Ödön von Horváth Sladek oder Die schwarze Armee Historie in drei Akten (11 Bildern) Personen: Sladek   Franz   Anna   Knorke   Salm   Horst   Halef   Rübezahl   Das Fräulein   Hauptmann   Der Bundessekretär (dieselbe Person) Der Untersuchungsrichter Ein Kriminalkommissar   Richter (dieselbe Person) Ein Polizist Zwei Matrosen   Staatsanwalt   Rechtsanwalt   Lotte, das Mädchen   Die Handleserin   Die Bundesschwester   Hakenkreuzler   Soldaten   Zeit: Die Inflation und Tage der Wiedererstarkung. Ort: Deutsches Reich Erster Akt I Das Ende einer Diskussion Straße. Hakenkreuzler prügeln Franz aus einem Saale, in dem mit Musik eine rechtsradikale Versammlung steigt. (Präsentiermarsch). Nacht. Ein Hakenkreuzler Raus! Raus mit dem roten Hund! Ein Anderer Da! Da! Du Judenknecht! Die Bundesschwester erscheint im Tor: Was hat der gesagt? Wir hätten den Krieg verloren? Solche Subjekte haben uns Sieger erdolcht und das Vaterland der niederen Lust perverser Sadisten ausgeliefert! Am Rhein schänden syphilitische Neger deutsche Frauen, jawohl, das deutsche Volk hat seine Ehre verloren! Wir müssen, müssen, müssen sie wieder erringen und sollten zehn Millionen deutscher Männer auf dem Felde der Ehre fallen! Die Hakenkreuzler Heil! Franz Sie! Woher nehmen Sie das Recht, das Volk ehrlos zu nennen? Woher haben Sie den traurigen Mut, zehn Millionen Tote zu fordern?! Sie sind kein Mensch, gnädige Frau! Die Bundesschwester Novemberling! Novemberling! Ein Hakenkreuzler Zerreißt ihm das Maul! Zerreißt es der bezahlten Kreatur! Knorke erscheint im Tor: Halt! Bundesbrüder, beschmutzt euch nicht! – Sie sind doch der sogenannte Redakteur, das Schwein Franz – Franz unterbricht ihn: Ja. Knorke Freut mich außerordentlich, Sie persönlich kennen gelernt zu haben. Hätten Sie die große Güte, folgende kleine Anfrage zu beantworten: Ihre »große« Nation bricht den Versailler Vertrag, Ihren geliebten »Friedens«vertrag und besetzt mit Flammenwerfern die Ruhr. Sie proklamiert die rheinische Republik, sie wird das ganze wehrlose, verratene Deutsche Reich »erobern«, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, trotz feierlicher Proteste mit verdorrter Hand! Franz Der Versailler Vertrag ist das Werk des Imperialismus, ist die Kriegserklärung des internationalen Kapitals an das Proletariat. Ein Hakenkreuzler Juden aller Länder, vereinigt euch! Knorke Sie wollen, daß das Vaterland französische Kolonie wird? Franz Sie wissen, daß ich das nicht will! Die Bundesschwester lacht. Ich komme aus dem besetzten Gebiet. Knorke Ich auch. Franz Die französische Reaktion raubt an der Ruhr, Brot und Recht. Soldat ist Soldat. Sie haben Schwarzrotgold verbrannt. Knorke Bravo! Die Hakenkreuzler Bravo! Franz Bravo. Das deutsche Proletariat stellt sich zum Kampf. Ohne Gewehre, ohne Generäle. Der Friedenswille der Massen ist stärker als alle Bajonette der internationalen Reaktion! Der Militarismus wird an der sittlichen Kraft der schaffenden Arbeit zerschellen, ohne Blut! Knorke Leitartikel! Tinte! Die Bundesschwester Blut bleibt Blut! Knorke Krieg ist Krieg! Der passive Widerstand ist die Ausgeburt jüdischer Niedertracht! Eine rote Feigheit! In Berlin feiern internationale Halunken den jüdisch-jesuitischen Fetzen von Weimar! Bundesbrüder! Bald marschiert die nationale Armee und rottet das pazifistische Gesindel aus! Rache für Straßburg! Rache für Schlesien! Für Schleswig! Für Schlageter! Die Hakenkreuzler Heil! Heil! Gesang aus dem Saal: Drum Brüder schließt die Runde Und hebt die Hand zum Schwur, In unserem heiligen Bunde Gilt eine Losung nur: Das Hakenkreuz soll flattern Uns führen in der Nacht Bis unsere Schüsse rattern Einst in der Freiheitsschlacht! Knorke, die Bundesschwester und die Hakenkreuzler ab in den Saal; nur vier bleiben zurück. Kam'rad reich mir die Hände, Fest wolln beisamm wir stehn, Mag man uns auch bekämpfen Der Geist kann nicht vergehn! Hakenkreuz am Stahlhelm Schwarzweißrotes Band, Sturmabteilung Hitler Werden wir genannt! Wir lassen uns, wir lassen uns Von Ebert nicht regieren! Hei Judenrepublik! Hei Judenrepublik! Schlagt zum Krüppel den Doktor Wirth! Knattern die Gewehre, tack tack tack, Aufs schwarze und das rote Pack! Schlagt tot den Walther Rathenau Die gottverdammte Judensau! Plötzlich Stille. Franz lehnt die Stirne an die Wand und spuckt Blut. Erster Hakenkreuzler Der hat seinen Teil. Zweiter Hakenkreuzler Noch lange nicht, Kamerad! Dritter Hakenkreuzler Ein beschnittener Saujud ist ein anständiger Mensch neben einem arischen Juden. Dem blut ja bloß die Nase. Das ist nur Vorschuß. Zweiter Hakenkreuzler Wenns losgeht, wird er sich verbluten. Vierter Hakenkreuzler Wann gehts denn los? Dritter Hakenkreuzler Bald. Zweiter Hakenkreuzler Wenns losgeht, dann kommt ein Gesetz, daß sich jeder Jud einen Rucksack kaufen muß. Was er hineinbringt, das darf er mitnehmen nach Jerusalem. Was er nicht hineinbringt, gehört uns. Wißt ihr, wieviel polnische Juden in Deutschland wuchern? Zwanzig Millionen! Erster Hakenkreuzler Bei uns in der Schule haben wir nur einen Juden. Wir reden alle nicht mit ihm, aber der Schuft ist gescheit. Neulich hat er als einziger den ollen Cicero übersetzen können, dann haben wir ihn aber verprügelt! Er war ganz blau, und seine Brille ist zerbrochen. Sein Vater, der alte Itzig, hat sich beim Rektor beschwert, aber der hat gesagt, das wären ja nur Streiche der Jugend, und Knaben, die nicht raufen, aus denen wird kein tüchtiger Krieger. Wir haben dem Rektor nämlich gesagt, daß der Jud frech war, darum haben wir ihn gedroschen. Er hat es sofort geglaubt. Träumst du? Zweiter Hakenkreuzler Nein. Ich hab nur nachgedacht über diese Judenfrage. Gestern haben sie auf dem Markt so eine plattfüßige Rebekka geohrfeigt. Sie hat nämlich behauptet, daß die Äpfel faul sind, die man ihr verkauft hat, das Dreckmensch. Die Leute haben gelacht. Heilrufe und Musiktusch im Saal. Dritter Hakenkreuzler Das Schlußwort! Los! Ab in den Saal mit dem ersten und zweiten Hakenkreuzler. Gesang aus dem Saal: Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten, Er waltet und haltet ein strenges Gericht. Er läßt von den Schlechten nicht die Guten knechten, Sein Name sei gelobt! Er vergißt uns nicht! Vierter Hakenkreuzler nähert sich langsam Franz. Franz hört ihn und wendet sich ihm zu: Zurück! Das war eine große Heldentat. Alle gegen einen. Vierter Hakenkreuzler Ich hab dich nicht geschlagen. Franz Danke. Vierter Hakenkreuzler Bitte. Sie hätten dich fast erschlagen, aber das hätt mir leid getan, denn du hast recht gehabt, und ich hab die Gerechtigkeit lieb. Du hast sehr recht gehabt, wir haben unsere Ehre nicht verloren – aber darauf kommts nicht an. Man muß nur selbständig denken. Du bist ein sogenannter Idealist. Franz Wer bist du? Vierter Hakenkreuzler Ich heiße Sladek. – Man muß nur selbständig denken. Ich denk viel. Ich denk den ganzen Tag. Gestern hab ich gedacht, wenn ich studiert hätt, dann könnt ich was werden. Ich hab nämlich Talent zur Politik. Ich bin ein sogenannter zurückgezogener Mensch. Ich red nur mit Leuten, die selbständig denken können. Ich freu mich, daß ich mit dir reden kann, – du bist auch allein, das hab ich bei der Diskussion bemerkt. Wir sind verwandt. Ich hab mir das alles genau überlegt, das mit dem Staat, Krieg, Friede, diese ganze Ungerechtigkeit. Man muß dahinter kommen, es gibt da ein ganz bestimmtes Gesetz. Es ist immer dasselbe. Ein ganz bestimmter Plan, das ist klar, sonst wär ja alles sinnlos. Das ist das große Geheimnis der Welt. Franz Und? Sladek In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Das ist der Sinn des Lebens, das große Gesetz. Es gibt nämlich keine Versöhnung. Die Liebe ist etwas Hinterlistiges. Liebe, das ist der große Betrug. Ich habe keine Angst vor der Wahrheit, ich bin nämlich nicht feig. Franz Ich auch nicht. Sladek Das weiß ich. Aber du hast da einen Denkfehler. Lach mich nicht aus, bitte. Franz Ich lach nicht. Sladek Du denkst nämlich immer daran, das ganze Menschengeschlecht zu beglücken. Aber das wird es nie geben, weil doch zu guter Letzt nur ich da bin. Es gibt ja nur mich. Mich, den Sladek. Das Menschengeschlecht liebt ja nicht den Sladek. Und wie es um den Sladek steht, so geht es den Völkern. Es liebt uns zur Zeit niemand. Es gibt auch keine Liebe. Wir sind verhaßt. Allein. Franz Was verstehst du unter dem Wir? Sladek Das Vaterland. Franz Was verstehst du unter Vaterland? Sladek Zu guter Letzt mich. Das Vaterland ist das Land, wo man hingeboren wird und dann nicht heraus kann, weil man die anderen Sprachen nicht versteht. Nämlich alle Theorien über den sogenannten Marxismus, die kommen für mich heut nicht in Betracht, weil ich selbständig denken kann. Franz spöttisch: Du denkst zu selbständig. Sladek Man muß. Man muß. Es kann ja sein, daß mal wieder alle armen Leut gegen die Reichen ziehen, aber das ist, glaub ich, aus. Sie haben ja die Roten erschlagen. Viele Rote. Ich war nämlich bei Spartakus. Nur im Geist, aus besonderen Gründen. Damals hab ich ein Lied gehört, daß das Herz links schlägt, aber es gibt ja kein Herz, es gibt nur einen Muskelapparat. Bist du für diese Republik? Franz Das ist noch keine Republik, das wird erst eine. Sladek Das ist nichts und wird nichts, weil es nämlich auf einer Lüge aufgebaut ist. Franz Auf was für einer Lüge? Sladek Daß es eine Versöhnung gibt. Franz Wenn es keine Versöhnung gäbe, so müßte man sie erfinden. Sladek lächelt: Du bist nicht dumm. Franz Wieso? Stille. Ich lüge nie. Sladek In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Franz Heute ist allerdings die ganze Welt voll Blut und Dreck. Sladek Ich denk nicht an morgen. Ich leb ja vielleicht nur heut. Heut sind alle Staaten gegen uns. Sie besetzen unser Land, drücken uns zusammen. Weil wir wehrlos sind, das ist dann immer so. Es würde nichts schaden, wenn noch einige Millionen fallen würden, wir sind nämlich zu viel. Wir haben keinen Platz. Wir verbreiten uns, als hätts keinen Weltkrieg gegeben. Es wird bald alles eine Stadt, das ganze deutsche Reich. Wir brauchen unsere Kolonien wieder, Asien, Afrika – wir sind wirklich zuviel. Schad, daß der Krieg aus ist! Franz Du wagst es zu bedauern, daß der Krieg aus ist? Sladek Ja. Ich wags. Franz Bist du ein Mensch? Sladek Ich bin ein Mensch, es ist aber immer Krieg. Franz Es gibt auch Frieden. Sladek Ich erinner mich nicht daran. Franz So tust du mir leid. Sladek Jetzt lügst du. Franz Zu blöd. Sladek Ich hab nämlich keine Angst vor der Wahrheit. Franz Warst du Soldat? Sladek Nein. Als der Krieg ausbrach, war ich zwölf Jahre alt. Ich seh nur älter aus. Franz Du gehörst verboten. Sladek Daß ich mal verboten werd, ist schon möglich. Weil ich zuviel weiß. Stille. Franz Kennst du die schwarze Armee? Sladek Das darf man nicht sagen! Franz Aha! Warum? Sladek schweigt. Ich habe gehört, daß sich draußen auf den Feldern Soldaten sammeln. Sie haben Kanonen und Maschinengewehre und tragen die Kokarde mit dem Adler der Republik verkehrt. Abgeschossen. Stimmts? Sladek schweigt. Ich habe gehört, daß diese Soldaten siegreich nach Paris marschieren wollen, über die Leiche des eigenen Volkes. Sladek Das geht dich nichts an! Franz Doch! Sogar sehr! – Sie nennen sich die schwarze Armee, weil sie nur als Geheimnis existieren können. Und der es verrät, der stirbt. Sladek In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Franz Man sollt jede Armee verraten, du Soldat! Ab. Sladek allein; ruft ihm nach: Du bist ein sogenannter Idealist, du Schuft! Gesang aus dem Saal: Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, In das Feld in die Freiheit gezogen! Im Felde da ist der Mann noch was wert, Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein anderer für ihn ein, Auf sich selber steht er da ganz allein! II Bei Anna Sie sitzt an der Nähmaschine. Auf der Straße spielt eine Drehorgel das Deutschlandlied. Sie steht auf und schließt das Fenster. Es pocht an die Türe. Sie öffnet. Knorke tritt ein: Tag. Könnte man Herrn Sladek sprechen? Anna Er muß jeden Augenblick kommen. Knorke Sie sind Frau Schramm? Anna Ja. Knorke Angenehm. Schramm schrumm schrimm-schrimm schrumm schramm. Das war mal ein Schlager, so vor zwanzig Jährchen. Geht die Uhr? Genau? Anna So ziemlich. Will der Herr warten? Knorke setzt sich: Fünf Minuten. Dieser Sladek ist pünktlich. Primadonna! Primadonna! Anna Er hat keine Uhr. Knorke Und singen kann er auch nicht. Anna Woher kennen Sie Herrn Sladek? Knorke Das weiß ich nicht mehr. Anna Sie kennen ihn schon seit länger? Knorke Sind Sie mit ihm verwandt? Anna Nein. Knorke Sie sind seine Wirtin? Anna Ja. Knorke Sonst nichts? Anna Wieso? Knorke blickt in die Zeitung: Die Mark hat sich gefestigt. Zürich notiert zweiundzwanzig Milliarden. Zürich liegt am Züricher See. Ich war auch in China. Er schlägt auf den Tisch, schnellt empor und läuft herum. Jawohl, in Ostasien, junge Frau! Aber so ein lammfrommes Volk wie das deutsche habe ich nirgends getroffen! Pensionierte Bürokraten würden revoltieren! Da die Zeitung! Die Republik, dieser Büttel der Botschafterkonferenz, erfrecht sich zu befehlen, die letzten Waffen abzuliefern! Auf einen Wink der Entente kastrieren wir uns selbst! Den Schuften, der nur ein versteckte Patrone verratet, den möcht ich massieren, bis ihm die pazifistische Seele zum großen jüdischen Gott fliegt! Verzeihen Sie meine Erregung. – Ah! Kriegsbilder! Wer ist denn der? Sieht so verzweifelt drein. Anna Das war mein Mann. Er hat sich schlecht fotografiert, aber vielleicht war er damals so. Knorke Gefallen? Anna Nein. Knorke Ich dachte, Sie wären Witwe? Anna Er ist vermißt. Ich warte zwar nicht mehr, obwohl es noch vorkommen soll, daß ein Vermißter plötzlich erscheint. Rußland ist groß, Sibirien ist weit. Knorke Apropos Rußland: Haben Sie die neue polnische Note gelesen? Anna Ich lese keine Zeitung. Die liest nur Sladek. Knorke Er liest viel. Anna Nur die Zeitung. Knorke Er weiß allerhand für sein Alter. Seine Ansichten sind zwar etwas verworren, aber zu guter Letzt gesund. Anna Wenn er nur Zeit hat, grübelt er. Knorke Die neue polnische Note ist der Gipfel der Verleumdung. Lauter Verbrecher! Anna Wer? Knorke Diese Polen! Jeder einzelne Pole ist ein geborener Lügner! Anna Ich glaube, der einzelne Pole lügt auch nicht mehr als der einzelne Deutsche. Knorke Hoppla! Anna Die Zeitungen sollten endlich aufhören, die Völker gegeneinander zu hetzen. Es hat doch gar keinen Sinn. Knorke Was Sie nicht sagen! Anna Ich finde es sehr richtig, daß die Regierung die Bevölkerung auffordert, alle Waffen abzuliefern. Das ist endlich ein gutes Gesetz. Wir haben uns vier Jahre lang gemordet, das reicht. Ich würde jede versteckte Patrone anzeigen. Sofort. Knorke Das würde ich an Ihrer Stelle unterlassen. Anna Warum? Wer der Regierung nicht folgt, der wird doch bestraft. Knorke Zum Strafen gehört Gewalt. Die Regierung hat keine, kann ich Ihnen flüstern. Heutzutag ist oft das Gegenteil Gesetz. Sagen Sie: Was wissen Sie über versteckte Patronen? Anna Ich weiß, wer Sie sind und was Sie wollen. Knorke Wie war das? Anna Ich kenne Sie. Vom Sehen. Knorke Wer bin ich? Anna Sie kommen manchmal in die Stadt. Im Auto. Knorke Was für Auto? Anna Das habe ich alles beobachtet. Knorke Was alles? Anna Sie wollen aus dem Sladek einen Soldaten machen. Knorke So? Anna Sie werben für die schwarze Armee. Knorke Es gibt keine schwarze Armee! Anna Doch. Stille. Knorke Ich warne Sie. Anna Ich bitte Sie. Ich bitte Sie, lassen Sie mir den Sladek. Es fällt mir schwer, darüber zu reden. Wenn sich eine Frau in meinem Alter an einen um fünfzehn Jahre jüngeren Mann hängt, so ist das immer mütterlich, und sie läßt ihn nicht aus den Augen. Sladek ist ja noch ein Junge, der sich an nichts erinnern kann, als an Krieg. Er kann sich den Frieden gar nicht vorstellen, so mißtrauisch ist er. Er ist in der großen Zeit groß geworden, das merkt man. