Peter Hille Die Hassenburg Roman aus dem Teutoburger Wald Es wird Mode in literarischen Kreisen, sich ein Schloß zu mieten oder zu kaufen. Die Wellen dieser Bewegung ergriffen auch mich. So bin ich denn hier in meiner Heimat und sehe mir was an. Es hat so etwas Vertrauliches, sicher zu Füßen Liegendes, dies Schwalenberg mit seinen braven Fachwerkhäusern. Wie Untergebene, auf die man sich verlassen kann, die uns immer zur Verfügung stehen, so die Wälderrücken und die wellenden Ackergebreite wie die umfriedeten Wiesen. Von einem steilen, roten Dache suchte blauer Rauch die Bläue des Himmels, wie ein Bach das Meer sucht. Zu diesem Hause bergan floß der Stadtbach in seiner muntern tagesklaren Zeile. Ja, er floß wirklich etwas hinan: Es war nicht ganz Täuschung. Hatte er doch so viel Druck mitbekommen von seinem nahen Quell, daß für seine erst durch eine Mühle in die Arbeitswelt eingeführte Kraft es eine Kleinigkeit war, noch so nebenher das Naturgesetz zu überwinden und mal ein bißchen bergan zu fließen. Hatte es doch für ihn den Reiz der Neuheit, und machte den guten Schwalenbergern dieser kleine Scherz soviel Freude! Nicht wenig stolz waren sie auf diese ihre Merkwürdigkeit und führten mit Beflissenheit jeden ihrer Besucher, der für Naturgenuß noch zu haben war, hinaus an diesen Wunderbach. Und dann erst nahmen die mehr Gebildeten ihre Gäste mit vor das Rathaus mit seinem kraus und reichlich geschnitzten Säulengang und Giebel. Hier entzifferten sie ihnen eine Stelle aus der über den Fries sich hinziehenden plattdeutschen Inschrift: »Minsch, bedenke, wat de bedenkst!« Weiter war noch keiner gekommen. Seit zehn Jahren, seit jenem denkwürdigen Tage, da man den Bürgermeister Heitemeier unter Glockengeläute und Böllerschüssen feierlich eingeholt hatte, sprach man davon, wie man nächstens die Inschrift anstreichen und so durch die Farbe den Inhalt mehr hervorheben wollte; – noch immer aber ließ der ersehnte Überschuß auf sich warten. Indes man hatte Hoffnung auf die reiche Obsternte gesetzt, die doch jedenfalls einige zahlungsfähige Übertreter vor die Schranken des Gesetzes bringen würde. Besonders ins Auge gefaßt hatte der Feldhüter den Rudolf Kleine, Sohn des Gendarmen, der mit elf Kameraden die Rektoratsschule des Ortes besuchte. Das war ein wilder Range, dem sogar der väterliche Rohrstock kein sittliches Verhalten beizubringen vermochte. Und mit der Standesehre eines Gendarmeriewachtmeisters vertrug es sich doch nicht, daß man seinen Sohn auf einen Tag in Haft spazieren ließ. Auch würde vermutlich dieser eine schlechte Apfel noch einige gute anstecken und zu einem Raubzug aufmuntern. Dann hatte man die sechs oder neun Mark und damit den Anstrich. Als ich von der steilabfallenden Bach- und Gartenseite der Hassenburg zurückkam, stieg aus dem schauerlichen Dunkel des Burgverlieses ein Gefangener hervor. Hinter ihm tauchte der Schnauzbart eines ziemlich schäbig uniformierten Gefangenenwärters auf. »So, nun lassen Sie sich nicht noch einmal betreffen, sonst gibt's Arbeitshaus!