Ludwig Holberg Erasmus Montanus oder Rasmus Berg. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   Gegenwärtig das zweiundzwanzigste in der herkömmlichen Reihenfolge, erschien dieses Stück, wiewol bereits in der Vorrede zur ersten Ausgabe von 1722 als fertig erwähnt, erst 1731 in Druck. Zur Aufführung gelangte es erst 1748, fand jedoch damals wie später beim Publikum nur geringen Anklang. Interessante Parallelen, die tiefere Bedeutung des Stücks betreffend, giebt Steffens im 11. Band seines »Was ich erlebte«. – Die erste Anregung zum »Erasmus Montanus« will Holberg selbst durch Aristophanes' »Wolken« erhalten haben; doch wird dies wol nur auf sehr vereinzelte Züge zu beschränken sein, während das Ganze vielmehr die selbständige Schöpfung und das freie Eigenthum des Dichters selbst ist. Denselben Gegenstand, nämlich die Verspottung der gelehrten Pedanterie, hat Holberg dann viele Jahre später noch in einem zweiten Stück behandelt; dasselbe betitelt sich »Der Philosoph in der eigenen Einbildung« und ging erst im August 1754, also erst nach Holbergs Tod (Januar 1754), zum ersten Mal über die Breter. Personen: Montanus . Jeppe Berg , sein Vater. Nille , seine Mutter. Lisbeth , Montanus' Braut. Jeronimus , ihr Vater. Magdelone , ihre Mutter. Jacob , Montanus' Bruder. Peter , Küster. Jesper , Verwalter. Ein Lieutenant . Niels , Korporal.     Erster Akt. Erste Scene. Jeppe allein, mit einem Brief in der Hand. Jeppe . Schade, daß der Küster nicht da ist; in meines Sohnes Brief steht so viel Latein, das ich nicht verstehe. Das Wasser tritt mir in die Augen, wenn ich denke, daß ein armer Bauerjunge so gelehrt geworden ist, noch dazu, da wir nicht einmal zu den Universitätsbauern Er meint die Bauern auf den der Universität gehörigen Gütern, dieselben, die der Dichter anderwärts auch wol »gelehrte Bauern« nennt. A.d.Ü. gehören. Leute, die sich auf Gelehrsamkeit verstehen, haben mich versichert, daß er mit jedem Pastor disputiren kann, wer es auch sein mag. Ach, wenn ich und meine Frau doch nur noch vor unserm Tode die Freude hätten, ihn predigen zu hören, und zwar hier im Ort, da wollte ich das viele Geld, das er uns gekostet hat, auch gern verschmerzen. Peter, der Küster, das merke ich schon, macht sich allerdings nicht viel daraus, daß mein Sohn zurückkommt; er fürchtet sich, wie es scheint, vor Rasmus Berg. Das ist was Schreckliches mit den Gelehrten, daß sie so neidisch auf einander sind, und daß nie einer dem andern seine Gelehrsamkeit gönnt. Der gute Kerl macht solche schöne Predigten, und wenn er vom Neid spricht, da tritt Einem gleich das Wasser in die Augen; bei alledem aber scheint er selbst mir nicht ganz frei davon zu sein. Mir ist das völlig unbegreiflich; wenn Einer nun auch sagte, mein Nachbar versteht den Ackerbau besser, wäre das wol ein Grund für mich, verdrießlich zu sein, oder sollte ich wol gar deshalb meinen Nachbar hassen? Nein, weiß Gott, da kennt Ihr Jeppe Berg schlecht. – Aber wahrhaftig, da ist ja der Küster! 292 Zweite Scene. Jeppe . Küster Peter . Jeppe . Willkommen zu Hause, Peter. Peter . Schön Dank, Jeppe Berg. Jeppe . Ach mein lieber Peter, da steht in meines Sohnes letztem Briefe so allerhand Latein; wenn Ihr mir das doch übersetzen könntet. Peter . Ei was, dummes Zeug, glaubt Ihr, ich verstehe nicht ebenso gut Latein wie Euer Sohn? Ich bin ein alter Academicus, ja ich, Jeppe Berg! Jeppe . Das weiß ich ganz wohl, ich meinte nur, ob Ihr auch das neumodische Latein verständet, da sich diese Sprache ja wol ebenso verändert wie unsre dänische. In meiner Jugend wenigstens sprach man ganz anders als jetzt; was jetzt Lakai heißt, hieß damals Knecht, was jetzt Maitresse heißt, hieß Kebsweib, ein Fräulein hieß Jungfer, ein Musikant Stadtpfeifer und ein Säckeltär hieß Schreiber. Darum meinte ich, das Lateinische könnte sich ja wol auch verändert haben, seit Ihr von Kopenhagen weg seid. Seid denn so gut und übersetzt mir das; die Buchstaben kenne ich wol, aber was sie heißen sollen, da hapert's. Peter . Euer Sohn schreibt, er studire gegenwärtig seine logicam, rhetoricam und metaphysicam. Jeppe . Was heißt das: Logicam? Peter . Das ist die Kanzel. Jeppe . Das freut mich; ach wenn er doch nur erst Pastor wäre! Peter . Aber vorher Küster Es war dazumal in Dänemark nichts Ungewöhnliches, daß Kandidaten der Theologie, denen es nicht glücken wollte, eine Pfarre zu finden, sich einstweilen, in Erwartung eines Besseren, als Küster durchbrachten; Peter, der dasselbe Schicksal gehabt hat und selbst schon seit so vielen Jahren Küster ist, möchte gern ein Gesetz daraus machen, damit es anderen nicht besser geht, als es ihm ergangen. A.d.Ü. . Jeppe . Und das Zweite? Peter . Das heißt Rhetorica, das ist auf Dänisch das Ritual. Aber das Dritte muß verschrieben sein, oder es ist französisch. Denn wenn es Latein wäre, so verstände ich es ganz gewiß. Ich bin capabel, Jeppe Berg, und sage Euch die ganze Aurora Ein damals beliebtes Schulbuch, aus dem die dänische Jugend die Elemente der lateinischen Sprache erlernte. A.d.Ü. aus dem Kopfe her. Ala heißt der Flügel, ancilla das 293 Mädchen, barba der Wagen, coena der Nachttopf, cerevisia das Bier, campana die Glocke, cella der Keller, lagena die Flasche, lana der Wolf, janua die Thüre, cerevisia Schmiere. Jeppe . Ihr habt ein verteufeltes Gedächtniß, Peter. Peter . Ja, ich habe auch nicht gedacht, daß ich so lange auf solcher armseligen Küsterstelle bleiben sollte; ich könnte auch schon längst ganz was anders sein, hätte ich nur mit einem Mädchen anbinden wollen. Aber lieber helfe ich mir durch, so gut ich kann, als daß ich mir nachsagen lasse, ich hätte mein Glück durch eine Schürze gemacht. Jeppe . Aber hier, lieber Peter, ist noch etwas Lateinisches, das ich auch nicht verstehe; hier, diese Zeile. Peter . Die Veneris Hafnia domum profecturus sum. Das ist allerdings ein wenig ungewöhnlich ausgedrückt, ich verstehe es aber doch ganz gut, obwol es manchem Andern Kopfbrechen machen würde. Auf Dänisch heißt das: Nach Kopenhagen sind profecto die Russen gekommen Die dänischen Studenten nennen »Russe«, was bei uns »Fuchs« heißt. A.d.Ü. . Jeppe . Na, was wollen die Russen da nun schon wieder? Peter . Ei was, Jeppe Berg, das sind nicht solche Russen von Moskau, das sind junge Studenten, die heißen auch Russen. Jeppe . Ach, nun verstehe ich schon, das ist, wenn der große Spectakel ist, wo sie Salz und Brod kriegen Er meint die Deposition oder (nach dem heutigen Sprachgebrauch) Inscription der Studenten. A.d.Ü. und zu Studenten gemacht werden. Peter . Wann erwartet Ihr ihn nach Hause? Jeppe . Heute oder morgen. Aber wartet mal ein bischen, guter Peter, ich will blos die Nille rufen, sie soll uns einen Krug Bier heraus bringen. Peter . Ein Glas Branntwein wäre mir lieber, zum Biertrinken ist es mir noch zu früh. (Jeppe ab.) 294 Dritte Scene. Peter allein. Peter . Daraus mach' ich mir, die Wahrheit zu sagen, auch nicht viel, daß Rasmus Berg nach Hause kommt. Nicht, als ob ich seine Gelehrsamkeit fürchtete; ich war schon ein alter Student, da er noch in die Schule ging und, mit Permission zu sagen, den Hintern voll kriegte. Das waren andere Kerle, die zu meiner Zeit deponirten, als jetzt. Ich deponirte an der Slagelser Schule Die Gelehrtenschule zu Slagelse galt damals für eine der besten im Lande. A.d.Ü. mit Peter Monsen, Rasmus Jespersen, Christian Klim, Matz Hansen, den wir in der Schule Matz Pfannkuchen nannten, Paul Iversen, den wir Paul Finkeljochen Finkeljochen war damals in Dänemark wie noch heute in gewissen Theilen von Deutschland ein scherzhafter Beiname des Branntweins. A.d.Ü. nannten – alles Kerle, die trocken waren hinter den Ohren und Haare auf den Zähnen hatten und zu disputiren verstanden, gleichviel worüber es war. Ich bin freilich blos Küster geworden, aber ich habe doch wenigstens mein tägliches Brod und verstehe mein Amt. Auch habe ich die Sporteln sehr in die Höhe geschroben, so daß die Stelle mehr bringt als früher, worüber meine Nachfolger, wenn ich einmal todt bin, ja auch wol nicht böse sein werden. Die Leute denken immer, um Küster zu sein, braucht es kein Genie; ja richtig, so eine Küsterstelle ist weiß Gott keine Kleinigkeit, besonders wenn man satt dabei werden will. Vor meiner Zeit hielten die Leute im Dorf alle Leichengesänge für gleich gut, ich aber habe meine Einrichtungen so getroffen, daß ich zum Bauern sagen kann: »Was für einen Psalm willst Du? Der kostet so viel, der so viel«, und ebenso, wenn die Erde auf den Sarg geworfen wird: »Soll es weißer Sand sein oder bloße gewöhnliche Erde?« Das sind so Finessen, von denen hatte mein Vorgänger, der Christoph, keine Ahnung; er hatte aber auch freilich nicht studirt. Ueberhaupt begreife ich nicht, wie solch ein Kerl hat Küster werden können, aber allerdings er war auch danach. Ein bischen Latein ist dem Menschen zu allen Dingen gut; ich wenigstens möchte mein Latein nicht für hundert Thaler missen, das hat mir in meinem Amt schon mehr als hundert, ja zweihundert Thaler eingebracht. 295 Vierte Scene. Nille . Jeppe . Peter . Nille . Gesegne es Gott, Peter. Peter . Schön Dank, Frau Nachbarin. Uebrigens trinke ich niemals Branntwein, außer wenn mir im Magen nicht recht ist, aber es ist mir meistentheils nicht recht im Magen. Nille . Habt Ihr schon gehört, Peter, daß mein Sohn heute oder morgen nach Hause kommt? Da kriegt Ihr einen Mann, mit dem könnt Ihr Euch was erzählen, dem ist die Zunge gelöst, wie ich höre. Peter . Ei ja, so ein bischen Latein für's Haus Im Text ist von »Klosterlatein« die Rede, in dem Sinne, wie wir von Apotheker- oder Küchenlatein sprechen. Ebenso heißt es weiterhin »Klosterleinwand«, d. i. Leinwand, die aus den ehemaligen Klostergütern gesponnen worden. Um das Wortspiel nicht ganz verloren gehen zu lassen, hat der Uebersetzer sich zu einer kleinen Abweichung genöthigt. A.d.Ü. wird er wol verstehen. Nille . Latein für's Haus? Das ist gewiß das beste Latein, gerade wie die Hausleinwand die beste ist. Peter . Ha ha ha ha! Jeppe . Was lacht Ihr denn, Peter? Peter . Ei, über nichts, Jeppe Berg! Gesegn' es Gott zum zweiten Mal, Euer Wohlsein, Frau Nachbarin! Ha ha ha! Da habt Ihr ein wahres Wort gesprochen: Hausleinwand ist die beste Leinwand, aber – Nille . Aber es heißt doch Hausleinwand, weil sie im Hause gemacht wird? Peter . Ja, das hat seine Richtigkeit, ha ha ha! Aber Ihr könntet mir wol ein bischen zum Zubeißen geben zu dem Branntwein. Nille . Hier ist Brod und Käse, nehmt vorlieb. Peter . Schön Dank, Frau Nachbarin! – Wißt Ihr auch wie das Brod auf Lateinisch heißt? Nille . Nein, meiner Seele, das weiß ich nicht. Peter (indem er zugleich ißt und spricht) . Das heißt panis, Genitivus pani, Dativus pano, Vocativus panus, Ablativus pano. Jeppe . Alle Wetter, Peter, das ist eine weitläufige Sprache; was heißt denn da Grobbrod? 296 Peter . Das heißt panis gravis und fein Brod heißt panis finis. Jeppe . Das hört sich ja beinahe wie Dänisch an. Peter . Ja gewiß, aber es giebt auch eine ganze Menge lateinischer Wörter, die ursprünglich dänisch sind. Nämlich das hängt so zusammen: bei der hohen Schule in Kopenhagen war mal ein alter Rector, der hieß Saxo Grammatica Er meint Saxo Grammaticus, den berühmten dänischen Gelehrten, den Vater der dänischen Geschichtschreibung, wenn auch freilich in fremder (lateinischer) Sprache. A.d.Ü. , der verbesserte das Latein im Lande und schrieb eine lateinische grammatica, wovon er eben seinen Beinamen bekam: Saxo Grammatica. Selbiger Saxo verbesserte auch die lateinische Sprache wesentlich, indem er sie mit dänischen Wörtern bereicherte; denn vor seiner Zeit war das Lateinische so arm, daß man sich gar nicht so recht darin ausdrücken konnte. Jeppe . Aber was heißt nur das Wort grammatica ? Peter . Das ist dasselbe wie Donat Der bekannte, auch bei uns sprüchwörtlich gewordene lateinische Grammaticus, der das ganze Mittelalter hindurch bis in die moderne Zeit hinein als Grundlage des lateinischen Unterrichts benutzt ward. A.d.