Ludwig Holberg Heinrich und Pernille. Komödie in drei Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   Der Stoff, der »Heinrich und Pernille« zu Grunde liegt, ist ein in der modernen Literatur außerordentlich verbreiteter und vielfach benutzter; in Cervantes' »Betrüglicher Heirath« (in den Novelas ejemplares ), in Beaumont und Fletchers » Rule a wife and have a wife «, in Molière's » Dépit amoureux «, in desselben Verfassers » Précieuses ridicules «, in » Les Chinois « bei Gherardi – überall kehrt, mit leichten Variationen, dasselbe Thema wieder, allerdings ein Thema, das für ein Intriguenstück kaum besser gefunden werden kann. Welchen dieser Vorgänger Holberg vorzugsweise benutzt hat, läßt sich jetzt nicht mehr entscheiden; bekannt waren sie ihm ohne Zweifel sämmtlich. Den »Don Quixote« des Cervantes wenigstens kannte er, und daß die Beaumont- und Fletcherschen Stücke ihm während seines Aufenthalts in Oxford in die Hände gerathen, ist mindestens wahrscheinlich. – Das Stück, das vom Dichter selbst als reines Intriguenstück behandelt ist und daher weniger locale Anspielungen enthält als irgend ein anderes des Verfassers, kam, als das sechzehnte in der Reihenfolge der Holbergschen Lustspiele, zuerst 1724 zur Darstellung; gedruckt erschien es erst 1731, wo es die neue Folge der Holbergschen Komödien eröffnete. Beim dänischen Publikum war es sehr beliebt; noch von 1748 bis 1769 erlebte es 21 Aufführungen, und auch noch später wurde es häufig wiederholt. Personen:         Leander . Heinrich , sein Diener. Arv , ein Hausknecht. Leonore , Leanders Frau. Pernille , ihr Kammermädchen. Magdelone , ein altes Weib. Jeronimus , Leonorens Vater. Leonard , Leanders Freund. Ein Notarius .     Erster Akt. Erste Scene. Heinrich als Cavalier. Heinrich . Ha ha ha ha ha ha! Die Sache macht sich, sie beißt richtig an; was doch die lumpigen Kleider thun! Ich hatte weiß Gott nichts anderes im Sinne, als ein bischen Narrenspossen zu treiben in meines Herrn Kleidern und Equipage; mein Glück damit zu machen, fiel mir nicht im Traume ein. Nun geht es mir wie dem Kohlenbrenner, der sich einen Doctorrock anzog, um sich von den Leuten als Doctor grüßen zu lassen, und mit der Narrheit zuletzt ein wirklicher Doctor wurde. Ich werde wol ein wirklicher Hahnrei werden, denn kokett ist die gute Dame wie nichts Gutes. Indessen, was hat das zu sagen? Avancire ich doch auf die Art immer vom armen Teufel zum vornehmen Hahnrei. Die Hauptsache besteht jetzt nur darin, daß ich mich recht anständig betrage und nichts von dem alten Lakaienwesen merken lasse, das mich verrathen könnte. Gestern hätte ich beinahe einen verfluchten Bock geschossen; nämlich wie ich den fremden Leuten, die ich für meinen Herrn in Dienst genommen, Befehl gebe anzuspannen, so vergesse ich, daß ich der Herr bin, und will hinten auf den Wagen steigen, worüber der Kutscher denn zu grinzen anfing und sagte: Wo wollen Euer Wohlgeboren denn hin? Ich war ganz beschämt und ließ den Kopf hängen wie ein Esel, zog mich indessen doch noch so ziemlich aus der Verlegenheit, indem ich mich stellte, als hätte ich noch einen Fehler am Wagenhimmel gesehen. Gestern war ich auch in 158 einer Assemblee, blos um vornehme Manieren zu lernen; da sah ich unter Andern einen Edelmann, der frisch aus Frankreich zurückgekehrt, den will ich nun gehörig nachmachen, blos ausgenommen, daß ich nicht so durch die Nase sprechen werde, wozu der freilich seine aparten Gründe hatte, indem er nämlich ganz frisch aus Paris gekommen. Uebrigens habe ich ihm alle seine galanten Manieren wegstibitzt, als zum Exempel (zieht seine Uhr hervor, pfeift, schlägt Entrechats, singt. holt einen Spiegel aus der Tasche und bringt seine Perücke in Ordnung) . So bin ich mit mir zufrieden, ja ich bin verliebt in mich selbst, das Fräulein hat par dieu einen guten Geschmack. Zweite Scene. Arv . Heinrich . Arv . Was Teufel ist das für ein Kerl? der muß verrückt im Kopfe sein. Heinrich . Was Henker seh' ich da? Das ist ja wahrhaftig Arv, den mein Herr vom Lande in die Stadt geschickt hat. Arv . Wenn die Leute auf dem Lande sich so aufführen wollten, würde der Dorfrichter sie gewiß für verrückt erklären, bis sie vom Gericht in der Stadt, wo so was Mode ist, wieder freigesprochen würden. Heinrich . Ich muß mich ihm zu erkennen geben. Aber erst will ich ihn noch ein bischen zum Narren halten. Höre Du, wer ist das, mit dem Du da sprichst? Arv . Das bin ich. Heinrich . Was für ein Ich? Wie kann man so antworten? Arv . Das bin ich, Arv. Heinrich . Ein Schlingel bist Du, das hört man schon an Deinem Namen. Diable m'emporte, par tout dans la France, comment vous portez vous? Aber was ich sagen wollte, Canaille, verstehst Du Französisch? Arv . Nein, das versteh' ich nicht. Heinrich . Italienisch? Arv . Ebenso wenig. 159 Heinrich . Spanisch? Arv . Nein. Heinrich . So bist Du ja wirklich ärger als ein unvernünftiges Vieh? Arv . Nein, ich verstehe davon wirklich nichts, mein ehrlicher Herr. Heinrich . Ehrlicher Herr? Wofür nimmst Du mich, Du Schlingel? Ich bin nicht ehrlich, ich bin wohlgeboren; wenn Du mit einem Deines Gelichters sprichst, da kannst Du sagen: Mein ehrlicher Mann. Arv . Um Vergebung, wohlgeborner Herr, ich dachte wirklich nicht anders, als Er wäre ehrlich. Heinrich . Nein, das ist aus der Mode gekommen für Leute meines Standes; wo bist Du aber zu Hause? Arv . Ich diene bei einem jungen Herrn, mit Namen Leander. Heinrich . Leander? Wie kann der Flegel sich unterstehen den Namen zu führen? Ich heiße Leander. Arv . So sind Ihro Wohlgeboren wol auch ein Flegel? Heinrich . Weißt Du auch, was ein Flegel ist? Arv . Nein, das weiß ich meiner Seele nicht, ich denke mir blos, es muß etwas Vornehmes sein, weil Er ja sagt, daß mein Herr und Er selbst es sind. Heinrich . Das ist ein Glück, daß Du es nicht weißt. Aber wie kann Dein Herr sich unterstehen, den Namen Leander zu führen? Hätt' ich ihn hier, so sollte ihn das Donnerwetter regieren, nun aber will ich Dich auf seine Rechnung umbringen! (Zieht den Degen.) Arv (kniet) . Ach, wohlgeborner Herr Flegel, laßt mich leben, ich bin ja blos sein Hausknecht! Aber hier in der Stadt hat er einen Bedienten, den werde ich dem Herrn gleich holen, an dem kann Er Seine Rache weit besser befriedigen. Heinrich . Wo ist der Bediente? Wie heißt er? Arv . Er heißt Heinrich, sollte aber Taugenichts heißen; er ist der größte Spitzbube, den ich jemals gesehen. Heinrich . Ha ha ha, nun halt' ich es nicht länger aus! 160 Steh' auf, Arv, kennst Du mich denn nicht? Ich bin ja der Heinrich, dem Du eben so viel Gutes nachsagst! Arv . Nein, da soll Dich doch wirklich der Henker holen, Einem so Angst zu machen! Heinrich . Und Dich soll der Henker ebenfalls holen, daß Du so schlecht von mir sprichst. Arv . Deine Thaten zeigen doch, daß ich nichts Unwahres sage; wie zum Kukuk kamst Du auf den verrückten Einfall, in des Herrn Kleidern herumzulaufen? Heinrich . Arv, Du bist ja wol ein armer Teufel, der nicht zehn Thaler im Jahr für seine Arbeit kriegt? Arv . Zehn Teufel verdiene ich, aber nicht zehn Thaler. Heinrich . Noch diesen Abend sollst Du fünfzig Thaler verdienen, wenn Du Dich ruhig halten und mir in meinem Anschlag beistehen willst. Arv . Wie Teufel willst Du mir fünfzig Thaler schaffen, außer Du müßtest sie stehlen? Heinrich . Hör' die Geschichte an, Arv, und alles wird Dir begreiflich werden. Leander, weißt Du, hat mich vor vierzehn Tagen in die Stadt geschickt, sein Haus in Stand zu setzen und neue Dienerschaft und einen neuen Kutscher für ihn zu engagiren, damit alles fertig ist, wenn seine Braut kommt. Arv . Ja, gewiß weiß ich das. Aber was mag das wol für ein Fräulein sein, das er heirathet? Heinrich . In diesem Punkte bin ich so klug wie Du, kein Mensch weiß es, außer Christoph, der andere Bediente, der mit ihm auf Reisen war, als er sich verliebte; ich weiß nicht eine Silbe davon. Denn als er zurück kam, sagte er blos: Heinrich, in vierzehn Tagen halte ich Hochzeit in der Stadt, Du mußt auf der Stelle hin und alles in Stand setzen; laß den Wagen lackiren und nimm noch ein paar Bediente an, denn Christoph hat mir unterwegs einen Streich gespielt, daß ich ihn habe laufen lassen. Ich war nun freilich naseweis genug zu fragen, wer die Braut denn wäre, er aber lachte blos dazu und sagte: es ist ein Frauenzimmer, Du wirst sie schon noch zu sehen kriegen, jetzt mach' nur, daß Du in die Stadt kommst und thue, was ich Dir 161 befehle. Darauf habe ich denn ein paar Bediente engagirt und einen Kutscher und habe alles so eingerichtet, daß er damit zufrieden sein soll. Aber wie ich nun so freie Verfügung hatte über meines Herrn Haus und Equipage, da kam mir die Lust an, selber den großen Herrn zu spielen. Arv . Was für ein verfluchter Einfall! Heinrich . Ja, das sagst Du nun so, Arv. Tag für Tag fuhr ich in der Kutsche mit zwei Bedienten hinten auf, in des Herrn besten Kleidern, und hatte weiß Gott keine andere Absicht dabei, als blos den Kitzel zu büßen, der mich angekommen war, und doch auch mal zu sehen, wie es thut, ein vornehmer Herr zu sein. Arv . Aber haben der Kutscher und die Bedienten Dir denn immer willig aufgewartet? Heinrich . Der Kutscher und die Bedienten wissen nicht anders, als daß ich der Herr selber bin. Arv . Ha ha ha, daß Dich das Donnerwetter, das ist eine nette Geschichte! Heinrich . Nun höre weiter, Arv. Hier im Hause wohnt eine fremde Dame vom Lande, die Leonore heißt und außerordentlich reich ist; sie führt ein Leben wie eine Prinzessin. Selbiges Fräulein hat mich öfters in meinem Staat gesehen und hat sich darüber dermaßen in mich verliebt, daß sie mir ein altes Weib geschickt hat, den Zustand meines Herzens zu erforschen, und so gedenke ich denn noch heute Abend Hochzeit mit ihr zu halten. Begreifst Du nun, Arv, wie es mir möglich wird, Dir fünfzig Thaler zu geben, ja noch fünfzig dazu? Arv . Du bist nicht bei Trost, Heinrich, an den Galgen kannst Du kommen, wenn es herauskommt, wer Du bist, und daß Du eine vornehme Dame so betrogen hast. Heinrich . Aber so höre doch nur erst das Weitere! Ich betrüge sie nicht, sie selbst ist es, die sich betrügt, indem sie mir keine Ruhe läßt. Ich habe ihr nichts vorgeredet, als ob ich reich wäre und von vornehmer Geburt, ich habe blos gesagt, daß ich in dem Hause ihr gegenüber wohne. Sie läuft mir nach, nicht ich ihr; es ist so Eine, die mit Teufels Gewalt unter die 162 Haube will. Locker wird sie wol sein, wie nichts Gutes, und Hahnrei werde ich ganz gewiß. Indessen das hat nichts zu sagen, ich werde durch diese Heirath so reich, daß ich meine Hörner mit Anstand tragen kann, und kann sie mir vergolden lassen. Arv . Aber mit alledem giebst Du Dich doch für einen vornehmen Herrn aus und führst ein Fräulein hinter's Licht? Heinrich . Du weißt nur nicht, Arv, was das hier in der Stadt für Menschen sind; hätte ich einen Thaler für jeden Lump und jeden Bettler, der hier im Sammtrock geht, ich wäre ein reicher Mann. Für das, was ich auf die Art thue, bin ich niemand Rechenschaft schuldig als blos meinem Herrn. Warum zum Henker erkundigt sie sich nicht, wer ich bin? Warum läßt sie mich überhaupt nicht in Frieden? Ich kann einen Eid darauf ablegen, daß ich ihr nicht die geringste Veranlassung gegeben habe. Wohl aber versichert das alte Weib, sie wäre im Begriff vor Liebe zu mir zu platzen, so daß es offenbar blos meine Person ist, in die sie sich verliebt hat, und riskire ich also nicht das Mindeste dabei, wenn ich auf diese Weise mein Glück mache. Arv . Ja, allerdings, so kann sich das schon machen; ha ha ha, eine verfluchte Geschichte! Heinrich . Hier meine Hand, Arv, heute Abend kriegst Du fünfzig Thaler! Arv . Für fünfzig Thaler kann man schon etwas thun; was willst Du denn, daß ich thue? Heinrich . Ich verlange nichts weiter, als daß Du Dich ruhig verhältst. Im Uebrigen kannst Du meinen Jäger vorstellen. Arv . Das will ich wol thun. Heinrich . Weswegen aber kommst Du heute in die Stadt? Arv . Ich sollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung wäre; denn der gnädige Herr will noch heute hereinkommen. Heinrich . Potz tausend, was sagst Du da? Will heute hereinkommen? Da muß ich mich ja wahrhaftig sputen. Höre, Arv, in einer