August Wilhelm Iffland. Die Jaeger.     Dem gütigen vaterländischen Fürsten Friedrich Karl zu Leiningen   Im Gefühl der wärmsten Hochachtung   Dankbarkeit und Liebe           gewidmet     von   dem Verfasser.             Vorbericht an Schauspieler und Leser. Es ist mein Vorsaz, bürgerliche Verhältnisse dramatisch zu behandeln. Ich machte auch dieses Stück in der Absicht, und erwarte nun das Urtheil des Publikums. Der Herr Hofgerichtsassessor Schüßler, aus Hannover, hat durch einen gütig mitgetheilten Auszug älterer Akten, mir einen Theil der Handlung gegeben. Ich bitte ieden, der in einem öffentlichen Amte den eignen Gang der Begebenheiten, ihre sonderbare Entstehung und Entwickelung, die Verschiedenheit, die harten Ecken der Karaktere, zu beobachten Gelegenheit hat, mich mit Auszügen von solchen Gerichtsverhandlungen, wo Leidenschaft die Triebfeder von Glück oder Unglück war, zu beschenken. Mich dünkt, die Bühne sei dann dem Staate von wesentlichem Nuzzen, wenn sie zeigt, wie gute Menschen, durch Schwächen und Vorurtheil sich das Leben verderben. Darstellung des richtigen Ganges bürgerlicher Begebenheiten, Berührung der Punkte, wo sich die besten Menschen trennen, war mein Zweck; und ich wünsche, daß Leser und Zuschauer mein Stück mit gutmüthigem Gefühle, mit dem Drange, etwas Nüzliches zu thun, verlassen mögen. Nach diesem Zweck, muß ich von solchen Leuten beurtheilt werden. – Binnen Jahr und Tag hoffe ich manchen Beitrag erhalten zu haben – wenn anders meine gegenwärtige Arbeit nicht mißfällt. Iffland.     Personen: Oberförster Warberger zu Weissenberg Herr Graf Heinrich Ernst von Westerburg. Oberförsterin, dessen Frau Frau Kammerrath Greühm. Anton, ihr Sohn, Förster zu Weissenberg Herr Erbprinz Emich Karl. Friderike, Nichte und Pflegetochter des Oberförsters   Demoiselle Gerauer. Amtmann von Zeck zu Weissenberg Herr Iffland. Kordelchen von Zeck, dessen Tochter Dem. Maurer. Pastor Seebach zu Weissenberg Herr Kammerrath Greühm. Der Schulz zu Weissenberg Herr von Haiden. Jäger bei dem Oberförster:     Matthes Hr. Kammersekret. Ströver.     Rudolph Hr. von Fraiß, der iüngere. Barth, Gerichtsschreiber zu Leuthal Herr Advokat Weißgerber. Die Wirthin zu Leuthal Dem. Bebenius. Bärbel, ihre Tochter Dem. Strack. Bauern von Leuthal:     Reinhard Hr. Kammersekret. Maurer.     Kappe Herr Sandherr.     Romann Herr Regierungssekretär Lohbauer. Jägerbursche. Bauern.     Erster Aufzug. Erster Auftritt. ( Rudolph , die Jagdtasche um, stellt sein Gewehr an die Seite, und geht in ein Seitenzimmer linker Hand. Darauf Matthes – gekleidet, frisirt, aber eine weisse Nachtmüze auf.) Matthes . (träge, mit langsamen Gang, die Hände in den Taschen. ) Rudolph – Rudolph! der Kerl ist taub. He Rudolph! – Rudolph . (inwendig.) Was giebts? Matthes . Ich will Dir was sagen. Rudolph . (im Gewehrpuzen herauskommend.) Ich habe keine Zeit – der Alte ist grämlich, daß wir noch nicht fort sind. – Da – halt einmal, ich will – Matthes . Eure Gewehre? Ich bin ein schlechter Kerl, wenn ich eins anrühre! Rudolph . Hoho! das wird Dir der Alte schon weisen. Matthes . Mit dem Weisen hat es sich wohl. Meine Zeit ist um. – Heute Mittag trag ich die Amtslivree. Rudolph . Du? – Ziehst zum Amtmann? Matthes . Ia. Rudolph . Hast Du doch nicht eher geruht, bis Du den ehrlichen alten Friz dort weggelogen hast? Was will der Alte nun anfangen? der muß betteln mit Weib und Kindern! Matthes . Hm – Ist mir der junge Herr vom Amte doch recht nachgelaufen. Rudolph . Zum Amtmann? – zu dem? – – – Pfui! das sieht Dir ähnlich. Matthes . Hängt das Maul, so tief Ihr wollt – Hier kann ich es nicht aushalten. Rudolph . Weil es hier arbeitsam, ehrlich und still zugeht? Matthes . Sapperment! – mein Vater war hier Oberförster; in den Stuben hier bin ich groß gezogen – nun soll ich gemeiner Jäger bei Euch sein! Meint ihr – Rudolph . Hättest Du was gelernt – wer weiß – so wohntest Du wohl iezt hier. Matthes . Nun, nun – es ist nicht aller Tage Abend – Ich kann noch – wer weiß? Was sein soll, schickt sich wohl. Aber was ich sagen wollte – – – Ich höre ia, die Jungfer Base vom jungen Herrn Förster, Mamsell Friederikchen, kömmt heute aus der Stadt wieder. Rudolph . Nun und wenn? Matthes . Da wird es ein Aufhebens geben, wenn der Tugendspiegel wieder da ist. Sie ist zwar die Herzallerliebste vom Herrn Förster – aber – Rudolph . Ei laß mich ungeschoren. Schickst Dich brav zum Amtslakaien; kannst spioniren, lästern, saufen und Dir Geld in die Hand drücken lassen – Mir ists recht, daß es mit der Kammeradschaft ein Ende hat. – Ich habe zu thun – leb' Er wohl. – Hör' Er – das muß ich Ihm noch sagen – nehm Er's krumm oder grade – ich halte nichts auf den Kerl, dem der schlichte grüne Rock, in Ehren, nicht lieber ist, als der beblechte Rock vom Amte, in Unehren. (ab in das Seitenzimmer.) Matthes . (in die Thür ihm nachrufend.) Empfehle mich, Herr Geheimerath! (im Umdrehen.) Dir brech ich auch noch einmal den Hals, Kanaille!   Zweiter Auftritt. Matthes . Anton . Anton . (kurz.) Wo ist Rudolph? Matthes . Da drinn. (Anton will hinein) Mich lassen sie wieder zu Hause? Anton . Was soll man mit Euch? Man kann Euch ia zu nichts brauchen; Ihr versteht keine Fährt. Matthes . Schon Recht. – Herr Förster! Anton . Was giebts? Matthes . Heute zieh ich ab. Anton . Mir recht. Matthes . Glaubs wohl! Ich ziehe aufs Amt. Anton . Hm – meintwegen. Matthes . Empfehle mich zu geneigtem Andenken. (geht.) Anton . (ins Seitenzimmer abgehend.) Schon gut. Matthes . Wart, gestrenger Herr Förster – und Oberförster Adjunctus in Gedanken – ich will es Dir noch besser münzen. (sieht in das Zimmer, indem er die Müze abnimmt.) – Herr Förster – (mit einer Verbeugung, freundlich.) – Herr Förster, noch auf ein Wort. Anton . Schleicht der Kerl den Leuten immer nach, wie ein Zollvisitator! Was soll werden? Matthes . Kömmt denn das Wunderthier heute noch an? Anton . Was für ein Wunderthier? Matthes . Die Stadtmamsell. Anton . Wen meint Ihr? Matthes . Je nun – Ihre Jungfer Friedrike. Anton . (gibt ihm eine Ohrfeige.) Bursche, spreche er den Namen mit Respekt aus! Matthes . (ohne die Manier geändert zu haben) Nun nun, nur sachte! Wüßten Sie, was ich weiß! – Sie hätten mir die Ohrfeige nicht gegeben. (Will fort.) Anton . (reißt ihn zurück.) Was wißt Ihr? Von wem? was? Matthes . Ich habe Ihre Ohrfeige – aber auch meine Nachricht, (geschwind.) und damit gehn Sie Ihrer Wege, ich meiner. Anton . Kerl, ich prügle Euch, daß Ihr liegen bleibt, wenn Ihr nicht sprecht! Matthes . Wenn ich nicht sprechen will, so thu ich es nicht, und wenn ich todt geschlagen würde. (kalt.) Und nun bleibe ich da und spreche nicht. Anton . Das will ich sehen. (sucht nach einem Stocke, findet das Gewehr und reißt den Ladestock heraus.) Und wenn das ganze Haus wach würde – was wißt Ihr? – – Ich habe das Mädchen lieb; es ist meine Base; ich will sie heiraten. Was wißt Ihr? (packt ihn an der Brust.) Lahm prügle ich Euch – was wißt ihr? Matthes . (ohne von der Stelle gerückt zu seyn, hat mit einer Hand die Hand des Försters, mit der andern den aufgehobnen Ladestock.) Hören Sie mich doch! Anton . Nichts, kein Wort – was wißt Ihr? Matthes . Prüglen Sie mich hernach, aber hören Sie mich erst! Anton . (läßt den Stock sinken.) Hurtig. Matthes . Sie wollen mich prüglen – aber ich leide es nicht, ich sezze mich zur Wehre. – Sie prüglen mich – ich schlage Ihnen ins Gesicht – Sie treten mich mit Füßen, ich jage Ihnen den Hirschfänger durch den Leib. Dabei kommt nichts heraus. Ich brauchte Ihnen nichts zu sagen; weil Sie aber das Mädchen heiraten wollen, mag es drum sein! – Hier – sind zwei Stück Papier. Anton . (darnach fassend.) Was sollen die? Matthes . Geduld. Die fand ich auf dem Amte, vor der Stube des jungen Herrn, im Kehricht. Anton . Gebt her. Matthes . Geduld – Das hier – ist ein Konzept – verstehen Sie mich – der rechte Brief an Jungfer Friedriken nämlich ist fortgeschickt. – Da. Anton . (liest; er zeigt Unruhe.) Hat Friedrike geantwortet? Matthes . (lacht) Nun – sie ist ein Mädchen – Anton . Hat sie geantwortet? Matthes . Nicht geantwortet, also eingewilligt und kömmt – Anton . Matthes – Matthes . Er ist ihr in dem neuen Wagen mit den Füchsen entgegen gefahren – Anton . Wenn sie geantwortet hat – Matthes . Er ist so recht darnach angezogen. Den seegrünen Frack – offnes Haar – Anton . Matthes – ich weiß, Ihr könnt mich nicht ausstehen, Ihr lügt oft – aber ich will es Euch vergeben, wenn Ihrs gesteht. Ihr habt meine Englischen Sporn gern haben wollen: Ihr sollt sie haben – gleich haben – wenn Ihr es mir sagt. Matthes ^ (auf seine Schnallen sehend.) Hm – ich habe Schnallen. Anton . Da ist Geld. Matthes . »Der Bube kann nichts verschenken,« sagt der Herr Oberförster. Anton . (den Brief ansehend.) Schurke! – es ist Alles erlogen. Matthes . Er reist ihr eben entgegen. Anton . Kerl! Nein! sie hat nicht eingewilligt! Matthes . Sie sind ärgerlich. Ia, wer läßt sich auch gern betriegen! In Heirathssachen ist das so, so – Aber hohls dieser und iener! Sie müssen ihr auch was zu Gute halten – es ist ein junges, einfältiges Ding. Anton . Kerl, Du bist ein Schurke und sie hat nicht eingewilligt. Matthes . Sie hat. – Mit dem Schurken währt es übrigens nur noch 3 Stunden – Schlag 9 Uhr kann ich darauf dienen. (ab.)   Dritter Auftritt. Anton . Hernach Rudolph . Anton . Es ist nicht möglich – nein, warlich nicht. Matthes war immer ein schlechter Kerl – Die Hand? die Hand ist es freilich – daß er ihr immer nachschlich, ist auch wahr. Dazu bin ich schlichtweg – habe wenig. – Sie war in der Stadt, hat seitdem das prächtige Leben kennen gelernt – Der Kerl ist reich und – Mädchen, Mädchen! wenn Du mich betrügst – Rudolph . (mit Antons Gewehr.) Da. Der Garten ist nicht offen, wir müssen durchs Dorf gehen. – Pulver haben Sie, glaube ich, noch. Anton . (im Auf- und Niedergehen.) Genug. Rudolph . Aber keine Kugeln? – Da, hier sind welche. Anton . Her damit! Gut so. – Zwar – – – nein. Nimm die Kugeln wieder. – Hier. Gieb mir Schroot. Rudolph . Nr. 1? Anton . Nr. 3 Rudolph . Nr. 3? Und groß Wildpret? Anton . (reißt es ihm aus der Hand und ladet.) Her! Komm mir in den Weg, Spizbube! Komm mir in den Weg! – ich will Dir Antwort bringen, daß Dir Hören und Sehen vergehen soll. Rudolph . Es liegt Ihnen was im Kopfe – mein' ich. Anton (ladet fort.) Halts Maul. Rudolph . Leicht gerathen und bald gethan. Vorwiz plagt mich nicht – aber ich habe Ihrentwegen manches Ungewitter von dem alten Herrn auf mich genommen, werde es wohl auch ferner noch; darum denke ich – Anton . Rudolph – der Schuß hier – der ist für den Amtmannsbuben. Rudolph . Aber – Anton . Geh, wohin Du willst – schieß, was Du willst – ich geh auf die Straße nach Waldau. Komm! Rudolph . Nicht von der Stelle, bis ich weiß, was Sie gegen den Kerl haben. Anton . Der Junge, der Bube! hat wieder an Friedriken geschrieben – einen Liebesbrief, eine Schandbestellung! »Liebes Friedrikchen! Sie werden nun dem Vorschlage meiner Eltern nachgedacht und für mich entschieden haben. Meine Person dürfte leicht so viel Intresse einflößen, wie der abgeschmackte Jägersbursche, der bei allen Dirnen zu finden ist. Kömmt hierauf keine Antwort, so sehe ich meinen alten Vorschlag als von Ihnen eingewilligt an, und reise Ihnen morgen früh nach Waldau heimlich entgegen. In iedem Fall wird dieses Rendezvous eine glückliche Stunde gewähren Ihrem ewig treuen – Peter von Zeck.« Und sie hat nicht geantwortet, und er reiset ihr iezt entgegen – und – und – – Lahm schieße ich den Hund, wo ich ihn finde! Rudolph . Wer gab Ihnen denn das? Anton . Matthes. Rudolph . Matthes? Nun ia, – Anton . O, sieh, es ist die Hand. Rudolph . Der Kerl ist ein Schurke. Anton . Aber der Bube reist ihr iezt entgegen, und die Hand ist es doch beim Teufel! Rudolph . Kann Alles sein. – Wissen Sie doch, wie Sie mit Friedriken stehen. Anton . Ei, was! Die Mädchen sind eitel und falsch. Sie schwören und liebäugeln und winseln und puzzen sich, Jedem zu gefallen. Mag ein ehrlicher Kerl draufgehen oder nicht, was kümmert sie das? Rudolph . Pfui! Friedrike ist – Anton . Rudolph – Eine betrügt weniger; aber sie betrügen alle. Geh hin – schieß ihrem Liebhaber vor den Kopf – sie wird schmälen. Aber, wirf ihr den Spiegel herunter, verbrenn ihren Puz; sie wird sich die Haare ausraufen. (hängt die Jagdtasche um.) Ich habe sie so lieb – Ach Rudolph, ich habe sie so lieb! Rudolph . Und werden sie brav finden. Anton . Wenn sie es nicht ist – sieh, des Lebens hier bin ich satt. Mein Vater behandelt mich wie einen Jungen – ich habe ausgehalten ihr zu Liebe. – Betriegt sie mich – so gehe ich fort, werde Soldat – und giebts keinen Krieg, so mache ich einen dummen Streich. Dann jagen sie mir eine Kugel durch den Kopf, und es ist aus. Komm! – (will ab.)   Vierter Auftritt. Vorige. Die Oberförsterinn , (mit einer Lampe.) Oberförsterin . I, schönen guten Morgen, Anton – schönen guten Morgen. Anton . Danke, liebe Mutter, danke. Obfstn . Ausgeschlafen, Anton? Ausgeschlafen? – Ihr geht heute wieder früh aus. Das ist ein Leben! – Keine Ruh und keine Rast. Anton . Je nun, was will das sagen? Adieu. Obfstn . Warte doch noch – warte. (Er geht nach der Thür.) Ei, ich wills haben , Du sollst warten. (Anton kommt.) Ist das nicht ein Wetter! I, Du mein lieber Himmel! Anton . Wird schon hell werden. Adieu, Mutter! Es wird wahrhaftig zu spät. Obfstn . Nur einen Augenblick. »Hell werden?« – Rudolph, treibe, daß der Kaffee kömmt – (Rud. ab.) »Hell werden« sagst Du? der Mond hatte gestern Abend einen Hof, Anton. Er war nicht so viel hell, als ein Speziesthaler groß ist; dann wird es all' mein Tage den andern Tag kein helles Wetter. Rudolph . Hier bringe ich den Kaffee schon, Madam. Obfstn . Gut, gut. Nun Anton – (schenkt ein.) Geschwind trink ein Schälchen, Anton. Anton . Ich kann nicht. Ach Gott, es ist mir ohnehin heiß genug. Obfstn . Was heiß? Es ist rauhes Wetter. Der Kaffee wärmt den ganzen Menschen – trink nur! (sie zwingt ihm eine Schale auf.) Hast Du auch die Brust gut verwahrt, Anton? (sie knöpft ihm, indeß er trinkt, die Weste bis an den Hals zu, die Flinte liegt ihm im Arme, er hat den Hut auf.) Ei, so laß doch die Knöpfe zu, Anton! Was das für eine alberne Mode ist! Da wird der Magen verkältet, die Gesundheit nicht konservirt, und das iunge Volk stirbt hin. Die Brust verwahrt, die Brust verwahrt! das war eine goldne Regel bei uns Alten! – nun trinkst Du noch eine. Anton . (mit dringender Eile) Mutter, ich muß wahrhaftig fort. Obfstn . Nun so geh. Höre – wenn Riekchen nur ein paar Tage da ist; so soll sie Dir ein Leibchen nähen. Da, nimm das Tuch, halt den Hals hübsch warm – hörst Du?   Fünfter Auftritt. Vorige. Oberförster . Hernach Matthes . Oberförster . Noch hier? – Plagt Dich denn – Anton . Eben wollte ich – (will gehen.) Obfstr . Bleib! – Matthes! Matthes . (kommt.) Obfstr . Seine Nachtmüze. (Matthes ab.) Wieder ins Bette. Ich will fort. Anton . Ich war schon auf dem Wege, aber die Mutter – Oberförsterin . Ich – – hatte ihm was zu sagen. Ich habe es ihm befohlen, er sollte dableiben. Obfstr . Das ist ein ander Ding. (zu Anton.) So mustest Du dableiben. (zu Matthes.) Geht Eurer Wege! (zur Oberfstn.) Faß Dich ein andermal kürzer. Anton . Adieu, Vater. Obfstr . Aufgepaßt – nicht eingekehrt – Fix! um zehn Uhr wieder hier. Allons, marsch! (Ant. u. Rud. ab.) Obfstn . Ruf ihm doch nach, sag ihm, daß er von der Sau wegbleibt. Christian ist erst gestern geschlagen, und – Obfstr . Wenn Du sie anlaufen lassen willst: so kann er zu Hause bleiben. Obfstn . (mit gutmüthigem Auffahren.) Ei was! ich muß Dir meine Meinung einmal kurz weg sagen. Obfstr . Hahaha! das kannst Du nicht. Obfstn . Was? Was kann ich nicht? Obfstr . Kurz weg sprechen. Obfstn . Nun, so will ich gar kein Wort sprechen. (geht an den Kaffeetisch, schenkt ein und murmelt dazu.) Man möchte ersticken! Obfstr . Wenn Du beim Nachtwächter anfängst; so hörst Du beim türkischen Kaiser auf. Obfstn . Aus dem ewigen Bellen und Lärmen kömmt nichts heraus. Der Junge ist so übel nicht. Obfstr . Richtig. Darum soll er noch besser werden. Obfstn . Hm – ein Mensch ist kein Engel, und Anton – Obfstr . Nun – hat auch noch zu laufen bis dahin. Obfstn Das verwünschte Auffahren – das! Obfstr . Bilde Dir nicht ein, daß Du ihn lieber hättest, als ich. Der Junge ist wild, wie der Teufel. Wenn ich gut wäre, wie eine Schlafmüze; ich glaube, er steckte uns das Haus über dem Kopf an. – He – – Matthes! Matthes . Herr Oberförster? Obfstr . Mein Morgenbrod! (Matthes ab.) Obfstn . Höre einmal – wie steht es denn mit Mamsell Kordelchen vom Amte? Obfstr . Ist sie krank? Frag den Doktor. Obfstn . Nicht doch. Ich meine – hm– wunderlich – ich meine  – Obfstr . Was? Obfstn . Wenn mein Anton Mamsell Kordelchen heiratete. (Matthes bringt ein Glas Wasser und Brod, nebst einem Messer.) Obfstr . (mit bedeutend verdrießlichem Blick.) Darauf weiß ich Dir nicht zu antworten. – Matthes – ist dem Schulzen sein Bauholz angewiesen? Matthes . Ia. Obfstr . Um welche Zeit? Matthes . Gestern Abend um vier Uhr. Obfstr . Es ist gut. Ihr habt mich zeither oft belogen; wenn dies wieder nicht wahr ist, so schicke ich Euch fort. Eure Zeit ist ohnedieß heute ganz um. Matthes . Herr Oberförster – ich nehme es an und ziehe gleich ab. Obfstr . So? – Nun – – wenn Ihr wollt, ich kann schon wollen. – Da ist Euer Geld. Matthes . Empfehle mich. (ab.) Obfstr . Gute Besserung. Ich bin froh, daß ich den Menschen los bin – es ist ein böser Bube. Obfstn . (die, als Matthes kam, wieder an ihren Kaffeetisch gegangen war.) Gift und Galle muß man trinken! Obfstr . Was? Obfstn . Ich sage kein Wort, – kein Sterbenswort. Aber – aber – es drückt mir das Herz ab, wenn ich so sehen muß, daß – Obfstr . Es ist kein Auskommen mit der Frau. – Nun – ich will es einmal aushalten. Sprich – sag Alles, was Du weißt; aber Alles! denn so bald kriegst Du mich nicht wieder. Obfstn . Sag mir nur, wozu bin ich da? Immer muß ich Unrecht haben. Dieß hätte ich so machen können, das wieder anders. Hier habe ich gesündigt; dort habe ich einen Bock geschossen. Bald hätte ich reden, bald schweigen sollen. Wenn ich den Mund aufthue, habe ich Unrecht. Was ich rede, ist einfältig. Ei, wozu hat man den Mund, als zum Reden! Obfstr . Nun, mein Kind – hahaha – dazu brauchst Du ihn auch. Obfstn . Ich? Wer – ich? Wenn läßt Du mich denn wol zum Worte kommen? Wo darf ich meine Meinung sagen? Auf Martini werden es zwei Jahr, daß ich zuerst von der Heirath gesprochen habe – da ging das Unglück los. Nun – ich habe geschwiegen – geschwiegen, was ich konnte. Nachher hat es der Herr Amtmann mir wieder unter den Fuß gegeben; aber, so wie ich nur den Mund aufthat – ward ich ia angelassen! Jetzt hat die Frau Amtmannin in der Kirche wieder angefangen: »Mamsell Kordelchen hätte meinen Anton gar zu gern.« Nun – denke ich, Ehen werden im Himmel geschlossen – und wenn es Gottes Wille ist, daß mein Anton Mamsell Kordelchen heiraten soll; so werden wir nichts dazu und nichts davon thun können. Ich habe es gesagt. – Du bist Vater, wie ich Mutter. – Thu nun, was Du willst – ich sage kein Wort mehr! Obfstr . Bist Du fertig? Obfstn . Ia. Obfstr . Nun sprich nicht eher wieder, bis ich Dich frage. Obfstn . O ich will nichts – gar kein Wort will ich sagen. Obfstr . Noch besser. Das Amt hat Dir also die Heirath recht nahe gelegt? Obfstn . Ia. Nahe – ganz nahe. Obfstr . Nun, eben darum liegt mir die Sache weit, weit – ganz weit. Obfstn . Nun da haben wirs! Warum denn? Sag, warum? Obfstr . Sieh, mein Kind, was man so unter dem Preise weggiebt, pflegt kein gangbarer Artikel mehr zu sein. Obfstn . Was? – Mamsell Kordelchen – Obfstr . Kurz, ist ein alter Ladenhüter. Obfstn . Wollte nicht der – hm – der – was war er – unter den Küraßierern – – und hernach der Oberbereiter von – von Dings da! Wollten die sie nicht alle beide heiraten? Obfstr . Sie haben es gewollt, als sie auf dem Amthof logirten. Du lieber Himmel! was wollen solche Herren nicht, wenn sie freie Tafel spüren! Hernach sind sie weggeritten und haben es vergessen. Kurz – es geht ihr mit ihren Liebhabern, wie uns mit unserm Röhrwasser – sie bleiben aus. Zum Nothbedarf ist mein Sohn überall zu gut. Zum Nothbedarf für eine Gaunersfamilie nun vollends. Obfstn . Gott bewahre! was das für Reden sind! Obfstr . Verplaudre ich da wieder meinen Morgen mit Dir. – Es ist überhaupt noch zu früh für ihn – der Junge soll gar noch nicht heiraten. Punctum. Obfstn . Und die schöne Doppelmariage, die das gegeben hätte, wenn Mons. Zeck Riekchen geheiratet hätte! Obfstr . Ist das nicht ein Kreuz mit den Weibern! Sind sie iung – so lassen sie sich freien; und ist die Rechnung geschlossen, so haben sie die Wuth, andre zu verfreien. Nun nun – nur nicht böse! Du bist sonst ein kreuzbraves Weib, fromm – redlich – – wie ich sage, kreuzbrav – bis auf den alten Weiberverstand und die Liebe zu den harten Thalern – kreuzbrav! Obfstn . Die harten Thaler? Ia wenn ich nicht gewesen wäre! Bei Dir würde es ia heissen: »Alles verzehrt vor seinem End, »Macht ein – – Obfstr . »Macht ein richtiges Testament. Obfstn . Aber zum guten Glück habe ich meine paar tausend – Obfstr . Thaler zusammengespart. – Ich bitte Dich, schweig von dem Geldkapittel, sonst – Obfstn . Ich sollte nur nicht so Acht – Obfstr . Höre ich will – Obfstn . Wenn Du nur gekonnt hättest, wie Du – Obfstr . So höre doch! Obfstn . Was? Obfstr . Wie viel willst Du haben? Ich kaufe Dir das ab, was Du noch hast sprechen wollen! Ia?   