Washington Irving Bracebridge Hall oder die Charaktere Inhalt.                 Der Verfasser an den Leser Die Halle Der geschäftige Mann Haus-Diener Die Wittwe Die Liebenden Familien-Reliquien Der alte Soldat Der Wittwe Gefolge Hans Baargeld Hagestolze Weiber Geschichten-Erzählen Der dicke Herr Wald-Bäume Ein literarischer Alterthumsforscher Die Meierei Reitkunst Liebesanzeichen Falknerei Die Falkenjagd St. Markus-Abend Sitten-Feinheit Wahrsagen Liebes-Zauber Bibliothek Der Student von Salamanca Englische Land-Edelleute Eines Hagestolzen Bekenntnisse Englischer Ernst Zigeuner Maitags-Gebränche Die Würdigen des Dorfes Der Schulmeister Die Schule Ein Dorfpolitiker Der Rabenhorst Der Maitag Die Handschrift Annette Delarbre Das Reisen Volksaberglauben Der Verbrecher Familien-Unglück Liebes-Kummer Der Geschichtschreiber Das Spuk-Haus Dolph Heyliger Das Sturmschiff Die Hochzeit Des Verfassers Abschied Der Verfasser. Werther Leser! Indem ich wieder zur Feder greife, möchte ich gern einige wenige Bemerkungen voraus schicken, um recht verstanden zu werden. Die Bände, welche ich bereits herausgegeben, haben eine Aufnahme gefunden, die meine kühnsten Erwartungen überstiegen hat. Ich möchte diese gern ihrem inneren Werthe beimessen; allein, der Autor-Eitelkeit ungeachtet, kann ich nicht umhin es zu fühlen, daß ihr Erfolg größtentheils einer weniger schmeichelhaften Ursache zuzuschreiben war. Man hat sich darüber gewundert, daß ein Mann aus den amerikanischen Wildnissen sich in leidlichem Englisch sollte ausdrücken können. Ich wurde wie etwas Neues, Sonderbares in der Literatur angesehen; man erblickte in mir eine Art Halbwilden, mit einer Feder in der Hand, statt auf dem Kopfe, und war nicht wenig neugierig, zu hören, was so ein Wesen über die gesittete Gesellschaft zu sagen haben würde. Diese Neuheit ist nun zu Ende, und folglich auch die Nachsicht, welche sie hervorbrachte. Ich muß jetzt erwarten, die Musterung einer strengeren Kritik zu erhalten und mit demselben Maße gemessen zu werden, wie es gleichzeitigen Schriftstellern geschieht; und eben die Gunst, welche meinen früheren Schriften widerfahren ist, wird Ursache sein, daß diese mit um so größerer Strenge behandelt werden, da es nichts gibt, dessenwegen die Welt einen Mann strenger bestraft, als weil er zu sehr gepriesen worden ist. In dieser Hinsicht wünsche ich daher, der Strenge des Lesers vorgreifen zu dürfen; und ich bitte, er möge der vielen unverständigen Sachen wegen, die zu meiner Empfehlung gesagt worden sind, nicht schlechter von mir denken. Ich weiß, daß ich oft auf betretenem Boden gehe und Gegenstände behandle, welche bereits von geschicktern Federn erörtert worden sind. In der That, verschiedene Schriftsteller sind als meine Muster genannt worden, und ich würde mich sehr geschmeichelt fühlen, wenn ich die geringste Aehnlichkeit mit ihnen zu haben dächte; aber in Wahrheit, ich schreibe nach keinem mir bewußten Vorbilde, und ohne einen Gedanken an Nachahmung oder Wetteifer. Wenn ich zufällig mich an Gegenständen versuche, die von englischen Schriftstellern beinahe erschöpft worden sind, so thue ich es nicht mit der Anmaßung, zu Vergleichen aufzufordern, sondern in der Hoffnung, daß sie, von der Feder eines Fremden erörtert, vielleicht ein neues Interesse gewinnen möchten. Wenn man also zuweilen finden sollte, daß ich mit Vorliebe bei Gegenständen verweile, die dem Leser gäng' und gebe sind, so bitte ich nicht zu übersehen, unter welchen Umständen ich schreibe. Da ich in einem neuen Lande geboren und erzogen, aber von Kindheit auf mit der Literatur eines alten bekannt wurde, erfüllte sich mein Gemüth früh mit geschichtlichen und dichterischen Erinnerungen, welche mit Gegenden, Sitten und Gewohnheiten Europa's in Verbindung standen, aber selten auf die meines eigenen Landes Anwendung finden konnten. Für ein so eigenthümlich vorbereitetes Gemüth bieten die gewöhnlichsten Gegenstände und Auftritte, bei der Ankunft in Europa, eine Fülle des Fremden und Anziehend-Neuen. England ist für den Amerikaner ein eben so klassischer Boden, wie es Italien für den Engländer ist; und in dem alten London findet sich eine eben so große Fülle historischer Gedankenverbindungen wie in dem mächtigen Rom. Es ist in der That schwer, das sonderbare Gemisch von Gedanken zu beschreiben, welche sich in dem Kopfe zusammendrängen, wenn man an der Küste Englands landet. Zum erstenmale sieht er eine Welt vor sich, von welcher er in jedem Abschnitte seines Lebens gelesen, und mit der er seine Gedanken beschäftigt hat. Die Erinnerungen der Kindheit, der Jugend und des Mannesalters, der Kinderstube, der Schule und des Studierzimmers drängen sich auf einmal um ihn; seine Aufmerksamkeit wird zwischen großen und kleinen Gegenständen getheilt; und jeder erweckt vielleicht eine gleich angenehme Reihe von Erinnerungen. Was aber in höherm Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die Eigenthümlichkeiten, welche ein altes Land und einen alten Zustand der Gesellschaft von einem neuen unterscheiden. Ich bin mit den in Staub zerfallenden Denkmälern früherer Zeitalter noch nicht vertraut genug gewesen, als daß der lebendige Antheil, mit dem ich sie zuerst betrachtet, sich abgestumpft hätte. Immer an Gegenden gewöhnt, die gewissermaßen erst eine Geschichte erhalten sollten; wo alles in der Kunst neu und im Fortschreiten war, und eher auf die Zukunft als auf die Vergangenheit hindeutete; kurz, wo die Werke des Menschen nur Vorstellungen von seinem jungen Dasein und seiner zu hoffenden Ausbildung gaben; da lag in dem Anblick von ungeheuren Massen von Gebäuden, in Alter ergraut und in Trümmer dahinsinkend, etwas unbeschreiblich Ergreifendes. Ich kann die stumme, aber tiefgefühlte Bewegung nicht schildern, mit der ich ausgedehnte klösterliche Trümmer, wie die Abtei von Tintern, in dem Schooße eines stillen Thales ruhend, und von der Welt abgeschieden, als ob sie nur für sich gelebt hätte, oder ein kriegerisches Bauwerk, wie das Schloß von Conway, in starrer Einsamkeit auf seiner Felsenhöhe, ein nur leeres, aber drohendes Phantom entschwundener Macht dastehend, betrachtet habe. Sie verbreiten einen großartigen und düstern, und für mich ungewöhnlichen Reiz über eine Landschaft; ich sah zum ersten Male Spuren des Alters eines Volks, des Zerfallens von Reichen, und Beweise der vorübergehenden und dahinschwindenden Herrlichkeiten der Kunst, in der stets frühlingsgleichen und wiederbelebenden Fruchtbarkeit der Natur. In der That aber war für mich Alles voll reichhaltigen Stoffes; überall waren die Spuren der Geschichte zu sehen; und die Dichtkunst hatte über das Land ihren Hauch verbreitet und es geheiligt. Ich empfand die lebendige Gefühls-Frische eines Kindes, dem Alles neu ist. Ich malte mir eine Anzahl Bewohner und eine Lebensweise für jede Wohnung, welche ich sah, von dem Palaste des Großen, inmitten seiner fürstlichen Ruhe zwischen stattlichen Hainen und einsamen Parks, bis zu der mit Stroh gedeckten Hütte mit ihrem kleinen Garten und ihrem sorgfältig gepflegten Geisblatte. Ich glaubte mich an der Annehmlichkeit und Frische eines so durchaus mit einem Teppich von Grün belegten Landes niemals sättigen zu können, wo jedes Lüftchen den Duft der balsamischen Wiese und der Jelängerjelieber-Hecke athmete. Ich stieß überall auf kleine Denkzeichen der Dichtkunst in dem blühenden Hagedorn, der Maßliebe, der Schlüsselblume, der Primel und jedem andern einfachen Gegenstande, der von der Muse einen ungewöhnlichen Werth erhalten hat. Als ich zum ersten Male den Gesang der Nachtigall hörte, fühlte ich mich mehr von der entzückenden Fülle neuer Gedankenverbindungen, als von der Melodie ihrer Töne berauscht; und ich werde nie des Schwindels der Verzückung vergessen, mit dem ich zuerst die Lerche, beinahe zu meinen Füßen, sich erheben und ihren musikalischen Flug zu dem Morgenhimmel emportragen sah. So durchstreifte ich England, ein erwachsenes Kind, mich über jeden Gegenstand, groß und klein, gleich freuend; und eine staunende Unwissenheit, eine einfältige Wonne verrathend, welche meine klügeren und erfahreneren Mitreisenden sehr oft zum Staunen und Lächeln aufforderte. Von eben der Art war die seltsame Verwirrung der Ideen, welche auf mich einstürmten, als ich mich zum erstenmale London näherte. Es war einer meiner frühesten Wünsche der gewesen, diese große Hauptstadt zu sehen. Ich hatte soviel von ihr in den ersten Büchern gelesen, die man mir als Kind in die Hand gegeben; ich hatte so viel von ihr von Denen um mich her gehört, die aus dem »alten Lande« gekommen waren! Ich war mit den Namen ihrer Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude vertraut, ehe ich noch die meiner Vaterstadt kannte. Sie war für mich der große Mittelpunkt der Welt, um den sich alles Andere zu drehen schien. Ich erinnere mich, als Knabe ein schlechtes kleines Kupfer von der Themse, der Londoner Brücke und St. Pauls-Kirche, das vor einem alten Hefte eines Wochenblatts stand, und ein Bild von den Gärten von Kensington, mit Herrn mit dreieckigen Hüten und breiten Schößen, und Damen in Reifröcken und Flügelkleidern, das in meinem Schlafzimmer hing, andächtig betrachtet zu haben; selbst der ehrwürdige Holzschnitt von dem St. Johannis-Thore, der seit undenklichen Zeiten vor dem Gentleman's Magazine steht, war nicht ohne Reiz für mich; und ich beneidete die sonderbar aussehenden kleinen Leute, die unter den Bogen des Thores umherzuschlendern schienen. Wie schwoll dann mein Herz, als man mir die Thürme der Westminster-Abtei zeigte, wie sie sich über die üppig belaubten Bäume des St. James-Park's erhoben und ein dünner blauer Nebel auf ihren grauen Zinnen lag! Ich konnte dieses große Mausoleum alles dessen, was in unserer väterlichen Geschichte berühmt ist, nicht betrachten, ohne meine Begeisterung auf das höchste entflammt zu fühlen. Mit welcher Begierde erforschte ich jeden Theil der Hauptstadt! Ich war nicht zufrieden mit den Dingen, welche die würdigen Untersuchungen des gelehrten Reisenden in Anspruch nehmen; ich ergötzte mich daran, alle die Gefühle der Kindheit wieder hervorzurufen, und den Gegenständen nachzuspüren, welche die Wunder meiner Jugendzeit gewesen waren. Die Londoner Brücke, das weit bekannte Monument, so berühmt in den Ammenliedern, Gog und Magog, und die Löwen im Tower, – alles rief vielfache Erinnerungen an meine Kinderjahre und an die guten alten Wesen zurück, die, jetzt nicht mehr am Leben, damals mein erstauntes Ohr mit Erzählungen davon erfüllt hatten. Nicht ohne die Wiederkehr kindischer Theilnahme blickte ich zuerst in Newberry's Laden, auf St. Paul's-Kirchhofe, diesen Urquell der Literatur. Hr. Newberry war der erste, der jemals mein kindisches Gemüth mit dem Begriff eines großen, guten Mannes erfüllte. Er gab alle Bilderbücher der damaligen Zeit heraus, und berechnete, aus reiner Liebe zu den Kindern, »nichts für Papier oder Druck, und nur anderthalb Pence für den Einband!« Ich habe dieser Umstände gedacht, werther Leser, um Dir die seltsame Menge von Gedankenverbindungen anzudeuten, welche sich in meinem Gemüthe durchkreuzen müssen, wenn ich mir mit dem zu schaffen mache, was England angeht. Ich hoffe, daß sie mich einigermaßen entschuldigen werden, wenn man findet, daß ich abgedroschene, gewöhnliche Gegenstände behandle, oder meiner Vorliebe für alles Alte und Verschollene zu sehr nachhänge. Ich weiß, daß es jetzt in der Laune, um nicht zu sagen, in der Thorheit des Tages liegt, über alte Zeiten, alte Bücher, alte Sitten und alte Gebäude beinahe außer sich zu gerathen; bei mir ist aber, in so fern ich mitangesteckt worden bin, das Gefühl ächt. Für Jemanden aus einem jungen Lande sind alle alten Sachen gewissermaßen neu; und man kann den, dessen Geburtsland unglücklicherweise gar keine Trümmer aufzuweisen hat, wohl entschuldigen, wenn er etwas neugierig in Bezug auf Alterthümer ist. Da ich überdieß in der verhältnißmäßigen Einfachheit eines Freistaates erzogen worden bin, fallen mir wohl selbst die gewöhnlichsten Umstände, welche mit einem aristokratischen Zustande der Gesellschaft verknüpft sind, auf. Sollte ich indeß irgend einmal mich damit belustigen, einige von den Sonderbarkeiten und politischen Eigenthümlichkeiten der letztern hervorzuheben, so will ich damit gar nicht gesagt haben, daß ich die Anmaßung habe, über ihre politischen Verdienste zu entscheiden. Mein einziger Zweck ist, Charaktere und Sitten zu schildern. Ich bin kein Politiker. Je mehr ich das Studium der Politik betrachtet habe, desto mehr habe ich es voller Verwirrung gefunden, und mich, so wie bei meiner Religion, mit dem Glauben, in dem ich auferzogen worden bin, begnügt, mein Betragen nach seinen Vorschriften eingerichtet, aber gewandteren Händen das Geschäft überlassen, Andere zu bekehren. Ich werde also auf dem Wege, den ich bisher eingeschlagen habe, fortgehen; die Gegenstände eher von ihrer poetischen als von ihrer politischen Seite betrachten, sie eher beschreiben, wie sie sind, als, wie sie sein sollten; und mich bestreben, die Welt in einem so angenehmen Lichte zu sehen, als die Umstände es irgend erlauben wollen. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß viel Gutes geschehen könnte, wenn man die Leute in guter Laune gegen einander erhielte. Ich kann mich in meiner Philosophie irren, allein ich werde fortfahren, danach zu leben, bis ich mich von ihrer Trüglichkeit überzeugt habe. Wenn ich entdecke, daß die Welt ganz so sei, wie grinsende Cyniker und weinerliche Dichter sie geschildert haben, will ich mich zu ihnen schlagen, und auch auf sie schimpfen; bis dahin hoffe ich, daß Du, werther Leser, nicht schlimm von mir denken wirst, weil ich nicht glauben kann, diese Welt sei ganz so schlecht als man sie schildert. Dein aufrichtiger Gottfried Crayon Die Halle. Das älteste Haus und die beste Haushaltung in dieser oder der nächsten Grafschaft; und wenn gleich der Hausherr sich nur Squire schreibt, so kenne ich doch keinen Lord, der ihm gliche. Lustige Bettler. Wenn der Leser die Bände des Skizzenbuchs durchlaufen hat, so wird er sich wahrscheinlich der Familie Bracebridge erinnern, bei der ich einst die Weihnachtszeit zubrachte. Ich bin jetzt abermals zum Besuche in der Halle, da ich zu einer Hochzeit eingeladen wurde, die in kurzem stattfinden soll. Des Squire's zweiter Sohn, Guido, ein schöner, lebendiger junger Hauptmann bei den Landtruppen, ist im Begriffe seines Vaters Mündel, die schöne Julie Templeton, zu heirathen. Schon haben sich die Freunde und Verwandte zu versammeln angefangen, das fröhliche Fest zu begehen; denn der alte Herr ist ein Feind aller stillen, heimlichen Heirathen. »Es geht nichts darüber,« sagt er, »ein junges Paar fröhlich vom Stapel laufen zu lassen und ihm vom Ufer Glück nachzurufen; eine gute Ausfahrt ist die halbe Reise.« Eh' ich irgend weiter fortfahre, muß ich bitten, den Squire nicht mit den scharfreitenden Fuchsjagenden Herrn zu verwechseln, die man so oft beschrieben hat, und welche in der That in England beinahe ganz ausgestorben sind. Ich bediene mich dieses ländlichen Titels theils, weil er in der Nachbarschaft seine gewöhnliche Bezeichnung ist, theils, weil er mir die häufige Wiederholung seines Namens erspart, der zu den alten schweren englischen Namen gehört, über welche die Franzosen in Verzweiflung Wehe ausrufen. Der Squire ist in der That ein spätes Musterbild von alten englischen Landbesitzern; etwas verbauert, weil er fast immer auf seinem Gute gelebt hat, und etwas launenhaft, wie Engländer wohl zu werden pflegen, wenn sie nach ihrer eigenen Weise leben können. Mir behagt sein Steckenpferd, welches darin besteht, daß er für alte englische Sitten und Gewohnheiten eine abgöttische Verehrung hegt, ganz wohl; es schlägt etwas in meinen eigenen Geschmack, da ich bis jetzt eine lebendige, ungesättigte Wißbegierde nach den alten, ächten Charakterzügen meines »Vaterlandes« habe. In der Familie des Squire finden sich ebenfalls einige Züge, die mir national zu sein scheinen. Sie ist eine von jenen alten aristokratischen Familien, welche, wie ich glaube, England eigenthümlich sind, und von denen man in andern Ländern kaum einen Begriff hat; das heißt, Familien von alter guter Abkunft, die, obgleich ohne Rang und Titel, doch auf ihre Vorfahren sehr stolz sind; die auf allen Adel aus neuerer Zeit herabsehen, und es für eine Beeinträchtigung ihrer Würde halten würden, den ehrwürdigen Namen ihres Hauses in einen neueren Titel zu verschmelzen. Dieses Gefühl gewinnt durch das Ansehen, dessen sie auf ihrem Erbgut genießen, sehr an Stärke. Der Familiensitz ist ein altes Herrenhaus, welches in einem entfernten, schönen Theile von Yorkshire liegt. Seine Bewohner sind in der umliegenden Gegend immer als »die Großen dieser Erde« angesehen worden, und das kleine, zunächst der Halle gelegene Dorf betrachtet den Squire beinahe mit lehnsmännischer Ehrfurcht. Ein altes Herrenhaus und eine alte Familie der Art, trifft man heutiges Tages selten an; und wahrscheinlich konnte nur die eigenthümliche Denkweise des Squire dieses Muster einer englischen Haushaltung in der Abgeschiedenheit, einigermaßen dem wahren alten Style gemäß erhalten. Man hat mir wieder in der ausgetäfelten Stube, in dem alten Flügel des Hauses, meine Wohnung angewiesen. Die Aussicht von meinem Fenster aus hat indeß einen, von dem zur Zeit meines Winterbesuchs, ganz verschiedenen Charakter. Obgleich es noch früh im April ist, so haben doch einige wenige warme sonnige Tage die Reize des Frühlings hervorgelockt, welche wie mich dünkt, bei ihrem ersten Hervortreten immer am meisten anziehen. Die Parterre in dem altväterischen Garten prangen mit bunten Blumen, und der Gärtner hat bereits seine ausländischen Gewächse herausgebracht und sie die steinernen Balustraden entlang aufgestellt. Die Bäume sind mit grünen Knospen und zarten Blättern bekleidet; wenn ich mein rasselndes Fenster aufschiebe, so kommt mir der Geruch der Reseda entgegen, und ich höre das Gesumme der Bienen von den Blumen an der besonnten Mauer, und den melodischen Gesang der Drossel und die fröhlichen Laute des tonreichen kleinen Hänflings zu mir herauf dringen. Während meines Aufenthalts in diesem starken Anhalte alter Gebräuche, will ich von Zeit zu Zeit Skizzen von den Scenen und Charakteren, die mir vorkommen, entwerfen. Man verstehe indeß, daß ich keinen Roman schreiben will, und daß ich dem Leser keine Verwickelungen, oder wundersame Abenteuer versprechen kann. In der Halle, von der ich rede, gibt es, so viel ich weiß, weder Fallthüren, noch Schieber in der Vertäfelung, noch ein Burgverließ, und überhaupt scheint sie nichts Geheimnißvolles zu enthalten. Die Familie ist eine würdige, wohldenkende Familie, die man wahrscheinlich von einem Ende meines Werkes bis zum andern, regelmäßig essen und trinken, und zu Bett gehen und aufstehen sehen wird; und der Squire ist ein so wohlwollender alter Mann, daß ich keine Wahrscheinlichkeit sehe, warum er der bevorstehenden Heirath irgend ein Hinderniß in den Weg legen sollte. Mit einem Worte, ich kann kein einziges außerordentliches Ereigniß voraussehen, das sich während der ganzen Dauer meines Aufenthalts in der Halle ereignen könnte. Ich sage dieß dem Leser ehrlich, damit er nicht, wenn er mich englische Alltagsauftritte langsam durchgehen sieht, in Eile umschlägt, in der Hoffnung, weiter hinten auf irgend ein wunderbares Abenteuer zu stoßen. Ich lade ihn dagegen ein, gemächlich mit mir fortzuschlendern, so wie er einen Spaziergang auf das Feld machen würde, von Zeit zu Zeit still stehend, um eine Blume zu pflücken, auf den Gesang eines Vogels zu horchen, oder eine Aussicht zu bewundern, ohne daß die eine Sorge ihn quäle, das Ende seines Laufes zu erreichen. Sollte ich indessen auf meinen Wanderungen durch dieses alte Haus irgend etwas Merkwürdiges sehen oder hören, was in die Einförmigkeit dieses Alltagslebens eine Abwechselung bringen könnte, so werde ich nicht ermangeln, es zu des Lesers Unterhaltung zu berichten.                             Denn selbst der stärkste Geist ermüdet bald An einem Buch, wie wichtig es auch sei, Gibt es nicht Dinge, neu und mannigfalt, Gewürzt mit Lug, verbrämt mit Neckerei.                             »Der Spiegel für obrigkeitliche Personen.« Der geschäftige Mann. Ein heruntergekommener Herr, der größtentheils von seiner eigenen heitern Laune und aus meines Herrn Beutel lebt, und was diesem ganz wohl thut. Er erheitert meinen Herrn mit seinen Geschichten und Liedern und Einfällen und solchen Kniffen und Streichen, daß Ihr Euch wundern würdet, – er ist jetzt gerade bei ihm. Munteres Volk. Von Niemand ward ich bei meiner Rückkehr nach der Halle herzlicher begrüßt, als von Herrn Simon Bracebridge, oder Meister Simon, wie ihn der Squire gewöhnlich nennt. Ich begegnete ihm gerade bei meinem Eintritte in den Park, wo er einen Hühnerhund dressirte, und er empfing mich mit all' der gastfreundlichen Herzlichkeit, mit der jemand einen Freund in eines Andern Hause bewillkommt. Ich habe ihn dem Leser schon als einen lebhaften, alten, junggesellenartig-aussehenden, kleinen Mann vorgestellt; als den Witzling und verjährten Stutzer eines großen Familienkreises und das Factotum des Squire. Ich fand ihn wie gewöhnlich voller Geschäftigkeit; er hatte tausend Kleinigkeiten zu thun, und Leuten zu Diensten zu sein, und ließ seine gute Laune laut werden; denn wenige Menschen fühlen sich so glücklich, als ein geschäftiger Müßiggänger; das heißt: ein Mann der ewig um Nichts beschäftigt ist. Ich besuchte ihn am Morgen nach meiner Ankunft in seiner Stube, welche er in einem entfernten Winkel des Hauses hat, da er, wie er sagt, gern für sich ist und Niemand im Wege sein mag. Er hat sie nach seinem Geschmacke eingerichtet, so daß sie eine vollständige Uebersicht der Begriffe eines alten Junggesellen von Bequemlichkeit und Anordnung ausmacht. Die Möbel bestanden aus allen möglichen alten Stücken, aus allen Theilen des Hauses zusammengesucht, wie sie eben seinen Ansichten entsprachen oder in irgend eine Ecke seines Zimmers paßten, und er ist sehr beredt im Lobe eines alten Lehnstuhls, wobei er Gelegenheit nimmt, auf eine Kritik der neueren Stühle überzugehen, an denen von der Würde und der Bequemlichkeit der hochlehnigen Alterthümlichkeit nichts mehr zu finden sei. An sein Zimmer stößt ein kleines Kabinet, das er sein Studirzimmer nennt. Hier befinden sich einige schwebende Bücherbretter, die er selbst gemacht hat, auf denen mehrere alte Werke über Falknerei, Jagdwesen und Hufschmiedkunst, und eine oder zwei Sammlungen von Gedichten und Liedern aus der Zeit der Regierung der Königin Elisabeth stehen, die er dem Squire zu lieb studirt. Ferner findet sich da: das Romanen-Magazin, das Magazin für Jagdliebhaber, der Wettrenn-Kalender, ein oder zwei Kalender von Newgate, ein Adelslexicon und ein Wappenbuch. Seine Jagdkleider hangen an Pflöcken in einem kleinen Kabinet; und um die Wände seines Zimmers sind Haken, um sein Angelgeräth, seine Peitschen, Sporen und eine Lieblings-Vogelflinte daran zu hängen, die, schön gearbeitet und eingelegt, sich von seinem Großvater herschreibt. So hat er auch ein Paar alte Flöten mit Einer Klappe, und eine Geige, die er selbst mehrere Male geflickt und ausgebessert hat, versichernd, es sei eine ächte Cremoneser: obgleich ich ihn nie eine Note darauf spielen gehört habe, welche nicht hingereicht hätte, einem das Blut in Eis zu verwandeln. Aus seinem kleinen Neste hört man oft seine Geige in der Mittagsstille schläfrig ein lange vergessenes Stückchen absägen; denn er rühmt sich, eine ausgesuchte Sammlung guter altenglischer Musik zu besitzen, und will mit neueren Tonsetzern kaum etwas zu thun haben. Am meisten werden indessen seine musikalischen Kenntnisse dann und wann des Abends gemeinnützig, wo er den Kindern in dem großen Saale zum Tanze aufspielt; natürlich gilt er bei diesen so wie bei den Dienstboten für einen wahren Orpheus. Auch seine Stube trägt Spuren seiner verschiedenen Beschäftigungen; hier liegen halbabgeschriebene Musik-Blätter; Musterzeichnungen; ziemlich unbedeutend gezeichnete Skizzen von Landschaften; eine Camera lucida; eine Zauberlaterne, für die er Gläser zu malen bemüht ist; kurz, es ist das Kabinet eines Mannes von allerhand Fähigkeiten, der Etwas von Allem weiß, und nichts Ordentliches thut. Nachdem ich eine Zeitlang in seinem Zimmer hingebracht und seine geistvollen kleinen Erfindungen bewundert hatte, führte er mich auf dem Gehöfte umher, um mir die Ställe, den Hundestall und andern Nebengelaß zu zeigen, wobei er wie ein General aussah, der die verschiedenen Abtheilungen seines Lagers besichtigt; denn der Squire überläßt ihm, wenn er in der Halle ist, die Aufsicht über alle diese Sachen. Er erkundigte sich nach dem Zustand der Pferde; untersuchte ihre Füße; verordnete ein Bad für das eine, einen Aderlaß für das andere; und führte mich dann zu seinem eigenen Pferde, über dessen Verdienste er sich mit großer Weitläuftigkeit ausließ, und das, wie ich bemerkte, den besten Platz im Stalle hatte. Hierauf ward ich zu einer neuen, von ihm und dem Squire angelegten Spielerei geführt, welche er die Falknerei nannte, worin sich mehrere unglückliche Vögel befanden, welche dort vollends ihre Erziehung erhielten. Unter diesen war auch ein schöner Falke, den Meister Simon besonders dressirte, und wobei er mir erzählte, daß er mir in einigen Tagen eine Ergötzlichkeit nach guter alter Weise zeigen wolle. Auf unserer Wanderung bemerkte ich, daß die Stallknechte, Jagdbursche, Bahnpeitscher und andere Unterbediente, alle auf ziemlich vertrautem Fuße mit Meister Simon zu sein schienen, und gern mit ihm scherzten, obgleich es augenscheinlich war, daß sie vor seinen Aussprüchen über Dinge, die zu ihren Geschäften gehörten, eine große Ehrfurcht hatten. Einer machte davon jedoch eine Ausnahme, ein wunderlicher alter Jäger, hitzig wie ein Pfefferkorn; ein magerer, drathdünner alter Bursche, mit einer abgetragenen sammetnen Jockei-Mütze und einem Paar lederner Beinkleider, die von langem Gebrauch glänzten als wären sie lackirt. Er war sehr widersprecherisch und vorlaut, und hielt, wie es mir vorkam, zuweilen wohl aus bloßem Murrsinn, dem Meister Simon das Gegenspiel. Dieß war besonders der Fall in Rücksicht auf die Behandlung des Falken, den der alte Mann unter seiner besondern Aufsicht zu haben schien, und den er, nach Meister Simon's Behauptung, auf dem besten Wege war, zu verderben; Letzterer sprach sehr viel über Magen räumen, impfen, kuriren und dem Falken den Butzen geben , was, wie ich sah, für den alten Christy heidnisches Griechisch war; nichts destoweniger behauptete er aber doch seine Meinung und schien alle seine Kunstphrasen für nichts zu achten. Ich wunderte mich über die gute Laune, mit welcher Meister Simon seine Widersprüche ertrug, bis er mir späterhin die Sache erklärte. Der alte Christy ist der älteste Bediente im Hause, hat den größeren Theil eines Jahrhunderts unter Hunden und Pferden verlebt, und ist schon bei Herrn Bracebridge's Vater in Diensten gewesen. Er kennt den Stammbaum eines jeden Pferdes im Stalle, und hat die Urgroßväter der meisten geritten. Er kann von jeder Fuchsjagd, die in den letzten sechszig oder siebzig Jahren gehalten worden ist, vollständige Nachricht geben, und weiß die Geschichte eines jeden Hirschgeweihes im Hause, und jeder Jagdtrophäe, die an die Thür des Hundestalls genagelt ist, zu erzählen. Das ganze gegenwärtige Geschlecht ist unter seinen Augen aufgewachsen und hält ihm, in seinem hohen Alter, Vieles zu gut. Er begleitete den Squire einst nach Oxford, als dieser dort studirte, und erleuchtete die ganze Universität mit seiner Jagdgelehrsamkeit. Alles dieß reicht hin, den alten Mann hartnäckig zu machen, da er findet, daß er von allen diesen hochwichtigen Sachen viel mehr weiß, als die übrige Welt. Meister Simon ist sein Schüler gewesen, und erkennt es an, daß er seine ersten Kenntnisse von der Jagd dem Unterrichte Christy's zu danken hat; und ich stelle es sehr in Frage, ob ihn nicht der alte Mann noch jetzt für einen bloßen Gelbschnabel ansieht. Als wir bei unserer Rückkehr über den Rasen vor dem Hause gingen, hörten wir die Glocke an des Portier's Häuschen ziehen, und kurz darauf kam eine Art von Reuter-Zug langsam die Allee herauf. Als mein Gefährte ihn ansichtig ward, blieb er stehen, blickte einen Augenblick hin, und lief dann, mit einem plötzlichen Ausrufe, ihm entgegen. Als er sich näherte, erkannte ich eine blonde, frisch aussehende, ältliche Dame, in ein altväterliches Reitkleid gekleidet, und mit einem breitrandigen weißen Filzhute, wie man ihn auf Sir Josua Reynold's Bildern sieht. Sie ritt einen glatten weißen Klepper, und ein Bediente in reicher Livree, auf einem überfütterten Jagdpferde, folgte ihr. In einer kleinen Entfernung hinten kam ein alter schwerfälliger Halbwagen, von zwei sehr beleibten Pferden gezogen, und von einem eben so dicken Kutscher gefahren, neben dem ein Page in einer abenteuerlichen grünen Livree saß. In dem Wagen waren ein steifes, geziertes Frauenzimmer, die halb wie eine Gesellschafterin, halb wie eine Kammerjungfer aussah, und zwei gemästete Hunde, die ihre häßlichen Gesichter zu jedem Wagenfenster heraussteckten und bellten. Die sämmtliche Besatzung trat ins Gewehr, diese Fremde zu empfangen. Der Squire half ihr vom Pferde und grüßte sie herzlich; die schöne Julie flog ihr in die Arme, und sie umarmten sich mit der romantischen Glut von Freundinnen aus einer Pension; Juliens Geliebter, gegen den sie sich ausgezeichnet wohlwollend benahm, geleitete sie in das Haus; und eine Reihe der alten Bedienten, die sich in dem Saale versammelt hatten, verneigte sich tief, als sie vorüberging. Ich bemerkte, daß Meister Simon sehr aufmerksam und ehrerbietig gegen die alte Dame war. Er ging neben ihrem Pferde her die Allee hinauf, und nahm, während sie die Begrüßungen der übrigen Mitglieder der Familie empfing, von dem dicken Kutscher Notiz; streichelte die glatten Wagenpferde, und sagte vor Allem der Kammerfrau der Dame, jener steifen, sauersehenden Vestalin in der Kutsche, ein höfliches Wort. Ich sah ihn den ganzen Morgen über nicht wieder. Der Strudel, den die Erscheinung der Dame erregte, riß ihn mit fort. Nur einen Augenblick, wo er etwas für die gute Dame auszurichten hatte, und an mir vorbei lief, hielt er an, um mir zu sagen, dieß sei Lady Lillycraft, eine Schwester des Squire, im Besitze eines großen Vermögens, welches der Capitain erben würde, und ihr Gut liege in einer Grafschaft von England, in welcher die beste Jagd sei. Haus-Diener. Wahrlich, alte Diener sind die Gewährsmänner für eine ehrenwerthe Haushaltung. Sie sind wie Ratten in einem Hause oder Milben in einem Käse, für das Alterthum und den Ueberfluß ihrer Wohnung zeugend. Bei meinen zufälligen Erzählungen aus der Halle, mag ich wohl oft versucht werden bei gäng' und geben Sachen zu verweilen, weil sie mir den wahren Nationalcharakter in ein helleres Licht zu setzen scheinen. Es mag vielleicht das eifrige Bestreben des alten Squire sein, so viel als möglich dem anzuhängen, was er für die alte Grenzscheide der englischen Sitten hält. Seine Bediente kennen Alle seine Weise, und sind größtentheils von Kindheit an daran gewöhnt, so daß im Ganzen seine Haushaltung eines von den wenigen, erträglichen, jetzt noch anzutreffenden Mustern der Familieneinrichtung eines englischen Landgutbesitzers aus der alten Schule darbietet. Uebrigens ist hier die Dienerschaft der am wenigsten eigenthümliche Bestandtheil der Haushaltung: die Haushälterin ist zum Beispiel in der Halle geboren und erzogen und nie zwanzig Meilen davon entfernt gewesen; dennoch hat sie ein stattliches Ansehn, das einer Dame, die an der Königin Elisabeth Hofe geglänzt, keine Schande machen würde. Ich bin halb geneigt zu glauben, daß sie dieß von den alten Familienbildern, unter denen sie so lange gelebt, angenommen hat. Indeß kann es auch von dem Bewußtsein ihrer Wichtigkeit in der Sphäre, worin sie sich immer bewegt hat, herrühren; denn sie wird in dem benachbarten Dorfe und von den Frauen der Pächter gar hoch geehrt, und genießt eines großen Ansehens in der Haushaltung, wo sie die Dienerschaft in stiller, aber unbestrittener Oberherrlichkeit regiert. Sie ist eine magere alte Frau, mit blauen Augen und spitzer Nase und Kinn. Ihre Kleidung ist immer nach einer und derselben Mode. Sie trägt eine kleine wohlgestärkte Halskrause, einen gestickten Brustlatz, ausfüllende Unterröcke und ein bogenförmig aufgenommenes, vorn offenes Ueberkleid, das, bei besonderen Gelegenheiten, von altväterischem Seidenzeuge und entweder ein Vermächtniß von irgend einer früheren Frau vom Hause, oder ein Erbstück von ihrer Mutter ist, welche vor ihr Haushälterin war. Ich habe Ehrfurcht vor diesen alten Kleidern, da ich nicht zweifle, daß sie vor vielen, vielen Jahren in diesen Zimmern geglänzt haben, und die Reize einer unvergleichlichen Familienschönheit erhöhten; ich habe oft von der alten Haushälterin zu den nahen Familienbildern geblickt, um zu sehen, ob ich nicht den alten Brokat ihres Kleides an einer der Damen mit langen Taillen wiedererkennen könnte, die von den Wänden auf mich herablächelten. Ihr ganz weißes Haar ist vornen gekräuselt, und sie trägt eine kleine Haube darüber, sehr sauber gefältelt und unter dem Kinn zusammen gebunden. Ihr Benehmen ist einfach und nach altem Schnitt, durch die Würde ihres Amtes jedoch ein wenig veredelt. Die Halle ist ihre Welt, und die Geschichte der Familie die einzige, die sie weiß, die ausgenommen, welche sie in der Bibel gelesen hat. Sie kann die Lebensbeschreibung von jedem Bilde in der Gemälde-Galerie erzählen, und ist eine vollständige Familienchronik. Der Squire behandelt sie mit großer Achtung. Meister Simon hat mir erzählt, es sei unter den Dienstboten eine Anecdote im Umlauf, daß man, als Beide noch jung gewesen, den Squire sie einmal in der Bilder-Galerie habe küssen sehen. Da indessen nichts weiter zwischen ihnen bemerkt wurde, gab die Sache zu keinem großen Gerede Anlaß; nur fiel es auf, daß sie kurz nachher die Pamela eifrig zu lesen anfing und die Hand des Dorfgastwirths ausschlug, den sie früher wohl freundlich angesehen hatte. Der alte Haushofmeister, der früher Bediente und einer ihrer verschmähten Anbeter war, pflegte die Anecdote zuweilen bei jenen kleinen Intriguen zu erzählen, die dann und wann sich unter den ordentlichsten Dienstboten bilden, und aus dem gewöhnlichen Hange der Regierten hervorgehen, gegen die Regierung zu sprechen; seitdem er ein höheres Amt erlangt hat, unterläßt er dieß, und schüttelt unwillig den Kopf, wenn davon gesprochen wird. Es ist gewiß, daß die alte Dame noch bis auf diesen Tag gern davon spricht, wie der Squire ausgesehen, als er noch ein junger Mann auf der Universität war; und sie behauptet, keiner seiner Söhne könne sich mit dem Vater vergleichen, als er in ihrem Alter und ganz in Scharlach herausgeputzt war, mit dem frisirten und gepuderten Haare und dem dreieckigen Hute. Sie hat eine verwaiste Nichte bei sich, Phöbe Wilkins genannt, ein niedliches sanftes Ding, das vor einem oder zwei Jahren nach der Halle verpflanzt worden und beinahe für jede andere Lebensweise verdorben ist. Sie ist eine Art von Gefährtin und Begleiterin der schönen Julie; und dadurch, daß sie in den Zimmern der jungen Dame umherschlendert, Bruchstücke von Romanen ließt und abgelegten Putz erbt, ist sie ein Mittelding zwischen einer Kammerjungfer und einer zierlichen Modedame geworden. Sie wird von den Dienstboten als eine Art reicher Erbin angesehen, da das Vermögen ihrer Tante ihr zufallen wird, welches, wenn die Sage wahr ist, eine runde Summe guter goldener Guineen, der aufgesparte Reichthum zweier Haushälterinnen und Geschlechter sein muß; der erblichen Kleider und so mancher andern kleinen Sachen und Spielereien von Werth, die im Zimmer der Haushälterin angehäuft sind, nicht zu gedenken. Die alte Haushälterin gilt überhaupt bei den Dienstboten und den Dorfbewohnern für übermäßig reich, und in ihrem Zimmer steht eine lackirte Kommode und ein großer mit Eisen beschlagener Kasten, welche, nach der Aussage der Hausmädchen, Schätze von Reichthum enthalten. Die alte Dame ist eine große Freundin Meister Simon's, der ihr, als einer sehr angesehenen Person, ein wenig den Hof macht; bei Erörterungen über Punkte der Familiengeschichte, muß er, trotz seiner ausgedehnten Kenntniß und seinem Wissen, gewöhnlich ihrer überlegneren Genauigkeit nachstehen. Er kommt selten zur Halle zurück, wenn er den andern Zweigen der Familie einen Besuch abgestattet hat, ohne Mrs. Wilkins irgend ein Andenken von den Damen, in deren Hause er gewesen ist, mitzubringen. Alle Kinder der Familie betrachten überhaupt die alte Dame mit angeborner Achtung und Anhänglichkeit, und sie scheint sie dagegen beinahe wie ihre eigenen Kinder anzusehen, da sie unter ihren Augen groß geworden sind. Der Oxforder Student ist indessen ihr Liebling, wahrscheinlich als der Jüngste, obgleich er auch der Leichtfertigste ist, und ihr von Jugend auf wohl manche kleine Streiche gespielt hat. Ich kann nicht umhin, einer kleinen Feierlichkeit zu gedenken, welche, wie ich glaube, der Halle eigenthümlich ist. Wenn nach dem Mittagsessen das Tischtuch weggenommen worden, segelt die alte Haushälterin in das Zimmer und steht hinter dem Stuhle des Squire, worauf er ihr, mit seiner eigenen Hand, ein Glas Wein einschenkt, welches sie mit eben so großer Ehrerbietung als Würde auf die Gesundheit der Gesellschaft austrinkt, und sich sodann entfernt. Der Squire überkam diese Sitte von seinem Vater und hat sie immer beibehalten. Die Dienstboten der alten englischen Familien, die vorzüglich auf dem Lande leben, besitzen einen ganz eigenthümlichen Charakter. Sie haben eine ruhige, ordentliche, ehrerbietige Weise, ihre Pflichten zu thun. Sie sind immer nett in ihrem Aeußern, schicklich und, wenn ich so sagen darf, geschäftsmäßig gekleidet; sie bewegen sich ohne Uebereilung und Lärm im Hause umher; da ist nichts Geräuschvolles in der Beschäftigung, oder lautes Befehlen; nichts von der aufdringlichen Wirthschaftsweise, welche zur Qual gesteigert wird. Du wirst nicht von den Anstalten, dir Bequemlichkeit zu verschaffen, beunruhigt, und doch geschieht Alles, und geschieht ordentlich. Die häusliche Arbeit wird wie durch Zauberei verrichtet, aber es ist die Zauberei des Systems. Nichts wird in einzelnen gewaltsamen Bewegungen, noch zu unrechter Zeit gethan; das Ganze geht seinen Weg wie ein wohlgeöltes Uhrwerk, in dessen Gange weder Lärm noch Anstoß ist. Englische Dienstboten werden gewöhnlich nicht mit großer Nachsicht behandelt oder durch viele Lobeserhebungen belohnt; denn die Engländer sind lakonisch und zurückhaltend gegen ihre Leute; aber ein beifälliges Kopfnicken und ein freundliches Wort von dem Herrn oder der Gebieterin, thun hier eben so viel, als ein Uebermaß von Lob und Nachsicht anderwärts. Auch die Dienstboten legen ihre Zuneigung zu ihren Brodherren nicht auf eine lebhafte Weise an den Tag; allein obgleich äußerlich still, haben sie doch eine sehr innige Anhänglichkeit; und das gegenseitige Wohlwollen von Herren und Dienern ist, wenn es gleich nicht feurig hervortritt, doch nicht weniger stark und ausdauernd in alten englischen Familien. Die Benennung eines »alten Dieners des Hauses« hat in allen Theilen der Welt tausend freundliche Gedankenverbindungen in ihrem Gefolge, und es gibt keinen unwiderstehlichern Anspruch auf die näheren Herzens-Wohlthaten, als den, »im Hause geboren worden zu sein.« Es ist gewöhnlich, grauköpfige Dienstboten dieser Art in einer englischen Familie »aus der alten Schule« zu sehen, welche bis zu ihrem Todestage darin bleiben, immer desselben ungekünstelten Wohlwollens sich erfreuen, und eben so treu und ohne Aufdringlichkeit ihre Schuldigkeit thun. Ich glaube, solche Beispiele von Anhänglichkeit gereichen Herren und Dienern zur Ehre, und ihre Häufigkeit spricht vortheilhaft für den Charakter des Volks. Diese Bemerkungen finden indessen nur bei Familien der Art, wie ich sie eben erwähnt habe, ihre Anwendung, so wie bei denen, die überhaupt etwas zurückgezogen leben und den größern Theil ihrer Zeit auf dem Lande zubringen. Was die gepuderten Handlanger betrifft, welche in den Sälen der modischen Stadtpaläste umherschwärmen, so geben sie gleicherweise ein Bild von dem Charakter der Haushaltungen, in die sie gehören: und ich kenne keine vollständigere Inbegriffe verderbter Herzlosigkeit und gemästeter Nutzlosigkeit. Aber der gute »alte Familien-Bediente!« – Er, der in Gedanken immer mit der Heimath unsers Herzens verbunden gewesen ist; der uns in den Tagen plaudernder Kindheit in die Schule geführt hat; der der Vertraute unserer kindischen Sorgen, Pläne und Unternehmungen war; der uns begrüßte, wenn wir in den Ferien nach Hause kamen, und bei allen unseren Feiertagsspielen der Angeber war; der, wenn wir als Männer auf unsern Wanderungen das väterliche Dach verlassen haben und nur von Zeit zu Zeit wieder dahin zurückkehren, uns mit einer Freude empfängt, die nur von der unserer Eltern übertroffen wird; der jetzt grau und schwach geworden durch das Alter, noch immer um das Haus unserer Väter in liebevoller, treuer Dienstbarkeit umherwankt; der uns gewissermaßen als sein eigen anspricht und mit eigensinnigem Eifer danach strebt, vor seinen übrigen Mitbedienten uns immer bei Tische zu bedienen; und der, wenn wir des Abends uns nach unserm Zimmer zur Ruhe begeben, das noch immer nach uns heißt, sich darin zu schaffen macht, um noch einen freundlichen Blick zu erhaschen und noch ein liebes Wort über vergangene Zeiten zu sprechen – wer empfindet nicht gegen ein solches Wesen ein Gefühl von beinahe kindlicher Zuneigung? Ich habe mehrere Beispiele von Grabschriften auf den Leichensteinen so guter Dienstboten gefunden, welche ganz das einfache Gepräge der Wahrheit, des natürlichen Gefühls an sich tragen. Ich habe in diesem Augenblick zwei solcher vor mir; die eine ist von einem Grabsteine auf einem Kirchhofe in Warwickshire abgeschrieben: »Hier ruhen die Gebeine Joseph Batte's, des vertrauten Dieners von George Birch, Esq., von Hamstead-Hall. Sein dankbarer Freund und Gebieter ließ diese Inschrift zum Andenken an seine Bescheidenheit, Treue, seinen Fleiß und seine Mäßigkeit setzen. Er starb (unverheirathet) im 84sten Jahre, nachdem er 44 Jahre lang in derselben Familie gelebt hatte.« Die zweite ist von einem Leichensteine auf dem Kirchhofe in Eltham entnommen: »Hier ruhen die Ueberbleibsel des Hrn. James Tappy, welcher am 8. September 1818 im 84sten Jahre von diesem Leben schied, nachdem er 60 Jahre in einer Familie treu gedient; geehrt von jedem Mitgliede derselben; und im Tode betrauert von dem einzigen Ueberlebenden.« Wenige Denkmäler, selbst unter den berühmten, haben mein Herz mit der freudigen Rührung erfüllt, welche mich durchdrang, als ich diese treuherzige Inschrift auf dem Kirchhofe zu Eltham abschrieb. Ich theilte die Gefühle dieses »einzigen Ueberlebenden,« der über dem Grabe des treuen Anhängers seines Geschlechts trauert, welcher ohne Zweifel eine lebendige Gedächtnißtafel aller vorübergegangenen Freunde und Zeiten gewesen war; und während ich dieses Denkmal langer und treuer Dienste betrachtete, fiel mir die rührende Rede des alten Adam in »Wie es euch gefällt« ein, wo er sagt, als er dem Sohne seines alten Herrn folgt: »Gebieter, geh' voran, ich folge gern, In Lieb' und Treue, bis in's Grab dem Herrn.« Ich kann nicht umhin, hier noch einer Grabschrift zu gedenken, die ich irgendwo in der Kapelle des Schlosses von Windsor gesehen habe und welche von dem verstorbenen König zum Andenken an eine Dienerin des Hauses errichtet wurde, die eine treue Pflegerin seiner tief betrauerten Tochter, der Prinzessin Amalie, war. Georg III. besaß viel von dem innigen häuslichen Gefühle der alten englischen Landgutbesitzer, und es ist ein in der Geschichte der Grabdenkmale seltenes, und für das menschliche Herz ehrenvolles Beispiel, daß ein Monarch zu Ehren der stillen Tugenden eines Dienstboten ein Denkmal errichtet. Die Wittwe. So gut, so mitleidsvoll war sie, Mäus' in der Falle sah sie nie, Todt oder blutend, ohne Zähren: Die kleinen Hunde mußt sie nähren Mit Fleisch und Milch und Zuckerbrod, Und weinte bitter, fand sie eines todt, Oder wenn eine Ruth' sie traf. Chaucer . Ungeachtet des sonderbaren Aufzugs von Lady Lillycraft bei ihrer Ankunft, hat sie doch nichts von der kleinlichen Förmlichkeit, die ich mir gedacht hatte; im Gegentheil, sie besitzt einen Grad von Natürlichkeit und Einfalt des Herzens, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, der zu ihrer altväterischen Art und Weise und ihrer harmlosen Pracht sehr gut paßt. Sie kleidet sich in schwere Seidenzeuge, mit langer Taille; sie legt bedeutend Roth auf, und ihr beinahe graues Haar ist heraus gekräuselt und mit Nadeln aufgesteckt. Sie ist pockennarbig, allein die Feinheit ihrer Züge zeigt, daß sie einst sehr hübsch gewesen sein mochte; und sie hat sehr weiße, wohlgeformte Hände und Arme, worauf, wenn ich nicht ganz irre, die gute Dame noch ein wenig eitel ist. Ich habe die Neugierde gehabt, einige nähere Nachrichten über sie einzuziehen. Sie war vor dreißig bis vierzig Jahren eine große Schönheit in London gewesen und hatte zwei Winter lang in allem Stolze ihrer Reize regiert und mehrere sehr vortheilhafte Heirathsanträge ausgeschlagen; unglücklicherweise verlor sie durch die Pocken ihre Reize und ihre Anbeter zugleich. Sie begab sich alsbald auf das Land, wo sie kurze Zeit nachher ein Gut erbte und einen Baronet, einen früheren Anbeter, heirathete, dessen Leidenschaft plötzlich wieder erwacht war, »da er,« wie er sagte, »jederzeit mehr ihren Geist, als ihr Aeußeres geliebt hätte.« Der Baronet genoß indeß ihren Geist und ihr Vermögen nicht über sechs Monate, und war ihrer kaum sehr müde geworden, als er auf einer Fuchsjagd den Hals brach, und sie nun reich, frei und untröstlich zurück ließ. Sie blieb seit der Zeit beständig auf ihrem Gute, und hat nie irgend ein Verlangen bezeigt, wieder nach der Stadt zu kommen und den Schauplatz ihrer früheren Triumphe und ihrer unglücklichen Krankheit wiederzusehn. Alle ihre Lieblingserinnerungen wenden sich indeß auf jene kurze Zeit ihrer jugendlichen Schönheit zurück. Sie hat keinen andern Begriff von der Hauptstadt, als wie sie zu jener Zeit war; und vergißt beständig, daß sich in beinahe einem halben Jahrhunderte der Ort und die Menschen wesentlich verändert haben müssen. Sie spricht sehr oft von den Trinksprüchen jener Zeit, als ob sie noch in der Mode wären; und pflegte bis noch ganz vor Kurzem mit Entzücken von der königlichen Familie und der Schönheit der jungen Prinzen und Prinzessinnen zu reden. Sie kann nicht dahin gebracht werden, sich den jetzigen König anders zu gedenken, denn als einen zierlichen, etwas wilden jungen Mann, der aber eine Menuet ganz göttlich getanzt habe; und sie pflegte seiner, ehe er auf den Thron kam, öfter als des »lieben jungen Prinzen« zu erwähnen. Sie spricht auch von den Spaziergängen im Garten von Kensington, wo die Herren in goldbesetzten Röcken und mit dreieckigen Hüten, die Damen aber in Reifröcken erschienen, und stolz in den mit Gras bewachsenen Alleen einherschritten; und sie ist der Meinung, daß die Damen sich sehr erniedrigt hätten, als sie die Kopfzeuge mit den Kissen darunter und die Schuhe mit hohen Absätzen aufgegeben. Sie weiß auch viel von den Offizieren zu erzählen, die sich unter dem Gefolge ihrer Verehrer befanden, und spricht vertraulich von mehreren wilden jungen Degen, die jetzt vielleicht in den Bädern mit Krücken und Podagristen-Stiefeln umherhumpeln. Ob das, was die gute Dame von der Ehe kennen gelernt, sie davor abgeschreckt hat, kann ich nicht sagen; aber, obgleich ihre persönlichen Eigenschaften und ihre Reichthümer manche Bewerber herbeigezogen haben, so war sie doch nie wieder versucht, sich in diesen glücklichen Stand zu wagen. Dieß ist auch auffallend, denn sie scheint ein sehr sanftes und empfängliches Herz zu haben; spricht immer von Liebe und ehelicher Glückseligkeit; und streitet sehr für altväterische Galanterie, zarte Aufmerksamkeit und ewige Beständigkeit, von Seiten der Herren. Sie lebt indeß nach ihrem eigenen Geschmack. Ihr Haus muß, wie man mir gesagt hat, um Sir Charles Grandison's Zeit erbaut und möblirt worden sein; Alles, was dazu gehört, ist etwas förmlich und stattlich; hat aber den sanfteren Anstrich einer gewissen Weichlichkeit erhalten, wie man es bei einer alten, sehr zartsinnigen, romantischen Dame, die ihre Bequemlichkeit liebt, erwarten darf. Die Kissen auf den großen Lehnstühlen und den breiten Sopha's begraben Dich beinahe, wenn Du dich auf sie niedersetzest. Blumen der seltensten, freundlichsten Art sind in den Gemächern und auf kleinen lackirten Gestellen aufgestellt, und Räucherkissen liegen auf allen Tischen und Kaminsockeln. Das Haus ist voll von Schooßhündchen, Angorakatzen und Singvögeln, die eben so aufmerksam bedient werden, als sie selbst. Sie ist bei ihrem Essen eigen und etwas weniges von einer Epikuräerin, lebt nur von weißem Fleische und kleinen für Frauen bestimmten Schüsseln, wenn gleich ihre Dienstboten kräftige englische Kost haben, wie auch ihr Aussehen bezeugt. In der That wird diesen so viel nachgesehen, daß sie alle verwöhnt sind, und wenn sie ihre jetzigen Stellen verlieren, für keine andere mehr taugen. Ihre Herrlichkeit ist eines von jenen wohlgesinnten Wesen, die stets bestimmt sind, von ihren Leuten sehr geliebt, aber schlecht bedient, und von der ganzen Welt betrogen zu werden. Sie wendet einen großen Theil ihrer Zeit auf das Lesen von Romanen, wovon sie eine sehr große Sammlung besitzt, und womit sie von den Verlegern in der Stadt beständig versehen wird. Ihre Belesenheit in diesem Zweige der Literatur ist unermeßlich: sie hat seit einem halben Jahrhundert mit der Presse immer gleichen Schritt gehalten. Ihr Geist ist mit zärtlichen Geschichten aller Art angefüllt, von den abgemessenen Liebschaften in den alten Ritterbüchern herab bis zu dem neuesten blau broschirten Roman, der ganz warm aus der Presse kommt, obgleich sie denen, die in ihrer Jugendzeit, und als sie zuerst verliebt war, erschienen sind, augenscheinlich den Vorzug gibt. Sie behauptet, daß heutiges Tages keine Romane mehr geschrieben werden wie Pamela und Sir Charles Grandison; und das Schloß von Otranto stellt sie über alle Romane. Sie thut sehr viel Gutes in der Nachbarschaft, und wird von jedem Bettler in der Grafschaft betrogen. Sie ist die Wohlthäterin eines Dorfes, nahe an ihrem Gute, und nimmt einen besondern Antheil an allen Liebesgeschichten daselbst. Sie weiß von jedem bestehenden zärtlichen Verhältniß; jedes liebesieche Mädchen kann sicher sein, an Ihrer Herrlichkeit eine geduldige Zuhörerin und eine weise Rathgeberin zu finden. Sie gibt sich große Mühe, alle Liebes-Zwiste beizulegen, und sollte irgend ein treuloser Schäfer bei seiner Unbeständigkeit beharren, so mag er gewiß sein, daß er den heftigsten Zorn der guten Dame auf sich zieht. Ich habe alle diese Einzelnheiten theils von Frank Bracebridge, theils von Meister Simon erfahren, und bin nun im Stande, die unermüdete Aufmerksamkeit des Letzteren für Ihre Herrlichkeit zu erklären. Ihr Haus ist eines seiner Lieblings-Aufenthaltsorte, und er ist dort eine sehr bedeutende Personage. Er macht ihr jährlich einmal einen Geschäftsbesuch, wo er alle ihre Angelegenheiten ins Auge faßt, die, da sie den Haushalt nicht versteht, leicht in Verwirrung gerathen. Er sieht die Bücher des Verwalters nach und jagt auf dem Gute, wo, wie er sagt, sehr viel Wild zu finden ist, ungeachtet alle Vagabunde in der Nachbarschaft dort auf Wilddieberei ausgehen. Mau glaubt, wie schon vorhin angedeutet worden, der Capitain werde den größern Theil ihres Vermögens erben, da er immer ihr besonderer Liebling gewesen ist; denn sie ist sehr parteiisch in Hinsicht auf rothe Röcke. Auch kam sie jetzt nach der Halle, um bei seiner Hochzeit gegenwärtig zu sein, da sie sich sehr dazu neigt, an allen Liebes- und Heirathsgeschichten Antheil zu nehmen. Die Liebenden.     Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her. Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Felde, der Lenz ist herbei gekommen und die Turteltaube läßt sich hören in unserem Lande. Das hohe Lied Salomon's. Für einen Mann, der ein wenig von einem Philosophen und ein Junggesell obendrein ist, und der, vermittelst einiger Erfahrungen über die Thorheiten des Lebens, mit geübtem Auge die Wege des Mannes, so wie die des Weibes zu betrachten anfängt; für einen solchen Mann, sage ich, ist es etwas sehr unterhaltendes, das Betragen eines jungen liebenden Paares zu beobachten. Es ist vielleicht kein so ernstes, wissenschaftliches Studium, als das der Liebe der Pflanzen, aber es ist gewiß eben so anziehend. Es hat mir demnach seit meiner Ankunft in der Halle viel Vergnügen gemacht, die schöne Julie und ihren Geliebten zu beobachten. Sie hat ganz das entzückende, erröthende Bewußtsein eines kunstlosen Mädchens, das, noch in der Coquetterie unerfahren, seine erste Eroberung gemacht hat: während der Capitain sie mit der Mischung von Liebe und Entzücken betrachtet, womit ein jugendlicher Liebhaber wohl auf eine so schöne Beute hinblickt.   Julie Ich beobachtete sie gestern im Garten, während sie einen der einsamen Gänge entlang gingen. Die Sonne schien mit köstlicher Wärme, große Massen von glänzendem Grün und tiefblauen Schatten bildend. Der Kukuk, dieser »Bote des Frühlings,« ließ sich leise in der Entfernung hören; die Drossel sang von dem Hagedorn und die gelben Schmetterlinge spielten, gaukelten und liebelten in der Luft. Die schöne Julie lehnte sich auf ihres Geliebten Arm mit niedergeschlagenen Augen, mit sanftem Erröthen auf ihren Wangen und einem ruhigen Lächeln um ihre Lippen, auf seine Unterhaltung lauschend, während sie in der nachlässig herabhangenden Hand einen Blumenstrauß hielt. So schlenderten sie langsam weiter, und wie ich sie, und die Art, wie sie mit einander gingen, betrachtete, konnte ich nicht umhin, zu denken, daß es doch unendlich Schade sei, daß die Jahreszeit jemals sich verändert, daß junge Leute jemals alt würden, daß die Blüthen den Früchten Platz machten, oder daß Liebende sich jemals heiratheten. Aus dem, was ich in der Familie erfahren habe, geht hervor, daß die schöne Julie die Tochter eines vertrauten Universitäts-Freundes des Squire ist; der, nachdem er Oxford verlassen, in die Armee trat, und mehrere Jahre in Indien diente, wo er in einem Scharmützel mit den Eingebornen tödtlich verwundet wurde. In seinem letzten Augenblicke empfahl er noch schriftlich, mit zitternder Hand, seine Gattin und sein Kind dem Wohlwollen seines Jugendfreundes. Die Wittwe und ihr Kind kehrten hülf- und beinahe hoffnungslos nach England zurück. Als Herr Bracebridge Nachricht von ihrer Lage erhielt, eilte er, sie zu unterstützen. Er kam gerade noch zu rechter Zeit zu ihnen, um die letzten Augenblicke der Mutter, die an der Auszehrung starb, zu versüßen, und sie mit der Versicherung zu beglücken, daß es ihrem Kinde nie an einem Beschützer fehlen solle. Der gute Squire kehrte mit seiner plaudernden Mündel in seine feste Burg zurück, wo er sie mit einer wahrhaft väterlichen Zärtlichkeit erzog. Da er sich selbst einige Mühe gegeben hat, über ihre Erziehung die Oberaufsicht zu führen und ihren Geschmack zu bilden, so ist sie mit mehrern seiner Ansichten aufgewachsen, und hält ihn für den klügsten, so wie für den besten Mann. Einen großen Theil ihrer Zeit hat sie auch bei Lady Lillycraft zugebracht, die sie in den Sitten der alten Schule unterrichtet und ihren Geist mit allen Arten von Geschichten und Romanen genährt hat. Wirklich hat ihre Herrlichkeit bei der Heirath zwischen Julie und dem Capitain sehr die Hand im Spiele gehabt, da sie sie auf ihrem Landsitz beisammen behielt, sobald sie nur merkte, daß eine Neigung zwischen ihnen im Werden war; denn die gute Dame ist nie glücklicher, als wenn sie ein Paar Turteltauben hat, welche um sie girren. Es macht mir großes Vergnügen, die Liebe zu sehen, mit welcher alle Dienstboten in der Halle der schönen Julie ergeben sind. Von ihrer Kindheit an haben sie mit ihr getändelt, und jedes von ihnen scheint einigen Anspruch darauf zu machen, sie erzogen zu haben; so daß man sich nicht wundern darf, wenn ihre Erziehung überaus vollkommen geworden ist. Der Gärtner lehrte sie Blumen pflegen, die sie sehr liebt. Der alte Christy, der eigensinnige Jäger, wird sanft, wenn sie sich nähert; und da sie leicht und anmuthig im Sattel sitzt, so maßt er sich das Verdienst an, sie reiten gelehrt zu haben; während die Haushälterin, welche sie beinahe wie ihre Tochter betrachtet, zu verstehen gibt, daß sie ihr zuerst einen Blick in die Geheimnisse der Toilette gegeben habe, da sie in ihren jüngeren Tagen Kammermädchen bei der verstorbenen Mrs. Bracebridge gewesen. Den letztern Anspruch bin ich geneigt zuzugestehen, da ich bemerkt habe, daß der Anzug der jungen Dame etwas nach der alten Schule schmeckt, wenn er gleich durch ihren natürlichen Geschmack gemodelt worden, und daß ihr Haar in hohem Grade in dem Style von Sir Peter Lely's Porträts in der Bilder-Galerie angeordnet ist. Selbst ihre musikalische Bildung hat etwas von diesem altväterischen Charakter an sich, und die meisten von ihren Liedern werden heut zu Tag nicht auf den Pianos unserer neueren Klavierspieler gefunden werden. Ich habe indeß so viel von den neueren Moden, den neueren Talenten, und den neueren Modedamen kennen gelernt, daß ich mit diesem Anfluge eines älteren Styls bei einem so jungen und so liebenswürdigen Mädchen gern Nachsicht übe; und ich habe eben so viel Vergnügen dabei gehabt, sie eines von den alten Liedern von Herrick, Carew oder Suckling hertrillern zu hören, die einer einfachen alten Melodie angepaßt sind, als ich fühlte, wenn ich eine Dilettantin die schönste Bravour-Arie von Mozart oder Rossini auf- und abschmettern hörte. Wir haben von Zeit zu Zeit des Abends sehr schöne Musik von ihr und dem Capitain, wobei sie bisweilen Meister Simon unterstützt, der die Violine etwas unsicher kratzt, denn er kömmt wohl einmal aus dem Takt und bleibt um eine oder zwei Noten zurück. Er paukt auch zuweilen ein wenig auf dem Piano und singt die dritte Stimme in einem Trio, worin man ihn sehr bald an einem gewissen zitternden Tone und einer zeitlichen falschen Note erkennen kann. Ich lobte ihm einmal nach einem Gesange der schönen Julie Stimme, und fand, daß er es allein auf sich nahm, ihren musikalischen Geschmack gebildet zu haben; er setzte hinzu, sie sei sehr gelehrig; und, indem er überhaupt, nach seiner schlauen Art ein allgemeines Urtheil über sie fällte, fügte er bei, »sie sei ein sehr nettes Mädchen und habe keine Albernheiten an sich.« Familien-Reliquien. Meiner Infelice Antlitz, Stirn und Auge, Der Wange Grübchen: und so seltne Kunst Floß aus dem Pinsel des geschickten Malers! Die Lippe, frisch, lebendig, gleicht der ihren; Die falsche Farbe überlebt die wahre. Die Rosen all, die ihre Wangen schmückten, Die Anmuth all, die einst ihr Aug' umglänzte, Die Musik all, die ihre Stimm' gehaucht, – Das all, was über Frauenwerth erhaben, Ihr weißer Busen barg; das Alles, sieh, Umfaßt die bunte Tafel! Dekker . Ein altenglisches Familien-Wohnhaus ist ein fruchtbarer Gegenstand für Studien aller Art. Es ist voll von Erläuterungen früherer Zeiten und Spuren des mannigfaltigen Geschmacks, der Launen und Sitten aufeinander folgender Geschlechter. Die Veränderungen und Zusätze bei den verschiedenen Stylen der Baukunst; Möbel, Geschirr, Bilder, Tapeten; die kriegerischen und Jagdgeräthschaften der verschiedenen Zeitalter und Moden; alles gibt Stoff zu sonderbaren, unterhaltenden Forschungen. Da der Squire alle Familien-Reliquien sehr sorgfältig sammelt und aufbewahrt, so ist die Halle voll von Andenken dieser Art. Wenn ich im Hause umhersehe, kann ich mir dabei von dem Charakter und den Gewohnheiten, die zu verschiedenen Perioden der Familiengeschichte vorherrschend gewesen sind, ein lebendiges Bild machen. Ich habe bei einer früheren Gelegenheit der Rüstung des Kreuzfahrers gedacht, welche in dem großen Saale aufgehängt ist. So finden sich hier auch mehrere Reiterstiefeln mit ungeheuern dicken Sohlen und hohen Absätzen, welche Kavalieren gehörten, die zur Zeit der Covenanters die Halle mit dem Klange und Geräusch ihrer Waffen erfüllten. Eine Menge ungeheurer Trinkgefäße von alter Form; große venetianische Trink- und grüne Rheinweingläser, mit den Aposteln in halb erhabener Arbeit darauf, sind noch als Denkmale eines oder zweier Geschlechter vorhanden, die ein Leben voll tobender Völlerei führten und zuerst das Podagra in die Familie einführten. Ich übergehe mehrere solcher Anzeichen der Neigungen von Seiten der Vorfahren des Squire; aber ich kann nicht unterlassen, des Hirschgeweihes in dem großen Saale zu gedenken, eines der Siegeszeichen eines wohlberittenen Squire aus frühern Zeiten, welcher der Nimrod dieser Gegend war. Manche Erzählungen von seinen wundervollen Thaten als Jäger sind jetzt noch gäng' und gebe, die der alte Christy, der Jäger, erzählt, der es überaus übel nimmt, wenn man sie im Geringsten bezweifelt. In der That, einige wenige Meilen von der Halle ist eine furchtbare Kluft, welche unter dem Namen des Squire-Sprunges bekannt ist, weil er in der Hitze der Jagd darüber hinweggesetzt haben soll; auch kann gar kein Zweifel an der Sache obwalten, denn der alte Christy zeigt die Spuren der Roßhufe auf den Felsen zu beiden Seiten der Kluft. Meister Simon hält das Andenken dieses Squire in großen Ehren, und weiß eine Menge wunderbarer Geschichten von ihm zu erzählen, die er bei allen Jagdschmausereien wiederholt; und ich höre, daß sie mit der Zeit immer wunderbarer werden. Er besitzt auch ein Paar in Rippon gemachte Sporen, welche diesem mächtigen alten Jäger gehörten, und die er nur bei besonderen Gelegenheiten trägt. Der Ort jedoch, welcher die meisten Andenken an vergangene Zeiten aufzuweisen hat, ist die Gemälde-Galerie; und es ist etwas besonders Angenehmes, wenn gleich Melancholisches, in dem Anschauen dieser langen Reihen von Portraits, welche den größten Theil der Sammlung ausmachen. Sie bilden eine Art von Lebensbeschreibung der ausgezeichneteren Familien-Glieder, die ich, mit Hülfe der ehrwürdigen Haushälterin, welche die Familien-Chronistin ist, und gelegentlich von Meister Simon unterstützt wird, zu lesen im Stande bin. Hier ist, zum Beispiel, das ganze Leben einer schönen Frau, in mehreren Bildern. Das eine stellt sie als ein kleines Mädchen, mit langer Taille und Reifrock dar; sie hat ein Kätzchen auf dem Arme und blickt den Zuschauer aus den Augenwinkeln an, als ob sie den Kopf nicht herumdrehen könnte. Auf einem andern finden wir sie in der Frische jugendlicher Schönheit, zu der Zeit, wo sie eine berühmte »belle« und so hartherzig war, daß mehrere unglückliche Anbeter darüber in Verzweiflung geriethen und schlechte Verse machten. Auf einem andern ist sie als eine stattliche Frau, in der Reife ihrer Reize, dargestellt, neben dem Bilde ihres Gatten, eines tapfern Obersten mit einer Wolkenperücke und goldbesetztem Hute, der im Auslande getödtet wurde, und endlich ist in der Kirche, deren Thurmspitze man aus dem Fenster sehen kann, ihr Grabdenkmal, auf welchem man ihr Bildniß in Marmor sehen kann, das sie als eine ehrwürdige Dame von sechsundsiebenzig Jahren darstellt. So habe ich auch einige von den großen Männern aus der Familie durch eine Reihe von Bildnissen, von ihrer frühesten Kindheit bis zu dem amtlichen Gewande oder dem Kommandostab, und so stufenweise weiter verfolgt, bis sie in der allgemeinen Ruhestätte der benachbarten Kirche beigesetzt worden. Hier ist eine Gruppe, die mich ganz besonders anzieht. Sie besteht aus vier Schwestern von beinahe gleichem Alter, welche vor ungefähr einem Jahrhundert blühten, und die, wenn ich nach ihren Bildern urtheilen darf, ungemein schön waren. Ich kann mir denken, welch' ein fröhlicher und romantischer Schauplatz dieses alte Haus gewesen sein muß, als sie in der Blüthe ihrer Reize waren; als sie, gleich anmuthigen Erscheinungen, durch seine Säle glitten, oder zu den Tönen der Musik, bei den Festen und Tänzen in der Cedergalerie, leicht dahin schwebten, oder ihre zarten Füße der sammtnen Grüne dieser Rasengänge ihre Spuren eindrückten! Wie müssen die treuen Familienbedienten sie mit einem Gemisch von Liebe und Stolz und Ehrfurcht betrachtet, und die geblendeten Augen der eifersüchtigen Bewunderer sie mit beinahe peinlicher Bewunderung verfolgt haben! Wie müssen Melodie und Gesang und zärtliche Serenaden in diesen Höfen gehaucht und ihr Nachhall den zögernden Schritt der Geliebten umflüstert haben! Wie müssen selbst diese Thürme die Herzen der jungen Wildfänge, wenn sie sie aus der Ferne aus den Bäumen sich erheben sahen, und wenn sie sich die Schönheiten wie Edelsteine in diesen Mauern verborgen dachten, entflammt haben! Wirklich, ich habe an dem Orte einige schwache Spuren dieses Reiches der Liebe und der Romantik, als die Halle noch eine Art Hof der Schönheit war, entdeckt. Mehrere von den alten Romanen in der Bibliothek enthalten Randglossen, Mitgefühl und Beifall aussprechend, wo lange Reden sich finden, in welchen die Reize der Frauen erhoben werden, oder welche Versicherungen ewiger Treue, oder Klagen über die Grausamkeit irgend einer tyrannischen Schönen enthalten. Die Zusammenkünfte und Erklärungen und Abschiedsscenen zärtlicher Liebenden, tragen ebenfalls Spuren vom häufigen Lesen, sind eingeschlagen, mit bewundernden Noten versehen, und haben auf den Rändern Anfangsbuchstaben; bei den meisten solcher Anmerkungen steht der Tag des Monats und das Jahr. Auch in mehrere Fenster sind mit Diamanten Bruchstücke von Poesie eingeschnitten, die aus den Schriften der schönen Mrs. Philipps, der einst berühmten Orinda entlehnt sind. Einige von diesen scheinen von Liebenden geschrieben zu sein; andere, mit zarter und unsicherer Handschrift und ein wenig unrichtig in der Orthographie, rühren offenbar von den jungen Damen selbst, oder von Freundinnen her, welche auf der Halle zum Besuche waren. Mrs. Philipps scheint ihre Lieblingsschriftstellerin gewesen zu sein, und sie haben die Namen ihrer Helden und Heldinnen unter ihre genaueren Bekannten vertheilt. Zuweilen klagt der Vers, von einer männlichen Hand, über die Grausamkeit der Schönen und die Leiden einer beständigen Liebe; während die weibliche Hand sich spröde darauf beschränkt, über die Trennung von ihren Freundinnen zu jammern. Das Erkerfenster meines Schlafzimmers, welches ohne Zweifel von einer dieser Schönheiten bewohnt worden ist, hat verschiedene solcher Inschriften. Ich habe in diesem Augenblick eine vor mir, unter dem Titel: »Camilla, von Leonora scheidend:« Wie rasch die Freude mir verschwand,     Wie eilt die Gegenwart! Was tröstet, was ist von Bestand, Wenn diese nicht verharrt? Und dicht dabei steht eine andere, vielleicht von einem kühnen Liebhaber geschrieben, der sich während der Abwesenheit der Dame in ihr Zimmer geschlichen hatte: Theodosius an Camilla . Lieber in deiner Gunst leb' ich, Als in Unsterblichkeit; Und jeden Namensruhm geb' ich Für die Glückseligkeit. Theodosius , 1700. Wenn ich diese schwachen Denkmale der Galanterie und Zärtlichkeit betrachte, wenn ich die verblichenen Bilder dieser schönen Mädchen ansehe, und dann noch daran denke, daß sie schon seit langer Zeit geblüht haben, alt geworden, gestorben und dahingegangen sind, und mit ihnen alle ihre Annehmlichkeiten, ihre Triumphe, ihre Eifersucht, ihre Bewunderer; das ganze Reich der Liebe und des Vergnügens, in welchem sie herrschten – »Alles todt, Alles begraben, Alles vergessen,« so fühle ich, daß eine Wolke der Schwermuth sich über die gegenwärtige Fröhlichkeit stiehlt. Ich betrachtete, in Nachdenken versunken, gerade diesen Morgen das Bild der Dame, deren Gatte im Auslande blieb, als die schöne Julie, auf den Arm des Capitains gelehnt, in die Galerie trat. Die Sonne strahlte durch die Reihe von Fenstern auf sie, wie sie da entlang ging und abwechselnd in Glanz aufzutauchen und in Schatten zu versinken schien, bis sich die Thür am Ende der Galerie hinter ihr schloß. Ich fühlte eine gewisse Traurigkeit des Herzens bei dem Gedanken, daß dieß ein Bild ihres Looses sei: noch einige wenige Jahre Sonnenschein und Schatten, und all dieses Leben, diese Lieblichkeit, diese Wonnen werden vorüber, und nichts mehr vorhanden sein, um an dies schöne Wesen zu erinnern, als ein vergängliches Bild mehr, das vielleicht nur die alltäglichen Betrachtungen irgend eines künftigen Müßiggängers, wie ich, veranlassen wird, wenn ich und mein Gekritzel längst unser kurzes Dasein durchlebt haben und vergessen sein werden. Der alte Soldat. Ich habe im Ausland etwas Leder vertragen; eine oder zwei Heidenseelen vom Irdischen befreit; dieß gute Schwert mit dem schwarzen Blut der heidnischen Christen getränkt; ein paar Ungläubige damit bekehrt – doch, laßt das gut sein. Der Gasttisch . Die Halle wurde vor einigen Tagen durch die Ankunft des Generals Harbottle in eine kleine Bewegung versetzt. Man hatte ihn schon seit einigen Tagen erwartet, und Mehrere von der Familie hatten seiner Erscheinung mit Ungeduld entgegengesehen. Meister Simon versicherte mich, daß ich den General »ungeheuer lieb« gewinnen würde. denn er sei ein Degen aus der alten Schule und ein vortrefflicher Tischgesellschafter. Auch Lady Lillycraft schien am Morgen vor der Ankunft des Generals einigermaßen in Unruhe zu sein, denn er war einer von ihren ersten Bewunderern gewesen; und sie erinnerte sich seiner nur als eines zierlichen jungen Fähnrichs, der so eben in die Hauptstadt gekommen war. Wirklich brachte sie eine Stunde länger bei ihrer Toilette zu, und zeigte sich mit ungewöhnlich sorgfältig frisirtem und gepudertem Haar, und einer stärkeren Lage Schminke. Eine kleine Ueberraschung und nicht wenig Verdruß waren daher sichtbar, als sie den schlanken, artigen Fähnrich in einen corpulenten alten General mit einem Doppelkinn verwandelt sah, obgleich es zum Malen war, ihre Begrüßung zu sehen, die Zierlichkeit ihres tiefen Knixes, und die Art der alten Schule, mit welcher der General seinen Hut abnahm, ihn zierlich schwenkte, und seinen gepuderten Kopf beugte. All das Getöse und die Vorbereitungen hatten mich veranlaßt, den General mit etwas größerer Aufmerksamkeit zu beobachten, als dieß vielleicht sonst geschehen sein würde; und die wenigen Tage, welche er bereits auf der Halle zugebracht hat, haben mich, wie ich glaube, in den Stand gesetzt, dem Leser ein erträgliches Bild von ihm zu entwerfen. Er ist, wie Meister Simon bemerkt hat, ein Soldat aus der alten Schule, mit gepudertem Kopfe, Seitenlocken und einem Zopfe. Sein Gesicht ist wie der Spiegel eines holländischen Kriegsschiffes geformt, oben schmal und unten breit, mit vollen rothen Backen und einem doppelten Kinn, so daß man, um nach der heutigen Art zu reden, seine Eß-Organe als ungemein vollständig entwickelt ansehen kann. Der General, wenn gleich Veteran, hat doch sehr wenig von dem wirklichen Felddienst gesehen, die Einnahme von Seringapatam ausgenommen, welche eine Epoche in seiner Geschichte bildet. Er trägt einen großen Smaragd an seinem Busen, und einen Diamanten am Finger, die er bei dieser Gelegenheit bekommen, und wer immer unglücklich genug ist, einen von beiden ins Auge zu fassen, kann sicher sein, die ganze Geschichte der Belagerung hören zu müssen. Nach des Generals Unterhaltung zu urtheilen, ist die Einnahme von Seringapatam das wichtigste Ereigniß, das sich im letzten Jahrhundert zugetragen hat. Beim Beginne des Krieges auf dem festen Lande beförderte man ihn rasch, damit er nicht jüngeren Offizieren von Verdienst im Wege sein möchte; nachdem man ihn bis zum Range eines Generals emporgehoben hatte, ward er bei Seite gelegt. Von dieser Zeit an haben sich seine Feldzüge vorzüglich auf die Badeorte beschränkt, wo er den Brunnen gegen einen leichten Anfall von Leberkrankheit braucht, den er aus Indien mitgebracht, und mit alten Wittwen, denen er in seinen jüngeren Tagen den Hof gemacht hat, Whist spielt. Ueberhaupt spricht er gern von den schönen Frauen des letzten halben Jahrhunderts, und, nach den Winken zu urtheilen, welche er hie und da gibt, hat er von mancher sich eines aufmunternden Lächelns zu erfreuen gehabt. Er ist sehr gut mit dem Garnisons-Dienst bekannt, und kann fast von allen Orten erzählen, wo gute Quartiere sind, und die Einwohner gute Mittagsessen geben. Er ißt, wenn er in der Stadt wohnt, öfter, denn irgend Jemand, außer dem Hause, da man ihn gerne einlädt, wenn man seine Bekanntschaft gemacht hat. Eben so wird er auf die Landsitze eingeladen und kann, aus eigener Beobachtung, die Hälfte der Landhäuser im Königreich beschreiben; auch ist Niemand bewanderter im Hof-Geklatsch und bekannter mit den Stammbäumen und Wechselheirathen des Adels. Da der General ein alter Hagestolz und ein alter Elegant ist, und mehrere Damen, namentlich seine ehemalige Flamme, Lady Jocelyne, sich in der Halle befinden, spielt er hier sehr den Angenehmen. Er bringt daher gewöhnlich einige Zeit bei seiner Toilette zu, und rückt jeden Morgen erst spät ins Feld, mit wohlfrisirtem und gepudertem Haar, und einer Rose im Knopfloche. Wenn er das Frühstück eingenommen, geht er im Sonnenschein auf der Terrasse auf und nieder, brummt ein Lied, hustet zwischen jeder Strophe, hat die eine Hand auf den Rücken gelegt, und setzt mit der andern abwechselnd seinen Stock auf den Boden und hebt ihn wieder zur Schulter empor. Sollte er auf diesen Morgenspaziergängen irgend einer von den älteren Damen aus der Familie begegnen, wie dieß häufig mit Lady Lillycraft der Fall ist, so hat er sogleich den Hut in der Hand, und das reicht hin, an die steifen Gruppen von Herrn und Damen auf den alten Kupferstichen von der Terrasse von Windsor oder dem Garten von Kensington zu erinnern. Er spricht häufig vom »Dienst,« und brummt gern das alte Lied: Wie, Soldaten, wie? Was, Kinder, soll uns Melancholie? Wie, Soldaten, wie? Zum Sterben sind wir hie. Ich kann indeß nicht finden, daß der General sich je großer Todesgefahr ausgesetzt habe, es sei denn durch einen Schlagfluß oder eine Unverdaulichkeit. Er bekrittelt alle auf dem festen Lande gelieferten Schlachten und erörtert die Verdienste der Befehlshaber, weiß aber am Ende immer die Unterhaltung auf Tippu Saib und Seringapatam zu bringen. Man hat mir gesagt, der General sei während des letzten Krieges ein wackerer Kämpe in Gesellschaftszimmern, auf Paraden und in den Bädern gewesen, und manche alte Dame habe, wenn die Furcht vor einer Landung Buonaparte's sich ihrer bemeistert, mit Hoffnung und Vertrauen auf ihn hingeblickt. Er ist vollkommen loyal, und findet sich, wenn er in der Hauptstadt ist, pünktlich bei den Levers ein. Manche merkwürdige Aeußerungen des verstorbenen Königs hat er aufgespeichert, namentlich eine, wo der König ihm bei einem Manöver eine Artigkeit über sein vortreffliches Pferd gesagt hat. Er preist die ganze königliche Familie, besonders aber den jetzigen König, den er für den ersten Mann von Ton, und für den besten Whistspieler in Europa erklärt. Der General flucht etwas mehr, als es jetzt gerade Mode ist; allein es war zur Zeit der alten Schule so gebräuchlich. Dagegen ist er sehr streng in Religionssachen, und ein eifriger Verfechter der herrschenden Kirche. Er wiederholt bei dem Gottesdienste die Antworten sehr laut, und betet mit Inbrunst für den König und die königliche Familie. Bei Tisch wird mit der zweiten Flasche seine loyale Gesinnung sehr lebendig, und das Lied God save the King versetzt ihn in vollkommene Verzückung. Er ist mit dem jetzigen Zustande der Dinge überaus zufrieden, und wird leicht ein wenig unwillig bei jeder Aeußerung von allgemeinem Verfall und der Noth des Landmannes. Er sagt, er sei so viel als nur irgend Jemand im Lande umhergereist, und habe nichts als Wohlstand gesehen; und die Wahrheit zu sagen, er bringt einen großen Theil seiner Zeit damit zu, von einem Landsitz zum andern zu ziehen und in den Parks seiner Freunde umherzureiten. »Man spricht von der allgemeinen Noth,« sagte er einmal bei Tische zu mir, während er ein Glas trefflichen Burgunders hinunter schlürfte, und seine Augen auf die reichbesetzte Tafel warf: »man spricht von allgemeiner Noth, aber, Sir, wo ist sie denn? ich sehe nichts davon. Ich sehe nirgends einen Grund zu Klagen. Glaubt mir auf mein Wort, das Gerede über die allgemeine Noth ist dummes Zeug!« Der Wittwe Gefolge. Kleine Hund' und alle miteinander. Lear . Als ich von der Ankunft der Lady Lillycraft auf der Halle Bericht erstattete, hätte ich auch erzählen sollen, wie sehr es mich unterhielt, ihren Wagen abpacken und ihr Gefolge unterbringen zu sehen. Es ist für mich etwas ungemein Unterhaltendes in der Anzahl künstlicher Bedürfnisse und der Menge eingebildeter Bequemlichkeiten, aber auch wahrer Lasten, womit sich Prachtliebende gewöhnlich zu beschweren pflegen. Ich beachte gern das sonderbare Treiben und Drängen bei solchen kleinen Reisen. Die Menge vierschrötiger Bedienter und Begleiter aller Art, welche sich mit einem unendlich abgemessenen, wichtigen Aussehen umhertummeln, um beinahe nichts zu thun; die vielen schweren Koffer und Pakete und Pappschachteln, welche der Dame gehören; und die angelegentliche Sorgfalt der Kammerfrau um irgend eine gewöhnliche, schlecht aussehende Schachtel; die Kissen, welche in der Kutsche aufgehäuft sind, um einen weichen Sitz noch weicher zu machen, und die gefürchtete Möglichkeit eines Ruckes zu verhindern; die Riechfläschchen, die stärkenden Tropfen, die Körbe mit Zwieback und Früchten; die neuesten Bücher; alles Schutzwehren gegen Hunger, Ermüdung und Langeweile; die Reitpferde, um auf der Reise eine Abwechselung zu haben; und alle diese Anstalten, dieser Prunk, um vielleicht irgend ein unnützes Menschenkind ein kleines Stück auf der Erde weiter zu befördern! Ich will den letzteren Theil dieser Bemerkungen nicht auf Lady Lillycraft angewendet wissen, vor deren einfacher Herzensgüte ich eine große Achtung habe, und die wirklich ein sehr liebenswerthes, würdiges Wesen ist. Ich kann dennoch nicht umhin, etwas von dem bunten Gefolge zu sagen, das sie mitgebracht hat, und das in der That von der überschwänglichen Herzensgüte zeugt, die es ihr nothwendig macht, mit Gegenständen umgeben zu sein, an denen sie sie auslassen kann. Zuerst hat Ihre Herrlichkeit einen wohlgenährten Kutscher, mit einem rothen Gesichte und Backen, welche wie Wammen herabhangen. Er beherrscht sie offenbar in Rücksicht auf die fetten Pferde; und fährt nur aus, wenn er es für gut findet, und wenn er meint, daß es »gut für die Thiere« sein würde. Sie hat einen Lieblingspagen zur Aufwartung um sich: einen hübschen Knaben von ungefähr zwölf Jahren, der aber ein naseweiser Bursche, sehr verwöhnt, und auf dem besten Wege ist ein Taugenichts zu werden. Er ist grün gekleidet, und hat eine Menge goldener Schnüre und vergoldeter Knöpfe an seinen Kleidern. Sie hat immer einen oder zwei Begleiter dieser Art, und ersetzt sie durch andere, sobald sie 14 Jahr alt geworden sind. Sie hat auch zwei Hunde mitgebracht, von einer großen Anzahl kleiner Kläffer, die sie zu Hause hält. Der eine davon ist ein fetter Wachtelhund, Zephyr genannt – der Himmel bewahre mich indeß vor einem solchen Zephyr! Er ist so gefüttert, daß er alle Form und alle Behaglichkeit verloren hat, seine Augen springen beinahe zum Kopfe heraus; er keucht vor Fettigkeit, und bewegt sich nicht ohne die größte Mühe. Der andere ist ein kleines, altes graumäuliges, filziges Thier, mit einem unglücklichen Auge, das wie eine Kohle glüht, wenn du es nur ansiehst; seine Nase steht empor; sein Maul ist in Runzeln gezogen, so daß man seine Zähne sehen kann; kurz, er hat ganz das Ansehn eines Hundes, der es schon weit im Menschenhasse gebracht hat und der Welt ganz müde ist. Wenn er geht, trägt er seinen Schweif so steif in die Höhe gekrümmt, daß dieser seine Füße vom Boden zu heben scheint; und er macht selten von mehr als drei Füßen zugleich Gebrauch, indem er den vierten, als eine Aushülfe, emporhält. Dieser letztere Krüppel heißt Beauty (Schönheit). Diese Hunde haben eine Menge vornehmer Beschwerden, von denen gemeine Hunde gar nichts wissen, und werden von Lady Lillycraft mit der zärtlichsten Liebe gehätschelt und gepflegt. Sie werden von ihrem Mit-Günstling, dem Pagen, gefüttert und mit allen Arten von Leckerbissen gemästet: allein ihr Magen ist oft schwach und in Unordnung, so daß sie nicht essen können: doch habe ich auch zu Zeiten den Pagen, wenn seine Gebieterin nicht zugegen war, ihnen einen boshaften Kniff beibringen oder einen Schlag über den Kopf geben sehen. Sie haben Kissen zu ihrem ausschließlichen Gebrauch, worauf sie am Feuer liegen, und sind im Stande zu schauern und zu winseln, wenn sich nur der geringste Luftzug spüren läßt. Sobald Jemand in das Zimmer tritt, erheben sie ein fürchterliches Gebell, das beinahe betäubend ist. Sie sind ungeschliffen gegen alle die anderen Hunde im Hause. Ein edler Hühnerhund, ein großer Liebling des Squire, hat das Vorrecht in das Besuchzimmer zu kommen; aber in dem Augenblick, wo er sich sehen läßt, fahren diese Schmarotzer mit fürchterlicher Wuth auf ihn los; und ich habe die großartige Ruhe und Verachtung bewundert, mit der er auf seine elenden Angreifer herabzusehen scheint. Wenn Ihre Herrlichkeit ausfährt, werden diese Hunde gewöhnlich mitgenommen, um die freie Luft zu genießen, wo sie dann aus den beiden Kutschfenstern sehen und alle gemeinen, zu Fuße gehenden Hunde anbellen. Diese Hunde sind eine beständige Quelle von Plagen für die Hausgenossen: da sie immer im Wege sind, so tritt ihnen jeden Augenblick Einer auf die Zehen, und nun erhebt sich ein Geheul von ihrer Seite, und von Seiten ihrer Gebieterin ein lautes Wehklagen, welches das ganze Zimmer in Aufruhr und Verwirrung versetzt. Endlich ist noch die Kammerfrau Ihrer Herrlichkeit vorhanden, Mrs. Hannah, eine förmliche, steife alte Jungfer; eine der unduldsamsten, unerträglichsten Jungfrauen, die je gelebt haben. Sie hat ihre Tugend erhalten, bis sie sauer geworden ist, und nun schmeckt jedes Wort und jeder Blick wie Essig. Sie ist der wahre Gegensatz ihrer Gebieterin, denn die eine haßt und die andere liebt alle Menschen. Wie sie zuerst zueinander gekommen sind, kann ich nicht errathen; allein sie haben schon viele Jahre mit einander gelebt; und da dieser Jesabel Gemüthsart widerwärtig und herrschsüchtig, die ihrer Gebieterin aber angenehm und nachgiebig ist, so hat die Erstere vollkommen die Oberhand erhalten und tyrannisirt die gute Dame insgeheim. Lady Lillycraft beklagt sich hie und da, im engsten Vertrauen, gegen ihre Freunde darüber, gibt aber den Gegenstand sogleich auf, wenn Mrs. Hannah sich sehen läßt. Sie ist so an sie gewöhnt, daß sie nicht ohne sie fertig werden zu können glaubt; wenn gleich ein großer Gegenstand des Studiums in ihrem Leben der ist, Mrs. Hannah durch kleine Geschenke und Gefälligkeiten bei guter Laune zu erhalten. Meister Simon hat einen heiligen, mit Ehrfurcht gemischten Abscheu vor dieser alten Jungfrau. Er flüsterte mir vor einigen Tagen zu, sie sei eine verwünschte hitzige – er fügte in der That noch ein Beiwort hinzu, das ich um die Welt nicht wiederholen möchte. Ich habe jedoch bemerkt, daß er immer sehr höflich gegen sie ist, wenn sie einander begegnen. Hans Baargeld. Mein Beutel ist mein liebes Weib, Das sing' und sag' ich allzumalen, Wohl kommts zu Statten Seel' und Leib, Kann Jeder für sich bezahlen. Reit' ich in reichem Schmucke aus, Erweist man für mein Silber und Gold mir Ehr'. Drum sag' ich's auch ganz grad heraus: Meinen Beutel, den halt' ich hehr. Jagdbuch . An dem Ende des benachbarten Dorfes wohnt ein kleiner Potentat, der, so viel ich weiß, der Stellvertreter einer der ältesten legitimen Linien der heutigen Zeit ist; denn das Reich, welches er regiert, hat seiner Familie seit undenklichen Zeiten zugehört. Seine Ländereien begreifen eine bedeutende Anzahl guter fetter Morgen, und der Sitz seiner Macht ist auf einem alten Meierhofe, wo er unbelästigt sich des starken eichenen Sessels seiner Vorfahren erfreut. Der Mann, auf den ich anspiele, ist ein tüchtiger alter Freisasse, Johann Tibbets mit Name, oder Hans Baargeld Tibbets, wie er in der ganzen Nachbarschaft genannt wird.   Hans Baargeld Er zog zuerst am Sonntage auf dem Kirchhofe meine Aufmerksamkeit auf sich, wo er nach dem Gottesdienste auf einem Grabsteine saß, und den Hut etwas auf eine Seite gesetzt, einem kleinen Kreise von Zuhörern eine Rede hielt, und, wie ich glaubte, ihnen das Gesetz und die Propheten auslegte; bis ich, etwas näher gekommen, fand, daß er über die Verdienste eines braunen Pferdes redete. Er stellte ein getreues Bild eines derben englischen Landmannes dar, wie man ihn so oft in englischen Büchern geschildert findet, wiewohl mit einigem, ihm eigenthümlichen äußeren Prunk, daß ich nicht umhin konnte, von seinem ganzen Aeußern genauere Kunde zu nehmen. Er war zwischen funfzig und sechzig Jahren, von starkem, muskelhaftem Bau, und wenigstens sechs Fuß hoch, mit einem Gesicht, finster wie ein Löwe, das kurze, krause, eisengraue Locken umgaben. Sein Hemdkragen war herunter geklappt, und zeigte einen mit kurzem krausem grauen Haar bedeckten Hals; er trug ein farbiges seidenes Halstuch, das sehr locker umgebunden und in den Busen gesteckt war; an der Schleife prangte eine Nadel mit einem falschen grünen Stein. Sein Rock war von dunkelgrünem Tuch, mit silbernen Knöpfen, und auf jedem derselben ein Hirsch mit seinem Namen, Johann Tibbets, darunter. Er trug eine Unterweste von geblümtem Zitz, zwischen der und seinem Rock noch eine zweite, unzugeknöpfte, von scharlachrothem Tuche zu sehen war. Seine Beinkleider waren auch an den Knieen unzugeknöpft, aber nicht aus Nachlässigkeit, sondern um ein Paar breite Scharlach-Strumpfbänder sehen zu lassen. Seine Strümpfe waren blau mit weißen Zwickeln; er trug große silberne Schuhschnallen, eine breite Schnalle mit unächten Steinen in seinem Hutbande, seine Handknöpfe waren goldene sieben Schilling-Stücke, und er hatte zwei oder drei Guineen als Zierrath an seiner Uhrkette hängen. Als ich mich einigermaßen nach ihm erkundigte, hörte ich, daß er aus einer Pachterfamilie stamme, welche immer an demselben Orte gelebt und dasselbe Grundstück besessen habe, und daß die Hälfte des Kirchhofes mit den Grabmälern seiner Verwandten besetzt sei. Er ist sein ganzes Leben lang ein bedeutender Charakter im Orte gewesen. In seiner Jugend war er einer der lautesten Wildfänge in der Nachbarschaft. Niemand konnte es ihm beim Ringen, Springen, Klopffechten und anderen Leibesübungen zuvorthun. Wie der berühmte Feldhüter von Wakefield, war er der Kämpe des Dorfs, trug auf allen Märkten den Preis davon, und warf der ganzen Gegend umher den Handschuh hin. Selbst bis diesen Tag sprechen die alten Leute von seiner Bravheit, und setzen ihm alle späteren Helden des Rasenplatzes nach; ja sie behaupten sogar, daß, wenn Hans Baargeld noch jetzt aufträte, Niemand gegen ihn würde bestehen können. Als Hansen's Vater starb, schüttelten die Nachbarn die Köpfe und sagten, der junge Hoffnungsvolle werde wohl bald das alte Erbgut durchbringen; allein Hans strafte alle ihre Prophezeihungen Lügen. Sobald er sein väterliches Gut antrat, änderte er seinen Charakter; nahm ein Weib, bekümmerte sich ordentlich um seine Geschäfte und ward ein thätiger wackerer Landmann. Mit seinem Erbgute überkam er auch mehrere alte Familien-Grundsätze, welchen er fest anhing. Er sah selbst nach Allem; legte selbst Hand an den Pflug; arbeitete tüchtig; aß ordentlich; schlief gesund; zahlte baar; und tanzte nie, wenn er nicht die Musik seines Geldes in beiden Taschen dazu hatte. Er hatte immer ein- oder zweihundert Pfund in Gold liegen, und ließ nie eine Rechnung ausstehen. Dieß hat ihm auch seinen Beinamen erworben, worauf er, beiläufig gesagt, etwas stolz ist, und ward der Grund, daß das ganze Dorf ihn für einen sehr reichen Mann ansieht. Ungeachtet seiner Wirthschaftlichkeit, hat er sich jedoch nie die Annehmlichkeiten des Lebens versagt, sondern an jedem vorübergehenden Vergnügen Theil genommen. Es ist sein Grundsatz, »daß, wer arbeitet, auch wieder spielen kann.« Er ist mithin auf allen Jahrmärkten und Kirchweihen zu finden, und hat sich auf allen Rasenplätzen in den Dörfern seiner Grafschaft durch seine Stärke und Mannhaftigkeit einen Namen erworben. Er erscheint oft bei Pferderennen, und wettet seine halbe, zuweilen auch wohl seine ganze Guinee; hält sich ein gutes Reitpferd zu seinem Gebrauch, ist noch bis auf den heutigen Tag gern bei der Hetzjagd, und gewöhnlich im Augenblicke mit da, wo das Wild erlegt wird. Er hält auf die ländlichen Feierlichkeiten, und auf die Gastfreiheit, wegen der sein väterliches Haus immer bekannt war; er gibt bei dem Erntefeste vollauf zu essen, läßt wacker tanzen, und hält vor allen Dingen die sogenannte »lustige Nacht« Lustige Nacht . Ein ländliches Vergnügen, welches in einigen Theilen von Yorkshire zu dieser Zeit bei dem Landmanne stattfindet. Es gibt da Ueberfluß an Hausmannskost, Thee, Kuchen, Obst und Ale; allerhand Leibesübungen werden vorgenommen, Spiele gespielt, gelärmt, getanzt und geküßt. Gewöhnlich bricht man um Mitternacht auf. – Anm. des Verf. zu Weihnachten. Bei all seiner Liebe zu Vergnügungen, ist Hans keineswegs ein lärmender, jovialer Gesellschafter. Man hört ihn selbst mitten in der Fröhlichkeit selten lachen, sondern er behält immer dieselbe ernste, löwengleiche Miene. Er versteht nicht gleich einen Scherz; und sitzt dann wohl darüber brütend, mit einem verstörten Blicke da, während die übrige Gesellschaft in ein Lachen ausbricht. Dieser Ernst hat vielleicht mit der wachsenden Gewichtigkeit seines Charakters zugenommen; denn er steigt nun in seinem Geburtsort zu einer Art von Patriarchenwürde. Obgleich er selbst nicht mehr an den Leibesübungen thätlichen Antheil nimmt, so führt er doch immer den Vorsitz dabei, und wird bei allen Gelegenheiten als Schiedsrichter aufgerufen. Er erhält bei allen Festtagsspielen die Ordnung auf dem Rasenplatze, nimmt bei Streit und Zwistigkeit die Widerspenstigen beim Kragen, und schüttelt sie tüchtig. Niemals wagt es Jemand, eine Hand gegen ihn aufzuheben oder gegen seine Entscheidung Einspruch zu thun; denn die jungen Leute sind in der angewohnten Scheu vor seiner Bravheit aufgewachsen, und sehen ihn für den Herrn und Meister des Kampfplatzes an. Er ist ein regelmäßiger Besucher der Dorfschenke, da die Wirthin in der Jugend sein Liebchen gewesen und er sich immer noch gut mit ihr steht. Indessen trinkt er selten etwas anders als einen Schluck Ale, raucht seine Pfeife, und bezahlt seine Rechnung, ehe er die Schenkstube verläßt. Hier giebt er »seine kleinen Staatsgesetze;« richtet über Wetten, die ihm gewöhnlich zur Entscheidung vorgelegt werden; fällt über die Beschaffenheit und die Eigenschaften von Pferden seine Urtheile, und macht selbst dann und wann den Richter bei kleinen Streitigkeiten seiner Nachbarn, die sonst von den Landadvokaten zu bedeutenden Prozessen ausgesponnen worden wären. Hans ist bei seinen Entscheidungen sehr gewissenhaft und unparteiisch, hat aber das Talent nicht, sich auf lange Erörterungen einzulassen, geräth leicht in Verwirrung, und verliert die Geduld, wenn viel über die Sache gesprochen wird. Gewöhnlich fällt er dann mit starker Stimme in die Rede, und bringt die Sache dadurch zum Schlusse, daß er das »worauf es ankommt,« oder mit anderen Worten, »das Lange und Kurze bei der Sache« ausspricht. Hans machte einmal vor vielen Jahren eine Reise nach London, die ihm seit der Zeit immer Stoff zur Unterhaltung geliefert hat. Er sah den alten König auf der Terrasse in Windsor, und dieser blieb stehen und zeigte ihn einer der Prinzessinnen, da ihm wahrscheinlich Hansen's ächtlandmannähnliches Aussehen auffiel. Dieß ist eine seiner Lieblings-Anecdoten, und hat wahrscheinlich dazu beigetragen, ihn, aller Taxen und Armengelder ungeachtet, zu einem sehr treuergebenen Unterthan zu machen. Auch war er auf dem Bartholomäus-Markt, wo man ihm die Hälfte seiner Knöpfe vom Rocke schnitt; und eine Bande Taschendiebe, welche der äußere Schein von Gold und Silber anzog, machte einen regelmäßigen Angriff auf ihn, als er irgend einem Schauspiele zusah; aber dieses Mal fanden sie, daß sie an den Unrechten gekommen waren; denn Hans verrichtete unter der Bande so große Wunder wie Simson einst unter den Philistern. Einer seiner Nachbarn, der ihn nach der Stadt begleitet hatte und mit ihm auf dem Jahrmarkte war, brachte einen Bericht von seinen Thaten mit heim, der den Stolz des ganzen Dorfes erregte, welches sich einbildete, ihr Held habe ganz London besiegt und alle Waffenthaten Bruder Tuck's, oder des berühmten Robin Hood, weit hinter sich gelassen. In den letzten Jahren hat der alte Mann angefangen, es sich leicht zu machen; er arbeitet weniger und läßt sich überhaupt mehr Zeit, da sein Sohn herangewachsen ist, und ihm sowohl bei den Arbeiten in der Wirthschaft, als auf dem Kampfplatze, nachfolgte. Wie allen Söhnen ausgezeichneter Männer ist ihm aber seines Vaters Ruf nachtheilig, denn er wird diesen in der öffentlichen Meinung nie erreichen können. Obgleich ein hübscher, thätiger Bursche von dreiundzwanzig Jahren und beinahe der »Hahn im Korbe,« behaupten doch die alten Leute, daß er nichts gegen das sei, was Hans Baargeld gewesen, als er so alt war. Der junge Mann selbst gesteht auch seinen geringeren Werth ein, und hat eine wundervolle Meinung von dem Alten, der ihn allerdings alle seine Künste in den Leibesübungen gelehrt hat und noch jetzt ihn so in der Zucht hält, daß er, wie man mir sagt, sich nicht bedenken würde, ihn thätlich zurechtzuweisen, wenn er sich gegen das väterliche Regiment auflehnen wollte. Der Squire hält Hans sehr hoch und zeigt ihn allen zu ihm kommenden als ein Muster des wahren alt-englischen »Eichenstammes.« Er spricht oft bei ihm ein, und kostet sein eigengebrautes Bier, das vortrefflich ist. Er hat Hans ein Geschenk mit des alten Tusser's »hundert Punkte guter Haushaltung« gemacht, woran er bis jetzt immer zu lesen gehabt hat, und das bei allen häuslichen und ländlichen Geschäften sein Noth- und Hülfsbuch geworden ist. Er hat bei seinen Lieblingsstellen Ohren gemacht und weiß viele von den poetischen Lehrsätzen auswendig. Obgleich Tibbets kein Mann ist, der sich vor vornehmen Bekanntschaften beugt, oder sich durch sie erhoben fühlt, und obgleich er die rauhe Gemüths- und Sittenunabhängigkeit zu erhalten strebt, fühlt er sich doch durch die Aufmerksamkeiten des Squire geschmeichelt, den er von seiner Kindheit an gekannt hat, und den er für einen »wahren Ehrenmann vom Kopf bis zu den Füßen« erklärt. Er steht auch auf sehr gutem Fuße mit Meister Simon, der eine Art geheimen Rath für seine Familie abgibt; sein großer Liebling aber ist der Oxforder Student, den er, als er noch ein Knabe war, ringen und klopffechten gelehrt hat, und für den vielversprechendsten jungen Herrn in der ganzen Grafschaft ansieht. Hagestolze. Der Junggesell gar wonniglich     In Lust verbringet seine Stunden, Genossen lädt er täglich sich,     Die lassen baß sich's munden. Evan' s alte Balladen. Es gibt keine Rolle in dem Lustspiele des menschlichen Lebens, welche schwerer gut zu spielen ist, als die eines alten Hagestolzen. Wenn ein einzelner Mann mithin diesen bedenklichen Zeitpunkt erreicht, wenn er anfängt, eine Erkundigung nach seinem Alter für eine unbescheidene Frage zu halten, so möchte ich ihm rathen, auf seine Wege wohl zu achten. Diese Periode tritt allerdings bei manchen Leuten später ein, als bei anderen: ich bin mehr als einmal Zeuge gewesen, daß zwei runzlige alte Bursche dieser Art, die sich mehrere Jahre nicht gesehen hatten, zusammenkamen, und habe mich dann an dem freundlichen Complimentenwechsel über das gegenseitige gute Aussehen ergötzt, welcher bei solchen Gelegenheiten stattfindet. Eine stereotypische Bemerkung hört man immer: »aber, mein Gott, Ihr seht jünger aus, als da ich Euch das letzte Mal sah!« Wenn aber Jemandes Freunde anfangen, ihm wegen des jugendlichen Aussehens Complimente zu machen, so kann er sicher sein, daß sie meinen, er werde alt. Zu diesen Bemerkungen wurde ich durch das Benehmen Meister Simon's und des Generals geleitet, die große Freunde geworden sind. Da der Erstere um viele Jahre jünger ist als der Letztere, so wird er ganz wie ein junger Springinsfeld von dem General angesehen, der ihn zugleich auch für einen Mann von großem Geist und bedeutenden Talenten hält. Ich habe bereits angedeutet, daß Meister Simon der Elegant der Familie ist, und von allen ältlichen Damen aus diesem Kreise ungefähr wie ein junger Mensch betrachtet wird: denn ein alter Hagestolz ist in einer alten Familienverbindung, wie ein Schauspieler in einer regelmäßigen Truppe, der »da scheint in unsterblicher Jugend fortzublühen« und ein halbes Jahrhundert lang die Romeo's und Ranger's spielt. Meister Simon hat auch ein wenig von einem Kamäleon, und nimmt bei jedem andern Gesellschafter auch wieder eine andere Farbe an: er ist bei Lady Lillycraft sehr aufmerksam und geschäftig, und etwas sentimental; er schreibt kleine, unbedeutende Stückchen und Liebeslieder für sie ab, und zeichnet Köcher und Tauben und Pfeile und Amors, zum Sticken in die Ecken ihrer Schnupftücher. Er sieht sich indessen den übrigen verheiratheten Frauen in der Familie gegenüber bedeutend viel nach, und flüstert ihnen manche Spässe zu, die ein zweideutiges Lachen oder einen Schlag mit dem Fächer nothwendig machen. Kommt er aber in junge Gesellschaft, zum Beispiel mit Frank Bracebridge, dem Oxforder Studenten, oder dem General, so macht er wohl den Wüstling, und spricht nach Junggesellenart von dem andern Geschlecht. Darin ist er besonders durch das Beispiel des Generals aufgemuntert worden, den er als einen Mann betrachtet, der die Welt gesehen hat. Der General erzählt allerdings nach dem Essen, wenn die Damen sich entfernt haben, heillose Geschichten, welche er als einige von den besten gibt, die in dem Mulligatawney-Klub, einer Gesellschaft lustiger Gesellen in London, aufgetischt werden. So wiederholt er auch die plumpen Scherze des alten Major Pendergast, des Witzboldes im Klub, die aber, wenn gleich der General vor Lachen sie kaum hervorbringen kann, Herrn Bracebridge immer ernsthaft machen, da er eine große Abneigung gegen einen unanständigen Spaß hat. Mit einem Worte, der General ist ein vollständiges Beispiel von dem allmählichen Sinken in der großen Welt, dem zufolge ein junger vergnügungssüchtiger Mann allmählich wohl zu einem obscönen alten Herrn herabkömmt. Ich sah ihn und Meister Simon, vor einem oder zwei Abenden, auf einer Wiese mit einem rüstigen Milchmädchen sprechen, und konnte bald, da sie sich dann und wann mit den Ellbogen anstießen, und der General die Schultern zuckte, die Backen aufblies und in ein kurzes, unwiderstehliches Lachen ausbrach, merken, daß sie das Mädchen neckten. Als ich so durch eine Hecke nach ihnen hinblickte, konnte ich mich nicht enthalten, zu denken, daß sie ein vortreffliches Modell zu einem neuen Bilde der Susanna mit den Alten, abgegeben haben würden. Es ist wahr, das Mädchen schien vor der Stärke des Feindes keineswegs Furcht zu haben, und es ist sehr die Frage, ob, wenn einer von den Herren allein gewesen wäre, sie ihm nicht mehr als gewachsen gewesen sein dürfte. Solche alte Kumpane sind kecke Wildfänge, wenn sie bei einander sind, und bringen leicht ein Frauenzimmer durch ihre Scherze zum Erröthen; allein sie sind so ruhig wie Lämmer, wenn sie einzeln einem hübschen Weibe in die Hände fallen. Seiner Jahre ungeachtet, ist der General augenscheinlich eitel auf sein Aeußeres und ehrgeizig auf Eroberungen. Ich habe bemerkt, wie er des Sonntags in der Kirche die Bauermädchen mit sehr verdächtigen Blicken musterte; und ich habe gesehen, daß er ihnen wirklich verliebte Blicke zuwarf, selbst wenn er Lady Lillycraft mit großer Feierlichkeit über den Kirchhof führte. Der General ist überhaupt eher wie ein Veteran im Dienst des Cupido als in dem des Mars anzusehen, da er sich in allen Garnisonen und Quartieren auf dem Lande ausgezeichnet und den Dienst in jedem Ballsaale in England kennen gelernt hat. Es gibt keine berühmte Schönheit, die er nicht auch belagert hätte; und wenn man in einer Sache, bei der kein Mann sich immer ganz genau an die Wahrheit hält, seinem Worte trauen darf, so ist es unglaublich, welches Glück er bei den Schönen gemacht hat. Jetzt ist er wie ein abgelebter und ausgedienter Krieger zu betrachten, der aber noch immer seinen Hut mit einer gewissen soldatischen Art aufsetzt, und eifrig von Einhauen spricht, sobald er Pulver riecht. Ich habe ihn bei der Flasche sich sehr frei über die Thorheit des Capitains, eine Frau zu nehmen, aussprechen hören, da er der Meinung ist, ein junger Soldat müsse sich um nichts bekümmern, als um »seine Flasche und die freundliche Wirthin.« »Aber, freilich,« sagte er, »der Dienst auf dem festen Lande hat einen sehr nachtheiligen Einfluß auf die jungen Offiziere gehabt; sie sind durch leichte Weine und französische Quadrillen in Grund und Boden verdorben worden. Sie haben nichts von dem Geiste des alten Dienstes. Es gibt jetzt keine Leute mehr, die sechs Flaschen zu sich nehmen können, und jene Bursche, welche die Seele der Regimentstafel und gewöhnlich bei den Weibern ganz des Teufels waren, sind nicht mehr zu finden.« Ein Junggesell, behauptet der General, sei ein freier, unabhängiger Mann, der für kein anderes Gepäck zu sorgen hat, als für sein Felleisen; ein verheiratheter Mann aber, der seine Frau am Arme hängen habe, erinnere ihn nach Major Pendergast's Bemerkung immer an einen Nachtleuchter mit dem dran gehakten Dämpfer. Dieß Alles würde ich nicht erwähnen, wenn es sich bloß auf den General beschränkte; allein ich fürchte, daß er auch meinen Freund, Meister Simon, mit verderben werde, der bereits seine Ketzereien zu wiederholen und im Style eines Herrn zu reden anfängt, der sich im Leben umgesehen hat und in der Stadt Bescheid weiß. Der General scheint wirklich schon Meister Simon unter seine Flügel genommen zu haben, und spricht davon, ihm wenn er nach der Stadt kommt, die Merkwürdigkeiten zu zeigen und ihn in eine Versammlung ausgesuchter Geister, in den Mulligatawney-Klub, zu führen, der, wie ich höre, aus alten Nabobs, Beamten im Dienste der Compagnie und anderen »Leuten aus Indien« besteht, die im Morgenlande gedient haben, von Curry ausgebrannt und mit einem Ansatz von Leberkrankheit zurückgekehrt sind. Sie haben ihren regelmäßigen Klub, wo sie Mulligatawney-Suppe essen, den Hukah rauchen, von Tippu Saib, Seringapatam und Tiger-Jagden sprechen und wo Einer in des Andern Gesellschaft langweilig liebenswürdig ist. Weiber. Mann, glaube mir, kein Glück kann größer sein, Als still mit einem lieben Weib zu leben; Wem sie fehlt, der kann halb nur sich erfreun. Stets Freundin und Gefährtin treu ergeben, Nie sättigende Speis', Rath ohne Stolz Ist diese schöne Hälft' von unserm Leben. Sir P. Sidney. Zufolge der nahe bevorstehenden Begebenheit, die uns auf der Halle versammelt hat, entsteht um mich her so viel Gerede vom Heirathen, daß meine Gedanken, ich gesteh' es, sich ganz besonders auf diesen Gegenstand hingerichtet haben. Alle Junggesellen im Hause scheinen überhaupt jetzt eine Art Feuerprobe bestehen zu müssen; denn Lady Lillycraft ist eine von jenen zärtlichen, in Romanen wohlbelesenen Damen aus der alten Schule, deren Gemüth voller Flammen und Pfeile ist, und die von nichts als Beständigkeit und Banden der Ehe träumen. Sie hat immer etwas mit Herzensangelegenheiten zu thun, und ist, um eine poetische Redensart zu gebrauchen, ganz mit dem »Purpurlicht der Liebe« umgeben. Selbst der General scheint den Einfluß dieser sentimentalen Atmosphäre zu empfinden, und wenn die Lady sich nähert, zu verschmelzen, und so lange alle seine Ketzereien über Heirath und das andere Geschlecht zu vergessen. Die gute Dame ist gewöhnlich mit kleinen Beweisen ihres vorherrschenden Geschmackes, zärtlichen Romanen, glänzendgebundenen kleinen Sammlungen von Gedichten, die mit Sonetten und Liebeserzählungen angefüllt und mit Rosenblättern wohlriechend gemacht sind, umgeben; und sie hat immer ein Stammbuch bei der Hand, für welches sie Beiträge von allen ihren Freunden in Anspruch nimmt. Als ich dieß Erinnerungsstück vor einigen Tagen durchsah, fand ich eine Reihe poetischer Bruchstücke, von der Hand des Squire, welche vielleicht als Winke an seine Mündel über ihre künftige Verbindung dienen sollten. Mehrere davon gefielen mir so, daß ich mir die Freiheit nahm, sie abzuschreiben. Sie sind aus dem alten Drama von Thom Davenport, das 1661 erschienen und betitelt ist: »die Stadt-Nachtmütze;« worin er in der Rolle der Abstemia eine geduldige, treue Frau geschildert und als Beispiel dargestellt hat, ein Bild, welches sich leicht dem der berühmten Griseldis an die Seite stellen lassen dürfte. Ich habe oft gedacht, es sei doch Schade, daß Schauspiele und Romane immer mit einer Heirath schließen, und nicht noch ein Auszug oder noch ein Band dazu kommt, worin wir erfahren, wie der Held und die Heldin sich als Eheleute benehmen. Der Hauptzweck scheint zu sein, jungen Damen Anweisung zu geben, wie sie Männer bekommen, nicht aber, wie sie sich diese erhalten sollen; und dieß letztere, scheint mir, mit aller Bescheidenheit gesagt, ein Desideratum bei dem neueren ehelichen Leben zu sein. Es ist erschrecklich für die, welche sich noch nicht in den heiligen Stand begeben haben, zu sehen, wie bald die Flamme der romantischen Liebe in der Ehe erlischt, oder vielmehr erstickt wird, und wie trübselig der leidenschaftliche, poetische Liebhaber zu einem phlegmatischen, prosaischen Ehemanne herabsinkt. Ich bin geneigt, dieß sehr dem obenerwähnten Mangel bei unsern Schauspielen und Romanen zuzuschreiben, welche einen so wichtigen Zweig der Studien unserer jungen Damen ausmachen, und sie lehren, Heldinnen zu sein, aber sie gänzlich im Stich lassen, wenn sie Frauen sein sollen. Das Schauspiel, aus welchem die vor mir liegenden Stellen gezogen worden sind, macht indessen eine Ausnahme von dieser Bemerkung; und ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, einige daraus anzuführen, zum Nutzen des Lesers und zur Ehre des alten Schriftstellers, der es keck gewagt hat, für eine Frau ein dramatisches Interesse zu erregen, selbst nachdem sie verheirathet war! Folgendes ist eine Empfehlung der Abstemia gegen ihren Gemahl Lorenzo: Sie ist gesetzt, nicht ernst, und liebt das Schweigen; Nicht, daß ihr Worte fehlten (wenn sie spricht, Entflammt sie wunderbar die Liebe;) ihr ist Der Seele Harmonie ein weises Schweigen. Wahrhaftig keusch, ist sie so wenig spröde, Daß sie der Aermste liebvoll heißt und – schön ist's – Sie scheut mit Fleiß, obgleich sie jung und hübsch, Des fremden Auges Urtheil. Selten geht Sie, oder nie, hinaus, als nur mit Euch; Und dann mit süßer Scheu, als wagte sie Auf dünnes Eis sich, und erfreut sich wohl, In Eures Fußes Spur den Fuß zu setzen; Folgt Stunden Euch und nimmt so ganz der Zeit. Das Lastende durch ihres Herzens Milde. Ungeachtet aller dieser Vortrefflichkeiten, hat Abstemia das Unglück, die unverdiente Eifersucht ihres Gatten zu erregen. Anstatt indessen seine rauhe Behandlung durch keifende Vorwürfe und mit der stürmischen Heftigkeit der hohen, luftigen Tugend zu erwiedern, wodurch die Funken des Zornes so oft zur Flamme angeblasen werden, erträgt sie sie mit der Sanftmuth selbstbewußter, aber geduldiger Tugend, und läßt sich darüber in folgende schöne Zeilen gegen eine Freundin aus, welche Zeuge ihrer langen Leiden gewesen ist:                 – Hast Du mich nicht geseh'n All' seine Unbill tragen, wie das Meer Die wilde Barke läßt die Brust durchpflügen, Und doch sich wieder glättet, daß das Auge Nicht sehen kann, wo seine Wunde gähnt? Lorenzo, von falschen Eingebungen auf das Aeußerste gereizt, verstößt sie endlich. Sie aber behält bis zuletzt, seiner Grausamkeit ungeachtet, ihre ruhige Milde und ihre Liebe zu ihm. Sie beweint sogar seinen Irrthum mehr als seine Unfreundlichkeit, und bejammert die Verblendung, welche seine Zuneigung in eine Quelle der Bitterkeit verwandelt hat. Es liegt eine rührende Erhabenheit in ihrem Scheidewort an Lorenzo, nach ihrer Trennung:                                             Leb wohl, Lorenzo, Den meine Seele liebt. Vermählst Du ja Dich, So find' ein gutes Weib, so gut, daß nie Du ihr mißtraust, und sie verdiene nie Dein Mißtraun; und vernimmst Du meinen Tod dann, So frage nur nach meinem letzten Worte, Es ist – daß ich zum letzten Hauch Dich liebte. Und wandelst Du mit Deiner zweiten Wahl Auf schönern Au'n und sprichst vielleicht von mir, So denke Dir, Du säh'st mich blaß und bleich Mit Blumen Deinen Pfad bestreu'n – – Doch soll sie nimmer meine Schuld bezahlen: (weinend) Kränkt Ein Gedanke Dich, so sterbe sie Im Augenblick, der ihr die Unbill eingab. Beglücke mich mit einem Kuss'! Leb wohl! Es möge Dich nie schmerzen, wenn Du denkst, Daß ich unschuldig war; vergiß dieß nicht, Ob Unschuld auch hier duldet, seufzt und ächzt, Durch Dornen geht sie, einen Thron zu finden. Nach kurzer Zeit entdeckt Lorenzo seinen Irrthum und die Unschuld seines gekränkten Weibes. Im Uebermaße seiner Reue, ruft er sich ihre ganze weibliche Vortrefflichkeit ins Gedächtniß; ihre milde, ausdauernde, weibliche Stärke unter Leiden und Schmerz:                                                 – o, Abstemia; Wie lieblich blickst Du nun. Nun scheinest Du Viel keuscher, als der jugendliche Morgen, Der mit Erröthen sich erhebt, die Brust Vom Westwind sanft umspielt; nun sehe ich Wie wenn sie an dem Tische saß, gehorsam Ihr Aug' auf meinem weilt', als wär' es unrecht, Daß andershin sie blicke! O, wie stolz War sie, mir zu gefallen sich versagend! Wo ist die Edle? – Wie die Silberwolke Hat in die todte See sie sich geweint, Und ist nicht mehr zu finden. Es ist nicht mehr als billig, daß der Leser, wenn er, nach den vorhergehenden Bruchstücken, an Abstemia's Schicksalen Antheil nimmt, erfahre, daß sie den Armen und der Liebe ihres Gatten wiedergegeben und ihm nur theurer ward, wie jeder gute Mensch, um Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen, ein überfließendes Maaß von wiederkehrendem Wohlwollen spendet: Du Reichthum, mehr denn Welten werth! Ich bin nun Ohn' allen Argwohn; Du bist lieblicher In Deiner biedern Wahrheit als ein Opfer, Das, todt, die Kränze schmücken. Indiens Winde, Die Segel schwellend und den Seemann stärkend Mit der Gewürze Düften, haben nicht Die Wonne, welche Dich umfleußt. Mich hat dieses kleine dramatische Gemälde mehr gerührt und angezogen, als manche beliebte Liebesgeschichten; obgleich ich, wie ich schon vorher gesagt habe, nicht glaube, daß Abstemia, oder die geduldige Griseldis häufig als Vorbilder gebraucht werden. Indessen habe ich es immer sehr gern, wenn die Dichtkunst dann und wann ihre Blicke auch über den Hochzeittag hin ausdehnt, und eine Frau lehrt, wie sie sich auch nach der Heirath noch anziehend machen könne. Es ist nicht sehr nöthig, einem unverheiratheten Frauenzimmer die Nothwendigkeit anschaulich zu machen, angenehm zu sein; auch bedarf eine jugendliche Schönheit nur wenig der Kunst, um zu gefallen. Die Natur hat die Reize um sie her vermannigfacht. Die Jugend selbst ist schon anziehend. Die Frische der aufknospenden Schönheit bedarf keiner fremden Hülfe, um das Auge auf sie zu lenken; sie gefällt, schon weil sie frisch, knospend und schön ist. Aber die verheirathete Frau bedarf am meisten der Belehrung, und als solche hat sie am ersten auf der Huth zu sein, daß sie die Macht, zu gefallen, geschickt übe. Keine Frau kann erwarten, daß sie ihrem Manne alles das sein werde, was er in ihr zu finden glaubte, als er ihr Geliebter war. Die Männer sind immer dazu bestimmt, betrogen zu werden, nicht so sehr durch die Künste des Geschlechts als durch ihre eigene Einbildung. Sie bewerben sich immer um Göttinnen, und heirathen bloß Sterbliche. Eine Frau sollte also sich versichern, worin eigentlich der Reiz bestanden, der sie so anziehend machte, als sie ein Mädchen war, und sich bemühen, diesen zu erhalten, wenn sie Frau geworden ist. Etwas sehr Bedeutsames ist ohne Zweifel die große Achtsamkeit auf sich selbst und auf ihr Benehmen, worin ein unverheirathetes Frauenzimmer immer sorgfältig ist. Sie sollte dieselbe Eigenthümlichkeit und Zurückhaltung in ihrer Person und in ihrem Wesen behalten, und in den Augen ihres Gatten immer noch eine gewisse frische, jungfräuliche Zartheit zu bewahren suchen. Sie sollte bedenken, wie es die Schicklichkeit verlangt, daß eine Frau um sich werben lasse, nicht aber werbe, sich liebkosen lasse, nicht aber liebkose. Der Mann ist in der Liebe ein undankbares Wesen; man verliert ihn durch Güte, statt ihn zu gewinnen. Das Geheimniß der Gewalt eines Weibes besteht nicht sowohl im Geben, als im Versagen. Eine Frau kann selbst ihrem Gatten zu viel zugestehen. Sie muß die Leidenschaft durch tausend kleine Zartheiten im Benehmen wach zu erhalten, und sich vor jener gefährlichen Vertraulichkeit, jener genauen Bekanntschaft mit jeder Schwäche und Unvollkommenheit, zu welcher die Ehe so leicht Anlaß gibt, sorgfältig zu bewahren suchen. Durch diese Mittel kann sie, wenn sie gleich ihre Person hingegeben hat, doch noch immer ihre Gewalt erhalten, und den Roman der Liebe selbst noch über die Flitterwochen hinaus spielen. »Die einen klugen Gatten hat,« sagte Jeremias Taylor. »muß, durch den Schleier der Bescheidenheit, durch die ehrbaren Gewänder der Keuschheit, die Zierde der Sanftmuth und die Kleinodien des Glaubens und der Mildthätigkeit, eine ewige Zärtlichkeit in ihm erwecken. Sie muß keine Schminke, als die des Erröthens haben; ihr Glanz muß die Reinheit sein, und sie muß durch Milde und Freundschaft um sich her leuchten; und sie wird angenehm im Leben sein, und, wenn sie stirbt, zurückgewünscht werden.