Ödön von Horváth Die Unbekannte aus der Seine Komödie in drei Akten und einem Epilog Personen: Albert Silberling Nicolo Irene Emil, ein Bräutigam Ernst Theodor, der Leidtragende Die Unbekannte Der Uhrmacher Hausmeisterin Klara, die Hausmeisterstochter Ein Polizist Der Student aus dem zweiten Stock rechts Die Gattin des Ingenieurs aus dem dritten Stock links. Die Mordkommission: Der Herr im Frack Der Doktor Der Kommissar Der Gerichtsphotograph. Mathilde, die Zimmervermieterin Lilly, ein Mädchen Lucille Der kleine Albert Dieses Stück spielt in einer großen Stadt, durch die ein Fluß fließt. Erster Akt Seitengasse. Altes hohes Haus. Neben dem Haustor ein Uhrmacherladen und eine kleine Blumenhandlung mit Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Kakteen und Flieder – bis auf die Gasse hinaus. Darunter auch eine Stechpalme. Die Besitzerin der Blumenhandlung ist blond, ledig und Mitte der Zwanziger. Mit dem Vornamen heißt sie Irene. In der Auslage des Uhrmacherladens hängen lauter Uhren – große und kleine, alte und neue. Auch Kuckucksuhren. Und ein Barometer. Es geht bereits gegen Abend. Ende Mai. 1. Szene Albert, ein junger Mensch und ehemaliger Beamter einer Speditionsfirma, kommt mit Silberling und Nicolo langsam vorbei. Silberling, ein älterer Herr, macht auf den ersten Blick einen durchaus soliden Eindruck, aber auf den zweiten Blick wieder weniger. Und auch Nicolo sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus, schon auf den ersten Blick nicht. Aber gekleidet ist er wie ein Gent. Silberling Also das ist Nummer neun. Ein schönes Haus. Albert Alt. Silberling Wahrscheinlich. Und die Wohnung über den Uhren ist zu vermieten? Albert Sie steht leer. Stille. Es ist das ein kleiner Laden, dieser Uhrmacherladen. Gleich rechts steht der Schrank und schlafen tut er hinten hinaus. Nicolo Und dort ist das Kellerfenster. Albert Ja. Stille. Silberling Wieviel sagst du? Dreitausend? Albert Garantiert. Nicolo Ich habe ein gutes Gefühl. Stille. Albert Aber ich tu nicht mit. Silberling Was heißt das? Nicolo   scharf: So plötzlich? Stille. Albert Ich hab euch hierhergeführt und zeig euch Chancen, aber ich tu nicht mit. Nicolo ironisch: Willst ein neues Leben beginnen? Silberling Also nur keine Unüberlegtheiten! Stille. Silberling Ein neues Leben – hm. Das geht natürlich nicht nach Wunsch. Silberling grinst: Wahrscheinlich. Albert Aber es dreht sich da um einen Menschen – nicht um mich! Nicolo Sondern? Albert schweigt. Silberling Sicher um eine Madonna. Die wird oder will ihn verlassen oder sie hat ihn schon verlassen – Albert   grinst: Erraten. Nicolo Kunststück! Silberling Und jetzt hat sie schon längst einen anderen. Albert Sie hat keinen anderen. Silberling Wetten? Albert Ich wette nicht. Nicolo Er ist kein Hasardeur. Albert Gut. Jetzt wette ich! Hundert gegen eins! Silberling Abgemacht! Auch hundert gegen zwei! Nicolo Zu gewagt! Albert   braust auf: Was versteht denn ihr schon davon! Wütend ab. 2. Szene Die beiden Herren sehen ihm verdutzt nach. Nicolo Er muß. Wir zwei allein sind zu wenig. Silberling Der kommt auch wieder – da wachsen mir keine grauen Haare. Nicolo Aber die Finger eines Weibes im Spiele – das kann mir nicht gefallen. An Hand meiner reichen persönlichen Erfahrungen. Silberling   unterbricht ihn väterlich: Nanana! Nur nicht gar so von oben herab, Herr Casanova! Nicolo   fixiert ihn: Was weißt denn du schon von mir, junger Mann? Silberling Nichts. Nicolo Eben. Ab mit Silberling. 3. Szene Jetzt verläßt Irene mit Emil, einem Bräutigam, ihre Blumenhandlung. Der will sich gerade ein Brautbouquet kaufen, ist aber immer noch unschlüssig. Er hat einen melancholischen Charakter und beriecht die Blumen auf der Straße. Irene Auch Hyazinthen riechen gut. Emil Zu streng. Irene Dann bleiben wir doch bei den Rosen, Herr Emil, das ideale Brautbouquet. Rosen bringen Glück. Emil schmerzlich: Glück? Irene Sicher. Das ist nämlich so ein Aberglaube und ich glaub daran. Sie nicht? Emil Zur Not. Irene Sie sehen aber schon gar nicht aus, als hätten Sie einen Freudentag vor sich – Emil Ich bin halt kein leichter Mensch – und Heiraten ist doch kein Kinderspiel. Sie waren doch auch schon mal verlobt. Man erfährt doch so manches, wenn man im selben Haus wohnt. Irene   fixiert ihn: Wie meinen Sie das jetzt? Emil Ich meine halt nur, daß man sein Herz unter Umständen leicht an einen unwürdigen Partner verschwenden kann – Irene Sie sind eigentlich ein boshafter Mensch, Herr Emil. Emil Sie verkennen mich grausam. Schade. Wenn ich nicht schon eine Braut hätte, würde ich Sie heiraten – glatt. Sie haben einen schönen Charakter und Blumen sind eine angenehme Branche. Irene Sehr aufmerksam. Emil Was kostet diese Stechpalme? Irene Die ist sehr preiswert. Emil Übrigens: hätten wir nicht doch lieber Flieder – Irene   unterbricht ihn: Nein. Rosen bringen Glück. 4. Szene Ernst, ein Vertreter, kommt mit seiner Tasche. Er hat ein sicheres Auftreten und kann äußerst zungenfertig sein. Ernst grüßt: Servus Emil, guten Abend – Er gibt Irene rasch einen Kuß auf die Wange. Na was macht die Hochzeit? Emil Wir debattieren gerade über das Brautbouquet – Ernst Rosen bringen Glück! Irene   zu Emil: Sehen Sie! Emil Ich höre. Also dann bleiben wir halt dabei – Zu Ernst. Du kommst doch heut zu meinem Polterabend? Ernst Ehrensache! Emil Wiedersehen! Irene   boshaft: Alles Gute zur Hochzeit. Und viele Kinder. Emil Kinder bringen Glück – Ab durch das Haustor in seine Wohnung. 5. Szene Ernst   sieht ihm nach: Ein armer Pessimist. Ein Kretin. Irene Ernst. Wie oft hab ich dich schon gebeten, du sollst mich nicht vor fremden Leuten auf die Wange küssen – Ernst Aber Maus! Meinst denn, die Leut sind blind? Glaubst, die wissen es nicht genau, wie oft ich hier in der Nacht – alles wird einem registriert, das ist nun mal Menschenart. Gott, bin ich müd und wieder kaum etwas verkauft! – Und du gefällst mir übrigens auch nicht. Das heißt: wir kennen uns ja erst seit drei Wochen, aber du hast mir zuviel depressive Zuständ – ich sorge mich um dich, Irene. Irene Du bist lieb. Aber es ist halt keine Kleinigkeit, sich so plötzlich von einem Manne trennen zu müssen, mit dem man über zwei Jahre – das geht eben nicht spurlos, da bleibt einem eine offene Wunde zurück, Albert. Ernst Ich heiße nicht Albert. Ich heiße Ernst. Irene Verzeih mir, bitte. Stille. Ernst So nimm doch nur Vernunft an. Als alleinstehende Geschäftsfrau mußt du peinlichst auf deinen präzisen Ruf achten! Kannst doch nicht mit einem solchen Manne zusammen, einem ehemaligen Speditionsbeamten, der unterschlagen hat – bedenk! Irene Ja, unterschlagen. So nennt man das offiziell. Trotzdem. Ernst Nur Mut – Er will ihr wieder einen Kuß auf die Wange geben, doch sie wehrt ab. Wieso? Jetzt ist doch hier kein Fremder – Irene Trotzdem – Stille. Ernst Darf ich mir nun die Hände waschen? Irene Geh nur hinein. Ich muß nur noch die Blumen – Ernst ab. 6. Szene Irene begießt die Blumen. Albert erscheint – sie erblickt ihn, zuckt etwas zusammen und möchte in die Blumenhandlung. Albert Halt! Irene Aber ich hab doch zu tun! Albert Dann geh ich mit. Irene Du bleibst draußen. Albert Wo hast du dein Herz, Irene? Stille. Irene Daß du immer wieder kommst – so quäl mich doch nicht! Albert Egal! 7. Szene Theodor, ein Leidtragender, kommt in tiefer Trauer rasch vorbei. Er ist sehr lustig. Theodor Guten Abend, schöne Frau! Ich wollt Sie nur mal rasch erinnern, daß Sie den Kranz nicht vergessen, das wär nämlich sonst eine schlimme Blamage! Irene Der Kranz ist schon längst geliefert. Theodor In die Wohnung oder gleich hinaus? Irene Gleich ins Krematorium, mein Herr. Theodor Dann ists schon gut. Und auf der Schleife steht? Irene »Letzte Grüße«. Theodor Bravo! Sehr schön, sehr brav! Das klappt ja alles prima! Na was macht denn die liebe Frau für ein trauriges Gesicht? Ihnen ist doch niemand gestorben, sondern mir! Aber sehens, ich laß mir meinen Humor nicht nehmen! Man lebt nur einmal! In diesem Sinne – Er grüßt und ab. 8. Szene Albert   sieht dem Leidtragenden nach: Es gibt noch lustige Menschen. Irene   wie zu sich selbst: Unlängst bin ich sehr erschrocken. Da hat mich nämlich ein Bekannter in einen Zirkel eingeführt, wo man sich mit dem Einfluß der Gestirne auf unser menschliches Leben beschäftigt hat – Albert Was war denn das für ein Bekannter? Irene Du kennst ihn nicht. Es hat alles gestimmt. Auch die Zukunft. Stille. Albert Ist er auch lustig? Irene Wer? Albert Dein neuer Bekannter mit den Sternen. Stille. Irene Du sollst mich nicht so anschaun, denn es hat keinen Sinn. Albert Ich schau nur deine Brosche an – meine Brosche aus Venedig. Irene Soll ich sie dir zurückgeben? Albert Nein. Irene Danke. 