Henrik Ibsen Hedda Gabler Schauspiel in vier Akten Personen Jörgen Tesman , Staatsstipendiat der Kulturgeschichte Hedda , seine Frau Fräulein Juliane Tesman , seine Tante Frau Elvsted Assessor Brack Ejlert Lövborg Berte , Dienstmädchen bei Tesman Das Stück spielt in Tesmans Villa; westliche Stadtgegend. [Sprich: Elwsted, Eilert Löwborg; Rüsing.] Erster Akt Ein geräumiges, fein und geschmackvoll eingerichtetes Gesellschaftszimmer, dekoriert in dunkeln Farben. An der Rückwand eine breite Türöffnung mit zurückgeschlagenen Portièren. Durch diese Öffnung gelangt man in ein kleineres Zimmer, das in demselben Stil gehalten ist wie das Gesellschaftszimmer. An der rechten Wand des Gesellschaftszimmers ist eine Flügeltür, durch die man ins Vorzimmer kommt. Gegenüber, zur Linken, eine Glastür, gleichfalls mit zurückgeschlagenem Vorhang. Durch die Scheiben erblickt man einen Teil der draußen liegenden, gedeckten Veranda und herbstlich gefärbte Laubbäume. Im Vordergrund steht ein ovaler Tisch mit Decke, der von Stühlen umgeben ist. Vor der rechten Wand ein breiter, dunkler Kachelofen, ein Lehnstuhl mit hohem Rücken, ein Fußschemel mit Kissen und zwei Taburetts. Hinten im Winkel rechts ein Ecksofa und ein kleiner runder Tisch. Vorn links, etwas von der Wand entfernt, ein Sofa. An der Glastür ein Pianoforte. Zu beiden Seiten der Türöffnung im Hintergrund stehen Etagèren mit Terrakotta- und Majolika-Gegenständen. – An der Rückwand des inneren Zimmers sieht man ein Sofa, einen Tisch und ein paar Stühle. Über diesem Sofa hängt das Porträt eines schönen älteren Mannes in Generalsuniform. Über dem Tisch eine Hängelampe mit Glocke von mattem Milchglas. – Ringsum im Gesellschaftszimmer eine Menge Blumensträuße in Vasen und Gläsern; andere liegen auf dem Tische. Beide Zimmer sind mit dicken Fußteppichen belegt. – Morgenbeleuchtung. Die Sonne scheint durch die Glastür. Juliane Tesman , mit Hut und Sonnenschirm, kommt durch das Vorzimmer; Berte , die ein mit Papier umwickeltes Bukett trägt, folgt ihr. Fräulein Tesman ist eine Dame von angenehmem und gutmütigem Aussehen; sie ist ungefähr 65 Jahre. Einfach, doch sorgfältig gekleidet; graues Straßenkostüm. Berte ist ein älteres Dienstmädchen von schlichtem, etwas ländlichem Äußern. Fräulein Tesman bleibt innerhalb der Tür stehen, horcht und sagt mit gedämpfter Stimme: Aber nein –! Ich glaube wirklich, sie sind noch nicht auf den Beinen! Berte gleichfalls mit gedämpfter Stimme. Das habe ich doch gesagt, Fräulein. Denken Sie doch bloß, wie spät in der Nacht das Dampfschiff angekommen ist! Und dann nachher! Herrjeh, – was die junge Frau nicht alles noch auszupacken hatte, bis sie zu Bett kam! Fräulein Tesman . Ja, ja – mögen sie sich nur recht ausschlafen! Aber frische Morgenluft, die sollen sie im Zimmer haben, wenn sie kommen. Sie geht zur Glastür und macht sie weit auf. Berte am Tisch, ratlos, mit dem Bukett in der Hand. Wahrhaftigen Gott ja, – ob hier wohl noch ein anständiger Platz ist! – Ich meine, ich setz' es dahin, Fräulein! Stellt das Bukett aufs Piano. Fräulein Tesman . Na, jetzt hast Du also eine neue Herrschaft, meine liebe Berte. Der Himmel weiß, wie furchtbar schwer es mir geworden ist, mich von Dir zu trennen. Berte weinerlich . Und mir erst, Fräulein! Was soll ich erst sagen? Ich habe doch nun schon so manches liebe Jahr in der Fräuleins Lohn und Brod gestanden. Fräulein Tesman . Wir müssen uns drein schicken, Berte. Es bleibt uns weiß Gott nichts anderes übrig. Sieh mal, Jörgen muß Dich in der Wirtschaft haben. Er muß . Von Kindesbeinen an war er ja doch gewöhnt, daß Du für ihn sorgst. Berte . Ja Fräulein, aber die kommt mir doch gar nicht aus dem Sinn, die zu Hause liegt. Die Arme, die so ganz hilflos ist! Und nun gar das neue Mädchen! In ihrem ganzen Leben lernt die nicht, es der Kranken recht zu machen. Fräulein Tesman . Ach, ich werde sie schon noch dazu anlernen. Und die Hauptsache nehme ich selbst auf mich, verstehst Du. Wegen meiner armen Schwester, da brauchst Du Dir keine Sorge zu machen, meine liebe Berte. Berte . Ja, aber es ist auch noch etwas andres, Fräulein. Ich bin nämlich ordentlich bange, ich mache es der jungen Frau nicht recht. Fräulein Tesman . Na, lieber Gott, – im Anfang kann vielleicht wohl dies oder das – Berte . Ach, die ist gewiß sehr heiklich. Fräulein Tesman . Das kannst Du Dir doch denken. Die Tochter des Generals Gabler. Freilich, wie die es gewohnt war, solange der General noch lebte! Weißt Du noch, wenn sie mit ihrem Vater ausgeritten ist? In dem langen schwarzen Tuchrock? Und mit Federn auf dem Hut? Berte . I ja – das sollt' ich meinen! – Nein, wahrhaftigen Gott, wer hätte damals gedacht, daß aus ihr und dem Herrn Kandidaten ein Paar werden sollte! Fräulein Tesman . Ich hätte es auch nicht gedacht. Aber ist ja wahr, – Du, Berte, ehe ich es vergesse: Du darfst Jörgen nicht mehr Kandidat nennen. Du mußt sagen: Herr Doktor. Berte . Ja, das hat die junge Frau auch gesagt – die Nacht, – gleich, wie sie zur Tür hereingekommen sind. Ist denn das richtig, Fräulein? Fräulein Tesman . Freilich ist das richtig. Denk nur, – sie haben ihn zum Doktor gemacht, im Ausland. Jetzt, auf der Reise, verstehst Du. Ich wußte kein Sterbenswörtchen davon – bis er mir es unten auf der Dampfschiffsbrücke erzählte. Berte . I ja, aus dem kann noch alles Mögliche werden. So flink, wie der ist. Aber das hätte ich doch nun und nimmer gedacht, daß er sich auch damit abgeben würde, die Leute zu kurieren. Fräulein Tesman . Nein, solch ein Doktor ist er nicht geworden. – Nickt bedeutungsvoll. Übrigens ist es vielleicht bald so weit, daß Du ihn noch stattlicher titulieren kannst. Berte . Was Sie sagen! Und wie denn, Fräulein? Fräulein Tesman lächelt . Hm, – ja, das möchtest Du wohl wissen! Bewegt. Ach, lieber Gott ja, – wenn Jochum selig aus seinem Grabe aufstehen und schauen könnte, was aus seinem kleinen Jungen geworden ist! Sieht sich um. Aber hör' mal, Berte, – warum hast Du das getan und die Überzüge von allen Möbeln weggenommen. Berte . Die gnädige Frau sagte, ich sollt' es tun. Sie kann keine Überzüge an den Stühlen leiden, sagte sie. Fräulein Tesman . Also wollen sie sich hier drin aufhalten – so für alle Tage? Berte . Ja, es scheint so. Wenigstens die junge Frau. Denn er – der Herr Doktor, – der hat nichts gesagt. Tesman kommt trällernd von der rechten Seite des Hinterzimmers, einen offenen leeren Handkoffer tragend. Er ist ein mittelgroßer Mann von jugendlichem Aussehen, 33 Jahre alt, etwas korpulent, mit einem offenen, runden, vergnügten Gesicht, blondem Haar und Bart. Er trägt eine Brille und hat einen bequemen, etwas nachlässigen Hausanzug an. Fräulein Tesman . Guten Morgen, guten Morgen, Jörgen! Tesman in der Türöffnung . Tante Julle! Liebe Tante Julle! Geht auf sie zu und schüttelt ihr die Hand. Den weiten Weg hier heraus – und so früh am Tage! Was? Fräulein Tesman . Du kannst Dir doch denken, ich mußte auf ein Weilchen bei Euch vorsprechen. Tesman . Und dabei hast Du noch nicht einmal Deine ordentliche Nachtruhe gehabt! Fräulein Tesman . Ach, das macht mir gar nichts! Tesman . Na, Du bist doch gut nach Haus gekommen von der Landungsbrücke? Was? Fräulein Tesman . Ja natürlich – Gott sei Dank! Der Herr Assessor war so freundlich, mich bis an die Haustür zu begleiten. Tesman . Es hat uns leid getan, daß wir Dich nicht im Wagen mitnehmen konnten. Aber, Du hast ja selbst gesehen –. Hedda hatte so viele Schachteln, die mitmußten. Fräulein Tesman . Ja, sie hatte wirklich die schwere Menge Schachteln mit. Berte zu Tesman . Soll ich vielleicht hineingehen und die gnädige Frau fragen, ob ich ihr mit was helfen kann? Tesman . Nein, – danke, Berte, – laß das lieber sein. Sie sagte, sie wird schon klingeln, wenn sie etwas von Dir will. Berte geht nach rechts . So so, ja. Tesman . Da sieh mal, Du, – nimm den Koffer da mit! Berte nimmt ihn . Den bring' ich auf den Boden rauf. Sie geht durch die Vorzimmertür hinaus. Tesman . Du, Tante, denke Dir, – den ganzen Koffer hatte ich gestopft voll nur mit Abschriften. Du, es ist geradezu unglaublich, was ich da alles in den Archiven herum gesammelt habe. Alte, merkwürdige Sachen, mit denen kein Mensch etwas anzufangen wußte – Fräulein Tesman . Ja, ja, – Du hast Deine Zeit auf der Hochzeitsreise nicht verschwendet, Jörgen. Tesman . Ja, das darf ich wohl sagen. Aber so nimm doch Deinen Hut ab, Tante! So! Komm, ich will Dir die Schleife aufbinden. Was? Fräulein Tesman , während er es tut . Ach, lieber Gott, – das ist ja gerade so, als ob Du noch bei uns zu Hause wärst. Tesman dreht und wendet den Hut in der Hand . Aber, was Du Dir für einen schönen eleganten Hut zugelegt hast! Fräulein Tesman . Den habe ich mir wegen Hedda angeschafft. Tesman . Wegen Hedda? Was? Fräulein Tesman . Ja, damit Hedda sich meiner nicht zu schämen braucht, wenn wir einmal zusammen auf der Straße gehen. Tesman klopft sie auf die Backe . Du denkst aber auch an alles, Du gute Tante Julle! Legt den Hut auf einen Stuhl beim Tische. Und nun, – siehst Du, – nun lassen wir uns auf dem Sofa hier häuslich nieder – und schwätzen ein bißchen, bis Hedda kommt. Sie setzen sich, Fräulein Tesman stellt ihren Sonnenschirm in die Sofaecke. Fräulein Tesman ergreift Tesmans beide Hände und sieht ihn an . Ach, wie wunderbar wohl das tut, Dich wieder vor Augen zu haben, wie Du leibst und lebst, Jörgen! O, Du, – Du lieber Junge unseres seligen Jochum! Tesman . Und mir erst! Dich wiederzusehen, Tante Julle! Du, die Vater- und Mutterstelle an mir vertreten hat. Fräulein Tesman . Ja, ich weiß wohl, Du wirst Deine alten Tanten immer lieb haben. Tesman . Und mit Tante Rina geht es also noch gar nicht besser? Was? Fräulein Tesman . Ach nein, Du, – für die Ärmste ist keine Besserung zu erwarten. Die liegt noch immer da, wie sie in den ganzen Jahren dagelegen hat. Aber der Himmel gebe, daß ich sie noch eine Zeit behalte! Denn sonst weiß ich wirklich nicht, was ich mit dem Leben anfangen soll. Besonders jetzt, sieh mal, wo ich nicht mehr für Dich zu sorgen habe. Tesman klopft sie auf den Rücken . Na, na, na –! Fräulein Tesman fällt unversehens in einen anderen Ton . Nein, wenn man bedenkt, daß Du jetzt ein Ehemann bist, Jörgen! Und daß von allen Du Hedda Gabler heimgeführt hast. Denk einer an! Die reizende Hedda Gabler, – die so viele Kurmacher um sich hatte! Tesman trällert leicht und lächelt zufrieden . Ja, ich glaube schon, hier in der Stadt laufen nicht wenige gute Freunde von mir herum und beneiden mich. Was? Fräulein Tesman . Und daß Du eine so lange Hochzeitsreise machen konntest! Über fünf – fast sechs Monate – Tesman . Na, – für mich ist es ja doch auch eine Art Studienreise gewesen. Wie viele Archive mußte ich nicht durchforschen –! Und Du, – die Masse Bücher, die ich zu lesen hatte! Fräulein Tesman . I freilich, ja. Vertraulicher und mit etwas gedämpfter Stimme. Aber hör' mal, Jörgen – hast Du mir nicht was – was Extraes zu erzählen? Tesman . Von der Reise? Fräulein Tesman . Ja. Tesman . Nein, mehr, als was ich in meinen Briefen geschrieben habe, weiß ich nicht. Daß ich den Doktor gemacht habe da unten, – das habe ich Dir doch gestern erzählt. Fräulein Tesman . Ja, das schon. Aber ich meine, – ob Du nicht – nicht – Aussichten hast –? Tesman . Aussichten? Fräulein Tesman . Mein Gott, Jörgen, – ich bin doch Deine alte Tante! Tesman . Freilich habe ich Aussichten, jawohl. Fräulein Tesman . Na also! Tesman . Ich habe sogar die allerbesten Aussichten, in nächster Zeit Professor zu werden. Fräulein Tesman . Ja, Professor, ja – Tesman . Oder, – ich darf schon sagen, ich habe die Gewißheit, daß ich es werde. Aber, beste Tante Julle, das weißt Du doch selbst recht gut. Fräulein Tesman schmunzelnd . Ja, allerdings. Da hast Du recht. Wechselt den Ton. Aber wir wollten ja von der Reise reden. – Sie hat Dich wohl eine schwere Menge Geld gekostet, Jörgen? Tesman . Na, lieber Gott, – das große Stipendium hat ja ein schönes Stück vorwärts geholfen. Fräulein Tesman . Ich verstehe nur nicht, wie Du es angefangen hast, daß es für zwei langte. Tesman . Ja, ja, das ist auch nicht so ohne weiteres zu verstehen. Was? Fräulein Tesman . Und noch dazu, wenn man mit einer Dame reist. Denn das soll schrecklich viel teurer kommen, habe ich mir sagen lassen. Tesman . Versteht sich – ja, ein bißchen teurer kommt es freilich. Aber Hedda mußte die Reise haben, Tante! Sie mußte es wirklich. Anders hätte es sich nicht gepaßt. Fräulein Tesman . Nein, nein, allerdings wohl nicht. Denn eine Hochzeitsreise gehört ja heutzutage mit dazu. – Doch, sag' mal: hast Du Dich hier bei Dir zu Haus auch schon ordentlich umgesehen? Tesman . Das sollte ich meinen! Ich bin schon vom frühen Morgen an auf den Beinen. Fräulein Tesman . Und wie findest Du alles? Tesman . Ausgezeichnet! Ganz ausgezeichnet! Nur das ist mir unklar, was wir mit den zwei leeren Zimmern tun sollen, die zwischen der Hinterstube und Heddas Schlafzimmer liegen. Fräulein Tesman schmunzelt . Ach, mein lieber Jörgen, dafür wird sich schon Verwendung finden – so mit der Zeit. Tesman . Da hast Du wirklich recht, Tante! Jawohl! Für den Fall, daß ich allmählich meine Bibliothek vermehre –. Was? Fräulein Tesman . Ja eben, mein lieber Junge! An die Bibliothek, an die habe ich gedacht. Tesman . Am meisten freue ich mich aber für Hedda. Ehe wir uns verlobten, sagte sie doch so oft: sie möchte nirgends anders wohnen als in der Villa der Staatsrätin Falk. Fräulein Tesman . Ja, nicht wahr, – und da mußte es sich so treffen, daß die Villa zu verkaufen war. Als Ihr eben abgereist wart. Tesman . Ja, Tante Julle, wir hatten wirklich Glück. Was? Fräulein Tesman . Aber teuer, mein lieber Jörgen, teuer wird es Dich kommen, – die ganze Geschichte. Tesman sieht sie ein wenig verzagt an . Ja, das wird es am Ende wohl, Tante? Fräulein Tesman . Ja, du großer Gott! Tesman . Wie viel, glaubst Du? So ungefähr? Was? Fräulein Tesman . Das kann ich unmöglich wissen, bis alle Rechnungen da sind. Tesman . Na, glücklicherweise hat Assessor Brack so erträgliche Bedingungen für mich ausgemacht. Das hat er selbst an Hedda geschrieben. Fräulein Tesman . Ja, hab' deswegen nur gar keine Angst, mein Junge! – Für die Möbel und Teppiche habe ich überdies Sicherheit gegeben. Tesman . Sicherheit? Du? Liebe Tante Julle, – was für eine Sicherheit konntest Du denn geben? Fräulein Tesman . Ich habe die Renten verpfändet. Tesman . Was? Deine – und Tante Rinas Renten? Fräulein Tesman . Ja, sieh mal, ich wußte doch keinen andern Ausweg. Tesman stellt sich vor sie hin . Aber, Tante, bist Du denn ganz von Sinnen! Die Renten, – das ist ja doch das einzige, wovon Ihr lebt. Fräulein Tesman . Na, na, – reg' Dich nur deswegen nicht so auf! Das Ganze ist doch eine bloße Formsache, verstehst Du. Das hat Assessor Brack auch gesagt. Denn er war so liebenswürdig, die ganze Sache für mich zu ordnen. Eine bloße Formsache, hat er gesagt. Tesman . Ja, mag schon sein. Trotzdem aber – Fräulein Tesman . Und jetzt bekommst Du ja Dein eigenes Gehalt, womit Du abbezahlen kannst. Herrgott, und wenn wir wirklich ein bißchen was herausrücken müssen –? Nur so ein ganz kleines Bißchen im Anfang –? Das würde ja für uns nur ein Glück sein, sozusagen. Tesman . Ach, Tante, –,Du wirst doch nie müde, Dich für mich aufzuopfern! Fräulein Tesman steht auf und legt die Hände auf seine Schultern . Habe ich denn sonst eine Freude auf dieser Welt, als Dir den Weg zu ebnen, mein lieber Junge? Du hast doch weder Vater noch Mutter gehabt, an die Du Dich hättest halten können. Und jetzt stehen wir am Ziel, Du! Manches Mal freilich sah es etwas düster aus. Aber, Gottlob, jetzt bist Du schön heraus, Jörgen! Tesman . Ja, es ist im Grunde merkwürdig, wie alles sich gefügt hat. Fräulein Tesman . Ja, – und alle, die sich Dir entgegengestellt haben und Dir die Bahn versperren wollten, – siehst Du, die sind nun unterlegen. Die sind gestürzt, Jörgen. Der Dir am gefährlichsten war, – der tat den tiefsten Sturz. Jetzt liegt er, wie er sich selbst gebettet hat, – der arme verwahrloste Mensch. Tesman . Hast Du etwas von Ejlert gehört? Seit meiner Abreise, meine ich. Fräulein Tesman . Nur, daß er ein neues Buch herausgegeben haben soll. Tesman . Was sagst Du! Ejlert Lövborg? Erst kürzlich? Was? Fräulein Tesman . Ja, so heißt es. Ach Gott, da kann doch nicht viel dran sein, Du! Aber wenn Dein neues Buch erst erscheint, – das wird eine andere Sache sein, Jörgen! Wovon wird es denn handeln? Tesman . Es soll handeln von der Brabanter Hausindustrie im Mittelalter. Fräulein Tesman . Nein, aber – daß Du auch über so etwas schreiben kannst! Tesman . Übrigens kann es noch eine Weile mit dem Buch dauern. Ich habe ja doch zuerst einmal diese weitschichtigen Sammlungen zu ordnen, weißt Du. Fräulein Tesman . Jawohl, ordnen und sammeln, – das verstehst Du. Du bist nicht umsonst der Sohn von Jochum selig. Tesman . Ich freue mich auch redlich darauf, ans Werk zu gehen. Besonders jetzt, da ich meine eigne, gemütliche Häuslichkeit habe, wo ich arbeiten kann. Fräulein Tesman . Und vor allen Dingen, – da Du sie hast, die Dein Herz begehrte, lieber Jörgen. Tesman umarmt sie . Ach ja, ja, Tante Julle! Hedda – ist doch das Allerschönste! Nach der Türöffnung sehend. Ich glaube, da kommt sie. Was? Hedda kommt von der linken Seite durch das Hinterzimmer. Sie ist eine Dame von 29 Jahren. Gesicht und Gestalt von edler, vornehmer Bildung. Die Hautfarbe ist von einer matten Blässe. Die Augen sind stahlgrau und haben den Ausdruck einer kalten, klaren Ruhe. Das Haar hat eine schöne mittelbraune Farbe, ist aber nicht sonderlich stark. Sie trägt ein geschmackvolles, etwas lose sitzendes Morgenkostüm. Fräulein Tesman geht Hedda entgegen . Guten Morgen, liebe Hedda! Einen herzlichen guten Morgen! Hedda reicht ihr die Hand . Guten Morgen, liebes Fräulein Tesman! Ein so früher Besuch? Wie freundlich von Ihnen. Fräulein Tesman scheint etwas verlegen . Na, – wie hat denn die junge Frau in ihrem neuen Heim geschlafen? Hedda . Ach, danke! So leidlich. Tesman lacht . Leidlich! Du bist aber gut, Hedda! Du hast ja wie ein Bär geschlafen, als ich aufstand. Hedda . Glücklicherweise. Übrigens muß man sich an alles Neue ja doch erst gewöhnen, Fräulein Tesman. So nach und nach. Sieht nach links. Uh, – da hat das Mädchen die Altantüre aufgemacht. Hier drin ist ja ein ganzes Meer von Sonne. Fräulein Tesman geht nach der Tür . Nun, so werden wir die Tür schließen. Hedda . Nein, nein, das nicht! Lieber Tesman, zieh doch die Vorhänge zusammen. Das gibt ein milderes Licht. Tesman an der Tür . Jawohl, – jawohl. – So, Hedda, – jetzt hast Du Schatten und zugleich frische Luft. Hedda . Ja, frische Luft kann man wirklich hier brauchen. Dieser Blumensegen –. Aber meine Liebe, – wollen Sie nicht Platz nehmen, Fräulein Tesman? Fräulein Tesman . Nein, ich danke vielmals. Jetzt weiß ich ja, daß es hier gut geht, – Gottlob! Ich muß nun auch sehen, daß ich wieder nach Hause komme – zu der Ärmsten, die daliegt und so sehnsüchtig wartet! Tesman . Du, grüß' sie nur viele, viele Male von mir! Und sag' ihr, ich komme nachher und besuche sie. Fräulein Tesman . Ja, das will ich tun. Ach richtig, Jörgen – langt suchend in ihre Kleidertasche – das hätte ich fast vergessen. Hier habe ich etwas für Dich. Tesman . Was ist denn das, Tante? Was? Fräulein Tesman zieht ein kleines Päckchen in Zeitungspapier hervor und reicht es ihm . Da, mein lieber Junge. Tesman öffnet . Herrjeh, nein, – die hast Du für mich aufgehoben, Tante Julle! Hedda! Du, das ist wirklich rührend. Was? Hedda bei den Etagèren rechts . Was ist es denn, mein Lieber? Tesman . Meine alten Morgenschuhe! Die Pantoffeln, Du! Hedda . Ach so! Ja, ich erinnere mich, Du hast auf der Reise oft von ihnen gesprochen. Tesman . Ja, ich habe sie auch recht sehr vermißt. Geht zu ihr hin. Nun sollst Du sie sehen, Hedda! Hedda geht nach dem Ofen . Nein, danke – das interessiert mich wirklich nicht. Tesman folgt ihr . Du, denk Dir, – die hat mir Tante Rina gestickt – auf ihrem schweren Krankenlager. Ach, Du glaubst nicht, wie viele Erinnerungen sich für mich an die Pantoffeln knüpfen. Hedda am Tisch . Für mich aber kaum. Fräulein Tesman . Da hat Hedda nicht so unrecht, Jörgen. Tesman . Ja, aber ich meine, jetzt, wo sie zur Familie gehört – Hedda abbrechend . Mit dem Mädchen wird sicher kein Auskommen sein, Tesman! Fräulein Tesman . Kein Auskommen mit Berte. Tesman . Schatz, – wie kommst Du denn da rauf? Was? Hedda zeigt hin . Sieh mal! Da hat sie ihren alten Hut auf dem Stuhl liegen lassen. Tesman erschrocken, läßt die Schuhe zu Boden fallen . Aber Hedda –! Hedda . Denk bloß, – wenn jemand käme und das sähe. Tesman . Aber Hedda, – das ist ja Tante Julles Hut! Hedda . So? Fräulein Tesman nimmt den Hut. Ja freilich ist es meiner. Und alt ist er übrigens gar nicht, kleine Frau Hedda. Hedda . Ich habe ihn wirklich nicht so genau angesehen, Fräulein Tesman. Fräulein Tesman setzt den Hut auf und bindet die Hutbänder zu. Es ist wahrhaftig das erste Mal, daß ich ihn aufhabe. Ja, weiß der liebe Gott, das ist es. Tesman . Und elegant ist er auch. Ganz prachtvoll! Fräulein Tesman . Ach, das geht an, mein lieber Jörgen. Sieht sich um. Mein Sonnenschirm –? So, hier! Nimmt ihn. Denn das ist auch meiner. Murmelt: Nicht Berte ihrer. Tesman . Einen neuen Hut und einen neuen Sonnenschirm! Denk nur, Hedda! Hedda . Hübsch und niedlich ist er. Tesman . Ja, nicht wahr? Was? – Aber Tante, sieh Dir doch Hedda einmal ordentlich an, ehe Du gehst. Sieh nur, wie hübsch und niedlich sie ist! Fräulein Tesman . Ach, mein Junge, das ist doch nichts Neues. Hedda war ja von jeher reizend. Sie nickt und geht nach rechts. Tesman folgt ihr. Hast Du auch bemerkt, wie voll und üppig sie geworden ist? Wie sie in die Breite gegangen ist auf der Reise? Hedda geht auf und ab. Ach, laß doch das –! Fräulein Tesman ist stehen geblieben und wendet sich um. In die Breite gegangen? Tesman . Ja, Tante Julle, Du kannst das nicht so recht sehen, wenn sie das Kleid da anhat. Aber ich, der Gelegenheit hat – Hedda an der Glastür, ungeduldig. Ach, zu gar nichts hast Du Gelegenheit! Tesman . Es muß wohl die Gebirgsluft in Tirol unten gewesen sein – Hedda kurz, abbrechend. Ich bin noch genau dieselbe, wie vor der Reise. Tesman . Ja, das behauptest Du! Aber ob Du es auch wirklich bist?! Was meinst Du, Tante? Fräulein Tesman hat die Hände gefaltet und starrt Hedda an. Reizend – reizend – reizend ist Hedda. Geht auf sie zu, beugt mit beiden Händen Heddas Kopf herab und küßt sie aufs Haar. Gott segne und behüte Hedda Tesman! Um Jörgens willen. Hedda macht sich sanft los. Ach –! Lassen Sie mich doch! Fräulein Tesman in stiller Bewegung. Jeden Tag, den Gott werden läßt, komme ich zu Euch beiden. Tesman . Ja, Tante, das tu aber auch! Was? Fräulein Tesman . Adieu, – adieu! Sie geht durch die Vorzimmertür ab. Tesman begleitet sie hinaus. Die Tür bleibt halb offen. Man hört, wie Tesman seine Grüße an Tante Rina und seinen Dank für die Morgenschuhe wiederholt. Gleichzeitig geht Hedda im Zimmer auf und ab, hebt die Arme empor und ballt die Hände wie in Wut. Dann schlägt sie die Vorhänge von der Glastür zurück, bleibt stehen und sieht hinaus. Nach einer Weile kommt Tesman zurück und schließt die Tür hinter sich. Tesman hebt die Schuhe vom Boden auf. Nach was siehst Du denn, Hedda? Hedda wieder ruhig und sich beherrschend. Ich sehe mir nur das Laub an. Es ist so gelb. Und so welk. Tesman packt die Schuhe ein und legt sie auf den Tisch. Wir sind ja doch auch schon stark im September. Hedda wieder unruhig. Freilich ja, – jetzt sind wir schon im – im September. Tesman . Sag' mal, kam Dir Tante Julle nicht sonderbar vor? Beinah feierlich? Begreifst Du, was mit ihr los war? Was? Hedda . Ich kenne sie doch kaum. Pflegt sie nicht öfters so zu sein? Tesman . Nein, nicht so wie heute. Hedda entfernt sich von der Glastür. Meinst Du, sie hat die Geschichte mit dem Hut übelgenommen? Tesman . Ach, nicht sonderlich. Vielleicht ein klein bißchen im ersten Augenblick – Hedda . Was ist das aber auch für eine Manier, den Hut hier im Salon abzutun. So etwas macht man doch nicht. Tesman . Na, Du kannst überzeugt sein, Tante Julle tut es nicht wieder. Hedda . Übrigens will ich es schon wieder gutmachen. Tesman . Ach liebe, gute Hedda, wenn Du das wolltest! Hedda . Wenn Du nachher hingehst, so kannst Du sie ja für den Abend einladen. Tesman . Ja, das werde ich wirklich! Und dann weiß ich noch etwas, womit Du ihr eine riesige Freude machen könntest. Hedda . Nun? Tesman . Wenn Du es über Dich bringen könntest, du zu ihr zu sagen. Mir zuliebe, Hedda! Was? Hedda . Nein, nein, Tesman, – das mußt Du wirklich nicht von mir verlangen. Ich habe es Dir schon einmal gesagt. Ich will versuchen, sie Tante zu nennen. Und dabei mag es sein Bewenden haben. Tesman . Na ja denn. Ich meine nur, jetzt, wo Du zur Familie gehörst – Hedda . Hm, – ich weiß nun freilich nicht – sie geht nach dem Hintergrunde zur Türöffnung. Tesman folgt ihr ein paar Schritte. Ist Dir etwas, Hedda? Was? Hedda . Ich sehe mir nur mein altes Piano an. Das paßt nicht so recht zu den andern Sachen. Tesman . Wenn ich mein erstes Gehalt erhebe, dann wollen wir es umtauschen. Hedda . Nein, nein, – nicht umtauschen! Ich will es nicht hergeben. Wir wollen es lieber ins Hinterzimmer stellen. Und hier für den Salon, da können wir uns ja ein neues anschaffen. Bei Gelegenheit, meine ich. Tesman etwas verzagt. Ja, – das können wir ja auch tun. Hedda nimmt das auf dem Piano stehende Bukett in die Hand. Diese Blumen standen gestern bei unserer Ankunft nicht hier. Tesman . Die hat Dir gewiß Tante Julle gebracht. Hedda sieht ins Bukett. Eine Visitenkarte. Nimmt sie und liest: »Kommt im Laufe des Tages wieder.« Errätst Du, von wem das ist? Tesman . Nein. Von wem denn? Was? Hedda . Da steht: »Frau Schultheiß Elvsted«. Tesman . Ist's möglich! Frau Elvsted! Fräulein Rysing, wie sie früher hieß. Hedda . Allerdings. Die herumlief und Aufsehen erregte mit einem Haar, das einen nervös machen konnte. Deine alte Flamme, wie ich mir habe sagen lassen. Tesman lacht. Na, das war bald wieder aus. Und dann war es doch auch, bevor ich Dich kannte, Hedda. Aber denk nur – die ist in der Stadt! Hedda . Merkwürdig, daß sie bei uns Besuch macht. Ich kenne sie ja doch nicht weiter als vom Institut her. Tesman . Ich habe sie auch nicht mehr gesehen – Gott weiß wie lange. Daß sie es da oben aushält in solch einem abgelegenen Nest. Was? Hedda überlegt und sagt plötzlich: Sag' mal, Tesman, – hält er sich nicht da oben irgendwo auf, – er – der Ejlert Lövborg? Tesman . Ja freilich, da oben in der Gegend muß er sein. Berte erscheint in der Vorzimmertür. Berte . Gnädige Frau, jetzt ist sie wieder da, – die Dame, die vor einer Weile hier war und die Blumen abgegeben hat. Zeigt hin. Die gnädige Frau da in der Hand haben. Hedda . So, so? Lassen Sie sie nur eintreten. Berte öffnet Frau Elvsted die Tür und geht selbst hinaus. – Frau Elvsted ist eine zarte Erscheinung mit schönen, weichen Gesichtsformen. Die Augen sind hellblau, groß und rund, treten etwas hervor und haben einen verschüchtert fragenden Ausdruck. Das Haar ist auffallend hell, fast weißlich-blond, und ungewöhnlich stark und wellig. Sie ist ein paar Jahre jünger als Hedda. Sie trägt ein dunkles Besuchskostüm, das geschmackvoll, aber nicht ganz nach der neuesten Mode ist. Hedda geht ihr freundlich entgegen. Guten Tag, beste Frau Elvsted. Das ist ja reizend, daß Sie sich wieder einmal sehen lassen. Frau Elvsted nervös, sucht sich zu beherrschen. Ja, es ist furchtbar lange her, daß wir uns nicht gesehen haben. Tesman reicht ihr die Hand. Und wir beide auch. Was? Hedda . Schönen Dank für Ihre herrlichen Blumen – Frau Elvsted . Ach bitte –. Ich wollte gleich gestern nachmittag kommen. Aber ich hörte, Sie wären noch nicht von der Reise zurück – Tesman . Sie sind wohl noch nicht lange in der Stadt? Was? Frau Elvsted . Ich bin gestern gegen Mittag angekommen. Ach, ich bin in helle Verzweiflung geraten, als ich hörte, Sie wären nicht da. Hedda . Verzweiflung! Warum das? Tesman . Meine liebste, beste Frau Rysing – Frau Elvsted wollte ich sagen – Hedda . Es ist doch wohl nicht etwas Schlimmes los? Frau Elvsted . Allerdings. Und ich weiß keine Menschenseele hier, an die ich mich sonst wenden könnte. Hedda legt das Bukett auf den Tisch. Kommen Sie, – wir wollen uns aufs Sofa setzen – Frau Elvsted . Ach, ich habe zum Sitzen nicht Rast noch Ruh'. Hedda . Ach, das werden Sie schon haben. Kommen Sie nur. Sie nötigt Frau Elvsted aufs Sofa und setzt sich neben sie. Tesman . Na? Also, gnädige Frau –? Hedda . Ist etwas Besonderes da oben bei Ihnen vorgefallen? Frau Elvsted . Ja – und auch wieder nicht. Ach – ich wünschte von Herzen, Sie möchten mich nicht mißverstehen – Hedda . Aber, dann wäre es wirklich das richtigste, wenn Sie mit der Sprache herauskämen, Frau Elvsted. Tesman . Denn deswegen sind Sie doch wohl gekommen. Was? Frau Elvsted . Ja, ja, – freilich. Und so will ich Ihnen denn sagen, – wenn Sie es nicht schon wissen, – Ejlert Lövborg ist auch in der Stadt. Hedda . Lövborg –! Tesman . Was! Ejlert Lövborg ist wieder da! Denk nur, Hedda! Hedda . Mein Gott, ich hör' es ja. Frau Elvsted . Er ist schon seit einer ganzen Woche hier. Der Gedanke – eine ganze Woche! In dieser gefährlichen Stadt. Allein! Wo es hier so viele schlechte Gesellschaft gibt. Hedda . Aber beste Frau Elvsted, – was geht er Sie eigentlich an? Frau Elvsted sieht sie verschüchtert an und sagt schnell: Er ist der Lehrer von den Kindern gewesen. Hedda . Von Ihren Kindern? Frau Elvsted . Von meines Mannes Kindern. Ich habe keine. Hedda . Also von Ihren Stiefkindern. Frau Elvsted . Ja. Tesman nach dem rechten Ausdruck suchend. War er denn so weit – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, – so weit – regelmäßig in seinem Lebenswandel, daß man ihm so etwas anvertrauen konnte? Was? Frau Elvsted . In den letzten paar Jahren war nichts an ihm auszusetzen. Tesman . Wirklich nicht? Denk nur, Hedda! Hedda . Ich hör' es. Frau Elvsted . Nicht das geringste, versichere ich Ihnen! In jeder Hinsicht. Trotzdem aber –. Jetzt, da ich ihn hier weiß – in der großen Stadt –. Und das viele Geld in Händen. Jetzt habe ich eine Todesangst um ihn. Tesman . Aber warum ist er dann nicht lieber da geblieben, wo er war? Bei Ihnen und Ihrem Mann? Was? Frau Elvsted . Als das Buch erschienen war, da hatte er bei uns keine Rast und Ruhe mehr. Tesman . Ist ja wahr, – Tante Julle sagte, er hätte ein neues Buch veröffentlicht. Frau Elvsted . Ja, ein großes neues Buch, das von der Kulturentwicklung handelt – so im allgemeinen. Es ist so etwa vierzehn Tage her. Und wie es nun so viel gekauft und gelesen wurde – und so ungewöhnliches Aufsehen machte – Tesman . So, das war also der Fall? Dann muß es wohl etwas gewesen sein, was er noch aus seinen guten Tagen liegen hatte. Frau Elvsted . Von früher her, meinen Sie? Tesman . Jawohl. Frau Elvsted . Nein, er hat es von A bis Z oben bei uns geschrieben. Jetzt – im letzten Jahre. Tesman . Das ist ja erfreulich zu hören, Hedda! Denk nur, Du! Frau Elvsted . Ach ja, wenn es nur Bestand haben möchte! Hedda . Haben Sie ihn hier schon gesehen? Frau Elvsted . Nein, noch nicht. Ich hatte so große Mühe damit, seine Adresse zu ermitteln. Aber heut Morgen habe ich sie endlich bekommen. Hedda sieht sie prüfend an. Im Grunde finde ich es ein bißchen sonderbar von Ihrem Mann – hm – Frau Elvsted zuckt nervös zusammen. Von meinem Mann? Was denn? Hedda . Daß er Sie mit einem solchen Auftrag in die Stadt schickt. Daß er nicht selbst herkommt und seinen Freund aufsucht. Frau Elvsted . Ach nein, nein, – mein Mann hat dazu keine Zeit. Und dann hatte ich – auch einige Einkäufe zu machen. Hedda lächelt flüchtig. Nun, das ist ja dann etwas anderes. Frau Elvsted steht rasch und in Unruhe auf. Und nun bitte ich Sie hoch und heilig, Herr Tesman, – nehmen Sie Lövborg freundlich auf, wenn er zu Ihnen kommt! Und das tut er sicher. Mein Gott, – Sie sind ja früher so gute Freunde gewesen. Und überdies treiben Sie ja beide ganz dieselben Studien. Dieselben Wissenschaften, – soweit ich das beurteilen kann. Tesman . Na, früher war das wenigstens der Fall. Frau Elvsted . Ja, und deshalb bitte ich Sie inständig, haben doch auch Sie, um Gotteswillen, ein wachsames Auge auf ihn. Nicht wahr, Herr Tesman, – das versprechen Sie mir doch? Tesman . Ja, von Herzen gern, Frau Rysing – Hedda . Elvsted. Tesman . Ich will gern für Ejlert alles tun, was in meiner Macht steht. Darauf können Sie sich verlassen. Frau Elvsted . Ach, wie lieb und gut das von Ihnen ist! Drückt ihm die Hände. Ich danke, danke, danke Ihnen! Erschrocken. Mein Mann hält ja doch so furchtbar viel von ihm. Hedda steht auf. Du solltest ihm schreiben, Tesman. Denn vielleicht kommt er nicht von selbst zu Dir. Tesman . Ja, das wäre wohl das Richtigste, Hedda? Was? Hedda . Und je früher Du es tust, desto besser. Am liebsten gleich auf der Stelle. Frau Elvsted bittend. Ach ja, wenn Sie das tun wollten! Tesman . Ich schreibe im Augenblick. Haben Sie seine Adresse, Frau – Frau Elvsted? Frau Elvsted . Ja. Reicht ihm einen kleinen Zettel, den sie aus der Tasche zieht. Da ist sie. Tesman . Gut, gut. Ich gehe hinein – sieht sich um. Ja so, die Pantoffeln? Ah, dort. Nimmt das Päckchen und will gehen. Hedda . Schreib ihm nur recht warm und freundschaftlich. Und auch recht ausführlich. Tesman . Ja, das will ich. Frau Elvsted . Aber bitte,, bitte, kein Wort davon, daß ich für ihn gebeten habe! Tesman . Nein, das versteht sich doch von selbst. Was? Er geht durch das Hinterzimmer rechts ab. Hedda geht auf Frau Elvsted zu, lächelt und sagt mit gedämpfter Stimme: So! Da haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Frau Elvsted . Wie meinen Sie das? Hedda . Haben Sie nicht begriffen, daß ich ihn weg haben wollte? Frau Elvsted . Ja, damit er den Brief schreibt – Hedda . Und auch, damit ich mit Ihnen allein sprechen kann. Frau Elvsted verwirrt. Von derselben Sache? Hedda . Ja, eben davon. Frau Elvsted angstvoll. Aber da ist ja nichts mehr, Frau Tesman. Wirklich nichts mehr. Hedda . O freilich ist noch mehr, – noch bedeutend mehr. So viel verstehe ich denn doch davon. Kommen Sie, – wir wollen uns recht gemütlich zu einander setzen. Sie nötigt Frau Elvsted in den Lehnstuhl am Ofen und setzt sich selbst auf eins von den Taburetts. Frau Elvsted ängstlich, sieht auf ihre Uhr. Aber meine liebe, gute Frau Tesman –. Ich hatte eigentlich vor, jetzt zu gehen. Hedda . Ach, das eilt doch nicht so sehr. – Wie ? Nun erzählen Sie mir einmal, wie es bei Ihnen zu Hause geht. Frau Elvsted . Ach, gerade das möchte ich am allerwenigsten berühren. Hedda . Aber mir gegenüber doch, meine Liebe – ? Mein Gott, wir sind doch zusammen ins Institut gegangen. Frau Elvsted . Ja, aber Sie waren eine Klasse über mir. Ach, was für eine gräßliche Angst hatte ich damals vor Ihnen! Hedda . Angst hatten Sie – vor mir? Frau Elvsted . Ja. Eine gräßliche Angst. Denn wenn Sie mir auf der Treppe begegneten, dann rauften Sie mich immer bei den Haaren. Hedda . Wirklich? Das habe ich getan? Frau Elvsted . Ja, und einmal sagten Sie, Sie würden es mir absengen. Hedda . Ach, das war doch bloß so geredet, wissen Sie. Frau Elvsted . Ja, aber ich war damals noch so dumm. – Und seitdem jedenfalls – sind wir so weit – weit auseinander gekommen. Unsere Kreise waren doch so ganz verschieden. Hedda . Na, so wollen wir versuchen, einander wieder näher zu rücken. Nun hören Sie einmal! Im Institut sagten wir doch Du zu einander. Und dann nannten wir uns beim Vornamen – Frau Elvsted . Nein, da irren Sie sich gewiß. Hedda . Nein, durchaus nicht. Ich erinnere mich noch ganz genau. Und darum wollen wir auch jetzt intim sein, wie in den früheren Tagen. Rückt mit dem Taburett näher heran. So! Küßt sie auf die Wange. Jetzt sagst Du Du zu mir und nennst mich Hedda. Frau Elvsted drückt und streichelt ihr die Hände. Ach, so viel Güte und Freundlichkeit –! An so etwas bin ich gar nicht gewöhnt. Hedda . So, so, so! Und ich sage Du zu Dir, gerade so wie früher, und nenne Dich meine liebe Thora. Frau Elvsted . Thea heiße ich. Hedda . Ja, richtig. Natürlich. Thea wollte ich sagen. Sieht sie teilnehmend an. So, – Du bist so wenig an Güte und Freundlichkeit gewöhnt, Thea ? Bei Dir zu Hause? Frau Elvsted . Ach, wenn ich nur ein »zu Hause« hätte! Aber ich habe keins. Habe nie eins gehabt. Hedda blickt sie ein wenig an. Ich hatte eine Ahnung, daß es so etwas sein müsse. Frau Elvsted starrt hilflos vor sich hin. Ja, – ja, – ja. Hedda . Ich kann mich nicht mehr so genau entsinnen – aber bist Du nicht ursprünglich als Haushälterin zu Elvsteds gekommen? Frau Elvsted . Eigentlich sollte ich als Gouvernante hinkommen. Aber seine Frau, – die damalige Frau, – war kränklich, – und meistens bettlägerig. So mußte ich mich auch der Wirtschaft annehmen. Hedda . Aber dann,– zuletzt, – wurdest Du die Frau des Hauses. Frau Elvsted gedrückt. Ja, dann wurde ich es. Hedda . Laß einmal sehen –. Wie lange ist das nun ungefähr her? Frau Elvsted . Daß ich verheiratet bin? Hedda . Ja. Frau Elvsted . Das ist nun fünf Jahre her. Hedda . Ja, richtig; so lange muß es sein. Frau Elvsted . Ach diese fünf Jahre –! Oder eigentlich die zwei – drei letzten! Ach, wenn Sie sich vorstellen könnten – Hedda klopft sie leicht auf die Hand. Sie? Pfui, Thea! Frau Elvsted . Nein, nein, ich will es versuchen. – Ja, wenn – wenn Du nur ahnen und begreifen könntest – Hedda leichthin. Ejlert Lövborg ist ja auch so an die drei Jahre, glaube ich, da oben gewesen. Frau Elvsted sieht sie unsicher an. Ejlert Lövborg? Ja – das ist er. Hedda . Hast Du ihn schon von der Stadt her gekannt? Frau Elvsted . So gut wie gar nicht. Das heißt, – dem Namen nach, natürlich. Hedda . Aber da oben, – da kam er also ins Haus zu Euch? Frau Elvsted . Ja, er kam jeden Tag zu uns herüber. Er hatte ja die Kinder zu unterrichten. Denn ich allein konnte auf die Dauer nicht alles bewältigen. Hedda . Ja, das ist begreiflich. – Und Dein Mann –? Der ist wahrscheinlich oft auf Reisen? Frau Elvsted . Ja. Sie – Du kannst Dir wohl denken, er muß als Schultheiß häufig im Bezirk umherreisen. Hedda lehnt sich an den Stuhlrücken. Thea, – arme süße Thea, – nun mußt Du mir aber alles erzählen, – so wie es ist. Frau Elvsted . Ja, dann mußt Du fragen. Hedda . Du, wie ist denn eigentlich Dein Mann, Thea? Ich meine, – so – im Umgang. Ist er gut zu Dir? Frau Elvsted ausweichend. Er hat gewiß die besten Absichten bei allem, was er tut. Hedda . Ich glaube nur, er muß viel zu alt für Dich sein. Gewiß über die zwanzig Jahr älter? Frau Elvsted irritiert. Das auch. Eins kommt zum andern. Alles ist mir an ihm zuwider. Wir haben nicht einen Gedanken gemeinsam. Aber auch absolut gar nichts, – er und ich. Hedda . Aber hat er Dich nicht trotzdem gern? So auf seine Art. Frau Elvsted . Ach was weiß ich. Er sieht in mir sicher nur etwas, das ihm nützt. Und dann kostet es nicht viel, mich zu halten. Ich bin billig. Hedda . Das ist dumm von Dir. Frau Elvsted schüttelt den Kopf. Ist nun einmal nicht anders. Mit ihm nicht. So recht lieb hat er gewiß nur sich selbst. Und vielleicht die Kinder ein bißchen. Hedda . Und Ejlert Lövborg auch, Thea. Frau Elvsted sieht sie an. Ejlert Lövborg! Wie kommst Du darauf? Hedda . Aber, meine Liebe, – ich meine doch, wenn Dein Mann Dich so weit hinter ihm herschickt – bis hierher – lächelt fast unmerklich. Und außerdem hast Du es doch selbst zu Tesman gesagt. Frau Elvsted mit nervösem Zucken. Ach So! Ja, das mag wohl sein. Sagt mit innerer Erregung, doch in gedämpftem Ton: Nein, – ich kann es Dir ebenso gut auch gleich sagen! Denn es kommt ja sowieso ans Tageslicht. Hedda . Aber, meine liebe Thea –? Frau Elvsted . Na, kurz und gut! Mein Mann hat gar nichts von meiner Abreise gewußt. Hedda . Was ist das? Dein Mann hat nichts davon gewußt! Frau Elvsted . Natürlich nicht. Er war außerdem nicht zu Hause. War auf Reisen, – er auch. Ach, ich konnte es nicht länger aushalten, Hedda! Es war ein Ding der Unmöglichkeit! So allein, wie ich fortan da oben gewesen wäre. Hedda . Nun? Und? Frau Elvsted . Und da packte ich etwas von meinen Sachen zusammen, weißt Du. Das Notwendigste. In aller Stille. Und dann verließ ich das Haus. Hedda . Ohne weiteres? Frau Elvsted . Ja. Und fuhr mit der Eisenbahn direkt hierher. Hedda . Aber, meine liebe, gute Thea, – daß Du Dich das getraut hast! Frau Elvsted steht auf und geht durchs Zimmer . Ja, was in aller Welt hätte ich denn sonst tun sollen! Hedda . Und was, glaubst Du, wird Dein Mann sagen, wenn Du wieder nach Hause kommst? Frau Elvsted am Tische, sieht sie an . Da hinauf zu ihm ? Hedda . Jawohl, – jawohl? Frau Elvsted . Da hinauf zu ihm gehe ich nie wieder. Hedda steht auf und nähert sich ihr . Du bist also – allen Ernstes, – auf und davon gegangen? Frau Elvsted . Ja. Was anderes, meinte ich, blieb mir nicht übrig. Hedda . Und – daß Du so vor den Augen aller Welt davon gegangen bist. Frau Elvsted . Ach, so etwas läßt sich ja doch nicht verheimlichen. Hedda . Und was glaubst Du denn, werden die Leute von Dir sagen, Thea? Frau Elvsted . Die mögen in Gottes Namen sagen, was sie wollen! Läßt sich müde und bedrückt aufs Sofa nieder. Denn ich habe nichts anderes getan, als was ich tun mußte. Hedda nach kurzer Pause . Was gedenkst Du nun anzufangen? Was hast Du vor? Frau Elvsted . Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, ich muß da leben, wo Ejlert Lövborg lebt. – Wenn ich überhaupt leben soll . Hedda schiebt einen Stuhl vom Tisch heran, setzt sich neben sie und streichelt ihr die Hände . Du, Thea, – wie ist dieses – dieses Freundschaftsverhältnis – zwischen Dir und Ejlert Lövborg entstanden? Frau Elvsted . Ach, das ist so nach und nach entstanden. Ich gewann so etwas wie Macht über ihn. Hedda . So? Frau Elvsted . Er ließ von seinen alten Gewohnheiten. Nicht, weil ich ihn darum bat. Denn das getraute ich mich nie. Aber er merkte wohl, daß mir so etwas zuwider war. Und so ließ er es. Hedda verbirgt ein unwillkürliches Hohnlächeln . Du hast ihn also, was man so sagt, wiederaufgerichtet – Du, kleine Thea! Frau Elvsted . Ja, so behauptet er selbst wenigstens. Und er, – seinerseits, – er hat sozusagen einen wirklichen Menschen aus mir gemacht. Mich denken gelehrt – und allerlei verstehen. Hedda . Hat er Dir vielleicht auch Unterricht gegeben? Frau Elvsted . Nein, nicht gerade Unterricht. Aber er sprach mit mir. Sprach über so unendlich vieles und mannigfaches. Und dann kam die schöne, glückliche Zeit, da ich an seiner Arbeit teilnehmen durfte! Da ich ihm helfen durfte. Hedda . So, das durftest Du? Frau Elvsted . Ja! Wenn er etwas schrieb, so haben wir das immer zusammen gemacht. Hedda . Wie zwei gute Kameraden also. Frau Elvsted lebhaft . Kameraden! Ja, denk nur, Hedda, – so nannte er es auch! – Ach, ich sollte mich ja wahrhaft froh fühlen. Aber das kann ich auch nicht. Denn ich weiß ja nicht, ob es von Dauer sein wird. Hedda . Bist Du denn seiner sonst nicht sicher? Frau Elvsted gedrückt. Der Schatten einer Frau steht zwischen Lövborg und mir. Hedda sieht sie gespannt an . Wer kann das sein? Frau Elvsted . Weiß nicht. Irgend eine aus – aus seiner Vergangenheit. Eine, die er gewiß nie so recht hat vergessen können. Hedda . Was hat er gesagt – da rüber? Frau Elvsted . Er hat nur ein einziges Mal – so nebenbei – darauf hingedeutet. Hedda . Nun? Und was hat er gesagt? Frau Elvsted . Er hat gesagt, als sie sich trennten, wollte sie ihn mit einer Pistole erschießen. Hedda kalt, sich beherrschend . Ach was! So was pflegt man doch hier nicht zu tun. Frau Elvsted . Nein. Und darum glaube ich, es muß die rothaarige Sängerin gewesen sein, die er eine Zeitlang – Hedda . Ja, das kann wohl sein. Frau Elvsted . Denn ich erinnere mich, es hieß von ihr, daß sie eine geladene Waffe bei sich führe. Hedda . So – dann war es natürlich die. Frau Elvsted ringt die Hände . Ja aber denk Dir bloß, Hedda, – ich höre, die Sängerin, – die ist wieder in der Stadt! – Ach, ich bin der Verzweiflung nahe! Hedda blickt verstohlen nach dem Hinterzimmer . Pst! Da kommt Tesman. Steht auf und flüstert: Thea, – alles das muß zwischen Dir und mir bleiben. Frau Elvsted springt auf . Ach ja, – ja! Um Gotteswillen –! Tesman , mit einem Brief in der Hand, kommt von rechts durch das Hinterzimmer. Tesman . So, – nun ist die Epistel fix und fertig. Hedda . Das ist ja schön. Aber Frau Elvsted will jetzt gehen, glaube ich. Wart' ein wenig! Ich begleite sie bis ans Gartentor. Tesman . Du, Hedda, – könnte vielleicht Berte das da besorgen? Hedda nimmt den Brief . Ich will es ihr sagen. Berte kommt vom Vorzimmer. Berte . Der Herr Assessor Brack ist da und sagt, er möchte die Herrschaft gern begrüßen. Hedda . Bitten Sie den Herrn Assessor, nur einzutreten. Und dann, – hören Sie, – bringen Sie diesen Brief zum Kasten. Berte nimmt den Brief . Jawohl, gnädige Frau. Sie öffnet die Tür dem Assessor Brack und geht ab. Der Assessor ist ein Herr von 45 Jahren. Untersetzt, doch von feiner Gestalt; elastische Bewegungen. Ein rundliches Gesicht mit edlem Profil. Das Haar kurz geschnitten, noch fast schwarz und sorgfältig frisiert. Die Augen lebhaft, beweglich. Die Augenbrauen stark, ebenso der Schnurrbart, mit gestutzten Spitzen. Er trägt einen eleganten Straßenanzug, der aber für sein Alter etwas zu jugendlich ist. Hat einen Kneifer auf, den er hin und wieder fallen läßt. Brack , den Hut in der Hand, grüßt . Darf man so früh am Tage eintreten? Hedda . Freilich darf man das. Tesman drückt ihm die Hand . Sie werden immer willkommen sein! Vorstellend. Herr Assessor Brack – Fräulein Rysing. Hedda . Oh –! Brack verbeugt sich . Ah – freut mich sehr – Hedda sieht ihn an und lacht . Es ist wirklich amüsant, Sie bei Tageslicht in Augenschein zu nehmen, lieber Assessor. Brack . Verändert – finden Sie vielleicht? Hedda . Ja, etwas jünger, glaube ich. Brack . Danke verbindlichst. Tesman . Aber was sagen Sie zu Hedda! Was? Sieht sie nicht blühend aus? Sie ist förmlich – Hedda . Ach, so laß mich doch aus dem Spiel! Danke lieber dem Herrn Assessor für die viele Mühe, die er gehabt hat – Brack . Ach was, – das war mir nur ein Vergnügen – Hedda . Ja, Sie sind eine treue Seele. Aber meine Freundin steht da und brennt darauf, wegzukommen. Auf Wiedersehen, Assessor! Ich bin gleich wieder da. Gegenseitige Verabschiedung. Frau Elvsted und Hedda gehen durch die Vorzimmertür hinaus. Brack . Na, – ist Ihre Frau so einigermaßen zufrieden –? Tesman . Ja, wir können Ihnen nicht dankbar genug sein. Das heißt, – eine kleine Umstellung, höre ich, ist hier und da noch nötig. Und es fehlt auch noch eines und das andere. Wir werden uns wohl noch ein paar Kleinigkeiten anschaffen müssen. Brack . So? Wirklich? Tesman . Aber da sollen Sie nicht mit behelligt werden. Hedda sagte, sie will selbst das besorgen, was noch fehlt. – Wollen wir uns nicht setzen? Was? Brack . Danke sehr; einen kleinen Augenblick. Setzt sich an den Tisch. Ich möchte gern mit Ihnen über etwas sprechen, lieber Tesman. Tesman . So? Ah, verstehe! Setzt sich. Jetzt kommt vermutlich der ernste Teil des Festes an die Reihe? Was? Brack . Ach, mit den Geldangelegenheiten eilt es nicht so sehr. Übrigens hätte ich allerdings gewünscht, wir hätten uns ein bißchen einfacher eingerichtet. Tesman . Aber das wäre doch durchaus nicht gegangen. Vergessen Sie doch Hedda nicht, mein Lieber! Sie kennen ja doch Hedda so gut –. Ich konnte ihr doch nicht einen so ganz kleinbürgerlichen Hausstand anbieten. Brack . Nein, nein, – da liegt der Hase im Pfeffer. Tesman . Und dann – glücklicherweise – kann es ja auch nicht mehr lange dauern, bis ich meine Ernennung bekomme. Brack . Ach, wissen Sie, – so etwas kann sich oft sehr in die Länge ziehen. Tesman . Haben Sie am Ende etwas Näheres gehört? Was? Brack . Nicht etwas ganz Bestimmtes –. Abbrechend. Doch, ist ja wahr, – eine Neuigkeit kann ich Ihnen erzählen. Tesman . Na? Brack . Ihr alter Freund, Ejlert Lövborg, ist wieder in der Stadt. Tesman . Das weiß ich schon. Brack . So? Woher haben Sie es denn erfahren? Tesman . Die Dame da hat es erzählt, die eben mit Hedda hinausging. Brack . So – so! Wie hieß sie doch? Ich habe nicht ordentlich gehört – Tesman . Frau Elvsted. Brack . Aha – so, die Frau des Schultheißen. Ja, – bei denen da oben hat er sich ja aufgehalten. Tesman . Und denken Sie mal, – da höre ich zu meiner großen Freude, daß er wieder ein ganz ordentlicher Mensch geworden ist! Brack . Ja, das behauptet man ja. Tesman . Und er soll ja ein neues Buch herausgegeben haben. Was? Brack . Na, und ob! Tesman . Und Aufsehen hat es ja auch gemacht! Brack . Ganz ungewöhnliches Aufsehen hat es gemacht. Tesman . Denken Sie nur! – Ist das nicht eine Freude zu hören? Er, mit seinen merkwürdigen Fähigkeiten –. Ich war schon, zu meinem Bedauern, davon überzeugt, daß er um die Ecke gegangen wäre. Brack . Das war auch die allgemeine Ansicht. Tesman . Ich begreife nur nicht, was er jetzt anfangen wird. Wovon in aller Welt will er denn leben? Was? Hedda ist während der letzten Worte wieder durch die Vorzimmertür eingetreten. Hedda zu Brack, etwas höhnisch lächelnd . Den lieben langen Tag macht sich Tesman darüber Sorgen, wovon man leben soll. Tesman . Herrgott, Du, – wir reden ja doch von dem armen Ejlert Lövborg. Hedda sieht ihn rasch an. Ah So? Setzt sich in den Lehnstuhl und fragt gleichgültig: Was ist denn mit dem los? Tesman . Na, – sein Erbteil hat er gewiß schon längst durchgebracht. Und ein nettes Buch kann er wohl auch nicht jedes Jahr schreiben. Was? Na, – da frage ich wirklich, was aus ihm werden soll. Brack . Darüber könnte ich Ihnen vielleicht etwas erzählen. Tesman . Na? Brack . Sie dürfen nicht vergessen, er hat Verwandte, die nicht wenig Einfluß haben. Tesman . Ach – die Verwandten, – die haben ihn ja leider ganz fallen lassen. Brack . Früher haben sie ihn doch die Hoffnung der Familie genannt. Tesman . Ja, früher! Aber das hat er doch selbst verscherzt. Hedda . Wer weiß? Lächelt leicht. Oben bei Elvsteds hat man ihn ja wiederaufgerichtet – Brack . Und dazu das Buch, das herausgekommen ist – Tesman . Ja, ja, Gott gebe, man könnte ihm wirklich auf irgend eine Weise helfen. Ich habe eben an ihn geschrieben. Du, Hedda, ich habe ihn eingeladen, heut Abend zu uns heraus zu kommen. Brack . Aber, mein Bester, Sie wollten doch heute zu meinem Junggesellenschmaus kommen. Das haben Sie mir doch gestern auf der Landungsbrücke versprochen. Hedda . Hattest Du das vergessen, Tesman? Tesman . Weiß der liebe Gott, ja! Brack . Übrigens können Sie ganz ruhig sein, – er kommt nicht. Tesman . Wieso glauben Sie? Was? Brack etwas zögernd, steht auf und stützt die Hände auf die Stuhllehne . Lieber Tesman –. Und auch Sie, Frau Tesman –. Ich kann es nicht verantworten, Sie in Unkenntnis zu lassen über eine Sache, die – die – Tesman . Die Ejlert betrifft –? Brack . Sie und ihn. Tesman . Aber, lieber Assessor, so sprechen Sie doch! Brack . Sie müssen darauf vorbereitet sein, daß Ihre Ernennung vielleicht nicht so rasch erfolgt, wie Sie wünschen und erwarten. Tesman springt unruhig auf. Ist irgend etwas passiert? Was? Brack . Die Besetzung der Stelle dürfte vielleicht abhängig gemacht werden von einer Konkurrenz – Tesman . Konkurrenz! Denk nur, Hedda! Hedda lehnt sich weiter zurück in den Stuhl. Ah, schau, – schau! Tesman . Aber mit wem denn! Doch wohl nie und nimmer mit –? Brack . Allerdings. Mit Ejlert Lövborg. Tesman schlägt die Hände zusammen . Nein, nein, – das ist ja ganz undenkbar! Ein Ding der Unmöglichkeit! Was? Brack . Hm, – wir können es vielleicht doch erleben. Tesman . Aber, mein lieber Assessor, – das wäre ja doch die unglaublichste Rücksichtslosigkeit gegen mich! Ficht mit den Armen. Denn – denken Sie doch, – ich bin ja ein verheirateter Mann! Wir haben ja doch auf die Aussichten hin geheiratet, Hedda und ich. Sind hingegangen und haben eine Masse Schulden gemacht. Und auch von Tante Julle Geld geliehen. Herrgott, – ich hatte ja doch die Anstellung so gut wie in der Tasche. Was? Brack . Na, na, na, – die Anstellung bekommen Sie wahrscheinlich auch. Aber erst nach einem Wettstreit. Hedda unbeweglich im Lehnstuhl . Denk nur, Tesman – das wird beinah eine Art Sport. Tesman . Aber liebste Hedda, wie kannst Du das nur so gleichgültig aufnehmen! Hedda wie oben . Das tue ich gar nicht. Ich bin wirklich gespannt auf den Ausgang. Brack . In jedem Fall, Frau Tesman, ist es gut, daß Sie jetzt wissen, wie die Dinge stehen. Ich meine, – ehe Sie loslegen, die kleinen Einkäufe zu machen, mit denen Sie drohen, wie ich höre. Hedda . Das kann daran nichts ändern. Brack . Ach so? Das ist etwas anderes. Adieu! Zu Tesman. Wenn ich meinen Nachmittagsspaziergang mache, komm' ich vor und hole Sie ab. Tesman . Ach ja, ja, – ich weiß weder, aus noch ein. Hedda zurückgelehnt, streckt die Hand aus . Adieu, lieber Assessor! Und auf baldiges Wiedersehen. Brack . Besten Dank. Adieu, adieu! Tesman begleitet ihn bis zur Tür . Adieu, lieber Assessor! Sie müssen mich schon entschuldigen – Brack geht durch die Vorzimmertür hinaus. Tesman geht durchs Zimmer . Ach Hedda, – man sollte sich doch wirklich nicht hineinwagen ins Land der Abenteuer. Was? Hedda sieht ihn an und lächelt . Tust Du das ? Tesman . Ja, hör' mal – es läßt sich nicht leugnen, – es war abenteuerlich, hinzugehen und zu heiraten und Haus und Herd zu gründen auf lauter leere Aussichten hin. Hedda . Da hast Du am Ende recht. Tesman . Na, unser gemütliches Heim, das haben wir jedenfalls, Hedda! Denk Dir, – das Heim, das wir beide uns immer erträumt haben. Wofür wir geschwärmt haben, möchte ich fast sagen. Was? Hedda steht auf, langsam und müde . Es war doch die Abrede, daß wir gesellig leben – ein Haus machen wollten. Tesman . Herrgott, ja, – und wie hatte ich mich darauf gefreut! Denk nur, – Dich als Frau des Hauses zu sehen, – in einem auserwählten Kreis! Was? – Ja, ja, ja, – vorläufig müssen wir beide also allein und einsam haushalten, Hedda. Dürfen höchstens Tante Julle zwischendurch einmal bei uns sehen. – Ach, und wie ganz – ganz anders hättest Du es doch haben sollen –! Hedda . Den Diener in Livree bekomme ich natürlich nun fürs erste nicht. Tesman . Ach nein – leider. Einen Bedienten halten, – davon, sieh mal, kann doch unmöglich die Rede sein. Hedda . Und das Reitpferd, das ich haben sollte – Tesman erschrocken . Das Reitpferd! Hedda . – an das darf ich jetzt wohl nicht einmal denken. Tesman . I Gott bewahre, nein – das versteht sich doch von selbst. Hedda geht im Zimmer auf und ab . Na, – etwas habe ich doch jedenfalls, um mich inzwischen aufzuheitern. Tesman freudestrahlend . Ach, Gott sei Lob und Dank! Und was ist denn das, Hedda? Was? Hedda an der Türöffnung, sieht ihn mit unterdrücktem Hohn an . Meine Pistolen, – Jörgen. Tesman in Angst . Die Pistolen! Hedda mit kalten Augen . General Gablers Pistolen. Sie geht durch das Hinterzimmer nach links ab. Tesman läuft zur Türöffnung und ruft ihr nach : Aber um Gotteswillen, liebste Hedda, – laß die Hände von den gefährlichen Dingern! Mir zuliebe, Hedda! Was? Zweiter Akt Das Zimmer bei Tesmans, wie im ersten Akt; nur daß das Piano nicht mehr da ist und an dessen Stelle ein eleganter kleiner Schreibtisch mit Bücherfach steht. An das Sofa links ist ein kleiner Tisch gestellt. Die meisten Blumenbuketts sind entfernt. Frau Elvsteds Bukett steht auf dem größeren Tisch im Vordergrunde. – Es ist Nachmittag. Hedda , die jetzt Empfangstoilette trägt, ist allein im Zimmer. Sie steht an der offenen Glastür und ladet einen Revolver. Ein zweiter ganz gleicher liegt in einem offenen Pistolenkasten auf dem Schreibtisch. Hedda sieht in den Garten hinunter und ruft : Zum zweiten Mal guten Tag, Herr, Assessor! Brack wird unten aus einiger Entfernung vernehmbar . Gleichfalls, Frau Tesman. Hedda erhebt die Pistole und zielt . Jetzt erschieße ich Sie, Herr Assessor. Brack ruft unten : Nein – nein – nein! Zielen Sie doch nicht so direkt auf mich! Hedda . Das kommt davon, wenn man versteckte Wege geht! Sie schießt. Brack näher . Sind Sie denn ganz verrückt –! Hedda . Mein Gott, – habe ich Sie vielleicht getroffen? Brack immer noch draußen . Lassen Sie doch die dummen Witze! Hedda . So kommen Sie herein, Assessor! Brack , gekleidet wie zu einer Herrengesellschaft, einen Sommerüberzieher über dem Arm, kommt durch die Glastür. Brack . Donnerwetter – treiben Sie den Sport noch immer? Wonach schießen Sie denn eigentlich? Hedda . O, ich stehe nur da und schieße in die blaue Luft hinein. Brack nimmt ihr sanft die Pistole aus der Hand . Erlauben Sie mal, gnädige Frau. Betrachtet die Pistole. Ach, die , – die kenne ich gut. Sieht sich um. Wo haben wir denn den Kasten? So, hier. Legt die Pistole hinein und macht den Deckel zu. Für heute mag es nun genug sein des grausamen Spiels. Hedda . Ja, was in Gottesnamen, glauben Sie denn, soll ich anfangen? Brack . Haben Sie keinen Besuch gehabt? Hedda schließt die Glastür . Keinen einzigen. Alle die Intimen sind wohl noch auf dem Lande. Brack . Und Tesman ist am Ende auch nicht zu Hause? Hedda am Schreibtisch, schließt den Pistolenkasten in die Schublade ein . Nein. Wie er das Essen herunter hatte, da lief er gleich zu den Tanten hin. Denn er erwartete Sie nicht so früh. Brack . Hm, – hätt' es mir auch denken können. Das war dumm von mir. Hedda wendet den Kopf und sieht ihn an . Wieso dumm? Brack . Ach, sonst wär' ich noch ein bißchen – früher gekommen. Hedda durchmißt das Zimmer. Ja, da hätten Sie aber erst recht niemand getroffen. Denn ich war nach Tisch auf meinem Zimmer und habe mich umgekleidet. Brack . Und gibt es da nicht so einen ganz kleinen Türspalt, durch den man hätte verhandeln können? Hedda . Sie haben ja vergessen, so etwas anbringen zu lassen. Brack . Das war auch dumm von mir. Hedda . Dann wollen wir uns also hier häuslich niederlassen. Und warten. Denn Tesman kommt gewiß so bald nicht wieder. Brack . Ja-ja, mein Gott, ich werde die Geduld nicht verlieren. Hedda setzt sich in die Sofaecke. Brack legt seinen Paletot über den Rücken des nächststehenden Stuhles und setzt sich, behält aber den Hut in der Hand. Kurze Pause. Sie sehen einander an. Hedda . Nun? Brack in gleichem Ton . Nun? Hedda . Ich habe zuerst gefragt. Brack beugt sich etwas vornüber . Na, dann wollen wir uns mal ein bißchen gemütlich unterhalten, Frau Hedda! Hedda lehnt sich weiter zurück ins Sofa . Kommt es Ihnen nicht wie eine ganze Ewigkeit vor, seit wir uns zuletzt gesprochen haben? – Denn die paar Worte gestern abend und heut früh – die rechne ich nicht weiter mit. Brack . So – allein? Unter vier Augen? Hedda . Ja. So ungefähr. Brack . Jeden lieben Tag habe ich gewünscht, Sie möchten nur erst wieder glücklich zu Hause sein. Hedda . Und ich habe wirklich die ganze Zeit nur denselben Wunsch gehabt. Brack . Sie? Wahrhaftig, Frau Hedda? Und ich glaubte doch, Sie hätten sich so wunderbar auf der Reise amüsiert! Hedda . Jawohl, glauben Sie das nur! Brack . Aber Tesman hat das doch immerzu geschrieben. Hedda . Ja, er ! Denn er weiß nun einmal nichts Schöneres auf der Welt, als in Bibliotheken herumzustöbern. Und sich hinzusetzen und alte Pergamentblätter abzuschreiben – oder sonst dergleichen. Brack etwas boshaft . Na, das ist doch sein Beruf hier auf Erden. Zum Teil wenigstens. Hedda . Ja, das ist wahr. Und da kann man freilich –. Aber ich ! Ach nein, lieber Assessor – ich habe mich greulich gelangweilt. Brack teilnahmsvoll . Meinen Sie das wirklich – in vollem Ernst? Hedda . Ja, das können Sie sich doch selber sagen –! So ganze sechs Monate keinem Menschen zu begegnen, der ein bißchen was weiß von unserm Kreise. Und mit dem man über unsere eigenen Angelegenheiten reden kann. Brack . Ja-ja, – das würde auch ich recht sehr vermissen. Hedda . Und nun das Aller-, Allerunerträglichste. Brack . Nun? Hedda . – immer und ewig zusammen zu sein mit – mit einem und demselben. Brack nickt beifällig . Früh, und spät – jawohl. Man denke bloß, – zu allen möglichen Zeiten. Hedda . Ich sagte: immer und ewig. Brack . Na schön. Aber mir scheint doch, mit unserm biedern Tesman, da müßte man – Hedda . Tesman ist – ein Fachmensch, mein Lieber. Brack . Unstreitig. Hedda . Und mit Fachmenschen zu reisen ist durchaus kein Vergnügen. Wenigstens nicht auf die Dauer. Brack . Nicht einmal – mit dem Fachmenschen, den man liebt ? Hedda . O weh, – brauchen Sie doch nicht das klebrige Wort! Brack betroffen . Wie denn, Frau Hedda? Hedda halb lachend, halb ärgerlich . Ja, Sie sollten es nur einmal probieren! Von Kulturgeschichte reden zu hören früh und spät – Brack . Immer und