Henrik Ibsen Catilina Übersetzt von Christian Morgenstern Drama in drei Akten Vorwort 1. Akt 2. Akt 3. Akt Vorwort zur zweiten Ausgabe Ich lebte damals in Grimstad und war darauf angewiesen, mir das, was ich zum Lebensunterhalt wie zur Vorbereitung auf das akademische Examen nötig hatte, selbst zu erwerben. Die Zeit war voll Sturm und Drang. Die Februarrevolution, die Aufstände in Ungarn und anderswo, der Schleswiger Krieg, – all das griff mächtig und fördernd in meine Entwicklung ein, wie unfertig sie auch lange danach noch bleiben mochte. Ich schrieb volltönende Gedichte an die Magyaren, worin ich sie ermunterte, der Freiheit und Menschheit zum Frommen in dem gerechten Kampfe wider die "Tyrannen" auszuharren; ich schrieb eine ganze Reihe Sonette an König Oskar, die, soweit ich mich entsinne, die Aufforderung enthielten, er sollte alle kleinlichen Rücksichten beiseite setzen und unverzüglich, an der Spitze seines Heeres, den Brüdern an Schleswigs äußersten Grenzen zu Hilfe eilen. Da ich heut, im Gegensatz zu damals, bezweifle, daß meine schwungvollen Anreden der Sache der Magyaren oder Skandinaven irgend einen wesentlichen Nutzen gebracht hätten, so halte ich es für ein Glück, daß sie im halbprivaten Bereich des Manuskripts verblieben sind. Enthalten konnte ich mich indessen doch nicht, mich bei erhebenderen Anlässen in einem mit meinen Dichtungen übereinstimmenden, leidenschaftlichen Sinn auszusprechen, was mir aber – bei Freunden wie bei Gegnern – nur den zweifelhaften Gewinn eintrug, von den Freunden als veranlagt zu unfreiwilligem Humor begrüßt zu werden, während die Gegner es im höchsten Grade auffallend fanden, daß ein junger Mann in meiner untergeordneten Stellung sich mit der Erörterung von Dingen befassen konnte, über die sie selbst nicht einmal eine Meinung zu haben wagten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich hinzufügen, daß mein Auftreten in verschiedenen Beziehungen die Gesellschaft auch wirklich nicht gerade zu der Hoffnung berechtigte, die Bürgertugenden würden durch mich einen Zuwachs erhalten, – wie ich mich denn auch durch Epigramme und Karikaturen mit mehreren Leuten überwarf, die Besseres um mich verdient hatten, und auf deren Freundschaft ich im Grunde Wert legte. Überhaupt, – während da draußen eine große Zeit brauste, lebte ich auf Kriegsfuß mit der kleinen Gesellschaft, in die der Zwang der Lebensbedingungen und der Umstände mich sperrte. So lagen die Dinge, als ich während der Vorbereitungen zum Examen Sallusts "Catilina" samt Ciceros Rede gegen diesen Mann vornahm. Ich verschlang diese Schriften, und wenige Monate später war mein Drama fertig. Wie aus meinem Buch zu ersehen ist, teilte ich damals die Auffassung der beiden alten römischen Autoren von Catilinas Charakter und Art zu handeln nicht, und ich neige noch immer der Ansicht zu, daß doch wohl irgend etwas Großes oder Bedeutendes an einem Manne gewesen sein muß, mit dem sich der unverdrossene Anwalt der Majoritäten, Cicero, nicht eher einzulassen für geraten fand, als bis die Dinge eine solche Wendung genommen hatten, daß mit dem Angriff keine Gefahr mehr verbunden war. Man darf auch daran erinnern, daß es wenige historische Persönlichkeiten gibt, deren Ruf ausschließlicher in den Händen der Gegner gelegen hätte als der Catilinas. Mein Drama wurde nächtlicherweise niedergeschrieben. Meinem guten und ehrenwerten, aber von seinem Geschäft ganz und gar in Anspruch genommenen Prinzipal mußte ich Freistunden zum Studium geradezu abstehlen, und von diesen gestohlenen Stunden des Studiums stahl ich wiederum Augenblicke für das Dichten. So blieb mir im wesentlichen keine andere Zuflucht als die Nacht. Ich glaube, hier ist der unbewußte Grund davon zu suchen, daß die Handlung beinahe des ganzen Stückes sich zur Nachtzeit abspielt. Eine für meine Umgebung so wenig verständliche Tatsache wie das Geschäft, ein Schauspiel zu schreiben, mußte natürlicherweise geheim gehalten werden; aber da ein zwanzigjähriger Dichter es ganz ohne Mitwisser doch nicht gut aushält, so vertraute ich zwei gleichaltrigen Freunden an, mit was ich mich im stillen befaßte. Wir drei knüpften große Erwartungen an den "Catilina", als er fertig war. Zunächst und vor allen Dingen sollte er nun ins Reine geschrieben werden, um mit einem erdichteten Autornamen beim Theater in Christiania eingereicht und zugleich durch den Druck veröffentlicht zu werden. Der eine meiner gläubigen Getreuen unterzog sich der Mühe, eine schöne und deutliche Abschrift meines formlos-rohen Entwurfs herzustellen, eine Aufgabe, die er mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit löste, daß er auch nicht einen einzigen der unzähligen Gedankenstriche vergaß, die ich in der Hitze des Schaffens überall da angebracht hatte, wo mir der richtige Ausdruck im Augenblick nicht einfallen wollte. Der andere Freund, dessen Namen ich hier nenne, da er nicht mehr unter den Lebenden weilt, der damalige Studiosus und spätere Rechtsanwalt Ole C. Schulerud, fuhr mit der Abschrift nach Christiania. Ich entsinne mich noch eines seiner Briefe, worin er mir meldet, daß "Catilina" nun beim Theater eingereicht sei; daß das Stück bald zur Aufführung gelangen würde, darüber konnte natürlicherweise kein Zweifel obwalten, sintemalen die Direktion aus sehr urteilsfähigen Männern bestand; und ebensowenig war zu bezweifeln, daß sämtliche Buchhändler der Stadt für die erste Auflage mit Freuden ein erkleckliches Honorar zahlen würden; worauf es ankäme, meinte er, wäre nur, den herauszufinden, der das höchste Angebot machen würde. Nach einer langen, spannungsvollen Wartezeit tauchten indessen allmählich einige Schwierigkeiten auf. Von der Direktion des Theaters bekam mein Freund das Stück mit einer ebenso höflichen wie bestimmten Ablehnung zurück. Er wanderte nun mit dem Manuskript von Buchhändler zu Buchhändler: aber sie sprachen sich, einer wie der andere, im selben Sinn aus wie die Theaterdirektion. Der Höchstbietende verlangte so und so viel, um das Stück honorarlos zu drucken. Dies alles aber drückte die Siegeshoffnung meines Freundes noch lange nicht nieder. Im Gegenteil, er schrieb mir, es wäre gerade gut so –; ich sollte mein Drama in Selbstverlag nehmen; das nötige Geld wollte er mir vorstrecken; den Gewinn wollten wir teilen, wogegen er alles Geschäftliche der Sache übernehmen würde – mit Ausnahme des Korrekturlesens, was er für überflüssig hielt, da man ja ein so schönes, deutliches Druckmanuskript hätte. In einem späteren Briefe äußerte er, im Hinblick auf diese verheißungsvollen Aussichten für die Zukunft gedenke er seine Studien aufzugeben, um sich ganz und gar der Herausgabe meiner Werke widmen zu können; zwei oder drei Schauspiele das Jahr, meinte er, müßte ich mit Leichtigkeit schreiben können, und mittels einer Wahrscheinlichkeitsrechnung, die er angestellt, hatte er herausgefunden, daß wir mit dem Überschuß in nicht zu ferner Zeit schon die untereinander des öfteren verabredete oder wenigstens besprochene Reise durch Europa und den Orient antreten könnten. Meine Reise beschränkte sich jedoch vorläufig auf Christiania. Ich traf dort zu Beginn des Frühlings 1850 ein, kurz nachdem "Catilina" im Buchhandel erschienen war. Das Stück erregte in Studentenkreisen Aufsehen und Interesse; die Kritik aber verweilte hauptsächlich bei den fehlerhaften Versen und fand das Buch im übrigen unreif. Ein mehr zustimmendes Urteil wurde nur von einer Seite aus gefällt; dieses Urteil aber kam von einem Manne, dessen Anerkennung mir immer lieb und wert gewesen ist, und dem ich hiermit meinen erneuten Dank ausspreche. Verkauft wurde nicht gerade viel von der kleinen Auflage; mein Freund hatte einen Teil der Exemplare in seiner Verwahrung, und ich erinnere mich, daß eines Abends, als unsere gemeinsame Haushaltung vor unüberwindlichen Schwierigkeiten stand, dieser Stoß Drucksachen zur Makulatur gemacht und auch glücklich an einen Höker abgesetzt wurde. In den nächstfolgenden Tagen litten wir an keinem der notwendigsten Lebensbedürfnisse Mangel. Verwichenen Sommer, während meines Aufenthalts in der Heimat, und namentlich nach unserer Rückkehr in diese Stadt sind mir die wechselnden Bilder meines Schriftstellerlebens klarer und schärfer vors Auge getreten als je zuvor. Unter anderem nahm ich mir auch den "Catilina" wieder vor. Im einzelnen hatte ich den Inhalt des Buches fast vergessen; aber als ich es von neuem durchlas, fand ich, daß es doch nicht weniges enthielt, wozu ich mich auch heute noch bekennen dürfte, namentlich wenn man in Betracht zieht, daß es meine Erstlingsarbeit war. So mancherlei, wovon meine spätere Dichtung gehandelt hat, – der Widerspruch zwischen Kraft und Streben, zwischen Wille und Möglichkeit, die Tragödie und zugleich Komödie der Menschheit und des Individuums – tritt schon hier in nebelhaften Andeutungen hervor, und ich faßte daher den Entschluß, eine neue Ausgabe zu veranstalten – als eine Art Jubiläumsschrift: ein Entschluß, dem mein Verleger mit gewohnter Bereitwilligkeit seine Billigung gab. Es ging aber natürlich nicht an, die alte Originalausgabe ohne weiteres wieder abzudrucken; denn sie ist, wie gezeigt wurde, nur der Abdruck meines unfertigen und formlosen Konzepts oder des allerersten rohen Entwurfes. Bei abermaligem Durchlesen entsann ich mich deutlich dessen, was mir ursprünglich vorgeschwebt hatte, und ich sah zugleich, daß die Form so gut wie an keiner Stelle einen befriedigenden Ausdruck für das gab, was ich gewollt hatte. Ich entschloß mich daher, diese meine Jugenddichtung so durchzuarbeiten, wie ich es meiner Ansicht nach schon damals hätte tun können, sofern mir die nötige Zeit zur Verfügung gestanden hätte und die Verhältnisse mir günstiger gewesen wären. Die Ideen, die Vorstellungen und die Entwicklung des Ganzen dagegen habe ich nicht angetastet. Das Buch ist geblieben, was es ursprünglich war, nur daß es jetzt in vollendeter Gestalt erscheint. Ich bitte meine Freunde in Skandinavien und anderswo, sich die obigen Bemerkungen gegenwärtig zu halten, wenn sie das Buch in die Hand nehmen; ich bitte sie, es anzunehmen als einen Gruß von mir beim Abschluß eines Zeitraumes, der für mich wechselvoll und reich an Gegensätzen gewesen ist. Viel von dem, was ich mir vor fünfundzwanzig Jahren erträumte, ist in Erfüllung gegangen, wenn auch nicht gerade so oder so schnell, wie ich gehofft hatte. Heut aber glaube ich doch, es war wohl so besser für mich; ich wünschte nicht, es wäre von dem, was dazwischen liegt, irgend etwas unversucht geblieben. Und blicke ich auf das Erlebte wie auf ein Ganzes zurück, so tue ich es mit einem Dank für alles und mit einem Dank an alle. Dresden, im Februar 1875 Henrik Ibsen Personen Lucius Catilina, ein adliger Römer Aurelia, seine Gattin Furia, eine Vestalin Curius, ein Catilina verwandter Jüngling Manlius, ein alter Krieger Lentulus, Coeparius, Gabinius, Statilius, Cethegus, junge adlige Römer Ambiorix, Ollovico, Gesandte der Allobroger Ein Alter Priesterinnen und Diener im Tempel der Vesta Gladiatoren und Krieger Begleiter der Allobroger Sullas Geist Erster Akt (An der Flaminischen Straße vor den Toren Roms. Eine mit Bäumen bestandene Anhöhe am Wege. Im Hintergrund ragen die Hügel und Mauern der Stadt empor. Es ist Abend.) ( Catilina steht auf der Anhöhe zwischen Gebüsch, an einen Baumstamm gelehnt.) Catilina . Du mußt! Du mußt! so drängt mich eine Stimme Im Innersten, und ich, ich zaudre noch! Ein Mann, dem Kraft und Mut zu wirken eigen, Ein Mann, dem jedes hohe Ziel bestimmt, Verliert sein Herz an zügellose Freuden Und meint, sie täten ihm genug! Und doch! Du willst dich nur betäuben, nur vergessen. Zu spät! Vorbei! Dein Tag ist ohne Ziel (Nach einer Pause.) Wo bliebt ihr, meiner Jugend reiche Träume? Wie sommerlich Gewölk entschwandet ihr Und ließt ein tiefenttäuscht Gemüt zurück, Dem nicht einmal ein Hoffnungsschein mehr lachte! (Schlägt sich vor die Stirn.) Verachte Dich, Du stolzer Catilina, Verachte Dich, Du nicht gemeiner Mensch, Den doch trotz aller Gaben eins nur lockt: Genuß, Genuß und abermals Genuß. (Ruhiger.) Zwar bläst wohl eine Stunde noch wie diese Die Aschenglut geheimer Sehnsucht auf. Ah, schau' ich diese Stadt, das stolze, reiche, Berühmte Rom, und seine Laster treten Und sein Verfall, in den es längst versunken, In übergroßer Klarheit vor mein Auge, – Dann ruft's in meinem Innern laut und mahnend: Auf, Catilina! Auf, und sei ein Mann! (Abbrechend.) Ach, ihr Gespinste schwärmerischer Schwermut, Gebilde nur der Nacht und Einsamkeit, – Die ihr beim ersten Laut des Lebens wieder Hinabflieht in der Seele stummen Schacht! (Die Gesandten der Allobroger, Ambiorix und Ollovico , kommen mit ihren Begleitern die Straße daher, ohne Catilina zu bemerken.) Ambiorix . Wir sind am Ziele! Seht die Mauern Roms! Und drüber hoch und klar das Kapitol! Ollovico . Dies also dort ist Rom? Italiens Herrin, Germaniens bald, – vielleicht auch Galliens einst. Ambiorix . Ja, nur zu wahr; so dürft' es einmal kommen; Und ohne Schonung ist die Herrschaft Roms; Den Unterworfnen beugt sie bis zu Boden. – Nun, laßt uns sehn, was unser Volk erwartet: Ob den Allobrogern ihr Recht wird, oder Ob Übermut sie weiter kränken darf. Ollovico . Man wird uns Schutz gewähren. Ambiorix .                                     Hoffen wir's; Denn noch ist alles ungewiß und dunkel. Ollovico . Du scheinst in Sorgen? Ambiorix .                       Und mit gutem Grund. Voll Eifersucht ist Rom auf seine Macht. Und wisse wohl, daß diesem stolzen Weltreich Nicht Häuptlinge gebieten, wie bei uns. Daheim befiehlt der Weise oder Krieger; Im Rat den obersten, im Streit den größten, Ihn kiesen wir zum Führer unsres Stamms, Zum Richter und zum Herrscher unsres Volks. Doch hier – Catilina (ruft ihnen von oben zu:)                 – hier herrscht Gewalt und Eigennutz; Durch List und Ränke wird man Herrscher hier! Ollovico . O weh uns, Brüder, er behorchte uns! Ambiorix (zu Catilina.) Ist dies bei wohlgebornen Römern Brauch? In unsern Tälern würd' ein Mann sich schämen – Catilina (steigt auf die Straße hinab.) Seid ruhig; Spähen ist nicht mein Beruf; Nur Zufall ließ mich Euer Wort vernehmen. Ihr kommt vom Lande der Allobroger? Ihr meint, in Rom werd' Euer Recht Euch werden? Kehrt um! Zieht heim! Hier sind Tyrannen Herr Und Schurken mehr denn irgendwo auf Erden. Von "Freiheit" schallt es, "Republik" und "Recht"; Und doch, kein Bürger, der nicht rechtlos wäre, Verschuldet tief, ein willenloser Knecht Von Senatoren, feil um Geld und Ehre! Längst schwand der Geist des alten Römerstaats, Der Freisinn, den der Vorzeit Dichter singen; Sein Leben gilt's der Willkür des Senats Mit schwerem Gold als Gnade abzudingen. Hier spricht der Macht und nicht des Rechtes Mund; Der Edle sieht nur Haß auf sich gerichtet – Ambiorix . Doch sprich, wer bist dann Du, der uns den Grund, Drauf unser ganzes Hoffen stand, vernichtet? Catilina . Ein Mann, in dem es warm für Freiheit pocht, Ein Feind von unbefugtem Rechtsverkürzen; Ein Freund von jedem, den man unterjocht; Voll Lust und Mut, die Mächtigen zu stürzen. Ambiorix . Das stolze Römervolk –? Wie? Rede klar! Du willst gewiß nur eitlen Argwohn wecken, – Ist es nicht mehr, was es vor Zeiten war: Der Schwachen Schutz und der Tyrannen Schrecken? Catilina (zeigt auf die Stadt und sagt:) Sehr auf dem Hügel dort, ihr Männer, drohen Voll Herrschertrotz das große Kapitol, Seht es im roten Abendglanze lohen Vom Blitz des letzten Sonnenstrahls! Nun wohl! So bricht auch Rom in Sterbeglut zusammen; So sinkt Roms Freiheit in der Knechtschaft Nacht. Doch bald soll eine neue Sonne flammen, Vor deren Glut das Düster jäh erwacht. (Ab.) (Ein Säulengang in Rom.) ( Lentulus , Statilius , Coeparius und Cethegus treten in eifrigem Gespräch auf.) Coeparius . Ja, Du hast recht; es wird nur immer ärger. Wer weiß, wie das noch alles enden mag. Cethegus . Wie's enden mag? Was kümmert das Cethegus! Ich will den Augenblick genießen, will Den Becher leeren jeder Lust – und lasse Die Welt gehn, wie's ihr selbst am besten paßt. Lentulus . Wohl dem, der's kann. Mir ist es nicht gegeben, Den Tag so ruhig nahn zu seh, an dem Wir keiner Fordrung mehr genügen können, Weil unser Säckel leer ward wie ein Sieb. Statilius . Und keine Hoffnung, daß es besser werde! Zwar, eine Lebensweise wie die unsre – Cethegus . Hör' auf, hör' auf! Lentulus .                 