9. Szene Ernst erscheint nun etwas ungeduldig in der Türe der Blumenhandlung. Ernst Irene, wo bleibst denn so lang? Er erblickt Albert. Ach! Schon wieder?! Irene Reg dich nur nicht auf, bitte! Denk an dein Herz! Ernst Nein laß mal! Irene Ernst! Ernst   nähert sich Albert und hält dicht vor ihm: Ich liebe das offene Wort. Sie wissen wer ich bin. Albert Nein. Ernst Wie Sie wünschen! Ich weiß alles. Albert   zu Irene: Alles? Ernst Irene und ich, wir haben keine Geheimnisse voreinander. Albert Richtig. So soll es sein. Ernst Es dreht sich hier nur um Irene. Im Interesse aller Beteiligten bitte ich Sie um etwas Einsicht. Es gibt bekanntlich Dinge, die irreparabel sind. – Irene hatte Ihretwegen sozusagen fast einen korrekten Nervenzusammenbruch und wenn ich nicht gewesen wäre, wäre sie vielleicht nun nicht mehr, höchstwahrscheinlich – und da ich ihr eben damals meine Kraft gegeben habe, habe ich folglich auch ein gewisses Recht zu weiteren Eingriffen in ihr Leben – Er stockt. Was ist denn los? Albert   starrte immer nur auf seine Lippen: Sie sprechen so fließend. Ernst   perplex: Fließend, wieso fließend? Albert Sie heißen Ernst? Ernst Immer schon. Albert   lächelt blöd: Ein ernster Name. Ernst Sie belieben zu scherzen? Albert Nein. Ernst Sie zwingen mich deutlich zu werden? Albert Ich hab Sie mir eigentlich anders vorgestellt – Ernst   wieder perplex: Was, wen? Albert Sie. Ich hab Sie mir anders gedacht. Hm. Komisch, daß sich Irene für Sie interessiert – Ernst Finden Sie komisch? Albert Ich finde, sie wird halt nur irgendeinen Menschen gebraucht haben – Er grinst; zu Irene. Nicht? Ernst faßt sich ans Herz. Irene   fährt ihn an: So begreif es doch endlich, daß es folgerichtig aus sein muß! Albert   schreit: Laß doch diese Redensart! Hier dreht es sich nicht um deinen Ruf, hier dreht es sich darum, daß ich keinen Ausweg mehr hab, hörst du?! Ich kann nicht mehr bremsen, und man kann es sich ja direkt ausrechnen, wann der Zug entgleisen wird. – Du könntest mich noch retten, wenn du wolltest, sonst bleibt mir nämlich nichts anderes übrig – automatisch und logischerweise! Stille. Ernst Komm, Maus! Albert Wo habt ihr euch denn kennengelernt? Im Café? Ernst Sie sind geschmacklos. Albert Bin ich auch! Also los! Es interessiert mich! Wo habt ihr euch denn kennengelernt?! Irene Hier! Hier drinnen zu Haus! Ernst Nein also dieser Krach – toll! So komm doch schon! Ab mit Irene in die Blumenhandlung. 10. Szene Die Unbekannte kommt und betrachtet die Blumen. Albert bemerkt sie nicht, denn er ist mit sich selbst beschäftigt. Unbekannte plötzlich: Verzeihen Sie – Albert   dreht sich ruckartig um: Was los? Unbekannte lächelt: Hab ich Sie erschreckt? Albert Erschreckt – Er grinst. Unbekannte Das sind nämlich so schöne Rosen, aber ich hab kein Geld. Albert Mir gehört hier zwar nichts, aber auf meine Verantwortung. Was Sie wollen – Unbekannte Nur eine. Danke. Stille. Unbekannte   betrachtet ihre Rose: – bei uns draußen wächst das überall, besonders ist da so ein schmaler Weg, der etwas ansteigt. Und dann kommt der Friedhof, wo die weißen Blumen blühen. Manchmal sehne ich mich zurück. Albert Nach dem Friedhof? Die beiden fixieren sich. Unbekannte Sie sind anscheinend auch fremd hier? Albert Auch. Stille. Unbekannte Es ist nicht viel Aussicht vorhanden. Man geht so herum – auf Wiedersehen – Albert Wiedersehen. Die Unbekannte ab. 11. Szene Irene   erscheint wieder; leise: Albert. Jetzt hat er sich drinnen hinlegen müssen, weil er vor lauter Aufregung eine Herzattacke – bitte werde vernünftig und geh. Albert Ich werde nicht vernünftig. Irene Geh. Bitte. Albert   grinst: Wie oft du das Wort ›bitte‹ sagst. Bist so höflich geworden, das ist ein fremder Einfluß – ein besserer. Irene Vielleicht. Albert Sicher. Und ich dachte – ja was dacht ich denn? Hm. Irene So geh doch und laß mich allein. Albert Allein? Die beiden fixieren sich. Vielleicht wird es noch anders. Irene   nickt nein: Kaum. Albert Gut. Also dann fort. Aber wohin? Irene hält die Hand vor die Augen. Was denkst du jetzt? 12. Szene Ernst kommt wieder aus der Blumenhandlung mit einem feuchten Umschlag auf der Stirne. Irene bemerkt ihn erst, als er zu sprechen beginnt. Ernst Herr, auf ein letztes Wort – Irene Aber Ernst, sollst doch liegen! Ernst Laß mich! Reg dich nicht auf und geh hinein, das sind Männerdinge – also geh schon bitte! Irene langsam ab in die Blumenhandlung. 13. Szene Ernst   sieht Irene nach, bis sie verschwindet: So. Und jetzt appelliere ich an Ihr besseres Ich. Von Mann zu Mann. Bitte lassen Sie sich hier nicht wieder sehen. Albert Jetzt sagen Sie mir nur noch, daß ich ein neues Leben beginnen soll – Er grinst. Ernst Nein. Das sage ich nicht. Albert starrt ihn an. Ich sage es nicht. Im Gegenteil. Albert Aha. Sie meinen – Ernst Ja. Die Welt ist schlecht. Stille. Albert Hm. Er sieht sich um. Es ist alles noch da und dann ist man nicht mehr dabei – Er deutet in die Blumenhandlung. Dort drinnen ist ein Zimmer. Ob die Möbel noch alle so stehen? Ernst Die Möbel ja. Albert Also – Er läßt ihn stehen. Ernst Wiedersehen – wollte sagen, alles Gute! Wieder ab in die Blumenhandlung. 14. Szene Albert will fort und begegnet wieder Silberling und Nicolo. Silberling Nun, Herr Geheimrat? Albert Du hast deine Wette gewonnen – Silberling Na also! Albert Sie hat einen anderen, und ich hab verspielt. Nicolo Und? Stille. Albert Ja. Jetzt jawohl. Silberling Brav! Nicolo Intelligent. Albert Egal – Er unterdrückt seine Erregung. Also der Schrank steht gleich rechts, wie gesagt. Und schlafen tut er hinten hinaus, der Herr Uhrmacher – aber es ist trotzdem besser, wenn man nicht direkt von vorne, wie gesagt. Nicolo Und dort ist das Kellerfenster. Albert Ja. Stille. Silberling Es schaut jemand auf uns herab. Wer ist das? Albert   blickt verstohlen empor: Nichts. Nur ein Student. Der wohnt im zweiten Stock rechts und studiert Brückenbau. Er hatte mal etwas mit der Hausmeisterstochter, aber dann war es über Nacht aus, weil sie ihn im dritten Stock links bei der Gattin des Ingenieurs überrascht hat. Silberling grinst: Du kennst dich aus. Albert lächelt: Mit der Zeit – 15. Szene Jetzt schlagen alle Uhren in der Auslage. Der Uhrmacher erscheint in der Ladentür, bleibt stehen und blickt interessiert zum Himmel empor. Albert   leise: Da ist er. Stille. Nicolo Er scheint sich für das Wetter zu interessieren. Uhrmacher blickt plötzlich auf die drei Herren und betrachtet sie. Silberling   sehr leise: Er kennt dich doch nicht? Albert   ziemlich laut: Nein. Silberling Weil er so lang herschaut. Albert Er kümmert sich um keinen Menschen. Er ist ein Sonderling. Stille. Nicolo Er schaut dich noch immer an. Albert Er ist taub. Uhrmacher klopft nun an das Barometer und verschwindet wieder in seinen Laden. 16. Szene Nicolo mißtrauisch: Albert. Dieser Sonderling hat mir nicht gefallen, keineswegs. Mir scheint, du bist hier bekannt. Silberling Wollens nicht hoffen. Nicolo Man hätte uns bald am Genick. Albert Es kennt mich hier keine Seele. 17. Szene Jetzt kommt die Unbekannte wieder – sie ißt eine Semmel – hält wie unabsichtlich vor der Auslage des Uhrmacherladens und betrachtet die Uhren. Silberling Also dann um zwei. Nicolo Und pünktlich bitte! Albert Sehr pünktlich. 18. Szene Die drei Herren trennen sich nun – Silberling geht mit Nicolo, während Albert an der Unbekannten vorbei will. Die Unbekannte wendet sich ihm plötzlich zu und betrachtet nun ihn. Albert Was los? Unbekannte   mit vollem Munde: Nichts. Albert Versteh kein Wort. Was los ist, hab ich gefragt? Unbekannte Sie haben mir doch diese Blume geschenkt und das war sehr fein von Ihnen. Albert   erkennt sie erst jetzt wieder: Blume? Ach so. Unbekannte Sie dürfen nicht so denken, wie Sie denken. Albert Ich denke überhaupt nichts. Unbekannte Oh das glaub ich Ihnen nicht! Ihnen schon gar nicht! Albert   fixiert sie: Kennen Sie mich? Unbekannte Oh doch. Stille. Albert mißtrauisch: Na, was wissen Sie denn schon von mir? Unbekannte Eigentlich wollte ich mir nur eine Semmel kaufen, da drüben, neben den Uhren – und da sagte die Bäckerin: Sieh an, dort draußen steht gerade dieser Mensch. Albert Und dann hat sie geschimpft. Unbekannte Gewiß. Albert Natürlich. Unbekannte Oh sie hat nur gesagt, diesem Menschen ist alles zuzutrauen, der könnt einen auch umbringen. Albert Hübsch. Unbekannte Ja. Aber dann sagte ich, vielleicht ist dieser Mensch nur ein unglückseliger Charakter und dann sagte sie: möglich. Und dann sagte sie noch, man soll überhaupt nicht so rasch den Stab über einen Menschen brechen. Albert Hat sie gesagt? Unbekannte   schluckt nun den letzten Bissen ihrer Semmel: Gewiß. Albert Hm. Stille. Unbekannte Bitte, tun Sie es nicht. Albert überrascht: Was? Stille. Unbekannte   etwas verlegen: Nämlich zuvor, da wir uns mit der Blume trafen, da habe ich es direkt gefühlt, daß Sie sich damit beschäftigen. Ich kenn das nämlich genau, weil mir das auch schon mal durch den Kopf gegangen ist. Sie tun es nicht, ja? Stille. Albert Sie spionieren mir nach? Unbekannte Aus Angst. Zum Beispiel ich persönlich würde mir nie etwas antun, so schlecht könnt es mir gar nicht sein. Albert Ach so. Sie dachten, daß ich mich – Er lächelt. Unbekannte Gewiß. Albert Sie können beruhigt sein, ich tu mir schon nichts an. Unbekannte Fein! Albert Warum? Unbekannte Weil es mich freut. Warum wundert Sie das? Überhaupt ist das Leben nicht so häßlich, mein Herr. Sehen Sie, in der Nacht denk ich oft an die armen Toten. Ihre Hemden sind vermodert, aber keiner deckt sie zu, und niemand erkundigt sich. Und dann regnet es in ihre Finsternis hinab und die armen Toten liegen allein. Und dann schmilzt der Schnee – Stille. Albert Komm. Unbekannte Wohin? Albert Fort – Ab mit ihr. 19. Szene Ernst erscheint nun wieder mit seinem feuchten Umschlag, vorsichtig blickt er aus der Türe der Blumenhandlung die Gasse entlang – Irene taucht hinter ihm auf, und zwar ebenfalls mit einem feuchten Umschlag auf der Stirn. Ernst   atmet auf: Endlich! Irene Ist er fort? Ernst Er hat es eingesehen. Stille. Irene Hier fehlt eine Rose. Es waren acht und jetzt sind es sieben. Ernst Er hat sich keine genommen. Irene Komisch. Es fehlt – Sie sieht sich scheu um. Glaubst du, daß er wiederkommt? Ernst Nein. Dunkel. Zweiter Akt Es ist inzwischen Nacht geworden, und zwar bereits ziemlich spät. Der Uhrmacher schläft schon längst in seinem Laden, hinten hinaus, und auch in der Blumenhandlung ist alles zu. Still und friedlich scheint das Haus Nummer neun – nur der Student aus dem zweiten Stock rechts befindet sich bei der Gattin des Ingenieurs im dritten Stock links, denn deren Gatte ist zur Zeit beruflich verreist. Er ist weit weg, über dreihundert Kilometer weit, und das Fenster seines Arbeitszimmers ist offen, denn die Nacht ist lind, und der Student spielt nun auf seinem Reisegrammophon einen Tango. Man hört ihn gedämpft bis auf die Gasse herab und nur eine schwache Laterne leuchtet in der Finsternis. 