Sechster Auftritt. Vorige. Der Schulz . Schulz . Guten Morgen, Herr Oberförster, guten Morgen Frau – Obfstr . Je – guten Morgen. Obfstn . Guten Morgen, guten Morgen Herr Schulz! Ei, Er ist ia gar zu rar geworden. Ich glaube, in vierzehn Tagen ist Er nicht hier gewesen. Das ist nicht hübsch, weiß Er das wohl? Nicht nachbarlich. Man muß seine alten Freunde nicht vergessen, man muß – Obfstr . Seine alten Freunde zum Worte kommen lassen. Geh in Deine Küche! Wir werden zu sprechen haben – nicht wahr? Schulz . (beiahet es nachdenklich.) Obfstn . Gut, gut. Ich gehe. (geht ein paar Schritt, kommt aber gleich wieder und nimmt den Schulzen bei Seite.) Ehe er weggeht, kömmt Er doch einen Augenblick zu mir herein. Nicht wahr? Ich will Ihm erzälen, wie – Obfstr . Tausend Sapperment! Obfstn . Nun nun – Herr Isegrimm, ich gehe ia schon. (ab.)   Siebenter Auftritt. Vorige. Ohne Oberförsterin . Oberförster . Nun! Was Neues, Herr Schulz? Schulz . Hm! Neues genug; aber – leider Gottes nichts Gutes! Obfstr . Wie so? Was ist – Schulz . Was wirds sein? die alte Leier. – Unser Herr Amtmann zieht uns einmal wieder die Haut über die Ohren. Obfstr . Was solls geben? Schulz . Nun – »die Gemeinde hätte so starke Ausgaben – es ginge dies Jahr so viel auf.« – Das muß nun freilich der Herr Amtmann am besten wissen, denn er hat die Kasse. »Damit er nun dem allen vorstehen könnte, so sollte aus dem Gemeindewald für tausend Thaler Holz gehauen werden.« Obfstr . Es ist nicht möglich! Schulz . Was ich Ihnen sage. Obfstr . Für tausend Thaler? Schulz . Je nun – es giebt einen lackirten Wagen. Obfstr . Je, da soll ia den Amtmann das – – – Nun, nun – ich muß doch auch mit dabei sein, muß doch so ein kleines Wörtchen mit dazu sprechen. Schulz . Sie sind brav. Gott vergelt's Ihnen, was Sie schon an uns gethan haben! Aber hierin können Sie uns nicht helfen. Es geschieht gewiß, was der Amtmann will. Obfstr . Nichts. Ich mache meine Vorstellung dagegen. Der ganze Wald würde ia verdorben! – Es ist nicht möglich! Weiß Er was? – Ich gehe selbst in die Stadt – ich übergebe die Vorstellung den Herren selbst. Schulz . In die Stadt? Herr Oberförster – Nein! Obfstr . Warum nicht? Schulz . Sehen Sie, wenn wir in der Stadt klagen, so meint der Herr dies, der andre das. Endlich wird einer ausgesucht, der soll nun darüber sprechen. Der Eine? – Gott bewahre uns in Gnaden! der reiset das ganze Jahr hier herum und dort herum. Bald hat er zu viel Arbeit, bald wird er krank. – Nun kriegt auch wohl wieder ein anderer darüber zu sprechen. Wir gehen hin, und wieder her, suchen, betteln, es kostet uns schweres Geld, die Arbeit bleibt auch liegen. – – Ehe wir es uns versehen, kömmt ein Bescheid: »Wegen Widerspenstigkeit hiermit ab und zur Ruhe verwiesen.« Der Amtmann läßt ihn publiciren – haut uns den Wald vor der Nase weg – fährt mit Frau und Kindern ins Bad – und am Ende kostet es zwei tausend Thaler. Obfstr . Er thut dem Dinge zu viel. Es giebt redliche Männer in der Stadt, und ich will ihnen Alles so unter die Augen legen, daß sie sich der Sache wohl sollen annehmen müssen. Schulz . Hoho – habe all mein Leben gehört – »Keine Krähe hackt der andern die Augen aus«. Die Frau Amtmannin hat dem Herrn Amtmann das Amt so gleichsam zum Heiratsgut mitgebracht: der giebt nun am rechten Orte Steuern und Gaben – drum frägt ihn kein Mensch, wie er es mit uns treibt. – Warum wollten Sie Sich Feinde machen? Lassen Sie es gehen, wies geht! Obfstr . Ehrlich und grade durch; damit halte ich es. Schulz . Ganz gut – aber – Obfstr . Ueberhaupt suche und fordre ich von den Leuten all mein Tage nichts, als was von Gott und Rechts wegen mein ist. Wollen sie mir das nicht geben; stehlen sie mir mein Verdienst aus der Tasche. Nun – sie mögen es verantworten; aber ich bleibe auf meinem Wege. Es hat mir denn doch auch schon wohlgethan, mich – schlecht und recht, vor so einem Kerl hinzustellen und ihn scharf ins Auge zu fassen. – Mit dem Rothwerden hatte es sich nun wohl! Aber, was ihnen auch das Gewissen sagte; sie machten so wunderliche Geberden, und sahen so albern dabei aus – daß ich all ihre Schäze für solche Augenblicke nicht haben mögte. Schulz . Ia – da denk' ich eben an etwas. Neulich – es mögen ein acht Tage sein – begegnete ich dem Amtmann, wie er – es war in aller Frühe – von einer Leiche kam. Da sah er nun ganz unscheinbar und grämlich aus. Hm! – dachte ich so bei mir selbst – es ist doch was gar Bedenkliches um das lezte Ende! Man sei gewesen, wer man wolle – da fällt einem alles haarklein bei. – Hm – dachte ich dann so weiter – wenn dem Amtmann einmal so alles beifällt! – Herr Oberförster – ich mögte dann nicht um und neben ihm sein – ich denke, es müste nicht gut mit ihm stehen – Obfstr . Herr Schulz – ich hoffe zu Gott, um die Stunde solls mit uns beiden einmal ganz still abgehen. Schulz . Ich hoffs auch. Adieu! (schüttelt ihm die Hand.) Es bleibt beim Alten. (ab.) Obfstr . (ihm nach:) Es bleibt beim Alten! Nun will ich doch auch auf der Stelle meinen Bericht machen. (sezt sich und will schreiben.)   Achter Auftritt. Riekchen , von der Oberförsterin geführt, und der Oberförster . Oberförsterin . Da – da bring' ich Dir Dein Riekchen, mein Goldmädchen. (Zugleich:) Oberförster . Mädchen! (sie umarmen sich.) Friedrike . Lieber alter Vater! Obfstr . Mädchen, wo kömmst Du so früh her? Friedrike . Ach – bin ich nun wirklich wieder da? Obfstn . Gewachsen, einen ganzen Kopf gewachsen. Komm her, Mädchen, hier an der Thür. (sie geht dahin.) Hier ist noch das Zeichen, wie groß Du warst, als Du fortgingst. Komm! Obfstr . Hast Du denn Deinen Alten wohl nicht vergessen? Friedrike . O Gott! Können Sie mich das fragen? Obfstn . Nun Riekchen, komm! Hier an der Thür steht es. Obfstr . Bleib mit Deinem dummen Zeuge weg. Friedrike . Ich bin also merklich gewachsen? Obfstn . Ia, komm doch nur hier an die Thür – Obfstr . Sapperment, ich wollte, Du wärest hinter der Thür. Obfstn . Denk nur – einen Kopf – einen ganzen Kopf, in vier Jahren! Obfstr . Sag mir nur, Mädchen, wie es zugeht, daß Du so früh kömmst? Wir haben Dich alle erst um Mittag erwartet. Friedrike . Ich hin nicht über Waldau gereist, und die Nacht durch gefahren. Obfstr . Die Nacht – Obfstn . Die Nacht? Ei Du armes Mädchen, Du armes Mädchen! – Willst Du Kaffee? Wein? Suppe? Was willst Du haben? Ich will gleich alles bestellen. – Warte – – hm – – wo werde ich nun den Schlüssel haben? (sie sucht in den Taschen.) Warte nur – – – Friedrike e. O ich verbitte – Obfstn . Ia warum nicht gar – verbitten? Bewahre! Wenn ich nur den Schlüssel – –alles krahmen sie mir weg! Obfstr (geht ungeduldig herum.) Friedrike . Es ist wirklich unnöthig. Obfstn . Da ist der Schlüssel. »Unnöthig?« das weiß ich besser. Wenn man so fährt – und in der Nacht gar – die Nacht ist Niemands Freund – man ängstigt sich – und dann die kalte Luft und nichts Warmes. – Nein, das geht nicht – Gleich sollst Du haben, gleich. (ab.)   Neunter Auftritt. Oberförster und Friedrike . Oberförster . (halb vor sich, und ärgerlich, indem sie geht.) Daß Dich das – – Friedrike . In vier langen Jahren habe ich Sie nicht gesehen und finde Sie Gottlob frisch und gesund. Meine liebe alte Mutter, die – – Obfstr . (herausplatzend.) Die spricht noch immer – die – – Friedrike . (ihn besänftigen wollend.) Haben Sie mich noch so lieb, wie sonst? Obfstr . Hm! Friedrike . Wie? Obfstr . Das war eine rechte – – Stadtfrage – die! Friedrike . Sie sind böse und – Obfstr . Riekchen, frag doch nicht so albern – (gemäßigt.) so wunderlich. Friedrike . Aber – Obfstr . Wenn ich böse bin, so mag ich anders aussehen, wie iezt. Wenn ich böse wäre, so könnte ich Dich nicht leiden – und ich habe mich auf Dich gefreuet – daß Du es nur weißt. Friedrike . Haben Sie? Obfstr . Das hörst Du ia. (heftig.) Aber wie kann ich denn dazu kommen, daß ich mich freue? Wenn das Weib anfängt zu sprechen – dann ist alles aus – dann – Friedrike . Rechnen Sie ihr das nicht an – sie liebt mich – ich kam so plözlich – es ist nun einmal ihre Art so. – Obfstr . Wetter noch einmal! – das ärgert mich eben – das –! – – Wie lange bist Du gefahren? Friedrike . Funfzehn Stunden. Obfstr . Mit Madam Schmidt? Friedrike . Ia. – Was macht Vetter Anton? Obfstr . Alles Gutes. Friedrike . Er ist auf der Jagd? Obfstr . Ia. Friedrike . Wohl schon seit gestern? Obfstr . Hast Du Schulden gemacht in der Stadt? Friedrike . Schulden? – Lieber Vater – – ein Mädchen – ich? Obfstr . Nun, nun – wer weiß? das Wesen an Euch kostet viel – und – und – Friedrike . Ich habe mich immer nach meiner Lage gerichtet, und nie vergessen, daß ich ohne Ihre Vatergüte nicht leben könnte – – Obfstr . Wie viel hat Dir die Alte monatlich geschickt? Friedrike . O lieber Vater, nie kann ich ihr verdanken, was sie mehr als Mutter an mir gethan hat. Obfstr . (schon vorher, um die Art – Wie? – verlegen.) Da – nimm das. Friedrike . Wie? ich – Obfstr . Nun so nimms ins Kuckuks Nahmen! Friedrike . In dem Augenblick – Kaum so viel Gutes emfangen – und nun schon – – – Obfstr . Ich gebe von Herzen, oder ich laß es bleiben. – Nun zierst Du Dich doch, als – Friedrike . O wenn Sie das glauben? So – – Obfstr . Nein – nun nicht. Es ist wenig – es ist, was ich bei mir habe und entbehren kann. Ich dachte Dir Freude zu machen – – – Friedrike . Bester Vater! Obfstr . Nun aber wäre es grade so, als wenn ich einen Konto abfertigte, und Dein Knix sagte: Zu Danke bezahlt. – Ein andermal – ein andermal. Friedrike . Eine Freude, die ich mir ausgedacht hatte, ist mir auch verdorben, weil der Postknecht von der lezten Station so langsam fuhr. Ich wollte recht früh kommen – ich wollte vor Ihrer Thür warten und wenn Sie »Matthes!« gerufen hätten – so wäre ich gekommen und hätte Ihnen das Frühstück gebracht. Obfstr . Hast Du das gewollt? – Laß Dich küssen, Mädchen. – Der dumme Postillon! Ia das war hübsch ausgedacht. Ich mag so was wohl leiden. So was ist Dir immer recht gut gerathen. – Esel von einem Fuhrmann – der! – Hm! Du hast es doch immer recht gut mit mir gemeint. Aber ich habe mich auch auf Dich gefreuet, wie auf meine wirkliche Tochter. – Sieh, ich fange an stumpf zu werden – der Junge ist toll und wild, und macht mich manchmal recht grämlich – meine Alte, die kann auch nicht mehr so fort, wie wohl ehedem – – und dann – – Nun – Gott sei Dank, daß Du wieder da bist! Nun kannst Du mir wieder was vorlesen, oder wir gehen spazieren – Du erzälst mir was aus der Stadt, singst mir was vor – so geht allgemach die Zeit gut hin – bis es einmal bricht. Friedrike . (ihm um den Hals fallend.) O das ich es nie erlebte! Nie, nie, niemals – Obfstr . Haha! bist nicht klug, Mädchen. – Einmal müssen wir alle dran.   Zehnter Auftritt. Vorige. Oberförsterin (mit Kaffee, einem porzellanenen Suppennapf und einer zizzenen kleinen Jacke unter dem Arm.) Oberförsterin . Hier ist Suppe und Kaffee, was Du nun willst – was Du willst. Und da – da habe ich ein Jäckchen, das Du vor vier Jahren trugst – daran sieht man es ganz deutlich, daß Du gewachsen bist. O ich habe so eine Freude, daß Du gewachsen bist! Ich wollte – ia ich wollte – – Oberförster . Daß Dir das Maul zuwüchse! (ab.) Obfstn . (ihm nach.) Ia, damit wäre Dir übel gerathen. (zu Friedriken.) Mein liebes Kind, wenn –   Eilfter Auftritt. Oberförsterinn . Friedrike . Friedrike . Wir wollen ihm nachgehen. Was meinen Sie? nicht wahr? Oberförsterinn . Nicht doch, Kind! Dableiben. Nicht nachgehen. Friedrike . Ich mögte gern ieden Augenblick unter Ihnen Beiden theilen – – Obfstn . Das wollen wir hernach. Jezt laß ihn – Friedrike . Aber – Obfstn . Ei was. Wer sich um iedes Gesicht bekümmern wollte, das einem die Männer machen – und vollends Der! Der ist noch eben so, wie er sonst war. Ia, was habe ich mir nicht für Mühe gegeben, den Mann zur Raison zu bringen – aber da ist Hopfen und Malz verlohren. Ia was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Gelärmt, gebrummt, geschimpft, geflucht, turbirt, von früh – bis in die sinkende Nacht. Da ist kein Ende und kein Anfang. – Nun – trink ein Täßchen, schenk Dir ein. Friedrike . Sorgen Sie nicht – ich werde mich nicht vergessen. Obfstn . Oder nimm Suppe – was Du willst – wie Du willst. (als ob ihr auf einmal etwas einfiele, mit altmütterlicher Art.) Ich will denn doch lieber zusehen, wo er geblieben ist, daß er mir nicht etwa gar ausgeht. (ab.)   Zwölfter Auftritt. Friedrike allein. Anton – Anton! Du willst mich lieben, und gehst fort, da ich komme? Er muß böse auf mich sein; – gewiß, gewiß! – sonst wäre er hier. Indeß, auf gleichgültige Dinge zürnt man ia nicht – also liebt er mich doch! Anton! lieber viel Zorn, als Kälte.   Dreizehnter Auftritt. Friedrike , Oberförsterin . Oberförsterin . Wo mag er doch sein? Gewiß trabt er draußen im Garten herum und brummt. – Noch nicht getrunken? Ia, heutiges Tages hungern sich die Mädchen die Schwindsucht an den Hals, um nur die Taille nicht zu verderben. (Friedrike trinkt.) Nun Kind, wie stehts? Hat der Abschied von der Stadt Dir viele Thränen gekostet? Friedrike . O nein! mit freudigem Herzen eilte ich hieher. Obfstn . Kind, Kind verstelle Dich nicht. Die vielen hübschen iungen Herren – Vier Jahr in der Stadt – ein hübsches Mädchen – mach mir nicht weiß, daß Du keinen Liebhaber gehabt hättest, ich bitte Dich: mach mir das nicht weiß. Friedrike . Nun – wenn auch einige mir versichert hätten, daß – daß – liebe Mutter, ich lasse keinen Liebhaber zurück. Obfstn . Dein Herz ist also noch frei? Friedrike . Ich sage Ihnen, daß ich die Stadt gern verlassen habe. Obfstn . Brav, brav. Du sollst hier ein Partiechen thun – Nun seht doch? Feuerroth über und über. Der iunge Musie Zeck – was sagst Du dazu? Und Anton – heirathet Mamsell Kordelchen – da ist Vieren geholfen. Gelt? Ia, mein liebes Kind, das habe ich auf dem Amte so gut, als richtig gemacht. Friedrike . (erschrocken.) So? Obfstn . Und meinen Alten? Sorge nicht, den bringe ich auch noch herum. Friedrike . (vergnügt.) Will der nicht? Obfstn . (schnell.) Durchaus nicht. Friedrike . Man muß ihm wohl seinen Willen lassen – das Widersprechen macht ihn böse. Obfstn . Das will ich auch nicht. Du sollst ihn darauf bringen. Friedrike . Wie? ich? Obfstn . Sollst mir ihn bereden helfen. Friedrike . Das wird sich wohl nicht schicken – Obfstn . Und, liebes Kind – wenn Du heirathest – nur gleich auf die Autorität gehalten! Auf die Autorität gehalten! sonst geht Dir es so, wie mir. Friedrike . Gott machte mich recht glücklich, wenn ich einst in so einer Ehe lebte, wie Sie – Obfstn . Hm – mein liebes Kind! Ehestand ist Wehestand – (sich was zu gute thuend.) – indeß – Friedrike . (mit Wärme.) Sie sind sehr glücklich. In der Stadt habe ich so wenig gute Ehen gesehen, daß ich nur vor dem Wort »Heirath« zittre. Der gute Vater! Er liebt Sie so herzlich. Obfstn . Ia ia, das ist wahr. Das muß man sagen. Alles was Recht ist – das thut er. Friedrike . Er würde ohne Sie nicht leben können. Obfstn . I nun – ich – wenn ich – es ärgert mich nur, daß er so ein Brummbär ist – aber ich halte doch große Stücke auf ihn. Friedrike . (sie bei der Hand fassend.) Ia wohl, das weiß ich. Obfstn . Wenn er mannichmal Abends von der Jagd kömmt, und seinen Husten kriegt, so wird es mir recht ängstlich. Er war neulich einmal ein bischen krank – nun, so meinte ich doch nicht anders, als das ganze Dorf wäre mir zu enge! – Wenn er nur ein paar Tage über Feld muß – und Mittags ist sein Plaz leer – oder ich seh ihn Abends unter der Linde sein Pfeifchen nicht rauchen: so ist mir ganz wunderlich zu Muthe. Ich gehe im Dorfe zu diesem und ienem – die Leute sind such alle recht nachbarlich und gut. – Da ist auch wohl der Schulz gekommen. Nun, lieber Gott – es ist ein guter Mann, der Schulz, ein braver Mann! Aber es ist doch mein Alter nicht – nein, es ist mein Alter nicht. Ein Bursche . – Der Herr schickt mich aus dem Garten – ich sollte die Frau fragen, ob sie nun nach der Thür gesehen hätte? sollte ich sagen. Obfstn . Ia, ia – ich hätte darnach gesehen. (Bursche ab.) Nun aber doch zur Kuriosität, komm einmal her an die Thür. (sie gehen beide hin und Fried. wird an der Thür gemessen.) Richtig, einen Kopf bist Du gewachsen – einen ganzen Kopf. Aber über den Anton wirst Du Dich wundern – der ist lang – mächtig in die Höhe geschossen! Friedrike . Es soll ein schöner Mann geworden sein. Obfstn . Kind, sag das nicht, daß es sein Vater hört; denn wenn ich sage: »Es ist ein Mann, er muß heirathen!« so sagt er: »Es ist ein Bube, er solls bleiben lassen.« Friedrike . So – darum – Obfstn . Nun sieh, mein Goldmädchen, das ist es ia eben, was ich sage. Darum ist ia alle Tage der ewige Zank. Ich sage ihm auf die beste Art von der Welt, daß er Unrecht hat; aber was hilfts? Er glaubt es nicht. Friedrike . Er wird freilich einwenden – Obfstn . Wunderliches Zeug: »das Mädchen wäre unglücklich, die den Jungen iezt kriegte; er müste erst ausbrausen; das hieße ein armes Weib betrügen« und was es mehr ist. Ei – mit meinem Anton denke ich keine zu betrügen. Es verkauft sich gewiß keine an ihm. Manche Jungfer aus der Stadt würde zufrieden mit ihm sein.   Vierzehnter Auftritt. Vorige. Oberförster . Oberförster . Hast Du nichts in der Küche zu thun? Oberförsterinn . Ei – Der Bratenwender geht ohne mich. Obfstr . Aber Deine Töpfe, Frau – Deine Töpfe! Obfstn . Haben alle Feuer. Obfstr . Nun – Du magst dableiben. Auf Treue und Glauben, daß Du still sein willst. Riekchen! – ich habe mir vorgenommen, diesen Mittag eine kleine fröliche Tischgesellschaft zu bitten. Du sollst sie aussuchen. – Im Hause sind – Du – hier die Stumme, ich und Anton. Wen willst Du noch haben? Friedrike . Da ich wählen darf – Erstlich, Ihr lieber Pfarrer – Obfstr . Gut – brav! der sizt bei mir. Oder – ia, so solls sein. Du in der Mitte, wir beide an Deiner Seite. Obfstn . (schnell.) Ei, wo denkst Du hin? – das geht ia nun und nimmermehr an. Obfstr . Pst – Oder – – Weiter! Obfstn . Zwar ia. Der Amtmann kann bei mir sizzen – und die Amtmannin – – Obfstr . Was giebts? Obfstn . Nun? Obfstr . Was giebts mit dem Amtmann? Was soll der hier? ? – Obfstn . Nun – ich will doch hoffen, daß Du den mit herbitten läßt! Obfstr . Donner und Wetter! – (geht umher.) (Zugleich:) Friedrike . O lieber Vater, sein Sie nicht böse! Obfstn . Kind, den mußt Du wahrhaftig bitten! Obfstr . Ich mag nicht. Obfstn . Aber Kind, bedenk doch – Obfstr . Ich will nicht. Obfstn . Warum denn nicht? Obfstr . Das Essen schmeckt mir nicht – der Wein widersteht mir – ich kann nicht froh sein, wo das Volk ist. Obfstr . Ach Du mein Himmel! das giebt einen schrecklichen Lerm. (der Oberförster geht die Länge des Zimmers durch.) Das ganze Dorf weiß, daß wir uns auf den Tag gefreuet haben, – daß wir Gäste bitten wollten. Bitten wir die nicht, so ist ia die pure klare Feindschaft angekündigt – hm – – Riekchen! hm! Obfstr . Ich bitte niemand zum Essen, um ungesund nach Hause zu gehen; noch weniger glaube ich, iemand damit eine Ehre zu erzeigen. Es sind gute Freunde, denen ich Gelegenheit geben will, mit mir froh zu sein. Ich bin kein Freund vom Amtmann. Das kann ich ihm nicht bergen, und mag es ihm nicht bergen. Sind wir an einem Tisch, und ein Glas Wein hat mich froh gemacht, so spreche ich, was ich denke – was ich denke. Und der Mann, der nach einem Glase Wein noch verstecken kann, was er denkt – ist mein Mann nicht. Obfstn . Ei man muß mit iedermann in Frieden leben. Friedrike . Thun Sie es doch nur diesmal. Obfstn . Das wird ein Aufsehen geben! Und am Ende käme es gar auf das arme Mädchen. Dann sieht es aus, als wenn die Schuld an dem Hader wäre. – Nun thu es doch – einmal ist ia nicht immer. Friedrike . Entschließen Sie Sich; einmal ist ia nicht immer. Obfstr . (denkt nach.) Hm – ia. Ich wills thun. Aber, wenn sie mir grade gegenüber, oder dicht an der Seite zu sizzen kommen: so gehe ich davon, und esse im Hirsch. Obfstn . Also sollen sie gebeten werden? Obfstr . Ia. Aber hahaha! Du wirst sehen, es wäre besser, ich hätte es bleiben lassen. – Ich bitte mir nun auch noch einen guten Freund dazu. Obfstn . Wen denn? Obfstr . Den Schulzen. Obfstn . Ei bewahre! das ist ia gegen den Respekt. Obfstr . Entweder der Amtmann und der Schulz, oder keiner von beiden. Obfstn . Nun – meinetwegen. Obfstr . Das wäre also richtig. Jezt tummle Dich. Und Du, Riekchen – da sind die Schlüssel – geh heute zum erstenmale wieder in den Keller und hole uns einen Trunk. Friedrike . (mit einiger Freude) Ach, das sind die Schlüssel, die – ach – Obfstr . Mädchen, bist Du närrisch? Ich glaube gar, Du weinst? Friedrike . Wie ich die Schlüssel wieder sehe, fällt mir so manches dabei ein. – Sie gaben sie mir alle Mittage selbst; der Wein, sagten Sie, schmeckte Ihnen nicht, wenn ich ihn nicht geholt hätte. Nur wenn Sie böse waren, bekam ich sie nicht. Lieber Vater, bester Vater, ich verspreche Ihnen, Sie werden sie mir alle Mittage geben. (ab.)   Funfzehnter Auftritt. Oberförster . Oberförsterin . Oberförster . Auf die schwöre ich, die Stadt hat sie mir nicht verdorben. Oberförsterin . Gewiß nicht. Obfstr . Meinen Hut. (sie bürstet ihn bedächtig ab. Er sucht Papiere zusammen, und spricht dabei fort.) Laß ordentlich auftragen. Adieu! ich muß ausreiten, Holz anweisen. – Schlag zehn Uhr bin ich wieder da. Sie soll nur einerlei Wein hergeben – vom besten! Hörst Du? nur einerlei. (er geht.) Adieu! Obfstn . Alter? Obfstr . Was ist? Obfstn . Bist Du noch grämlich? Ia? Obfstr . Ich weiß nicht. (geht.) Obfstn . Du sollst nicht fort, bis Du gut bist. Man muß nicht in Groll scheiden. Es ist gar bald um einen Menschen gethan. Obfstr . Mit Deinem einfältigen Groll! Auf den Amtmann habe ich Groll. Adieu. (er schüttelt ihr die Hand.) Plaudertasche. (geht.) Obfstn . Gehab Dich wohl, Alter. (im Nachgehn.) Vergiß nicht zehn Uhr – Schlag zehn Uhr.   