Mein letztes Erbstück ward Mir heute Schulden halber abgepfändet. Cethegus . Genug der eitlen Klagen! Folgt mir, Freunde! Wir zechen sie in Grund und Boden, kommt! Coeparius . Das wollen wir! Wohlauf, Ihr frohen Brüder! Lentulus . Verzeiht; dort naht der alte Manlius; Er wird uns suchen. Hören wir ihn an! Manlius (tritt heftig ein.) O über diese geilen Lumpenhunde! Gerechtigkeit – sie kennen sie nicht mehr. Lentulus . Was ist geschehn? Weswegen so erbittert? Statilius . Sind Wucherer auch Dir aufs Fell gerückt? Manlius . Mit nichten. Hört! Wie Ihr wohl alle wißt, Hab' ruhmvoll ich gedient in Sullas Heer. Ein Stücklein Acker ward mir zur Belohnung; Und als der Krieg zu Ende, lebt' ich denn Von diesem Feld, das kümmerlich mich nährte. Jetzt hat man mir's geraubt! Man sagt, es soll Des Staates Eigen eingezogen werden Zur gleichen Teilung unter alles Volk. Dies ist gemeiner Raub und nichts darüber! Den eignen Wanst nur wollen sie sich mästen. Coeparius . So geht's mit unseren Gerechtsamen! Was schiert sich solch ein Mächtiger um Recht! Cethegus (munter.) Der arme Manlius! Doch Schlimmeres Hat mich, wie ich Euch melden will, betroffen. Erwägt den Schaden! Meine süße Buhle, Die Livia, gab treulos mir Valet, Und das just, als ich meinen letzten Heller Um ihretwillen los geworden war. Statilius . Du hältst kein Maß. Da darf's Dich denn nicht wundern! Cethegus . Maß oder nicht. Ich lass' nun einmal nicht Von meinen Wünschen ab; sie will ich stillen Trotz alledem, solang' ich es vermag. Manlius . Und ich, der tapfer stritt für jene Ehre, Für jene Macht, womit sie nun sich blähn! Ich werd' –! Ah, wären wir die kühne Schar Von Waffenbrüdern noch, so wollt' ich Euch – Doch, ach, der größte Teil von uns ist tot, Und was noch lebt, zerstreut in allen Landen. O, was seid Ihr, die Jungen, gegen jene! Demütig liegt Ihr vor der Macht im Staub; Ihr wagt nicht, Eure Ketten zu zerbrechen, Ihr tragt geduldig dieses Sklavenjoch! Lentulus . Bei allen Göttern! Klingt sein Wort auch kränkend, – Er ist nicht ganz im Unrecht, wenn er schilt. Cethegus . Nein, nein; gewiß; ich stimme völlig zu. Doch wie zu Werke gehn? Das ist die Sache. Lentulus . Ja, wahrlich! Allzulang' ertragen wir Die Unterdrückung. An der Zeit ist's, Bande Zu brechen, drein uns Ungerechtigkeit Und Herrschaft hat verwirrt wie in ein Netz. Statilius . O, ich versteh' Dich, Lentulus! Doch siehe, Dazu bedarf es eines starken Führers Voll Mut und Einsicht. Und wo wäre der? Lentulus . Ich kenne einen, der uns führen könnte. Manlius . Du denkst an Catilina? Lentulus .                       Just an ihn. Cethegus . Ja, Catilina wär' vielleicht der Mann. Manlius . Ich kenn' ihn wohl, war seines Vaters Freund, Mit dem ich manche Schlacht zusammen kämpfte. Sein Kleiner mußte in den Krieg ihm folgen. Schon damals war der Knabe nicht zu halten; Doch seltne Gaben regten sich in ihm; Sein Sinn war hoch, sein Mut unwandelbar. Lentulus . Wir dürfen hoffen, ihn bereit zu finden. Ich traf ihn heute Abend tief verstimmt. Er brütet über einem dunklen Anschlag; Er hatte längst ein tollkühn Ziel vor Augen. Statilius . Er strebt seit langem nach dem Konsulat. Lentulus . Wiewohl umsonst; denn seine Feinde haben Gewaltig wider ihn im Rat gedonnert; Er war zugegen, selbst, und voller Wut Verließ er den Senat, auf Rache sinnend. Statilius . Dann geht er wohl auf unsern Vorschlag ein. Lentulus . Ich hoffe. Doch zunächst erwäg' ein jeder Den Plan bei sich. Der Zeitpunkt ist uns günstig. (Alle ab.) (Im Tempel der Vesta zu Rom.) (Auf einem Altar im Hintergrunde brennt eine Lampe mit dem heiligen Feuer.) ( Catilina , begleitet von Curius , taucht vorsichtig zwischen den Säulen auf.) Curius . Wie, Catilina, – hierher führst Du mich? In Vestas Tempel! Catilina (lachend.)   Wahrlich; wie Du siehst! Curius . Ihr Götter, welch ein Leichtsinn! Heut noch erst Hat Cicero im Rat auf Dich gewettert; Und dennoch kommst Du – Catilina .                               Mahne mich nicht dran! Curius . Du bist gefährdet und verhöhnst den Feind – Indem Du blind in neues Unheil rennst. Catilina (munter.) Mich reizt der Wechsel. Ich besaß noch niemals Einer Vestalin Herz, das streng bewachte. Wohlan, vielleicht begünstigt mich das Glück. Curius . Was sagst Du da? Unmöglich! Dies ist Scherz. Catilina . Ein Scherz? Gewiß, – wie's all mein Lieben ist; Doch Ernst ist trotzdem, was ich eben sagte. Beim letzten Schauspiel sah ich auf dem Marktplatz Der Priesterinnen feierlichen Aufzug. Der Zufall wollte, daß ich ihrer eine Mit raschem Auge streifte, – während ihres In meines sank. Es drang mir durch die Seele. Ah, diesen Ausdruck in dem Aug', den schwarzen, Ich sah ihn nie bei einem Weib zuvor. Curius . Ich glaub's. Doch sag', was folgte weiter drauf? Catilina . Zum Tempel hab' ich Eingang mir verschafft Und mehrmals sie gesehen und gesprochen. O wie verschieden sind nicht dieses Weib Und meine Gattin. Curius .                     Und Du liebst sie beide Zugleich? Fürwahr, das kann ich nicht verstehn. Catilina . Absonderlich. Ich fass' es selber nicht. Und doch, ich liebe, wie Du sagst, sie beide. Doch wie verschieden ist nicht diese Liebe! Aurelia ist sanft und stimmt gar oft Mit milden Worten ruhig mich und gütig; – Bei Furia –. Geh! geh! dort kommen Schritte. (Sie verbergen sich zwischen den Säulen.) Furia (tritt von der andern Seite her auf.) Verhaßte Hallen, Zeugen meiner Leiden, Heim all der Qual, dazu mein Herz verdammt! Welch eine Welt sah dieses Herz schon scheiden Von Traum und Hoffen, – heißer bald entflammt Als dort der Lampe Glut, und bald von Schauern Geschüttelt! O, welch fürchterliches Los! Was kerkert mich in dieses Tempels Mauern? Welch ein Vergehen läßt in seinem Schoß Mich jedes warme Jugendglück entbehren, Im Lenz des Lebens jede reine Lust? Doch keine Träne soll mein Aug' entehren; Nur Haß und Rache kenne diese Brust. Catilina (tritt hervor.) Und nährst Du auch für mich kein andres Feuer, Kein lieblicheres, schöne Furia? Furia . Ihr Götter! Du, Verwegner, wieder hier? Du fürchtest nicht –? Catilina .                     Ich kenne keine Furcht. Ich liebte immer, der Gefahr zu trotzen. Furia . O, meine eigne Sehnsucht sprichst Du aus; Und diesen Tempel hass' ich um so bittrer, Weil seine Mauern mich so gut beschirmen – Zu sicher nur vor jeglicher Gefahr. O dieses leere, tatenlose Treiben, Dies Leben, matt wie letzte Lampenglut! Welch enger Tummelplatz für all die Fülle So weiter Ziele und so heißer Wünsche! Erdrückt zu werden zwischen diesen Wänden! Hier friert das Blut, hier lischt die Hoffnung aus, Hier schleppt der Tag sich müd' und träg zu Ende, Und kein Gedanke zielt auf eine Tat. Catilina . O Furia, Du machst mein Herz erbeben. Mir ist, Du maltest meine eigne Welt Mit Flammenschrift und jedes hohe Streben, Das ungeduldig mir die Seele schwellt. So fühl' ich's auch an diesem Herzen nagen; Wie Deins – vom Hasse – wird er hart wie Stein; Wie Dir ward jede Hoffnung mir zerschlagen, Und meiner harrt umsonst ein Ziel – wie Dein. Und doch verberg' ich mein Entbehren stumm, Und niemand ahnt, was heimlich in mir lodert. Sie höhnen und verachten mich, – die Wichte; Sie fassen nicht, wie heiß das Herz mir pocht Für Recht und Freiheit und für alles Edle, Was irgend eines Römers Sinn bewegt. Furia . Ich wußt' es! Deine Seele taugt zu meiner Wie keine sonst! So ruft es laut in mir Mit einer Stimme, die nicht irrt noch trügt. So komm denn! Komm, gehorchen wir der Stimme! Catilina . Was meinst Du, meine schöne Schwärmerin? Furia . Komm, laß uns fliehen weit von diesem Ort, Ein neues, bessres Vaterland zu finden. Hier wird der Geist geknechtet und sein Flug, Hier löscht Gemeinheit jeden reinen Funken, Bevor er Himmelsfittiche empfahn. Komm, laß uns flüchten; siehe, Freigesinnten Winkt alle Welt als Heimat aufgetan! Catilina . O, wie Du mich bezauberst und verlockst – Furia . Auf, nützen wir die Stunde! Legen wir Gebirg' und Meere zwischen uns und Rom! Weit, weit von hier erst hemmen wir die Flucht. Ein Schwarm von Freunden wird sich um Dich scharen; In fernen Landen baun wir unser Haus; Dort herrschen wir; dort soll sich offenbaren: Nie zog ein Paar zu größern Taten aus! Catilina . Wie schön! Doch fliehn? Warum aus Rom entfliehn? Es kann auch hier der Freiheit Flamme wachsen; Es winkt auch hier ein Feld zu Tat und Handlung, So groß, wie's Deine Seele nur begehrt. Furia . Hier, sagst Du? Hier in Rom, in dieser Stadt Der Sklavenseelen und der Volksverräter? Ach, Lucius, gehörst auch Du zu denen, Die nicht erröten, denken sie der Väter? Wer nahm es einst, wer nimmt es heute ein? Ein Volk von Helden einst – und heut von Knechten Und aber Knechten – Catilina .                       Spott' auch Du noch mein! Doch wisse, – könnt' ich mit dem Schicksal rechten, Noch einmal Rom in Glanz und Freiheit schaun, Ich stürzte mich mit Freuden in den Abgrund Wie Curtius – Furia .                 Dir glaub' ich, Dir allein; Dein Auge brennt; Du hast nicht bloß geprahlt. Doch geh; bald nahen sich die Priesterinnen; Zu dieser Zeit versammeln sie sich hier. Catilina . Ich gehe; doch, um bald zurückzukehren. Ein Zauber fesselt mich an Deine Seite; – Solch stolze Art wie Deine sah ich nie. Furia (mit einem wilden Lächeln.) Versprich mir Eins; und schwöre mir zu halten, Was Du versprichst. Willst Du, mein Lucius? Catilina . Was wollt' ich nicht, was Furia verlangte! Mein Herz ist Dein; was soll ich Dir versprechen? Furia . Vernimm! Obwohl ich hier gefangen lebe, So weiß ich doch, es weilt in Rom ein Mann, Dem Feindschaft ich bis in den Tod geschworen Und Haß noch übers schwarze Grab hinaus. Catilina . Und nun –? Furia .             Nun schwöre mir, mein Todfeind soll Dein Todfeind werden. Willst Du, Lucius? Catilina . Ich schwör' es Dir bei allen großen Göttern! Geschworen sei's bei meines Vaters Namen Und meiner Mutter Seele –! Furia, Was faßt Dich an? Dein Auge lodert wild, Und marmorn ist Dein Antlitz wie der Tod. Furia . Ich weiß es selber nicht. Ein Feuerstrom Durchbraust mich. Schwöre! Schwör den Eid zu Ende! Catilina . Gießt aus, Gewaltige, auf diesen Scheitel All Euren Groll, laßt Eures Zornes Blitz Erschlagen mich, wenn meinen Eid ich breche: Sein böser Dämon will ich ewig sein! Furia . Genug; ich glaube Dir; das war Erlösung. In Deiner Hand weilt meine Rache jetzt. Catilina . Sie soll ihn treffen. Doch nun sag' mir auch, Wer ist Dein Feind? Und was war sein Verbrechen? Furia . Am Rand des Tibers, weit vom Lärm der Stadt, Stand meine Wiege, war mein stilles Heim. Die beste Schwester lebte dort mit mir, Als Kind schon ausersehn zum Dienst der Vesta. Da kam ein Lüstling unsern Frieden stören, Er sah die junge, keusche Priesterin – Catilina (überrascht.) Der Vesta –? Nun –? Furia .                             Und schändete das Mädchen. Sie suchte sich ein Grab im Tiberstrom. Catilina (unruhig.) Du kennst den Mann? Furia .                               Ich sah ihn nie im Leben. Vorbei war alles, da mir Botschaft wurde. Doch seinen Namen kenn' ich nun. Catilina .                                         Wohlan! Furia . Man kennt ihn weit; er lautet – Catilina. Catilina (fährt zurück.) Was sagst Du? O, entsetzlich! Furia –! Furia . Bemeistre Dich! Was fehlt Dir? Du erbleichst. Mein Lucius, – ist dieser Mann Dein Freund? Catilina . Mein Freund? Nein, Furia, – nicht fürder mehr. Ich hab' verflucht – mit ewigem Haß verdammt – Mich selbst. Furia .               Dich selbst! Du – Du bist Catilina? Catilina . Ich bin es. Furia .           Du entehrtest Silvia? Ha, so hat Nemesis mein Flehn erhört; Selbst riefst die Rache Du auf Dich hernieder! Weh, Missetäter, über Dich! Catilina .                                 Wie funkelnd Dein Auge starrt! Wie Silvias Gespenst Erscheinst Du mir beim matten Lampenschein! (Er eilt hinaus; die Lampe mit dem heiligen Feuer erlischt.) Furia (nach einer Pause.) Ja, nun begreife ich. Vor meinen Blicken Zerriß der Schleier, und ich schau' in Nacht. Haß war es, was in meiner Brust entbrannte, Da ihn zum ersten Mal mein Auge sah. Ein seltsam Grauen; eine blutige Flamme! O, er soll fühlen, was ein Haß wie meiner, Ein ewig gärender, ein nie zufriedner, Ausbrüten kann an Rache und Verderben! Eine Vestalin (tritt auf.) Geh, Furia; Du wachtest nun genug; Ich werde nun –. Doch, heilige Göttin Vesta, – Was seh' ich! Weh Dir, weh! Die Flamm' erlosch! Furia (verwirrt.) Erlosch? So blutig hat sie nie gelodert; Die lischt nicht aus. Die Vestalin .           Ihr Ewigen, was ist das? Furia . Des Hasses Glutmeer lischt so leicht nicht aus! Die Liebe, ja, die sproßt in einer Stunde – Und stirbt die nächste; doch der Haß – Die Vestalin .                                       Ihr Götter, Dies ist ja Wahnwitz! (Ruft hinaus:)           Kommt! Zu Hilfe! Hilfe! ( Vestalinnen und Tempeldiener eilen herbei.) Einige . Was ist geschehn? Andere .                     