ewig –¦ Hedda . Ja – ja – ja! Und dazu die Sache mit der Hausindustrie im Mittelalter –! Das ist gar das Allergräßlichste. Brack sieht sie prüfend an . Aber, Sagen Sie mal, – wie soll ich mir denn eigentlich erklären, daß –? Hm – Hedda . Daß aus mir und Jörgen Tesman ein Paar geworden ist, meinen Sie? Brack . Na ja, wir wollen uns so ausdrücken. Hedda . Guter Gott, scheint Ihnen denn das so merkwürdig? Brack . Ja und nein, – Frau Hedda. Hedda . Ich hatte mich wirklich müde getanzt, lieber Assessor. Meine Zeit war um – schrickt leicht zusammen. I nein, – das möchte ich denn doch nicht sagen. Auch nicht denken! Brack . Dazu haben Sie auch ganz gewiß keinen Grund. Hedda . Oh, – Grund –. Sieht ihn an wie auf der Lauer. Und Jörgen Tesman, – da muß man doch sagen, das ist ein in jeder Beziehung korrekter Mensch. Brack . So korrekt wie solid. Das ist nun einmal wahr. Hedda . Und etwas eigentlich Komisches kann ich nicht an ihm finden. – Oder finden Sie ? Brack . Komisches ? Nei-n, – das will ich grade nicht sagen – Hedda . Nun also. Aber ein riesig fleißiger Sammler ist er doch jedenfalls! – Da ist es doch nicht unmöglich, daß er es mit der Zeit noch einmal weit bringt. Brack sieht sie etwas unsicher an . Ich habe geglaubt, Sie waren wie alle anderen der Meinung, es würde ein ganz hervorragender Mann aus ihm werden. Hedda mit einem müden Ausdruck . Ja, das war ich. – Und da er nun durchaus mit aller Gewalt mich versorgen wollte –. Ich weiß nicht, warum ich es nicht hätte annehmen sollen? Brack . Ja-ja. Von der Seite betrachtet – Hedda . Es war doch wirklich mehr, als wozu meine anderen Verehrer bereit waren, lieber Assessor. Brack lacht . Ja, ich kann selbstverständlich nicht für alle die anderen einstehen. Was aber mich selbst betrifft, so wissen Sie doch, ich hatte immer einen – einen gewissen Respekt vor den ehelichen Banden. So im großen Ganzen, Frau Hedda. Hedda scherzend . Ach, auf Sie habe ich mir wahrhaftig keine Hoffnungen gemacht. Brack . Alles, was ich begehre, das ist ein intimer Kreis von guten Bekannten, denen ich mit Rat und Tat dienen, und bei denen ich ein und aus gehen darf wie – wie ein erprobter Freund – Hedda . Vom Hausherrn, meinen Sie? Brack verbeugt sich . Offen gestanden, – lieber von der Hausfrau. Aber dann auch gleich vom Manne, versteht sich. Wissen Sie, – ein solches – ein solches, sagen wir, dreieckiges Verhältnis, – das ist im Grunde eine große Annehmlichkeit für alle Teile. Hedda . Ja, ich habe manches liebe Mal auf der Reise den dritten Mann vermißt. Äh, – so unter vier Augen im Coupé zu sitzen – Brack . Zum Glück ist die Hochzeitsreise ja nun überstanden – Hedda schüttelt den Kopf . Die Reise dürfte noch lange, – lange dauern. Ich bin unterwegs erst bei einer Station angekommen. Brack . Na, so hüpft man heraus. Und macht sich ein bißchen Bewegung, Frau Hedda. Hedda . Ich hüpfe nie heraus. Brack . Wirklich nicht? Hedda . Nein, denn es ist immer jemand da, der – Brack lachend . – der einem auf die Beine sieht, meinen Sie? Hedda . Ja eben. Brack . Na aber, lieber Gott – Hedda mit abwehrender Handbewegung . Mag das nicht. – Da bleibe ich lieber sitzen, – wo ich nun einmal bin. Unter vier Augen. Brack . Nun, so steigt eben ein dritter Mann bei dem Paar ein. Hedda . Ja, sehn Sie, – das ist ganz etwas anderes! Brack . Ein erprobter, verständnisvoller Freund – Hedda . – unterhaltend auf allerlei Gebieten, wo's ausgelassen zugeht – Brack . – und nicht die Spur Fachmensch! Hedda mit einem hörbaren Atemzug . Ja, das ist freilich eine Erleichterung. Brack hört, wie die Eingangstür geöffnet wird und blickt verstohlen hin . Zu ist das Dreieck. Hedda halblaut . Und der Zug fährt weiter. Tesman , in grauem Straßenanzug und mit weichem Filzhut, kommt herein durchs Vorzimmer. Er hat einen ganzen Stoß uneingebundener Bücher unter dem Arm und in den Taschen. Tesman geht an den Tisch beim Ecksofa . Puh, – den ganzen Berg da zu schleppen, – dabei konnte einem wirklich heiß werden. Legt die Bücher hin. Ich schwitze förmlich, Hedda. Ei, sieh da, sieh da, – sind Sie schon da, lieber Assessor? Was? Davon hat Berte nichts gesagt. Brack steht auf . Ich bin durch den Garten gegangen. Hedda . Was sind das für Bücher, die Du da mitbringst? Tesman steht und blättert darin . Es sind ein paar neue Fachschriften, die ich notwendig brauche. Hedda . Fachschriften? Brack . Aha, es sind Fachschriften, Frau Tesman. Brack und Hedda wechseln ein verständnisvolles Lächeln. Hedda . Brauchst Du noch mehr Fachschriften? Tesman . Ja, liebe Hedda, davon kann man nie genug haben. Man muß doch das verfolgen, was geschrieben und gedruckt wird. Hedda . Ja, das muß man wohl. Tesman sucht in den Büchern herum . Und sieh mal her, – da habe ich auch Lövborgs neues Buch aufgetrieben. Reicht es ihr. Hast Du vielleicht Lust hineinzusehen, Hedda? Was? Hedda . Nein, danke sehr. Oder – ja, vielleicht später. Tesman . Ich habe unterwegs ein bißchen drin geblättert. Brack . Na, und was sagen Sie – als Fachmann? Tesman . Ich sage, es ist merkwürdig, wie maßvoll es gehalten ist. So hat er früher nie geschrieben. Rafft die Bücher zusammen. Aber jetzt will ich die ganze Geschichte da hineintragen. Das Aufschneiden, das wird eine wahre Lust sein –! Und dann muß ich ein bißchen Toilette machen. Zu Brack. Wir brauchen doch wohl nicht gleich auf der Stelle zu gehen? Was? Brack . I bewahre, – es eilt noch gar nicht. Tesman . Na, so laß' ich mir also Zeit. Geht mit den Büchern ab, bleibt aber bei der Türöffnung stehen und wendet sich um. Ja so, Hedda, – Tante Julle kommt heut abend nicht zu Dir. Hedda . Nicht? Ist vielleicht die Geschichte mit dem Hut schuld? Tesman . Ach, keine Spur. Wie kannst Du nur so etwas von Tante Julle glauben! Denk nur –! Aber Tante Rina geht's so furchtbar schlecht, weißt Du. Hedda . So geht es ihr doch immer. Tesman . Ja, aber gerade heut geht es ihr ganz besonders schlimm, der armen Person. Hedda . Na, dann gehört es sich auch so, daß die andre bei ihr bleibt. Ich werde mich schon drein finden. Tesman . Aber Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie seelenvergnügt Tante Julle trotz alledem war, – weil Du Dich so herausgemacht hast auf der Reise. Hedda steht auf, halblaut . Oh, – diese ewigen Tanten! Tesman . Was? Hedda geht zur Glastür . Nichts. Tesman . Na also denn. Er geht durch das Hinterzimmer hinaus nach rechts. Brack . Was war das für ein Hut, von dem Sie gesprochen haben? Hedda . Ach, das war eine Geschichte mit Fräulein Tesman heut früh. Sie hatte ihren Hut abgenommen und da auf den Stuhl gelegt. Sieht ihn an und lächelt. Und da tat ich, als ob ich ihn für den Hut des Dienstmädchens hielte. Brack schüttelt den Kopf . Aber, beste Frau Hedda, wie konnten Sie ihr das nur antun, der biedern alten Dame! Hedda nervös, geht durchs Zimmer . Ja, sehen Sie, – so was kommt über mich, ehe ich mich dessen versehe. Und dann kann ich nicht widerstehen. Wirft sich in den Lehnstuhl beim Ofen. Oh, ich weiß selbst nicht, wie ich es mir erklären soll. Brack hinter dem Lehnstuhl . Sie sind nicht so recht glücklich, – das ist die Sache. Hedda sieht vor sich hin . Ich wüßte auch nicht, warum ich – glücklich sein sollte. Oder können Sie mir es vielleicht sagen? Brack . Ja, – unter anderm deshalb, weil Sie doch nun das Heim haben, das Sie sich gewünscht hatten. Hedda sieht ihn an und lacht . Glauben Sie auch an die Wunschgeschichte? Brack . Ist denn nichts daran? Hedda . Ja doch – etwas ist dran. Brack . Nun? Hedda . So viel ist dran: ich ließ mich doch im vorigen Sommer von Tesman aus den Abendgesellschaften nach Haus begleiten – Brack . Leider, – ich hatte doch einen ganz andern Weg. Hedda . Das ist wahr. Sie gingen freilich andere Wege im vorigen Sommer. Brack lacht . Schämen Sie sich, Frau Hedda! – Na – also was war mit Ihnen und Tesman –? Hedda . Ja, also wir kamen hier eines Abends vorbei. Und Tesman, der arme Kerl, wußte sich vor Verlegenheit nicht zu lassen. Es fiel ihm nämlich kein Gesprächsthema ein. Da hatte ich Mitleid mit dem gelehrten Menschen – Brack lächelt zweifelnd . Sie ? Wirklich? Hm – Hedda . Ja, ganz wahrhaftig. Und da – um ihm aus der Not zu helfen – da sagte ich aus purem Leichtsinn, ich hätte wohl Lust, hier in dieser Villa zu wohnen. Brack . Mehr nicht? Hedda . An dem Abend nicht. Brack . Aber später? Hedda . Ja. Mein Leichtsinn hatte Folgen, lieber Assessor. Brack . Leider, – unsre Leichtsinnigkeiten haben das nur allzu oft, Frau Hedda. Hedda . Danke sehr! In der Schwärmerei für die Falksche Villa also, sehen Sie, trafen sich Jörgen Tesman und ich verständnisinnig! Das führte zu Verlobung und Heirat und Hochzeitsreise, und zu was weiß ich. Ja, ja, lieber Assessor, – wie man sich bettet, so liegt man, – hätte ich fast gesagt. Brack . Das ist köstlich! Und im Grunde haben Sie sich vielleicht aus der ganzen Geschichte hier nicht das Allergeringste gemacht. Hedda . Nein, weiß Gott nicht. Brack . Ja, aber was nun? Wo wir doch alles so hübsch gemütlich für Sie eingerichtet haben? Hedda . Äh, – mir ist, als röche es hier in allen Zimmern nach Lavendel und getrockneten Rosen. – Aber den Geruch hat vielleicht Tante Julle mitgebracht. Brack lacht . Nein, da glaube ich eher, der ist noch von der seligen Staatsrätin. Hedda . Ja, etwas Verwestes ist dabei. Es erinnert an Ballblumen – den Tag drauf. Faltet die Hände hinter dem Nacken, lehnt sich in den Stuhl zurück und sieht ihn an. Ach, lieber Assessor, – Sie können sich nicht vorstellen, wie schauderhaft ich mich hier draußen langweilen werde. Brack . Sollte Ihnen denn das Leben nicht irgend eine Aufgabe zu bieten haben, Frau Hedda? Hedda . Eine Aufgabe, – die etwas Verlockendes haben könnte? Brack . Eine solche am liebsten, natürlich. Hedda . Gott weiß, was das für eine Aufgabe sein sollte. Manchmal denke ich daran – abbrechend. Aber das geht gewiß auch nicht. Brack . Wer weiß? Lassen Sie hören. Hedda . Wenn ich nun Tesman bewegen könnte, sich auf Politik zu werfen? Brack lacht . Tesman! Nein, hören Sie mal, – so etwas wie Politik, das liegt ihm gar nicht – aber ganz und gar nicht. Hedda . Ja, das will ich gern glauben. – Aber wenn ich ihn nun trotzdem dahin bringen könnte? Brack . Ja, – was für eine Befriedigung würde Ihnen das gewähren? Wenn er nun doch nicht dazu taugt. Warum wollen Sie ihn denn dazu bewegen? Hedda . Weil ich mich langweile, hören Sie doch. Nach einer kleinen Pause. Sie halten es also für ganz unmöglich, daß Tesman einmal Minister werden könnte? Brack . Hm, – sehen Sie, liebe Frau Hedda, ¦– um das zu, werden, müßte er zunächst mal ein einigermaßen reicher Mann sein. Hedda steht ungeduldig auf . Da haben wir's! Es sind diese dürftigen Verhältnisse, in die ich hineingeraten bin –! Geht durchs Zimmer. Und die eben machen das Leben so erbärmlich, – so geradezu lächerlich! – Denn das ist es. Brack . Ich glaube, die Schuld liegt wo anders. Hedda . Wo denn? Brack . Sie haben noch nie etwas so recht Aufrüttelndes erlebt. Hedda . Etwas Ernstes, meinen Sie? Brack . Ja, man kann es auch ganz gut so nennen. Doch das könnte vielleicht jetzt kommen. Hedda wirft den Kopf zurück . Ach, Sie denken an die Widerwärtigkeiten mit dieser dummen Professur! Aber das mag Tesmans Sache bleiben. Dem opfere ich wahrhaftig auch noch nicht einen Gedanken. Brack . Jaja, also sehen wir davon ab. Doch wenn nun das, – was man – so im höhern Stil – ernste und – und verantwortungsvolle Ansprüche nennt, an Sie heranträte? Lächelt. Neue Ansprüche, kleine Frau Hedda. Hedda böse . Schweigen Sie! So etwas werden Sie nie erleben! Brack behutsam . Wir sprechen uns wieder in Jahresfrist – allerhöchstens. Hedda kurz. Ich habe keine Anlage zu so etwas, Herr Assessor. Nur nicht so etwas wie Ansprüche! Brack . Sollten Sie nicht, wie die meisten andern Frauen, Anlage haben zu einem Beruf, der –? Hedda an der Glastür . Ach, schweigen Sie doch, sage ich! – Manchmal glaube ich, ich habe Anlage nur zu einer Sache auf der Welt. Brack geht näher . Und das ist, wenn ich fragen darf ? Hedda blickt hinaus . Mich zu Tode zu langweilen. Nun wissen Sie es. Wendet sich um, sieht nach dem Hinterzimmer und lacht. Richtig, na ja! Da ist der Herr Professor. Brack leise warnend. Aber, aber Frau Hedda! Tesman im Gesellschaftsanzug, Hut und Handschuhe in der Hand, kommt von der rechten Seite durchs Hinterzimmer. Tesman . Hedda, – ist von Ejlert Lövborg keine Absage gekommen? Was? Hedda . Nein. Tesman . Na, dann wirst Du sehen, ist er gleich da. Brack . Glauben Sie wirklich, er kommt? Tesman . Ja, ich bin davon überzeugt. Denn das sind ja doch bloß lauter leere Gerüchte, was Sie heut früh erzählt haben. Brack . So? Tesman . Ja, wenigstens Tante Julle hat gesagt, sie glaubt im Leben nicht, daß er sich mir künftig in den Weg stellen würde. Denken Sie mal! Brack . Na, dann ist ja alles schön und gut. Tesman legt Hut und Handschuhe auf einen Stuhl zur Rechten. Aber Sie müssen schon gestatten, daß ich hier noch so lange wie möglich auf ihn warte. Brack . Dazu haben wir noch reichlich Zeit. Bei mir kommt keiner vor sieben – halb acht. Tesman . Na, dann können wir ja Hedda so lange Gesellschaft leisten. Und abwarten. Was? Hedda trägt Bracks Überzieher und Hut hin aufs Ecksofa . Und schlimmsten Falls kann ja auch Herr Lövborg hier bei mir bleiben. Brack will die Sachen selbst nehmen. Aber ich bitte, gnädige Frau! – Was verstehen Sie unter schlimmsten Falls? Hedda . Wenn er nicht Lust hat, mit Ihnen und Tesman zu gehen. Tesman sieht sie unschlüssig an . Aber liebe Hedda, – meinst Du, es geht an, daß er hier bei Dir bleibt? Was? Vergiß nicht, Tante Julle kann nicht kommen. Hedda . Nein, aber Frau Elvsted kommt. Und dann trinken wir drei zusammen den Tee. Tesman . Ja, sieh mal, dann geht es! Brack lächelt . Und das dürfte vielleicht auch das Gesündere für ihn sein. Hedda . Wieso? Brack . Herrjeh, meine gnädige Frau, Sie haben sich doch schon oft genug über meine kleinen Junggesellenschmäuse mokiert. Die eigneten sich ausschließlich für wirklich prinzipienfeste Mannsleute, meinten Sie. Hedda . Aber Herr Lövborg ist doch wohl jetzt hinreichend prinzipienfest. Ein bekehrter Sünder – Berte kommt durch die Vorzimmertür. Berte . Gnädige Frau, da ist ein Herr, der gern herein möchte – Hedda . Lassen Sie ihn eintreten. Tesman leise . Ich bin sicher, er ist es. Denk nur! Ejlert Lövborg kommt durch das Vorzimmer. Er ist schlank und mager; im gleichen Alter wie Tesman, sieht aber älter und etwas abgelebt aus. Haar und Bart sind dunkelbraun, das Gesicht ist länglich und bleich und hat nur auf den Backenknochen ein paar rötliche Flecken. Er trägt einen eleganten schwarzen, ganz neuen Besuchsanzug. Dunkle Handschuhe und einen Zylinder in der Hand. In der Nähe der Tür bleibt er stehen und verbeugt sich hastig. Scheint etwas verlegen. Tesman geht ihm entgegen und schüttelt ihm die Hand . Lieber Ejlert, – so sehen wir uns doch endlich einmal wieder! Lövborg spricht mit leiser Stimme. Ich danke Dir sehr für Deinen Brief! Nähert sich Hedda. Darf ich auch Ihnen die Hand geben, Frau Tesman? Hedda ergreift die dargereichte Hand . Willkommen, Herr Lövborg . Mit einer Handbewegung. Ich weiß nicht, ob die beiden Herren –? Lövborg verbeugt sich leicht . Herr Assessor Brack, wenn ich nicht irre. Brack ebenso . Habe die Ehre. Vor mehreren Jahren – Tesman zu Lövborg, legt ihm die Hände auf die Schultern . Und nun tu grade so, als ob Du zu Hause wärst, Ejlert! Nicht wahr, Hedda? – Du willst Dich doch wieder in der Stadt niederlassen, höre ich? Was? Lövborg . Das will ich. Tesman . Na, das ist auch vernünftig. Du, hör' mal, – ich habe mir Dein neues Buch besorgt. Aber ich habe wahrhaftig noch keine Zeit gefunden, es zu lesen. Lövborg . Die Mühe kannst Du Dir auch sparen. Tesman . Wieso meinst Du? Lövborg . Weil nichts weiter dran ist. Tesman . Nein – was Du nicht sagst! Brack . Aber es wird doch so riesig gelobt, höre ich. Lövborg . Das wollte ich ja grade. Und ich schrieb das Buch so, daß alle mitgehen könnten. Brack . Sehr vernünftig. Tesman . Ja aber, lieber Ejlert –! Lövborg . Denn nun will ich versuchen, mir wieder eine Stellung zu schaffen. Von vorn zu beginnen. Tesman etwas verlegen . Ja, das kann ich von Dir verstehen! Was ? Lövborg lächelt, legt den Hut hin und zieht ein in ein Papier eingeschlagenes Paket aus der Rocktasche . Aber wenn das da herauskommt, – Jörgen Tesman – das sollst Du lesen. Denn das ist erst das Wahre. Das, worin ich selber bin. Tesman . So? Und was ist es denn eigentlich? Lövborg . Es ist die Fortsetzung. Tesman . Die Fortsetzung? Wovon? Lövborg . Von meinem Buch. Tesman . Von dem neuen? Lövborg . Versteht sich. Tesman . Aber lieber Ejlert, – das geht doch schon bis zu unserer Zeit! Lövborg . Allerdings. Und das hier handelt von der Zukunft. Tesman . Von der Zukunft! Herrjeh, aber von der wissen wir doch gar nichts! Lövborg . Nein. Aber es läßt sich immerhin eins und das andre von ihr sagen. Öffnet das Paket. Da sieh mal – Tesman . Das ist ja nicht Deine Handschrift. Lövborg . Ich habe diktiert. Blättert in den Papieren. Es ist in zwei Abschnitte eingeteilt. Der erste handelt von den Kulturmächten der Zukunft. Und hier der andere – blättert weiter hinten – der handelt von der Kulturentwicklung der Zukunft. Tesman . Merkwürdig! Über so etwas zu schreiben, das könnte mir nie einfallen. Hedda an der Glastür, trommelt auf die Scheiben . Hm –. Nein – nein. Lövborg steckt die Schriftstücke in den Umschlag und legt das Paket auf den Tisch. Ich hab' es mitgebracht, weil ich Dir heut abend ein wenig draus vorlesen wollte. Tesman . Ja, Du, das wäre riesig nett von Dir. Aber heut abend –? Sieht zu Brack hin. Ich weiß nicht recht, wie sich das anstellen ließe – Lövborg . Na, also dann ein andermal. Es eilt ja nicht. Brack . Ich will Ihnen sagen, Herr Lövborg, – heut abend ist eine kleine Fête bei mir. In erster Reihe für Tesman, verstehen Sie – Lövborg sieht nach seinem Hut . Ah, – dann will ich nicht länger – Brack . Aber so hören Sie doch. Möchten Sie mir nicht das Vergnügen machen, uns zu begleiten? Lövborg kurz und bestimmt . Nein, das kann ich nicht. Danke Ihnen recht sehr. Brack . Ach was! Tun Sie es doch! Wir sind ein kleiner, auserwählter Kreis. Und Sie dürfen glauben, es wird »ausgelassen«, wie Frau Hed –, wie Frau Tesman sagt. Lövborg . Daran zweifle ich nicht. Trotzdem – Brack . Dann könnten Sie Ihr Manuskript mitnehmen und bei mir Tesman daraus vorlesen. Denn ich habe Zimmer genug. Tesman . ja, denk Dir nur, Ejlert, – das könntest Du doch! Was? Hedda tritt dazwischen . Aber, mein Lieber, wenn Herr Lövborg doch nun einmal nicht will ! Ich bin überzeugt, Herr Lövborg hat weit mehr Lust, hier zu bleiben und mit mir zu Abend zu essen. Lövborg sieht sie an . Mit Ihnen, gnädige Frau! Hedda . Und mit Frau Elvsted. Lövborg . Ah – leichthin. Der bin ich heut Mittag flüchtig begegnet. Hedda . So? Ja, sie kommt her. Und darum ist es beinah eine Notwendigkeit, daß Sie bleiben, Herr Lövborg. Denn sonst hat sie niemand, der sie nach Haus begleitet. Lövborg . Das ist wahr. Besten Dank, gnädige Frau, – ja, dann bleibe ich also. Hedda . So will ich nur dem Mädchen noch einen kleinen Auftrag geben – Sie geht zur Vorzimmertür und klingelt. Berte tritt ein. Hedda spricht leise mit ihr und deutet nach dem Hinterzimmer. Berte nickt und geht wieder hinaus. Tesman gleichzeitig zu Lövborg . Du, Ejlert, – die Sache hier über die Zukunft, – das ist wohl das neue Thema, – worüber Du Vorträge halten willst? Lövborg . Ja. Tesman . Denn beim Buchhändler hörte ich, Du wolltest im Herbst hier eine Reihe von Vorträgen halten. Lövborg . Das will ich. Du darfst es mir nicht verdenken, Tesman. Tesman . I Gott bewahre! Aber –? Lövborg . Ich verstehe ja, daß es Dir einigermaßen in die Quere kommt. Tesman verzagt. Ach, ich kann doch nicht verlangen, daß Du um meinetwillen – Lövborg . Aber ich warte, bis Du Deine Ernennung hast. Tesman . Du wartest! Ja aber, – aber – willst Du denn nicht mit konkurrieren? Was? Lövborg . Nein. Ich will nur über Dich siegen. In der Anschauung der Leute. Tesman . Herrjeh – aber dann hatte Tante Julle doch recht! Ach ja, – das hab' ich ja gewußt ! Hedda! Denk Dir nur, – Ejlert hat gar nicht die Absicht, uns