« Ich bin unvermerkt in eine Reihe von Betrachtungen über einen vielbesprochenen Gegenstand gerathen, der, noch dazu für einen Junggesellen, nicht ohne Gefahr ist. Damit man aber nicht glaube, meine Bemerkungen sollten allein auf die Frau gerichtet sein, so will ich mit einer andern Stelle aus Jeremias Taylor schließen, in welcher der Pflichten beider Theile Erwähnung geschieht, wobei ich wünschte, seine Predigt über den Trauring allen Denen empfehlen zu dürfen, die, klüger als ich, im Begriff sind, in den glücklichen Stand der Ehe zu treten. »Es gibt kaum eine Pflicht, welche nicht Beide gemeinsam beträfe; der Unterschied liegt nur in den Namen und in kleinen Abweichungen, welche durch Umstände und kleine Zufälligkeiten erzeugt worden. Was bei dem Einen Liebe heißt, heißt bei dem Andern Achtung; und was bei der Frau Gehorsam ist, dasselbe ist bei dem Manne Pflicht. Er schafft an, und sie verwendet; er gibt Befehle, und sie vollzieht sie; er regiert sie durch sein Ansehen, und sie regiert ihn durch Liebe; sie muß ihm auf alle Weise zu gefallen, und er ihr auf keine Weise zu mißfallen suchen.« Geschichten-Erzählen. Ein Lieblings-Abend-Zeitvertreib auf der Halle, und dem der würdige Squire gern Vorschub leistet, ist Geschichten-Erzählen, »eine gute altväterische Kamin-Belustigung,« wie er es nennt. Ich glaube, daß er besonders deßwegen so dafür eingenommen ist, weil es eine der Hauptergötzlichkeiten in jenen alten Zeiten war, wo Herren und Damen noch nicht so viel zu lesen pflegten. Dem sei jedoch, wie ihm wolle, so fordert er oft bei dem Abendessen, wenn die Unterhaltung stockt, Einen oder den Andern aus der Gesellschaft auf, eine Geschichte zu erzählen, wie man sonst die Gewohnheit hatte, Jemanden zum Singen aufzufordern, und es ist erbaulich, die musterhafte Geduld und selbst das Vergnügen zu sehen, womit der gute alte Herr da sitzt und einer abgedroschenen Erzählung lauscht, die er wenigstens hundert Mal gehört hat. Auf diese Weise kam eines Abends die Reihe auch an Erzählungen und Anecdoten von geheimnißvollen Leuten, die zu verschiedenen Zeiten eine Rolle gespielt und die Welt mit Zweifeln und Vermuthungen erfüllt haben; wie der wandernde Jude, der Mann mit der eisernen Maske, der die Neugierde von ganz Europa in Bewegung setzte, das unsichtbare Mädchen, und zuletzt, wiewohl nicht die unbedeutendste, die Dame mit dem Schweinsrüssel. Endlich ward Einer in der Gesellschaft aufgerufen, der für einen Geschichten-Erzähler das unversprechendste Aeußere hatte, das mir je vorgekommen. Es war ein magerer, bleicher, schwindsüchtig aussehender, sehr nervenschwacher Mann, der an einer Ecke des Tisches, gleichsam in sich selbst zusammengefallen und wie eine Schildkröte in der Schale, beinahe ganz von seinem Rockkragen verschlungen, dagesessen hatte. Schon die Anforderung schien ihn in ein Nervenzucken zu versetzen, doch weigerte er sich nicht. Er tauchte seinen Kopf aus seiner Schale heraus, machte ein paar seltsame Gesichter und Gesten, ehe er seine Muskeln in Ordnung bringen oder seine Stimme in seine Macht bekommen konnte, und sagte dann, daß er etwas von einem geheimnißvollen Wesen erzählen wolle, dem er kürzlich auf seiner Reise begegnet sei, und das er völlig geeignet fände, dem Mann mit der eisernen Maske an die Seite gestellt zu werden. Ich war von seiner außerordentlichen Erzählung so ergriffen, daß ich sie, so gut ich mich derselben noch erinnern kann, zur Unterhaltung des Lesers niedergeschrieben habe. Ich meine, sie hat alle die Bestandtheile der geheimnißvollen romantischen Erzählungsart in sich, die in der gegenwärtigen Zeit so sehr gesucht ist. Der dicke Herr. Eine Landkutschen-Geschichte. Ich tret' ihm in den Weg, und sollt' es mich vernichten. Hamlet . Es war ein regnerischer Sonntag in dem düstern Monat November. Auf meiner Reise hatte mich eine leichte Unpäßlichkeit befallen, von der ich mich allmählig wieder erholte; allein ich fühlte noch immer ein wenig Fieber, und war genöthigt, den ganzen Tag in einem Gasthofe in der kleinen Stadt Derby das Zimmer zu hüten. Ein nasser Sonntag, in einem Gasthofe auf dem Lande! Wer je das Glück gehabt hat, eine ähnliche Erfahrung zu machen, kann allein von meiner Lage urtheilen. Der Regen schlug gegen die Scheiben; die Glocken läuteten mit trübseligem Klange zur Kirche. Ich ging ans Fenster, um irgend etwas zu suchen, welches das Auge unterhalten könnte; allein es schien, als ob ich mich gänzlich außerhalb der Sphäre der Unterhaltung befände. Die Fenster meines Schlafzimmers gingen auf Ziegeldächer und Schornsteine, während ich aus denen meines Wohnzimmers eine freie Aussicht auf den Stallhof hatte. Ich kenne nichts, das einem Menschen die Welt so verleiden könnte, als ein Stallhof an einem regnerischen Tage. Dieser Hof war mit nassem Stroh bedeckt, das von Reisenden und Stalljungen umhergetreten war. In einer Ecke war ein stehender Wasserpfuhl, der eine Insel von Mist umgab; da waren mehrere halbersäufte Hühner, welche sich unter einen Karren zusammengedrängt hatten, und unter ihnen war auch ein elender, trauriger Hahn, der über den Regen alles Leben und allen Muth verloren hatte: sein herabhängender Schweif war gleichsam in Eine Feder zusammengeklebt, an welcher das Wasser von seinem Rücken herablief; neben dem Karren stand eine halb schlafende Kuh, wiederkäuend, und sich ruhig beregnen lassend, mit Wolken von Dampf, die von der rauchenden Haut aufstiegen; ein glasäugiges Pferd, der Einsamkeit des Stalles müde, steckte seinen gespenstischen Kopf zu einem Fenster heraus, während der Regen von den Dachrinnen darauf herabtröpfelte; ein unglücklicher Hofhund, an das dicht dabeistehende Hundehaus angekettet, stieß von Zeit zu Zeit einen der zwischen Gebelle und Geschrei mitten inne liegenden Laute aus; eine schmutzige Küchenmagd trottete, auf Kothschuhen, in dem Hofe hin und her, und sah so finster wie das Wetter selbst aus; kurz, Alles war trostlos und trübselig, ausgenommen ein Volk eifrig saufender Enten, wie lustige Gesellen um einen Pfuhl versammelt und einen heillosen Lärm bei ihrem Getränke machend. Ich war einsam und mißmuthig, und wünschte Unterhaltung. Mein Zimmer ward mir bald unleidlich. Ich verließ es, und suchte die sogenannte Stube der Reisenden. Dieß ist ein gemeinsames Zimmer, welches sich in den meisten Wirthshäusern eigends für eine Klasse von Gästen eingerichtet findet, die man Handels-Reisende oder Musterreiter nennt; eine Art von irrenden Rittern, welche unaufhörlich das Königreich in Gigs, zu Pferde oder auf der Landkutsche durchstreifen. Sie sind die einzigen, mir heut zu Tage bekannt gewordenen, Nachfolger der alten irrenden Ritter. Sie führen dieselbe Art fahrenden abenteuerlichen Lebens, wie jene, nur daß sie die Lanze gegen eine Fahrpeitsche, den Schild gegen eine Musterkarte, und den Panzer gegen einen Reise-Oberrock vertauscht haben. Statt die Reize unvergleichlicher Schönheit zu verfechten, streifen sie umher, den Ruhm und die Solidität irgend eines gewichtigen Kaufmannes oder Manufacturisten heraus zu streichen, und sind zu jeder Zeit bereit, in seinem Namen einen Handel abzuschließen, da es heutigen Tages Mode ist, mit einander zu handeln, statt zu fechten. So wie in den guten alten Kampfzeiten die Gaststube der Herberge des Abends mit den Waffen ermüdeter Krieger, als Panzerhemden, Schwertern und offenen Helmen geziert gewesen sein würde; so hängen in dem Zimmer der Reisenden die Geräthschaften ihrer Nachfolger, Reise-Oberröcke, Peitschen aller Art, Sporen, Gamaschen und Hüte, mit Wachstuch überzogen, bunt umher. Ich hoffte, einige dieser ehrbaren Herrn zu finden, um mich mit ihnen zu unterhalten, ward aber getäuscht. Es waren allerdings zwei oder drei im Zimmer; ich konnte indeß nichts mit ihnen anfangen. Einer war so eben mit seinem Frühstück fertig geworden, zankte über sein Brod und die Butter, und schalt den Aufwärter; ein anderer knöpfte sich ein Paar Gamaschen an und fluchte dabei nicht wenig auf den Hausknecht, daß er seine Schuhe nicht ordentlich gereinigt habe; ein dritter saß da, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und sah dem Regen zu, wie er an der Fensterscheibe hinunterlief; sie alle schienen vom Wetter angesteckt, und verschwanden, einer nach dem andern, ohne ein Wort gewechselt zu haben. Ich schlenderte zum Fenster hin und stand da, die Leute betrachtend, wie sie sich ihren Weg zur Kirche auf den Steinen aussuchten, dabei die Röcke bis auf die Mitte der Wade aufhoben und triefende Regenschirme trugen. Die Glocke hörte auf zu tönen, und die Straßen wurden still. Ich beschäftigte mich nun damit, die Töchter eines gegenüberwohnenden Handwerkers zu beobachten; da sie, aus Furcht ihren Sonntagsstaat zu verderben, in das Hans gebannt waren, ließen sie ihre Reize an den Vorderfenstern des Hauses sehen, um die zufälligen Bewohner des Gasthofes damit zu bezaubern. Sie wurden jedoch endlich von einer wachsamen, essigsauer aussehenden Mutter hinweggerufen, und ich hatte von außen nichts weiter, womit ich mich hätte unterhalten können. Was sollte ich nun thun, um den lieben langen Tag hinzubringen? Ich war gewaltig nervenschwach und fühlte mich einsam; und alles in einem Gasthofe scheint darauf berechnet zu sein, einen langweiligen Tag noch zehnmal langweiliger zu machen. Alte Zeitungen, nach Bier und Tabak riechend, und die ich schon ein halbes Dutzend Male gelesen hatte. – Nichtsnutze Bücher, noch schlechter, als das Regenwetter! Ich langweilte mich zu Tode bei einem alten Bande des Damen-Magazins. Ich las alle an die Scheiben gekritzelte gewöhnliche Namen ehrgeiziger Reisender; die ewigen Familien der Smiths und Browns, und Jacksons und Johnsons, und aller anderen Söhne, und entzifferte mehrere Bruchstücke von langweiliger Gasthofsfensterpoesie, die ich in allen Theilen der Welt gefunden habe. Der Tag blieb trüb und düster; die schmutzigen, zerrissenen, schwammigen Wolken zogen schwerfällig entlang; selbst der Regen war einförmig; es war ein langweiliges, fortdauerndes, eintöniges Plätschern – Plätschern – Plätschern, außer daß zuweilen das Rasseln der Tropfen auf den Schirm eines Vorübergehenden den belebenden Gedanken an einen stärkern Schauer erweckte. Es war (um mich einer Modephrase zu bedienen) ordentlich eine Erquickung, als im Verlaufe des Morgens endlich ein Horn ertönte und eine Landkutsche die Straße herunterrollte, die Außenseite ganz mit Passagieren bespickt, welche, unter baumwollene Regenschirme zusammengekauert, Einer neben dem Andern schmorten, und von den Dämpfen nasser Ueberröcke und Mäntel rauchten. Der Ton des Horns brachte eine Menge herumtreibender Jungen und herumtreibender Hunde aus ihren Schlupfwinkeln hervor, so wie den rothköpfigen Stallknecht, das namenlose Thier, Boots genannt, und all das übrige nichtsnutze Gesindel, das in der Umgegend eines Gasthofes zu finden ist. Das dadurch entstandene Leben war aber vorübergehend; die Kutsche rollte wieder ihren Weg fort; und Jungen und Hunde, Stallknecht und Boots, Alles kroch wieder in seine Höhlen; die Straße ward wieder still, und der Regen fiel nach wie vor. Es war auch wirklich keine Hoffnung, daß es sich aufklären würde, der Barometer stand auf Regenwetter; der Wirthin schildkrötenschalfarbige Katze saß bei dem Feuer, wusch sich das Gesicht, und strich sich mit den Pfoten über die Ohren; und, als ich in den Kalender sah, fand ich eine böse Prophezeihung, die, von einem Ende des Monats bis zum andern, die ganze Seite hinunterging, und lautete: »Erwartet – viel – Regen – zu – dieser – Zeit!« Ich ward gewaltig trübsinnig. Die Stunden schienen gar nicht vorüberschleichen zu wollen. Selbst das Ticken der Uhr ward ärgerlich. Endlich ward die Stille im Hause durch den Klang einer Glocke unterbrochen. Kurz nachher hörte ich die Stimme des Aufwärters an der Schenke: »der dicke Herr, in Nr. 13 will sein Frühstück haben. Thee und Brod und Butter, mit Schinken und Eiern; die Eier nicht zu hart gesotten.« In einer Lage, gleich der meinigen, wird jede Begebenheit wichtig. Hier bot sich meinem Geiste ein Gegenstand der Forschung, und meiner Einbildungskraft freier Spielraum dar. Wäre des Gasts von oben als eines Herrn Smith, oder Herrn Brown, oder Herrn Jackson, oder Herrn Johnson, oder kurzweg als des Herrn in Nr. 13 gedacht worden, so wäre weiter nichts damit zu machen gewesen. Ich hätte nichts dabei gedacht; aber »der dicke Herr!« – schon der Name hatte etwas Malerisches. Dieß gab sogleich den Maßstab; ich verkörperte mir den Mann vor den Augen meines Geistes, und meine Einbildungskraft that das Uebrige. Er war dick, oder, wie Einige es nennen, stark; ganz wahrscheinlich also bei Jahren, da manche Leute mehr Umfang gewinnen, wenn sie alt werden. Nach seinem etwas späten Frühstücken, und zwar auf seinem Zimmer, mußte es ein Mann sein, der nach seiner Bequemlichkeit zu leben gewohnt und über die Nothwendigkeit des frühen Aufstehens hinaus war; ohne Zweifel also ein runder, roth aussehender, starker, alter Herr. Es wurde abermals heftig geklingelt. Der dicke Herr verlangte ungeduldig nach seinem Frühstücke. Er war offenbar ein Mann von Bedeutung; »der es sich in der Welt wohl sein ließ,« gewohnt, schnell bedient zu werden; von starkem Appetit und ein wenig verdrießlich, wenn ihn hungerte: »vielleicht,« dachte ich, »ist es ein Alderman von London, oder, wer weiß, ob es nicht gar ein Parlamentsmitglied ist?« Das Frühstück ward hinaufgeschickt, und es blieb eine kurze Zeit ruhig; wahrscheinlich machte er nun den Thee. Plötzlich ward wieder heftig geklingelt, und ehe jemand kommen konnte, abermals und heftiger. »Mein Himmel! was für ein jähzorniger alter Herr!« Der Aufwärter kam sehr verdrießlich herunter. Die Butter war alt, die Eier waren zu hart, der Schinken zu salzig: – der alte Herr war sichtlich eigen bei seinem Essen, Einer von Denen, die essen und brummen, den Aufwärter beständig auf den Füßen erhalten, und mit dem ganzen Hausstande auf dem Kriegsfuße stehen. Die Wirthin gerieth in Aerger. Ich muß bemerken, daß sie eine lebhafte, kokette Frau war, ein wenig böse und ein wenig schlampig, aber dennoch sehr hübsch; sie hatte einen Tropf zum Manne, wie böse Weiber gewöhnlich haben. Sie schalt die Leute tüchtig aus, daß sie ein so schlechtes Frühstück hinaufgeschickt, sagte aber nicht ein Wort gegen den dicken Herrn; woraus ich deutlich sah, daß er ein Mann von Bedeutung sein müsse, berechtigt, in einem Wirthshause auf dem Lande Lärm und viel zu schaffen zu machen. Andere Eier und Schinken und Brod und Butter wurden hinaufgeschickt. Dieses schien besser aufgenommen zu werden; wenigstens hörte man keine Klage weiter. Ich war noch nicht oft in der Reisestube auf- und abgegangen, als ich abermals klingeln hörte. Kurz nachher ward im Hause hin und her gelaufen und gesucht. Der dicke Herr wollte die Times oder das Morning Chronicle haben. Ich dachte mir also, er müsse ein Whig, oder vielmehr, nach seiner Art, entscheidend und befehlshaberisch zu sein, wo er es sein konnte, ein Radical sein. Ich hatte gehört, Hunt sei ein starker Mann: »wer weiß,« sagte ich zu mir »ob es nicht gar Hunt selbst ist?« Meine Neugierde begann zu erwachen. Ich fragte den Aufwärter, wer der dicke Herr sei, der alle diese Bewegung verursache; aber ich konnte nichts erfahren: Niemand schien seinen Namen zu wissen. Die Wirthe vielbesuchter Gasthöfe kümmern sich selten um die Namen oder Beschäftigungen ihrer durchreisenden Gäste. Die Farbe des Rocks, die Gestalt oder Statur des Mannes reichen hin, den Reisenamen herzugeben. Es ist entweder: der große Herr, oder der kleine Herr, oder der schwarze Herr, oder der braune Herr, oder, wie in dem gegenwärtigen Falle, der dicke Herr. Wenn sich einmal eine solche Benennung gebildet hat, reicht diese für Alles aus und überhebt der Mühe einer genauern Nachfrage. Regen – Regen – Regen! unbarmherziger, unaufhörlicher Regen! Da war an kein Ausgehen zu denken, und zu Haus keine Beschäftigung oder Unterhaltung. Von Zeit zu Zeit hörte ich jemand über meinem Kopfe gehen. Es war in des dicken Herrn Zimmer. Nach der Schwere seiner Tritte war er offenbar ein starker Mann, und ein alter Mann, weil seine Schuhsohlen so knarrten. »Offenbar ist er,« dachte ich, »ein alter, reicher Sonderling von sehr regelmäßiger Lebensart, und macht sich jetzt nach dem Frühstück eine Bewegung.« Ich las nun alle Ankündigungen von Kutschen und Gasthöfen, die um den Kamin gesteckt waren. Das Damen-Magazin war mir zuwider geworden; es war so langweilig, als das Wetter. Ich ging, da ich nicht wußte, was ich thun sollte, hinaus und stieg wieder in mein Zimmer hinauf. Ich war noch nicht lange hier, als ich in einem Schlafzimmer in der Nähe Lärm hörte. Eine Thüre öffnete sich und ward heftig zugeworfen; ein Hausmädchen, deren frisches freundliches Aussehn mir aufgefallen war, ging in heftigem Ingrimm die Treppe hinab. Der dicke Herr war unartig gegen sie gewesen! Dieß Ereigniß jagte eine ganze Schaar meiner Folgerungen in einem Augenblicke zum Henker. Der Unbekannte konnte kein alter Herr sein: denn alte Herren sind gewöhnlich gegen die Hausmädchen nicht so ungezogen. Er konnte kein junger Herr sein: denn junge Herren machen wohl nicht so unwillig. Er mußte ein Mann von mittleren Jahren sein, und dazu verwünscht häßlich, sonst würde das Mädchen die Sache nicht so grimmig übel genommen haben. Ich gestehe, daß ich nicht wußte, woran ich war. Nach einigen Minuten hörte ich die Stimme der Wirthin. Ich sah sie auf einen Augenblick, als sie die Treppe hinauftrappelte; ihr Gesicht glühte, die Haube war los, und ihre Zunge war immer in Bewegung. »Sie wolle solche Wirthschaft nicht im Hause haben, dafür bürge sie! Wenn die Herren ihr Geld darauf gehen ließen, so gebe das doch kein Recht dazu. Sie würde es nicht leiden, daß ihre Mädchen in dieser Weise behandelt würden, wenn sie ihre Arbeit thäten, das wär's, was sie nicht wollte!« Da ich alles Zanken hasse, vorzüglich von Frauen, und, noch dazu, von hübschen Frauen, schlich ich in mein Zimmer zurück und machte die Thüre halb zu; allein meine Neugierde war zu sehr erregt, als daß ich nicht hätte horchen sollen. Die Wirthin marschirte unerschrocken auf die feindliche Festung zu, und drang mit Sturm ein; die Thür schloß sich hinter ihr. Ich hörte ihre Stimme einen oder zwei Augenblicke in lautem, scheltenden Tone. Dann ward sie allmählig gemäßigter, wie ein Windstoß in einer Dachstube; dann hörte ich ein Lachen; dann hörte ich nichts mehr. Nach einer kleinen Weile kam die Wirthin mit einem seltsamen Lächeln in ihrem Gesichte wieder heraus, und setzte sich ihre Haube zurecht, die sich ein wenig auf die eine Seite verschoben hatte. Als sie die Treppe hinunter kam, hörte ich, wie der Wirth sie fragte, was es denn gäbe; sie antwortete: »Ganz und gar nichts; das Mädchen ist eine Närrin.« Jetzt wußte ich noch weniger, als vorher, was ich aus dieser unerklärlichen Person machen sollte, die ein freundliches Hausmädchen in Zorn und eine böse Wirthin zum Lachen bringen konnte. Er konnte doch nicht so alt, so mürrisch, noch auch so häßlich sein. Ich mußte mich nun von Neuem an sein Gemälde machen, und ihn wieder ganz anders malen. Ich dachte mir ihn jetzt, als Einen von den wohlbeleibten Herren, die man so häufig an den Thüren von Gasthöfen auf dem Lande herumstolziren sieht. Nasse, fröhliche Bursche, mit gewürfelten Halstüchern, und die durch Bier einen noch größeren Umfang erhalten haben; Leute, die sich in der Welt umgesehen und in Highgate geschworen haben Nämlich: nie die Magd zu küssen, wenn sie die Frau küssen könnten, nie dünnes Bier zu trinken, wenn sie starkes hätten u. s. w. Ein nun abgekommener Scherz. – Anm. des Verf. ; die an das Schenkenleben gewohnt sind, alle Kniffe der Küfer kennen, und wissen, wie es die gottlosen Gastwirthe machen. Sie leben groß auf kleinem Fuß, sind verschwenderisch, wenn es nicht über eine Guinee geht, nennen alle Aufwärter bei Namen, zerren die Mägde umher, plaudern mit der Wirthin an der Schenke, und schwatzen bei einer Pinte Portwein oder bei einem Glase Negus , nach dem Mittagsessen. Der Morgen ging mit diesen und ähnlichen Hirngespinsten vorüber. So stark ich mir auch ein Glaubenssystem zusammengestellt hatte, so stürzte eine Bewegung des Unbekannten es wieder gänzlich zusammen und brachte alle meine Gedanken abermals in Verwirrung. So sind die einsamen Phantasieen eines Fieberkranken. Ich war, wie ich gesagt habe, sehr nervenschwach; und das fortdauernde Nachdenken über das, was den Unsichtbaren anging, fing an zu wirken; ich bekam einen Anfall von fieberhafter Unruhe. Die Essenszeit kam. Ich hoffte, der dicke Herr würde in der Stube der Reisenden essen, und ich ihn nun endlich zu Gesicht bekommen; doch nein – er ließ sich das Essen auf sein Zimmer bringen. Was bedeutete nun aber diese Einsamkeit und dieß geheimnißvolle Wesen? Er konnte kein Radical sein; es lag etwas zu Aristokratisches darin, daß er sich von der übrigen Welt absonderte und sich einen ganzen regnerischen Tag seiner eigenen langweiligen Gesellschaft anheim gab. Und dann lebte er auch zu gut für einen unzufriedenen Politiker. Er schien sich an einer Menge von Schüsseln gütlich zu thun, und wie ein fröhlicher Lebemann bei seiner Flasche zu sitzen. Wirklich, meine Zweifel über dieß letzte Kapitel wurden bald gelöst; denn er konnte noch nicht seine erste Flasche geleert haben, als ich ihn leise ein Lied brummen hörte; und als ich lauschte, fand ich, daß es »God save the King« war. Es war also klar, daß er kein Radical, sondern ein treuer Unterthan war, einer, der bei seiner Flasche loyal wurde, und bereit war, sich für den König und die Verfassung zu stellen, wenn er sich auch sonst nicht mehr stellen konnte. Aber wer konnte er sein? Meine Vermuthungen fingen an, in's Blaue hinauszuschweifen. War er nicht vielleicht ein Mann von Bedeutung, der incognito reiste? »Gott weiß es,« sagte ich zu mir, als mir gar nichts mehr übrig blieb; »es ist vielleicht gar Einer aus der königlichen Familie, denn die sind Alle starke Herrn!« Das Wetter blieb regnerisch. Der geheimnißvolle Unbekannte blieb in seinem Zimmer, und so viel ich beurtheilen konnte, auf seinem Stuhl, denn ich hörte nicht, daß er sich bewegte. Mittlerweile, wie der Tag vorrückte, füllte sich die Stube der Reisenden immer mehr. Einige neue Ankömmlinge traten, bis oben zugeknöpft in ihre Oberröcke, ein; Andere, die in der Stadt umher gewesen waren, kamen nach Hause. Einige aßen zu Mittag, Andere tranken ihren Thee. Wäre ich in einer andern Laune gewesen, so würde mir es Unterhaltung gewährt haben, diese besondere Klasse von Leuten zu beobachten. Es waren vorzüglich zwei Bursche darunter, die regelmäßige Straßenlagerer und mit allen den hergebrachten Scherzen der Reisenden vollkommen vertraut waren. Sie hatten dem aufwartenden Dienstmädchen tausend närrische Dinge zu sagen, nannten sie bald Louise, und Ethelinde, und mit einem Dutzend anderer schöner Namen, jedesmal bei einem andern, und lachten dabei unmäßig über ihre Neckerei. Ich hatte meine Aufmerksamkeit jedoch einzig und allein auf den dicken Herrn gerichtet. Er hatte meine Einbildungskraft einen ganzen Tag über auf der Jagd umhergetrieben und diese ließ sich jetzt nicht mehr von der Spur abbringen. Der Abend ging nach und nach vorüber. Die Reisenden lasen die Zeitungen zwei- oder dreimal durch. Einige sammelten sich um das Feuer und erzählten lange Geschichten von ihren Pferden, ihren Abenteuern, ihrem Umwerfen und Zusammenbrechen. Sie besprachen den Credit verschiedener Kaufleute und den Ruf mehrerer Gasthöfe; und die beiden Schälke erzählten mehrere auserlesene Anecdoten von hübschen Hausmädchen und gefälligen Wirthinnen. Alles dieß ging vor, während sie ruhig zu sich nahmen, was sie ihre Nachtmützen nannten, das heißt, große Gläser mit Branntwein, Wasser mit Zucker oder irgend eine andere Mischung der Art, worauf sie, Einer nach dem Andern, nach dem »Boots« und dem Hausmädchen klingelten, und in alten Schuhen, die zu wunderbar unbequemen Pantoffeln verschnitten worden waren, nach ihren Schlafzimmern wanderten. Nur noch ein Mann blieb übrig; ein kurzbeiniger, langleibiger, vollblütiger Gesell, mit einem sehr breiten semmelblonden Kopfe. Er saß allein bei einem Glase Portwein-Negus; nippte und rührte mit dem Löffel, und sann und nippte, bis nichts mehr übrig war als der Löffel. Er schlief allmählig kerzengerade auf seinem Stuhle ein, mit dem leeren Glase vor sich, und das Licht schien ebenfalls einzuschlafen, denn der Docht wurde lang und schwarz, bog sich um, und verdunkelte das wenige Licht, das noch in der Stube war. Die Düsterkeit, welche nun vorherrschte, war ansteckend. Rundum hingen die gestaltlosen, beinahe geisterähnlichen Oberröcke der dahingegangenen Reisenden, die schon lange in tiefem Schlaf begraben lagen. Ich hörte nur das Ticken der Uhr, das tiefe Aufathmen des schlafenden Zechers, und das Träufeln der Regentropfen auf den Dachrinnen des Hauses. Die Thurmuhren schlugen Mitternacht. Auf einmal fing der dicke Herr über meinem Kopfe zu gehen an und schritt langsam auf und nieder. In allem diesem lag etwas ungemein Grausenhaftes, vorzüglich für Jemand, der sich in dem Nervenzustande befand, wie ich. Diese gespenstischen Oberröcke, diese tiefen Gurgeltöne, und die knarrenden Fußtritte des geheimnißvollen Wesens! Seine Tritte wurden schwächer und schwächer, und verhallten endlich ganz. Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich wurde in die Verzweiflung eines Romanhelden hinauf geschraubt. »Sei er, wer oder was er wolle,« sagte ich zu mir selbst, »ich muß ihn sehen!« Ich nahm einen Nachtleuchter und eilte nach Nr. 13 hinauf. Die Thür war angelehnt. Ich zauderte – ich trat hinein; das Zimmer war verlassen. Ein großer geräumiger Armstuhl stand neben dem Tische, auf welchem ein leeres Bierglas und ein Stück der Times zu sehen war, und das Zimmer roch mächtig nach Stilton-Käse. Der geheimnißvolle Fremde hatte sich offenbar nur so eben erst entfernt. Ich wanderte, schmerzlich getäuscht, nach meinem Zimmer zurück, welches man mir jetzt nach vorne heraus angewiesen hatte. Als ich den Gang hinunterging, sah ich ein Paar große Stiefeln, mit schmutzigen gewichsten Klappen, welche an der Thür eines Schlafzimmers standen. Ohne Zweifel gehörten sie dem Unbekannten; allein es ging doch nicht an, ein so furchtbares Wesen in seiner Höhle zu stören: er hätte ein Pistol, oder noch etwas Schlimmeres auf meinen Kopf abfeuern können. Ich ging also zu Bett, und lag die halbe Nacht in einem gewaltig angegriffenen Zustande; selbst wenn ich schlief, kamen mir noch im Traume der dicke Herr und seine gewichsten Klappen vor. Ich schlief am andern Morgen ziemlich lange, und ward durch einigen Lärm und Unruhe im Hause erweckt, deren Veranlassung ich Anfangs nicht ergründen konnte, bis ich wacher werdend fand, daß eine Postkutsche von der Thür des Hauses abgehe. Auf einmal rief man unten herauf: »der Herr hat seinen Regenschirm vergessen! Seht nach des Herrn Regenschirm in Nr. 13!« Ich hörte sogleich ein Hausmädchen die Treppe heraufpoltern und eine kreischende Stimme antworten, als sie gelaufen kam: »hier ist er, hier ist des Herrn Regenschirm!« Der geheimnißvolle Fremde war also im Begriff, fortzufahren. Dieß war der einzig mögliche Fall, ihn jemals kennen zu lernen. Ich sprang aus dem Bette, kroch nach dem Fenster, riß die Vorhänge auseinander, und bekam gerade noch den Rücken einer Person zu sehen, welche in den Kutschenschlag stieg. Die Schöße eines braunen Rocks gingen hinten auseinander und eröffneten mir die volle Aussicht auf die breite Scheibe eines Paars brauner Hosen. Der Schlag wurde geschlossen – »alles in Ordnung!« hieß es – die Kutsche rollte davon: – und das war Alles, was ich je von dem dicken Herrn gesehen habe. Wald-Bäume. Eine lebende Galerie alter Bäume. Zu den Gegenständen, auf welche der Squire mit Vorliebe und mit Stolz blickt, gehören die edeln Bäume auf seinem Gute, welches in der That einige der schönsten aufweisen kann, die ich in England gesehen habe. Es liegt etwas Erhabenes und Feierliches in den großen Gängen stattlicher Eichen, welche ihre Zweige hoch in der Luft verschränken und die Fußgänger unter ihnen zu wahren Zwergen machen. »Eine Allee von Eichen oder Ulmen,« sagte der Squire, »ist der wahre Säulengang, wie er allein zu eines Gutsbesitzers Hause führen kann. Was Stein und Marmor betrifft, so kann sie Jeder aufrichten, dieß ist das Werk von Tagen; ich aber halte mich an die Saulengänge, die mit der Familie alt und groß geworden sind und durch ihre Größe verkündigen, wie lange die Familie bestanden hat.« Der Squire hat eine große Verehrung vor gewissen ehrwürdigen, mit Moos bedeckten Bäumen, welche er als den alten Adel seines Besitzthums ansieht. Hier sind die Trümmer einer ungeheuren Eiche, die von der Zeit und den Stürmen so mitgenommen und zerzaust worden, daß kaum noch etwas davon übrig geblieben ist, ob er gleich behauptet, Christy müsse sich noch aus seiner Kindheit erinnern, sie gesund und blühend gesehen zu haben, bis sie vom Blitze getroffen wurde. Sie ist jetzt ein bloßer Stamm mit einem knotigen Aste, der in die Luft emporragt, und an dessen Ende ein grüner Zweig herauswächst. Diese mannhafte Ruine wird von dem Squire sehr hoch gehalten; er nennt sie seinen Fahnenträger, und vergleicht sie mit einem ergrauten Krieger, der in der Schlacht zu Boden gestürzt worden ist, aber sein Banner bis um letzten Augenblicke noch emporhält. Er hat wirklich ringsumher ein Gitter errichten lassen, um sie soviel als möglich von fernerer Beschädigung zu sichern. Nur mit großer Schwierigkeit kann der Squire dahin gebracht werden, einen Baum auf seinem Gute fällen zu lassen. Einige betrachtet er mit Ehrfurcht, da sie von seinen Vorfahren gepflanzt worden sind; andere mit einer Art väterlicher Zärtlichkeit, da er sie selbst gesetzt hat; und er hat eine gewisse Scheu, mit wenigen Hieben der Axt umzustürzen, was aufzubauen Jahrhunderte gekostet hat. Ich gestehe, in gewissem Grade die Gefühle des guten Squire zu theilen. Obgleich in einem Lande aufgewachsen, das mit Wäldern bedeckt ist, wo man die Bäume wohl nur als Hindernisse betrachtet und sie ohne Zögern und Gewissensbisse fällt, konnte ich doch nie einen schönen Baum ohne Betrübniß umhauen sehen. Die Dichter, von Natur Freunde der Bäume, so wie von Allem, das schön ist, haben kunstvoller Weise einen großen Antheil zu ihren Gunsten erweckt, indem sie sie als die Wohnsitze der Waldgottheiten dargestellt haben, so daß jeder große Baum seinen Schutzgeist oder eine Nymphe haben soll, deren Dasein auf seine Dauer beschränkt ist. Evelyn macht in seiner »Sylva« einige sehr liebliche, geistreiche Anspielungen auf diesen Glauben. »Denn der Fall einer sehr alten Eiche,« sagt er, »der wie ein Donnerschlag kracht, wird oft mehrere Meilen weit gehört, und ich kann mich, obgleich ich die Bäume oft zu meinem großen Widerwillen fällen lassen muß, nie erinnern, das Seufzen dieser Nymphen (welche darüber klagen, daß man sie ihrer alten Wohnungen beraubt) ohne einige Bewegung und ohne Mitleid gehört zu haben.« Und wieder, wo er eines heftigen Sturms erwähnt, der die Wälder verwüstet, sagt er: »Mir däucht ich höre noch, es ist gewiß, daß ich es noch fühle, das traurige Stöhnen unserer Wälder; der neuliche schreckliche Orkan hat so manche Tausende herrlicher Eichen umgestürzt, die Bäume dahingestreckt, und sie liegen nun in gräßlicher Unordnung da, wie ganze Regimenter, welche in der Schlacht unter dem Schwerdte des Eroberers gefallen sind, und haben Alles zerschmettert, was unter ihnen wuchs. Nach den öffentlichen Nachrichten,« setzt er hinzu: »sollen nicht weniger als drei Tausend wackere Eichen , in einem einzigen Theile des Waldes von Dean, niedergestürzt worden sein.« Ich bin mehr als einmal in den Wildnissen von Amerika stehen geblieben, die Verwüstung eines Windstoßes zu beobachten, der von den Wolken herabgebrauset zu sein schien und sich einen Weg mitten durch die Waldungen gebahnt hatte; er entwurzelte, zerspaltete und zersplitterte die stärksten Bäume, und ließ überall Zeichen seiner Bahn zurück. Es lag etwas Furchtbares in der gewaltigen Zerstörung, welche unter diesen riesenhaften Pflanzengestalten angerichtet war; und wenn ich ihre prachtvollen Ueberreste betrachtete, wie sie so gewaltsam zerrissen und zerschmettert da lagen, herabgestürzt von ihrer Höhe, um auf ihrem heimischen Boden frühzeitig zu Grunde zu gehen, ward ich derselben starken Gefühle der Mitleidenschaft inne, welche Evelyn so gefühlvoll ausgesprochen hat. Eben so erinnere ich mich, daß ein Reisender von poetischem Gemüthe mir den Schauer schilderte, den er empfunden, als er an den Ufern des Missouri eine Eiche von wunderbarer Größe von einem ungeheuern wilden Weinstock überwältigt sah. Der Weinstock hatte seine gewaltigen Ranken um den Stamm geschlungen und von dort hatte er sich um jeden Ast und Zweig gewunden, bis der mächtige Baum in seiner Umarmung erstickt war. Er schien, wie Laokoon, vergeblich aus den scheußlichen Windungen des Ungeheuers Python sich herauszuwickeln bemüht. Es war der Löwe der Bäume, der in den Umschlingungen einer Pflanzen-Boa seinen Untergang fand. Ich höre gern der Unterhaltung gebildeter Engländer über ländliche Gegenstände zu, und sehe freudig, mit wie vielem Geschmacke und Scharfsinn, und mit welchem großen, aufrichtigen Antheil sie über Sachen reden, welche in anderen Ländern nur Forst- und Landleuten überlassen werden. Ich habe einen edeln Grafen über Park- und Wald-Gegenden mit der Kennerschaft und dem Gefühle eines Malers reden hören. Er ließ sich über die Gestalt und die Schönheit einzelner Bäume auf seinem Gute mit so vielem Stolze und technischer Bestimmtheit aus, als ob er die Schönheiten von Statuen in seiner Sammlung hätte erörtern wollen. Ich fand, daß er sogar sehr weite Ausflüge gemacht hatte, um Bäume zu sehn, die bei den Liebhabern landschaftlicher Gegenstände berühmt waren; denn es scheint, daß Bäume wie Pferde ihre bestimmten Zeichen der Schönheit haben, und daß es in England einige gibt, welche ihrer Vollkommenheit wegen einer großen Berühmtheit unter den Baumliebhabern genießen. Es liegt etwas edel Einfaches und Reines in einem solchen Geschmacke; ein so lebendiges Gefühl für die Schönheiten der Pflanzenwelt, und eine solche Freundschaft für die wackeren glorreichen Söhne des Waldes zeugt, wie mich dünkt, von einer sanften, edeln Gemüthsart. Es liegt in diesem Theile der Landwirthschaft eine gewisse Großartigkeit des Gedankens. Ich möchte ihn beinahe den heroischen Theil des Landbaues nennen. Er ist freisinniger, freigeborner und unternehmender Männer würdig. Wer eine Eiche pflanzt, blickt auf die kommenden Geschlechter, und pflanzt für die Nachkommenschaft. Nichts kann weniger selbstsüchtig sein als dieses. Er kann nicht hoffen, daß er einst in ihrem Schatten sitzen oder sich ihres Schutzes erfreuen werde; aber er frohlockt in dem Gedanken, daß die Eichel, welche er in die Erde gelegt, einst zu einem himmelanstrebenden Baum emporwachsen, und lange noch, nachdem er seine väterlichen Felder zu betreten aufgehört. blühen, wachsen und den Menschen nützen werde. Es liegt überhaupt in dem Wesen solcher Beschäftigungen, den Gedanken eine Richtung über das bloß Weltliche hinaus zu geben. So wie die Blätter der Bäume alle schädliche Dünste einfangen und eine reinere Luft aushauchen sollen, so scheint es mir auch, als ob sie alle selbstsüchtigen, leidenschaftlichen Gesinnungen aus uns herauszögen, und Friede und Menschenliebe aushauchten. Es ist in den Waldgegenden eine heitere, ruhige Majestät, welche in die Seele eindringt, sie erweitert und erhebt, und mit edeln Regungen erfüllt. Auch sind die alten erblichen Wälder, welche diese Insel umlauben, meistens voll geschichtlicher Erinnerungen. Sie werden besucht von dem Andenken großer Geister verflossener Jahrhunderte, welche in ihnen, nach dem Geräusch der Waffen oder den Mühseligkeiten der Staatsgeschäfte, Erholung suchten, oder in ihrem Schatten den Musen lebten. Wer kann, ohne seine Seele bewegt zu fühlen, in den stattlichen Hainen von Penshurst wandeln, wo Sidney seine Jugend zubrachte; oder ohne Vorliebe den Baum betrachten, der an seinem Geburtstage gepflanzt worden sein soll; oder unter den klassischen Laubengängen von Hagley wandeln, oder in den einsamen Forsten von Windsor ruhen, und die gewaltigen, grauen Eichen betrachten, die wie die alten Thürme des Schlosses von der Zeit benagt sind, und sich nicht wie von den Denkmälern langdauerndes Ruhmes umgeben fühlen! Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, haben angepflanzte Gebüsche, stattliche Alleen, wohlgepflegte Parks allerdings einen Vortheil über die üppigeren Schönheiten der freien Natur. Ja, sie sind eine Fundgrube neuer Gedankenverbindungen, und geben der ewig anziehenden Geschichte des menschlichen Daseins ein neues Leben. Die großen und edlen Gemüther eines alten Volks sind also verpflichtet, die heiligen Haine, welche ihre altväterlichen Sitze umgeben, sorgfältig zu unterhalten und sie auf ihre Nachkommen fortzupflanzen. Als geborener Republikaner, der zumal in republikanischen Grundsätzen und Gewohnheiten auferzogen wurde, kann ich nichts von der knechtischen Verehrung von Rang und Titel empfinden, bloß weil sie dieß sind; aber ich bin, erachte ich, bei meinem Glaubensbekenntniß weder Sauertopf noch Frömmler. Ich kann es sehr gut begreifen und fühlen, wie erbliche Auszeichnung, wenn sie einem edlen Gemüthe anheimfällt, dieß zu wahrhaftem Adel emporheben kann. Es gehört zu den Wirkungen des erblichen Ranges, wenn er so glücklich von dem Zufall verliehen wird, die Pflichten seines Besitzers zu vervielfältigen und seinem Dasein gleichsam eine größere Ausdehnung zu geben. Er fühlt sich dann nicht mehr als ein einzelnes Glied in der Schöpfung, das nur für seine kurze Lebensspanne verantwortlich ist. Er verfolgt sein Dasein in stolzer Erinnerung zurück, und dehnt es in einem ehrenvollen Vorgefühl auf die Zukunft aus. Er lebt in seinen Vorfahren, und er lebt in seinen Nachkommen. Beiden fühlt er sich in hohem Grade verantwortlich. Da er von Denen, die ihm vorausgegangen sind, viel überkommen hat, so hält er sich auch verpflichtet, Denen viel zu hinterlassen, die ihm nachfolgen werden. Seine Unternehmungen iunerhalb seines Hauswesens scheinen auf ein längeres Dasein, als die gewöhnlicher Menschen berechnet; Niemand baut und pflanzt lieber für künftige Geschlechter, als hochsinnige Leute, die ihr Erbtheil von vergangenen Jahrhunderten erhalten haben. Ich kann also der Vorliebe und dem Stolze nur meinen Beifall geben, womit ich Engländer von edlem Gemüth und hohen aristokratischen Gesinnungen jene prachtvollen Bäume, welche wie Thürme und Pyramiden mitten aus ihren väterlichen Ländereien hervorragen, betrachten sehe. Es ist eine Verwandtschaft zwischen allen großen Naturen, belebten und unbelebten; die Eiche scheint mir, in dem Stolze und der Kraft ihres Wuchses, in Einer Reihe mit dem Löwen und dem Adler zu stehen, und sich wiederum, in der Großartigkeit ihrer Eigenschaften, dem heldenmüthigen und verständigen Menschen zu nähern. Mit ihrer mächtigen Säule, welche gerade zum Himmel aufsteigt, ihre Blätterkrone weit über die Unreinigkeiten der Erde emporträgt und sie oben in der freien Luft und in dem herrlichen Sonnenscheine entfaltet, ist sie ein Sinnbild von dem, was ein wahrer Edelmann sein sollte; eine Zuflucht für den Schwachen, ein Schutz für den Unterdrückten, ein Schild für den Vertheidigungslosen, welche sie vor dem Ungestüm des Sturmes oder den sengenden Strahlen der Willkühr schützt. Wer das ist, ist ein Schutz und ein Segen für sein Geburtsland. Wer das nicht ist, mißbraucht seine großen Vortheile, mißbraucht die Größe und die Kraft, die er in dem Schooße seines Vaterlandes empfangen hat. Wenn Ungewitter entstehen und der Sturm ihn entwurzelt, wer wird über seinen Fall trauern? Drückt ihn die starke Hand der Macht darnieder, wer wird über sein Schicksal seufzen? – »was schadet's dem Lande?« Ein literarischer Alterthumsforscher. Gedruckte Bücher verachtet er als eine Neuerung dieser späteren Zeiten; aber über Handschriften brütet er unablässig, besonders wenn die Deckel ganz von Würmern zerfressen sind, und der Staub eine Parenthese zwischen jeder Sylbe macht. Mikro-Kosmographie , 1628. Der Squire findet, bei seiner Liebe zu allem Alterthümlichen, große Theilnahme und Unterstützung bei dem Geistlichen, dessen ich bei meinem ersten Besuche in der Halle erwähnt habe, und der gewissermaßen die Stelle eines Haus-Kaplans vertritt. Der Squire hat sich, seitdem sie in Oxford zusammen studirten, beinahe nie von ihm getrennt; denn es ist einer der besonderen Vortheile dieser großen Universitäten, daß sie oft den armen Gelehrten durch frühe und herzliche Bande, welche das ganze Leben hindurch dauern, ohne die gewöhnlichen Demüthigungen der Abhängigkeit und Gönnerschaft, an den reichen Gönner knüpfen. Unter dem gedeihlichen Schutze des Squire hat also der kleine Pfarrherr seine Studien in Frieden fortsetzen können. Da er fast gänzlich unter Büchern, und noch dazu unter alten Büchern gelebt hat, weiß er von der Welt so gut als gar nichts, und sein Geist ist eben so altfränkisch geworden, als der Garten bei der Halle, worin die Blumen alle in steifen Beeten stehen und die Taxusbäume zu Urnen und Pfauen geschnitten sind. Seinen Geschmack an literarischen Alterthümern saugte er zuerst in der Bodley 'schen Bibliothek in Oxford ein, wo er als Student manche Stunde unter den alten Handschriften umherwühlend verbrachte. Er hat seitdem, zu verschiedenen Zeiten, die meisten merkwürdigen Bibliotheken in England besucht, und viele von den Kathedralen durchstöbert. Bei aller seiner ungewöhnlichen, eigenthümlichen Gelehrsamkeit ist er ohne alle Anmaßung und Pedanterei; er besitzt bloß den ungezierten Ernst und die schuldlose Einfalt, welche dem literarischen Alterthumsforscher eigenthümlich zu sein scheinen. Er ist ein schwarzer, verschimmelter kleiner Mann, und etwas trocken in seinem Wesen; der sich aber, wenn man seinen Lieblingsgegenstand berührt, bald erwärmt und zuweilen sogar beredt wird. Kein Fuchsjäger kann bei der Erzählung von seinem letzten Jagdtage mehr in Feuer gerathen, als ich den würdigen Pfarrer entflammt gesehen habe, wenn er von seinen Forschungen nach einer merkwürdigen Urkunde sprach, die er von Bibliothek zu Bibliothek verfolgte, bis er sie endlich in dem staubigen Kapitelhause einer Kathedrale aufspürte. Auch wenn er eine ehrwürdige Handschrift, mit ihren reichen Malereien, ihrem dicken milchweißen Pergamente, ihrer glänzenden Tinte, und dem Klostergeruch, den sie von sich zu geben scheint, beschreibt, wetteifert er mit einem Pariser Schmecker, der von einer Périgord- oder einer Straßburger-Pastete spricht. Sein Gehirn scheint ganz mit liebesiechen Träumen von prächtigen alten Werken »mit Seide ausgeschlagen, mit dreifachen goldenen Bünden und in gesprenkeltem Leder, in Drahtschränken verschlossen und gesichert vor den gemeinen Händen des bloßen Lesers« erfüllt zu sein; und, um mit den glücklichen Ausdrücken eines geistreichen Schriftstellers fortzufahren: »die einem das Auge wie morgenländische Schönheiten blenden, welche durch ihre Gitter blicken.« d'Israelis Merkwürdigkeiten der Literatur. – Anm. des Verf. Er hat indessen immer großes Verlangen, solche Werke in den alten Bibliotheken selbst und in den Kapitelhäusern zu lesen, wohin sie gehören; denn er glaubt, ein Buch mit gothischen Buchstaben lese sich am besten in den ehrwürdigen Gemächern, wohin sich das Licht durch die staubigen Spitzbogenfenster und das bemalte Glas durchkämpft; und daß ein solches seinen halben Reiz verliere, wenn es von dem altväterisch-geschnitzten Bücherschranke und dem gothischen Lesepulte entfernt werde. Auf sein Anrathen hat der Squire die Bibliothek in diesem alten Geschmack einrichten und mehrere Fenster mit dem alten Glase versehen lassen, damit sie ein gehörig gemildertes Licht auf die Blätter ihrer geliebten alten Schriftsteller werfen möchten. Der Geistliche hat, wie man mir sagt, seit längerer Zeit einen Commentar über Strutt, Brand und Douce im Sinne, worin er mehrere gefährliche Irrthümer aufzudecken beabsichtigt, besonders in Rücksicht auf Volksspiele und Volksaberglauben; ein Werk, das der Squire mit großem Interesse erwartet. Er liefert auch zuweilen Beiträge zu der langbestehenden Vorrathskammer der Volksgebräuche und Alterthümer, dem Gentleman's-Magazine, und gehört zu Denen, welche so oft eine Frage über irgend einen verschollenen Gebrauch oder eine seltene Legende aufwerfen; ja man sagt, mehrere von seinen Beiträgen seien wenigstens sechs Zoll lang gewesen. Er erhält häufig mit der Landkutsche aus verschiedenen Theilen des Königreichs Packete mit schimmligen Büchern und beinahe unleserlichen Handschriften; denn es ist sonderbar, welch' einen lebendigen Briefwechsel literarische Alterthumsforscher unter einander führen, und wie bald der Ruf von irgend einem seltenen Buche oder einem »einzigen« Exemplare, das man so eben in dem Schutt einer Bibliothek entdeckt hat, sich unter ihnen verbreitet. Der Geistliche ist eben geschäftiger als je, da er durch die Ankündigung eines Werkes über die Fabellehre des Mittelalters, das unter die Presse kommen soll, etwas ungewiß geworden ist. Der kleine Mann hat seit langer Zeit alle Gespenstergeschichten, deren er nur habhaft werden können, und die zur Erläuterung des Aberglaubens früherer Zeiten dienen, gesammelt, und ist in einem ordentlichen Fieber, dieser furchtbare Nebenbuhler möchte vor ihm in das Feld rücken. Kurz nach meiner Ankunft in der Halle besuchte ich, von Herrn Bracebridge und dem General begleitet, das Pfarrhaus. Der Geistliche hatte sich seit einigen Tagen nicht sehen lassen, etwas, das nicht geringes Erstaunen erregte, da er ein beinahe täglicher Besucher in der Halle war. Wir fanden ihn in seinem Studirzimmer, einer kleinen finsteren Stube, welche durch ein mit einer Jalousie versehenes Fenster, das auf den Kirchhof hinausging, erleuchtet und von einem Taxusbaum beschattet war. Sein Stuhl war mit Folianten und Quartanten umgeben, welche auf dem Boden aufgehäuft waren, und sein Tisch mit Büchern und Handschriften bedeckt. Die Ursache seines plötzlichen Verschwindens war ein Werk gewesen, das er kürzlich erhalten, und mit dem er sich in Entzücken von der Welt zurückgezogen und sich eingeschlossen hatte, um ungestört literarische Flitterwochen zu verleben. Niemals hat ein Mädchen aus der Pension einen empfindsamen Roman, oder Don Quixote ein Ritterbuch gieriger verschlungen, als der kleine Mann die Seiten dieses köstlichen Buches in sich aufnahm. Es war Dibdin's bibliographische Reise, ein Werk, das ganz geeignet war, eine eben so berauschende Wirkung auf die Einbildungskraft literarischer Alterthumsforscher zu haben, als die Abenteuer der Helden der Tafelrunde auf alle ächte Ritter, oder die Erzählungen der früheren amerikanischen Reisenden auf die unternehmenden Gemüther des Zeitalters, welche mit Träumen von mexikanischen und peruanischen Bergwerken und dem goldenen Königreiche von El Dorado angefüllt waren. Der gute Geistliche hatte dieser bibliographischen Reise, als einer von weit größerer Wichtigkeit, denn der nach Afrika oder dem Nordpole, entgegengesehen. Mit welcher Begierde hatte er nicht die Geschichte der Unternehmung zur Hand genommen, mit welchem Antheil hatte er den gewaltigen Bibliographen und seinen zeichnenden Waffenträger auf ihren abenteuerlichen Streifereien zwischen normännischen Kastellen und Kathedralen und französischen Bibliotheken und deutschen Klöstern und Universitäten begleitet; in die Gefängnisse der Pergament-Handschriften und der herrlich illuminirten Meßbücher eindringend und nun deren Schönheiten der Welt enthüllend! Als der Pfarrer seine begeisterte Lobrede auf dieses höchst merkwürdige, unterhaltende Werk beendigt, zog er aus einem kleinen Schubfache eine Handschrift, die er kürzlich von einem Korrespondenten erhalten, und die ihm nicht wenig zu schaffen machte. Sie war in normännischem Französisch geschrieben, mit sehr alten Schriftzügen, und so verschossen und so zerfressen, daß sie kaum zu lesen war. Dem Anschein nach war es ein alter normännischer Trinkgesang, der vielleicht von einem der Zechgenossen Wilhelm des Eroberers mit hinüber gebracht worden. Die Schrift war gerade noch leserlich genug, um einen rüstigen Alterthumsjäger auf zweifelhafter Spur zu erhalten; hie und da verlor er sie ganz, und dann kamen wieder wenige Worte, welche so deutlich geschrieben waren, daß sie ihn abermals auf die Fährte brachten. So war er einen ganzen Tag beschäftigt gewesen, bis er endlich sich völlig im Dunkeln befunden hatte. Der Squire bemühte sich, ihm zu helfen, konnte aber ebenfalls nichts herausbringen. Der alte General hörte eine Zeit lang der Erörterung zu, und fragte dann den Pfarrer, ob er Capitain Morris' oder Georg Stevens' oder Anacreon Moore's Trinkgesänge gelesen hätte; als der Andere es verneinte, sagte der General mit einem klugen Kopfnicken: »O, wenn Ihr Trinklieder haben wollt, kann ich Euch mit den neuesten Sammlungen aushelfen – ich wußte gar nicht, daß Ihr an dergleichen Dingen Geschmack findet. Ich kann Euch das Anekdoten-Lexikon obendrein leihen. Ich reise nie ohne dieß Alles: es ist eine herrliche Lektüre in einem Gasthofe.« Es würde nicht leicht sein, die erstaunte und verlegene Miene des Geistlichen bei diesem Antrage zu beschreiben, oder die Schwierigkeit des Squire dem General begreiflich zu machen, daß, obgleich ein lustiges Lied aus der gegenwärtigen Zeit in den Ohren der Weisheit nur thörichter Klang und unter der Würde eines Gelehrten sei, ein Gassenhauer, den ein Trunkenbold vor mehreren Jahrhunderten geschrieben habe, ein Gegenstand der ernsthaftesten Untersuchung und im Stande wäre, ganze gelehrte Gesellschaften aneinander zu hetzen. Ich habe seitdem über die Sache hin und her gedacht und mir vorgestellt, was denn wohl das Schicksal unserer Tagesliteratur sein würde, wenn sie stückweise von künftigen Alterthumsforschern aus dem Staube von Jahrhunderten hervorgezogen würde. Welch ein Magnus Apollo wird zum Beispiel Moore unter den bedächtigen Geistlichen und bestaubten Schulmännern werden! Seine festlichen und Liebes-Gesänge sogar, die jetzt nur zur Belebung unserer geselligen Zusammenkünfte oder zur Zierde unserer Gesellschaftssäle dienen, werden dann gewiß Gegenstände mühsamer Untersuchung und genauer Vergleichung werden. Wie mancher ernste Professor wird sein Mitternacht-Oel vergeuden oder einen langen Morgen sein Gehirn zermartern, um den fehlerlosen Text eines Liedes, wie »komm, sag' mir,« spricht Rosa, »geküßt und küssend,« herzustellen und die Anspielungen zu erklären; und wie mancher trockene, alte Bücherwurm, unserm würdigen kleinen Geistlichen ähnlich, wird, nachdem er vergeblich eine böse Lücke in »Fanny von Timmol« auszufüllen versucht, die Sache in Verzweiflung aufgeben! Und nicht allein solche ausgezeichnete Schriftsteller, wie Moore, werden das Loos haben, das Oel in der Lampe künftiger Alterthumsforscher in Anspruch zu nehmen. Mancher armselige Schmierer, dessen Werk jetzt in den Läden der Pastetenbäcker und Käsekrämer in Vergessenheit begraben worden, wird dann in Bruchstücken wieder aufstehen und in gelehrter Unsterblichkeit erblühen. Am Ende, dachte ich, ist die Zeit keine so unerbittliche Zerstörerin, als man sich denkt. Wenn sie niederreißt, so baut sie auch wieder auf; wenn sie Einen arm macht, so bereichert sie den Andern; selbst ihre Zerstörungen geben Stoff zu neuen Streitschriften; und ihr Rost ist kostbarer, als die schönste Vergoldung. Unter ihrer plastischen Hand werden Kleinigkeiten zu Gegenständen von Wichtigkeit; der Unsinn eines Zeitalters wird die Weisheit des andern; die Seichtheit des Witzlings erhebt sich zur Gelehrsamkeit des Pedanten, und ein alter Heller verschimmelt zu unendlich mehr Werth, als eine neue Guinee haben kann. Die Meierei. Lieb' und Heu     Sind dick gesä't, doch viele Disteln gehn mit auf. Beaumont und Fletcher . Ich fand so viel Gefallen an den Anekdoten, welche mir von Hans Baargeld Tibbets erzählt wurden, daß ich Meister Simon vor einem oder zwei Tagen bewog, mich nach seinem Hause zu führen. Es war eine altväterische ländliche Wohnung, von Mauersteinen gebaut mit sonderbar gestalteten Schornsteinen. Es stand in einer kleinen Entfernung von der Landstraße, mit einem Ausgange nach Süden, welcher auf einen sanften, grünen Wiesenabhang ging. Vorn war ein kleiner Garten mit einer Reihe von Bienenkörben, deren Bewohner zwischen Beeten von wohlriechenden Kräutern und Blumen summten. Reingescheuerte Milcheimer, mit glänzenden kupfernen Reifen, hingen auf dem Gartenzaune. An dem Hause waren Fruchtbäume emporgezogen und Blumentöpfe standen in den Fenstern. Ein dicker ausgedienter Bullenbeißer lag im Sonnenschein vor der Thür, und eine glatte Katze, ruhig schlafend, quer über ihm. Herr Tibbets war zur Zeit unseres Besuches nicht zu Hause, allein wir wurden freundlich und herzlich empfangen von seiner Gattin, einer stattlichen, mütterlich aussehenden Frau, die ein vollkommenes Muster für alle Ehefrauen abgeben konnte, da sie, nach Meister Simon's Aussage, dem ehrlichen Hans nie widerspricht, aber dabei doch Alles nach ihrem eigenen Kopfe thut und ihn nichts thun läßt, ohne darum wissen zu wollen. Sie empfing uns in dem Hauptzimmer des Hauses, einer Art Wohnzimmer, mit großen, braunen quer durchlaufenden Balken, auf die Herr Tibbets wohl mit einigem Stolze aufmerksam macht, bemerkend, solche Balken bekomme man heut zu Tage in den Häusern nicht mehr zu sehen. Die Möbel waren altväterisch, tüchtig und glänzend gebohnt, und die Wände mit bunten historischen Kupfern behängt, die Geschichte des verlornen Sohnes darstellend, der in einem rothen Rocke und ledernen Beinkleidern abgebildet war. Ueber dem Kamin hing eine Donnerbüchse, und ein ungestaltes Bildniß von Hans Baargeld, als jungem Mann, von demselben Künstler angefertigt, der das Wirthshausschild gemalt hatte, denn seine Mutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, Tibbets habe eben so gut ein Recht, eine Galerie von Familienbildern zu besitzen, wie die Leute in der Halle. Die gute Frau drang sehr in uns, eine Erfrischung zu nehmen, und versuchte uns mit einer Menge von Leckerbissen, so daß wir am Ende wenigstens einige von ihren selbstgemachten Weinen kosten mußten. Während wir da waren, kam der Sohn und muthmaßliche Erbe nach Hause, ein wohlaussehender junger Bursche, der etwas von einem ländlichen Elegant an sich hatte. Er führte uns in den Wirthschaftsgebäuden herum und zeigte uns das ganze Gehöft. Ueberall zeigte sich einfacher, aber gediegener Wohlstand; Alles war von den besten Stoffen gemacht und in dem besten Zustande. Nichts war am unrechten Ort oder schlecht verarbeitet; und Du sahst überall, daß man hier mit einem Manne zu thun habe, der etwas für sein Geld haben wolle, und vor dem Weggehen bezahle. Der Meierhof war gut versehen: unter einem Schoppen stand ein zweirädriger Karren in bester Ordnung, auf dem Hans Baargeld seine Frau in der Gegend umherfuhr. Sein wohlgefüttertes Pferd wieherte aus dem Stalle, und, auf den Hof geführt, »glänzte es,« um mit dem jungen Hans zu reden, »wie eine Flasche;« denn, sagte er, der alte Mann hält darauf, daß Alles um ihn her eben so gut daran sei, als er selbst. Es machte mir Vergnügen, den Stolz zu bemerken, den der junge Bursche auf seinen Vater hatte. Er erzählte uns Mehreres, das seine Gewohnheiten betraf und ziemlich auf das hinauslief, was ich schon oben angeführt habe. Er hätte nie in seinem Leben eine Rechnung stehen lassen, immer für das Geld gesorgt, ehe er etwas gekauft, und wo möglich in Gold und Silber bezahlt. Er hätte ein großes Mißfallen an Papiergeld, und ginge selten aus, ohne eine bedeutende Summe in Gold bei sich zu haben. Auf meine Bemerkung, daß es ein Wunder wäre, daß er nie angefallen und beraubt worden sei, lächelte der junge Mensch bei dem Gedanken, daß irgend Jemand so etwas unternehmen könne, denn ich glaube er hält dafür, der alte Mann sei dem Robin Hood und seiner ganzen Bande gewachsen. Ich habe angeführt, daß Meister Simon nie in ein Haus tritt, ohne eine Menge von Dingen mit einem oder dem andern aus der Familie zu reden zu haben, da er eine Art allgemeiner Rathgeber und Vertrauter ist. Wir waren noch nicht lange hier, als die Hausfrau ihn in eine Ecke der Stube nahm, wo sie eine lange flüsternde Unterhaltung mit einander hatten; an seinem Achselzucken bemerkte ich, daß einige bedenkliche Sachen zur Sprache kamen, und aus seinem Kopfnicken konnte ich schließen, daß er Allem was sie sagte, beistimmte. Nachdem wir hinausgegangen waren, begleitete uns der junge Mann eine kleine Strecke weit, und zog dann Meister Simon auf die Seite in einen grünen Heckengang, wo Beide fast eine halbe Stunde lang gingen und sprachen. Meister Simon, der die gewöhnliche Neigung aller Vertrauten besitzt, dem nächsten Freunde, der ihnen begegnet, Alles wieder zu erzählen, was sie erfahren haben, eröffnete mir, daß von einem Liebeshandel die Rede sei; der junge Bursche habe sich nämlich von den Reizen der Phöbe Wilkins, der hübschen Nichte der Haushälterin in der Halle, fesseln lassen. Wie die meisten andern Liebeshändel, hatte auch dieser seinen Kummer und seine Noth mit sich gebracht. Frau Tibbets war lange auf einem vertrauten geschwätzigen Fuße mit der Haushälterin gewesen, die oft in das Pachterhaus zum Besuche kam; als aber die Nachbarn von der Wahrscheinlichkeit einer Heirath zwischen ihrem Sohn und Phöbe Wilkins zu sprechen anfingen – »warum nicht gar!« – sie fand schon den Gedanken lächerlich. Das Mädchen habe eine Art Kammerjungfer vorgestellt, und es sei unter der Würde des Bluts der Tibbets, die seit undenklichen Zeiten ihr eigenes Besitzthum gehabt hätten, Niemand Unterwürfigkeit und Dank schuldig wären, daß sich der offenkundige Erbe mit einem Dienstmädchen verheirathen sollte!! Diese stolzen Redensarten waren durch eine der, mit beiden Frauen wohlbekannten, zwischentragenden Freundinnen der Haushälterin treulich hinterbracht worden. Der alten Haushälterin Blut war, wenn auch nicht so alt, als das der Frau Tibbets, doch eben so hitzig. Sie war gewohnt gewesen, in der Halle und unter den Dorfbewohnern die Nase sehr hoch zu tragen; ihr verschossener Brokat rauschte vor Unwillen über die schnöde Art, mit der sich die Frau eines kleinen Landwirths über eine Verbindung mit ihr ausgelassen hatte. Sie behauptete, ihre Nichte sei eher die Gesellschafterin als das Kammermädchen der jungen Damen gewesen. »Sie habe es, dem Himmel sei Dank, nicht nöthig, für Geld zu arbeiten, und könne so müßig gehen, wie nur irgend eine junge Dame im Lande; und wenn eine Gewisse stürbe, so bekäme sie ein Gewisses, das gewisse Leute mit all ihrem baaren Gelde der Beachtung werth finden würden.« Zwischen den beiden ehrenwerthen Frauen hat sich auf diese Weise eine bittere Fehde entsponnen, und den jungen Leuten ist verboten worden, aneinander zu denken. Was den jungen Hans betrifft, war er zu verliebt, um auf vernünftige Gründe zu hören; und da er etwas hitzköpfig ist und sich vor seiner Mutter eben nicht sehr fürchtet, war er entschlossen, die ganze Würde der Tibbets seiner Leidenschaft aufzuopfern. Er hatte indessen kürzlich einen heftigen Streit mit seiner Geliebten gehabt, den eine kleine Koketterie von ihrer Seite veranlaßte, weßhalb er sich nun fern von ihr hielt. Die kluge Mutter bot all ihren Scharfsinn auf, die zufällige Spaltung noch größer zu machen; allein, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, je mehr sie sich mit dieser verkehrten Neigung ihres Sohnes zu schaffen machte, desto stärker ward sie. Der alte Baargeld wurde über den ganzen Handel völlig im Dunkel gelassen; beide Theile schwebten in Furcht und Ungewißheit, wie er die Sache nehmen möchte, und hüteten sich wohl, den schlafenden Löwen zu wecken. So war also die ehrenwerthe Frau Tibbets zwischen Vater und Sohn in voller Thätigkeit, und wußte nicht, was sie anfangen sollte. Es ist wahr, die Gefahr war nicht sehr groß, daß der ehrliche Baargeld hinter die Sache kommen werde, wenn man ihn sich selbst überließ; denn er war durchaus nicht argwöhnischer Gemüthsart und nichts weniger als schlau; allein man mußte täglich fürchten, daß die Spinnweben, die seine unermüdliche Frau ihm beständig um die Nase zog, endlich einmal seine Aufmerksamkeit erregen würden. Dieß ist der zerrüttete politische Zustand des häuslichen Reiches Hans Baargeld's, woraus man die Intriguen und inneren Gefahren in den bestgeleiteten Regierungen kennen lernen kann. In dieser verwickelten Lage der Dinge haben Mutter und Sohn den Meister Simon zu Rath gezogen; und bei aller seiner Erfahrung in der Leitung von anderer Leute Angelegenheiten, findet er es sehr schwer, es so einzurichten, daß er mit beiden Parteien fertig wird, da er sieht, daß beider Ansichten und Wünsche sich schnurstracks widersprechen. Reitkunst. Eine Kutsche war in jenen Tagen ein seltsames Thier, und der Anblick einer solchen setzte Pferde und Menschen in Erstaunen. Einige sagten, es sei eine große Krebsnase, die aus China gebracht worden sei, und Einige meinten, es sei einer von den heidnischen Tempeln, worin die Kannibalen den Teufel verehrten. Taylor , der Wasserdichter. Ich habe mehr als einmal zufällig eines der alten Diener des Squire gedacht, des alten Christy, des Jägers. Ich finde, daß seine wunderlichen Launen für die jungen Männer in der Familie eine Quelle großer Unterhaltung sind; besonders macht sich der Oxforder Student zuweilen ein boshaftes Vergnügen, den alten Mann in Harnisch zu bringen und dann wieder gut zu machen; denn der alte Gesell ist geneigt, alsbald so stachelig zu werden, wie ein verfolgter Igel. Er reitet ein ehrwürdiges Jagdpferd, Pfeffer genannt, das ein Seitenstück zu ihm selbst ist, ein störriges, widerspenstiges Thier, das sich das Fleisch von den Knochen abärgert, beißt, schlägt und alle mögliche schlechte Angewohnheiten hat. Es ist so zähe und beinahe eben so alt, als der Reiter, der es seit undenklichen Zeiten geritten hat und in der That der einzige ist, der noch etwas mit ihm anfangen kann. Zuweilen aber haben sie einen förmlichen Zank mit einander und streiten sich um die Oberherrschaft, und dann soll es sich so gut wie ein Possenspiel ausnehmen, die Hitze zu sehen, in die Beide gerathen, und den hartnäckigen Kampf, der folgt; denn sie kennen ihre gegenseitige Art und Weise ganz gut, so wie die Kunst, einander zu plagen und zu ärgern. Dieser mannhaften Fehden ungeachtet, kann doch nichts den alten Christy leichter aufbringen, als wenn man die Vorzüge seines Pferdes in Zweifel zieht; er verficht diese mit eben so großer Hartnäckigkeit, wie ein treuer Gatte die Tugenden einer zänkischen Ehefrau, die ihm jeden Abend seines Lebens eine Gardinenpredigt hält. Die jungen Leute nennen den alten Christy ihren »Professor der Reitkunst,« und da sie mir eine Erklärung dieses Namens gaben, erhielt ich einige Aufschlüsse über die Erziehungsart des alten Squire. In allen Ansichten meines ehrenwerthen Wirths liegt ein seltsames Gemisch von Ueberspannung und gesundem Verstand. Sein Gemüth ist wie das modern Gothische, wo gewöhnliches Mauerwerk bei Spitzbogen und allerhand Schnörkelei vorkömmt. Wenn gleich die schlichte Grundlage seiner Ansichten richtig ist, so hat er doch tausend kleine Grillen, die er aus alten Büchern geschöpft hat und die über die Oberfläche seines Geistes gar sonderbar hinausragen. So wählte er bei der Erziehung seiner Knaben Peacham, Markham und dergleichen alte englische Schriftsteller zu seinen Führern. Schon früh nahm er die Bursche aus den Händen der Mutter, die, wie Mütter wohl wünschen, hübsche, artige Kinder, welche weder in den Regen, noch in die Sonne gingen, sich nie die Hände beschmutzten und die Kleider zerrissen, aus ihnen machen wollte. Statt dessen ließ sie der Squire frei und wild im Park umherlaufen, ohne auf Wind und Wetter zu achten. So sah er auch ganz besonders darauf, sie zu dreisten, gewandten Reitern zu machen, und nun erhielt der alte Christy, der Jäger, eine große Wichtigkeit, da ihm die Knaben anvertraut wurden, um sie übersetzen zu lehren, und bei der Jagd ein wachsames Auge auf sie zu haben. Der Squire setzte sich immer dagegen, daß sie sich irgend eines Fuhrwerkes bedienten, und hält noch jetzt ein wenig eigensinnig darauf. Er eifert oft gegen den allgemeinen Gebrauch der Kutschen, und führt zu seiner Rechtfertigung die Worte des ehrlichen Nashe an. »Es wurde,« sagt Nashe in seinem Quaternio, »für eine Art Verstoß, für eine Art Verweichlichung gehalten, wenn ein junger Mann in der Blüthe seines Alters in eine Kutsche kroch und sich gegen Wind und Wetter verwahrte: unser großes Vergnügen war, dem wilden Boreas auf einem großen Pferde Trotz zu bieten; unsere Lust und unser Zeitvertreib, uns zu waffnen und zu rüsten, um mit Mars und Bellona ins Feld zu ziehen; Kutschen und Wagen überließen wir denen, für die sie zuerst erfunden wurden, für Damen und vornehme Herrn, für das hinfällige Alter und kraftlose Leute.« Der Squire behauptet steif und fest, die Engländer hätten seit der Einführung der Kutschen sehr viel von ihrer Kräftigkeit und Mannhaftigkeit verloren. »Vergleicht« pflegt er zu sagen, »den Mann von gutem Ton aus früheren Zeiten, immer zu Pferde, gestiefelt und gespornt, von der Reise beschmutzt, aber offen, frei, mannhaft und ritterlich, mit dem Mann von Bildung heutiges Tags, wie er, ganz Ziererei und Weichlichkeit, in seinem üppigen Wagen vor einem Chausséehause vorüber rollt. Die jungen Leute jener Zeit wurden dadurch, daß sie fast nur im Sattel lebten und ihre schäumenden Rosse »wie stolze Meere unter sich hatten,« in ihrem Thun brav, hochsinnig und edelmüthig. »Es liegt,« fügt er hinzu, »etwas, das einen Mann zu mehr als einem Sterblichen macht, in dem Gefühle, ein schönes Pferd zu besteigen. Er scheint sein Wesen verdoppelt und seinem eigenen Muthe und seinem Scharfsinn, die Kraft, die Eile und die Stattlichkeit des herrlichen Thieres, das er reitet, hinzugefügt zu haben.« »Es ist ein großes Vergnügen,« sagt der alte Nashe, »einen jungen Mann durch Geschick und Gewandtheit, durch Stimme, Gerte und Sporn, den großen Bucephalus besser lenken und regieren zu sehen, als es der stärkste Milo mit aller seiner Kraft thun könnte; zu sehen, wie er ihn bald im Kreise gehen und den Kopf gerade tragen läßt, zum schnellsten Laufe antreibt, plötzlich wieder mit Leichtigkeit anhält, bald ihn vorwärts gehen, sich bäumen, zurücktreten, seitwärts gehen, nach beiden Seiten wenden, den kurzen Galopp, die Capriole, Chambette machen und die Courbetten tanzen läßt.« Diesen Ansichten gemäß brachte der Squire seine Kinder schon früh auf das Pferd, und ließ sie über Stock und Block durch das Land reiten, ohne daß sie sich, zur augenscheinlichen Gefahr ihrer Hälse, an Hecken, Gräben oder steinerne Mauern gekehrt hätten. Selbst die schöne Julie war in dieses System zum Theil mit eingeschlossen, und sie ist in des alten Christy Schule, eine der besten Reiterinnen in der Grafschaft geworden. Der Squire sagt, diese Bewegung sei besser, als alle Schönheitsmittel und wohlriechenden Sachen, die je erfunden worden seien. Er preist die Reitkunst der Frauen aus früheren Zeiten, als noch die Königin Elisabeth sich kaum vom Regen abhalten ließ, ihren gewöhnlichen Ritt zu machen. »Und dann bedenkt,« pflegt er zu sagen, »wie viel edler und angenehmer die Frauen dadurch erschienen. Was für ein Unterschied herrscht, geistig und körperlich, zwischen einer muntern, hochsinnigen Dame jener Zeit, strahlend von Gesundheit und Bewegung, von jeder wehenden Luft erfrischt, stolz und zierlich im Sattel sitzend, mit Federn auf dem Kopfe und dem Falken auf der Hand, und ihren Abkömmlingen von jetzt, den bleichen Opfern der Gesellschaften und Bälle, die sich ganz entkräftet in einer Ecke ihres entnervenden Wagens vergraben. Des Squire Reitsystem hat großen Erfolg gehabt, denn seine Söhne, welche die ganze Schule durchgemacht haben, ohne einige Glieder oder den Hals zu brechen, sind jetzt gesund, lebendig und rüstig, und haben die wahre englische Liebe für die Pferde. Wenn in Gegenwart ihres Vaters, ihre Mannhaftigkeit und Offenheit gelobt wird, so beruft er sich auf den alten persischen Grundsatz und sagt: sie seien gelehrt worden, »zu reiten, zu schießen und die Wahrheit zu reden.« Es ist wahr, der Oxforder Student hat die Grundsätze des alten Herrn äußerst buchstäblich befolgt. Er ist ein lustiger junger Mensch, hat die Pferde lieber als die Bücher, und neigt sich ein wenig zur Stutzerei hin, wenn gleich die Damen einstimmig erklären, daß er »die Blüthe der Heerde« sei. Das erste Jahr seines Aufenthaltes zu Oxford hatte er einen Hofmeister, der auf ihn Acht geben sollte, ein trockener Spahn der Universität. Als er in den Ferien nach Hause kam, that der Squire mehrere Fragen an ihn, wie ihm sein Kollegium, seine Studien und sein Hofmeister behagten. »O, was meinen Hofmeister betrifft, Sir, so habe ich den schon vor einiger Zeit gehen lassen.« »Das hast Du? Und, darf man wissen, warum?« »Ei, Vater, die Jagd war in unserm Kollegium ganz Mode geworden, und ich hatte nicht überflüssig Geld; so verabschiedete ich meinen Hofmeister, und schaffte ein Pferd an, wißt Ihr.« »Ah, das wußte ich nicht, Tom,« sagte der Squire mild. Als Tom wieder zu seinem Kollegium zurückkehrte, bekam er doppelt so viel als vorher, um Pferd und Hofmeister zugleich halten zu können. Liebesanzeichen. Ich will jetzt anfangen zu seufzen, Dichter zu lesen, bleich auszusehen, nett einher zu gehen, und ganz augenscheinlich verliebt zu sein. Marston . Ich würde mich gar nicht wundern, wenn wir noch ein Paar Turteltauben auf der Halle bekämen, denn Meister Simon hat mir in tiefem Vertrauen gemeldet, er vermuthe, der General habe eine Art Plan auf das empfängliche Herz der Lady Lillycraft. In der That habe ich bei dem Veteran eine zunehmende Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit gegen Ihre Herrlichkeit bemerkt; er wird in ihrer Gesellschaft ungleich milder, sitzt neben ihr bei Tische, und unterhält sie mit langen Geschichten von Seringapatam und schönen Anekdoten aus dem Mulligatawney-Klub. Ich habe sogar gesehen, wie er ihr im Style der verbindlichsten Galanterie eine aufgeblühte Rose aus dem Treibhause überreichte, die sie mit großer Anmuth und Leutseligkeit annahm, denn Ihre Herrlichkeit nimmt mit Vergnügen die Huldigungen des andern Geschlechts an. Der General war allerdings einer der frühesten Bewunderer, die während der kurzen Herrschaft ihrer Schönheit in ihrem Gefolge sich befanden; und sie hatten vor dreißig oder vierzig Jahren in London, eine halbe Jahreszeit lang, ein zärtliches Verständniß. Sie erinnerte ihn neulich, im Verfolg einer Unterhaltung über vergangene Tage, an die Zeit, wo er einen Schimmel zu reiten pflegte und so galant neben ihrem Wagen in Hyde-Park herritt; darauf habe ich bemerkt, daß der Veteran sie seitdem regelmäßig begleitet hat, wenn sie einen Spazierritt machte; und ich vermuthe, er bildet sich ein, daß er noch eben so einnehmend aussehe, als in seinen Jugendtagen. Es würde ein anziehender, merkwürdiger Umstand in den Jahrbüchern Cupido's sein, wenn dieser Funke der zärtlichen Neigung, nachdem er so lange geschlafen, auf einmal mitten aus der Asche zweier ausgebrannten Herzen in Flammen aufschlüge. Er würde ein Beispiel dauernder Treue gewähren, würdig, einen Platz neben den in einem der Lieblingsbücher des Squire verzeichnet zu finden, worin die Beständigkeit der alten Zeiten gerühmt wird, als, wie man uns erzählt, »Männer und Frauen sieben Jahre sich liebten und keine unreinen Triebe zwischen ihnen walteten, und wo es Liebe, Aufrichtigkeit und Treue gab: und, ha, gleicher Weise ward die Liebe zu König Arthur's Zeiten gepflogen.« Mort d'Arthur. Dieß mag indeß nichts, als ein wenig ehrwürdige Galanterie sein, da der General ein alter Galan und die gute Lady an diese Art Aufmerksamkeit gewöhnt ist. Meister Simon glaubt dagegen, der General blicke mit dem scharfen Auge eines alten Kriegshelden um sich; und da er nun auf dem Rückzuge befindlich sei, sehe er sich eifrig nach einem guten, warmen Winterquartiere um. Viel muß aber auch auf des Meister Simon's Unruhe in dieser Beziehung gerechnet werden, denn er betrachtet Lady Lillycraft's Haus wie einen seiner festen Plätze, wo er Herr und Meister ist; und ich zweifle sehr, ob es ihm, bei aller seiner Bewunderung für den General, ganz gelegen sein würde, ihn im Besitze der Dame sowohl als des Hauses zu sehen. Einige andere Kennzeichen möchten, demungeachtet, Meister Simon's Andeutungen wohl einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit geben. So habe ich zum Beispiel bemerkt, daß der General die Hunde Ihrer Herrlichkeit mit ungemeiner Aufmerksamkeit behandelt, und mehrere Male, bei einem Versuche, Beauty's Kopf zu streicheln, seine Finger augenscheinlich in Gefahr gebracht hat. Es steht zu hoffen, daß seine Bestrebungen um die Gebieterin eine günstigere Aufnahme finden mögen, da alle seine Annäherungen zu einer Liebkosung, von dem verteufelten kleinen Hunde mit argwöhnisch rollendem Auge und einem giftigen Brummen bewillkommt werden. Er ist ferner gegen die Kammerfrau der Lady, die unbefleckte Mrs. Hannah, von der er sonst in einer Art zu sprechen pflegte, die ich gar nicht weiter erwähnen mag, sehr gefällig geworden. Ob sie denselben Verdacht hegt, wie Meister Simon, kann ich nicht sagen; aber sie nimmt seine Höflichkeiten ungefähr eben so auf, wie die unversöhnliche Beauty, zieht ihren Mund zu einem höchst sauern Lächeln zusammen, und macht ein Gesicht, als ob sie ein Stück aus ihm herausbeißen wollte. Kurz, der arme General scheint eben so gefährliche Feinde zu bekämpfen zu haben, als ein Held in einem alten Feenmährchen, der sich durch furchtbare Ungeheuer aller Art einen Weg zu seiner Prinzessin brechen und den Schwefel-Schrecknissen eines feurigen Drachen Trotz bieten mußte. Noch gibt es einen Umstand, der mich geneigt macht, Meister Simon's Verdacht beträchtlich Glauben beizumessen. Lady Lillycraft führt sehr gern Gedichte an, und die Unterhaltung wendet sich oft darauf, bei welchen Gelegenheiten der General gänzlich auf dem Trocknen ist. Neulich ward Spenser's Feenkönigin zufällig den größern Theil des Morgens der Gegenstand des Gesprächs, und der arme General saß ganz still da. Nicht lange nachher fand ich ihn in der Bibliothek, mit der Brille auf der Nase, einem Buche in der Hand, und fest eingeschlafen. Als ich mich näherte, erwachte er, schob hastig die Brille in die Tasche, und fing an mit großer Aufmerksamkeit zu lesen. Nach einer kleinen Weile legte er ein Papier in das Buch, und stellte den Band weg; es war die Feenkönigin. Ich habe die Neugier gehabt, nachzusehen, wie weit er in seinen poetischen Studien gekommen sei; allein, obgleich ich ihn häufig mit dem Buche in der Hand gefunden habe; finde ich doch, daß das Zeichen nicht weiter, als etwa drei oder vier Seiten vorgerückt ist, da der General überaus leicht einschläft, wenn er liest. Falknerei. Kein Falk hat auf der Stange je gesessen,     Ob hoch er steigt, ob er die Erd' berührt, Ich suche seines Fluges Höh' zu messen     Und weiß, was er erjagt, was ihm gebührt. Spenser . Es gibt verschiedene große Quellen der Klagen, welche dem würdigen Squire die Ausbildung der Gesellschaft und die traurige Vermehrung unsrer Kenntnisse abnöthigt; unter diesen ist keine, die er, wie ich glaube, häufiger bejammert, als die unglückliche Erfindung des Schießpulvers. Auf diese führt er beständig das Verschwinden irgend einer Lieblingssitte, ja den gänzlichen Untergang aller ritterlichen und romantischen Gebräuche zurück. »Die englischen Soldaten,« sagt er, »sind niemals wieder die Leute gewesen, welche sie in den Tagen der Armbrust und des großen Bogens waren, als sie sich noch auf die Stärke ihres Arms verließen, und der englische Bogenschütz einen ellenlangen Pfeil bis an die Spitze zurückziehen konnte. Dieß waren die Zeiten, wo in den Schlachten von Cressy, Poitiers und Agincourt, die französische Ritterschaft gänzlich durch die englischen Bogenschützen aufgerieben wurde. Auch die Landmiliz ward niemals mehr, was sie war, als sie noch in Friedenszeiten fortdauernd im Bogenschießen geübt wurde, und das Pfeilschießen ein Lieblingszeitvertreib an den Festtagen war.« Unter den anderen Uebeln, welche im Gefolge der unglücklichen Erfindung des Schießpulvers sich eingefunden haben, zählt der Squire auch den gänzlichen Verfall der edlen Kunst der Falknerei auf. »Das Schießen,« sagt er, »ist vergleichungsweise eine hinterlistige, verrätherische, einsame Vergnügung; dagegen war die Falkenbeize eine wackere, offene, das Tageslicht nicht scheuende Ergötzlichkeit; es war die Erhebung des edlen Waidwerks zum Himmel.« »Ueberdieß war es,« fährt er fort, »nach Brathwaite die stattliche Belustigung hoher und aufstrebender Gemüther; denn, wie das alte welsche Sprichwort sagt, »man konnte damals einen Mann von Geburt an seinem Falken, seinem Pferde und seinem Jagdhund erkennen.« In der That sah man einen Kavalier selten außerhalb seines Hauses ohne seinen Falken auf der Hand; und selbst eine Frau von Stand glaubte, wenn sie ausritt, sich nicht vollständig ausgestattet, wenn sie bei ihrem Ritte nicht ihren Gentil-Falken an den Riemen auf ihrer zarten Hand hielt. Es wurde in jenen herrlichen Tagen, einem alten Schriftsteller zufolge, für vollkommen hinreichend gehalten, wenn ein Edelmann ordentlich in das Horn stoßen und seinen Falken tragen konnte; und Studiren und Lernen ward den Kindern gemeiner Leute überlassen.« Da ich demnach des guten Squire Steckenpferd kenne, hat es mich gar nicht gewundert, daß er unter den verschiedenen Ergötzlichkeiten aus früheren Zeiten, welche er in der kleinen Welt, in der er herrscht, wieder einzuführen suchte, auch auf die edle Kunst der Falknerei große Aufmerksamkeit gewendet hat. Hierbei ist er natürlich von seinem unermüdlichen Mithelfer, Meister Simon, unterstützt worden, und selbst der Geistliche hat durch mehrere Fingerzeige über den Gegenstand, die er in alten englischen Werken gefunden, ein bedeutendes Licht über ihr Thun verbreitet. Was das köstliche Werk der Dame Juliane Barnes, Markham's »Gentleman's Akademie,« und die übrigen wohlbekannten Abhandlungen betrifft, welche den alten Jagdliebhabern zu Handbüchern dienten, so wissen sie sie halb auswendig; ganz besonders aber haben sie eine alte Tapete in dem Hause studirt, auf welcher eine Gesellschaft von Kavalieren und stattlichen Edelfrauen, in Wämsern und Baretten mit wehenden Federn auf dem Kopf, zu Pferd und von Bedienten zu Fuß gefolgt, ganz in lebendiger Verfolgung des edlen Waidwerks begriffen, dargestellt ist. Der Squire hat es in seiner Gegend verboten, irgend einen Falken zu tödten, gibt aber eine reichliche Belohnung für alle, die ihm lebendig gebracht werden; so daß die Halle mit allen Arten von Raubvögeln wohl versehen ist. An diesen haben sowohl er als Meister Simon ihre Geduld und ihren Scharfsinn erschöpft, um sie, wie man es nennt, »stoßen« zu lehren und zur Jagd abzurichten; allein sie haben nichts als Verdruß und Aerger davon gehabt. Ihre gefiederten Schüler haben sich auf das allerunlenksamste und widerwärtigste gezeigt; auch macht es ihnen nicht wenig Mühe, die Leute abzurichten, die ihnen als Unterlehrer an die Hand gehen und die widerspenstigen Vögel unter ihre unmittelbare Aufsicht nehmen sollten. Der alte Christy und der Wildhüter widersetzten sich einmal geradezu diesem ganzen Erziehungsplane; denn Christy hatte sich sehr geärgert, eine solche wilde Gänsejagd, wie er es nennt, auf eine Stufe mit einer Fuchsjagd gestellt zu sehen; und der Wildhüter ist immer gewohnt gewesen, Falken als arge Wilddiebe zu betrachten, die man pflichtgemäß niederschießen und in terrorem an die äußern Thore annageln müsse. Christy hat endlich Hand an die Sache gelegt, aber durch sein Einmischen nur noch mehr verdorben. Er ist hierbei eben so eigensinnig und störrisch, als bei der Jagd. Meister Simon hat beständigen Streit mit ihm über das Füttern und Aufziehen der Falken. Er liest ihm lange Stellen aus den angeführten Schriftstellern vor; aber Christy, der nicht lesen kann, hat eine tiefe Verachtung gegen alle Büchergelehrsamkeit, und besteht darauf, die Falken nach seinen Ansichten zu behandeln, welche er von seiner Erfahrung in früheren Jahren über das Aufziehen der Kampfhähne herleitet. Die Folge ist, daß die armen Vögel, zwischen diesen einander ganz widersprechenden Systemen, eine sehr trübselige, unglückliche Zeit haben. Viele sind als Opfer von Christy's Fütterung und Meister Simon's Kuren gefallen; denn der Letztere ist secundum artem zu Werke gegangen, und hat ihnen, wie es in den Büchern vorgeschrieben steht, alle Arten von Abführungs- und Reinigungsmitteln eingegeben; nie wurden arme Falken so gefüttert und kurirt. Andere sind verloren gegangen, weil sie nur halb abgerichtet oder gezähmt waren; denn sie »verstießen« sich, als sie in das Freie gebracht wurden, so daß sie keinen Ruf mehr hören konnten, und kamen nie wieder in die Schule zurück. Alle diese Unannehmlichkeiten waren unbedeutend, aber der Squire hat sie sehr zu Herzen genommen, und verzweifelte schon an dem glücklichen Erfolge. Seine Hoffnungen sind indessen kürzlich dadurch wieder belebt worden, daß er einen schönen walisischen Falken bekommen hat, den Meister Simon einen stattlichen leichten Vogel nannte. Er ist ein Geschenk von dem Freunde des Squire, Sir Watkyn Williams Wynne, und ohne Zweifel ein Abkömmling irgend einer alten Familie walisischer Luftfürsten, die seit langer Zeit ihr Wolkenkönigreich, von Wynnstay bis zu dem Gipfel des Snowden, an dem Saume von Penmanmawr, beherrscht haben. Seitdem der Squire dieß unschätzbare Geschenk erhalten, ist er stets eben so ungeduldig gewesen, hinaus ins Freie zu gehen und einen Versuch zu machen, wie Don Quixote es war, seine Waffen zu erproben. Es haben sich zwar einige Einwendungen hören lassen, ob der Vogel auch gesund und gehörig abgerichtet sei; allein diese sind von dem brennenden Verlangen, mit einem neuen Spielwerk zu spielen, überwältigt worden, und es wurde beschlossen, recht oder nicht recht, in der Jahreszeit oder nicht, morgen eine förmliche Falkenjagd zu veranstalten. Die Halle ist, wie immer, wenn der Squire wieder einen neuen Ritt auf seinem Steckenpferde machen will, in vollkommnem Aufruhr. Miß Templeton, die in großer Achtung vor allen Launen ihres Vormundes erzogen ist, hat erklärt, von der Parthie sein zu wollen, und Lady Lillycraft hat ebenfalls geäußert, daß sie auf den Schauplatz hinausreiten und eine Zuschauerin abgeben werde. Dieß hat dem alten Herrn ungemein viel Vergnügen gemacht; er betrachtet es als eine günstige Vorbedeutung für das Wiederaufleben der Falknerei, und zweifelt nicht mehr, daß die Zeit kommen werde, wo es wieder der Stolz einer Edelfrau sei, statt eines Papageien oder eines Schooßhundes, einen edeln Falken umher zu tragen. Ich habe mich an den geschäftigen Zurüstungen dieses unruhigen Geistes, des Meister Simon, und an den beständigen Querstrichen, welche dieser ächte Sohn einer Pfefferbüchse, der alte Christy, ihm macht, ungemein ergötzt. Sie haben ein halbes Dutzend Berathschlagungen darüber gehalten, wie der Falke auf die morgende Jagd vorbereitet werden müsse. Der alte Nimrod ist wie gewöhnlich dabei in Eifer gerathen, so daß Meister Simon alles zugegeben, und gutmüthig gesagt hat, »Gut, gut, macht es, wie Ihr wollt, Christy; nur werdet nicht hitzig;« eine Antwort, die den alten Mann immer zehnmal mehr als alles übrige ärgert. Die Falkenjagd. Der Falk, der aufsteigt von der Faust, Treibt oft des Jägers Fuß Das Thal entlang und durch die Gründe,     Wo er ihn suchen muß. Und klingt die Schelle oder sieht er Nun seinen Falken nahn, Dann ruft er jubelnd sein Wo ho. – Und ist der froh'ste Mann. Handvoll angenehmer Vergnügungen. In früher Morgenstunde war die Halle in Bewegung, um sich zur heutigen Jagd zu bereiten. Mit Sonnenaufgang hörte ich Meister Simon unter meinem Fenster pfeifen und singen, während er die Riemen für die Füße des Falken in Ordnung brachte, und konnte dann und wann eine Strophe aus einem seiner alten Lieblingslieder unterscheiden: Zur Erbsenzeit, wenn Horn und Hund     Des Rehbocks Tod verkündet; Der Knabe, die Schalmei am Mund,     Die frohe Herde findet, u. s. w. Ein tüchtiges Frühstück, durch kalte Speisen verstärkt, wurde in dem großen Saale aufgetragen. Die ganze, aus Bedienten und Mitläufern bestehende Besatzung war in Bewegung, verstärkt durch freiwillig sich meldende Müßiggänger aus dem Dorfe. Die Pferde wurden vor der Thür auf und abgeführt; jeder hatte etwas zu sagen und etwas zu thun, und lief hierhin und dorthin; ein furchtbares Gebell von Hunden erhob sich; einige von denen, die uns begleiten sollten, waren ungeduldig, aufzubrechen; und andere, die zu Hause bleiben sollten, wurden mit der Peitsche in ihren Stall zurückgebracht. Kurz, in diesem Augenblicke hätte man das Haus des guten Squire ganz füglich für eins der alten Schlösser aus der guten alten Lehnszeit ansehen können. Nachdem das Frühstück eingenommen worden, schickte sich die Ritterschaft der Halle an, ins Feld zu ziehen. Die schöne Julia war von der Gesellschaft, im Jagdkleide, mit wehenden Federn auf dem Hute. Als sie ihr Lieblingspferd bestieg, sah ich mit Vergnügen, daß der alte Christy seinen gewöhnlichen Murrsinn vergaß, und herzu eilte, ihren Sattel und ihr Zaumzeug in Ordnung zu bringen. Er faßte an seine Mütze, als sie ihm zulächelte und dankte; und dann, rund umher die übrigen Diener ansehend, nickte er klug mit seinem Kopfe, in welchem Nicken ich Stolz und Freude über das schöne Aussehen seiner Schülerin las. Lady Lillycraft hatte sich gleichfalls entschlossen, die Jagd mit anzusehen. Sie trug ihren breiten weißen Filzhut, der unter dem Kinn gebunden war, und einen Reitanzug aus dem vorigen Jahrhunderte. Sie ritt ihren glatten, trippelnden Klepper, dessen Bewegung bequem wie die eines Wiegenstuhles war, und wurde ritterlich von dem General begleitet, der wie einer der tapfern Helden auf den alten Kupfern von der Schlacht von Blenheim aussah. Auf der andern Seite ritt der Geistliche, denn diese Jagd war eine gelehrte Beschäftigung, an der er großen Antheil nahm; und allerdings hat er, nach seiner Kenntniß der Sitten und Gebräuche manchen guten Rath ertheilt. Endlich war Alles in Ordnung, und wir brachen von der Halle auf. Die Bewegung des Reitens weckt den Geist immer auf; und das Ganze hatte etwas heiteres und belebendes. Die jungen Männer aus der Familie begleiteten Miß Templeton. Sie saß sehr leicht und mit Anstand im Sattel, während ihre Federn in der Luft weheten und flatterten, und die Gruppe nahm sich, wie sie unter den Bäumen erschien und wieder verschwand, in dem kecken Muthe der Jugend dahin ziehend, ungemein reizend aus. Der Squire und Meister Simon ritten neben einander, von dem alten Christy auf seinem Pfeffer begleitet. Christy trug den Falken auf der Faust, da er behauptete, der Vogel sei am meisten an ihn gewöhnt. Dann kam ein Schwarm von Fußgängern, der aus Leuten von der Halle und mehreren Müßiggängern aus dem Dorfe bestand, mit zwei oder drei Wasserhunden, um das Wild aufzutreiben. Eine Art Reserve-Corps, das aus Lady Lillycraft, dem General Harbottle, dem Geistlichen und einem dicken Bedienten bestand, folgte ruhig als Nachtrab. Ihre Herrlichkeit zog gemächlich auf ihrem Klepper einher, während der General, auf einem großen Jagdpferde, mit der Miene der sorgsamsten Galanterie auf sie her abblickte. Da ich kein Jäger bin, hielt ich mich zu dieser letztern Abtheilung, oder blieb vielmehr noch etwas zurück, um das ganze Gemälde vor Augen zu haben; und der Geistliche hielt von Zeit zu Zeit an, und trottete neben mir her. Der Zug ging nach einer sanften, von dem feuchten Grün des Frühlings dampfenden, in einiger Entfernung von der Halle belegenen Wiese. Ein kleiner Fluß strömte durch dieselbe hin, von Weiden bekränzt, deren erstes zartes Laub bereits ersproßt war. Die Jäger wollten Reiher aufsuchen, welche sich an diesem Flusse halten sollten. Unter den Anführern der Jagd war bereits einige Meinungsverschiedenheit. Der Squire, Meister Simon und der alte Christy hielten von Zeit zu Zeit an, um miteinander zu berathschlagen, wie die Offiziere bei einem Heere im Felde; und ich sah an gewissen Kopfbewegungen, daß der alte Christy so eigensinnig war, wie irgend ein alter, störrischer, deutscher Oberbefehlshaber. Als wir über diese ruhige Wiese dahinsprengten, wiederholte ein sehr deutliches Echo, welches von der besonnten Mauer eines alten Gebäudes herkam, das am jenseitigen Uferende lag, jeden Ton; und ich hielt an, um diesem »Geiste des Tones« zuzuhören, der gern an allen ruhigen, schönen Orten zu weilen scheint. Der Geistliche sagte mir, dieß sei ein Ueberbleibsel eines alten Meierhofes, von dem die Landleute glaubten, daß er von einem Dobbie, einer Art ländlichen Geistes, dem Kobold ähnlich, bewohnt werde. Sie glaubten oft, das Echo sei die Stimme des Dobbie, welcher ihnen antwortete, und hüteten sich fast, ihn nach dem Eintritt der Dämmerung zu stören. Er fügte hinzu, der Squire wache über die Erhaltung dieser Trümmer, des damit verknüpften Aberglaubens wegen, sehr sorgfältig. Da ich sie als die Wohnung eines »luftigen Nichts« betrachtete, konnte ich nicht umhin, mich dabei der schönen Beschreibung eines Echo in Webster's Herzogin von Amalfi zu erinnern. – Dort über'm Fluß steht eine Mauer, Die Trümmer eines Klosters, die, ich glaube, Das schönste Echo gibt, das je ihr hörtet; So deutlich spricht es jedes Wort euch nach, Daß Manche schon geglaubt, es sei ein Geist, Der Antwort gibt. Der Geistliche kam nun zu einer Erläuterung über eine artige und phantastische Benennung, welche die Hebräer dem Echo geben, indem sie es Bath-kol, d. h. »die Tochter der Stimme,« nannten; sie hielten es für ein Orakel, welches in dem zweiten Tempel die Stelle der Urim und Thummim vertrat, womit der erste geehrt war. Bekker's Monde enchanté . Der kleine Mann ging so eben sehr tief und gelehrt in den Gegenstand ein, als wir durch ein gewaltiges Lärmen, Schreien und Bellen unterbrochen wurden. Ein Flug Krähen, durch den Anmarsch unserer Macht beunruhigt, war plötzlich von einer Wiese aufgeflogen, und es erhob der zu Fuß folgende Pöbel ein Geschrei. »Jetzt, Christy! jetzt ist es Zeit, Christy!« Der Squire und Meister Simon, die am Ufer des Flusses nach einem Reiher aussahen, riefen Christy eifrig zu, sich ruhig zu verhalten; der alte Mann, durch das Durcheinanderrufen der Stimmen ganz bestürzt und verwirrt gemacht, verlor gänzlich den Kopf; in seiner Betäubung nahm er die Haube ab, warf den Falken in die Höhe, und davon flogen die Krähen und der Falke stieg auf und davon. Ich hatte auf einer Erhöhung, dicht bei Lady Lillycraft und ihrem Gefolge, Halt gemacht und konnte die Jagd gut übersehen. Es machte mir Vergnügen, die ganze Gesellschaft auf der Wiese zu beobachten, wie Alle nach der Richtung des Vogels hinritten; ihre klaren lachenden Gesichter zum klaren Himmel empor gekehrt, um die Jagd zu verfolgen; die Begleiter zu Fuß hinterher stolpernd, aufschauend, und dazu schreiend, und die Hunde, ihre Theilnahme sehr geräuschvoll durch Springen und Bellen zu erkennen gebend. Der Falke hatte sich aus dem Schwarme der Krähen eine als Beute ausersehen. Es war sonderbar, das Bestreben der beiden Vögel zu sehen, über einander zu steigen; der eine, um den Todesstoß zu geben, der andere, ihn zu vermeiden. Bald gingen sie durch eine helle flockige Wolke, bald waren sie gegen den klaren blauen Himmel zu sehen. Ich gestehe, daß ich, da ich kein Jäger bin, einen weit größeren Antheil an dem armen Vogel nahm, der für sein Leben kämpfte, als an dem Falken, der die Rolle eines Söldners zu spielen schien. Endlich gewann der Falk die Oberhand, und stieß nun plötzlich auf seine Beute herab; allein die Krähe fiel eben so schnell nieder, und nun schief aufsteigend, wich sie dem Stoße aus, krächzend und sich abmühend, um nach einem dürren Baum am Rande eines benachbarten Hügels zu kommen, während der Falke, nach mißlungenem Stoße, abermals in die Luft stieg und sich zu »verstoßen« schien. Vergebens rief und pfiff der alte Christy und suchte den Vogel herabzulocken; er kehrte sich nicht an ihn; freilich, sein Rufen ging in dem Geschrei und dem Gebell der Miliz unter, die ihm in das Feld gefolgt war. Gerade jetzt veranlaßte ein Ausruf der Lady Lillycraft, mich zu wenden. Ich sah eine gänzliche Verwirrung unter den Jägern in dem kleinen Thale vor uns. Sie galoppirten und liefen nach dem Rande des Ufers hin; und ich erschrak, als ich das Pferd der Miß Templeton ohne seine Reiterin dahin stürmen sah. Ich ritt nach dem Orte, wohin die Andern eilten, und sah, als ich das Ufer erreichte, welches fast über den Fluß hinwegragte, an dem Saum des Wassers die schöne Julie, bleich, blutend, und dem Anschein nach leblos, in den Armen ihres verzweifelnden Geliebten liegen. Während sie die Augen in die Höhe gerichtet sorglos dahin galoppirte, hatte sie sich unversehens dem Ufer zu sehr genähert; dieses gab unter ihr nach, und sie und ihr Pferd waren den kiesigen Rand des Flusses hinabgestürzt. Nie sah ich eine größere Bestürzung. Der Capitain war außer sich, Lady Lillycraft im Begriff, in Ohnmacht zu fallen, der Squire in der größten Angst und Meister Simon gänzlich außer Fassung. Das schöne Geschöpf gab endlich Zeichen des zurückkehrenden Lebens; sie öffnete ihre Augen; blickte um sich her auf die besorgte Gruppe, und da sie sich alsbald Alles erklärte, lächelte sie sanft, legte ihre Hand in die ihres Geliebten, und sagte mit schwacher Stimme: »ich habe mir nicht viel Schaden gethan, Guido!« Ich hätte sie für diesen einzigen Ausruf an mein Herz drücken können. Es fand sich in der That, daß sie, beinahe wunderbar, mit einer Verletzung am Kopfe, einer Verstauchung des Knöchels und einigen leichten Quetschungen davon gekommen war. Nachdem das Blut gestillt worden, brachte man sie in ein benachbartes Bauernhaus, bis ein Wagen herbeigeholt werden konnte, um sie nach Hause zu bringen; als dieser gekommen war, kehrte der Zug, der so [fröhlich] ausgezogen war, langsam und gedankenvoll nach der Halle zurück. Ich war entzückt von dem edeln Geiste, welchen dieses junge Wesen gezeigt hatte, das, unter Schmerz und Gefahr, nur den Kummer der um sie her Beschäftigten aufzuheitern bemüht war. Desto wohlthuender war mir daher die allgemeine Betrübniß, welche die Dienstboten bei unserer Rückkehr zeigten. Sie kamen in Haufen die Allee herab, Jeder voll Begierde, Beistand zu leisten. Der Haushofmeister stand mit einer absonderlich herzstärkenden Arznei bereit; die alte Haushälterin war mit einem halben Dutzend, von ihren eigenen Händen nach dem Familien-Recept-Buche bereiteter Mittel versehen; während ihre Nichte, die schmelzende Phöbe, da sie auf keine andere Art hülfreich sein konnte, da stand, die Hände rang und laut weinte. Die wesentlichste Folge dieses Unfalls wird wahrscheinlich der Aufschub der Hochzeit sein, welche in Kurzem gefeiert werden sollte. Obgleich ich mit der Ungeduld des Capitains in dieser Rücksicht Mitleid habe, werde ich doch über diese Verzögerung sonst nicht sehr unwillig sein, da sie mir noch mehr Gelegenheit geben wird, die hier versammelten Charaktere, die mich immer mehr und mehr unterhalten, genauer kennen zu lernen. Ich bemerke wohl, daß der würdige Squire über den unglücklichen Ausgang seines Versuches mit der Falkenjagd und diese ungünstige Folgerung auf seiner Lobrede auf das Reiten der Frauen, sehr betreten ist. Auch der alte Christy ist sehr verdrießlich, da ihm Meister Simon gewaltige Vorwürfe gemacht hat, daß er seinen Falken auf Aas habe stoßen lassen. Was den Falken betrifft, so ist bei der Verwirrung, in die Alle durch den Unfall der schönen Julie versetzt worden sind, der Vogel gänzlich vergessen worden. Ich zweifle nicht, daß er in aller Eile seinen Weg zurück nach der gastfreundlichen Halle des Sir Watkyn Williams Wynne genommen hat, und sehr wahrscheinlich mustert er, während ich dieses schreibe, seine Schwingen in den luftigen Lauben von Wynnstay. St. Markus-Abend. O es ist grauenvoll, nicht mehr zu sein, Oder zu sein, um nach dem Tod zu wandern. Zu gehn, wie Geister thun, den Tag im Walde; Zu gleiten, wenn das Dunkel kömmt, auf Pfaden, Zu Gräbern führend, und in den Gewölben, Das unsre Leiche birgt, bei ihr zu sitzen, Bemüht, in die verbotne Hüll' zu treten. Dryden . Die Unterhaltung nahm diesen Abend bei Tisch eine seltsame Wendung auf einen Aberglauben, der sonst in diesem Theile des Landes sehr gäng und gäbe war, und sich auf diesen Abend, nämlich den vor dem St. Markus-Tage bezog. Man glaubte, wie uns der Geistliche sagte, wer drei Jahre nacheinander, an diesem Abend, von elf bis ein Uhr in der Nacht an der Kirchthür wache, sähe im dritten Jahr die Schatten derjenigen aus dem Kirchsprengel, die im Laufe des Jahres stürben, in ihren gewöhnlichen Kleidern, bei sich vorüber in die Kirche gehen. So furchtbar ein solcher Anblick sein dürfte, so versicherte der fromme Herr uns doch, es sei sonst etwas sehr Gewöhnliches gewesen, daß Leute sich diesen nächtlichen Wachen unterzogen hätten. Er hatte von mehr als einem Beispiel der Art zu seiner Zeit gewußt. Eine alte Frau, welche diesen Geisterzug gesehen zu haben behauptete, war, noch ein ganzes Jahr nachher, ein Gegenstand des größten Schreckens, und verursachte viel Unruhe und Unglück. Wenn sie ihren Kopf geheimnißvoll über Jemand schüttelte, so galt dieß für ein Todesurtheil; und sie hatte beinahe den Tod einer kranken Person herbeigeführt, indem sie traurig zum Fenster ihrer Hütte hineinsah. Auch ein alter Mann, von finsterer, melancholischer Gemüthsart, hatte vor mehreren Jahren zwei solche Wachen gehalten, und man fing schon im Dorfe an davon zu reden, als er, zum Glück für die öffentliche Ruhe, kurz nach der dritten Wache sehr wahrscheinlich an einer Erkältung starb, die er sich zugezogen hatte, da die Nacht sehr stürmisch gewesen war. Man sagte indessen im Dorfe, er habe seinen eigenen Schatten vorüber in die Kirche gehen sehen. Dieß leitete auf einen andern Aberglauben von eben so sonderbarer und trauriger Art, der sich indeß ganz besonders auf Wales beschränkt, nämlich auf die sogenannten Todtenlichter, kleine wandernde Flämmchen von einem blassen, blaulichen Lichte, welche wie Kerzen in der freien Luft umherschweben und den Weg bezeichnen sollen, den eine Leiche nehmen wird. Ein solches ward, spät in der Nacht, zu Lanylar gesehen, wie es an dem Ufer des Istwith auf und ab hüpfte, und von den Nachbarn beobachtet wurde, bis sie müde waren, und zu Bett gingen. Nicht lange nachher kam ein hübsches Landmädchen, aus Montgomeryshire, ihre Freunde zu besuchen, die auf dem jenseitigen Ufer des Flusses wohnten. Sie wollte an derselben Stelle durch den Fluß waten, wo man das Licht zuerst gesehen hatte; allein man widerrieth ihr dieß wegen der Höhe des Wassers. Sie ging am Ufer auf und ab, gerade da, wo sich das Licht bewegt hatte, harrend, daß das Wasser fallen würde. Endlich versuchte sie es dennoch durchzuwaten, aber das arme Mädchen ertrank bei dem Versuche. Aubrey's Miscellaneen. – Verf. Es war etwas Trauriges in dieser kleinen Erzählung von ländlichem Aberglauben, das alle Zuhörer zu ergreifen schien. In der That ist es sonderbar zu bemerken, wie ein Gespräch der Art die Aufmerksamkeit eines ganzen Kreises fesseln, und seine Fröhlichkeit, so lärmend sie auch gewesen sein mag, niederschlagen kann. Ich sah, wie Einer nach dem Andern sich über den Tisch vorbeugte und die Augen fest auf den Geistlichen heftete, und als die Rede auf Todtenlichter kam, die man in der Nähe des Zimmers einer jungen Dame gesehen hatte, welche am Abend vor ihrem Hochzeitstage starb, wurde Lady Lillycraft sichtlich sehr blaß. Geschichten dieser Art wurden oft im Scherz angefangen, und mit Lächeln angehört; aber selbst die fröhlichste und aufgeklärteste Zuhörerschaft konnte sich, wenn die Unterhaltung eine Zeitlang so fortdauerte, nicht enthalten, einen vollkommenen, feierlichen Antheil daran zu nehmen. Ich glaube, daß in jedem Gemüth ein Grad von Aberglauben verborgen liegt; und wenn Jemand seine geheimen Ansichten und Regungen genauer prüfte, würde er diesen entdecken. Er scheint in der That einen Bestandtheil unseres Wesens zu bilden, wie der Instinkt bei den Thieren, und unabhängig von unserer Vernunft zu wirken. Man findet ihn oft bei erhabenen Geistern, besonders bei denen, die einen dichterischen, aufstrebenden Charakter haben. Ein großer, ausgezeichneter Dichter unsrer Tage, dessen Leben und Schriften einen Geist beurkunden, der einer mächtigen Erhebung fähig ist, soll an Anzeichen und geheime Warnungen glauben. Cäsar war, wie wohl bekannt ist, sehr unter dem Einfluß eines solchen Glaubens; und Napoleon hatte seine guten und bösen Tage und seinen Glücksstern. Was den würdigen Geistlichen betrifft, habe ich keinen Zweifel, daß er sich stark zum Aberglauben hinneige. Er ist von Natur leichtgläubig, und wendet einen so großen Theil seiner Zeit dazu an, Volkssagen und übernatürlichen Erzählungen nachzuspüren, daß sein Geist wahrscheinlich durch diese angesteckt worden ist. Er hat sich kürzlich in die Dämonolatria des Nikolaus Remigius, welche von übernatürlichen Ereignissen, die sich in Lothringen zugetragen haben, handelt, und in die Schriften des Joachimus Camerarius, den Vossius den Phönix von Deutschland nennt, versenkt, und unterhält die Damen mit Geschichten aus diesen Büchern, die sie so furchtsam machen, daß sie des Abends beinahe nicht zu Bette gehen mögen. Mir selbst haben einige der phantastischen kleinen abergläubischen Züge, die er aus Blefkenius, Scheffer und Anderen angeführt hat, großes Vergnügen gemacht; wie die Sage der Lappländer von Hausgeistern, welche sie in der Nacht aufwecken und sie antreiben, auf den Fischfang zu gehen; vom Thor, dem Gotte des Donners, welcher Macht über Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit hat, und der, mit dem Regenbogen bewaffnet, seine Pfeile auf die bösen Geister abschießt, welche auf den Spitzen der Felsen und Berge leben und die Seen umschwärmen; und die von den Juls oder Julafolket, irrenden Geisterhaufen, welche die Luft durchstreifen, und an Berg und Wald und an den mondbeschienenen Abhängen der Hügel auf- und niederwandeln. Der Geistliche gesteht seinen Glauben an Geister nie geradezu, allein ich habe bemerkt, daß er eine verdächtige Art hat, große Namen vorzuschieben, wenn es auf die Vertheidigung übernatürlicher Sätze ankommt, und Philosophen und Heilige zur Vertheidigung übernatürlicher Doctrinen herbeizurufen. Er läßt sich sehr weitläufig über die Ansichten der alten Philosophen von Larven oder nächtlichen Erscheinungen, den Geistern der Bösen, welche wie Verbannte auf der Erde umherwandelten, aus; und über jene geistigen Wesen, welche in der Luft wohnten, aber von Zeit zu Zeit auf die Erde herabstiegen, sich unter die Sterblichen mischten, und als Vermittler zwischen ihnen und den Göttern auftraten. Er führt auch aus Philo dem Rabbi, dem Zeitgenossen der Apostel und nach Einigen dem Freunde des heiligen Paulus, eine Stelle an, worin er sagt, daß die Luft voll von Geistern verschiedenen Ranges wäre, von denen Einige bestimmt seien, eine Zeit lang in sterblichen Leibern zu leben, und, nach ihrer Erlösung aus diesen, zwischen Himmel und Erde, als Gesandte oder Boten im Dienste der Gottheit, hin und her zu gehen. Aber der würdige kleine Mann nimmt einen dreistern Ton an, wenn er die Kirchenväter anführt, z. B. den heiligen Hieronymus, der es als die Meinung aller Schriftgelehrten angibt, daß die Luft mit Gewalten erfüllt sei, welche einander bekämpfen; und Lactantius, welcher sagt, daß böse und gefährliche Geister auf der Erde wandeln und sich dadurch, daß sie zu dem Verderben des Menschengeschlechts beitragen, über ihren Fall zu trösten suchen; endlich den Clemens von Alexandrien, welcher der Meinung ist, daß die Seligen von dem, was unter den Menschen vorgeht, so gut wie die Engel, Kenntniß haben. Ich bin jetzt allein in meiner Stube, aber diese Sätze haben sich meiner Einbildungskraft so bemeistert, daß ich nicht schlafen kann. Das Zimmer, in welchem ich sitze, ist gerade geeignet, einen solchen Gemüthszustand zu nähren. Die Wände sind mit Tapeten behangen, deren Figuren verschossen sind und wie körperlose Schatten aussehen, welche dem Auge entschwinden. Ueber dem Kamin hängt das Bild einer Dame, die nach der Aussage der Haushälterin, sich über den Tod ihres Geliebten in der Schlacht von Blenheim zu Tode härmte. Sie hat ein sehr bleiches, schmerzliches Gesicht, und scheint ihre Augen trauernd auf mich zu heften. Die Familie ist schon lange zur Ruhe gegangen. Ich habe ihre Tritte verhallen, und die entfernten Thüren sich hinter ihnen schließen hören. Der Ton der Stimmen und der Klang des fernen Lachens erreichen mein Ohr nicht mehr. Die Glocke der Kirche, in welcher so manche der früheren Bewohner dieses Hauses begraben liegen, hat die schauerliche Stunde der Mitternacht verkündet. Ich habe an dem Fenster gesessen, meine Betrachtungen über die dämmerige Landschaft angestellt, und die Lichter, welche, eines nach dem andern, in dem entfernten Dorfe verschwinden, beobachtet, und den Mond wie er in seiner stillen Majestät sich erhebt und alle die silberne Pracht des Himmels heraufführt. Während ich diese ruhigen Gebüsche und schattigen Wiesen betrachtete, die von Streifen thauigen Mondenlichts versilbert und unvollkommen beleuchtet erschienen, drängte sich Gedanke auf Gedanke in mein Gemüth über diese geistigen Wesen, welche die Erd' umwallen, Unsichtbar, ob wir wachen oder schlafen. Gibt es denn, in der That, solche Wesen? Ist dieser Raum zwischen uns und der Gottheit durch unzählige Klassen geistiger Wesen ausgefüllt, welche dieselbe Stufenfolge zwischen der menschlichen Seele und der göttlichen Vollkommenheit bilden, die wir von dem Menschen herab bis zu dem kleinsten Insekt vorherrschen sehen? Es ist eine erhabene und schöne von den ersten Kirchenvätern eingeprägte Lehre, daß es Schutzengel gibt, welche über Städte und Völker zu wachen, für das Wohl guter Menschen zu sorgen, und die Schritte der hülflosen Kindheit zu behüten und zu leiten bestimmt sind. »Nichts,« sagt der heilige Hieronymus, »gibt uns eine größere Idee von der Würde unserer Seele, als daß Gott Jedem von uns, in dem Augenblick unserer Geburt, einen Engel gegeben hat, über sie zu wachen.