Ende des ersten Aufzugs.   Zweiter Aufzug. Erster Auftritt. (Ein Jäger wischt die Tische ab. Dazu kömmt die Oberförsterin . Sie hat eine große Serviette vorgesteckt.) Oberförsterin . Euer Abkehren mag Euch wenig werth sein, mein guter Freund! da sieht es noch bunt aus. Geht geschwind in die große Stube, heizt dort; man friert sonst, daß es nicht auszuhalten ist. (der Bursche geht.) Hört – nun so lauft doch nicht immer fort – wartet, bis man ausgeredet hat. Die Stühle wohl abgekehrt – die Fenster auch – daß kein Stäubchen wo zu finden ist! ich verlasse mich darauf. (der Bursche geht. Sie sezt sich.) Liegt doch auch Alles auf mir! – Das ist eine Last! Ich bin recht froh, daß das Mädchen endlich einmal wiedergekommen ist.   Zweiter Auftritt. Oberförsterin . Kordelchen von Zeck . Kordelchen . (die mit einer Fächernüanze und einem familiären Kopfnicken grüßt.) Guten Morgen, Frau Oberförstern. Oberförsterin . (mit einer altmodisch ehrerbietigen Verbeugung.) Meine wehrteste Mademoisell – – ich – ich schäme mich wahrhaftig, daß ich noch nicht recht angezogen bin. Kordelchen . Lassen Sie's gut sein. Sie wissen, ich bin nicht von Cerimonien und selbst noch nicht angekleidet. – Wo ist denn Monsieur Anton? Obfstn . Den hat mir der Alte wieder fortgeschickt. Kordelchen . Apropos – – Ich muß Ihnen doch sagen, wenn die Mariage zu Stande kömmt, so will mein Vater, durch eine sichre Konnexion in der Stadt, Ihrem Anton einen der ersten Dienste im Jagddepartement verschaffen. Obfstn . Meinem Anton? Was Sie sagen! Kordelchen . Nur muß Ihr Mann meinen Vater in seinem Geschäfte machen lassen und ihm nicht immer widersprechen. Sorgen Sie hübsch dafür, Mama – hören Sie? Obfstn . Ia liebes Mamsellchen, dabei kann ich nichts thun. Mein Kommando geht nicht weiter, als von der Küche in den Krautgarten. Wenn ich mannichmal so in andre Sachen rede – so sieht er sich nur um! dann weiß ich gleich, was die Glocke geschlagen hat. Ei, glauben Sie denn, daß ich nur für meine Küche Wildpret haben könnte, wenn ich wollte? Nichts–es thäte oft Noth, ich kaufte welches. Kordelchen . Der Mann thut sich mit seinem rauhen Wesen vielen Schaden – großen Schaden! Obfstn . (besorgt.) Ich weiß wohl, aber – – Kind! ich darf nur nicht sprechen. Mein Alter ist gar zu wunderlich. Kordelchen . Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht – Warlich – es könnte ihm einmal übel bekommen. Obfstn . Das sollte ich denn doch nicht meinen. Alle Welt hat ihn lieb. In allen rechten Dingen ist er Niemanden hinderlich, läßt sichs auch sauer werden bei seiner Arbeit; das werden der Herr Amtmann wohl selbst wissen. Kordelchen . Mannichmal aber – Obfstn . Nun – man muß Geduld haben. Zeit und Stunde ist bei dem Menschen nicht gleich; wir wollen ia alle auch alt werden! Wenn Sie so was sehen, Kind, so reden Sie doch zum Besten. Ich thue das auch, so viel ich kann – schütte Wasser ins Feuer, wo ich es sehe. Es ist besser, denke ich, er brummt sich bei mir aus, als bei andern – Ach – wenn ich ihn nur noch lange brummen höre! Kordelchen . Diesen Abend ist Ball bei uns – ich freue mich recht darauf. Ich habe Lust zu tanzen. Ich bin heute recht dazu aufgelegt. – Daß Herr Anton uns nur nicht wieder so früh wegschleicht. Was giebt es denn sonst Neues? Obfstn . Neues? Apropos – meine Nichte ist heute aus der Stadt zurückgekommen – Kordelchen . Heute? Ist denn heute der sechste? Obfstn . Freilich. Heute hat sie ia kommen sollen. Sie ist Gottlob! frisch und gesund. Kordelchen . Das freuet mich – ich bin ihr recht gut. (sie geht ans Fenster.) Es ist recht schlechtes Wetter. Der Herr Förster werden schlechte Jagd haben. Es ist so neblicht, daß man kaum die Hand vor den Augen sieht. Obfstn . Das sagte ich auch; aber wie der Alte nun ist – Anton mußte mit Tagesanbruch fort. Kordelchen . Ist sie hübsch? Obfstn . Friedrikchen? Kordelchen . Ia. Obfstn . Hübsch? Ia, hübsch will gar viel sagen – aber sie ist ein artiges Mädchen. Kordelchen . Es ist mir sehr lieb, daß sie wieder hier ist. – Sie hat in der Stadt singen gelernt? Obfstn . Das weiß ich wirklich nicht. Kordelchen . Sie singt, ich weiß es gewiß, ganz gewiß. Fräulein von Rechennauer hat mir davon geschrieben. Obfstn . So muß sie es für sich gelernt haben; wir haben nichts dafür bezahlt. Kordelchen . Aber ihr Klavierspielen soll besser, viel besser sein, als ihr Gesang. Obfstn . Noch besser? Was Sie sagen! O erzälen Sie mir doch noch mehr – ich höre gar zu gern Gutes von dem Mädchen. Kordelchen . Was ist denn aus ihrer Figur geworden? Sie war ein kleines Ding, als sie nach der Stadt geschickt wurde. Ist sie gewachsen? Obfstn . Denken Sie nur – einen ganzen Kopf beinahe. Kordelchen . Nun nun – warum nicht – Obfstn . Sie werden sehen. Kordelchen . O ich glaube es gern. Was ich sagen wollte – – – sie kann ia diesen Abend auf unsern Ball geschickt werden; denn vermutlich wird sie auch wohl tanzen? Obfstn . (freudig.) O ia – scharmant tanzt sie – Madam Schmidt hat es gesagt – scharmant! Kordelchen . Für ein Mädchen von solchem Stande ist sie doch fast zu vornehm erzogen. Obfstn . Sie verlohr ihre armen Eltern früh. Ich bin Pathe zu ihr. Von Kindesbeinen an war sie gelehrig und brav; mein Mann hatte denn so seine Freude an ihr – darum haben wir gethan, was wir konnten, ohne uns weh zu thun. Sie ist übrigens bescheiden und gut – und wir wollen auch nicht etwa hoch mit ihr hinaus. Kordelchen . (gleichsam zutraulich.) Das ist auch das Allerbeste. Daher riethe ich auch – doch ohne Ihnen vorzugreiffen – sie ließe die Stadtkünste hier weg. Solche Dinge gehören in keine Landhaushaltung. Tanzen? – Je nun – Sonntags wohl, aber sonst wahrhaftig nicht. Das Singen sollten Sie ihr als unanständig verbieten – Obfstn . Ei, das Haus ist groß – die Kehle ist ihr. Wird es mir zu viel – so ziehe ich die Stubenthür zu. Meine Buchfinken schreien den ganzen Tag, daß ich mein eignes Wort nicht höre; ich verbiete es ihnen doch nicht. Bei mir müssen Menschen und Vieh lustig sein, sonst sind sie krank, oder haben ein böses Gewissen. Kordelchen . Nur alles mit Maaß. Obfstn . Ia, das versteht sich. Kordelchen . Solche Mädchen werden oft in der Stadt verdorben, und machen nachher sich und ihre Männer auf immer unglücklich! Obfstn . Man hat der Exempel, o ia. Kordelchen . – Wenn unter uns alles richtig ist – Ich glaube, mein Vater schaffte dem Matthes einen guten Dienst – das wäre keine unebne Parthie für Friedriken. Obfstn . Ei, wo denken Sie hin? Nein. Behüte uns in Gnaden! Matthes war sein Lebelang ein schlechter Kerl. Kordelchen . Bedenken Sie, was Sie sagen! Er trägt iezt unsre Livree! Obfstn . Kind – Hübsch kann einen ein Rock wohl machen; aber ehrlich nicht.   Dritter Auftritt. Vorige. Friedrike . Friedrike . (mit einem tiefen Knix.) Mademoisell – Sie sind mir zuvorgekommen; ich würde noch heute die Ehre gehabt haben, Ihnen aufzuwarten. Kordelchen . (kurz.) Jungfer Friedrike – es ist mir lieb, Sie wohl zu sehen. Obfstn . Ich will doch derweile einmal nach meiner Küche sehen. (ab.) Kordelchen . Sie hat uns wohl viele neue Moden mitgebracht? Friedrike . Wenig oder gar nichts. Kordelchen . Sie hat doch das Haubenstecken in der Stadt gelernt? Friedrike . Ia. Kordelchen . Nicht wahr? Sie hat bei der la Breuze gelernt? Friedrike . Ia. Kordelchen . Ich will Ihr einige alte Hauben zum Waschen schicken, wenn Sie die mit Gout wieder arrangirt; so soll Sie Flor bekommen und Desseins von meiner Erfindung, die la Breuze selbst approbiren wird. Friedrike . Ich zweifle nicht. Kordelchen . Ich will Sie honett bezahlen; ich fordre nichts umsonst. Wie ist denn der Schnitt vom Kleide bei der lezten Puppe aus Lion? Friedrike . Ich habe keine gesehen. Kordelchen . Nicht einmal eine Puppe von Lion? Friedrike . Ich habe keine gesehen. Kordelchen . Nicht einmal eine Puppe von Lion? Ei bei der Frau von Karsthausen kommen sie ia iärlich zu Duzenden an; dort hätte Sie – – – zwar – – dorthin ist Sie wohl niemals gekommen. Friedrike . Niemals. Kordelchen . Ei Kind – Sie ist ia so verlegen – so wortkarg, so genirt – wie unsres Kirchvorstehers Tochter. Obfstn . (kommt wieder.) Ein Glück, daß ich in die Küche kam. Die hätte mir alles Essen verbrannt. Kordelchen . Ich sage eben zu Jungfer Friedriken, man muß Leuten von Distinktion mit Ehrfurcht begegnen – aber ohne sich wegzuwerfen. – Man muß mitreden. Friedrike . Man schweigt auch mannichmal aus Ueberdruß und Langerweile. Kordelchen . (es verbeissend.) Langeweile? Frau Oberförsterin! davon lassen Sie uns sprechen. Obfstn . Hm! bei mir giebt es denn immer etwas zu thun. Ist es nicht dieß, so ist es das. Da geht denn die Zeit gar bald hin. So in den langen Winterabenden wohl. Da liest der Alte die Zeitung, und schläft richtig allemal dabei ein. Nun mag ich ihn denn doch nicht wecken – da sizze ich nun freilich in meinem Sorgestuhl, und kucke Stunden lang den Goliath auf unserm großen Ofen an – sonst aber wüßte ich eben nichts davon zu sagen.   Vierter Auftritt. Vorige. Anton . (Zugleich:) Anton Riekchen! Ach Riekchen, mein Riekchen! bist Du da? Gott sei Dank! Friedrike . Anton, lieber Anton! (Beide umarmen sich.) Kordelchen . (geht umher und rauscht so heftig mit dem Fächer, daß er davon zerreißt.) Oberförsterin . Anton! – i Anton! Was ist das für Lebensart? Anton . (ohne darauf zu hören.) Ach Riekchen – Mädchen – ich bin so erschrocken – ich kann – ich kann nicht sprechen. Ich glaubte diesen Mittag – aber Du bist die Nacht gefahren und das freuet mich so – so! Obfstn . Junge bist Du närrisch? Komm doch zu Dir! – Anton, hast Du denn einen Trunk über den Durst gethan? Siehst Du nicht hier, Mamsell Kordelchen? Anton . (sieht sich um.) Gehorsamer Diener. (sezt sich wieder in Fassung, wozu Friedrike ihm schon vorher leise ein Zeichen gab.) Kordelchen . Ergebne Dienerin! Obfstn . Dein Vater hat doch wahrhaftig Recht; ie älter Du wirst, desto läppischer wirst Du auch. Nimms nur nicht übel, Riekchen! Friedrike . O gar nicht. Kordelchen . Das glaube ich. Obfstn . (halb laut.) Du unmannierlicher Gast, mach Deine Grobheit wieder gut. Gleich geh hin und sprich ordentlich mit ihr. – Die Kinderzeit ist vorbei. Sie hat Lebensart in der Stadt gelernt. Sei hübsch höflich – daß unser einer nicht mit Schanden besteht. Anton . Jungfer Muhme, wie befinden Sie Sich? Friedrike . Recht wohl, Herr Vetter. Kordelchen . Ich habe entsezliche Kopfschmerzen. Mama. – Gute Jagd gemacht, Herr Förster? (Pause.) Anton . (sieht auf Friedriken und hört nicht.) Obfstn . (zu Kordelchen.) Der Junge hört und sieht nicht. Er muß zu jäh aus der Kälte in die Hizze gekommen sein. Anton! Anton . Was ist, liebe Mutter? Obfstn . Mamsell haben Dich gefragt, was Du geschossen hast? Anton . (sich schnell zu ihr wendend.) Eine wilde Kaze. Kordelchen . In der That – ich befinde mich gar nicht zum besten! Obfstn . Es wird hier zu heiß sein; das Volk legt immer einen Wald in den Ofen. Ich will die Thür aufmachen. (sie reißt die Flügel auf.) Kordelchen . Gott! Nun zieht es ia, daß man kontrakt werden könnte. Es wird mir immer schlimmer. Herr Förster, geben Sie mir Ihren Arm – ich will versuchen, nach Hause zu kommen. Anton . Das ist zum Gehen zu weit – viel zu weit. Obfstn . I, das arme Kind! Anton . Ich schicke hin, und lasse Ihre Kutsche bestellen. Rudolph! – he! Rudolph! – Kordelchen . (verdrießlich.) Lassen Sie nur – (Zugleich:) Anton . Nein, der Weg ist wahrhaftig zu weit. (geht nach der Thür.) ^ Obfstn . Wenn ich doch nur helfen könnte! Anton . Rudolph, Rudolph! (Rudolph kommt.) . Rudolph, lauf – lauf wie ein Bliz aufs Amt. Die Mamsell wäre noch nicht fort – wollte fort! Kordelchen . (stampft mit dem Fuße.) Es ist nicht nöthig, sage ich Ihnen. Anton . Sie wäre krank, die Kutsche sollte kommen. Rudolph . Ganz wohl. Anton . Gleich kommen; gleich den Augenblick kommen. Rudolph . (im Abgehen, schon halb draussen, laut.) Will schon treiben. Kordelchen . (fast wüthend.) Mein Gott, Sie werden das ganze Amt in Aufruhr bringen! Anton . Aber auch so eine plözliche Krankheit! Kordelchen . (halbheulend.) Ich bin nicht krank! Wer sagt denn, daß ich krank bin? Ich war nur unpaß. In die frische Luft wollte ich; die frische Luft hätte mir am besten gethan. Ich kenne mich. Anton . Liebe Mutter, Sie sollten doch der Mamsell von Ihrem Melissengeist geben. Kordelchen . Mein Gott, den kann ich nicht riechen. Obfstn . Melissengeist? Ia, so wahr ich lebe, Anton, das ist ein kluger Einfall, ein scharmanter Einfall. Kommen Sie – erst nehmen Sie von dem Melissengeist, und dann führe ich Sie in unser Gärtchen an die frische Luft. Kordelchen . Ums Himmels willen! – ich kann die starken Sachen nicht vertragen. Obfstn . Ia mein gutes Kind! stark oder schwach, danach wird bei der Medizin nicht gefragt. O mit dem Melissengeist habe ich viele Leute kurirt. Unsre Magd, Kathrine – Kordelchen . Ich ersticke vor Wuth! Obfstn . Sie werden wieder schwach? Kommen Sie heraus – Kommen Sie. (indem sie mit höflicher Gewalt sie fortschleppt) Kathrine – Kathrine – he! Melissengeist, geschwind Melissengeist! – Wie gehts, Kind, wie gehts? (ab mit Kordelchen.)   Fünfter Auftritt. Friedrike . Anton . Anton . Gott Lob, daß sie fort ist! Friedrike . Du bist etwas rauh mit ihr gewesen. Anton . Ich hätte es keine Minute länger mit ihr ausgehalten. Friedrike . Sie hat mir viel Sorgen um Dich gemacht Anton . Riekchen! (bedeutend.) und mir ihr Bruder um Dich. Er hat Dir wieder geschrieben? Friedrike . Woher weißt Du das? Anton . Durch Matthes, der seit heute dort dient. Friedrike . Dient er dort? Nun ist mir es begreiflich, warum mich der Mensch immer mit Briefen und Geschenken von dort her ängstete. Ich nahm keines – aber den lezten Brief hielt er mir offen vors Gesicht. Dich wollte ich schonen – ich kenne Deinen Argwohn – also gab ich gar keine Antwort, und reiste die Nacht durch, um ihm nicht zu begegnen. Anton . Das dachte ich gleich, wie ich Dich so früh fand. Habe Dank. – Also Herr Matthes hat Dir die Briefe gebracht? Friedrike . Der Mensch hat mir manche böse Stunde gemacht mit Nachrichten von Dir. Gott vergebe es ihm! Anton . Was hat er Dir denn von mir gesagt? Friedrike . Hm! – Es kann nicht wahr sein. Du liebst mich – alles ist vorbei, und ich bin herzlich zufrieden, da ich wieder bei Dir bin. Anton . Wenn ich den Kerl treffe, so ist er unglücklich! Friedrike . Nicht doch. Laß ihn laufen. Ach ich bin ohnehin so unruhig – er hat überall in der Stadt schreckliche Drohungen gegen Dich ausgestoßen! Geh ihm aus dem Wege – geh nicht allein – ich bitte Dich. Anton . Was könnte es denn geben? Friedrike . Ich bin so angst – ich weiß, der Kerl ist zu iedem Bubenstück fähig. Der alte Friz, den er vom Amte weggelogen hat, war vorhin bei mir und winselte schrecklich. – Ich gab ihm ein Allmosen – Er sagte, ich sollte Dich ia vor dem bösen Matthes warnen. Anton . Nun – laß Matthes, Matthes sein, und laß uns von unsrer Liebe sprechen. Friedrike . Nein, Anton – nicht eher, als bis Du mir versprichst, daß Du keine Händel mit ihm anfangen willst. Versprichst Du mirs? Anton . Nun ia. Friedrike . Nicht so. – Fest, gewiß – ernstlich und – Anton . Auf mein Wort! – Ich will ruhig sein. Ei Mädchen, mein Leben ist mir zwanzig mahl lieber, als sonst, da Du es so lieb hast. Friedrike . Wirst Du mich immer lieben? Anton . Warhaftig! Friedrike . Ich weiß nicht, wie es zugeht, sonst war mir leichter zu Muthe; aber iezt bin ich mannichmal so traurig, daß ichs nicht genug sagen kann – Dann fallen mir Dinge ein! Dinge! O es wäre hart, wenn etwas davon wahr werden sollte. Anton . Was ist es? – sag es mir. – Wenn Du mir gut bist: so sagst Du es. Friedrike . Es ist Nichts, wirst Du sagen; aber mich quält es gewaltig. Ich habe Dich nun so herzlich lieb – ich denke auf Nichts, als wie ich Dich so glücklich machen soll, als ich armes Mädchen kann. Ich habe deswegen manches in der Stadt gelernt, um Dir nicht langweilig zu sein – – Ich weiß – das ist es nicht, was ich sagen sollte – aber es gehört doch dazu – und dann – Anton . Du weinst? – ist es denn so traurig, was noch nachkömmt? Weine nicht. Wenn Du weinest, so thut mir es in der Seele weh! Nun sprich – – Friedrike . Anton – Deine Eltern sind dreißig Jahre verheirathet und leben heute noch so glücklich, als am ersten Tage ihrer Heirath. So oft ich sie ansehe, denke ich, ob wir wohl auch so glücklich – und so lange glücklich sein werden? Anton – mein ganzes Leben ist in Dir. Wäre es möglich, daß Du einmal mich weniger liebtest, als heute? – Wenn ich Eltern hätte, sie würden Dich an meiner Stelle fragen. Nun bin ich eine Waise, und mein Leben ist in Deiner Hand. Wäre es möglich – so laß uns gleich abbrechen. Es wird mir das Leben kosten, das weiß ich; aber ich sterbe doch sanfter, als wenn – – – (sie bedeckt sich das Gesicht. Anton umfaßt sie mit einem Arm.) Ach Anton! Anton . Riekchen – Riekchen, sieh mich an! (sie sieht ihn innig an, er legt ihre Hand auf sein Herz.) Gott weiß, es ist kein Falsch in mir. Friedrike . Hast Du Dich geprüft , ob es wirklich Liebe ist, was – – – Anton . Ich habe mich nicht geprüft. Das ist nicht nöthig. Als Du nicht hier warst, da war mir Nichts lieb, immer war ich verdrießlich. Nun Du wieder hier bist, gefällt mir wieder Alles, ist mirs überall wohl. Das macht, weil ich Dich liebe. Warum sollte sich das aber ändern? Sieh – ich könnte Dir ia theure Eide schwören, aber ich glaube, Dir wäre dabei nicht besser. Einem ehrlichen Mann ist sein Wort heilig. Ein Mann, der einem Weibe sein Wort bricht, ist doppelt schändlich! Friedrike . Anton! – So – so höre ich Dich gern. Anton . Dazu sind wir auf dem Lande, und können eine gottlose Ehe nicht mit der Mode verbergen. Nein – ich habe wenig, vornehm bin ich nicht, es kann auch sein, daß ich das Pulver wohl nicht erfände – aber so viel gesunden Sinn, als man fürs Haus braucht, traue ich mir zu – und das hier – (auf das Herz zeigend.) da gebe ich keinem Menschen auf der Welt etwas nach! – So stehts. Nun frage ich Dich ordentlich – Riekchen, willst Du mich heirathen? Friedrike . Deine Eltern – – Anton . Die wollen wir heute noch fragen. – Nun und Du? Friedrike . (Mit zärtlichem Blick auf ihn und mit dem Erröthen eines guten unfaconnirten Mädchens:) Frag Deine Eltern! Anton . Dank – Riekchen. Mein künftiges gutes Weib, der ich treu bin bis in den Tod! Dank, tausend Dank! Friedrike . Aber lieber Anton, Du must nun auch gut werden. Du bist so wild – – – Anton . Ich wild? – bewahre Gott! Da haben sie Dir was weiß gemacht. Friedrike . Wenn ich nur an Deine Briefe denke! stand doch fast in iedem: – wenn das nicht geschieht, so gehe ich fort und werde Soldat. Wenn Du mir das nach zwei Jahren einmal sagtest! Anton . O ia – so bald Du mir untreu wirst. Friedrike . Und dann must Du auch nicht so auffahren. Man lebt dabei in tausend Aengsten. Die Jäger sind ohnehin ein wildes ungestümes Volk. Anton . Riekchen, halt die Jäger in Ehren, sonst kömmst Du nicht gut weg. Friedrike . Es ist wahr, es kann kein gutes Haar an Euch sein. Alle Tage quält und mordet Ihr das arme Vieh. Anton . Gelt, das hat Dir ein Stadtpatron gesagt. So ein Kerl, der den ganzen Tag hinter dem Ofen hockt, mit haut gouts und Liqueurs das Blut verbrennt und aus verschrumpftem Herzen mit dem Gänsekiel die Menschen quält? – Nein. Kein ehrlicher Kerl quält das Vieh. Alle Tage gehen wir hinaus, leben in frischer Luft. Das giebt frisches Blut und ein gesundes Herz! Wenn ich dann so Abends nach Hause komme, frölich und guter Dinge, und bringe Dir einen Braten in Deine Küche, und fordre einen Kuß – wirst Du mir ihn verweigern? Friedrike . Ich küsse keinen Mörder.   