« Der Landstreicher zog ausdruckslos seinen Filz und ging davon mit unsicher freien, gleichsam dünnen Schritten, die sehr bald wieder in das feierlich verstohlene Schleichen des Bettelnden sich verwandeln dürften. Er fühlte nach seiner Tasche, und da er die Härte des Brotes, das er zu essen vergessen hatte, ärgerlich als Beschwerung empfand, schleuderte er es im weiten Bogen in den Tiergarten. So nannte man die Südseite des Schwalenberges mit ihren ravelinartigen Ausbuchtungen; denn die früheren Herren von der Hassenburg sollen hier einige Bären angebunden haben. Und das bringt bekanntlich auf den Hund. Die Ahnen haben die Kreuzzüge mitgemacht, die Enkel sind Tagelöhner und fallen meistens der Gemeinde zur Last, da sie wegen ihrer Trunkfälligkeit keiner behalten will. Eine jener Schwalben, die dem Berge den plattdeutschen Namen Schwalenberg erworben hatten, senkte die zierliche Welle ihres Fluges auf das fortgeworfene Brot, flog indes, da sie mit dem harten, porös schneidenden Dinge nichts anzufangen wußte, wieder zu ihren Mücken zurück. Indessen war der Polizeidiener bei mir stehengeblieben: »Schöne Aussicht! Waren der Herr schon oben?« Ich verneinte. »Ja, das müssen Sie sich mal ansehen. Gut, daß Sie mich getroffen haben. Ich habe da oben nämlich Korn liegen für die Leute im Orte, die selbst kein rechtes Gelaß haben dafür. Es liegt da oben luftiger und kann besser auseinandergerakt werden. Und da habe ich den Schlüssel bei mir. – Hoppla, da kommt eine Stufe. Sehen Sie mal die steinerne Treppe! Ein Geländer – das hält Ihnen bis zum Jüngsten Tage. Und die Wände – da bricht Ihnen keiner aus.« Nun hatten wir den ersten Stock erreicht. Der blondmelierte Polizeidiener stieß die Läden auf, mit denen die zum Teil glaslosen Fenster geschirmt waren. Der ernste hagere Eggestrang, der trotz seiner dichten Bewaldung seine schroffen Steinglieder erkennen ließ, die früher einen Telegraphen getragen hatten: einen Mast mit weithin erkennbarem Zeichen, das sich weiter gab von Berg zu Berg, stand wie ein Wall meiner Heimat nach Westen hin vor mir. Rechts wandte sich die Egge nach Norden um, reckte sich womöglich noch höher und warf allen Wald von sich, warf von sich den Namen wie ein Auswanderer in die Neue Welt – es war ein starkes, warmes, klares Flimmern in den Steinbrüchen von Felmerstod, die schon zum Teutoburger Walde gehörten. Mit stolzem frohen Blick umfaßte ich das alles; so zusammengehörig, wie man nur die Heimaterde umfaßt. Ob es von ihr kommt, ob es von mir kommt: da ist Sagenzug im Antlitz einer Velleda. Darüber die leuchtend blaue Stirn des Himmels, voll von fröhlichen Blitzen männlicher Stärke, und diese Stirn ist eine Stimme, eine tiefe reine Glocke – Wort, deutsches Wort. Ja – der Polizeidiener guckte mich merkwürdig an und ich ihn – wieder zurückerwachend; die kleine, scharfe, ziegelfarbene Abendröte seiner gesetzlichen Unrat witternden Nase und die verfärbten Spitzen des Schnurrbartes, denen man ansah, daß sie mit Vergnügen im Feuchten weilten – alles war eine helle Ansprache an mich, so daß ich innerlich lachte über den pflichtgetreuen Beamten, der sich so auf Nebenwegen näherte, über diesen würdigen Vertreter der Mitleidstände, die zu tief in das menschliche Elend schauen müssen und, um nicht zu erliegen, zur Flasche greifen – als da sind Leichenbitter, Polizei und Gerichtsdiener. So entschied ich mich tapfer für ein Zweimarkstück gegenüber einer Mark, die ich tiefer zurückwarf ins Portemonnaie. Mehrere Fledermäuse waren unruhig geworden über mein unheimliches Verweilen. Es war, als ob sie mein Vorhaben und den Umsturz, der darin für sie lag, darin witterten, und ich kam mir ordentlich vor wie Otto der Faule in der Siegesallee zu Berlin, da mich meine Wappentiere so lebhaft, so gespensterlebhaft umkreisten, als seien sie der Geist der Vergangenheit und Spinneweb umhangener Sage. »Ein schöner Saal! Hier mußte sich gut Herr sein lassen.