« Selbst die Lehre von den abgeschiedenen Geistern, die zurückkehren, um die Orte und die Menschen wiederzusehen, welche ihnen während des Daseins ihres Körpers theuer waren, ist an sich selbst hehr, feierlich und erhaben, wenn gleich der abgeschmackte Aberglaube des Volks sie erniedrigt hat. Wie leicht sie auch lächerlich zu machen sein mag, so richtet sich doch die Aufmerksamkeit unwillkührlich darauf, wenn sie je zum Gegenstande einer ernstlichen Erörterung wird; ihr Vorhandensein in allen Zeitaltern und Ländern, und selbst unter neu entdeckten Völkern, welche mit andern Theilen der Welt vorher keinen Gedankenaustausch gehabt haben, beweist, daß sie eine von den geheimnißvollen, beinahe instinctmäßigen Ueberzeugungen sei, zu denen, wenn wir uns frei überlassen sind, wir von selbst uns hinneigen. Ungeachtet alles Stolzes der Vernunft und der Philosophie, wird im Gemüthe immer ein gewisser Zweifel zurückbleiben, und vielleicht nie vollkommen ausgerottet werden, da er einen Gegenstand betrifft, der keinen bestimmten Beweis zuläßt. Alles, was mit unserer geistigen Natur im Zusammenhange steht, ist voller Zweifel und Schwierigkeit. »Wir sind furchtbar wundervoll geschaffen;« wir sind von Geheimnissen umgeben, und sind Geheimnisse für uns selbst. Wer ist wohl je im Stande gewesen, die Beschaffenheit der Seele, ihre Verbindung mit dem Leibe zu ergründen, und es zu erklären, in welchem Theile des menschlichen Körpers sie ihren Sitz habe? Wir wissen nur, daß sie vorhanden ist; woher sie aber gekommen, wann sie in uns eingegangen ist, wie sie in uns bleibt, wo sie ihren Sitz hat, und wie sie wirkt, sind alles bloß Gegenstände der Speculation, und widersprechender Theorieen. Wenn wir also über dieses geistige Wesen, selbst während es einen Theil unseres Selbst bildet und uns beständig bewußt ist, so unwissend sind, wie können wir seine Kräfte und Wirkungen beweisen oder läugnen wollen, wenn es aus seinem fleischlichen Gefängniß erlöst ist? Es ist daher mehr die Art, wie dieser Aberglauben herabgewürdigt worden ist, als seine innere Thörigkeit, die ihn verächtlich gemacht hat. Erhebt ihn über die werthlosen Zwecke, zu denen man ihn gebraucht, entkleidet ihn von dem finstern Schrecken, womit man ihn umgeben hat, und es gibt keinen Glauben in dem ganzen Kreise derer, die sich auf Erscheinungen beziehen, welcher der Einbildungskraft einen schöneren Schwung geben oder das Herz sanfter rühren könnte. Er würde auf dem Todbette zu einem wahren Troste werden, und die bittere Thräne versüßen, welche das quälende Gefühl unserer Trennung von dem Leben uns auspreßt. Was könnte beruhigender sein, als der Gedanke, daß die Seelen derjenigen, die wir einst liebten, zurückkehren und über unsre Wohlfahrt wachen dürfen? Daß liebevolle Schutzgeister neben unserm Kissen sitzen, wenn wir schlafen, und uns in unseren hülflosesten Stunden beschirmen? Daß Schönheit und Unschuld, welche in das Grab gesunken, dennoch ungesehen uns umlächeln, und sich in den seligen Träumen offenbaren, worin wir die Stunden vorübergegangener Freuden noch einmal durchleben? Ein Glaube dieser Art müßte, sollte ich denken, ein neuer Antrieb zur Tugend sein; und selbst in unseren geheimsten Augenblicken, durch den Gedanken, daß die, welche wir einst liebten und ehrten, unsichtbare Zeugen aller unserer Handlungen sind, uns vorsichtig machen. So nähm' er auch von uns die Einsamkeit und Verlassenheit, welche wir wohl immer lebendiger fühlen, je weiter wir auf unserer Pilgerschaft durch die Wildniß dieser Welt fortschreiten, und je häufiger es uns widerfahren ist, daß die, welche liebend und froh, mit uns die Wanderung antraten, Einer nach dem Andern von unserer Seite gewichen sind. Betrachtet den Aberglauben aus diesem Gesichtspunkte, und ich gestehe, ich würde mich ihm gern hingeben. Ich sehe nichts darin, das mit dem liebreichen und erbarmungsvollen Wesen unserer Religion unverträglich, oder den Wünschen und Neigungen des Herzens entgegen wäre. Es gibt dahingegangene Wesen, die ich geliebt habe, wie ich nie wieder in dieser Welt lieben werde; – die mich geliebt haben, wie ich nie wieder werde geliebt werden! Wenn solchen Wesen in ihren seligen Sphären die Neigungen ja geblieben sind, welche sie auf Erden empfanden; wenn sie einen Antheil nehmen an dem armseligen Treiben dieser vorübergehenden Sterblichkeit, und wenn es ihnen vergönnt ist, mit denen, die sie auf Erden geliebt haben, in Gemeinschaft zu stehen, so fühle ich mich geneigt, in dieser späten Stunde der Nacht, in diesem Schweigen und dieser Einsamkeit, mit dem heiligsten, reinsten Entzücken ihren Besuch aufzunehmen. Wahrlich, solche Erscheinungen wären ein zu großes Glück für diese Welt; sie würden mit dem Wesen dieses unvollkommenen Zustandes des Daseins unverträglich sein. Wir befinden uns hienieden bloß auf einem Schauplatz geistiger Sclaverei und Zwanges. Unsere Seelen sind durch Grenzen und Schranken eingeschlossen; durch sterbliche Gebrechlichkeit gefesselt und von allen den großen Hindernissen des Stoffes befangen. Umsonst würden sie es versuchen, unabhängig von dem Körper zu handeln und sich mit andern zu einem geistigen Verhältnisse zu verbinden. Sie können hier nur durch ihre fleischlichen Organe wirken. Ihre irdische Liebe besteht aus vorübergehenden Umarmungen und langen Trennungen. Aus wie kurzen, abgerissenen Augenblicken besteht nicht der Genuß der innigsten Freundschaft! Wir nehmen einander bei der Hand, und wechseln einige freundliche Worte und Blicke, und freuen uns miteinander einige wenige kurze Augenblicke, und dann kommen Tage, Monate und Jahre dazwischen, und wir sehen und wissen nichts von einander. Oder wenn wir annehmen, daß wir die ganze Dauer dieses unsers sterblichen Lebens beisammen zugebracht haben, so schließt das Grab bald seine Thore zwischen uns, und unsre Geister sind bestimmt, in Trennung und Verwaisung zu bleiben, bis sie wieder in dem vollkommenern Zustande des Daseins zusammentreffen, wo Seele mit Seele in seliger Gemeinschaft lebt, und dort wird es weder Tod, noch Abwesenheit, noch irgend eine andere Unterbrechung unserer Glückseligkeit geben. *           * * In dem vorhergehenden Abschnitt habe ich der Schriften einiger der alten jüdischen Rabbis erwähnt. Sie sind voll von wilden Theorieen; allein unter diesen finden sich mehrere wahrhaft poetische Aufschwünge; und ihre Gedanken sind oft sehr schön eingekleidet. Ihre Forschungen über das Wesen der Engel, sind sonderbar und phantastisch, obgleich sie sich sehr der Lehre der alten Philosophen nähern. In den Schriften des Rabbi Eleasar ist eine Erzählung von der Versuchung der ersten Eltern und dem Falle der Engel, auf welche der Geistliche mich, als auf die wahrscheinliche Grundlage des »verlorenen Paradieses,« aufmerksam machte. Nach Eleasar, sprachen die dienenden Engel zu der Gottheit: »Was ist an dem Menschen so Vorzügliches, daß Du ihn so erhebest? Ist er etwas anderes, als Eitelkeit? Denn er vermag nur ein wenig über irdische Dinge zu vernünfteln.« Hierauf erwiederte Gott: »Glaubt ihr, daß ich nur von euch hier oben erhoben und gepriesen sein will? Ich bin derselbe auf Erden, der ich hier bin. Wer ist hier unter euch, der alle Geschöpfe bei Namen nennen könnte?« Und es gab keinen unter ihnen, der dieß zu thun im Stande gewesen wäre. In diesem Augenblicke trat Adam auf, und nannte alle Geschöpfe bei ihren Namen. Als die dienenden Engel dieß hörten, sprachen sie zu einander: »Laßt uns berathschlagen, wie wir Adam zur Sünde gegen den Schöpfer verleiten können, sonst wird er gewiß unser Herr werden.« »Sammaël, ein großer Fürst des Himmels, war bei dieser Berathung gegenwärtig, mit den Heiligen der ersten Stufe und den Seraphim von sechs Heeren. Sammaël erlas Mehrere aus den zwölf Stufen, ihn zu begleiten, und stieg hinab, in der Absicht, alle die Geschöpfe, die Gott erschaffen, zu sehen. Er fand keines verschlagener und fähiger, Böses zu thun, als die Schlange.« Der Rabbi handelt nun von der Verführung und dem Falle des Menschen; von dem daraus folgenden Sturze des bösen Engels und der Strafe, welche Gott über Adam, Eva und die Schlange verhängte. »Er ließ Alle vor sich treten, sprach neun Verwünschungen über Adam und Eva aus, und verdammte sie zum Tode; und er stürzte Sammaël und sein Heer aus dem Himmel. Er hieb der Schlange, die vorher die Gestalt eines Kameels besaß (und auf der Sammaël geritten hatte) die Füße ab, und er verfluchte sie unter allen lebenden Thieren.« Sitten-Feinheit. – Echten Adel gibt nicht die Geburt, Die reinste Tugend kann ihn nur bekunden; Er stammt von Gott; doch ist das Blut gebunden. Spiegel für Magistrate . Ich habe einiger Eigenthümlichkeiten des Squire bei der Erziehung seiner Söhne gedacht; allein ich möchte nicht, daß man glaubte, seine Anweisungen hätten sich vorzüglich auf ihre körperliche Ausbildung bezogen. Er gab sich auch große Mühe, ihren Geist zu bilden, und ihnen, wie er es nennt, gute altenglische Grundsätze einzuprägen, wie sie in Peacham's und seiner Zeitgenossen Schriften enthalten sind. Es gibt einen Schriftsteller, von dem er nie ohne Unwillen reden kann, und dieß ist Chesterfield. Er behauptet, daß dieser eine Zeit lang sehr viel dazu beigetragen habe, den wahren Nationalcharakter zu verderben, und statt der offenen, männlichen Biederkeit, eine hohle, hinterlistige Höflichkeit einzuführen. »Seine Grundsätze waren,« wie er behauptet, »darauf berechnet, den schönen Enthusiasmus der Jugend abzukühlen; sie dahin zu bringen, daß sie sich der Romantik schäme, welche das Morgenroth einer großherzigen Mannheit ist, und ihr eine kalte Politur und eine frühzeitige Weltabgeschliffenheit zu geben.« »Viele von Lord Chesterfield's Grundsätzen würden aus einem jungen Mann einen bloßen Vergnügensmenschen machen; allein ein englischer Mann von Familie soll nicht ein bloßer Vergnügensmensch sein. Er hat kein Recht zu so selbstischer Nachsicht. Seine Muße, seine Bequemlichkeit, sein Reichthum sind Schulden gegen sein Vaterland, die er immer abzutragen bereit sein muß. Er sollte ein Mann in jeder Hinsicht sein; einfach, offen, höflich, klug, gebildet und unterrichtet; aufrichtig, unerschrocken und uneigennützig; einer, der sich sehr wohl unter freien Leuten sehen lassen und mit Staatsmännern messen kann; der sein Vaterland und dessen Rechte zu Hause und in der Fremde zu vertreten weiß. In einem Lande wie England, wo dem Verstande eine so freie, unbegrenzte Laufbahn eröffnet ist, und wo Meinung und Beispiel ein so großes Gewicht beim Volke haben, müßte jeder Mann von Vermögen und Muße sich verpflichtet fühlen, auf irgend eine Art zur Wohlfahrt oder zum Ruhme der Nation beizutragen. In einem Lande, wo Verstand und Thätigkeit gebunden und beschränkt werden, mögen Leute von Rang und Vermögen ungestraft Müßiggänger, Kleinigkeitskrämer werden; aber ein englischer Taugenichts hat keine Entschuldigung; und dieß ist vielleicht der Grund, warum er der widrigste und unausstehlichste Taugenichts in der Welt ist.« In dieser Art pflegte der Squire, wie mir Frank Bracebridge sagt, seinen Söhnen zu predigen, wenn sie im Begriff waren, das väterliche Dach zu verlassen; der eine, um im Ausland zu reisen; der andere, um zum Heere zu gehen; der dritte, um die Universität zu beziehen. Er pflegte sie dann mit in die Bibliothek zu nehmen, in welcher rund umher die Bilder von Sidney, Surrey, Raleigh, Wyat und Anderen hängen. »Betrachtet diese Muster ächter englischer Ehrenmänner, meine Söhne,« pflegte er mit Begeisterung zu sagen; »dieß waren Männer, welche mit der Annehmlichkeit des zartesten und feinsten Geschmacks die strengen Tugenden des Soldaten kränzten; die, was mild und zierlich, mit dem, was kräftig und männlich, verbanden, die die wahre Ritterlichkeit des Geistes besaßen, welche die höhere Stufe der Männlichkeit ist. Sie sind die Lichter, mit denen die Jugend des Landes sich schmücken sollte. Sie waren die Muster und Idole ihres Landes daheim, und verherrlichten dessen Würde im Auslande. Surrey, sagt Camden, war der erste Edelmann, der seine hohe Geburt durch die Reize der Gelehrsamkeit verherrlichte. Er war als der tapferste Soldat, der feinste Liebhaber, und der vollkommenste Gentleman seiner Zeit anerkannt. Was Wyat betrifft, so sagt sein Freund Surrey sehr liebreich von ihm, daß seine Gestalt majestätisch und schön, sein Gesicht »ernst und mild« gewesen sei; daß er gesungen und die Laute mit besonderer Lieblichkeit gespielt; fremde Sprachen zierlich und fließend gesprochen und einen unerschöpflichen Vorrath von Witz besessen habe. Und hört, wie sehr diese erlauchten Freunde gepriesen werden: diese Zwei waren es hauptsächlich, welche, nachdem sie in Italien gereist und dort die lieblichen, großartigen Formen und den Styl der italienischen Poesie kennen gelernt, unsrer vorher rohen, ungebildeten Dichtkunst eine größere Feinheit gaben, und deßwegen mit Recht die Verbesserer unsrer englischen Poesie und unsres Styls genannt werden dürfen. Und Sir Philipp Sidney, der uns so schöne Denkmale zierlich ausgedrückter Gedanken und edler Gefühle hinterlassen hat, und der von seinem ritterlichen Geiste so heldenmüthige Beweise im Felde gab! Und Sir Walter Raleigh, der feine Hofmann, der unerschrockene Krieger, der unternehmende Entdecker, der aufgeklärte Philosoph, der großsinnige Martyr. Dieß sind die Männer, welche Engländer aus den gebildeten Klassen studiren sollten. Chesterfield würde, mit seinen kalten höfischen Grundsätzen, solche Geister erkältet und kleinlich gemacht haben. Er würde die aufknospende Romantik ihrer Gemüthsart erstickt haben. Sidney würde dann nie seine Arcadia geschrieben, noch Surrey bei der Vertheidigung der Schönheiten seiner Geraldine die Welt in die Schranken gefordert haben. Dieß sind die Männer, meine Söhne,« pflegt der Squire fortzufahren, »welche beweisen, wozu sich unser Volkscharacter erheben kann, wenn sein mächtiges, gewaltiges Wesen gehörig verarbeitet und geläutert wird. Die festesten Körper sind der stärksten Politur fähig; und es gibt keinen Charakter, der einen ausgezeichneteren, fleckenloseren Glanz erlangen könnte, als der des wahren englischen Gentleman.« Als Guido im Begriff war, zur Armee abzugehen, nahm der Squire ihn abermals bei Seite, und gab ihm eine lange Ermahnung. Er warnte ihn vor dem künstlichen Schein einer kalten Gleichgültigkeit, welche bei den jungen englischen Offizieren erstrebt werde, bei denen es eine Art Studium geworden sey, den Soldaten in dem Manne von Ton verschwinden zu lassen. »Ein Soldat,« sagte er, »ohne Stolz und Begeisterung für sein Handwerk, ist weiter nichts, als ein blutbedeckter Söldling. Nichts kann ihn von dem gedungenen Mörder unterscheiden, als der Geist der Vaterlandsliebe, oder der Durst nach Ruhm. Es ist heut zu Tage Mode, mein Sohn,« sagte er, »über den ritterlichen Geist zu lächeln: wenn dieser erst erloschen ist, wird der Beruf des Soldaten ein bloßes Bluthandwerk.« Er führte ihm nun die Thaten Eduard's, des schwarzen Prinzen, vor Augen, der sein Spiegel der Ritterlichkeit ist; tapfer, edel, leutselig, menschlich brav im Felde; als er aber auf seine Artigkeit gegen seinen Gefangenen, den König von Frankreich, zu reden kam, wie er ihn in seinem Zelte nicht sowohl als Gefangenen, sondern als Sieger empfing; ihn, wie zu seinem Gefolge gehörig, bei Tafel bediente; bei seinem Einzuge in London unbedeckt und auf einem gewöhnlichen Pferde neben ihm ritt, während sein Gefangener in Pracht auf einem stolzen weißen Rosse saß; da standen dem alten Edelmanne die Thränen der Begeisterung in den Augen. Bei dem Abschiede endlich gab der gute Squire als Richtschnur eines seiner Lieblingsbücher, das Leben des Ritters Bayard, von Godefrey, in die Hände seines Sohnes; auf ein weißes Blatt des Buches hatte er eine Stelle aus der Morte d'Arthur geschrieben, welche eine Lobrede des Sir Ector auf Sir Lancelot vom See enthält, von welchem der Squire sagt, er habe alle die Vorzüge umfaßt, welche ein wahrer Soldat besitzen müsse. »Ach, Sir Lancelot! Du warest der Erste aller christlichen Ritter! Jetzt liegst Du hier; irdische Ritterhände konnten sich nie mit Dir messen. Und Du warst der ehrsamste Ritter, der je ein Schild trug; und Du warst der treuste Freund Deines Freundes, der je ein Pferd bestieg; und der treueste Liebhaber unter den sündhaften Menschen, die je ein Weib liebten. Und Du warst der wackerste Mann, der je ein Schwert schwang; und Du warst der stattlichste unter den Rittern, und der sanfteste und liebreichste, der je in der Halle bei den Frauen aß. Und Du warst der gewaltigste Kämpfer gegen Deinen Todfeind, der je die Lanze einlegte.« Wahrsagen. Kein Flecken, kein Dorf, keine Stadt im Land – Wir sind bettelnd oder plündernd zur Hand. Wenn wilde Wetter den Himmel umziehn, Legen in Scheunen auf Stroh wir uns hin, Ist's lieblich und warm, bei Ja und bei Nein, Eine Heck', ein Bund Heu beut sich im Frei'n. Lustige Bettler . Als ich eines Abends mit dem Oxforder Studenten, Meister Simon und dem General auf einer Wiese nicht weit vom Dorfe wandelte, hörten wir den Ton einer schlecht gespielten Fiedel, und sahen, nach der Gegend blickend, woher er kam, eine Rauchsäule zwischen den Bäumen sich empor kräuseln. Der Klang der Musik ist immer anziehend; denn wo immer Musik ist, da ist gute Laune oder guter Wille. Wir gingen einen Fußpfad entlang, und konnten nun durch eine Oeffnung in der Hecke den Musiker und seine Gesellschaft sehen, worauf der Oxforder uns einen Wink gab und uns sagte, wenn wir ihm folgen wollten, dürften wir nicht wenig Spaß haben. Es zeigte sich, daß dieß ein Lager der Zigeuner war, aus drei bis vier kleinen Hütten oder Zelten bestehend, die von Betttüchern oder Segeltuch gemacht, und mit Reifen überspannt waren, welche man in den Boden eingeschlagen hatte. Es war auf der einen Seite eines grünen Heckenganges, dicht unter einer Hagedornhecke aufgeschlagen, und eine große Buche breitete ihre Zweige darüber hin. Ein kleiner Bach rieselte, dicht daran, durch den grünen, einem Teppich gleichen Rasen hin. Ein Theekessel hing an einem krummen gebogenen Stücke Eisen über einem Feuer, das von trockenen Reisern und Blättern angezündet war, und zwei alte Zigeunerinnen, in rothen Mänteln, saßen zusammengekauert auf dem Grase und schwatzten bei ihrem Abend-Thee; denn diese Geschöpfe haben, wenn sie gleich unter freiem Himmel leben, doch ihre Begriffe von dem Behagen an einem Feuer. Zwei oder drei Kinder schliefen auf dem Stroh, das in den Zelten umhergestreut war; ein paar Esel weideten in dem Heckengange, und ein diebartig aussehender Hund lag neben dem Feuer. Einige von den jüngeren Zigeunerinnen tanzten nach dem Klang einer Fiedel, die ein lang aufgeschossener Junge, in einem alten Ueberrock und mit einer Pfauenfeder im Hutbande, spielte. Als wir uns näherten, kam ein Zigeunermädchen, mit einem Paar schöner schelmischer Augen, heran, und erbot sich, wie gewöhnlich, uns wahrzusagen. Ich mußte an dem Geschöpf einen gewissen Grad lockerer Zierlichkeit bewundern. Ihr langes, schwarzes, seidenes Haar war sonderbar in viele kleine Flechten getheilt und nachlässig auf eine pittoreske Art, die ein Maler erfunden zu haben stolz gewesen sein würde, aufgesteckt. Ihr Kleid war von geblümtem Zitz, ziemlich zerlumpt und nicht allzu rein, aber von einem sehr harmonischen und angenehmen Farbenspiel; denn diese Wesen haben ein besonders geübtes Auge in der Wahl der Farben. Sie hatte einen Strohhut in der Hand, und einen rothen Mantel über den einen Arm geworfen. Der Oxforder Student wollte sich sogleich wahrsagen lassen, und das Mädchen begann mit der gewöhnlichen Zungengeläufigkeit ihres Geschlechts; allein er zog sie auf die Seite, nahe bei der Hecke, da er, wie er sagte, es nicht beabsichtige, daß man hinter alle seine Geheimnisse käme. Ich bemerkte, daß er zu ihr sprach, statt daß sie ihm etwas gesagt hätte, und sah an den verstohlenen Blicken, die er zuweilen auf uns warf, daß er dem Geschöpf einige geheime Winke gab. Als sie zu uns zurückkehrte, nahm er eine sehr ernsthafte Miene an. »Wahrhaftig!« sagte er, »es ist zum Erstaunen, wie diese Geschöpfe zu ihren Kenntnissen kommen; das Mädchen hat mir einige Dinge gesagt, von denen ich glaubte, Niemand wisse sie, als ich selbst!« Das Mädchen machte nun ihren Angriff auf den General: »Kommt, Euer Gnaden,« sagte sie, »ich sehe es an Euerm Gesichte, daß Ihr ein glücklicher Mann seid; aber Euer Gemüth ist nicht ruhig; wahrhaftig nicht, Sir! aber seid gutes Muths, und gebt mir ein gut Stück Silber, und ich will Euch recht schön wahrsagen.« Der General hatte ihren Angriff auf ihn im Scherz genommen, und sich von ihr bei der Hand nehmen lassen; als sie aber eines Stückes Silber erwähnte, begann er zu husten, machte ein ernsthaftes Gesicht, wandte sich zu uns, und fragte, ob wir nicht lieber unsern Spaziergang fortsetzen wollten. – »Nun, nun, mein Herr!« sagte das Mädchen listig: »Ihr würdet nicht so eilen, wenn Ihr wüßtet, was ich Euch alles von einer schönen Dame sagen könnte, die ein Auge auf Euch hat. Nun, alte Liebe rostet nicht; Manche kommen, um bei einer Hochzeit zu sein, und gehen als Verlobte weg!« – Hier flüsterte ihm das Mädchen etwas mit leiser Stimme zu, worüber der General roth wurde, in Verwirrung gerieth, und sich unter die Hecke führen ließ, wo er dem Mädchen mit großer Aufmerksamkeit zuzuhören schien, und ihr am Ende, mit der Miene eines Mannes, der sein Geld nicht weggeworfen zu haben glaubt, eine halbe Krone gab. Das Mädchen machte nun ihren Angriff auf Meister Simon, der jedoch ein zu alter Vogel war, um sich fangen zu lassen, denn er wußte, daß das Ganze sich mit einem Angriff auf seine Börse endigen würde, ein Punkt, über den er etwas kitzlich ist. Da er indessen noch immer in dem Rufe stehen will, ein loser Geselle zu sein, so griff er ihr unter das Kinn, machte einige ziemlich derbe Scherze, und nahm die Miene eines Wildfangs an, wie wir sie zuweilen die jungseinwollenden Herrn aus der alten Schule auf dem Theater annehmen sehen. »Ach, Euer Gnaden,« sagte das Mädchen mit einem boshaften Lächeln: »Ihr wart voriges Jahr, als ich etwas von der bewußten Wittwe sagte, nicht so gleichgültig; hättet Ihr aber Freundes-Rath angenommen, so würdet Ihr vergangenes Jahr auf dem Pferderennen von Doncaster nicht mit einem Floh im Ohr weggekommen sein!« Es war in dieser Rede ein geheimer Stich, der Meister Simon ganz aus der Fassung zu bringen schien. Er riß verdrießlich seine Hand weg, knallte mit der Peitsche, pfiff den Hunden, und sagte daß es hohe Zeit sei, nach Hause zu gehen. Das Mädchen war indessen entschlossen, ihre Ernte nicht aufzugeben. Sie wandte sich jetzt zu mir, und da ich eine Schwachheit des Geistes fühle, wo ein hübsches Gesicht mit im Spiele ist, lockte sie mir bald mein Geld ab, und sagte mir dagegen wahr; wenn das Gesagte eintrifft, und ich bin entschieden, es für wahr zu halten, so wird es mich zu einem der glücklichsten Menschen in Cupido's Jahrbüchern machen. Ich sah, daß der Oxforder Student bei allen diesen Geheimnissen die Hand im Spiele hatte, und sich mit dem General, dessen zärtliche Annäherung an die Wittwe der Aufmerksamkeit des Schalks nicht entgangen war, einen Scherz machen wollte. Ich war indessen ein wenig neugierig, den Sinn der geheimnißvollen Winke kennen zu lernen, die Meister Simon so plötzlich in Verlegenheit gesetzt hatten; und blieb daher, auf unserem Wege nach Haus, absichtlich mit dem Oxforder zurück, wo dieser herzlich über meine Fragen lachte und mir ausführlichen Aufschluß über die Sache gab. Die Wahrheit ist, daß es Meister Simon, seit meinem Weihnachts-Besuche auf der Halle, gar übel ergangen ist. Er pflegte damals sehr mit einer Wittwe, einer hübschen, stattlichen Frau, wie er mir unter vier Augen sagte, geneckt zu werden. Ich glaubte, die Freude, welche er bei dieser Gelegenheit verrieth, rühre von der gewöhnlichen Vorliebe alter Junggesellen her, sich gern mit Heirathen und Courmachen und mit Wankelmuth und falschen Herzen aufziehen zu lassen. Man versicherte mich aber, Meister Simon habe sich wirklich überredet, die Wittwe sei ihm nicht abgeneigt; demzufolge hatte er einige außerordentliche Ausgaben für neue Kleider gemacht und sich wirklich durch Frank Bracebridge einen Rock bei Stultz bestellen lassen. Er fing an, Winke zu geben, wie nothwendig es sei, daß ein Mann sich einen festen Hausstand bilde, ehe er alt würde; er machte ein ernsthaftes Gesicht, wenn von Heirathen und der Wittwe zugleich die Rede war, und fragte heimlich den Squire und den Geistlichen um ihre Meinung, ob es wohl räthlich sei, eine Wittwe mit einem ansehnlichen Wittwenthum, die aber auch mehrere Kinder habe, zu heirathen. Ein wichtiges Glied eines großen Familienvereins kann nicht füglich lange von dem Heirathen reden, ohne daß die Sache ruchbar würde; und man raunte sich bald zu, Herr Simon Bracebridge sei nach dem Pferderennen von Doncaster mit einem neuen Pferde gegangen, wolle aber in einem Curricle, mit einer Dame neben sich, wieder kommen. Meister Simon ging wirklich zu dem Pferderennen, und zwar mit einem neuen Pferde; und die stattliche Wittwe erschien in ihrem Curricle; unglücklicherweise fuhr sie aber ein junger schmucker irländischer Dragoner-Offizier, mit dem selbst Meister Simons Selbstgefälligkeit sich nicht vergleichen konnte, und den sie kurz nachher heirathete. Dieß war mehrere Monate lang ein Gegenstand bittern Kummers für Meister Simon, da er sich früher nie völlig bloß gegeben hatte. Der albernste Kopf in der Familie hatte einen Scherz über ihn; und Niemand kann einen Scherz weniger vertragen. als ein ausgemachter Witzbold. Er flüchtete sich daher eine Zeit lang zu Lady Lillycraft, bis die Sache vorübergezogen sein würde, sah ihre Rechnungsbücher durch, hielt den Kirchenchor in Ordnung, und brachte einem Dompfaffen loyale Gesinnungen bei, indem er ihn »God save the King« pfeifen lehrte. Er ist nun von der Kränkung beinahe wieder genesen; trägt den Kopf in die Höhe, und lacht so viel, als irgend Einer; er spricht wieder mit Bedauern von verheiratheten Leuten, und macht sich über Wittwen erstaunlich lustig, wenn Lady Lillycraft nicht dabei ist. Seine einzige Prüfungsstunde tritt ein, wenn der General ihn packt, der ungemein schwerfällig und beharrlich in seinen Neckereien ist, und ein ganzes Mittagsessen lang einen und denselben plumpen Scherz in die Unterhaltung einzuflechten weiß. Meister Simon hält dann oft diesen Angriffen eine Strophe aus einem seiner alten Bücher »Cupido's Liebesadvokat« entgegen: Umsonst ist's, lang um eine Wittwe frei'n,     Ihr Ziel zu kennen, ist Ein Blick genug; Spitz sind sie, ob sie alt, ob jung sie sei'n;     Ihr Zaudern, Jüngling, deutet auf Betrug. Liebes-Zauber. – Komm, weine nicht, mein Mädchen, Vergiß ihn, süße Trauernde: es kommen Wohl Andre jeden Tag, so gut, wie er. Sir J . Suckling . Das Herannahen einer Heirath ist in einer Familie immer ein Begebniß von großer Wichtigkeit, ganz besonders aber in einer Haushaltung, wie diese, und in einem entferntern Theile des Landes. Meister Simon, der Alles ausspürt, und durch den Haushofmeister und die Haushälterin Alles erfährt, was vorgeht, sagt mir, die Dienstmädchen stellten unablässig ihr Glück auf die Probe, und die Bedienten-Stube sei in der letzteren Zeit zu einer wahren Zauberwerkstatt geworden. Es ist ergötzlich, zu sehen, wie die Sonderbarkeiten des Haupts einer Familie sich allen Zweigen derselben mittheilen. Während der Tafel hat der Squire, bei seiner Liebe für Alles, was nach den alten Zeiten schmeckt, so viele ernste Unterredungen mit dem Geistlichen über Volksaberglauben und alte Gebräuche gehabt, daß diese von den zuhörenden Bedienten aus dem Eßzimmer in die Küche hinterbracht wurden; und, von so hohem Orte her beglaubigt, ist jetzt das ganze Haus angesteckt. Die Dienstboten sind alle in den gewöhnlichen Arten, ihr Glück zu versuchen, und den Mitteln, sich die Beständigkeit des Geliebten zu sichern, sehr bewandert. Sie erforschen ihr Schicksal durch Striche, die sie in die Asche ziehen, oder durch Hersagung eines Spruchs, während sie dabei in einen Eimer Wasser blicken. Der Sankt-Markus-Abend war, wie ich gehört habe, für sie eine sehr geschäftige Zeit; da er ein bestimmter Abend für gewisse geheimnißvolle Gebräuche ist. Mehrere von ihnen säeten Hanfsamen, zur Ernte für ihre treuen Liebhaber; und sie unternehmen sogar die feierlichen, furchtbaren Vorbereitungen zum stummen Kuchen. Dieser muß, ohne daß man etwas genossen hat, und in tiefem Stillschweigen, gebacken werden. Die Bestandtheile desselben gibt eine alte Ueberlieferung. »Eine Eierschale voll Salz, eine Eierschale voll Malz, und eine Eierschale voll Gerstenmehl.« Wenn der Kuchen fertig ist, wird er in einer Pfanne über das Feuer gethan, und dann erscheint der künftige Gatte, dreht den Kuchen um, und entfernt sich; wird aber während dieser furchtbaren Feierlichkeit Ein Wort gesprochen oder das Fasten gebrochen, so ist nicht vorauszusehen, welche schreckliche Folgen daraus entstehen können. Die Versuche kamen aber, in dem gegenwärtigen Falle, zu keinem Resultate; die den Hanfsamen gesäet, hatten den Zauberspruch vergessen, den sie dabei herzusagen hatten; der treue Liebhaber erschien also nicht; und bei dem stummen Kuchen verließ sie, bei dem furchtbaren Schweigen, das sie beobachten mußten und dem Schrecken der Mitternachtsstunde, der Muth, als sie den Kuchen in die Pfanne gelegt; so daß, als die große Hausuhr in der Bedientenstube schlug, ein plötzlicher Schauder sie ergriff, und sie Alle aus dem Zimmer liefen, das sie auch nicht eher wieder betraten, als am folgenden Morgen, wo sie den geheimnißvollen Kuchen zu Asche gebrannt fanden. Die Beharrlichste bei diesen Zaubermitteln ist Phöbe Wilkins, die Nichte der Haushälterin. Da sie eine Art Standesperson ist, und nicht viel zu thun hat, so hat sie um so mehr Zeit, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Sie hat immer ihren Kopf voll von Liebe und Heirathen gehabt. Sie weiß das Traumbuch auswendig, und gilt, bei den kleinen Mädchen in der Familie, die jeden Morgen zu ihr kommen, ihr ihre Träume zu erzählen, für ein wahres Orakel. Bei dem Frohsinn, der jetzt im Hause herrscht, geht indessen das arme Mädchen mit einem traurigen Gesicht umher, und ist, mit der Haushälterin zu reden, »in neuerer Zeit in einem schlimmen hysterischen Zustande.« Sie scheint in dem Dorfe, wo ihr Vater Kirchenschreiber war, geboren und erzogen worden zu sein, und war schon früh die Spielgenossin und Geliebte des jungen Hans Tibbets. Seit sie aber in der Halle lebt, ist ihr der Kopf etwas verdreht worden. Da sie sehr hübsch und von Natur angenehm ist, so hat man sich sehr viel mit ihr beschäftigt, und ihr vieles nachgesehn; und als Nichte der Haushälterin hat sie eine unbestimmte Stelle zwischen Dienstboten und Gesellschafterin gehabt. Sie hat bei dieser Gelegenheit etwas von den Moden und Ansichten junger Damen kennen gelernt, wodurch eine gänzliche Veränderung bei ihr hervorgebracht wurde; so daß ihr Sonntagsstaat ihren vorigen Bekannten aus dem Dorfe ein tödtliches Aergerniß gegeben hat. Dieß hat nun auch zu den falschen Gerüchten Anlaß gegeben, welche den unbesiegbaren Familienstolz der Dame Tibbets erweckt haben. Was aber schlimmer ist, so hat Phöbe, aus einem Anfluge von Koketterie in ihrem Charakter, diese auch, bei einer oder zwei Gelegenheiten, gegen ihren Liebhaber gezeigt, welches zu einem förmlichen Zank Anlaß gegeben; und Hans, der sehr stolz und heftig ist, hat, mehrere Sonntage hintereinander, ihr durchaus den Rücken gezeigt. Das arme Mädchen ist voll Sorge und Reue, und möchte sich gern mit ihrem Liebhaber aussöhnen; allein er fühlt sich sicher, und hält sich entfernt. Hierbei wird er, ohne Zweifel, von seiner Mutter unterstützt, die ihn unaufhörlich an das erinnert, was er seiner Familie schuldig sei; denn dieser Familienstolz scheint bestimmt zu sein, die ewige Plage der Liebenden zu werden. Da ich ungern ein hübsches Gesicht traurig sehe, so hat mich die unglückliche Phöbe, seitdem ich ihre Geschichte gehört habe, sehr gedauert. Es ist eine betrübte Sache, in der Liebe zu irgend einer Zeit mit Widerwärtigkeiten kämpfen zu müssen; aber ganz besonders in dieser zärtlichen Jahreszeit, wo jedes lebende Geschöpf, bis zu dem Schmetterling, mit seinem Gefährten scherzt, und die grünen Felder, die knospenden Gebüsche, der Gesang der Vögel und der angenehme Duft der Blumen schon hinreichen, einem liebesiechen Mädchen den Kopf zu verdrehen. Ich höre, des jungen Baargeld's Kälte laste sehr schwer auf dem Herzen der armen Phöbe. Statt, wie sonst, im Hause umher zu singen, geht sie bleich und seufzend dahin, und bricht sogar in Thränen aus, wenn ihre Gefährtinnen voller Lust und Vergnügen sind. Mrs. Hannah, die vestalische Edeldame der Lady Lillycraft, hat mit Phöbe des Abends lange Gänge und Gespräche die Allee auf und ab, bei welcher Gelegenheit sie dann einige Tropfen ihres eigenen Wermuths in das honiggleiche Wesen der Andern zu träufeln sucht. Sie spricht mit Verachtung und Abscheu von dem ganzen Geschlecht, und hat Phöbe den Rath gegeben, die Männer eben so herzlich zu verachten, als sie. Phöbe's liebevolles Wesen kann aber nicht so leicht umgewandelt werden; Haß oder Verachtung gegen das Menschengeschlecht liegen durchaus nicht in ihr. Sie besitzt ganz die einfache Herzensgüte eines armen, schwachen, liebenden Weibes; und ihre einzigen Gedanken sind jetzt wie sie ihren verirrten Schäfer wieder zu sich zurückbringen will. Die Zaubersprüche und Zaubermittel, welche für die übrigen Dienstboten nur Belustigungen sind, wurden für das arme liebesbefangene Mädchen ein Gegenstand ernster Wichtigkeit. Sie stellt fortdauernd ihr Schicksal auf mannichfaltige Proben. Ich habe gehört, daß sie sechs Mittwoche und drei Freitage hintereinander gefastet habe, da sie erfahren, dieß sei ein unfehlbares Mittel, innerhalb eines Jahres nach Neigung verheirathet zu werden. So trägt sie auch eine Locke von dem Haar ihres Geliebten, und ein Band, das er ihr einst gegeben, da dieß ein Mittel sein soll, einen Liebhaber beständig zu erhalten. Ja, sie hat sogar den Mond, der immer in den Träumen und Einbildungen der Liebenden eine große Rolle spielte, zu ihrem Orakel gemacht. Zu diesem Ende ging sie eines Abends beim Vollmond hinaus, kniete auf einen Stein auf der Wiese nieder, und sagte dabei den alten Spruch her: Ich grüß' dich, Mond, in deinem Schein, Ich bitte, guter Mond, nun zeig' mir fein Den Jüngling, der mein künft'ger Mann soll sein. Als sie nach dem Hause zurückkam, war sie erschöpft und bleich, und ging sogleich zu Bette. Am nächsten Morgen erzählte sie der Frau des Portiers, daß sie Jemand dicht an der Hecke auf der Wiese gesehen habe, und überzeugt sei, es sei der junge Tibbets gewesen; auf jeden Fall habe sie die ganze Nacht von ihm geträumt; worauf die alte Dame sie versicherte, daß dieß beides sehr glückliche Zeichen wären. Es hat sich seitdem ergeben, daß der Mann auf der Wiese der alte Christy, der Jäger, gewesen war, der mit seinem großen Hühnerhunde seine nächtliche Runde machte; so daß nun Phöbe's Glauben an den Zauber völlig erschüttert ist. Bibliothek. Gestern erschien die schöne Julie, zum ersten Male nach ihrem Unfalle, wieder im untern Stock; und ihr Anblick verbreitete eine allgemeine Heiterkeit über das Haus. Sie war indeß sehr bleich, und konnte nicht ohne Mühe und Schmerzen gehen. Wir führten sie deßwegen nach einem Sopha in der Bibliothek, die, angenehm und einsam, die Aussicht auf Bäume hat, und so ruhig ist, daß die kleinen Vögel auf die Fenster fliegen und neugierig in das Zimmer schauen. Hier versammelten sich nun Mehrere aus der Familie, und ersannen Mittel, sie zu unterhalten und ihr die Zeit angenehm zu vertreiben. Lady Lillycraft bedauerte, daß kein neuer Roman da sei, um die Stunden zu verkürzen; und war beinahe ärgerlich, daß »der Verfasser von Waverley« in den letzten drei Monaten kein Werk zu Tage gefördert habe. Es wurde vorgeschlagen, man solle den Geistlichen um einige seiner alten Legenden oder Geistergeschichten angehen; dagegen setzte sich aber Lady Lillycraft, da sie ihr Vapeurs zuziehen könnten. General Harbottle gab zum sechsten Male eine umständliche Erzählung von dem Unglücksfalle eines Freundes zum Besten, dem, in Indien, ein Tiger auf der Jagd das Bein abgebissen hatte, und bedrohte die Gesellschaft mit einem oder zwei Kapiteln von Tippu Saib. Endlich bedachte sich der Capitain und sagte, er glaube, er habe eine handschriftliche Erzählung in einem Winkel seines Feld-Mantelsacks stecken, die er, wenn er sie finden könne und die Gesellschaft es wünsche, ihr vorlesen wolle. Dieß Anerbieten ward begierig angenommen. Er entfernte sich, und kam, kurz darauf mit einer sehr beschmutzten Papierrolle zurück, die von einer gebildeten, aber beinahe unleserlich gewordenen Hand war, und wovon ein großer Theil aus Patronenpapier bestand. »Dieß ist,« sagte er, »eine von den Schreibereien meines armen Freundes Charles Lightly von den Dragonern. Er war ein sonderbarer, romantischer, emsiger, phantastischer Mensch; der Liebling und oft, ihm unbewußt, die Zielscheibe seiner Kameraden, die sich an seinen Sonderbarkeiten belustigten. Er hatte auf der Halbinsel einen sehr schweren Dienst und zeichnete sich durch seine Tapferkeit aus. In den Zwischenräumen der Muße, die ihm der Dienst übrig ließ, schweifte er gern im Lande umher, berühmte Orte besuchend, und seiner Vorliebe für maurische Trümmer nachhängend. Wenn er im Quartier war, schrieb er sehr viel, und brachte die meiste Zeit seiner Muße mit der Feder in der Hand zu.« »Da ich ein viel jüngerer Offizier als er, und überhaupt noch sehr jung war, so nahm er mich gewissermaßen unter seine Obhut und wir wurden innige Freunde. Er pflegte mir oft vorzulesen, was er geschrieben hatte, da er ein großes Zutrauen zu meinem Geschmacke hatte, denn ich lobte seine Schreibereien immer. Der Arme! Er ward an meiner Seite bei Waterloo von einem Schuß getroffen. Wir lagen, während eines harten Kampfes, der dicht bei uns vorfiel, eine Zeitlang nebeneinander. Da meine Verwundung die leichteste war, so suchte ich ihm zu helfen, und das Blut zu stillen, das aus einer Wunde in seiner Brust strömte. Er lag mit dem Haupte in meinem Schooße und blickte dankbar zu mir herauf, schüttelte aber schwach den Kopf, machte ein Zeichen, daß es aus mit ihm sei; und wirklich starb er einige Minuten nachher, gerade als unsere Leute den Feind zurückgeschlagen hatten und zu unserer Unterstützung herbeikamen. Ich habe noch seinen Lieblingshund, seine Pistolen und mehrere von seinen Handschriften, die er mir zu verschiedenen Zeiten gab. Die, welche ich jetzt vorlesen werde, ist eine Erzählung, die er, wie er mir sagte, in Spanien schrieb, während er an einer bei Salamanca erhaltenen Wunde danieder lag.« Wir schickten uns nun an, die Geschichte zu hören. Der Capitain setzte sich auf das Sopha, neben die schöne Julie, die, wie ich bemerkte, das Gemälde, das er sorglos von Wunden und Gefahren auf dem Schlachtfelde entworfen, etwas angegriffen hatte. Sie legte jetzt ihren Arm zärtlich auf seine Schulter, und ihr Auge ward feucht, als sie auf die Handschrift des armen gelehrten Dragoners hinblickte. Lady Lillycraft begrub sich in einen tief einsinkenden, mit Kissen wohlversehenen Armstuhl. Ihre Hunde lagen auf weichen Matten zusammengekrümmt zu ihren Füßen; und der tapfere General nahm in einem Lehnstuhle an ihrer Seite Platz, und spielte mit ihrem zierlichen Arbeitsbeutel. Nachdem die Uebrigen sämmtlich eben so gut untergebracht waren, fing der Capitain seine Erzählung an, von der ich mir, zum Besten der Leser, eine Abschrift verschafft habe. Der Student von Salamanca. Was für ein Leben führe ich bei meinem Herrn! Nichts als den Blasebalg ziehen, Elemente stoßen, und Schmelztiegel reinigen! Es ist eine sehr geheime Wissenschaft, denn es kann beinahe Niemand ihre Sprache verstehen. Sublimirung, Amalgamirung, Calcinirung, Rubrifizizung, Albifizirung und Fermentirung; und noch eben so viele Ausdrücke, die eben so schwer auszusprechen, als zu begreifen sind. Lolly's Galathea. Einst wohnte in der alten Stadt Granada ein junger Mann, Namens Antonio de Castros. Er trug das Gewand eines Studenten von Salamanca, las häufig in der Bibliothek der Universität, und gab sich in den Mußestunden wißbegierig mit der Untersuchung der Ueberbleibsel maurischer Pracht ab, derentwegen Granada so berühmt ist. Während der Beschäftigung mit seinen Studien bemerkte er häufig einen alten Mann von sonderbarem Aeußeren, der ebenfalls die Bibliothek besuchte. Er war mager und abgelebt, doch augenscheinlich mehr durch Studiren als durch sein Alter. Seine Augen, wenn gleich glänzend und schwärmerisch, waren in den Kopf gesunken, und wurden von den darüberhangenden Augenbraunen beschattet. Seine Kleidung war immer dieselbe: ein schwarzes Wamms, ein kurzer schwarzer Mantel, der sehr kahl und abgenutzt war, eine kleine Halskrause und ein großer, überschattender Hut. Sein Durst nach Wissen schien unersättlich. Er verbrachte ganze Tage in der Bibliothek, in Studien versunken, und eine Menge von Schriftstellern nachschlagend, als ob er einen anziehenden Gegenstand durch alle seine Verzweigungen verfolge, so daß er, wenn der Abend kam, in Büchern und Handschriften beinahe vergraben war. Antonio's Neugierde war erregt, und er fragte die Diener über den Fremden. Niemand wußte ihm jedoch Auskunft zu geben, außer, daß er seit einiger Zeit, zuweilen auf die Bibliothek komme; daß sein Lesen sich besonders auf Bücher über geheime Wissenschaften beziehe, und daß er namentlich arabischen Handschriften nachforsche. Sie fügten hinzu, daß er sich nie mit Jemanden in eine Mittheilung eingelassen habe, ausgenommen, wenn er nach einzelnen Werken fragte; daß er, nach besonders anhaltendem Studiren, mehrere Tage, ja selbst Wochen lang, verschwinde, und wenn er die Bibliothek wieder besuche, verwelkter und hagerer als je aussehe. Der Student fühlte sich von diesen Nachrichten angezogen: er führte ein etwas müßiges Leben, und besaß alle die launenhafte Neugier, welche in dem Gefolge des Müßigganges sich einfindet. Er beschloß, mit diesem Bücherwurme Bekanntschaft zu machen, und auszukundschaften, wer und was er sei. Sobald er den alten Mann wieder in der Bibliothek sah, fing er an, sich ihm zu nähern, indem er ihn um die Erlaubnis bat, in einen der Bände blicken zu dürfen, die der Unbekannte nicht mehr zu brauchen schien. Dieser nickte bloß mit dem Kopfe, zum Zeichen der Gewährung. Nachdem Antonio das Buch, mit anscheinend großer Aufmerksamkeit durchgesehen, gab er es mit vielen Dankbezeigungen zurück. Der Fremde antwortete nicht darauf. »Darf ich fragen, Señor,« sagte Antonio mit einigem Zaudern. »darf ich fragen, was Ihr in allen diesen Büchern sucht?« Der alte Mann erhob sein Haupt mit einem Ausdrucke des Erstaunens, seine Studien zum ersten Male, und durch eine so zudringliche Frage unterbrochen zu sehen. Er blickte den Studenten von der Seite, vom Fuß bis zum Kopfe an, und sagte ruhig: »Weisheit, mein Sohn, und die Erforschung derselben fordert jeden Augenblick meiner Muße.« Hierauf richtete er die Augen wieder auf das Buch, und fuhr in seinen Studien fort. »Aber, Vater,« sagte Antonio. »könnt Ihr Euch nicht einen Augenblick abmüßigen, um Andern den Weg anzudeuten? Wir, die wir die Pfade des Wissens nicht kennen, müssen zu erfahrnen Reisenden, wie Ihr seid, unsere Zuflucht nehmen, um auf unserm Wege zurecht gewiesen zu werden.« Der Fremde sah ihn verstört an: »Ich habe kaum Zeit genug, mein Sohn, um zu lernen,« sagte er, »geschweige denn, um zu lehren, Ich selbst kenne den Pfad der wahren Wissenschaft nicht; wie kann ich ihn also Andern zeigen?« »Gut, Vater, aber« – »Señor,« sagte der alte Mann sanft, aber ernst. »Ihr müßt sehen, daß ich nur noch wenige Schritte bis zum Grabe habe. In dieser kurzen Zeit muß ich das ganze Geschäft meines Daseins vollendet haben. Ich habe keine Zeit zu Worten; jedes Wort ist ein verlorenes Sandkorn aus meinem Stundenglase. Laßt mich ungestört.« Gegen einen so vollständigen Schluß der Thore des Vertrauens war nichts mehr einzuwenden. Der Student fand sich mit Ruhe, aber auch völlig abgewiesen. Obgleich neugierig und forschend, war er doch von Natur bescheiden, und erröthete, bei reiferem Nachdenken, über seine Zudringlichkeit. Bald beschäftigten andere Gegenstände seinen Geist. Er brachte mehrere Tage damit zu, unter den verfallenen Trümmern maurischer Baukunst, diesen traurigen Denkmälern eines zierlichen, üppigen Volkes, umher zu wandern. Er durchschritt die verlassenen Hallen der Alhambra, des Paradieses der maurischen Könige. Er besuchte den großen Hof der Löwen, berüchtigt durch den schändlichen Mord der tapferen Abencerragen. Er betrachtete mit Bewunderung die musivischen Kuppeln, prächtig in Gold und Azurblau bemalt, ihre Marmorbecken und ihren, von Löwen getragenen und mit Inschriften bedeckten Alabasterbehälter. Seine Einbildungskraft ward entflammt, als er unter diesen Trümmern wandelte. Sie waren geeignet, die ganze Begeisterung eines jugendlichen Gemüths zu entzünden. Die Säle und Höfe waren in jenen Zeiten fast alle durch Springbrunnen verschönert gewesen. Der feine Geschmack der Araber fand an der glänzenden Reinheit und der belebenden Frische des Wassers großes Gefallen, und errichtete an allen Orten diesem zarten Element Altäre. Die Dichtkunst vermählt sich, in der Alhambra, mit der Baukunst. Sie athmet die Mauern entlang. Wohin immer Antonio seine Augen wandte, sah er arabische Inschriften, worin die Dauer der maurischen Macht, und ihr Glanz in diesen Palästen bestimmt vorausgesagt war. Ach! Wie ist diese Prophezeihung falsch befunden worden! Viele von den Becken, aus welchen die Springbrunnen einst ihre glänzenden Strahlen aufsteigen ließen, waren trocken und bestäubt. Einige von den Palästen waren in düstere Klöster umgeschaffen, und der barfüßige Mönch durchschritt diese Höfe, welche einst den Glanz der Maurischen Ritterschaft zurück gestrahlt, und von den Tönen ihrer Musik widergehallt hatten. Auf seinen Streifereien begegnete Antonio mehr als einmal dem alten Manne aus der Bibliothek. Er war immer allein, und so gedankenvoll, daß er Niemand um sich her bemerkte. Er schien damit beschäftigt, jene halb vergrabenen Inschriften zu studiren, welche, hie und da, unter den maurischen Trümmern gefunden werden, und aus der Erde hervor noch die Wunder früherer Größe zu stammeln scheinen. Der größere Theil derselben ist seit der Zeit übersetzt worden; damals glaubten aber Viele, daß sie sinnbildliche Andeutungen und goldene Sprüche der arabischen Weisen und Sterndeuter enthielten. Während Antonio den Fremden diese Inschriften anscheinend entziffern sah, fühlte er ein lebhaftes Verlangen, seine Bekanntschaft zu machen und an seinen interessanten Untersuchungen Theil zu nehmen; allein die Zurückweisung, die er in der Bibliothek erfahren, hielt ihn ab, weitere Annäherungen zu versuchen. Eines Abends hatte er seine Schritte nach dem heiligen Berge gelenkt, von welchem man das schöne Thal, das der Darro bewässert, die fruchtbare Ebene der Vega, und all die reiche Mannichfaltigkeit von Thal und Berg übersehen kann, welche Granada mit einem irdischen Paradiese umgibt. Es war Zwielicht, als er sich an dem Orte befand, wo heutiges Tages die Kapellen liegen, welche unter dem Namen der heiligen Oefen bekannt sind. Sie werden so von den Grotten genannt, worin einige der frühesten Heiligen verbrannt worden sein sollen. Zu der Zeit, wo Antonio diesen Ort besuchte, war er ein Gegenstand großer Neugierde. In einer Vertiefung dieser Grotten hatte man kürzlich mehrere beschriebene Bleitafeln entdeckt; die Buchstaben darauf waren Arabisch; eine ausgenommen, welche unbekannte Schriftzüge enthielt. Der Pabst hatte eine Bulle ergehen lassen, worin er, bei Strafe der Excommnnication, Jedem verbot, von diesen Tafeln zu reden. Dieses Verbot hatte die Neugierde nur um so mehr erregt; und das Gerücht verbreitete sich, diese Tafeln enthielten Schätze von geheimnißvollen, verbotenen Kenntnissen. Während Antonio den Ort genauer betrachtete, wo man diese geheimnißvollen Handschriften gefunden hatte, bemerkte er abermals den alten Mann aus der Bibliothek, der unter den Trümmern umherwandelte. Seine Neugierde erwachte nun im höchsten Grade: Zeit und Ort waren ganz geeignet, sie anzuregen. Er beschloß, diesen Forscher nach geheimnißvoller, vergessener Lehre genauer zu beobachten, und ihn bis zu seiner Wohnung zu verfolgen. Es lag etwas Abenteuerliches in der Sache, das seiner Neigung zum Romantischen entsprach. Er folgte demnach dem Fremden in einer kleinen Entfernung, anfangs mit vieler Vorsicht; aber er sah bald, daß er so gänzlich in seine Gedanken versunken war, daß er sich sehr wenig um Gegenstände der Außenwelt bekümmerte. Der Weg des Alten führte den Saum des Berges und dann die schattigen Ufer des Darro entlang. Sie gingen in einiger Entfernung von der Stadt einen einsamen Weg fort, der zwischen den Hügeln hinlief. Die Dämmerung trat allgemach ein, und es war ganz dunkel, als der Fremde vor dem Portal eines einsamen Hauses still stand. Dieß schien ein bloßer Flügel, oder ein zertrümmertes Bruchstück eines einst bedeutenden Gebäudes zu sein. Die Mauern waren sehr dick, die Fenster schmal, und fast durchgängig mit eisernen Stangen verwahrt. Die Thür war von Bohlen, mit eisernen Nägeln dicht beschlagen, und mußte von großer Stärke gewesen sein, wenn sie gleich jetzt halb zertrümmert war. An dem einen Ende des Gebäudes stand ein verfallener Thurm, im Style maurischer Architektur. Das Gebäude war vermuthlich ein Landsitz oder Lustschloß der Mauren, und so stark befestigt gewesen, daß es in jenen kriegerischen Zeiten jedem gelegentlichen Angriffe Widerstand leisten konnte. Der alte Mann klopfte an das Portal. An einem kleinen Fenster, gerade über demselben, erschien ein Licht, und ein Frauenkopf blickte heraus: er hätte als Modell zu einer von Raphael's Heiligen dienen können. Ihr Haar war sehr schön geflochten und in ein seidenes Netz zusammengenommen; und ihr Gesicht, nach dem, was man bei dem Lichte sehen konnte, hatte die weiche schöne dunkle Farbe, welche einer südlichen Schönheit so wohl ansteht. »Ich bin es, mein Kind,« sagte der Alte. Der Kopf verschwand sogleich, und bald darauf öffnete sich ein Pförtchen im großen Portal. Antonio, der sich in die Nähe des Gebäudes gewagt hatte, sah auf einen flüchtigen Blick eine zarte weibliche Gestalt. Ein Paar schöner schwarzer Augen verrieth das Erstaunen über den Anblick eines Fremden in dieser Umgebung, und die Thüre wurde schnell geschlossen. Es lag etwas in dieser plötzlichen Erscheinung weiblicher Schönheit, das die Einbildungskraft des Studenten wunderbar ergriff. Sie war gleich einem Demant, der aus seiner dunkeln Höhle hervorstrahlt. Er schlich umher und betrachtete das düstere Gebäude mit wachsendem Antheile. Einige wenige wilde Töne, die in einer kleinen Entfernung zwischen Felsen und Bäumen hervordrangen, zogen seine Aufmerksamkeit an. Er fand eine Gruppe Zigeuner, deren es zu jener Zeit eine große Anzahl in Spanien gab, und die in Hütten und Berghöhlen in der Nachbarschaft von Granada wohnten. Einige waren um ein Feuer beschäftigt, während Andere auf die rohe Musik horchten, welche einer ihrer Gefährten, der am Rande des Felsen saß, auf einem gespaltenen Rohr hervorbrachte. Antonio suchte von ihnen einige Nachrichten über das alte Gebäude und dessen Bewohner einzuziehen. Der eine, welcher der Sprecher zu sein schien, war ein hagerer Kerl, leichtfüßig, mit flüsternder Stimme und einem verdächtigrollenden Auge. Er schüttelte bei des Studenten Fragen den Kopf, und sagte, es sei in dem Gebäude nicht alles richtig. Ein alter Mann bewohne es, den Niemand kenne, und dessen Umgebungen nur eine Tochter und eine Dienerin zu sein schienen. Er und seine Gefährten, setzte er hinzu, hielten sich in den benachbarten Hügeln auf, und hätten des Nachts oft ein sonderbares Licht in dem Thurme gesehen, und sonderbare Gesänge daraus ertönen gehört. Einige von den Landleuten, welche in den Weinbergen an den Hügeln arbeiteten, glaubten, der Alte gebe sich mit der Schwarzkunst ab, und gingen nicht allzu gern in der Nacht bei dem Thurme vorüber; »was uns indeß betrifft,« sagte der Zigeuner, »so sind wir kein Volk, das sich wegen dergleichen Furcht in den Kopf kommen läßt Der Student suchte nun genauere Nachrichten einzuziehen; aber sie wußten ihm keine zu geben. Sie fingen schon an, für das, was sie bereits mitgetheilt, eine Belohnung zu begehren, und der Gedanke an die Einsamkeit des Ortes und die landstreicherische Lebensart der Bewohner reichten hin, ihn zu bewegen, denselben ohne Weiteres eine Belohnung zu geben, und nach Hause zu eilen. Er setzte sich nieder, zu studiren, allein sein Kopf war zu voll von dem, was er gesehn und gehört hatte; sein Auge war auf dem Blatte, aber seine Einbildungskraft kehrte stets zu dem Thurme zurück, und er malte sich beständig das kleine Fenster vor, mit dem schönen Kopfe, der daraus hervorgesehen hatte; oder die halb offene Thür mit der Nymphengestalt darinnen. Er ging zu Bett, allein dieselben Gegenstände besuchten seine Träume. Er war jung und empfänglich; und der aufgeregte Zustand seiner Gefühle hatte, durch das Umherwandern in den Wohnsitzen der dahingeschwundenen Annehmlichkeit und Tapferkeit ihn für einen plötzlichen Eindruck, den weibliche Schönheit auf ihn hervorbrachte, im voraus empfänglich gemacht. Am nächsten Morgen ging er abermals in die Gegend des Thurmes spazieren. Durch das helle Tageslicht ward dieser noch schauerlicher als in der Abenddämmerung. Die Mauern zerfielen in Trümmer, und Unkraut und Moos wuchsen in jeder Spalte. Er hatte mehr das Ansehen eines Gefängnisses, als eines Wohnhauses. In einem Winkel bemerkte er jedoch ein Fenster, das von der es umgebenden Verwahrlosung eine Ausnahme zu machen schien. Innerhalb desselben war ein Vorhang herabgelassen, und Blumen standen auf dem Gesims. Während er hinsah ward der Vorhang ein wenig zurückgezogen, und ein zarter weißer Arm von der schönsten Rundung kam hervor, um die Blumen zu begießen. Der Student machte ein Geräusch, um die Aufmerksamkeit der schönen Blumenfreundin zu erregen. Dieß gelang ihm. Der Vorhang wurde weiter zurückgezogen, und er erblickte auf einen Augenblick dasselbe liebliche Gesicht, welches er am vorigen Abend gesehen hatte; es war nur ein Augenblick; der Vorhang fiel wieder, und das Fenster schloß sich. Alles dieß mußte die Gefühle eines romantischen Jünglings erregen. Hätte er die Unbekannte unter andern Umständen gesehn, so würde ihre Schönheit wahrscheinlich nicht diesen Eindruck auf ihn gemacht haben; allein der Anschein, als sei sie eingeschlossen und werde gefangen gehalten, gab ihr den Werth eines wohlverwahrten Edelsteins. Er ging während des Tages mehrere Male vor dem Hause auf und ab, sah aber nichts weiter. Am Abend war er abermals da. Das ganze Aeußere des Hauses war düster. Die kleinen Fenster gaben keinen freundlichen Strahl des Lichts, der auf gesellschaftliches Leben im Innern gedeutet hätte. Antonio horchte am Portal; allein sein Ohr vernahm keinen Laut von Stimmen. In diesem Augenblick hörte er das Zuschlagen einer entfernten Thür, und da er fürchtete, bei dem unwürdigen Geschäfte des Horchens belauscht zu werden, begab er sich schnell auf die entgegengesetzte Seite des Weges, und stellte sich in den Schatten eines zertrümmerten Bogenganges. Er bemerkte nun ein Licht aus einem Fenster in dem Thurme. Es war unstät und von wechselnder Gestalt; gewöhnlich schwach und gelblich, wie von einer Lampe; zuweilen erschien dazwischen ein heller Glanz von lebhafter, metallischer Farbe, welchem eine dunkle Gluth folgte. Eine dicke Rauchsäule stieg von Zeit zu Zeit in die Luft auf, und hing, wie ein Baldachin über dem Thurme. Das Gebäude und seine Bewohner hatten etwas so Einsames und anscheinend Geheimnißvolles, daß Antonio halb geneigt war, den Glauben der Landleute zu theilen, und das Gebäude gleich ihnen für die Höhle eines mächtigen Zauberers, und die reizende Jungfrau für eine bezauberte Schönheit zu halten. Nach einiger Zeit erschien ein Licht in dem Fenster, wo er den schönen Arm gesehen hatte. Der Vorhang war herabgelassen, aber er war so dünn, daß er den Schatten einer Person bemerken konnte, die zwischen dem Vorhange und dem Licht hin und her schwebte. Er glaubte zu erkennen, daß die Formen sehr zart seien; und nach der Lebhaftigkeit der Bewegungen zu schließen, war sie augenscheinlich jung. Es blieb ihm kein Zweifel übrig, daß dieß das Schlafzimmer seiner schönen Unbekannten sei. Alsbald vernahm er den Ton einer Guitarre, von einer weiblichen Stimme begleitet. Er schlich behutsam näher, und horchte. Es war eine schwermüthige maurische Ballade, und er erkannte darin die Klagen eines der Abencerragen, als er aus den Mauern des lieblichen Granada schied. Sie war voller Leidenschaft und Zärtlichkeit. Sie besang die Reize eines früheren Lebens; die Stunden der Liebe, deren sie an den Ufern des Darro und in den seligen Räumen der Alhambra genossen. Sie beweinte den Fall der Abencerragen und rief die Rache auf ihre Unterdrücker herab. Antonio fühlte sich von der Musik ergriffen. Sie war in wundersamem Einklange mit dem Orte. Es war, als ob eine Stimme vergangener Zeiten in den gegenwärtigen wiedertönte und unter den Denkmälern ihres entschwundenen Ruhmes sich aushauchte. Die Stimme verstummte; nach einiger Zeit verschwand das Licht, und Alles war still. »Sie schläft!« sagte Antonio mit Innigkeit. Er verweilte in der Nähe des Gebäudes mit dem zärtlichen Gefühl, womit ein Liebhaber in der Nähe der Laube verweilt, welche eine schlafende Schönheit birgt. Der aufgehende Mond warf seine Silberstrahlen auf die grauen Mauern und glänzte in den Fenstern. Die vorher düstere Landschaft ward allmählig von seinem Lichte erhellt. Da er fand, daß das Dunkel ihn nicht länger verhülle, und fürchtete, man möchte sein Umherschleichen bemerken, entfernte er sich zögernd. Die Neugierde, welche anfangs den Jüngling zu dem Thurme hingezogen hatte, wurde nun durch Gefühle von romantischerer Art unterstützt. Seine Studien wurden beinahe ganz aufgegeben. Er fing an, das alte Haus gleichsam zu belagern; er nahm ein Buch mit sich, und brachte nun den größeren Theil des Tages unter den Bäumen in der Nähe des Hauses zu; wobei er es wachsam im Auge behielt, um die Gänge der geheimnißvollen, reizenden Bewohnerin desselben auszuspüren. Er fand indessen, daß sie nur ausging, um sich in die Messe zu begeben, wohin ihr Vater sie begleitete. Er wartete an der Thür der Kirche und reichte ihr (ein kleiner Dienst der Artigkeit, der in jenem Lande gewöhnlich ist) das Weihwasser dar, in der Hoffnung, ihre Hand berühren zu können. Allein sie lehnte es bescheiden ab, ohne die Augen aufzuschlagen, und nahm es selbst aus dem Kessel. Sie war äußerst andächtig; wandte nie ihre Augen von dem Altar oder dem Priester ab; und wenn sie nach Hause zurückkehrte, war ihr Gesicht beinahe gänzlich von ihrer Mantilla verborgen. Antonio hatte jetzt seine Nachforschungen mehrere Tage lang fortgesetzt, und fühlte sich immer mehr und mehr angezogen, ohne jedoch seinem Ziele nur um einen Schritt näher kommen zu können. Wahrscheinlich war sein Umherschleichen um das Haus bemerkt worden; denn er sah das schöne Antlitz nicht mehr am Fenster, noch erschien der weiße Arm, die Blumen zu begießen. Sein einziger Trost war, nächtlich auf seine Beobachtungsstelle zu schleichen, und ihrem Gesange zuzuhören, und wenn er zufällig ihren Schatten erblicken konnte, dünkte er sich überglücklich. Während einer dieser Nachtwachen, welche wahre Feste für seine Einbildungskraft waren, zwang ihn der Schall von herannahenden Fußtritten, sich in den Schatten des gegenüberstehenden Bogengangs zurückzuziehen. Ein Cavalier, in einen weiten spanischen Mantel gehüllt, kam daher. Er blieb unter dem Fenster des Thurmes stehen, und begann nach einer kleinen Weile eine Serenade zu singen, die er mit der Guitarre begleitete, wie dieß die Sitte der spanischen Galanterie mit sich bringt. Seine Stimme war voll und männlich; er spielte sein Instrument mit Fertigkeit und sang mit verliebter, leidenschaftlich beredter Gluth. Die Feder an seinem Hute war mit Juwelen befestigt, die im Mondschein glänzten; und sein, während des Spiels von der einen Schulter herabfallender Mantel zeigte, daß er reich gekleidet war. Es war offenbar ein Mann von Stande. Antonio's Seele durchzuckte jetzt der Gedanke, die Gefühle der unbekannten Schönheit seien bereits in Anspruch genommen Sie war jung und gewiß empfänglich; und es war nicht in der Art spanischer Frauen, gegen Musik und Bewunderung gefühllos zu bleiben. Diese Vermuthung erzeugte ein überaus niederschlagendes Gefühl. Der schöne Traum mehrerer Tage war auf einmal zerstoben. Er hatte nie vorher irgend etwas von zärtlicher Leidenschaft gefühlt; und, da die Morgenträume derselben immer beseligend sind, hätte er gern in der Täuschung fortgelebt. »Was habe ich aber mit ihren Neigungen zu thun?« dachte er, »ich habe keinen Anspruch auf ihr Herz. Ja nicht einmal auf ihre Bekanntschaft. Wie kann ich wissen, ob sie der Liebe werth ist? Oder wenn sie es ist, muß nicht ein so stattlicher Liebhaber, wie dieser, mit seinen Juwelen, seinem Range und seiner verwünschten Musik, sie ganz bezaubert haben? In welche unnütze Träumereien bin ich verfallen? Ich muß wieder zu meinen Büchern zurück. Studiren, studiren – dieß wird bald alle diese eiteln Phantasien verscheuchen.« Je länger er aber nachdachte, desto fester wurde er umstrickt von dem Zauber, mit dem eine lebendige Einbildungskraft ihn umsponnen hatte; und jetzt, wo außer den Hindernissen, welche diese bezauberte Schönheit umgaben, noch ein Nebenbuhler aufgetreten war, schien sie ihm zehnmal liebenswürdiger und besitzenswerther. Es war ein kleiner Trost für ihn, als er bemerkte, daß der Galanterie des Unbekannten von dem Thurme aus keine Aufmunterung zu Theil wurde. Das Licht am Fenster war verlöscht worden. Der Vorhang blieb niedergelassen, und keines der gewöhnlichen Zeichen wurde gegeben, um kund zu thun, daß die Serenade wohlgefällig aufgenommen worden sei. Der Cavalier verweilte noch einige Zeit an der Stelle, sang mehrere andere zärtliche Lieder mit einem Geschmack und Gefühle, die Antonio's Herz zum Beben brachten; endlich entfernte er sich. Der Student blieb, mit übereinandergeschlagenen Armen, an den zertrümmerten Bogen gelehnt, und suchte Stärke zu gewinnen, den Ort zu verlassen; allein es war ein romantischer Zauber, der ihn immer noch an den Boden fesselte. »Es ist das letzte Mal,« sagte er zu sich selbst, entschlossen, den Streit zwischen seinem Herzen und seinem Kopfe zu schlichten: »es ist das letzte Mal; so will ich denn des Traumes mich noch einige Augenblicke länger erfreuen!« Als sein Auge über das alte Gebäude hinstreifte, um ihm den letzten Abschiedsblick zuzuwerfen, bemerkte er das sonderbare Licht in dem Thurme, das er bei einer frühern Gelegenheit gesehen hatte. Es strahlte auf, und verglühte, wie vorher. Eine Rauchsäule stieg in die Luft empor und hing in düsteren Massen über dem Thurme. Es war augenscheinlich, daß der alte Mann mit einem jener Versuche beschäftigt war, welche ihm in der ganzen Nachbarschaft den Namen eines Zauberers zugezogen hatten. Plötzlich brach eine allgemeine, glänzende Helle in dem Gemach auf, ein lauter Knall folgte, und diesem eine starke, dunkle Röthe. Eine Gestalt erschien am Fenster und ließ ein Geschrei der Angst und der Unruhe laut werden; sie verschwand sogleich wieder und aus der schmalen Oeffnung wälzten sich Rauch und Flamme zugleich. Antonio eilte zu dem Portal hin und klopfte heftig an. Aber nur Laute der Wehklage antworteten ihm, die Frauen waren augenscheinlich bereits in hülfloser Bestürzung. Mit der Stärke der Verzweiflung sprengte er daher die Thür aus ihren Angeln und stürzte in das Haus. Er sah sich in einem kleinen gewölbten Vorsaal, und bei dem Lichte des Mondes, der zur Thür hinein schien, bemerkte er eine Treppe zur Linken. Er eilte diese hinauf und kam auf einen schmalen Gang, aus dem ihm eine Rauchsäule entgegen wallte. Er fand hier die beiden Frauen in besinnungsloser Angst: eine von ihnen faltete die Hände und beschwor ihn, ihren Vater zu retten. Der Gang leitete zu einer Wendeltreppe, welche zum Thurme hinaufführte. Er sprang diese hinan und kam an eine kleine Thür, durch deren Spalten ihm eine Helle entgegenblitzte und Rauch herausströmte. Er sprengte die Thür auf, und sah sich nun in einem altväterischen gewölbten Gemache, worin sich ein Ofen und verschiedene chemische Werkzeuge befanden. Eine zersprungene Retorte lag am steinernen Boden; ein Haufen brennbarer, beinahe ganz verzehrter Gegenstände, worunter auch einige halb verbrannte Bücher und Papiere, flammten noch schwach auf und erfüllten das Zimmer mit einem erstickenden Dampfe. Dicht an der Schwelle lag der angebliche Zauberer. Er blutete, seine Kleider waren zerrissen, und er schien leblos zu sein. Antonio hob ihn auf, trug ihn die Treppe herab in ein Zimmer, worin ein Licht stand, und legte ihn auf ein Bett. Die Dienerin ward weggeschickt, um alle Hülfsmittel herbeizuholen, die im Hause zu finden waren; die Tochter aber warf sich verzweiflungsvoll neben ihren Vater nieder, und kein Zureden vermochte, sie von ihrem Schreck zurückzubringen. Ihre Kleidung war ganz in Unordnung; ihr aufgelöstes Haar hing in reicher Fülle um ihren Hals und Busen, und nie sah man ein reizenderes Bild des Schreckens und der Verwirrung. Der thätige Beistand des Studenten brachte bald wieder Zeichen des Lebens bei dem Kranken hervor. Des alten Mannes Wunden schienen, wenn gleich bedeutend, doch nicht gefährlich. Sie waren offenbar Folgen von dem Zerplatzen der Retorte; in seiner Bestürzung hatten ihn die erstickenden metallischen Dünste umgeben und seine schwachen Kräfte übermannt, und wäre Antonio nicht zu seinem Beistande herbeigekommen, so würde er wahrscheinlich nicht wieder zu sich selbst gekommen sein. Er erholte sich nur allgemach. Er blickte verstört im Zimmer umher, auf die bewegte Gruppe und den Studenten, der sich über ihn hinlehnte. »Wo bin ich?« sagte er wild. Bei dem Tone seiner Stimme stieß seine Tochter einen schwachen Schrei der Freude aus. »Meine arme Inez!« sagte er, indem er sie umarmte; er führte seine Hand an die Stirn und schien, als er sie mit Blut bedeckt wieder wegnahm, auf einmal zur Besinnung zu kommen und von einer innern Bewegung überwältigt zu werden. »Ach,« rief er, »Alles ist vorüber! Alles verloren! Alles verschwunden! In einem Augenblick vernichtet! Die Frucht eines Menschenlebens dahin!« Seine Tochter suchte ihn zu beruhigen, allein er fing an irre zu reden, und sprach unzusammenhängend von bösen Geistern und der Zerstörung der Wohnung des grünen Löwen. Nachdem seine Wunden verbunden worden, und man ihm die in seiner Lage nöthigen Arzneimittel gereicht hatte, versank er in eine Art Ruhe. Antonio wandte jetzt seine Aufmerksamkeit auf die Tochter, deren Leiden fast eben so bedeutend, wie die ihres Vaters gewesen waren. Als es ihm mit großer Mühe gelungen war, ihre Besorgnisse zu mildern, suchte er sie zu überreden, sich zu entfernen und sich die so nöthige Ruhe zu gönnen, indem er sich erbot, bis zum Morgen bei ihrem Vater zu bleiben. »Es ist wahr,« sagte er, »ich bin ein Fremder, und mein Anerbieten mag zudringlich scheinen; allein ich sehe, Ihr seid allein und hülflos, und ich muß schon die Grenzen der bloßen Förmlichkeit überschreiten. Solltet Ihr indessen irgend eine Bedenklichkeit oder einen Zweifel fühlen, so sprecht nur ein Wort, und ich werde mich augenblicklich entfernen.« In Antonio's Benehmen lag ein Gemisch von Offenheit, Herzlichkeit und Bescheidenheit, welches sogleich Vertrauen einflößte; auch war sein einfaches Studentengewand eine Empfehlung in der Wohnung der Armuth. Die Frauen willigten ein, den Leidenden seiner Sorge zu überlassen, um am Morgen selbst desto besser im Stande zu sein, ihn zu pflegen. Als sie sich entfernten, wünschte die alte Dienerin ihm den Segen des Himmels; die Tochter bezeugte ihren Dank nur durch Blicke; aber während diese durch die Thränen strahlten, die ihre schönen dunkeln Augen füllten, schienen sie dem Studenten tausendmal beredter zu sein. So war er also, durch ein sonderbares Spiel des Zufalls, ganz in diesem geheimnißvollen Aufenthalte heimisch geworden. Als er sich selbst überlassen und die erste Erregung, in welche ihn das Vorgefallene versetzt hatte, vorüber war, blickte er in dem Gemache, in welchem er saß, umher und fühlte sein Herz lauter schlagen. Es war das Zimmer der Tochter, das gelobte Land, zu dem er so manchen sehnsüchtigen Blick hinaufgesandt hatte. Die Möbel waren alt und hatten wahrscheinlich den besseren Tagen des Hauses angehört; aber Alles war mit Geschick angeordnet. Die Blumen, die er sie hatte pflegen sehen, standen an dem Fenster; eine Guitarre war an einen Tisch gelehnt, auf dem ein Cruzifix stand, und vor demselben lagen ein Gebetbuch und ein Rosenkranz. Es war eine gewisse Reinheit und Heiterkeit über diesen Wohnsitz der Unschuld verbreitet; Alles zeugte von einem keuschen, ruhigen Gemüthe. Einige wenige weibliche Kleidungsstücke lagen auf den Stühlen; und dort war das Bett, in welchem sie geschlafen; das Kissen, auf dem ihre schöne Wange geruht hatte! Der arme Student wandelte auf bezaubertem Boden; denn wo ist ein Feenland, das mehr Zauber in sich faßte, als das Schlafgemach der Unschuld und Schönheit? – Aus verschiedenen Ausdrücken, welche dem Alten bei seiner Geistesabwesenheit entschlüpft waren, und aus einem nachherigen Besuche im Thurme, zu welchem er hinaufgestiegen war, um zu sehen, ob das Feuer gelöscht sei, ward es Antonio klar, daß sein Kranker ein Alchymist sei. Der Stein der Weisen war ein Gegenstand, welchem Träumer jener Tage sehr eifrig nachforschten; aber zufolge der abergläubischen Vorurtheile der Zeit und der häufigen Verfolgungen, welche von Denen ausgingen, die in ihre Nähe kamen, mußten sie wohl ihre Versuche sehr im Geheimen, in einsamen Häusern, in Höhlen und Trümmern, oder in dem Dunkel klösterlicher Zellen anstellen. Während der Nacht hatte der Alte abermals mehrere Anfälle von Ruhelosigkeit und Irrereden; er nannte die Namen Theophrastus und Ghebr und Albertus Magnus und anderer Weisen, die seine Kunst getrieben, und murmelte dann von Zeit zu Zeit von Fermentation und Projection, bis er, gegen Tagesanbruch, abermals in einen wohlthuenden Schlaf versank. Als die Morgensonne ihre ersten Strahlen in das Gemach warf, kam die schöne Inez, von der Dienerin begleitet, erröthend in das Zimmer. Der Student nahm jetzt Abschied, da er selbst der Ruhe bedurfte, erhielt aber leicht die Erlaubniß, wiederkommen und sich nach dem Befinden des Kranken erkundigen zu dürfen. Als er wieder kam, fand er den Alchymisten matt und von Schmerzen gequält, aber doch eher geistig als körperlich leidend. Seine Besinnung war ganz zurückgekehrt, und man hatte ihm die nähern Umstände, die seine Rettung und die ihm nachher von dem Studenten gewidmete Sorgfalt betrafen, mitgetheilt. Er konnte wenig mehr thun, als durch Blicke seinen Dank zu erkennen geben, den jedoch Antonio nicht begehrte; sein eigenes Herz belohnte ihn für das, was er gethan hatte; und er freute sich beinahe des Unglücks, das ihm einen Eingang in diese geheimnißvolle Wohnung verschafft hatte. Der Alchymist war noch so hülflos. daß er vieles Beistandes bedurfte; Antonio blieb daher den größern Theil des Tages bei ihm. Er wiederholte seinen Besuch am nächsten und am darauf folgenden Tage; seine Gesellschaft schien dem Kranken stets angenehmer zu werden; und jeden Tag fühlte er seinen Antheil an diesem zunehmen. Vielleicht trug die Gegenwart der Tochter nicht wenig zur Vermehrung der Theilnahme bei. Er hatte lange und häufige Unterhaltungen mit dem Alchymisten. Er fand, daß Begeisterung und Einfalt, zusammengenommen, wie es bei Leuten der Art gewöhnlich der Fall ist, bei ihm zum Grunde lagen; so wie daß er eine seltene und ausgedehnte Belesenheit über Gegenstände von geringem Nutzen, bei einer großen Unwissenheit über täglich vorkommende Dinge und einer gänzlichen Unkenntniß der Welt, besitze. Er war in ungewöhnlichen, dunklen Zweigen des Wissens sehr wohl bewandert und träumerischen Forschungen sehr ergeben. Antonio, dessen Gemüth romantischer Art war, hatte selbst den verborgenen Wissenschaften einige Aufmerksamkeit zugewendet, und ging in diese Gegenstände mit einer Wärme ein, welche den Philosophen entzückte. Ihre Unterhaltungen betrafen häufig Sterndeuterei, Wahrsagekunst und das große Geheimniß. Der alte Mann vergaß dann ganz seine Schmerzen und Wunden, erhob sich, wie ein Gespenst, in seinem Bette, und sprach mit flammender Beredsamkeit über seine Lieblingsgegenstände. Ward er freundlich an seine Lage erinnert, so pflegte dieß nur einen neuen Ausbruch seiner Gedanken zu veranlassen. »Ach, mein Sohn!« pflegte er dann zu sagen, »ist nicht diese Hinfälligkeit und dieses Leiden ein neuer Beweis für die Wichtigkeit jener Geheimnisse, von denen wir umgeben sind? Warum werden wir von Krankheiten an unser Lager gefesselt, welken im Alter dahin und sehen unsern Geist gleichsam in uns erlöschen, als weil wir jene Geheimnisse des Lebens und der Jugend die unseren ersten Aeltern vor ihrem Falle bekannt waren, nicht mehr besitzen? Diese wieder aufzufinden, haben die Philosophen bisher immer gestrebt; allein in dem Augenblicke, wo sie im Begriff sind, die kostbaren Geheimnisse sich auf immer zu sichern, hat ihre kurze Lebensperiode ein Ende: sie sterben, und mit ihnen alle ihre Weisheit und Erfahrung. Nichts geht, wie van Nuysment bemerkt, der Vollkommenheit des Menschen ab, als ein längeres, weniger von Krankheiten und Sorgen unterbrochenes Leben, um die genaue und vollständige Kenntniß der Dinge zu erlangen.« Endlich glückte es Antonio, das Herz seines Kranken so zu gewinnen, daß dieser ihm die flüchtigen Umrisse seiner Geschichte mittheilte. Felix de Vasquez. der Alchymist, war ein Castilianer und aus einer alten, achtbaren Familie. Er heirathete sehr früh eine schöne Frau, welche aus einer der maurischen Familien abstammte. Die Heirath mißfiel seinem Vater, der das reine spanische Blut durch diese fremde Beimischung für besudelt ansah. Es ist wahr, die Dame leitete ihre Abkunft von den Abencerragen, den tapfersten der maurischen Ritter, her, die nach ihrer Vertreibung aus den Mauern Granada's den christlichen Glauben angenommen hatten. Der beleidigte Stolz des Vaters war jedoch durch nichts zu versöhnen. Er sah seinen Sohn nie wieder, hinterließ ihm nur einen kleinen Theil seines Vermögens, und bestimmte das Uebrige in seinem Grimme zur Erbauung von Klöstern und zu Lesung von Messen für die Seelen im Fegfeuer. Don Felix lebte eine lange Zeit in der Nähe von Valladolid in Bedrängniß und Verlegenheit. Er weihte sich auf das emsigste den Studien, da er, während seines Aufenthalts auf der Universität von Salamanca, Geschmack an den geheimen Wissenschaften gewonnen hatte. Er war voll Begeisterung und Durst nach Wissen: von einem Zweige desselben ging er zum andern über, so lange, bis er auf die Erforschung des großen Geheimnisses kam. Er hatte diese Nachforschungen anfänglich begonnen, um sich aus seiner jetzigen Dunkelheit zu erheben und den Rang und die Würde wieder zu erhalten, wozu seine Geburt ihn berechtigte: sie endigten indeß, wie gewöhnlich, damit, daß sie jeden andern Gedanken verdrängten und das Geschäft seines Lebens wurden. Er ward endlich aus dieser geistigen Abgezogenheit durch das Unglück aufgeschreckt, welches seine Familie traf. Ein bösartiges Fieber raffte seine Gattin und alle seine Kinder, bis auf diese Tochter, hinweg. Dieser Verlust überwältigte und betäubte ihn auf einige Zeit. Was ihn an seine Heimath fesselte, war allmählig um ihn her verschwunden, und er fühlte sich einsam und verlassen. Als er sich wieder ermannt hatte, beschloß er, den Schauplatz seiner Demüthigung und seines Unglücks zu verlassen, sein einzig übriggebliebenes Kind mit sich aus dieser ansteckenden Gegend wegzunehmen, und nicht eher nach Castilien zurückzukehren, bis er im Stande sein würde, die Ehre seiner Familie wieder geltend zu machen. Er war seitdem immer umher gewandert und hatte sehr oft seinen Wohnsitz verändert. Bald weilte er in zahlreich bevölkerten Städten, bald in den tiefsten Einöden. Er hatte Bibliotheken durchforscht, Inschriften entziffert, Adepten verschiedener Länder besucht, und die Strahlen, welche durch verschiedene große Geister auf die Geheimnisse der Alchymie geworfen worden waren, in einen Brennpunkt zu sammeln getrachtet. Er war einst bis nach Padua gereist, um die Handschriften des Pietro d'Abano zu untersuchen und ein Gefäß zu sehen, welches, in der Gegend von Este ausgegraben, von Maximus Olybius in die Erde verborgen worden sein, und das große Elixir enthalten haben sollte. Dieß Gefäß ward im Jahre 1533 gefunden. Es verschloß ein kleineres, worin sich eine brennende Lampe befand, die zwischen zwei Phiolen, einer goldenen und einer silbernen, stand, welche beide eine sehr helle Flüssigkeit enthielten. Auf dem größeren Gefäß war eine Inschrift, des Inhalts, daß Maximus Olybius, in das kleinere, Elemente eingeschlossen, die er mit großer Mühe zubereitet habe. Die Gelehrten stellten manche Nachforschungen darüber an. die beliebteste Meinung war indeß die, daß dieser Maximus Olybius ein Bewohner von Padua gewesen sei, und das große Geheimniß entdeckt habe, und daß diese Schalen Flüssigkeiten enthielten, die eine, um Metalle in Gold, die andere, sie in Silber zu verwandeln. Die Bauern, welche die Gefäße fanden, glaubten, daß diese kostbare Flüssigkeit gewöhnliches Wasser sei, gossen sie aus, und so ist die Kunst, Metalle zu verwandeln, nach wie vor ein Geheimniß geblieben. – Anm. des Verf. Während er sich in Padua aufhielt, war er mit einem Adepten bekannt geworden, der mit dem Arabischen vertraut war, und ihm von den unschätzbaren Handschriften erzählte, die in den spanischen Bibliotheken verborgen sein müßten, und welche aus der allgemeinen Zerstörung der maurischen Schulen und Universitäten gerettet worden wären; von der Wahrscheinlichkeit, die kostbaren unbekannten Schriften von Geber und Alfarabius, und Avicenna, der großen Aerzte der arabischen Schule, aufzufinden, die, wie wohl bekannt sei, zugleich auch von der Alchymie gehandelt hätten; vor allem aber sprach er von den arabischen Bleitafeln, welche kürzlich in der Nachbarschaft von Granada ausgegraben worden seien, und welche, wie die Adepten zuversichtlich glaubten, die verlornen Geheimnisse der Kunst enthielten. Der unermüdliche Alchymist lenkte hoffnungsvoll seine Schritte abermals nach Spanien. Er war nach Granada gegangen, und hatte sich eifrig mit dem Studium des Arabischen, der Entzifferung von Inschriften, dem Durchstöbern von Bibliotheken und der Aufsuchung jener möglichen, von den arabischen Weisen zurückgelassenen Spur beschäftigt. Auf allen seinen Wanderungen hatte Inez ihn begleitet; auf rauhen und ebenen Wegen, in Glück und in Unglück; nie klagend, vielmehr immer bemüht, seine Sorgen durch ihre unschuldigen, erheiternden Liebkosungen zu mildern. Ihr Unterricht war die Beschäftigung und die Freude seiner Erholungsstunden. Sie war während seiner Wanderungen aufgewachsen, und hatte kaum irgend eine Heimath, als die an seiner Seite, gekannt. Familie, Freunde, Heimath, Alles war für sie in ihm vereint. Er hatte sie auf seinen Armen getragen, als sie zuerst ihr Wanderleben antraten; er hatte sie, wie ein Adler sein Junges, auf den Felsklippen der Sierra Morena gebettet; sie hatte, in ihrer Kindheit, in den Einöden der Battnecas Einer Gegend in Leon, unweit Salamanca. – Uebers. um ihn gespielt; war, wie ein Lamm dem Schäfer, ihm über die rauhen Pyrenäen auf die schönen Ebenen von Languedoc gefolgt; und jetzt war sie aufgewachsen, um seine schwachen Schritte unter den zertrümmerten Wohnsitzen ihrer mütterlichen Ahnen zu leiten. Sein Vermögen war allmählig durch seine Reisen und seine Versuche zusammengeschmolzen. Die Hoffnung, jene beständige Begleiterin der Alchymisten, hatte ihn immer weiter geführt: stets im Begriff, die Früchte seiner Arbeit zu ernten, sah er sich immer getäuscht. Mit der Leichtgläubigkeit, welche oft seiner Kunst anklebt, schrieb er das Mißglücken mehrerer seiner Versuche der Geschäftigkeit der bösen Geister zu, welche sich den Alchymisten zuweilen in den Weg stellen, und sie bei ihren einsamen Arbeiten plagen sollen. »Es ist ihr unablässiges Bemühen,« sagte er, »jeden Zugang zu den erhabenen Wahrheiten zu verschließen, welche den Menschen in den Stand setzen würden, sich aus dem verworfenen Zustand, in den er herabgesunken ist, zu erheben und zu seiner ursprünglichen Vollkommenheit zurück zu kehren.« Der bösartigen Einwirkungen dieser Dämone schrieb er sein letztes Mißgeschick zu. Er sei der ruhmvollen Entdeckung ganz nahe, nie seien die Anzeichen günstiger gewesen; Alles wäre gut gegangen, als in dem entscheidenden Augenblicke, der seine Arbeiten mit Erfolg krönen und ihn auf den Gipfel menschlicher Macht und Glückseligkeit erheben sollte, das Springen einer Retorte sein Laboratorium und ihn selbst zu Grunde gerichtet habe. »Ich muß nun,« sagte er, »gerade an der Schwelle des glücklichen Erfolgs, entsagen. Meine Bücher und Papiere sind verbrannt, meine Geräthschaften zerbrochen. Ich bin zu alt, diesen Uebeln die Stirn zu bieten. Die Gluth, welche mich einst begeisterte, ist erloschen; mein armer Körper ist durch Studiren und Wachen erschöpft, und dieses letzte Unglück hat mich dem Grabe entgegen geschleudert.« Er schloß in einem Tone tiefer Niedergeschlagenheit. Antonio suchte ihn zu trösten und aufzurichten; allein der arme Alchymist war einmal zu einem klaren Bewußtsein der Erdenübel gelangt, welche sich um ihn her zusammenzogen, und gab sich der Verzweiflung hin. Nach einer Pause, und nach einem Augenblicke des Nachdenkens und der Ungewißheit wagte Antonio einen Vorschlag zu thun. »Ich bin lange,« sagte er, »von der Liebe für die geheimen Wissenschaften erfüllt; aber ich habe mich immer zu unwissend gefühlt, und zu großes Mißtrauen in mich gesetzt, um mich ihnen hinzugeben. Ihr habt Erfahrung erlangt; Ihr habt das Wissen eines ganzen Lebens aufgehäuft; es wäre Schade, wenn dieses weggeworfen werden sollte. Ihr haltet Euch für zu alt, um die Mühseligkeiten des Laborirens wieder anzufangen: laßt mich sie auf mich nehmen. Fügt Euren Kenntnissen meine Jugend und Thätigkeit bei, und was werden wir nicht bewirken können? Als Probegeld, und als eine Grundlage, auf die wir bauen können, will ich eine Summe Goldes herschießen, den Rest eines Vermächtnisses, welches mich in den Stand gesetzt hat, meine Erziehung zu vollenden. Ein armer Student kann nicht mit Vielem prahlen; allein ich hoffe, daß wir bald über allen Mangel hinaus sein werden; und sollte unser Unternehmen fehl schlagen, nun so muß ich wie andere Jünger der Wissenschaft zu meinem Kopfe meine Zuflucht nehmen, mich durch die Welt zu bringen.« Der Muth des Philosophen war indessen mehr gesunken, als der Student gedacht hatte. Dieser letzte Stoß, der so manchen andern getäuschten Hoffnungen folgte, hatte beinahe alle Spannkraft seines Geistes zerstört. Das Feuer eines Schwärmers verglimmt indessen nie so sehr, daß es nicht wieder zur Flamme angefacht werden könnte. Allmählig gewann der alte Mann wieder Heiterkeit, und wurde durch die Lebendigkeit und das Feuer seines vertrauensvollen Gefährten von neuem belebt. Er willigte endlich ein, die Dienste des Studenten anzunehmen und seine Versuche noch einmal anzufangen. Er weigerte sich aber, das Gold des Studenten zu brauchen, obgleich das seinige beinahe ganz erschöpft war; allein dieser Einwand war bald beseitigt; der Student bestand darauf, es als gemeinschaftlichen Vorrath zu betrachten und das Ganze gemeinschaftlich zu betreiben; – und wie albern würde jedes Bedenken über eine solche Kleinigkeit unter Männern gewesen sein, welche auf die Entdeckung des Steines der Weisen ausgingen? Während also der Alchymist sich langsam erholte, beschäftigte sich der Student damit, das Laboratorium wieder in Ordnung zu bringen. Es war mit den Trümmern von Retorten und Destillirkolben, mit alten Schmelztiegeln, Schachteln und Phiolen, mit Pulvern und Tincturen, und mit halbverbrannten Büchern und Handschriften besäet. Sobald der alte Mann hinreichend genesen war, wurden das Studium und die Versuche wieder begonnen. Der Student fand sich unangemeldet und häufig ein, und war unermüdet in seinen Arbeiten im Laboratorium. Der Philosoph erhielt durch die Betriebsamkeit seines Schülers neuen Eifer und neues Leben. Er war jetzt im Stande, das Unternehmen mit anhaltender Thätigkeit zu verfolgen, da er einen so rüstigen Gehülfen hatte, der seine Anstrengungen theilte. Während er über den Schriften des Sandivogins, Philalethes und des Herrn de Nuysment brütete, und die sinnbildliche Sprache, in welche sie ihre Geheimnisse eingehüllt haben, zu begreifen strebte, war Antonio unter den Retorten und Schmelztiegeln geschäftig, und erhielt den Ofen in beständiger Gluth. Indessen waren bei all dem Eifer des Studenten, für die Entdeckung der goldenen Kunst, seine Gefühle für den Gegenstand, der ihn zuerst in die Nähe des zertrümmerten Hauses gebracht hatte, nicht erkaltet. Während der Krankheit des Alten hatte er häufig Gelegenheit, der Tochter nahe zu sein, und jeder Tag machte ihn für ihre Reize empfänglicher. Es lag eine reine Einfalt, eine beinahe leidende Sanftheit in ihrem Benehmen; und doch mischte sich in alles dieß etwas, ob bloß jungfräuliche Schüchternheit, oder ein Bewußtsein ihrer hohen Abkunft, oder ein Anflug castilianischen Stolzes, oder alles dieses zusammen, das eine ungebührliche Vertraulichkeit abwies und die Annäherung erschwerte. Die Gefahr ihres Vaters, und die Maßregeln, die zu seiner Hülfe getroffen werden mußten, hatten anfangs diese Schüchternheit und Zurückhaltung überwunden; wie er aber sich erholte und ihre Besorgnisse sich verminderten, schien sie sich der Vertraulichkeit, die sie sich gegen den jugendlichen Fremden erlaubt hatte, mit Schrecken bewußt und jeden Tag schüchterner und stiller zu werden. Antonio hatte manche Bücher gelesen, allein dieß war das erste Werk in Frauengestalt, das er je aufgeschlagen hatte. Schon das Titelblatt hatte ihn angezogen; je weiter er aber las, desto größeres Vergnügen empfand er. Sie schien zur Liebe gemacht; ihr schönes schwarzes Auge rollte schmachtend unter den seidenen Augenwimpern, und wohin es sich wandte, verweilte und ruhete es: Zärtlichkeit war in jedem Strahle desselben. Gegen ihn allein war sie zurückhaltend und scheu. Nun, da die gewöhnliche Sorgfalt im Krankenzimmer nicht mehr nöthig war, sah er nicht viel mehr von ihr, als vor seinem Eintritte in das Haus. Bisweilen begegnete er ihr auf seinem Wege nach oder aus dem Laboratorium, und dann lächelte und erröthete sie stets; nach einem flüchtigen Gruße schwebte sie aber weiter und verschwand. »Es ist klar,« dachte Antonio, »meine Gegenwart ist ihr gleichgültig, wenn nicht lästig. Sie hat meine Bewunderung bemerkt und ist entschlossen, sie zu entmuthigen; nur das Gefühl der Dankbarkeit verhindert sie, mich mit bestimmter Geringschätzung zu behandeln – und dann, hat sie nicht einen andern, – einen reichen, stattlichen, prunkenden, musikalischen Geliebten? wie kann ich mir einbilden, daß sie ihre Augen von einem so glänzenden Cavalier, auf einen armen unbekannten Studenten wenden werde, der unter der Asche in ihres Vaters Laboratorium wühlt?« In der That, der Gedanke an den verliebten Bringer jener Serenade verfolgte ihn überall. Er hielt ihn zuverlässig für einen begünstigten Liebhaber; und doch, wenn dieß so war, warum besuchte er den Thurm nicht? warum erschien er nicht am hellen Tage? In diesem nächtlichen Lauschen und dieser musikalischen Bewerbung war etwas Geheimnißvolles. Gewiß, Inez konnte kein heimliches Verständniß begünstigen! O nein, sie war zu unverstellt, zu rein, zu unbefangen! Aber ach, spanische Damen hielten stets auf Liebe und Intriguen; und Musik und Mondschein waren so verführerisch, und in jedem Blicke von Inez lag das Schmachten einer zärtlichen Seele! – »O!« rief der arme Student dann wohl aus, indem er die Hände zusammenschlug, »o, sähe ich doch nur einmal diese schönen Augen voll Liebe zärtlich auf mich blicken!« Diejenigen, welche es nicht erfahren haben, werden es nicht glauben, mit wie Wenigem das menschliche Leben und die menschliche Liebe ihr Dasein fristen können. Eine trockene Brodrinde, welche dann und wann einem Hungernden zugeworfen wird. gibt ihm neue Anwartschaft auf Verlängerung des Daseins; und ein flüchtiges Lächeln oder ein freundlicher Blick, welcher von Zeit zu Zeit gespendet wird, nährt die Gefühle eines Liebenden, wenn ein nüchterner Mann längst verzweifelt haben würde. Wenn Antonio in dem Laboratorium allein war, verfolgte ihn ein solcher Blick, ein solches Lächeln, wie er im Vorbeigehen erhalten hatte. Er betrachtete sie dann aus allen möglichen Gesichtspunkten, und dachte mit aller der selbstgefälligen, selbstquälenden Vernünftelei eines Liebhabers darüber nach. Die Gegend um ihn her war hinreichend, die Wollust des Gefühls zu wecken, welche das Wachsthum einer Leidenschaft so sehr befördert. Das Fenster des Thurmes erhob sich über die Bäume des romantischen Thales des Darro, und sah auf eine der lieblichsten Gegenden der Vega hinab, deren Citronen- und Orangenbüsche von kühlen Quellen und Bächen des klarsten Wassers erfrischt wurden. Der Xenil und der Darro schlängelten ihre glänzenden Wellen durch die Ebene, und blitzten zwischen ihren Lauben hindurch. Die umliegenden Hügel waren mit Reben bepflanzt, und die mit Schnee bedeckten Berge schienen mit dem blauen Himmel zu verschmelzen. Die liebliche Luft, welche um den Thurm spielte, war von dem Dufte der Myrthen und Orangenblüthen durchdrungen, und das Ohr schwelgte in den schmelzenden Tönen der Nachtigall, welche in diesen glücklichen Gegenden den ganzen Tag lang singt. Zuweilen ließen sich auch der heitere Gesang eines Maulthiertreibers, der an dem einsamen Weg hinzog, oder die Töne einer Guitarre aus der Mitte einer Gruppe Bauern vernehmen, die im Schatten tanzten. Alles dieß reichte hin, den Kopf eines jungen Liebhabers mit dichterischen Träumen anzufüllen, und Antonio malte es sich wohl in Gedanken aus, wie er, unter diesen herrlichen Gebüschen und an diesen angenehmen Flußufern, mit Inez hinwandeln und sein Leben in Liebe mit ihr würde zubringen können. Er ward zuweilen ungeduldig über seine eigene Schwäche, und suchte diese Hirngespinste mit Gewalt zu verbannen. Mit plötzlicher Anstrengung wandte er sich dann zu den geheimen Studien, oder beschäftigte sich mit irgend einem verwickelten Verfahren; allein oft, wenn es ihm zum Theil gelungen war, seine Aufmerksamkeit zu sammeln, so erklang Inez' Laute, oder die sanften Töne ihrer Stimme unterbrachen die Stille des Gemachs oder schienen um den Thurm zu schweben. Es war keine große Kunst in ihrem Gesange; Antonio aber glaubte nie eine Musik gehört zu haben, welche dieser verglichen werden könne. Es lag ein vollständiger Zauber darin, wenn sie ihre Volksmelodien sang, jene kleinen spanischen Romanzen und maurischen Balladen, welche den Zuhörer in Gedanken an das Ufer des Guadalquivir oder an die Mauern der Alhambra versetzen, und ihn von Schönheiten, Balkonen und Serenaden im Mondlicht träumen lassen. Nie war wohl ein armer Student bedrängter als Antonio. Die Liebe ist im Studirzimmer immer eine lästige Gesellschaft; aber in dem Laboratorium eines Alchymisten ist ihre Einmischung durchaus unglücklich. Statt auf die Retorten und Schmelztiegel Acht zu geben, und den Gang eines Versuches zu beobachten, welcher unter seiner Obhut gemacht werden sollte, verlor sich der Student in einen jener Liebesträume, aus dem ihn am Ende eine verderbliche Katastrophe erweckte. Der Philosoph fand, wenn er von seinen Untersuchungen in den Bibliotheken zurückkehrte, Alles verkehrt, und Antonio in Verzweiflung über den Trümmern der Arbeit eines ganzen Tages. Der alte Mann nahm indessen alles ruhig hin, denn sein Leben war ein Leben der Versuche und fehlgeschlagenen Hoffnungen gewesen. »Wir müssen Geduld haben, mein Sohn,« pflegte er dann zu sagen, »wie alle großen Meister, die uns vorausgegangen sind, sie gehabt haben. Irrthümer, Zufälle, Verzögerungen, mit diesen haben wir zu kämpfen. Irrte Pontanus nicht zweihundert Mal, ehe er nur den Stoff finden konnte, auf den er seine Versuche gründete? Arbeitete nicht der große Flemel ebenfalls vier und zwanzig Jahre, ehe er das erste Grundmittel entdeckte? Welche Schwierigkeiten und Mühseligkeiten hatte nicht Cartilaceus an der Pforte seiner Entdeckungen zu überwinden? Und mußte nicht Bernhard von Trier selbst, nachdem er die Kenntniß der Hülfsmittel erlangte, noch volle drei Jahre harren? was Du als Zufälle ansiehst, mein Sohn, sind die Kabalen unsrer unsichtbaren Feinde. Die Schätze und goldenen Geheimnisse der Natur sind mit Geistern, die den Menschen hassen, umgeben. Die Luft um uns her schwärmt von ihnen. Sie lauschen im Feuer des Ofens, auf dem Boden des Schmelztiegels, des Destillirkolbens, und sind immer bereit, jene Augenblicke zu benutzen, wo unsere Gemüther von dem strengen Nachdenken über die große Wahrheit, die wir suchen, ausruhen. Wir müssen desto mehr streben, uns von diesen groben, irdischen Gefühlen zu reinigen, welche die Seele umwölken, und sie verhindern, in die Geheimnisse der Natur einzudringen.« Ach! dachte Antonio, wenn diese Reinigung von allen irdischen Gefühlen auch erheischt, daß ich Inez zu lieben aufhöre, werde ich wahrscheinlich nimmer den Stein der Weisen entdecken. So ging es eine Zeitlang bei dem Alchymisten fort. Das Gold des Studenten ging allmählig in Rauch auf; jede Gluth des Ofens machte ihn um einen Ducaten ärmer, ohne ihn dem Anschein nach dem goldenen Geheimniß um ein Jota näher zu bringen. Dennoch stand der junge Mann dabei, und sah ohne Murren ein Goldstück nach dem andern verschwinden; er hatte ja täglich Gelegenheit, Inez zu sehen und fühlte, daß ihre Gunst ihm köstlicher als Gold und Silber, und jedes Lächeln von ihr einen Ducaten werth war. Zuweilen wandelte er in der Abendkühle, wenn die Arbeiten im Laboratorium aufgehört hatten, mit dem Alchymisten in dem ehemaligen Garten spazieren, welcher zu dem Hause gehörte. Noch jetzt waren Ueberbleibsel von Terrassen und Balustraden vorhanden, und hie und da eine marmorne Urne oder eine umgestürzte, unter Unkraut und wilden Blumen begrabene Statue zu sehen. Dieß war der Lieblingsaufenthalt des Alchymisten in seinen Erholungsstunden, wo er seinen Träumereien vollen Lauf ließ. Sein Gemüth war mit den rosenkreuzerischen Lehren erfüllt. Er glaubte an Elementargeister, deren einige seinen Bemühungen günstig, andere ihm entgegen waren; und er bildete sich, in seiner Geistesverzückung, oft ein, auf seinen einsamen Spaziergängen, in den flüsternden Gebüschen und in den widerhallenden Mauern dieses alten Gartens mit ihnen in geistigem Verkehre zu stehen. Wenn ihn Antonio begleitete, pflegte er diese Abenderholungen zu verlängern. Zuweilen that er es um seines Schülers willen, denn er fürchtete, die fortdauernde Anstrengung und die ununterbrochene Einschließung in den Thurm, möchten am Ende seiner Gesundheit schaden. Er war höchst erfreut und überrascht durch seinen außerordentlichen Eifer und die Ausdauer, welche ein so junger Lehrling verrieth; ja er betrachtete ihn als erkoren, eines der großen Lichter der Kunst zu werden. Damit aber der Student die in diesen Erholungsstunden verflossene Zeit nicht für verloren halten möchte, pflegte der gute Alchymist sie durch Mittheilung von gesunden Kenntnissen, die mit ihren Beschäftigungen in Verbindung standen, auszufüllen, und wandelte mit seinem Zögling auf und ab, ihm, wie ein Philosoph des Alterthums, mündlichen Unterricht ertheilend. Aus allen seinen träumerischen Plänen sprach der Geist einer erhabenen, obgleich überspannten Menschenliebe, welcher die Bewunderung des Schülers erregte. Nichts Schmutziges oder Sinnliches; nichts Kleinliches oder Selbstisches schien sich in seine Ansichten zu mischen, was die großen Entdeckungen betraf, denen er entgegen sah. Im Gegentheile, seine Einbildungskraft war mit Gedanken von einer weit verbreiteten Glückseligkeit erfüllt. Er sah der Zeit entgegen, wo er im Stande sein würde, auf der Erde umher zu wandeln, um die Bedürftigen zu unterstützen, die Traurigen zu trösten; und durch seine unbeschränkten Mittel Pläne zur vollkommenen Ausrottung der Armuth und aller ihr beiwohnenden Leiden und Verbrechen zu entwerfen und auszuführen. Nie wurden großartigere Entwürfe zur Beförderung des allgemeinen Besten, zur Verbreitung unermeßlichen Reichthums und allgemeiner Wohlhabenheit gemacht, als von diesem armen bedürftigen Alchymist in seinem zertrümmerten Thurme geschah. Antonio pflegte diesen peripatetischen Vorlesungen mit der ganzen Gluth eines entschiedenen Jüngers zuzuhören; allein ein anderer Umstand mag ihnen noch einen besondern Reiz gegeben haben. Der Garten war auch Inez' Erholungsort, wo sie ihre Spaziergänge machte, die einzige Bewegung, welche ihr abgeschiedenes Leben ihr erlaubte. Während Antonio in stiller Pflichtergebenheit neben seinem Lehrer hinwandelte, sah er oft auf einen Augenblick die Gestalt der Tochter, welche gedankenvoll im sanften Zwielicht in den Gängen auf- und abwandelte. Zuweilen begegneten sie ihr unerwartet, und das Herz des Studenten pochte dann hoch erregt. Ein Erröthen purpurte Inez' Wange, allein sie ging weiter und schloß sich ihnen nie an. Eines Abends war er ziemlich spät mit dem Alchymisten an diesem seinem Lieblingsorte geblieben. Es war eine herrliche Nacht nach einem schwülen Tage, und die balsamische Luft des Gartens hatte etwas besonders Erfrischendes. Der Alte saß auf dem Bruchstücke eines Säulen-Fußes, und sah wie ein Theil der Trümmer aus, worauf er saß. Er erbaute seinen Schüler durch lange Lehren der Weisheit aus den Sternen, wie diese mit glänzendem Schimmer an dem dunkelblauen Gewölbe des südlichen Himmels erschienen; denn er war in den Schriften der Rosenkreuzer sehr bewandert, und sprach viel von den Vorzeichen irdischer Ereignisse am Himmel, von der Gewalt der Sterne über körperliche Wesen und ihrem Einflusse auf die Söhne der Menschen. Allmählig ging der Mond auf und ergoß sein strahlendes Licht über die Gebüsche. Antonio horchte mit anscheinend gespannter Aufmerksamkeit auf die Lehren des Weisen, allein sein Ohr war trunken von der Melodie von Inez' Stimme, die, an einer von den mondbeleuchteten Stellen des Gartens, zu ihrer Laute sang. Der alte Mann hatte seinen Gegenstand erschöpft, und blickte nun in stillem Nachdenken zum Himmel empor. Antonio konnte der Versuchung nicht widerstehn, einen Blick auf die spröde Schönheit zu werfen, welche so einsam und tonreich die Rolle der Nachtigall spielte. Er ließ daher den Alchymisten in seinen überirdischen Träumen und schlich leise einen der Gänge entlang. Die Musik hatte aufgehört, und er glaubte den Ton von Stimmen zu hören. So kam er an die Ecke eines Gebüsches, das eine Art Grotte verdeckte, welche mit einem marmornen Springbrunnen verziert war. Der Mond schien hell auf die Stelle, und bei seinem Lichte sah er den unbekannten Nebenbuhler zu Inez' Füßen. Er hielt sie bei der Hand, die er mit Küssen bedeckte; sobald er aber Antonio bemerkte, sprang er auf, und riß sein Schwert halb aus der Scheide, während Inez befreit nach dem Hause zurück floh. Antonio's eifersüchtige Besorgnisse und Vermuthungen waren nun bestätigt. Er wartete den Ausbruch des Zornes seines beglückten Nebenbuhlers über diese Unterbrechung nicht ab, sondern entfernte sich in tiefem Schmerze von dem Orte. Daß Inez einen Andern liebte, war schon qualvoll genug, daß sie aber eines entehrenden Liebesverständnisses schuldig sein könnte, empörte ihn in der Seele. Der Gedanke an Betrug bei einem so jungen, anscheinend schuldlosen Geschöpfe, erregte in ihm ein Mißtrauen gegen die menschliche Natur, welches auf junge, offene Gemüther so niederschlagend wirkt; wenn er aber an den gütigen unbekümmerten Vater dachte, den sie betrog, und dessen ganze Liebe nur in ihr sich vereinigte, so fühlte er sich auf einen Augenblick von Unwillen, ja beinahe von Abscheu durchdrungen. Er fand den Alchymisten noch in träumerische Betrachtung des Mondes versunken. »Komm her, mein Sohn,« sagte er mit seiner gewöhnlichen Begeisterung, »komm, und lies mit mir in diesem großen Buche der Weisheit, das nächtlich sich vor uns entfaltet. Sehr richtig sagten die chaldäischen Weisen, der Himmel sei ein geheimnißvolles Blatt, das Denjenigen, die es zu lesen verstehn, manches verkünde, ihnen Gutes und Böses eröffne, und sie in den geheimen Beschlüssen des Schicksals unterrichte. Das Herz des Studenten bebte vor Wehmuth um seinen ehrwürdigen Meister; und einen Augenblick ward er sich der ganzen Nichtigkeit seiner Weisheit bewußt. Ach, armer alter Mann, dachte er, was nützt Dir all' dein Studiren? Du läßt es Dir nicht träumen, welch ein Verrath gegen Dein Glück unter Deinen Augen, ja in Deinem Busen, begangen wird, während Du Dich in luftige Träumereien über die Sterne verlierst! – O, Inez! Inez! Wo sollen wir Wahrheit und Unschuld finden? Wie sollen wir uns auf ein Weib verlassen, wenn selbst Du zu hintergehen fähig bist? Dieß war ein gewöhnlicher Ausruf, wie er jedem Liebhaber entschlüpft, wenn er findet, daß seine Geliebte nicht ganz die Göttin ist, die er sich gemalt hat. Bei dem Studenten aber entsprang er aus der Angst eines redlichen Herzens. Er kehrte in bedauernswürdiger Geistesverwirrung in seine Wohnung zurück. Er beschloß, seine Studien im Thurme aufzugeben, und es der Abwesenheit zu überlassen, den Zauber zu entkräften, der ihn befangen hatte. Er dürstete nicht mehr nach der Entdeckung des großen Elixirs: der Traum der Alchymie war vorüber; denn welchen Werth konnte ohne Inez der Stein der Weisen noch für ihn haben? Nach einer schlaflosen Nacht war er entschlossen, dem Alchymisten Lebewohl zu sagen und sich von Granada ganz loszureißen. Mehrere Tage erhob er sich mit demselben Entschlusse, und jede Nacht sah ihn zu seinem Lager zurückkehren, seine Unentschlossenheit bejammern und einen neuen Entschluß für den Morgen fassen. Unterdessen sah er Inez weniger als je. Sie wandelte nicht mehr im Garten, sondern blieb beinahe gänzlich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Begegnete sie ihm, so erröthete sie mehr als gewöhnlich; einst blieb sie sogar stehen, als wollte sie ihn anreden; aber nach einigem verlegenen Zögern und nach höherm Erröthen machte sie irgend eine zufällige Bemerkung und entfernte sich dann. Antonio sah in dieser Verwirrung nur ein Bekenntniß ihrer Schuld und das Bewußtsein, daß diese Schuld entdeckt sei. Was konnte sie zu sagen wünschen? Vielleicht eine Rechtfertigung über den Auftritt im Garten? – aber, wie kann sie sich rechtfertigen, oder warum sollte sie sich deßwegen gegen mich rechtfertigen? Was bin ich ihr? – oder vielmehr, was ist sie mir?