1. Szene Emil, der Bräutigam, begleitet Ernst aus dem Hause, mit dem er eben Abschied nahm von seiner Junggesellenzeit. Emil Also das war jetzt mein Polterabend – und du bist der letzte. Es fällt mir direkt schwer, dieser Abschied – Ernst Fürchte dich nicht, ich folge dir bald. Heiraten ist doch das einzig Menschenmögliche, glaub es mir, ich als Geschäftsreisender kann darüber manches Liedlein singen – immer nur im Restaurant und in harten Hotelbetten, das vertreibt mir die Laune aus dem Gemüt. Den wahren Frieden gibt uns nur eine Frau, denn das Weib repräsentiert die Natur. Emil Das ist richtig. Und wenn ich bei Lucille bin, dann denk ich mir oft, so jetzt möcht ich nicht mehr sein. Man kann sich auch aus einem Hochgefühl heraus umbringen. Ernst   lauscht: Wer spielt denn da? Emil Das ist der Student vom zweiten Stock rechts, der spielt im dritten Stock links bei der Gattin des Ingenieurs – Ernst Tango. Emil Der Ingenieur ist nämlich verreist und so betrügt sie ihn halt. Übrigens ein hochanständiger Mensch, dieser Ingenieur. Ernst Trotzdem wird er betrogen. Man darf eben als Gatte nicht allzu fair sein. Emil Stimmt. Ernst Erinnerst du dich noch, als wir zusammen in der Schule waren und wie du es mir nicht hast glauben wollen, wie ich es dir beschrieben habe, wie ein Weib formal aussieht – Emil Ja, so vergehen die Lebensabschnitte. Ich werde oft zurückdenken an unsere schönen Tage von Aranjuez – Ernst   sieht auf seine Uhr: Was? Schon dreiviertel zwei? Emil So spät? Und ich muß doch so früh heraus – Ernst Und ich versäum noch die letzte Bahn! Emil Wohnst du noch draußen? Ernst Immer schon. Also nochmals alles Gute! Emil Du bist so rührend zu mir – danke, danke! Ernst Wiedersehen, Emil! Und nur nicht zu fair! Emil Nein nein! Pa, lieber Freund! Pa! Gerührt ab durch das Haustor. 2. Szene Ernst geht nun einige Schritte nach rechts, als würde er dort abgehen wollen, hält dann aber, sieht sich um, tritt vorsichtig an die Blumenhandlung und öffnet leise die Tür mit einem Schlüssel, den er von Irene erhalten hat – plötzlich stockt er und blickt fasziniert nach links. Ernst Jetzt lehnt er an der Wand. Ist er allein? – Ist er das überhaupt – na, wenn schon! Ab in die Blumenhandlung. 3. Szene Albert kommt mit der Unbekannten langsam von links und der Tango ist aus. Albert hält: Jetzt wird es aber leider Zeit, schon schlägt die Abschiedsstunde – hättest mich nicht begleiten müssen. Unbekannte Ich begleite dich gern. Albert Wir müssen uns trennen. Ich hab noch was zu erledigen. Unbekannte Hier im Hause? Albert Wie kommst du darauf? Unbekannte Nur so. Weil wir halt grad so davorstehen. Unwillkürlich. Stille. Albert Ich werde erwartet. Unbekannte Geschäftlich? Albert lächelt: Von der Liebe allein kann keiner leben. Unbekannte Leider – Sie sucht auf der Erde. Oh jetzt hab ich meine Blume verloren – sicher bei der Bank. Albert Ich werde dir eine neue – Unbekannte Wann? Albert Bald. Unbekannte lächelt: Du, lüg nicht – Albert Wie heißt du denn eigentlich? Unbekannte Rat mal! Albert Irene? Unbekannte Weit gefehlt! Albert Sondern? Unbekannte Ich hab einen seltenen Namen – überhaupt bin ich nämlich sonst nicht gleich so, hörst du mich? Albert umarmt sie. Bei dir könnt ich alles vergessen, wer ich bin und was ich bin – Albert Warum grad bei mir? Unbekannte Schicksal. Albert küßt sie. Oh du, so schön wird es nimmer werden – Albert Nimmer? Unbekannte Komm, wärme mich an dir, mir ist so kalt. Albert   läßt sie zärtlich los: Es wird Zeit. Unbekannte Wie still so eine Weltstadt sein kann und droben die vielen Sterne. Wir haben eigentlich viel zuviel Sterne, nicht? Albert Möglich. Unbekannte So, und jetzt gib mir deine Adresse. Albert Da – ich schreib sie dir auf. Er tut es. Unbekannte Wie du da schreibst – Sie fixiert ihn auf einmal. Was bist du denn? Albert Meinst du beruflich? Unbekannte Nein. Nur so. Albert Ich bin ein Mann. Unbekannte Ein Mann – wie dumm das klingt. Albert Sei so gut – Er übergibt ihr seine Adresse. Unbekannte   liest sie: Zweiter Stock? Albert Stimmt. Aber jetzt mußt du fort, bitte – Unbekannte Du wohnst doch nicht hier? Albert Nein. 4. Szene Jetzt schlagen wieder alle Uhren in der Auslage des Uhrmacherladens. Silberling kommt mit Nicolo. Sie erblicken die Unbekannte und sind peinlich berührt. Unbekannte Du, ich hab so Angst – ich weiß nicht, seit ich dich kenne, hab ich Angst – Albert Verzeih, aber du siehst ja, ich werde erwartet. Silberling   leise zu Albert: Wer ist denn das? Albert Keine Ahnung – Zur Unbekannten. Gute Nacht. Unbekannte Wiedersehen – Ab. 5. Szene Nicolo Wer war denn das? Albert Wir sind zuvor nur so unwillkürlich ins Gespräch gekommen. Nicolo Purer Leichtsinn! Silberling Spricht sich hier mit einem Mädchen – und was hernach, wenn das Kind ein Polizeispitzel ist? Albert Ihr seht Gespenster bei der hellichten Nacht! Silberling Ich glaube besonders an solche Gespenster! Man hat schon genügend erlebt, und die Herren Polizisten schrecken vor nichts zurück. Sie verkleiden sich selbst als dein eigener Schutzengel! Nicolo Geschehen ist geschehen, und keine dichterischen Bilder, bitte! Zu Silberling. Du bleibst da! Zu Albert. Du kommst mit! Den Schlüssel! Albert Ich habe den Schlüssel. Er sperrt das Haustor lautlos auf und verschwindet im Haus mit Nicolo. Silberling allein: Wieso dichterische Bilder? 6. Szene Silberling steht nun Schmiere. Und wieder erscheint die Unbekannte, sie hält und wartet. Stille. Silberling Es ist eine linde Nacht. Unbekannte schweigt. Sie wünschen? Unbekannte Wie bitte? Silberling Was Sie hier wünschen und ob? Unbekannte Ich warte auf einen Herrn. Silberling Interessant. Unbekannte   wehrt ab: Oh – Stille. Silberling   immer nervöser: Ich begreife es nicht, wie Sie hier mitten in der Nacht als junges unbescholtenes Mädchen aus bester Familie auf irgendeinen Herrn warten können. Unbekannte Ich warte auf einen bestimmten Herrn. Silberling Er wird lange nicht kommen. Er schläft nämlich hier. Unbekannte Dann warte ich, bis er wieder aufwacht. Stille. Silberling   fährt sie plötzlich unterdrückt an: Sie, spielen Sie sich nicht mit mir! Sie, ich bin schon mit anderen Subjekten fertig geworden, Sie gemeines Stück Spitzel, aber dir werden wir das Maul stopfen, Polizeimensch – Unbekannte Nicht anfassen! Silberling Schrei nicht, sonst passiert etwas! Er will nach ihr fassen, erstarrt aber entsetzt, denn nun brüllt der Uhrmacher hinten in seinem Laden, wimmert und verstummt. 7. Szene Albert und Nicolo verlassen rasch das Haustor. Nicolo Weg! – Wer steht denn da? Silberling   deutet auf Albert: Dem sein blödes Luder da! Was denn los? Nicolo Später! Ich nicht! Albert Ich. Er ist aufgewacht – Nicolo Kusch! Siehst du denn nicht deinen Schutzengel?! Er deutet auf die Unbekannte. Ich geh! Rasch ab. Silberling Ich komm! Folgt ihm. Albert   stiert die Unbekannte an: Bist noch da? Unbekannte Ich hatte so Angst – Albert unterdrückt: Weg! Unbekannte   schreit ihn plötzlich entsetzt an: Was hast du getan? Albert Nichts! Ab. 8. Szene Das Haustor ist offen, und die Unbekannte sieht Albert nach. Hausmeisterin brüllt im Hausgang: Hilfe! Hilfe! Sie erscheint im Haustor. Polizei! Polizei! Oh du heiliger Antonius von Padua! Stimme des Studenten vom zweiten Stock rechts   nun vom dritten Stock links: Was soll das Gebrüll?! Hausmeisterin verzweifelt: Es ist was passiert – Stimme Emils   vom dritten Stock rechts: Wie bitte?! Stimme des Studenten Was ist denn passiert?! Hausmeisterin Mord – Stimme Emils Mord?! Stimme der Gattin des Ingenieurs aus dem dritten Stock links Jesus Christus!! Hausmeisterin   kreischt wieder: Polizei! Polizei! 9. Szene Das Haus wird lebendig, und in der Blumenhandlung wird es licht. Klara, die Hausmeisterstochter, kommt. Klara So schrei doch nicht wie auf dem Spieß, Mama – vielleicht ist es ja gar kein Mord, er hat zwar eine klaffende Schädelwunde. Hausmeisterin Hast du dir das so genau ansehen können? Klara Warum denn nicht – Hausmeisterin Ich könnt das nicht – Klara Werd mir nur nicht wieder hysterisch, du – vielleicht lebt er noch, ich glaube zwar nicht. Das viele Blut. Hausmeisterin Du hast kein Herz. Klara Ich bin deine Tochter, Mama. Hausmeisterin Jetzt versteh ich erst den Herrn Studenten, daß er dich hat sitzen lassen – Klara Fangst schon wieder an – Sie kneift sie in den Arm. Hausmeisterin Au! Du Ungeheuer – zwickst deine eigene Mutter? Wirst sie auch noch erschlagen, was? Wie den da drinnen?! 