« Noch hielten sich fugenlos und dicht die schmalen, schräg in mancherlei Figuren und Sterne gelegten Eichenhölzchen, die den Estrich bildeten. Noch sahen die auf die schmale Seite gelegten Balken, die auf Ungeheuern Holzsäulen die Decke trugen, nicht danach aus, als ob sie bald zu brechen gedächten. Und wie bei einer längeren Gesprächspause ein paar Mäuse herkamen – wohl aus einem Löchlein heraus – um erst aus dem goldenen Korn, das vor lauter Sättigung nur so leuchtete, ihr friedevolles seidenes Ränzelein zu laben und dann ein vergnügliches Tänzlein zu wagen, da sah ich die Ritter und Edelfräulein, die hier im selben Saale dasselbe Korn – nur anders verarbeitet – verzehrten und dann auch zu einem Tänzlein schritten auf selbigem Estrich. Hierher das Pult, den Blick auf die so wuchtig, so großzügig umfriedete, mit Schloß und Dorf belebte Weite! »Da wird sich herrlich arbeiten lassen«, ward mein Gedanke laut. »Arbeiten meint der Herr? O ja, es sieht ganz gut aus, wenn die Strolche das Korn worfeln hier. Nur ein bißchen mulmig ist es beim Wannen.« Ich klärte das Gesetz auf über mein Vorhaben. Das machte große Augen. Das Geld sind die Räder am Wagen des Triumphators. Dann meint es: »O ich denke, das wird sich machen lassen. Wenn die Regierung ein gutes Stück Geld sieht, wird sie mich auch wohl abfinden von wegen des Kornes.« Da zog eine dunkle Wolke des Zweifels über die so ausdrucksvolle Landschaft seiner Seele – diese rote Erde: »Ja, wie ist es denn aber mit den Spitzbuben? Die wollen Sie doch wohl nicht im Hause haben? Dann wären die ja gleich drin, das wäre mir zu gefährlich.« »Na ja, dann läßt sich auch wohl ein neues Gefängnis beschaffen.« Pause. »Das soll den Schwalenbergern wohl gefallen, wenn das Schloß wieder aufgefrischt wird und wieder mal was Anständiges hinein zu wohnen kommt.« Triumphierend leuchteten seine Augen zu mir hinüber. Sie sind fast schön in ihrem begeisternden Glanz – diese Augen eines fürstlich lippischen Hüters der Ordnung niedersten Ranges. Man sieht: wie der Drang nach dem Guten in jeder braven Menschenbrust wohnt. Nur geweckt zu werden braucht er – nur einmal was Anständiges – und gleich ist er da: »Was steht dem Herrn zu Diensten?« Man kann ausschließlich – einschließlich – mit den Schattenseiten des Lebens zu tun haben, und doch drängt man sich zum Licht, wenn welches da ist. Wie ein kindlich scheues Blumenköpfchen zur Sonne sich wendet. Was Anständiges? Ich bekam einen Schrecken. Vor allen meinen argen Stellen. Du lieber Himmel, wenn man sich daraufhin anschaut, man ist schlimmer dran als ein verfallenes Gebäude. Und ob sich's denn lohnt, um dieses verfallene Ding in uns ein verfallenes Gebäude wieder aufzubauen? Ob man sich nicht zuviel schämen muß davor? Trage du mit mir, du Überall, dann will ich mich gerne unerträglich finden. Ich will mich zusammenfinden, alles zusammen, was zu mir gehört – alles an seiner Stelle. Die Pflanze schon muß einen