Ü. ; wird es in türkisch Papier gebunden, so heißt es Donat, wird es dagegen in weißes Pergament gebunden, so heißt es grammatica und wird declinirt wie ala. Nille . Nein, wie die Menschen nur so was behalten können, mir wird allemal schon ganz schwindlich im Kopfe, wenn ich davon höre. Jeppe . Darum sind aber auch die Gelehrten meist nicht richtig im Kopfe. Nille . Ei wie kannst Du wol so was sagen? So glaubst Du also, unser Sohn, Rasmus Berg, ist nicht richtig im Kopfe? Jeppe . Na hör' mal, Mutter, ein bischen wunderlich kommt es mir allerdings vor, daß er mir lateinische Briefe schreibt. Peter . Ja wahrhaftig, da hat Jeppe ganz recht, es ist auch eine Narrheit von ihm; es ist gerade, als wollte ich mit dem Verwalter Griechisch sprechen, blos um zu zeigen, daß ich es kann. Jeppe . Also Griechisch könnt Ihr auch, Peter? Peter . Pah, so vor zehn Jahren konnte ich Euch die ganze Litanei auf Griechisch hersagen in einem Athemholen, und das weiß ich noch jetzt, das letzte Wort heißt Amen. Jeppe . Ach Peter, was wird das für einen Spaß geben, 297 wenn mein Sohn nach Hause kommt und wir Euch da so auf einander los lassen. Peter . Will er mit mir disputiren, so soll er seinen Mann an mir finden. Was aber das Singen anbetrifft, da kommt er gegen mich zu kurz. Ich habe mit zehn Küstern um die Wette gesungen und habe sie alle zusammen in den Sand gesetzt; ich schrie meinen Glauben so laut, daß ich von allen zehnen herauszuhören war. Schon vor zehn Jahren hätte ich können Cantor werden bei unserer Frauen Schule Das berühmteste und besuchteste Gymnasium des damaligen Kopenhagen. A.d.Ü. , aber ich wollte nicht, und sag' selbst, Jeppe, warum hätte ich es auch sollen? Warum hätte ich mich trennen sollen von meiner Gemeinde, die mich liebt und ehrt und die ich ebenfalls ehre und liebe? Ich lebe an einem Ort, wo ich mein Stück Brod habe und von allen Menschen respectirt werde; selbst der Herr Amtmann, so oft er herkommt, läßt mich sofort holen, um ihm die Zeit zu vertreiben und ihm was vorzusingen. Vor einem Jahr um diese Zeit gab er mir zwei ganze Mark, blos weil ich ihm die Scala vorsang, er schwur Stein und Bein, ich sänge das so gut, wie er es in den größten Concerten in Kopenhagen nicht zu hören kriegte. Wollt Ihr mir noch einen Schnaps einschenken, Jeppe, so sollt Ihr es ebenfalls zu hören kriegen. Jeppe . Ei wol, schenk' noch eins ein, Nille! Peter . Ich singe nicht vor jedem, Ihr aber, Jeppe, seid mein guter Freund, so stehe ich Euch mit Vergnügen zu Diensten. (Fängt an zu plärren, erst langsam, dann rascher) Ut, re, mi, fa, sol, la, si, ut! Nun wieder rückwärts: ut, si, la, sol, fa, mi, re, ut! Nun wieder auf eine andere Manier, damit Ihr auch einen Begriff von meiner Höhe kriegt: ut, re, mi, fa, sol, la, si, ut, re, mi, fa, sol, la si, ut, re! Jeppe . Potz Schlag, das letzte ging fein, so fein können es nicht mal unsere Ferkel. Peter . Jetzt ganz geschwinde: ut, re, mi, re, re – nein, das war falsch! Ut, re, mi, do, re, mi, ut – nein, das war wieder falsch! Ja, das ist höllisch schwer, mein guter Jeppe, so schnell zu singen. – Aber hier kommt Monsieur Jeronimus. 298 Fünfte Scene. Jeronimus . Magdelone . Lisbeth . Jeppe . Nille . Peter . Jeronimus . Guten Morgen, Schwager, hat Euer Sohn nichts von sich hören lassen? Jeppe . Ei ja, er kommt, glaube ich, heute oder morgen. Lisbeth . Ach, ist es möglich? So erfüllt sich mein Traum also doch! Jeronimus . Was träumtest Du denn? Lisbeth . Mir träumte, ich läge heute Nacht bei ihm im Bett. Magdelone . Es hat doch was auf sich mit den Träumen, sie sind doch nicht so ganz zu verachten. Jeronimus . Mag wol sein. Ihr guten Mädchen aber, wenn Ihr des Tags nicht so viel an die Mannspersonen dächtet, so würdet Ihr auch Nachts nicht so viel von ihnen träumen; Du, Magdelone, hast wol auch recht viel von mir geträumt, als wir noch Liebesleute waren? Magdelone . Versteht sich; aber jetzt ist es meiner Seele lange her, daß ich nicht mehr von Dir geträumt habe. Jeronimus . Das macht, weil die Liebe jetzt nicht mehr so heiß ist als Anfangs. Lisbeth . Aber so ist es wahr, daß Rasmus Berg morgen zurückkommt? Jeronimus . Nun ja, Du hörst es ja, morgen kommt er. Lisbeth . Ach, Herzväterchen, wie lange haben wir noch bis morgen? Jeronimus . Was das für verfluchte Fragen sind. Solch verliebtes Volk ist doch rein wie verrückt. Lisbeth . Ich zähle wahrhaftig jede Stunde. Jeronimus . Na, nun frag' noch, wie lang eine Stunde ist, dann merkt man gewiß, daß Du verrückt bist! Halt Du den Mund mit Deinem Gewäsche und laß uns Aelteren ein Wort verständig mit einander reden. Hört, mein werther Jeppe Berg, scheint Euch das wirklich rathsam, daß wir die beiden jungen Leute zusammengeben, bevor er sein Brod hat? 299 Jeppe . Wie Ihr darüber denkt. Ernähren kann ich sie freilich, aber besser wäre es doch, er hätte erst sein Brod. Jeronimus . Mir scheint es durchaus nicht rathsam, sie vorher heirathen zu lassen. Lisbeth (weint und heult) . Jeronimus . Ei, pfui Teufel, schäme Dich, das ist ja eine Schande für ein Mädchen, sich so anzustellen! Lisbeth (weinend) . Dauert das denn noch lange, bis er sein Brod hat? Jeppe . Das wird gewiß nicht lange dauern. Denn wie ich höre, ist er ja so gelehrt, daß er jedes gedruckte Buch lesen kann, was es auch sei; ich habe eben erst einen lateinischen Brief von ihm gekriegt. Nille . Und das ist ein Brief, der sich gewaschen hat, davon weiß der Küster zu sagen. Lisbeth . War er so gut geschrieben? Peter . Ei nun, für solchen jungen Menschen war er nicht übel; wenn er sich dazu hält, Mamsell, so kann er mit der Zeit schon werden. Wie ich in seinen Jahren war, da bildete ich mir auch ein, ich wäre ein Gelehrter, indessen – Jeppe . Ja, Ihr Gelehrten laßt einander nie ein gutes Haar. Peter . Pah, dummes Zeug, ich soll wol gar neidisch auf ihn sein? Wie er noch gar nicht auf der Welt war, da hatte ich schon dreimal auf Erbsen geknieet, und wie er in Sexta saß, da war ich schon seit acht Jahren Küster. Jeppe . Die Anlagen sind verschieden, mancher lernt in einem Jahre, wozu andere zehn gebrauchen. Peter . Na, was das betrifft, so stehe ich meinen Mann. Jeronimus . Ei ja, das ist nun, wie es ist. Aber nun wollen wir nach Hause gehen, Kinder. Adieu, Jeppe, ich ging nur eben so am Hause vorbei und wollte Euch blos guten Tag sagen. Lisbeth . Ach, laßt mich doch gleich wissen, sowie er kommt. (Jeronimus, Magdelone, Lisbeth ab.) 300 Sechste Scene. Jeppe . Nille . Peter . Jacob . Jeppe . Was giebt's, Jacob? Jacob . Wißt Ihr was Neues, Vater? Rasmus Berg ist gekommen! Jeppe . Alle Welt, ist's möglich? Wie sieht er denn aus? Jacob . Ach, er sieht außerordentlich gelehrt aus! Rasmus Nielsen, der ihn gefahren, schwört darauf, er hätte den ganzen Weg über nichts gethan als mit sich selbst disputirt auf Griechisch und Elamitisch, und dabei ist er in solchen Eifer gerathen, daß er Rasmus Nielsen drei, viermal mit geballten Fäusten in den Rücken geschlagen und hat dazu gerufen: »probe Majoren, probe Majoren!« Ich denke mir, er wird wol vor seiner Abreise sich mit einem Major gezankt haben. Und dann wieder hat er ganz still gesessen und Mond und Sterne angesehen, so tief nachdenklich, daß er dreimal aus dem Wagen gefallen und vor lauter Gelehrsamkeit nahe daran gewesen ist, den Hals zu brechen, so daß Rasmus Nielsen darüber gelacht und zu sich selbst gesagt hat: »Am Himmel mag Rasmus Berg ein ganz gescheidter Mann sein, aber auf Erden ist er ein Narr.« Jeppe . Ei, kommt, laßt uns hineingehen, ihn zu empfangen! Kommt mit uns, guter Peter, am Ende hat er wol gar sein Dänisch vergessen und kann blos noch Latein, da könnt Ihr den Dolmetscher machen. Peter . Ja, daß ich ein Narr wäre, ich habe anderes zu thun. (Alle ab.) Zweiter Akt. Erste Scene. Montanus mit niederhängenden Strümpfen. Montanus . Erst einen Tag bin ich von Kopenhagen fort und schon sehne ich mich dahin zurück; hätte ich nicht meine lieben Bücher bei mir, ich müßte auf dem Lande zu Grunde gehen. Studia secundas res ornant, adversis solatium praebent. Mir ist ordentlich, als fehlte mir etwas, weil ich in drei Tagen nicht disputirt habe. Ob hier im Dorfe Gelehrte sind, weiß ich noch nicht; sind welche da, so sollen sie durch mich etwas zu thun bekommen, denn ohne zu disputiren kann ich nicht leben. Mit den armen Leuten, meinen Eltern, kann ich nicht viel reden; das sind beschränkte Menschen, die kaum noch ihren Katechismus wissen, so daß ich also wenig Genuß von ihrem Umgang haben kann. Der Küster und der Schulmeister sollen zwar studirt haben, aber viel wird das auch wol nicht sein. Jedenfalls werde ich ihnen auf den Zahn fühlen. Meine Eltern erschraken ordentlich, wie sie mich sahen; sie hatten nicht erwartet, daß ich zur Nachtzeit von Kopenhagen reisen würde. (Er schlägt Feuer, zündet eine Pfeife an und steckt sie durch eine Oeffnung, die in der Krempe seines Hutes angebracht ist.) Das heißt seine Pfeife Tabak studentikos rauchen, es ist eine treffliche Erfindung für Einen, der zugleich rauchen und schreiben will. (Setzt sich hin und liest.) 301 Zweite Scene. Montanus . Jacob . Jacob (küßt sich die Hand und reicht sie seinem Bruder) . Willkommen zu Hause, mein lateinischer Bruder! Montanus . Es freut mich, Dich wiederzusehen; was aber die Bruderschaft anbetrifft, so war das wol ehedem ganz gut, will sich aber jetzt doch nicht mehr schicken. Jacob . Wie so? Bist Du nicht mein Bruder? Montanus . Das läugne ich nicht; der Geburt nach, Du Schlingel, bin ich ohne Zweifel Dein Bruder, im Uebrigen jedoch mußt Du wissen, daß Du zur Zeit noch ein bloßer Bauerjunge bist, ich aber bin ein Philosophiae Baccalaureus. Aber sag' mal, Jacob, wie geht es denn so eigentlich meiner Braut und meinem Schwiegervater? Jacob . O, ganz wohl, sie waren eben hier und fragten, wann der Bruder zurückkäme. Montanus . Schon wieder Bruder? Ich sage das nicht aus Hochmuth, Jacob, aber es geht profecto nicht an. Jacob . Wie soll ich den Bruder denn nennen? Montanus . Du sollst mich Monsieur Montanus nennen, das ist der Name, den ich in Kopenhagen führe. Jacob . Ja, wenn ich es nur behalten könnte; war es nicht Monsieur Dromedarus? Montanus . Kannst Du nicht hören? Monsieur Montanus, sag' ich. Jacob . Monsör Montanus? Montanus . So ist es richtig. Nämlich Montanus heißt auf Lateinisch dasselbe wie Berg auf Dänisch. Jacob . Da kann ich mich also wol auch Monsör Jacob Montanus nennen? Montanus . Wenn Du erst so lange in die Schule gegangen bist wie ich und Deine Examina bestanden hast, so kannst Du Dir ebenfalls einen lateinischen Namen beilegen. So lange Du aber ein bloßer Bauerlümmel bist, mußt Du Dich 303 genügen lassen und Dich schlecht und recht Jacob Berg nennen. Aber hast Du wol bemerkt, ob meine Braut sich auch nach mir gesehnt hat? Jacob . Ei gewiß, sie wurde ganz ungeduldig, wie Du so lange bliebst. Montanus . Du mußt auch nicht Du zu mir sagen. Jacob . Ich wollte sagen: Monsörens Braut wurde ganz ungeduldig, wie Du so lange fortbliebst. Montanus . Doch jetzt bin ich ja hier und allein um ihretwillen. Aber alt werde ich hier nicht; so wie wir Hochzeit gehalten haben, nehme ich sie mit mir nach Kopenhagen. Jacob . Will Monsör mich nicht auch mit sich nehmen? Montanus . Was hast Du da zu suchen? Jacob . Ich möchte mir gern ein bischen die Welt besehen. Montanus . Ich wollte, Du wärest sechs oder sieben Jahre jünger, so brächte ich Dich auf die lateinische Schule und dann könntest Du ebenfalls Student werden. Jacob . Nein, das ginge doch wol nicht an. Montanus . Warum nicht? Jacob . Ja, weil die Eltern dann ganz und gar an den Bettelstab kämen. Montanus . Nun höre Einer, was der Schuft für spitzige Reden führt! Jacob . Ja, ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen; hätte ich studirt, ich wäre ein verfluchter Kerl geworden. Montanus . Ich habe allerdings gehört, Du sollst einen guten Kopf haben. Aber was wolltest Du in Kopenhagen anfangen? Jacob . Ich möchte gar zu gern den runden Thurm sehen und das Kloster, wo die Gelehrten gemacht werden. Montanus . Ha ha ha! Nein, da haben sie im Kloster wol anderes zu thun als Gelehrte zu machen. Aber ist mein Schwiegervater wirklich so reich, wie die Leute sagen? Jacob . Ei freilich, der alte Jeronimus hat Geld., beinahe der dritte Theil vom ganzen Dorfe gehört ihm. 304 Montanus . Aber hast Du auch gehört, ob er seiner Tochter wol etwas Anständiges mitgeben wird? Jacob . Das glaub' ich wol, daß er ihr was Ordentliches mitgeben wird, besonders wenn Monsör mal erst bei uns gepredigt haben wird. Montanus . Daraus wird nichts, so gemein mache ich mich nicht, vor Bauern zu predigen; ich disputire blos. Jacob . Ich dachte, predigen