10. Szene Ein Polizist kommt rasch herbei. Polizist Was ist denn das hier für ein Geschrei mitten in der Nacht? Ist denn was los, was ist denn los? Hausmeisterin Oh wie gut, daß Sie da sind, lieber Herr Kommissar – da wird man noch gezwickt – Sie weint. Polizist Gezwickt? Klara Meine Mutter ist zu aufgeregt. Sie hat es nämlich mit dem Herzen. Es ist ein Verbrechen bei uns im Haus passiert. Hausmeisterin weinerlich: Den guten Herrn Uhrmacher haben sie erschlagen, Herr Kommissar, er hat gebrüllt und jetzt liegt er da drinnen in seinem Blute – Klara Mit einer klaffenden Schädelwunde. Polizist Klaffend? Sofort! Wo ist das Telephon? Rasch ab ins Haus. Emil   ist im Nachthemd und Mantel im Haustor erschienen; ruft dem Polizisten nach: In der Blumenhandlung! 11. Szene Ernst   erscheint in Unterhosen und kurzem Überzieher in der Türe der Blumenhandlung; zur Unbekannten, die ihm am nächsten steht: Was ist denn passiert? Unbekannte Ich weiß es nicht genau. Anscheinend hat man einen Menschen umgebracht. Ernst Umgebracht? Er faßt sich ans Herz. Unbekannte Anscheinend den Herrn Inhaber jener Uhren dort – aber vielleicht lebt er noch, oder es war vielleicht auch nur ein Selbstmord oder dergleichen. 12. Szene Inzwischen haben sich bereits Passanten angesammelt, und alarmierte Hausbewohner in Unterwäsche und Mänteln, unter ihnen auch der Student vom zweiten Stock rechts und die Gattin des Ingenieurs vom dritten Stock links. Emil   zu Klara: Also ein Verbrechen wider die Person? Was bedeutet denn das, wenn einem am Polterabend ein Mord zustößt? Klara   beobachtet gehässig die Gattin des Ingenieurs: Tote bringen Glück. Emil Unberufen! 13. Szene Der Student   zur Gattin des Ingenieurs: So ist das Leben. Neben dem Glück das Unglück, und zwar unter einem Dach. Während ich selig war bei dir, wird ein Mensch ausgelöscht. Die Gattin Sprich bitte nicht mit mir. Das Frauenzimmer läßt uns nicht aus den Augen. Student Wer? Klara? Die Gattin Ja. Und dann gibt es wieder anonyme Briefe. Student Oh wie wird doch alles in den Dreck gezogen, das Höchste und das Reinste – Die Gattin Ich bitte dich, nimm Rücksicht auf mich. 14. Szene Emil   erblickt Ernst und betrachtet erstaunt seine Unterhosen: Wo kommst denn du her? Ich dachte, du wohnst noch draußen – Ernst So frag doch nicht so indiskret. Emil Oh pardon! Es ist ja auch das einzig Wahre – durch und durch muß man sich, bevor man an den Altar tritt, kennen. Ich und Lucille haben es ja ebenso gemacht und vielleicht sind diese halbheimlichen Stunden die schönsten Stunden unseres Daseins. 15. Szene Polizist   erscheint wieder im Haustor: Hausmeisterin! Hausmeisterin   schrickt zusammen: Hier bin ich! Polizist Niemand darf da hinein, verstanden? Zweifellos Raubmord. Mir scheint, der Täter muß sich mit der Örtlichkeit genau ausgekannt haben. Es ist das eine ganz ähnliche Situation wie seinerzeit der Fall Haluschka, der wo seine Ehehälfte zerstückelt hat – Hausmeisterin Maria Josef! Ist er denn zerstückelt?! Polizist Wer denn? Hausmeisterin Der Herr Uhrmacher, Maria Josef! Polizist Aber keine Spur! Wie kommens denn auf so eine perverse Idee? Wo ist das Telephon? Emil In der Blumenhandlung. 16. Szene Der Polizist eilt in die Blumenhandlung, an Irene vorbei, die soeben, nur flüchtig bekleidet, in der Türe erscheint. Irene Ernst! Ernst   auf sie zu: Erschrick nicht, Maus – etwas Entsetzliches. Eine Gewalttat. Irene Um Gottes willen! Ernst Der arme alte Uhrmacher, dieser Sonderling, liegt hinten drinnen in seinem Blute. Zweifellos Raubmord. Und der Mörder muß sich hier ausgekannt haben. Genau. Stille. Irene Ernst! Ernst Bitte? Irene Nein, was denkst du jetzt – du? Ernst Deine Gedanken. Stille. Irene Weck mich auf! Ernst Der ist kein Traum. Als ich vorhin zu dir kam, lungerte der hier herum. Ich hab ihn gesehen. Irene Ist nicht wahr! Ernst Ich hab ihn erkannt. Mit diesen meinen Augen. Irene Könntest du das beschwören? Bei deinem Augenlicht? Stille. Ernst faßt sich ans Herz: Ich bin kein Mensch ohne Verantwortungsgefühl. Aber es sah genau so aus – Irene Möchtest es, daß es so aussieht? Ernst Was soll das? Du, mach mich nicht unsicher, denn dann kenne ich mich nicht mehr aus. Und morgen in aller Frühe kommt die Brosch zurück, diese Brosch aus Venedig! Irene Meine Brosch? Ernst Seine! Irene Nein! Nie! Ernst Doch. Irene Ich will es nicht, hörst du? Ich will es nicht. 17. Szene Polizist   erscheint wieder in der Türe der Blumenhandlung: Also ein so miserables Telephon hab ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Gleich kommt die Mordkommission, in nullkommanull. Hausmeisterin! Keiner betritt das Haus, und Sie tragen mir dafür die Verantwortung! Hausmeisterin Verantwortung? Das halt ich nicht aus. Klara So mach uns doch nicht lächerlich! Zum Polizisten . Wird besorgt, mein Herr! Die Gattin des Ingenieurs Also dann warten wir auf die Kommission. Ernst   zu Irene mit Nachdruck: Auf die Mordkommission. Irene nickt: Ich warte. Alle warten. Tiefe Stille. 18. Szene Nun nähert sich Theodor, der Leidtragende. Er ist ziemlich alkoholisiert und man hört ihn schon aus der Ferne singen: »Es war einmal ein Musikus, der spielte im Café, und alle die kleinen Mädchen setzten sich in seine Näh.« Die Gattin des Ingenieurs summt unwillkürlich etwas mit. Theodor   erscheint und erblickt die vielen Leute: Na, was gibts denn da? Eine verbotene Versammlung oder wartet ihr hier alle auf die Untergrundbahn, he? Aber ihr habt die letzte schon versäumt – und außerdem ist hier keine Haltestelle, hier könnt ihr weder auf- noch absteigen, höchstens aufspringen, aber das kostet manchmal den Kopf, manchmal das Leben – Polizist Machen Sie keine albernen Witze, ja? Theodor Wieso Witze! Grad heute hat man meinen Vetter verbrannt, das ist doch kein Witz! Meinen besten Vetter, der ist auf die fahrende Untergrundbahn aufgesprungen und wurde zerquetscht – armer Kerl, war doch so ein talentierter Cellist! Zum Himmel empor. Prost Gustav! Sollst leben! Polizist Jetzt schaun Sie aber, daß Sie ins Bett kommen! Theodor Ich hab kein Bett. Ich hab ein Schlafsofa. Wieviel seid ihr denn da überhaupt? Er zählt die Leute unsicher. Polizist   zu den Umstehenden: Der Bursche gehört natürlich längst auf die Wache – lautes Singen, nächtliche Ruhestörung, grober Unfug. Aber ich habe hier Wichtigeres zu tun. Theodor Wichtigeres? Gibts nicht. Sirene. Ein Scheinwerfer leuchtet die Hausfront ab. – Sirene und Scheinwerfer, beides sind Requisiten des Autos der Mordkommission, das in nullkommanull eingetroffen ist und gegenüber dem Haus Nr. 9, unsichtbar für die Zuschauer, parkt. 19. Szene Die Mordkommission betritt nun den Plan – es sind mehrere Herren mit Koffern und allerhand Zeug, darunter auch ein Gerichtsphotograph. Einer ist in Zylinder und Frack, er ist auffallend weiß gepudert und trägt ein Monokel, denn er wurde gerade aus der Mitte eines Banketts, auf dem man das Jubiläum der Daktyloskopie feierte, zu diesem Mordfall abberufen. – Rasch betreten die Herren das Haus, nur der im Frack wechselt vorher noch einige Worte mit dem Polizisten, dann verschwindet natürlich auch er. Polizist salutiert: Sofort! Er wendet sich an die Leute. Also weitergehen, bitte, weitergehen! Nur keinen Auflauf! Zu Theodor. Und Sie gehen erst recht weiter, bitt ich mir aus! Theodor Jetzt bleib ich erst recht da! Gesetzlich kann ich überall stehen, so lang ich will, auch in der Nacht! Sogar im Herbst! Einzelne kichern. Polizist Also werdens mir nur nicht frech, ja?! Theodor Ich bin ein Staatsbürger und darf stehen! Polizist Wenn aber ein jeder Staatsbürger grad auf demselben Fleck steht, dann gibt es einen Auflauf und ein Auflauf ist verboten! Gehns seiens nicht renitent und schlafens Ihren Rausch aus, was habens denn hier schon verloren, so interessant ist doch das wirklich nicht, was hier passiert ist! Theodor Das überlassens nur mir, Herr General! Oder meinen Sie gar, ich kenn das Vehikel von der Mordkommission nicht? Polizist Gut, es ist jemand ermordet worden, das lesen Sie täglich in der Zeitung. Theodor Aber ich les keine Zeitung, sondern nur Zeitschriften! Viele lachen. Polizist Ich verstehe nicht, was daran komisch sein soll. Der Herr liest nur Zeitschriften und derweil ist ein Verbrechen verbrochen worden. Emil Ein Verbrechen wider die Person. Theodor Wider welche Person? Polizist Aber das ist doch nur eine kriminalistische Bezeichnung! Theodor Aber wider welche Person bitte? Namen nennen! Polizist Es ist zum Verzweifeln – Er brüllt. Weitergehen! Klara   zu Theodor: Sie haben den Uhrmacher erschlagen. Den da drinnen. Theodor So, den Uhrmacher da? Na, um den ist nicht schad. Gute Nacht, meine Herrschaften! Ab. Hausmeisterin Nein so eine Roheit – so wegwerfend über einen Toten zu reden, wo doch der gute Herr Uhrmacher ein so ein seelenguter Mann war – Polizist Weitergehen! Weitergehen! 20. Szene Während nun alle, außer dem Polizisten, Ernst, Irene und der Unbekannten, langsam den Platz räumen, betet die Hausmeisterin um Schutz vor bösen Geistern. Hausmeisterin Du lieber Gott, ich bete jetzt für eine arme Seele – vierunddreißig Jahre hat er hier gewohnt, und heut ists mir, als wär das erst gestern gewesen – aber dann hat er mich dreckig behandelt, er war halt sehr einsam, und ich hab oft gewünscht, daß ihn der Teufel holt. Geh lieber Teufel, sei mir nicht bös und verzeih mir meine Sünden – und du, du bleib im Himmel, du Uhrmacher, und steh nicht wieder auf der Kellerstiegen, wenn ich Holz hol oder Kohlen. Sie bekreuzigt sich und verschwindet im Hause. 