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, ich habe gehorcht und spioniert – mich kann man nämlich nicht betrügen. Was mein ist, bleibt mein. Knorke Ist der Sladek Ihr Eigentum? Anna Ja. Knorke Nein. Anna Wen ich liebe, der gehört mir. Knorke Will er Ihnen gehören? Anna Wie meinen Sie das? Knorke Der Sladek ist ausgewachsen und denkt nicht daran. Anna Das hat er Ihnen gesagt? Knorke Fragen Sie ihn selbst. Stille. Anna Wollen Sie mir helfen? Knorke Ich warne Sie. Anna Ich bitte Sie. Bitte, sagen Sie dem Sladek kein Wort, daß ich weiß, daß er von mir will. Bitte, sagen Sie ihm doch, er wäre zum Soldaten untauglich, sagen Sie es ihm, bitte, lassen Sie ihn hier. Ihre Soldaten werden auch ohne Sladek marschieren, aber ich – Ich hab schon mal alles für das Vaterland geopfert. Ich laß mir nichts mehr rauben. Ich verrate die ganze Armee den Polen. Noch heut. Knorke Kaum. Sladek kommt; nickt Knorke zu. Anna Der Herr wartet schon auf dich. Wo warst du so lange? Sladek Ich hab mich geärgert. Anna Wer hat dich geärgert? Sladek Freut dich das? Anna Mich? Sladek Laß uns allein, bitte. Knorke Nicht nötig, Sladek. Frau Schramm hat mich soeben gebeten, dir mitzuteilen, du seiest untauglich zum Soldaten, da sie sonst alles den Polen verrät. Sladek Anna! Anna Nein, so ein Schuft! Knorke Ich weiß, daß du das Maul gehalten hast, aber Frau Schramm hat dir nachspioniert. Dadurch zwingt uns Frau Schramm, uns mit ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen. Verstanden? Sladek, bist du tauglich? Sladek Tauglich. Knorke Nach wie vor. Wir treffen uns beim Fräulein. Auf Wiedersehen! Ab. Sladek starrt Anna an: Auf Wiedersehen. Stille. Anna Was ist das für ein Fräulein? Sladek Das Fräulein. Das ist ein Lokal. Anna Lüg nicht! Sladek Du wirst noch blöd vor lauter Eifersucht. Anna Lieber blöd! Sladek! Ich hab ja so Angst um dich! Ich seh es ja, wie hungerig dich die Weiber anschaun – Sladek unterbricht sie: Ich bin dir treu. Anna Nein, du nimmst nur Rücksicht, aber dann wünschst du, ich soll nicht mehr sein. Du, du wirst einfach weggehen, ich werde dich überall suchen und nirgends finden. Sladek Anna, weißt du, was das heißt, eine Armee vor dem Feinde zu verraten? Weißt du, was die Soldaten mit dem Verräter tun? Anna Sie sollen mich erschlagen. Sladek Sie werden dich erschlagen. Anna Es liegt an dir. Bleib bitte, und ich verrate nichts. Nichts. Weißt du, was das heißt, wenn ich dich verliere? Bleib, bitte, bitte, bitte – schau, ich schäme mich ja schon gar nicht mehr, so hänge ich an dir. Was denkst du jetzt? Sladek Was ich denk, langweilt dich, hast du gesagt. Anna Nein! Sladek Was ich denk, ist dumm, hast du gesagt! Hast du gesagt! Ich hab nämlich ein sogenanntes Gedächtnis, ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Anna Wie du dir alles merkst. Sladek Alles. Anna Daß du nur nichts vergißt! Sladek Nichts. Glotz nicht. Anna Ich glotz nicht. Ich hab nur gesagt, du sollst nicht so viel denken, weil ich nichts von Politik versteh. Ich komme nicht mit. Sladek Man muß nur selbständig denken. Ich kam zu dir zerlumpt. Bei mir in der Familie haben sie sich um ein Stück Brot gehaßt. Du warst für mich ein höheres Wesen, du hattest eine Zweizimmerwohnung und hast Kriegsanleihen gezeichnet. Du hast für Kaufmannsfrauen geschneidert, ich hab mich waschen können. Du hast mir einen Wintermantel gekauft. Danke. Anna Bitte. Sladek Du bist meine erste Liebe. Anna Sei nicht boshaft. Sladek Ich bin nicht boshaft. Ich wollt nur sagen, daß die erste Liebe eine riesige Rolle im Leben spielt. Hab ich gehört. Anna Sladek. Du bist schon tot. Sladek Warum? Anna klammert sich an ihn: So sag es doch! Sag, daß alles aus ist! Aus, aus – Sladek Sag es du. Anna Ich kann es nicht, – wie dumm ich bin, wie dumm – Sladek Es ist nicht aus. Anna Nimm keine Rücksicht! Quäl mich nicht! Sag es endlich, laß mich los! Sladek Gut. Es ist aus. Anna Schau mich an. Stille. Sladek So wirds nicht anders. Anna Doch. Sladek Du weißt immer alles besser. Anna Du kannst nicht lieben, du kannst nur lieb sein. Sladek Genügt das nicht? Stille. Anna lächelt: Schau mich nicht so an – du Riese. Du kleiner Riese. Du bleibst, du bleibst. Du Jung, du – es ist dunkel, die Erde ist noch kalt, aber die Sonne war schon warm. Das ist der zunehmende Mond. Sladek Heuer gibts kein Frühjahr. Auf dem Ozean liegen lauter Wolken, ganze Berge. Das kommt alles noch über uns, steht in der Zeitung. Anna Ist doch alles nicht wahr, ist doch alles anders – Komm, gib mir einen Kuß – Das war doch kein Kuß. So. So – Sie küßt ihn, reißt sich plötzlich los und taumelt zurück. Was tust du?! Was fällt dir ein, wenn ich dich küß?! Sladek Ich küß nicht gern so, so sinnlich. Anna Du Schwein. Du Schwein – Sladek Ich bin ein Schwein. Ab. III Im Weinhaus Zur alten Liebe Salm, Horst, Halef, Knorke und Rübezahl sind die einzigen Gäste. Das Fräulein bedient. Das Fräulein Die Herren sind Soldaten? Salm Wir sehen nur so aus. Das Fräulein Ich liebe die Uniform. Ich bin eine Deutsche aus Metz. Wir hatten viel mit den Herren Soldaten zu tun. Wenns wieder Krieg gäb, das wär fein! Horst Sie werdens noch erleben, Mädchen. Das Fräulein Ich wär auch glücklich mit einem Manöver. Die Herren sind doch Soldaten? Rübezahl Wir sind keine Soldaten, dumme Kuh! Das Fräulein Pardon! Seien Sie nur nicht wild, Sie Großer! Die Herren haben doch Uniform. Knorke Wir haben uns nur noch nicht umgezogen seit dem Krieg. Das Fräulein lacht: Oh pfui, wie pikant! Halef Sehr geehrtes Mädchen. Ich bin zwar kein Soldat, aber ich interessiere mich für Manöver. Überhaupt für Übungen – Er schäkert mit ihr. Knorke zu Salm: Sie heißt Schramm. Mit dem seltenen Vornamen Anna. Sie wohnt in der Prinzenstraße unter sechs und hat sich an den Sladek gehängt. Sie ist im gefährlichen Alter und könnte für ihren Bubi auch sterben. Salm Ein schöner Abend heute abend. Knorke Sie weiß alles, vielleicht auch das, was ihr bevorsteht. Sie wird trotzdem jede versteckte Patrone der Republik abliefern und alles den Polen verraten. Sie ist toll. Salm Ein schöner Abend heute abend. Knorke Ich verstehe, Leutnantleben. Liebling, wir verstehen uns wie ein Liebespaar. Es ist ein schöner Abend heute abend, und es wird für manches Kind keinen schöneren mehr geben. Salm Was, wenn Sladek nicht kommt? Knorke Er kommt. Er haßt sie nämlich. Salm Warum? Knorke Warum haßt man einen Menschen? Entweder weil er einem nichts gibt oder zuviel gegeben hat. Sie wird ihn ausgehalten haben. Sie muß mal sehr geil gewesen sein. Horst Das Schandweib gehört totgeprügelt. Salm Könntest du sie totprügeln? Horst Im Interesse des Vaterlandes, jederzeit. Wir hatten zu Hause einen reinrassigen Dobermann. Dem habe ich einmal die Beine zusammengebunden und losgeprügelt bis ich nicht mehr konnte. Das Vieh gab keinen Ton von sich. Es gibt so stolze Köter. Es hat mich nur angeschaut. Salm Du bist so herrlich hemmungslos, so göttlich selbstverständlich. Das soll Wodka sein! Ich habe meine Jugend vergeudet. Horst Bitte, nur nicht sentimental! Salm Nein, ich bin nur traurig. Wenn man so zurückdenkt: Damals, du wirst erst sechs Jahr gewesen sein, damals war ich Hauslehrer in Siebenbürgen. Was ich dort bei den Rumäninnen Kraft ließ – ja, das Weib haßt den Mann, auch in der Tierwelt gibt es dafür Beispiele. Ich hab erst in der Gefangenschaft mein besseres Ich entdeckt, ich danke es dem Krieg, er wies mich den rechten Weg. Horst. Du folgtest meinem Rufe. Horst Halt! Ich habe um meiner Ideale willen und nicht aus persönlichen Gefühlchen Papa und Mama verlassen. Ich wär auch ohne dich durchgebrannt – jetzt hätte ich bald das Abitur! Wozu? Die Tat gilt mehr als das Wissen, die Waffe mehr als das Wort. Salm Sei nicht grausam. Horst Quält dich die Wahrheit? Stehst du über dem Vaterland? Daß du immer Illusionen brauchst! Salm Wie der kleine Kerl quälen kann – Rübezahl Salm! Du hast ein Profil wie Bruno Kastner, aber ich hab kein Geld. Hast du Geld? Gib mir Geld. Salm Besauf dich nicht! Rübezahl Poussier deinen Knaben und leck mich am Arsch! Hab keine Angst, ich halt das Maul auch im Delirium. Aber ich wiederhole: Es wäre besser gewesen, wenn wir das Schwein nicht zuerst in den Wald, sondern gleich draußen im Fort – Jetzt haben wir die Sauce im Auto, rot gebatikt. Salm Kusch! Rübezahl Wir sind unter uns, Tante Frieda. Die einzigen Gäste. Hast du Geld? Ist das ein Dorf! Das Fräulein Die Herren sind mit dem Auto gekommen? Halef Wir sind Geschäftsreisende. Wir vertreten eine große Lebensversicherung. Unser Chef ist ein jüdischer Kommerzienrat und jener neunzehnjährige Jüngling ist sein Sohn. Horst Ich bin erst siebzehn. Halef Und was du schon für Hüften hast! Salm Halef, es gibt Dinge, die jenseits des Witzes liegen. Halef Zu Befehl, Majestät! Ich fürchte nur, daß er die moderne Linie verliert. Das Fräulein Daß sich die moderne Linie derart durchsetzt, ist nur eine Folge der Unterernährung. Der Kriegskost. Rübezahl Jaja, man sieht kaum mehr Busen. Das Fräulein Sind Sie blind? Halef Ja, er ist blind. Ich hingegen sehe ungewöhnlich scharf. Knorke Ich auch. Halef umarmt sie: Ha du, als wär kein Krieg gewesen! Ich liebe den Frieden. Du kannst mal mit mir fahren, im Auto. Das Fräulein Nein, das ist mir zu gefährlich. Rübezahl scharf: Wie meinen Sie das? Das Fräulein droht mit dem Finger: Nanana, Sie ganz Böser! Sie können mich nicht hypnotisieren. Ich fahre aus Prinzip mit keinem Herrn mehr durch die Nacht. Da war einmal ein Chauffeur, ein geborener Österreicher, der lud mich ein zur Mondscheinpartie und auf der Landstraße wollte er mich vergewaltigen. Ich habe gesagt: Mein Herr, das kann man nicht so ohne weiteres. Er hat gesagt: Ist das aber eine Hure! Und dann hat er mich auch noch beschimpft. Sladek kommt. Guten Abend der Herr! Sladek bleibt stehen: Guten Abend. Knorke Sladek! Hier! – Nun? Sladek Ich bin da. Ich halt mein Wort. Ich bin bereit. Knorke Das freut uns außerordentlich. Salm Haben wir noch Benzin? Halef Dreieinhalb Tropfen. Nicht ganz. Salm zu Horst: Kauf das bessere Öl. Nimm Halef mit. Horst und Halef ab. Rübezahl Wir brauchen bald ein neues Auto. Knorke zu Sladek: Und wie geht es der gnädigen Frau? Sladek Es ist aus. Radikal. Knorke Man gratuliert. Sladek Danke. Das Fräulein spielt am Grammophon die Träumerei von Schumann. Knorke Du weißt, was mit einer gnädigen Frau geschieht, die Soldaten vor dem Feinde verrät? Sladek Sie hat noch nichts verraten. Knorke Aber sie wird uns verraten. Sladek Wenn sie uns verrät, so gebührt ihr nichts anderes. Knorke Soll man warten, bis einen der Feind vernichtet? Sladek Nein. In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Salm Wir sind Natur. Knorke Du bist auch Natur. Sladek Ja. Knorke Also? Sladek Also. Salm Zur Sache. Knorke Du wartest hier. Wir haben es nur zu melden und sind in zwei Stunden wieder da. Dann erlauben wir uns, der gnädigen Frau unsere Aufwartung zu machen. Du hast doch den Schlüssel? Sladek Ja. Knorke Du läßt die Haustüre offen. Verstanden? Wir warten unten zehn Minuten, dann wirst du einen Pfiff hören, und dann sind wir auch schon droben. Die zehn Minuten brauchen wir, du mußt ihr etwas vorspielen, damit sie nur nichts ahnt und schreit. Sie ist nämlich raffiniert, das weißt du ja. Sag ihr, du seiest zurückgekehrt, hättest alles bereut – es ist alles ungeschehen und du liebst sie, verstanden? Sladek Ja. Salm Sladek. Falls du es dir überlegen solltest – Sladek unterbricht ihn: Ihr müßt mir nicht drohen. Ich hab keine Angst. Ich hab mir das alles genau überlegt und kann selbständig denken. Das ist anerkannt. Salm Das spielt keine Rolle. Sladek Oho! Salm Zahlen! Es wird Zeit. Das Fräulein Alles zusammen? Salm Wir sind eine Familie. Rübezahl Sein Vater ist mein Sohn. Knorke zu Sladek: Also: in zwei Stunden. Ab. Sladek Auf Wiedersehen. Salm zu Rübezahl: Auf! Los, sonst weint der General. Ab. Rübezahl sauft aus: Herr General. Wir brauchen ein neues Auto. Einen Autobus. Ab. Das Fräulein Auf Wiedersehen die Herren! Auf Wiedersehen! Sie