wäre mehr? Montanus . Weißt Du denn überhaupt, was disputiren ist? Jacob . Ei gewiß, ich disputire alle Tage mit den Mägden im Hause, ziehe aber freilich gewöhnlich den Kürzeren. Montanus . Ja nun freilich an solchen Disputationen ist kein Mangel. Jacob . Worüber aber disputirt Monsör? Montanus . Ich disputire über wichtige und gelehrte Gegenstände, als zum Exempel: ob die Engel eher geschaffen sind als die Menschen, ob die Erde rund oder oval ist; ferner über den Mond, die Sonne und die Sterne, über ihre Größe, ihre Entfernung von der Erde und dergleichen mehr. Jacob . Nein, darüber disputire ich nicht, das sind Dinge, die mich nichts angehen; wenn ich meine Leute nur dazu bringe, daß sie gehörig arbeiten, so mögen sie meinetwegen glauben, die Erde ist achteckig. Montanus . O animal brutum! Aber höre, Jacob, ob meine Braut wol schon weiß, daß ich angekommen bin? Jacob . Nein, ich glaube nicht. Montanus . So würde es wol gut sein, Du springst hinüber zum Herrn Jeronimus und meldest es ihm. Jacob . Ja, das kann geschehen; aber soll ich es nicht zuerst der Lisbeth sagen? Montanus . Lisbeth? Wer ist das? Jacob . Aber weißt Du denn nicht einmal, Bruder, daß Deine Braut Lisbeth heißt? Montanus . Und hast Du Schlingel schon wieder vergessen, was ich Dich eben geheißen habe? 305 Jacob . Und wenn Du mich noch so oft Schlingel schimpfst, so bin ich doch Dein Bruder. Montanus . Hältst Du nicht gleich den Mund, so werfe ich Dir profecto ein Buch an den Kopf! Jacob . Na das wäre noch hübscher, den Leuten die Bibel an den Kopf werfen. Montanus . Das ist keine Bibel. Jacob . Na richtig, als ob ich keine Bibel kennte; das Buch ist ja gerade groß genug für eine Bibel, ein Evangelienbuch ist es nicht und ein Katechismus auch nicht, das sehe ich wol. Aber gleich viel was es ist, seinem Bruder die Bücher an den Kopf werfen, ist immer nicht schön. Montanus . Halt' das Maul, Schlingel! Jacob . Solch ein Schlingel, wie ich bin, hilft doch wenigstens mit seiner Hände Arbeit den Eltern das Geld verdienen, das Du durchbringst. Montanus . Bist Du nicht gleich still, breche ich Dir Arme und Beine entzwei! (Wirft das Buch nach ihm.) Jacob . Au, au, au! Dritte Scene. Jeppe . Nille . Montanus . Jacob . Jeppe . Was ist denn das für ein Lärm? Jacob . Ach, mein Bruder Rasmus schlägt mich! Nille . Das hat nichts weiter zu bedeuten, er wird Dich gewiß nicht ohne Ursache schlagen. Montanus . Nein, Mutter, gewiß nicht; er kommt hier herein und brauchte seinen Mund gegen mich, als wäre ich seinesgleichen. Nille . Ei, Du verwünschter Bengel, hast Du nicht mehr Respect vor solch gelehrtem Manne? Weißt Du nicht, daß er eine Ehre ist für unser ganzes Haus? – Mein lieber Herr Sohn, Ihr müßt ihm das nicht weiter anrechnen, er ist ein einfältiger Tölpel. 306 Montanus . Ich sitze hier und speculire auf wichtige Sachen, da kommt dieser importunissimus und audacissimus juvenis herein und stört mich. Das ist kein Kinderspiel, mit diesen transcendentalibus zu thun zu haben; zwei Mark wollte ich lieber verlieren, als daß mir das hat passiren müssen. Jeppe . Ach seid doch nur nicht böse, mein theuerster Sohn, es soll gewiß nicht wieder geschehen. Wenn der Herr Sohn sich doch nur nicht geärgert haben, die gelehrten Herren vertragen nicht viel. Ich muß noch immer daran denken, wenn Küster Peter sich mal ärgerte, der konnte sich auch in drei Tagen nicht wieder erholen. Montanus . Der Küster Peter, ist der auch ein Gelehrter? Jeppe . Ei ja wol, so lange ich denken kann, haben wir noch nicht solchen Küster im Dorf gehabt mit solcher Stimme wie dieser. Montanus . Darum braucht er doch noch lange kein Gelehrter zu sein. Jeppe . Er predigt auch sehr schön. Montanus . Darum braucht er ebenfalls kein Gelehrter zu sein. Nille . Ach nicht doch, Herr Sohn, wie kann denn Einer gut predigen und doch kein Gelehrter sein? Montanus . Gewiß, Mutter! Gerade die am wenigsten gelernt haben, predigen am besten; nämlich da sie nicht im Stande sind, selbst etwas auszudenken, so schreiben sie aus andern Predigten ab und bedienen sich braver Leute Schriften, die sie zuweilen selbst nicht verstehen, während dagegen einer, der wirklich etwas gelernt hat, sich mit dergleichen nicht befaßt, sondern sich auf sein eigenes Genie verläßt. Glaubt nur, es ist ein sehr verbreiteter Uebelstand hier zu Lande, daß man die Gelehrsamkeit eines Candidaten allein danach beurtheilt, wie er predigt; disputiren sollen die Kerle, wie ich, da zeigt sich, ob einer was gelernt hat. Ich kann in gutem fließenden Latein über jede Materie disputiren, die mir vorgeschlagen wird; wünscht Einer bewiesen zu haben, daß dieser Tisch ein Leuchter, gut, ich werde es ihm beweisen; will er bewiesen haben, daß Fleisch und Brod 307 Stroh sind, ich werde es ebenfalls beweisen, wie ich schon Verschiedenes derart bewiesen habe. Hört mal zu, Vater: glaubt Ihr wol, daß es ein Glück ist, sich zu betrinken? Jeppe . Im Gegentheil, ein Unglück ist es, da man sich ja um Verstand und Vermögen trinken kann. Montanus . Nun werde ich Euch beweisen, daß es dennoch ein Glück ist. Quicunque bene bibit, bene dormit. Aber nein, es ist ja wahr, Ihr wißt ja kein Latein. Also auf Deutsch: wer gut trinkt, schläft gut; hat das seine Richtigkeit? Jeppe . Das hat seine Richtigkeit; wenn ich so einen kleinen Hieb habe, schlafe ich wie ein Pferd. Montanus . Wer schläft, sündigt nicht; ist das auch richtig? Jeppe . Ja, das ist auch richtig; so lange einer schläft, sündigt er nicht. Montanus . Wer aber nicht sündigt, der ist doch glücklich? Jeppe . Ebenfalls richtig. Montanus . Ergo – wer sich gehörig betrinkt, ist glücklich. Nun, Mütterchen, will ich aus Euch mal einen Stein machen. Nille . Ei Possen, das würde doch wol ein bischen schwer halten. Montanus . Hört nur zu. Ein Stein kann nicht fliegen – Nille . Nein, das ist richtig genug, ausgenommen man wirft ihn. Montanus . Ihr könnt nicht fliegen. Nille . Das ist auch richtig. Montanus . Ergo – ist die Frau Mutter ein Stein. Nille (weint) . Montanus . Aber weshalb weint die Frau Mutter? Nille . Ach, ich fürchte, ich werde wirklich ein Stein, die Beine fangen mir schon an ganz kalt zu werden. Montanus . Seid nur ruhig, Mutter, ich werde Euch gleich wieder zum Menschen machen. Ein Stein kann nicht denken, noch sprechen. 308 Nille . Allerdings; ob er denken kann, weiß ich freilich nicht, aber sprechen kann er nicht. Montanus . Die Frau Mutter kann sprechen – Nille . Ja, Gott sei Lob und Dank, was so eine arme Bauerfrau zu sprechen weiß. Montanus . Wohl. Ergo ist die Frau Mutter kein Stein. Nille . Ach, das war eine Wohlthat, nun komme ich doch wieder zu mir selbst. Es müssen doch meiner Seele starke Köpfe zum Studiren gehören, ich begreife nicht, wie ihr Gehirn das blos aushalten kann. Jacob, Du sollst von jetzt ab Deinem Bruder zu Hand gehen, Du hast so nichts anders zu thun; sowie aber Deine Eltern erfahren, daß Du ihm nur den mindesten Verdruß machst, so sollst Du so viel Hiebe kriegen, wie Dein Buckel nur immer vertragen kann. Montanus . Auch muß er sich das abgewöhnen, liebe Mutter, daß er Du zu mir sagt; für einen Bauerjungen schickt es sich doch nicht, einen gelehrten Mann zu duzen, ich wünsche, daß er mich in Zukunft Monsieur nennt. Jeppe . Hörst Du wol, Jacob? Wenn Du von jetzt an mit Deinem Bruder sprichst, so sagst Du Monsieur. Montanus . Und dann wünschte ich noch, daß der Küster zu heute Abend eingeladen würde, damit ich so eine kleine Probe anstellen könnte, wozu er tauglich ist. Jeppe . Ei ja, das soll geschehen. Montanus . Ich will inzwischen meine Braut besuchen. Nille . Ich fürchte, wir kriegen Regen, Jacob kann Euch den Mantel nachtragen. Montanus . Jacob. Jacob . Ja, Monsieur. Montanus . Komm und trage mir den Mantel nach, ich will einen Besuch machen. (Jacob trägt ihm den Mantel nach.) 309 Vierte Scene. Jeppe . Nille . Jeppe . Ist das nicht eine Freude, die wir an dem Sohne haben? Nille . Ja gewiß, an dem ist kein Schilling unnütz ausgegeben. Jeppe . Nun werden wir ja heute zu hören kriegen, wie es mit dem Küster bestellt ist; ich fürchte nur, er kommt nicht, wenn er hört, daß Rasmus Berg hier ist. Indessen brauchen wir es ihn ja nicht wissen zu lassen, und dann wollen wir auch den Verwalter einladen, der schlägt es uns gewiß nicht ab, dem schmeckt unser Bier. Nille . Das scheint mir doch gefährlich, Mann, den Verwalter zu Gast zu bitten, die Art Leute dürfen niemals wissen, was man eigentlich im Kasten hat. Jeppe . In Gottes Namen mag er es; weiß ja doch das ganze Dorf, daß wir vermögende Leute sind, und so lange wir unsere Abgaben und Steuern bezahlen, so lange kann der Verwalter uns kein Haar auf dem Kopfe krümmen. Nille . Aber höre, lieber Mann, sollte es wol wirklich schon zu spät sein, den Jacob noch ebenfalls studiren zu lassen? Denk' einmal, wenn er nun auch solch ein gelehrter Kerl würde wie sein Bruder, welche Freude müßte das nicht für uns alte Eltern sein! Jeppe . An dem Einen ist es gerade genug; wir müssen ja auch einen haben, der uns zur Hand geht und bei der Arbeit unterstützt. Nille . Ach, bei dieser Art Arbeit wird ja doch knapp so viel verdient, daß man sich satt essen kann; Rasmus Berg, weil er ein feiner Kopf ist und studirt hat, kann unserer Wirthschaft in einer Stunde mehr nützen, als der Andere in einem ganzen Jahre. Jeppe . Nein, Mutter, das hilft nun nichts, unsere Aecker 310 müssen einmal gepflügt, unsere Felder bestellt werden, dazu ist der Jacob uns unentbehrlich. Aber sieh, da kommt er schon wieder. Fünfte Scene. Jacob . Jeppe . Nille . Jacob . Ha ha ha ha ha ha! Ein gelehrter Mann mag mein Bruder wol sein, ein großer Tropf aber ist er bei alledem. Nille . Du ungerathener Schelm, nennst Du Deinen Bruder einen Tropf? Jacob . Ja, wie soll ich ihn denn anders nennen? Es regnet wie mit Kannen, und er läßt mich mit dem Mantel auf dem Arm hinter ihm drein gehen! Jeppe . Hättest Du nicht so höflich sein sollen und sagen: Monsieur, es regnet, will Monsieur nicht gefälligst den Mantel umnehmen? Jacob . Nein, Vater, das kommt mir doch höchst wunderlich vor, daß ich einem Menschen, dessen Eltern es sich haben so viel kosten lassen, ihn klug und geschickt zu machen, wenn er naß regnet bis auf die Haut, noch erst sagen soll: es regnet, Monsieur, will Er nicht den Mantel umnehmen? Er brauchte wahrhaftig nicht erst zu warten, bis ich ihn aufmerksam machte, der Regen machte sich bemerkbar genug. Jeppe . Gingst Du denn wirklich den ganzen Weg mit dem Mantel unterm Arm? Jacob . Nein, wahrhaftig, da würde ich mich schön hüten, ich wickelte mich selbst in den Mantel, und daher ist denn mein Anzug auch ganz trocken geblieben. Diesmal verstand ich das Ding besser, obwol meine Erziehung lange nicht so viel Geld gekostet hat; ich kenne zwar nicht einen lateinischen Buchstaben, aber das begriff ich doch auf der Stelle. Jeppe . Dein Bruder ist in Gedanken gewesen, wie es gelehrten Leuten zu geschehen pflegt. Jacob . Ha ha! Na dann hol' der Henker solche Gelehrsamkeit. 