in den Weg zu treten! Hedda kurz . Uns? Laß mich doch aus dem Spiel! Sie geht ins Hinterzimmer, wo Berte steht und ein Servierbrett mit Karaffen und Gläsern auf den Tisch stellt. Hedda nickt beifällig und kommt wieder nach dem Vordergrund. Berte geht hinaus. Tesman gleichzeitig . Aber Sie, Assessor, – was sagen denn Sie dazu? Was? Brack . Na, ich sage, – Ehre und Sieg, – hm, – das mag ja etwas Wunderschönes sein – Tesman . Ja, allerdings. Aber trotzdem – Hedda sieht Tesman mit kaltem Lächeln an . Ich finde, Du siehst aus wie vom Blitz getroffen. Tesman . Ja, – ungefähr so, – glaube ich fast – Brack . Aber es war doch auch ein Gewitter, was über uns hingezogen ist, Frau Tesman. Hedda zeigt nach dem Hinterzimmer . Wollen die Herren nicht hineingehen und ein Glas kalten Punsch trinken? Brack sieht auf seine Uhr . Ein Abschiedsgläschen? Ja, das wäre gar nicht so übel. Tesman . Ausgezeichnet, Hedda! Ganz ausgezeichnet! In so freier, leichter Stimmung, wie ich jetzt bin – Hedda . Bitte schön, auch Sie, Herr Lövborg. Lövborg abwehrend . Nein, ich danke sehr. Für mich nicht. Brack . Herrgott, – aber kalter Punsch ist doch kein Gift, soviel ich weiß. Lövborg . Für manchen vielleicht doch. Hedda . Ich werde schon Herrn Lövborg so lange Gesellschaft leisten. Tesman . Jaja, liebe Hedda, tu das nur. Er und Brack gehen ins Hinterzimmer, setzen sich, trinken Punsch, rauchen Zigaretten und unterhalten sich lebhaft während des Folgenden. Lövborg bleibt am Ofen stehen. Hedda geht zum Schreibtisch. Hedda mit etwas erhobener Stimme . Da will ich Ihnen einige Photographien zeigen, wenn es Ihnen recht ist. Tesman und ich – wir haben nämlich auf der Heimreise einen kleinen Abstecher nach Tirol gemacht. Sie kommt mit einem Album, das sie auf den Tisch beim Sofa legt, und setzt sich in die obere Sofaecke. Lövborg tritt näher, bleibt stehen und sieht sie an. Dann nimmt er einen Stuhl und setzt sich an ihre linke Seite, mit dem Rücken gegen das Hinterzimmer. Hedda schlägt das Album auf . Sehen Sie die Gebirgsgruppe da, Herr Lövborg! Das ist der Ortler. Tesman hat es drunter geschrieben. Hier steht es: Die Ortlergruppe bei Meran. Lövborg , der sie unverwandt betrachtet hat, sagt leis und langsam : Hedda – Gabler. Hedda wirft ihm schnell einen verstohlenen Blick zu . Na! Pst! Lövborg wiederholt leise : Hedda Gabler! Hedda sieht ins Album . Ja, so hieß ich früher. Zu der Zeit – als wir beiden miteinander bekannt waren. Lövborg . Und fortan, – und fürs ganze Leben – muß ich mir also abgewöhnen zu sagen: Hedda Gabler. Hedda blättert weiter . Ja, das müssen Sie. Und ich meine, Sie sollten sich beizeiten üben. Je früher, desto besser, scheint mir. Lövborg mit zornerfüllter Stimme . Hedda Gabler verheiratet? Und noch dazu mit – Jörgen Tesman. Hedda . Ja, – so geht's. Lövborg . Ach, Hedda, Hedda, – wie konntest Du Dich so wegwerfen! Hedda blickt ihn unwirsch an . Na ? Nichts da von! Lövborg . Wo von, meinst Du? Tesman kommt herein und geht aufs Sofa zu. Hedda hört ihn kommen und sagt gleichgültig : Und das hier, Herr Lövborg, das ist aus dem Ampezzotal unten. Sehen Sie nur die Bergspitzen! Sieht freundlich auf zu Tesman. Sag' mal, wie heißen sie doch, diese seltsamen Bergspitzen? Tesman . Laß mal sehen. Ach, das sind ja die Dolomiten. Hedda . Richtig, ja! – das sind die Dolomiten, Herr Lövborg. Tesman . Du, Hedda, – ich wollte bloß fragen, ob wir nicht doch ein bißchen Punsch hier hereinstellen sollen. Wenigstens für Dich. Was? Hedda . Sehr freundlich. Ja. Und vielleicht auch ein paar Kuchen. Tesman . Keine Zigaretten? Hedda . Nein. Tesman . Schön. Er geht ins Hinterzimmer und ab nach rechts. Brack sitzt drinnen und beobachtet Hedda und Lövborg von Zeit zu Zeit. Lövborg mit gedämpfter Stimme, wie oben . So antworte mir doch, Hedda, – wie konntest Du das nur tun? Hedda anscheinend ins Album vertieft . Wenn Sie fortfahren, Du zu mir zu sagen, dann rede ich mit Ihnen nicht mehr. Lövborg . Darf ich auch nicht Du sagen, wenn wir allein sind? Hedda . Nein. Sie können es meinetwegen denken. Aber sagen dürfen Sie es nicht. Lövborg . Ah, ich verstehe. Das gibt Ihrer Liebe – zu Jörgen Tesman einen Stoß. Hedda blickt verstohlen zu ihm hin und lächelt . Liebe? Sie sind wirklich gut! Lövborg . Also nicht Liebe? Hedda . Aber auch nicht so etwas wie Untreue! Davon will ich nichts wissen. Lövborg . Hedda, – beantworten Sie mir nur das Eine – Hedda . Pst! Tesman , mit einem Servierbrett, kommt aus dem Hinterzimmer. Tesman . So! Da kommen die guten Sachen. Er stellt das Brett auf den Tisch. Hedda . Warum kommst Du selbst und servierst? Tesman füllt die Gläser. Weil es mir so riesigen Spaß macht, Dich zu bedienen, Hedda. Hedda . Aber Du hast ja beide Gläser gefüllt. Herr Lövborg will ja doch nichts haben – Tesman . Nein, ist ja wahr, – aber Frau Elvsted kommt wohl gleich. Hedda . Richtig, ja, – Frau Elvsted – Tesman . Hattest Du sie vergessen? Was? Hedda . Wir sitzen hier so in die Bilder vertieft. Zeigt ihm ein Bild. Denkst Du noch an das kleine Städtchen da? Tesman . Ach, der Ort am Fuß des Brenner! Da war es ja, wo wir übernachtet haben – Hedda . – und die vielen lustigen Sommerfrischler getroffen haben. Tesman . Gewiß – freilich. Denk nur an, – wenn Du hättest bei uns sein können, Ejlert! Was? Er geht wieder hinein und setzt sich zu Brack. Lövborg . Beantworten Sie mir nur die eine Frage, Hedda – Hedda . Nun? Lövborg . War in den Beziehungen zu mir auch keine Liebe? Auch da rin nicht eine Spur, – nicht ein Schimmer von Liebe? Hedda . Ja, wer kann das wohl sagen? Mir kommt es vor, wir wären wie zwei gute Kameraden gewesen. Zwei so recht vertraute Freunde. Lächelt. Sie besonders waren äußerst offenherzig. Lövborg . Sie wollten das doch so haben. Hedda . Wenn ich dran zurückdenke, so scheint mir, es lag doch etwas Schönes, etwas Verlockendes, – etwas Kühnes über – über dieser heimlichen Vertraulichkeit –dieser Kameradschaft, von der keine Menschenseele eine Ahnung hatte. Lövborg . Ja, nicht wahr, Hedda! Das meine ich doch auch. – Wenn ich hinaufkam zu Ihrem Vater, so in den Nachmittagstunden –. Und der General saß hinten am Fenster und las die Zeitung, – den Rücken uns zugewandt – Hedda . Und wir beide auf dem Ecksofa – Lövborg . Immer in dasselbe illustrierte Blatt vertieft – Hedda . In Ermanglung eines Albums, ja. Lövborg . Ja, Hedda, – und wenn ich Ihnen dann beichtete –! Ihnen von mir erzählte, was kein andrer damals wußte. Dasaß und gestand, daß ich durchrast hatte ganze Tage und Nächte. Durchrast Stunde um Stunde – ohne Unterlaß. Ach, Hedda, – was war doch für eine Macht in Ihnen, die mich zwang so etwas zu gestehen. Hedda . Glauben Sie, es war eine Macht in mir? Lövborg . Ja, wie soll ich mir es denn sonst erklären? Und all diese – diese verhüllten Fragen, die Sie an mich richteten – Hedda . Und die Sie so großartig verstanden haben – Lövborg . Daß Sie solche Fragen stellen konnten! Ganz unbefangen! Hedda . Verhüllt, wenn ich bitten darf. Lövborg . Ja, aber doch unbefangen. Daß Sie mich ausfragen konnten über – über solche Dinge! Hedda . Und daß Sie antworten konnten, Herr Lövborg. Lövborg . Ja, das ist's ja eben, was ich nicht begreife – jetzt hinterher. Aber sagen Sie mir doch, Hedda, – war auf dem Grunde dieses Verhältnisses nicht doch Liebe? War nicht auf Ihrer Seite etwas wie das Streben, mich rein zu waschen, – wenn ich mich zu Ihnen flüchtete mit meinem Bekenntnis? War es das nicht? Hedda . Nein, nicht ganz. Lövborg . Was trieb Sie denn? Hedda . Finden Sie das so ganz unerklärlich, daß ein junges Mädchen, – soweit es sich machen läßt – in aller Heimlichkeit – Lövborg . Nun? Hedda . Daß man dann gern ein bißchen hineingucken möchte in eine Welt, in der – Lövborg . In der –? Hedda . – in der man nicht Bescheid wissen darf? Lövborg . Das war es also? Hedda . Das auch. Das auch, – glaube ich beinah. Lövborg . Kameradschaft im Lebensverlangen. Aber warum hätte die nicht wenigstens Dauer haben können? Hedda . Daran sind Sie selber schuld. Lövborg . Sie haben doch mit mir gebrochen. Hedda . Ja, als Gefahr im Verzuge war, es könnte Wirklichkeit in das Verhältnis kommen. Schämen Sie sich, Lövborg, wie konnten Sie sich vergreifen – an – an Ihrem unbefangenen Kameraden! Lövborg preßt die Hände zusammen . Ach, warum haben Sie nicht Ernst gemacht! Warum haben Sie mich nicht niedergeschossen, wie Sie mir gedroht hatten. Hedda . Solche Angst habe ich vor dem Skandal. Lövborg . Ja, Hedda, Sie sind feig im Grunde. Hedda . Entsetzlich feige. Ablenkend. Aber das war ja doch ein Glück für Sie. Und nun haben Sie sich so hübsch getröstet oben bei Elvsteds. Lövborg . Ich weiß, was Thea Ihnen anvertraut hat. Hedda . Und Sie haben ihr vielleicht etwas anvertraut von uns beiden. Lövborg . Kein Wort. Um so etwas zu verstehen, dazu ist sie zu dumm. Hedda . Dumm? Lövborg . In derlei Dingen ist sie dumm. Hedda . Und ich bin feige. Beugt sich näher zu ihm hin, ohne ihm in die Augen zu sehen, und sagt leiser: Doch jetzt will ich Ihnen etwas anvertrauen. Lövborg gespannt . Nun? Hedda . Wenn ich nicht den Mut hatte, Sie niederzuschießen – Lövborg . Ja?! Hedda . – so war das nicht meine ärgste Feigheit – an jenem Abend. Lövborg sieht sie einen Augenblick an, begreift und flüstert leidenschaftlich : Ach, Hedda! Hedda Gabler! Jetzt sehe ich einen verborgenen Grund hinter der Kameradschaft! Du und ich –! Es war doch der Lebenstrieb in Dir – Hedda leise mit einem unwirschen Blick . Nehmen Sie sich in acht! Glauben Sie so etwas nicht! Es hat begonnen zu dunkeln. Berte öffnet die Vorzimmertür von außen. Hedda klappt das Album zu und ruft lächelnd : Na endlich! Liebste Thea, – so komm doch herein! Frau Elvsted kommt vom Vorzimmer. Sie ist im Gesellschaftsanzug. Die Tür wird hinter ihr geschlossen. Hedda , ins Sofa gelehnt, streckt ihr die Arme entgegen . Reizende Thea, – Du kannst Dir nicht denken, wie ich auf Dich gewartet habe! Frau Elvsted wechselt im Vorübergehen einen leichten Gruß mit den Herren im Hinterzimmer, geht dann hin zum Tisch und reicht Hedda die Hand. Lövborg hat sich erhoben. Er und Frau Elvsted begrüßen einander mit stummem Kopfnicken. Frau Elvsted . Ich sollte doch vielleicht hinein und ein paar Worte mit Deinem Manne reden? Hedda . Ach, kein Gedanke. Laß die zwei nur sitzen. Die gehen ohnehin bald. Frau Elvsted . Sie gehen? Hedda . Ja, sie wollen zu einer Kneiperei. Frau Elvsted schnell zu Lövborg. Aber Sie doch nicht? Lövborg . Nein. Hedda . Herr Lövborg – der bleibt hier bei uns. Frau Elvsted nimmt einen Stuhl und will sich neben ihn setzen . Ach, wie schön ist es hier! Hedda . Halt, meine kleine Thea! Nicht da ! Du kommst hübsch hier zu mir herüber. Ich will in der Mitte sein. Frau Elvsted . Ja, ganz wie Du willst. Sie geht um den Tisch herum und setzt sich aufs Sofa rechts von Hedda. Lövborg setzt sich wieder auf den Stuhl. Lövborg nach kurzer Pause, zu Hedda . Ist sie nicht reizend anzusehen? Hedda streicht ihr leicht übers Haar . Bloß anzusehen? Lövborg . Jawohl. Denn wir beide, – sie und ich, – wir sind zwei richtige Kameraden. Wir glauben unbedingt aneinander. Und deshalb können wir dasitzen und so unbefangen zusammen reden – Hedda . Unverhüllt, Herr Lövborg? Lövborg . Nun – Frau Elvsted leise, schmiegt sich an Hedda . Ach, wie glücklich ich bin, Hedda! Denk Dir nur, – er sagt, ich hätte ihn auch begeistert. Hedda sieht sie mit einem Lächeln an . So, sagt er das, mein Kind? Lövborg . Und dann den Mut zur Tat, den sie hat, Frau Tesman! Frau Elvsted . Ach Gott, – ich Mut! Lövborg . Unbegrenzten Mut, – wenn es sich um den Kameraden handelt. Hedda . Ja, Mut , – ja! Wer den hätte! Lövborg . Was dann, – meinen Sie? Hedda . Dann vermöchte man vielleicht doch das Leben zu ertragen. Lenkt plötzlich ab. Aber jetzt, meine beste Thea, – jetzt mußt Du wirklich ein Glas schönen kalten Punsch trinken. Frau Elvsted . Nein, danke sehr, – ich trinke nie so etwas. Hedda . Aber Sie doch, Herr Lövborg. Lövborg . Danke, ich auch nicht. Frau Elvsted . Nein, er auch nicht! Hedda sieht ihn fest an . Auch nicht, wenn ich es haben will? Lövborg . Hilft nichts. Hedda lacht . Ich habe also gar keine Macht über Sie, ich Arme? Lövborg . Nicht in diesem Punkt. Hedda . Im Ernst gesprochen, ich meine, Sie sollten es doch tun. Ihrer selbst wegen. Frau Elvsted . Aber Hedda –! Lövborg . Wieso? Hedda . Oder, besser gesagt, der Leute wegen. Lövborg . So? Hedda . Die Leute könnten ja sonst leicht auf den Gedanken kommen, Sie fühlten sich – im Grunde – nicht so recht unbefangen – nicht so recht sicher Ihrer selbst. Frau Elvsted leise . Aber nicht doch, Hedda –! Lövborg . Die Leute können meinetwegen glauben, was sie wollen, – vorläufig. Frau Elvsted froh . Ja, nicht wahr! Hedda . Ich sah es dem Assessor Brack vorhin ganz deutlich an. Lövborg . Was denn? Hedda . Er lächelte so höhnisch, wie Sie sich nicht getrauten, sich drin mit an den Tisch zu setzen. Lövborg . Mich nicht getraute! Ich wollte natürlich lieber hier bleiben und mich mit Ihnen unterhalten. Frau Elvsted . Das war doch ganz natürlich, Hedda! Hedda . Aber das konnte doch der Assessor nicht ahnen. Und ich sah auch, daß er den Mund verzog und mit Tesman einen verstohlenen Blick wechselte, wie Sie sich nicht getrauten, in die kleine harmlose Gesellschaft mitzugehen. Lövborg . Getraute! Sie sagen, ich getraute mich nicht? Hedda . Ich habe das nicht gesagt. Aber der Assessor hat es so aufgefaßt. Lövborg . Meinetwegen. Hedda . Sie gehen also nicht mit? Lövborg . Ich bleibe hier bei Ihnen und Thea. Frau Elvsted . Ja, Hedda, – das kannst Du Dir doch denken! Hedda lächelt und nickt Lövborg beifällig zu . Also Grundsätze – prinzipienfest für alle Zeit. Ja, so soll ein Mann sein! Wendet sich zu Frau Elvsted und tätschelt sie. Na, habe ich es Dir nicht gesagt, als Du heut morgen so ganz verstört hier hereinkamst – Lövborg betroffen . Verstört! Frau Elvsted in Angst . Hedda, – Hedda –! Hedda . Nun siehst Du es selbst! Es ist ganz unnötig, daß Du in dieser Todesangst umherläufst – abbrechend . So! Jetzt wollen wir alle drei recht ausgelassen sein! Lövborg ist zusammengefahren . Ah, – was soll das heißen, Frau Tesman! Frau Elvsted . Ach Gott, ach Gott, Hedda! Was sagst Du da! Was tust Du da! Hedda . So sei doch still! Der eklige Assessor sitzt drin und beobachtet Dich. Lövborg . In Todesangst also. Um mich. Frau Elvsted leise jammernd . Ach Hedda, – wie unglücklich hast Du mich nun gemacht! Lövborg sieht sie eine Weile unverwandt an. Sein Gesicht ist verzerrt. Das also war des Kameraden unbefangener Glaube an mich. Frau Elvsted flehend . Ach, liebster Freund, so hör' doch nur erst –! Lövborg nimmt das eine gefüllte Punschglas, hebt es hoch und sagt leise mit heiserer Stimme : Auf Dein Wohl, Thea! Er leert das Glas, stellt es hin und nimmt das andere. Frau Elvsted leise. Ach Hedda, Hedda, – daß das Deine Absicht sein konnte! Hedda . Absicht? Meine Absicht? Bist Du nicht bei Trost? Lövborg . Und auch auf Ihr Wohl, Frau Tesman! Schönen Dank für die Wahrheit! Sie lebe! Er trinkt aus und will das Glas wieder füllen. Hedda legt die Hand auf seinen Arm. So, – für jetzt nicht mehr. Vergessen Sie nicht, daß Sie in Gesellschaft sollen. Frau Elvsted . Nein, nein, nein! Hedda . Pst! Sie sitzen drin und wenden kein Auge von Dir. Lövborg stellt das Glas hin. Du, Thea, – nun sei aber einmal aufrichtig – Frau Elvsted . Ja! Lövborg . Wußte Elvsted davon, daß Du mir nachgereist bist? Frau Elvsted ringt die Hände. Ach Hedda, – hörst Du, was er fragt? Lövborg . War es eine Verabredung zwischen Dir und ihm, daß Du zur Stadt fahren und mir aufpassen solltest? Hat vielleicht Elvsted selbst Dich dazu veranlaßt ? Aha! So! – Er brauchte mich wohl wieder in seiner Kanzlei. Oder hat er mich am Spieltisch vermißt? Frau Elvsted leise, in Qual. Ach, Lövborg, Lövborg –! Lövborg ergreift ein Glas und will es füllen. Der alte Schultheiß, der soll auch leben! Hedda abwehrend. Lassen Sie jetzt. Vergessen Sie nicht, Sie sollen noch ausgehen und Tesman vorlesen. Lövborg ruhig, stellt das Glas hin. Das – das war eine Dummheit von mir, Thea. Es so aufzufassen, meine ich. Sei mir drum nicht böse, Du lieber, lieber Kamerad. Du sollst sehn, – Du wie die anderen, – wenn ich auch einmal gesunken war, so –. Jetzt habe ich mich wieder aufgerafft! Mit Deiner Hilfe, Thea. Frau Elvsted freudestrahlend . Ach, Gott sei Lob und Dank –! Brack hat unterdessen auf seine Uhr gesehen. Er und Tesman stehen auf und kommen in den Salon. Brack nimmt seinen Hut und Überzieher . Frau Tesman, nun hat unsere Stunde geschlagen! Hedda . Das hat sie wohl. Lövborg steht auf . Meine auch, Herr Assessor. Frau Elvsted leise und bittend . Ach Lövborg, – tu es nicht! Hedda kneift sie in den Arm . Sie hören Dich! Frau Elvsted schreit schwach auf . Au! Lövborg zu Brack . Sie waren so freundlich, mich einzuladen. Brack . Na, Sie kommen also doch mit? Lövborg . Ja, ich bin so frei. Brack . Freut mich außerordentlich – Lövborg steckt das Paket im Umschlag zu sich und sagt zu Tesman : Ich möchte Dir nämlich gern noch allerlei zeigen, ehe ich es abliefere. Tesman . Denk nur, – das wird hübsch! – Aber, liebe Hedda, wer bringt denn nun Frau Elvsted nach Hause? Was? Hedda . Ach, das wird sich schon finden. Lövborg sieht zu den Damen hin . Frau Elvsted? Ich komme natürlich wieder und hole sie ab. Näher. So gegen zehn Uhr, Frau Tesman? Paßt Ihnen das? Hedda . Ja, gewiß. Das paßt ausgezeichnet. Tesman . Na, dann ist ja alles in schönster Ordnung. Aber mich darfst Du nicht so zeitig erwarten, Hedda. Hedda . Ach, mein Lieber, bleib Du nur so lange, – solange Du willst. Frau Elvsted in verhaltener Angst . Herr Lövborg, – ich warte also hier, bis Sie kommen. Lövborg mit dem Hut in der Hand . Versteht sich, gnädige Frau. Brack . So! Nun geht der Vergnügungszug ab, meine Herren! Ich hoffe, es wird ausgelassen werden, wie eine gewisse schöne Frau sagt. Hedda . Ach, könnte doch diese schöne Frau unsichtbar zugegen sein –! Brack . Warum unsichtbar? Hedda . Um etwas von Ihren unverfälschten Ausgelassenheiten zu hören, Herr Assessor. Brack lacht . Das möchte ich der schönen Frau denn doch nicht geraten haben. Tesman lacht auch . Nein, Du bist aber gut, Hedda. Denk nur! Brack . Also adieu, adieu, meine Damen! Lövborg verbeugt sich zum Abschied . Also um zehn herum. Brack , Lövborg und Tesman gehen hinaus durch die Vorzimmertür. Gleichzeitig kommt Berte aus dem Hinterzimmer mit einer brennenden Lampe, die sie auf den Salontisch stellt; dann geht sie denselben Weg wieder hinaus. Frau Elvsted ist aufgestanden und geht unruhig durch das Zimmer . Hedda, – Hedda, – was soll aus alledem werden! Hedda . Um zehn – dann kommt er also. Ich sehe ihn vor mir. Mit Weinlaub im Haar. Heiß und voll Freude – Frau Elvsted . Ja, wenn es doch nur so wäre! Hedda . Und, sieh mal, dann – dann hat er über sich selbst wieder Macht bekommen. Dann ist er ein freier Mann für sein ganzes Leben. Frau Elvsted . Ach Gott, ja, – wenn er nur so kommen möchte, wie Du ihn Dir vorstellst. Hedda . So und nicht anders kommt er! Steht auf und nähert sich ihr. Zweifle Du an ihm, so viel Du willst. Ich glaube an ihn. Und nun werden wir einmal sehen – Frau Elvsted . Du führst etwas im Schilde, Hedda! Hedda . Allerdings. Ich will ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal. Frau Elvsted . Hast Du das denn nicht? Hedda . Habe es nicht – und habe es nie gehabt. Frau Elvsted . Aber doch über das Deines Mannes? Hedda . Das wäre wohl der Mühe wert! Ach, könntest Du nur begreifen, wie arm ich bin. Und Dir soll es vergönnt sein, so reich zu sein! Umarmt sie leidenschaftlich. Ich glaube, ich senge Dir doch noch das Haar ab! Frau Elvsted . Laß mich! Laß mich los! Ich habe Angst vor Dir, Hedda! Berte in der Türöffnung . Der Teetisch ist gedeckt drin im Speisezimmer, gnädige Frau. Hedda . Gut. Wir kommen. Frau Elvsted . Nein, nein, nein! Lieber will ich allein nach Haus gehen! Jetzt auf der Stelle! Hedda . Unsinn! Erst sollst Du Tee trinken, Du Närrchen. Und dann, – um zehn, – kommt Ejlert Lövborg – mit Weinlaub im Haar. Sie zieht Frau Elvsted fast mit Gewalt hin zur Türöffnung. Dritter Akt Das Zimmer bei Tesmans. Die Vorhänge vor der Türöffnung sind zusammengezogen. Ebenso