halben Stunde, so haben wir es abgeredet, mache ich meiner verliebten Dame meine Aufwartung; da mußt Du 163 dazukommen und nach Herrn Leander fragen und mir einen Brief überreichen. Arv . Aber wenn unser Herr die Streiche zu erfahren kriegt? Heinrich . So wird er darüber lachen. Oder denkst Du, daß mein Herr mir mein Glück nicht gönnt? Gerade weil ich seine Güte kenne, habe ich dies Wagestück unternommen. Aber jetzt komm' und laß uns erst noch ein bischen nach Hause gehen. (Beide ab) Dritte Scene. Pernille . Magdelone . Pernille . Hier sehe ich ja niemand, Magdelone. Magdelone . Dann muß er eben fortgegangen sein, ich sah ihn, weiß Gott, noch diese Minute hier stehen und deshalb lief ich hinein und sagte es Dir, Pernille. Pernille . Ach, liebe Magdelone, lauf' ihm nach, vielleicht ist er hier gewesen und hat nicht herein gekonnt. Magdelone . Nein, Pernille, das geht nicht, alles mit Maßen; je zurückhaltender Du Dich zeigst, je eher fängst Du ihn. Er kommt gewiß pünktlich, wie er mir versprochen, nämlich zwei Stunden vor Mittag, und jetzt ist es ja noch nicht viel über neun. Pernille . Aber, Magdelone, nun erzähle mir recht ausführlich, wie die Geschäfte abgelaufen. Magdelone . Ich habe meine Commission aufs Beste ausgeführt; Du hast Glück, Pernille, aus einem geringen Dienstmädchen solche vornehme Dame zu werden. Seinen rechten Verstand hat er freilich nicht, aber viel Geld, wie es scheint. Pernille . Je weniger Verstand, desto besser, und zwar aus zwei Gründen. Denn erstlich, wenn es herauskommt, von was für niedrigem Stande und niedrigen Verhältnissen ich bin, so werden die Leute, statt mich als Intriguantin zu verdammen, weil ich einen jungen vornehmen Herrn so angeführt habe, vielmehr darüber lachen und sagen: Daran ist dem Narren recht 164 geschehen, er hat es nicht besser verdient, eine Dame von seinem Rang und Stand hätte er doch nicht bekommen. Zweitens aber wird mir seine Einfalt auch noch in anderer Hinsicht von Nutzen sein, wenn wir erst verheirathet sind. Ein Frauenzimmer, das sich einen klugen Mann nimmt, versteht ihr Interesse nur schlecht. Habe ich einen reichen Dummkopf zum Mann, so bin ich es, die das Regiment führt und er nur den Titel. Denn um die Herrschaft ist es uns doch zu thun, und die bekommen wir nicht bei einem klugen Manne, als höchstens nach langer Anstrengung und vieler Mühe. Solchen Dummköpfen dagegen geloben wir heute im Ehecontracte Gehorsam und Treue, morgen machen wir schon einige Nachträge zu dem Contracte, übermorgen machen wir einen Strich quer durch, überübermorgen haben wir das Scepter in der Hand, und bevor die Woche zu Ende ist, regieren wir das ganze Haus. Magdelone . Das läßt sich begreifen. Pernille . Wäre er nicht so einfältig, wie er ist, nie hätte ein armes Dienstmädchen wie ich sich so was unterstanden. Aber da ich sah, was der Pinsel für Streiche trieb, so gerieth ich auf den Einfall, mich zu stellen, als ob ich eine große Dame wäre, und machte Gebrauch von meines Fräuleins Möbeln, Kleidern und Equipagen. Magdelone . Wann denkst Du wol, daß Dein Fräulein in die Stadt kommt? Pernille . Sie kommt heute oder morgen, ich soll alles zu heute in Bereitschaft halten. Kommt sie, bevor ich mit meinem Liebhaber getraut bin, so sage ich ihr alles rein heraus, wie es ist, daß ich im Begriff bin, ein großes Glück zu machen, und daß ich mich zu dem Ende ihrer Kleider bedient habe; ich bin sicher, daß sie, statt mich deshalb zu strafen, sich vielmehr ganz ruhig verhalten und mich in meinem Vorhaben sogar unterstützen wird. Aber nun erzähle mir ausführlich, Magdelone, wie es mit Deiner Commission zugegangen. Magdelone . Ich nahm die zwei Stücke Brocat, ging zu ihm und fragte, ob der gnädige Herr nicht was kaufen wollte, so recht was für einen vornehmen Herrn und doch nicht zu 165 theuer. Wie er nun mit mir zu handeln anfing, sagte ich: Ach, wohlgeborner Herr, wenn Ihr wüßtet, was ich weiß, Ihr nähmet es gewiß nicht so genau; da ist in dem Hause hier gegenüber ein vornehmes Fräulein . . . . Apropos, fiel er mir ins Wort, das Fräulein sieht mich immer so freundlich an, wenn ich an ihrem Fenster vorübergehe; wißt Ihr vielleicht, wer es ist, Mütterchen? Ei ja wohl! gab ich zur Antwort, ich gehe in dem Hause täglich ein und aus; sie ist erst kürzlich vom Lande hereingekommen und erwartet mit nächstem ihren Vater hier. Hör', Großmutter, sagte er, gesteh' die Wahrheit: ist Dein Fräulein mir wol ein bischen gut? Sie hat mir schon zwei- oder dreimal Kußhände zugeworfen. Wie ich das hörte, fing ich denn an, ihm die ganze Sache auseinanderzusetzen und habe ihn um zehn Uhr herbestellt. Pernille . Vortrefflich. Wir müssen es durchaus so einrichten, daß er heute anbeißt; denn sonst könnte jemand vom Lande hereinkommen, der mich kennt, und könnte verrathen, wer ich bin. Magdelone . Nun sag' mal aber, Pernille, wie heißt denn eigentlich Deinem Fräulein sein Bräutigam? Pernille . Das weiß ich wahrhaftig nicht. Wie ich das letzte Mal mit ihr in der Stadt war, war ich krank und mußte sie allein zurückreisen lassen; wie ich aber wieder gesund war und ihr eben nachreisen wollte, hörte ich, daß das Fräulein verlobt wäre, und wurde angewiesen, alles in Stand zu setzen, bis sie käme. Aber kommt hier nicht ein Jäger? Der gehört gewiß dem Edelmann. Vierte Scene. Arv (als Jäger). Pernille . Magdelone . Arv . Serviteur, wohlgeborne Mamsell, ich weiß nicht, ob Sie mich kennt? Pernille . Nein, ganz und gar nicht. Arv . Ich heiße Hasenschreck und bin unwürdiger Jäger bei dem jungen gnädigen Herrn, der hier geradeüber wohnt; er 166 läßt sein gehorsamstes Compliment vermelden und läßt fragen, ob, wenn es Ihro Wohlgeboren genehm ist, sie ihm die Ehre erweisen will, daß er der Mamsell aufwarten darf. Pernille . Er soll mir herzlich willkommen sein; aber seid doch so gut und erzählt mir ein bischen von Eurem Herrn, was für ein Mann er eigentlich ist. Arv . Das ist ein unvergleichlicher Kerl, der trifft ein Zweischillingstück gerade in die Mitte. Aber freilich hat er auch ein paar Büchsen, solche Büchsen giebt es auf der Welt nicht mehr. Pernille . Ist er denn solch großer Jagdliebhaber? Arv . Ja, davon wissen unsere Hirsche und Hasen zu sagen; die haut er alle Tage dermaßen in die Pfanne, daß es zum Gotterbarmen ist. Aber ich weiß nicht, ob die wohlgeborne Madame schon gehört hat, daß sein bester Spürhund Fairfax todt ist? Pernille . Nein wirklich, das hab' ich noch nicht gehört. Arv . Ja, leider, der ist todt und begraben und mein Herr hat um ihn getrauert, als ob es sein eigener Bruder wäre. Aber es war auch ein tout-à-fait- Vieh, wenn es sich anders schickt, eines großen Herrn Hund so zu nennen. Ich weiß, hol' mich der Teufel, nicht, wie er es machte; er packte die Hasen so säuberlich, daß nicht einmal zu sehen war, wo er sie hingebissen. Als zum Exempel: Ihr seid nun ein Hase, Großmutter, da kriegte er ihn so beim Genick und knack, da war es vorbei mit ihm. Magdelone . Au, au! Ihr faßt etwas derb an, Jäger! Pernille . Ist Euer Herr noch Junggesell, oder war er bereits früher verheirathet? Arv . Nein, nicht so recht eigentlich. Sein Vater hat ihn zwar öfters bald hier, bald da verheirathen wollen, er aber will Keine haben, die nicht nach seinem Geschmack ist. Euer Wohlgeboren zu dienen, er hat meiner Seel' Recht; warum sollte solch ein reicher Edelmann auch wol eine heirathen, die ihm nicht gefällt? Nein, wahrhaftig, in so was muß der Mensch sich selbst rathen. Da ist jetzt wieder so was im Gange, der Henker weiß, was es ist. Indessen er läßt sich nicht zwingen; denn unter uns 167 gesagt, wohlgebornes Fräulein, er ist vollständig verscharmeriert in Dero werthe Person. Pernille . Ich kann nicht in Abrede stellen, daß auch er mir besser gefällt als alle, die ich bisher gesehen habe; ich darf gar nicht nachsagen, wie viel unruhige Nächte ich schon seinetwegen gehabt habe. Arv . Daß Sie mit ihm nicht betrogen wird, dafür stehe ich gut, ein Paar Waden hat er, die sind nicht für die Langeweile. Gäb' es bessere Waden im ganzen Lande, er ließe sich wahrhaftig die Beine abschneiden; ich möchte darauf wetten, gnädiges Fräulein, das Erste, was Ihr kriegt, das werden gleich Zwillinge. Aber jetzt muß ich laufen und Antwort bringen. (Geht ab.) Fünfte Scene. Magdelone . Pernille . Pernille . Ha, ha, ha! das hat Mühe gekostet nicht loszulachen; aber je einfältiger er ist, um so besser für mich, um so leichter fällt er mir in die Klauen. Magdelone . An dem Jäger konnte man merken, wie der Herr ist. Pernille . Er ist gut genug, Magdelone, ich bin gerade zufrieden mit ihm; wäre er gebildeter und manierlicher, so kriegte ich ihn nicht. Oder glaubst Du, daß eine Dame von Stand wirklich einen solchen Gecken nehmen würde? Magdelone . Sieh her, da kommt er gewiß. Sechste Scene. Heinrich (in der Sänfte). Pernille . Magdelone . Nachher Arv . Heinrich . Hal . . .t! Stillgestanden, Ihr Canaillen! Hör', Christoph, bleib' Du zu Hause und wenn Einer vom Hofe kommt, mich einzuladen, so sag' nur, ich könnte heute nicht kommen, ich wäre anderweitig engagirt. Ach, mon cher, 168 verzeiht nur, daran sind die Porteurs schuld, daß ich hier so nahebei aussteigen muß. Mit diesem Miethsgesindel hat man doch nichts als Verdruß, es ist so dumm wie das liebe Vieh; wär' es nicht aus Respect vor dem Fräulein, ich ließe Euch auf der Stelle aufhängen. Pernille . Ach, mein Herr, pardonnirt sie um meinetwillen! Heinrich . Um Ihretwillen thue ich, weiß Gott, alles, wohlgebornes Fräulein. Apropos, mon cher, ich komme hier, Ihr den Proceß zu machen von wegen eines gewissen kleinen Diebstahls, den Sie begangen hat. Pernille . Was? Ich einen Diebstahl begangen? Heinrich . Ja, Sie hat mir mein Herz gestohlen. Pernille . Ach, mein Herr, aus demselben Grunde muß ich Ihn ebenfalls verklagen. Zwar weiß ich wohl, daß es der Modestie unseres Geschlechtes zuwider ist, sich so etwas merken zu lassen: dennoch muß ich frei heraus bekennen, daß . . . Ach, ich weiß nichts weiter zu sagen, der Hals ist mir wie zugeschnürt! Heinrich . Ich bin die reine Canaille, wenn ich Ihretwegen seit drei Nächten ein Auge zugethan habe. Pernille . Ach, mein Herr, mir geht es nicht um ein Haar besser, die Pfeile Seiner Blicke sind bis in die innerste Kammer meines Herzens gedrungen . . . Heinrich . Ah pardi, das war schön gesagt, dafür muß ich ma foi ein Küßchen haben. Pernille . Eine große Ehre für mich. (Heinrich küßt sie.) Heinrich . Hört, Fräulein, mein Papa will mich mit einer andern vornehmen und reichen Dame verheirathen, aber eher will ich mich in Stücke schneiden und Wurst aus mir machen lassen, ehe ich mich entschließe, Sie zu verlassen, mon cher! Pernille . Ach, ist es möglich? Ich bin wahrhaftig just in derselben Desperation; doch soll uns nichts scheiden als der Tod. Heinrich . Hier meine Hand auf ewige Liebe und Treue! Pernille . Hier hat Er ebenfalls meine Hand und daß ich mir nie einen Andern aufzwingen lasse. (Sie umarmen sich.) Will 169 Er aber nicht ein wenig näher kommen und sich mein Meublement ansehen? Heinrich . Gern, meine Allertheuerste. (Sie gehen ab.) Magdelone (allein) . Na nun hat sie ihn sicher, wenn er erst alle die schönen Sachen sieht, die seiner Meinung nach Pernillens Eigenthum sind, während ihr doch nicht für vier Schillinge Werth davon gehört. Ha, ha, ha, was wird das für eine verfluchte Geschichte werden, wenn der Junker dahinterkommt, daß er sich so nichtswürdig verrechnet hat und hat statt einer reichen Dame eine gemeine Dienstmagd geheirathet! Indessen wie reich er auch sein mag, und von wie vornehmem Stande, zu gut für sie ist er nicht; denn er ist der größte Pinsel, den es auf Erden geben kann, und hat nichts Vornehmes an sich, als seinen Reichthum und seine vornehme Herkunft. Könnte nur alles abgemacht werden, bevor Fräulein Leonore zur Stadt kommt, darauf kommt alles an. Pernille hat mir vierhundert Thaler für meine Bemühung versprochen. Aber ich muß hinein und sehen, was sie machen, sonst halten sie am Ende gar Hochzeit auf eigene Hand. (Ab.) Heinrich (kommt) . Ha ha ha, hi hi, ha ha ha! Heinrich, nun bist Du oben drauf! Die hat, hol' mich der Teufel, ihre richtigen Tausende, und ich komme wie durch Zufall zu einem Wohlstand, den ich mir niemals geträumt habe. Wahr aber ist es, ihren Reichthum abgerechnet, ist sie ein ganz ordinäres Mädchen, man müßte denn das für vornehm rechnen, daß sie so kokett ist. Indessen für solchen hungrigen Hund, wie ich bin, ist Geld die Hauptsache. Ihre Zimmer sind ausstaffirt, als wäre sie eine Gräfin, wollte mir Einer eine halbe Tonne Gold für das Vermögen geben, ich nähme sie noch nicht einmal. Jetzt ist sie in ihr Boudoir gegangen, um sich anders anzuziehen; denn, wie sie sagt, zieht sie sich alle Stunden anders an, was zwar verrückt, aber doch ein Zeichen von großem Reichthum ist. Wir sagen schon Du zu einander, wie alte Liebesleute, und sie nennt mich ihr Herz. Aber da kommt sie in einer prächtigen Adrienne. Pernille (kommt) . Entschuldige nur, mein Herz, daß ich Dich habe so lange warten lassen: wie gefällt Dir diese Adrienne? 