beschäftigt sich mit ihrem Strumpfband. Sladek beobachtet sie: Auf Wiedersehen. Das Fräulein Der Herr kennt die Herren? Das waren doch Soldaten? Nicht? Oder? – So antworten Sie doch! Sind Sie taub? Sladek Ja. Das Fräulein Die Männer heutzutag sind alle originell. – Was wünscht der Herr? Trinken wir eine Flasche Wein? Sladek Was kostet das? Das Fräulein Eine Milliarde. Sladek Und, was kosten Sie? Das Fräulein Wie meint das der Herr? Sladek Wenns nicht stimmt, so sagen Sies nur. Ich hab gehört, daß Sie sich für eine Milliarde ausziehen. Das Fräulein Manche Herren trinken lieber Wein. Sladek Ich nicht. Ich krieg nämlich keinen Rausch. Ich spei nur alles voll. Das Fräulein Ist das so schlimm? Dann ziehe ich mich lieber aus. Sladek Eine Milliarde ist viel Geld. Das Fräulein Der Herr sind Kaufmann? Sladek Ich bin kein Schieber. Das Fräulein Also redlich verdient? Sladek Nein. Das Fräulein Geschenkt? Sladek Nein. Das Fräulein Es geht mich auch nichts an. Sladek Ich hab die Milliarde gestohlen. Ich kenn nämlich eine Witwe, die hat noch drei im Schrank. Sie verdient sehr schön und liebt mich, das heißt: Eigentlich gibt es keine Liebe. Man muß nur selbständig denken. Es ist ein glattes Geschäft. Sie hat sich den Sladek gekauft. Ich hab mich ihr ganz gegeben, aber sie ist so eifersüchtig, daß ich nicht zum Arbeiten komm. Sie will herrschen, drum läßt sie mich um jede Million betteln. Da hab ich die Milliarde gestohlen, sie gehört mir, ich bin im Recht. Gib mir eine Zigarette. Das Fräulein Du gefällst mir immer besser. Gib mir die Milliarde. Sladek Zieh dich aus. Das Fräulein Hernach. Sladek Nein. Hernach wird man geprellt. Das Fräulein Du hast viel mit schlechten Frauen verkehrt. Sladek Eigentlich nur mit Huren. Das Fräulein Pfui! Sowas sagt man nicht! Sladek Sie weiß, daß ich fort will, aber sie sieht es nicht ein. Ich bin zu rücksichtsvoll. Alles hat ein End. Diesmal radikal. – Weißt du, was das Furchtbarste ist? Wenn man will und nicht kann. das Fräulein lacht. Lach nicht! Das Fräulein Das ist doch komisch! Sladek Nein, das ist tragisch. Wenn etwas schon lange tot ist, vielleicht nie gelebt hat, und man redet damit, als wärs gesund. Ich bin nicht feig und wollt nie Theater spielen und habs doch getan. Sie hat es gewußt, daß sie nur winseln muß und ich verlier die Kraft. Weil ich ein anständiger Mensch bin, zu guter Letzt. Aber damit Geschäfte machen, das ist ein Verbrechen. Das Fräulein Du mußt wenig gearbeitet haben, um auf solche Gedanken zu kommen. Sladek Ich hab noch nie richtig gearbeitet. Sie hat es nicht gern gesehen, daß ich was verdien. Sie hatte Angst, ich könnt ohne sie leben. Sie hat mich lieber ausgehalten, das ist das berühmte mütterliche Gefühl. Auch so ein Verbrechen. Das Fräulein beugt sich über ihn: Sprich nicht mehr. Das ist mir alles zu hoch. Gib mir die Milliarde – Sladek Du hast so eine schöne Haut – Das Fräulein Ich bin auch ein Sonntagskind. Sladek Ich nicht. – Du bist so weich. Das Fräulein Das hat jede Frau. Sladek Nein, nicht jede. Das Fräulein Was der kleine Mann für große Augen hat. Schau mich an. Wohin schaust du denn? Sladek Ich schau dich an. Das Fräulein Nein. Sladek Doch. Das Fräulein Du schaust mich an und doch nicht an. Hinter mir ist nichts. Ich glaube, du findest den richtigen Kontakt zum Weibe nicht. Sladek Möglich. Das Fräulein Gib mir die Milliarde, dann zieh ich mich aus. Sladek gibt sie ihr. Küßt ihn . Danke. Sie zieht sich aus. Du bist ein einsamer Mensch. Du mußt öfters kommen, sonst wirst du noch melancholisch. Das Weib ist die Krone der Schöpfung. Sladek Zieh dich ganz aus. Das Fräulein Nein. Heute regnet es, und ich bin sehr empfindlich. Sladek Zieh dich ganz aus. Das Fräulein Nein! Ich werde krank. Sladek Ich hab dir die Milliarde gegeben und du hast versprochen – Das Fräulein unterbricht ihn: Nichts habe ich versprochen! Willst du, daß ich mir den Tod hole? Sladek Das geht mich nichts an! Ich laß mich nicht betrügen! Das Fräulein Schreien Sie nicht so mit mir, Sie! Sladek Kusch, Krone der Schöpfung! Das Fräulein Ich bin doch kein Hund! Ich bin ein Mensch, Sie! Hinaus! Zurück oder ich schrei! Ich schrei, du Lump, du Dieb! Hier wird nicht gehaßt, hier wird geliebt! Sie schreit. IV Bei Anna Sie liegt im Bett. Auf der Straße hält ein Auto. Sie lauscht und richtet sich auf. Sladek tritt ein. Stille. Anna Guten Abend, Sladek. Sladek Guten Abend, Anna. Stille. Anna Ich dachte, du bist Soldat. Und schon in Uniform. Sladek Nein. – Es ist offen, vorne, das Hemd. Anna knöpfl es rasch zu. Laß es nur. Anna Ja, es wird nichts geschehen. Sladek Anna –. Ich bin gekommen, um wieder bei dir zu bleiben. Anna starrt ihn an: Das ist nicht wahr. Sladek Doch. Anna sieht sich ängstlich um: Wo warst du? Sladek Bei den Soldaten. Ich hab mir das alles überlegt. Anna steht plötzlich auf, wirft sich rasch ein Tuch um, behält ihn aber immer im Auge; tritt zu ihm: Was willst du von mir? – Was denkst du jetzt? Sladek Daß alles wieder gut wird. Anna Das gibt es nicht. Sladek Ich hab dich lieb. Anna Nein. Nein. Sladek Ich lüg nicht. Anna Heute abend hättest du mich erschlagen können. Sladek Ich hab dich nie gehaßt. Anna Doch. Und mit Recht. Ja, mit Recht. Stille. Ich bin daran schuld. Es war nicht recht von mir, daß ich dich mit aller Gewalt hielt, daß ich daran dachte, mit dir ein Leben lang zusammen – Ich hätte längst abtreten müssen, aber ich dachte nur an mich. Ich hab dich gequält, ich war dir überall im Weg. Ich hab über dich bestimmt, jetzt ist es mir, als hätt ich das alles berechnet. Verzeih mir. Es ist mir plötzlich klar geworden. Klar. Klar. Stille. Geh, bitte. Es hat keinen Sinn, daß du bei mir bleibst. Das ist sicher nur so ein plötzliches Gefühl für mich, das bildest du dir ein. Es ist aus. Warum bin ich nicht zwanzig Jahre jünger? Warum hab ich dich damals getroffen? Es war ein reiner Zufall, das Leben ist grausam. Nein, nicht du – ich hab dich genommen, ich hab mich an dich gekettet, ich hab dir alles gegeben, alles verlangt. Und dann hab ich immer etwas gesucht, es ist dir nicht aufgefallen. Du bist eine andere Welt. Du siehst anders, hörst anders, denkst anders. – Geh, Sladek. Geh, wohin du willst. Es ist wirklich nicht schön hier. Ich halt dich nicht. Marschier mit deinen Soldaten, ich werde keine einzige versteckte Patrone anzeigen, ich geh auch nicht zu den Polen, ich verrate nichts. Geh, bitte. Ich bleib zurück. Der Pfiff ertönt. Sladek versteinert. Du bist jung. Ich bin schon grau. Zwischen uns stehen hundert Jahr. Salm, Horst, Rübezahl erscheinen und stürzen sich auf Anna. Salm Drauf! Anna Sladek! Was ist das?! Was ist das?! Rübezahl Das ist das! Anna Hilfe! Hilfe – au! Rübezahl Das Mensch plärrt! Anna Sladek! Sladek! Sladek Halt! Salm mit dem Revolver; zu Sladek: Zurück! Zurück! Rübezahl ersticht Anna: Verrat uns! Verrat uns! Vieh! Anna bricht zusammen und winselt: Au – Sladek, du schlechter Mensch – Du, du, du – Sie stirbt. Stille. Salm zu Sladek: Hände hoch! Was sollte das Halt? Sladek Weil sie unschuldig war. Salm Das gibt es nicht. Sladek Doch. Salm Seit wann? Sladek Seit zwei Minuten. Salm Und? Sladek Ihr könnt nichts dafür. Salm Das rettet dich, du Idiot. Sonst – Sladek unterbricht ihn: Ich hab keine Angst. Ich bin nicht feig. In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Stimmen unten. Horst Da spricht wer. Salm Rasch! Fort! Rübezahl Sie hat sich bemacht. Sladek Radikal. Zweiter Akt V Im Hauptquartier der schwarzen Armee Ein Fort. Sladek ist noch in Zivil. Er steigt mit Halef, Horst und Rübezahl unter die Erde hinab. Sladek Wann faß ich meine Uniform? Rübezahl Das wird eine Galauniform, du Gardist! Halef Mit Fangschnüren und Pour le mérite. Nimm Platz, Herr Sladek. Wir sind bei Muttern. Drei Meter unter der Erde. Sladek setzt sich: Ich dachte, sechs Meter. Halef Vielleicht. Auch das. Wie gesagt. Rübezahl Jetzt möcht ich mich rasieren. Sladek Ist das hier das Fort, das Hauptquartier? Halef Zu Befehl. Wir sind noch ungeborene Seelen. Wir warten auf den Storch und hoffen, nicht abgetrieben zu werden. Ich quatsch viel. Bist du auch nervös? Sladek Nein. Horst Es hat stark geregnet, zuvor. Halef Ob es noch immer regnet? Wenn ich was geworden wär, wär ich Komiker geworden. Man muß sich nur auslachen lassen und verdient Geld. Sladek ernst: Das ist sehr komisch. Halef Ja. Rübezahl Ich möcht wiedermal auf eine Redoute. In Frack und steifer Brust. Ab und zu verblöde ich, dann möcht ich Großkaufmann sein. Konfektion. Halef Du warst doch Reisender? Rübezahl Kurz – Halef Weißt du, was mir an dem Fräulein mißfällt? Daß sie braune Zähne hat. Sladek Sie hat keine Seele. Sie betrügt. Halef Hast du eine Seele? Sladek Was ist das: Seele? Halef Du hast doch soeben gesagt, daß das Fräulein keine Seele hat! Sladek Ich? Rübezahl Du! Heilige Großmutter Gottes! Sladek Ich muß mich versprochen haben. Horst Frauen sind Formen. Sie regen uns an. Sladek Wenn sie nur anregen würden. Zum Beispiel diese Anna – Rübezahl unterbricht ihn: Halt das Maul! Halt das Maul! Halef Mein Herr. Es ist hier Sitte, daß man darüber nicht spricht, zumindest inoffiziell nicht. Du mußt dich den Gesetzen des gesellschaftlichen Lebens fügen. Stille. Horst Ob es noch immer regnet? Rübezahl Zu guter Letzt sind die Dreckjuden selbst daran schuld. Halef Nicht? Horst Ja. Sladek Wann faß ich die Uniform? Halef Es müssen noch einige Formalitäten erledigt werden. Sladek Was für Formalitäten? Er erhebt sich. Rübezahl Halt! Wohin? Sladek Ich muß mal. Halef Du bleibst. Sladek Aber ich muß – Halef Beherrsch dich. Sladek Wieso? Halef Wir haben Befehl, einen gewissen Sladek schärfstens zu bewachen. Du bist gefangen. Sladek Gefangen? Halef Vorerst. Sladek Was hab ich denn getan? Halef Eine große Dummheit, du Idiot. Was hast du gesagt, Rindvieh? Daß sie unschuldig war, hast du gesagt. Das hat der Salm sofort dem Hauptmann gemeldet. Es gibt viele Unschuldige, du Trottel. Auch an Halsentzündungen sterben Unschuldige, aber so darf man nicht denken, du Maulesel. Sladek In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Rübezahl Wie oft sagst du das in einer Stunde? Halef Es dreht sich ja nur um Formalitäten, aber solche Formalitäten werden hier mit besonderer Liebe behandelt. Stille. Sladek hat sich wieder gesetzt; zu Halef: Bist du Türke? Halef Ich? Sladek Ja. Weil du Halef heißt. Ich kannte einen Halef, der hat türkischen Honig verkauft. Aber der hieß eigentlich auch nicht Halef. Halef Ich verkaufe türkischen Honig und bin ein geborener Sachse. Sladek Dresden soll schön sein. Horst Wer war schon in Nürnberg? Rübezahl Nürnberg ist schön. Horst Ja. Dort haben sie eine herrliche Folterkammer in der Burg. Ich habe nach der ersten Kommunion meine Großmutter besucht, die lebt in Nürnberg. Die kennt jede Daumenschraube, die hat mir das alles erklärt. Meine Mutter hat Krämpfe bekommen, ich und meine Großmutter haben lachen müssen. Zum Beispiel die eiserne Jungfrau – Hauptmann, Salm, Knorke kommen. Rübezahl ab, knapp an Hauptmann vorbei, ohne ihn zu grüßen. Hauptmann hält einen Augenblick und sieht ihm nach; tritt dann rasch auf Sladek zu, der sich erhoben hat: Sladek, ich habe erfahren, daß du der Überzeugung bist, die Landesverräterin Anna Schramm sei unschuldig hingerichtet worden. Sladek Sie wollt nichts verraten, hat sie mir gesagt. Ich glaub keiner Frau, aber diesmal wars eine außerordentliche Ausnahme. Hauptmann Sie war also unschuldig? Sladek Ja. Hauptmann Und? Sladek Da gibts kein Und. Es läßt sich nämlich nichts ändern. Hauptmann Und wenn es sich ändern ließe? Sladek Man kann nicht. Hauptmann Du hast Halt gerufen. Weißt du, daß man unter Umständen mit einem solchen Halt die nationale Revolution vernichten kann? Sladek Daran hab ich nicht gedacht. Ich hab nur an die Gerechtigkeit gedacht. Es war mir plötzlich, als wären meine Ansichten über die Natur falsch und ich hätt die Wahrheit vergessen. Ich kann nämlich selbständig denken – Hauptmann unterbricht ihn: Halt das Maul! Du hast nicht selbständig zu denken! Du bist Soldat. Dreitausend Sladeks sind erst ein Regiment. Du bist nur ein Teil. Selbständige Teile sind überflüssig, also schädlich, also werden sie vernichtet. Verstanden? Sladek Ja. Hauptmann Und betreffs der Unschuld deiner Anna Schramm: Für das Vaterland muß jeder Soldat jede Schuld tragen. Jederzeit. Sladek Man kann ja nichts dafür. Hauptmann Du hast dafür zu können! Das ist deine Pflicht! Du weißt, was Pflicht ist? Gehorchen. Bedingungslos. – Solltest du dich noch einmal unterstehen Halt zu rufen, so sperre ich dich ein bis zum Jüngsten Gericht. Du weißt, wohin. Abtreten! Er läßt ihn stehen. Sladek zu Halef: Darf ich jetzt austreten? Halef Du darfst. Halt! Glaubst du an das Jüngste Gericht? Sladek Nein. Ich bin nicht religiös. Ab. Hauptmann zu Salm: Du hast diesen Krüppel gebracht, behalt ihn. Salm Danke. Hauptmann Er hat sich bereits außerordentlich bewährt und kann selbständig denken. Knorke Freilich ist er blöd, aber besser blöd als feig. Ich kannte seinen Bruder, wir haben nebeneinander gewohnt, als ich aus Tsingtau kam, vor dem Krieg. Der war sehr klug und gebildet, aber im Felde mußte man ihn hängen, weil er bei einem Sturmangriff seinen Feldwebel von hinten erschossen hat. Die Sladeks sind alle verbittert. Es war mal eine bessere Familie. Hauptmann Ich wiederhole: Die Art dieser letzten Bestattung ist in ihrem unglaublichen Leichtsinn nicht zu überbieten. Ihr habt gesoffen? Salm Keinen Tropfen. Hauptmann So seid ihr gefährlich großzügig. – Ich bin von lauter Verrätern umgeben, aber ich fange immer nur die Vorhut, an die Leitung komme ich nicht heran, ich bin zu ehrlich. Der Bundessekretär erscheint. Salm, Knorke, Halef, Horst ab. Stille. Fixiert den Bundessekretär. Sie kommen aus Berlin? Der Bundessekretär Von der maßgebenden Stelle. Hauptmann Sie sehen: Ich bin bereit. Der Bundessekretär Danke. Hauptmann Schnarcht die maßgebende Stelle noch? Sie wird unter dem