ihr stand. Unwillkürlich richtete sie die Augen auf ihn, erst als ob sie ihn nicht sähe, und dann stillverwundert, fragend. Ihre schmalen, formenvollen Lippen waren geschlossen, der ganze Kopf bewegungslos und ernst. Dann drehte sie sich wieder zu den andern und schien von neuem zuzuhören, und Enzio sah ihr Profil. Die feine Nase war ein wenig vorspringend, ebenso das Kinn. Beide gaben dem Gesicht einen außergewöhnlichen, herben, fast etwas knabenhaften Charakter. Ihr Haar war glatt und ließ die gehobene Steilheit des Hinterkopfes deutlich hervortreten. Ganz versunken stand Enzio, bis sie abermals zu ihm hinschaute, diesmal mit einem scheuen, kurzen Blick. Er errötete, kehrte sich ab und ging zu seiner Mutter zurück. – Dieses Bild grub sich tief in sein Herz ein; Wochen, Monate vergingen, ehe er sie zum zweiten Male sah, diesmal in einem Konzert; sie trug dasselbe Kleid wie damals und sah genau so aus wie an jenem ersten Abend. Sie erkannte ihn ebenfalls, als sie zufällig in die Reihe hinter sich zurücksah, und blickte schnell wieder weg von ihm. – Wo ist denn Enzio? fragte seine Mutter jetzt öfter am Nachmittag, wenn er sich nicht blicken lassen wollte. Und während sie ihn suchte, saß er weit weg vom Haus, versteckt in einem dichten Gebüsch im Stadtpark, unten an dem Flusse, und sah träumerisch hinüber auf ein schönes Haus in einem schönen Garten, der sich jenseits sanft ansteigend in die Höhe zog. Meistens lag alles still und ruhig, manchmal aber schimmerte ein Kleid durch die Büsche, und einmal sah er sie lange auf einer Bank sitzen, in einem Buche lesend, das Gesicht quälend, halb verdeckt von einem Kastanienblatt. Kam er dann endlich nach Hause, so sagte er, er sei mit Kameraden in den Wald gegangen. Einmal, als er zufällig am Nachmittag allein im Toilettenzimmer seiner Mutter stand, fiel sein Blick auf ein seidenes Kissen, auf dem Broschen und Nadeln steckten. Er sah sie eine Zeitlang an, dann ergriff er eine schöne Brustspange, verbarg sie in seiner Tasche und schlich sich in der Dämmerung davon. Dieses Mal suchte er das Haus von der andern Seite auf. Er ging immer langsamer, je näher er der Gartenmauer kam, stand lange davor, und endlich, als alles still und dunkel war, kletterte er hinüber, und nun stand er in dem Garten selbst. Ein leichter Schwindel befiel ihn, wie er vorwärts ging, nachdem er anfänglich Schritt für Schritt geschlichen war. Seine Füße traten auf harten Kies, dann auf weichen Rasen; er blickte um sich. Wenn ihn jetzt jemand entdeckte! Endlich kam er zu jener Bank, auf der er sie kürzlich noch gesehen hatte. Er setzte sich nieder. Und wenn nun jemand durch den Garten kam und ihn hier fand? Er würde den Weg zur Mauer nicht zurückgewinnen können. Er sah in die dunklen Kastanienblätter hinauf und träumte. Da fiel ihm eine schöne Melodie ein, und er dachte sie immer von neuem. Endlich blickte er sich um, dann schritt er zu dem Fuß des Baumes und legte seine schöne Spange nieder. Plötzlich nahten Schritte. Er schrak heftig zusammen; sein erstes Gefühl war so entsetzlich, daß er dachte, er müsse sterben. – Gehen wir zur Bank! hörte er eine schöne Frauenstimme sagen, es ist so ein milder Abend heute! – Im nächsten Augenblick hatte er seine Spange in die Tasche gestopft, halb besinnungslos starrte er einen Moment noch geduckt durch die Bäume, dann war er mit ein paar leisen Sätzen unten an dem Wasser, warf sich ohne einen Moment weiterer Überlegung in den Fluß und schwamm hinüber. Dieser Abend war ein Ereignis in Enzios Knabendasein. Er hatte sich geopfert, er hatte, wie er zu sich selber sagte, sein Leben aufs Spiel gesetzt, und von diesem Tage an schaltete und waltete er mit dem Gedanken an jenes Kind, dem seine Seele gehörte, wie mit etwas, das ihm ganz zu eigen war. Er erfuhr jetzt bald auch ihren Namen. Einmal gab es nachmittags ein großes Gewitter, und als die Sonne unterging, wurde der Himmel tief durchsichtig und farbig wie eine Seifenblase. Der Kapellmeister und Caecilie hatten Lust, noch einen schönen Spaziergang zu machen, Enzio schloß sich ihnen an, und sie gingen in den Park. Die Erde duftete, und in den perlenschweren Büschen schlugen die Nachtigallen, flötend leise und metallisch laut. Sie gingen jenen Weg entlang, an den Stellen am Fluß vorbei, wo Enzio jeden Baum und jedes Strauchwerk kannte. Drüben aus dem Garten scholl ein fröhliches Lachen, dazwischen tönte vom Haus her eine Frauenstimme, dieselbe, die er an jenem Abend im Garten gehört hatte, und dieses Mal rief sie: Irene! – Traumhaft schön war in seiner Erinnerung dieses Ganze. Dann schien es, als sei alles ein für allemal vorbei. Als er wieder zum Fluß herabkam, war es still dort drüben und alle Läden waren fest verschlossen. Das nächste Mal war es ebenso, und endlich konnte er nicht mehr im Zweifel sein, daß dort niemand mehr zu Hause war. Ob sie alle miteinander ausgezogen waren? Wieder ging er hinüber, zur Gartenmauer, dieses Mal trat er ohne Angst zur Tür hinein, eilte leise die paar Stufen bis zur Eingangspforte hinauf und blickte durch das Schlüsselloch, durch einen Raum hindurch in einen andern Raum, und grade auf ein großes, altes Bild: Eine herrliche, nackte Frau lag dort unter einem dunklen Baum und hielt den Blick genau – so schien es Enzio – auf ihn selbst geheftet, still und unbeweglich. – In halber Befangenheit zog er sich wieder zurück. – Die sind verreist und kommen frühestens in einem Monat wieder! sagte ein Mann, der draußen am Wege arbeitete, zu ihm, im Glauben, er habe dort einen Besuch machen wollen. Trotzdem ging Enzio, halb in Hoffnung, halb aus Anhänglichkeit, die nächste Zeit noch zuweilen an dem Haus vorbei. Später sehe ich sie wieder! tröstete er sich endlich. Seine Gedanken wurden aber bald gänzlich abgelenkt von diesen Erinnerungen, denn eines Tages machte er eine wirkliche Bekanntschaft, die ihn vorläufig sehr beschäftigte. Morgens, wenn er zur Schule ging, sah er seit einiger Zeit ein kleines Wesen, das seinen Schulweg in entgegengesetzter Richtung nahm; ein Mädchen, ungefähr im gleichen Alter mit ihm selbst, aber in ihrer Erscheinung etwas zurückgeblieben, obgleich sie recht niedlich aussah. Auf dem Rücken trug sie ein Ränzchen, auf dessen Außenseite ein weißer Pudel dargestellt war, sie hatte Schleifchen an dem geschneckelten Haar, ein rundes Mützchen auf dem Kopf und sah mit etwas versorgtem Hausmütterchengesicht stets in die Ferne, bis sie einmal durch Zufall auch auf Enzio blickte, der ihr sogleich ein komisches Gesicht schnitt, ohne selbst zu wissen warum. Sie nahm dies durchaus nicht übel, im Gegenteil: Sie drehte das Gesicht seitwärts zu ihm hinüber, lächelte verständnisvoll und doch fast höflich, und zog dabei ihre kleine Nase etwas kraus. – Dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft. Das nächste Mal schnitt er ein noch komischeres Gesicht, diesmal gab sie vor Freude kleine, glucksende Töne von sich, beide drehten sich fortwährend nacheinander um, und das drittemal sprachen sie miteinander. Sie hieß Mathilde, wurde aber nur Pimpernell genannt. Wie Enzio diesen Namen hörte, war er ganz glücklich. Sie fragte auch nach seinem eignen Namen, und wie er ihn sagte, behauptete sie, das sei nicht wahr, den Namen Enzio gäbe es nicht, sie ließe sich nicht anführen. Erst als er ihr seine Hefte vorwies, glaubte sie ihm, meinte dann aber, solche Namen solle es lieber nicht geben. Ihr Vater war Schuldirektor, und als Enzio erzählte, der seinige sei Kapellmeister, sah sie ihn halb mißtrauisch von der Seite an und sagte: Du lügst! worauf er ihr versprach, er werde ihr eine Visitenkarte von ihm mitbringen. Dies Pimpernell begleitete Enzio jetzt sehr oft ein Stück des Weges, von der Schule aus, und er wußte selbst nicht, wie das kam: Er erfand ihr gegenüber eine Masse Geschichten, in denen er selber die Hauptrolle spielte, und zwar stets eine sehr glänzende. Sie hatte nach ihren ersten klargestellten Irrtümern ein großes Vertrauen zu ihm gewonnen, glaubte ihm nun alles aufs Wort, bewunderte ihn rückhaltlos, und gab am Schlusse seiner Erzählungen kopfschüttelnd kleine Schnalztöne von sich, wie eine alte Dame etwa, die in der Stille ihrer Stube gelegentlich Bericht empfängt über die Dinge, die draußen in der geräuschvollen Welt vor sich gehn. – Was zahlt ihr für euer Haus? fragte sie einmal. – Das weiß ich doch nicht! rief er, dann aber log er eine beträchtliche Summe. Eines Tages, in der Nähe des Theaters, sah er von ferne Fräulein Battoni ihnen entgegenkommen. Er sagte, das sei die schönste und berühmteste Sängerin, die es gäbe, und er selber sei mit ihr befreundet, Pimpernell sah achtungsvoll auf die Erscheinung, dann sprach sie: Nun geh aber auch auf sie zu und sprich mit ihr! Enzio hatte Fräulein Battoni seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen und war etwas befangen, vielleicht kannte sie ihn gar nicht mehr? Aber gespornt von Ehrgeiz lief er auf sie zu, sie erkannte ihn augenblicklich, breitete die Arme aus, umfing ihn und küßte ihn mitten auf seine schimmernde Stirn. – Inzwischen trabte Pimpernell vorbei, zog plötzlich kichernd Schultern und Augenbrauen hoch und ihre Nase kraus, blickte dann schnell wieder ernsthaft drein und tat, als starre sie interessiert irgendwo in die Luft. – Also endlich, endlich nach so langer Zeit lerne ich deine Freundin kennen, Enzio; nun, das ist einmal ein possierliches und armes Würmchen! Ist das denn wirklich dein Geschmack, Enzio, mein bildschöner, wundervoller Junge?! – Er beeilte sich zu sagen, daß Pimpernell gar nicht seine Freundin sei; beide sahen ihr nach und Pimpernell, die merkte, daß über sie geredet wurde, drehte den Kopf bald nach links, bald nach rechts zu ihnen zurück, und endlich blieb sie stehn. – Lauf nur wieder! sagte Fräulein Battoni, und doch hielt sie Enzios Hand fest, drehte und drückte sie in der ihren, hob sie auf einmal hoch und sagte: Nein, was hat der Junge für gutgepflegte Finger; Enzio, deine Hand ist ja wie die Hand von einem Kavalier!! Pimpernell wurde das Warten langweilig, sie ging wieder regelmäßig gradeaus, den Kopf etwas im Nacken. Enzio sah ihr mit offnen Lippen nach. Fräulein Battoni lachte: Also lauf nur, sie ist ja doch deine kleine Freundin, du magst sagen was du willst. Ich war auch einmal so jung wie du, gelt, Enzio, da hätten wir uns kennen müssen! – Sie warf ihm einen Blick zu, der weit über seine Jahre ging, Pimpernell war wieder stehen geblieben. Sie hatte sich entschlossen, nochmals zu warten, und sah zurück. – Hast du gehört, Enzio, was ich eben sagte? – Ja? fragte er zerstreut und sah sie an. Da zupfte sie ihn am Ohr, nannte ihn einen durchtriebenen Schlingel und ließ ihn laufen. Einmal traf für ihn ein kleines Paketchen ein, mit sorgsamer Kinderhandschrift adressiert. Es enthielt eine Tafel Schokolade und einen Brief von Pimpernell, die sich entschuldigte, daß sie ihr Paket erst heute schicke. Aber sie sei erst jetzt in den Besitz von zwanzig Pfennigen gelangt. – Das süße Pimpernellchen! rief Enzio, fast im Ton seines Vaters, wenn den etwas entzückte. – Pimpernellchen? fragte Caecilie; wer ist denn das nun wieder? – Ein süßes, entzückendes, reizendes Mädchen, o das ist doch zu nett von ihr, das hatte ich ja längst vergessen. Er erzählte nun, wie er sie kennen lernte, und daß es sich hier um eine Wette handle, die er gewonnen habe. Als er sie das nächste Mal traf, gab er ihr als Gegengeschenk einen wertvollen schönen Federhalter, an dem er besonders hing. Sie nahm ihn auch voll Dank und drehte ihm den Rücken zu, damit er ihr den Tornister aufschnalle und ihn dort hineinschiebe. Da drinnen war alles vollgestopft, sauber geordnet mit weiser Benützung der gegebenen Platzverhältnisse. – Hast du ihn auch wirklich hineingetan? fragte sie, als sie weiterschritten. – Wieso? fragte Enzio erstaunt. – Ich dachte, du tätest vielleicht nur so und hättest ihn wieder in deine eigne Tasche gesteckt. – Enzio sah einen Moment wie abwesend aus, da er ihre Worte nicht begriff. – Ich habe ihn dir doch geschenkt! sagte er endlich. – Ja, aber manche Kinder sind so! meinte sie erklärend. Er blieb stehn und sagte: Höre mal, du bist ja scheußlich! – Sie blickte ihn erschreckt an, dann brach sie in ein hilfloses Weinen aus und jammerte: So habe sie es ja nicht gemeint, sie selber wäre doch nicht so, und sie habe ihm doch auch ganz richtig seine Schokolade geschickt! – Weinen mußt du nicht, Pimpernellchen, sagte er, sogleich gerührt, und trocknete ihr mit dem eignen Taschentuch die Tränen, die wie kleine Kugeln aus ihren Augen sprangen: Siehst du, ich küsse das Taschentuch, auf das deine Tränen gefallen sind! Sie hielt mit ihrem Weinen inne und sah aufmerksam zu, wie er es wirklich tat. Am nächsten Tag erhielt der Kapellmeister einen silbernen Federhalter zugeschickt und einen Brief. – Lies, Caecilie, ich bitte dich! sagte er mit einem milden Lächeln, ach Gott, was sind diese Schulmänner für Pedanten! Als ob ein Federhalter aus Silber ein kostbareres Geschenk wäre als eine Tafel Schokolade! Ich zum Beispiel nähme viel lieber die Schokolade! – An diese Rücksendung knüpfte sich der Wunsch, daß der neue junge Freund Mathildes sich doch einmal persönlich der Familie vorstellen möge. Enzio wollte nicht, aber er mußte. Die Wohnung der Pimpernells war klein; im Vorzimmer roch es nach Pfeffer, und im Wohnzimmer – wie es ihm schien – nach Mäusen. Eine Frau empfing ihn, die dem Pimpernell sehr ähnlich sah, aber einen beträchtlichen Umfang hatte, wie eine ganze Note, dachte Enzio unwillkürlich. Sie sah ihn freundlich durch ein Lorgnon an und sprach mit ihm, und während er zuhörte und antwortete, mußte er immer auf ihre Mundwinkel sehen, die Spuren von Eigelb aufwiesen. Weshalb wischt sie das wohl nicht fort? dachte er. Dann kam ein Mann, mit einem Vollbart und einer goldnen Brille, der ihn durchdringend anschaute, einige Worte an ihn richtete und ihn fragte, ob er auch musikalisch sei, was Enzio bejahte. Der Mann lachte ihm ins Gesicht, als ob ihn diese einfache und grade Antwort belustigte und zugleich verwunderte, und dann durfte Enzio ins Nebenzimmer, wo er mit Pimpernell zum Spielen allein gelassen wurde. Hier roch es wieder anders. Was tust du eigentlich immer? fragte er. – Ich schneide Puppen, sagte sie, als wenn das ihr Beruf sei, und holte sie sogleich. Sie waren aus Modejournalen herausgeschnitten. Jetzt legte sie alle in graden Reihen auf den Tisch und begann sofort »Schule« mit ihnen zu spielen. Es war wirklich ganz genau wie in der Schule. Enzio schaute eine Weile zu, dann nahm er die Leitung selber in die Hand. Im Nu entstanden die lustigsten Szenen, gemischt aus Unbotmäßigkeit und Rüpelei. Ihr war diese Art ganz neu, sie zog die Schultern in die Höhe und gab ihren Beifall in kleinen, prustenden Tönen zu erkennen, während sie leise auf und nieder hüpfte. Dann griff sie selbst mit in das Spiel ein und zeitigte die albernsten und kindischsten Einfälle, erst etwas schluckend und in halber Verlegenheit, dann aber, als Enzio lachte, kühner, doch stets mit unterdrückter Stimme; und als er unwillkürlich lauter wurde, sah sie erschreckt zur Tür, trat dicht zu ihm heran und flüsterte sehr ernsthaft, er möge lieber leiser reden. Enzio, gespornt durch ihren Beifall und durch ihr eignes Wesen, steigerte seine Einfälle bis zur Läppischkeit, sie würgte, um nicht laut zu lachen, und schließlich sprangen ihr bei ihren mühsam unterdrückten Ausbrüchen dieselben kleinen kugelrunden Tropfen aus den Augen, wie an dem Morgen, wo er sie weinen sah. Endlich stopfte sie ihr Taschentuch in den Mund, und schließlich warf sie sich aufs Sofa, wie Enzio alle Puppen durcheinander schmiß und Fratzen schnitt, indem er von einem Bein aufs andre sprang. Im Grunde kam er sich selbst höchst läppisch vor, aber es war ja niemand zugegen außer Pimpernell, der das Freude machte. Er führte einen lautlosen Tanz auf, und dann summte er dazu eine rasch erfundene Melodie, während er mit Fratzenschneiden fortfuhr. Sie arbeitete sich von ihrem Sofa herunter und flüsterte ihm zu, daß sie auch etwas könne. Dann zog sie die Arme an dem Körper hoch, ballte die Hände zu kleinen Fäusten, stemmte ihr rundes Kinn gegen den Hals, zog die Augenbrauen hoch, blies die Backen auf und ahmte eine ferne Militärmusik nach, wobei sie sich langsam um sich selber drehte, wie eine kleine, altmodische Tanzpuppe. Sie sahen sich nun öfter. Wie Enzio von einem zweiten Besuche dort nach Hause kam, sagte er zu Caecilie: Als ich Pimpernells Mutter zum ersten Male sah, hatte sie an ihrem Munde Eigelb. Diesmal hatte sie wieder an ihrem Munde Eigelb, aber ihr Lorgnon war auch voll Eigelb. – Pimpernell kam auch in des Kapellmeisters Haus. Enzio bemerkte, daß Caecilie nicht sonderlich von ihr entzückt war, und, wie schon Fräulein Battoni gegenüber, verleugnete er sie nun auch vor ihr. Caecilie war darüber ganz empört: Weshalb lädst du sie dann ein? Sich nur über Menschen lustig zu machen, dazu sind auch kleine Menschen zu gut! – Ich mache mich nicht lustig, ich finde sie furchtbar niedlich! – Pimpernell schloß sich ihm allmählich in inniger Freundschaft an und war in jeder Hinsicht die sich Unterordnende, Hilfsbeflissene, Dienstbereite. Es zeigte sich jetzt auch, daß sie anschmiegungsbedürftig war, und wenn er sie manchmal sehr lange küßte, hielt sie ganz still, bis sie endlich sagte: Nun komme ich dran! und ihrerseits mit leisem Schnaufen anfing. – Es zeigte sich ferner, daß sie über eine Art alberner Kindersprache verfügte, mit Verwechslung und Vereinfachung gewisser Konsonanten. Enzio lernte ihr das ab, und beide wetteiferten manchmal in dieser Lautgebung, die ursprünglich von einer Tante Pimpernells stammte, die, als Pimpernell noch klein war, lange im Haus gelebt und sie erfunden und gezüchtet hatte. Neben ihr hatte er noch seine andern Freundinnen, und wenn er Pimpernell recht quälen wollte, so sagte er, er habe diese und jene lieber als sie; das sagte er so lange, bis sie in Tränen ausbrach. Dann tröstete und küßte er sie gleich wieder und rief: Dich, Pimpernell, mag ich ja doch am allerliebsten! Hinterher schämte er sich vor sich selber, und noch mehr, wenn er zu andern Freundinnen ähnlich sprach. Eigentlich mag ich doch gar keine von allen wirklich am liebsten, dachte er zuweilen, warum muß ich das wohl immer wieder sagen! – Manchmal besuchte ihn Pimpernell, wenn er mitten in seinen musikalischen Arbeiten war. Dann sagte er unwirsch, sie möchte wieder gehn; und ohne ein weiteres Wort drehte sie um. Sie hatte nicht die geringste Ahnung von Musik, respektierte sie aber, da sie wußte, daß sie eine Kunst sei, und weil Enzio ihr anvertraut hatte, er würde einmal Musiker und Komponist und sein Name werde später berühmt sein in ganz Deutschland und noch viel weiter. Das glaubte sie ihm aufs Wort, und ihre Verehrung wurde noch um vieles tiefer. Eines Tages läutete sie an der Wohnung des Kapellmeisters und sagte dem Mädchen, sie wolle Enzios Mutter sprechen. Im Arm trug sie eine kleine, sehr hübsche Araukarie im Blumentopf, die sie ihr dann verehrte. Caecilie war zunächst erstaunt über dieses plötzliche Geschenk, nahm es aber und bedankte sich mit freundlichen Worten. – Ach, die ist doch gar nicht so schön! sagte Pimpernell, und sah halb verlegen in einen Winkel. – Aber sie ist doch wunderhübsch! – Ach nein! sagte sie noch einmal, machte eine fahrige Bewegung mit dem Arm und verabschiedete sich sehr schnell. – Komisches Mädchen! dachte Caecilie. – Die Araukarie wollte nicht gedeihen. Ihr Grün wandelte sich in ein bläßliches Gelb, trotz der guten Pflege, die ihr Caecilie persönlich zuteil werden ließ. Kopfschüttelnd dachte sie: Gieße ich sie zu viel oder zu wenig? und schließlich, als das Ding immer mehr vertrocknete: Ist etwa die Erde schlecht? Vorsichtig wollte sie das ganze Stämmchen mitsamt der Erdform aus dem Blumentopf emporheben, auf einmal gab es einen Ruck, das Bäumchen fuhr heraus, ohne Erde, ohne Wurzeln, als ein abgeschnittener Stumpf, den sie verblüfft betrachtete. Ursprünglich war es die Krone eines größeren Stammes gewesen, der unter dem Mahagonispiegel in der guten Stube der Pimpernells sein Dasein fristete, Pimpernell hatte ihn aus Versehen umgestoßen, als er ihr beim Anschauen ihres Fratzenschneidens im Wege stand, die Krone war halb abgebrochen, sorgsam beschnitt sie den untern Teil, daß er wieder wie neu und ganz aussehen sollte, mit dem obern, kleineren Teil wußte sie dann erst nichts anzufangen, bis ihr einfiel, man könne daraus noch ein Geschenk machen. Einmal kam Enzio, sie zu einem Gang in das Museum abzuholen. Sie hatten in der Schule als Aufsatzthema die Beschreibung eines gewissen holländischen Bildes bekommen, einer großen Landschaft mit vielfältigen Sondervorgängen im Vordergrunde. Pimpernell war sofort bereit, indem sie ganz selbstverständlich dachte, daß vier Augen mehr sehen als zwei, und daß sie ihm helfen könne, entdeckte dann auch hie und da wirklich Dinge, die ihm entgangen waren: kleine Kirchturmspitzen auf dem Grün der Hügel, eine winzige Schafherde unter einem dunstigen, silbrig-gelben Himmel, und war sehr erstaunt, daß Enzio nicht Papier und Bleistift mitgenommen habe, um sich alles aufzuschreiben. Dann sahen sie sich andere Bilder an und kamen allmählich zu der Halle der Skulpturen. Hier machten sie sich alsbald grundlos lustig über alles was sie sahen, nachdem Pimpernell, die so etwas noch nie zu Gesicht bekommen hatte, die Einleitung dazu mit einem kratzenden Lachton durch die Nase eröffnete. Bei Gruppen, die ihr besonders komisch erschienen, verweilte sie länger und machte ihre Bewegungen nach. Enzio, der anfangs über sie lachte, ward schließlich ungeduldig und schritt allein weiter. Sie war noch nicht ganz fertig mit ihrem Imitieren sämtlicher Figuren einer gewissen großen Gruppe, erledigte die letzten Personen für sich allein, lief dann hinter ihm her und fand ihn in der nächsten Abteilung. Er stand, den Rücken ihr zugekehrt, vor einer Plastik, hörte nicht auf ihr Rufen, und wie sie ihn an der Hand faßte und weiterziehen wollte, sagte er kurz und heftig: Laß mich los! so daß sie sich erschrocken und pflichtschuldig ebenfalls in den Anblick des Bildwerkes zu versenken suchte. Es war ein Kinderakt in Marmor, ein Mädchen, das schlank und grade dastand und in der einen Hand einen Apfel trug. Enzio hatte flüchtig daran vorbeigehen wollen, sein Blick war auf den Namen des Künstlers gefallen, jenen Namen, der ihm heilig war, und wie gebannt blieb er stehn. Dies war Irene, so wie sie vor vier oder fünf Jahren ausgesehn haben mußte! Deutlich erkannte er ihre feine Nase und ihr Kinn, die steile hohe Form des Kopfes wieder. Mit beinah verhaltenem Atem, wie in einer Anbetung hatte er dagestanden, und wie er endlich scheu und zaghaft ihren Arm berührte, durchrieselte ihn ein leiser Schauer. Dann war Pimpernell gekommen. – Wortlos und zerstreut folgte er ihr jetzt, und als sie, in Besorgnis um seinen Aufsatz, wieder die Einzelheiten jenes ersten Bildes aufzuzählen begann, sagte er nervös: Ach, laß doch das dumme Bild! so daß sie sogleich verstummte. Am Nachmittage dieses Tages war Enzio wieder verschwunden. Zum erstenmal seit langem suchte er Irenes Haus auf – und es war geöffnet! Lange stand er seitwärts, durch die Gartenmauer geschützt, darauf schritt er die Straße bis zum Ende, bog über die Brücke, und dann war er wieder im Park, unten am Wasser, hinter seiner grünen Deckung. Dort saß er stundenlang. Aus einem der geöffneten Fenster drüben klang eine leise Melodie, auf einer Violine vorgetragen. Jemand begleitete am Flügel. Es war eine Melodie, die er gut kannte, die Musik von einem frühen Meister, so rein und überirdisch, als sei sie im Himmel selbst entstanden. Stets wenn sie zu Ende war, gingen die da drinnen von neuem in sie über, als könnten sie sich nicht von ihr trennen. Gleichmäßig und sanft flossen die Töne, stets mit derselben Ruhe und Versenktheit vorgetragen. Und drüben leuchtete der Garten. Er seufzte tief, streckte sich ganz aus in dem grünen Grase und sah über sich in die dichten Äste, durch die das Blau des Himmels brach. Ganz leise bewegten sich die Blätter über ihm, und er versank in Träumerei, in der die wiegenden Zweige, die Musik, das Bild des Gartens, das Blau des Himmels und das weiße Kleid Irenens zusammenklang in eine schmerzlich-süße Einheit. Er wußte nicht, wie lange er so lag. Als er wieder ganz zu sich kam, war die Musik verstummt, und wie er sich jetzt halb aufrichtete und hinübersah, erschrak er, denn da saß Irene auf dem gewohnten Platz, den Kopf geneigt, bewegungslos, mit einem Buche. Vorsichtig zog er die Beine ein und versteckte sich wieder vollkommen hinter seinem Grün. Hoffnungslos und trostlos erschien ihm alles, er würde sie niemals kennen lernen, nie zu ihr sprechen dürfen. Plötzlich wurde er dunkelrot. Eine verwegene, tollkühne Idee war ihm gekommen. Und dann ertönte, erst zaghaft, dann sicherer, doch stets ganz leise, jene Melodie zu ihr herüber, die er zuvor vernahm. Sie brach ab im selben Augenblick, als sie den Kopf hob. So leise war sein Ton gewesen, daß sie vielleicht denken konnte, sie habe sich getäuscht, denn sie blickte kaum ein wenig um sich und senkte den Kopf zu ihrem Buch zurück. Da pfiff es abermals, und wieder endete die Melodie, als sie die Stirne hob. Jetzt stand sie auf, senkte den Arm mit ihrem Buch und sah hinüber. Unbeweglich stand sie da, und Enzio zog sich noch mehr in sich zusammen. Sie legte ihr Buch auf den Tisch, kam zum Fluß hinab und fragte ernsthaft über das Wasser hin, indem sie den graden Blick auf das Ufergrün, doch nicht auf sein Gebüsch geheftet hielt: Wer ist da drüben? Erst kam keine Antwort, sie wollte sich wieder in den Garten zurückwenden. – Ich! drang es da leise an ihr Ohr, und wie sie überrascht die Augen dem Klange dieses Worts entgegenwendete, sah sie ihn aus den Büschen lugen. Sie erkannte ihn sofort. Beide schwiegen, ohne die Augen voneinander abzuwenden. – Was willst du denn? fragte sie endlich, immer in derselben Haltung. Enzio erwiderte nichts, aber jetzt hatte er sich erhoben und war am Ufer entlanggeschritten, bis er ihr gegenüberstand. In ihre festen, graden Augen trat ein Ausdruck von Erwartung. – Ich möchte gerne über den Fluß, zu euch hinüber! – Irene sah ihn noch einen Augenblick an, dann sagte sie: Warte, ich mache gleich das Boot los. Und während sie dies wirklich tat und dann mit dem Ruder vom Lande abstieß, stand Enzio wie in einem Traum. Sie trieb den Kahn mit ein paar leichten Schlägen zu ihm hinüber, bis er leise knirschend auf den Sand stieß. – Steig ein! sagte sie. Drüben angekommen, nahm sie die Kette und zog sie durch den Ring. Als sie aufblickte, saß Enzio noch unbeweglich. Sie sah ihn fragend an, mit einem Blick, der ausdrückte: Du wolltest doch aussteigen und zu uns hinüber. – In Enzios Mienen war eine stumme und zugleich bittende Verwirrung. – Möchtest du, daß wir noch ein wenig Kahn fahren? fragte sie, und ihre Stimme klang sanft und doch ganz selbstverständlich. – Er nickte; sie zog die Kette wieder aus dem Ring und stieg ins Boot zurück. – Wer rudert? fragte sie und dann fügte sie hinzu: Wir können jeder ein Ruder nehmen. – Sie setzte sich hinter ihn, und nun fuhren sie langsam den Fluß hinauf. Keiner redete. – Bist du noch nicht müde? klang es endlich hinter ihm. – Ich nicht; aber wenn du müde bist ... antwortete er, und dann brach er ab. Der Fluß machte eine Biegung, Enzio merkte, daß sie das Ruder eingezogen hatte, und wie er sich jetzt umdrehte, sah er in geringer Entfernung einen großen Baum, der seine dicken Äste vom Ufer her weit hinaus über das Wasser sandte. Irene streckte die Arme aus und hielt den Kahn unter den Zweigen an. Enzio kehrte sich auf seinem Sitz herum, so daß er ihr nun gegenübersaß. Sie legte die Hände in den Schoß. – Weshalb hast du vorhin gepfiffen? fragte sie nach einer Pause und sah ihm, still auf eine Antwort wartend, auf die Lippen. – Enzio erwiderte: ich habe es dir doch schon gesagt! dann beugte er sich zur Seite und tauchte seine Hand ins Wasser; nach einer Weile fuhr er fort: Und wir kennen uns doch schon so lange! – Vom Theater her? meinte sie fragend und beugte sich ihrerseits etwas über den Bootsrand hinab, nach der andern Seite. Dann setzte sie hinzu: ja, damals habe ich dich auch zum erstenmal gesehn. Weißt du eigentlich, wie ich heiße... fragte Enzio nach einer Pause, immer in derselben Stellung. Sie nickte. Dann bog sie den Kopf etwas zu ihm hinüber und fragte, ob er auch ihren Namen wisse. Enzio nickte ebenfalls. – Sag ihn! Sie hörte mit dem Plätschern auf. Er scheute sich selbst ihr gegenüber ihren Namen auszusprechen. – Sag du erst meinen! – Sie schwieg einen Augenblick, und dann nannte sie ihn, seinen Vornamen und seinen Familiennamen, und die langen Silben kamen ernsthaft, gleichmäßig und klangvoll von ihren Lippen, wie wenn sie eine Formel spräche und gewiß sei, daß auch kein Buchstabe anders war, als sie ihn sagte. Sie hatte den Kopf etwas abgewendet und in das Wasser hinabgesehn, und als sie sich jetzt wieder aufrichtete, fragte sie zuversichtlich: War er recht? – Er nickte. – Nun mußt du auch meinen Namen sagen! – Enzio tat es zögernd. – Woher weißt du denn, daß ich Irene mit Vornamen heiße? – Er versuchte ein gleichgültiges Gesicht zu machen: Ich hab ihn einmal rufen hören, wie ich mit meinen Eltern abends zufällig im Park vorbeiging. – Und woher wußtest du, daß ich damit gemeint war? – Ach, frag doch nicht! bat er, in aller Verlegenheit ungeduldig. – Sie sah ihn mit klugen Augen an und antwortete: Ich kann doch etwas fragen, wenn ich es nicht weiß. – Ihr Blick war kühl und warm zugleich, und Enzio dachte: Sie hat ja keine Ahnung, daß ich drüben oft stundenlang im Grase lag! Davon hatte sie wirklich keine Ahnung. Seit jenem ersten Theaterabend dachte sie manchmal an ihn, und ihre Erinnerung ward frischer, als sie ihn dann im Konzerte wiedersah; aber sie war doch nicht stark genug, um sich ganz frisch zu halten, und wie sie ihn vorhin im Grase aus dem Grün auftauchen sah, hielt sie das Ganze nur für einen merkwürdigen Zufall, ohne auf den Gedanken zu kommen, das alles könne mit ihr selber in Verbindung stehn. Selbst als er sagte, er wolle gern in ihren Garten, wußte sie nicht recht, was er damit meine, glaubte sie halb, er wolle ihn sich ansehn, und als sie mit ihm in den Kahn zurückstieg, tat sie es nur, weil sie dachte, sie mache ihm damit eine Freude, denn sie empfand für Enzio, seit er aus dem Dickicht des Gebüsches plötzlich wieder in ihren Gesichtskreis trat, ein natürlich-warmes Gefühl innerer Bereitschaft. Enzio dachte wieder an das Marmorbild; er hätte ihr so gern erzählt, daß er es heute sah, aber irgend etwas Unklares hielt ihn zurück. – Er sagte nur: ich war heut im Museum. Dann redeten sie von den Bildern, er erzählte von seinem Aufsatzthema und verschwieg, daß er auch in den Hallen der Skulpturen war. Und sie dachte gar nicht an die Skulpturen und an sich selber. Aber jenes Bild kannte sie gut, viel besser als er, obgleich sie es lange nicht gesehn hatte. Er war darüber erstaunt. – Es hat mir sehr gefallen, sagte sie, und was mir gefällt, das behalte ich ganz genau. – Dann schwiegen sie wieder. Wir wollen umdrehn und zurückfahren, sagte sie endlich. – Noch nicht! bat Enzio. Sie hatte das Ruder schon ergriffen und zog es wieder ein. Dann setzte sie sich in die Mitte der Bank und stemmte ihre Hände unter das Gesicht. – Woran denkst du? fragte er. – Ich hatte grade gedacht, daß ich noch Violine üben müsse! – Dann wollen wir zurückfahren! Er setzte die Rudergabeln für sich selbst zurecht und tat kräftige, schnelle Schläge. Sie sagte, so geschwind brauche es nicht zu sein, aber er antwortete: Doch, sonst übst du nicht genug. Ich muß nun selbst nach Hause, fügte er wie eine halbe Entschuldigung hinzu, denn ich habe auch fast gar nicht geübt, heute. Er erzählte noch einiges von den Stunden bei seinem Vater, und als sie hörte, er habe Unterricht in der Harmonielehre, fragte sie, ob er auch schon etwas komponiert habe, worauf er sehr bescheiden antwortete: Ja, aber nur wenig, und meistens ist mein Vater nicht zufrieden. Je näher sie dem Garten kamen, um so langsamer ruderte er, bis der Kahn endlich doch, von ihrem Steuer geführt, an das Land stieß. Er wollte die Kette an dem Ring befestigen, aber sie nahm sie ihm aus der Hand und tat es selber. Dann gingen sie langsam die Stufen hinauf, zum Garten empor. Sie kamen an der Bank vorbei, wo noch ihr Buch lag; dann standen sie oben an dem Hause. – Leb wohl! sagte Irene und reichte ihm die Hand. Sie war noch kühl und feucht vom Wasser. Enzio nahm sie, hielt sie unschlüssig und sagte: ach Irene. Dann ließ er sie los und wollte gehn. Aber er ging nicht. Sie schien seinen Gedanken zu erraten, oder es war ein ähnlicher in ihr. Sie sah ihn ernsthaft an und fragte: Kommst du einmal wieder? – Er nickte. Sie ging mit ihm zur Gartentür, reichte ihm noch einmal die Hand, und als sie sich zum Haus zurückwandte, fing Enzio an zu laufen, so schnell er konnte. Wie er daheim war und seine Mutter ihm entgegentrat, stürzte er ihr in die Arme. Endlich! rief er, endlich habe ich sie kennen gelernt! Nie war ich mit Kameraden in dem Walde, immer habe ich nur unter dem Gebüsch gesessen und herübergesehn zu ihr, und heute, endlich, endlich war ich mit ihr zusammen. Regellos erzählte er durcheinander, bis Caecilie sagte: Enzio, du bist ja wie von Sinnen, so sage mir doch wenigstens den Namen! Er blickte sie erstaunt an, dann nannte er ihn, als wenn es keinen andern auf der ganzen Welt gäbe. Und darauf warf er sich wieder an ihre Brust und küßte ihre Stirn, Mund und Wangen, daß ihr unter diesen stürmischen Zärtlichkeiten beinah ängstlich wurde. Dies, dachte sie, ist seine wirkliche, erste Liebe. Wie jung war er, und wie leidenschaftlich. – Freust du dich gar nicht mit mir?! – Doch, Enzio, sagte sie, aber ich bin traurig, daß du mir nie ein Wort davon gesagt hast, ja, daß du mir direkte Unwahrheiten sagtest. – Wieder begannen seine Zärtlichkeiten, und er flüsterte: Verzeih mir, du mußt mir das verzeihn, aber das hätte ich keinem sagen können! Und irgend etwas mußte ich doch sagen, wenn ich für so lange fortging. O, ich habe sie so lieb wie sonst niemand auf der Welt – außer dir, setzte er zögernd hinzu. Dies letzte Wort brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Ihr war beinah gewesen, als höre sie das Liebesgeständnis eines Jünglings, und jetzt fühlte sie wieder, daß Enzio noch ein Kind sei. Und unwillkürlich fand sie einen andern Ton. Sie streichelte sein Haar und sagte: Es freut mich, daß du eine Spielgefährtin gefunden hast, die du lieber magst als all die andern, und die wohl zugleich auch etwas ernster ist als deine übrigen Freundinnen. Sieh, Enzio, dieser Verkehr mit dem Pimpernell zum Beispiel war mir im Grunde gar nicht lieb. Sie ist ja ein nettes kleines Mädchen, aber ich habe bemerkt, daß du albern und läppisch wurdest, seit du so viel mit ihr zusammen warst. – Pimpernell? fragte er – die sehe ich nun niemals wieder. – Aber Enzio! sagte Caecilie erschrocken, so war es nicht gemeint gewesen! – Dieses plötzliche Abbrechenwollen, diese Bereitwilligkeit, einen Verkehr aufzugeben ohne jede Schuld des andern Teiles erschien ihr beinah herzlos. – So meinte ich es nicht! sagte sie noch einmal, sie ist doch immer lieb und freundlich zu dir und hängt an dir, da kannst du ihr nicht so ohne weiteres den Rücken drehn! – Doch, sagte Enzio. – Nein, das ist unmöglich, und es wäre grausam und hart von dir! – Wie soll ich es denn aber sonst machen? – Du kannst sie weniger sehen, und den Verkehr allmählich einschlafen lassen. – Ich mag sie aber doch nun gar nicht mehr! – Nachdem du sie bis jetzt so gern gemocht hast? Enzio, hast du denn in deinem Herzen immer nur Platz für einen einzigen Menschen? Muß denn jeder folgende den andern ganz verdrängen? – Du hast selbst vorhin gesagt, daß du es gerne sähest, wenn ich den Verkehr mit Pimpernell aufgäbe! – Das ist mein Wunsch, jawohl, aber ich bin noch nicht du, und dir müßte es schwerer werden zu tun, was mir leichter wird zu wünschen. – Also im Grunde, sagte Enzio, kommt es doch auf dasselbe hinaus. Und wenn Pimpernell das nächste Mal klingelt, so lasse ich sagen, ich wäre nicht zu Haus, jedesmal und immer wieder, bis sie nicht mehr kommt. – Caecilie fand sich ganz zurück zur Sprache einer Mutter gegen ihr unreifes Kind. – Das wirst du nicht tun! sagte sie bestimmt, denn wenn du es tätest, so würde ich dir den Verkehr mit Irene verbieten. Enzio sah sie erschrocken an. – Sei freundlich zu Pimpernell, alles andere wird sich schon von selbst ergeben. Es begann jetzt eine glückliche Zeit für Enzio. Schon am nächsten Tage war er wieder bei Irene, abermals vom Park aus, wo er wartete, bis er sie im Garten sah. Wieder pfiff er seine Melodie, von gestern, aber diesmal am Ufer stehend, und wieder holte sie ihn über. Sie blieben unter dem Kastanienbaum, und als Irene zum Tee gerufen wurde, ging er ganz selbstverständlich mit. Oben in dem schönen großen Raum sah er dieselben beiden Menschen, die er damals im Theater neben Irene sah. Nur hatte er ihren Vater etwas anders in der Erinnerung; schlanker und jünger. Sein dunkles, dichtes Haar stand wie eine Wolke über seiner großen, formvollen Stirn, und er hatte eine Kraft des Blickes, daß Enzio verwirrt die Augen niederschlug. Sie machten aber beide freundliche und gar nicht erstaunte Gesichter und fuhren bald in dem Gespräch fort, das sie führten, als er hereintrat. Er verlor die große Schüchternheit, die ihn zunächst befing, und versuchte zu verstehen, was sie da redeten. Er bemerkte, daß über irgendein Bild gesprochen wurde, das sich in Madrid befand, aber was da eigentlich geredet wurde, konnte er nicht begreifen. Nur sah er, daß diese schöne Frau nachdenkliche Augen machte, daß es ihr schwer ward auszusprechen, was sie wollte, und daß ihr Mann dies schließlich besser zu wissen schien als sie. Sie hatte die gleichen, klaren wie in die Weite sehenden Augen wie Irene, und auch Ähnlichkeit mit ihr in der Art des Sprechens, es klang in ihrer Stimme dieselbe ruhige Gelassenheit. Es war wie die Verwandtschaft zwischen einer Viola und einer Violine. Und Irenes Vater sah aus wie ein großer Werkmeister, in seiner einfachen dunklen Tracht, die an dem Hals mit einem weichen, lockern weißen Streifen abschloß, ohne daß Enzio erkennen konnte, wie das gemacht war. – Als er fortging, forderte ihn Irenes Mutter auf, wiederzukommen: Ich habe dich, so sagte sie, schon manchmal im Konzert gesehn, und mir gedacht, du könntest ein guter Kamerad für sie sein! Enzio errötete, und wurde noch verlegener, als ihr Vater ihn mit einem Blick ansah, als wenn er alles von ihm wisse, während er in Wirklichkeit doch nur ganz unwillkürlich die Formen seines Gesichts studierte, und hinzusetzte: Aber wenn du immer über den Fluß hinüberkommst, dann müssen wir extra einen Bootsmann für dich anstellen. Irene war heut dreimal in dem Garten, während sie bei mir arbeiten sollte. – Das ist nicht wahr, sagte Irene. Und arbeiten, fuhr er zu Enzio fort, ist die Hauptsache im Leben. – Enzio machte ein Gesicht wie in der Schule während einer Aufmunterungspredigt. Da lachte er und setzte hinzu: So meine ich es nicht, aber wenn du einmal wirklich Künstler werden willst, dann wirst du mich schon begreifen! Zwischen Enzio und Irene schloß sich eine Freundschaft, von ihrer Seite ruhig und selbstverständlich, von seiner Seite verhalten und anbetend. Nie berührte er sie, seitdem sie einmal sagte: Was faßt du mich denn so an? ich mag das nicht. – Er musizierte mit ihr; bald hatte er ein kleines Duo für Violine und Klavier komponiert, das er mit ihr zusammen vortrug. Seine Liebe ließ ihm ihr Spiel viel schöner erscheinen als alles Violinspiel, das er je gehört. – Auf Technik – so sagte er einmal und zitierte damit einen Ausspruch seines Vaters – auf Technik kommt es in erster Linie gar nicht an, die Hauptsache ist, daß man – daß man – – dann wußte er nicht, wie es weiter ging, und nur seine Augen vollendeten, was sein Herz empfand. Wie sie in solchen Augenblicken dastand! Wie sie ihn ansah, während sie den Bogen von neuem zum Spiel ansetzte, die Lippen schon wieder fest geschlossen, wie immer, wenn sie musizierte! Er durfte jetzt auch manchmal mit ihr in das Atelier gehn. Dort arbeitete sie bei ihrem Vater. Er ließ sie vorerst kleine Früchte und andere einfache, formenvolle Dinge modellieren. Einmal nahm sie einen großen, wachsgelben französischen Apfel in die Hände, der dort lag. Iß ihn! iß ihn! sagte Enzio, weil er wußte, daß sie ihn sonst wieder ganz lange betrachten werde, und dann mußte er dabeistehn und sich langweilen. – So fein! sagte sie, ohne seinen Einwurf zu beachten, drehte ihn langsam hin und her und versenkte sich nun wirklich ganz in seinen Anblick. Da fiel ihm wieder jene Plastik ein, aus dem Museum. Dann wartete er eine Weile, und schließlich sagte er: So leg doch nun endlich den Apfel hin. – Aber wenn ich ihn nicht von allen Seiten angesehen habe!? – Das kannst du doch ein andermal. – Aber ich möchte es grade eben jetzt. – Dagegen ließ sich nichts einwenden; wie sie endlich glaubte, sie habe nun seine Form ganz in sich aufgenommen, warf sie ihn Enzio zu und rief: da, iß ihn selbst! und als er das wirklich tat, sah sie aufmerksam auf sein Gesicht: In deinem rechten Auge ist im Blau am Rande ein winzig kleines Pünktchen! Wie sieht sie mich nur immer an! ganz anders als alle andern Menschen! dachte Enzio zuweilen in der Erinnerung, und ließ die Art ihres Blickes in sich nachwirken, der den, auf den er traf, ganz in sich aufzunehmen und doch wieder wie in einer Ferne zu sehen schien und selber nichts von dieser Wirkung wußte. In der Tat standen Irenes Augen nicht ganz so wie die der meisten andern Menschen, um eine so unnennbar kleine Linie anders, daß man sich dieser Tatsache kaum bewußt ward, und, wenn man sich in ihren Blick versenkte, nur die besondere seelische Wirkung fühlte, die von ihm ausging. Enzio ist verliebt! schon wieder! sagten seine Mitschüler, denn jetzt malte er, wo es nur irgend anging, ein geheimnisvoll verschlungnes Monogramm auf alle Gegenstände, die ihm gehörten. Wo dieses einmal ausgesprochen war, sah er seine Neigung in einem ganz neuen und bisher ungewohnten Lichte. Und dann dachte er: Bin ich denn nicht wirklich ganz unglücklich verliebt? – Ein dunkles und doch starkes Gefühl lebte in ihm, und schlug in leisen, fast unmerklichen Wellen, wenn er in Irenes Nähe war. Caecilie machte eines Tages einen Besuch bei Irenes Mutter, und die Wirkung davon war, daß sie einen ganz tiefen Eindruck von ihr bekam und beinah für sie schwärmte, sie fühlte in ihr eine Abgeklärtheit, die ihr selber fehlte; sie lernte auch ihren Mann kennen, und dann dachte sie: Kein Wunder, daß diese mädchenhaft schöne Frau so harmonisch und aus einem Gusse ist; sie muß ein ganz glückliches Leben führen. Und Irenes Mutter wiederum sagte: was beneide ich Sie, daß Ihr Sohn so rückhaltlos und offen zu Ihnen ist! Glauben sie, daß ich eine Ahnung davon habe, was Irene im Innersten ihres Herzens denkt und fühlt? Ich begreife oft nicht diese Verschlossenheit, aber ich habe früher darunter mehr gelitten als jetzt. Ich glaube, ich selber war als Kind anders, und doch klagten meine Eltern schon, daß nicht mehr das gute alte Verhältnis bestehe zu den Kindern. Ob es jemals ganz anders war, weiß ich nicht, aber ich dachte mir immer: zum Muttersein gehört Resignation. Und sie und Ihr Enzio – Sie machen so einen ganz andern Eindruck! Wie schön erzählt er oft von Ihnen! So etwas würde Irene, glaube ich, niemals tun. – So sprach sie, mit ihrer klaren Stimme, die genau so klang, als ob sie etwa das Gegenteil von allem sagte. Und genau so klar und voll heitrer Ruhe war ihr Gesichtsausdruck. Caecilie verwunderte sich darüber und sagte: Sehr tief zu kränken scheint Sie das aber nicht? – Sie schüttelte den Kopf und antwortete nachdenklich: Man nimmt allmählich einen andern Standpunkt ein und freut sich, seine Kinder wie Bilder anzusehn, die sich ohne unser Zutun vollenden! – So kann man aber nur sprechen, erwiderte Caecilie, wenn man seinem Kinde schon das Beste und das Reinste mitgegeben hat! Pimpernell machte trübe Erfahrungen. Wie bist du denn jetzt immer? fragte sie. – Ich bin überhaupt nicht! sagte Enzio von oben herab, und als sie das nicht verstand, setzte er hinzu: Frag nur meine Mutter. – Das tat sie wirklich. – Enzio, sagte Caecilie, ich habe dir gesagt, du sollst nett sein gegen Pimpernell. Sie hat dich auf morgen eingeladen, geh nur hin, es kann ja meinetwegen das letztemal sein, oder das vorletzte. – Enzio warf sich auf das Sofa und seufzte tief. – Nun? sagte sie, was ist? – Die schönen, schimmernden Räume in Irenens Haus schwebten ihm vor der Seele, und die ganze herzbeklemmende Atmosphäre in der Wohnung Pimpernells erschien ihm doppelt schrecklich. – Nein! rief er, ich gehe da nie wieder hin! – Weshalb denn nicht? – Es stinkt da so! – Wonach denn? – Ich weiß es nicht, aber es ist nicht zu ertragen! In jedem Zimmer anders! Er sah mit nervös gepeinigtem Gesicht zur Decke, indem er sich ein Haar ausriß und es zwischen den Fingern drehte. – Sie wandte sich nach ihm um und fragte: was machst du denn da für einen Aufwand an Verzweiflung? Wenn es wirklich da so stinkt, kann kein Mensch verlangen, daß du hingehst. – Und im Grunde war sie ganz zufrieden, daß der Verkehr nun wirklich aufhören werde. Aber Pimpernell war zäh. Sie kam immer wieder, und Caecilie traute ihren Ohren kaum, als sie einmal durch die halb geschlossene Tür die geflüsterten Worte hörte: Süßes, süßes, süßes Pimpernellchen! Er stand nebenan, hielt und küßte sie, und wie ihm Caecilie später Vorwürfe machte über seine Unwahrhaftigkeit, wurde er heftig und sagte: Ich bin nicht unwahrhaft! Ich mochte sie auf einmal furchtbar gerne; ich hatte ihr nur vorher erzählt, daß ich eine neue Freundin habe. – Das ist es ja grade, sagte Caecilie, daß du die Menschen auf einmal gern hast und daß sie dir dann wieder ganz gleichgültig sind! Wo steckt denn da die Wahrheit! – Enzio ging hinaus, und später fand sie ihn auf dem Sofa, sich die Nase putzend, mit geröteten Augen. – Hast du geweint, Enzio? – Ja, weil du sagst, ich wäre unwahrhaft! Ich will ja anders sein, aber ich meine es doch immer ganz genau so wie ich es sage! Und ich mag sie wirklich fast so gerne wie Irene! – Das nächste Mal, als er Pimpernells Stimme auf dem Vorplatz hörte, streckte er, ehe er auf ihr Klopfen herein rief, schnell und lautlos die Zunge gegen die Tür aus. Caecilie rief ihn ins Nebenzimmer. Dieses geht nicht länger so! sagte sie; ich wünsche, daß du dem Verkehr ein Ende machst. Du bist abscheulich gegen das arme Ding. Sag ihr, du habest eine große Arbeit für deinen Vater vor, widersprich nicht, ich verlange es. Und zwar sagst du ihr das gleich heute, das kann scheinbar ganz nebenbei geschehn. Enzio versprach es, aber die Sache kam anders. Er wußte nicht recht, wie und wo er diese Mitteilung anbringen solle und war schweigsam, so daß Pimpernell, die nach einem Unterhaltungsstoff suchte, die Frage tat: Wie ist es denn mit deinem Aufsatz damals geworden, über das Bild im Museum? – Habe ich gar nicht gemacht! Den hat meine Mutter gemacht! Ich habe ihn nur abgeschrieben. – Pimpernell sah erschrocken aus, wagte aber keinen von beiden zu tadeln und fragte nur: Warum hast du ihn denn nicht gemacht? – Ach, wenn ich dir das sagte!! Ich hatte keine Lust! – In Wahrheit quälte er sich damals mühselig mit diesem Aufsatz, der in die Zeit seiner allerersten Bekanntschaft mit Irene fiel, und als er immer wieder die Feder hinwarf und rief: ich bringe es nicht fertig, die Gedanken laufen mir davon – tat er Caecilie leid und sie meinte: So sag mir wenigstens, was alles auf dem Bilde ist, dann werde ich die Arbeit für dich machen. Das tat er, glücklich und erleichtert, und als er seinen Aufsatz mit einer sehr guten Note zurückerhielt, sagte Caecilie: So, nun muß ich mir das Bild im Museum doch auch einmal ansehn! kam zurück und meinte, sie hätte es sich ganz anders vorgestellt. – Weshalb hattest du denn keine Lust? fragte Pimpernell beharrlich. – Da sagte es ihr Enzio. – Ich möchte doch wirklich wissen, entgegnete sie spitz, ob diese Irene anders ist als ich zum Beispiel. Oho! rief Enzio recht von oben herab. Er besaß eine Kreidezeichnung von Irene, die ihr Vater einmal gemacht hatte, und die sie ihm auf sein flehentliches Bitten schenkte; er verwahrte sie in einer geheimen Lade. Jetzt war die Versuchung zu groß, er holte sie und zeigte sie dem Pimpernell. Hier, sagte er, hier ist sie, jetzt bitte, sag das doch noch einmal, was du gesagt hast! Er legte das Blatt auf den Tisch und sah sie hochmütig an. Pimpernell blickte auf die Zeichnung, nahm sie blitzschnell und riß sie mitten durch. Enzio stand einen Augenblick sprachlos, dann wollte er sich auf sie stürzen, aber stumm und mit großer Geschwindigkeit huschte Pimpernell durchs Zimmer, packte draußen mit einem Griff Mützchen, Mäntelchen und Schirm, sprang zur Vorplatztür hinaus und war schon auf dem untersten Treppenabsatz, als ihr Enzio mit geballter Faust von oben nachrief: Wenn du dich nur ein einziges Mal unterstehst, wieder herzukommen! Sie duckte sich, als vermute sie, es flöge ihr noch etwas an den Kopf, und dann war sie verschwunden. Dies war das erstemal, daß sie aus Enzios Leben zurücktrat. Traf sie ihn später einmal auf der Straße, so ging sie schnell auf die andere Seite und zog dort etwas die Nase kraus, begegnete sie aber seiner Mutter, so grüßte sie mit sorgenvoller und heimlicher Mißbilligung und dachte: daß sie ihm den Aufsatz gemacht hat, war doch ein Fehltritt in ihrem Leben! Die Jahre gingen hin. Daß du nicht etwa Papa sagst, daß heute mein Geburtstag ist! sprach Caecilie eines Mittags, als Enzio aus der Schule kam, – ich möchte doch wissen, ob es ihm nicht noch von selbst einfällt. Es fiel dem Kapellmeister aber nicht ein, obgleich sie schließlich Anspielungen machte, indem sie die Rede auf seinen eignen Geburtstag brachte, für den er auch sofort zu einigen Wünschen angeregt ward. In den ersten Jahren ihres Zusammenlebens hatte er sich schon lange vorher auf diesen Festtag seiner Frau gefreut, und seine geheimnisvollen Andeutungen kommender Geschenke hatten sie stets mit noch größerem Glück erfüllt als die Zeichen seiner Liebe selber. Das schien vorbei zu sein. Die letzten Male waren geschäftsmäßig verpackte Kartons ins Haus geschickt, kostbarer, reicher als frühere Geschenke, und dieses Mal war der Tag wie jeder andre. Ein paarmal sah sie ihn mit einem besondern Blick an, der aber nur zur Folge hatte, daß der Kapellmeister sagte: Mein liebes Herz, was stierst du so? und ihr aus dem Wege ging, indem er dachte: Gott weiß, was sie wieder hat. Am Abend kam dann alles, was sich in Caecilie angesammelt hatte, zur Aussprache. Du kommst mir vor, sagte sie, wie ein reicher Engländer, der sich bei einer Dame eingemietet hat, die ihm weder sympathisch noch unsympathisch ist, der grade noch pünktlich zu den Mahlzeiten erscheint und im übrigen treibt, wozu er Lust hat. Wie ein Engländer? fragte er, halb gereizt und halb geschmeichelt, warum grade wie ein Engländer? – Weil das die egoistischsten Menschen von der Welt sind! – Er hatte unwillkürlich schon in den Spiegel gesehn, jetzt wandte er sich zurück und sagte: Caecilie, Egoismus ist wohl das letzte, was du mir vorwerfen kannst! Wir leben nun viele, viele Jahre in der Ehe miteinander, und ich glaube, ich habe nie auch nur das Geringste getan, was egoistisch wäre oder dich verletzen könnte. Wenn jemand verletzt, so bist du es! Hier ist ein gutes Beispiel: Schon heute Mittag merkte ich, daß du nicht eben guter Laune warst, du ließest es mich deutlich genug fühlen, obgleich ich wahrhaftig nicht an deinen Launen schuld bin. Was tat ich? Ich bemühte mich, sie zu übersehen, dachte dann aber: Besser, ich ziehe mich zurück, vielleicht hat sie Kopfweh. Dann vergesse ich das Ganze – du kannst doch nicht verlangen, daß ich immer nur an dein Kopfweh denke – komme heute abend harmlos und zufrieden nach Haus, du bist wieder wortkarg und verstimmt, und plötzlich fährst du ohne jede Veranlassung auf mich los! Erwartest du vielleicht, daß ich dir noch immer wie ein Bräutigam mit offnen Armen entgegenfliegen soll? In unsern Jahren, dächte ich, wäre das vorüber. – Du weißt genau, was ich erwarte, und was jede Frau verlangen kann: Wärme und Freundschaft von dem Manne, mit dem sie sich fürs Leben verbunden hat; einige Gedanken über sich selbst hinweg, aber du, du bist immer nur mit dir allein beschäftigt. – Freue dich, daß es so ist! In meinem Unterbewußtsein aber ist es anders! Traurig, daß ich das aussprechen muß, das solltest du als selbstverständlich annehmen. – Was habe ich von deinem Unterbewußtsein? Das ist nur eine bequeme Ausrede! Und es sollte zum mindesten Tage geben, wo dies Unterbewußtsein etwas wachgerüttelt wird – mein Geburtstag zum Beispiel. – Dein Geburtstag? Er dachte einen Augenblick nach, dann umarmte er sie etwas majestätisch: Ach so, nun verstehe ich! Verzeih, Caecilie, ja, ja, an den hätte ich denken müssen, da hast du recht. Ich werde es um so ausgiebiger nachholen: Stell mir eine hübsche große Liste deiner Wünsche zusammen, morgen früh lasse ich alles kommen. – Als ob es das wäre, was ich vermißt habe! Und ich soll dir eine Liste zusammenstellen! Hast du mir je eine Liste zusammengestellt? Jawohl, das hast du auch, aber habe ich nicht stets Überraschungen für dich gehabt, Erfüllungen von Wünschen, die ich heimlich an dir auskundschaftete, die ich im täglichen Zusammenleben mit dir erriet? Ich verlange nicht, daß du dir um Wünsche für mich den Kopf zerbrichst, ich weiß, du hast an anderes zu denken, aber alles, was du mir sagst, braucht doch nicht nur zu sein: Stell mir eine Liste deiner Wünsche zusammen! – Also ich . gratuliere dir! Herzlich und aus voller Seele. Nun, ist dir das immer noch nicht genug? Einen Geburtstagskuß sollst du auch noch extra bekommen, gleich, sofort, hier am Fleck, obgleich ich das eigentlich lächerlich finde. Im Grunde ist doch ein Geburtstag wie jeder andre Tag. Kinder mögen eine besondere Freude daran haben, aber Erwachsene nicht mehr! – So hättest du früher nicht gesprochen! Du bist anders geworden im Lauf der Zeit. – Ich kann mich aber auch nicht mehr so viel um dich bekümmern wie früher! – Das weiß ich wohl! Aber du bekümmerst dich überhaupt nicht mehr um mich! Wenn ich nicht Enzio hätte, so wüßte ich nicht, wie ich es aushalten sollte. – Aber du hast Enzio doch auch! – Diese Antwort ist echt nach dir! Als ob du damit alle Verantwortung von dir abwälztest! Bequem und gedankenlos. – Caecilie, ich bitte dich, einen etwas andern Ton anzuschlagen. Manche Ehen sind gänzlich kinderlos, du bist bevorzugt vor vielen Frauen und solltest dem Geschick und auch mir dankbarer sein, daß du diesen schönen Sohn hast. Und nun bitte ich dich, einmal objektiv die Jahre unsers langen Zusammenlebens zu betrachten; und zwar, dir die Frage zu stellen: Wie war es früher, und wie ist es jetzt. Ich will sie dir gleich beantworten, um es dir leichter zu machen. Dann entscheide, ob du jetzt besser lebst, oder ob du damals besser lebtest: Die ganzen früheren Jahre waren eine Kette von Jammer und Depressionen. Ich rang mit meinem Talent wie Jakob mit dem Engel. Schön waren diese Zeiten nicht für dich, obwohl ich sofort hinzufügen muß: ich hatte es tausendmal schlimmer als du. Denn schließlich handelte es sich doch nur um mich, du saßest unglücklich dabei und sahest dem Zweikampf zu. Du hättest ja auch unmöglich mitringen können. – Wie? fragte Caecilie, ich hätte nicht mitgerungen? Laß deinen Engel fort und rede einfacher! Entweder leidest du an Gedächtnisschwäche oder du bist undankbar! – Ich sage ja auch: schön waren diese Zeiten nicht für dich, obgleich du immer noch deinen Sohn als Ablenkung gehabt hast! – Ich habe keinen andern Gedanken gehabt als den: Wenn du dich doch durchrängest! Ich sah, daß du auf einer falschen Bahn warst, aber wenn ich so etwas auch nur andeutete, so wurde ich zurückgewiesen. Du kannst mir weiß Gott nicht vorwerfen, ich hätte nicht teilgenommen an deinen Kämpfen! – Ich sage ja auch noch gar nichts. – Und was ich unklar vorausgesehen und gewünscht habe, das ist ja dann auch eingetreten: Du hast die schwere, tragische Musik aufgegeben und dich wieder der ursprünglichen Seite deines Talentes zugewandt, du hast seit ein paar Jahren wieder eine leichtere Musik geschrieben und jetzt arbeitest du an deiner komischen Oper, versprichst dir den größten Erfolg davon, und ich kann dir sagen: Ich hoffe mit dir, ich sehe voll Angst und Freude dem Tag entgegen, wo dies Werk von dir aufgeführt wird! – Das brauchst du doch nicht extra zu betonen! Als ob das nicht selbstverständlich wäre! Lenk doch nicht ab! Was ich sagen wollte, ist dieses: Früher habe ich Kämpfe durchgemacht und du hast es wirklich schwer gehabt an meiner Seite. Du hast als tapfere Frau mitgestritten für mich. Jetzt, jetzt habe ich mich wiedergefunden, mein Stern ist im Aufgehen begriffen, ich lebe in einer neuen Welt für mich, die ich ausbaue und vollende – du solltest stolz und froh sein – und nun kommst du mit Vorwürfen und Klagen, wie eine kleine Bürgersfrau, deren Mann tagüber im Bureau ist und dessen Sorgen vorüber sind, sowie er sein Bureau verläßt! Du scheinst keine Ahnung zu haben, was ein Künstler ist, obgleich du es allmählich wissen solltest! Und nun stelle ich dir die Frage: Mußt du nicht jetzt unendlich glücklicher sein als früher? Wo du siehst, daß mein Mühen von Erfolg begleitet ist? Was hast du denn jetzt noch für Kämpfe durchzumachen? Jetzt kommt die Ernte, der Ertrag! Man wird dich beneiden, daß du meine Frau bist! Da sollten doch kleinliche, private Wünsche ganz zurücktreten! Ich habe wahrhaftig keine Zeit und keine Neigung, mich noch um deine häuslichen Sorgen und Interessen zu kümmern, denn das meint ihr Frauen ja doch immer, wenn ihr klagt, daß der Mann sich zu wenig mit euch beschäftigt! Mach mir das Leben leicht und freundlich, laß die Zimmer etwas besser heizen, dann werde ich auch nicht wie ein Engländer herumgehen und mir die Hände wärmen müssen; heute nicht, heute nicht, heute ist es warm genug hier, aber manchmal ist es furchtbar kalt! Du siehst, ich gehe nicht etwa wie ein fremder Geist herum, sondern als Mensch mit menschlichen Bedürfnissen! Laß den Kopf nicht hängen, sondern freue dich nun einmal ordentlich, daß dein Mann es zu etwas Rechtem bringt! Du wolltest mir immer eine Kameradin sein: Jetzt ist die Zeit gekommen, es zu zeigen! – Entweder du verstehst mich nicht, sagte Caecilie, oder du willst mich nicht verstehen. Mit kleinlichen Hausfrauensorgen habe ich dich stets verschont, und du irrst dich, wenn du denkst, daß es solche Sorgen seien, in denen ich deine Teilnahme vermisse. Du hast recht, wenn du sagst: Wir sind keine Brautleute mehr und eine Ehe wandelt sich allmählich. Aber muß sie sich denn so wandeln, daß man wie Tiere in einer Menagerie umhergeht? Denn so ungefähr ist es; so ungefähr benimmst du dich. – Ich bin eben oft zerstreut, das mußt du mir doch nachfühlen können! Du hast keine Ahnung, was für Fragen in meinem Kopf herumgehen, und wie schwer es ist, sie alle durchzuarbeiten, ganz allein; ob nun ein Werk heiter oder tragisch ist: heiligen Ernst verlangt es immer! Es steht dir wahrhaftig schlecht zu Gesicht, mir Zerstreutheit vorzuwerfen: Mich hindert doch meine Zerstreutheit nicht, so wie es sich für einen Vater und Gatten gehört, zu Haus zu bleiben! Erinnere dich, was du einmal getan hast, wie du dich stark mit einer Sache beschäftigtest: Da bist du auf und davon gegangen und hast Mann und Haushalt im Stich gelassen! Jawohl, das hast du getan, und mich in die größte Angst und Sorge versetzt! – Muß ich denn das immer und immer wieder hören? – Bloß weil dir ein Roman gefiel, den du fertig lesen wolltest! Alles andre war dir gleichgültig, und mich hattest du gänzlich vergessen! – Du scheinst immer noch keine Ahnung zu haben, daß grade du es warst, an den ich fortgesetzt dachte! An niemand weiter! Schon damals vermißte ich etwas in dir, und das ist mit den Jahren mehr und mehr gewachsen. Es ist nicht Zerstreutheit, was ich in dir fühle, es ist Gleichgültigkeit! Deine Augen sind leer, wenn sie mich ansehen, ich habe kaum eine Erinnerung daran, wie sie früher waren, in unsrer schönen Zeit. – Aber Caecilie! Er trat auf sie zu, sie weinte. Ähnliche Gespräche hatten früher schon stattgefunden, und wie jedesmal nach ihnen, gab sich der Kapellmeister auch jetzt wieder die nächsten Tage etwas Mühe, herzlicher zu sein. Aber bald wurde sein Wesen wieder so flau und indifferent wie zuvor. Was ist es nur, wodurch habe ich ihn denn so ganz verloren? dachte Caecilie oft. Auf den Gedanken, daß zwischen ihm und einer andern eine Verbindung bestehen könne, die nun schon jahrelang andauerte, geriet sie nicht. Manchmal dachte sie auch, sie selbst könne zu dieser Entfremdung beigetragen haben, dadurch, daß sie Enzio zu sehr zu sich heranzog; merkte dann aber immer wieder, daß dieses der Grund doch nicht sein könne, denn wenn sie ihn einmal an einer Erziehungsfrage teilnehmen ließ, lenkte er bald ab, schien jedoch in dem Wahn zu leben, die Quelle alles Guten für Enzio sei er selber. Die Musikstunden wurden zwar noch fortgeführt, aber längst nicht mehr so regelmäßig wie früher. Manchmal fragte sie sich, ob es nicht falsch von ihr gewesen sei, daß sie ihrem Mann niemals in ihrem ganzen Leben einen Anlaß zu einer Furcht gegeben habe. Sie fühlte, daß sie nicht die Kunst verstanden hatte, ihn dauernd an sich zu fesseln. Darüber waren ihre besten Jahre hingegangen, freudlos für beide. Aber jetzt, wo sie sich Schritt für Schritt aus der Jugendzeit entfernt hatte, ward sie an ihrem Mann etwas ganz andres gewahr: Er schien sich mit dem Alter noch mehr zu verschönen. Sein Gesicht hatte einen beinah abgeklärten Blick bekommen, sein leicht ergrautes Haar gab dem Kopf einen ausgezeichneten Rahmen, er war eine auffallende Erscheinung, die einen bedeutenden Eindruck machte. Stand diese Frische in einem Zusammenhang mit der Wendung, die sein Schaffen genommen hatte? Die Oper wurde vollendet, der Klavierauszug gestochen, die Aufführung am Theater vorbereitet; Caecilie dachte: Wenigstens wird dieses ein Tag der Freude werden! Sie wußte nicht, mit welch andern Gefühlen sie auf die Bühne sehen würde und auf ihren Mann, wenn er nach den Aktschlüssen Hand in Hand mit Fräulein Battoni vor den Vorhang trat. Es machte Enzio große Freude, abends bei den Aufführungen des Theaters unter den Statisten aufzutreten; man stellte ihn in die erste Reihe wegen seiner vollendet gewachsenen Gestalt und seines schönen Gesichtes willen. Caecilie war dies nicht recht, aber der Kapellmeister sagte: Er muß das Bühnenmetier frühzeitig kennen lernen. Die Choristinnen scherzten und kokettierten mit ihm, und er sah sich in einem Leben um, das ihn bald sehr stark anzog. Unverhüllte Reden wurden geführt, deren Inhalt er staunend verstand. – Suchst du dir keinen Schatz unter uns? fragten ihn die Mädchen, maßen ihn vom Kopf bis zu den Füßen, kicherten, tuschelten untereinander, flüsterten sich in die Ohren, und Enzio wandte sich verstimmt von ihnen ab, suchte sie aber doch immer wieder auf und horchte auf alles, was geredet wurde, wenn er dann allein zu Hause war, erhitzte er sich an Bildern, die vor seiner Seele aufstiegen. War er wirklich zu jung, um ein Leben zu führen, wie es die andern führten? Eine Menge von Mädchen gab es da, die einen starken Eindruck auf ihn hinterließen, sie alle wurden in Gedanken seine Geliebten. Auch Fräulein Battoni selbst beschäftigte ihn. Sie hatte eine Art ihn anzusehen, daß es ihm niederrieselte bis in die Fußspitzen, traten dann andre dazu, so änderte sie sogleich Worte, Ton und Blick, und ihr Wesen bekam dann etwas beinah Würdevoll-Mütterliches, was ihr nicht zu Gesicht stand. »Mein Kavalier« nannte sie ihn stets, und er benahm sich danach. Auch hierüber wurde wieder gelacht und heimlich halb unterdrückte Bemerkungen kamen an sein Ohr, ohne daß er den Wortlaut verstand. Zu Hause sprach Enzio viel von diesen Abenden, der Kapellmeister neckte ihn mit diesem und jenem Mädchen, und Caecilie sah dem Treiben mit immer größerer Unruhe zu. – Geh nicht mehr hin! sagte sie zu ihm, das Leben dort paßt nicht für deine jungen Jahre; aber er widersprach, und sein letzter Trumpf war stets: Papa hat es mir erlaubt, und wenn der's erlaubt, kannst du doch auch nichts Böses darin finden! – Sag du ihm, sprach sie zu ihrem Mann, daß du es nicht willst! Er verschanzt sich hinter dich! Und diese Schwärmerei für die Battoni ist mir beinah widerwärtig. Das soll er doch hysterischen alten Jungfern überlassen, denen steht es besser zu Gesicht! – Hysterischen alten Jungfern? fragte er erstaunt, Caecilie! Ich bitte dich, rede etwas anders über diese Frau! Wenn junge Leute für sie schwärmen, so kann das nur veredelnd wirken! Ich bin stolz, daß sie ihn so gern hat, da er mein Sohn ist! Sie behandelt ihn voll Zartheit und fast wie eine mütterliche Freundin! Sie ist eine vornehme, edle Frau, das darfst du nie vergessen! Du hast einen wundervollen Blick für Toiletten! sagte Fräulein Battoni eines Tages zu Enzio. Ich habe mir mein letztes Kleid am Halsausschnitt wirklich so ändern lassen, wie du es vorschlugst. – Wieviele haben Sie eigentlich? fragte er. – Das waren so viele, daß sie es gar nicht wußte. – Ich möchte einmal alle Ihre Kleider sehn! – Was der Junge für originelle Wünsche hat! Besuche mich, dann werde ich sie dir zeigen! An einem der nächsten Tage las Caecilie eine Postkarte, mit blauer Tinte geschrieben: Mein Engel, komme nicht am Donnerstag, komm Sonnabend um drei zu mir, am Donnerstag bin ich verhindert. – Was soll das heißen? fragte sie. Enzio erzählte alles der Wahrheit gemäß. Sie hörte zu und sagte: Du gehst nicht. Am nächsten Morgen machte sie Fräulein Battoni einen Besuch. Sie ward von ihrer Zofe in einen Raum geführt, in dem es außerordentlich stark nach einem süßen Parfüm roch, vermischt mit dem herben Duft des Lorbeers, der in großen Kränzen an den Wänden hing. Dort mußte sie ziemlich lange warten. Zwischen den Kränzen und in ihnen selbst hingen Vergrößerungen nach Photographien, die Fräulein Battoni in irgendeiner Rolle darstellten, in sterbenden, lächelnden, beglückenden Posen. Eine Welt, die ihr ganz fremd war, umgab sie hier. Sie wollte sich auf einen Stuhl niedersetzen, erhob sich aber schnell wieder, als der im selben Moment eine Musik von sich zu geben anfing, worauf jemand aus einer Ecke schrie: Hurra, die Diva, hurra, die Diva! Sie erschrak erst, schüttelte dann den Kopf, als sie einen Kakadu entdeckte, und dachte: Hier ist ja der reine Zirkus! Die Tür öffnete sich lebhaft, Fräulein Battoni trat ein, brachte einen neuen Duft mit, fragte mit freimütig gradem Blick: Was verschafft mir die große Ehre zu so früher Stunde? und führte sie zu einem Sessel. – Zunächst, sagte Caecilie, wollte ich Ihnen danken für das freundliche Interesse, das Sie an meinem Sohn nehmen, und dann Ihnen sagen, daß er Sie nicht besuchen kann. – Ah, ist er krank, der Enzio? – Caecilie schüttelte den Kopf: Bitte, fassen Sie meine Worte nicht unfreundlich auf und lassen Sie mich vertrauensvoll als Frau zu Frau zu Ihnen reden, dann, glaube ich, werden Sie mich ohne weiteres verstehen. – Sie begann davon zu sprechen, daß Enzio durch das Theater abgelenkt werde von seinen Schularbeiten, daß er außer für sie auch noch viel Frische übrigbehalten müsse für die Musikstunden bei seinem Vater, und daß die nahe Berührung mit den Verhältnissen des Bühnenlebens seinen Jahren nicht entsprechend sei. – Jetzt will er Sie auch noch besuchen, um sich Ihre Toiletten anzusehn – ich finde es sehr reizend und wirklich gutmütig von Ihnen, daß Sie ihm diesen Wunsch nicht ohne weiteres abgeschlagen haben, aber, glauben Sie mir, Enzio denkt dann, er darf immer wieder kommen; Sie kennen sein naives Herz nicht so wie ich; er würde Ihnen nur Ungelegenheiten machen, und deshalb möchte ich Sie bitten: Sagen Sie ihm, daß er sich für andre Dinge interessieren soll als für Damentoiletten! Nicht wahr, Sie verstehen mich? – Nicht ganz, sprach Fräulein Battoni langsam, zog die Augenbrauen hoch und heftete einen elegischen Blick auf Caecilie. Bitte, reden Sie nur weiter. – Sie scheinen mich mißzuverstehen, sagte Caecilie ein wenig unsicher, ich weiß zwar nicht, wie – – Liebe, gnädige Frau, Sie wissen es genau so gut wie ich! Seien Sie doch offen! sie sagten vorhin, Sie wollten als Frau zu Frau zu mir reden, und jetzt tun Sie, als spielten Sie mit mir Verstecken! Ich weiß, was Sie verschweigen, und ich stehe nicht an, es meinerseits ruhig auszusprechen, denn ich begreife Ihre mütterliche Sorge, wenn sie auch nicht am Platze war: Sie denken, die Damen vom Theater sind abenteuerliche Leute, Ihr Enzio ist ein wunderschöner, junger Mensch, Sie fürchten, der Verkehr mit mir würde ihm nicht gut tun, ja, im Hintergrund steht als letztes der Gedanke: vielleicht verliebt sie sich in den Jungen, und Gott weiß, was daraus entstehen kann. – Caecilie widersprach. Diese Formulierung ihrer eignen Befürchtungen erschien ihr verletzend gegen Fräulein Battoni, und um so mehr verletzend, wenn sie sich der Worte ihres Mannes erinnerte: Sie ist eine vornehme, edle Frau, das darfst du nie vergessen. So sagte sie denn jetzt: Es kränkt mich in Ihre Seele hinein, daß Sie mir derartige Vermutungen in den Sinn legen! Ich denke nie etwas Schlechtes von den Menschen, aber Befürchtungen, wie Sie sie mir unterschieben, würden mir Ihnen gegenüber am allerwenigsten für meinen Sohn kommen, dazu weiß ich zuviel von Ihnen! – Fräulein Battoni sah sie mit einem verständnisvollen langen Blick an, dann streckte sie ihr die Hand entgegen und antwortete: Ich danke Ihnen! Ich konnte es auch nicht im Ernst glauben; Sie sagten, Sie wüßten zuviel von mir, um mir etwas Derartiges grade Enzio gegenüber zuzutrauen. Lassen Sie mich, da die Schranken der Konvention einmal zwischen uns gefallen sind, Ihnen danken für dieses Wort und zugleich auch für Ihren Edelmut mir selbst gegenüber, den ich im stillen immer bewundert habe! Nicht jede Frau ist fähig, ihren Mann mit einer andern zu teilen! Aber Sie, Sie sind eine gradezu großmütige Dame; – – was ist Ihnen denn? Was haben Sie denn? Caecilie war bei den letzten Sätzen heftig zusammengezuckt, jetzt lehnte sie ihren Kopf weit zurück. – Fräulein Battoni erhob sich erschreckt: Was ist Ihnen denn, liebe gnädige Frau? Hätte ich das nicht aussprechen sollen? Verzeihen Sie mir, es geschah in der allerbesten Absicht! – Sie suchte ihr den Kopf zu stützen, Caecilie wehrte heftig ab. – Aber was ist denn nur, was haben Sie denn? Mit einemmal durchschoß sie der Gedanke: Sie hat bis jetzt von nichts gewußt. – Aber meine liebe, allerbeste gnädige Frau, dies ist mir ja unendlich peinlich! Kann ich nicht irgend etwas tun für Sie? – Sie überlegte, wie sie ihr helfen könne. Ein Glas Zuckerwasser! dachte sie. Dies war bei allen Aufregungen ihr erster Gedanke. Sie ging zur Wand und klingelte. Es klopfte. Herein?! rief der Kakadu. Sie murmelte zu ihrer Zofe. Caecilie hatte inzwischen ihre Besinnung zurückgewonnen. Sie erhob sich, schwankte einen Augenblick, dann sagte sie: Adieu. – Aber liebe, verehrte Frau, Sie werden sich doch nicht in diesem Zustand von mir entfernen wollen! Wenigstens ein kleines Gläschen Zuckerwasser. – Caecilie antwortete nicht und ging vorwärts, ratlos folgte ihr Fräulein Battoni. – Oder ein Gläschen Kognak, vielleicht mit Soda? Ich habe einen ganz vorzüglichen Kognak! – Caecilie schritt immer weiter, über den Vorplatz hin, dann öffnete sie die Tür, hielt sich draußen am Geländer und ging langsam die Treppe hinunter. Fräulein Battoni sah ihr nach, endlich kehrte sie in ihr Zimmer zurück, ließ den Blick tragisch ihrem Spiegelbilde begegnen und wandte sich darauf zum Büffet. Caecilie erwartete ihren Mann. Nach ihren ersten Worten erblaßte er, dann schlug ihm alles Blut zu Kopfe, was für ein Verhängnis! rief er, und ich hatte alles so eingerichtet, daß du nichts merken solltest! Es ist doch auch so lange gut gegangen! – Dann raffte er sich zu einer längern Rede auf: Caecilie, sagte er, dich verehre ich wie alles Schöne und Gute, ich habe dir noch neulich an deinem Geburtstag, den ich erst vergaß, gezeigt, wie sehr ich mit der ganzen Vergangenheit zusammenhänge, wie heilig mir alles ist, was dich und mich verbindet! Alles, was ich dir geben kann, habe ich dir gegeben und gebe es dir auch noch weiter! Bist du jemals auf den Gedanken gekommen, mein Herz sei zwischen dir und einer andern geteilt? Nein, niemals! Das zeigt am besten die Reinheit meines Gefühls dir gegenüber ! – Aber es ist doch trotzdem so! rief sie. – Das fing ganz anders an! Zuerst waren es Berufsinteressen, ideale Dinge, deren Gemeinsamkeit mich mit ihr verband. Unsere Seelen fanden sich auf diesem Gebiet, sie verklärte mit ihrer Kunst der Darstellung meine Intentionen, ohne sie, ohne meinen Glauben an ihre Kunst hätte ich kaum mein letztes Werk geschaffen; sie hat mich durch die Tat unterstützt in meinen Bestrebungen, für die du nur Wunsch und guten Willen haben konntest. Wo ist die Grenze zwischen idealer Freundschaft und Liebe? Es gibt keine Grenze! Neben dem Künstler ist man noch Mensch mit menschlichem Gefühl! Ich könnte dir dafür eine Reihe berühmter Beispiele anführen! Sieh dir andre Künstlerehen an! Überall findest du das gleiche! Und du kannst dich wahrhaftig nicht beklagen! Ihr könnt, euch beide nicht beklagen! Ihr habe ich dich immer als eine hehre, hohe Frau hingestellt, die es einsieht, daß einem Künstler wie mir mehr Freiheiten gestattet sind als andern Menschen, du würdest mich jetzt vor ihr beschämen, wenn ich ihr sagen müßte, daß du anders dächtest! Und wie ich über sie selbst zu dir geredet habe, das weißt du doch! Es wäre mir unwürdig vorgekommen, je anders als verehrungsvoll von einer zur andern zu sprechen, ja, mein letzter Wunsch wäre es gewesen, wenn ihr euch näher kennen gelernt und lieb gewonnen hättet. Jetzt