170 Heinrich . Sie ist recht propre, mein Hühnchen; meine Schwester, Fräulein Fieke, hat eine just von demselben Zeug, ja ma foi von demselben Zeug, ich will ein Hundsfott sein, wenn es nicht dasselbe ist; was hast Du für die Elle gegeben, mein Syrupsfäßchen? Pernille . Denkst Du, daß ich mich um so was kümmere? Wenn das Kammermädchen nach Hause kommt, können wir es erfahren. Aber hast Du viele Geschwister, mein Engel? Heinrich . Blos eine Schwester. Aber von den Stammgütern kriegt sie nichts, sie kriegt blos Geld und Juwelen. Aber sieh, da kommt Hasenschreck, mein Jäger. Arv (kommt) . Hier ist ein Brief vom Lande an den wohlgebornen Junker. Heinrich . Der ist gewiß von meinem Vater, wollte sagen meinem Papa; er schreibt mir immer französisch oder italienisch. Kannst Du Französisch, meine Seele? Pernille . Nein, das ist eine Sprache, die ich niemals habe leiden können, sie ist so verflucht ordinär. Heinrich . Ich muß doch lesen, was er schreibt (liest) : Vous plait-il dans la France comment, à Paris à cette heure, très humble non pas. Na richtig, da werden wir was Neues erfahren; aber ich muß weiter lesen. Roncollavet Bourdeaux fermez la porte, diantre. Na ja, da haben wir's, da möchte man doch toll werden! Weiter: Diable m'emporte pluraliter, voulez vous dormir, nominativus, genitivus, dativus. Jean fonte comment vous portez raportant autrement bestialement spaelamdisimo. Ach, ach, was für verwünschtes Zeug! (Geht auf und ab, indem er sich den Schweiß abtrocknet.) Pernille . Ach, was giebt es, Du Hälfte meiner Seele? Heinrich . Das wäre ja doch verwünscht! Zwingen will er mich dazu, so heißt es am Schluß? Ja wahrhaftig! Autrement spaelamdisimo bestialement autrement! Aber ich stehe meinen Mann! Pernille . Ach, was hast Du denn nur, mein Schnutchen? Heinrich . Und wenn alles Andere fehl schlägt, so bleiben 171 mir doch noch immer die beiden Rittergüter, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Pernille . Aber sag' mir doch nur, was Du hast, mein Balsambüchschen? Heinrich . Er ist mein Papa, das ist richtig, und ich bin ihm Respect schuldig, aber meinetwegen kann ihn der Teufel holen! Pernille . Was hat er denn geschrieben? Heinrich . Er soll erfahren pardi, daß ich, diable m'emporte, die Kinderschuhe ausgezogen habe! Pernille . Ach, verschweig' es mir doch nicht länger! Heinrich . Ich will darauf sterben, daß das wieder so eine Intrigue von meiner Schwester Fräulein Fieke ist; der Teufel soll mich bei lebendigem Leibe holen, wenn das nicht so ist! Pernille . Was sind das denn für Intriguen? Heinrich . Aber wart' nur, Du kleine Canaille, bist Du meine ma soeur, so will ich Dir zeigen, daß ich Dein mon frère bin! Pernille . Aber so sprich doch, süßes Herz, oder ich sterbe?! Heinrich . Weißt Du, mein Püppchen, was es ist? Mein Papa schreibt mir, er habe mit großem Kummer vernommen, daß ich mich hier umhertreibe und einem Frauenzimmer in der Stadt die Cour mache. Pardi, bin ich denn nicht alt genug, um zu wissen, was ich thue? In diesen Stücken läßt sich doch jeder nur von seinem eigenen Herzen rathen. Pernille . Der Ansicht bin ich ebenfalls. Heinrich . Ich bin schon ein Kerl, der sich dreimal die Woche rasiren läßt. Pernille . Was schreibt er aber weiter, daß Du so aufgebracht bist? Heinrich . Ich bin ein Kerl, der sein Französisch und Italienisch versteht, als wär' es seine Muttersprache, und sollte nicht wissen, was mir gut ist? Aber ihr sollt mit langer Nase abziehen, mon cher papa! Pernille Was hat denn Dein Papa mit Dir vor, mein Schatz? 172 Heinrich . Er für seine Person, mein Püppchen, ist gar nicht so übel, aber er hat sich verführen lassen; es ist gar nicht zu sagen, was meine Schwester Fräulein Fieke für Ränke im Kopfe hat. Pernille . Was macht sie denn? Heinrich . Ach, ich weiß schon, wonach ihr die Nase juckt, gnädiges Fräulein! Aber Du weißt nur nicht, was für Freunde ich bei Hofe habe, und daß der König erst neulich öffentlich bei Tafel zu mir gesagt hat: Der junge Herr hat sehr was Apartes. Hör', mein Püppchen, mein Vater hat eine Heirath verabredet zwischen mir und einer Dame auf dem Lande und verlangt, daß ich sofort Hochzeit mit ihr halte. Pernille . Ach, Magdelone, halte mich, ich falle in Ohnmacht! Heinrich . Sei nur ruhig, mein Hühnchen, da wird in Ewigkeit nichts draus! Weißt Du was? Um dem auf einmal zuvorzukommen, wollen wir noch heute Abend Hochzeit halten. Pernille . Ja, das wird allerdings wol das Beste sein. Heinrich . Hasenschreck! Arv . Wohlgeborner Junker! Heinrich . Tarantala praeteritum perfectum je ne fais pas generosement dans la France par couvert; verstehst Du wol? Arv . Copis in sandung Spaeckavet fripon Monsieur ovis fort bien. (Ab.) Heinrich . Ich habe meinem Jäger aufgetragen, den Boten mit Redensarten so lange aufzuhalten, bis ich nach Hause komme; durch ihn werde ich meinem Papa einen Brief zustellen, worin ich ihm meine Meinung sagen, aber nichts davon erwähnen werde, daß wir noch heute Abend Hochzeit halten, weil er sonst Hals über Kopf zur Stadt kommt. Pernille . Das ist richtig, davon müssen wir still sein. Heinrich . Ich sollte Dir wol einige Geschenke machen, mein Engel, aber die Zeit ist wirklich zu kurz dazu. Pernille . Ach, ach, laß uns nur erst Hochzeit halten, das Uebrige findet sich schon. Heinrich . Ich will Dir nur ein geringes Zeichen meiner 173 Liebe geben; hier nimm den kleinen Ring mit dem Namenszuge, die eigentlichen Geschenke sollen dann schon besser ausfallen. Pernille . Ja, so muß ich Dir wol auch Spaßes halber irgend eine Kleinigkeit schenken; da hier ist mein Porträt in Miniatur. Heinrich . Aber das ist nicht besonders ähnlich, mein Schnutchen? Pernille . Nein, allerdings, das ist es nicht, aber ich habe auch ein anderes in Arbeit bei einem andern Maler. Heinrich . Schlag vier komme ich zur Copulation. Pernille . Bis dahin soll alles fertig sein. Heinrich . Adieu so lange, mein Putchen. Pernille . Adieu, mein Engel. (Heinrich stößt in seine Pfeife, die Sänftenträger kommen mit der Sänfte, in die er sich setzt, indem er zum Abschied Kußhände wirft. Sie thut desgleichen; er nimmt einen Spiegel aus der Tasche und bringt sich in der Sänfte die Haare in Ordnung. Dann ab.) Siebente Scene. Pernille . Magdelone . Pernille . Was meinst Du nun, Magdelone? Haben wir das Spiel nun gewonnen? Magdelone . Ja, wenn nur nicht noch bis vier Uhr ein Hinderniß eintritt. Aber was war das für ein Bildniß, das Du ihm gabst? Pernille . Das war Fräulein Eleonorens Porträt. Magdelone . Hast Du denn den Verstand verloren, Pernille? Wie darfst Du so etwas wagen? Pernille . Wenn das Fräulein hört, daß ich auf diese Weise mein Glück gemacht habe, so wird sie nicht böse sein, sondern lachen und ihr Vergnügen daran haben. Komm, Magdelone, laß uns hineingehen und alles zu seiner Ankunft vorbereiten. (Beide ab.) 174 Zweiter Akt. Erste Scene. Leander allein. Leander . Hab' ich mein Lebtag so etwas gehört, hier wird ja dieselbe Komödie mit mir gespielt wie mit dem Amphitryon? Mein Gesinde hält mich offenbar für einen Dummkopf. Ich befehle, sie antworten, ich habe nichts zu befehlen; ich frage nach meinem Diener, es heißt, er ist vor einer halben Stunde mit dem gnädigen Herrn ausgegangen. Ich sage, ich bin selbst der gnädige Herr; sie antworten: Ja, wo anders, aber nicht hier. Ich werde böse, sie zeigen mir die Thüre und drohen mir mit ihrem Herrn. Und wenn ich mich auf den Kopf stelle, so begreife ich nicht das Mindeste davon. Aber da sehe ich Arv. Höre, Arv! Zweite Scene. Arv , als Hausknecht. Leander . Arv . Wer ruft nach mir? Ei, gnädiger Herr, willkommen in der Stadt! Leander . Gut, daß Du mich nur kennst. Arv . Wie sollte ich den gnädigen Herrn denn nicht kennen? Leander . Ich dachte wirklich, ich wäre verwandelt, oder wenigstens, ich wäre in ein falsches Haus gekommen. Höre, Arv, wohne ich wirklich hier? Arv . Ich weiß es wenigstens nicht anders. Aber warum thut der gnädige Herr solche Frage? 175 Leander . Wie ich ins Haus trete, will mich keiner für voll passiren lassen, diese neuen Bedienten, die Heinrich angenommen hat, behaupten vielmehr, ihr Herr wäre soeben ausgegangen. Was Teufel sind das für Durchstechereien? Wo ist Heinrich? Arv . Ich habe ihn wahrhaftig erst ein einzig Mal gesehen, unmittelbar wie ich in die Stadt gekommen war, da schickte er mich einen Gang für den gnädigen Herrn; er ist, glaub' ich, noch zu Hause. Leander . Könnt' ich den Schuft nur zu fassen kriegen und hören, wie das zusammenhängt, das ist ja doch wahrhaftig eine hirnverrückte Geschichte! Wohin pflegt er denn zu gehen, wenn er in der Stadt ist? Arv . Er pflegt zum Christopher an der Ecke zu gehen; ich fürchte, da sitzt er jetzt auch und macht sein Spielchen. Leander . Das soll ihm schlecht bekommen; ist hier etwa nichts anderes zu thun? Spring' hin und sieh, ob Du ihn findest. (Arv ab.) Das ist gewiß meines Schwiegervaters Haus; ich will doch mal eintreten und hören, ob er bereits zur Stadt gekommen ist. Aber da kommt ein Cavalier heraus; was mag der hier zu thun haben? Dritte Scene. Heinrich . Leander . Heinrich (wirft der Pernille, die am Fenster ist, Kußhände zu) . Adieu, so lange, mon cher, laß Dir die Zeit nicht lange werden, adieu, kleines Leonorchen! Daß ja alles um vier Uhr hübsch fertig ist, mein Schatz! Leander . Das ist um verrückt zu werden, das ist tausendmal ärger als alles Bisherige. Heinrich . Ha ha ha, die ist verliebt wie eine Ratte! Leander . Heda, mein Herr, was hat Er hier im Hause zu thun? Was für einen Schatz oder Engel hat Er hier? – Aber das Gesicht, dächt' ich, müßte ich kennen? 