21. Szene Polizist   zu Ernst und Irene: Weitergehen bitte! Ernst Aber wir wohnen ja hier im Hause. Polizist Das ist allerdings zweierlei. Wenn Sie im Mordhaus selbst zu Haus sind – Er betrachtet interessiert Irenens mangelhafte Kleidung. Pardon! Er wendet sich der Unbekannten zu. Wohnen Sie etwa auch hier? Unbekannte Nein. Ich bin hier nur so vorbei. Durch Zufall. Polizist Dann gehens nur weiter mit Ihrem Zufall! Unbekannte Aber ich bin doch allein und kein Auflauf – Sie lächelt etwas gewollt. Polizist   grinst mild: Ganz allein? Er deutet auf ihre Rose. So ein rosiges Kind in der Nacht? Unbekannte Ich hab schon gedacht, daß ich diese Blume verloren habe – aber dann hat sie sich wieder gefunden. Überraschend. 22. Szene Ernst   zu Irene: So komm doch, Maus – es gibt Menschen, deren Pfade überraschend vorherbestimmt sind und die Welt ist immer wieder schlecht. Irene Aber die Brosche gib ich ihm nicht zurück. Nein. Ernst Werden sehen. Irene Nie. Hörst du? Ernst So komm doch – heut werden wir da so kein Resultat mehr erfahren, höchstens, daß wir uns noch erkälten. In meinen Armen wirst du die düsteren Bilder vergessen. Irene Du bist so kalt. Ernst Nur Mut, Maus! Er geleitet sie in die Blumenhandlung und dann erlischt drinnen das Licht. 23. Szene Der Polizist ist nun allein mit der Unbekannten. Er hatte sich mit ihr freundschaftlich-väterlich unterhalten. Polizist So, Sie waren also eine der ersten Passantinnen hier am Tatort? Und Sie können nichts aussagen – ich meine, ob Sie nicht etwas daherschleichen haben sehen, vielleicht mehrere Personen oder auch nur einen, klein, groß oder mittel? Unbekannte Nein. Ich habe nichts Verdächtiges gesehen. Polizist Und Sie werden erst zwanzig Jahre? Unbekannte   nickt ja: Im Juni. Polizist Am wievielten? Unbekannte Am zweiten. Polizist Und ich am dritten. Komisch! Aber ich werd gerade doppelt so alt und noch etwas darüber – ja, das Arbeitfinden ist nicht so einfach, besonders wenn man so ganz fremd kommt. Gehens mir nur nicht zuviel so in der Nacht allein herum, das endet immer trist. Unbekannte Heut hat das einen bestimmten Grund – es ist mir, als müßt ich heut auf etwas warten. Polizist So beginnts! Unbekannte Oh Sie denken falsch von mir. Polizist Ist er wenigstens fesch? Unbekannte Wer? Polizist Na der, auf den Sie hier warten. Unbekannte lächelnd: Mir gefällt er. Zu mir war er freundlich und dann hatte er so ein Licht im Gesicht. Polizist Licht? Unbekannte Ja. Aber es war weder die Sonne noch der Mond. Polizist deutet auf seiner Stirn an, daß er sie für närrisch hält. Ja, und dann hat er etwas getan, aber das spielt für mich keine Rolle – nein, es ist ja gar nichts geschehen, denn ich hab ihn getroffen, auf den ich gewartet habe, und es ist nichts geschehen, nie und nirgends. Polizist Sagens mal: schreiben Sie manchmal Gedichte? Unbekannte Wenn Sie wüßten – Sie lacht ihn glücklich an. Polizist Na, was soll ich denn schon wissen? Er will sie tätscheln. Unbekannte   weicht ihm aus: Wer er ist. Wenn Sie das wüßten! Aber ich sag es nicht. Polizist   etwas verstimmt, weil sie sich nicht hat tätscheln lassen: Ein Maharadscha vielleicht? Unbekannte Oh nein. Na, raten Sie nur weiter! Polizist Es fällt mir sonst nichts ein. Unbekannte Soll ich es Ihnen verraten? Polizist Es interessiert mich nicht. Unbekannte Vielleicht doch. Polizist Irrtum. Großer Irrtum! Unbekannte Oh ich treff ihn wieder! Polizist Ist er denn verschwunden? Soll vorkommen. Unbekannte Er kommt wieder. Ich weiß es. Ich hab da nämlich etwas zu erledigen. Sicher. Polizist Das klingt alles hübsch mystisch. Unbekannte Und ist doch ganz einfach. 24. Szene Nun verläßt die Mordkommission wieder das Haus – die Herrschaften unterhalten sich angeregt. Der Herr im Frack sieht auf seine Uhr: Was? Schon so früh? Rasch rasch zurück zum Bankett, das Jubiläum der Daktyloskopie – Der Arzt   unterbricht ihn: Moment! Wie gesagt, auf mein medizinisches Ehrenwort, das glaub ich niemals! Es ist doch eine unvorstellbare Vorstellung, meine Herren, was Sie in diesem Falle da für unverantwortliche Ansichten vertreten! Wie kann man denn nur allen Ernstes behaupten, daß das Pilsner beim Schwarz besser ist als das beim Blau! Absurd! Der Kommissar Und doch ist es so, Herr Doktor! Das Bier ist dort liebevoller gepflegt, nicht zu vergessen die Würstchen – Der Herr im Frack Also los los, meine Herren! Der Gerichtsphotograph Die besten Würschtel hab ich mal in Lemberg gegessen – Ab mit der ganzen Mordkommission und auch der Polizist schließt sich ihr an. 25. Szene Die Unbekannte bleibt allein zurück und nun schlagen wieder alle Uhren in der Auslage des Uhrmacherladens. Die Unbekannte Nein, es ist nichts geschehen – so komm doch wieder, du, komm – Dunkel. Dritter Akt Am nächsten Nachmittag. Möbliertes Zimmer. Hier wohnt Albert, schon seit jener Zeit, da er noch Angestellter der Speditionsfirma war. Im Hintergrunde eine Glastüre zu einem kleinen Balkon und ein geöffnetes Fenster – aber die Vorhänge sind halb heruntergelassen, doch wäre es auch sonst nicht hell herinnen, denn draußen steht ein schweres Gewitter am Himmel. Rechts das Bett und der Waschtisch. In der Mitte unter der Lampe ein runder Tisch mit den obligaten Stühlen – auf einem dieser Stühle liegt eine halbgepackte Reisetasche. Der Schrank steht offen, ein Smoking und ein Regenmantel hängen drinnen. Links eine Tapetentüre. 1. Szene Albert liegt total angezogen auf seinem Bett und döst vor sich hin, während Mathilde, die Zimmervermieterin, Staub abwischt. Die Lampe brennt mit schwacher Birne, denn es ist düster, draußen und drinnen. Mathilde Gehen Sie denn heut gar nicht aus? Albert Nein. Mathilde Und noch gar nichts zu sich genommen – kein Frühstück, kein Mittag. Albert Ich hab heut keinen Appetit. Mathilde Mir scheint, Sie sind krank. Daß Sie aber mit den Kleidern im Bett liegen – wann sinds denn heut nacht nach Hause gekommen? Albert Bald. Ja. Sehr bald. Mathilde Ich hab nichts gehört, weil ich nämlich wieder mal von meinem Seligen geträumt hab, dann schlaf ich immer so tief. Mir scheint Sie haben Fieber. Soll ich Ihnen das Barometer – Albert Danke nein. Mathilde Mein Gott, ist das eine Finsternis! Künstliches Licht am Nachmittag um vier! Ende Mai! Lauter Gewitter, und was ich heut schon wieder zusammentranspiriere – hat es jetzt nicht geläutet? Albert   zuckt etwas zusammen: Geläutet? Mathilde Mir war es doch so. Albert   wieder scheinbar apathisch: Möglich. Mathilde Sicher. Ab durch die Tapetentüre. 2. Szene Albert   allein: – Ich hätte das damals, als ich acht Jahre alt war, das hätte ich anders machen sollen, dann wäre auch alles anders gekommen. Und dann mit dreizehn – natürlich, natürlich. – Ich halt das nicht aus, ich werd verrückt! 3. Szene Mathilde   kommt wieder: Sehens, es hat geläutet. Ein fremdes Fräulein ist da. Albert Für mich? Mathilde So groß ist sie – Albert   denkt an die Unbekannte: Hm. Mathilde Das Fräulein wünscht Sie unbedingt zu sprechen. Stille. Albert   leise: Ich bin nicht zu Haus. Mathilde Sie ist auch nichts Besonders, eigentlich unscheinbar. Na ich werds ihr gleich sagen – Sie will wieder ab, begegnet aber in der Tapetentür der Unbekannten. Zu spät – Ab. 4. Szene Die Unbekannte betritt das möblierte Zimmer. Albert setzt sich halb empor im Bett und starrt sie an. Legt sich dann wieder nieder. Unbekannte Warum zu spät? Stille. Albert   erhebt sich und deutet auf einen Stuhl: Bitte! Unbekannte setzt sich. Albert geht auf und ab. Wer gab Ihnen meine Adresse? Die Polizei? Unbekannte Sind wir denn per Sie? Albert Jetzt ja. Also wer gab Ihnen meine Adresse? Los! Unbekannte   starrt ihn an: Du selbst. Stille. Albert Schön. Wird immer nervöser. Na und? Ich habe es erwartet, daß wir uns wiedersehen, allerdings nicht hier, sondern anderswo – Sie wissen genau, wo. Der brave Silberling hat ja todrecht gehabt, Sie Schutzengel Sie – still! Sehen Sie den Kofier! Zuerst wollt ich fort mit den anderen, aber ich steh für meine Tat ein, man wird ja eh immer gefaßt und erwischt haben wir auch nichts, der Idiot ist ja aufgewacht, ich hätt mir sonst ein Lastauto auf Abzahlung, eine Speditionsfirma – aber es gibt halt Menschen, denen nichts gelingt! Tuns nur nicht so, als wüßten Sie nichts, Sie Polizeispitzel Sie! Unbekannte Nein. Albert Jawohl! Ich weiß alles! Unbekannte Ich weiß auch alles! Albert Eben. Unbekannte Aber ich bin doch kein Spitzel! Albert Sondern vielleicht? Was hättens denn sonst hier zu suchen? Unbekannte Nein, wie man einen Menschen verkennen kann – Sie lächelt. Albert Jawohl, Fräulein. Sie wollten es einmal nicht haben, daß ich mir das Leben nehme, um mir jetzt manches Jahr meines Lebens zu nehmen – na wie hoch ist denn der Finder lohn?! Für drei Jahre Zuchthaus – Unbekannte Nur? Albert   perplex: Wieso? Unbekannte Ich meinte nur, das wäre zu wenig. Albert Also vier. Oder fünf. Je nachdem ich den alten Mann verletzt hab, aber was kann denn schon ein Schlag mit so einem Wecker – Unbekannte   schreit ihn an: Hör auf! Albert starrt sie an. Sie wissen