Boden haben, woraus sie kommt, und nun gar erst die berufene Krone der Schöpfung: der Mensch! Das Leben sollte an mir hervor und empor wachsen. Dazu gehörte die Erde und wo was darauf gerichtet stand und wo was menschlich auf ihr wuchs. So die großen Weltgesetze, vor denen hatte ich weiter keine Angst: die standen in ihren Umrissen so wieviel Millionen Meilen weit, so undeutlich freilich, sie mußten einmal auch an mich heran, mußten mich einbeziehen im Guten oder Bösen, aber das ist im Grunde ganz gleich: ist doch am Ende nur Einbildung. An mir vorbei mußten sie, um mich herum konnten sie nicht. Doch die eigentliche Farbe, das Leben, das, um zu diesem Gesetze überhaupt zu kommen, lebendig zu machen in mir, ja das mußte ich selbst heraufbringen aus meinem Eigentlichen. Da müßten mir hier die Kräfte um mich herum wachsen, die mich doch eigentlich kennen müßten, die zu mir gehören, die sich gerne mitteilen möchten, o gar zu gerne, und da ihnen die Sprache fehlt, zu mir vernehmbar zu reden, so schmiegen sie sich an: und das eben ist ihre Schönheit und daß uns die Erde und ihr Himmel gar so wohltut. Früher Gerümpel, vom schlendernden Tag Gebotenes wahllos aufnehmend – nun will ich anfangen zu wachsen, wie ich angelegt bin – ganz genau so – meine Erde, der mir zuständige Boden soll mich speisen: er soll mich züchten – und ich will zusehn. Zusehn so aus Neugier, was aus mir wird. Bin ich doch mein nächster Zuschauer! Was für ein Schauspiel ginge darüber! Und dann kann man zu gleicher Zeit ein bißchen zum Rechten sehn und mal eingreifen, wenn der Boden mal einschlummern sollte. Bin ja doch kein Bauer, daß ich alles roh nehmen müßte, wie's mir eben zugeschanzt wird. Nein, ich kann's machen wie der Weber, der seelenruhig jede Verhedderung ausgleicht. Das habe ich dem Schicksal zu danken, das mich freigestellt hat: frei so über meine Wahlen wie auch über mein Urteil. Und wenn mein Blut was besondere Farb hat, nun so genieße ich das mit in den Kauf. Sein Herr, nicht sein Sklave – und doch festgegründet! Noch ein wenig untätig aus Überfülle: Entscheidung ist Beschränkung. Doch zur Probe: was will ich? Mich ausleben natürlich. Ein Ich sein, ein eigenständiger Mensch! Aus all dem dumpfen Boden, meiner Liebe für ihn und mit klarer weiter Überschau. Wie dieser Himmel droben zu dieser Heimat. So will ich sein. Dieser Himmel, der auch seine Heimat hat. Der ebenso festlich angezogen ist wie etwa eine vornehme Gegend: so um eine Hauptstadt herum oder wo viel Glück und Freude wohnt. Heimat: wie kommt sie zustande? Ich finde so: Das tauscht so aus, geht herüber und hinüber, von der Erde lagert sich was in uns und von uns in die Erde hinüber. So will ich heimatlich mich regen. Und was will ich von der Heimat? Sein Saft – und – Feuergewächs: das Teutoburger Weib. Dann so ein Gedränge, das sich zu wohlig aneinanderdrängt, um entziffert zu werden. Allerlei unmißbares Kleinwerk in Laut und Farbe und in Gestaltung. Das Teutoburger Weib: Thusnelda und Hermann. Als Kinder. Der erste Eber. Da liegt er vorn in der festlich prasselnden Halle. Ein Schlitz über den Arm. Bewundernd sieht der Knabe, wie das edle Blut leuchtend emporspringt aus dem gebräunten, noch immer ein wenig zarten Arme. Stolz und freudig blickt er hin darauf. Als sei's Wein, ihn, den Verschmachtenden