176 Heinrich . Ach, gnädiger Herr, ich bitte tausendmal um Verzeihung. Leander . Na, nun das wird ja immer besser? Heinrich, wo Teufel kommst Du her in diesem Aufzug? Heinrich . Ach, gnädiger Herr, tretet doch nur nicht meinem Glück zu nahe; ich mache mein Glück in diesem Hause. Leander . Durch wen? Heinrich . Durch ein Fräulein vom Lande, mit Namen Leonore. Leander . Die hier im Hause wohnt? Heinrich . Ja, das ist ihres Vaters Haus. Leander . Willst Du nichtsnutziger Spitzbube mich noch zum Narren halten? (Zieht den Degen, Heinrich fällt auf die Kniee.) Willst Du mir nun gleich sagen, was das für Possen sind? Heinrich . Ach, gnädiger Herr, tretet doch nicht meinem Glück zu nahe, ich bin ja doch ein alter treuer Diener! Leander . Ich spalte Dir auf der Stelle den Kopf, wenn Du mir nicht sofort sagst, was das bedeutet und was Du hier im Hause zu schaffen hast. Heinrich . Ich will ja alles bekennen, vom Anfang bis zu Ende. Als der gnädige Herr mich in die Stadt schickte, um alles zum Empfang seiner Braut zurecht zu machen, und ich nun dem gnädigen Herrn seine Kleider und Sachen unter die Hände kriegte und auch neue Bediente annehmen sollte, so wandelte mich solch ein eigenthümliches Gelüste an (eine Frau in Wochen kann es nicht ärger haben), nämlich auch mal zu probiren, wie das thut, wenn man ein vornehmer Herr ist. Und während ich mich nun noch so anstellte, kriegte ich zu erfahren, daß sich unterdessen ein vornehmes Fräulein in mich verliebt hatte und mir nachstellte. Leander . Was war das für ein Fräulein? Heinrich . Ein Fräulein, das hier im Hause wohnt und Leonore heißt. Leander . Höre, wenn Du Deine Possen jetzt noch weiter treibst, so bist Du des Todes! Heinrich . Ich sage wahrhaftig nicht ein unwahres Wort. 177 Diese ihre Verliebtheit hat mich verleitet, meine Rolle weiter zu spielen, indem ich nämlich so bei mir selbst dachte: Wenn dem gnädigen Herrn auch zu Ohren kommt, daß ich seine Kleider angezogen habe, so nimmt er es doch nicht ungnädig, wenn er zugleich erfährt, daß sein alter treuer Diener dadurch sein Glück gemacht hat. Leander . Weiter, weiter! Heinrich . Zuletzt ließ sie durch ein altes Weib um meine Liebe werben; ich bin heute schon zweimal bei ihr gewesen und um vier Uhr wollten wir Hochzeit halten. Leander . Wie heißt das Fräulein, sagst Du? Heinrich . Sie heißt Leonore. Leander . Und wohnt in diesem Hause? Heinrich . Ja, es ist ihres Vaters Haus; für gewöhnlich wohnen sie auf dem Lande, aber wenn sie in der Stadt sind, so wohnen sie hier. Leander . Ich weiß genug; Du bist ein Missethäter, Du mußt sterben. Heinrich . Ach . . . . erbarmt Euch, gnädiger Herr, ich habe doch nichts Böses gethan, als blos, daß ich aus Narrheit des gnädigen Herrn Kleider angezogen habe, ihre eigenen Leute können mir bezeugen, daß sie mir keine Ruhe gelassen hat! Leander . Nicht für Deine Thaten sollst Du sterben, sondern für Deine Lügen und weil Du einem vornehmen Fräulein solchen Schimpf anthust. Heinrich . Wenn nicht alles wahr ist, was ich gesagt habe, so will ich für mein eigenes Geld den Strick kaufen, an dem der gnädige Herr mich aufhängen soll. Hier kommt Arv, der wird mir alles bestätigen. Vierte Scene. Arv . Heinrich . Leander . Arv . Nein, er ist nirgend zu finden, gnädiger Herr. Leander . Hierher, Du Hund, und bekenne die Wahrheit oder ich schlage Dich ebenfalls todt! 178 Arv (fällt auf die Kniee) . Ah . . . . ! Leander . Ist das wahr, daß das Fräulein in dem Hause da drüben in Heinrich verliebt ist und noch heute Hochzeit mit ihm halten will? Arv . Ja, das ist weiß Gott wahr, gnädiger Herr! Aber was kann ich dafür? Ich habe sie sagen hören, sie könne aus Liebe zu ihm nicht ruhig schlafen, auch habe ich gesehen, wie sie ihn geküßt hat; was sie sonst noch miteinander gemacht haben, das mögen sie und der Teufel wissen. Heinrich . Ueberzeugt der gnädige Herr sich nun, daß ich nicht lüge? Ich habe noch das Porträt in der Tasche, das sie mir geschenkt hat. Leander . Zeig' her – ach Himmel, ist es möglich? Steht nur beide auf, es soll Euch nichts Böses geschehen! Was soll ich davon denken? Was soll ich sagen? Was soll ich thun? Ist wol ein Schmerz so groß wie dieser? Ist je ein Mensch so plötzlich ins Elend gestürzt? Hat je ein Frauenzimmer sich so zu verstellen gewußt wie diese Leonore? Ueberlege ich ihren Stand und ihre vornehme Herkunft, ihre äußerliche Ehrbarkeit, Tugend und Züchtigkeit, so erscheint mir die Geschichte geradezu unglaublich; höre ich dagegen diese Aussagen, ja sehe ich ihr Porträt, so muß ich dennoch glauben. Mein Herz ist so voll Kummer und Sorge, mein Hirn so verwirrt, daß ich nicht weiß, welchen Entschluß ich fassen soll. Ich will das Haus erbrechen und die Verrätherin tödten; niemand wird mich deshalb tadeln, vielmehr werden alle es eine gerechte Rache nennen und zugestehen, daß, gäbe es noch eine größere Strafe in der Welt als den Tod, sie dieselbe ebenfalls verdient hätte. Und doch, wo will ich den Muth hernehmen, die zu tödten, die ich soeben noch geliebt habe wie mein eigenes Leben? Und wäre es denn Strafe genug für sie, durch meine Hand zu sterben? Nein, sie soll erfahren, daß es noch eine größere Strafe giebt, mich selbst will ich umbringen, sie aber soll leben in Schmach und Verachtung! (Geht auf und nieder.) Doch fragt solch ein Geschöpf nach Schmach und Verachtung? Nein, eine, die sich nicht geschämt hat, ihr gegebenes Gelübde zu brechen und sich in solchen Lump zu verlieben, die 179 würde sich auch freuen über meinen Tod, der ihr erst recht alle Hindernisse ans dem Wege räumte, so daß sie ihren niedrigen Neigungen nun ganz und gar folgen würde. Nein, durch Verachtung will ich sie strafen und will Heinrichs Liebe unterstützen, da sie ja doch eben gut für ihn ist. – Höre, Heinrich, weißt Du, wer Deine Geliebte ist? Es ist ebendieselbe, mit der ich Hochzeit halten wollte. Heinrich . Ach, gnädiger Herr, Barmherzigkeit! Ich bin ihr, weiß Gott, noch nicht zu nahe gekommen und verzichte gern auf alle Ansprüche! Leander . Nein, fahre nur fort, sie zu lieben wie bisher. Heinrich . Ach nein, gnädiger Herr, da wär' ich ja die reine Canaille, wenn ich solchen braven gnädigen Herrn wollte zum Hahnrei machen. Leander . Wenn Du sie heirathest, kann ich doch nicht Hahnrei werden? Heinrich . Ach nein, gnädiger Herr, dazu bin ich viel zu geringe, Ihnen den Kauf zu verderben; ich will gleich hin und ihr entdecken, wer ich bin, und sagen, daß der gnädige Herr böse ist, so wird sie gewiß klein beigeben und der gnädige Herr kann noch heute Abend Hochzeit halten. Leander . Hätte ich nicht mehr Ehre im Leibe als Du, Heinrich, so ginge das wol an. Nein, sei nur guten Muthes, sie soll noch heute Deine Frau werden; ich selbst werde Deine Liebe unterstützen, es ist die beste Art, mich zu rächen. Heinrich . Nein, ehe ich meinen Herrn aus dem Sattel hebe, da will ich lieber sterben! Leander . Höre, Heinrich, wenn Du Dich weigerst, so staffire ich den Arv dazu aus, daß der sich den Weg zu diesem Glücke bahnt. Arv . Danke schön, Euer Gnaden; wenn er nicht will, so will ich. Heinrich . Nichts da, Du Schlingel, dieser Bissen ist zu gut für Dich. Will der gnädige Herr sie denn wirklich nicht haben, so bin ich bereit. Leander . Ihr könnt euch beide darein theilen, Du kannst 180 mit Arv umschichtig bei ihr liegen; denn ihr sind ja, wie ich merke, alle recht. Heinrich . Nein, gnädiger Herr, dazu bin ich zu eifersüchtig. Wenn indessen der gnädige Herr selbst mir mitunter die Ehre erweisen will, so . . . . Leander . Nein, Heinrich, ich werde Dir keinen Schaden thun. Fahre nur so fort und laß Dir nicht merken, daß wir einander gesprochen haben; ich wollte hundert Thaler darum geben, daß sie schon Deine Frau wäre. Heinrich . Aber kann ich mich auch darauf verlassen, daß der gnädige Herr nicht blos seinen Spaß mit mir treibt? Leander . Begreifst Du denn nicht, wie nichtswürdig sie mit mir umgegangen ist, daß ich keine bessere Rache an ihr nehmen kann, als daß ich ihr meinen Bedienten zum Manne gebe? Heinrich . Aber wenn es nun herauskommt, daß ich blos ein armer Bedienter bin, so werde ich doch bestraft? Leander . Nicht im mindesten; ich selbst werde Dich schützen, und jeder, der hört, wie falsch und nichtsnutzig sie gewesen ist, wird sich freuen über die Schmach, die ihr widerfahren. Arv . Ich glaube, weiß Gott, mir ist sie auch nicht gerade böse; Du hast wol nichts dagegen, daß ich Dich ab und zu besuche, wenn sie erst Deine Frau ist? Heinrich . Dich soll der Teufel holen, wenn Du mir ein einzig Mal über die Schwelle kommst! Leander . Ihr werdet euch schon darüber vergleichen, wie es Freunden gebührt; jetzt aber kommt und laßt uns hineingehen. (Gehen ab. Heinrich zieht Arv bei den Haaren und droht ihm unterwegs.) Fünfte Scene. Leonore . Pernille . Pernille . Ach, wohlgebornes Fräulein, wenn Ihr erst die Veranlassung wißt, so wird Euer Zorn sich, hoffe ich, legen. 181 Leonore . Das sind nicht sowol die Kleider, weshalb ich böse bin, sondern deshalb, daß Du Narrenstreiche treibst, während hier noch so viel zu thun ist. Pernille . Ich habe es wahrhaftig nicht zum bloßen Spaße gethan. Leonore . Das Fieber von neulich, das Dich hier in der Stadt befiel, scheint noch nicht vorüber zu sein, es ist wol das Beste, Du legst Dich wieder hin. Aber was hat Dich zu solchen Narrenspossen veranlaßt? Pernille . Ich mache ein großes Glück damit. Da ist nämlich ein reicher junger Herr, ebenso närrisch wie reich, der bildet sich ein, als ob ich ein vornehmes Fräulein wäre, und macht mir die Cour. Leonore . Solche Geschichten dulde ich in meinem Hause nicht; ist es aus Habsucht oder aus Liederlichkeit, daß Du solche Streiche treibst? Pfui, schäme Dich, ich habe sonst immer so gut von Dir gedacht; solch ein Mensch wirft Dir eine Hand voll Ducaten hin und dann läßt er Dich laufen. Pernille . Ach nein, Fräulein, so ist es nicht gemeint; er hat mir die Ehe versprochen und Glocke vier sollten wir getraut werden, darum bitte ich, nicht meinem Glück im Wege zu sein. Leonore . Deinem Glück will ich nicht im Wege sein, Pernille, aber was glaubst Du wol, daß nachfolgen wird, wenn er hinterdrein erfährt, daß Du ein bloßes Dienstmädchen bist? Pernille . Ach den kann jeder zum Narren halten. In mich ist er ganz verliebt und hat um mich angehalten, ohne auch nur mit einer Silbe nach meinem Stand und meinen Verhältnissen zu fragen; nicht ich betrüge ihn, sondern er betrügt sich selbst. Leonore . Willst Du es riskiren, so habe ich nichts dagegen; aber ich fürchte, mein Vater kommt noch vorher zur Stadt. Pernille . Wie bald kommt er wol? Leonore . Als ich unser Landhaus verließ, sagte er, er wollte auf der Stelle nachkommen; er kommt gewiß noch vor Abend, da heute meine Hochzeit sein soll. Aber was für ein junger Herr ist es denn, der sich in Dich verliebt hat? 182 Pernille . Er wohnt in dem Hause hier geradeüber. Leonore . In welchem Hause? Pernille . Nun da in dem Hause. Leonore . Bist Du verrückt, Mädchen? Vielleicht ist er da ein paarmal aus- und eingegangen, aber wohnen kann er da nicht; denn dieses Haus, wie ich genau weiß, gehört Leander. Pernille . Ja richtig, Fräulein, Leander heißt er auch; seine Eltern haben ihn mit Einer versprochen, die er nicht ausstehen kann, und eben darum eilt er so mit unserer Hochzeit. Leonore . Es ist, wie ich sagte. Mädchen, das Fieber hat bei Dir noch nicht ausgerast. Pernille . Nein wahrhaftig, es ist, wie ich sage, die alte Magdelone, die hier in unserm Hinterhause wohnt, kann mir bezeugen, daß eben der Leander, der dort in dem Hause wohnt, mir die Ehe versprochen hat. Magdelone, Magdelone! komm' mal schnell ein bischen heraus! Sechste Scene. Pernille . Magdelone . Leonore . Pernille . Ist es nicht wahr, Magdelone, daß ich mit einem jungen Herrn versprochen bin, der Leander heißt und hier geradeüber wohnt? Magdelone . Ja, wahr ist das. Aber, bestes Fräulein, hindert sie doch nicht in ihrem Glücke, sie hat Euch ja doch so lange so treulich gedient; sie wird zwar auf die Art eine reiche und vornehme Dame, wird aber, darauf könnt Ihr Euch verlassen, immer dankbar bleiben. Leonore . Wie doch? Habt Ihr Euch etwa verabredet, mich zum Narren zu halten? Magdelone . Ei, wie käme uns so etwas in den Sinn, liebstes Fräulein, es ist wahrhaftig alles, wie ich sage! Pernille . Ich unterwerfe mich bereitwillig jeder Strafe, wenn das gnädige Fräulein die geringste Unwahrheit findet in dem, was ich sagte. 183 Leonore . Leander, sagst Du, heißt er? Pernille . Ja. Leonore . Und wohnt in dem Hause geradeüber? Pernille . Ja, aber für gewöhnlich wohnt er auf dem Lande. Leonore . Aber was ist das für ein Ring, den Du da am Finger trägst? Pernille . Den Ring hat er mir heute geschenkt. Leonore . Ach, haltet mich, ich falle in Ohnmacht! Magdelone . Hab' ich es mir nicht gedacht, daß es so gehen würde? Aber warum nimmt das Fräulein sich das auch so zu Herzen? Es ist ja so was Natürliches, daß der Mensch sein Glück machen will. Leonore (bei Seite) . Ja, es ist sein Ring; so unglaublich die Geschichte auch ist, so ist doch alles, wie sie sagen. Ach, wenn ich das größte Verbrechen begangen hätte, könnte der Himmel mich ja nicht ärger strafen! Wer kann jetzt noch auf irgend eines Menschen Gelübde bauen? Wer kann noch aus Mienen und Geberden schließen, wie es im Herzen bestellt ist? So lange habe ich gezögert, mich zu verehelichen, mehr als eine ansehnliche Partie habe ich ausgeschlagen, keiner rührte mein Herz, als nur dieser Leander, von dem ich nun entdecken muß, daß er der verworfenste Mensch ist, der sich nur irgend denken läßt! Was soll ich thun? Welche Rache soll ich nehmen? Die Treulosigkeit ist so groß, daß keine Rache jemals zu furchtbar sein kann. Ach, unselige Leonore, zu einer unseligen Stunde kam dieser Mensch in Deines Vaters Haus. Zu einer unseligen Stunde kamst Du selbst in die Stadt, dies zu vernehmen! Allein was thue ich? Worüber beklage ich mich? Warum nenne ich dies eine unselige Stunde? Vielmehr den glücklichsten Tag meines ganzen Lebens sollte ich ihn nennen, da solche Treulosigkeit aufgedeckt wird und ich der Gefahr entgehe, dem nichtswürdigsten aller Menschen in die Hände zu fallen! – Höre, Pernille: der Herr, der Dich liebt, ist ebenderselbe, mit dem ich versprochen war. Pernille . Ach, wohlgebornes Fräulein, nur keine Uebereilung, es könnte ja doch ein Irrthum sein! Woher will Sie das denn wissen? 