Sechster Auftritt. Vorige. Pastor Seebach . Pastor . Guten Morgen, Kinder. Friedrike . (läuft ihm entgegen und küßt ihm die Hand.) Anton . Guten Morgen, lieber Herr Pastor. Pastor . Herzlich wieder willlommen bei uns, liebe Tochter! Friedrike . Wie Sie in Ihren Jahren doch noch so wohl aussehen! Pastor . Ia? meinen Sie? Friedrike . So recht heiter. Pastor . Je nun – Gott Lob! Sorgen habe ich nicht – überdem bin ich gern an dem Orte – Anton . Jedermann liebt Sie, wie einen Vater – Pastor . Nun so muß ich ia wohl froh und gesund sein. Der Herr Oberförster – – Anton . Er ist ausgeritten, Holz anzuweisen, Pastor . Mein Besuch gilt ihm nicht. Ich bin eigentlich gekommen, Friedrikchen zu sehen. Liebe Tochter, wir haben die guten Nachrichten von Ihnen allemal zusammen gelesen, und es freuet mich recht, daß Sie so gut geworden sind. Friedrike . Würdiger Mann – Sie nehmen noch so vielen Antheil an mir, ungeachtet – Pastor . Ungeachtet? Kind – errathe ich, was Sie sagen wollten – so haben Sie mich betrübt. Friedrike . Wie so? Pastor . Ungeachtet wir verschiedner Religion sind; – nicht wahr, das wollten Sie sagen? Friedrike . Dann müste ich Sie nicht kennen, wenn ich es auch nur gedacht hätte. Ungeachtet meiner langen Entfernung, wollte ich sagen. Pastor . Ich halte mich für den besondern Freund eines ieden aus diesem Orte; der Kummer und die Freude eines ieden gehen mich nahe mit an. Was thut Entfernung zur Sache? Wo mein Rath, meine Hülfe nicht hinreichen, hören doch meine guten Wünsche nicht auf. Anton . Das ist gewiß, das weiß ich. Aber den Dank, den Sie dafür verdienen – – Pastor . Wollte ich meine Pflicht bloß auf die Zeit meines unmittelbaren Unterrichts, meine Liebe allein auf meine Gemeinde einschränken – O Kind – so wäre ich ein armer Mann – mit einem engen, engen Herzen. Anton . Ia, Sie nehmen Antheil an uns – wir erkennen es. Es ist Niemand unter uns, dessen Herz Ihnen nicht offen stünde, der Sie nicht wie einen Vater liebte! Ach, ich bin nicht der Lezte unter diesen, Sie wissen es. Pastor . Ia, mein Sohn. Anton . Ich hatte ein Geheimniß vor Ihnen – aber iezt will ich mich Ihnen anvertrauen. Es ist die wichtigste Angelegenheit meines Lebens – Sie werden mir helfen. Ich liebe Friedriken – sie liebt mich. Meine Eltern sind gut; aber sie könnten dagegen sein, andre Absichten haben – und ich kann, ich kann keine andere lieben; und Riekchen niemanden, als mich – sie hat es gesagt. Wir wären Beide unglücklich! Sprechen Sie für uns – sagen Sie ihnen das, und machen Sie ein glückliches Paar! Pastor . Ihr liebt Euch? Anton . Ia. Pastor . Und Sie, liebes Kind? Friedrike . Ich vereinige meine Bitten mit den seinigen. Pastor . Sollte aber das Zutrauen des Sohnes nicht zuerst den Eltern gebühren? Anton . Nun, ich habe ia dieses Zutrauen auch. Pastor . Ist das gut, wenn der Vater in dem wichtigsten Vorfall des Lebens die Wünsche und den Gehorsam des Sohnes durch einen Fremden erfährt? Anton . (mit Wärme.) Ist es denn ein Fremder, den ich darum bitte? (Man hört Geräusch.) Pastor . Nun ich will davon sprechen – so bald ich Ihren Vater sehe – heute noch. Anton . Das ist mein Vater – ich kenne ihn am Gange. Reden Sie iezt mit ihm. Ob Du dableibst? – Nein – geh mit – Komm! Oder – doch ia, geh mit. (geht ein Paar Schritte.) Nun, vergessen Sie es nicht – ich kann nicht leben ohne das Mädchen. Sehen Sie, die Thränen kommen mir aus den Augen – es ist wahrhaftig wahr. Komm, Riekchen. (ab mit Friedriken.) Pastor . Guter, ehrlicher Anton!   Siebenter Auftritt. Pastor . Oberförster . Oberförster . (von aussen.) Nur gleich besorgt! – (im Kommen.) Ich will denn schon weiter sorgen, wie – – Ei, sieh da! Willkommen Herr Pastor! Sie haben gewiß das Mädchen besucht? Pastor . Ia. Freude, innige Freude habe ich an Ihrer guten Bildung. Obfstr . Nicht wahr? Ia das Mädchen ist brav! (er packt seine Pfeife, Tobacksbeutel und Papiere aus.) Nun meine Frau wird Ihnen ia wohl gesagt haben – – Sie sind unser Gast diesen Mittag. Pastor . Noch hat sie mich nicht gesehen. Ich danke indeß für die Einladung. Obfstr . Also Sie kommen? Pastor . Ia. Obfstr . Brav, brav so! Wir wollen recht vergnügt sein, denke ich. Pastor . Es ist mir lieb, Sie bei so guter Laune zu finden. Ich habe denn wieder so dieses und ienes Anliegen an Sie. Obfstr . An mich? Wie – warum – wie? – Pastor . Sie sollten es doch schon gewohnt sein, daß ich immer für iemanden bettle, wenn ich komme – Obfstr . Nun was ist es? – Was ich helfen kann – Pastor . Der alte Friz, der schon bei dem vorigen Amtmann – – – der schon dreißig Jahre auf dem Amte ist, hat gestern seinen Abschied bekommen. Obfstr . Das ist schlecht vom Amtmann. Einen Hund schaffe ich nicht ab, wenn er auch noch so alt ist, wenn er auch kein Glied mehr rühren kann; und der Amtmann – Pfui! Pastor . Was mir leid thut: man ist von allem Ihrem Gesinde des Guten so gewohnt, und Ihr Matthes hat durch boshafte, tückische Streiche den Mann vom Amte weggebracht. Obfstr . Nun, der Matthes entläuft seinem Galgen nicht. Da hat es – Pastor . Der arme alte Mann hat die kranke Frau – die vielen Kinder! Es ist denn doch ein schreckliches Schicksal – In seiner Jugend – Husar, fast zum Krüppel gehauen und keine Pension – auf seine alten Tage auch aus dem Dienste noch verabschiedet! Er soll wie verzweifelnd im Orte herumgehen. Obfstr . Armer, armer Teufel! Pastor . Wenn man ihn nur erst den Winter durchbrächte. – Ich habe darum eine kleine Kollekte veranstaltet – – Obfstr . Das lohne Ihnen Gott! Ich will denn das Meinige auch dazu geben. – Hm – Wer bald giebt, giebt doppelt. Das hier – habe ich Riekchen geben wollen, dort wäre es auch gut gewesen; aber hier thut es Noth! Da – Pastor . (ohne es einzustecken.) Das ist viel. Obfstr . Der Winter ist hart. Pastor . Es ist wirklich viel. Lieber weniger Geld und etwas Holz. Obfstr . Das Holz gehört dem Fürsten; das Geld ist mein. – Nun – was giebt es denn sonst Neues? Pastor . Neues? Je nun – noch eine Bittschrift an Sie. Obfstr . Bittschrift? Pastor . Mündliche Vorstellung durch mich. Obfstr . Von wem? Pastor . Von Ihrem Sohn. Obfstr . Was will er? Pastor . – Heirathen. – Obfstr . Hoho! Pastor . Ein Mädchen, das er herzlich liebt, und die ihn wieder liebt. Obfstr . Herr Pfarrer – wen er will – wer es sei – nur Mamsell Kordel vom Amte nicht. Wenn es die ist – so – Pastor . Nein – es ist Riekchen. Obfstr . Ia? warhaftig? Es ist nicht möglich! Hat der Junge das Mädchen lieb? Und sie – Pastor . Sie ihn nicht minder. Obfstr . Topp! die soll er haben – nur versteht sich – noch nicht. Aber die soll er haben. Ei – wenn hat er Ihnen denn das gesagt? Pastor . Vor wenig Minuten. Obfstr . Da wollen wir ihn gleich rufen. (thut ein Paar Schritt.) Zwar nein. – das geht nicht so.–Hollaho! da hätte ich was Schönes angestellt! Pastor . Wie so? Obfstr . Ei – hahaha, ich muß doch meine Hausehre mit in den Rath ziehen. Pastor . Iawohl, iawohl. Obfstr . Heda – Rudolph! – he! Rudolph . Herr Oberförster! Obfstr . Meine Frau soll kommen. (Rudolph ab.) Ia wenn wir das vergessen hätten, Herr Pfarrer – der offenbare Krieg wäre angegangen. Und beim Licht besehen – gilt ia ihr Wort dabei so viel, als meines. Pastor . Richtig. Obfstr . Ueber den Bliziungen! Nun das ist noch der gescheuteste Streich, den er in seinem Leben gemacht hat – Dafür hat er Kredit bei mir. Pastor . Anton ist gut. Obfstr . Aber wild – wild wie der Teufel. Zwei runde Jahre muß es mit der Heirath doch noch anstehen, wenn es gut gehen soll. Pastor . Dazu rathe ich nicht, denn – – –   Achter Auftritt. Vorige. Oberförsterin . Oberförsterin . Was giebts? doch kein Schaden, kein Unglück? Dienerinn von Ihnen. – Eben habe ich hingeschickt, habe mir die Ehre ausbitten lassen, auf dies – – – Oberförster . Bestellt und angenommen. Obfstn . Danke vielmals. Nun was soll ich – warum bin ich gerufen? Obfstr . Du kannst Dir was zu Gute thun. Du bist gerufen, um Rath zu geben – das ist Dir denn doch lange nicht begegnet. Obfstn . (schlägt die Hände faltend zusammen.) Nun warlich, dann muß guter Rath theuer sein! Obfstr . Richtig. Darum suchen wir ihn wohlfeiler. Obfstn . Nur geschwind, denn ich muß in meine Küche – was solls geben? Obfstr . Sieh, Du bist eine kluge Frau, aber mit Antonen – hast Du Dich gewaltig verrechnet. Obfstn . Verrechnet? – Mit Antonen? Wie so? worinn? Wenn ich mich in dem irre, so sind alle Menschen falsch. Pastor . Der Irrthum entsteht oft durch unser Verschulden. Obfstn . Nein – für meinen Anton stehe ich; der denkt nichts, was ich nicht wüßte. Für den stehe ich. Pastor . Man kann für Niemand stehen und – (er lächelt.) in gewissen Fällen gar nicht. Obfstr . Lassen Sie mich. Ich habe es so in der Art, ihr Fragartikel aufzusezzen. Die beantwortet sie scharmant. Am Ende sind wir immer Beide einig.– Nicht wahr – wenn Anton ein Mädchen liebte; so müßtest Du es gemerkt haben? Obfstn . Richtig. Das behaupte ich. Obfstr . Nun – das behaupte ich auch. »Wenn er heirathen wollte, so müste er es Dir am ersten sagen –« Obfstn . Dabei bleibe ich noch. Obfstr . Gut. »Er wird Dir es auch am ersten sagen?« Obfstn . O das – das behaupte ich. Obfstr . Das behaupte ich nicht! Der Junge soll heirathen; das will er auch. So weit ist die Sache richtig. Er soll Mamsell Kordelchen heirathen? die will er nicht – er will eine andre heirathen. Sieh, da hast Du Dich verrechnet, darum zerreiß Dein Exempel – es ist falsch. Hahaha! Obfstn . – Was? – Obfstr . Ia, ia. Obfstn . Anton heirathen! Nun warhaftig das muß er klug gemacht haben – Obfstr . Weil Du es nicht gemerkt hast? Ia, der Klügste kann sich irren. Obfstn . Nun nun – erlebt man nicht Dinge! Je – wen denn? Pastor . Ihre Friedrike. Obfstn . Was? (ernst.) Nein! (mit einem Uebergange.) Aber nun geht mir erst ein Licht auf! Vorhin wie – und da –! Aber wo habe ich denn die Augen gabt? Nein, das ist zu toll! So was ist mir all mein Tage nicht begegnet! Obfstr . Was denn? Obfstn . Denken Sie nur – – – nein, es ist wirklich zu arg. Pastor . Was war es denn? Obfstn . Es ist noch nicht lange her – Mamsell Kordelchen war da – Kömmt der Junge von der Jagd – da stand ich; hier wo Du stehst, Mamsell Kordelchen; und dort, wo der Herr Pastor steht, stand Riekchen. Obfstr . Und – wo standest Du? Obfstn . Hier – – Obfstr . Nun nur weiter. Obfstn . Kömmt er von der Jagd – rennt auf das Mädchen zu, grade zu, grade zu. Ich alterire mich, daß der Junge so grob ist, sage, er soll doch hübsch sein Kompliment machen und manierlich sein – nun, so steht er doch leibhaftig da, wie ein Stock! Ia – nun, auf die Art – – Obfstr . Bist Du also nun dahinter gekommen? Nun sag uns Deine Meinung von der Sache. Obfstn . (bedenklich.) Meine Meinung? (mit leichtem Achselzucken.) Ia, – – Riekchen ist ein gutes Kind, ein braves Mädchen, das ich wie meine Tochter liebe, die uns keine Schande machen würde, die – Obfstr . »Aber« – Spann den Hahn nicht so lange, schieß ab! Obfstn . Aber sie hat denn doch auch gar nichts. – – Erstlich. Man muß bedenken – Obfstr . Weib! Zähle doch die Glückseligkeit nicht immer nach harten Thalern. Obfstn . Aber ohne Geld lebt es sich doch einmal nicht. Obfstr . Tausend Sapperment! (er geht umher.) Pastor . Liebe Frau, in Heirathssachen ist schwer zu rathen. Ich vermeide es so gar, darum befragt zu werden. Aber wenn der Fall so klar ist, wie hier – kann man es ohne Anstand. Wenn Sie daher sonst kein Hinderniß wissen – – Obfstr . Als wir uns heiratheten, waren wir arm – nun, wir sind noch nicht reich – aber wenn uns nun iemand der harten Thaler wegen hätte von einander iagen wollen? he? Obfstn . Das mag alles gut sein. Aber – ich muß mich über Dich wundern, daß Du an Nichts denkst. – Verstehst Du mich? Obfstr . Nein. Obfstn . Wir können diese Heirath vor unserm Gewissen nicht verantworten. Obfstr . Weswegen nicht? Obfstn . Da Riekchen andrer Religion ist, als Anton; so dürfen die Beiden nimmermehr – Obfstr . O Weib, Du – das hätte ich – Weib! – Herr – iezt ist die Reihe an Ihnen. (ab.)   Neunter Auftritt. Pastor . Oberförsterin . Oberförsterin . Nein, das geht nicht. Alles Liebes und Gutes; aber das – Nun und nimmer nicht! Pastor . Haben Sie keine Einwendung gegen diese Heirath, als daß Riekchen nicht unserer Religion ist? Obfstn . Nein. Sonst keine. Pastor . Auch keinen Widerwillen, keine Abneigung irgend einer Art? Obfstn . Nein. Pastor . So sind Sie verbunden, diese Heirath zuzugeben. Obfstn . Was? das sagen Sie mir? Pastor . Ich. Es ist Ihre Pflicht. Obfstn . Sie sind unser Herr Pastor, und sollten sich dawider sezzen; Ihre Pflicht fordert – Pastor . Meine Pflicht ist, Glückseligkeit befördern, Duldung verbreiten – nicht verfolgen. Obfstn . Verfolgen? Ei behüte Gott, das sage ich nicht, das denke ich nicht einmal. Machen Sie mich doch nicht zu so einem gottlosen Weibe! Ich wünsche aller Welt Gutes – ich verfolge sie ia nicht. Pastor . Menschenglück hindern – ist das nicht verfolgen? Obfstn . Ach, Herr Pastor – ich wäre ia recht glücklich, wenn ich es zugeben könnte. Aber mein Gewissen – mein Gewissen darf ich doch auch nicht verlezzen. Pastor . Sie glauben, diese andre Religion würde Ihren Kindern ein unglückliches Leben machen? Obfstn . Ia, das glaube ich. Das glaube ich und dabei bleibe ich. Pastor . Hat Friedrike Sie geehrt, geliebt wie eine Mutter? Obfstn . Ia, das muß ich bezeugen. – Sie ist ein dankbares Kind. Pastor . Ist sie sanft, gut – wohlthätig? Obfstn . O ia. Ia, das ist sie. Pastor . Ist sie aufrichtig – fromm – sittsam? Obfstn . Das ist sie warhaftig. Aber – – Pastor . Nun, dann beruhigen Sie Ihr Gewissen. Eine Religion, die diese Tugenden lehrt, macht auch das Leben nicht ungücklich – Geben Sie die Heirath zu. Obfstn . Wenn ich auch wollte – nein, ich kann es wahrhaftig nicht zugeben – ich kann nicht. Pastor . Gute Frau – veraltetes Vorurtheil ist nicht Gewissen. Wer Eigensinn Religion nennt, versündigt sich. Obfstn . Versündigen – Pastor . Auf Alles, was Elternliebe thun kann, haben Sie ihr einmal Anspruch gegeben. Sie können sie iezt ganz glücklich machen – und wollen es nicht. Bedenken Sie die Folgen. Verbieten Sie die Heirath – so muß Friedrike aus dem Hause. Obfstn . (gerührt.) Wenn es dahin kommen sollte – so soll es ihr doch an nichts fehlen. Pastor . An nichts fehlen? – O wir sind arme Menschen, wenn man uns das Bedürfnis unsres Herzens nimmt! Ihr Sohn? – der iunge Mensch ist heftig , – Sie entreissen ihm ein tugendhaftes Mädchen, das er innig liebt. Sie sind eine gute Mutter. Wollten Sie alles das auf Ihr Gewissen nehmen, wozu heftiger Schmerz den Jüngling verleiten könnte? Obfstn . (die Hände ringend.) Ach Gott, wie quälen Sie mich. Pastor . Nun, muthig im Guten – Ihr Herz behalte die Oberhand, da die Vernunft ihm sagt, daß man Gott nicht ehrt, wenn man Menschenglück vernichtet. Obfstn . Es thut mir leid – es zerreißt mir das Herz, ich weine vor Angst. Aber man muß seine Schuldigkeit thun, ohne Menschenfurcht, Herr Pastor – ohne Menschenfurcht. Sie aber hätte ich für viel zu brav gehalten, als daß Sie sich von dem neumodischen Leichtsin hätten hinreissen lassen. Pastor . Neumodisch? – Menschenliebe ist so alt, als die Religion. – Nun meine lezte Vorstellung. Sie sind alt – Ihr Sohn kann diese Heirath verschieben – wollen Sie ihn zwingen, von dem Tage Ihres Todes an sein Glück zu rechnen? Obfstn . Will er so gottlos sein – Gott mag es ihm vergeben! – ich kann nicht anders. Pastor . (mit edlem Eifer.) O Vorurtheil! stärker als Mutterliebe für den einzigen Sohn – bist du so Herr über die besseren Menschen? Was kann man vom Haufen erwarten! Sie lassen mich bekümmert von hier gehen. – Nur das sage ich Ihnen noch – ehren Sie diese verderbliche Beharrlichkeit nicht mit dem Namen Religionseifer. Jener ist erhaben und mild; was Sie äußern, ist Groll gegen Menschen, die – – nicht glauben, wie wir glauben. Meiner Vernunft und meinem Herzen bleibt hier nichts übrig, als der Wunsch – Besserung. (im Gehen begegnet ihm der Oberförster.)   Zehnter Auftritt. Oberförster . Vorige. Oberförster . (gutmüthig.) Ist sie zur Vernunft gekommen? Pastor . Sie wird sich besinnen – ich hoffe es. Oberförsterin . Ich will keine Friedensstörerin sein – in Gottes Namen – thue was Du willst; aber laß mich bei meiner Meinung. Obfstr . Nein. Du sollst was bessers meinen. Das ist unchristlich, gottlos – heidnisch! Pastor . Gelassen, lieber Mann, gelassen! Obfstr . Nein – dabei bin ich nicht gelassen. Wäre ich es, so sollten Sie keinen Schuß Pulver auf mich geben! Pastor . Ihr weiches Herz wird die Oberhand behalten. Obfstr . Ihre gesunde Vernunft soll die Oberhand behalten. Duldung ist Religion; die bitte ich nicht von ihr, die fordre ich. Die mehrsten Weiber, die in den Kirchen viel heulen, sind boshaft ausser der Kirche. Treibst Du mich so weit, daß ich Dich dafür halte. – sieh – so lange wir auch zusammen gelebt haben – ich – – – scheiden laß ich mich! Jezt geh hinaus und besinne Dich eines beßeren! Obfstn . Gott weiß – ich bin nicht boshaft! Ich wünsche aller Welt Gutes; aber ich kann mich nicht überzeugen, daß das sein darf. Warum werde ich nun darüber so gequält? Ach wer mir das vor einer Stunde gesagt hätte – Obfstr . Jezt geh – länger taugen wir nichts zusammen. Geh fort. Obfstn . Ach ich unglückliches Weib. (ab.)   Eilfter Auftritt. Pastor . Oberförster . Oberförster . Nun – was sagen Sie? Wie gefällt Ihnen das? Pastor . Ich gebe noch nichts auf – und wenn sie erst die Kinder selbst spricht – Obfstr . Sie soll sie nicht sehen – sie soll nicht aus Mitleiden gut sein; gut, weil es gut ist: oder ich habe keinen Respekt vor ihr. Solchen boshaften Unverstand leide ich nicht! – Wenn ich nur die beiden iungen Leute aus dem Hause hätte! Ich schäme mich, wenn sie es merken: denn – –   Zwölfter Auftritt. Vorige. Anton . Anton . (freudig.) Nun, Vater? Oberförster . Wer hat Dich gerufen? Anton . O sagen Sie mir nur mit einem Worte. Obfstr . Geh an Deine Arbeit, es ist hier nichts für Dich zu thun. Anton . Nichts zu thun? – Vater! Um Gottes willen. Obfstr . Geh Deiner Wege. Anton . Die Mutter weint und antwortet nicht. – Nichts zu thun? – O Herr Pastor, Sie – – Pastor . Nur ruhig – es kann vielleicht noch werden. Anton . Ich unglücklicher Mensch! – O Du armes Mädchen! Obfstr . Geh hin auf das Amt und bitte den Amtmann, die Amtmannin, die Tochter und den Sohn zum Mittagsessen. Dann geh und – – Anton . Vater, das kann ich nicht. Obfstr . Warum nicht? Anton Vater, ich kanns wahrhaftig nicht! Obfstr . Du gehst gleich hin. Anton . Alles in der Welt, nur nicht aufs Amt, nur iezt nicht aufs Amt. Pastor . Schicken Sie Rudolfen hin. Obfstr . Er soll hin. Anton . Mit rothen Augen? Dem Jungen zum Spott? Nein – und sollte ich niemals wieder ins Haus kommen und sollte es mein größtes Unglück werden, und sollte mein Leben darauf stehen! Aufs Amt kann ich nicht gehen und Riekchen lasse ich nicht – Vater! Ich lasse sie wahrhaftig nicht. Obfstr . Junge, laß Dich nicht wieder vor mir sehen. Anton . Gut, ich wills. Es soll geschehen. Sie machen mich unglücklich, Riekchen dazu, verstoßen uns – gut ich gehe – Adieu Vater – ich gehe. (ab.)   Dreizehnter Auftritt. Pastor . Oberförster . Pastor . Beßter Mann! Sie waren zu hart. Oberförster . Ich weiß nicht, was ich thue; solcher Dinge bin ich nicht gewohnt. Uebrigens mag er aufs Amt gehen – er mag es bleiben lassen; nur fort soll er. Ich kann es nicht leiden, wenn Kinder die Fehler ihrer Eltern sehen – und vollends solche Fehler. –   Vierzehnter Auftritt. Vorige. Friedrike . Fr . O lieber Vater, was ist das? Obfstr . Was? Fr . Anton kam heraus, küßte mich dreimal, die Thränen strürzten ihm aus den Augen, er riß den Hut von der Wand, und stürzte zum Hause hinaus. Obfstr . Teufelskind! – Riekchen geh oben hinauf, bis ich Dich rufe, und sei ganz ruhig. – Hörst Du? – ganz ruhig. Fr r. Aber – Obfstr . Ganz ruhig. Es wird schon werden. (Friedrike ab.)   Funfzehnter Auftritt. Oberförster . Pastor . Oberförster . Mir ist wunderlich zu Sinne! Pastor . Freund! Ich will mit Eifer arbeiten Obfstr . Bringen Sie alles wieder ins Gleise. Aber bald – Mir ist bange ums Herz. Das ertrage ich nicht lange – Ich greife durch – da geht mirs denn mannichmal zu geschwinde von der Hand. Ich hätte es denn gern so mit Ehre und Frieden – Nun – Sie thun nichts halb. – Sie werden es schon machen mit dem Weibe – Ich gehe aus dem Hause. Pastor . Laß uns den Irrenden sanft zurecht weisen. Obfstr . Adieu. Pastor . Gott befohlen. (Auf verschiednen Seiten ab.)   Ende des zweiten Aufzugs.   Dritter Aufzug. (Eine Bauer-Wirths-Stube, im Hintergrunde ein Tisch mit einem Schwenkkessel, Bouteillen, Gläsern \&c. An der Seite links ein Kamin auf bäurische Art, über dem Feuer ein Kessel, worin die Bauern Kaffee kochen.) Erster Auftritt. Die Wirthin und Bärbel , ihre Tochter. Wirthin . Bärbel, Bärbel! Bärbel . (von außen.) Ia, Mutter, gleich. Wirthin . Tummle Dich, sage ich. Bärbel . Da bin ich – was wollt Ihr? Wirthin . Schwenk' die Gläser; sie kommen bald. – Rühr Dich! Bärbel . Nun – wer wird denn kommen, als der alte lahme Gerichtsschreiber? Wirthin . Nein, die Bauern kommen auch.   Zweiter Auftritt. Vorige. Gerichtsschreiber . Gerichtsschr. . Guten Tag, Frau Wirthin! Wirthin . (kurz.) Guten Tag, Herr Gerichtsschreiber. Gerichtsschr. . Es ist mörderlich kalt. Einen Trunk. Jungfer Bärbel. Wirthin . Was giebts denn heute? He? Gerichtsschr. . Ich will in Sachen des Kappe contra Romann erkennen. (Bärbel bringt ein Glas Wein. Er trinkt.) Recht lieblich – in der schweren Kälte recht ersprießlich. (Reibt die Hände.) In der Kampagne von Anno 45 am Rheine, wo ich bei Dettingen so schwer am Fuß blessirt ward – – Wirthin . Hahaha. Gerichtsschr. . Was lacht Sie? Wirthin . Der alte Quartiermeister von Remrein, war neulich hier bei uns, und – hahaha. Gerichtsschr. . Lebt er noch, der ehrliche Schlag? Kenne ihn genau, ist mein alter Special, habe neben ihm manche Kugel sausen hören – ich! Wirthin . Nun ia – Da kamen wir auf Ihn zu sprechen. »Ist der Kerl bei Euch Gerichtsschreiber«? fragte er – »Nun, sagte er – aber lieber Herr Gerichtsschreiber, Er muß nicht böse werden, denn ich sage es in allen Ehren – ia, sagte er, – »das war ein durchtriebner Spizbube«. Gerichtsschr. . Wie – da? hm brr – hm. Wirthin . Ein durchtriebner Spizbube. Da wollte ich Ihn verdefendiren und auf Seine Kampagne kommen – so sagte er – »Er wäre allemal zuerst ausgerissen«. Wie ich nun von der Blessur sprach, wovon Er uns alle Abend erzählt; sagte der Quartiermeister – »Er hätte den Bauern Hühner stehlen wollen, und wäre erwischt. Auf der Flucht wäre Er in eine Sense gefallen, davon käme das kurze Bein.