Die Vestaflamm' erloschen! Furia . Doch die des Hasses, die der Rache brennt! Die Vestalinnen . Fort, fort mit ihr, zu Urteil und Gericht! (Sie führen sie in ihrer Mitte ab.) Curius (tritt hervor.) Zum Kerker führt man sie. Von dort zum Tode. Nein, bei den Göttern, nein, das darf nicht sein! Soll sie, die stolzeste von allen Weibern, Lebendigen Leibs begraben, schimpflich enden? O, niemals hab' so seltsam ich empfunden! Ist dies wohl Liebe? Liebe, ja, das ist's. Ich werde sie befrein! – Doch Catilina? Verfolgen will sie ihn mit Haß und Rache. Hat er der Widersacher nicht genug? Darf auch noch ich der Feinde Zahl ihm mehren? Er war zu mir so wie ein ältrer Bruder; Zu schirmen ihn gebeut mir Dankbarkeit. Allein die Liebe? Was gebeut mir sie? Und sollte er, der kühne Catilina, Vor eines Weibes Anschlag zittern? Nein; – Zum Rettungswerk in dieser Stunde noch! Mut, Furia; ich zieh' Dich aus der Gruft Ans Leben wieder, – gält's auch meines selbst! (Schnell ab.) (Ein Saal im Hause Catilinas .) Catilina (tritt auf, heftig und unruhig.) "Ha, so hat Nemesis mein Flehn erhört; Selbst riefst die Rache Du auf Dich hernieder." So scholl es drohend von der Schwärm'rin Lippen. Verwunderlich! Es war vielleicht ein Wink, Ein Zeichen dessen, was die Zeiten bringen. So weiht' ich denn mit hohem Eid mich selbst Zum blutigen Rächer meiner eignen Untat. Ah, Furia, ich fühl' Dein Flammenauge Mir Todesahnung in die Seele senken! Hohl dröhnt im Ohr mir Deine düstre Rede; Und Tag um Tag will ich des Eids gedenken. (Während des Folgenden tritt Aurelia ein und nähert sich ihm, ohne von ihm bemerkt zu werden.) Catilina . Doch, Torheit, um dies ungereimte Zeug Sich noch zu kümmern; – denn es ist nichts andres. Auf bessern Wegen kann mein Grübeln gehn, Und größre Ziele warten meiner Gaben. Die Zeit bedarf der Männer mehr und mehr; Ihr heißt es jede letzte Kraft bewahren. Doch Zweifel wirft und Hoffnung mich umher – Aurelia (ergreift seine Hand.) Und darf Aurelia nicht den Grund erfahren? Darf sie, was diese teure Brust durchtost, Aus wildem Aufruhr nicht in Frieden singen? Darf sie nicht nahn mit einer Gattin Trost Und dieser Stirn Gewölk zum Weichen bringen? Catilina (sanft.) Mein Weib Aurelia, wie gut und treu! Allein wozu das Leben Dir verbittern? Warum mit Dir die dunkeln Sorgen teilen? Du littst durch meine Schuld der Pein genug. Auf meinem eignen Nacken tragen will ich, Was mir das feindliche Geschick bescherte, – Den ganzen Fluch des unheilvollen Bundes, Der starke Seelenkraft, sehnsüchtigen Drang Nach ungemeiner, großer Tat verknüpft Mit niederm Los, das jeden Aufschwung hemmt. Wie? Sollt' auch Dir zu langem, tiefem Zug Die bittre Schale meines Schicksals schäumen? Aurelia . Zu trösten ist des Weibes Recht und Fug. Wohl kann sie nicht wie Du von Größe träumen. Doch wenn der Mann sich stolzen Plänen weiht, Und all sein Lohn Enttäuschung nur und Kummer, So naht sie sanft ihm und voll Zärtlichkeit Und wiegt sein Herz in langentwöhnten Schlummer. Und er begreift, daß auch sein stilles Heim Der Freuden hat, die dort im Lärm nicht blühen. Catilina . Wie recht Du hast; wie fühl' ich es so tief! Und doch, ich mag den wilden Rausch nicht missen. Ewige Unrast gärt im Busen mir; Und nur des Lebens Taumel kann sie stillen. Aurelia . Und ist Aurelia Dir nicht genug, Vermag sie nicht, die Stirne Dir zu glätten, So öffne treuen Worten doch Dein Herz, Liebreichem Trost von Deines Weibes Lippen. Und kann sie Deinen heißen Drang nicht stillen, Und kann sie Deiner Träume Flug nicht folgen, Vermag sie doch zu teilen, was Dich drückt, Hat Kraft und Mut, die Last Dir zu erleichtern. Catilina . So höre denn, Aurelia, was mich In dieser Tage Lauf so tief verstimmte. Du weißt, ich suchte längst das Konsulat – Doch ohne Glück. Du kennst es ja, das Ganze: Wie Stimmen mir zu werben ich mein Geld Vergeudet hab' – Aurelia .                 O, nicht, mein Catilina; Es schmerzt mich – Catilina .                   So verdammst auch Du mein Tun? Welch bessres Mittel hatte ich zu wählen? – Umsonst verschleuderte ich Hab und Gut; Nur Spott und Schande heims' ich dafür ein. Jüngst im Senat hat mich mein Widersacher, Der ränkevolle Cicero, vernichtet. Mein Leben malte seine kluge Rede, So schreiend, daß mich selber Schauder packte. In jedem Blicke las ich Schreck und Graun, Mit Abscheu nennt ein jeder meinen Namen; Der Nachwelt wird mein Bild erscheinen einst In einer wüsten, fürchterlichen Mischung Von Zügellosigkeit und Niedrigkeit, Von Hohn und Haß auf alles, was da edel. Und keine Tat wird dann mich reinigen Und niederschlagen, was man frech gelogen! Ein jeder wird mich sehn wie jener dort – Aurelia . Doch ich, mein Gatte, seh' Dich nicht wie er. Ob alle Welt Dich auch verdammen mag, Ob alle Schimpf auf Deinen Namen häufen, Ich weiß, Du hehlst im innersten Gemüt Der Keime, die da bergen Blüt' und Frucht. Doch hier, wo jederzeit nur Unkraut stand, Ist keinem Keim emporzublühn verliehen. Komm, fliehen wir dies lastervolle Land! Was bindet Dich? Warum noch hier verziehen? Catilina . Ich sollte weichen, sollte fort von hier? Verraten meine stolzesten Gedanken? Der Sinkende, ob ohne Hoffnung auch, Hält fest doch noch an den zerbrochnen Planken. Und schlingt das Wrack die nasse Gruft hinab, Und rettet nichts ihn mehr in weiter Runde, – Die letzte Planke mit der letzten Kraft Umklammert er und geht mit ihr zu Grunde. Aurelia . Doch lacht ihm gastlich eine Küste zu, Mit grünen Wäldern längs den weißen Wellen, Da schwellt ihm Hoffnung neu die sieche Brust; Er strebt den Hainen zu, den hohen, hellen. Dort ist es schön; verbannt sind Lärm und Hast; Die Flut selbst dämpft den Schall, wie süß erschrocken; Dort legt er seinen müden Leib zur Rast, Und kühler Abend fächelt ihm die Locken Und jagt ihm jede Sorgenwolke fort, Daß ihm die Pulse fest und freudig schlagen; Und er verweilt und findet Ruhe dort Und Schutz nach den vergangnen schweren Tagen. Nur ferner Widerhall vom Lärm der Welt Vermag in sein behaglich Heim zu dringen, Ein Laut, der ihm den Frieden nicht vergällt, Der ihm nur heller läßt die Seele klingen; Er mahnt ihn leis an die entschwundne Zeit Voll wilder Freuden und zerschellter Pläne; Und doppelt preist er seine Einsamkeit Und weiht den Ehren Roms nicht eine Träne. Catilina . Du redest Wahrheit; und ich folgte Dir Vielleicht noch heut hinweg aus Lärm und Wirren; – Wenn Du mir eine solche Stätte wüßtest, Da wir in Ruh' und Stille leben könnten? Aurelia (froh.) Du wolltest, Catilina! O des Glücks, Der Wonne mehr, als diese Brust kann fassen! So sei's denn! Komm! Wir ziehn noch diese Nacht Von dannen – Catilina .           Doch wohin, wohin denn, Liebste? Nenn mir den Fleck, da sorglos ich mein Haupt Zur Ruhe legen dürfte! Aurelia .                           Wie Du redest! Vergaßest unsern kleinen Landsitz Du, Wo meine Kindheit schwand, und wo wir später In unsrer Liebe erstem, jungem Glück So manchen muntern Sommertag verbrachten? Wo ward ein Wiesengrund so grün erschaut? Wo lud ein Wald Dich mit so kühlem Gruße? Sieh, wie die weiße Villa uns nun traut Aus dunklen Bäumen winkt zu stiller Muße! Dort wollen wir im holden Zeitvertreib Ländlicher Freuden Seit' an Seite schalten, Dort soll erheitern Dich ein zärtlich Weib Und küssen Dir hinweg die bösen Falten. (Lächelnd.) Und trittst mit einem Arm voll Blumen Du Herein zu mir, an Deiner Herrin Rocken, So jubl' ich meinem Blumenfürsten zu Und drück' ihm grünen Lorbeer in die Locken! Doch Du erbleichst? Wie Du die Hand so hart Mir drückst! Wie Deine Blicke mich durchdringen! Catilina . Ertrag's, daß Deine Lust zu schanden ward; – Denn ich vermag Dich nicht dorthin zu bringen. Ich kann es niemals mehr! Aurelia .                               Du machst mir angst! Allein, nicht wahr, Du scherzest, Catilina? Catilina . Ich scherzen! Wär's, o wär's doch nur ein Scherz! Doch jedes Wort von Dir, gleich einem Pfeile Durchbohrt es diese tiefgequälte Brust, Der keine Ruhe je das Schicksal gönnt. Aurelia . Ihr Götter! Sprich! Was meinst Du? Catilina .                                           So sieh her! Hier ist Dein Landgut, hier Dein Glück der Zukunft! (Er zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft ihn auf den Tisch.) Aurelia . Du hast verkauft, o –? Catilina .                       Alles, ja, verkauft. Und das zu welchem Zweck? Um zu bestechen – Aurelia . Nicht mehr, nicht weiter! Laß uns nicht begrübeln, Was nicht zu ändern mehr; es schafft nur Leid. Catilina . Mich martert zehnmal mehr Dein stilles Dulden, Als selbst ein Schmerzensschrei von Deinen Lippen. ( Ein alter Soldat tritt auf und nähert sich Catilina.) Der Soldat . Vergib, o Herr, mir, daß ich noch so spät In Deine Wohnung trat, unangemeldet. Sei mir nicht gram – Catilina .                   Was führt Dich in mein Haus? Der Soldat . Ein demütig Gesuch. Nicht wahr, o Herr, Du hörst es an? Ich bin ein armer Mann, Der seine Kraft der Ehre Roms geopfert. Nun bin ich schwach und kann nicht länger dienen Und rostig hängt zuhause mein Gewaffen. Die Hoffnung meines Alters war mein Sohn; Er nährte mich mit seiner Hände Arbeit. Ach, Schulden halber sitzt er nun gefangen. Und keine Rettung –. Hilf mir, hilf mir, Herr! (Kniend.) Ein kleines Scherflein nur! Von Haus zu Haus Bin ich geirrt; doch jede Tür war zu. Ich weiß kein Mittel mehr – Catilina .                               So sind sie, ja! Da hast ein Bild Du von des Volkes Not. So lohnt man es den tapfern alten Kriegern. Man weiß nichts mehr von Dankbarkeit in Rom! Es war einmal, da hätt', gerechten Zorns, Ich sie gestraft mit Schwert und roter Lohe; Doch sanfte Red' hat jüngst mein Ohr vernommen; Mein Sinn ist kinderfromm; ich will nicht strafen; Wer Sorgen lindert, ist ja auch ein Täter. Da, Alter; – zahle Deine Schuld mit Dem! (Er reicht ihm den Beutel mit den Goldmünzen.) Der Soldat (erhebt sich.) O, guter Herr; Ihr scherzt nicht bloß mit mir? Catilina . Nein, Alter; löse Deinen Sohn nur aus! (Der Soldat schnell ab.) Catilina . Ein besserer Gebrauch, nicht wahr, mein Weib, Als zu Bestechungen und Stimmenkauf! Wohl ist es schön, des Bösen Macht zu brechen; Doch still erwies'ner Trost belohnt sich auch. Aurelia (wirft sich in seine Arme.) O, reich ist Deine Seele noch und edel! Jetzt kenn' ich meinen Catilina wieder! (Ein unterirdisches Grabgewölbe mir einer frisch zugemauerten Öffnung hoch oben an der Rückwand. Eine Lampe brennt mit mattem Schein.) ( Furia , in langem, schwarzem Gewande, steht in lauschender Stellung in dem Grabgewölbe.) Furia . Es hallt und dröhnt. Es donnert wohl da droben. Es schallt zu mir bis in mein Grab hinab. Doch dieses Grab selbst ist so still – so still! So ist mein Los denn ewig stumpfe Ruh'? Darf ich auch hier nicht auf verschlungnen Wegen Mich weiter suchen, wie's mich stets gelock? (Nach einer Pause.) Ein seltsam Leben war's; ein seltsam Schicksal. Ein Meteor, kam alles und verschwand. Er sah mich. Eine dunkle Zaubermacht, Ein innrer Einklang zog uns zueinander. Die Rachegöttin zog's zu ihrem Opfer; Doch jähe Strafe traf die Rächerin. (Wiederum Pause.) Nun ist es droben hell. Entfern' ich mich Unmerklich von den Wohnungen des Lichts? O, wohl mir, wär' dem so, wär' dies Verweilen Im Schoß des Grabs im Grund nur eine Flucht Auf Blitzesfittichen hinab zum Hades, Wär' ich schon nahe bald dem breiten Styx! Dort schlägt die Welle bleischwer ans Gestade; Dort rudert Charon lautlos seinen Kahn. Bald bin ich dort. Dann will ich still mich setzen Ans Fergenhaus und fragen jeden Geist Und flüchtigen Schatten, der vom Reich des Lebens Leichtschreitend sich dem Totenflusse naht, Und fragen jeden Geist, wie Catilina Es treibt im Chor der Lebenden dort oben, Und fragen jeden Geist: hielt er den Eid? Und leuchten jedem Toten mit der Fackel, Der schwefelblauen, ins gebrochne Aug', Und forschen, ob's nicht etwa Catilina. Und kommt er endlich, geb' ich ihm 's Geleit, Und beide fahren wir zusammen über, Betreten beide Plutos stillen Saal. Selbst noch als Schatten folg' ich seinem Schatten; Wo Catilina ist, muß Furia sein! (Nach einer Pause, matter.) O, wie die Luft so schwül und dumpfig wird, Und schwer und schwerer jeder Atemzug. So näher' ich mich denn den schwarzen Sümpfen, Wo träg der Strom der Unterwelt sich wälzt – (Sie lauscht; man hört einen dumpfen Lärm.) Ein leiser Schall? Wie Ruderschlag, so klingt es. Das ist der Toten Ferge, der herankommt, Mich abzuholen. Nun – ich harre seiner. (Die Steine in der frisch vermauerten Öffnung brechen auseinander. Curius wird hinter ihnen sichtbar; er winkt ihr.) Furia . Gegrüßt sei, Charon! Bist Du schon bereit, Ins Haus des Todes mich als Gast zu führen? Ich harre Deiner! Curius (flüsternd:)   Schweig; – ich rette Dich! Zweiter Akt (Ein Saal in Catilinas Haus, mit offenem Säulengang im Hintergrund. Eine Lampe erleuchtet den Saal.) ( Catilina geht auf und ab. Lentulus und Cethegus sind bei ihm.) Catilina . Nein, Freunde, nein! Ihr wißt nicht, was Ihr sagt. Ihr überfordert mich; Ihr wollt, ich soll Den Staat verraten, Bürgerkrieg beginnen, Mit Römerblut die Hände mir besudeln? Das tu' ich nicht! Und ob die ganze Stadt Mich drum verdammt – Lentulus .                       Du willst nicht, Catilina? Catilina . Ich will nicht. Cethegus .         Hast Du keine Unbill hier Zu rächen, keinen, den Du treffen möchtest? Catilina . Üb' Rache, wer da will; ich tu' es nicht. Schweigend verachten heißt wohl auch sich rächen; So will ich's halten und nur so. Cethegus .                                 Aha, Wir kamen noch zu ungelegner Zeit. Bis morgen kommst Du, Catilina, leichtlich Auf andere Gedanken. Catilina .                       Und warum? Cethegus . Die Stadt ist voll von seltsamen Gerüchten. Man hat soeben eine Braut der Vesta Zum Tod geführt – Catilina (überrascht.)                             Der Vesta? Was Du sagst? Lentulus . Jawohl, der Vesta. Und so mancher munkelt – Catilina . Was munkelt man? Cethegus .                 Du seiest nicht so ganz An dieser dunkeln Sache ohne Schuld. Catilina . Das glaubt man von mir? Lentulus .                         Hm, was man so redet. Nun ja, für uns, für Deine guten Freunde, Verhalte sich's, wie sich's verhalten mag; – Allein des Volkes Urteil lautet strenger. Catilina (in Gedanken.) Und ist sie tot? Cethegus .           Das ist sie ohne Zweifel. Ein Stündlein Aufenthalt im Frevlergrab ist Mehr als genug – Lentulus .             Das ficht uns hier nichts an; Nicht darum brachten wir auf sie die Rede. Doch hör' mich, Catilina! Wäg's genau! Du wolltest Konsul werden; Dein Geschick Hing an dem Faden dieser einen Hoffnung; Der Faden ist gerissen – und was nun? Catilina (wie vorher.) "Selbst riefst die Rache Du auf Dich hernieder." Cethegus . Laß dies Gegrübel sein; es führt zu nichts. Erweise Dich als Mann, noch winkt das Glück. Entschließe Dich; der Freunde sind genug; Wir fallen Dir aufs erste Zeichen zu. Du fühlst Dich nicht versucht? Antworte! Catilina .                                                   Nein! Und warum wollt Ihr Euch verschwören, Ihr? Sprecht ehrlich! Sehnt sich Euer Herz nach Freiheit? Macht Ungeduld, Roms Größe zu verjüngen, Euch zu Rebellen? Lentulus .                 Nein, dies alles nicht. Doch Hoffnung, selber groß zu werden, dünkt Mich immer Grunds genug noch, Catilina! Cethegus . Und Mittel, froh sein Leben zu genießen, Sind doch wohl auch nicht kurzweg zu verwerfen. Mehr will ich nicht; von Ehrgeiz bin ich frei. Catilina . Ich wußt' es. Nur gemeine, kleine Rücksicht Auf eignen Vorteil ist, was Euch bewegt. Nein, Freunde, nein; da lag mein Ziel doch höher! Wohl hab' ich durch Bestechungen versucht, Das Konsulat an mich zu reißen, doch Mein Plan ging tiefer, als aus solchen Mitteln Vielleicht zu schließen war. Der Bürger Freiheit, Des Staates Wohl war meines Strebens Endziel. Ich ward verkannt; der Schein stand gegen mich. Mein Schicksal will es so. Es muß so sein! Cethegus . Nun wohl; doch denkst Du nicht des Freundesschar, Die Du vor Sturz und Schande retten könntest? Du weißt, wenn wir so locker weiter ludern, So bleibt uns bald nur mehr der Bettelstab. Catilina . So tut wie ich und macht beizeiten halt! Lentulus . Wie, Catilina – Du gedenkst Dein Leben Zu ändern? Hahaha, Du machst wohl Spaß? Catilina . Es ist mein bittrer Ernst, beim Jupiter! Cethegus . Nun denn, so müssen wir auf ihn verzichten. Komm, Lentulus; den übrigen zu melden, Was für Bescheid uns ward. Wir finden sie Vergnügt beim Wein im Haus des Bibulus. Catilina . Des Bibulus? Wie manche lustige Nacht Durchschwärmt' ich nicht bei Bibulus mit Euch! Jetzt ist es aus mit meinem tollen Leben; Bevor es graut, hab' ich die Stadt im Rücken. Lentulus . Was sagst Du da? Cethegus .               