noch nicht, was Sie getan haben, mein Herr. Ich bin nämlich der einzige Augenzeuge, der einzige – Albert Ist ja egal! Unbekannte Oho! Stille. Albert   lauernd: Was hab ich denn getan? Unbekannte Sie tun mir bitter unrecht. Albert Weiter! Unbekannte langsam: Der alte Mann ist heute nacht gestorben. Albert Wer? Unbekannte Der alte Herr Uhrmacher. Albert Wie bitte? Unbekannte Gewiß. Stille. Albert   sehr leise: Du lüg nicht. Unbekannte Er ist tot. Stille. Albert Warum hast du denn das nicht gleich gesagt! Unbekannte Sind wir jetzt per du? Albert Hab ich »du« gesagt? Unbekannte Ja. Auch zuvor bereits – Sie lächelt. Du, ich hab es doch nicht gleich können, denn du hast mich doch nicht zu Wort kommen lassen. Hast immer nur gesagt »Still« und »Spitzel« – und ich bin doch nichts dergleichen, und so hoch kann es doch gar keinen Finderlohn geben und übrigens ist auch nichts passiert – Albert Nichts? Wäre gelacht! Unbekannte Für mich nichts. Albert Konfuses Zeug – Unbekannte Du sei nicht grob zu mir! Stille. Albert   fängt nun wieder an auf und ab zu gehen und summt ganz in Gedanken einen Gassenhauer vor sich hin; plötzlich: Weißt denn überhaupt, was du da treibst? Daß du dich mitschuldig machst – Unbekannte Oh von mir erfährt keiner was – ich habe mir da auch schon einen Plan zurechtgezimmert; wir zwei waren einfach zusammen, nicht nur kurz, sondern lang. Albert Lang? Unbekannte Bis heute früh. Seit gestern abend. Albert Meinst du? Unbekannte Immer zusammen. Diese ganze entsetzliche Nacht – Sie lächelt. Stille. Albert Und wo? Unbekannte Hier. Ich hab zwar heut nacht mit einem Polizisten gesprochen, aber der wird mich nicht wiedererkennen, es war ja so dunkel wie da bei dir. Jetzt blitzt und donnert es draußen, aber noch fern. Jetzt hat es geblitzt. Albert Möglich. Ein noch schwacher Gewitterwind bewegt die Vorhänge. Unbekannte   sieht sich um: Ein schönes Zimmer. Albert   ganz in anderen Gedanken: Wo wohnst denn du? Unbekannte Nirgends. Nämlich ich mußte fort, weil ich kein Geld mehr hatte, und den Koffer hat die Zimmervermieterin zurückbehalten, aber in dem Koffer ist nichts – Sie lacht und verstummt plötzlich. Was schaust mich denn so fremd an? Albert Wie man nur so glücklich lachen – Er fährt sie an. Hast denn kein Gefühl?! Nach all dem, was sich zugetragen hat?! Unbekannte schreit: Fang nicht immer wieder an! Was soll sich denn schon zugetragen haben?! Wir waren doch die ganze liebe Nacht zusammen. Ich muß es doch wissen, daß wir zusammen – Albert   unterbricht sie höhnisch: Mußt es wissen?! Unbekannte Und ob! Und jetzt wirst du es mir versprechen, daß sich nichts zugetragen hat. Albert Versprechen? Unbekannte Gewiß. Stille. Albert Gut. Dann hab ich es eben geträumt – Er grinst. Unbekannte So bist du brav. Albert Zu kindisch. Unbekannte Kusch. Stille. Albert   stiert sie an: Wir müssen leise sprechen, denn die Wände sind dünn. Unbekannte Oh ich kann sehr leise sprechen und es wird mich niemand hören, nur du – Albert reißt sie an sich und sie fällt ihm um den Hals. Jetzt blitzt und donnert es bedeutend stärker; Sturm. Unbekannte   los von Albert. Hu, jetzt kommt das Wetter! Gehst auch gern im Regen spazieren? Albert lächelt: Nein. Unbekannte Ich aber sehr! – Nichts hat mich halten können, da bin ich über die Wiesen gelaufen! Oh dort hinten kommts ganz gelb. Sie eilt ans Fenster. Hu, jetzt hagelts! Wie das trommelt, wie das trommelt! Oh ist das wunderbar, wenn es so braust! Jetzt wirds ganz dunkel. Nun schlägt der Blitz in der Nähe ein. Bummbumm! Fein! Fein! Rasch ab auf den Balkon. 5. Szene Albert   allein; er setzt sich und rekapituliert vor sich hin: – Wie war denn das nur? Ja, ich bin so groß – Er deutet einen Meter hoch – und sehe die Eisenbahn, und dann ist da noch ein Altar und ein Engel mit einem strengen Blick, ein zweiter Platz und Musik – und dann stehe ich vor einem Hause und warte, und drinnen wohnt ein Fräulein mit hohen schwarzen Schuhen und einem verschwommenen Gesicht – aber wie hieß denn nur das Fräulein, wo stand das Haus, wann war diese Zeit – Es blitzt ohne zu donnern, und rasch wird es wieder heller. 6. Szene Unbekannte   erscheint wieder: Jetzt ist es vorbei. Aber der Regen hängt sich ein, garantiert. – Du. Ich hätt eine große Frage. Albert Bitte? Unbekannte Hast du nicht etwas Eßbares im Haus? Albert Leider – Unbekannte Oh wie schade. Albert Leergebrannt ist die Stätte. Aber zum Trinken muß noch etwas vorhanden – Unbekannte Ich hab aber gleich einen sitzen, ich vertrag nämlich nichts. Albert   hatte zwei Likörgläser gefüllt: Auf was wollen wir denn trinken? Die beiden fixieren sich. Albert leert hastig sein Glas. Unbekannte trinkt es weniger hastig. Albert schenkt wieder ein, und nun trinken beide immerzu. Seit wann hast du denn kein Zimmer mehr? Unbekannte Seit vorgestern. Albert Und wo hast du denn überall geschlafen? Unbekannte Einmal auf einer Bank und gestern noch überhaupt nicht. Gott, ich werd noch ganz betrunken! Albert lächelt: Ein komisches Geschöpf. Unbekannte Tatsächlich? Albert Sogar sehr. Unbekannte So ist es recht! Sie trinkt. Albert Und wo hast du denn gegessen? Unbekannte Ich hab halt einfach gebettelt, und dann, aber das ist schon länger her, vorvorgestern mittag, da bin ich einfach in ein Restaurant und hab mir ein ganzes Gedeck bestellt, und hernach, wie gerade niemand hergeschaut hat, bin ich raus und davon. Du, da bin ich aber gelaufen! Albert Leichtsinn! Sowas ist doch schwer strafbar – Er stockt. Unbekannte Was hast du gesagt? Strafbar? Du? Sie lacht. Albert Lach nicht! Ungeheuer! Unbekannte   hört auf zu lachen; fast gekränkt: Aber das ist doch humoristisch, wenn du das sagst – mein Gott – ich hab einen sitzen! Auf was wollen wir denn trinken? Albert   scharf: Kein Wort bitte! Unbekannte Kein Wort – Sie nippt. Was? Du denkst schon wieder dran? Sie droht ihm mit dem Zeigefinger. Du – noch ein Wort und es setzt was ab! Albert Halts Maul! Unbekannte   erhebt sich etwas unsicher: Apropos strafbar: jetzt werd ich dir etwas vorbetteln, damit du auf andere Gedanken kommst – daß wir nämlich kein Geld haben, das schreckt mich nicht, ich kann nämlich fein betteln, du! Oh werde ich sagen, helft mir liebe Leute, ich hab einen armen alten Großvater zu Haus, der hat sein Gebiß verloren – Sie verbeugt sich vor einem Stuhl. Oh gnädigste Frau, ich bin eine achtköpfige Zimmermannsfamilie und wenn ich sie nicht ernähre, dann verprügeln mich meine großen Brüder und werfen mich in das Kellerverlies, wo die Ratten ihr Unwesen treiben – Sie verbeugt sich vor dem Schrank. Oh gnädiger Herr, ich hab ein gelähmtes Mütterlein zu Hause, das ist jetzt ganz zitronengelb und war doch mal eine anerkannte Schönheit aus Milch und Blut – Sie verbeugt sich vor Albert, der sich auf das Bett gesetzt hatte. Oh Herr Direktor, helfen Sie mir in meiner grenzenlosen Not, ich habe ein krankes blindes Kindlein zu Haus – Albert Schweig! »Krankes blindes Kindlein«! So etwas tut man doch nicht! Unbekannte Aber das war doch nur Spiel. Albert Spiel? Kennst denn keine Grenzen zwischen Spiel und Ernst? Hast denn kein Verantwortungsgefühl?! Unbekannte überlegt; nimmt dann etwas schwankend Alberts Mantel aus dem Schrank, zieht ihn an, setzt sich seinen Hut auf und legt sich auf den Boden. Was soll das? Unbekannte Kuckuck! Was ist das? Albert Wieso? Unbekannte Rat mal! Kuckuck! Albert Keine Idee! Unbekannte Kuckuck ist eine Uhr. Und ich bin jetzt ein toter Uhrmacher. Stille. Albert unterdrückt: Steh auf. Unbekannte rührt sich nicht. Albert brüllt sie an. Aufstehen! Unbekannte   erhebt sich langsam, bleibt aber auf dem Boden sitzen: Bitte schlag mich nieder. Albert zündet sich nervös eine Zigarette an. Mir auch. Albert Was? Unbekannte Zigarette. Albert wirft ihr eine hin. Danke – Sie fängt an, die Zigarette in lauter Stückchen zu zerreißen. Albert Mach keinen Mist! Du bist betrunken. Unbekannte weint. Komm, steh auf. Unbekannte   trocknet sich mit der Hand ihre Tränen: – Sag mal, sieht man es mir eigentlich an, was ich schon hinter mir habe? Ich hab mal einen geliebt, es hat weh getan und gut. Josef hat er geheißen. Albert Ich dachte schon, du hättest noch niemals. Unbekannte Josef, wo bist du? Sie steht schwerfällig auf und betrachtet Albert. – Jetzt seh ich dich wie durch Glas. Und ich stehe hinter dem Glas, und jetzt hörst du nicht, was ich rede. – Du bist es? Bist wieder da? Ich hab so lang auf dich gewartet und war so viel allein. – Nein! Komm nicht herein zu mir, bitte nicht – laß mich, du, laß mich – Sie fällt ihm um den Hals, aber er tut nichts dergleichen; plötzlich ändert sie den Ton. Sag: kannst du bellen? Albert   perplex: Bellen? Unbekannte Ja. Wie ein Hund bellen. Schade, daß du es nicht kannst – ich würde mich sonst hier in das Bett legen, und du müßtest dich vor die Tür legen, und wenn ein schlechter Mensch kommt, dann müßtest du knurren und mich beschützen, und wenn du nicht folgsam knurrst, bekommst du einen Tritt. Albert Was? Unbekannte Einen Tritt, einen Tritt vor deine Schnauze, du – Albert reißt sie wieder an sich und küßt sie. Nicht – ja – du – ich fühle dich bis hinauf – Albert Zieh dich aus. Unbekannte lächelt: Tatsächlich? Albert Wenn du dich nicht ausziehst, wird nicht geknurrt. Unbekannte Oh du bist lieb – Sie zieht seinen Mantel aus. Schau mich nicht so schrecklich an! Albert Ich tu dir doch nichts. Unbekannte Doch, du schlägst mich – und ich bin doch eine gefangene Seele. – Oh was könnt ich allen Menschen antun vor lauter Sehnsucht! Albert Verrückt. Unbekannte Ich sehe mich in der Geschichte, sehe mich auf den Schlachtfeldern und in den Bergwerken, ich bin der Säbel und ich bin der Berg, der zusammenbricht – Sie will wieder trinken. Albert Du sollst nicht mehr trinken. Unbekannte Soll ich zu dir kommen – Sie umarmt seinen Kopf. Oh warum bist du nicht mein Kind? Ich würde dich in den Schlaf singen, aber das Fenster müßte offen sein, und wenn du hinausschaust, müßtest du grüne Augen haben, so große grüne Augen wie ein Fisch – und Flossen müßtest du haben und stumm müßtest du sein. Albert   ganz einfach: Ich glaub, du bist der Tod. Es klopft an der Tapetentüre. Leise. Wer das! – Es hat geklopft. Unbekannte lächelt: Nein wie du zitterst – Stille. Albert Wer ist das? Es klopft abermals. Herein! 