Sowjetstern erwachen. Der Bundessekretär Die politische Verantwortung fordert, für die bewaffnete Aktion den günstigsten Augenblick abzupassen. Hauptmann Ich warte. Der Bundessekretär Wir haben zwar die Ministerliste, aber die Führer der Verbände müssen noch manche Frage bereinigen. Hauptmann Ich warte. Der Bundessekretär Die sind sich noch nicht einig, Nord und Süd! Hauptmann Ich warte. Vorerst! Der Bundessekretär Das wissen wir. Deshalb bin ich da. Hauptmann Freut mich! Der Bundessekretär Umso besser! Sie sind ein Mensch, dem man ab und zu seine Lage klar machen muß. Sie samt Ihren Soldaten unterstehen einer maßgebenden Stelle, die die geheime, gegen alle außenpolitischen Verpflichtungen erfolgte Aufstellung Ihrer Armee vor der Republik mit dem Schutze vor äußeren Feinden begründet, in Wahrheit aber die nationale Diktatur erstrebt. Offiziell muß die maßgebende Stelle republikanisch tun, um inoffiziell die Republik unterhöhlen zu können. Offiziell tragen Sie die Verantwortung, inoffiziell befiehlt die maßgebende Stelle. Sie können praktisch nur bestehen, weil und solange Sie offiziell nicht bestehen. Vorerst existieren Sie überhaupt nicht. Hauptmann Danke. Die maßgebende Stelle ist feig. Sie betet um die nationale Revolution, aber drückt sich vor jedem festen Entschluß. Das liegt an der Berliner Luft. Der Bundessekretär Und der preußischen Regierung. Hauptmann Es muß kommen, wie in Ungarn. Der Bundessekretär Die Diktatur. Plebs bleibt Plebs. Gäbs keine Neger am Rhein und keine Inflation, fühlten sich unsere lieben Deutschen in Schwarzrotdreck sauwohl. Hauptmann Nie. Ich glaube an den zweiten Befreiungskrieg. Mit dem Sturze der Republik stürzt auch Versailles. Der Bundessekretär Kaum. Hauptmann Oho! Der Bundessekretär Kaum, Hauptmann. Unsere Truppen und vor allem unsere Waffen reichen wohl zur Niederschlagung des inneren, aber niemals des äußeren Feindes. Die nationale Diktatur wird die Erfüllungspolitik der Rathenau und Genossen weiterführen müssen. Predigen wir das Gegenteil, so nur als Propaganda. Wir lügen dabei nicht, denn zu guter Letzt ist alles möglich. Stille. Hauptmann Ich sehe, man treibt mit mir wieder ein unehrliches Spiel. Ich glaube, die maßgebende Stelle wäre sogar imstande, mich dem Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik auszuliefern. Der Bundessekretär Wenn Sie ohne Erlaubnis anfangen wollten zu existieren, ja. Hauptmann Wenn alles mißglückt, jederzeit. Dann wird an meine nationale Treue appelliert, damit ich alles allein verantworten darf. Auch meine Justiz. Der Bundessekretär Was für Justiz? Hauptmann Spielen Sie nicht die unberührte Jungfrau, Feigling. Leute wie Sie sollten politisch links stehen. Sagen Sie der maßgebenden Stelle einen schönen Gruß, und wenn sich die vertrottelten Oberlehrer und verkalkten Exzellenzen in den Bünden und Verbänden, Orden und Parteien nicht bald einigen, dann fange ich an zu existieren! Die nationale Bewegung wäre ein Debattierklub ohne meine Arbeit! Ich habe die Truppen gesammelt, ich habe die Gewalt, ich bin die Macht! Ich marschiere auch allein! Die nationale Revolution bin ich! Ich und meine Kameraden, der Landsknecht hat schon einmal einen Staat gerettet, wir haben Spartakus erschlagen, im Baltikum gekämpft, in Oberschlesien – und?! Wir lassen uns nicht wieder vogelfrei vertreiben, verachtet, verspottet, verdreckt! Der Bundessekretär lächelt sarkastisch; verbeugt sich steif und rasch ab. Hauptmann allein; starrt ihm nach; geht auf und ab. Trompetensignal. Hält und lauscht; grinst; knurrt. Ich marschiere, ich marschiere – Halef kommt: Hauptmann! Hauptmann Was gibts? Halef Der Salm läßt fragen, was mit dem Kerl geschehen soll, den der Posten gestern beschlagnahmt hat – der drunten liegt. Er hat soeben gestanden, daß er uns für fünfzig Dollar an die Interalliierte Kontrollkommission verraten wollte. Hauptmann Das hat er gelogen. Der verrät nichts für fünfzig Dollar, das habe ich gleich gesehen. Hinter dem steht eine andere Macht. – Man muß ihn mit besonderer Vorsicht verhören. Halef Soll er noch geprügelt werden? Hauptmann Wer hat ihn geprügelt? Halef Ich nicht. Hauptmann Wer? Halef Rübezahl. Stille. Hauptmann Du. Ist das wahr, daß dieser Rübezahl gedroht hat, mich für den Fall, daß er kein Geld von mir bekommt, glattweg niederzuknallen? Halef Er war besoffen. Hauptmann Besoffen oder nüchtern! Du hast das gehört? Halef Ich war dabei. Hauptmann Ich muß darauf bestehen, daß mir dergleichen sofort gemeldet wird! Halef Ruhe, Herr General! Ruhe. Wagst du, einen derart verdienstvollen Mann zu bestrafen, und wenn ja, kannst du es denn? Nein. Du kannst dich nur lächerlich machen. Sonst nichts. Rübezahl erscheint: Majestät. Ich hab soeben gehorcht. Er grinst. Hauptmann Du bekommst deinen Teil. Rübezahl Das klingt komisch. Hauptmann Abtreten. Rübezahl Drohst du mir? Du? Mir? Hauptmann Nein. Denn ich habe Angst, daß du mich niederknallst. Rübezahl grinst: Fürchte dich nicht, Liliputaner! Hauptmann Zurück! Hinaus! Rübezahl Bell nicht, Pintscher! Bell nicht, sonst schlag ich dir die Koppel um das Maul, daß dir das Gott-mit-uns in der Fresse steht! Hauptmann fixiert ihn; beherrscht sich; rasch ab. VI Immer noch unter der Erde Franz lehnt an der Wand. Hauptmann kommt. Sladek folgt ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr und hält in der Türe als Wache. Endlich in Uniform. Hauptmann Sie haben also gestanden, daß Sie für fünfzig Dollar der französischen Spionagezentrale Material über geheime Rüstungen beschaffen sollten? Franz Sind Sie hier das Oberkommando? Hauptmann Ja. Franz Werde ich wieder geprügelt? Hauptmann Ich werde mich nicht entschuldigen, daß Sie mißhandelt worden sind, aber ich mißbillige es. Franz Ich verlange, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Hauptmann Sie werden nach einem ordentlichen Gesetze bestraft. Franz Ich verlange, nach dem Strafgesetzbuch abgeurteilt zu werden. Hauptmann Solange das Strafgesetzbuch von der Interalliierten Militärkommission zensiert wird, solange bin ich das ordentliche Gericht im Namen des deutschen Volkes. Franz Dazu haben Sie kein Recht. Hauptmann Machen Sie sich nicht lächerlich. Franz So schlachten Sie mich doch ab. Was wollen Sie denn noch von mir? Hauptmann Sie werden nicht geschlachtet. Franz Nein. Totgeprügelt. Hauptmann Nein. Sie werden begnadigt. Unter einer Bedingung. Franz Es gibt keine Bedingung, unter der ich begnadigt werden könnte. Hauptmann Hier bin ich der Herr. Franz Machen Sie sich nicht lächerlich. Hauptmann Ich pflege mich nicht lächerlich zu machen, Sie! Ich verbitte mir jede Unverschämtheit. Hier bin ich der Herr. Franz Ich wollte Sie nur aufmerksam machen, daß Sie mich nicht begnadigen dürfen, weil Sie ja befürchten müssen, daß ich alle ihre Geheimnisse verrate, sobald ich frei bin. Hauptmann Sobald Sie frei sind, wird es keine Geheimnisse mehr geben. Ich warte nur auf das Signal der maßgebenden Stelle. Morgen oder übermorgen. Sobald ich marschiere, sind Sie frei. Auf mein Ehrenwort. Allerdings: Unter einer Bedingung. Franz Bitte? Hauptmann Ich weiß, wer Sie sind. Auch ich habe meine Spione. Es ist gelogen, daß Sie das Vaterland für fünfzig Dollar verkaufen wollten. Sie hätten es auch ohne einen Papierpfennig verraten, Sie sind Agent der dritten Internationale. Franz Nein. Hauptmann Doch! Sie spielen nur die Rolle des gemeinsten Verräters, um Ihre Genossen zu schützen! Meine Bedingung lautet: Lassen Sie mich die Waffenlager der Kommunistischen Partei erfassen, und Sie sind auf der Stelle begnadigt. Auf Ehrenwort. Franz Die Kommunisten haben keine Waffen mehr. Spartakus ist tot. Hauptmann Gibt es keine rote Armee? Franz In Rußland. Hauptmann Und in Deutschland. Franz Nein. Hier gibt es nur Schwarz oder Weiß. Ich bin kein Agent der dritten Internationale. Ich bekämpfe jeden Terror, auch den roten. Hauptmann Mit was denn? Franz Mit der Kraft der Idee. Hauptmann Idiot. Franz Danke. Hauptmann Sie sind sogenannter Pazifist? Franz Ja. Hauptmann Sie verraten aus Prinzip? Franz Aus Prinzip. Hauptmann Die eigene Armee. Franz Jede Armee. Hauptmann Nein! Nur die deutsche. Den Verbrechern von Versailles. Franz Ich hasse Versailles. Hauptmann Aber verraten den deutschen Soldaten der Kontrollkommission. Franz Nein! Ich kenne keine Kontrollkommission. Ich kenne auch keine deutschen Soldaten, ich kenne nur Landsknechte der Reaktion, deren Geheimnis ich enthüllen wollte – Sie zielen auf Versailles und treffen das deutsche Volk. Sie und Versailles erstreben dasselbe: Die ewige Entrechtung des vierten Standes. Hauptmann Sie Narr! Franz Sie haben nur fünftausend Mann. Glauben Sie, daß Sie ohne schwere Artillerie, ohne Flugzeuge, ohne Tanks und ähnliche Mordmaschinen, mit nur fünftausend Soldaten den Versailler Vertrag zerreißen können? Hauptmann Hätte ich nicht die schwarze Armee, wäre das ganze Vaterland längst vom Feinde besetzt. Franz Sie vergessen, daß Sie ein Geheimnis sind. Wie kann sich denn der Feind vor Soldaten fürchten, von deren Existenz er nichts wissen darf? Herr! Sie marschieren nur gegen das eigene Volk. Gegen die deutsche Republik. Hauptmann Was ist das: Deutsche Republik? Die Republik ist die Hure der Juden und Jesuiten. Sie sind sogenannter Pazifist. Das heißt: Ein Schuft ohne vaterländisches Verantwortungsgefühl. Franz Ich bin Pazifist. Das heißt: Stärkstes Verantwortungsgefühl für den einzelnen Menschen. Hauptmann schreit: Und Verrat am Vaterland! Der Einzelne ist eine Null! Franz schreit: Es geht um Millionen Einzelne! Das Volk ist das Vaterland, und Krieg ist das größte Verbrechen am Volk! Was das Volk aufbaut, wird zerstört durch den Größenwahn der Berufssoldaten und die rücksichtslose Kalkulation verrückter Aktionäre! Es ist falsch kalkuliert worden. Die Bücher wurden aber bereits überprüft und die Betrüger verurteilt. Bald wird das Urteil vollstreckt, im Namen des Volkes. Das ist noch keine Republik, das wird erst eine! Hauptmann Krieg ist ein Naturgesetz. Franz Und wäre es ein Naturgesetz, so bekämpf ich eben die Natur! Ich stelle gegen die Anarchie der Zerstörung das Gesetz des Aufbaus, die Ordnung gegen das Chaos! Sie wollen zurück, ich vorwärts! Sie wollen die nationale Diktatur, das Zurücksinken in den Schlamm niedrigster Instinkte – Sie werden scheitern, und sollten Sie noch so fest überzeugt sein, recht zu haben. Ich stelle den einen Weltstaat gegen den verbrecherischen Wahnsinn der Raubstaaten! Ich kämpfe mit den Waffen der Idee, Sie können mich totschlagen, die Idee stirbt bekanntlich nie, aber Ihre Waffen sind bereits verrostet und werden bald zu Staub. Ihre Zeit der Raubritter ist in Blut und Dreck zusammengebrochen – ihr Tag ist versunken. Es ist noch tiefe Nacht. Wer die Nacht überlebt, der wird die Diktatur der Menschenrechte schauen. Stille. Hauptmann stiert ihn an: Sie haben sich selbst überführt. Ich ließ Sie quatschen. Wagen Sie noch zu leugnen, ein Agitator Moskaus zu sein? Franz Ich habe nichts mit Moskau zu tun. Hauptmann Sie wollen die Bedingung nicht erfüllen? Franz Ich kenne kein kommunistisches Waffenlager. Hauptmann Lügen Sie nicht, Feigling! Stille. Franz Ist es nicht feig, mich hier so abzuschlachten? Hauptmann Es geht um das Vaterland. Franz Sie betrachten sich als Vaterland? Hauptmann fast etwas unsicher: Ich kämpfe für das Vaterland. Für seine Größe, seine alte Macht. Das verstehen Sie nicht. Deutschland kann nur unter der nationalen Diktatur gesunden. Ihr Weltreich ist Mist – vielleicht ein schöner Traum. Ich habe mich mit diesen Sachen nicht so beschäftigt. Ich bin Soldat. Ich hab einen traumlosen Schlaf. Stille. Ich biete Ihnen eine letzte Gelegenheit: Wollen Sie auf meine Bedingungen eingehen? Franz Ich kann ja nicht. Ich bin kein Kommunist. Ich gehöre keiner Partei an. Ich bin allein. Hauptmann Das ist gelogen. Weshalb hätten Sie denn gesagt, Sie wollten alles für fünfzig Dollar verraten, wenn Sie niemanden zu beschützen hätten? Franz Ich habe gelogen, weil ich wußte, daß es damit aus ist. Wenn ich gesagt hätte, daß ich Pazifist bin und kein gemeiner Verräter, so hätte man mich länger gequält. Ich wollte möglichst rasch totgeprügelt werden. Es war reiner Egoismus. Hauptmann Pazifismus ist Egoismus. Franz lächelt: Richtig. Ich bin zu meinem persönlichsten Vergnügen hier, wie Sie ja wissen. Stille. Hauptmann Sie sind verrückt. Gemeingefährlich verrückt. Glauben Sie denn, Sie Narr, daß es jemals Frieden geben wird? Franz Nein. Das glaube ich nicht. Er wankt etwas. Hauptmann braust auf: Machen Sie keinen Narren aus mir, Sie! Franz Ich mache mir keinen Narren aus Ihnen. Ich glaube, wir verstehen uns. Sie haben ja von Ihrem Standpunkte aus vollständig recht – es kommt aber nur auf die Höhe des Standpunktes an, und wie tief oder hoch man über dem eigenen Standpunkte stehen will – oder kann – Er faßt sich an den Kopf. Ich bitte das Verhör zu unterbrechen – auf kurze Zeit. Ich habe einen zu schweren Kopf. Man hat mir nämlich auf den Kopf geschlagen, das kommt davon – Er lächelt und setzt sich. Hauptmann starrt ihn an; wendet sich plötzlich ab: Sladek! Sladek Zu Befehl! Hauptmann Falls die anderen zurückkommen sollten, so melde ihnen, du hättest Befehl, daß niemand diesen Mann in irgendeiner Form verhören darf. Du hast das durchzuführen. Verstanden? Sladek Zu Befehl! Hauptmann Hier verhöre nur ich. Ab. Pause. Sladek plötzlich: Sie werden dich nicht mehr schlagen. Franz sieht ihn erstaunt an; spöttisch: Ich danke sehr. Sladek Ich dank auch sehr, daß du mich nicht verraten hast. Die Zwei fixieren sich. Lächelt. Ja, daß du nämlich nicht gesagt hast, daß du mich kennst. Ich hätt dadurch Unangenehmes gehabt, ich war nämlich leicht in einen Verdacht gekommen, der ja gar nicht stimmt, weil wir uns doch nur kennen, aber immer das Gegenteil denken. Franz Wieso? Sladek Das weißt du doch. Franz Nein. Sladek Das gibt es doch nicht. Franz Wer bist du? Sladek Ich? Franz Ja, du. Sladek Du kennst mich