Du wolltest fort von hier? Catilina . In dieser Nacht, von meinem Weib begleitet, Nehm' ich von Rom fürs ganze Leben Abschied. In Galliens Tälern gründ' ich mir ein Heim; Das Feld, das ich mir rode, soll mich nähren. Cethegus . Du willst die Stadt verlassen, Catilina? Catilina . Ich will; ich muß! Hier drückt mich Schimpf zu Boden. O, meine Armut könnt' ich schon ertragen; Doch hier in jedes Römers Blick Verachtung Und Hohn zu lesen – nein, dies ist zu viel! In Gallien kann ich still und abseits leben; Vergessen werd' ich dort, was einst ich war, Betäuben meinen Durst nach hohen Zielen Und denken dieser Zeit wie eines Traums. Lentulus . Nun, so leb' wohl; und Glück sei Dein Geleit! Cethegus . Vergiß uns nicht, wie wir auch, Catilina, Dich nicht vergessen werden! – Laßt uns nun Der Brüderschar die krause Kunde melden! Catilina . Und bringt ihr meinen brüderlichen Gruß! (Lentulus und Cethegus ab.) ( Aurelia ist von der Seite her eingetreten, bleibt jedoch beim Anblick der Abgehenden furchtsam stehen; sobald sie draußen sind, nähert sie sich Catilina.) Aurelia (mit sanftem Vorwurf.) Schon wiederum die wilden Freunde hier? O, Catilina –! Catilina .         's war zum letzten Mal. Ich nahm von ihnen Abschied. Jedes Band, Das mich an Rom noch hielt, ist nun zerschnitten Für alle Zeit. Aurelia .           Ich packte, was wir haben, Zusammen. Wenig ist es; doch genug Für ein bescheiden Leben, Catilina! Catilina (in Gedanken.) Mir noch zu viel, der alles ich verlor. Aurelia . O, sinne dem nicht nach, was nicht zu ändern! Vergiß, was Du – Catilina .                 Ja, wer vergessen könnte Und die Erinnrung aus der Seele reißen Und jede Hoffnung, jeden Wunsch dazu! Ich brauche Zeit, bis ich so weit gelange; Doch will ich mich bemühn – Aurelia .                                   Ich helfe Dir; So fühlst Du minder der Entbehrung Leid. Doch müssen wir sobald als möglich fort! Hier lockt das Leben Dich wie ein Versucher, – Nicht wahr, – wir reisen noch in dieser Nacht? Catilina . Ja, ja; noch diese Nacht, Aurelia! Aurelia . Ein Sümmchen, das uns noch geblieben, tat ich In einen Beutel; es genügt fürs erste. Catilina . Gut, gut! Mein Schwert verkauf' ich für ein Grabscheit. Pah, was bedeutet noch ein Schwert für mich? Aurelia . Du pflügst den Acker; ich bestelle ihn. Bald werden Rosenhecken unser Haus Umblühn und freundliche Vergißmeinnicht, Zum Zeichen, daß die Zeit kam, da Du jede Erinnerung wie eine Jugendfreundschaft Begrüßen kannst, wenn sie Dein Herz besucht. Catilina . Die Zeit, Aurelia? Ich fürchte, Liebste, Die liegt noch in der Zukunft fernem Grau. (Mit leichterem Ausdruck.) Doch, geh, mein Weib; und raste noch ein wenig. Wir machen nach kurz Mitternacht uns auf; – Da liegt die Stadt in ihrem tiefsten Schlummer, Und niemand ahnt, wohin die Reise geht. Den ersten Morgenstrahl begrüßen wir Weit, weit von hier; im Schutz des Lorbeerhains Gelagert auf des Grases weichem Teppich. Aurelia . Ein neues Dasein bricht für uns heran, An Freude reicher, als das alte hier. So geh' ich denn. Ein Stündchen Ruhe wird Mich stärken. Gute Nacht, mein Catilina! (Sie umarmt ihn und geht ab.) Catilina (sieht ihr nach.) Nun ist sie fort. Ah, das erleichtert mich! Ablegen kann ich diese martervolle Verstellung, diesen Schein von Fröhlichkeit, Davon sich nichts in diesem Herzen findet. Sie ist mein guter Geist. Sie würde trauern Ob meiner Furcht. Ich muß sie ihr verhehlen. Doch diese stille Stunde will ich einer Betrachtung des verfehlten Lebens weihen. Ah, dort die Lampe stört mich; Dunkel muß Hier herrschen, Dunkel, wie in meiner Brust. (Er löscht die Lampe aus; der Mond scheint durch die Säulen im Hintergrunde herein.) Zu hell, zu hell noch immer. Doch gleichviel; Der matte Mondschein paßt am Ende gut Zu diesem halben Licht, das meine Bahnen Einhüllt und eingehüllt, solang' ich denke. So ist denn, Catilina, dieser Tag Dein letzter; morgen bist Du schon nicht mehr Der Catilina, der Du einst gewesen. Im fernen, öden Gallien soll mein Tag Verrinnen, weltfern wie ein Fluß im Walde. Nun bin ich aufgewacht aus allen Träumen Von Größe, Macht und tatenreichem Leben; Sie schwanden fort wie Tau; mein nächtlich Herz War ihre Heimat; niemand wußt' um sie. Es ist nicht diese Ruhe dumpf und schwer, Dies Abseits von der Welt, wovor mir graut. O, könnt' ich eines Blitzes Frist nur leuchten Und flammen wie ein Stern in seinem Fall, Ein einzig Mal durch eine hehre Tat Mich und den Namen Catilina schmücken Mit Ruhm und unvergänglichem Gedächtnis, – Ich gäbe gern im Augenblick des Siegs Der Welt Valet, erwählt' ein fremd Gestad', Ja, stieß' den Dolch mir selber in die Brust Und stürbe freudig; denn ich hätt' gelebt! Doch dieses Los ist Tod, gemeiner Tod. Wär's möglich? Sollt' ich so vergehen müssen? (Mit emporgestreckten Armen.) Ein Wink, erzürnte Götter! Ist dies mein Los: Vergessen, ohne Spur aus diesem Leben Zu gehn? Furia (draußen hinter den Säulen.)               Es ist Dein Los nicht, Catilina! Catilina (fährt zurück.) Wer sprach da? Welche Stimme mahnt mich hier Wie Geisterrede aus dem Reich der Schatten? Furia (tritt in den Mondschein heraus.) Ich bin Dein Schatten. Catilina (entsetzt.)         Der Vestalin Geist! Furia . Du schrickst vor mir zurück? Wie mußt Du tief Gesunken sein! Catilina .             Bist Du dem Grab entstiegen, Um mich mit Haß und Rache zu verfolgen? Furia . Verfolgen, sagtest Du? Ich bin Dein Schatten Und muß begleiten Dich, wohin Du gehst. (Sie tritt näher.) Catilina . Sie lebt, ihr Götter! lebt! Sie ist es selbst, Kein Geist! Furia .             Geist oder nicht, das gilt hier gleich; Genug, ich folge Dir, wohin Du gehst. Catilina . Mit blutigem Haß! Furia .                       Im Grab erlischt der Haß, So wie die Lieb' und jegliches Verlangen, Das Menschenbrust bewohnt. Nur Eins steht fest In Tod und Leben und ist nicht zu ändern. Catilina . Und was? Sprich's aus! Furia .                               Dein Schicksal, Catilina! Catilina . Das kennen nur die alles Wissenden, Kein Irdischer wie wir. Furia .                               Ich kenne es. Ich bin Dein Schatten; rätselvolle Bande Verknüpfen uns. Catilina .               Des Hasses Bande. Furia .                                                   Nein! Stieg je ein Geist aus Grabesnacht empor Mit Haß und Rachbegier? Hör', Catilina! Ich habe jede Erdenglut dort unten Im tiefen Strom der Unterwelt ertränkt. Wie Du mich vor Dir siehst, bin ich nicht länger Die Furia, die wilde, zornentbrannte, – Die Du einst liebtest – Catilina .                       Hassest Du mich nicht? Furia . Nun nicht mehr. Als ich dort im Grabe stand, Am Scheidewege schwankend zwischen Leben Und Tod, den nächsten Augenblick bereit, Zum Hades einzugehn, – sieh, da ergriff Ein Schauder mich, ich weiß kein Wort dafür; Doch wunderlich verwandelt dünkt' ich mich; Fort flohen Rache, Haß, die Seele selbst; Erinnrung schwand und jedes Erdentrachten; Nur noch der Name Catilina brannte Mit Flammenschrift, wie einst, in meiner Brust. Catilina . Verwunderliches Weib! Sei, wer Du willst, Ein Mensch, ein Schattenbild der Unterwelt, – Es wohnt ein grauenvoller Zauber doch In Deinem Wort, in Deinen schwarzen Augen. Furia . Dein Herz ist stark wie meins; und dennoch lässest Du zag und zweifelnd jede Hoffnung fahren Auf Sieg und Macht! Und wendest feig den Rücken Dem Schauplatz, wo die dunkeln Pläne Dir In Licht und Reife sich entfalten könnten! Catilina . Ich muß! Ein unerbittlich Schicksal will es. Furia . Ein Schicksal? Wozu ward Dir Heldenkraft, Wenn nicht, solch einem Schicksal kühn zu trotzen? Catilina . Ich hab' genug gestritten! War mein Leben Nicht steter Kampf? Und dieses Kampfes Früchte? Verachtung – Schande –! Furia .                                 Du bist tief gesunken. Du hängst Dich an ein hoch, verwegen Ziel Und sähst es gern erreicht – und zitterst doch Vor jedem Hindernis. Catilina .                       Mir bangte? Nein. Allein mein Ziel ist unerreichbar hoch; – Das Ganze war ein kurzer Jugendtraum. Furia . Du täuschst Dich über Dich, mein Catilina! Dein Geist umschwebt dies eine Ziel noch immer; Dein Herz ist groß, Rom zu beherrschen würdig, Und Du hast Freunde –. Ah, was zauderst Du? Catilina (nachdenklich.) Ich soll –? Du rietest mir –? Mit Bürgerblut –? Furia . Hast Du, der Mann, nicht eines Weibes Mut? Vergaßest Du die Römerin, die über Des Vaters Leichnam strebte nach dem Thron? Ich fühle eine Tullia mich; – doch Du? Verachte Dich; verachte Dich, Du Held! Catilina . Verachten soll ich mich, – weil mein Gemüt Nicht länger Herberg' wilder Ehrsucht ist? Furia . Du stehst an einem Kreuzweg Deines Lebens. Hier wartet Dein ein leer und ruhmlos Dasein, Ein Zwischending von Tod und dumpfem Schlummer; Und auf der andern Seite schimmert Dir Ein Herrschersitz. So wähle, Catilina! Catilina . Du willst mich ins Verderben locken, Weib. Furia . Der Würfel fällt, – und Deine Hand entschied Des stolzen Roms Geschick für alle Zeiten. Ein Leben wartet Dein voll Glanz und Macht; Und dennoch schwankst Du, wagst nicht loszuschlagen! Du ziehst in Deine Wälder, daß Dir dort Die letzte Hoffnung sterbe, die Dir blühte. O Catilina, weckt denn kein, kein Wort Den Ehrgeiz mehr, davon Dein Herz einst glühte? Soll diese Seele, zum Triumph geboren, In öder Wildnis ungekannt verrinnen? Zieh hin! Doch ist für immer dann verloren, Was hier durch eine Tat war zu gewinnen. Catilina . Sprich weiter, weiter! Furia .                             Endlich, welch ein Ziel: Vor aller Nachwelt wie gebrandmarkt stehen? Dein ganzes Leben war ein tollkühn Spiel, Doch würd' es der Versöhnung Hauch umwehen, Der Sage Dämmerglanz, wenn heldenhaft Dein Geist in diesem wilden Volk erwachte, Wenn Nachtgewölk der Knechtschaft Deine Kraft Vor Freiheitsmorgenrot erblassen machte, Wenn einmal Du – Catilina .                 Genug! Du schlugest an Die Saite, die zutiefst in mir erzittert. Dein Wort erklang wie Widerhall von dem, Davon mein Herze flüstert Tag und Nacht. Furia . So kenne ich Dich wieder Catilina! Catilina . Ich reise nicht! Du wecktest mir aufs neue Der Jugend Mut, der Mannheit starkes Sehnen. Ja, leuchten will ich dem gesunknen Rom, Mit Schreck Euch schlagen wie des Irrsterns Schweif, Ihr stolzen Elenden! Ihr sollt erfahren: Ihr habt mich nicht gebrochen, war ich auch Ein Weilchen matt vom heißen Fechten! Furia .                                                         Hör' mich! Was Schicksal, was die nächtlichen Gewalten Uns heißen, müssen wir gehorsam tun. Nun wohl! Mein Haß erlosch; das Schicksal wollt' es; Es mußte sein. Auf, reiche mir die Hand Zum ewigen Bunde! Nun, was zauderst Du? Du willst nicht? Catilina .             Wollen –? Deine Augen schau ich. Sie leuchten – wie der Blitz im Schoß der Nacht. Nun lächeltest Du eben! Ha, so hab' ich Mir Nemesis gedacht – Furia .                               Wie? Sie zu schauen, Blick' in Dich selbst. Vergaßest Du den Eid? Catilina . Ich denke sein; und doch erscheinst Du mir Wie eine Rächerin – Furia .                           Ich bin ein Bild ja Aus Deiner eignen Seele. Catilina (grübelnd.)         Wärst Du das? Ich ahne, was ich doch nicht fassen kann; Gleich wie aus Nebeln wallt's geheimnisvoll, – Doch deut' ich's nicht. Hier ist zu tiefe Nacht. Furia . Nacht muß hier sein; die Nacht ist unser Reich; Im Dunkeln herrschen wir. Komm, reich' die Hand mir Zum ewigen Bunde! Catilina (ungestüm.)   Schöne Nemesis, Mein Schatten, meiner eignen Seele Bild, – Hier meine Hand zum ewigen finstern Bunde! (Er ergreift heftig ihre Hand; sie blickt ihn mit einem starren Lächeln an.) Furia . Nun scheidet uns nichts mehr! Catilina .                                   Wie Feuer geht's Von Deinem Händedruck durch meine Adern! Hier rollt nicht Blut mehr, sondern heiße Lava; Zu enge wird mir ums Gewölb' der Brust; Vor meinem Blick wird Nacht! So soll sich denn Ein Meer von Flammen über Rom ergießen! (Er zieht sein Schwert und schwingt es.) Mein Schwert, mein Schwert! Ha, siehst Du, wie es funkelt? Bald soll sich's färben mit lebendigem Blut! Was überfällt mich? Meine Schläfen brennen; Ein Heer Gesichte jagt an mir vorbei. Sieg, Rache, Leben kommt nun allen Träumen Von Größe, Herrschermacht, Unsterblichkeit. Mein Feldruf laute: Tod und rote Lohe! Weh' dir, o Rom! Jetzt bin ich erst ich selbst! (Er stürzt hinweg; Furia folgt ihm.) (Das Innere einer schwach erleuchteten Taberne.) ( Statilius, Gabinius, Coeparius, treten zugleich mit einer Anzahl junger Römer ein.) Statilius . Hier, Freunde, können wir die Nacht verbringen; Hier sind wir sicher, daß uns niemand hört. Gabinius . Wohlan, so laßt uns bechern, singen, schwärmen! Wer weiß, wie lang's uns noch gegeben ist! Coeparius . Nein, warten wir vorerst die Botschaft ab, Die Lentulus uns und Cethegus bringen. Gabinius . Ei, laß die Boten bringen, was sie wollen! Dort bringt man Wein; den proben wir indes. Auf, Brüder, stimmt ein lustig Lied mir an! ( Diener kommen mit Weinkannen und Bechern.) Die ganze Freundesschar (singt:)         Bacchus zu Ehren         Lasset uns leeren         Randvoller Becher         Perlenden Kranz!         Lasset den dunkeln         Rebensaft funkeln!         Preisend erhebt des         Gottes Geschenk!         Väterlich lächelnd         Segnet uns Liber;         Klar ist die Traube;         Rausch ist der Lohn.         Laßt uns genießen!         Reben erschließen         Herzen und Geister         Fröhlicher Lust.         Doch du vor allen         Funkelnden Perlen,         Klarer Falerner,         Herrlicher Trank!         Kraft in uns legst du,         Mut uns erregst du,         Heiterkeit senkst du         Uns in die Brust!         Bacchus zu Ehren         Lasset uns leeren         Randvoller Becher         Perlenden Kranz!         Lasset den dunkeln         Rebensaft funkeln!         Preisend erhebt des         Gottes Geschenk! ( Lentulus und Cethegus treten auf.) Lentulus . Genug des Singens und der Lust! Statilius .                                       Was gibt's? Ist Catilina nicht mit Euch gekommen? Gabinius . Er wollte doch? Coeparius .           Was hat er Euch erwidert? Sprecht, sprecht! Erzählt uns alles! Cethegus .                                         Völlig anders, Als wir uns dachten, war sein Wort. Gabinius .                                           Ei, ei? Lentulus . Er wies, was wir ihm bieten mochten, ab. Von unsern Plänen will er nichts vernehmen. Statilius . Das wäre Wahrheit? Coeparius .                   Warum will er nicht? Lentulus . Er will nicht, kurz und gut. Er läßt uns sitzen; Verläßt die Freunde – und verläßt die Stadt. Statilius . Er uns verlassen, sagst Du? Cethegus .                               Er verreist Noch diese Nacht. Je nun, ich tadl' ihn nicht; Sein Grund war triftig – Lentulus .                         Feigheit war sein Grund! Nun, da Gefahr droht, bricht er uns die Treue. Gabinius . Das nennt sich Catilinas Freundschaft! Coeparius .                                             Nein; Treulos und feig war Catilina nimmer! Lentulus . Und dennoch flieht er. Statilius .                       Mit ihm unsre Hoffnung. Wo fänden wir nun einen neuen Führer? Coeparius . Wo? Nirgends. Stehn wir ab von unserm Anschlag! Lentulus . Noch nicht, Ihr Freunde! Hört nun erst, wie ich Zur Sache stehe! Was war unser Wille? Uns zuzueignen mit Gewalt, was uns Ein ungerechtes Schicksal weigerte. Man unterdrückt uns; doch wir wollen herrschen. Wir leiden Not; – Reichtum ist unser Ziel. Viele Stimmen . Ja, Macht und Reichtum! Macht und Reichtum gib uns! Lentulus . Nun wohl; wir wählten einen Freund zum Führer, Auf den wir blindlings baun zu dürfen wähnten. Er täuscht uns, wendet der Gefahr den Rücken. Doch, Freunde, nicht verzagt! Er soll erfahren, Es geht auch ohne ihn. Was mangelt uns? Ein Mann, der kühn an unsre Spitze träte, – Nichts andres. Einige .                 