7. Szene Ernst tritt durch die Tapetentüre – Regenmantel, Regenschirm. Er ist klatschnaß, denn draußen gießt es ja noch immer. Ernst   erblickt sogleich die Unbekannte: Pardon! Er verbeugt sich etwas steif vor Albert. Albert Was verschafft mir die Ehre? Ernst Leider. Es ist zwar nicht meine Absicht, als personifizierte pessimistische Hiobsbotschaft aufzutreten – Er lächelt verbindlich. Dürfte ich Sie unter vier Augen bitten – Unbekannte Soll ich auf den Balkon? Albert Nein. Ernst Meinerseits –! Ich dachte ja nur – zunächst also eine Feststellung: wir haben uns gestern spätnachmittags gesprochen und ich habe Ihnen einen Rat erteilt, von Mann zu Mann. Eine spartanische Lösung. Wie ich jedoch bemerken muß, haben Sie selbigen Rat konträr befolgt. Albert Was heißt das? Ernst Das heißt: vielleicht wäre meine Lösung besser gewesen, denn dann wäre wahrscheinlich manches unterblieben – und so kommt es nämlich zu guter Letzt doch wieder vielleicht auf dasselbe hinaus. Albert Versteh kein Wort. Ernst Was Sie nicht sagen. Albert Drücken Sie sich bitte deutlicher aus. Ernst Es ist jemand ermordet worden. Stille. Albert   wird unsicher: Wer? Ernst Das wissen Sie nicht? Stille. Albert   nickt nein: Wieso woher – Ernst Der Uhrmacher. Albert   sehr unsicher: Was für ein Uhrmacher – Ernst Jawohl. Unbekannte Der Uhrmacher? Der arme alte Uhrmacher? Nein so etwas! Na das tut mir aber leid – Zu Albert. Du, den hab ich doch auch gekannt, das war doch dieser Sonderling, nicht? Ernst Sonderling allerdings. Unbekannte Und wer hat ihn denn ermordet? Ernst   etwas weniger selbstbewußt: Das weiß man eben noch nicht. Unbekannte Na hoffentlich wird man den Mörder bald fassen, und wenn es einen lieben Gott gibt, dann gehört der aber exemplarisch bestraft! Ernst Hoffentlich. Stille. Albert Und Sie wünschen bitte? Ernst Ja. Peinlich. Albert Sind Sie denn nur gekommen, um mir mitzuteilen, daß dieser Sonderling nicht mehr existiert? Ernst Nein. Das wollt ich nur so nebenbei – ich bin nämlich in einer für mich ungemein peinlichen Angelegenheit hier, betreffs Irene. Also der langen Rede kurzer Sinn: da! Er überreicht ihm Irenens Brosche aus Venedig. Irene hat es sich überlegt. Albert Ach so. Ernst Ihre Brosche aus Venedig. Stille. Albert Gut. Ernst Es klingt manchmal hart, aber es ist immer besser – wenn schon Schluß, dann radikal! Sie verstehen mich? Albert Danke. 8. Szene Irene   erscheint in der Tapetentüre – atemlos und ohne anzuklopfen; sie erblickt sofort Ernst: Da bist du! Hab ich es doch geahnt! Wo ist die Brosch? Albert Hier. Irene Hat er sie dir – Zu Ernst. Wie kommst du denn dazu?! Ich habe doch verboten, daß du sie ihm zurück – hab ich denn nicht gesagt: nie und nimmer?! Aber das schlägt dem Faß den Boden aus, jetzt merk ich es erst, wie oft daß du mich schon belogen hast! Ernst Allerdings hab ich höchstens gelogen! Irene Besser stehlen als lügen! Ernst   zu Albert: So war das meinerseits nicht gemeint. Zu Irene. Echt Weib! Er faßt sich ans Herz. Irene Was weißt denn du schon von dem Innenleben eines Weibes?! Immer hast nur Maus zu mir gesagt, zu einer alleinstehenden Geschäftsfrau! Ernst Die peinlichst auf ihren Ruf achten sollte! Irene Ruf?! Mach nur kein Dromedar aus einer Mücke! Hast mir das auch nur eingeredet, genau wie deine Planeten! Sie faßt sich an die Stirne. Die ganze Nacht hab ich nicht einschlafen können, hab immer denken müssen – Ernst   unterbricht sie scharf: An was denn bitte? – So steck sie dir nur an, die Brosch, und geh spazieren damit! Mit der Bijouterie eines – Er stockt und wendet sich Albert zu. Herr! Oder wagen Sie es etwa zu leugnen, daß Sie gestern nacht dort herumlungerten – ich habe Sie erkannt! Ich kann es beschwören! Irene Heute nacht hast es aber nicht können! Ernst Was? Irene Beschwören! Ernst Weil ich dich schonen wollte, wie immer! Aber jetzt fängt es mir an, zu bunt zu werden! Ich wußt es genau, daß er es war, aber ich wollt es auf mein Gewissen nehmen und schweigen! Für deine Liebe! Ewig wollte ich schweigen, um dich zu besitzen! So bin ich! Irene Albert! 9. Szene Unbekannte Halt! Irene erblickt erst jetzt die Unbekannte. Zunächst bitte reden wir leise, denn die Wände haben Ohren und man kommt gar leicht in einen falschen Verruf – und dann ist das alles nicht wahr, was dieser Herr hier erzählt. Ich kann es beschwören bei allem, was ich liebe. Tot soll ich umfallen, wenn das nicht so ist – gnädige Frau, ich muß es doch wissen, daß – Sie deutet auf Albert – dieser Mann nicht dort gewesen sein konnte, denn wir, er und ich, waren die ganze Nacht hier zu Hause zusammen. Stille. Irene Ist das wahr? Unbekannte Gewiß. Stille. Irene   sehr leise: Das freut mich. Ernst   zu Irene: Also komm. Irene Laß mich. Ernst Aber Maus – Irene Ich bin keine Maus! – Zu Albert. Du bist auch nicht anders. Gestern um diese Zeit hast noch gesagt, daß nur ich dich retten könnte und daß du so einsam bist – Albert Und kaum hast mich verlassen, da hast mir jenen Herrn herausgeschickt mit dem freundlichen Rat, ich soll mir eine Kugel vor den Kopf, es bleibt mir nichts anderes übrig! Irene Das hat er gesagt – Albert Unter anderem! Ernst Auch du hast seinen Tod gewünscht! Irene Nein, lüg nicht! Ernst Welch Abgrund der Verlogenheit! Jetzt kenn ich mich bald selbst nicht mehr! Hast denn nicht vorgestern nacht geweint, warum kann man denn nicht mit einem Revolver, den niemand hört, so ein verpatztes Leben – Irene Lügner! Lügner! Ernst Das ist die gewaltigste Erschütterung meines Lebens. Stille. Irene Außerdem, Ernst, passen wir auch nicht zusammen. Ernst   faßt sich ans Herz: Denk an mein Herz, bitte. Irene Denkst du vielleicht an meine Leber? Jetzt ist schon alles egal! Ernst Zur Kenntnis genommen. Stille. Irene Jetzt bist du bös. Aber ich kann nicht anders. Ernst Ich habe dich ehrlich geliebt, Irene. Ich sag es vor Zeugen: ich wollte dir nur helfen – Irene Aber ich war nicht ganz ehrlich zu dir, und dafür muß ich nun büßen. Ich hab halt nur einen Menschen gebraucht – seinerzeit. Ernst Aha! Zu Albert. Sie hatten recht, mein Herr! Irene Wir haben einen anderen Stern, Ernst. Ernst Geh laß mich mit den Sternen in Ruh! Irene Das sagst du? Der du mich in den Zirkel eingeführt hast? Ernst Ach laß mich doch mit dem Zirkel in Ruh! Zu Albert. Le roi est mort, vive le roi! Zu Irene. Was denkst du denn, wer ich bin?! Adieu! Ab durch die Tapetentüre. 10. Szene Irene Ja, jetzt muß ich büßen. Was ist auch eine kleine Unterschlagung gegen einen verdorbenen Lebensweg? Ich habe einmal in einer Novelle gelesen, daß die Frau die Pflicht hat, die Härte der starren Paragraphen durch Liebe zu erweichen – aber das begreif ich erst jetzt, wo es zu spät sein dürfte. Albert Es ist nie zu spät, Irene. Irene Doch Albert. Albert Nein. Auch ich dachte mal so hoffnungslos und hab dich verflucht. Irene Ich spür es. Und ich hab dir doch immer geglaubt, alles. Auch das mit deiner Einsamkeit – Albert   deutet verstohlen auf die Unbekannte; sehr leise: Aber das war doch nur die Verzweiflung – ich hab halt einen Menschen gebraucht. Irene Oh das kenn ich schon. Albert Glaube mir. Unbekannte Was sprichst du da? Albert Pst! Unbekannte Was fällt dir ein?! Wie sprichst du denn zu mir?! Zu mir, die du vielleicht schon länger kennst als manche andere – seit vielen Wochen, jede Nacht?! Irene weinerlich: Adieu! Rasch ab durch die Tapetentüre. 