311 Jeppe . Gleich sei still, Schlingel, oder ich stopfe Dir das Maul! Was hat denn das wol auf sich, wenn Dein Bruder auch zuweilen in Gedanken ist, da er doch übrigens so viele Früchte seiner Weisheit und seiner Studien an den Tag legt? Jacob . Früchte seiner Studien? Hört nur weiter, was sich auf unserer Reise begab. Als wir an Jeronimus' Hofthor kamen, ging er geradewegs auf den Hofhund los, und der wäre denn auch gleich auf seine gelehrten Beine loscalfactert, hätte ich ihn nicht rasch auf die andere Seite herübergezogen; denn vor den Hofhunden gilt kein Ansehen der Person, die scheren alle, die sie nicht kennen, über einen Kamm, und beißen in alle Beine, die sie zu packen kriegen, mögen das nun lateinische oder griechische Beine sein. Wie wir nun im Hofe waren, ging Monsör Rasmus Berg in seinen tiefen Gedanken in den Stall und rief: Heda, ist Herr Jeronimus zu Hause? Aber die Kühe wiesen ihm den Hintern und blieben sämmtlich stumm; hätten sie sprechen können, ich schwöre darauf, sie hätten gesagt: Was ist der Kerl auch für ein verfluchter Schafskopf! Nille . Aber, lieber Mann, darf er wol den Mund so aufreißen? Jeppe . Dich soll die Schwerenoth, Jacob, wenn Du nicht gleich das Maul hältst! Jacob . Ei, Vater, Ihr solltet mir vielmehr danken, daß ich ihn aus der Verlegenheit zog und vom Stall glücklich in die Stube brachte. Denkt nur, Vater, was daraus werden sollte, wenn so ein Kerl allein eine weite Reise zu machen hätte; wäre ich nicht dabei gewesen, ich wette, er stände noch in dem Stall und guckte vor lauter Gelehrsamkeit den Kühen in den Hintern. Jeppe . Ei, so soll doch das Donnerwetter auf Deinen frechen Mund schlagen! (Jacob läuft fort, Jeppe hinter ihm drein.) Nille . Was das für ein verwünschter Schelm ist! Jetzt aber will ich nach dem Verwalter und dem Küster schicken, damit, wenn mein Sohn zurückkommt, er jemand hat, mit dem er disputiren kann. 312 Dritter Akt. Erste Scene. Nille . Montanus . Jeppe . Nille . Mein Sohn Montanus bleibt ziemlich lange aus, ich wollte, er käme, ehe der Verwalter wieder weggeht. Denn der hat großes Verlangen, ihn zu sprechen, und möchte ihn gern so nach diesem und jenem fragen, was – aber da sehe ich ihn kommen. Guten Tag, mein lieber Sohn, der gute Jeronimus hat sich gewiß nicht wenig gefreut, den Herrn Sohn nach so langer Abwesenheit gesund und munter wiederzusehen? Montanus . Ich habe weder Jeronimus, noch seine Tochter gesprochen von wegen des Lumps, mit dem ich in Disput gerieth. Nille . Wer war das? War es vielleicht gar der Schulmeister? Montanus . Nein, es war ein Fremder, der hier zufällig durchreiste. Ich kenne ihn ganz gut, obschon ich in Kopenhagen in keinem Verkehr weiter mit ihm gestanden. Ich muß mich jedesmal ärgern über diese Menschen, die sich einbilden, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gegessen, und doch in Wahrheit die reinen Idioten sind. Ich will Euch die Sache erzählen, Mutter. Der Lump ist ein paarmal ordinarius opponens gewesen, das sind seine ganzen merita. Aber wie versah er seine partes?`misere et haesitanter, absque methodo. Als der Praeses einmal inter rem et modum rei distinguirte, fragte er: quid hoc est? Ja, Du Schlingel, das solltest Du gelernt haben, antequam in arenam descendis. Quid est hoc? Quae bruta! Ein Kerl, 313 der nichts von den Distinctiones cardinales weiß, und will publice disputiren! Nille . Ei, der Herr Sohn muß sich das nicht so sehr zu Herzen nehmen, ich höre ja schon aus seiner Beschreibung, daß der Kerl ein Narr ist. Montanus . Ein Ignorant! Nille . Versteht sich. Montanus . Ein Idiot! Nille . Das sieht Jeder. Montanus . Et quidem plane hospes in philosophia. Da hat er's, und nun mag der Hund sehen, wie er sich rein waschen will! Nille . Hat er sich denn vor all den Leuten vollgemacht? Na, das ist aber doch wirklich ein Schwein. Montanus . Nein, Mutter, er hat noch weit Schlimmeres gethan, er hat öffentlich materia cum forma confundirt. Nille . Ei, so soll ihn doch die Schwerenoth! Montanus . Und so ein Kerl bildet sich ein, disputiren zu können? Nille . Ja, den Henker mag er können! Montanus . Gar nicht zu sprechen von dem Fehler, den er gleich in seinem prooemio machte, indem er sagte: Lectissimi et doctissimi auditores! Nille . Was das für ein Schafskopf sein muß! Montanus . Setzt mir lectissimus vor doctissimus, da doch lectissimus ein Prädicat ist, das man auch einem deposituro geben kann! Jeppe . Aber hat der Herr Sohn mit Jeronimus denn gar nicht gesprochen? Montanus . Nein, eben wie ich eintreten wollte, sah ich den Kerl vorbeigehen, und weil wir einander kennen, ging ich, ihm guten Tag zu sagen, wobei wir denn gleich in allerhand gelehrte Gespräche und zuletzt ins Disputiren kamen, so daß ich meinen Besuch auf ein ander Mal verschieben mußte. Jeppe . Ich fürchte nur, Monsieur Jeronimus wird böse 314 werden, wenn er hört, daß der Herr Sohn dagewesen, aber wieder fortgegangen, ohne ihn zu sprechen. Montanus . Ja, das kann nun nicht helfen, wer die Philosophie angreift, greift meine Ehre an. Ich bin Mademoiselle Lisbeth gewiß sehr gut, aber meine Metaphysica, meine Logica sind mir doch noch lieber. Nille . Ach, bester Sohn, was hör' ich da? Hast Du Dich mit zwei andern Mädchen in Kopenhagen versprochen? Na das wird einen schönen Scandal vor dem Consistorium geben! Montanus . Ihr versteht mich falsch, das ist nicht so gemeint; nicht von Mädchen spreche ich, sondern von zwei Wissenschaften, die so heißen. Nille . Ja, das ist was anders. Aber hier kommt der Verwalter, nun seid nur nicht mehr böse. Montanus . Der kann mich nicht böse machen, das ist ein einfältiger unstudirter Mann, mit dem lasse ich mich in gar kein Disputiren ein. Zweite Scene. Jeppe . Nille . Montanus . Jesper . Jesper . Serviteur, Monsieur, willkommen zu Hause! Montanus . Danke bestens, Herr Verwalter. Jesper . Es freut mich, daß wir jetzt solchen gelehrten Mann im Dorfe haben; das hat wol einiges Kopfbrechen gekostet, bevor Er es so weit gebracht? – Nehmt meinen Glückwunsch, Jeppe Berg, zu Eurem Sohne, das ist eine Freude für Euch in Euren alten Tagen. Jeppe . Ja, gewiß. Jesper . Aber hör' Er, mein lieber Monsieur Rasmus, ich möchte Ihn wol mal wonach fragen. Montanus . Ich heiße Montanus. Jesper (leise zu Jeppe) . Montanus, das ist wol das Lateinische von Rasmus? Jeppe . Ja, es wird wol so was sein. Jesper . Na, dann hör' Er mal, mein lieber Montanus 315 Berg, da habe ich mir allerhand seltsames Zeug erzählen lassen, was die Gelehrten alles glauben sollen. Ist das wirklich wahr, daß es in Kopenhagen Menschen giebt, die die Erde für rund halten? Hier bei uns glaubt es kein Mensch, und wie könnte die Erde auch rund sein, da man ja doch deutlich sieht, daß sie flach ist? Montanus . Das rührt nur daher, weil die Erde so groß ist, daß man ihre Rundheit nicht merkt. Jesper . Ja, allerdings, groß ist die Erde, sie macht ja beinahe die Hälfte der Welt aus. Aber nun sag' Er mal, Monsieur, wie viel Sterne gehören wol dazu, um einen Mond zu machen? Montanus . Einen Mond? Der Mond verhält sich zu den Sternen wie der Dorfteich zum Meere. Jesper . Ha ha ha ha, die Gelehrten sind doch alle zusammen nicht richtig im Kopfe! Da hab' ich neulich, weiß Gott, Einen gehört, der behauptete, die Erde drehte sich und die Sonne stände still; Monsieur glaubt das wol am Ende auch? Montanus . Kein verständiger Mensch hegt mehr den mindesten Zweifel. Jesper . Ha ha ha! Wenn die Erde sich bewegte, so müßten wir ja alle zusammen umfallen und den Hals brechen? Montanus . Bewegt sich ein Schiff, auf dem Ihr seid, nicht etwa auch, ohne daß Ihr den Hals brecht? Jesper . Ja, aber die Erde, behaupten sie ja, dreht sich im Kreise; wenn das Schiff sich rund um drehte, würde die Mannschaft da nicht ins Wasser fallen? Montanus . Nein, ich will Euch das deutlich machen, wenn Ihr nur Geduld habt zuzuhören. Jesper . Keine Silbe will ich mehr davon hören, ich müßte ja doch wahrhaftig verrückt sein, wenn ich so was glauben wollte. Die Erde sollte sich umdrehen und wir sollten nicht zum Teufel kopfüber in den Abgrund fahren? Ha ha ha! – Aber, mein lieber Monsieur Berg, nun erklär' Er mir mal das: warum ist der Mond wol mitunter so klein und dann wieder ein ander Mal ganz groß? 316 Montanus . Wenn ich es Euch auch sagen wollte, Ihr würdet es doch nicht glauben. Jesper . Ach nein, seid so gut und sagt es mir. Montanus . Das kommt daher: wenn der Mond zu groß ist, wird er beschnitten und aus den Stücken werden dann Sterne gemacht. Jesper . Das ist doch wahrhaftig merkwürdig, das hab' ich wahrhaftig noch nicht gewußt. Aber allerdings, wenn man ihn nicht beschnitte, so würde er ja immer wachsen und zuletzt würde er so groß, daß man ganz Seeland damit bedecken könnte. Die Natur hat doch alles außerordentlich weise eingerichtet. Aber woher mag das wol kommen, daß der Mond nicht so gut wärmt wie die Sonne, da er doch ebenso groß ist? Montanus . Das kommt daher, weil der Mond an sich ohne Licht ist, aus demselben dunklen Stoffe wie die Erde, und sein Licht und seinen Glanz blos von der Sonne borgt. Jesper . Ha ha ha ha ha ha! Nun wollen wir doch lieber von was anderem sprechen, das ist zu verrücktes Zeug, man wird davon rein katholisch im Kopfe. Dritte Scene. Jeppe . Nille . Montanus . Jesper . Küster Peter . Jeppe . Guten Tag, Peter; wo hübsche Leute sind, kommen hübsche Leute dazu. Da seht meinen Sohn, der eben angekommen ist. Peter . Willkommen zu Hause, Monsieur Rasmus Berg. Montanus . In Kopenhagen pflegte ich Montanus zu heißen; ich darf wol bitten, daß Ihr mich ebenso nennt. Peter . Ja, versteht sich, darauf soll es mir nicht ankommen. Aber wie sieht es in Kopenhagen aus? Deponiren dies Jahr viele? Montanus . Nicht mehr als gewöhnlich. Peter . Sind auch welche relegirt worden? Montanus . So etwa zwei bis drei conditionaliter. Peter . Wer ist dies Jahr Imprimatur? Montanus . Was soll das heißen? Peter . Na, ich meine, wer Imprimatur ist zu den Gedichten und Büchern, die gedruckt werden. Montanus . Soll das lateinisch sein? Peter . Ja, zu meiner Zeit war es richtiges Latein. Montanus . Wäre es damals richtiges Latein gewesen, müßte es noch jetzt welches sein; allein in dem Sinne, wie Ihr das gebraucht, ist es niemals Latein gewesen. Peter . Ja, meiner Seele, es ist richtiges Latein! Montanus . Soll es denn ein nomen sein oder ein verbum? Peter . Das ist ein nomen. Jesper . So ist's recht, Peter, diene ihm nur gehörig! Montanus . Cujus declinationis soll denn das Imprimatur sein? Peter . Alle Wörter, die man aussprechen kann, sind achterlei, als da sind: nomen, pronomen, verbum, principium, conjugatio, declinatio, interjectio. Jesper . Ja, ja, nun seh' nur einer den Peter, wenn der sich den Säbel anschnallt! Aber so ist's recht, setz' ihm nur gehörig zu! Montanus . Er antwortet ja aber gar nicht auf meine Frage. Wie hat denn Imprimatur im Genitiv? Peter . Nominativus ala, Genitivus alae, Dativus alo, Vocativus alo, Ablativus ala. Jesper . Ja, ja, Monsieur Montanus, hier wohnen auch noch Leute hinter dem Berge. Peter . Das wollt' ich meinen, das waren auch noch ganz andere Kerle, die zu meiner Zeit deponirten, als jetzt; das waren Kerle, die ließen sich zweimal die Woche den Bart abnehmen und alle möglichen Verse konnten sie scandiren. Montanus . Das ist was Großes, allerdings, das können sie jetzt schon in der zweiten Klasse vom Gymnasium. In Kopenhagen aber deponiren jetzt Kerle, die können ihren hebräischen und chaldäischen Vers machen. 318 Peter . Na, mit dem Latein wird es dann vermuthlich nicht weit her sein? Montanus . Latein? Wenn Ihr jetzt aufs Gymnasium kämt, Ihr kämt noch nicht nach Sexta! Jesper . Das sag' Er denn doch nicht, Montanus, der Küster ist, weiß Gott, ein Mann, der was gelernt hat; das habe ich sowol von dem Oberinspector wie von dem Amtmann gehört. Montanus . Vermuthlich verstehen die beiden ebenso wenig Latein wie er. Jesper . Ich höre aber doch, daß er sich gehörig zu verantworten weiß. Montanus . Er antwortet ja gar nicht auf das, was ich ihn frage. E qua schola dimissus es, mi domine? Peter . Adjectivum et Substantivum genere, numero et caseo conveniunt. Jesper . Er giebt's ihm gehörig, meiner Seele. So recht, Peter, dafür wollen wir auch nachher eins zusammen trinken! Montanus . Wenn der Herr Verwalter verstände, was er antwortet, er müßte sich krank lachen; ich frage ihn, in welcher Schule er deponirt hat, und er antwortet mir lauter dummes Zeug. Peter . Tunc tua res agitur, paries cum proximus ardet. Jesper . Ja ja, das hat er weg, nun seht zu, wie Ihr Euch darauf verantwortet! Montanus . Gar nichts kann ich darauf antworten, weil es der reine Blödsinn ist. Laßt uns auf Dänisch mit einander reden, das verstehen die Andern auch, und da werden sie gleich hören, was das für ein Kerl ist. (Nille fängt an zu weinen.) Jesper . Warum weint Ihr, Gevatterin? Nille . Ich bin so betrübt darüber, daß mein Sohn im Lateinischen so abgeführt wird. Jesper . Je nun, Gevatterin, das ist ja natürlich, Peter ist ja auch so viel älter als er, das ist ja natürlich. Nun aber laßt sie nur Dänisch sprechen, das verstehen wir alle. 319 Peter . Meinetwegen, ich bin zu allem parat, wir wollen einander Fragen vorlegen. Als zum Exempel: wer schrie so laut, daß alle Welt ihn hörte? Montanus . Ich weiß keinen, der stärker schreit, als ein Esel und ein Dorfküster. Peter . Ei Possen, können die auch von aller Welt gehört werden? Der Esel in der Arche Noah war es, weil nämlich alle Welt damals in der Arche war. Jesper . Ha ha ha, das ist wahrhaftig richtig, ha ha ha! Ja, das ist ein Schlaukopf, der Küster Peter. Peter . Wer hat den vierten Theil der Menschheit erschlagen? Montanus . Ei was, auf solche thörichten Fragen antworte ich gar nicht. Peter . Das hat Kain gethan, als er seinen Bruder Abel erschlug. Montanus . Beweist erst, daß damals blos vier Menschen auf Erden waren. Peter . Beweist, daß mehr waren. Montanus . Das brauche ich nicht, affirmanti incumbit probatio, versteht Ihr das? Peter . Ja gewiß, omnia conando docilis solertia vincit; versteht Ihr das? Montanus . Ich bin nicht gescheidt, daß ich hier stehe und mit solchem Schafskopf disputire; Ihr wollt disputiren und wißt weder Latein noch Dänisch, noch viel weniger, was logica ist. Laßt doch mal hören: Quid est logica? Peter . Post molestam senectutem, post molestam senectutem nos habebat humus. Montanus . Willst Du Schlingel mich zum Narren halten? (Kriegt ihn bei den Haaren, sie prügeln sich.) Peter (läuft weg und ruft:) Schafskopf! Schafskopf! (Alle ab, ausgenommen der Verwalter.) 