Nenn uns einen solchen Mann! Lentulus . Und nenn' ich ihn und steht der Mann vor Euch, – Wollt Ihr ihn dann zu Eurem Führer küren? Einige . Das wollen wir! Andere .                 Ja, ja; das wollen wir! Statilius . So nenn ihn, Freund! Lentulus .                   Und wär' ich es nun selbst? Gabinius . Du selbst? Coeparius .   Du, Lentulus –! Mehrere .                             Du willst uns führen? Lentulus . Ich will's. Cethegus .   Und kannst Du's auch? Man muß dazu schon Ein Catilina sein an Kraft und Mut. Lentulus . Mir fehlt's an Mut nicht und auch nicht an Kraft. Nur Hand ans Werk! Wie? Oder wolltet Ihr Nun, da es sich entscheiden kann, zurückstehn? Jetzt oder niemals. Alles deutet auf Ein gut Gelingen – Statilius .               Sei's – wir folgen Dir! Mehrere . Wir folgen Dir! Gabinius .             Nun ja, – wenn Catilina Nicht mittut, wirst wohl Du der nächste sein, Das Steuer zu ergreifen. Lentulus .                         Nun, so hört Wie ich mir vorzugehn gedacht. Zuerst – ( Catilina tritt eilig ein.) Catilina . Hier bin ich, Freunde! Alle .                               Catilina! Lentulus (beiseite.)                   Er! Verdammt – Catilina .         Wohlan, was fordert Ihr von mir? Doch nein; ich weiß ja längst, worum sich's handelt. Ich will Euch führen. Wollt Ihr Folgschaft leisten? Alle (außer Lentulus.) Ja, Catilina, ja, Du führ' uns an! Statilius . Man hat uns hintergangen – Gabinius .                               Dich verdächtigt Coeparius . Man hat erzählt, Du wolltest fort von hier Und unsre Sache aus den Händen geben. Catilina . Ich wollt' es. Aber jetzt nicht mehr; jetzt leb' ich Nur noch für dieses eine große Ziel. Lentulus . Und was ist denn nun eigentlich Dein Ziel? Catilina . Mein Ziel liegt höher, als Du ahnen magst; Ja, wohl, als irgend jemand ahnt. So hört denn! Erst will ich unsrer Sache jeden Bürger Mit Freiheitssinn gewinnen, dem des Volkes Und Landes Ehr' und Wohlfahrt alles gilt. Der alte Römergeist ist noch am Leben, Sein letzter Funke noch nicht ganz erloschen. Nun werd' er wieder angefacht zur Flamme, So rein und leuchtend, wie er nie geloht. Ach, allzu lange lag der Knechtschaft Düster Auf Rom gesenkt wie eine schwarze Nacht. Seht, dieses Reich, wie stolz es auch und mächtig Erscheint, es schwankt und harrt nur seines Falls. Drum muß ein Starker seine Zügel fassen; Von Grund aus heißt es säubern hier und reuten, Aus ihrem Schlaf die Stumpfgewordnen wecken, Vernichten ganz der Elenden Gewalt, Die Gift in die Gemüter streun, erstickend Verjüngten Lebens letzte Möglichkeit! Seht, Bürgerfreiheit will ich fördern, Freunde, Und Bürgergeist, wie er in alter Zeit Gewaltet hier; herauf von neuem bannen Das goldne Alter, da der Römer froh Sich hingab für des Vaterlandes Ehre Und Gut und Erbe opferte fürs Volk! Lentulus . Du schwärmst, Freund Catilina! Das war's nicht, Was wir gemeint – Gabinius .                 Was, frag' ich, frommt es uns, Solch alte Zeiten wieder aufzurichten Mit ihrer lächerlichen Einfalt? Einige .                                       Nein! Macht fordern wir – Andere .                       Und Mittel, ungebunden Und sorgenfrei zu leben. Viele Stimmen .               Ja, das ist's! Coeparius . Wie! Sollten wir um andrer Glück und Freiheit Uns selbst gefährden? Die ganze Schar .       Nein, wir wollen selbst Des Sieges Früchte! Catilina .                     Elendes Geschlecht! Ihr wollt vom Blut der großen Väter sein? Und wißt sie besser nicht zu ehren, als Indem Ihr Schimpf auf ihren Namen häuft! Lentulus . Du wagst uns zu verhöhnen, Du, der stets Ein Schreckbild war – Catilina .                       Jawohl, ich leugn' es nicht; Ich war ein Schrecken aller Guten; doch So niedrig war ich nimmer noch wie Ihr! Lentulus . Halt Deine Zung' im Zaum! Das Maß ist voll. Mehrere . Nein, nein; wir wollen nicht – Catilina (ruhig.)                     Ihr feige Brut, – Ihr könnt noch irgend etwas wollen, Ihr? Lentulus . Nieder mit ihm! Viele Stimmen .   Nieder mit Catilina! (Sie ziehen ihre Dolche und dringen auf ihn ein; Catilina zieht den Mantel ruhig von seiner Brust und betrachtet die Erregten mit einem kalten, höhnischen Lächeln; sie lassen die Dolche sinken.) Catilina . Stoßt zu! Ihr wagt es nicht? O, Freunde, Freunde! Ich würd' Euch achten, bohrtet Ihr den Stahl In diese offne Brust, die Ihr bedroht. Ist denn kein Funke Mutes mehr in Euch? Einige . Er will nur unser Wohl! Andere .                           Er höhnt mit Fug. Catilina . Führwahr. Doch seht, die Zeit ist nun gekommen, Da Ihr der Schande Brandmal tilgen könnt. Was hinter uns liegt, wollen wir vergessen; – Denn eine bessre Zukunft tut sich auf. (Voll Bitterkeit.) Ich Tor! Der ich mit Euch zu siegen hoffte! Weilt Siegergeist in einer Schar Gesunkner? (Hingerissen.) Schön hat mir einst geträumt, und große Bilder Besuchten mich und flohn dem Blick vorüber. Mir träumte, daß ich mich wie Ikarus Bis unters Himmelszelt beschwingt erhob; Mir träumte, Götter stählten mir die Hand Mit Riesenkraft und boten mir den Blitzstrahl. Und diese Hand ergriff den fliehenden Und zückt' ihn nieder auf die Stadt tief unten. Und da die rote Lohe stieg und leckte Und Rom in brauner Trümmer Staub versank, Da rief ich lauten und gewaltigen Rufs Die Brüder Catos an in ihren Gräbern; Und tausend Geister folgten meinem Weckruf, – Und neu aus seiner Asche hob sich Rom. (Abbrechend.) Es waren Träume nur. Kein Gott beschwört Vergangenheit ins Licht des Tags herauf, Und keiner Vorzeit Geist entsteigt dem Grabe. (Wild.) Nun wohl, vermag ich nicht das alte Rom Zu wecken, – unser Rom, es soll vergehn! Bald soll'n, wo Marmorsäulen jetzt sich reihen, Rauchsäulen wirbeln durch der Glut Gekrach; Palast und Tempel sollen stürzen und Das stolze Kapitol wie Staub verwehn! Auf, schwöret, Freunde, daß Ihr diesem Werk Euch weihen wollt! Ich tret' an Eure Spitze Wollt Ihr mir folgen, sprecht? Statilius .                                 Wir folgen Dir! (Mehrere von den übrigen scheinen unschlüssig und besprechen sich flüsternd. Catilina betrachtet sie mit einem höhnischen Lächeln.) Lentulus (mit gedämpfter Stimme.) Am besten ist, wir folgen. Unter Trümmern Erreichen wir am schnellsten unser Ziel. Alle (rufen:) Ja, Catilina, ja; wir folgen Dir! Catilina . So schwört mir zu bei Eurer Väter Göttern, Daß Ihr mir treu gehorchen wollt! Die ganze Schar (mit erhobenen Händen.)                                                   Ja, ja; Wir schwör'n Dir ewigen Gehorsam zu! Catilina . So schleicht Euch einzeln, auf getrennten Wegen, Ins Haus zu mir. Dort harren Waffen Euer. Ich komme nach. Ihr sollt sodann erfahren, Wie ich mich vorzugehn entschloß. Geht nun! (Alle ab.) Lentulus (hält Catilina zurück.) Ein Wort noch! Weißt Du schon, daß dem Senat Gesandte der Allobroger gemeldet, Mit Klagen und Beschwerden? Catilina .                                     Ja, ich weiß es. Sie trafen heute ein. Lentulus .                   Ganz richtig, heute. Wie, – wenn wir sie für unsre Pläne stimmten? Mit ihnen wird ganz Gallien sich erheben Und einen Sturm aufwirbeln wider Rom. Catilina (unwillig.) Wir sollten Bündnis suchen mit Barbaren? Lentulus . Ein solches Bündnis ist für uns Bedingung. Aus eigner Kraft erwächst der Sieg uns nicht; Wenn nicht von außen – Catilina (lächelt bitter.)   Tief gefallnes Rom! In dessen Mauern nicht einmal Männer, Ein wankend Trümmerwerk zu stürzen, sind. (Beide ab.) (Ein Garten hinter Catilinas Haus, das zwischen den Bäumen hindurchblickt.) (Zur Linken ein Seitengebäude.) ( Curius, Cethegus und mehrere von den Verschworenen treten, sich flüsternd miteinander besprechend, vorsichtig von rechts auf.) Curius . Doch ist auch wirklich wahr, was Du berichtest? Cethegus . Wahr, Wort für Wort. In diesem Augenblick Ward's abgekartet. Curius .                       Und er leitet alles? Cethegus . Er steht für alles. Sprich nur mit ihm selbst. (Alle mit Ausnahme von Curius ins Haus ab.) Curius . Seltsame Nacht! Meine Gedanken wirbeln Im Kreis herum! War's nur ein Traum, das Ganze? Erlebnis oder Traum, – ich schau' erwacht, Wohin ich schauen mag, nur ihre Züge. ( Catilina tritt von rechts auf.) Catilina (auf ihn zu.) Mein Curius? Wie hast Du mir gefehlt! Ganz unerwünscht verlief mein Abenteuer Mit der Vestalin – Curius (verwirrt.)     So? Ei ja, gewiß! Catilina . Ich will mich der Erinnrung dran entschlagen. Es war ein Abenteuer schicksalsschwanger. (Grüblerisch.) Man sagt ja wohl, die Furien entstiegen Der Unterwelt, sich an der Opfer Fersen Zu heften. O, wenn es so wäre, Freund! Curius (unruhig.) Wie? Bist Du ihr –? Catilina .                   Sie war hier heute Nacht. Jedoch genug davon. Mein Curius, Ein wichtig Unternehmen ist im Gange – Curius . Ich weiß. Cethegus hat davon erzählt – Catilina . Wer sagt, was von den Göttern für ein Ausgang Beschlossen ist? Mein Schicksal ist vielleicht: Zermalmt zuvor von feindlichen Gewalten, Mein Ziel nie zu erreichen. Nun wohlan! Doch Du, der mir von Kind auf teuer war, Mein Curius, Du sollst mir nicht hinein In diesen Strudel. Deine Hand! Du bleibst In Rom, falls ich den Angriff, was wohl möglich, Nach andrer Stelle zu verlegen wünschte, Und kommst erst, krönt Gelingen unser Werk. Curius (bewegt.) Mein väterlicher Freund! O, so besorgt! Catilina . Du willigst ein? So laß uns Abschied nehmen; Nur einen Augenblick; ich komme gleich. (Ins Haus ab.) Curius (blickt ihm nach.) Er liebt mich wie zuvor. Er argwöhnt nichts. ( Lentulus und andere Verschworene treten von rechts auf.) Lentulus . He, Curius, wir suchen Catilina. Ist er im Garten? Curius .                   Nein, er ist dort drinnen. (Sie treten ins Haus.) Curius (geht unruhig umher.) Wie soll ich diese wilde Sehnsucht dämpfen? Mein Blut ist aufgewühlt und gibt nicht Frieden. O Furia, – verwunderliches Weib! Wo bist Du jetzt? Wann sehen wir uns wieder? Wo blieb sie nur? Fort glitt sie, wie ein Schatten, Als ich sie aus dem grausen Grab befreit. Und jene dunkeln, rätselvollen Worte, Und dieses Auge, blind zugleich und schimmernd –? Wie? Was das Wahnwitz? Hätte Grabesgrauen Den Sinn umnachtet ihr? Furia (hinter ihm, unter den Bäumen.)                                       Nein, blasser Jüngling! Curius (mit einem Aufschrei.) Du, Furia! Du, hier? Furia (nähert sich.)     Bei Catilina. Wo Er ist, hat auch Furia zu sein. Curius . O folg' mir, Teure! Komm! Ich bringe Dich In Sicherheit. Wenn hier Dich jemand sähe! Furia . Die Toten fürchten nichts. Hast Du vergessen: Du trugest einen Leichnam aus dem Grabe! Curius . Schon wieder diese Sprache! Hör' mich an! Komm zu Dir selbst, – und folg' mir, Furia! (Will ihre Hand ergreifen.) Furia (stößt ihn ungestüm zurück.) Verwegner Tor, – so flößt kein Graun Dir ein Des Todes Tochter, die vom Reich der Nacht Emporgetaucht auf eine flüchtige Frist? Curius . Ich fühle Graun vor Dir. Doch dieses Graun, Dies Schaudern wundersam beseligt mich. Furia . Was drängst Du mich? Umsonst ist, was Du redest. Ich bin des Grabes; dort ist meine Heimat; Ich bin ein Flüchtling aus des Todes Talen; Mit Tagesanbruch muß ich wieder heim. Du glaubst mir nicht? Glaubst nicht, daß ich gesessen In Plutos Halle zwischen bleichen Schatten? Ich sage Dir, ich war dort eben noch, – Jenseits des Flusses und der schwarzen Sümpfe. Curius . So nimm mich mit! Furia .                         Dich? Curius .                                 Ja, ich folge willig, Geh' selbst den Weg mit Dir durch Nacht und Tod! Furia . Das kann nicht sein. Wir müssen hier uns trennen; Dort darf sich Tod und Leben nicht gesellen. Du raubst mir meine Zeit, die, ach, so knapp! Ich habe nur die Frist der Nacht zum Handeln; Mein Werk ist Nacht, ich bin ein Gruß der Nacht. Doch wo ist Catilina? Curius .                           Suchst Du ihn? Furia . Ihn such' ich, ja. Curius .                   Verfolgst Du ihn noch immer? Furia . Was stand ich diese Nacht auf von den Toten, Wenn's nicht um Catilinas willen war? Curius . Ha, dieser Wahnwitz, der Dich angefaßt! Und doch, wie schön Du bist in Deinem Schwärmen. O, denk nicht mehr an Catilina jetzt! Folg' mir! Gebiete mir; ich will Dir dienen. (Wirft sich vor ihr nieder.) Hier bettl' ich wie ein Sklav zu Deinen Füßen Um einen Blick! O, hör' mich, Furia! Ich liebe Dich! Ein süß und giftig Feuer Verzehrt mein Herz, und niemand außer Dir Kann seine Qualen lindern – Furia (blickt nach dem Hause.)                                           Dort ist Licht – Und Männer seh' ich. Was geschieht dort drinnen Bei Catilina? Curius (springt auf.)                     Wieder dieser Name! Um ihn nur dreht Dein ganzes Denken sich. Ich könnt' ihn hassen! Furia .                             Hätte er beschlossen, Den kühnen Plan so bald ins Werk zu setzen, Der ihm die Nächte stahl? Curius .                                 Du weißt –? Furia .                                                       Das Ganze. Curius . So weißt Du ja wohl auch, daß er sich an Die Spitze des verwegnen Bunds gestellt! Doch, ich beschwör' Dich, frage mich nicht weiter Nach Catilina! Furia .                   Sag' mir nur noch eins; Dies sei die letzte Frage. Gehst Du mit ihm? Curius . Er ist mir wie ein treuer Vater – Furia (lächelnd.)                           Er? Mein Catilina? Curius .                 Ha! Furia .                           Der Mann, um den Mein Denken kreist? Curius .                           Ein Taumel faßt mich an! Ich hass' ihn –! O, ich könnt' sein Mörder werden Furia . Schworst Du mir jüngst nicht zu, Du seist bereit Mir zu gehorchen? Curius .                       Fordr, was Du willst! Ich dien' Dir blind, gehorch' in allem Dir, – Nur eines: denk nicht mehr an Catilina! Furia . Das will ich tun, – sobald er in sein Grab Hinabgestiegen ist. Curius (weicht zurück.)                             Du forderst, daß ich –? Furia . Du sollst kein Eisen brauchen; nur verraten, Was er zu tun gedenkt – Curius .                               Verräterei Und Mord zugleich! Bedenk, er ist ja doch Mein Vater fast und – Furia .                             Mein Denkens Ziel! Schwächlicher Tor! Und Du, Du wagst von Liebe Zu reden, – und erschrickst, den Mann zu stürzen, Der Dir im Wege steht? Geh von mir! (Sie wendet ihm den Rücken.) Curius .                                                   Nein; Verlaß mich nicht! Ich bin zu allem willig! Ein Grauen schüttelt mich vor Deinem Anblick; Und doch, ich kann die Fäden nicht zerreißen, Womit Du mich umgarnt. Furia .                                   So bist Du willig? Curius . Was höhnst Du mich, indem Du also fragst? Ob willig ich? Wie? Hab' ich denn noch Willen? Dein Blick ist wie der Schlange Blick, wenn er Mit Zauberbann sich auf den Vogel heftet, Der angstvoll sie umflattert, immer näher Und näher stets dem fürchterlichen Schlund. Furia . So geh ans Werk! Curius .                     Und wenn ich meine Freundschaft Für meine Liebe opferte, – was dann? Furia . Weiß ich nicht mehr, wer Catilina war. Ist mein Geschäft zu Ende. Heisch' nicht mehr! Curius . Um den Preis sollte ich –? Furia .                                   