flehe ich dich an: Laß alles wie es ist! Für sie habe ich mein Werk geschrieben, für sie war alles gedacht, erst die tragische Oper, mit der es dann nichts wurde, und darauf die komische Oper, die nun vollendet ist! Ich fühle mich schaffenskräftig zu neuem, willst du das alles mit einem Schlag zerstören? Sei so groß und edelmütig, wie ich dich ihr immer dargestellt habe, und verleugne dich zugunsten meiner Kunst! Sage dir: Du hättest ja von allem gar nichts zu erfahren brauchen und hättest weiter so glücklich gelebt wie bisher! – Glücklich? fragte sie; spreche ich denn alles immer in den Wind? Bildest du dir jetzt wieder ein, daß ich an deiner Seite glücklich gelebt habe? Du hast recht, daß nichts geändert ist gegen früher, – nur weiß ich jetzt, weshalb ich bisher so unglücklich war! Das also, das ist die Erlösung für dich gewesen, nach der du so gejammert hast! Du magst alles drehen und wenden wie du willst – – das halte ich nicht aus! Bleibe hier und tue was du magst: ich gehe! – Du willst gehn? Aber Caecilie, ich bitte dich um alles in der Welt: Bedenk doch allein nur den Skandal! – Das ist natürlich das erste, woran du denkst! – Und denk an Enzio! Caecilie brach in Tränen aus; dann aber faßte sie sich: ihre tödliche Verletzung als Frau war stärker als alles andre: Enzio, sagte sie, wird mir nachkommen, nicht jetzt, aber später, was sagt die kurze Zeit der Schule noch! – Er versuchte, ihr diesen Entschluß auszureden, aber es war vergeblich. Gut, sagte er endlich, so muß ich mich also opfern: Ich verspreche dir auf das Heiligste – – Ich will nicht, unterbrach sie ihn heftig, daß du dich für mich opferst! Wenn ich wirklich denken muß, daß ich dir ein Hindernis bin, daß du, mit mir allein zusammen, verkümmertest, so ist es meine Pflicht, zu gehn. Ich trenne mich von dir, und jene Frau kann meine Stelle hier einnehmen, dann hast du, was du willst! – Aber ich bitte dich, Caecilie! Ich würde sie doch niemals heiraten! Was ich für mein Schaffen brauche, ist die ungebundne, freie Liebe, die mich inspiriert! Caecilie sah ihm ins Gesicht, dann sagte sie: wenn du nicht eine so unglückliche Miene machtest, möchte ich am liebsten lachen! – Lachen? fragte er gekränkt – ich dächte, diese Dinge wären tiefernst, ja tragisch! Es handelt sich doch um einen tragischen Konflikt in meiner Seele! Ich will mich für dich opfern, aber du gibst mir damit den Todesstoß! – Dieses Wort entschied. Caecilie ging. Der Kapellmeister hatte nicht geglaubt, daß sie Ernst machen würde. Ihn erfaßte ein Todesschreck, wie er abends, als er nach Hause kam, erfuhr, daß sie in der Tat abgereist war; dann las er den Brief, den sie ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte und in dem sie ihm schrieb, solange er nicht empfände, daß das größere Opfer sie sei, käme sie nicht zurück. Zu Enzio hatte sie gesagt, ihre einzige Schwester, die er nur dem Namen nach kannte, sei auf den Tod erkrankt und habe verlangt, sie noch einmal zu sehen. Zuerst hatte es sie gedrängt, ihm alles zu sagen, wie es war. Aber irgendein letzter Rest von Hoffnung ließ sie wieder zögern. Und als sie dann wirklich fort war, empfand sie sogleich mit aller Wucht die Trennung von Enzio. War es nicht ein Wahnsinn, von zu Hause fortzugehn? Mußte nicht ihr Gefühl als Mutter alles andere besiegen? Ach Gott, nun ist sie wirklich fort! dachte der Kapellmeister, und das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er vermißte sie auf Schritt und Tritt. Das Hauswesen ging stockend seinen gewöhnlichen Gang weiter, es war, als fehlte bei allem die Hauptsache. Er geriet in eine immer nervösere Stimmung: Es ist fast, als wenn mir das Allergewöhnlichste des Lebens, als wenn mir der Atem fehlte! An den Atem denkt man auch nie, und man braucht ihn notwendig zum Leben! Das ist ein vorzügliches Bild und drückt so recht aus, wie ich zu Caecilie empfinde! Hätte ich ihr das doch gesagt, die besten Gedanken kommen einem immer erst hinterher! Ich fühle mich geradezu unwohl, wie wenn eine körperliche Krankheit im Anzug wäre! Ich kann nicht ohne sie leben, sie muß zurückkommen! – In den nächsten Tagen ging er zu seinem Arzt, fragte, ob ihm irgend etwas fehle und ließ sich aufs genaueste untersuchen; erfuhr, daß er kerngesund sei und atmete ein wenig auf. Nun wußte er, daß sein Leiden nur seelisch sei. Caecilie muß zurück, so dachte er – es wäre ja auch ein Wunder, wenn sich etwas so leicht vom Herzen reißen ließe, was bis dahin so fest mit ihm verbunden war! Aber er konnte sie erst dann bitten, zurückzukommen, wenn er seine andern Beziehungen abgebrochen hatte. Mit schwerem Herzen entschloß er sich zu einem Brief an Fräulein Battoni. Schriftlich ließ sich die Sache besser machen als mündlich; er flehte sie an, ihn tunlichst zu vermeiden, die Ruhe seiner Seele hinge davon ab. Dann schrieb er an Caecilie: Das Opfer, das du nicht annehmen wolltest, habe ich gebracht, und ich versichere dir, jetzt, wo ich gesehen habe, was ein Leben ohne dich für mich bedeutet: Sie ist das kleinere Opfer. Du bedeutest für mich, was das Atmen dem Leben ist Das habe ich klar erkannt, denn ich bin in diesen Tagen des Alleinseins in mich gegangen und habe Rat mit mir selber gepflogen! Komm zurück! Ich weiß, daß meine Worte zu dir nicht vergeblich sein werden! Wie eine Erlösung traf sie dieser Brief. Als sie seine Zeilen über das Atmen und das Leben las, schüttelte sie zwar traurig mit dem Kopf, aber sie dachte: Wenigstens zeigt er doch den guten Vorsatz, wenigstens ist es doch das erste warme, herzliche Wort nach Jahren! Gott weiß, wie alles nun wird, ob er wirklich die Kraft zu dauernder Entsagung hat, aber wenn er mir selbst die Hand bietet und zeigt, daß es ihm ernst ist, so muß ich zurück. Außerdem halte ich es ohne Enzio nicht aus. Und wie soll es werden, wenn er schließlich doch erfährt, weswegen ich fortgegangen bin? Das wäre auf die Dauer unausbleiblich! Welch schlimmen Einfluß könnte es auf ihn gewinnen, in seinen Jahren, wenn er erführe, warum sich seine Eltern trennten! So kam sie zurück. – Caecilie, rief der Kapellmeister nach der ersten, emphatischen Begrüßung, Caecilie, ich habe inzwischen gelebt wie der verlorne Sohn, der sich von den Trebern nährte! Aber jetzt beginnt ein neues Leben! – Es kamen Zeiten scheinbaren Glücks, dann fühlte sie immer mehr, daß die Versprechungen ihres Mannes übereilt gewesen waren. Er war zu schwach, um einer Leidenschaft, einer Gewohnheit zu entsagen, die ihn nun schon jahrelang gefesselt hatte, zumal ihn jeder Tag mit dem, was er vermeiden sollte, in Berührung brachte. Nach jenem ersten, heftigen Impuls fehlte ihr die Kraft zu einer neuen Handlung, sie blieb und begann zu resignieren. Das Gerücht hatte sich verbreitet, sie habe ihren Mann verlassen wollen, erst jetzt sei sie in das Geheimnis seiner andern Beziehungen gedrungen. Es näherten sich ihr Menschen aus ihren Bekanntenkreisen, die in verhüllten Andeutungen Trost und Freundschaft anboten. Jetzt galt es, den Schein nach außen hin immer glaubwürdiger aufrecht zu erhalten; es erforderte viel Verstellung, Klugheit und Selbstüberwindung. Es kamen Momente der Schwäche, des Verzweifelns, und wenn sie fühlte, wie schwer dieses alles zu tragen war und Daß es niemand gab, der ihr helfen konnte, so dachte sie zuweilen: weshalb habe ich nicht die Hand genommen, die sich mir bot! Ich bin noch nicht alt genug, um auf alles zu verzichten! Aber im nächsten Moment verbannte sie solche Gedanken wieder, schalt sich weibisch-nichtswürdig und dachte: Seiner Mutter soll Enzio einmal nichts vorzuwerfen haben – Hätte sie wenigstens auf Enzio mit aller Hoffnung und Ruhe blicken können! Aber seine Zukunft machte ihr oft Sorge, wenn er nur nicht seinem Vater nachgerät! dachte sie zuweilen: er hat etwas von der Weichheit und Zerlöslichkeit seines Wesens! Wo soll es hinaus, wenn er jetzt schon leidet unter Melancholie und »Stimmungen«, die ihn für Tage und Tage von der Arbeit forttreiben, bis er dann einmal wieder wie wahnsinnig schafft! In der Schule ist er faul geworden, er ist beinah der Älteste in seiner Klasse! Und wie sollte es zwischen ihm und seinem Vater werden? Voll heimlichen Stolzes ahnte Caecilie in ihm die überlegene Begabung. Früher hatte der Kapellmeister jedem Menschen, der es hören oder nicht hören wollte, gesagt: Mein Sohn wird einmal etwas Großes, er wird uns alle und auch mich weit überflügeln. Diese Zeiten waren vorbei. Jetzt, wo er fühlte, daß es in der Tat vielleicht einmal so kommen werde, sprach er zwar gelegentlich noch dasselbe aus, aber mit einem Unterton von Ironie. Zwischen ihnen war ein leise gespanntes Verhältnis, Enzio ließ sich nicht mehr so wie früher als Schüler, als musikalischer Zögling behandeln, es kam zu gelegentlichen Verstimmungen, er begann sogar schon etwas von oben herab über das Schaffen seines Vaters zu reden, und Caecilie dachte, daß dieses Zusammenleben der beiden auf die Dauer immer weniger gut tun würde; daß es besser sei, ihn an ein auswärtiges Konservatorium zu schicken, wenn er mit der Schule fertig war, als ihn hier am Ort an der musikalischen Hochschule studieren zu lassen. Die Trennung von ihm würde ihr entsetzlich sein, aber sie sah keinen andern Ausweg. Durch die Ereignisse der letzten Wochen war sie nervös und überreizt geworden, sah sie Gefahren schlimmer, als sie sein mochten, und so wurde sie eines Tages in die heftigste Aufregung versetzt, als sie zwei Briefe bekam, von Müttern, die Enzio den Verkehr in ihrem Hause künftighin verboten. Es handelte sich im Grunde um eine törichte Kinderei, aber wenn Caecilie in die Zukunft blickte, sah sie mehr darin. Es schloß sich hieran eine lange Unterhaltung zwischen ihr und Enzio. Du hast mich rufen lassen? fragte er, als er bei ihr eintrat. Sie ging auf ihn zu und faßte ihn an beiden Schultern. Er war jetzt einen halben Kopf größer als sie. – Ja, Enzio, und ich muß ernst mit dir reden! Er machte ein verwundertes Gesicht. Sie sah in seine Augen, und das Gefühl ihrer Liebe für ihn wurde so stark in ihr, daß sie ganz anders anfing zu reden, als sie eigentlich wollte. Enzio! sagte sie, du bist mein einziges Kind, und du weißt, wie lieb ich dich habe! Es gibt niemand auf der ganzen Welt, den ich so liebe wie dich! Aber ich sehe auch alle deine Fehler! Ich bin deine Mutter und habe das Recht, dir das zu sagen. Es wäre schrecklich, wenn jemals im Leben irgend etwas zwischen dich und mich treten würde; je älter du wirst, Enzio, um so mehr werde ich auch deine Freundin. Du sollst nie das Gefühl verlieren, daß ich die Allernächste zu dir bin, daß du mir stets alles, alles sagen darfst. Du bist ein leidenschaftlicher Junge, aber ich bitte dich: Halte dich ein wenig mehr im Zaum! Du machst Streiche, die dir falsch ausgelegt werden, die auf dich in den Augen der Leute ein häßliches, abscheuliches Licht werfen, und die mir selber unsympathisch genug sind. Du verdirbst dir beinah deinen Ruf damit, und ich muß es nachher auskosten! Daß man mir Briefe schreibt, in denen Anspielungen auf schlechte Erziehung stehen! – Wieso? fragte Enzio. – Hier, lies! Sie gab ihm die zwei Schriftstücke; sie bezogen sich auf einen Vorgang der letzten Tage. Da war Enzio in einer Mädchengesellschaft gewesen, hatte zum Schluß ein Pfänderspiel eingeleitet, sich selbst durch einen Gewaltstreich zum Inhaber sämtlicher Gegenstände gemacht und dann jedes einzelne Mädchen in ein »Richterzimmer« kommen lassen, wo sie ihr Pfand für ein Gegenpfand wieder in Empfang nehmen durfte. Manche kamen beschämt, manche glücklich wieder heraus, und nur eine einzige wies unbefangen ein wirkliches Geschenk vor, und diese hatte Enzio nicht gefallen, so daß er sie nicht küssen mochte. Er war jetzt sehr beschämt, aber mehr, weil einzelne Mädchen zu Hause geschwatzt hatten und dadurch diese ganze Angelegenheit ans Licht gekommen war, als um der Sache selber willen. – Das hat etwas Unsympathisches an sich! sagte Caecilie. Ich begreife, wenn du ein schönes Mädchen gern küssen willst, aber dieses hier übersteigt mein Geschmacksvermögen, und ich kann dir sagen: Es wirft ein ganz übles Licht auf dich. Wenn mir die Sache von jemand anders erzählt würde und ich hätte eine Tochter, so würde ich ihr gleichfalls sagen: Von diesem Menschen halt dich fern, verkehre nicht mit ihm! Sie blickte auf Enzio, und Enzio auf sie; seine Augen waren groß und verschleiert geworden bei ihren letzten Sätzen, er brach in ein leidenschaftliches Weinen aus. Sie fühlte voller Glück, daß dieses Kind ihr noch ganz gehörte, daß sie noch ganz in seinem Herzen war. Such dir einen Freund! sagte sie nach einer Weile, jemanden, der mit dir strebt, zu dem du aufsehen kannst, der vielleicht auch älter ist als du, das ist das beste Mittel, um dich abzulenken von Dingen, zu denen du noch viel zu jung bist, diesen ewigen und ausschließlichen Verkehr mit Mädchen! Wenn du wenigstens noch mit Irene viel zusammen wärst, aber grade die siehst du jetzt fast gar nicht mehr! Sieh dir all die andern an! Was sind das für Mädchen! Wie behandeln sie dich und wie behandelst du sie! Sie vergöttern dich, sie machen dich eitel! Ich verstehe dich nicht, es ist mir manchmal, als ob du keine wirkliche Tiefe hättest, du kannst dich doch dabei innerlich nicht auf die Dauer wohl fühlen! Gott sei Dank, daß du wenigstens nicht mehr abends auf die Bühne gehst, der Verkehr wäre der allerschlimmste, und besonders für einen so leicht zu beeinflussenden Menschen wie dich. – Ja, sagte Enzio und kehrte den Blick etwas fort. Schon vor Wochen hatte Caecilie ihm den Verkehr dort auf das strengste verboten. Enzio fügte sich, aber zuweilen, wenn ihn Caecilie als Zuschauer in ihrer Loge wähnte, war er doch dort oben, indem er dachte: Papa hat es mir erlaubt, also tue ich nur seinen Willen, wenn ich manchmal hingehe. Aber er stellte sich in die hinteren Reihen und vermied es, daß sein Vater ihn sah und erkannte. Er liebte dort ein junges Mädchen, mit Vornamen Eveline, das meistens in Kinderrollen auftrat. – Er suchte jetzt Irene wieder mehr auf, und wie er sie erst ein paarmal gesehen hatte, fragte er sich: weshalb bin ich wohl so lange Zeit nicht bei ihr gewesen? Er vergaß seine Freundin am Theater, ja, an dieses Mädchen dachte er jetzt beinah mit Widerwillen. – Nun, Irene, sagte ihr Vater gelegentlich, wenn sie so lange mit Enzio zusammen war, heute wird wohl überhaupt nichts gearbeitet? verschob seine kurze Pfeife im Mund und ging wieder. Dann verabschiedete sie Enzio ohne weiteres mit den Worten: Leb wohl, ich muß ins Atelier. Sie arbeitete jetzt an der Kopie eines antiken Grabreliefs. Ihr Vater verstand es, sie mit einem einigen hingeworfenen Wort zu leiten; zwischen ihnen herrschte ein Ton von kameradschaftlicher Vertrautheit. – Ich glaube, sagte Enzio einmal mit halber Bitterkeit, du magst ihn am liebsten von allen Menschen in der Welt! – Natürlich! antwortete sie, wundert dich das etwa? – – Der Aufführungsabend von des Kapellmeisters Oper war nun gekommen, nachdem man den Termin immer wieder verschoben hatte, und gestaltete sich zu einem kleinen Triumph für ihn. Caecilie saß mit Enzio in der Loge und nahm in den Zwischenakten all die Gratulationen hin, die man ihr, als Gattin ihres Mannes, sagte. Enzio wurde während dieser Aufführung immer stiller. Ein Gefühl großer Enttäuschung bemächtigte sich seiner mehr und mehr, jetzt, wo er das Werk zum erstenmal so hörte, wie es im ganzen gedacht war. Er hatte genügend musikalische Bildung, um einzelne Feinheiten zu erkennen und zu würdigen, aber alles in allem machte es ihm einen unoriginellen, in der Erfindung mühseligen Eindruck, was er bewußt und für sich selbst in das Wort »langweilig« kleidete. Seiner Mutter war die Aufführung von vornherein durch die Darstellerin der Hauptrolle vergällt, die sie nicht vom Menschen zu trennen vermochte, obgleich sie es immer wieder versuchte. Im übrigen ging es ihr ähnlich wie Enzio, aber beide sprachen es nicht voreinander aus. Nur ein einziges Mal sagte er ganz spontan: Hübsch! ausgezeichnet! Das war, als vom Orchester her eine graziöse, leichte Polka ertönte. An dieser Stelle hörte man auch einen besonderen Applaus. Nach der Aufführung gab es ein Festessen, an dem auch Enzio teilnehmen durfte. Es wurden lange Reden gehalten, in denen abwechselnd der Komponist, das Orchester, die Darsteller und der Regisseur gefeiert wurden, und Caecilie litt heimliche Qualen, als ihr Mann ans Glas schlug und an Fräulein Battoni eine längere Ansprache hielt, die formell unanfechtbar war, und in der sie doch überall mehr zu hören glaubte, als sich dem Wortlaut nach erkennen ließ. Fräulein Battoni war in bester Stimmung: Sie hatte an diesem Abend vollendet schön gesungen, hatte für ihre Rolle neue Kostüme bekommen, die ihr ausgezeichnet standen, und eine Menge Lorbeerkränze geerntet. Sie klatschte immer in die Hände, wenn eine neue Rede begonnen wurde, sprach dem Champagner fleißig zu, den es in großen Mengen gab, ließ sich von den verschiedensten Menschen den Hof machen und fand nebenbei noch Zeit, sich mit Enzio zu unterhalten. Und wie sie ihn später, als es schon ein allgemeines Durcheinander gab, allein erwischen konnte, hielt sie ihn am Knopfloch seines Smokings fest und wollte durchaus wissen, welches von den Mädchen am Theater seine Auserwählte sei: Du wirst immer schöner, immer schöner, Enzio! wo soll das noch hinaus mit dir. Und was sehe ich, Enzio, jetzt, zum erstenmal? Du bekommst ja schon einen kleinen Flaum über der Oberlippe?! Sag mir: wie habe ich dir heut auf der Bühne gefallen? – Gut. – Und jetzt, wie gefalle ich dir jetzt? – Caecilie sah diese Unterhaltung und rief ihn zu sich. Bald darauf ging sie mit Enzio und ihrem Mann nach Hause. Der Kapellmeister hatte ihren Arm in den seinen gelegt, drückte ihn zuweilen zärtlich und sagte: Ach, Caecilie, was bin ich glücklich, endlich, endlich ein Erfolg, und ein ganz großer! Wie mich das zu neuen Taten anspornt; ach, war das ein himmlischer Abend! – Sie bemerkte, daß er nicht ganz grade ging. – Du sagst ja gar nichts, Caecilie, hat es dir etwa nicht gefallen? – Doch, sehr! sagte sie und gab sich Mühe, ihren Ton recht warm klingen zu lassen, indem sie in die graue Morgendämmerung sah, in der noch vereinzelt Laternen brannten. – Und du, Enzio mio, sagst du denn gar nichts? – Ich bin müde! gab Enzio eintönig zurück. – Ich auch! ich auch! Es ist eine herrliche Einrichtung, daß es Betten auf der Welt gibt. Wie sagte der Kerl vorhin, Caecilie, was hat der Kerl gesagt? – Ich weiß es nicht, ich habe es nicht gehört. – Du hast es doch gehört! – Ich weiß nicht, wen du meinst. – Es gibt doch nur den einen Kerl! Enzio, was hat der Kerl gesagt? – Ich weiß es auch nicht. – Nun, dann will ich euch sagen, was der Kerl gesagt hat: Meine Musik erinnere ihn sehr an – Schumann! Schumann, ich soll an dich noch immer erinnern! An dich, mit deiner dualistischen Seele! Daß diese Menschen ewig nach Vorbildern schnüffeln müssen! Als ob jeder nicht etwas Besonderes ganz für sich wäre! Schumann, so sagen sie, fußte zunächst auf Beethoven und Schubert, Beethoven wieder auf Haydn und Mozart, und die wieder auf all dem Zeug, was vor ihnen da war. Bach kam es absolut nicht darauf an, ob seine Themen originell oder übernommen waren, er nahm sie wo er sie fand, und machte etwas ganz Neues daraus, und mir kann man nicht einmal eine einzige Stelle nachweisen, die ich von Schumann oder irgendeinem andern entlehnt hätte. Und da soll ich auf Schumann fußen! Fußen! was ist das überhaupt für eine Vorstellung! Als ob man mit den Füßen auf den Schultern eines andern stände! Da steht Mozart, auf dem steht Beethoven, auf dem steht Schumann, und da oben drauf, hoch oben – o Gott, Caecilie, ich glaube, mir wird unwohl! Das Werk beherrschte die nächste Zeit das Repertoire. Die Kritik hatte sich nicht ungünstig geäußert. Mit respektvollen Worten wurde des Kapellmeisters früherer, ernsterer Muse das Todesurteil gesprochen, man munterte ihn auf, den jetzt eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, ja, man sprach davon, gewisse ganz sichere Zeichen wiesen darauf hin, daß sein eigentliches und bestes Talent auf einem noch leichteren, fröhlicheren Gebiete liege: der Operette. Enzio hörte das Werk noch einige Male an, und sein Gefühl dagegen wuchs. Er hütete sich, das seinem Vater zu sagen, aber zu seiner Mutter sprach er es endlich mit freiesten Worten aus: Ich weiß, du würdest es ihm gegenüber auch nicht sagen, aber im Grunde mußt du doch genau so empfinden wie ich. – Er sagte das so selbstverständlich, daß sie, vorher zur Abwehr bereit, ihn unsicher ansah. Sie hatte immer noch geglaubt, der Fehler liege vielleicht mehr an ihr als an dem Werk, und hatte Enzios Abneigung für lange nicht so tief gehalten, als sie sich nun zeigte. Er sprach so fest und sicher, trotz seiner jungen Jahre, daß sie fühlte: Hier handelte es sich nicht um ein Urteil, das man durch Gegengründe umformen und ändern konnte, sondern um eine Frage des musikalischen Instinktes. – Um Gottes willen, sagte sie, behalte deine Meinung für dich! Deinen Vater würdest du unnütz und tödlich kränken, und wenn du zu andern so etwas äußertest, wäre die Welt schnell bei der Hand, um dein Urteil abscheulich zu deuten als Neid, als Eifersucht des Sohnes, der selbst noch nichts geleistet hat und doch dem Vater die Lorbeeren schon mißgönnt. Diesem Gespräch folgten andere, ähnlichen Inhalts; die Wirkung war, daß Caecilie sich mehr und mehr dem Urteil Enzios hinneigte, und daß zugleich ihre Hoffnungen auf ihn selber wuchsen. Sie wußte mehr von seinen Arbeiten als der Kapellmeister. Die Kompositionen, die er für ihn machte, waren ganz im Sinne seines Vaters geschrieben, aber daneben gab es noch eine andere Art, die nur Caecilie kannte, und das war seine eigentliche. Er wußte, daß der Kapellmeister diese geheimen Versuche als wirres, unbrauchbares Zeug verdammen würde, und darum zeigte er sie lieber nicht. Zerstreut, einsilbig, verstimmt ging er tagelang umher, dann wußte nur Caecilie: Er trägt sich mit einem Gedanken und findet nicht den Ausdruck. Sie fragte sich zuweilen, ob sie recht täte, dies doppelte Spiel wissend und schweigend mit anzusehen, ob es nicht vielleicht für Enzio ein heimliches Gift sei, daß er sich bereits jetzt auf sich selber zu verlassen begann, und sie sagte es ihm wohl auch. Er wurde dann ungeduldig und antwortete: In dem Sinne, wie sein Vater wolle, schreite er ja außerdem noch vorwärts, vielleicht habe er selber unrecht, das würde sich im Lauf der Zeit und seiner eigenen Entwicklung schon ergeben. Aber – so schloß er – wenn es in mir drängt und treibt, so wäre es ein Wahnsinn, das unterdrücken zu wollen! Das kann ich nicht, selbst wenn ich wollte! Lieber sollst du mir verbieten, so zu schreiben, wie ich für die Stunden nun einmal muß, denn das empfinde ich selbst als unwahr, und ich tue es nur, um Krach mit Papa zu vermeiden! – Krach! sagte Caecilie, was ist das für ein Ausdruck, Enzio! – Oder nenne es wie du willst; schließlich kommt es ja doch darauf hinaus! Ich bin kein kleiner Junge mehr, ich weiß genau was ich will – oder vielmehr habe ich keine Ahnung, was ich einmal können werde, aber mich ganz einzig und allein in das hineinschnüren lassen, was ich da komponieren soll – das würde ich nicht aushalten! Du mußt doch selbst zugeben, daß alles, was ich für die Stunden arbeite, ledern und verwaschen ist, und damit ist Papa dann zufrieden! Das findet er schön, und lobt mich! Es ist genau so staubig und konventionell, wie all die Lorbeerkränze, die da in dem Zimmer hängen! Enzio redete sich oft in solche heftige Sprache hinein. Und nach ihr allein zu schließen, war sein Selbstbewußtsein ein sehr starkes und dauernd gleichbleibendes. So war es jedoch nicht; er litt im Gegenteil häufig an Zweifel über sein Können und über sein Talent. Er stellte die allerhöchsten Anforderungen an sich und seine Zukunft, so daß der Kapellmeister manchmal etwas überlegen lächelte. Wenn man dich so reden hört, sagte er wohl, so sollte man denken, du bildetest dir ein, einmal ein zweiter Beethoven zu werden. – Solche Bemerkungen waren Enzio unangenehm und peinlich, er wußte nichts auf sie zu antworten. Einerseits kam es ihm selber ungeheuerlich vor, wenn er sich überlegte, daß er im Ernste daran glaubte, einmal ein Bahnbrecher, ein Genie zu werden, und auf der andern Seite konnte er doch nicht anders, als an diese Zukunft glauben. Ganz entsetzlich war es ihm, wenn der Kapellmeister dann fortfuhr: So wie du haben wohl alle Musiker in ihrer jugendlichsten Sturm- und Drangzeit gedacht, bis sie dann allmählich eingesehen haben, daß es Mühe und Schweiß genug kostet, um nur ein tüchtiger, guter Arbeiter in seinem Fach zu bleiben und seinen Platz in Ehren auszufüllen. Was meinst du, was ich in deinem Alter dachte? Ganz genau dasselbe! Und wenn ich dich und mich vergleiche, so muß ich sagen: ich hatte mehr Anlaß, mehr Berechtigung so zu sprechen als du! Wie ich in deinem Alter war, hatte ich schon vier Trios, drei Quartette und eine Masse Lieder geschrieben, die das größte Aufsehen bei meinen Lehrern erregten! Und was ist aus mir geworden? Ein Kapellmeister, der jetzt in seiner späten Zeit endlich anfängt sein Licht ein wenig leuchten zu lassen! Ich bilde mir nicht ein, daß meine kleine Oper einen künftigen Platz in der musikalischen Weltliteratur einnehmen wird, so wie der Figaro etwa, wenn ich auch nicht glaube, daß sie zu den Eintagserscheinungen gehört, die morgen schon durch Neues fortgeschwemmt werden. Ich wuchere mit meinem bescheidenen Pfund nach Kräften, – das ist alles! Enzio glaubte ihm solche Worte heimlich nicht. Er dachte, wahr sei es schon, was er da über sich selber redete, aber jenes anscheinend bescheidene Urteil sei nur gleichsam eine zugeschnittene Formel, die vorbildlich, erzieherisch wirken solle. Er gab ihm laut in allem recht, hörte aber mit innerlichem Trotze weiter zu, und dann, wenn er in seinem Zimmer allein war, wirkte doch alles in ihm nach. Die Produktionskraft des Kapellmeisters wuchs jetzt. Er nahm eine neue Oper in Angriff, und, da der kleine Tanz in seinem letzten Werk stets wieder durch ganz besonderen Beifall ausgezeichnet wurde, beschloß er, in dem neuen Werke mehrere solcher Tänze anzubringen. – Ich steige damit absolut nicht herab! sagte er zu Caecilie, die größten Meister haben den Tanz gepflegt, alle miteinander. Nur durch die Verrottung der heutigen Musik ist dies Vorurteil in die Welt gekommen! An sich ist der Tanz etwas Edles, Schönes, auch die alten Griechen haben Tanzmusik geschrieben, von der uns leider Gottes nur kein Atom erhalten ist! – Daneben komponierte er kleinere Sachen, und eines Tages wurde jenes Manuskript, das er einst versiegelt und mit dem Vermerk versehen hatte: nach meinem Tode uneröffnet zu verbrennen – aufgebrochen, durchgesehen, für viel besser erkannt, als es ihm damals geschienen hatte, neu bearbeitet und herausgegeben. Enzio machte sich heimlich darüber lustig. Aber er hatte eine Art, den Mund zu verziehn, die ihn in solchen Fällen fast stets verriet. Dem Kapellmeister schwollen die Adern, wie wenn ein Zornesausbruch folgen würde, dann aber sagte er nur mit seiner gewöhnlichen, phlegmatisch-schmachtenden Stimme: Mein lieber Sohn, wenn du dich verstellen möchtest, so mach es etwas geschickter, im übrigen bist du wirklich noch nicht reif genug, um dir ein künstlerisches Urteil zu erlauben über das, was ich zu tun für gut befinde. Kümmere dich um deine eigenen Arbeiten, die es wahrhaftig nötiger haben! In der Fuge, die du heut abgeliefert hast, waren einige recht bedenkliche Stellen, wie du wohl selber weißt. Ich meine, was du bis jetzt geschaffen hast, ist doch wohl Stümperarbeit gegen das Schlechteste von mir! Enzio ging ziemlich kleinlaut hinaus, warf sich auf das Sofa und grübelte. Eigentlich hatte sein Vater recht mit dem, was er sagte! Er wußte zwar nicht, daß da eine Menge Sachen waren, die er für sich arbeitete, aber was wollten auch diese im Grunde besagen? Keine war wirklich durchgeführt, zu einem Abschluß gebracht. – In solcher Stimmung nahm er sie wieder vor, las sie halb widerwillig und steckte manches in den Ofen. Zuweilen schwankte er auch und rettete – ähnlich wie sein Vater früher – so ein halbes Werk im letzten Momente noch vor dem Untergang, was würde wohl einmal aus ihm werden? Manchmal kam ihm am Schluß all seiner Überlegungen der Gedanke: Was werde ich heute, genau heute über zehn Jahre denken? Dann war ihm die Gegenwart mit all ihren Fragen so lebendig, daß er meinte, in zehn Jahren müsse er sich noch genau jedes kleinsten Umstandes erinnern, ja alles gar nicht Dazugehörige, zufällig von außen Hineinklingende werde ihm noch lebhaft vor dem Gedächtnis stehn. Gegenwart und ferne Zukunft erschienen ihm dann mystisch verknüpft zu einem Neuen. In solcher Stimmung setzte er sich einmal an den Tisch, holte ein Blatt Papier und schrieb folgendes auf: Gespräch mit meinem Vater, jetzt allein in meinem Zimmer, Ouvertüre in B-Moll verbrannt. Es regnet. Zwei Spatzen zanken sich vor meinem Fenster. Mir fällt Irenes Perlenkette ein, ich weiß nicht warum, was wird genau heute in zehn Jahren sein, genau um dieselbe Zeit? Dann schrieb er Stadt und Datum darunter, sah nach der Uhr und notierte Stunde, Minute und Sekunde. Darunter schrieb er: Antwort: Darauf versiegelte er das Papier und tat es zu unterst in seinen Schreibtisch. – Sonderbar und feierlich war ihm dabei zumute. Halb träumerisch ging er auf sein Klavier zu und begann zu phantasieren, was ihm sein Vater verboten hatte, obgleich er es selber tat. Er pflegte zu sagen, das Phantasieren sei der größte Verderb für musikalische Disziplin, Geist und Finger spielten dabei mindestens die gleiche Rolle, die Finger meistens die größere; Musik, die wirklich Wert hätte, müsse erst stumm gehört und stumm gespielt sein; das Klavier sei das letzte Stadium. Aus seinem Phantasieren ward endlich eine geregelte Musik, langsam ging es über in eine Komposition der letzten Tage, die nur seine Mutter kannte. Es folgte eine sonderbare Rhapsodie, ein Haufen scheinbar abgerissener Bruchstücke, zuweilen tauchten Trümmer einer Melodie auf, die man kaum Melodie nennen konnte, die sich in ganzen Tönen aufwärtszog und hinauszuwollen schien aus dem Rahmen, der sie notdürftig zusammenhielt. Immer wiederholte sich diese Kette, ihre Glieder schoben sich enger zusammen, bis sie in einem gewaltsamen Oktavengang herausführte in eine kühle, klare Welt groß gefügter Akkorde. Aber dies blieb nicht lange. Es war, als habe sich sein Geist geirrt, als sei dieses noch zu früh gewesen, als müsse bis zur letzten Befreiung ein größerer, beschwerlicherer Weg gegangen werden, wieder kehrte es zu dem ersten, dissonierenden Thema zurück, und jetzt fügte sich ein Satz ein, grüblerisch zerrend und notwendig, und langsam vorbereitend für den Schluß. Seine Wangen waren stark gerötet, wie er endete, in seinem Blick lag etwas Glühendes. Unsinn! murmelte er, mögen sie sagen was sie wollen, ich weiß auch was ich will! Es interessiert mich nicht einmal mehr zu wissen, was in zehn Jahren sein wird, denn ich weiß ja doch schon, was es ist – nur, daß es hoffentlich viel früher kommt! Er ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, die Musik, die er gespielt, klang und wühlte in ihm nach. Ein Gefühl von Glück stieg in ihm empor, langsam und schwellend; aber es fehlte etwas, das dieses Glück vollkommen machen mußte. Und auf einmal wußte er es: Ein Mensch, den er an seiner Freude teilnehmen ließ, der sein Glück mitgenoß. Ein Moment zuckte der Gedanke an Irene durch seinen Kopf; dann verwarf er ihn: Irenes Freude war eine sanfte, maßvolle, er mußte jemand haben, der den Rausch mit ihm teilte. Aber er hatte niemand. – So ging die Zeit hin. Unten arbeitete der Kapellmeister, zufrieden mit sich und seinem Schaffen, und oben, in seinem Stübchen, Enzio, voll von heimlichen Fragen an das Schicksal, voll innerlicher Gärung. Es waren sonderbare Zeiten schwärmerischer Einsamkeit und heimlich überhitzter Bilder. Alles arbeitete wühlend in ihm durcheinander: Hoffnung auf eine große, leuchtende Zukunft, überschwengliche Vorstellungen von sich und seinem Talente, dann wieder Unzufriedenheit mit sich und der ganzen Welt, die sich bis zum Trostlosen steigern konnte. Manchmal stürzte er seiner Mutter an die Brust und rief: Du kannst mir auch nicht helfen! Da ist so viel, was ich ganz alleine mit mir ausmachen muß. Dann rannte er zum Hause hinaus, zur Stadt hinaus, kam erst spät wieder und war die nächsten Tage unfähig zu jeder Konzentration. Caecilie ahnte wohl, daß diese Stimmungen mehr körperliche als geistige Ursachen hatten, aber warum trat dies alles grade bei Enzio so stark auf, stärker als bei andern Menschen seines Alters! Weshalb soll ich mich so quälen? dachte Enzio manchmal, wäre es nicht das einfachste und natürlichste, ich hätte ein Mädchen, so wie die Menschen am Theater alle? Die Eveline? Ob ich einmal wieder hingehen soll? Immer nahm er sich dies vor und ging dann doch nicht. Grade jetzt, wo er einen bestimmten Wunsch hatte, traten ihm so viele Hemmungen in den Weg. Eines Abends dachte er: Ich nehme mir gar nichts vor, dann geht es leichter. Und wirklich ging er. Halb hoffte er, sie sei nicht da, und halb fürchtete er es. Als er sich grade seine roten Trikots anzog, stürzte Eveline in die Garderobe, sah sich um und rief: Gut, daß keiner weiter drin ist; Enzio! da bist du ja endlich wieder! Sie ließ sich mit einer leichten, graziösen Bewegung zu seinen Füßen nieder, ergriff seine Hand und streichelte mit ihr das eigene Haar. Es war ein so zierlich-kindliches Ding, daß er sie, wie er sie kennen lernte, für dreizehnjährig hielt. In Wirklichkeit war sie älter als er. Jetzt lächelte sie so, daß ihre spitzen Kinderzähne zum Vorschein kamen, und ihre grauen, wissenden Augen wie flache, kleine Mondbögen erschienen, und plötzlich biß sie ihn in seinen Daumen. – Au! rief er; laß mich los, ich muß mich anziehen! Sie setzte sich auf seinen Schoß, baumelte mit den Beinen und sagte: Du, Enzio, hast du mich wirklich lieb? – Er nickte und schlang seinen Arm um sie. – Wir haben uns doch geschworen, fuhr sie fort, daß wir uns treu bleiben wollen? Aber ich merke von deiner Treue nichts! – Wie meinst du das? – Wir haben uns doch noch nie so richtig lieb gehabt! – Ach so! sagte er, und es schauerte ihm über den ganzen Körper. Sein Herz klopfte schnell. Sie sah ihm in die Augen, packte ihn bei beiden Schläfen, rieb ihre kleine Nase auf seinem Gesicht und flüsterte ihm ins Ohr: Erwarte mich nach der Vorstellung draußen am kleinen Ausgang! Dann lief sie davon. – Nun ist es so weit! er, zog sich schnell fertig an, eilte ihr nach und hielt sich während des Aktes immer in ihrer Nähe. Sie drückten sich die Hände, warfen sich verliebte Blicke zu und waren auch in der Pause zusammen, bis irgendein Mensch ihren Namen rief, worauf sie für kurze Zeit verschwand. Im dritten Aufzug gab es den Brand eines Hauses, bei dem alle zugrunde gingen bis auf ein kleines Mädchen, das jammernd nach Vater und Mutter zu rufen hatte, während eine Volksmenge es umringte. Dieses Kind gab Eveline. Als sie so dastand und klagte, sagte ein alter Statist, dessen größte Rollen im Hintergrund segnende Eremiten waren, zu Enzio: Vor dem Frauenzimmer kann ich Sie nur warnen! – Weshalb? – Er antwortete nicht gleich, sondern stimmte für kurze Zeit in das mitleidige Gemurmel der Menge ein, sah mit unglücklichem Blick und bedeutungsvollem Kopfschütteln seinen Nachbarn zur Rechten an, der Miene und Bewegungen genau so erwiderte, als könne sich nur einer durch den andern trösten über die Tatsache, daß hier ein obdachloses Kind vorhanden war, dann sprach er weiter: Nehmen Sie sich vor der nur in acht! Enzio verstand noch immer nicht. Sie traten hinter die Kulisse, und dann lief er nach ein paar Minuten in die Garderobe, wusch sich das ganze Gesicht mit Seife ab und rieb sich immer wieder seine Lippen, von diesem Abend an betrat er die Bühne nie wieder. Er war über Dinge aufgeklärt worden, von denen er zwar in der Schule dunkel hatte reden hören, die ihm aber doch stets nur halb sagenhaft erschienen waren. Weshalb hat mir mein Vater nie das Geringste gesagt?! dachte er; das war doch seine Pflicht, – wenn dies Gespenst überall in der Welt herumläuft. So hatte dieser erste Versuch, herauszubrechen aus den Schranken seines Ichs, nur dazu gedient, daß er sich vorläufig noch mehr in sich selbst zurückzog. Enzio stand jetzt im letzten Jahre seiner Schulzeit. Die Frage, ob er sich ganz der Musik widmen solle, wurde oft zwischen ihm und seiner Mutter besprochen. Manchmal schien es ihm, als bedürfe sie gar keiner Entscheidung. So war es, wenn er sich in einer schöpferisch-glücklichen Stimmung befand. Dann deuchte ihm das Leben eines Musikers das einzig beglückende. Manchmal aber, wenn ihn Kleinmut überkam, zweifelte er wieder an allem, und in solchen Momenten sagte er: wenn ich denken sollte, daß es so das ganze Leben fortgeht – dann lieber gar nicht anfangen. Mit solchen Reden machte er Caecilie tief unglücklich. Sie hatte sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt, in ihm ein heimliches Genie zu sehen, das einmal das kleine Talent seines Vaters weit überflügeln würde, in ihm zu Ende zu träumen, was in ihrem Mann gescheitert war. Jener Vorsatz, den sie in früheren Jahren faßte: Nur dann zuzugeben, daß Enzio Musiker würde, wenn sie klar sah: es gab keinen andern Weg für ihn – hatte sich leise gewandelt in den glühenden Wunsch: Er soll Musiker werden. So suchte sie ihm über alles Schwanken hinwegzuhelfen mit der Versicherung: Auch der talentierteste Mensch hat Zweifel an seinem Talent, ja, grade das ist die Bürgschaft dafür, daß er etwas Rechtes wird, daß er nie die größten Anforderungen an sich selbst verliert! Mit solchen und ähnlichen Reden wußte sie ihm immer wieder aufzuhelfen und den Glauben an sich zu befestigen. Es war nun bestimmt, daß er auf einem auswärtigen Konservatorium studieren würde. Die sichere Sprache seiner Mutter gab ihm sein Selbstgefühl zurück, und nun dachte er oft: Wenn es doch erst soweit wäre! Dann schwebten ihm unbestimmte schöne Bilder vor: Man würde ihn mit offenen Armen empfangen, ja, er würde vielleicht sogar als ein aufgehender Stern gefeiert werden. Dort würde er auch geniale, junge Menschen finden, die auf demselben Gebiete mit ihm strebten, die er anerkannte und die ihn anerkennen würden. Hier zu Hause fühlte er sich einsam. Am späten Nachmittag, nach seiner Arbeit, lief er jetzt immer stundenlang vor die Stadt, um frische Luft zu schöpfen, all seinen Zukunftsgedanken nachzuhängen und alle andern Zwitterstimmungen zu verbannen. Heut habe ich einen Menschen gesehn, sagte er eines Tages zu Caecilie, den ich gern kennen lernen möchte! Er ist mir schon ein paarmal draußen begegnet, und ich mochte ihn gleich beim ersten Male gern. Immer geht er allein und hat die Hände auf dem Rücken. – Wie sieht er denn aus? – Mager, blond und häßlich; das heißt, ich finde ihn wunderschön! Er sieht so fanatisch aus! Und trägt seinen Kopf so herrlich! Ich denke mir, das muß ein ganz bedeutender Mensch sein! Aber er ist älter als ich; um vier Jahre mindestens. Heute hat er mich zum ersten Male angesehn. Ich pfiff extra für ihn, das Thema aus meinem letzten Adagiosatz. Da sah er mich so sonderbar an, ganz still, und so als ob er dächte: Kenne ich das oder kenne ich es nicht? Ich glaube beinah, er ist auch Musiker. – Sprich ihn doch einmal an. – Ich denke mir, das nimmt er übel. – Ach was, wenn man immer Bedenken haben will, kann man niemals schöne Bekanntschaften machen, wenn es ein Mädchen wäre, würdest du wahrscheinlich weniger Skrupeln haben. Am nächsten Tage begegnete Enzio ihm wieder. Soll ich? dachte er, dann pfiff er seine Melodie vom letztenmal. Der andere heftete wieder einen stillen Blick auf ihn, es hatte den Anschein, als unterdrücke er ein Lächeln. – Ich bleibe jetzt stehen! dachte Enzio, tat es und sah ihn an. – Nun? fragte der andere und blieb ein wenig überrascht ebenfalls stehn. Und da Enzio gar nichts sagte, fragte er nach einer Pause: War das eine Melodie von Ihnen? – Enzio nickte. Dann setzte er hinzu: Weshalb denken Sie das? – Weil ich sie nicht kannte, und es außerdem an Ihrem Gesicht bemerkte. – Enzio fühlte sich irgendwie beschämt. – Sind Sie auch Musiker? fragte er. – Sein neuer Bekannter sah ihn an, als fühle er sich durch die Direktheit dieser Frage etwas überrascht, dann sagte er aber: Wenigstens habe ich bis vor kurzem lange an einem Konservatorium studiert. – Wirklich? das freut mich aber! – So? weshalb denn? – Weil ich Sie schon lange gerne kennen möchte. Oder mögen Sie das nicht? Enzio war errötet, als befinde er sich einem Mädchen gegenüber. – Er bekam einen halb prüfenden, halb lächelnden Blick, und dann die Antwort: O ja, ich freue mich sogar. – Weshalb denn? fragte er verwundert und gespannt. – weil Sie der Sohn Ihres Vaters sind und es mich interessieren würde zu erfahren, welche Bahnen Sie nun einschlagen. – Sie kennen mich? Ich kenne Sie aber gar nicht! – Ach so, Sie wollen wissen wie ich heiße. Er sagte es; sein Vorname war Richard. – Enzio ging zögernd neben ihm her. Wollen Sie mich einmal besuchen? fragte er endlich, und fand, daß seine Frage etwas kühn sei. – O ja, ganz gern, das heißt: lieber wäre es mir schon, Sie kämen zu mir, wenn es Ihnen einmal paßt. – Aber ja! Morgen? – Nein, lieber übermorgen. – Sie verabredeten noch die Stunde, dann wußte Enzio nicht recht, ob er nun adieu sagen solle, tat es aber schließlich doch, indem er ihm warm die Hand entgegenstreckte. Ich habe ihn wiedergesehn, ich habe ihn gar nicht angesprochen, er hat mich angesprochen, und übermorgen darf ich ihn besuchen! rief er Caecilie entgegen, als er nach Hause kam. Richard bewohnte mit seiner Mutter zusammen eine ganz kleine Halbetage in einem vierten Stock. Die Familie war bis vor kurzem ziemlich wohlhabend gewesen, bis sie plötzlich alles Geld verlor; Richards Vater, der Maler war, starb ein paar Monate vorher, er selbst mußte seine Studien am Konservatorium der Hauptstadt abbrechen und war mit seiner Mutter nach Enzios Heimatsort übergesiedelt, wo er durch Vermittlung von Bekannten ein kleines Amt bekommen hatte. Eine einfach und dunkel gekleidete Frau öffnete Enzio die Tür. Was wünschen Sie? fragte sie mit einer ernsten Stimme und ließ ihre tiefliegenden, großen Augen flüchtig über ihn hingehn. – Ich möchte Ihren Sohn Richard besuchen. – Er arbeitet; es darf ihn niemand stören. – Sie wollte die Tür wieder schließen. – Aber er hat mich bestellt für heute, für diese Stunde! – Da durfte er eintreten. – Die Türe rechts, sagte sie und wandte sich zur Küche. Richard saß beim Scheine einer kleinen Lampe, ohne Hemdkragen, in einer Art Arbeiterjacke. Seine Augen, noch vom Licht geblendet, starrten auf die Tür, mit einem halb abwesenden, halb beunruhigten Ausdruck. Dann erkannte er Enzio. Sein Gesicht sah noch magerer und interessanter aus, als es Enzio gestern erschienen war. Schön, daß Sie kommen! sagte er. Haben Sie etwas mitgebracht? – Ich spiele auswendig. – Um so besser, dann brauchen wir die Lampen nicht. Mama! – Seine Mutter trat ein. – Hast du in der Küche noch zu tun oder bist du fertig? – Ich bin fertig, Richard. – Dann bitte, bleib gleich hier, es wird gespielt. Ich möchte nicht gern, daß eine Störung eintritt. Sie schloß geräuschlos die Zimmertür, dann machte sie eine langsame Bewegung mit dem Kopfe zu Enzio hin, als er ihr vorgestellt ward, und ließ sich in das Sofa nieder. Enzio hatte sich vorgenommen, seine allerletzte Komposition zu spielen, die er erst heute nachmittag vollendete. Richard erhob sich nach den ersten Takten und sah aufmerksam aufs Klavier, als wolle er vorerraten wie es weiter gehe. Mehrmals schüttelte er erstaunt den Kopf. Es standen Enzio, als er endete, dicke Schweißtropfen auf der Stirn. Er schloß nicht ganz so, wie es eigentlich geschehen mußte. Die unmittelbare Nähe seines neuen Freundes wirkte wie ein starker Wein, der jeder Bewegung noch mehr Energie und Ausdruck gibt. – Jetzt blickte er ein paar Sekunden aufs Klavier, dann wendete er sich um und sah fragend auf Richard: Wie finden Sie es? – Merkwürdig! antwortete der, höchst merkwürdig! Alles toll und ungebunden, aber doch – – ich hätte Ihnen das nicht zugetraut! Nicht wahr, Mama? – O ja, sagte sie zögernd, und Enzio dachte: versteht die denn was davon? Meinen Sie, daß ich Musiker werden soll? fragte er sogleich. Richard lachte: wenn Sie mich danach fragen, dann werden Sie es lieber nicht! Worauf Enzio verlegen antwortete: Ich meinte nur so, ich weiß ja ganz bestimmt, daß ich Musiker werde. Also hat Ihnen das Werk wirklichen Eindruck gemacht! Nur an der Form fehlt's noch etwas, das weiß ich, in der Beziehung muß ich noch viel lernen, auf dem Konservatorium. – Eigentliche Form ist freilich wenig darin, ein »Kunstwerk« ist es nicht, was Sie mir da vorgespielt haben, als Ganzes ist es unmöglich, aber es steckt etwas drin, das fühle ich deutlich! Wenn Sie sich glücklich entwickeln, so kann einmal etwas Besonderes aus Ihnen werden, das ist ganz sicher, wie sollen Sie jetzt auch schon die Form beherrschen – das lernt sich langsam und beinah unbewußt, nur an den Beispielen größter Meister, allerdings nicht, wie es auf den Konservatorien gelehrt wird. – So? wie lernt man es denn da? – Da lernen Sie Regeln, Regeln, und immer wieder Regeln. Die sind alle ebenfalls von den größten Beispielen hergenommen, aber man lernt sie so wie Tricks. Es gehört schon viel dazu, sich von dieser Art zu komponieren wieder freizumachen. – Wieso? Es muß doch überall Regeln geben. – Natürlich, schon. Aber die größten musikalischen Schöpfungen werden einem da vorgelegt, als wenn sie Spiele wären, die man auseinandernehmen und wieder zusammensetzen kann, wenn man in die technischen Geheimnisse eingeweiht ist. Sie nehmen die Seele heraus und lassen nur das Handwerkliche übrig. Man »lernt« schon viel an den Konservatorien; aber auf Kosten von andern Dingen: Beethoven schreibt an einem Höhepunkte seines Lebens eine Symphonie, – und was lehrt man Sie daran? Nicht etwa Respekt haben, sich zu beugen vor der Größe der Inspiration, die sich da auftut, sondern auch eine Symphonie zu machen. Das heißt: von dem ganzen großen Werk bleiben Kunstgriffe und Regeln übrig. Die lernen Sie anfangs widerstrebend, dann langsam und allmählich als das Wesen der Musik erkennen, wirkliche Form ist etwas, das man nicht eindrillen kann, was sich den großen Werken nicht abschröpfen und dann einem andern einimpfen läßt. Sie läßt sich nicht »lernen«, man kann sie nur fühlen, wenn sie schon in einem selber unbewußt vorhanden ist, im Keim. Und daran scheitern die meisten, wie viele junge Menschen gibt es, die haben wirklich herrliche Ideen in ihrer ersten Zeit! Alles lose, locker nebeneinander; und wenn sie später ein »Werk« schaffen sollen, versagt alles. – Enzio machte ein klägliches Gesicht. – Das geht doch nicht auf Sie! wenn Sie das Zeug dazu haben, werden Sie es schon weiter bringen. Aber Sie sollen nur nicht glauben, daß das »Form lernen«, wie Sie vorhin sagten, etwas Einfaches ist, das man gleichsam durchmachen kann in einem kürzern oder längern Kursus, um es dann zu beherrschen. Ich will Ihnen nicht die Lust zum Konservatorium nehmen, aber für unsere Ziele kommt es wenig in Betracht. – Das kannst du doch nicht sagen! bemerkte seine Mutter, du hast da eine Masse gelernt. – Das meiste aber, antwortete Richard, verdanke ich mir selbst. – Wollen Sie uns nicht einmal besuchen? fragte Enzio; meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen! Und mein Vater wahrscheinlich auch! – Richard zögerte, dann sagte er: O ja, sehr gern. – Morgen? Enzio blickte ihn mit solcher naiver Wärme und Kameradschaftlichkeit an, daß Richard ihm die Hand auf die Schulter legte: Morgen kann ich nicht, ich bin in einer Arbeit drin, die ich erst abschließen muß; ich habe ja immer nur des Abends freie Zeit für mich; – aber nächste Woche vielleicht! – Also darf ich wohl auch nicht wiederkommen? – Doch, aber ich möchte dann gern etwas anderes von Ihnen hören. Enzio sah ihn sehr bald wieder; er hatte eine starke Zuneigung zu diesem neuen Freund gefaßt und fühlte etwas Ähnliches auf Richards Seite. Und er war so sehr gewohnt; mit Menschen, die ihm nahstanden, in intimen Umgangsformen zu verkehren, daß er ihn sehr bald fragte, ob sie sich nicht du nennen wollten, worauf Richard überrascht, aber nicht unerfreut einging. Weshalb spielst du mir niemals etwas von dir vor? fragte er einmal. Richards schmale, ausdrucksvolle Lippen nahmen einen säuerlichen Zug an: Weil nichts fertig ist, und was ich von früher fertig habe, ist nicht gut genug. – Das glaube ich nicht! Das ist nicht wahr! Genierst du dich etwa? Ich habe mich doch auch nicht vor dir geniert! – Genieren? fragte Richard erstaunt; ich habe nichts! Er sah Enzio mit undurchdringlichem Gesichte an. Enzio wandte sich fragend an seine Mutter: Wenn Richard das sagt, sprach sie, so wird er wohl seine Gründe haben! und sah ihn ebenfalls undurchdringlich an. Befangen blickte Enzio fort von ihr. Er konnte den Ausdruck ihrer Augen niemals lange ertragen. Diese Frau hatte etwas an sich, dem er instinktiv auswich, was das war, wußte er nicht, aber in ihrer Gegenwart fühlte er sich stets beengt. In der ersten Zeit, wenn sie zu dritt beisammen waren, dachte er mitunter: wann geht sie wohl nun weg? bis er eines Tages erfuhr, wie sehr beschränkt die ganze Häuslichkeit dort war. Neben der Küche und einer kleinen Kammer, die als Schlafraum für sie eingerichtet war, gab es nur dieses eine einzige Zimmer, in dem abends das Sofa in eine Lagerstatt für ihren Sohn umgewandelt wurde. – Enzios Freundschaft für Richard war in der ersten Zeit sehr viel Scheu beigemischt. Es kam ihm vor, als sei er gar kein Mensch mit körperlichen Bedürfnissen. Dieses Gefühl verschwand, wie er nach und nach kleine Züge an ihm entdeckte, die ihm komisch erschienen, und mit denen er ihn sogar in späterer Zeit zu necken liebte. Morgen mittag gibt es bei uns einen Gänsebraten! sagte er einmal zu Enzio; ich habe meine Mutter so lange gequält, bis sie sich endlich entschlossen hat. Du mußt auch dabei sein! – Schon die Tatsache, daß Richard gerne Gänsebraten aß, und die weitere, daß er nun seine Mutter darum quälte, rückte ihn seinem menschlichen Empfinden näher. Als sie dann den Braten auf den Tisch setzte, begrüßte er ihn mit einem andächtigen Ah! ließ sich ein Stück vorlegen, vergaß aber alsbald seine ganze Freude und aß nur noch mechanisch weiter, wie er ins Sprechen kam. Enzio brachte die Rede auf eine moderne Riesensymphonie, die kürzlich aufgeführt ward. – Sie ist ein typisches Beispiel, sagte Richard, für alles beinah, was heutzutage in Musik gemacht wird: Hohl, leer, bei anscheinender Gedankentiefe, in Wirklichkeit Verworrenheit ohne Sinn, in einer verblüffenden »Aufmachung«. Das Publikum hört sie an, halb in Ratlosigkeit und halb in stupider Selbsttäuschung. Jeder denkt, das muß was sein, weil der Komponist heute einen Namen hat; und da die Musik als »kompliziert« gilt, so muß man tun, als ob man sie begriffe. Unsere gesamte moderne Musik – mit ganz wenigen Ausnahmen – ist eine Tortur und nichts weiter. Entweder ist sie langweilig, dem Alten nachgemacht ohne den Geist des Alten, oder sie ist verrückt geworden. Sprechen kann sie kaum mehr, nur stammeln, und sie will auch nichts anderes als stammeln. Trotzdem tritt sie mit dem Anspruch auf, als ob sie ungeheuerstes zu sagen hätte. Sie kann nicht überzeugen, und deshalb will sie überrumpeln. Sie fühlt genau, daß sie nichts zu sagen hat, und daher dieses äußere Prahlen und Wichtigtun, dem man doch die innere Angst anmerkt. – Mein Vater meint, sagte Enzio, es würde heute zuviel geschaffen, und darum wäre das einzelne schlechter als früher. Jeder hätte immer Angst, der andere könne mehr als er selber, jeder wolle immer mehr vorstellen als er kann und wäre, nur um gehört zu werden. – Natürlich, rief Richard, so ist es auch, dein Vater hat da vollkommen recht! Früher hatte man's nicht nötig, dem Laien seine Ware durch den Namen der Firma akzeptabel zu machen, da machte man das durch die Güte der Ware selbst. Heute muß der arme Laie blind mittun, wenn er nicht für »rückschrittlich« gelten will, und das ist in unseren Tagen über alles gefürchtet. Sieh dir unsere Zeit an: dieselbe Jagd nach dem Erfolg, dieselbe Konkurrenz, dieselbe Überfülltheit wie in allen andern Fächern findest du auch in der Musik. Ich glaube gern, daß ein Mediziner, der wahnsinnig studiert, schneller zum Ziele kommt als andere, und wenn er ein Werk über irgendeine Fachfrage schreiben soll, daß Ehrgeiz und geistige Emsigkeit dem Werke nur zugute kommen. Aber beim Musiker doch nicht! Ich begreife überhaupt nicht, wie in unseren Tagen die Musik noch ihr Dasein fristen kann als wirklich lebende und sich erneuende Kunst. Aber sie ist ja auch danach! wahnsinnig gearbeitet wird heutzutage, jeder schafft drauf los mit Unruhe und Zittern um den Erfolg, nicht um der Sache selbst willen, sondern um sich persönlich durchzusetzen. So kann kein Kunstwerk entstehen! Um ein gutes Werk zu machen – dazu gehört eine gesammelte, ruhige und glückliche Seelenverfassung. Der Gedanke, wie es sich ausnehmen wird, ob seine Wirkung dem eigenen Ehrgeiz genügt, darf während der Zeit in der Seele nicht Raum fassen. Alles und jedes fühlt man dem Werke an, was nicht rein empfangen ist. Das kennen die Heutigen nicht mehr. In aller Stille muß man arbeiten, ohne jeden Wunsch über das Werk hinaus. Es ist ein klägliches und abscheuliches Bild: Feinde sind sie alle untereinander, unsere heutigen Musiker, sobald der Erfolg und die Öffentlichkeit in Frage kommen, und sofort werden aus den Feinden Freunde, und alle halten fest zueinander, sobald es sich um ihre negativen Eigenschaften handelt, die sie unter sich selber und vom Publikum als Vorzüge angesehn wissen wollen: Um ihre Unklarheit, die technischen Manieren, die Tricks, und besonders die Instrumentation, die mit der Musik als Kunst nachgerade nichts mehr zu tun hat. – Enzio schwieg. Dann sagte er: Mir wird angst und bange, wenn ich dich so reden höre! Unwillkürlich denke ich: wenn alle so sind, sind wir dann anders? wir leben doch auch in unserer Zeit, und es ist ganz unmöglich, daß wir nicht etwas von ihr abbekommen haben! – Das ist ja unser Fluch! Man wird nicht umsonst in seiner Zeit geboren! Du wirst noch Kämpfe genug durchmachen müssen! Solche Erkenntnisse, wie ich sie da aussprach, kann man sich nicht durch Mitteilung zu eigen machen, sondern man muß sie an sich durcherleben! Nur langsam und allmählich kann man sich losmachen von den Bleigewichten, die an einem hängen, bis man reif für sich selber geworden ist. Seine Mutter hatte diese Unterhaltung stillschweigend mit angehört; bei dem letzten Satze sah sie ihren Sohn durchdringend an, mit einem glühenden Schimmer in den Augen. Richard redete noch eine weile weiter, endlich erhob sie sich langsam und räumte die Schüsseln ab. – Halt! rief er und hielt die Platte mit dem Gänsebraten fest, ich habe ja noch gar nichts gegessen! – Aber Richard! du hast drei große Stücke gegessen! – Richard sah sie verwundert an, dann sagte er trocken: Ist ja nicht wahr. Enzio machte ein belustigtes Gesicht. – Doch, Richard, es ist wahr! Der Rest soll für morgen Mittag sein. Iß noch Gemüse, wenn du Hunger hast; es ist Verschwendung, wenn du jetzt noch Fleisch essen willst! – Also – dann verschwenden wir einmal. – Sie schien diese Antwort nicht zu hören und wollte sich mit dem Braten entfernen. Da sprang er auf, hielt die Schüssel mit beiden Händen fest, trug sie wieder zum Tisch, aß von neuem, kam wieder ins Reden, verwechselte seinen Braten schließlich mit der süßen Speise, die aufgetragen wurde und merkte es erst, als Enzio schallend lachte, wie er ein Stück Fleisch an der Gabel in die Puddingsauce getaucht und in den Mund geschoben hatte. Höre, sagte Enzio, als er ging, es ist wirklich nicht nett von dir, daß du niemals zu uns kommst. Meine Mutter hat dich nun so oft bitten lassen, und du hast es doch so oft versprochen! – Gut, ich komme. – Sie machten einen bestimmten Tag aus, und Enzio umarmte Richard, der dies liebenswürdig-verwundert hinnahm. Er war dergleichen Zärtlichkeiten nicht gewohnt. Nun muß ich also doch hin! sagte er, wie Enzio fort war, zu seiner Mutter. So gern wie ich ihn habe, so ablehnend fühle ich gegen seinen Vater. Es reizt mich jedesmal, wenn ich ihn nur irgendwo zu Gesicht bekomme! Er hat so etwas »Wandelndes«, das ich nicht vertragen kann. Merkwürdig, wie Söhne das in sich verfeinern und veredeln, was sie doch irgendwie ererbt haben! Es könnte aus Enzio einmal etwas ganz Bedeutendes werden. Glaubst du nicht? – Vielleicht! sagte seine Mutter gleichgültig. – Magst du ihn nicht? Er ist doch reizend! – Mir ist er zu reizend. Ein Mensch mit so verwöhnten Augen! Den müßte einmal das Leben tüchtig packen! wir werden ja sehen, wer von euch beiden mehr erreicht! Also er kommt! sagte Enzio zu Caecilie; heute hat er es versprochen, er kommt übermorgen nachmittag. Aber ich habe ihm die Pistole auf die Brust setzen müssen. Caecilie war froh und glücklich, seit ihr Enzio erzählt hatte, er habe diesen neuen Freund gewonnen; immer wieder hatte sie gesagt: Bring ihn doch einmal mit! und schließlich hinzugesetzt: ich muß doch auch wissen, mit wem du verkehrst! Und als Enzio immer sagte: er will ja kommen, aber es tritt stets etwas dazwischen, oder er geht vielleicht überhaupt nicht gerne unter Menschen – meinte sie: dann scheint er also scheu zu sein? vielleicht vor deinem Vater? – Nein, absolut nicht; ich glaube, er könnte in der allergrößten Gesellschaft sein und wäre doch nicht scheu. Und vor Papa erst recht nicht! Höchstens wäre Papa scheu vor ihm, das wäre möglich. – Na, na! sagte Caecilie, Enzio, du übertreibst wohl ein bißchen! Aber sie freute sich doch über seine jugendliche Begeisterung. Über seines Vaters Arbeiten hatte Enzio schon früher mit Richard gesprochen und sein Urteil haben wollen. Richard war darin sehr zurückhaltend, hatte gesagt: durchschnittliche Kapellmeistermusik sei seine Oper auf keinen Fall, und dann nach einem Nachdenken hinzugefügt: wirklichen Eindruck hat mir einmal das Thema einer kleinen Arbeit gemacht, die, wenn ich nicht irre, »Ouvertüre« hieß, wenn mir die Durchführung auch weniger gefiel, was wirst du denn so rot? Enzio lachte voll Genugtuung: Dies Thema war von mir selber, aus einer Sache, die ich dann liegen ließ, weil sie mir zu schwer wurde. Und mein Vater sagte: Du kannst es dir zu hoher Ehre anrechnen, mein Sohn, daß ich eine Erfindung von dir herübernehme in ein eignes Werk und daß ich ihr eine so exponierte Stellung gebe! sie einer gründlichen Durchführung für würdig halte! Als Richard endlich wirklich im Hause des Kapellmeisters erschien, war Caecilie durch Enzios Beschreibungen auf einen solchen Höhepunkt der Erwartung getrieben, daß ihr nächstes Gefühl fast eine Enttäuschung war. Enzio selbst befand sich in einer heimlichen starken Erregung. Er wünschte, daß Richard sogleich irgend etwas Bedeutendes sagen solle, und warf alle möglichen Fragen auf, die er dann seinem Gefühl nach viel zu zahm beantwortete. Daneben beherrschte ihn der Wunsch, daß Richard seinerseits einen warmen, sympathischen Eindruck von seiner Mutter bekommen möge, daß beide sich sogleich möglichst gerne haben sollten. Der einzige gänzlich Unbefangene war Richard. – Enzio brachte die Rede auf ein Adagio, an dem er arbeitete. – Ist das jenes Adagio, fragte Richard, von dem du das Thema pfiffest, als ich dich kennen lernte? – Ja; weißt du das noch? – Natürlich! Es war schön, und deshalb blieb ich auch das zweitemal stehn, als du zuerst stehn bliebst, sonst wäre ich weitergegangen, weißt du es nicht mehr? – Enzio rückte nervös auf seinem Sessel herum: sprich doch nicht davon, das macht mich ganz verlegen! – weshalb denn? – so was muß man doch nicht sagen, wie man sich kennen gelernt hat! – Enzio ist darin wie ein Mädchen! lachte Caecilie. Richard sah sie und dann Enzio an, ohne recht zu begreifen, und fuhr fort: Nur der vorletzte Takt gefiel mir nicht so recht: du machtest die Wendung nach oben, und ich hätte sie zurückgeführt. Er pfiff leise die ganze Melodie. Du hast sie gut behalten! sagte Enzio. Und ist dir jene Stelle gleich das erstemal nicht recht gewesen? – Ja natürlich. – Das erfahre ich nun jetzt erst! dachte Enzio, und wie ich es damals pfiff, dachte ich, daß ihm das Gott weiß wie sehr imponieren müßte! – Caecilie hatte still auf Richard gesehn, dann ebenso still auf Enzio, und dachte jetzt: Gott sei Dank, daß er diesen Freund gefunden hat. Er wird ihn anregen, ihm helfen und nutzen können. – Nebenan ertönte der Flügel, der Kapellmeister phantasierte. Unwillkürlich dauerte das Schweigen fort, aber Caecilie mußte beinah hell herauslachen, wie sie zufällig auf Richard sah. Dessen Züge hatten, ohne daß er es ahnte, einen Ausdruck angenommen, als ob er sagen wolle: pfui, wie scheußlich. Sehr bald aber brachen die Töne ab, und der Kapellmeister trat herein: Gibt es denn noch nicht bald Kaffee? – Richard ward ihm vorgestellt. Auch Künstler? fragte er, indem er sich in einen Sessel niederließ und sich die Finger rieb. – Nein! tönte es fest, sicher und fast herausfordernd zurück, so daß er lachte und meinte: Nun, dies ist eine prompte und reinliche Antwort. Enzio runzelte die Stirn. Höre, sagte der Kapellmeister nach einer Weile weiter, es ist sehr lieb und recht von dir, Enzio, daß du deinen Vater verehrst, aber treibe die Verehrung auch nicht zu weit! Das ist nicht nötig. – Enzio sah ihn fragend an, glaubte zuerst in seinem allgemeinen bösen Gewissen, dies solle Ironie sein, und wartete unbehaglich, was noch folgen würde. – Verehrung, sage ich, ist etwas sehr Schönes, namentlich wenn es sich um die Kunst des Vaters handelt. Aber deshalb brauchst du mich doch nicht höchst wohlwollend zu bestehlen! – wann hätte ich das getan? rief Enzio und sprang auf. – Aber, liebes Kind, es ist gar kein Grund, sich so aufzuregen! Ich spreche von dem Thema mit Variationen, das du gearbeitest hast. Technisch ist alles ganz gut, die Variationen sind solide und tüchtig gemacht, aber im Anfang vom zweiten Teil des Themas sind Takte, die du aus meiner kleinen Nachtmusik genommen hast, die ich vor Jahren schrieb. Ein bißchen verändert, natürlich, aber immerhin noch deutlich genug erkennbar, sogar für Laien. – Enzio verglich sehr schnell im Geist die beiden Themen, dann sagte er: Ach, du großer Gott! in einem Ton, den nur Caecilie richtig deutete, während Richard meinte, es handele sich hier um eine wirklich vorhandene äußere Ähnlichkeit, die wahrscheinlich mit dem inneren Wert gar nichts zu tun hätte, aber immerhin fatal genug sei. Der Kapellmeister hingegen glaubte, Enzio gestehe zerschmettert seine Schuld. So lachte er jovial und sagte: Nun, es bleibt ja unter uns. – Nein, durchaus nicht! rief Enzio, das müssen wir sofort konstatieren, am Klavier! Sein Vater sagte, er habe Appetit auf Kaffee, später sei noch immer Zeit, und fügte hinzu: Du hast wirklich Ideale. Es freut mich, daß du die Sache über die Person stellst. – Enzio verging die Zeit des Kaffeetrinkens nicht schnell genug, man redete über abgelegene Dinge, Caecilie hoffte schon, die ganze Frage sei vergessen, als er, nachdem sein Vater den letzten Schluck getan hatte, ausrief: So, nun gehen wir hinüber! Der Kapellmeister spielte zunächst Enzios Thema und dann die einschlägigen Stellen aus seiner kleinen Nachtmusik. Richard saß im Sessel und schwieg. Enzio konnte auch nicht sehn, was er für ein Gesicht machte, denn er hielt von Anfang an die Hände vor die Augen. Caecilie war die erste, die etwas sagte: Man kann das beides nicht vergleichen! – So liebevoll als Gattin wie als Mutter ! rief der Kapellmeister, aber man kann es sehr wohl vergleichen, nun, Enzio, was sagst du? – Ich? gar nichts! – Sein Vater spielte noch einmal die Stellen. Hier wird es bei mir anders, sagte er, indem er sein Spiel verlangsamte und Enzio von unten ansah, in der Meinung, daß ihn an dieser Stelle das Gedächtnis verlassen habe: Elegant und flüssig stieg die Musik langsam in die Höhe, machte eine zierliche Wendung in eine neue Tonart, wo sie sich dann wiederholte und ordnungsgemäß zum Abschluß kam. – Enzio hörte still zu. – Ich sehe jetzt, sagte er etwas resigniert, wo die Ähnlichkeit liegt. Aber wenn du es mir nicht gesagt hättest, so wäre ich nie darauf gekommen. Deins gefällt mir beinah besser, wenigstens ist es abgerundet und in seiner Weise vollendet. – Von Richards Sessel her tönte ein halb mißmutiger Laut, der mitten in sich selbst abbrach. Er trommelte leise mit dem Finger auf dem Lederpolster, als aber der Kapellmeister wieder seine Rede anhub und Enzio väterliche und zugleich lehrhaft-duldsame Ermahnungen gab, erhob er sich plötzlich und ging dann langsam auf ihn zu, indem er ihm aufmerksam in die Augen blickte, wie wenn er den Moment abwarte, wo er selber reden und etwas ganz Gegenteiliges sagen wolle. – Nun? fragte der Kapellmeister, was will dieser blonde junge Kämpe? – Mir gefällt, so sagte Richard, weder das eine noch das andere. Aber eine Ähnlichkeit ist nicht da! Enzios Thema ist etwas ganz in sich Geschlossenes. Man kann unmöglich die zwei Takte herausnehmen und mit irgendwelchen andern, fremden Takten vergleichen. Hauptsache ist, wie etwas drinsitzt! wüßte ich nicht, daß er diese Komposition jetzt erst gemacht hat, so würde ich noch eher glauben, daß die Anleihe auf seiten der kleinen Nachtmusik besteht. – Oho! rief der Kapellmeister und maß ihn von Kopf bis zu den Füßen, das ist eine kühne Sprache! Diesen Menschen mag ich nicht! sagte er später, als Richard gegangen war; dann fügte er geringschätzig hinzu: Übrigens bin ich fest überzeugt, daß er selber komponiert, er hat so was im Blick. – Aber ich mag ihn gern! sagte Caecilie lebhaft, und grade die Unbekümmertheit, mit der er seine Meinung dir gegenüber herausgesagt hat, ist mir sympathisch. – Wohl auch sein langer Hals? Der hat doch direkt etwas Säulenartiges! – Jawohl, denn er weiß auch, was er zu tragen hat! Richard kam nun oft zu Enzio. Der bat ihn noch zuweilen, eigene Kompositionen vorzuspielen, aber immer antwortete er: was ich habe, ist nicht fertig genug. – Aber meine Kompositionen find doch auch nicht »fertig«, warf Enzio ein, und ich spiele sie dir doch vor! – was für den einen paßt, antwortete Richard, paßt nicht für den andern. Dabei blieb es, und Enzio fand sich damit schließlich ab. In der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft meinte er, jene Kompositionen seines Freundes müßten sehr bedeutend sein. Dann aber, als seine Neugier nie befriedigt wurde, dachte er: wahrscheinlich sind sie doch nicht so enorm! da er sich durchaus nicht vorstellen konnte, daß jemand hartnäckig sein Talent verborgen halten könne, wenn es wirklich sehr bedeutend sei. Er sagte das auch zu Caecilie, aber die schüttelte den Kopf und meinte: Das sagt gar nichts. Auch zwischen ihr und Richard herrschte bald ein freundschaftlicher, warmer Ton. – Er scheint nicht viel mit Frauen umzugehn! rief sie einmal lachend, als er in einem Regenwetter grade gegangen war. Sie hatte die Absicht gehabt, ihn zu begleiten, um Besorgungen zu machen, konnte ihre Gummischuhe nicht finden und sagte: Ohne Gummischuhe gehe ich nicht – worauf Richard mit zögernder Stimme meinte: Wenn ich Ihnen vielleicht meine Gummischuhe anbieten darf? Da hatte sie ihn erst angesehn, als solle dies ein Witz sein, bis er hinzusetzte: Es macht mir gar nichts, ich habe sehr dicke Stiefel an. Richard sagte einmal zu Enzio: Du hast mir erzählt, deine Mutter sei früher viel frischer gewesen, viel lebhafter und lebensfroher, und du sagtest, es ruhte wie ein Alp auf eurer Familie; davon merke ich nicht das Geringste. – Dir gegenüber, antwortete Enzio, ist sie auch anders, seitdem du in unserm Haus verkehrst, ist eine frischere Luft hineingekommen. Aber du hast sie früher nicht gekannt. Es ist, als habe ihr Leben irgendwie einen Bruch bekommen. Ich weiß genau, wann das anfing. Das war, als sie einmal zu einer todkranken Schwester reiste, die dann wieder gesund geworden ist. Von der Zeit an – so scheint es mir, wenn ich darüber nachdenke, ist sie anders geworden. Ich habe manchmal schon gedacht, ob wohl zu Hause irgend etwas vorgefallen sei. Aber wie ich sie einmal danach fragte, sagte sie: Auf was für blödsinnige Gedanken kommst du, Enzio. Da war ich natürlich beleidigt und habe seit der Zeit nie mehr danach gefragt. Das war sehr bald nach jener Reise, zu der Zeit, wie meines Vaters erste Oper aufgeführt ward. Manchmal ist sie ja auch wieder so vergnügt wie früher, aber im Grunde ist sie doch ganz anders. – vielleicht, sagte Richard, macht sie sich um dich Sorge. Früher hat sie, wie du mir erzählt hast, einen großen Ehrgeiz auf das Schaffen deines Vaters gesetzt, hat dann eine Enttäuschung erlebt und bangt nun vor einer zweiten, die sie viel schmerzlicher treffen würde, denn sie liebt dich, scheint mir, über alles. – Ja, das ist wahr, sagte Enzio nachdenklich, aber ich glaube nicht, daß es das sein kann. Ob es wohl doch irgendwie mit meinem Vater zusammenhängt? Er kommt mir manchmal vor, als wenn ihm seine Familie vollkommen gleichgültig wäre. Richard machte eine sonderbare Erfahrung. Das ist meine Freundin Irene! sprach Enzio eines Tages, als sie auf der andern Seite der Straße, ohne sie zu sehn, vorbeischritt. – Ein wundervolles Mädchen! sagte Richard. Enzio, der fast schon mit ihm hatte hinüberschreiten wollen, dachte auf einmal: Nein, lieber nicht; wenn er sie schon von ferne auf den ersten Blick so wundervoll findet, soll er sie gar nicht kennen lernen. Ich habe sie wiedergesehen! sagte Richard an einem der nächsten Tage; und ich bin ihr gefolgt fast bis vor ihr Haus. Beinah hätte ich sie angesprochen; wenn ich nur mehr Mut gehabt hätte. – Er hatte keine Ahnung von Enzios naher Freundschaft zu Irene. – So? Du bist ihr schon gefolgt? fragte Enzio leichthin, aber im Herzen gab es ihm einen Stich. Es vergingen zwei weitere Tage, dann sagte Richard: Heute habe ich sie zum drittenmal gesehn. Am selben Nachmittag suchte Enzio Irene auf. Er traf sie, wie sie mit ihrer Mutter ein Andante spielte, das er ihr komponiert hatte und zu ihrem Geburtstag in purpurrote Seide binden ließ. Hingenommen von der Musik, die er für sie gedichtet, nickte sie nur leise, als er eintrat, auch ihre Mutter unterbrach sich nicht und sandte ihm nur einen ganz kurzen Blick zu. – Noch ist nichts verloren! dachte Enzio pathetisch, ließ sich auf einen Sessel nieder und sah auf diese beiden Menschen, die wie zwei schöne Schwestern erschienen, beide mädchenhaft und still. Sie mag doch niemanden als mich! dachte er wieder und lauschte der Musik. – Sie endeten. – Enzio, sagte Irenes Mutter, mit ihrer langsamen und weichen Stimme – wir hätten es schöner gespielt, wenn du nicht gekommen wärst. Ich bekam fast etwas Herzklopfen, wie ich dich eintreten sah. – Ich nicht! sagte Irene, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte, es ist doch ganz gleich, ob jemand zuhört, oder ob man allein spielt. Und während sie ihm ins Gesicht sah, bewegte sich noch leise ihre Oberlippe, wie immer, wenn sie grade etwas gesprochen hatte. – Bei dir erwartet das auch niemand anders! meinte ihre Mutter, in demselben langsamen, freundlich konstatierenden Ton; wie ist es, Enzio, kommst du mit in den Garten zu einem Angelspiel? Oder vielleicht erst später? setzte sie hinzu, da sie in seinem Gesicht ein Nicht-mögen las, das nach Begründung suchte. Dann ließ sie die beiden allein im Zimmer. – Irene hantierte noch eine Weile mit den Noten, summte dazu die verklungene Melodie, und als sie fertig war, setzte sie sich ihm gegenüber, sah ihn erwartungsvoll an und sagte: Du sprichst ja nichts! Es war eine ziemlich komplizierte Arbeit für Enzio, das Gespräch scheinbar mühelos dahin zu bringen, wo er wollte. Er sagte erst mehrere gleichgültige Sätze, in denen er schon auf Richard zusteuerte, landete endlich bei ihm und fragte: Kennst du ihn? – Irene schüttelte den Kopf. Nicht? Ich will ihn dir beschreiben! Er tat das, so gut er es vermochte, Irene schien es nicht zu interessieren, sie fragte, ob sie nicht doch in den Garten zum Angelspielen gehen wollten. – Irene! Du verstellst dich! Du kennst ihn ganz genau! – Aber nein, ich habe keine Ahnung, wen du meinst. – Er läuft dir nach! – Wie kann ich wissen, wer mir nachläuft? – Du hast ihn auch von vorn gesehn! Zweimal ist er dir begegnet, in der Parkstraße. – Das ist ja möglich, aber ich erinnere mich nicht. – Du sollst ihn nicht kennen lernen! – Das will ich ja auch nicht. – Aber er will dich anreden. – wenn er mich fragt, wieviel Uhr es ist, dann muß ich ihm doch antworten. – Ja, aber weiter, weiter! Dann kommst du mit ihm in ein Gespräch, das nicht wieder aufhört! – Irene sah ihm aufmerksam auf die Lippen, dann lehnte sie sich zurück und sagte: Ich finde das komisch! Es gibt doch keine Menschen, mit denen man soviel spricht. – Ja, du nicht, aber er! Er kann reden, in einem fort, und so, daß man ihn nicht wieder unterbrechen kann, wenn er nicht will. – Er sah sie mit so verstimmten und grüblerischen Augen an, daß sie nach einer Pause antwortete: Mir liegt an deinem Freunde nichts, und deshalb mach du selber mit ihm aus, was du willst. Heute habe ich sie zum viertenmal gesehn! sagte Richard. – Du warst wieder da? Etwas zog sich krampfhaft in Enzio zusammen. – Ja, natürlich. Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, Enzio? – Bist du naiv! sprudelte er hervor. Natürlich bin ich eifersüchtig, wahnsinnig eifersüchtig sogar? Jetzt verstand Richard endlich Enzios sonderbares, einsilbiges und fast kaltes Wesen der letzten Tage. – Ja, wenn das so steht, sagte er nach einer Weile, dann werde ich mir selbstverständlich Mühe geben, deine Freundin nie wiederzusehen. – Sofort zerlöste sich alle spannende Bitterkeit in Enzio; es war, als habe sein Gefühl plötzlich gleichsam Luft bekommen. – Ich hätte dir niemals in deine Kreise eingegriffen, fuhr Richard fort; du kennst mein Verhältnis zu den Menschen noch zu wenig: Mich interessieren sie, und du kannst nicht anders als lieben , wenn dir jemand nahetritt. Na ja, knurrte Enzio und dachte darüber nach, daß er sich mit seinem ganzen Eifersuchtsaufwand recht übereilt habe. Ich hatte mir gedacht: Kennst du Irene erst einmal, so mag sie dich vielleicht lieber als mich, und dein Verhältnis zu mir würde dann auch anders, wenn du Irene möchtest. – Aber Enzio! fragte Richard erstaunt, was hätte denn eine Neigung zu einem Mädchen mit meinem Verhältnis zu dir zu tun? Enzio schämte sich. Dann trieb ihn die Furcht, Richard könne ihn noch immer für engherzig und kleinlich halten, in ein Gegenteil seiner Empfindungen, und er sagte: Nächste Woche kommt Irene zu mir. Willst du dann auch dabei sein? Richard lehnte dieses zunächst ab, aber Enzio bat heftiger und beteuerte, er müsse dieses tun, so daß er schließlich einwilligte. Enzio hatte dieses auch nicht zu bereuen, denn im Verkehr zwischen allen dreien änderte sich im Lauf der Zeit nicht das geringste. Richard sprach sich mit neidloser Freude über Irene aus, die, wie er sie nun mehrere Male gesehen, ihm ganz jenen Eindruck bestätigte, den er erwartet hatte. – Nichts – sagte er – geschieht bei ihr wie bei andern Menschen, die ich kenne; bei allem, was sie tut, ist sie stets mit sich im Einklang; auch das Gewöhnliche bekommt bei ihr den Schein des Ungewöhnlichen; Gott weiß, woran das liegt! – Irene war zunächst ein wenig erstaunt gewesen, als Enzio sie mit diesem selben Freund bekannt machte, den sie nicht kennen lernen sollte. Sie dachte aber nicht weiter darüber nach, und wie Enzio später einmal die Rede darauf brachte, sagte sie nur: Ich finde, man soll gegen seine Freunde immer nett sein. Über Richard selbst äußerte sie sich nicht viel. Erst auf Enzios Drängen gab sie sich Mühe, nachzudenken: Er hat eine schöne Stirn! Und als ihm das noch nicht genug war: Man kann ihm so gut zuhören, ähnlich wie meinem Vater. Enzio, beruhigte dies alles sehr. – Wie furchtbar schade, sagte er eines Tages zu Richard, daß ich nun so bald fortgehe! Jetzt, wo ich dich grade kennen gelernt habe! Wieviel könnte ich noch von dir haben! Und nun soll das alles bald vorbei sein, wir müssen uns viel schreiben! Ich möchte jetzt beinah am liebsten hierbleiben. Aber mein Vater sagt, was du mir einmal von den Konservatorien erzählt hast, wäre Unsinn. Die seien ebenso notwendig für den Musiker wie die Akademie für den Maler. Anderseits atme ich auf, wenn ich erst wegkomme. Mir ist doch so, als wenn das Leben dann erst anfinge. Hier halte ich es für die Dauer nicht mehr aus. Und doch habe ich irgendwie Angst vor einer Veränderung, wenn ich davon spreche, daß ich nun bald allein leben werde, sieht mich meine Mutter manchmal mit so sonderbaren Blicken an. Ich weiß genau, was diese Blicke sagen wollen. Sie denkt dann: Ob er wohl fest genug ist dem Leben gegenüber? Ob er sich nicht unterkriegen lassen wird, sobald er auf sich allein gestellt ist? Und dann werde ich auf einmal melancholisch und weiß selber nicht warum. Mir ist manchmal, als führte ich hier ein Traumleben, vielleicht hängt das auch mit meinem ganzen jetzigen Zustand zusammen, mit meiner Sehnsucht nach einem Mädchen. – Aber du Glücklicher, du liebst doch Irene. – Nein, du verstehst mich nicht! Ich weiß nicht, ob es allen Menschen so geht: Aber mich treibt es oft ruhelos herum. – Ach so, sagte Richard, ja, ich verstehe dich. – In den Augen meiner Mutter sehe ich einen unausgesprochenen Vorwurf und eine Angst um mich, und neulich hat sie es gesagt: Ich weiß, du bist früher reif als andre, aber halte dich von einem Schritt fern, für den du noch zu jung bist. – Merkwürdig! sagte Richard. Da muß doch einmal irgend etwas vorgefallen sein, was du verschwiegen hast. – O, da ist mehreres vorgefallen, das heißt: davon weiß sie nichts und es kam auch nie bis zum letzten Schritt; nur einmal – ja, das weiß sie und das war schrecklich. Da ist es fast zu einer ganz nahen Freundschaft gekommen zwischen mir und einem Mädchen, das bei uns im Hause eine Stellung hatte. Meine Mutter merkte es und sie ward fortgeschickt. Ich habe geheult wie ein Junge, wie sie zum ersten Male »du« zu mir sagte, zu mir, der ich für alle zu Haus »der junge Herr« bin, – – du kannst dir nicht denken, was für ein Schwindelgefühl mich packte. Sie mußte gehen und sollte am nächsten Morgen abreisen. Ich sagte ihr am Abend Lebewohl. Den nächsten Tag war ich todunglücklich, wähnte sie schon weit fort, und am übernächsten Tage – treffe ich sie plötzlich auf der Straße. Denke dir, da war ich sofort gänzlich abgekühlt. Ich verstehe das nicht, ich habe sie doch so geliebt! Dann ist sie wirklich abgefahren. Und jetzt denke ich manchmal: wäre sie doch wieder da! Ich turne, bade, spiele Fußball, mache mich müde und matt mit Spazierenlaufen, wenn ich nicht arbeite und alle diese Ideen über mich herzufallen drohen – und das Spazierenlaufen ist grade das Schlimmste von allem. Ich begreife nicht, daß meine Mutter dieses letzte immer will. Es ist ganz gleich, ob ich hier in der Stadt oder draußen auf dem Land gehe: ich kehre stets mit einem neuen Bilde heim. Ich muß mich beherrschen, denn der Wunsch meiner Mutter ist mir heilig; ihr bin ich alles, alles, und was da auch in ihr Leben eingetreten sein mag – ich will nicht, solange ich es hindern kann, ihr irgendeinen Schmerz bereiten. So redete er jetzt. Und an einem der nächsten Nachmittage ließ er sich wieder treiben, immer mit dem Vorsatz, bis zu der Grenze des ihm Erlaubten zu gehn: Halbe Erlebnisse, nie zu einem Ende gebracht, und immer mit dem heimlichen Wunsch begonnen, daß sie zu einem Abschluß führen möchten. Dann lief er wieder allein, weite Strecken, manchmal draußen im Feld, auf dem Land, manchmal drinnen im Park, in dem er zwölfmal die Runde machte, und der ihm in seiner Kindheit so unermeßlich weit vorkam. – Dort im Park folgte er einmal einem Mädchen, das bereits diskrete, aber begehrliche Blicke nach ihm ausgeworfen hatte. Sie schien ihm außerordentlich hübsch, und wie sie nun um die Ecke bog und noch einmal zu ihm zurücksah, beschleunigte er seine Schritte. Enzio?! Auf Don-Juanpfaden?! ließ sich eine Stimme vernehmen, und wie er sich zur Seite wandte, saß da eine Dame, die ihr Gesicht mit dem aufgespannten Sonnenschirm verdeckte und gleichzeitig ihr Kleid etwas in die Höhe raffte, so daß ihr spitzes Schuhwerk und ihre durchbrochenen Strümpfe sichtbar wurden. Er stand erst stutzig, dann, freier gemacht in seinem Impuls durch den Augenblick und durch den entgegenkommenden Ton der Stimme, die ihm bekannt schien, beugte er sich nieder, um unter dem Schirm durch auf ihr Gesicht zu sehn. Sie richtete ihn noch tiefer, ließ dabei ein glockenhelles Lachen hören, hob dann schnell den Arm und zauste ihn an seinem Haar. Fräulein Battoni! sagte er erstaunt. – Jawohl, ich bin's, mein Engel! Sie richtete ihre blanken Augen mit einem sieghaften Lächeln auf ihn: will der junge Don Juan vielleicht ein wenig Platz bei mir nehmen, oder treibt ihn seine heilige Pflicht von hinnen? – Ich habe absolut keine Pflichten! sagte Enzio errötend, ich ging hier nur ganz zufällig. – Sie drohte ihm listig mit dem Finger: Mach du mir nichts weiß, ich kenne die Stimme deines Blutes! – Diese Worte klangen in ihm erregend nach. Das war, als wenn sie ihn ganz verstünde und irgendwie auf seiner Seite wäre. – Warten Sie hier auf jemand? fragte er, ein wenig verwirrt. – Nein ich warte auf gar niemand! Das heißt, mein guter Engel hat mich doch hier unbewußt auf jemand warten lassen, auf einen andern Engel, – auf dich, Enzio! – Sie lachte, als habe sie einen Scherz gemacht, aber ihre Augen sandten ihm einen tiefen, zärtlichen Blick zu. – Wie die Kinder groß werden! sprach sie nach einer Weile; jetzt, Enzio, bist du voll erwachsen! Ich beneide das Mädchen, das sich von dir umarmen läßt. Bist du noch unschuldig, Enzio? – Darauf antworte ich nicht! sagte er langsam. – Sie erwog schwankend, ob diese Worte auf ein ja oder ein nein hindeuteten, dann traf ihr Instinkt das Richtige und sie meinte: Du möchtest gern nicht mehr unschuldig sein, und hast doch nicht den Mut dazu. – Enzio erhob sich. Sie zog ihn sogleich wieder auf die Bank, und im selben Moment, wo er aufs neue zu sitzen kam, war sie ihm ganz nahgerückt, als mache sie es sich bequemer. Was will sie denn von mir? dachte er erregt, das sieht ja fast so aus, als wenn sie wieder in mich verliebt wäre, und dieses Mal ganz richtig! – Erinnerst du dich noch, Enzio, sprach sie nach einer Pause, wie ich dir früher einmal sagte, ich möchte so jung sein wie du selber? Damals dachte ich: wäre er doch so reif wie ich – das gäbe ein schönes Paar zusammen. Ach, mein Gott, wie schnell sind die paar Jahre inzwischen verflossen. Und doch – fuhr sie nach einem kleinen Schweigen fort, da er diese Worte nicht zu hören schien – du wärst mir zu jung, Enzio! Du bist zu knabenhaft. – Er machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopf, als ob er widersprechen wolle. – Ja, ja, das ist leider wahr! sagte sie in einem beinah sorgenvollen Ton, du bist noch viel zu sehr ein Kindskopf! Das junge Mädchen, dem Enzio zuerst gefolgt war, kam zurück, offenbar verdutzt, wo er geblieben sei. Als sie ihn neben der eleganten, noch immer schönen, etwas üppigen und aus abenteuerlichen Augen frei heraussehenden Dame sitzen sah, die gar nicht anders konnte, als ihr einen halb nachsichtig-triumphierenden Blick zuzuwerfen, indem sie ihre Stellung durchaus nicht veränderte, drehte sie wieder um und verschwand dann in etwas schnellerer Gangart hinter dem Gebüsch. Geh ihr nach, Enzio! sprach Fräulein Battoni; sage ihr, ich habe dich geschickt, weil sie mir leid täte. Mach nicht so dumme Augen, Enzio, es steht dir schlecht, denn du hast die schönsten Augen von der Welt, wenn du nur willst! Er wollte sich wirklich erheben, da er nun gemerkt hatte, daß alle Verstellungskunst ihr gegenüber übel angewandt und unnütz sei. Sie hielt ihn aber noch einmal zurück: Es war ein hübscher Zufall, daß wir uns hier begegneten, vielleicht läßt er uns noch einmal zusammentreffen. Aber sichrer ist, man hilft ihm nach, obgleich ich die Zufälle liebe. – Dann schlug sie ihm einen Nachmittag vor, an dem sie sich hier wieder treffen wollten, genau um dieselbe Stunde. Enzio versprach alles, küßte ihr die Hand und ging davon. An der Ecke sah er sich noch einmal um und nickte. Sie nickte ebenfalls und machte eine wedelnde Bewegung mit der Hand. Dann suchte er das verschwundene Mädchen, geriet auf einen unrichtigen Pfad und fand sie nicht mehr. – Kokett, furchtbar kokett! murmelte er, indem er wieder an Fräulein Battoni dachte, was will sie nur von mir? Sollte sie wahrhaftig in mich verliebt sein? Sie ist doch noch immer wunderschön! – Am bestimmten Tage war er wieder in dem Park, halb voller Erwartung und halb mißmutig. Warum behandelte sie ihn stets noch beinah als Kind, und dann plötzlich wieder wie einen erwachsenen Liebhaber? Und immer: »Enzio, Enzio« vor jedem Satz und nach jedem Satz. Als er zu der verabredeten Bank kam, war sie leer. – Ich warte zehn Minuten, und wenn sie bis dahin nicht kommt, dann gehe ich wieder! dachte er und zündete sich eine Zigarette an, versteckte sie aber nach kurzer Zeit und blies den Rauch hastig in die Weite, als er ein bebrilltes Haupt auf einem schwarzen Unterbau langsam nahen sah. Das war der Rektor des Gymnasiums, der nun allmählich vorbeischritt. Er war in jovialer Naturgenußstimmung, roch sehr wohl die Zigarettenatmosphäre um den Schüler seiner Prima herum, begnügte sich aber damit, als Enzio grüßte, seinen Gegengruß mit einem olympisch-allwissenden und zugleich sehr freundlichen Blick zu begleiten. Fräulein Battoni kam nicht, und je länger Enzio wartete, um so größer wurde seine Enttäuschung, obgleich er halb widerwillig zu diesem Rendezvous gegangen war. Grade wollte er sich erheben, als er ihr helles Kleid und ihren funkelnd roten Sonnenschirm durch die Zweige herannahen sah. Mein süßes Kind! rief sie; bist du schon da? Nun, das nenne ich Pünktlichkeit! Du hast die richtige Anlage zum Liebhaber, Enzio! Was sich Fräulein Battoni bei dieser neuen Zusammenkunft gedacht hatte, wußte sie selber nicht. Dieser junge, frische und in ihren Augen wirklich bildschöne Mensch reizte sie. – Er muß mich doch rasend gern haben! dachte sie, – denn sonst würde doch wenigstens etwas auf ihn abfärben von den Gefühlen seiner Mutter gegen mich, aber davon merke ich nichts, gar nichts! Und diese reizende Unbefangenheit, mit der er das Verhältnis von seinem Vater zu mir zu beurteilen scheint! wie selbstverständlich er es hinnimmt, daß ich mich auch für ihn interessiere! Wirklich zu niedlich ist das doch von ihm! Was er sich wohl denkt? Sie hatte selber keine Ahnung, wie sich die Beziehung zwischen ihr und Enzio weiter entwickeln würde. So etwas wußte sie niemals, aber ihr durchaus vorurteilsloser Sinn machte keinen Unterschied in den Lebensaltern. Bei ihrer Zuneigung zu Enzio spielte außer seiner Jugend und seiner Schönheit noch etwas anderes eine Rolle: Er war der Sohn seines Vaters, und sie kannte ihn seit seiner Kindheit. Beides mischte ihrem Gefühl etwas Pikantes bei. Das erste brachte ihn ihr von vornherein körperlich näher, erfüllte sie mit vertrauteren Ahnungen, als wenn er ihr ganz fremd gewesen wäre, und barg den Keim von Vergleichungen in sich. Und das zweite mischte in ihre Empfindungen eine angenehme Frische. Der Gedanke war prickelnd, diesen jungen Menschen wieder rückerinnernd in den Zustand der Kindheit zu versetzen und die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vermischen, so daß ein nur halb erkennbares Zwitterwesen von verschiedenen Lebensaltern deutlich ward. Die Stimmung war eine andre als das letztemal. Er empfand das in ihren Blicken, und er selber war in heimlicher Erregung, denn jetzt fühlte er mit Deutlichkeit, daß er für sie nicht mehr das Kind von früher war, sondern daß sie ihn als einen reifgewordenen und begehrenswerten Menschen betrachtete. Jede kleinste Berührung hatte einen andern Sinn bekommen. Alles, was in ihm gelockert war, bedurfte nur eines Anstoßes, um auseinandergesprengt zu werden. Er saß stumm neben ihr. Sie drehte eine Blume zwischen den Fingern hin und her, bis sie endlich niederfiel, auf die Bank, zwischen sie beide. Er griff nach ihr, sie ebenfalls, und ihre Hände fanden sich. Beide sagten gar nichts. Was du für schöne, starke Finger hast! sprach sie endlich, hob sie und legte sie gegen ihre heiße Wange. Ihn durchschauerte es. Und ohne daß sie noch ein weiteres Wort sprachen, waren sie eng zusammengerückt, und dann küßte sie ihn glühend auf den Mund. Er vergaß in diesem Moment alles, er fühlte nur die Berührung dieser begehrenden Lippen, nur ihren weichen Frauenkörper, er umschlang sie heftig. – Enzio, murmelte sie, laß mich los! Er dachte nicht daran, er umschlang sie fester. Sie fühlte das Feuer seiner jungen Glieder, und nun ließ sie sich treiben. Enzio! flüsterte sie, ich weiß nicht mehr, was ich tue, ich bin verrückt geworden, ich liebe dich, Enzio, ich liebe dich, alles andre ist mir gleichgültig – – sie umarmte ihn von neuem: Enzio! Wenn du wolltest – – ich würde alles darum hingeben, auch deinen Vater, wenn es sein müßte! – In Enzios Körper tat es einen Ruck. Er stieß sie halb zurück und sah ihr starr und mit geöffneten Lippen ins Gesicht. Sie erblaßte, und ein tödlicher Schreck befiel sie. Zum zweiten Male mich verplappert – dachte sie – und in genau derselben Sache. – Mein Vater? stieß er endlich hervor, mein Vater? Dann sagte er: O Gott! und schlug die Hände vors Gesicht. Sie glaubte wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. An die Bühne gewohnt mit ihren Darstellungen von »Konflikten«, legte sie sich jetzt sein Wesen so aus, als gehe in ihm ein heftiger Kampf vor sich, als habe er zuvor im Rausch des Augenblicks die Wirklichkeit, soweit sie sich auf ihn bezog, nur vergessen, als erwache er nun aus einem goldnen Traum zur Welt zurück, mit ihren ewigen Forderungen an das menschliche Herz und dessen Gegenforderungen; dann aber konnte sie nicht mehr lange im Zweifel bleiben über das, was wirklich in ihm vorging. Er riß die Hände vom Gesicht und stieß die Worte vor: Sagen Sie mir alles. Ja, um Gotteswillen, was soll ich Ihnen weiter sagen, als was Sie selber wissen! sagte sie stotternd, und war unwillkürlich in eine andre Art der Anrede hineingeraten – – als was alle Welt weiß! – Und plötzlich setzte sie hinzu: Eine ganz harmlose Geschichte, aber wie die Welt nun einmal ist, vermutet sie natürlich gleich das Schlimmste! – Enzio schüttelte heftig mit dem Kopf, dann rief er: Wann fing das an? – Sie antwortete nicht. – Wann fing das an? schrie er beinah. Und unter seinem Ton und Blick stotterte sie wieder: Das weiß ich wirklich nicht mehr – aber ich versichere Ihnen nochmals: Es ist eine ganz harmlose Geschichte. – Sie lügen!! – Da besann sie sich auf ihre Würde und wußte nun auf einmal, was sie auf dieses Stichwort hin noch alles zu erwidern und wie sie sich zu Ende zu benehmen habe. – Mein lieber Sohn! sprach sie, ich bin wirklich nicht hergekommen, um mich von dir verhören und beschimpfen zu lassen, besinne dich, wen du vor dir hast! – Nennen sie mich nicht mehr du! Ich will das nicht, ich verbiete es Ihnen! Sie hatte ihre Ruhe vollkommen zurückgewonnen und ließ jetzt ein begütigendes, besänftigendes Lachen in einer tiefern Lage hören. Wie du willst! oder vielmehr: Wie Sie wollen. Ich nenne Sie schon von selber nicht mehr du, wenn Sie sich so benehmen. Es tut mir leid, mein lieber Enzio, daß unsre Freundschaft in die Brüche gehen soll – aber wenn Sie es durchaus wünschen – mir ist es recht. Es machte mir Vergnügen, mit Ihnen zu scherzen und zu sehn, wie weit ein junger Mann sich durch die scheinbar entgegenkommenden Worte einer reifen Frau hinreißen lassen würde, sie für Ernst zu nehmen; es war ein kleines, unschuldiges Experiment – nicht sehr nett von mir, das gestehe ich, und dafür bitte ich nachträglich noch ein wenig um Entschuldigung. Im übrigen habe ich auf nichts mehr zu antworten. Gehen Sie nach Haus und schämen Sie sich da etwas, einer Dame gegenüber in solchem Ton geschrien zu haben. Sie hätten mich dem Schlimmsten ausgesetzt, wenn zufällig Menschen vorbeigekommen wären. Adieu! – Sie erhob sich und rauschte langsam davon. Enzio blieb auf seiner Bank zurück, warf den Kopf nach hinten und vergrub ihn dann in seinem Arm. »Ich würde alles darum geben, auch deinen Vater, wenn es sein müßte.« Diese Worte wirkten in ihm nach mit der Grelle eines Blitzes. Endlich hob sich aus alle dem, was in ihm durcheinander ging, ein jammernswertes Bild: das seiner Mutter. Jetzt verstand er die ganze Vergangenheit, wie hatte sie vorhin gesagt?: Ich weiß nicht, wann das anfing! Das deutete auf Jahre! Hingeben! Für ihn hingeben! Wie abscheulich klang das! Wie gemein war die ganze Art, durch die er in das Geheimnis gedrungen war! Ihm war, als müsse er sogleich zu seiner Mutter, ihr zu Füßen stürzen, sie umklammern, alles herausschreien, was er wisse, und beichten, wie er in den Besitz dieses Wissens gelangt sei. – Aber war es vielleicht doch nicht unmöglich, daß sie genau so wenig wußte, wie er selbst bisher gewußt hatte? Plötzlich durchzuckte ihn der verwegene Gedanke, Rechenschaft zu fordern von seinem Vater. Er war kein Kind mehr, er mußte wissen, ob es wirklich wahr sei, was er gehört, und – was die ganze Welt wisse, wie Fräulein Battoni hinzugesetzt hatte. Bei diesem letzten Satz stockte sein Gedanke wieder und ein dunkles Rot zog sich über seine Schläfe. Der erstbeste Mensch, den er auf der Straße traf, konnte Mitwisser dieses Geheimnisses sein, das kein Geheimnis mehr war; alle wußten es, nur ihm hatte man es verheimlicht. Seinen Vater, so fühlte er jetzt, konnte er nicht zur Rede stellen, das war ausgeschlossen. So neu und unfaßlich war seinem Herzen alles Gehörte, daß ihn wieder der Gedanke durchfuhr: vielleicht ist alles doch nicht wahr! Nichts weiter als ein dummer, roher Scherz! Hatte sie nicht auch gesagt, alles übrige sei nur ein Scherz gewesen? – Er hörte innerlich den Ton ihrer Worte wieder, er sah von neuem ihr tödlich erschrockenes, erblassendes Gesicht, und dann wußte er, daß alles wahr gewesen sei. Was sollte er tun? Ändern konnte er selber nichts an allem, dazu war er zu jung und dazu fehlte ihm das Recht. Auch zu seiner Mutter konnte er nicht sprechen – denn immer wieder meldete sich der Gedanke: Es ist doch nicht vollkommen ausgeschlossen, daß sie keine Ahnung hat! Was sollte er tun? Sollte er sich Richard anvertrauen? Das war das beste, der würde ihm raten, helfen können. Er erhob sich von seiner Bank, nachdem er noch lange vor sich hingestarrt hatte. Als er in die Straße einbog, wo Richard wohnte, zögerte er wieder, und dieses Zögern wurde stärker, als er nun durch den Hof ging und dann die Treppen emporstieg. Trotzdem hob er die Hand zum Läuten, aber im letzten Moment zog sie ein plötzlicher Impuls zurück. Richard durfte nichts von diesem allem wissen. Zwar durchkreuzte ihn sogleich die Idee: Aber wenn es jeder weiß, weiß er es auch vielleicht schon lange. Trotzdem drehte er um. Durch ihn sollte Richard kein Wort darüber hören. Wohin wollte oder sollte er nun gehn? Nach Hause? Das schien ihm unmöglich. Auf der Straße bleiben? Hinaus auf die Felder? Vor dem allem ekelte ihn. – Wenn ich heimlich in mein Zimmer kommen kann – dachte er endlich – bin ich gerettet. Dann schließe ich mich ein und sage: ich arbeite, wenn jemand zu mir herein will. Aber er ging doch nicht nach Hause, er machte einen weiten Gang zur Stadt hinaus, und wie er sich endlich heimwärts wandte, nahte die Dämmerung. Es gelang ihm, ungesehn sein Zimmer zu betreten. Er wußte nicht, was sich inzwischen in seiner Familie ereignete. – Fräulein Battoni war vom Park aus nach kurzer Überlegung schnurstracks aufs Telephonamt gegangen und hatte den Kapellmeister in ihre Wohnung bestellt: Besser, dachte sie, ich komme Enzio zuvor und breche der Sache jede Spitze ab, als daß ich schweige und nachher die schlimmsten Vorwürfe zu hören bekomme. Sie erzählte alles, was geschehen war, der Situation nach ungefähr richtig, aber in einer gänzlich andern Beleuchtung: Wahr ist alles, was er dir vielleicht erzählen wird! sagte sie, – wenn er wohl auch in seinem jünglingshaft-eitlen Herzen mir selber ganz andre Motive unterstellen wird, obgleich ich ihm erbarmungslos gesagt habe, daß es nichts als ein dummes Spiel war, das ich mit ihm trieb, Ich gebe zu, das Spiel war ein wenig frivol; aber mein Gott, Heinrich, der Junge ist dir so furchtbar ähnlich, und dann weißt du doch genau, daß ich manchmal ein bißchen exzentrisch bin und mir Dinge erlauben darf, die bei andern ein ganz andres Gewicht bekommen würden. Selbstverständlich gebe ich zu, daß mich dieses unberührte Jünglingstum gereizt hat, dafür bin ich Weib, Gott sei Dank! Aber wenn er behaupten sollte, daß ich ihn angelockt hätte, dann lügt er einfach! Ich will dir genau sagen, wie es anfing: Er lief vor ein paar Tagen einem ganz entzückenden Mädchen nach, im Park, sah mich – ich rief ihm ein paar Worte zu – ließ dieses entzückende Mädchen laufen und kam zu mir. Später habe ich ihn selber angetrieben, sie wieder aufzusuchen, vorher beredeten wir uns halb scherzhaft für einen andern Tag – für heute – ich vergaß die Sache halb, traf ihn dann schließlich doch – und zwar beinah eine ganze Stunde zu spät, das kann Enzio dir bezeugen! Ich wollte sowieso spazieren gehn, und dachte zwischendurch: wenn er überhaupt da war, so ist er nun längst nach Haus gegangen. Aber er war da, er hatte schon unendlich lange auf mich gewartet. Na, und da ging's wirklich an. – Was, fragte der Kapellmeister, der auf einem Sessel saß und die Hand vors Gesicht hielt. – Gott, kleine Zärtlichkeiten, unverfänglichster Art, bis er so heftig wurde, daß ich ihn zurechtweisen wollte und ihm sagte, er solle doch nicht seine Pflichten gegen dich vergessen – oder so ähnlich, aufgeschrieben habe ich's mir nicht, vielleicht habe ich auch gesagt, ich hätte selber Pflichten gegen dich – das kann ich nicht so genau mehr wissen, jedenfalls bin ich kurz darauf gegangen, da er unverschämt wurde. – Wieso, fragte der Kapellmeister, immer in derselben Stellung. – Er spielte sich da als Richter auf, stellte mir Fragen, als ob ich in einem Prozesse wäre, in einem Ton, daß ich keine Lust hatte, das länger mit anzuhören, so, als wenn er sich einbildete, wirklich irgendein Besitzerrecht an mich zu haben. Zu, zu dumm von mir, daß mir dies eine Wort entschlüpft ist! Aber ich konnte doch unmöglich annehmen, daß Enzio von der ganzen Sache auch nicht ein Sterbenswörtchen wüßte. Über so etwas spricht man doch und diskutiert man doch in einer gesund empfindenden Familie! Der Kapellmeister nahm die Hand vom Gesicht. Er sah vollständig betrübt aus und blickte starr auf sie. – Glaubst du mir etwa irgend etwas nicht? – Er nickte fast unmerklich, sie schwankte, wie sie dieses Nicken auffassen solle, hatte aber nicht den Mut zu einer erneuten Frage, und so entschloß sie sich ganz kurz zu einer günstigen Auffassung und Weiterführung: Um eins bitte ich dich: Straf den Jungen nicht! Tu mir die Liebe. Schneide jedes Wort ab, das er etwa sprechen will, und sage ihm, daß ich schon bei dir war und alles in einem für ihn selber günstigen Lichte dargestellt habe! Das ist ein bißchen gelogen, aber für einen so guten Zweck schadet es nichts. Es erspart ihm die Beschämung. Nicht wahr, du versprichst mir das? – Der Kapellmeister seufzte tief, erhob sich und starrte vor sich hin. – Ich verspreche nichts, sagte er dann, ich muß nach Haus, mit mir allein sein und dies alles überdenken. – So? Dann gehe ich noch ein Stückchen mit, antwortete sie und zog ihre Handschuh an. – Was wird nun? dachte er, irgend etwas muß geschehn. Bitte, begleite mich nicht! wandte er sich an sie, ich kann jetzt nicht mit dir gehn! Leb wohl! – Sie sah ihn noch einen Moment halb unsicher an, dann klopfte sie ihm mit ihrer glänzend behandschuhten Rechten ein paarmal aufmunternd-klapsend gegen die Backe, während er ihr unwillig auswich, und ließ ihn gehn. – Der Kapellmeister saß zu Haus auf seinem Sofa. – Ich muß mich von ihr trennen! murmelte er endlich; o Gott, wenn doch dieses nicht geschehen wäre! Es war ja gar nicht nötig, es hätte doch alles ruhig weiter fortgehen können wie bisher! Seine Gedanken gingen zu Enzio. Der erschien ihm auf einmal wie ein anderer Mensch, in einem ganz andern Licht, als er ihn bisher gesehen hatte. Enzio – mein Nebenbuhler, mein glücklicher Nebenbuhler, wenn sie nicht aus Dummheit geschwatzt hätte! Plötzlich erfaßte ihn eine große Wut und zugleich, eine moralische Entrüstung: Fast die Geliebte meines Sohnes geworden – pfui Teufel! Sie hat mich oft betrogen, aber dieses geht zu weit! Jetzt mach ich Schluß. Er erhob sich und schritt hinüber in das Zimmer seiner Frau. Caecilie, sagte er mit Feierlichkeit, die Vergangenheit ist beendet, ich gehöre nur noch dir und Enzio! – Sie blickte ihn groß an und verstand ihn nicht. – Denk dir die Schlechtigkeit von dieser Frau! begann er, und dann erzählte er von Anfang bis zu Ende, was er wußte. Caecilie erblaßte, wie sie Enzios Namen hörte und alles, was mit ihm verknüpft war, dann sagte sie: Ich werde mit ihm sprechen, es ist alles anders, als du sagst, oder als man dir gesagt hat, ich höre zweierlei aus deinen Worten, es muß anders sein, Enzio ist mein Kind und ich habe ihn – sie vollendete nicht, ihre Worte tranken an sich selbst, sie drückte ihre Hand ans Herz und schluchzte: Ach Enzio, Enzio! Er ließ sie sich ausweinen, dann sagte er: Das ist nun alles nicht zu ändern und auch vorläufig nicht das nächste. Das nächste betrifft mich selbst und dich. Ich wiederhole dir: Nun ist die Vergangenheit tot! Alles lasse ich mir nicht gefallen! – Sie schien die Worte nicht zu hören. – Macht dir das denn keinen Eindruck, Caecilie? – Sie sah ihn halb abwesend, halb fragend an: Was meinst du? sagte sie. – Das, was dein Glück und mein Glück enthält! Die Vergangenheit, so sagte ich, ist tot! Hörst du mich nicht, Caecilie? – Sie hob den Kopf, sah ihm in die Augen und fragte langsam: was geht mich das an? – Er blickte ratlos und bestürzt auf sie. – Ich glaube doch, sagte er mit einem schüchternen Anlauf, daß dich das sehr viel angeht! – Sie schüttelte langsam den Kopf. – Nicht? Wieso nicht? – Da traf ihn ein langer Blick. – Laß alles wie es ist, sagte sie nach einem Schweigen. – Caecilie, ich verstehe dich nicht! – Und ich verstehe dich um so besser, besser, als du dich selbst. – Er begann zu ahnen, was sie meine, aber ganz begriff er es noch nicht. – Soll ich dir danken...? fragte sie. – Er erhob sich, trat auf ihren Sessel zu, setzte sich auf den breiten Rand und schlang den Arm um sie; sie ließ es geschehn. – Caecilie, was für eine kalte, schreckliche Sprache führst du! Ich komme dir entgegen, ich reiche dir die Hand – – – Begreifst du immer noch nicht, was ich meine? unterbrach sie ihn staunend. – Er sagte weder ja noch nein und wartete, daß sie weiterreden solle. – Laß uns ganz ruhig miteinander sprechen, sagte sie und faßte seine Hand, ließ sie aber gleich wieder frei: Sieh, was du jetzt tun willst, hat keinen Sinn! Ich habe jahrelang gelitten, und du ließest mich leiden. Bildest du dir jetzt ein, du brächtest mir ein Opfer? Was du tun willst, geschieht aus gekränktem Selbstgefühl, ich spiele dabei auch nicht einmal eine Nebenrolle; ich komme – wenn du überhaupt in dieser Sache beiläufig an mich denkst – gut weg dabei, das ist alles. – Was für Worte, was für Worte! preßte er hervor. – Einfache Worte, die die Dinge bei ihrem rechten Namen nennen. In dir wallt ein ganz natürliches Gefühl empor. Es wird zurückgehn. Morgen bereust du, was du heute versprichst, denn alles steht auf schwachen Füßen. – Statt einer Antwort suchte er sie zu umschlingen, aber es fehlte seiner Bewegung die Aufrichtigkeit und das unmittelbare Gefühl. – Ich habe mich an unsern Zustand gewöhnt, fuhr sie fort, indem sie ihn leise abzuwehren suchte, und ich vermisse kaum mehr etwas dabei. Alles, was ich noch an Liebe habe, gehört meinem Sohn. Das ist langsam durch die Verhältnisse gekommen, und ich weiß zu genau: Wenn du jetzt eine Änderung herbeiführen willst in bezug auf dich und mich, so ist sie nicht von Dauer. Darum versprich nichts, beschließe nichts, mir wäre nur zumute wie einem Kranken, der einmal auf die andre Seite gelegt wird, bis sich sein Körper von neuem durchliegt. Es hat keinen Zweck, ich kenne dich zu genau, weshalb willst du dir die Mühe machen, jetzt noch deine Neigung zu wechseln, auf eine Dritte zu übertragen! – Du redest fast brutal, Caecilie, ich verstehe dich nicht: Du als Frau – – – Sie lächelte bitter: Einmal wird uns vorgeworfen, daß wir zu wenig männlich denken, und das andere Mal, wenn wir klar sehn, und sprechen wie ein Mann, dann heißt es: Wir sind zu wenig weiblich. Draußen klang die Tür und schloß sich wieder. Schnelle, gedämpfte Schritte gingen durch den Korridor. Das ist Enzio! dachten beide und warteten mit Anspannung aller Nerven, ob sich die Schritte nähern würden, ob die Tür im nächsten Augenblick sich öffnete. Ich habe keine Ahnung, was Enzio tun wird! sagte der Kapellmeister; jedenfalls: wenn er dich oder mich nach etwas fragt, so haben wir die heilige Pflicht, unserm Kind gegenüber alles abzuleugnen. Nein, sagte sie, wenn Enzio mich fragt, so sage ich die volle Wahrheit! Nun ist es zu spät. Ich habe zuviel Respekt vor seiner erwachsenen Seele, um ihn jetzt noch zu belügen. Er ist in das Geheimnis gedrungen, das wohl nur ihm noch ein Geheimnis war, von heute ab muß alles klar sein zwischen ihm und seinen Eltern! – Aber Caecilie, ich bitte dich: welchen Begriff wird er von seinem Vater bekommen? – Sie fühlte beinah Mitleid mit ihrem Mann, legte ihm die Hände auf den Arm und sagte: Lieber Heinrich, du hattest Jahre Zeit, darüber nachzudenken! Enzio soll und muß klar sehn, das bin ich ihm und mir schuldig – und fürchte nicht, daß ich dir das Herz deines Sohnes entfremden will! Soweit es dir gehört, sollst du es auch behalten. Er zog ihre beiden Hände an seine Lippen, nachdem er ihr noch ratlos ins Gesicht gesehn, dann ging er hinaus. Erwartet sie nun eigentlich, daß ich dies Verhältnis abbreche, oder erwartet sie es nicht? dachte er. Und nach einer kurzen weitern Überlegung: Ich kann nicht anders, ich muß es tun! Caecilie klopfte an Enzios Tür. – Wer ist da? fragte er. – Ich bin es, Enzio. – Ich arbeite. – Laß mich ein. – Ich kann nicht. – Sie zögerte einen Moment, dann wiederholte sie ihre Worte, mit einem Ton, daß er langsam, widerwillig auf die Tür zuging und öffnete. Beide standen sich in der Dämmerung gegenüber. In ihm wühlte und arbeitete es, er suchte sich zu bezwingen, dann sank er ihr weinend in die Arme. Ein langes Schweigen herrschte. Immer wieder streichelte und küßte er ihr Haar. Nun, fragte sie endlich, ruhig und gefaßt, was ist geschehn, Enzio? Und ihre Worte waren gar keine Frage, er begriff in seinem Schmerz, daß sie alles wisse und wunderte sich nicht darüber. Es war, als sei es selbstverständlich. Sie schwieg. Dann sagte sie: Ein jeder Mensch hat irgend etwas Schweres zu tragen in seinem Leben. Kein Mensch ist glücklich, dein Vater auch nicht. – Er sagte ein selbstvergessnes Wort, sie drückte heftig seine Schulter und sprach: Vergiß nicht, Enzio, daß es dein Vater ist, von dem du redest, und daß ich dabei bin, seine Frau und deine Mutter, wenn wir hierüber miteinander sprechen, so muß es ruhig geschehn, oder nicht. Komm, laß uns niedersitzen und gib mir deine Hand. – Dann sprach sie lange und langsam, und als sie endete, war die Dunkelheit hereingebrochen. Alle ihre Worte hatten nicht vermocht, ihm seinen Vater wieder nah zu rücken, ihn verstehen zu lassen, daß dieses eine traurige und unabwendbare Notwendigkeit gewesen sei. Er konnte das nicht fühlen und empfand nur immer deutlicher die Selbstentsagung seiner Mutter und ihren Wunsch zu schonen. Und es ging doch alles weiter, es war doch nicht beendet, es zog sich doch durch Gegenwart und Zukunft! Es schwebte ihr auf den Lippen, ihm zu sagen, daß sein Vater entschlossen sei, mit dieser Leidenschaft zu brechen, sie sprach den Satz bereits halb aus, aber sie stockte wieder, denn sie glaubte nicht daran. Enzio verstand sie und zog sie fester an sich, und in der engen, liebevollen Berührung schmolz ihr Gram und sie dachte: Muß ich nicht glücklich sein, daß ich ganz meinem Kind gehöre und daß es mir gehört? Jetzt sind wir noch enger verbunden als zuvor. Enzio hatte sich die Augen getrocknet und starrte in das Dunkel. – Mir ist, als müßte ich nun immer bei dir bleiben! sagte er – aber ich muß fort, ich kann hier nicht mehr leben! Ich will gleich fort, je eher ich gehe, desto besser ist es für uns alle. Ich will Papa nicht wiedersehn, ich kann morgen früh abreisen, heute abend meine Koffer packen, du mußt es verstehn, daß ich hier nicht bleiben kann. – Er redete wie in einem leisen Fieber. – Und dann schäme ich mich auch vor ihm, ich kann ihm nicht mehr unter die Augen treten. – Caecilie gingen seine Worte kalt zu Herzen. Aber sie bezwang sich und dachte: Besser, ich gehe jetzt auf alles scheinbar ein, er darf nicht fort, ich kann ihn jetzt nicht lassen, er sieht alles ungeheuerlich vergrößert, es mag eine Nacht vergehn, morgen wird er anders denken. – So sprach sie: Ob du bei uns bleibst oder ob du gehst, ist deine Sache, und niemand soll dich hindern. Aber jetzt bist du in einer Verfassung, wo es dir unmöglich ist, klar zu beschließen. Ich begreife, daß es dir schrecklich scheint, deinem Vater unter die Augen zu treten, aber es muß sein. Er weiß alles, und es ist notwendig, daß ihr darüber redet. – Er weiß alles? wiederholte Enzio und hob den Kopf im Dunkel. – Jetzt erst versuchte er seine Gedanken in die Wirklichkeit zu sammeln und mit dem Verstand über diese ganze Wirrnis hinzugehn. Aber sein Geist war müde und überreizt. – Wie ist das möglich? fragte er – – und du selbst: Es ist mir jetzt unfaßlich, daß du zu mir hereinkamst und schon alles wußtest, was ich sagen wollte! Bist du hellseherisch? Seid ihr beide hellseherisch? – Seine Augen suchten groß durch das Dunkel ihre Augen zu erkennen, und die Stille des Abends klang in seinen Ohren. Er wartete wie auf ein Wunder. Sie erzählte ihm alles und er sank in ihren Arm zurück. Dann sprach er: Nun will ich dir auch sagen, wie es im Park gewesen ist. Dann redete er, langsam und traumhaft, nur jene Worte, die ihn alles hatten erraten lassen, wiederholte er nicht. Er brachte sie nicht über seine Lippen. Draußen auf dem Vorplatz klangen Schritte. Er erhob sich leise, verriegelte die Tür und ging zu seiner Mutter zurück. – Enzio, bist du da? fragte die Stimme des Kapellmeisters. – Er antwortete nicht. Sein Vater suchte die Tür zu öffnen. – Caecilie, bist du mit ihm darinnen? – Dann hörten sie, wie sich sein Schritt wieder entfernte. Lange saßen sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis Enzio leise sagte: Erzähle mir noch etwas Schönes, aus meiner Kindheit. Sie dachte nach, dann sprach sie von seinen frühesten Jahren, er schmiegte sich eng an sie und hörte zu, sie ging in eine noch fernere Zeit zurück, in jene Zeit, wo er noch nicht geboren war, wo sie ihn erwartete, er hielt ihre Hand gefaßt und küßte sie zuweilen leise, dann klang ihm ihre Stimme immer ferner. Ich glaube, sagte er endlich, ich bin todmüde, wir müssen schlafen. Aber beide rührten sich nicht. Die Gedanken begannen in ihm durcheinander zu rinnen, dann fühlte er, wie seine Mutter sich leise erhob. Ich bin zu müde, um mich noch zu entkleiden, sagte er, ich lege mich nieder, so wie ich bin. – Nein, Enzio, komm, ich helfe dir. – wie sie zu tun pflegte, als er ein kleines Kind war, nahm sie ihm seine Kleidung Stück für Stück vom Leib, bis er in der Finsternis groß und nackend vor ihr stand, darauf half sie ihm sein Nachtgewand anlegen, ließ ihn in sein Bett steigen, und dann lag ihr Gesicht auf seiner Brust, bis er entschlummert war. Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag – erschien er erst spät zum Frühstück. Nur der Kapellmeister saß noch am Tisch, und Enzio bemerkte, daß er eine Zigarre rauchte, wie er hereinkam, hob sein Vater den Kopf, warf einen kurzen, scheuen Blick auf ihn und erwiderte so einsilbig den Morgengruß, wie er gegeben war. Dann saßen sie sich gegenüber; keiner redete. Enzio bereitete still sein Frühstück, der Kapellmeister sah stumm zu und reichte ihm den Honig über den Tisch herüber, wie er zu bemerken glaubte, daß er ihn haben wolle. Mehrmals versuchte er zu einer Anrede einzusetzen, aber jedesmal hielt er wieder inne, ehe noch das erste Wort heraus war. Er heftete wie magnetisch angezogen den Blick auf Enzio, wenn der sich zu seinem Frühstück niederbeugte, und sah fort, wenn er den Kopf hob. Einmal begegneten sich ihre Blicke für einen kurzen Moment, wie wenn ihre Kräfte oder ihre Schwächen im Gleichgewichte zueinander ruhten. Der Kapellmeister gab sich einen gewaltsamen, innern Antrieb. Es mußte sein. Er räusperte sich ein paarmal, wie sollte er anfangen, ohne seiner väterlichen würde allzuviel zu vergeben? Hast du mir nichts zu sagen, Enzio? begann er. Enzio hielt mit Kauen und Schlucken an, das ihm sowieso schon schwer genug ward, wieder waren sich ihre Augen begegnet, und dieses Mal vermochte ihn der Kapellmeister so anzublicken, daß Enzio zur Seite sah. – Es ist sehr traurig, fuhr er fort, daß wir uns gegenübersitzen wie zwei fremde Menschen, und noch viel trauriger, wenn ich bedenke, weshalb. Zwischen dir und mir stehen Dinge, wie sie nicht zwischen einem Sohn und einem Vater stehen dürfen. – Enzio schwieg. Der Kapellmeister hatte schon gehofft, es werde vielleicht mit diesen Worten genug sein, und es würde ihm erspart bleiben, eine Erklärung bezüglich seiner selber abzugeben. Aber Enzio blickte ihn an, als erwarte er, er solle weiterreden. So gab er sich denn abermals einen Antrieb und fuhr fort: Es ist wohl nicht nötig, daß ich es ausspreche: Seit dem Vorfall von gestern ist die Vergangenheit vergangen; ja, ganz wahrhaftig! Gefühl und Verstand lassen mir keinen andern Ausweg. Aber du selbst, Enzio, hast du mir nichts zu sagen.? – Enzio hatte noch immer seinen Bissen im Mund; er würgte, bis er ihn verschluckt hatte, dann schwieg er weiter, und endlich fragte er: was soll ich sagen? – Das wußte sein Vater im Grunde auch nicht, denn es war nichts geschehn, weswegen er ihn etwa hätte um Verzeihung bitten müssen, wie er es unklar von ihm wünschte. Dieser ganze Auftritt war peinlich für den einen wie für den andern. Daß Enzio sich schämte, las er in seinem Blick, und ihm selber waren seine paar Sätze schon schwer genug geworden. Plötzlich schlug er einen leichteren Ton an; das war das beste Mittel, um ihnen beiden zu helfen. – Laß uns dies dumme Zeug vergessen! sagte er, und sah ihn an wie jemand seinen Kameraden etwa, mit dem er ein Spiel gemacht hat, bei dem betrogen wurde, ohne daß er recht sagen kann, wer eigentlich betrogen hat, so daß er sich entschließt, die Karten durcheinander zu werfen mit dem Vorschlag: Fangen wir ein besseres Spiel an. – Ich will nicht mehr mit dir davon reden, fuhr er fort, wir haben beide Fehler gemacht, alles ist vergessen, nicht wahr, Enzio? Er streckte ihm die Hand über den Tisch hinüber, Enzio ergriff sie, und ihm war mit einemmal viel leichter ums Herz. – Ich mache dir, wenn ich es recht überlege, keinen Vorwurf! sagte sein Vater von neuem, du konntest das ja alles nicht wissen und schlägst nun einmal schon ein bißchen über die Stränge. Schlag nur nicht zu viel über die Stränge – nun, das wirst du wohl schon von selber nicht. – Etwas anders hatte sich Enzio diese Unterhaltung in ihrem ganzen Verlaufe vorgestellt. Aber jetzt dachte er: Papa hat im Grund ganz recht! So ist es viel bequemer, für ihn und für mich. Und er heftete einen freieren Blick auf seinen Vater. Am selben Vormittag suchte der Kapellmeister Fräulein Battoni auf. Nun muß ich also wirklich Schluß machen! dachte er. Ich habe es Caecilie zweimal versprochen, und Enzio einmal. Hätte ich doch zu Enzio nichts davon gesagt! Hätte ich ihn nur von vornherein gleich anders und leichter angepackt, so wie ich später tat! Das war ihm doch augenscheinlich viel lieber! Merkwürdig, ich bin schon gar nicht mehr so wütend auf sie. Sie hat ja selbst gesagt: Er sei mir so ähnlich. Wie einfach ist doch ein Frauenherz! Nun, Heinrich, ist alles erledigt? was sagt der kleine Enzio? war er recht geknickt? – Armida, ich muß mich von dir trennen! Bitte, setz dich nicht auf meinen Schoß! – Du kannst dich ja gar nicht von mir trennen! sagte sie lachend und streichelte seine Backe. – Bitte, geh herunter, ich kann sonst nicht mit dir reden. – Er versuchte sie herabzudrängen, aber sie war viel zu schwer. – Stell dich doch nicht so an, das glaubt dir ja doch keiner. – Armida, ich flehe dich an: Geh von meinem Schoß herunter! – Sie tat es. – Ich muß mich von dir trennen! wiederholte er dumpf und starrte vor sich hin. – Schön, sagte sie. – Schön? Du sagst schön? – Ich glaube es dir ja doch nicht. – Er sah sie mit einem unsichern Blick an. Halte mich nicht auf! sagte er, ich kann nicht bei dir bleiben! – Nun? fragte sie, da er sich durchaus nicht rührte. – Ich sagte dir bereits: Ich muß mich von dir trennen! – Das sagst du nun schon zum dritten Male. – – Ja, und es muß dabei bleiben. Ich muß dich diese Minute noch verlassen! Armida! Hast du kein Wort des Bedauerns? Ich meine damit nicht, daß dann alles wieder gut ist – ich habe es ja zu Haus versprochen, daß ich mich von dir trenne! Ich muß doch dies versprechen halten! – Armer Mann! sagte sie: warte, ich will dir die Ausführung etwas leichter machen, steh bitte mal auf! – Er tat es, sie reichte ihm den Arm und führte ihn durchs Zimmer. – Was willst du denn? – Nichts, lieber, guter Heinrich, als dir den Abschied erleichtern. Du mußt wenigstens so tun, als ob du tätest, das sehe ich vollkommen ein! Wo bleibt sonst der Respekt vor sich selber? Schließlich können wir uns auch einmal ein bißchen trennen, hinterher hat man sich dann um so lieber. – Nein, niemals! Das muß vorbei sein. – Also gut, dann ist es eben vorbei. Leb wohl, vergiß mich nicht! Morgen früh sehen wir uns doch in der Probe wieder? Grüß deine Frau und sag ihr, wie unerbittlich hart du zu mir warst, wie ich erst untröstlich gewesen sei, dann aber langsam meine Fassung zurückgewonnen hätte! Vielleicht erzählst du mir einmal, wie sie es aufgenommen hat. – Unten auf der Treppe drehte der Kapellmeister plötzlich um, stieg die Stufen zurück und läutete wieder. Fräulein Battoni öffnete persönlich. Armida, sagte er mit verändertem, gewaltsam energischem Ton, solltest du denken, daß es mir diesmal nicht ernst wäre mit meinem Entschluß, so bist du in einem großen Irrtum. Ich weiß, was ich für Pflichten habe, und mein Wille ist eisern, wenn er einmal etwas beschlossen hat; weiter wollte ich nichts sagen: Verhalte dich danach, wenn ich vorhin nich ganz so energisch gesprochen habe, so macht das die Erinnerung an die Vergangenheit. Aber die Vergangenheit ist aus, und jetzt beginnt ein neues Leben. Gott sei Dank! dachte er draußen auf der Straße, daß ich endlich die richtige Sprache gefunden habe, das hat ihr imponiert! Es war schwer, sagte er zu Caecilie, aber es ist geschehn. Caecilie glaubte von Anfang an nicht, daß seine Veränderung von Dauer sein könne. Sie dachte: Wozu soll ich mich an einen bessern Zustand gewöhnen, der wieder aufhören wird, sobald ich mich an ihn gewöhnt habe? So blieb sie in jener kühlen Herzlichkeit, die sie durch Jahre hindurch gezeigt hatte. Enzio, der nun mit viel wacheren Augen als früher auf seine nächste Umgebung sah, merkte dies, und manchmal, wenn er mit Caecilie allein war, schlang er seine Arme um sie und küßte sie, halb in Mitleid um das Verflossene und halb im Glauben, nun sei alles wieder gut. Damals, an jenem Abend, hatte er gesagt: Ich kann meinem Vater nicht mehr unter die Augen treten, – und nun schien es, als sei die große Erschütterung seines Wesens fast so schnell wieder vergangen, wie sie gekommen war. Sehr bald nach jenem Vorfall sagte er einmal: Morgen ist Fidelio. Gehst du nicht mit? – Caecilie schüttelte den Kopf. – Weshalb nicht? – Sie sah ihn an, mit einem sprechenden Blick. – Ach so ! Das finde ich aber übertrieben von dir! Man muß doch die Künstlerin von der Persönlichkeit trennen können! – Das werde ich auch wieder lernen, aber jetzt, diese Woche schon, das ist mir noch zu früh, wenn dem Gefühl dir anders rät, so begreife ich das nicht. Sie sprach später noch mit ihm darüber. – Papa muß doch sogar täglich mit ihr zusammen sein! sagte er. – Da seufzte sie. – Alles Schlimme ist doch nun vorbei! meinte er tröstlich. – Aber ist dir denn nicht deine eigene Erinnerung entsetzlich? – Ach Gott, fang doch nicht immer wieder davon an! Man soll nicht so an schlimme Erinnerungen denken! Es hat keinen Zweck und macht einen nur unnütz melancholisch! Mir ist das Herz schon schwer genug, wenn ich daran denke, daß ich nun bald fortgehe! – Und erst konntest du die Zeit kaum erwarten. – Ja, aber du, und Richard, und Irene – ich glaube, ich halte es nicht aus ohne euch drei. Dir muß doch ähnlich zumute sein, wenn du daran denkst! – Ich? Ich freue mich für dich, denn ich weiß, daß zwischen dir und mir alles stets bleiben wird, wie es ist! Das gibt mir Kraft und Fröhlichkeit, dir Lebewohl zu sagen. Bald darauf reiste Enzio ab. – – Enzio an Caecilie. Ich habe kaum Zeit zum Schreiben. Aber ich muß Dir sagen, wie glücklich ich jetzt bin. Mein früheres Schwanken ist vorüber, ich fühle, daß ich in meinem richtigen Berufe lebe. Meine Professoren mögen mich sämtlich gern und scheinen viel von mir zu halten. Meinem Kompositionslehrer habe ich die besten von meinen letzten Arbeiten vorgespielt, er hat sich ähnlich darüber geäußert wie Richard, nur sicherer, bestimmter, denn inzwischen bin ich ja wieder ein großes Stück vorwärtsgekommen. Ich soll aber vorläufig nicht an eigene Musik denken. Das will ich auch nicht, aber ich kann nicht anders. Auf einem Spazierweg fiel mir ein grandioses Thema ein, und gestern abend im Bett eine Adagio-Melodie, die so herrlich war, daß ich sofort aufsprang, Licht machte und sie genau so klar aufschrieb, wie sie mir gekommen war. Ich konnte lange nicht einschlafen. Heute zeigte ich beide vor, meinem Lehrer gefielen sie sehr gut als Einfall, aber wie ich sagte, ich wolle sie für eine Symphonie verwenden, lachte er, als wenn ich einen Witz gemacht hätte. Ich soll höchstens kleinere Sachen komponieren, Lieder etwa. Ich lerne Partituren lesen und spielen, und Instrumentation. Alles geht mir zu langsam. Mir ist, als tränke ich an einem riesigen Becher und müßte ihn gleich auf einmal austrinken. Alles ist so unübersehbar, und man möchte es doch gleich übersehn können! Abends gehe ich viel in Konzerte und Theater, ich bekomme jetzt erst einen Begriff, was ein Orchester ist. Das unsrige zu Hause, am Hoftheater, kommt mir beinah vor wie eine etwas erweiterte Kammermusik, so gemütlich und ahnungslos. Ich schreibe Dir bald wieder, ich kann jetzt nicht mehr. Caecilie an Enzio. Deine Briefe beglücken mich! Ich weiß es ja so genau, Enzio, daß Du für keinen andern Beruf bestimmt bist als für den Musiker! Ich wußte es auch, daß Deine Lehrer erkennen würden, daß etwas in Dir steckt! Deine Wohnung ist sehr teuer, aber wenn sie dafür schön ist, so schadet es nichts. Zwei Zimmer mußt Du natürlich haben. Und da Du einen Flügel brauchst, mußte das eine auch recht groß sein. Daß es einen langen Balkon hat, auf dem Du morgens frühstückst, und daß die ganze Wohnung nicht in der Stadt ist, sondern draußen, mit Aussicht in den Wald hinunter, freut mich besonders. Bitte, stelle mir aber eine endgültige Liste zusammen von den Dingen, die ich Dir schicken soll, und erbitte nicht jedes Stück immer einzeln auf einer Postkarte. Das können wir einfacher haben. Eine große Markise für den Balkon ist notwendig, wenn keine da ist; frag mich nicht nach solchen Dingen. Ich schicke Dir eine neue Postanweisung. Wie freue ich mich, daß Du Richard kennen gelernt hast! Wir sind oft zusammen, erst kam er manchmal deinetwegen, aber jetzt kommt er auch ohne Anlaß. Mit Deinem Vater steht er längst nicht so gut wie mit mir. Ich glaube, die beiden mögen sich heimlich nicht, obgleich Richard natürlich viel zu taktvoll ist, je ein Wort über ihn zu sprechen, das nicht voll Respekt und Anerkennung wäre. Aber in seiner Gegenwart ist er stiller, und das steckt mich dann unwillkürlich an. Es ist merkwürdig, was für eine Reife des Urteils er hat. Und dann fühle ich immer wieder: Er ist eine durch und durch vornehme, reine Natur. Richard war krank, eine ganze Woche lang. Ich besuchte ihn oft und habe seine Mutter kennen gelernt. Eine sonderbare Frau! Sie sah mich mehrmals an, als wenn sie sagen wollte: Nachdem Sie Ihr Hühnchen in Gelee gebracht haben, könnten sie nun wieder fortgehen! Ich glaube, sie hängt mit leidenschaftlicher Liebe an diesem Sohne, sie hat etwas von einer Adlermutter an sich. Ihre tiefliegenden Augen sind beinah fanatisch in ihrem Blick. wie bescheiden leben sie, und aus was für hochkultivierten Verhältnissen stammen sie ursprünglich! Du hast mir auch niemals von dem Bild erzählt, das über dem Sofa hängt, von dem Ritter mit dem Stahlhelm und dem hellblonden Haar. Du wußtest wahrscheinlich nicht, daß das ein Selbstporträt von Richards Vater ist; ich erkannte ihn sofort an der Ähnlichkeit der Augenstellung. Wie eng und klein und ohne Licht sind ihre Räumlichkeiten! Wie gerne möchte ich ihnen meine Hilfe anbieten! Aber das wage ich nicht. Sie benehmen sich in dieser ärmlichen Umgebung mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn es schöne, weite Räume wären, ich habe sogar das Gefühl, als wenn Richards Mutter irgendwie versessen wäre auf diese Eingeschränktheit, und auch nicht anders leben würde, wenn sie es könnte. Die letzten Male, als ich fortging, war sie etwas freundlicher. Ich habe eine Idee, als wenn Richard sie darum gebeten hätte. Nach Dir hat sie sich zuweilen erkundigt, mit einem fernen Wohlwollen, das aber im Grunde doch wohl Gleichgültigkeit ist. Ich nehme ihr das nicht übel. Mütter sind verschieden, und sie hat das Recht, diesen Sohn ausschließlich und so fanatisch zu lieben wie sie tut. Denke Dir, Irene hat jetzt einen Drachen. Ich war am Vorabend ihres Geburtstages dort und brachte ihr eine Blume. Da fragte ihre Mutter sie, ob sie nicht noch einen Wunsch habe. Du weißt, Irene äußert sich so wenig! Jetzt dachte sie nach und sagte: Ich möchte einen Drachen! Das klang bei ihr ganz selbstverständlich. Ihre Mutter meinte: So, einen Drachen willst du ... ja, das denke ich mir ganz schön! – so, als ob sie ihn schon irgendwo im Blauen schweben sähe. Für diese Familie gelten ganz andere Voraussetzungen als für andere. Weißt Du, daß es die Lieblingsbeschäftigung ihres Vaters ist, nach »Feierabend«, wie er sagt, Seifenblasen steigen zu lassen von der Veranda aus? – Irene versteht es nicht, ihrem Drachen den ersten Auftrieb zu geben. Deshalb muß Richard manchmal mit. Er sagt, es sähe schön aus, wenn Irene so hoch in den Himmel schaute nach dem kleinen weißen Ding dort oben, und den Faden immer weiter gehen ließe. Ihr Vater hat zu ihr gesagt, sie müsse den Drachen taufen, so wie ein Schiff, und hat sie halb neckend gefragt, ob sie ihn nicht Enzio nennen wolle. Da sagte sie ganz ernsthaft: Wenn er einen Namen haben muß , heißt er natürlich Enzio. Das wird Dich freuen. Richard hat mir etwas Niedliches erzählt: Kürzlich begegnet er auf der Straße einem jungen Mädchen, das ihn mit verlegenen und runden Augen ansieht, stehen bleibt und fragt: Nicht wahr, Sie sind der Freund von Enzio? Dann erkundigt sie sich nach Dir, ob Du denn nicht mehr in der Stadt seiest, sie sähe Dich ja nie mehr mit ihm zusammen. Schließlich bekam er heraus, daß dies die Pimpernell war, von der Du ihm früher wohl erzählt hast. Sie sagte, Du kennest sie schon längst nicht mehr, sie habe einmal etwas Schreckliches getan. Jetzt habe sie sich innerlich und äußerlich verändert: Sie mache Puppen, für ein Geschäft, das ihr diese Arbeiten recht gut bezahle. Die Trennung von ihren Eltern habe durchaus »in Güte« stattgefunden, sie sähe sie noch Sonntags zum Mittagessen; sie wäre eine »solide Arbeiterin in ihrem Fach geworden«. Er fragte sie, ob sie Deine Adresse haben wolle, aber sie antwortete: Grüßen Sie ihn, wenn Sie das wollen, mehr kann ich nicht zugestehn. Und dann, als sie ihm adieu sagte, grüßte sie ihn selbst plötzlich auf eine so gemessene und beinah schroffe Weise, als hätte er sich ihr vorher auf eine zudringliche Art genähert. Eine komische Person! Enzio an den Kapellmeister. Daß Du mir vorwirfst, ich gäbe soviel Geld aus, macht mich traurig. Ich weiß nicht, wo ich sparen soll. Ich habe nur zwei Zimmer, nicht einmal ein Badezimmer, so daß ich mir eine Gummiwanne und einen englischen Waschapparat kaufen mußte. Im Essen kann ich auch nicht sparen, da man sich anständig nähren muß. Ich würde bald kaput sein, wenn ich in diese kleinen billigen Restaurants gehen müßte, in denen die Konservatoristen meistens essen. Alle sagen, essen sei die Hauptsache und Grundbedingung für gleichbleibende Leistungsfähigkeit, die sie natürlich nicht haben, weil sie zu wenig essen. Mittags Wein trinken bin ich von zu Hause gewöhnt. Gut kleiden muß ich mich doch ebenfalls, ich mag nun einmal nur Allerbestes, und bin auch so erzogen worden. Das übrige geht für Konzerte und Theater drauf, was zu meinem Studium gehört. Lieber gehe ich gar nicht, als auf schlechte Plätze. Ich lebe wirklich nicht kostspieliger, als ich von zu Hause gewöhnt bin. Ich kann jetzt nicht mehr schreiben, ich habe eine Verabredung, und der Brief soll schnell fort. Enzio an Richard. Richard, ich begreife nicht, daß Du mir nicht schreibst! Du bist doch längst wieder gesund! Ist irgend etwas vorgefallen? Wie ich erfahre, siehst Du jetzt Irene häufig. Ist das der Grund, weswegen Du mir nicht schreibst? Du mußt ganz offen zu mir sein; ich bin nicht mehr so kindisch wie früher. Außerdem kenne ich Dich jetzt zu gut. Ich dachte gar nicht daran, daß es Pimpernell noch gibt. Ich habe immer das Gefühl, als müßten alle Menschen so bleiben, wie man sie selbst gekannt hat. Sie war übrigens reizend! Es ist, glaube ich, mehr hinter ihr als man denkt. Es würde mich sehr freuen, wenn Du näher mit ihr bekannt würdest. Ich war diese Tage in einer wahnsinnigen Verfassung und ich bin es noch. Ich habe die Nibelungen gehört, vier Abende hintereinander. Ich hatte keine Ahnung, daß es so etwas gibt! Daß eine Musik soweit in ihren »Ausdrucksmöglichkeiten« gehen kann, um ein Wort zu gebrauchen, das man hier überall hört unter den Musikern. Ich war wie betrunken, habe mir sofort die Klavierauszüge gekauft, die Partituren geliehen, und kann kaum noch etwas anderes denken als diese Tonwelt! Bei uns zu Haus am Theater kam man ja nie über den Lohengrin hinaus, höchstens noch die Meistersinger, die ich ganz früher einmal gehört habe und damals nicht verstand, und die außerdem schrecklich zurecht geschnitten waren, wie mein Vater selber sagte, wegen unserer primitiven Mittel am Theater. Ich fange an, mühsam die Partituren zu lesen. Den Don Juan hörte ich neulich wieder, aber ich weiß nicht, diese Musik sagt mir fast nichts. Sie kommt mir recht antiquiert vor. Vielleicht fehlen mir aber nur die richtigen Zugänge zu Mozart. Ich bewundere die Kunst, mit der das alles gemacht ist, aber sie berührt mich innerlich nicht. Die Zeit muß doch eine große Macht ausüben auf alles was geschaffen wird. An ein paar Stellen allerdings hat es mich durchschauert, da war mir plötzlich, als sähe ich anstatt in ein frohes, heiteres Gesicht in ein furchtbares, ewiges, unerbittliches, beinah unmenschliches, ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ich muß jetzt viel Bach studieren, um das Kontrapunktliche zu lernen; das habe ich ja schon bei meinem Vater durchgemacht, muß es aber noch einmal und gründlicher. Ich werde wieder geelendet mit Fugenschreiben, haben die heutzutage wohl noch einen Sinn? Meine Mutter schrieb mir, daß Du sie zuweilen besuchst; auch, daß sie bei Euch war. Geh nur recht oft zu ihr. Richard an Enzio. Zunächst: daß ich bis jetzt nicht schrieb, lag an meiner Krankheit, auch daran, daß ich Deine Mutter so oft sehe, und Du weißt, ich habe nicht viel freie Zeit, was hast Du für eine gute Mutter, Enzio! Sie lebt nur in Dir, jede Zeile von Dir ist ihr eine Reliquie, und wenn sie gern mit mir zusammen ist, so ist es zum größten Teil deshalb, weil ich Dein Freund bin. Als ich krank war, kam sie täglich; ich brauche nicht zu sagen, welche Wohltat und Erleichterung das für uns bedeutete. Sie dachte an alles, nicht nur an das Nächste und Nähere, sondern an Dinge, an die eben nur ein Mensch denkt, der sich ganz mit den Sorgen eines andern identifiziert. Und wie vieles ist sonst in ihr, von dem ich keine Ahnung hatte! Welche Frische und Jugendlichkeit kann sie zuweilen haben, als sei sie eigentlich ein anderer Mensch, als sie sich gewöhnlich zeigt. Ich habe das Gefühl, als sei manche Seite ihres Wesens bis jetzt nur noch nicht recht zum Entfalten gekommen. Sie hat viel gelesen, aber von moderner Literatur kennt sie fast nichts. Ich habe sie auf manches hingewiesen, was mich selbst beschäftigt, und ich bin erstaunt über ihre Aufnahmefähigkeit. Ein paarmal las ich ihr zufällig vor, daraus sind allmählich feste Stunden geworden. Meine Mutter sieht es, glaube ich, nicht gerne und denkt, ich zersplittere mich zu viel, aber das ist meine Sache. Ich weiß nicht, was Dein Vater gegen mich hat. Er ist sonderbar in seinem Wesen. Vor ein paar Tagen begegnete ich ihm mit der Battoni im Park. Kurz, ehe ich an ihnen vorbeikam, sagte er irgend etwas zu ihr, was sich auf mich zu beziehen schien, und beide sahen mich dann halb verlegen an. Vielleicht dachten sie, ich hätte es gehört. Neulich hatten wir einen Konzertabend, an dem eine »unvollendete Symphonie in H-Moll« von Deinem Vater aufgeführt ward. Der Titel und auch das »H-Moll« forderte unwillkürlich zu einem gewissen Vergleich heraus, der für ihn nicht günstig ausfiel. Stürz Dich nur jetzt in die Musik der Nibelungen und berausche Dich an ihr, – man kann sie nicht anders als im Rausch genießen. Wagner ist ein Magier, ein Zauberer, sein Name schließt eine Welt in sich, die einzig dasteht. Aber um diese Welt liegt keine reine, himmlische Atmosphäre, es ist, als entstiegen aus allen ihren Poren narkotisierende, betäubende, süße Dämpfe, die die Seele einhüllen; sie knechtet die Empfindungen anstatt sie zu befreien. Und in diesem Geknechtetsein liegt die ganze Wollust ihres Zaubers, der etwas Verruchtes an sich hat. Der Venusberg des Tannhäusers ist mir ein Symbol für Wagners Kunst; es ist, als sei sie gleichsam unterirdisch abgeschlossen, dumpf umwölbt von einer Riesenhöhle, die den Himmel nicht mehr sehn läßt. Und der Tannhäuser selbst kommt mir vor wie einer, der sich gewaltsam aus dieser Welt, die ihn zu ersticken droht, befreit – es hat etwas Erschütterndes an sich, wie er wieder zum erstenmal die Hirtenflöte des freien Tales hört, wie wenn Wagner sich selbst den Rücken kehren möchte zu einer andern Welt hin. Solche Töne der Natur hat er öfter getroffen und jedesmal wirken sie auf mich wie die Rufe eines Träumenden, der sich befreien möchte von dem Alpdruck seines Traumes, wie ein visionärer Blick in ein verschlossenes, fernes Paradies. Das Erlebnis »Wagner« ist ganz anders als alle andern künstlerischen Erlebnisse. Es wirkt nicht rein als Kunst, es wirkt persönlich, wie wenn man jahrelang unter dem Einfluß eines dämonischen Menschen gestanden hätte, bis man aus Selbsterhaltungstrieb diesen Einfluß endlich von sich abschüttelt. Und ist es gelungen, ist einmal der Bann gebrochen, dann sehen einen wieder wie aus der Ferne zwei Menschenaugen an, die zu fragen scheinen: Wo bist du geblieben? Dann kann es einem gehen wie dem Tannhäuser, der sich in die verlassene Welt zurücksehnt, der in sie zurückkehren würde, wenn ihn nicht andere, reinere Kräfte hielten. Das unterirdische Reich dauert weiter, – so, wie Wagners Kunst bestehen bleibt, auch wenn man sie negiert. Sie ist eine feste Tatsache, eine Welt für sich, ein Riesenleuchtturm, dessen Licht magisch anziehende Strahlen versendet für alles, was in der Luft herumfliegt. Wer sich einmal fast den Kopf an ihm zerstoßen hat, der meidet ihn. Wagner gegenüber muß man, wenn man sich selbst noch nicht gefunden hat, sich freiwillig in Fesseln schlagen, wie Odysseus sich an den Mast binden ließ, als er an der Insel der Sirenen vorbeifuhr. Seine Kunst macht glücklich-unglücklich, und wirkt auch am meisten auf Menschen, in deren Leben und Wollen eine Disharmonie besteht. In sich ist er vollkommen, und es ist Wahnsinn, ihm die Berechtigung des Daseins abzusprechen, wo es doch besteht wie in den Pyramiden Ägyptens. Man kann ihn nicht nach fremden Gesetzen messen, er hat sein eignes Gesetz in sich, das er sich selbst geschaffen hat. Das Parteigezänk um ihn herum kommt mir vor wie die Wellen, die ein großes Schiff umplätschern, und ihm doch nicht das Geringste anhaben können. Die Frage wird sofort anders, wenn man seine Kunst als »reine Musik« betrachtet. Da ist es, als sähe man auf einmal einen Fisch auf dem Lande. Als »reine Musik« ist sie das Formloseste, Unmöglichste was sich denken läßt, wenn man ihr die Bühne wegnimmt, ist sie verloren und fällt auseinander. Wagner hat das größte Unheil angerichtet in der Musik, dadurch, daß man ihn falsch verstand. In seinen Werken war bis zur letzten Note das poetische das Zeugende, und von hier aus gewann er auch für die musikalische Seite seiner Werke eine Form, die zwar nicht aus der Musik selber kam, aber doch eben immerhin eine Form war, das letzte, in unserer Musik, was wirklich nach Beherrschung, Gestaltungskraft aussah. Und das haben seine Nachfolger und Nachahmer übersehen. Ihre eigene Musik, soweit sie reine Instrumentalmusik ist, hängt vollkommen in der Luft. Man will alles sein: wild, grenzenlos, zart, lyrisch-empfindsam, moralisch-asketisch, sinnlich, geistreich, frivol, und hat es verlernt, an die tief drinnen schlummernden, in sich gesammelten, ursprünglichen Empfindungen zu rühren. Was an der heutigen Musik echt ist, ist nie länger als ein paar Takte. Alles übrige, der ganze Aufbau und was sonst dazu gehört, ist gemacht, zusammengestellt und darum erlogen. Die heutigen Musiker sind erfüllt von dem grotesken Wahnsinn, die Liedform, das heißt die der Musik von Natur gegebene, ihre eigenste, eigentliche Form, überwinden und ausschalten zu können. Das ist freilich leichter als das andere: diese Form neu zu erleben und neu durchzufühlen. Mit Deiner Abneigung gegen Fugenschreiben hast Du recht. Gewiß muß man wissen, wie man Fugen baut, aber man kann sie nicht mehr, so wie Bach, um ihrer selbst willen schreiben, da man nicht mehr an sie glaubt. Man kann sie nur zu einer Absicht außerhalb ihrer selbst gebrauchen, zum Zweck einer größten Steigerung etwa, so wie es Beethoven tat in dem »Gloria« seiner Messe, um einen höchsten Jubel auszudrücken. Bach bannt die Empfindung in eine starre, riesige Form. Mir ist immer, als wenn er für gar keine Zuhörer geschrieben hätte; wenn er seine großen Werke, etwa die Matthäuspassion, anfängt, ist man stets gleich mitten drin, es gibt keine Einleitung, keine Entwicklung, seine Stücke sind so gebaut, daß er beinah in jedem Moment enden könnte. Er schließt nicht ab, er hört auf; er hat keine Steigerung, keine Kontraste innerhalb eines Stückes, nur Ausbau. Er ist großartiger als irgendein anderer, aber auch einseitiger. In kaum einer andern Musik empfindet man so stark das Musikalische um des Musik-technischen willen, bei keinem andern fühlt man so wie bei ihm das »Handwerk«, Seine Sachen gut zu spielen, hat eine ähnliche, stählende Wirkung auf die musikalische Seele, wie eine gesunde, gymnastische Tätigkeit auf den Körper. Der ungeheure ethische Gehalt ergibt sich scheinbar ganz nebenbei. Es ist, als sei seine Musik ebenso selbstverständlich gewachsen wie irgendein Naturgebilde, das der liebe Gott geschaffen hat, wobei man sich auch nicht fragt: Warum hat er das gemacht? Er ist für uns heutige Menschen wie das Land für den Städter. Dein Gefühl für Mozart kann ich verstehen, wenigstens weiß ich, was ihm zugrunde liegt. Er ist so in sich und seiner Zeit, daß man ihn hinnehmen muß so wie er ist. Es fehlt uns jeder Maßstab für ihn. Wäre ich kein Musiker, würde ich ihn vielleicht mehr lieben als jeden andern; so aber hüte ich mich vor ihm und gehe ihm aus dem Wege. In ihm ist nichts, was mich auf mich selbst zurückweist, was meine eigenen Kräfte erhöht. Bedingungslose Hingabe ist ihm gegenüber das einzig mögliche, und dazu bin ich nur selten imstande. Aber es ist falsch, ihn immer nur als den heiteren Rokokokünstler hinzustellen, wie man es tut. Ich weiß, welche Stellen aus dem Don Juan Du meinst, wo Du von dem »furchtbaren, unerbittlichen Gesichte« sprichst. Du hast es sehr schön ausgesprochen. In der Zauberflöte gibt es eine Stelle, die auch dahin gehört; es ist, als habe Mozart einmal in einer Vorexistenz Blicke in ein Gorgonenantlitz, in leere Abgründe des Grauens und des Entsetzens getan, deren unbewußt nachhallende Erinnerung ihn später Töne finden ließ, denen noch eine leise Wirkung von jener versteinernden Gewalt innewohnt. Ich sagte vorhin, in Mozart sei nichts, was mich auf mich selbst zurückweist, was meine eigenen Kräfte stärkt. Für mich gibt es – auch trotz aller modernen Musik, trotz Wagner, Berlioz, Bruckner, Brahms nur einen Musiker, – nicht der auf mich wirkt , aber der mich befruchtet , über sein eigenes Werk hinaushebt, wenn Du das richtig auffaßt: Beethoven. Er ist der einzige, der wirkliche, absolute Musik schreiben konnte, wenn man einen strengen, das heißt: seinen Maßstab anlegt. Bei ihm ist die Musik rein auf sich selbst gestellt und spricht nur aus sich. Er hat trotz der großen Wildheit und Kraft seines Temperaments eine ungeheure Leidenschaft für das Direkte, Gesetzmäßige, Natürliche, keiner hat mehr über die Launen seiner Natur gewacht, als er, und aus eben diesem Trieb heraus. Er hat nicht geruht, bis er einen Gedanken auf den einfachsten, selbstverständlichsten, natürlichsten Ausdruck gebracht hat; das ist den Heutigen grade entgegengesetzt, und deshalb kann man mehr von ihm lernen als von einem andern. Dein Vater nennt ihn immer den »wilden, ungebändigten Titanen«, und ich hatte neulich einen Streit mit ihm darüber. Denn das ist nicht wahr. In dieses ungebändigte Titanentum ist er von seinen Zeitgenossen und Nachfolgern hineinstilisiert worden, weil er ihnen vielleicht in seinem persönlichen Leben so erschienen ist. Bei ihm bedeutet das Persönliche aber nichts. Es gab in ihm eine viel tiefere und wichtigere Seite, die ihn befähigte, Werke von einer frommen, seligen Harmonie und Glückseligkeit zu schreiben, wie sie auf der Welt nie da waren. Vor allem, er hatte im Grunde nichts Tragisches, Unausgeglichenes in sich, wie es moderne Neurastheniker bei ihm so gerne suchen. Caecilie an Enzio. Ich wollte über alles dieses, was mit Deinem Vater in Beziehung steht, schweigen, aber da Du mich danach fragst und mir eine Stelle aus Richards Brief mitteilst, will ich Dir nicht die Unwahrheit sagen. Es ist alles, wie Du denkst, wie ich es zwischen Deinen Zeilen lese. Ich habe es von vornherein so kommen sehen, und es berührt mich fast nicht mehr. Ich bin heiter und zufrieden, wir leben still Und freundschaftlich nebeneinander. Richard an Enzio. Enzio, ich muß Dir etwas sagen, ehe Du es vielleicht von andern erfährst: Hier in der Stadt laufen Klatschgeschichten über mich und Deine Mutter um. Ich habe keine Ahnung, ob sie etwas davon weiß, glaube es aber nicht, da ihr Wesen nicht die geringste Änderung zeigt. Ich bin in einer unangenehmen Lage. Ich halte es für notwendig, daß sie hiervon weiß, damit sie, wenn sie will, den Verkehr mit mir abbricht. Anderseits kann ich ihr unmöglich davon sprechen; wünsche auch zu vermeiden, daß zwischen den Beteiligten irgendein Wort ausgesprochen wird. Ich möchte gern, daß Du selbst an Deine Mutter hierüber schreibst. Caecilie an Enzio. Du hast recht, wenn Du vermutest, daß ich hierüber Bescheid wußte, und ebenso recht: daß es mir gleichgültig sein darf, wäre ich um zehn Jahre jünger, so würde ich mich vielleicht entschließen, etwas Schönes aufzugeben, das meinem Namen im Munde der Menge einen Anstoß gibt; ja, vielleicht hätte ich mich noch vor ein paar Monaten dazu entschlossen, jetzt nicht mehr. Mögen die Menschen denken, was sie wollen. Die besseren unter ihnen werden doch das Richtige denken, und auf die andern darf man herabsehn, wenn man eine Frau in meinen Jahren ist, die durch ihr ganzes Leben grade ihren Weg gemacht hat. Was die Leute sagen, kann ich nicht abwägen und ins Gleichgewicht setzen zu dem, was ich am Verkehr mit Richard verlieren würde. Ich bin diese letzten Monate innerlich jung geworden, nehme wieder Anteil an allem, was einem frische Kräfte zuführt, und fühle mich so ausgeglichen und wunschlos wie nie in meinem Leben. Ich könnte mehr Verkehr mit gleichaltrigen Menschen haben. Aber ich habe irgendeine Stufe meiner Jugend übersprungen, mir ist, als sei mir etwas genommen gewesen, was andere gehabt haben, das hole ich nun nach, und bin dem Geschick dankbar dafür, daß ich es darf. Ich glaube nicht, daß dies unbescheiden und zuviel gefordert ist. Enzio an Richard. Liebster, teuerster und einziger Freund! Ich weiß nicht, aber ich habe Dich jetzt noch viel lieber als früher. Mir ist, als seist Du außer meinem Freund auch noch mein Bruder. Tu nichts, laß alles wie es ist, meine Mutter weiß Bescheid. Heute nur dies kurze Wort, ich schreibe später mehr. Der Kapellmeister an Caecilie. Nachdem Du mir gesagt hast, daß Du kein Wort mehr über jene Angelegenheit mit mir reden würdest, muß ich Dir diese schriftlichen Worte auf Deinen Schreibtisch legen. Du weißt, ich selber sehe dies Verhältnis so an wie es ist. Aber es kann mir nicht gleichgültig sein, was man über Dich redet. Ein Argument habe ich bisher vergessen vor Dir anzuführen: Bedenke, wir wohnen in einer kleinen Stadt, in der man private Angelegenheiten mit öffentlichen Ämtern viel zu sehr verquickt. Du weißt, was für Menschen an den maßgebenden Stellen sitzen, die mich in mein Amt eingesetzt haben und mich aus ihm entfernen können. Ich will nicht sagen, daß mir etwas zu Ohren gekommen sei, aber die Gefahr ist da! Bedenke das! Es wird mir schwer, Dir nochmals zureden zu müssen, da ich weiß, wieviel Dir an diesem Verkehr liegt, was ich übrigens noch immer nicht begreife. Doch das ist einmal so, und Frauen haben ihren eigenen Geschmack. Aber Du wirst es verstehen, daß ich mich diesem Menschen gegenüber nicht äußern kann, daß ich ihm gegenüber tun muß, als wisse ich von nichts. Denke nun nochmals über alles nach, und lege mir, wenn Du Dich nicht noch einmal mündlich aussprechen willst, die schriftliche Antwort in mein Zimmer. Bedenke, daß ich selbst schon genug Anlaß zu bösen Reden gegeben habe. Aber ein Mann hat andere Freiheiten als eine Frau. Bedenke, daß ich eines Tages tatsächlich meine Entlassung bekommen könnte, daß es in Deiner Hand liegt, dies zu verhindern. Ich komme Dir noch mehr entgegen: Ich verspreche Dir, für den Fall, daß Du mir nachgibst, meinerseits nachzugeben – obgleich ich das schon oft versprochen habe. Aber diesmal würde ich mir selbst den Weg abschneiden: durch einen Personalwechsel im Theater. Du weißt, wie ich mit dem Intendanten stehe, ich kann das machen. Caecilie an den Kapellmeister. Ich könnte Dir noch einmal mündlich antworten, so, wie es mir natürlicher wäre. Aber ich will es nicht, da ich allein reden und alles kürzer machen will. Deine Andeutung über eine mögliche Enthebung aus Deinem Posten glaube ich Dir nicht. Deine letzten Andeutungen wirken ebenfalls nicht auf mich. Außerdem – lieber Heinrich – ein solcher Schritt enthält nicht mehr das Erlösende für mich, das Du in