nicht? Franz Nein. Stille. Sladek Ich hab dich gleich erkannt. Ich bin der Sladek. Franz Sladek? Kenn ich nicht. Sladek Du hast dich mal zur Diskussion gemeldet, man hätt dich fast erschlagen, aber das hätt mir leid getan, denn ich hab die Gerechtigkeit lieb, obwohl es sie nicht gibt. Wir haben debattiert, ich red nämlich nur gern mit intelligenten Menschen, die selbständig denken können, obwohl man das nicht soll. Ich bin nämlich ein sogenannter zurückgezogener Mensch. Ich erinner mich an jedes Wort. Franz Ja, das war jene Diskussion. Aber an dich kann ich mich nicht erinnern. Sladek Das tut mir leid, daß du mich vergessen hast. Franz fast etwas spöttisch: Ich bitte um Verzeihung, aber ich kenne so viele Menschen – Sladek unterbricht ihn: Bitte, bitte! Der einzelne zählt ja auch nichts, das ist natürlich, obwohl man da komische Erfahrungen machen kann. Stille. Franz Über was haben wir denn debattiert? Sladek Das läßt sich nicht so einfach sagen. Zum Beispiel über das Morden in der Natur, das sich nicht ändert, über das Versöhnen, das es nie geben wird, und über die Gerechtigkeit, die es auch nicht gibt, aber wie gesagt, man kann da komische Erfahrungen machen. Wir haben über Weltpolitik debattiert. Deine Nase hat geblutet. Stille. Es freut mich, daß du zuvor gesagt hast, du glaubst nicht daran, daß es jemals Frieden geben wird, daß es also nur Gewalt gibt und sonst nichts. Daß du dich zu meiner Ansicht über den Sinn des Lebens bekehrt hast, das freut mich, denn du bist ein sogenannter intelligenter Mensch. Hörst du mich? Franz hatte den Kopf in den Händen vergraben; apathisch: Ja Sladek Es freut mich, daß ich wieder mit dir reden kann, hier komm ich kaum dazu, denn hier darf man nicht selbständig denken, es ist auch besser, aber man kann es sich nicht verbieten. Vielleicht leider. Stille. Der intelligente Mensch gibt seinen Denkfehler zu, ich denk heut auch etwas anders, obwohl ich immer recht gehabt hab, aber es war alles durcheinander. Nämlich ich hab den Fehler gemacht, daß ich mich in den sogenannten Mittelpunkt der Welt gestellt hab, mich, den Sladek, obwohl dieser Sladek nur ein Teil ist. Ich hab mich mit dem Vaterland verwechselt. Stille. Ich hab mir das alles genau überlegt. Der Einzelne ist nur ein Teil des Vaterlandes, und dieser Teil darf als Einzelner zum Beispiel nicht morden. Es wird zwar immer gemordet, weil man ja nicht anders kann, aber das darf der Einzelne nur als Teil, obwohl ja ganz zu guter Letzt alles für den Einzelnen ist. Es ist aber komisch, daß, wenn man sich als Teil selbständig macht, zum Beispiel beim Morden, man das Gefühl hat, als sollt man doch anders tun, obwohl man doch muß. Das ist sehr kompliziert. Stille. Hörst du mich? Franz wie vorher: Ja. Sladek Das sind so Sachen. Das ist dein Fehler, daß du sagst, du nimmst Rücksicht auf den einzelnen Teil. Wer das richtig tut, der muß sich zu guter Letzt selbst umbringen, denn es wird immer gemordet in der Natur. Dem geht es wie der Republik: Die will keinen umbringen, also wird sie umgebracht. Ohne Mord gibt es kein Leben, geht es nicht weiter. Es muß nämlich immer weiter gehen. Es wird zwar nicht besser, aber man weiß das nicht. Der einzelne Teil allein zählt nämlich nichts, man darf nur an das Ganze denken. Stille. Zum Beispiel für das Vaterland darf der Einzelne als Teil zum Beispiel jeden Mord begehen. Jederzeit. – Ich war mal bei der Hinrichtung einer Landesverräterin. Das war eine Frau. Franz horcht auf. Das erzähl ich jetzt nur dir, weil du nämlich auch ein intelligenter Mensch bist und ich komm hier wie gesagt nicht dazu, darüber zu reden. Franz Bitte. Sladek Eine Landesverräterin gehört im Interesse des Ganzen erledigt, das ist doch klar. Es war auch alles in Ordnung, auch wenn sie unschuldig gewesen sein sollte, aber wir konnten nicht anders, wir mußten sie hinrichten, das sind manchmal so Umstände. Auch Unschuldige müssen für das Ganze fallen, das wird nicht anders. Wir hatten recht. Das ist jetzt nur für dich persönlich, weil, wie gesagt, du selbständig denken kannst und vielleicht das verstehst. Nämlich ich versteh alles, nur das nicht, daß es mir manchmal ist, als hätten die Leut, die diese Frau hingerichtet haben, obwohl sie doch vollkommen im Recht waren, weil sie nicht anders tun konnten, doch Unrecht getan. Das ist sehr interessant. Franz Sehr. Stille. Wer war diese Frau? Sladek Das ist Geheimnis. Dieses Ganze, verstehst du, ist nur unter uns – Franz Meinst du? Sladek Das hab ich nur dir gesagt, bitte. Franz Warum? Sladek Es ist nur unter uns. Unter uns beiden. Franz spöttisch: Ich danke dir für das große Vertrauen. Sladek Du wirst mich nicht betrügen. Franz Wieso? Sladek Bitte. Stille. Franz nähert sich ihm: Du betrügst dich selbst. Du denkst als Teil zu selbständig, davon werden Deinesgleichen blöd. Jetzt weiß ich, wer du bist. Sladek Jetzt erst? Franz Du bist der Sladek. Sladek Ja. Franz Das ist sehr interessant. Ich weiß auch, wer deine »Landesverräterin« war. Sladek Wer? Franz Sie hieß Anna. Sladek Nein! Franz Doch! Und ihr »Henker« heißt Sladek. Sladek Lüg nicht! Franz Das ist sehr interessant, Herr Sladek, denn die Justiz hat noch keine Ahnung, daß dieses Verbrechen eine »Hinrichtung im Interesse des Vaterlandes« ist. Die Polizei nimmt Mord an, einen höchst »selbständigen« Mord. Sladek Ich bin kein Mörder. Franz In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Die Polizei sagt, wie der Herr es in jeder Zeitung nachlesen kann, daß es ein verkommenes Subjekt namens Sladek war, das die mütterliche Liebe einer alternden Frau in egoistischster Weise ausnützte. Ein arbeitsscheuer Lump, ließ er sich aushalten und trieb sich mit ihren kleinen Ersparnissen, die er ihr aus dem Schranke stahl, mit Huren herum. Und weil sie das nicht mehr mitansehen wollte, hat er sie in bestialischer Weise ermordet. Die Hauseinwohner hörten Frau Schramm »Sladek«! rufen und fanden sie abgeschlachtet. Auf die Ergreifung des Mörders hat der Staatsanwalt eine Belohnung ausgesetzt. Sladek Wieviel? Franz Viel. Stille. Sladek Das ist alles nicht wahr. Das ist alles ganz anders gewesen. Franz Das war alles für das Vaterland? Sladek Ja, aber es gibt keine Gerechtigkeit. Franz Es gibt auch keine, aber wir haben Justiz und Polizei, solange es so selbständig denkende Sladeks geben wird. Sladek Es ist arg, daß man denken kann. Hauptmann kommt: Ich sehe, Sie haben sich schon erholt. – Sladek! Was wollte er von dir? Bist du taub, Idiot? Sladek Er hat nur gefragt, wann er wieder verhört wird. Hauptmann Jetzt. – Sie haben mich betrogen. Sie hätten sich gar nicht zu erholen brauchen. Franz Ich habe Sie nicht betrogen. Hauptmann Sie Komödiant. Sie mußten das Verhör abbrechen, weil Sie sich selbst widersprochen haben und nicht weiter fanden! Ich lasse nicht locker! Es dreht sich um Ihre Behauptung, Sie glaubten nicht, daß es jemals Frieden geben wird. Dabei haben Sie den Mut, mir einreden zu wollen, Sie seien kein Agent Moskaus und kämpften lediglich mit den ›Waffen der Idee‹, Sie seien Pazifist und predigten den ewigen Frieden! Antwort! Franz Daß Sie sich über diesen scheinbaren Widerspruch derart den Kopf zerbrechen, hat wohl weniger seinen Grund in Ihrer unberechtigten Empörung, betrogen worden zu sein, als in dem berechtigten Gefühl, erkannt worden zu sein. Hauptmann Ich verbitte mir das! Franz Sie verstehen mich, das habe ich Ihnen bereits gesagt. Denn Sie sind ja ganz meiner Meinung, nur können Sie es nicht vertragen zu hören, wie Sie eigentlich denken, und deshalb wollen Sie mich zwingen, das Gegenteil zu behaupten. Hauptmann Sie sind wirklich verrückt. Franz lächelt: Ja, gemeingefährlich. Und was den ewigen Frieden anlangt, so glaube ich wirklich nicht daran, aber ich predige ihn, da ich zu guter Letzt an keinen Fortschritt glaube, weil ich weiß, daß es nur einen Fortschritt gibt, wenn man keine Rücksicht auf den einzelnen Menschen nimmt. Es dreht sich doch zu guter Letzt alles um den einzelnen Menschen, darum predige ich den radikalsten Fortschritt, das Reich der unpersönlichen Masse. Es gibt nämlich keinen Fortschritt, solange es die Einzelnen gibt. Das ist doch alles Betrug, nicht wahr? – Sie nehmen zwar keine Rücksicht auf den einzelnen Menschen, Sie sind die Diktatur. Sie predigen nicht den Frieden, Sie erklären den Krieg und glauben doch an keinen Fortschritt. Ich auch nicht. Aber vielleicht gibt es doch einen Fortschritt, und wir Beide täuschen uns nur. Das wäre doch möglich, nicht wahr? Die Pflicht abzutreten oder fanatisch das Gegenteil zu behaupten, sonst werden sie ja verrückt vor Verzweiflung oder Überhebung. Wir müssen bei einer bestimmten Grenze aufhören zu denken, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Ich habe kein Recht, das Hoffen des einzelnen Menschen auf den Frieden zu zerstören. Ich habe die Pflicht zum Betrug. Und ganz zu guter Letzt ist das ja gar kein Betrug, denn es dreht sich ja eigentlich nicht darum, wie es der Menschheit tatsächlich ergeht, sondern was sich der einzelne Mensch einbildet. Wir verstehen uns. Hauptmann Nein. Ich bin kein Betrüger. Die nationale Diktatur wird dem deutschen Vaterlande seine stolze Weltmachtstellung zurückerobern, trotz aller überstaatlichen Mächte! Das ist mein Glaube! Franz Ist das kein Betrug? Hauptmann Ich verbitte mir das! Franz Sie sind überzeugt, daß die Rückeroberung einer sogenannten stolzen Weltmachtstellung wirklich zu guter Letzt eine Besserung bedeutet? Hauptmann Das »zu guter Letzt« geht mich nichts an! Franz Sehen Sie! Hauptmann Was? Franz Denn zu guter Letzt dreht es sich hier nur um Ihre einzelne Person. Das wird Ihnen manchmal klar. Hauptmann Wieso? Franz Ich habe Ihnen schon gesagt: Die Zeit der Raubritter ist vorbei: Ihre Zeit. Sie werden scheitern, denn Sie müssen scheitern. Hauptmann Was Sie nicht sagen, Sie Prophet! Franz Ich glaube es zu wissen. Hauptmann Das ist Ihr Betrug! Franz lächelt: »Zu guter Letzt« vielleicht. Aber das »zu guter Letzt« geht mich nun nichts mehr an, da Sie Ihren Standpunkt verleugnen. Hauptmann Was für Standpunkt? Franz Höher oder tiefer. Sie haben kein Recht, um Ihrer einzelnen Person willen rücksichtslos nach Ihrer Erkenntnis zu handeln. – Vielleicht habe ich mich aber geirrt, und Sie können vielleicht gar keine Pflichten haben. Hauptmann Quatsch! Du Idiot. Du Philosoph. – Und was meine Zeit betrifft, die du die Zeit der Raubritter nennst: Der letzte Beweis ist immer meine Faust! Franz lächelt: Zu guter Letzt. Stille. Halef kommt: Hauptmann! Hauptmann Raus! Raus sage ich! Halef Quassel nicht, Herr General! Wir sind nämlich umzingelt. Hauptmann Umzingelt? Wer? Wir? Halef nähert sich ihm; unterdrückt: Wir. Glotz nicht. Hauptmann Wer hat uns umzingelt? Halef Die anderen. Sie sind in der Nacht gekommen, jetzt wird es Tag droben, da hat sie der Posten entdeckt. Sie haben Artillerie aufgefahren. Um das ganze Fort. Hauptmann Was sind das für Soldaten? Halef Reguläre. Hauptmann Reguläre? Halef Sie haben einen Parlamentär gesandt mit der weißen Fahne als hätten wir Krieg. Es stinkt, Herr General. Hauptmann stürzt hinaus. VII Freies Feld Der Bundessekretär und zwei reguläre Soldaten mit weißer Fahne warten auf den Hauptmann. Der Morgen graut. – Der Hauptmann kommt mit Halef, hält ohne zu grüßen und fixiert den Bundessekretär. Der Bundessekretär verbeugt sich leicht: Hauptmann. Im Auftrage der maßgebenden Stelle habe ich Ihnen den Beschluß zu überbringen betreffs Ihrer zukünftigen Verwendung, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ihre sogenannte Armee wurde seinerzeit aufgestellt erstens als Grenzschutz, da ein etwaiger Einbruch irregulärer feindlicher Formationen befürchtet werden mußte, zweitens als eine Art Notpolizei, die die Aufgabe hatte, auf dem Lande versteckte Waffen zu sammeln oder im Falle eines bolschewistischen Aufstandes neben dem regulären Militär als Selbstschutz eingesetzt zu werden. Da sich aber nun die innerpolitische Lage überraschenderweise derart konsolidiert hat, daß zur Niederschlagung einer kaum zu erwartenden Linksrevolution die vorhandenen regulären Machtmittel des Staates vollständig ausreichen, andererseits die außenpolitische Lage – Hauptmann unterbricht ihn: Das ist gelogen. Jedes Wort. Es ist eine Schande! Meine Soldaten sind keine Polizei, keine Nachtwächter, das ist die Armee der nationalen Revolution! Wir haben uns gefunden, nicht um diesen Staat zu schützen, sondern um diese Republik zu zertreten, wir kämpfen für die nationale Diktatur und nicht für die internationale Schweinedemokratie! Der Bundessekretär – andererseits die außenpolitische Lage die Möglichkeit, wenn auch nicht einer Versöhnung, so doch der wirtschaftlichen Annäherung der Nationen erhoffen läßt. Wir Deutsche müssen trotz aller Demütigungen diesen Weg betreten aus nationalem Interesse, um die bürgerliche Wirtschaftsordnung zu festigen. Die maßgebende Stelle mußte sich also entschließen – dieser Entschluß fiel ihr nicht leicht – die sofortige Auflösung Ihrer, ich wiederhole: sogenannten Armee zu befehlen. Die maßgebende Stelle wird ihr möglichstes tun betreffs Unterbringung Ihrer Leute in einem bürgerlichen Beruf. Hauptmann Danke. Stille. Das habe ich eigentlich erwartet, daß ich wieder verraten werde. Wir verzichten auf den bürgerlichen Beruf, dazu muß man geboren sein. Ich denke nicht daran, Verbrechern an deutschen Gedanken, und nennen sie sich auch maßgebende Stelle, zu gehorchen! Sagen Sie es ihr, daß ich auf die Festigung der bürgerlichen Wirtschaftsordnung pfeife, daß ich an keine Versöhnung glaube und daß ich kämpfen werde, bis Deutschland wieder gefürchtet wird! Der Bundessekretär Ich mache Sie aufmerksam: Falls Sie sich nicht freiwillig auflösen, so haben wir die Gewalt, es zu erzwingen. Unter allen Umständen, mit allen Mitteln! Das Wohl des deutschen Volkes kommt vor Ihrem Landsknechtehrgeiz! Sie sind umzingelt und – Hauptmann unterbricht ihn: Mit Artillerie! Ich weiche