184 Leonore . Gewiß, Pernille, es sind der Beweise nur zu viele. Er selbst hat mir gesagt, daß er erst kürzlich das Haus hier geradeüber gekauft hat, um mit mir darin zu wohnen, wenn wir in der Stadt wären; er wohnt für gewöhnlich auf dem Lande, er heißt Leander und zum Ueberfluß kenne ich seinen Ring! Pernille . Ach, ich sterbe vor Angst und Schrecken! Leonore . Und ich vor Erbitterung und Verlangen nach Rache! Pernille . Ach, Fräulein, bringt mich doch um! Leonore . Im Gegentheil, mein ganzer Trost besteht darin, daß Du leben bleibst; denn das ist die beste Art mich zu rächen, daß er zur Strafe mein Dienstmädchen heirathet. Pernille . Aber wie kam das Fräulein dazu, sich mit solchem Menschen zu verloben? Leonore . Es sind jetzt sechs Wochen, daß er zu meinem Vater kam, mit dem er Geschäfte hatte. Da verliebte er sich in mich und bat um meine Hand. Jetzt habe ich die Geduld nicht, Dir das Uebrige zu erzählen, mein ganzes Blut kocht nach Rache, ich reise augenblicks nach unserm Gute zurück. Pernille . Und ich reise mit. Ach, daß ich doch niemals in die Stadt gekommen wäre, meinem gnädigen Fräulein solchen Schaden anzurichten! Leonore . Hör' an, Pernille, wenn Du mich noch im mindesten achtest und liebst, so bleibst Du hier und führst die Komödie zu Ende, ohne Dir merken zu lassen, daß ich hier gewesen bin und Dich gesprochen habe. Setzest Du die Rolle nicht fort, die Du angefangen, so siehst Du mich heute zum letzten Mal; denn wenn ich mich nicht räche, so sterbe ich, und eine andere Art, mich zu rächen, giebt es nicht. Pernille . Ach, ach, Fräulein, ist es möglich, daß . . . .?! Magdelone . Na, Du Maulaffe, so thu' doch, was das gnädige Fräulein haben will; auf die Art wird sie gerächt, Du wirst eine große Dame und ich kriege das Geld, das Du mir versprochen hast. Leonore . Mein einziger Trost, sage ich Dir noch einmal, Pernille, besteht darin, daß Du Deine Rolle gut spielst; es ist ja gewissermaßen zu Deinem Glücke, da er in der That sehr reich ist. Pernille . Ja, das ist freilich richtig, für mich ist er noch sachte gut genug. Na, wenn das Fräulein es denn so haben will, so will ich, weiß Gott, meine Rolle so gut spielen, wie ich nur immer vermag. Leonore . Geh' nur hinein und thue genau, was ich Dir befohlen habe; ich gehe jetzt zu einer guten Freundin, die mich nach unserm Landhause begleiten soll. (Pernille und Magdelone ab.) Siebente Scene. Leander . Leonore . Leonore . So groß meine Liebe war, so heftig ist jetzt meine Erbitterung. Leander (zu Heinrich, der draußen bleibt) . Wie gesagt, Heinrich, jetzt geh' ich ein wenig fort. Leonore . Den ich bisher liebte wie mein eignes Leben, hasse ich nun am meisten von allen Menschen auf Erden. Aber wer spricht da? Ach Himmel, da kommt der Verräther! Leander . Ist das nicht Leonore? Ei, geht Sie weg? Hat Sie etwa Furcht vor mir? Sie tugendhaftes Fräulein? Leonore (wieder umkehrend) . Wohlgeborner Junker, wie könnte wol bei mir oder irgend jemand noch von Tugend die Rede sein? Er hat ja alle Tugenden allein gegessen, so daß für die Andern nichts übrig geblieben ist. Leander . Ha ha ha, keusche Lucretia! Leonore . Ha ha ha, keuscher Joseph! Leander . Ich bewundere Sie, Fräulein! Leonore . Und solche Junker wie Er giebt es nicht mehr auf Erden. Leander . Kennt Sie dies Porträt, Sie tugendhaftes Fräulein? Leonore . Nein, nicht in Seinen Händen. 186 Leander (indem er ihr das Porträt hinwirft) . Sieh her, da hat Sie es wieder! Leonore . Kennst Du tugendsamer Junker dies Porträt? Leander . Ja, leider. Leonore . Sieh da, da liegt es! Leander . Und da liegt die Tabaksdose, die Sie mir geschenkt hat! Leonore . Und da liegt Sein lumpiges Armband! Leander . Und da liegt Ihr lumpiger Stock mit dem goldnen Knopf! Leonore . Und da liegen Seine lumpigen Ohrringe! Leander (indem er ausspeit) . Und da liegt die Liebe und Treue, die Sie mir gewidmet! Leonore . Twi, und da liegt sie ebenfalls! Leander . Adieu, tugendsames Fräulein, einen schönen Gruß an Ihre Eltern! Leonore . Adieu, unvergleichlicher Junker, prosit Mahlzeit! (Sie geht ab.) Leander . Was für ein unverschämtes Weibsbild, weit entfernt, sich ihrer Unthat zu schämen, trotzt sie noch obenein! Doch wird es eine geeignete Rache für mich sein, wenn sie hört, daß ihr neuer Liebhaber sich in einen gemeinen Lakai verwandelt. (Geht ab.) Achte Scene. Arv allein. Arv . Mir war doch, als hörte ich hier etwas zanken, nun aber ist niemand da? Nein, da ist niemand; sollte ich etwa geträumt haben? – Ich muß noch immer an den verwetterten Heinrich denken, was der heute für ein Glück macht. Es ist doch ein höllischer Sprung, so auf einmal von so einem Lumpier zu einem vornehmen Herrn; neidisch bin ich gerade nicht, das aber kann ich nicht leugnen, könnt' ich ihm in guter Manier den Hals umdrehen, so thäte ich's. Denn welche größeren Verdienste hat er denn als ich? Ich habe ebenso lange und ebenso treu 187 gedient wie er, und aussehen thue ich ebenso gut wie der Schlingel. Wäre ich an seiner Stelle zuerst in die Stadt geschickt worden, ich hätte vermuthlich gerade dasselbe Glück machen können. Weil ich aber zu spät gekommen, so bin und bleibe ich ein Schlingel und er wird Euer Wohlgeboren. Ich will mich aber nur trösten von wegen der fünfzig Thaler, die er mir versprochen hat. Vielleicht macht es sich auch, daß ich mich noch an demselben Ofen wärme; die Marielle, die er kriegt, wird sich auch nicht mit einem Manne begnügen. Wäre das alte Weib nur hier, wollte ich ihr schon zureden, ein gutes Wort für mich einzulegen; ich will doch mal durch die Thürritze gucken, ob ich nichts von ihr entdecken kann. Neunte Scene. Heinrich . Arv . Heinrich . Wo zum Henker steckt nur Arv? Ich brauche ihn eben. Aber sieh, da steht er und guckt zur Thür hinein; ei, das ist doch zum Tollwerden! (Schleicht sich sachte heran und zieht ihn bei den Haaren zurück.) Arv . Ah . . .! Heinrich . Willst Du Hund wol Deine Nase davon halten! Arv . Was thu' ich denn Schlimmes, Heinrich? Heinrich . Fort hier, sag' ich! Arv . Darf ich denn nicht auf der Straße stehen? Heinrich . Aber nicht vor diesem Hause; wenn ich merke, daß Du noch einen einzigen Blick nach diesem Hause wirfst, so lasse ich Dich zum Fenster hinaushängen, Andern zum abschreckenden Exempel. Arv . Dazu hast Du das Recht nicht. Heinrich . Ha ha, ein Mann mit einer halben Tonne Goldes, wie ich, sollte nicht das Recht haben, einen Hausknecht aushängen zu lassen? Arv . Und wenn Du ein Mann von einer ganzen Tonne Goldes wärst, so bist Du doch vom Hause aus nur ein Lakai; 188 es ist immer noch ein großer Unterschied, ein reicher Mann und ein vornehmer Mann. Heinrich . Nicht der mindeste Unterschied. Setzen wir, ich bin Verwalter eines großen Herrn, so bin ich doch mit ihm verglichen nur ein ordinärer Kerl; weiß ich aber durch Spitzbüberei mich in den Besitz seiner Güter zu setzen, gleich bin ich vornehmer als er, auch wenn er dieselben Titel behält wie bisher und ich blos schlecht und recht Heinrich heiße wie zuvor. Arv . Ja, siehst Du wol, vornehm wirst Du darum also doch nicht. Heinrich . Ja, gewiß werd' ich es. Denn wenn dann ich und mein Herr zusammen ins Wirthshaus kommen, so giebt der Wirth dem Herrn zwar den vornehmsten Platz, aber mir den besten. Wird ein Kapaun tranchirt, so kriegt mein Herr zwar das erste Stück, etwa so vom Hals oder Rücken, ich dagegen kriege die Brust; meinem Herrn werden Complimente geschnitten um seiner Titel willen, mir aber wird solide Ehre erwiesen von wegen meines Geldes und weil ich dem Wirth bei Gelegenheit mal wieder das Doppelte kann vorsetzen lassen. Bevor ich zu Monsieur Leander kam, diente ich bei einem vornehmen Manne, mit dem es rückwärts gegangen war. Dieser, erinnere ich mich, wurde einmal an einem gewissen Orte zum Kaffe geladen, zugleich mit einem reichen Krämer. Die Leute stellten sich, als thäten sie meinem Herrn die größte Ehre an und schenkten ihm zuerst ein, in der That aber geschah es blos, um an seiner Tasse zu versuchen, ob der Kaffe schon gehörig gezogen hätte; der Krämer kriegte jedesmal zwar die letzte, aber auch die stärkste Tasse. Der Grund war leicht zu merken, nämlich wenn der Wirth meinem Herrn den Gegenbesuch machte, so kriegte er blos eine Prise Tabak, bei dem Krämer aber ein gutes Mittagsessen. Es begegnen Dir gleichzeitig zwei Personen, Arv, die eine sitzt im Wagen, die andere dagegen patscht zu Fuße im Schmutz, wenn auch allerdings dem Fahrenden zur höheren Hand; welcher von beiden denkst Du nun wol, daß der vornehmere ist? Arv . Nun, der fährt. Heinrich . Das meine ich ebenfalls, obwol der Fußgänger 189 zuoberst geht. Und darum, und weil denn also derjenige der Vornehmste ist, dem die gründlichste Ehre erwiesen wird, ist auch ein reicher Handwerksmann jederzeit vornehmer als ein armer Edelmann; der eine wird vornehm titulirt und der andere ist es wirklich. Darum, Arv, wenn ich durch diese Dame so reich werde, wie mein Herr ist, so werde ich auch vollkommen so vornehm als er, und darum mußt Du Dich dann nachher auch auf einen andern Fuß mit mir setzen. Arv . Es will mir noch nicht zu Kopf. Heinrich . Höre, Arv, wenn ich Dir zwanzig Thaler Lohn mehr gebe als Leander, wem von uns beiden willst Du da lieber dienen? Arv . Nun versteht sich, Dir. Heinrich . Es wird aber nichts daraus, Arv, ich sage es blos so beispielsweise. Willst Du wol nicht nach dem Hause sehen, Du Schuft? Marsch hinein, es giebt noch allerhand zu thun. (Stößt Arv hinein.) Es ist doch was Närrisches: heirathet man solche reiche Kokette, so muß man ihr im Anfang zu Willen sein und das ganze erste Jahr offene Tafel halten; sitze ich jedoch erst etwas fester im Sattel, so kehre ich das Rauhe nach außen, und zuletzt muß meine gute Frau tanzen, wie ich pfeife. Anfangs muß ich mich hübsch demüthig und fügsam stellen, bis ich das Geld in Händen habe; nachher soll es ihr nicht besser gehen als andern solchen Damen, die auf eben die Art zum Manne gekommen sind. (Geht hinein.) 190 Dritter Akt. Erste Scene. Leonore . Magdelone . Leonore . So ist es also völlig klipp und klar, Magdelone? Magdelone . Ja, das sind richtige Eheleute, die kann keiner mehr auseinander bringen. Leonore . Und Du hast selbst gesehen, wie sie getraut wurden? Magdelone . Ja, mit diesen meinen Augen. Aber eine Teufelsgeschichte wird es werden, wenn der erfährt, daß er ein Dienstmädchen geheirathet hat. Leonore . Das hat nichts zu sagen. Wäre er nicht so reich, so wäre sie für den liederlichen Kerl noch immer zu gut; für solch armes Mädchen aber ist es freilich schon etwas Großes, das kann ich mir denken, eine vornehme Dame zu werden. Aber wo mag nur Leander sein? Magdelone . Gleich nach der Trauung empfahl er sich und versprach, auf den Abend wiederzukommen und seine Braut mit sich zu nehmen. Leonore . Ha ha ha! Sieh doch, daß Du mir Pernille herschaffen kannst. Magdelone . Ja, ich werde sie gleich herbringen. Inzwischen hoffe ich, daß das Fräulein Sorge tragen wird, daß sie mir ihr Versprechen hält; sie hat mir für meine Mühe vierhundert Thaler verheißen. Leonore . Gewiß soll sie ihr Versprechen halten. Magdelone . Nun geh' ich und hole sie. Leonore . Habe ich Hohn und Kummer leiden müssen, so 191 habe ich mich dafür nun auch gehörig gerächt. Er schämte sich nicht einmal des Geschehenen, da er mit mir sprach, sondern höhnte und beleidigte mich noch obendrein; das ist doch wirklich der äußerste Grad von Nichtsnutzigkeit, in den ein Mensch verfallen kann. Nun weiß ich blos nicht, auf was für einen Fuß ich mich zu Pernille stellen soll; ich werde sie wol gnädige Frau nennen müssen, denn das erste Buch, das solche Dirnen lesen, wenn sie zu Reichthum und Ehre kommen, ist die Rangordnung. Aber da kommt sie. Zweite Scene. Leonore . Pernille . Magdelone . Leonore . Ich muß doch mal erst sehen, ob sie