35 A. Ergebnisse der Beobachtung aus dem uranologischen Theile der physischen Weltbeschreibung. Wir beginnen wieder mit den Tiefen des Weltraumes und den fernen Sporaden der Sternschwärme, welche dem telescopischen Sehen als schwach aufglimmende Nebelflecke erscheinen. Stufenweise steigen wir herab zu den um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt kreisenden, oft zweifarbigen Doppelsternen; zu den näheren Sternschichten, deren eine unser Planetensystem zu umschließen scheint; durch dieses Planetensystem zu dem luft- und meerumflossenen Erdsphäroid , das wir bewohnen. Es ist schon in dem Eingange des allgemeinen Naturgemäldes 1035) angedeutet worden, daß dieser Ideengang dem eigentlichen Charakter eines Werkes über den Kosmos allein angemessen ist: da hier nicht, den Bedürfnissen unmittelbarer sinnlicher Anschauung entsprechend, von dem heimischen, durch organische Kräfte auf seiner Oberfläche belebten, irdischen Wohnsitze begonnen und von den scheinbaren Bewegungen der Weltkörper zu den wirklichen übergegangen werden kann.. 36 Das uranologische Gebiet, dem tellurischen entgegengesetzt, zerfällt bequem in zwei Abtheilungen: von denen die eine die Astrognosie oder den Fixsternhimmel , die andere unser Sonnen - und Planetensystem umfaßt. Wie unvollkommen und ungenügend eine solche Nomenclatur, die Bezeichnung solcher Abtheilungen ist, braucht hier nicht wiederholt entwickelt zu werden. Es sind in den Naturwissenschaften Namen eingeführt worden, ehe man die Verschiedenartigkeit der Objecte und ihre strengere Begrenzung hinlänglich kannte. 1036) Das Wichtigste bleibt die Verkettung der Ideen und die Anreihung, nach der die Objecte behandelt werden sollen. Neuerungen in den Namen der Gruppen, Ablenkung vielgebrauchter Namen von ihrer bisherigen Bedeutung wirken entfremdend und zugleich Verwirrung erregend. α. Astrognosie (Fixsternhimmel). Nichts ist ruhend im Weltraum; auch die Fixsterne sind es nicht: wie zuerst Halley 1037) an Sirius, Arcturus und Aldebaran darzuthun versuchte, und die neuere Zeit unwidersprechlich bei vielen erwiesen hat. Der helle Stern im Ochsenhüter Arcturus hat in den 2100 Jahren (seit Aristyllus und Hipparch), die er beobachtet wird, um drittehalb Vollmond-Breiten seinen Ort verändert gegen die benachbarten schwächeren Sterne. Encke bemerkt, »daß der Stern μ in der Cassiopeja um 3½, der Stern 61 des Schwans um 6 Vollmond-Breiten von ihrer Stelle gerückt erschienen sein würden, wenn die alten Beobachtungen genau genug gewesen wären, um es anzuzeigen«. Schlüsse, auf Analogien 37 gegründet, berechtigen zu der Vermuthung, daß überall fortschreitende und auch wohl rotirende Bewegung ist. Der Name Fixstern leitet auf irrige Voraussetzungen: man mag ihn in seiner ersten Deutung bei den Griechen auf das Eingeheftet-Sein in den krystallenen Himmel; oder nach späterer, mehr römischer Deutung auf das Feste, Ruhende beziehen. Eine dieser Ideen mußte zu der anderen führen. Im griechischen Alterthum, wenigstens hinaufreichend bis Anaximenes aus der ionischen Schule oder bis zu dem Pythagoreer Alcmäon, wurden alle Gestirne eingetheilt in wandelnde (άστρα πλανώμενα oder πλανητά) und in nicht wandelnde , feste Sterne (απλανεις αστέρες oder απλανη άστρα). 1038) Neben dieser allgemein gebrauchten Benennung der Fixsterne, welche Macrobius im Somnium Scipionis durch Sphaera aplanes latinisirt 1039) , findet sich bei Aristoteles mehrfach (als wolle er einen neuen terminus technicus durchführen) für Fixsterne der Name eingehefteter Gestirne, ενδεδεμένα άστρα statt απλανη. 