320 Vierte Scene. Jesper . Jeronimus . Jeronimus . Sein Diener, Herr Verwalter, treffe ich Ihn hier? Ich komme, meinem künftigen Schwiegersohne Rasmus Berg meinen Besuch zu machen. Jesper . Er wird gleich hier sein. Aber schade, daß Ihr nicht eine halbe Stunde früher gekommen seid, da hättet Ihr hören können, wie er und der Küster mit einander disputirten. Jeronimus . Und wie lief die Sache ab? Jesper . Der Küster ist ein verfluchter Kerl, der ist schlimmer, als ich dachte; er hat nichts vergessen, weder von seinem Latein, noch von seinem Ebräisch. Jeronimus . Das glaube ich auch, nämlich weil er nie etwas gewußt hat. Jesper . Sagt das nicht, Monsieur Jeronimus, er führt doch ein verfluchtes Maulwerk; es ist eine wahre Lust, den Kerl lateinisch sprechen zu hören. Jeronimus . Das ist mehr, als ich ihm zugetraut hatte. Aber wie sieht denn mein Schwiegersohn aus? Jesper . Verflucht gelehrt sieht er aus, Ihr werdet Mühe haben, ihn wieder zu erkennen. Auch hat er sich einen andern Namen zugelegt. Jeronimus . Einen andern Namen? Wie heißt er denn jetzt? Jesper . Er nennt sich Montanus, das ist das Lateinische von Rasmus. Jeronimus . Ei pfui, das ist nicht schön. Ich habe allerhand Leute gekannt, die ebenso ihren christlichen Namen veränderten, doch hat es mit keinem von ihnen ein gutes Ende genommen. Einen kannte ich vor ein paar Jahren, der war Peter getauft, und wie er nun ein bischen in die Höhe gekommen war, da änderte er die Firma und nannte sich Peiter. Aber der Peiter kam ihm theuer zu stehen, er brach ein Bein und starb im tiefsten Elend. Der liebe Gott will so was nicht, Herr Verwalter. 321 Jesper . Mit dem Namen möchte das noch sein; aber nur, daß er so absonderliche Religionsansichten hat, das will mir nicht gefallen. Jeronimus . Was hat er denn für Ansichten? Jesper . Ei, das ist was Schauderhaftes, die Haare stehen mir noch zu Berge, sowie ich nur daran denke. Alles, was er zu hören gab, habe ich natürlich nicht behalten, aber das weiß ich noch, daß er unter andern behauptete, die Erde wäre rund. Wie soll man das nun nennen, Monsieur Jeronimus? Das heißt doch offenbar, die Religion mit Füßen treten und die Menschen von ihrem Glauben abwendig machen? Ein Heide kann es ja nicht ärger treiben. Jeronimus . Er wird das wol nur im Spaß gesagt haben. Jesper . Für einen Spaß ist es denn doch zu grob. Aber hier kommt er selbst. Fünfte Scene. Montanus . Jeronimus . Jesper . Montanus . Willkommen, mein theurer Schwiegervater, ich freue mich, Ihn bei guter Gesundheit zu sehen. Jeronimus . Mit der Gesundheit ist es in meinen Jahren nicht mehr weit her. Montanus . Aber Ihr seht doch trefflich aus. Jeronimus . Meint Ihr? Montanus . Wie geht es Jungfer Lisbeth? Jeronimus . So ziemlich. Montanus . Aber was heißt das, mein theurer Schwiegervater? Ihr antwortet ja so ablehnend? Jeronimus . Als ob ich keine Gründe dazu hätte! Montanus . Was habe ich denn aber Böses gethan? Jeronimus . Wie ich höre, habt Ihr solche eigenthümlichen Ansichten, die Leute müssen ja denken, Ihr seid verrückt oder katholisch im Kopfe. Oder wie kann nur ein vernünftiger Mensch auf die Tollheit verfallen und behaupten, die Erde sei rund? 322 Montanus . Ja, profecto ist sie rund; was wahr ist, muß ich doch sagen. Jeronimus . Das mag den Teufel wahr sein; dergleichen kommt von niemand anders als vom Teufel, als dem Vater der Lüge. Im ganzen Dorf hier, das weiß ich sicher, ist auch nicht Ein Mensch, der diese Ansicht theilt; fragt nur den Verwalter, der doch auch ein verständiger Mann ist, ob er nicht ganz derselben Ansicht ist wie ich. Jesper . Mir kann es allerdings zuletzt egal sein, ob sie flach ist oder rund; aber meinen Augen muß ich ja doch trauen, und die zeigen mir, daß die Erde flach ist, wie ein Eierkuchen. Montanus . Mir kann es ebenfalls egal sein, was der Herr Verwalter und die Uebrigen im Dorfe darüber denken, aber das weiß ich, daß die Erde rund ist. Jeronimus . Sie mag den Teufel rund sein! Ihr seid verrückt, glaub' ich; Ihr habt ja doch Augen im Kopfe, wie andere Menschen! Montanus . Aber das ist ja doch eine bekannte Thatsache, mein theuerster Schwiegervater, daß gerade unter uns Menschen wohnen, die ihre Füße gegen die unsern kehren. Jesper . Ha ha ha! Hi hi hi! Ha ha ha! Jeronimus . Ja, der Herr Verwalter hat wol Grund zu lachen, dem ist wirklich eine Schraube im Kopfe losgegangen. Macht nur mal den Versuch, geht hier unter dem Dach mit dem Kopfe nach unten und seht zu, wie das ablaufen wird! Montanus . Das ist ja ganz was anders, das – Jeronimus . Ich mag gar nicht mehr Euer Schwiegervater sein, dazu habe ich meine Tochter viel zu lieb, um sie auf die Art wegzuwerfen. Montanus . Ich liebe Eure Tochter wie mein eignes Leben, ohne Zweifel: aber daß ich um ihretwillen der Philosophie entsagen und meinen gesunden Menschenverstand zum Hause hinausjagen sollte, das ist mehr, als Ihr verlangen könnt. Jeronimus . Ah so, Ihr habt noch eine Liebschaft, merk' ich. Na, so behaltet denn Eure Lucie oder Sophie, aufzwingen will ich Euch meine Tochter wahrhaftig nicht. 323 Montanus . Ihr mißversteht mich, ich spreche von der Philosophie, das ist eine Wissenschaft, die mir die Augen geöffnet hat, sowol in diesem als in andern Stücken. Jeronimus . Vielmehr blind gemacht hat sie Euch, an den Augen sowol als am Verstande. Wie wollt Ihr nur das alles beweisen, was Ihr da zusammengeschwatzt habt? Montanus . Es braucht keinen Beweis, alle Gelehrten sind darüber einig. Jesper . Der Küster wird Euch das meiner Seele nicht zugeben. Montanus . Ach ja, der Küster, das ist auch der Rechte! Ich bin wirklich ein Thor, daß ich hier noch lange stehe und mit Euch über Philosophie streite. Um indeß Monsieur Jeronimus den Willen zu thun, will ich doch ein Paar Beweise anführen. Nämlich erstens von Reisenden, welche, wenn sie ein paar tausend Meilen zurückgelegt, Tag haben, wenn bei uns Nacht ist, und einen andern Himmel mit andern Sternen erblicken. Jeronimus . Seid Ihr denn ganz verrückt? Giebt es denn auch mehr als einen Himmel und eine Erde? Jesper . Ei ja, Monsieur Jeronimus, es giebt zwölf Himmel, einen immer höher als den andern, bis man zuletzt an den Krystallhimmel kommt; insoweit muß ich Ihm Recht geben. Montanus . Ach, quantae tenebrae! Jeronimus . Ich bin doch, wie ich jung war, wol sechzehnmal auf dem Kieler Umschlag Der Kieler Umschlag (Kieler Messe) ist noch jetzt berühmt. Für einen Inseldänen war übrigens eine Reise nach Kiel damals schon ein ansehnliches Unternehmen, und so will Jeronimus sich mit dieser Anführung als gereister Mann erweisen, dem über dergleichen Dinge wol ein Urtheil zusteht. A.d.Ü. gewesen, aber wenn ich da einen andern Himmel gesehen habe, als wir hier haben, so will ich wahrhaftig kein ehrlicher Mann sein. Montanus . Ihr müßt aber auch sechzehnmal weiter reisen, domine Jeronime, bevor Euch der Unterschied bemerkbar wird, indem nämlich – Jeronimus . Geht mir ab mit den Faxen, damit ist es nichts; laßt uns lieber Euren zweiten Beweis hören. Montanus . Der zweite Beweis wird hergenommen von der Sonnen- und Mondfinsterniß. Jesper . Nein, nun höre ein Mensch, nun wird er ganz und gar verrückt! 324 Montanus . Was glaubt Ihr wol, daß es mit diesen Finsternissen für eine Bewandniß hat? Jesper . Diese Mond- und Sonnenfinsternisse sind ein zuverlässiges Zeichen, daß sich auf Erden irgend ein großes Unglück ereignen wird, das kann ich aus eigener Erfahrung beweisen; denn wie meine Frau vor drei Jahren zu früh niederkam und wie meine Tochter Gertrud starb, da war beide Male vorher eine Finsterniß gewesen. Montanus . Möchte man über solchen Unsinn nicht toll werden! Jeronimus . Der Verwalter hat ganz recht, solche Finsternisse haben allemal etwas zu bedeuten. Wie die letzte Finsterniß war, da schien es allerdings, als ob alles gut bleiben sollte, aber lange dauerte es auch nicht; denn vierzehn Tage darauf kam aus Kopenhagen die Nachricht, daß sechs Candidaten auf einmal durch das Examen gefallen waren, alle von guter Herkunft, darunter sogar zwei Superintendentensöhne. Hört man nach solcher Finsterniß an einem Orte nichts Schlimmes, so hört man es doch gewiß am andern. Montanus . Das hat allerdings seine Richtigkeit, da natürlich kein Tag vorbeigeht, an dem nicht irgend ein Unglück passirte. Indessen was die sechs Candidaten anbetrifft, so haben die wol keinen Grund, sich über die Finsterniß zu beklagen; hätten sie mehr gelernt, würden sie gewiß nicht durchgefallen sein. Jeronimus . Was denkt Ihr denn nun aber, daß eine Mondfinsterniß ist? Montanus . Das ist nichts weiter als der Schatten der Erde, welcher den Mond seines Scheins beraubt, und da nun dieser Schatten rund ist, so beweist das, daß die Erde ebenfalls rund ist. Das hängt alles durch eine ganz natürliche Ordnung zusammen. Man kann die Sonnen- und Mondfinsternisse sogar berechnen, und darum ist es Thorheit, zu sagen, daß so etwas ein Unglück bedeutet. Jeronimus . Ach, Herr Verwalter, mir wird übel. Eure Eltern haben Euch zur bösen Stunde studiren lassen. Jesper . In der That, es fehlt nicht viel, so wird er noch 325 ein Atheist. Ich muß ihm nur den Küster auf den Hals schicken; das ist der Mann dazu, der weiß mit Nachdruck zu sprechen, der wird Euch schon überführen, lateinisch oder griechisch, wie Ihr wollt, daß die Erde, Gott sei Lob und Dank, flach wie meine Hand ist. Aber da kommt Madame Jeronimus mit ihrer Tochter. Sechste Scene. Magdelone . Lisbeth . Jeronimus . Montanus . Jesper . Magdelone . Ach, mein lieber Schwiegersohn, wie freut es mich, daß Ihr frisch und gesund nach Hause zurückgekommen seid! Lisbeth . Ach, mein Schatz, laß Dich umarmen! Jeronimus . Sachte, sachte, mein Kind, nicht so hitzig! Lisbeth . Darf ich denn nicht meinen Bräutigam umarmen, den ich seit Jahren nicht gesehen habe? Jeronimus . Bleib' ihm vom Leibe, sag' ich Dir, oder es setzt Hiebe! Lisbeth (weinend) . Aber wir sind ja doch öffentlich mit einander verlobt! Jeronimus . Allerdings, aber das Ding hat noch einen Haken gekriegt. (Lisbeth weint.) Siehst Du, mein Kind, als er sich mit Dir versprach, war er noch ein guter Mensch und honneter Christ, jetzt aber ist er ein Ketzer und Schwärmer, einer, für den ich lieber will öffentlich beten lassen, als ihn zu meinem Schwiegersohne haben. Lisbeth . Wenn es weiter nichts ist, mein theuerster Vater, damit wollen wir schon noch in Ordnung kommen. Jeronimus . Bleib' ihm vom Leibe, sag' ich! Magdelone . Was heißt dies alles nur, Herr Verwalter? Jesper . Nicht viel Gescheidtes; er steckt das Dorf mit falschen Lehren an, behauptet, die Erde sei rund und mehr dergleichen, daß ich mich schäme, es nachzusagen. Jeronimus . Aber sind die armen braven Eltern nicht zu beklagen, die so viel Geld an ihn gewandt haben? 