zu laben. Nach einer Eberjagd wie heute. Alle Hunde hinter sich drein. So läuft er. Nun hat er ihn erreicht, den borstigen Sohn des Fichtendickichts. Mit boshaft schnellem Aufleuchten des kleinen geschlitzten Auges wendet sich der Keiler nach seinem Angreifer um – und da hat der Knabe seine Auszeichnung weg. Die wohl immer bleiben wird. Ist das ein Glück! Auch die Männer sind herbeigeeilt. Mit neuen Augen sehen sie auf ihn. Ihr Schweigen sagt: Der gehört zu uns! Dann wieder die Weiber, die mehr im Hintergrunde sich halten. Sie haben etwas Entlassendes in ihren Augen: als ob sie ihn verlieren nun, der früher mit Hund und Mädchen und Sklaven zu ihnen gehörte. Zu ihnen in dem dumpfen Dunkel des Namenlosen, das nichts galt, nichts bedeutete. Er trat aus, aus ihrem Knäuel, trat hell und bestimmt hinein von nun an in die männlichen Reihen. Man wird ihn lehren, mit den Männern wird er ziehen, kaum daß der herbe Morgen seinen scharfen Speer in den Schlummer der Männer sendet, die früh auf sein müssen, um dem äsenden Wilde auf Nahrung und Leben zu passen. Wenig sehen mehr wird ihn die Hütte. Und doch wieder liegt freudige Genugtuung in den Zügen der Mutter und Ahnin und Mägde: wieviel Wildbret können sie sich versprechen für die Küche von diesem jungen Jagdeifer.   Es fängt an Heut ist der 11. September. Der dritte Tag der Hermannschlacht, der Tag der Entscheidung. Am Tage der Hermannschlacht bin ich geboren. Am dritten, am Tage der Entscheidung. Das sind immer meine Schlachttage. Da muß mir was in den Weg kommen. Hermannschlacht: auch das säet hinüber, wie zwischen Heimat und Heimatling die Dinge sich austauschen. Eine unheimliche Kette. Unheimlich: weil Leben. Alles Leben ist unheimlich. Findet in uns ein Gesetz nicht. Und von diesem Dunkel manches blieb. Von dieser Feindschaft. Und feindet weiter. Ist wild und stark und unerklärlich. Mich umwächst, wie ich hinübersehe, was von drüben. Geflossen trübes Grün. Feindisch. Geister der Kämpfenden. Die nicht Ruhe finden konnten. Und weiter stritten. Weiter stritten. Böses Grün. Hämisch. Versenkend. Und die Leuchte: Irrwisch. Weisend, winkend: »Komm, hier ist's am versenkendsten.« Gurgelnd jäher, ungeregter, ungerächter Tod. Und andere Leuchten: da oben an verhaltenen Hängen. Ein Licht, das kicherte: grinsende Freude. Und dieser kichernde Grimm funkt, dieses Licht jubelnden Hasses lodert unter Ungeheuerflügeln, mutwillig krausgeschwungenen Waffen: den Hörnern, den gewundenen Flammen des Angriffs. Und da droben dicht über den verzweifelten goldenen Adlern der zusammenschmelzenden Legionen krächzende Schatten. Da biegen aus ihren Federkrägen die heiser-grauen Geier weitaus ihre magernackten Hälse, und die schwarz-bestattenden Raben künden: »Krahkrah, die Stunde ist da!« Und wie des Waldtals tückisch einsenkender Lauf zu Ende ist, da ist auch zu Ende, was bestimmt und deutlich war und kantig wollte – erobern Gewohnheit – fallen müssend, alle die dunkelfesten Augsterne rat- und sinnlos, und über alledem ein dumpfes Gespenst, das noch lange weiter schlief darauf und schlafen wird: die deutsche Freiheit. Schlafwandelnd hatte sie die Runde gemacht durch ihre Wälder diese drei nachtenden Tage, dann wieder sich hingelegt. Das war. – Nun, was da ist: Munterer Strudel... Das erste Beste! Ein Kranz