1040) Aus dieser Wortform sind entstanden: bei Cicero sidera infixa coelo ; bei Plinius stellas, quas putamus affixas ; bei Manilius astra fixa , ganz wie unsere Fixsterne . 1041) Die Idee des Eingeheftet-Seins leitete auf den Nebenbegriff der Unbeweglichkeit, des fest an einer Stelle Bleibens; und so wurde das ganze Mittelalter hindurch, in lateinischen Uebersetzungen, die ursprüngliche Bedeutung des Worts infixum oder affixum sidus nach und nach verdrängt, und die Idee der Unbeweglichkeit allein festgehalten. Den Anstoß dazu finden wir schon in der sehr rhetorischen Stelle des Seneca ( Nat. Quaest. VII, 24 ) über die Möglichkeit neue Planeten zu entdecken: »credis 38 autem in hoc maximo et pulcherrimo corpore inter innumerabiles stellas, quae noctem decore vario distinguunt, quae aera minime vacuum et inertem esse patiuntur, quinque solas esse, quibus exercere se liceat; ceteras stare, fixum et immobilem populum? Dies stille, unbewegliche Volk ist nirgends zu finden. Um die Hauptresultate wirklicher Beobachtung und die Schlüsse oder Vermuthungen, zu welchen diese Beobachtungen führen, bequem in Gruppen zu vertheilen, sondere ich in der astrognostischen Sphäre der Weltbeschreibung von einander ab: die Betrachtungen über den Weltraum und was ihn zu erfüllen scheint; das natürliche und telescopische Sehen , das Funkeln der Gestirne, die Geschwindigkeit des Lichts und die photometrischen Versuche über die Intensität des Sternenlichtes; die Zahl , Vertheilung und Farbe der Sterne; die Sternhaufen ( Sternschwärme ) und die Milchstraße , welche mit wenigen Nebelflecken gemengt ist; die neu-erschienenen und die verschwundenen Sterne , die periodisch veränderlichen; die eigene Bewegung der Fixsterne, die problematische Existenz dunkeler Weltkörper , die Parallaxe und gemessene Entfernung einiger Fixsterne; die Doppelsterne und die Zeit ihres Umlaufs um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt; die Nebelflecke , welche in den Magellanischen Wolken mit vielen Sternhaufen vermischt sind; die schwarzen Flecken (Kohlensäcke) am Himmelsgewölbe. Kosmos Bd. I. S. 80 und 84 .   A. a. O. S. 51 .   Halley in den Philos. Transact. for 1717 Vol. XXX. p. 736 .   Pseudo-Plut. de plac. Philos. II, 15–16 ; Stob . eclog. phys. p. 582 , Plato im Tim. p. 40 .   Macrob . somnium Scip. I, 9–10; stellae inerrantes bei Cicero de natura deorum III, 20 .   Die Hauptstelle für den technischen Ausdruck ενδεδεμένα άστρα ist Aristot . de Coelo II, 8 p. 289 lin. 34, p. 290 lin. 19 Bekker. Es hatte diese Veränderung der Nomenclatur schon früher bei meinen Untersuchungen über die Optik des Ptolemäus und seine Versuche über die Strahlenbrechung meine Aufmerksamkeit lebhaft auf sich gezogen. Herr Professor Franz, dessen philologische Gelehrsamkeit ich oft und gern benutze, erinnert, daß auch Ptolemäus ( Syntax. VII, 1 ) von den Fixsternen sagt: ώσπερ προσπεφυκότες, wie angeheftet. Ueber den Ausdruck σφαιρα απλανής orbis inerrans bemerkt Ptolemäus tadelnd: »in so fern die Sterne ihre Abstände stets zu einander bewahren, können wir sie mit Recht απλανεις nennen; in so fern aber die ganze Sphäre, in welcher sie gleichsam angewachsen ihren Lauf vollenden, eine eigenthümliche Bewegung hat: ist die Benennung απλανης für die Sphäre wenig passend.«   Cicero de natura deorum I, 13 , Plin . II, 6 und 24; Manilius II, 35.