Du zauderst noch? Zeigt Dir Dein schwächlich Hoffen nichts davon, Womit ein dankbar Weib beglücken kann, Wenn erst die Zeit –? Curius .                         Bei allen Nachtdämonen! Ich zaudre nicht. Der Eine scheidet uns. So mag er fallen! Jeden Funken tilg' ich Der Freundschaft für ihn, jedes Band zerreiß' ich! Wer bist Du, schöner Nachtspuk? Deine Nähe Versteinert und verzehrt mich auf einmal. Mein Sehnen macht mir Frost, mein Schrecken Hitze, Mein Lieben ist wie Haß gemengt mit Zauber. Wer bin ich selbst? Ich kenne mich nicht mehr. Eins weiß ich nur: daß ich ein andrer war, Eh' ich Dich sah. Froh spring' ich in den Abgrund, Um Dir zu folgen! Catilina sterbe! Ich geh' zum Kapitol. In dieser Nacht Ist der Senat versammelt. Eine Zeile Verrät ihm Catilinas Werk. Leb' wohl! (Eilig ab.) Furia (für sich.) Schon türmt die Wolke sich; bald zuckt der Blitz. Dein Tag geht jäh zur Rüste, Catilina; Mit großen Schritten nahst Du Deinem Grab! (Die Gesandten der Allobroger, Ambiorix und Ollovico , treten aus dem Hause, ohne Furia zu bemerken, die halb verborgen im Schatten der Bäume steht.) Ambiorix . So wär's beschlossen denn. Es war gewagt, Mit diesem Mann sich zu verbinden. Ollovico .                                           Ja; Doch da der Rat uns jede Fordrung abschlug, Blieb uns kein andrer Weg der Rettung offen; Und was uns wird, wenn unsre Freunde siegen, Es wiegt den fährdevollen Kampf wohl auf, Der unser bald nun harrt. Ambiorix .                           So ist es, Bruder! Ollovico . Gewinn der alten Unabhängigkeit, Freiheit von Rom – ist einen Strauß wohl wert. Ambiorix . So schnell wie möglich heißt es nun nach Hause Und rings im Gallierland den Aufruhr schüren. Leicht werden wir die Stämme wider ihre Zwingherrn empören, daß sie uns vertraun Und mit zu Catilinas Scharen stoßen. Ollovico . Der Kampf wird hart sein. Noch ist Rom gar mächtig. Ambiorix . Wir müssen's wagen. Ollovico, komm! Furia (ruft ihnen warnend zu:) Weh über Euch! Ambiorix (fährt zusammen.)                           Bei allen Göttern –! Ollovico .                                           Horch! Und warnt im nächtigen Dunkel eine Stimme! Furia . Weh über Euer Volk! Ollovico .                     Dort steht sie, Bruder, Der bleiche, ahnungsvolle Schatten; sieh! Furia . Weh über die, so Catilina folgen! Ambiorix . Heim! Heim! Wir fliehn! Wir brechen jedes Bündnis. Ollovico . Uns warnte eine Stimme; wir gehorchen. (Schnell nach rechts ab.) ( Catilina tritt aus dem Haus im Hintergrund.) Catilina . Vergebne Hoffnung, Rom bedrohen wollen Mit dieser Schar von Elenden und Feigen! Was treibt sie? Sie gestehn's mit kalter Frechheit: Nur Not und Raublust treibt sie, sich zu rühren. Verlohnt sich's wohl, für solche Ziele Leben Zu opfern? Was gewinne ich dabei! Was fällt für mich ab? Furia (unsichtbar hinter den Bäumen.)                                   Rache, Catilina! Catilina (fährt zusammen.) Wer redet da! Wer weckt der Rache Geister Aus ihrem Schlaf? Rang diese Stimme sich Aus meinem Innern? Rache? Ja, dies Wort Sei Losung mir und Feldruf! Blutige Rache! Rache für alle Hoffnungen und Träume, Die mir ein grollendes Geschick zertreten! Rache dafür, daß Ihr mein Leben bracht! (Die Verschworenen treten bewaffnet aus dem Hause.) Lentulus . Noch brütet nächtlich Dunkel über Rom; 's ist Zeit nun, aufzubrechen. Mehrere (flüsternd:)               Gehn wir! Kommt! ( Aurelia tritt aus dem Seitengebäude, ohne die Verschworenen zu bemerken.) Aurelia . Geliebter, – bist Du hier? Catilina . (mit einem Aufschrei.)                                       Aurelia! Aurelia . Ließ ich Dich warten, sag' mir? (Gewahrt die Verschworenen und eilt zu ihm hin.)                                                 Milde Götter! Catilina (stößt sie zur Seite.) Fort von mir, Weib! Aurelia .                     Mein Catilina, – sprich! Die Männer hier in Waffen –? Und auch Du –? O, Du willst hinziehn – Catilina (wild.)             Ja, beim Gott der Schatten, – Ein lustiger Zug! Siehst Du den Stahl hier blitzen? Heiß dürstet ihn; ich geh' – den Durst ihm stillen. Aurelia . Mein Traum, mein Hoffen! O, mein seliger Traum! Und so von ihm erwachen müssen – Catilina .                                           Schweig! Bleib, – oder folge uns! Mein Herz ist tot Für Klag' und Tränen. – Freunde, seht, wie rot Der volle Mond dort in die Nacht versinkt. Wann uns sein Rund zum nächsten Male blinkt, Soll sich ein Flammenstrom mit wilder Macht Hinwälzen über Rom und seine Pracht. Und scheint er abermals um tausend Jahre Auf Latiums Trümmerfeld, so offenbare Nur Eine Säule noch aus Schutt und Graun Dem Wanderer: Hier war einst Rom zu schaun. (Er eilt nach rechts ab; alle folgen ihm.) Dritter Akt (Catilinas Lager in einer waldreichen Gegend Etruriens. Zur Rechten sieht man Catilinas Zelt und diesem zur Seite einen alten Eichbaum. Vor dem Zelt brennt ein Wachtfeuer. Mehrere andere schimmern durch die Bäume im Hintergrund. Es ist Nacht. Der Mond bricht bisweilen aus den Wolken hervor.) ( Statilius liegt schlafend am Wachtfeuer. Manlius geht vor dem Zelt auf und ab.) Manlius . Das ähnelt diesen jungen leichten Vögeln. Da schlafen sie so ruhig und so fest, Als lägen sie im treuen Schoß der Mutter, Und nicht in einem unwegsamen Wald. Das pflegt der Rast, als warteten sie nur, Zu einem muntern Spiel geweckt zu werden Und nicht zu einem Kampf, – vielleicht dem letzten, Den sie zu kämpfen haben. Statilius (erwacht und steht auf.)                                           Noch auf Wacht? Du bist wohl müd'? Nun ist die Reih' an mir. Manlius . Schlaf' lieber noch. Erquickend schlafen ist Der Jugend Recht; ihr leidenschaftlich Blut Bedarf der Kräfte. Anders steht es, wenn Das Haar ergraut, das Herzblut matter rinnt, Und Alter unsre Schultern hängen macht. Statilius . Ja, Du hast recht; so will auch ich einmal Als alter, grauer Krieger – Manlius .                             Weißt Du denn So sicher, daß das Schicksal Dir zu altern Gewähren wird? Statilius .               Wie sollt' ich nicht? Was bringt Dein Herz auf solche Ahnungen? Hat irgend Ein Unglück uns betroffen? Manlius .                               Und Du meinst, Wir hätten nichts zu fürchten, junger Tor? Statilius . Wir haben unser Heer verstärkt – Manlius .                                         Verstärkt, Durch Fechter und entlaufne Sklaven, ja. Statilius . Was schadet das; gesammelt werden sie Zu schaffen machen, und ganz Gallien will Uns Hilfe senden – Manlius .                   Hilfe, die noch aussteht. Statilius . Du meinst, daß die Allobroger ihr Wort Gereuen wird. Manlius .             Ich kenne diese Leute Von früher her. Allein genug davon. Wir werden wohl schon morgen wissen, was Die Götter über uns beschlossen haben. Doch geh, Statilius, und sieh mir nach, Ob alle Wachen ihrer Pflicht gedenken. Wir müssen einen Überfall erwarten – Und kennen nicht einmal des Feindes Stand. (Statilius in den Wald hinein ab.) Manlius (allein am Wachtfeuer.) Nun sammeln sich der Wolken mehr und mehr; 's ist eine dunkle, wetterschwangre Nacht; Ein feuchter Nebel engt die Brust mir ein, Als bärg' im Schoß er Unheil für uns alle. Wo blieb der leichte, unbesorgte Sinn, Womit ich einst des Krieges Handwerk trieb? Ob es des Alters Last nur ist, die sich Mir fühlbar macht? Hm, seltsam, diesen Abend Bedünkte selbst die Jugend mich verstimmt. (Nach einer Pause.) Nun denn, die Götter wissen's, Rache war Es nicht, weshalb ich Catilina folgte. Mein Groll entbrannt' auf eine kleine Frist, Als ich gekränkt, hintangesetzt mich fühlte; – Das alte Blut ward noch nicht ganz zu Eis, Oft rollt's noch heiß genug durch diese Adern. Doch das vergaß sich bald. Ich folgte ihm Um seinetwillen, meinem Catilina; Und wachen werd' ich treulich über ihn. Vereinsamt steht er unter diesen Scharen Von wilden Freunden und gemeinen Schurken. Sie fassen seine Pläne nicht, und Er Ist allzu stolz, den ihren nachzudenken. (Er legt einige Scheite ins Feuer und bleibt in Schweigen versunken stehen. Catilina tritt aus dem Zelt.) Catilina (für sich.) Es geht auf Mitternacht. Wie still ist alles! Nur meinem Auge will kein Schlummer kommen. Kalt bläst der Nachtwind; möcht' er mir Erquickung Und Kräfte bringen. Ach, es tut so not! (Bemerkt Manlius.) Du bist es, alter Manlius? Du wachst hier Allein die dunkle Nacht? Manlius .                           Ich habe Dich, Da Du noch Kind, so manches Mal bewacht. Besinnst Du Dich nicht mehr? Catilina .                                   Die Zeit ist hin, Und mit ihr meine Ruh'; wohin ich gehe, Verfolgen mich Gesichte, hundertfältig. O, alles, Manlius, birgt diese Brust, Nur Frieden nicht. Der bleibt ihr ewig fremd. Manlius . Verjag' die traurigen Gedanken. Schlummre! Sieh, morgen fällt der Würfel; alle baun Und dürfen baun auf Deine volle Kraft. Catilina . Ich kann nicht schlummern. Schließ' ich meine Augen, In flüchtigem Schlaf Vergessenheit zu suchen, So werd' ich Spielball wunderlicher Träume. So lag ich auf dem Lager just, im Halbschlaf, Da kamen jene Traumgesichte wieder, – Krauser denn je, lebhafter, bildlicher, Geheimnisvoller. Ah, begriff' ich doch Des Zeichens Sinn! Doch nichts – Manlius .                                         Vertrau' mir an, Was Du geträumt; vielleicht kann ich Dir's deuten. Catilina (nach einer Pause.) Ob ich schlummernd oder wach lag, weiß ich selber kaum; Ohne Rast und Ruh' sich jagte Traum in mir um Traum. Sieh, da legt sich Dunkel um mich, Dämmer schauerlich; Und mit breitem Fittich senkt sich eine Nacht auf mich, Nur durchzuckt von Blitzgefunkel, düster, schreckensreich; Und ein feucht Gewölb umfängt mich einem Grabe gleich. Wie ein wetterschwerer Himmel hoch die Wölbung ragt, Scheuer Schatten wirr Gewimmel, toller Geister Jagd Saust und braust vorbei: so atmet Sturm des Meeres Brust, Bis am Steingestad' es endlich büßt die wilde Lust. Aber mitten im Gewimmel singen, kranzgeschmückt, Kinder wie von Heimatfluren, längst dem Sinn entrückt. Wo sie singen, weicht das Dunkel einem Leuchten klar, – Und in des Gewölbes Mitte steht ein einsam Paar; Zwei der Weiber: streng die eine, schwarz wie Finsternis, Und die andre mild, wie Morgen, wann das Graun zerriß. O, wie seltsam wohlbekannt doch dünkten mich die zwei! Bald der einen Lächeln sonnte mir die Seele frei; Bald der andern Auge brannte wie ein Blitzstrahl wild; Schreck ergriff mich, und doch bannte mich das grause Bild. Stolz und aufrecht steht die eine, und die andre lehnt sich still An den Tisch, auf dem sie, dünkt mich, spielen ein verborgen Spiel. Steine tauschen sie und rücken sie von Feld zu Feld – Da – gewonnen! Da – verloren! Und zur Unterwelt Sinkt sie, die verlor, und mit ihr ihres Lächelns Licht; Auch die frohen Kindergruppen weilen länger nicht. Lärm und Dunkel wächst und wächst. Doch aus des Dämmers Schoß Heften sich auf mich zwei Augen, starr, erbarmungslos. Schwindel faßt mich an; ich schaue nur der Augen Glut. Doch was weiter noch gefiebert mein erregtes Blut, Deckt in meinem Innern nächtlich des Vergessens Bann. Könnt' ich mich nur noch erinnern! Ach, daß es zerrann! Manlius . Ein Traum, gar eigentümlich, Catilina; Gewiß. Catilina (grübelnd.)             Vermöcht' ich mich nur zu erinnern –! Doch alles ist vergebens – Manlius .                             Plag' Dich nicht Mit solchen Dingen ab! Was sind wohl Träume? Phantastische und leere Hirngespinste, Bedeutungslos und ohne Grund und Sinn Catilina . Ja, ja; hast recht; wozu sein Hirn zergrübeln; Es war nur eine Laune. Geh nur, Alter, Und ruh' Dich aus. Ich wandre hier indes Mit mir allein umher und meinen Plänen. (Manlius in den Wald ab.) Catilina (geht eine Weile am Wachtfeuer, das dem Erlöschen nahe ist, auf und nieder, dann bleibt er stehen und sagt gedankenvoll:) Vermöcht' ich bloß –! Ah, weibisches Gebahren, Solchem Gegrübel Zeit und Ohr zu leihn. Und doch, in dieser stummen Geisterstunde, In dieser Einsamkeit, – wie tritt lebendig Mir wiederum vor Augen, was ich träumte –! (Ein Schatten , einem alten Manne in Rüstung und Toga gleichend, wächst ein Stück vor ihm unter den Bäumen gewissermaßen aus dem Boden.) Catilina (weicht vor dem Schatten zurück.) Ihr Götter! Der Schatten .                 Sei gegrüßt mir, Catilina! Catilina . Was willst Du mir? Wer bist Du, bleicher Schatten? Der Schatten . Ich habe hier das Recht, zu fragen; Du Die Pflicht, zu antworten. Gemahnt Dich nicht An längst vergangne Zeiten diese Stimme? Catilina . Mir ist als wäre mir –; doch kann ich nicht – Doch sprich, – wen suchst Du mitternächtiger Weile? Der Schatten . Dich such' ich. Wisse, diese Stunde nur Ist mir vergönnt, hier oben umzugehen. Catilina . Bei allen Göttern, sprich! Wer bist Du? Der Schatten .                                     Still! Ich komme, Dich zur Rechenschaft zu ziehen. Was gönnst Du mir des Grabes Frieden nicht? Was treibst Du mich empor vom Haus des Todes? Was störst Du mein Vergessen, meine Ruhe, Daß ich Dir nahn muß drohenden Geflüsters Und meine teu'r erkaufte Ehre schirmen? Catilina . Ha, diese Stimme –! Ahnung dämmert mir – Der Schatten . Was ist von meiner Herrschermacht geblieben? Ein Schatten wie ich selbst; ja, kaum ein Schatten. Sie sank gleich mir ins Grab und ward zu nichts. Sie zahlte teuer sich, war teu'r erworben. Sie hat mich meines Lebens Ruh' gekostet, Und die des Grabes gab ich hin für sie. Und nun willst Du mir mit verwegner Hand Den Rest entreißen, der mir noch verblieb! Sind nicht der Wege mehr zu großen Werken? Was wählst Du den just, welchen ich gewählt? Die Macht, die gab ich mit dem Leben auf. Allein mein Name sollte ewig stehn, Nicht freundlich funkelnd wie des Sternes Auge, Nein, wie ein Blitz, ans Nachtgewölb geheftet! Nicht wollte ich gleich Hunderten vor mir Durch Edelsinn und sanfte Tugend glänzen; Ich wollte nicht bewundert sein, – ein Los, Das schon so vielen ward und werden wird Zu allen Zeiten. Nein, aus Blut und Schrecken Beschloß ich mir mein Denkmal aufzurichten! In stummem Graun wie auf ein Meteor, Das aufflammt und verglüht gleich einem Rätsel, So sollte starren man auf meinen Pfad, Aufschauend scheu zu mir, dem nie ein Mensch, Nicht vor- noch nachher, wagte gleich zu sein! So träumte mir, – allein ich ward betrogen. Du standst mir nahe. Daß mir auch nicht ahnte, Welch schlimme Saat in Deiner Seele schlief! Doch wisse, Catilina, ich durchschaue Der Zukunft Dämmerflor und was er birgt; In den Gestirnen lese ich – Dein Schicksal! Catilina . Mein Schicksal liesest Du? So deute mir's! Der Schatten . Erst hinterm Tor der Todesnacht Entweicht die Dämmrung, die umbreitet, Was, eine große grause Fracht, Hinab den Strom der Zukunft gleitet. Nur dies darf ich als Geist Dir noch Aus Deines Schicksals Buch bestellen: Du fällst von eigner Hand, und doch Wird eine fremde Hand Dich fällen! (Die Geistererscheinung gleitet fort, wie in einem Nebel.) Catilina (nach einer Pause.) Er ist verschwunden. War's ein Traumbild nur? Nein, nein; hier stand er, und der Mondstrahl streifte Sein fahles Antlitz. O, ich kannt' ihn wohl! Der alte, blutige Diktator war's, Der aus dem Grabe, mich zu schrecken, stieg. Ihm bangt, des Sieges Krone zu verlieren, Kein Lorbeerreis, – den fürchterlichen Ruf, Darin sein Name weiterlebt. So plagt Blutlose Schatten noch der Ehrsucht Fieber? (Geht unruhig auf und ab.) Was stürmt nicht auf mich ein! Bald warnt mich sanft Aurelia, bald widerhallt mein Herz Von Furias aufstachelndem Geheiß. Und nicht genug; aus ihren Gräbern tauchen Die bleichen Schatten der Vergangenheit. Sie drohen mir. Ich sollte ihnen weichen? Noch jetzt auf Umkehr sinnen? Nein, ich schreite Los auf mein Ziel – und werde es erreichen! ( Curius kommt in heftiger Bewegung durch den Wald.) Curius . O, Catilina –! Catilina (überrascht.)                     