« rief er ungeduldig aus, und faßte abermals den Entschluß, sich aus diesen Schlingen loszureißen und diesen bezauberten Ort für immer zu verlassen. Er kehrte in eben dieser Nacht, voll von diesem muthigen Entschlusse, zu seiner Wohnung zurück, als er an einer dunklen Stelle des Weges einem Manne begegnete, den er an seiner Größe und Gestalt für seinen Nebenbuhler erkannte; er ging nach der Richtung des Thurmes hin. Dieß war die beste Gelegenheit, alle leise Zweifel, wenn es deren noch gab, zu lösen. Er entschloß sich, dem unbekannten Cavalier zu folgen und unter dem Schutze der Dunkelheit seine Bewegungen zu beobachten. Wenn dieser Einlaß in den Thurm oder sonst eine günstige Aufnahme erhielt, so mußte dieß, wie Antonio fühlte, sein Gemüth beruhigen und seinen schwankenden Entschlüssen Festigkeit geben. Je näher der Unbekannte dem Thurme kam, desto vorsichtiger und behutsamer benahm er sich. Unter einer Baumgruppe gesellte sich ein Zweiter zu ihm, und Beide flüsterten lange mit einander. In Inez' Zimmer brannte ein Licht; der Vorhang war herabgelassen, aber das Fenster offen geblieben, da die Nacht warm war. Nach einer Weile ward das Licht ausgelöscht. Eine geraume Zeit verstrich. Der Cavalier und sein Gefährte blieben unter dem Baum gleichsam auf der Lauer stehen: endlich näherten sie sich dem Thurme mit leisen, vorsichtigen Schritten. Der Cavalier nahm eine Blendlaterne aus der Hand seines Gefährten, und warf seinen Mantel ab. Hierauf brachte der Andere etwas aus dem Gebüsch, das Antonio bald für eine leichte Leiter erkannte; er stellte sie gegen die Mauer, und der nächtliche Sänger stieg munter hinauf. Ein peinliches Gefühl bemeisterte sich Antonio's. Jetzt waren in der That alle Besorgnisse bestätigt. Er war im Begriff, den Ort zu verlassen, um nie wieder dahin zurückzukehren, als er einen unterdrückten Schrei aus Inez' Zimmer hörte. In einem Augenblicke lag der am Fuß der Leiter Stehende hingestreckt auf dem Boden. Antonio wand ein Stilet aus seiner kraftlosen Hand, und eilte die Leiter hinauf. Er sprang zum Fenster hinein, und fand Inez sich gegen seinen eingebildeten Nebenbuhler sträubend. Der letztere, in seinem Angriffe gestört, nahm seine Laterne auf, wandte deren volles Licht gegen Antonio, zog sein Schwert und drang furchtbar auf ihn ein; glücklicherweise sah der Student das Licht an der Klinge hin blitzen, und wandte den Hieb mit dem Stilet ab. Ein hartnäckiger, aber ungleicher Kampf folgte. Antonio focht, dem vollen Scheine des Lichtes ausgesetzt, während sein Gegner im Schatten stand: auch war sein Stilet nur eine schwache Waffe gegen den Degen. Er sah, daß nichts ihn retten könne, als wenn er seinem Gegner auf den Leib rücke und dessen Waffe unterlaufe: er stürzte wüthend auf ihn ein, und führte einen gewaltigen Stoß mit dem Stilet nach ihm, erhielt aber dagegen eine Wunde mit dem verkürzten Schwert. In demselben Augenblick empfing er von hinten einen Stoß von dem Mitgehülfen, der unterdessen die Leiter hinangestiegen war; dieser streckte ihn zu Boden, und seine Gegner machten sich davon. Mittlerweile hatte Inez' Geschrei ihren Vater und die Dienerin in das Gemach gebracht. Antonio wurde besinnungslos, in seinem Blute schwimmend gefunden. Man brachte ihn in das Zimmer des Alchymisten, der jetzt die Aufmerksamkeit vergalt, welche der Student einst ihm erwiesen hatte. Zu seinen mannigfachen Kenntnissen gehörte auch eine nicht gewöhnliche Bekanntschaft mit der Wundarzneikunst, und diese war in diesem Augenblick von größerem Nutzen, als all' seine chymische Gelehrsamkeit. Er stillte das Blut, welches aus den Wunden seines Zöglings floß, die sich, bei näherer Untersuchung, weniger gefährlich auswiesen, als man Anfangs gefürchtet hatte, und verband sie. Einige wenige Tage war jedoch sein Zustand bedenklich und nicht ohne Gefahr. Der alte Mann wachte mit der Zärtlichkeit eines Vaters über ihm. Er fühlte sich ihm auf doppelte Weise dankbar verpflichtet, sowohl seiner Tochter, als seiner selbst wegen; er liebte ihn als einen treuen eifrigen Schüler, und fürchtete, die Welt möchte der vielversprechenden Talente eines so strebsamen Alchymisten beraubt werden. Seine vortreffliche Natur half die Wunden bald heilen; es lag in Inez' Blicken und Worten ein Balsam, welcher auch auf die noch schwereren Wunden seines Herzens seine heilende Wirkung äußerte. Sie nahm den lebendigsten Antheil an seiner Herstellung, und nannte ihn ihren Befreier, ihren Retter. Ihre dankbare Gesinnung, die sie an den Tag legte, schien ihn für alle frühere Kälte entschädigen zu sollen. Was aber am meisten zu Antonio's Genesung beitrug, war die Erklärung, welche sie ihm über seinen vermeinten Nebenbuhler gab. Dieser hatte Inez einige Zeit vorher in der Kirche gesehen, und sie seitdem stets mit seinen Aufmerksamkeiten bedrängt. Er hatte sie auf ihren Spaziergängen verfolgt, bis sie sich nicht mehr anders als in Begleitung ihres Vaters von dem Hause entfernen wollte. Er hatte sie mit Briefen, Serenaden und allen den Künsten bestürmt, wodurch er einer heftigen, aber heimlichen und unehrbaren Bewerbung Nachdruck geben zu können glaubte. Der Auftritt im Garten hatte sie selbst eben so sehr als Antonio überrascht. Ihr Verfolger war von ihrer Stimme herbeigelockt worden, und hatte über einen eingestürzten Theil der Mauer den Weg in den Garten gefunden. Er hatte sie überrascht, hielt sie mit Gewalt zurück, und schilderte ihr seine ehrlose Leidenschaft, als die Erscheinung des Studenten ihn unterbrach und ihr Gelegenheit gab, zu entfliehen. Sie hatte sich gescheut, ihrem Vater von den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt war, zu sprechen; sie wünschte, ihm jede Besorgniß und Angst zu ersparen, und hatte sich entschlossen, sich noch strenger in das Haus zu verschließen; war aber auch hier, wie es sich ergab, nicht sicher vor seinen kecken Nachstellungen gewesen. Antonio fragte sie, ob sie den Namen dieses ungestümen Bewerbers wisse? Sie antwortete, daß er ihr unter einem angenommenen Namen seine Anträge gemacht, daß sie ihn aber einst Don Ambrosio de Lora habe nennen hören. Antonio kannte diesen dem Rufe nach als einen der entschiedensten, gefährlichsten Wüstlinge in ganz Granada. Listig, gebildet, und, wenn er wollte, sehr einschmeichelnd, aber unternehmend und tollkühn bei Befriedigung seiner Leidenschaften; heftig und unversöhnlich in seiner Rache. Er freute sich, daß Inez seinen Verführungskünsten widerstanden, und daß seine glänzende Verderbtheit sie mit Abscheu erfüllt hatte; aber er zitterte, wenn er an die Gefahren dachte, denen sie ausgesetzt gewesen, und an die, von denen sie vielleicht jetzt noch bedroht war. Es war indeß nun zu vermuthen, daß der Feind eine Zeit lang zur Ruhe genöthigt sein werde. Blutspuren hatten sich bis zu einiger Entfernung von der Leiter gefunden, und sich unter den Gebüschen verloren, und, da man nun seitdem nichts von ihm gesehen und gehört hatte, schloß man, er müsse eine bedeutende Wunde empfangen haben. Als der Student von seinen Wunden zu genesen anfing, durfte er Inez und ihrem Vater im Hause Gesellschaft leisten. Wahrscheinlich war das Zimmer, worin sie sich gewöhnlich aufhielten, in früheren Zeiten ein Prachtzimmer gewesen. Der Fußboden war von Marmor; die Wände hie und da mit Ueberbleibseln von Tapeten behängt; die mit Schnitzwerk reich verzierten und vergoldeten Stühle waren vor Alter wurmstichig geworden, und mit verschossenem zerlumpten Goldstoff bedeckt. An der Wand hing ein langer, rostiger Degen, das einzige Ueberbleibsel, welches der alte Mann aus der ritterlichen Zeit seiner Vorfahren übrig behalten hatte. Wohl hätte dieser Gegensatz zwischen dem Hause und dessen Bewohnern, zwischen der gegenwärtigen Armuth und den Spuren dahingeschwundener Größe, ein Lächeln ablocken können; allein die Einbildungskraft des Studenten hatte über das Gebäude und die, welche es bewohnten, so viel Romantisches verbreitet, daß Alles in Zauber gehüllt war. Der Philosoph mit seinem gebeugten Stolz und seiner sonderbaren Beschäftigung, schien ganz zu den traurigen Trümmern zu passen, die ihm zum Wohnsitz dienten, während um die Tochter sich eine natürliche Geisteszierlichkeit verbreitet hatte, welche deutlich zeigte, daß sie der Wohnung in deren glücklicheren Tagen zum Schmuck gedient haben würde. Welche köstliche Augenblicke waren dieß für den Studenten. Inez war nicht mehr schüchtern und zurückhaltend. Sie war von Natur unbefangen und vertrauensvoll, obgleich die Art Verfolgung, der sie von dem einen Bewunderer ausgesetzt gewesen war, sie eine Zeit lang gegen den andern argwöhnisch und vorsichtig machte. Sie fühlte nun unbedingtes Vertrauen zu Antonio's Aufrichtigkeit und innerem Werth, dem sich eine überfließende Dankbarkeit zugesellte. Wenn ihre Augen die seinigen trafen, strahlten sie von Mitgefühl und Wohlwollen; und Antonio, welchen der Gedanke an einen begünstigten Liebhaber nicht mehr beunruhigte, hoffte wieder Erhörung. Bei diesen häuslichen Zusammenkünften hatte er jedoch nur wenig Gelegenheit, Inez seine Aufmerksamkeit anders als durch Blicke zu bezeigen. Der Alchymist, der ihn, wie sich selbst, in das Studium der Alchymie ganz versunken glaubte, suchte ihn während seiner langwierigen Genesung durch lange Unterhaltungen über die Kunst zu erheitern. Er brachte sogar mehrere seiner halbverbrannten Bücher herbei, welche der Student einst aus den Flammen gerettet hatte, und vergalt ihm ihre Erhaltung durch das Herlesen langer Stellen aus denselben. So pflegte er ihn mit den großen, edlen Handlungen Flamel's zu unterhalten, welche dieser mit Hülfe des Steines der Weisen verrichtete, indem er Wittwen und Waisen unterstützte, Hospitäler errichtete, Kirchen baute und noch manches Andre that; oder mit den Fragen des Königs Kalid und den Antworten des Morienus, des römischen Einsiedlers in Jerusalem, oder den tiefsinnigen Fragen, welche Elardus, ein Beschwörer aus der Provinz Catalonien, dem Teufel über die Geheimnisse der Alchymie vorlegte, nebst des Teufels Antworten. Alles dieß war in einer dunkeln, für das ungewöhnte Ohr des Schülers beinahe unverständlichen Sprache abgefaßt. Der alte Mann fand an den mystischen Redensarten und der sinnbildlichen Sprachweise, worin die Schriftsteller, welche von der Alchymie handelten, ihre Lehren eingekleidet haben, und wodurch diese für Nichteingeweihte unverständlich werden, das größte Vergnügen. Mit welchem Entzücken erhob er seine Stimme bei einer siegreichen Stelle, welche die große Entdeckung verkündigte! »Du sollst,« rief er dann mit den Worten Heinrich Kuhnrad's aus, »Amphitheater der göttlichen Weisheit.« – Verf. »den Stein der Weisen (unsern König,) aus der Schlafstätte seines gläsernen Grabmals auf den Schauplatz dieser Welt treten sehen, d. h., neu erschaffen und vervollkommt, als glänzenden Karfunkel, als milden Schein, dessen feinste und reinste Theile unzertrennlich und in eins durch eine wohlzusammenstimmende Mischung verbunden sind, vollkommen gleichförmig, durchsichtig wie Krystall, von einem röthlichen Schimmer wie ein Rubin, beständig sich färbend oder klingend, in allen Proben oder Prüfungen bestehend, ja sogar in der Wirkung des brennenden Schwefels, in den verzehrenden Wassern, und in der heftigsten Verfolgung des Feuers, ewig unverbrennlich und unveränderlich, wie ein Salamander!« Der Student hatte eine hohe Verehrung vor den Vätern der Alchymie und eine tiefe Ehrfurcht vor seinem Lehrer: aber was waren Heinrich Kuhnrad, Ghebr, Lully, ja selbst Albertus Magnus, mit Inez Antlitz verglichen, das seinem Auge eine solche Seite voll Schönheit zum Lesen darbot? Während also der gute Alchymist nun Stundenlang Weisheit predigte, vergaß sein Schüler Bücher, Alchymie und Alles, den lieblichen Gegenstand vor ihm ausgenommen. Auch Inez, in der Kenntniß des Herzens noch unerfahren, ward allmählig von der stillen Aufmerksamkeit ihres Geliebten bezaubert. Sie schien täglich mehr von den aufglimmenden, seltsam angenehmen Bewegungen ihres Busens betroffen. Sie schlug oft die Augen gedankenvoll nieder. Erröthen bedeckte, ohne irgend eine sichtbare Ursache, ihre Wangen, und leichte, halb unterdrückte Seufzer folgten diesen kurzen Anfällen des Nachdenkens. Ihre kleinen Balladen, obgleich dieselben, die sie früher sang, athmeten ein zärtlicheres Gefühl. Jeder Ton ihrer Stimme war sanfter und schmelzender, und sie sang einzelne Stellen mit einem Ausdrucke, den sie ihnen vorher nicht gegeben hatte. Antonio hatte, außer seiner Liebe zu den höheren Wissenschaften, auch eine schöne Anlage zur Musik, und kein Philosoph konnte die Guitarre mit mehr Geschmack spielen, als er. Als er nach und nach der Befangenheit Herr geworden war, welche sie entfernt hielt, wagte er es, einige von Inez' Gesängen zu begleiten. Er hatte eine Stimme voll Feuer und Zärtlichkeit; wenn er sang, würde man, nach dem sanften Erröthen seiner Gefährtin, geglaubt haben, er eröffne ihr seine Leidenschaft. Wer zwei jugendliche Herzen von einander entfernt halten will, nehme sie vor Musik in Acht. O! dieß Hinüberlehnen über den Stuhl, dieß Singen aus demselben Notenbuche, dieß Ineinanderschlingen der Stimmen, dieß Verschmelzen in Harmonieen! – der deutsche Walzer ist nichts dagegen. Der würdige Alchymist sah nichts von all diesem. In sein Gemüth kam kein Gedanke, welcher nicht mit der Entdeckung des großen Geheimnisses in Verbindung stand, und er glaubte seinen jugendlichen Gehülfen von demselben Eifer beseelt. Er war, was die menschliche Natur betraf, ein bloßes Kind; und was die Liebe anging, so hatte er, wenn er sie auch einst gefühlt haben mochte, längst vergessen, daß es eine so unnütze Leidenschaft gebe. Während er jedoch träumte, schritt das stille Liebesverhältniß fort. Selbst die Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes war dem Wachsthum der romantischen Leidenschaft günstig. Die sich öffnende Knospe der Liebe trieb ein Blatt nach dem andern, ohne daß ein feindlicher Hauch des Windes sie in ihrem Wachsthum gehemmt hätte. Es gab da weder die Dienstfertigkeit der Freundschaft, welche durch ihren Rath sie zum Erstarren, noch die Hinterlist des Neides, der sie durch seine hämische Miene zum Welken gebracht, noch die lauschende Miene der Welt, welche sie beobachtet und durch ihr Hinstarren in Verwirrung versetzt hätte. Es gab da weder Erklärung, noch Gelübde, noch irgend eine andre Formel aus Amor's Kunstschule. Ihre Herzen vereinten sich und verstanden sich ohne die Beihülfe der Sprache. Sie stürzten sich in den vollen Strom der Liebe, ohne eine Ahnung seiner Tiefe, und ohne einen Gedanken an die Klippen, welche unter seiner Oberfläche verborgen sein könnten. Glückliche Liebende! Ihr Glück vollkommen zu machen, fehlte nur die Entdeckung des Steins der Weisen! Endlich war Antonio's Gesundheit so weit hergestellt, daß er in seine Wohnung nach Granada zurückkehren konnte. Er fühlte sich jedoch beunruhigt, den Thurm verlassen zu müssen, während den beinahe ganz vertheidigungslosen Bewohnern desselben noch heimliche Gefahr drohte. Er fürchtete, daß Don Ambrosio, von seinen Wunden genesen, einen neuen Versuch durch heimliche List, oder mit offenbarer Gewalt machen möchte. Nach Allem, was er gehört hatte, schien er ihm zu unversöhnlich, als daß er die Vereitelung seines Plans ungerächt hätte hingehen lassen, und zu entschlossen und furchtlos, als daß er, wenn seine Künste nicht ausreichten, vor irgend einer kühnen That hätte zurückschrecken sollen, um seine Zwecke zu erreichen. Er theilte seine Besorgnisse dem Alchymisten und seiner Tochter mit, und schlug ihnen vor, die gefährliche Nachbarschaft von Granada zu verlassen. »Ich habe Verwandte,« sagte er, »in Valencia, die freilich arm, aber sehr wacker und theilnehmend sind. Bei ihnen werdet Ihr Freundschaft und Ruhe finden, und wir können dort unsere Arbeiten unbelästigt fortsetzen.« Er begann ihnen die Schönheit und Annehmlichkeit von Valencia mit aller Anhänglichkeit eines Eingebornen, und aller der Beredsamkeit zu schildern, womit ein Liebhaber die Felder und Gebüsche malt, in welche er den Schauplatz seiner künftigen Glückseligkeit verlegt. Seine Beredsamkeit, von Inez' Besorgnissen unterstützt, wirkte günstig auf den Alchymisten, der in der That an ein zu unstetes Leben gewöhnt war, als daß er sich viel um seinen Aufenthaltsort hätte kümmern sollen. Es wurde daher beschlossen, sobald Antonio ganz hergestellt sein würde, den Thurm zu verlassen und nach dem herrlichen benachbarten Valencia zu ziehen. Hier sind die stärksten Seidenzeuge, die süßesten Weine, die besten Oele und die schönsten Weiber in ganz Spanien. Selbst die unvernünftigen Thiere machen sich hier Betten von Rosmarin oder andern wohlriechenden Kräutern, und wenn man auf der See ist, und der Wind vom Lande weht, so kann man mehrere Meilen, ehe man das Land sieht, an dem starken Geruch, den es von sich gibt, es schon erkennen. So wie das Klima das angenehmste in ganz Spanien ist, so ist es auch das zuträglichste, und man nennt es gewöhnlich das zweite Italien, was die Mauren (von denen mehrere Tausende von hier verjagt und nach der Barbarei verbannt wurden) zu dem Glauben brachte, das Paradies liege in dem Theile des Himmels, der über dieser Stadt hange. Howell's Briefe. – Anm. des Verf. Um seine Kräfte wieder zu stärken, gab der Student die Arbeiten in dem Laboratorium auf einige Zeit auf, und brachte die wenigen Tage vor seiner Abreise damit zu, von der bezaubernden Umgegend von Granada Abschied zu nehmen. Er fühlte Gesundheit und Kraft wiederkehren, wie er die reine, milde Luft, welche die Hügel umspielte, einathmete; die Zufriedenheit seines Gemüths trug freilich viel zu seiner schnelleren Genesung bei. Inez war auf seinen Spaziergängen oft seine Begleiterin. Ihre Abkunft von mütterlicher Seite von einer der alten maurischen Familien flößte ihr einen großen Antheil an diesem einstigen Lieblingssitze der arabischen Macht ein. Sie blickte mit Begeisterung auf die prachtvollen Denkmale der Vorzeit, und ihr Gedächtniß war mit den Sagen und Balladen von maurischer Ritterlichkeit erfüllt. Wahrlich, das einsame Leben, welches sie geführt hatte, und der Hang ihres Vaters zur Schwärmerei, hatten einen großen Einfluß auf ihren Charakter gehabt, und ihm eine Färbung gegeben, die man in neueren Zeiten romanhaft genannt haben würde. All das kräftigte sich erst recht durch die neue Leidenschaft; denn wenn ein Weib zum ersten Male zu lieben anfängt, ist das Leben ganz Romantik für sie. Auf einem ihrer Abendspaziergänge hatten sie den Sonnen-Berg erstiegen, auf welchem der Generalife, der Lustpalast zur Zeit maurischer Herrschaft, jetzt ein düsteres Kapuzinerkloster, liegt. Sie waren in dem Garten umhergewandelt, unter Orangen, Citronen und Cypressengebüschen, wo das Wasser, in Strömen herabstürzend, in Springbrunnen rieselnd, oder in blitzenden Strahlen emporsteigend, die Luft mit Wohllaut und Frische erfüllte. Mit der ganzen Schönheit dieses Gartens vereint sich eine gewisse Schwermuth, welche sich allmählig auch der Seelen der Liebenden bemeisterte. Der Ort ist voll der traurigen Geschichte aus vergangenen Zeiten. Er war der Lieblingsaufenthalt der holden Königin von Granada, wo die Vergnügungen eines glänzenden üppigen Hofes sie umgaben. Hierher unter ihre eigene Rosenlauben hatten auch die Verläumder jene unwürdige Geschichte ihrer Schande verlegt, und so dem tapferen Stamme der Abencerragen den Todesstoß beigebracht. Der ganze Garten sieht zerstört und verlassen aus. Mehrere von den Springbrunnen sind zertrümmert und vertrocknet; die Wasser haben sich aus ihren marmornen Becken entfernt, und werden von Unkraut und gelbem Laub erstickt. Das Rohr pfeift jetzt im Winde, der sonst mit Rosen spielte und Wohlgerüche von den Orangenblüthen herwehte. Die Klosterglocke schallt in traurigem Klange und die schläfrige Vesper-Hymne tönt durch diese einsamen Orte, die einst Gesang oder Tanz und die Serenade des Liebhabers belebten. Wohl mögen die Mauren den Verlust dieses irdischen Paradieses beklagen; wohl mögen sie seiner in ihren Gebeten gedenken und den Himmel anflehen, es den Gläubigen wiederzuschenken; wohl mögen ihre Gesandten an ihre Brust schlagen, wenn sie diese Denkmäler ihres Stammes sehen, und niedersitzen und weinen unter der dahinschwindenden Herrlichkeit von Granada! Es ist unmöglich, auf diesem Schauplatze entschwundener Liebe und Fröhlichkeit umherzuwandeln, ohne die Zärtlichkeit des Herzens erwachen zu fühlen. Hier wagte Antonio zuerst seine Leidenschaft zu entdecken und in Worten das auszusprechen, was seine Augen schon längst so beredt erzählt hatten. In seinem Geständniß sprach sich die Gluth, aber auch die Offenheit aus. Er konnte keine glänzenden Aussichten eröffnen; er war ein armer Student, der sich auf seinen »Geist verlassen mußte, sich zu ernähren und zu kleiden.« Ein liebendes Weib rechnet indessen nie. Inez hörte ihn mit gesenkten Augen an, aber in ihnen war ein feuchter Schimmer, der darauf hindeutete, daß ihr Herz ihm gewonnen sei. Es war keine Sprödigkeit in ihrem Wesen: sie hatte nicht lange genug in der Gesellschaft gelebt, um sie zu erlangen. Sie liebte ihn mit der ganzen Entsagung zeitlicher Rücksichten, mit welcher das wahre Weib liebt; und unter einem schüchternen Lächeln und Erröthen entlockte er ihr ein bescheidenes Geständniß ihrer Liebe. Sie wandelten in jenem Seelenrausche, den nur glücklich Liebende kennen, im Garten umher. Die Welt um sie her war ein Feenland geworden; und, in der That, es breitete sich vor ihren Augen eine der feenhaftesten Gegenden aus, als ob sie ihren Traum irdischer Glückseligkeit verwirklichen wollte. Sie sahen, zwischen Orangengebüschen, auf die Thürme von Granada unter ihnen hinaus; jenseits die herrliche Ebene der Vega von der Abendsonne in Streifen beleuchtet und die entfernten Hügel im rosenfarbenen und purpurnen Lichte glänzend: es schien ein Sinnbild der glücklichen Zukunft, welche Liebe und Hoffnung vor ihrem Blicke enthüllten. Als ob dieß ganze Gemälde seine Vollendung erhalten sollte, begann ein Haufe Andalusier, auf einer der Galerien des Gartens beim Guitarrenspiel zweier wandernden Musikanten einen Tanz. Die spanische Musik ist wild und klagend, allein die Eingebornen tanzen dabei mit Leben und Begeisterung. Die malerischen Bewegungen der Tänzer, die Mädchen mit ihrem Haar in seidenen Netzen, deren Knoten und Troddeln den Rücken hinabhingen, mit der Mantilla um ihre zierliche Gestalt, mit den Basquinas, unter denen ihre zarten Füße hervorblickten, mit in die Luft ausgebreiteten Armen die Castagnetten schlagend, nahmen sich malerisch auf dieser luftigen Höhe aus, während sich die herrliche Abendlandschaft unter ihnen ausbreitete. Als der Tanz geendet war, näherte sich ein Pärchen aus der Gesellschaft Antonio und Inez; das Mädchen begann eine sanfte, zärtliche, maurische Ballade, welche der Mann mit der Guitarre begleitete. Sie spielte auf die Geschichte des Gartens, die Leiden der schönen Königin von Granada und das Unglück der Abencerragen an. Es war eine der alten Balladen, welche man in diesem Theile von Spanien häufig hört, und welche wie Echo's um die Trümmer maurischer Größe schweben. Inez' Herz war in diesem Augenblicke jeder zärtlichen Regung offen; die Thränen drangen in ihre Augen, während sie der Erzählung zuhörte. Die Sängerin trat ihr näher: sie hatte eine ausgezeichnete Gestalt; war jung, lieblich und in ihren schönen schwarzen Augen lag ein Gemisch von Wildheit und Schwermuth. Sie heftete diese trauernd und ausdrucksvoll auf Inez, ging dann plötzlich in eine andere Weise über, und sang nun eine zweite Ballade, welche von naher Gefahr und Verrath handelte. Alles dieß würde leicht für eine zufällige Laune der Sängerin haben gelten können, hätte nicht in ihrem Blick, ihrer Weise und Geberde etwas gelegen, welches Allem Bedeutung gab und Aufmerksamkeit erregte. Inez war im Begriff, sich nach dem Sinne dieser offenbar persönlichen Beziehung des Gesanges zu erkundigen, als sie von Antonio unterbrochen wurden, der sie sanft von dem Orte wegzog. Während sie in Bewunderung der Musik verloren war, hatte er im Schatten der Bäume einen Haufen von Männern bemerkt, die mit einander flüsterten. Sie waren in die bei den Spaniern so häufigen weiten Mäntel gehüllt, trugen große Hüte und schienen, während sie ihn und Inez sehr scharf beobachteten, sich der Aufmerksamkeit geflissentlich entziehen zu wollen. Da Antonio sie und ihre Absicht nicht kannte, eilte er einen Ort zu verlassen, wo die dichter werdenden Abendschatten ihn selbst und Inez Zudringlichkeit und Beleidigungen aussetzen konnten. Als sie am Abhange des Hügels durch das Ulmengehölz mit Pappeln und Oleandern vermischt, welches sich an der von der Alhambra hinuntergehenden Straße hinzieht, entlang gingen, bemerkte Antonio abermals diese Leute, welche dem Anschein nach ihnen in der Entfernung folgten; später erblickte er sie noch einmal zwischen den Bäumen am Darro. Er sagte darüber weder Inez noch ihrem Vater irgend etwas, denn er wollte nicht unnöthige Unruhe erregen, war aber ungewiß, wie er die Pläne, welche gegen die hülflosen Bewohner des Thurmes geschmiedet zu werden schienen, enthüllen oder abwenden solle. Er nahm spät am Abend Abschied von ihnen, voll quälender Besorgniß. Als er das schauerliche alte Gebäude verließ, sah er Jemanden im Schatten der Mauer stehen, der offenbar seine Bewegungen beobachtete. Er eilte der Gestalt nach, sie glitt indessen dahin und verschwand zwischen einigen Trümmern. Kurz darauf hörte er ein leises Pfeifen, das in einiger Entfernung beantwortet wurde. Er hatte nun keinen Zweifel mehr, daß irgend etwas Unheilbringendes im Werke sei, und eilte daher zum Thurme zurück, die Bewohner desselben zu benachrichtigen, auf ihrer Hut zu sein. Kaum hatte er sich aber umgewandt, als er sich hinterrücks mit herkulischer Stärke niedergerissen fühlte. Vergebens sträubte er sich; er war von Bewaffneten umringt. Einer von diesen warf ihm einen Mantel über, der seine Stimme erstickte, umhüllte ihn damit, und nun ward er mit unwiderstehlicher Schnelligkeit fortgerissen. Der nächste Tag verging, ohne daß Antonio bei dem Alchymisten erschien. Ein zweiter und ein dritter folgte, und er kam noch nicht, auch hatte man in seiner Wohnung nichts von ihm vernommen. Seine Abwesenheit gab Anfangs zu Erstaunen und Vermuthungen Anlaß, und erregte endlich Besorgniß. Inez erinnerte sich der sonderbaren Winke der Balladensängerin auf dem Berge, welche sie vor bevorstehender Gefahr zu warnen schien, und ihre Seele erfüllten unbestimmte Ahnungen. Sie lauschte auf jeden Ton am Thore, auf jeden Fußtritt auf der Treppe; sie nahm ihre Guitarre und schlug ein paar Töne an, allein es wollte nicht helfen; ihr Herz unterlag der Spannung und der Angst. Sie hatte nie zuvor gefühlt, was es heißt, wirklich verlassen zu sein. Sie ward sich jetzt erst der ganzen Stärke der Neigung bewußt, die ihr Herz erfüllte; denn wir wissen nicht eher, wie sehr wir lieben, und wie nothwendig der Gegenstand unserer Liebe zu unserem Glücke ist, als bis wir die traurige Leere der Trennung empfinden. Auch der Philosoph fühlte die Abwesenheit seines Schülers fast eben so lebhaft, als seine Tochter. Das belebende Jugendfeuer des Jünglings hatte ihm neue Wärme eingeflößt und seinen Arbeiten den Reiz inniger Genossenschaft gegeben. Indessen besaß er Hülfsquellen und Trostgründe, deren seine Tochter beraubt war. Seine Beschäftigungen waren von der Art, daß sie jeden andern Gedanken verdrängten und den Geist in einem Zustande beständiger Erregung erhielten. Auch hatten sich, in der letzten Zeit, Anzeichen der günstigsten Art offenbart. Vierzig Tage und vierzig Nächte war der Prozeß glücklich fortgeschritten; des alten Mannes Hoffnung wuchs beständig, und er sah jetzt abermals dem entscheidenden Augenblicke entgegen, wo er nicht allein die Major lunaria, sondern auch die Tinctura solaris, das Mittel Gold zu vermehren und das menschliche Leben zu verlängern, finden würde. Er blieb deßhalb beständig in seinem Laboratorium eingeschlossen und bewachte seinen Ofen; denn ein einziger unvorsichtiger Augenblick konnte abermals alle seine Hoffnungen vereiteln. Er saß eines Abends bei einer seiner einsamen Beobachtungen in Nachdenken versunken; es war spät, und seine Nachbarin, die Eule, schrie von der Zinne des Thurmes, als sich die Thür hinter ihm öffnete. Da er glaubte, daß es seine Tochter sei, die zu ihm komme, sich vor dem Schlafengehen bei ihm zu beurlauben, wie es ihre Sitte war, rief er sie bei Namen, aber eine rauhe Stimme antwortete ihm. Er ward bei dem Arme ergriffen, und erblickte, als er sich umsah, drei fremde Männer im Gemache. Er versuchte, sich von ihnen loszumachen, aber vergebens. Er rief nach Hülfe, aber sie spotteten seines Geschreies. »Ruhig, Träumer!« sagte der Eine; »glaubst Du, daß die Diener der heiligen Inquisition sich von Deinem Hülferuf werden abschrecken lassen? Fort mit ihm, Kameraden!« Ohne auf seine Einwendungen und Bitten zu achten, bemächtigten sie sich seiner Bücher und Papiere, nahmen schnell etwas Schriftliches über das Zimmer und die Geräthschaften auf, und führten ihn dann als Gefangenen hinweg. Inez, sich selbst überlassen, hatte einen traurigen, einsamen Abend zugebracht; an einem Fenster sitzend, welches in den Garten ging, hatte sie gedankenvoll einen Stern nach dem andern am tiefen Blau des Himmels aufblinken sehen und einer Menge angstvoller Gedanken nach ihrem Geliebten Raum gegeben, bis ihre Thränen zu fließen begannen. Plötzlich ward sie durch den Laut von Stimmen aufgeschreckt, welche aus einem entfernten Theile des Gebäudes zu kommen schienen. Nicht lange darauf hörte sie das Lärmen mehrerer Leute, welche die Treppe hinabstiegen. Verwundert über diese ungewöhnlichen Töne in ihrer einsamen Wohnung, blieb sie einige Augenblicke in dem Zustande besorgter, aber ungewisser Spannung, als die Dienerin mit Schrecken in allen Zügen in das Zimmer stürzte und ihr meldete, ihr Vater werde so eben von Bewaffneten hinweggeführt. Inez hörte sie nicht weiter an, sondern flog die Treppe hinab, die Fortgehenden einzuholen. Kaum war sie über die Schwelle des Hauses getreten, als sie sich von Fremden festgehalten sah. »Hinweg! hinweg!« rief sie wild, »haltet mich nicht auf, laßt mich meinem Vater folgen.« »Wir kommen, Euch zu ihm zu führen, Señora,« sagte einer von den Männern ehrfurchtsvoll. »Und wo ist er?« »Er ist nach Granada gegangen,« erwiederte der Mensch, »ein unerwarteter Vorfall macht seine Gegenwart daselbst nothwendig, allein er ist unter Freunden.« »Wir haben keine Freunde in Granada,« sagte Inez, indem sie zurücktrat; in diesem Augenblick fiel ihr aber Antonio ein, und daß etwas, mit dessen Schicksal in Beziehung stehendes, ihn dahin gerufen haben möge. »Ist Señor Antonio de Castros bei ihm?« fragte sie hastig. »Ich weiß es nicht, Señora,« erwiederte der Mann. »Es ist sehr möglich. Ich weiß nur, daß Euer Vater sich unter Freunden befindet und wünscht, daß Ihr ihm folgt.« »So laßt uns gehen,« sagte sie schnell. Die Männer führten sie zu einem nicht entfernten Orte, wo ein Maulthier bereit stand, halfen ihr in den Sattel und geleiteten sie langsam nach der Stadt. Granada war an diesem Abend der Schauplatz eines phantastischen Festes. Es war eines der Feste der Maestranza, einer Verbindung des Adels zur Aufrechthaltung der edeln Gebräuche des alten Ritterthums. Auf einem der Plätze war ein Turnier gehalten worden; die Straßen erschallten noch von Zeit zu Zeit von dem Lärm einer einzelnen Trommel oder dem Geschmetter einer Trompete, welche ein herumziehender Haufe lustigen Volks ertönen ließ. Zuweilen begegneten sie Cavalieren, die mit reicher alterthümlichen Kleidung angethan, von ihren Waffenträgern begleitet wurden; ein Mal kam sie auch bei einem glänzend beleuchteten Palaste vorüber, aus welchem Geräusch von Musik und Tanz erschallte. Kurz darauf erreichten sie den Platz, wo das seltsame Turnier gehalten worden war. Er war dicht mit den untern Klassen des Volks bedeckt, welche sich um die Buden drängten, wo Erfrischungen verkauft wurden, und der Schein der Fackeln beleuchtete die für dieses Fest errichteten Galerien, die buntfarbigen Gezelte, die Trophäen und das übrige Zubehör der Festlichkeit. Inez' Führer waren bemüht, sich der Beachtung zu entziehen und einen dunkeln Theil des Platzes zu durchschneiden, wurden aber an einer Stelle durch das Gedräng der Menge aufgehalten, die einen Haufen herumziehender Musiker umgab, die eine jener Balladen sangen, welche die Spanier so leidenschaftlich lieben. Die Fackeln, welche Einige aus der Menge trugen, warfen einen hellen Schein auf Inez, und der Anblick eines so holden Wesens, ohne Mantilla oder Schleier, so verstört aussehend, und von Männern geführt, welche die sie umgebende Fröhlichkeit keinesweges zu theilen schienen, erweckte die Neugierde. Eine von den Balladensängerinnen näherte sich, schlug ihre Guitarre mit besonderm Ernste an, und begann ein klagendes Lied voll düsterer Ahnungen zu singen. Inez bebte vor Ueberraschung. Es war dieselbe Balladensängerin, welche sich in dem Garten des Generalife an sie gewendet hatte. Es war auch dasselbe Lied, das sie damals gesungen. Es sprach von drohenden Gefahren; und diese schienen allerdings sich um sie zu sammeln. Sie wünschte eifrig, mit dem Mädchen zu reden, und zu erfahren, ob sie eine bestimmtere Kenntniß von einem Uebel habe, das ihr drohe; als sie sich ihr aber nähern wollte, ergriff einer ihrer Begleiter hastig das Maulthier, welches sie ritt, beim Zügel, und führte es durch das Gewühl, während ein anderer drohende Worte an die Balladensängerin richtete. Letztere erhob warnend ihre Hand, als Inez sie aus dem Gesicht verlor. Während sie noch in Erstaunen über diese sonderbare Begebenheit verloren war, hielt man am Thore eines großen Gebäudes still. Einer ihrer Begleiter pochte an, die Thür öffnete sich, und man betrat nun einen gepflasterten Hof. »Wo sind wir?« fragte Inez ängstlich. »In dem Hause eines Freundes, Señora,« antwortete der Mensch. »Steigt diese Treppe mit mir hinan, und Ihr werdet in einem Augenblick Euern Vater finden.« Man stieg eine Treppe hinauf, welche zu einer Reihe glänzender Zimmer führte. Sie gingen durch mehrere derselben, bis sie zu einem innern Gemache kamen. Die Thür öffnete sich, Jemand trat näher: wie groß war aber der Schrecken des Mädchens, als sie nicht ihren Vater, sondern Don Ambrosio vor sich erblickte! Die Leute, welche sich des Alchymisten bemächtigt hatten, waren wenigstens der Wahrheit treuer geblieben. Sie waren allerdings Diener der Inquisition. Er wurde in tiefem Schweigen in das finstere Gefängniß dieses furchtbaren Gerichts geführt. Dieß war ein Ort, dessen Anblick schon die Freude erstarren ließ und jeder Hoffnung beinahe den Zugang wehrte. Es war eines jener scheußlichen Gemächer, welche die schlechten Leidenschaften der Menschen in diese schöne Welt herauf beschwören, um den fabelhaften Höhlen der Dämonen und der Verdammten hienieden Etwas an die Seite stellen zu können. Ein Tag nach dem andern ging trüb dahin, ohne daß das Fortschreiten der Zeit anders bemerklich geworden wäre, als durch das Verschwinden und die Wiedererscheinung des Lichts, welches schwach durch das enge Fenster des Kerkers dämmerte, worin der unglückliche Alchymist eher begraben, denn eingeschlossen war. Sein Gemüth quälte Ungewißheit und Besorgniß über das Schicksal seiner verlassenen hülflosen Tochter. Er suchte von dem, der ihm seine tägliche Nahrung brachte, Nachricht über sie einzuziehen. Der Mensch starrte ihn an, als wundere er sich, daß man in der Wohnung des Schweigens und des Geheimnisses eine Frage thun könne, entfernte sich aber, ohne ein Wort zu sagen. Jeder folgende Versuch war gleich fruchtlos. Den armen Alchymisten drückten manchfache Sorgen; und es war nicht sein geringster Kummer, daß er in seinen Arbeiten wieder unterbrochen worden war, als er dem Gelingen derselben so ganz nahe zu sein glaubte. Nie war ein Alchymist dem goldenen Geheimnisse näher gewesen, – noch eine kurze Zeit, und alle seine Hoffnungen hätten sich erfüllt. Der Gedanke an diese Vereitelung seiner Aussichten quälte ihn mehr, als die Furcht vor allem dem, was die erbarmungslose Inquisition ihn leiden lassen möchte. Die Gedanken, denen er wachend nachhing, verfolgten ihn auch in seinen Träumen. Er sah sich dann in sein Laboratorium versetzt, wieder mit Retorten und Destillirkolben beschäftigt, und von Lully, d'Abano, Olybius und den anderen Meistern der erhabenen Kunst umgeben. Der Augenblick der Projection war da: eine seraphische Gestalt stieg aus dem Ofen empor, und zeigte ihm ein Gefäß, welches das kostbare Elixir enthielt; ehe er aber die Beute ergreifen konnte, erwachte er und fand sich in einem Gefängniß. Alle Kunstgriffe des inquisitorischen Scharfsinns wurden angewandt, den alten Mann zu verstricken, und von ihm ein Geständniß zu erhalten, das man gegen ihn brauchen könnte und das die heimliche Auskunft bestätigte, die man über ihn sich zu verschaffen gewußt hatte. Er war beschuldigt worden, schwarze Kunst und Sterndeuterei getrieben zu haben, und man hatte insgeheim eine Menge scheinbarer Beweise zusammengebracht, um dieser Beschuldigung Gehalt zu geben. Es würde überflüssig sein, alle anscheinend bekräftigenden Umstände anzuführen, welche der geheime Ankläger mit großem Geschicke hingestellt hatte. Das Stillschweigen, welches um den Thurm herrschte, seine Verfallenheit, ja selbst die Ruhe seiner Bewohner, wurden als Beweise angeführt, daß etwas Unheimliches darin vorgehe. Des Alchymisten Unterredungen und Selbstgespräche im Garten waren belauscht und in einem falschen Lichte dargestellt worden. Das Licht und die sonderbaren nächtlichen Erscheinungen im Thurme wurden mit gewaltigen Uebertreibungen berichtet. Geschrei sollte von dort aus sich um Mitternacht haben hören lassen, wo, wie man bestimmt versicherte, der alte Mann durch seine Zaubereien Geister hervorrufe, und selbst die Todten zwinge, sich aus ihren Gräbern zu erheben und auf seine Fragen zu antworten. Der Alchymist blieb, nach dem Gebrauche der Inquisition, in gänzlicher Unwissenheit über seinen Ankläger; über die gegen ihn aufgestellten Zeugen; ja selbst über die Verbrechen, deren man ihn beschuldigte. Er wurde im Allgemeinen befragt, ob er wisse, warum man ihn eingezogen habe, und ob er sich irgend einer Schuld bewußt sei, welche die Beachtung des heiligen Gerichts verdiene? Man befragte ihn genauer über sein Vaterland, sein Leben, seine Gewohnheiten, seine Beschäftigungen, seine Handlungen und Meinungen. Der alte Mann war offen und frei in seinen Antworten: er war sich keiner Schuld bewußt, keiner Künste fähig und in keiner Verstellung geübt. Nachdem er eine allgemeine Ermahnung erhalten, bei sich zu überlegen, ob er keine Handlung begangen, welche Strafe verdiene, und sich durch Eingeständniß der wohlbekannten Milde des Gerichts würdig zu machen, ward er in seine Zelle zurückgeschickt. Er ward nun in seinem Kerker von verschmitzten Dienern der Inquisition besucht, welche unter dem Vorwande der Theilnahme und des Wohlwollens kamen, ihm in seinem Gefängniß durch freundliche Unterredung die langwierige Zeit zu verkürzen. Sie brachten wie zufällig das Gespräch auf Alchymie, die sie mit großer Vorsicht und anscheinender Gleichgültigkeit berührten. Es bedurfte dieser List nicht. Des ehrlichen Schwärmers Seele kannte keinen Argwohn: kaum hatten sie seinen Lieblingsgegenstand berührt, als er sein Unglück und seine Gefangenschaft vergaß und sich in eine feurige Lobrede auf diese göttliche Kunst ergoß. Die Unterhaltung wurde künstlich auf die Erörterung über elementarische Wesen gelenkt. Der Alchymist bekannte alsbald, daß er an sie glaube und daß es Beispiele gebe, wo sie Weltweisen beigestanden und ihren Wünschen dienstbar gewesen. Er erzählte manche Wunder, welche von Apollonius Thyaneus durch den Beistand von Geistern oder Dämonen bewirkt worden, so daß ihn die Ungläubigen dem Messias gegenüber gestellt, ja manche Christen ihn mit Ehrfurcht betrachtet hatten. Die Diener fragten hastig, ob er Apollonius für einen echten und würdigen Philosophen halte. Die kunstlose Frömmigkeit des Alchymisten schützte ihn in seiner Einfalt; denn er verdammte Apollonius als Zauberer und Lügner. Keine Kunst konnte ihm ein Geständniß entlocken, daß er die Hülfe der Geister je bei seinen Arbeiten angewendet oder angerufen habe, obgleich er sich zu der Ansicht bekannte, er sei durch ihr unsichtbares Einwirken öfters gehindert worden. Die Inquisitoren wurden nicht wenig verlegen darüber, daß sie nicht im Stande waren, ihn zu einem verfänglichen Geständnisse zu bringen; sie maßen das Mißlingen ihrer Pläne der List, dem Eigensinne, jeder andern Ursache, nur nicht der wahren bei, nämlich daß der harmlose Schwärmer kein Verbrechen zu bekennen hatte. Sie besaßen hinlängliche Beweise geheimer Art gegen ihn; allein es war der Gebrauch der Inquisition, daß man das Geständniß der Gefangenen zu erhalten suchte. Ein Auto da Fé war vor der Thüre, die ehrwürdigen Väter wünschten sehnlichst, den Angeklagten überführen zu können, denn sie hatten immer gern eine bedeutende Anzahl von Verbrechern zur Hand, welche zum Scheiterhaufen verdammt waren, um diese Triumphe mit gehörigem Gepränge begehen zu können. Er ward zuletzt zu einem End-Verhöre vorgefordert. Das Zimmer, worin dieß gehalten wurde, war groß und düster. An dem einen Ende stand ein großes Kruzifix, das Zeichen der Inquisition. Ein langer Tisch, an welchem die Inquisitoren und ihr Schreiber saßen, nahm die Mitte des Zimmers ein; an dem andern Ende stand ein Sessel für den Gefangenen. Er ward, wie gewöhnlich, mit entblößtem Haupte und barfuß eingeführt. Einkerkerung und Gram, unablässiges Brüten über das Schicksal seiner Tochter und die unglückliche Unterbrechung seiner Versuche hatten ihn geschwächt. Er setzte sich zusammengebückt und theilnahmlos nieder; sein Haupt sank auf seine Brust; sein ganzes Aeußere war das eines Mannes, der »hoffnungslos und verlassen, sich selbst aufgegeben hat.« Die Anklage wurde nun in gehöriger Form vorgebracht; er ward bei seinem Namen, Felix de Vasquez, ehemals wohnhaft in Castilien, aufgerufen, um sich auf die Beschuldigungen der schwarzen Kunst und Geisterbannerei zu rechtfertigen. Mau eröffnete ihm, daß die Anklagen hinlänglich begründet wären, und fragte ihn, ob er bereit sei, durch ein volles Bekenntniß die wohlbekannte Gnade der heiligen Inquisition in Anspruch zu nehmen. Der Philosoph war über die Beschaffenheit der Anklage ein wenig erstaunt, erwiederte aber einfach: »ich bin unschuldig.« »Welchen Beweis könnt Ihr für Eure Unschuld beibringen?« »Es kommt Euch eher zu, Eure Beschuldungen zu erweisen,« antwortete der Alte. »Ich bin in diesem Lande fremd, habe mich nur eine Zeitlang hier aufgehalten, und kenne Niemand außerhalb der Schwelle meiner Wohnung. Ich kann zu meiner Rechtfertigung nichts weiter beibringen, als das Wort eines Edelmannes und eines Castilianers.« Der Inquisitor schüttelte den Kopf und begann von neuem die Fragen über seine Lebensart und seine Beschäftigungen zu wiederholen. Der arme Alchymist war zu schwach und seine Seele zu gebeugt, als daß er mehr denn kurze Antworten hätte geben können. Er bat, daß irgend ein wissenschaftlicher Mann sein Laboratorium und alle seine Bücher und Papiere untersuchen möge, woraus hinlänglich klar werden würde, daß er nur mit dem Studium der Alchymie beschäftigt gewesen sei. Auf diese Vertheidigung bemerkte der Inquisitor, daß Alchymie ein bloßer Deckmantel für heimliche und todeswürdige Sünden geworden sei. Daß die ihr Ergebenen sich kein Bedenken über die Mittel machten, ihren ungeordneten Durst nach Gold zu befriedigen. Einige hätten unter Zaubersprüchen und gottlosen Gebräuchen die Hülfe böser Geister angerufen, ja sogar ihre Seelen dem Erbfeinde des Menschengeschlechts verkauft, damit sie während ihrer Lebenszeit in unermeßlichem Reichthume schwelgen könnten. Der arme Alchymist hatte Alles geduldig, oder wenigstens ruhig mit angehört. Er hatte es verschmäht, seinen Namen anders, als durch sein Wort zu vertheidigen; er hatte über die Anschuldigung der Zauberei gelächelt, so lange sie sich auf ihn selbst beschränkte; als aber die erhabene Kunst, welche das Studium und die Leidenschaft seines ganzen Lebens gewesen war, angegriffen ward, konnte er nicht länger stumm zuhören. Sein Haupt erhob sich von seiner Brust; ein flüchtiges Roth überzog in einzelnen Streifen seine Wangen, erschien, verschwand, kehrte wieder, und ward am Ende zu einer brennenden Gluth. Der kalte Schweiß verschwand von seiner Stirn; seine Augen, die beinahe erloschen gewesen, flammten wieder auf, und brannten in ihrem gewöhnlichen, schwärmerischen Feuer. Er ging in eine Rechtfertigung seiner Kunst ein. Seine Stimme war anfangs schwach und gebrochen; allein sie gewann Stärke, als er weiter sprach, bis sie in einem tiefen, melodischen Umfang ertönte. Während seiner geistigen Erhebung richtete er sich allmählig von seinem Sitz auf; er warf den dünnen schwarzen Mantel zurück, in den er sich bis jetzt eingehüllt hatte; selbst das Fremdartige seines Ansehens und seiner Blicke gab dem, was er sprach, etwas noch Eindringlicheres: es war, als ob ein Todter plötzlich belebt worden sei. Er wies mit Verachtung die Beschuldigungen zurück, welche von den Unwissenden und dem gemeinen Haufen der Alchymie gemacht wurden. Er behauptete, daß sie die Mutter aller Künste und Wissenschaften sei, und führte die Meinung des Paracelsus, Sandivogius, Raimund Lully und Anderer, zur Unterstützung seiner Behauptungen an. Er bestand darauf, daß sie rein und unschuldig und ehrenvoll in ihren Mitteln und Zwecken sei. Was war ihr Ziel und Streben? die Erhaltung des Lebens und der Jugend und die Hervorbringung des Goldes. »Das Elixir des Lebens« sagte er, »ist kein Zaubertrank, sondern nur ein Concentriren der Elemente der Lebenskraft, welche die Natur in ihren Werken zerstreut hat. Der Stein der Weisen, oder die Tinktur, oder das Pulver, wie es verschiedentlich genannt wird, ist kein nekromantischer Talisman, sondern besteht einfach aus jenen Theilen, welche das Gold zu seiner Wiederhervorbringung in sich selbst enthält; denn das Gold hat, wie andere Dinge, seinen Samen in sich selbst, obgleich es mit unbegreiflicher Festigkeit, durch die Kraft der eingebornen festen Salze und Schwefel, in sich verbunden ist. Wenn wir also das Elixir des Lebens zu entdecken suchen,« fuhr er fort, »so bemühen wir uns nur, einige von den Mitteln der Natur selbst gegen die Krankheit und Hinfälligkeit, denen unser Körper unterworfen ist, anzuwenden; und was thut der Arzt anders, wenn er seine Kunst aufbietet, und seine Zusammensetzungen und künstliche Abkochungen braucht, um unsere sinkenden Kräfte wieder aufzufrischen und den Streich des Todes auf einige Zeit von uns abzuwenden?« »Wenn wir die edlen Metalle zu vervielfältigen streben, suchen wir gleichfalls nur durch natürliche Mittel eine besondere Gattung von Erzeugnissen der Natur hervorzubringen und zu vervielfältigen; und was thut der Landmann anders, wenn er, das Wetter und die Jahreszeit berathend, und gewissermaßen durch einen natürlichen Zauber, durch das bloße Ausstreuen seiner Hand, eine ganze Ebene mit goldenen Früchten bedeckt? Die Geheimnisse unserer Kunst sind, es ist wahr, tief und in Dunkelheit gehüllt; aber um so mehr bedarf es der Unschuld und Reinheit der Gedanken, um in sie einzudringen. Nein, Vater! der wahre Alchymist muß rein sein an Körper und Geist; er muß mäßig, geduldig, keusch, wachsam, sanftmüthig, demüthig. fromm sein. »Mein Sohn,« sagt Hermes Trismegistus, der große Meister unsrer Kunst, »mein Sohn, ich empfehle Dir vor allen Dingen Gott zu fürchten.« Und in der That wird der Alchymist nur durch fromme Kasteiung der Sinne und durch Reinigung der Seele geschickt, in die heiligen Gemächer der Wahrheit einzugehn. »Arbeite, bete und lies« ist der Wahlspruch unserer Wissenschaft. Wie de Nuysment sehr richtig bemerkt, so wird diese hohe und besondere Gnade nur den Söhnen Gottes, das heißt, den Tugendhaften und Frommen, gewährt, welche, unter seinem väterlichen Segen, die Eröffnung derselben von der helfenden Hand der Königin der Künste, der göttlichen Philosophie, erlangt haben. In der That hat man die Eigenschaft dieser Kenntniß für so heilig gehalten, daß wir lesen, sie sei viermal ausdrücklich dem Menschen von Gott mitgetheilt worden, indem sie einen Theil der kabbalistischen Weisheit bildete, welche Adam eröffnet wurde, um ihn für den Verlust des Paradieses zu entschädigen; dann dem Moses im Busche, Salomon im Traume, und dem Esra durch den Engel.« »Weit entfernt, daß die Dämonen und bösartigen Geister die Freunde und Gehülfen des Alchymisten sein sollten, sind sie vielmehr die steten Feinde, mit denen er zu kämpfen hat. Es ist ihr beständiges Bemühn, die Zugänge zu jenen Wahrheiten zu verschließen, welche ihn in den Stand setzen würden, sich aus der Niedrigkeit, zu der er herabgesunken ist, zu erheben, und jene Vortrefflichkeit wieder zu erlangen, welche sein natürliches Erbrecht ist. Denn was würde der Zweck dieser Länge der Lebenstage und dieses überschwenglichen Reichthums sein, als der, ihre Besitzer in den Stand zu setzen, von Kunst zu Kunst, von Wissenschaft zu Wissenschaft fortzuschreiten, mit Kräften, welche durch keine Krankheit beschränkt, von keinem Tode unterbrochen werden? Dafür haben Weise und Philosophen sich in ihre Zellen und Einöden abgeschlossen; sich in Höhlen und Schluchten der Erde vergraben; den Freuden des Lebens und den Vergnügungen der Welt entsagt; Verachtung, Armuth und Verfolgung ertragen. Deßwegen ward Raimund Lully in Mauretanien zu Tode gesteinigt. Deßwegen erlitt der unsterbliche Pietro d'Abano Verfolgungen in Padua und ward, als ihn der Tod seinen Verfolgern entriß, schmachvoller Weise im Bilde verbrannt. Deßwegen haben ausgezeichnete Männer aller Völker unerschrocken das Märtyrthum erduldet. Deßwegen haben sie, wenn man sie unbelästigt gelassen, auch die letzte Stunde, den letzten Pulsschlag ihres Daseins noch unermüdlich zur Arbeit angewandt, bis zuletzt hoffend, daß sie den Preis, um welchen sie kämpften, erringen, und sich aus dem Rachen des Todes erretten würden!« »Denn, wenn einmal der Alchymist das Ziel seiner Anstrengungen erreicht haben, wenn das erhabene Geheimniß vor seinen Blicken eröffnet sein wird, wie glänzend wird sich da sein Zustand verändern! Er wird herausbrechen aus seiner Zurückgezogenheit, wie die Sonne aus der finstern Kammer der Nacht, und mit seinen Strahlen die Erde erleuchten! Mit ewiger Jugend und grenzenlosem Reichthum begabt, welche Höhe der Weisheit kann er dann erreichen! Wie wird er ununterbrochen den Faden des Wissens verfolgen können, der bis jetzt durch den Tod eines jeden Philosophen abgerissen wird! Und da die Vermehrung der Weisheit auch die der Tugend ist, wie kann er zum Wohlthäter seiner Mitmenschen werden; mit freigebiger, doch vorsichtiger und sichtender Hand den unerschöpflichen Reichthum vertheilend, welcher ihm zu Gebote steht, die Armuth, welche der Grund so vielen Kummers und so vieler Verderbtheit ist, verbannend, Entdeckungen fördernd und alle die Mittel eines tugendhaften Genusses vervielfältigend! Sein Leben wird das Band von Geschlechtern werden. Die Geschichte wird sein Andenken unvergänglich machen; entfernte Jahrhunderte werden noch mit seiner Zunge reden. Die Völker der Erde werden ihn als ihren Lehrer betrachten, und Könige zu seinen Füßen sitzen und Weisheit lernen. O ruhmvolle, o himmlische Alchymie!« Hier wurde er von dem Inquisitor, der ihn ruhig hatte fortreden lassen, um aus seiner arglosen Begeisterung vielleicht irgend etwas schöpfen zu können, unterbrochen. »Señor,« sagte er, »alles dieß ist nichts als eine herumschweifende, schwärmerische Rede. Ihr seid der Zauberei angeklagt, und gebt uns zu Eurer Vertheidigung eine Lobrede der Alchymie: könnt Ihr nichts Besseres zu Eurer Rechtfertigung vorbringen?« Der alte Mann nahm langsam seinen Sitz wieder ein, würdigte aber die Frage keiner Antwort. Das Feuer, das in seinen Augen gebrannt hatte, erlosch allgemach. Seine Wange überzog wiederum die gewohnte Blässe; aber er fiel nicht in das Irrereden zurück. Er saß da mit festem, heiterm, geduldigem Blicke, wie Einer, der bereit ist, nicht zu kämpfen, sondern leidend zu dulden. Seine Untersuchung zog sich, mit grausamer Verspottung der Gerechtigkeit, lange hinaus, denn bei diesem Gerichtshofe wurden die Zeugen nie dem Angeklagten gegenübergestellt, und dieser mußte sich immer im Dunkel vertheidigen. Ein unbekannter, mächtiger Feind hatte gegen den unglücklichen Alchymisten eine Anschuldigung vorgebracht; wer es sei, vermochte er nicht zu ergründen. Ein Fremdling, wie er, der nur einen einstweiligen Aufenthalt im Lande gesucht, abgeschieden und harmlos bei seinen Beschäftigungen, wie konnte dieser zu einer solchen Feindseligkeit Anlaß gegeben haben? Die Macht der geheimen Aussage gegen ihn war jedoch zu groß; er war des Verbrechens der Zauberei überführt und verurtheilt, bei dem bevorstehenden Auto da Fé auf dem Scheiterhaufen seine Sünden zu büßen. Während dem unglücklichen Alchymisten in den Gefängnissen der Inquisition der Prozeß gemacht wurde, war seine Tochter nicht weniger harten Prüfungen ausgesetzt. Don Ambrosio, in dessen Hände sie gefallen, war, wie schon oben gesagt worden, einer der unternehmendsten, ruchlosesten Wüstlinge in Granada. Er war ein Mann von heißem Blute und gewaltiger Leidenschaft, der sich von keinem Hindernisse abhalten ließ, seine Wünsche zu befriedigen; er besaß dabei eine Leichtigkeit des Benehmens, Gewandtheit und Talente; welche ihm bei dem schönen Geschlechte ausgezeichnetes Glück verschafft hatten. Seine Eroberungen erstreckten sich von dem Palaste bis zu der Hütte; seine Serenaden störten die Hälfte der Ehemänner von Granada im Schlummer; kein Balkon war zu hoch, den er nicht zu erklimmen gewagt, keine Hütte für seine gefährlichen Netze zu niedrig. So leidenschaftlich er aber war, so unbeständig war er auch: das Glück hatte ihn eitel und launisch gemacht; er hatte kein Gefühl, das ihn an die Opfer seiner Künste knüpfte und manche bleiche Wange, manches erloschene Auge, welches zwischen dem Scheine der Juwelen matt aufblickte, manches brechende Herz, das unter dem ländlichen Mieder schlug, zeugte von seinen Triumphen und von seiner Treulosigkeit. Er war jedoch durch leichte Eroberungen gesättigt, und eines Lebens überdrüssig, das eine fortdauernde und schnelle Gewährung darbot. Seine Angriffe auf Inez waren mit einem Grade von Schwierigkeiten und mühseligen Anstalten verknüpft gewesen, welche er vorher nicht gekannt hatte. Dieß erweckte ihn auf einmal aus der Eintönigkeit eines rein sinnlichen Lebens und ließ ihn den Reiz des Abenteuers empfinden. Er war ein Feinschmecker in der Wollust geworden, und jetzt, wo er diese spröde Schönheit in seiner Macht hatte, war er entschlossen, seinen Genuß durch die allmählige Besiegung ihrer Bedenklichkeiten und den langsam herbeigeführten Fall ihrer Tugend zu verlängern. Er war eitel auf seine Person und seine Gewandtheit, der, wie er glaubte, kein Weib lange widerstehen könne; und es war eine Art Probe seiner Gewandtheit, durch Kunst und Bezauberung zu gewinnen, was er zu jeder Zeit durch Gewalt erhalten konnte. Als mithin Inez durch seine Miethlinge vor ihn gebracht wurde, stellte er sich, als ob er ihre Schrecken und ihre Ueberraschung nicht bemerkte, sondern empfing sie mit förmlicher, gemessener Höflichkeit. Er war ein zu gewandter Vogelsteller, als daß er den Vogel hätte erschrecken sollen, wenn er sich so eben erst in dem Netze verstrickt hatte. Auf ihre angelegentlichen, verstörten Nachfragen nach ihrem Vater antwortete er nur durch die Bitte, sich nicht zu beunruhigen; er sei wohlbehalten, und würde schon erschienen sein, wenn er nicht mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt wäre, von der er bald zurückkehren müsse; unterdessen habe er aber melden lassen, daß sie ruhig seine Rückkehr abwarten möge. Nach einigen abgemessenen Worten bloßer allgemeiner Höflichkeit machte Don Ambrosio eine ehrerbietige Verbeugung und entfernte sich. Inez' Gemüth war voll von Angst und Ungewißheit. Die abgemessene Förmlichkeit Don Ambrosio's kam ihr so unerwartet, daß sie auf einmal die Anklagen und Vorwürfe unterdrückte, die ihren Lippen zu entströmen im Begriff waren. Hätte er böse Absichten gehabt, würde er sie mit dieser kalten Höflichkeit behandelt haben, da sie sich in seiner Gewalt befand? Aber warum hatte man sie in sein Haus gebracht? Stand nicht das geheimnißvolle Verschwinden Antonio's damit in Verbindung? Ein Gedanke durchzuckte plötzlich ihre Seele. Antonio war Don Ambrosio abermals in den Weg getreten – sie hatten sich geschlagen – Antonio war verwundet – lag vielleicht im Sterben! – Zu ihm hatte ihr Vater sich begeben. – Auf seine Bitte hatte Don Ambrosio nach ihnen gesendet, ihm seine letzten Augenblicke zu versüßen! Diese und tausend ähnliche schreckliche Vermuthungen beunruhigten ihr Gemüth; aber vergebens suchte sie von den Bedienten Aufklärung zu erhalten; sie wußten nichts, als daß ihr Vater da gewesen, weggegangen sei, und bald zurückkehren würde. So ging eine Nacht in wildem Gedankensturme und unbestimmten, doch quälenden Besorgnissen hin. Sie wußte nicht, was sie thun, nicht, was sie glauben, nicht, ob sie fliehen oder bleiben sollte; versuchte sie zu entfliehen, wie sollte sie von hier entkommen? und wo sollte sie ihren Vater aufsuchen? Als der Tag anbrach, und immer keine Nachricht von ihm kam, nahm ihre Unruhe zu; endlich kam eine Botschaft von ihm, des Inhalts, daß Umstände ihn verhinderten, zu ihr zu kommen, daß er sie aber bitte, ohne Verzug zu ihm zu eilen. Mit sehnendem, klopfenden Herzen begab sie sich mit den Männern, welche sie zu ihm führen sollten, auf den Weg. Sie gedachte jedoch kaum, daß sie dieses Gefängniß nur mit einem andern vertauschen sollte. Don Ambrosio fürchtete, daß man die Spur seiner That bis zu seinem Palaste in Granada verfolgen, oder daß er dort gestört werden möge, ehe er seinen Verführungsplan ausführen könnte. Er ließ Inez deßwegen jetzt nach einem Hause bringen, das er in einer der abgelegenen Berggegenden in der Nähe von Granada besaß; einem einsamen, aber schönen Landsitze. Vergebens sah sie sich bei ihrer Ankunft nach ihrem Vater oder nach Antonio um; nur fremde Gesichter begegneten ihren Blicken; ehrfurchtsvolle Diener, die aber nur das wußten und sahen, was ihrem Herrn beliebte. Kaum war sie angekommen, als auch Don Ambrosio erschien, weniger abgemessen in seinem Benehmen, sie aber doch noch mit derselben Zartheit und Achtung behandelnd. Inez war zu sehr erregt und beunruhigt, als daß seine Höflichkeit sie hätte täuschen sollen, und wurde ungestüm in ihren Fragen nach ihrem Vater. Don Ambrosio nahm jetzt die Miene der größten Verlegenheit und Bewegung an. Nach einigem Zögern und vieler scheinbaren Verwirrung, gestand er ihr endlich, daß die Hinwegführung ihres Vaters eine bloße Kriegslist gewesen sei; ein bloßer falscher Lärm, um ihm die gegenwärtige Gelegenheit zu verschaffen, sich ihr zu nähern, und die Härte und das Widerstreben zu mildern und zu bekämpfen, die, wie er erklärte, ihn beinahe zur Verzweiflung getrieben hätten. Er versicherte sie, daß ihr Vater wieder zu Hause in Sicherheit sei, und seinen gewöhnlichen Beschäftigungen obliege, da er vollkommen überzeugt sei, daß sich seine Tochter in guten Händen befinde und bald wieder zu ihm zurückkehren werde. Vergebens warf sich Inez ihm zu Füßen, und flehte ihn an, ihr die Freiheit zu geben: er antwortete ihr nur durch sanfte Bitten, ihm die anscheinende Gewaltthätigkeit zu verzeihen, zu der er gezwungen sei, und nur noch kurze Zeit seiner Ehre zu vertrauen. »Ihr seid hier,« sagte er, »unumschränkte Gebieterin über Alles: nichts soll gesagt oder gethan werden, was Euch beleidigen kann; ich will Euch sogar nicht einmal mit der unglücklichen Leidenschaft lästig fallen, welche mein Herz verzehrt. Solltet Ihr es verlangen, so will ich mich sogar aus Eurer Nähe entfernen; aber Euch in dem Augenblicke gänzlich zu verlassen, wo Euer Gemüth voll von Zweifeln und Unwillen ist, würde mir härter als der Tod sein. Nein, schöne Inez, Ihr müßt mich erst besser kennen lernen, und durch mein Benehmen Euch überzeugen, daß meine Leidenschaft für Euch eben so zart und ehrerbietig als heftig ist.« Die Versicherung von dem Wohlbefinden ihres Vaters hatte Inez von einem Gedanken quälender Besorgniß nur befreit, um die Furcht über ihr eigenes Schicksal desto mächtiger in ihr zu wecken. Don Ambrosio fuhr jedoch fort, sie mit einer geheuchelten Ehrerbietung zu behandeln, welche ihre Besorgnisse unmerklich zum Schweigen brachten. Sie fühlte zwar, daß sie eine Gefangene sei, allein ihre Hülflosigkeit schien sie keinen Angriffen Preis zu geben. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, daß eine kleine Zeit hinreichen würde, Don Ambrosio von der Trüglichkeit seiner Hoffnungen zu überzeugen, und daß er sich bewegen lassen würde, sie wieder zurückzuschicken. Ihr Schrecken und ihre Unruhe wichen daher nach wenigen Tagen einer stillen, aber tiefen Schwermuth, mit der sie dem sehnsüchtig erwarteten Ereigniß entgegensah. Unterdessen wurden alle jene Mittel angewendet, welche darauf hinzielen, die Sinne zu bezaubern, die Gefühle zu erregen und das Herz in Zärtlichkeit aufzulösen. Don Ambrosio war Meister in den feinen Künsten der Verführung. Selbst seine Wohnung athmete die entnervende Luft der Sehnsucht und des Vergnügens. Hier, in halb beleuchteten Sälen und dämmernden Gemächern zwischen Orangen- und Myrthengebüschen, verschloß er sich zuweilen vor den spähenden Augen der Welt, und überließ sich ganz der Befriedigung seiner Vergnügungen. Die Zimmer waren auf das kostbarste und üppigste ausgestattet; die seidenen Lager erhoben sich bei jeder Berührung, und sanken bei dem leisesten Druck in flaumiger Weiche zusammen. Gemälde und Bildsäulen versinnlichten alle irgend eine klassische Liebesdichtung; in der Behandlung sprach sich aber eine verrätherische Zartheit aus, welche, indem sie alle widrige Beleidigung der Sittsamkeit verbannte, nur desto mehr darauf berechnet war, die Einbildungskraft zu entflammen. Hier sah man den blühenden Adonis, nicht, wie er sich losriß, um der lärmenden Jagd zu folgen, sondern mit Blumen bekränzt und in den Umarmungen einer himmlischen Schönheit. Dort koste Acis mit seiner Galathea im Schatten, während das sizilische Meer in friedlicher Heiterkeit seinen Spiegel vor ihnen ausbreitete. Hier waren Gruppen von Faunen und Dryaden abgebildet, lässig in ihren Sommerlauben gelagert und auf die angenehmen Töne der Rohrflöte lauschend, oder üppige Satyrn, eine Waldnymphe während ihres Mittagsschlummers überraschend. Auch sah man auf der Tapete die keusche Diana, wie sie im geheimnißvollen Mondlichte leise heran trat, den schlafenden Endymion zu küssen, während Amor und Psyche, in unsterblichem Marmor verschlungen, den ersten Kuss der Liebe tauschten. Die brennenden Strahlen der Sonne wurden von diesen balsamduftenden Hallen entfernt gehalten: sanfte, zärtliche Töne, von unsichtbaren Musikern hervorgebracht, hauchten ringsum in süßen Harmonien und schienen sich mit den Düften zu vermählen, welche Tausende von Blumen ausströmten. Des Abends, wenn der Mond sein Feenlicht über das Ganze verbreitete, erhoben sich zärtliche Serenaden aus den Lauben des Gartens, worin man die schöne Stimme Don Ambrosio's oft unterscheiden konnte; oder man hörte den Berg entlang den sanften Ton der Flöte, wie sie in ihren träumerischen Cadenzen die tiefe Seele der verliebten Schwermuth aushauchte. Auch waren Unterhaltungen aller Art ersonnen, die Einsamkeit zu erheitern und den Gedanken an Einschließung zu verscheuchen. Gruppen andalusischer Tänzer führten in den glänzenden Sälen die verschiedenen malerischen Tänze ihres Landes oder kleine zärtliche Ballets auf, welche irgend eine liebliche Scene ländlicher Liebe und neidischer Eifersucht darstellten. Zuweilen erschienen auch Sänger, welche zu der romantischen Guitarre Lieder voll Leidenschaft und Zärtlichkeit sangen. So forderte Alles um sie her zum Vergnügen und zur Lust auf; allein ihr Herz wandte sich mit Abscheu von diesen eitlen Blendwerken. Thränen traten in ihre Augen, wenn ihre Gedanken sich von diesen Auftritten verführerischen Glanzes zu ihrer niedrigen aber tugendhaften Heimath wandten, der man sie so verrätherisch entführt hatte; oder wenn die Zaubermacht der Musik sie ja einmal in eine zärtliche Träumerei versenkte, geschah dieß nur, um mit Liebe bei Antonio's Bilde zu verweilen. Wenn aber Don Ambrosio, von dieser vorübergehenden Ruhe getäuscht, in einem solchen Augenblicke einmal eine leise Andeutung seiner Leidenschaft versuchte, fuhr sie wie aus einem Traume empor, und schrak mit unwillkührlichem Schauder vor ihm zurück. Sie hatte einen langen Tag in ungewöhnlicher Trauer zugebracht, und vergebens bot am Abend ein Haufe jener Miethlinge all die belebenden Künste des Gesanges und des Tanzes zu ihrer Erheiterung auf. Während der hohe Saal von ihren Tönen widerhallte, und der leichte Tritt der Füße auf dem marmornen Fußboden sich dem Takte des Gesanges anpaßte, fühlte die arme Inez, ihr Haupt in die seidenen Kissen verhüllend, auf denen sie lehnte, in diesen Klängen der Freude ihr Elend nur um so tiefer. Endlich ward ihre Aufmerksamkeit durch die Stimme einer der Sängerinnen angezogen, welche unbestimmte Erinnerungen bei ihr erregte. Sie erhob ihr Haupt und warf einen forschenden Blick auf die Gruppe, die wie gewöhnlich sich am untern Ende des Saales befand. Eine von ihnen trat etwas näher. Es war ein Mädchen, in der phantastischen Schäferkleidung, welche sich zu der Rolle paßte, die sie darstellte; allein ihr Gesicht war nicht zu verkennen. Es war dieselbe Balladensängerin, welche ihr schon zweimal in den Weg getreten, und ihr geheimnißvolle Winke über das sie bedrohende Unheil gegeben hatte. Als die übrigen Darstellungen beendigt waren, ergriff sie ein Tambourin, schwang es hoch über dem Kopfe, und tanzte allein, nach der Melodie ihrer Stimme. Im Tanze näherte sie sich dem Lager, worauf Inez ruhte, und während sie das Tambourin schlug, warf sie ihr gewandt ein zusammengefaltetes Papier in den Schooß. Inez ergriff es mit Begierde, und verbarg es in ihrem Busen. Als Gesang und Tanz zu Ende waren und der bunte Haufe sich entfernte hatte, eilte Inez, sich selbst überlassen, das ihr so geheimnißvoll zugekommene Papier zu entfalten. Es war mit zitternder Hand in fast unleserlichen Zügen geschrieben und lautete: »Seid auf Eurer Hut! Ihr seid von Verrath umgeben. Traut Don Ambrosio's Zurückhaltung nicht: er hat Euch zu seiner Beute ausersehen. Ein schwaches Opfer seiner Treulosigkeit gibt Euch diesen Rath; es ist von zu vielen Gefahren umgeben, um sich deutlicher erklären zu können. – Euer Vater schmachtet in den Kerkern der Inquisition!« Inez schwindelte, als sie dieses furchtbare Papier las. Es war weniger Angst über ihre eigene Gefahr, als Schauer über die Lage ihres Vaters, was sie erfüllte. In dem Augenblicke, wo Don Ambrosio erschien, sprang sie auf, warf sich zu seinen Füßen und flehte ihn an, ihren Vater zu retten. Don Ambrosio war betroffen; er faßte sich aber schnell wieder, und suchte sie durch seine Schmeichelworte und durch die Versicherung, daß ihr Vater wohlbehalten sei, zu beruhigen; allein Inez war nicht zu beruhigen; ihre Besorgnisse waren zu mächtig geworden, als daß sie durch Worte hätten gemildert werden können. Sie erklärte ihm, daß sie es wisse, ihr Vater sei ein Gefangener der Inquisition, und beschwor ihn auf's Neue, ihn zu retten. Don Ambrosio schwieg, in der Ueberraschung der Verlegenheit, einen Augenblick; er war aber zu gewandt, um sich so leicht außer Fassung bringen zu lassen. »Daß Euer Vater ein Gefangener ist,« erwiederte er, »habe ich längst gewußt. Ich habe es Euch verschwiegen, um Euch vergebliche Angst zu ersparen. Ihr kennt jetzt die wahre Ursache, warum ich Euch Eurer Freiheit beraubt habe: es geschah, Euch zu schützen, nicht, Euch gefangen zu halten. Es ist Alles geschehen, Euren Vater zu retten; allein ich bedaure, Euch sagen zu müssen, daß die Beweise für die Verbrechen, deren man ihn beschuldigt, zu unumstößlich sind, um entkräftet werden zu können. Indessen,« fügte er hinzu, »steht es dennoch in meiner Macht, ihn zu retten; ich habe Einfluß, es stehen mir Mittel zu Gebote: die Anwendung derselben kann mir, es ist wahr, manche Unannehmlichkeiten zuziehen, ja vielleicht mich in ernste Bedrängnisse versetzen; aber was würde ich nicht thun, wenn ich hoffen dürfte, durch Eure Gunst mich belohnt zu sehen? Sprecht, schöne Inez,« sagte er, und seine Augen flammten von plötzlicher Begierde: »es steht bei Euch, das Wort auszusprechen, das über Eures Vaters Schicksal entscheidet. Sprecht nur eine freundliche Sylbe, daß Ihr mein sein wollt, und Ihr werdet mich zu Euren Füßen, Euren Vater in Freiheit und in Ueberfluß sehen, und wir Alle werden glücklich sein!« Inez trat mit Verachtung und Mißtrauen von ihm zurück. »Mein Vater,« rief sie aus, »ist zu unschuldig und tadellos, als daß er eines Verbrechens überführt werden könnte: dies ist irgend ein schändlicher, grausamer Kunstgriff!« Don Ambrosio wiederholte seine Behauptungen und zugleich seine ehrlosen Anträge, allein seine Leidenschaft trieb ihn zu weit. Seine niedrigen Andeutungen erweckten Inez' Unwillen und Mißtrauen; und er entfernte sich, zurückgeschreckt und gedemüthigt von dem Stolze und der Würde, die sich auf einmal in ihrem Betragen aussprachen. Die unglückliche Inez ward nun eine Beute der quälendsten Besorgnisse. Don Ambrosio erkannte, daß die Larve ihm vom Gesichte gefallen, und der Zweck aller seiner geheimen Anschläge klar geworden war. Er war zu weit gegangen, um einen Rückschritt zu thun, und abermals Zärtlichkeit und Ehrerbietung zu heucheln; allerdings kränkte und erbitterte ihn ihre Gleichgültigkeit gegen seine Vorzüge, und er suchte jetzt durch Erregung von Furcht seine Absichten zu erreichen. Er schilderte ihr täglich die Gefahren, welche ihren Vater bedrohten, und daß es nur in seiner Gewalt stehe, dieselben abzuwenden. Inez war noch immer ungläubig. Sie kannte die Inquisition zu wenig, um zu wissen, daß selbst die Unschuld nicht immer gegen ihre Grausamkeit schütze; und sie baute zu sehr auf die Tugend ihres Vaters, um zu glauben, daß irgend eine Anschuldigung gegen ihn begründet sein könne. Endlich überreichte ihr Don Ambrosio, um ihrer Zuversicht einen wirksamen Schlag beizubringen, die Bekanntmachung des bevorstehenden Auto da Fé, worin die Gefangenen namhaft gemacht wurden. Sie warf ihr Auge darauf und fand den Namen ihres Vaters, wegen Zauberei zum Scheiterhaufen verdammt. Einen Augenblick stand sie von Schrecken überwältigt da. Don Ambrosio suchte diesen vorübergehenden Zustand zu benutzen. »Bedenkt jetzt, schöne Inez,« sagte er mit dem Tone erheuchelter Zärtlichkeit, »noch ist sein Leben in Euren Händen: ein Wort von Euch, ein freundliches Wort, und ich kann ihn noch retten.« »Ungeheuer! Elender!« rief sie aus, indem sie mit unüberwindlichem Abscheu von ihm zurückwich: »Du bist die Ursache von Allem – Du bist sein Mörder!« Dann, ihre Hände ringend, brach sie in Ausrufungen des leidenschaftlichsten Schmerzes aus. Der verrätherische Ambrosio sah die Qualen ihrer Seele, und erwartete davon seinen Triumph. Sie war, wie er wohl bemerkte, bei dem jetzigen gereizten Zustande nicht in der Stimmung, seinen Worten Gehör zu geben; allein er hoffte, daß die Schauer des einsamen Nachdenkens ihren Stolz beugen und sie seinem Willen geneigt machen würden. Hierin sah er sich aber getäuscht. Die Uebergänge in dem Gemüthszustande der unglücklichen Inez waren mannigfach; bald umschlang sie seine Knie mit herzzerreißendem Flehen; bald fuhr sie mit krampfhaftem Schrecken bei seiner Annäherung zusammen; allein jede Erwähnung seiner Leidenschaft erregte nur dieselben Gefühle des Widerwillens und des Abscheues in ihr. Endlich nahte der verhängnißvolle Tag heran. »Morgen,« sagte Don Ambrosio, als er sie Abends verließ. »morgen wird das Auto da Fé gehalten. Morgen werdet Ihr den Ton der Glocke hören, welche Eurem Vater zum Tode läutet. Ihr werdet beinahe den Rauch sehen können, welcher von seinem Scheiterhaufen emporsteigt. Ich überlasse Euch Eurem Nachdenken. Noch steht es in meiner Macht, ihn zu retten. Bedenkt, ob Ihr die Schrecken des morgenden Tages ohne Schauder werdet überstehn können. Bedenkt, ob Ihr den Gedanken werdet ertragen können, die Ursache seines Todes zu sein, und zwar bloß durch die Hartnäckigkeit, mit der Ihr ein angebotenes Glück von der Hand weiset.« Welch eine Nacht für Inez! Ihr Herz erlag beinahe unter diesen wiederholten, endlosen Bedrängnissen; ihre Kraft verließ sie. Auf allen Seiten harrten ihrer unentfliehbare Schrecken: ihres Vaters Tod, ihre eigene Schande; hier schien kein Ausweg zwischen Elend und Verderben. »Ist denn keine Hülfe von Menschen – kein Mitleid im Himmel?« rief sie aus. »Was – was haben wir verbrochen, daß wir so gränzenlos elend werden sollen?« Als die Morgendämmerung anbrach, stieg das Fieber ihres Gemüths beinahe zum Wahnsinn; tausendmal rüttelte sie an den Thüren und Fenstern ihres Gemaches, in der Hoffnung, entweichen zu können. Ach! bei all dem Glanze ihres Gefängnisses war es für ihre schwachen Hände zu sicher verwahrt, als daß diese sich einen Weg zur Freiheit hätten bahnen können. Wie ein armer Vogel, der seine Flügel gegen die Wände seines vergoldeten Käfigs anschlägt, bis er athemlos in Verzweiflung dahin sinkt, warf sie sich in hoffnungsloser Angst auf den Boden. Ihr Blut floß glühend in ihren Adern; ihre Zunge war trocken, alle Pulse schlugen heftig, sie keuchte mehr als sie athmete; ihr Gehirn schien wie von Flammen verzehrt. »Heilige Jungfrau!« rief sie aus, indem sie ihre Hände faltete und ihre Augen zum Himmel erhob, »blicke mitleidsvoll herab, und stehe mir in dieser furchtbaren Stunde bei!« Gerade als der Tag anzubrechen begann, hörte sie leise einen Schlüssel in der Thüre ihres Zimmers drehen. Sie fürchte, es möchte Don Ambrosio sein; und schon der Gedanke an ihn benahm ihr die Besinnung. Es war ein Frauenzimmer in bäurischer Kleidung, das Gesicht durch die Mantilla verdeckt. Sie trat schweigend in das Zimmer, blickte vorsichtig umher, und ihr Gesicht enthüllend, zeigte sie die wohlbekannten Züge der Balladensängerin. Inez stieß einen Schrei der Ueberraschung, beinahe der Freude aus. Die Unbekannte trat erschrocken zurück, legte ihre Finger auf die Lippen, zum Zeichen des Schweigens, und winkte ihr, zu folgen. Sie hüllte sich eilig in ihren Schleier, und gehorchte. Sie gingen mit schnellen, aber geräuschlosen Schritten durch ein Vorzimmer, eilten einen geräumigen Saal und einen Gang entlang; Alles war still; die Hausbedienten lagen noch in tiefem Schlafe. Sie kamen an eine Thüre, in welche die Unbekannte einen Schlüssel steckte. Inez' Herz ergriff eine böse Ahnung: sie wußte nicht, ob nicht eine neue Verrätherei ihr drohe; sie legte ihre kalte Hand auf den Arm der Fremden, und sagte: »wohin führst Du mich?« – »In die Freiheit!« antwortete ihr diese flüsternd. »Kennst Du die Gänge in diesem Hause?« »Nur zu wohl!« antwortete das Mädchen mit einem schwermüthigen Kopfschütteln. Es lag ein Ausdruck trüber Wahrheit in ihrem Gesicht, dem man nicht mißtrauen konnte. Die Thüre öffnete sich auf eine kleine Terrasse, auf welche mehrere Fenster des Hauses hinausgingen. »Wir müssen schnell hier hinüber gehen,« sagte das Mädchen, »man könnte uns sonst bemerken.« Sie flohen hinüber, als ob ihre Füße kaum den Boden berührten. Eine Treppe führte in den Garten; eine Gitterthür am Ende derselben war leicht aufgeriegelt; sie gingen in athemloser Eile eine der Alleen hinunter, noch immer im Angesicht des Hauses, worin jedoch Niemand wach zu sein schien. Endlich kamen sie an eine niedrige Seitenthür in der Mauer, welche fast ganz von einem Feigenbaume verdeckt wurde. Sie war durch rostige Riegel verschlossen, welche den schwachen Kräften der Frauen nicht weichen zu wollen schienen. »Heilige Jungfrau!« rief die Fremde aus, »was sollen wir thun? Noch einen Augenblick, und wir können entdeckt werden!« Sie ergriff einen Stein, der dicht dabei lag; einige wenige Schläge, und die Riegel flogen zurück. Die Thür knarrte gewaltig, als sie sie öffneten; und in dem nächsten Augenblicke befanden sie sich auf einem schmalen Wege. »Nun nach Granada,« sagte die Fremde, »so schnell als möglich. Je näher wir der Stadt sind, desto sicherer sind wir, denn die Straße ist dann besuchter.« Die drohende Gefahr verfolgt und eingeholt zu werden, gab ihren Gliedern übernatürliche Kräfte; sie flogen mehr, als sie gingen. Der Tag war eben angebrochen; die purpurrothen Streifen am Rande des Horizonts verkündigten den nahen Aufgang der Sonne; schon waren die lichten Wolken, welche am westlichen Himmel schwebten, mit Gold und Purpur gefärbt, obgleich die weite Ebene der Vega, welche sich vor ihren Blicken auszubreiten anfing, noch von dem dunkeln Nebel des Morgens bedeckt war. Bis jetzt waren sie nur selten einzelnen Bauern auf dem Wege begegnet, die ihnen keinen Beistand hätten leisten können, falls man sie eingeholt hätte. Sie eilten weiter, und hatten schon eine bedeutende Strecke zurückgelegt, als Inez' Kräfte, welche nur ihr Fieberzustand noch emporgehalten hatte, der Erschöpfung zu weichen begannen: ihre Schritte wurden langsamer, und sie mußte von Zeit zu Zeit stehen bleiben. »Ach!« sagte sie, »meine Glieder versagen mir den Dienst! Ich kann nicht weiter gehen!« – »Faßt Muth, faßt Muth,« sagte ihre Gefährtin ermunternd, »nur noch etwas weiter, und wir sind sicher. Seht! dort liegt Granada, eben zeigt es sich uns in dem Thale drunten. Nur etwas weiter, und wir haben die große Landstraße erreicht, und werden dann Vorübergehende genug finden, welche uns beschützen können.« Inez machte, so ermuthigt, neue Anstrengungen, weiter zu gehen, allein ihre müden Glieder waren der Kraft ihres Willens nicht gewachsen; ihr Mund, ihre Kehle waren vor Angst und Schrecken trocken; sie athmete hoch auf nach Luft, und lehnte sich an einen Felsen. »Es ist alles vergebens!« rief sie aus, »ich fühle mich einer Ohnmacht nahe.« »Lehnt Euch auf mich,« sagte die Andere: »laßt uns in den Schatten jenes Dickichts gehen, das uns den Augen entziehen wird: ich höre Wasser rauschen; dies wird Euch erfrischen.« Mit großer Schwierigkeit erreichten sie das Dickicht, welches über einem kleinen Bergstrom hing, dessen perlendes Wasser sich hier über den Felsen ergoß und in ein natürliches Becken hinabrieselte. Hier sank Inez erschöpft auf den Boden nieder. Ihre Gefährtin brachte Wasser in der hohlen Hand, und benetzte damit ihre bleichen Schläfen. Die kühlen Tropfen brachten sie wieder zu sich; sie war im Stande, bis an den Rand des Flusses zu gehen und aus seinen krystallenen Fluthen zu trinken; und dann erst konnte sie, ihr Haupt auf den Busen ihrer Befreierin legend, dieser ihren heißen Dank stammeln. »Ach!« sagte die Andere, »ich verdiene keinen Dank: ich verdiene nicht die gute Meinung, die Ihr von mir habt. Ihr seht in mir ein Opfer von Don Ambrosio's Künsten. In meiner frühen Jugend lockte er mich aus der Hütte meiner Aeltern: seht, an dem Fuße jenes blauen Berges in der Ferne liegt mein Geburtsort: aber er ist keine Heimath mehr für mich. Von dort wußte er mich zu entfernen, als ich noch zu jung war, um reiflich zu überlegen. Er erzog mich, brachte mir allerhand kleine Fertigkeiten bei, machte mich für die Liebe, den Glanz, die feineren Genüsse empfänglich; vernachlässigte mich endlich, als er meiner müde geworden war, und stieß mich in die Welt hinaus. Glücklicherweise haben die Fertigkeiten, die er mich gelehrt hat, mich gegen gänzlichen Mangel geschützt; und die Liebe, die er mir eingeflößt, hat mich vor weiterer Erniedrigung bewahrt. Ja! Ich bekenne meine Schwachheit: all seine Treulosigkeit und Härte können ihn nicht aus meinem Herzen verdrängen. Ich bin erzogen worden, ihn zu lieben; ich habe keinen andern Abgott: ich weiß, daß er ein Schändlicher ist, allein ich kann nicht ablassen, ihn anzubeten. Ich begnüge mich, in den Schwarm der Miethlinge, die bei seinen Vergnügungen eine Rolle spielen, mich zu mischen, damit ich noch länger um ihn sein und in jenen Sälen verweilen kann, wo ich einst als Gebieterin thronte. Welches Verdienst habe ich also, Euch zu Eurer Entweichung behülflich gewesen zu sein? Ich weiß kaum, ob ich aus Mitgefühl und dem Wunsche ein Opfer aus seiner Gewalt zu erretten, so handle, oder, ob aus Eifersucht und der Begierde, eine zu mächtige Nebenbuhlerin zu entfernen!« Während sie noch sprach, ging die Sonne in ihrem vollen Glanze auf, zuerst die Gipfel der Berge beleuchtend; dann auf eine Höhe nach der andern nieder glänzend, bis ihre Strahlen die Kuppeln und Thürme von Granada vergoldeten, welche die Wanderinnen hie und da durch die Bäume unter sich sehen konnten. In diesem Augenblicke erklangen die tiefen Töne einer Glocke in der Entfernung, die in dumpfem Schall an den Bergen widerhallte. Inez erbleichte bei diesem Klange. Sie wußte, daß er von der großen Glocke der Kathedrale kam, welche bei Sonnenaufgang an dem Tage des Auto da Fé ertönte, um von den Vorbereitungen zur Trauerfeier Kunde zu geben. Jeder Ton schlug an ihr Herz, und verursachte ihr ein tiefes körperliches Leiden. Sie sprang wild auf. »Laß uns gehen,« rief sie aus, »wir haben keinen Augenblick zu verlieren!« »Halt!« erwiderte die Andere, »dort sehe ich Reiter, welche über den Gipfel jener entfernten Höhe herkommen; und wenn ich nicht irre, ist Don Ambrosio an ihrer Spitze. – Ach, er ist's: wir sind verloren! Halt,« fuhr sie fort, »gebt mir Eure Schärpe und Euren Schleier; hüllt Euch in diese Mantilla ein. Ich will jenen Fußpfad hinauf eilen, der nach der Höhe führt. Ich werde beim Hinaufgehn den Schleier wehen lassen; vielleicht halten sie mich für Euch, und dann müssen sie absteigen, um mir zu folgen. Eilt Ihr unterdessen vorwärts: Ihr werdet bald die Landstraße erreichen. Ihr habt Juwelen an den Fingern; bestecht den ersten Maulthiertreiber, dem Ihr begegnet, daß er Euch auf Eurem Wege forthelfe.« Alles dieß sagte sie mit geflügelter, athemloser Eile. Der Tausch der Kleidung war in einem Augenblicke geschehen. Das Mädchen flog den Bergpfad hinauf, indem ihr weißer Schleier zuweilen zwischen dem dunkeln Gesträuch sichtbar ward; während Inez, mit neuer Stärke, oder vielmehr von neuem Schrecken beseelt, nach der Landstraße hin floh, und der Vorsehung es überließ, ihre wankenden Schritte nach Granada zu leiten. Ganz Granada war an dem Morgen dieses unglücklichen Tages in Bewegung. Die schwere Glocke der Kathedrale fuhr fort, ihre dumpfen Töne von sich zu geben, welche jeden Theil der Stadt durchhallten, und Jedermann zu dem schrecklichen Schauspiele hinriefen, welches jetzt bald stattfinden sollte. Die Straßen, durch welche der Zug gehen mußte, waren mit Volk angefüllt. Die Fenster, die Dächer, jeder Ort, von dem man nur sehen oder wo man nur stehen konnte, waren mit Zuschauern besetzt. Auf dem großen Platze war ein geräumiges Gerüst, einem Amphitheater ähnlich, aufgeschlagen, wo die Urtheile der Gefangenen abgelesen und die Glaubenspredigt gehalten wurde, und dicht dabei waren die Scheiterhaufen errichtet, auf denen die Verurtheilten verbrannt werden sollten. Sitze für die Großen, die glänzende und die schöne Welt waren bereitet; denn so mächtig ist die schreckliche Neugierde in der menschlichen Natur, daß dieses grausame Opfer mit weit größerem Eifer besucht wurde, als ein Schauspiel oder ein Thiergefecht. Wie der Tag vorrückte, füllten sich die Gerüste und Balkone mit harrenden Zuschauern; die Sonne schien hell auf schöne Gesichter und zierliche Kleider; man würde geglaubt haben, hier einem glänzenden Freudenfeste, statt dem Schauspiele menschlichen Todeskampfes und Unterganges, beizuwohnen. Wie verschieden aber war dieß Gepränge und diese Feierlichkeit von denen, welche Granada in den Tagen seiner Größe unter den Mauren darbot. »Seine Prachtaufzüge, seine Turniere, seine Ringstechen, seine Johannisfeste, seine Musik, seine Zambras, seine bewunderungswürdigen Stockgefechte! Seine Serenaden, seine Concerte, seine Gesänge in dem Generalife! Die kostbaren Livreen der Abencerragen, ihre ausgesuchten Erfindungen, die Geschicklichkeit und Tapferkeit der Alabaces, die herrlichen Kleidungen der Zegris, Mazas und Gomeles!« Rodd's bürgerliche Kriege von Granada. Alles dieß war zu Ende. Die Tage des Ritterthums waren vorüber. Statt des einhersprengenden Reiterzuges, mit wiehernden Streitrossen und schmetternder Trommete; mit vergoldeter Lanze, Helm und Schild; mit der reichen Pracht der Federn, Schärpen und Banner, wo Purpur und Scharlach, Grün, Gelb und jede lebhafte Farbe mit Goldstoff und glänzender Stickerei gemischt waren; statt dessen schlich der düstere Zug des Aberglaubens, in Kaputze und grober Leinwand, mit Kreuz und Sarg und den furchtbaren Sinnbildern des menschlichen Leidens, daher. Statt des freisinnigen, männlichen Ritters, welcher offen und brav, mit der Bandschleife seiner Geliebten am Helm und dem Denkspruch der Liebe auf dem Schilde, durch tapfere Thaten das Lächeln der Schönheit zu erringen strebte, kam der kahlgeschorene, unmännliche Mönch daher, mit niedergeschlagenen Augen, den Kopf und das Herz in dem kalten Kloster gebleicht, heimlich über den Triumph der Frömmelei jauchzend. Der Ton der Glocken verkündigte, daß der Trauerzug in Bewegung sei. Er ging langsam durch die Hauptstraßen der Stadt, und das furchtbare Banner des heiligen Gerichts ward ihm vorgetragen. Die Gefangenen gingen einzeln, von Beichtvätern begleitet und von Dienern der Inquisition bewacht. Sie waren, nach dem Grade ihrer Strafe, verschieden gekleidet; die, welche den Tod erleiden sollten, trugen die scheußliche Simarra, welche mit Flammen und Dämonen bemalt war. Der Zug wurde durch Chorknaben, verschiedene geistliche Orden, öffentliche Beamte, vor allen aber durch die Väter des Glaubens vergrößert, welche »langsam und in tiefem Ernst daherschritten, wahrhaft triumphirend, wie es den Hauptfeldherren, die jenen großen Sieg erfochten haben, zukommt.« Gonsalvius , S 135. Als das heilige Banner der Inquisition sich näherte, sank die zahllose Menge vor ihm auf die Kniee; sie beugten, als es vorüberzog, ihre Häupter zur Erde, und erhoben sich dann langsam wieder, gleich einer großen wogenden Welle. Ein Gemurmel durchlief die Menge, als die Gefangenen sich näherten, und gierige Augen strengten sich an, alle Finger wiesen hin, um die verschiedenen Klassen der Büßenden zu bezeichnen, deren Gewänder den Grad der Strafe andeuteten, den sie erleiden sollten. Als aber diejenigen näher kamen, deren schreckliches Kleid sie als zum Flammentode bestimmt bezeichnete, verstummte das Lärmen des Volks! Alles schien den Athem an sich zu halten und von der sonderbaren, traurigen Theilnahme erfüllt zu sein, womit wir ein menschliches Wesen betrachten, welches Schmerzen und Tod entgegensieht. Es ist etwas Gewaltiges – eine stumme, geräuschlose Menge! Die schweigende gespannte Ruhe der rings umher versammelten, auf Mauern, Thoren und Dächern dicht zusammengedrängten, gleichsam in Haufen darauf hängenden Tausende, erhöhte die Wirkung des Gepränges, das schreckbar sich dahin bewegte. Das leise Murmeln der Priester, welche Gebete und Ermahnungen hersagten, die dumpfen Antworten der Gefangenen, und dann und wann Stimmen der Chorknaben in der Entfernung, welche die Litaneien der Heiligen sangen, wurde nun vernehmbar. Die Gesichter der Gefangenen waren geisterbleich und trostlos. Selbst die, welche Verzeihung erhalten hatten, und nun den Sanbenito oder das Bußgewand trugen, zeigten die Spuren der Schrecknisse, welche über sie ergangen waren. Einige waren durch lange Einkerkerung erschöpft, und schwankten daher; Andere waren verkrüppelt, und ihre Glieder durch verschiedene Torturgrade verdreht; jedes Gesicht war ein trauriges Blatt, auf welchem die Geheimnisse des Gefängnisses zu lesen waren. In den Blicken derjenigen, die zum Tode verurtheilt waren, lag etwas Wildes und Furchtbares. Sie schienen Leute, welche durch das Vergangene aufgereizt, der Zukunft kühn entgegen traten. Von dem Muthe der Verzweiflung entflammt, und mit einer in sich abgeschlossenen Entschiedenheit, blickten sie dem gewaltigen Kampfe mit Qual und Tod, welchen sie in Kurzem kämpfen sollten, in die Augen. Einige warfen zuweilen einen wilden, angstvollen Blick umher auf den hellen Tag; auf die »sonnenbeschienenen Paläste,« die glänzende, die schöne Welt, welche sie bald auf immer verlassen sollten; oder einen Blick plötzlichen Unwillens auf die sich zusammendrängenden Tausende, welche, glücklich in Freiheit und Leben, bei dem Anschauen ihrer furchtbaren Lage sich der eigenen verhältnißmäßigen Sicherheit zu freuen schienen. Einer unter den Verurtheilten machte jedoch eine Ausnahme. Es war ein alter, etwas gekrümmter Mann von heiterm, wenn gleich niedergeschlagenen Aussehn, und mit einem strahlenden, schwermüthigen Auge. Es war der Alchymist. Das Volk blickte auf ihn mit einer Art von Mitleiden, das es sonst gegen die von der Inquisition verdammten Verbrecher nicht zu fühlen pflegte; als es aber hörte, daß er des Verbrechens der Zauberei überführt sei, trat Alles mit Schrecken und Abscheu zurück. Der Zug hatte den großen Platz erreicht. Die erste Abtheilung hatte bereits das Gerüst bestiegen, und die Verurtheilten näherten sich. Das Gedränge des Volks ward unbeschreiblich, und es mußte, in ganzen Haufen, von der Wache zurückgewiesen werden. In dem Augenblicke, wo die Verurtheilten den Platz betraten, hörte man aus der Menge einen Schrei. Ein Mädchen, bleich, außer sich, mit herabhängendem Haar, erkämpfte sich einen Weg durch das Volk. »Mein Vater! mein Vater!« war Alles, was sie sagen konnte, aber es klang in jedem Herzen wieder. Die Menge trat unwillkührlich zurück, und machte ihr Platz, so wie sie sich näherte. Der arme Alchymist hatte seine Rechnung mit dem Himmel abgeschlossen, und, nach einem harten Kampfe, sein Herz von dieser Welt abgewandt; die Stimme seines Kindes rief ihn wieder zu den irdischen Gedanken und Sorgen zurück. Er wandte sich dahin, woher die wohlbekannte Stimme kam; seine Kniee schlugen zusammen; er versuchte seine gefesselten Arme auszustrecken, und fühlte sich von den Umarmungen seines Kindes umfangen. Die Gefühle Beider waren zu gewaltsam, als daß sie ihnen hätten Worte gestatten sollen. Krampfhaftes Schluchzen, abgebrochene Ausrufungen und Umschlingungen, mehr der Angst als der Zärtlichkeit, waren Alles, was zwischen ihnen vorging. Der Zug war für einen Augenblick unterbrochen. Die erstaunten Mönche und Diener fühlten sich von einer unwillkührlichen Ehrfurcht vor diesem Ausbruche natürlicher Zärtlichkeit ergriffen. Ausrufungen des Mitleids brachen aus der Menge, welche von der kindlichen Liebe, der ungewöhnlichen, verzweiflungsvollen Angst eines so jungen und schönen Wesens gerührt war. Jeder Versuch, Inez zu beruhigen und sie von ihrem Vater zu entfernen, war vergeblich; man suchte sie endlich mit Gewalt von ihm loszureißen. Diese Bewegung erweckte sie aus ihrer augenblicklichen Betäubung. Mit einer plötzlichen Anwandlung von Wuth, entriß sie einem der Diener sein Schwert. Ihr Gesicht, das bisher eine Leichenblässe bedeckt hatte, färbte sich auf einmal mit der Röthe des Zorns, und Feuer sprühte aus ihren sonst so sanften, schmachtenden Augen. Die Wächter traten erschreckt zurück. Es lag etwas in dieser kindlichen Begeisterung, dieser weiblichen, bis zur Verzweiflung gesteigerten Zärtlichkeit, das selbst ihre verhärteten Herzen rührte. Sie suchten sie zu beruhigen, aber vergebens. Ihr Auge war schnell und scharf, wie das der Wölfin, die ihre Jungen bewacht. Mit einem Arm preßte sie ihren Vater an ihren Busen, mit dem andern bedrohte sie Jeden, der sich ihr nähern wollte. Die Geduld der Wächter war bald erschöpft. Sie waren aus ehrerbietiger Scheu, nicht aus Furcht zurückgetreten. Bei aller ihrer Verzweiflung ward die Waffe Inez' schwacher Hand bald entwunden, und man entfernte sie, ihres Geschrei's und ihres Sträubens ungeachtet, aus dem Zuge. Das Volk murmelte mitleidsvoll, aber die Furcht, welche die Inquisition einflößte, war so groß, daß Niemand Hand anzulegen wagte. Der Zug kam wieder in Gang. Vergebens suchte sich Inez aus den Händen der Diener der Inquisition, die sie zurückhielten, loszureißen, als plötzlich Don Ambrosio vor ihr stand. »Unglückliches Mädchen!« rief er in Wuth aus: »warum bist Du Deinen Freunden entflohen? Uebergebt sie meinen Leuten,« sagte er zu den Dienern: »sie steht unter meinem Schutze.« Seine Helfershelfer traten hervor, sie in Empfang zu nehmen. »O nein! O nein!« rief sie mit neuem Schrecken, indem sie sich an die Diener fest anklammerte, »ich bin keinen Freunden entflohen. Er ist nicht mein Beschützer! Er ist der Mörder meines Vaters!« Die Diener waren betreten; die Menge drängte sich mit reger Neugier näher. »Zurück!« rief Ambrosio entrüstet, indem er die Nähertretenden rund umher wegschleuderte. Dann, sich zu den Dienern der Inquisition wendend, sagte er mit plötzlich angenommener Mäßigung: »Meine Freunde, übergebt mir dieses arme Mädchen. Ihr Unglück hat ihren Verstand verwirrt; sie ist diesen Morgen ihren Freunden und Beschützern entsprungen. Ruhe und sanfte Behandlung werden sie jedoch bald wieder zu sich bringen.« »Ich bin nicht wahnsinnig! Ich bin nicht wahnsinnig!« – rief sie heftig aus. – »O, rettet mich, rettet mich vor diesen Leuten! Ich habe keinen Beschützer auf Erden als meinen Vater. und diesen wollen sie morden!« Die Diener der Inquisition schüttelten die Köpfe; ihre Wildheit schien Don Ambrosio's Behauptungen zu bestätigen, und sein nicht zu verkennender Rang Ehrfurcht und Glauben zu heischen. Sie übergaben ihm das Mädchen, und er war im Begriff, Inez seinen Helfershelfern zu überantworten. »Laß ab von ihr, Nichtswürdiger!« rief eine Stimme aus der Menge, und man sah Antonio sich mühsam einen Weg durch das Volk bahnen. »Ergreift ihn! Ergreift ihn!« rief Don Ambrosio den Dienern der Inquisition zu: »er ist ein Mitschuldiger des Zauberers.« »Lügner!« – entgegnete Antonio, indem er die Menge rechts und links auseinander warf, und sich zu ihm hindrängte. Don Ambrosio's Schwert flog augenblicklich aus der Scheide; der Student war bewaffnet und eben so behend. Die Degen klirrten wild; die Menge machte ihnen Platz, als sie fochten, und schloß dann wieder einen Kreis um sie, so daß sie Inez' Blicken entzogen blieben. Alles war, einen Augenblick lang, Getümmel und Verwirrung. Auf einmal erhoben die Zuschauer ein Geschrei, und als die Menge sich theilte, sah Inez, wie ihr dünkte, Antonio in seinem Blute liegen. Dieser neue Schlag war zu stark für ihren bereits überwältigten Verstand. Ein plötzlicher Schwindel ergriff sie; alles schien vor ihren Augen sich im Kreise zu drehen; sie stieß einige unzusammenhängende Worte aus, und sank bewußtlos zu Boden. Tage – Wochen vergingen, ehe Inez wieder zum Bewußtsein kam. Endlich schlug sie, aus einem unruhigen Schlummer erwacht, die Augen auf. Sie lag auf einem prächtigen Bette, in einem Zimmer, welches reich mit Pfeilerspiegeln und gewichtigen, mit Silber eingelegten Tischen von ausgesuchter Arbeit verziert war. Die Wände waren mit Tapeten behängt; die Gesimse reich vergoldet; durch die offenstehende Thür sah sie einen prächtigen Saal mit Statuen und krystallenen Kronleuchtern, und jenseits desselben eine glänzende Reihe von Zimmern. Die Fenster ihres Zimmers waren offen, um den sanften Hauch der Sommerlüfte einzulassen, die hereinströmten, mit den Wohlgerüchen eines benachbarten Gartens geschwängert, aus welchem auch das erfrischende Rauschen eines Springbrunnens und der angenehme Gesang der Vögel in vereinter Harmonie ihr Ohr erreichte. Dienerinnen bewegten sich mit geräuschlosem Schritt in dem Zimmer umher; allein sie fürchtete, sie anzureden. Sie wußte nicht, ob dieß Alles nicht eine Täuschung sei, oder ob sie sich nicht noch immer im Palaste Don Ambrosio's befände, und ihre Flucht und alle damit verknüpften Umstände nur ein Fiebertraum gewesen sei. Sie schloß ihre Augen abermals, bemüht, sich die Vergangenheit zurückzurufen und das Wahre von dem Scheine zu trennen. Aber die letzten Augenblicke ihrer Erinnerung traten mit allen ihren Schrecken zu klar vor ihre Seele, als daß sie an ihrer Wirklichkeit hätte zweifeln können, und sie wandte sich schauernd von jenen Scenen ab, um abermals die ruhige heitere Pracht um sich her zu betrachten. Als sie ihre Augen wieder aufschlug, ruhten sie auf einem Gegenstande, der auf einmal alle Besorgnisse zerstreute. Zu den Häupten ihres Bettes saß eine ehrwürdige Gestalt, welche mit einem Blicke liebevoller Angst sie zu bewachen schien – es war ihr Vater! Ich will nicht versuchen, den Auftritt, welcher jetzt erfolgte, zu beschreiben, noch wage ich eine Schilderung der Augenblicke des Entzückens, welche die Leiden, die Inez' gefühlvolles Herz erduldet hatte, mehr als lohnten. Sobald ihre Gefühle etwas ruhiger geworden waren, verließ der Alchymist das Zimmer, einen Fremden einzuführen, dem er sein Leben und seine Freiheit dankte. Er kehrte zurück und hatte Antonio, nicht mehr in dem Gewande eines armen Studenten, sondern in der reichen Kleidung eines Edelmannes, an seiner Hand. Inez' Gefühle wurden von diesem plötzlichen Glückswechsel beinahe überwältigt, und es dauerte einige Zeit, ehe sie sich hinlänglich beruhigen und die Erklärung dieser romanhaften Begebenheiten fassen konnte. Es ergab sich, daß der Jüngling, der sich in dem demüthigenden Charakter eines Studenten um ihre Liebe beworben hatte, der einzige Sohn und Erbe eines mächtigen Großen von Valencia war. Er hatte die Universität Salamanca besuchen müssen; der Drang, sich in der Welt umzusehen und ein Durst nach Abenteuern, hatten ihn jedoch bewogen, die Universität ohne seines Vaters Einwilligung zu verlassen und mehrere Theile von Spanien zu besuchen. Nachdem er seiner Wanderungssucht Genüge geleistet, hatte er eine Zeit lang unerkannt in Granada verweilt, bis er sich, durch ferneres Studium und Selbstbildung, in den Stand gesetzt sah, mit Ehren nach Hause zurückzukehren und sein Vergehen gegen das väterliche Ansehen wieder gut zu machen. Wie eifrig er studirt habe, bleibt unerwähnt. Das romantische Abenteuer vom Thurme ist alles, was wir von ihm wissen. Es war Anfangs eine bloße Jugendlaune, zu welcher der flüchtige Anblick eines schönen Gesichts Gelegenheit gegeben hatte. Als er ein Schüler des Alchymisten ward, dachte er wahrscheinlich an nichts anderes, als dadurch einen leichten Liebeshandel weiter fortzuspinnen. Die lange Bekanntschaft mit Inez hatte indessen seine Neigung gefesselt; und er sah sich zu dem Entschluß gebracht, sie und ihren Vater nach Valencia zu führen, in der Hoffnung, des Mädchens Liebenswürdigkeit würde seines Vaters Zustimmung zu ihrer Verbindung gewinnen. Unterdessen hatte man seinen Aufenthaltsort entdeckt. Sein Vater hatte erfahren, daß er in den Schlingen eines geheimnißvollen Abenteurers und seiner Tochter befangen sei, und wahrscheinlich dem Zauber der Letzteren unterliegen werde. Zuverlässige Abgesandte erhielten Befehl, sich seiner mit Gewalt zu bemächtigen und ihn ohne Verzug in das väterliche Haus zurückzubringen. Welche Beredsamkeit er angewendet, um seinen Vater von der Unschuld, der Ehre und der hohen Abkunft des Alchymisten, so wie von dem vorzüglichen Werthe seiner Tochter zu überzeugen, ist uns nicht bekannt. Alles was wir wissen, ist, daß der Vater, ein leidenschaftlicher, aber auch ein vernünftiger Mann, seinem Sohn erlaubte, nach Granada zurückzukehren und Inez als seine Braut nach Valencia zu führen. Voll freudiger Erwartungen eilte Don Antonio also nach Granada zurück. Noch immer hatte er seine Verkleidung nicht abgelegt, und dachte sich schon im Voraus Inez' Erstaunen, wenn er, nachdem er ihr Herz und ihre Hand als ein armer wandernder Student gewonnen, sie und ihren Vater auf einmal zu Reichthum und Glanz erheben würde. Zu seinem großen Erstaunen fand er bei seiner Ankunft den Thurm von seinen Bewohnern verlassen. Vergebens suchte er Nachrichten über diese zu erhalten: ein undurchdringliches Geheimniß schwebte über ihrem Verschwinden, und er war wie vom Donner gerührt, als er zufällig das Verzeichniß der zu dem bevorstehenden Auto da Fé Verurtheilten lesend, den Namen seines ehrwürdigen Lehrers darunter fand. Dieses war gerade der Morgen der Hinrichtung. Der Zug war schon auf dem Wege nach dem großen Platze. Es war kein Augenblick zu verlieren. Der Großinquisitor war ein Verwandter Don Antonio's, obgleich sich Beide nie gesehen hatten. Sein erster Gedanke war, sich ihm zu erkennen zu geben und allen seinen Familieneinfluß, das Gewicht seines Namens und die Gewalt seiner Beredsamkeit aufzubieten, um den Alchymisten zu retten. Allein der Großinquisitor war bereits in seinem ganzen Pompe nach dem Orte aufgebrochen, wo die traurige Feierlichkeit stattfinden sollte. Wie konnte man ihm sich nähern? Antonio warf sich in fieberhafter Angst in die Menge, bahnte sich durch dieselbe einen Weg zu der Schreckensscene, und kam noch gerade zu rechter Zeit, um Inez, wie erzählt worden, zu retten. Don Ambrosio war in dem Zweikampfe unterlegen. Da er gefährlich verwundet war, und seinem Ende nahe zu sein glaubte, bekannte er einem der gegenwärtigen Priester der Inquisition, daß er die alleinige Ursache der Verurtheilung des Alchymisten, und daß die Anklage, auf welche sich diese gründe, durchaus falsch sei. Don Antonio's Zeugniß kam dazu, um diesem Geständnisse noch mehr Gewicht zu geben, und seine Verwandtschaft mit dem Großinquisitor trug wahrscheinlich nicht wenig dazu bei, ihm auch seine gehörige Wirkung zu verschaffen. So ward der arme Alchymist gewissermaßen aus den Flammen gerettet, und das Mitleid, welches seine Geschichte erregte, war so groß, daß zum ersten Male das Volk seine Freude darüber bezeugte, um eine Execution gekommen zu sein. Den übrigen Theil der Geschichte können die, welche mit dieser schönen Art von Erzählungen schon vertraut sind, sich sehr leicht denken. Don Antonio vermählte sich mit der lieblichen Inez, und nahm sie und ihren Vater mit sich nach Valencia. Wie sie eine liebende, pflichtgetreue Tochter war, so zeigte sie sich auch als ein treues, zärtliches Weib. Bald darauf erbte Antonio seines Vaters Rang und Güter, und er und seine Gemahlin wurden für das schönste und glücklichste Paar in ganz Valencia gehalten. Don Ambrosio kam mit einer theilweise zerrütteten Gesundheit und einem schmachbedeckten Namen davon, und barg seine Gewissensbisse und seine Schande in einem Kloster; das unglückliche Opfer seiner Künste, welche Inez zu ihrer Flucht behülflich gewesen war, zog sich ebenfalls, unfähig, die frühere Leidenschaft ihres Busens, bei aller Ueberzeugung von der Werthlosigkeit des Gegenstandes, zu besiegen, aus der Welt zurück, und ward eine demüthige Schwester in einem Nonnenkloster. Der ehrwürdige Alchymist schlug seinen Wohnsitz bei seinen Kindern auf. Ein Pavillon in dem Garten ihres Palastes ward ihm zum Laboratorium angewiesen, wo er mit erneuter Emsigkeit seine Forschungen nach dem großen Geheimniß fortsetzte. Sein Schwiegersohn ging ihm zuweilen dabei an die Hand: allein sein Eifer und sein Fleiß waren, seit der Heirath, merklich erkaltet. Indessen hörte er noch mit großem Ernste und vieler Aufmerksamkeit den Reden des alten Mannes und seinen langen Citaten aus Paracelsus, Sandivogius und Pietro d'Abano. Auf diese Art erreichte der gute Alchymist ruhig und behaglich ein hohes Alter, und ward, zum Unglücke für die Menschheit, in seinem neunzigsten Jahre der Welt entrissen, als er so eben im Begriffe war, den Stein der Weisen zu entdecken. Mit dieser Erzählung des Freundes des Capitains verkürzten wir den Morgen. Der Capitain ward von Zeit zu Zeit im Lesen durch Fragen und Bemerkungen aufgehalten, die ich nicht mitgetheilt habe, um den Faden der Erzählung nicht zu unterbrechen. Auch ward er einige Male von dem General gestört, welcher einschlief und, zum großen Aerger und Verdruß der Lady Lillycraft, vielleicht zu laut athmete. Bei der Erzählung einer langen, zärtlichen Liebesscene, welche besonders nach dem Geschmack Ihrer Herrlichkeit war, brachte der unglückliche General, dessen Kopf etwas auf seine Brust herabgesunken, in regelmäßigen Zwischenräumen einen Ton hervor, welcher einem lang gezogenen Pst! glich. Endlich folgte ein seltsam abgebrochener Kehlton, der ihn plötzlich erweckte; er räusperte sich, blickte etwas betroffen umher, und fing mit dem Arbeitsbeutel der Lady zu spielen an, den sie aber ziemlich verdrießlich wegzog. Der gehaltene Ton der Stimme des Capitains war jedoch ein zu mächtiges Einschläferungsmittel für den armen General: sein Auge that sich zu Zeiten auf, und sank dann wieder, bis das Ende der Erzählung ihn abermals ermunterte, wo er aufsprang, auf Lady Lillycraft's Hund, die schlafende Beauty, trat, der laut auf schrie und ihn am Bein faßte, so daß plötzlich die ganze Bibliothek von Gebell und Ausrufungen wiederhallte. Nie hat wohl ein Mann sein Glück mehr vom Grunde aus im Schlafe zerstört. Als die Ruhe endlich wieder hergestellt war, stattete die Gesellschaft dem Capitain ihren Dank ab, und gab ihre verschiedenen Meinungen über die Geschichte ab. Des Pfarrer's Geist wanderte, wie ich bemerkte, stets um die bleiernen Tafeln, deren zu Anfang der Erzählung, als in Granada ausgegraben, Erwähnung geschehen war, und er legte dem Capitain mehrere sehr angelegentliche Fragen über diesen Gegenstand vor. Der General konnte sich nicht recht in die Geschichte finden, meinte aber, sie sei etwas verworren. »Ich bin nur froh,« sagte er, »daß sie den alten Kerl vom Thurme verbrannt haben; er war ohne Zweifel ein offenbarer Betrüger.« Englische Land-Edelleute. Sein sich'res Leben, das ihn nie kann hintergehen, Ist voll von Reiz und von Zufriedenheit; Wo sanft durch Buchenlaub die Lüftchen wehen, Verweilt er in der heiß'sten Mittagszeit, Nicht braust in stürm'schen Meeren hin sein Leben, Noch ist er trägem Müßiggang ergeben: Nur seinem Gotte zu gefallen ist sein Streben. Phineas Fletcher . Es gewährt mir viel Vergnügen, den Squire bei seinen Wanderungen auf seinem Gute zu begleiten, wo er oft von einer Art Kabinetsrath umgeben ist. Sein erster Minister, der Haushofmeister, ist ein sehr würdiger, ehrlicher alter Mann, der ein Wegerecht behauptet, das heißt, ein Recht, seinen eigenen Weg zu gehen, da er seit undenklicher Zeit im Hause gelebt hat. Er liebt das Gute sogar noch mehr, als er den Squire liebt; und macht diesem bei manchen seiner Verbesserungsanschläge arge Querstriche, da er ein wenig geneigt ist, jeden Plan zu mißbilligen, der nicht von ihm selbst ausgeht. Im Laufe einer dieser Wanderungen habe ich den Squire auf eine bedeutende Veränderung anspielen hören, die er bei der Benutzung oder dem Anbau der Felder beabsichtigte; dem widersprach natürlich der Haushofmeister, und es erfolgte eine lange Erörterung über eine Hecke, oder ein etwas höher liegendes Stück Land, bis der Squire, der eine hohe Meinung von des Andern Geschicklichkeit und Rechtlichkeit hat, die Sache aufzugeben schien. Diese Nachgiebigkeit pflegt, wie ich bemerkte, den Alten unmittelbar zu erweichen, und nachdem er ein oder zwei Felder lang in Stillschweigen, die Hände auf dem Rücken, hinabgegangen, drehte er sich, als wenn er sich aus seinem Nachdenken aufschüttelte, gegen den Squire um, und sagte: »er habe die Sache bei sich reiflich überdacht, und glaube, nach allem, er nähme auch die Meinung Sr. Gnaden an.