nicht! Sie sind in der Nacht herangeschlichen und wollen mich fangen, ich breche am hellichten Tage durch und trage die Fahne bis Berlin! Der Bundessekretär Ich bitte Sie, nicht zu deklamieren. Ergeben Sie sich, oder Sie tragen die volle Verantwortung für ein völlig sinnloses Blutvergießen. Es ist deutsches Blut. Hauptmann Sie sind kein deutsches Blut! Sie beugen sich vor Schwarzrotdreck! Ich beuge mich nicht! Lieber deutsches Blut vergießen, als die nationale Wiedergeburt vernichten! Ich fürchte mich nicht! Der Bundessekretär Ich mache Sie aufmerksam, daß die Inflation anfängt aufzuhören. Ergeben Sie sich – Hauptmann unterbricht ihn: Nein! Der Bundessekretär Falls Sie sich fügen, so kann ich Ihnen inoffiziell erklären, daß ich für meine Person alles daransetzen werde, Sie vor Strafe zu bewahren. Sie verstehen mich? Hauptmann Strafe? Strafe? Wofür? Daß ich mich nicht verraten lasse?! Der Bundessekretär Sie sind ein Mensch, dem man ab und zu seine Lage klar machen muß – Hauptmann unterbricht ihn: Ich verzichte! Ich sehe klar! Ich kenne Freund und Feind! Stille. Der Bundessekretär Ich gebe Ihnen Bedenkzeit. Hauptmann Unnötig! Der Bundessekretär Sollten Sie nicht die weiße Fahne hissen, so eröffnen wir, so weh es uns auch tut und so gerne wir es vermeiden möchten, das Feuer. Die Verantwortung tragen Sie, daß wir für das deutsche Vaterland gezwungen sind, auf deutsche Männer zu schießen. Hauptmann Ich übernehme die Verantwortung. Der Bundessekretär Sie werden sie tragen. Ab mit den beiden regulären Soldaten. Pause. Morgenwind. Hauptmann Diese Hunde! Diese Hunde! Die gemeinsten Verräter sitzen hinter den eigenen Kulissen! – Hast du gehört, daß sich die maßgebende Stelle versöhnen will? Halef Ja, das habe ich auch gehört. Hauptmann Lauter Hunde! Glaubst denn du an den Frieden? Halef Ich weiß nichts. Hauptmann Es hat keinen Frieden zu geben, Halef! Jetzt fangen wir an zu existieren! Wir! – Lauf zu Salm, er soll sofort mit den Seinen – Halef unterbricht ihn: Salm ist samt seiner Puppe und Herrn Rübezahl verschwunden, als es bekannt wurde, daß wir umzingelt sind. Fort. Ausgerückt. Hauptmann Ausgerückt? Halef Hast du das gehört, was dieser Bonze sagte, das mit der Strafe? Hauptmann Hast du Angst? Halef Ja. Ich hab Angst. Hauptmann So verschwind, feiges Vieh! Halef Zu Befehl! Ich lös mich selbst auf. Das würde ich an deiner Stelle auch tun. Ab. Hauptmann Halt das Maul! Noch bin ich nicht verreckt? Erst wenn mich die Würmer fressen, dann löse ich mich auf! Ich bin noch ich! Soldaten der sogenannten Armee erscheinen. Soldaten! Die nationale Armee marschiert, trotz aller feilen Huren der Politik, die den lieben, der sie verachtet! Die regulären Regimenter knien vor Schwarzrotdreck – die eigenen Bundesbrüder haben uns umzingelt und drohen, uns in wenigen Minuten niederzuschießen, wenn wir nicht reuig um Gnade betteln. Wer sich ergibt, ist kein Soldat! Man will uns vernichten! Sie winseln um Frieden beim Feind und wollen uns für immer verbieten! Sie wollen es nicht, daß wir existieren, sie erdolchen uns zum zweiten Male, sie schämen sich der nationalen Revolution! Ein Soldat tritt vor: Hauptmann! Ich bin Soldat. Ich kämpfe gegen den Feind. Ich hasse diese Republik, aber ich schieße nicht sinnlos auf deutsche Soldaten. Hauptmann Das sind keine Soldaten, das sind Halunken! Der Soldat Das sind Deutsche wie wir. Hauptmann Wenn das noch Deutsche sind, dann ist jeder Rote ein Deutscher! Ein zweiter Soldat Ist er auch! Ist er auch! Stille. Hauptmann Wer war das? Der zweite Soldat tritt vor: Ich. Hauptmann Du, du Hund. Du Hund! Er schlägt ihm vor die Brust, daß er zurücktaumelt. In der Ferne fällt ein Kanonenschuß. Ein dritter Soldat tritt vor den Hauptmann und drängt ihn langsam zurück: Hauptmann! Ich ergebe mich. Ich mag nicht mehr. Ich war vier Jahr im Feld, der Krieg ist aus. Aus! Verstanden? Sie haben mich zu dir gezwungen, deine Herren Barone, sonst hätten sie meine Familie vernichtet, die feinen Herren Gutsbesitzer! Ich scheiß auf deine nationale Revolution! Jetzt ist Schluß mit dem Krieg! Ich geh nicht mehr unter die Erde, ich bin bei lebendigem Leibe verschimmelt! Hauptmann zieht den Revolver: Zurück! Das ist Verrat vor dem Feind! Meuterei! Der dritte Soldatat schlägt ihm den Revolver aus der Hand und gibt ihm eine gewaltige Ohrfeige: Da hast du Verrat! Da hast du Meuterei! Hauptmann brüllt: Wache! Wache! Der dritte Soldatat ohrfeigt ihn: Da hast du Wache! Da hast du Wache! Kanonenschuß. Der zweite Soldatat Wir fallen nicht für dich! Der erste Soldat Auf dem Felde deiner privaten Ehre! Der dritte Soldatat Auf keinem Felde eurer sogenannten Ehre! Kameraden! Die weiße Fahne! Die weiße Fahne! Kanonenschuß. Soldaten fliehend ab. Hauptmann allein. Sladek kommt: Hauptmann. Sie haben die Gefangenen befreit. Ich glaub, es ist Meuterei. Sie haben mich geohrfeigt, besonders der eine. Sie sagen, man schießt – Hauptmann! Du bist voll Blut. Hauptmann lächelt böse: So? Sladek blickt empor: Was surrt da? Wie das surrt – In der Nähe schlägt eine Granate ein. Hauptmann Sie zielen hierher! Sie müssen mich treffen! Marsch, Sladek! Das gilt nur mir! Nur mir! Sladek Mir auch. Hauptmann Nur mir! Nur mir! Wo bist denn du?! Wer seid denn ihr?! Nichts! Nichts! Marsch, Sladek! Marsch! Sladek Ich hab keine Angst. In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht. Es surrt. Hauptmann Sie beschießen mich mit Artillerie! Sladek deutet auf das Fort: Hauptmann! Die weiße Fahne! Reguläre Soldaten erscheinen rings auf den Hügeln. Hauptmann lacht die Soldaten aus. Sladek hebt die Hände hoch, ergibt sich. Dritter Akt VIII Die Justiz der Wiedererstarkung Der Untersuchungsrichter verhört den verhafteten Franz. Franz Ich protestiere gegen meine Verhaftung. Untersuchungsrichter dieselbe Person wie Der Bundessekretär: Sie geben zu, diesen Artikel verfaßt zu haben? Franz Ja. Untersuchungsrichter Sie behaupten in diesem Artikel, daß eine maßgebende Stelle der deutschen Republik entgegen unseren außenpolitischen Verpflichtungen heimlich Soldaten geworben und ausgebildet hat, die unter dem Kommando eines ehemaligen Hauptmanns eine sogenannte schwarze Armee gebildet haben. Sie schreiben fernerhin, daß diese Truppen zum Schutze ihrer Existenz Selbstjustiz übten – Sie reden von Feme. Sie wagen die ungeheuerliche Behauptung, daß aus Angst vor Enthüllung Menschen zu Tode gemartert wurden und nicht nur verratsverdächtige, sondern auch vollkommen Unschuldige. Sie »enthüllen«, daß der Hauptmann zu guter Letzt der Gefangene seiner eigenen Feme wurde, die aus moralisch und geistig minderwertigen Subjekten bestand, die zu guter Letzt also die wahre Befehlsgewalt hatten. Sie berühren hier auch ein Verbrechen, einen nachgewiesenermaßen ganz gewöhnlichen Mord, nämlich den Fall Sladek. Leider konnte dieser Sladek noch immer nicht verhaftet werden. Franz Leider. Sonst würde er es Ihnen selbst erzählen, daß das kein »gewöhnlicher« Mord war, sondern eine sogenannte Hinrichtung im sogenannten Interesse des sogenannten Vaterlandes. Er hat es mir selbst erzählt, als ich mich in der Gewalt der Feme befand, die mich totgeprügelt hätte, wäre die ganze schwarze Armee nicht von der maßgebenden Stelle aufgelöst worden. Untersuchungsrichter Ich warne Sie in Ihrem eigenen Interesse. Franz Danke. Untersuchungsrichter Sie ziehen in Ihrem Schrieb den Schluß, daß die maßgebende Stelle offenbar den Bankrott ihrer innerpolitischen Pläne erkannte und deshalb die sogenannte schwarze Armee zwang, sich aufzulösen. Sie erzählen hier ein Märchen von einer Schlacht mit Artillerie. Franz Das ist kein Märchen. Untersuchungsrichter Es gab keine Schlacht mit Artillerie, es gab lediglich den lächerlichen Putschversuch einer winzigen Gruppe Ultrarechtsradikaler, eine Wahnsinnstat nationalkommunistischer Haufen! Franz Das ist nicht wahr. Das war die Armee der sogenannten nationalen Revolution! Das waren die Söldner der Reaktion, die unter der Maske der nationalen Diktatur die Entrechtung und Versklavung des eigenen Volkes erstrebten! Untersuchungsrichter Das ist krankhaft. Franz Die schwarze Armee sollte die Republik stürzen, das heißt: die Plattform zur Schaffung des wahren Volksstaates mit Artillerie zertrümmern. Untersuchungsrichter Es gab keine schwarze Armee! Franz Ich selbst sollte totgeprügelt werden, weil ich der Republik dienen wollte! Ist es nicht grotesk, daß mich nun die Justiz dieser Republik, für deren Leben ich fast fiel, verurteilen will, weil ich sie vor ihren falschen Freunden warne? Untersuchungsrichter Nein, das ist nicht grotesk. Franz Daß Sie das als gerecht empfinden, darüber bin ich mir klar. Untersuchungsrichter Sie sind verhaftet wegen eines Verbrechens des versuchten Landesverrates. Des »versuchten«, merken Sie sich das! Ich warne Sie. – Ein jeder Deutsche hat die Pflicht, auch entgegen Gesetz gewordenen, uns aufgezwungenen außenpolitischen Verpflichtungen zu wissen, was dem Deutschen Reiche schadet; zeigt er dafür kein Gefühl, so ist er entweder ein gemeingefährlicher Phantast oder ein Feind des Landes. Des Staates Wohl gebietet, ihn vom Fleck weg zu verhaften. Franz Das Wohl des wahren Staates ist das Wohl des Volkes. Der alte Staat sorgte allein für das Wohl seiner herrschenden Schicht – und ist zusammengebrochen. Noch herrscht die alte Schicht über dem Schutt. Sie will eine Ruine renovieren und sie mit Kanonen und Paragraphen befestigen. Das Volk schreitet aber über Schutt und baut sich ein Haus, ohne Fassaden aus »großer Zeit«. Untersuchungsrichter Sie sind Pazifist? Franz Ich wäre glücklich, wenn wir ein internationales Strafgesetzbuch hätten, das die Macht besäße, den Krieg zu sühnen genau wie den Mord. Daß es trotzdem Kriege geben wird, nehme ich als unerbittliche Tatsache, aber nicht als Ausrede. Untersuchungsrichter Wir haben leider keine Wehrmacht mehr. Leider. Si vis pacem, para bellum, sagt der Lateiner. Können Sie Lateinisch? Franz Nein. Untersuchungsrichter Das heißt: Wenn du Frieden willst, rüste dich zum Krieg. Franz lächelt: Das habe ich verstanden, obwohl ich nicht Lateinisch kann. Stille. Untersuchungsrichter räuspert sich: Ihr Artikel kann uns Wehrlosen nur schaden. Das ist Wasser auf die Mühle der gehässigsten feindlichen Propaganda. Das ist Verrat, denn Sie hindern des Deutschen Reiches Wiedererstarkung, indem das Ausland kraft solcher Artikel an unserem aufrechten Verständigungswillen zweifelt. Franz Wer meuchelte die aufrechten Versöhnungsfreunde? Aus innenpolitischen Gründen verschlechterten jene Verbrecher gewissenlos die verzweifelte Lage des Volkes! Mein Artikel kämpft für den ehrlichen Frieden gegen lichtscheue Machenschaften – Untersuchungsrichter unterbricht ihn: Es gab keine schwarze Armee! Alle Ihre Behauptungen sind glatte Fälschungen! Franz Ich selbst sollte ja ermordet werden! Ich werde alles beweisen! Untersuchungsrichter Ich warne Sie, wie gesagt: in Ihrem eigensten Interesse. Sie sind eines Verbrechens des versuchten Landesverrates angeklagt, beweisen Sie mir aber, daß es tatsächlich eine schwarze Armee gab, so sind Sie eines Verbrechens des vollendeten Landesverrats überführt und kommen kaum unter zwei Jahren Zuchthaus davon. Franz Ich kann also nur verurteilt werden? Untersuchungsrichter Nur. So oder so. Franz Es gibt also keine Verteidigung? Untersuchungsrichter Keine für Landesverräter. Stille. Sie sind doch Pazifist? Oder Kommunist? Franz Es hat mir einmal einer gesagt, ich hätte einen Denkfehler, – das habe ich mir schon vorher gestanden, nur habe ich falsche Konsequenzen gezogen. Wissen Sie, was meinen Pazifismus betrifft, so ist das richtig, daß meine Ehrfurcht vor der einzelnen Kreatur übertrieben ist, trotz all dem Elend, das ich sah. Der Glaube an die Unantastbarkeit jedes lebendigen Wesens führt in die Labyrinthe des Betruges. Es gibt nämlich Kreaturen, verfassungsmäßig organisierte Kreaturen, die moralisch derart verkommen sind, daß es selbst der liebe Gott aufgegeben hat, sie bessern zu wollen. Selbst er hat im Tempel sofort zur Knute gegriffen, ohne auch nur ein Wort für ihr Seelenheil zu verschwenden. Die kann nämlich selbst der liebe Gott persönlich nicht bekehren, – sie gehören aus dem Tempel der Menschheit wie räudige Hunde mit Fußtritten verjagt, sie, die das Heiligste verhandeln, sie gehören vernichtet, die zu verludert sind, um es sich auch nur vorstellen zu können, daß es auch anderes gibt. – Der Hauptmann hatte recht, obwohl er es gar nicht ahnte: Das »zu guter Letzt« geht uns nichts an. Untersuchungsrichter Sie sind also Terrorist? Franz Ich muß. Untersuchungsrichter Sie bekämpfen also den Staat an sich? Franz Ihren Staat. Untersuchungsrichter Es gibt nur einen Staat, Sie, und der wird sich zu schützen wissen! Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. IX Nordseehafen Sladek spricht mit zwei Matrosen auf einem stillen Kai. Es wird bald Abend. Erster Matrose Wie? Was? Du willst um das Kap der Guten Hoffnung herum nach Südamerika? Sladek Ich denk. Erster Matrose Um das Kap der Guten Hoffnung? Sladek Nach Nikaragua. Zweiter Matrose In Südamerika? Erster Matrose Mittelamerika, Kamel! Mittelamerika! Sladek So? Möglich. Zweiter Matrose Wen hast du denn in Nikaragua, du Neger? Erbtante? Erbonkel? Sladek Niemand. Ich fahr auch anderswohin. Nur möglichst bald, bitte. Hier ist es nicht schön. Ich hörte von Nikaragua – da dacht ich: Dorthin, der Name war mir so sympathisch, er ist so sehr fremd, so ganz anders, wie hier. Hier ist es doch wirklich nicht schön. Zum Beispiel: Immer nur Nebel. Ich möcht mal ganz anderswohin. Das ist alles. Erster Matrose Wer bist denn du? Sladek Ich? Zweiter Matrose Du! Sladek Warum? Erster Matrose Darum. Ich glaub, wir kennen uns. Bist du denn nicht der Kerl, der bei der Frau, der Witwe – die alte Schraube hatte sich in ihren Aftermieter verknallt, aber plötzlich fiel es auf, daß ihr Fräulein Tochter trächtig war – ich hab diesen Herrn Aftermieter nur mal flüchtig gesehen, du siehst so aus, als ob – Das war in Triest. Sladek Nein, das ist ein sogenannter Irrtum. Ich war noch nie in Triest, ich hab ja nur gefragt, ob ihr mich mitnehmen wollt als irgendetwas, wie eine Kiste, ihr seid doch Matrosen. Ich kann auch etwas kochen, ich wollt nämlich eigentlich Kellner werden, aber ich trag auch Kohlen, wenn es sein muß. Nur fort. Zweiter Matrose Du hast was ausgefressen? Sladek Was? Wieso? Erster Matrose Was würd man uns für dich zahlen? Sladek Für mich? Wer? Erster Matrose Der Staatsanwalt. Stille. Sladek Ich hab doch nichts getan, obwohl auch Belohnungen auf die Ergreifung unschuldiger Verbrecher ausgesetzt werden, oft, ich bin keiner. Es werden, glaub ich, sehr viele verfolgt, schuldig und unschuldig, da kann man nichts machen, das läßt sich nicht anders organisieren. Daß ich aus Europa will, das hat einen sogenannten bevölkerungspolitischen Grund. Es ist nämlich zu eng hier – ich hab zum Beispiel immer das Gefühl, man müßt ein Fenster aufmachen, damit frische Luft herein kann, es ist zu dumpf hier. In der Ferne ertönt die Internationale. Erster Matrose Hörst du? Zweiter Matrose Ja. Sladek Nehmt mich mit, bitte. Nach Nikaragua. Zweiter Matrose Wir fahren nicht nach Nikaragua. Wir fahren überhaupt nicht. Sladek Ihr seid doch Matrosen. Erster Matrose Rindvieh. Sladek Wieso? Erster Matrose Wir warten doch genau wie du, daß sich manches ändert. Wir würden nach Nikaragua rudern, sogar um dein Kap der Guten Hoffnung herum, Elefant, aber heut trifft auf hundert Matrosen ein Kahn. Sladek Ihr habt also auch nichts zu tun? Erster Matrose Weil wir faul sind, hat neulich ein Professor gesagt. Sladek Da hat er sich geirrt, wir sind nämlich nicht faul, wir sind zuviel, auch wenn wir faul wären. Das war eigentlich mein erster wirklicher Gedanke auf der Welt. Wenn wir zwanzig Millionen weniger wären, das wär fein. Erster Matrose Wir sind nur um zehntausend zuviel, aber diese zehntausend wiegen zwanzig Millionen. Tumult in der Ferne. Sladek Man schreit. Zweiter Matrose Das hat doch alles keinen Sinn. Erster Matrose Sondern? Zweiter Matrose Sie werden mit Schupo und Sipo die Straßen säubern, und wer weitergeht, wird wieder erschossen, aber sie werden ihn nicht amnestieren. Sladek Wen? Erster Matrose Das weißt du nicht? Sladek Vielleicht. Zweiter Matrose Sie haben ihn zu Zuchthaus verurteilt, weil er es bewiesen hat, daß es eine schwarze Armee gab, die uns über den Haufen schießen wollte, wie tolle Hunde. Erster Matrose Sie nennen das Landesverrat. Überall. Zweiter Matrose Ich hab den mal reden gehört, vor zwei Jahren. Er ist ein braver Mann. Erster Matrose Er war in den ewigen Frieden verliebt, heut wird er wohl bekehrt sein! Er hat gegen Moskau geschwätzt, gegen die Tat, er wollt die Republik mit der Gösch gesundbeten. Zweiter Matrose Er ist ein braver Kerl. In der Ferne fällt ein Schuß; Kreischen; Musik bricht ab. Erster Matrose Das deutsche Volk einig in seinen Stämmen und gewillt, den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, gibt sich den Artikel 48. Rasch ab. Sladek zum zweiten Matrosen, der dem ersten folgen will: Halt! Kennst du eigentlich die Reichsverfassung? Zweiter Matrose Und ob! Sladek Ich möcht sie gern mal lesen. Ich bin nämlich in der letzten Zeit etwas von der Gewalt abgekommen, es ist ja schon richtig, daß alles Gewalt ist, aber trotzdem möcht man mal sozusagen ruhig sein können, nicht? Zweiter Matrose Nein! Noch lange nicht, du Schleimer! Noch lange nicht! Ab. Sladek allein: Das hab ich auch schon gehört. Ich hab Hunger. Stille. Ob sie einen erschossen haben, zuvor? Wahrscheinlich. Jetzt ist wieder alles vorbei, das Meer ist auch still und groß und tief. Sozusagen majestätisch. Ich dacht mir das Meer eigentlich grün, es ist nämlich grau. Auch so einen Hafen hab ich mir anders gedacht, sozusagen romantischer, aber es ist doch nicht so dreckig. Was ist eigentlich besser: Verhungern oder Verdursten? In der Wüste waren mal Reisende, die haben nirgends Wasser gefunden, und haben ihr eigenes Blut gesoffen, bis nichts mehr drinnen war – man müßt ein Kamel sein, dann hielt man es länger aus. Und dabei gibt es auf der Welt mehr Wasser als Land. Das ist falsch. Es müßt mehr Land geben, das wär gerechter, wir sind nämlich wirklich zuviel. Was ist denn jetzt nur die Hauptstadt von Nikaragua? Stille. Nikaragua ist sicher schön. Dort gibt es keinen Winter, nur Palmen, und es wächst alles von allein. Man kann so ohne weiteres satt sein. Ich möcht mich dort unter einen Baum legen und kein Haus mehr sehen, und dann müßt ein Bächlein so dahinfließen, und dann würd ich sagen: Das gibt es auch. Stille. Der Dampfer. Der große Dampfer. Vier Stock hoch und wahrscheinlich noch höher. Und ganz beleuchtet, von oben bis unten, der fährt bald fort und läßt so manchen zurück, der Dampfer. Dort gibt es sicher belegte Brötchen und berühmte Weiber und auch Gesellschaftsspiele. Allerhand. Und diese Dreckweiber sind so fein herausgeputzt, die lecken sich den ganzen Tag die Glasur, meistens Amerikanerinnen. Ob der Dampfer nicht doch vielleicht untergeht? Ja, Sladek, wenn du als einzelner draußen stirbst, dann wirst du in das Meer geworfen mit einem Kranz, das ist ja bekannt. Und was es da drunten für Fische gibt, große und kleine, das ist alles bekannt. Man sollte so durch das Meer durchschaun können, so bis fünftausend Meter, das wär eine Erfindung! Und erst: Wenn man so die Erde durchschaun könnt! Ich glaub nicht daran, daß die Erde eine Kugel ist, ich denk, sie ist flach, aber man sagt halt das Gegenteil, das plappert einer dem anderen nach. Das ist ja keine Kugel, das ist doch unmöglich. Er starrt in das Wasser. Es dämmert. Knorke und Halef kommen. Sladek bemerkt sie nicht. Halef unterdrückt: Du schwörst, daß er kommt? Ich wette, daß wir umsonst warten. Der bringt es doch fertig, sich freiwillig zu stellen und feierlich alles zu unterschreiben, was dieser Schuft veröffentlicht hat. Knorke Kaum. Der Hauptmann ist zwar eitel, aber zu guter Letzt intelligent. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß er kommt. Ich habe den Paß besorgt und alles andere. Wir sind schändlich betrogen. Rein juristisch waren das nämlich korrekte Morde – und der Herr Staatsanwalt wird wohl nicht umhin können anzuklagen. Halef Ich wette, er besteigt auch das Schafott aus Eitelkeit. Knorke Wir sind alle vielleicht eitel, aber noch nicht verrückt. Halef Der Hauptmann ist ein Narr. Knorke Alle großen Männer waren Narren, lehrt die Geschichte. Halef Ein ehemaliger Unteroffizier denkt ein zweiter Alexander zu sein, weil er zum Offizier befördert worden ist. Ich hab es bald gemerkt, das ist kein großer Mann, aber trotzdem ein Narr. Ein Trommler, kein General! Knorke Salm ist bereits drüben. Sein Vetter ist Farmer. Halef Ist es wahr, daß der kleine Horst tot ist? Knorke An Malaria. Halef Ich habe gehört, daß ihn der Rübezahl bei der Überfahrt über Bord geworfen hat. Knorke Auch möglich. Stille. Es ist Nacht geworden. Halef Es wird allmählich Zeit. Ich wette, daß er nicht kommt. Hauptmann kommt. Sladek erkennt den Hauptmann. Hauptmann sehr leise: Ich hätte fast mein Ehrenwort gebrochen. Es ist doch feig, sich so zu verkriechen, aber zu guter Letzt kann keiner von mir verlangen, daß ich mich für gemeine Verräter sinnlos opfere, nicht? Sladek Hauptmann! Knorke Was ist das?! Sladek Ich. Knorke Was heißt das: »Ich«? Sladek Ich. Er nähert sich. Hauptmann, ich hab dich gleich, erkannt, obwohl es finster ist. Er erkennt Knorke und Halef. Du, ihr seid auch da! Ist das ein Zufall? Das ist aber sehr gut, da könnt ihr mir nämlich helfen, sicher, ich muß nämlich fort, in eine andere Welt, ich hab zwar eigentlich nichts getan, aber selbst das, was ich getan haben soll, das hab ich ja alles für ein Vaterland getan, wofür ich verfolgt werd wie ein gemeiner Verbrecher, derweil war doch das alles ideal – Was, was habt ihr denn? Knorke Was hast denn du? Sladek Ich? – Halt! Ich bin doch der Sladek, Kameraden! Knorke Ich bin nicht dein Kamerad! Hauptmann Ich kenne dich. Knorke Himmel, halt das Maul, du kennst ihn nicht, was soll denn das?! Hauptmann Ich kenne dich. Du bist der feige Hund, der als erster nach der weißen Fahne schrie, ich werde diese Fresse nie vergessen! Sladek Das ist ein Irrtum! Hauptmann Du bist der! Diese Fresse, diese Fresse – Knorke Nein, das ist nicht der! Sladek Ich bin ein anderer. Hauptmann versetzt ihm einen Tritt: Da hast du den anderen! Da hast du den anderen! Sladek krümmt sich: Au – Knorke Einer wie der andere! Ist der das wert, daß du hängst?! Halef Da kommt schon wer! Knorke Fort! Wir kennen keinen Sladek! Rasch ab mit Hauptmann und Halef. Sladek allein: Wir kennen keinen Sladek. Wir kennen keinen Sladek. – Wenn einer das Talent hat, verwechselt zu werden, so ist das schlimm. Es erinnert sich keiner an ihn, in diesem Fall an den Sladek. Alles an ihm wird radikal vergessen, draußen und drinnen, als wär einfach nichts da, es kommt ja auch nicht auf so einen einzelnen Sladek an, trotzdem – Nein, es hat keinen Sinn mehr zu denken, ich wollt, ich könnt bis Nikaragua schwimmen. Warum bin ich kein Fisch? Stille. Ob die Fische die Sternlein sehen? Ich hab mal gehört, daß jeder einzelne mit den Sternlein zusammenhängt, das ist freilich Mist, aber unter welchem Sternlein könnt ich geboren sein? Man sollt das ausrechnen können und ein Kind nur dann auf die Welt lassen, wenn grad ein guter Stern droben ist. Einmal hat mir die alte Kartlerin gesagt, 1922 wird Polen vernichtet, Frankreich halb vernichtet, Paris ganz, England im Meer versinken und der Vesuv ausbrechen, ganz fürchterlich – und Deutschland wird wieder Monarchie und der bayerische Rupprecht wird zum Deutschen Kaiser gekrönt, in Berlin. Das hätt schon voriges Jahr sein sollen, aber man kann nichts geben auf Prophezeiungen, obwohl es eine sogenannte Vorsehung sicher gibt. Es geht nämlich alles nach einem bestimmten Gesetz, das ist traurig. Ich hab mal gedacht, daß, wenn kein Gesetz wär, wär das ganze Leben sinnlos, aber es ist trotzdem sinnlos, das ist nämlich ein schlechtes Gesetz. Ein Kriminalkommissar und zwei Detektive sind erschienen. Der Kommissar dieselbe Person wie der Untersuchungsrichter: Im Namen des Gesetzes! Sladek, ich verhafte Sie! Sladek mechanisch: Mich? Der Kommissar Sie! Leugnen Sie nicht, Sie sind der Sladek, wir wissen alles! Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie wegen Mord an der Witwe Schramm. Sladek Also doch. Ein Detektiv fesselt ihn an sich. Der Kommissar Widerstand ist sinnlos. Sladek Das weiß ich, meine Herren. X Der Fall Sladek Mit Richter, Staats- und Rechtsanwalt. Unter dem Gekreuzigten. Richter dieselbe Person wie der Kriminalkommissar: Ihr Name? Sladek Sladek. Richter Geboren? Sladek Am 7. Juli 1902, in Hohenstein, das ist an der Grenze. Richter Beruf? Sladek Ich wollt Kellner werden. Richter Und? Sladek Ich bin keiner geworden. Richter Sie haben sich von der ermordeten Witwe Schramm aushalten lassen? Sladek Nein. Richter Sondern? Sladek Sie hat mir nichts geschenkt, das war nämlich ein richtiges Geschäft, das wir abgeschlossen haben, das war nur scheinbar, daß ich von ihr gelebt hab so ohne weiteres, ich hab ihr nämlich für das alles auch etwas gegeben. Staatsanwalt Was denn? Sladek Mich. Man hört die Öffentlichkeit lachen. Richter Angeklagter. Ich warne Sie! Sladek Warum? Wieso? Richter Schweigen Sie! – Angeklagter! Bekennen Sie sich schuldig? Sladek Das ist sehr kompliziert. Da kann man sehr schwer was sagen, weil es zuviel zu sagen gäb. Es ist alles richtig, daß Anna und ich uns nicht so recht verstanden haben, wenigstens oft, daß es Streit gab, daß es sogar zu sogenannten Tätlichkeiten kam, des öfteren sogar, daß ich ihr auch mal aus dem Schrank was nahm und mit fremden Weibern zu Gartenunterhaltungen ging, das geb ich alles zu, denn ich hab die Gerechtigkeit lieb, aber deshalb fühl ich mich nicht schuldig. Wenn ich nämlich so nachdenk, so war das doch nur der Altersunterschied. Meine Herren! Als ich sie kennenlernte, war sie um fünfzehn Jahr jünger als zuletzt, obwohl bis dahin nur vier Jahr vergangen sind, aber der Reiz war schon eigentlich nach zwei Jahr weg, der natürliche Reiz –. Meine Herren, das alles ist doch kein Problem, das ist nur traurig. Rechtsanwalt Ich beantrage, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen. Staatsanwalt Ich beantrage, den Antrag der Verteidigung abzulehnen und den Angeklagten mit den schärfsten Mitteln zu zwingen, sich der Würde des Gerichtes entsprechend zu benehmen. Sladek Wie? Richter Angeklagter! Sie leugnen also, die Witwe Schramm ermordet zu haben? Sladek Ich leugne es sogar sehr, ich hab noch nie jemand ermordet. Richter Sie wiederholen also, daß dieser Mord ein sogenannter Fememord war, ein Akt verbrecherischer Selbstjustiz der sogenannten schwarzen Armee. Angeklagter, heute können wir laut über jene verworrene Zeit sprechen, wir sehen klar. Jene furchtbaren Tage der Inflation haben wir nun gottlob überwunden. Das deutsche Volk befindet sich im kraftvollen Wiederaufstieg, es hat Unglaubliches ertragen und Ungeheueres vollbracht. Man hört die Öffentlichkeit applaudieren. Sladek Ich kann trotz Wiederaufstieg undsoweiter nur sagen, daß ich sozusagen unschuldig bin. Staatsanwalt »Sozusagen«! Sladek Zu guter Letzt. Ich hab immer darüber geredet, daß in der Natur eben gemordet wird, und daß sich das nicht ändert, aber – meine Herren, ich war sehr dagegen. Als ich hernach mit den vier Soldaten in jenem Auto nach dem Hauptquartier fuhr, da hat es schaurig geregnet in der Nacht, ich werd das nie vergessen. Richter Die vier Soldaten sind verschollen. Sladek Alle. Ich glaub, in Nikaragua. Staatsanwalt Sie gestehen also, daß Sie in jener Nacht mit vier Soldaten in der Prinzenstraße erschienen sind und daß diese vier Soldaten die Witwe Schramm ermordet haben? Sladek Ja. Staatsanwalt Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Sladek Ich? Zuerst: Daß man sie umbringen muß. Staatsanwalt Danke. Sladek Bitte. Staatsanwalt Das genügt. Sladek Nein, das genügt nicht, denn hernach war ich sehr dagegen, aber da war schon alles vorbei. Ich hab sogar »Halt!