11. Szene Unbekannte Jetzt wirst du mich schlagen. Nicht? Albert Nein. Stille. Unbekannte Jetzt bist du verstimmt. Albert Nein. Aber warum konnt sie mir das nicht gestern sagen, gestern um diese Zeit? Jetzt hätt ich geordnete Verhältnisse! Unbekannte Soll ich ihr nachlaufen und sagen: gnädige Frau, ich habe zuvor gelogen, wir, er und ich, wir waren ja hier überhaupt noch nie miteinander, das hab ich mir ja nur ausgeklügelt, damit es nicht aufkommt, daß – Albert hält ihr den Mund zu; zündet sich dann die zweite Zigarette an. Du mußt mir den Mund nicht zuhalten, denn du bist mein Schicksal. Albert Jetzt hätt ich mein Auskommen. Stille. Unbekannte Hast kein Geld? Albert Frag nicht so intelligent. Unbekannte Wenn du kein Geld hast, dann passen wir fein zusammen. Albert Bist anscheinend noch betrunken?! Unbekannte Oh ich bin nüchtern – ganz und gar. Albert Ganz und gar. Es ist alles verflucht. Stille. Unbekannte Vielleicht bin ich schlecht – Sie wischt sich einige Tränen aus den Augen. Albert   streicht ihr über das Haar: So war es nicht gemeint, Irene – Unbekannte   fährt zurück: Irene?! Albert Hab ich Irene gesagt? Unbekannte Gewiß. Stille. Nimmt seine rechte Hand und betrachtet sie. Mit dieser Hand hast es getan – Albert Jetzt sprichst du davon. Unbekannte Weil ich Angst hab, daß ich diese Hand nicht mehr haben werde und dann werde ich es nicht tragen können, so allein – Albert Was wirst du nicht tragen können? Albert Geh nicht von mir, du, bitte nicht – mein Mund wird anfangen zu reden, ohne daß ich es will! Albert Ach so. Unbekannte Nein, nicht so! Ich werd doch nichts sagen, du – eher geh ich ins Wasser, bevor auch nur ein Sterbenswörtlein – Albert Ins Wasser? Unbekannte Weißt, das nehm ich mit mir hinab, als hätt ich es getan. Albert »Hinab«. So was sagt sich leicht. Unbekannte Oh nein. Stille. Albert   bricht plötzlich los: Ich kann nicht anders! Ich hätt es doch nie geglaubt, daß mir noch jemals wieder ein neues Leben, Glück und Friede – so zeig mich doch an! Ich riskier es! Ich geh zurück und du mußt fort! Unbekannte Fort? Albert Laß mich hängen oder nicht, wie du willst! Unbekannte Aber Albert – Sie setzt sich. Stille. Albert Sei mir nicht bös, aber ich bin eine ehrliche Haut und es wäre gefrevelt gegen mich selbst – Er streicht ihr wieder über das Haar. Ich hab dich sehr gebraucht. Unbekannte Gebraucht? Albert Sicher. Stille. Unbekannte   zündet nun Streichhölzer an und löscht sie immer wieder aus; denkt dabei natürlich an andere Dinge: Das ist schön, einen Menschen zu brauchen – aber es ist schlimm für den Menschen, den man braucht – gewiß – Sie erhebt sich. Also dann geh ich jetzt – Albert Wohin? Unbekannte Fort. Die beiden fixieren sich. Albert Ich lege mein Leben in deine Hand. Unbekannte   betrachtet ihre Hand: Da bist du jetzt drinnen? – Gut. Sie schließt ihre Hand. Werden sehen – Sie setzt sich ihren Hut auf. Albert Wohin? Unbekannte lächelt: Hinab. Du wohnst doch im zweiten Stock – Die beiden fixieren sich wieder. Albert Und tu, was du willst. Unbekannte Gewiß. Dunkel. Epilog Wieder in der Seitengasse vor dem Hause Nummer neun. Nur einige Jahre sind vorbei. Wo früher die Blumenhandlung war, ist nun eine Wäscherei, und in dem Laden, in welchem der Uhrmacher erschlagen wurde, befindet sich nun eine bescheidene Buchhandlung. In der Auslage hängen Zeitschriften, Bücher, überwiegend antiquarisch und eine Totenmaske der Unbekannten aus der Seine. In der Auslage der Wäscherei hängen hingegen naturnotwendig Hemden und Unterhosen. Die Buchhandlung gehört Emil, der nun schon längst verheiratet ist. Seine etwas korpulente Gattin Lucille sitzt auf einem Stuhl vor dem Geschäft in der Sonne und liest einen spannenden Roman. 1. Szene Ernst kommt mit Lilly, einem Mädchen, vorbei. Lilly Warum schaust du denn dieses Haus so an? Ernst Weil mich verschiedene Erinnerungen daran knüpfen. Zum Beispiel dort droben im dritten Stock wohnte einst vor Jahren ein Ingenieur, und dessen Gattin – Lilly   fällt ihm ins Wort: Hatte etwas mit dir? Sags nur! Ernst   wollte eigentlich vom Studenten aus dem zweiten Stock rechts erzählen; lügt aber nun aus Eitelkeit und grinst: Kavalier schweigt. Und dort, wo jetzt lauter Bücher sind, dort war früher ein Uhrmacherladen, aber dann ist an dem alten Uhrmacher ein Raubmord verübt worden. Der ist bis heute noch nicht geklärt. Lilly Daß so was vorkommt! Wozu haben wir denn unsere Kriminalpolizei? Ernst Aber Maus! Gar vieles kommt nie ans Tageslicht! Auch in puncto Raubmord – zuerst forscht man fieberhaft nach, dann wird es zu den Akten gelegt und über die Akten wächst das Gras. Und der Mörder bleibt unbekannt, geht frei und frank herum – vielleicht sitzt man ihm gerade gegenüber. Lilly Hör auf! Ernst Man weiß doch nichts voneinander – was weißt denn du schon von mir? Vielleicht hab ich auch mal einen Raubmord – Lilly Du, red nicht so unheimlich, sonst mußt du heut nacht wieder bei mir schlafen! Ernst Beruhige dich nur. Ich will nicht unheimlich reden – Er wendet sich Lucille zu. Entschuldigen Sie bitte, jedoch soweit ich mich erinnere, war doch da mal in grauer Urzeit eine Blumenhandlung? Lucille Stimmt, mein Herr. Aber die Inhaberin hat geheiratet, und die Leute haben jetzt eine Gärtnerei vor der Stadt. Es geht ihnen sehr gut. Ernst So. Lucille Komisch, daß Sie danach fragen. Ich erwarte die Frau nämlich jeden Moment – sie wollte heut hier vorbeikommen und müßte schon hier sein. Ernst Na, dann wollen wir gehen. Sagen Sie nur noch: wohnt hier noch so ein Kleiner im dritten Stock rechts, ein gewisser Herr Emil – Lucille   unterbricht ihn: Emil? Dritter Stock rechts? Na, das ist doch mein Gatte! Ernst Ihr Gatte? Lucille Sie kennen ihn. Er ist jetzt gerade droben und kocht, er kocht nämlich gern und gut – soll ich ihn rufen? Ernst Oh nicht der Mühe wert! Wir haben uns nur ein paar Jahre nicht gesehen – wahrscheinlich wird er sich an mich gar nicht mehr erinnern. Lucille Ja, er ist riesig zerstreut. Leider! Ernst Wiedersehen, gnädige Frau! Lucille Habe die Ehre! 2. Szene Ernst will mit Lilly ab – da kommen aber gerade Irene und Albert mit dem dreijährigen kleinen Albert. Sie erkennen sich (außer Lilly und dem kleinen Albert natürlich) und grüßen sich reserviert. Lilly Wer ist denn das? Ernst Flüchtige Bekannte. Eine Gärtnersfamilie – Ab mit Lilly. 3. Szene Irene   sieht Ernst nach: Die alte Zeit – aber was der für ein Frauenzimmer bei sich hat, ist ja unmöglich! Albert betrachtet das Haus Nummer neun. Irene bemerkt es und lächelt. Ja, dieses Haus. Noch steht es, nicht? Albert nickt ja. Ich geh oft daran vorbei. Hier hat doch unser Glück begonnen – trotz mancher Unterbrechungen. Ach Albert, wie rasch eilen unsere Tage! Zum kleinen Albert. Siehst du, kleiner Albert, dort drüben verkauften mal Papa und Mama Blumen, schöne duftende Blumen – aber da war der kleine Albert noch nicht da. Komm – Sie putzt ihm die Nase. 4. Szene Lucille Guten Tag, Frau Irene! Ich hab sie schon reserviert für Sie, die Skulptur. Irene Oh sehr nett von Ihnen! Sie kennen doch meinen Mann – Lucille Natürlich! Emil wird sich riesig freuen, er kocht zwar gerade – Sie ruft empor. Emil! Emil! Stimme Emils   aus dem dritten Stock rechts: Was ist denn passiert?! Ach guten Tag, ist das aber eine Überraschung! Ich komm gleich runter! Irene   zu Albert: Siehst du, das ist diese Totenmaske – Sie führt ihn vor die Auslage der Buchhandlung. Die möcht ich so gerne haben, weil sie so himmlisch ist. Lucille Sie ist gar nicht von dieser Welt. Stille. Albert plötzlich: Wer ist das? Irene Ich habe dir doch gesagt! Lucille Eine unbekannte Selbstmörderin. Gleich kommt mein Gatte, er kann es Ihnen noch besser erklären – da ist er! 5. Szene Emil   rasch durch das Haustor: Hocherfreut, hocherfreut! Na, das ist aber reizend, daß ihr mal wieder an uns denkt! Pa, Bubi! Irene Sie sind ja heut so lustig, Herr Emil! Lucille Das ist er neuerdings immer. Zuerst war zwar ich der leichtere Teil und er der schwerere, aber dann haben wir aufeinander abgefärbt – jetzt ist er der Optimist und ich seh schwarz. Emil So hebt sich alles auf! Er lacht. Lucille Emil, erklär doch mal bitte den Herrschaften die Geschichte dieser Totenmaske. Emil   lacht immer wieder dazwischen hinein: Da gibt es keine Geschichten – man hat sie aus dem Wasser herausgezogen und weiß nichts von ihr. Irgendeine junge Selbstmörderin, allerdings mit einem verblüffend mysteriösen Lächeln. – Neulich hat mal wer gesagt, diese arme Seele war wahrscheinlich nur ein Menschenkind, gut und böse, fromm und verdorben, wie das ewige Leben – aber meiner Meinung nach ist das ein Engel gewesen, der zur Strafe auf unser irdisches Jammertal hat hinabmüssen und dann durch den Tod erlöst worden ist. Lucille Wie schön er das gesagt hat. Irene Für mich ist das auch ein Engel. Zu Albert. Ich möcht es so gern haben. Für unser Schlafzimmer. Lucille Wir haben noch eine zweite Skulptur drinnen – Emil Ich hab sie schon eingepackt! Irene Sehr zuvorkommend! Und dann möcht ich bitte nur noch das Kochbuch – Ab mit Emil und Lucille in die Buchhandlung. 6. Szene Albert steht nun mit dem kleinen Albert allein vor dem Haus Nummer neun. Albert   zur Totenmaske: Bist du es? – Hm. Ich weiß nicht, es war damals immer so dunkel, ich hab dich eigentlich nie richtig gesehen – Der kleine Albert weint plötzlich fürchterlich. 7. Szene Irene kommt auf das Geweine hin mit Emil und Lucille herbei. Irene trägt die eingepackte Totenmaske, Emil und Lucille Kochbücher. Emil Was hat er denn, der kleine Albert? Irene Na, was weinst denn? Sie beugt sich zu ihm nieder. Ach er hat schon wieder mal Angst vor dem dunklen Hauseingang. Immer hat er Angst vor Hauseingängen – Lucille Dann machen wir halt das Tor zu – Sie schließt es. So, jetzt wird er gleich nicht mehr weinen, der kleine Albert! Der kleine Albert verstummt. Emil   zu Irene: Sie haben mir einst gesagt bei meinem Brautbouquet: Rosen bringen Glück – und sie haben Glück gebracht. Zwar ist noch kein kleiner Emil da, aber jetzt ist einer unterwegs – ich weiß es selbst nicht wieso! Er lacht. Lucille Aber Mann! Emil So plötzlich über Nacht. Seit dem Nationalfeiertag. Irene   hat den kleinen Albert auf den Arm genommen: Kinder sind doch die Zukunft. Emil Was, kleiner Albert? Lucille Ein herziges Bubi! Irene Ganz der Herr Papa! Emil Gratuliere! Albert lächelt: Oh bitte danke – Dunkel.