vor der Glastür. Die Lampe, mit einem. Schirm darüber, brennt halb heruntergeschraubt auf dem Tisch. Im Ofen, dessen Tür offen steht, ist Feuer gewesen, das nun fast ausgebrannt ist. Frau Elvsted , in ein großes Umschlagtuch gehüllt und die Füße auf einem Schemel, sitzt dicht am Ofen, in den Lehnstuhl zurückgesunken. Hedda liegt angekleidet auf dem Sofa und schläft, unter einer Decke. Frau Elvsted , nach einer Pause, richtet sich rasch im Stuhl auf und lauscht gespannt. Dann, sinkt sie zurück und jammert leise : Noch nicht! – Ach Gott, – ach Gott, – noch nicht! Berte kommt, behutsam auftretend, durch die Vorzimmertür. Sie hat einen Brief in der Hand. Frau Elvsted dreht sich um und flüstert gespannt : Nun, – ist wer dagewesen? Berte leise : Ja, eben war ein Mädchen da mit dem Brief. Frau Elvsted schnell, streckt die Hand aus . Ein Brief! Geben Sie her! Berte . Nein, der ist für den Herrn Doktor, gnädige Frau. Frau Elvsted . Ach so. Berte . Es war Fräulein Tesman ihr Mädchen, die ihn gebracht hat. Ich lege ihn da auf den Tisch hin. Frau Elvsted . Ja, tun Sie das. Berte legt den Brief hin . Es ist gewiß besser, ich mache die Lampe aus. Denn sie blakt. Frau Elvsted . Machen Sie sie nur aus. Es ist wohl nun bald Tag. Berte die Lampe löschend . Es ist schon Tag, gnädige Frau! Frau Elvsted . Ja, hellerlichter Tag! Und noch nicht zu Haus –! Berte . Ach Herrjeh, – hab' es mir doch gleich gedacht, daß es so kommen würde. Frau Elvsted . Sie haben es sich gedacht? Berte . Ja, wie ich sah, daß ein gewisses Mannsbild nach der Stadt zurückgekommen ist –. Und mit den andern abgeschoben ist. Denn von dem Herrn hat unsereins ja früher gerade genug gehört. Frau Elvsted . Sprechen Sie nicht so laut. Sie wecken die gnädige Frau. Berte sieht zum Sofa hin und seufzt . Ach Gott, – lassen wir sie nur schlafen, die arme Seele. – Soll ich noch im Ofen etwas nachlegen? Frau Elvsted . Danke, meinetwegen nicht. Berte . Na ja. Sie geht leise hinaus durch die Vorzimmertür. Hedda erwacht vom Schließen der Tür und sieht auf . Was ist –! Frau Elvsted . Es war nur das Mädchen – Hedda sieht sich um . Ah, hier drin –! Ja jetzt weiß ich ja – richtet sich auf dem Sofa sitzend auf, dehnt sich und reibt sich die Augen . Was ist die Uhr, Thea? Frau Elvsted sieht auf ihre Uhr . Es ist sieben vorbei. Hedda . Wann ist Tesman gekommen? Frau Elvsted . Er ist noch nicht zu Hause. Hedda . Noch nicht zu Hause? Frau Elvsted steht auf . Es ist noch gar keiner da. Hedda . Und da haben wir gewacht und aufgesessen und gewartet unausgesetzt bis vier Uhr – Frau Elvsted ringt die Hände . Und wie habe ich auf ihn gewartet! Hedda gähnt und sagt, die Hand vor dem Mund : Ach ja, – das hätten wir uns auch sparen können. Frau Elvsted . Hast Du noch ein bißchen geschlafen? Hedda . O ja. Ich glaube, ich habe ganz gut geschlafen. Du nicht? Frau Elvsted . Nicht einen Augenblick. Ich konnte nicht, Hedda! Es war mir ein Ding der Unmöglichkeit. Hedda steht auf und geht zu ihr hin . Nun, nun, nun! Da ist doch gar kein Grund zur Angst. Ich verstehe schon, wie das zusammenhängt. Frau Elvsted . Was glaubst Du denn? Wenn Du mir das sagen kannst! Hedda . Na, die Geschichte beim Assessor hat sich natürlich gräßlich in die Länge gezogen – Frau Elvsted . Ach Gott ja, – das war gewiß der Fall. Trotzdem aber – Hedda . Und dann, sieh mal, dann hat Tesman nicht nach Haus kommen und Lärm machen und läuten wollen mitten in der Nacht. Lacht. Vielleicht hat er sich auch nicht gern sehen lassen wollen – so unmittelbar nach einer lustigen Kneiperei. Frau Elvsted . Aber meine Liebe, – wo sollte er denn sonst hingegangen sein? Hedda . Er ist natürlich hinauf zu den Tanten gegangen und hat sich da schlafen gelegt. Sie haben ja sein altes Zimmer noch leer stehen. Frau Elvsted . Nein, bei denen kann er nicht sein. Denn eben ist ein Brief an ihn gekommen von Fräulein Tesman. Da liegt er. Hedda . So? Betrachtet die Aufschrift. Ja, er ist wahrhaftig von Tante Julles eigener Hand. Na, dann ist Tesman eben beim Assessor geblieben. Und Lövborg, der sitzt – mit Weinlaub im Haar, und liest vor. Frau Elvsted . Ach Hedda, Du redest doch nur Sachen, die Du selber nicht glaubst. Hedda . Du bist wirklich ein kleiner Schafskopf, Thea. Frau Elvsted . Ach leider, ja, das bin ich wohl. Hedda . Und wie todmüde Du aussiehst. Frau Elvsted . Ja, ich bin auch todmüde. Hedda . Nun, darum sollst Du tun, was ich sage. Geh in mein Zimmer und leg Dich ein bißchen aufs Bett. Frau Elvsted . O nein, nein, – ich werde doch nicht schlafen können. Hedda . Gewiß wirst Du das. Frau Elvsted . Ja, aber Dein Mann muß doch jetzt jeden Augenblick nach Hause kommen. Und da muß ich gleich erfahren – Hedda . Ich werde es Dir schon sagen, wenn er kommt. Frau Elvsted . Versprichst Du mir das, Hedda? Hedda . Ja, da kannst Du Dich drauf verlassen. Jetzt geh hinein und schlaf inzwischen. Frau Elvsted . Danke sehr. So will ich versuchen, ob es geht. Sie geht durchs Hinterzimmer hinaus. Hedda geht hin zur Glastür und zieht die Vorhänge zurück. Das volle Tageslicht fällt ins Zimmer. Danach nimmt sie vom Schreibtisch einen kleinen Handspiegel, blickt hinein und ordnet ihr Haar. Dann geht sie nach der Vorzimmertür und drückt auf den Knopf der Klingel. Berte zeigt sich nach einer kleinen Pause in der Tür. Berte . Wünschen gnädige Frau etwas? Hedda . Ja, legen Sie im Ofen nach. Mich friert hier. Berte . Herrjeh, – auf der Stelle soll es hier warm sein. Sie scharrt die Kohlen zusammen und legt ein Holzscheit nach. Berte hält inne und lauscht . Da hat's eben an der Haustür geschellt, gnädige Frau. Hedda . So gehen Sie hinaus und machen Sie auf. Den Ofen will ich schon selbst besorgen. Berte . Das Feuer muß gleich anbrennen. Sie geht hinaus durch die Vorzimmertür. Hedda kniet auf dem Fußschemel und legt mehrere Scheite in den Ofen. Tesman kommt gleich darauf vom Vorzimmer herein. Er sieht müde und etwas ernst aus. Schleicht sich auf den Zehen hin zur Türöffnung und will zwischen den Vorhängen hindurchschlüpfen. Hedda beim Ofen, ohne aufzusehen . Guten Morgen. Tesman dreht sich um . Hedda! Kommt näher. Aber um alles in der Welt – Du bist schon so früh auf! Was? Hedda . Ja, ich bin heute tüchtig früh aufgewesen. Tesman . Und ich war so fest überzeugt, Du lägst noch im Bett und schliefst! Denk nur, Hedda! Hedda . Sprich nicht so laut. Frau Elvsted liegt in meinem Zimmer. Tesman . Ist Frau Elvsted die ganze Nacht dageblieben? Hedda . Ja, es ist doch keiner gekommen, sie abzuholen. Tesman . Ach ja, das ist schon richtig. Hedda macht die Ofentür zu und steht auf. Na, war es amüsant beim Assessor? Tesman . Warst Du meinetwegen ängstlich? Was? Hedda . Nein, das könnte mir doch nie einfallen. Aber ich habe gefragt, ob Du Dich amüsiert hast. Tesman . O ja, freilich. Ein mal ist ja doch kein mal –. Ganz besonders im Anfang, – muß ich sagen. Denn da hat mir Ejlert vorgelesen. Wir sind nämlich über eine Stunde zu früh gekommen, – denk nur! Und Brack hatte ja noch mancherlei zu besorgen. Und derweil las Ejlert vor. Hedda setzt sich rechts an den Tisch. Nun! So laß doch hören – Tesman setzt sich auf ein Taburett beim Ofen. Nein, Hedda, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für ein Werk das wird! Es gehört ohne Zweifel zu dem Merkwürdigsten, was geschrieben worden ist. Denk Dir! Hedda . Ja, ja, das interessiert mich nicht – Tesman . Ich will Dir etwas gestehen, Hedda. Nachdem er gelesen hatte, – da überkam mich etwas Häßliches. Hedda . Etwas Häßliches? Tesman . Ich saß da und beneidete Ejlert, daß er so etwas hatte schreiben können. Denk Dir, Hedda! Hedda . Ja, ja, ich denke ja schon! Tesman . Und dann zu wissen, daß er, – bei seinen Fähigkeiten, – doch wohl leider ganz unverbesserlich ist. Hedda . Du meinst wohl, er hat mehr Lebensmut als die anderen? Tesman . Herrgott, nein, – sieh mal, er kann eben gar nicht Maß halten im Genuß. Hedda . Und wie entwickelte sich es denn – zuletzt ? Tesman . Ja, ich hatte direkt die Empfindung, man konnte es ein Bacchanal nennen, Hedda. Hedda . Hatte er Weinlaub im Haar? Tesman . Weinlaub? Nein, davon habe ich nichts gesehen. Aber er hielt eine lange konfuse Rede auf ein weibliches Wesen, das ihn bei der Arbeit begeistert hätte. Ja, so drückte er sich aus. Hedda . Hat er ihren Namen genannt? Tesman . Nein, das hat er nicht getan. Aber ich kann es mir nicht anders denken, es muß Frau Elvsted sein. Paß nur auf! Hedda . Nun, – und wo hast Du Dich von ihm getrennt ? Tesman . Auf dem Heimwege. Wir brachen gleichzeitig auf, – als die Nachzügler. Und Brack ging auch mit, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen. Und da, siehst Du, da entschlossen wir uns, Ejlert nach Haus zu begleiten. Denn weißt Du, er hatte wirklich des Guten zu viel getan. Hedda . Das mag wohl sein. Tesman . Aber nun kommt das Merkwürdige, Hedda! Oder besser gesagt: das Traurige. Ach, – ich schäme mich fast – für Ejlert – es zu erzählen – Hedda . Nun, was ist denn – ? Tesman . Während wir so unsern Weg gingen, weißt Du, blieb ich zufällig etwas zurück. Nur so ein paar Minuten, – denk Dir! Hedda . Ja, ja, Herrgott, und –? Tesman . Und wie ich die andern schnell einholen will, – weißt Du, was ich da auf dem Wege finde? Was? Hedda . Wie kann ich denn das wissen! Tesman . Sag' aber bloß keinem Menschen etwas, Hedda. Hörst Du! Versprich mir das, Ejlerts wegen. Zieht ein mit Papier umwickeltes Paket aus der Rocktasche. Denk Dir, – das da habe ich gefunden. Hedda . Ist das nicht das Paket, das er gestern mit hatte? Tesman . Ja freilich, das ist sein ganzes kostbares, unersetzliches Manuskript! Und das hatte er auf dem Wege verloren – ohne es zu merken. Denk Dir nur, Hedda! Wie traurig – Hedda . Warum hast Du ihm denn das Paket nicht gleich wiedergegeben? Tesman . Nein, das durfte ich doch nicht – in der Verfassung, in der er war – Hedda . Hast Du einem andern etwas davon gesagt, daß Du es gefunden hättest? Tesman . I bewahre! Das wollte ich doch nicht Ejlerts wegen, verstehst Du. Hedda . Es weiß also kein Mensch, daß Du Lövborgs Schrift hast? Tesman . Nein. Und auch kein Mensch darf es wissen. Hedda . Worüber hast Du denn hernach mit ihm gesprochen ? Tesman . Ich kam gar nicht mehr dazu, mit ihm zu sprechen, weißt Du. Denn wie wir in die Stadt kamen, da riß er uns mit zwei – drei andern aus. Denk Dir! Hedda . So? Die haben ihn dann wohl nach Hause gebracht. Tesman . Ja, das haben sie wohl, dem Anschein nach. Und Brack ging auch seiner Wege. Hedda . Und wo hast Du Dich danach umhergetrieben? Tesman . Ich und noch ein paar andere, wir gingen mit einem von den lustigen Kumpanen auf seine Bude und tranken da unsern Morgenkaffee. Oder es muß wohl eher Nachtkaffee heißen. Was? Aber wenn ich nur erst ein bißchen ausgeruht habe – und annehmen kann, daß Ejlert, der arme Junge, ausgeschlafen hat, so will ich gleich zu ihm hin und ihm das da bringen. Hedda greift mit der Hand nach dem Paket. Nein, – gib das nicht weg! Nicht gleich, meine ich. Laß es mich erst lesen. Tesman . Nein, liebste, beste Hedda, das darf ich bei Gott nicht. Hedda . Du darfst nicht? Tesman . Nein, – denn Du kannst Dir doch wohl denken, wie er außer sich geraten muß, wenn er aufwacht und das Manuskript nicht hat. Du mußt nämlich wissen, er hat keine Abschrift davon. Das hat er selbst gesagt. Hedda sieht ihn gewissermaßen prüfend an. Kann man denn so etwas nicht noch einmal schreiben? Ein zweites Mal? Tesman . Nein, das halte ich nun und nimmer für möglich. Denn die Begeisterung, – sieh mal – Hedda . Ja, ja, – da ran mag es wohl liegen – leichthin. Ach richtig, ja, – da ist ein Brief für Dich. Tesman . Denk nur –! Hedda reicht ihm den Brief. Er ist heut in aller Frühe gekommen. Tesman . Von Tante Julle, Du! Was mag das sein? Legt das Paket auf das andere Taburett, öffnet den Brief, überfliegt ihn und springt auf. Ach Hedda, – sie schreibt, mit der armen Tante Rina geht es zu Ende! Hedda . Das war ja zu erwarten. Tesman . Und wenn ich sie noch einmal sehen will, so müsse ich mich beeilen. Ich will gleich hinüber springen. Hedda unterdrückt ein Lächeln. Springen willst Du auch noch? Tesman . Ach liebste Hedda, – wenn Du es über Dich gewinnen könntest, mitzugehen. Denk nur! Hedda steht auf und sagt müde und abweisend: Nein, nein, verlang' nicht so etwas von mir. Ich will nichts sehen von Krankheit und Tod. Verschone mich mit allem, was widerwärtig ist. Tesman . Na Gott–! Fährt umher. Mein Hut–? Mein Überzieher –? Ja so, im Vorzimmer –. Ich will zu Gott hoffen, daß ich nicht zu spät komme, Hedda? Was? Hedda . So spring nur – Berte erscheint in der Vorzimmertür. Berte . Herr Assessor Brack ist draußen und läßt fragen, ob er eintreten darf. Tesman . Zu dieser Zeit! Nein, jetzt kann ich ihn unmöglich empfangen. Hedda . Aber ich. Zu Berte. Bitten Sie den Herrn Assessor einzutreten. Berte geht. Hedda rasch, flüsternd. Das Paket, Tesman! Sie nimmt es vom Taburett. Tesman . Ja, gib es mir! Hedda . Nein, nein, ich hebe es Dir so lange auf. Sie geht nach dem Schreibtisch und steckt es hinein ins Bücherfach. Tesman kann in der Eile die Handschuhe nicht anbekommen. Assessor Brack kommt herein vom Vorzimmer. Hedda nickt ihm zu. Nun, Sie sind mir ein rechter Morgenvogel. Brack . Ja, nicht wahr? Zu Tesman. Wollen Sie sich auch schon wieder auf die Beine machen? Tesman . Ja, ich muß notwendigerweise zu den Tanten. Denken Sie bloß, – die arme Kranke, die liegt im Sterben. Brack . Ach du lieber Gott, wirklich? Aber dann sollen Sie sich von mir nur nicht aufhalten lassen. In einem so ernsten Augenblick – Tesman . Ja, ich muß wirklich machen, daß ich wegkomme. – Adieu! Adieu! Er eilt hinaus durch die Vorzimmertür. Hedda kommt näher. Es war wohl mehr als ausgelassen bei Ihnen heut nacht, Herr Assessor. Brack . Ich bin tatsächlich nicht aus den Kleidern gekommen, Frau Hedda. Hedda . Sie auch nicht? Brack . Nein, wie Sie sehen. Aber was hat denn Tesman erzählt von den Erlebnissen dieser Nacht? Hedda . Ach, nur langweiliges Zeug. Bloß, daß sie bei irgend einem oben waren und da Kaffee getrunken haben. Brack . Von dieser Kaffeekneiperei habe ich schon gehört. Ejlert Lövborg war wohl nicht mit, soviel ich weiß? Hedda . Nein, den hatten sie vorher nach Hause gebracht. Brack . Tesman auch? Hedda . Nein, ein paar andere, sagte er. Brack lächelt. Jörgen Tesman ist wirklich eine arglose Seele, Frau Hedda. Hedda . Ja, das weiß der liebe Gott. Aber stimmt denn hier etwas nicht? Brack . Ja, die Sache ist nicht so ganz ohne. Hedda . Na, so wollen wir uns setzen, lieber Assessor. Dann können Sie besser erzählen. Sie setzt sich an die linke Seite des Tisches. Brack an die Längsseite in ihre Nähe. Hedda . Nun? Also? Brack . Ich hatte triftige Gründe, heute nacht den Wegen meiner Gäste – oder, richtiger gesagt, eines Teils meiner Gäste nachzuspüren. Hedda . Und unter ihnen war wohl auch Ejlert Lövborg ? Brack . Ich muß gestehen – er war darunter. Hedda . Jetzt machen Sie mich aber wirklich neugierig – Brack . Wissen Sie, wo er und ein paar von den anderen den Rest der Nacht zugebracht haben, Frau Hedda? Hedda . Wenn es sich erzählen läßt, so tun Sie es. Brack . I freilich, erzählen läßt es sich schon. Also, sie besuchten eine sehr animierte Soirée. Hedda . Eine von der ausgelassenen Sorte? Brack . Von der allerausgelassensten. Hedda . Bitte mehr, Herr Assessor – Brack . Auch Lövborg war im voraus dazu eingeladen. Ich war ganz genau davon unterrichtet. Erst hatte er abgelehnt zu kommen. Denn jetzt hat er doch einen neuen Menschen angezogen, wie Sie wissen. Hedda . Oben bei Elvsteds, jawohl. Aber gegangen ist er also doch? Brack . Ja, sehen Sie, Frau Hedda, – da muß unglückseligerweise bei mir gestern abend der Geist über ihn kommen – Hedda . Jawohl, da wurde er ja in Begeisterung versetzt, wie ich höre. Brack . In einen recht gewaltigen Grad von Begeisterung. Na, er war also wohl andern Sinns geworden, wie ich mir denke. Denn wir Männer sind leider nicht immer so prinzipienfest, wie wir sein sollten. Hedda . Ach, Sie bilden doch gewiß eine Ausnahme, lieber Assessor. Also Lövborg –? Brack . Na, kurz und gut, – das Ende war, er landete in Fräulein Dianas Salons. Hedda . Fräulein Dianas? Brack . Es war ein Fräulein Diana, das die Soirée gab. Für einen auserwählten Kreis von Freundinnen und Verehrern. Hedda . Ist das eine Person mit roten Haaren? Brack . Stimmt. Hedda . So eine Art – Sängerin? Brack . Na ja, – das auch. Und dazu eine gewaltige Jägerin – vor den Herren, – Frau Hedda. Sie haben gewiß schon von ihr gehört. Ejlert Lövborg war einer, ihrer wärmsten Beschützer – in den Tagen seiner Blüte. Hedda . Und wie endete die Geschichte? Brack . Weniger freundschaftlich, scheint es. Fräulein Diana soll vom zärtlichsten Empfang zu Handgreiflichkeiten übergegangen sein – Hedda . Gegen Lövborg? Brack . Ja. Er beschuldigte sie oder ihre Freundinnen, ihn bestohlen zu haben. Er behauptete, seine Brieftasche sei ihm abhanden gekommen. Und andere Sachen mit. Kurzum, er soll einen Mordsspektakel gemacht haben. Hedda . Und was war die Folge? Brack . Die Folge war – was soll ich Ihnen sagen – eine allgemeine Keilerei zwischen Damen und Herren. Zum Glück ist schließlich die Polizei gekommen. Hedda . Die Polizei ist auch gekommen? Brack . Ja. Aber der Spaß wird Lövborg wohl teuer zu stehen kommen, dem verrückten Kerl. Hedda . So! Brack . Er soll Widerstand geleistet haben gegen die Staatsgewalt. Er soll einem Schutzmann eine Ohrfeige versetzt und ihm den Rock entzwei gerissen haben. So mußte er auch noch mit auf die Polizeiwache. Hedda . Woher wissen Sie denn das alles? Brack . Von der Polizei selbst. Hedda sieht vor sich hin. So ist es also verlaufen. Da hat er nicht Weinlaub im Haar gehabt. Brack . Weinlaub, Frau Hedda? Hedda wechselt den Ton. Aber nun sagen Sie mir einmal, Herr Assessor, – warum tun Sie das eigentlich und spüren und forschen Ejlert Lövborg nach? Brack . Erstens mal kann mir es doch nicht so ganz gleichgültig sein, wenn sich beim Verhör herausstellt, daß er unmittelbar von mir gekommen ist. Hedda . Zum Verhör wird es also auch kommen? Brack . Versteht sich. Aber das mag im übrigen nun sein, wie es will. Doch mir scheint, als Freund des Hauses bin ich verpflichtet, Ihnen und Tesman volle Klarheit zu schaffen über Lövborgs nächtliches Tun und Treiben. Hedda . Warum denn das, Herr Assessor ? Brack . Weil ich lebhaften Verdacht hege, er will Sie sozusagen als spanische Wand gebrauchen. Hedda . Aber wie kommen Sie nur auf den Gedanken? Brack . Nun mein Gott, – wir sind doch nicht blind, Frau Hedda. Passen Sie nur auf! Diese Frau Elvsted, die verläßt sicherlich die Stadt nicht so bald wieder. Hedda . Nun, wenn zwischen den beiden etwas sein sollte, so gibt es doch wohl noch genug andere Orte, wo sie sich treffen können. Brack . Familien nicht. Jedes anständige Haus wird von jetzt an Lövborg wieder verschlossen sein. Hedda . Und mein Haus muß das auch, meinen Sie? Brack . Ja. Ich gestehe, es wäre mir mehr als peinlich, wenn dieser Herr hier fernerhin ein und aus gehen dürfte. Wenn er, als ein Überflüssiger – und Unbefugter – sich eindrängen sollte in – Hedda . – in das Dreieck? Brack . Ja eben. Das würde für mich gleichbedeutend sein mit heimatlos werden. Hedda sieht ihn lächelnd an. Also, – einziger Hahn im Korbe, – das ist Ihr Ziel. Brack nickt langsam und senkt die Stimme, Ja, das ist mein Ziel. Und für dies Ziel werde ich kämpfen – mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen. Hedda , indem das Lächeln sich verflüchtigt. Sie sind sicher ein gefährlicher Mensch, – wenn es darauf ankommt. Brack . Glauben Sie? Hedda . Ja, ich fange an, es zu glauben. Und man kann herzlich froh sein – solange man Ihnen nur nicht mit Haut und Haar ausgeliefert ist. Brack lacht zweideutig. Jaja, Frau Hedda, – da haben Sie vielleicht nicht so unrecht. Wer weiß, ob ich in diesem Fall nicht imstande wäre, so allerlei auszuhecken. Hedda . Nun hören Sie aber einmal, Herr Assessor! Das klingt ja fast wie eine Drohung. Brack steht auf. I keine Spur! Das Dreieck, – sehen Sie, das befestigt und verteidigt man am besten freiwillig. Hedda . Das ist auch meine Ansicht. Brack . So, nun habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte. Und