« Gerichtsschr. . Höre man doch ums Himmels willen die Schwänke an! Das will Sie gehört haben? Wirthin . Ia, ia. Gerichtsschr. . Der Quartiermeister ist – – Apropos! Ist er noch hier? Wirthin . Nein, er ist fort. Gerichtsschr. . Der ist recht schlecht. Das sage ich. Die Blessur habe ich bekommen in der Bataille bei Dettingen. Wie der Feind auf uns anrückte; so – – Wirthin . – Stand Er auf der Batterie mit funfzig andern. Da kam der Herzog von Kumberland auf dem Schimmel geritten. Ihr Kinder, schrie der Herzog, deckt die Bataille! da liefen ihrer neun und vierzig fort, aber Er blieb stehen, und so kam eine Kugel und streifte Ihn; aber Er blieb nun noch acht Tage liegen – Gerichtsschr. . Alles richtig. Wirthin . Nun man wirds denn am Ende doch wissen; Er erzälts ia alle Abend. Gerichtsschr. . Nun – also bin ich nicht in die Sense gefallen. Wirthin . Und also hat Er keine Hühner gestohlen. Gerichtsschr. . Eine Lehre kann ich Ihr doch bei der Gelegenheit geben – Bei Leib und Leben erzähle Sie so was Ehrenrühriges nicht, wenn einer Wein trinkt. Ich bin sonst ein moderater Mann, aber hierüber habe ich mich gealterirt – und wenn der Quartiermeister hier wäre – so könnte ich ihn in der Hizze und durch das Weintrinken – ich könnte ihn zu Granatbißchen hauen. (trinkt) Kommen heute spät, die Bauern. Wirthin . Was sollen sie denn auch hier thun? Gerichtsschr. . Hm br hm! Haus und Hof kaufen. Wirthin . Und in drei Wochen wieder verkaufen, so fällt es in Euren Beutel. Gerichtsschr. . Noch eine Bouteille! Wirthin . Steht schon zu viel angeschrieben. Gerichtsschr. . Laßt es stehn. Die Gemeinde muß zalen. Wirthin . Das ist nicht fein – das werde ich melden. Gerichtsschr. . Frau Wirthin! Wirthin . Ei was, es ist wahr – was zu arg ist, ist zu arg. Man muß leben und leben lassen. Er will de geordinirte Obrigkeit sein – – Gerichtsschr. . Nun ia. Wirthin . So sollte Er es auch hübsch darnach machen. Aber erst beschwazt und berauscht Er die armen Leute, daß Sie ins Tages Licht hinein kaufen. Vier Wochen danach sizt Er ihnen auf dem Halse. Nun heißt es: Geld her! Da wird wieder gerequirirt, verkauft und genommen, bis sie fort von Haus und Hof einer nach dem andern in die neue Welt ziehen. Gerichtsschr. . Laß sie ziehen – so giebt es Plaz. Wirthin . Wenn sie alle nach der neuen Welt gezogen sind, dann kann ich mein weisses Roß zusperren – gelt? Nein – bleib Er mir zu Liebe weg. Der Gewinn ist Sündengeld, ich mag ihn nicht. Wer weiß, wer weiß, warum mir mein Sohn so plözlich gestorben und mein Vieh so gefallen ist. Gerichtsschr. . Hat Euch denn der Tischler bezahlt? He? Wirthin . Der Herr Amtmann, sollte ein Einsehens haben – – aber der  – – Gerichtsschr. . Sagt doch, hat Euch der Tischler bezahlt? Wirthin . Nein. Woher auch nehmen? Es giebt keine Arbeit. Gerichtsschr. . Ihr sollt Euer Geld bald kriegen. Wirthin . Wovon denn? Gerichtsschr. . Es ist doch iezt eine ungesunde Zeit – nicht wahr? Wirthin . Nun ia. Gerichtsschr. . Es sterben viele Menschen? Wirthin . Ia. Aber – – – Gerichtsschr. . Nun seht, wie ich das ausgestudirt habe. Da fallen wir dem Tischler in die Flanque – und legen Arrest auf die Särge, oder Todtenladen. Wirthin . Was? Gerichtsschr. . Nun und ich wei0 ihrer . . . . drei, die alle bei ihm arbeiten lassen, für die wird schon in den Kirchen gebetet. Wenn die dran glauben müssen: so seid Ihr auch bezahlt. Wirthin . Er will gar gescheut sein, aber sein ausgestudirtes Wesen kömmt manchmal recht albern heraus. Für unser Dorf wäre es recht gut, wenn Er mit dem andern Beine auch nicht gehen könnte. Wenn Ihm etwa einmal nach meinen Hühnern gelüstet, ich will Ihm die Sense zurecht legen. Und nun, Herr Gerichtsschreiber, wenn Er noch ein bischen gescheid ist, so kömmt Er hier nicht wieder her, oder ich packe Ihn auf, und seze Ihn vor die Thüre. (ab.) Gerichtsschr. . Frau Wirthin! – Nun ich will diesmal nichts daraus machen, weil – – wenn aber meine Herren Kollegen hier wären; so so – –   Dritter Auftritt. Vorige. Kappe . Romann . Ein alter Bauer und noch einige andre Bauern. Romann . Guten Tag, Herr Gerichtsschreiber! Kappe . Guten Tag, Herr Gerichtsschreiber! Alle . Guten Tag, Herr Gerichtsschreiber. (Sie kommen einer nach dem andern herein, außer die lezten, welche zugleich hereintreten.) Gerichtsschr. . (sezt sich.) Willkommen, Ihr Herren! Kappe . Er solls nun einmal ausmachen mit dem Handel. Romann . Es kostet einem ieden schon acht Thaler. Alle . Wir wollen nun nicht mehr kommen. Gerichtsschr. . (schlägt mit dem Stäbchen auf den Tisch.) Silentium! Ihr seid der Peter Kappe? Kappe . Ia. Gerichtsschr. . Und Ihr? Romann . Hans Romann. Gerichtsschr. . Nachdem sich neulich unter Euch dem mehrbemeldeten Peter Kappe, und Euch – wie heißt Ihr? Romann . Hans Romann. Mein Vater ist der Kaspar Romann an der stumpfen Ecke. Gerichtsschr. . Und Euch Hans Romann, ein Hader hat ergeben wollen – Romann . Nein – er hat sich nicht drein ergeben wollen, darum habe ich ihn geklopft. Kappe . (zum Gerichtsschr.) Nun hört Ers doch, daß ich Recht habe? Romann . (zu Kappe.) Ihr habt nicht Recht, denn – Kappe . Herr Gerichtsschreiber! Mit der geballten Faust hat er mich hier auf die Nase geschlagen – Romann . Ihr wollt Euch verdefendiren, aber – Kappe . Ihr lügt einmal ärger, als das andre. (Zugleich:) Einige . Kappe hat Recht. Andre . Nein, er hat nicht Recht. Gerichtsschr. . (steht auf.) Halt! – Silentium! (Zugleich:) Kappe . Ich laß mich nicht betölpeln – – Romann . Ich will Euch weisen – – Gerichtsschr. . Halt – Im Namen des hochlöblichen Amts. (die Bauern treten zurück.) Oder ich lege Euch das Handwerk. Million Bomben Sapperment! – ich weiß, was Rechtens ist! (er schreit um so stärker, ie mehr die Bauern weichen.) Ich bin dabei gewesen, war vier Jahre lang Feldwebel, habe schwere Campagnen gemacht, habe mir lassen Wind um die Nase wehen – daß Ihrs wißt! he! Kappe . Nun ia. Romann . Ich glaubs. Gerichtsschr. (im nämlichen Raptus.) Was? Kappe . (lachend.) Nun, Er ist Feldwebel gewesen. Romann . (halb hinter dem Hute lachend.) Ia der Wind hat ihm an die Nase geweht, lieber Herr Gerichtsschreiber! Gerichtsschr. Als ich Anno 54 die große Glocke konvoirt habe, so habe ich 9 Mann gekommandirt und will Euch schon zur Raison bringen. (im Niedersezzen.) »Und es hat verlauten wollen, als ob mehr gedachter Romann dem Peter Kappe die Nase im Gesicht habe verlädiren wollen –« Kappe . Kucke Er hier – Romann . Ich habe ihn nicht geschlagen. Ich fiel, und wollte mich halten, damit kriegte ich seine Nase zu packen. Gerichtsschr. »Und nunmehr nach genugsamer Untersuchung. – –   Vierter Auftritt. Vorige. Matthes , in der Amtslivree. Matthes . Sein Diener, Herr Gerichtsschreiber. Gerichtsschr. . Ei – Sein Diener. Nun – auch bei dem hochlöblichen Amt in Diensten? Nun – gute Freundschaft. Matthes . Topp – gute Freundschaft! Ein Gläschen darauf? Gerichtsschr. . Je nun – Ihm zu Liebe. Geht in Gottes Namen nach Hause, Ihr Leute. Kappe . Aber mein Prozeß? Gerichtsschr. . Vergleicht Euch. Romann . Wir können uns nicht vergleichen, darum klagen wir ia. Gerichtsschr. . Ihr sollt Euch vergleichen. Kappe . Ich habe in vier Verhören für einen Thaler Wein getrunken. Gerichtsschr. . Trinkt Sonntags keinen. Romann . In dem lezten Verhör hat er allein für einen halben Thaler auf meine Rechnung gesoffen. Gerichtsschr. . Da ist der Bescheid. Kappe . Ich will keinen. Romann . Wenn wir uns vergleichen wollen: so thun wirs ohne seinen Bescheid, damit kriegt Er keinen Heller. Gerichtsschr. . Vergleicht Euch, oder laßt es bleiben – nehmt den Bescheid oder laßt ihn liegen; nur zahlt die Unkosten – 4 Reichsthaler. (Zugleich:) Kappe . Ei Gott! Romann . Das ist zu toll. Der alte Bauer . Darnach werden wir uns weiter umsehen. Gerichtsschr. . Das hochlöbliche Amt hat es befohlen. Wer nun noch ein Wort sagt, kömmt in den Thurm! (die Bauern gehen unter bedrohenden Pantomimen in den Hintergrund, und sezen dort leise ihr Gespräch fort.) Der alte Bauer . (er faßt den Gerichtsschreiber bei der Brust.) Spizbube, Du machst unser Dorf unglücklich. Gerichtsschr. . Nun, nun – Herr – – Der alte Bauer . Spizbube noch einmal! Wenn Du was dagegen hast – ich bin auch Soldat gewesen, und so alt ich bin, so – Gerichtsschr. . (bietet die Hand.) Ei, lieber Herr Reinhard. Der alte Bauer . (schlägt sie weg.) Das nehme ich nur von einem ehrlichen Kerl an. (geht zu den Uebrigen.) Matthes . Leidet Er das? Gerichtsschr. . Und wohl noch mehr. Denn ich muß ein Beispiel geben. Hintennach weiß ich sie doch schon wieder zu – – Matthes . Nun so laß ichs gelten. Gerichtsschr. . An allem dem Unheil, ist der Herr Pfarrer aus Eurem Ort schuld. Der macht die Leute so überverständig. Der Herr Oberförster, macht es denn auch nicht besser – Matthes . Nun mit dem kann es sich legen. Wenn der iunge Förster Mamsell Kordel nicht nimmt, so kann es ihm noch wunderlich gehen. Der Amtmann hat einen langen Arm in der Stadt, und der hats ihm geschworen. Brichts da – so hat Er auch einen freien Rücken. Gerichtsschr. . Der Herr Amtmann – – die Kerls hören uns doch nicht – Matthes . Bewahre, die sind in ihrem Prozeß – – Gerichtsschr. . Der Herr Amtmann lassen mich nicht im Stich, da hats gute Wege! Nun – Sie wissen auch schon, warum . – Jezt bin ich ihm darin sehr nöthig. Matthes . Warum? Gerichtsschr. . O iezt blühet mein Weizen. Der Herr Amtmann verhängt denn so ein Schuldenwesen nach dem andern – Versteht Er? So was wird gar klug gemacht. Das Eselsvolk zieht in die neue Welt, und – – Er versteht schon –? Matthes . Nun – es leben die Landdienste! Gerichtsschr. . Wo gehts denn mit Ihm hin? Matthes . Meine erste Arbeit. Geld in die Stadt bringen.   Fünfter Auftritt. Vorige. Wirthin . Wirthin . Ach du lieber Gott! Die Bauren (durch einander.) Was ist – was giebts, Frau Wirthin? Wirthin . (trocknet sich die Augen, erzählt und macht Pantomime auf Matthes.) Matthes . Die sprechen von uns – sie werden doch nichts gehört haben. Gerichtsschr. . Sollt's nicht meinen. Nun, Frau Wirthin, was Neues? Der alte Bauer . Armer Teufel! Alle . Ia wohl. (sie kommen herunter und sezzen sich um den Kamin.) Wirthin . Herr Matthes – Sein Dienst mag recht gut sein, ich will auch glauben, daß Er ihn in allen Ehren gekriegt hat; aber es ist doch hart! Matthes . Was? Ich verstehe Euch nicht. Wirthin . Der alte Friz vom Amte war da. Du lieber Himmel, wie sieht der Mann aus! Herr Matthes – nehme Ers übel oder nicht – ich könnte nicht in dem Rock stecken, den ich einem mit Gewalt vom Leibe gerissen hätte. Matthes . Haltet das Maul, alte – Wirthin . Nun, lieber Gott! Ich werd's nicht ändern. Aber man hat denn doch ein Herz. Es ist Winterszeit – der Mann sah ganz verkehrt aus – Er trank ein Gläschen, und suchte in den Taschen. Ia, daß ich was von ihm genommen hätte! behüte! – ich schämte mich der Sünde!   Sechster Auftritt. Anton . Vorige. (er hat einen Hirschfänger um.) Anton . Guten Tag. (er geht grade auf den Kamin zu, zwischen Matthes und den Gerichtsschreiber, welche sich umsehen, aber nicht rücken. Der Gerichtsschreiber grüßt kaum, Matthes gar nicht.) Nun, Plaz da! Gerichtsschr. . Ei warum? Matthes . Ich size gut. Anton . Plaz! daß ich auch zum Feuer kann. Matthes . Wer zuerst kömmt, mahlt zuerst. Anton . Wißt Ihr, wen Ihr vor Euch habt? Matthes ^ Was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. ( NB. immer ohne sich umzusehen.) Anton . Schurke, nun ist es genug. (zieht.) Der alte Bauer . (fällt ihm in den Arm.) Herr Förster! Matthes . (greift nach seinem Knotenstock.) Was er denn wohl will, ins Kuckuks Namen! Anton . Kerl, geh aus der Stube, oder Du bist des Todes. Matthes . Ah – (sezt sich.) Noch ein Glas, Herr Gerichtsschreiber! Gerichtsschr. . Ich wills holen. (ab.) Anton . Laßt mich los. Wirthin . Um Gottes willen, haltet ihn ab! Anton . Laßt mich los ins Teufels Namen! Ich haue ihn zusammen, den Hund – Der alte Bauer . Gemach – Herr Förster, bedenken Sie, Ihr alter Vater! Anton . Und Riekchen – und mein Versprechen. Alter, ich will ruhig sein. Aber schafft den Kerl fort. Wein, Frau Wirthin! (die Bauern bereden Matthes, fortzugehen. Wirthin . Lieber Herr! Sie sind feuerroth – so schnell in die Hizze – Anton . Wein, sage ich –! Wirthin . Aber, lieber Herr Förster – Anton . (ergreift eine Bouteille, und stürzt ein Paar Gläser hinunter.) Macht nicht so viel Wesens. Wirthin . Nun, auf Ihre Gefahr! Der alte Bauer . Und iezt, Herr Matthes – zieh Er die Pfeife ein, und geh Er. Matthes . So bald mirs beliebt. Wirthin . (ängstlich zwischen beiden Partheien.) Ach Gott, Ihr Leute! Anton . Elender Spizbube. Matthes . (klopft die Pfeife aus.) Jezt ist mirs gelegen. Nun wärme Er sich, Monsieur. (im Gehen.) Anton . Schurke! Ich habe Dirs lange gedacht. Aber wart, ich treffe Dich schon noch. Matthes . (hebt den Stock und will umkehren. Aber die Bauern nehmen ihn unter Pantomimen der gütlichen Zuredung, doch ohne lächerliches Getümmel, mit sich fort.)   Siebenter Auftritt. Anton . Wirthin . Anton . (ihm nach.) Schlechter Kerl! – Noch ein Glas! Wirthin . Lieber Herr Förster, in der Hizze, auf den Aerger – es geht ia warhaftig nicht. Anton . Gebt es doch! Wer weiß. Ihr gebt mir wohl so bald keines wieder – Wirthin . Was sind das für Reden? Anton . Nun gebt her. (die Wirthin giebt ihm.) (nachdem er hastig hinein getrunken.) Für wen tragt Ihr Schwarz? Wirthin . Für meinen Anton. Vorige Woche ist er gestorben. Anton . Du lieber Gott! Wirthin . Ich habe nur den einzigen Sohn gehabt, und er hat fort gemußt – Der Junge fehlt mir in allen Winkeln. Was hilfts? – man weint ihm nach – aber – Hin ist hin. Anton . (mit gesenktem Blick und tiefem Athen.) Hin ist hin! (abwärts.) Ob sie mir auch wohl eine Thräne nachweint – Wirthin . Was meinen Sie? Anton . Hin ist hin! – Gebt mir Papier und Feder. Wirthin . Hier, da ist – – Anton . (sezt sich zum Schreiben, denkt, schreibt ein Wort, streicht es aus und springt auf.) Mutter – ich wollte, ich läge so tief, wie Euer Anton. Wirthin . Gott soll Sie bewahren! – So ein lieber iunger Herr – haben so liebe Eltern; warum wollten Sie sterben? Anton . Nun, was giebts denn Neues bei Euch? – Die Werber sind ia von Euch gezogen – wohin denn? Wirthin . Eine kleine halbe Stunde von hier nach Graurode. Anton . Nun, in Gottes Namen! – Noch ein Glas. Wirthin . Nichts – und wenn Sie es mit Golde bezahlen wollten. Anton . Nun, so lebt wohl. Adieu, Alte – Gott tröste Euch! – Noch eins – schickt doch in meinen Ort nach Weißenbach – da ist die Fridrike wieder in unserm Hause. Wirthin . Ich weiß, das liebe Mädchen ist diesen Morgen hier durchgekommen – es ist ein herzlich Ding. Anton . (mit Feuer) Nicht wahr? Nicht wahr, Riekchen ist gut? Nicht wahr, ihrer giebts wenige? (mit unterdrückten Thränen.) So ehrlich – so hübsch – so brav – Wirthin . Das ist gewiß. Anton . (gefaßter) Nun, so thut mir den Gefallen, geht hin – ich muß über Feld – und das Schreiben will mir nicht von der Hand – ich – ich kanns Euch sagen, ich habe das Mädchen gern. Sagt ihr, ich wollte ihr bald schreiben – bald! – Ich – (er wirft sich mit Ausbruch von Thränen auf den Stuhl.) Ach, lieber Gott! Wirthin . Herr Förster, wie wird Ihnen? Anton . (reißt Halsbinde und Hemdkragen auf.) Es ist mir so heiß – so ängstlich, so bange. Ich hätte doch den Wein nicht trinken sollen. Wirthin . Liebes Kind! Sie sind doch da nicht auf üblem Wege? Anton . Ich wollte bald schreiben – und ich wollte sie in alle Ewigkeit nicht vergessen – Sie mögte nur nicht weinen, es gienge mir gut, recht gut. Wirthin . Aber Sie kommen ia bald wieder; warum soll ich – Anton . Nicht so bald – damit sie ruhig ist – thut mir die Liebe! denkt, es wäre Euer Anton, der Euch so bäte – – Wirthin . Ia lieber Gott, dann wollte ich – Ia ich will es bestellen! Und an Ihre Eltern? Anton . (mit heftiger Bewegung.) Einen Gruß – ich wäre hier durchgereist – ich ließe ihnen noch einmal Adieu sagen. Hört Ihr? – Adieu an Vater und Mutter! Wirthin . Mein Gott! Was ist Ihnen? – Sie bluten ia aus der Nase, Herr Förster! (sie ergreift seine Hand.) Anton . (wendet sich etwas ab und hält das Tuch vor.) Sie sollten Riekchen gut halten – ich wollt es ihnen ewig – ewig danken – und ich wollte mich gut halten und brav werden – (fast mit Schluchzen.) und wenn ich zu sterben käme – so sollten sie Riekchen zur Erbin einsezzen, und – Mutter, Gott tröst Euch! (reißt sich gewaltsam los und fort.)   Achter Auftritt. Wirthin . Hernach Bärbel . Wirthin . Je, wie ist denn das? Gelaufen – glüht wie ein Ofen – den Wein hineingestürzt – nach den Werbern gefragt – ich soll den Eltern Adieu sagen – und so fort! der Teufel wird ihn doch nicht geblendet haben, daß er unter die Reuter gehen will – was? He, Bärbel – Bärbel! – Zwar, das geht nicht; er ist ia Förster! – Indeß es ist ein iunges Blut, und wenn denen die Ratte durch den Kopf läuft – Freilich dürfen sie ihn auch nicht annehmen – aber sei Du Herr Förster, oder nicht; was das Volk einmal in den Klauen hat, giebt es nicht wieder heraus. Bärbel, he! Bärbel . (träge.) Nun, was ist? Wirthin . Geschwind, geschwind! Ich muß nach Weissenberg. Stell den Regenschirm parat – bring mir meine schwarze Sammtkappe, meinen Sontagsmantel und die Klapphandschuh. Rühre Dich. (Bärbel ab.) Das arme Weib! (sie räumt Sachen vorn von der Bühne in den Hintergrund.) und der gute Alte, sie grämten sich zu Tode. Gleich will ich hin – alles zugeschlossen – bei dem Wetter wird so niemand sonderlich kommen. Das Mädchen mag einmal haushalten. Bärbel . (bringt die Sachen.) Wirthin . Nun Du! Mach Deine Sachen gescheut, hörst Du? Jedermann richtig Maaß – Niemand aufgehalten! (sezt die Kappe auf.) Bärbel . Es ist über eine Stunde Weges, es ist Winterszeit – schlechtes Wetter, Ihr solltet doch dableiben. – Wirthin . Was Winterszeit, was schlechtes Wetter! die Leute haben nur den einzigen Sohn. Ach, könnt ich meinen Anton wieder holen, ans Ende der Welt wollte ich laufen. Bärbel . Es hat ia Zeit bis morgen. Wirthin . Wie Du es verstehst! Man soll nicht warten bis morgen, wenn man einem Menschen eine gute Stunde machen kann. Bärbel . Aber was geht es denn Sie an? Wirthin . Höre, ich habe Dirs lange angemerkt, wenn Du nur einem Menschen ein Stück Brod abschneiden sollst, so läst Du das Maul hängen; keinem Menschen gönnst Du was Gutes: aber den heimlichen Neidhart sollst Du abschaffen, oder ich will nicht gesund von der Stelle gehen! daß Du's weißt! (ab.)   Neunter Auftritt. Bärbel . (räumt alles weg. Indem kömmt, der Seite gegenüber, wo die Wirthin abgieng,) der Gerichtsschreiber . Gerichtsschr. . Sind sie fort? Bärbel . Ia. Er kann gehen. Gerichtsschr. . Hats denn nichts gegeben? Bärbel . Was? Gerichtsschr. . So – von Stulbeinen – und blutigen Köpfen! Bärbel . Bewahre uns Gott! Gerichtsschr. . Nicht einmal? – O so habe ich die liebe Zeit davon. Wo ist mein Glas? – ich hatte noch nicht ausgetrunken, als der Rumor angieng. Bärbel . Da stehts. Gerichtsschr. . (im Trinken.) Das ist ein Kreuz! Nichts wird Inquisitionsmäßig, und wenn die Karten noch so gut fallen. Da hätte ich das Leben verwettet, es würde wenigstens ein halber Schädel in Untersuchung kommen – Nichts! Seit neun Jahren keinen erheblichen galgenmäßigen Malefikanten und seit achtzehn Jahren keine Tortur – es ist zum Gotterbarmen! das – (ab.)   Zehnter Auftritt. (In des Oberförsters Hause.) Oberförster . Rudolph . Oberförster . Rudolph – seid Ihr auf dem Amte gewesen – ich weiß nicht, essen wir allein, oder – – Rudolph . Ia. Sie kommen, nur die Frau Amtmännin nicht. Obfstr . Auch gut. Rudolph . Sie sagte, unsere Hunde machten zu viel Lärm, sie kriegte Kopfweh davon. Obfstr . Der Herr Pastor, wird wohl noch da sein? Rudolph . Nein. Vor einer halben Stunde ist er weggegangen. Obfstr . So? Rudolph . War der iunge Herr Förster nicht bei Ihnen? Obfstr . Nein. – Ist er auch in der Zeit noch nicht nach Hause gekommen? Rudolph . Ich habe ihn mit keinem Auge gesehen. Obfstr . Schickt einmal nach der fahlen Eiche. Vielleicht ist er da. Er soll hereinkommen. Rudolph . Ganz wohl. (ab.) Obfstr . Wundern soll mich's doch, woran ich mit der Frau sein werde? Ob – –   Eilfter Auftritt. Oberförster . Oberförsterin . Oberförsterin . (sezt sich oft in Positur, etwas zu sagen, ist verlegen um den Anfang, nimmt Toback und geht herum.) Oberförster . (sieht sie nicht an und geht an der andern Seite herum.) Obfstn . Nun? Obfstr . (kurz.) Was giebts? Obfstn . Ei fahr mich nur nicht so an! Obfstr . Sprich vernünftig, oder schweig. Obfstn . Meintwegen – ich schweige. (sie geht ein Paar Schritte, er auch wieder.) Obfstn . Alter – Obfstr . Hm? Obfstn . Wenn soll denn die Hochzeit sein? Obfstr . Welche Hochzeit? Obfstn . Mit Anton und Friedriken – Obfstr (nach kurzer Pause mit Rührung.) . Bist doch ein gutes Weib! habe Dank. Obfstn . Nun nun – mach nur nicht so viel Aufhebens davon! – Ich denke, in der andern Woche würde sichs am besten schicken – Obfstr . Ich habe es zwar noch verschieben wollen– aber wenn es Dir Freude macht: lieber in dieser Woche, als in der künftigen. – Sei nun auch wieder freundlich. Obfstn . (mit allem Gardinenpredigtpathos.) Eile mit Weile! So einen Morgen habe ich lange nicht gehabt, und solche Sachen hast Du mir in Deinem Leben noch nicht gesagt. Obfstr . Aber herzensgutes Weib, so ärgerlich hast Du auch in Deinem Leben noch nicht gesprochen. Obfstn . Ich heulte in der Kirche, und wäre boshaft zu Hause! Obfstr . Nun, nun – was ist denn – Obfstn . (mit Gefühl von wahrer Kränkung.) Nein, nein – aus allem Auffahren mache ich mir Nichts; aber so was? – dann läuft es über. Wir leben dreissig Jahre zusammen. Habe ich Dich in der Zeit boshaft betrübt? Man muß seine Worte hübsch bedenken. Obfstr . Es thut mir leid – Obfstn . Und dann – von Scheidung? So gottlos hast Du noch nie gesprochen. Unter christlichen Eheleuten ist so was nicht erhört. Obfstr . Ich wollte, es wäre nicht geschehen; aber über das Kapittel – – – ich sehe denn schon, wie ich es bei Gelegenheit wieder gut mache. Nun – ist denn nun wieder Friede? Obfstn . Hm! Obfstr . Deine Hand! Obfstn . (giebt sie, aber sieht ihn nur halb an.) Obfstr . Du mußt mich auch dazu ansehen. So – und einen Kuß – denk, ich wäre noch Dein Bräutigam. (sie umarmen sich.) Es hat Dich denn doch nicht gereuet, daß Du es mit mir gewagt hast? Obfstn . Nun – Obfstr . Jezt wollen wir darauf denken, den Leuten eine kleine stille Hochzeit zu geben. Obfstn . (mit aller ihrer lebhaften Geschwäzzigkeit.) Was? Kleine stille Hochzeit? Obfstr . Ich denke, es ist Dir so am liebsten. Obfstn . Daß ich für einen Geizteufel ausgeschrien würde! daß es hiesse: meine Kinder wären mir nicht einmal so viel werth! Obfstr . Nun, wie Du willst. Obfstn . Nein. So einen Tag erlebt man nur einmal, und den muß man in Ehren und Freuden zubringen. Alles soll dazu gebeten werden. Das habe ich mir so ausgedacht: – – Obfstr . Laß hören. Obfstn . Hier oben sollen des Morgens die Gäste zusammen kommen. Mittags ist die Trauung, auf die Stunde, wie unsre. Nachher essen wir hier. Den Jägern geben wir ein Fäßchen Wein, Du weißt, von dem rechter Hand im Keller. Er ist vier Jahr alt, und es ist ein guter Wein – damit sollen sie unten sein. Abends hier oben getanzt – und dazu sollst Du die besten Musikanten aus der Stadt kommen lassen, die besten! das sage ich Dir. Obfstr . Das will ich. Obfstn . Unten kann sich das Volk lustig machen. Singen, tanzen, essen, was sie wollen, wie sie wollen. Um zehn Uhr geht Alles hinunter – bunt durch einander. Riekchen darf keinem den Ehrentanz abschlagen – Keinem Bauer, keinem. Wenn ich tanze; so gebe ich – Obfstr . (lächelt.) Das geht ia, wie am Schnürchen! Obfstn . Ia. So soll Alles gehalten werden. Obfstr . Ich glaube, Du giebst die Heirath zu, damit Du nur Hochzeitsanstalten machen darfst? Obfstn . Wenn ich bei so was nicht wäre – Du vergißt Alles. Du denkst an Nichts. Und die Kuchen, die sollen hier im Hause gebacken werden, nicht etwa – (sie hört die Thür öffnen.) Ach iemine! Unser Herr Amtmann und Mamsell Kordelchen.   