« Christy, der Jäger, ist auch einer von des Squire gelegentlichen Begleitern, an ihn wendet er sich beständig bei Allem, was Ortsgeschichte betrifft, wie an eine Chronik des Guts, da er, so zu sagen, viele von den Bäumen von der Zeit her gekannt hat, wo sie noch Eicheln waren. Der alte Nimrod ist, wie wir gesehen haben, ziemlich vorlaut, was die Gegenstände des Wissens betrifft, auf die er sich etwas zu gut thut; aber der Squire widerspricht ihm selten, und ist in der That einer der geduldigsten Machthaber, die je von ihrem Ministerium beherrscht wurden. Er lacht oft selbst darüber, und gibt augenscheinlich diesen alten Männern mehr aus Laune, als aus Mangel an eigener Autorität nach. Er hat diese rechtliche, unabhängige Gesinnung des Alters gern, und weiß sehr wohl, daß diese getreuen Anhänger ihn im Herzen lieben und ehren. Er ist vollkommen beruhigt über seine eigene Würde und die Ehrerbietung Derer, die ihn umgeben; nichts wird ihm schneller zuwider, als ein Anschein von Kriecherei oder Speichelleckerei. Ich habe wirklich keinen königlichen Staatsaufzug gesehen, der mit einem Ausfluge des Squire's durch seine väterlichen Felder und seine angestammten Waldungen, wo er von mehreren dieser treuen Begleiter umgeben, und von einer Leibwache von Hunden begleitet ist, verglichen werden könnte. Er begünstigt eine gewisse Offenheit und Männlichkeit unter seinen Untergebenen, und ist der persönliche Freund seiner Pächter; er erkundigt sich nach ihren häuslichen Verhältnissen, und steht ihnen in Zeiten der Noth und der Drangsal bei. Dieß hat ihn zu einem der beliebtesten und folglich auch zu einem der glücklichsten Gutsbesitzer gemacht. In der That kenne ich keinen beneidenswertheren Stand, als den eines englischen Edelmannes von gesundem Urtheil und gutem Herzen, welcher den größern Theil seiner Zeit auf seinem Erbgute auf dem Lande zubringt. Durch die Trefflichkeit der Wege und die Schnelligkeit und Pünktlichkeit der öffentlichen Beförderungsmittel ist er in den Stand gesetzt, alle Genüsse und Bequemlichkeiten, alle Nachrichten und Neuigkeiten aus der Hauptstadt zu erhalten, während er dem Lärm und der Zerstreuung derselben fern ist. Auf seinem eignen Grund und Boden stehen ihm eine Menge Mittel zur Beschäftigung zu Gebot; er kann sich durch ländliche Arbeiten und Unterhaltungen, durch Studium und durch die Annehmlichkeiten einer freundlichen Gesellschaft, die er in seinen gastfreien Sälen versammelt, die Zeit auf das angenehmste verkürzen. Oder wenn seine Ansichten und Gefühle höher und freisinniger sind, so steht es größtentheils in seiner Macht, Gutes zu thun, und dieses Gute unmittelbar wieder auf sich selbst zurückwirken zu sehen. Er kann seinem Vaterlande wesentliche Dienste leisten, indem er an der uneigennützigen Ausübung der Gesetze Theil nimmt; indem er auf die Meinungen und Grundsätze der niedern Stände, die um ihn sind, ein wachsames Auge hat; indem er sich ungezwungen unter sie mischt, ihr Vertrauen zu gewinnen sucht, ihre Klagen selbst anhört, sich von ihren Wünschen selbst unterrichtet, sich selbst dazu erbietet, ihre Beschwerden zu den gehörigen Quellen der Milderung oder Abhülfe gelangen zu lassen; oder indem er, wenn es nöthig ist, als der unerschrockene, unbestechliche Beschützer ihrer Freiheiten, – als der aufgeklärte Verfechter ihrer Rechte auftritt. Alles dieß kann, wie es mir scheint, geschehen, ohne irgend eine Aufopferung persönlicher Würde, ohne herabwürdigende Künste um sich beliebt zu machen, und ohne gemeinen Vorurtheilen zu schmeicheln, oder in gemeine Klagen einzustimmen; lediglich durch den wohlgeleiteten Einfluß eines aufrichtigen, freundschaftlichen Raths, eines freien, offenen, großsinnigen Betragens. Was man auch von englischem Pöbel und englischen Demagogen sagen mag; ich habe nie ein Volk gefunden, das der Vernunft zugänglicher wäre, mehr Ueberlegung besäße, und in den stürmischsten Zeiten Vernunft-Gründen leichter Gehör gäbe, als die Engländer. Sie sind beträchtlich geübt im Unterscheiden und Würdigen dessen, was immer männlich und ehrenvoll ist. Sie sind von Natur und durch Gewohnheit methodisch und ordentlich, und fühlen den Werth alles dessen, was regelmäßig und achtbar ist. Sie mögen zuweilen von Sophistereien hintergangen, durch die allgemeine Noth und die Verdrehungen ränkesüchtiger Menschen zu Unruhen verleitet werden; aber man öffne ihnen die Augen, und sie werden sich bald um das Banner fester Treue und einer ruhigen, gesunden Vernunft vereinigen. Sie lieben hergebrachte Gewohnheiten und längst bestehende Namen; und diese Liebe zur Ordnung und zur Ruhe, welche die Nation auszeichnet, gibt den Abkömmlingen der alten Familien, deren Vorväter seit undenklicher Zeit Grundbesitzer gewesen sind, einen bedeutenden Einfluß. Es geschieht wohl, daß, wenn die reichen, die wohlerzogenen, die bevorrechteten Klassen ihre Pflichten vernachlässigen, wenn sie es versäumen, das Interesse des Volks zu studiren, die Liebe desselben zu gewinnen, seine Ansichten aufzuklären und seine Rechte zu schützen, das letztere zuweilen mißvergnügt, unruhig wird, und Demagogen in die Hände fällt: denn der Demagoge tritt allemal da ein, wo der Patriot abgeht. Es ist unter den hochlebenden, und, wie sie sich einbilden, hochsinnigen Leuten eine gewisse überlieferte Art zu reden, daß man den Pöbel unterdrücken müsse; alle guten Aerzte wissen aber, daß es besser ist, das Blut zu reinigen, als das Geschwür geradezu anzugreifen, eher erweichende als ätzende Mittel zu gebrauchen. Es ist sinnlos, wenn jemand in einem Lande, wie England, wo so viel Freiheit, so viel Eifersucht auf einmal erworbene Rechte herrscht, einen aristokratischen Ton annehmen, und herabwürdigend von dem gemeinen Volke sprechen will. Es gibt keinen Rang, der ihn von der Meinung und Neigung seiner Mitmenschen unabhängig macht; es gibt keinen Rang, keine Auszeichnung, die ihn von seinem Mitunterthan schiede; und wenn durch eine allmählige Vernachlässigung oder Anmaßung auf der einen, und durch Unzufriedenheit oder Eifersucht auf der andern Seite, die Stände in der bürgerlichen Gesellschaft sich wirklich einmal feindlich trennen sollten, so mögen die, welche auf der Höhe stehen, sich in Acht nehmen, daß sich der Abgrund nicht zu ihren Füßen aufthue. Die Stände der Gesellschaft sind in allen wohleingerichteten Staaten gegenseitig an einander gebunden und einander wichtig; es kann in einer freien Regierung keine Lücke geben; und wenn eine solche sich zu öffnen droht und die Reichen und Gebildeten sich von den Armen trennen, so werden die bösen Leidenschaften der Gesellschaft herbeieilen, den Raum auszufüllen, und das Ganze auseinander sprengen. Obgleich in einem Freistaat geboren und erzogen, und durch die Beobachtung und Erfahrung jedes Jahres in republikanischen Grundsätzen mehr und mehr bestärkt, bin ich doch nicht gegen die Vorzüge anderer Regierungsverfassungen, noch gegen die Thatsache unempfindlich, daß sie der Lage und den Verhältnissen der Staaten, worin sie bestehen, ganz angemessen sein mögen. Ich habe mich bemüht, sie zu betrachten, wie sie sind, und zu beobachten, wie sie dem Endzwecke entsprechen, welchen sie erreichen sollen. Wenn ich daher die gemischte Beschaffenheit der Verfassung dieses Landes und ihre repräsentative Form in das Auge faßte, habe ich mit Bewunderung die Art wahrgenommen, wie Reichthum, Einfluß und Kenntniß über die ganze Fläche desselben verbreitet sind; nicht, wie in anderen Reichen, in denen man auf dem Lande nichts davon antrifft und Alles in den größeren und kleineren Städten vereinigt ist. Ich habe die großen landwirthschaftlichen Anlagen des Adels und die kleineren der Mittelklasse als eben so viele Behälter des Reichthums und der Kenntnisse angesehen, welche über das Königreich, unabhängig von den Städten, verstreut sind, um die umliegende Gegend zu bewässern, zu erfrischen und fruchtbar zu machen. Ich habe sie auch als die erhabenen Wohnsitze von Vaterlandsfreunden und Staatsmännern betrachtet, wo sie, im Genusse einer ehrenvollen Unabhängigkeit und geschmackvollen Muße, ihr Gemüth vorbereiten, um in jenen gesetzgebenden Versammlungen zu glänzen, deren Berathungen und Entscheidungen das Studium und die Muster anderer Völker bilden und die Theilnahme der Welt in Anspruch nehmen. Ich bin daher überrascht und getäuscht gewesen, als ich fand, daß ich mich über diesen Gegenstand öfter einem utopischen Traume eher, denn einer wohlbegründeten Meinung hingegeben hatte. Es hat mir weh gethan, zu finden, daß diese schönen Güter nur zu oft mit Schulden belastet, verpfändet, oder in den Händen von Gläubigern, und ihre Eigenthümer von ihrem väterlichen Erbe verbannt waren. Es herrscht da, wie ich höre, ein Aufwand, welcher eben so groß als der Reichthum ist, ein gedankenloses Verschwenden unter den Großen, eine sinnlose Nachahmung unter den Geringern, in allen höheren Ständen eine leichtsinnige, von aller wahren Freude entfernte Verschwendungssucht, welche oft diese glänzenden Haushaltungen zu Grunde richtet, den Stolz und die Grundsätze der Vorfahren vernichtet, und viele der Abkömmlinge entweder zu bloßen Stellen-Jägern macht, oder sie zwingt, sich in das Ausland zu flüchten. So sind Manche gezwungen, sich der Regierung in die Hände zu geben; und ein Hof, welcher der reinste, ehrenwertheste in Europa sein sollte, wird auf diese Weise oft von vornehmen, aber zudringlichen Augendienern verunehrt. So müssen auch Manche ihr Vaterland meiden, füllen die Gasthöfe fremder Länder, und verschwenden an danklose Fremde den Reichthum, den sie ihren arbeitsamen Unterthanen abgepreßt haben. Ich habe diese Letzteren nie ohne eine Mischung von Vorwurf und Betrübniß betrachtet. Da ich die beinahe abgöttische Liebe des Engländers zu seiner Heimath kenne, kann ich mir wohl denken, wie groß ihre Zerknirschung und Reue sein muß, wenn sie auf den sonneverbrannten Ebenen von Frankreich an Englands grüne Fluren denken; an die ererbten Haine, von denen sie geschieden, an das gastliche Dach ihrer Väter, das sie verödet oder im Besitze von Fremden zurückgelassen haben. Aber die Einschränkung ist kein Grund, das Vaterland zu meiden. Sie haben sich mit dem Wohlstande desselben gehoben: laßt sie auch dessen Glückswechsel mit ertragen und seine Schicksale mit erdulden. Es ziemt sich nicht für die Reichen, zu flüchten, weil das Vaterland leidet: laßt sie, nach ihrem Verhältniß, das allgemeine Uebel theilen; sie sind es dem Lande, das sie zu Ehren und Ueberfluß emporgehoben hat, schuldig. Wenn die Armen sich an ihrem kärglichen Bissen Brod etwas abbrechen müssen; wenn sie den Forderungen des Bedürfnisses nicht genügen können, und darauf sinnen müssen, mit wie Wenigem sie auskommen können, um nicht zu verhungern, dann müssen die Reichen nicht entweichen und die Hülfsquellen der Armen nicht noch mehr schmälern, damit sie selbst in einem wohlfeileren Lande im Ueberflusse leben können. Laßt sie vielmehr sich auf ihre Güter begeben und Einschränkungen machen. Laßt sie zu der edlen Einfachheit zurückkehren, jenem praktischen gesunden Verstand, jenem rechtlichen Stolz, welche die Grundlage des wahren englischen Charakters bilden, und auf dieser wiederum das Gebäude eines wohlbegründeten, ehrenwerthen Wohlstandes aufführen. Auf den ländlichen Sitten des englischen hohen und niedern Adels, auf der Art, womit sie auf ihren väterlichen Besitzungen ihren Pflichten obliegen, beruhen vornehmlich die Tugend und die Wohlfahrt der Nation. So lange sie den größeren Theil ihrer Zeit in der Ruhe und Reinheit des Landlebens zubringen, von den Denkmälern ihrer erlauchten Ahnen umgeben, von allem dem umgeben, was einen edlen Stolz, einen lebendigen Wetteifer, wohlgefällige und großartige Gefühle einflößen kann: so lange stehen sie fest und das Volk mag ihnen seine Interessen und seine Ehre anvertrauen. Sobald sie aber die knechtischen Belagerer der Zugänge des Hofes werden, und sich den politischen Händeln und den herzlosen Zerstreuungen der Hauptstadt hingeben, von diesem Augenblicke an verläugnen sie den wahren Adel ihrer Natur und werden die bloßen Blutsauger des Landes. Daß der größere Theil des höheren Adels und der mittlern Klasse in England hohe Begriffe von Ehre und Unabhängigkeit hat, glaube ich fest. Sie haben dieß erst neuerlich bei sehr wichtigen Gelegenheiten bewiesen, und ein Beispiel der Anhänglichkeit an Grundsätze, mit Verachtung aller Rücksicht auf Partei und Macht, gegeben, welches mehrere der feilen, kriechenden Höfe in Europa in Erstaunen gesetzt haben muß. Dieß sind die herrlichen Wirkungen der Freiheit, wenn sie mit der Verfassung verschmolzen ist. Es scheint mir aber, daß sie leicht die ausübende Beschaffenheit ihrer Pflichten vergessen und sich einbilden, ihre bedeutenden Vorrechte seien nur eben so viele Mittel zu ihrer Selbstbefriedigung. Sie sollten bedenken, daß bei einer Verfassung, wie die englische ist, die bevorrechteten Stände eben so viel Nutzen stiften sollen, als sie zur Zierde gereichen, und daß ihre Tugenden sie allein zu beidem fähig machen können. Ihre Pflichten sind zwischen dem Beherrscher und dem Unterthan getheilt; sie umgeben den Thron, und ertheilen ihm Glanz und Würde, indem sie zugleich seine Strahlen mäßigen und mildern, bis sie in sanftem freundlichem Licht auf das Volk fallen. Zu Muße und Reichthum geboren, sind sie die Anwendung ihrer Talente und die Spende ihres Reichthums dem Vaterlande schuldig. Sie lassen sich mit den Wolken vergleichen, welche, von der Sonne angezogen und zum Himmel erhoben, deren Glanz zurückstrahlen und verherrlichen; während sie der Erde, welcher sie ihre Entstehung verdankten, dadurch lohnen, daß sie ihre Schätze in fruchtbringenden Schauern ihr zurückgeben. Eines Hagestolzes Bekenntnisse. Ich werd' ein stilles, betrachtendes, einsames Leben führen. Der Köhler von Croydon . Ich saß einen dieser Morgen in meinem Zimmer und las, als Jemand an der Thür klopfte und Meister Simon hereintrat. Er sah ganz jugendlich aus; er hatte einen hellgrünen Reitrock angethan, einen Veilchenstrauß im Knopfloch, und sah eben wie ein alter Junggeselle aus, der es versucht, sich zu verjüngen. Er hatte jedoch seine gewöhnliche Munterkeit und Lebendigkeit nicht; sondern schlenderte mit einem gewissen zerstreuten Wesen im Gemache umher, brummte das alte Lied: »geh', hübsche Rose, sag' ihr an, wie sich und mir sie schadet,« lehnte sich dann an ein Fenster, blickte ins Freie und stieß einen sehr vernehmlichen Seufzer aus. Da ich gar nicht gewohnt war, Meister Simon in nachdenkender Stimmung zu sehen, glaubte ich, irgend etwas Unangenehmes nage ihm am Herzen, und bestrebte mich, dem Gespräch eine erheiternde Wendung zu geben; aber er war nicht in der Laune, ihr zu folgen, und schlug mir einen Spaziergang vor. Es war ein schöner Morgen, von jener sanften Frühlingswärme, welche allen Frost in unserem Blute aufzuthauen und die ganze Natur in Gährung zu bringen scheint. Selbst die Fische fühlten ihren Einfluß: die vorsichtige Forelle wagte sich aus ihrer dunkeln Vertiefung hervor, um ihr Männchen zu suchen, die Plötze und der Weißfisch stiegen zur Oberfläche des Baches empor, um sich zu sonnen, und der verliebte Frosch quackte zwischen den Binsen heraus. Wenn ja eine Auster wirklich Liebe fühlen kann, wie es in einem Sprüchwort oder in einem Gesange heißt, so muß es an einem solchen Morgen sein. Das Wetter übte gewiß seinen Einfluß selbst auf Meister Simon, denn er schien seiner nachdenklichen Stimmung hartnäckig nachzuhängen. Statt kräftig einherzugehen, mit seiner Hundepeitsche zu knallen, drollige Lieder zu pfeifen oder Jagdanekdoten zu erzählen, lehnte er sich auf meinen Arm und sprach von der herannahenden Vermählung, von der aus er mehrere Abschweifungen über den Charakter der Frauen machte, die zärtliche Neigung ein wenig berührte, und mehrere vortreffliche, wenn gleich etwas abgenützte Bemerkungen über Unglück in der Liebe machte. Es war klar, daß er etwas auf dem Herzen hatte, das er mitzutheilen wünschte, allein er war ungewiß, wie er es einleiten sollte. Ich war neugierig, zu sehen, wohin diese Laune führen würde; aber ich war auch entschlossen, ihm nicht zu Hülfe zu kommen. In der That, ich suchte boshafter Weise das Gespräch zu wenden, und redete von seinen gewöhnlichen Unterhaltungsgegenständen, Hunden, Pferden und Jagd; aber er war sehr kurz in seinen Antworten, und kam unabänderlich, entweder geradezu oder durch Umschweife, in seine empfindsame Laune zurück. Endlich gelangten wir zu einer Gruppe von Bäumen, welche über einen murmelnden Bach hingen und an deren Fuß eine massive Bank stand. Die Bäume waren schrecklich mit Buchstaben und Sprüchen, welche mit der Rinde aus aller Form und Gestalt herausgewachsen waren, bedeckt, und es schien, als ob dieses Gebüsch seit undenklichen Zeiten zu einer Art Familienregister gedient habe. Hier blieb Meister Simon stehen, riß einen Busch Blumen aus, warf sie eine nach der andern in das Wasser, und fragte mich endlich, indem er sich etwas abgebrochen zu mir wandte: ob ich je verliebt gewesen sei. Ich muß gestehen, daß mich die Frage in einige Verlegenheit setzte, da ich meine verliebten Thorheiten eben nicht sehr gern eingestehe, und vor allem nie daran denken würde, meinen Freund, Meister Simon, zum Vertrauten zu wählen. Er erwartete jedoch meine Antwort nicht; die Frage war ein bloßes Vorspiel zu einem Bekenntniß von seiner Seite, und nach mehreren Umschweifen und sonderbaren Einleitungen, erzählte er mir eine ganz artige Geschichte von seinem Unglück in der Liebe. Der Leser wird wahrscheinlich glauben, diese beziehe sich auf die muntere Wittwe, die ihn, vor nicht gar langer Zeit, auf dem Pferderennen von Doncaster zum Besten hatte; – nichts der Art! Sie betraf eine empfindsame Neigung, die er zu einer schönen jungen Dame gefaßt hatte, welche Verse machte und die Harfe spielte. Er pflegte ihr Serenaden zu bringen, und beschrieb wirklich mehrere zärtliche, verliebte Auftritte, worin er sich offenbar, in seinen geistigen Augen, als irgend einen zierlichen Romanenhelden erblickte, obgleich ich, zum Unglück für seine Erzählung, ihn nur als einen knappen, kleinen, alten Junggesellen vor mir stehen sah, mit einem Gesichte, wie ein Apfel, der mit der Röthe darauf vertrocknet ist. Welches die genaueren Umstände dieses zärtlichen Romans waren, habe ich bereits vergessen; freilich hörte ich ihn mit einem wahren Kieselsteinherzen an, denn es ward mir schwer, ein Lächeln zu verbergen, während Meister Simon den Verliebten spielte, dann und wann einen Seufzer ausstieß, und sich Mühe gab, empfindsam und melancholisch auszusehen. Alles, dessen ich mich erinnere, ist, daß die Dame, seiner Erzählung zufolge, gewiß ein wenig gerührt war; denn sie pflegte alle Musik anzunehmen, die er für sie abschrieb, und alle Muster, die er für ihren Putz zeichnete; und er fing, nach einer lange fortgesetzten Aufmerksamkeit, bereits an, sich zu schmeicheln, er habe eine zärtliche Flamme in ihrem Herzen angefacht, als sie plötzlich die Hand eines reichen, tobenden, fuchsjagenden Baronets annahm, der ohne Musik und ohne Empfindsamkeit nach einem vierzehntägigen Courmachen sie mit Sturm einnahm. Meister Simon konnte nicht umhin, mit irgend einer Bemerkung über »bescheidenes Verdienst,« und die Macht des Goldes über das andere Geschlecht zu schließen. Als ein Andenken von seiner Leidenschaft zeigte er auf ein in die Rinde eines der Bäume eingeschnittenes Herz, welches jedoch im Laufe der Zeit gewaltig ausgewachsen war; er zeigte mir auch eine Locke von ihrem Haar, die er, in einem Liebesknoten, in einer großen goldenen Brustnadel trug. Ich habe selten einen alten Junggesellen getroffen, der nicht, zu irgend einer Zeit, seine alberne Stunde gehabt hätte, wo er zärtlich und empfindsam wurde, von Herzensangelegenheiten sprach, und irgend ein Geständniß von zärtlicher Beschaffenheit zu machen hatte. Beinahe jeder Mann hat eine gewisse romantische Zeit in seinem Leben gehabt, auf die er mit Liebe zurückblickt und über die er dann und wann sehr gesprächig werden kann. Er denkt sich, wie er zu jener Zeit war, jung und leichtfertig, und vergißt, daß seine Zuhörer keinen andern Begriff von dem Helden der Erzählung haben, als wie er ihnen zur Zeit erscheint, wo er sie vorträgt, vielleicht ein verschrumpfter, grillenhafter, spindelbeiniger alter Herr. Bei verheiratheten Männern ist das gewiß nicht so leicht der Fall, ihre verliebte Romantik sinkt gewöhnlich nach der Heirath; warum, weiß ich um's Leben nicht zu sagen: bei einem Junggesellen erstirbt sie aber nie, wenn sie auch schlummern mag. Es werden immer gewisse vorübergehende Spuren davon bei ihm wieder sichtbar werden, und niemals mehr, als an einem Frühlingsmorgen auf dem Lande; oder an einem Winterabende, wenn er in seinem einsamen Zimmer sitzt, das Feuer aufschürt und von Heirathen spricht. Sobald Meister Simon sich seines Bekenntnisses entledigt, oder, wie man gewöhnlich sagt, »sein Gewissen erleichtert hatte,« war er wieder ganz der alte. Er hatte den Punkt festgestellt, welcher ihm den Kopf verwirrte, und hielt sich ohne Zweifel überzeugt, daß er sich mir als einen Mann von Gefühl dargestellt habe. Ehe wir unsern Morgenspaziergang beendigt hatten, sang er schon wieder fröhlich wie ein Grashüpfer, pfiff seinen Hunden und erzählte närrische Geschichten; und ich erinnere mich, daß er an diesem Tage bei Tische über das Heirathen besonders scherzhaft war, und mehrere vortreffliche Späße sagte, die nicht in Joe Miller zu finden sind, und bei denen die Braut erröthete und vor sich nieder sah, welche aber bei den alten Herren am Tische ein lautes Gelächter hervorriefen, und namentlich dem General Thränen in die Augen lockten. Englischer Ernst. »Lustiges England.«             Alte Redensart . Nr sehr selten kann ein Mann sein Steckenpferd ohne Belästigung reiten. Ich finde, daß der Squire keinesweges seinen Launen so ungestört nachhängen darf, als ich dachte; sondern daß er in neuerer Zeit häufig daran gehindert worden ist, und namentlich eine Art wohlgemeinter Verfolgung von einem gewissen Herrn Faddy erduldet hat, einem alten Herrn von einigem Gewicht, wenigstens des Beutels, der neulich in die Nachbarschaft gezogen ist. Er ist ein achtbarer, wohlhabender Fabrikant, der, nachdem er durch Dampfmaschinen und Baumwollenspinnereien ein großes Vermögen zusammengehäuft, sich von den Geschäften zurückgezogen hat und nun ein Landmann geworden ist. Er hat einen alten Landsitz an sich gebracht, ihn aufgestutzt, und ihn anmalen und antünchen lassen, bis er ungefähr wie seine Fabrik ausgesehen hat. Er hat auch besondere Sorge darauf verwendet, die Mauern und Hecken auszubessern, und überall auf seinem Grund und Boden die Warnung vor Selbstschüssen und Fußangeln angeklebt. In der That, er ist auf seine gutsherrlichen Rechte sehr eifersüchtig, denn er hat einen Fußsteig, der über seine Felder führte, ganz eingehen lassen; und mächtige Buchstaben warnen, daß, wer auf diesem Grund und Boden sich in etwas vergehe, nach der ganzen Strenge der Gesetze behandelt werden solle. Er hat alle die städtischen Angewohnheiten und die geräuschvolle Weise des Geschäfts mit sich auf das Land gebracht; und ist einer der fühlenden, nützlichen, langweiligen, zudringlichen, unerträglichen alten Herrn, welche umher gehen und die Gesellschaft durch ihre vortrefflichen Pläne für die öffentliche Wohlfahrt erdrücken und ersticken. Er ist sehr geneigt, mit dem Squire auf vertrautem Fuß zu stehen und sucht ihn jeden Augenblick mit einem Plan zum Wohle der Nachbarschaft heim, der in der Regel einer oder der andern eigenthümlichen Ansicht des Squire schnurstracks entgegenläuft, aber doch »eine zu nützliche Maßregel« ist, als daß man sich ihm offen entgegensetzen könnte. Er hat ihn durch die Vollstreckung des Gesetzes gegen Vagabunden, durch Verfolgung der Zigeuner und das Aufheben der Kirmesse und Festtagsspiele, die er für große Mißbräuche und für die Hauptursachen der Todsünde der Trägheit hält, überaus gequält. In allem diesen liegt offenbar ein wenig von der Prahlerei der neu erlangten Bedeutsamkeit; der Handwerker schwillt nach und nach zum Aristokraten auf und wird gewaltig unduldsam gegen Alles, was nicht zum guten Ton gehört. Er weiß viel von »gemeinem Volk« zu reden, spricht oft von seinem Park, seinen Treibhäusern und der Nothwendigkeit, die Jagdgesetze streng zu handhaben, und bedient sich häufig der Redensart: »der Herrenstand in der Umgegend.« Neulich besuchte er die Halle mit einer äußerst wichtigen Miene, damit er und der Squire, wie er sich ausdrückte, »mit einander zu Rathe gingen,« wie man am besten der Lust im Dorfe an dem herannahenden Maitage Einhalt thun könnte. Sie ziehe, sagte er, Müßiggänger aus der ganzen Nachbarschaft herbei, welche den Tag mit Geigen, Tanz und Völlerei hinbrächten, statt zu Hause zu bleiben und für ihre Familien zu arbeiten. Da nun der Squire unglücklicherweise der Grundpfeiler aller dieser Maitagslustbarkeiten ist, so kann man annehmen, daß die Vorschläge des scharfsinnigen Herrn Faddy nicht auf das freundlichste von der Welt angenommen wurden. Es ist wahr, der alte Herr hat zu viel Lebensart, um einen Gast in seinem eigenen Hause seine Unzufriedenheit merken zu lassen; kaum hatte er sich aber entfernt, als der Squire seinem Unwillen über den Einbruch der summenden, blaubäuchigen Gewerbsfliege in seine poetischen Spinnweben den Lauf ließ. In seiner Hitze zog er gegen die ganze Klasse der Fabrikanten los, die, wie ich fand, arge Ruhestörer für ihn sind. »Herr,« sagte er in Bewegung, »das Herz blutet mir, alle unsere schönen Flüsse durch Baumwollenspinnereien gestaut und damit überbaut, unsere Thäler von Dampfmaschinen rauchen, und den Lärm des Hammers und des Webestuhls alle unsere ländlichen Ergötzlichkeiten verscheuchen zu sehen. Was soll aus dem lustigen alten England werden, wenn seine Landsitze in Manufakturen umgewandelt und seine tüchtigen Landleute zu Nadlern und Strumpfwirkern werden? Vergebens habe ich mich nach dem lustigen Sherwood und allen den belaubten Schlupfwinkeln Robin Hood's umgesehen; die ganze Gegend ist mit Manufakturstädten bedeckt. Ich habe auf den Trümmern von Dudley Castle gestanden und mit wundem Herzen rund umher geschaut auf die einst so blühenden, fruchtbaren Lehngüter. Ich sah ein bloßes phlegräisches Gefilde; eine Feuergegend, von Kohlengruben, Oefen und Schmelzhütten rauchend, welche Flammen und Rauch ausspieen. Die bleichen, gespenstischen Leute, welche sich zwischen giftigen Dämpfen umherbewegten, sahen mehr wie Teufel, denn wie Menschen aus; die rasselnden Räder und Maschinen, die man durch die schmutzig-düstere Luft erblickte, sahen aus wie Marterwerkzeuge in dieser Hölle. Was soll aus dem Lande werden, mit diesen Uebeln im Innersten desselben? Herr, diese Fabrikanten werden unsere ländlichen Sitten in Grund und Boden verderben; sie werden den Volkscharakter untergraben; sie werden zu keiner einzigen poetischen Zeile mehr Stoff lassen!« Der Squire wird über solche Gegenstände leicht beredt; und ich konnte kaum umhin, diese sonderbare Klage über den Gewerbfleiß und die Fortschritte des öffentlichen Wohlstandes zu belächeln. Ich hörte indessen, daß er wirklich über den wachsenden Gewerbsgeist, als über eine Zerstörung des Reizes des Lebens, betrübt ist. Er betrachtet einen jeden neuen kurzen Weg, um etwas zu vollbringen, als einen Eingriff in den gewohnten bequemen Schlendrian, und glaubt, die Welt werde sich bald zu einer bloßen Geschäftswelt gestalten, wo das Leben auf eine mathematische Berechnung aller Zweckmäßigkeiten zurückgeführt, und alles durch Dampf betrieben wird. Er behauptet auch, das Volk habe von seinem freien und fröhlichen Geist in dem Grade verloren, als es seine Aufmerksamkeit auf Handel und Fabriken richte; und in alten Zeiten sei England eine müßigere, aber auch eine fröhlichere kleine Insel gewesen. Zur Unterstützung dieser Meinung führt er die Häufigkeit und den Glanz der alten Feste und Lustbarkeiten an, und die Liebe, mit welcher sie von allen Volksklassen begangen wurden. Sein Gedächtniß ist mit den Nachrichten angefüllt, die Stow, in seiner Beschreibung von London, von den Festtagsfeierlichkeiten in den Rechtsschulen, den Weihnachts-Vermummungen, und den Maskeraden und Freudenfeuern auf den Straßen gibt. London, sagt er, glich zu jenen Zeiten den Städten des festen Landes in seinen malerischen Sitten und Vergnügungen. Der Hof pflegte bei öffentlichen Festen nach dem Mittagsessen zu tanzen. Nach dem Krönungsmahle von Richard II., zum Beispiel, tanzte der König, die Prälaten, die Edelleute, die Ritter und die übrige Gesellschaft in der Westminster-Halle nach der Musik der Minstrels. Die mittleren Klassen folgten dem Beispiele des Hofes, und so herab bis zum Niedrigsten, und das ganze Volk war ein tanzendes, lustiges Volk. Er führt ein Bild der Stadt in jenen Zeiten an, wie es bei Stow zu finden ist, und das dem gleicht, was man jetzt noch oft in der muntern Stadt Paris sehen kann, denn er sagt, an Festtagen, nach dem Abendgebet, hätten sich die Mädchen in London, im Angesicht ihrer Gebieter und Gebieterinnen, vor den Thüren versammelt und, während eine das Tambourin schlug, um Blumengehänge, die quer über die Straße gezogen waren, ihre fröhlichen Tänze aufgeführet. »Wo finden wir heutiges Tages so fröhliche Gruppen?« pflegt der Squire dann auszurufen, indem er traurig den Kopf schüttelt; »und dann die Kleiderpracht, die unter allen Klassen der Gesellschaft herrschte, und sogar die Straßen so schön und malerisch machte? Ich habe selbst, sagte Gervasius Markham, einen gewöhnlichen Kellner gesehen, mit seinen seidenen Strümpfen, Strumpfbändern, reich mit goldenen Tressen besetzt, die übrige Kleidung dazu passend, und darüber einen mit Sammet besetzten Mantel! Auch Nashe, der 1593 schrieb, ruft bei seinen Bemerkungen über den Aufwand der Kleidung des Volkes aus: England, die Schaubühne der Prachtanzüge, der Affe aller Ueberflüssigkeiten anderer Völker, dieses fortdauernd in alle mögliche ausländische Kleidungen verlarvte England!« Dieß sind einige wenige von den Quellen, welche der Squire anführt, um die geglaubte frühere Lebendigkeit des Volks seinem gegenwärtigen einförmigen Charakter recht grell gegenüberzustellen. »John Bull,« pflegt er zu sagen, »war damals ein fröhlicher Cavalier, mit einem Degen an der Seite und einer Feder auf dem Hute; aber er ist jetzt ein grübelnder Bürger, in tabaksfarbigem Rocke und Gamaschen.« Nebenher bemerkt, es scheint sich in dem Volkscharakter wirklich etwas geändert zu haben seit den Tagen, von welchen der Squire so gern spricht; seit den Tagen, wo dieß kleine Eiland seine alte Lieblingsbenennung des »lustigen Englands« erhielt. Dieß mag zum Theil dem wachsenden Druck der Zeiten und der Nothwendigkeit beizumessen sein, die ganze Aufmerksamkeit auf die Mittel zum Unterhalt zu wenden: aber Englands fröhlichste Gewohnheiten herrschten zu der Zeit, wo das gemeine Volk verhältnißmäßig wenig von den Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten genoß, deren es sich jetzt erfreut. Es mag noch mehr der allgemeinen Begierde nach Gewinn und dem berechnenden Wesen zuzuschreiben sein, wozu der Handel Gelegenheit gegeben hat; am meisten bin ich geneigt, es dem allmähligen Wachsthum der Freiheit der Unterthanen und der zunehmenden Unbeschränktheit und Regsamkeit der öffentlichen Meinung zuzuschreiben. Ein freies Volk ist gewöhnlich ernst und nachdenkend. Große, wichtige Gegenstände beschäftigen seinen Geist. Es fühlt, daß es sein Recht, sein Vortheil, seine Pflicht ist, sich in die öffentlichen Angelegenheiten zu mischen, und über das allgemeine Wohl zu wachen. Die beständige Beschäftigung des Geistes mit politischen Gegenständen gibt überhaupt zu viel schärferm Denken Anlaß, und verleiht ein ernsteres, gemesseneres Wesen. Ein Volk wird weniger fröhlich, aber geistig thätiger und kräftiger. Es zeigt eine weniger lebendige Phantasie, aber mehr Stärke der Einbildungskraft; weniger Geschmack und Zierlichkeit, aber mehr Größe des Geistes; weniger reges Leben, aber dafür eine tiefere Begeisterung. Wenn die Menschen durch eine despotische Regierung von dem Bereiche männlichen Denkens ausgeschlossen werden, wenn es gefahrvoll wird, einen ernsten erhabenen Gegenstand zu erörtern, und schon darüber nachzudenken: dann wenden sie sich zu den unschädlicheren Beschäftigungen des Geschmacks und der Unterhaltung; Kleinigkeiten steigen zu Wichtigkeit, und beschäftigen die heißhungerige Thätigkeit des Verstandes. Kein Wesen ist leerer an Sorge und Ueberlegung, als ein Sklave; keines tanzt fröhlicher in den Ruhestunden: macht ihn aber frei, gebt ihm Rechte und Interessen zu bewachen, und er wird nachdenkend und arbeitsam werden. Die Franzosen sind ein fröhlicheres Volk als die Engländer. Warum? Theils schon aus natürlicher Anlage; aber besonders, weil sie immer an Regierungen gewöhnt gewesen sind, welche die freie Ausübung des Denkvermögens mit Gefahren umgaben, und wo der nur sicher war, der Augen und Ohren gegen öffentliche Vorfälle verschloß, und sich mit der vorübergehenden Freude des Tages beschäftigte. In den letzteren Jahren haben sie mehr Gelegenheit gehabt, ihren Geist zu üben; und in den letzteren Jahren hat sich ihr Nationalcharakter wesentlich geändert. Die Franzosen haben nie einen solchen Grad von Freiheit genossen, wie gegenwärtig; und die Franzosen sind jetzt ein verhältnißmäßig ernstes Volk. Zigeuner. Was ist das gegen unbedingte Freiheit, wie alle Bettler sie haben? Zu schmausen und lustig zu sein, heute hier und morgen dort und den nächsten Tag, wo sie wollen, und so immer weiter, durch das ganze Land oder Königreich? Das ist Freiheit; die Vögel in der Luft können nicht freier sein. Lustiges Volk . Seit der Zusammenkunft mit den Zigeunern, von der ich in einem frühern Abschnitte sprach, habe ich mehrere derselben, trotz dem bestimmten Verbote des Squire, um die Halle streifen sehen. Sie gehören zu einer Bande, welche lange in dieser Gegend gehauset hat, zum großen Verdrusse der Pächter, deren Hühnerhöfe oft durch ihre nächtlichen Besuche leiden. Sie werden aber gewissermaaßen von dem Squire geschützt, der diese Menschenart als zu den guten alten Zeiten gehörig ansieht, welche, unter uns gesagt, nichtsnutze Leute genug gehabt zu haben scheinen. Dieses herumstreifende Volk wird »Sternlicht-Thomas Bande« genannt, nach dem Namen ihres Anführers, eines berüchtigten Wilddiebes. Ich habe wiederholt von den Unthaten dieses »Lieblings des Mondes« gehört; denn jeder nächtliche Raub, der in einem Parke, einem Pferch oder auf einem Bauernhofe stattfindet, wird ihm zur Last gelegt. Der Sternlicht-Thomas entspricht in der That seinem Namen; er scheint im Dunkeln zu wandern, und ist, wie ein Fuchs, am Morgen an dem Unheil zu erkennen, das er angestiftet hat. Er erinnert mich an den furchtbaren Mann im Ammenlied. Kurz der Sternlicht-Thomas ist der Sündenbock der Umgegend; aber so verschmitzt und gewandt, daß man nie an ihn kommen kann. Der alte Christy und der Wildhüter haben manch' eine Nacht gewacht, in der Hoffnung, ihn zu ertappen; und Christy durchstreift oft den Park mit seinen Hunden zu diesem Ende, aber Alles vergebens. Man sagt, der Squire sehe allen seinen Unthaten nach, indem er eine gewisse Vorliebe für den Landstreicher habe, der in jeder Art von Leibesübungen sehr gewandt, ein guter Bogenschütze und der beste Mohrentänzer im Lande sei. Auch läßt der Squire die Bande ungestört an der Grenze seines Gebiets umherstreifen, unter der Bedingung, daß sie nicht in die Nähe seines Hauses komme. Die bevorstehende Hochzeit hat aber eine Art Saturnalien in der Halle veranlaßt, und alle Zucht und Ordnung aufgehoben. Der weibliche Theil des Hausstandes ist in großer Bewegung; jedes Hausmädchen träumt von Hochzeitsschleifen und hat einen Mann im Kopfe. Solch eine Zeit ist eine Ernte für die Zigeuner; durch einen Theil des Parks geht ein öffentlicher Fußsteig, auf dem sie ungestört herein kommen, und sie sind beständig in der Nähe, wahrsagen den Dienstmädchen, oder werden zu den jungen Damen hereingeschmuggelt. Ich glaube, der Oxforder Student ergötzt sich sehr, ihnen heimlich Winke zu geben und alle schwache Köpfe durch ihre wundervollen Eröffnungen zu verdrehen. Der General war gewiß in großem Erstaunen über die Mittheilungen, die ihm das Zigeunermädchen an einem der vorigen Abende gemacht hatte; er beobachtete gegen uns über den Gegenstand ein scheues Stillschweigen und schien die Sache leicht zu nehmen; aber ich habe bemerkt, daß er seit der Zeit seine Aufmerksamkeiten gegen Lady Lillycraft und ihre Hunde verdoppelt hat, Ich habe auch Phöbe Wilkins, die artige, liebesieche Nichte der Haushälterin, eine lange Berathung mit einer dieser alten Sibyllen hinter einem großen Baume in der Allee halten, und sich oft umblicken sehen, ob sie auch nicht beobachtet werde. Ich zweifle nicht, daß sie über den Ausgang ihres Liebeszwistes mit dem jungen Baargeld ein günstiges Vorzeichen zu erhalten wünschte, da gewöhnlich Orakel über Liebeshändel, mehr als über alles Andere, befragt werden. Ich fürchte indessen, daß, in diesem Fall, der Bescheid nicht so günstig als gewöhnlich war, denn ich sah die arme Phöbe gedankenvoll nach dem Hause zurückgehen; sie ließ den Kopf hängen, hatte den Hut in der Hand und das Band schleifte auf der Erde nach. Ein anderes Mal, als ich mich um die Ecke einer Terrasse am Ende des Gartens wandte, stieß ich, dicht bei einer Gruppe von Bäumen, die eine große steinerne Vase umgaben, auf einen Schwarm junger Mädchen aus dem Hause, begleitet von derselben Phöbe Wilkins. Ich konnte gar nicht begreifen, was ihr Rothwerden und Kichern und ihre anscheinende Verwirrung bedeute, bis ich das rothe Oberkleid einer Zigeunerin in dem Gesträuch verschwinden sah. Einige Augenblicke nachher ward ich Meister Simon und den Oxforder Studenten gewahr, die einen der Gänge des Gartens hinunterschlichen, und lachend sich über das gelungene Schelmstück lustig machten; denn sie hatten offenbar die Zigeunerin zu der Sache angestiftet und sie von dem unterrichtet, was sie sagen sollte. Bei all dem liegt etwas seltsam Angenehmes in diesem Spiel mit der Zukunft, selbst wenn wir von der Trüglichkeit der Voraussagung überzeugt sind. Es ist sonderbar, wie gern die Sinne sich selbst betrügen, und mit welchem Grad von Ehrfurcht wir selbst diese Zukunftsverkündiger anzuhören pflegen. Ich meines Theils kann diesen armen Landstreichern, die uns durch glänzende Hoffnungen und Erwartungen zu schmeicheln suchen, nicht zürnen. Ich habe mir von jeher gern Luftschlösser gebaut, und gefunden, daß mein größtes Vergnügen aus den Täuschungen hervorgeht, welche die Einbildungskraft um die gemeine Wirklichkeit zu weben weiß. Je älter ich werde, desto schwerer finde ich es, mich auf diese angenehme Art zu hintergehen; und ich würde es jedem Propheten, wie falsch er auch sein möchte, danken, wenn er die Wolken, welche die Zukunft verhüllen, in Palläste, und alle ihre zweifelhaften Aussichten in ein Feenland umzaubern könnte. Der Squire, der, wie ich bemerkt habe, ein heimliches Wohlwollen für die Zigeuner hegt, hat schon Manches ihretwegen leiden müssen. Nicht daß sie seine Nachsicht durch Undank vergälten, denn sie verüben auf seinem Gute keine bedeutende Diebstähle; sondern weil ihre Entwendungen und ihr Unfug lautes Gemurre in dem Dorfe erregt. Ich kann des alten Herrn Ansichten über diesen Punkt sehr wohl verstehen; ich habe große Nachsicht gegen alle Arten landstreicherischen Wesens am hellen Tage, und muß gestehen, daß es mir Vergnügen macht, die Art und Weise der Zigeuner zu beobachten. Die Engländer, welche von Jugend auf an sie gewöhnt sind, und oft von ihren kleinen Plünderungen leiden, betrachten sie als einen bloßen Uebelstand; mir sind dagegen ihre Eigenthümlichkeiten sehr aufgefallen. Ich sehe sehr gern ihr klares olivenfarbenes Gesicht, ihre romantischen dunklen Augen, ihre Rabenlocken, ihre geschmeidigen, schlanken Gestalten, und höre gern, wie sie in sanftem Silberton glänzende Versprechungen von Ehrenbezeigungen und Gütern, von weltlichem Reichthum und von Frauenliebe geben. Auch ihre Lebensart hat etwas sehr phantastisches und malerisches. Sie sind die freien Bürger der Natur, und behaupten trotz dem Gesetze und dem Evangelium, den Gefängnissen und der Obrigkeit, ihre ursprüngliche Unabhängigkeit. Es ist merkwürdig zu sehen, wie diese eigensinnige Anhänglichkeit an die wilden unsteten Sitten eines herumziehenden Lebens sich von einem Geschlechte auf das andere fortgepflanzt, und mitten in einem der gebildetsten, bevölkertsten und systematischsten Länder der Welt erhalten hat. Sie unterscheiden sich gänzlich von dem geschäftigen, erwerbsamen Volke um sie her. Sie scheinen, wie die Indianer in Amerika, entweder über oder unter den gewöhnlichen Sorgen und Mühen des Lebens zu stehen. Der Macht, der Ehre und des Reichthums entbehrend, und gleichgültig gegen die Ereignisse der Zeit, gegen das Steigen und Fallen der Kornpreise oder der Staats-Papiere, scheinen sie die sich abquälende, abhärmende Menge um sich her zu verlachen und nach der Philosophie des alten Liedes zu leben: Wer Ehrgeiz sich hält fern, Lebt in der Sonne gern, Selbst sucht, was ihn ernährt, Und was er kriegt, verzehrt, Komm geschwinde, geschwinde, geschwinde;         Hier nagt und sticht         Ein Feind ihn nicht, Als Wetter. Regen und Winde. Auf diese Weise wandern sie von einer Grafschaft in die andere und weilen in der Nähe der Dörfer oder in solchen Gegenden, wo es fette Meierhöfe und reiche Landsitze gibt. Gewöhnlich schlagen sie ihr Lager an irgend einer schönen Stelle auf; entweder in einem grünen schattigen Winkel an der Landstraße; oder an dem Rande einer Gemeinwiese unter einer schützenden Hecke; oder am Saume eines schönen, kühlen Gehölzes. Man sieht sie immer auf Märkten, bei Pferderennen, bei ländlichen Festen und wo es überhaupt Vergnügen, Gedränge und Müßiggang gibt, umherstreifen. Sie sind die Orakel der Milchmädchen und einfältigen weiblichen Dienstboten; zuweilen haben sie sogar die Ehre, in den weißen Händen der Töchter der Edelleute zu lesen, wenn diese aus ihrer Väter Besitzungen umherschwärmen. Sie sind die Plage aller guten Hausfrauen und erwerbsamen Pächter, und den Friedensrichtern ein Dorn im Auge; aber, wie alles Andere, was eine Art von Landstreicherleben führt, haben sie etwas, das die Phantasie anzieht. Sie gehören, in diesen kalten Wirklichkeitstagen, zu den letzten Spuren von dem bunten Volke früherer Zeiten und gesellen sich mit Feen und Hexen, Kobolden, Robin Hood und den übrigen phantastischen Personen der Poesie in meinem Geiste sonderbar zusammen. Maitags-Gebräuche. Berühmte Tage, froh beglücktes Leben, (Denn treue Lieb' und Freundschaft blühten frisch) Wo jedes Dorf den Maibaum sah erheben, Maispiel im Freien, Pfingstbier auf dem Tisch: Wo all' die lust'gen Junker auf dem Raum Mit muntren Dirnen tanzten um den Baum; Da bat die Freundschaft zu dem Mahl die Gäste, Und auch der Arme freute sich beim Feste. Pasquil's Palinodia . Der Monat April ist beinahe vorüber, und wir nähern uns schnell dem poetischen Tage, welcher in alter Zeit für die Grenze angesehen wurde, die Winter und Sommer von einander schied. Bei allen seinen Launen liebe ich doch den April. Ich liebe diese lachenden und weinenden Tage, wo Sonnenschein und Schatten in Wogen über die Landschaft hinzugleiten scheinen. Ich sehe gern den plötzlichen Schauer über die Wiese hinrauschen, und der ganzen Natur ein fröhlicheres Lächeln geben; und die hellen Sonnenstrahlen, welche die fliehenden Wolken verjagen und alle Regentropfen in Diamanten verwandeln. Ich brachte einen Morgen dieser Art, in Gesellschaft des Squire, in einem der schönsten Theile des Parks zu. Wir ergingen uns in einem reizenden Gehölz, und er gab mir eine Art Lebensbeschreibung mehrerer seiner Lieblingsbäume, als wir die Schläge einer Axt mitten aus einem dichten Gebüsche hörten. Der Squire blieb stehen und horchte mit sichtbaren Zeichen des Mißbehagens. Er lenkte seine Schritte nach der Richtung, woher der Schall kam. Die Schläge wurden immer lauter, je näher wir kamen; es war offenbar ein kräftiger Arm, welcher die Axt schwang. Der Squire beschleunigte seine Schritte, aber vergebens; ein lauter Krach und ein darauf folgender Fall zeigten an, daß das Unheil geschehen und irgend ein Kind des Waldes gefallen war. Als wir an den Ort kamen, sahen wir Meister Simon und mehrere Andere um einen schlanken, schönen, geraden jungen Baum stehen, der so eben gefällt worden war. Der Squire, obgleich ein Mann von sehr gleichmäßigem Charakter, war durch diesen Umstand gänzlich aus seiner guten Laune gebracht worden. Er hatte dasselbe Gefühl wie ein Monarch, der dem Morde eines seiner getreuen Unterthanen zusieht, und mit einiger Rauhheit die Frage thut, was diese Unthat bedeute. Es fand sich, daß es Meister Simon's Sache war, der den Baum wegen seiner Höhe und Geradheit zu einem Maienbaum ausgewählt hatte, da der alte, welcher auf der Dorfwiese stand, zu fernerem Dienste nicht tauglich war. Wenn irgend etwas den Zorn meines würdigen Wirthes hätte besänftigen können, so wäre es der Gedanke gewesen, daß der Baum für eine so gute Sache gefallen sei; und ich sah, daß zwischen seiner Liebe für seine Bäume und seiner Anhänglichkeit an den ersten Mai ein großer Kampf obwaltete. Er konnte jedoch den niedergestürzten Baum nicht betrachten, ohne in eine Klage auszubrechen und eine Art Leichen-Lobrede zu halten, wie Markus Antonius bei Cäsars Leichnam; und er verbot, daß künftig auf seinem Grunde und Boden irgend ein Baum ohne eine Vollmacht von ihm selbst niedergehauen werden sollte, da er, wie er sagte, die Macht über Leben und Tod sich vorbehalten wolle. Diese Erwähnung des Maienbaumes erregte meine Aufmerksamkeit, und ich fragte, ob die alten, damit verbundenen Gebräuche in diesem Theile des Landes wirklich noch beobachtet würden. Der Squire schüttelte traurig den Kopf; und ich fand, daß ich eine seiner empfindlichen Stellen berührt hatte, denn er wurde ganz melancholisch bei seiner Klage über den gänzlichen Verfall des Maitages. Obgleich er in dem benachbarten Dorfe regelmäßig begangen wird, so war er doch nur von dem würdigen Squire wieder aufgefrischt und auf seine Kosten in einem gezwungenen Zustande des Daseins erhalten worden. Er erfährt fortwährend Widerstand, und findet große Schwierigkeit, die Bauerlümmel dahin zu bringen, daß sie ihre Rollen erträglich spielen. Er wählt jedes Jahr eine »Maienkönigin«, was aber Robin Hood, Bruder Tuck, den Drachen, das Steckenpferd, und die übrige bunte Schaar betrifft, welche den Tag durch ihre Mummerei zu beleben pflegte, so hat er es nicht gewagt, sie einzuführen. Dennoch sehe ich mit innigem Antheil dem versprochenen Schatten des alten Maientages entgegen, wenn es auch nur ein Schatten ist; und ich finde mehr und mehr Gefallen an dem sonderbaren, aber harmlosen Steckenpferde meines Wirthes, das ihn mit angenehmen Gedankenverbindungen umgibt und gleichsam eine kleine poetische Welt um ihn her schafft. In einer neuen Welt erzogen, wie ich es bin, mag ich wohl die schwachen Spuren alter Gebräuche, welche ich hie und da antreffe, zu hoch anschlagen, und der Antheil, mit dem ich von ihnen spreche, wird vielleicht Manchem unter Denen, die sie so nachlässig untergehen lassen, ein Lächeln ablocken. Wie gleichgültig aber auch diejenigen, welche »dabei aufgewachsen« sind, dagegen sein mögen, so gibt doch in meinem Sinne der zurückbleibende Hauch derselben dem Landleben einen Reiz, den nichts anderes ihm leicht mittheilen könnte. Ich werde nie das Entzücken vergessen, welches ich fühlte, als ich zum ersten Mal einen Maienbaum sah. Es war an den Ufern des Dee , nahe bei der malerischen alten Brücke, welche von der sonderbaren kleinen Stadt Chester aus über diesen Fluß führt. Die Alterthümer dieses ehrwürdigen Orts hatten mich bereits in frühere Tage zurück versetzt; eine Untersuchung derselben ist eben so gut, als ob man in einem alten Buche mit Mönchsschrift läse, oder die Malereien im Froissart ansähe. Der Maienbaum an dem Rande dieses poetischen Flusses vollendete die Täuschung. Meine Phantasie schmückte ihn mit Blumen, und bevölkerte das grüne Ufer mit all dem tanzenden Gewimmel eines Maientages. Der bloße Anblick dieses Maienbaumes gab meinen Gefühlen eine Glut und verbreitete, den Rest des Tages über, einen so mächtigen Reiz über die Gegend, daß, als ich einen Theil der angenehmen Ebene von Cheshire durchschritt und an den schönen Ufern von Wales hinziehend, zwischen schwellenden Hügeln hinab in ein langes, grünes Thal blickte, durch welches »die Deva ihre Zauberwogen wälzt,« meine Einbildungskraft Alles in ein vollkommenes Arkadien verwandelte. Ob es nun den dichterischen Zusammenstellungen zuzuschreiben ist, die sich meiner Seele früh eingeprägt hatten, oder ob es gleichsam ein sympathetisches Aufleben und Erblühen der Gefühle in dieser Jahreszeit sei, – gewiß ist es, ich empfinde jedesmal, wo ich auch sein mag, eine wohlthuende Ausdehnung meines Herzens bei der Rückkehr des Maies. Man sagt, daß um diese Zeit die Vögel unruhig in ihren Käfigen werden, als ob die Jahreszeit auf sie Einfluß hätte, daß sie des Freudenlebens sich bewußt würden, das in den Wäldern beginnt, und sich ungeduldig sehnten, aus ihrer Sklaverei zu entfliehen und sich in den Jubel des Jahres zu mischen. In gleicher Weise habe ich mich, selbst inmitten der Hauptstadt, erregt gefunden, wenn die Fenster, die den ganzen Winter finster verschlossen waren, wieder geöffnet wurden, um den Balsamhauch des Maies einzulassen, wenn die süßen Gerüche des Landes in die Stadt hereingehaucht, und Blumen auf den Straßen ausgerufen wurden. Ich habe diese so einströmenden Blumenschätze immer als eben so viele Botschaften der Natur angesehen, die uns einladen, die jungfräuliche Schönheit des Jahres zu genießen, ehe ihre Frische durch die Hitze des sonnigen Sommers verschwindet. Man kann sich leicht denken, welche Lust es in dem fröhlichen alten London gewesen sein muß, als jede Thür mit Blüthenzweigen verziert, jeder Hut mit Hagedorn geschmückt war, und Robin Hood, Bruder Tuck, Jungfrau Mariana, die Mohrentänzer und alle die übrigen phantastischen Masken und Lustigmacher ihre Narretheien um den Maienbaum in jedem Theil der Stadt trieben. Ich bin kein blinder Verehrer alter Zeiten und alter Sitten, bloß ihres Alters wegen. Während ich mich aber über das Verschwinden mehrerer rohen Gebräuche und ungebildeter Vergnügungen früherer Tage freue, kann ich nur beklagen, daß dieses unschuldige, phantastische Fest außer Gebrauch gekommen ist. Es schien diesem grünenden, hirtenartigen Lande angemessen, und darauf berechnet, den allzu vorherrschenden Ernst des Volks zu erheitern. Ich schätze jeden Gebrauch hoch, der dem gemeinen Volke ein gewisses poetisches Gefühl einflößt, und die Rauhheit ländlicher Sitten mildert, ohne deren Einfachheit zu zerstören. In der That, der Abnahme dieser glücklichen Einfachheit scheint das Verschwinden dieses Gebrauchs beigemessen werden zu müssen, und der ländliche Tanz auf der Wiese und der freundliche Maiaufzug sind nach und nach in dem Verhältniß verschwunden, als die Vergnügungen der Landleute theurer und künstlicher, und sie selbst zu aufgeklärt für einfache Freuden geworden sind. Einige Versuche sind, wie mir der Squire sagt, in der neueren Zeit von Männern von Geschmack und Wissen gemacht worden, die Ansichten des Volks wieder zu den Fahnen dieser ursprünglichen Einfachheit zurückzubringen; allein die Zeit ist vorüber, das Gefühl ist durch Gewinnsucht und Handelsverkehr erstickt, das Land äfft die Sitten und Vergnügungen der Stadt nach, und man hört jetzt wenig vom Maientage, ausgenommen in den Klagen der Schriftsteller, welche aus den steinernen Mauern der Stadt darnach seufzen: »Denn O! denn O! das Steckenpferd ist vergessen.« Die Würdigen des Dorfes. Ja, ich sage euch, ich bin in unserer Stadt so beliebt, daß der schlechteste Hund in der Straße meinen kleinen Finger nicht verletzen würde. Der Köhler von Croydon . Da das benachbarte Dorf einer der entlegenen, aber klatschhaften kleinen Orte ist, wo eine Kleinigkeit schon großes Aufsehn macht, so kann man nicht annehmen, daß ein Fest, wie der bevorstehende Maientag, mit Gleichgültigkeit betrachtet werde, besonders da die vornehmen Leute auf der Halle so viel Gewicht darauf legen. Meister Simon, der das treue Factotum des würdigen Squire ist und in allen Dingen sich nach seiner Laune bequemt, geht jetzt häufig in das Dorf, um die nöthigen Anordnungen wegen des bevorstehenden Festes zu treffen; und da ich mir gelegentlich die Freiheit nahm, ihn zu begleiten, habe ich mich mit dem Charakter und der innern Politik dieser sehr scharfsinnigen kleinen Gemeinde etwas genauer bekannt gemacht. Meister Simon ist in der That der Cäsar des Dorfes. Es ist wahr, der Squire ist die schützende Macht, aber sein Factotum ist sein thätiger, geschäftiger Bevollmächtigter. Er hat mit Allem zu thun, ist mit allen Bewohnern und ihrer häuslichen Geschichte bekannt, gibt den alten Leuten bei ihren Geschäften, den jungen bei ihren Liebeshändeln Rath an die Hand und genießt des stolzen Bewußtseins, ein großer Mann in einer kleinen Welt zu sein. Er ist auch der Vertheiler der Wohlthaten des Squire. der ungemein mildthätig ist; und, um Meister Simon Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er steht diesem Theil seiner Obliegenheiten mit großer Regsamkeit vor. Es hat mir in der That oft Vergnügen gemacht, die Mischung von Geschäftigkeit, Wichtigkeit und Herzensgüte zu beobachten, welche er dabei an den Tag legt. Er ist zu lebendig, um die Betrübten dadurch zu trösten, daß er sich zu ihnen hinsetzt und mit ihnen stöhnt, wimmert und weint; sondern er flattert umher wie ein Sperling, und zwitschert Tröstung in jede Ecke und in jeden Schlupfwinkel des Dorfes. Ich habe eine alte Frau in einem rothen Mantel gesehen, die ihn eine halbe Stunde mit einer langen schwindsüchtigen Erzählung von ihrem Elende festhielt, die Meister Simon mit manchen Kopfbewegungen, manchem Knall mit der Hundepeitsche und anderen Zeichen der Ungeduld anhörte, obgleich er am Ende dem Squire einen sehr treuen, ausführlichen Bericht über die Sache abstattete. So habe ich ihn auch beobachtet, wie er einen seiner eiligen Besuche in der Hütte eines abgelebten Dorfbewohners abstattete, der von dem Squire eine Pension erhält; er trippelte im Zimmer herum, ohne sich niederzusetzen, machte dem alten Manne, der in seinem Lehnstuhl aufgerichtet saß, mehrere vortreffliche flüchtige Bemerkungen über die Kürze des Lebens, die Gewißheit des Todes und die Nothwendigkeit, sich auf die »furchtbare Wanderung« vorzubereiten; führte Stellen aus der Bibel an, sehr unrichtig zwar, aber dennoch zu großem Troste der Bauersfrau, kniff beim Herausgehen der Tochter rosige Wange und äußerte seine Verwunderung darüber, daß ein so hübsches Gesicht noch keinen Mann bekommen habe. So hat er auch seine Kabinets-Räthe im Dorfe, mit denen er eben jetzt sehr eifrig bei den Vorbereitungen zu den Maientags-Festlichkeiten beschäftigt ist. Unter diesen befindet sich der Dorfschneider, ein bleicher Bursche, der in der Kirche die Clarinette bläs't, und, da er ein großes musikalisches Genie ist, häufige Zusammenkünfte der Musiker in seinem Hause hält, worin sie durch ihre Concerte »die Nacht gräßlich machen.« Er steht demnach bei Meister Simon in großem Ansehn und hat, durch dessen Einfluß, alle Livreen in der Halle zu machen, oder vielmehr zu verderben, denn sie sehen gewöhnlich aus, als ob sie von einem der wissenschaftlichen Schneider von der fliegenden Insel Laputa gemacht worden wären, welche ihren Kunden mit einem Quadranten das Maß nehmen. Der Schneider könnte wirklich einer der begüterten Männer des Dorfes werden, wenn er nicht so gern klatschte, die Festtage hielte, Concerte gäbe, und Alles, Liegendes und Bewegliches, durch die Clarinette verbliese, welche im wörtlichen Sinne schuld ist, daß er selbst und sein Hab und Gut gleich schlecht bestellt sind. Er hat jetzt alle seine regelmäßige Arbeit auf die Seite gelegt, und läßt alle Hosen im Dorfe ungemacht und unausgebessert, während er sich damit beschäftigt, von bunten Lappen, nach Art der Blumen, Kränze zum Schmucke des Maienbaums zu winden. Ein anderer von Meister Simon's Räthen ist der Apotheker, ein kleiner, etwas dicker Mann, mit einem Paar vorliegender Augen, welche wie die eines Hummers auseinander stehen. Er ist der kluge Mann im Dorfe, sehr spruchreich, und voll tiefsinniger Bemerkungen über seichte Gegenstände. Meister Simon führt oft an, was er gesagt hat, redet von ihm wie von einem außerordentlichen Manne, und fragt ihn sogar bei verzweifelten Fällen, wenn Pferde oder Hunde krank sind, um Rath. In der That, er scheint durch des Apothekers Philosophie, die gerade eine Bemerkung tief ist, und aus unbestreitbaren Grundsätzen besteht, wie man sie etwa aus Motto's auf Tabakspaketen lernen kann, ganz überwältigt worden zu sein. Ich bekam bei meiner ersten Unterhaltung mit ihm sogleich ein Pröbchen davon; im Laufe derselben bemerkte er mit großer Feierlichkeit und besonderem Nachdruck »der Mensch sei aus Weisheit und Thorheit zusammengesetzt,« worauf Meister Simon, der mich am Arme hatte, mir denselben stark drückte und mir ins Ohr flüsterte: »das ist eine verteufelt kluge Bemerkung!« Der Schulmeister. Es wird auf Sisyphus' Stein kein Moos wachsen, an Merkur's Fersen kein Gras hängen, und auf eines Reisenden Brod keine Butter bleiben. Denn, so wie der Adler bei jedem Fluge eine Feder verliert, was ihn im Alter kahl macht, so verliert der Reisende in jedem Lande etwas Wolle, was ihn in der Jugend zum Bettler macht, da er das für ein Pfund kauft, was er nicht einmal für einen Penny verkaufen kann – Reue. Lilly's Euphues . Unter den Würdigen des Dorfes, welche das besondere Vertrauen Meister Simon's genießen, ist Einer, der mir so aufgefallen ist, daß ich ihn einer besondern Aufmerksamkeit werth erachte. Es ist Slingsby, der Schulmeister, ein dürrer ältlicher Mann, ziemlich ärmlich und schmutzig, etwas träge in seinem Wesen, und mit einem freundlichen, gutmüthigen Blick, was man nicht oft bei Leuten seines Berufs findet. Ich habe um einiger Anekdoten willen, die ich in Betreff seiner erfahren habe, Antheil an ihm genommen. Er ist im Dorfe geboren, und war ein Zeitgenosse und Spielgeselle Hans Baargeld's in den Tagen ihrer Kindheit. Beide pflegten einander immer auszuhelfen. Slingsby war etwas schwächlich und dabei feig, lernte aber sehr gut: Hans dagegen war sehr flink und kräftig außer dem Hause, wußte aber desto schlechter in den Büchern Bescheid. Slingsby half deßwegen dem Hans bei allen seinen Aufgaben; Hans focht alle Kämpfe des Slingsby für ihn aus; und so waren [sie] unzertrennliche Freunde. Diese gegenseitige Zuneigung dauerte ungeachtet der Unähnlichkeit ihrer Charaktere fort, selbst nachdem Beide die Schule verlassen hatten. Hans nahm den Pflug und die Sense zur Hand, und schickte sich an, seine väterlichen Felder zu bestellen; während der Andere sorglos den Pfad des Wissens dahinschlenderte, bis er sogar in das Bereich des Lateinischen und der Mathematik eindrang. In einer unglücklichen Stunde kam er darauf, Land- und Seereisen zu lesen, und nun ergriff ihn die Begierde, die Welt zu sehen. Diese Begierde wuchs in ihm, je größer er ward; und so packte er früh an einem schönen sonnenhellen Morgen sein Hab und Gut in einen Ranzen, warf diesen über die Schulter, nahm den Wanderstab zur Hand, und ging auf dem Wege noch zu seinem ehemaligen Schulkameraden, um von ihm Abschied zu nehmen. Hans war eben im Begriff mit dem Pfluge hinauszufahren; unter dem Hofthor schüttelten sich die Freunde die Hand; Hans lenkte sein Gespann nach dem Felde, und Slingsby pfiff sein »über die Hügel, über die Höh'n,« und wanderte davon, »sein Glück zu versuchen.« Jahre und Jahre verflossen, und der junge Thomas Slingsby war vergessen, als man, an einem freundlichen Sonntagsabende im Herbst, einen dürren Mann, schon etwas bei Jahren, mit einem an den Elbogen zerrissenen Rocke, einem Paar alter nankiner Gamaschen, und einiges Wenige in ein Schnupftuch geknüpft, das er am Ende eines Stockes trug, durch's Dorf schlendern sah. Er schien mehrere Häuser aufmerksam zu betrachten, guckte in die Fenster, die offen standen, sah die Dorfbewohner scharf an, als sie aus der Kirche zurückkehrten, und brachte dann eine Zeitlang auf dem Kirchhofe hin, um die Grabschriften zu lesen. Endlich fand er auch seinen Weg zu Hans Baargeld's Meierei, bedachte sich aber, ehe er die Gitterthür öffnete, und betrachtete das Bild wohlhabender Unabhängigkeit, das sich seinen Blicken darbot. In der Hausthür saß Hans Baargeld in seinem Sonntagskleid, seinen Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife im Munde, und seinen Bierkrug vor sich, der Beherrscher alles dessen, was er überschaute. Neben ihm lag sein fetter Haushund. Aus dem wohlbevölkerten Hofe hörte man das verschiedenartige Geschrei des Geflügels; die Bienen summten vor ihren Stöcken im Garten, das Vieh blökte auf der fetten Wiese; während die vollen Scheuern und mächtigen Heuschober von einer reichlichen Ernte Zeugniß gaben. Der Fremde öffnete die Thür und näherte sich zweifelhaft dem Hause. Der Hund brummte beim Anblick des verdächtigen Ankömmlings; wurde aber augenblicklich von seinem Herrn beschwichtigt, der seine Pfeife aus dem Munde nahm und mit neugierigen Blicken die Anrede des seltsamen Mannes erwartete. Der Fremde sah den alten Hans, so stattlichen Umfanges und glänzend gekleidet, einen Augenblick an, warf dann einen Blick auf sein eigenes schäbiges, halbverhungertes Aeußere und das kleine Bündel, das er in der Hand hielt, zupfte an seiner zusammengeschrumpften Weste, um sie mit dem zurücktretenden Gurt zusammenzubringen, und sagte nach einem halb traurigen, halb launigen Blick auf den stattlichen Freisassen: »Ich glaube, Herr Tibbets, Ihr habt alte Zeiten und alte Spielkameraden vergessen.« Der letztere betrachtete ihn mit prüfendem Blicke, gestand aber, daß er sich seiner nicht erinnere. »Das glaube ich wohl,« sagte der Fremde, »Jedermann scheint hier den armen Thomas Slingsby vergessen zu haben!« »Was? Nicht möglich! Ihr seid nicht Thomas Slingsby!« »Ja wohl, allerdings!« antwortete der Fremde, den Kopf schüttelnd. Hans Baargeld war in einem Augenblick auf den Füßen, streckte ihm die Hand entgegen, schüttelte sie seinem alten Spießgesellen mit Riesenkraft, schlug mit der andern auf die Bank und rief aus: »setze dich da nieder, Thomas Slingsby!« Eine lange Unterhaltung über alte Zeiten folgte, während Slingsby mit dem Besten bewirthet wurde, was im Hause nur zu haben war, denn er war müde und hungrig, und hatte die volle Eßlust eines armen Fußgängers. Die ehemaligen Spielkameraden besprachen sich nun über ihre Lebensereignisse und Abenteuer. Hans hatte nur wenig zu erzählen, und war überhaupt nicht im Stande, lange zusammenhängend zu reden. Ein glückliches Leben zu Hause hingebracht, bietet wenig Stoff zu Erzählungen; nur die armen Teufel, die in der Welt herumgeworfen werden, sind die wahren Helden der Geschichten. Hans war auf seiner väterlichen Meierei geblieben, demselben Pfluge gefolgt, den seine Vorfahren gefahren hatten, und war, je älter, auch desto reicher geworden. Was Thomas Slingsby betrifft, so hatte er durch sein Beispiel das alte Sprüchwort erläutert: »ein rollender Stein umkleidet sich nicht mit Moos.« Er hatte sein Glück in der Welt umher gesucht, ohne es je zu finden; denn es ist ein Ding, das man öfter zu Hause, als in der Fremde findet. Er war in allen Arten von Lagen gewesen, und hatte ein Dutzend verschiedener Weisen gelernt, sich seinen Unterhalt zu erwerben; hatte aber etwas ärmer, als er weggegangen, den Weg in sein heimathliches Dorf zurückgefunden, da sein Ranzen zu einem kleinen Bündel zusammengeschrumpft war. Das Glück wollte, daß gerade an diesem Abend der Squire an der Meierei vorüberging, und, wie es oft sein Gebrauch ist, einsprach. Er fand die beiden Schulfreunde noch in der Thür, schwatzend und nach dem guten alten schottischen Lied »ein freundlich Glas auf die alten guten Zeiten trinkend.« Der Squire war durch den Gegensatz in dem Aeußeren und den Glücksumständen dieser beiden jugendlichen Spielgenossen überrascht: Hans Baargeld, in vornehmem Staate, von lauter Herrlichkeiten umgeben, und mit Guineen, sogar an der Uhrkette, behangen, und der arme Pilger Slingsby, dünn wie ein Wiesel, und all' sein zeitliches Hab und Gut, sein Bündel, Hut und Wanderstab, neben sich auf der Erde liegend. Des guten Squire's Herz wurde warm von Mitleid mit dem armen Kosmopoliten, denn er hat eine gewisse Neigung für solche halb landstreicherische Charaktere. Er überlegte bei sich, wie er es machen sollte, um Slingsby abermals in seinem Geburtsdorfe vor Anker zu bringen. Der ehrliche Hans hatte ihm bereits einstweiligen Aufenthalt unter seinem Dache angeboten, trotz allen Winken, Andeutungen und halben Einwendungen der scharfsichtigen Frau Tibbets; wie man aber für seinen längeren Unterhalt sorgen solle, war die Frage. Glücklicherweise bedachte der Squire, daß die Dorfschule ohne Lehrer sei. Eine kleine fernere Unterhaltung überzeugte ihn, daß Slingsby hiezu eben so gut tauge, als zu jeder andern Sache, und nach einem oder zwei Tagen sah man ihn schon die Herrscherruthe in eben dem Schulhause schwingen, wo er in den Tagen seiner Kindheit so oft das hölzerne Pferd besteigen mußte. So lebte er seit mehreren Jahren, und da er des Schutzes des Squire und der beständigen Freundschaft des Herrn Tibbets genießt, ist er in dem Dorfe zu vielem Gewicht und großer Bedeutsamkeit gelangt. Ich höre indessen, daß er von Zeit zu Zeit immer noch eine gewisse Rastlosigkeit und eine starke Neigung zeigt, wieder in die Fremde zu gehen und etwas mehr von der Welt zu sehen; eine Neigung, welche ihn vorzüglich im Frühling zu befallen scheint. Es ist nichts so schwer, als die Vorliebe für ein Landstreicherleben zu besiegen, wenn man sich ihm einmal ganz hingegeben hat. Seitdem ich diese Anekdoten von dem armen Slingsby gehört, habe ich mehr als einmal an das Bild gedacht, das er und sein Schulkamerad, Hans Baargeld, nach einer so langen Trennung wieder zusammenkommend, gewährten. Es ist schwer zwischen Loosen des Lebens zu bestimmen, da jedes von seinen besonderen Plagen begleitet ist. Wer nie sein Haus verläßt, klagt über sein einförmiges Dasein, und beneidet den Reisenden, dessen Leben ein beständiges Gewebe von Wundern und Abenteuern ist; während der, welcher in der Welt umhergetrieben wird, mit manchem Seufzer nach dem sichern, ruhigen Ufer zurückblickt, das er verlassen hat. Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß der Mensch, welcher zu Hause bleibt, und die Annehmlichkeiten und Vergnügungen, die sich täglich um ihn her darbieten, genießt, am wahrscheinlichsten glücklich wird. Für ein junges Gemüth hat nichts größere Anziehungskraft, als der Gedanke des Reisens, und es liegt ein gewisser Zauber in der alten Redensart, die man in jedem Ammenmährchen findet, »sein Glück suchen zu wollen.« Eine beständige Veränderung des Orts und der Gegenstände verspricht eine fortdauernde Folge von Abenteuern und Befriedigung der Neugierde. Aber es gibt eine Grenze in allen unsern Genüssen, und jedes Verlangen trägt in seiner Befriedigung selbst schon seinen Tod. Die Neugierde stumpft sich durch die beständigen Reize ab. Neuigkeiten hören auf, Erstaunen zu erregen, bis am Ende uns nicht einmal mehr ein Wunder in Verwunderung setzen kann. Wer, wie der arme Slingsby, voll von sonnigen Erwartungen in die Welt gegangen ist, der findet zu bald, wie sich die Ferne ausnimmt, wenn wir sie nahe sehen. Die liebliche Gegend wird rauh, wenn er sich ihr nähert; die wilde Gegend wird charakterlos, platt, flach und beschränkt; die feenhaften Tinten, welche ihn trügerisch gelockt haben, entschwinden entweder nach den entfernten Hügeln, oder sammeln sich auf der Gegend, die er verlassen hat, und jeder Theil der Landschaft erscheint grüner, als die Stelle, auf der er steht. Die Schule. Um aber von großen Leuten und wichtigern Gegenständen wieder herab zu kommen auf meine kleinen Kinder und das arme Schulhaus; so will ich, mit Gotteshülfe, wie ich es mir vorgesetzt, ordentlich fortfahren, Kinder und junge Leute für Gelehrsamkeit und gute Sitten zu bilden. Roger Ascham . Ich habe dem Leser so eben eine leichte Skizze von dem Dorfschulmeister gegeben, und er wird nun neugierig sein, etwas von der Schule zu erfahren. Da der Squire vielen Antheil an der Erziehung der Kinder in der Umgegend nimmt, gab er dem Lehrer, als er ihn zuerst in sein Amt einführte, ein Exemplar von Roger Ascham's Schulmeister, und rieth ihm den Theil des alten Peacham durchzulesen, welcher von den Pflichten der Lehrer handelt, und das Lieblingssystem verwirft, Knaben durch Schläge klug zu machen. Er ermahnte Slingsby, den freien Geist der Knaben nicht durch Rauhheit und sclavische Furcht zu vernichten oder zu unterdrücken, sondern sie frei und fröhlich auf den Pfad des Wissens hinzuleiten, und diesen in ihren Augen angenehm und anziehend zu machen. Er wünschte die Jugend in den Sitten und Gewohnheiten der Landleute aus der guten alten Zeit auferzogen zu sehen, um so einen Grund zur Ausführung seines Lieblingsplanes, die Erneuerung der alten englischen Gebräuche und des alten englischen Charakters, zu legen. Er empfahl, daß alle die alten Festtage beobachtet und die Spiele der Knaben, in ihren Freistunden, nach den vorzüglichen Anweisungen, die im Strutt niedergelegt sind, geregelt werden sollten, weßwegen auch ein Exemplar von dessen unschätzbarem Werke, mit Kupfern verziert, in dem Schulhause aufbewahrt wurde. Vor Allem aber schärfte er dem Pädagogen ein, sich des Gebrauchs der Birkenruthe zu enthalten, eines Werkzeuges des Unterrichts, welches der gute Squire mit Abscheu und als ein solches Ding betrachtet, das sich nur für die Bewältigung thierischer Naturen schicke, mit denen man nicht vernünftig reden könne. Herr Slingsby hat des Squire's Anweisung nach seinem besten Wissen und Willen befolgt. Er schlägt die Knaben nie, weil er ein zu gefälliges gutmüthiges Wesen ist, als daß er selbst einem Wurm Schmerzen verursachen sollte. Er ist leicht geneigt, Feiertage zu geben, weil er selbst die Feiertage liebt, und eine ähnliche Abneigung, wie die Knaben, gegen alle Einsperrung fühlt, da er selbst zu verschiedenen Malen auf seiner Wanderung durch die Welt deren Unannehmlichkeit erfahren hat. Was Spiele und Vergnügungen betrifft, so werden die Knaben treulich in allen denen unterrichtet, deren noch gedacht wird, Wurfsteine werfen, Wettlaufen, Feind spielen, Fangball, Sauball, Ringen, Springen und dergleichen mehr. Das einzige Unglück ist, daß der ehrliche Slingsby, der die Ruthe verbannte, Roger Ascham nicht hinlänglich studirt hat, um einen Ersatz für dieselbe zu finden, oder vielmehr, daß er die Art und Weise nicht versteht, dergleichen anzuwenden; seine Schule ist deßwegen, wenn gleich eine der glücklichsten, doch auch eine der ungezogensten im Lande; und nie wurde wohl ein Erzieher von seinen Zöglingen mehr geliebt und weniger gefürchtet, als Slingsby. Er hat kürzlich einen Hülfslehrer angenommen, seiner würdig, da er auch ein verirrtes Schaf ist, das sich wieder in den Dorfpferch zurückgefunden hat. Dieß ist Niemand anders, als der Sohn des musikalischen Schneiders, welcher einiges Geld an dessen Erziehung gewandt hat, in der Hoffnung, ihn eines Tages die Würde eines Accisebeamten oder wenigstens eines Kirchenschreibers erlangen zu sehen. Der Bursche wuchs aber so träg und musikalisch auf wie sein Vater; er ließ sich von dem Ton der Trommel und Pfeife eines Werbekommando's berücken, und folgte diesem zum Heere. Vor kurzer Zeit war er, ohne Geld und ohne ganze Elbogen am Rocke, zurückgekehrt, der verlorene Sohn des Dorfes. Er schlenderte eine Zeitlang in dem halbzerrissenen Soldatenrocke im Orte herum, die Feldmütze auf die eine Seite seines Kopfes gesetzt, Steine über den Bach schnellend, oder sich vor der Schenkenthüre umhertreibend, eine Last für seinen Vater, und von allen guten Hausvätern mit großer Kälte angesehen. Den ehrlichen Slingsby zog indessen ein Etwas zu dem jungen Menschen hin. Vielleicht war es die Liebe zu seinem Vater, der einer von des Schulmeisters Lieblings-Spießgesellen ist; vielleicht die geheime Sympathie, welche Leute von unruhigen Neigungen an einander fesselt; denn es gibt etwas wahrhaft Magnetisches in der landstreicherischen Neigung; oder es war vielleicht das Andenken an die Zeit, wo er selbst, wie dieser junger Mensch, als ein Wrack an seinen heimathlichen Strand zurück kam. Was nun auch der Beweggrund gewesen sein mag, so näherte sich Slingsby dem Jünglinge. Sie hatten in der Schenkstube des Dorfes viele Unterredungen über fremde Länder und die verschiedenen Gegenden und Orte, welche sie auf ihrer Wanderung durch die Welt besucht hatten. Je länger Slingsby mit ihm sprach, desto mehr fand er ihn nach seinem Geschmacke; und da er ihn beinahe so gelehrt befand, als er selbst war, so nahm er ihn sogleich als Gehülfen oder Unterlehrer in der Schule auf. Unter solcher bewundernswürdiger Leitung hebt sich, wie man denken kann, die Schule allgemach; und wenn die Schüler nicht in allen Festtagsspielen der guten alten Zeit, zu des Squire's Herzenszufriedenheit, hinlängliche Fertigkeit erlangen, so liegt die Schuld nicht an ihren Lehrern. Der verlorne Sohn hat sich bei den Knaben beinahe eben so beliebt zu machen gewußt, als der Pädagog selbst. Sein Unterricht beschränkt sich nicht auf die Schulstunden; und da er den musikalischen Geschmack und die Talente seines Vaters erbte, hat er auch die ganze Schule mit dieser Sucht angesteckt. Er versteht es sehr gut, die Trommel zu schlagen, die man oft hinten aus dem Schulhause wirbeln hört. Er lehrt auch die Hälfte der Knaben des Dorfes die Quer- und Papageno-Pfeife spielen; und sie setzen die ganze Nachbarschaft mit ihrer Musik in Unruhe, wenn sie auf den Hecken sitzen, oder Abends um die Scheunenthore schlendern. Unter andern Uebungen hat er auch die alte Kunst des Bogenschießens, eines der Lieblingsgegenstände des Squire, mit so großem Erfolge eingeführt, daß die Springinsfelde in der Nachbarschaft umherziehen, und ihre Bogen an den Vögeln in der Luft und den Thieren auf dem Felde versuchen, ja zuweilen auch wohl, zum großen Verdruß der Wildhüter, einen Streifzug auf das Gebiet des Squire machen. Kurz, so vollständig werden die alten englischen Sitten und Gebräuche in dieser Schule eingeführt, daß es mich gar nicht wundern sollte, wenn der Squire es noch erlebt, eines seiner poetischen Gesichte verwirklicht, und ein Geschlecht entstehn zu sehn, das würdige Nachfolger Robin Hood's und seiner lustigen Bande von Geächteten zu liefern verspricht. Ein Dorfpolitiker. Ich bin ein Schelm, wenn ich nicht glaube, daß ich für ein Staatsruder bestimmt war; ich bin so voll von kleinen Kriegslisten, daß ich die Angelegenheiten mit eben so großer Leichtigkeit angeordnet, und das Schiff eben so geschickt gegen den Strom der Parteien geführt haben würde, wie ein Schiffer gegen den Wind lavirt. Die Kobolde . Als ich neulich mit Meister Simon das Dorf besuchte, schlug er mir vor, in der Schenke zu verweilen, welche er mir als das Muster einer wahren Landschenke, und als das Hauptquartier für die Dorfklatschereien zu zeigen wünschte. Ich hatte sie schon früher bei meinen Wanderungen durch den Ort bemerkt. Sie hat eine tiefe, altmodische Bogenthür, welche in einen großen Saal führt, der zur Schenkstube und zugleich zum Zimmer für die Reisenden dient, und einen großen Feuerheerd hat, mit hochlehnigen Sitzen zu beiden Seiten, wo die klugen Leute aus dem Dorfe bei ihrem Ale schwatzen und während der langen Winterabende ihre Sitzungen halten. Der Wirth ist ein behaglicher, träger Mensch, seinen eigenen Bierfässern nicht unähnlich geformt, und steht gern in der Thür und schwatzt, mit der Perrücke auf einer Seite und den Händen in den Taschen, während seine Frau und Tochter den Kunden aufwarten. Seine Frau ist indessen dem Geschäft vollkommen gewachsen, und hat in der That durch lange Gewohnheit eine so vollkommene Herrschaft über alle Besucher der Schenke, als ob diese, statt ihre Gönner, ihre Untergebene wären. Es gibt auch keinen alten Aletrinker, der ihr nicht den Hof machte, da er wahrscheinlich oft bei ihr auf der Rechnung gestanden hat. Ich habe schon bemerkt, daß sie mit Hans Baargeld sehr gut steht. Er war in früherer Zeit ihr Liebhaber, und hat ihretwegen die Schenke immer fortbesucht. In der That ist er in dem Schenkzimmer ganz »der Hahn im Korb.« Als wir uns der Schenke näherten, hörten wir Jemand mit großer Zungen-Geläufigkeit reden, und unterschieden die bedeutsamen Worte »Auslagen,« »Armengelder,« »Noth des Landmannes.« Es zeigte sich, daß der Sprecher ein magerer, geschwätziger Kerl war, der den Wirth in eine Ecke der Thür gedrängt hatte, wo dieser ihm, die Hände wie gewöhnlich in den Taschen, mit einer Miene der gedankenlosesten Beistimmung zuhörte. Der Anblick schien einen sehr sonderbaren Eindruck auf Meister Simon zu machen, da er mir den Arm drückte und auf einmal eine andere Richtung, von der Thür weg, nahm, als ob er nun nicht hineintreten wollte. Dieses augenscheinliche Ablenken bewog mich, den Redner genauer ins Auge zu fassen. Er war mager, aber kräftig in seinem Bau, und hatte ein langes, bleiches, gallsüchtig aussehendes Gesicht, einen schwarzen, ungeschickt rasirten Bart, ein fieberhaftes Auge, und einen Hut, der auf allen Seiten aufgekrempt war, so daß ihm dieß ein höchst keckes Ansehn gab. Er hielt eine Zeitung in der Hand, und schien deren Inhalt, zu gänzlicher Ueberzeugung des Wirths, zu erläutern. Bei Meister Simon's Anblick gerieth der Wirth augenscheinlich in einige Bewegung und fing an sich die Hände zu reiben, aus seiner Ecke hervor zu schleichen, und mehrere tiefe Gastwirthsbücklinge zu machen; während der Redner meinen Gefährten nicht weiter zu bemerken schien, als daß er lauter als vorher und, wie mich dünkt, mit einer Art Trotz redete. Meister Simon aber lenkte, wie ich vorhin gesagt habe, von der Thür ab, nahm mich unter den Arm, und flüsterte mir, während wir nun vorbei gingen, im Tone der Scheu und des Schreckens zu: »das ist ein Radikaler! er liest Cobbett!« Ich suchte von meinem Gefährten eine genauere Nachricht über ihn zu erhalten; allein dieser schien unwillig auch nur von ihm zu reden; er antwortete nur in allgemeinen Ausdrücken, es sei »ein verdammt unruhiger Bursche, der eine verwünschte Sucht zum Reden habe, und Einem immer mit der Nationalschuld und solchem Unsinn in den Ohren liege,« woraus ich vermuthete, daß Meister Simon, durch irgend ein zufälliges Zusammentreffen auf dem Felde der Disputation, eine Scheu vor ihm bekommen habe; denn diese Radikalen streichen stets herum, Wortstreit anzuknüpfen und freuen sich nie mehr, als wenn sie einen ordentlichen Menschen sammt seiner Logik aus dem Sattel heben können. Bei späterer Nachfrage hat sich mein Verdacht bestätigt. Ich höre, daß der Radikale erst vor kurzem in dem Dorfe angelangt ist, wo er mit seiner Lehre furchtbare Verwüstungen anzurichten droht. Er hat bereits zwei oder drei der Einwohner vollkommen bekehrt, oder neue Lichter aus ihnen gemacht; er hat den Glauben mehrerer Andern erschüttert, und verschiedenen von den ältesten Dorfbewohnern, welche in ihrem ganzen Leben nicht an Politik, oder an sonst irgend etwas gedacht hatten, den Kopf ganz verdreht. Durch die fortwährende Unruhe seines Körpers und Geistes ist er ganz mager und kraftlos geworden; er treibt sich beständig mit Zeitungen und Pamphleten in den Taschen herum und zieht sie bei allen Gelegenheiten hervor. Er hat mehreren von den wackersten Dorfbewohnern ein großes Aergerniß dadurch gegeben, daß er von dem Squire und seiner Familie so geringschätzig spricht und merken läßt, es würde besser sein, man theilte den Park in kleine Grundstücke und Küchengärten, oder fütterte gute Hämmel statt der nutzlosen Hirsche darauf. Er ist ein großer Dorn im Auge des Squire's, der sehr fürchtet, daß er möchte die Politik in das Dorf bringen, und unglückliche, nachdenkende Menschen aus dessen Bewohnern machen. Er ist dem Meister Simon noch verhaßter, welcher bisher, ohne vielen Aufwand von Gelehrsamkeit oder Logik, die politischen Ansichten im Orte zu lenken im Stande gewesen ist, den es aber kürzlich sehr viel Mühe gekostet hat, den von diesem Kämpen der Reform bereits ausgestreuten Samen des Zweifels und der Ketzereien wieder auszurotten. In der That, der letztere hat in der Schenkstube bereits das große Wort erlangt, nicht sowohl deswegen, weil er die althergebrachten Orakel überzeugt, als weil er sie niedergesprochen hat. Der Apotheker konnte, mit aller seiner Philosophie, nichts gegen ihn ausrichten. Er hat den Wirth wenigstens ein Dutzend Mal überzeugt und bekehrt; dieser läßt sich indessen von dem Nächsten, der mit ihm spricht, eben so leicht von dem Gegentheile überzeugen und dazu bekehren. Es ist wahr, eine heftige Gegnerin hat der Radikale an der Wirthin, die sehr eifrig loyal, und dem Könige, dem Meister Simon und dem Squire durchaus ergeben ist. Sie fällt dann und wann den Reformator mit all der Wuth einer wilden Berg-Katze an, und schont dann selbst ihres sanftmüthigen Mannes nicht, weil er auf solche »niedrigdenkende Politik« höre. Was die gute Frau noch mehr aufbringt, ist die vollkommene Kälte, womit der Radikale auf ihre Angriffe hört, sein Gesicht zu einem herausfodernden, hochmüthigen Lächeln verzieht, und, wenn sie sich nun ganz außer Athem gesprochen hat, sie ganz ruhig um einen Trunk von ihrem eigengebrauten Biere bittet. Der Einzige, der einigermaaßen diesem furchtbaren Politiker gewachsen scheint, ist Hans Baargeld Tibbets, der, dem Radikalen und allen seinen Reden zum Trotz, seinen Platz in der Schenkstube behauptet. Hans ist einer der bestgesinnten Leute im Lande, ohne im Stande zu sein, über die Sache zu reden. Er hat auch jene für einen zähen Streiter vortreffliche Eigenschaft, nie zu wissen, wenn er geschlagen ist. Er hat ein halbes Dutzend alter Grundsätze, welche er bei allen Gelegenheiten vorbringt, und obgleich sie sein Gegner noch so oft über den Haufen werfen mag, bringt er sie dennoch immer wieder ins Feld. Er ist wie der Räuber im Ariost, der, wenn sein Kopf ihm ein halbes hundert Mal abgeschlagen worden, ihn doch in einem Augenblicke sich wieder aufsetzte und unversehrt zum Kampfe zurückkehrte. Was sich nicht mit Hans Baargeld's einfachem, klarem Glaubensbekenntnisse vertragen will, heißt bei ihm: »Französische Politik;« denn er besteht, des Friedens ungeachtet, fest darauf, die Franzosen machten Plane, die Nation zu Grunde zu richten und sich der Bank von England zu bemächtigen. Der Radikale suchte ihn eines Tages durch eine lange Stelle aus einer Zeitung zu schlagen: aber Hans lies't weder Zeitungen, noch glaubt er ihnen. Als Antwort sagte er ihm eine von den Strophen aus seinem Lieblings- und überhaupt einzigen Schriftsteller, dem alten Tusser, die er auswendig weiß, und die er seine goldenen Regeln nennt: Bekümm're um der Fürsten Thun Dich nicht, Erfülle Du nur Deine eigne Pflicht; Gott sollst Du fürchten, König und Gesetze ehren, Und Dich den Klauen der Gericht' erwehren. Als Tibbets dies mit großem Nachdrucke hergesagt hatte, zog er einen wohlgefüllten ledernen Beutel hervor, nahm eine Handvoll Gold und Silber heraus, bezahlte seine Zeche an der Schenke mit großer Pünktlichkeit, that sein Geld, Stück vor Stück, wieder in den Beutel, den Beutel in die Tasche, die er zuknöpfte; dann stieß er mit dem Stocke recht ordentlich auf den Boden, sagte zu dem Radikalen, mit dem Tone eines Mannes, der seinen Gegner gehörig abgefertigt zu haben glaubt: guten Morgen Herr! und schritt mit löwengleichem Ernst aus dem Hause. Zwei oder drei von seinen Bewunderern, welche gegenwärtig waren und sich gefürchtet hatten, selbst ins Feld zu rücken, betrachteten dies als einen vollkommenen Triumph, und winkten einander zu, als der Radikale den Rücken wandte. »Ja, ja!« sagte der Wirth, sobald der Radikale es nicht mehr hören konnte, »laßt den alten Hans gehen, ich verbürg' es, der gibt ihm seinen Theil!« Der Rabenhorst. Doch Raben krächzend, Geyer, die erhaben In weiten Kreisen ob uns schwebend schreien, Und Häher, Elstern, selbst die düstre Eule, Den Mond begrüßend, haben Reiz für mich. Cowper . In einem von hohen Eichen und Buchen gebildeten Gange, welcher eine Terrasse, gerade am Rande des Gartens, krönt, ist ein alter Rabenhorst, welcher einen der wichtigsten Bestandtheile der ländlichen Besitzungen des Squire ausmacht. Der alte Herr legt großes Gewicht auf seine Raben, und leidet nicht, daß einer davon getödtet werde; dem zufolge haben sie sich außerordentlich vermehrt: die Gipfel der Bäume sind mit ihren Nestern beladen; sie haben sogar, schon seit langer Zeit, eine Kolonie in den Ulmen und Kiefern des Kirchhofes angelegt, die, andern entfernten Kolonien ähnlich, sich bereits von dem Mutterlande losgesagt hat. Der Squire sieht die Raben als einen sehr alten, ehrenwerthen Herren-Stamm an, sehr aristokratisch in seinen Ansichten, gern an einer Stelle verbleibend, und von großer Anhänglichkeit an Kirche und Staat, wie ihre Gewohnheit, hoch in der Luft zu bauen und sich in der Nähe von Kirchen und Kathedralen und in den ehrwürdigen Baumgängen alter Schlösser und adeliger Häuser aufzuhalten, hinlänglich darthut. Die gute Meinung, welche der Squire von ihnen hegt, veranlaßte mich, diese ehrenwerthen Vögel etwas genauer zu beobachten; denn ich gestehe zu meiner Schande, daß ich sie bisher immer mit ihren Geschwisterkindern, den Krähen, verwechselt hatte, mit denen sie, beim ersten Anblicke, eine so große Familienähnlichkeit haben. Nichts kann ungerechter oder kränkender sein, als dieser Irrthum. Die Raben und Krähen sind, in der gefiederten Welt das, was die Spanier und Portugiesen unter den Völkern sind; gerade ihrer Nachbarschaft und Aehnlichkeit wegen, lieben sie sich am wenigsten. Die Raben sind alte, langjährige Hausbesitzer, hochsinnige Edelherren, die ihre erblichen Wohnsitze seit undenklichen Zeiten inne gehabt haben; was aber die armen Krähen betrifft, so sind sie eine Art von landstreicherischem, räuberischem Zigeunervolk, ohne eine bestimmte Heimath im Lande umherstreifend; »ihre Hände sind gegen Jedermann aufgehoben, und Jedermanns Hände gegen sie« und man hängt sie auf jedem Kornfelde auf. Meister Simon versicherte mich, daß wenn ein weiblicher Rabe sich je so weit vergessen sollte, sich mit einer Krähe in eine Verbindung einzulassen, er unvermeidlich enterbt und von allen seinen Standesgenossen ausgestoßen werden würde. Der Squire wacht sehr sorgfältig über die Wohlfahrt und die Angelegenheiten seiner schwarzen Nachbarn. Was Meister Simon betrifft, so behauptet er sogar, Manche von ihnen dem Aussehen nach zu kennen, und ihnen Namen gegeben zu haben; er zeigt mehrere, von denen er sagt, daß sie alte Familienhäupter seien, und vergleicht sie mit würdigen alten Bürgern, welche in der Welt etwas vor sich gebracht haben, und dreieckige Hüte und silberne Schnallen auf den Schuhen tragen. Ungeachtet des beschirmenden Wohlwollens des Squire und ihres Bürgerrechts in seinem Reiche, scheinen sie doch keine Lehnspflicht anzuerkennen, und in keinem Verkehr oder näheren Verhältniß zu der Halle zu stehen. Ihre luftigen Wohnungen sind beinahe ganz außer Schußweite gebaut; und ungeachtet ihrer Nähe bei der Halle, halten sie sich in einer scheuen, mißtrauischen Entfernung von den Menschen. Es gibt jedoch eine Zeit im Jahr, welche alle Vögel gewissermaaßen auf eine Stufe bringt, und den Stolz des kühnsten Luftbewohners demüthigt; dies ist die Zeit, wo sie ihre Nester bauen. Dies findet zeitig im Frühling statt, wenn die Bäume die ersten Knospen hervorzutreiben, die lange leblosen Spitzen der Zweige sich zu begrünen anfangen; wenn die Felderdbeeren und die übrigen Gesträuche der bedeckten Waldgegenden, ihre zarten und gefärbten Blätter ansetzen und die Maaßliebe und die Schlüsselblume unter den Hecken hervorgucken. Um diese Zeit herrscht eine allgemeine Bewegung in der gefiederten Schöpfung; und ein unaufhörliches Umherflattern und lustiges Zirpen deutet das erste Aufkeimen in der Pflanzenwelt so wie das neuerwachende Leben und die wiederkehrende Fruchtbarkeit des Jahres an. Dann vergessen die Raben ihre gewöhnliche Vornehmheit und ihre scheuen, stolzen Gewohnheiten. Statt in den hohen Regionen der Luft zu bleiben, sich auf den luftigen Baumwipfeln zu schaukeln, und mit stolzer Verachtung auf die gemeinen Wesen herabzuschauen, welche an der Erde kleben, legen sie gern eine Zeitlang ihre Würde ab, kommen zur Erde hernieder, und nehmen den mühseligen, gewerbsamen Charakter eines Arbeiters an. Sie verlieren nun ihre natürliche Scheu, werden furchtlos und vertraulich, und man sieht sie nach allen Seiten umherflattern, um Baumaterialien zu suchen. Dann und wann sieht man auch einen von den geschäftigen alten Herren mit unbehülflichem Gange sich umhertummeln, als ob er mit Podagra oder Hühneraugen an den Füßen geplagt wäre, manchen forschenden Blick umher werfen, jeden Strohalm, den er findet, in ernste Betrachtung ziehen, ihn erst mit einem Auge, dann mit dem andern ansehen, bis er einen mächtigen Zweig erspäht, der stark genug ist, einen Balken zu seinem Luft-Schlosse abzugeben, diesen begierig erfassen und damit zu dem Baumwipfel hinauffliegen, als fürchte er, man könnte ihm die unschätzbare Beute streitig machen. Wie andere Erbauer von Luftschlössern scheinen diese luftigen Baumeister sehr sonderbar in der Wahl ihrer Materialien zu Werke zu gehen, und die am liebsten zu haben, welche aus der Ferne kommen. So denken sie, wenn es gleich eine Menge trockener Zweige auf den Bäumen umher gibt, nie daran, Gebrauch von denselben zu machen, sondern sammeln in fremden Landen ein, und kommen, einer nach dem andern, von den Enden der Erde herbeigesegelt, jeder ein köstliches Stück Bauholz im Schnabel tragend. Ich darf nicht vergessen eines Umstandes zu erwähnen, der leider dem ernsten und ehrenwerthen Charakter dieser alten Edelherren einigen Abbruch thut, nämlich, daß sie, während der Bauzeit, sich sehr oft unter einander veruneinigen; daß sie sich kein Gewissen daraus machen, einander zu betrügen und zu plündern; und daß zuweilen der Rabenhorst ein Schauplatz gewaltiger Zänkereien und Unruhen ist, wenn ein Verbrechen der Art vorging. Einer von den Inhabern des Nestes bleibt gewöhnlich darin, um es gegen Beraubung zu sichern; und ich habe harte Kämpfe gesehen, wenn ein schlauer Nachbar einen Balken, der sein Auge angezogen hatte, zu stehlen wagte. Da ich nicht voreilig einem Verdachte Raum geben will, der auf den Charakter eines so ehrenwerthen Volkes ein böses Licht werfen könnte, so muß ich glauben, daß diese Diebstähle von den höheren Klassen sehr mißfällig angesehen und von denen, welche in Ansehen stehen, selbst streng gestraft werden; denn ich habe dann und wann einen ganzen Schwarm Raben auf das Nest eines Einzelnen fallen, es ganz in Stücke reißen, die Trümmer hinweg tragen, und selbst den unglücklichen Eigenthümer mißhandeln sehen. Ich habe geschlossen, daß dies eine, ihm von den Polizeibeamten für irgend eine Veruntreuung auferlegte exemplarische Strafe sei, oder daß es vielleicht ein Haufe Gerichtsdiener war, der in seinem Hause eine Execution vollzog. Ein anderes von ihren Manövers während ihrer Bauzeit hat mich belustigt. Der Verwalter ließ, nicht ganz zur Zufriedenheit des Squire, der dieß für eine Beeinträchtigung der Würde eines Parks hält, welcher nur für Dammhirsche bestimmt sein sollte, eine bedeutende Anzahl Schafe auf einem Rasenplatze bei dem Hause weiden. Dem sei wie ihm wolle, so ist, nicht weit von dem Fenster des Gesellschaftszimmers, ein grüner Hügel, wo die Mutterschafe und Lämmer gewöhnt sind, sich gegen Abend zu versammeln, um sich noch der untergehenden Sonne zu freuen. Kaum hatten sie sich zur Zeit, wenn die klugen Vögel bauen, hier gesammelt, als ein stattlicher alter Rabe, von dem Meister Simon mich versicherte, daß er die erste obrigkeitliche Person dieser Republik sei, sich auf den Kopf eines der Mutterschafe setzte, das, anscheinend dieser Herablassung sich bewußt, zu grasen aufhörte und, in bewegungsloser Ehrfurcht vor seiner erhabenen Last, still stehen blieb; die übrigen Bewohner des Rabenhorstes kamen dann nach dem Beispiele ihres Anführers herbei, bis jedes Schaf deren zwei oder drei auf sich hatte, auf ihren Rücken krächzten, flatterten und kämpften. Ob sie die Unterwerfung der Schafe dadurch vergalten, daß sie zum Vortheil des Rabenhorstes einen Beitrag von ihren Fellen erhoben, weiß ich nicht gewiß; obgleich ich voraussetze, daß sie darin dem Beispiel aller Schutzherren folgen. Der letzte Theil des Mai's ist die Zeit der Trübsal für die Rabenhorste, wo die Jungen so eben aus ihren Nestern hervorkommen und sich auf den benachbarten Zweigen wiegen können. Es ist die Zeit der »Rabenjagd,« ein schrecklicher Bethlehemitischer Kindermord. Natürlich untersagt der Squire alle Verletzungen der Art in seinen Ländereien; aber, wie ich höre, wird unter der Colonie um die alte Kirche eine desto gewaltigere Niederlage angerichtet. Auf diese dem Verderben geweihte Republik schießt das Dorf »mit seiner ganzen Ritterschaft.« Jeder müssige Wicht, der nur eine alte Flinte oder Donnerbüchse besitzt, und die sämmtlichen Bogenschützen aus Slingsby's Schule rücken bei dieser Gelegenheit ins Feld. Vergebens ermahnt und schilt der kleine Pfarrer, in zornigem Tone, aus dem Fenster seines Studierzimmers, das auf den Kirchhof geht: das Geknall dauert unaufhörlich fort, vom Morgen bis zum Abend. Da die Leute keine großen Schützen sind, so treffen sie nicht oft; dann und wann zeigt aber ein großes Jubelgeschrei des Belagerungsheeres der Bauerlümmel den Herabsturz eines unglücklichen, feisten Raben an, der dann mit dem Nachdruck eines zerquetschten Apfelkloßes auf die Erde fällt. Auch ist der Rabenhorst nicht gänzlich frei von andern Unruhen und Unannehmlichkeiten. In einem so aristokratischen, so hochsinnigen Gemeinstaate, worin es so viel altes Geblüt und so viel Ahnenstolz gibt, müssen sich natürlich gar manche Rangstreitigkeiten erheben und gar manche Ehrensachen zu schlichten sein. In der That ist dieß sehr oft der Fall: zwischen Einzelnen entstehen heftige Fehden, welche zu argen Thätlichkeiten auf den Baumwipfeln Anlaß geben; und ich habe mehr als einmal einen regelmäßigen Zweikampf zwischen zwei tapferen Helden des Rabenhorstes gesehen. Ihr Schlachtfeld ist gewöhnlich die Luft; und ihr Streit wird auf die künstlichste und zierlichste Weise gehandhabt; sie kreisen um einander, steigen immer höher und höher, um sich das Feld abzugewinnen, bis sie sich zuweilen in den Wolken verlieren, bevor der Kampf entschieden ist. Sie haben auch dann und wann hartnäckige Gefechte mit einfallenden Falken, und vertreiben diese dann ganz förmlich durch ein posse comitatus . Sie sind ungemein eifersüchtig auf ihr Gebiet, und leiden es nicht, daß irgend ein Vogel sich in dem Wäldchen oder in seiner Nähe ansiedele. Eine sehr alte, ehrwürdige, hagestolze Eule hatte seit langer Zeit ihren Wohnsitz in einer Ecke des Wäldchens aufgeschlagen, ist aber von den Raben förmlich hinausgeworfen worden, und hat sich, der Welt überdrüssig, in einen benachbarten Wald zurückgezogen, wo sie das Leben eines Klausners führt, und allnächtlich über ihre üble Behandlung Klage führt. Das Geschrei dieses unglücklichen Gentleman hört man gewöhnlich an stillen Abenden, wenn die Raben alle zur Ruhe sind; und ich habe oft in einer mondhellen Nacht ihm mit einer Art von geheimen Vergnügen zugehört. Dieser graubärtige Menschenhasser wird natürlich von dem Squire sehr in Ehren gehalten; aber die Dienstboten haben allerhand abergläubische Gedanken über ihn: und es würde schwer sein, das Milchmädchen dahin zu bringen, nach eingetretener Dämmerung in die Nähe des Holzes zu gehen, das er bewohnt. Außer den Privat-Zänkereien der Raben, gibt es aber noch andere Unfälle von denen sie heimgesucht werden, und welche oft Trauer über die achtbarsten Familien des Rabenhorstes bringen. Da sie den ächten freiherrlichen Geist der guten alten Lehnszeiten haben, machen sie wohl dann und wann, von ihren Schlössern aus, Streifereien und brandschatzen die Felder des Pöbels der benachbarten Gegenden; bei welchen ritterlichen Unternehmungen sie dann und wann von dem verrosteten Geschütz irgend eines widerspenstigen Pächters begrüßt werden. Gelegentlich begehen sie auch, während sie ganz ruhig außerhalb der Grenzen des Parks in der Luft umherstreifen, die Unvorsichtigkeit, den herumtreibenden Bogenschützen aus Slingsby's Schule in den Schuß zu kommen, und erhalten einen Flügelschuß von dem Bogen irgend eines heillosen Jungen. In solchem Falle hat der verwundete Abenteurer zuweilen gerade noch Kraft genug, sich nach Hause zu bringen und seinen Geist in dem Rabenhorst aufzugeben, wo er dann »ganz draußen« an einem Zweige hängt, wie ein Dieb am Galgen; ein warnendes Beispiel für seine Freunde und ein Gegenstand großen Bedauerns für den Squire. Trotz allen diesen Widerwärtigkeiten haben die Raben, im Ganzen, doch ein glückliches Festtags-Leben. Wenn ihre Jungen aufgezogen und ihrem angebornen Element, der Luft, überlassen sind, scheinen die Sorgen der Alten vorüber zu sein, und sie nehmen wieder alle ihre aristokratische Würde und Trägheit an. Ich habe sie um das Vergnügen beneidet, das sie in ihrer luftigen Höhe zu empfinden scheinen, wenn sie mit lautem Freudengeschrei um ihre luftigen Wipfel flattern, zuweilen über denselben schweben, zuweilen sich wählerisch auf die höchsten Zweige niederlassen, und sich dort mit ausgebreiteten Schwingen schaukeln und im Winde wiegen. Zuweilen scheinen sie einen Modeausflug nach der Kirche zu machen, und sich dadurch zu belustigen, daß sie in luftigen Ringen um die Spitze des Kirchthurms kreisen; zu anderen Zeiten bleibt bloß eine Garnison in dem festen Platz im Gebüsche zurück, während die übrigen umherstreifen, das schöne Wetter zu genießen. Gegen Sonnenuntergang zeigt die Garnison die Rückkehr der letzteren an; schon in weiter Ferne hört man ihr Krächzen, und sieht sie, wie eine schwarze Wolke, immer näher und näher kommen, bis sie endlich alle nach Hause schwirren. Sie beschreiben dann mehrere große Kreise in der Luft, über der Halle und dem Garten, verengern dieselben mehr und mehr, und lassen sich endlich allmählig auf das Wäldchen nieder, wo sie ein furchtbares Gekrächz erheben, als wollten sie die Abenteuer ihres Tages erzählen. Ich wandle zu diesen Zeiten gern um jene düstern Gebüsche, und höre mit Vergnügen die verschiedenartigen Töne dieses lustigen Volkes, das so hoch über mir nistet. Wenn die Dämmerung zunimmt, hört ihre Unterhaltung auf, und Einer scheint nach dem Andern einzuschlafen; aber dann und wann hört man einen Klageton um ein Kissen, oder etwas mehr von der Bettdecke. Erst spät am Abend kommen sie ganz zur Ruhe, und dann beginnt ihre alte klausnerische Nachbarin, die Eule, ihr einsames Klaggeschrei aus ihrer jungfräulichen Wohnung in dem Walde. Der Maitag. Es ist die schönste Zeit im Jahr, Denn Veilchen bieten nun sich dar; Die junge Rose bricht hervor, Den Boden deckt der Primeln Flor.     So kommet zu dem Maibaum dann,     Denn jetzt bricht uns ein Festtag an. Actäon und Diana . Als ich diesen Morgen im Bett lag, mich jenes Zustandes zwischen Traum und Wachen erfreuend, der so angenehm auf dem Lande ist, wenn die Vögel um das Fenster singen und die Sonnenstrahlen durch die Vorhänge gucken, wurde ich durch den Klang einer Musik erweckt. Als ich die Treppen hinab ging, fand ich eine Anzahl Dorfbewohner in ihren Festkleidern, die eine mit Blumenkränzen und Bändern geschmückte Stange trugen und unter Anführung des Schneiders, des blassen Burschen, der das Clarinett spielt, von den Dorfmusikanten begleitet waren. Sie trugen Alle Hagedornzweige, oder, wie man es nennt, »den Maien,« auf den Hüten, und hatten grüne Reiser und Blumen mitgebracht, um die Thüre und die Fenster der Halle damit zu schmücken. Sie waren gekommen, um anzuzeigen, daß der Maienbaum auf der Wiese errichtet werde, und die Hausgenossen einzuladen, die Lustbarkeiten mit anzusehen. Wie gewöhnlich, ward nun die Halle ein Schauplatz geschäftigen Treibens und fröhlicher Verwirrung. Die Dienerschaft war Mai- und Musiktoll; und weder die Zungen noch die Füße der Mädchen, die sich schon im Voraus auf die Lustbarkeiten auf der Wiese und den Tanz am Abend freuten, waren mehr in Ordnung zu halten. Ich ging schon frühzeitig nach dem Dorfe, um die Fröhlichkeit mit zu genießen. Der Morgen war klar und sonnig, wie man einen Maimorgen immer beschreibt. Die Felder waren weiß von Schlüsselblumen , der Hagedorn war mit seinen duftenden Blüthen bedeckt, die Biene summte an jedem Hügel und die Schwalbe spielte hoch in der Luft um die Kirchthurmsspitze des Dorfes. Es war einer von den schönen Tagen, wo wir mit Wonne die Luft einathmen, die uns umgibt, und uns glücklich fühlen, wir wissen nicht, warum. Wer den Werth eines würdigen Mannes jemals gefühlt, oder an einem liebenswürdigen Weibe innig gehangen hat, wird an einem solchen Tage das Andenken an sie gewiß zärtlich in sich erneuern, und sein Herz von längst begrabenen Erinnerungen neu belebt fühlen. »Denn zu dieser Zeit,« sagt der treffliche Roman vom König Arthur, »rufen die Liebenden die alte Zärtlichkeit und die alten Liebesdienste und manches freundliche Thun, das durch Nachlässigkeit vergessen worden, wieder in das Gedächtniß zurück.« Ich hatte das Dorf noch nicht erreicht, als ich schon den Maienbaum mit seinen bunten Kränzen und Bändern hoch über die Hütten emporragen sah, und den Klang der Musik hörte. Ich fand zum Empfange der Gesellschaft in der Nähe des Baumes Buden aufgeschlagen, und eine Laube von grünen Zweigen und Blumen war für die Maienkönigin, ein frisches, rosenwangiges Mädchen aus dem Dorfe, auf das stattlichste ausgeschmückt. Ein Haufe Mohrentänzer tummelte sich, in ihren phantastischen Kleidungen, mit Falkenschellen klingelnd, auf dem Rasen umher, mit einem Knaben als Jungfrau Mariane gekleidet, und dem Narren, der mit seiner Büchse rasselte, um von den Umstehenden Beiträge einzufordern. Auch die Zigeunerinnen trieben schon ihr geheimes Spiel in den Neben-Ecken des Dorfes, in den Händen der einfältigen Bauernmädchen lesend, und ihnen allen wahrscheinlich gute Männer und Schaaren von Kindern versprechend. Der Squire erschien während des Morgens, begleitet von dem Pfarrer, und wurde mit lautem Zuruf empfangen. Er mischte sich, den ganzen Tag über, unter die Landleute, Vergnügen gebend und empfangend, wohin er kam. Die Lustbarkeiten des Tages standen unter Slingsby's, des Schulmeisters Leitung, der nicht allein in der Schule Zuchtmeister, sondern auch im Dorfe Ceremonienmeister ist. Mit der besorgten, ruhelosen Miene eines Mannes, welcher die schwere Last auf dem Herzen hat, für andrer Leute Unterhaltung herbeischaffen zu müssen, tummelte er sich umher. In Folge einer politischen Intrigue, bei welcher, beiläufig gesagt, Meister Simon und der Oxforder Student die Hand mit im Spiele hatten, und die sich auf die Wahl der Maienkönigin bezog. sah er sich in ein Dutzend Verlegenheiten verwickelt. Er hatte sehr heftigen Widerstand bei einer Partei von Aletrinkern gefunden, die für eine dralle Schenkjungfer, die Tochter des Wirthes, stimmte; er hatte aber einen zu guten Rückhalt gehabt, um nicht seine Meinung durchzusetzen. Es geht daraus hervor, daß diese ländlichen Kronen, wie alle andere, Gegenstände lebhafter Bewerbungen und Kränkungen sind. Ich höre, daß Meister Simon, wenn gleich unter der Hand, doch einen großen Antheil an der Wahl dieser Maienkönigin nimmt, und daß der Kranz gewöhnlich für eine der ländlichen Schönheiten bewahrt wird, die Gnade vor seinen Augen gefunden hat. Im Laufe des Tages wurden mehrere Kraft- und Behendigkeits-Uebungen auf der Wiese vorgenommen, bei welchen ein Haufe von älteren Dorfbewohnern, als Kampfrichter, den Vorsitz führte. Unter diesen stand, wie ich sah, Hans Baargeld oben an, mit einem gelehrten und kritischen Auge die Verdienste der verschiedenen Bewerber abwägend; und ob er gleich sehr lakonisch war und sich zuweilen nur durch ein Kopfnicken verrieth, so war es doch klar, daß seine Ansicht die der Redseligsten bei weitem überwog. Der junge Hans Tibbets war der Held des Tages und trug die meisten Preise davon, obgleich er bei den Behendigkeits-Uebungen zuweilen von dem »verlornen Sohne« fast übertroffen wurde, der bei dieser Gelegenheit sehr in seinem Elemente zu sein schien; aber sein gefährlichster Nebenbuhler war der berüchtigte Zigeuner, der furchtbare »Sternlicht-Thomas.« Ich freute mich, Gelegenheit gefunden zu haben, diesen »Liebling des Mondes« bei hellem Tageslicht beschauen zu können. Ich fand, daß er ein großer, schwärzlicher, gut aussehender Mann war, mit einer stolzen Miene, wie ich sie zuweilen bei indianischen Häuptlingen gesehen; und mit einer gewissen nachlässigen, leichten und beinahe angenehmen Haltung, welche ich sehr oft an Leuten des Lazaroni-Stammes bemerkt habe, die ein müßiges, herumtreibendes Leben führen und eine vornehme Abneigung gegen alle Arbeit zeigen. Meister Simon und der alte General recognoscirten zusammen die Gegend und erlaubten sich manchen unschuldigen Scherz mit den flinken Landmädchen. Meister Simon küßte manche von ihnen, wenn sie ihm in den Weg kamen, und fragte nach ihren Schwestern, denn er ist mit den meisten Pächterfamilien bekannt. Zuweilen flüsterte er ihnen auch etwas zu, und that, als ob er ihnen schelmische Dinge sage, und wenn man ihn damit aufzog, wies er es mit Lachen zurück, obgleich es klar war, daß er gern für einen lustigen Lothario unter ihnen angesehen sein wollte. Mit den Pächtern hatte er viel über ihre Pachtungen zu sprechen, und schien alle ihre Pferde beim Namen zu kennen. Ein alter Mann, mit einem runden, rothen Gesichte und einer Nachtmütze unter seinem Hute, der Spaßmacher des Dorfes, nahm mehrere Male Gelegenheit, etwas Scherzhaftes an ihn zu richten, während seine Gefährten es hörten, zu denen er sich dann hinwandte und ihnen zunickte, wenn Meister Simon weggegangen war. Ein Mal wäre indessen die Harmonie des Tages beinahe unterbrochen worden, indem der Radikale, mit zwei oder drei seiner Schüler, auf dem Platze erschien. Er predigte bald mitten im Gedränge, aus dem ich seine Stimme hören und dann und wann seine dürre Hand eine halbe Meile aus dem Aermel hervorragen sehen konnte, indem er sie mit heftiger Geberde in die Luft erhob, und statt des Schwertes ein Pamphlet schwang. Er zog gegen diese eitlen, unsinnigen Vergnügungen in Zeiten der öffentlichen Noth los, wo es Jedermanns Geschäft sei, an andere Dinge zu denken und traurig zu sein. Die ehrlichen Dorflogiker konnten sich, zumal da seine Proselyten ihm beistanden, gegen ihn nicht halten, als, zu ihrer großen Freude, Meister Simon und der General auf dem Schlachtfelde eintrafen. Ich sah, daß Meister Simon sich gern weggemacht hätte, als er sich in der Nähe dieses Branders fand; aber der General war zu gut gesinnt, als daß er in seiner Gegenwart so etwas hätte reden lassen sollen, und dachte, ohne Zweifel, daß ein Blick und ein Wort von einem Gentleman hinreichen würde, einem so schäbigen Redner den Mund zu schließen. Dieser aber kannte kein Ansehen der Person, sondern schien sich vielmehr darüber zu freuen, so bedeutende Gegner zu haben. Er sprach mit größerer Geläufigkeit als je, und überschüttete seine Zuhörer bald mit einer Rede über Auflagen, Armengelder und die Nationalschuld. Meister Simon versuchte, auf seine gewöhnliche ablenkende Art, womit er bei den Dorfbewohnern immer sehr gut herausgeholfen hatte, die Sache leicht zu nehmen; allein der Radikale war einer der verzweifelten Gesellen, welche immer streng an Thatsachen festhalten; und so hatte er in der That zwei bis drei Pamphlets in der Tasche, um Alles, was er behauptete, durch gedruckte Belege zu beweisen. Auch der General fand sich bald in einen ernsthafteren Kampf verwickelt, als es seine Würde erlaubte, und sah aus, wie ein mächtiger holländischer Ostindienfahrer, dem von einem kleinen Kaper gewaltig zugesetzt wird. Vergebens blies er sich auf, gab sich ein Ansehen, sprach hochtrabende Worte, und suchte durch die Vornehmheit seines Ausdrucks die Armuth der Sache heraus zu putzen; jeder Hieb des Radikalen machte ihn gleich einem Blasebalg pusten und schien eine Masse Wind aus ihm herauszupressen. Kurz, die zwei Würdigen von der Halle wurden gänzlich stumm gemacht, und dieß noch dazu in der Gegenwart mehrerer großer Bewunderer des Meister Simon, welche ihn immer als untrüglich angesehen hatten. Ich weiß nicht, wie er und der General es angefangen haben würden, ihre Streitkräfte anständig aus dem Felde zu ziehen, wenn nicht angekündigt worden wäre, daß durch eine Pferdehalfter gelacht werden sollte, worauf der Radikale sich mit großer Verachtung zurückzog, und sobald er weg war, das Gespräch sich einstimmig gegen ihn wendete. »Habt Ihr je solch eine Menge albernes Zeugs gehört, General?« sagte Meister Simon. »Man kann mit so einem Kerl, wenn er einmal den verwünschten Cobbett im Kopfe hat, nichts reden.« »Wahrhaftig, Herr!« sagte der General, indem er sich die Stirn wischte: »solche Kerle müßten alle aus dem Lande verwiesen werden.« Den spätern Theil des Tages statteten die Damen von der Halle auf der Wiese einen Besuch ab. Die schöne Julie erschien, auf den Arm ihres Geliebten gelehnt, und sah ungemein bleich und anziehend aus. Da sie im Dorfe, wo man sie von Kindheit an gekannt hat, sehr beliebt ist, und man von ihrem neulichen Unfalle sehr viel gesprochen hatte, verursachte ihr Anblick allgemeines Vergnügen, und einige alte Frauen aus dem Dorfe segneten ihr liebes Gesicht, als sie vorüberging. Während sie umhergingen, sah ich den Schulmeister in angelegentlichster Unterredung mit dem jungen Mädchen begriffen, das die Maienkönigin darstellte; er war augenscheinlich bemüht, sie zu irgend einem gewaltigen Unternehmen aufzumuntern. Endlich kam sie, als die Gesellschaft sich ihrer Laube näherte, hervor, schwankte aber bei jedem Schritt, bis sie den Fleck erreichte, wo die schöne Julie zwischen ihrem Geliebten und Lady Lillycraft stand. Die kleine Königin nahm dann den Blumenkranz vom Haupte und suchte ihn der auserkorenen Braut aufzusetzen; allein Beider Verwirrung war so groß, daß der Kranz auf den Boden gefallen sein würde, hätte nicht der Offizier ihn aufgefangen und lachend auf die schöne Stirn seiner erröthenden Geliebten gesetzt. Es war etwas Reizendes in der Verlegenheit dieser zwei jungen Wesen, Beide so schön, und doch so verschieden in ihrer Schönheit. Meister Simon sagte mir nachher, die Maienkönigin habe einige Verse hersagen sollen. die der Schulmeister für sie geschrieben hatte; sie habe aber weder so viel Verstand gehabt, sie zu fassen, noch so viel Gedächtniß, sie zu behalten. »Uebrigens,« fügte er hinzu, »radbrecht sie unsers Königs Englisch fürchterlich, unter uns gesagt, und so hat sie sehr klug daran gethan, den Mund zu halten und sich auf ihr hübsches Gesicht zu verlassen.« Unter den übrigen Personen aus der Halle war auch Mistreß Hannah, der Lady Lillycraft Kammerfrau, herangekommen; zu meiner Verwunderung war sie von dem alten Christy, dem Jäger, und von seinem Gespenst von Windhund begleitet; aber ich finde, daß sie sehr alte Bekannte sind, da wahrscheinlich die gleiche Richtung ihrer Gesinnungen sie einander nähert. Mistreß Hannah bewegte sich mit steifer Würde unter den Landleuten, die sich vor ihr mit größerer Scheu zurück zogen, als vor ihrer Gebieterin. Ihr Mund schien wie mit einem Schlosse verwahrt, ausgenommen daß dann und wann das Wort »Kerle!