ihm enthalten glaubst. Wir sind zwei Freunde geworden, die in nicht allzu großer Nähe nebeneinander hinleben, ich habe mich daran gewöhnt und entbehre nichts mehr dabei. Und schließlich: Dies wäre eine Schlechtigkeit, eine Undankbarkeit von Dir gegen eine Frau, die Dir so nahestand und noch immer nahesteht, dagegen verwahre ich mich aus einer Art von Solidaritätsgefühl. Nun laß uns, bitte, schweigen über diese Angelegenheit, mündlich wie schriftlich. Ich antworte auf nichts mehr, soweit es sie betrifft. Enzio an Caecilie. Ich bin froh, daß Du Richard hast! Was Du schreibst, ist mir zu Herzen gegangen. Mich selbst berührt jenes auch nicht mehr so stark, weil es Dich nicht mehr so stark berührt. Ich bin an einem langen Brief für Richard beschäftigt. Sieh ihn als Fortsetzung zu diesem an. Laß Dir vorlesen, was ich über mich darin schreibe. Nicht wahr, wir drei bilden jetzt so eine Art Triumvirat? Enzio an Richard. Ich schrieb Dir: Laß alles wie es ist, und ich denke noch heute so. Die besseren unter den Menschen werden doch das Richtige annehmen, und auf die andern darf man herabsehn, wenn man eine Frau ist in den Jahren meiner Mutter, die ihr ganzes Leben lang grade ihren Weg gegangen ist. Ich bin so froh, daß sie diesen Verkehr mit Dir hat! Gleichaltrige Menschen könnten ihr gar nicht soviel geben wie jüngere; jetzt holt sie nach, was andere in früheren Jahren gehabt haben und was ihr selbst irgendwie genommen gewesen ist; ich kann Dir das nicht so erklären. Letzte Nacht träumte ich, ich säße irgendwo in einem Hause, in dem ein großer Tisch gedeckt wurde für lauter junge Mädchen. Ich sollte auch dabei sein. Ich saß in einem Winkel, während ich das Klappern der Messer und Teller hörte, die man auf die Tafel legte. Da dachte ich auf einmal an Irene und begann zu schluchzen, so daß ich aufwachte. Ich denke wochenlang überhaupt nicht an Irene, da berührte mich dieser Traum um so sonderbarer. Ich danke Dir noch für Deinen langen Brief neulich, über Musikfragen. Aber ich finde doch: mit solchen Dingen verwirrst Du mich nur. Es mag ja alles richtig sein, was Du schreibst, aber vielleicht doch nur für Dich richtig. Jedenfalls erscheint es mir falsch, einen Standpunkt, den man hat, für alle verallgemeinern zu wollen. Ich empfinde ganz anders als Du. Jetzt habe ich mich entschlossen, eine Art Symphonie zu schreiben, und zwar soll es eine dramatische Symphonie werden. Die Themen, von denen ich neulich schrieb, verwende ich dafür. Der erste Teil soll heißen: Der Held! Ich denke mir alles mögliche in diesem Satze, und bin mir nicht klar darüber, ob ich nicht auch eine Worterklärung dazu machen soll, damit man besser versteht, was ich meine. Das erste Allegrothema habe ich etwas verändert. Merkwürdig, wie ein paar Tage, an denen man nicht an einer Sache arbeitet, den Blick schärfer und frischer machen. Jetzt hat es einen großen, starken Schwung, gar nicht zu vergleichen mit seiner allerersten Form, die mir nun fast langweilig erscheint. Zeitweilig arbeite ich auch an dem Adagio. Es hat fast einen Largo-Charakter bekommen, etwas Grüblerisches. Dieser Satz drückt so viel aus, daß ich es in Kürze gar nicht sagen kann. Es gibt viel Chromatik darin, der man durch Veränderung der wechselnden Harmonieabfolgen stets neue Beleuchtung, einen neuen seelischen Charakter geben kann; eine Fundgrube ohne Boden! Ich habe Wendungen gefunden, wie sie mir sonst nirgends bekannt sind. Das Scherzo werde ich aus dem Adagio entwickeln. Es soll den Kampf des Helden mit sich selbst darstellen, oder vielmehr eine verzweifelte Ironisierung und Verneinung alles vorangegangenen Grübelns. Es muß klingen wie ein Spott alles vorher Gehörten, bis der Held sich dann im Schlußsatz durchringt zu einer neuen Wahrheit! Wie wundervoll ist es, solche Aufgaben vor sich zu wissen! Wenn mir jemand heute zehn Millionen, hundert Millionen oder noch viel mehr anbieten würde, unter der Bedingung, daß ich einen andern Beruf ergriffe, ich würde ihn mit Fußtritten die Treppe hinabbefördern! Und ihm von oben seine Kisten mit Gold auf den Kopf werfen, daß er nicht wieder aufstände! Und wenn ich keinen Pfennig Geld hätte, dann würde ich in die Schenken ziehen und dort aufspielen, und ein künstlerisches Vagabundenleben führen, mit offenem Hemd und einer Nelke hinterm Ohr. Man lernt dann irgendwo Zigeuner kennen und tanzt nachts unter dem Sternenhimmel mit einem schönen Mädchen! Ach Gott, die Mädchen! Allmählich denke ich wieder mehr an sie, aber ich dränge die Gedanken zurück. – Aber auch wenn ich ganz einsam leben müßte, so täte ich es lieber, als von dem Gelde dieses verfluchten Kerls mit seinen kurzen Beinen leben! Ich sehe ihn deutlich vor mir, obgleich er noch gar nicht da war (und wohl auch nie kommt). Gegen fette Menschen mit kurzen Beinen habe ich überhaupt ein Mißtrauen, ganz nebenbei gesagt, lieber noch fette mit langen. Ich fange an, dummes Zeug zu schwatzen. Leb wohl. Richard an Enzio. Ich glaube, daß ich jene ganze Sache viel zu schwer aufgefaßt habe, und es würde mich ärgern, Dir davon geschrieben zu haben, wenn mein Brief mir nicht so schöne und warme Worte von Dir eingebracht hätte. – Was Du über Irene schreibst, hat mich nachdenklich gemacht. Du bist ein sonderbarer Mensch, wenigstens in bezug auf sie bist Du es. Eigentlich ist es eine ganz glückliche Veranlagung. Sie hat jetzt die kuriose Idee, daß sie Krankenpflegerin werden möchte. Natürlich legen dem ihre Eltern kein Gewicht bei. Ihr Vater nennt sie manchmal scherzhaft »Schwester«, wundervoll denke ich es mir zwar, mich von einem Mädchen wie Irene verpflegen zu lassen, ich glaube, ich würde schon aus Sehnsucht danach krank, aber es wäre doch ein schrecklicher Beruf. Neulich hat der Professor, als er auf Irene zum Kahnfahren wartete, mit Kohle deine ganze Gestalt und deinen Kopf, sehr porträtähnlich, auf die hintere Seite des Bootshauses gezeichnet. Das hat sie aber am selben Tage mit einem Lappen wieder fortgewischt. Schade, es war wirklich ein Kunstwerk. Du hast schließlich recht: Es ist falsch von mir, wenn ich dich in Deiner Kunst nach irgendeiner Seite hin zu beeinflussen suche. Ich ärgere mich auch jedesmal, wenn ich es tue, aber es kommt mir nun einmal so in den Mund und in die Feder. Deshalb verzeih, wenn ich auch jetzt noch ein kleines Wort über Deine Symphonie hinzufüge: Komponiere drauf los, wie du mußt, aber laß alle »Entwicklung«, wie Du sie mir da erzählt hast. Absolute Musik kann nun einmal keinen »Verlauf« darstellen, der außer ihren rein musikalischen Mitteln liegt. Versuchst Du es trotzdem, so wird jeder, der Deine Sache nachher hört, immer alles erst mit dem außermusikalischen Verstand zurechtrücken müssen, Programmusik ist von vornherein eine verfehlte Sache. Enzio an Irene. Du willst ins Ausland? Krankenschwester werden? Das darf nicht geschehen! Du weißt nicht, wie ekelhaft das ist! Du hast die Pflicht, Dich für das Leben zu erhalten! Nicht von zu Hause fortzugehn, oder gar aus unserer Stadt! Ich habe Richard sehr lieb, ich freue mich auch, daß Du ihn gern hast. Aber ich will nicht, daß er von Dir was weiß, was ich nicht weiß, so etwas kränkt mich; ich habe nie ein Geheimnis vor Dir gehabt. Du sollst auch keine vor mir haben. Du mußt ganz so zu mir bleiben, wie Du gewesen bist, sonst halte ich es nicht aus. Versprichst Du mir das? Warum antwortest Du mir nie auf meine Briefe? Bist Du gar nicht traurig, daß ich fort bin? Enzio an Richard. Den Plan, Krankenschwester zu werden, habe ich Irene schon ausgeredet. Übrigens, was ist das für eine komische Idee von Dir, daß Du gern krank werden möchtest, nur um Dich von ihr verpflegen zu lassen. Ich habe mich darüber geärgert! Die Symphonie schreitet vorwärts. Der erste Satz ist vollendet, was Du über Programmusik schreibst, scheint mir doch nicht richtig. Berlioz zum Beispiel hat auch welche geschrieben! Wie wundervoll ist die Liebesszene aus Romeo und Julia! Da fehlt nichts drin, diese Musik entkräftet alles, was Du prinzipiell dagegen sagen kannst, Liszt und andere haben ebenfalls Programmusik geschrieben; also kann ich es doch auch versuchen! Und wenn sie nicht eine berechtigte Kunstform wäre wie jede andere, wie kommt es denn, daß sie in der letzten Entwicklung der Musik eine so ungeheure Stellung eingenommen hat? Mein Lehrer lachte erst, als ich ihm von meiner Arbeit erzählte, dann sagte er, man müsse alles probieren, um hinterher einzusehn, daß man es noch nicht kann. Daß aber Programmusik von vornherein ein Fehler sei, gibt er nicht zu. Ich weiß wirklich nicht, was ich nach Deiner Ansicht nun eigentlich schreiben soll! Keine Programmusik. Gut. Aber auch keine Musik, die irgendeine Entwicklung, irgendeinen »Verlauf« hat. Ich kann mir nicht denken, was Du Dir dann unter Musik vorstellst. Ich bin hier in einen Verein von Konservatoristen eingetreten, wir haben ein kleines Orchester zusammengebracht, ich habe aber bis jetzt keinen einzigen gefunden, dessen Musik irgend etwas Besonderes wäre. Irene an Enzio. Ich finde Deine Briefe komisch! Ich verstehe auch nicht, was Du alles meinst. Ich habe nie gesagt, daß ich ins Ausland will, vielleicht werde ich gar nicht Krankenschwester. Aber ich ekle mich vor nichts, ich fasse alles an, wenn es nur nicht heiß ist. Du fragst, ob ich nicht traurig wäre, weil Du fort bist. Ich habe Dich nicht vergessen, aber ich bin auch nicht traurig. Traurig sein heißt doch: daß einem etwas weh tut, und mir tut nichts weh. Mama und ich spielen manchmal Kompositionen von Dir; das letzte, was Du hierließest, ehe Du abreistest, kann ich fast auswendig, und ich singe es manchmal für mich, wenn ich arbeite. Dein Freund Richard kommt zuweilen zu uns. Sei nicht böse, daß ich schon schließe, aber es fällt mir nichts mehr ein. Ich komme mir recht langweilig vor. Richard findet mich, glaube ich, auch sehr langweilig. Er selbst ist sehr interessant und redet manchmal stundenlang mit Papa. Ich weiß nicht, was ich Dir weiter schreiben soll. Es kommt mir so dumm vor, einen Brief zu schreiben. Bis er ankommt, denkt man ja doch längst an andere Dinge, während der andere den Brief liest. Nachschrift ihrer Mutter. Aber ich bin traurig, Enzio, daß Du fort bist, und wenn nachmittags um fünf jemand läutet, denke ich, daß Du es bist; dann fällt mir ein, daß Du es ja gar nicht sein kannst, und dann öffne ich trotzdem und denke: vielleicht ist er es doch. Aus Richards Brief an Enzio. Du fragst, wie es denn kommt, daß die Programmusik in unseren Zeiten so stark in den Vordergrund getreten ist, und ich will Dir darüber so gut antworten, wie ich kann. Zunächst: Programmusik ist keine Regel, kein Prinzip, keine Form, sie ist eine Ausnahme. Daß sie mit Berlioz und Liszt auf einmal in den Mittelpunkt zu treten schien, hat, glaube ich, mehrere Gründe: Man fühlte, daß die Macht der Musik, gewisse Empfindungen, Bilder auszudrücken, noch einer großen Steigerung fähig sei. Dann kommt als zweites in Betracht, daß die Musik in ihrem eigentlichsten Bereich durch die Vorgänger – besonders Beethoven – in der Ausbildung der rein musikalischen Mittel und Möglichkeiten so weit gebracht worden ist, daß fast nichts zu tun übrig zu bleiben schien. Berlioz schrieb noch Programmsymphonien, das heißt: er suchte den poetischen Inhalt wirklich soviel wie möglich in die Musik zu übertragen und aus eben dieser Musik mit ihren eigensten Mitteln wieder neu heraus zu gebären. Das zeigt sich schon an der Wahl der Themen, die eben einer musikalischen Behandlung zugänglich und erschöpfbar find, so hast Du mit Deinem Beispiel aus der Romeo-Symphonie auch recht. Er konnte jene Liebesszene wirklich wahr und vollständig mit musikalischen Mitteln darstellen, weil ihm von außen nichts als die musikalische Situation gegeben war, und er im übrigen die Musik sprechen ließ. Ebenso ist es mit manchen andern seiner Werke. Aber beachte wohl: Unter der Hand gruppiert sich ihm unwillkürlich das Ganze nach Art der alten Symphonie, das heißt: Er stellt die einzelnen Sätze nach Art der Bewegung und des Charakters einander gegenüber, was durchaus dem Wesen der Musik entspricht. Anders machen es Liszt und die übrigen Modernen. Daß man ihn und seine Nachfolger ihm an die Seite stellte, geschah aus Parteipolitik, oder aus gedankenloser, traditioneller Gewohnheit, die das Wesentliche übersah. Denn diese Neueren wollen eine realistische Art von Entwicklung und Schilderung geben, die vielleicht mit dem Gegenstande alles, mit der Musik aber nichts mehr zu tun hat – als ob es auf den Gegenstand ankäme, statt auf seine musikalische Verwirklichung und Erschöpfung. Die scheint überhaupt nur gewisse Motive zuzulassen, welche der Empfindung und nur der Empfindung Spielraum geben. »Handlung, Entwicklung« ist Sache der Musik, sofern sie gänzlich in die Empfindung aufgelöst werden kann – zum Beispiel das Rezitativische, Sprechende, sich Aufschwingende, Ermattende. Eine reale Handlung führt zur Berechnung und künstlichen Zusammenstellung der musikalischen Stimmungen und Motive. Daran ist die moderne Programmusik zugrunde gegangen. Die ganze Frage ist eine Formfrage, eine Frage des Aufbaus; es sind ihr einzelne wirklich erfundene Farben und Erfindungen wohl gelungen, aber der ganze Aufbau ist nicht durchgefühlt, denn er ist zusammengedacht, was soviel heißt, wie: zusammengestückelt, zusammengelogen. Man hat heute kein Gefühl mehr dafür, daß dem Musiker ebenso notwendig wie die lebendige Vorstellung des Gegenstandes auch das deutliche Bewußtsein ist, ob und wie weit dieser Gegenstand musikalisch zu erschöpfen ist. Vollends naturalistische Kunststücke, wie sie in der letzten Zeit gemacht wurden, ernst zu nehmen, bringt nur ein Publikum fertig, das das Unterscheidungsvermögen eines Tempels von einem Stall verloren hat. So etwas gehört allerhöchstens in den Zirkus. Gewiß: man kann Kinderquäken imitieren, belästigt man aber die Symphonie mit solchen Dingen, so ist es eine Sünde gegen den heiligen Geist der Kunst. Es ist, als unterstände sich einer, mit dem heiligen Weihwedel der Kirche Nachtgeschirre zu reinigen. Ich fürchte, Du verstehst irgend etwas falsch von dem, was ich geschrieben habe: Selbstverständlich gibt es auch in der reinen Instrumentalmusik einen Verlauf, eine Steigerung, eine Entwicklung von einer Stimmung in die andere. Aber diese Entwicklung stammt aus den Tiefen der nur musikalisch denk- und fühlbaren Idee, die den Komponisten leitet. Sie hängt ab von den merkwürdigen Verhältnissen der Tonarten unter sich, der Entwicklung der einzelnen Themen und Motive, das heißt nur von rein musikalischen Qualitäten. Caecilie an Enzio. Ich warte immer auf einen längeren Brief von Dir, aber er trifft nie ein. Ich habe das sichere Gefühl, daß sich diese Zeilen mit Deinen kreuzen. Deshalb nur so kurz; ich werde länger schreiben, wenn ich sie in Händen halte. Mir ist, als müßten sie um sechs Uhr im Kasten liegen. Trotzdem schicke ich dies ab. Irene an Enzio. Ich habe vor ein paar Wochen einen wirklich langen Brief an Dich geschrieben, und noch immer keine Antwort. Da Du an der Reihe bist zu schreiben, schreibe ich selbst so wenig. Postkarte Richards an Enzio. was ist mit Dir? Du läßt nichts mehr von Dir hören? Caecilie an Enzio. Wieder sind acht Tage vergangen, noch immer bin ich ohne Nachricht. Es beunruhigt mich! Bist Du krank? Telegramm Caecilies an Enzio. Bitte telegraphiere umgehend, was mit Dir ist; ich bin in höchster Besorgnis. Die Sonne hing voll, als gelbe Kugel am Horizonte. Enzio lag im Grase, unter einem Fichtenstamm, und hielt ein hellblondes Mädchen in seinem Arm. Sie trug ein dünnes, weißes Seidenkleid und hatte Kornblumen an den Schläfen. Hast du mich lieb? fragte er leise. Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und antwortete nicht. – Wir müssen immer, immer beieinander bleiben, flüsterte Enzio. Aus großer Nähe tönte Festmusik und das Lachen froher Menschen. Er zog sie fester an sich. – Bienle! sagte er, hast du schon einmal einen Menschen geliebt? – Sie umschlang ihn fester und schüttelte leise mit dem Kopf. Was für ein zärtliches Paar! rief jemand vom Weg herauf. – Bleib ruhig liegen, flüsterte Enzio, es sind nur die dummen Menschen, die in der Tanzpause spazieren gehn. Nach einer Weile richtete sie sich empor und sah in die untergehende Sonne, ernsthaft wie ein Kind, und der Schein überschimmerte golden den Schmelz ihrer Wangen, glitzerte in ihren hellen Augen, leuchtete in ihrem Haar. Ihre fest und kindlich gezogenen Brauen hoben sich ganz leise wie im Nachdenken, dann blickte sie wieder auf Enzio, und ihre Lippen lächelten, während ihre Augen ernst und träumerisch blieben. – Armes, süßes Kind! sagte er, hingerissen. – Warum denn arm? fragte sie erstaunt. – Ich weiß es nicht! rief er, aber du bist so arm! und sah sie fast ergriffen an. Sie verstand ihn nicht, und er verstand sich selber nicht. Er empfand eine tiefe und leise, schmerzliche Rührung für dieses einfache und süße Geschöpf. Komm! sagte sie, wir wollen wieder etwas gehn! Sie erhob sich und ordnete ihr Haar. Er sah an ihr empor, er umarmte ihre Füße und ihre Knie und fühlte in zartem Rausch die Rundung ihrer Glieder. Du mußt mir noch viel von dir erzählen! sagte er jetzt, als sie dicht nebeneinander hinschritten am Waldessaum: Hast du Geschwister? – Sie erzählte von ihnen allen, und schließlich mußte sie ihm ihr Stübchen beschreiben, bis in jede Einzelheit hinein, er wollte auch das Kleinste wissen. Und jedes Ding empfing in seinem aufnehmenden Herzen einen besondern warmen Schein. – Ich schenke dir ein schönes Bild, das hängst du über dein Bett, dann mußt du jeden Abend an mich denken, wenn du es ansiehst. Du mußt mir alles sagen, was du haben möchtest. Ich schenke dir auch einen Ring! – Sie sah ihn glücklich an, dann ward ihr Gesicht ein wenig traurig. – Woran denkst du? – Ich möchte dir auch etwas Schönes schenken, aber ich kann es nicht! – weil du kein Geld hast? – Sie nickte ein klein wenig. Er streichelte und küßte wieder ihre Hand. – Ich bekomme nur Taschengeld, dafür, daß ich die Wohnung bei uns in Ordnung halte. Und von dem Geld muß ich mir noch viel von meiner Kleidung kaufen. Manchmal will mir mein Vater gar nichts geben und sagt, es sei doch selbstverständlich, daß ich meine Arbeit tue. – Enzio ließ einen verstohlenen und liebenden Blick über ihr Kleid gehn. Es war geschmackvoll, aber billig. Und sein Auge, das einen natürlichen Blick für solche Dinge besaß, bemerkte jetzt, daß es wohl nicht von allem Anfang an so, wie es war, gewesen sei. Vom Garten her tönte lautes Jauchzen und Geschrei. – Die Sonne ist herunter, jetzt zünden sie die Feuer an, so wie sie ganz verschwunden ist, sagte Enzio. Komm, wir springen dann hinüber. – Halt, nein, noch nicht. Ich muß erst noch ein Kränzchen winden. – Wozu? – Das zeige ich dir dann. – Sie band einen kleinen Kranz aus neunerlei Blumen, und als er fertig war, ging sie wieder zu dem Baum, unter dem sie gesessen hatten, und hängte ihn an einem Zweige auf. – Ich mag gar nicht zurück! sagte sie, die Menschen sind so roh. – Aber Enzio faßte sie an der Hand, sie liefen durch den Park, an der Musik vorbei und zu den andern. Das waren meist junge Studenten, Schriftsteller, Maler und Malerinnen. Ein junger Mensch mit einem schwarzen Zwicker und mit Fellen um die Beine stürzte auf Enzios Freundin los, wie er sie zu Gesicht bekam. Da bist du ja wieder, du blonde Hexe! rief er, und ehe es Enzio verhindern konnte, hielt er sie in seinen Armen und preßte die Hände um ihre Brust, als wolle er gleichsam das Symbol aller Fruchtbarkeit in bacchantischer Lust umarmen. Bienle wurde mit einem Male äußerst lebhaft: Laß mich doch aus! schrie sie und machte eine heftige Bewegung. Er mußte sie loslassen und verkündete mit norddeutschem Akzent etwas von norddeutscher Rauschunfähigkeit. – Ich? norddeutsch? Ich bin hier zu Hause, das kannst dir merken, du Preuß! – Den Kerl verhaue ich! rief Enzio und wollte auf ihn losstürzen. Aber der hatte sich bereits wieder in den dichtesten Schwarm geworfen und fand alsbald ein anderes Mädchen, das sich auch sogleich einladend-schwer in seinen Arm zurücksinken ließ wie eine lebendige Lagerstatt. Enzio starrte ihm erbost nach. Komm, tanz mit mir! sagte Bienle; dann springen wir über das Feuer! Er umschlang sie, und beide vergaßen die wilde Welt, die um sie rauschte. Später saßen sie in einem Winkel, tranken Wein und hielten sich an den Händen. Die Dämmerung ward stärker, Fackeln und Lampions brannten. Die Musik artete in ein wildes Getöse aus, das sich stets in derselben Weise wiederholte. Die beiden wurden immer stiller. Sie hielten ihre jungen, heißen Körper dicht aneinandergepreßt. Bienle, sagte Enzio nach einem langen Schweigen leise. Sie drückte sich noch enger an ihn. – Bienle, weißt du, was ich denke? – Sie sagte unsicher: Nein. – Ich kann es nicht sagen, und ich muß es dir doch sagen. Bienle, ich habe noch nie in meinem ganzen Leben ein Mädchen geliebt. Ich war noch nie mit einem Mädchen zusammen. – Sie ahnte, was er verschwieg. – Ich kann nicht mit dir gehn. – Hast du mich nicht lieb? – Sie faßte seine Hand. – Hast du mich nicht lieb? – O quäl mich doch nicht so! – Wir gehören doch zusammen! Ich fühle doch, wie lieb du mich hast! Und daß wir uns immer lieb haben werden! Weshalb kannst du nicht mit mir gehn? – Sie schwieg, dann sagte sie leise: Ich habe Angst. – Er sprach lange zu ihr, dann fragte er: Und sonst hast du nicht Angst? Sonst würdest du mit mir zusammen sein? – Das große Gewicht, das sich auf seine Seele gelegt hatte, war um vieles leichter. – Sie sah ihn erstaunt an; in ihrem Blicke lag die Frage: wenn ich dich liebe...?! Und morgen früh, sagte Enzio leise, nach einem Schweigen, sehn wir die Sonne aufgehn, draußen, hinter dem Wald bei mir. Bang wartete er auf ihre Antwort, und ein Schauer von Wonne überflutete ihn, als er ein leises Ja in ihrem Körper spürte. Er wollte sie küssen. Sie wehrte ab: Nicht – nicht hier, wo es die Menschen sehn. Sie blieben nicht mehr lange. Jeder sah in den Augen des andern den Wunsch, fortzukommen aus dieser tobenden und lauten Menge. In dieser Nacht lernte Enzio die Liebe kennen. Es war noch dunkel. Er lag im Halbschlaf, was willst du? fragte er, indem er träumte, daß sie ihn leise küßte und sich von seiner Seite erhob. – Ich muß nach Hause, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, alles ist noch dunkel. – Wann geht die Sonne auf? fragte Enzio mit schwerer Zunge. Er hörte ihre Antwort nicht. Sie stand am Fenster und sah hinaus; er selber stand neben ihr, und doch fühlte er, daß er im Bette lag. Eine grauseidene Nebeldecke war vor ihm ausgespannt, rosa und blauviolette Lichter gingen langsam auf ihr nieder, wurden stärker und verblaßten. Zugleich hörte er ferne Töne, wie wenn die Farben harmonisch abgestimmt in leisen Glockenschlägen klängen. Lange blieb dieses bewegte, mattfarbene, klingende Bild, und dazwischen hörte er wieder ihre Stimme: Wie kühl und frisch es draußen ist! O diese vielen, vielen Bäume. Er öffnete gewaltsam die Augen, dann erhob er sich wirklich und trat zu ihr ans Fenster. Fern hinter dem Walde lag ein grauer Streifen. Die Sterne funkelten schweigend, in unendlicher Höhe; alle Bäume standen reglos. – wir sind noch mitten in der Nacht! sagte Enzio leise und legte seine Hand um ihren Körper: Komm, geh mit mir zurück, dich friert!– – Es schien, daß lange Zeit verging, ehe er wieder fühlte, daß sie aufstehn wollte. – Bleib! murmelte er und umschlang sie fester. Bruchstücke von Träumen rauschten über ihre Seelen, sie wachten auf und schliefen wieder ein, und der Segen des Schlummers verdichtete sich voll und schwer in abgebrochene Minuten. Dann löste sie sich wieder aus seinem Arm, und wie er die Augen aufschlug, sah er sie vor seinem Bette stehn. Wie eine neue Traumerscheinung war das, aber dann warf er mit einem Ruck die Decke von seinem Körper und sprang mit beiden Füßen auf den Teppich. Er war ganz wach, gestärkt und frisch, er lief zum Fenster und sah hinaus. Der Streif jenseits der Bäume hatte sich gehellt, aber die Sterne funkelten noch wie zuvor. Sie kleideten sich an, und es war ihm eine Wonne, ihr zu helfen. Endlich kniete er am Boden und schnürte ihr die Schuhe zu, und wie er sich wieder aufrichtete, schlang sie schweigend und lange ihre nackten Arme um seinen Hals. Enzio bereitete ein Frühstück, dann verließen sie das Haus und traten in das Morgengrauen. Eine Wachtel schlug eindringlich und metallen ihren Ruf. – Horch! sagte Bienle und hob den Finger. Er aber hörte gar nicht auf den Ruf, er sah nur sie und ihre süße Gestalt, nahm sie in seine Arme und küßte sie in überströmender Dankbarkeit. – Ob nun bald die Sonne aufgeht? fragte sie – o, ich möchte so gern die Sonne aufgehn sehn! – Ja, das wollen wir, du bist ja auch in einer Stunde noch immer früh genug zu Haus! Sie nahmen den weg zum nächsten Dorfe hin. Der Himmel war im Westen tief dunkelblauschwarz; jenseits des Horizonts lag noch die Nacht. Nach Osten zu war er allmählich heller. – Sieh! flüsterte Bienle, wie wundervoll! – Dort stand der Morgenstern und flimmerte wie flüssiger Diamant. Hoch im Himmel sang eine Lerche, aber sie blieb unsichtbar. Tiefe Nebel lagen in der Ferne, zwischen den Waldmassen, wie Seen; Hasen und Rehe huschten in den Feldern. Sie kamen zu einer riesigen Pappel, die der Blitz gefällt hatte und die schräg vom Fahrweg über die Wiese lag, graugrünlich im qualmigen Frühnebel. Hier laß uns bleiben! sagte Bienle, und setzte sich mit ihm auf den Stamm. Milchwagen fuhren langsam auf der Straße vorbei, die Kutscher schliefen, die Pferde schienen auch zu schlafen. Krähen schrien oben in den Bäumen, das waren die einzigen Laute in der feierlichen Stille. Die Nebel begannen sich leise zu heben. Enzio sah und hörte dieses alles mit geschärften Sinnen. Es war, als habe er alle körperliche Schwere verloren, als sei seine Seele überklar, wie Gipfel im Hochgebirge, in reiner, dünner Tust. Sieh, sieh, – o wie schön ist das! flüsterte Bienle von neuem. Dort oben im Himmel hing eine Wolke, die schon den Glanz der ungesehenen Sonne spiegelte, so scheinhaft matt, als leuchte sie in eignem, märchenhaftem Schimmer. – Bald muß die Sonne aufgehn, es kann nun nicht mehr fern sein! sagte Enzio. Beide hielten sich an den Händen und sahen still zum Horizont. Das Band ward immer heller, lichter, und verfloß nach Westen zu in das ungeheure Meer von Grau. Leise begann es an einer Stelle feurig zu bluten, der Glanz ward stärker, daß ihre Augen ihn kaum mehr ertragen konnten, und endlich ging die Sonne still und blendend auf; der Zauber der Nacht, des heimlichen und schönen Grauens war dahin, der zweite Tag war für sie angebrochen. Nun müssen wir zurück! sagte Bienle nach einem langen Schweigen traurig, und wie sie sich zum Gehen wandten, fügte sie hinzu: Komm, pflück mir noch ein Zweiglein! – Er beugte sich zum Stamme nieder, aber sie sagte: Nicht von da unten, ich will eines von der allerhöchsten Spitze, – dann lief sie selbst an dem ungeheuren Blätterdickicht entlang und brach es von dem Wipfel, wo es noch vor kurzem keines Menschen Hand erreichen konnte, teilte es und steckte die eine Hälfte an Enzios Brust. Er begleitete sie in die Stadt. Ein paar Menschen in Kostümen begegneten ihnen, sie kehrten jetzt erst von dem Fest zurück; ihre Gesichter sahen grau und übernächtig aus. – Begleite mich nicht weiter! sagte Bienle, ich will nicht, daß dich vielleicht jemand sieht. – Aber es ist doch noch so früh! Wann sehe ich dich wieder? Sie dachte nach: Heut nachmittag! – So spät erst? Kann es nicht früher sein? – Nein, ich muß arbeiten. – Sie blickten beide unwillkürlich zur Seite, ob keine Menschen in der Nähe wären, und ihre halb geöffneten Lippen fanden sich wieder zu einem langen Kuß. Dann trennten sie sich und sahen sich nacheinander um. Schließlich blieb Enzio stehn, bis sie hinter einer Ecke verschwand. Er ging nach Haus, in dem erwachenden Leben der Großstadt, und jetzt begannen seine Nerven sich abzuspannen, er hatte Bedürfnis nach Schlaf. Als er in sein Zimmer trat, blickte er sich um, dann murmelte er ihren Namen, inbrünstig und viele Male. Da stand noch die Tasse, aus der sie getrunken, da lag noch der Rest des Kuchens, von dem sie ein Stück abgebrochen hatte, und als er sich niederlegte, fand er ein langes, goldenes Haar; er hielt es gegen seinen Mund und suchte es zu küssen, das so quälend dünn war und seinen Lippen nicht die Empfindung von etwas Körperhaftem, Wirklichem zu geben vermochte. Er legte sich auf jene Seite, auf der sie selbst gelegen hatte, suchte sich einzubilden, sie sei noch da, und berührte, ehe er einschlummerte, mit den Lippen seine eigne nackte Schulter. Er schlief den ganzen Vormittag, nachmittags hatte er keine Ruhe zur Arbeit, und dann verstrich die Zeit immer langsamer bis zur Stunde, wo er sie wiedersehn durfte. Sie sahen sich nun fast täglich, und mit jedem Male wuchs seine Leidenschaft. Alle andern Menschen waren ihm gleichgültig geworden, der Tag hatte nur noch Sinn, soweit er sich auf sie bezog. – Ich begreife dich nicht, daß du so ruhig deine Arbeit tun kannst! – Ich muß doch! Und seit ich dich habe, tue ich sie viel lieber. Wenn ich etwas putzen muß, so bilde ich mir ein, du kommst später und siehst nach, ob ich es auch ordentlich gemacht habe. Meine Eltern sind jetzt viel zufriedener mit mir; ach, Enzio, und dazwischen halte ich es manchmal doch kaum aus vor Sehnsucht, und gehe nach dem Fenster und sehe, ob du nicht draußen auf der Straße stehst. – Ich?! Du willst doch nicht, daß ich das tue! – Nein, aber ich weiß, daß du es ja doch tust! Ich habe dich gesehn! Enzio lernte diese Eltern und auch ihre Geschwister immer mehr durch ihre Beschreibungen kennen. Sie erzählte so von ihnen, daß es war, als wenn er sie fast vor sich sähe. Unwillkürlich gab sie ihrer Stimme einen andern Tonfall, einen andern Rhythmus, wenn sie den einen und den andern reden ließ, es war dann, als ob Geist und Bewußtsein in ihr wechselten; und durch all ihre Beschreibungen fühlte er eine große Liebe und ein starkes Zusammenhangsgefühl. Es gab manches Traurige, was sie erzählte, aber mitten drin lachte sie plötzlich leise auf, wenn ihr etwas Komisches einfiel. Enzio sah sie voll innerer Wonne an, wenn sie so auf seinem Sofa saß und phantasierte, wenn ihre Augen, die lustig, ohne daß sie den Kopf bewegte, von einem Winkel des Zimmers in den andern gingen, sich endlich wieder in die Wirklichkeit zurückfanden, mit einem kindlich-süß-bewußten Blick auf ihn. Mitten in ihren Erzählungen unterbrach er sie wohl auch, wenn er sich nicht mehr zu halten vermochte, faßte ihre Hände und ließ sie halb auf ihren Schoß gleiten; er konnte sich nicht satt an ihr sehn, wenn die Abendsonne durch alle drei Fenster schien und drei helle Lichter in dem einen und dem andern ihrer Augen glitzern ließ. Er schenkte ihr auch jenen Ring, den er ihr versprochen, einen ganz schmalen Goldreif mit einem kleinen Rubin darin. Und grade, wie er ihn an ihren Finger steckte, läutete es, und ihm ward ein Telegramm gebracht. – Lies! sagte er, nachdem er es überflogen hatte, es ist von meiner Mutter! Ach, alles habe ich vergessen, alles, – o, wie wird sie froh sein, wenn ich ihr jetzt schreiben werde, daß ich so glücklich bin! – Bienle wurde still. Schreibst du ihr das? fragte sie endlich. Enzio hatte ihr nie von seinen Angehörigen erzählt, unwillkürlich sah sie eine strenge Dame vor sich, die sie mit mißbilligenden Augen betrachtete. – Natürlich schreibe ich ihr das! Und wenn sie erst weiß, wie du bist, dann wird sie so froh sein, – ich weiß gar nicht, wie ich dich beschreiben soll, was sind denn alle Worte – o, ich sage dir: wenn sie dich kennte, dann würde sie dich so lieben, als wenn du ihre eigne Tochter wärest! was machst du denn für ein Gesicht, Bienle? Glaubst du mir nicht? – sie sah ihn zweifelnd an, dann nickte sie mit einem kleinen Lächeln. Der Brief, den Enzio an seine Mutter schrieb, ward lang und glühend. – Mir ist gar nicht angst um die Zukunft – so schloß er – es ist ganz klar und selbstverständlich, daß wir uns später heiraten werden, jetzt erkenne ich auch, daß ich Irene niemals wirklich geliebt habe. Du bist wahrscheinlich mißtrauisch und denkst, dies wäre wieder eine vorübergehende Neigung, wie meine früheren. Ach, wenn ich über alles so klar wäre, wie über das, was ich dir schrieb! Ich fühle mich so ruhig, so sicher, so glücklich wie noch nie in meinem Leben! Und so voll Dankbarkeit! Caecilies erstes Gefühl war, wie Enzio es erwartete, eine natürliche Wärme für dieses Mädchen, das ihm Leib und Seele hingegeben hatte. Daß dies alles gekommen war, erschien ihr notwendig, und wie es gekommen war, über ihr Erwarten schön und rein. Aber sie dachte: was soll aus dem armen Kinde werden, das ihm glaubt und einer Zukunft entgegenlebt, die wahrscheinlich doch nicht eintritt? Schmerz und Kämpfe sah sie voraus, sie zweifelte an der Beständigkeit seines Gefühls, und wußte nicht einmal, ob sie sie wünschen solle; sie kannte das Bienle ja gar nicht, von diesen Bedenken sprach sie aber nichts zu ihm aus, in der Überlegung, daß ihn in seinem jetzigen Zustand solche Worte kränken und verletzen mußten. Sie freute sich nur mit ihm und schrieb am Schluß: Das einzige, was mich peinlich berührt, ist, daß ihr eure Liebe so geheim halten müßt, daß ihre Eltern nichts davon wissen dürfen. Aber ich verstehe, daß dies wohl notwendig ist. Enzio sprach über dieses alles mit Bienle – nur von einem späteren, dauernden Zusammenleben sagte er nichts. Dies war ihm so selbstverständlich, daß er nicht auf die Idee kam, es noch besonders auszusprechen. Am Schluß ihres Briefes hatte Caecilie davon geredet, daß Enzio nicht sein Studium vergessen solle, und hiermit traf sie einen Punkt, der ihn allmählich selber mahnte. Seine Arbeiten waren nachlässig geworden, seine Lehrer wurden unzufrieden, seine Kompositionen lagen auf demselben Fleck, wo er sie vor Wochen zuletzt verlassen hatte. – Übermorgen fange ich wieder an! morgen geht es noch nicht, morgen sind wir draußen auf dem Lande! – Aber dieses übermorgen ward immer weiter hinausgeschoben. Täglich waren sie zusammen, und diese Nachmittage waren eine Kette von Glück und Zartheit. Stets kam er mit einer neuen Erinnerung heim. Das Bienle kannte keine andere Erholung, hatte nie eine andere gekannt oder gewünscht, als im Freien durch das Gras zu gehn, auf den Feldern, Wiesen, in dem Walde. Meistens war sie allein gegangen, ohne ihre Freundinnen, die sich gegenseitig zum Kaffee besuchten und sich über junge Männer unterhielten, was das Bienle langweilte. Einmal saßen sie auf einem Feldrain und blickten in den Abendhimmel. Eine Herde Schafe graste in der Nähe, auf ihren Rücken hüpften viele Stare, die sich wie Wolkenschwarm für kurze Zeit in die Luft erhoben, wenn der Hund eine Bewegung in die Massen brachte. Sie beobachteten das einige Zeit und lachten, und Bienle sagte: Wie habe ich mich früher manchmal danach gesehnt, daß jemand sich mit mir freute. Einmal saß ich hier, allein, ganz in der Nähe, auch in der Abendsonne. Da ist eine dicke Wolke am Himmel gezogen, und zwanzig kleine hinterher, alle der Sonne zu. Das hat ausgesehn wie eine Henne mit ihren Küchlein. Ich habe laut lachen müssen, und gedacht: Wenn doch jetzt jemand hier wäre, der das auch sähe! Manchmal, wenn ich so dasaß, mußte ich vor Freude jauchzen, und dann war niemand da, der sich mit mir freute. – In solchen Augenblicken suchte Enzio nach Worten, um ihr zu sagen, wie sehr er sie liebe. Auf ihren Spaziergängen steckte sie sich jedesmal frische Blumen an den Hut, und sie erzählte ihm, früher habe sie nur frische daran getragen, jeden Tag eine neue, manchmal zwei, und wenn die eine nicht mehr wollte, hätte sie sie zum Abschied noch geküßt. Mitunter gingen Enzios Gedanken eifersüchtig in die Zeit zurück, wo er Bienle noch nicht kannte: weshalb bist du eigentlich damals auf das Fest gegangen? – Weil eine Freundin von mir ging und weil ich neugierig war, zu sehen, wie es wäre. – War da nicht irgend jemand, den du treffen wolltest? – Hast du so einen bemerkt? – Ich? nein! Höchstens den Kerl mit seinem Zwicker und den Fellen um die Beine. – Bienle machte Bewegungen und Töne mit den Lippen, als wolle sie eine Fliege los werden, die dort säße, dann rieb sie sich den Mund, als wenn er immer noch Spuren davon trüge. Hast du stets schon so arbeiten müssen zu Hause? fragte er einmal. Sie konnte sich keiner Zeit erinnern, wo es anders gewesen war. Enzio bewunderte sie heimlich, daß sie bei diesem ziemlich freudelosen Leben ihre ursprüngliche Frische und Kindlichkeit so rein bewahrt habe. Und was für ein festes, selbständiges Mädchen war sie schon ganz früh gewesen! Einmal gingen sie auf der Landstraße spazieren. Da sahn sie ein Pferd, das in einem etwas elenden Galopp mit einem Wagen durchging. Es geriet an ein anderes Fuhrwerk, konnte nicht vorbei und verfiel schon wieder in einen sanfteren Trab. Das Bienle meinte: Es hat gedacht: geht das fremde Pferd ruhig, dann gehe ich auch wieder gemütlich! Sie lachte, wurde dann aber still und gab nur einsilbige Antworten, wie sie über andere Dinge redeten. Er merkte, daß irgendeine Erinnerung sie hielt, und schließlich erzählte sie es: Ich war damals neun Jahre, und ich wollte hinaus zum Walde, ganz allein. Es war aber so heiß. Da nahm mich ein alter Mann mit auf seinen Wagen, auf der Landstraße. Und er selber war so müde, wir fuhren immer weiter, und ich merkte, wie ich einschlief. Da wachte ich auf einmal auf und dachte erst, ich träume noch. Der Wagen ging noch fort, aber der alte Mann stand auf der Deichsel und bückte sich, ich weiß nicht, ob ihm der Zügel heruntergefallen war, oder weshalb er sich sonst bückte. Auf einmal schlug das eine Pferd aus, traf ihn am Kopf, er stürzte vorn über, fiel herab, und ich fühlte den Ruck, mit dem der Wagen über ihn hinwegfuhr. Die Fahrt wurde immer schneller, und ich dachte: die Pferde sind ja durchgegangen! Da hatte ich eine entsetzliche Angst, es würde mir ebenso gehn wie dem alten Mann. Da hielt ich Ellenbogen und Hände vor mein Gesicht und warf mich seitwärts zum Wagen hinaus, auf die Straße. Dort blieb ich liegen, denn ich konnte nicht wieder aufstehn. Dann dachte ich – nein, das sage ich nicht. – Was dachtest du? fragte Enzio gespannt. – Daß – daß die Pferde zurückkommen würden, um mich tot zu trampeln. Da wälzte ich mich in den Graben. – Und dann? – Dann dachte ich: wie mag es wohl dem alten Manne gehn. Ich wollte aufstehn, aber es ging nicht. Endlich ging es doch. Ich fand den Mann noch auf der Straße, ganz allein und schon fast tot. Er sah so furchtbar aus! Mir wurde beinah übel. Aber ich kniete mich neben ihn und dachte: Wie kann ich ihm nur helfen! Er sah mich aber nicht, und murmelte nur fortwährend: O Gott, o Gott, mein Gott. Da lief ich fort von ihm, die Straße hinunter, der Stadt zu, und läutete am nächsten Hause und erzählte, was ich wußte, und alles tat mir dabei so weh, daß ich fast geschrien hätte. Aber ich sagte nichts davon, ich dachte: dann erfahren es meine Eltern, und das wollte ich nicht. – Bienle sah in die Ferne: Niemand, kein Mensch hat etwas davon erfahren, auch meine allernächste Freundin nicht. Und noch wochenlang, wenn wir morgens in der Schule beteten, hörte ich die Stimme von dem alten Mann: O Gott, o Gott, mein Gott... Und nachts im Traum kam alles wieder: da wälzte sich das eine Pferd auf mich, daß ich mich nicht mehr rühren konnte, und sah mich ganz nah und ganz starr an, und ein anderes Mal lief es auf der Landstraße hinter mir her, nur auf den Hinterbeinen, wie ein Mensch, um mich zu fangen, legte mir schließlich die Vorderbeine auf die Schultern, und ich lief und lief! – Enzio ging diese Geschichte nah, und seiner Liebe mischte sich ein großes Teil von Bewunderung bei. Unwillkürlich verglich er sich selbst mit ihr. Was hätte er getan, in solchem Falle? Zunächst zu Hause seinen Eltern alles erzählt, und dann allen Jungens in der Schule. Und das neunjährige Bienle schwieg, behielt alles für sich, und erst jetzt, nach Jahren, sprach sie zum erstenmal davon! In ihrem Wesen war etwas, über das er oftmals nachdachte, ohne es in Worte fassen zu können: Etwas Starkes und zugleich sich Unterwerfendes – wie sollte er es nur nennen? Mehr als einmal hatte sie dem Tod ins Auge gesehn, ganz nah, am nächsten, wie sie als dreizehnjähriges Mädchen krank und von den Ärzten aufgegeben war; als man sie im Schlummer glaubte und sie die Worte hörte: Sie überlebt die Nacht nicht mehr! – O, sagte sie zu Enzio, das war schrecklich! Aber ich tat, als wenn ich weiter schlief. Dann kam die Nacht, und ich hatte nur den einzigen Gedanken: wenn ich unter die Erde komme, dann will ich ganz alleine liegen, nicht neben andern Menschen, die dort unten schon längst begraben sind. Aber sagen konnte ich es nicht, denn sonst hätten meine Eltern gemerkt, daß ich alles gehört hatte. Da betete ich zum lieben Gott, daß er es ihnen sagen solle. – Und dann? fragte Enzio. – Dann? dann bin ich wieder gesund geworden, ganz, ganz langsam. In der Schule hieß es schon, ich wäre tot; später sahen mich die Mädchen so sonderbar an, daß ich mir selber ganz sonderbar vorkam. Und der Schuldiener, der wirklich glaubte, ich wäre gestorben, schlug ein Kreuz, als er mich wiedersah. – Enzio rechnete, wenn sie von früheren Jahren erzählte, stets nach, was er selbst um jene Zeit getrieben habe, und genau so machte sie es, wenn er von sich sprach. Als Kind steckte sie voll von Glauben an Geister und Gespenster; stumm und selbstverständlich hatte sie mit ihnen verkehrt wie mit ihresgleichen. Da stellte sie nachts neben sich ein Glas Wasser und ein Scheibchen Brot. – Aber das aßen und tranken sie doch nicht! sagte Enzio belustigt, es stand doch am nächsten Morgen noch ganz genau so da! – Bist du dumm! Sie brauchten es auch nicht, aber sie wollten, daß man an sie dächte! – wie stelltest du dir denn das vor? – Ganz einfach! Es kam einer, sah nach und dachte: Das Bienle ist brav gewesen! dann tat er mir nichts und ging wieder fort. – Und wenn du es einmal vergessen hattest? – Dann passierte irgend etwas Schreckliches! Dann kroch im Traum ein Gespenst unter meinem Bette vor, oder es glotzte auch nur jemand, daß ich vor Schrecken aufwachte. – Das glaube ich nicht, daß du dann jedesmal schlecht träumtest, wie? – Manchmal nicht; gab sie zu; ich war dann auch sehr erschrocken, wenn ich am Morgen sah, daß ich den Teller abends vergessen hatte. – Nun, und? – Und dann dachte ich: Vielleicht haben sie nicht recht hingesehn, weil sie wissen, daß ich sonst immer an sie denke, oder sie haben gedacht: Einmal darf so etwas vorkommen, weil sie sonst so brav ist! – Das glaube ich dir nicht! Das redest du dir nur ein! Da wurde sie böse und meinte, wenn er sich über Geister lustig mache, werde es ihm noch einmal schlimm ergehn: Du glaubst mir immer alles nicht, auch das mit den Katzen hast du mir nicht geglaubt! – Da erkundigte er sich vor ein paar Wochen, wem die Kaninchen in dem Drahtgehäuse gehörten, die er durch das Gitter von der Straße her tief im Hofe ihres Hauses bemerkt hatte. Bienle sagte es ihm und fügte hinzu: Hast du auch die Katzen gesehn? Die sitzen immer vor dem Käfig und starren mit glühenden Augen auf die Kaninchen. Gehe ich aber vorbei, dann stehn sie sofort auf und tun, als ob sie Sprünge übten über den kleinen Sandhaufen daneben. Enzio war erstaunt über ihre Furcht, als sie einmal während eines Gewitters bei ihm war. Sie saß im Sofa und hielt die Hände vors Gesicht; er selber stand am Fenster und sah hingerissen hinaus, auf den Himmel, der sich öffnete und donnernd wieder schloß. Wie es endlich nachließ, trat er zurück ins Zimmer, sah, daß seine kleine Spirituslampe brannte, und löschte sie ohne jeden Gedanken aus. – Halt, halt! rief das Bienle voller Angst, was machst du denn da? – Was soll denn das? – Das ist doch ein Gewitterbrennerl! Sie lief auf die Streichhölzer zu, voller Furcht, ehe es wieder brenne, werde der Blitz gleich zu ihr hereinkommen. In solchen Augenblicken fühlte er den Unterschied zweier Welten, die Kluft, die zwischen ihnen lag. – Wie wäre es wohl, dachte er zuweilen, wenn sie und Irene einmal zusammenkämen? Die beiden könnten doch nichts miteinander anfangen! – was denkst du? fragte Bienle einmal. Da schlang er leidenschaftlich seine Arme um sie und flüsterte: Du bist mein Liebstes, mein Einziges! Wenn ich dich einmal verlöre – ich weiß nicht, was dann geschehen würde! Von seiner Musik verstand Bienle wenig. Aber sie bat ihn oft zu spielen, und sagte, es träume sich dabei so schön. Einmal, nach dem Schlusse eines schwermütigen Sonatensatzes, fand er sie, das Gesicht in seinem Sofakissen lehnend und mit Tränen überströmt. Er war betroffen über diese tiefe Wirkung. – Gott sei Dank, daß du aufgehört hast, sagte sie hastig und stoßweise, ich hielt es nicht mehr aus. – Was ist denn, was hast du denn? – Sie lehnte ihre Wange an die seine. – O mir wurde immer trauriger zumute. Es kam ganz von selbst; ich weiß nicht wie. Und dann fiel mir auf einmal ein Kind ein, das ich heute auf der Straße gesehen habe, so ein armes, häßliches kleines Kind im Wagen, mit ganz dünnen Gliederchen und einem so blassen, kranken Gesichte, daß ich dachte: Es hat nicht mehr lange zu leben! Es war doch so arm, und warum muß es nun sterben! Ihre Tränen flossen von neuem. – Kleine Kinder sind doch so süß! sagte sie nach einer Weile ruhiger, als Enzio versucht hatte, sie zu trösten. Sag, woher weißt du so gut Bescheid in der Kinderpflege? fragte er einmal – du redest manchmal wie eine junge Mutter! – Das muß ich doch wissen! das habe ich alles gelernt in einem Fortbildungskursus. Zu Hause habe ich viele Hefte, ganz voll geschrieben, so etwas lerne ich am liebsten von allem; das kann ich doch einmal brauchen, ich muß es sogar wissen, wenn ich einmal heirate und Kinder bekomme. – Möchtest du denn heiraten? – Sie sah ihn erstaunt an: Man muß doch Kinder bekommen?! – Ihre Augen ruhten ineinander. Beide dachten dasselbe, wenigstens glaubte Enzio dies, und die Zärtlichkeit, mit der sie ihn umschlang, schien es zu bestätigen. Aber er übersah sie noch nicht ganz. Zuweilen nahm er sie mit in ein Konzert. Solche Abende waren für sie Festabende, und an ihnen trug sie das Kleid, in dem er sie kennen lernte. Bei Stellen, die sich besonders strahlend zum Fortissimo erhoben, faßte sie seinen Arm und drückte ihn, und hinterher sagte sie: Ich muß mich stets bezwingen, daß ich nicht hurra! schreie. Ich meine immer, alle Menschen müßten zusammen aufstehn, wenn so etwas kommt! Sie in seine eigene Musikwelt einzuführen, gab Enzio bald auf. Er spielte ihr anfangs manches von sich vor. Wenn er geendet, fragte er sie, wie ihr das gefiele. Sie sagte dann nicht, daß sie es nicht verstände, aber sie sah ihn mit einem halb verwirrt-lächelnden, halb wie um Verzeihung bittenden Blicke an, küßte ihn und flüsterte: Ich habe dich ja so lieb! Es ist auch gar nicht zu erwarten, dachte er manchmal, daß sie das alles verstehn sollte. Sie kommt doch aus einer ganz andern Atmosphäre. – An diese Atmosphäre dachte er nicht gern. Nach ihren gelegentlichen Beschreibungen machte er sich ein zwar unklares, aber intensives Bild über ihre Familie: Bildung und Unbildung von Gemüt und Verstand gingen da merkwürdig durcheinander, fürsorgliche Liebe mit primitiver Roheit. Das Bienle hatte einmal einen blauen Fleck am Körper. – Woher hast du den? fragte er. – Sie sagte, sie habe sich gestoßen. Aber die Woche darauf fand er einen neuen, er wurde mißtrauisch, schließlich half ihr Lügen ihr nichts mehr, und sie gestand, daß ihr Vater sie geschlagen habe. – Weshalb? – Sie schwieg. – Weshalb?? – – Weil ich von dir nicht lassen will. – Ihm war, als müsse er ihr zu Füßen sinken: Das alles hältst du aus und schweigst und sagst nichts, bis ich dir die Worte mit Gewalt entreiße? – Wenn ich es dir sagte, würde ich dich nur traurig gemacht haben, und es ist doch genug, wenn einer leidet. – Aber weshalb kommt dein Vater nicht zu mir und verbietet mir den Verkehr mit dir? – Er weiß nicht, wie du heißt und wo du wohnst. Ich hätte mich totschlagen lassen, ehe ich es gesagt hätte! – Mein Gott, rief Enzio und streichelte und küßte immer von neuem ihr Gesicht – da muß irgendeine Änderung eintreten. Ich kann es nicht dulden, daß du um meinetwillen geschlagen und gestoßen wirst! – Sie beschwor ihn, nichts zu tun; und als er darauf nicht antwortete, wurde sie leidenschaftlich und heftig, bestand darauf, daß er ihr ein heiliges Versprechen gäbe, und als er auch hierauf nichts erwiderte, rief sie: Wenn sie nicht sein festes Wort bekäme, müsse es aus sein zwischen ihnen, ein für allemal. Da gab er es, zögernd und gegen seinen Willen. Sie war wie erlöst. Er fragte sie nun jedesmal, ob etwas Neues vorgefallen sei. Sie lachte dann nur und meinte, sie habe doch einen härteren Kopf als ihr Vater, mit der Zeit würde er sich ganz gewöhnen, er schelte nur noch manchmal, aber mehr aus Gewohnheit, denn er wisse ja doch ganz genau, daß es nichts helfe. – Und deine Mutter? – Bienle zögerte: Anfangs redete sie ebenso wie mein Vater. Aber jetzt sagt sie: Gott sei Dank, daß es ein anständiger, junger Mensch aus guter Familie ist, und daß er ... ja, so ungefähr sagt sie. – Und daß er ...? fragte Enzio. – Und daß er dich so lieb hat! vollendete sie. – Eigentlich hatte der Schluß gelautet: Und daß er dir auf seine Ehre versprochen hat, dich später zu heiraten. Denn das hatte Bienle ihrer Mutter erzählt. – Du sagst mir nicht die Wahrheit, Bienle! und daß er ... da kommt etwas ganz anderes! Er ließ nicht nach mit Fragen, aber sie blieb bei ihren letzten Worten, so daß er schließlich dachte, es seien doch die richtigen gewesen, die sie nur aus einer Art von Schamgefühl vor ihm nicht habe wiederholen mögen. Aber nun wollte er doch jetzt einmal den Gedanken aussprechen, der ihm vor der Seele schwebte. – Ich hatte gedacht, deine Mutter meinte, daß wir uns heirateten, später. Ich wäre darüber nicht verwundert gewesen, denn das tun wir doch auch. – Er wartete auf ihre selbstverständliche Antwort, aber sie schwieg, und als er das Gesicht zu ihr hinwendete, sah sie ihn mit feuchtem Blicke an. Was hast du denn? fragte er erstaunt. – Sie versuchte zu lächeln. – Wir heiraten uns ja doch nicht! sagte sie und bemühte sich, ihren Worten einen leichten Ton zu geben. – Wieso? – Nun ja! – Enzio wurde böse: Du willst mich später einmal nicht heiraten? Sie schüttelte den Kopf. Da stieg der wahnsinnige Gedanke in ihm auf, daß es außer ihm noch einen andern gäbe, den sie mehr liebe, und er fragte sie danach, indem er sie am Handgelenke faßte. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, genügte, um diesen plötzlichen Gedanken sogleich wieder zu zerstreuen. – Dann verstehe ich dich nicht! sagte er, und machte ein hartes Gesicht. – Sie empfand, daß sie ihm weh tat, wollte es wieder gut machen und nahm seine Hand. – Hast du mich denn nicht so lieb, fragte er wieder, daß du mich einmal heiraten möchtest? – Sie schwieg. – Nicht?! – Ach, Enzio, – sagte sie leise und umschlang ihn, – quäl mich doch nicht so schrecklich, du weißt, daß ich dich lieber habe als alle Menschen in der Welt. – Und trotzdem... ? Sie legte ihre Stirn an seinen Kopf, er fühlte, wie ihr die Tränen aus den Augen liefen. Du darfst dich doch nicht an mich binden! sagte sie leise und leidenschaftlich, und wenn du es tätest, so käme alles später doch ganz anders. Ich weiß, wie es in der Welt zugeht, viel besser als du denkst. Du gehst wieder fort von hier, du lernst andere kennen, und du wirst einmal ein Mädchen heiraten, das aus besserer Familie ist als ich. – Er widersprach verwirrt. – Doch Enzio, das weiß ich, wenn du es auch jetzt nicht glaubst. Das habe ich von allem Anfang an gewußt, wie ich dich kennen lernte, und ich weiß, es muß so sein. Ich heirate auch einmal einen andern, und der hat auch vor mir schon andere geliebt. So geht es nun einmal zu in der Welt, das kann keiner ändern. Auf Enzio machte diese Unterhaltung einen tiefen Eindruck, war das wirklich so, wie Bienle sagte? Das war doch nicht möglich! Ein anderer sollte sie einmal besitzen? Eine nagende Eifersucht bohrte in ihm bei dem bloßen Gedanken an diesen Menschen, der vorerst nur ein Schatten war, aber doch schon irgendwo herumlaufen mußte in der Welt. – Mit ihr selber redete er nie mehr über, diese Dinge. Mein lieber Freund, sagte eines Tages sein Kompositionslehrer zu ihm, Sie haben unbestreitbar ein Talent. Das sagt noch gar nichts. Talent haben viele jungen Musiker. Aber wenn sie so fortarbeiten, wie Sie tun, dann kann ich Ihnen garantieren: Aus Ihnen wird nie etwas! Sie scheinen alle Geduld verloren zu haben. Ihr erstes Schmerzenskind, die Sonate, zeigt doch, daß Sie's können, wenn Sie sich Mühe geben und unverdrossen bei der Sache sind. Auch Ihre ersten Instrumentationsversuche waren durchaus nicht übel, aber seither haben Sie enorm nachgelassen! Sie hauen Ihre Einfälle hin, daß es einem leid tun kann. Roh sind Ihre Arbeiten, von einer wirklichen Kunst, von einem wirklichen Gefüge merkt man nichts. Sie wissen noch nicht viel vom Instrumentieren, können noch nicht viel davon wissen. Aber eins kann man von Ihnen verlangen: Daß Sie die Instrumente, die Sie da zusammenstellen, mit dem innern Ohr in der Tat auch hören. Täten Sie das, so würden Sie nicht so monströses Zeug abliefern, wie Sie die letzten Male getan haben. – Bitte, Sie haben mir selbst gesagt, daß sogar Wagner manchmal Fehler gemacht hat in der Instrumentation, und daß er das erst merkte, als er die Stellen bei den Proben wirklich hörte! – wie das Kind klug schwatzen will! Sie wissen ganz genau, daß Ihre Einwände nicht zur Sache gehören! Sie reden immer so herablassend von der Musik Ihres Vaters; ich kenne nicht viel davon, und was ich kenne, gefällt mir auch nicht, das kann ich Ihnen als Musiker frei heraussagen; aber wenn Sie später einmal im Instrumentieren so geschickt und geschmackvoll werden wie er, dann kann ich Ihnen nur gratulieren! – Enzio warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Der Professor lachte und fuhr ihm mit den Fingern durch sein blondes Haar: Überflügeln Sie ihn nur, aber von selbst fällt Ihnen das nicht in den Schoß. Es ist, wie Sie wissen und wie es so schön im Sprichwort heißt, noch kein Meister vom Himmel gefallen! Ohne strenge, harte Arbeit kommen Sie nicht durch. – Ich war die letzten Wochen abgezogen und innerlich zerstreut! sagte Enzio, wie zur Entschuldigung. – Das habe ich bemerkt, und ich sage Ihnen auf den Kopf zu: Sie sind bis über die Ohren verliebt! Lassen Sie sich nicht unterkriegen! In Ihrem Alter kann das eine Klippe werden; ist man erst im verbummeln drin, dann ist es schwer, sich wieder herauszuarbeiten. Lassen Sie jetzt einmal Ihre großen Sachen fort, an die Sie sich herangemacht haben und die doch nichts werden, wie Sie wohl selber einsehn; schreiben Sie mir eine ganz solide Ouvertüre für mittleres Orchester, oder, noch lieber: ein einfaches, gediegenes Quartett. Das müssen Sie jetzt können. Auf Enzio machte diese Unterhaltung Eindruck, von zwei Seiten wurde er so ermahnt, denn das Bienle hatte gleicherweise, wenn auch in viel primitiverer Form, zu ihm gesprochen, mehr als einmal: Enzio, du arbeitest zu wenig; dein Vater gibt doch das teuere Geld für dein Studium, und wenn du nun nachher nach Hause kommst und kannst gar nichts! Tagelang sah er jetzt seine Freundin überhaupt nicht, und wunderte sich, wie gut das gelang, wären sie beide ihrer nicht so sicher gewesen, so hätten sie auch mehr entbehrt. So aber dachten sie voll Ruhe aneinander, und die Stunden, in denen sie sich sahn, wurden doppelt festlich. Er fing nun wirklich an, ein Quartett zu schreiben; nach einiger Zeit hatte er einen ersten Satz vollendet. – Nicht tief in der Erfindung, sagte sein Professor, aber auch durchaus nicht platt. Der Aufbau ist klangvoll und ziemlich einwandfrei. Immerhin ein großer Fortschritt gegen früher. Enzio hatte sich auf diesen Satz viel eingebildet. Jene Kritik ernüchterte ihn, aber nun tröstete er sich mit dem Gedanken: Dinge, wie ich sie einmal zu sagen haben werde, sind jetzt noch nicht spruchreif. Es fehlen mir noch die Ausdrucksmittel dazu. Dieses hier sind Schablonenübungen, wie sie jeder durchmachen muß. Übrigens ist die Kritik ganz sicher viel zu scharf, denn eine Durchschnittsarbeit ist dies auf keinen Fall, Das hat er ja auch eigentlich selbst zugegeben. Diese Professoren haben immer das Prinzip, einen zu ducken, und von ihrem Standpunkt aus haben sie ganz recht. Es kam nun eine neue Zeit für ihn, geteilt zwischen Liebe und Arbeit. Daneben fing er an, sich etwas mehr im Leben umzusehn. Er gewann durch seine Kameraden andere Bekannte, die wieder andere Interessen hatten als rein musikalische. Abends saß er jetzt zuweilen in einem Café, das der Treffpunkt für junge Künstler war. Dort saßen sie, mit ihren Mähnen und blassen Gesichtern und rauchten eine Zigarette hinter der andern. Lange Gespräche wurden geführt über Genie und Ruhm, und jeder hielt sich für einen heimlichen König. Redete einer besonders lang, so begannen die andern heimlich für sich zu pfeifen, unterbrachen aber nicht, denn es war ein stillschweigendes Übereinkommen, seinen Nächsten zu dulden, damit man selbst geduldet werde. Keiner erhob sich gern als erster, um nach Haus zu gehn, aus Angst, es werde sogleich über ihn gelästert, wenn er den Rücken kehre. Man merkte bald, daß Enzio im Besitz von Kapitalien sei, beutete ihn fröhlich aus und revanchierte sich mit einer besondern Anerkennung seines Talents. Er konnte es nicht mit ansehn, wie die andern hungrige und begehrliche Augen machten, wenn er sich selbst etwas Gutes bestellte, und bewirtete dann oft die ganze Tafelrunde, an der auch junge Mädchen, Konservatoristinnen, saßen, unter ihnen ein junges Ding mit schiefem Scheitel und einer Art Pastorenkrause um den Hals; sie suchte immer nach einem Freund und ward jedesmal rasch abgekühlt, wenn sie bemerkte, daß der andre ebensowenig Geld hatte wie sie selbst. Sie setzte sich stets an Enzios Seite, und liebte es, sich wie ein Kind von ihm füttern zu lassen, mit dem Löffel, wobei sie sich bemühte, den Ausdruck eines kleinen Vogels nachzuahmen. Halb und halb verliebte sich Enzio in sie. Aber wenn er dann Bienle wiedersah, so dachte er: Es wäre abscheulich von mir, sie zu betrügen! Ich bin so glücklich, daß ich sie habe, ich kann nicht glücklicher werden als ich bin und brauche niemand anders als sie! Gott weiß, in was ich da hineingeraten würde, wenn ich mir jetzt nachgeben wollte! – Und die kleine Wolke ging an ihm vorbei. Eines Tages erklärte er dem Bienle, er wolle Sozialdemokrat werden, das sei die einzige Partei, die heutzutage noch Sinn habe. Er wollte, daß sie auch Sozialdemokratin werden solle, aber sie sagte: Fällt mir nicht ein! Was geht es mich an, was die Männer wollen? Ich habe genug in Küche und Haus zu tun! Er ereiferte sich und setzte ihr auseinander, Mädchen müßten auch andre Interessen haben als nur die häuslichen, und sie ließ sich gutwillig und mit Aufmerksamkeit erklären, was sie nach seiner Meinung alles lernen müsse. Er versuchte hie und da, sie zu bilden, sie bemühte sich auch, ihm zu folgen; dann gab es plötzlich einen Punkt, wo sie nicht mehr verstand; sie sagte nichts, da sie hoffte, während seines Weiterredens würde sie ihn schon irgendwie wieder einholen; das geschah dann aber nicht, ihre Gedanken irrten ab zu Dingen, die ihr geläufiger waren, und wenn er geendet, ließ sie eine kleine Pause vergehn, gleichsam noch als Zoll für seine Ausführungen, dann dachte sie, nun könne man ein neues Gespräch beginnen, und sie sagte etwa: Morgen backe ich einen Pflaumenkuchen. Enzio war in solchen Momenten stets etwas überrascht und mußte erst einen kleinen Unwillen bekämpfen, ehe er auf ihre Einfälle einging. Mit ihr kann man immer nur in der einfachsten Tonart reden, dachte er, etwas anderes versteht sie nicht. Aber dann fragte er gleich wieder gutgelaunt etwa: wie viele Eier kommen da hinein? – Eins! – Aber dann tust du doch wenigstens viel Butter in den Teig? – Damit wird die Pfanne ausgestrichen! – Von dem Pflaumenkuchen aus wanderte ihre Vorstellung auf die Pflaumen selbst, auf die Bäume, worauf sie wuchsen, von dem einen Ei auf die Henne, die es einmal gelegt haben mußte, und dann war sie in ihrem gewohnten Bereich. Sie konnte nur an Dinge denken, die es wirklich gab in der Welt, an Tiere, Pflanzen, Menschen, und was alles mit ihnen zusammenhängt; da war sie zu Hause, mehr als die meisten andern, ihr lebendiges Herz, ihr offenes Auge gab all ihren Eindrücken und Äußerungen eine starke Unmittelbarkeit. Weißt du eigentlich, fragte Enzio einmal, wie sie im Feld gingen und in der Ferne einen Eisenbahnzug vorbeiziehen sahn, wie eine Lokomotive eingerichtet ist, und weshalb sie vorwärtsgeht? – Na, so ungefähr. – Du weißt es gewiß doch nicht! meinte er neckend und begann, ihr die Konstruktion auseinanderzusetzen. Sie hörte zu, redete dann hinein, und allmählich merkte er, daß sie vom Bau einer Lokomotive mehr wisse, wie er selber, daß ihr sogar die technischen Ausdrücke viel geläufiger waren als ihm. – Woher weißt du denn das alles? fragte er erstaunt. – Das ist doch nicht so schwer! Das habe ich mir sagen lassen. – Von wem? – Von den Heizern und Maschinisten. – Und woher kennst du die? – Wenn ich früher allein spazieren ging und am Güterbahnhof vorbeikam, da habe ich sie angesprochen, o, so oft, damit sie mir alles erklärten. Das haben sie auch furchtbar gern getan, und dann bin ich wieder gegangen. – Die wollten wohl, daß du noch ein bißchen dabliebst? – Bienle nickte: Dirndl, haben sie gesagt, bleib noch ein bissel! – Was, die haben dich du genannt? – Natürlich! Nach fünf Minuten sagen alle Arbeiter immer gleich du zu mir! So sprach sie, sah ihn goldig wie ein Apfel und schimmernd wie ein Pfirsich an und hauchte noch ein paar kleine Lachtöne hinterher. Ihre ganze, mädchenhaft entzückende Gestalt war überschimmert von einem Hauch süßester und reinster Sinnlichkeit. Du mußt doch ziemlich oft auf der Straße angeredet werden! sagte Enzio. – Oft? Alle Tage! Ich kenne die Menschen schon auf zwanzig Schritt und weiß: Der will etwas von mir, der ist zerstreut, und der denkt an keine Mädchen. – Was hast du denn von mir gedacht, Bienle, als du mich zum ersten Male sahst? – Sie antwortete nicht. – Nun? Sag es doch! – Sie faßte seine Hand. – Magst du es nicht sagen? – Du weißt doch ganz genau, rief sie mit einemmal mit frischer Stimme, was ich gedacht habe; da brauchst du mich doch nicht extra zu fragen! Ich frage dich doch auch nicht! In solchen Augenblicken vermißte Enzio zunächst undeutlich etwas, aber dann sagte ihm ein nachdenkliches Gefühl, daß sie viel unbewußter und ursprünglicher empfand als er, und daß sie frei war von jeder Spur von Sentimentalität. Er selbst mußte sich und auch ihr sein Glück manchmal wieder vorsagen; dann strich sie mit der Hand flüchtig und zärtlich über seine Wange, sagte aber nichts. Nur ihre Träume, in denen er vorkam, erzählte sie ihm wieder, Träume, wie sie vielleicht Kinder träumten in einer glücklich-heitern Welt. So war es ihr einmal, als liege sie auf einem Waldboden neben ihm. Er hatte seine Hand auf ihre Hand gelegt, die hohl auf der Erde ruhte. Beide – so träumte sie – schliefen, bis sie aufzuwachen glaubte durch ein zartes, weiches, gleitendes Gefühl im Innern ihrer Hand. Sie blickte vorsichtig nieder, da sah sie, daß es ein ganz kleiner Vogel war, der da in aller Heimlichkeit ein Spiel für sich trieb, indem er von links nach rechts unter ihrer Hand hindurchlief, und dann von rechts nach links, immer hin und her, und sich jedesmal ein wenig duckte. – So niedlich wie er war! sagte sie später, wie sie Enzio diesen Traum erzählte, ich sehe ihn noch vor mir: Klein, ganz klein, ganz winzig – und ihre Stimme wurde selber zart und kurz, wie das hohe Flöten eines kleinen Vogels. Oft dachte Enzio: Ist dies nicht die allerschönste Zeit von meinem ganzen Leben? O wenn das Leben doch ewig so fortgehen könnte! Und dann seufzte er aus tiefstem Herzen und wußte nicht warum: Es konnte doch so bleiben! wenn es sich änderte, dann lag das nur an ihm, und er würde sich nicht ändern! Manchmal dachte er mit Sorge daran, daß es einmal wieder eine Heimreise, wenn auch nur vorübergehend, geben werde. Die Ferien mußte er zu Haus verleben; er empfand oft Sehnsucht nach seiner Mutter, aber im Grunde nur, um sich ihr an die Brust zu werfen und ihr zu sagen, wie glücklich er nun sei. Was vermochten Briefe auszusprechen! Nach einer Zeit des Arbeitens schien er wieder in seine frühere Untätigkeit zurückfallen zu wollen. Aber dieses Mal war es das Bienle, das ihn bewahrte. Ganz unmerklich, ohne daß es ihm recht ins Bewußtsein kam, hatte sie einen großen Einfluß auf ihn gewonnen: Das tust du nicht! Das darfst du nicht! sagte sie zuweilen mit einem sichern, selbstverständlichen Ton, und schließlich kam es so, daß ihm dieser Ton ihrer Stimme schon entscheidend wurde. Er war immer bereit, ihrethalben eine Arbeit abzubrechen, wenn sie zu ihm kam. Das duldete sie nie, und ging wieder. Einmal machte er ein kleines Experiment: Als sie an seine Tür klopfte, antwortete er nicht. Sie klopfte noch ein zweites Mal, er antwortete wieder nicht und dachte: wird sie jetzt die Tür öffnen und hereinkommen? oder wenigstens versuchen sie zu öffnen? – Da hörte er, wie ihre Schritte sich entfernten. Er wartete noch einen Augenblick, dann stürzte er hinter ihr drein. Sie erfaßte sogleich die Situation, tat neckend, als höre sie nicht, wie er: Bienle, Bienle! rief, es gab einen Wettlauf auf der Treppe, bis er sie endlich einholte, worauf sie sich umdrehte und sagte: Ach, Enzio, ich glaubte, du wärst nicht daheim?! Hatte er abends eine andre Verabredung, so fragte sie ihn niemals: welche? Dieses gänzliche, unbefangene, selbstverständliche Vertrauen entwaffnete ihn beinah. Es gab zwischen ihnen keine Eifersucht, so wenig, daß er zuweilen dann doch nicht anders konnte, als irgendwelche Hintergründe erwecken, die sie beunruhigen sollten. Sie antwortete dann aber nichts, und dieses Schweigen war ihm so rührend, daß er gleich wieder sagte: Es ist ja alles gar nicht wahr! Manchmal ließ er sie allein in seinem Zimmer, wenn ihn eine plötzliche Notwendigkeit in die Stadt abrief. Dann konnte es geschehn, daß er sie bei seiner Rückkehr auf dem Fußboden fand, halb kniend, halb liegend, an einem Brief schreibend. – Weshalb schreibst du ihn denn nicht an meinem Arbeitstisch? und nicht mit Tinte? – Hier unten ist es bequemer. – Er überflog den Schreibtisch: Da lagen offne Briefe herum, die er von zu Haus bekommen, und er ging nicht fehl in seiner Annahme, daß es ihr peinlich gewesen sei, sich so nah zu ihnen zu setzen, weil er sonst vielleicht hätte denken können, sie habe sie gelesen. Er erzählte ihr jetzt auch von zu Hause, von seiner Kindheit, von seinen früheren Freundschaften, von Pimpernell, von Richard, von Irene; vor allem aber von seiner Mutter. – Hast du kein Bild von ihr? fragte sie eines Tages. Er dachte nach, dann holte er eine Photographie, sie legte ihre Wange an die seine und betrachtete, sie mit ihm. Nun, was sagst du? Magst du sie? warum sagst du nichts? – Aber was soll ich denn sagen? – Ob du sie gerne magst. – Aber es ist doch deine Mutter! Sie vertiefte sich wieder in das Anschaun, und plötzlich lachte sie ganz leise. – Er wollte sofort wissen warum. Sie machte eine lebendige Bewegung: Ich dachte eben, gleich tut sie den Mund auf und sagt: Bienle, halt dich grade! – Enzio war über dies überraschende Wort entzückt, über die Wärme und Zutraulichkeit, die darin lag, daß sie seine Mutter sie selbst mit du und mit Bienle anreden ließ, und dann über den Ausspruch an sich, den er so oft persönlich von seiner Mutter hatte hören müssen. – Was sagt sie noch? fragte er animiert. – Nichts! das ist doch genug auf einmal. In diesem Augenblick läutete es draußen, es klopfte an seine Tür, er fragte, wer da wäre, eine bekannte Stimme sagte: Ich – und dann stand Caecilie leibhaftig auf der Schwelle. Enzio blieb einen Moment bewegungslos, dann stürzte er ihr mit ausgebreiteten Armen um den Hals. Sie hob sein Gesicht zu sich empor, sah ihm in die Augen, dann blickte sie halb befangen zu Bienle hinüber und suchte in diesem einen Blick Antwort auf alles, was ihr Herz aus der Ferne gefragt hatte. Bienle hatte sich erhoben, eine zarte Röte lag auf ihrem Gesicht; jetzt, als Caecilie auf sie zutrat und ihr den Arm entgegenstreckte, sah sie ihr mit halb geöffneten Lippen schüchtern und doch wieder zuversichtlich-grade in die Augen. Enzio trat dazu, ihm klopften alle Pulse, am liebsten hätte er gewollt, daß seine Mutter sie sogleich in die Arme geschlossen hätte. Das Bienle sah in diesem Moment so hinreißend lieblich, so blumenhaft vollendet aus, wie er sie noch nie gesehen zu haben glaubte. Caecilie schien etwas Ähnliches zu empfinden; sie sagte stockend: Ich bin so froh, daß ich Sie sehe – – und hielt noch immer ihre Hand, und dann strich sie mit der andern leise über sie hin. Bienle senkte etwas die Augen, dann blickte sie nach Enzio, ganz unwillkürlich und wie nach Hilfe suchend. – Ich muß jetzt fort, Enzio, sagte sie mit unsicherer Stimme. – Aber nein! rief er und ergriff nun seinerseits ihre Hand, du hast doch nichts besondres vor, nicht wahr? – Sie schüttelte den Kopf und legte dabei ihre Linke auf seinen Ellenbogen, in unbefangener Selbstverständlichkeit. – Dann bleib doch noch! – Sie sah ihm halb ratlos in die Augen, und dann auf Caecilie, blickte aber gleich wieder fort von ihr. Caecilie hatte den beiden zugesehn, und es war in ihr ein sonderbares, stilles Gefühl, das in der Wirklichkeit bestätigt zu sehn, was sie bis jetzt nur aus der Ferne wußte. – Sag du doch, daß sie bleiben soll! sagte Enzio. Caecilie sah wie aus einem Traum erwachend auf ihn hin, dann tat sie, was er wollte. Sie saßen nun am Tisch zusammen und Enzio bemühte sich, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber Bienle sagte nur ganz kurze Sätze und schwieg immer gleich wieder. Wenn er zu ihr sprach, sah sie ihn an, als wolle sie sagen: Ich kann doch jetzt gar nicht wirklich antworten. – Vorher warst du so lustig, Bienle; – denke dir – wandte er sich an Caecilie – fast in dem Moment, wo du draußen läutetest, sahn wir dein Bild an; und da sagte sie ... Nein, Enzio, rief Bienle lebhaft, das sagst du nicht! Ihr Ton war auf einmal so frisch, als wenn sie ganz allein wären. Dann sah sie Caecilie halb erschrocken an und sank wieder auf den Stuhl zurück. – Weshalb denn nicht? – Weil es so dumm war. – Gar nicht dumm! Sehr nett war es! Sie sagte nämlich – – – Sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm den Mund verschließen, hörte aber mitten in ihr auf und hielt sich selber beide Ohren zu. Sie blickte Enzio auf die Lippen, der seine kleine Geschichte nun wirklich erzählte, und dann sah sie, wie Caecilie sie freundlich anblickte und irgend etwas zu ihr sagte. Aber unbefangen hielt sie sich die Ohren weiter zu, noch eine lange Zeit, bis Enzio endlich dicht an ihrem Kopfe schrie: wir reden ja schon längst von etwas anderm! – Da tat sie die Hände wieder herab, hörte zu, wie Caecilie von zu Hause sprach, und als sich eine Gelegenheit bot, sagte sie zu Enzio, sie müsse nun wirklich und wahrhaftig nach Hause. Er hielt sie nicht mehr. Nachdem seine Mutter sie nun eine Weile gesehn hatte, war die große Spannung in ihm vorüber, er wünschte jetzt mit ihr allein zu sein, um sich ihr gegenüber auszusprechen. Ich bleibe nur kurz, sagte Caecilie, aber ich hoffe, wir sehn uns noch einmal wieder, ehe ich abreise! und drückte ihre Hand, die bewegungslos in der ihren lag. Enzio begleitete sie hinaus. Nun, fragte er sogleich, hast du meine Mutter gern? Sie konnte ihre Befangenheit auch jetzt, wo sie ihm allein gegenüberstand, nicht sofort verwinden. – Du mußt sie gern haben! Ich habe bemerkt, daß sie dich auch gern hat! Er küßte sie, als sei er viele Stunden von ihr getrennt gewesen, und blieb so lange auf der Treppe stehn, bis er sie unten durch den Hausflur hinausgehen sah. Wie er zurückkam, stand seine Mutter am Fenster; als sie sich herumwandte, fragte er bestürzt: Was hast du denn? – Sie hatte grade gedacht: Das wird für sie einmal ein schwerer Abschied werden! Und fast hätte sie es gesagt. Aber sie bezwang sich. Sie führte ihn zum Sofa zurück, dann legte er den Kopf in ihren Schoß, wie in seiner Kinderzeit. – Hast du sie dir so gedacht? fragte er nach einer Weile. – Nein, ich habe sie mir nicht so gedacht, trotz aller deiner Briefe. Er umschlang sie zärtlich: Warum bist du dann so traurig? – Ich bin nicht traurig, sagte sie nach einer Pause; daß mich dies Wiedersehn nach allem, was dazwischen liegt und was ich jetzt mit eignen Augen sah, erschüttert hat, ist doch begreiflich. – O, rief er, ich bin so glücklich, so glücklich! – Du hast auch Grund dazu, sagte sie mit einer leisen Schwermut in der Stimme. – Aber was siehst du dann so bekümmert aus? – Sie kämpfte mit sich, aber es war stärker als sie: Weil mir dieses Mädchen so unendlich leid tut! Denn einmal kommt ja doch ein Ende, muß ein Ende kommen! – Enzio richtete sich schnell empor und sah ihr erschreckt in die Augen: Bist du etwa hergereist, um mich von ihr zu trennen? – Sie schüttelte den Kopf, und er sank wieder in ihren Schoß zurück: Dann verstehe ich nicht, was du meinst. – Nach dem, was du mir schriebst, Enzio, und nach dem Eindruck, den ich selbst von ihr bekommen habe, weiß ich, daß ihre Neigung zu dir eine ganz tiefe Leidenschaft ist. – Ja, glaubst du, bei mir wäre es anders? – Nein, Enzio, das glaube ich nicht. Aber deine Leidenschaften, fürchte ich, sind nicht von Dauer. Er widersprach auf das heftigste und rief: Fang doch nicht schon wieder an, zu sagen, ich sei oberflächlich oder nicht tief in meinem Gefühl! Du hast mich früher genug damit gequält! Grade das macht mich ja jetzt so unendlich glücklich, daß ich fühle: Dieses ist nicht so wie meine früheren Verliebtheiten, einmal in die, einmal in jene, sondern ganz, ganz anders! Ich sehe hier auch viele andre Mädchen, aber zu keiner kann ich so fühlen wie zu Bienle! Niemals