Zwölfter Auftritt. Amtmann . Kordelchen . Vorige Amtmann . Es ward mir wahrlich sehr sauer, mich loszureissen – aber auf Ihr Begehren habe ich denn doch nicht ermangeln wollen – Obfstr . Ia meine Frau, die – – meine Frau hat (zu ihr.) – »Sehr sauer?« Sapperment! Kordelchen . Kommen Sie, Mama! wir gehen vorher noch auf Ihr Zimmer. Obfstn . Wie Mamsell befehlen. (Obfstn und Kordelchen ab.)   Dreizehnter Auftritt. Oberförster . Amtmann . Amtmann . Ich muß wegen der Gränzstreitigkeiten mit Oberhausen noch arbeiten, ehe ich dort hingehe – die Prozeßsachen hier im Ort wollen denn doch auch gefördert sein – wie gesagt – ich muste mich mit Mühe losreissen. Oberförster . Prozeßsachen? O Herr Amtmann, kehren Sie zurück, achten Sie nicht auf die Einladung – in unserm Ort sind viel Bettelleute durch langsame Justiz. Wollten Sie ihnen heute helfen? O, so wahr Gott ist! dann thun Sie was Bessers, als Braten essen und Wein trinken – kehren Sie zurück! Amtmann . Nicht doch – es kann Anstand haben. Es hat damit nicht so viel Eile. Obfstr . Nicht Eile? – Mordtausend Sapperment! Amtmann . Was ist Ihnen? Obfstr . Herr! dem Ludwig Grothal kostet der Prozeß – der Bettel, über den er herkömmt, ist 5 Thaler werth – kostet ihm hundert. Das Haus ist für die Gerichtskosten verkauft – das Vieh wurde herausgetrieben, indeß er auf dem Felde war. – Es war nur Vieh, aber wie ich es so in der Irre brüllen hörte, schnitt mirs durchs Herz. Die Kinder sind von der Gemeinde barmherzig aufgenommen. Er ist nach Amerika. Um Papiere, um elende Rechtsverdrehungen ist ein fleißiger Hausvater aus dem Vaterlande geiagt worden! Herr – wenn zu Ihren Tressen da – auch nur etliche Groschen von ienem Vermögen verwandt sind, so drücken sie schwer. Amtmann . Lieber, heftiger Mann – was kann ich dabei thun? Der Schlendrian ist alt – ich kann ihn nicht heben – man muß Geduld haben! Obfstr . Wie zum Teufel! soll es ein ehrlicher Mann mit seinem Gewissen machen? Warheit ist nicht Warheit. Wer klagt, wird ausgelacht. Wem der Kopf brennt über einen Schurkenstreich, ist ein Tollkopf. Drinn hauen, soll man nicht. Was denn? Schweigen, lügen, unbarmherzig, feig sein – oder mit stehlen und rauben, drüber und drunter? Amtmann . Mein guter Mann – das war der Welt Lauf von Anbeginn, und wirds auch wohl bleiben bis ans Ende. Obfstr . – Herr – ich glaube, Sie haben Recht. Amtmann . O gewiß! Obfstr . Wenn ich nicht gewiß glaubte, daß ich zu wichtigerer Ursach auf der Welt bin, als mich zu plagen und zu verwesen; daß einmal an einem andern Orte gleich gemacht wird, was hier ungleich bleibt – wenn ich das nicht mit fröhlichem Muthe glaubte: so könnte ich mit einem Schurken nicht drei Minuten allein sein, ohne ihm eine Kugel durchs Herz zu brennen. – Wie befinden sich der Herr Sohn und die Frau Gemahlin? Amtmann . Gott sei Dank! Recht wohl. – Wen treffe ich denn bei Ihnen diesen Mittag – Vermuthlich unsern Herrn Pastor – Obfstr . Ia. Amtmann . Ein grundbraver Mann – er predigt die lautere Moral. Obfstr . Und was er uns predigt, thut er. Amtmann . Wenn er nur nicht die Grille hätte, sich um das Hauswesen der Leute im Ort zu bekümmern. Obfstr . Warum nicht? Der Pastor hat seit zwanzig Jahren mehr für uns gethan, als das Amt in dreißig. Amtmann . Wie so? Obfstr . Bei dem hochlöblichen Amte muß man klagen, wenn man Hülfe haben will, und es hilft nicht: der gute Pastor hilft, ehe man klagt. Amtmann . Das ist viel gesagt. Obfstr . Gar nicht. Es kostet ihm sein Vermögen. Und muß es denn immer Geld sein, was hilft? Ich habe es all mein Tage gesehn, mit Geld ist oft den Leuten am wenigsten gedient. Das Herz auf dem rechten Fleck, Vertrauen – Zusprache, Geduld – ein freundliches Gesicht – Herr! Damit kann man viel Elend geringer machen. Amtmann . Ich habe wirklich in der Stadt um Zulage für den guten Pfarrer gebeten. Obfstr . Das ist brav! Er braucht sie. Sagen Sie ihm das bei Tische, es wird ihm einen guten Tag machen. Nun will ich gehen, und Ihnen mein Riekchen vorstellen. (ab.) Amtmann . Der Kerl ist mir so überlästig an dem Orte – reif wäre er zum Fallen, wenn nur erst – –   Vierzehnter Auftritt. Amtmann . Pastor . Pastor . Herr Amtmann – Amtmann . (äußerst zuvorkommend.) Ah - bon jour, mein lieber Pastor – Pastor . Weil ich Sie doch grade allein finde – Amtmann . Was wäre – Pastor . Ich habe Ihnen etwas zu sagen, womit ich zwar bis nach Tische warten wollte – aber wer weiß – fände der Augenblick sich so – und dann mag ich auch ungern etwas, das mich drückt, lange gegen iemand auf dem Herzen behalten. Amtmann . Ich bin ganz Ohr, mein lieber – Pastor . Eben erhalte ich aus dem Konsistorium den Befehl, mich zu vertheidigen – über zehn Punkte zu vertheidigen, deren Sie mich angeklagt und deshalb auf meine Entfernung gedrungen haben. Amtmann . Wie? – das ist ein Irrthum! Pastor . Das ist Ihre Unterschrift. Amtmann . Lieber Pastor – ich – es ist – Pastor . (sanft.) Habe ich Sie iemals beleidigt? Amtmann . Nein – o nein – ich – die Sorge für – ich dachte – Pastor . Ich kann mich vertheidigen, und werde Ihnen meine Antwort zuschicken. Um mich ganz wehrloß gegen Sie zu machen – da ist ein Billet an mich von Ihrer Gemalin, worin sie mir 100 Rthlr. anbietet, wenn ich, im Namen der Religion, die Heirath des iungen Försters mit Friedriken hindern wollte. – Geben Sie es ihr zurück. Amtmann . Die gute Frau – Mißdeuten Sie das nicht – es ist Bigotterie – Pastor . Was es sei – es ist wieder in Ihren Händen. Amtmann . Sein sie versichert, ich schäzze Sie – und wenn – Pastor . Das Gespräch kann Ihnen nicht angenehm sein – lassen Sie uns abbrechen. Nur – Sie sagen, ich handle offen und ehrlich; vergelten Sie mir das nicht mit Bösem! Ich bin ein armer Mann, mit nothdürftigem Auskommen, gehe iedem gerne aus dem Wege und trachte nach nichts als Ruhe. Lassen Sie mich in Friede leben – sonst versündigen Sie sich.   Funfzehnter Auftritt. Vorige. Oberförsterin . Oberförster und Friedrike . Oberförsterin . Wenn es nun gefällig wäre – angerichtet ist schon. Amtmann . Sogleich. Oberförster mit Fr . Herr Amtmann, das ist unsere Nichte Friedrike. Amtmann . Ein recht artiges Kind. Obfstr . Kommen Sie – am Tisch finden Sie noch unsern Schulz. – Es kann Ihnen nicht unangenehm sein, mit dem ehrlichen Mann ein Stündchen zuzubringen. Amtmann . Ein recht braver Mann, der Schulz! Ei, Sie haben es wohl darauf angelegt, uns ein Festin zu geben. Obfstr . Guten Willen – fröliche Gesichter – bezahlte Gerichte, und im ganzen Hause nichts, das irgend einem Menschen Thränen gekostet hätte. (der Amtmann führt die Oberförsterin, der Pastor Friedriken, der Oberförster geht hinten nach.)   Ende des dritten Aufzugs.   Vierter Aufzug. Ein andres Zimmer bei dem Oberförster. Die Gesellschaft ist noch am Tisch, der Bursche trägt die lezten Teller vom Desert auf. Oben an der Ecke des Tisches sizt der Amtmann, neben ihm der Pastor, dann Friedrike, Oberförster, Kordelchen, Schulz und Oberförsterin, unten an der Ecke, dem Amtmann gegen über, ein Kouvert für Anton. Erster Auftritt. Oberförster . Nun – uns wohl! Niemand übel! Oberförsterin . (zum Burschen, der eben einen Teller mit Aepfeln etwas zu hoch an ihrem Kopfe vorbei aufträgt.) Gemach, guter Freund – gemach! Wie oft soll man Euch das noch sagen? Nun, gafft mich nicht an! Weiter – wie ich gesagt habe – ihr wißt schon. Was ist das? – Warum bringt Ihr denn die Aepfel schon? Die sollten ia hernach erst kommen und dort hingestellt werden. (im Hinausgehen.) Das ist ein Kreuz und ein Elend mit den Leuten! (ab.) Amtmann . Wir verursachen der Frau Oberförsterin gar zu viel Mühe – Pastor . Gewiß nicht. Sie hat ihre Freude daran, pünktlich und für ihre Gäste besorgt zu sein. Obfstr . (lächelnd.) Wenn nur nicht etwa eine Birn anders liegt, als sie sie gelegt hat; denn sonst kriegen wir sie, mit samt den Birnen, vor einer Stunde nicht wieder zu sehen. Schulze . Ein herrliches schönes Obst hat es gegeben vorigen Herbst! Auf dem Amthofe haben sie auch viel Obst gehabt – nicht wahr, Mamsell? Kordelchen . (ohne ihn zu bemerken.) Papa, schicken Sie mir ihre Dose, ich habe meine vergessen. (er nimmt sie dem Amtmann ab, und übergiebt sie K.) Obfstn . (mit den Birnen.) Dummes, einfältiges Zeug! Ia wenn man nicht die Augen überall selbst hat, so – – Obfstr . Nun was giebts? Obfstn . (ihm halblaut ins Ohr.) Da komme ich herunter, so hat der große Kerl die schöne Torte in den Sand geworfen – Obfstr . Sonst nichts? Obfstn . Nun, ich denke doch – Obfstr . So sez Dich und laß es gut sein. Obfstn . Der Herr Amtmann und Mamsell werden doch ia nicht ungehalten – Auf den leeren Plaz hier – hat meine Torte kommen sollen – aber – aber – Obfstr . Die Torte ist verunglückt. Obfstn . Verunglückt? (empfindlich.) Aber, liebes Kind! durch mich nicht; denn fertig war sie. Aber – Obfstr . (zur Gesellschaft) Der Kerl hat sie die Treppe herunter fallen lassen. So – nun ist Dein Gewissen befreiet. Obfstn . Sie könnten etwa denken, daß – – Obfstr . Du nicht die beste Köchin im Lande wärest – Ia, das wäre freilich ein Unglück! Obfstn . Der Herr Amtmann essen auch gar nicht – Amtmann . O ich habe mit großem Appetit gegessen. Kordelchen . Es ist alles recht delizieux. Amtmann . Scharmant, wahrhaftig. Kordelchen . Frau Oberförsterin haben sehr guten Geschmack, eine Tafel zu arrangiren. Obfstn . Ich bitte – Amtmann . So ein herrlicher Tisch und die angenehme Gesellschaft – Obfstn . Mein werther Herr Amtmann – essen Sie doch noch etwas Kuchen – ich bitte! Amtmann . Bin nicht im Stande. Obfstn . Ei, nur Etwas noch – ich bitte recht sehr. Amtmann . Ganz unmöglich, liebe Frau – Obfstn . (steht auf und hebt den Teller nach ihm hin.) Nur die Hälfte – ich bitte. Amtmann . Alle dergleichen ist mir zu schwer. Obfstn . Zu schwer? Erlauben Sie mir, hochgeehrtester Herr Amtmann, der Kuchen ist sehr gut aufgegangen – dafür stehe ich. – Ohne mich zu rühmen, aber gut ist er, besonders gut – und leicht. Sehen Sie, man könnte ihn wegblasen – er schmilzt auf der Zunge. Nun ich bitte – Obfstr . Ei, so nöthige Du und – Obfstn . Nun, ich sage kein Wort mehr. (sezt sich.) Obfstr . Essen Sie Sich doch ihrer Kochkunst zu Ehren ein Fieber. Amtmann . Hahaha. Kordelchen . Hahaha. Schulz . Gutes weisses Mehl haben die Frau Oberförstern, das muß wahr sein! Amtmann . (sieht über die Tafel hin.) Obfstn . Befehlen der Herr Amtmann – – Amtmann . (etwas nieder, die Hand über die Augen.) Ist das Glace, was – Obfstn . Glas? – Glaßscherben? Glas im Essen? Ei um Gottes willen! Einen andern Teller. Amtmann . (langsam.) Nicht doch! Obfstn . Peter! He, Peter! einen andern Teller. (Peter kommt.) Einen andern Teller für den Herrn Amtmann. (Peter giebt ihn.) Kordelchen . (lacht.) Sie mißver – – Obfstr . Tausend Element! da ist nichts zu lachen! Von Glasscherben kann man des Todes sein auf der Stelle. Amtmann . Nein, ich frage, ob das dort vor dem Schulzen Glace ist? Schulz . (hält das Glas gegen das Licht und klopft mit dem Messer daran.) Meines ist ganz. Amtmann . Ob das Gefrornes ist, was dort vor Ihm steht? Schulz . Zu dienen unterthänig, das ist Käse. Amtmann . So – Käse – Schulz . Ist gefällig? (steht auf und will präsentiren.) Amtmann . Nein. Stell Er nur wieder hin. Sezze Er Sich, Schulz, Käse esse ich nicht. Kordelchen . Ich kann ihn gar nicht leiden, ich bitte, schicken Sie ihn fort. Obfstn . Peter, nehmt weg. Obfstr . Nun, munter Riekchen! munter! Du bist ia ganz stumm – Friedr . Nicht doch, lieber Vater – ich bin recht munter. Obfstr . Nun ia, das sieht man. Obfstn . Er wird schon wiederkommen. Friedr . Wo er nur sein mag! Obfstr . Wer? – Anton? Friedr . Ia. Kordelchen . Apropos – darauf wäre ich denn doch auch neugierig. Obfstr . Hm – wo wird er sein – Pastor . Sie wissen es also? Obfstr . Ich weiß es nicht, aber das läßt sich rathen. Kordelchen . Nun? Obfstr . Vormittags ist ihm etwas im Kopfe herumgegangen, darüber lief er fort – und nun – wird er seinen Zorn an einem Stück Wildpret auslassen. Obfstn . Ia ia. Obfstr . Mag austoben. Ich will ihn schon wieder zurecht bringen, wenn er nach Hause kömmt. – Nun, Riekchen – ohne Sorgen. Es war so böse nicht gemeint. Wunderliches Ding! Ich bringe Dir es zu auf seine Gesundheit. Schulz . Ia, das trinke ich mit. Er soll leben und so brav und so alt werden, wie sein guter Vater! Pastor . Das soll er! Amtm . Dieses Prognosticon stelle ich ihm gleichfalls. Obfstr . Das gebe Gott: so erleben wir Freude! Friedr . (steht rasch auf und geht hinaus.) Kordelchen . Was fehlt der Jungfer? Obfstr . Hm – lassen Sie sie nur – sie ist ein braves Mädchen, aber gewaltig weich. Kordelchen . (hämisch.) Gewaltig! Ja so scheint es. Obfstr . Gleich kommen ihr die Thränen in die Augen, wenn – Schulz . Sie mag wohl auch eben keinen Haß auf ihn haben, auf Mr. Anton – – (Pause. Alle bezeichnen ihre Verlegenheit, ieder nach seinem Interesse) – Ich denke, die beiden sehen sich recht gern. Kordelchen . Wenns gefällig wäre – – (steht auf. Nach ihr alle andern.)   Zweiter Auftritt. Vorige. Rudolph . Rudolph . (eilfertig.) Herr Oberförster – Obfstr . Mit Erlaubniß – – (er geht in den Hintergrund, spricht dort leise mit R. Der Amtmann desgleichen, aber vorn, mit dem Pastor.) Kord . Ich werde nun auch wohl bald nach Hause müssen. Meine Mutter ist doch nicht ganz wohl – Oberfstrn . Bedaure von Herzen, daß wir von der Ehre – Kordel . Nun, Mama! – Ich glaubte, Sie würden mir Antwort sagen. Wie ist es denn? Obfstn . Gleich werden wir zum Kaffee gehen, dann – Obfstr . (wiederkommend, halb laut, mit einiger Bedenkl.) Hm – Er wird schon kommen! Rudolph . Herr Oberförster, mir ist nicht gut dabei. Obfstr . Ihr seid nicht klug. Rudolph . So viel ist sicher, wenn es wahr ist, daß er nach Graurode zu ist – so traue ich nicht. Obfstn . Was ist von Anton? Wo ist er? (unterdeß spricht Kordel heftig mit dem Amtmann, Pastor gesellt sich zu Obfstr., Rudolph, Schulz und Obfstn.) Obfstr . Ich habe Rudolphen nach der fahlen Eiche geschickt; ich dachte Anton wäre da – er ist es aber nicht. Pastor . Nun – das hat ia nichts auf sich. Obfstn . Der Junge wird doch nicht etwa ins Unglück – Obfstr . Ist das nicht ein Geschwäz. Rudolph . Der Schäfer von Leuthal meinte, er hätte ihn hastig nach Graurode zu gehen sehen. Obfstr . Nun richtig. Er wird sich verspätet, und dort zu Mittage gegessen haben. – Und iezt eßt Ihr – es ist schon drei Uhr – ich kann die Unordnung nicht leiden. Rudolph .. (im Gehen.) Ich traue nicht, und traue nicht. (ab.)   Dritter Auftritt. Vorige. Ohne Rudolph. Obfstr . Es ist ia eine Schande, einem drei und zwanzigiährigen Kerl so nachzulaufen. – Besorge den Kaffee. Oberfstrn . Ach Gott! Ich bin wahrhaftig recht ängstlich. Obfstr . Nun ia – wie gewöhnlich. Jezt Lied am Ende! Mach Kaffee. Obfstn . (mit einem Seufzer oder bekümmertem Ton.) Trinkst Du auch? Obfstr . (schüttelt den Kopf.) Wir trinken hernach noch ein Glas Wein – wie ists, Herr Schulz? Schulz . Je nun – gut ist er und er schmeckt mir heute. Obfstn . (das Gespräch des Amtmann mit Kordel. unterbrechend, mit tiefem Knix.) Ein Schälchen Kaffee gefällig, Herr Amtmann und Mamsell? Amtmann . Ich bitte darum. Kordelchen . Ich auch – ich trinke ihn stark. Obfstn . Sie befehlen – Herr Pastor? Pastor . (beiahet es.) Obfstn . Befehlen Sie, oben oder unten zu trinken? Obfstr . Wir kommen herunter, laß nur die Zeremonien weg. Obfstn . (mit tiefer Verbeugung.) Wenns der Herr Amtmann nicht ungütig nehmen, so will ich iezt – Obfstr . Hinausgehen. Obfstn . (mitten im Knix auffahrend.) So wollt' ich doch auch, daß – (ab.) . Kordelchen . Herr Pastor begleiten Sie mich. Pastor . Wenn Sie befehlen – Kordelchen . Er wird sich nun wohl nach Hause machen, Schulz? Also Adieu. (ab mit dem Pastor.) Obfstr . Er wird so gut sein, unten zu warten, Herr Schulz; wir sprechen hernach einander noch. Schulz . Ganz wohl, ganz wohl. (ab.)   Vierter Auftritt. Amtmann . Oberförster . Oberförster . Nun, Herr Amtmann, iezt sind wir allein. Sie wollten mir ia nach Tisch etwas anvertrauen – Amtmann . Das wollte ich. Allein dem Anschein nach ist meine gute Meinung überflüßig. – – Die Frau Oberförsterin hat eine gewisse Idee gehabt, und nach Zuredung von meiner Seite hat meine Frau es sich gefallen lassen wollen, daß Ihr Anton meine Tochter heirathet. Obfstr . Wenn Ihnen das Zureden sauer geworden ist; so thut mir es leid, denn aus der Heirath kann nichts werden, weil mein Sohn Friedriken zur Frau nehmen wird. Amtmann . So? Also hat meine Tochter recht gesehen? Die Frau Oberförstern dachte vermuthlich – – Obfstr . Links und ihr Sohn rechts. Amtmann . Hm! Was so ein iunger Mensch will oder nicht, darauf kömmt es nicht allemal an. Obfstr . Aber hierbei denn doch warlich! Wenn er heirathen soll, so muß er beim Bliz, doch dabei sein! Amtmann . Wenn die Väter über die Zahl einig sind, welche den drei Nullen vorgesezt werden soll: so giebt sich das Uebrige von selbst. Ich hätte ihm gewiß in Ansehung seines Dienstes ansehnliche Verbesserung verschafft, und – Obfstr . Wenn Sie meinen Sohn glücklich machen können, so werden Sie es, auch wenn er Ihre Tochter nicht heirathet. Amtmann . Ia, o ia. – Nur – Obfstr . Dem Geschickten steht der Ungeschicktere nach. Das versteht sich. Zu leben hat mein Sohn. Um Reichthum habe ich Gott noch nie gebeten. – Indeß– (er nimmt ein Glas.) Gutes Wohlsein! (trinkt.) Amtmann . (kalt.) Höflichen Dank. Obfstr . Apropos – Bei den Diäten haben sie mir 50 Thaler zu viel geschickt. Ihr Schreiber hat sie zurück bekommen. Amtmann . (mit viel Aufhebens.) Das muß ein Irrthum von dem Menschen gewesen sein, denn ich  – – Obfstr . Freilich ein Irrthum. Das sagte ich gleich – Amtmann . Daß sie nicht denken, als – Obfstr . Ich schickte es fort, ehe ich darüber dachte. Amtmann . Die Gedanken sind oft mancherlei – man lästert mich immer – Sie könnten glauben – als ob ich Sie – als ob ich den Weg der Erkaufung – Obfstr . Bewahre! Etwas kaufen zu wollen, das keinen Preis hat, dazu sind Sie zu vernünftig, und zu sparsam, um 50 Thaler wegzuwerfen. Amtmann . O ich habe so viele Feinde, nicht einen Freund, der es redlich mit mir meinte – Obfstr . Das ist Ihre eigne Schuld. Das macht – – Nun ein Glas! Es ist ein reiner Wein, ein guter Wein, macht frölich und öffnet das Herz. Mir ist so zu Sinne. – Ist Ihnen auch so – so sprechen wir iezt wohl ein Wort mehr, als sonst! Amtmann . Ia – wie so? Obfstr . Sehen Sie – was wir einer von dem andern halten, wissen wir. Aber wes das Herz voll ist – Sie kennen das Sprichwort – nun und ein Glas Wein löset die Zunge. Allein sind wir iezt – sagen Sie, was Sie gegen mich auf dem Herzen haben; ich wills auch so machen. Wer weiß? Kommen wir nicht näher zusammen! Die Geschäfte gehen denn doch besser, wenn wir einig sind, und das sind wir dem Fürsten und den Unterthanen schuldig. Amtmann . Lieber Mann! Einigkeit ist ia mein täglicher Wunsch. Ich biete hiermit die erste Hand zur Freundschaft. Obfstr . Wollen Sie, wie ich will? – Hand in Hand! – alte deutsche Treue! Amtmann . (schlägt ein.) Und reciprokes Verständniß, amicable Behandlung. Obfstr . Ich hoffe ia, wir werden uns noch mit einander verstehen! Amtmann . Es ist Ihnen also Ernst darum? Obfstr . So denke ich. Amtmann . Nun gut. Wenn Sie denn nur einigermaßen von Ihren Grillen abgehen, so sollen Sie einen dankbaren Mann an mir finden. Ich kann mich Ihnen also ohne Rückhalt anvertrauen? Obfstr . Völlig! Amtmann . Mein guter Freund! Luxus – Bedürfnisse aller Art sind gestiegen. Verdienst allein wird nachgrade eine magre Empfehlung zu einer Stelle. Obfstr . Leider! – Amtmann . Bis man zu einem einträglichen Posten gelangt, kostet es Aufwand von aller Art. Will man fest im Sattel bleiben, so kostet es noch mehr. Das muß wieder herausgebracht werden. Mit den Herren in der Stadt ist das eine eigne Sache; wer nicht helfen kann, kann schaden. Die Helfer kosten weniger, sie kriegen von allen Ecken; daher fordern sie weniger. Aber, die schaden können, die Müßiggänger, arme Teufel aus der Antichambre, die, so zu sagen, vom Schadenthun leben, die kosten mir schrecklich viel. Obfstr . So? Amtmann . Schrecklich viel . Denn wenn Seine Durchlaucht in langweiligen Stunden sich nach Neuigkeiten erkundigen, so kann mir ein einziges bedeutendes Lächeln von so einem Menschen viel schaden. Darum muß den Herren alles zu Gebote stehen. Spielparthie – Schlittenfarth, Ball – Logis auf ganze Monathe für Herrn, Bediente, Jäger, Postzug und Hunde. Woher nehmen? Da langt die Besoldung warlich nicht zu. Obfstr . Das ist begreiflich. Amtmann . Die Ordnung der Natur hat den Bauer zum Lasttragen ausersehen. Rechte er darüber mit ihr. Genuß der Welt ist nur für die feinern Geschöpfe. – Ob eine Kreatur, die nichts bedarf, als Essen und Schlaf, etwas mehr oder weniger trägt, ist gleichgültig, wenn nur dadurch denen geholfen wird, die Mangel oder Genuß fühlen. Mit Unrecht versagen Sie also ihrer Familie Glücksgüter, welche Sie ihr erwerben könnten. Sein Sie in Zukunft weniger scrupulös, so soll von iedem Gewinn, wo das Forstwesen und das Amt zusammen treffen, die Hälfte Ihre sein. Das ist hiemit so gut, wie akkordirt. Dagegen bekomme ich, erforderlichen Falls, Ihr Zeugniß, wie ich es iedesmal vorschreibe. Obfstr . Daß Dich alle Wetter! Den Teufel auf Ihren Kopf sollen Sie bekommen! Was unterstehen Sie Sich? Mir das zu sagen – in meinem Hause? Mir? Amtmann . Nun, Herr Oberförster! Obfstr . Tausend Sapperment! In Ihrer Amtsstube, wo die heilige Gerechtigkeit blinde Kuh spielt, mögen Sie Ihren Bauern so Rechts, Links machen: aber wenn Sie einen alten treuen Diener des Fürsten zum Schurken machen wollen; so soll Ihnen – Herr! Wenn Gastrecht nicht wäre: so lägen Sie iezt Hals über Kopf auf der Treppe. Amtmann . Ich habe gesagt, was ich wolle; so waren wir ohne Zeugen, und solche Grobheit kann ich vergelten. Obfstr . Herr, ich halte mich nicht an Seine Papiere, sondern an Seine Person, habe noch feste Knochen, bekümmre mich nicht um das bedeutende Lächeln bei Seiner Durchlaucht, sondern gehe grade zum Fürsten, und sage: Ich habe Ihre Durchlaucht schlechten Amtmann geprügelt, weil er es verdiente. Rudolph! – he Rudolph! Rudolph . Herr Oberförster! Obfstr . Der Schulz soll herauf kommen. Amtmann . Mir so zu begegnen! Aber – (will gehen.) Obfstr . Halt! – Wir haben von Dienstsachen zu reden. Sie wollen für tausend Thaler Holz aus dem Gemeindewald hauen lassen? Amtmann . Ia. Obfstr . Das kann nicht sein, und soll nicht sein. Amtmann . Die Gemeinde hat Schulden, es muß sein.   