« ihren Lippen entschlüpfte, wenn sie zufällig im Gedränge etwas gestoßen wurde. Aber es gab noch ein Herz, das nicht in die Fröhlichkeit des Schauspiels mit einstimmte; dies war das der einfachen Phöbe Wilkins, der Nichte der Haushälterin. Das arme Mädchen hat seit einiger Zeit nicht aufgehört zu weinen und sich abzuhärmen, und das Alles der hartnäckigen Kälte ihres Liebhabers wegen; nimmer ist wohl eine kleine Koketterie strenger bestraft worden. Sie erschien heute auf der Wiese, von einem schmucken Bedienten, ohne Livree, begleitet, und war offenbar entschlossen, den gefährlichen Versuch zu wagen, die Eifersucht ihres Liebhabers zu erregen. Sie trug ihre besten Kleider, nahm ein sehr fröhliches Wesen an, sprach laut und mädchenhaft und lachte, wenn über nichts zu lachen war. Es schlug jedoch, trotz alles dieses anscheinenden leichten Sinnes, ein wundes, schwerbedrängtes Herz in des armen Geschöpfes Busen. Ihr Auge schweifte jeden Augenblick umher, ihren treulosen Liebhaber suchend, und ihre Wange erbleichte, und ihre erborgte Fröhlichkeit verschwand, als sie sah, daß er der kleinen Maienkönigin auf seine Weise den Hof machte. Meine Aufmerksamkeit ward nun durch neuen Lärm und größeres Getümmel angezogen. Man hörte Musik aus der Entfernung; man sah eine Fahne den Weg heraufkommen, vor welcher Musikanten hergingen, die eine Art Marsch spielten, und denen eine Menge rüstiger Bauernbursche, die Ritterschaft eines benachbarten, nebenbuhlerisch gesinnten Dorfes, folgte. Sie hatten nicht sobald die Wiese erreicht, als sie die Helden des Tages zu einer neuen Anstrengung ihrer Kräfte und Behendigkeit herausforderten. Mehrere Kämpfe erfolgten zur Ehre beider Dörfer. Bei einer dieser Uebungen entspann sich ein sehr hartnäckiger Ringkampf zwischen dem jungen Tibbets und dem Anführer der Gegenpartei. Sie zogen und reckten und keuchten, ohne daß Einer Sieger werden konnte, bis endlich Beide zu Boden kamen und auf den Rasen rollten. Gerade jetzt kam die trostlose Phöbe herbei. Sie sah ihren abtrünnigen Liebhaber in einem heftigen Kampfe, wie sie dachte, und in Gefahr. In einem Augenblick waren Stolz, beleidigtes Gefühl und Koketterie vergessen: sie stürzte in den Kreis, ergriff den nebenbuhlerischen Kämpen bei dem Haar und war im Begriff, ihre ohnmächtige Rache an ihm auszulassen, als eine dralle, rüstige Bauerndirne, die Geliebte des darniederliegenden Burschen, wie ein Falk auf sie herabstieß, und in einem Augenblick ihr schönes Gefieder ihr ausgerupft haben würde, hätte man nicht auch sie wiederum ergriffen. Ein förmlicher Aufruhr folgte. Die Ritterschaft der beiden Dörfer wurde handgemein. Schläge wurden ausgetheilt und Stöcke geschwungen. Phöbe wurde in Krämpfen vom Kampfplatze getragen. Vergebens strebten die Weisen des Dorfes zu vermitteln. Der spruchreiche Apotheker suchte das besänftigende Oel seiner Philosophie auf dieses stürmische Meer der Leidenschaften zu gießen, ward aber in den Staub getreten. Slingsby, der Pädagog, der ein großer Freund der Ruhe ist, begab sich, als Marschall des Festes, mitten in das Gedränge, um dem Aufruhr ein Ende zu machen, er wurde aber zerzaust und kam, mit seinem Kleid, das in zwei Fetzen von seinen Schultern hing, heraus, worauf der verlorene Sohn mit Wuth in die Menge stürzte, um die von seinem Beschützer erlittene Beleidigung zu rächen. Das Gedränge ward dichter; zuweilen sah ich die Reitkappe des alten Christy, wie den Helm eines Anführers, mitten im Gewühl auftauchen, während Mistreß Hannah, von ihrem tapfern Vertheidiger getrennt, schrie, und rechts und links mit einem verschossenen Sonnenschirm darein schlug, von der Menge in einer Weise gestoßen und umhergezaust, wie es wohl noch nie einer jungfräulichen Kammerfrau begegnet sein mag. Endlich sah ich den alten Hans Baargeld sich einen Weg in das dichteste Gedränge bahnen; indem er dasselbe, wie es schien, aus einander sprengte und vi et armis Frieden erzwang. Es war überraschend zu sehen, wie auf einmal Ruhe ward. Der Sturm schien sich plötzlich gelegt zu haben. Die Parteien, welche keinen eigentlichen Grund zu Feindseligkeiten hatten, waren leicht besänftigt, und wußten in der That selbst nicht recht, wie und warum sie einander in die Haare gerathen waren. Slingsby wurde schnell von seinem Freunde, dem Schneider, wieder zusammengenäht, und überließ sich seiner gewöhnlichen guten Laune von neuem. Mistreß Hannah trat auf die Seite, um ihre zerknickten Federn wieder in Ordnung zu bringen; und der alte Christy, nachdem er ebenfalls seine Schäden ausgebessert hatte, nahm sie unter den Arm, und sie zogen wieder nach der Halle, zehnmal mehr gegen das Menschengeschlecht erbittert, als jemals. Die Familie der Tibbets allein schien sich langsam von der Bewegung dieses Auftrittes zu erholen. Der junge Hans war durch den Heldenmuth der unglücklichen Phöbe offenbar sehr bewegt. Seine Mutter, welche die Nachricht von dem Handgemenge auf den Kampfplatz gelockt hatte, war in großer Angst, und hatte ihre ganze Klugheit nöthig, ihn abzuhalten, seiner Geliebten zu folgen und es zu einer völligen Versöhnung kommen zu lassen. Was die Unruhe und Verlegenheit der guten vermittelnden Frau vermehrte, war, daß die Sache sogar des alten Baargeld's langsame Fassungskraft erregt hatte, welcher durch die unerschrockene Einmischung eines so niedlichen, zarten Mädchens in Erstaunen versetzt, durchaus nicht begriff, wie er sich die gewaltige Bewegung in seiner Familie erklären sollte. Als alles dieß dem Squire zu Ohren kam, war er nicht wenig aufgebracht, daß sein Maienfest durch einen solchen Zank entweiht worden sei. Er befahl, daß Phöbe vor ihm erscheinen solle; allein das Mädchen war so erschreckt und niedergeschlagen, daß sie schluchzend und zitternd herbeikam, und bei der ersten Frage, welche er an sie that, wieder in Krämpfe fiel. Lady Lillycraft, welche erfahren hatte, daß diesem Unglück eine Herzensangelegenheit zum Grunde liege, nahm das Mädchen sogleich in ihre Gunst und unter ihren Schutz, und versöhnte sie mit dem Squire. Dieß war der einzige Vorfall, welcher die Harmonie des Tages störte, wenn wir die Niederlage Meister Simon's und des Generals durch den Radikalen ausnehmen. Im Ganzen hatte also der Squire immer noch Ursache zufrieden zu sein, daß er sein Steckenpferd den ganzen Tag über ohne andere Störung hatte reiten können. Der Leser, der mit der Sache bekannt ist, wird einsehen, daß dieß alles nur ein schwacher Schatten der einst so fröhlichen und phantastischen Gebräuche des Maies war. Die Landleute haben das eigentliche Gefühl für diese Gebräuche verloren, und sie sind ihnen beinahe so fremd geworden, als den Bauern der Mancha die Rittergebräuche aus den Tagen des tapfern Don Quixote. In der That, ich halte es für einen Beweis von der Einsicht, womit der Squire sein Steckenpferd reitet, daß er die Sache nicht weiter getrieben hat, und es nicht versuchte, mehrere veraltete Gebräuche des Tages wieder hervorzurufen, welche in den jetzigen praktischen Zeiten geziert und unsinnig erscheinen würden.. Ich muß sagen, obgleich ich es nur sub rosa thue, daß der allgemeine Zank, welcher dieses Fest beinahe beschlossen hätte, in mir Zweifel erregt hat, ob diese ländlichen Gebräuche immer so friedlich und unschuldig waren, wie wir sie uns zu denken pflegen, und ob die Landleute in jenen Tagen wirklich so arkadisch waren, wie man sie uns dargestellt hat. Ich fange an zu fürchten – – Die Tage waren nie; nur luft'ge Träume, Sie saßen zu dem Bild; des Dichters Hand Gab leeren Schatten Körper und Gestalt, Und setzte einen heitern Wahn für Wahrheit. Es sei; doch muß ich stets die Zeit beneiden, Die solchen Traum begünstigte. Die Handschrift. Gestern war, nach dem Geräusch des Maitages, ein Tag der Stille und Ruhe. Während des Morgens gesellte ich mich zu den Damen in einem kleinen Zimmer, dessen Fenster Thüren bildeten, aus welchen man auf die Terrasse des Gartens trat, die mit schönen Sträuchern und Blumen besetzt war. Der sanfte Sonnenschein, welcher durch die über die Fenster hängenden Zweige der Bäume in das Zimmer fiel, der angenehme Geruch der Blumen und der Gesang der Vögel schien einen freundlichen, beruhigenden Eindruck auf die ganze Gesellschaft hervorzubringen, denn es verging einige Zeit, ohne daß irgend Jemand etwas sprach. Lady Lillycraft und Miß Templeton saßen an einem zierlichen Arbeitstische, in der Nähe eines der Fenster, mit einer artigen Damenarbeit beschäftigt. Der Capitain war auf einer Fußbank zu den Füßen seiner Gebieterin und sah Musikalien durch, und die arme Phöbe Wilkins, die immer eine Art Schooßkind bei den Damen war, welche aber bei Lady Lillycraft, wegen einiger zärtlichen Geständnisse, die sie abgelegt hat, in außerordentlichen Gnaden steht, saß in einer Ecke des Zimmers, mit geschwollenen Augen, gedankenvoll an dem Hochzeitstaate der schönen Julie arbeiten. Das Stillschweigen ward endlich durch Ihre Herrlichkeit unterbrochen, welche dem Capitain auf einmal etwas zu thun gab. »Ich bin in Eurer Schuld, für die Erzählung, die Ihr uns neulich vorgelesen habt,« sagte sie: »ich will Euch nun eine andere dafür geben, wenn ihr sie vorlesen wollt: sie paßt gerade zu diesem lieblichen Maimorgen, denn sie handelt ganz von Liebe.« Der Vorschlag schien der ganzen Gesellschaft Vergnügen zu machen. Der Capitain lächelte zustimmend. Ihre Herrlichkeit klingelte ihrem Pagen und schickte ihn nach ihrem Zimmer, die Handschrift zu holen. »Da der Capitain,« sagte sie, »uns eine nähere Nachricht über den Verfasser seiner Geschichte gegeben hat, so ist es nicht mehr als billig, daß ich auch Nachricht von dem meinigen gebe. Sie ist von dem Pfarrer des Kirchspiels geschrieben, in welchem ich wohne. Er ist ein magerer, ältlicher Mann, von schwächlichem Körperbau, aber gewiß einer der angenehmsten Leute, die je lebten. Vor einigen Jahren verlor er seine Gattin, eine der lieblichsten Frauen, die ich je sah. Er hat zwei Söhne, die er selbst erzieht, und welche Beide bereits liebliche Gedichte machen. Seine Pfarrwohnung ist ein angenehmer Ort, dicht bei der Kirche, ganz mit Epheu und Geißblatt bewachsen, von dem schönsten Blumengarten umgeben; denn bekanntlich sind unsere Landgeistlichen immer Liebhaber von Blumen und machen ihre Pfarrwohnung zu vollkommnen Gemälden.« »Sein Einkommen ist bedeutend genug und er ist äußerst beliebt und thut viel Gutes in der Nachbarschaft und unter den Armen. Und dann, was für Predigten hält er! Ihr solltet einmal eine solche über einen Text aus dem Hohen Liede Salomonis hören, ganz von Liebe und Ehe, das Schönste, was man hören kann! Er predigt sie wenigstens ein Mal im Jahre, im Frühling, denn er weiß, daß ich sie gern habe. Er speiset des Sonntags immer bei mir, und bringt mir oft einige von den schönsten Dichtungen über den Reiz der Schwermuth und ähnliche Gegenstände, worüber ich so weinen muß, Ihr könnt es gar nicht denken. Ich wollte nur, er ließe etwas drucken. Ich denke einige Sachen von ihm sind so schön, als irgend etwas von Moore oder Lord Byron.« »Vor einiger Zeit ward er sehr krank und man gab ihm den Rath, nach dem festen Lande zu gehen; ich ließ ihm keine Ruhe, bis er ging, und versprach ihm, für seine zwei Knaben zu sorgen, bis er wieder käme.« »Er war über ein Jahr abwesend und genas völlig. Als er zurück kam, schickte er mir die Erzählung, die ich Euch nun zeigen will. – O, da ist sie!« sagte sie, als der Page ihr ein schönes Kästchen von Atlasholz brachte. Sie schloß es auf und unter mehreren Päckchen Billets auf Papier mit gepreßten Verzierungen, Karten mit Charaden, und Abschriften von Versen, zog sie ein Futteral von rothem Sammet hervor, das stark von Wohlgerüchen duftete. Aus diesem nahm sie eine, sehr zierlich auf Velinpapier mit goldenem Schnitt geschriebene, mit himmelblauem Bande zusammengeheftete Handschrift. Diese reichte sie dem Capitain, welcher nun folgende Erzählung las, die ich mir zur Unterhaltung des Lesers verschafft habe. Annette Delarbre. Der Krieger kehrt vom Kampf zurück, Der Kaufmann von dem Meer; Doch ich schied von der Liebsten mein Und seh' sie nimmermehr,                               Mein Lieb, Und seh' sie nimmermehr. Der Tag ist hin, die Nacht bricht an, Und niemand weitum wacht, Ich denk' an sie, die ferne ist, Und wein' die lange Nacht,                               Mein Lieb, Und wein' die lange Nacht. Altschottische Ballade . Während einer Reise, die ich einst durch die untere Normandie machte, blieb ich einen oder zwei Tage in der alten Stadt Honfleur, welche nahe an der Mündung der Seine liegt. Es war gerade ein Festtag, und alle Welt drängte sich am Abend herzu, um auf dem Jahrmarkt zu tanzen, der vor der Kapelle unserer Frauen zur Gnade gehalten wurde. Da ich alle Arten von unschuldigen Lustbarkeiten liebe, schloß ich mich der Menge an. Die Kapelle liegt auf der Spitze eines hohen Hügels oder Vorgebirges, von wo aus ihre Glocke von dem Schiffer zur Nachtzeit in der Entfernung gehört werden kann. Man sagt, daß sie dem Hafen, der, am andern Ufer der Seine, gerade gegenüber liegt, den Namen Havre de Grâce gegeben haben. Der Weg zur Kapelle hinauf führte im Zickzack am Rande des steilen Ufers hin; er war von Bäumen beschattet, zwischen denen ich herrliche Durchsichten hatte auf die alten Thürme von Honfleur hinab, auf die mannigfaltigen Landschaftsgemälde der gegenüberliegenden Küste, die weißen Gebäude von Havre in der Entfernung, und das weite Meer dahinter. Die Straße war durch Gruppen von Bauernmädchen, in ihren glänzenden hochrothen Kleidern und hohen Mützen, belebt; und ich fand die ganze Blüthe der umliegenden Gegend auf der Wiese versammelt, welche den Gipfel des Hügels krönt. Die Kapelle Unsrer Frauen zur Gnade ist ein Lieblingsort der Bewohner von Honfleur und der Umgegend, sowohl wegen des Vergnügens als wegen der Andacht. In dieser kleinen Kapelle verrichten die Seeleute im Hafen, ehe sie auf Reisen gehen, und ihre Freunde während ihrer Abwesenheit, ihre Gebete; und Weihgeschenke hängen an den Wänden, zur Lösung von Gelübden, die in Zeiten des Schiffbruchs und der Noth gemacht werden. Die. Kapelle ist von Bäumen umgeben. Ueber dem Portal ist ein Bild der Jungfrau mit dem Kinde, mit der Unterschrift, die mir, da sie wahrhaft dichterisch ist, auffiel: Etoile de la mer, priez pour nous! (Stern des Meeres, bitte für uns!) Auf einer ebenen Stelle nahe bei der Kapelle, unter einer Gruppe stattlicher Bäume, tanzt das Landvolk an schönen Sommerabenden; und hier werden häufig Jahrmärkte und Feste gehalten, bei welchen sich die sämmtlichen ländlichen Schönheiten der untern Normandie versammeln. Das gegenwärtige war eines der Art. Buden und Zelte waren unter den Bäumen aufgeschlagen: man sah hier die gewöhnlichen Waaren ausgebreitet, um die ländlichen Schönen anzulocken, und wundervolle Schauspiele, um die Neugierigen anzuziehen; Marktschreier versuchten ihre Beredsamkeit; Taschenspieler und Wahrsager setzten die Leichtgläubigen in Erstaunen; während ganze Reihen grotesker Heiliger, in Holz und Wachsarbeit, den Frommen zum Kaufe angeboten wurden. Das Fest hatte die sämmtlichen malerischen Trachten des Pays d'Auge und der Côte de Caur versammelt. Ich bemerkte hohe, stattliche Mützen und steife Schnürleiber, wie sie seit Jahrhunderten von der Mutter auf die Tochter verpflanzt worden sind, nach dem Muster derer, welche zur Zeit Wilhelms des Eroberers getragen wurden, und welche mich wegen ihrer genauen Aehnlichkeit mit denen, die ich in der Chronik von Froissart und auf den Bildern in illuminirten Handschriften gesehen hatte, in Erstaunen setzten. Jeder, der in der untern Normandie gewesen ist, muß auch die Schönheit der Landleute und das Ansehen natürlicher Zierlichkeit bemerkt haben, welches bei ihnen vorherrscht. Diesem Lande haben ohne Zweifel die Engländer es zu danken, wenn sie so wohl aussehen. Von dort kam die frische Farbe, die schönen blauen Augen, das lichtbraune Haar, im Gefolge des Eroberers, nach England hinüber, und erfüllten das Land mit Schönheit. Der Anblick vor mir war wahrhaft bezaubernd: der Zusammenfluß von so vielen frischen, blühenden Gesichtern; die fröhlichen Gruppen in ihren sonderbaren Trachten: einige auf der Wiese tanzend, andere herumwandelnd oder im Grase sitzend; die schönen Baumgruppen im Vordergrunde am Rande dieser luftigen Höhe, und das weite grüne Meer, schlafend in sommerlicher Ruhe, in der Entfernung. Während ich dieses belebte Gemälde betrachtete, fiel mir ein schönes Mädchen auf, das durch die Menge ging, ohne, dem Anschein nach, an ihren Vergnügungen Theil zu nehmen. Sie war schlank und zart gebaut; ihre Wangen färbte nicht das Roth, das man gewöhnlich bei den Landleuten der Normandie findet, und ihre blauen Augen hatten einen sonderbaren, schwermüthigen Ausdruck. Ein ehrwürdig aussehender alter Mann, den ich für ihren Vater hielt, begleitete sie. Die Umstehenden flüsterten einander zu und warfen ihr bedeutsame Blicke nach als sie vorüberging; die jungen Männer griffen an ihre Hüte, und Kinder folgten ihr in einiger Entfernung, und beobachteten ihre Bewegungen. Sie näherte sich dem Rande des Hügels, da wo eine kleine Fläche ist, von welcher die Bewohner von Honfleur nach den sich nähernden Schiffen aussehen. Hier stand sie einige Zeit und schwenkte ihr Taschentuch, ob gleich nichts weiter zu sehen war, als zwei oder drei Fischerboote, welche wie bloße Punkte auf dem Busen des entfernten Meeres dahinschwebten. Diese Umstände erregten meine Neugierde, und ich stellte einige Erkundigungen über sie an, auf welche der Priester der benachbarten Kapelle mir mit Bereitwilligkeit und Einsicht Antwort gab. Unsere Unterhaltung lockte einige von den Umstehenden herbei, von denen ein Jeder noch etwas hinzuzufügen hatte, und von ihnen Allen sammelte ich folgende Einzelnheiten. Annette Delarbre war die einzige Tochter eines der wohlhabendern Pächter, oder kleinen Eigenthümer, wie man sie nennt, der in Pont l'Evêque, einem artigen Dorfe nicht weit von Honfleur, in dem fruchtbaren, weidereichen Theil der untern Normandie, das Pays d'Auge genannt, lebte. Annette war der Stolz und die Freude ihrer Aeltern, und wurde mit der liebevollsten Nachsicht erzogen. Sie war munter, zärtlich, muthwillig und empfänglich. Alle ihre Gefühle waren lebendig und glühend; und da sie nie Widerspruch oder Zwang erfahren hatte, war sie nur wenig in der Selbstbeherrschung geübt; nur die natürliche Güte ihres Herzens hielt sie vor steten Fehltritten zurück. Schon in ihrer Kindheit zeigte sich leichterregbarer Sinn bei einer Neigung, die sie zu einem Spielgefährten, Eugen la Forgue, faßte, dem einzigen Sohne einer Wittwe, welche in der Nachbarschaft lebte. Die kindische Liebe Beider begriff alles das in sich, was eine reifere Leidenschaft bezeichnet; sie hatte ihre Launen, ihre Eifersucht, ihre Zänkereien und Versöhnungen. Sie nahm einen etwas ernsteren Charakter an, als Annette in ihr fünfzehntes, Eugen in sein neunzehntes Jahr trat, und dieser auf einmal durch die Conscription zum Heere gebracht ward. Es war ein harter Schlag für seine Mutter, denn er war ihr einziger Stolz und Trost; allein es war einer von jenen plötzlichen Unfällen, welche damals, wo fortdauernde, blutige Kriege Frankreich der Blüthe seiner Jugend beraubten, Mütter beständig zu fühlen bestimmt waren. Auch für Annette war es ein augenblicklicher Kummer, ihren Liebhaber zu verlieren. Mit zärtlichen, halb kindlichen, halb jungfräulichen Umarmungen schied sie von ihm. Die Thränen strömten aus ihren blauen Augen, als sie eine Flechte ihres blonden Haars um sein Handgelenk band; aber das Lächeln brach dennoch durch die Thränen; denn sie war zu jung, um zu fühlen, welche ernste Sache eine Trennung sei, und wie sehr es von dem Zufall abhänge, ob, wenn wir uns in dieser weiten Welt trennen, wir uns je wieder sehen werden. Wochen, Monate, Jahre verflossen. Annette nahm mit den Jahren auch an Reizen zu, und ward bald die Königin der Schönheiten in der Gegend. Ihre Tage vergingen unschuldig und glücklich. Ihr Vater war in seinem Orte ein Mann von Bedeutung, und sein Haus der Zusammenkunftsort der Muntersten im Dorfe. Annette hielt eine Art von ländlichem Hof; sie war immer von Gesellschafterinnen ihres Alters umgeben, unter denen sie ohne Nebenbuhlerin glänzte. Der größere Theil der Zeit ging mit Klöppeln von Spitzen hin, einer in jener Gegend sehr verbreiteten Beschäftigung. Wenn sie bei dieser zarten, weiblichen Arbeit saßen; gingen heitere Erzählungen und fröhliche Lieder in der Runde umher: keine lachte mit leichterem Herzen als Annette, und wenn sie sang, war ihre Stimme ganz Melodie. Ihre Abende belebte der Tanz oder die unterhaltenden Gesellschaftsspiele, die bei den Franzosen so häufig sind; und wenn sie des Sonntag-Abends bei dem Dorfball erschien, war sie der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Da sie einmal Vermögen zu erwarten hatte, fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Manche vortheilhafte Anträge wurden ihr gemacht, allein sie schlug sie alle aus. Sie lachte über die vorgeblichen Leiden ihrer Bewunderer, und triumphirte über sie mit der Laune frischer Jugend und selbstbewußter Schönheit. Bei allem ihrem anscheinenden Leichtsinn würde man aber, wenn man in ihrem Herzen hätte lesen können, darin eine süße Erinnerung an den Gespielen ihrer Jugend gefunden haben, zwar nicht so tief eingegraben, um schmerzlich zu sein, aber doch zu tief, um leicht verloren zu gehen; auch bemerkte man, bei allem ihrem Frohsinn, eine gewisse Zärtlichkeit, welche ihr Benehmen gegen Eugen's Mutter auszeichnete. Oft stahl sie sich von ihren jugendlichen Gefährtinnen und ihren Vergnügungen weg, um ganze Tage bei der guten Wittwe zuzubringen, ihren Erzählungen von ihrem Sohne zuhörend, und vor geheimem Vergnügen erröthend, wenn Briefe von ihm vorgelesen wurden, da sie fand, daß sie der beständige Gegenstand seiner Erinnerungen und Erkundigungen war. Endlich brachte die plötzliche Rückkehr des Friedens, welche so manchen Krieger seiner heimathlichen Hütte zuführte, auch Eugen, als einen jungen, sonnverbrannten Soldaten, in das Dorf zurück. Ich brauche wohl nicht zu sagen, mit welchem Entzücken seine Mutter die Rückkehr dessen begrüßte, in dem sie den Stolz und die Stütze ihres Alters sah. Seine Verdienste hatten ihm Beförderung verschafft; er brachte aber wenig aus dem Kriege mit, wenn man ein soldatisches Ansehn, einen ehrenvollen Namen und eine Narbe quer über der Stirne ausnimmt. Unverdorben kam er jedoch aus dem Felde zurück. Er war frei, offen, edel und feurig. Sein Herz war voll von lebendigen, wohlwollenden Regungen, und vielleicht durch Leiden etwas sanfter geworden: es war voll von Zärtlichkeit gegen Annette. Er hatte häufig durch seine Mutter von ihr gehört, und ihre Liebe zu der Verlassenen hatte sie ihm doppelt theuer gemacht. Er war verwundet worden; er war gefangen gewesen; er war in verschiedene Bedrängnisse gekommen; allein er hatte immer die Flechte bewahrt, die sie ihm um die Hand gewunden hatte. Sie war eine Art Talisman für ihn; oft, wenn er auf der harten Erde lag, hatte er sie betrachtet, und der Gedanke, daß er eines Tages Annette und die schönen Fluren seines väterlichen Dorfes wiedersehen würde, hatte sein Herz gestärkt, und ihn in den Stand gesetzt, alle Mühseligkeiten zu ertragen. Er hatte Annette beinahe als Kind verlassen; er fand sie als eine blühende Jungfrau wieder. Wenn er sie früher geliebt hatte, so betete er sie jetzt an. Annette war gleichfalls erstaunt, wie sehr zu seinen Gunsten ihr Liebhaber sich geändert hatte. Sie bemerkte mit geheimer Bewunderung seine Ueberlegenheit über die andern jungen Männer im Dorfe, sein freies, stolzes, kriegerisches Ansehen, das ihn vor allen Uebrigen bei den ländlichen Zusammenkünften auszeichnete. Je mehr sie ihn sah, desto mehr ging die leichte, spielende Anhänglichkeit früherer Jahre in eine brennende, gewaltige Leidenschaft über. Aber Annette war eine ländliche Schönheit. Sie hatte die Annehmlichkeiten des Herrschens geschmeckt, und war durch die beständige Nachsicht zu Hause, und durch die Bewunderung draußen, eigenwillig und launig geworden. Sie war sich ihrer Gewalt über Eugen bewußt, und fand Vergnügen daran, sie auszuüben. Sie behandelte ihn zuweilen mit muthwilliger Laune, und weidete sich an der Qual, die sie ihm durch ihr Schmollen verursachte, weil sie dachte, wie bald sie dieser durch ihr Lächeln wieder ein Ende machen könne. Es machte ihr Freude, Besorgnisse in ihm zu erregen, indem sie einem oder dem andern seiner Nebenbuhler eine Zeitlang den Vorzug zu geben schien, um ihn dann durch ein Uebermaß zurückkehrender Freundlichkeit zu besänftigen. Vielleicht fand sich eine Art von Eitelkeit durch dieß Alles geschmeichelt; es gewährte ihr wohl einen Triumph, ihre unumschränkte Macht über den jungen Krieger, welcher der allgemeine Gegenstand der Bewunderung der Frauen war, so an den Tag legen zu können. Eugen war jedoch zu ernster, glühender Gemüthsart, als daß man ihn hätte zum Spielwerk gebrauchen können. Er liebte zu innig, als daß sich nicht Besorgnisse seiner bemächtigt hätten. Er sah Annette von Bewunderern umgeben, und voll von regem Leben; die Fröhlichste unter den Fröhlichen bei allen den ländlichen Festen, und offenbar dann am aufgewecktesten, wenn er am niedergeschlagendsten war. Jeder durchschaute diese Laune, nur er nicht; Jeder sah, daß sie ihn wirklich liebte, Eugen allein setzte Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Eine Zeitlang ertrug er diese Koketterie mit heimlicher Ungeduld und Mißtrauen; allein sein Gefühl war wund und reizbar, und überwältigte seine Selbstbeherrschung. Es entstand ein kleines Mißverständniß; ein Zank war die Folge davon. Annette, nur an Fügsamkeit und Willfährigkeit gewöhnt, und voll von dem Uebermuthe jugendlicher Schönheit, nahm die Miene der Verschmähung an. Sie verweigerte ihrem Liebhaber alle Erklärung, und sie schieden in Zorn. An demselben Abend sah Eugen sie, ganz Fröhlichkeit, mit einem seiner Nebenbuhler tanzen; und als ihr Auge dem seinigen begegnete, das mit unverstelltem Kummer auf ihr ruhte, funkelte das ihrige von ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. Es war ein Todesstreich für seine Hoffnungen, die schon so sehr durch heimliches Mißtrauen gebeugt worden waren. Stolz und Erbitterung kämpften in seinem Herzen, und schienen seinem Geiste die ganze gewohnte Kraft wieder zu geben. Er entfernte sich aus ihrer Nähe, mit dem raschen Entschlusse, sie nie wieder zu sehen. Ein Weib ist in Liebesangelegenheiten besonnener, als ein Mann, weil die Liebe mehr das Studium und Geschäft ihres Lebens ist. Annette bereute bald ihre Unbesonnenheit: sie fühlte, daß sie ihren Liebhaber unfreundlich behandelt hatte; sie fühlte, daß sie mit seinem geraden edlen Wesen ein Spiel getrieben hatte, – und dann sah er so schön aus, als er, nach dem Zank, von ihr hinwegging, seine angenehmen Züge von Unwillen entflammt. Sie hatte die Absicht gehabt, sich mit ihm bei dem Abendtanze auszusöhnen; aber seine plötzliche Entfernung hinderte sie daran. Sie gelobte sich nun, ihn, wenn sie ihn am nächsten Tage treffen würde, durch die Süßigkeit einer vollkommenen Aussöhnung reichlich zu entschädigen, und daß sie künftig ihn nie – nie mehr böse machen wolle. Dieß Versprechen konnte nicht mehr in Erfüllung gehn. Ein Tag verging nach dem andern; aber Eugen ließ sich nicht sehen. Der Sonntagabend kam, die gewöhnliche Zeit, wo sich das ganze fröhliche Volk des Dorfes versammelte; aber Eugen war nicht da. Sie fragte nach ihm; er hatte das Dorf verlassen. Jetzt ward sie unruhig; sie vergaß alle Sprödigkeit und angenommene Gleichgültigkeit, und eilte zu Eugen's Mutter, um von ihr Aufklärung zu erhalten. Sie fand diese voll von Gram, und erfuhr mit Erstaunen und Bestürzung, daß Eugen zur See gegangen sei. Während sein Gefühl noch über ihre anscheinende Verachtung empört, und sein Herz ein Raub abwechselnder Erbitterung und Verzweiflung war, hatte er plötzlich eine Einladung angenommen, die einer seiner Verwandten, der im Hafen von Honfleur ein Schiff ausrüstete, zu wiederholten Malen an ihn hatte ergehen lassen, ihn auf seiner Seereise zu begleiten. Abwesenheit erschien ihm als das einzige Heilmittel für seine unglückliche Leidenschaft; und, bei dem augenblicklichen Tumult seiner Gefühle, lag in dem Gedanken, die halbe Welt zwischen sich und ihr liegen zu haben, etwas Wohlthuendes. Die Eile, in welcher er abreisen mußte, ließ ihm keine Zeit zu ruhiger Ueberlegung; sie machte ihn taub gegen die Vorstellungen seiner betrübten Mutter. Er eilte nach Honfleur, gerade noch zu rechter Zeit, um die nöthigen Anstalten zu seiner Reise zu machen, und die erste Nachricht, welche Annette von seinem plötzlichen Entschlusse erhielt, war ein Brief, den seine Mutter ihr übergab, worin er ihr die Pfänder ihrer Zuneigung, besonders die lange bewahrte Flechte von ihrem Haar, zurückstellte, und ihr, in Ausdrücken, welche mehr Schmerz und Zärtlichkeit als Vorwurf aussprachen, ein letztes Lebewohl sagte. Dieß war der erste Schlag wahren Schmerzes, den Annette je erhalten hatte, und er überwältigte sie; die Lebendigkeit ihrer Gefühle führte sie bald über alle Schranken hinaus; sie gab sich eine Zeit lang den unbezwingbaren Ausbrüchen des Kummers und der Gewissensbisse hin, und legte, durch die Heftigkeit ihrer Betrübniß, die wahre Gluth ihrer Liebe an den Tag. Es kam ihr der Gedanke, daß das Schiff vielleicht noch nicht abgesegelt sein könne; sie ergriff die Hoffnung mit Begierde und eilte mit ihrem Vater nach Honfleur. Das Schiff war an eben diesem Morgen abgesegelt. Von den Anhöhen oberhalb der Stadt sah sie, wie es sich auf dem weiten Busen des Meeres zum Pünktchen verkleinerte, und ehe der Abend kam, war das weiße Segel ihren Blicken entschwunden. Sie wandte sich voll Bekümmerniß zur Kapelle Unsrer Frauen zur Gnade, warf sich auf das Pflaster nieder, und ergoß sich in heiße Gebete und Thränen, die glückliche Rückkehr ihres Geliebten zu erflehen. Als sie nach Hause zurückkehrte, war die Munterkeit ihres Geistes dahin. Mit Reue und Selbstvorwürfen sah sie auf ihre früheren Launen zurück; mit Widerwillen wandte sie sich von den Schmeicheleien ihrer Bewunderer ab, und hatte ferner kein Vergnügen mehr an den Belustigungen des Dorfes. Gedemüthigt und schüchtern suchte sie Eugen's verwaiste Mutter, ward aber von ihr mit einem überfließenden Herzen empfangen; denn sie sah in Annette nur ein Wesen, welches in ihrer abgöttischen Liebe für ihren Sohn mit ihr sympathisirte. Es schien Annette einige Erleichterung bei ihrer inneren Qual zu gewähren, den ganzen Tag bei der Mutter zu sitzen, jedem ihrer Bedürfnisse zuvorzukommen, ihr die lange Zeit zu verkürzen, mit der freundlichen Sorge einer Tochter sich um sie zu beschäftigen, und auf alle Weise sich zu bemühen, die Stelle des Sohnes, den sie hinweggetrieben zu haben sich vorwarf, zu ersetzen, wenn dieß möglich wäre. Unterdessen hatte das Schiff den bestimmten Hafen glücklich erreicht. Eugen's Mutter erhielt einen Brief von ihm, worin er die Uebereilung seiner Abreise beklagte. Die Reise hatte ihm Zeit zu ruhiger Ueberlegung gegeben. Wenn Annette unfreundlich gegen ihn gewesen war, so durfte er doch nicht vergessen, was er seiner an Jahren bereits vorgerückten Mutter schuldig war. Er klagte sich der Selbstsucht an, daß er nur den Eingebungen seiner unüberlegten Aufwallung gefolgt sei. Er versprach, mit dem Schiffe zurückzukehren, sich in sein Mißgeschick zu fügen, und an weiter nichts zu denken, als wie er seine Mutter glücklich machen könne. – – »Und wenn er zurückkehrt,« sagte Annette, indem sie freudig die Hände zusammenschlug, »so soll es nicht meine Schuld sein, wenn er uns je wieder verläßt.« Die Zeit, wo das Schiff zurückkommen sollte, rückte heran. Es ward täglich erwartet, als das Wetter sehr stürmisch wurde. Tag um Tag liefen Nachrichten von Schiffen ein, die untergegangen, oder an den Strand getrieben worden waren, und die Seeküste war mit Trümmern bedeckt. Die Nachricht kam, daß das Schiff in einem heftigen Sturme entmastet worden sei, und man hegte die größten Besorgnisse für seine Rettung. Annette entfernte sich nie von der Seite der Mutter Eugen's. Sie beobachtete mit ängstlicher Aufmerksamkeit jede Veränderung auf ihrem Gesicht, und suchte sie durch Hoffnungen zu erheitern, während ihr eigenes Gemüth von Angst gefoltert ward. Sie gab sich alle mögliche Mühe, fröhlich zu scheinen; allein es war eine gezwungene, unnatürliche Munterkeit: ein Seufzer der Mutter war hinreichend, diese zu verscheuchen; und wenn sie die aufsteigenden Thränen nicht länger unterdrücken konnte, eilte sie hinweg und strömte ihre Angst im Verborgenen aus. Jeder ängstliche Blick, jede ängstliche Frage der Mutter, wenn eine Thüre sich öffnete oder ein fremdes Gesicht erschien, war ein Pfeil in ihre Seele. Jede getäuschte Erwartung erschien ihr als ein Schmerz, den sie verursacht habe, und ihr Herz brach, wenn sie die Sorge im Auge der Mutter sich so deutlich aussprechen sah. Endlich ward diese Spannung unerträglich. Sie verließ das Dorf und eilte nach Honfleur, in der Hoffnung, jede Stunde, jeden Augenblick irgend Nachricht von ihrem Geliebten zu erhalten. Sie ging auf dem Hafendamme auf und ab, und ermüdete die Seeleute mit ihren Fragen. Täglich unternahm sie eine Wallfahrt nach der Kapelle Unserer Frauen zur Gnade; hing Weih-Kränze an die Mauer, und brachte ganze Stunden zu, entweder auf ihren Knieen vor dem Altar liegend, oder auf dem Rande des Hügels auf das zürnende Meer hinausblickend. Endlich kam die Nachricht, daß das langersehnte Schiff sich zeige. Man sah es auf die Mündung der Seine zusteuern, halb zertrümmert, mit deutlichen Zeichen, daß es gewaltig vom Sturme umhergeworfen worden sei. Seine Rückkehr verbreitete allgemeine Freude; aber es gab kein leuchtenderes Auge, kein leichteres Herz in dem kleinen Hafen von Honfleur, als Annette's. Das Schiff ging auf dem Strome vor Anker, und kurz darauf stieß ein Boot nach dem Ufer ab. Die Menge strömte nach der Hafendammspitze, es zu bewillkommen. Annette stand erröthend, und lächelnd, und zitternd, und weinend da; denn tausend schmerzlich-angenehme Gefühle bewegten ihre Brust bei dem Gedanken an das Wiedersehen und die Aussöhnung, welche nun stattfinden sollten. Ihr Herz klopfte vor Verlangen, sich auszuschütten, und für alle seine Leiden ihren wackern Liebhaber zu entschädigen. Bald wollte sie sich an einen Ort stellen, wo sie ihm sogleich ins Auge fallen müßte, und ihn durch ihre Bewillkommung überraschen; im nächsten Augenblicke aber durchkreuzte ein Zweifel ihren Sinn, und sie verbarg sich im Gedränge zitternd und kraftlos, und hochaufathmend vor Bewegung. Ihre Unruhe wuchs, als das Boot näher kam, bis zur Pein; und sie fühlte sich beinahe leichter, als sie sah, daß ihr Geliebter nicht darin war. Sie bildete sich ein, daß irgend ein Umstand ihn am Bord des Schiffes zurückgehalten habe; und sie glaubte, daß der Verzug sie in den Stand setzen würde, mehr Kraft für die Zusammenkunft zu sammeln. Als das Boot sich dem Ufer näherte, wurden manche Fragen gethan, und lakonische Antworten erfolgten. Endlich hörte Annette eine Nachfrage nach ihrem Geliebten. Ihr Herz pochte; es entstand eine augenblickliche Pause; die Antwort war kurz, aber furchtbar. Er war mit zweien von der Schiffsmannschaft, mitten in der stürmischen Nacht, wo es unmöglich war, ihm zu Hülfe zu kommen, von dem Verdeck weggespült worden. Ein durchdringender Schrei ließ sich aus der Menge hören; und Annette wäre fast in die Wellen gestürzt. Dieß plötzliche Zurückdrängen der Gefühle nach solch einem vorübergehenden Strahle des Glücks, war zu viel für ihren erschütterten Körper. Sie ward besinnungslos nach Hause getragen. Eine Zeitlang fürchtete man für ihr Leben, und es dauerte Monate, ehe sie wieder genas; aber sie ist nie wieder ganz zur Besinnung gekommen: ihr Geist schweifte fortan in Bezug auf das Schicksal ihres Geliebten in der Irre. »Man spricht,« sagte der, welcher mir alle diese Nachrichten gab, »nie in ihrer Gegenwart von dieser Sache: sie selbst erwähnt ihrer aber zuweilen, und es scheint, als ob doch noch eine Reihe unbestimmter Erinnerungen in ihrem Gemüthe lebe, in welchen Hoffnung und Furcht gleich stark gemischt sind; ein unbestimmtes Bewußtsein von dem Schiffbruche ihres Geliebten, und dabei doch noch ein Hoffnungsschimmer, ihn zurückkehren zu sehen.« »Ihre Eltern haben alles Mögliche versucht, sie aufzuheitern und diese düstern Bilder aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie versammeln die jungen Gespielinnen um sie, in deren Gesellschaft sie sonst so großes Vergnügen zu empfinden pflegte; und sie arbeiten, plaudern, singen und lachen um sie her, wie sonst; aber sie sitzt still unter ihnen, und weint zuweilen inmitten ihrer Freude; sie gibt keine Antwort, wenn man sie anredet, sondern blickt mit überfließenden Augen empor und singt ein trauriges kleines Lied von einem Schiffbruche, das sie irgendwo gelernt hat. Das Herz blutet Jedem, der sie sieht, denn sie war sonst das glücklichste Geschöpf im Dorfe.« »Sie bringt den größten Theil ihrer Zeit bei Eugen's Mutter zu, deren einziger Trost ihre Gesellschaft ist, und die sie mit der Zärtlichkeit einer Mutter liebt. Sie ist die einzige, die eine vollkommene Gewalt über Annette in jeder Gemüthsstimmung hat. Das arme Mädchen scheint, wie sonst, sich Mühe zu geben, in ihrer Gesellschaft froh zu sein, sieht sie aber zuweilen mit einem traurigen Blicke an, und küßt ihre grauen Haare, und fällt ihr um den Hals und weint.« »Sie ist indessen nicht immer trübsinnig; zuweilen erscheint sie Tage lang heiter und lebhaft; allein diese plötzlichen Ausbrüche von Frohsinn begleitet ein Grad von Wildheit, welche macht, daß ihre Freunde keine Beruhigung darin finden können. Sie bringt dann ihre Zimmer in Ordnung, das ganz mit Bildern von Schiffbrüchen und Gegenständen der Heiligen-Legenden bedeckt ist, windet einen weißen Kranz, einem Brautkranze ähnlich, und bereitet sich hochzeitlichen Schmuck. Sie horcht ängstlich nach der Thüre hin und sieht häufig aus dem Fenster, als erwartete sie die Ankunft von irgend Jemand. Man nimmt an, daß sie dann der Rückkehr ihres Geliebten entgegen sieht; da aber Niemand den Gegenstand berührt, oder den Namen ihres Geliebten in ihrer Gegenwart nennt, so kann man nur Vermuthungen über die Richtung ihrer Gedanken haben. Dann und wann unternimmt sie eine Pilgerfahrt nach der Kapelle Unserer Frauen zur Gnade; da betet sie Stunden lang am Altar, und schmückt die Bilder mit Kränzen, die sie geflochten hat; oder sie läßt ihr Taschentuch von der Terrasse wehen, wie Ihr gesehen habt, wenn irgend ein Schiff in der Entfernung ist.« Mehr denn ein Jahr war nun, wie mir der Erzähler sagte, vergangen, ohne daß dieser sonderbare Anflug von Wahnsinn sich aus ihrem Gemüthe verwischt hätte; indessen hofften ihre Freunde, daß er sich allmählich verlieren würde. Sie hatten sie eine Zeit lang nach einer entlegenen Gegend des Landes geschafft, in der Hoffnung, die Entfernung von dem Schauplatze der Begebenheit würde einen heilsamen Einfluß auf sie haben; als aber die Zeit ihres Trübsinns eintrat, ward sie unruhiger und trauriger als je, entwischte insgeheim ihren Freunden, und trat zu Fuß, ohne den Weg zu wissen, ihre gewohnte Wanderung nach der Kapelle an. Diese kleine Erzählung zog meine Aufmerksamkeit von der fröhlichen Scene des Festes ab, und wandte sie ganz auf die schöne Annette. Während sie noch auf der Terrasse stand, ertönte die Vesperglocke aus der benachbarten Kapelle. Sie horchte einen Augenblick, und ging dann, einen kleinen Rosenkranz aus dem Busen ziehend, nach jener Richtung hin. Mehrere Bauern folgten ihr stillschweigend, und ich selbst fühlte meine Theilnahme zu sehr erregt, als daß ich nicht hätte dasselbe thun sollen. Die Kapelle liegt, wie ich vorher gesagt habe, in der Mitte eines Laubganges auf dem hohen Vorgebirge. Das Innere derselben ist ganz mit kleinen Modellen von Schiffen und rohen Gemälden von Schiffbrüchen, Gefahren zur See und wunderbaren Errettungen bedeckt; Weihgeschenke der Capitaine und Schiffsmannschaften, welche dem Tode entgangen sind. Als Annette in die Kapelle trat, blieb sie einen Augenblick vor dem Bilde der Jungfrau stehen, das, wie ich bemerkte, erst ganz kürzlich mit einem Kranz künstlicher Blumen geschmückt worden war. Als sie die Mitte der Kapelle erreichte, kniete sie nieder, und ihre Begleiter folgten in einer kleinen Entfernung ihrem Beispiel. Die Abendsonne schien mild durch das verwachsene Gebüsch in ein Fenster der Kapelle. Eine vollkommene Stille herrschte innerhalb derselben; und diese Stille war um so eindrucksvoller, da sie mit den entfernten Tönen der Musik und der Fröhlichkeit des Jahrmarktes im grellsten Gegensatze stand. Ich konnte meine Augen von der armen Flehenden nicht abwenden; ihre Lippen bewegten sich, während sie die Körner ihres Rosenkranzes abbetete; aber ihr Gebet wurde im Stillen gehaucht. Meine Einbildungskraft, durch den ganzen Auftritt vielleicht gespannt, ließ mich, als sie ihre Augen zum Himmel erhob, in ihnen etwas wahrhaft Verklärtes erblicken. Ich bin aber für weibliche Schönheit leicht empfänglich, und es lag etwas in diesem Gemisch von Liebe, Frömmigkeit und theilweiser Sinnesverwirrung, das unaussprechlich rührend war. Als das arme Mädchen die Kapelle verließ, lag eine milde Heiterkeit in ihren Blicken; und man sagte mir, sie würde nach Hause zurückkehren, und wahrscheinlich Tage, ja Wochen lang, ruhig und froh sein; in dieser Zeit habe wahrscheinlich die Hoffnung die Oberhand bei ihrer Gemüthskrankheit; wenn aber die dunkle Seite ihres Gemüths, wie ihre Freunde es nennen, sich entfalten wolle, könne man es daran bemerken, daß sie ihre Spinn- und Spitzenarbeit vernachlässige, traurige Lieder singe, und in Stillen weine. Sie ging aus der Kapelle hinweg, ohne das Fest zu bemerken, lächelte aber und sprach zu Manchen, denen sie begegnete. Ich folgte ihr mit den Augen, als sie den vielfach gewundenen Pfad nach Honfleur, auf ihres Vaters Arm gelehnt, hinunterstieg. »Der Himmel,« dachte ich, »hat immer seinen Balsam für einen getrübten Geist und für ein wundes Herz, und richtet vielleicht einmal diese geknickte Blume wieder auf, daß sie abermals der Stolz und die Freude des Dorfes werde. Selbst die Täuschung, in welcher das arme Mädchen umher geht, ist vielleicht einer jener Nebel, mit welchen die Vorsicht, in ihrer Güte, unsere Gedanken umschleiert, wenn sie zu viel Elend über uns bringen. Der Schleier, welcher den Horizont ihres Gemüths umhüllt, wird sich vielleicht allmählich heben, wenn sie erst im Stande sein wird, dem Kummer, der jetzt aus Barmherzigkeit ihren Augen verborgen ist, fest und ruhig ins Auge zu blicken.« Als ich, ungefähr ein Jahr darnach, von Paris zurückkehrte, verließ ich die Heerstraße nach Rouen, um einige der anziehendsten Gegenden der untern Normandie wieder zu besuchen. Als ich durch das liebliche Pays d'Auge gekommen, erreichte ich Honfleur an einem schönen Nachmittage, in der Absicht, am nächsten Morgen nach Havre überzusetzen, und mich von dort nach England einzuschiffen. Da ich auf keine bessere Weise den Abend hinzubringen wußte, schlenderte ich den Hügel hinan, um die schöne Aussicht von der Kapelle Unserer Frauen zur Gnade zu genießen, und dort fiel es mir ein, mich nach dem Schicksal der armen Annette Delarbre zu erkundigen. Der Priester, der mir ihre Geschichte erzählt hatte, hielt die Vesper; nach Beendigung derselben redete ich ihn an, und erfuhr von ihm Folgendes. Er sagte mir daß nach der Zeit, wo ich sie in der Kapelle gesehen, ihre Geistesverwirrung sich plötzlich verschlimmert und ihre Gesundheit sichtlich abgenommen habe. Ihre heiteren Zwischenräume wurden kürzer und seltener, und ihre Gedanken hatten dann weniger Zusammenhängendes. Sie wurde hinfällig, still und düster in ihrer Schwermuth; ihre Formen schwanden, ihr Aussehen wurde bleich und trostlos, und man fing an, zu fürchten, daß sie nimmer genesen würde. Alle Töne der Freude waren ihr zuwider, und sie war nie zufriedener, als wenn Eugen's Mutter sich in ihrer Nähe befand. Die gute Frau wachte über sie mit stiller, bekümmerter Sorge, und vergaß beinahe ihren eignen Kummer, während sie den des Mädchens zu lindern suchte. Zuweilen, wenn sie Annette's bleiches Gesicht betrachtete, füllten Thränen ihre Augen, welche sie eilig trocknete, sobald Annette sie bemerkte, und sie bat, sich nicht zu betrüben, da Eugen bald wieder zurückkehren werde; sie nahm dann plötzlich, wie sonst, eine fröhliche Miene an, und sang ein heiteres Lied; aber eine plötzliche Erinnerung kam dann wieder in ihr Gemüth; sie brach in Thränen aus, warf sich der armen Mutter um den Hals, und bat sie, ihr nicht zu fluchen, weil sie ihren Sohn getödtet habe. Gerade um diese Zeit erhielt man, zu Aller Erstaunen, Nachricht von Eugen, der, wie es sich ergab, noch am Leben war. Dem Ertrinken nahe, hatte er glücklich einen Balken ergriffen, mit dem er zugleich vom Verdecke herabgerissen worden war. Von der Anstrengung beinahe erschöpft, hatte er sich daran zu befestigen gesucht, und war mit diesem einen Tag und eine Nacht herumgetrieben, bis ihn alle Besinnung verlassen hatte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich am Bord eines Schiffes, das nach Indien bestimmt, war aber so krank, daß er nicht ohne Hülfe sich bewegen konnte. Seine Gesundheit blieb während der ganzen Reise schwankend; als er nach Indien kam, hatte er mit manchen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, und war von Schiff zu Schiff, von Hospital zu Hospital gebracht worden. Sein kräftiger Körperbau aber hatte ihn jede Drangsal überstehen lassen; und er war nun in einem entfernten Hafen, wo er nur auf den Abgang eines Schiffes wartete, um nach Hause zurückzukehren. Große Vorsicht war nöthig, diese Nachricht der Mutter mitzutheilen, und selbst da noch unterlag sie beinahe dem Uebermaß ihrer Freude. Ein Gegenstand von noch größerer Verlegenheit aber war, wie man Annette damit bekannt machen solle. Ihr Gemüthszustand war so krankhaft; die Uebergänge waren so gewaltsam gewesen, und der Grund ihrer Geistesverwirrung so trost- und hoffnungsloser Art, daß ihre Freunde sich immer sorgfältig enthalten hatten, mit ihren Gefühlen auch nur im entferntesten zu scherzen. Sie hatten nie den Grund ihres Kummers auch nur berührt, noch bei dem Gegenstande verweilt, wenn sie davon gesprochen hatte, sondern ihn immer mit Stillschweigen übergangen, in der Hoffnung, daß die Zeit allmählich die Spuren davon aus ihrem Gedächtnisse verwischen, oder die Erinnerung wenigstens minder schmerzlich machen würde. Sie wußten jetzt nicht, wie sie selbst in ihrem Elende sie enttäuschen sollten, damit nicht der plötzliche Uebergang zum Glück ihre Geistesverwirrung noch größer machen, oder ihren schwachen Körper überwältigen möchte. Sie versuchten es jedoch, die Wunden zu sondiren, die sie früher nicht zu berühren gewagt hatten, denn sie besaßen jetzt den Balsam, den sie hineingießen wollten. Sie leiteten das Gespräch unvermerkt auf die Gegenstände, welche sie bisher vermieden, und suchten die Richtung ihrer Gedanken bei den verschiedenartigen Stimmungen zu erforschen, die sie früher so beunruhigt hatten. Sie fanden aber, daß ihr Gemüth noch tiefer ergriffen war, als sie es vermuthet hatten. Alle ihre Gedanken waren verwirrt und unstät. Ihre lichten, frohen Augenblicke, welche nun seltner als je wurden, waren sämmtlich die Wirkung geistiger Täuschung. Zu solchen Zeiten hatte sie keine Erinnerung davon, daß ihr Geliebter in Gefahr gewesen sei, sondern sie dachte nur an seine Zurückkunft. »Wenn der Winter vorüber sein wird,« sagte sie, »und die Bäume blühen werden, und die Schwalbe wieder über das Meer kommt, wird er zurückkehren.« Wenn sie bang und niedergeschlagen war, erinnerte man sie vergebens an das, was sie in ihren froheren Augenblicken gesagt hatte, und die Versicherung, daß Eugen wirklich in Kurzem zurückkehren würde, machte keinen Eindruck auf sie. Sie weinte still fort, und schien gefühllos gegen ihre Worte. Zu Zeiten aber ward ihre Bewegung wieder heftig, wo sie sich dann anklagte, Eugen seiner Mutter geraubt und Kummer über ihre grauen Haare gebracht zu haben. Ihr Gemüth ließ nur einen Hauptgedanken in derselben Zeit zu, von dem nichts sie abbringen, und den nichts verwischen konnte; oder wenn es ja gelang, die Richtung ihrer Phantasie zu unterbrechen, so wurden die Bilder derselben nur noch unzusammenhängender, und das Fieber wuchs, das Geist und Körper verzehrte. Ihre Freunde waren mehr als je um sie besorgt, denn sie fürchteten, ihre Besinnung sei unwiederbringlich dahin, und ihre Gesundheit gänzlich untergraben. Unterdessen kehrte Eugen nach dem Dorfe zurück. Als man ihm Annette's Geschichte erzählte, wurde er heftig ergriffen. Er machte sich bittere Vorwürfe über seine Uebereilung und Verblendung, die ihn von ihr losgerissen hatte, und klagte sich als den Urheber aller ihrer Leiden an. Seine Mutter schilderte ihm all die Angst und die Gewissensbisse der armen Annette; die Zärtlichkeit, womit sie an ihr gehangen, und sich bestrebt habe, mitten in ihrem Wahnsinn sie über den Verlust ihres Sohnes zu trösten, und die rührenden Ausdrücke der Zuneigung, die selbst in ihren unzusammenhängendsten Geistesabschweifungen noch vorherrschten, bis seine Empfindungen fast zur Todesqual gesteigert wurden, uns er sie bat, mit der Erzählung einzuhalten. Sie wagten es noch nicht, ihn vor Annette zu bringen; allein er durfte sie sehen, wenn sie schlief. Die Thränen strömten über seine sonnverbrannten Wangen, als er die Verwüstung sah, die Kummer und Krankheit angerichtet hatten, und sein Herz schwoll fast bis zum Zerspringen, als er um ihren Hals noch dieselbe Haarflechte bemerkte, die sie ihm einst als ein Pfand ihrer kindlichen Anhänglichkeit gegeben, und die er ihr im Zorn zurückgeschickt hatte. Endlich beschloß der Arzt, der sie behandelte, einen Versuch zu wagen; einen der heitern Zwischenräume, wo die Hoffnung ihr Gemüth belebte, zu benutzen, und sich zu bemühen, die Wirklichkeit gleichsam mit den Täuschungen ihrer Phantasie zu verweben. Diese Zwischenräume waren jetzt sehr selten geworden, denn die Natur sank unter dem beständigen Drucke ihres geistigen Uebels, und die Gegenwirkung ward täglich schwächer. Alles ward angewandt, einen heiteren Augenblick der Art herbeizuführen. Mehrere ihrer Lieblingsgespielinnen mußten fortdauernd um sie bleiben; sie scherzten, lachten, sangen und tanzten; aber Annette lehnte sich matt und mit hohlen Augen zurück, und nahm keinen Theil an ihrer Fröhlichkeit. Endlich war der Winter vorüber; die Bäume trieben Blätter; die Schwalben fingen an, an den Ecken des Hauses zu bauen; und das Rothkehlchen und der Zaunkönig zwitscherten den ganzen Tag unter dem Fenster. Annetten's Lebensgeister belebten sich allmählich wieder. Sie begann sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt zu kleiden, und einen Korb mit künstlichen Blumen herbei bringend, fing sie an, einen Brautkranz von weißen Rosen zu winden. Ihre Gespielinnen fragten sie, warum sie den Kranz winde. »Wie?« sagte sie mit einem Lächeln, »seht Ihr nicht, wie die Bäume ihre Hochzeitskleider anlegen? Ist nicht die Schwalbe über das Meer zurückgekommen? Wißt Ihr nicht, daß die Zeit gekommen ist, wo Eugen zurückkehrt? daß er morgen nach Hause kommt, und daß wir am nächsten Sonntage getraut werden sollen?« Man hinterbrachte ihre Reden dem Arzte, und er hielt sogleich an ihnen fest. Er verordnete, daß man sie bei dem Gedanken zu erhalten suchen, und darnach verfahren solle. Im ganzen Hause hallten ihre Worte wieder. Jedermann sprach von Eugen's Rückkehr, als von etwas, das ganz natürlich sei; man wünschte ihr Glück zu ihrer bevorstehenden Vermählung, und half ihr bei ihren Vorbereitungen. Am nächsten Morgen wurden dieselben Gespräche fortgesetzt. Sie ward angekleidet, ihren Geliebten zu empfangen. Alle Herzen klopfen vor Angst. Ein Cabriolet fuhr in das Dorf. »Eugen kommt'« rief Alles. Sie sah ihn an der Thür absteigen, und stürzte mit einem Schrei in seine Arme. Ihre Freunde zitterten vor dem Erfolge dieses bedenklichen Versuchs; allein sie erlag nicht unter demselben, denn ihre Phantasie hatte sie schon auf seine Rückkehr vorbereitet. Sie war wie Jemand im Traume, dem ein unverhofftes Glück, das im Wachen seine Vernunft überwältigt haben würde, nur als die natürliche Folge der Umstände erscheint. Ihre Unterhaltung zeigte jedoch, daß ihre Sinne noch irre waren. Es herrschte in ihr ein gänzliches Vergessen alles vergangenen Leides; eine wilde fieberhafte Freude, die zuweilen unzusammenhängend war. Am nächsten Morgen erwachte sie matt und erschöpft. Alle Begebnisse des vorigen Tages waren aus ihrem Gedächtnisse verwischt, als ob sie nur Blendwerke ihrer Einbildungskraft gewesen wären. Sie stand auf, trübsinnig und in sich versenkt, und man hörte sie, während sie sich ankleidete, eine ihrer traurigen Balladen singen. Als sie in das Wohnzimmer trat, waren ihre Augen vor Weinen geschwollen. Sie hörte Eugen's Stimme außerhalb, und stutzte. Sie fuhr mit der Hand über die Stirne und stand nachdenkend, wie Jemand, der sich einen Traum ins Gedächtniß zurückzurufen versucht. Eugen trat in das Zimmer und näherte sich ihr; sie betrachtete ihn mit einem scharfen, prüfenden Blicke, murmelte einige abgebrochene Worte, und sank, ehe er sie erfassen konnte, auf den Boden. Sie fiel wieder in einen wilden und unzusammenhängenden Geisteszustand zurück; der erste Schlag war aber nun vorüber, und der Arzt verordnete, daß Eugen beständig in ihrer Nähe bleiben sollte. Zuweilen erkannte sie ihn nicht, zu anderer Zeit redete sie zu ihm, als ob er zur See gehen wollte, und flehte ihn an, nicht im Zorn von ihr zu scheiden; und wenn er nicht da war, sprach sie von ihm, als ob er in dem Ocean begraben sei, und saß, mit gefalteten Händen, zu Boden sehend, ein Bild der Verzweiflung, da. Als die Aufregung ihrer Gefühle sich gelegt und ihr Körper sich wieder von dem Schlafe, den er erhalten, erholt hatte, ward sie ruhiger und gefaßter. Eugen blieb beinahe ununterbrochen um sie. Er bildete den Gegenstand, um welchen sich ihre zerstreuten Gedanken wieder sammelten, und welcher sie wieder an die Wirklichkeit knüpfte. Aber ihr wechselndes Uebel schien nun eine neue Richtung zu nehmen. Sie wurde lässig und träge, und konnte stundenlang schweigend und beinahe in einer Art von Schlafsucht da sitzen. Wenn sie aus dieser Betäubung erweckt ward, schien es, als ob ihr Gemüth sich anstrengen wolle, eine Reihe von Gedanken zu verfolgen, bald aber wieder in Verwirrung gerathe. Sie betrachtete dann Jeden, der sich ihr näherte, mit gespanntem, forschenden Blick, der beständig getäuscht zu werden schien. Zuweilen, wenn ihr Geliebter da saß und ihre Hand in der seinigen hielt, blickte sie ihn gedankenvoll in das Gesicht, ohne ein Wort zu sagen, bis sein Herz überwältigt war; nach diesen vorübergehenden Augenblicken geistiger Anstrengung, sank sie wieder in ihre vorige Schlafsucht zurück. Diese Betäubung nahm allmählich zu: ihr Gemüth schien jetzt in eine unbewegliche fast todesgleiche Ruhe versunken. Den größern Theil der Zeit über waren ihre Augen geschlossen, und ihre Züge beinahe so starr und leidenschaftlos, als die eines Todten. Sie widmete den sie umgebenden Gegenständen keine Aufmerksamkeit mehr. Es lag in dieser Ruhe etwas Schauerliches, das ihre Freunde mit Besorgniß erfüllte. Der Arzt verordnete, daß man sie vollkommen ruhig lassen sollte; oder daß man sie, wenn sie einige Bewegung verrathe, wie ein Kind, durch irgend ein Lieblingslied einschläfern solle. Sie blieb in diesem Zustande Stunden lang, schien kaum zu athmen, und scheinbar in Todesschlummer versunken. In ihrem Zimmer herrschte die tiefste Stille. Ihre Umgebungen bewegten sich mit geräuschlosen Schritten umher; alles ward durch Zeichen und Flüstern mitgetheilt. Ihr Geliebter saß zu ihrer Seite, sie mit schmerzlicher Angst beobachtend und fürchtend, jeder Athemzug, der sich ihren bleichen Lippen entstahl, möchte ihr letzter sein. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus; und schien, zufolge einiger krampfhaften Bewegungen, von Etwas im Schlafe beunruhigt zu werden. Ihre Bewegung nahm zu, von einem undeutlichen Klageton begleitet. Eine ihrer Gespielinnen, der Verordnung des Arztes eingedenk, suchte sie zu beruhigen, indem sie ihr, mit leiser Stimme, ein zärtliches kleines Liedchen vorsang, das Annette besonders gern hatte. Wahrscheinlich hatte es in ihrem Gemüth irgend einen Zusammenhang mit ihrer eigenen Geschichte, denn jedes liebende Mädchen hat ein Liedchen der Art, das in ihren Gedanken mit angenehmen und traurigen Erinnerungen in Verbindung steht. Während sie sang, legte sich Annette's Bewegung. Ein schwacher Schimmer von Farbe röthete ihre Wangen; ihre Augenlieder schwollen von aufsteigenden Thränen, welche dort einen Augenblick zitterten, und dann sich langsam ihre bleichen Wangen hinunterstahlen. Als das Lied geendigt war, schlug sie die Augen auf und blickte um sich, wie Jemand, der an einem fremden Orte erwacht. »O Eugen! Eugen!« sagte sie, »es scheint, als hätte ich einen langen, schweren Traum geträumt: was ist geschehen, was ist mit mir vorgegangen?« Die Fragen setzten in Verlegenheit; und ehe man sie beantworten konnte, trat der Arzt, der im nächsten Zimmer war, herein. Sie nahm ihn bei der Hand, sah ihm ins Gesicht, und that dieselbe Frage. Er suchte durch eine ausweichende Antwort sie von dem Gegenstand abzulenken; allein sie rief aus: »Nein! nein! ich weiß, daß ich krank gewesen bin und daß ich schwer geträumt habe. Ich glaubte, Eugen habe uns verlassen – sei zur See gegangen – und sei – und sei ertrunken! – aber er ist zur See gegangen!« fügte sie ernst hinzu, als die Erinnerung sie drängte, »und er hat Schiffbruch gelitten – und wir waren Alle so unglücklich – und er ist eines hellen Morgens wieder nach Hause gekommen – und – O!« sagte sie, indem sie die Hand mit einem krankhaften Lächeln an die Stirn legte: »ich sehe, wie es ist; es ist nicht Alles richtig hier gewesen, ich fange an, mich zu erinnern – aber es ist nun Alles vorüber – Eugen ist hier! und seine Mutter ist glücklich – und wir werden uns nie – nie wieder trennen – nicht wahr, Eugen?« Sie sank erschöpft in ihren Sessel zurück; die Thränen strömten ihre Wangen herab. Ihre Gespielinnen umringten sie, und wußten nicht, was sie aus diesem plötzlichen Schimmer der Vernunft machen sollten. Ihr Geliebter schluchzte laut. Sie öffnete die Augen wieder, und blickte die Anwesenden mit der Miene der innigsten Dankbarkeit an. »Ihr seid Alle so gut gegen mich!« sagte sie schwach. Der Arzt zog den Vater bei Seite. »Eurer Tochter Verstand ist zurückgekehrt,« sagte er, »sie weiß, daß sie geisteskrank gewesen ist; sie fängt an, sich der Vergangenheit und der Gegenwart bewußt zu werden. Alles, was nun noch übrig bleibt, ist, sie still und ruhig zu lassen, bis ihre Gesundheit wieder hergestellt ist, und dann laßt sie, in Gottes Namen, einander heirathen!« »Die Hochzeit,« fuhr der gute Priester fort, »hat erst vor Kurzem Statt gefunden; sie waren während der Flitterwochen hier bei dem Feste, und man konnte, als sie dort unter jenen Bäumen tanzten, kein schöneres und glücklicheres Paar sehen. Der junge Mann, seine Gattin und seine Mutter leben nun auf einem schönen Pachthofe bei Pont l'Evêque, und das Modell eines Schiffes, welches ihr dort seht, mit den weißen Blumenkränzen darum gewunden, ist Annette's Dankopfer, unserer Frauen zur Gnade dargebracht, weil sie ihr Gebet erhört und ihren Geliebten in der Stunde der Gefahr beschützt hat.« Wer das rührende Ballet Nina gesehen hat, mag bei einigen Stellen in dem letzteren Theile der obigen Erzählung, an dasselbe erinnert werden. Die Geschichte ward allerdings vor dem Besuche dieses Ballets entworfen: beim Abschreiben aber schwebte dem Gedächtnisse des Verfassers die unnachahmliche Darstellung der Bigottini, als Nina, vor und die lebhafte Erinnerung daran mag wohl hie und da einige Aehnlichkeit damit hervor gebracht haben. Er fühlt sich gewissermaßen zu diesem Anerkenntniß gedrungen, um seine Bewunderung für das außerordentliche Talent dieser Schauspielerin an den Tag zu legen; sie hat dem Ballet eine Würde und einen Pathos gegeben, deren er es nicht für fähig gehalten hätte. Als der Capitain geendigt hatte, herrschte ein augenblickliches Stillschweigen. Die weichherzige Lady Lillycraft, welche die Geschichte auswendig wußte, hatte den Weg zum Weinen gebrochen und in der That oft Thränen zu vergießen angefangen, ehe man an die rechte Stelle gekommen war. Die schöne Julie hatte bei der Stelle, wo von Vorbereitungen zur Hochzeit die Rede gewesen war, einige Bewegung verrathen; von allen Zuhörerinnen war aber keine mehr ergriffen als die einfache Phöbe Wilkins. Sie hatte allmählich ihre Arbeit in den Schooß sinken lassen, und war, während des letzten Theiles der Geschichte bis gegen das Ende, wo die glückliche Wendung beinahe wieder einen hysterischen Anfall herbei geführt hätte, in stetem Schluchzen geblieben. »Geh', trage dies Kästchen wieder in mein Zimmer, Kind,« sagte Lady Lillycraft freundlich, »und weine nicht so sehr.« »Ich möchte wohl, wenn ich nur könnte, Ew. Herrlichkeit zu Befehl; – aber ich bin froh, daß sie wieder ausgesöhnt und verheirathet sind!« Nebenher bemerkt, die Begebenheit dieser verlassenen Schönen fängt an, im Hause etwas Aufsehen zu erregen, besonders unter gewissen kleinen Damen, die noch nicht lange aus den Kinderschuhen sind, und die sie zu ihren Vertrauten gemacht hat. Sie ist bei allen sehr beliebt, ganz besonders aber ist dies der Fall, seitdem sie ihnen ihre Liebesgeheimnisse anvertraut hat. Sie nehmen an ihrem Schicksale mit allem dem gewaltigen Eifer und der überschwenglichen Sympathie Theil, womit kleine Mädchen aus der Erziehungs-Anstalt in die Verhandlungen einer Liebesangelegenheit eingehen. Ich habe sie häufig gesehen, wie sie sich um Phöbe zu einer geheimen Berathschlagung zusammendrängten, oder auf der Gartenterrasse, unter meinem Fenster, auf- und abgingen, einer langen, kläglichen Geschichte ihrer Leiden zuhörend; in welcher ich dann und wann die immer wiederkehrenden Redensarten »sagte er« und »sagte sie« unterscheiden konnte. Zufällig unterbrach ich einen dieser kleinen Kriegsräthe, als sie sich alle unter einen Baum zusammen gedrängt hatten, und sehr ernstlich mit der Betrachtung eines merkwürdigen Aktenstücks beschäftigt schienen. Die Bewegung bei meiner Annäherung zeigte, daß sie über geheime Dinge berathschlagten; und ich sah die trostlose Phöbe entweder einen Liebesbrief oder eine alte Valentine in den Busen stecken und sich die Thränen von den Wangen wischen. Das Mädchen ist ein gutes Kind, von sanfter weicher Gemüthsart, und gibt ihre Betrübniß über die Grausamkeit ihres Geliebten nur durch Thränen und Niedergeschlagenheit zu erkennen; aber bei den kleinen Damen, die sich ihrer Sache angenommen haben, schlägt sie in feurige Flammen des Unwillens auf; und ich habe sie am Sonntag manchen Blick nach dem Kirchenstuhle der Tibbets schleudern sehen, der hinreichte, die silbernen Knöpfe auf des alten Baargeld's Jacke zu schmelzen. Das Reisen. Ein Bürger will sich einmal gütlich thun, Er rüstet alles zu der Reise nun Von einer Meil' oder wenig mehr; Nimmt Abschied schon zwei Monate vorher Gesundheit trinkend, schüttelnd Jedes Hand, Als ging es in ein neu gefund'nes Land. Doctor Lustig-Mann, 1609. Der Squire hat kürzlich einen andern Stoß im Sattel erhalten, und ist beinahe aus dem Sitz gehoben worden durch seinen, sich in Alles mengenden Nachbar, den unermüdlichen Herrn Faddy, der sein steifes Steckenpferd mit eben so großem Eifer reitet, und auf die Verbesserung und Umgestaltung der Gegend so erpicht ist, daß der Squire meint, es werde sich in kurzem nicht mehr der Mühe lohnen, darin zu wohnen. Das große Ereigniß, das meinen würdigen Wirth jetzt außer Fassung gebracht hat, ist ein Versuch des Manufakturherrn, eine neue Landkutsche einzurichten, welche von der alten Straße ab und durch ein benachbartes Dorf gehen soll. Ich glaube gesagt zu haben, daß die Halle in einer abgelegenen Gegend des Landes, von allen großen Fahrstraßen entfernt liegt; so daß die Ankunft eines Reisenden Alles an die Fenster treibt, und die Ale-Trinker in der kleinen Schenke etwas zu reden haben. Ich konnte mir deswegen des Squire's Unwillen über eine, dem Anschein nach, mit Bequemlichkeit und Vortheil verknüpfte Maßregel nicht erklären, bis ich fand, daß die Reise-Bequemlichkeiten zu seinen größten Beschwerden gehören. In der Tat, er zieht gegen Landkutschen, Postchaisen und Chausseen, als wahre Ursachen der Verderbniß der englischen ländlichen Sitten, grimmig los. Sie haben, sagte er, jeden albernen Bürger in den Stand gesetzt, seine Familie im Königreich herumzuschleppen, und haben die Thorheiten und Moden der Stadt wirbelnd in ganzen Ladungen nach den entferntesten Theilen der Insel geschickt. Das ganze Land, sagt er, wird von diesen fliegenden Lasten durchkreuzt; jeder Seitenweg wird von unternehmenden Reisenden aus Cheapside und dem Poultry erforscht, und jedes Edelmannes Park und Wiesen sind mit Dilettanten beider Geschlechter aus der City überschwemmt, welche mit tragbaren Stühlen und Mappen zum Zeichnen heran kommen. Er klagt darüber, daß dies den Reiz der Zurückgezogenheit vernichte und die Ruhe des Landlebens störe, besonders aber die einfachen Sitten der Landleute verderbe, und ihre Köpfe mit halb städtischen Begriffen erfülle. Ein Gasthof, sagte er, in welchen Landkutschen einkehren, reicht hin, die Sitten eines ganzen Dorfes zu verderben. Er erzeugt einen Haufen von Narren und Müßiggängern; macht aus den gemeinen Leuten Gucker, Gaffer und Neuigkeitskrämer, und aus jedem Bauerlümmel einen pfiffigen Jockey. Der Squire hat etwas von den alten lehnsherrlichen Begriffen. Er blickt mit Bedauern auf die »guten alten Zeiten« zurück, als man nur zu Pferde reiste und die außerordentlichen Beschwerden des Reisens, schlechte Wege, schlechte Gasthöfe und Straßenräuber, jedes Dorf und jeden Weiler von der übrigen Welt zu trennen schienen. Der Gutsherr war damals eine Art Monarch in seinem kleinen Reiche um ihn her. Er hielt seinen Hof in der väterlichen Halle, und wurde fast mit eben so großer Pflichtergebenheit und Unterthänigkeit angesehen, wie der König selbst. Jeder Bezirk war eine kleine Welt für sich, da er seine eigenen örtlichen Sitten und Gebräuche, seine Ortsgeschichte und seine Ortsansichten hatte. Die Einwohner hingen mehr an ihrer Heimath und dachten weniger an das Wandern. Man sah es als eine Unternehmung an, wenn Jemand sich nur aus dem Bereich des heimathlichen Kirchthurms entfernte, und ein Mann, der in London gewesen, galt für den übrigen Theil seines Lebens als ein Dorf-Orakel. Welcher Unterschied zwischen der damaligen Art zu reisen und der jetzigen! Damals zog ein Mann, der einen Besuch in einer entfernten Gegend abstatten wollte, wie ein irrender Ritter auf Abenteuer aus, und jeder Familien-Ausflug war ein Schauspiel. Wie glänzend und phantastisch muß nicht eine solche häusliche Cavalcade gewesen sein, wo die schönen Frauen auf prächtig aufgezäumten Zeltern mit gestickten, von Silberglöckchen klingenden Satteldecken ritten; begleitet von reich gekleideten Cavalieren auf feurigen Rossen, und gefolgt von Pagen und Dienern, wie wir sie auf alten Tapeten dargestellt sehen. Die Vornehmen, wie sie damals umherreisten, waren lebende Gemälde. Sie erfreuten das Auge und weckten die Bewunderung des gemeinen Volks und zogen an ihm wie höhere Wesen vorüber; und in der That waren sie dieß; denn mit diesem ritterlichen Aeußern stand die kräftige, die Gesundheit erhaltende körperliche Bewegung in Verbindung, die den Geist erhob und adelte. Bei seiner Vorliebe für die alte Art zu reisen, macht der Squire seine meisten Ausflüge zu Pferde, obgleich er über die wenigen Zufälle und Abenteuer auf der Landstraße klagt, wegen der geringen Zahl der auf ähnliche Weise Reisenden, und wegen der Schnelligkeit, mit welcher Jedermann in Kutschen und Postchaisen dahin fliege. In den »guten alten Zeiten« zog dagegen ein Cavalier durch Sumpf und Moor, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, sprach mit Mönchen und Freisassen und mit allen andern zufälligen Genossen auf dem Wege; verkürzte sich die Zeit durch die Erzählungen der Mitreisenden, welche damals wahrhaft wundervoll waren, denn Alles, was außerhalb Jemandes Umgebungen lag, war voll von Wundern und Mährchen; hielt zur Nacht in irgend einer Herberge an, wo der Busch über der Thür guten Wein verkündigte, oder eine hübsche Wirthin schlechten Wein trinkbar machte; kam beim Abendessen mit Reisenden, ihm ähnlich, zusammen; besprach die Abenteuer des Tages, oder hörte dem Liede oder der lustigen Geschichte des Wirths zu, der gewöhnlich ein guter Gesellschafter war und an seinem eigenen Tische den Vorsitz führte; denn, nach des alten Tusser's »Gastwirths-Poesie:« Wer hier, mein Freund, sich niedersetzt     Mit seinem Wirth zum Mahl, Erfährt, daß er sich besser letzt,     Und wen'ger zahlt zumal. Der Squire hält gern in solchen Gasthöfen an, die man noch hie und da antrifft, in alten Häusern von Holz und Mörtel, oder Calimanco-Häusern, wie die Antiquare sie nennen, mit langen Thürhallen mit rautenförmigen Scheiben, Bogenfenstern, mit Holzwerk bekleideten Zimmern und großen Kaminen. Er pflegt sie den geräumigern modernen Wirthhäusern vorzuziehen, und, seiner Laune zu fröhnen, lieber mit schlechter Kost und schlechter Bedienung vorlieb zu nehmen. Sie geben ihm, sagt er, das Gefühl der alten Zeiten, so daß er, wenn es dunkel wird, jeden Augenblick einen Haufen müder Pilger an das Thor reiten zu sehen erwartet mit Federbüschen und Mänteln, Pluderhosen, weiten Stiefeln und langen Degen. Die Bemerkungen des guten Squire erinnerten mich an einen Besuch in Tabard-Inn, dem Wirthshause, berühmt als der Versammlungsplatz, von wo aus Chaucer's Pilgrime nach Canterbury aufbrachen. Es liegt in der Vorstadt Southwark, nicht weit von der Londoner Brücke, und führt jetzt den Namen »der Talbot.« Es hat seit Chaucer's Zeiten sehr an Ansehen verloren, und ist jetzt nur der Zusammenkunftsort und Packplatz für die großen Frachtwagen, die nach Kent gehen. Der Hof, welcher ehemals der Sammelplatz der Pilgrime war, bevor sie abzogen, war jetzt mit gewaltigen Lastwagen bedeckt. Ballen, Kisten, Trag- und Handkörbe, welche die Leckerbissen von Stadt und Land enthielten, waren um sie her aufgehäuft; während, unter dem Stroh und Häcksel, die Gluckhennen scharrten und gluckten, mit ihrer hungrigen Brut hinter sich. Statt Chaucer's bunten und glänzenden Gewimmels sah ich nur eine Gruppe von Frachtfuhrleuten und Stalljungen, welche sich eines herumgehenden Alekrugs erfreuten; während ein langleibiger Hund dabei saß, den Kopf auf die eine Seite haltend, mit aufgerecktem Ohr und schlauem Blick, als ob er warte, bis die Reihe beim Trinken an ihn kommen würde. Dieses traurigen Verfalles ungeachtet, freute es mich, zu bemerken, daß die jetzigen Inhaber den dichterischen Ruf ihres Hauses gar wohl zu kennen schienen. Eine Inschrift über der Thür besagte, daß dieß das Wirthshaus sei, worin Chaucer's Pilgrime in der Nacht vor ihrem Abgange geschlafen, und am Ende des Hofes war ein prächtiges Schild, auf welchem sie im Abzuge begriffen dargestellt waren. Eben so erfreut war ich auch, als ich bemerkte, daß, wenn gleich der gegenwärtige Gasthof verhältnißmäßig neu war, die Einrichtung des alten Wirthshauses beibehalten worden war. Wie in alten Zeiten lief rund um den Hof eine Gallerie, auf welche die Zimmer der Gäste hinausgingen. Diesen alten Wirthshäusern haben die Alterthumsforscher die gegenwärtige Gestalt unserer Theater zugeschrieben. Schauspiele wurden ursprünglich in den Höfen der Wirthshäuser aufgeführt. Die Gäste lehnten sich über die Gallerien, welche unsern Logen ersten Rangs entsprachen; der kritische Pöbel drängte sich, statt im Parterre, auf dem Hofe zusammen; und die Gruppen, welche aus den Dachfenstern guckten, waren keine schlechten Stellvertreter der Gottheiten der Pfennigs-Gallerie. Als daher das Drama bedeutend genug ward, um zu seiner Darstellung ein eigenes Haus zu haben, nahmen die Baumeister bei dessen Erbauung sich den Hof der alten Herbergen zum Muster. Ich war so sehr erfreut, auf diese Erinnerungen an Chaucer und seine Gedichte zu stoßen, daß ich mir ein Mittagsessen in der kleinen Wirthsstube des Talbot bestellte. Während es zubereitet wurde, setzte ich mich an das Fenster, nachdenkend und auf den Hof hinaus blickend, und die Erinnerungen der, mit so lebendigen Farben von dem Dichter geschilderten Auftritte hervorrufend, bis nach und nach, Ballen, Kisten und Körbe, Jungen, Frachtfuhrleute und Hunde vor meinen Augen verschwanden, und meine Phantasie den Platz mit dem bunten Gewimmel der Pilgrime von Canterbury bevölkerte. Die Gallerien wimmelten wieder von müßigen Zuschauern, in den reichen Kleidungen aus Chaucer's Zeit, und der ganze Reiterzug schien an mir vorüber zu ziehen. Dort war der stattliche Ritter auf seinem edlen Rosse, der in der Christenheit und im Heidenthum umhergeritten war, und »für unsern Glauben in Tramissene gefochten hatte;« – und sein Sohn, der junge Squire, ein verliebter lustiger Junggesell, mit gelocktem Haar und reicher Stickerei, ein kühner Reiter, Tänzer und Reimer, der den ganzen Tag über sang und flötete, und »frisch wie der Maimond;« – und sein Knappe »mit rundem Haar;« ein kühner Jäger, in Grün gekleidet, mit Horn und Wehrgehäng und Dolch, einen mächtigen Bogen in der Hand und ein Bündel Pfauenpfeile unter dem Gurt hervorglänzend; – und die schüchterne, lächelnde, einfältige Nonne, mit ihren grauen Augen, ihrem kleinen rothen Munde und der schönen Stirn; ihre niedliche Gestalt in ein schönes Gewand gekleidet, mit »aufgedecktem Schleier,« ihre Korallen um den Arm geschlungen, ihre goldene Busennadel mit einem Liebesspruch und ihrem artigen Schwur »bei Sankt Elias;« – und der Kaufmann, feierlich von Rede, und hoch auf seinem Pferde mit gabelförmigem Bart und »Flandrischem Kastorhute;« – und der feiste Mönch »ganz fett und wohlgenährt, auf beerenbraunem Rosse, seine Mütze mit einer goldenen Nadel, mit einem Liebesknoten daran, befestigt, sein kahler Kopf wie ein Spiegel glatt, und sein Gesicht glänzend, als ob es gesalbt worden wäre; – und der magere, logische, spruchreiche Schüler vom Oxenforde auf seinem halbverhungerten Schulpferde; – und der zechende Gerichtsbote mit flammendem Cherub-Gesichte, ganz mit Finnen bedeckt, ein Knoblauch- und Zwiebel-Esser und ein Trinker von »starkem, blutrothem Wein,« der einen Kuchen, statt des Schildes trug, und Latein in seinen Becher murmelte, vor dessen Schwefelgesichte »die Kinder sich arg fürchteten;« – und das flinke Weib von Bath, die Wittwe von fünf Männern, auf ihrem zelternden Klepper, mit ihrem Hute, breit wie ein Schild, ihren rothen Strümpfen und scharfen Sporen; – und der magere, jähzornige Vogt von Norfolk, seinen guten grauen Hengst bewältigend; mit glattgeschorenem Bart, das Haar kurz verschnitten, mit langen, mageren, wadenlosen Beinen, und einem rostigen Schwerte an der Seite; – und der lustige Bettelmönch, mit lispelnder Zunge und blinzelndem Auge, wohlbeliebt bei Freisassen und Hausfrauen, ein großer Beförderer der Heirathen unter jungen Mädchen, wohlgekannt in allen Schenken und bei jedem »Hausknecht und lustigen Kellner.« Kurz, ehe ich aus meiner Träumerei durch die weniger dichterische, aber solidere Erscheinung eines rauchenden Beefsteak's erweckt wurde, hatte ich die ganze Cavalcade aus dem Thore der Herberge ziehen sehen, den braunen, doppelgliedrigen, rothhaarigen Müller, den Dudelsack vor ihnen her spielend, und den alten Wirth des Tabard, ihnen seinen letzten guten Wunsch nach Canterbury nachschickend. Als ich dem Squire von dem Dasein dieses rechtmäßigen Abkömmlings der alten Tabard-Inn erzählte, funkelten seine Augen wahrhaft vor Vergnügen. Er beschloß, das erste Mal, wo er wieder nach London käme, das Wirthshaus aufzusuchen, dort zu Mittag zu essen, und auf des alten Chaucer's Andenken, einen Becher von des Wirthes bestem Weine zu trinken. Der General, der zufällig zugegen war, bat, von der Gesellschaft sein zu dürfen, da er diese lange bestehenden Häuser gern begünstige, weil sie gewöhnlich ausgesuchte alte Weine hätten. Volksaberglauben. Lebt wohl, Geschenk' und Feen,     Ist guter Hausfrau'n Red'; Denn faulen Dirnen mag's nun gehen     Im Milchhaus, wie's ihnen geht. Und glänzt ihr Heerd auch noch so sehr,     Was nützt es sie dann nun? Die Reinliche find't nimmermehr     Ein Goldstück in den Schuh'n. Bischof Corbet . Ich habe des Hanges des Squires zu allem Wundersamen und seiner Vorliebe für Legenden und Geschichten erwähnt. Seine Bibliothek enthält eine merkwürdige Sammlung von alten Werken dieser Art, welche augenscheinliche Kennzeichen ihrer vielfältigen Benutzung an sich tragen. Bei seiner großen Liebe für alles was veraltet ist, hängt er an dem Volksaberglauben, und hört, mit der ernstesten Aufmerksamkeit, jede Erzählung an, wie sonderbar sie auch sein mag; so daß, durch sein Ansehen, sein ganzer Hausstand, ja die ganze Nachbarschaft, von wunderbaren Geschichten voll ist; und erhebt sich je ein Zweifel gegen irgend eine derselben, so wird der Erzähler in der Regel sagen: »der Squire denke, es sei etwas daran.« Die Halle hat natürlich auch ihren Antheil daran, da gemeine Leute immer geneigt sind, ein großes veraltetes Gebäude dieser Art mit übernatürlichen Einwohnern auszustatten. Die finstern Gänge solcher alten Familienwohnungen; die großen, mit groteskem Schnitzwerk und verblichenen Malereien verzierten Zimmer; der ungewisse Widerhall in ihnen; das Heulen des Windes; das Geschrei der Raben und Krähen von den Bäumen und Schornsteinen; alles erregt eine Geistesstimmung, die den Glauben an übernatürliche Dinge begünstigt. In einem Zimmer der Halle, einer Thür gerade gegenüber, welche auf einen finstern Gang geht, ist ein lebensgroßes Bild eines Kriegers in voller Rüstung; wenn ich das Bild unversehens zu Gesicht bekommen habe, wie es durch die dunkle Vertäfelung, auf der es hängt, stark hervorgehoben wird, bin ich mehr als einmal erschrocken, als ob es eine Gestalt wäre, die mir entgegenträte. Bei abergläubigen Gemüthern, welche durch die sonderbaren melancholischen Geschichten, die mit Familienbildern in Verbindung stehen, vorbereitet sind, würde es daher, in einer mondhellen Nacht, oder bei dem flackernden Lichte einer Kerze, nur einer geringen Anstrengung der Einbildungskraft bedürfen, um die alten Bilder an den Mauern in Bewegung zu setzen, und in ihren Roben und mit ihren Schleppen durch die Gallerie wandeln zu lassen, Die Wahrheit zu sagen, der Squire bekennt, daß er in jüngern Tagen ein Vergnügen daran gefunden, wunderbare Geschichten in Umlauf zu bringen, und sie mit den einsamen und verrufenen Orten in der Nachbarschaft in Verbindung zu setzen. So oft er irgend eine Legende anziehender Art las, suchte er sie zu verpflanzen und ihr auf dem Schauplatze seiner Kindheit eine örtliche Wohnung anzuweisen. Viele von diesen Geschichten faßten Wurzel, und er sagt, daß ihn die sonderbaren Gestalten oft Vergnügen gewähren, in denen sie in der Erzählung irgend einer alten Frau zu ihm zurückkehren, nachdem sie Jahre lang unter den Bauern in Umlauf gewesen sind und manche ländliche Zusätze und Verbesserungen erhalten haben. Zu diesen zählt er ohne Zweifel die von dem Geiste des Kreuzfahrers, deren ich in der Erzählung von meinem Besuche zu Weihnachten erwähnt habe, und die von dem wild reitenden Squire, dem Nimrod der Familie; den man zuweilen, in stürmischen Winternächten, mit Hund und Horn, über ein wüstes, einige Meilen von der Halle entferntes, Moor galoppiren hört. Diese Geschichte hat, glaub' ich, ihren Ursprung in der berühmten Geschichte vom wilden Jäger gehabt, dem Lieblingsgespenst in deutschen Mährchen; wenn gleich, beiläufig gesagt, Meister Simon, als ich eines Abends mit ihm in der dunklen Allee über diesen Gegenstand sprach, zu verstehen gab, daß er selbst ein oder zwei Mal in der Nacht sonderbare Töne, wie die einer Kuppel von Hunden, in der Nähe gehört, und daß er einst, als er etwas spät von einem Jagdessen heimgekehrt sei, eine sonderbare Gestalt über eben dieses Moor habe galoppiren sehen; da er aber gerade scharf geritten sei, und eilig nach Hause gewollt habe, so habe er nicht angehalten, um sich zu vergewissern, was es war. Der Volksaberglauben verschwindet in England schnell, was der allgemeinen Verbreitung der Aufklärung, und dem regen Verkehr, der im Lande herrscht, zuzuschreiben ist; indessen hat er noch immer seine starken Stützen und Schlupfwinkel, und eine abgelegene Gegend, wie diese, paßt sehr wohl dazu. Der Pfarrer hat mir erzählt, daß er manche, durch Ueberlieferung überkommene Meinungen und Begriffe unter den gemeinen Leuten gefunden, die er ihnen im Laufe der Unterhaltung abgehorcht hat, wenn sie gleich gegen Fremde damit zurückzuhalten pflegen, besonders gegen den »Adel,« der gern über sie lacht. Er sagt, daß es unter seinen ältern Pfarrkindern mehrere gebe, die sich der Zeit noch gar wohl erinnerten, als das Dorf seinen Grenzgast oder Grenzgeist hatte, ein Geist, der zu einer Stadt oder einem Dorfe gehören, und jedes bevorstehende Unglück durch mitternächtliches Geschrei und Klagen verkündigen soll. Er ließ sich zum letzten Male grade vor dem Tode des Vaters des Herrn Bracebridge hören, der in der ganzen Gegend sehr beliebt war; obgleich es nicht an einigen hartnäckigen Ungläubigen fehlte, welche behaupteten, es sei nichts mehr und nichts weniger, als das Geheul eines Kettenhundes gewesen. Mir hat es jedoch großes Vergnügen gemacht, noch einige Spuren meines alten Lieblings, des Kobolds, aufzufinden, wenn er gleich hier einen von seinen sonstigen Benennungen ganz verschiedenen Namen führt. Der Pfarrer versichert mich, daß viele von den Bauern auch an Hausgeister, Dobbies genannt, glauben, welche in besondern Meierhöfen und Häusern leben, wie sonst der Kobold that. Zuweilen spuken sie in den Scheunen und Wirthschaftsgebäuden umher, und stehen dann und wann dem Pächter wunderbar bei, indem sie sein Korn und Heu in einer einzigen Nacht einbringen. Gewöhnlich jedoch halten sie sich im Hause selbst auf, und haben es gern, bei dem großen Heerde zu ruhen, und sich, nachdem die Hausbewohner zu Bett gegangen sind, an der glühenden Asche zu wärmen. Wenn die Wärme ihres Aufenthalts und die Flinkheit der Dienstmädchen sie in besonders gute Laune versetzt hat, überwinden sie wohl ihre natürliche Trägheit, und thun einen großen Theil der Hausarbeit bis zum Morgen; butternd, brauend oder den sämmtlichen Flachs der ehrlichen Hausfrau spinnend. Alles dies thut aber auch der Kobold, wie es Milton so schön beschreibt. Wie um den Milchkrug, ihm bereitet, Der Kobold flink sich abarbeitet, Wenn er das Korn in einer Nacht, Was zehn nicht so zu Stand gebracht, Gedroschen hat mit eigner Hand; Der Kobold-Diener nun am Rand Des Heerds behaglich sinket nieder, Und wärmet seine rauhen Glieder, Und aus der Thüre eilig springt, Bevor der Hahn sein Frühlied singt. Aber außer diesen Hauskobolden gibt es noch andere von düsterer und ungeselligerer Natur, die sich um einsame Scheunen in einiger Entfernung vom Wohnhause, oder bei Trümmern und alten Brücken aufhalten. Diese sind voll von bösartigen und oft boshaften Ränken, und spielen den Reisenden, die von der Nacht überfallen worden sind, gern arge Streiche. Es gibt unter den alten Leuten eine Geschichte von einem Dobbie, der eine verfallene Mühle, dicht bei einer über einen kleinen Fluß gehenden Brücke, inne hatte, und einst spät in der Nacht, als ein Reisender zu Pferde vorüber kam, hinter ihm aufsprang, und ihn so fest um den Leib faßte, daß dieser sich gar nicht helfen konnte, sondern jeden Augenblick erwartete, zu Tode gedrückt zu werden: glücklicherweise waren seine Fersen frei, und mit diesen bearbeitete er die Seiten seines Pferdes, das ihn, mit dem wunderbaren Instincte des Pferdes eines Reisenden, gerade nach der Dorfschenke trug. Wäre die Schenke etwas weiter gewesen, so würde er ohne Zweifel erdrückt worden sein; so wie es mit ihm war, brauchten die guten Leute lange Zeit, um ihn wieder zur Besinnung zu bringen, und das erste Zeichen des zurückkehrenden Bewußtseins war, daß er nach einem Glase Branntwein verlangte. Diese bösartigen Dobbies haben viel Aehnlichkeit in ihrer Art und Weise mit den Geistern, welche Heywood in seiner »Hierarchie« Gnomen oder Kobolde nennt:                           – Ihre Wohnungen sind In Winkeln alter Häuser, die man scheut, In Holzbehältern, und daraus zerstreut Hört man in Butterkammern laut sie gehen: Kobolde nennt man bald sie und bald Feen. In stillen Zimmern könnt ihr oft sie hören, An Thüren klopfen, Leut' im Schlafe stören, Bald ist's, als ob das stärkste Schloß jetzt sprang, Bald lärmen toll sie ganze Nächte lang. Die Töpfe, Gläser, Teller, Messer, Kessel Lassen sie tanzen auf der Bank, dem Sessel, Als läge alles in der Küche quer, Und doch ist Morgens alles wie vorher. Die Häuser haben Andre sich erkürt, In denen schlimme Morde einst vollführt, Und Andern will's in solchen nur gefallen, Die abgelegen, unbesucht, verfallen. Bei der Erzählung von unserer unglücklichen Falkenjagd, erwähnte ich des Beispiels eines dieser Geister, der die zertrümmerte Scheune bewohnen soll, die auf der einsamen Wiese steht und ein merkwürdiges Echo hat. So erzählte mir der Pfarrer auch, daß man einst allgemein geglaubt habe, es verweile ein Haus-Dobbie in der Nachbarschaft des alten Pächterhauses der Tibbets. Schon seit langer Zeit behauptet man, daß einer dieser gutmüthigen Kobolde sich zu der Familie der Tibbets halte, und mit ihnen gekommen sei, als sie nach diesem Theile des Landes gezogen; denn es ist eine von den Eigenthümlichkeiten dieser Hausgeister, daß sie sich an das Schicksal gewisser Familien anschließen, und diesen bei allen ihren Wanderungen folgen. Es ist in dem Pächterhause ein großer, altmodischer Kamin, der für einen Kamin-Kobold, welcher gern warm liegt, einen trefflichen Raum abgibt; vorzüglich da Hans Baargeld in der Winterzeit tüchtige Feuer hält. Die alten Leute im Dorfe erinnern sich mancher Geschichten von diesem Kobold, welche in ihren jüngeren Tagen in Umlauf waren. Man glaubte, daß er Glück in das Haus gebracht habe, und der Grund sei, weßwegen die Tibbets immer in der Welt voran waren, und warum ihr Grundstück immer in besserer Ordnung, ihr Heu früher eingefahren, und ihr Korn besser gesetzt gewesen wäre, als das ihrer Nachbarn. Die gegenwärtige Frau Tibbets hatte, als ihr Gatte um sie freite, von ihren Gevatterinnen sehr viele von diesen Geschichten gehört, und sie fürchtete sich, als sie heirathete, nicht wenig, in einem Hause zu wohnen, worin ein solcher Kobold sich umtreiben sollte; Hans aber, der diese Geschichten immer sehr verächtlich behandelt hat, versicherte sie, daß in seinem Hause kein Geist wäre, den er nicht, zu jeder Zeit, durch einen Schlag mit seinem Knüttel in das rothe Meer jagen könnte. Seine Frau hat indeß ihre Besorgnisse über diesen Gegenstand nie vollkommen besiegen können, sondern ein Hufeisen auf die Schwelle genagelt, und hat immer einen Zweig von Berg- oder Abreschen mit seinen rothen Beeren von einem der großen Balken im Wohnzimmer herabhängen, – ein sicherer Schutz gegen alle bösen Geister. Diese Geschichten verlieren sich jedoch, wie schon erwähnt, schnell, und werden in dem nächsten, oder nächstfolgenden Geschlechte wahrscheinlich ganz vergessen sein. Es liegt jedoch in diesem ländlichen Aberglauben etwas ungemein Anziehendes für die Einbildungskraft; vorzüglich in demjenigen, was sich auf das gutmüthige Geschlecht der Hausgeister, und überhaupt auf die ganze Feenlehre bezieht. Die Engländer haben diesem Volksglauben einen unaussprechlichen Reiz durch die Art gegeben, wie sie ihn mit allem dem in Verbindung gebracht haben, was es Häusliches und Angenehmes im Leben, oder Erquickendes und Schönes in der Natur gibt. Ich kenne keine bezauberndere Gattung von Wesen, als diese kleinen fabelhaften Leute, welche sonst an den südlichen Abhängen der Hügel und Berge herumstreiften, in Blumen und bei Quellen hausten, durch das Schlüsselloch sich in alte Hallen stahlen, über Pachthöfe und Milchkammern wachten, im Sommer-Mondlicht auf der Wiese, und im Winter auf dem Küchenheerde tanzten. Sie scheinen mir mit dem Charakter englischer Haushaltung und englischer Gegenden in Harmonie zu sein. Ich habe sie immer vor mir, wenn ich ein schönes englisches Wohnhaus, mit seiner großen Halle und seiner geräumigen Küche erblicke; oder ein ehrwürdiges Pächterhaus, worin man so viele häusliche Bequemlichkeit und so gute Wirthschaft findet. Es lag etwas vom Volkscharakter in ihrer Liebe zur Ordnung und Reinlichkeit, in der Emsigkeit, womit sie über die Wirthschaft in der Küche und die Verrichtungen der Dienstboten wachten, die flinke Hausmagd durch einen silbernen Sixpence im Schuhe belohnend, oder ihren Groll durch mitternächtliche Schläge und Kniffe an der trägen Milchmagd auslassend. Ich glaube, ich kann die guten Wirkungen dieser alten Feen-Regierung noch in der Sorgfalt erkennen, mit der die englischen Hausmädchen, ehe sie zu Bett gehen, ihre Küche in Ordnung bringen. Ich habe auch gesagt, daß dieser Feenglaube mir mit der Eigenthümlichkeit englischer Gegenden in Harmonie zu stehen scheint. Er paßt zu diesen niedlichen Landschaften, welche durch Geißblatthecken in kleine, abgezäunte Felder und Wiesen getheilt werden, wo das Gras mit Maßlieben, Butterblumen und blauen Glocken vermischt ist. Als ich mich zuerst in England auf dem Lande befand, kamen mir beständig die angenehmen idyllischen Bilder in den Sinn, welche ihre Feenlehre auszeichnen; und als man mir zum ersten Male einen Kreis im Grase als einen der Ringe zeigte, wo, wie man glaubt, die Elfen sonst ihre nächtlichen Tänze gehalten haben, schien es mir einen Augenblick, als ob das Feenland keine Fabel sei. Browne gibt, in seinen englischen Schäfergedichten ein Bild solcher Art Gegenden, von welchen ich hier spreche:               – »Die grüne Wiese seht, Wo Feen oft sich nach dem Takt gedreht; So sah man ihre Kreise auf dem Grün, Daß es von Kränzen hold umzogen schien. Ein Hügel, den die Blumenring' umzieh'n, War oft der Sitz der Feen-Königin Im Dämmerlicht.« Ein anderes Bild davon ist in einem Gedicht enthalten, welches Ben Johnson zugeschrieben wird: »An Quell und Bach, auf Wiesen grün     Den Geisterreih'n wir nächtlich schlingen, Dem König und der Königin     Wir Mondlicht-Lieder singen.« Es scheint mir in der That, daß die älteren britischen Dichter, nach dem echten Gefühl für Natur, das sie auszeichnet, sich sehr genau an die einfache vertrauliche Bilderwelt gehalten haben, die sie in diesen Volkssagen vorfanden, und deßhalb in ihre Feenlehre diese beständigen Anspielungen auf das Pächterhaus und die Milchkammer, die grüne Wiese und die Quelle, verwebt haben, welche unsere Seele mit den herrlichen Bildern des ländlichen Lebens erfüllt. Man erstaunt, wenn man bemerkt, wie die schönsten Dichtungen ihren Ursprung unter den Rohen und Ungebildeten haben. Es liegt ein unbeschreiblicher Reiz in den Täuschungen, womit die chimärische Unwissenheit einst jeden Gegenstand bekleidete. Diese Dämmerungsansichten der Natur ziehen oft mächtiger an, als alle die, welche wir durch die Strahlen der aufgeklärteren Philosophie erhalten. Die gebildetsten und dichterischsten Gemüther sind daher gern in diese gelegentlichen Ansichten der sogenannten barbarischen Zeiten zurückgegangen, und haben aus ihnen ihre schönsten Bilder und Motive entnommen. Wenn wir unsere bewunderten Dichter durchgehen, werden wir finden, daß ihre Gemüther von diesen Volksbegriffen ganz erfüllt sind, und daß diejenigen das Gelungenste geliefert, die sich ganz an die Einfachheit der ländlichen Urbilder gehalten haben. Dies ist auch der Fall bei Shakspeare in seinem Sommernachtstraum, in welchem die Beschäftigungen und Vergnügungen der Feen so genau beschrieben werden, und wo alles das, was unter dem Volke über sie bekannt war, zusammengefaßt ist. So geschieht es, daß die Dichtkunst in England jeden ländlichen Ton, zu vollkommener Melodie geworden, wiedergibt; so geschieht es, daß sie ihre Reize über das Alltagsleben verbreitet hat, alles an seiner Stelle lassend, die Dinge nehmend, wie sie sie findet, aber sie mit den ihr eigenen Zaubertinten verklärend, bis jeder grüne Hügel und jede Quelle, jede frische Wiese, ja jede niedere Blume, voll von Gesang und Sage ist. Ich habe vielleicht zu lange bei einem abgenutzten Gegenstande verweilt; dennoch bringt er tausend köstliche Erinnerungen aus den glücklichen Tagen der Kindheit mit sich, wo das wenige Wissen, welches ich seitdem gewonnen habe, in meinem Geiste noch nicht aufdämmerte, und wo ein Feenmährchen für mich eine wahre Geschichte war. Ich bin durch die Freude an diesen Erinnerungen oft so außer mir gewesen, daß ich beinahe gewünscht hätte, ich wäre noch in den Tagen geboren worden, wo man an die Täuschungen der Dichtkunst wirklich glaubte. Selbst jetzt kann ich diese phantastischen Schöpfungen der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit nicht betrachten, ohne ein heimliches Bedauern darüber zu empfinden, daß sie alle vorüber gegangen sind. Die Erfahrung meiner frühern Tage lehrt mich, daß sie Quellen des größten Vergnügens waren; und ich frage mich zuweilen, ob der Naturforscher, welcher die Blumen des Feldes zergliedert, die Hälfte von dem Vergnügen bei ihrer Betrachtung empfindet, das der genoß, welcher sie als die Wohnungen von Elfen und Feen ansah. Ich fühle mich überzeugt, daß das wahre Interesse und die wirkliche Glückseligkeit des Menschen durch die Ausbreitung der Wahrheit befördert werden; allein ich kann nicht umhin, über die angenehmen Irrthümer zu trauern, die sie bei ihren Fortschritten in den Staub getreten hat. Die Faunen und Sylphen, der Hausgeist, der Mondschein-Tanz, Oberon, die Königin Mab und das herrliche Feenreich, alles dieß verschwindet vor dem Lichte der wahren Philosophie; aber wer wendet sich nicht manchmal mit Widerwillen von der kalten Wirklichkeit des Morgens ab, und wünscht die lieblichen Gesichte der Nacht zurück? Der Verbrecher. Vor Feuer, vor Wasser und aller Gefahr Eines ehrlichen Richters Haus bewahr'! Die Wittwe. Die Heiterkeit in der Halle ist plötzlich durch einen sehr bedeutenden Vorfall unterbrochen worden. Im Laufe dieses Morgens sah man einen Trupp Landleute die Allee heraufkommen. Knaben liefen mit lautem Geschrei voraus. Als er näher kam, sahen wir Hans Baargeld Tibbets daherschreiten, seinen Knittel in einer Hand schwingend, und mit der andern einen langen Kerl am Kragen festhaltend, in welchem wir, als der Haufen nahe war, den furchtbaren Zigeunerhelden, den Sternlicht-Thomas, erkannten. Er war indeß jetzt ganz furchtsam und demüthig, und sein Muth schien in der eisernen Hand des löwenherzigen Hans ganz und gar gebrochen zu sein. Die ganze Bande der Zigeuner-Weiber und Kinder kam langsam hinten nach. Einige in Thränen, Andere mit heftigem Geschrei gegen den alten Baargeld, der indeß schweigend mit seiner Beute vorwärts schritt, und sich an ihr Schimpfen so wenig kehrte, als ein Falke, der einen Scheunenthor-Helden gepackt hat, sich um das Geschrei und Gegakel seines ganzen befiederten Serails kümmert. Er war auf dem Wege nach der Halle durch das Dorf gezogen und hatte natürlich in diesem leicht erregbaren Orte, wo jede Begebenheit Neugierde und Gerede erzeugt, ein gewaltiges Aufsehen verursacht. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Gerücht, daß der Sternlicht-Thomas verhaftet worden sei. Die Aletrinker verließen sogleich die Schenkstube; Slingsby's Schule stürmte hinaus, und Lehrer und Schüler vergrößerten die Fluth, die dem alten Baargeld und seinem Gefangenen nachströmte. Der Lärm vermehrte sich, wie sie sich der Halle näherten; er brachte die ganze Besatzung von Hunden, und den Schwarm dazu gehöriger Herumtreiber, in völligen Aufruhr. Der große Bullenbeißer bellte aus dem Hundehause; der Hühnerhund, der Windhund und der Wachtelhund kamen bellend aus der Thür der Halle, und die kleinen Hunde von Mylady Lillycraft lärmten und bellten aus den Wohnzimmerfenstern. Ich bemerkte indeß, daß die Hunde der Zigeuner alle diese Drohungen und Beleidigungen unbeantwortet ließen, sich dicht an die Bande hielten, mit einer schuldbewußten, wilddiebsartigen Miene um sich blickten, und nur dann und wann einen ungewissen Blick auf ihre Herren warfen; welches deutlich zeigt, wie die moralische Würde, selbst bei Hunden, in schlechter Gesellschaft zu Grunde gehen kann! Als der Haufe an die Vorderseite des Hauses gekommen war, ward er durch eine Art von Vortrab angehalten, der aus dem alten Christy, dem Wildhüter, und zwei oder drei Hausbedienten bestand, die, durch den Lärm erschreckt, herausstürzten. Der gemeine Haufe aus dem Dorfe wich ehrerbietig zurück; die Jungen wurden von Christy und seinen Genossen hinweggejagt; während Hans Baargeld seinen Platz und seinen Gefangenen behauptete, und dabei von dem Schneider, dem Schulmeister und mehreren anderen Würdenträgern des Dorfes, so wie von der vorlauten Brut der Zigeuner umringt blieb, die weder zum Stillschweigen zu bringen, noch zu verschüchtern war. Unterdessen war die sämmtliche Hausgenossenschaft an die Thüren und Fenster, und der Squire an das Portal gekommen. Hans Baargeld, der den Gefangenen ertappt hatte, wie er eben auf seinem Grund und Boden einen Schafdiebstahl begehen wollte, und ihn nun hierher brachte, damit er von dem Squire, der zum Friedensgericht gehört, zur Untersuchung gezogen werde, verlangte eine Audienz. Es ward sogleich in dem Bedientensaale eine Art Gericht gehalten, einem großen Zimmer, mit steinernem Fußboden und einem langen Tische in der Mitte, an dessen einem Ende, gerade unter einer ungeheueren Wanduhr, des Squire's Gerichtsstuhl stand, während Meister Simon, als Gerichtsschreiber, seinen Platz am Tische nahm. Der alte Christy hatte es versucht, die Zigeunerbande abzuhalten, aber vergebens, und sie füllten nun, mit den Angesehensten im Dorfe und den Hausgenossen, den halben Saal. Die alte Haushälterin und den Haushofmeister überfiel ein tödtlicher Schrecken bei diesem gefährlichen Einbruche. Sie eilten, alle Sachen von Werth und alles Bewegliche auf die Seite zu schaffen, und hielten ein scharfes Augenmerk auf die Zigeuner, damit sie nicht die Wanduhr oder den eichenen Tisch wegtrügen. Der alte Christy und sein treuer Gehülfe, der Wildhüter, versahen das Amt der Constabler, den Gefangenen zu bewachen, und triumphirten, daß sie endlich diesen furchtbaren Missethäter in ihre Klauen bekommen hätten. Ich glaube in der That beinahe, der alte Mann konnte es noch nicht vergessen, daß er von dem Zigeuner, bei dem Handgemenge am Maitage, etwas unsanft behandelt worden war. Meister Simon gebot nun Stillschweigen; allein es war schwer, dies bei einer so gemischten Versammlung zu bewirken. Das Geknurr und Gebell der Hunde wollte kein Ende nehmen, und als es in einer Ecke gedämpft worden war, fing es in der andern wieder an. Die armen Zigeunerhunde, die, wie landstreicherische Diebe, in einem rechtlichen Hause sich nicht breit machen durften, wurden von den Herrn-Hunden aus dem Hause herumgezaust und gemißhandelt, ohne nur den geringsten Widerstand zu leisten, und sogar die Kläffer der Lady Lillycraft bellten sie ungestraft an. Die Untersuchung ward von dem Squire mit großer Milde und Nachsicht geleitet, theils aus angebornem Wohlwollen, theils, wie ich glaube, weil sein Herz mit dem Verbrecher Mitleiden fühlte, der, wie ich schon bemerkt, große Gnade vor seinen Augen gefunden, wegen der Gewandtheit, die er bei mehreren Anlässen in der Kunst des Bogenschießens, bei dem Mohrentanze und in andern veralteten Geschicklichkeiten entfaltet hatte. Die Beweise waren jedoch zu stark. Hans Baargeld erzählte seine Geschichte in einer schlichten, freimüthigen Art, ungestört durch alles, was ihn umgab. Er hatte oft seinen Schafspferch und seinen Hühnerhof berauben lassen, hatte endlich sich auf die Lauer gestellt und den Verbrecher auf der That ertappt, wie er mit einem Schafe auf den Schultern sich davon machen wollte. Tibbets wurde während seiner Aussage von der Mutter des Verbrechers, einer wüthenden alten Hexe mit einer gewaltigen Zunge, und die mehrere Male nur mit Mühe abgehalten werden konnte, Zähne und Nägel an ihm zu versuchen, häufig unterbrochen. Auch die Frau des Gefangenen, die er, wie ich höre, alle Woche nicht öfter als ein halbes Dutzend Mal schlägt, gewann durch ihre Thränen und Bitten Lady Lillycraft vollkommen für sich; und mehrere von den anderen Zigeunerfrauen erregten starkes Mitleid unter den jungen Mädchen und den weiblichen Dienstboten im Hintergrunde. Das hübsche schwarzäugige Zigeunermädchen, dessen ich, bei einer früheren Gelegenheit, als der Sibylle erwähnt habe, welche dem General die Zukunft verkündete, suchte den tapfern Krieger auf ihre Seite zu bringen, und wagte sogar einige Annäherungen an ihren alten Bekannten, Meister Simon; wurde aber von diesem mit seiner ganzen amtlichen Würde zurückgewiesen, da er die Miene der Wichtigkeit und des Ernstes angenommen hatte, welche zu dieser Gelegenheit paßten. Ich war Anfangs ein wenig erstaunt, als ich den ehrlichen Slingsby, den Schulmeister, seinem alten Spießgesellen Tibbets fast entgegen, und als eine Art Anwalt für den Beklagten auftreten sah. Es schien, daß er an der unglücklichen Lage des Sternlicht-Thomas Antheil genommen, und auf dem ganzen Wege nach dem Dorfe hin seine Beredsamkeit zu dessen Gunsten, wiewohl ohne Wirkung, versucht hatte. Während Hans Baargeld's Verhör stand Slingsby wie das »niedergeschlagene Erbarmen an seiner Seite,« dann und wann durch ein vermittelndes Wort seinen Zorn zu besänftigen, oder irgend einen harten Ausdruck zu mildern suchend. Er wagte jetzt einige wenige Bemerkungen an den Squire zu richten, um das Verbrechen des Schuldigen zu beschönigen; aber der arme Slingsby sprach mehr aus dem Herzen als aus dem Kopfe, und war augenscheinlich nur von einem allgemeinen Mitleiden mit jedem armen Teufel im Gedränge und von einer freisinnigen Nachsicht gegen alle Arten landstreicherischen Daseins erfüllt. Auch die Frauen, groß und klein, mit der Herzensweichheit ihres Geschlechtes, waren ganz auf der Seite der Gnade, und verwandten sich sehr bei dem Squire, so daß der Gefangene, da er sich unerwartet von lauter Freunden umgeben fand, abermals Muth faßte, und auf einige Zeit das Ansehen der gekränkten Unschuld annehmen zu wollen schien. Allein der Squire war bei aller seiner Herzensgüte und seiner geheimen Sympathie für den Gefangenen, zu gewissenhaft, als daß er von dem geraden Pfade der Gerechtigkeit hätte abweichen sollen. Es kamen eine Menge Beweise zusammen, welche die Schuld unwidersprechlich darthaten, und ein Verhaftsbefehl wider den Sternlicht-Thomas ward folglich ausgefertigt. Der Antheil der Frauen ward jetzt lebendiger als je; sie wagten sogar einige Versuche Hans Baargeld's Zorn zu besänftigen; allein dieser störrische Machthaber war durch die wiederholten Einfälle der Diebsbande des Sternlicht-Thomas in sein Gebiet auf das höchste entrüstet, und entschlossen, wie er sagte, »das Schelmenungeziefer« aus der Gegend zu vertreiben. Um allen weiteren Behelligungen auszuweichen, gürtete er, als der Verhaftsbefehl ausgefertigt war, seine Lenden, und schritt nach seiner Residenz zurück, begleitet von seinem vermittelnden Freunde, Slingsby, und verfolgt von einem Trupp der Zigeunerbande, der sich an ihn hängte, ihn theils mit Bitten, theils mit Verwünschungen belagernd. Die Frage war nun, was man mit dem Gefangenen anfangen sollte; eine Sache von großer Bedeutung in diesem friedlichen Orte, wo ein so furchtbarer Mensch, wie der Sternlicht-Thomas, wie ein Falke war, der in einem Taubenschlage gefangen worden. Da der Lärm und die Untersuchung eine bedeutende Zeit weggenommen hatten, so war es zu spät geworden, ihn nach dem Gefängnisse der Grafschaft zu schicken, und das des Dorfes war, da es seit langer Zeit nicht in Gebrauch gewesen, ganz außer Stande. Der alte Christy, der an dem Vorgange großen Antheil nahm, schlug vor, daß der Verbrecher die Nacht über auf einen oberen Boden einer Art Thurm, welcher zu den Wirthschaftsgebäuden gehörte, gebracht werden solle, wo er und der Wildhüter Wache halten wollten. Nach langer Berathung ward diese Maaßregel angenommen; das in Rede stehende Verließ ward untersucht und sicher gemacht, und Christy und sein treuer Verbündeter, der Eine mit einer Vogelflinte, der andere mit einer alten Donnerbüchse bewaffnet, zogen in das Gefängniß auf Wache. Dieß ist die wichtige Begebenheit, welche sich so eben ereignet hat, und sie ist in der That in dieser stillen kleinen Welt zu bedeutsam, als daß diese nicht dadurch hätte um und um gekehrt werden sollen. Die Arbeit steht still. Das Haus war den ganzen Abend ein Schauplatz beständiger Unruhe. Zigeunerfrauen, mit ihren Kindern auf dem Rücken, haben es unter Jammern und Wehklagen belagert; während das alte Mannweib, die Mutter, auf dem Rasenplatze vor dem Hause auf und ab rennt, mit dem Kopfe schüttelnd und bei sich murmelnd, und dann und wann in einen Ausbruch von Wuth gerathend, die Faust gegen die Halle erhebend und alles mögliche Unglück auf Hans Baargeld und sogar auf den Squire selbst herabwünschend. Lady Lillycraft hat der weinenden Frau des Verbrechers an der Thür der Halle wiederholte Audienzen gegeben, und die Dienstmädchen haben sich hinausgeschlichen, um mit den Zigeunerfrauen unter den Bäumen Rath zu halten. Was die kleinen Damen aus der Familie betrifft, so sind sie alle erbittert auf Hans Baargeld, den sie wie einen tyrannischen Riesen in den Feenmährchen betrachten. Phöbe Wilkins ist, gegen ihre sonstige Art, die Einzige, welche kein Erbarmen kennt. Sie meint, daß Herr Tibbets vollkommen Recht habe und daß die Zigeuner eine strenge Bestrafung verdienen, weil sie sich an den Schafen der Tibbets vergriffen hätten. Die Frauen der Familie haben unterdessen alle die sorgliche Güte des Geschlechts bewährt, das immer bereit ist, den Bedrängten beizuspringen und zu helfen, sie mögen nun Recht oder Unrecht haben. Lady Lillycraft hat eine Matratze nach dem Wirthschaftsgebäude bringen lassen, und man hat dem Gefangenen alle mögliche Bequemlichkeiten und Leckerbissen zugetragen; selbst die kleinen Mädchen haben ihren Kuchen und ihr Zuckerwerk hingeschickt, so daß ich wette, der Landstreicher ist nie besser daran gewesen. Der alte Christy hat indeß auf alles ein scharfes Augenmerk; schreitet mit seiner Donnerbüchse, wie ein alter Kriegsknecht, auf und ab, und steht kaum Jemanden Rede. Die Zigeunerfrauen wagen es nicht, auf Schußweite heranzukommen, und jeder Lump von Jungen ist aus dem Park gejagt worden. Der alte Bursche ist entschlossen, den Sternlicht-Thomas mit eigenen Händen in das Gefängniß abzuliefern, und hofft, wie er sagt, Einen von der Wilddiebs-Bande zu sehen, an dem einmal ein Exempel statuirt werde. Bei allem dem weiß ich doch nicht, ob nicht der würdige Squire bei der Sache am meisten leidet. Sein edler Sinn für Recht und Pflicht bestimmt ihn, strenge zu sein, aber das Uebermaß des Wohlwollens seines Charakters macht, daß ihn dieß einen gewaltigen Kampf kostet. Er ist in seinem wahrhaft patriarchalischen Gebiete nicht gewohnt, solche Ansprüche auf seine Gerechtigkeit gemacht zu sehen, und es thut seinem wohlwollenden Gemüthe weh, daß er, während Gedeihen und Glück sich über ihm so segenreich sammelt, Elend über ein Mitgeschöpf verhängen soll. Er ist den ganzen Abend über unruhig und niedergeschlagen gewesen; nahm von der Familie, als er zu Bett ging, statt seines sonstigen herzlichen, liebevollen Tones, mit einem Seufzer Abschied, und wird wahrscheinlich eine weit schlaflosere Nacht haben, als sein Gefangener. Diese widerwärtige Begebenheit hat wahrlich das ganze Haus in eine trübe Stimmung versetzt, da es die allgemeine Meinung zu sein scheint, daß der unglückliche Verbrecher an den Galgen kommen werde. Am Morgen . – Die Wolken des vergangenen Abends haben sich alle verzogen. Dem Squire ist eine Last vom Herzen genommen, und jedes Antlitz lächelt nun wieder. Der Wildhüter erschien schon früh, ganz beschämt und niedergeschlagen. Der Sternlicht-Thomas war in der Nacht entwischt; wie er von dem Boden gekommen ist, weiß Niemand: der Teufel, meinen sie, muß ihm geholfen haben. Der alte Christy war so ärgerlich, daß er sich gar nicht sehen lassen wollte, sondern sich in seine starke Festung, den Hundestall, eingeschlossen hatte und sich von Niemanden sprechen ließ. Was den Squire vorzüglich beruhigt hat, ist, daß nur geringe Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, den Verbrecher wieder eingebracht zu sehen, da er sich auf einem der besten Jagdpferde des alten Herrn davon gemacht hat. Familien-Unglück. »Die Nacht war stürmisch; wo wir lagen, Sind Schornstein' eingestürzt.