wirklich hochmüthig geworden ist. Nun, Pernille, wie geht es? (Pernille macht ein verdrießliches Gesicht und antwortet nicht.) Na, wie ist die Sache abgelaufen, meine liebe gnädige Frau? Pernille . Ah, schön Dank, gnädiges Fräulein, für die Nachfrage, wir sind nun richtige Eheleute; in einer halben Stunde kommt er und holt mich ab zu seiner ganzen Herrlichkeit. Leonore . Nun, das ist mir lieb, ich gratulire. Pernille . Aber ist das gnädige Fräulein inzwischen wirklich nach dem Landhause gewesen? Leonore . Nein, ich habe mich anders besonnen, ich habe einen Expressen an meinen Vater geschickt, damit er um so schleuniger herkommt; er wird, hoffe ich, den Augenblick hier sein. Magdelone . Ich fürchte nur, wenn er den Zusammenhang erfährt, dann wird er Dich sitzen lassen, Pernille. Pernille . Wenn das gnädige Fräulein gnädige Frau zu mir sagt, so kannst Du Deinen Mund wol auch daran gewöhnen, Magdelone. Meinen Rang und Stand hab' ich nun einmal; mag er mich sitzen lassen oder nicht, seine Frau bin und bleibe ich. Leonore . Wo wollte er denn wol hinlaufen, um Dich sitzen zu lassen, er hat ja lauter Landbesitz, da muß er wol Stand halten. Pernille . Nun ist blos noch zu überlegen, ob ich ihm die 192 Wahrheit noch heute Abend entdecken soll, bevor ich mit ihm zu Bette gehe. Leonore . Darüber wird mein Vater entscheiden, er muß im Augenblick hier sein; gehen wir so lange hinein. (Alle ab.) Dritte Scene. Leander . Heinrich . Heinrich . Ich fange doch an, mich zu ängstigen, gnädiger Herr, wenn ich mir überlege, was ich so eigentlich auf des gnädigen Herrn Zureden gethan habe. Leander . Verlaß Dich darauf, Heinrich, es ist der größte Dienst, den Du mir jemals geleistet hast. Heinrich . Aber es war doch des gnädigen Herrn verlobte Braut? Leander . Just dafür wollte ich sie bestraft wissen. Hätte ich nicht an ihr selbst Rache genommen, so hätte ich mich an ihrem Vater vergriffen, der mich an solche Dirne hat verkuppeln wollen. Heinrich . Hat sie aber auch nur wirklich Vermögen? Leander . Sie hat ansehnliches Vermögen schon allein von ihrer Mutter wegen, ohne daß ihr Vater ihr es zurückhalten kann; ich aber rufe den Himmel zum Zeugen an, daß es mir nicht um ihren Reichthum zu thun gewesen ist, sondern um sie selbst allein. Hättest Du gesehen, Heinrich, wie ehrbar sie sich in ihres Vaters Hause betrug, so lange ich da war, Du hättest es für unmöglich gehalten, daß sie von dieser Sorte wäre. Heinrich . Ja, was die Frauenzimmer sich verstellen können, das ist was Unglaubliches. Indessen ich werde sie wol noch im Zügel halten, wenn ich nur erst fest im Sattel sitze. Einstweilen, wenn ich an ihren Vater denke, so zittern mir alle Glieder; ich fürchte, er kriegt mich zu packen und läßt mich ins Loch schmeißen. Leander . Darum gräme Dich nicht; ich werde erst mit Seigneur Jeronimus reden und mich über die abscheuliche 193 Aufführung seiner Tochter beschweren; dann komm Du herein in Deiner Livree und erzähle ihm die ganze Geschichte. Wird er dann böse auf Dich und will sich rächen, so werde ich Dich in Schutz nehmen als ein ehrlicher Mann, oder wenn er seine Hand von seiner Tochter abzieht und sie verstößt, was mir das Wahrscheinlichste ist, so behält sie doch immer ihr Mütterliches. Aber wie hast Du Dich jetzt von ihr losgemacht? Heinrich . Wie die Trauung vollzogen war, empfahl ich mich auf eine Stunde und versprach auf den Abend wiederzukommen und sie nach Hause zu führen. Ich hatte ordentlich Mühe, nur so lange von ihr loszukommen; denn sie ist verliebt wie eine Ratte, und ich glaube, sie zählt jede Minute, wo ich nicht da bin. Leander . Ach, das ist eine entsetzliche Geschichte, die Nachwelt wird es für eine Fabel halten! Aber hier kommt Seigneur Jeronimus. Lauf' Du hinein und zieh' Dir rasch Deine Livree an, bis ich Dich rufe. (Heinrich ab.) Vierte Scene. Jeronimus . Leander . Jeronimus . Meine Tochter läßt mir durch einen Expressen sagen, ich möchte ohne Verzug zur Stadt kommen; ich begreife nicht, was das heißen soll, fürchtet sie etwa nicht zeitig genug ins Brautbett zu kommen? – Aber da ist ja Monsieur Leander. Sein Diener, mein lieber Schwiegersohn, wir haben wol beide einen Weg; hat Er meine Tochter schon gesprochen, seit sie in der Stadt ist? Leander . Ja, gesprochen habe ich sie. Jeronimus . Aber warum schickt sie mir nur einen Expressen? Leander . Das mag sie wissen; sie wird ihrem Vater wol etwas zu entdecken haben, was ihr schwer auf dem Herzen liegt. Jeronimus . Ei, das wäre; solltet Ihr das denn nicht wissen? 194 Leander . Nein, wir haben uns nur ganz flüchtig gesprochen. Jeronimus . Ihr hattet wol keine Zeit zum Sprechen vor lauter Küssen, das ist mit Euch verliebtem Volk auch ein ewiges Gelecke. Leander . Nein, für diesmal ist es ziemlich ehrbar abgegangen. Jeronimus . Na, das kann ich mir denken; hätte ich nur hundert Thaler für jeden Kuß, den Ihr gekriegt habt, seit Ihr hier seid, ich wäre ein reicher Mann. Leander . Ihr seid im Irrthum, Seigneur Jeronimus. Jeronimus . Aber nun im Ernst, warum hat sie nach mir geschickt. Leander . Davon weiß ich wahrhaftig nicht das Mindeste. Jeronimus . Na, dann ist es gewiß ein Spaß, den Ihr mit einander verabredet habt. Aber ich werde schon noch dahinter kommen, wenn ich mit ihr spreche. Leander . Daran zweifle ich freilich nicht. Jeronimus . Ihr seid wol bange, nicht früh genug ins Brautbett zu kommen? Leander . Ich wahrlich nicht; ob ihr die Zeit lang wird, das lasse ich ungesagt. Jeronimus . Ja richtig, als ob Ihr nicht genau ebenso verliebt wärt wie sie, ha ha ha! Nun kommt, laßt uns hineingehen. Leander . Ich habe in dem Hause nichts mehr zu thun. Jeronimus . Ei was, jetzt ist keine Zeit mehr zum Spaßen, es wird gleich Abend sein; kommt, laßt uns hineingehen, Ihr habt gewiß ein Späßchen vor, ha ha ha! Aber alles zu seiner Zeit. Leander . Ihr werdet allerdings ganz verfluchte Späßchen zu hören kriegen, wenn Ihr mit ihr selber sprecht. Jeronimus . Sie hat sich doch etwa nicht gar trauen lassen, ehe ich gekommen? Leander . Ja, allerdings, das hat sie. Jeronimus . Ei, wahrhaftig, das ist mir nicht lieb, daß das 195 geschehen ist, das heißt auch gar zu hitzig drauf los gehen; Ihr hättet wol warten können, bis ich kam. Leander . Sagt Ihr das zu mir? Ich fürwahr habe keine Schuld daran. Jeronimus . Was Henker sind das für Narrenstreiche? Leander . Sind hier Narrenstreiche verübt, so sind sie allein auf ihrer Seite verübt worden. Jeronimus . Erst sagt Ihr, Ihr habt Euch nur ganz flüchtig gesprochen, und nun sagt Ihr, daß – Leander . Ja, allerdings, ganz flüchtig, aber um so zärtlicher; denn das letzte Wort, das ich ihr die Ehre hatte zu sagen, war: hol' Dich der Teufel, Du Metze! Jeronimus . Was Henker ist das, Schwiegersohn? Dabei möchte man ja rein verrückt werden! Leander . Mein Herr, das Wort Schwiegersohn schneidet mich auf eine ganz verfluchte Art in die Ohren, verschont mich mit dem Titel. Jeronimus . Wie? habt Ihr denn nicht selbst um meine Tochter angehalten? Leander . Allerdings, das geb' ich zu! Jeronimus . Habt Ihr Euch nicht mit ihr verlobt? Leander . Das geb' ich ebenfalls zu. Jeronimus . Seid Ihr also nicht mein Schwiegersohn? Leander . Das geb' ich ebenfalls zu. Jeronimus . Den Teufel mögt Ihr zugeben! Wollt Ihr jetzt zurücktreten, so verklag' ich Euch, so lange ich einen Schilling im Sacke habe. Leander . Ihr zieht den Kürzern, Seigneur Jeronimus, Ihr verliert den Prozeß, ja Ihr habt ihn schon verloren. Jeronimus . Wie sollte ich wol den Proceß verlieren? Leander . Das werdet Ihr schon erfahren, sobald Ihr mit Eurer Tochter sprecht. Jeronimus . Na, jetzt merk' ich schon, Ihr habt Euch gezankt. Leander . Ja, es wird wol so etwas sein! Jeronimus . Aber weshalb habt Ihr Euch denn gezankt? 196 Leander . Ich will der Erzählung Eurer Tochter nicht vorgreifen, mein Herr, sie wird Euch wol selbst genügende Auskunft geben. Jeronimus . Gewiß werde ich es sofort erfahren. Aber das weiß ich zum Voraus, daß meine Tochter keinen Anlaß dazu gegeben hat; denn dazu – wiewol ich mein eigenes Kind nicht rühmen sollte – ist sie viel zu sanftmüthig und tugendhaft. Leander . Ja wol, die Tugend selbst. Jeronimus . Was Henker sind das für Capricen, Schwiegersohn? Leander . Monsieur. ich bitte mich zu verschonen . . . . Jeronimus . Was Henker ist das nur? Ich muß gleich hinein und mir Licht verschaffen. Fünfte Scene. Leander allein. Leander . Sie soll ihm die Geschichte selbst erzählen, vertuschen läßt sie sich doch nicht länger. Er giebt ihr dann ein paar Ohrfeigen und läßt sie mit ihrem Lakaien laufen; denn weiter läßt sich doch nichts thun. Meinetwegen mag er thun, wozu er Lust hat; mir ist es genug, daß ich meine gehörige Rache habe. – Nun will ich ins Haus und den Heinrich bereit halten; denn wenn sie es nicht sagt, so soll er es thun. Ach, hätte ich sie nicht so sehr geliebt, so wäre jetzt auch mein Durst nach Rache nicht so groß! (Ab.) Sechste Scene. Jeronimus . Leonore . Jeronimus . Nein, komm nur heraus, damit er ebenfalls hört, was wir sprechen; aber er ist schon fort, wie ich sehe. Leonore . Wer ist fort? Jeronimus . Leander. 197 Leonore . Das glaub' ich wol, sein böses Gewissen hat ihm nicht erlaubt hier zu bleiben. Jeronimus . Was Henker sind das nur für Zänkereien, in die Ihr da gerathen seid? Er wurde ganz wild, wie ich ihn Schwiegersohn nannte, den Grund aber wollte er mir nicht sagen, sondern verwies mich deshalb an Dich. Leonore . Er schämt sich seiner Niederträchtigkeit und will deshalb, daß ich es sagen soll. Jeronimus . Mir im Gegentheil schien er ein gutes Gewissen zu haben und die ganze Schuld Dir beizumessen. Leonore . Die Sache ist diese: wie ich zur Stadt kam, finde ich Pernille im höchsten Staat; ich verwundere mich darüber und frage sie nach der Veranlassung, da bekennt sie, daß Leander sich im Laufe des Vormittags in sie verliebt und ihr die Ehe versprochen hat. Natürlich wollte ich es nicht glauben, bis die alte Magdelone es mir bestätigte, die hier im Hinterhause wohnt, auch sah ich an Pernillens Finger Leanders Ring, den ich wieder erkannte. Jeronimus . Ei, das ist ja doch gar nicht möglich, daß ein Herr von seinem Stand und Reichthum ein Dienstmädchen heirathen will?! Leonore . Er will sie nicht blos heirathen, sondern er hat sie sogar schon geheirathet. Aber freilich weiß er noch nicht, daß sie ein Dienstmädchen ist; sie hatte nämlich freie Hand über meine Kleider und meine ganze Einrichtung, und da hatte er sich denn eingebildet, sie wäre ein reiches, vornehmes Fräulein. Jeronimus . Das ist doch die schrecklichste Geschichte, die ich noch all mein Lebtage gehört habe! Aber hast Du ihm denn schon früher solche Schlechtigkeit angemerkt? Leonore . Hätte ich so etwas gemerkt, würde ich mich gewiß nicht mit ihm verlobt haben, vielmehr habe ich ihn, gerade wie Ihr selbst, mein Vater, jederzeit für einen honneten und gebildeten Cavalier gehalten, und nach der Lebensweise, die er in unserem Hause führte, konnten wir ja auch unmöglich etwas anderes denken. 198 Jeronimus . Allerdings, ich war ganz verliebt in seine trefflichen Eigenschaften. Leonore . Das ist die Art, wie solche Menschen sich zu verstellen wissen! Dafür aber ist er auch furchtbar bestraft; denn wenn das bekannt wird, daß seine Braut ein Dienstmädchen ist, so wird er das Märchen der ganzen Provinz. Jeronimus . Es giebt gar keine Strafe, die groß genug für ihn ist. Leonore . Ich habe mir selbst alle mögliche Mühe gegeben, diese Ehe mit Pernille zu Stande zu bringen. Jeronimus . Das war wohlgethan, meine Tochter. Leonore . Hätte ich nicht diese Rache genommen, ich wäre vor Kummer und Aergerniß gestorben. Jetzt aber tröste ich mich und danke dem Himmel, der mich davon gerettet hat, solchem nichtswürdigen Menschen in die Hände zu fallen. Jeronimus . Aber da kommt er ja aus dem Hause; ich muß ihm doch mal wirklich einen Spiegel vorhalten. Leonore . Und ich gehe so lange hinein, denn sein Anblick ist mir unerträglich. (Sie geht ab.) Siebente Scene. Jeronimus . Leander . Jeronimus . Zum zweiten Mal willkommen, Monsieur; jetzt weiß ich die ganze Geschichte. Leander . Eine schöne Geschichte, nicht wahr? Jeronimus . Ja, Monsieur, und Ihr seid ganz unschuldig. Leander . Ja, was denn sonst? Jeronimus . Solch ein niederträchtiges Betragen! Leander . Sofern Er ihr Vater ist, bedaure ich Ihn von Herzen. Jeronimus . Und ich gratulire mir von Herzen, daß es so abgelaufen. Leander (zieht den Hut) . Na, dann wohl zu bekommen. 