Fünfter Auftritt. Vorige. Schulz . Obfstr . Schulden? Amtmann . Ia. Und ansehnliche Schulden! Obfstr . Wie sind die Schulden gemacht? Wer hat sie gemacht? Das ist ein Artikel, wobei uns die Haare zu Berge stehen. Amtmann . Herr! Wem soll das gelten? Obfstr . Den es trift! Amtmann . Ich werde mich beschweren – und man wird Ihr unnüzzes Geschrei verbieten. Obfstr . Wer mir verbietet, die Wahrheit zu sagen, hat Theil am Raube! Schulz . Sie sprechen von dem Holz? Nehmen mir der Herr Amtmann nicht zur Ungnade – es geht warhaftig nicht an. Amtmann . Wird Er gefragt? Schulz . Leider Gottes! Nein. Aber es geht gegen mein Gewissen, und diesmal, Herr Amtmann, schweige ich nicht, und wenn der Kopf drauf stände! Schulden bezahlen: Verantworte es vor Gott, wer sie gemacht hat! Aber, daß wir die nämliche Schuld zum zweiten male bezahlen sollen, das ist denn doch wahrhaftig zu toll! Obfstr . Und kurz und gut, ich leide es nicht. Der Wald ist ia so ausgehauen, daß es eine Schande ist. Die nach uns kommen, brauchen auch Holz. Schulz . Wenn der Herr Oberförster nicht die schöne Baumpflanzung gemacht hätte; unsre Kindeskinder müßten uns ia verfluchen! Amtmann . Hahaha! Mit den sechs Bäumen – mit der miserablen Baumpflanzung! Obfstr . Sechs Bäume? Miserable Baumpflanzung? das ärgert mich nicht, darüber lache ich. Sie sind nun zwanzig Jahre hier Amtmann, eben so lange bin ich Oberförster – Sie sagen: ich habe nichts gethan, als Zweige in die Erde gesteckt – hingegen haben Sie viel Prozesse und große mächtige Dinge vorgenommen – Sie haben ganze Berge geschrieben und schreiben lassen. Indeß sind meine Zweige Stämme geworden. Nun sehn Sie – wenn Sie auch gleich Ihre ganze Amtsregistatur an den Ort fahren lassen, wo mein Wald steht; so liefre ich Ihnen – darauf haben Sie mein Wort – für iede Rechtsverdrehung, für iedes umgestoßne Testament, iede geplünderte Stiftung, oder für iedes bezahlte Urtheil, – liefre ich Ihnen zehn gute, grade, gesunde Stämme. Nun wissen Sie wohl selbst, daß ich dazu vielmal zehn Stämme brauchte: also ist es keine miserable Baumpflanzung!! Amtmann . Ich sehe wohl, es scheint eine abgeredete Karte, mich hierher zu bitten, um mir die schändlichsten Grobheiten zu sagen. Obfstr . Schlechte Zumuthung verdient Wahrheit ohne Mantel. Amtmann . Ganz gut. Aber den Tag werd ich Ihm gedenken. (ab.) Obfstr . Nur wie bisher.   Sechster Auftritt. Vorige ohne Amtmann. Schulz . Ei, lieber Herr Oberförster, denken Sie an Ihr Alter und Ihre Gesundheit! Sie haben Sich da ereifert – Obfstr . Anfangs wohl – Zulezt habe ich ihm die Wahrheit gesagt, und darauf ist es mir recht wohl. Aber wenn ich daran denke – mein Anton die Hexe heirathen –? Wo das Weib nur den Kopf gehabt haben mag! Aber mit dem Gemeindewald soll es ihm nicht durchgehen, und bezahlte er die Leute so blind, daß sie den Wald nicht sähen. Heute Abend noch mache ich meinen Bericht, und wenn er mir den ad Acta legt – sieht Er, Schulz, so wahr ich Gottfried Warbergen heiße: so sollen seine Knochen auch ad Acta gelegt werden!   Siebenter Auftritt. Vorige. Pastor . Obfstr . Nun? Wer hatte denn Recht? Sagte ich es nicht meiner Frau gleich, es thäte nicht gut mit dem Amtmann und mir. Pastor . Sie haben also wohl auch eine unangenehme Unterredung mit ihm gehabt? Obfstr . Je nun – angenehm mag sie ihm nicht gewesen sein – Wenn ich still bin, wie der dumme Jürge, so nennt er mich cher ami ; sage ich Wahrheit, so bin ich ein Jagdbauer. Daß er mich iezt zu Hause so nennt, dafür stehe ich. – Was hat denn unten meine Alte mit dem Erbfräulein angefangen? Pastor . Mamsell Zeck mogte längst das Verständniß der iungen Leute bemerkt haben, ohne deswegen auf eine Heirath zu fallen. Die Nachricht davon wirkte übel auf sie. Die gute Frau Oberförsterin, die nun Niemanden etwas Unangenehmes sagen kann, war dabei sehr in Verlegenheit, und wollte immer überall gut machen. Obfstr . Hm, als wenn ich sie sähe. – Und Friedrike? – Pastor . Ist auf ihrem Zimmer. Den Amtmann habe ich zwar nicht gesprochen, er ließ seine Tochter unten abrufen; aber aus der Art, wie er sie über den Hof mit sich fortriß, vermuthete ich, was hier vorgegangen ist. Schulz . – Nehmen Sie mir es nicht für ungut – ich meine, nun müßte es doch wegen des Herrn Amtmanns mit uns bald ein andres Ansehn gewinnen. Pastor . Wie so? Schulz . Ei – es müßte besser mit uns werden. Die Herren in der Stadt – sagt mein Sohn – der Gestudierte! – schreiben frisch darauf los für die Landwirtschaft. Pastor . Neue, gute Grundsäzze gewinnen nicht so schnell die Oberhand. Das Vorurtheil drückt den Keim des Guten wieder unter den Boden. Indeß hat er selbst mir gesagt, das Gutachten dieser Herren habe seine Aecker um die Hälfte verbessert. Schulz . Ia, das ist wahr. Obfstr . Wahr! – Gott segne unsern guten Fürsten! – wahr. Aber Herr Pastor – so ein Thier mit langen Klauen, wie den Amtmann, sollte man einsperren. Der Fürst und wir wären wirklich um ein Großes gebessert! Und – die Summe zu gewinnen – bedarf es keiner Preisfrage –! Ein zerrissenes Patent und eine feste Thür. Die Wache geben die Unterthanen gratis.   Achter Auftritt. Oberförsterin . Vorige. Obfstn . Nun – so wollte ich auch, daß die Hochzeit schon vorbei wäre! Unten – habe ich meine liebe Noth mit Mamsel Kordeln gehabt. Kaum ist das vorbei, so komme ich oben hinauf zu Riekchen – die steht am Fenster, und hat sich ein Paar Augen geweint, feuerroth! Warum? »Ich weiß nicht.« Fehlt Dir was, hat Dir iemand etwas zu Leide gethan? –»Nein, aber ich weiß mich nicht zu lassen vor Angst.« Und nun wird in der andern Woche die Hochzeit sein, darauf muß ich noch dieß besorgen und das besorgen – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, ich bin ganz consternirt. Obfstr . Laß gut sein. Wenn Deine Hochzeitskuchen gelobt werden, so hast Du alles Leid vergessen. Jezt geh und hole Friedriken. Obfstn . Ia ia. (ab.)   Neunter Auftritt. Vorige, ohne Obfstn. Obfstr . Nun ist mir erst wohl, da wir so unter uns sind. Nun wollen wir bei dem Rest da noch ein halbes Stündchen verplaudern. Pastor . Wenn die Zeit – (sieht nach der Uhr.) Obfstr . Lieber Pastor – lassen Sie mir meinen Willen! Freude läßt sich nicht rufen. Wenn sie da ist – wer wird sie fortschicken!   Zehnter Auftritt. Vorige. Friedrike . Oberförster . Komm her – bleib bei uns. Du fängst gar nicht gut an in meinem Hause – und doch sollst Du länger drinn bleiben, als heute. Friedrike . Sie haben Recht, ich schäme mich meines Betragens. Eine drückende Angst quält mich. Ich hätte sie verbergen mögen – aber das wäre Ihnen vielleicht noch auffallender gewesen. Obfstr . Ist denn was vorgefallen –? Fr . Ich weiß von Nichts. Aber meine Angst war unbeschreiblich – In meinem Leben habe ich so was nicht gefühlt. Jezt bin ich ruhiger. Obfstr . Das freuet mich; denn ich mögte von Dingen mit Dir sprechen, die mir angenehm sind. Nun sag mir – hast Du was dagegen, wenn Du in der andern Woche Frau Förstern heissest? Friedr . (schnell.) Mein Vater, liebe Mutter – ich – die Worte – ich kann nicht danken, aber hier, hier – (sie zeigt auf das Herz) Gott lasse Sie alt werden und seegne Sie und gebe Ihnen Freude an Ihren Kindern! (sie umarmt erst den Obfstr. dann die Obfstn.) Obfstr . Ia es ist wahr – das ist das beste Weib für meinen Anton! – Gott erhalte sie! – das beste Weib. Pastor . Das ist sie. Schulz . Ia, warhaftig. Pastor . Kind – sehen Sie in diesen lieben alten Leuten die Belohnung der Tugend. Gute Kinder und ein fröhliches Alter. – Oberfstr . Leute – Herr Pastor – Alte – lieber Schulz; ich bin so froh, so dankbar gegen Gott – so – ach wenn doch iezt recht vielen Leuten so zu Muthe wäre, wie mir! Wenn er doch nun hier wäre, der Junge! ich möchte ihm um den Hals fallen und mich bedanken, daß er das Weib will. Pastor . Sie haben Recht. Obfstr . Ia es ist mir oft heiß vor der Stirn geworden, wenn ich an die Zeit dachte, wo der Junge heirathen würde. Widersprochen hätte ich keiner Heirath, um die es ihm Ernst gewesen wäre. Wenn er mir nun aber so eine Schwiegertochter gegeben hätte, die sich um nichts bekümmert, auf unsern lezten Athem gelauert hätte – aus dem Hause wäre ich gezogen auf meine alten Tage. Obfstn . Ia wohl. Ach Gott, das wäre schrecklich gewesen! Obfstr . Dazu – das Alter hat Schwachheiten, man wird vergeßlich, eigensinnig, grämlich und – wie es denn zu gehen pflegt, wenn nach sechzig Jahren unsre Hütte verwittert ist. – So was muß mit Liebe getragen werden. Erkaufen läßt sich die Pflege nicht, auch nicht vergelten; wem sie aber Gott giebt, den macht er iung im hohen Alter. Das wirst Du uns sein, Tochter! dafür hast Du unsere Liebe, unsern Segen, und ein kleines Vermögen, worauf kein Fluch und keine Thräne ruht. – Leute! das machte mir immer ein gutes Bette, ich mogte schlafen, wo ich wollte – Die Braut soll leben! Alle . Soll leben! Friedr . Ach Gott – wie glücklich machst Du mich! Pastor . Und der Bräutigam – er ist brav. Alle . Soll auch leben! Obfstr . Noch Eins – weil wir denn doch einmal darauf zu sprechen gekommen sind: Anton ist ein wilder Bursche. Ihr Weiber seid denn auch obenhinaus und flüchtig; so geschiehts nun gar leicht, daß Eheleute durch Ungeduld einander überdrüßig werden. Tochter – ich bitte Dich – trag geduldig! Du kaufst Dir gute Tage damit. Sieh – als ich mein Weib nahm – war ich auch ein toller Kerl; aber das muß ich der Alten nachsagen, sie hat viel Geduld gehabt – doch ich habe es erkannt. Obfstn . (bedeckt mit dem Tuch die Augen und reicht ihm so die Hand.) Obfstr . Gott hat uns mit mancher frohen Stunde gesegnet; wir rechneten das Uebel gegen das Gute auf, waren arbeitsam, theilten mit, waren zufrieden, nicht begehrlich, lebten still und gut in unsrer Hütte fort: so kam denn ein Jahr nach dem andern herbei. Nun sind wir schon dreißig Jahre zusammen gegangen; aber wenn Gott die Alte da mir heute von der Seite nehmen wollte; so träfe es mich so hart, als wenn er sie mir am Brauttage genommen hätte. Obfstn . (laut weinend.) Nun nun – laß doch – sprich doch nicht von so was. Obfstr . So wollte ich, daß es um Euch Kinder auch stände! Wenn wir Alten denn einmal fort sollen – so will ich meine Augen so ruhig schliessen, als heute, wenn ich schlafen gehe. Schulz . Nun – davon sind wir, wills Gott! noch weit! Pastor . So denke ich auch. Aber warum deswegen nicht daran denken? Warlich, man muß recht gut gelebt haben, und es muß eine edle Freude sein, die der Gedanke nicht unterbricht. Deswegen hat ia das Leben nicht minder Werth? Obfstr . Gewiß nicht! Pastor . Es verdrießt mich allemal in der Seele, wenn man sich so viel Mühe giebt, das Leben und die Welt so hart und schwarz zu malen. Das ist unwahr und schädlich zugleich. Obfstr . Ia wohl. Pastor . Das Leben des Menschen enthält viel Glückseeligkeit. Man sollte uns nur früh lehren, sie nicht glänzend, auch nicht ununterbrochen zu denken. Im Zirkel einer guten Haushaltung ist tausendfache Freude, und gut getragne Widerwärtigkeit ist auch Glück. Hausvaterwürde ist die erste und edelste, die ich kenne. Ein Menschenfreund, ein guter Bürger, ein liebevoller Gatte und Vater, in der Mitte seiner Hausgenossen – wie alle auf ihn sehen – wie alle von ihm empfangen, und er, im Gedeien des Guten, wieder von allen empfängt – O das ist ein Bild, welches ich mit frommer Rürung, mit Entzücken ehre! Obfstr . Und in einer Landhaushaltung, meine ich, könnte das am besten so sein. Eine Landhaushaltung, hat besonders viel fröhliche Tage! Aussaat, Erndtefest, Weinlese. – – Wenn man so ein Glas selbst gezognen Wein an einem frölichen Tage trinkt – o, das geht über Alles! Schulz . Nun, Herr Oberförster, zwanzig Jahr wie heute! Alle . Zwanzig Jahr, wie heute! Obfstr . Danke – danke. Nun, Mädchen, nun sing mir einmal das Weinlied, das Du mir neulich schicktest. – Wie hieß es doch – –? Hm hm – Am Rhein – – hm! Fr . Am Rhein, am Rhein da wachsen unsre Reben. Obfstr . Höre – sing uns einen Vers vor – wir singen ihn nach, und so – – – wenn Sie es nämlich erlauben, Herr Pastor? Pastor . (gutmüthig.) Ei ei – seit wann dürfen die Menschen in meiner Gegenwart nicht froh sein? Weil mein Amt mich oft zum Zeugen der ernsten, betrübten Begebenheiten meiner Freunde macht, muß ich deswegen von ihren muntern fröhlichen Stunden ausgeschlossen sein? Verbietet mir auch die Sitte, an ihrer Freude laut Theil zu nehmen, so lehrt mich doch mein Gefühl, ihre Freude still zu ehren. Obfstr . Nun – also – fang an. Und Du, Alte! Du mußt mit singen. Obfstn . Wer? Ich? Ei ich schreie ia wie ein Rabe! Obfstr . Du sollst mitsingen, er auch, Herr Schulz. Nun – still! – Fang an. Es ist doch wohl nicht zu schwer? Fr . Eine simple Melodie. Obfstr . Nun so fang an? Friedrike . (singt.) Am Rhein, am Rhein da wachsen unsre Reben.     Gesegnet sei der Rhein! Schulz . Obfstr . Obfstn . Friedrike . Am Rhein, am Rhein da wachsen unsre Reben.     Gesegnet sei der Rhein! Friedrike . (allein.) Da wachsen sie am Ufer hin, und geben     Uns diesen Labewein. Alle (wiederholen.) Friedrike . (allein.) So trinkt, so trinkt! Und laßt uns allewege     Uns freun und frölich sein. Alle (wiederholen.) Friedrike . Und wüßten wir, wo iemand traurig läge –     Wir gäben ihm den Wein! Rudolph . (tritt hastig ein, redet leise mit dem Obfstr.) Alle (doch sehen Schulz und Friedr. bedenklich auf den Oberförster, der erschrocken dasizt.) Und wüsten wir – ( Oberförster geht hinaus.)                               Wo iemand traurig läge – Schulz . Was ist das? Fr . Was giebts? Pastor . Was soll das? (stehen alle auf.)   Eilfter Auftritt. Vorige. Die Wirthin . Obfstr . (der sie führt.) Nur zu Athem, Frau! Wirthin . Ach – Ihr Anton! (Zugleich:) Fr . Gott – Obfstn . Was ist mit Anton? Wirthin . War bei uns – ich wollt – Ach Gott! Eben bringen sie ihn auf einen Wagen – geschlossen – voll Blut – er hat den Mathes erstochen – Fr . (fällt sinnlos dem Schulzen in die Arme.) Obfstn . Anton – ach großer Gott! – meine Angst – ach Anton! – Das einzige Kind – Gott! erbarme dich unser! (ab.) Pastor . Mann, Mann! Um Gottes willen, wie ist Ihnen? Obfstr . Ich will aufs Amt. Pastor . Ich will hin. Bleiben Sie – Sie sind außer sich – Schulz gebe er auf ihn Achtung. (Zugleich:) Schulz . Gehn Sie nur. Wirthin . Ich bleibe bei der Frau. Obfstr . Ich kann nicht fort – meine Beine – gehn Sie erst – bringen Sie bald Antwort. ( Friedrike fängt an sich zu erholen.) Pastor . Gott sei Ihr Trost! – ich komme gleich wieder. (Zugleich:) Fr . Anton! – ach Anton! Schulz . Großer Gott! Das halte ich nicht aus. Obfstr . O mein Kind, mein Kind, mein einziges Kind! (Wirft sich mit bedecktem Gesicht auf den Tisch.)   Ende des vierten Aufzugs.   Fünfter Aufzug. Zimmer aus dem vorigen Akt – Alles steht und liegt darinn wie zuvor. Der Oberförster ist allein, er geht herum, nimmt einen Stuhl, sezt ihn von einem Orte weg, gleich darauf wieder hin. – Alles bezeichnet stumme Verzweiflung, in der er nicht weiß, was er thut. Hierauf kommt der Schulz . Erster Auftritt. Schulz . Herr Oberförster – Obfstr . (geht herum und bemerkt ihn nicht.) Schulz . Lieber Mann – bei der alten Freundschaft! Obfstr . Gleich – so bald er kömmt – Schulz . Suchen Sie Sich zu fassen. Obfstr . Ist der Pastor wieder da? Schulz . Wir warten auf ihn. – Man muß nicht an aller Hülfe verzweifeln. Obfstr . Nein – o nein! Was macht meine Frau? Schulz . Lieber Gott! – tragen Sie, was Sie können. Wenn Sie alles verloren geben, was soll erst die Frau anfangen und das arme Mädchen? Obfstr . Es ist wahr.   Zweiter Auftritt. Vorige. Pastor . Pastor . (bleibt oben am Eingange traurig stehen.) Obfstr . Da ist er! Ach Gott – Nun? Sie kommen von Anton? Pastor . Ia. Obfstr . Haben Sie ihn gesehen? Pastor . Gesprochen. Obfstr . Gesprochen? Nun, was geben Sie mir für Hoffnung? Pastor . (mit unterdrückten Thränen, indem er ihn umarmt.) Auf die Gnade Gottes! Obfstr . O mein Sohn, mein Anton! – Anton! Anton! Anton, mein einziger Sohn! (er wirft sich auf den Stuhl am Tisch.) Schulz . (er führt den Pastor an die Seite, mit Thränen.) Ist denn gar keine Hoffnung? Gar keine? Pastor . Alle Beweise sind gegen ihn. Schulz . Großer Gott – Pastor . Mir hat das plötzliche schreckliche Unglück so zugesezt, daß ich wenig Trost zu geben weiß, ausser den, er wird ihn nicht lange überleben. Obfstr . Also Du must fort, Anton – (steht auf.) Wäre Hülfe mir gut – mir würde geholfen! Solls nicht sein? nun, Gott will Dich! – Geh voraus. Ich rechte nicht, ich murre nicht, ich frage auch nicht – aber die Thräne, die ich um Dich weine, wird Gott nicht verwerfen. Pastor . Weine, unglücklicher Vater! Wir weinen mit Dir. Obfstr . Ia – die Zeit geht hin. Sagen Sie mir, was ich nun noch für ihn thun kann. Wie ist es zugegangen, daß – – – Erzälen Sie mir alles. Schulz . Sollte Ihnen das nicht zu hart fallen, wenn Sie es hören? Obfstr . Ich hoffe, ich werde es ertragen. Pastor . Anton und Matthes trafen zu Leuthal im Gasthofe zusammen. Sie geriethen heftig an einander. Anton zog; allein die Anwesenden trennten sie glücklich. Matthes ging fort. »Kerl! ich treffe Dich wohl anderswo!« rief Anton in voller Hizze, und verließ bald darauf das Haus. Kurz hierauf findet man Matthes, auf dem Wege nach Graurode, blutend – ohne Zeichen des Lebens. Anton kömmt dazu, erhizzt, verstört – seine Hände und Kleider voll Blut – »Der ist der Mörder« schrieen alle Bauern, »der ists!« Matthes, mit dem Tode ringend, hebt sein brechendes Auge auf Anton und seufzt – »Ia der ists!« – »Ich habe mich mit ihm gestritten, aber ich bin unschuldig«, – sagt Anton – »Du bist der Mörder, ia Du bists« – schrieen alle. Nun führen sie ihn mit sich hieher, und den halbtodten Matthes langsam ihm nach. Obfstr . O Gott! Gott! Pastor . Alle, die im Felde und in der Schenke zugegen gewesen sind, zeugen einstimmig gegen ihn. Nichts spricht für seine Unschuld, als das Gewissen des Angeklagten, das aber der Richter auf Erden nicht hört.   