« Macbeth . Wir haben eben, einen oder zwei Tage lang, einen Anprall stürmischen Wetters gehabt, das sich in diesen angenehmen, blumenreichen Monat eingedrängt und auf einige Zeit die Schönheit der Landschaft ganz vernichtet hat. Die letzte Nacht erreichte das Unwetter seine höchste Stufe; der Regen schlug in Strömen gegen die Fenster, und der Wind pfiff und tobte um die alte Halle mit einer ganz winterlichen Heftigkeit. Der Morgen brach indeß klar und heiter an, das Antlitz des Himmels schien wie frisch gewaschen zu sein, und die Sonne strahlte mit einem Glanze, der von keiner einzigen Dunstwolke getrübt wurde. Nichts über mir zeigte Spuren von dem ganz vergangenen Sturm; als ich aber aus meinem Fenster sah, erblickte ich die Verwüstung, welche unter den Gesträuchen und Blumen angerichtet worden war; die Gänge des Gartens hatten Canäle für die kleinen Gießbäche gebildet; Bäume waren ihrer Zweige beraubt, und ein kleiner Silber-Bach, welcher sich durch den Park schlängelte und am Ende des Rasenplatzes dahinfloß, war zu einem trüben, gelben Wasser geworden. Auf einer Besitzung wie diese, wo das Haus groß, alt, und ein wenig mit Altersschwäche behaftet ist, und ein zahlreiches, weitläufiges Zubehör hat, ist ein Sturm eine sehr bedeutende Begebenheit, und hat eine Menge von Sorgen und Unglücksfällen in seinem Gefolge. Während der Squire sein Frühstück im großen Saale einnahm, ward er fortdauernd durch Ueberbringer schlimmer Botschaften von einem oder dem andern Theile seiner Besitzungen unterbrochen; er erschien mir beinahe wie der Befehlshaber einer belagerten Stadt, der, nach einem großen Angriff, in seinem Hauptquartier Bericht von den Beschädigungen an den verschiedenen Theilen des Ortes erhält. Bald meldete die Haushälterin, daß ein Schornstein heruntergefallen und ein gewaltiges Loch in der Decke über der Bildergallerie entstanden sei, welches drohe, ein ganzes Geschlecht seiner Ahnen hinwegzuschwemmen. Dann kam der Haushofmeister herein mit einer kläglichen Geschichte von dem Unglück, das in den Holzungen angerichtet sei; während der Wildhüter den Verlust eines seiner schönsten Rehböcke bedauerte, dessen aufgetriebener Leichnam den angeschwellten Fluß hinunterschwimmend gesehen worden war. Als der Squire ausging, ward er vor der Thür von dem alten gichtbrüchigen Gärtner angeredet, der, mit verstörtem Gesicht, ihm, wie ich annahm, die Verwüstung seiner Blumenbeete und die Zerstörung seiner Spalierfrüchte berichtete. Ich bemerkte indessen, daß diese Nachricht einen besondern Ausdruck der Betrübniß, nicht allein bei dem Squire und Meister Simon, sondern auch bei Julie und Lady Lillycraft hervorbrachte, welche zufällig anwesend waren. Aus einigen wenigen Worten, welche zu meinem Ohre gelangten, errieth ich, daß hier ein häuslicher Unfall mit im Spiele, und daß durch den Sturm irgend eine unglückliche Familie ihres Obdaches beraubt worden sei. Den Damen entschlüpfte mancher Ausruf des Mitleids: ich hörte die Worte »arme hülflose Wesen« und »unglückliche kleine Geschöpfe« mehrere Male wiederholen, auf welche der alte Gärtner durch ein sehr trübsinniges Kopfschütteln antwortete. Ich fühlte meine Theilnahme so erregt, daß ich nicht umhin konnte, den Gärtner, als er sich zurückzog, zu mir zu rufen, und ihn zu fragen, welche unglückliche Familie denn so hart gelitten habe. Der alte Mann griff an seinen Hut und starrte mich einen Augenblick an, als ob er meine Frage nicht recht verstünde. »Familie!« antwortete er; »von einer Familie ist nicht die Rede, Ihr Gnaden, aber im Rabenhorst ist viel Unglück geschehen!« Ich hatte den Tag vorher bemerkt, daß der starke und stoßende Wind, der vorherrschte, unter diesen lustigen Familienvätern sehr viel Unruhe erregt hatte: denn ihre Nester waren alle voll von Jungen, die in Gefahr waren, aus ihren baumbewegten Wiegen herausgeworfen zu werden. Wahrlich die alten Vögel schienen selbst Mühe zu haben, einen festen Fuß zu behaupten; einige schwärmten krächzend in der Luft umher, oder mußten, wenn sie sich irgend nieder zu lassen wagten, sich anklammern, die Flügel ausbreiten, die Schweife ausspreizen, und schwankten so fortwährend auf den obersten Zweigen. Während der Nacht hatte indessen ein furchtbarer Unfall in diesem sehr weisen, politischen Gemeinwesen Statt gefunden. Es stand hier ein großer Baum, der höchste in dem Gehölze, welcher eine Art vornehmen Viertels in der Hauptstadt zu sein schien, und mit den Wohnsitzen derer bedeckt war, die Meister Simon als den Adel und die Vornehmen betrachtet. Ein dürrer Zweig dieses Baumes hatte der Heftigkeit des Sturmes nachgegeben, und war mit allen seinen Luftschlössern niedergestürzt. Man muß die Eigenthümlichkeiten des guten Squire und seiner Hausgenossen genau kennen, um die allgemeine Bekümmerniß, welche dieß Unglück hervorbrachte, zu begreifen. Es war durchaus eine öffentliche Trübsal in diesem ländlichen Reiche, und Alles schien an den armen Raben wie an Mitbürgern Theil zu nehmen. Der Boden war bedeckt mit den nackten Jungen, die von den Dienstmädchen und den kleinen Damen der Familie in den Schürzen und an der Brust verwahrt wurden. Dieser Zug der Natur, diese wahrhaft weibliche Theilnahme bei den Leiden der jungen und der mütterlichen Angst der alten Vögel, gefiel mir sehr. Eben so anziehend war es, die allgemeine Bewegung und die Bedrängniß zu sehen, welche in der ganzen gefiederten Republik zu herrschen schien, wahrzunehmen, wie Alle gemeinschaftliche Sache daraus machten, und von dem unaufhörlichen Umherkreisen, dem Flattern, dem Klaggeschrei in dem ganzen Rabenhorste Zeuge zu sein. Es liegt in dem ganzen befiederten Geschlecht eine Saite des Mitgefühls, sobald den Jungen irgend ein Unglück begegnet; und das Geschrei eines verwundeten Vogels in der Brütezeit setzt die Bewohner eines ganzen Gehölzes in Unruhe und Bewegung. Wahrlich, warum soll ich dieß auf die befiederte Welt beschränken? Mir scheint die Natur in dieser Hinsicht ein reges Mitgefühl eingepflanzt zu haben, welches sich durch alle ihre Werke erstreckt. Es ist eine unabänderliche Eigenschaft des weiblichen Herzens, bei dem Geschrei kindlicher Hülflosigkeit zu erwarmen, und einen instinctmäßigen Antheil an dem Unglück der Alten und Jungen zu nehmen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit waren die Damen der Familie voll von Mitleid und Erbarmen; und ich werde nie den Blick vergessen, den Lady Lillycraft dem General zuwarf, als er bemerkte, daß die jungen Vögel einen vortrefflichen Curry oder eine außerordentlich gute Rabenpastete abgeben würden. Liebes-Kummer. Das arme Kind, am Feigenbaume singend saß sie,     Singt All; eine grüne Weide; Ihre Hand auf dem Herzen, ihren Kopf auf dem Knie,     Singt, Weide, Weide, Weide; Singt All; eine grüne Weide muß mein Kranz sein. Altes Lied. Da die schöne Julie sich von den Folgen ihres Falkenjagd-Unfalles beinahe erholt hat, denkt man allmählich daran, daß es hohe Zeit sei, einen Tag zur Hochzeit anzusetzen. Jede häusliche Begebenheit in einem ehrenwerthen, aristokratischen Familienbande, wie dieß, ist eine Sache von Bedeutung, und die Anberaumung dieses wichtigen Tages hat natürlich zu vielen Berathungen und Hin- und Herreden Anlaß gegeben. Neulich haben sich jedoch einige kleine Schwierigkeiten und Verzugsgründe, entspringend aus den eigenthümlichen Ansichten, die man auf der Halle hat, ergeben. So habe ich eine sehr feierliche Berathung zwischen Lady Lillycraft, dem Pfarrer und Meister Simon mit angehört, ob nicht die Heirath bis auf den folgenden Monat hinausgesetzt werden müßte. Bei allen den Reizen des blumigen Monats Mai, gibt es doch, wie ich finde, ein altes Vorurtheil gegen ihn, als Heirathsmonat betrachtet. Ein altes Sprichwort sagt: »im Mai heirathen, heißt Armuth heirathen.« Da nun Lady Lillycraft sehr an glückliche und unglückliche Tage und Zeiten glaubt, und überhaupt in allem dem, was die zärtliche Leidenschaft betrifft, sehr abergläubisch ist, so scheint dieß alte Sprichwort sich ihrer ganz bemeistert zu haben. Sie erinnert sich zweier oder dreier Beispiele aus ihrer eigenen Bekanntschaft, wo Heirathen, in diesem Monat geschlossen, sehr unglücklich ausfielen. In der That, eine leibliche Cousine von ihr, die am ersten Mai heirathete, verlor ihren Gatten durch einen Fall vom Pferde, nachdem Beide zwanzig Jahre sehr glücklich mit einander gelebt hatten. Der Pfarrer schien den Einwürfen Ihrer Herrlichkeit großes Gewicht beizulegen, und erkannte das Dasein eines solchen Vorurtheils an, das nicht allein in neuern Zeiten geherrscht, sondern schon bei den Alten gegolten habe. Zur Bestätigung seiner Behauptung führte er eine Stelle aus dem Ovid an, welche einen großen Eindruck auf Lady Lillycraft machte, da sie in einer Sprache angeführt wurde, welche sie nicht verstand. Selbst Meister Simon stutzte darüber; denn er lauschte mit sehr gespannter Miene, und bemerkte am Ende mit Kopfschütteln sehr scharfsinnig, daß Ovid gewiß ein sehr weiser Mann sei. Aus dieser klugen Berathung lernte ich überhaupt mehrere wichtige Dinge in Bezug auf das Heirathen; so zum Beispiel, daß, wenn zwei Heirathen in derselben Kirche vollzogen werden, die erste glücklich, die andere unglücklich wird. Wenn, auf dem Gange zur Kirche, der hochzeitliche Zug dem Leichenbegängniß einer Frau begegnet, so ist dieß ein Zeichen, daß die Braut zuerst sterben wird; ist es das eines Mannes, der Bräutigam. Wenn das neuvermählte Paar an seinem Hochzeitstage tanzt, so führt die Frau das Regiment in der Ehe, nebst manchen andern merkwürdigen und unbestreitbaren Thatsachen derselben Art, welche mich mehr als jemals zum Nachdenken über die Gefahren brachten, die diesen glücklichen Stand umgeben, und über die sorglose Unwissenheit der Sterblichen, in Hinsicht des gewaltigen Wagstücks, das sie unternehmen. Ich enthalte mich jedoch über diesen Gegenstand mich weiter auszulassen, indem ich nicht geneigt bin die Vermehrung der alten Junggesellen zu befördern. Ungeachtet des gehörigen Gewichts, welches der Squire Ueberlieferungen und alten Meinungen beilegt, freue ich mich doch zu finden, daß er den Credit dieses Liebe-Monats aufrecht zu erhalten sucht, und zu seinem Beistande eine ganze Legion dichterischer Gewährsstellen aufführt; welche alle, wie ich annehme, die jungen Leute zu einem Entschluß bestimmt haben, denn ich höre, daß sie vollkommen Willens sind, im Mai zu heirathen, und die Folgen getrost abzuwarten. Die Hochzeit wird also in wenigen Tagen stattfinden, und die Halle ist in voller vorbereitenden Geschäftigkeit. Die Haushälterin wirthschaftet mit geschäftiger und wichtiger Miene vom Morgen bis zum Abend umher, da sie tausend Anstalten zu treffen hat, indem der Squire bei der Gelegenheit offenes Haus zu halten gedenkt; und was die Hausmädchen betrifft, so könnt Ihr keiner ins Gesicht sehen, ohne daß die Schelmin zu erröthen und verschämt zu lächeln anfinge. Während indessen diese Haupt-Liebes-Angelegenheit mit einer, den Regeln eines Romans ganz zuwiderlaufenden Ruhe ihren Fortgang hat, kann ich nicht sagen, daß die Neben-Intriguen sich einer gleichen Entwickelung zu erfreuen hätten. Die »sich öffnende Knospe der Liebe« zwischen dem General und Lady Lillycraft scheint in dieser sonst gedeihlichen Jahreszeit etwas vom Mehlthau gelitten zu haben. Ich glaube nicht, daß der General das je wieder gut machen konnte, was er durch sein Einschlafen bei des Capitains Geschichte verdorben hat. Meister Simon meint wirklich, die Sache sei ohne Hoffnung, da Ihre Herrlichkeit entschieden habe, er sei durchaus ohne alles Gefühl. Eben so ungünstig war die Zeit für die liebesieche Phöbe Wilkins. Ich fürchte, der Leser wird am Ende ungeduldig darüber werden, daß ich so oft von diesem Liebesverhältniß aus dem niedern Leben spreche; allein ich muß gestehen, daß ich an dem Liebeskummer einfacher Mädchen aus dieser Klasse großen Antheil zu nehmen geneigt bin. Wenige Leute haben einen Begriff von der Welt voll Sorgen und Noth, mit welchen diese armen Geschöpfe bei der Bewältigung ihrer Herzensangelegenheiten zu kämpfen haben. Wir sprechen und schreiben von der zärtlichen Leidenschaft; wir geben ihr alle Färbungen der Empfindsamkeit und der Romantik, und verlegen den Schauplatz ihres Einflusses in das höhere Leben; bei dem allem aber weiß ich nicht, ob sie nicht über weibliche Wesen aus einer niedrigern Sphäre eine viel unumschränktere Herrschaft ausübt. Wie oft würden wir, könnten wir in das menschliche Herz blicken, die Liebe in ihrer ganzen Heftigkeit eher in dem Busen des armen Kammermädchens, als in dem der glänzenden Schönheit finden, welche sich für Eroberungen schmückt, und deren Kopf wahrscheinlich ganz mit zierlichen Herren, Ballsälen und Wachsleuchtern erfüllt ist. Bei diesen niedern Wesen ist die Liebe ein rechtliches, wichtiges Geschäft. Sie denken nicht an Versorgung, Haus, Equipagen und Nadelgeld. Das Herz – das Herz ist Alles in Allem bei ihnen. Arme Geschöpfe! es gibt selten Eine, die nicht ihre Liebessorgen und ihre Liebesgeheimnisse, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und Besorgnisse, wie nur eine Romanenheldin sie haben kann, und zehnmal aufrichtiger, hätte. Und dann noch ihr geheimer Schatz von Liebespfändern; – der zerbrochene Sixpence, die vergoldete Busennadel, die Haarlocke, das unleserliche Liebesgekritzel, Alles aufgespeichert in ihrem Kasten mit dem Sonntagsstaat zu geheimer Beschauung. Wie mancher Noth und Prüfung ist sie nicht von der luchsäugigen Frau, oder von der verblühten alten Vestalin, ihrer Gebieterin, ausgesetzt, die wie ein Drache über ihre Tugend wacht, und den Liebhaber von der Thür scheucht! Aber dann, wie angenehm sind die kleinen Liebesscenen, die sie zuweilen an Festtagen erhascht, und an denen sie sich während manches langen Tages, wo sie arbeiten und zu Hause bleiben muß, in der Erinnerung ergötzt! Ist sie auf dem Lande – so ist es der Tanz am Jahrmarkt oder bei der Kirchmeß, die Zusammenkunft auf dem Kirchhofe nach dem Gottesdienst, oder der Abendspaziergang im grünen Heckengange. Ist sie in der Stadt, so ist es vielleicht bloß ein verstohlener Augenblick, wo sie durch die eisernen Stäbe des Vorplatzes eine Unterredung pflegen kann, und dabei jede Minute fürchten muß, gesehen zu werden; – und dann, wie fröhlich trillert das arme Geschöpf den ganzen Tag nachher bei ihrer Arbeit! Armes Geschöpf! mit all ihrem Kreuz und all ihrer Noth, wenn sie sich verheirathet, vertauscht sie alsdann nicht ein verhältnißmäßig angenehmes und behagliches Leben mit einem, das voll Plage und Ungewißheit ist? Vielleicht zeigt sich auch der Liebhaber, für den sie sich in der Wärme ihres Herzens den Launen des Glücks hingegeben hat, als ein werthloser Mensch, ein liederlicher, hartherziger Ehemann aus den niedern Klassen, der, an das Alehaus gewöhnt, sie einem freudenlosen Dasein, der Arbeit, dem Mangel und Kindertragen überläßt. Wenn ich die arme Phöbe mit niedergeschlagenen Augen, und den Kopf »ganz auf eine Seite« hängend, herumgehen sehe, so kann ich nicht umhin, mich an das pathetische kleine Bild zu erinnern, welches Desdemona entwirft: – »Die Mutter hatt' ein Mädchen, Barbara: Sie liebte: und der sie geliebt, war falsch Und untreu ihr: sie hatt' ein Lied von Weide, Ein altes Ding; doch sprach's ihr Schicksal aus, Und sterbend sang sie's noch.« Ich hoffe indessen, daß der Phöbe Wilkins ein besseres Loos aufbewahrt ist, und daß sie noch in dem alten Reiche der Tibbets das Regiment führen wird! Sie ist nicht gemacht, gegen harte Zeiten oder harte Herzen zu kämpfen. Sie war, wie man mir sagt, der Liebling ihrer verstorbenen Mutter, welche auf die Schönheit ihres Kindes stolz war und sie viel weichlicher erzog, als dieß bei einem Mädchen vom Lande geschehen sollte; und, seitdem sie eine Waise geworden ist, haben die guten Damen von der Halle sie vollständig verzärtelt und verzogen. Ich habe sie kürzlich lange Berathschlagungen auf dem Kirchhofe mit Slingsby, dem Schulmeister, halten, und mit ihm in einem der Heckengänge bei dem Dorfe auf und ab gehen sehen. Ich glaubte Anfangs, der Pädagog wäre auch von der hier in den letzten Zeiten so verbreiteten, zärtlichen Krankheit angesteckt; allein ich that ihm Unrecht. Der ehrliche Slingsby war, wie es scheint, ein Freund und Spießgesell ihres verstorbenen Vaters, des Kirchenschreibers, und steht auf sehr vertrautem Fuße mit der Familie der Tibbets: also von seiner Zuneigung zu beiden Theilen bewogen, und vielleicht von der Dame Tibbets heimlich angestiftet, hat er es unternommen, mit Phöbe über die Sache zu reden. Er gibt ihr jedoch wenig Ermuthigung. Slingsby hat eine gewaltige Meinung von dem aristokratischen Gefühle des alten Baargeld, und glaubt, daß, wenn Phöbe auch die Sache mit dem Sohne wieder ausgliche, der Vater doch immer gegen diese Verbindung feindlich gestimmt bleiben würde. Das arme Mädchen ist darüber beinahe in Verzweiflung; und Slingsby, der viel zu gutmüthig ist, als daß er nicht an ihrer Noth den wärmsten Antheil nehmen sollte, hat ihr gerathen, alle Gedanken an den jungen Hans aufzugeben, und ihr seinen gelehrten Amtsgehülfen, den verlorenen Sohn, zum Stellvertreter vorgeschlagen. Er hat sogar in der Fülle seines Herzens sich erboten, ihnen das Schulhaus einzuräumen, obgleich er so abermals in der weiten Welt heimathlos werden würde. Der Geschichtschreiber. Hermione .                              Kommt, setzt euch zu uns, Erzählt etwas. Mamilius .                             Was Lust'ges oder Ernstes? Hermione . So lustig als ihr wollt. Mamilius .                             Was Ernstes paßt zum Winter: Ich weiß was von Gespenstern. Hermione .                             So erzählt uns das, Herr. Wintermährchen . Da unser Zeitalter ein geschichterzählendes ist, so habe ich mich gelegentlich versucht gefühlt, dem Leser eine von den vielen Erzählungen vorzutragen, welche auf der Halle mit dem Abendessen aufgetischt werden. Ich hätte deren wahrlich eine Reihe geben können, welche der in Tausend und einer Nacht an Zahl beinahe gleich käme; allein einige davon waren ziemlich abgedroschen und langweilig; andere wagte ich nicht dem Drucke anzuvertrauen; und noch andere waren des Generals Geschichten, und bezogen sich vorzüglich auf Tigerjagden, Elephanten-Reiten und Seringapatam, gewürzt mit den wundervollen Thaten Tippu Saib's und den trefflichen Spässen des Majors Pendergast. Ich hatte immer meinen ruhigen Sitz an einer Ecke des Tisches behauptet, wo ich ungestört meiner Laune nachleben konnte, aufmerksam zuhörend, wenn die Erzählung gut war, und ein wenig nickend, wenn sie sich etwas zum Langweiligen hinneigte, was ich für die höchste Kunst der Zuhörerschaft halte. Ich ward neulich Abends aus einem leichten Schlummer, in den ich bei einer der Geschichten des Generals gefallen war, durch eine plötzliche Aufforderung des Squire erweckt, meinerseits etwas zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen. Da ich Andern so aufmerksam zugehört hatte, konnte ich mich nicht füglich weigern; weder mein Gedächtniß noch meine Erfindungskraft waren indessen geeignet, einem so unerwarteten Begehren zu genügen, und so bat ich denn um Erlaubniß, eine handschriftliche Erzählung aus der Feder meines Landsmannes, des verstorbenen Herrn Dietrich Knickerbocker's, des Geschichtschreibers von New-York, vorlesen zu dürfen. Da dieser alte Chronikenschreiber den Lesern vielleicht gerade nicht genauer bekannt sein mag, als er es der Gesellschaft auf der Halle war, so werden ein oder zwei Worte über ihn selbst, ehe ich an seine Handschrift komme, hier nicht an der unrechten Stelle sein. Dietrich Knickerbocker war aus New-York gebürtig und stammte aus einer der alten holländischen Familien, welche sich ursprünglich in dieser Provinz niederließen, und daselbst blieben, nachdem die Engländer im Jahre 1664 davon Besitz genommen hatten. Die Abkömmlinge dieser holländischen Familien wohnen noch jetzt in verschiedenen Dörfern und Gegenden in mehreren Theilen des Landes, mit einem besondern Eigensinne die Kleidungen, Sitten und selbst die Sprache ihrer Vorfahren beibehaltend, und in der gemischten Bevölkerung dieses Staates eine sehr eigenthümliche, sonderbare Erscheinung bildend. In einem Dorfe, dessen Kirchthurmspitze man von New-York aus sehen kann, und das sich an dem Abhange eines Hügels, an dem entgegengesetzten Ufer des Hudson, erhebt, sprechen mehrere von den alten Leuten, selbst heutiges Tages noch, das Englische mit einem fremdartigen Accent; der Pfarrer predigt in holländischer Sprache; und die angeerbte Liebe zur Ruhe und zum Stillschweigen waltet noch so sehr vor, daß in diesen schläfrigen kleinen Dörfern an einem warmen Sommertage das Summen einer großen Fliege von einem Ende des Ortes bis zum andern wiedertönt. Mit dem lobenswerthen angebornen Gefühl, das sich unter diesen würdigen Leuten erhält, unternahm es Herr Knickerbocker, eine Geschichte seiner Geburtsstadt zu schreiben, welche die Regierung ihrer drei holländischen Statthalter zu der Zeit umfaßte, wo sie noch unter der Herrschaft der Hochmögenden von Holland stand. Bei der Ausführung dieses Planes legte der kleine Holländer große historische Untersuchungsgabe, so wie ein außerordentliches Bewußtsein der Bedeutsamkeit seines Gegenstandes an den Tag. Sein Buch ist indeß so wenig verstanden worden, daß man es für ein bloßes Werk der Laune erklärt hat, die Thorheiten der Zeit, sowohl politischer als moralischer Art, durchhechelnd, und launige Ansichten der menschlichen Natur gebend. Sei dem, wie ihm wolle, – in seinen nachgelassenen Papieren fanden sich mehrerer Erzählungen leichterer Art, dem Anschein nach aus Materialien zusammengestellt, welche er während seiner tiefen Untersuchungen Behufs seiner Geschichten gesammelt, und, als der öffentlichen Bekanntmachung nicht werth, bei Seite gelegt hatte. Mehrere dieser Erzählungen fielen, durch einen Zufall, der hier nicht weiter erwähnt zu werden braucht, in meine Hände, und eine derselben war es, die ich mit ihrer Einleitung nach Herrn Knickerbocker's eigenen Worten vorlas, um auf diese Art meine Schuld abzutragen. Ich füge sie hier für diejenigen meiner Leser bei, welche Geschichten lieben. Ich finde, daß die Erzählung Rip van Winkle, in dem Skizzenbuche gegeben, von verschiedenen Schriftstellern, in periodischen Schriften, als auf eine kleine deutsche Sage gegründet angegeben worden ist, und man hat dieß der Welt bekannt gemacht, als ob es ein arges Beispiel von gelehrtem Diebstahl sei, den man jetzt wunderbarlich aus Licht gebracht habe. In einer Anmerkung, welche auf die Erzählung folgt, hatte ich mich auf das Mährchen bezogen, auf welches sie gegründet ist, und glaubte, daß die bloße Anspielung hinlänglich sei, da die Sage so wohlbekannt ist, daß man sie beinahe in jeder Sammlung deutscher Legenden findet. Ich selbst habe sie in dreien derselben gesehen. So konnte ich denn wohl nicht füglich erwarten, daß, in dem gegenwärtigen Zeitalter, wo man alle Quellen der Geister- und Gespenstergeschichten in Anspruch nimmt, der Ursprung des Mährchens unentdeckt bleiben würde. In der That sehe ich Volkssagen der Art als eine sehr gute Grundlage für Romanschriftsteller an, um darauf fortzubauen, und hatte die obenerwähnte zu dem Zwecke benutzt. Ich bin jedoch nicht im Geringsten gesonnen, die Sache zum Gegenstande eines Streites zu machen, und fühle zu sehr, daß mich das Publikum für meine alltäglichen Erzeugnisse überschwenglich belohnt, als daß ich mir nicht gern jeden Abzug an Lob, den es mir bei späterm Nachdenken zu machen für gut findet, gefallen lassen sollte. Das Spuk-Haus. Aus den Handschriften des verstorbenen Dietrich Knickerbocker. Früher gab es beinahe in jedem Orte ein Haus der Art. Stand ein Haus an irgend einem düsteren Orte, oder war es auf irgend eine alte romantische Weise gebaut, oder hatte sich eine besondere Begebenheit, ein Mord, ein plötzlicher Todesfall, oder dergleichen, darin zugetragen, so kam ein solches Haus sogleich in besondern Ruf, und man hielt es für die Wohnung eines Gespenstes. Bourne's Volksalterthümer. In der Nachbarschaft der alten Stadt der Manhattos stand, vor nicht gar vielen Jahren, ein altes Gebäude, das, als ich ein Knabe war, nur das Spuk-Haus genannt wurde. Es war eines der wenigen Ueberbleibsel der Baukunst der alten holländischen Colonisten, und muß zur Zeit, als es gebaut wurde, ein Haus von einiger Bedeutung gewesen sein. Es bestand aus einem Mittelgebäude und zwei Flügeln, deren Giebel wie Treppen aussahen. Es war theils von Holz, theils von holländischen Backsteinen gebaut, wie sie die Colonisten mit aus Holland gebracht, ehe sie entdeckt hatten, daß auch anderwärts Backsteine gemacht werden könnten, Das Haus stand in einiger Entfernung von der Landstraße, in der Mitte eines großen Feldes, und eine große Allee von Heuschreckenbäumen , unter denen mehrere vom Blitze zerspalten und zwei oder drei vom Winde umgestürzt worden waren, führte dahin. Einige wenige Aepfelbäume wuchsen zerstreut auf dem Felde; auch sah man noch Spuren eines ehemaligen Küchengartens, aber die Umzäunung war niedergerissen, die Küchengewächse verschwunden oder in Unkraut ausgeartet, und nur hie und da stand ein verwilderter Rosenbusch, oder eine hohe Sonnenblume, die zwischen Brombeersträuchern emporgeschossen war, und kummervoll das Haupt senkte, gleichsam die umwohnende Zerstörung beschauend. Ein Theil des Daches des alten Hauses war eingefallen, die Fenster waren zertrümmert, die Thürfelder zerbrochen, und mit unbehobelten Brettern ausgebessert, und zwei rostige Wetterhähne standen an den Enden des Giebels, die beim Herumdrehen einen gewaltigen Lärm machten, aber immer falsch zeigten. Das Aussehen des Hauses war bei dem besten Wetter öde und verlassen; bei stürmischem aber hatte das Heulen des Windes, der durch das alte verfallene Haus pfiff, und das Knarren und Klappern einiger etwas lose hängenden Fensterladen eine so schauerliche Wirkung, daß es der ganzen Nachbarschaft vor dem Hause graute und sie es geradezu für den Versammlungsort von Kobolden erklärte. Ich entsinne mich des alten Gebäudes sehr wohl; denn ich erinnere mich, wie oft ich, als müßiger, unbändiger Junge, mich mit einigen meiner gottlosen Spielgefährten, des Nachmittags an Festtagen, wenn wir auf einen Freibeuterzug in die Obstgärten ausgingen, bei demselben umhergetrieben habe. Nahe bei dem Hause stand ein Baum, der die allerschönsten, anlockendsten Früchte trug; aber es war behexter Boden; denn man erzählte sich so viele furchtbare Geschichten von dem Orte, daß wir es gar nicht wagten, uns ihm zu nähern. Zuweilen wagten wir uns in einen Haufen hinein und näherten uns dem Hesperiden-Baume, wobei wir immer ein Auge auf das alte Gebäude richteten und scheue Blicke auf seine zertrümmerten Fenster warfen: in dem Augenblicke aber, wo wir uns unserer Beute bemächtigen wollten, konnte ein Ausruf von einem aus der Schaar, oder ein zufälliges Geräusch, uns Alle in den tödtlichsten Schrecken versetzen, und wir jagten über Hals und Kopf davon, und standen erst auf der Landstraße still. Da wurden dann gewiß eine Menge schrecklicher Geschichten von sonderbaren Tönen und Seufzern, oder von irgend einem scheußlichen Gesicht, das sich plötzlich an einem der Fenster sehen gelassen, erzählt. Nach und nach wagten wir uns gar nicht mehr in die einsame Gegend, sondern blieben in der Entfernung stehen und warfen Steine nach dem Gebäude, und es lag etwas schreckhaft Angenehmes in dem Tone, wie sie auf dem Dache hinklapperten, oder zuweilen einige Bruchstücke Glas aus den Fenstern schlugen, daß sie klingend herabfielen. Der Ursprung dieses Hauses verlor sich in die Dunkelheit, welche die frühere Zeit der Provinz bedeckt, als sie unter der Herrschaft Ihrer Hochmögenden, der Generalstaaten, stand. Einige behaupteten, es sei ein Landhaus des Wilhelm Kieft, gewöhnlich der Mürrische genannt, eines der holländischen Statthalter von Neu-Amsterdam gewesen; andere sagten, es sei von einem Seeoffizier erbaut worden, der unter van Tromp gedient und, da man ihn zurückgesetzt, aus Verdruß den Dienst aufgegeben habe, ein Philosoph geworden sei, und seinen ganzen Reichthum hierhergebracht habe, um nach seiner Laune leben zu können, und die Welt zu verachten. Die Veranlassung zu dem gänzlichen Verfalle des Hauses war ebenfalls ein Gegenstand des Streites; einige behaupten, ein Prozeß darüber schwebe vor Gericht, und es habe bereits mehr Prozeßkosten verursacht, als es werth sei; die am allgemeinsten angenommene und folglich wahrscheinlichste Ursache war aber die, daß es darin umgehe, und daß Niemand ruhig darin leben könne. In der That konnten auch nur wenig Zweifel darüber obwalten, daß dieß der Fall sei: es wurden so manche Geschichten erzählt, welche dieß bestätigten, – es war keine alte Frau in der Gegend, welche nicht wenigstens ein Dutzend der Art liefern konnte. Ein alter grauköpfiger Kerl von Neger, der dicht dabei wohnte, hatte einen ganzen Sack voll davon zu erzählen, von denen manche ihm selbst begegnet waren. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich manches Mal mit meinen Schulkameraden mich bei ihm aufgehalten, und mir einige derselben habe erzählen lassen. Der alte Mensch wohnte in einer Hütte, mitten auf einem kleinen, mit Kartoffeln und Mais bestellten Fleck Landes, den sein Herr, bei seiner Freilassung, ihm geschenkt hatte. Er kam wohl zu uns heraus, mit seiner Hacke in der Hand, und erzählte uns, während wir, wie eine Reihe Schwalben, in dem milden Zwielicht eines Sommerabends auf den Zaunpfählen saßen, so grausende Geschichten, die er mit einem so furchtbaren Rollen seiner weißen Augen begleitete, daß wir uns, wenn wir nachher im Dunkel nach Hause zurückkehrten, beinahe vor unsern eigenen Fußtritten fürchteten. Armer alter Pompejus! manche Jahre sind verflossen, seitdem er gestorben ist, und den Geistern Gesellschaft leistet, von denen er so gern erzählte. Er ward in einer Ecke seines eigenen kleinen Kartoffelfeldes begraben: der Pflug ging bald über sein Grab, machte es dem übrigen Felde gleich, und Niemand dachte mehr an den grauköpfigen Neger. Durch einen eigenen Zufall ging ich einmal mehrere Jahre nachher, als ich schon zu einem jungen Mann herangewachsen war, in der Gegend spazieren, und fand einen Haufen Leute mit einander über einen Schädel schwatzen, der so eben durch eine Pflugschaar zum Vorschein gekommen war. Natürlich hatten sich Alle dahin entschieden, daß er das Gebein Jemandes sei, der ermordet worden, wobei zugleich einige Erzählungen vom Spuk-Haus auf das Tapet gebracht wurden. Ich errieth sogleich, daß es der Schädel des armen Pompejus sei, schwieg aber, denn ich hüte mich viel zu sehr, die Genüsse anderer Leute zu stören, als daß ich je eine Geschichte von einem Geiste oder einem Morde verderben sollte. Ich trug jedoch Sorge, die Gebeine meines alten Freundes an einem Orte begraben zu lassen, wo sie nicht so leicht wieder beunruhigt werden konnten. Wie ich auf dem Rasen saß und dem Begräbniß zusah, gerieth ich in eine kurze Unterhaltung mit einem alten Herr aus der Nachbarschaft, Johann Josse Vandermoer genannt, einem freundlichen, geschwätzigen Manne, dessen ganzes Leben nur mit dem Hören und Wiedererzählen der Neuigkeiten in der Provinz hinging. Er erinnerte sich des alten Pompejus und seiner Geschichten vom Spuk-Hause noch sehr wohl; aber er versicherte mich, daß er eine wisse, die viel abenteuerlicher sei, als alle, die Pompejus je erzählt habe; und als ich große Neugierde bezeigte, sie zu hören, setzte er sich auf den Rasen neben mir nieder, und erzählte folgende Geschichte. Ich habe mich bemüht, sie, so viel als möglich, mit seinen eigenen Worten wiederzugeben; allein es ist jetzt viele Jahre her, und ich bin alt geworden, und mein Gedächtniß ist nicht das beste. Ich kann deßwegen für die Sprache nicht einstehen; aber was Thatsachen betrifft, darin bin ich sehr genau. D. K. Dolph Heyliger. Die Stadt, worin ich wohne, ruf' ich auf, Ganz Kilborn sei mein Zeuge, war ich nicht In Schüchternheit geboren und genährt in Scheu. Bringt einen Hund mir, der es sagen kann, Daß ich ihn schlug, wenn er mich nicht gereizt; Bringt eine Katze mir, die's auf ein Buch beschwört, Daß ich den Schwanz ihr auch nur angezündet – Und gleich will ich 'ne Krone geben, ist es wahr. Mährchen von der Tonne. In der frühesten Zeit der Provinz New-York, während sie unter der Tyrannei des englischen Statthalters Lord Cornbury's schmachtete, der seine Grausamkeiten gegen die holländischen Bewohner so weit trieb, daß er keinem Dominie, oder Schulmeister, gestattete, ohne seine besondere Erlaubniß, in seiner vaterländischen Sprache zu lehren – zu dieser Zeit wohnte in der artigen, kleinen alten Stadt der Manhattos eine freundliche, mütterliche Frau, unter dem Namen der Frau Heyliger bekannt. Sie war die Wittwe eines holländischen Schiffscapitäns, der plötzlich an einem Fieber gestorben war, weil er, zu einer Zeit, wo alle Einwohner, voll Schrecken, den Ort gegen den plötzlichen Ueberfall eines französischen Kapers zu befestigen eilten, 1705. zu übermäßig gearbeitet und zu stark gegessen hatte. Er hinterließ ihr sehr wenig Geld, und einen unerwachsenen Sohn, das einzige überlebende von mehreren Kindern. Die gute Frau mußte sehr haushalten, um auszukommen und anständig zu leben. Da aber ihr Gatte als ein Opfer seines Eifers für die öffentliche Sicherheit gefallen war, gab man sich allgemein der Meinung hin, »daß Etwas für die Wittwe gethan werden müsse;« und in der Hoffnung auf dieses »Etwas« lebte sie einige Jahre lang ganz erträglich; unterdessen bemitleidete sie Jedermann und sprach Gutes von ihr, und das half weiter. Sie wohnte in einem kleinen Hause, in einer kleinen Straße, die Gartenstraße genannt, wahrscheinlich nach einem Garten, der zu einer oder der anderen Zeit da geblüht haben mochte. Da ihre Bedürfnisse mit jedem Jahre stiegen, und die Leute immer weniger von dem »Etwas für sie thun müssen« sprachen, mußte sie am Ende selbst Etwas für sich thun, um ihre geringen Mittel zu vermehren, und ihre Unabhängigkeit zu behaupten, auf die sie etwas hartnäckig war. Da sie in einer Handelsstadt lebte, hatte sie etwas von dem Geiste eines solchen Ortes erfaßt, und entschloß sich, Etwas in der großen Lotterie des Handels zu wagen. Plötzlich erschien daher, zum größten Erstaunen der ganzen Straße, an ihrem Fenster eine lange Reihe von Pfefferkuchen-Königen und Königinnen, die Arme in die Seite gestemmt, nach der unveränderlichen königlichen Weise. Eben so waren da mehrere zerbrochene Biergläser, einige mit Zuckermandeln, andere mit Marmeln gefüllt; da waren ferner Kuchen von allerlei Art, Gerstenzucker, holländische Puppen, hölzerne Pferde, hie und da auch vergoldete Bilderbücher, und auch wohl ein Bündel Zwirn oder ein Pfund Lichter. An der Hausthür saß die Katze der guten alten Dame, eine anständige, ehrbar aussehende Person, welche die Vorübergehenden zu mustern, Bemerkungen über ihre Kleidung zu machen, dann und wann ihren Hals auszurecken und mit plötzlich erwachter Neugier auszuschauen schien, was am andern Ende der Straße vorgehe: aber, wenn zufällig ein müßiger, herumtreibender Hund vorbeikam, und unartig sein wollte, – Heisa! – wie sich ihr Haar sträubte, wie sie brummte und spuckte, und die Krallen zeigte! sie ward dann so böse, als nur eine betagte, häßliche Jungfer beim Herannahen irgend eines gottlosen Wüstlings es werden kann. Obgleich aber die gute Frau Heyliger zu diesen niedrigen Mitteln des Fortkommens ihre Zuflucht hatte nehmen müssen, behielt sie dennoch ein Gefühl von Familienstolz, da sie von den Vanderspiegel's aus Amsterdam abstammte; und hatte ihr Familienwappen, gemalt und in einen Rahmen gefaßt, über ihrem Kamine hängen. In der That wurde sie aber auch von allen ärmeren Leuten im Orte sehr geachtet; ihr Haus war der Versammlungsort aller alten Weiber in der Nachbarschaft; sie pflegten im Winter des Nachmittags, wenn sie an dem einen Ende des Kamins saß und strickte, die Katze am andern schnurrte und der Theekessel vor demselben zischte, einzusprechen und schwatzten mit ihr bis spät in den Abend. Da war immer ein Lehnstuhl bereit für Peter de Groodt, zuweilen der lange Peter, und zuweilen Peter Langbein genannt, den Kirchenschreiber und Küster der kleinen lutherischen Kirche, der ihr großer Freund und in der That das Orakel ihres Kamins war. Nein, der Dominie selbst hielt es nicht unter seiner Würde, dann und wann einzutreten, sich mit ihr über den Zustand ihrer Seele zu unterhalten, und ein Glas ihres besonders guten Kirschbranntweins zu trinken. Wahrlich, er verfehlte nie, am Neujahrstage sich einzufinden, und ihr ein glückliches neues Jahr zu wünschen; und die gute Dame, welche in gewissen Punkten etwas eitel war, that sich immer sehr viel darauf zu gut, ihm einen so großen Kuchen gegeben zu haben, wie nur irgend Jemand in der Stadt. Ich habe gesagt, daß sie einen Sohn hatte. Er war ihr einziges Kind; konnte aber kaum der Trost ihres Alters genannt werden, denn unter allen Jungen war Dolph Heyliger der gottloseste. Nicht als ob der Springinsfeld wirklich boshaft gewesen wäre; er war nur voll von Späßen und Schnurren, und hatte das kecke neckende Wesen, das man bei den Kindern reicher Leute sehr angenehm, bei armen Kindern aber höchst unziemlich findet. Er zog sich beständig Händel zu; seine Mutter ward unaufhörlich über irgend einen losen Streich, den er hatte ausgehen lassen, mit Klagen bestürmt; Rechnungen über zerbrochene Fenster nahmen kein Ende, kurz, er hatte noch nicht sein vierzehntes Jahr erreicht, als schon die ganze Nachbarschaft sagte, er sei »ein verwünschter Junge, der tollste Junge in der ganzen Straße!« Ja, ein alter Herr, in einem violetten Rocke und mit einem schmalen rothen Gesicht und Wieselaugen, ging so weit, daß er Frau Heyliger versicherte, ihr Sohn würde über kurz oder lang an den Galgen kommen. Alles dessen ungeachtet liebte die arme alte Seele dennoch ihren Knaben. Es schien, als ob sie ihn um so lieber habe, je tollere Streiche er ausführte; und daß er, je mehr er die Gunst der Uebrigen verlöre, desto größere Fortschritte in der ihrigen mache. Mütter sind thörichte, weichherzige Wesen; man kann sie durch keine Gründe von ihrer Verzärtelung abbringen; und, in der That, das Kind der armen Frau war das Einzige, was ihrem Herzen in dieser Welt übrig geblieben war: – wir müssen uns daher nicht wundern, wenn sie ihren guten Freunden, die ihr zu beweisen suchten, Dolph würde einst sein Leben durch einen Strick einbüßen, taube Ohren zuwendete. Aber um nicht ungerecht zu sein, der kleine Schelm hing auch mit großer Liebe an seiner Mutter. Er würde ihr, um keinen Preis, muthwillig Kummer verursacht haben, und hatte er etwas Unrechtes begangen, so war es hinreichend, sein Herz mit Kummer und Reue zu erfüllen, wenn er bemerkte, daß seiner armen Mutter Auge gedanken- und kummervoll auf ihm ruhte. Allein er war ein leichtsinniger Bube, und konnte für sein Leben der Versuchung nicht widerstehen, Possen zu treiben und Unheil anzurichten. Obgleich er sehr leicht lernte, sobald er einmal dazu gebracht werden konnte, sich hinzusetzen, ließ er sich doch leicht von schlechter Gesellschaft verleiten, und ging hinter die Schule, um Vogelnester zu suchen, Obstgärten zu plündern oder auf dem Hudson zu schwimmen. So wuchs er zu einem großen, vierschrötigen Jungen auf und seine Mutter begann, sehr verlegen darüber zu werden, was sie mit ihm thun, oder wie sie es anfangen solle, daß er selbst etwas thäte; denn er hatte schon einen so ungünstigen Ruf, daß Niemand ihn zu irgend etwas gebrauchen zu wollen schien. Sie pflog manche Berathungen mit Peter de Groodt, dem Kirchenschreiber und Küster, der ihr erster Rath war. Peter war eben so verlegen, als sie selbst, denn er hatte keine große Meinung von dem Knaben, und glaubte, es würde kein gutes Ende mit ihm nehmen, Er gab ihr einst den Rath, sie solle ihn zur See gehen lassen; einen Rath, den man gewöhnlich nur in den verzweifeltesten Fällen gibt; allein Frau Heyliger wollte auf diesen Gedanken durchaus nicht eingehen und sagte, sie könne Dolph unmöglich so weit aus den Augen lassen. Eines Tages saß sie strickend an ihrem Kamin, in großer Bedrängniß, als der Küster plötzlich mit ungewöhnlich lebhafter, freudiger Miene eintrat. Er kam gerade von einem Leichenbegängnisse. Es war das eines Knaben von Dolph's Jahren, der bei einem berühmten deutschen Doctor in der Lehre gewesen, und an der Schwindsucht gestorben war. Man raunte sich allerdings zu, der Knabe sei deßwegen gestorben, weil der Doctor an ihm seine Versuche gemacht, wenn er neue Mischungen oder einen beruhigenden Trank erfunden hätte. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß dieß nur böser Leumund war; wenigstens hielt Peter de Groodt es nicht der Mühe werth, davon zu reden; obgleich, wenn wir Zeit zum Philosophiren hätten, es einen ganz eigenthümlichen Gegenstand der Betrachtung abgeben würde, zu untersuchen, warum die Familie eines Arztes immer so mager und leichenartig, die eines Schlächters dagegen so munter und frisch aussieht. Peter de Groodt trat, wie ich vorhin gesagt habe, mit ungewöhnlicher Heiterkeit in das Haus der Dame Heyliger. Er war voll von einem glücklichen Gedanken, der ihm bei dem Begräbnisse in den Kopf gekommen war, und über den er bei sich wohlgefällig gelächelt hatte, während er die Erde auf das Grab des Schülers des Doctors hinunterschaufelte. Es war ihm eingefallen, daß, da die Stelle des Verstorbenen bei dem Doctor offen war, dieß der rechte Platz für Dolph sei. Der Knabe hatte Talente und konnte im Mörser stoßen, und so gut wie nur ein Knabe in der Stadt Aufträge ausrichten; und was bedurfte es mehr für einen Studenten? Dieser Einfall des weisen Peters eröffnete der Mutter eine glänzende Aussicht. Schon sah sie im Geiste Dolph mit einem Rohrstocke an der Nase, einem Thürklopfer an seiner Thür, und den Buchstaben M. D. hinter seinem Namen – einem der Angesehensten in der Stadt. Die Sache, einmal begonnen, war bald in Richtigkeit gebracht: der Küster hatte einigen Einfluß auf den Doctor, da sie ihren beiderseitigen Beschäftigungen sehr oft in Berührung kamen: und schon am nächsten Morgen kam er, um den Knaben, mit seinen Sonntagskleidern angethan, zu Dr.  Karl Ludwig Knipperhausen zu führen, damit dieser denselben besichtige. Sie fanden den Doctor in einem Lehnstuhle, in einer Ecke seines Studirzimmers oder Laboratoriums, ein großes Buch mit deutscher Schrift vor sich. Er war ein kurzer, dicker Mann, mit einem schwarzen, viereckigen Gesichte, das durch eine Sammetmütze, die er trug, noch dunkler erschien. Er hatte eine kleine Stutznase, dem Pique-As nicht unähnlich, und eine Brille auf derselben, deren Gläser zu beiden Seiten seines schwärzlichen Gesichts wie ein Paar Erkerfenster hervorblitzten. Dolph fühlte sich von Ehrfurcht durchdrungen, als er vor den gelehrten Mann trat, und blickte, mit kindischem Erstaunen, die Dinge an, welche in diesem Gemach des Wissens, das ihm wie die Höhle eines Zauberers erschien, sich seinen Augen darboten. In der Mitte war ein Tisch mit Klauenfüßen, auf welchem Mörser, Phiolen und Büchsen standen und worauf eine vergoldete Wagschale lag. An dem einen Ende stand ein schwerfälliger Kleiderschrank, welcher zur Aufbewahrung von Arzeneien und Mischungen verwendet worden; an demselben hing des Doctors Hut und Mantel, sein Rohr mit goldenem Knopfe, und oben darauf grinzte ein Menschenschädel. Auf dem Kamingesimse waren gläserne Gefäße mit Schlangen und Eidechsen und ein menschlicher Fötus in Weingeist aufbewahrt. Ein Kabinet, dessen Thüren ausgenommen waren, enthielt drei Gestelle mit Büchern, unter welchen sich einige mächtige Folianten befanden: eine Sammlung, wie sie Dolph noch nie gesehen hatte. Da indeß die Bibliothek nicht das ganze Kabinet einnahm, so hatte des Doctors sparsame Haushälterin den übrigen Raum durch Töpfe mit eingemachten Früchten angefüllt, und im Zimmer hingen, mitten unter den furchtbaren Werkzeugen der Heilkunde, Schnüre mit rothen Pfefferschoten und gewaltigen Gurken, für die Nachzucht sorgfältig aufbewahrt. Peter de Groodt und sein Schützling wurden von dem Doctor, der ein sehr weiser, würdevoller kleiner Mann war und niemals lächelte, mit großer Gravität und Förmlichkeit empfangen. Er betrachtete Dolph von oben bis unten, sah über und unter seiner Brille hinweg, und des armen Jungen Herz pochte gewaltig, als die großen Gläser ihn wie zwei Vollmonde anstarrten. Der Doctor hörte Alles, was Peter de Groodt zu Gunsten des jugendlichen Bewerbers hervorbrachte, an; und dann seinen Daumen mit der Zungenspitze benetzend, fing er an, sehr bedächtlich Blatt vor Blatt in dem vor ihm liegenden Buche umzuwenden. Endlich, nach manchen Hm's und So's, und nachdem er sich mehrmals das Kinn gestrichen, und nach all der Zögerung und Bedächtlichkeit, womit ein weiser Mann sich endlich zu dem entschließt, was er gleich Anfangs zu thun beschlossen hat, willigte der Doctor ein, den Burschen als Lehrling anzunehmen; ihm Bett, Kost und Kleidung zu geben, und ihn in der Heilkunde zu unterrichten; wofür er seine Dienste bis zum einundzwanzigsten Jahre in Anspruch nahm. Sieh' denn, so war unser Held auf einmal aus einem nichtsnutzigen Jungen, der auf den Straßen herumlief, in einen Studenten der Arzeneikunde umgeschaffen, der unter der Leitung des gelehrten Doctors Karl Ludwig Knipperhausen fleißig seine Mörserkeule handhabte. Es war für seine zärtliche alte Mutter eine sehr glückliche Veränderung. Sie freute sich innig bei dem Gedanken, daß ihr Sohn seiner Vorfahren würdig erzogen werde; und sah schon im Geiste den Tag, wo er im Stande sein würde, es dem Advokaten, der in dem großen Hause gegenüber wohnte, oder vielleicht dem Dominie selbst, gleich zu thun. Doctor Knipperhausen war in der Pfalz geboren, von wo aus er mit mehreren seiner Landsleute sich der Religionsverfolgung wegen nach England geflüchtet hatte. Er gehörte zu den 3000 Pfälzern, welche im Jahre 1710 unter dem Schutze des Statthalters Hunter aus England kamen. Wo der Doctor studirt, wie er seine ärztlichen Kenntnisse erlangt, und wo er sein Diplom erhalten, ist jetzt schwer anzugeben, denn damals schon wußte es Niemand; doch ist es gewiß, daß von seinen tiefen Kenntnissen und seiner geheimen Wissenschaft die gemeinen Leute weit und breit sprachen und sie bewunderten. Seine Praxis war von der aller andern Aerzte durchaus verschieden; sie bestand in geheimnißvollen Mischungen, die ihm allein bekannt waren, und bei deren Zubereitung und Darreichung er, wie man sagte, jedesmal die Sterne befragte. So groß war die Meinung, welche man von seiner Geschicklichkeit hatte, besonders unter den deutschen und holländischen Einwohnern, daß sie immer in verzweifelten Fällen zu ihm ihre Zuflucht nahmen. Er war einer von den untrüglichen Aerzten, welche immer plötzliche, überraschende Kuren verrichten, wenn der Kranke von allen gewöhnlichen Aerzten aufgegeben worden ist; wenn nicht, wie sie wohlweislich bemerkten, zu lange gezögert wurde, ehe man ihnen denselben übergab. Die Bibliothek des Doctors war der allgemeine Unterhaltungs- und Bewunderungs-Gegenstand in der Nachbarschaft, ja, ich möchte sagen, in dem ganzen Flecken. Die guten Leute betrachteten nämlich mit Ehrfurcht einen Mann, der drei ganze Gestelle voll Bücher durchgelesen hatte, von denen einige so groß wie eine Hausbibel waren. Unter den Mitgliedern der kleinen lutherischen Gemeine war schon mancher Streit entstanden, wer der weisere Mann sei, der Doctor oder der Dominie. Einige von seinen Bewunderern gingen sogar so weit, zu behaupten, er wisse mehr, als der Statthalter selbst – kurz, man war allgemein der Meinung, sein Wissen sei ohne Ende. Kaum war Dolph Heyliger in des Doctors Familie aufgenommen, als die Wohnung seines Vorgängers ihm eingeräumt ward. Dieß war eine Dachstube in dem mit steilem Dache gedeckten holländischen Hause, wo der Regen auf den Schindeln herabrasselte, der Blitz durch die Ritzen glänzte und der Sturm hindurchpfiff, und wo ganze Schwärme hungriger Ratten, wie Don'sche Kosaken, Fallen und Rattengift zum Trotz, umher galoppirten. Er war bald bis an die Ohren in den medizinischen Studien, denn er drehte Morgens, Mittags und Abends Pillen, destillirte Tincturen, oder stieß an einem Ende des Laboratoriums in den Mörser; während der Doctor an dem andern, wenn er sonst nichts zu thun hatte oder Krankenbesuche erwartete, in seinem Schlafrocke saß, mit der Sammtmütze auf dem Kopfe, und über dem Inhalt irgend eines Folianten brütete. Es ist wahr, daß Dolph's regelmäßiges Mörser-Stampfen, oder vielleicht das einschläfernde Summen der Sommerfliegen, dann und wann den kleinen Mann in einen sanften Schlummer wiegten, allein seine Brille wachte dann immer, und war eifrig auf das Buch gerichtet. Es gab indessen noch eine zweite Person im Hause, welcher Dolph sich unterordnen mußte. Der Doctor stand nämlich, wenn gleich ein Junggeselle und ein Mann von großer Würde und Gewicht, wie viele andere weise Leute, unter dem Pantoffel. Er hing gänzlich von seiner Haushälterin ab, einer magern, unruhigen, zänkischen Frau, die eine kleine, runde, gesteppte deutsche Mütze und ein gewaltiges klingendes Bund Schlüssel trug, welches an ihrer ungemein langen Taille befestigt war. Frau Ilse (oder Frow Ilsy, wie man es ausspricht) hatte den Doctor auf seinen verschiedenen Wanderungen, von Deutschland nach England und von England nach dieser Provinz, begleitet, sein Hauswesen und ihn selbst regiert, zwar über ihn mit sehr sanftem Scepter herrschend, dafür aber die ganze übrige Welt desto strenger handhabend. Wie sie dieß Uebergewicht über ihn erlangt hatte, kann ich nicht sagen. Die Leute meinten zwar – aber was haben die Leute seit Anbeginn der Welt nicht gemeint? Wer weiß denn, wie Frauen immer zum Regiment gelangen? Ein Ehemann kann allerdings zuweilen Herr in seinem Hause sein; wer hat aber wohl je einen Junggesellen gekannt, der nicht von seiner Haushälterin regiert worden wäre? Frau Ilse's Gewalt beschränkte sich freilich nicht auf des Doctors Haushalt. Sie war eine von den ausspürenden Basen, welche aller andern Leute Angelegenheiten weit besser, als diese selbst, kennen, und deren allsehende Augen und allerzählende Zungen die Schrecken einer ganzen Nachbarschaft sind. Nichts, das nur irgend vom bösen Leumund in dieser kleinen Welt ruchbar wurde. blieb Frau Ilse unbekannt. Sie hatte ihren Haufen Gevatterinnen, die unablässig in ihr kleines Wohnzimmer kamen, um ihr irgend eine herrliche Neuigkeit zu bringen; ja, sie konnte oft ein ganzes Buch von geheimen Geschichten hererzählen, während sie die Hausthür in der Hand hielt und mit einer dieser geschwätzigen Alten, der bittersten Decemberkälte zum Trotz, schwatzte. Daß der arme Dolph zwischen dem Doctor und seiner Haushälterin ein gar beschwerliches Leben hinbrachte, läßt sich leicht denken. Da Frau Ilse die Schlüssel führte und wörtlich Alles in Allem war, hätte ihr zu mißfallen sich der Gefahr aussetzen heißen, Hungers zu sterben, obgleich er es ungleich schwerer fand, ihren Charakter, als die Arzeneikunde selbst, zu studiren. Wenn er nicht im Laboratorium zu thun hatte, so mußte er bald da bald dorthin gehen, ihre Aufträge auszurichten, und am Sonntage sie nach und aus der Kirche begleiten und ihre Bibel tragen. Oft stand dann der arme Junge, vor Kälte zitternd und sich auf die Finger hauchend, oder seine erfrorne Nase haltend, auf dem Kirchhofe, während Frau Ilse und ihre Gevatterinnen, in einen Haufen zusammengedrängt, dastanden und irgend einen guten Namen in Stücke rissen. Bei all den großen Vortheilen machte Dolph nur sehr langsame Fortschritte in seiner Kunst. Die Schuld davon lag indessen nicht an dem Doctor, denn dieser gab sich unablässige Mühe mit ihm, hielt ihn fleißig beim Mörser beschäftigt, oder auf dem Weg in die Stadt mit Medizingläsern oder Pillenschachteln; und wenn er je in seinem Diensteifer nachließ, wozu er wohl geneigt war, kam der Doctor in einen gewaltigen Zorn, und fragte ihn dann, ob er je sein Handwerk erlernen zu können glaube, wenn er nicht fleißiger studire. Die Wahrheit ist, daß Dolph noch immer die Liebe zu lustigen Streichen und Ränken hegte, die ihm in seiner Kindheit eigen gewesen war; ja, die Neigung dazu hatte mit den Jahren noch zugenommen, und dadurch doppelte Kraft erlangt, daß sie unterdrückt und ihr Gewalt angethan worden war. Er wurde täglich unlenksamer, und verlor die Gunst in den Augen des Doctors und der Haushälterin zumal. Mittlerweile trieb der Doctor sein Wesen fort und ward immer reicher und berühmter. Er war berüchtigt wegen seiner Behandlung solcher Krankheitsfälle, von denen in Büchern gar nicht die Rede war. Er hatte mehrere alte Frauen und junge Mädchen von Bezauberung geheilt – einem gewaltigen Uebel, welches damals in der Provinz so herrschend war, als jetzt die Wasserscheu. Er hatte sogar ein derbes Bauernmädchen ganz wieder hergestellt, welches schon krumme Stecknadeln und Nähnadeln von sich gegeben hatte, was man für eine sehr verzweifelte Stufe der Krankheit hält. So raunte man sich auch zu, daß er im Besitz der Kunst sei, Liebespulver zu bereiten, und liebesieche Kranke beider Geschlechter wandten sich deßwegen oft an ihn. Alle diese Fälle bildeten indessen den geheimen Theil seiner Praxis, wobei man sich, nach der hergebrachten Phrase, »unbedingt auf Ehre und Verschwiegenheit verlassen konnte.« Dolph mußte sich deßwegen aus dem Studirzimmer entfernen, sobald Rathfragende der Art kamen, obgleich man behaupten will, er habe von den Geheimnissen der Kunst mehr am Schlüsselloche erlernt, als durch sein ganzes übriges Studium zusammengenommen. Als des Doctors Reichthum sich mehrte, begann er auch daran zu denken, seine Besitzungen zu erweitern, und, wie andere große Leute, sich ein Landhaus, als seinen künftigen Wohnsitz auszuersehen. Zu dem Ende hatte er eine Meierei, oder wie die holländischen Ansiedler es nannten, eine bowerie, ein paar Meilen von der Stadt gekauft. Es war der Aufenthaltsort einer reichen Familie gewesen, welche vor einiger Zeit nach Holland zurückgekehrt war. Mitten in der Besitzung stand ein großes Wohnhaus, das aber sehr verfallen war, und das, gewissen Gerüchten zufolge, den Namen des Spukhauses erhalten hatte. Entweder dieser Gerüchte oder des schlechten Zustandes der Besitzung wegen hatte der Doctor keinen Pächter bekommen können; und damit das Haus nicht ganz zerfallen möchte, hatte er, ehe er es selbst bewohnte, einen Landmann mit seiner Familie in einen Flügel desselben einziehen lassen, mit der Vergünstigung, das Land gegen einen gewissen Antheil an dem Ertrage bebauen zu dürfen. Der Doctor fühlte nun die ganze Würde eines Landgutbesitzers in sich erwachen. Er hatte ein wenig von dem Stolze deutscher Grundherren und betrachtete sich beinahe wie den Besitzer eines Fürstenthums. Er fing an, über das Lästige der Geschäfte zu klagen, und ritt gern hinaus, »nach seinem Gute zu sehen.« Seine kleinen Ausflüge nach seinen Besitzungen wurden mit einem Geräusch und einem Prunk angestellt, welche in der ganzen Nachbarschaft großes Aufsehen machten. Sein glasäugiges Pferd stand eine volle Stunde, stampfend und die Fliegen abwehrend, vor dem Hause. Dann wurde des Doctors Mantelsack gebracht und aufgeschnürt; nach einer kleinen Weile kam Jemand mit dem Mantel, rollte ihn zusammen und band ihn an dem Sattel fest; dann ward der Regenschirm auf den Mantel geschnallt; während mittlerweile ein Haufe zerlumpter Jungen, diese scharfbeobachtende Klasse von Geschöpfen, sich vor der Thür versammelte. Endlich erschien auch der Doctor, mit einem Paar Reiterstiefeln angethan, welche bis über die Kniee reichten und mit einem dreieckigen, vorn heruntergeklappten Hute. Da er ein kleiner dicker Mann war, brauchte er einige Zeit, um in den Sattel zu kommen; und wenn er darin war, dauerte es wieder einige Zeit, bis der Sattel und die Steigbügel in die gehörige Ordnung gebracht waren, während dessen er sich an dem Erstaunen und der Bewunderung der jugendlichen Versammlung weidete. Selbst, wenn er schon weggeritten war, hielt er mitten in der Straße wieder an, oder trabte zwei bis drei Male zurück, um noch einige nachträgliche Befehle zu geben, auf welche entweder die Haushälterin an der Thüre, Dolph aus der Studirstube, die schwarze Köchin aus dem Keller, oder das Hausmädchen aus dem Dachstubenfenster, antwortete, und gewöhnlich wurden ihm noch einige Worte nachgeschrieen, wenn er eben um die Ecke bog. Die ganze Nachbarschaft kam durch diesen Pomp und alle diese Umstände in Bewegung. Der Schuhflicker lief von seinem Leisten; der Barbier steckte seinen frisirten Kopf, mit dem Kamme hinter dem Ohre, zum Fenster hinaus; eine Menge Leute sammelten sich an der Thür des Materialisten , und von einem Ende der Straße bis zum andern hörte man sich zuraunen »der Doctor reitet auf sein Landgut hinaus!« Dieß waren goldene Augenblicke für Dolph. Kaum war der Doctor aus dem Gesichte, als Mörser und Mörserkeule verlassen wurden: das Laboratorium mochte sehen, wie es fertig wurde, und der Student war über alle Berge, um irgend einen lustigen Streich auszuführen. In der That muß man gestehen, daß der Knabe, als er älter wurde, die Weissagung des alten violetten Herrn keineswegs Lügen strafen zu wollen schien. Er war der Rädelsführer bei allen Sonntags-Lustbarkeiten und bei jedem mitternächtlichen Lärm; bereit zu allen möglichen heillosen Streichen und tollen Abenteuern jeder Art. Nichts ist so belästigend, als ein Held im kleinen Maßstabe, oder vielmehr, ein Held in einer kleinen Stadt. Dolph ward bald der Schrecken aller schläfrigen, häuslichen, alten Bürger, welche den Lärm haßten und keinen Geschmack an Tollheiten fanden. Auch die ehrbaren Frauen hielten ihn für nichts Besseres, als für einen Ruchlosen, nahmen, sobald er sich nur sehen ließ, ihre Töchter unter ihre Flügel, und stellten ihn ihren Söhnen als ein warnendes Beispiel dar. Niemand schien etwas von ihm zu halten, ausgenommen die Wildfänge im Orte, welche durch sein gerades, unternehmendes Wesen angezogen wurden, und die Neger, welche jeden müßigen, nichtsnutzigen jungen Menschen für eine Art von Gentleman halten. Selbst der gute Peter de Groodt, welcher sich immer als eine Art Beschützer des Knaben angesehen hatte, begann, an ihm zu verzweifeln, und schüttelte bedenklich den Kopf, wenn er einer langen Klage der Haushälterin zuhörte und ein Glas ihres Himbeerliqueurs hinunterschlürfte. Dennoch ließ sich die Mutter durch alle Unbändigkeit des Knaben weder von ihrer Vorliebe für ihn abbringen, noch sich durch die Erzählungen von dem durch ihn angerichteten Unheile, womit ihre guten Freunde sie fortdauernd erfreuten, entmuthigen. Sie genoß allerdings wenig von dem Vergnügen, das reichen Leuten zu Theil wird, ihre Kinder beständig loben zu hören; allein sie betrachtete alle diese Klagen als eine Art Verfolgung, welche sie zu erdulden habe, und hatte den Knaben deßwegen nur um so lieber. Sie sah ihn zu einem stattlichen, großen, wohlaussehenden Jüngling heranwachsen, und betrachtete ihn mit dem heimlichen Stolze eines Mutterherzens. Es war ihr sehnlicher Wunsch, daß Dolph wie ein Gentleman einhergehen möchte, und alles Geld, das sie ersparen konnte, ging in seine Börse und auf seine Kleider. Oft sah sie ihm aus dem Fenster nach, wenn er so in seinem besten Anzuge aus dem Hause trat und ihr Herz klopfte dann vor Vergnügen; und einst, als Peter de Groodt, dem des Jünglings stattliches Ansehn eines Sonntagsmorgens auffiel, sagte: »Nun, Dolph wird doch wirklich ein netter Bursche!« da trat die Thräne des Stolzes in ihr mütterliches Auge, und sie rief aus: »ja, Nachbar! Nachbar! sie mögen sagen, was sie wollen, der arme Dolph wird es noch mit den Besten unter ihnen aufnehmen!« Dolph Heyliger hatte jetzt beinahe sein einundzwanzigstes Jahr erreicht, und das Ende seiner ärztlichen Studien nahte heran; man muß aber gestehen, daß er wenig mehr von der Kunst wußte, als damals, wo er zuerst des Doctors Thüre betreten hatte. Dieß rührte aber nicht etwa von einem Mangel im Begreifen her, denn er verrieth eine wunderbare Fertigkeit, sich in anderen Fächern des Wissens, die er doch nur in Zwischenräumen studirt haben konnte, zu vervollkommnen. So war er zum Beispiel ein trefflicher Schütz, und gewann alle Gänse und Truthühner an den Weihnachtsfeiertagen. Er war ein kecker Reiter; berühmt im Springen und Ringen; er spielte ziemlich gut die Geige; konnte schwimmen wie ein Fisch; und war der Beste beim Fünfball oder beim Kegelschieben. Alle diese Talente gewannen ihm jedoch des Doctors Gunst nicht, der immer mürrischer und unduldsamer ward, je näher das Ende der Lehrzeit herankam. Auch Frau Ilse fand beständig Veranlassung, einen Sturm zu erregen, der seine Ohren umbrauste; und sie begegnete ihm selten im Hause, ohne ihre Zunge in Bewegung zu setzen; so daß am Ende das Klingeln ihrer Schlüssel, wenn sie sich näherte, für Dolph ein Zeichen eben der Art war, wie es der Klang der Glocke des Souffleurs ist, wenn es auf dem Theater ein Donnerwetter geben soll. Nur die unerschöpfliche gute Laune des leichtsinnigen Jünglings machte es möglich, daß er alle diese häusliche Tyrannei ohne offene Empörung ertrug. Es war augenscheinlich, daß der Doctor und seine Haushälterin sich anschickten, den armen Burschen aus dem Neste zu jagen, sobald nur seine Zeit vorüber sein würde; eine kurze Art, deren sich der Doctor bediente, um sich unnützer Schüler zu entledigen. In der That, der kleine Mann war seit kurzem mehr als je dadurch verstimmt worden, daß sein Landgut ihm allerhand Sorgen und Mühen verursacht hatte. Der Doctor wurde oft durch die Gerüchte und Erzählungen belästigt, welche von dem alten Hause im Umlaufe waren, und fand es schwer, den Landmann und seine Familie nur dahin bringen zu können, dort noch länger, selbst frei von Miethe, zu wohnen. Jedesmal, wo er auf die Meierei hinauskam, sah er sich durch irgend eine neue Klage über sonderbares Geräusch und furchtbare Erscheinungen belästigt, von denen die Bewohner des Nachts beunruhigt worden waren, so daß er ärgerlich und tobend nach Hause kam und seine üble Laune an dem ganzen Haushalt ausließ. Dieß war in der That ein arger Kummer, der sowohl seinem Stolze als seiner Börse sehr fühlbar zu werden drohte. Er war in Gefahr, allen Nutzen von seinem Eigenthume einzubüßen, und dann, welche Demüthigung für einen Landgutbesitzer, der Inhaber eines Hauses zu sein, in welchem es spukte! Man wollte jedoch die Bemerkung gemacht haben, daß der Doctor, bei all seinem Aerger über die erhobenen Klagen, sich nie dazu entschloß, selbst in dem Hause zu schlafen. Ja, man konnte es nie über ihn vermögen, nach dem Eintritt der Dunkelheit auf dem Gehöfte zu bleiben, sondern er machte, sobald die Fledermäuse in der Dämmerung zu schwirren begannen, sich schnell nach der Stadt auf. Die Wahrheit war, daß der Doctor selbst einen heimlichen Glauben an Geister hegte, da er den früheren Theil seines Lebens in einem Lande zugebracht hatte, wo dieser besonders rege ist, und man trug sich mit der Sage, er hätte als Knabe einst den Teufel selbst auf dem Harzgebirge in Deutschland gesehen. Endlich kam das Ungewitter, das so lange über des Doctors Haupt hing, zum Ausbruch. Eines Morgens, als er in seinem Studirzimmer über einem Buche nickte, ward er auf einmal durch das Hereintoben der Haushälterin aus seinem Schlummer aufgestört. »Das ist eine schöne Geschichte!« rief sie aus, indem sie in das Zimmer trat. »Da kommt Klaus Hopper, mit Kind und Kegel von der Meierei, und schwört hoch und theuer, daß er nichts mehr damit zu thun haben wolle. Die ganze Familie ist vor Schrecken außer sich; denn in dem alten Hause tobt und geht es dermaßen um, daß sie nicht ruhig in ihren Betten schlafen können!« »Donner und Blitz!« rief der Doctor ungeduldig; »werden sie denn mit dem Geschwätze von dem Hause nie aufhören? Welch einfältiges Volk, das sich durch einige Ratten und Mäuse aus einer guten Wohnung vertreiben läßt.« »Nein, nein,« sagte die Haushälterin, sehr weise den Kopf schüttelnd, und ärgerlich, daß einer so echten Geistergeschichte kein Glaube beigemessen wurde. »Dahinter steckt mehr. als Ratten und Mäuse. Die ganze Nachbarschaft spricht von dem Hause, und dann hat man Erscheinungen darin gesehen! Peter de Groodt erzählt mir, die Familie, von der Ihr das Haus gekauft, und die nach Holland ging, habe allerhand darüber fallen lassen, und gesagt, »sie wünsche Euch Glück zu dem Kaufe,« und Ihr wißt selbst, daß keine Familie darin wohnen will.« »Peter de Groodt ist ein Einfaltspinsel – ein altes Weib,« sagte der Doctor verdrießlich; »ich wette, er hat den Leuten alle die Geschichten in den Kopf gesetzt. Das ist eben so, wie der Unsinn von dem Geist, der auf dem Kirchthurme spukte und der ihm zur Entschuldigung dienen sollte, daß er nicht die Glocke in der kalten Nacht geläutet hatte, wo Harman Brinkerhoff's Haus abbrannte. Schickt mir den Klaus.« Klaus Hopper erschien nun: ein einfältiger Dorflümmel, ganz betroffen, sich in der Studirstube des Doctor Knipperhausen zu finden, und zu sehr außer Fassung, um über das, was ihn in Schrecken versetzt hatte, eine genauere Auskunft zu geben. Er stand da, seinen Hut in der Hand herumdrehend, bald auf dem einen, bald auf dem andern Beine ruhend, dann und wann den Doctor anblickend, und von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick nach dem Todtenkopfe werfend, der ihn von dem Kleiderschrank herab anzugrinsen schien. Der Doctor versuchte alle Mittel, ihn zu bewegen, wieder nach seiner Meierei zurückzukehren; aber alles war vergebens; er blieb eigensinnig bei seinem Entschlusse, und gab am Ende eines jeden Beweisgrundes oder einer jeden Aufforderung, dieselbe kurze, unveränderliche Antwort: »ich kann nicht, Mynheer!« Der Doctor war ein »kleiner Topf, der bald überkocht;« und seine Geduld durch diesen beständigen Verdruß wegen seines Guts bereits erschöpft. Klaus Hopper's eigensinnige Weigerung erschien ihm wie eine offenbare Empörung: seine Galle lief über, und Klaus war froh, sich zurückziehen zu können, um nur nicht die heiße Brühe auf den Kopf zu bekommen. Als der Landmann in das Zimmer der Haushälterin trat, fand er hier Peter de Groodt und mehrere wahre Gläubige bereit, ihn zu empfangen. Hier suchte er sich für den Zwang zu entschädigen, den er im Studirzimmer sich hatte anthun müssen, und eröffnete einen Sack Geschichten über das Spuk-Haus, welche alle seine Zuhörer in Erstaunen setzten. Die Haushälterin glaubte sie sämmtlich, wenn es auch nur dem Doctor zum Trotz gewesen wäre, weil er ihre Nachrichten so unfreundlich aufgenommen hatte. Peter de Groodt verglich sie mit mancher wunderbaren Erzählung aus den Zeiten der holländischen Herrschaft; wie z. B. von des Teufels Stufen; von dem Seeräuber, der auf der Galgeninsel gehängt wurde, und noch eine ganze Nacht lang hing, nachdem der Galgen schon wieder niedergerissen worden war: und von dem Geiste des unglücklichen Statthalters Leisler, der wegen Verrätherei aufgehängt wurde und nun in dem alten Fort und dem Gouvernementshause spukte. Die Klatschgesellschaft ging endlich auseinander, jeder mit furchtbaren Geschichten beladen. Der Küster erleichterte sein Gewissen schon in einer Kirchenvorsteher-Versammlung, welche an demselben Tage gehalten wurde; und die schwarze Köchin verließ ihre Küche, brachte den halben Tag am Straßenbrunnen, diesem Klatschplatze der Mägde, zu, Allen, die Wasser zu holen kamen, die Neuigkeit mittheilend. In kurzer Zeit war die ganze Stadt voll von dem, was sich im Spukhause zugetragen hatte. Einige sagten, Klaus Hopper habe den Teufel gesehen, während Andere zu verstehen gaben, das Haus werde von den Geistern einiger der Patienten heimgesucht, welche der Doctor aus dieser Welt hinaus kurirt habe, und dieß sei die Ursache, warum er keine Nacht darin zuzubringen wage. Alles dieß brachte den kleinen Doctor gewaltig in Harnisch. Er gelobte Jedem Rache, welcher, die Volksvorurtheile erregend, den Werth seines Grundstücks verringere. Er beklagte sich laut darüber, daß er durch bloße Popanze aus seinem Eigenthume verdrängt werde; beschloß aber insgeheim, durch den Dominie den Teufel aus dem Hause treiben zu lassen. Groß war daher seine Freude, als, mitten in dieser Bedrängniß, Dolph sich erbot, in das Spukhaus zu ziehen. Der Bursche hatte die sämmtlichen Erzählungen Klaus Hopper's und Peter de Groodt's mit angehört: er liebte Abenteuer, hing sehr am Uebernatürlichen, und seine Phantasie war durch diese wunderbaren Erzählungen ganz entflammt worden. Ueberdieß hatte er im Hause des Doctors ein so unbehagliches Leben geführt; der unerträgliche Zwang des Frühaufstehens war ihm so zur Plage geworden, daß er über die Aussicht entzückt war, künftig ein Haus für sich zu haben, und wäre es auch von Gespenstern bewohnt. Sein Anerbieten ward freudig angenommen, und man beschloß, daß er noch diese Nacht den Posten besetzen solle. Die einzige Bedingung war, daß die Unternehmung vor seiner Mutter geheim gehalten werden solle; denn er wußte, daß die arme Seele kein Auge schließen würde, wenn sie erführe, daß ihr Sohn mit den Mächten der Finsterniß einen Kampf wagen wolle. Als die Nacht einbrach, machte sich Dolph auf den Weg zu dieser gefährlichen Unternehmung. Die alte schwarze Köchin, seine einzige Freundin im Hause, hatte ihm etwas zum Abendessen und ein Binsenlicht gegeben; und sie band ihm ein Amulet um den Hals, das sie von einem afrikanischen Zauberer bekommen hatte und das als Schutzmittel gegen alle böse Geister dienen sollte. Der Doctor und Peter de Groodt, welcher letztere sich bereit erklärt hatte, ihn zu begleiten und zuzusehen, daß er glücklich dort einquartirt würde, begleiteten ihn auf seinem Wege. Der Himmel war umzogen, und es war sehr finster geworden, als sie die Umgebungen des Hauses erreichten. Der Küster ging mit der Laterne voran. Als sie die Akazien-Allee hinuntergingen, streifte das schwankende Licht von Busch zu Busch und von Baum zu Baum, so daß der mannhafte Peter nicht wenig in Angst gerieth und sich auf seine Begleiter zurückzog; der Doctor umklammerte Dolph's Arm noch fester, und machte die Bemerkung, daß der Boden sehr schlüpfrig und uneben sei. Beinahe wären sie einmal durch eine Fledermaus, welche um die Laterne schwirrte, gänzlich in die Flucht geschlagen worden; und das Summen der Insecten in den Bäumen und das Quacken der Frösche aus einem benachbarten Teiche bildeten zusammen ein sehr eintöniges, trauriges Concert. Die Vorderthüre des Hauses öffnete sich mit einem lauten Knarren, das den Doctor leichenblaß machte. Sie traten in einen ziemlich großen Saal, wie man sie in amerikanischen Landhäusern häufig findet, und der bei warmem Wetter zum Wohnzimmer dient. Von da gingen sie eine breite Treppe hinauf, welche unter ihren Tritten knarrte und ächzte, und wobei jede Stufe, wie die Taste eines Claviers, einen besondern Ton von sich gab. Sie führte zu einem zweiten Saale, im obern Stockwerk, aus welchem sie in das Zimmer kamen, worin Dolph schlafen sollte. Es war groß und dürftig möblirt; die Fensterladen waren geschlossen; da sie indessen in sehr schlechtem Zustande waren, mangelte es nicht an frischer Luft. Es schien das heilige Gemach gewesen zu sein, welches, bei den holländischen Frauen, für das »beste Schlafzimmer« gilt, das man von allen im Hause am schönsten einrichtet, worin aber fast nie Jemand schlafen darf. Jetzt war aber sein Glanz dahin. Einige zerbrochene Möbel standen im Zimmer umher, in der Mitte aber ein schwerer Tisch von Fichtenholz und ein großer Lehnsessel, welche beide aus gleicher Zeit mit dem Gebäude selbst herzurühren schienen. Der Kamin war groß, und vorn mit holländischen Ziegeln belegt, auf denen Geschichten aus der heiligen Schrift vorgestellt waren: einige davon waren jedoch herausgefallen und lagen zerstreut auf dem Herde umher. Der Küster hatte das Binsenlicht angezündet, und der Doctor, der sich furchtsam im Zimmer umsah, war eben im Begriff, Dolph zu ermahnen, gutes Muths zu sein, und sich ein Herz zu fassen, als ein Geräusch im Kamine, wie Stimmen und Handgemenge, dem Küster einen plötzlichen Schrecken einjagte. Er ergriff mit der Laterne die Flucht; der Doctor folgte ihm hart auf dem Fuße; die Stufen der Treppen ächzten und knarrten, als sie hinunterstolperten, und vermehrten durch das Geräusch, das sie verursachten, nur ihre Angst und Eile. Die Vorderthüre schlug hinter ihnen zu, und Dolph hörte sie die Allee hinunterstolpern, bis sich der Ton ihrer Tritte in der Entfernung verlor. Daß er sich nicht ihrem übereilten Rückzuge anschloß, rührte vielleicht daher, daß er etwas mehr Muth als seine Gesellschafter besaß, oder vielleicht daß er die Ursache ihres Schreckens halb und halb bemerkt hatte, nämlich ein Nest von Schwalben, welches in den Kamin herunterstürzte. Nun sich selbst überlassen, verrammelte er die Hausthüre durch Riegel und Eisenstangen, und nachdem er gesehen, daß die übrigen Eingänge ebenfalls befestigt waren, kehrte er in sein einsames Zimmer zurück. Als er sein Abendessen aus dem Korbe genommen, womit die gute alte Köchin ihn versehen, und es verzehrt hatte, verschloß er die Stubenthüre und legte sich auf eine Matratze in der Ecke des Zimmers nieder. Die Nacht war ruhig und still, und nichts unterbrach das tiefe Schweigen, als das eintönige Zirpen der Grille aus dem Kamin eines entfernten Zimmers. Das Binsenlicht, welches mitten auf dem fichtenen Tische stand, warf einen schwachen gelben Schein, das Zimmer matt erleuchtend, und abenteuerliche Gestalten und Schatten an den Wänden aus den Kleidern bildend, welche Dolph über einen Stuhl geworfen hatte. Bei all seiner Herzhaftigkeit hatte diese Einsamkeit etwas Niederschlagendes für ihn, und er fühlte seinen Muth in sich sinken, als er auf seinem harten Bette lag und im Zimmer umherblickte. Er erinnerte sich seines müßigen Lebens, seiner ungewissen Aussichten, und stieß dann und wann einen tiefen Seufzer aus, wenn ihm seine arme alte Mutter einfiel; denn es gibt nichts, das über das heiterste Gemüth düsterere Schatten werfen könnte, als die Stille und das Schweigen der Nacht. Auf einmal glaubte er, einen Ton zu hören, als ob Jemand unten ginge. Er lauschte und hörte deutlich etwas auf der großen Treppe gehen. Es kam langsam und feierlich näher – trap – trap – trap! Offenbar war es der Tritt eines gewichtigen Menschen, und wie war dieser in das Haus gekommen, ohne Geräusch zu machen? Dolph hatte alle Schlösser und Riegel genau untersucht, und war überzeugt, daß jeder Eingang fest verschlossen war. Die Tritte kamen immer näher, trap – trap – trap! Es war klar, daß der sich Nähernde kein Räuber sein konnte, denn sein Tritt war zu laut und bedächtig; ein Räuber würde entweder leiser oder schneller gegangen sein. Und nun war es die Treppe herauf: die Tritte tönten langsam auf dem Flure wider, und schallten durch die schweigenden, leeren Gemächer. Selbst die Grille hatte ihren melancholischen Gesang eingestellt, und nichts unterbrach der Tritte schauerliche Deutlichkeit. Die Thüre, welche inwendig verschlossen war, ging langsam von selbst auf. Die Tritte kamen in das Zimmer, aber Niemand war zu sehen. Sie schritten langsam und hörbar durch dasselbe – trap – trap – trap! aber was den Ton hervorbrachte, blieb unsichtbar. Dolph rieb sich die Augen und starrte um sich her; er konnte jeden Theil der schwach erleuchteten Stube übersehen; Alles war leer: und doch hörte er stets diese geheimnißvollen Fußtritte feierlich in der Stube umherschreiten. Sie hörten auf, und Alles war todtenstill. Es war etwas ungleich Furchtbareres in diesem unsichtbaren Besuche, als in Allem gewesen wäre, das sich den Augen hätte darbieten können. Es war schauerlich, gestaltlos und unbestimmt. Er fühlte sein Herz gegen seine Rippen schlagen; ein kalter Schweiß rann über seine Stirn; er lag eine Zeitlang in heftiger Bewegung; es ereignete sich jedoch nichts, das seine Besorgniß hätte steigern können. Sein Licht brannte nach und nach in den Leuchter hinein, und er schlief ein. Als er erwachte, war es heller Tag: die Sonne schien durch die Spalten der Fensterladen, und die Vögel sangen fröhlich um das Haus her. Der klare, heitere Tag verscheuchte bald alle Schrecken der vergangenen Nacht. Dolph lachte, oder versuchte vielmehr über alles das zu lachen, was geschehen war, und suchte sich zu überreden, daß Alles nur ein Spiel der Phantasie gewesen sei, welche von den Geschichten, die er gehört hatte, aufgeregt worden; allein er ward etwas betroffen, als er die Thüre seines Zimmers von innen verschlossen fand, während er sie doch ganz deutlich hatte aufgehen sehen, als die Fußtritte in das Zimmer kamen. Er kehrte in bedeutender Verwirrung nach der Stadt zurück; beschloß aber, durchaus nichts von der Sache zu erwähnen, bis seine Zweifel durch eine zweite Nachtwache entweder bestätigt oder widerlegt worden wären. Sein Stillschweigen brachte über alle die Klatschwestern, welche sich an des Doctors Hausthüre versammelt hatten, eine schmerzliche Täuschung. Sie waren darauf gespannt, schreckliche Geschichten zu hören; und kamen beinahe in Wuth, als er versicherte, daß er nichts zu erzählen habe. In der nächsten Nacht wiederholte also Dolph seine Nachtwache. Er betrat nun das Haus mit einigem Beben. Mit besonderer Aufmerksamkeit untersuchte er die Schlösser an allen Thüren und verwahrte sie gehörig. Er verschloß die Thüre seines Zimmers und setzte einen Stuhl dagegen; als er dann sein Abendbrod verzehrt hatte, warf er sich auf seine Matratze und suchte zu schlafen. Allein dieß war vergebens: tausend Phantasieen erhielten ihn wach. Die Zeit schwand langsam dahin, als ob Minuten sich zu Stunden ausspännen. Als die Nacht fortrückte, gerieth er in eine immer fieberhaftere Bewegung, und sprang beinahe von seinem Lager auf, als er den geheimnißvollen Fußtritt wieder auf der Treppe hörte. Es kam herauf, feierlich und langsam wie vorher, trap – trap – trap! Es kam heran über die Flur; die Thüre flog abermals auf, als ob kein Schloß oder irgend ein anderes Hinderniß da gewesen wäre, und eine sonderbar aussehende Gestalt schritt in das Zimmer. Es war ein ältlicher Mann, groß und stark, nach alter flamändischer Art gekleidet. Er trug eine Art kurzen Mantel, mit einem Kleide darunter, über den Hüften gegurtet; Pludderhosen mit großen Bauschen oder Schleifen an den Knieen; und rothbraune, oben sehr breite Stiefel, die weit von seinen Beinen abstanden. Sein Hut war breit und herabgekrempt, und eine Feder schwankte über die eine Seite. Sein eisgraues Haar hing in dichten Massen auf seinen Hals hinab; dabei hatte er einen kurzen greisen Bart. Er ging langsam rund im Zimmer umher, als ob er untersuchen wolle, ob Alles sicher sei; hing dann seinen Hut an einem Haken neben der Thüre, setzte sich in den Lehnstuhl, und den Elbogen auf den Tisch lehnend, sah er Dolph mit unverwandten, tödtenden Blicken an. Dolph war von Natur nicht feig; aber er war in dem unbedingten Glauben an Kobolde und Geister erzogen worden. Tausend Geschichten, die er von diesem Gebäude gehört hatte, schwärmten in seinem Kopfe, und während er diesen sonderbaren Mann, seine seltsame Kleidung, sein bleiches Antlitz und sein starres, fischartiges Auge sah, begannen seine Zähne zu klappern, sein Haar sträubte sich auf dem Haupte empor, und ein kalter Schweiß rann über seinen ganzen Körper hinab. Wie lange er in dieser Lage geblieben, konnte er nicht sagen, denn er war wie ein Verzauberter. Er konnte seine Blicke von dem Gespenste nicht abwenden; sondern lag und starrte es an, mit allen seinen Gedanken in Betrachtung versunken. Der alte Mann blieb hinter dem Tische sitzen, ohne sich zu bewegen, oder nur das Auge abzuwenden, und hielt beständig den todtenstarren Blick auf Dolph geheftet. Endlich schlug der Haushahn auf einer benachbarten Meierei die Flügel, und krähte laut und fröhlich, daß es über die Felder hin ertönte. Bei dem Ton erhob sich der alte Mann langsam, und nahm seinen Hut von dem Haken herab; die Thür öffnete sich und schloß sich wieder hinter ihm: man konnte ihn langsam die Treppe hinuntergehen hören, trap – trap – trap! – und als er unten war, wurde Alles wieder still. Dolph lag und horchte eifrig, zählte jeden Tritt, horchte und horchte, ob die Schritte zurückkehrten, bis er, durch Wachen und innere Bewegung erschöpft, in einen unruhigen Schlummer verfiel. Das Tageslicht brachte wieder neuen Muth und Zuversicht. Er würde gern Alles, was vorgegangen war, als einen bloßen Traum betrachtet haben; allein dort stand noch der Stuhl, in welchem der Unbekannte gesessen hatte; dort war der Haken, an den er seinen Hut gehängt; und dort war die Thür, genau so, wie er sie verschlossen hatte mit dem Stuhl, den er dagegen gesetzt. Er eilte die Treppe hinunter und untersuchte die Thüren und Fenster; Alles war genau in demselben Zustande, wie er es verlassen, und durchaus kein Ein- und Ausgang, zu dem ein lebendes Wesen herein oder durch den es hinausgegangen sein konnte, ohne eine Spur hinter sich zu lassen. »Pah!« sagte Dolph zu sich selbst, »es war alles ein Traum:« – aber das wollte nichts helfen; je mehr er sich bemühte, den Vorgang aus seinem Gedächtniß zu verbannen, desto mehr verfolgte er ihn. Obgleich er über alles das, was er gesehen und gehört, in dem strengsten Stillschweigen verharrte, verriethen doch seine Blicke die unbehagliche Nacht, welche er zugebracht hatte. Es war augenscheinlich, daß unter dieser geheimnißvollen Zurückhaltung irgend etwas Wunderbares verborgen war. Der Doctor nahm ihn mit auf seine Studirstube, verschloß die Thüre, und suchte ihm nun ein umständliches und vertrauliches Geständniß abzulocken; er konnte nichts aus ihm herausbringen. Frau Ilse zog ihn bei Seite in die Speisekammer, allein sie hatte eben so wenig Glück; und Peter de Groodt hielt ihn eine ganze Stunde bei dem Knopfe, und zwar auf dem Kirchhofe, dem besten Platze, um einer Geistergeschichte auf den Grund zu kommen, ging aber darum um nichts klüger weg, als die Uebrigen. Es ist jedoch immer der Fall, daß eine verschwiegene Wahrheit ein Dutzend Lügen in Umlauf kommen läßt. Sie ist wie eine in eine Bank niedergelegte Guinee, welche ein Dutzend papierne Stellvertreter hat. Ehe der Tag vorüber war, wimmelte auch schon die Nachbarschaft von Gerüchten. Einige sagten, Dolph Heyliger habe in dem Spukhause mit Pistolen, die mit silbernen Kugeln geladen gewesen wären, gewacht; Andere, er habe ein langes Gespräch mit einem Gespenste ohne Kopf gehalten, Andere, der Doctor Knipperhausen und der Küster seien die Straße von der Meierei hinunter bis zur Stadt von einer Legion Geister ihrer Kunden verfolgt worden. Einige schüttelten ihre Köpfe und hielten es für sehr schlecht von dem Doctor gehandelt, Dolph allein in dem schrecklichen Hause die Nacht zubringen zu lassen, wo er, Gott weiß wohin, weggehext werden könne; während Andere mit Achselzucken meinten, daß, wenn der Teufel den Burschen hole, dieß nur heiße, sich das Seinige nehmen. Diese Gerüchte erreichten endlich auch das Ohr der guten Frau Heyliger, und verursachten ihr, wie man leicht denken kann, eine gewaltige Unruhe. Denn wenn sich ihr Sohn der Gefahr eines Angriffs lebendiger Feinde ausgesetzt hätte, so würde das in ihren Augen weit weniger schrecklich gewesen sein, als es zu wagen, allein die Schrecken des Spukhauses zu bestehen. Sie eilte in des Doctors Haus und brachte einen großen Theil des Tages damit zu, Dolph abzurathen, seine Nachtwache zu wiederholen; sie erzählte ihm eine Menge Geschichten, die sie so eben von ihren Klatschgevatterinnen gehört hatte, von Leuten, welche entführt worden waren, wenn sie in alten verfallenen Häusern gewacht hatten. Es war alles ohne Erfolg. Dolph's Stolz so wie seine Neugierde waren zu rege. Er suchte seine Mutter zu beruhigen, und versicherte sie, daß an all den Gerüchten, die sie gehört habe, kein wahres Wort sei. Sie sah ihn zweifelhaft an und schüttelte den Kopf; da sie aber fand, daß sein Entschluß unerschütterlich sei, brachte sie ihm eine dicke holländische Bibel mit metallenen Klausuren, die er mitnehmen solle, als ein Schwert wider die Mächte der Finsterniß; und im Falle diese nicht hinreichend sein sollte, gab ihm die Haushälterin noch den Heidelberger Katechismus als Dolch mit. In der nächsten Nacht schlug also Dolph sein Quartier zum dritten Male in dem alten Hause auf. Ob nun Traum oder nicht, dasselbe wiederholte sich abermals. Gegen Mitternacht, als Alles still war, hallte derselbe Ton in den öden Hallen wieder – trap – trap – trap! abermals kam es die Treppe herauf; die Thüre ging abermals von selbst auf; der alte Mann trat ein; ging im Zimmer umher; hing seinen Hut an den Haken und setzte sich an den Tisch. Den armen Dolph überfiel dieselbe Furcht und Angst, jedoch nicht in so heftigem Grade. Er lag eben so, wie vorher da, bewegungslos und bezaubert, und starrte die Gestalt an, welche, wie früher, ihn mit einem erstorbenen, starren, sein Innerstes durchkältenden Blicke betrachtete. So blieben Beide eine lange Zeit einander gegenüber, bis nach und nach Dolph's Muth zu erwachen begann. Dieses Wesen, todt oder lebendig, hatte gewiß bei seinem Besuche einen Zweck, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß Geister nicht eher reden dürfen, als bis sie angesprochen werden. Er nahm also seine Entschlossenheit zusammen, und nachdem er zwei oder drei Versuche gemacht, ehe er seine Zunge in Bewegung setzen konnte, richtete er seine Rede an den Unbekannten mit der feierlichsten Beschwörungsformel, deren er sich nur erinnern konnte, und fragte ihn: was der Grund seines Besuches sei. Kaum hatte er ausgesprochen, so stand der alte Mann auf, nahm seinen Hut von der Wand herab, die Thür öffnete sich, und er schritt hinaus, wobei er, indem er über die Schwelle trat, auf Dolph zurückblickte, als ob er erwarte, daß dieser ihm folgen werde. Der Jüngling zögerte keinen Augenblick. Er nahm das Licht in die Hand, die Bibel unter den Arm, und gehorchte der stillschweigenden Aufforderung. Das Licht warf einen schwachen, ungewissen Schimmer umher; doch konnte er deutlich die Gestalt vor sich sehen, wie sie langsam die Treppe hinabging. Er folgte zitternd. Als sie am Fuße der Treppe angekommen war, wandelte sie durch den Saal hindurch und nach der Hinterthüre des Gehöftes. Dolph hielt das Licht über das Geländer; aber in seiner Begierde, den Unbekannten nicht aus den Augen zu verlieren, bewegte er die dünne Kerze so schnell, daß sie erlosch. Die blassen Strahlen des Mondes, welche durch ein schmales Fenster hereinfielen, leuchteten (jedoch hell genug), daß er nahe an der Thüre noch ein ungewisses Bild der Gestalt im Auge hatte. Er ging deßhalb die Treppe hinab und wandte sich nach dem Orte hin; als er aber dorthin gekommen, war der Unbekannte verschwunden. Die Thüre blieb fest verriegelt und verrammelt; es war kein anderer Ausgang vorhanden, und doch war das Wesen, welcher Art es auch sein mochte, verschwunden. Er riegelte die Thür auf, und blickte in das Freie hinaus. Es war eine neblige, mondhelle Nacht, so daß man in einiger Entfernung die Gegenstände unterscheiden konnte. Er glaubte, den Unbekannten auf einem Fußsteige zu sehen, der von der Thür abführte. Er täuschte sich nicht; aber wie war er aus dem Hause gekommen? Er hielt sich nicht auf mit Ueberlegen, sondern folgte. Der alte Mann wandelte mit gemessenem Schritte, ohne sich umzusehen, und seine Fußtritte schallten auf dem harten Grunde. Er ging durch den Apfel-Baumgarten, der nahe am Hause war, immer den Fußsteig einhaltend. Dieser führte zu einem Brunnen, welcher die Meierei mit Wasser versah. Gerade an diesem Brunnen verlor Dolph die Gestalt aus dem Gesicht. Er rieb sich die Augen und blickte wieder hin, aber es war nichts von dem Unbekannten zu sehen. Er trat an den Brunnen, aber Niemand war da. Die ganze Umgegend war frei und leicht zu übersehen: weder ein Busch, noch sonst ein Schlupfwinkel war da. Er blickte in den Brunnen hinein und sah in einer großen Tiefe den Widerschein des Himmels in dem stillen Wasser. Nachdem er hier einige Zeit verweilt, ohne von seinem geheimnißvollen Führer etwas gesehen oder gehört zu haben, kehrte er voll Grauen und Erstaunen nach dem Hause zurück. Er verriegelte die Thüre und tappte zu seinem Bette hin, und es dauerte lange Zeit, ehe er einschlafen konnte. Seine Träume waren abenteuerlich und verworren. Es dünkte ihn, als folge er dem alten Mann an dem Ufer eines großen Flusses hin, bis sie zu einem Schiffe kamen, welches so eben unter Segel gehen wollte; und daß sein Führer ihn an Bord brachte und dann verschwand. Er erinnerte sich des Befehlshabers des Schiffes, eines kleinen, schwärzlichen Mannes, mit schwarzem, krausem Haar, der auf dem einen Auge blind und an dem einen Fuße lahm war; der übrige Theil seines Traumes war aber äußerst verworren. Zuweilen segelte er; zuweilen war er wieder am Lande; jetzt mitten in Sturm und Ungewitter und jetzt ruhig auf unbekannten Straßen wandelnd. Die Gestalt des alten Mannes mischte sich indessen ganz wunderbar in alle Ereignisse des Traumes, und das Ganze endigte deutlich damit, daß er sich wieder am Bord des Schiffes und auf der Heimreise befand, mit einem großen Sack voll Geld! Als er erwachte, zeigten sich die grauen, kalten Dämmerungsstreifen am Horizont, und die Hähne verkündigten in der ganzen Gegend, von Hof zu Hof, den Morgen. Er stand wüster und verwirrter als je auf. Er war eigenthümlich zerstört durch Alles, was er gesehen und geträumt hatte, und fing an zu zweifeln, ob nicht sein Verstand gelitten habe, und ob nicht das, was in seinem Geiste vorgehe, nur Fieberphantasieen wären. In seinem jetzigen Gemüthszustande fühlte er durchaus keine Lust, unmittelbar zu dem Doctor zurückzukehren und sich von den Hausleuten hin und her befragen zu lassen. Er hielt daher ein kärgliches Frühstück von den Ueberbleibseln des gestrigen Abendessens, und wanderte auf die Felder, um über alles das nachzudenken, was ihm begegnet war. In Gedanken verloren, irrte er umher, sich allmählich der Stadt nähernd, bis der Morgen weit vorgeschritten war, als er durch Lärm und Getöse um sich her aufgeschreckt wurde. Er sah sich dicht am Wasser unter einem Haufen Volkes, welcher sich nach einem Hafendamme hindrängte, von wo aus ein Schiff so eben unter Segel gehen wollte. Unbewußt ward er mit dem Haufen fortgerissen, und fand, daß es eine Schaluppe war, die eben den Hudson hinauf nach Albany gehen wollte. Da gab es Abschiednehmen und Küssen von alten Frauen und Kindern, und große Thätigkeit, Körbe mit Brod und Kuchen, so wie Lebensmittel aller Art an Bord zu bringen, ungeachtet der mächtigen Fleischstücke, die von dem Hintertheil des Schiffes herabhingen; denn eine Reise nach Albany war damals eine große Unternehmung. Der Befehlshaber der Schaluppe tummelte sich umher und gab eine Menge Befehle, auf welche eben nicht sehr geachtet wurde; denn Einer zündete sich so eben seine Pfeife an, und ein Anderer schliff sein Schiffsmesser. Die Gestalt des Befehlshabers zog auf einmal Dolph's Aufmerksamkeit auf sich. Er war klein und von gebräunter Gesichtsfarbe, mit krausem, schwarzem Haar; blind auf einem Auge und lahm auf einem Beine – derselbe Befehlshaber, den er im Traume gesehen hatte! Ueberrascht und betroffen, sah er sich genauer um, und erinnerte sich immer mehrerer einzelner Umstände aus seinem Traume: das Aussehen des Schiffes, des Flusses und einer Menge anderer Gegenstände schienen mit den dunkeln Bildern, die unbestimmt in seiner Erinnerung aufstiegen, übereinzustimmen. Während er über alle diese Umstände sinnend da stand, rief ihm auf einmal der Capitän auf Holländisch zu: »kommt an Bord, junger Mann, oder Ihr bleibt hier!« Der Zuruf schreckte ihn auf; er sah, daß die Schaluppe gelichtet hatte und sich schon von dem Hafendamme entfernte; es war ihm, als ob er von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würde; er sprang auf das Verdeck, und im nächsten Augenblicke flog die Schaluppe, von Wind und Fluth begünstigt, dahin. Dolph's Gedanken und Gefühle waren in gänzlicher Aufregung und Verwirrung. Die Ereignisse, welche ihn kürzlich betroffen, hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und er konnte nicht umhin, zu denken, es sei ein gewisser Zusammenhang zwischen seiner gegenwärtigen Lage und dem Traume der vergangenen Nacht. Es war ihm, als stehe er unter einer übernatürlichen Leitung; und er suchte sich durch einen seiner alten Lieblingsgrundsätze zu beruhigen, »daß, wie es auch gehen möge, Alles zu seinem Besten sei.« Einen Augenblick kam ihm wohl der Unwille des Doctors über seine schnelle Abreise, ohne Abschied genommen zu haben, in den Sinn, doch war dieß eine Sache von weniger Bedeutung; dann dachte er an den Kummer seiner Mutter über sein sonderbares Verschwinden, und dieser Gedanke gab ihm einen plötzlichen schmerzhaften Stich; er hätte gern gebeten, daß man ihn an das Land setzen möchte; aber er wußte, daß bei solchem Winde und solcher Fluth die Bitte vergeblich gewesen wäre. Dann kam die begeisternde Liebe zur Neuheit und zu Abenteuern in voller Fluth über seine Brust; er sah sich auf sonderbare Weise plötzlich in die Welt hineingeworfen, und auf dem Wege, die wunderbaren Gegenden zu erforschen, welche an diesem mächtigen Strome hinauf, und jenseit der blauen Berge lagen; die seit der Kindheit seinen Gesichtskreis begrenzt hatten. Während er in diesem Wirbel von Gedanken verloren war, spannte der Wind die Segel; die Ufer schienen an ihm vorüber zu fliegen; und ehe er seine Besinnung ganz wieder erhielt, war die Schaluppe schon bei dem Spikingdevil und den Yonkers vorbei, und der höchste Schornstein der Manhattos seinem Blicke entschwunden. Ich habe gesagt, daß eine Reise den Hudson hinauf in jenen Tagen ein Unternehmen von einiger Bedeutung war, ja man hielt es für eben so groß, als jetzt eine Reise nach Europa. Die Schaluppen waren oft mehrere Tage unterwegs; die vorsichtigen Schiffer zogen die Segel ein, wenn der Wind stark wurde, und gingen Nachts vor Anker; sie hielten an und schickten das Boot an das Land, um Milch zum Thee zu holen, ohne welchen die guten alten Damen, die sich als Passagiere an Bord befanden, nicht leben konnten. Und dann gab es da die vielbesprochenen Gefahren der Tappaan-Zee und der Hochlande. Kurz, ein weiser holländischer Bürger pflegte von einer solchen Reise Monate, ja sogar Jahre vorher, zu reden; und unternahm sie nie, ohne vorher seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, sein Testament zu machen und Gebete für sich in der niederländischen Kirche anstellen zu lassen. Auf einer solchen Reise, dachte Dolph, würde er Zeit genug zum Nachdenken haben, um einen Entschluß fassen zu können, wann er in Albany angekommen sein würde. Der Capitän, mit seinem blinden Auge und seinem lahmen Beine, erinnerte ihn allerdings an seinen sonderbaren Traum, so daß er einige wenige Augenblicke gewaltig verlegen war; allein sein Leben war in der letzten Zeit ein so sonderbares Gemisch von Traum und Wirklichkeit, Tag und Nacht so sehr in Eins verschlungen, daß er beständig in einer Täuschung zu leben schien. Indessen gibt es immer eine Art Landstreicher-Trost, der darin besteht, daß man in dieser Welt nichts zu verlieren habe; damit stärkte Dolph sein Herz und beschloß, den gegenwärtigen Genuß so gut als möglich zu nützen. Am zweiten Tag der Reise kamen sie an die Hochlande. Es war der letzte Theil eines ruhigen, schwülen Tages, als sie langsam mit der Fluth zwischen diesen düstern Bergen hinglitten. Es herrschte da die vollkommene Ruhe, in welche, bei der ermattenden Hitze eines Sommertages, die Natur versinkt; das Umdrehen einer Planke, oder das zufällige Niederfallen eines Ruders auf dem Verdecke, hallte von der Bergseite wieder und tönte lange an den Ufern hin; und wenn etwa der Capitän ein lautes Commandowort erschallen ließ, riefen tausend luftige Zungen es spottend von jeder Klippe nach. Dolph blickte in stummem Entzücken und in Verwunderung auf diese Herrlichkeit der Natur. Zur Linken erhob der Dunderberg seine waldigen Klüfte, Höhe über Höhe, Wald über Wald, bis in den tiefen Sternenhimmel hinein. Zur Rechten sprang das Vorgebirge St. Antonius-Nase keck hervor, und ein einsamer Adler kreiste um dasselbe; während weiterhin sich Berg an Berg reihete, bis alle ihre Arme in einander zu verschlingen und den mächtigen Fluß in ihre Umarmungen aufzunehmen schienen. Es lag ein Gefühl ruhiger Wollust in dem Anblick der breiten, grünen Thäler, welche hie und da zwischen den Abgründen sich ausdehnten, oder der hoch in die Luft sich erhebenden Waldungen, welche über den Rand irgend einer kühn aufgethürmten Klippe hervorragten, während ihr Laub von den gelben Sonnenstrahlen ganz durchleuchtet wurde. Inmitten seiner Bewunderung bemerkte Dolph eine Gruppe glänzender, schneeweißer Wolken, welche über die westlichen Höhen herüberblickte. Eine zweite und dritte folgten, von denen eine jede sich an die vorige anzuschließen und in blendendem Glanze an dem dunkelblauen Himmel sich aufzuthürmen schien; und nun hörte man einen dumpfen Donner hinter den Bergen rollen. Der Fluß, bisher ruhig und spiegelglatt, das Bild des Himmels und der Erde zurückwerfend, zeigte nun ein dunkles Kräuseln in der Entfernung, während der Wind langsam darüber anschwoll. Die Fischreiher kreisten und schrieen und suchten ihre Nester auf den hohen dürren Bäumen; die Krähen flüchteten krächzend in die Felsspalten, und die ganze Natur schien des herannahenden Ungewitters sich bewußt zu sein. Die Wolken rollten sich nun in dichten Massen über die Berggipfel; ihre Spitzen noch glänzend und schneeweiß, der untere Theil aber von Rabenschwärze. Der Regen fing an, in einzelnen, großen Tropfen nieder zu fallen; der Wind ward stärker, und die Wellen kräuselten sich empor; endlich schien es, als ob die schweren Wolken von den Bergspitzen aufgerissen worden seien, und volle Regenströme kamen tosend herab. Aus allen Wolken leuchteten Blitze, schlängelten sich an den Felsen hin, und zerspalteten und zertrümmerten die stärksten Bäume des Waldes. Der Donner krachte furchtbar; von Berg zu Berg hallte sein Rollen wider, er tobte über den Dunderberg, rollte dann die lange Kette der Hochlande hinunter, wo jedes Vorgebirge ihn einzeln nachhallte, bis der alte Bullhill das Ungewitter zürnend zurückzutosen schien. Eine Zeitlang entzog der fliegende Dunst und Nebel, so wie der Platzregen, die Gegend beinahe ganz dem Anblick. Es war eine furchtbare Düsterkeit, welche durch die einzelnen, zwischen den Regentropfen hindurchleuchtenden Blitzstrahlen noch furchtbarer wurde. Nie hatte Dolph einen so gewaltigen Kampf der Elemente gesehen; es schien, als ob das Ungewitter sich durch diese Bergschluchten einen Weg hindurchbahnen und brechen wolle, und das ganze Geschütz des Himmels dazu in Thätigkeit gesetzt habe. Das Schiff ward von dem wachsenden Winde fortgetrieben, bis es an die Stelle kam, wo der Fluß eine plötzliche Wendung, die einzige in seinem ganzen majestätischen Laufe, Dieß muß die Krümmung bei der Westspitze gewesen sein. macht. Gerade, wie sie um die Spitze herumfuhren, wehte ein heftiger Windstoß aus einer Bergschlucht hervor, und machte, daß der Forst vor ihm erbebte, und der Fluß sich mit weißem Schaum bedeckte. Der Capitän sah die Gefahr, und befahl das Segel einzuziehen. Ehe dieser Befehl jedoch vollstreckt werden konnte, hatte der Wind schon die Schaluppe ergriffen und warf sie auf die Seite. Alles war nun Schrecken und Verwirrung: das Schlagen der Segel, das Pfeifen und Sausen des Windes, das Schreien des Capitäns und des Schiffsvolkes, das Wehklagen der Passagiere, Alles mischte sich mit dem Rollen und Krachen des Donners. Mitten in diesem Lärm richtete sich die Schaluppe wieder auf; in demselben Augenblicke fiel das große Segel, die Spier strich über die Schanze, und Dolph, der unbesorgt nach den Wolken blickte, sah sich plötzlich im Wasser zappelnd. Einmal in seinem Leben war ihm also eine seiner Nebenbeschäftigungen von großem Nutzen. Die vielen Stunden, die er außer der Schule mit Schwimmen im Hudson zugebracht, hatten ihn zu einem geübten Schwimmer gemacht: bei all seiner Stärke und Geschicklichkeit konnte er jedoch nicht ohne große Anstrengung das Ufer erreichen. Sein Verschwinden von dem Verdecke war von dem Schiffsvolke, welches mit seiner eigenen Gefahr ganz beschäftigt war, nicht bemerkt worden. Die Schaluppe ward mit unglaublicher Schnelligkeit weiter getrieben. Sie hatte große Mühe um ein langes Vorgebirge an dem östlichen Ufer zu kommen, um welches der Fluß sich wendete, und welches sie Dolph's Blicken gänzlich entzog. Es war an einer Spitze des westlichen Ufers, wo er endlich landete, die Felsen erklomm und sich nun, matt und erschöpft, am Fuße eines Baumes niederwarf. Allmählich ging das Ungewitter vorüber. Die Wolken zogen nach Osten hin, wo sie sich, von den letzten rosigen Strahlen der Sonne beschienen, in flockigen Massen anhäuften. Das ferne Spiel des Blitzes war noch an ihren dunkeln Untertheilen zu sehen, und zuweilen konnte man das schwache Murmeln des Donners hören. Dolph erhob sich und ging umher, um zu sehen, ob irgend ein Pfad vom Ufer abführe: Alles aber war wild und spurlos. Die Felsen waren auf einander gethürmt; große Baumstämme lagen zersplittert umher, wie die Stürme, welche über diese Berge hinziehen, sie umgestürzt hatten, oder wie sie, vom Alter entkräftet, darniedergesunken waren. Auch die Felsen waren mit wildem Wein und wilden Rosen bedeckt, die so in einander verwachsen waren, daß sie allen Zugang versperrten; jede Bewegung, die er machte, zog einen Regen von den tropfenden Blättern nach sich. Er versuchte, einen dieser beinahe senkrecht abhängenden Felsen zu erklimmen; allein, obgleich stark und behend, fand er ein herkulisches Unternehmen darin. Oft stand er nur noch auf bröckelnden Vorsprüngen des Felsens, dann hielt er sich wieder an Wurzeln und Zweigen und hing beinahe in der Luft. Die Waldtaube schwirrte dicht bei ihm vorüber, und der Adler schrie von der Spitze des überhangenden Felsens. Während er so emporklomm, und im Begriff war einen Strauch zu erfassen, um sich bei dem Aufsteigen zu helfen, rauschte etwas zwischen den Blättern, und er sah eine Schlange beinahe unter seiner Hand blitzschnell dahinschießen. Sie rollte sich fast unmittelbar in trotziger Stellung zusammen, mit plattem Kopfe, aufgesperrtem Rachen und schnell bewegter Zunge, welche wie eine Flamme um ihren Mund spielte. Dolph's Muth sank bei diesem Anblicke, und es fehlte nicht viel, so hätte er seinen Halt fahren lassen und wäre in die Tiefe hinabgestürzt. Die Schlange blieb indeß nur einen Augenblick in jener Stellung: es war eine instinctartige Bewegung der Vertheidigung; und da sie sich nicht angegriffen sah, glitt sie in eine Spalte des Felsens. Dolph's Auge folgte ihr mit banger Spannung; und er sah sogleich, daß er sich in der Nähe eines Nestes von Ottern befand, die verschlungen, durch einander sich bewegend und zischend in der Kluft lagen. Mit aller Eile suchte er einer so furchtbaren Nachbarschaft zu entkommen. Seine Einbildungskraft war voll von diesen neuen Schrecken; er sah in jeder Weinranke eine Schlange, und hörte in dem Rauschen eines jeden trockenen Blattes das Rasseln der Ringe einer Klapperschlange. Endlich gelang es ihm, den Gipfel eines der Felsenabhänge zu erklimmen; allein er war mit einem dichten Walde bedeckt. Wo er zwischen den Bäumen hindurchblicken konnte, sah er, daß die Küste aus Höhen und Klippen bestand, von denen eine sich über der andern erhob, bis gewaltige Berge das Ganze überragten. Da waren keine Spuren von Anbau, zwischen den Bäumen kein Rauch, der auf das Dasein einer menschlichen Wohnung hätte schließen lassen. Alles war wild und einsam. Als er am Rande eines Abhanges stand, der über eine tiefe, mit Bäumen besetzte Schlucht hinüberragte, löste sich unter seinen Füßen ein großes Felsstück ab und rollte schmetternd durch die Baumwipfel in die Schlucht hinunter. Ein lautes Geschrei oder vielmehr Geheul tönte aus dem Grunde herauf; einen Augenblick nachher hörte er den Knall einer Flinte, und eine Kugel pfiff über seinen Kopf weg, zerschmetterte Zweige, schlug die Blätter darnieder und fuhr tief in die Rinde eines Kastanienbaumes. Dolph wartete den zweiten Schuß nicht ab, sondern nahm eilig die Flucht, in beständiger Furcht, sich von dem Feinde verfolgt zu sehen. Indessen gelang es ihm, unangetastet an das Ufer zurück zu kommen, und er beschloß, nicht weiter in ein Land einzudringen, das mit so wilden Gefahren umgeben war. Er setzte sich unaufhaltsam triefend auf einen feuchten Stein nieder. Was war zu thun? Wo sollte er eine Zuflucht suchen? Die Stunde der Ruhe näherte sich; die Vögel suchten ihre Nester auf, die Fledermaus begann im Zwielicht umher zu schwirren, und der Nachtfalk, der hoch am Himmel dahinflog, schien die Sterne hervorzurufen. Die Nacht brach allmählich an und hüllte Alles in Dunkel; und obgleich es in der letzten Hälfte des Sommers war, so war doch der Wind, welcher am Flusse und um die träufelnden Bäume wehte, frostig und durchdringend, besonders für einen halbertrunkenen Menschen. Während er traurig und verzweiflungsvoll in dieser unbehaglichen Lage da saß, bemerkte er ein Licht durch die Bäume am Ufer schimmern, wo die Krümmung des Flusses eine tiefe Bucht machte. Es erfreute ihn mit der Hoffnung, daß hier eine menschliche Wohnung sein möchte, wo er vielleicht etwas, das die lauten Forderungen seines Magens befriedigte, und, was seiner schiffbrüchigen Lage eben so nöthig war, ein behagliches Obdach für die Nacht, finden könnte. Mit der größten Schwierigkeit bahnte er sich einen Weg nach dem Lichte an Felsschichten hin, an denen er in beständiger Gefahr schwebte, in den Fluß hinab zu gleiten, und über große Stämme umgestürzter Bäume, von denen einige von dem letzten Sturme entwurzelt worden waren, und die so dicht lagen, daß er sich durch ihre Aeste durchzukämpfen hatte. Endlich kam er an den Rand eines Hügels, der über eine kleine Schlucht hing, aus welcher das Licht herschien. Es kam von einem Feuer, das am Fuße eines großen Baumes angezündet war, welcher in der Mitte eines Rasens zwischen den Felsen stand. Das Feuer warf einen röthlichen Schein auf die grauen Klippen und die darüber hinhangenden Bäume, zwischen denen tiefe dunkle Spalten waren, welche Eingängen zu Höhlen glichen. Ein kleiner Bach, den der zitternde Widerschein der Flamme verrieth, rieselte dicht dabei. Zwei Gestalten bewegten sich um das Feuer, und andere hockten vor demselben. Da sie zwischen ihm und dem Lichte waren, standen sie ganz im Schatten: als aber die eine sich zufällig nach der andern Seite hinwandte, erschrak Dolph, denn bei der vollen Flamme, die auf sein bemaltes Gesicht schien und sich in den silbernen Zierrathen spiegelte, konnte er sehen, daß es ein Indianer war. Er sah nun genauer hin, und erblickte Gewehre an einen Baum gelehnt und eine Leiche, die am Boden lag. Dolph fing an zu zweifeln, ob er nicht schlimmer daran sei, als vorher; hier war offenbar der Feind, der von der Schlucht aus nach ihm geschossen hatte. Er suchte sich deßwegen in aller Stille zu entfernen, da er sich diesen Halbmenschen doch, an einem so wilden, einsamen Orte, unmöglich anvertrauen konnte. Allein dieß war zu spät: der Indianer hatte, mit dem bei seinem Geschlecht so bemerkenswerthen Adlerblick, etwas in dem Gebüsch am Felsen sich bewegen gesehen: er ergriff eine von den Flinten, welche gegen den Baum gelehnt standen; ein Augenblick noch, und Dolph's Neigung zu Abenteuern wäre durch eine Kugel geheilt gewesen. Er rief laut den indianischen Freundschaftsgruß; der ganze Haufe sprang auf die Füße: der Gruß ward erwiderte, und der Flüchtling eingeladen, sich zu ihnen an das Feuer zu setzen. Als er näher kam, fand er zu seiner Beruhigung, daß die Gesellschaft aus Weißen sowohl als aus Indianern bestand. Einer davon, der offenbar die Hauptperson oder der Befehlshaber war, saß auf einem Baumstamm vor dem Feuer. Es war ein großer, starker Mann, schon ziemlich bei Jahren, aber kräftig und rüstig. Sein Gesicht war beinahe zu der Hautfarbe der Indianer gebräunt: er hatte starke, aber ziemlich freundliche Züge, eine Habichtsnase und einen Mund wie der eines Bullenbeißers geformt. Sein Gesicht war von einem breitkrempigen Hut, mit einem Rehbocksschwanze daran, halb beschattet. Sein graues Haar hing kurz auf dem Nacken. Er trug einen Jagdrock, indianische Beinkleider und Mocasins und ein Tomahawk in dem breiten Wampumgürtel um die Hüften. Als Dolph seine Gestalt und Züge genauer betrachtete, fiel ihm einiges auf, das ihn an den alten Mann in dem Spukhause erinnerte. Der Mann vor ihm unterschied sich jedoch sowohl durch die Kleidung, als durch sein Alter: er war auch heiterer von Ansehen, und es war schwer, zu bestimmen, worin die ungewisse Aehnlichkeit lag; aber eine Aehnlichkeit war gewiß da. Dolph fühlte einige Scheu, als er sich ihm näherte, ward indessen durch die offene, herzliche Bewillkommung, mit der er empfangen ward, bald ermuthigt. Als er die Augen um sich her warf, fühlte er seinen Muth noch mehr wachsen, denn er sah, daß die Leiche, die ihm einigen Schrecken eingejagt, ein erlegter Hirsch war; und vollkommene Beruhigung gewährte es ihm, als er an dem kräftigen Geruch, der aus einem, an einem zackigen Stock über dem Feuer aufgehängten Kessel emporstieg, bemerkte, daß ein Theil davon zum Abendessen gekocht wurde. Er fand nun, daß er auf eine Jagdgesellschaft gestoßen war; wie dergleichen damals von den am Flusse wohnenden Ansiedlern oft veranstaltet wurden. Der Jäger ist immer gastfrei; und nichts macht die Leute geselliger und zutraulicher, als wenn sie in einer Wildniß zusammentreffen. Der Anführer der Gesellschaft schenkte ihm einen Trunk belebenden Getränkes ein, das er ihm mit einem fröhlichen Lächeln hinreichte, um sein Herz zu erwärmen; und befahl sodann einem seiner Begleiter. einige Kleidungsstücke aus einem Jachtschiffe zu holen, welches in einer Bucht, nicht weit davon, vor Anker lag; während die triefenden Kleider, die unser Held auf dem Leibe trug, an dem Feuer getrocknet wurden. Dolph fand, wie er vermuthet hatte, daß der Schuß aus der Schlucht, der ihm beinahe die ewige Ruhe gegeben hätte, als er auf dem Abhange stand, von einem dieser Jäger gekommen war. Er hätte mit dem Felsstück, das sich unter seinen Füßen abgelöst, beinahe einen aus der Gesellschaft erschlagen; und der muntere alte Jäger mit dem breiten Hute und dem Rehbockschwanze, hatte nach dem Orte hingefeuert, wo er das Gebüsch sich bewegen gesehen, in der Meinung, es sei irgend ein wildes Thier. Er lachte herzlich über den Irrthum, da er es für einen herrlichen Spaß unter Jägern ansah; »aber wahrhaftig, mein Bursche,« sagte er, »hätte ich nur etwas von Dir gesehen, um darnach zielen zu können, so wärst Du dem Felsstücke gefolgt. Anton Vander Heyden schießt bekanntlich selten fehl.