199 Jeronimus (zieht ebenfalls den Hut) . Ja, zu Ihm mag ich wol sagen: wohl zu bekommen. Er ist mir der richtige Kerl, Monsieur. Leander . Einerlei, wie ich bin, für Seine Tochter war ich noch immer zu gut, und wenn Ihr noch einen Tropfen honnetes Blut in den Adern habt, so müßt Ihr das selbst sagen, nämlich wenn Ihr anders die Geschichte ordentlich erfahren habt. Jeronimus . Ja, ich habe die Geschichte erfahren, das Schönste daran ist aber doch immer das Nachspiel. Leander . Allerdings, das Nachspiel ist das Schönste. Jeronimus . Wenn es Euch etwa am Stricke fehlt, Euch aufzuhängen, so will ich Euch einen leihen, das heißt unter der Bedingung, daß Ihr ihn mir wiedergebt, wenn Ihr ihn gebraucht habt. Leander . Bildet Ihr Euch denn etwa gar ein, ich sehe es als einen Verlust an und werde mich vor Kummer aufhängen, weil ich Eure Tochter nicht gekriegt habe? Nein, vielmehr umgekehrt, ich freue mich darüber. Jeronimus . Seit ich weiß, was für ein niederträchtiger Mensch Ihr seid, ist mir das allerdings sehr wahrscheinlich. Leander . Wenn Ihr noch ihren Advocaten macht, so seid Ihr selbst ein niederträchtiger Mensch; was ich gethan habe, habe ich gethan, um mich zu rächen, und alle Welt wird sagen, daß ich Recht gethan habe. Jeronimus . Aber womit hatte meine Tochter Euch denn beleidigt? Leander . O mit nichts, mit nichts! Das ist ja eine bloße Kleinigkeit, sein gegebenes Wort brechen und eines andern Bedienten zum Manne nehmen. Jeronimus . Ei, so soll Dich das Donnerwetter, Du Nichtsnutz! Das ist mir doch wirklich das Aeußerste von Niederträchtigkeit, sich selbst erst wie ein Lump betragen und nachher einer anständigen Dame aufbürden, was man selber gethan hat! Pfui tausend Teufel, Ihr seid nicht werth, daß Ihr das Leben habt! Leander . Eure tugendsame Tochter, merk' ich, hat zu ihren 200 sonstigen Meriten auch noch dies hinzugefügt, daß sie ihren Vater am Narrenseil führt. Jeronimus . Das lügt Ihr in Euren Hals! Und nun sag' ich Euch: Eure Frau ist mein Dienstmädchen Pernille, dieselbe, mit der Ihr Euch heute Vormittag versprochen habt! Leander . Ha ha, das ist eine gehörige Nase, die sie dem alten Manne da drinnen gedreht haben! Aber für sie ist es bei alledem doch nur eine Galgenfrist. (Beiseite) Ich werde Euch gleich aus dem Traume helfen; Heinrich und Arv, kommt mal heraus! Achte Scene. Leander . Heinrich . Jeronimus . Arv . Leander (zu Heinrich) . Hier, Heinrich, hier ist Dein Schwiegervater; mach' ihm hübsch Dein Compliment. Heinrich (auf den Knieen) . Ach, gnädigster Herr Schwiegervater – ich – Jeronimus . Ins Narrenhaus mit Dir, Du Hund! Bin ich Dein Schwiegervater? Heinrich . Ich bin allerdings nur ein armer Bedienter, aber eben darum werdet Ihr einen desto gehorsameren Schwiegersohn an mir haben. Jeronimus . Sieh her, Kamerad, da sind acht Schillinge, und nun pack' Dich, ich rede nicht gerne mit Verrückten, ich habe meinen Kopf schon allein voll genug. Heinrich . Ach, ich bitte unterthänigst um Verzeihung – Jeronimus . Bitte den lieben Gott um Verzeihung, der Dich zur Strafe Deines Verstandes beraubt hat, mir, so viel ich weiß, hast Du nichts gethan. Heinrich . Ja, ich habe Ihm doch was gethan, und noch dazu etwas, worüber Er sehr böse werden wird; aber der ehrlichste Mensch, wenn er so in Versuchung gebracht wäre, hätte es nicht anders gemacht. Jeronimus . Ja, allerdings, Du hast schwere Versuchungen; 201 ich bedaure Dich und will alle solchen Verrückten in mein tägliches Gebet einschließen. Heinrich . Ich bin ja aber, weiß Gott, nicht verrückt, nur – Jeronimus . Nein, verrückt bist Du nicht. Du hast blos den Verstand verloren; die ganze Stadt kommt mir heute wie ein Tollhaus vor. Pack' Dich, Kerl, da sind acht Schillinge! Heinrich . Das ist aber doch wirklich zu wenig, eine einzige Tochter damit auszusteuern. Jeronimus . Der arme Kerl, was dem sein Gehirn für Sprünge macht! Der Himmel erbarme sich Deiner, armer Junge; geh' hin und erzähle Dir was mit dem Cavalier da, der ist ebenfalls verrückt. Heinrich . Das ist ja mein Herr, der wird mich schon in Schutz nehmen. Jeronimus (zu Leander) . Ist das Euer Diener? Leander . Ja, das ist mein Diener und er ist vollständig bei Verstande. Jeronimus . Na, das freut mich, daß Ihr glaubt, er ist bei Verstande; nun sehe ich doch, daß Ihr Eure Nichtswürdigkeiten in der Verrücktheit begangen habt, und das ist auch wirklich das Einzige, was Euch entschuldigt. Leander . Verrückt oder nicht, er hat gerade Verstand genug gehabt, Euer Schwiegersohn zu werden. Jeronimus . Bravo, das wird ja immer besser; na, adieu, Ihr klugen Köpfe mit einander. (Er will gehen, Arv jedoch geht ihm nach und hält ihn zurück.) . Arv . Ach, gnädigster Herr, ich habe eine Bitte. Jeronimus . Was willst Du denn? Arv . Daß Heinrich angehalten wird, mir die fünfzig Thaler zu bezahlen, die er mir versprochen hat. Jeronimus . Meinetwegen; Ihr könnt diesem Schlingel auch tausend Thaler geben, wenn Ihr Lust habt, Ihr Schubiacke! Leander . Hört, mein werther Seigneur Jeronimus, ich habe Nachsicht mit Eurem wunderlichen Benehmen; was Ihr da eben erlebt habt, ist allerdings von der Art, daß es den stärksten Verstand über den Haufen werfen kann, mir selbst ging 202 es nicht anders, da ich es zuerst erfuhr. Nun habt aber die Güte und laßt Euch die Geschichte in aller Kürze erzählen und entscheidet dann selbst, ob ich im Unrecht bin oder nicht. Jeronimus . Das will ich schon sachte mit anhören. Nun, wie ist die Geschichte denn? Leander . Eure Tochter wirft mir vor, mein Verlöbniß gebrochen, mich im Laufe des heutigen Vormittags mit ihrem Mädchen verlobt und mit eben derselben heute Nachmittag Hochzeit gehalten zu haben; wenn ich nun beweisen kann, daß ich noch nicht drei Stunden in der Stadt bin, wollt Ihr dann noch für wahr halten, wessen Eure Tochter mich beschuldigt? Jeronimus . Könnt Ihr mir das beweisen, so muß ich es wol glauben. Aber der Beweis, das ist eben die Schwierigkeit. Leander . Hält Er Monsieur Leonard für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann? Jeronimus . Ja, gewiß, Leonard ist ein braver Mann und obenein ein guter Freund von mir. Leander . He, Arv, spring' mal auf der Stelle zu Monsieur Leonard und bitte ihn, er möchte doch mal auf einen Augenblick herkommen. (Arv ab.) Monsieur Leonard wird Euch nun seinen Eid darauf ablegen, daß ich seit einem vollen Monat nicht in der Stadt gewesen bin, bis heute Nachmittag um zwei Uhr. Jeronimus . Wenn Monsieur Leonard das wirklich beschwört, so weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Leander . Habt nur Geduld, bis er kommt, und hört dann den Zusammenhang. – Nämlich der Bediente hier hat während meiner Abwesenheit meine Kleider und Sachen zur Verfügung gehabt und aus purem Uebermuth, so wenigstens schwört er, hat er sich meiner Einrichtung bedient und den vornehmen Herrn damit gespielt. Eure Tochter, die schon seit einigen Tagen in der Stadt war – Jeronimus . Ich weiß in der That nicht, wann sie gekommen ist, ob heute oder schon ein paar Tage früher; denn sie ist von dem Hauptgut gekommen, während ich erst heute zur bestimmten Stunde von dem Landhause hereinkam. Leander . Ja, leider, Herr Jeronimus, zu ihrem Unglück 203 ist sie ein paar Tage früher hier gewesen; sie hat ein paarmal meinen Bedienten im Staat gesehen und hat sich in ihn verliebt. Heinrich . Ich kann Euch zuschwören, daß ich von selbst niemals auf so was gekommen wäre. Aber sie kam mir selbst entgegen und schickte eine alte Kupplerin nach mir aus, die mich zu heute Vormittag zu ihr bestellte, und da haben wir uns denn verlobt und sind Nachmittag getraut worden. Das ist ja eben die Sache, weshalb ich vorhin auf die Kniee fiel und um Verzeihung bat. Leander . Er wird sich überzeugen, Herr Jeronimus, daß alles in der That so ist. Jeronimus . Aber genau dasselbe, was Ihr mir da von ihr erzählt, erzählt sie von Euch! Leander . Das pflegt so zu gehen; wenn Einer etwas Böses gethan hat, so sucht er es einem andern in die Schuhe zu schieben. Ihr böses Gewissen und die Furcht von dem Zorn ihres Vaters hat sie veranlaßt, die Geschichte so umzudrehen. Neunte Scene. Leonard . Jeronimus . Leander . Heinrich . Arv . Leonard . Nun, was giebt es Neues? – Sieh da, da ist ja auch Seigneur Jeronimus; willkommen in der Stadt! Jeronimus . Mein werther Herr Leonard, Er ist ein ehrlicher Mann, der mir gewiß die volle Wahrheit sagen wird; wir haben Ihn holen lassen, um durch Ihn Licht in einer gewissen Sache zu bekommen. Leonard . Was ist das für eine Sache? Jeronimus . Ich möchte gerne von Ihm wissen, wann Monsieur Leander zur Stadt gekommen ist. Leonard . Ha ha ha! Das muß doch Monsieur Leander selbst am besten wissen. – Hast Du denn vergessen, Monfrère, wann wir zur Stadt gekommen sind? Leander . Vergessen hab' ich es keineswegs, aber man will mir keinen Glauben schenken. Sprich daher frei heraus, 204 Monfrère, sind wir schon ein paar Tage in der Stadt gewesen, oder sind wir erst heute gekommen? Leonard . Was für eine verhenkerte Frage das ist! Ihr wißt ja recht gut, daß wir heute gekommen sind. Leander . Sind wir Vormittag gekommen oder Nachmittag? Leonard . Für uns war es allerdings Vormittag, nämlich weil wir nichts zu essen gekriegt hatten, im Uebrigen war zwei Uhr vorüber. Aber wozu diese Frage? Leander . Dazu, den ärgsten Schandfleck abzuwischen, der einem ehrlichen Manne jemals angethan worden. Die Sache ist diese – Jeronimus . Laßt die Sache ruhen, mein Herr, ich habe sie satt, ich glaube dem Manne aufs Wort. Leonard . Monfrère Leander und ich sind zusammen acht Tage auf dem Lande gewesen und sind heute um zwei Uhr in die Stadt gekommen, darauf kann ich einen Eid ablegen, und wenn das noch nicht genügt, so kann ich auch noch weitere Zeugen schaffen. Jeronimus . Mein Herr, Er ist in meinen Augen der zuverlässigste Mann, den ich kenne, ich brauche weder Eid, noch Zeugen. Meine Tochter, merke ich wol, hat mich belogen, und allerdings, da sie im Stande war, so etwas zu thun, so kann mich das Weitere nicht mehr überraschen. Leander . Dann paßt doch ein ander Mal besser auf Eure Worte; bin ich nun noch verrückt? bin ich ein Schuft? bin ich ein Nichtswürdiger? Als ich zur Stadt kam, war diese abgeschmackte Verlobung längst vollzogen; der Himmel ist mein Zeuge, wie weh es mir gethan und in welchen Zorn es mich versetzt hat, als ich mich überzeugte, daß es keine andere Genugthuung für mich gab, als meinen Bedienten seinen Weg zu Ende gehen zu lassen. Jeronimus . Ach, ach, schon um meinetwillen hättet Ihr diese schmachvolle Partie verhindern sollen, wenn Ihr selbst auch allerdings genügend Ursache hattet, sie zu verlassen! Leander . Es ist allerdings nur ein armer Bedienter, aber für sie, mein Herr, ist er doch noch immer zu gut. 205 Heinrich . Ach, theuerster Schwiegervater, verzeiht mir und nehmt uns beide zu Gnaden an! Jeronimus . Eingesperrt sollst Du werden und aufgehängt! Leander . Kein Haar auf dem Haupte sollt Ihr ihm krümmen! Jeronimus . Nein, kein Haar krümmen, aber den Kopf abschlagen! Leander . Er hat nichts verbrochen, sie ist die Verführerin. Heinrich . Wenn niemand mehr stehlen sollte, wer möchte da noch Dieb sein; es giebt doch noch Gesetze und Recht im Lande. Jeronimus . Allerdings, aber nicht zu Deinem Vortheil. Heinrich . Ihr Mütterliches kann ihr doch nicht vorenthalten bleiben. Jeronimus . Wie gesagt, morgen hängst Du am Galgen! Leander . Da werden wir doch auch noch ein Wort mitsprechen. Fürs Erste citire ich Euch vor Gericht, weil Ihr mir solch sittenloses Frauenzimmer habt aufhängen wollen. Komm einstweilen mit, Monfrère Leonard, so will ich Dir die ganze Geschichte erzählen. (Beide ab.) Zehnte Scene. Jeronimus . Leonore . Jeronimus (pocht an sein Haus) . Heda, Leonore soll mal herauskommen, aber allein. Erst will ich ihr meinen Fluch geben und dann will ich sie einsperren lassen. Leonore . Nun, lieber Papa, hat er gestanden? Jeronimus . Komm nur mal her, Dir soll gleich der Hals umgedreht