Dritter Auftritt. Vorige. Rudolph . Rudolph . Herr Schulz – Er soll den Augenblick aufs Amt kommen. Schulz . Gleich. (Rudolph ab.) Herr Pastor, verlassen Sie die Leute nicht. Ach Gott! Ich weiß vor Angst und Wehmuth nicht, was ich thue. (ab.) Obfstr . Was sagt mein Sohn? Pastor . Er betheuert laut seine Unschuld – allein – Obfstr . Ich auch – ich auch. Mein Sohn ist kein Bösewicht, kein Mörder. Ia er ist unschuldig. Pastor . Seine Heftigkeit – Obfstr . Ist nicht so arg, wie sein Herz gut ist. Ich sterbe darauf, mein Sohn ist unschuldig. Pastor . Sein Haß gegen Matthes – alle Umstände – ich fürchte, er ist schuldig. Er erkennt indeß die Gefahr, in die ihn sein Verhängniß gestürzt hat, und wünscht, Sie zu sprechen. Obfstr . Ich will hin. Ia, Ich will gleich hin. Pastor . Einen Augenblick nur – Obfstr . Er verlangt nach mir, wie kann ich noch dastehen – Pastor . Wird er nicht auch seine Mutter und die unglückliche Friedrike sehen wollen? Wollen Sie Sich und diese in den fürchterlichen Aufenthalt bringen? Die blutigen Kleider, der Zulauf von Menschen – Sie würden das nicht aushalten, und iene Unglücklichen noch weniger. Obfstr . Ich sollte ihn also gar nicht – Pastor . Sie müssen ihn sprechen. Ich will bei dem Amtmann alles versuchen daß er hieher gebracht werden darf. Obfstr . Der Amtmann – ach daran denke ich iezt erst. Armer Anton, Du wirst es büßen müssen, daß Dein Vater Wahrheit sagte. Pastor . Unglück macht mild, söhnt unsre bittersten Feinde mit uns aus. Ich denke, es soll gehen. Er kann oben herum durch den Garten kommen. Es fängt an dunkel zu werden – man sieht ihn nicht, ich will bitten, daß man ihn ohne Ketten – Obfstr . Ketten? Mein Gott! – in Ketten – Pastor . (ihn sanft ergreifend.) Wie sagten Sie vorhin? »Gott will ihn!« Bleiben Sie bei dem Gedanken. Obfstr . Ia, ia das will ich. Aber – denken Sie – in acht Tagen sollte die Hochzeit sein; wie haben wir nicht so vergnügt da gesessen! – und nun, vielleicht in vier Wochen –? Und seine Mutter, das unglückliche Mädchen und ich! – Anton, Anton! mein einziger Sohn!   Vierter Auftritt. Rudolph . Vorige. Rudolph . Geht denn niemand aufs Amt? (gerührt.) Er hat schon dreimal geschickt. Obfstr . Sehn Sie nun – Meinen Hut! Pastor . Geduld! Obfstr . Meinen Hut! (Rudolph ab.)   Fünfter Auftritt. Vorige. Schulz . Schulz . Herr Oberförster – Herr Pastor! Einer von Ihnen muß gleich hin aufs Amt. Ich soll einen Wagen bestellen – der Amtmann hat einen Bericht gemacht, so boshaft, als er gekonnt hat – er will ihn gleich nach der Stadt schicken. Obfstr . Lassen Sie mich fort. Pastor . Um Gottes willen nicht! Obfstr . Ich will den Amtmann sprechen. Ich will den Bericht lesen. Pastor . Bester Mann. Obfstr . Ist er falsch, so schieße ich ihm eine Kugel vor den Kopf. Was liegt mir an meinem Leben! Pastor . Wollen Sie das Schicksal Ihres Sohnes verschlimmern? Obfstr . Herr, ich bin Vater! Wie meinen Sie, daß mir ums Herz ist! Und ich soll dableiben? Ich kanns nicht, und wenn – meinen Hut! – Rudolph, meinen Hut! Pastor . Ihr Schmerz macht Sie unfähig, etwas zu unternehmen. Sie schaden Ihrem Sohn. Obfstr . Schaden? Schulz . Herr Pastor, es ist die höchste Zeit. Pastor . Herr Schulz, der Oberförster bleibt bei ihm. Obfstr . Ich will aushalten. Aber bald müssen Sie kommen, sonst – Pastor . Gleich. Besorgen Sie, daß mir für Antonen andre Kleider nachgeschickt werden. (ab.)   Sechster Auftritt. Vorige, ohne den Pastor. Bald darauf Oberförsterin . Obfstr . Rudolph – he! Rudolph. Nun mein guter Schulz – er sieht ia wohl, wo das hinaus geht. – Bete Er für mich, daß sie mich bald aus dem Hause tragen. Obfstn . (mit langsamen Gange, bleichem Gesicht, mit einem Wesen, das gewaltsam versteckten Schmerz bezeichnet.) Nun, wo bleibst Du denn? Ich habe Dir ia schon zweimal sagen lassen, Du möchtest herunter kommen. – Hier steht auch noch alles – Obfstr . Laß stehen – Wie geht Dirs? Wie ist Dir? Obfstn . Gott giebt mir viel Stärke! Obfstr . Geh gleich – schicke Kleider für Antonen aufs Amt, einen Ueberrock, eine andre Weste. Obfstn . Warum denn? Obfstr . Er wird hieher kommen. Obfstn . Hieher kommen? (fast ohnmächtig – sie hält sich an einem Tisch oder Stuhl.) . Ach Gott! Obfstr . Besinne Dich nicht lange, mach fort! Obfstn . Kind! – das sollte nicht sein – Er sollte nicht herkommen. Obfstr . Um Gottes willen! Mach fort. Schulz . Frau – es ist die höchste Zeit. Obfstn . (mit inniger Rührung.) Ihr lieben Leute! Scheltet mich nicht – ich bin krank – recht krank! Es ist mein Sohn – ich habe ihn geboren – ich muß ihn ia auch vom Herzen reissen. Ich habe mich ausgeweint, daß ich nicht mehr kann – Aber nun ist mein Anton bei Gott! Habe ich ihn verloren, so will ich ihn auch nicht mehr sehen. Du kannst ohne mich nicht fort – es kennt Dich niemand so, wie ich; Dir will ich beistehen bis an mein Ende – und das ist bald! dann sehe ich ia meinen Anton wieder. Dann nimmt ihn niemand mehr von mir. – Ich will die Kleider hinschicken. (ab.) Obfstr . Armes Weib! – Das Herz bricht mir. ^ Schulz . Eben ist auch Matthes hereingebracht worden. Obfstr . Lebt er noch? Schulz . Ia. Ich habe ihn gesehen. Es ist ein Bote nach dem Doktor von Hochfalden geschickt – aber – lieber Gott! Ich glaube nicht, daß er den Abend erlebt. Obfstr . Das war noch meine lezte Hoffnung! – Nun – es soll sein! Obfstn . (kommt wieder.) Wie geht Dirs? – ich wollte, Du könntest eines von den niederschlagenden Pulvern einnehmen. Schulz . Ia – das wäre wohl recht gut. Obfstn . Nimm es, lieber Mann. Obfstr . (sie sanft zurückweisend.) Ach – laß mich. Obfstn . Es that Dir doch sonst immer recht wohl. Obfstr . Wozu brauche ich nun noch Leben und Gesundheit auf der Welt! Obfstn . Für mich – so wie ich für Dich. Wir müssen einander tragen helfen.   Siebenter Auftritt. Vorige. Pastor . Pastor . Lieben Leute – unsere Zeit ist kurz, fragt mich nicht, laßt mich einen Augenblick allein in dem Zimmer. Obfstr . Ist er da? Obfstn . Anton – Pastor . Nein – aber er wird kommen. Der Amtmann, den ich unter dem Gewühl von Menschen nicht recht sprechen konnte, hat mir versprochen, augenblicklich hieherzukommen. – Wie? – Still! Ich höre gehen. Herr Schulz, sehe er zu, ob es der Amtmann ist – (S. ab.) Aber allein mögte ich gern mit ihm sein. Obfstr . Nein. Ich will bleiben. Ich muß ihn fragen – Schulz . Er kömmt schon die Treppe herauf. Pastor . Also – Obfstn . Komm! Du taugst nicht zum Amtmann, und iezt gar nicht. (sie führt den Obfstr. ab. Schulz geht durch die Mittelthür.)   Achter Auftritt. Pastor und Amtmann . Pastor . (geht ihm entgegen und faßt ihn bei der Hand.) Meinen besten herzlichsten Dank dafür, daß Sie kommen und so bald kommen. Amtmann . Ganz wohl. Nur zur Sache. Pastor . Herr Amtmann! Ich denke, Sie werden zufrieden mit sich und mir von hier weggehen. Amtmann . Das soll mir lieb sein. Nun? – Pastor . Ich will Ihr Verständniß mit einem Freunde wieder erneuern, der seine alten, heiligen Rechte auf Sie geltend – und uns minder elend machen wird. Amtmann . Der wäre? Pastor . Ihr Herz – dem Sie Gehör geben werden. Amtmann . Hm! Zur Sache und kurz. Die Umstände eilen; eilen Sie auch! Pastor . Eilen? – Es gilt ein Menschenleben. Amtmann . Warum zogen Sie mich hieher? Wollen Sie mich dem Geheul der Leute aussezzen. Pastor . Sie sollen Niemanden sehen. Das versprach ich, dabei bleibts! Amtmann . Nun, warum bin ich also hier? Pastor . Vergönnen Sie mir eine Vorstellung. – Der Anblick des Volks, die Schande, die den Unglücklichen sogleich von allen Rechten der Gesellschaft ausschließt, scheinen nicht nur eben so viele Ankläger des Verbrechers zu sein, sondern sie werden auch fast Beweise gegen ihn. Amtmann . Das ist ungemein sonderbar geschlossen. Pastor . Hören Sie mich. – Die ganze Menschheit steht gegen den Unglücklichen auf. »Rache, Strafe!« – ist die allgemeine Empfindung. Der Richter ist Mensch – Diese Stimmung theilt sich ihm mit, läßt Handlungen beschliessen, gegen welche das spätere Mitleid kraftlos ist! – In diesem Fall waren Sie, als Sie den Bericht gegen den Unglücklichen machten. – Hier wo Sie stehen – an diesem Tische, wo Sie vor wenig Minuten von der liebenswürdigen Familie umgeben waren – hier müssen gewisse Erinnerungen eine sanftere Stimmung bewirken. – – Hier – hier lesen Sie Ihren Bericht noch einmal, und sagt Ihr Herz Ihnen hier nichts – – so schicken Sie ihn fort und beten für die Unglücklichen um Trost! Amtmann . Sie irren sich, mein Herr, Sie irren sich. Dies empfindsam ausgesonnene Stückchen darf den Richter nicht beugen. Pastor . Sein Sie immer rauh und hart – mich beleidiget nichts – es gilt ein Menschenleben! Amtmann . Habe ich nicht genug gethan, da ich verstatte, daß er hieher kömmt? Pastor . Viel – darum erwarte ich Alles. Amtmann . Schreien nicht alle Beweise laut gegen ihn? Pastor . Die Beweise sind Geschrei; eben darum sind sie mir verdächtig. Amtmann . Nun – Sie haben alles gehört und gesehen; was ist denn Ihre Meinung? Pastor . Es ist viel, fast aller Anschein gegen den iungen Menschen; aber um so weniger Beweise. Amtmann . Das Zeugniß des Sterbenden – Pastor . (zuckt die Achsel.) Amtmann . Nun? Pastor . Darüber richte Gott! Amtmann . Also sind wir fertig. Und ich gehe sehr unzufrieden von Ihnen weg. In alles mischen Sie sich, und überall wollen Sie die Hand im Spiel haben. Pastor . Mein Herr, Ihre Art ist – – doch – weg mit dieser Aufwallung – es gilt ein Menschenleben! Amtmann . (sieht nach der Uhr.) Pastor . Vergönnen Sie mir noch eine Frage. Amtmann . Nun? Pastor . Sie haben Streit mit dem Vater des Unglücklichen gehabt – Sie handeln doch wohl ohne Rache? Amtmann . Herr – wofür halten Sie mich? Pastor . Für einen Menschen. Amtmann . Glauben Sie, daß ich Gedächtniß für pöbelhafte Beleidigungen habe? Pastor . Sind Sie von den Beweisen überzeugt, wonach Sie handeln? Amtmann . Was kann mich verbinden, solche Fragen zu beantworten! Pastor . Getrauen Sie sich, auf den Bericht, welchen Sie von der Sache gemacht haben, plözlich vor Gott zu erscheinen? Amtmann . Sie nehmen sich heraus, mir Dinge zu – Pastor . Mann! Das Sterben des ungerechten Richters ist schrecklich. Nicht der Prunk frommer Stiftungen, nicht bezahlte Fürbitten mildern die Angst der Seele – Zagen der Verzweiflung macht die Leiden des Körpers entsezlicher. Niemand – nimmt Antheil; selbst die nicht, die er bereichert hat. Die Umstehenden beten und zweifeln. Mit Schauer sehen sie der abgeforderten Seele in das ewige Dunkel nach – und verlassen die Hülle mit Grausen. Amtmann . Wozu soll denn der Galimathias am Ende? Pastor . Weg mit dem Ausdruck; er ist unter Ihnen, wenn ich ihn auch verzeihe. – Sie sind kränklich; daß Sie mich iezt werfen, könnte Ihnen einst schrecklich beifallen, zu einer Zeit, wo Sie Trost aus meinem Gesicht wollen. Amtmann . Da der iunge Mensch so ausserordentlich hartnäckig auf seiner Unschuld besteht; so will ich, um allen Zweifel zu heben und auf den wahren Grund zu kommen – ich will darauf antragen, daß man ihm die Tortur giebt. Bleibt er standhaft, so ist es eine offenbare Fügung des Himmels, der seine Unschuld an den Tag legt und mein Gewissen befreiet. Pastor . Unmensch! Sie häufen auf böse Thaten verdammenden Spott. Ich lasse ab von Ihrem Herzen. Gott führt die Sache dieser Unglücklichen – Er wird sie retten, oder ihnen Kraft zu tragen geben. Hat dieser Jüngling in gereiztem Zorn gemordet – er büßt. – Ihm wird verziehen. Aber Ihre Gemordeten, Ihre langsam Gemordeten, werden einst in lebendigen Gestalten die Ankläger Ihrer Unthaten sein! Sie denken an den Augenblick, Sie fürchten ihn – Prahlen Sie immer mit Starkgeisterei! Sie glauben Gott und Zukunft, das weiß ich. Sie glauben und zittern! – Gott vergebe Ihnen! (er will aus der Mittelthür gehen.) Amtmann . (indem er nach der Gassenseite geht, sagt er ihm noch schnell nach:) Recht so! Mit dem Himmel gedrohet, wenn wir auf Erden nicht weiter können.   Neunter Auftritt. Vorige. Oberförsterin . Obfstn . Herr Amtmann – werther Herr Amtmann! Amtmann . (kehrt zurück.) Was giebts? Pastor . (der geblieben war, wie sich die Thür der Oberförsterin öffnete.) Verschwenden Sie kein Wort an diesen Unmenschen. – Kommen Sie. Obfstn . Herr Amtmann, gehen Sie nicht, ich muß Sie sprechen. Pastor . Schonen Sie der leidenden Mutter, so will ich gern geduldet haben. (zur Oberfstn.) Ich bin bald wieder hier. (ab.)   Zehnter Auftritt. Amtmann . Oberförsterin . Obfstn . Ach Herr Amtmann – Amtmann . Nun, was solls werden? Obfstn . Lassen Sie mir nur Zeit – haben Sie nur ein wenig Geduld, Gott hat sie ia mit uns. Amtmann . Zur Sache, zur Sache! Obfstn . Ia, ia – gern. Von Herzen gern. Wenn Sie mich – – aber – erlauben Sie, ich muß mich sezzen. Amtmann . Was wird das? Obfstn . Herr! Ich bin alt – habe manches Kreuz auf der Welt getragen – habe viel ausgestanden – aber heute hat es mich zusammen geworfen. – Nun kann ich nicht weiter. Meinem Manne verberge ich es, so viel ich kann. Aber Herr Amtmann! Mutterherz geht über alles, und der Sohn sollte der Trost meiner alten Tage sein! In acht Tagen sollte er heirathen. Und hätte Gott meinen alten Mann zu sich genommen, so hätte der mich pflegen sollen; und nun – der Athem vergeht mir – Oh – Oh! Lassen Sie mich ausweinen. (sie steht auf und geht verzweiflend umher.) Das Herz will mir zerspringen. Amtmann . Lieber Gott, es thut mir leid – es ist Schade um sein iunges Leben. Indeß alles, was Sie mir gesagt haben, hat mir der Herr Pastor schon gesagt. Obfstn . (schnell.) Nein, nein, das hat er nicht. O das kann er nicht. Er ist ein gelehrter Mann, ein guter Mann, er meint es gut mit uns, er hat Antonen lieb – aber ich habe ihn geboren! Drei und zwanzig Jahre lang habe ich ihn mit Angst und Freude heraufwachsen sehen – drei und zwanzig Jahre habe ich meine Hoffnung auf ihn gesezt. Was ich für ihn sagen kann, das kann kein Mensch sagen! Kein Mensch – und auch sein Vater nicht – ich habe ihn geboren! Mutterliebe geht über alles. Ich weiß, wie ich gebetet habe, in der Stunde als er zur Welt kam, daß ihn Gott gut und fromm werden lassen möchte; und er ist brav geworden und kann kein Mörder sein. Ich weiß, wie er erzogen ist, ich muß es vor Gott verantworten, und ich habe keinen boshaften Mörder an ihm erzogen! Amtmann . Sagen Sie mir nur, was Sie iezt von mir wollen? Obfstn . Was ich will? Herr Amtmann! Sie haben ia auch zwei Kinder. Sie wissen warhaftig, was ich will. Amtmann . Das Geschehene kann ich nicht ungeschehen machen. Obfstn . Kann Geld meinem Anton helfen? Nehmen Sie unser halbes Vermögen, nehmen Sie es ganz – wenn wir ihm nur das Leben retten. Wir wollen uns verschreiben, mein Mann und ich, alles was wir noch erwerben, wollen wir gern hergeben, wenn er nur das Leben behält. O ich will arbeiten Tag und Nacht, ich will für Ihre Kinder arbeiten, ich will nur trocknes Brod und Wasser haben, wenn ich meinem Anton das Leben erhalte. Amtmann . Ich wills wünschen! Aber – – Obfstn . Herr Amtmann, sein Sie barmherzig! Sie werden Segen an Ihren Kindern haben. Amtmann . Ich kann nichts bei der Sache thun. Obfstn . (sie kniet.) Herr Amtmann, sein Sie barmherzig, lassen Sie mich nicht in Verzweiflung weggehen! Amtmann . Was der Hof beschließt. Ich übergebe die Sache dem Hof. Obfstn . (aufstehend.) Nun, lieber Gott! So übergebe ich ihn Dir! Wenn du ihn retten willst, du kannst es. Thun Sie nach Ihrem Gewissen. Das Leben geht mir aus – beten kann ich nicht – Du hast mir ihn gegeben, du siehst meine Angst. Du wirst ihn erhalten – oder mein Leben barmherzig enden. (sie will fort.)   Eilfter Auftritt. Vorige. Oberförster . Obfstr . Bleib! – O Herr – ich will Ihnen warlich nicht lästig werden. – Ist mein Sohn ein Mörder, so muß er sterben. Aber, wenn er es nicht ganz gewiß ist; – so ein Prozeß dauert bei uns nur vier Wochen. Auf Bericht und Art kömmt viel an. – Sein Sie menschlich. Ich will nur genaue, gewissenhafte Gerechtigkeit. Wenn Sie meinem Sohn das Leben retten können, hier ist eine Schenkung meines Vermögens: gebrauchen Sie es, wozu Sie wollen. (er legt das Papier auf den Tisch.) Amtmann . Der Bericht ist genau und gewissenhaft, das Zeugenverhör liegt dabei, es kömmt nun auf den Hof an. – Obfstr . (sieht ihn stark an.) – Gedulden Sie Sich einen Augenblick. (er geht in das Kabinet.)   Zwölfter Auftritt. Vorige. Friedrike . Friedrike . (der Oberfstr. führt sie, sie ist bleich, mit zerstreutem Haar, verschobnem Tuch, sie hat nur einen Schuh an, öffnet ihre Augen nicht, und wimmert nur.) Mein Vater, o mein Vater! Obfstr . (legt sie der Obfstn. in die Arme.) – Das ist die Mutter des Unglücklichen, ich bin der Vater, das ist die Braut – sehn Sie uns an – ich frage Sie – Ist der Bericht gewissenhaft? Amtmann . – – Ja – – Obfstr . In vier Wochen wird meinem Sohn der Kopf abgeschlagen. Friedrike . (klammert sich an die Obfstn.) Ach Gott, erbarme dich! Obfstr . Hier habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen; aber vor Gottes Richterstuhl werde ich Sie wieder fragen. War der Bericht gewissenhaft? Nun ists gut. Schicken Sie den Bericht und das Zeugenverhör fort – aber sagen Sie dabei – was Sie iezt sehen und was ich Sie gefragt habe. (man hört vor der Thüre eine Kette fallen.) Obfstr . Was ist das? Still! (man hört noch eine.) Amtmann . Ihr Sohn wird gebracht sein – (Zugleich:) Obfstn . Ach Gott, mein Anton – Friedr . Mutter, Mutter! Gott steh mir bei. Obfstn . Friedrike! – sie ist ohne Sinne! sie wird mir unter den Händen wegsterben. Obfstr . Dann ist ihr wohl. Amtmann . Ich bedaure sehr, daß ich Sie nicht ungestört lassen kann; aber die Pflicht will, daß diese Unterredung nicht ohne Zeugen sei. Obfstr . Wenn Sie es aushalten können, wir haben keine Geheimnisse.   Dreizehnter Auftritt. Vorige. Anton . (Zugleich:) Anton . Vater – Mutter. Obfstr . (umarmt ihn.) Obfstn . Ach Gott! Was hast Du gethan? Anton . Friedrike! – (sie liegt sinnlos in einem Stuhl.) Friedrike, ach Gott! Nur ein Wort, nur noch einmal sprich mit mir, ehe ich sterbe. Friedrike – Friedrike! nur einen einzigen Laut! O Vater, sie ist todt, sie ist wahrhaftig todt! Mich verstossen, das Mädchen getödtet! – Vater, Sie haben viel auf der Seele. Obfstr . Alles war einig. Deine Hochzeit sollte in acht Tagen sein, aber Du hörtest nicht, liefst wie ein unsinniger Mensch von Deinen Eltern weg. Nun stehen wir da und raufen uns die Haare aus. – Sieh Deine Mutter, Deine Braut, mich – Das ist der Lohn für Ungehorsam eines Kindes! Anton . Vergebung mein Vater! – liebe Mutter! – ach Gott! bin ich denn zum Unglück geboren? O ich bin unschuldig, ich bin warhaftig unschuldig! – Es wird an den Tag kommen, wenn ich todt bin – Friedrike, Friedrike! – schlag Deine Augen nur noch einmal auf – o ruft sie doch – ruft! Man kann sie noch einmal aufschreien. – Friedrike!!! Nur ein einziges mal noch – sieh mich an – (sie hebt ihre Augen auf.) Sie lebt – Friedrike, kennst Du mich nicht? Kennst Du Deinen Anton nicht? Nein ich kann nicht sterben – ich bin wahrhaftig unschuldig. Obfstr . Sohn – sie ist hin! Störe sie länger nicht. – Ich kann nicht mehr – wir müssen scheiden. Fr . (streckt die Arme nach ihm.) Anton! – Anton . O Gott! – Du hast mich genannt – nun ist es gut, Du hast Abschied von mir genommen. Du stirbst, ich auch – wir sehen uns bald wieder! Vater – Mutter! – Segnet uns. (Obfstr. Obfstn. umarmen Fr. und Anton.)   Vierzehnter Auftritt. Vorige. Pastor . Schulz . Rudolph . Rudolph . Herr Oberförster, um Gottes willen. Schulz . (in höchster Freude.) Matthes kömmt davon; der Doctor sagt es, und – Pastor . Der alte Friz hat Matthes verwundet. Anton ist unschuldig. (Zugleich:) Obfstr . Anton? Obfstn . Ach mein Sohn, mein Sohn! Fr . – O Gott! (sinkt in Antons Arme. Alle stehen erstarrt.) Anton . Friedrike – Vater! Mutter – wie ist Euch? Obfstr . (fällt auf die Knie.) Gott ich danke Dir – ich danke Dir. Past. Amt. Fr. Rud. S. . Wir alle – Alle! Anton . Seht Ihrs nun? – ich bin unschuldig – seht Ihrs? Obfstn . O Junge, Junge! Amtmann . Wenn es nur wahr ist! Pastor . Man wird Sie gleich abrufen. Wie der alte Friz hörte, daß man Antonen beschuldigte, kam er nach, lieferte sich selbst ein. Matthes ist ihm unterwegs begegnet, hat ihn gereizt; darauf hat er ihn verwundet. – Matthes hat sich von der starken Verblutung erholt, die Wunde ist nicht tödtlich und sein eignes Geständniß bestätigt alles. Amtmann . Gott sei gelobt! Obfstr . O mein Sohn – Anton, Anton, Anton! Mein einziger Sohn. (er wirft das Papier hin.) Da, Herr, ist meine Habschaft, (wirft den Beutel hin.) da nehme Er Haus und Hof, (reißt die Weste auf.) nehme er alles, ich behalte doch mehr, als Er – ich habe meinen Sohn wieder. O Anton, Anton, mein einziger Sohn! Matthes lasse ich kuriren, den alten Friz vertrete ich vor unserm Fürsten selbst. Fr . O Anton, Du lebst! Obfstn . Er lebt und ist unschuldig und wird Dein Mann, Du wirst meine Tochter! Obfstr . (legt ihre Hände zusammen.) Gott segne uns und Euch und alle Welt! – (rasch zum Amtmann.) Herr Amtmann! Gott beßre Sie, und segne Sie auch! So wahr Gott lebt, es kömmt vom Herzen. Obfstn . Gott! Wie ist mir zu Muthe! – ich zittre vor Freude und Mattigkeit. (Amtsbediente ruft den Amtmann ab.) Obfstr . Da – da ist ein Glas Wein, stärke Dich! – Schulz trinke Er auch! Sie auch, Herr Pastor! – Rudolph, das ganze Haus soll froh sein. – Alte, mach Deinen Keller auf! gieb alles her, was Du hast, Alles! Wie hieß es vorhin: »Und wüßten wir, wo iemand traurig läge« – Wir sind häßlich gestört. Pastor . – Jezt Kinder– Jezt, zwanzig Jahr wie heute! Alle . Zwanzig Jahr wie heute! Obfstr . Kinder – Gott mache alle Welt glücklich! Uebrigens – das Leiden vergessen – mit Frölichkeit lobt man Gott am besten – wir wollen nicht stumm sein, wir wollen Gott laut loben, und denken mit guten (er nimmt ein Glas, giebt ein anderes der Obfstn., der Schulz bringt es Antonen und Friedriken. Der Pastor nimmt auch eins. Der Oberförster hat den Arm um seine Frau gelegt.) Handlungen, so lange wir auf der Welt sind. Jezt fröhlich und guter Dinge! – Wer's gut meint, folgt mir nach. (er singt.) So trinkt, so trinkt! – (alle fallen ein) Und laßt uns allewege     Uns freun und frölich sein. (Der Vorhang fällt.) Und wüßten wir, wo iemand traurig läge –     Wir gäben ihm den Wein!