Du, Du hier, mein Freund? Curius . Ich mußte – Catilina .         Warum bliebst Du nicht in Rom? Curius . Mich ließ die Angst um Dich nicht länger weilen. Catilina . Um meinetwillen wagst Du blind Dein Leben? Leichtsinniger! Und doch, – komm an mein Herz! (Will ihn umarmen.) Curius (weicht zurück.) Rühr' mich nicht an! Komm mir nicht nah! Ich bin – Catilina . Was ist mit Dir, mein Curius? Curius .                                       Brich auf! Flieh, wenn Du kannst; noch diese Stunde flieh! Von allen Seiten zieht der Feind heran; Du wirst umzingelt, Catilina! Catilina .                                 Fass' Dich; Du redest wirr. Hat Dich der Weg erschöpft? Curius . O, nein; doch rette Dich, solang's noch Zeit! Dich fällt Verrat – (Wirft sich vor ihm nieder.) Catilina .                 Verrat! Was sagst Du da? Curius . Verrat im Kleid der Freundschaft! Catilina .                                         Nimmermehr! Die rauhen Freunde sind mir treu wie Du. Curius . O, weh dann über Deiner Freunde Treue! Catilina . Komm zu Dir selbst! Nur Deine Liebe ist es, Dein Zittern für mein Wohl, was Deine Seele Gefahren wittern läßt, wo keine sind. Curius . O, weißt Du wohl, daß dieses Wort mein Tod? Doch, flieh! So flehentlich beschwör' ich Dich –! Catilina . Fass' Dich und sprich vernünftig. Warum fliehen? Der Gegner weiß um meinen Standort nicht – Curius . Er kennt ihn, – weiß um alle Deine Pläne! Catilina . Ha, rasest Du? Er weiß –? Das ist unmöglich. Curius . O, wär' es das! Doch nütz' die knappe Frist; Noch möchte Flucht vielleich Dein Leben retten! Catilina . Verrat? Nein; zehnmal nein; das ist unmöglich! Curius (ergreift seinen Dolch und reicht ihn Catilina.) Da, Catilina! Nimm und stoße zu! Mitten durchs Herz! Ich habe Dich verraten! Catilina . Du? Welch ein Wahnsinn –! Curius .                                     Ja, es war im Wahnsinn! Frag' nicht, warum; weiß ich es selbst doch kaum; Doch tat ich's – und entdeckte Dein Geheimnis. Catilina . So fahr' auf ewig hin, Vertraun auf Freundschaft! Curius . Stoß mir den Dolch ins Herz, und quäl' mich nicht Mit Schonung länger! Catilina (mild.)             Lebe, Curius! Steh auf! Du fehltest; – ich verzeihe Dir. Curius (überwältigt.) O, Catilina, sieh mich hier im Staub – Doch säum' nicht; flieh! Du hörst ja doch: es drängt. Wie bald, so stehn die Römischen im Lager; Von allenthalben ziehn sie schon heran. Catilina . Und in der Stadt die Freunde –? Curius .                                         Sind ergriffen! Ein Teil im Kerker, doch die meisten tot. Catilina (für sich.) O, Schicksal, Schicksal! Curius (reicht ihm abermals den Dolch hin.)                                     Stoß ihn mir ins Herz! Catilina (blickt schweigend auf ihn.) Du warst ein Werkzeug nur. Du tatest recht – Curius . O, mit dem Leben laß die Schuld mich sühnen! Catilina . Ich habe Dir verziehn. (Indem er sich zum Gehen wendet.)                                   Nun bleibt nur eins Zu wählen, Freund! Curius (springt auf.)   Ja, Flucht? Catilina .                                     Nein, Heldentod! (Durch den Wald ab.) Curius . Vergebens! Untergang erwartet ihn. O, diese Güte straft mich zehenfach! Ich folg' ihm nach; eins sei mir nicht versagt: Kämpfend zu fallen an des Helden Seite! (Eilt ab.) ( Lentulus erscheint mit zwei Gladiatoren vorsichtig zwischen den Bäumen.) Lentulus (leise.) Ich hörte sprechen – Der eine Gladiator .                                 Jetzt ist alles still. Der andere Gladiator . Die Wache ging vielleicht, um abgelöst Zu werden – Lentulus .       Möglich. Dies hier ist die Stelle. Hier sollt Ihr warten. Habt Ihr Eure Schwerter Geschliffen? Erster Gladiator .                     Blank wie einen Blitz, o Herr! Der andere Gladiator . Meins schneidet gut. Beim letzten Fest in Rom Hat's zween der Fechter in den Sand gestreckt. Lentulus . So haltet Euch denn still hier im Gehölz; Und wenn der Mann, den ich Euch zeigen werde, Zum Zelt dort geht, so stürzt Ihr auf ihn los Und haut ihn meuchlings nieder. Erster Gladiator .                   Soll geschehn. (Beide Gladiatoren verstecken sich; Lentulus geht spähend umher.) Lentulus (für sich.) Ich weiß, ich spiele hier ein tollkühn Spiel; Doch muß es noch vollbracht sein diese Nacht, Soll's glücken überhaupt. Fällt Catilina, Kann niemand hier befehligen als ich. Mit goldnen Lügen kauf' ich sie mir alle Und rücke kühnlich auf die Hauptstadt los, Wo der Senat, ratlos in seinem Schreck, Dem Sieger nicht viel Arbeit machen wird. (In den Wald ab.) Erster Gladiator (leis zu dem anderen.) Wer ist er, dieser unbekannte Mann, Den wir ermorden sollen? Der andere Gladiator .                                         Kümmert's uns? Wer ist's, der ist's. Wenn Lentulus uns wirbt, So fällt auf seine Kappe, was wir tun. Lentulus (kommt eilig zurück.) Macht Euch bereit; er kommt, auf den wir warten! (Lentulus und die Gladiatoren stellen sich zwischen den Gebüschen auf die Lauer. Gleich darauf kommt Catilina durch den Wald und geht auf das Zelt zu.) Lentulus (flüsternd.) Los! Stoßt ihn nieder; haut's Genick ihm durch! (Alle drei dringen auf Catilina ein.) Catilina (zieht sein Schwert und verteidigt sich.) Ha, Elende, – was wagt Ihr –? Lentulus (zu den Gladiatoren.)                                             Drauf! Stoßt zu! Catilina (erkennt ihn.) Du, Lentulus, willst Catilina morden? Erster Gladiator (erschrocken.) Er ist es! Der andere Gladiator .               Catilina! Wider ihn Brauch' ich mein Schwert nicht. (Beide Gladiatoren fliehen.) Lentulus .                                     Gut, so fall durch meins! (Sie kämpfen; Catilina schlägt Lentulus das Schwert aus der Hand; Lentulus will entfliehen, aber Catilina hält ihn fest.) Catilina . Verräter! Mörder! Lentulus (flehend)   Gnade, Catilina! Catilina . Auf Deiner Stirne les' ich, was du plantest. Du dachtest mich zu morden, um dann selbst Zum Herrn Dich aufzuwerfen. War es so? Lentulus . So war es, Catilina! Catilina (blickt ihn mit verstecktem Hohn an.)                               Nun, wohlan! Wenn Dich nach Macht gelüstet, – laß Dich's lüsten! Lentulus . Ich weiß nicht, was Du meinst? Catilina .                                     Ich trete ab; Du führst das Heer an meiner Statt – Lentulus (erstaunt.)                           Du wolltest –? Catilina . Jawohl. Doch sei auf alles vorbereitet. Denn wisse, unser Anschlag ist verraten; Die Senatoren kennen unsre Pläne; Ihr Heer umzingelt uns – Lentulus .                         Was sagst Du da? Catilina . Ich will die Freunde nun zusammenrufen. Komm mit und tritt Dein Amt als Führer an; Ich danke ab. Lentulus (hält ihn zurück.)                     Nein, wart' doch, Catilina! Catilina . Die Zeit ist kostbar; eh' der Morgen graut, Ein Angriff zu gewärtigen – Lentulus (ängstlich.)           Hör' mich, Freund! Du spaßest wohl? Es kann nicht möglich sein – Catilina . Wir sind verraten, wie ich Dir gesagt Nun zeig' uns Deinen Witz und Deine Kunst. Lentulus . Verraten? O, dann weh' uns allen! Catilina .                                         Feigling! Jetzt zitterst Du! Und Du willst stürzen mich ; Du wähnst, ein Mann wie Du vermöcht' zu herrschen? Lentulus . Vergib mir, Catilina! Catilina .                     Such' Dein Heil In schneller Flucht, wenn es noch nicht zu spät. Lentulus . O, Du erlaubst mir –? Catilina .                     Nahmst Du es für Ernst, Ich wiche in der Stunde der Gefahr Von meinem Posten? Kennst Du mich so schlecht? Lentulus . O, Catilina, Du –! Catilina (kalt.)       Verlier die Zeit nicht Und rette Dich; – ich werd' zu sterben wissen. (Wendet sich von ihm.) Lentulus (zu sich selbst.) Ich danke Dir für Deine Neuigkeit; Sie soll mir selbst die besten Dienste leisten. Es trifft sich gut, daß ich in dieser Gegend Nicht unbekannt; so schlag' ich mich zum Feind Und führ' ihn auf geheimen Pfaden her, Zu Deinem Untergang und meiner Rettung. Der Wurm, den Du voll Hochmut in den Staub trittst, Er wird Dir seinen scharfen Zahn noch weisen! (Ab.) Catilina (nach einer Pause.) Dies ist die Treue, drauf ich Häuser baute! So dienen sie mir, Mann für Mann. Ihr Götter! Verräterei und Feigheit sind die Früchte, Die diese matten Sklavenseelen reifen. O, welch ein Tor ich bin mit meinen Plänen! Zerstören will ich Rom, dies Otternnest, – Und dieses Rom ist längst schon Schutt und Asche. (Man hört Waffenlärm sich nähern; er lauscht.) Da kommen sie! Es sind noch kühne Männer Darunter. Wie der Stahl so lieblich singt! Wie lustig sich die Schilde widersprechen! Die alte Glut, ich fühl's, wird wieder wach; Die Stunde der Entscheidung naht, die große, Die alle Zweifel löst. Sie sei willkommen! ( Manlius, Statilius, Gabinius und eine Menge anderer Verschworener kommen durch den Wald.) Manlius . Hier, Catilina, hast Du Deine Freunde; Im Lager schlug ich Lärm, wie Du befahlst – Catilina . Und machtest kund –? Manlius .                         Sie wissen, was uns droht. Statilius . Wir wissen es und folgen Deinem Ruf, Zum Kampf bereit auf Leben und auf Tod! Catilina . Ich dank' Euch, meine tapfern Waffenbrüder! Doch hofft auf keine Wahl mehr zwischen Leben Und Tod! Alleinzig zwischen einem Tod Im Heldenkampf mit übermächtigen Scharen Und einem unter Martern, wenn man uns Wie Tiere hetzt, ist uns die Wahl gelassen. Was zieht Ihr vor? Durch Flucht ein elend Leben Noch ein armselig Weilchen hinzufristen – Oder beherzt wie Eure stolzen Väter Kämpfend zu fallen, in der Hand den Stahl? Gabinius . Das letzte wählen wir! Viele Stimmen .             Führ' uns zum Tode! Catilina . Nun denn! So weihn wir uns durch diesen Tod Dem schönen Leben der Unsterblichen. Und unser Fall und unser Name wird Noch fernster Zeiten Stolz sein – Furia (ruft hinter ihnen unter den Bäumen:)                                                   Oder Schrecken! Einige Stimmen . Da seht! Ein Weib! Catilina .                   Wie! Furia! Du hier? Was trieb Dich her? Furia .                           Ich muß begleiten Dich – Zum Ziel. Catilina .     Nun denn, wo ist mein Ziel? Sprich's aus! Furia . Ein jeder sucht sein Ziel auf seine Art. Du suchst Dir Deins durch hoffnungslosen Kampf; Und dieser Kampf zeugt Untergang und Tod. Catilina . Doch Ehre auch und einen ewigen Namen! Geh, Weib! Zu stolz und schön ist diese Stunde; Mein Herz ist taub für Deinen heisern Schrei. ( Aurelia erscheint in der Zeltöffnung.) Aurelia . Mein Catilina –! (Sie hält beim Anblick der vielen Versammelten furchtsam inne.) Catilina (schmerzlich.)                         O, Aurelia! Aurelia . Was ist im Werke? Dieser Lärm im Lager –. Was geht hier vor? Catilina .                   Dich konnte ich vergessen! Was wird Dein Schicksal werden? Furia (höhnisch flüsternd, ohne von Aurelia bemerkt zu werden.)                                                     Wankst Du schon In Deinem hohen Vorsatz, Catilina? Ist das Dein Mut? Catilina (auffahrend.)                             Beim Reich des Todes, nein! Aurelia . O, sprich, Geliebter; martre mich nicht länger – Furia (leise hinter ihm.) Entflieh mit ihr, – und laß die Freunde sterben! Manlius . Verzieh nicht länger; führ' uns widern Feind – Catilina . O, welche Wahl! Und doch, – mich ruft mein Ziel; Ich darf auf halbem Weg nicht stehen bleiben (Ruft:) So folgt mir denn zum Kampf! Aurelia (wirft sich in seine Arme.)                                               Mein Catilina! Verlaß Dein Weib nicht, – oder nimm's mit Dir! Catilina . Nein, bleib, Aurelia! Furia (wie vorher.)       Nimm sie doch mit! So stirbst Du Deines Namens würdig, wenn sie Dich niederhaun – in eines Weibes Armen. Catilina (stößt Aurelia zur Seite.) Fort, die Du meinen Ruhm mir stehlen willst! Ich will ein Mann und unter Männern sterben. Ein Ruf ist mir zu sühnen und ein Leben – Furia . Recht so; recht so, mein stolzer Catilina! Catilina . Aus meiner Seele reiß' ich, was mich fesselt An alles, was ich war und einst erträumte! Was hinter diesem Heute liegt, – mir ist, Ich hätt' es nie gelebt – Aurelia .                         Verstoß mich nicht! Bei meiner Liebe, – ich beschwöre Dich, Laß uns zusammenbleiben, Teurer! Catilina .                                           Schweig! Mein Herz ist tot, mein Blick ist blind für Liebe. Vom Lebensblenkwerk wend' ich ab den Blick Und schau' nur auf den großen bleichen Stern Am Ruhmeshimmel – Aurelia .                       Helft mir, milde Götter! (Sie lehnt sich matt an den Baum vor dem Zelte.) Catilina (zu den Männern.) Und nun zur Tat. Manlius .                 Ich höre Schwerterschlag. Mehrere Stimmen . Sie nahn! Catilina .     Wohlan denn! Kühn ins Feld gezogen! Lang war der Schande Nacht. Bald graut ein Tag –! Zum Bad denn in des Kampfes Morgenwogen! Folgt mir! Vor Römerschwert und Römermut Verströme Romas letzter Rest sein Blut! (Sie eilen durch den Wald ab; vom Lager her hört man Lärm und Streitrufe.) Furia . Er ist fort. Ich bin am Ziel. Er stürzt in seinen Tod. Kalt und starr im Felde findet ihn das erste Rot. Aurelia (vor sich hin.) Seine grollerfüllte Seele hütete mein Bild nicht mehr? War es Traum nur? Nein, so scholl's ihm ja vom Munde liebeleer. Furia . Schwerter klirren; Catilina schwebt schon an des Grabes Rand; Bald – und wie ein stummer Schatten eilt er nach der Toten Land. Aurelia (fährt zusammen.) Ha, wer bist Du, unheilschwangre Stimme, die mir tönt, Wie wenn Eulennachtruf grausig aus den Wipfeln stöhnt! Stiegst Du aus dem Land der Schatten einer Warnung gleich, Catilina heimzuführen in Dein düstres Reich? Furia . Jeder strebt nach seiner Heimat, und sein Nachen fuhr Durch des Lebens Kot und Sümpfe – Aurelia .                                               