326 Magdelone . Ei, wenn es weiter nichts ist! Hat er unsere Tochter wirklich lieb, so wird er bald genug anderen Sinnes werden und wird zugeben, daß die Erde flach ist, schon ihr zu Liebe. Lisbeth . Ach, mein Schatz, mir zu Liebe sag' doch nur, daß sie flach ist! Montanus . So lange ich den unverkümmerten Gebrauch meiner Vernunft habe, kann ich Euch in diesem Punkte nicht dienen; ich kann der Erde doch keine andere Gestalt geben, als sie von Natur hat. Gern will ich Euch zu Liebe alles thun, was mir irgend möglich ist, nur in diesem Punkt vermag ich Euch nicht zu dienen. Wenn meine Collegen das hörten, daß ich so etwas statuirt hätte, sie müßten mich ja für einen Dummkopf halten und mich verachten. Ueberdies geben wir Gelehrten auch niemals eine Meinung auf, sondern was wir einmal gesagt haben, das vertheidigen wir auch bis zum letzten Tropfen Tinte. Magdelone . Ei, lieber Mann, so wichtig kommt mir das doch nicht vor, um die Partie deshalb rückgängig zu machen. Jeronimus . Und ich würde deshalb auf Scheidung antragen, wenn sie schon verheirathet wären. Magdelone . Ich habe in der Sache wahrhaftig auch ein Wort mitzureden; ist sie Eure Tochter, so ist sie ebenso gut auch meine. Lisbeth (weinend) . Ach, Schatz, sag' doch nur, daß sie flach ist. Montanus . Ich kann profecto nicht. Jeronimus . Höre, Frau, vergiß nicht, daß ich Herr im Hause und daß ich ihr Vater bin. Magdelone . Vergiß Du nur ebenfalls nicht, daß ich Frau im Hause und daß ich ihre Mutter bin. Jeronimus . Aber Vater, meine ich, ist doch allemal mehr als Mutter. Magdelone . Und ich meine gerade umgekehrt: denn daß ich ihre Mutter bin, das ist gewiß, ob Ihr aber – na ich will nur lieber still sein, ich könnte hitzig werden. 327 Lisbeth . Ach, mein Schatz, könnt Ihr denn nur nicht um meinetwillen sagen, daß sie flach ist? Montanus . Ich kann nicht, mein Püppchen, nam contra natarem est. Jeronimus . Sag' mal, Frau, was hast Du damit eigentlich sagen wollen? Bin ich nicht ebenso gut ihr Vater, wie Du ihre Mutter bist? Höre, Lisbeth, bin ich nicht Dein Vater? Lisbeth . Ich glaube ja, denn die Mutter sagt es; ich glaube, daß Ihr mein Vater seid, aber daß sie meine Mutter ist, das weiß ich. Jeronimus . Aber was sagt Ihr nun dazu, Herr Verwalter? Jesper . So ganz unrecht kann ich der Mamsell nicht geben; denn – Jeronimus . Genug davon, laßt uns gehen. Ihr aber, mein guter Rasmus Berg, verlaßt Euch darauf, daß, so lange Ihr bei Euren Irrlehren verharrt, meine Tochter niemals die Eure wird. Lisbeth (weinend) . Ach, Schatz, sag' doch, daß sie flach ist! Jeronimus . Marsch fort mit Dir! (Die Fremden entfernen sich.) 328 Vierter Akt. Erste Scene. Montanus allein. Montanus . Da bin ich nun eine volle Stunde von meinen Schwiegereltern geplagt worden; mit Seufzern und Thränen beschwören sie mich, von meiner Meinung abzustehen. Aber da kennen sie Erasmum Montanum schlecht: und könnte ich dafür Kaiser werden, so widerrufe ich doch nicht, was ich einmal gesagt habe. Ich liebe Mamsell Elisabeth, ganz gewiß, aber um ihretwillen die Philosophie Preis geben und widerrufen, was ich einmal öffentlich affirmirt habe, nein, das thue ich nicht! Auch hoffe ich noch immer, daß die Sache sich in Güte beilegt und daß ich meine Braut kriegen werde, ohne an meiner gelehrten Reputation einzubüßen; sowie ich nur Gelegenheit habe, mit Jeronimus zu sprechen, will ich ihm seinen Irrthum so deutlich darthun, daß er selbst sich für besiegt erklären soll. – Aber da kommen ja der Küster und der Verwalter von meinen Eltern heraus. Zweite Scene. Jesper . Peter . Montanus . Jesper . Wir haben heute um Euretwillen ein schweres Stück Arbeit gehabt, mein werther Monsieur Montanus. Montanus . Worin bestand es? Jesper . Wir sind den ganzen Tag umhergelaufen zwischen Euren Eltern und Schwiegereltern, um Frieden zu stiften. 329 Montanus . Nun, was habt Ihr ausgerichtet? Will mein Schwiegervater sich zur Ruhe geben? Jesper . Sein letztes Wort war: in unserer Familie ist noch nie eine Spur von Ketzerei gewesen; grüße Rasmus Berg – ich bediene mich seiner eigenen Worte, er sagte wirklich nicht mal Montanus Berg – grüße Rasmus Berg von mir, sagte er, und sag' ihm, ich und meine Frau wären ein Paar schlichte und gottesfürchtige Menschen, die ihrer Tochter lieber den Hals umdrehten, als daß sie sie einem Manne gäben, der die Erde für rund erklärt und damit falsche Lehrsätze im Orte verbreitet. Peter . Allerdings haben wir hier im Orte jederzeit auf reinen Glauben gehalten, und Monsieur Jeronimus thut daher ganz recht daran, daß er diese Schwägerschaft rückgängig macht. Montanus . Nun, Ihr lieben Leute, grüßt den Monsieur Jeronimus von mir ebenfalls und sagt ihm, er thäte eine große Sünde daran, daß er mich zwingen wollte, zu widerrufen, was ich einmal gesagt habe; das wäre vollständig wider leges scholasticas und consuetudines laudabiles. Peter . Ei, Dominus, wollt Ihr wirklich um eines so geringfügigen Gegenstandes willen solche hübsche Braut aufgeben? Alle Welt würde es Euch verdenken! Montanus . Der große Haufe, vulgus, wird mich deshalb tadeln, meine Commilitones dagegen, meine Kameraden werden mich um meiner Beständigkeit willen zu den Wolken erheben. Peter . Haltet Ihr es denn für eine Sünde, zu sagen, die Erde ist flach oder platt? Montanus . Nein, für eine Sünde nicht, wol aber wäre es Schimpf und Schande für mich, als einen Baccalaureus Philosophiae zu widerrufen, was ich einmal publice affirmirt habe oder überhaupt irgend etwas zu thun, was unserm Orden unanständig; es ist meine Pflicht, darauf zu sehen, ne quid detrimenti patiatur respublica Philosophiae. Peter . Aber wenn Euch nun bewiesen wird, daß Ihr im Irrthum seid, haltet Ihr es da auch für eine Sünde, den Irrthum zu widerrufen? Montanus . Beweist mir den Irrthum erst, und zwar methodice! 330 Peter . Das fällt mir nicht schwer. Hier im Dorfe sind so viel brave Leute, erstlich Euer Schwiegervater, der sich allein durch seine Feder so in die Höhe gebracht hat; demnächst meine geringe Person, der ich hier seit vollen vierzehn Jahren Küster bin; dann dieser Biedermann hier, der Verwalter; desgleichen der Kirchenvorsteher nebst zahlreichen anderen braven und angesessenen Männern, die ihre Steuern und Abgaben pünktlich zahlen, in guten wie in schlimmen Zeiten. Montanus . Das wird ein verflucht weitläufiger Syllogismus; wo will all das Geschwätz hinaus? Peter . Nun kommen wir gleich zur Sache. Fragt nun einmal die Reihe herum bei allen diesen braven Männern, und seht zu, ob ein Einziger von ihnen Euch darin beistimmen wird, daß die Erde rund ist; vier Augen sehen ja doch immer mehr als zwei und ergo habt Ihr Unrecht. Montanus . Laßt meinetwegen das ganze Dorf zusammenkommen und mir opponiren, ich werde ihnen schon den Mund zu stopfen wissen. Solch Gesindel hat gar keine eigenen Ansichten, das muß glauben, was ich und andere gelehrte Leute ihm sagen. Peter . Aber wenn Ihr nun sagtet, der Mond wäre ein Kräuterkäse, sollen sie das auch glauben? Montanus . Versteht sich. Sagt mal, was glauben die Leute so eigentlich, daß Ihr seid? Peter . Sie glauben, daß ich ein braver und geschickter Kerl und Küster dieses Ortes bin, und darin haben sie ganz Recht. Montanus . Und ich sage, daß es gelogen ist; ich sage, Ihr seid ein Hahn und werde Euch das beweisen, so klar, wie daß zweimal zwei vier ist. Peter . Den Teufel mögt Ihr beweisen! Was? ein Hahn soll ich sein? Womit wollt Ihr das darthun? Montanus . Könnt Ihr mir auch Gründe anführen, weshalb Ihr kein Hahn seid? Peter . Erstens kann ich sprechen, ein Hahn kann nicht sprechen, ergo bin ich kein Hahn. 331 Montanus . Das Sprechen thut nichts zur Sache, Papageien und Staare können auch sprechen, sind darum aber doch keine Menschen. Peter . So will ich es noch anders als durch die Sprache beweisen. Ein Hahn hat keinen Menschenverstand, ich habe Menschenverstand, ergo bin ich kein Hahn. Montanus . Proba minorem! Jesper . Ei was, sprecht dänisch! Montanus . Ich verlange, Ihr sollt erst beweisen, daß Ihr auch wirklich Menschenverstand habt. Peter . Je nun, ich verrichte ja doch mein Amt, wie sich's gehört. Montanus . Was sind Eure vornehmsten Amtsverrichtungen, aus denen Ihr beweisen wollt, daß Ihr Menschenverstand habt? Peter . Erstlich versäume ich nie, zur rechten Zeit zur Kirche zu läuten. Montanus . Der Hahn versäumt auch nicht, zur rechten Zeit zu krähen und den Menschen anzuzeigen, wann sie aufstehen sollen. Peter . Zweitens singe ich so gut wie nur ein Küster in ganz Seeland. Montanus . Und der Hahn kräht auch so gut wie nur ein Hahn in Seeland. Peter . Aber ich kann Wachslichter gießen und das kann doch kein Hahn. Montanus . Aber der Hahn kann Eier legen und das könnt Ihr nicht. Seht Ihr nun, daß Euer Amt als Küster noch kein Beweis dafür ist, daß Ihr nicht wirklich ein Hahn seid? Im Gegentheil überlegt mal in Kürze selbst, was für eine Aehnlichkeit zwischen Euch und einem Hahn ist. Der Hahn hat einen Kamm auf dem Kopfe und mit Eurer Stirn ist es auch nicht so ganz klar; der Hahn kräht, Ihr kräht ebenfalls; der Hahn brüstet sich und thut groß mit seiner Stimme, Ihr ebenfalls; der Hahn ruft die Leute, wenn sie aufstehen, und Ihr, wenn sie in die Kirche gehen sollen. Ergo seid Ihr ein Hahn; habt Ihr noch was einzuwenden? (Der Küster fängt an zu weinen.) 332 Jesper . Ei, Peter, weine nicht, wer wird sich um so was grämen. Peter . Es ist alles, hol' mich der Teufel, erlogen und erstunken, das ganze Dorf kann mir bezeugen, daß ich kein Hahn bin, und auch meine Vorfahren sind sammt und sonders ehrliche Christen gewesen. Montanus . Refutirt mir denn diesen Syllogismum, quem tibi propono. Die Eigenschaften, durch welche ein Hahn sich von andern Thieren unterscheidet, sind folgende: er weckt die Leute, wenn sie aufstehen sollen, er giebt die Zeit an, er thut sich groß mit seiner Stimme, er hat ein Gewächs am Kopfe. Alle diese Eigenschaften habt Ihr auch, ergo seid Ihr ein Hahn; refutirt mir dies Argument! (Peter weint wieder.) Jesper . Kann Euch der Küster den Mund nicht stopfen, nun gut, so werde ich es thun. Montanus . Nun wohl, laßt Eure Argumente hören! Jesper . Erstlich sagt mir mein Gewissen, daß Ihr Unrecht habt. Montanus . Nach dem Gewissen eines Verwalters kann man sich wol nicht in allen Fällen richten. Jesper . Und zweitens sage ich, daß alles, was Ihr da sagt, blanke baare Lügen sind. Montanus . Beweist es! Jesper . Und drittens bin ich ein ehrlicher Mann, dem überall aufs Wort geglaubt wird. Montanus . Mit all dem Gewäsch lockt man keinen Hund vom Ofen! Jesper . Und viertens sage ich, daß Ihr eine Canaille seid und daß man Euch die Zunge aus dem Halse reißen sollte. Montanus . Ich höre noch immer keinen Beweis! Jesper . Und endlich zum fünften will ich es Euch haarklein beweisen, wie Ihr wollt, mit dem Degen oder der Faust. Montanus . Nein, für das Eine wie das Andere muß ich gehorsamst danken; so lange Ihr indessen mit dem bloßen Munde disputirt, sollt Ihr finden, daß ich nicht nur das 333 beweisen kann, was ich gesagt habe, sondern auch alles, was ich sonst will. Zum Beispiel, Herr Verwalter, ich will Euch aus der gesunden Logica beweisen, daß Ihr ein Ochse seid. Jesper . Den Teufel mögt Ihr beweisen! Montanus . Habt nur Geduld und hört meine Argumente an. Jesper . Komm, Peter, laß uns gehen! Montanus . Ich beweise es so: Quicunque  – (Jesper schreit und hält ihm den Mund zu.) Wollt Ihr meinen Beweis für diesmal nicht hören, gut, so kann es für ein ander Mal bleiben, wo und wann Ihr wollt. Jesper . Mit solch einem Schwärmer mag ich gar keinen Umgang mehr haben. (Jesper und Peter ab.) Montanus . Wenn ich mit solchem Gesindel disputire, bleibe ich ganz kaltblütig, so grob sie auch werden; in Hitze gerathe ich blos, wenn ich mit Leuten disputire, die sich einbilden, methodum disputandi zu verstehen und ebenso stark in der Philosophie zu sein als ich. Darum gerieth ich auch zehnmal mehr in Hitze, wie ich heute mit dem Studenten disputirte; denn der hatte doch noch einen Schein von Gelehrsamkeit. Aber hier kommen meine Eltern. Dritte Scene. Jeppe . Nille . Montanus . Jeppe . Ach, mein lieber Sohn, sei doch nicht so widerspenstig und mache Dir nicht die ganze Welt zu Feinden! Der Inspector und der Küster, die auf unser Bitten versucht hatten, den Frieden zwischen Dir und Deinem Schwiegervater wieder herzustellen, sagen mir jetzt, daß Du blos Deinen Spott mit uns treibst; warum thust Du nun wol so etwas und machst solche braven Herren zu Ochsen und Hähnen? Montanus . Dafür hab' ich studirt, dafür hab' ich mir den Kopf zerbrochen, daß ich sagen und beweisen kann, was ich will. Jeppe . Auf die Art, glaube ich, wäre es besser, Du hättest nie studirt. 334 Montanus . Ei so halte den Mund, alter Mann! Jeppe . Du willst doch nicht gar Deine Eltern schlagen? Montanus . Wenn ich es thäte, so wollte ich es auch rechtfertigen vor aller Welt. (Die Eltern gehen weinend ab.) Vierte Scene. Montanus . Jacob . Montanus . Ich gebe meine Ansichten nicht auf, und wenn sie alle zusammen rasend werden. – Aber was willst Du, Jacob? Jacob . Ich habe einen Brief für Monsör. (Jacob ab. Montanus liest den Brief.) Montanus . »Mein allerliebster Freund! Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß Du diejenige so leicht aufgeben könntest, die Dich so viele Jahre hindurch so treu und innig geliebt hat. Das kann ich Dich versichern: die Ansicht, daß die Erde rund, ist meinem Vater so verhaßt und erscheint ihm als eine solche Ketzerei, daß er mich Dir niemals zur Frau giebt, es sei denn, Du trittst in diesem Punkte ihm und den Uebrigen im Dorfe bei. Was hast Du nur davon, ob die Erde rund oder lang, achteckig oder viereckig ist? Bei der Liebe, die ich stets für Dich gehegt habe, beschwöre ich Dich: entschließe Dich doch zu der Meinung, bei der wir und das ganze Dorf uns so lange so wohl befunden haben. Thust Du mir das nicht zu Gefallen, so verlaß Dich darauf, daß ich mich zu Tode gräme und daß die ganze Welt sich voll Abscheu von Dir abwenden wird, weil Du den Tod derjenigen veranlaßt hast, die Dich geliebt hat wie ihr eigenes Leben. Elisabeth , Jeronimus' Tochter. Mit eigener Hand.         O Himmel, dieser Brief bewegt mich tief und versetzt mich in lebhafte Zweifel, so daß ich wol sagen mag mit dem Poeten: – – – – – – – utque securi Saucia trabs ingens ubi plaga novissima restat, Qua cadat, in dubio est, omnique a parte timetur, Sic animus – – – – – 335 Auf der einen Seite steht die Philosophie und heißt mich Stand halten, auf der andern meine Braut und macht mir Kaltsinn und Untreue zum Vorwurf. Aber sollte Erasmus Montanus sich durch irgend etwas bewegen lassen, seine Meinung aufzugeben, worin doch bis jetzt seine Haupttugend bestanden hat?! Nein, nimmermehr! Aber freilich, Noth bricht Eisen; füge ich mich diesmal nicht, so stürze ich mich selbst und meine Braut ins Unglück, sie verzehrt sich vor Kummer und alle Welt haßt und tadelt mich wegen meiner Falschheit. Soll ich sie denn wirklich verlassen, sie, die mich so manches Jahr mit so aufrichtiger Zärtlichkeit geliebt hat? Sollte ich jetzt die Ursache ihres Todes sein? Nein, das darf nicht sein! Dennoch bedenke wohl, was Du thust, Erasme Montane, Musarum et Apollonis pulle! Hier hast Du Gelegenheit zu zeigen, ob Du ein richtiger Philosophus bist; je größer die Gefahr, je herrlicher auch der Lorbeer, den Du inter Philosophos erwirbst. Denk' nur, was Deine Commilitones sagen werden, wenn sie das Gegentheil von Dir zu hören kriegen; das ist, werden sie sagen, nicht der alte Erasmus Montanus mehr, der seine Ansichten sonst bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen pflegte. Macht der ungelehrte Pöbel mir Falschheit gegen meine Braut zum Vorwurf, so werden die Philosophi mich dagegen zu den Wolken erheben; was die Einen mir zum Verbrechen anrechnen, das ist in den Augen der Andern mein größtes Verdienst. Ich muß also standhaft bleiben inmitten der Versuchung, ich muß ihr widerstehen, ich muß sie zu überwinden suchen. Ich habe sie schon überwunden – die Erde ist rund – jacta est alea – dixi. (Ruft Jacob .) Jacob, der Brief den Du mir von meiner Braut gebracht hast, ist ohne Wirkung geblieben; ich bleibe bei dem, was ich einmal gesagt habe, die Erde ist rund und soll rund bleiben, so lange ich die Augen offen habe! Jacob . Ich glaube allerdings auch, daß die Erde rund ist; wollte mir indessen Einer eine Salzbretzel dafür geben, daß ich sagen sollte, sie ist flach, so sage ich, sie ist es, mir kann es ja einerlei sein. Montanus . Für Dich würde sich das allerdings schicken, 336 aber nicht für einen Philosophus, dessen Haupttugend eben darin besteht, niemals auch nur ein Haar breit von dem zu weichen, was er einmal gesagt hat. Ich will hier im Dorfe öffentlich darüber disputiren und stelle mich jedem, der studirt hat. Jacob . Darf ich Monsör aber wol um Eines fragen? Nämlich wenn Ihr den Disput nun auch gewinnt, was folgt daraus? Montanus . Daraus folgt, daß ich die Ehre des Sieges habe und als ein gelehrter Mann anerkannt werde. Jacob . Monsör will sagen: als ein geschwätziger Mann. Weisheit und Geschwätzigkeit ist nicht dasselbe, das habe ich den Leuten hier im Dorfe angemerkt. Rasmus Hansen, der allzeit das große Wort führt und gegen den niemand mit dem Munde aufzukommen vermag, gilt doch allgemein für einen bloßen Gänsekopf, während umgekehrt Niels Christensen, der Kirchenvogt, der nur wenig spricht und immer nachgiebt, allgemein für so gescheidt gehalten wird, daß er jeden Augenblick Amtmann werden könnte. Montanus . Nein, nun höre mir Einer den Schlingel, er will wahrhaftig auch miträsonniren. Jacob . Monsör muß das nicht übel nehmen, ich spreche das nur so nach meinem einfältigen Verstande, und nun möchte ich noch gerne wissen, wenn Monsör die Disputation gewinnt, ob aus dem Küster da wirklich ohne Weiteres ein Hahn wird? Montanus . Was für einfältiges Geschwätz! Natürlich bleibt er, was er gewesen ist. Jacob . Ei, so hat Monsör ja doch Unrecht? Montanus . Ich werde mich schön hüten, mit einem Bauerlümmel, wie Du, zu disputiren; wenn Du Latein verständest, wollte ich Dich schon bedienen, auf Dänisch zu disputiren bin ich nicht geübt. Jacob . Das heißt: Monsör ist so gelehrt geworden, daß er sich nicht mehr in seiner Muttersprache auszudrücken versteht. Montanus . Halt' das Maul, audacissime juvenis! Wozu sollte ich mir wol die Mühe geben, meine Ansichten vor solchem groben und gemeinen Volk zu entwickeln, das nicht einmal weiß, 337 was universalia entia rationis und was formae substantiales sind, geschweige was Wichtigeres? Es ist ja absurdissimum, dem Blinden von der Farbe predigen zu wollen. Vulgus indoctum est monstrum horrendum informe, cui lumen ademptum. Da war kürzlich jemand, der war zehnmal gelehrter als Du, der wollte mit mir disputiren; als ich jedoch merkte, daß er nicht wußte, was quidditas wäre, so schlug ich es ihm platterdings ab. Jacob . Was heißt das, quidditas? denn so war es ja wol? Montanus . Das weiß ich sehr wol, was das heißt. Jacob . Für sich selbst mag Monsör das wol wissen, aber es andern erklären kann er nicht. Dagegen das Wenige, was ich weiß, das begreifen gleich alle Menschen, wenn ich es ihnen sage. Montanus . Ja, freilich, Jacob, Du bist ein gelehrter Kerl; was weißt Du denn überhaupt? Jacob . Aber wenn ich nun beweise, daß ich gelehrter bin als Monsör? Montanus . Das möchte ich mal hören. Jacob . Wer das wichtigste Studium betreibt, der, meine ich, hat auch die gründlichste Gelehrsamkeit. Montanus . Ja, das ist schon richtig. Jacob . Ich studire Landbau und Feldwirthschaft und darum bin ich gelehrter als Monsör. Montanus . So hältst Du also grobe Bauernarbeit für das Wichtigste? Jacob . Ich weiß nicht, das aber weiß ich, daß, wenn die Bauern auch nichts weiter thäten, als eine Feder oder ein Stück Kreide zur Hand nehmen und damit ausmessen, wie weit es zum Monde ist, da würde Euch Hochgelehrten der Magen bald verflucht wehe thun. Ihr Gelehrten verderbt die Zeit mit Disputiren, ob die Erde rund, vier- oder achteckig ist; wir dagegen studiren darauf, die Erde in gutem Stande zu erhalten. Da kann Monsör sich nun überzeugen, daß unser Studiren nützlicher und wichtiger als Eures und daß Niels Christensen der gelehrteste Mann im Dorfe ist, weil er nämlich sein Land so verbessert hat, daß die Tonne hart Korn davon dreißig Thaler mehr gilt als unter seinem Vorgänger, der den ganzen Tag da saß mit der Pfeife im Munde, und in der Postille oder in Doctor Arendt Hvitfeldts Chronik Die Hvitfeldtsche Chronik erschien zuerst 1595 und hatte den damaligen dänischen Reichskanzler Arvild Hvitfeldt (geboren 1549, gestorben 1609) zum Verfasser; das Buch war sehr verbreitet und erlebte viele Auflagen, selbst noch zu Holbergs Zeit. A.d.Ü. schmökerte. Montanus . Da möchte man doch gleich des Todes sein, es ist der lichte Teufel, der aus ihm spricht! Nie in meinem Leben hätte ich für möglich gehalten, daß ein Bauerjunge so etwas über die Lippen bringen könnte! Denn wiewol alles, was Du sagst, falsch und gottlos ist, so ist es doch für Einen Deines Standes immerhin etwas ganz Außerordentliches; sag' mir nur, von wem Du das gelernt hast? Jacob . Studirt habe ich allerdings nicht, Monsör, aber wie man sagt, bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Jedesmal, so oft der Amtmann herkommt, läßt er mich sofort zu sich laden; wol hundertmal schon hat er meinen Eltern gesagt, sie sollten mich hinter die Bücher setzen, da könnte etwas Großes aus mir werden. Wenn ich just nichts zu thun habe, gehe ich umher und speculire. Neulich habe ich sogar einen Vers gemacht auf Martin Nielsen, der sich zu Tode soff. Montanus . Laß mich den Vers hören. Jacob . Vorher nämlich müßt Ihr wissen, daß der Vater sowol wie der Großvater dieses Martin Fischer gewesen und auf dem Wasser ertrunken sind. Der Vers aber heißt so: Hier liegt Martin Nielsen begraben; Um dasselbe Ende wie seine Väter zu haben, Die alle als Fischer der Tod im Wasser betroffen, Hat er in Branntwein sich zu Tod gesoffen. Den Vers mußte ich vor einigen Tagen dem Amtmann hersagen, der ließ ihn aufschreiben und schenkte mir zwei Mark dafür. Montanus . Formaliter taugt der Vers zwar keinen Pfifferling, materialiter dagegen ist er nicht übel; nur die Prosodie, die doch die Hauptsache ist, fehlt ganz. Jacob . Was heißt das? Montanus . Die Zeilen haben nicht die gehörigen pedes oder Füße. 339 Jacob . Keine gehörigen Füße? Aber sie sind doch meiner Seele in ein paar Tagen durch das ganze Land gelaufen? Montanus . Du bist ein schlauer Sohn, das merke ich schon, ich wollte, Du hättest studirt und verständest Deine Philosophiam instrumentalem, so solltest Du unter mir respondiren. Aber jetzt komm herein. (Beide ab.) 340 Fünfter Akt. Erste Scene. Ein Lieutenant . Jesper . Der Lieutenant . Wo kann ich den Kerl wol mal zu sehen kriegen, Herr Verwalter, ich möchte doch mal erst mit ihm reden; sieht er gut aus? Jesper . Ei ja, er sieht ziemlich gut aus und ein Maulwerk hat er wie ein Rasirmesser. Der Lieutenant . Darauf kommt nichts an, wenn er nur hübsch stark und gesund ist. Jesper . Er kann behaupten, was er will, und kann es auch beweisen; neulich hat er uns aufs Haar bewiesen, der Küster wäre ein Hahn. Der Lieutenant . Ist er auch hübsch breit in den Schultern? Jesper . Es ist ein Kerl wie ein Riese, alle im Hause fürchten sich vor ihm, sogar seine Eltern; denn er macht sie zu Kühen, Ochsen, Pferden und dann wieder zu Menschen, wie er Lust hat – das heißt, er beweist aus Büchern, daß sie es sind. Der Lieutenant . Sieht er auch aus, als ob er einen Puff vertragen könnte? Jesper . Er beweist auch, daß die Erde rund ist. Der Lieutenant . Darum scheere ich mich nicht. Aber sieht er auch hübsch muthig und herzhaft aus? Jesper . Er würde sein Leben an einen Buchstaben setzen, geschweige an etwas Größeres. Ich bin fest überzeugt, daß er sich das ganze Dorf auf den Hals gezogen hat: aber das ist 341 ihm einerlei, von seiner Meinung und Ansicht läßt er darum doch nicht. Der Lieutenant . Danach zu urtheilen, giebt er einen excellenten Soldaten. Jesper . Aber wie will der Herr Lieutenant ihn zum Soldaten machen? Er ist ja Student. Wie in Deutschland und überhaupt in ganz Europa, waren damals auch dänische Studenten durch ihren Stand vor dem Militärdienst geschützt. A.d.