habe ich mehr die gräßliche Empfindung wie früher: welche liebe ich nun eigentlich? – Du schriebst mir, sagte Caecilie, du wollest sie einmal heiraten. – Das will ich auch und werde ich auch! – Ob es geschehen wird oder nicht, wird auf jeden Fall nur von dir allein abhängen, für dich bildet diese Frage jetzt kein Gewicht in deiner Seele. Aber für sie ist es der Inhalt ihrer Zukunft. – O, da kennst du sie schlecht! Sie selber hat gesagt, daß sie mich niemals heiraten würde! Und er erzählte alles, was Bienle über diesen Punkt zu ihm gesprochen hatte. Caecilie war erstaunt: Für so reif hätte ich ihr Denken nicht gehalten! Aber – fuhr sie fort – wenn du trotzdem nach Jahren sie heiraten wolltest – glaubst du, sie würde dich dann ausschlagen? – Gott bewahre! – Nun siehst du wohl, alles, was sie dir gesagt hat, geschah nur für dich. Und wenn sie jetzt so spricht, als verzichte sie auf dich, so mußt du dir doch sagen, daß sie das gegen ihre Sehnsucht spricht. – Aber ich will sie doch auch heiraten! Ich weiß gar nicht, wo du hinauswillst! – Ich fürchte eben für dich sowohl wie für deine Freundin. Und ich meine – – daß du diese Leidenschaft nicht zu stark werden lassen solltest! So sprach sie mit Überwindung, gegen ihren eignen Instinkt. – Aber du widersprichst dir ja fortwährend! Erst sagst du, du fürchtest, meine Leidenschaft sei nicht von Dauer, und nun sagst du, ich soll sie nicht zu stark werden lassen, wie soll ich denn das machen? Das kann man doch nicht! – O ja, das kann man! sagte sie langsam, und wie zu sich selbst. Aber dazu bist du zu jung, und wenn man erst einmal so weit ist wie ihr, so ist es nicht mehr möglich, das sehe ich selbst ein. – Natürlich! Denn dann müßte ich entsagen, und das kannst du doch nicht wollen, daß ich das tue! Und es hätte außerdem keinen Sinn, denn dann würde es mir mit einer andern wieder ganz genau so gehn! – Echt Enzio! dachte sie. – Und ich kann doch, fuhr er fort, mit der Liebe nicht so lange warten, bis ich zugleich auch heiraten kann! Das wäre Wahnsinn und hieße Adern unterbinden, durch die das Blut hindurchwill. – Sie widersprach nicht mehr; sie fühlte, daß sich dies Gespräch in Widersprüchen und wie in einem Kreislauf bewegte, und plötzlich, in einem ganz freien Impuls, sagte sie: Was hat es für einen Zweck, über dies alles zu reden! Das Leben ist so kurz, und wenn es hinterher Schmerz bringt, so wäre es töricht, nicht das Herrliche zu umarmen, das es einem vorher in die Arme wirft. Sei glücklich, Enzio, dies ist vielleicht einmal die schönste Erinnerung deines Lebens, auch wenn du später einmal jemand anders geheiratet hast. Ihr seid beide jung, und das Leben hat euch zueinander geführt! – Sie sprach fast leidenschaftlich, und über ihn hinweg sah sie über ihr eignes Leben hin. Nach dieser ersten und einzigen Unterredung war Caecilie wie umgewandelt, von einer Heiterkeit und Unternehmungslust, wie er sie nur in früheren Jahren an ihr kannte. Sie hatte eine Masse Geld mitgebracht, zu dem festgesetzten Zweck, es alles auszugeben für schöne Dinge und Vergnügungen. Sie wollte Ausstellungen, Konzerte, Theater besuchen, und Enzio mußte bei allem dabei sein. Mit Bienle zusammen sahen sie ein Lustspiel, das sie nicht kannten, und über das viel geredet wurde. Am Schluß des Stückes empfing die Heldin zum Kaffee ihre drei vergangnen Männer, von denen sie sich im Lauf der vorhergehenden Akte hatte scheiden lassen. Bienle saß still dabei, und als Caecilie sie später fragte, wie es ihr gefallen habe, antwortete sie erst nicht, da sie sie zu kränken glaubte, wenn sie »gar nicht« sagte, weil sie doch von ihr eingeladen war. Aber dann sprach sie schließlich doch: Wenn von den Männern wenigstens nur geredet würde, – aber daß sie da alle zusammen gesehn werden von dem Publikum – ich habe mich so geschämt und gedacht: Das muß doch auch der Frau selber schrecklich sein! – Hierauf bekam sie von Caecilie einen Kuß, und Enzio wurde dunkelrot vor Freude. An einem der letzten Tage suchte Caecilie seinen Kompositionslehrer auf, um aus der nächsten Quelle zu erfahren, was man von ihrem Sohn halte und wie er arbeite. Sie sah einen großen, untersetzten Mann mit klugen und doch kindlichen blauen Augen und einer festgewölbten Glatze. Als er hörte, wer sie sei, ging sofort ein warmes Lächeln über seine Züge, und er sagte: Der Enzio, ja, der Enzio! Dann fuhr er fort: Es ist nicht so leicht mit dem, das können Sie mir glauben! Talent hat er, aber er bildet sich schon ein bißchen zu viel drauf, ein. Es hat manchen Schweiß gekostet, bis ich ihn einigermaßen zahm gekriegt habe! Jetzt arbeitet er gut und tüchtig. Letzthin hat er mir ein Quartett gemacht – aller Achtung wert! Das kann sich ruhig in jedem modernen Konzertprogramm sehen lassen. – So etwas wollte Caecilie eigentlich nicht hören: von diesem Quartett, fing sie an, hält mein Sohn gar nichts... Ich weiß schon, ich weiß schon! unterbrach sie der Professor, das schadet aber nichts was da so in den jungen Seelen sprudelt und gärt, das können sie noch nicht in eine feste Form gießen. Jede »Aufgabe« betrachten sie zunächst mit hochmütigem Blick und halten sich für viel zu gut, das, was in ihnen nach Ausdruck ringt, hineinzulegen, warum? Weil sie's noch nicht können! Uns halten sie dafür heimlich für Idioten. – Enzio spricht und schreibt aber stets mit Hochachtung und Wärme von Ihnen! Der Professor sah sie mit hellen, klugen Augen an, dann beugte er sich vor, legte seine Hand auf ihren Arm und sagte lächelnd und gedämpft: Ganz geheim hält er mich aber doch für einen Idioten! Ich nehme ihm das durchaus nicht übel, wenn er dafür nur tut, was ich verlange. Er will immer Sachen schreiben, die er noch nicht kann! Und was kommt dabei heraus? Dinge, in denen manches als Material brillant ist, aber die als Ganzes Unsinn sind, fassen Sie ihn nur hier bei mir; wenn er so fortfährt wie jetzt, langsam, solide und handwerklich weiterzuarbeiten, so ist mir um das übrige nicht angst. Er wird einmal ein tüchtiger Kerl, wenn er bei der Stange bleibt, und außerdem ist er, und das sage ich Ihnen als Mutter ganz besonders, ein lieber, reizender Mensch, mit dem es mir Freude macht, zu arbeiten! Caecilie war es warm ums Herz geworden, und zugleich spürte sie eine große Erleichterung. Dieser Besuch war der zweite Hauptgrund ihrer Reise gewesen. – Sagen Sie ihm nicht, bat sie beim Abschied, daß ich bei Ihnen war; vielleicht würde es ihn freuen, vielleicht aber auch verstimmen, denn junge Leute haben ihren ganz privaten und sonderbaren Stolz. – Ich werde mich hüten! lachte der Professor, der »vernichtende Blick«, den kennt man schon an ihm. Caecilie blieb auf ihrem Rückweg vor mehreren Juwelierläden stehn. Wenn man doch könnte, wie man wollte! dachte sie; wie gern schenkte ich ihr zum Abschied irgend etwas Schönes! So eine Saphirbrosche zum Beispiel. Wie blau und leuchtend müßten dazu ihre Augen aussehn! Oder ein schönes Kleid, am liebsten gleich eine ganze kleine Ausstattung – aber das darf ich nicht, diesen Eltern gegenüber, weshalb kann man nicht so frei handeln, wie einen das Herz treibt! Sie sprach zu, Enzio davon, der sofort begeistert sagte, alles gehe herrlich, ihr Vater gäbe auf nichts mehr acht, das Bienle habe ihm erzählt, er nenne ihn jetzt einen »anständigen jungen Mann, auf den man sich verlassen könne«! – Wieso? fragte Caecilie. – Gott weiß! Vielleicht, weil wir nun so lange zusammen sind und das Bienle immer noch vergnügt und heil ist. – Und das, sagte Caecilie ernst, muß sie auch bleiben; denn sonst – – das wäre schrecklich. Enzio war leise errötet, dann zog er seiner Mutter Hand zu sich empor und küßte sie langsam und voll Zartheit. Nach einer Pause fragte er wieder nach dem Geschenk. Caecilie war unschlüssig. – Nein, ich will es doch nicht, sagte sie endlich, irgendein Gefühl spricht in mir dagegen. Aber wie sie dem Bienle Adieu sagte, sprach ein andres Gefühl dafür: Sie löste eine schöne Spange von ihrer Brust und schenkte sie ihr mit einer graden und herzlichen Bewegung. Das ist dieselbe Spange, sagte Enzio später, die ich dir einmal als Junge heimlich fortgenommen habe, um sie Irene zu schenken, wie ich sie noch nicht kannte. – Und jetzt freust du dich, daß Bienle sie bekommen hat? – Natürlich! sprach er mit voller, überzeugter Stimme. Nun haben wir kaum über dich selber gesprochen! sagte er, wie er sie zum Bahnhof begleitete. Caecilie hatte grade das gleiche gedacht. Das ist auch nicht nötig, meinte sie nach einer kleinen Pause, die junge Generation ist wichtiger. Aber gut geht's mir, Enzio, und noch mehr, seit ich dich gesehen und gesprochen habe. – Dann stand sie am Wagenfenster, bis der Zug abfuhr. – Soll ich Irene grüßen? – Natürlich, wenn du willst! Geht es ihr gut? – Caecilie sah ihn mit einem sinnenden Blick an. Was soll ich Richard sagen? – O, Richard, dem habe ich lange nicht geschrieben! – Du vernachlässigst uns alle jetzt ein wenig. Aber arbeite nur tüchtig, dein Professor sagt, daß er zufrieden mit dir ist. – Die Abfahrtspfeife ertönte. – Was?? rief Enzio, du warst bei ihm? Ich bin doch kein Junge mehr, dessen Mutter zum Lehrer geht! – Der Zug setzte sich in Bewegung; Caecilie lachte hell auf, wie sie sein beleidigtes Gesicht sah: Freu dich, Enzio, daß du eine Mutter hast, die sich noch um dich kümmert, wie? – Ja! rief er hinterdrein, und ich danke dir für alles! Draußen, am See, erwartete ihn Bienle. wie er herankam, straffte sie die Brust mit beiden Händen etwas empor und sah ihn strahlend an: Sie trug die Spange seiner Mutter. Der späte Nachmittaghimmel war wolkenlos und klar; friedlich still ruhte das blaue Wasser. Sie stiegen in einen Kahn, das Bienle ruderte, er selber saß am Steuer. Und schließlich machte sie ein Spiel: Er mußte die Augen ganz fest schließen, so lange wie sie wollte, und wenn sie dann endlich mit Rudern aufhörte, mußte er raten, wo er sei. So lebte Enzio dahin, und diese Jahre waren die glücklichsten seines Lebens. Mehrmals kehrte er in den Ferien heim, aber nie auf lange. Es trieb ihn bald zurück. Irene sah er in diesen Zeiten nicht; ihr Vater hatte ein Besitztum in Italien gekauft, wo er nun mit seiner Familie die Hälfte des Jahres zuzubringen pflegte. Jetzt kam Enzio zum erstenmal für mehrere Monate nach Haus, Caecilie hatte ihn darum gebeten. Als Ergebnis der letzten Zeit legte er seinem Vater ein Trio vor, das bei einer Konservatoriumskonkurrenz den ersten Preis davongetragen und an einem Schülerabend aufgeführt worden war. Heimlich beneidete ihn der Kapellmeister um dieses Werk. Er sagte aber nur einige duldsame Worte, die Enzio zu neuem Schaffen aufmuntern sollten und wie von einer höhern Warte aus gesprochen waren. Darauf spielte Enzio es Richard vor. Dem hatte er im Lauf der Zeit manches Werk von sich geschickt, ohne daß es ihm gelungen war, je seine volle Anerkennung zu finden. Immer wieder hatte Richard ihm klar gemacht, daß man heutzutage keine klassischen Symphonien und Quartette mehr schreiben könne, wenn man dazu nicht das innere Erlebnis habe, und sich dadurch in Gegensatz zu Enzios Lehrern gestellt, die eben dieses von ihm wollten. Das hatte die Wirkung, daß Enzio in eine Periode kam, wo er begabte, zerfahrene, unsinnige Werke schickte, in denen er sein ganzes Wesen auszudrücken glaubte. Dann kamen wieder Briefe von Richard, in denen er ihm die Notwendigkeit und Wichtigkeit einer wirklichen Form, die aus rein musikalischen Mittel entsteht, auseinandersetzte Diese Forderungen schienen Enzio wieder identisch zu sein mit denen seiner Lehrer, und so kam er abermals in ein Fahrwasser, das dem früheren verwandt war. Jetzt schrieb er akademische, korrekte Musik, wobei er sich aber innerlich auch nicht sehr wohl fühlte. – Nun, wie findest du das? fragte er, als Richard ihm sein Trio zurückgab, und sah ihn schon von vornherein nervös gespannt an. – Besser als deine andern Sachen! sagte Richard, der diesen Blick bemerkte und ihn nicht entmutigen wollte. Diese scheinbare Zustimmung machte Enzio sofort Mut zu einer Opposition gegen sich selbst: Ich nicht! sagte er; mögen auch meine früheren Sachen so zerfahren sein, wie sie wollen, so scheint mir doch, es war mehr Persönlichkeit darin als in diesen letzten Dingen. – Das war der Anfang zu einem langen Gespräch, in das sich Richard widerwillig hineinziehen ließ. Und am Schluß stand Enzio wieder vor der Frage: wie soll ich nun eigentlich schreiben? – Du bist so versessen auf »Form«, meinte er, und wenn ich dann ganz formenvoll schreibe, dann ist es auch wieder nicht recht, das fühle ich selbst. Ich glaube, es ist in unserer Zeit unmöglich, moderne Musik noch in dem, was man »Form« nennt, auszudrücken. Sieh dir doch die Musik an, wie sie sich entwickelt hat! Wir leben nun einmal in einer andern Zeit und können nicht dagegen anschwimmen. Dann kommen solche Dinge heraus, wie ich sie geschrieben habe, Dinge, die weder – noch sind! – Sie können aber »sowohl« als »auch« sein! warf Richard ein. – Aber nenne mir einen einzigen modernen Musiker, bei dem es so ist! Brahms und Bruckner nehme ich natürlich aus, und, wenn ich noch weiter zurückgehen soll, auch Schumann, und was vor ihm kommt, noch mehr. – Da hast du grade die drei allerbesten herausgegriffen, sagte Richard, und du hast auch recht, denn was die geschrieben haben, das steht himmelhoch über allem, was heutzutage gemacht wird; aber vollendet – setzte er nachdenklich hinzu, – vollendet, das heißt: im vollen Einklang von Form und Inhalt – sind ihre rein instrumentalen Werke auch nicht. Reine Instrumentalisten im Sinne Beethovens waren sie nicht. – warum fängst du nur immer wieder von Beethoven an! Gewiß, er war wohl der größte von allen, aber wo soll denn das hinaus, wenn wir niemals Beethoven überwinden! Der hat vor hundert Jahren gelebt! Seine Kunst ist wahrscheinlich ebenso begrenzt und bedingt von seiner Zeit, wie es die Mozartsche war, und von Mozart hast du mir einmal gesagt oder geschrieben, du ließest deine Finger von ihm, er könnte dir nichts geben, was deine eigne Kunst förderte. Was heißt denn das »im Sinne Beethovens«? – Was das heißt? Das heißt: im ewigen Sinn der Kunst! Die Wege, die uns Beethoven gewiesen hat, sind nicht relativ richtig, sondern absolut. – Aber wo käme man denn hin, wenn nun jeder wie Beethoven schreiben wollte?! – Habe ich denn das gesagt? Was ich meine, ist nur dieses: Die Musik, und besonders die reine Instrumentalmusik, kann, was man heutzutage auch dagegen sagen mag, ohne gewisse Gesetze nicht auskommen. Alle großen Meister haben sich ihnen mehr oder weniger unterworfen und sie anerkannt; denn sie stammen aus dem innersten Wesen der Musik selbst. Sie sind nicht persönlich, und wenn Beethoven sie mehr als irgendein andrer erkannt und erlebt hat, so hat er sie doch nicht für sich usurpiert; sie sind freies Gut für jeden freien Künstler. Schubert hat durchaus nicht beethovenisch geschrieben, und doch liegt seinen Werken dieselbe unmeßbare tiefe Wahrheit zugrunde, die Wahrheit, die wirklich aus der Natur der Dinge, aus der Natur der Musik stammt, durch menschliche Willkür nicht verzerrt. Diese Wahrheit, dies Gesetz ist, wenn man will, im Grund immer dasselbe; oder auch es ist ein jedesmal neu, denn es muß ein jedesmal neu erschaut und neu erlebt werden; der Künstler darf es nicht wissen, nicht wollen, er darf das allgemeine Gesetz nicht denken, er muß es jedesmal neu aus dem Gegenstand heraus entwickeln und erleben. Dieses jedesmal Neue des Gegenstands, dies Einmalige, Einzige, das in den zufällig ergriffenen, zu den Grundpfeilern des ganzen Satzes gemachten Themen und Motiven liegt, ist das, was die bildenden Künste »Natur« nennen; das, was dem Gesetz ewig widerstrebt, und durch das es doch einzig nur möglich ist, das Gesetz lebendig und wirksam zu machen. Es ist etwas Reales, Einfaches, etwas wie Härte und Festigkeit und Unerbittlichkeit, was von der Glut und der Liebe des Künstlers geschmolzen werden muß, das Ordnungslose, Unergründliche, das tief drunten in der Seele liegt und verlangt zurechtgerückt zu werden. Ich will versuchen, mich klarer auszudrücken: Das, was die künstlerische Produktion zu dem macht, was sie ist, und jedes große Kunstwerk zu einer Heldentat, ist der Kampf. Der Kampf, nichts anders ist die künstlerische Produktion. Der Künstler ist gemischt aus aktiven und passiven Eigenschaften, es ist, als ob zwei Mächte in seiner Brust wären. Schon mit den ersten Tönen, dem ersten Motiv, das der Musiker findet, beginnt der Kampf; er ist nun nicht mehr eines, sondern zweier Herren Diener, denn er darf jetzt nicht nur seinen eignen, er muß auch den Willen des schon Geschaffenen erfüllen. Es ist, als ob alle musikalischen Motive und Erfindungen ihre eignen Gesetze hätten, ein jedes will auf seine nur ihm eigne Weise ans Licht gelangen, sich ausbreiten, ausleben. Ein jedes hat seinen eignen Willen, seine eigne Stimme. Diese Stimme zu erkennen, sie zu hören, ihr zu folgen ist Sache des Künstlers. Grade bei den größten Kunstwerken sehn wir es am deutlichsten: Es ist wirklich, als ob sie nicht von Menschenhand gemacht wären, als ob die Dinge, die sie aussprechen, gleichsam sich selbst aussprechen, sich selbst von sich aus, grade als ob sie lebendig wären. Es ist wie ein Baum, der durch sich selber wächst. Man kann nichts tun als ihn begießen und ihn wachsen, sich ausbreiten lassen, als ein lebendiges Wesen, das nun fortan aus eigner Machtvollkommenheit lebt. Freilich verlangt dies – auf die Kunst angewendet – vom Künstler eine Selbstverleugnung, eine Bescheidenheit und Demut sich selbst gegenüber, von der die wenigsten – zumal heute – etwas wissen. Aber es stammt daraus auch eine Beglückung und Beseeligung, von der auch nur die wenigsten wissen – eine Beseeligung, die uns fähig macht, alle Verachtung und allen Spott der Welt, alle ihre ungerechten Ansprüche und Forderungen abzulehnen und zu ertragen, und trotz der furchtbarsten Einsamkeit glücklich zu sein. Von einem solchen Künstler kann man wirklich sagen, daß seine Kunst Religion ist. Richard schwieg, Enzio blickte vor sich hin und ließ Richards Worte in sich nachklingen. Alles, was ich sagte, sprach Richard nach einer Weile weiter, gilt in vollstem Maß für Beethoven, und nach ihm, von den Späteren, auch für Schubert. Nach Beethoven ist er der einzige, dessen große Kunst, wenn du den Ausdruck richtig auffassen willst, rein gottesdienstlich war. Was er uns in seiner Instrumentalmusik hinterlassen hat, ist ungeheuer. Ich bedaure, daß nicht bloß diese auf die Nachwelt gekommen ist; dann hätten wir ein noch größeres, ungetrübteres Bild von ihm als so, wo all die kleineren, unwichtigen Zutaten seiner Lyrik vorhanden sind, die bei seiner Schätzung heute die Hauptrolle spielen. Ich setze aber gleich hinzu: Auch darunter sind noch viele ganz und gar vollendete Dinge, und wir dürfen froh sein, daß wir sie besitzen. Aber bei Schubert mache ich Halt. Was nach ihm kommt, sind schon Vorboten der allgemeinen Auflösung, in der wir heute mitten drinstehn. Schumann nanntest du vorhin: Seine Kunst schrumpft zusammen, wird zum geistreichen Aperçu. Sicher haben Schumann und Brahms in gewissem Sinn immer noch eine Form; aber das, was sie zu sagen hatten, ist ihr nicht auf eine ganz natürliche Weise angepaßt. Sieh dir die besten Sachen von Schumann an: Es sind lauter einzelne Gedanken, wie Perlen aneinandergereiht. Du kannst sofort prüfen, ob diese Behauptung richtig ist: stell dir irgendein Werk von ihm vor, und es werden dir immer Einzelheiten einfallen, nicht aber hast du ein großes Gesamtbild vor dir. Es fehlt die innere Gliederung, obgleich sie äußerlich vorhanden ist. Man kann diesen Mangel sogar oft bis in die einzelnen Themen hinein verfolgen. Mit Brahms ist es eine eigne Sache: dem ist die traditionelle Sonatenform mit ihren Wiederholungen und starren Gesetzen wieder verhängnisvoll geworden, sie hat ihn oft an der ganzen Entfaltung seiner Kräfte gehindert. Daraus entstammt jenes Gefühl, das man beim Anhören seiner großen Werke so oft empfindet: Es ist nicht alles bis zum letzten erschöpft, nicht alles restlos ausgesprochen, es bleibt etwas wie Hunger oder Durst, es ist wie das Rauschen der Zweige über dem Tantalus, dem es nie gelang, die Früchte, die ihm schon dicht vor dem ausgestreckten Arme schwebten, wirklich zu ergreifen, um sein unersättliches Verlangen zu stillen; die Brahmssche Kunst hat etwas Unersättliches, wie eine Woge, die sich stets von neuem aufbäumt, ohne daß der Sturm, der sie geschaffen hat, kraftvoll genug ist, sie bis auf jenen Höhepunkt zu bringen, wo sie ihr Dasein in sich selbst erfüllt, wo sie sich neigt und langsam überbricht in dem voll sich ergießenden Segen ihrer Schwere. Trotzdem ist Brahms, wenn du willst, der einzige in der letzten Zeit, der noch ein Gefühl dafür hatte, was reine Musik sein müsse. Und nun Bruckner! Der ist vielleicht der adligste und tiefste moderne Komponist, aber er hat sich die schon geprägten Wahrheiten Beethovens und auch Wagners zu sehr zu Herzen genommen, ihm ist seine Form, seine Art, sich auszudrücken, niemals ganz natürlich geworden, seine Kunst geht auseinander und zerfällt. Es ist, als könne sie nur im Schatten seiner Vorgänger gedeihn, und nicht aus eigner Lebenssonne heraus. Er hat sich ihr Geistiges angeeignet, aber ohne ihren Körper, so daß es ist, als wenn einer mit dem Kopf in den Wolken geht und mit den Füßen den festen Boden unter sich verliert. Über die ganz Modernen brauche ich kein Wort zu sagen: In unserer Zeit entschuldigt das Gottlose, Unbändige, Übermäßige jeden Mangel. Es braucht nur einer Himmel und Erde stürmen zu wollen , so glaubt man's ihm; ob er es fertig bringt, ist gleichgültig. Enzio war während dieser letzten Ausführungen ungeduldig im Zimmer auf und ab gegangen, was bedeuten nun – fragte er jetzt – all diese Reden in bezug auf mich? Ich bemühe mich, in den klassischen Formen der Musik zu schreiben, und dann ist es doch wieder nicht recht! – Form ohne inneres Erlebnis gibt es nicht! Du kannst tausend Quartette schreiben nach irgendeiner »Form«, wenn du nicht dazu das Erlebnis hast, wird es nie was Rechtes. Du hast selbst gesagt, deine früheren, ungebundenen Sachen gefielen dir weit besser, sie seien ursprünglicher, origineller: Schaff dir eine neue Form, wenn dir die alte nicht zu Gesicht steht. Bist du ein wirklicher Künstler, dann wirst du auch schon irgendwie den richtigen Ausdruck finden! – Vieles von dem, was du gesagt hast, Richard, war schön und ist mir zu Herzen gegangen, aber du negierst alles und jedes, bis auf ein paar große Ausnahmen, und tust, als ob du selber dagegen ein reifer Künstler wärst. Ich gebe mir Mühe mit dem, was ich schaffe, aber ich bin bescheidener und hüte mich vor großen Worten! Richard errötete leicht. Hältst du mich für hochmütig? fragte er. – Offen gesagt: Ja, ein wenig. – Das tut mir leid, denn dann sehe ich: Du hast mich nicht verstanden. Der ganze Unterschied zwischen mir und dir ist der: Ich habe eine feste, bestimmte Anschauung von Kunst, und du bist dir nicht klar über die Wege, die du zu gehn hast. – Aber du widersprichst dir ja fortwährend. – Wieso? – Weist auf große Vorbilder hin, denen man nacheifern soll, und wenn es dann einer tat, so sagst du wieder: Dem ist die Form zum Verhängnis geworden, sie hat ihn an der vollen Entfaltung seiner Kräfte gehindert. – Richard seufzte: Nacheifern? Das habe ich nie gesagt. Es gibt Grundgesetze in der Kunst, die nicht dazu da sind, befolgt, sondern erlebt zu, werden. Das können sie nur dann, wenn man dazu berufen ist; das glaube ich zu sein, und wenn du das hochmütig nennst, so ist es eine Übereilung von dir. Ich bin wahrhaftig nicht hochmütig, weder in bezug auf mich noch auf andre. Lebt man aber in einer Zeit wie der unsrigen, so muß man doppelt sorgsam auf sich selbst bedacht sein und sich in eine Stille retten, schon um nicht von dem Lärm gestört zu werden, der uns draußen überall umgibt. Du hast dich selbst noch nicht gefunden, du tastest noch, obgleich du nun ziemlich lange draußen warst. – Ich schreibe jetzt einfach, wie mir's ums Herz ist! sagte Enzio, fast wie eine Drohung. Richard wendete sich lebhaft zu ihm: Anders zu schreiben wäre ja auch töricht! Wenn du wirklich etwas zu sagen hast, wirst du zuverlässig schon die richtige Form dafür finden! Mach doch nicht ein so unglückliches Gesicht! Es ist gar nicht nötig, daß du alles verstehen mußt, was ich sagte, Worte helfen nie ein Werk zutage fördern, alles muß instinktiv in einem selbst vorhanden sein, je naiver, um so besser! Kunstphilosophieren ist eine unfruchtbare Sache, der eine hat Talent dazu, der andre nicht, mit der Kunst selbst hat es nichts zu tun, im Grund ist vielleicht derjenige sogar besser dran, dem es ein Buch mit sieben Siegeln ist. Worauf kommt das Ganze nun heraus? dachte Enzio später, als er allein war: Auf das gleiche schließlich, was ich selbst am Ende sagte, nur daß ich es in einem einfachen C-Dur ausdrückte, während er ein kompliziertes His-Dur draus macht, das praktisch genommen dasselbe ist! Aber ich ahne schon: Wenn ich später etwas Neues fertig habe, dann fängt er doch wieder mit seinen alten Geschichten vom »Erlebnis« an; ich werde mich nicht mehr drum kümmern, ich bin reif genug, um selbst meinen Weg zu wissen. Mir scheint, sagte Caecilie, du bist gegen Richard etwas verstimmt? Er erzählte ihr alles: Ich habe doch nun schon so viel komponiert, und von ihm kennt keiner etwas. Und dabei spricht er so, als könnte er alle Musiker, außer seinem Beethoven etwa, in die Tasche stecken. Aber jetzt schreibe ich etwas Neues, und wenn ihm das dann wieder nicht gefällt, so ist es mir egal. Schließlich gibt es auch noch andre Menschen auf der Welt, und die sind nicht so einseitig verrannt wie er. – Richard ist nicht verrannt, Enzio! – Du glaubst wohl am Ende, daß er mehr erreicht als ich? – Ich hoffe, sagte Caecilie, daß ihr beide gleichviel erreicht und daß eure Freundschaft so schön bestehen bleibt, wie sie bis jetzt gewesen ist. – Du hoffst nicht, daß ich mehr erreiche als er? – Caecilie zögerte: Nein, Enzio, weshalb sollt ihr nicht gleichviel erreichen? – Glaubst du, daß Richards Mutter ebenso denkt wie du? – Das ist mir gleich. Ständest du ihr so nah wie Richard mir, dann müßte sie genau so denken. Richard übersah Enzios Verstimmung und verscheuchte sie auf diese Weise. Irenes Vater ist ein prachtvoller Mensch! sagte er eines Tages; heute war ich seit langer Zeit wieder einmal bei ihm. Unterhaltungen mit ihm wirken wie ein Stahlbad auf mich. Seine Gesichtspunkte sind immer die tiefsten und zugleich die einfachsten. Auf der Kegelbahn soll er dann das reinste Kind sein. – Kegelst du manchmal? – Ich? nein, ich habe keine Zeit. Aber er hat mich aufgefordert. – Meinst du, daß er mich auch auffordern wird? – weshalb nicht? Aber ich glaube, es würde dir nicht gefallen. Da sind, soviel ich weiß, nur lauter Männer mit Vollbärten, und die sind dir nicht sympathisch. – Entsetzlich! sagte Enzio energisch. Aber – fügte er erstaunt hinzu – ich denke, Irene ist mit ihren Eltern in Italien? – Sie sind diesmal schon vor acht Tagen zurückgekommen. – So? fragte er, schon wieder gleichgültig, Was macht denn Irene? Modelliert sie immer noch? – Du sagst das ja so geringschätzig! – Ach Gott, im Grund ist das doch nichts. Sie sollte sich im Haushalt betätigen, das ist der wirkliche Beruf für ein Mädchen. – Du scheinst kein Interesse mehr für Irene zu haben? – Eigentlich nein! Ich bin doch nun auch so lange von Hause weggewesen. – Willst du sie nicht aufsuchen? – Was denkst du denn?! Natürlich suche ich sie auf! Wir sind doch Freunds! Außerdem weiß ich, wieviel Irene von mir hält! Er ließ ein paar Tage hingehen, dann besuchte er sie wirklich. Es war ein schöner Tag im Herbst. Enzio näherte sich dem Haus mit einem sonderbaren Gefühl: So, als hätte er die ganze Zeit, die hier zurücklag, einmal geträumt, anstatt erlebt. Was war ihm dies alles gegen das wirkliche Leben, das er umarmt und geliebt hatte, und das er noch immer liebte! Man sagte ihm, Irene sei im Garten. Er durchschritt das Zimmer und stieg die Verandatreppe nieder. Da unten schimmerte der Fluß, und die Bäume glänzten rot und golden. Er sah Irene nicht; der Garten war ganz still. Das Boot sah schon herbstlich verlassen aus; der Regen hatte sich darin gesammelt und feuchtes dunkles Laub klebte an den Brettern. Er stieg wieder aufwärts, die Steinstufen empor. Sollte er pfeifen? Er hatte keine Lust. Da sah er in der langen Wein-Pergola etwas sich bewegen. Leise trat er näher: Dort ging Irene, dicht neben ihrer Mutter. Sie hatten die Arme gegenseitig um ihre Schultern gelegt, und beide Gestalten umschloß eng ein einziges, großes braunes Schleiertuch aus Seide, so daß es schien, als wandle dort ein schöner Doppelkörper, über den die lautlosen Lichter der Sonne hinliefen; – plötzlich tat Irene einen Ruck. Enzio, sagte sie halblaut und blieb stehn. Er hielt sich unbeweglich wie eine Erscheinung in der weißen Sonne. Im nächsten Augenblick kam er auf sie zugelaufen. Ja, rief er in halber Verlegenheit, ich bin es wirklich. Irene sah ihn noch immer verwirrt an, während ihre Mutter sagte: Ich glaubte wahrhaftig, ich sähe dort eine Luftspiegelung. Seit wann bist du denn wieder da, Enzio? – O, noch nicht lange! Möglichst schnell suchte er über diese Frage hinwegzugehn. – Gehst du noch ein wenig mit uns hier im Garten spazieren? Es ist so schön und still in der Sonne, und das Laub duftet so kräftig. – Enzio schritt an ihrer Seite. Alle drei schwiegen. In ihm war eine kleine Enttäuschung. Er war doch nun so lange fortgewesen und hatte gedacht, der Empfang werde etwas lebhafter sein. Statt dessen war er nur die kurze Unterbrechung einer Promenade, die man wieder aufnahm. – weshalb fragen sie mich denn nach nichts? dachte er, ich habe doch wahrhaftig genug erlebt! Schließlich fing er von selbst an zu erzählen. Die beiden unterbrachen ihn nicht, warfen nur hie und da eine kleine Bemerkung ein, bis wieder ein Schweigen kam, worauf Irene mit halblauter Stimme und einem Blick, der sich nur an ihre Mutter wendete, sagte: Wo der kleine Vogel jetzt wohl ist? – was für ein kleiner Vogel? fragte Enzio sogleich angelegentlich. – Ich glaube, es ist ein Rotkehlchen! sagte Irenes Mutter, als wenn damit alles erklärt sei, und erst als Enzio weiterfragte, setzte sie hinzu: wir fanden ihn vorhin im Gras, und die eine Schwinge hing ihm herunter. Ich glaube, ich weiß, wo sein Nest ist, aber wir konnten ihn nicht greifen. Nun meinen wir, daß ihn vielleicht die Katze frißt. – Sie suchten ihn gemeinsam, Irenes scharfes Auge entdeckte ihn endlich von neuem. Den kann man doch leicht fangen! sagte Enzio. – Nein; wir haben es auch schon versucht; er hüpft immer nur, aber in der Angst kann er fliegen. – Den kriege ich, sagte er zuversichtlich. Es begann eine tolle Jagd, bis Irenes Mutter wieder sagte: Laß ihn, Enzio, ich kann diese Quälerei nicht sehen; lieber soll ihn noch die Katze fangen, die bekommt ihn wenigstens eher! – Aber Enzio hatte ihn schon, brachte ihn in der hohlen Hand und ließ ihn mit dem Kopf vorn durchschauen. Die beiden betrachteten ihn. – Willst du ihn nehmen, Irene? fragte er. – Nein, ich fürchte, ich halte ihn nicht richtig und tue ihm weh. Seine Gedanken gingen zu Bienle. Da waren sie einmal auf den Feldern spazieren gegangen, das Bienle pflückte Blumen, bis er es plötzlich leise jauchzen hörte, und als er zu ihr hinkam, kniete sie an der Erde und deutete mit dem Finger vorsichtig auf eine Stelle des Bodens. Da entdeckte er eine kleine runde Vertiefung, und dort schaute das Köpfchen eines winzigen Vogels heraus. Ein Lerchenkind! sagte das Bienle; wo wohl die Mutter ist? Sie blickten lange in die Runde, in die Höhe, und endlich meinte sie: Sie ist ausgeflogen, um Mücken zu besorgen. – Laß das Tierchen drin! sagte Enzio. – Denkst du, ich tue ihm weh?! Sie hatte mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit hineingegriffen in das Nest, jetzt saß ihr das kleine Geschöpfchen in der Hand und sie berührte es mit den Lippen, leise und immer wieder. Dann tat sie es zurück, und wie sich darauf eine Mücke auf ihre Hand setzte, ließ sie sich stechen und wartete, bis das Körperchen schimmernd rot anschwoll. So! sagte sie, jetzt hast du genug und wirst nun selbst verspeist! tötete sie und reichte sie dem kleinen Tier, das auch sofort begierig den Schnabel danach aufsperrte. An diese zärtliche und mütterliche Szene mußte Enzio jetzt denken, wie Irene sagte: Ich fürchte, ich tue ihm weh! Dann nicht! meinte er, und nach einer Weile fügte er hinzu: Ach, wenn doch jetzt eine Mücke da wäre, ich würde mich stechen lassen, bis sie sich ganz voll gesogen hat, und dann das nette Tierchen damit füttern! – Seit wann bist du denn so opfermütig? fragte Irenes Mutter, das sieht dir ja gar nicht ähnlich! – Laß ihn frei! sagte Irene dazwischen, ich habe wirklich Angst, daß du ihm weh tust! – Was?? fragte Enzio entrüstet, ich? Glaubst du, ich hätte noch nie einen Vogel in Händen gehalten? Ich halte sehr oft kleine Vögel in den Händen! – Am besten wäre es, sagte Irenes Mutter nachdenklich, wir töteten ihn; er bekommt doch keine Lebensfreude wieder. Enzio fühlte sich von diesen Worten abgestoßen; sie klangen ihm kalt und gefühllos. Das Bienle würde ihn mit nach Haus genommen und gepflegt haben. – Wie meinen Sie denn, daß ich es tun soll? fragte er. – Sie dachte nach: Es gibt alle möglichen Mittel, aber jedes ist so schrecklich, daß ich es gar nicht aussprechen mag. – Ich nehme ihn mit nach Hause! erklärte er; wenn ihn hier keiner mag, werde ich ihn selber pflegen. – Enzio, du bietest ja immer neue Überraschungen! Mit wem hast du denn inzwischen verkehrt, daß du auf einmal ein so mädchenhaft weiches Herz hast? Als er das Haus verließ, war er etwas traurig. Sonderbar! dachte er, mir ist genau so, als hätte ich diese Menschen einmal geträumt. Irene ist noch immer schön, ja eigentlich viel schöner als früher. Aber mein Gefühl zu ihr ist so wie eine leere Quinte. Viel sympathischer ist mir ihre Mutter. In die könnte ich mich fast verlieben, wenn Irene etwas von dem Bienle wüßte – ob sie dann wohl noch mit mir verkehren würde? Am selben Nachmittag schrieb er einen langen Brief an Bienle, in dem er ihr am Anfang und am Schluß versicherte, er halte es ohne sie fast nicht aus. In dem Hause des Kapellmeisters ward jetzt viel gearbeitet. Er selbst schrieb am letzten Akt einer neuen Oper, und Enzio begann eine Messe zu schreiben, und zwar fing er mit dem Gloria an. Diese Musik mußte etwas Gewaltiges, Strahlendes, Neues werden, die Form schien ihm schon durch den Text viel bestimmter, die Gefühlswelt, die er auszudrücken hatte, ganz von selbst gegeben. Bei Tisch gab es ein zerstreutes, doppeltes Gesumme, Gebrumme und Gepfeife, jeder dachte an seine eigne Sache und fühlte sich heimlich irritiert durch die Welt des andern. Die Oper des Kapellmeisters wurde wieder ganz genau so wie seine vorhergehenden, und er war sehr stolz darauf. Man sollte nicht denken, sagte er einmal, daß sie zum großen Teil entstanden ist, während ich den Tristan neu einstudieren mußte! Wie unberührt ist mein schaffender Genius davon geblieben! Diese beiden Welten haben nichts gemeinsam, es ist fast wie der Unterschied zwischen Feuer und Wasser! Nach diesem letzten Wort sah er mißtrauisch zu Enzio hinüber, ob der nicht ein heimlich mokantes Gesicht mache. Die Stellung der beiden war nicht sehr erquicklich. Am liebsten gingen sie sich aus dem Weg. Enzio schob dies lediglich auf die verschiedene Art ihres musikalischen Geistes, aber es spielten noch andre Motive mit, von denen er nichts wissen konnte. Denn er war nicht dabei, wenn Fräulein Battoni den Kapellmeister zwischen Traum und Wachen Enzio nannte, »Alterchen« dagegen, wenn sie ganz klar bei Sinnen war. Dies Verhältnis dauerte noch immer fort, und man hätte es ihr fast nicht vorwerfen können, daß sie jene Verwechslung vornahm, ebenso wie es begreiflich erschienen wäre, wenn er selber sie mit dem Namen ihrer Tochter gerufen hätte, falls eine solche vorhanden gewesen wäre. Sie hatte aber nur Söhne, die verstreut im Land nun schon allmählich hinter Ladentischen zu stehn begannen. Die Tristanaufführung fand wirklich statt. Caecilie, Richard und Enzio saßen in der Loge. Fräulein Battoni war die Rolle etwas zu schwer. Sie wartete immer peinlich auf das Zeichen für ihre Einsätze und zählte zuweilen leise mit dem Finger. Caecilie kannte diese Musik nun ziemlich gut, von dem Spiel ihres Mannes am Flügel her. Damals hatte sie ihr keinen besondern Eindruck gemacht, da sie nicht wußte, wie sie mit dem Text zusammenhing. Aber die Vorgänge auf der Bühne ergriffen sie aufs tiefste, so sehr, daß sie vollkommen vergaß, wen sie da vor sich sah. Die Gestalten wurden vor ihrem innern Auge verklärt, eine eigne, ungelebte Welt entrollte sich vor ihrer Seele. Diese Musik, sagte sie zu Richard, empfinde ich nicht als Musik, es ist, als wenn das Blut in Tönen redete! Ihre Augen hatten einen tiefen, schönen Glanz, wie sie das sagte, von Akt zu Akt ward sie mehr ergriffen, und als sie endlich das Theater verließen, sagte sie: Ich will nach Hause, ich weiß, ihr andern wollt noch in irgendein Restaurant, laßt euch nicht stören, ich kann allein gehn, ich bin sogar am liebsten ganz allein. – Darf ich Sie nicht heimbegleiten? fragte Richard. Sie sah ihn gar nicht an und sagte noch einmal im allgemeinen: Ich freue mich, wenn ihr noch irgendwo zusammensitzt. Der Kapellmeister war mit der Aufführung sehr zufrieden. Vergleiche – sagte er gemütlich zu Enzio – darfst du natürlich nicht anstellen mit andern, größern Städten, die größere Mittel haben als wir. Du wirst wohl, da du die Partitur dabei hattest, bemerkt haben, daß ich alle Augenblicke einziehn mußte. – Ja, lachte Enzio, dein Orchester kam mir manchmal vor wie ein kleiner Haushalt, wo einer oft gleich für zwei arbeiten muß, wo man sich so gut aushilft, wie man eben kann. Ihr habt ja nicht einmal eine Baßklarinette! Da nimmst du einfach Horn oder Fagott. – Was soll ich machen? klagte der Kapellmeister, es war noch die beste Lösung. Je nach dem Charakter der Musik mußte ich die Partie dem einen oder dem andern geben, manchmal sogar den Celli. Überhaupt das Elend mit den Holzbläsern! Wir haben doch nun leider nur zweifaches Holz, und Tristan hat dreifaches. Was hatte ich für Mühe, um das einzuziehn! Zum Beispiel die drei Flöten. Da mußte ich manchmal die dritte Flötenstimme der Oboe oder der Klarinette geben, und deren Stimme – blies dann die Trompete! fiel Enzio lustig ein. – Mein Sohn, übertreibe nicht! Ich bin stolz, daß ich alles so gut zustande gebracht habe. Aber unser Elend wird nie aufhören: Nächstes Jahr wird unser Orchester vergrößert, wir könnten dann alles, auch die Nibelungen, beinah so geben, wie sie geschrieben sind, aber dann hapert's wieder mit der Bewilligung für den Ankauf der teuren Originalpartituren und ich muß mich mit diesem überarbeiteten Zeug weiter herumschleppen, obgleich es anders sein könnte. Aber vielleicht erlebe ich es doch noch einmal, daß nicht ewig einer so kläglich für den andern einspringen muß! – Wenn da doch auch einmal eine zweite Isolde eingesprungen wäre! seufzte Richard jetzt, der bis dahin schweigsam zugehört hatte – ich konnte dieses Frauenzimmer, die Battoni, kaum noch ansehn. – Um Gottes willen, dachte Enzio, was fällt denn Richard ein! – Finden Sie nicht auch? wandte sich Richard unbefangen an den Kapellmeister: Diese Roll-Augen, diese Korsettknackerei, und dann hat sie doch Hüften wie ein Pferd! Er bekam von Enzio einen Stoß, daß er zusammenfuhr. Ich wußte gar nicht, sagte Enzio an einem der nächsten Tage zu ihm, daß du gänzlich ahnungslos seiest über diese Geschichte! – Vollkommen unwissend war Richard gewesen. Er hatte im Lauf der Zeit sehr wohl bemerkt, daß zwischen dem Kapellmeister und Caecilie nicht das beste Einvernehmen war, aber von den wirklichen Tatsachen war nie das Geringste an sein Ohr gedrungen, und er war viel zu diskret, um nachzufragen über Dinge, die in den intimsten Bereich einer ihm befreundeten Frau gehörten. Jetzt verwunderte er sich darüber, wie unbefangen der Name Fräulein Battonis zuweilen von Caecilies Lippen gefallen war. Enzio erzählte nun, wo es so weit zurücklag, auch sein eignes Erlebnis mit ihr. Und denke dir – so schloß er – gestern begegnete sie mir auf der Promenade, und als wenn nicht das Geringste vorgefallen wäre, bleibt sie stehn und sagt: Enzio! Enzio! Ich sah sie groß an, grüßte nicht, und hörte noch, wie sie vorwurfsvoll und freundlich rief: Du bist kein Kavalier mehr, Enzio! Da habe ich ihr dann meine Meinung ordentlich gesagt! Aber sie ist doch zu naiv: Denke dir, sie wollte eine Locke von mir haben! Ich sollte sie ihr bringen. Das habe ich selbstverständlich nicht getan. Ich habe sie ihr ohne ein Wort geschickt. – Was? Das hast du getan? – Ja, natürlich, wenn sie gern eine haben wollte! – Enzio, sagte Richard, das finde ich haltungslos von dir. – Wenn sie gern eine haben wollte? – Und eitel. – Enzio schwieg. – Und wenig zartfühlend gegen deine Mutter. – Enzio überlief es langsam heiß; er sah erschrocken auf Richard. Herr Gott, sagte er, ja, ja, du hast vollkommen recht! Enzio fühlte sich auf die Dauer nicht wohl in seiner Vaterstadt. Er ging mit dem Gedanken um, sie möglichst bald wieder zu verlassen. Alles ist hier gräßlich! dachte er, überall trifft man dieselben Menschen, ganz genau wie früher, überall diese kleinen, engen Verhältnisse, und dann: Ich bin es nicht mehr gewöhnt, allein zu leben! – Es begann sich in ihm wieder zu regen, was Fräulein Battoni einmal die Stimme seines Bluts genannt hatte. Ich will meiner Freundin treu bleiben, sagte er zu Richard, aber ich weiß doch nicht, wie ich diese Trennung überstehn soll. Sag, Richard, wie lebst du denn? Du kommst mir fast so vor, als wenn du nur geistig wärest. – Richard lächelte. Im Grund beneidete er Enzio um die größere Einfachheit seiner Naturanlage. Die Neigung zum andern Geschlecht war ihm durchaus nicht fremd, aber sie richtete sich durchweg auf Mädchen einer primitiveren Stufe, mit vollen Wangen, festen Gliedern und kernigen Augen, die von dem Geistigen der Welt nichts zu wissen schienen. Und wiederum solchen Mädchen sich zu nähern, davon hielten ihn zuviel Hemmungen zurück. Man mußte doch mit ihnen reden! Eine Kette von Schwierigkeiten ergab sich da, wenn er sich ausmalte, wie es wäre, wenn er zu einem solchen Mädchen in Beziehung trat, das nichts von seinen geistigen Interessen wußte, und auf deren eignen Ton einzugehen ihm von vornherein unmöglich dünkte. So kam er allmählich dahin, das menschliche Triebleben für etwas Lästiges zu halten, soweit es ihn selbst betraf, und es möglichst zu ersticken. Es war unausbleiblich, daß diese Dinge doch einmal zur Sprache kamen, denn Enzio hatte eine Art, immer wieder zu bohren und im naiven Pochen auf seine Freundschaft stets neue Fragen zu stellen, daß ihm schließlich nicht mehr auszuweichen war. Da müssen wir etwas finden! sagte er sogleich eifrig und von dem Wunsch beseelt, daß es seinem Freund möglichst gut gehn möge, wie muß sie denn aussehn? – Ach, laß doch! antwortete Richard unwirsch und bereute, soviel gesagt zu haben. – Nein! rief Enzio, dies ist eine Sache von allerhöchster Wichtigkeit. Du bist nur faul, das kann ich nicht dulden. – So etwas muß sich ganz von selbst ergeben! – Von selbst ergibt sich nichts. Du hast nur keinen Mut. Ich werde dir helfen. Richard ließ sich bereden, mit ihm Tanzbelustigungen, Volksfeste vor der Stadt zu besuchen. Er war erstaunt, wie gut Enzio den Ton dieser Menschen zu treffen wußte, während er selbst immer mit halb verlegenem Gesicht dabei saß und kaum den Mund auftat. Die Folge war, daß Enzio sehr bald eine nähere Freundschaft knüpfte. Eines Tages war sie da; er wußte nicht, wie das so schnell gekommen war. Nun erlosch der Eifer für seinen Freund, und Richard wäre in den alten Zustand zurückgesunken, hätten seine Wünsche nicht selbst inzwischen eine festere Richtung genommen, auf ein Mädchen, das er nicht draußen auf jenen Festen sah, sondern drinnen in der Stadt. Enzios Beispiel, so sehr er es bewußt ablehnte, wirkte in ihm nach, und er schämte sich etwas wegen seiner Schwerfälligkeit. Als er sie zum ersten Male sah, stand er auf einer kleinen Brücke, die sich über einen Seitenkanal des Flusses spannte. Unten am Spiegel des Wassers kniete sie und wusch Wäsche. Sie hatte die Ärmel fast bis zu den Schultern hochgeschürzt, und ihre kräftigen Arme erschienen gegen das flüssige Blau noch brauner als sie waren. Auf ihrem glatten Nacken lag ein seidig-weißes Glanzlicht der Sonne, das bei den Bewegungen ihrer Arbeit hin und her huschte. Der Bug ihres Nackens war kräftig und schön geschwungen, die ganze Gestalt erinnerte ihn an einen Typus des Signorelli. Wenn sie von der Arbeit erschöpft innehielt, sah sie jedesmal zur Brücke auf, da sie bemerkt hatte, daß dort jemand stand, der sie beobachtete. Richard gab dann, ohne es zu wissen, seinem Blicke etwas Kritisch-hochmütiges, aus reiner Angst, ihr schon zu nah getreten zu sein. Dieses Mädchen hieß mit Vornamen Caroline, wie er in Erfahrung brachte, und man kürzte sie Lina ab. Da die Generation ihres Vaters von jeher den Namen Wanst getragen hatte, hieß sie also: Lina Wanst. – hätte er dies von vornherein gewußt, so wären seine Wünsche ohne weiteres sistiert worden. Denn schon ihr Vorname war ihm nicht recht. Er hatte zwar in seinen Neigungen den Zug zum Volke, aber seine Namengebung war ihm peinlich, wie der Schritt vom Volksmäßigen in das vulgäre. Er sah sie auf der Straße wieder. Etwas wie mißtrauisches Erschrecken ging über ihr Gesicht. Das nächste Mal sprach er sie an. Es war am Abend. Und zwar sagte er: Was treiben Sie denn noch? kurz, und fast inquisitorisch. Sie zuckte zusammen und antwortete: O Gott, was haben Sie denn immer? Ich habe Ihnen doch nichts getan! Da müssen Sie sich schon eine andere suchen, wenn Sie durchaus jemand aufschreiben wollen! – Sie hielt ihn für einen Schutzmann in Zivil. – Wäsche waschen darf ich auch da unten! das weiß ich ganz genau. – Sie wollte schnell vorbei. – Jetzt oder nie – dachte Richard, setzte ihr mit raschen Schritten nach, beteuerte, daß er kein Schutzmann sei und rief: Laufen Sie doch nicht so! worauf sie halb fragend stehn blieb. Er sagte blindlings: was mich gewundert hat – wie Sie da draußen in der Zugluft knien und waschen können. Erkältet man sich da nicht? Sie sah ihn an, als wenn er einen Witz gemacht hätte, da aber sein Gesicht beinah besorgt und sehr interessiert aussah, lachte sie, schüttelte den Kopf und dachte: Das ist ja ein komisches Mannsbild. – Und dann die Arme! fuhr er fort; die Haut muß Ihnen doch aufspringen; wissen Sie, dagegen muß man etwas tun; es gibt Salben ... Die nützen doch alle nichts, unterbrach sie ihn, ich habe mich schon oft mit Fett eingerieben. – Fett?! Lanolin müssen Sie nehmen, das ist das einzige, was hilft, ich kann Ihnen eine ganze große Büchse gratis verschaffen. – Wie heißt das? – Lanolin heißt das! Darf ich Ihnen morgen eine Büchse voll mitbringen? – Wenn ich sie umsonst bekomme, natürlich! Sehn Sie mal, was da für eine geht! Richard sah ihrem Blicke nach, dann dachte er: So ganz naiv ist sie nicht mehr; aber das schadet nichts. Sie verabredeten sich nun für den nächsten Abend. Geben Sie mir doch wenigstens die Hand! sagte er. Sie wischte sie an der Schürze ab und reichte sie ihm; eine feste, starke Hand, viel stärker als seine eigene. Das ging ja bis jetzt herrlich! dachte er. Am nächsten Abend fragte er sie beiläufig, ob sie nicht an einem freien Nachmittag einmal mit ihm spazieren gehn wolle. Doch, das wollte sie. Er war überrascht, daß sie keine Schwierigkeiten machte. Sie sagte, sie habe nächsten Sonntag frei, da wolle sie ins Theater. – Mit Ihrem Schatz? – Sie antwortete, sie habe keinen Schatz. Richard unterdrückte eine freudige Überraschung und meinte, so als wenn er sie tadele und dieser Frage im übrigen ganz fern stehe: Das ist aber nicht recht von Ihnen! Dann gehn wir beide also zusammen? – Sie redete von einer Volksbühne, und das war ihm sehr willkommen; denn im Hoftheater hätte er sich nie mit ihr zu zeigen gewagt. Zwei Stunden vor Anfang der Vorstellung sollte er sie abholen. Er hielt ihre Hand in der seinen, sie lachte und zeigte ihre schönen, großen Zähne unter den regelmäßigen, breiten Lippen: Adieu, ich habe keine Zeit mehr. An jenem Abend gab man eine Operette, die sich in kurzem die ganze Welt erobert hatte. Richard kannte sie nicht, aber ihre Melodien pfiff und sang man auf allen Straßen; er verfolgte sie mit seinem Haß und pflegte die Popularität dieses Werkes als ein Symptom allgemeiner musikalischer Verrohung und seichtester Verflachung hinzustellen. Jetzt seufzte er schwer und kaufte die Billetts. Zur bestimmten Zeit wartete er vor Linas Haus. Endlich erschien sie, in einem Kleid mit hohem Halskragen, und sah ihn unter einem stolz aufgeputzten Hute freundlich an, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte, die bis zu den ersten Fingergelenken mit gelben Filethandschuhen bedeckt war. Sie fühlte sich wunderbar dick an. wäre es noch Zeit gewesen, so hätte Richard sich schleunigst umgedreht um davonzulaufen. – Ja, sagte er jetzt. Soweit wären wir nun. Es bleibt nur zu überlegen ... er verstummte. Wenn er wenigstens mit ihr schon in irgendeiner hintersten Ecke eines Cafés säße, wo ihn niemand beachtete! Halb unschlüssig sah er sie wieder an. Ihr Körper steckte in einem ungefügen Korsett, das Kleid ging bis zur Erde, von der ganzen schönen Gestalt war nichts mehr übrig. – Worauf warten wir denn noch? – Gehn wir vielleicht gleich dort durch die kleine Gasse? – Das wollte sie nicht: Am Sonntag geht man in schönen, breiten Straßen. – Gut, gut, sagte Richard eifrig. Dann setzten sie sich in Bewegung. Er knöpfte seinen Mantel von oben bis unten zu, reckte seinen Körper empor wie eine Gerte, steckte die Hände in die Taschen und warf den Kopf etwas zurück. Seine Augen spähten immer nach vorn und seine schmalen Lippen spannten sich, wie wenn er in ihren Winkeln kleine Kugeln festzuhalten habe. Sein Gesicht sah schlimm aus, fast wie die Karrikatur eines geistreichen, überreizten Menschen. – So, sagte sie, als sie am Markt ankamen; jetzt möchte ich in das Restaurant da drüben! Das war eins der allerersten, dort verkehrten Professoren, Künstler, die sich sehr verwundert hätten, Richard in solcher Begleitung zu sehn. Unmöglich, sagte er. wir gehn noch weiter. – Ich habe aber Hunger! – Sie war schon stehn geblieben, jetzt ließ sie sich zum ersten Schritt wieder auf ihren rechten Fuß nieder, nachdem sie zuvor parallel auf beiden Beinen ausgeruht hatte. Dann kamen sie zu einem entfernteren Restaurant. Richard wußte nicht, ob er oder sie voranzugehen habe, und ließ sie vor sich eintreten. Zögernd hob sie einen Fuß, wie ein Huhn, das einen fremden Garten betritt. Bald darauf begann sie zu essen, daß Richard Herzklopfen bekam. Die Schmier' ist ausgezeichnet! – Wie? – Sie wiederholte ihre Worte und deutete auf ihre Mayonnaise. – Ziehn Sie doch wenigstens diese Dinger aus! Er meinte damit die Filethandschuhe. – Wenn sie Ihnen nicht gefallen, zieh ich sie gleich aus! – Der Mayonnaise folgte ein gehacktes Beefsteak, dann kam eine Omelette. Wie heißen Sie eigentlich mit Ihrem Zunamen? fragte Richard, da er fühlte, daß er sie zu wenig unterhielt. Sie nannte ihn, und abermals fragte er: Wie? nur, daß er sich diesmal noch etwas mehr vorneigte. Dann sank er zurück und starrte an die Decke. Lina schien seine Schweigsamkeit nicht sehr zu bemerken, sie hatte sich satt gegessen, und wenn sich ihre Blicke trafen, lächelte sie nur zufrieden. – Was denkt sie wohl von mir? dachte Richard; ich glaube, sie denkt sich überhaupt nichts. – Darin irrte er. Lina dachte sich schon genug. Nur wäre er erstaunt gewesen, wenn sie diese Gedanken offen ausgesprochen hätte. Endlos lange saßen sie in dem verrauchten Lokale; in aller Verzweiflung holte er Witzblätter und Journale, las ihr die Anekdoten vor, und als das beendet war, kam er auf die Idee, Gedichte herzusagen, um sich selber etwas zu entschädigen. Sie begriff den Sinn niemals, wollte aber immer mehr davon hören und sah ihm mit großen, andachtvollen Augen auf die Lippen. – Müssen wir noch nicht fort? fragte sie ab und zu dazwischen. Er sah dann nach der Uhr und schüttelte jedesmal mit dem Kopfe. Solange es irgend anging, wollte er hier sitzen bleiben, wo er wenigstens unbeachtet war. Die Zeit der Theaterwanderung mußte auf ein Minimum beschränkt werden. An diesen Theaterabend dachte er später mit Grauen zurück. Jene Musik, und alles was mit ihr zusammenhing, ärgerte ihn nicht, nein, sie peinigte und quälte ihn bis aufs Blut. Er litt wie unter schlimmsten körperlichen Schmerzen. Und diese verruchten und verfluchten Melodien hängten sich wie mit kleinen Widerhaken in die Seele ein, sie schlichen wie auf Hintertreppen ins Gedächtnis und setzten sich da fest. – In der ersten Pause hatte Lina Hunger, und in der zweiten auch. Dann kam der letzte Akt. Da geriet Richard in seiner stummen, verbissenen Verzweiflung auf ein Gewaltmittel, um entgegenzuarbeiten gegen diesen schmutzig-lauen Fluß, der ihn mit fortnahm. Mitten in das öde, wiegende Dreivierteltaktgetänzel warf er stumm einen andern, gewaltigen Rhythmus, und jetzt begann es wie ein Kampf auf Leben und Tod. Mit aller Kraft der Konzentration, die ihm zu eigen war, hörte er gegen das laute Gefiedel im Orchester dort unten den Sturm eines klassischen Symphoniesatzes. – Schön ist es, gelt! sagte Lina, als sie einmal seine unbewußte Taktbewegung fühlte. Auf dem Nachhauseweg war er nervös zerrüttet, dann bekam er einen Gähnkrampf. Ich glaube, Sie mögen mich nicht mehr, sagte Lina. Er schloß hastig den Mund, den er grade wieder weit aufgerissen hatte, und fragte: woher wissen Sie denn, daß ich Sie gemocht habe? – Nicht? ich dachte mir ... Auf einmal sah er sie wieder mit neuen Augen an. Er hatte grade beschlossen gehabt, daß mit diesem Abend ihre Beziehungen ein Ende nehmen sollten. Er glaubte, er sei ihr vollständig gleichgültig. Ihre letzten Worte aber klangen wie eine Aufmunterung zum Gegenteil. – Sie sind selbst ganz anders als sonst! sagte er; Sie kommen mir fremd vor in dieser Kleidung, die paßt nicht zu Ihnen. – Das nächste Mal kann ich mich ja anders anziehn, meinte sie. – Und die Filethandschuhe müssen unbedingt gänzlich fortfallen! – Auch dazu war sie bereit. Unter der Haustür bat sie ihn, ob er ihr nicht drei Mark leihen wolle: Sie müssen nämlich wissen, ich habe am letzten Mittwoch ... Schon gut, schon gut, beschwichtigte er; das brauche ich nicht zu erfahren, wozu Sie sie nötig haben. Darf ich sie ... Ihnen so ohne weiteres ... in die Hand geben? – Natürlich; wie denn sonst? – Er gab sie ihr. Danke! sagte sie, sah ihn zögernd an und dann fühlte er für einen Moment ihre vollen Lippen auf den seinen. – Lina! wollte er sagen; aber er brachte dieses Wort nicht heraus. – Wann sehn wir uns wieder? fragte sie; nächsten Sonntag? – Könnte es nicht schon während der Woche sein? Vielleicht einmal am Abend? – Sie dachte nach: Ja, das ginge! Sie setzten ihn näher fest, dann trennten sie sich. Richard ging gedankenvoll die Straße hinab, blickte zum Mond auf und schnitt im peinlichen Durcheinander seiner Gefühle eine Grimasse, die stehn bleiben zu wollen schien. Bist du verrückt geworden? Was pfeifst du denn da? fragte Enzio am nächsten Tage. Richard brach ab, mit einer Art von Todesschreck. Aber nach ein paar Tagen pfiff er gedankenlos etwas verwandtes, aus derselben Operette. – Warst du drin, am letzten Sonntag? Enzio sah ihn verwundert an. – Ich? Nein! wie kommst du darauf? – Enzio betrachtete ihn aufmerksam: Du warst da! Ich sehe es dir an! Dann machte er einen plötzlichen Gedankensprung und brach in ein helles Gelächter ans. – Was hast du denn? fragte Richard mißtrauisch. – Das finde ich ja herrlich! Armer Richard! Ist sie blond? – Ich war überhaupt mit keinem Mädchen da. – Also bist du dagewesen! Du willst mir doch nicht einreden, daß du zu deinem Vergnügen hingegangen bist! – Richard zuckte die Achseln. Enzio blieb mit seinen Vermutungen im Dunkel. Aber eines Tages, nach Wochen, sagte er: Höre mal, ich glaube, du hast Unglück in der Liebe! Du bist entsetzlich nervös, diese ganze Zeit, irgend etwas ist in dich gefahren, was früher nicht da war. Du kannst das ableugnen soviel du willst, ich weiß es doch. – Richard unterdrückte einen Seufzer, aber er schwieg. In der Tat hatte er es hart. Dieses Mädchen war ihm ein Rätsel. Sie hatten sich nun inzwischen so oft gesehn, daß es sich längst hätte herausstellen müssen, ob sie etwas anderes außer Wohlwollen für ihn empfand. Aber davon hatte Richard keine Ahnung. Manchmal schien es ihm, als sei er ihr durchaus gleichgültig, mehrmals hatte er ihr schon gesagt, er käme nun nicht wieder, aber dann hatte sie ihn stets mit einem Blicke angesehn, der seinen Vorsatz sofort wieder umstieß. Nach jenem schlimmen Sonntag sah er sie nur noch in ihrem kleidsamen, einfachen Kostüm der Woche, die Erinnerung an jene fatale Verwandlung war in ihm geblaßt, er fand sie anziehender als je; hätte sie einen andern Namen gehabt, so war sie nach seinem Empfinden in sich selbst vollendet, wenn er allein war, so nahm er sich oft vor, mehr Mut zu haben ihr gegenüber, sah er sie dann, so stellten sich alle alten Hemmungen ein und er brachte kein Wort davon über die Lippen. – Es geht so nicht weiter, sprach er zu sich selber, ich quäle mich entsetzlich, und dann ... Was dann noch folgte, dachte er nur, denn seine Diskretion ging so weit, daß er sogar vor sich selbst etwas laut auszusprechen vermied, was sie zu verletzen schien. Und dieser Punkt betraf das Geld. Lina hatte eine leichte und selbstverständliche Art, ihn jedesmal, wenn sie sich trennten, um irgendeine Summe zu bitten. Nicht schenken sollte er sie, sondern »leihen«. Sowie sie ihren Lohn ausgezahlt erhalten oder auch von zu Hause Geld geschickt bekommen würde, wollte sie ihm alles zurückgeben. Über dieses stets sich wiederholende Versprechen ging er immer sehr schnell hin. Sie tat ihm leid, wegen ihrer knappen Mittel, und wenn ihm diese fortwährenden kleineren und größeren Opfer auch empfindlich waren, da er selber in so sehr beschränkten Verhältnissen lebte, so hätte er doch niemals einen Pfennig von ihr zurückgenommen. Er antwortete ihr nur, das werde sich alles finden, da er glaubte, es könne ihr unangenehm sein, wenn er es gradezu ausspräche, daß er nie eine Rückzahlung erwarte. Aber jetzt dachte er doch: Hier muß einmal ein Ende gemacht werden, ich kann das nicht auf die Dauer durchführen. Schließlich stehe ich wie ein ganz dummer und alberner Mensch da. Ob sie mich wohl schon längst so ansieht? – Und dann machte es ihm Sorge, daß sie das letztemal angedeutet hatte, sie habe eine große Bitte an ihn, aber getraue sich nicht sie auszusprechen. Was um alles in der Welt konnte sie meinen? Sollte er ihr beim Suchen einer neuen Stelle behilflich sein? Gab es häusliche Differenzen mit ihren Eltern, bei denen er den Vermittler spielen sollte? Er beschloß, sie ein letztes Mal zu sehn und dann nicht wiederzukommen. Sie erriet das sehr leicht in seinem Wesen. – Weshalb denn nur? fragte sie; wir mögen uns doch sehr gerne! – Ich weiß, daß ich Ihnen ganz gleichgültig bin. – Sie mögen mich ja auch nicht. – Dieses »ja auch nicht« griff ihm sehr kühl ans Herz. Trotzdem sagte er: Sie müssen es längst bemerkt haben, daß ich Sie sehr gerne mag. – So! rief sie lebhaft, Haben Sie ein einziges Mal du zu mir gesagt? Immer Sie! und so nennt man keinen Menschen, den man wirklich gern hat. – Sie haben doch auch nicht du zu mir gesagt! antwortete er, schon ein Stück wärmer, hoffnungsvoller. – Ich? das paßt sich nicht, daß ich das zuerst tue! – Ja, möchten Sie es denn gern, wenn wir uns du nennen? – Frag doch nicht so dumm. – Diese Einleitung einer größeren Intimität verdutzte ihn zunächst, aber er half sich mit dem Gedanken darüber hinweg, daß einfache Mädchen auch eine gröbere Sprache führen. Nun fand er auch leichter die Worte über das zu sprechen, wozu ihm bisher der Mut fehlte. Sie schien nicht überrascht zu sein, faßte seine Hand und sagte: Herzl, das weiß ich ja schon längst, daß es so kommen muß. Gedulde dich nur noch, ganz kurze Zeit. Komm diesen Mittwoch, da bin ich allein. Hast du dich verlobt? sagte Enzio; du bist so sonderbar gehoben! Richard lächelte: in ein paar Tagen werde ich dir alles erzählen. Diese Tage vergingen, und was er dann erzählen konnte, war anders, als er dachte. Er kam zu ihr am Mittwoch. Sie sagte, sie habe sich geirrt: Gestern sei der Tag gewesen, wo ihre Leute fort waren; o, sie sei furchtbar böse. – Es war, wie wenn ein Wind, der ein Segelschiff stark vorwärts treibt, mit einem Male aufhört, so daß ein Stillstand eintritt und die Leinen um die Masten klatschen. – So, sagte er nur. – Schatz, ich kann wahrhaftig nichts dafür! Du mußt doch einsehen, daß du heut nicht bei mir sein kannst! Sie spannte ihre fünf Finger in die seinen, und in der Berührung schmolz sogleich jene Kälte, die er anfänglich empfand und über deren Grund er sich gar nicht klar war. – Komm am Sonntag, flüsterte sie, da gehn alle über Land! – Nun war er wieder ganz in seiner zerrenden Unruhe. Als sie sich trennten, gab sie seine Hand nicht frei. – Was möchtest du denn noch? – Ich wollte dich doch immer um etwas bitten, sagte sie zögernd. – Ja, meinte er mit unbehaglichem Gefühl, ich tue gerne alles, was ich kann, worum handelt es sich denn? – Da ist so eine Frau, begann sie. – was für eine Frau? – Nein, du wirst böse! – Absolut nicht, was für eine Frau? – Eine Schneiderin, die mich schon dreimal gemahnt hat, und jetzt mit dem Gerichte droht. – Also wieder Geld, dachte Richard. Dann fragte er nach der Höhe der Summe. Sie war größer als alle vorher geforderten. Er mußte vieles entbehren, wenn er ihr das bezahlte. – Es ist das allerallerletzte Mal, daß ich dich um Geld bitte! Nie wieder! das verspreche ich dir hoch und heilig! Kannst du es nicht? – Doch, ich kann es, sagte er hastig; nur kann ich es heute nicht. – Es muß aber heute sein! bat sie dringlich. – Weshalb denn durchaus heute? – Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen halb befangen an: Es muß heute sein, ich weiß bestimmt, morgen früh kommt sie wieder! – Er brachte es noch am selben Abend. – Es ist für den Hut und für die Bluse, in denen ich mit dir damals ins Theater ging, sagte sie. Dann bat sie um seine Adresse. – Weshalb? – Damit ich später genau weiß, wohin ich alles Geld zu schicken habe. – Er wollte sie ihr nicht geben. – Ich muß sie aber wissen! du könntest plötzlich sterben – – Ich sterbe doch nicht plötzlich! rief er lachend. – Schon manche Menschen sind über Nacht gestorben! ich bin abergläubisch und denke: wenn du sie mir nicht gibst, passiert etwas Schreckliches. – Da gab er sie. – Als sie sich trennten, bat sie ganz von selbst: Gib mir noch einen Kuß! Dann küßte er sie so lange, bis sie ihn abwehrte. Sein Geld erhielt er niemals wieder, aber am nächsten Abend traf ein Brief für ihn ein, mit einer Aufschrift, die ihn wieder an ihren sonderbaren und ungeschickten Gang in den zu langen Kleidern erinnerte. Sie erzählte ihm darin, daß am gleichen Tag ein früherer Schatz von ihr plötzlich zurückgekommen sei. Er wohne im selben Hause, und nun müsse es aus sein zwischen ihr und Richard. Es tue ihr so schrecklich leid! Sie danke ihm noch für alles und würde ihm bei nächster Gelegenheit die Auslagen zurückerstatten, die er um ihretwillen gehabt habe, vielleicht könne es sehr lange dauern. Sie bäte ihn auf das dringendste, nie wieder zu kommen, ihr Schatz habe große Kräfte und würde ihn aus dem Hause werfen, und das wolle sie nicht. Richard las diesen Brief mehrmals durch, dann begegneten seine Augen zufällig seinem Spiegelbilde, wendeten sich aber gleich wieder weg. Er schwieg lange, dann murmelte er: das war ein kompletter Reinfall. Ein Gefühl von Scham und von Kälte gegen sich selbst war in ihm, daß er sich durch lange Zeit so gröblich hatte täuschen lassen können. Seine versperrte Empfindung suchte nach einem Ausweg, und sie brach sich Bahn in rücksichtsloser Selbstverspottung. Als dies Geschäft beendet war, fühlte er sich beinah heiter. Und nachdem er noch in alle Winkel dieser Angelegenheit psychologisch hineingeleuchtet hatte, jetzt, nachdem er das Ganze überschaute, kam sie ihm schon so zurückliegend, so abgeschlossen vor, so außerhalb seiner selbst, daß er mit einer Art von Befriedigung Enzio alles mitteilte. Der machte anfangs erstaunte, strahlende Augen, bis der Moment kam, wo er ein erstes Lachen unterdrückte. Als er aber dann den Brief las, war er voll Empörung: So eine raffinierte, durchtriebene, gemeine Person! rief er. Den Kerl, ihren Bräutigam, müssen wir verhauen. Und dann schicken wir ihr den Gerichtsvollzieher. – Richard wollte davon nichts wissen. – Du scheinst nicht einmal Rachegedanken zu haben? – Ich? nein, weshalb? Dies Mädchen hat von Anfang an meine Eitelkeit ausgenützt, das war nicht schön von ihr, aber auch nicht dumm. – Aber irgend etwas muß geschehen, rief Enzio: Ich werde hingehn und ihr den Standpunkt klarmachen. Richard lachte: Du bist wohl neugierig wie sie aussieht? Möchtest ihr dann eventuell nach deiner Predigt den Mund tröstend mit einem Kuß verschließen, wie? – Enzio protestierte dagegen und sagte, der ganze Einfall sei nicht ernst von ihm gemeint: Aber sag mir, wie heißt sie eigentlich mit Zunamen? – Diese Frage hatte Richard schon seit langem gefürchtet. Er sah Enzio mit einem Blicke an, als sei sie eine ganz komplizierte, auf die er im Augenblick keine Antwort geben könnte, dann aber dachte er: Besser, ich sage den Namen gleich, als daß ich mir ihn langsam herausquetschen lasse. So sprach er ihn denn aus, als sei er so selbstverständlich wie jeder andere. Statt einer Antwort fiel Enzio ihm um den Hals und rief: Ach, Richard, du bist doch der rührendste Mensch auf der ganzen Welt! – Der Name ist freilich nicht schön, sagte Richard. – Wenn man keinen schönen hat, muß man sich umtaufen lassen, so wie die Battoni: Armida Battoni! wie stolz klingt das! – hieß die denn nicht immer so? – Weißt du das nicht? die heißt doch eigentlich Emma Schmälzle! Dies alles, sagte Richard am Schluß der Unterhaltung, habe ich dir unter strengster Diskretion erzählt, du mußt mir versprechen, niemandem ein Wort davon zu sagen. Enzio versprach es. Aber diese Geschichte war zu verlockend: Noch am selben Tage erzählte er sie seiner Mutter wieder. – Du lachst ja gar nicht? sagte er am Schluß enttäuscht. – Sie schwieg erst. Ich weiß nicht, sagte sie dann, was dabei Lustiges ist. Ich sehe nur ein verderbtes Geschöpf vor mir, und ich begreife Richard nicht, daß er das nicht auch von Anfang an bemerkt hat. Freilich, wenn man verliebt ist, sieht man manches nicht. – Du machst ja so sonderbare Augen? – Ich? sie lachte: hoffentlich sind seine künftigen Erfahrungen besser. Dies hätte mir Enzio lieber nicht erzählen sollen, dachte sie später, als sie allein war. Und dann bemühte sie sich doch wieder alles zu verstehn. Richard war und blieb ein so lauterer, reiner Mensch, daß diese Züge, die ihr nicht zu seinem Bilde passen wollten, doch irgendwie sich einordnen und eine andere Beleuchtung bekommen mußten, als sie, für sich genommen, zu haben schienen. Sie hatte den Willen dies zu glauben, und sie zwang ihr Gefühl dazu. Enzio hatte von seiner Messe das »Gloria« beendet; er spielte und sang es Richard vor. Der war erstaunt über den großen Wurf dieser Leistung, den er ihm nicht zugetraut hatte. Schwelgerisch prächtig und dekorativ war diese Musik. – Endlich einmal ein anerkennendes Wort! rief Enzio glücklich: weißt du, Richard, wenn du dich auch hiergegen wieder ablehnend verhalten hättest, so würde ich künftig nichts mehr auf dein Urteil gegeben haben. – Du mußt irgendwoher einen innern Stoß bekommen haben! Das war wohl lange in dir aufgespeichert, ohne daß du selbst davon wußtest. Wenn du so fortfährst, dann werden wir noch einmal etwas Großes an dir erleben! Enzio machten diese Worte viel glücklicher, als er zeigte, er begab sich mit frischen Kräften an die Fortsetzung seines Werks, wie eine große Welle war die Inspiration über ihn gekommen. Er arbeitete den ganzen Tag durch, und spät am Abend, wenn er, um frische Luft zu schöpfen, draußen unter dem Sternenhimmel ging, holte er tief Atem, sah hinauf zu den blinkenden Lichtern und dachte: Bin ich nicht der glücklichste Mensch auf der Welt? Gibt es etwas Herrlicheres, Beseligenderes als die Musik, die man aus sich herausschafft? So wird es nun mein ganzes Leben weiter gehn! Wie sein Werk endlich nach Monaten vollendet war, hatte er das Gefühl, als sei er in einer Einsamkeit gewesen und komme zum ersten Male wieder unter Menschen. Richard hatte Enzio nun so oft entmutigt, daß er jetzt, wo er anerkennen konnte, seinem Urteil unwillkürlich größere Worte gab. Er sagte zu Caecilie, ihm mache das Werk einen ähnlichen Eindruck wie Wand- und Deckenmalereien der Barockkunst, zu der Enzio eine innere Verwandtschaft zu haben scheine: Ein großer Zug pomphaften Lebens, eine voll sich gehen lassende Freude an der dramatisch bewegten Linie, lebensgenüßliche Sinnlichkeit bei allem äußerlich dargestellten Schmerz. Dies war nicht seine eigene Welt, aber er erkannte an, daß sie auch ihre Berechtigung habe, sowie sie sich in wirklichem Stil zusammenfasse. Caecilie war stolz auf dieses Werk, nur der Kapellmeister brummte, Enzio möge zwar so fortfahren, sich aber im übrigen vor Überhebung hüten: Die Bäume wüchsen zu leicht in den Himmel. Bei diesen letzten Worten dachte er sich gar nichts. Gleich nach jenem Werke komponierte Enzio einen Walzer, in einem Vormittag, aus einem Guß. Er war hinreißend, im Schwung, bravourös, voll von rhythmischen Kunststücken, und er nannte ihn » valse impromtu «. Hat das Bienle nicht geschrieben? Dies war Enzios gewöhnliche Frage an Caecilie, in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr, morgens wenn er zum Kaffee erschien; und er hatte oft gesagt: Wie sehne ich mich zu ihr zurück, ich bin ja gerne hier, aber ich werde doch froh sein, wenn ich sie erst wieder habe! Dann waren seine Fragen seltener geworden, und jetzt, wenn er morgens einen Brief auf seinem Teller fand, schien er ihn achtlos zu lesen. Einmal ließ er sogar einen auf dem Tischtuch liegen, so daß Caecilie ihm sagen mußte, er möge weniger zerstreut sein. War seine Leidenschaft schon verrauscht und verraucht durch diese kleine Zeit der Trennung? – Hast du sie nicht mehr lieb? fragte sie einmal. – Er sah sie groß an: Wieso? – Es scheint mir beinah, als ob es so wäre. – Er widersprach lebhaft: Ich kann mich doch nicht einschließen und immer nur an sie denken, das wäre lächerlich von mir! – Mir kommt es vor, als dächtest du überhaupt nicht mehr an sie. – Enzio wurde eifrig: O doch, aber was habe ich davon? Ich würde mich nur vor Sehnsucht krank machen, und dann: ich schreibe ihr doch jedesmal, wenn ich einen Brief von ihr bekomme! In ihren Briefen steht allerdings fast nichts; wenn sie solche Sachen erzählt , ist es entzückend, aber in den Briefen sehe ich sie doch nicht! Und außerdem: Wir haben uns das feste Versprechen gegeben, uns nicht aneinander zu binden, das weißt du doch. – So ist es wohl nicht unmöglich, daß sie inzwischen einen andern Freund gefunden hat? – Ganz unmöglich! sagte Enzio mit Überzeugung, und fuhr fort: das wollte ich ihr nicht geraten haben! – Caecilie schüttelte den Kopf, dann sagte sie: Du bist ein Tyrann, Enzio. – Er schwieg halb schuldbewußt, und wenn er in sein Inneres sah, so kam es ihm selbst so vor, als sei da nicht alles in Ordnung. Zu Irene hatte er nie das leiseste Wort gesagt, daß er eine Freundin habe, die ihm so eng verbunden war. Ja, ihr gegenüber tat er, als habe er stets nur an sie gedacht. Es riß ihn so mit fort, er konnte nicht anders. Er fühlte, daß er in ihrem Herzen den ersten Platz einnahm, und er hätte sein eigenes Selbst entzweireißen müssen, wenn er ihr nicht ebenso geantwortet hätte. Die Wirklichkeit war stark, so stark, daß es ihm allmählich umgekehrt zu gehn schien wie zu Anfang, als er Irene wiedersah: Damals erschien ihm sein ganzes früheres Zusammenleben mit ihr wie ein Traum, und nun war ihm, als sei dieses von Anfang an die Wirklichkeit gewesen, und als liege der Traum da, wo er die Wirklichkeit zu fühlen glaubte. Er tröstete sich mit dem Gedanken: Sowie ich wieder fort bin, sowie ich das Bienle wiedersehe, wird alles so sein, wie es gewesen ist. Und ihr selber wird es sein, als läge gar keine Zeit dazwischen, denn sie denkt doch nur an mich und glaubt, daß auch ich nur an sie denke, und darin ist sie glücklich. Es wäre eine Dummheit, wollte ich sie mit Dingen beunruhigen, die im Grunde nichts an den Beziehungen zwischen uns ändern. Wenn er mit Irene zusammen war, so malte er sich öfter heimlich aus, wie es wohl wäre, wenn er zu ihr ebenso stände wie zu dem Bienle. Dann stieg eine ganz unwillkürliche Bewegung in seinen Arm, wie wenn er sie umschlingen, die Hand auf ihr Haar legen, sie an seine Brust ziehn wolle. Mehrmals kam es vor, daß er sie aus Versehen nicht mit Irene, sondern mit Bienle anredete, so daß sie fragte: wer ist denn das? und ihm mit kühler Neugier auf die Lippen sah, wie er antwortete: Ein kleines Mädchen, die Tochter meiner Wirtin, bei der ich gewohnt habe. Zuweilen plagten ihn auch Gewissensbisse gegen Bienle, in solcher Stimmung schrieb er ihr die zärtlichsten, leidenschaftlichsten Briefe. Traf dann ihre Antwort ein, so war sie schon vergangen, und er mußte sich erst besinnen, was er ihr alles geschrieben habe. Das Ende seiner Ferien war längst vorüber. – Ich will jetzt nicht zurückgehn! hatte er gesagt, ich bin so im Schaffen, daß ich es für Sünde halten würde, mich zu unterbrechen. Was ich in meinem Zimmer angefangen habe, muß auch dort vollendet werden; ich will noch ein paar Wochen hierbleiben. Jetzt hatte er ein »Magnificat« begonnen. Es schien ihm ebenso gut, ebenso frisch zu werden wie seine Messe. Er spielte Teile daraus Richard vor, dem er versichert hatte, mit dieser Komposition werde er noch zufriedener sein als mit der andern. – Die steckt dir noch zuviel in den Gliedern, sagte Richard später, ich finde hierin nicht viel neues. Beinah alles sind Reminiszenzen. – Enzio glaubte das erst nicht, sah es aber dann selber ein und begann die neu komponierten Teile umzuschreiben. Caecilie ahnte wohl, daß ihn außer diesem Werk noch andere Gründe zurückhielten, aber sie dachte: Nun ist es gleich, ob er noch ein wenig länger hierbleibt oder nicht, wenigstens brauche ich mich dann nicht jetzt schon von ihm zu trennen. Der Frost setzte dieses Jahr früher ein als gewöhnlich. Enzio holte Irene öfters am Nachmittag zum Schlittschuhlaufen ab. Sie gingen auf die Eisfläche draußen auf der überschwemmten Wiese. Ihm tat die freie Bewegung nach seinen angestrengten Vormittagen wohl; und Irene sagte: Frost ist das Schönste was es gibt: Alles ist so klar und durchsichtig, und jeder Ast und jeder Zweig so, daß man ihn zeichnen möchte. – Sie hatte diesen Eissport schon seit ihrer frühen Kindheit getrieben; der Fluß war dicht am Hause, aber auf dem durfte man jetzt nicht laufen, da seine gefrorene Decke viel zu dünn war. Hier auf dem Eise war Irene viel freier zu Enzio als zu Haus. Wenn sie zusammen liefen, legte sie ihren Arm fest um seine Hüfte, und er, erfreut, tat das gleiche, nur noch ein wenig nachdrücklicher. Wenn das doch das ganze Leben so fortgehn könnte! sagte sie einmal, als sie im Schwung dahinsausten, es gibt nichts Herrlicheres, es ist fast wie ein Fliegen. Was starren mich nur die Menschen immer so an? Bin ich sehr auffallend angezogen? – Sie starren nur so, sagte Enzio. – Wie, »nur so«? – Gott, weil du so schön bist! – Ich mag hier nicht mehr laufen, sagte sie ein andermal, hier sind so komische Mädchen, die sehn dich immer so sonderbar an. – Enzio wurde verlegen: Hast du das bemerkt? – Wie soll ich das nicht bemerken, wenn sie es ganz offen tun! Ich habe mir sogar schon gedacht, du kennst eine von ihnen. – Eine? dachte Enzio. Da waren all die Mädchen, die er mit Richard auf seinen Vergnügungsfahrten oder auch allein kennen lernte, sie erkannten ihn wieder und warfen verliebte Blicke. Er hatte schon selber Irene vorschlagen wollen, hier nicht mehr zu laufen, ohne einen Grund zu finden, der stichhaltig gewesen wäre. So war er jetzt halb froh und halb beschämt, wie Irene ihren Wunsch aussprach. – Die Männer sehen dich an und die Mädchen mich! meinte er scherzhaft, aber wenn du das nicht magst, dann gehn wir eben! Da ist wieder so ein Wesen! sagte Irene, als sie auf der Bank saßen und sich die Schlittschuhe abschnallten; – die starrt nun schon die ganze Zeit nach dir. – Die kenne ich aber wirklich nicht! sagte Enzio erleichtert und voller Überzeugung, indem er zu ihr hinblickte. Da fing aber das Wesen an zu nicken und zu lächeln, wobei es seine Nase etwas krauszog. – Herr Gott, das ist Pimpernell! Warte, Irene, ich bin gleich wieder da. Sie war es wirklich. – Sie kennen mich wohl gar nicht mehr? fragte sie, indem sie mit etwas gemachter Damenhaftigkeit die Hand nahm, die er ihr entgegenstreckte. – Nein, ich habe dich nicht wiedererkannt! – Sie haben sich auch verändert! – Pimpernell, nenne mich doch nicht sie! was machst du denn immer? ach so, ich weiß es ja, du machst Puppen! – Ja, ich arbeite in einem Atelier für Gliedergestalten, oder Puppen, wenn du willst. Jeder muß das Talent, das er besitzt, in sich ausbilden. Mir hat die Natur schon früh den Weg gewiesen. Erinnerst du dich noch unserer Spiele? Sie waren kindisch, aber es steckte doch schon ein tieferer Sinn darin. Ich arbeite ganz für die Kinderseele. – Sag schnell, wie du das meinst, denn ich muß fort, meine Freundin wartet. – Pimpernell schüttelte den Kopf, indem sie flüchtig zu Irene hinübersah. – »Enzio, sagte sie, du bist stehn geblieben; mich hat das Leben weiter gebracht; über die Grenzen früherer Jugendbekanntschaften hinaus. Das alles liegt hinter mir. Ach, das Leben ist groß und herrlich! – was hast du denn alles erlebt? – O – ich weiß nicht; es kommt auch nicht darauf an, was man äußerlich erlebt, das ist ganz Nebensache. Ich habe viel gelesen 1n meinen Mußestunden; ich bin ein ganz freier Mensch geworden. – Leb wohl, sagte Enzio; sehe ich dich wieder? Er hielt ihre Hand gefaßt. Plötzlich fügte er hinzu: Ich habe so oft an dich gedacht. – Wirklich? fragte sie und wurde etwas rot. – Wann kommst du? – Sie verabredeten sich auf den nächsten Tag. Als sie kam, gab er ihr vor allem erst einmal einen Kuß. – Du bist so niedlich! sagte er: Sei doch wieder so kameradschaftlich und nett zu mir wie früher! Wir waren doch immer die besten Freunde! – Pimpernell taute langsam auf, sie wurde zutraulich und begann zu klagen: Alle hätten sie verlassen, zu ihren Eltern stehe sie nicht mehr so wie früher, sie habe keinen wirklichen Freund, nun hätte sie Enzio grade wiedergesehn, und diese Freude wäre auch bald vorbei, sowie er abreise. – Komm doch mit und such dir eine Stellung dort, wo ich studiere! sagte er leichthin, bereute diese Worte jedoch, als sie sogleich auf diesen Gedanken einging, und sprang schnell auf einen andern Gesprächsstoff über. Aber als sie ihm Adieu sagte, konnte er nicht anders als sie wieder küssen. – Er mag mich noch! dachte Pimpernell. Dann sprach sie: Ich komme heute nachmittag wieder aufs Eis! Sie kommt heute wieder zum Schlittschuhlaufen, Irene! Was machen wir denn da? Ich will mit dir zusammen sein! – Ich war heut morgen unten auf dem Fluß! sagte Irene; das Eis ist fest und gut. – Bist du gelaufen? – Allein mochte ich nicht; komm! wir wollen aber ums Atelier« Haus herumgehn, damit uns niemand vom Fenster aus sieht. Meine Mutter würde es vielleicht nicht wollen, daß ich laufe. – Die ist doch nicht ängstlich, im Gegenteil! – Für sich selbst nicht, für mich aber desto mehr. Sie wanderten durch den Garten und schnallten sich unten die Schlittschuhe an. Irene ging als erste bis in die Mitte des Flusses, ohne jede Furcht, genau als sei sie auf dem festen Lande. – Sei vorsichtig! sagte Enzio ängstlich, laß mich vorangehn! – Sie lachte: Hast du etwa auch Angst? – Für mich nicht, du darfst nicht allein vorauslaufen, warte! – Irene hielt an und sah sich um. was sind die Menschen gräßlich, sagte sie, ich habe noch ganz andere Sachen gemacht als dies hier, dies ist ja gar nichts! – Was, fragte Enzio, der sie eingeholt hatte. – Habe ich dir die Geschichte mit der Windmühle einmal erzählt? – Nein. – Da waren wir auf dem Lande, wie ich klein war; oben auf dem Hügel stand eine Mühle. Ihre Flügel sausten nur so durch die Luft! wenn einer hochschwang, rannte ich hindurch, ehe mich der zweite treffen konnte. – Da kannst du aber von Glück sagen, daß er dich nicht gefaßt hat! – Denkst du, das hätte ich nur einmal gemacht? O, so oft, immerzu; und jedesmal schauerte es so herrlich durch meinen Körper! – Lauf nicht so schnell, Irene, das Eis knackt an den Ufern, hörst du es nicht? – Laß es doch knacken! rief sie fröhlich. Der Fluß machte eine Wendung, sie liefen unter einer Brücke durch; oben standen Menschen, die erstaunt herabsahn. – Schnell, schnell, sagte Irene, sonst kommt womöglich noch ein Polizist herunter! Sie flogen unter dem hohlen Bogen durch, von dem Gewölbe zitterte leise der Widerhall des surrenden Geräusches ihrer Stahlschuhe nieder. Als der Fluß abermals eine Wendung machte und die Brücke nicht mehr sichtbar war, liefen sie langsamer. – Mein linker Schlittschuh löst sich! sagte Irene. Sie kamen an jenen Baum, der seine Aste weithin über den Fluß sandte, unter denen sie vor Jahren sich zum ersten Male mit Namen genannt hatten. – Weißt du es noch, Irene? fragte er, wie sie sich jetzt auf einem der Äste niederließ und er an ihrem Fuß beschäftigt war. – Ja! meinte sie gleichmütig, dann fragte sie: sitzt er jetzt gut? – Enzio richtete sich wieder auf, sie liefen eine Weile schweigend weiter, er faßte wieder ihre Hände. Und dann das Dach auf unserm Hause! sagte sie nach einer Weile. Er wußte nicht gleich, was sie meine. Sie war wieder bei ihrer Erinnerung toller Kinderstreiche. Wie war das? fragte er. – Es ist doch platt! Ich kletterte die Stufen hinauf und ging bis an den Rand, sogar noch weiter: ich stand beinah nur noch mit den Hacken auf dem Boden, und die Füße ragten in die Luft. Dann beugte ich mich nach vorn, ins Leere. – Hast du das auch oft getan? – Nicht selten und nicht oft, sagte sie nachdenklich, aber viel weniger als das mit der Windmühle. – Das hast du mir ja alles nie erzählt! – Es weiß auch niemand, und es ist dumm von mir, daß ich es dir jetzt erzähle, es hat doch gar keinen Sinn, so was zu sagen. – weißt du noch etwas Ähnliches? Sie dachte nach, dann lachte sie. – Ich bin manchmal von dem Steinsims am Parterrefenster über die Lanzen von dem Eisengitter weggesprungen, aber da mußte ich in der Luft meine Kleider immer festhalten, weil ich die Vorstellung hatte, sie blieben sonst hängen. Sie sind aber niemals hängen geblieben. – Das ist ja unerhört! sagte Enzio, weniger berührt durch diese tollkühnen Dinge selbst, als durch den sachlichen Ton, mit dem Irene sie erzählte. Nach einer Weile meinte er: das hätte ich nie von dir gedacht! – Weil ich es nie gesagt habe? o, ich sage das meiste nie! – Tust du auch jetzt manchmal noch so etwas? – Nein, aber Angst kenne ich darum doch nicht! Diese letzten Worte richteten ihrer beider Aufmerksamkeit unwillkürlich wieder auf das Eis. Sie waren noch unter mehreren andern Brücken durchgelaufen, die Villen waren hinter ihnen geblieben, sie befanden sich außerhalb der Stadt. Links und rechts vom Ufer lagen Wiesen. Die wenigen Spuren einiger verwegener Menschen, die vor ihnen schon das Eis versucht hatten, hörten auf, es nahm eine andere Farbe an, als sei es Glas. – wir können nicht weiter! sagte Enzio, sieh, dort wird es ganz dünn! Statt einer Antwort löste sich Irene von ihm, sauste eine Strecke allein, während er ihr erschreckt nachrief, und stand dann auf der spiegelblanken Fläche mit einer Wendung still, indem sie ihn ansah, als wolle sie sagen: Siehst du wohl! – Es ist nicht um mich, es ist um deinetwillen, komm, laß uns umdrehn, ich habe Angst, es fängt auch an zu schneien! – Um so schöner, jetzt wird's erst lustig! – Es war, als käme Irene wie in einen Rausch, der sie jede Gefahr vergessen ließ. – Nein, rief Enzio, ich bitte dich, komm zurück! – Ich will aber nicht! Du bist ein Hasenfuß! Sie setzte sich schon wieder in Bewegung, er mußte ihr folgen. – Ich flehe dich an, Irene, lauf nicht weiter! sagte er nach einer Weile und blieb stehn. Sie selbst schoß noch ein kleines Stückchen vorwärts, dann hielt sie ebenfalls: was machst du denn für ein Gesicht?! – Ich gehe nicht weiter! – Wie siehst du denn aus? – Ich weiß nicht, mir wird auf einmal so entsetzlich unheimlich!