Auf ein Kleines nur! Frei und edel war sein Herze, seine Seele gut und stark, Bis ein Giftkraut sie umrankte und ihr stahl ihr Mark. Furia . Frisch und grün auch der Platane breites Laubdach blickt, Bis in eines Schlinggewächses Arm ihr Stamm erstickt. Aurelia . Da verrietst Du Deinen Ursprung! Dieser Stimme Ton, Catilinas Lippen ist er nur zu oft entflohn. O, Du Schlange, die Du mir des Lebens Frucht zerstört, Die Du wider meine Bitten sein Gemüt empört! Aus durchwachter Nächte Träumen kenn' ich, Böse, Dich, Sah gestellt Dich wie ein Schreckbild zwischen ihn und mich An des teuern Mannes Seite träumt' ich mir zurück Stillbegrenzte Freudentage, häuslich schlichtes Glück. In sein müdes Herze pflanzt' ich Blumen bunt und fein, Und als ihre schönste setzt' ich meine Liebe ein. Nun entwurzelt liegt, Verhaßte, sie von Deiner Hand, Trauert nun im Staub, wo jüngst sie noch so freudig stand. Furia . Schwache Törin, Du willst leiten Catilinas Schritt? Siehst Du nicht, daß seine Seele ewig Dir entglitt? Glaubst Du, Deine Blumen trieben wohl auf solcher Flur? Veilchen blühn im sonnenschwangern Hauch des Frühlings nur, Während sich das Bilsenkraut ein Dach von Wolken lobt; Und schon längst war seine Seele herbstgewölkdurchtobt. Du verlorst Dein Spiel! Gar bald, so stockt sein Herzblut warm, Und, der Rache Opfer, liegt er in des Todes Arm. Aurelia (mit wachsendem Feuer.) Nein, Dein Tod, beim Licht des Himmels, soll ihn nicht umfahn! Noch zu seinem Herzen bricht sich meine Träne Bahn. Find' ich bleich und blutbedeckt ihn nach des Kampfes Qual, Will ich schlingen meine Arme um mein kalt Gemahl, Hauchen ihm auf stumme Lippen all die Liebe mein, Trösten ihn, ihm Frieden bringen, lindern seine Pein. Nemesis, Dein Opfer wind' ich kühn Dir aus der Hand, Bind' ihn an des Lichtes Heimat mit der Liebe Band. Und verstummt sein Herz, versinkt sein Aug' in Todesdust, Gehn wir aus dem Leben beide, zärtlich Brust an Brust. Schenkt mir denn, ihr milden Mächte, für mein schweres Los, An des teuern Gatten Seite Grabesfrieden still und groß! (Ab.) Furia (sieht ihr nach.) Such' ihn, Verblendete; ich fürchte nichts. Ich halt' den Sieg zu fest in meinen Händen. – Des Kampfes Toben wächst, von Todesschreien Begleitet und zerbrochner Schilde Fall. Ob er schon bluten mag? Ob er noch lebt? O, schöner Augenblick! Der Mond verbirgt sich In schwärzlichem Gewölk bei seinem Scheiden. Von neuem wird es auf ein Weilchen Nacht, Bevor es graut; – und wenn es grauen wird, Ist alles aus. Er geht im Dunkel unter, Wie er im Dunkel lebte. Schöner Augenblick! (Sie lauscht.) Da braust's vorüber wie Novembersturm Und stirbt in Flüstern hin in weiter Ferne; Der Feinde Heerbann fegt die Walstatt rein. Unhemmbar wälzt er, alles niederstampfend, Sich vorwärts wie ein Meer in seinem Wüten. Ich höre Jammer, Stöhnen, schwere Seufzer: Das letzte Wiegenlied, womit sie selbst sich In Schlummer singen und die Brüder alle. Nun stimmt die Eule ein und beut dem Volk Willkommen in der Schatten düstren Gauen. (Nach einer Pause.) Wie lautlos still. Jetzt ist er also mein, Mein ganz allein und mein für alle Zeiten. Jetzt mag uns des Vergessens Strom empfangen, Und über ihm das Land, dem's niemals tagt. Doch erst noch will ich seinen Leichnam suchen, Mich sättigend des Anblicks seiner schönen Verhaßten Züge, ehe sie der Sonne Zum Opfer fallen und der Raben Gier. (Will gehen, stutzt aber und fährt zurück.) Weh mir! Was gleitet übern Anger dort? Sind es des Sumpfes Dünste nur, die sich Im Morgenfrost zu festem Bild verdichten? Da kommt es näher. Catilinas Schatten! Sein Geist –! Ich seh' sein Aug' gebrochen, seinen Zerspaltnen Schild, sein klingenloses Schwert; Ich seh' den ganzen toten Mann; nur Eines, Seltsam, – die Todeswunde seh' ich nicht. ( Catilina kommt durch den Wald, bleich und matt, gesenkten Hauptes und verstörten Blickes.) Catilina (vor sich hin.) "Du fällst von eigner Hand, und doch Wird eine fremde Hand Dich fällen –" Ward mir geweissagt. Und ich bin gefallen – Und keiner traf mich doch. Wer löst das Rätsel? Furia . Sei mir gegrüßt, mein wackrer Catilina! Catilina . Weh' mir, wer bist Du? Furia .                               Eines Schatten Schatten. Catilina . Du bist es, Furia! Du grüßest mich? Furia . Willkommen in der Heimat denn! Nun können Wir Charons Boot besteigen, zwei Gespenster. Doch erst – nimm diesen Siegerkranz von mir. (Sie pflückt einige Blumen, die sie während des Folgenden zu einem Kranze zusammenflicht.) Catilina . Was tust Du da? Furia .                     Ich will die Stirn Dir schmücken. Doch sprich, was kommst Du so allein hierher? Ein toter Herzog käme nicht mit tausend Gefallenen? Wo sind sie, Deine Freunde? Catilina . Sie schlafen, Furia! Furia .                         Sie schlafen noch? Catilina . Sie schlafen noch – und werden lange schlafen. Sie schlafen alle. Schleiche durch den Wald Und lug' aufs Feld hinaus, – still; stör' sie nicht! Da wirst Du sie in langen Reihen finden. Sie nickten ein beim Wiegenlied des Schwerts; Sie nickten – und erwachten nicht wie ich, Da sich das Lied verlor in fernen Bergen. Du schaltst mich ein Gespenst. Jawohl, ich bin Nur ein Gespenst noch. Aber glaub' nur nicht, Daß jener Schlummern so ganz ruhig wäre Und ohne Träume. Glaub' das nicht! Furia .                                                   So sprich! Was träumt den Freunden Dein? Catilina .                                       Du sollst es hören. Ich focht an ihrer Spitze, hoffnungslos, Und suchte in des Feindes Schwert den Tod. Zur Rechten und zur Linken stürzten sie, Statilius, Gabinius, Manlius; Mein Curius fiel, da er die Brust mir deckte; Sie alle traf das blanke Römerschwert, Dasselbe Schwert, das mich allein verschmähte. Roms Waffen, ja, verschmähten Catilina! Die Wehr' zerbrochen, stand ich halb betäubt, Empfindungslos, indes des Kampfes Wogen Mich überströmten. Sammlung fand ich erst, Als alles still um mich; und ich sah auf: Die Schlacht lag wie ein Meer weit hinter mir! Wie lange stand ich so? Ich weiß nur das: Ich stand allein im Kreise meiner Toten. Doch Leben war in diesen starren Augen; Des Mundes Winkel schürzt' ein Lächeln auf, Und Aug' und Lächeln wandte sich auf mich, Der ich allein noch aufrecht stand, auf mich, Der ich gekämpft für sie und Rom, auf mich, Der wiederum verachtet stand, verschmäht Vom Schwerte Roms. Da starb auch Catilina. Furia . Falsch hast Du Deiner Toten Traum gedeutet; Falsch ausgelegt, was Dich getötet hat. Mit Blick und Lächeln luden sie Dich ein, Zu schlafen wie sie selbst – Catilina .                               Ja, wenn ich's könnte! Furia . Getrost, Gespenst von einem Helden Du; Dein Ruhestündlein naht. Komm; beug' Dein Haupt; Daß ich Dich schmücke mit dem Kranz des Siegers. (Sie reicht ihn ihm.) Catilina . Pfui! Was ist das? Ein Mohnkranz –! Furia (mit wilder Lustigkeit.)               Nun, gewiß! Ist roter Mohn nicht prächtig? Leuchten wird er Um Deine Stirne wie ein Reif von Blut. Catilina . Hinweg damit! Ich hasse dieses Rot. Furia (lacht auf.) Du liebst wohl mehr die matten, bleichen Farben? Gut denn! So hol' ich Dir den grünen Schilfkranz, Den Silvia in nassen Locken trug, Da sie heraufkam – an der Tibermündung. Catilina . O, welche Bilder –! Furia .                         Oder bring' ich lieber Die Silberdisteln Dir vom Marktplatz Roms, Mit braunen Flecken von dem Bürgerblut, Das Deine Hand vergoß, mein Catilina? Catilina . Halt inne! Furia .           Oder willst Du einen Laubkranz Von jenem Eichbaum an der Mutter Haus, Der welkte, da ein jung, geschändet Weib Mit gellen Schreien in die Fluten sprang? Catilina . Leer' Deiner Rache Schalen über mich Auf einmal aus –! Furia .                       Ich bin Dein eignes Auge, Dein eigenes Gedächtnis und Gericht. Catilina . Doch warum jetzt –? Furia .                             Es schaut ja wohl am Ziel Auf seinen Weg zurück der müde Wandrer. Catilina . So stände ich am Ziel? Ist dies das Ziel? Ich bin lebendig nicht und nicht begraben. Wo liegt das Ziel? Furia .                         Ganz nah, – sobald Du willst. Catilina . Ich habe keinen Willen mehr, seitdem Mir alles, was ich einst gewollt, zerbrach. (Wehrt mit den Händen ab.) Weicht von mir, weicht von mir, ihr fahlen Schatten! Was heischt Ihr von mir, Männer Ihr und Weiber? Ihr kommt umsonst –! O, mehr und immer mehr! Furia . Noch allzu erdgebunden ist Dein Schatten. Zerreiße dieser tausend Fäden Netz! Und laß den Kranz ins Haar Dir drücken, komm; Er wirkt mit heilsamer Vergessenskraft; Er macht Dich still; er tötet das Gedächtnis. Catilina (tonlos.) Er tötet das Gedächtnis? Sprächst Du wahr? So drück' den Giftkranz dicht um meine Stirne. Furia (setzt ihm den Kranz aufs Haupt.) Nun bist Du schön geschmückt. So, Catilina, Tritt vor den Fürsten nun der Finsternis! Catilina . Komm, laß uns gehn! Ich sehne mich hinab; Ich lechze heim nach aller Schatten Heimat. Laß uns zusammen gehn! Was bannt mich noch? Was stockt mein Fuß? – Ich fühle hinter mir Am Morgenhimmelszelt ein blaß Gestirn; Das hält mich noch zurück im Land des Lebens; Das zieht mich an so wie der Mond das Meer. Furia . Komm mit, komm mit! Catilina .                       Es winkt und blinkt mir zu. Ich kann Dich nicht begleiten, eh' dies Licht Nicht auslischt oder vom Gewölk verhüllt wird Nun seh' ich es! Es ist kein Stern, es ist Ein Menschenherz, das liebend glüht und pocht; Es bindet mich, es fesselt und es lockt, Als wie der Abendstern des Kindes Auge. Furia . Mach's stumm, dies Herz! Catilina .                             Wie meinst Du das? Furia .                                                                   Du hast Den Dolch im Gürtel noch. Ein rascher Stoß, – Und es erlischt der Stern und bricht dies Herz, Das zwischen Deins und meins sich feindlich stellt. Catilina . Ich sollte –? Blank und spitzig ist der Dolch – (Mit einem Aufschrei.) Aurelia! Aurelia, wo bist Du? O, wärst Du nah! Nein, nein; nicht sehen Dich! Und doch bedünkt mich, alles würde gut Und Friede käme, könnte ich mein Haupt An Deinen Busen legen und – bereuen! Furia . Bereuen? Catilina .     Alles, was ich frevelte! Bereuen, daß ich war und daß ich lebte. Furia . Zu spät! Es führt von da, wo jetzt Du stehst, Kein Weg zurück. Prob's immer aus, Du Tor! Ich kehre heim. Leg' Du Dein Haupt nur immer An ihre Brust und finde dort den Frieden, Den Du für Deine müde Seele suchst! (Mit wachsendem Ungestüm.) Bald steht sie auf, die Schar der tausend Toten; Verführte Weiber schließen sich ihr an; Und alle, alle werden fordern, was Du ihnen raubtest, Leben, Blut und Ehre. Erschrocken wirst Du in die Nacht entfliehen, Rund um den Erdkreis fliehn durch alle Lande, Actäon gleich, gejagt von wilden Meuten, Ein Schattenbild, gejagt von tausend Schatten! Catilina . Ich seh' es, Furia! Hier bin ich friedlos, Im Reich des Lichtes heimatlos fortan! Ich folge Dir ins Schattenland hinab – Und will das Band, das mich noch hält, zerschneiden. Furia . Was tastest Du den Dolch an? Catilina .                                     Sie soll sterben. (Ein Blitz fährt hernieder und der Donner rollt.) Furia . Die Götter jubeln Deinem Vorsatz zu! Sieh, Catilina, sieh, – dort kommt Dein Weib. ( Aurelia kommt angstvoll suchend durch den Wald.) Aurelia . Wo mag er sein! Wo soll ich ihn nur finden! Er ist nicht bei den Toten – (Wird seiner gewahr.)                                         Hoher Himmel; – Mein Catilina! (Sie eilt auf ihn zu.) Catilina (mit irrem Ausdruck.)                       Nenn nicht diesen Namen! Aurelia . Du lebst! Ja –! (Will sich in seine Arme werfen.) Catilina (abwehrend.)                       Laß mich, Weib! Ich lebe nicht. Aurelia . Hör' mich, Geliebter –! Catilina .                       Schweig; ich will nicht hören! Ich hasse Dich; ich wittre Deine List; Du willst mich an ein halbes Leben schmieden. Starr' mich nicht an! Mich martern Deine Augen, Sie bohren sich ins Herz mir wie ein Dolch! Der Dolch, der Dolch, o! Stirb! Schließ Deine Augen – (Er zieht seinen Dolch und ergreift sie beim Arm.) Aurelia . Wacht, milde Götter, über ihn und mich! Catilina . Schließ Deine Augen; schließ sie, sag' ich Dir; Sie bergen Sternenglanz und Morgenhimmel –. Nun soll des Morgenhimmels Stern erlöschen! (Der Donner rollt abermals.) Dein Herzblut! Horch, des Lebens Götter richten Ihr Abschiedswort an Dich und Catilina! (Er erhebt den Dolch gegen ihre Brust; sie flüchtet ins Zelt hinein; er verfolgt sie.) Furia (horchend.) Sie streckt die Hände flehend wider ihn. Sie bittet um ihr Leben. Er bleibt hart. Da stößt er zu. Da fiel sie in ihr Blut. ( Catilina kommt, den Dolch in der Hand, langsam aus dem Zelte.) Catilina . Jetzt bin ich frei. Und bald bin ich nichts mehr. Schön hüllt Vergessen mir die Seele ein; Ich seh' und hör' nur noch undeutlich wirr, Wie ein Ertrinkender. Sag', weißt Du wohl, Was ich mit diesem kleinen Dolch getötet? Nicht sie nur, – alle Herzen, die da schlagen, Alles was lebt, alles was grünt und blüht; Die Sterne löscht' ich aus, des Mondes Scheibe, Der Sonne Glut. Sieh hin, – sie will nicht kommen. Sie wird es nimmermehr; tot ist die Sonne. Nun ist der ganzen weiten Erde Kreis Verwandelt in ein kalt, unendlich Grab Mit grauer Wölbung, und zu dieser Wölbung Aufstarren wir, gehaßt von Licht und Dunkel, Von Tod und Leben, – ruhelose Schatten. Furia . Wir stehn am Ziele, Catilina! Catilina .                                 Nein; Ein Schritt noch, und erst dann bin ich am Ziel. Nimm meine Last erst von mir! Siehst Du nicht: Mein Rücken ächzt von Catilinas Leiche! Treib einen Pfahl durch diesen Leichnam erst! (Weist ihr den Dolch.) Erlös' mich, Furia! Nimm diesen Pfahl; – Ihn trieb ich in des Morgensternes Auge. Nimm, nimm und ramm' ihn mitten durch den Leichnam, So wird er ohne Macht, – und ich bin frei. Furia (ergreift den Dolch.) Stirb, Seele, denn, die ich im Haß geliebt! Wirf ab Dein Irdisches und komm mit mir! (Sie bohrt ihm den Dolch tief in die Brust; er sinkt am Fuß des Baumes nieder.) Catilina (kommt nach einer Pause zur Besinnung, fährt mit der Hand über die Stirn und sagt mit matter Stimme:) O, nun was es, daß ich endlich, Geist, Dein Wort verstand! Fiel ich halb doch von der eignen, halb von fremder Hand. Nemesis tat ihre Pflicht. Nun birg mich, Todesnacht! Styx, auf Deinen Nacken nimm sie nun, die stille Fracht. Setz' sie über; trag den Nachen an sein Ziel sogleich, Nach der Heimat aller Schatten, nach des stummen Fürsten Reich. In zwei Pfade teilt der Weg sich dort; ich wende stumm Mich zur Linken – Aurelia (vom Zelt her, bleich und wankend, mit blutender Brust.)                             Nein zur Rechten! Gen Elysium! Catilina (fährt zusammen.) O, wie mir vor diesem lichten Bilde bangt und graut! Sag' mir, bist Du's selbst, Aurelia, die mein Auge schaut? Aurelia (kniet bei ihm nieder.) Ja, ich bin's und komme lindern Deiner Wunden Wehn, Lebe noch, um Brust an Brust mit Dir dahinzugehn. Catilina . O, Du lebst! Aurelia .         Nur einer Ohnmacht Schleier fiel um mich; Doch mein Auge folgte matt Dir; alles hörte ich; Und mein Lieben gab mir wieder einer Gattin Kraft; – Brust an Brust, mein Teurer, sei es, daß der Tod uns rafft! Catilina . Könnt' es sein! Doch, ach, vergebens ist all Hoffen Dein. Lebe wohl! Mein Leben fordern die Erinnyen ein. Du magst frei und flüchtig eilen hin in Licht und Glück; Ich muß über des Vergessens Strom in Nacht zurück. (Im Hintergrunde bricht der Tag an.) Aurelia (zeigt auf die zunehmende Helle.) Vor der Liebe weicht des Todes Schrecken und des Todes Nacht. Sieh, schon flieht die Donnerwolke, und der Morgenstern erwacht. (Mit emporgestreckten Händen.) Sieh, das Licht siegt! Und der Tag bricht groß und strahlend an! Catilina, komm! Schon, fühl' ich, naht des Todes Bann. (Sie sinkt über ihn hin.) Catilina (drückt sie eng an sich und sagt mit letzter Kraft:) O, wie lieblich! Wiederkehrt mir mein vergessner Traum: Wie von Strahlenflut zerteilet ward mein Grabesraum, Wie's von Kindermund entgegen scholl dem jungen Licht. Ach, mein Arm wird schwach und schwächer, und mein Auge bricht; Aber hell ward mir's im Herzen, hell wie nimmerdar, Und auf meine wirren Wege blick' ich mild und klar. Ja, mein Leben war ein Nachtsturm wetterscheindurchloht; Doch ein rosiger Morgendämmer ward zuletzt mein Tod. (Beugt sich über sie.) Du vertriebst die Finsternisse; ruhig ward mein Sinn. Ziehn wir denn zum Reich des Lichtes und des Friedens hin. (Er reißt sich den Dolch rasch aus der Brust und sagt mit sterbender Stimme:) Sieh, des Morgens milde Mächte schaun versöhnt herab; Und besiegt durch Deine Liebe flieht die Nacht ins Grab! (Während des letzten Auftritts hat Furia sich mehr und mehr nach dem Hintergrund zu entfernt, wo sie zwischen den Bäumen verschwindet. Catilinas Haupt sinkt nieder auf Aurelias Brust; sie sterben.)