« gerufen, denn ich hab an die Gerechtigkeit gedacht, und wegen diesem »Halt!« hätten sie mich gar auch erschossen, wenn ich nicht gewußt hätt, daß sich nichts ändern läßt, – ich hab aber plötzlich trotzdem »Halt!« gerufen, es war nämlich nicht mehr nötig sie umzubringen, weil sie es sich überlegt hat. Sie hätte nichts verraten. Sicher. Rechtsanwalt Was wollte sie denn verraten? Sladek Die schwarze Armee. Richter Ich mache Sie aufmerksam, daß es für das Schicksal des Angeklagten keine Bedeutung hat, den Komplex der sogenannten schwarzen Armee hier aufzurollen. Jene Männer waren alte Soldaten, die für des Vaterlandes Wohl zu kämpfen glaubten, verworrene fanatische Idealisten –. Aber in diesem Falle Sladek darf man wohl mit Recht bezweifeln, ob das alles so ideal – Sladek unterbricht ihn: Oho! Richter Sie sind nicht gefragt! Mord bleibt Mord, und der Mörder ist in jenem Falle persönlich verantwortlich! Sladek Aber ich dachte – Richter unterbricht ihn: Ruhe! Sie haben die Witwe Schramm ermorden wollen, das haben Sie gestanden! Jetzt reden Sie. Sladek Was soll ich da reden, bitte? Ich hab immer selbständig gedacht und dann hab ich aber überall gehört, daß der Einzelne nichts zählt, daß er sich für das Ganze aufopfern muß, ob er nun will oder nicht – das hab ich so lang gehört, bis ich es glaubte, es ist ja auch so, aber trotzdem ist da ein Fehler, nämlich der, daß ich hier nun als Einzelner für etwas, was ich als Teil tat, getan haben soll. – Ich hab nämlich mit all diesen Problemen gerungen. Man hört die Öffentlichkeit lachen. Ich hab doch alles, was ich ja gar nicht tat, nur tun wollte, für das Vaterland getan, das war alles sozusagen ideal. Ich hätt sie nie umgebracht, wenn dies Vaterland nicht gewesen wär, ich hab mich ja zu guter Letzt geopfert, aber das wird nirgends anerkannt. Ohne dieses Vaterland hätt es vielleicht zwischen mir und ihr nur einen Wortwechsel gegeben, höchstens, daß ich ihr eine heruntergehaut hätte, und dann wär das ausgewesen, wie jedes Liebesverhältnis. Rechtsanwalt Der Angeklagte ist das Geschöpf einer kranken Zeit. Ein Mensch, der sich an unsere stolze Vergangenheit nicht erinnert, der in der großen Zeit die Stimme wechselte und der anfing zu denken, als wir den Krieg verloren haben, das spricht Bände. Ohne Sinn für Moral negiert er alles allgemeinmenschlich – Gefühlsmäßige und grübelt über lauter Selbstverständlichkeiten: Es beschäftigt sich nur mit sich selbst, aber ohne jede Kultur. Ich bitte um mildernde Umstände für ein Gespenst: Hier sitzt die Zeit der Inflation. Sladek Ich bitte, mich als Menschen zu betrachten und nicht als Zeit. Rechtsanwalt Ich bitte, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen. Richter Das Gericht beschließt, Zeugen zu vernehmen. Franz kommt. Rechtsanwalt schnellt empor: Ich protestiere gegen die Vereidigung dieses Zeugen! Ein wegen Landesverrat Verurteilter – Franz unterbricht ihn: Und »Begnadigter«. Freilich säße ich noch heute im Zuchthaus, gäbe es morgen keine Wahl! Der neudeutsche Staat – Richter unterbricht ihn: Keine Tiraden, bitte! Staatsanwalt Der Zeuge nimmt es auf seinen Eid, daß ihm der Angeklagte Sladek gestanden hat, die Witwe Schramm ermordet zu haben. Franz Ja. Sladek Nein. Richter Schweigen Sie! Sladek Ich hab noch nie jemand ermordet! Franz Ich selbst hätte ermordet werden sollen, diese Bestien! Wagst du es denn zu leugnen, daß du es mir selbst erzählt hast, wie jene Bedauernswerte im sogenannten Interesse des sogenannten Vaterlandes »hingerichtet« wurde? Sladek Das geb ich schon zu, aber ich hab dir nie gesagt, daß ich sie umgebracht hab. Franz Er lügt! Er lügt! Stille. Sladek Ich weiß, daß du nicht lügst. – Also müssen wir uns mißverstanden haben. Franz Ich habe dich verstanden. Sladek Nein, ich bin unverstanden. Hab ich dir nicht zweimal gesagt, daß ich ein sogenannter zurückgezogener Mensch bin, und daß alles, was ich dir so sag, nur für dich persönlich ist? Du hast das vergessen. Ich hab über das alles nachgedacht, was du dem Hauptmann gesagt hast –. Du hast mich sozusagen bekehrt: Zu guter Letzt gibt es wirklich nur den Sladek. Und jetzt? Hier? In diesem Saal? Franz fast gewollt spöttisch: Du hast mich sozusagen bekehrt, daß man keine Rücksicht nehmen soll auf den Sladek, weil sonst das Ganze nicht vorwärts kommt. Wie ich mich auch betrogen habe, es werden immer welche vernichtet. Sladek Immer nur für das Ganze geopfert werden – wo bleibt denn da der Sladek? Franz Ich lasse mich nicht mehr hindern, hörst du? Sladek Ja. Franz Du gehst mich nichts an. Sladek Jetzt lügst du. Franz Meinst du? Sladek Das ist nicht schön von dir. Richter Keine Privatgespräche! – Angeklagter! Leugnen hat doch keinen Sinn. Denken Sie an Gott. Staatsanwalt Gott kennt Sie, Sladek! Sladek Mich kennt kein Gott. Meine Herren, was ist das: Gott? Ein alter Mann mit einem langen Bart. Was kennt der? Nichts kennt der, denn der lebt zu sehr weit droben, da sieht er auch nur das Ganze, das merkt man nämlich, denn wie es hier unten zu guter Letzt zugeht – Meine Herren! Mein Herr Verteidiger war so freundlich zu sagen, daß ich ein Gespenst sei – vielleicht –, aber ich bitte zu berücksichtigen, daß ich wahrscheinlich ein sogenanntes ungeborenes Gespenst bin. Meine Herren! Vielleicht hol ich das alles nach und vergeß das alles – Nehmen wir nur mal an: Ich hätt jemand ermordet, so bitt ich Sie trotzdem: Lassen Sie mich los, vielleicht wird doch was daraus, ich glaub nämlich allmählich selbst, daß ich noch ein sogenanntes ungeborenes Gespenst bin. Rechtsanwalt Ich beantrage, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen. Sladek Aber – Staatsanwalt Ich beantrage lebenslängliches Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Sladek Wieso? XI Rummelplatz. Mit Wachsfiguren, Karussell, Flohzirkus und Akrobaten. Die Sonne scheint. Lotte das Mädchen : Heuer wird der Sommer schön. Ich hoffe, daß der Nordpol jetzt endlich überflogen wird. Ein anderes Mädchen In der Zeitung steht, daß in London sieben zu eins für gewettet wird. Ein drittes Mädchen Laß doch die Zeitung! Wart ihr schon bei dem Mann mit den Kamelbeinen und weiblichen Brüsten? Na so was! Da drüben ist übrigens der Zwerg, das ist auch ein Hermaphrodit – und in dem Kabinett steht das Bett von Haarmann, dem bekannten Massenlustmörder. Lotte Nein, nicht in die Schreckenskammer, da streik ich! Ich vertrag keine Wachsfiguren, dann schon lieber richtige Verbrecher! das Mädchen mit der Zeitung: Habt ihr das gelesen, daß wieder einer ausgerissen ist, ein Mörder, der ist bloß zwei Jahre gesessen – dann hat er einen Geldbriefträger überfallen, der hat ihm gleich alles gegeben, so, daß er jetzt fein heraußen ist. Das ist das Beste, nur gleich alles hingeben. Lotte blickt in die Zeitung: Sieht so weit ganz nett aus. Das Mädchen mit der Zeitung: Das Profil ist gewöhnlich. Wer ihn fängt, kriegt tausend Mark. Das dritte Mädchen Ich würd ihn nie erkennen. Lotte Es reißen zuviel aus. Das Mädchen mit der Zeitung: Vor drei Tagen der Verrückte – und sie haben ihn noch immer nicht, das ist doch gemeingefährlich. Lotte Es ist alles so unwahrscheinlich. Sladek erscheint. Das dritte Mädchen blickt in die Zeitung: Ja, die Hüte werden wieder breiter. Hoffentlich hält das Wetter, jetzt hat es jeden Sonntag geregnet. Ich hab keinen Mantel mit. Lotte Es gibt schon keine Männer mehr. Man muß sich schon wirklich anstrengen als Frau. Nur gut, daß ich keine Jungfrau mehr bin. Das Mädchen mit der Zeitung: Das Bett von diesem Haarmann möcht ich schon gern sehen. Lotte So geht doch! Ich warte hier – Sie stößt zufällig an Sladek an. Verzeihung! Das dritte Mädchen Wir sind gleich wieder da. Ab mit dem anderen Mädchen. Lotte Ich warte. Eine Handleserin zu Sladek: Wollen der Herr sich nicht aus der Hand lesen lassen? Vergangenheit und Zukunft. Sladek Danke. Die Handleserin Sehen Sie, das Fräulein interessiert sich schon für Ihre Zukunft – Lotte schnippisch: Sogar sehr. Die Handleserin Hören Sie? Sladek Ja, was kostet das mit der Zukunft? Die Handleserin Nur zwanzig Pfennig. Sladek Das geht. Die Handleserin Also zeigen Sie. Hm – die Vergangenheit – So machen Sie doch keine Faust! Sladek Nein, ich will nur die Zukunft. Die Handleserin Ohne Vergangenheit? Sladek Ja, ohne. Die Handleserin Wie Sie wollen. Sladek Ich will. Die Handleserin Sie sind aus kultiviertem Hause – Techniker, dabei aber stark künstlerisch veranlagt – mehr Sinn für Architektur als für Gemälde – Sladek Stimmt. Die Handleserin Sie leben viel an der See, eigentlich ohne Sorgen, aber Sie leiden viel in der Phantasie – Sladek Auch das. Die Handleserin Das ist eben Ihre künstlerische Ader. – Verschlossener Charakter, Achtung vor dem Weibe, Familiensinn. Lotte lächelt. Sladek wird verlegen. Und die Zukunft –: Sie fahren bald fort, das steht ganz deutlich da. Sehr weit sogar, über das Meer – Sehr reich werden Sie zwar kaum, denn dazu sind Sie zu fein, zu wenig brutal – aber Sie werden auch fernerhin gut leben und ungefähr achtzig Jahr alt werden. Sladek Das wär schön. Lotte Na klar. Die Handleserin Zwanzig Pfennig, bitte. Sladek zahlt und fixiert schüchtern Lotte: Das wär auch schön. Das wär sogar sehr schön, wenn –. Verzeihen Sie, wenn Sie mit mir – Sie fahren doch auch gern Karussell? Das wär doch schön, Fräulein. Lotte Das wär schon schön, aber ich muß auf meine Freundinnen warten, die kommen jeden Augenblick. Sladek Das ist nicht schön. Es wär nämlich wirklich sehr schön gewesen, wenn wir jetzt zum Beispiel Karussell gefahren wären, oder überhaupt: Es gibt hier ja so viel zum Sehen, aber so allein, da geht man nur immer an allem vorbei – ich kenn nämlich keinen Menschen. Lotte Sie sind hier fremd? Sladek Sehr fremd. Lotte Sind Sie nicht Engländer? Sladek Stimmt. Lotte In der Zeitung steht, daß in London sieben zu eins gewettet wird, daß es ihnen gelingen wird, den Nordpol zu überfliegen. Sladek Was? Wem? Lotte Na den Nordpol! Sladek Den Nordpol? Lotte Na Sie wissen doch! Sladek Überfliegen? Lotte Sie sind komisch. Sladek Sehr komisch. Ja, freilich, ich hab nur jetzt länger keine Zeitung gelesen, ich war nämlich sozusagen unwohl, aber jetzt fällt mir wieder alles ein. Also überfliegen werden sie ihn, den Nordpol. Lotte Ich hoffe es. Sladek Ich auch. Lotte So Sportsleute sind doch wirklich Helden. Sie setzen für den Fortschritt einfach ihr Leben aufs Spiel. Es sind ja auch zu ihrer Unterstützung alle Funkstationen bereit, ich kann an nichts anderes mehr denken. Sladek Wissen Sie, es gibt so Sportsleute, die haben sich auch geopfert, zwar vielleicht nicht gerade für den Fortschritt, aber für sonst was, doch die hat keine einzige Funkstation unterstützt, ja, denen hat man es hernach gar nicht geglaubt, daß – Verstehen Sie mich? Lotte Nein. Sladek Zum Beispiel im Krieg. Und besonders hernach – Lotte Sie meinen den Weltkrieg? Sladek Ja. Lotte Da habe ich vorgestern einen fabelhaften Film gesehen vom Weltkrieg. Besonders die Regie war unerhört. Es war ein amerikanischer Film. Sladek So. Ein amerikanischer. Lotte Sind die besten. Durch so einen Film kann man sich den Krieg erst richtig vorstellen, besser als durch Bücher. Sehen Sie dort den Seiltänzer! Der ist auch fabelhaft! Sladek So ein Seiltänzer ist auch ein schwieriger Beruf. Lotte Können Sie gut tanzen? Sladek Kaum. Schweigen. Ich kann Verschiedenes. Ich hab eine Zeitlang immer gedacht, daß ich eigentlich nichts kann, aber dann bin ich immer darauf gekommen, daß man doch vielleicht kann. Die Sonne verschwindet plötzlich. Lotte Himmel, das wird doch nicht regnen! Sladek Möglich. Die beiden Mädchen kommen rasch zurück. Das Mädchen ohne Mantel: Siehst du, daß es regnet! Nein, das ist entsetzlich! Das andere Mädchen Das hört bald auf. Das Mädchen ohne Mantel: Nein, das regnet jetzt durch! Kleider, Schuhe – warum hab ich nur keinen Mantel mit?! Lotte Wir könnten ins Kino. Das andere Mädchen Zu dem amerikanischen Kriegsfilm? Lotte Nein, der ist zwar fabelhaft, aber zweimal schau ich mir ihn nicht an. Das andere Mädchen Freilich, das ist langweilig. Das Mädchen ohne Mantel: Jetzt regnets! Daß aber auch keine von uns einen Schirm hat! Alle drei Mädchen rasch ab. Sladek allein: Ich hab eigentlich noch nie einen Schirm gehabt. Und dieser Nordpol –. Es regnet. Ein Polizist erscheint; es ist dieselbe Person wie der Richter: Halt! Sladek erstarrt. Ich muß Ihre Personalien feststellen. Sie wissen, weshalb. – Sie wurden beobachtet, Sie haben zuvor Ihr Bedürfnis nicht in der Bedürfnisanstalt, sondern an der hinteren Wand des Flohzirkusses verrichtet. Warum? Das ist strengstens verboten. Sie haben den Flohzirkus verunreinigt. Ihr Name? Sladek Was kostet das? Der Polizist Fünf Mark. Ihr Name? Sladek Das ist ein sogenannter schwieriger Name, ein sehr langer, sozusagen ein ausländischer Name, ich bin nämlich gerade im Begriffe nach weit fort – Schiffsirene. Der Polizis t unterdrückt: Halt! Ihren Paß. Ihre Papiere. Sladek Hier – aber das Schiff fährt in wenigen Minuten. Der Polizist Welches Schiff? Sladek Ich kann das Wort nicht aussprechen. Der Polizist blättert; stutzt: Wohin? Sladek Nach Nikaragua. Ich hab keinen Fahrschein. Ich arbeit mit an der Überfahrt. Stille. Der Polizist blättert noch immer; sehr leise: Sie sind amnestiert. Sladek Man hat unter mich einen Schlußstrich gezogen. Hoffentlich fehlt kein Stempel. Sagen Sie: Gibt es in Nikaragua einen deutschen Konsul? Der Polizist Natürlich. Sladek Das ist sehr gut. Stille. Der Polizist gibt ihm die Papiere zurück: Es ist in Ordnung. Sladek Ich will auch den Flohzirkus nicht mehr verunreinigen. Der Polizist läßt ihn stehen: Das ist auch strengstens verboten. Ab. Sladek Es soll wirklich nicht mehr vorkommen –