– –Der Ton seiner Stimme war so besonders, daß sie ihn erschrocken ansah. Im selben Augenblick knirschte und zwitscherte etwas. – Was machst du denn?? rief sie und starrte ihn entsetzt an. Er griff in die Luft und wankte, der Boden unter ihm senkte sich und splitterte, er wollte einen Schritt nach vorne tun, es war, als solle er einen Berg hinauf, seine Füße rutschten ab, etwas Eisiges kroch schnell an seinem Körper empor, und dann sah Irene nur noch seinen Kopf und seine Finger, die zuckten und sich ballten und wieder öffneten und verzweifelt Halt zu gewinnen suchten. Das Eis schwamm in seinem ganzen nächsten Umkreis als Schollen auf dem Wasser. Er suchte die festere Decke zu gewinnen, seine Arme kamen zum Vorschein, er bemühte sich Stützpunkts zu finden, bis zur Brust arbeitete er sich empor; dann gab die Fläche wieder nach, ein neues Stück brach los, Irene löste sich aus ihrer Erstarrung. – Ich helfe dir, warte, schrie sie und kam näher. Enzio hatte im Nu seine ganze Geistesgegenwart wieder. Das tust du nicht! schrie er zurück, geh hinauf ans Land! das Eis ist viel zu schwach, wenn du da lange stehst, versinkst du auch! – Ich lege mich platt auf den Boden und ziehe dich heraus! – Hörst du mich nicht! schrie er zornig, verzweifelt, – ich will, du sollst ans Ufer, ich befehle es dir! Hörst du, ich befehle!! – Nein, sagte sie tonlos, wenn ich dir nicht helfen kann, dann sterbe ich mit! – Er hatte inzwischen eine Art von Halt gewonnen, die eigne Todesangst ließ für einen Augenblick nach, sein einziger Gedanke war jetzt Irene. Sie mußte gerettet werden. Und mitten in seiner entsetzlichen Lage zwang er sich zu einem Lachen. – Es ist ja nicht so schlimm, stieß er hervor, nur du, du selbst machst alles noch viel schlimmer! Ich kann da nie hinauf, solange du so dicht stehst, das Eis bricht ab, ich fühle es, ich kann nicht an dich und mich zugleich denken, ich habe mehr Sicherheit und Kraft, wenn du am Land bist! – Diese letzten Worte wirkten. Sie verließ die Stelle, aber im Moment, wo Enzio nun aufs neue versuchte, sich emporzuarbeiten, gab das Eis wieder nach, es brach und senkte sich unter dem Gewicht seines Körpers, eine Scholle löste sich und verschwand unter ihm wie der versinkende Rücken eines großen Fisches. Erst kniete er für einen Moment auf ihr, dann kroch er vorwärts und endlich stieß er sie mit dem Fuß zurück, um sich nach vorn zu schnellen und Halt an einem neuen Stücke zu gewinnen; das Wasser wühlte hinterdrein. Irene war inzwischen an das Ufer gelangt; ihre Finger zitterten, aber sie vermochte die Schlittschuhe zu lösen. – Ich hole Hilfe! rief sie – und dann war Enzio allein. Wieder machte er verzweifelte Versuche sich emporzuheben, immer wieder, bis er fühlte, daß seine Kräfte sanken. wenn ich hier wirklich ertrinken sollte... dachte er. Dann lag er eine ganze Weile still. – Ich müßte versuchen, das Eis bis zum Ufer hin abzubrechen, das ist der einzige weg, der für mich Aussicht hat. Er bemühte sich vergebens, er erschöpfte seine letzten Kräfte, seine Muskeln hatten keine Kraft mehr; und nun hatte er nur noch den einen Gedanken: Hoffentlich halte ich mich solange fest, bis Hilfe kommt. – Aber es kam niemand. Eine lange Zeit verging. Merkwürdig, dachte er, mir ist, als würde mein Körper von unten herauf allmählich warm, wie ist das möglich? – Er empfand keine Schmerzen, nur die Finger waren, als zögen sich enge Drähte immer schneidender um sie. Der Schnee fiel stärker, aber im Norden, wohin sein Gesicht gekehrt war, lag ein gelber, klarer, tiefer Himmel. Dort hinein sah er, und ihm war, als zöge er selbst durch dieses durchsichtige Nichts, immer weiter, nach Norden zu, bis hoch hinauf ans Meer. – Die Mühle, dachte Enzio. Ob sie wohl auch ganz stille steht? Weshalb läuft Irene unter der Mühle durch? Wir sind doch nie an einer Mühle vorbeigekommen, wir sind andere Wege gegangen, draußen, auf den Feldern, wo ist die Mühle denn, ich sehe sie nicht ... Seine Augen starrten glasig in die Weite, er erkannte halb wieder, wo er war. Noch einmal versuchte er eine Bewegung zu machen, dann blieb sein Körper stumm. Er fühlte, wie auch die Finger ihre Kraft verloren, warum kam Irene nicht zurück? Hatte sie ihn ganz vergessen? War sie zu Haus und modellierte? Du kannst ja gar nicht modellieren, flüsterte er – – aber der Ring mit dem roten Stein – wo ist der Ring mit dem roten Stein? – Hier ist er! sagte Bienle. – Wo? ich sehe ihn nicht. – Hier ist er! sagte Bienle lauter – das klang ja gar nicht wie ihre Stimme – – Hier! Hier! rief es von neuem, rauh und tief – und statt ihrer sah er undeutlich drei Männer, und einen Wagen. Sie eilten herab zum Fluß, eine Schlange flog durch die Luft und traf ihn hart an der Stirn. – Packen Sie zu! Wir ziehn Sie aufs Land! Packen Sie doch zu! Zum Donnerwetter hören Sie denn nicht! Zupacken sollen Sie!! – Enzio! Enzio! rief eine ferne Stimme. Enzio hob die Arme nach dem Ding da vorn, er begriff halb, was er sollte, er wollte es umklammern – – Eiseskälte stieg an seinem Kopf empor, und dann schwebte er in einem rosenroten Meer und alle Glocken läuteten. Es war die Schulglocke. – Ein schöner Blumenstrauß! Hast du den wirklich für mich bestimmt? fragte sein Lehrer. – Rosen, Rosen, murmelte Enzio und kletterte über die Hecke zu Irenens Garten. Niemals schlägt die Nachtigall bei Sonnenaufgang, Bienle, sieh, sieh, wie alles rot wird von der Sonne! Wie sie flutet! Jetzt, jetzt geht die Sonne auf. Irenes Eltern kamen in der Dämmerung von einem Spaziergang heim; im Korridor, im Stiegenhause waren nasse Spuren. Blaß trat ihnen Irene entgegen: Er liegt oben, im ersten Stock, in meinem Zimmer, er hat das Bewußtsein noch nicht wieder, aber man hat ihn zum Atmen gebracht, endlich hat er geatmet, nachdem er da draußen ... ihr Vater fing sie auf. – Es kann nur Enzio sein, sagte er zu seiner Frau, geh hinauf, sieh nach! – Sieh du nach, laß mich bei Irene bleiben. Er eilte die Treppe empor und warf einen Blick ins Zimmer. In Irenes Bett lag Enzio, wie ein Toter, starr und blaß, mit geschlossenen Augen. Er trat zu ihm heran und befühlte das Herz. – Irene hatte ihre Schwäche schnell überwunden. – Hast du seine Eltern benachrichtigt? fragte der Professor. Sie hob den Kopf; die fielen ihr erst jetzt ein. – Komm ins Zimmer, trink einen Schluck Wein, du hast es nötig. – Sie trank, was er ihr gab. Dann saß sie wieder mit starren Augen, und erzählte beinah tonlos alles, was sie wußte. – Ihr seid beide verrückt! sagte ihr Vater, was müßt ihr auch solch tolle Streiche machen! Und dieser Wahnsinn, ihn dann hier ins Haus zu bringen, weshalb hast du ihn nicht sofort zu seinen Eltern schaffen lassen? Irene sah ihn groß an; auf den Gedanken war sie nicht gekommen. – Ihre Mutter hatte diese ganze Zeit mit großen, sorgenschweren Augen dagesessen, jetzt erhob sie sich. Sie ging hinauf ins Zimmer, überwand ein leichtes Grauen und setzte sich zu Enzio an den Bettrand. Auch sie legte ihre Hand an sein Herz und fühlte, wie es schlug. Dann strich sie ihm leise das wirre Haar zurück, das fest und strähnig an seinem Gesichte klebte. Es war sofort zum Arzt geschickt worden, er kam, untersuchte ihn, fand den Herzschlag schwach, ordnete einiges an und sprach die Hoffnung aus, daß Enzios gesunder Organismus den Schlag bald überwunden haben werde. Hoffentlich stelle sich kein Fieber ein, oder gar eine Lungenentzündung. Der Professor ging zu Caecilie und erzählte ihr schonend, was vorgefallen war. Sie glaubte ihm nicht, sie fürchtete, Enzio sei tot, sie schwankte, er nahm sie in seine kräftigen Arme, streichelte sie, wie wenn er ein kleines Kind hielte und versicherte immer wieder, Enzio sei ganz lebendig. Sie wollte ihn sogleich herüberschaffen in ihre eigne Wohnung, er machte ihr klar, das sei unmöglich; aber es wäre unbegreiflich, daß Irene ihn zu sich in ihr eignes Zimmer habe bringen lassen. – Das ist nicht unbegreiflich, murmelte Caecilie, ich hätte es ebenso gemacht. Eine halbe Stunde später stand sie an Enzios Lager. Sie wollte nicht wieder fort von ihm. Eine matte Lampe brannte neben dem Bett. Immer wieder sah sie in Todesangst auf sein stilles, geschlossenes Gesicht und küßte seine Lippen. Nach langer Zeit hoben sich langsam, lautlos seine Lider, mit einem Blicke wie aus einer andern Welt ruhten seine Augen bewußtlos in den ihren, daß es sie durchschauerte, und ehe sie ihn ganz in sich aufnehmen konnte, war er schon vorbei; die Lider hatten sich wieder geschlossen, wie Tore vor einem ungewissen Reich. Sie blieb die Nacht bei ihm. Dem Kapellmeister ward ein kurzes, beruhigendes Billett geschickt. Er fand es, wie er abends aus dem Theater kam, und legte sich zu Bett, indem er dachte: Es besteht keine Gefahr, also ist es nicht nötig, daß ich die Unruhe dort vermehre durch mein unnützes Erscheinen. Irene hatte sich zurückgezogen, nachdem sie noch einmal in Enzios Zimmer – ihrem eignen – war. Ihre Augen waren noch immer trocken und wie erstarrt. Dann lag sie oben in der Fremdenstube, wach, die ganze Nacht durch. Alle Vorgänge des Nachmittags wiederholten sich vor ihrem Geist, immer wieder sah sie Enzio sinken, und sie allein hatte die Schuld. Sie sah ihn vor ihren Augen verschwinden, sie sah, wie das Eis sich über ihm schloß, wie die Männer es in Stücke brachen, wie einer von ihnen selbst beinah dabei ertrank, wie sie endlich den Körper fanden und triefend an das Land zogen, leblos, mit blauem Gesicht, wie sie ihn niederlegten und behandelten, als sei er eine Gliederpuppe, wie sie ihn künstliche Bewegungen machen ließen, um die Atmung wiederherzustellen. Grauenhaft war diese Nacht, in ihren Augen stand das Entsetzen, sie fanden keine Tränen. Mehrmals erhob sie sich und ging an die Tür ihres Zimmers; nichts war vernehmbar, sie zögerte, dann trat sie ein, in ihrem langen Nachtgewand, über das sie einen Mantel geworfen hatte. – Wie ist es? flüsterte sie. – Immer dasselbe; er atmet, aber er, ist noch nicht erwacht. Gegen Morgen schlug Enzio zum zweitenmal die Augen auf; er erkannte seine Mutter und fragte leise: Wo ist Bienle? Dann sank er wieder in seine Betäubung zurück. Aber allmählich kam eine zuckende Bewegung in seinen Körper, die sich von Stunde zu Stunde steigerte. Seine Hände griffen in die Luft und wollten Halt gewinnen, abgerissene Sätze stießen seine Lippen aus, und bald lag er in hellem Fieber. Irene ward nicht mehr zu ihm gelassen. Immer von neuem kämpfte er die Todesangst durch, versank er in dem Wasser. Tagelang lag er so, bis seine Phantasien stiller wurden. Nun redete er fortwährend von Bienle und Irene. Er verlangte das rote Buch, und rief es immer wieder. Caecilie hielt dies anfangs für wirre Phantasie, aber Irene, der sie es erzählte, wußte sogleich, was er meine: Jene in purpurrote Seide gebundene Komposition, die Enzio ihr vor Jahren schenkte. Caecilie suchte und fand sie zwischen Irenes Büchern, und gab sie ihm; er griff mit beiden Händen danach und ward sogleich still. Dann begann er eine Seite nach der andern umzublättern, als überläse er all die Noten mit großer Schnelligkeit. – Hier fehlt etwas! rief er, indem er auf das letzte leere Blatt deutete, das nur die unbeschriebenen Notenlinien enthielt. Gib mir einen Bleistift, ich muß das fertig schreiben, alles dies ist Unsinn, ich mache etwas anderes! Sie wollte ihn ablenken, aber er ward heftig und bestand darauf, so, daß sie dachte: besser, ich tue ihm seinen Willen. – Mit großer Eile schrieb er jetzt das ganze Blatt voll, dann sank er zurück und murmelte: Gott sei Dank, nun ist es richtig. Wieder vergingen Tage, dann kam der Morgen, wo er zum erstenmal mit vollem Bewußtsein erkannte, wo er war. – Was ist denn das? wo bin ich denn? hörte ihn Caecilie flüstern. – Du bist zu Hause, Enzio, schlaf. – Er schloß die Augen, seine Gedanken waren müde, aber die Welt hatte wieder Macht über sie gewonnen. – Ich bin nicht zu Hause, sagte er mit Anstrengung und öffnete sie von neuem. Dann versuchte er sich aufzurichten, sank aber gleich wieder zurück. – Du denkst, sprach er nach einer Pause halblaut, ich weiß nicht, wo ich gewesen bin: ich weiß es aber ganz genau: Ich war im Wasser; und jetzt will ich wissen, wo ich bin. – Caecilie sagte es ihm. Er sah sie staunend an, dann lächelte er und schloß die Augen. Die Besserung seines Zustands ging bald schnell vorwärts. Er verlangte Irene zu sehn. Caecilie versprach es, aber sie zögerte diesen Moment immer wieder hinaus. Wie kommt das rote Buch hierher? fragte er einmal sinnend, indem er in die Ecke sah. – Caecilie machte sich Vorwürfe, daß sie es nicht schon längst entfernte. – Jetzt fällt mir ein– – ich habe schon geträumt, ich hielte es in Händen – warte, – warte, was kam dann noch... ich träumte, daß ich es weiter schrieb, – o, es war eine Musik von unerhörter Schönheit, wie schade, daß ich sie vergessen habe! Gib mir das Buch. – Nein, Enzio, laß. – Weshalb denn nicht, ich will es haben. – Du kannst es morgen ansehn. – Aber ich bin doch wieder vollkommen gesund. Ich könnte aufstehn und arbeiten wie immer. – Er ließ nicht nach, sie gab' es ihm widerstrebend. Er schlug eine Seite nach der andern um. Dann kam er zum letzten Blatt. Überrascht haftete sein Blick darauf. – Was ist denn das? sagte er erstaunt. – Es kam ein sonderbarer Zustand über ihn, ein Zustand zwischen Traum und Wachen, als sei sein Wesen geteilt und als könne er die andere Hälfte nicht finden. Die Erinnerung stieg wie ein Dunst aus den tiefsten Böden seiner Seele und wirkte auf sein waches Bewußtsein wie ein fremder, kaum faßbarer, halb nur geahnter Geruch auf die Sinne. – Plötzlich tat es einen Ruck in ihm: Das habe ich geschrieben! sagte er; ich glaubte, ich hätte alles nur geträumt. – – Das ist ja Unsinn! fuhr er nach einer Pause fort, indem er sich bemühte, die Zeichen im Zusammenhang zu lesen. Am Schluß hatten all die Noten ihre Linien verlassen und schwärmten als Punkte frei für sich hinauf, wie eine Schar von Vögeln, die die Telegraphendrähte verlassen. – Das war das Ende! sagte er; o Gott, o Gott, und es war so schön! Das Schönste, was ich je gedacht habe! Und was ist das? da unten habe ich meinen Namen hingeschrieben? Das hat ja ein Kind gemalt, das erst die Zeichen lernt! Es sind deutsche Buchstaben, und ich schreibe doch so lange, lange nur lateinisch! Die Sehnsucht, Irene wiederzusehn, ward immer heftiger in ihm; eines Tages kam sie wirklich, allein, und schloß die Tür hinter sich. Langsam trat sie näher, endlich ließ sie sich auf dem Bettrand nieder. Was hast du denn? Was siehst du mich so an? fragte er. – Was soll ich haben? sagte sie und versuchte ihrer Stimme Festigkeit zu geben; sie machte sogar den Versuch, ihm ins Gesicht zu blicken. Da war es aber um ihre Selbstbeherrschung geschehn. Aufschluchzend sank sie zu ihm nieder und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Sie grub ihre Hände unter seine Schultern und hielt ihn fest, als wenn sie ihn nie mehr lassen wollte. – Irene! murmelte er und schlang die Arme um sie – hast du mich denn so lieb? – Sie antwortete nicht, aber sie umfaßte ihn noch fester. So lagen sie eine Weile schweigend. In ihm zerlöste sich alles in ein Gefühl von ruhevoller Wonne. – Das habe ich ja niemals gewußt! sagte er leise; seit wann hast du mich denn so lieb? – Immer! antwortete sie ebenso leise, aber jetzt noch viel mehr als früher. – Weil ich beinah gestorben wäre? – Sie machte ein Zeichen der Bejahung, dann sagte sie: Nein, nein, auch sonst, schon immer, immer. – Enzio legte beide Hände um ihr Haar, dann murmelte er: Liebe, geliebte Irene! – Ein neues Schluchzen durchbebte ihren Körper, endlich hob sie den Kopf, sah ihn mit tränenfeuchten Augen an, ließ ihn aber gleich wieder sinken und flüsterte: Und wenn du nun gestorben wärst – ich hätte es nicht überlebt. – Beide schwiegen wieder eine lange Zeit, dann sagte Enzio: Ach, Irene, du hattest doch nicht die Schuld. – Doch, doch, ich ganz allein! – So entsetzlich schlimm war es doch nicht. Ja, wenn ich unters Eis gekommen wäre ... Du warst doch unterm Eise! – Wie?! – Weißt du es nicht? – Er sah sie mit grauenerfüllten Augen an. Sie wollte ihre Worte widerrufen, aber Enzios Blick war von einer Kraft, daß sie's nicht konnte. Ja, sagte sie willenlos, du warst unter dem Eise, lange Zeit; und wenn du auch gerettet bist: Man zog dich für tot endlich an das Land. – Entsetzlich, murmelte er; dann war ich also schon gestorben, wenn man mich nicht – wenn man mich nicht – o, dies ist grauenhaft! Schauer der Vergangenheit schüttelten ihn, jetzt, wo er wußte, daß er die Grenze zwischen Leben und Tod tatsächlich überschritten hatte, daß er schon in einem Reich der Nacht gewesen war und daß nur der Zufall ihn daraus errettete, wieder lagen sie eine Weile stumm, dann sagte er: Und doch – – das Sterben ist nicht schwer, das habe ich nun gesehn. Und es war derselbe Fluß, auf dem ich früher zum ersten Male zu dir herübergekommen bin. Damals hattest du mich noch nicht so lieb. – Doch, immer, immer. – Weißt du, Irene, daß ich schon einmal, so wie ich war, in allen meinen Kleidern für dich im Wasser gewesen bin? – Sie hob den Kopf. – Das war als Kind, wie ich dich selber noch nicht kannte. Da war ich abends in deinem Garten und wollte dir ein Geschenk unter den alten Kastanienbaum legen. Es kamen Schritte, es waren deine Eltern, ich rannte zum Fluß hinab und warf mich wie ich war hinein und schwamm hinüber. – Das hast du getan? – Und ich bildete mir ein, mein Leben für dich gewagt zu haben. – Enzio, Enzio, flüsterte sie, – o, und ich war so undankbar. – Du wußtest es doch nicht. – Nein, aber trotzdem, trotzdem – mir ist, als wenn ich all die Zeit so häßlich gegen dich gewesen wäre, aber ich habe es nie so gemeint, ich habe nie jemand so lieb gehabt wie dich. – Alle Vergangenheit war ausgelöscht in Enzio. Er sah nur noch die Jahre seiner Freundschaft mit Irene, er fühlte das Nagende, Schmerzliche dieser Jahre, mit Wollust, jetzt, wo jeder Stachel genommen war, wo er Irene in den Armen hielt und wußte, daß sie nur immer ihn geliebt hatte. Ganz fern schwebte ihm die Gestalt des Bienle. Was soll nun, dachte er, wie er allein war, mit der Zukunft werden? Am nächsten Tag verlangte er aufzustehn; eine Stunde war er außerhalb des Bettes, dann faßte ihn die Müdigkeit. Er empfing jetzt auch Besuche. Der Kapellmeister kam und brachte ihm eine erlesene Delikatesse mit, Fräulein Battoni schickte eine Torte mit der Zuckergußaufschrift: Dem heldenhaften Dulder, Richard kam, und endlich erschien auch Pimpernell. Caecilie hatte Enzio verheimlicht, daß sie, sowie sie von dem Unglück hörte, im Zustand gänzlicher Fassungslosigkeit erschien und forderte, daß sie selbst ihn pflegen dürfe. Sie war von ihrem unbeherrschten Wesen unangenehm berührt, sie sagte: Liebes Kind, Enzio hat auch noch andere Menschen, die ihm nahestehn; dann konnte sie aber doch nicht anders, als wieder herzlich sein, indem sie dachte: Dieses Mädchen liebt ihn also auch. – Pimpernell war inzwischen täglich an dem Haus in der Parkstraße gewesen, hatte geläutet, gefragt, wie es gehe, und war dann bescheiden wieder fortgegangen. Jetzt, glaubte sie, dürfe sie sich auch erlauben, ihn persönlich aufzusuchen. Enzio wollte sie erst nicht empfangen. Irene redete ihm zu: Sie ist ein so einfaches, armes Mädchen! – Gut, aber nur, wenn du dabei bist, will ich. – Ich? mich haßt sie! Das habe ich wohl bemerkt, wenn ich ihr unten die Tür öffnete. – Dann also erst recht nicht. – Statt einer Antwort ging Irene hinaus, dann trat sie nach einer Weile wieder herein, indem sie Pimpernell vorangehn ließ. Pimpernell hatte sich dieses erste Wiedersehn besonders rührend ausgemalt, so rührend, daß ihr schon tagelang vorher bei der Vorstellung die Tränen in die Augen traten. Statt dessen lachte Enzio, wie er sie zu Gesicht bekam und schnitt dann eine Fratze, genau so wie er es als Kind tat. – Sie schien das nicht zu bemerken und begann zu reden. – Hör auf! sagte er, das ist ja eine richtige Kondolenzrede. Ich bin doch wieder ganz gesund. – Sie stockte, sah ihn unsicher an und fühlte dann selbst, daß ihre Rührung nicht am Platze war. Wie geht es mit dem Geschäft? fragte Enzio nach einer Pause. – Ach, davon wollte sie nicht reden. Und doch – – nach einer Weile kam es gleich heraus, daß sie ihm etwas sagen müsse, aber das könne sie ihm nur allein mitteilen. Irene erhob sich hierauf: Ich sage Ihnen gleich Adieu. – Pimpernell wandte sich ein wenig zu der Seite, von der Irenes Stimme tönte, und machte eine leise Verbeugung in die Luft. Weshalb grüßt du meine Freundin nicht ordentlich? fragte Enzio sogleich, wie Irene draußen war. – Ich habe sie durchaus richtig und zeremoniell gegrüßt! sagte sie eifrig. – Bitte, das ist nicht wahr! Namentlich in meiner Gegenwart muß sie das kränken. – Und du? glaubst du, daß dein Empfang schön gewesen sei? Wenn du mir eine Grimasse schneidest, namentlich in ihrer Gegenwart? – Das ist wahr, sagte Enzio, entschuldige bitte. Aber du mußt bedenken, daß mich diese Krankheit wieder zum Kind gemacht hat. Höchst interessant! Ich habe im Fieber meinen Namen geschrieben wie in der alleruntersten Klasse bei meinem ersten Lehrer. – Sie wußte nicht recht, ob dies Scherz oder Ernst sein solle, ließ es auf sich beruhn und sagte: Also, da sie wahrscheinlich doch gleich wieder hereinkommt, will ich es dir schnell sagen: Ich werde in der nächsten Zeit meine Stellung hier aufgeben. Ich hatte in der letzten Woche Differenzen mit meinem Chef, und da erinnerte ich mich, was du mir angeraten hast, und ich habe gekündigt. – Ohne eine neue Stellung zu haben? – Was denkst du! nein, ich sicherte mir vorher eine andere, in der gleichen Branche. – Wo? – Sie nannte den Ort; es war derselbe, wo Enzio studierte. – Er fühlte sich höchst unbehaglich bei dieser Eröffnung. Was er im Scherze hinwarf, das hatte sie sofort aufgegriffen und zur Wahrheit gemacht. Ihn traf eine Art Verantwortung. Das war ihm peinlich; vielleicht ließ sie sich verleugnen, indem er tat, als sei er in dieser Angelegenheit ein gänzlich Außenstehender. So fragte er jetzt nach einem Schweigen mit möglichster Unbefangenheit: was möchtest du denn gern mit mir bereden? – Sie sah ihn erst verständnislos an, dann sagte sie: Mich beschäftigt doch diese neue Wendung sehr, und wenn du mich nicht selbst auf jene Idee gebracht hättest, so wäre ich nie auf sie gekommen. Ich bin dort gänzlich fremd und hatte gehofft, daß ich an dir einen Halt fände! Du bist auf einmal so anders, ich weiß nicht, was ich denken soll. – Enzio überlegte: wie jetzt sein Zusammenleben mit Bienle werden würde, davon hatte er keine Ahnung, vielleicht konnte sich Pimpernell mit ihr befreunden? Auf alle Fälle würde sie für sie beide zunächst als ganz gute Zerstreuung wirken. – Ich bin gar nicht anders! sagte er jetzt, ich finde es sehr vernünftig, was du tun willst, und ich freue mich darüber. – Wirklich?! – Aber natürlich! wir sind doch alte Freunde! – Ihre Hand ruhte auf seiner Bettdecke. Es hatte ihn schon die ganze Zeit gereizt, sie zu erfassen, obgleich er gar nicht zärtlich zu Pimpernell empfand. Jetzt konnte er sie nicht mehr so liegen sehn, er nahm und streichelte sie. Bald darauf erhob sich Pimpernell. Wie charakterlos bin ich! dachte Enzio. Sein Gefühl von Beschämung suchte gewaltsam einen Ausweg: An der Tür wollte Pimpernell sich noch einmal umwenden, sie tat grade den Mund auf, als ihr etwas Warmes, Weiches mitten ins Gesicht flog. Es war Enzios Kopfkissen. – Wirf zurück! sagte er und streckte im Liegen die Arme aus. – Kindskopf, antwortete sie, unentschieden, ob sie sich beleidigt fühlen solle. Aber im Grunde ihres Herzens war sie doch froh: Hätte er das getan, wenn er so fremd zu ihr fühlte, wie sie zwischendurch gefürchtet hatte? Ziemlich zufrieden stieg sie die Treppe hinab und verließ das Haus, nachdem sie flüchtig noch einmal umgekehrt war und einen sehr schönen Damenpelz, der dort im Vorplatz hing, befühlt hatte. Das Bienle ahnte dunkel, in welcher Gefahr Enzio geschwebt hatte. Mehrere Briefe von ihr waren gekommen, und endlich hatte Caecilie geantwortet: Enzio sei krank, aber auf der Besserung; er selber könne noch nicht schreiben. In dem Brief, den Bienle ihr darauf schrieb, stand zwischen den Zeilen, sie glaube nicht, daß die Gefahr schon ganz vorüber sei, sie glaube, daß man ihr dies nur sage, um sie zu beruhigen. Caecilie mußte an alte Volkslieder denken, mit ihrem immer wiederkehrenden Weh, dem niemand helfen kann; so lasen sich alle ihre Worte. Als Enzio nach Haus zurückkehrte, gab sie ihm den Brief, und sie konnte nicht anders, als ihm sagen, wieviel Zärtlichkeit und Liebe sie für dieses Kind empfinde. Enzio las ihn, dann seufzte er tief auf und steckte ihn in seine Tasche. – Antworte ihr noch heute! sagte sie bittend, versprich es mir, Enzio! Tu es gleich! – Er tat es. Und am Schlusse fügte er mit schwerem Herzen hinzu, daß er große Sehnsucht nach ihr habe, und daß er sie ja nun bald wiedersehen werde. Sie schrieb darauf zurück, einen kurzen, glücklichen Brief: Er möchte auch nicht vergessen, ihr zu schreiben, wann sein Zug ankäme, damit sie ihn von der Bahn abholen könne. Das tat Enzio aber nicht, wenigstens, so dachte er, muß ich mich erst ein paar Tage dort ganz von neuem eingewöhnen, wie soll nur alles werden! Sie hat ja keine Ahnung, auch nicht die leiseste Ahnung! Bin ich nun mit Irene eigentlich verlobt? Gesagt hat es keiner von uns, aber sie denkt es jedenfalls ebenso stillschweigend wie ich selber! Zu seiner Mutter sagte er einmal: Es kommt mir vor, als wäre ich lange von zu Hause fortgewesen, viel länger als vorher, was habe ich inzwischen alles erlebt! – Sie ahnte wohl, was er außer seinem Unglück und der Krankheit sonst noch meine, doch sie sprach nichts darüber aus; das mußte er alles mit sich selbst ausmachen. Bleibst du wieder so lange fort, wie das letzte Mal? fragte Irene ihn, als sie sich Lebewohl sagten. – Nein! rief Enzio, diesmal wird es anders. – Ich wollte, ich könnte mit, sagte sie auf einmal heftig. Er schlang seinen Arm um sie: Tu es, wollte er sagen, aber da stand plötzlich wieder die Gestalt des Bienle vor seinen Augen. Statt einer Antwort seufzte er. Sie verstand dies Seufzen falsch und sagte: Ich sehe ja selber ein, daß es unmöglich ist! Aber ich glaube, wenn du jetzt fort bist, muß ich immer an dich denken. – Denkst du, mir geht es anders? Es wird eine schreckliche Zeit werden! – Er seufzte noch tiefer. Sollte er zu Irene von Bienle sprechen? Nein! dachte er, und dann bildete er sich ein, daß seine Beziehungen zu Bienle von nun an andre würden. – Sorgt deine Wirtin gut für dich, Enzio? Fühlst du dich dort wohl aufgehoben? – O ja, ganz wohl. – Stört dich das Kind nicht beim Musizieren? – welches Kind? – Du sagtest doch, sie habe ein kleines Mädchen, Bienle nanntest du es, glaube ich. – Enzio war froh, daß Irene sein Gesicht nicht sehen konnte; sonst hätte sie bemerken müssen, wie er errötete. – Nein, sagte er, sie stört mich gar nicht. – Wie alt ist sie? Spielt sie noch mit Bällen? – O ja! nickte er und dachte in aller Schnelligkeit: Wenn Bienle wollte, könnte sie auch noch mit Bällen spielen. Irene ging zu einem Schrank, beugte sich zu einem Fach nieder, in dem alte Kinderspielzeuge von ihr lagen, und brachte einen Ball: Schenk ihr den, ich wollte ihn schon immer verschenken, aber da er mir so lieb war, habe ich ihn noch nicht fortgegeben. Jetzt kann sie mit dir zusammen damit spielen, wenn du einmal dazu Lust hast. – Leb wohl, Irene, ich danke dir für alles – vergiß mich nicht! Am selben Tage reiste er ab, den Ball nahm er nicht mit; er verschloß ihn in einer Lade seines Schreibtischs Da wären wir wieder! sagte Enzio für sich selbst, als er in der Dunkelheit seine kleine Wohnung betrat. Von außen leuchtete der Schnee herein und erfüllte das Zimmer mit ungewissem Dämmerlicht. Er ließ sich mit einem Seufzer auf das Sofa nieder und schloß die Augen. Die Erinnerungen zogen an ihm vorbei: Als er von hier fortging, wie traurig war ihm da zumute, wie liebte er diese ganze Stadt, diese Wohnung, diese Stube, die all die Zeit auf seine Rückkehr gewartet hatte, und deren Wände er nun schweigend wieder um sich herum empfand, was lag alles zwischen jetzt und damals! Soll ich nicht die Lampe bringen? fragte seine freundliche, rundliche Wirtin. Sie war sehr zufrieden, daß er wieder da war, denn mit seiner Unachtsamkeit und seinem sorglosen Geldbeutel gab er ihr manch guten Nebenverdienst. Ja, bringen Sie nur die Lampe, sagte er müde. Das Fräulein hat mir auch einen Gruß an Sie aufgetragen; es war heute hier. Enzio runzelte die Stirn. Ihm durch seine Wirtin einen Gruß bestellen! So etwas tut man doch nicht! – Hat sie sonst noch etwas sagen lassen? – Nein, gar nichts. – Um wieviel Uhr war sie hier? fragte er weiter, nur, um etwas zu sagen. – Ich weiß nicht, ich war nicht zu Hause. –woher wissen Sie dann, daß sie hier war? Und wie können Sie mir einen Gruß von ihr bestellen? – Persönlich gesagt hat sie es nicht, insofern, als ich ihr nicht mit meiner werten Persönlichkeit gegenübergestanden bin, aber ich hab mir halt gedacht: Ich muß doch einen Gruß vom Fräulein ausrichten. – Wie konnte sie denn in meine Wohnung? – Sie haben ihr doch die Schlüssel überreicht! Haben Sie das schon vergessen? Da, schaun Sie her, da hat sie sie heute wieder auf den Tisch gelegt, kerzengrade wie Soldaten, alle drei, nach der Größe angeordnet, einen hinter dem andern. Und sauber hergerichtet hat sie die Zimmer in der Zeit, wo Sie fort waren – das heißt, sauber waren sie ja schon vorher. Aber sie hat an angebrachten Stellen noch ein übriges getan, wenn ich mich so ausdrücken darf. Die Vorhänge hat sie alle herabgenommen, gewaschen, gebügelt und wieder hergebracht, und eines Tages ist sie dagewesen mit Politur und hat die Füße gestrichen an dem Tisch, wieder ein andres Mal hat sie ein Nähzeug mitgebracht und den ganzen Nachmittag die Wäsche geflickt, die Sie hiergelassen haben, die Kleider hat sie gereinigt mit Benzin und Terpentin, und noch verschiedenes andere erledigt. Ja, ja, das ist ein tüchtiges Fräulein, das Fräulein Braut. Sie ging wieder, und Enzio packte bei dem Schein der Lampe seinen Koffer aus, trug jedes Stück an seinen Platz, und wie er den Uhrständer auf den Nachttisch stellte, bemerkte er ein kleines gesticktes Deckchen, das da früher nicht gewesen war. – Das rührende Kind! murmelte er, als er es genau angesehn und rechts unten in der Ecke ein ganz kleines B eingestickt entdeckte. Dann seufzte er wieder tief. Was ist denn das? sagte er für sich, als er seinem Koffer ein Paketchen entnahm, das er sich nicht erinnerte hineingetan zu haben. Er wickelte es bei der Lampe aus dem Seidenpapier. Es war ein Täschchen aus ungegerbtem gelblich-weißem Leder, an den Schnittflächen mit blassen, silbernen Metallbändern kreuzweise durchstickt, wie eine Arbeit primitiver Völker. Inwendig lag ein Zettel: Irene für Enzio. – wie raffiniert geschmackvoll! dachte er, und küßte erst den Zettel, dann das Täschchen selbst. Darauf sah er wieder die Decke von dem Bienle an. – Sie kann es eben nicht besser! dachte er; und sie hat gewiß gemeint, es wäre wunderschön; es ist ja auch sehr hübsch; das arme Kleine! Hier roch es irgendwo nach Veilchen. Sollte sie ihm am Ende auch Blumen ins Zimmer gestellt haben? Er fand sie bald. Da standen sie, auf dem Tisch, dicht neben dem Bilde seiner Mutter, das noch mit ein paar Veilchen besonders für sich geschmückt war. Er nahm sein Abendessen zu Haus; lange schwankte er, ob er noch in ein Restaurant gehn und sich zerstreuen solle. wenn doch wenigstens jemand hier wäre, dachte er, wie er so still dasaß, ganz gleich, wer es ist, nur jemand, mit dem ich reden könnte. Ob ich später noch einmal aus dem Haus gehe, zur Stadt hinein? Er bereute jetzt beinah, dem Bienle nicht die Stunde seiner Ankunft geschrieben zu haben. Und weshalb war sie nicht noch einmal gekommen, um nachzusehn, ob er nun wirklich da sei? Es war ja gut, daß sie es nicht tat, aber im Grund wäre es ganz natürlich gewesen! Hatte sie's ihm übel genommen, daß er sie ohne letzte Nachricht ließ? Das sah ihr doch nicht ähnlich. – Sollte sie etwa draußen vor dem Hause stehn? Das Haus mußte schon geschlossen sein. – Ach was, dachte er, das ist eine ganz dumme Einbildung von mir. Aber sie meldete sich wieder. – Um mich selbst zu beruhigen, werde ich nachsehn. Er eilte die Treppe hinab und schloß die Haustür auf. Draußen war alles still und kalt. Mehrere entgegengesetzte Empfindungen hatten in aller Schnelle seine Seele gekreuzt: erst eine Hoffnung, dann der Gedanke: ach, wenn sie doch lieber nicht da wäre – und dann, als er niemand sah, ein unbestimmtes, leeres Gefühl. Was bin ich dumm! dachte er, nachdem er eine Weile frierend dort gewartet hatte: sie liegt selbstverständlich schon lange zu Bett! Dort geht ja immer alles mit den Hühnern schlafen. – Häßlich und lieblos war das von ihm gedacht; wie sehr mußte Bienle am Tage arbeiten, wie sehr hatte sie den Schlaf nötig. – Das war ja auch nur so ein Ausdruck, sprach er wie zur Entschuldigung zu sich selbst. – Oben im Zimmer stand er wieder bewegungslos. Also die Lampe sieht gradezu dumm aus! Stumpfsinnig selbstzufrieden mit ihrem eignen Brennen! Ich will zu Bett! Dies ist ja doch ein trostloser, verpfuschter Abend! Er nahm Irenes Ledertäschchen mit ins Schlafzimmer, legte es auf den Nachttisch, und daneben den Zettel, der dazu gehörte. Als er ins Bett gestiegen war, knisterte etwas unter seiner Wange. Merkwürdig, dachte er, ich glaubte bestimmt, daß ich den Zettel auf den Nachttisch gelegt hätte! nahm ihn vom Kopfkissen auf und wollte ihn nun wirklich auf das Tischchen legen. Aber da sah er, daß er dort schon lag, obgleich er ihn in der Hand hatte. einen kurzen Moment fühlte er sich wie behext, dann sah er sich genauer den an, den er in den Fingern hielt: Gute Nacht, Enzio! stand darauf geschrieben, von der Hand des Bienle. Er nahm nun auch den andern und hielt jetzt beide in den Händen. Beide Mädchen standen mit lebendiger Deutlichkeit vor seiner Seele. Er legte die Zettel langsam auf den Tisch zurück, dann löschte er das Licht, lag eine Weile mit offenen Augen, und tastete darauf wieder mit der Hand nach ihnen. Es war fast, als berühre er ihre Kleider. Er konnte sie nicht mehr unterscheiden. Irenes Gruß sollte an meinem Herzen ruhn! – Und ich? schien es hilflos zu fragen. – Beide sollten an meinem Herzen ruhn. – Aber wie sentimental war das, – sie mochten nur da liegen bleiben. Nach einer weile jedoch langte er abermals zum Bett hinaus, ergriff sie beide und nahm sie zu sich an seinen Körper, einen neben den andern. Am nächsten Morgen stand er ziemlich erschöpft auf. Er hatte eine Masse von wirren Träumen gehabt; wie er frühstückte, fiel ihm einer von ihnen wieder ein. Bienle und Irene waren ihm da als zwei Töne erschienen, und zwar als eine Terz. Oben oder unten muß ich mich dazusetzen, hatte er fortwährend gedacht; nach unten gibt es zusammen einen Molldreiklang, aber nach oben wird es Dur. Also es geht doch, es geht doch ganz vorzüglich! – Wie blödsinnig, dachte er jetzt. Vormittags machte er seinen Professoren kurze Besuche und ward von ihnen wie ein Auferstandener begrüßt. An sie alle hatte er Briefe geschrieben und jedem einzelnen versichert, daß er fast schon zu den Gestorbenen gehört habe, Sie waren warm und herzlich: Unsere schönste Jugendzierde! sagte sein Kompositionslehrer und klopfte ihm auf die Schulter – da hätte ich den lieben Herrgott wirklich nicht begriffen, wenn er uns die vor der Zeit genommen hätte! – Es wurde Enzio mit einemmal wohler und wärmer ums Herz, und er sagte ganz von selber: Ich freue mich jetzt ungeheuer auf die Arbeit! Am Nachmittag läutete es kurz. Er schloß grade einen Brief an Irene. Das ist Bienle! dachte er, denn es war die Art ihres Läutens. Er hatte starkes Herzklopfen bekommen. Es pochte ganz kurz, er rief herein und stand bewegungslos in einem Winkel seines Zimmers, wie sie eintrat und dann auf der Schwelle stehn blieb. – Nun, fragte er nach einer kleinen weile, warum kommst du denn nicht ganz herein? und schritt selber auf sie zu. – Ich wollte nur sehn, ob du da bist, sagte sie, und sah zum Fenster. – Dann gab sie ihm die Hand, sah wieder zum Fenster, und darauf mit einem verirrten Lächeln auf sein Gesicht. – Was ist denn? Was hast du denn? Du bist ja so zerstreut? – Sie schüttelte den Kopf. – Doch, Bienle; du kommst mir vor, als ob du mir irgend etwas verheimlichtest! Ist etwas geschehn? – Sie schüttelte abermals den Kopf und dachte: Ich schäm' mich halt. – Dann sei doch so wie sonst! Du hast mir ja nicht einmal einen Kuß gegeben! Sie wurde ein wenig rot, dann hielt sie ihm die Lippen entgegen. Enzio schloß die Augen und dachte: warum können Irene und Bienle nicht eine einzige sein! Jetzt mußt du mir von dir erzählen, wie es dir die ganze Zeit gegangen ist, sagte er nach einer Pause; – komm, setz dich mit mir ins Sofa. Sie setzte sich neben ihn. Es fiel ihm ein, daß er gewohnt war, den Arm um sie zu legen, daß sie dies auch jetzt erwarte, und nach einem leichten Schwanken tat er es. Erzähl du lieber, von deiner Krankheit! – Ach, das ist eine lange Geschichte, und entsetzlich. Das will ich dir lieber nicht erzählen. – Weshalb denn nicht? Ich habe mich so sehr gebangt! – Nein, ich mag nicht. – Sie sah still vor sich hin. – Oder ja, wenn du es durchaus hören möchtest – – und er begann zu erzählen. Irene – sagte er – – du weißt doch, wer Irene ist? Ich habe dir, glaube ich, früher von ihr erzählt. – Sie nickte eifrig, ahnungslos über die Bedeutung dieses Namens, voller Angst, daß jetzt das Schreckliche kommen würde, das ihm beinah das Leben gekostet hätte. Dann erzählte er es allmählich, mit allen Einzelheiten, sie faßte seine Hand, die Tränen liefen lautlos über ihr unbewegliches Gesicht. Er entwarf ein Bild von Irene, als sei sie ein so heldenhaftes Mädchen, wie man es fast gar nicht glauben könne: Du bist auch sehr mutig, Bienle, aber so mutig wie sie bist du doch nicht! Ich sage dir: was die alles schon getan hat! Wärst du wohl auch soweit aufs dünne Eis gelaufen? – Sie schüttelte den Kopf: Ich hätte schon viel zu viel Angst gehabt, du könntest einbrechen. – was willst du damit sagen? – Sie wollte gar nichts damit sagen, sie sprach nur aus, was sie dachte, ohne dabei heimlich irgendeinen Vergleich mit Irene zu machen. Aus Enzios Erzählungen hatte sie sogar eine Sympathie für dieses Mädchen, nur weil sie seine Jugendfreundin war. Er hörte aber jetzt gar nicht mehr auf, von ihr zu reden, und das Bienle wurde immer stiller. Von seinem Unfall sprach er längst nicht mehr, er entwarf ein glühendes Bild von ihr. – Du sagst ja nichts mehr, Bienle, langweilt dich das, was ich dir erzähle? – Sie sagte nein, er sprach weiter, und schließlich wußte sie alles, was auch später noch geschehen war, obgleich er nicht den Willen gehabt hatte, soviel auszusprechen. Aber irgend etwas trieb ihn vorwärts. Wollen wir nicht ein wenig spazieren gehn? fragte sie endlich, – es ist hier so drückend warm und ich bin heut noch viel zu wenig an die Luft gekommen. Enzio war sofort bereit. Seine Stimmung war leichter geworden; daß er dies alles dem Bienle sagte, erschien ihm notwendig, jetzt, wo die Hauptsache ausgesprochen war. Spielend – so glaubte er – hatte er ihr alles beigebracht, was dabei seine Absicht war, wußte er nicht. Er hatte nur das unbestimmte Gefühl, als sei die Zukunft jetzt nicht mehr so verbaut wie früher, als würde sich alles nun von selbst gestalten, ohne daß eine Änderung des früheren eintrat. Draußen auf der Straße redete er weiter von Irene. Dann sprach er plötzlich von Pimpernell: Die wird wahrscheinlich herkommen! Ich mag sie nicht, aber sie ist ein ganz nettes Mädchen, man muß immerzu über sie lachen, und du wirst sie auch sehr komisch finden. Sie ist ziemlich hübsch, aber weißt du, wie sie aussieht? So: Er zog die Nase hoch und machte ein besonderes Gesicht. Bienle lachte, und alles, was sie langsam zu bedrücken begonnen, erhielt für einen Augenblick eine Erleichterung, in der unschuldigen Freude mitlachen zu dürfen über dies Mädchen, das ihrem Glück nicht gefährlich war. – Erzähl noch mehr von ihr! bat sie instinktiv, und Enzio sprach von ihrer Begegnung in Irenes Zimmer: Du hättest sehen sollen, was sie für eine Verbeugung in die Luft machte, um Irene recht zu kränken, aber der ist das egal! Damit war er wieder bei ihr angelangt, und jetzt zeigte er dem Bienle auch das Täschchen, das sie ihm in den Koffer hatte legen lassen. – wo gehn wir hier denn? fragte er aufblickend – hier sind wir doch noch nie gewesen. Sie waren in einer halbbebauten Straße der Vorstadt. Drüben stand ein Haus, ganz für sich allein, die glatten, rohen Backstein-Seitenwände zeigten, daß es auf Nachbarn berechnet war, die noch nicht existierten: Rechts davon lag grauer Himmel, links grauer Himmel, in dem Milchgeschäft des Parterres war eine Glasscheibe zerbrochen und mit Lumpen verstopft, die obern Geschosse waren alle kahl, nur auf einem Fensterbrett des ersten Stockes stand draußen in der Kälte ein erfrorener Blumenstock. Wir können auch rechts herumgehn, dann kommen wir bald aufs freie Feld! sagte Bienle. Sie wandten sich einer Nebenstraße zu, die eigentlich keine war. Auf der einen Seite standen Baracken, auf der andern war das freie Land; darauf lagen Überreste von Stiefeln, Stücke von rostigem Blech, Kochtöpfe ohne Boden. Trostlos war dem Bienle dieser ganze Spaziergang. Immer dachte sie: weshalb ist er nur zurückgekommen! Ganz still lief ihr zuweilen eine Träne aus dem Auge, die sie heimlich fortwischte. Nun erzähl mir auch von dir! sagte Enzio, ich spreche ja immer ganz alleine. Sie bemühte sich, in ihrer Erinnerung Dinge zu finden, die ihn interessieren würden, er warf auch mehrmals ein paar Bemerkungen ein, aber sie fühlte bald, wie sein Geist abirrte. Schließlich verstummten sie beide, blieben stehn und sahn ohne Gedanken einem struppigen Hunde zu, der dort auf dem Felde herumschlich, bald hier, bald da, und selbst nicht zu wissen schien, was er wollte. Laß uns umdrehn, ich möchte gern nach Hause, sagte Bienle. Er wollte fragen, weshalb sie schon nach Hause wolle, aber er fühlte selbst den Grund. Sie wandten sich zurück, und nun waren beide schweigsam. Wie sehr hatte sie sich auf seine Rückkehr gefreut! Alle Tage hatte sie gezählt, für jeden einen Bleistiftstrich gemacht, als sie erfuhr, in einer Woche sei er wieder da, und mit festlich-wachsender Freude diese Striche immer weniger werden sehn, da sie jeden Tag den letztvergangnen durchkreuzte. Und wie fieberhaft hatte sie für ihn gearbeitet, daß er alles schön und gemütlich fände zu Hause. Davon hatte er kaum ein Wort gesagt. Ob er es gar nicht bemerkt hatte? war nun alles zwischen ihnen aus? Er konnte dieses dumpfe Schweigen endlich nicht mehr ertragen. Bienle! sagte er, sei doch nicht so sonderbar, was hast du eigentlich? Sie versuchte zu lächeln, ihre kindlichen Brauen hoben sich leise, als dächte sie über einen Rätselvers nach, den er ausgesprochen, dann sah sie wieder grade aus, ohne zu antworten. Sie kämpfte mit sich selbst. Aber was sollte sie ihm sagen,? – Was hast du eigentlich? fragte er abermals, sicherer gemacht, in einem ungeduldigeren Ton. Und das, was sie hätte sagen können, brachte sie nun erst recht nicht über ihre Lippen. Sie schritten eine Zeitlang wieder schweigend nebeneinander her. – Ich werde fabelhaft arbeiten, von nun an! sagte er nach einer Pause von neuem, ich bin sehr zurückgekommen in der letzten Zeit. – Sie antwortete nicht. – Das heißt nicht, fuhr er fort, daß wir uns weniger sehn werden – oder vielmehr doch – – oder nein – – das hat ja damit nichts zu tun, nur grade jetzt, grade diese Tage – – ach, Bienle, du weißt nicht, in was für einer Verfassung ich bin! – Doch, sagte sie leise. – Verstehst du das wirklich? fragte er lebhaft, sogleich mit wärmerem Gefühl, weißt du, jede Stimmung muß man ausklingen lassen, und du mußt doch verstehn, daß meine Gedanken noch wo anders sind! Bedenk, daß ich erst einen einzigen Tag von zu Hause fort bin. Ganz genau so ist es mir gegangen, als ich heimfuhr und dich verlassen hatte. Da war ich krank vor Sehnsucht nach dir und wollte keinen andern Menschen sehn. Siehst du, ähnlich geht es mir jetzt auch, nur natürlich ist alles nicht so schlimm und wird schneller vorübergehn. Aber das mußt du doch selbst sagen: Wenn ich jetzt ganz rasch das alles vergessen würde, was ich zuletzt erlebt habe, dann müßte ich ein gefühlloser, undankbarer Mensch sein! – Bienle horchte auf. – Nimm an, du selbst wärest Irene gewesen, dann wärest du doch gewiß sehr traurig, wenn ich um eines andern Mädchens willen dich gleich wieder vergessen hätte. – Bienle sah aufmerksam ins Leere. Ihrer rechtlichen Seele machten diese letzten Worte Eindruck. – Sie muß ein sehr liebes Mädchen sein! sagte sie. – Das ist sie auch! rief Enzio freudig, Gott sei Dank, daß du das aussprichst. Ich hatte schon gedacht, du wärest eifersüchtig! Dazu, Bienle, ist absolut kein Anlaß. Ich habe sie sehr gern, natürlich, und wenn ich dich nicht hätte, noch viel lieber. Aber du stehst mir am allernächsten, das weißt du doch, wie? – Sie antwortete nicht. – Weißt du das nicht? – Sie schwieg noch immer und sah grade aus. – Bienle! – Er blieb stehn. – Bienle, sieh mich einmal an! Ich habe dich gefragt: Weißt du das nicht? Glaubst du das nicht? – Sie zuckte ein klein wenig mit den Schultern. – Sieh mich doch an! – Sie tat es, und vor ihrem blauen graden Blick kehrte er nun den seinigen ab. Auf einmal erschien er sich abscheulich und hartherzig. Er fühlte im Untergrund seiner Seele, daß alles, was er gesagt hatte, doch nur nutzlose Quälerei war, nur eine Art Durchringen zu dem alten Zustand zurück, daß er nicht anders konnte, als ganz zu ihr zurückfinden, und daß es besser war, diesen Schritt scheinbar leichter zu tun, ohne die Zwischenstufen, die für sie beide grausam waren und die frühere Unbefangenheit nur hinauszögerten. Er legte seinen Arm um sie, aber sie fühlte, daß es nicht die alte, echte Zärtlichkeit war, und erwiderte sie nicht. Wann kommst du zu mir? fragte er, unter ihrem Hause. – Sie zuckte die Achseln: Ich weiß nicht. – Sein Herz krampfte sich zusammen: Dies Ganze ist ja gräßlich! stieß er hervor; es ist, als wenn irgend etwas Entsetzliches zwischen uns getreten wäre! Du bist ganz anders, als du früher warst! – Du doch auch. – Ich? Nein! Es ist mir schrecklich, daß ich vorhin so dummes Zeug geredet habe. Ich war wie besessen; das ist aber schon vorbei; ich mußte alles nur loswerden, und das ist nun geschehn. Wann kommst du? Morgen? – Morgen kann ich nicht. – Übermorgen? – Sie antwortete nicht. – Also ich erwarte dich ganz bestimmt übermorgen! – Leb wohl, ich muß jetzt hinauf. – Mußt du wirklich schon hinauf? Was mußt du denn? – Ich muß für den Abend kochen. – Backst du wieder einen Pflaumenkuchen? mit einem Ei darin? so fragte er, und suchte seinen Worten einen leichten, fröhlichen Ton zu geben, der eine scherzhafte Anspielung an frühere Erlebnisse enthalten sollte, so, als wenn diese Zeit nun wieder da sei. Sie sah ihn mit einem ganz flüchtigen Lächeln an, das ihm ans Herz ging. Dann sagte sie ihm Adieu. Er sah ihr nach, in seinem Innern zerrte und schmerzte es. Es wird alles wieder so wie es war! murmelte er im Fortgehn, es muß alles wieder so werden, ach Gott, was habe ich aber auch für eine furchtbare Dummheit gemacht! warum mußte ich ihr soviel erzählen! – Er malte sich aus, wie alles ganz anders hätte sein können; wenn er ihr geschrieben hätte, mit welchem Zug er ankam, dann hätte sie ihn von der Bahn abgeholt, sie wären zusammen in seine Wohnung gegangen, dort hätte sie ihn überrascht mit allen ihren kleinen, liebevollen Arbeiten, und von vornherein wäre nur Glück und Wärme zwischen ihnen gewesen. Am festgesetzten Nachmittag saß Enzio zu Haus und ward mit jeder Viertelstunde unruhiger. Er ging im Zimmer umher, rückte alle Bilder grade, spielte zwischendurch ein paar Takte auf dem Klavier, lauschte, ob nicht die Glocke ertönen würde, bis endlich kein Zweifel mehr bestehn konnte, daß sie nicht mehr kam. Weinend warf er sich aufs Sofa. Hatten sie seine Worte so sehr im Innersten getroffen? Er überlegte, was er ihr gesagt hatte, soweit es ihm im Gedächtnis war, und jetzt kam es ihm noch viel grausamer und härter vor. Und doch war er erbittert auf sie, und in dieser Erbitterung begann er einen neuen Brief an Irene zu schreiben, in dem er ihr abermals versicherte, wie traurig er sei, daß er nun wieder fort wäre; nur daß seine Worte noch leidenschaftlicher waren als im ersten Brief. Dann aber zerriß er ihn plötzlich und rief: Ich denke ja immerzu an Bienle, wie kann ich denn da an Irene schreiben! Er warf das Papier beiseite, dann stützte er wieder die Stirn in seine Hände; schließlich spielte er mit den Veilchen, die vor ihm auf dem Tische standen. – Und noch immer habe ich ihr kein Wort gesagt über all das Liebe, was sie mir getan hat! Aber jetzt weiß ich, was ich tue: ich schreibe ihr einen Brief, Irene kriegt ja sowieso schon einen! Für wie undankbar mußt du mich halten – so schrieb er – daß ich noch kein Wort gefunden habe, um dir zu danken für deine Liebe und das, was du in meiner Abwesenheit für mich getan hast, Bienle; aber dein Zettel mit dem Gutenachtgruß hat an meinem Herzen gelegen, in der ersten Nacht, wo ich wieder in meinem Bette schlief. – Hier hörte er für einen Moment mit Schreiben auf und dachte: ja, aber auch Irenes Zettel lag an meinem Herzen! Soll ich das nun hinzufügen? Das wäre nur wieder eine Erinnerung, eine Fortsetzung der Quälerei! Ist es unaufrichtig, wenn ich ihr das jetzt verheimliche? Aber ich muß es doch, es bleibt mir nichts andres übrig! Und an Irene habe ich doch auch kein Wort von Bienles Zettel geschrieben! aus genau demselben Grund! – Er schloß mit der leidenschaftlichen Versicherung, daß sich sein Herz ganz zu ihr zurückgefunden habe. Dann kuvertierte und adressierte er den Brief. Er suchte nach einer Marke in seiner Mappe. Wie? lag da immer noch der erste Brief an Irene? Hatte er vergessen, den abzuschicken? Sein Gefühl gab ihm ein, ihn zu verbrennen. Aber dann dachte er: ich muß ihr doch schreiben! Und was soll ich ihr sonst sagen, außer dem, was ich geschrieben habe? Spricht es nicht genau das aus, was ich empfinde? Und erwartet nicht Irene einen solchen Brief? Soll ich mich jetzt künstlich mit einem neuen quälen, wo der alte rein und selbstverständlich geschrieben ist? Jetzt würde etwas Unaufrichtiges hineinkommen, das habe ich vorhin gesehn, und wie ich diesen hier schrieb, meinte ich alles so wie es dasteht. Es ist nur ein Zufall, daß er noch nicht fort ist! Eigentlich hätte ihn längst die Post! Es ist eine vergessene Handlung, die ich jetzt nachhole! Er trug sie beide hinab zum Kasten. Im letzten Moment überlegte er sich aber, daß es besser sei, dem Bienle den Brief persönlich zu übergeben. Es hätte am Ende doch unabsehbare Folgen haben können, wenn er in unrechte Hände geriet. So löste er sie beide, wie er sie in seiner rechten Hand getragen hatte, voneinander, um nur Irenes zu befördern. Welch sonderbarer Zufall! dachte er, als er die Adresse noch einmal besah: Habe ich des Bienles Brief nicht recht gelöscht? Und grade ihren Vornamen nicht? – Er hatte sich in Spiegelschrift auf Irenes Adresse abgedrückt, und zwar so, daß die beiden Mädchennamen aufeinanderfielen. Das erinnert mich an irgend etwas Ähnliches in der Musik ... dachte er, und auf einmal wußte er es. Es war wie der Übergang von einer Tonart in eine andere: Die Bezeichnungen ändern sich, und derselbe Ton, weiterklingend, festgehalten, erhält durch enharmonischen Wechsel eine neue, selbständige Bedeutung. Soll ich nun noch einmal hinaufgehn und den Brief umkuvertieren? Dann würde ich ihn wahrscheinlich noch einmal lesen und womöglich nicht abschicken. Des Abends spät pfiff er bei Bienle. Ihr Zimmer war dunkel. Aber fast als wenn sie hinter dem Fenster gestanden und auf Enzio gewartet hätte, öffnete es sich und sie sah herab, im Nachtkleid, wie es schien. Er hielt die Hand mit seinem Briefe hoch. Nun muß sie sich erst anziehn! dachte er in Mitleid. Oder würde sie etwa überhaupt nicht mehr herabkommen? Sie war früher da, als er dachte, in einem langen dunklen Mantel, der ihr fast bis auf die Füße ging. Du hast einen Brief für mich? fragte sie. – Ja! Ich habe dir einen Brief geschrieben. Ich wollte ihn erst in den Postkasten werfen, dann dachte ich, es sei sicherer, ihn dir selber in die Hand zu geben, denn er ist zu wichtig, als daß ihn andre lesen dürften. – Gib, sagte sie mit tonloser Stimme. – Was hast du denn? – Seine Gedanken waren weit entfernt von dem, was sie dachte. – Mich friert nur, ich war schon längst im Bett. – Hast du kein Kleid unter dem Mantel an? – Nein, nur mein Nachtgewand. – Sie nahm den Brief und sagte: Leb wohl – – so furchtbar traurig, daß er dieses doch nicht begriff. Er wollte ihr noch etwas sagen, aber sie war schon von ihm fortgegangen und wandte sich langsam in den Hof zurück. Er sah, wie ihr heller Arm sich aus dem Mantel löste und über ihr Gesicht zu streichen schien. Sie dachte nicht anders, als in diesem Brief stünde ein letztes Lebewohl, als habe Enzio sich plötzlich entschlossen, alle Beziehungen mit ihr abzubrechen, was hätte er ihr auch sonst schreiben können? Und diese späte Abendstunde! Sie hatte schon im Schlaf gelegen, in ihren Traum hinein war sein Pfiff an ihr Ohr gedrungen; im selben Moment war sie wach, mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett gesprungen und ans Fenster geeilt. Wie sie jetzt wieder oben war, in ihrem kleinen Stübchen, legte sie den Brief vor sich hin, und hatte nicht den Mut, ihn zu öffnen. Und in ihrem einfachen Sinn dachte sie: Er hat sich nicht einmal Mühe gegeben, ihn ordentlich zu löschen! Schon lange hatte sie sich heimliche Vorwürfe gemacht, daß sie schlecht gehandelt habe gegen Enzio. Es fiel ihr ein, daß sie sich doch früher so fest vorgenommen hatte, alles, was die Zukunft bringen würde, zu ertragen. Sie selber hatte ihm gesagt, es sei ausgeschlossen, daß sie sich jemals heirateten; sie wußte, was die Zukunft bringen würde, und jetzt, wo es noch gar nicht so weit war, wo nur aus der Ferne eine leise Andeutung herüberklang, hatte sie sich bereits schwach und häßlich gezeigt. Aber war denn das so schlimm gewesen, daß Enzio hierauf seine Freundschaft mit ihr abbrechen mußte? War er noch böser, deshalb, weil sie heut nachmittag nicht zu ihm kam? Wahrscheinlich hatte er geglaubt, sie selber wolle nichts mehr von ihm wissen. – So war es wirklich. Enzio wußte nicht, daß es sein eigenes Wesen war, das sie wie in einem Winkel hielt, genau wie am ersten Nachmittag, als sie auf seiner Schwelle stehen blieb. Jetzt öffnete sie den Brief endlich beim Schein ihrer kleinen Kerze, und konnte zunächst kaum fassen, was sie da las. Sie fühlte sich glücklich und erlöst – – und doch war alles Erlebte und alles Eingebildete noch so stark in ihr, daß sie in ihrem innersten Herzen nicht so froh war, wie sie zu sein glaubte. Es war einmal etwas zwischen ihn und sie getreten, und es schien unmöglich, dieses so schnell zu beseitigen, als wenn es nie vorhanden gewesen wäre. Er empfand dasselbe, als sie am nächsten Nachmittage zu ihm kam. Trotz aller wiederkehrenden Herzlichkeit blieb ein Rest von Befangenheit zwischen ihnen. Jetzt fand er auch mündlich die Worte, um ihr noch einmal zu danken für alles, was sie sich in seiner Abwesenheit für ihn ausgedacht hatte; er führte sie zu dem gestickten Deckchen, und sagte, das müsse nun sein ganzes Leben nachts neben ihm liegen. Ihren Gutenachtgruß hatte er sich über sein Bett geheftet, und den wollte er ebenfalls stets neben sich behalten; niemand sollte je erfahren, von wem er stamme. Er schwieg etwas befangen, als sie bei diesem Wort »niemand« mit einem langsamen Seitenblick bis zu seinem Kinn hinaufsah. Und dann die Veilchen! sagte er, sie sind inzwischen halb verwelkt, aber ich habe die schönsten herausgesucht und in ein Glas für sich gestellt! Jetzt ist alles so wie früher; mir ist, als wäre ich gar nicht fortgewesen! Als sie ging, schwebte ihm eine Frage auf der Lippe. Aber er scheute sich, sie zu tun. Auch die nächsten Male sprach er sie nicht aus, bis sie sich, wenn sie einander Lebewohl sagten, an den Händen hielten und sich in die Augen sahn. In beider Augen stand die Frage, schüchtern und sich sammelnd in dem Blick des andern. Dann war auch die letzte Spur ihrer Entfremdung hinweggetilgt, und sie glaubten sich nie so lieb gehabt zu haben. Enzio überschüttete sie mit Zärtlichkeiten, die er so lange nicht mehr gekannt hatte, und sie selber hielt ihn so fest an sich, als wolle sie ihn nie mehr lassen. Und zum allererstenmal stieg ein Gedanke in ihr auf, der ihr eine süße Ruhe brachte. Das Leben war dunkel und lag als Frage vor ihr, aber in diesem Gedanken war ein Hall, eine Beglückung über alle Trennung hinaus. Und wenn sie einmal fühlte, daß ihre Wege wirklich auseinandergingen, dann war der Zeitpunkt da. Von diesem Tage an war sie von einer heitern, ausgeglichenen Ruhe; sie schien reifer, sanfter geworden, ohne von ihrer Kindlichkeit verloren zu haben. Enzio bemerkte dies, ohne zu ahnen, welche Gedankengänge von Glück und Verzicht zugleich sie dahin brachten. Irene antwortete ihm bald auf seinen Brief. Sie schrieb anders als früher: Sie habe Sehnsucht nach ihm, die ersten Tage habe sie immer gemeint, er könne nicht abgereist sein, bis sein Brief gekommen wäre, der ihr dann wieder so geklungen hätte, als sei er noch da. Alles, was sich langsam in ihm zu setzen begonnen, ward wieder aufgerührt, wie soll nur die Zukunft werden! dachte er immer und immer wieder; gegen eine von beiden muß ich doch unaufrichtig werden! Oder ist es möglich, daß man zwei Mädchen auf einmal liebt? Warum sollte es nicht möglich sein? Ich fühle an mir selbst, daß es so ist. Aber einmal muß doch die Entscheidung kommen! Oder liebe ich Irene bereits schon nicht mehr so sehr? Diese Frage bedrängte ihn oft. Er fühlte sich, dann tief melancholisch, aber schließlich dachte er: Was hilft es, über Dinge nachzugrübeln, wo jedes Grübeln unnütz ist! Eines Nachmittags, als es läutete, sagte Bienle: Es ist wieder eine Überraschung, so wie damals, als deine Mutter kam. Es klopfte. Auf Enzios »Herein« öffnete sich die Tür, seine Wirtin stand auf der Schwelle: Da wär ein junges Fräulein, das Sie sprechen möchte. Den Namen hat sie nicht sagen wollen, aber sie käme aus der Heimat. Enzio bekam einen Todesschreck: wenn das Irene wäre! Ehe er aber etwas antworten konnte, schob sich zwischen Tür und Wirtin Pimpernell herein und sagte: Störe ich? Durchaus nicht! rief er fröhlich und erleichtert, komm nur ganz herein! – Pimpernell tat es, dann sah sie auf Bienle und dachte: O Gott, wer ist denn das nun wieder?! Enzio stellte vor, und Bienle ihrerseits hörte erleichterten Herzens, daß dieses nicht Irene war, sondern jenes Mädchen, von dem ihr Enzio soviel Komisches erzählt hatte. Sie fand sie übrigens gar nicht komisch und eher hübsch als häßlich. Bist du nicht gewohnt, Enzio, um diese Stunde Tee zu trinken? fragte Pimpernell: zu Hause tatest du es doch früher immer! – Das heißt: du möchtest selber einen haben? – Ganz aufrichtig und unter uns gesagt: sehr gern! Sie erhob sich. – Was willst du denn? – Er muß doch gekocht werden! – Halt, sagte Enzio. Auf dieses Wort hin blieb sie sogleich stehn. Er wechselte mit Bienle einen Blick. Sie verstand ihn und sagte zu Pimpernell: Ich glaube, ich weiß besser, wo alles steht – und erhob sich ebenfalls. Auf diese Worte hin verzog Pimpernell den Mund zu einem halb mokanten, halb vertraulichen breiten Lächeln, wobei sie mit etwas gesenktem Kopf eine Art von innig-süßem Blick auf Bienle heftete und ihre Nase krauste, ganz so, wie Enzio es ihr öfters vorgemacht hatte. – Schnell schau ich weg, sonst muß ich lachen, dachte Bienle. Wo wohnst du denn? fragte Enzio. – Zwölf Minuten von hier entfernt! Ich habe es genau abgemessen. – Sie zog einen Stadtplan aus ihrer Ledertasche: Siehst du, hier ist deine Straße, und da ist die meinige, wenn man an der Kirche vorbeigeht, dann macht man einen Umweg. Man kann schon vorher, ehe der Platz kommt, das ganze Stück abschneiden. Merk dir das, es ist eine Ersparnis von mindestens zwei Minuten; Fräulein, ich würde an Ihrer Stelle den Spirituskocher etwas weiter von der Gardine fortsetzen, wenn sie eine Zugluft erfaßt, kann die schönste Feuersbrunst entstehn. – Es weht ja aber hier im Zimmer gar keine Zugluft, sagten Bienle und Enzio wie in einem Atem. Pimpernell antwortete hierauf nichts, sah noch einen Augenblick auf den Apparat hin und wandte sich mit einem Achselzucken zu ihrem Plan zurück, was etwa heißen sollte: Ich habe meine Pflicht getan und euch gewarnt. Bienle wechselte mit Enzio einen geheimen, lustigen Blick. – Sie ist gegen Bienle genau so wie damals gegen Irene! dachte er, ohne sich gekränkt zu fühlen, ja, er begrüßte es mit einer Art Genugtuung, denn es belebte sogleich noch mehr seine still verhaltene Zärtlichkeit zum Bienle. Das Wasser begann zu kochen, sie goß den Tee ab, stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich dann neben Enzio auf das Sofa, ganz selbstverständlich, da dieses ihr gewohnter Platz war, während Pimpernell wie ein richtiger Besuch im Sessel saß. Wieder verzog Pimpernell ihr Gesicht, sah aber sogleich mit offiziellem Ernst zur Decke, als Bienle sie aus ihren ahnungslosen Augen voll und ruhig ansah. – Enzio fühlte die verschwiegene Spannung, und das gab seiner Empfindung zum Bienle eine ganz besondere Süße. Heimlich tastete er mit der linken Hand unter dem Tisch zu ihr hin, suchte ihre Finger und spürte mit Wonne ihren Druck. Immer enger ward die Umschlingung, schließlich ruhten ihre Hände gefaltet ineinander, und Bienle mußte sich beherrschen, ihr ruhiges Gesicht beizubehalten, wie sie den wachsenden Druck verspürte, der immer heißer und stärker zu sagen schien: Dich liebe ich und niemand weiter. Ein seliger und stiller Rausch war das, ein leises Fluten heimlich bewegter Kreise ohne feste Horizontbegrenzung. Und währenddes erzählte Pimpernell von ihrer Tätigkeit: Mein Chef ist ein angenehmer Mann, ganz jung und unverheiratet, ich habe es auf den ersten Blick herausgehabt, daß er in mich verschossen ist. Er ist ein reizender, entzückender Mensch. – Heirate ihn doch, sagte Enzio phlegmatisch und spürte bei diesen Worten einen festen Druck von Bienles Hand. Dieses liebe Kind genoß voll und unschuldig das Bewußtsein ihres Glücks, die Sicherheit, daß Enzio ganz ihr gehöre, daß dieses Mädchen ihr Glück niemals gefährden könne. Und das war ihr wie eine unbewußte Entschädigung für alles Schlimme, was sie durchgemacht hatte. – Was treiben Sie eigentlich? fragte Pimpernell plötzlich, irritiert, obgleich sie von dem heimlichen Hin und Wider unter dem Tisch keine Ahnung hatte. – Ich? sagte Bienle, erschrocken, auf einmal Mittelpunkt zu werden. Dann sah sie auf Enzio, als wenn der die Antwort geben müsse. Nichts! fügte sie hinzu, da Enzio schwieg. – Oho! sagte er jetzt, ich denke, du tust grade genug! Waschen, bügeln, kochen, Zimmer in Ordnung bringen, ich meine, das ist schon ziemlich viel! – Pimpernell zog ein säuerliches Gesicht: Haben sie denn gar keine künstlerischen Tendenzen? – Bienle sah sie an. Enzio antwortete statt ihrer: sprich doch nicht so gespreizt! Das macht hier keinen Eindruck, dazu sind wir viel zu