von Blech: »Zum Stadtbach«. Eine Reihe von langen, meistens Briloner Pfeifen an Pflöcken. Eine große Schnupftabaksdose auf dem runden Tisch. Inschrift: Schnupf, wer will. Die Lippsche Landeszeitung. Die hol ich mir hinüber an meinen Katzentisch für Fremde, und mache eine leichte Verbeugung an die beiden, die daran schon langer sitzen müssen. Der eine etwas finster Bestimmtes in den Zügen, etwas feindlich über alle Hinwegstechendes, der andere zerschwollen zu dumpfer Empörung und Übertäubung. Eine Reihe von Flaschen mit der eingegossenen Inschrift: »Brauereigesellschaft Falkenkrug«, deren trübgelbliche Bräune jedenfalls den Seelenzustand der ihnen Zusprechenden wiedergeben soll, steht vor ihnen; eine Flasche Hermannsbomer Sprudel, auf ihrem Schilde Hermann mit hochgezündetem Schwert, nimmt's mit ihnen allen auf in seiner besonnenen Rache. Die trüben Brünste betrunkenen Blutes müssen erbleichen vor ihm in Reue und Umkehr: schon hat er die Hand ans Werk getan. Der eine der beiden, der am meisten verwüstete, rotblond Bart und Haar, blau die hamsterartigen Wangen, die Nase ein illuminiertes Kupferbergwerk, hat sich erhoben und reicht mir die Zeitung zu, nach der meine Frage: »Sie erlauben?« zu fassen gedachte. »Baron von Hassenburg, Leutnant a. D.«, schlägt er die Hacken zusammen, so daß man die nichtvorhandenen Sporen glaubte klingen zu hören. So zusammengenommen der ganze Mensch: Stimme und Haltung. Wie noch einmal angeblasene Kohlen die bläuliche Aschenschicht heben wollen, irrend bestimmt ein Funken darüber, so seine Augen. Auch ich nannte meinen Namen und Stand, verbeugte mich noch einmal ausgeprägter und kehrte an meinen Tisch zurück. Kaum hatte ich begonnen, mich in die Wünsche, Hoffnungen, Beschwerden der Lippischen Lande, die zusammen eigentlich nur ein großes gesundes Gut bilden mit apfelroten Wangen, etwas zu vertiefen, da unterbrach meine einsiedlerische Andacht schon wieder die Stimme des zuvorkommenden Herrn: »Sie sind Schriftsteller, so sagten Sie doch? Da müßten Sie eigentlich mit uns hinausfahren nach Willebasen auf den Pferdemarkt.« »Willebasen?« staunte ich, »den Ort kenne ich ja gar nicht. Und doch stamme ich hier aus der Gegend.« »Das will ich meinen!« lachte das Kupferbergwerk auf in wallender Freude. »Den kenne ich auch nicht. Den soll wohl keiner kennen. Ist ja auch kein Ort. Ist mal ein Ort gewesen. Vor vielen hundert Jahren. Das Land da heißt so. Und ein Pferdemarkt ist da. Zweimal im Jahre, der größte der ganzen Gegend. Und Zigeuner kommen hin, sag ich Ihnen! Dem seine Leute!« Damit wies er auf den Finstern zu seiner Linken. »Eine nette Gesellschaft!« Der Finstere war aufgestanden und riß den Redenden roh am Ärmel seiner grauen Jacke empor: »Genug der Faselei! Nach Hause mit dir, du Lump!« Doch mit einer starken bestimmten Bewegung machte sich der kleine untersetzte, etwa 35jährige Mann los von dem Zangengriffe des magern drohäugigen schwarzen Gesellen, der ganz nur Sehne schien. Die ganze Seele nur Sehne. Der Kleine erklärte: »Ich bleibe hier, Rotnacht.« Der Schwarze, der gerade seinen Hut vom Pflock nahm, meinte höhnisch: »Ganz wie du willst. Wenn dir der Wirt pumpt. Ich bezahle keinen Heller.