jetzt muß ich machen, daß ich nach Hause komme. Adieu, Frau Hedda! Er geht nach der Glastür. Hedda steht auf. Sie gehen durch den Garten? Brack . Ja, da kürze ich ab. Hedda . Freilich, und dann ist ja auch ein versteckter Weg da. Brack . Sehr wahr. Ich habe durchaus nichts gegen versteckte Wege. Zuzeiten können sie recht pikant sein. Hedda . Wenn scharf geschossen wird, meinen Sie? Brack in der Tür, lacht ihr zu. Ach, man schießt doch wohl nicht seine zahmen Hähne im Korb! Hedda lacht gleichfalls. Bewahre, – wenn man nicht mehr als den einen hat, so – Sie nicken sich, unter Lachen, zum Abschied zu. Er geht. Hedda schließt die Tür hinter ihm. Sie steht eine Weile ernst da und sieht hinaus. Danach geht sie zum Hintergrund und guckt durch den Vorhang ins Zimmer. Geht dann zum Schreibtisch, nimmt Lövborgs Paket aus dem Bücherfach und will in der Schrift blättern. Bertes Stimme ertönt laut draußen im Vorzimmer. Hedda wendet sich um und horcht. Schließt dann rasch das Paket in die Schieblade ein und legt den Schlüssel aufs Schreibzeug. Lövborg , im Überzieher und den Hut in der Hand, reißt die Tür vom Vorzimmer auf. Er sieht etwas verstört und aufgeregt aus. Lövborg gegen das Vorzimmer gewandt. Und ich sage Ihnen, ich will und muß hinein! So! Er schließt die Tür, dreht sich um, sieht Hedda, beherrscht sich augenblicklich und begrüßt sie. Hedda am Schreibtisch. Na, Herr Lövborg, Sie kommen ja hübsch spät zu Thea, um sie abzuholen. Lövborg . Oder ich komme hübsch früh zu Ihnen. Ich bitte um Entschuldigung. Hedda . Woher wissen Sie, daß sie noch bei mir ist ? Lövborg . In ihrer Wohnung hieß es, sie wäre die ganze Nacht fortgewesen. Hedda geht zum Salontisch. Konnten Sie den Leuten etwas anmerken, als man Ihnen das sagte? Lövborg sieht sie fragend an. Etwas anmerken? Hedda . Ich meine, klang es so, als ob man sich allerlei dabei dächte? Lövborg begreift plötzlich. Ach ja, ist ja auch wahr! Ich ziehe sie hinab mit mir! Übrigens habe ich nichts gemerkt. – Tesman ist wohl noch nicht auf? Hedda . Nein, – ich glaube nicht – Lövborg . Wann ist er nach Hause gekommen? Hedda . Auffallend spät. Lövborg . Hat er Ihnen etwas erzählt? Hedda . Ja, ich habe gehört, es war recht hübsch ausgelassen beim Assessor. Lövborg . Sonst nichts? Hedda . Nein, ich glaube nicht. Übrigens war ich so greulich schläfrig – Frau Elvsted kommt herein durch die Vorhänge des Hinterzimmers. Frau Elvsted ihm entgegen. Ah, Lövborg! Endlich –! Lövborg . Ja, endlich. Und zu spät. Frau Elvsted sieht ihn voll Angst an. Zu spät – in welcher Beziehung? Lövborg . In jeder Beziehung. Mit mir ist es aus. Frau Elvsted . Ach nein, nein, – sag' das doch nicht! Lövborg . Du wirst dasselbe sagen, wenn Du hörst – Frau Elvsted . Ich will nichts hören! Hedda . Sie wünschen vielleicht lieber mit ihr allein zu sprechen? Ich gehe dann. Lövborg . Nein, bleiben Sie, – bleiben Sie auch. Ich bitte Sie darum. Frau Elvsted . Aber ich will nichts hören, sag' ich. Lövborg . Nicht von den Abenteuern dieser Nacht will ich sprechen. Frau Elvsted . Wovon denn – ? Lövborg . Davon, daß unsere Wege sich jetzt trennen müssen. Frau Elvsted . Trennen?! Hedda unwillkürlich. Ich habe es gewußt. Lövborg . Denn ich kann Dich nicht mehr brauchen, Thea. Frau Elvsted . Und das sagst Du mir ins Gesicht! Mich nicht mehr brauchen! Ich werde Dir doch wohl helfen können nach wie vor? Wir werden doch fortfahren, gemeinsam zu arbeiten? Lövborg . Ich gedenke fortan nicht mehr zu arbeiten. Frau Elvsted gleichsam sich selber aufgebend. Wozu ist mein Leben dann noch nütze? Lövborg . Du mußt versuchen, so weiter zu leben, als ob Du mich nie gekannt hättest. Frau Elvsted . Aber das kann ich doch nicht! Lövborg . Versuch' nur, ob Du es kannst, Thea. Du mußt wieder nach Hause – Frau Elvsted in großer Erregung. Um keinen Preis der Welt! Wo Du bist, da will auch ich sein! Ich lasse mich nicht auf solche Art fortjagen! Ich will hier zur Stelle sein – mit Dir zusammen sein, wenn das Buch erscheint. Hedda halblaut, in Spannung. Ah, das Buch – ja! Lövborg sieht sie an. Mein Buch und Theas. Denn das ist es. Frau Elvsted . Ja, ich fühle, daß es das ist. Und darum habe ich auch das Recht bei Dir zu sein, wenn es erscheint! Ich will es mit erleben, wie Dir wieder Achtung und Ehre in Fülle gezollt werden. Und die Freude, – die Freude, die will ich mit Dir teilen. Lövborg . Thea, – unser Buch erscheint nie. Hedda . Ah! Frau Elvsted . Es erscheint nicht! Lövborg . Kann nie erscheinen. Frau Elvsted in banger Ahnung. Lövborg, – was hast Du mit den Heften getan! Hedda sieht ihn gespannt an. Die Hefte, ja –? Frau Elvsted . Wo hast Du sie? Lövborg . Ach Thea, – frag' mich danach lieber nicht. Frau Elvsted . Doch, doch, ich will es wissen. Ich habe ein Recht, es auf der Stelle zu erfahren. Lövborg . Die Hefte –. Nun denn, – die Hefte, die habe ich in tausend Stücke gerissen. Frau Elvsted schreit auf. Ach nein, nein –! Hedda unwillkürlich. Aber das ist ja gar nicht –! Lövborg sieht sie an. – wahr, meinen Sie? Hedda faßt sich. Jawohl. Natürlich. Wenn Sie selbst es sagen. Aber es klang so unwahrscheinlich – Lövborg . Und doch ist es wahr. Frau Elvsted ringt die Hände. O Gott, – O Gott, Hedda, – sein eigenes Werk in Stücke gerissen! Lövborg . Ich habe mein eignes Leben in Stücke gerissen. Da konnte ich doch wohl auch mein Lebenswerk – Frau Elvsted . Und das hast Du also getan in dieser Nacht! Lövborg . Du hörst es ja. In tausend Stücke. Und sie hinausgestreut in den Fjord. Weit hinaus. Da ist jedenfalls frisches Seewasser. Darin mögen sie treiben. Treiben vor Sturm und Wind. Und nach einer Weile – da sinken sie. Tiefer und tiefer. Wie ich, Thea. Frau Elvsted . Weißt Du, Lövborg, diese Sache mit dem Buch –. Zeit meines Lebens werde ich die Vorstellung haben, als hättest Du ein kleines Kind gemordet. Lövborg . Da hast Du recht. Es ist so etwas wie ein Kindesmord. Frau Elvsted . Aber wie konntest Du dann –! Ich hatte doch auch mein Teil an dem Kind. Hedda fast lautlos. Ah, das Kind – Frau Elvsted atmet schwer. Also aus. Ja, ja, nun gehe ich, Hedda. Hedda . Aber Du reist doch wohl nicht ab? Frau Elvsted . Ach, ich weiß selbst nicht, was ich tue. Wohin ich blicke – alles düster. Sie geht durchs Vorzimmer hinaus. Hedda steht einen Augenblick stumm. Sie wollen sie also nicht nach Haus begleiten, Herr Lövborg? Lövborg . Ich? Durch die Straßen? Sollen die Leute vielleicht sehen, daß sie mit mir zusammen geht ? Hedda . Ich weiß ja nicht, was sonst diese Nacht noch passiert ist. Aber läßt es sich denn gar nicht wieder gutmachen ? Lövborg . Bei dieser Nacht allein hat es nicht sein Bewenden. Das weiß ich ganz sicher. Und dann ist die Sache die , daß ich eine solche Art Leben auch nicht weiter führen möchte. Nicht wieder von neuem. Den Lebensmut und den Lebenstrotz, den hat sie in mir geknickt. Hedda sieht vor sich hin. Der süße kleine Dummkopf hat seine Finger in einem Menschenschicksal gehabt. Sieht ihn an. Aber daß Sie trotz alledem so herzlos gegen sie sein konnten! Lövborg . Ach, sagen Sie nicht, es war herzlos! Hedda . Hingehen und vernichten, was ihr ganzes Sinnen erfüllt hat durch lange, lange Zeiten! Das nennen Sie nicht herzlos! Lövborg . Ihnen kann ich die Wahrheit sagen, Hedda. Hedda . Die Wahrheit? Lövborg . Aber vorher versprechen Sie mir, – geben Sie mir ihr Wort darauf, daß Thea nie etwas von dem erfährt, was ich Ihnen jetzt anvertraue. Hedda . Da haben Sie mein Wort drauf. Lövborg . Gut. So will ich Ihnen denn sagen, es ist nicht wahr, was ich eben hier erzählt habe. Hedda . Von den Heften das? Lövborg . Ja. Ich habe sie nicht in Stücke gerissen. Und sie auch nicht in den Fjord geworfen. Hedda . Ja, ja –. Aber – wo sind sie denn? Lövborg . Ich habe sie trotzdem vernichtet. In Grund und Boden, Hedda! Hedda . Das verstehe ich nicht. Lövborg . Thea hat gesagt, was ich getan habe, das käme ihr vor wie ein Kindesmord. Hedda . Ja, – so sagte sie. Lövborg . Aber sein Kind umbringen, – das ist nicht das Schlimmste, was ein Vater ihm zufügen kann. Hedda . Nicht das Schlimmste – das ? Lövborg . Nein. Das Schlimmste zu hören, das eben wollte ich Thea ersparen. Hedda . Und was ist denn das Schlimmste? Lövborg . Gesetzt, Hedda, ein Mann käme – so gegen die Morgenstunde, – nach einer wild durchschwärmten Nacht heim zur Mutter seines Kindes und sagte: Du, höre, – ich bin da und da gewesen. An den und den Orten. Und ich habe unser Kind mit gehabt. An den und den Orten. Das Kind ist mir abhanden gekommen. Spurlos abhanden. Weiß der Henker, in was für Hände es geraten ist. Wer alles seine Finger daran gehabt hat. Hedda . Aber, – bei Licht betrachtet – handelte es sich doch nur um ein Buch – Lövborg . Theas reine Seele war in dem Buch. Hedda . Ja, das verstehe ich. Lövborg . Dann verstehen Sie wohl auch, daß unser gegenseitiges Verhältnis keine Zukunft mehr hat. Hedda . Und welchen Weg wollen Sie denn nun gehen? Lövborg . Keinen. Nur sehen, wie ich der ganzen Geschichte ein Ende mache. Je früher, desto besser. Hedda einen Schritt näher. Lövborg, – hören Sie –. Könnten Sie nicht darauf bedacht sein, daß – daß es in Schönheit geschieht? Lövborg . In Schönheit? Lächelt. Mit Weinlaub im Haar, wie Sie einst es sich vorstellten – Hedda . Ach nein. An das Weinlaub, – daran glaube ich nicht mehr. Aber doch in Schönheit! Ein Mal nur! – Leben Sie wohl! Jetzt sollen Sie gehen. Und nicht mehr wiederkommen. Lövborg . Leben Sie wohl, gnädige Frau. Und grüßen Sie Jörgen Tesman von mir. Er will gehen. Hedda . Nein, warten Sie! Ein Andenken sollen Sie doch von mir mitnehmen. Sie geht hin zum Schreibtisch und öffnet die Schieblade und den Pistolenkasten. Kommt dann zurück zu Lövborg mit der einen Pistole. Lövborg sieht sie an. Das da? Das ist das Andenken? Hedda nickt langsam. Erkennen Sie die Pistole wieder? Sie war einmal gegen Sie gerichtet. Lövborg . Hätten Sie nur damals Gebrauch davon gemacht. Hedda . Da! Machen Sie jetzt davon Gebrauch. Lövborg steckt die Pistole in die Brusttasche. Ich danke Ihnen! Hedda . Und – in Schönheit, Ejlert Lövborg. Versprechen Sie mir das vor allem! Lövborg . Leb' wohl, Hedda Gabler. Er geht hinaus durchs Vorzimmer. Hedda lauscht eine Weile an der Tür. Dann geht sie hin an den Schreibtisch und holt das Paket mit dem Manuskript hervor, guckt ein bißchen in den Umschlag, zieht ein paar Blätter halb heraus und sieht hinein. Dann nimmt sie das Ganze, geht damit zu dem Lehnstuhl am Ofen und setzt sich. Das Paket hat sie auf dem Schoß. Bald darauf öffnet sie die Ofentür und dann auch das Paket. Hedda wirft eines von den Heften ins Feuer und flüstert vor sich hin: Nun verbrenne ich Dein Kind, Thea! – Du Krauskopf, Du! Wirft noch ein paar Hefte in den Ofen. Dein Kind und Ejlert Lövborgs. Wirft den Rest hinein. Nun verbrenne, – nun verbrenne ich das Kind. Vierter Akt Dieselben Zimmer bei Tesmans. Es ist Abend. Das Gesellschaftszimmer liegt im Dunkel. Das Hinterzimmer ist von einer Hängelampe erleuchtet, die über dem Tisch hängt. Die Vorhänge vor der Glastür sind zugezogen. Hedda , schwarz gekleidet, geht in dem dunkeln Zimmer auf und ab. Kommt dann ins Hinterzimmer und geht hinüber nach links. Man hört ein paar Akkorde vom Piano. Dann kommt sie wieder zum Vorschein und geht in das Gesellschaftszimmer. Berte kommt von rechts durch das Hinterzimmer mit einer brennenden Lampe, die sie auf den Tisch vor dem Ecksofa des Salons stellt. Ihre Augen sehen verweint aus, und sie hat schwarze Bänder am Häubchen. Geht still und behutsam hinaus nach rechts. Hedda geht zur Glastür hin, hebt den Vorhang etwas nach der Seite hin und sieht ins Dunkel hinaus. Bald darauf kommt Fräulein Tesman im Trauerkleide, mit Hut und Schleier, herein vom Vorzimmer. Hedda geht ihr entgegen und reicht ihr die Hand. Fräulein Tesman . Ja, Hedda, da komme ich in den Farben der Trauer. Denn nun hat meine arme Schwester endlich ausgelitten. Hedda . Ich weiß es schon, wie Sie wohl sehen. Tesman hat mich, durch eine Karte verständigt. Fräulein Tesman Ja, das hatte er mir versprochen. Aber ich meinte, ich müßte doch hierher zu Hedda, – in das Haus des Lebens, – und den Tod selbst melden. Hedda . Das war sehr freundlich von Ihnen. Fräulein Tesman . Ach, Rina hätte nur grade jetzt nicht aus der Welt gehen sollen. Heddas Haus sollte von Trauer verschont bleiben in dieser Zeit. Hedda ablenkend. Sie ist ja doch so ruhig gestorben, – nicht, Fräulein Tesman? Fräulein Tesman . Ach, so schön, – so friedlich war ihre Auflösung. Und dazu das unsägliche Glück, daß sie Jörgen noch einmal sehen durfte. Und richtigen Abschied von ihm nehmen konnte. – Er ist am Ende noch nicht zu Hause? Hedda . Nein. Er hat geschrieben, ich sollte ihn nicht so bald erwarten. Aber setzen Sie sich doch. Fräulein Tesman . Nein, danke, liebe gute Hedda. Ich möchte gern. Aber ich habe so wenig Zeit. Jetzt soll sie aufgebahrt werden und geputzt, so gut ich es vermag. So recht schmuck soll sie in ihr Grab kommen. Hedda . Kann ich nicht mit etwas helfen! Fräulein Tesman . Wo denken Sie nur hin! Bei so etwas darf Hedda Tesman nicht mit Hand anlegen. Auch nicht ihre Gedanken darf sie auf so was richten. In dieser Zeit nicht, – bewahre! Hedda . Ach, die Gedanken, – die lassen sich nicht so meistern – Fräulein Tesman fortfahrend. Ja, du lieber Gott, so geht es in der Welt. Bei mir zu Haus, da müssen wir nun das Leinenzeug nähen für Rina. Und hier wird es wohl auch bald etwas zu nähen geben, wie ich mir denken kann. Aber das wird freilich von anderer Art sein, – Gottlob! Tesman kommt durch die Vorzimmertür herein. Hedda . Nun, es ist gut, daß Du endlich einmal kommst. Tesman . Du bist da, Tante Julle? Bei Hedda? Denk nur! Fräulein Tesman . Ich war eben im Begriff, wieder zu gehen, mein lieber Junge. Na, hast Du nun alles besorgt, was Du mir versprochen hast? Tesman . Nein, Du, ich bin wirklich bange, daß ich die Hälfte davon vergessen habe. Ich springe morgen wieder zu Dir hin. Denn heut ist mir ganz wirr im Kopf. Ich kann die Gedanken nicht zusammenhalten. Fräulein Tesman . Aber, mein guter Jörgen, auf solche Art mußt Du es nicht nehmen. Tesman . So? Wie denn sonst, meinst Du? Fräulein Tesman . Du sollst froh sein in der Trauer. Froh über das, was geschehen ist. Ebenso wie ich es bin. Tesman . Ach ja, ja, Du denkst an Tante Rina. Hedda . Jetzt wird es Ihnen einsam vorkommen, Fräulein Tesman. Fräulein Tesman . In den ersten Tagen, ja. Aber es wird wohl nicht so lange dauern, will ich hoffen. Der seligen Rina Stäbchen darf doch nicht leer stehen, will ich meinen. Tesman . So? Wen willst Du denn da hinein haben? Was? Fräulein Tesman . Ach, es findet sich schon noch immer irgend ein armes krankes Geschöpf, das Beistand und Pflege braucht, – leider. Hedda . Wollen Sie wirklich solch ein Kreuz wieder auf sich nehmen? Fräulein Tesman . Kreuz! Gott verzeihe Ihnen, mein Kind, – das ist doch kein Kreuz für mich gewesen. Hedda . Aber wenn da nun ein ganz wildfremder Mensch kommt, so – Fräulein Tesman . Ach, mit Kranken wird man bald gut Freund. Und ich, ich brauche ja doch auch so notwendig jemand, für den ich leben kann. Na, Gott sei Lob und Dank, – hier im Hause wird es wohl auch für eine alte Tante immer etwas zu tun geben. Hedda . Ach, sprechen Sie doch nicht von uns. Tesman . Ja, denk Dir nur, wie schön wir drei es zusammen haben könnten, wenn – Hedda . Wenn – ? Hedda unruhig. Ach, nichts. Es wird schon noch in Ordnung kommen. Wir wollen es hoffen. Was? Fräulein Tesman . Ja, ja. Ihr zwei habt wohl miteinander zu sprechen, denk' ich mir. Lächelt. Und Hedda hat vielleicht Dir auch etwas zu erzählen, Jörgen. Adieu! Jetzt muß ich nach Haus zu Rina. Wendet sich bei der Tür um. Lieber Gott, wie wunderlich ist es doch, sich das vorzustellen! Jetzt ist Rina zugleich bei mir und beim seligen Jochum. Tesman . Ja, denk nur, Tante Julle! Was? Fräulein Tesman geht durch die Vorzimmertür hinaus. Hedda folgt Tesman kalt und forschend mit den Augen. Ich glaube fast, der Todesfall geht Dir mehr zu Herzen als ihr. Tesman . Ach, es handelt sich nicht um den Todesfall allein. Ejlerts wegen bin ich in so großer Unruhe. Hedda rasch. Ist wieder etwas mit ihm passiert? Tesman . Ich wollte schnell zu ihm hin heut nachmittag und ihm sagen, daß das Manuskript gut aufgehoben ist. Hedda . Nun? Und Du hast ihn nicht getroffen? Tesman . Nein. Er war nicht zu Hause. Aber hernach bin ich Frau Elvsted begegnet, und die hat mir erzählt, er wäre heute früh hier gewesen. Hedda . Ja; Du warst grade weggegangen. Tesman . Und er soll ja gesagt haben, er hätte das Manuskript zerrissen. Was? Hedda . Ja, das hat er behauptet. Tesman . Aber mein Gott, dann war er doch ganz von Sinnen. Und da hast Du vermutlich auch nicht gewagt, es ihm zurückzugeben, Hedda? Hedda . Nein, er hat es nicht bekommen. Tesman . Aber Du hast ihm doch wohl gesagt, daß wir es hätten? Hedda . Nein. Rasch. Hast Du es vielleicht Frau Elvsted gesagt? Tesman . Nein, das wollte ich nicht. Aber ihm selbst hättest Du es sagen müssen. Denk nur, wenn er nun in seiner Verzweiflung hingeht und sich ein Leids antut! Gib mir das Manuskript, Hedda. Ich will auf der Stelle damit zu ihm hinüberspringen. Wo hast Du das Paket? Hedda kalt und unbeweglich, auf den Lehnstuhl gestützt. Ich habe es nicht mehr. Tesman . Du hast es nicht! Um alles in der Welt – was meinst Du damit! Hedda . Ich habe es verbrannt – von A bis Z! Tesman fährt voll Schreck auf. Verbrannt! Ejlerts Manuskript verbrannt! Hedda . Schrei nicht so! Das Dienstmädchen könnte Dich sonst hören. Tesman . Verbrannt! Aber du großer Gott –! Nein, nein, nein, – das ist ja ganz unmöglich! Hedda . Und doch ist es so. Tesman . Aber weißt Du denn auch, was Du da getan hast, Hedda! Das ist ja eine gesetzwidrige Aneignung gefundenen Guts! Denk nur! Ja, frag' bloß den Assessor, – da wirst Du es schon hören. Hedda . Es ist gewiß das Ratsamste, Du sprichst nicht darüber, – weder zum Assessor noch zu irgend sonst jemand. Tesman . Aber wie konntest Du denn nur so etwas Unerhörtes tun! Wie bist Du nur auf den Gedanken verfallen? Wie konnte so etwas über Dich kommen? Gib Antwort! Was? Hedda unterdrückt ein kaum merkbares Lächeln. Ich habe es Dir zuliebe getan, Jörgen. Tesman . Mir zuliebe! Hedda . Als Du heute früh nach Hause kamst und erzähltest, er hätte Dir vorgelesen – Tesman . Nun – und? Hedda . Da hast Du gestanden, Du beneidetest ihn um dieses Werk. Tesman . Herrgott, das war doch nicht so buchstäblich gemeint. Hedda . Immerhin. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein anderer Dich in den Schatten stellen sollte. Tesman ungestüm, zwischen Zweifel und Freude schwankend. Hedda, – ist es wahr, was Du da sagst! – Ja aber, – aber – auf solche Art und Weise hast Du Deine Liebe zu mir früher nie gezeigt. Denk nur! Hedda . Nun, so ist es besser, Du erfährst, – daß eben jetzt – heftig abbrechend. Nein, nein, Du kannst Dich bei Tante Julle erkundigen. Sie wird Dir schon Bescheid sagen. Tesman . Ach, ich glaube fast, ich verstehe Dich, Hedda! Schlägt die Hände zusammen. Nein, Herrgott, Du, – sollte das möglich sein! Was? Hedda . Schrei doch nicht so. Das Mädchen hört Dich sonst. Tesman lachend, in übermäßiger Freude. Das Mädchen! Nein, Du bist wirklich gut, Hedda! Das Mädchen, – das ist doch Berte ! Ich will selber hinaus und es Berte erzählen. Hedda preßt die Hände zusammen wie in Verzweiflung. Ach, ich komme um, – ich komme um in alledem! Tesman . In was denn, Hedda? Was? Hedda kalt, sich beherrschend. In all dem – Komischen, – Jörgen. Tesman . Komischen? Daß ich so seelenvergnügt bin? Immerhin –. Vielleicht empfiehlt es sich doch, Berte nichts zu sagen. Hedda . O doch, – warum nicht das auch? Tesman . Nein, nein, noch nicht. Aber Tante Julle muß es unter allen Umständen erfahren.. Und dann auch das , daß Du anfängst, mich Jörgen zu nennen! Denk nur! Ach, wie wird sich Tante Julle freuen, – wie wird sie sich freuen! Hedda . Wenn sie hört, daß ich Ejlert Lövborgs Schrift verbrannt habe – Dir zuliebe? Tesman . Nein, ist ja auch wahr! Die Geschichte mit der Handschrift, davon darf natürlich kein Mensch was wissen. Aber daß Du für mich glühst, Hedda, – das muß Tante Julle wahrhaftig erfahren. Übrigens hätte ich gern gewußt, ob das bei jungen Frauen allgemein so ist, Du? Was? Hedda . Du kannst Dich bei Tante Julle auch danach erkundigen. Tesman . Ja, das will ich bei Gelegenheit wirklich tun. Sieht wieder unruhig und bedenklich aus. Nein aber, – aber das Manuskript! Guter Gott, wie schrecklich, – wenn man denkt – für den armen Ejlert! Trotz allem. Frau Elvsted , ebenso gekleidet, wie bei ihrem ersten Besuch, mit Hut und Mantel, kommt herein durch die Vorzimmertür. Frau Elvsted grüßt eilig und sagt in großer Erregung: Ach, liebe Hedda, sei mir nicht böse, wenn ich wiederkomme. Hedda . Was ist Dir begegnet, Thea? Tesman . Ist mit Lövborg wieder etwas passiert ? Was ? Frau Elvsted . Ach ja, – ich habe so gräßliche Angst, es ist ihm ein Unglück zugestoßen. Hedda faßt sie beim Arm. Ah, – glaubst Du das? Tesman . Herrgott, aber nein – wie können Sie auf solchen Gedanken kommen, Frau Elvsted! Frau Elvsted . Ich hörte ja doch, wie sie über ihn gesprochen haben in der Pension, – gerade als ich eintrat. Ach, es gehen ja heut in der Stadt die unglaublichsten Gerüchte über ihn um. Tesman . Ja, denken Sie bloß, das habe ich auch gehört! Und dabei kann ich bezeugen, daß er direkt nach Haus gegangen ist und sich hingelegt hat. Denken Sie nur! Hedda . Nun, – und was hat man denn in der Pension gesagt? Frau Elvsted . Ach, ich bekam über nichts Auskunft. Ob sie nun selber nichts Näheres wußten oder –. Sie hüllten sich in Schweigen, als sie mich sahen. Und zu fragen, das getraute ich mich nicht. Tesman geht unruhig auf und ab. Wir wollen hoffen, – wir wollen hoffen, Sie haben falsch gehört, Frau Elvsted! Frau Elvsted . Nein, nein, ich bin sicher, daß von ihm die Rede war. Und dann habe ich gehört, daß man von so etwas wie Spital sprach oder – Tesman . Spital! Hedda . Nein, – das ist doch wohl unmöglich! Frau Elvsted . Ach, ich bekam eine solche Todesangst seinetwegen. Und dann bin ich hinauf in seine Wohnung gegangen und habe da nach ihm gefragt. Hedda . Und da zu hast Du Dich verstehen können, Thea! Frau Elvsted . Ja, was hätte ich denn sonst tun sollen ? Denn ich glaubte die Ungewißheit nicht länger ertragen zu können. Tesman . Aber Sie haben ihn wohl auch nicht getroffen? Was ? Frau Elvsted . Nein. Und die Leute konnten mir über ihn weiter keine Auskunft geben. Er wäre nicht mehr nach Haus gekommen seit gestern nachmittag, sagten sie. Tesman . Gestern! Denken Sie bloß, daß die Leute so etwas sagen konnten! Frau Elvsted . Ach, es muß etwas Schlimmes mit ihm passiert sein, – anders kann ich es mir gar nicht denken. Tesman . Du, Hedda, – wie wäre es, wenn ich in die Stadt ginge und mich so an verschiedenen Stellen erkundigte –? Hedda . Nein, nein, – misch' Du Dich nur nicht da hinein. Brack , den Hut in der Hand, kommt durch die Vorzimmertür herein, die Berte öffnet und hinter ihm schließt. Er sieht ernst aus und grüßt stumm. Tesman . Ach, Sie sind es, lieber Assessor ? Was ? Brack . Ja, ich mußte notwendigerweise noch heut zu Ihnen heraus. Tesman . Ich sehe es Ihnen an, Sie haben die Nachricht bekommen von Tante Julle. Brack . Das habe ich auch, jawohl. Tesman . Sie! Ist das nicht traurig? Was? Brack . Nun, lieber Tesman, wie man es eben nimmt. Tesman sieht ihn unsicher an. Ist vielleicht sonst noch etwas geschehen? Brack . Allerdings. Hedda gespannt. Etwas Trauriges, Herr Assessor? Brack . Auch, – wie man es nimmt, Frau Tesman. Frau Elvsted in unwillkürlicher Erregtheit. Ach, es. ist etwas mit Ejlert Lövborg! Brack sieht sie obenhin an. Wie kommen Sie darauf , gnädige Frau? Wissen Sie vielleicht schon etwas –? Frau Elvsted verwirrt. Nein, nein, ganz und gar nicht; aber – Tesman . Aber, um Gotteswillen, so sagen Sie es doch! Brack zuckt die Achseln. Nun denn, – leider, – man hat Ejlert Lövborg ins Spital gebracht. Er liegt wohl schon im Sterben. Frau Elvsted schreit auf. Ach Gott, ach Gott –! Tesman . Ins Spital! Und auch schon im Sterben! Hedda unwillkürlich. So schnell also –! Frau Elvsted jammernd. Und wir mußten ohne Versöhnung scheiden, Hedda! Hedda flüstert. Aber Thea, – Thea! Frau Elvsted, ohne auf sie zu achten. Ich muß hin zu ihm! Muß ihn sehen, solange er noch am Leben ist! Brack . Das nützt Ihnen nichts, gnädige Frau. Es darf niemand zu ihm hinein. Frau Elvsted . Ach, so sagen Sie mir doch nur, was ihm zugestoßen ist! Was ist es denn? Tesman . Er hat doch wohl nicht gar selbst –! Was? Hedda . Ja, das hat er, – davon bin ich überzeugt. Tesman . Hedda, – wie kannst Du denn –! Brack , der sie beständig beobachtet. Sie haben es leider erraten, Frau Tesman. Frau Elvsted . Ach, wie entsetzlich! Tesman . Selbst also! Denk nur! Hedda . Sich erschossen! Brack . Auch erraten, Frau Tesman. Frau Elvsted sucht sich zu fassen. Wann ist es geschehen, Herr Assessor? Brack . Heut nachmittag. Zwischen drei und vier. Tesman . Aber, lieber Gott, – wo hat er es denn getan? Was? Brack etwas unsicher. Wo? Ja, mein Lieber, – er hat es wohl in seinem Logis getan. Frau Elvsted . Nein, das kann nicht richtig sein. Denn ich war ja oben zwischen sechs und sieben. Brack . Na, dann also anderswo. Das weiß ich nicht so genau. Ich weiß nur, man hat ihn aufgefunden, hat –. Er hatte sich durch die – Brust geschossen. Frau Elvsted . Ach, was für ein grauenhafter Gedanke! Daß er auf solche Weise enden mußte! Hedda zu Brack . Durch die Brust? Brack . Ja, – wie ich sage. Hedda . Also nicht durch die Schläfe?. Brack . Durch die Brust, Frau Tesman. Hedda . Ja, ja, – die Brust ist auch gut. Brack . Wie, gnädige Frau? Hedda abweisend . Ach, – nichts, nichts. Tesman . Und die Wunde ist lebensgefährlich, sagen Sie? Was? Brack . Die Wunde ist absolut tödlich. Wahrscheinlich ist es schon mit ihm aus. Frau Elvsted . Ja, ja, ich ahne es! Es ist aus! Aus! Ach, Hedda –! Tesman . Aber sagen Sie mir doch, – woher wissen Sie denn das alles? Brack kurz . Durch einen von der Polizei. Einen, mit dem ich zu sprechen hatte. Hedda mit lauter Stimme . Endlich einmal eine Tat. Tesman erschrocken . Um Gotteswillen, – was sagst Du, Hedda! Hedda . Ich sage, daß darin Schönheit ist. Brack . Hm, Frau Tesman – Tesman . Schönheit! Denk nur! Frau Elvsted . Ach, Hedda, wie kannst Du nur von Schönheit sprechen bei so etwas! Hedda . Ejlert Lövborg hat die Rechnung mit sich selbst beglichen. Er hat den Mut gehabt, das zu tun, was – was getan werden mußte. Frau Elvsted . Nein, glaub' doch nur nicht, daß es auf solche Art zugegangen ist! Was er getan hat, das hat er im Wahnsinn getan! Tesman . In Verzweiflung hat er es getan! Hedda . Das hat er nicht. Davon bin ich überzeugt. Frau Elvsted . Doch, das hat er! Genau so wahnsinnig war er, als er unsere Hefte in Stücke riß. Brack betroffen . Die Hefte ? Das Manuskript, meinen Sie? Das hat er in Stücke gerissen? Frau Elvsted . Ja, das hat er heut nacht getan. Tesman flüstert leise . Ach, Hedda, darüber kommen wir nie hinweg! Brack . Hm, das ist doch sonderbar. Tesman geht durchs Zimmer . Man denke sich, so muß Ejlert aus der Welt gehen! Und nicht einmal das läßt er zurück, was seinem Namen Dauer verliehen hätte – Frau Elvsted . Ach, könnte man es doch wieder zusammenstellen! Tesman . Ja, denken Sie, wenn man das könnte! Ich weiß nicht, was ich drum gäbe – Frau Elvsted . Am Ende ginge es doch, Herr Tesman. Tesman . Was meinen Sie? Frau Elvsted sucht in ihrer Kleidertasche . Da, sehen Sie her. Ich habe die losen Zettel aufbewahrt, die er mit hatte, wenn er diktierte. Hedda einen Schritt näher . Ah –! Tesman . Die haben Sie aufbewahrt, Frau Elvsted! Was? Frau Elvsted . Ja, da sind sie. Ich habe sie mitgenommen, als ich abreiste. Und so sind sie in meiner Tasche geblieben – Tesman . Ach, lassen Sie doch einmal sehen! Frau Elvsted reicht ihm einen Stoß kleiner Zettel . Aber es ist ein solches Durcheinander. Wie Kraut und Rüben. Tesman . Denken Sie mal, wenn wir uns dennoch durchfinden könnten! Vielleicht, wenn wir einander helfen – Frau Elvsted . Ach ja, wir wollen es jedenfalls versuchen. Tesman . Es wird gehen! Es muß gehen! Ich setze mein Leben daran! Hedda . Du, Jörgen? Dein Leben? Tesman . Ja, oder richtiger gesagt, die ganze Zeit, die ich zur Verfügung habe. Meine eignen Sammlungen müssen so lange zurückstehen. Hedda, – Du verstehst mich? Was? Das ist eine Sache, die ich Ejlerts Andenken schuldig bin. Hedda . Mag sein. Tesman . Und nun, liebe Frau Elvsted, nun wollen wir uns zusammennehmen. Herrgott, es nützt doch nichts, dem nachzugrübeln, was nun einmal geschehen ist. Was? Wir wollen zusehen, wie wir die Ruhe unserer Seele so weit wieder erlangen, um – Frau Elvsted . Ja, ja, Herr Tesman, ich will mein Mögliches versuchen. Tesman . Na, so kommen Sie her. Wir wollen gleich einmal die Notizen durchsehen. Wohin sollen wir uns setzen? Hierher? Nein, lieber drin ins Zimmer! Entschuldigen Sie, Assessor! Kommen Sie nur, Frau Elvsted. Frau Elvsted . Ach Gott, – wenn wir es doch nur zustande brächten! Tesman und Frau Elvsted gehen hinein ins Hinterzimmer. Sie nimmt Hut und Mantel ab. Beide setzen sich an den Tisch unter die Hängelampe und vertiefen sich eifrig in die Untersuchung der Papiere. Hedda geht zum Ofen hin und setzt sich in den Lehnstuhl. Unmittelbar darauf geht Brack hin zu ihr. Hedda halblaut. Ach, Assessor, – was für eine Befreiung liegt doch in dem, was sich mit Ejlert Lövborg zugetragen hat! Brack . Befreiung, Frau Hedda? Ja, für ihn ist es allerdings eine Befreiung – Hedda . Ich meine, für mich. Eine Befreiung, zu wissen, daß doch noch eine freiwillige Tat des Muts in dieser Welt geschehen kann. Eine Tat, auf die unwillkürlich ein Schimmer von Schönheit fällt. Brack lächelt. Hm, – liebe Frau Hedda – Hedda . Ach, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Denn Sie sind doch auch eine Art Fachmensch, Sie genau wie – na! Brack sieht sie fest an. Ejlert Lövborg ist Ihnen mehr gewesen, als Sie vielleicht vor sich selber eingestehen wollen. Oder sollte ich mich darin irren? Hedda . Auf so etwas gebe ich Ihnen keine Antwort. Ich weiß nur, daß Ejlert Lövborg den Mut gehabt hat, das Leben nach seinem eigenen Kopf zu leben. Und dann jetzt – das Große! Das, worauf Schönheit ruht. Daß er die Kraft und den Willen hatte, vom Fest des Lebens aufzubrechen – so früh. Brack . Es tut mir leid, Frau Hedda, – aber ich bin genötigt, Sie aus einem schönen Wahn herauszureißen. Hedda . Einem Wahn? Brack . Aus dem man Sie übrigens ohnedies bald herausgerissen hätte. Hedda . Nun – und was ist? Brack . Er hat sich nicht – freiwillig erschossen. Hedda . Nicht freiwillig! Brack . Nein. Die Sache mit Ejlert Lövborg verhält sich nicht ganz so, wie ich sie dargestellt habe. Hedda in Spannung. Haben Sie etwas verschwiegen? Was denn? Brack . Der armen Frau Elvsted wegen habe ich mir ein paar kleine Umschreibungen erlaubt. Hedda . Und welche? Brack . Erstens, daß er wirklich schon gestorben ist. Hedda . Im Spital? Brack . Ja. Und ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Hedda . Was haben Sie noch verschwiegen? Brack . Daß der Vorgang sich nicht in seinem Zimmer abgespielt hat. Hedda . Nun, das kann ja auch so ziemlich einerlei sein. Brack . Nicht so ganz. Ich muß Ihnen nämlich sagen, – Lövborg wurde erschossen aufgefunden in – in Fräulein Dianas Boudoir. Hedda will aufspringen, sinkt aber zurück. Das ist unmöglich, Herr Assessor! Da kann er heut nicht wieder gewesen sein! Brack . Er war heut nachmittag da. Er kam, um etwas zurückzufordern, das man ihm genommen hätte, wie er sagte. Sprach verworrenes Zeug von einem Kind, das abhanden gekommen wäre. Hedda . Ah, – darum also – Brack . Ich dachte mir, es könnte vielleicht sein Manuskript gewesen sein. Aber das hat er doch selber vernichtet, wie ich höre. Dann muß es also wohl die Brieftasche gewesen sein. Hedda . Das wird es wohl. – Und dort – dort wurde er also gefunden. Brack . Ja, dort. In der Brusttasche eine abgeschossene Pistole. Der Schuß hatte ihn tödlich getroffen. Hedda . In die Brust, – jawohl. Brack . Nein, – er traf ihn in den Unterleib. Hedda sieht zu ihm auf mit einem Ausdruck von Ekel. Auch das noch! Ach, das Lächerliche und Gemeine, es legt sich wie ein Fluch auf alles, was ich nur anrühre. Brack . Es kommt noch etwas hinzu, Frau Hedda. Was auch ins Gebiet der Gemeinheit gehört. Hedda . Und das ist? Brack . Die Pistole, die er bei sich hatte – Hedda atemlos. Nun! Was ist mit der! Brack . Die muß er gestohlen haben. Hedda springt auf. Gestohlen! Das ist nicht wahr! Das hat er nicht! Brack . Es ist unmöglich anders. Er muß sie gestohlen haben –. Pst! Tesman und Frau Elvsted sind vom Tisch im Hinterzimmer aufgestanden und kommen in den Salon. Tesman mit den Papieren in beiden Händen. Du, Hedda, – es ist mir fast ein Ding der Unmöglichkeit, da drin unter der Hängelampe etwas zu sehen. Denk Dir! Hedda . Ja, ich denke. Tesman . Können wir uns vielleicht ein bißchen an Deinen Schreibtisch setzen? Was? Hedda . Meinetwegen gern. Schnell. Nein, warte! Laß mich erst abräumen. Tesman . Ach, das brauchst Du gar nicht, Hedda. Es ist Platz genug da. Hedda . Nein, nein. Laß mich erst abräumen, sag' ich, – und das hier solange hinein aufs Piano tragen. So! Sie hat einen Gegenstand, mit Notenblättern bedeckt, unter dem Bücherfach hervorgezogen, legt noch ein paar andere Blätter darüber und trägt alles hinein ins Hinterzimmer links. Tesman legt die Zettel auf den Schreibtisch und trägt die Lampe vom Tisch an der Ecke dahin. Tesman und Frau Elvsted setzen sich und nehmen die Arbeit wieder auf. Hedda kommt zurück. Hedda hinter Frau Elvsteds Stuhl, befühlt ihr leicht das Haar . Nun, süße Thea, – wie steht es mit Ejlert Lövborgs Denkmal? Frau Elvsted blickt entmutigt zu ihr auf . Ach Gott, – es wird gewiß ungeheuer schwer sein, sich darin zurechtzufinden. Tesman . Es muß gehen. Unter allen Umständen. Und Ordnung zu bringen in die Papiere anderer, – das ist so recht eine Sache, die mir liegt. Hedda geht hin zum Ofen und setzt sich auf eins der Taburette. Brack steht über sie gebeugt, wobei er sich auf den Lehnstuhl stützt. Hedda flüstert : Was haben Sie da von der Pistole gesagt? Brack leise . Daß er sie gestohlen haben muß. Hedda . Warum gerade gestohlen? Brack . Weil jede andere Erklärung ausgeschlossen sein muß , Frau Hedda. Hedda . Ja so. Brack blickt sie leicht an . Lövborg ist natürlich heut früh hier gewesen. Nicht wahr? Hedda . Ja. Brack . Waren Sie mit ihm allein? Hedda . Ja, eine Weile. Brack . Haben Sie das Zimmer während seiner Abwesenheit nicht verlassen? Hedda . Nein. Brack . Denken Sie nach. Waren Sie auch nicht einen Augenblick draußen? Hedda . Ja, vielleicht einen kleinen Augenblick – im Vorzimmer draußen. Brack . Und wo hatten Sie Ihren Pistolenkasten so lange? Hedda . Den hatte ich unten in – Brack . Na, Frau Hedda? Hedda . Der Kasten stand da hinten auf dem Schreibtisch. Brack . Haben Sie seitdem nachgesehen, ob beide Pistolen drin sind? Hedda . Nein. Brack . Ist auch nicht nötig. Ich habe die Pistole gesehen, die Lövborg bei sich hatte. Und ich habe sie sofort wiedererkannt von gestern. Und von früher auch. Hedda . Haben Sie sie vielleicht? Brack . Nein, die Polizei hat sie. Hedda . Wozu braucht die Polizei die Pistole? Brack . Um dem Besitzer auf die Spur zu kommen. Hedda . Meinen Sie, er kann entdeckt werden? Brack beugt sich hinunter zu ihr und flüstert: Nein, Hedda Gabler; solange ich schweige – nicht. Hedda sieht ihn scheu an. Und wenn Sie nicht schweigen, – was dann? Brack zuckt die Achseln. Es bleibt ja immer noch der Ausweg, daß die Pistole gestohlen ist. Hedda fest. Lieber sterben! Brack lächelt. So etwas sagt man. Aber man tut es nicht. Hedda ohne zu antworten. Und wenn nun die Pistole also nicht gestohlen ist. Und der Besitzer wird entdeckt – was kommt dann? Brack . Ja, Hedda, – dann kommt der Skandal. Hedda . Der Skandal! Brack . Ja, der Skandal, – wovor Sie eine solche mörderische Angst haben. Sie müssen natürlich aufs Gericht. Sie und auch Fräulein Diana. Sie muß ja doch über den Sachverhalt aussagen. Ob es ein Fehlschuß war oder Tötung. Hat er die Pistole aus der Tasche ziehen wollen, um ihr zu drohen? Und ist der Schuß dann losgegangen? Oder hat sie ihm die Pistole aus der Hand gerissen, ihn erschossen und die Pistole wieder in seine Tasche gesteckt? Das könnte ihr schon ähnlich sehen. Denn sie ist ein handfestes Weibsbild, besagtes Fräulein Diana. Hedda . Aber diese ganzen Widerwärtigkeiten gehen doch mich nichts an. Brack . Nein. Aber Sie haben zu antworten auf die Frage: warum haben Sie Ejlert Lövborg die Pistole gegeben? Und welche Schlüsse wird man ziehen aus der Tatsache, daß Sie sie ihm gegeben haben? Hedda senkt den Kopf. Das ist wahr. Daran habe ich nicht gedacht. Brack . Nun, glücklicherweise ist keine Gefahr, solange ich schweige. Hedda sieht auf zu ihm. Ich bin also in Ihrer Hand, Herr Assessor. Mit Haut und Haar bin ich in Ihrer Gewalt fortan. Brack noch leiser flüsternd. Liebste Hedda, – glauben Sie mir, – ich werde die Situation nicht mißbrauchen. Hedda . Aber doch in Ihrer Gewalt. Abhängig von Ihrem Wunsch und Willen. Unfrei. Unfrei also! Steht mit Heftigkeit auf. Nein, – den Gedanken ertrage ich nicht! Nie und nimmer. Brack sieht sie halb spöttisch an. Man pflegt sich doch sonst ins Unvermeidliche zu fügen. Hedda erwidert den Blick. Ja, mag sein. Sie geht hinüber zum Schreibtisch. Hedda unterdrückt ein unwillkürliches Lächeln und ahmt Tesmans Tonfall nach. Na? Will es gelingen, Jörgen? Was? Tesman . Ach, weiß der liebe Himmel. Jedenfalls wird die Geschichte eine Arbeit auf Monate hinaus werden. Hedda wie oben. Denk einer an! Fährt leicht mit den Händen durch Frau Elvsteds Haar. Kommt Dir das nicht wunderlich vor, Thea? Jetzt sitzst Du hier zusammen mit Tesman, – ebenso wie Du früher mit Ejlert Lövborg zusammen gesessen hast. Frau Elvsted . Ach Gott, wenn ich Deinen Mann nur auch begeistern könnte. Hedda . Ach, das kommt schon – mit der Zeit. Tesman . Ja, weißt Du was, Hedda, – mir scheint wirklich, ich verspüre nachgerade schon so etwas. Aber setz' Du Dich nur wieder zum Assessor. Hedda . Könnt Ihr zwei mich hier zu gar nichts brauchen? Tesman . Nein, zu absolut nichts. Wendet den Kopf. Künftig müssen wirklich Sie so liebenswürdig sein und Hedda Gesellschaft leisten, lieber Assessor! Brack mit einem Blick auf Hedda. Wird mir ein ganz außerordentliches Vergnügen sein. Hedda . Danke sehr. Aber jetzt bin ich müde. Ich will mich da drin ein bißchen aufs Sofa legen. Tesman . Ja, tu das, mein Schatz. Was? Hedda geht ins Hinterzimmer und zieht die Vorhänge hinter sich zu. Kurze Pause. Plötzlich hört man, wie sie eine wilde Tanzmelodie auf dem Piano spielt. Frau Elvsted fährt vom Stuhl auf. Uh, – was ist das! Tesman läuft zur Türöffnung. Aber, liebste Hedda, – spiel' doch heut keine Tänze! Denk doch an Tante Rina! Und auch an Ejlert! Hedda streckt den Kopf zwischen den Vorhängen hervor. Und an Tante Julle. Und an die ganze Gesellschaft. – Gleich werde ich still sein. Sie schließt die Vorhänge wieder hinter sich. Tesman am Schreibtisch. Es ist gewiß nicht gut für sie, uns bei dieser traurigen Arbeit zu sehen. Wissen Sie was, – Frau Elvsted, – Sie sollten zu Tante Julle ziehen. Dann komme ich an den Abenden hinauf. Und dann könnten wir uns da an die Arbeit setzen. Was? Frau Elvsted . Ja, das wäre vielleicht das beste – Hedda aus dem Hinterzimmer. Ich höre recht wohl, was Du sagst, Tesman. Aber wie soll ich mir denn hier draußen die Abende vertreiben? Tesman blättert in den Papieren. Ach, der Assessor ist gewiß so liebenswürdig und besucht Dich trotzdem. Brack im Lehnstuhl, ruft munter: Gern, Frau Tesman, – jeden lieben Abend! Wir zwei werden uns hier schon ganz gut unterhalten! Hedda hell und laut. Ja, die Hoffnung haben Sie wohl, Herr Assessor? Sie, als einziger Hahn im Korbe – Ein Schuß fällt drinnen. Tesman, Frau Elvsted und Brack fahren in die Höhe. Tesman . Ach, da wirtschaftet sie wieder mit den Pistolen herum! Er schlägt die Vorhänge zur Seite und läuft hinein. Frau Elvsted gleichfalls. Hedda liegt leblos ausgestreckt auf dem Sofa. Verwirrung und Schreien. Berte kommt verstört von rechts. Tesman schreit Brack zu: Sich erschossen! In die Schläfe geschossen! Denken Sie bloß! Brack halb ohnmächtig im Lehnstuhl. Aber, barmherziger Gott, – so etwas tut man doch nicht!