natürlich! Bildest du dir etwa ein, daß du künstlerische Tendenzen hast? Mit deinem Puppenmachen? Das mag ja alles ganz hübsch und nett sein, aber mit Kunst hat es nichts zu tun. – O bitte, es sind Reformpuppen! – Pimpernell war vor Ärger über Enzios Zurechtweisung rot geworden. Mit seinem Angriff auf Puppen hatte er ihren Lebensnerv getroffen. Er freute sich, wie er diesen Ärger merkte, und wollte sie gern noch etwas weiter strafen. – Puppen sind sowieso schon etwas Gräßliches! Habe ich nicht recht, Bienle? – O nein, sagte sie, etwas verlegen, Puppen sind doch ganz hübsch! – So! und ich weiß, daß du mir einmal erzählt hast, du habest nie mit Puppen spielen mögen, wie du klein warst. Ich weiß sogar noch ziemlich genau deine Worte; du sagtest: Ich habe mir immer die süßen kleinen Nachbarskinder geholt, und die Eltern von den Kindern sagten: Dem Bienle, so klein wie's ist, kann man mehr vertrauen als dem besten Kindermädchen! Das wird einmal eine gute Mutter werden! Habe ich recht oder nicht? Puppen, sagtest du, wären dir immer tot und dumm vorgekommen, denn sie wären nicht weich und warm! Habe ich recht, Bienle, oder nicht? – Begreift denn Enzio gar nichts?! dachte sie, indem sie ihn, ohne zu antworten, mit ihren blauen Augen sprechend ansah. Übrigens sind Puppen wunderschön, fuhr Enzio fort, der ihren Blick endlich verstand und außerdem dachte, Pimpernell sei nun genugsam zurechtgewiesen, und er sah mit einem sachlichen und unbefangenen Blick auf sie. Pimpernell hatte mit einem verkniffenen Gesichte zugehört. Jetzt war sie über die letzte Wendung sehr erstaunt, schüttelte den Kopf und meinte: Enzio, Enzio, in deinem Hinterstübchen sieht es putzig aus! Du hast gar keine festen Meinungen. Mir scheint, dir fehlt der rechte Lebensernst; dich müßte das Leben einmal tüchtig unter seine Fuchtel nehmen! Du wechselst beständig deinen Standpunkt. – Pimpernell, sagte Enzio gelassen, du bist ein Schaf. – Das mag wohl sein, aber dann bist du ein noch größeres. – Wie unfreundlich! dachte er. Sie dagegen dachte: O Gott, dies ist ja alles furchtbar! Erst bringt er mich so weit, daß ich seinetwillen meine Stellung aufgebe, und nun ist er so ?! Mußt du nicht nachmittags in dein Geschäft? fragte er nach einer Weile. – Das laß nur meine Sorge sein! Ich weiß schon, was ich darf! antwortete sie, rührte sich nicht und sah ihn mit beinah haßerfüllten Augen an, während sie sich doch nur gequält fühlte. Sie geht nicht fort, da läßt sich nichts machen! dachte Enzio, in dem der Wunsch immer lebhafter geworden war, mit Bienle nun wieder allein zu sein. Sag mal, Pimpernell – sprach er plötzlich in einem ganz andern, frischen, herzlichen Ton, du konntest doch früher als Kind so wundervoll eine Militärkapelle nachmachen. Kannst du das noch ? – Mit solchen Dummheiten gebe ich mich nicht mehr ab. – Ich meine aber: ob du es noch kannst? – Habe ich es einmal gekonnt, so werde ich es wohl auch jetzt noch können. – Mach es doch mal vor, Pimpernell! – Fällt mir nicht ein; sagte sie energisch – damit ich hier auch noch ausgelacht werde! – Es lacht dich niemand aus! Also: mach doch mal! – Sie rührte sich nicht; er trat von hinten auf sie zu, streichelte ihr die Wange und sah dabei auf Bienle. – Pimpernell! – sagte er einschmeichelnd-zärtlich: Mach doch mal! – Sie hielt den Kopf ganz still, dann sah sie mit einem scheuen Blick an ihm empor, so daß er dachte: Nein, ich will sie nicht noch weiter treiben. Auch Bienle sah diesen Blick, und alles, was sie dachte, war: das arme Mädchen. Pimpernell sah, daß es aussichtslos war, heute mit Enzio allein zu reden. Deshalb brach sie ihr beharrliches Sitzen endlich ab und erklärte, sie müsse gehn. Er hielt sie nicht zurück. Sie reichte ihm die Hand und sagte, sie werde bald einmal wieder bei ihm vorsprechen, darauf wandte sie sich für einen Augenblick ans Bienle, verzog ihr Gesicht wieder zu einem höflich-innigen Lächeln und sagte: Adieu, mein liebes Kind, es hat mich aufrichtig gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen! Nun, wie gefällt sie dir? fragte Enzio, als sie fort war. – Bienle zuckte mit den Schultern. Unheimlich kommt's mir vor – sagte sie endlich. – Unheimlich? Nanu! Wieso? – Ich weiß nicht, sie kommt mir halt unheimlich vor! So, als wenn's einmal mit der Schere auf einen losgehn könnt'! Enzio lachte schallend, dann küßte er sie und sagte: Deine Menschenkenntnis, Bienle, ist zu niedlich! Schade, daß sie ihre Militärkapelle vorhin nicht doch zum besten gegeben hat! Ich hätte sie schon dazu gebracht, wenn ich gewollt hätte! – Du mußt aber nicht so zärtlich zu ihr sein, Enzio, ich glaube, sie versteht das falsch. Es ist doch auch nicht aufrichtig von dir! Und du mußt mich nicht dabei so ansehn, als wenn du dich heimlich über sie lustig machst! Pimpernell hatte die Idee gefaßt, Enzio zu heiraten. Sehr leicht würde es nicht sein, ihn dazu zu bringen, aber sie hatte Zeit; auf Umwegen mußte es gelingen. Vorläufig schlug sie die Wege ein, die ihr die vorerst zu begehenden schienen. Enzio merkte, daß etwas im Werk war, aber über das letzte Ziel ihrer Absichten war er doch im unklaren. Schon am übernächsten Abend war sie wieder bei ihm. Dieses Mal war er allein. Er schien nicht sehr erfreut, zunächst, aber sie trug ein äußerst kleidsames Kostümchen mit halblangen Ärmeln, und an den Ohren die Haarschnecken wie in ihrer Kindheit, was sehr hübsch zu ihrer stumpfen Nase stand. – Pimpernell, sagte Enzio erstaunt, du bist ja um zehn Jahre jünger geworden? Er konnte sich nicht enthalten, ihr einen Kuß zu geben. Dann setzte er sich animiert neben sie aufs Sofa und fragte: Möchtest du wieder einen Tee haben? Ich habe hübsche kleine Kuchen. – Wenn ich ganz offen sein soll, sehr gern. – Immer offen! rief er gut gelaunt, erhob sich und bereitete den Tee selber. – Welches Gehalt hat eigentlich dein Vater? fragte sie beiläufig, nachdem sie die Rede auf den Kapellmeister gebracht hatte. – Er nannte es. – Aber damit könnt ihr doch nicht so großartig leben, wie ihr tut. – Doch, sagte Enzio, den diese Indiskretion verdroß. Sie ließ das Thema sogleich fallen, und dachte: Also wird wohl ziemliches Vermögen da sein. Nun, sagte er, als er sich wieder zu ihr setzte, erzähl mal! – Was soll ich denn erzählen? – Ich weiß nicht, irgend etwas Lustiges. – Mir ist wahrhaftig nicht lustig zu Sinn. – Ich denke, du bist so ausgefüllt von deinem Beruf? Und dann: der nette neue Direktor ...! – Das war ja doch bloß so von mir hingesagt, oder vielmehr: du hast mich falsch verstanden. Er ist wirklich ein reizender Mensch, aber vorläufig interessiert er mich durchaus nicht. Enzio, würdest du mir wohl ein Glas frisches Wasser holen? So sprach sie, und sah dabei zum Schreibtisch. Enzio erhob sich sogleich und ging zur Küche. Sowie er hinaus war, huschte sie zum Fenster, wo sie, als sie eintrat, einen Brief mit einer Mädchenhandschrift hatte liegen sehn. Zuerst die Unterschrift: Deine Irene. Nun rasch den kurzen Inhalt. – Den hatte sie sich anders gedacht. – Erst als er draußen war, fühlte Enzio mit Bewußtsein jenen Blick des Pimpernell zum Schreibtisch. Jetzt beeilte er sich, schlich auf Zehenspitzen zurück und öffnete dann schnell, aber ganz leise, die Tür. Pimpernell blickte vom Sofa auf. Danke, sagte sie und streckte die Hand aus. Nun, sprach er, als sie wieder beieinandersaßen, wie hat dir denn meine Freundin gefallen? – Pimpernell hatte sich auf diese Frage schon sorgfältig vorbereitet: In ihrer Art vorzüglich! sagte sie und nickte wohlwollend und anerkennend. – Was heißt das: in ihrer Art? – Ich meine als das, was sie ist; als ein hübsches, harmloses, nettes Mädchen, an das man keine weiteren Ansprüche stellt, denn das tust du doch natürlich nicht. Ich verstehe es ganz gut, daß du dich einmal für eine Zeit mit ihr abgibst, sie hat eine ausnehmend hübsche Larve und scheint in ihrem Wesen wirklich reizend zu sein; ich möchte sie gern einmal wiedersehn, wenn es sich zufällig so macht. – Enzio sah sie halb von der Seite an: das nennt man Taktik; dachte er. – weißt du, fragte er, was sie über dich gesagt hat? Du hättest ein so harmonisches, wohltuendes Wesen. – Pimpernell lächelte: Einen solchen Blick hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Nun, dann haben wir ja gegenseitig von uns die beste Meinung. Aber glaubst du nicht, Enzio, daß sie eifersüchtig werden könnte, wenn wir uns öfter sehn? Die Mädchen aus solchen Ständen denken doch immer nur an das Eine und Einzige, und sind für alles andre blind. Die Tochter von einem Wagnermeister ... – Woher weißt du denn, daß ihr Vater Wagnermeister ist? fragte er erstaunt. – Pimpernell machte eine leichte Kopfbewegung, dann schien sie nachzudenken: Das hast du mir doch selbst gesagt! – Ist mir nicht eingefallen! – Woher sollte ich es denn sonst wissen? – Du könntest vielleicht im Adreßbuch nachgeschlagen haben! schlug er vor, und traf damit das Richtige. – Ich? im Adreßbuch? sagte sie eifrig, – wenn ich noch nicht einmal ihren Familiennamen weiß?! – Den habe ich doch genannt, als ich euch vorstellte! – Pimpernell sah in die Luft. So? den habe ich dann wieder vergessen. Kurz und gut: wenn ihr Vater Wagnermeister ist... oder nun irre ich mich wohl? Er ist wahrscheinlich etwas ganz anderes? – Enzio wurde irre. Hatte er ihr wirklich hierüber Auskunft gegeben? Oder tat jetzt Pimpernell absichtlich so unwissend und unsicher? Dann war sie viel raffinierter, als er bisher angenommen hatte. – Nein, nein, du hast ganz recht, sagte er; aber nun sprich endlich aus, was du sagen willst. – Ich meine: Mädchen aus solchen Familien haben viel primitivere Vorstellungen als unsereiner, und ich möchte sie um Gottes willen nicht beunruhigen. Ich möchte nicht den Schein auf mich laden, als wolle ich störend zwischen euch treten. Du dachtest wahrscheinlich: ich sei in dich verliebt. Das ist durchaus nicht der Fall. Ich mag dich als einen Jugendkameraden gern, das ist alles. – So, sagte Enzio kühl. Aber im nächsten Moment verstand er diese Taktik wieder und dachte: Sie hat ganz recht, wie sie es macht, aber nun will ich sie beim Wort nehmen, denn es ist wirklich besser, wenn wir uns nicht so oft sehn; es quält sie nur, und Bienle scheint zu fürchten, daß ich mich in sie verlieben könnte; ausgesprochen hat sie es nicht, aber ich glaube doch, daß sie Ähnliches denkt. – Schön! sagte er, ich empfinde ganz so wie du. Du hast viel zu arbeiten, ich habe viel zu arbeiten, da ist es wohl das beste, wenn wir uns nur gelegentlich einmal sehn. – So sollst du es nicht auffassen, für einen Jugendfreund habe ich immer ein Stückchen meiner freien Zeit übrig. Ich werde dich niemals stören; du darfst mich immer fortschicken, wann du willst. Ich freue mich, daß du ein Mädchen gefunden hast, das dir so nahesteht, und wünschte, daß dieses Verhältnis eine längere Dauer habe, als ich leider fürchten muß. Als sie ihm Adieu sagte, hielt er sie am kleinen Finger fest: Trag doch dein Haar immer so! Wir haben heut so nett zusammen gesprochen, das kommt nur daher, daß du dein Haar so trägst wie früher. Er wollte sie noch hinabbegleiten, aber sie meinte: Bleib lieber oben, die Leute denken sonst vielleicht, daß du deiner Freundin untreu seist. – Und auf der Treppe sagte sie noch einmal: Ich muß mich eilen, denn ich habe eine Verabredung! – So, mit wem denn? – Du brauchst nicht alles zu wissen. – Eine enge Freundschaft? – Sollte sie sagen: ja? Das war nicht klug von ihr. Wenn sie nein sagte, so war das auch nicht klug. 5o sprach sie denn: Man weiß nie, wie solche Freundschaften sich entwickeln und muß alles der Zeit überlassen. Ob sie wohl wirklich eine andere Freundschaft sucht oder schon eine gefunden hat? dachte Enzio, wie er allein war. Sie sieht doch reizend aus! Ein Gefühl, ähnlich der Eifersucht, regte sich in ihm, bei dem Gedanken, daß nun ein andrer das nehmen würde, was ihm selbst hätte gehören können. Ach was! dachte er darauf, das ist es ja: sie will mich eifersüchtig machen! Erweckt Hintergründe, die nicht da sind! Das nächstemal brachte Pimpernell ein Bändchen Novellen mit: Gib sie deiner Freundin, ihre gänzliche Unberührtheit ist zwar sehr hübsch, aber sicher werdet ihr beide Anregung davon haben! Vielleicht lest ihr sie zusammen. Ich könnte mir denken, daß ihr Momente habt, wo ihr nicht wißt, was ihr miteinander reden sollt. Enzio lächelte innerlich über diese neue Wendung und meinte: Wie klug du bist, Pimpernell! – Sie sah ihn mit halb unsicherm Blick, halb teilnahmvoll an, sprach aber nichts weiter über diese Sache. Sie ist doch ein grundgutes Geschöpf! sagte Enzio zu Bienle: denk dir, sie sorgt sich, daß wir beide uns langweilen! Bienle hatte ein unbehagliches Gefühl, aber sie schwieg, da Enzio so gänzlich unbefangen schien. Die Aufmerksamkeiten mehrten sich, sie gingen in direkte Geschenke über, und Pimpernell nannte Bienle, wenn sie von ihr sprach: »das kleine Pusselchen«. Sie hatte sie inzwischen mehrere Male wieder bei Enzio getroffen, und war von der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit gewesen. Sehr erstaunt war er, als sie ihm eines Tages mitteilte, sie habe Bienle in ihrer Wohnung besucht: Ein Stübchen hat sie, recht, recht bescheiden eingerichtet, aber doch ganz niedlich, alles in allem. Wie oft hatte Enzio früher Bienle gefragt: Wie sieht deine Stube aus? und dann ihre Beschreibungen angehört, wie ein Außenstehender, der niemals ein Heiligtum betreten durfte, das ihm ein für allemal verschlossen war. Jetzt kam dies Mädchen und tat mit selbstverständlicher Leichtigkeit, was er nicht konnte. Zudringlich erschien ihm Pimpernell. Sie dagegen glaubte alles recht gut gemacht und eine neue Ecke in seinem Herzen erobert zu haben. Sie wiederholte diesen Besuch sehr bald, und Bienle sagte zu Enzio: Ich wollte, sie käme lieber nicht zu mir! – Magst du sie denn nicht? – Bienle schwieg erst, dann schüttelte sie aber doch den Kopf: Ich hab halt immer das Gefühl, als wenn sie nicht aufrichtig sei, und doch ist sie so lieb und nett zu mir, daß ich mich dann vor mir selber schäme. – Schick sie doch fort, wenn sie wiederkommt! schlug er vor. – Das möcht ich auch am liebsten, aber ich trau mich nicht. – Oder laß ihr sagen, du wärest nicht daheim, sie kann doch nicht kontrollieren, ob das wahr ist. Das tat Bienle wirklich. Aber sie hatte nicht mit Pimpernells Spürsinn gerechnet: Sie witterte die Wahrheit, und einmal, als sie wieder abgewiesen war, stellte sie sich lange draußen auf die Straße, so, daß sie selbst vor Blicken geschützt war, und spähte zu ihrem Fenster hinauf, bis sie konstatieren konnte, daß ihr Verdacht berechtigt war. Ach Gott, wie gräßlich! dachte sie, eilte nach Hause, hielt es aber da auch nicht aus, war kurz darauf bei Enzio, erfuhr, daß er ebenfalls nicht daheim sei, überzeugte sich durch den Augenschein und dachte: Soll ich nun zurücklaufen und sehn, wie er sie abholt? Das wollte sie zuerst auch, bis ihr einfiel, daß sie wahrscheinlich doch zu spät anlangen würde. Deutlich begann sie zu bemerken, wie beide sich von ihr zurückzogen, daß sie mit einem Worte »unerwünscht« sei, wie sie es vor sich selber ausdrückte. Sie begriff Enzio nicht; manchmal glaubte sie schon dicht vor dem vorläufigen Ziel ihrer Wünsche zu sein – und dann war es wieder, als mache Enzio sich nur über sie lustig. – Ich fühle es doch ganz deutlich, daß er mich eigentlich liebt! Enzio schrieb an dem Werk weiter, das er zu Hause abgebrochen hatte. Aber, wie schon damals, fehlte seinen Einfällen auch jetzt die Frische. – Die Messe wirkt noch zu sehr nach in mir! dachte er manchmal, ganz unwillkürlich gerate ich wieder in dieselbe Sprache hinein. Jetzt muß ich eine andre Sprache finden. Er versuchte, sich nun stark in seine Arbeit zu versenken, und sah in der nächsten Zeit weder Bienle noch sonst jemand für länger. Bienle war hierüber nicht unglücklich. Sie sah, daß Enzio arbeitete, und war keinen Moment betrübt wenn sie gleich wieder gehn mußte. Pimpernell aber dachte: Dahinter steckt etwas anderes, was er mir und ihr verheimlicht. Ob da wohl eine Dritte ist, von der wir beide keine Ahnung haben? Diese Hast, diese Eile, mit der er mich fortschickt, ist mir höchst verdächtig! Sie beschloß, dem auf die Spur zu kommen, und wußte nicht recht: Bedeutete das, wenn es wirklich so war, eine Chance für sie, oder das Gegenteil? Sie überlegte sich das sehr sorgsam, und kam zu dem Schluß, daß es für sie günstiger sei, wenn es so wäre. Dann wartete sie halbe Stunden lang in der Nähe seines Hauses, hielt die Eingangstür im Auge und eilte die Treppen empor, wenn einmal ein Mädchen wirklich von der Straße her im Gang verschwand. Aber keine läutete an seiner Wohnung. Ob wohl noch eine Hintertreppe da ist? dachte sie, rekognoszierte das Terrain, fand keine und ging kopfschüttelnd nach Hause. In ihrer Ratlosigkeit und dem Wunsch, ihm nah zu bleiben, begann sie jetzt in ihrer freien Zeit Briefe an ihn zu schreiben. In ihnen legte sie ihre Ideen klar über die Ausbildung der Persönlichkeit, über den ethischen Zweck des Menschen, über die Ehe, und schließlich – selbst erschrocken über dieses Thema –: über die freie Liebe. Was sollte man da nur schreiben? Sie kaute lange an ihrem Federhalter und schrieb endlich: Die freie Liebe sei für notwendig zu erklären da, wo die Beteiligten sie aus freiem Entschlüsse eingingen. Das Weib sei auf der Welt, sich lieben zu lassen, der Mann aber zum Herrschen berufen. Enzio las das flüchtig durch, fühlte sich durch den Schlußsatz einigermaßen sympathisch berührt und dachte: das arme Pimpernell! wenn ich Lust hätte, könnte ich sie jederzeit haben. So sprach er auch zu Bienle; sie antwortete dann nur: Ich wollte, sie wäre niemals hergekommen; worauf er sie auslachte. Da sich Pimpernell immer mit der Frage um sich und Enzio beschäftigte und die Schwierigkeit ihrer Wünsche sich trotz aller ihrer Versuche gleichblieb, so war sie allmählich in den Zustand heftigster Zähigkeit hineingeraten. Oft stand sie abends auf der Straße und dachte: Er wird doch einmal ausgehn! und wartete stundenlang in der Kälte. Hinaufzugehen wagte sie nicht, aus Furcht, sich irgend etwas damit zu zerstören. Schließlich dachte sie: Jetzt warte ich noch eine Viertelstunde, dann gehe ich heim. Und wie die Viertelstunde um war: Jetzt noch fünf Minuten. Und wenn die fünf Minuten um waren und sie sich zum Gehen wandte: vielleicht kommt er grade jetzt die Treppe hinunter. Und wenn so viel Zeit verflossen war, daß er längst hätte das Haustor aufschließen müssen: vielleicht hat er noch irgendeine Zeile fertig zu schreiben, nun ist er grade jetzt beim Schluß und löscht gleich die Lampe! – So ging die Zeit des Wartens endlos hin, und wenn sie sich nach langem Zögern wirklich entschloß, zu gehn, sah sie sich fortwährend um, bis sie schließlich unten an der Ecke war, lief mitunter auch zurück, wenn sie dort oben jemand gehn zu sehn glaubte, um jedesmal zu erfahren, daß es Enzio doch nicht war. Nun bin ich hier in der fremden Stadt, so klagte sie für sich, nur weil ich wußte, daß er hier ist, und weil er mir gesagt hat, ich solle kommen, und nun will er mich nicht! Warum hat er mir nicht einmal geantwortet auf meinen Brief? Enzio hat ein Herz von Stein! sonst müßte er doch fühlen, daß ich unendlich mehr wert bin als diese Freundin, die ihn doch außerdem gar nicht versteht, die keine Ahnung hat, was für eine Natur er ist, und ebenso glücklich wäre, wenn irgendein gewöhnlicher braver junger Mensch sie genommen hätte! Wie mache ich es nur, daß ich Enzio kriege! Ich habe doch nun schon soviel probiert, und nichts gelingt! – Mit Haß dachte sie an Bienle, das glücklich war, während sie so leiden mußte. Sie sah sie manchmal auf der Straße, sprach flüchtig mit ihr ein paar Worte, erst gereizt, dann übermäßig freundlich, da sie allmählich gar nicht mehr wußte, was sie tun müsse. Eines Abends, wie sie wieder unten an seinem Hause stand und grade gehn wollte, ward das Tor geöffnet. – Er ist es ja doch nicht! dachte sie, obgleich der Mensch, der da herauskam, ihm ähnlich war. Aber sie war zu oft enttäuscht worden, um noch zu hoffen. Und doch lag in ihren resignierten Worten ein Keim der Hoffnung; es war wie eine Bitte ans Schicksal, das man günstiger zu stimmen denkt, wenn man sich von vornherein ergeben zeigt. Es war Enzio wirklich. Er war in einer vollkommenen Depression. Den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend hatte er gearbeitet, es war ihm nicht gelungen, die Gedanken, wie er sie innerlich fühlte, an das Licht zu schaffen. Es bleibt mir nur übrig, mir das Leben zu nehmen! hatte er gejammert, das Leben hat keinen Zweck mehr für mich, wenn ich ein Stümper bin! Jetzt schritt er in die klare Luft hinaus, um sich etwas zu sammeln und zu erholen. Enzio! sagte eine leise Stimme hinter ihm. Er wandte sich rasch um; ein Gefühl der Enttäuschung war in ihm, als er Pimpernell erkannte. – Was tust du denn hier noch? – Nichts; ich habe nur gewartet. – Mein Gott, rief er, hast du mich denn so lieb? – Ihre ganzen künstlich aufgebauten Pläne brachen zusammen unter dieser kleinen Frage, sie antwortete nicht, sie begann zu schluchzen. – Ich bin auch unglücklich! sagte er und nahm sie in die Arme. Sie sank an seine Brust und umschlang ihn fest. Er tröstete und küßte sie ganz mechanisch, sie erwiderte diese Küsse zum erstenmal mit aller Kraft, sein Blut begann plötzlich zu wallen, er fühlte nur ihren lebenswarmen, jungen Körper, der sich nach seinem sehnte, der ihn schon immer gereizt hatte, ohne daß er es sich selber eingestehen wollte, enger schmiegten sie sich aneinander, alle Gedanken verließen ihn, und halb ohne Bewußtsein flüsterte er: Komm. Am nächsten Morgen, zu ziemlich später Stunde, saß er allein auf seinem Sofa und dachte darüber nach, wie dieses alles so plötzlich gekommen war. – Ich war halb wahnsinnig, ich muß halb wahnsinnig gewesen sein, denn jetzt ist es mir unbegreiflich; es riß mich mit fort, ohne Überlegung. Wäre ich doch nicht aus dem Haus gegangen! Dann wäre es nicht geschehn! Was sollte er nun tun? Er mußte seine Freundschaft mit Pimpernell abbrechen; einen andern Ausweg schien es nicht zu geben. Aber wie sollte er das machen? Sollte er ihr sagen, er habe sich durch ihre Empfindung mitreißen lassen? Dies war noch das Glimpflichste. Heute, am späten Nachmittag, wollte sie wiederkommen; er hatte nicht den Mut gehabt, darauf zu antworten; aus schuldbewußtem Zartgefühl und aus Feigheit war er beim Abschied so liebevoll und warm gewesen, daß sie sagte: Ach, Enzio, endlich hat uns das Geschick zusammengebracht! Ein andrer Gedanke schoß ihm durch den Kopf: wenn er nun gar nichts sagte, auch zu Bienle nicht, und alles gehen ließ, wie es ging? – Das wäre, dachte er, die allererste wirkliche Gemeinheit. Pimpernell kam, ahnungslos und glücklich. Über Erwarten war sie um einen Riesenschritt ihrem Ziel näher gekommen; sie hätte diesen neuen Zwischenzustand zwar lieber nicht gesehn, aber er mußte rasch überwunden werden. Enzio war schweigsam. – An was denkst du? fragte sie und suchte ihn an sich zu ziehn. – An meine Freundin. – Ach, Enzio, denk doch nicht an sie. – Nach einer Weile fuhr sie fort: wollen wir noch vor Ostern oder gleich nach Ostern unsere Verlobungsanzeigen verschicken? Ich glaube, grade zu Ostern wäre vielleicht das beste. Osterglück ist doch noch besser als gewöhnliches. – Enzio lief alles Blut zu Herzen. Denkst du denn, daß wir uns heiraten?! – Ja aber selbstverständlich, ich bin doch ein ehrenhaftes Mädchen, das solch einen Schritt nicht tut, wenn er nicht zur Ehe führt! Und du bist der Sohn aus einer ehrenwerten Familie. – Und meine Freundin? – Die hättest du über kurz oder lang doch verlassen! Sie wird sich bald mit jemand anders trösten! Ich kenne solche Mädchen! Die gehn ganz auf in einer Liebe, aber es wird ihnen dann auch nicht schwer, sie zu wechseln, wenn es sein muß. Sie wird ein paar Tage weinen, das ist alles. Und im Grund mußt du doch zugeben: Irgend etwas in ihrem Wesen ist vulgär und paßt nicht zu dem deinen! Du sagst das ja auch gar nicht im Ernst. – Ein Jähzorn wollte in Enzio aufkochen; aber er beherrschte sich. – So! sagte er; glaubst du, ich werde den Verkehr mit ihr nun aufgeben? – Das mußt du jetzt, denn ich verlange es! – Er machte eine Bewegung, als wenn er ein Netz von sich abschütteln wolle, dessen Maschen er fühle, und rief: Das wäre eine üble Belohnung für alles Gute, was sie an mir getan hat, und dann vergißt du eines: Daß ich sie liebe und nie aufgehört habe sie zu lieben! – Das ist es ja: das darfst du von jetzt an nicht mehr! Ich werde nun sofort unsere Verlobungsanzeigen drucken lassen. – Glaubst du denn im Ernst, wir würden uns heiraten? Ich denke nicht daran, das verspreche ich dir hiermit auf Ehrenwort! – Pimpernell sah wie versteint aus. Aber sie gab noch nicht alle Hoffnung auf: wenn du nicht willst, so sage ich alles meinem Vater! Du weißt: er ist Schuldirektor. Im Point d'honneur ist nicht mit ihm zu spaßen! Mit der Tochter eines Schuldirektors macht man so was nicht, wenn man es nicht ernsthaft tut! Ich sage dir: er fordert dich auf Revolver und aufs Schwert. – Tu, was du willst, aber ich tue auch, was ich will. Ich fühlte mich schuldig gegen dich, aber wenn du gleich so kommst, dann komme ich auch anders! Ich habe mich hinreißen lassen, das war schlecht und abscheulich von mir, und ich wollte, ich wüßte etwas, wie ich es wieder gut machen kann. Aber geheiratet wird nicht! Ich fühle, daß wir nun nicht mehr miteinander verkehren können, ich bitte dich hiermit um Verzeihung, und du wirst es selbst einsehn, daß es besser ist, wenn wir uns künftig vermeiden. – Also hinausgeworfen! rief Pimpernell. Dann sprudelte sie sinnlose Worte vor, ihr ganzer Haß entlud sich gegen Bienle. Schließlich rief sie: Du bist verblendet, Enzio, du hast dich einfangen lassen von einem ganz gewöhnlichen Geschöpf, das dich mit dem Erstbesten betrügen wird! Sieh doch nur ihr Gesicht an! Darin steht deutlich geschrieben, was sie wirklich ist! – Schweig! rief er; wie kannst du es wagen, meine Freundin anzutasten! – Ich weiß doch, was ich weiß! – Dann sprich es gefälligst aus! Bitte, ich warte! – Er sagte dies in einem Ton, der sie maßlos erbitterte; er redete die Sprache des vollen, unangreifbaren Glücks, und auf der andern Seite stand sie selbst mit ihrem Unglück, mit ihrer niedergetretenen Ohnmacht. – Ich sage nichts mehr! – weil du nichts zu sagen weißt! Ich aber sage dir: sie ist hundertmal mehr wert als du, denn sie verleumdet ihre Nebenmenschen nicht. – Bravo! vorzüglich repliziert! »Ich aber sage dir«: du wirst noch an mich denken! Ohne ein weiteres Wort eilte sie hinaus. – Was tut sie nun? dachte Enzio, halb voll Mitleid, halb in Angst und Selbstvorwürfen. Ob sie jetzt zum Bienle ging und ihr alles sagte? Dem mußte er zuvorkommen. Er eilte sofort zu Bienles Haus, holte sie ab zu einem Spaziergang und erzählte ihr alles. Ihr Herz krampfte sich zusammen: Ich dachte mir immer, daß irgend etwas geschehn würde! sprach sie nur. – Weshalb hast du mir das denn nie gesagt? – Sie sah ihn an: Muß man denn immer alles sagen ? Du hättest es wohl merken können. – Was tust du nun? fragte sie nach einer Pause. – Nichts! Unsere Freundschaft ist zu Ende. Sie wird nicht mehr zu' mir kommen. – Bienle schwieg, aber in ihr war eine unbestimmte Angst. Kurz darauf stand in der Zeitung eine Notiz, der zufolge ein junges Mädchen den Versuch gemacht hatte, aus Eifersucht einem andern jungen Mädchen eine Büchse mit einer ätzenden Flüssigkeit ins Gesicht zu gießen, zur Zeit der Abenddämmerung. Der Name des Opfers, das durch einen glücklichen Zufall mit heiler Haut davongekommen, sei bekannt, dagegen habe es nicht gelingen wollen, den Namen der Täterin ausfindig zu machen, zumal die Bedrohte keine Ahnung habe, wer jenen Racheakt verübte. Enzio erfuhr das Geschehene eine Stunde nach der Tat. Zunächst konnte Bienle kaum sprechen, dann sank sie weinend in das Sofa. Und ehe sie endlich erzählte, ehe er noch eine Ahnung hatte, worum es sich handele, mußte er ihr auf sein heiliges Wort versprechen, nichts zu unternehmen, wenn er alles wisse. Dann erzählte sie es: Ich sah sie auf mich zukommen, ich erwartete mir gleich nichts Gutes, denn ihr Gesicht sah so verändert aus! Ich sah auch, daß sie etwas in der Hand trug, und dann hat sie den Arm gehoben und hat zugeschüttet, ich duckte mich ganz blitzschnell drunter weg, und so hat's mir bloß den Mantel ruiniert und ich habe nur einen kleinen Fleck am Halse abbekommen, sonst nichts, gar nichts. Im Augenblick war sie davon; eins, zwei, drei hab ich den Mantel von mir gerissen, und dann sind Leute gekommen, erst nur ein paar, schließlich eine Menge, und endlich auch ein Polizist, der hat mich verhört und meinen Namen aufgeschrieben. Enzio war außer sich. Er wollte sofort zur Polizei. Bienle erinnerte an sein Versprechen, und als das nichts half und sie immer wieder vergeblich flehte, rief sie: Wenn du es tust, dann ist alles aus zwischen uns, dann kann ich dich nie wiedersehn! – Und ich? Ich soll in steter Angst leben, daß sie ihren Versuch noch einmal wiederholt? – Ich nehm' mich schon in acht, ein andermal, und laß sie gar nicht an mich herankommen! Sie wird's wohl auch nicht wiederholen! Aber jetzt, wenn du sie anzeigtest, dann käme es zu einer Gerichtsverhandlung, und denk doch, was da alles öffentlich besprochen würde! Du würdest vorgeladen, ich würde vorgeladen, und ich würde sterben, wenn man mich fragte über dich und mich! Enzio schwieg. – Und dann – fuhr Bienle fort: Das Mädchen hat doch nicht so sehr viel Schuld! Du hast's in die Verzweiflung gebracht, daß es nimmer anders hat können! – Enzio kehrte den Blick fort: Ich gehe morgen hin zu ihr, irgend etwas muß geschehn! Wie er so redete, läutete es draußen. Dann hörte man eine erregte Stimme, die Enzios Namen nannte. Er öffnete schnell die Tür zu seinem Schlafzimmer, ließ Bienle leise eintreten und schloß sie wieder. Gleich darauf klopfte es hastig, und ehe er noch Herein gerufen hatte, stand Pimpernell schon auf der Schwelle, schloß die Tür und ging starr auf ihn zu. – Er fuhr ein einziges Mal nervös mit der Hand durch sein dichtes, blondes Haar, so daß die Stirne hell hervortrat, dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen den Flügel zurück. Nun? war alles, was er fragte, mit großen, stechenden Augen. Sie hielt den Blick unausgesetzt auf ihn geheftet, ihr Atem ging immer schwerer, ihre Brust hob und senkte sich wie keuchend. – Enzio. Mehr brachte sie nicht heraus. – – – – Ich habe dir etwas Furchtbares zu sagen, rang es sich von Neuem von ihren Lippen los, und ihr Blick klammerte sich auf sein Gesicht: Ich habe etwas Entsetzliches getan! Ich habe deine Freundin zugrunde gerichtet! Enzio wußte es besser; aber dieses Wort, das alles aussprach, so wie es hätte werden können , traf ihn so stark, daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck annahm; so, wie wenn er sich im nächsten Moment auf sie stürzen würde, um sie zu erwürgen, voll Todesangst starrte sie ihn an; aber er machte keine Bewegung weiter, ja, der Ausdruck seiner Augen ging ganz langsam in Mitleid über. Bienles Worte tönten ihm in den Ohren: Du hast sie in die Verzweiflung gebracht, daß sie nimmer anders hat können. Sie bemerkte halb unbewußt diese Wandlung auf seinem Gesicht, und ihr eignes Unglück, die unvermeidlichen Folgen ihrer Tat erschienen ihr so ungeheuer, so über alle Maßen furchtbar, daß sie sich nicht klar darüber ward, in Enzio müßten ganz andre Gefühle die Oberhand behalten. Nun bleibt mir nichts übrig, als mir das Leben zu nehmen! noch heute Nacht! Denn morgen, morgen früh kommt die Polizei und holt mich! O Gott, ich war ja wahnsinnig, ich war verrückt, ich war nicht mehr bei Sinnen! Enzio sah unwillkürlich zur Tür des Schlafzimmers. Es war, als müsse Bienles Stimme jetzt die Worte sprechen: Sag ihr, wie alles wirklich ist, befreie sie doch von ihrer Angst! Aber es blieb still dort drinnen, und er dachte: Ich werde diese Worte auch noch zu ihr sprechen; – er setzte fast schon dazu an, verstummte aber wieder und sah auf Pimpernell: Diese Rache wollte er sich wenigstens gönnen, sie noch ein paar Augenblicke in ihrer Verzweiflung zu sehn. Und diese Augenblicke waren konzentriert genug. Sie hatte sich auf das Sofa geworfen und den Kopf in die Kissen gegraben, wie ein verfolgtes Tier, das nichts sehn will. Immer neue Stöße von Angst erschütterten ihren Körper. Da übermannte ihn das Mitleid. Er trat zu ihr hin und sagte: Es ist ja nicht so schlimm: es ist alles besser abgelaufen, als du denkst. – Sie richtete sich mit einem Ruck empor und starrte ihm in die Augen, als habe sie seine Stimme aus der Höhe herab gehört, wie die eines Engels. – Ich habe sie gesehn, sprach Enzio; sie war vorhin bei mir; ihr Gesicht ist unentstellt. Nur am Halse, sagte sie, habe sie eine kleine Wunde; ihren Mantel – den hast du ihr freilich ein für allemal verdorben. – Sie war bei dir? Du hast sie gesehn? Und du erschlägst mich nicht!? Ihr Gesicht ist gerettet? O, dann ist alles gut! Dann kommt der Polizeidiener vielleicht doch nicht! Das arme Kind! Sie hatte ja keine Schuld, ich hatte nur einen so furchtbaren Haß auf sie. Aber sie hat mich wahrscheinlich schon angezeigt und der Polizeidiener kommt doch! Was du nur immer mit deinem Polizeidiener hast! sagte Enzio, halb voll Mitleid und halb voll Abneigung: Niemand kommt und holt dich; niemand zeigt dich an! Sie ist bereits verhört worden und hat ausgesagt, sie habe nicht die geringste Ahnung, wer ihr das angetan haben könnte, sie glaube, es handle sich um eine Verwechslung, es sei eine ganz andre gemeint gewesen. Jetzt geriet Pimpernell in eine Extase von Dankbarkeit. Eine solche Großmut faßte sie zunächst gar nicht. Dann aber sagte sie mit plötzlichem Entschluß: So werde ich mich selber dem Gerichte stellen! Jetzt fühle ich den Mut dazu! Meine Tat muß Sühne finden! Wenn sie auch nicht vollendet wurde: ich bin trotzdem eine Mörderin! – Enzio runzelte die Stirn: Laß doch die Phrasen, die haben keinen Sinn. – Dann will ich ihr wenigstens den Mantel ersetzen, weißt du, was er gekostet hat? – Es schwebte ihm auf den Lippen, zu sagen: Das einzige, was du tun kannst, ist, daß du dich ein für allemal zurückziehst. Aber diese Worte erschienen ihm nicht klug, nur grausam und geeignet, ihre bittern Empfindungen wieder in ihr aufzuwecken. Nach allem, was vorgefallen, erschien es außerdem selbstverständlich, daß sie sich nicht mehr sahn. – Du tust nichts, gar nichts, sagte er. Besuch sie nicht, du kannst es ihr nicht verdenken, wenn sie deinen Besuch nicht annähme. – Und ist ihr wirklich nichts, gar nichts geschehn? – Nichts, als was ich dir schon gesagt habe. – Erzähl es mir noch einmal, genau! – Und wie sie, nun ruhiger geworden, dasaß und auf seine Worte hörte, wo diese wahnsinnige Angst vor der Polizei von ihr genommen war, die noch viel größer war als all ihr vergangner Haß, dachte sie jetzt, von ihrer wieder gesicherten Position aus: Etwas hätte sie doch wohl wenigstens abbekommen können! Ich habe alles wahnsinnig dumm gemacht! – Aber sie ertötete diesen Gedanken gleich. Dann ging sie. Zum zweiten Male trat sie aus Enzios Leben zurück. Er begleitete sie hinaus. Als er wieder ins Zimmer kam, stand Bienle darinnen, den Blick zu Boden geheftet. Er trat stumm auf sie zu. Zeig mir die Stelle, wo ist sie, ich will sie sehn! – Hier, antwortete sie, hob den Kopf ein wenig und deutete auf ihren Hals. Da war ein tropfengroßer, feuerroter, wunder Fleck. Sie schwiegen; sie sah ihm in die Augen. Er blickte in ihr liebliches, blühendes Gesicht, das rein und unverletzt geblieben war, und aufschluchzend sank er an ihr nieder. Die Monate gingen hin, Enzio fühlte sich dem Bienle durch die letzten Ereignisse fester verbunden als früher; Irenes Gestalt war ihm beinah zu einem Schatten geworden. Ihr brieflicher Verkehr hatte fast ganz aufgehört, er wußte nicht mehr, was er ihr schreiben sollte, ließ sie aber in seinen Briefen an Caecilie und Richard ein jedesmal besonders grüßen. Aber auch diese Briefe wurden kürzer, von seinen musikalischen Fortschritten schwieg er gänzlich, so daß Caecilie besorgt anfragte, was mit ihm sei. Darauf antwortete er erst ausweichend, aber mit der Zeit ward es ihm unmöglich, seinen Zustand zu verheimlichen: Mit seinen Kompositionen war es nichts mehr. Alles, was er nach seiner Messe geleistet hatte, erschien ihm schal und nichtssagend. Bestenfalls waren es Wiederholungen von früher Gesagtem. Es war, als habe er mit jenem Werke alle musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten in sich erschöpft. Er wollte sich hierüber zunächst selber täuschen, übertrieb seine Mittel, und es gelang ihm auch zeitweilig; die folgende Ernüchterung war dann um so größer. – Bienle merkte die Veränderung mit ihm und ward gedrückt und traurig. Ich habe dich genau so lieb wie sonst! sagte er; aber du kannst es nicht begreifen, was oft in mir vorgeht. Mir ist manchmal, als müßte ich die Fensterscheiben mit den Fäusten einrennen. Das hängt nicht mit mir und dir zusammen, sondern nur mit meiner Kunst. Ich will versuchen, es dir klarzumachen. Als Junge galt ich als heimliches Genie zu Hause; ich bildete mir selber ein, ich wäre es. Ich machte Kompositionen, die nach meinem Urteil und nach dem Urteil der Menschen, die mich lieben, das Allerbedeutendste für die Zukunft versprachen, voll der schönsten Hoffnungen kam ich hierher. Meine Lehrer schienen dasselbe von mir zu denken. Anfangs ging es gut, und wie ich das letztemal zu Hause war, habe ich etwas geschaffen, von dem ich immer noch glaube, daß es nicht schlecht ist. Das ist nun lange her. Seitdem stecke ich in den gräßlichsten Stimmungen und denke oft, es sei das beste, meinem Leben ein Ende zu machen – erschrick nicht, ich habe es ja nicht getan und werde es auch nicht tun, denn ich hänge viel zu sehr am Leben. Aber diese Stimmungen sind doch manchmal da, und grade jetzt, in dieser Zeit, sind sie von neuem über mich gekommen, sie werden wieder vorbeigehn, es ist unmöglich, daß etwas, das in mir drin war, ein für allemal verschwinden könnte! Das sage ich mir immer wieder, zum Trost nehme ich meine alten Sachen vor und denke: wer das gemacht hat in so jungen Jahren, wird später auch noch Besseres machen können. Aber ohne daß ich es will, gegen meinen Willen, kommt die alte Angst über mich, und dann denke ich, daß es mir einmal gehn könnte, wie meinem Vater – das wäre das allerschlimmste – ich will dir nichts davon erzählen, denn du würdest es doch nicht verstehn. Mit solchen Reden machte er sie tief betrübt. Sie verstand nichts von seiner Kunst und mußte ihm glauben. Aber ich will dich nicht mit solchen Dingen quälen, schloß er, dein Gesicht ist dann, als gäbe es keine Sonne mehr in meinem Leben, und das kann ich nicht ertragen. Wenn Bienle gegangen war, warf er sich aufs Sofa und wiederholte noch einmal alles für sich selbst. Er hatte jetzt beinah Furcht, seinen Professoren etwas Neues vorzulegen; denn der Moment war entsetzlich, wenn er es zurückbekam mit einem halb aufmunternden, halb enttäuschten Blick, in dem der Gedanke stillschweigend ausgesprochen war: Was ich Ihnen sagen kann, wissen Sie selbst, ich will Sie nicht noch mehr entmutigen. Die Antworten, die Caecilie ihm schrieb, und die ihn aufrichten sollten, drückten ihn nur noch stärker nieder. Er fühlte sehr wohl, daß zwischen ihren Zeilen die Angst stand. Er suchte Zerstreuung bei seinen Kameraden in den Cafés, in den Weinrestaurants, aber seine Sorgen, wenn er morgens aufwachte, waren nur um so schwerer. Noch ein anderes begann ihn zu bedrücken: Sein ganzes Verhältnis zu dem Bienle. Wenn er sie sah, fühlte er wohl die alte Liebe, aber wenn er sie nicht sah, so kannte er die Sehnsucht nicht mehr. Ist denn in meinem Leben nichts, was Bestand hat? dachte er; muß denn einer Liebe immer irgend etwas Zerrendes beigemischt sein, damit sie frisch bleibt? Bienle hat die tiefe, echte Liebe, die in der Ruhe am besten gedeiht, und ich selber muß immer abschwenken, bald hierhin, bald dorthin, mir scheint, als würde ich niemals Ruhe finden. Wir haben ein neues musikalisches Genie! sagte eines Tages sein Kompositionslehrer. – So? antwortete er, äußerlich gleichgültig, aber innerlich durchfuhr ihn dieses Wort, das wie eine Treulosigkeit des Glaubens an ihn selber klang, wie heißt denn dieser Mensch? – Ja, passen Sie einmal auf, was er für ein Gesicht hat! Er hat mir gestern seine Photographie geschenkt! – Wie eitel! sagte Enzio geringschätzig. – Das Recht auf Eitelkeit kann er auch für sich beanspruchen, sehen Sie nur her! Er überreichte ihm das Bild. – Das ist ja ein Mädchen! sagte Enzio betroffen. – Und was für eins! Was sagen Sie? – Enzio sagte nichts. Einen solch rassigen, dunklen Kopf hatte er noch nie gesehn. – Das ist doch keine Deutsche! meinte er endlich. – Halb Peruanerin, halb Spanierin! spricht aber fast so perfekt deutsch, wie eine Deutsche von Geburt. Ungemein pikant, nicht wahr? Herr Gott, ist das Frauenzimmer temperamentvoll! Wenn sie Tänze aus ihrer Heimat spielt – der liegt die Musik im Blute! Teresita soll das heißen, was da unten drauf steht, auf dem Bilde. – Enzio warf die Photographie nachlässig auf den Tisch. Ganz schön, sagte er, aber nicht mein Geschmack. Und dabei hatte er nur die eine heftige Empfindung: die möchte ich kennen lernen. – Was komponiert sie denn? fragte er weiter. – Tänze, nichts als Tänze! aber ich sage Ihnen: was für welche! Da ist alles plump und hölzern dagegen, was bei uns gemacht wird. – Tänze, sagte Enzio verächtlich. – Lieber Freund, meinte der Professor, es kommt nicht darauf an, was man macht, sondern wie man's macht. Faul ist sie bis zum Übermaß, aber in ihrer Art genial. Enzio sah sich dieses Bild jetzt manchmal an, spähte auch auf den Gängen des Konservatoriums, ob er dem exotischen Wesen nicht irgendwo begegne, und lernte sie bald darauf durch Zufall wirklich kennen. Es war gegen Ende seiner Stunde. Er war mitten im Vorspielen eines Werks von sich, als es klopfte und die Tür im selben Moment aufgerissen wurde. Ich komme heut nicht, ich kann nicht, ich bin verhindert, es ist absolut unmöglich! rief eine weibliche, helle Stimme mit einem etwas ausländischen Akzent. – Das ist doch unerhört, hier so ohne weiteres einzubrechen; kommen sie mal herein! sagte der Professor. Sie tat es, reichte ihm die Hand, wiederholte: es ist ganz, ganz, ganz unmöglich, und klingelte mit ihren Armbändern. Enzio hatte sich zurückgedreht auf seinem Stuhle; er sah ein schlankes, geschmeidiges Mädchen vor sich, mit schmalen Schultern, matter Gesichtsfarbe und schön geschnittenen, dunklen Augen, die ihn jetzt erstaunt und interessiert ansahn. Haben Sie da diese abscheuliche Musik gemacht? fragte sie. – Ja, sagte Enzio, geärgert über die unverfrorene Frage. – Es war gräßlich! fuhr sie fort, wieder zu dem Professor gewendet, ich hielt es nicht mehr aus, aber ich wäre doch nicht hereingekommen, wenn es nicht schon zwölf vorbei wäre, und ich in höchster Eile fort müßte! – Es ist genau halb elf! sagte Enzio, noch immer geärgert. – So? dann geht meine Uhr wieder falsch! Ich habe schon lange vor, mir eine andere zu kaufen. – Sie löste sie von ihrer Kette, schritt zum Fenster und warf sie in den Hof. – Wie affektiert! dachte Enzio. Sie kam zurück und fragte sogleich: Also Sie haben diese schauerliche Musik gemacht? Mir scheint, dies Zeug paßt gar nicht zu Ihnen! – Ich werde wohl selber wissen, was für mich paßt! antwortete er und dachte: Gegen die muß man grob werden. Sie lachte und rief: Nun ist er beleidigt! Aber das Beleidigtsein steht Ihnen ausgezeichnet! Ich werde Sie öfter beleidigen, falls ich Sie wiedersehn sollte, Sie sind der erste schöne blonde Deutsche, den ich zu Gesicht bekommen habe, adieu, leben Sie wohl. – Fort war sie. Etwa eine Woche später wurde seine Stunde abermals unterbrochen. Der Portier brachte ihm ein Telegramm. Darin stand nur: Möchte Sie wieder beleidigen. Treffen Sie mich um zwölf Uhr vor der Akademie. – Was Schlimmes? fragte der Professor. – Nein, nichts von Bedeutung. Um die angegebene Zeit war er bei seinem Rendezvous. – Es ist doch einmal eine kleine, lustige Unterbrechung des ewigen Einerleis, dachte er, und ich habe etwas Zerstreuung wahrhaftig nötig. Sie war schon da, und hatte sich die kleine Zeit des Wartens damit verkürzt, daß sie mit ihrem norwegischen Messer, das sie immer bei sich trug, dem Engelskopf am Türrelief die Nase abschnitzelte. – Nun, sagte er, bitte fangen Sie an mit Ihren Beleidigungen. – Ja, antwortete sie, das werde ich draußen im Parke tun, kommen Sie; reichen Sie mir den Arm, denn ich bin müde, aber fangen Sie bitte nicht gleich an zu drücken, darauf gehe ich nicht ein. – Das liegt mir gänzlich fern! Tut man das bei Ihnen in Spanien gleich sofort? – Ich bin keine Spanierin, in Westindien bin ich geboren. – Ich denke in Peru? – Ach was, das habe ich nur so gesagt, ich sage immer was anderes. Nun fragen Sie mich als guter Deutscher natürlich gleich: wann sind Sie geboren? Ich will es Ihnen schon vorher sagen: ich bin einundzwanzig. – War das schon die Beleidigung? fragte Enzio gut gelaunt. – Nein, die kommt erst später. Aber eines muß ich Ihnen doch gleich sagen: ich habe einen Schreck bekommen, als ich Sie neulich sah: wie ich draußen auf dem Vorplatz stand und Ihrer Musik zuhörte, dachte ich: das muß ein Mann mit einem grauen Vollbart sein, der da am Klavier sitzt, so alt und ledern kam mir die Musik vor. Was sollen alte Leute denn für Musik machen, wenn junge Menschen schon so schreiben? Dann lassen Sie sich lieber nur gleich begraben! – Enzio lachte, ein wenig verächtlich und zugleich doch mit einem höchst unbehaglichen Gefühl. – Sie verstehen diese Musik nicht! Wahrscheinlich, weil Sie nicht Deutsche sind, und also haben Sie auch kein Urteil darüber. – Ich danke schön, ich möchte sie auch gar nicht verstehn. Aber eins verstehe ich doch: daß junge Leute anders schreiben sollen! Junge Menschen haben Lebensfreude, und die hat Ihre Musik nicht. Man braucht kein tiefes und kompliziertes Urteil über deutsche Musik zu haben, um das zu begreifen. – Wie meinen Sie denn, daß ich schreiben soll? Wohl lauter Tänze? wie? – Aha! das geht auf mich! Nicht lauter Tänze, aber Melodien! Von Melodien hörte ich keine Spur; manchmal ein bißchen, aber so kläglich, so verkümmert, als wenn es Sünde wäre, nur an eine zu denken, warum antworten Sie mir nicht? Sie sind ja wie auf den Mund geschlagen! Sie sind der reine Stock! So sprach sie und rüttelte ihn ungeduldig am Arme; – nun drücken Sie doch! Sie sollen nicht drücken, Sie sollen wild werden! Stehen bleiben, mich anschreien, widersprechen, was Sie wollen! Herr Gott, sind diese Deutschen phlegmatisch! Ich habe doch mit einer Lanze nach Ihnen gestochen! Sind Sie nun genau wie alle übrigen? Als Sie mich neulich mit so zornigen Augen ansahn, dachte ich, Sie wären ein wenig anders! Gehn Sie doch wenigstens nicht immer im gleichen Schritt mit mir! Ich versuche nun schon die ganze Zeit anders zu gehn, aber immer wird es wieder so, als wenn wir beim Militär wären! Muß denn immer alles so entsetzlich ordentlich sein? Eine Stunde später saß Enzio allein in seinem Restaurant, noch halb betäubt von dem Durcheinander ihrer Unterhaltung. Sie hatten sich getrennt mit dem Versprechen, sich wiederzusehn, am Schluß sagte sie ihm, sie wolle ihm einmal wirkliche, echte Musik vorspielen; ob er einen guten Flügel habe? der ihrige sei ganz zerhauen. Er antwortete ihr erst ausweichend, bis sie fragte: Sie haben wohl Angst vor mir? worauf er hochmütig erwiderte: O, durchaus nicht, wenn Sie kommen, wird es mir nur angenehm sein. Jetzt dachte er über alles dieses nach. Was wollte sie von ihm? Hatte sie sich in ihn verliebt? Oder war sie so mit jedem Menschen? – Ich mag keine Mädchen, dachte er, die so unverhüllt in allen ihren Äußerungen sind, sie sind mir ekelhaft! Die kommt mir vor, als hätte sie schon eine ganze Masse erlebt. An einem der nächsten Nachmittage war sie bei ihm. Sie spielte ihm vor. Etwas Derartiges hatte er noch nie gehört: wild, exotisch, von einem Temperament, von einem Schwung, der ohne weiteres ins Blut ging. Bald sang, bald pfiff sie zwischen ihren Melodien, das Spiel ging in eine Tarantella über, und als sie endete, stand Enzio hochrot neben ihr. – Sie erhob sich: Nun, wie hat es Ihnen gefallen? – Er starrte sie an: Schön sind Sie! hinreißend schön! – Jetzt spielen Sie mir etwas von sich vor! Er schüttelte den Kopf. – Sie sollen aber! – Ich will aber nicht! – Sie müssen, ich will es. – Auf keinen Fall! – Sie packte ihn an beiden Schultern, und suchte ihn auf den Klaviersitz niederzuziehen; er wehrte sich, sie ließ nicht nach. Es entstand ein stillschweigendes Ringen, immer hartnäckiger und zäher, sie biß ihn in die Hand, dazwischen rief sie: Sie sollen; ich will es! und faßte ihn mit beiden Armen um den ganzen Körper. Enzios Blut lohte; die Gedanken verließen ihn, er faßte ihre Schläfen mit allen Fingern, suchte ihr Gesicht aufwärts zu wenden, mit Anspannung aller Kräfte gelang es, er preßte seine Lippen auf die ihren, zu einem langen Kuß. Sie erwiderte ihn aufs heftigste. Spielen, spielen, spielen, rief sie, und dachte gar nicht daran, daß er spielen solle, faßte ihn von neuem und fühlte nur seinen starken, schönen Körper. Enzio lernte eine neue Liebe kennen; das war nicht mehr die frühere, gemischt aus Seele und Gefühl, es war eine brennende, verzehrende Liebe, die sich immer neu an sich selbst entzündet, die die Nerven aufpeitscht, schlaff macht und wiederum aufpeitscht, die aus sich selber eine raffinierte Kunst macht. Anfangs plagten ihn Gewissensbisse gegen Bienle. Aber er überwand sie bald. Zunächst dachte er: Alles ist nun aus zwischen ihr und mir; aber gleich darauf: Es ist ja doch nicht aus! Gott weiß, wie kurz oder lang diese neue Leidenschaft dauern wird, soll ich wieder ebenso dumm handeln wie damals, als ich von zu Haus zurückkam und ihr alles über Irene erzählte? Was habe ich mit meiner Offenheit erreicht? Nichts weiter, als eine wochenlange Verstimmung, die nur sie und mich gequält hat! Ich weiß, es ist abscheulich von mir, daß ich jetzt ein doppeltes Spiel treibe. Aber kann ich irgend etwas dagegen machen? Soll man neue Lebenszugänge abschneiden, wenn sie einem wieder Frische zuführen? Hat sie mir nicht selbst gesagt, daß wir uns niemals heiraten werden, und könnte ich nicht, wenn ich wollte, Teresita heiraten? Irgend wann muß es ja doch einmal einen Übergang geben von einem Leben zum andern, und dieses ist vielleicht einer! Vielleicht ist er es auch nicht! Ich weiß noch nicht wie alles wird und halte beide Fäden in der Hand! Ich kann nichts anderes tun als schweigen, ich bin es mir, ihr, uns allen dreien schuldig! Sein Leben ward jetzt ein ganz anderes. Zu Bienle sagte er, er könne sie nicht mehr so viel sehn wie früher, er habe zuviel zu tun. Des Morgens stand er sehr spät auf, mit schwerem Kopf, denn seine Nächte waren voll von Unruhe und Lärm. Teresita liebte das Nachtleben, ging mit ihm in Weinhäuser, Kabaretts und Bars, rauchte eine Zigarette hinter der andern, und bestieg manchmal zu später Stunde selbst das Podium, um dort vom Klavier aus ihre wilden Tänze hinabzuschleudern in das Publikum; mitunter trieb sie auch Enzio hinauf, und dann improvisierte er Musik, die der ihrigen ähnlich sein sollte. Zuweilen trafen sie auch Landsleute von ihr, junge Spanier, und er machte ihr oft hinterher böse Eifersuchtsszenen. Dann lachte sie und sagte: Enzio, blamier dich nicht, wenn du mich nicht mehr magst, so geh! Dies hingeworfene Wort genügte, um ihn sogleich verstummen zu lassen. Er war ganz unter ihrer Gewalt. Das äußerte sich auch in dem wenigen, was er noch zu Hause komponierte. Sie hatten sich in einer Zeit kennen gelernt, wo er fast zerfallen mit sich selbst und seinem Schaffen war. was er unbewußt empfand – daß seine Musik nicht frisch, nicht notwendig gewachsen war, hatte sie mit den einfachsten und stärksten Worten ausgesprochen, und später sagte sie oft zu ihm: Schreib wie dir der Schnabel gewachsen ist, kümmere dich nicht darum, ob es originell ist oder nicht, sondern schaff drauf los, bring mehr Melodie in deine Sachen, sonst wird deine Kunst nie populär! Er fand dies Urteil oberflächlich und echt romanisch, aber da er sich in einer Krise befand, aus der er keinen Ausweg wußte, dachte er: vielleicht hat sie recht, ich kann es ja einmal versuchen, Melodien im landläufigen Sinne zu schreiben. – Die gefielen ihr dann wieder nicht, aber sie lachte und sagte: was quälst du dich denn überhaupt mit solchem Zeug! Du hast deinen Beruf verfehlt! Du hättest Athlet, Kunstreiter oder sonst was werden sollen, du, mit deinem herrlichen Körper und dem Gesicht! Dann lägen jetzt die Prinzessinnen Europas zu deinen Füßen! – Mit diesem Ausspruch verletzte sie ihn; aber er schwieg, er konnte ihr nicht widersprechen. Noch tiefer kränkte sie ihn, als sie einmal sagte: Schade, daß du kein Mädchen geworden bist, du hättest eine gewaltige Karriere machen können! Es war unausbleiblich, daß Bienle sehr bald die Veränderung in Enzios Leben merkte, obgleich er sich einbildete, sie könne von nichts eine Ahnung haben. Denn sie schwieg. Aber sie sah, wie sein Gesicht allmählich seine gesunde Farbe verlor, sie fühlte das Zerstreute, mühsam Verstellte seines Wesens durch, es war in ihm eine verhaltene Unsicherheit, eine künstliche Frische, die sie von der natürlichen sehr wohl unterschied, und auch im Wesen war er anders zu ihr als sonst, so daß es sie verwirrte und mit unklarer Angst erfüllte. In dem Bedürfnis, sich nicht zu verraten, war er überzärtlich, die wenigen Stunden, wo er sie noch sah, die Art seiner Liebkosungen war eine andere geworden, es fehlte die Reinheit der früheren Tage. Enzio! sagte sie einmal, du denkst, daß ich nicht merke, wie du anders geworden bist, aber ich merke es sehr wohl! – Spionierst du etwa? fragte er sogleich sehr hitzig. – Sie schwieg. Dann sagte sie traurig: ich spioniere nicht. Aber ich fühle es so deutlich, man braucht dich ja nur anzusehn! Wie hast du dich verändert in der letzten Zeit! – Bist du etwa eifersüchtig? – Wie soll ich eifersüchtig sein, wenn ich nicht weiß, mit wem du umgehst! Ich will es auch nicht wissen, denn ich wäre dann noch viel trauriger. – Bienle! sagte er zärtlich und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, mit einer Weichheit, die an das Glück vergangener Zeiten erinnerte: du weißt, dich habe ich immer am liebsten von allen Menschen! Aber ich bin nun einmal nicht so, daß ich nur einen Menschen lieben kann! Das Leben zerrt mich hin und her. Früher habe ich widerstanden; du weißt nicht, welche Kämpfe ich durchgemacht habe zwischen dir und Irene. Aber ein Mensch wie ich ist nicht dazu geschaffen, zu entsagen. – Ihr liefen die Tränen über die Backen. – Ach, wenn es noch Irene wäre, sagte sie, aber ich fühle es deutlich, daß es schlechte Mädchen sind, mit denen du jetzt umgehst, ich schäme mich ja fast, wenn du mich küßt! – Enzio errötete. – Und dann: Du tust nichts mehr, du arbeitest nichts mehr. Du tatest wohl auch früher manchmal nichts, aber jetzt ist mir so, als wenn dir alles gleichgültig geworden wäre! Das darf doch nicht sein! Was soll denn einmal aus dir werden! – Sprich nicht davon! daran darf ich selbst nicht denken. Ich weiß, das alles sind nur Übergänge zu etwas Neuem. Ähnlich war es oft auch früher, und wie furchtbar habe ich dann gelitten! Jetzt fasse ich es leichter auf, Gott sei Dank, es quält mich manchmal noch genug; aber ich habe einen Ausweg gefunden: Nachts, beim Wein, kommen mir oft die herrlichsten Gedanken; ich fange jetzt an, nachts zu arbeiten. – Ihre Angst wurde immer größer. – Das ist doch schrecklich! rief sie, die Nacht ist zum Schlafen da, und der Tag ist für die Arbeit! – Das paßt für dich und für alle, die nicht Künstler sind. Für uns gibt es andere Gesetze. Übrigens arbeite ich auch des Nachts nur selten; ich sagte das bloß, um dich zu beruhigen. Ich kann jetzt sowieso fast nichts tun, aber ich sammele Kräfte zu neuer Arbeit. Alles, was er sagte, kam ihr zerfahren und zusammenhanglos vor. – Laß dieses Leben! beschwor sie ihn, du wirst dich langsam dabei zugrunde richten! Merkwürdig, dachte Enzio, wie sie gegangen war, sie scheint nicht einmal wirklich eifersüchtig zu sein! Ich habe doch manches durchblicken lassen, ganz gegen meinen Willen! Sie ist ein besonderes Mädchen. Eine andere hätte mir sicherlich die schlimmsten Szenen gemacht, und sie, was tut sie? Sie ist sanft und läßt mir meine Freiheit! Es wäre aber auch entsetzlich, wenn ich sie verloren hätte! Sie ist auch reifer geworden, mit der Zeit! Sie beherrscht sich, um mich nicht noch mehr auseinander zu bringen, als ich bin, oder vielmehr: als sie mich glaubt. – Er nahm sich vor, wenn er sie wiedersähe, so liebevoll zu ihr zu sein, als wenn er nur sie allein liebe. Früher hatte er sich die Frage gestellt: Ist es möglich, daß man zwei Mädchen zu gleicher Zeit liebt? Jetzt hatte er das Experiment versucht, es schien geglückt. Freilich bedurfte es immer erst einiger Minuten, um sich von der einen an die andere zu gewöhnen. Aber wenn ihn Bienle auch nicht mit Eifersucht plagte, so wurde ihm ihre Sorge doch in anderer Weise unbequem. Immer wieder redete sie ihm ins Gewissen, zu arbeiten, und dazwischen rief sie: Deine arme Mutter! denk doch an deine Mutter! Mir tut mein Herz weh, wenn ich an deine Mutter denke! Dann überkamen ihn die trübsten Stimmungen, und er nahm sich vor, sein Leben zu ändern. Er arbeitete ein paar Tage, aber er brachte nichts vorwärts. Geh heute abend nicht fort, Enzio, bleib zu Hause, leg dich frühzeitig zu Bett, damit du morgen früh frisch bist zur Arbeit, versprichst du mir das? – Ja, ja, ja, ich verspreche es dir! – Nein, du tust es dann doch nicht! Laß mich bei dir bleiben, bis du schläfst. Ich störe dich nicht, ich setze mich still ins Nebenzimmer und lasse nur die Tür ein ganz klein wenig offen! – Schön, tue das. Solche Gespräche wiederholten sich oft, mit verschiedenem Erfolg. Zuweilen legte sich Enzio wirklich nieder, und war nach einer halben Stunde schon entschlafen, andere Male stellte er sich schlafend und verließ das Haus, nachdem sie selber längst gegangen war, noch ein anderes Mal, als sie ihn schon im Schlummer glaubte, öffnete sich plötzlich die Tür, und wieder halb angezogen stand er auf der Schwelle. – Ich muß fort, murmelte er. Dann sah er sie mit gequälten Augen an: Du weißt ja doch warum, es hat keinen Sinn, es dir zu verbergen, besser ich sage alles brutal heraus so wie es ist, denn du bist stark, das weiß ich: Ich bin eifersüchtig! Wahnsinnig eifersüchtig! Es sind da Menschen ... ich weiß genau, wo ich sie jetzt noch finden werde, wenn ich gehe ... mit diesen Spaniern zusammen ... wenn ich sie auf der Straße mit ihm finde ... ich weiß, es geschieht ein Unglück! Halt mich nicht, ich muß fort, ich muß! Was Bienle früher gelitten hatte, war nichts gegen das, was sie jetzt durchmachte. Sie sah ihn an und sagte nichts, und vor diesem stummen Blicke rief er gequält: Es hat alles keinen Zweck! je mehr du mich von ihr fernhalten willst, um so mehr zieht es mich zu ihr hin. Laß mich gehn, ich flehe dich an: Laß mich gehn! – Nein, Enzio, du gehst nicht! – Haltlos ließ er sich von ihr bestimmen. – Ich bleibe bei dir! Laß mich diese Nacht bei dir bleiben, Enzio. – Das darfst du doch nicht! Wenn deine Eltern sehn, daß du nicht zu Hause warst ... Das ist nur meine Sorge! Du weißt, ich tue nichts, was ich nicht verantworten kann! Diese Worte, die keinen wirklichen Sinn hatten, wirkten sofort beruhigend auf ihn. – Wenn sie es tun will – gut! dachte er, und kümmerte sich nicht um irgend etwas, das möglicherweise daraus entstehen könnte. Er war ihr dankbar, daß sie blieb; im Dunkel der Nacht schwand ihm die quälende, helle Wirklichkeit. Sie aber dachte: Bald, bald muß ich ihn verlassen. Oder trat noch ein Wunder ein, das ihn und sie rettete? Es kam nicht; Enzio war rettungslos verstrickt in eine Leidenschaft, die erst dann enden mußte, wenn sie von selbst endete. Sah er Teresita nach solchen Nächten wieder, war er anfangs hart und kalt. Aber sie ging innerlich lachend auf diesen Ton ein und wußte: Es braucht nur fünf Minuten, und ich habe ihn so fest wie vorher, ja noch viel fester. – Oder, wenn er etwa sagte: ich kann nicht heute abend mit dir zusammen sein, ich muß einmal wieder arbeiten, – so antwortete sie: Arbeite nur, ich lasse mich schon durch jemand anders nach Hause bringen, hab keine Sorge, daß ich angefallen werde! Mit solchen kleinen Worten hielt sie ihn wie an einem unsichtbaren Faden. Dann ging er den ganzen Tag nicht nach Hause, nur, um ein Zusammentreffen mit Bienle zu vermeiden. Kam sie jetzt zu ihm, so sah er sie fast mit erschreckten Augen an, beinah wie einen Feind, der ihn von seinem Glück fernhalten wolle. Sie fühlte das und empfand ein Weh dabei, daß sie kaum atmen konnte. – Ich sage ja alles nicht für mich, ich sage es doch nur für dich! Enzio – – reise ab von hier, geh heim, komm nie zurück – dort wirst du vielleicht gesund, und vielleicht noch einmal glücklich! – Mit Irene, meinst du? Ich habe Irene vergessen! was ist Irene? Ein schönes Mädchen ohne Leidenschaft! Ich glaubte einmal, sie zu lieben, und sie vielleicht auch mich, aber was war das? Ein Kinderspiel, von zwei Menschen, die nicht zusammen gehören! Die aneinander genug hatten, wie sie ein paar Küsse wechselten! Sie hatte kein Feuer in den Adern! Alles ist verloren, dachte Bienle, und bald muß ich gehn. Ich schäme mich so vor dir, Bienle, sagte er ein andermal, mir ist als dürfte ich dich nicht mehr berühren, und doch sind wir zusammen so wie in früherer Zeit. Das ist es, was ich nicht begreife! Da sah sie ihm mit einem langen Blicke in die Augen, so tief, als senke er sich bis in sein Herz. – Was siehst du mich so an? fragte er verwirrt, mit einem solchen Blick hast du mich noch niemals angesehn! Eines Abends kam sie noch spät zu ihm; er hatte eine Verabredung mit Teresita und wollte grade die Lampe löschen. Ich will nur sehn, wie es dir geht! sagte sie. Sie sprach langsamer, weicher als sonst; – hab keine Angst, daß ich dich aufhalten werde. – Dann ließ sie den Blick in seinem Zimmer herumgehn. – Was suchst du? – Sie schüttelte den Kopf. So schön und lieblich glaubte er sie noch niemals gesehn zu haben. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Sie wehrte leise ab; halb in Schuldbewußtsein ließ er die Arme sinken. Aber ihre Abwehr ließ sie ihm noch schöner, noch begehrenswerter erscheinen, nach einer Weile umfaßte er sie abermals, heftiger, leidenschaftlicher. Bleib! sagte er, ganz gegen seinen Willen. – Sie machte sich hastig los von ihm, mit einer Entschiedenheit, daß er sie verwirrt freigab. Nein, sagte sie und sah ihn an. Eine Weile standen sie sich schweigend gegenüber. – Ich muß jetzt gehn. – Weshalb bist du dann gekommen? – Sie erwiderte hierauf erst nichts, dann sagte sie: ich bin doch auch früher manchmal gekommen, ganz kurz, nur um dich einen Augenblick zu sehn, und du hast mich nicht gefragt, weshalb ich käme. – Ihm schnitten diese Worte durchs Herz. Aber was sollte er darauf antworten? – So gehst du wieder? – Ja. – Er begleitete sie bis zur Tür. Sie hob ihr Gesicht ganz zu ihm auf, und wieder sah sie ihn an mit einem Blick, der ihm niederschauerte bis in die Brust. Leb wohl, Enzio, sagte sie. Dann schlang sie beide Arme um seinen Nacken und küßte inbrünstig seine Lippen. – Hast du mich noch lieb? – Ja, Enzio. Sie sah auf sein Gesicht, als tränke sie seine Züge in sich auf, dann ging sie. Gott sei Dank, sie liebt mich noch! dachte er. Ach, wenn doch alles wieder so würde, wie es früher war! Dann sah er nach der Uhr: Es war die höchste Zeit, daß er selber ging. Und wenn er diesen Menschen wieder treffen würde ... Als er am nächsten Morgen aufwachte, war ihm, als habe er eine Maske vor seinem Gesicht. Es schmerzte heftig bei der leisesten Bewegung. Wenigstens habe ich ihn doch geworfen, diesen Schurken! dachte er und sah das Bild von gestern abend wieder vor sich: Da keuchte der gelbhäutige Spanier unter ihm, und neben der Laterne stand Teresita, die mit langem Hals und neugierig gespannten Augen dem Kampfe zuschaute. – Und ich habe ihr gezeigt, was geschieht, wenn sie es zu toll treibt! Das werde ich ihr heute morgen noch einmal mündlich zu Gemüte führen! Er erhob sich, um sich anzukleiden, prallte aber vor dem Spiegel fast zurück, aus Schreck über seinen Anblick. Seine Nase war unförmig dick, die Augen blutunterlaufen und unkenntlich verschwollen, vor ohnmächtiger Wut kamen ihm fast die Tränen: In diesem Zustand kann ich mich nirgends sehn lassen, nicht einmal die Straße betreten, ich muß mich hier in mein Zimmer verschließen! Herr meines Lebens, schrie seine Wirtin, als sie ihm das Frühstück brachte, – wie schaun Sie denn aus?! – Regen Sie sich bitte nicht so auf, sagte Enzio ungeduldig, morgen ist alles wieder gut. – Morgen? Kalte Umschläge müssen Sie machen und sich niederlegen, eine Woche wird es mindestens dauern, bis Sie wieder aussehn wie ein Christenmensch! Mit dem Herumscharmieren ist's vorläufig vorbei, für eine kleine Zeit! – Eine ganze Woche? fragte Enzio erschreckt, und das zerrende Gefühl beim Gedanken an Teresita wurde stärker. Dann aber dachte er: Es ist ganz gut, daß es so schlimm ist, das wird ihr um so mehr imponieren! Er schrieb sogleich einen Brief an sie, den er durch einen Dienstmann bestellen ließ, erhielt aber keine Antwort. – Ich muß sie sehn, noch heute! dachte er und schickte einen zweiten Boten, dem er den Auftrag gab, die Antwort mitzubringen. Teresita war nicht daheim. Seine Unruhe ward immer größer. Ich muß sie sehn, wie mein Gesicht aussieht ist gleichgültig, ich muß zu ihr! Außerdem ist es sicher schon etwas besser mit mir geworden. Er zog seinen Mantel an, setzte den Hut auf und trat zum Spiegel, was ihn da aber ansah, war so lächerlich und komisch, daß er unwillig ausrief: Ein Vagabund, der sich in Herrenkleider gesteckt hat – – und Hut und Mantel wieder auf den Stuhl warf. Am zweiten Tag kam ihm ein Ausweg: Besorgen Sie mir eine Bandage für mein Gesicht! sagte er zu seiner Wirtin, schwarz, das sieht am anständigsten aus. – Als er sie bekam und angelegt hatte, betrachtete er sich aufs neue. Immerhin konnte er sich so vor den Menschen zeigen. Er beschloß, abends zu Teresita zu gehn. Nervös, ungeduldig saß er nachmittags am Flügel, als sich die Tür plötzlich leise öffnete. – Teresita! Sie trat gegen ihre Gewohnheit sachte, fast behutsam ein, mit ein paar gleitenden Schritten vor ihn hin und sah ihn neugierig an, lachte und sagte: So also siehst du aus? Nimm doch einmal das Tuch herunter! Endlich war Teresita da! Der Druck in ihm war zerlöst, aber sofort erfaßte ihn eine neue Bitterkeit: Bist du hergekommen, um mich wie ein Tier zu besichtigen? Du benimmst dich ganz danach! – Ja, ja, sagte sie erfreut, so ist es auch! Dann hob sie den Verband von seinem Auge und brach in ein schallendes Gelächter aus: Wem gleichst du nur, wem gleichst du nur? Kannst du es mir nicht sagen? Sie betrachtete ihn noch einmal, etwas nachdenklicher, dann meinte sie: den Brünetten steht es unvergleichlich besser! – Was steht ihnen besser? – Bei denen sieht es doch wirklich wie Kampfspuren aus! Bei den Blonden scheint es nur unappetitlich und krank! Ob das die hellere Haut macht?! – Was? rief Enzio, was willst du damit sagen? Hast du etwa den Kerl von vorgestern wiedergesehn? Sie lehnte sich auf dem Stuhle zurück, kreuzte die Beine und sah neugierig-kalt zu ihm auf. – Teresita, rief Enzio und zitterte: Das kann nicht sein! Du hast doch gesehn, wie miserabel er dalag! – Ja, sagte sie und sprang auf, aber jetzt siehst du miserabler aus als er! viel, viel miserabler! – Enzio schüttelte sie: Bring mich nicht zur Wut! Du weißt nicht, wozu ich fähig bin! – In ihre Augen trat ein Ausdruck von Erwartung und Gespanntheit: was jetzt wohl kommen würde? Aber es kam nichts, von ihrer Nähe, von der körperlichen Berührung übermannt, rief er nur schmerzlich überströmend: Teresita, Teresita, warum bist du gestern nicht gekommen! – Ein Ausdruck von Enttäuschtsein und Geringschätzung ging über ihr Gesicht. Enzio faßte sich. Er kannte genugsam diesen Blick, er wußte, es werde ihr immer unmöglich sein, ihm das entgegenzubringen, was er notwendig brauchte und wonach jetzt sein ganzes Wesen schrie. Und doch fühlte er sich an sie gekettet. Qualvoll und grübelnd sah er sie an: Fehlte ihr jedes Verständnis für ihn? Und war es möglich, daß sie noch einen Funken von Gefühl und Sympathie, ja nur einen Gedanken hatte für jenen Menschen, der sein Nebenbuhler gewesen war? Der mußte doch für sie tot sein, abgetan für immer! Er ist es sicher auch, dachte er halb erbittert, sie will mich nur quälen, das Quälen ist ihr ja stets eine Wonne! Teresita setzte sich jetzt, eine brennende Zigarette im Mund, zum Flügel und spielte. Ihm war das entsetzlich. Er vergrub den Kopf in seine Hände, er konnte es kaum ertragen, plötzlich lachte sie: Hörst du? Es hinkt! Sie spielte in einem sonderbar verzerrten Rhythmus und ging in derselben Art in eine Komposition von ihm über, die auf dem Flügel stand. – Hörst du? So hinkt es auch in deinem Gesicht! Eigentlich müßtest du dazu noch eine Krücke tragen! – Ich bitte dich, Teresita, hör auf! Ich kann es nicht ertragen, du bist gefühllos, ich bin krank! Sie sprang auf und ließ sich wieder in den Sessel fallen, plötzlich fuhr sie aber in die Höhe: Ich wollte gar nicht hierbleiben, ich bin nur gekommen, mir meine Peitsche zu holen, die ich neulich vergaß. – Willst du reiten, allein? – Jawohl, jawohl, allein, ganz, ganz allein. Sie kitzelte ihn mit der Peitsche, lachte und war fort. Enzio blieb in der größten Erbitterung zurück. Teresita besuchte ihn die nächsten Tage nicht mehr, und er dachte: Es ist besser, ich sehe sie erst wieder, wenn mein Gesicht ganz verheilt ist, in diesem Zustand bin ich für sie ja doch bloß eine lächerliche Figur! In diesen Tagen gänzlicher Ruhe hatte er genug Zeit zum arbeiten. Ich will es versuchen! dachte er, jetzt werde ich mich ganz konzentrieren können! Es kamen Stunden, Tage voller Qualen. Hoffnung wechselte mit Niedergeschlagenheit, Selbsttäuschung mit klarem, erbarmungslosem Sehen. Mit mir ist es nichts mehr, jammerte er, ich bin leer geworden, es ist ein für allemal vorbei mit mir! – Und doch fing er immer wieder von neuem an. Es war, als müsse er das Schicksal zwingen. Vielleicht, wenn ich mir Wein kommen lasse, daß es dann besser geht! – Aber es ging nicht besser, er trank ihn nur, um sich zu betäuben. – Wie soll ich auch arbeiten können in diesem Zustand, wo ich bei jedem Taktstrich, bei jeder Note an andere Dinge denke! wo ich vor Eifersucht fast umkomme! Als er wiederhergestellt war, ging er sofort zu ihr. Sie hatte grade Besuch. Es war ein Ehepaar auf der Durchreise, Bekannte ihres Hauses. Sie bemerkte sogleich, daß es gekommen war, um zu spionieren. Wie Enzio an ihr Zimmer klopfte, erhob sie sich flüchtig, nannte ihn »Sie« und stellte ihn als einen jungen Herrn vor, dessen Mutter sehr viel Interesse für sie habe und sie ein wenig protegiere. – Ich lebe ja so allein hier, sagte sie, und etwas Familienanschluß ist für ein junges Mädchen doch sehr gut. Sie wollen gewiß gern wissen, wie ich meine Abende verbringe: Ich gehe selten aus, man ist hier ja nicht so beschirmt und beschützt wie zu Hause; sehn Sie, dies ist mein lieber, kleiner Freund, der mich davor bewahrt, daß ich mich nachts, wenn ich nach Hause komme, im Dunkeln fürchte! – Wo? fragte das Ehepaar, denn es war nur Enzio im Zimmer. Hier! sagte sie und hielt ihnen ein Schächtelchen mit Wachszündhölzern unter die Nase. Sehn Sie: da zündet man eins an, und wenn es ausgebrannt ist, dann nimmt man ein anderes. Erst brennt der Kopf, nicht wahr, und dann folgt alles übrige. – Ja ja, sagte das Ehepaar. – Haben Sie es sich genügend angesehn oder soll ich es noch ein wenig da lassen? fragte sie sehr freundlich. Bald darauf verabschiedeten sich die beiden. Kaum waren sie draußen, so fiel Teresita Enzio um den Hals: Jetzt bist du wieder genau so schön wie früher, ja noch viel schöner! wenn du gesund bist, dann bist du tausendmal schöner als alle Brünetten zusammen genommen! – Teresita, ich habe Qualen von Eifersucht durchgemacht! Hast du jenen Kerl inzwischen wiedergesehn? – Aber natürlich! Weshalb denn nicht? – Sie sah ihn mit einem so selbstverständlich freien Blicke an, daß er dachte: Gott sei Dank, meine Befürchtungen waren grundlos! – Ich habe lange über dich und mich nachgedacht, sprach er jetzt, ich malte mir die schrecklichsten Dinge aus; das sage ich dir: wenn es einmal wirklich so kommen sollte, wie ich dachte, dann ist alles zwischen uns vorbei! Dann siehst du mich nie wieder! Die Zeiten, wo ich dir blind unterworfen war, sind vorüber, du hast mich genug gequält, einmal hat es ein Ende. – Aber Enzio, fühlst du denn nicht, daß ich dich noch genau so liebe wie früher?! Laß doch die Eifersuchtsgedanken! Fernando ist ein netter Mensch, und ich will, daß ihr beide euch versöhnt! Er mag dich sehr gern, weil er gesehn hat, daß du ein starker und mutiger Mensch bist, ich habe lange mit ihm geredet, und er ist bereit, dir jederzeit die Hand zu drücken. Mach jetzt keine Komödie, sondern zeige dich ebenso vernünftig wie er. Wenn ich mit ihm die Freundschaft abbräche, verlöre ich zugleich auch meine übrigen Freunde aus der Heimat, denn sie halten alle ganz fest zusammen, und du mußt doch begreifen, daß ich auch deinetwegen nicht etwas aufgeben mochte, was hier in der Fremde doppelt wertvoll für mich ist, nicht wahr? – Enzio sah sie grübelnd an, sie schlang die Arme um seinen Nacken und küßte ihn so heftig, daß er in alles einwilligte. Abends fand die Versöhnung statt. Der Spanier zeigte freundlich alle seine weißen Zähne, wie er ihm die Hand entgegenstreckte, Teresita behielt Enzio im Auge, und mit halber Abneigung nahm er sie. Die drei waren allein, Enzio konnte kein Spanisch, der Spanier kein Deutsch, und wenn der eine etwas sagte, übersetzte es Teresita dem andern, oder vielmehr sagte sie, was ihr grade in den Sinn kam, die ausgesuchtesten Schmeicheleien. Jetzt begann das frühere Leben wieder, aber leise kamen die alten Aufregungen, die früheren Zerrungen zurück. – Wir sind doch oft genug allein! sagte Teresita, du kannst es mir nicht verdenken, wenn ich mich manchmal in meiner Muttersprache unterhalten möchte! – Gott weiß, was ihr euch in eurer Muttersprache mitteilt! rief Enzio, ich habe mir schon manchmal gedacht, das müssen schöne Dinge sein – ich verstehe nichts davon, aber ich sehe genug am euren Blicken; es ist unter allen Umständen unzart, sich in Gegenwart eines Dritten in einer fremden Sprache zu unterhalten. – Genau dasselbe kann Fernando sagen, wenn wir deutsch reden!