Ü. Der Lieutenant . Das hat nichts auf sich; kann er die Leute zu Schafen, Ochsen und Hähnen machen, so will ich mal probiren, ob ich nicht einen Studenten zum Soldaten machen kann. Jesper . Mir soll es recht sein, ja ich wollte mich darüber freuen wie ein Schneekönig. Der Lieutenant . Nur kalt Blut, Jesper; wo der Verwalter und der Lieutenant einverstanden sind, da ist vor Gott kein Ding unmöglich. Aber da kommt jemand; ist er es am Ende selbst? Jesper . Ja, das ist er; ich will bei Seite gehen, damit er keinen Verdacht auf mich wirft. Zweite Scene. Der Lieutenant . Montanus . Der Lieutenant . Ich gratulire Ihm zur Ankunft in Seinem Dorfe. Montanus . Schuldigen Dank. Der Lieutenant . Ich nehme mir die Freiheit, Ihm aufzuwarten, da es hier ja übrigens keine Gelehrten giebt, mit denen man sprechen könnte. Montanus . Ich höre mit Vergnügen, daß Er studirt hat; wann hat der Herr Lieutenant deponirt, mit Permission? Der Lieutenant . Ich habe schon vor zehn Jahren deponirt. Montanus . So ist der Herr Lieutenant ja ein alter Academicus; was studirte der Herr Lieutenant, als Er Student war? Der Lieutenant . Ich las hauptsächlich die lateinischen 342 Klassiker und daneben studirte ich Naturrecht und Moral, was ich auch noch fortsetze. Montanus . Ei, das sind Lappalien, das ist nicht die richtige academische Manier! Interessirte Euch denn die Philosophia instrumentalis nicht? Der Lieutenant . Nein, nicht sonderlich. Montanus . So habt Ihr auch wol niemals disputirt? Der Lieutenant . Nein. Montanus . Ei, heißt das auch studiren?! Philosophia instrumentalis ist ja das einzige solide Studium; das Uebrige ist wol ganz hübsch, aber so eigentlich zur Gelehrsamkeit gehört es nicht. Wer gehörig Logicam und Metaphysicam getrieben, kann nie in Verlegenheit kommen, ja über alles in der Welt kann er disputiren, wie fremd es ihm sein mag. Ich für meine Person weiß nichts, was ich mir nicht getraute, zu behaupten und durchzuführen. Auch war meiner Zeit keine Disputation auf der Academie, bei der ich nicht opponens gewesen wäre; ein richtiger Philosophus instrumentalis ist so gut wie ein Polyhistor. Der Lieutenant . Wer ist denn jetzt der größte Disputator auf der Universität? Montanus . Das ist ein Student, mit Namen Peter Iversen. Wenn der seinen Gegner refutirt hat, so daß er kein Wort mehr zu erwidern weiß, so sagt er: Nun nehmt Ihr meinen Satz, jetzt will ich Euren Satz vertheidigen. Zu so etwas ist besonders die Philosophia instrumentalis nütze. Es ist wahrhaftig schade, daß der Kerl nicht Advocat geworden, der würde sich ein schönes Stück Geld machen. Aber gleich nach ihm kam ich, ja wie wir das letzte Mal disputirten, rief er mir heimlich zu: jam sumus ergo pares, aber einstweilen räume ich ihm doch noch den Vorrang ein. Der Lieutenant . Aber wie mir erzählt ward, kann Monsieur beweisen, daß die Kinder verpflichtet sind, ihre Eltern zu schlagen; das scheint mir doch Unsinn. Montanus . Hab' ich es gesagt, so bin ich auch der Mann dafür, es zu beweisen. 343 Der Lieutenant . Da möchte ich doch einen Ducaten wetten, daß Er das nicht im Stande ist. Montanus . Ich wette einen Ducaten dagegen. Der Lieutenant . Topp, es gilt; nun laßt hören. Montanus . Wen man am meisten liebt, züchtigt man am meisten; man soll aber niemand mehr lieben als seine Eltern, ergo muß man auch niemand mehr züchtigen. Oder mit einem zweiten Syllogismo: was ich empfangen habe, darf ich nach Kräften wiedergeben; ich habe in meiner Kindheit von meinen Eltern Schläge bekommen, ergo gebe ich ihnen wieder Schläge. Der Lieutenant . Genug, genug, ich habe verloren. Da habt Ihr weiß Gott Euren Ducaten. Montanus . Ei, der Herr Lieutenant meint das nicht im Ernst; ich mag profecto kein Geld haben. Der Lieutenant . Er muß ihn auf Parole nehmen, bei meinem Eid! Montanus . Ja, so will ich ihn denn nehmen, um den Herrn Lieutenant nicht eidbrüchig zu machen. Der Lieutenant . Aber nun muß ich doch mal probiren, ob ich Ihn nicht auch zu etwas machen kann, par exemple: ich will jetzt einen Soldaten aus Ihm machen. Montanus . Ei, das hat keine Schwierigkeiten, alle Studenten sind ja Soldaten im Geiste. Der Lieutenant . Nein, ich will beweisen, daß Er auch ein Soldat im Fleische ist. Jeder, der Handgeld genommen, ist ein geworbener Soldat, Ihr habt es genommen, ergo  – Montanus . Nego minorem! Der Lieutenant . Et ergo probo minorem von wegen dem Ducaten, den Ihr auf die Hand bekommen. Montanus . Distinguendum est inter nummos  – Der Lieutenant . Keine Disputation, Ihr seid Soldat! Montanus . Distinguendum est inter τὸ simpliciter et τὸ relative accipere! Der Lieutenant . Ei was, Geschwätz! Ihr habt das Geld genommen, also ist der Contract geschlossen. 344 Montanus . Distinguendum est inter contractum verum et apparentem! Der Lieutenant . Könnt Ihr läugnen, einen Ducaten von mir gekriegt zu haben? Montanus . Distinguendum est inter rem et modum rei! Der Lieutenant . Komm nur gleich mit, Kamerad, Du sollst Deine Montur kriegen. Montanus . Da habt Ihr Euren Ducaten wieder; überdies habt Ihr auch keine Zeugen, daß ich Geld von Euch genommen habe. Dritte Scene. Jesper . Korporal Niels . Montanus . Der Lieutenant . Jesper . Ja, ich bin Zeuge, ich habe gesehen, wie der Lieutenant ihm Geld auf die Hand gegeben hat. Niels . Ich gleichfalls. Montanus . Aber in welcher Absicht nahm ich das Geld? Distinguendum est inter  – Der Lieutenant . Ei, wir wollen hier keine Faxen weiter hören; Niels, bleib' Du hier, während ich die Montirung besorge. Montanus . Hei, Gewalt! Niels . Willst Du gleich still sein, Du Hund, oder ich stoße Dir das Bajonnet in den Leib! Ist er nicht richtig geworben, Herr Verwalter? Der Verwalter . Ja, er ist richtig geworben. Der Lieutenant . Mach rasch, herunter mit dem schwarzen Kittel und den rothen angezogen! Montanus (weint, während ihm die Montur angezogen wird) . Der Lieutenant . Ei, das schickt sich wol auch für einen Soldaten zu weinen? Du bist jetzt ein weit besserer Kerl geworden als vorher. Exercirt ihn nur recht tüchtig, Corporal Niels; er 345 ist ein ganz gelehrter Kerl, aber was das Exercitium anbetrifft, darin ist er noch dumm. (Der Korporal hat ihm die rothe Montur angezogen, exercirt und prügelt ihn.) Vierte Scene. Der Lieutenant . Montanus . Niels . Der Lieutenant . Nun, Niels, fängt er an zu capiren? Niels . Er wird schon lernen, er ist nur ein fauler Hund, der alle Augenblicke Prügel haben muß. Montanus (weinend) . Ach, großgünstiger Herr, habt doch Erbarmen mit mir, ich habe solche schwache Gesundheit, ich kann die Behandlung nicht aushalten! Der Lieutenant . Zu Anfang fällt es allerdings ein bischen hart, indessen wenn Dein Rücken nur erst gehörig gebläut und gegerbt sein wird, so thut es nachher nicht mehr so weh. Montanus (weinend) . Ach, hätte ich doch niemals studirt, so wäre ich nicht in dieses Unglück gerathen! Der Lieutenant . Ei, das ist nur der Anfang, wenn Du dann erst so ein Dutzend Mal im Bock gesessen oder auf Latten gelegen hast, so achtest Du das nachher für Bagatelle. (Montanus weint aufs neue.) Fünfte Scene. Jeronimus . Magdelone . Lisbeth . Jeppe . Nille . Der Lieutenant . Montanus . Der Korporal . Jeronimus . Wißt Ihr es ganz gewiß? Jeppe . Ganz gewiß, der Verwalter hat es mir eben erzählt. Ach, ach, nun hat mein Zorn sich in Mitleid verwandelt! Jeronimus . Ließe er sich nur zum rechten Glauben bekehren, ich wollte ihn gern wieder loskaufen. Lisbeth (im Eintreten) . Ach, ich ärmstes Mädchen! 346 Jeronimus . Mach' mir nur keinen Lärm, liebe Tochter, es nützt doch nichts. Lisbeth . Ach, Herzensvater, wenn Ihr ihn so liebtet wie ich, Ihr hießet mich nicht still sein! Jeronimus . Pfui, pfui, wie schickt sich das wol für ein Mädchen, sich so was merken zu lassen? – Aber da steht er glaub' ich. Nun, Rasmus Berg, wie geht es? Montanus . Ach, mein theuerster Monsieur Jeronimus, sie haben mich zum Soldaten gemacht! Jeronimus . Ja nun werdet Ihr wol mehr zu thun kriegen, als Menschen zu Thieren und Küster zu Hähnen zu machen. Montanus . Ach, ach, wie leid thut mir jetzt meine frühere Thorheit, aber leider zu spät! Jeronimus . Nun denn, mein Freund, wollt Ihr Eure bisherige Narrheit fahren lassen und das Land mit Zwistigkeiten und Disputationen verschonen, so will ich mit Vergnügen mein ganzes Vermögen daran setzen, Euch auszulösen. Montanus . Ach, ich habe nichts Besseres verdient, weil ich meinen alten Eltern mit Schlägen gedroht habe! Aber wenn Ihr Euch dennoch meiner erbarmen und mich wieder frei machen wollt, so schwöre ich Euch, daß ich ganz gewiß ein anderes Leben führen, ein ehrliches Geschäft treiben und niemand mehr mit Disputationen zur Last fallen will! Jeronimus . Wartet denn hier so lange, ich will mit dem Herrn Lieutenant sprechen! – Ach, mein bester Herr Lieutenant, Ihr seid ja von jeher ein Freund unseres Hauses gewesen; der junge Mann hier, den Ihr zum Soldaten angeworben habt, ist der Bräutigam meiner einzigen Tochter, die ihn aufs zärtlichste liebt. Gebt ihn los, ich will dem Herrn Lieutenant gern hundert Thaler verehren. Zuerst, ich kann es nicht läugnen, freute ich mich, daß er so bestraft worden; denn sein wunderliches Betragen hatte mich und das ganze Dorf gegen ihn aufgebracht; aber da ich ihn nun in dieser Situation sehe, und da ich überdies höre, daß er seine frühere Thorheit von Herzen bereut und Besserung gelobt, so will mir das Herz vor Mitleid brechen. 347 Der Lieutenant . Alles, mein werther Herr Jeronimus, was ich gethan habe, war nur zu seinem eigenen Besten; es ist mir ja wol bekannt, daß er mit Eurer Tochter verlobt ist, und eben deswegen, um Eurem Hause einen Dienst zu erweisen, brachte ich ihn in diese Lage und behandelte ihn mit dieser Härte, damit er zur Einsicht seiner Thorheiten käme. Ich will Euch zu Liebe gern selbst Geld an die Armen geben, da ich ja höre, daß er sich gebessert hat. Laßt ihn nur herkommen. – Hört an, mein Freund: Eure Eltern haben solch ein schweres Stück Geld an Euch gewandt, in der Hoffnung, Ihr würdet dereinst der Stolz und die Freude ihres Alters werden; allein Ihr gingt klug fort, um als ein Narr zurückzukommen, das ganze Dorf brachtet Ihr in Aufruhr, streutet die wunderlichsten Ansichten aus und verfochtet sie mit Hartnäckigkeit. Sollen das die Früchte des Studirens sein, so müßte man ja wünschen, es gäbe gar keine Bücher. Ich meine, das Wichtigste, was man in der Schule lernen sollte, wäre gerade das Gegentheil von dem, wie Ihr es getrieben; ein gelehrter Mann, meine ich, sollte vornehmlich daran erkannt werden, daß er sich selbst mehr zu beherrschen weiß und bescheidener und nachgiebiger in seinen Aeußerungen ist als der Ungelehrte. Denn eine gesunde Philosophie lehrt uns, Zwistigkeiten zu vermeiden und zu beseitigen und keine Meinung beizubehalten, von der uns nachgewiesen, daß sie irrthümlich ist. Das erste Gebot der Philosophie ist, sich selbst zu erkennen, und je mehr Einer dies erwählt, je geringer wird er von sich selbst denken und je mehr wird er einsehen, daß ihm noch Manches zu lernen bleibt. Ihr dagegen macht die Philosophie zu einer Art von Fechtkunst, indem Ihr den für den größten Philosophen erachtet, der am geschicktesten ist, durch Spitzfindigkeiten die Wahrheit zu verfälschen und alle Einwendungen zurückzuweisen. Auf die Art macht Ihr Euch aber nur verhaßt bei den Leuten und bringt die Gelehrsamkeit um die ihr gebührende Achtung, indem es den Anschein gewinnt, als wären solche Thorheiten und Laster in der That die nothwendige Folge des Studirens. Das Beste, das ich Euch somit rathen kann, ist, daß Ihr alles das zu 348 vergessen und aus dem Gedächtniß zu entfernen sucht, was Ihr mit so manchen Nachtwachen gelernt habt; sucht Euch eine ordentliche Hantirung, durch die Ihr Euer Fortkommen in der Welt findet, oder wenn Ihr einmal bei den Studien bleiben wollt, so richtet sie wenigstens anders ein. Montanus . Ach, großgünstiger Herr, ich werde Seinem Rathe gewißlich folgen und ein anderer Mensch zu werden suchen. Der Lieutenant . Gut, so gebe ich Euch wieder los, nachdem Ihr Euren Eltern und Schwiegereltern Euer Versprechen wiederholt und beide um Verzeihung gebeten habt. Montanus . Demüthiglichst, mit strömenden Thränen bitte ich Euch allerseits um Verzeihung, verspreche, einen völlig neuen Menschen anzuziehen und breche selbst den Stab über mein früheres Wesen, aus dem mich ebenso sehr das Unglück aufgerüttelt hat, in welches ich dadurch gerathen war, als die gediegene Ansprache und Unterweisung dieses trefflichen Mannes, dem ich dafür nächst meinen Eltern die tiefste Verehrung zollen werde. Jeronimus . So haltet Ihr also, mein lieber Schwiegersohn, die Erde nicht mehr für rund? Denn dies ist der Punkt, der mir am meisten am Herzen liegt. Montanus . Mein werther Schwiegervater, ich will nicht weiter darüber disputiren; ich will nur das Eine sagen, daß sämmtliche Gelehrte der Gegenwart allerdings der Meinung sind, daß die Erde rund ist. Jeronimus . Holla, Herr Lieutenant, steckt ihn nur wieder unter die Soldaten, bis die Erde flach ist. Montanus . Mein theurer Schwiegervater, sie ist so flach wie ein Eierkuchen; seid Ihr nun zufrieden? Jeronimus . Ja, nun sind wir wieder gute Freunde, nun sollt Ihr auch meine Tochter kriegen. Kommt, tretet alle bei uns ein, und laßt uns eins zur Ausgleichung trinken; der Herr Lieutenant erweist uns wol die Ehre, mitzukommen. (Alle ab.)