« Diese letzten Worte befriedigten auf einmal Dolph's Neugier; uns einige wenige Fragen machten ihn vollkommen mit dem Charakter des Mannes, den er vor sich hatte, und mit dem von seiner ganzen Schaar von Buschkleppern bekannt. Der Anführer mit dem breitkrempigen Hute und dem Jagdrocke war Niemand anders, als Herr Anton Vander Heyden, aus Albany, von dem Dolph oft gehört hatte. Er war in der That der Held mancher Erzählung, da er ein Mann von gar sonderbaren Launen und seltsamen Gewohnheiten war, über die seine ruhigen holländischen Nachbarn sich gar sehr verwunderten. Da er ein vermögender Mann war, denn er hatte von seinem Vater große Strecken wilden Landes und ganze Fässer von Wampum geerbt, so konnte er seiner Laune ungestört nachleben. Statt ruhig zu Hause zu bleiben, zu regelmäßiger Zeit zu essen und zu trinken, seine Pfeife behaglich auf der Bank vor der Thüre zu rauchen, und dann sich am Abend in ein bequemes Bett zu legen, fand er an allen Arten von rauhen, wilden Unternehmungen Freude. Er war nie so glücklich, als auf einer Jagdparthie in der Wildniß, unter Bäumen oder in Hütten von Baumrinden schlafend, den Fluß hinunter, oder auf irgend einem See im Walde umherfahrend, fischend und schießend, und, Gott weiß wo, lebend. Er war ein großer Freund der Indianer und der indianischen Lebensart, die er für wahre natürliche Freiheit und männliches Vergnügen hielt. Wenn er zu Hause war, hatte er immer einige Indianer bei sich, die sich um sein Haus umhertrieben, wie Hunde in der Sonne schlafend, oder Jagd- und Fischerzeug zu irgend einem neuen Ausfluge in Bereitschaft setzend, oder mit Pfeil und Bogen nach dem Ziele schießend. Ueber diese Landstreicher übte Herr Anton eine so unbeschränkte Herrschaft aus, wie ein Jäger über seine Meute; für die ordentlichen Bewohner der Nachbarschaft waren sie aber eine große Last. Da er ein reicher Mann war, wagte es Niemand, ihm bei der Befriedigung seiner Launen etwas in den Weg zu legen; auch hatte er wirklich etwas Herzliches, Fröhliches an sich, das ihn allgemein beliebt machte. Wenn er die Straße hinunterging, brummte er ein holländisches Lied, rief Jeden an, wenn er noch eine halbe Meile von ihm war, und wenn er in ein Haus eintrat, schlug er den Hausvater vertraulich auf den Rücken, drückte ihm die Hand, daß er laut aufschrie, und küßte seine Frau und Töchter vor seinen Augen – kurz, Herr Anton hatte weder Stolz noch Griesgram an sich. Außer seinen indianischen Begleitern, hatte er noch drei oder vier demüthige Freunde unter den Weißen, welche ihn als einen Gönner ansahen, seine Küche genau kannten, und von ihm gelegentlich auf seinen Ausflügen mitgenommen wurden. Mit einem gemischten Haufen dieser Art, war er jetzt auf einem Kreuzzuge auf dem Hudson, an den Ufern desselben hin, begriffen, und bediente sich dabei eines Jachtschiffes, welches er zu seiner Belustigung hielt. Es waren zwei weiße Männer bei ihm, die zum Theil nach indianischer Art gekleidet waren, mit Mocasins und Jagdhemden; seine übrige Begleitung bestand aus vier Lieblings-Indianern. Sie waren auf dem Flusse hingefahren, ohne irgend einen bestimmten Zweck, bis sie sich in den Hochlanden befanden, wo sie schon zwei oder drei Tage zugebracht und Hirsche jagten, welche sich noch in diesen Bergen hielten. »Es ist ein glücklicher Umstand, junger Mann,« sagte Anton Vander Heyden, »daß Ihr zufällig heute über Bord geschleudert wurdet; denn morgen bei Zeiten kehren wir wieder nach Hause zurück; und Ihr würdet Euch dann vergebens in diesen Bergen nach einer Mahlzeit umgesehen haben – doch kommt, Bursche, rührt Euch! rührt Euch! laßt sehen, was es heute zu Abend gibt; der Kessel hat lange genug gesprüht; mein Magen knurrt; und ich wette, unser Gast hat nicht Lust, mit seinem Messer zu spielen.« Nun gerieth in dem kleinen Lager Alles in Bewegung; Einer nahm den Kessel vom Feuer, und leerte einen Theil seines Inhalts in eine große hölzerne Schüssel aus. Ein Anderer machte ein plattes Felsstück zum Tisch zurecht, während ein Dritter mehreres Geräth aus der naheliegenden Jacht brachte; Herr Anton selbst aber holte ein oder zwei Flaschen trefflichen Getränks aus seinem Flaschenfutter, da er seine Spießgesellen zu gut kannte, um einem von ihnen den Schlüssel anzuvertrauen. Eine einfache, aber kräftige Mahlzeit war bald aufgetragen; sie bestand aus dem Wilde, das rauchend aus dem Kessel kam, kaltem Speck, gekochtem türkischen Weitzen und gewaltigen Stücken guten schwarzen hausbackenen Brodes. Nie hatte Dolph eine köstlichere Mahlzeit gehalten; und als er sie durch zwei oder drei Züge aus Herrn Antons Flasche hinuntergespühlt hatte, und nun fühlte, wie des kräftigen Trunkes Feuer sich durch alle seine Adern verbreitete und sein Herz erwärmte, hätte er nicht mit dem Statthalter der Provinz tauschen mögen. Auch Herr Anton ward ganz munter und fröhlich und erzählte ein halbes Dutzend derber Geschichten, bei denen seine weißen Begleiter unmäßig lachten, obgleich die Indianer, wie gewöhnlich, einen unerschütterlichen Ernst beobachteten. »Das ist das wahre Leben, lieber Junge!« sagte er, indem er Dolph auf die Schulter schlug: »ein Mann ist nie ein Mann, bis er Wind und Wetter Trotz bieten, durch Wald und Flur streifen, unter einem Baume schlafen, und von Lindenblättern leben kann!« Und nun sang er eine oder zwei Strophen eines holländischen Trinkliedes, eine kurze dicke holländische Flasche in der Hand schwingend, wobei seine Genossen im Chor einstimmten, bis die Wälder davon widerhallten, wie es in dem guten alten Liede heißt: Sie jubelten all', daß es weitum erscholl,     Sobald die Kirche geschlossen: Zum Schmause gings froh nun und starke Wein'     In rüstige Kehlen sie gossen. Mitten in dieser Lust verlor jedoch Herr Anton die Vorsicht nicht aus den Augen. Obgleich er Dolph die Flasche ohne Weiteres hinschob, sorgte er doch, seinen Begleitern selbst einzuschenken, da er in Hinsicht ihrer wohl wußte, mit wem er's zu thun hatte; besonders den Indianern gab er nur ein sehr bescheidenes Maaß. Nachdem das Mahl geendet war, und die Indianer getrunken und ihre Pfeifen geraucht hatten, wickelten sie sich in ihre Decken, streckten sich auf den Boden hin, mit den Füßen nach dem Feuer gekehrt, und schliefen wie eben so viele ermüdete Jagdhunde bald ein. Der übrige Theil der Gesellschaft schwatzte noch bei dem Feuer, welches die Dunkelheit des Waldes und die durch den letzten Sturm feucht gewordene Luft sehr angenehm und behaglich machte. Die Unterhaltung wurde allmählich nach der Heiterkeit des genossenen Mahles ruhiger, und wandte sich auf Jagdabenteuer und auf Unternehmungen und Gefahren in der Wildniß, von denen manche so sonderbar und unwahrscheinlich klangen, daß ich sie nicht wiedererzählen will, damit man die Wahrheitsliebe des Herrn Anton Vander Heyden und seiner Genossen nicht in Zweifel ziehen möge. So wurden auch manche Mährchen von dem Flusse und den Niederlassungen an seinen Ufern zum Besten gegeben, in welcher schätzbaren Kunde Herr Anton tief bewandert schien. Als der mannhafte Waidmann so auf einer knotigen Baumwurzel saß, die ihm zu einer Art Lehnstuhl diente, und diese schauerlichen Geschichten erzählte, während das Feuer seine starken Züge erhellte, kam Dolph mehrmals etwas in den Sinn, das ihn an die Erscheinung im Spukhause erinnerte; eine flüchtige Aehnlichkeit, welche sich nicht auf irgend einen bestimmten Zug zurückführen ließ, wohl aber im Allgemeinen in seinem Antlitz und in seiner Gestalt lag. Da der Umstand, daß Dolph über Bord gefallen war, wieder erörtert wurde, gab dieß Gelegenheit zur Erzählung verschiedener Unglücksfälle und besonderer Fährlichkeiten, welche Reisenden auf diesem großen Flusse, vorzüglich in den früheren Zeiten der Colonie, zugestoßen waren, von denen Herr Anton die meisten geradezu übernatürlichen Ursachen zuschrieb. Dolph staunte über diese Behauptung; allein der alte Herr versicherte ihn, daß die am Flusse wohnenden Ansiedler allgemein den Glauben hätten, diese Hochlande stünden unter der Herrschaft übernatürlicher und schadenfroher Wesen, welche gegen die holländischen Colonisten in den frühesten Zeiten der Niederlassung einen gewissen Groll gefaßt zu habe schienen. Demzufolge hätten sie jederzeit ein besonderes Gefallen daran gefunden, ihre Tücke an den holländischen Schiffern auszulassen und ihr Müthchen an ihnen zu kühlen; sie durch Windstöße, widrige Winde, entgegengesetzte Strömungen und alle Arten von Hindernissen zu plagen, so daß ein holländischer Schifffahrer immer sehr vorsichtig und klug bei seiner Fahrt sein, am Abend vor Anker gehen, und seinen Mast niederlassen, oder das Segel einziehen müsse, sobald er eine schwere Wolke über die Berge herkommen sähe; kurz, er müsse so viele Vorkehrungen treffen, daß er oft eine unglaublich lange Zeit brauche, sich den Fluß hinauf zu quälen. Einige, sagte er, glaubten, diese feindlichen Mächte der Luft seien böse Geister, welche die indianischen Zauberer in den frühern Zeiten der Provinz beschworen, um sich an den Fremden zu rächen, die sie aus dem Besitz ihrer Lande vertrieben hätten. Sie schrieben selbst ihren Bezauberungen das Mißgeschick zu, welches den berühmten Hendrik Hudson betroffen, als er so kühn diesen Fluß hinaufgesegelt, um den nordwestlichen Durchgang zu finden, und mit seinem Schiffe, wie er glaubte, auf den Grund gerieth; dieß sei, wie sie behaupten wollten, nichts mehr und nichts weniger als ein Werk derselben Zauberer gewesen, um zu verhindern, daß er in dieser Richtung nach China gelangte. Der größere Theil indessen, bemerkte Herr Anton, setzten alle die außerordentlichen, mit der Schifffahrt auf diesem Strome verknüpften Umstände, und die Gefahren. in welche die Schiffe geriethen, auf Rechnung der Sage von dem »Sturmschiffe,« welches bei Point-no-point spuke. Als er sah, daß Dolph mit dieser Sage ganz unbekannt war, starrte er ihn einen Augenblick lang voll Ueberraschung an, und fragte verwundert, wo er gelebt habe, daß er über einen so wichtigen Punkt in der Geschichte so gänzlich ununterrichtet sei. Um nun den übrigen Theil des Abends zu verkürzen, erzählte er die Sage, so weit sein Gedächtniß reichte, mit denselben Worten, in welchen Mynheer Selyne, einer der frühern Dichter der Neuen-Niederlande, sie geschrieben hatte. Nachdem er also das Feuer geschürt, daß die Funken umhersprühten wie die eines kleinen Vulkans, setzte er sich behaglich in seiner Baumwurzel zurecht; und den Kopf zurücklegend und einige Augenblicke lang die Augen schließend, um sein Gedächtniß aufzufrischen, erzählte er folgende Sage, Das Sturmschiff. In dem goldenen Zeitalter der Provinz der Neuen-Niederlande, als sie unter der Herrschaft Wouter's van Twiller stand, den man auch den Zweifler nannte, wurden die Bewohner der Manhattos an einem schwülen Nachmittage, gerade um die Zeit der Sommer-Sonnenwende, durch ein gewaltiges Ungewitter erschreckt. Der Regen fiel in solchen Strömen, daß er vom Boden wieder aufspritzte und dieser davon rauchte. Der Donner schien dicht über den Häusern zu krachen und hinzurollen; den Blitz sah man beständig um die St. Niclas-Kirche spielen, wo er dreimal, wiewohl vergeblich, in den Wetterhahn zu schlagen suchte. Garret van Home's Schornstein ward beinahe von oben bis unten zerrissen, und Doffue Mildeberger sank, vom Blitze getroffen, sprachlos von seiner kahlköpfigen Stute, eben als er in die Stadt ritt. Mit einem Wort, es war eines von den fast beispiellosen Ungewittern, wie sie gewöhnlich nur einmal die ehrwürdigen Personen erleben, die man in jeder Stadt unter der Benennung der»ältesten Einwohner« kennt. Groß war der Schrecken der guten alten Frauen in den Manhattos. Sie rafften ihre Kinder zusammen und flüchteten in die Keller, nachdem sie auf die eiserne Spitze jedes Bettpfostens einen Schuh gehängt, damit sie nicht den Blitz anzöge. Endlich legte sich der Sturm; der Donner verlor sich in ein Murmeln, und die untergehende Sonne, die aus den gesäumten Rändern der Wolken hervorbrach, ließ den weiten Busen der Bucht wie ein Meer geschmolzenen Goldes erscheinen. Auf einmal kam von dem Fort die Nachricht, daß ein Schiff auf die Bucht lossteuere. Sie ging von Mund zu Munde, von Straße zu Straße, und brachte bald die ganze kleine Hauptstadt in Aufruhr. Die Ankunft eines Schiffes war in jenen frühen Zeiten der Niederlassung ein Ereigniß von großer Bedeutung für die Bewohner. Es brachte ihnen Neuigkeiten aus der alten Welt, aus ihrem Geburtslande mit, von dem sie so weit getrennt waren; von dem jährlich ankommenden Schiff erwarteten die Einwohner auch ihren Vorrath an Gegenständen des Luxus, des Putzes, der Bequemlichkeit, ja beinahe einen Theil ihrer nothwendigsten Bedürfnisse. Der guten Hausfrau brachte es ihre neue Haube oder ihr neues Kleid mit; dem Handwerker sein Arbeitszeug, dem Bürgermeister seine Pfeife und seinen Wachholderbranntwein, dem Schulknaben seinen Kreisel und seine Marmel, und dem stattlichen Gutsbesitzer die Backsteine, womit er sein neues Haus bauen wollte. So erwartete Alles, Reich und Arm, Groß und Klein, die Ankunft des Schiffes. Diese war alljährlich das große Fest für die Stadt Neu-Amsterdam; und, von einem Ende des Jahres zum andern war das Schiff – das Schiff – das Schiff – der fortdauernde Gegenstand der Unterhaltung. Die Nachricht vom Fort brachte die ganze Bevölkerung des Orts hinunter an die Batterie, sich an dem ersehnten Anblicke zu weiden. Es war eigentlich nicht die Zeit, wo es erwartet wurde, und die Begebenheit gab zu mancherlei Betrachtungen Anlaß. Viele Gruppen hatten sich in der Gegend der Batterie gebildet. Hier und da sah man einen Bürgermeister, mit bedächtigem stattlichen Ernste, mitten in einem Haufen alter Weiber und müßiger Knaben mit großer Zuversicht seine Meinung verkündigen. Dort stand ein Haufe alter abgehärteter Kerle, welche zu ihrer Zeit Matrosen oder Fischer gewesen waren, und die bei allen solchen Gelegenheiten großes Gewicht hatten; diese hegten verschiedene Meinungen, wodurch ein großer Streit unter ihren mannichfachen Parteinehmern entstand; der aber, auf welchen Alles hinsah, dem die Menge folgte, und den sie beobachtete, war Haus van Pelt, ein alter holländischer Schiffscapitän außer Dienst und das Schifffahrts-Orakel des Orts. Er beobachtete das Schiff durch ein altes, mit getheerter Leinwand überzogenes Teleskop, brummte ein holländisches Lied vor sich hin und sagte nichts. Was Hans van Pelt brummte hatte aber bei den Leuten immer mehr Gewicht, als eine ganze lange Rede von einem andern Manne. Indessen war das Schiff dem bloßen Auge immer erkennbarer; es war ein starkes, rundes, nach holländischer Art gebautes Fahrzeug, mit hohem Bug und Hinterschiff, das die holländische Flagge führte. Die Abendsonne vergoldete seine schwellenden Segel, als es über die langwogenden Wellen daher kam. Die Schildwacht, welche von seiner Annäherung Nachricht gegeben, sagte aus, daß sie das Schiff zuerst gesehen, als es schon mitten in der Bucht gewesen; und daß es plötzlich vor ihr gestanden habe, gerade als sei es aus dem Bauche der schwarzen Gewitterwolke gekommen. Die Umstehenden sahen auf Hans van Pelt, um zu hören, was er zu dem Bericht sagen würde. Haus van Pelt aber zog seinen Mund schärfer zusammen und sagte nichts, worauf Einige die Köpfe schüttelten und Andere die Achseln zuckten. Das Schiff ward nun zu mehreren Malen angerufen, gab aber keine Antwort, sondern segelte vor dem Fort vorbei und den Hudson hinauf. Es ward eine Kanone auf dasselbe gerichtet, die nicht ohne einige Schwierigkeit von Hans van Pelt geladen und abgefeuert wurde, da die Besatzung sich auf das Geschütz nicht verstand. Die Kugel schien mitten durch das Schiff zu gehen und auf der andern Seite auf dem Wasser hin zu tanzen, ohne daß von dem Schiffe das mindeste darauf erfolgt wäre! Sonderbar war es, daß es alle Segel aufgezogen hatte und gerade gegen Strömung und Wind fuhr, welche beide den Fluß hinuntergingen. Darauf ließ Hans van Pelt, der zu gleicher Zeit Hafenmeister war, sein Boot aussetzen, und ging in See, um sich an Bord zu begeben. Nachdem er aber zwei oder drei Stunden umhergerudert, kam er unverrichteter Sache wieder. Zuweilen war er dem Schiff ein oder zweihundert Yards nahe gewesen, und dann war es in einem Augenblicke eine halbe Meile von ihm entfernt. Einige behaupteten, die Schuld läge an seinen Ruderern, die so kurzen Athem hätten, engbrüstig wären, und alle Augenblicke anhielten, um wieder Athem zu schöpfen und sich in die Hände zu speien; aber dieß war wahrscheinlich nur böser Leumund. Er kam indessen nahe genug, um das Schiffsvolk zu sehen; dieß war ganz nach holländischer Art gekleidet, die Offiziere in Wämsen und hohen Hüten mit Federn; Niemand an Bord sprach ein Wort; Alle standen so bewegungslos da, wie Bildsäulen, und das Schiff schien ganz sich selbst überlassen zu sein. So ging es den Fluß hinauf, und ward in der Abendsonne immer kleiner und kleiner, bis es, wie eine kleine weiße Wolke, welche sich in den Sommerhimmel verliert, gänzlich aus dem Gesichte verschwand. Die Erscheinung dieses Schiffes versetzte den Statthalter in eine der größten Verlegenheiten, worin er sich während des ganzen Laufes seiner Verwaltung befunden hatte. Man hegte Besorgnisse für die Sicherheit der jungen Niederlassungen am Flusse, und fürchtete, es möchte ein verkapptes feindliches Schiff sein, welches abgeschickt worden sei, um sie in Besitz zu nehmen. Der Statthalter ließ mehrere Male seinen Rath zusammenberufen, damit ihm dieser mit seinen Vermuthungen an die Hand gehen möge. Er saß in seinem Staatssessel, aus Holz von dem geheiligten Walde im Haag gezimmert, rauchte aus seiner langen Jasminpfeife, und hörte mit an, was ihm seine Räthe über einen Gegenstand zu sagen hatten, von dem sie nichts wußten; aller Vermuthungen der ältesten und weisesten Häupter ungeachtet, blieb aber der Statthalter noch immer in Zweifel. Boten wurden nach verschiedenen Gegenden des Flusses gesandt; allein sie kehrten ohne alle Nachrichten zurück – das Schiff war in keinen Hafen eingelaufen. Tag auf Tag, Woche auf Woche vergingen, aber es kam nicht wieder den Hudson herunter. An Nachrichten von demselben, woran es dem Rathe zu liegen schien, fehlte es indessen durchaus nicht. Die Schaluppen-Capitäne kamen selten ohne die Meldung, daß sie das seltsame Schiff an irgend einer Stelle auf dem Flusse gesehen hätten: bald hatte man es bei den Pallisaden, bald auf der Höhe von Croton-Point, bald in den Hochlanden erblickt; jenseits derselben aber schien Niemand es gesehen zu haben. Die Mannschaften der Schaluppen wichen freilich in der Regel in ihren Aussagen über diese Erscheinungen von einander ab; allein dieß mag von den ungewissen Gesichtspunkten herrühren, aus denen sie es gesehen hatten. Zuweilen hatten sie es bei dem Leuchten des Blitzes in einer pechschwarzen Nacht erblickt, wo sie es quer über die Tappaan-Zee gehen oder den weiten Raum der Haverstraw-Bay durcheilen sahen. Bald erschien es so nahe bei ihnen, als ob es sie zu Grund segeln wolle, und versetzte sie in die größte Unruhe und Besorgniß; bei dem nächsten Blitze sahen sie es aber weit weg, und immer gegen den Wind segelnd. Zuweilen erschien es ihnen, in ruhigen, mondhellen Nächten, gerade unter einer hohen Klippe in den Hochlanden, ganz in tiefem Schatten, so daß nur die Obersegel in den Mondstrahlen schimmerten; wenn die Leute aber nun den Ort erreichten, war kein Schiff zu sehen; und wenn sie eine Strecke an ihm vorüber waren und zurückschauten, siehe, so war es wieder da mit seinen Obersegeln im Mondschein! Es erschien immer entweder kurz nach, oder kurz vor, oder mitten in ungestümem Wetter; und es war bei allen Schiffern, die den Hudson befuhren, unter dem Namen des »Sturmschiffes« bekannt. Diese Berichte setzten den Statthalter und seine Räthe mehr denn je in Verwirrung; und es würde endlos sein, die Vermuthungen und Meinungen aufzuzählen, die über diesen Gegenstand ausgesprochen wurden. Einige führten hiehergehörige Fälle von Schiffen an, die auf der Höhe der Küste von Neu-England gesehen und von Hexen und Kobolden geführt worden. Der alte Hans van Pelt, welcher mehr als einmal bei der holländischen Colonie auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung gewesen war, behauptete, es müsse der fliegende Holländer sein, der so lange in der Tafel-Bay gespukt; und da er nicht in den Hafen einlaufen können, habe er sich nun anderswohin gewendet. Andere meinten, wenn dieß wirklich eine übernatürliche Erscheinung sei, wie man doch allen natürlichen Grund habe zu glauben, so möge es wohl Hendrik Hudson mit seiner Mannschaft vom »halben Monde« sein, der, wie wohl bekannt, in dem obern Theile des Flusses, als er den nordwestlichen Durchgang nach China gesucht, auf den Grund gerathen sei. Diese Meinung hatte bei dem Statthalter sehr wenig Gewicht, kam aber im Publikum in Umlauf; denn man hatte bereits gesagt, Hendrik Hudson und seine Mannschaft spukten in den Kaatskill-Bergen; und es schien ganz vernünftig, daß sein Schiff sich da sehen ließe, wo die Unternehmung gescheitert war, oder daß es die düstere Schiffsmannschaft zu dem Orte hinführe, wo sie ihre regelmäßig wiederkehrenden Gelage in den Bergen hielt. Andere Ereignisse beschäftigten jedoch die Gedanken und Zweifel des weisen Wouter und seines Raths, und das Sturmschiff hörte auf, ein Gegenstand der Berathung in der Versammlung zu sein. Doch glaubte das Volk fortdauernd daran, und pflegte sich, während der ganzen Zeit der holländischen Herrschaft, und besonders kurz vor der Einnahme von Neu-Amsterdam und der Unterjochung der Provinz durch ein englisches Geschwader, vielfach davon zu erzählen. Um diese Zeit wurde das Sturmschiff wiederholt in der Tappaan-Zee und bei Weehawk, selbst bis nach Hoboken hinunter, erblickt; und seine Erscheinung ward als eine Vorbedeutung der herannahenden Umwälzung und des Sturzes der holländischen Herrschaft angesehen. Seit dieser Zeit haben wir keine beglaubigten Nachrichten von dem Schiffe, wenn man gleich noch behaupten will, daß es sich in der Gegend der Hochlande sehen lasse, und um Point-no-point kreuze. Die Leute, welche an den Ufern des Flusses wohnen, behaupten, daß sie es zuweilen im Sommer-Mondlicht sehen; und daß sie in einer tiefen stillen Mitternacht den Gesang des Schiffsvolkes hörten, als ob es lothete; allein das Gesicht und das Gehör täuschen sich an den bergigen Küsten, an den weiten Buchten und den langen Uferstrichen dieses großen Flusses so leicht, daß mir, wie ich gestehen muß, die Sache sehr zweifelhaft vorkommt. Es ist indessen gewiß, daß man in den Hochlanden, bei Stürmen, sonderbare Dinge zu Gesicht bekommt, welche mit der alten Geschichte des Schiffes in Verbindung stehen sollen. Die Capitäne der Flußfahrzeuge sprechen von einem kleinen, knollenartig gebauten Kobold, in Pludderhosen und mit einem zuckerhutförmigen Hute, der ein Sprachrohr in der Hand hat, und sich in der Gegend des Dunderbergs aufhalten soll. Sie behaupten, ihn bei stürmischem Wetter, mitten im Aufruhr der Elemente, in holländischer Sprache Befehle austheilen gehört zu haben, daß ein neuer Windstoß heranbrausen, oder ein neuer Donnerschlag sich hören lassen solle. Daß man ihn manchmal von einem Haufen kleiner Geister, in weiten Hosen und mit kurzen Wämsen, umringt gesehen habe, welche sich im Dunst und Nebel kopfüber stürzen, und tausend Sprünge in der Luft machen, oder wie ein Fliegenschwarm um die St. Antonius-Nase summen; und daß zu dieser Zeit das Getöse des Sturmes immer am heftigsten sei. Einst ward eine Schaluppe, als sie bei dem Dunderberg vorübersegelte, von einem Ungewitter überfallen, das plötzlich um den Berg herumzog, und gerade über dem Fahrzeuge loszubrechen schien. Obgleich dieses ganz dicht und fest, und wohl mit Ballast versehen war, hatte es doch furchtbar zu kämpfen, so daß das Wasser sogar bis über den Dolbord kam. Das ganze Schiffsvolk war verwundert, als man entdeckte, daß ein kleiner, spitzer, weißer Hut oben auf dem Maste stecke, den man sogleich für den Hut des Herr vom Dunderberg erkannte. Niemand jedoch wagte es, den Mast hinaufzuklimmen, und den furchtbaren Hut abzunehmen. Die Schaluppe fuhr fort, zu kämpfen und zu schwanken, als ob ihr Mast über Bord fallen wollte. Sie schien in beständiger Gefahr, entweder umzuschlagen, oder auf den Strand zu laufen. So trieb sie ganz durch die Hochlande hindurch, bis sie vor Pollopol's Insel vorüber war, wo, wie man sagt, die Gerichtsbarkeit des Beherrschers des Dunderberg's aufhört. Kaum war sie über diese Grenze hinweg, als der kleine Hut plötzlich wie ein Kreisel sich in der Luft drehte, alle Wolken in einem Wirbel zusammenfaßte, und sie auf den Gipfel des Dunderbergs zurückführte; während die Schaluppe sich aufrichtete, und nun so ruhig wie auf einem Mühlbach fortsegelte. Nichts rettete sie von dem gänzlichen Schiffbruche, wäre nicht glücklicherweise ein Hufeisen an den Mast genagelt gewesen; eine weise Vorkehrung gegen die bösen Geister, welche seitdem von allen holländischen Capitänen, die diesen bezauberten Fluß befahren, angewandt worden ist. Es gibt noch eine andere Geschichte von diesem bösen Wetter-Kobolde, die des Schiffers Daniel Ouslesticker von Fish-Hill, der nie gelogen hatte. Er sagte, daß er ihn, bei einem heftigen Sturme, quer auf dem Bugspriet seiner Schaluppe habe sitzen, und diese nach der Küste zu, gerade auf St. Antonius-Nase hin, habe treiben sehen, und daß er von Dominie van Gieson von Esopus, der sich gerade am Bord befand und das Lied des heil. Nikolaus sang, gebannt worden sei; worauf der Kobold sich wie eine Kugel in die Luft geschnellt habe und in einem Wirbelwinde davon gefahren sei, wobei er die Nachtmütze der Frau des Dominie mitgenommen; welche den nächsten Sonntag Morgen an dem Wetterhahn des Kirchthurms in Esopus, wenigstens vierzig Meilen davon, hängend gefunden worden! Nach mehreren Vorfällen der Art, wagten es die regelmäßigen Flußschiffer lange Zeit nicht, an dem Dunderberg vorbei zu segeln, ohne als Zeichen der Huldigung gegen den Herrn vom Berge ihre Segel herab zu lassen; und man bemerkte, daß alle Diejenigen, welche ihm diese Ehrfurchtsbezeigung erwiesen, unangetastet vorüber durften. »In dieser Weise finden sich,« sagte Anton Vander Heyden, »mehrere Erzählungen von dem Dichter Selyne, in Bezug auf dieses Sturmschiff niedergeschrieben, das, wie er versichert, diese Colonie boshafter Geister aus irgend einem von Gespenstern heimgesuchten Lande Europa's hieher gebracht hat. Ich könnte Euch, wenn es nöthig wäre, eine Legion mehr erzählen; denn alle die Unfälle, welche die Flußschiffe in den Hochlanden erdulden müssen, sollen nichts weiter sein, als Streiche, welche diese Geister des Dunderbergs ihnen spielen; doch ich sehe, daß Ihr schon einzunicken anfangt, und so wollen wir uns denn zur Ruhe begeben.« Von den Volks-Sagen, welche in den Colonieen während der ersten Zeit der Ansiedelungen im Umlauf waren, haben sich auch einige sehr sonderbare von gespenstischen Schiffen erhalten. Der Aberglaube der Menschen pflegt sich immer den Gegenständen zuzuwenden, welche mit ihren täglichen Beschäftigungen in Verbindung stehen. Das einzelne Schiff, welches alljährlich, wie der Rabe in der Wüste, den Bewohnern einer Niederlassung die Bequemlichkeiten des Lebens aus der Welt zuführte, von welcher sie abgeschnitten waren, lebte immer in ihren Träumen, im Wachen oder im Schlafe. Der Anblick eines Segels von der Küste aus, wie es am Horizont, auf diesen damals noch einsamen Meeren dahinglitt, mußte natürlich zu vielen Gesprächen und Vermuthungen Anlaß geben. Einer der frühesten Neu-Engländischen Schriftsteller gedenkt eines Schiffes, das von Hexen gesteuert wurde, und neben dessen Hauptmast ein großes Pferd stand. So habe ich auch irgendwo eine andere Erzählung gefunden, von einem Schiffe, welches bei schönem, sonnigem, ruhigem Wetter mit vollen Segeln und einem gedeckten Tische in der Kajüte, als ob Gäste bewirthet werden sollten, und an dessen Bord sich doch keine lebende Seele befand, an das Land trieb. Diese Geisterschiffe segelten immer gerade in den Wind, oder fuhren mit großer Schnelligkeit dahin, wobei das ruhige Meer vor ihrem Bug aufschäumte, wenn auch nicht ein Lüftchen ging. Moore hat eine von diesen Meeressagen sehr schön zu einer kleinen Erzählung verarbeitet, welche in Wenigem den ganzen Kern dieser Art übernatürlicher Dichtung enthält. Ich meine sein »Gespensterschiff« das nach der Todten-Manns-Insel segelt. – Verf. Der Mond hob seine Silberhörner gerade über den runden Rücken des Old-Bull-Hill, und beleuchtete die grauen Felsen und dunkeln Wälder, und glänzte auf dem wogenden Spiegel des Flusses: der Nacht-Thau fiel, und die eben noch düstern Berge begannen mild zu leuchten, und in dem thauigen Lichte eine graue luftige Färbung anzunehmen. Die Jäger schürten das Feuer an, und warfen frisches Holz darauf, um die Feuchtigkeit der Nachtluft abzuhalten. Hierauf bereiteten sie für Dolph ein Lager von Zweigen und trockenen Blättern, unter einem Felsenvorsprunge, während Anton Vander Heyden sich in einen großen, aus Häuten gemachten Mantel einhüllte und neben dem Feuer niederlegte. Es währte aber einige Zeit, ehe Dolph seine Augen schloß. Er betrachtete so hingestreckt das sonderbare Schauspiel, das sich seinem Blicke darbot; die wilden Wälder und Felsen umher, das Feuer, welches einen flüchtigen Schein auf die Gesichter der schlafenden Wilden warf, und den Herrn Anton, der so sonderbar, wenn gleich nur entfernt, ihn an den nächtlichen Besucher des Spukhauses erinnerte. Dann und wann vernahm er das Gebrüll eines wilden Thieres aus dem Walde, oder das Geschrei der Eule oder die Töne des Wiedehopfes, deren es in dieser Einöde eine Menge zu geben schien; oder das Plätschern eines Störs, der sich aus dem Flusse erhob und seiner ganzen Länge nach auf dessen ruhige Fläche zurückfiel. Er verglich alles dieß mit seiner gewohnten Ruhestätte in der Dachstube des Doctors, wo er keine andern Töne in der Nacht vernahm, als die Glocke des Kirchthurms, welche die Stunden verkündigte; die schläfrige Stimme des Nachtwächters, der sein »Alles steht gut« sang; das tiefe Schnarchen aus des Doctors verstopfter Nase von dem untern Zimmer herauf; oder das vorsichtige Arbeiten einer Ratte in der Wandbekleidung. Dann kam ihm der Gedanke an seine arme alte Mutter in den Sinn; was mußte sie von seinem geheimnißvollen Verschwinden gedacht haben – in welcher Angst und Besorgniß mußte sie schweben? Dieß war der Gedanke, welcher sich fortwährend in seine Betrachtungen mischte und seinen gegenwärtigen Genuß trübte. Er war mit einem Gefühle des Schmerzes und der Reue verknüpft, und Dolph schlief mit Thränen in den Augen ein. Wäre dieß eine blos erdichtete Geschichte, so böte sich hier eine schöne Gelegenheit, die seltsamsten Abenteuer in diesen wilden Bergen und unter diesen Streif-Jägern einzuflechten, und, nachdem ich meinen Helden den mannigfaltigsten Gefahren und Widerwärtigkeiten preisgegeben, ihn durch irgend ein wundersames Eingreifen wieder zu retten. Da meine Erzählung aber durchaus wahr ist, muß ich mich mit einfachen Thatsachen begnügen und an dem Natürlichen festhalten. Früh am nächsten Tage brach, nach einem tüchtigen Frühstück, das Lager auf, und unsere Abenteurer schifften sich wieder auf Anton Vander Heyden's Jagdschiffe ein. Da die Segel keinen Wind hatten, so ruderten die Indianer das Fahrzeug langsam weiter, und hielten dabei mit einem von den Weißen gesungenen Liede Takt. Der Tag war heiter und schön; der Fluß ohne eine einzige Welle; und wie das Schiff das klare Wasser durchschnitt, ließ es einen langen wellenförmigen Streifen hinter sich. Die Krähen, welche das Mahl der Jäger gewittert hatten, schwärmten bereits haufenweis in der Luft, gerade über einer dünnen blauen Rauchsäule, welche sich aus den Bäumen erhob und den Ort andeutete, wo Jene ihr letztes Nachtquartier gehalten hatten. Während sie so am Fuße der Berge hinfuhren, zeigte Herr Anton dem Jüngling einen kahlen Adler, den Beherrscher dieser Gegenden, welcher auf einem dürren Baume, der über den Fluß herüberragte, saß, und, mit emporgerichteten Augen, den Glanz der Morgensonne zu trinken schien. Ihre Annäherung störte des Monarchen Betrachtungen. Er streckte erst einen, dann den andern Flügel aus, wiegte sich einen Augenblick, verließ dann mit stolzer Ruhe seinen Sitz und schwebte langsam über ihren Häuptern hin. Dolph ergriff eine Flinte und schickte ihm eine pfeifende Kugel nach, welche einige Federn in seinen Flügeln knickte; der Knall der Flinte hallte scharf von Fels zu Felsen wieder und setzte tausend Echo's in Bewegung; aber der Beherrscher der Luft schwebte ruhig weiter, stieg immer höher und höher, streifte in weiten Kreisen an dem grünen Rande des bewaldeten Berges hin, und verschwand endlich über dem Saume eines kühn hervorspringenden Abhanges. Dolph fühlte den Vorwurf, der gewissermaßen in dieser stolzen Ruhe lag, und es that ihm beinahe leid, so muthwillig den majestätischen Vogel beleidigt zu haben. Herr Anton erinnerte ihn lächelnd, daß er sich noch nicht außerhalb des Gebiets des Herrn vom Dunderberg befände; und ein alter Indianer schüttelte den Kopf, und bemerkte, daß es schlechtes Glück bringe, einen Adler zu tödten: im Gegentheil, der Jäger sollte ihm stets einen Antheil an seiner Beute lassen. Es ereignete sich indessen kein Unfall auf der Reise. Sie kamen durch herrliche, einsame Gegenden, bis sie die Pollopols-Insel erreichten, die wie eine schwimmende Laube, am Ende der Hochlande lag. Hier landeten sie, um zu warten, bis die Hitze des Tages abnehmen oder ein günstiger Wind sich erheben würde, welcher sie der Anstrengung des Ruderns überhöbe. Einige bereiteten das Mittagsmahl, während Andere im Schatten der Bäume in einer üppigen sommerlichen Muße ruhten, und gemächlich auf die Schönheit der vor ihnen liegenden Gegend hinschauten. Auf der einen Seite waren die Hochlande starr und klippig, bis zum Gipfel hinauf mit Wäldern bewachsen, ihre Schatten weit auf das spiegelhelle Wasser hinwerfend, welches sich an ihrem Fuße kräuselte. Auf der andern war eine weite Fläche des Flusses, der sich wie ein See ausbreitete, mit seinen langen sonnigen Landstreifen und seinen grünen Vorgebirgen, und am fernen Horizonte zog sich schlängelnd oder mit flockigen Wolken bedeckt die Linie der Shawangunk-Berge hin. Ich enthalte mich, bei den Einzelnheiten ihrer Fahrt den Strom entlang zu verweilen. Dieses umherschweifende amphibische Leben, durch Silberfluthen dahin führend, wo man an wilden waldigen Ufern landet, an schattigen Vorgebirgen schmaust, während sich dichte Aeste über uns wölben und der Strom unsern Fuß mit seinem leichten Schaum benetzt und ferne Berge und Felsen und Bäume und schneeweiße Wolken und ein tiefer blauer Himmel sich vereinigen, um das reizende Bild des Sommers zu vollenden; alles dieses, obgleich in der Wirklichkeit höchst erfreulich, würde in der Erzählung langweilig sein. Als man sich am Wasser gelagert, gingen Einige von der Gesellschaft in die Wälder, und jagten; Andere fischten: zuweilen belustigte man sich damit, daß Einer nach dem Ziele schoß, oder Uebungen im Springen, Laufen oder Ringen anstellte, und Dolph gewann große Gnade in Anton Vander Heyden's Augen durch seine Fertigkeit und Gewandtheit in allen diesen Leibesübungen, welche dieser Herr als die ersten unter allen Vollkommenheiten eines Mannes ansah. So fuhren sie lustig an den Küsten weiter und setzten ihre Reise nur in den angenehmen Tagesstunden fort; zuweilen in der kühlen Morgendämmerung, zuweilen im ruhigen Abendschein, und zuweilen, wenn das Mondlicht auf den kräuselnden Wellen tanzte, welche an ihrer kleinen Barke hinplätscherten. Nie hatte sich Dolph so ganz in seinem Elemente gefühlt; nie hatte er etwas gefunden, das so ganz seinem Geschmacke zugesagt hätte, als dieß wilde, vom Zufall geleitete Leben. Er war gerade der Mann, wie er Anton Vander Heyden's rastloser Gemüthsart zusagte, und er gewann daher immer mehr dessen Zuneigung. Das Herz des alten Buschkleppers neigte sich ganz zu dem jungen Manne hin, der zu seinem eigenen Ebenbilde heranzuwachsen schien; und als sie sich dem Ende ihrer Reise näherten, konnte er nicht umhin, sich etwas genauer nach seiner Geschichte zu erkundigen. Dolph erzählte ihm sein Leben ganz offenherzig, seine strengen medizinischen Studien, seine wenigen Fortschritte und seine sehr ungewisse Aussichten. Der Herr konnte sich mit dem Gedanken gar nicht vertragen, daß so außerordentliche Talente und Fähigkeiten unter der Perücke eines Arztes eingepreßt und begraben liegen sollten. Er hegte eine tiefe Verachtung gegen die Heilkunst, da er nie einen andern Arzt gehabt, als den Schlächter. Er hatte einen tödtlichen Groll gegen alle Arten von Studien, seitdem er als Knabe eines unverständlichen Buches willen Schläge bekommen hatte. Und daß nun ein junger Mensch, wie Dolph, der so wundervolle Fähigkeiten besaß, der schießen, fischen, laufen, springen, reiten und ringen konnte, daß dieser Pillen drehen und Kühltränke verabreichen sollte, um sein Leben zu fristen – das war fürchterlich! Er ermahnte daher Dolph, nur nicht zu verzweifeln, und die Medizin weg zu werfen, denn ein junger Mensch von so außerordentlichen Talenten müsse doch immer sein Glück machen. »Da Ihr keine Bekannte in Albany zu haben scheint,« sagte Herr Anton, »so sollt Ihr mit mir nach Hause kommen und unter meinem Dache bleiben, bis Ihr Euch weiter umsehen könnt; unterdessen können wir dann und wann jagen, oder fischen gehen, denn es ist Schade, daß Talente, wie die Eurigen, brach liegen sollten.« Dolph, der sich dem Zufalle preis gegeben sah, war nicht schwer zu überreden. In der That konnte er auch, als er die Sache bei sich überlegte, was er sehr klüglich und bedächtlich that, nicht umhin zu denken, Anton Vander Heyden müsse doch »auf eine oder die andere Art« mit der Geschichte vom Spukhause in Verbindung stehen; der Unfall in den Hochlanden, der sie auf eine so sonderbare Weise zu einander gebracht hatte, könne »auf eine oder die andere Art« zu irgend etwas Gutem führen; kurz, es ist nichts so bequem, als sich mit dem: »auf eine oder die andere Weise« in die Umstände zu schicken suchen: es ist eine Hauptstütze für Alle, die, wie Dolph Heyliger, vorher handeln und nachher bedenken; und wer auf diese lockere, leichtsinnige Weise ein geschehenes Uebel mit einem zukünftigen Vortheil in Verbindung bringen kann, besitzt ein Geheimniß, glücklich zu sein, welches beinahe dem Stein der Weisen gleich zu stellen ist. Als die Reisenden in Albany ankamen, schien die Erscheinung von Dolph's Gesellschafter allgemeine Freude zu verursachen. Am Ufer und in den Straßen, überall ward er begrüßt: die Hunde sprangen vor ihm her, die Knaben schrieen, als er vorüberging; Jedermann schien Anton Vander Heyden zu kennen. Dolph folgte schweigend, und bewunderte die Nettigkeit, welche in dem wackern Flecken herrschte; denn damals war Albany noch in seinem Glanze und beinahe ausschließlich von den Nachkommen der ursprünglichen holländischen Ansiedler bewohnt, da das rastlose Volk aus Neu-England es noch nicht entdeckt und bevölkert hatte. Alles war ruhig und ordentlich; Alles ward still und bedächtlich betrieben; keine Eile, kein lärmendes Gewühl, kein Kampf und Streit um den Lebensunterhalt. Das Gras wuchs in den ungepflasterten Straßen, und labte das Auge durch sein erfrischendes Grün. Hohe Sykomoren oder hängende Weiden beschatteten die Häuser; Raupen hingen an langen seidenen Fäden von ihnen herab, und Schmetterlinge flatterten, wie Stutzer, in voller Freude über ihre zierliche Verwandlung umher. Die Häuser waren nach alter holländischer Art, mit den Giebeln nach der Straße gebaut. Die thätige Hausfrau saß vor der Thüre mit einer fein geknifften Haube, einem Kleide mit bunten Blumen und einer weißen Schürze, und strickte emsig. Der Mann rauchte, auf der gegenüberstehenden Bank sitzend, seine Pfeife, und ein kleines Lieblings-Negermädchen saß auf der Haustreppe zu den Füßen ihrer Gebieterin und arbeitete flink mit der Nadel. Die Schwalben flatterten um die Dachrinnen, oder streiften längs den Straßen hin und brachten reiche Beute für ihre Jungen zurück; und der kleine häusliche Zaunkönig flog in seinem kleinen Hause, oder in einem alten an die Wand genagelten Hut ein und aus. Die Kühe kamen blöckend durch die Straßen nach Hause, um vor eines jeden Eigenthümers Hause gemolken zu werden, und wenn zufällig einige zurückblieben, so trieb ein Negerknabe mit einem langen Stachelstocke sie heimwärts. Während Dolph's Begleiter vorwärts schritt, grüßte ihn ein ruhiges Nicken von den Bürgern und ein freundliches Wort von ihren Weibern; Alle nannten ihn vertraulich Anton; denn man war es in diesem patriarchalischen Orte, wo Alle sich von Kindheit an gekannt hatten, gewohnt, einander bei dem Taufnamen zu nennen. Der Herr blieb nicht stehen, um seinen gewöhnlichen Scherz mit ihnen zu haben, denn er war ungeduldig, nach Hause zu kommen. Endlich langte man bei seiner Wohnung an. Das Haus war ziemlich groß, nach holländischer Art gebaut, mit großen eisernen Figuren auf den Giebeln, woraus man auf die Zeit seiner Entstehung schließen, und sehen konnte, daß es in den frühesten Zeiten der Niederlassung erbaut war. Die Nachricht von des Herrn Anton's Ankunft war ihm bereits vorausgeeilt, und die sämmtlichen Hausgenossen sahen nach ihm aus. Ein Haufe Neger, Groß und Klein, hatte sich vor dem Hause versammelt, ihn zu empfangen. Die alten, greisköpfigen, welche in seinem Dienste grau geworden waren, grinzten vor Freude und machten manche plumpe Verbeugungen und Gesichter, und die kleinen sprangen um seine Kniee her. Das glücklichste Wesen unter allen Hausgenossen aber war ein kleines, starkes, blühendes Mädchen, sein einziges Kind und der Liebling seines Herzens. Sie kam aus dem Hause gesprungen, allein der Anblick des fremden jungen Mannes, der ihren Vater begleitete, machte, daß sie plötzlich alle Verschämtheit eines zu Hause erzogenen Mädchens annahm. Dolph blickte sie mit Verwunderung und Vergnügen an; nie hatte er, wie ihm dünkte, eine angenehmere weibliche Erscheinung gesehen. Sie war nach dem guten alten holländischen Geschmacke gekleidet, trug ein langes Schnürleib und volle kurze Röcke, die so trefflich dazu dienen, die weibliche Gestalt zu zeigen und hervorzuheben. Ihr Haar, unter einer kleinen, runden Mütze verborgen, zeigte ihre weiße Stirne; sie hatte schöne, blaue, lachende Augen und eine knappe, schlanke Taille – mit einem Worte, sie war eine kleine holländische Göttin, und Dolph, der bei einer neuen Anregung nie auf halbem Wege stehen blieb, verliebte sich sogleich sterblich in sie. Dolph ward jetzt in das Haus geführt und herzlich bewillkommt. Im Innern war ein Gemisch von Herrn Anton's Geschmack und Gewohnheiten, und von dem Reichthume seiner Vorgänger zu sehen. Die Stuben waren mit guten alten Mahagony-Möbeln versehen; die Büffets und Schenktische glänzten von getriebenem Silber und gemaltem Porzellan. Ueber dem Kamin im Wohnzimmer war, wie gewöhnlich, das Familienwappen, gemalt und in einen Rahmen gefaßt; über demselben hing eine lange Entenflinte mit einem indianischen Schrotbeutel und einem Pulverhorn. Das Zimmer war mit mehreren Gegenständen von indianischer Arbeit, Friedenspfeifen, Tomahawks, Scalpirmessern, Jagdtaschen und Wampumgürteln verziert; und es waren mehrere Arten Fischergeräth und zwei oder drei Vogelflinten in den Ecken zu sehen. Die häuslichen Angelegenheiten schienen zum Theil nach der Laune des Hausherrn besorgt, und vielleicht von der Tochter etwas ruhig geleitet zu werden. Ein hoher Grad von patriarchalischer Einfachheit und gutmüthiger Nachsicht war überall bemerkbar. Die Neger kamen in das Zimmer, ohne gerufen zu sein, nur um ihren Herrn anzusehen und ihn seine Abenteuer erzählen zu hören; sie standen horchend an der Thüre, bis er seine Geschichte beendigt hatte, und gingen dann mit einem plumpen Grinsen hinaus, um sie in der Küche zu wiederholen. Ein Paar Lieblings-Negerkinder spielten mit den Hunden auf der Erde, und theilten mit ihnen ihr Butterbrod. Alle Dienstboten sahen gesund und glücklich aus; und als die Tafel zum Abendessen bereitet wurde, zeugte die Mannichfaltigkeit und der Ueberfluß an ausgesuchter Hausmannskost von der unbeschränkten Freigebigkeit des Herrn und der wohleingerichteten Haushaltung seiner Tochter. Am Abend fanden sich mehrere von den Angesehensten im Orte, die van Rensselaer, die Gansevort, die Roseboom und Andere von Anton Vander Heyden's genaueren Bekannten ein, um zu hören, wie es ihm auf seinem Ausfluge ergangen sei, denn er war der Sindbad von Albany, und seine Unternehmungen und Abenteuer waren Lieblingsgegenstände der Unterhaltung der Einwohner. Während diese an der Thüre des Saales schwatzten, und in der Dämmerung lange Geschichten erzählten, hatte sich Dolph einen sehr guten Platz erwählt, und unterhielt die Tochter auf einer Fensterbank. Er war schon vertraut mit ihr geworden; denn damals lebte man noch nicht in den Zeiten genierter Zurückhaltung und leerer Förmlichkeit, und überdieß liegt etwas wunderbar Günstiges für die Bewerbung eines Liebhabers in der köstlichen Dämmerung eines Sommerabends; sie gibt den zaghaftesten Zungen Muth und verbirgt das Erröthen der Schüchternen, Nur die Sterne blinkten hell; und dann und wann zog ein Glühwurm einen Feuerstreifen an dem Fenster hin, oder flog, wenn er sich in das Zimmer verirrt hatte, leuchtend an der Decke umher. Was Dolph an diesem langen Sommerabend in ihr Ohr geflüstert, können wir unmöglich sagen: er sprach so leise und undeutlich, daß seine Worte das Ohr des Geschichtschreibers nicht erreichten. Wahrscheinlich verfehlten sie indessen ihren Eindruck nicht; denn er hatte eine natürliche Gabe, dem andern Geschlecht zu gefallen, und war nie lange in Gesellschaft mit einem weiblichen Wesen, ohne ihm gehörig den Hof zu machen. Unter der Zeit waren die Fremden, Einer nach dem Andern, weggegangen; Anton Vander Heyden, der sich müde gesprochen, saß allein nickend in seinem Stuhle an der Thüre, als er plötzlich durch einen herzhaften Kuß erweckt wurde, womit Dolph Heyliger unvorsichtiger Weise eine seiner Reden abgerundet hatte, und welcher in der stillen Stube wie ein Pistolenschuß knallte. Herr Anton fuhr auf, rief nach Licht, und sagte, es sei hohe Zeit, zu Bett zu gehen; drückte indessen, als sie sich trennten, Dolph herzlich die Hand, sah ihm freundlich ins Gesicht und schüttelte listig den Kopf; denn der Herr wußte sehr wohl, daß er auch einmal jung gewesen war. Das Zimmer, welches man unserm Helden zur Wohnung angewiesen hatte, war geräumig und mit Eichenholz ausgetäfelt. Große Kleiderschränke und Kommoden, wohl polirt und mit metallenen Verzierungen versehen, standen darin. Sie enthielten einen reichen Vorrath von Weißzeug, denn die holländischen Frauen setzten immer einen lobenswerthen Stolz darein, ihre häuslichen Schätze Fremden zu zeigen. Dolph's Gemüth war aber zu sehr beschäftigt, um die Gegenstände um ihn her genauer zu betrachten; doch konnte er nicht umhin, fortdauernde Vergleiche zwischen dem freien, offenen, frohen Wesen in diesem Hause mit der kümmerlichen, knickerigen, freudenlosen Wirthschaft bei dem Doctor Knipperhausen anzustellen. Etwas verkümmerte jedoch diesen Genuß, nämlich der Gedanke, daß er von seinem wackern Wirthe und der hübschen Wirthin am Ende doch Abschied würde nehmen und wieder in die weite Welt hinausziehen müssen. Lange hier zu weilen, wäre Thorheit gewesen; er hätte sich nur noch mehr verliebt, und daß ein armer Teufel, wie er, Ansprüche auf die Tochter des großen Herrn Vander Heyden hätte machen sollen – das wäre Wahnsinn gewesen! Selbst das Wohlwollen, welches ihm das Mädchen bezeigt hatte, drängte ihn bei reiferer Ueberlegung, seine Abreise zu beschleunigen; es würde eine schlechte Vergeltung der offenen Gastfreundschaft seines Wirthes gewesen sein, seiner Tochter eine unkluge Neigung einzuflößen. Kurz, Dolph war wie manche andere junge Vernünftler, welche ein außerordentlich gutes Herz und einen unbesonnenen Kopf haben, vorher handeln und nachher denken, anders thun als sie denken, über Nacht vortreffliche Entschlüsse fassen, und am Morgen vergessen, sie auszuführen. »Das ist wahrlich ein schönes Ende meiner Reise,« sagte er, als er sich in das prächtige Federbett fast begrub und den frischen weißen Ueberzug bis an das Kinn heraufzog. »Da bin ich nun, statt einen Sack mit Geld gefunden zu haben und ihn nach Hause zu tragen, an einem ganz fremden Orte, ohne einen Stüber in der Tasche, und was noch ärger ist, überdieß bis über die Ohren verliebt. Indessen,« fügte er nach einer Pause hinzu, indem er sich ausstreckte und im Bette umdrehte, »bin ich für jetzt wenigstens gut aufgehoben, und so will ich denn den gegenwärtigen Augenblick genießen und den nächsten weiter sorgen lassen; ich denke, Alles wird sich noch, »auf eine oder die andere Art« zum Besten kehren.« Indem er diese Worte sagte, streckte er die Hand aus, das Licht auszulöschen, als er auf einmal, zu seiner Verwunderung und seinem Schrecken, die Erscheinung aus dem Spukhause vor sich zu sehen glaubte, die ihn aus einer Ecke des Zimmers anstarrte. Ein zweiter Blick beruhigte ihn wieder, da er bemerkte, daß das, was er für das Gespenst gehalten, nichts weiter als ein niederländisches Bild sei, welches in einem dunkeln Winkel hinter einem Kleiderschranke hing. Es war indessen das getreue Abbild des nächtlichen Besuchers. Derselbe Mantel, dasselbe gegürtete Wamms, derselbe graue Bart, das starre Auge, der breite heruntergeklappte Hut, mit der auf der einen Seite herabhängenden Feder. Dolph erinnerte sich jetzt der Aehnlichkeit, die er häufig zwischen seinem Wirthe und dem alten Manne aus dem Spukhause zu bemerken geglaubt hatte, und war nun vollkommen überzeugt, daß sie auf irgend eine Art mit einander in Verbindung ständen, und daß ein besonderes Geschick seine Reise geleitet habe. So lag er, als er die Augen auf das gespenstige Urbild gerichtet, mit unverwandten Blicken und beinahe eben so großer Furcht da, das Portrait betrachtend, bis die helltönende Glocke der Hausuhr ihn erinnerte, daß es schon sehr spät sei. Er löschte das Licht aus, beschäftigte sich aber noch lange Zeit damit, die sonderbaren Umstände und Berührungen in seinem Gemüthe hin und her zu erwägen, bis er endlich einschlief. Seine Träume bezogen sich auf die Gedanken, die er im Wachen gehabt. Es dünkte ihn, als betrachte er noch das Bild, bis es sich allmählich zu beleben schien; es stieg von der Wand herab und schritt aus dem Zimmer: er folgte ihm und sah sich nun bei dem Brunnen, auf welchen der alte Mann hindeutete, ihn anlächelte und verschwand. Als Dolph am Morgen erwachte, sah er seinen Wirth an seinem Bette stehen, der ihm herzlich guten Morgen wünschte, und ihn fragte, wie er geschlafen habe. Dolph antwortete munter, nahm aber Gelegenheit, sich bei ihm nach dem Bilde zu erkundigen, welches dort an der Wand hänge. »Ach,« sagte Herr Anton, »das ist ein Bild des alten Kilian Vander Spiegel, einst Bürgermeister von Amsterdam, der einiger Volksunruhen wegen Holland verließ und unter der Regierung Peter Stuyvesant's hieher in die Provinz kam. Er war mein Vorfahr von mütterlicher Seite, und ein alter geiziger Filz. Als die Engländer, im Jahr 1664, Neu-Amsterdam in Besitz nahmen, flüchtete er auf das Land. Hier verfiel er in eine tiefe Schwermuth, und bildete sich ein, daß man ihn seines Vermögens berauben wolle, und daß er am Ende an den Bettelstab kommen würde. Er setzte deßwegen all sein Hab und Gut in Geld um und pflegte es zu verstecken. Ein oder zwei Jahre lang verbarg er sich an verschiedenen Orten, in der Meinung, er werde von den Engländern aufgesucht, die ihn seiner Reichthümer berauben wollten. Endlich ward er eines Morgens todt in seinem Bette gefunden, ohne daß irgend Jemand im Stande gewesen wäre, zu entdecken, wo er den größern Theil seines Geldes verborgen habe.« Als sein Wirth das Zimmer verlassen hatte, blieb Dolph eine Zeitlang in Gedanken versunken. Sein ganzes Gemüth war von dem erfüllt, was er so eben gehört hatte. Vander Spiegel war seiner Mutter Familienname, und er erinnerte sich, sie von eben diesem Kilian Vander Spiegel als von einem ihrer Vorfahren reden gehört zu haben. Eben so hatte er sie sagen hören, ihr Vater sei Kilian's rechtmäßiger Erbe gewesen, der alte Mann aber gestorben, ohne irgend eine Erbschaft zu hinterlassen. Es ergab sich jetzt, daß Herr Anton ebenfalls ein Abkömmling, und vielleicht auch ein Erbe dieses armen reichen Mannes sei, und daß somit die Heyliger und die Vander Heyden weitläufig mit einander verwandt waren. »Wie,« dachte er, »wenn dieß am Ende die Auslegung meines Traumes wäre, daß ich auf diesem Wege mein Glück durch die Reise nach Albany machen, und des alten Mannes verborgenen Reichthum in dem Brunnen finden soll? Aber welche sonderbare weitläufige Art, mir diese Nachweisung zu geben! Warum, zum Henker, konnte mir denn der alte Kobold nicht gleich die Sache von dem Brunnen sagen, statt mich erst hieher nach Albany zu schicken, um hier etwas zu erfahren, weßwegen ich doch den ganzen Weg wieder zurückmachen muß?« Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er sich ankleidete. Er stieg ganz verstört die Treppe hinunter, als das klare Gesicht Mariens Vander Heyden ihm auf einmal in Lächeln entgegenstrahlte und den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnisse zu geben schien. »Am Ende,« dachte er bei sich selbst, »hat der alte Kobold Recht. Wenn ich seinen Reichthum bekomme, soll ich seine artige Abkömmlingin heirathen; so werden beide Zweige der Familie wieder vereinigt und das Vermögen kommt wieder in die rechten Hände.« Kaum war ihm dieser Gedanke in den Sinn gekommen, als auch schon die vollkommenste Ueberzeugung davon sich seiner bemächtigte. Er war nun ganz Ungeduld, nach Hause zu eilen und sich in den Besitz des Schatzes zu setzen, der, wie er nicht zweifelte, auf dem Boden des Brunnens lag, und den, wie er besorgte, in jedem Augenblick ein Anderer entdecken konnte. – »Wer weiß,« dachte er bei sich, »ob nicht dieser alte Nachtwandler Jedem, der in dem Hause bleibt, einen Besuch abstattet und so vielleicht einem verschlagneren Burschen, als ich bin, einen Wink gibt, so daß dieser auf einem kürzern Wege, als über Albany, zum Brunnen gelangt?« Tausend Mal wünschte er, daß der schwatzhafte alte Geist im rothen Meere läge und sein umherirrendes Bild mit ihm. Er war in einem vollkommenen Reise-Fieber. Es vergingen zwei oder drei Tage, ehe sich Gelegenheit fand, den Fluß hinunter zu gehen. Sie schlichen ihm, wie Jahrhunderte, dahin, obgleich er sich in dem Lächeln der schönen Marie sonnte und täglich verliebter ward. Endlich war eben dieselbe Schaluppe, von deren Bord er herabgeschleudert worden war, bereit, unter Segel zu gehen. Dolph entschuldigte sich ziemlich unbeholfen bei seinem Wirthe wegen seiner schnellen Abreise. Anton Vander Heyden war bitter gekränkt. Er hatte den Plan zu einem halben Dutzend Ausflüge in die Wildniß gemacht; und seine Indianer waren wirklich beschäftigt, eine große Reise nach dem See vorzubereiten. Er nahm Dolph bei Seite und bot seine ganze Beredsamkeit auf, ihn dahin zu bringen, alle Gedanken an Geschäfte aufzugeben, und bei ihm zu bleiben; aber vergebens. Er gab endlich den Versuch auf und bemerkte. »wie es doch ewig Schade sei, daß ein so wackerer junger Mann sich so wegwürfe.« Dennoch schüttelte ihm Herr Anton bei dem Abschiede herzlich die Hand, schenkte ihm eine seiner Lieblingsjagdflinten, und lud ihn ein für allemal in sein Haus ein, wenn er nach Albany käme. Die artige kleine Marie sagte nichts; als er ihr aber den Abschiedskuß gab, erbleichte ihre Purpurwange, und eine Thräne stand in ihrem Auge. Dolph sprang behend an Bord des Schiffes. Sie spannten die Segel aus, der Wind war günstig; und bald verloren sie Albany, seine grünen Hügel und seine belaubten Inseln aus den Augen. Sie fuhren rasch bei den Kaatskill-Bergen vorüber, deren Zauber-Höhen klar und wolkenlos da standen. Sie segelten glücklich durch die Hochlande, ohne daß der Kobold vom Dunderberg oder seine Genossen irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt hätten, fuhren dann quer über die Bucht von Haverstraw, bei Kroton-Point vorüber, die Tappaan-Zee hinunter und an den Pallisaden hin, bis sie, am Nachmittag des dritten Tages, das Vorgebirge von Hoboken, welches wie eine Wolke in der Luft hing, und kurz darauf die Dächer der Manhattos erblickten, die sich aus dem Wasser erhoben. Dolph's erstes Geschäft war, sich nach dem Hause seiner Mutter zu begeben; denn der Gedanke an die Besorgniß, die sie seinetwegen empfunden haben könnte, ließ ihm keinen Augenblick Ruhe. Auf dem Wege dahin zerbrach er sich den Kopf, etwas auszusinnen, womit er seine Abwesenheit beschönigen könne, ohne die Geheimnisse des Spuk-Hauses zu verrathen. Mitten in diesen Gedanken trat er in die Straße, worin das Haus seiner Mutter stand, und war wie vom Donner gerührt, als er statt dessen einen Trümmerhaufen erblickte. Es war hier offenbar eine bedeutende Feuersbrunst gewesen, welche mehrere große Häuser in Asche gelegt hatte, und die niedrige Wohnung der armen Frau Heyliger war der Zerstörung nicht entgangen. Die Mauern waren jedoch nicht so gänzlich zertrümmert, daß Dolph nicht noch einige Spuren des Schauplatzes seiner Kindheit hätte erkennen sollen. Der Kamin stand noch, um den er oft gespielt hatte, mit holländischen Fliesen verziert, auf welchen einzelne Begebenheiten aus der heiligen Schrift dargestellt waren, auf die er oft mit Bewunderung geblickt hatte. In dem Schutte lagen noch die Trümmer des Lehnstuhles der guten Frau, auf dem sie so oft gesessen und ihm dabei so manche heilsamen Lehren gegeben hatte; und dicht dabei lag die Hausbibel, mit ihren metallenen Klausuren; ach! jetzt beinahe ganz zu Asche verbrannt. Einen Augenblick übermannte Dolph dieser traurige Anblick, denn er fürchtete, seine Mutter möchte in den Flammen umgekommen sein. Von dieser quälenden Besorgniß ward er jedoch durch einen der Nachbarn befreit, der zufällig vorüberging und ihm sagte, seine Mutter sei noch am Leben. Die gute Frau hatte in der That durch diesen unerwarteten Unglücksfall Alles verloren, denn die Leute waren so bemüht, die schönen Möbeln ihrer reichen Nachbarn zu retten, daß sie die kleine Hütte und die eben so kleine Habe der armen Frau Heyliger unbekümmert verbrennen ließen; ja, hätte ihr alter Freund, Peter de Groodt, ihr nicht wacker beigestanden, so möchte die würdige Frau und ihre Katze wohl das Schicksal ihrer Wohnung getheilt haben. Schrecken und Betrübniß hatten sie überwältigt, und sie lag krank an Körper und gebeugt an der Seele. Die Leute hatten ihr das gewohnte Wohlwollen bewiesen. Nachdem man die Möbel ihrer reichen Nachbarn, so viel es sich thun ließ, der Wuth der Flammen entrissen, den Besitzern die gehörigen, förmlichen Besuche abgestattet, ihnen das Beileid über ihren Verlust bezeugt und die Damen wegen der Erschütterung ihrer Nerven beklagt hatte; fingen die Leute endlich auch an, sich der armen Frau Heyliger zu erinnern. Abermals ward sie ein Gegenstand der allgemeinen Theilnahme; Jedermann bedauerte sie mehr als je; und wenn das Bedauern sich nur hätte zu Gelde prägen lassen – guter Gott! wie reich wäre sie gewesen! Man entschloß sich aber nun in allem Ernste, unverzüglich etwas für sie zu thun. Der Pfarrer betete deßwegen am Sonntage für sie, wobei die ganze Gemeinde von Herzen einstimmte. Selbst Cobus Groesbeek, der Alderman, und Mynherr Milledollar, der große holländische Kaufmann, standen in ihren Kirchenstühlen auf und schonten ihre Stimmen bei der Gelegenheit nicht; und die Gebete so großer Männer mußten doch ihr gehöriges Gewicht haben. Auch Doctor Knipperhausen besuchte sie als Arzt, gab ihr unentgeldlich eine Menge Rath, und wurde seiner Mildthätigkeit wegen allgemein gelobt. Ihr alter Freund, Peter de Groodt, war nur ein armer Mann, dessen Mitleid, Gebet und Rath ihr sehr wenig helfen konnten, und so gab er ihr Alles, was er geben konnte – er gab ihr ein Obdach. Dolph lenkte also seine Schritte nach der demüthigen Wohnung Peter de Groodt's. Auf seinem Wege dahin rief er sich alle die Zärtlichkeit und Liebe seiner einfachen Mutter, ihre Nachsicht mit seinen Vergehungen, ihre Blindheit gegen seine Fehler zurück; und dann dachte er an sein eigenes müßiges, herumstreichendes Leben. »Ich bin doch ein arger Sünder gewesen,« sagte Dolph, indem er betrübt den Kopf schüttelte: »ich bin ein vollkommener Taugenichts gewesen, das ist nicht zu läugnen! – Doch« fügte er belebt hinzu, indem er die Hände faltete, »wenn sie nur leben bleibt – so will ich mich in der That als Sohn zeigen!« Als Dolph sich dem Hause näherte, begegnete er Peter de Groodt, welcher herauskam. Der alte Mann fuhr erschrocken zurück, ungewiß, ob ein lebendiges Wesen oder ein Geist vor ihm stehe. Da es jedoch heller Tag war, faßte sich Peter bald ein Herz, überzeugt, daß ein Geist es doch nicht wagen würde, sich in so hellem Sonnenscheine zu zeigen. Dolph erfuhr nun von dem würdigen Kirchendiener, welche Bestürzung und welches Gerede sein geheimnißvolles Verschwinden veranlaßt habe. Man hatte allgemein geglaubt, daß ihn das Koboldsgeschlecht entführt, welches in dem Spukhause umging, und der alte Abraham Vandozer, welcher nahe an den großen Knopfbäumen, bei dem Drei-Meilen-Steine wohnte, versicherte, er habe, als er eines Abends spät nach Hause gegangen, einen gewaltigen Lärm in der Luft gehört, gerade so, als ob ein Schwarm wilder Gänse über seinen Kopf hinflöge, und das Getöse habe sich nach Norden gezogen. Man betrachtete demnach das Spukhaus mit zehnmal größerer Furcht als je: Niemand hätte für die Welt eine Nacht darin zugebracht, und selbst der Doctor hörte auf, am Tage dahin zu gehen. Dolph's Rückkehr konnte seiner Mutter nur nach einiger Vorbereitung hinterbracht werden, da die arme Seele ihn als verloren beweint hatte; und ihr Muth war durch die Menge der Tröstenden sehr gesunken, welche sie täglich durch Erzählungen von Geistern, und von Leuten, die der Teufel geholt, zu erheitern gesucht hatten. Er fand sie bettlägerig, und das zweite Glied der Heyliger'schen Familie, die Katze der guten Frau, kauerte schnurrend neben ihr, aber gewaltig versengt und des schönen Bartes ganz beraubt, welcher die Glorie ihres Gesichtes gewesen war. Die arme Frau schlang ihre Arme um Dolph's Hals, und rief aus: »mein Sohn! mein Sohn! Du lebst noch?« Eine Zeitlang schien sie, in ihrer Freude über seine Rückkehr. alle ihre Verluste und Sorgen vergessen zu haben. Selbst die weise Mietz gab unverkennbare Zeichen ihrer Freude über die Zurückkunft des jungen Herrn. Sie sah vielleicht ein, daß die Familie doch einmal zu Grunde gerichtet und verloren sei, und fühlte die Theilnahme, die nur Leidensgenossen kennen. Doch die Katzen sind wahrlich ein verkanntes Geschlecht; sie fühlen mehr Anhänglichkeit, als die Welt ihnen gewöhnlich zutraut. Die Augen der guten Frau funkelten, als sie wenigstens ein Wesen außer ihr sich über ihres Sohnes Rückkehr freuen sah. »Tib kennt Dich! Das arme unverständige Thier!« sagte sie, indem sie das bunte Fell ihres Lieblings glatt strich; dann aber fiel sie wieder in ihren Trübsinn zurück, und rief, traurig den Kopf schüttelnd, aus: »Ach, mein armer Dolph! Deine Mutter kann nicht länger für Dich sorgen! sie kann es nicht mehr für sich selbst: Was wird aus Dir werden, mein armer Junge?« »Mutter,« sagte Dolph, »sprecht nicht so; ich bin Euch nur zu lange zur Last gewesen: jetzt ist an mir die Reihe, für Euch in Euren alten Tagen zu sorgen. Kommt, seid gutes Muthes! Ihr und ich und Tib, wir werden Alle noch bessere Tage erleben. Ich bin hier, jung, gesund und munter, wie Ihr seht; wir wollen also nicht verzweifeln; ich bin überzeugt, daß Alles sich noch, auf eine oder die andere Weise, zum Besten wenden wird.« Während dieser Auftritt in der Familie Heyliger stattfand, erhielt auch Doctor Knipperhausen die Nachricht von der glücklichen Rückkehr seines Schülers. Der kleine Doctor wußte kaum, ob er sich darüber freuen oder betrüben sollte. Es war ihm sehr angenehm, daß dadurch die bösen Gerüchte, welche über seinen Landsitz in Umlauf gekommen waren, auf einmal widerlegt wurden; aber die Aussicht, daß sein Schüler, den er schon glücklich losgeworden zu sein glaubte, nun wieder als eine schwere Last zu ihm zurückkommen würde, war ihm nicht erfreulich. Während er zwischen diesen beiden Empfindungen schwankte, ward er durch die Eingebungen der Frau Ilse bestimmt, welche ihm rieth, die bösliche Entweichung des jungen Mannes zu benutzen, und ihm auf immer die Thüre zu verschließen. Gegen Schlafenszeit, wo es sich vermuthen ließ, daß der abtrünnige Schüler wieder zu seinem alten Quartiere zurückkehren würde, ward Alles zu seiner Aufnahme vorbereitet. Dolph suchte, nachdem er seine Mutter möglichst beruhigt, die Wohnung seines ehemaligen Herrn auf, und hob mit zögernder Hand den Thürklopfer. Kaum hatte er jedoch, sehr furchtsam, angeklopft, als des Doctors Kopf, in einer rothen Nachtmütze, zu einem Fenster, und der der Haushälterin, in einer weißen Nachtmütze, zu dem andern herausfuhr. Er ward nun mit einer furchtbaren Ladung von ehrenrührigen Namen und Reden begrüßt, die mit unschätzbaren Rathschlägen vermischt waren, von der Art, wie man sie nur einem Freunde in der Noth oder einem Verbrecher vor Gerichte gibt. In wenigen Augenblicken sah aus jedem Fenster der Straße eine andere Nachtmütze, welche auf den hellen Discant der Frau Ilse und auf das dumpfe Krächzen des Doctors Knipperhausen horchte, und von Fenster zu Fenster hieß es: »Ach, da ist ja Dolph Heyliger wieder, und treibt seine alten Streiche!« Kurz, der arme Dolph fand, daß er von dem Doctor nichts weiter erwarten durfte, als guten Rath; eine Waare, die so wohlfeil ist, daß man sie sogar aus dem Fenster wirft; und so trat er denn seinen Rückzug an, und suchte unter des ehrlichen Peter de Groodt's niedrigem Dache ein Unterkommen. Am nächsten Morgen früh machte sich Dolph auf den Weg nach dem Spukhause. Alles war noch ganz so, wie er es verlassen hatte. Die Felder waren wie mit einem grünen Teppiche bedeckt und es schien, als ob seit seiner Abreise Niemand sie betreten habe. Mit klopfendem Herzen eilte er zum Brunnen. Er blickte hinein, und sah, daß er sehr tief war und das Wasser auf dem Boden stand. Er hatte sich mit einer starken Angelschnur versehen, wie sie die Fischer an der Küste von Newfoundland haben. Am Ende derselben war ein schweres Loth und ein großer Angelhaken befestigt. Mit dieser begann er, den Grund des Brunnens zu untersuchen und im Wasser umherzuangeln. Er fand, daß das Wasser ziemlich tief war, auch schien eine Menge Schutt darin zu liegen, da Steine von oben herabgefallen waren. Mehrere Male blieb sein Angelhaken stecken und die Schnur wäre beinahe zerrissen. Dann und wann zog er unnützen Plunder hervor, den Schädel eines Pferdes, einen eisernen Reif, oder einen zertrümmerten mit Eisen beschlagenen Eimer. Er hatte nun mehrere Stunden zugebracht, ohne etwas zu finden das ihn für seine Mühe belohnt, oder ihm Muth gemacht hätte, in seinen Forschungen weiter fortzufahren. Er fing an, sich für einen großen Thoren zu halten, daß er, auf leere Träume hin, auf eine solche mühselige Jagd ausgegangen sei, und war im Begriff, Schnur und Alles in den Brunnen zu werfen und alles fernere Angeln aufzugeben. »Noch einen Zug,« sagte er, »und das soll der letzte sein.« Wie er sondirte, merkte er, daß das Loth durch die Ritzen einiger lockeren Steine tiefer hinuntergleite; und als er die Schnur zurückzog, fühlte er, daß der Haken etwas Schweres gefaßt habe. Er mußte seine Schnur mit großer Behutsamkeit aufwickeln, damit sie durch das daran befindliche Gewicht nicht zerrisse. Nach und nach wich der Schutt, welcher auf dem Gegenstande lag, den der Haken erfaßt hatte. er zog diesen aus dem Wasser empor, und wie groß war sein Entzücken, als er etwas Silberähnliches am Ende seiner Schnur blitzen sah! Beinahe athemlos vor Erwartung, zog er es zum Rande des Brunnens heraus, verwundert über sein großes Gewicht, und jeden Augenblick besorgt, daß sein Haken abgleiten und seine Beute wieder auf den Grund hinabfallen würde. Endlich hatte er sie glücklich über den Brunnen gebracht. Es war eine große silberne Terrine, von alter Form, reich mit erhabener Arbeit verziert, und mit einem Wappen, dem über seiner Mutter Kamin befindlichen ähnlich. Der Deckel war mit mehreren Drahtfäden befestigt; Dolph löste sie mit zitternder Hand, und, als er den Deckel aufhob, siehe! da war das Gefäß mit glänzenden Goldstücken von einem ihm unbekannten Gepräge angefüllt! Es war klar, daß er den Ort gefunden, wo der alte Kilian Vander Spiegel seinen Schatz verborgen hatte. Da er besorgen mußte, von irgend einem Umherwanderer entdeckt zu werden, entfernte er sich vorsichtig und vergrub seinen Goldtopf an einem verborgenen Orte. Er verbreitete nun furchtbare Geschichten von dem Spukhause und schreckte Jeden von der Annäherung an dasselbe ab; während er selbst, an stürmischen Tagen, wenn Niemand auf den benachbarten Feldern zu sehen war, häufige Besuche daselbst abstattete; denn im Dunkeln mochte auch Er, die Wahrheit zu gestehen, nicht gern dahin gehen. Zum ersten Male in seinem Leben war er fleißig und thätig, und trieb sein Angelgewerbe mit solcher Beharrlichkeit und so großem Erfolge, daß er in kurzer Zeit Schätze genug emporgeangelt hatte, um in jenen mäßigen Zeiten auf Lebenszeit für einen reichen Mann gelten zu können. Es würde nur ermüden, wenn ich den übrigen Theil seiner Geschichte umständlich erzählen wollte. Es sei genug, zu sagen, daß er nach und nach seinen Fund, ohne Aufsehen und Nachfrage zu erregen, zu Gelde machte – alle seine innern Bedenklichkeiten über den Besitz desselben beschwichtigte und zugleich seiner eigenen Neigung Genüge that, indem er die artige Marie Vander Heyden heirathete – und mit Herrn Anton gar manchen fröhlichen Ausflug machte. Ich kann indessen nicht mit Stillschweigen übergehen, daß Dolph seine Mutter zu sich nahm und sie in ihren alten Tagen sorgsam pflegte. Die gute Frau hatte noch die Freude, in ihrem Sohn nicht mehr, wie bisher, einen Gegenstand des Tadels zu sehen; im Gegentheil, er gewann täglich in der öffentlichen Meinung; Jedermann lobte ihn und seine Weine, und der stolzeste Bürgermeister schlug nie seine Einladung zum Mittagessen aus. Dolph erzählte oft an seinem Tische die argen Streiche, welche sonst der Schrecken der ganzen Stadt gewesen waren; allein alle diese galten nun als vortreffliche Späße, und der ernsthafteste Würdenträger hielt sich die Seiten beim Zuhören. Niemand war über Dolph's wachsendes Ansehen mehr erstaunt, als sein alter Herr, der Doctor; und Dolph war so gutmüthig, daß er wirklich den Doctor zum Hausarzt wählte, jedoch wohlweislich alle von ihm verschriebenen Recepte aus dem Fenster werfen ließ. Seine Mutter hatte oft ihre Gesellschaften alter Gevatterinnen, die bei ihr in ihrem behaglichen kleinen Zimmer Thee tranken; und Peter de Groodt wünschte ihr oft, wenn er am Kamine saß und einen ihrer Enkel auf den Knieen wiegte, Glück dazu, daß ihr Sohn ein so großer Mann geworden sei; wobei denn die gute alte Frau jedesmal freudig mit dem Kopfe nickte und ausrief: »ja, Nachbar! Nachbar! habe ich es Euch nicht gesagt, daß Dolph noch eines Tages es mit dem Ersten aufnehmen würde?« So lebte Dolph Heyliger fröhlich und wohlgemuth, je älter und klüger, desto vergnügter werdend, und das alte Sprichwort, von dem durch des Teufels Hülfe gewonnenen Gelde, gänzlich Lügen strafend, denn er machte einen guten Gebrauch von seinem Reichthume, und ward ein angesehener Bürger und ein wackeres Mitglied der Gemeinde. Er beförderte alle öffentliche Anstalten, wie Beefsteaks-Gesellschaften und Singvereine. Er führte den Vorsitz bei allen öffentlichen Mittagsmahlen, und war der Erste, der aus Westindien Schildkröten kommen ließ. Er trug zur Verbesserung der Racen der Rennpferde und der Kampfhähne bei, und war ein so wohlwollender Beschützer des bescheidenen Verdienstes, daß Jeder, der ein hübsches Lied singen oder eine gute Geschichte erzählen konnte, sicher war, einen Platz an seiner Tafel zu finden. Er war auch ein Mitglied des Stadtraths, machte mehrere Gesetze zum Schutz des Wildes und der Austernbänke, und vermachte dem Rathe eine große silberne, aus der obenerwähnten Terrine verfertigte Punsch-Bowle, welche noch bis auf den heutigen Tag der Stadt angehört. Endlich starb er, in hohem Alter, an einem Schlagflusse bei einem von dem Stadtrathe gegebenen Gastmahle, und ward mit großen Ehren auf dem Kirchhofe der kleinen holländischen Kirche in der Gartenstraße beerdigt, wo sein Grabstein noch zu sehen ist, mit einer bescheidenen holländischen Inschrift darauf, verfaßt von seinem Freunde, Mynheer Justus Benson, einem alten, trefflichen Dichter der Provinz. Die bevorstehende Erzählung ruht auf einer bessern Autorität als die meisten Erzählungen dieser Art, da ich sie, durch die zweite Hand, aus Dolph Heyliger's Munde selbst habe. Er erzählte sie erst in der letztern Zeit seines Lebens, und auch dann nur im größten Vertrauen (denn er war sehr verschwiegen) einigen seiner besten Freunde an seinem eigenen Tische, bei einer über die Zahl gegebenen Bowle Punsch; und so sonderbar das Gespenstische in der Geschichte auch klingen mag, so erhob doch nie einer seiner Gäste den leisesten Zweifel dagegen. Ich muß, ehe ich schließe, noch hinzufüge, daß außer seinen andern Fertigkeiten, Dolph Heyliger auch als der geschickteste Aufschneider in der ganzen Provinz bekannt war. Die Hochzeit. Nichts mehr, nichts mehr, viel Glück – ruft's laut! Dem wack'ren Bräutigam, der schönen Braut, Daß alle Welt von ihrer Zukunft sage, Es gleiche jeder Tag dem Hochzeitstage. Braithwaite . Ungeachtet aller Bedenklichkeiten und Zweifel der Lady Lillycraft, und aller ernstlichen Einwendungen, die man gegen den Monat Mai aufgeboten, hat die Hochzeit doch zuletzt glücklich Statt gefunden. Sie wurde in der Dorfkirche, in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung von Verwandten und Freunden und einer großen Anzahl Pächter, gefeiert. Der Squire muß durchaus bei solchen Gelegenheiten etwas von den alten Festlichkeiten haben; so waren an dem Thore des Kirchhofs mehrere kleine Mädchen aus dem Dorfe, in Weiß gekleidet, mit Körben voll Blumen aufgestellt, die sie vor die Braut hinstreuten; und der Kellermeister trug den Brautbecher vor ihr her, eine große silberne, mit getriebener Arbeit verzierte Schale, eine der Familien-Reliquien aus den Zeiten der starken Trinker. Diese war mit altem Weine gefüllt, und mit einem Rosmarinzweige, mit bunten Bändern umwunden, ganz nach alter Sitte geschmückt. »Glücklich ist die Braut, welche die Sonne bescheint,« sagt das alte Sprüchwort, und es war ein so sonniger, freundlicher Morgen, wie ihn das Herz nur wünschen konnte. Die Braut sah ungemein schön aus; aber in der That, welche Frau sieht an ihrem Hochzeitstage nicht reizend aus? Ich kenne keinen angenehmern, rührendern Anblick, als den einer jungen, schüchternen Braut, die in ihrem jungfräulich-weißen Kleide, zitternd zum Altare geführt wird. Wenn ich so ein liebliches Mädchen in der Blüthe ihrer Jahre sehe, wie sie ihr väterliches Haus, die Heimath ihrer Kindheit verläßt, und, mit dem unbeschränkten Vertrauen jener reizenden Hingebung, welche den Frauen eigen ist, die ganze Welt für den Mann ihrer Wahl hingibt; wenn ich sie, nach der guten alten Sprache der Trauungsformel, sich ihm ergeben höre, »in Gutem und Bösem, in Reichthum und Armuth, in Krankheit und Wohlsein, ihn zu lieben, zu ehren und ihm zu gehorchen, bis der Tod uns scheidet,« dann erinnert mich dieß an die schöne, rührende Ergebung der Ruth: »wo Du hingehest, da will auch ich hingehen, wo Du bleibst, da bleibe auch ich; Dein Volk soll mein Volk, und Dein Gott mein Gott sein.« Die schöne Julie ward bei dieser schweren Gelegenheit von Lady Lillycraft unterstützt, deren Herz von gewohntem Antheil bei allen Liebes- und Ehe-Angelegenheiten überfloß. Als die Braut sich dem Altar näherte, erröthete sie einen Augenblick gewaltig, und den nächsten deckte Todtenblässe ihr Gesicht; und sie schien fast unter ihren Begleiterinnen zusammen sinken zu wollen. Ich weiß nicht, was bei einer Trauung Jeden ernst macht, und gleichsam mit Schauer erfüllt, da man sie doch gewöhnlich als eine Gelegenheit der Freude und des Vergnügens ansieht. Während der Ceremonie sah ich manche rosige Wange unter den Landmädchen erbleichen, und in der ganzen Kirche gewahrte ich kein Lächeln. Die jungen Damen aus der Halle waren beinahe eben so ergriffen, als wären sie selbst in der Lage der Braut, und warfen heimlich manchen Blick der Theilnahme auf ihre zitternde Gefährtin. Der empfindsamen Lady Lillycraft stand eine Thräne in den Augen; und Phöbe Wilkins, die gegenwärtig war, weinte und schluchzte ganz laut; aber es ist, bei der Hälfte solcher Fälle, schwer zu sagen, worüber diese zärtlichen thörichten Geschöpfe Thränen vergießen. Auch der Capitän war, wenn gleich von Natur fröhlich und leichten Sinnes, bei dieser Gelegenheit sehr bewegt, und ließ, als er den Ring der Braut an den Finger stecken wollte, ihn zu Boden fallen, was, wie Lady Lillycraft mich nachher versichert hat, ein sehr glückliches Zeichen ist. Selbst Meister Simon hatte seine gewohnte Lebendigkeit verloren, und ein höchst komisch-ernsthaftes Gesicht angenommen, was er bei allen festlichen Gelegenheiten zu thun pflegt. Er flüsterte sehr viel mit dem Pfarrer und dem Kirchenschreiber, denn er ist immer eine sehr geschäftige Person, wo etwas öffentlich verhandelt wird, und wiederholte das Amen mit einer Feierlichkeit und Frömmigkeit, welche die ganze Versammlung erbaute. Im Augenblicke jedoch, wo die Feierlichkeit ihrem Ende nahte, war die Veränderung zauberhaft. Der Brautbecher ging nach altem Gebrauch umher, um auf die glückliche Verbindung des jungen Paares zu trinken; Jedermann schien seinen Gefühlen freien Raum zu geben; Meister Simon begann eine Menge Junggesellenspäße auszutheilen, und der tapfere General verbeugte sich und girrte um die süße Lady Lillycraft, wie ein großer Täuberich um seine Taube. Die Dörfner versammelten sich auf dem Kirchhofe, um das glückliche Paar zu begrüßen, als es aus der Kirche kam; und der musikalische Schneider hatte seine Kapelle aufgestellt, und führte ein fürchterliches Charivari auf, als die erröthende, lächelnde Braut durch die Reihen der ehrlichen Landleute nach ihrem Wagen ging. Die Kinder jauchzten und warfen ihre Hüte in die Höhe; die Glocken läuteten, daß alle Krähen und Raben in der Luft umherflogen und krächzten, und das Gebälk des alten Thurmes hätte einstürzen mögen; und überall in der Umgegend hörte man die alten rostigen Flinten knallen. Der verlorene Sohn zeichnete sich bei dieser Gelegenheit ungemein aus, da er oben auf dem Schulhause eine Fahne aufgepflanzt hatte, und von Sonnenaufgang an das Dorf schon durch den Ton der Trommel und Pfeife, so wie der Papagenoflöte, in welcher Art Musik mehrere von seinen Schülern wunderbare Fortschritte machen, in Bewegung erhielt. In seinem großen Eifer hätte er jedoch beinahe ein Unglück angerichtet; denn bei der Rückkehr aus der Kirche scheuten die Pferde am Wagen der Braut vor dem Knall einer Reihe alter Flintenläufe, die er, wie einen Artilleriepark, aufgestellt hatte, um den Capitän beim Vorbeifahren auf eine militärische Art zu begrüßen. Der Tag verging unter vielen ländlichen Festlichkeiten. Unter den Bäumen im Park waren Tafeln gedeckt, an welchen die sämmtlichen Landleute aus der Nachbarschaft mit Roastbeef und Plumpudding und Ozeanen von Ale bewirthet wurden. Hans Baargeld hatte den Vorsitz bei einer von diesen Tafeln, und ward von den Freuden des Tisches so begeistert, daß er seinen gewöhnlichen Ernst ablegte, ein Lied ohne alle Melodie sang, und zwei oder dreimal so laut lachte, daß seine Nachbarn beinahe wie bei eben so vielen Donnerschlägen zusammenfuhren. Der Schulmeister und Apotheker wetteiferten mit einander in Reden, die sie bei dem Schmause hielten; und von Zeit zu Zeit gab es Musik, die von der Dorfkapelle ausgeführt wurde, und welche jeden Faun und jede Dryade aus dem Park verscheuchen mußte. Selbst der alte Christy, der von Kopf bis zu den Füßen neugekleidet war, und in dem ganzen Glanz eines Paars prächtiger lederner Beinkleider und einer ungeheuren Schleife an der Mütze erschien, vergaß seine gewöhnliche Rauhheit, und ward von Wein und Lust begeistert, und tanzte ohne weiteres einen Hornpipe auf einem von den Tischen, mit all dem Anstande und der Beweglichkeit einer Marionette. Eine gleiche Fröhlichkeit herrschte im Hause, wo eine große Gesellschaft bewirthet wurde. Jedermann lachte über seine eigenen Späße, ohne auf die seiner Nachbarn zu achten. Lasten von Hochzeitkuchen wurden vertheilt. Die jungen Damen waren geschäftig, Stücke davon durch den Trauring zu stecken, um dann auf diesen zu träumen, und ich selbst half einem niedlichen kleinen Mädchen, das noch in die Kostschule ging, eine Menge davon für ihre Gespielinnen zusammenpacken, die ohne Zweifel eine Woche lang alle die kleinen Köpfe in der Schule verwirrt machen werden. Nach dem Mittagsessen überließ sich die ganze Gesellschaft, Groß und Klein, Hoch und Niedrig. dem Tanze: nicht der neuern Quadrille, mit ihrem zierlichen Ernst, sondern dem lustigen, geselligen alten Contretanz; dem wahren Tanze bei einer Hochzeit, wie der Squire sagt, wobei die ganze Welt paarweise, Hand in Hand, umher hüpft, und jedes Auge und jedes Herz fröhlich zur Musik tanzt. Nach dem freisinnigen alten Gebrauch mischten sich die Bewohner der Halle eine Zeitlang auch in den Tanz der Landleute, für die ein großes Zelt als Ballsaal aufgeschlagen war; und ich glaube Meister Simon nie mehr in seinem Element gesehen zu haben, als bei dieser Gelegenheit, wo er unter seinen ländlichen Bewunderern als Ceremonienmeister auftrat, und mit einer Miene, welche zugleich den Beschützer und den galanten Mann andeutete, die ehemalige Maienkönigin zum Tanze führte, welche über die ihr angethane Ehre bis an die Schläfen roth ward. Am Abend war das ganze Dorf erleuchtet, das Haus des Radikalen ausgenommen, der bei allen den Freudenbezeugungen sein Gesicht nicht hat sehen lassen. Vor dem Schulhause wurde ein Feuerwerk abgebrannt, welches der verlorene Sohn veranstaltet hatte, wobei aber das Gebäude beinahe in Brand gerathen wäre. Der Squire ist mit den außerordentlichen Diensten dieses Ehrenmannes so ungemein zufrieden, daß er davon spricht, ihn in sein Gefolge aufzunehmen, und ihm vielleicht einen bedeutenden Posten in der Staatsverwaltung zu geben; vielleicht den eines Falkoniers, wenn die Falken ja gehörig abgerichtet werden können. Es gibt ein wohlbekanntes altes Sprüchwort, »eine Hochzeit macht mehrere,« – oder so ungefähr; und ich würde mich nicht wundern, wenn es sich in dem gegenwärtigen Falle bewährte. Ich habe unter den jungen Leuten, welche bei dieser Gelegenheit zusammengekommen sind, mehrere Annäherungen bemerkt; auch Viele paarweise in den einsamen Gängen und den blühenden Buschanlagen des alten Gartens umhergehen sehen; und wenn Gebüsche wirklich flüstern, wie es die Dichter uns glauben machen wollen, so weiß der Himmel, was für Liebesgeschichten die alten ernsten Bäume um diesen ehrwürdigen Landsitz nicht ausplaudern mögen. Auch der General hat seine Aufmerksamkeiten in den letzten Tagen verdoppelt, da die Zeit der Abreise ihrer Herrlichkeit herannaht. Ich bemerkte, daß er bei dem Hochzeitsmahle, während die Speisen gewechselt wurden, manchen zärtlichen Blick auf sie warf: wiewohl er immer in seiner Anbetung durch die Erscheinung irgend eines neuen Leckerbissens unterbrochen wurde. Der General hat wirklich das Alter erreicht, wo das Herz und der Magen sich eine Art Gleichgewicht halten, und wo ein Mann sehr leicht zwischen einer schönen Frau und einem Truthahn mit Trüffeln wanken kann. Während des ganzen ersten Ganges hatten Ihre Herrlichkeit eine gefährliche Nebenbuhlerin an einer Schüssel mit geschmorten Karpfen; und ein Blick von ihm, der offenbar ein Kernschuß nach ihrem Herzen sein sollte, war späterhin wirklich nahe daran, eine praktikable Bresche zu legen, wäre solcher nicht unglücklicherweise von seiner Richtung ab in eine sehr verführerische Lammsbrust gegangen, worin er sogleich eine furchtbare Verwüstung anrichtete. So trieb es dieser treulose General, kokettirte während der ganzen Mahlzeit, und beging bei jedem neuen Gerichte eine Treulosigkeit, bis er am Ende von den vielen Aufmerksamkeiten, welche er dem Fleisch, Fisch und Geflügel, den Pasteten, Gelées, Crêmen und Blanc-manger's bezeigt hatte, so erschöpft war, daß er in sich selbst zusammenzusinken schien: seine Augen schwammen, und ihr Feuer war so matt geworden, daß er keinen einzigen Blick mehr über den Tisch werfen konnte. Ueberhaupt fürchte ich, der General hat sich, bei diesem merkwürdigen Mittagsmahle, eben so sehr in Ungnade gegessen, als ich ihn früher sich hineinschlafen sah. Auch der junge Hans Tibbets soll von der Trauungsfeierlichkeit, bei der er zugegen war, so ergriffen, so wie von der Rührung der armen Phöbe Wilkins, die allerdings in ihren Thränen nicht schlechter aussah, so angezogen worden sein, daß er sich noch an demselben Tage, nach dem Essen, in einem Gebüsche des Parks mit ihr ausgesöhnt, und am Abend mit ihr getanzt hat, zum großen Aerger von Frau Tibbets ganzer Hauspolitik. Ich begegnete ihnen, wie sie im Parke mit einander spazieren gingen, kurz nachdem die Versöhnung Statt gefunden haben mußte. Der junge Hans trat fröhlich und mannhaft einher; Phöbe aber hing den Kopf und erröthete, als ich mich näherte. In dem Augenblicke aber, wo sie an mir vorbeiging und mir einen Knix machte, warf sie mir einen schlauen Blick unter der Haube weg zu; schlug jedoch die Augen sogleich wieder nieder. Ich las in diesem Einen Blicke, so wie in dem unwillkürlichen Lächeln, das um ihre rosigen Lippen schwebte, genug, um mich zu überzeugen, daß der kleinen Hexe Herz wieder glücklich war. Was mehr ist, Lady Lillycraft unternahm, von ihrem gewöhnlichen Wohlwollen und ihrem Eifer bei allen diesen Herzensangelegenheiten bewogen, das kritische Geschäft, Hans Baargeld die Wiederversöhnung der beiden Liebenden zu eröffnen. Sie dachte, es gebe nie mehr eine so schickliche Gelegenheit, wie diese, und griff noch diesen Abend im Park den starren, alten Freisassen an, während sein Herz noch von der Freigebigkeit des Squire erwärmt war. Hans war ein wenig überrascht, als Ihre Herrlichkeit ihn bei Seite zog, ließ sich jedoch von einer solchen Ehre nicht außer Fassung bringen: noch größer ward aber seine Ueberraschung, als er die Mittheilung selbst vernahm, und auf diesem Wege die erste Nachricht von einem Ereignisse erhielt, welches unter seinen Augen vorgegangen war. Er hörte indessen mit seinem gewöhnlichen Ernste zu, während Ihre Herrlichkeit die Vortheile der Heirath, die guten Eigenschaften des Mädchens und den Kummer schilderte, den sie in der letzten Zeit erduldet; endlich aber begann sein Auge zu glühen, und er fing an, mit dem Knopfe seines Knittels zu spielen. Lady Lillycraft sah, daß sie etwas bei der Erzählung verfehlt habe, und eilte, seinen aufwallenden Zorn durch eine wiederholte Schilderung der Verdienste und der Treue der weichherzigen Phöbe zu besänftigen, als der alte Baargeld sie auf einmal durch den Ausruf unterbrach, daß, wenn Hans das Mädchen nicht heirathete, er ihm alle Knochen im Leibe zerschlagen würde! Die Heirath wird demnach für so gut als geschlossen angesehen; Frau Tibbets und die Haushälterin haben sich versöhnt und Thee mit einander getrunken; und Phöbe sieht wieder so gut und munter aus, als sonst, und trillert vom Morgen bis in die Nacht wie eine Lerche. Aber Kupido's sonderbarste Laune, deren zu erwähnen ich kaum wagen würde, wüßte ich nicht, daß ich für Leser schreibe, welche mit der Wunderlichkeit dieses heillosen Gottes hinlänglich bekannt sind, ist folgende. Am Tage nach der Heirath, gerade als Lady Lillycraft mit den Vorbereitungen zu ihrer Abreise beschäftigt war, verlangte ihre unbefleckte Kammerfrau, Mrs. Hannah, bei ihr Gehör, und bat, nach vielem Verziehen des Mundes und manchem jungfräulichen Stocken, um Erlaubniß, zurück bleiben zu dürfen, und bemerkte, Lady Lillycraft möchte ihren Platz durch eine andere Dienerin auszufüllen geruhen. Ihre Herrlichkeit war betroffen: »Wie! Hannah wolle sie verlassen, die so lange mit ihr gelebt hatte?« »Ja, man könne doch nicht anders; man müsse doch einmal sich im Leben festsetzen.« Die gute Lady war noch in Erstaunen verloren; endlich aber entwand sich das Geheimniß den dürren Lippen der jungfräulichen Kammerfrau: »sie habe schon seit einiger Zeit gedacht, ihren Stand zu verändern, und endlich, vergangenen Abend, Herrn Christy, dem Jäger, das Jawort gegeben.« Wie oder wann, oder wo diese sonderbare Liebschaft sich entsponnen hat, habe ich nicht herausbringen können; noch wie sie bei ihrem essigsauren Wesen das steinharte Herz des alten Nimrod zu erweichen im Stande war: die Sache ist indessen so, und Jedermann wundert sich darüber. Bei aller Vorliebe Ihrer Herrlichkeit für Ehestiftungen ist denn doch dieser letzte Rauch von Hymen's Fackel etwas zu stark für sie. Sie hat sich bemüht, Mrs. Hannah zur Vernunft zu bringen, allein alles vergebens; sie war entschlossen, und der geringste Widerspruch konnte sie aufbringen. Lady Lillycraft wandte sich an den Squire, daß er den Vermittler machen möge. »Sie wisse nicht, was sie ohne Mrs. Hannah anfangen solle, sie sei seit so langer Zeit daran gewöhnt, sie um sich zu haben.« Der Squire war im Gegentheil über diese Heirath herzlich froh, da sie die gute Lady von einer Art Toiletten-Tyrannin befreite, unter deren Scepter sie schon seit Jahren geschmachtet hatte. Statt die Sache zu hintertreiben, hat er sie aus allen Kräften befördert und erklärt, er wolle dem jungen Paare eines der besten Bauernhäuser auf seinem Gute geben. Das ganze Haus folgte der Billigung des Squire: Alle sagen, wenn es wahr sei, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, müsse es bei dieser gewiß der Fall sein; denn der alte Christy und Mrs. Hannah wären offenbar eben so geschaffen, neben einander zu stehen, als die Pfefferbüchse und die Essigflasche. Sobald die Angelegenheit in Ordnung war, beurlaubte sich Lady Lillycraft bei der Familie aus der Halle und nahm den Capitän und seine erröthende Braut mit sich, da sie die Flitterwochen bei ihr zubringen sollten. Meister Simon begleitete sie zu Pferde, und gedenkt, immer voraus zu reiten, um alle nöthigen Anstalten zu treffen. Der General, welcher vergebens nach einer Einladung auf ihren Landsitz haschte, half Ihrer Herrlichkeit mit einem tiefen Seufzer in den Wagen, worauf sein Busenfreund, Meister Simon, der so eben sein Pferd bestieg, mir einen bedeutsamen Wink gab, ein ganz verwünschtes schiefes Gesicht schnitt, und mir, indem er sich vom Sattel herunterbeugte, ganz laut ins Ohr sagte: »es hilft nichts!« Er gab dann seinem Pferde die Sporen und trabte weg. Der General blieb eine Zeitlang stehen und schwenkte seinen Hut, während die Kutsche die Allee hinabrollte, bis er zu niesen anfing, wahrscheinlich, weil er sich mit bloßem Kopf dem kalten Winde ausgesetzt hatte. Ich bemerkte, daß er etwas gedankenvoll nach dem Hause zurückkehrte; die Hände auf den Rücken gelegt pfiff er mit einer ungemein bedenklichen Miene ganz leise vor sich hin. Die Gesellschaft ist jetzt beinahe abgereist. Ich habe mich entschlossen, morgen ihrem Beispiele zu folgen; und der Leser wird hoffentlich nicht denken, ich hätte nur zu lange auf der Halle verweilt. Dazu habe ich mich indessen durch die Meinung veranlaßt gesehen, ich hätte endlich einen von den abgelegenen Orten gefunden, wo man noch einige Spuren des alten englischen Charakters antrifft. Ein wenig später, und alle diese werden ebenfalls verschwunden sein. Hans Baargeld wird bei seinen Vätern ruhen; der gute Squire und alle seine Eigenthümlichkeiten werden in der benachbarten Kirche ihre Grabstätte finden. Die alte Halle wird in ein modernes Landhaus oder vielleicht in eine Manufactur umgeschaffen. Der Park wird in kleine Gehöfte und Küchengärten zerstückelt werden. Eine Landkutsche wird täglich durch das Dorf gehen; es wird, wie alle gewöhnliche Dörfer, von Kutschen, Postillons, Trinkern und Politikern wimmeln; und Weihnachten, der erste Mai und alle fröhliche Lustbarkeiten der »guten alten Zeiten« werden vergessen sein. Des Verfassers Abschied. Und so, ohn' alle weitre Förmlichkeit, Denk' ich, wir schütteln uns die Händ' und scheiden. Hamlet . Nachdem ich von der Halle und ihren Bewohnern Abschied genommen, und die Geschichte meines Besuches zu einer Art Ende gebracht habe, scheint mir nichts weiter übrig zu bleiben, als meine Verbeugung zu machen und abzutreten. Es ist indessen meine Schwäche, mit meinem Leser im Laufe eines Werkes auf einen so freundschaftlichen Fuß zu kommen, daß es mir wirklich Mühe kostet, von ihm zu scheiden, und rede am Ende dieses Bandes ein paar Abschiedsworte mit ihm. Wenn ich auf das Werk, das ich eben beschließe, zurückblicke, sehe ich wohl, wie voll von Irrthümern und Mängeln es ist; in der That, wie sollte es anders sein, da ich Gegenstände und Auftritte schildere, mit denen ich, als ein Fremder, nur theilweise bekannt bin? Manche werden ohne Zweifel über die auffallenden Versehen lächeln, die ich begangen habe; und Manche vielleicht Anstoß an den Darstellungen nehmen, die ihnen von vorgefaßten Meinungen auszugehen scheinen. Einige werden meinen, ich hätte über Gegenstände, welche ihrem eigenthümlichen Geschmacke entsprechen, wohl mehr sagen können, während Andere glauben werden, ich hätte weiser gethan, sie ganz unberührt zu lassen. Wahrscheinlich werden Einige der Ansicht sein, daß ich England mit parteiischem Auge betrachtet habe. Dieß thue ich vielleicht, denn ich werde nie vergessen, daß es »meiner Väter Land« ist. Und doch sind die Umstände, unter denen ich es gesehen habe, keinesweges von der Art gewesen, daß sie vortheilhafte Eindrücke hätten hervorbringen können. Den größern Theil der Zeit, welchen ich daselbst zugebracht, habe ich beinahe, ohne Jemand zu kennen, noch ohne bekannt zu sein, verlebt; keine Gunstbezeugungen gesucht und keine empfangen; bin ein »Fremder und Gast im Lande« gewesen, und habe alle die Kälte und Vernachlässigung empfinden müssen, welche das allgemeine Loos des Fremden sind. Wenn ich diese Umstände erwäge, und denke, wie oft ich meine Feder mit unzufriedenem Sinn und sehr niedergeschlagenem, trübem Gemüth ergriffen habe, muß ich glauben, mein Gemälde dürfte nicht zu vortheilhaft ausgefallen sein. Was ich über den englischen Charakter gesagt habe, ist das Resultat einer ruhigen, leidenschaftlosen und mannigfachen Beobachtung. Er ist ein Charakter, den man nicht schnell studiren kann, denn er bietet einem Fremden immer eine zurückstoßende, uneinladende Seite dar. Laßt also den, der meine Schilderung für zu vortheilhaft hält, dieß Volk so scharf und so ruhig beobachten, als ich es gethan habe, und er wird wahrscheinlich seine Meinung ändern. Einer Sache bin ich auf jeden Fall gewiß, daß ich ehrlich und offen, nach der Ueberzeugung meines Gemüths und den Eingebungen meines Herzens gesprochen habe. Als ich meine frühern Werke herausgab, konnte ich nicht hoffen, daß ihnen vor englischen Augen Gnade widerfahren möchte, denn es fiel mir nicht ein, daß sie außer meinem eigentlichen Vaterlande bekannt werden würden; und hätte ich nur die Gunst meiner eigenen Landsleute gesucht, so würde ich einen kürzern und leichtern Weg gewählt haben, indem ich der Abneigung, die damals gegen England herrschte, eher geschmeichelt als ihr entgegen gearbeitet haben würde. Und hier erlaube man mir, meine dankbaren Gefühle über die Wirkung auszusprechen, welche eine meiner unbedeutenden Arbeiten hervorgebracht hat. Ich spreche von dem Versuche im Skizzenbuche, welche die literarischen Fehden zwischen England und Amerika behandelt. Ich kann das lebhafte Vergnügen nicht beschreiben, das ich bei der unerwarteten Theilnahme und der Billigung empfunden habe, welche diesen Bemerkungen zu beiden Seiten des atlantischen Meeres widerfahren sind. Ich sage das nicht aus kleinlichem Gefühle befriedigter Eitelkeit; denn ich schreibe die Wirkung keinesweges dem Verdienste meiner Feder zu. Der erwähnte Versuch war kurz und zufällig hingeworfen; die darin enthaltenen Gedanken waren einfach, und boten sich ganz natürlich dar. »Es war die Sache, es war die Sache« allein. Meine Leser waren schon im Voraus geneigt, günstige Eindrücke aufzunehmen. Meine Landsleute entsprachen in ihrem Herzen den kindlichen Gefühlen, welche ich in ihrem Namen gegen das Mutterland ausgesprochen hatte, und in jedem englischen Gemüthe erwachte eine großmüthige Theilnahme an einem einzeln dastehenden Wesen, das in einem fremden Lande seine Stimme erhob, den beeinträchtigten Charakter seines Volks zu rechtfertigen. Es gibt Gegenstände so geheiligter Art, daß sie jedes tugendhafte Herz unwiderstehlich für sich entflammen; und der bedarf nur weniger Beredsamkeit, welcher die Ehre seines Weibes, seiner Mutter, oder seines Vaterlandes vertheidigt. Ich freue mich deßwegen des Erfolges jenes kurzen Aufsatzes, da er zeigt, wie viel Gutes man durch ein freundliches, wenn gleich schwaches Wort zu bewirken im Stande ist, wenn man es zu gehöriger Zeit spricht, – da er zeigt, wie viel Wohlwollen in einem Lande gegen das andere schlummert, und wie leicht der leiseste Funken desselben zur hellen Flamme emporlodert, – da er zeigt, daß, was ich wirklich immer geglaubt und behauptet habe, die beiden Völker in Achtung und Freundschaft neben einander bestehen würden, wenn unruhestiftende, böse Menschen ihre verderblichen Federn bei Seite legen und verwandte Herzen den freundlichen Eingebungen der Natur überlassen wollten. Ich behaupte noch einmal, und ich behaupte es mit verstärkter Ueberzeugung von der Wahrheit meiner Behauptung, daß bei dem größern Theile meiner Landsleute eine günstige Stimmung gegen England herrscht. Ich wiederhole diese Aeußerung, weil ich glaube, daß sie eine Wahrheit sei, die man nicht zu oft aussprechen kann, und weil sie einigen Widerspruch gefunden hat. Alle freisinnige, aufgeklärte Bewohner in meinem Vaterlande, alle die, welche der öffentlichen Meinung ihre Richtung geben, hegen den herzlichen Wunsch, mit England auf einem guten, freundschaftlichen Fuße zu stehen. Aber zugleich hegen sie auch ein Mißtrauen, ob dieser guten Gesinnung von England aus entsprochen werde. Sie haben durch die von Seiten der englischen Schriftsteller auf ihr Vaterland gemachten Angriffe eine krankhafte Empfindlichkeit angenommen; und ihre von Zeit zu Zeit geäußerte Reizbarkeit über diesen Gegenstand hat man als eine eingewurzelte, unnatürliche Feindseligkeit ausgelegt. Für meinen Theil betrachte ich diese eifersüchtige Empfindlichkeit als einen Bestandtheil großsinniger Gemüther. Ich würde glauben, daß meine Landsleute die Unabhängigkeit des Gemüths welche ihre Naturgabe ist, verloren, daß sie in der That den Stolz des Charakters verloren hätten, den sie von dem stolzen Volke geerbt, von dem sie entsprungen sind, wenn sie Schmach und Beschimpfung feig erdulden könnten. Wahrlich, der Unwille selbst, den sie über die Verunglimpfungen englischer Schriftsteller äußern, beweist die Achtung, welche sie vor der Meinung England's haben, und ihren Wunsch, sich mit ihm zu befreunden; denn da ist nie Eifersucht, wo nicht wahre Achtung ist. Man kann leicht sagen, daß alle diese Angriffe Ergüsse verächtlicher Schmierer sind, und von der Nation mit schweigender Verachtung behandelt werden; aber ach! die Verläumdungen des Scriblers gehen in die Fremde, und die schweigende Verachtung der Nation ist nur in der Heimath bekannt. Bei England steht es also, wie ich schon früher behauptet habe, den gegenseitigen Geist der Versöhnung zu fördern; es braucht nur die Sprache der Freundschaft und der Achtung zu sprechen, und jedes Herz in Amerika wird sich leicht gewinnen lassen. Wenn ich indessen diese Gefühle ausdrücke, will ich damit nichts gesagt haben, was der Würde meiner Landsleute Eintrag thun könnte. Wir wollen keine Gnade aus England's Hand; wir verlangen keine Gunstbezeugungen von ihm. Seine Freundschaft ist nicht nothwendig, und seine Feindschaft würde unserm Wohlergehen nicht gefährlich werden. Wir verlangen von Fremden nichts, wofür wir nicht wieder etwas bieten können. In Hinsicht auf England nähren wir indessen ein gewisses wärmeres Gefühl des Herzens, die Gluth der Verwandtschaft, die noch in unserem Blute liegt. Ohne auf das Interesse zu sehen – alter Feindseligkeiten uneingedenk – bieten wir als alte Verwandte die Hand. Wir verlangen bloß, daß Ihr Euch nicht von uns entfremden, nicht die alten Bande des Blutes auflösen, Euch nicht durch Hohnsprecher und Verläumder verleiten lassen sollt, ein verwandtes Volk von Euch zu stoßen; wir möchten gern Freunde sein; zwingt uns nicht, Feinde zu sein. Es bedarf keiner eindringlichern Versöhnungsworte, als die sind, welche ein ausgezeichneter englischer Schriftsteller ausgesprochen hat. »Es gibt,« sagt er, »ein heiliges Band zwischen uns, das keine Verhältnisse zerreißen können, das des Blutes und der Sprache. Unsere Literatur muß immer die ihrige sein; und obgleich ihre Gesetze nicht mehr die unsrigen sind, so haben wir doch dieselbe Bibel und wir wenden uns mit demselben Gebete an unsern gemeinschaftlichen Vater. Nationen sprechen es nur zu leicht aus, daß sie angeborne Feinde haben, warum sollten sie nicht auch annehmen wollen, daß sie angeborne Freunde haben?« Aus einer Recension (die von Rob. Southey herrühren soll) im Quarterly Review. Es ist zu bedauern, daß diese Zeitschrift so oft die edlen, hier angeführten Worte aus den Augen verliert. Dem großsinnigen Geiste beider Länder müssen wir vertrauen, daß ein solches natürliches Band der gegenseitigen Neigung sich um sie schlinge. Gewichtigeren Federn, als die meinige ist, überlasse ich das schöne Werk, die Sache der Volksfreundschaft zu fördern. An die Verständigen und Aufgeklärten in meinem eigenen Lande richte ich meine Abschiedsworte, sie bittend, sich über die kleinlichen Angriffe unwissender, werthloser Menschen erhaben zu zeigen, und mit leidenschaftslosem, philosophischem Auge auf den moralischen Charakter England's, die geistige Quelle unserer entstehenden Größe, hinzublicken! während ich wegen der Verläumdungen, welche die englische Presse beschimpfen, der Bildung Hohn sprechen und den Edelmuth ihres Landes Lügen strafen, an jeden edelmüthigen Engländer appellire; und ihn auffordere, Amerika als ein verwandtes, seines Ursprungs würdiges Land zu betrachten, das durch sein gesundes, kräftiges Emporwachsen das beste Zeugniß für den Stamm gibt, aus dem es entsprossen; und das, in dem aufdämmernden Glanze seines Ruhms, der moralische Widerschein britischer Glorie ist. Ich bin überzeugt, daß eine solche Aufforderung nicht fruchtlos sein wird. Auch habe ich seit einiger Zeit eine wesentliche Veränderung in der Gesinnung der Engländer gegen Amerika bemerkt. Im Parlamente, diesem Grundquell öffentlicher Meinung, scheint, auf beiden Seiten des Hauses, ein Wetteifer zu entstehen, die Sprache der Höflichkeit und Freundschaft zu reden. Derselbe Geist wird täglich mehr in der guten Gesellschaft vorherrschen. Die Neugierde, von meinem Vaterlande etwas zu erfahren, nimmt zu, so wie ein lebhaftes Verlangen, genaue Nachrichten darüber zu erhalten, das nur zu einem vortheilhaften Verständniß führen kann. Der Hohnsprecher wird hoffentlich jetzt nichts mehr ausrichten; die Zeit für den Verläumder ist vorüber. Die schlechten Späße, die abgedroschenen Witze, welche so lange im Gange waren, wenn die Rede auf Amerika kam, überläßt man nun den unwissenden und gemeinen Leuten, oder sie werden nur noch von Miethlingen und Gewohnheits-Spaßmachern im Drucke verbreitet. Die Aufgeklärten und Großsinnigen sind nun stolz darauf, Amerika zum Gegenstande ihres Studiums zu machen. Wie indessen auch meine Gefühle, diesseit und jenseit des atlantischen Meeres, ausgelegt oder erwiedert werden mögen, ich spreche sie ohne Rückhalt aus, denn ich habe immer gefunden, daß offen reden, auch sicher reden heißt. Ich bin nicht so sanguinisch, zu glauben, daß diese zwei Nationen je durch irgend ein romantisches Band des Gefühls an einander geknüpft werden; allein ich glaube, daß viel geschehen kann, eine aufrichtige Gesinnung zu erhalten, wenn jeder Wohlgesinnte gelegentlich ein freundliches Wort mit einfließen läßt. Wenn ich wirklich durch meine Schriften irgend beigetragen habe, eine solche Wirkung hervorzubringen, würde es mir eine große Beruhigung gewähren, doch einmal, während eines ziemlich unbekümmerten Lebens, nützlich gewesen zu sein, und durch den gelegentlichen Gebrauch einer Feder, die im Ganzen nicht viel Nutzen zu stiften vermocht hat, eine mitklingende Saite zwischen dem Lande meiner Väter, und dem theuern Lande, das mir mein Dasein gab, angeschlagen zu haben. In dem Geist dieser Gefühle nehme ich nun von dem väterlichen Boden Abschied. Mit besorgtem Auge betrachte ich die Wolken des Zweifels und der Schwierigkeiten, welche sich auf dasselbe niederlassen, und hoffe sehnlich, daß sie sich alle zu einem heitern, beständigen Sonnenschein verklären mögen. Während ich dieß letzte Lebewohl sage, ist mein Herz von liebevollen, doch trüben Regungen erfüllt; und ich zögere noch, und spreche noch, mich umwendend, wie ein Kind, das den ehrwürdigen Wohnsitz seiner Ahnen verläßt, meinen kindlichen Segen aus: »Friede sei in deinen Mauern, o England! und Reichthum in deinen Palästen; um meiner Brüder und meiner Gefährten willen, will ich nun sagen, Friede sei mit dir!«