– Seinen Einwurf, daß dies nicht dasselbe sei, ließ sie nicht gelten: wenn ich hier im Ausland Worte in meiner Heimatssprache höre, so ist es, als wenn der, der sie spricht, mein Bruder wäre! Enzio verlor sein Mißtrauen nicht. Er konnte nicht jeden Tag und jede Nacht mit Teresita zusammen sein – was mochte alles vorfallen, wenn er nicht bei ihr war! Ganz im geheimen dachte er oft: Ich weiß ja doch, daß sie lügt, daß der andere mein glücklicher Nebenbuhler ist; – aber er wollte dies nicht denken. Das Leben zu dritt hatte sich von selbst gestaltet, Enzio hatte nicht die Kraft, diesem Zustand ein Ende zu machen, da er, ohne es zu wollen, ganz allmählich in ihn hineingeraten war. Auf Momente höchster Extase, in denen er ihr stammelnd sagte, er liebe sie über alles, folgten Auftritte, wo er ihr Gemeinheit, Niedrigkeit vorwarf. Stand er grade selbst in Gunst, so erschien ihm die Tatsache der Nebenbuhlerschaft gleichsam historisch, er suchte sich zu täuschen mit der Hoffnung, daß sie von nun an nur noch ihm gehöre, bis er dann wieder merken mußte, wie wirklich jene Tatsache war. In ohnmächtiger Wut blieb er zurück, wenn sie sich endlich mit ihrem Freund erhob, indem sie sagte: Du gehst wohl heut allein nach Hause. Aufregend für beide Feindesfreunde war jeder Abend, denn Teresita liebte es, in ihnen beiden Hoffnungen zu erwecken, zu zerstören, wieder zu erwecken, wieder zu zerstören, wie es ihr grade Freude machte. Ab und zu stiftete sie auch Mißverständnis und Verwirrung. Sie sagte jedem von beiden, heute sei er der Auserwählte, und wenn sie sich zum Gehen erhob, standen alle beide auf, jeder im Glauben an sein gutes Recht und maßen sich mit verstecktem Groll, bis Teresita sie auseinanderbrachte. War Enzio dann allein zu Hause, so malte er sich die nichtswürdigsten Szenen aus, die er nicht verhindern konnte, und schließlich fragte er sich: Bin ich nicht töricht, dumm, daß ich dem allem zusehe? Warum mache ich es nicht grade so wie sie? Wenn ich hier zu Hause bleibe und immer nur an das eine denke, so werde ich ja noch verrückt! Ich muß mich ablenken, mich in andere Erlebnisse stürzen, und »Treue« wird sie wohl wahrhaftig nicht von mir voraussetzen. Dann lief er aus seinem Zimmer, in die Stadt zurück und ließ sich treiben, wohin ihn der Zufall trieb. In den Armen anderer Mädchen suchte er seine Verzweiflung zu vergessen. Dazwischen schrieb er einen Brief an Bienle und fragte an, warum sie sich gar nicht mehr sehn lasse. Auf sie war er erbittert. Er glaubte, durch ihr gänzliches Fernbleiben wolle sie ihm andeuten, daß sie erst wieder komme, wenn er mit Teresita endgültig gebrochen habe. – Genau wie Pimpernell! so dachte er; im Grunde ist sie genau so! Dann aber erfaßte ihn etwas wie Scham, und er dachte wieder: Es ist ganz recht von ihr, daß sie nicht mehr kommt, von selbst, sie müßte keinen Stolz haben, wenn sie das täte! Eines Abends bot Teresita eine neue Überraschung, für Enzio sowohl wie für den Spanier. Sie hatte sich schon die ganze Zeit geweidet an der unterdrückten Spannung, und als sie endlich aufbrach, schienen beide am Tisch zurückbleiben zu wollen. In Enzios Blick lag die Frage: weshalb stehn Sie nicht auf? und dasselbe lag in des Spaniers Augen, war das eine neue Mystifikation? Teresita sah sich noch einmal vergnügt um und winkte einen Abschied. Der Spanier begriff viel früher als Enzio. Er sagte: Hoho! Haha! begann eine Zeichen- und Augensprache und veranlaßte Enzio, ihm zu folgen, vorsichtig gingen sie hinter Teresita drein, die so unbekümmert war, daß sie sich auch nicht ein einziges Mal nach ihnen umsah. Unten an der Ecke wartete ein dritter Freund. Sie nahm seinen Arm, ging mit ihm durch ein paar Straßen, dann verschwanden sie in einem fremden Hause. – Der Spanier murmelte etwas Entsetzliches, dann drückte er sich fauchend um die Ecke. Nun ist es aus, nun ist alles aus, dachte Enzio; in ihm war eisige Stille. Dann überfiel ihn eine Scham über sich selbst: Wie war er gesunken, daß er sich so weit hatte treiben lassen! – Jetzt muß ich mit ihr brechen, und jetzt wird es leicht sein! Aber dann, in der Nacht, dachte er: Habe ich ein Recht, ihr das Leben vorzuwerfen, das sie führt? Sie tut schließlich auch nichts anderes, als was ich selbst getan habe, sie hat nicht einen, sie hat mehrere, – aber so sehr auch sein Verstand dies immer von neuem sagte: mit dem Gefühl kam er nicht darüber hinweg. Am Vormittag war er bei ihr. – Habt ihr mich gesehn? fragte sie, als teile er ihr eine freudige Überraschung mit: ja, ja, jetzt wird's ein Kleeblatt! – Mich reiße heraus! rief Enzio, wenn du nicht die beiden andern herausreißt! Das sage ich dir: du siehst mich niemals wieder, wenn es nicht von heut ab anders wird! – Vorläufig schon! antwortete sie, denn morgen mache ich mit meinem neuen Freunde eine kleine Reise; wenn wir wieder da sind, darfst du dich melden. Gefällst du mir dann noch, dann soll's dich freun. Enzio wußte nicht, was er tun sollte, um ihr seinen Ekel, seinen Abscheu zu zeigen. – Ringst du nach Worten? lachte sie: ja, ja, wenn die Deutschen entrüstet sind, dann fehlt ihnen die Sprache! dann keucht nur die biedere Brust! Jetzt erwartest du gewiß doch auch, daß wir uns unsere »Andenken«. zurückgeben sollen. Tu es nicht, lieber Enzio, es wäre zu geschmacklos! Ihr Deutsche seid ja allerdings immer geschmacklos! Ich lasse mich nicht auch noch von dir beschimpfen! schrie er, ich habe schon genug von dir auszuhalten gehabt! Geh nur mit deinem neuen Freund wohin du willst, und wenn du mich auf den Knien anflehtest, zu dir zurückzukommen: ich käme nicht! Von heute ab ist alles zwischen dir und mir glatt abgehauen wie mit einem Beil! Gott sei Dank! dachte er, wie er allein war, jetzt habe ich endlich die Kraft gehabt und ein Ende gemacht. Nun wußte er, was er zu tun hatte. Noch am selben Abend ging er zu Bienles Wohnung und sah über eine Stunde zu ihrem Fenster hinauf: wenn er dort oben Licht bemerkte, dann wollte er pfeifen, ganz leise, und sie würde es doch hören. Aber das Fenster blieb dunkel. Ob sie wohl schon zu Bett war? Die nächsten Tage war er wieder dort, stets vergeblich. – Ob sie ein anderes Zimmer bewohnte? Ihm wurde immer unruhiger zumute. Ob sie vielleicht krank war? Schließlich hielt er diese Ungewißheit nicht mehr aus. Eines Morgens ging er in ihre Wohnung und läutete. Eine Frau öffnete ihm, mit aufgeschürzten Ärmeln. Er wußte sogleich, daß das ihre Mutter war. – Was wünschen Sie? – Ich wollte Bienle sprechen. – Er nannte seinen Namen. Ihre blauen, hellen Augen blickten ihn erschreckt an. Sie wollte die Tür sofort wieder schließen. – Halt, halt, ich muß sie sprechen, Sie wissen ja nicht, was davon abhängt. – Ich weiß alles, Sie können sie nicht mehr sprechen, denn sie ist nicht mehr da, sie ist fort, sie kommt nicht wieder, machen Sie selbst, daß Sie fortkommen, Sie haben sie genug gequält, und wenn mein Mann Sie träfe – – – Sie ist fort? sie ist gar nicht mehr da? Alles Blut lief ihm zu Herzen. – Abgereist ist sie, in eine Stellung ist sie gegangen, sie hat mir nicht ein einziges Wort über Sie gesagt, aber ich kann mir schon alles denken! – Wo, wo ist sie denn? fragte er verzweifelt. – Das sag ich nicht! Sie hat mir einen Eid abgenommen, daß ich es nicht sag! Und wenn ich's dürfte, tät ich's doch nicht! Endlich ist sie zur Vernunft gekommen! Und wenn Sie noch ein bißchen Herz im Leibe haben, dann lassen Sie sie bei ihrem Willen. – Mit diesen letzten Worten drängte sie ihn hinaus. Die Tür ward hinter ihm geschlossen, er starrte sie noch einen Augenblick an, dann verfiel er in ein lautloses, krampfhaftes Weinen und dachte: Nun ist alles, alles aus. Jetzt, nachdem er Bienle verloren, wurde ihm erst klar, was er an ihr besessen hatte. Nun stand er ganz allein, ganz einsam da. Was sollte er tun? Sollte er an diesem Orte bleiben, wo er erst so glücklich, und dann so unglücklich war? Gute Nacht, Enzio! las er über seinem Bette. – wenn ich doch schlafen könnte und nie wieder aufzuwachen brauchte! Wenn ich dieses ganze Leben von mir abschütteln könnte! Wie hatte Bienle gesagt? Geh fort von hier, komm nie zurück, reise heim, vielleicht wirst du da noch glücklich. – Ich will gar nicht mehr glücklich werden! Nur Ruhe will ich haben, ich will nach Haus, mich ausweinen über mein Unglück, – nun habe ich nur noch meine Mutter! Die ersten Tage nach seiner Heimkehr war Enzio wie ein Traumwandelnder. Rücksichtslos gegen sich selbst, mit größter Härte hatte er seiner Mutter alle Dinge der Vergangenheit erzählt. Nun hilft dir nichts als Arbeit, feste, angestrengte Arbeit, um dich über alles hinauszubringen, Enzio. Du mußt Mut haben und Selbstvertrauen. Bleibe ein paar Wochen hier, dann geh in eine andre Stadt. Dieses alles ist furchtbar schlimm, aber wenn du das selbst erkennst, so wird es auch wieder besser werden! Enzio wunderte sich, wie ruhig und gefaßt seine Mutter war. Sie mußte es sein, um ihn nicht noch mehr zu entmutigen. Langsam hatten sich ihre Schultern daran gewöhnt, neue Gewichte zu tragen, ohne daß eine Ermüdung äußerlich sichtbar ward. Der Kapellmeister merkte nichts von allem, wunderte sich bloß, warum Enzio so plötzlich zurückgekommen war, und gab sich zufrieden mit Caecilies Erklärung: Er leidet an einer starken künstlerischen Depression, und das hielt er alleine nicht mehr aus. – So etwas vergeht wieder, meinte er. Ähnliches habe ich früher hundertmal an mir selbst erlebt, ich freue mich sogar, daß er jetzt endlich solche Stimmungen kennen lernt, daraus erwächst ihm nur Gutes. Er wird ein wenig bescheidener, das kann nichts schaden. Enzio lebte die erste Zeit wie eingeschlossen zu Hause. In ihm war eine fieberhafte Angst. Laß alle Arbeit! sagte Caecilie, was ich dir vorher riet, war falsch; ich wußte nicht, wie tief verzweifelt es in deinem Innern aussieht. In solcher Stimmung ist es ganz' unmöglich, irgend etwas zu schaffen. Geh viel spazieren, suche Richard auf, denk nicht an Arbeit. Oder wenn du willst, laß mich mit dir verreisen, wie gehn an die See oder in die Berge, dort wirst du dich erholen. – Nein, ich muß hier bleiben, dort draußen würde mein Zustand noch viel ärger werden, ich muß mir selber Ruhe schaffen, und nur dadurch, daß ich arbeite und wieder fühlen lerne, daß nicht alles in mir in Grund und Boden versunken ist. Da draußen würde mich nur immer wieder die Erinnerung packen. Zur Arbeit kann mich retten, und wenn ich sehe, daß es nichts wird, daß alles in mir verdunstet und verflogen ist, dann bleibt mir nichts übrig, als aus der Welt zu gehn. Caecilie litt die allergrößten Qualen bei solchen Reden, aber sie bezwang sich und suchte ihn jedesmal durch Vorstellungen der Vernunft zu beruhigen: Solche Stimmungen macht jeder Künstler durch. Du hast sie doch auch früher schon gekannt, und es wird nicht das letztemal sein, daß du sie durchkostest. Sieh deinen Vater an! Du weißt nicht, was ich in früheren Jahren mit ihm durchgemacht habe! – Glaubst du, ich würde je ein Leben führen, wie er es führt? Er ist glücklich dabei, aber seine Seele hat sich langsam gewandelt, sie weiß selber nicht mehr, wie sie früher ausgesehn hat; nein, wenn ich fühle, daß es nichts mehr mit mir ist, dann ist es besser, wenn man ein Ende macht! – Du wirst das auch nie fühlen, Enzio! Aber selbst wenn du es jetzt denkst: Wäre es nicht feige, schändlich, den Glauben an sich fortzuwerfen? Du bist doch noch so jung! Wärest du um viele Jahre älter und ständest da wie jetzt, dann könnte ich nichts sagen; aber die Zeit deiner Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen! Du hast erst eben angefangen! Sieh Richard an: Bis jetzt hat noch kein einziger Mensch irgend etwas von ihm gehört, und er ist fünf Jahre älter als du! In euren Jahren macht das viel aus! Kein Mensch wußte, was er bis jetzt geschrieben hat und ob es gut oder schlecht war. Jetzt endlich tritt er mit einem Werk hervor, wer weiß, was du alles geschaffen haben wirst, wenn du so alt sein wirst wie er! Richard? fragte Enzio erstaunt, – mit welchem Werke tritt denn Richard vor? – Hat er dir's nicht geschrieben? Von dem Musikfest, dieses Jahr? – Nichts! Keine Silbe! – Ein nagendes, zerrendes Gefühl war in ihm. – Du hast recht, sagte er nach einer Weile, man muß abwarten, wie es mit mir wird. Gott sei Dank, dachte Caecilie, er fängt an, ruhiger, überlegter zu denken. Am selben Nachmittag suchte er Richard auf. Der wußte schon um Enzios Hiersein. Caecilie hatte ihm einen Brief geschrieben, ihn beschworen, in ähnlichem Sinn auf ihn einzuwirken wie sie, und, falls Enzio wieder an die Arbeit gehen sollte, nur Aufmunterndes zu sagen, selbst wenn alles minderwertig sei, was er zustande bringe. Spiel mir dein Werk vor, sagte Enzio, jetzt endlich wirst du nicht mehr nein sagen. Richard spielte es. Als er geendet und sich umblickte, saß Enzio stumm und wie aus Stein im Sofa. Richard ahnte, was in ihm vorging, befangen erhob er sich und trat zu ihm heran. Ja, sagte er, ich glaube, dieses hier ist mir gelungen. Aber es ist auch die Arbeit von Jahren. Mir wird das Schaffen viel schwerer als dir, Enzio; ich beneide dich um deine Leichtigkeit zu komponieren. Ich weiß, daß du dich augenblicklich in einer kleinen Mißstimmung befindest, die wird vorbeigehn, in ein paar Jahren werden wir die schönsten Werke von dir haben. – Enzio schwieg. – Laß dich nicht unterkriegen! Solche Zeiten kommen und vergehn. Ich habe sie selber durchgemacht, da hilft nur Arbeit, und immer wieder Arbeit. Auf dich setze ich nach wie vor die größten Hoffnungen. – Enzio schüttelte den Kopf. Mit mir ist es aus, sagte er, das weiß ich; jetzt noch viel besser als vorher. – Richard faßte seine Hand: Rede nicht so, das ist feige und verzweifelt. – Enzio umklammerte Richards Finger. – Morgen hole ich dich ab, Enzio, da machen wir einen großen Spaziergang miteinander. Als er ging, traf er im Vorplatz Richards Mutter. Sie sah ihn erst sinnend an, dann sagte sie freundlich: Nun, sind Sie zurückgekommen? Wie sieht der eingefallen und verändert aus! sprach sie später zu Richard, der arme Mensch, er tut mir wirklich leid. Jetzt endlich kommt der Jammer über ihn. Ich wußte es immer, daß niemals etwas aus ihm wird. Sein Leben war von Anfang an verpfuscht. Ein Mensch wie er, verwöhnt vom ersten Augenblicke seines Daseins, und von solcher Schönheit, müßte einen Charakter von Stahl haben, um seinem Leben dagegen das Gleichgewicht zu halten. Ich danke Gott, daß er uns so schlimme Jahre der Entbehrung geschickt hat, und daß es uns niemals sehr gut gehn wird im Leben. Willst du nicht einmal Irene wiedersehn? fragte Caecilie, – sie weiß, daß du hier bist und daß du leidest, und sie wundert sich, daß du nicht zu ihr kommst. – Ich kann Irene nicht sehn! Ich könnte ihr nicht in die Augen blicken! Ich will sie auch nicht sehn, ich habe kein Verlangen danach! Zwischen Irene und mir ist es aus, selbst wenn ich sie noch liebte, könnten wir doch niemals zusammenkommen! – Enzio, sagst du das alles wegen des Vergangenen? – Auch wegen des Vergangenen! Irene ist zu rein für mich. – Dies letzte Wort schnitt Caecilie durchs Herz, all ihre Mutterliebe rebellierte dagegen. – Ich verstehe es, daß du so sprichst, aber wenn du jetzt den Mut, den festen Willen hast, ein andres Leben anzufangen so ist noch nichts verloren. Und ob du nun denkst, daß ihr nie zusammenkommen werdet – – du würdest sie auf das Allerschmerzlichste kränken, wenn du jetzt vermiedest, sie wiederzusehn! Wenn euch das Leben nicht füreinander haben will, so muß sie das langsam und ganz natürlich fühlen lernen, und wie ich Irene kenne, wird sie nie etwas wollen, wovon sie einsieht, daß es haltlos werden wird! Geh hin zu ihr, verkehre mit ihr als Freund, so wie in früheren Jahren, diesen unnatürlichen, abgeschlossenen, elenden Zustand hältst du für die Dauer doch nicht aus! – Ich will nicht! Ich habe eine wahnsinnige Angst vor Irene! In ihr sehe ich ein Leben, wie ich es hätte führen können, in ihr verkörpert meine frühe Jugendzeit mit all ihren schönen Träumen und Hoffnungen, das alles würde mich noch viel mehr quälen, als es sowieso schon tut. – Enzio, ich glaube, du bist dir selber nicht klar über das, was in dir ist! Du wirst keine Qual und Unruhe empfinden, wenn du sie wiedersiehst, sie wird dir nur dazu verhelfen, allmählich deine Ruhe und Zuversicht wieder zu finden, du wirst fühlen, daß du nicht der Mensch bist, der du jetzt zu sein glaubst! Caecilies Worte wirkten nach in ihm. Mit Herzklopfen öffnete er eines Tages ein Kuvert, dessen Schriftzüge er sofort als Irenes erkannte. Sie schrieb, daß sie ihn erwarte. Sollte er nun zu ihr hingehn? Hatte seine Mutter vielleicht recht? War es nicht feige, wenn er sie jetzt vermied? Kam nicht einmal doch der Moment, wo er sie wiedersah? Er ging. Irene stand, den Rücken gegen das Fenster gekehrt, im Hintergrund des Zimmers, als er eintrat. Unschlüssig, aber mit liebendem Blick sah sie auf ihn hin. Er blieb in einiger Entfernung von ihr stehn. – Warum gibst du mir nicht die Hand?! fragte sie erstaunt. – Er hob den Blick bis zu ihrem Mund. – Was ist denn? Was hast du denn? Du siehst ja ganz verändert aus! Mein Gott, ist es so schlimm mit dir? – Seine Lippen begannen leise zu zucken. Sie war ganz zu ihm herangetreten und legte die Hand auf seine Schulter. – Nimm dich doch etwas zusammen, sagte sie mit ihrer ruhigen, klaren Stimme, die ein wenig zitterte – ich verstehe dich nicht, Enzio. – Das kannst du auch nicht. – Ich weiß nicht, wie es in dir aussieht, nein, – aber hat das mit dir und mir zu tun? Ist es denn so schlimm, daß du wie aus Stein mir gegenüber sein mußt? – Er erwachte etwas aus seiner Dumpfheit, nahm ihre Hand und küßte sie. Er fühlte selbst, daß seine Art befremdlich, unverständlich auf Irene wirken mußte. Jetzt zum ersten Male sah er voll auf ihr Gesicht, wie rein und fest waren alle ihre Züge! Grade dich wiederzusehn habe ich mich gescheut! sagte er, um sein sonderbares Wesen wenigstens etwas zu erklären – ich weiß, daß außer meiner Mutter niemand so an mich glaubt wie du. Ich hatte das Gefühl, als müßtest du deutlich in mir lesen, wie es in mir aussieht. All das verstehe ich nicht! Ich begreife nicht, wie jemand um seine Kunst leiden kann; vielleicht, weil ich das selbst nie durchgemacht habe und auch nie Ähnliches an meinem Vater sah. Er hat so oft gesagt, daß er das nur vom Hörensagen kennt. – Ihm tat Irenes Stimme wohl; er hörte kaum auf den Inhalt ihrer Worte, ihr Klang allein war ihm beruhigend. Sie saßen sich jetzt gegenüber. Er schloß die Augen und ließ sie weiterreden. Sie erzählte von ihren eignen Arbeiten: Sie habe eine Figur vollendet, ihr Vater wolle, daß sie sie auf die große Ausstellung schicke, aber sie habe keine Lust dazu. – Warum nicht? fragte er, noch immer mit geschlossenen Augen. – Ich weiß nicht, ich habe eben keine Lust dazu. Enzio dachte an sich selbst. Er hatte sich vergeblich bemüht, irgend etwas zu schaffen, das vollendet wäre, sein höchster Wunsch war, sich einmal einen Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen, und hier saß ihm ein Mädchen gegenüber, das in der Stille eine immer reifere Entwicklung nahm, scheinbar mühelos und ohne Kämpfe, bis sie imstande war, ein wirkliches Kunstwerk zu schaffen, und nun, wo es geschaffen war, behielt sie es für sich. – Liegt dir denn nichts daran, bekannt zu werden? – O ja, ich denke es mir ganz schön, aber lieber wollte ich, daß man bekannt würde, ohne daß die Menschen etwas von einem sähen; nein, mir liegt auch nichts daran, bekannt zu werden. Was man arbeitet, macht man doch nur für sich selbst. – Irene, ich glaube, du mußt ganz glücklich sein. – So sprach er, und hielt die Augen noch immer geschlossen. Ein Schweigen folgte, und wie er sie endlich öffnete, begegneten sie ihrem Blick; ein paar Sekunden ruhten ihre Augen ineinander, dann sahn sie voneinander fort. Endlich erhob er sich. Bleibst du noch lange hier? fragte sie. – Ich weiß nicht. Am besten wäre es, ich ginge fort, ein für allemal, und niemand wüßte wo ich bliebe. – Enzio! sagte sie mit verhaltener Stimme – rede nicht so – ich wollte lieber, meine ganze Arbeit läge zerschmettert am Boden, als daß ich glauben müßte, daß du im Ernste sprichst! Enzio erblaßte. – Irene, sagte er mühsam, ich verdiene es nicht um dich, daß du so redest. Sprich so nicht wieder, du weißt nicht, wie es in mir aussieht. Er wandte sich hastig zur Tür. Sie blieb im Zimmer stehn. Er kam noch einmal zurück. Leb wohl! sagte er und küßte ihre beiden Hände. – Enzio, rief sie, das klingt, als wolltest du nicht wiederkommen; du bist ja wie von Sinnen! Hast du mich denn gar nicht lieb? – Frage mich nicht; ich darf dein Leben nicht an das meine ketten, mit mir würdest du nur unglücklich! In Enzio war die ganze Vergangenheit frisch aufgewühlt, was er gestorben glaubte, war stark in ihm erwacht. Dies einzige Wiedersehn hatte ihm gezeigt, daß sein Gefühl für Irene nur geschlummert hatte. Ich darf sie nicht wiedersehn! Ich fühle: Sehe ich sie wieder, dann lasse ich mich ganz in die alte, frühere Liebe zurückziehn. Das muß vorbei sein, dies Glück habe ich mir ein für allemal verscherzt. Und wer sagt mir denn, ob ich sie wirklich liebe, ob dieses nicht nur wieder ein kurzes Aufflammen ist? Ich kenne mich jetzt gut genug, ich muß wieder fort, Gott weiß wohin! Aber zum Fortgehn fehlte ihm der Mut. Hier war er wenigstens zu Hause, hier hatte er seine Mutter, den letzten Halt, der ihm geblieben war. Arbeiten, – nur arbeiten. Er versuchte es wieder mit Anspannung aller seiner Kräfte. – Arbeite nicht! sagte Caecilie, als neue Verzweiflungsausbrüche kamen, es kann ja nichts dabei herauskommen! – Nie wieder wird etwas dabei herauskommen, auch wenn ich gesund und frisch wäre! Dieser Gedanke hatte sich in ihm allmählich festgesetzt wie eine fixe Idee. Und selbst wenn es so wäre! sagte Caecilie einmal zu ihm als letzten Trost: selbst wenn du einsehn müßtest, wenn es mit unumstößlicher Gewißheit feststände, daß du als Musiker nie etwas erreichen wirst – so bleibt noch ein andrer Weg. Du bist jung genug, um ein ganz neues Studium anzufangen. – Als was? fragte er stumpf. – Als was du willst. Du könntest Jurist, Mediziner oder irgend etwas anderes werden. War das seine Mutter, die das sprach? Sie sahn sich an. Da wandte sich Caecilie ab und schluchzte. Was war aus ihren Hoffnungen, aus dem Inhalt ihres Lebens geworden! Arme Mutter! sagte er leise und streichelte ihr Haar. Wenn du wüßtest, wie unendlich lieb ich dich habe! Wie es mich quält, dich weinen zu sehn! Wenn ich dich nicht hätte, wäre alles, alles hin! Aber vielleicht bin ich doch noch nicht verloren! Vielleicht – wenn mein Leben wieder glücklicher würde – aber ich darf ja nicht! Seit ich Irene wieder sah, ist es, als sei ein Fünkchen Licht in mich zurückgekommen! Irene liebt mich, und jetzt, die letzten Tage, wo ich sie nicht sah, hat der Gedanke an sie mich nicht mehr verlassen, wenn ich jetzt umkehrte, wenn ich doch noch auf sie hoffen dürfte – vielleicht würde dann noch alles gut. Er sah Irene wieder. Täglich war er bei ihr. Die alte Leidenschaft hatte sein Herz voll in Besitz genommen. Mühsam beherrschte er sich, bis es in ihm durchbrach. Du, Irene, bist meine einzige Rettung, mit dir zusammen würde ich meine Kunst und mich selber wiederfinden; dich habe ich als Kind geliebt und dich liebe ich noch. Jetzt ist es mir, als wäre ich die ganze Zeit mit dir zusammen gewesen! als hätte ich nie einen andern Menschen gesehn! Hast du mich so lieb, Irene, wie ich dich? – Ich habe dich ebenso lieb wie früher, und nie einen andern geliebt! Ich habe mich all die Zeit nach dir gesehnt! Laß uns zusammenbleiben, Enzio! Die ganzen Jahre habe ich gewußt, daß du mich liebtest. Und ich habe mich oft gegrämt, daß du so wenig schriebst! Enzio! Warum hast du so wenig geschrieben?! – Er küßte sie heftiger. – Frage mich nichts mehr, ich habe es ja auch nicht gewußt, daß du mich so liebtest! – Aber dieses Mal, sagte Irene und lächelte, machen wir es nicht wie damals, als du in meinem Zimmer lagst, als wir uns nur heimlich lieb hatten! – Du willst es deinen Eltern sagen? – Irene nickte: Sie wissen es schon lange, aber wo es nun bald alle Menschen wissen werden, sollen sie die ersten sein, denen ich es noch einmal sage! Caecilie war glücklich. Sie atmete erleichtert auf und dachte: Gott sei Dank, daß es so kam! Dies wird Enzio jetzt auf ganz andere Gedanken bringen! Wirklich schien es so. Seine Züge wurden frischer, mit neuer Hoffnung begann er in das Leben zu sehn. Richard schien erfreut über die Wendung in seinem Schicksal. – Dieser Enzio hat doch enormes Glück! sagte er zu seiner Mutter. Aber sie meinte: Nach allem, was ich von ihr weiß, und wie ich sie kenne, paßt sie nicht zu ihm. Weißt du, Richard, daß ich früher manchmal gedacht habe, du selbst sollest dieses Mädchen heiraten? – Ich? ich eigne mich nicht zum Heiraten. Ich habe dazu keine Zeit. Enzio war sehr gegen die Veröffentlichung seiner Verlobung. – Ich will es nicht! Es ist mir peinlich! – Aber Enzio, sagte Caecilie, es ist doch nicht der leiseste Grund vorhanden, so geheim zu tun! Weshalb willst du es denn nicht? – Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst davor! – Wovor denn? – Das weiß ich selber nicht. – Und was sollen Irenes Eltern denken? Was wolltest du denen als Grund angeben? Deine Nerven sind noch immer ganz herunter, du siehst Gespenster, wo keine sind! Irene empfing einen Besuch, allein, in ihrem Zimmer. Es war Pimpernell. Sie hatte einen Brief geschrieben, sie müsse sie in einer hochwichtigen Angelegenheit allein sprechen. Irene ahnte, daß es sich um Enzio handeln würde. Sie fragte sich auch, ob sie ihm etwas von diesem Briefe mitteilen solle, unterließ es aber, indem sie dachte: ich will erst hören, was sie sagt, jedenfalls wird es etwas ganz Verrücktes sein. Störe ich? fragte Pimpernell, indem sie eintrat. – Da ich auf Ihren Besuch vorbereitet bin, so stören Sie mich nicht. – Ach, das ist ja dasselbe Zimmer, in dem Enzio damals lag, und wo ich ihn besuchte! Nicht wahr, Sie erinnern sich doch wohl noch, als ich hier heraufkam. Unsere Bekanntschaft war allerdings nur eine ganz flüchtige. Damals hingen hier aber andere Gardinen. – Sie sah rund um sich herum, als wolle sie noch andere Gegenstände ihrer Erinnerung auffinden. Bitte, sagte Irene, wollen Sie nicht Platz nehmen und mir Ihre Angelegenheit mitteilen? – und wies ihr sich gegenüber einen Stuhl an. – Das Bild da drüben kenne ich auch wieder, Ihr Zimmer ist wirklich wunderniedlich eingerichtet. Irene sah sie mit einem vollen Blicke an, worauf Pimpernell erst grundlos und verlegen lächelte und dann an ihr vorbeisah. Pimpernell kam nicht mehr mit Büchsen voll gefährlichen Inhalts, sie war inzwischen klüger geworden. Sie hatte sich dieses Ganze sehr leicht gedacht, wie eine Art rächender Engel wollte sie ins Zimmer treten, ihre Worte auf Irene schleudern, die vernichtet zurücksinken würde, und dann sich mit einem ganz besonderen Lachen wieder entfernen; dieses sollte halb höhnisch und halb mitleidig klingen. Irene blickte noch immer auf sie. Endlich sprach sie: Ich möchte Ihre Zeit nicht unnötig lange in Anspruch nehmen. Dies brachte Pimpernell in Bewegung; sie besann sich auf sich selbst: Das klang beinah, als wäre sie hier nur geduldet! Als käme sie mit einer Bitte! So sprach man zu Menschen, die man mit einer kleinen Gabe wieder zur Tür hinausschickt! Ich werde Ihre Zeit nicht zu lange in Anspruch nehmen, antwortete sie, denn Ihre Zeit meinen Sie ja doch bloß, wenn Sie von meiner Zeit sprechen. Was ich zu sagen habe, läßt sich in paar Sätzen erledigen. Also, nicht wahr, Sie wollen Enzio heiraten? Wenigstens las ich in der Zeitung, daß Sie verlobt sind. Ich bin für die Ferien hier bei meinen Eltern, und da fand ich zufällig die Notiz, verehrtes Fräulein! Ich komme, um Sie von einem Schritt zurückzuhalten, der ausschlaggebend unglücklich sein wird für Ihre ganze Existenz! Irene lehnte sich ein wenig in den Sessel zurück und suchte ein leises Lächeln zu unterdrücken. Pimpernell bemerkte das, und das Blut schoß ihr zu Kopf: Sie haben keine Ursache, sich über mich lustig zu machen! Ich kenne Enzio hundertmal besser als Sie und weiß Dinge von ihm, von denen Sie keine Ahnung haben, denn er wird sich wohl hüten, Ihnen gewisse Tatsachen zu erzählen! Irene ging das Blut zu Herzen, aber ihr Blick war nach wie vor ruhig, und sie antwortete: Wenn Sie gekommen sind, um ihn vor mir zu verleumden, so muß ich Sie bitten, es zu unterlassen und sogleich wieder zu gehn. Ich habe keine Lust, das mit anzuhören. – Sie erhob sich: Also sagen Sie in Ihren paar Sätzen: Was wollen Sie? Pimpernell war ebenfalls aufgestanden. – Schön! wenn Sie es durchaus in ein paar Sätzen hören wollen, so bin ich gern bereit, mich auf das Notwendigste zu beschränken: Enzio hat jahrelang mit einem Mädchen ein Verhältnis gehabt, hat ihr geschworen, sie zu heiraten, dann ist eine andere dazwischen gekommen, eine ganz gewöhnliche Konservatoristin von schlechtestem Ruf, er hat mit beiden auf einmal zusammen gelebt, bis er der ersten überdrüssig wurde und sie davonjagte, und dann hat er, bis er jetzt wieder hierherkam, ein Leben mit Frauenzimmern geführt, die eine wirkliche Jungfrau nicht beim Namen nennen wird. So, das ist es, was ich Ihnen zu sagen hatte, und jetzt, hoffe ich, werden Sie mir danken. Irene schwieg. Dann sah sie zur Tür und sagte: Da Sie ein so gutes Gedächtnis für dieses Haus haben, finden Sie den Ausgang wohl auch ohne meine Führung wieder. Das ist also der Dank? O ja, ich weiß noch ganz genau, wo der Ausgang ist! Ich finde mich in jedem Haus zurecht, das ich ein einziges Mal betreten habe, und das Ihrige ist sehr einfach gebaut. Aber hinauswerfen lasse ich mich nicht! Sie wollen natürlich nicht glauben, was ich Ihnen erzählt habe, aber bitte: Führen Sie mir Enzio vor, daß ich ihm Punkt für Punkt ins Gesicht schleudere, und sehn Sie ihn dann an, ob er den Mut hat zu sagen, daß ich lüge! Alles kann ich beschwören auf Ehre und Seligkeit! Er soll mich doch verklagen vor Gericht, wegen Verleumdung, wenn er den Mut hat! Aber er weiß ganz genau: ich könnte noch viel mehr erzählen! Sie denken natürlich, ich rede aus Eifersucht, weil ich Enzio liebte. Die Zeiten sind vorbei! Ich heirate nächsten Monat meinen Direktor! Weshalb ich Ihnen das alles dann erzählt habe? Weil er es auch mit mir versucht hat! Sie sehn mich an, als wollten Sie sagen: Lügen Sie doch nicht so viel! Ich kann Ihnen nur antworten: Fragen Sie ihn selbst, und beobachten Sie dann, ob er nicht rot wird, wenn er meinen Namen hört! Ob er sich nicht in Grund und Boden schämt, wenn er daran denkt, wie er sich gegen mich benommen hat! Und dann: Fragen Sie ihn nach »Bienle«, das ist das Mädchen, mit dem er jahrelang auf das engste zusammen gelebt hat! – Bei diesen letzten Worten empfand Irene einen plötzlichen Stich im Herzen, jäh und kalt. Und grade damals, als er nach seiner Krankheit hier bei Ihnen wieder abreiste, grade damals war das Verhältnis auf dem Höhepunkt, ich habe das mit meinen eignen Augen angesehn und außerdem hat er es mir mit den unzweideutigsten Worten gesagt! Ich bin Ihnen als Freundin genaht, ich werde Sie kaum jemals wiedersehn, und es drängt mich, von Ihnen jetzt mit einem herzlichen Händedruck zu scheiden, da wir halbe Leidensgenossen sind. Irene übersah die ausgestreckte Hand und ging auf die Wand zu. – Was klingeln Sie denn da? – Dem Diener, daß er Ihnen unten den Mantel hält. – Nicht nötig, ich habe nur dies Jäckchen an, ich kann mir keine so kostbaren Pelze leisten wie Sie. Adieu! wenn Sie nun immer noch Ihren Enzio heiraten mögen, so kann ich nur sagen; Jedermann nach seinem Gusto! Hinaus war sie, klopfte aber gleich darauf wieder an und rief: Da muß noch ein Leihbibliotheksbuch von mir liegen! Sie empfing es durch den Türspalt, ohne Irene zu sehn. – Danke, danke, zu liebenswürdig. Irene blieb im Zimmer stehn, wie in einer Betäubung. Alles ist nicht wahr; dachte sie, – diese Kreatur ist wahnsinnig vor Eifersucht. Dann aber dachte sie: Und doch ist alles wahr, wie hätte sie sonst so sprechen können ... o Enzio, Enzio! Sie brach in heftiges Schluchzen aus: Jahrelang hat er mit einem andern Mädchen zusammen gelebt, mehr als einmal hat er mich gedankenlos mit ihrem Namen angeredet, und ich glaubte ihm, als er mir sagte, es sei ein kleines Mädchen, er nahm den Ball, den ich ihm gab, um ihn jenem Kind zu schenken, das hat er übers Herz gebracht, er küßte mich am selben Tage, an dem er abends wieder in ihren Armen war! Eine dunkle Röte flog über ihr Gesicht und sie dachte: Das überwinde ich nicht, nun ist es noch unmöglicher, daß wir zusammenkommen, aber wenn er mich fragt – dieses kann ich ihm nicht sagen, ich kann es niemand sagen, auch meinen Eltern nicht. Noch ehe Pimpernell von Bienle sprach, war in Irene ein körperliches Gefühl erwacht, das sie selbst wie in eine Entfernung von Enzio trieb, mit einer Stärke, daß es ihr klar vor der Seele stand, daß ihre und Enzios Wege auseinandergingen. Von diesem Grund allein durfte sie zu Enzio und zu ihren Eltern sprechen. Aber erst mußte sie sich Gewißheit schaffen. Zum Mittagessen erschien sie nicht, den ganzen Tag war sie in ihrem Zimmer eingeschlossen, dann schrieb sie ein Billett an Enzio, er möge am nächsten Morgen zu ihr kommen. Enzio kam, mit einem unbestimmten Vorgefühl. Sein Herzklopfen wurde stärker, wie er die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufschritt, dann stand er vor ihr, sah, wie sie blaß war, zwang sich zu einem Lächeln und fragte: Du hast mich sprechen wollen? Sie antwortete nicht und wandte den Kopf etwas zur Seite, wie er sie küßte. – Was ist denn geschehn? rief er in steigender Angst. Sie bezwang sich mit ihrer ganzen Kraft und sagte: Laß uns ruhig reden, Enzio, – o, ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll! – Sie hatte sich ins Sofa sinken lassen und den Kopf in ihre Hände vergraben. In Enzio war eine tödliche Ahnung aufgestiegen, es schwindelte ihn leise wie in plötzlicher Übelkeit. – Was ist es? fragte er tonlos. Ihm war wie im Traum; er wußte, was sie sagen würde, und doch – dies konnte es nicht sein, es war unmöglich! Vielleicht – so schoß ein verzweifelter Gedanke in ihm auf – hat sie seit ihrer frühesten Kindheit irgendein tiefes Leiden, von dem ich nie etwas wußte, – und das will sie mir jetzt sagen. – Was ist es? fragte er noch einmal und legte die Hand auf ihr Haar. – Enzio, sagte sie langsam, gestern war jemand bei mir, eine Freundin von dir aus deiner Kindheit – – – Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Jetzt wußte er alles, was kommen werde. – Enzio! ist es wahr, was sie mir von dir erzählt hat? Es folgte ein langes Schweigen, und wie sie endlich aufblickte, saß er da mit totenstarrem Gesicht. Nun ist es aus, sagte sie langsam. Dies Wort rief das Leben auf seine Züge zurück. Er sprang auf, fiel an ihr nieder und rief: Nein, nein, Irene, sag das nicht! Es darf nicht aus sein zwischen uns, du darfst mich nicht von dir stoßen, wenn ich dich nicht mehr habe, was bleibt mir dann noch übrig? In meinem Herzen habe ich ja immer nur dich geliebt – nein, das ist nicht wahr, das habe ich nicht, aber jetzt liebe ich nur noch dich! Ich habe nicht den Mut gehabt, dir von der Vergangenheit zu erzählen, im Gegenteil, ich habe die furchtbarste Angst ausgestanden, daß du davon erführest; ich wäre der niedrigste Mensch gewesen, wenn ich nicht auch zugleich gedacht hätte: Das alles ist tot, und ich fange ein neues Leben an! Und dieses Mädchen, das jetzt bei dir war: Glaube mir, Irene, ich schwöre es dir: Ich habe sie nie geliebt, sie liebte mich, und nur aus Schwachheit habe ich mich hinreißen lassen zu ihr. Wie bitter habe ich es bereut, als es zu spät war! Irene legte den Kopf zurück und schloß die Augen: Also die auch – davon wußte ich nichts, das hat sie mir nicht erzählt. Enzios Gedanken verwirrten sich; es war, als versänke er immer tiefer: Ich wiederhole dir, ich habe sie niemals geliebt, niemals! – Um so schlimmer. – Irene! rief Enzio, ich bin nicht so, wie du denkst! Durch dich habe ich wieder gelernt, mit mehr Mut in die Welt und auf mich selbst zu sehn, – was soll denn werden, wenn du mich jetzt von dir stößt! – Das weiß ich auch nicht, sagte sie und starrte ins Leere – aber nun können wir niemals zusammenkommen. – Irene! du sprichst dir überm Herzen weg! Du hast mich viel zu lieb! Sieh mich nicht so an, – denk doch daran, wie lieb du mich als Kind gehabt hast – ist das denn alles vorbei? – Nein, Enzio, das ist nicht vorbei. Und doch fühle ich seit gestern anders zu dir. Wir können niemals zusammengehören! – Und wenn ich dir schwöre, daß alles hinter mir liegt – – auch dann nicht? Sie bewegte langsam verneinend den Kopf. – Irene! Und wenn jetzt alle Jahre unserer Zukunft schon vergangen wären, und du blicktest auf ein glückliches Leben mit mir zurück, das durch nichts enttäuscht wäre – – würdest du auch dann noch bereuen, mit mir zusammen gelebt zu haben? Ja. Aber ist es denn etwas so Entsetzliches, was ich begangen habe, daß es durch mein ganzes Leben nicht von dir verziehen werden kann? Enzio, sagte Irene, du verstehst mich nicht. Ich habe nichts zu »verzeihn«, das Wort ist mir ganz fremd. Jeder Mensch handelt, wie er muß, und kein anderer Mensch hat das Recht, ihm dreinzureden. Was ich will für mich, verlange ich nicht als Gesetz für alle. Vielleicht mußtest du so leben, wie du tatest, aber mein körperlicher Sinn sagt mir: Es ist mir unmöglich, einem andern anzugehören, der sich nicht so unberührt für mich aufgehoben hat, wie ich mich für ihn. Dies Gefühl läßt sich durch nichts umstoßen. Mein ganzes Leben würde einen Fleck bekommen, wenn ich ihm nicht folgen würde. Vergiß mich, ich werde versuchen, dich auch zu vergessen, es muß sein, es läßt sich nicht mehr ändern. Das ist dein letztes Wort nicht! Laß eine Nacht darüber hingehn, morgen wirst du nicht mehr so unmenschlich denken. – Ich werde morgen noch genau so denken. – Dann laß noch längere Zeit vergehn! Schreibe mir, wann ich wiederkommen darf, es soll nicht das letztemal sein, daß ich dich sehe! Ich weiß ja doch: Du und ich, wir sind für einander bestimmt! Erinnerst du dich denn nicht mehr an früher? An die Zeit, wo ich dich kennen lernte? Sie legte den Arm vor ihre Augen: Sprich nicht davon – – o, wenn du wüßtest, wie du mich quälst! Wie eine Erlösung kam es über ihn. – Es ist noch nicht alles verloren! dachte er, sie hängt noch fest an der Vergangenheit! – Geh jetzt! sagte sie nach einer Weile. – Und wann darf ich wiederkommen? – Sie schwieg; dann sagte sie: Komm wann du willst. Sie standen sich gegenüber. Enzio sah sie gequält an, dann übermannte ihn seine Leidenschaft, er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Sie wehrte ihn leise ab. Am Nachmittag redete Irene mit ihrer Mutter. Sie sprach fest und ruhig und sagte dasselbe, was sie zu Enzio gesprochen hatte. – Ich verstehe dich, Irene, so, wie du einmal bist, kannst du nicht anders empfinden. Und doch ist mir, als fehlte noch irgend etwas bei dem, was du gesagt hast. – Ich habe alles ausgesprochen. – Irene sprach die Wahrheit. Jenes persönlich gekränkte, tief verletzte Gefühl war langsam zur Ruhe gegangen, nachdem sie mit Enzio geredet hatte, aber das, was blieb, konnte sie nicht überwinden. Auch mit ihrem Vater hatte sie ein Gespräch, allein, im Atelier. Du bist jung, sagte er, und unerfahren. Du weißt nicht, wie es in der Welt zugeht. Was du mir erzählt hast, ist nichts Besonderes. Du findest kaum eine Ehe, so wie du dir denkst, namentlich nicht unter Künstlern. Eine Resignation braucht jede Frau, die heiratet. – Ich glaube, sagte Irene, meine Mutter hat sie nicht gebraucht. Der Professor nahm seine kurze Pfeife aus dem Mund und heftete einen halb objektiven, halb erstaunten Blick auf sie aus seinen klaren Augen: Da hast du recht, aber wenn es so war, so lag das nicht an meiner extra großen moralischen Stärke, sondern an meiner primitiven Anlage. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht rechts, nicht links geschaut, sondern immer nur gradeaus. Deine Mutter habe ich schon als Schüler geliebt, als sie noch ein ganz kleines Geschöpf war, und mein harter Schädel ließ den Gedanken, den er einmal gefaßt hatte, nicht wieder los. Das magst du nun nennen, wie du willst, aber der Enzio ist darum nicht viel schlechter, weil er links und rechts von seinem Wege abgegangen ist. Irene suchte ihn zu verstehn, aber sie konnte es nicht. Doch sagte sie: ich will darüber nachdenken. Am Abend kam sie abermals zu ihm. Nun? fragte er, und stieg von seinem Gerüst herab, – hast du dich besonnen? – Ja, und ich weiß jetzt ganz klar, was ich tun muß. Ich muß auf Enzio verzichten, etwas anderes ist mir nicht möglich. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht denken, aber ein Leben mit ihm zusammen noch weniger. Ich muß mich von ihm trennen, ein für allemal. – Er sah sie an, halb traurig-mitleidig und halb voll Sympathie. Dann – sagte er – bleibt dir nichts anderes übrig, als rasch Schluß zu machen. – Sie ließ den Kopf sinken. – Irene! überleg es dir ein letztes Mal! Du liebst ihn ja noch mit aller Kraft, das sehe ich! Und wenn du erst einmal ein Kind hast – – Nein, sagte sie heftig, ich kann es nicht! Mir ist, als gäbest du mir einen Hammer in die Hand, führtest mich an ein Bildwerk, das du geschaffen hast, und sagtest: Zerschlag es! Ich kann es nicht. Und wenn das Leben wirklich so ist, wie du gesagt hast, dann bleibe ich lieber allein. Aber es ist nicht möglich, es muß noch andere Menschen auf der Welt geben, die nicht so sind. – Und wenn nun Enzio kommt, willst du ihm das sagen? – Ich will ihn nicht wiedersehn, er kann meinen Entschluß nicht mehr ändern, es würde nur eine neue Quälerei. Enzio verbrachte inzwischen schlimme Tage, hin und her geworfen zwischen Furcht und Hoffnung. Caecilie war vollkommen niedergeschlagen. Ihr erster Gedanke gab ihr ein, selbst hinzugehn und mit Irene zu sprechen. Aber sie tat es nicht; in ihrem Herzen war ein Gefühl, ähnlich der Scham und dem Schuldbewußtsein. Enzio ging herum wie ein Scheinlebendiger, jede Stunde nahm er sich vor, Irene zu besuchen, und immer wieder hielt ihn die Angst zurück. Was ist denn eigentlich los? fragte der Kapellmeister; seit einigen Tagen finde ich es hier nicht mehr so gemütlich wie sonst! Hast du dich mit deiner Irene gezankt, Enzio? Du bist ja wie verblödet! – Enzio lief aus dem Zimmer, der Kapellmeister sah fragend auf Caecilie. – Ich kann mit dir darüber nicht sprechen, sagte sie. Es ist wirklich etwas vorgefallen, aber ich hoffe noch immer, daß alles vorüber geht! – Also hängt es doch mit seiner Irene zusammen, wie? Und weshalb sagt man mir nichts? Weshalb werde ich von euch immer wie ein Außenstehender behandelt? – Was hat es für Nutzen, fragte Caecilie, mit dir über irgend etwas zu sprechen, was uns angeht? Das haben wir uns im Lauf der Jahre abgewöhnt. Du lebst in deiner Welt, und wir in der unseren. – Das klingt ja so, als ob wir ein ganz getrenntes Leben führten! Bin ich nicht stets zu Enzio ein liebevoller, fürsorglicher Vater gewesen? – Caecilie wollte diese Unterhaltung abbrechen. Was hatte sie für einen Zweck! – Ja, ja, sagte sie, du magst recht haben, auf deine Weise; reg dich nur nicht darüber auf, laß Enzio in Frieden, es würde ihn bloß noch mehr verstimmen, wenn du dich jetzt etwa in seine Angelegenheiten einmischtest. – Nun wollte ich doch, sagte er und wurde lebhafter, daß ein Dritter im Zimmer wäre und anhörte, was wir bis jetzt gesprochen haben: Erst wirfst du mir vor, ich hätte zu wenig Interesse für Enzio, und dann sagst du: Laß ihn nur, es würde ihn verstimmen, wenn du dich einmischtest! Wie soll ich denn nun eigentlich sein? Ich merke schon lange, daß hier etwas im Gang ist. Aber ich wartete und dachte: Man wird doch wohl auch zu mir ein ganz natürliches Vertrauen haben! Soll ich Enzio nachlaufen? Ist es nicht der Sohn, der zum Vater kommen muß? Aber leider Gottes sind bei uns die Verhältnisse auf den Kopf gestellt! Und mir gibt man die Schuld dafür! Und dann diese maßlosen Übertreibungen! Hast du jemals so viel Aufhebens um mich gemacht, wenn ich in früheren Zeiten in einer künstlerischen Verstimmung war, wie um ihn jetzt, die vergangenen Wochen? Und waren meine nicht viel stärker? Durch deine Verwöhnereien hast du den Jungen schlaff gemacht, hättest du mich mehr an seiner Erziehung teilnehmen lassen, so wäre er jetzt ein ganz anderer Kerl! Du wirst dich wohl noch erinnern, daß ich dir oft dreingeredet habe in deine Prinzipien. Aber natürlich, mit der Zeit erlahmt man. Was war die Folge deiner Methode, der Eifersucht, mit der du ihn nur immer ganz für dich haben wolltest? Daß er sich im Lauf der Zeit zurückgezogen hat von mir! Daß er sich in unreifen Jahren schon für eine Art Genie hielt! Daß er als grüner Junge bereits anfing, auf mich und mein Schaffen herabzusehn! Jemand, der von früher Jugend an systematisch von seinem Vater zurückgehalten wird, kann kein kräftiger Mensch fürs Leben werden, dafür lege ich die Hand ins Feuer! – Ich wollte – entgegnete Caecilie – du wärest so gewesen, wie du es dir jetzt einbildest. Daß ich eifersüchtig ihn ganz für mich haben wollte, ist richtig. Aber da wäre der Punkt gewesen, wo du hättest einspringen müssen. Daß du es nicht tatest, hängt mit dem zusammen, weswegen ich ihn so stark zu mir heranzog: deine innere Gleichgültigkeit mir und auch Enzio gegenüber, und später jenes andere, was ich nicht nennen will und was sich bis zum heutigen Tage hinzieht! Kann dabei ein Kind gesund heranwachsen? Nie hast du dich um Enzio ernsthaft gekümmert, außer in ganz frühen Jahren – und auch da nur einseitig – als du anfingst, ihn zu unterrichten. Gabst du einmal einen Rat, so war er falsch oder oberflächlich. Ich bin seine Mutter! Du selbst hast mich mit deiner Kunst langsam immer mehr enttäuscht. War es da ein Wunder, daß ich ganz in Enzio aufging? Daß ich alle meine Hoffnungen auf ihn warf? Jetzt sind sie niedergeschlagen, ich weiß nicht, ob sie sich jemals wieder aufrichten werden. Und das Schlimme ist, daß ich mir sagen muß: du hast trotz deiner Verblendung teilweise recht! Du hast die Schuld, aber ich habe auch die Schuld. Denn das sehe ich klar: Es fehlt Enzio jede Disziplin seiner selbst, die man nur durch Erziehung lernt, und da, wo sie fehlt, ist nur die Erziehung schuld gewesen. Er hat nichts Festes, Unverrückbares in seinem Wesen, keinen wirklichen Schwerpunkt in sich, keine kernhafte Mitte; nun ist er aus seiner Bahn herausgeworfen und kann nicht in sie zurückfinden. Er hat in den letzten Wochen und Monaten menschlich die schlimmsten Kämpfe, Erlebnisse, Enttäuschungen durchgemacht, das alles kommt zusammen, ich habe die furchtbarste Angst vor dem, was noch geschehen kann, wenn er jetzt auch Irene noch verlieren sollte! Ist denn das so schlimm mit der? fragte der Kapellmeister, froh, daß die Unterhaltung eine andere Richtung nahm; – mir scheint, diese Verlobung droht wieder zurückzugehn? – Wenn sie zurückgeht, so weiß ich nicht, was werden soll. – Ich glaube, Caecilie, du übertreibst das Ganze! Sein Trübsinn wird vorbeigehn, so wie er wieder einmal einen Einfall hat, das kenne ich so gut an mir selbst, von früher her! Und kleine Zänkereien kommen oft bei Verlobten vor. Das ist das beste Zeichen, daß die Ehe einmal gut wird. Reg dich nur nicht auf! Damit hilft man nicht und schadet nur sich selber. Ich werde Enzio tüchtig vornehmen, und du sollst sehn, es gelingt mir schon, ihn wieder aufzurichten. Dann wirst du auch empfinden, daß ich noch nicht allen Einfluß auf ihn verloren habe! An mir hat er doch ein gutes Beispiel, wie man alle Schwächen überwindet, durch Arbeit, die dann vom Erfolg gekrönt ist! Caecilie war innerlich so verzweifelt, daß ihr seine letzten Worte wirklich etwas Mut machten, obgleich sie fühlte, wie ahnungslos verblendet sie waren. Enzio war inzwischen aus dem Haus gelaufen. Ruhelos trieb ihn der Gedanke an Irene um. War alles schon entschieden, ihr Entschluß gefaßt? – Ich warte noch bis heute nachmittag! Dann gehe ich zu ihr. Aber ich muß ihr Haus sehn, wenigstens will ich ihr Haus sehn! Durch die Parkstraße näherte er sich dem Garten. Ob sie wohl am Fenster hinter der Gardine stand, wenn er jetzt vorbeischritt? Er blieb in der Ferne stehn und spähte durch die entlaubten Bäume. Dann konnte er nicht anders: Er schritt näher, immer hart an der Gartenmauer, bis er dicht am Hause war. Wie war alles verändert! Wie froh näherte er sich ihm sonst! Wie selbstverständlich trat er ein, in Hoffnung, ihre Gestalt schon irgendwo zu entdecken! Und jetzt stand er wie ein Dieb versteckt. Immer näher zog es ihn, er wollte nicht, er mußte. Mechanisch ging er durch die Gartentür, aufs Haus zu, die Stufen bis zur Pforte hinauf und läutete. Er hörte drinnen einen Schritt, und nun jagten sich auf einmal die Gedanken. Der Diener öffnete und sagte, er habe einen Brief für ihn, er liege noch in Irenes Zimmer, er habe den Auftrag gehabt, ihn persönlich in Enzios Haus zu bringen, nun sei er ihm zuvorgekommen. Enzio lief alles Blut zu Herzen, er starrte ihm nach, dann rief er: Lassen Sie, ich hole ihn mir selbst! und rannte an ihm vorbei, bis vor Irenes Zimmer. Er klopfte. Niemand antwortete. – Irene, ich bin es! Bist du nicht da? – Keine Antwort. Er fragte noch einmal, dann noch einmal, und endlich trat er ein. Der Brief lag mitten auf dem Tisch. Was soll das? dachte er wie im Schwindel, empfängt man mich hier nicht mehr? Er erbrach den Brief und las ihn stehend. Dann verriegelte er das Zimmer und blieb darinnen bis zum Nachmittag, stumpf und starr. Ihm war wie jemandem, dem ein geliebter Mensch gestorben ist, den man nicht verlassen kann, solang sein Körper noch dem Lichte angehört. Er konnte dieses Zimmer nicht verlassen. Endlich klopfte es. Er antwortete nicht. Die Stimme des Professors ertönte. Enzio öffnete. Mein lieber Junge, was machen Sie denn da! sagte er, blickte ihn an und fuhr ihm aufmunternd durch das Haar: Behalten Sie den Kopf oben, es gibt schlimmere Dinge im Leben als das, was Sie jetzt durchmachen! – Enzio war wie leblos. Der Professor schüttelte ihn: Benehmen Sie sich doch etwas männlicher! Sind Sie ein Waschlappen? Tränen sind für die Weiber! Sie werden noch einmal ein ganzer Kerl, ich wette, übers Jahr sind Sie neu verlobt und glücklicher! Ein Mensch wie Sie bleibt nicht lange traurig. Im Grunde haben Sie ja viel zu viel Lebenslust! Sie vergessen schneller als Irene! Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu kränken, ich meine es ganz aufrichtig und will Ihnen nur Mut machen! Die Menschen sind verschieden, Irene habe ich mit andern Worten getröstet, aber die ist auch viel schwerer veranlagt als Sie! Kommen Sie herab, Enzio, zu einer Tasse Kaffee mit mir, rauchen Sie unten eine Zigarre, oder trinken Sie einen Kognak, Sie sehn ja hundeelend aus. Enzio schüttelte den Kopf. Adieu, sagte er und reichte ihm die Hand. – Nicht? Sie wollen nicht? Essen und Trinken hilft zunächst immer, gegen alles in der Welt. Wann kommt Irene wieder? Das sollen Sie gar nicht wissen. Sie hat Ihnen geschrieben, daß sie mit ihrer Mutter nach Italien gereist ist, und wenn Sie vernünftig sind, müssen Sie einsehn, daß dieser Brief das letzte ist zwischen ihr und Ihnen. Sehn Sie das ein? – Ja, sagte Enzio. – Dann kommen Sie. – Enzio ging, blieb aber auf der Schwelle von Irenens Zimmer noch einmal stehn und warf einen langen, letzten Blick zurück. Seine Mutter erfuhr alles. Dann schloß sich Enzio in seine Stube ein und wollte niemanden sehn. Caecilie war wie niedergeschmettert. Sie hatte schließlich fest geglaubt, Irene werde sich anders besinnen. Als Enzio sie zum ersten Male wieder sah, sagte er, wie sie beginnen wollte, über alles mit ihm zu sprechen: Ich bitte dich, sprich nicht davon, nie wieder. Ich kann es nicht ertragen, ich muß dies mit mir allein durchmachen. Ich denke an nichts anderes, aber ich bin nicht mehr fähig, darüber noch zu reden. Es muß langsam verheilen, ganz durch sich selbst. Gott sei Dank! dachte sie; er fühlt, daß es eine Zeit gibt, die alles mildern wird. Ganz still war es jetzt stets in Enzios Zimmer. Er saß am leeren Tisch und brütete. Dann, eines Tages, hörte Caecilie zum ersten Male das Klavier erklingen. Enzio spielte eine alte Komposition von sich, dieselbe, die er einmal für Irene schrieb und die in dem rotseidenen Buche stand. Dann hörte sie ihn wieder gehn. Er dachte immer die gleichen, fruchtlosen Gedanken, bis sein Gehirn davon ermüdete. Wochen vergingen. Nie sprach Enzio von Irene, dagegen fing er jetzt langsam an, mit seiner Mutter von Bienle zu sprechen. Seine Gedanken waren von der letzten Vergangenheit ermüdet, sie gingen in eine frühere zurück. Wehmütig war ihr das, und sie konnte es nicht hindern, daß allmählich eine Bitterkeit gegen Irene in ihr aufstieg. Das hat sie mir einmal geschenkt! sagte er und holte ein kleines Madonnenbild aus seiner Brusttasche; – das gab sie mir, als sie schon wußte, daß ich mit der andern soviel zusammen war. Ich glaube, sie dachte, es solle mich beschützen. Um meinetwillen ist sie in die Fremde gegangen, und ich weiß nicht einmal, was aus ihr geworden ist. Er schwieg, vor seinem innern Blick und vor Caeciliens schwebte das stumme, wehrlos-süße Bild dieses Mädchens, still blutend und mit traurig-ruhigen Augen. Wie treu hat sie zu ihm gehalten, dachte Caecilie, – auch als er sich immer mehr von ihrem Herzen entfernte, als sie sein Leben und Treiben aus allernächster Nähe sah, bis sie's nicht mehr aushalten konnte! Wie furchtbar hat er sie gequält! Und Irene trennte sich von ihm, als sie nur von seinem Leben durch eine andere hörte! Kann sie ihn je wirklich geliebt haben? Muß die Liebe nicht alles überwinden? Ist dies nicht ganz blutlos-moralisch? Und wie sagte sie zu ihm?: Auch wenn ich auf ein glückliches Leben mit dir zurückblicken könnte – auch dann würde ich bereuen, mit dir zusammen gelebt zu haben! Nun, wenn ein Mädchen so spricht über meinen Sohn und über ein reines Glück an seiner Seite, dann ist es gut, daß sie dieses Glück nicht kennen gelernt hat, dann ist es nicht beklagenswert, daß diese Verbindung wieder auseinandergegangen ist. – Aber sie vermied es, auch nur ein Wort von ihren Gefühlen laut werden zu lassen gegen Enzio. Ob sie wohl noch deine Spange trägt? fragte er ein anderes Mal. – Enzio, zergrübele dir den Kopf nicht mit Erinnerungen! Sieh gradeaus, in die Zukunft! Aber seine Gedanken waren unablässig in der Vergangenheit. All die kleinen Andenken an Bienle, ihre Geschenke, Blumen, Briefe, hatte er in eine besondere Lade getan, nahm sie oft daraus hervor, las, streichelte und küßte sie. Zuweilen dachte er an jenen Blick, mit dem sie ihn in der allerletzten Zeit einmal angesehn, dann war es ihm, als schwebe er in einer fremden, geisterhaften Welt, die außer seiner selbst war. Ehe er diese Empfindung fassen konnte, war sie schon vorüber. Wie ist mir denn? sprach er einmal zu sich, – dreht sich alles langsam um? Tritt mir Irenes Bild schon jetzt wieder ferner, wo alles erst so kurz vergangen ist? Wird mir auch Bienles Bild ganz schnell verblassen? Hat der Professor recht gehabt, wie er mir sagte: er glaube nicht, daß ich den Gedanken an Irene so lange nachhängen würde? Bin ich denn wirklich nicht einer einzigen, tiefen, nachhaltenden Leidenschaft fähig? Werde ich wirklich übers Jahr wieder ganz lustig sein? Übers Jahr! Ihm graute vor all den Monaten und Jahren, die noch vor ihm lagen. Wieder versuchte er zu arbeiten. Aber allmählich war ein Gefühl über ihn gekommen, das ihm bis dahin in der Stärke fremd war: Schon der Gedanke an eigene Musik, an Noten, an Schaffen war ihm so entsetzlich geworden, daß er ihn sogleich mit Angst erfüllte. Er bemühte sich dagegen anzugehn, aber er verstärkte sich mehr und mehr. Er suchte sich in Theatern und Konzerten zu zerstreuen, aus jedem Takt Musik hörte er nur immer die Worte: Das kannst du nicht, das wirst du niemals können. Einmal übermannte es ihn so, daß er den Saal verlassen mußte. Richard besuchte ihn viel; er vermochte es auch durchzusetzen, daß Enzio endlich einwilligte, mit ihm zum Schlittschuhlaufen zu gehn. Scheinbar erfrischt kam er zurück. – Habt ihr nette Bekannte getroffen auf dem Fluß? – Ja. – Wen denn? – Ich weiß nicht, ich bin allein gelaufen. – Weit? – Bis vor – nein soweit nicht. Wieder verging eine Woche. Nachmittags nahm er seine Schlittschuhe und ging allein aufs Eis. Er will nicht mit mir zusammen sein, er meidet mich, ich fühle mich aufdringlich! sagte Richard zu Caecilie; – es ist ganz verrückt von ihm, daß er sich einbildet, alles Talent zum Musizieren verloren zu haben! – Dasselbe sage ich ihm ja auch stets! Aber er hört nicht auf mich. Was sagt er Ihnen denn? – Er läßt mich gar nicht ausreden und fängt sogleich von etwas anderm an. Richard! haben Sie wirklich jemals viel von Enzios Talent gehalten? – Diese Frage war stark und von der Angst eingegeben. Caecilie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihm in die Augen. Ja! sagte Richard, schnell und instinktiv, mit fester Stimme. Caecilie atmete erlöst auf. – Sagen Sie ihm das selbst, bat sie eindringlich. – Das habe ich ihm oft gesagt, früher hat er es geglaubt, jetzt glaubt er es nicht mehr, jetzt würde er einem nur noch glauben, wenn man ihm alles, was ihm früher lieb war, in den Staub träte. – Sagen Sie es ihm trotzdem wieder, und immer wieder! Ihnen glaubt er ja doch am meisten von uns allen! Hören Sie – da oben fängt er wieder an. Was ist das nur? Seit gestern spielt er es. O, wenn das doch etwas Neues und Gutes wäre, was er jetzt schafft! – Das sind ein paar Takte aus meiner Symphonie, sagte Richard, der gelauscht hatte; – ich habe sie ihm neulich vorgespielt, da hat er einiges behalten und probiert es nun selber. – Wann ist der Tag der Aufführung? Er muß doch nun bald sein! Da soll Enzio mitreisen, mit uns allen. Das wird ihn zerstreuen! Und dann gehe ich mit ihm fort, er muß wo anders hin. Dies Leben geht so nicht länger. Haben Sie Angst, Richard? – Angst? wovor? – Vor der Aufführung! Wegen des Erfolges. – Richard lächelte: Darauf kann ich Ihnen keine rechte Antwort geben. Jeder Mensch will, daß sein Werk Erfolg hat; ich auch von dem meinigen. Aber wenn es damit nichts ist – den Glauben an mein Werk nimmt es mir nicht. – Und die Lust zu weiterem Schaffen, würde Ihnen die nicht getrübt werden? – Richard sah sie erstaunt an: Man schafft, weil man muß. Und wenn im Laufe meines Lebens zehn Werke von mir abgelehnt würden, so würde ich mit Notwendigkeit mein elftes schreiben. Caecilie schwieg. Dann sagte sie: In Ihnen, Richard, wird sich das Schicksal so vollenden, wie ich es für Enzio geträumt habe. Enzio ist mein Sohn, aber – – sie verstummte, dann sah sie ihn mit festem Blicke an und sagte: Gehn Sie hinauf zu ihm! Alles ist wieder still dort oben. – Richard küßte ihre Hand und ging. Nun, Enzio, sagte er, und bemühte sich, seiner Stimme einen frischen Ton zu geben – willst du dir meine Symphonie rekonstruieren? – Wieso? fragte Enzio mit leeren Augen. – Weil ich dich vorhin immer ein paar Takte daraus spielen hörte. Ein bißchen falsch, aber doch ganz gut behalten. Enzio starrte ihn an: Das war aus deiner Symphonie? Dann seufzte er tief: Also war das auch wieder nichts. Ich glaubte, es wäre ein Einfall von mir. – Sieh doch nicht so trostlos aus! Laß doch dieses Komponierenwollen um jeden Preis! Wir rufen die Einfälle nicht, sie rufen uns! Zerstreue dich! Nächste Woche reist du vor allem einmal mit uns aufs Musikfest, um mich zu trösten, wenn mein Werk durchfällt! – Ist es nächste Woche schon? fragte Enzio, beinah erschreckt. – Ja, und ich habe eine gewaltige Angst! Schließlich ist es doch keine Kleinigkeit. Du mußt mitkommen, an deinem Urteil liegt mir mehr als an allen andern. – Rede nicht so trivial, glaubst du, ich merke nicht, was du damit willst? Aber ich gehe nicht mit! Denk nicht, daß ich neidisch wäre oder einen Erfolg deines Werkes nicht ertragen könnte! Aber du mußt begreifen, daß der Gegensatz, den ich zu mir selber fühlen würde, zu furchtbar bitter wäre. Versuche nicht, mich umzustimmen – ich gehe nicht mit, das ist schon längst von mir innerlich fest beschlossene Sache. Ich bin zerschlagen genug. Sieh nicht so traurig aus, halte mich nicht für unfreundschaftlich, du weißt nicht, wie über alle Maßen trostlos und leer es in mir aussieht! Und wenn ich dich dagegen sehe! Du machst deinen Weg ganz still, niemand hat je ein Wort von dir über dich selbst gehört, – ja! ja! ich bin neidisch, maßlos neidisch, aber nicht auf dich, sondern auf das Glück, das dich so sehr beschenkt hat, während ich betrogen wurde. Gott weiß, von wo dir dein musikalisches Talent kommt. Woher meines stammt, das weiß ich leider: Ich bin der Sohn meines Vaters, und sein Schicksal sehe ich vor mir. Aber soweit lasse ich es nicht kommen. Ein Leben führen, wie er es tut, in einer seichten, halb resignierten Zufriedenheit – das will ich nicht! Und doch: Das Leben meines Vaters steht wie ein Orgelpunkt über meinem eignen Leben, auch sonst noch! – Wie meinst du das? – Das sind Dinge, die kann ich niemand sagen, ich fürchte mich, sie vor mir selber auszusprechen, aber ich habe Angst, daß sich alles schattenhaft in mir wiederholen wird. Richard dachte, als er gegangen war, darüber nach, was Enzio mit diesen letzten Worten meine. Aber er erriet das Richtige nicht. Enzio hatte so sehr den Glauben an sich selbst, an die Beständigkeit seiner Gefühle, an die Tiefe seines ganzen Lebens verloren, der Gedanke, er stehe gleichsam unter einem väterlichen Verhängnis, war so fest in ihm geworden, daß er Dinge als unentrinnbar voraussah, die noch als Fragen in der Zukunft schwebten. Er konnte sich selbst nicht ändern, das fühlte er. Ein Schwanken, Treiben seiner Leidenschaften, ein treuloses Sichgehenlassen würde ihn sein ganzes Leben lang beherrschen. Wenn er einmal heiratete, so sah er ein Schicksal der Ehe voraus, ähnlich wie es seine Mutter getroffen hatte; ein Schicksal, so jammervoll, wie sie es all die vergangenen Jahre an der Seite ihres Mannes ausgekostet hatte, würde auch das Los des Mädchens sein, das er selber an sich band; ja, wahrscheinlich würde es noch viel trauriger, abstoßender sein. Er suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, aber er meldete sich stets von neuem. Was war von seiner Liebe zu Irene, zu Bienle dauernd gewesen? Die Erinnerung an beide zerrte noch in ihm, und doch begann er schon wieder nach neuen Erlebnissen auszusehn, halb aus Verzweiflung, wie er sich einzureden suchte, und halb, weil seine Natur nicht anders konnte. »Der schöne Enzio« hieß er auf dem Eise. Wenn er sich zeigte, gab es Zank, Eifersucht und heimliche Intrigen unter den Mädchen. Und er konnte nicht anders: Wo er selber Schönheit zu sehn glaubte, da riß es ihn unwiderstehlich hin. Scham und Vorwürfe hinterließen solche Erlebnisse in ihm, aber er war widerstandslos geworden. In ruhigen Augenblicken hatte er dann einen Abscheu vor sich selbst. Was sollte aus ihm werden? Als Richard ihn verlassen hatte, nahm er das Blatt, auf das er die Takte geschrieben, die nicht seine eigenen waren, zerriß es und warf es in das Feuer. Ihm folgten alle andern Versuche aus der letzten Zeit. Dann stand er vor seinen früheren Kompositionen, und plötzlich fiel ihn ein sinnloses Wüten gegen sich selber an. Alles, was er je geschrieben, erfüllte ihn mit Ekel und mit Abscheu, Stück für Stück zerriß er und warf alles in die Flammen. Nichts sollte übrig bleiben. Bei manchem zauderte er einen Augenblick. Fort! rief er dann, und es folgte den übrigen, bis nichts mehr da war. Auf dem Grund der Lade lag ein versiegeltes Papier. Er wußte nicht, was es enthielt, es fiel ihm aber ein, während er es öffnete. »Was wird heute über zehn Jahre sein?« So lange, murmelte er, brauche ich nicht mehr zu warten, um das zu wissen. Genau so sprach ich damals, aber damals meinte ich es anders. Weg damit, ins Feuer. Endlich stand er mitten im Zimmer und sah sich nach allen Seiten um. War noch irgend etwas übriggeblieben von der Vergangenheit? Alles war verbrannt. Nun lagen die Jahre seines Schaffens wie ein leerer Raum hinter ihm, er fühlte sich fast ohne Körper. War nichts, gar nichts übriggeblieben? Das rote Buch! schoß es ihm durch den Sinn. Irene hat mich nicht gewollt, und nun soll sie auch das Buch nicht mehr behalten! Es muß zugrunde gehn mit allem übrigen. Wenn sie es nicht mit sich fortgenommen hatte, so mußte er es finden. Der Diener würde ihn einlassen, der wußte nichts von allem, was sich ereignet hatte, es würde ihm leicht sein, unter irgendeinem Vorwand in Irenes Zimmer zu gelangen. Sofort verließ er das Haus. Er stieg die teppichbelegte Treppe hinan. Ein gespenstisches Gefühl überlief ihn, wie er die Tür öffnete und in den Raum hineinsah. Der lag wie immer, als habe sich nichts geändert in der ganzen Zeit. Er schloß die Tür und stand bewegungslos, dann stürzte die Erinnerung in ihn zurück mit allem Schmerz, ein tränenloses Schluchzen durchbebte seinen Körper: Wenigstens atme ich noch einmal die Luft von ihrem Zimmer, ich sehe noch einmal den Raum, in dem sie wohnt, in den sie zurückkehren wird und den ich nun nie wiedersehn werde! Aber er durfte nicht lange bleiben. Das Buch, dachte er, wo finde ich das Buch? Er wußte die Stelle auf Irenes Bücherbrett, wo sie es verwahrte, und er fand es. Nun mußte er es vernichten, so wie alles andere. Er schlug noch einmal die letzte Seite auf. Da standen all die Noten, die er einst im Fieber schrieb, jene Musik, die ihm im Traum so unermeßlich schön erschien. Was war das? Unter der Seite standen mit Bleistift, von Irenes Hand, die Worte: Geschrieben von meinem Enzio, letzten Monat, als er bei mir im Fieber lag. Er bedeckte diese Zeilen mit seinen Küssen. Sollte er das Buch mit fortnehmen, es für sich behalten? Wofür? Wozu? Für welche Zukunft? Er nahm es zwischen beide Hände und zerrte; die Seide war stark, mit einem scharfen Laute rissen die Fäden endlich auseinander. Dann kniete er nieder, am Kamin, entzündete die Blätter, sah zu, wie sie sich krümmten und verzehrten, und stieß die verglimmenden Reste durcheinander, bis die Form des Buches unkenntlich zerstört war. Jetzt wollte er noch einmal zum Garten gehn, zum Kastanienbaum, zum Fluß hinab, nach jener Stelle hinübersehn, wo er als Kind unter den Sträuchern lag. Und dann – – – was dann noch kommen sollte, wußte er nicht. Fahl und winterlich lag der Garten. Die Bank, wo einst Irene saß, war mit Schnee bedeckt. Langsam stieg er nieder. Er glaubte in eine stille Öde hinabzusehn, und sah auf eine schwarzbelebte Menschenmenge, die sich gleitend-stumm bewegte. Er hatte vergessen, daß der Fluß gefroren war, daß man hier Schlittschuh lief. Wie trostlos sieht das aus! dachte er; – diese Menschen glauben sich zu vergnügen, und alle laufen wie Gespenster durcheinander. Enzio! rief eine frische Stimme, und ein Mädchen näherte sich dem Ufer, – Enzio, hier bin ich! Kommen Sie doch herab und laufen Sie mit mir, ich bin heut ganz allein! – Er schüttelte den Kopf. – Ach, Sie warten wohl auf Ihre Braut? Die wohnt doch hier? – Enzio schüttelte wieder mit dem Kopfe. – Nicht? Nun, dann um so besser! Kommen Sie herunter, hier unten an der Brücke gibt es Schlittschuhe! Alles ist egal, dachte Enzio, jetzt gehe ich hinab. Sie empfing ihn mit einem freudigen Blick: Da unten, gleich, nur hundert Schritte von hier, bekommen Sie Schlittschuhe! Sie eilten zusammen zur Brücke, er setzte sich auf eine Bank, schnallte sich die Schlittschuhe an, dann liefen sie zurück, den Fluß hinauf. Sie sind ja so still heute? Denken Sie, mein Verlobter ist verreist, für eine ganze Woche! – So? fragte Enzio gleichgültig und sah im Vorübergleiten an Irenens Haus auf jenen Strauch am andern Ufer, unter dem er als Kind lag, und der jetzt wie ein breiter Besen seine Zweige niederhängen ließ. – Ja! sagte sie, – und es ist gut, daß er nicht da ist! Sie wissen doch, wie eifersüchtig er ist! Geben Sie mir Ihren Arm! Alles ist egal, dachte Enzio wieder, – dieses Mädchen ist jung und schön, alles andere ist mir gleichgültig. Der Fluß machte eine Wendung, in der Ferne sah er jenen Baum, der seine Äste weit über die Wasserfläche sandte. – Mein Schlittschuh ist locker, sagte sie, als sie ihm näherkamen, ich muß ihn dort von neuem anschnallen. Genau so hatte Irene gesprochen, als er hier mit ihr einsam lief. Gehn wir also hin! sagte er; es ist ein bequemer Platz, ich habe dort früher schon einmal jemandem die Schlittschuhe angeschnallt. Sie gelangten zu dem Baume. – – Sag meinen Namen – – – – so tönte die Erinnerung in ihm... Nein, sag du erst den meinen! – – Er lachte: So wird es im Leben nichts, setz dich ein wenig tiefer; »Sie«, meine ich. – Sie hatte den Arm stützend auf seine Schulter gelegt: Nennen Sie alle Mädchen gleich beim dritten Male »du«? – Warum nicht? wenn ich merke, daß sie es gerne haben! – Drücken Sie mich doch nicht so, das ist nicht nötig. – Also sagen wir nun Sie oder du? fragte er, sah sie von unten an und wußte schon die Antwort. Er kannte die Wirkung seiner Augen. Nichtsnutziger Mensch! Wenn du mich so ansiehst, dann kann ich doch nicht nein sagen! Nichtsnutziger Mensch – hallte es in ihm wider. Sie liefen weiter, sie umschlang ihn fester. – Immer dasselbe, immer dasselbe, dachte er. Eine ganze Woche ist mein Bräutigam fort! sagte sie nach einer Weile. Wenn er wüßte, daß wir uns »du« nennen – – Wo wohnst du? fragte Enzio. – Sie sagte es. – Wann kann ich dich besuchen? – Sie erschrak. Um Gottes willen, nein, so war es nicht gemeint gewesen! Dann hätte er wirklich Grund zur Eifersucht, und so ist es ganz harmlos! Magst du mich nicht? O doch. Magst du ihn lieber? Ich weiß nicht. Magst du mich lieber? Über Enzio kam das Fieber der Nebenbuhlerschaft. Er redete lange und heftig, und am Schlusse war es so, wie er es wollte. Sie sagte willenlos zu allem ja. Im selben Augenblick war sie ihm gleichgültig. Vor einer halben Stunde noch war er in Irenens Zimmer, erfüllt vom Schmerze der Erinnerung, und jetzt war er mit einem Mädchen einig, das ihm der Zufall in den Weg trieb, an das er noch niemals gedacht hatte. Auf einmal packte ihn ein grenzenloser Ekel vor seinem ganzen Leben. Ich will nicht, dachte er, ich will nicht! Ohne ein Wort des Abschieds ließ er sie los, bald entschwand er vor ihren Blicken in der Ferne. Sie glaubte, er habe dort irgend jemanden gesehn, blieb stehn und wartete, bis er zurückkommen würde. Aber er kam nicht zurück. Er lief weiter und weiter, nur in dem einen Wunsche: Fort von ihr, allein sein. Er flog unter den Brücken durch, die Menschen um ihn herum wurden weniger, es zeigten sich die breiten Wiesen, zwischen denen sich der Fluß hindurchwand. Das Eis ward dünner, klirrende Laute warfen die Ufer zurück, Enzio floh hindurch, vereinzelte Menschen sahen ihm erstaunt nach, Warnungsrufe kamen durch die Luft zu ihm – er hörte sie nicht. Nur weiter, weiter! Die Weiden am Ufer starrten, Enzio flog an ihnen vorbei, als wenn das Schicksal selbst ihn vorwärts triebe. Pfeifende Laute irrten den Grund entlang, er lief noch schneller, mit Anspannung aller Kräfte, er fühlte die drohende Gefahr, er biß die Zähne aufeinander und dachte: Mag es kommen wie es will – so oder so – mein Leben ist in jedem Fall vernichtet. Das Sterben ist nicht schwer, ich habe es schon einmal erfahren, ich fordere das Geschick heraus – – mag es jetzt tun was es will – selbst wenn ich noch einmal ein neues Leben anfangen könnte – – er vollendete den Gedanken nicht: Ganz dicht vor ihm drohte der unentrinnbare Untergang, in seine Augen trat die Todesangst, ein Ruck ging durch seinen Körper, er wollte die gewaltige Schnelligkeit, mit der er dahinflog, hemmen – – um ihn herum splitterte und krachte es, er stürzte mit der Stirn nach vorn, eiskalter Schmerz durchbohrte sie wie eine Speeresspitze, er fühlte wie er sank, fremde Stimmen rauschten, und die Wasser schlossen sich über ihm. Es war ein stiller, schöner Juniabend. Auf einer Anhöhe, unter einem breitästigen Baume dicht neben einem weißen Hause saß Caecilie und sah in das sommerliche Land hinaus. Ihre Hand hielt eine andere gefaßt, beide Frauen schwiegen. Ihnen zu Füßen spielte ein kleines Mädchen mit den Blumen, die in dem Grase wuchsen. Caecilie sah gealtert aus. Er hatte mich so lieb! sagte Bienle, in Erinnerung verloren. Und nie hat er gewußt, daß du ein Kind von ihm unter dem Herzen trugst. Wie glücklich bist du jetzt! Aber was mußt du gelitten haben, als du es fühltest, zum ersten Male, daß du Mutter werden würdest! Bienle sah erstaunt und still auf sie: Ich hatte nur den einen Wunsch, und wie ich fühlte, daß er in Erfüllung ging, da war ich glücklich, so glücklich wie ein Mensch nur sein kann. Da sagte ich ihm Lebewohl. Es ging mir schlimm, und in der Fremde war das Leben hart mit mir, aber jeder Tag brachte mich meinem Glücke näher, bis ich es endlich in meinen Armen hielt: Enzios Kind und mein Kind. Caecilie schlang den Arm um sie: Dich hat er am liebsten auf der Welt gehabt, zu dir kehrten seine Gedanken zurück in den allerletzten Tagen seines Lebens, und jetzt bist du mein Kind geworden – o Bienle, könnten wir drei nicht zusammenbleiben? Bienle erblaßte. Caecilie sah sie an und überwand das Weh, das über ihre Seele hinstrich. Voll Liebe blickte sie ihr in die Augen: Du willst allein bleiben mit deinem Kind, das fühle ich, und ich sehe es dir an: es muß so sein. Bienle antwortete nicht. Sie legte den Kopf an Caeciliens Brust, und beide sahen in das Land hinaus, in dem die Sonne unterging. Ende