werden, Du Missethäterin! Leonore . Ach, Himmel, was wird das, Papa?! Jeronimus . Papa, Papa! bin ich Dein Papa? Dich mag wol einer von unsern Hofhunden gemacht haben, Sultan oder Fairfax, denn Menschliches ist nicht an Dir! (Sie weint.) Hol' mich der Henker, Du liederliche Dirne mit Deinen Krokodilsthränen, 206 in einen Käfig werde ich Dich sperren, aller Welt zum Spectakel, und Dich von den Dienstboten für Geld sehen lassen! Leonore . Nein, das halte ich nicht aus! Und wenn Ihr tausendmal mein Vater seid, so weit geht Eure Macht über mich nicht; so würde ja kein Herr seine Sclaven ausschelten! Jeronimus . So? Also Du darfst noch trotzen? Leonore . Was habe ich denn auch gethan? Ja, ich trotze Euch und Jedem, der meinem ehrlichen Namen zu nahe tritt! Ich weiß, daß ich meinem Vater Gehorsam schuldig bin, aber – – ach Himmel, ich lasse meinen Vater zu mir bitten, um einen Trost und eine Stütze zu haben in meinem Elend, und nun muß ich mich noch obenein behandeln lassen, als wäre ich die nichtswürdigste Creatur?! Jeronimus . Verdienst Du denn eine andere Behandlung, nachdem Du Dich so aufgeführt hast? Leonore . Aber was habe ich denn gethan? Jeronimus . Buchstäblich alles, was Du mir von Monsieur Leander vorgelogen, hast Du selbst gethan; Du hast Dein gegebenes Wort gebrochen, Du hast Dich aus Liederlichkeit mit einem gemeinen Kerl verheirathet, und nun kommst Du noch obenein und willst einen Narren aus mir machen und mich gegen einen ehrlichen Mann aufhetzen?! Leonore . Ach, ach, das Herz bricht mir vor Jammer! Wagt er so etwas von mir zu sagen? Wagt er zu leugnen, was er eben erst vollführt hat? Jeronimus . Gewiß, und er hat alle Ursache es zu leugnen, da er beweisen kann, daß es Lügen sind. Monsieur Leonard hat mir mit einem Eid bekräftigt, daß Leander seit einem Monat nicht hier in der Stadt gewesen, und daß er erst diesen Nachmittag zwei Uhr hereingekommen ist. Leonore . Nein, nein, das halte ich nicht aus! Pernille und Magdelone, hierher, zu Hülfe! 207 Elfte Scene. Leonore . Jeronimus . Pernille . Magdelone . Nachher ein Notarius . Leonore . Ach, kommt doch her und gebt Zeugniß für meine Unschuld! Leander schiebt seine eigene Bosheit auf mich und untersteht sich, meinem Vater zu sagen, er wäre eben erst in die Stadt gekommen! Pernille . So muß das wol sein Geist gewesen sein, der sich heute Vormittag mit mir verlobt und mir diesen Ring gegeben hat. Magdelone . Ganz dasselbe kann ich ebenfalls beschwören. Jeronimus . Und er beweist durch glaubhaftes und unverdächtiges Zeugniß, daß ihm die ganze Geschichte angedichtet ist! Magdelone . Aber, gnädigster Herr, der Notarius, der den Ehecontract aufgesetzt hat, ist ja noch im Hause, ihm werdet Ihr doch Glauben schenken, wenn Ihr auch uns übrigen für Lügner haltet; ich werde ihn gleich bringen. Jeronimus . Wenn nun gar noch der Notarius für Euch zeugt, so weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen soll. Aber erst will ich es doch hören, ehe ich glaube; ich fürchte, es sind bloße Ausflüchte. Bleibt Ihr nur hübsch hier, Ihr sollt mir nicht entwischen! Leonore . Ich habe ein viel zu gutes Gewissen, als daß ich fliehen sollte. Jeronimus . Ach, ach, wenn Gott das doch gäbe! Wenn Gott das doch gäbe! Notarius (eintretend) . Der gnädige Herr befehlen? Jeronimus . Herr Notarius, ich bitte Ihn um alles in der Welt, sage Er mir aufrichtig: wer sind die beiden Personen, die heute in dem Hause hier getraut worden sind? Notarius (auf Pernille zeigend) . Da steht die Braut, gnädiger Herr, die wird es wol am besten sagen können. Jeronimus . Aber mit wem wurde sie getraut? Notarius . Mit einem jungen Herrn, der hier geradeüber wohnt. 208 Jeronimus . Das kann nicht sein, Herr Notarius, denn – Notarius . Und ich sage, es ist in der That so; denkt Ihr etwa, daß ein Mann von meinem Charakter in Dingen, die sein Amt betreffen, lügt oder Spaß macht? Magdelone . Ja, bei meiner Seele, sie ist in der That mit Leander verheirathet, das kann ich beschwören! Zwölfte Scene. Leonard . Die Vorigen . Leonard (ins Haus zu Heinrich sprechend) . Adieu, Monfrère, gieb Dich zufrieden, Du hast Dich gehörig gerächt, das war eine verfluchte Geschichte. Jeronimus . Seht her, da ist Monsieur Leonard, der das Gegentheil bezeugt. Leonore . Wollt Ihr Euch unterstehen, Monsieur Leonard, und sagen, Leander ist erst heute Nachmittag in die Stadt gekommen? Leonard . Wollt Ihr Euch unterstehen und sagen, daß es nicht so ist? Leonore . Hier sind Zeugen darauf, daß er sich heute Vormittag mit einem Dienstmädchen verlobt hat. Leonard . Und ich kann beschwören, daß er heute Vormittag zwei Meilen von hier entfernt gewesen ist. Notarius . Seht Euch vor, Monsieur, was Ihr sprecht; ich selbst habe heute den Ehecontract zwischen ihm und diesem Fräulein unterzeichnet. Leonard . Das ist wunderbar; noch hat mich doch kein Mensch auf einer Lüge betroffen. Wollt Ihr übrigens meinem Eid nicht glauben, so kann ich Euch ein Dutzend Zeugen verschaffen. Jeronimus . Ach Himmel, was ist das für eine Confusion?! Meine Tochter beschuldigt Leander, daß er sie verlassen, Leander beschuldigt sie, dasselbe gethan zu haben. Hier sind glaubhafte Zeugen, die für sie sprechen, hier sind glaubhafte 209 Zeugen, die für ihn sprechen; wie soll da ein Mensch aus der Sache klug werden? Leonard . Da ist kein anderes Mittel, um aus der Sache klug zu werden, Herr Jeronimus, als beide Parteien zu confrontiren; ich lasse mein Leben darauf, daß hier ein Irrthum ist. Bleibt nur alle ruhig hier, ich werde Leander mit seinen Leuten gleich holen. (Geht und holt sie.) Notarius . Ich glaube weiß Gott auch, es ist ein bloßes Mißverständniß, die Sache ist sonst zu unbegreiflich. Dreizehnte Scene. Leander . Heinrich . Arv . Leonard . Jeronimus . Leonore . Pernille . Magdelone . Der Notar . Leonard . Nun schweigt jetzt alle stille und laßt mich allein machen. (Redet zuerst Pernille an) Hört, behauptet Ihr wirklich, daß dieser ehrenwerthe Herr hier mit Euch verheirathet ist? Pernille . Nein, Monsieur, das hab' ich auch noch niemals behauptet. Den Herrn kenne ich nicht, es ist ein Anderer, den ich meine. Leonard . Und Du, Heinrich, wagst Du zu behaupten, daß Du mit diesem ehrenwerthen Fräulein verheirathet bist? Heinrich . Nein, Monsieur, diese kenne ich gar nicht, das da ist meine Frau, der ich hiermit alles gestehe, und die ich um Verzeihung anflehe. (Fällt vor Pernille auf die Kniee.) Ach, Euer Wohlgeboren, seid doch nur nicht böse, daß ich statt eines großen Herrn nun auf einmal ein bloßer Lakai bin, bedenkt doch, wir sind alle Menschen, und Ihr selbst habt mich zuerst zu diesem Wagestück veranlaßt! Und doch würde ich es mir niemals erlaubt haben, hätte ich gewußt, daß Euer Wohlgeboren bereits mit Leander, meinem Herrn, verlobt waren, und daß dieser Herr hier, vor dem ich die allermeiste Angst habe, Euer Wohlgeboren Vater ist. Pernille . Ah, Du also bist der Junker, mit dem ich mich verheirathet habe? (Reißt ihn an den Haaren.) 210 Heinrich . Ach, bringt mich doch nur nicht um, Euer Wohlgeboren! (Die Uebrigen machen ihn los und halten Pernille zurück.) Pernille . Nein, nun höre Einer die Geschichte, ich dachte ihn anzuführen, und nun hab' ich mich selber angeführt! Weil ich ihn in seines Herrn Kleidern sah, so bildete ich mir ein, er wäre ein großer Herr, und da machte ich mir denn ebenfalls meines gnädigen Fräuleins Sachen und Kleider zu nutze, um auf die Art mein Glück zu machen. Ach, Himmel, ist es möglich, soll ich im Handumdrehen aus einer vornehmen Dame wieder die Frau eines bloßen Lakaien werden?! Heinrich . Ei, daß Dich der Henker hole, so bist Du also ein bloßes Dienstmädel?! (Alle lachen.) Pernille (giebt ihm eine Ohrfeige) . Hier, das ist für Deine beiden Rittergüter! Heinrich (ohrfeigt sie ebenfalls) . Und das ist für Dein Mütterliches! Pernille (schlägt wieder) . Und das ist für Deine Schwester, Fräulein Fieke! Heinrich (schlägt ebenfalls) . Und das ist für Deinen Stammbaum! (Sie fällt Heinrich in die Haare, er reißt ihr die Haube vom Kopf, die Uebrigen bringen sie auseinander.) Leonard . Ruhe da, und gesteht, wie eine Sache zusammenhängt, bei der Eure Herrschaft in so hohem Grade interessirt ist! Pernille . Ach, erlaubt nur erst, daß ich ihm die Augen auskratze! Heinrich . Ach, erlaubt nur erst, daß ich ihr den Hals umdrehe! Jeronimus . Still, sag' ich, und bekennt, wie alles zusammenhängt! Pernille . Ich hielt den Hundsfott für einen großen Herrn. Heinrich . Und ich hielt die Bestie für eine reiche Dame. Pernille . Daß er ein Narr war, sah ich wohl. Heinrich . Daß sie ein lockerer Vogel war, sah ich wohl. Pernille . Aber just, weil er ein Narr war, that ich es erst recht. 211 Heinrich . Aber just, weil sie ein lockerer Vogel war, that ich es erst recht. Pernille . Er hatte den Namen seines gnädigen Herrn angenommen und nannte sich Leander. Heinrich . Sie hatte den Namen ihres gnädigen Fräuleins angenommen und nannte sich Leonore. Pernille . Aber nun sehe ich wohl, daß er ein bloßer Schuhputzer ist. Heinrich . Aber nun sehe ich wohl, daß sie ein bloßer Stubenbesen ist. (Sie wollen wieder auf einander losschlagen, werden aber zurückgehalten.) Leonard . Na, seht Ihr wol, Kinderchen, nun hört Ihr ja, woher der ganze Krieg entstanden ist; seid also nur wieder gut Freund und bittet einer den andern um Verzeihung. Leander (kniet vor Leonore nieder) . Angebetetes Fräulein, ich bekenne, daß ich mich aufs Aeußerste gegen Euch vergangen habe; nichts in der Welt hätte mich bewegen sollen, an Eurer Tugend zu zweifeln, allein diese wunderliche Begebenheit hatte mich ganz von Sinnen gebracht. Leonore (kniet ebenfalls nieder) . Ach, theurer Leander, ich bitte ebenfalls unter strömenden Thränen um Verzeihung! Leander . Wäre meine Liebe kleiner gewesen, nie wäre mein Haß so weit gegangen. Leonore . Hätte ich Euch minder heiß geliebt, ich hätte niemals diese Rache genommen. Leander . Will Sie mir denn meine Missethat verzeihen? Leonore . Will Er mir die meine denn ebenfalls nicht nachtragen? Leander . Von ganzem Herzen verzeih' ich Ihr. Leonore . Und ich will Ihm ganz gewiß nicht mehr böse sein. (Während dieses Gespräches haben Heinrich und Pernille sich wieder geprügelt und müssen wieder auseinander gebracht werden. Leander und Leonore. nachdem sie sich umarmt, stehen auf.) Jeronimus (weinend) . Meine theuren Kinder, ich bitte Euch ebenfalls um Verzeihung alle Beide. 212 Leander . Ei, theurer Schwiegervater, seid doch davon still, dieselbe Veranlassung, die uns verführte, hat auch Euch das Blut warm gemacht. Jeronimus . Aber was soll nun aus diesem verwetterten Paare werden, das durch seinen Muthwillen den ganzen Spectakel angerichtet hat? Leander . Ei, theurer Schwiegervater, jetzt laßt uns nur an Lust und Freude denken; sie haben uns doch beide seit Jahren treu gedient, suchen wir sie denn mit einander zu versöhnen. Heda, Du junges Ehepaar, gleich hierher und Euch vertragen, Ihr seid gerade gut genug für einander. Pernille . Aber er hat mich doch angeführt. Heinrich . Nein, Du hast mich angeführt. Leander . Ihr seid einander nichts schuldig geblieben; marsch vorwärts und Euch die Hände gereicht! (Sie reichen einander die Hände.) Magdelone . Aber, Pernille, Du hast mir doch vierhundert Thaler für meine Mühe versprochen. Pernille . Sieh her, da hast Du vier Schillinge, Magdelone, mehr kannst Du unter diesen Umständen nicht kriegen. Arv . Aber, Heinrich, wo bleibt das Geld, das Du mir versprochen? Heinrich . Da hast Du eine Maulschelle; wär' die Geschichte anders ausgefallen, hättest Du sollen mehr kriegen. Leander . Nun, damit es hier nichts als vergnügte Gesichter giebt, so mache ich Heinrich zu meinem Unterinspector. (Beide bedanken sich.) Und nun, holdes Herz, laß uns hineingehen und die richtige Hochzeit halten. Heinrich . Das ist wahrhaftig ein schöner Posten, den ich gekriegt habe, aber um ihn recht zu schätzen, muß ich mir doch erst die Junkergrillen aus dem Kopfe schlagen, ich werde ein Vomitiv nehmen, um Pernillens Stammbaum sammt ihrem Mütterlichen herauszukriegen, dann wird mir wol besser werden. Und Du, mein Schnutchen, komm nur mit hinein und nimm was zu schwitzen, damit Du meine beiden Rittergüter ausschwitzest.