« Der Kleine, dessen Blau ganz rot belaufen war und der dadurch ein bestimmtes, gekränktes, mithin menschliches Aussehen gewonnen hatte, wandte sich an mich: »Sie gefallen mir. Sie gestatten doch, daß ich Ihnen etwas Gesellschaft leiste?« »Das da ist der Teufel!« Damit nickte er nach der Tür hin, aus der sein unheimlicher Genosse schon längst entschwunden war. »O Sie glauben gar nicht, was mir der Mensch alles angetan hat! Um jeden Pfennig hat er mich gebracht. Er war mein Rentmeister. Mein Vater hat ihn aufgelesen auf der Straße zwischen Eilversen und Vörden oben auf dem Berge. Es war Weihnachtsabend, und die Tatern hatten ihn verstoßen, weil er was gemaust und ihnen nicht abgeliefert hatte. Alles können die vertragen, nur das nicht. Und wie mein Vater einen Narren gefressen hatte an dem Luder, an diesem verdammten Halunken. Wie er einen angucken konnte, so frech, so höhnisch, daß man vor Galle nicht mehr wußte, was man tat; und verwichste man ihn dann, glauben Sie, daß der Bengel sich gewehrt hätte? Trotzdem er viel, viel stärker war als ich. Nein, da konnte er weinen, als habe ihm der Bock das Herz abgestoßen. Und dann ging er nicht etwa hin und verklagte mich bei meinem Vater. Nein, er wußte es immer so anzustellen, daß mein Vater zuerst aufmerksam wurde darauf, und ließ sich langsam und mühselig alles erst abfragen. Das vermehrte die Wut meines Alten natürlich nur mehr. Und meine Schwester erst? Ganz verrückt war sie auf den Bengel.« »Ja?« wandte ich ein. »Wie konnten Sie denn einen Menschen, den Sie so als Ihren Feind kannten, den Sie so aus ganzer Seele haßten, wie konnten Sie den zu Ihrem Rentmeister machen? Wie konnten Sie dem diese Vertrauungsstellung geben?« Hassenburgs Augen flammten mich an. Sein Erstaunen über diese meine Vermutung war so glühend, daß sie die Färbung des Unwillens annahmen. Des Unwillens, als habe ich selbst diese Ungeheuerlichkeit begangen, die ich an eine falsche Stelle setzte. »Ich? für so einen Esel müssen Sie mich doch nicht halten! Mein Vater hat das getan – na, Gott verzeih es ihm! Er konnte mal nicht anders. Er hat's nicht besser gewußt. Keiner kann für sein Schicksal. Das seh ich an mir. Sie glauben doch nicht, daß ich immer so war? Das wird man nicht so mir nichts dir nichts. Besonders nicht, wenn man von den Kreuzrittern abstammt. Wie unser Geschlecht. Da muß schon etwas Schweres vorliegen. Wie bei meinem Vater die Gutmütigkeit. Besonders wenn er getrunken hatte. Wie da am Weihnachtsabend. Meine Mutter war kurz vorher gestorben. Da suchte er denn Vergessenheit. Und wenn er die hatte, dann mußte er so verteufelt gutmütig sein. Nach der falschen Seite hin. Nach der andern konnte er streng genug sein. Davon weiß mein Buckel ein Lied zu sagen. So ein Unglück ins Haus zu bringen! Am heiligen Christabend. Eine nette Bescherung! Noch immer kann ich's nicht glauben. Es ist gar zu verrückt! Meistens glaube ich, daß ich träume. Aber wenn ich den Halunken sehe – na, man muß es eben tragen. Also, Sie kommen morgen mit. Sie stehen doch früh auf? Um sechs fahren wir. Ich schicke Ihnen einen Jungen. Sie wohnen doch im Lippischen Hofe? Sie sollen mal sehen, es wird Sie nicht gereuen.« Ich überlegte: »Wenn's Ihnen keine Ungelegenheiten macht, möcht ich schon.« Der Baron sprang auf und ballte die Faust, die er kräftig nach einer Richtung hin schüttelte: »Ungelegenheit? Mir? Einem Hassenburg macht nichts Ungelegenheit! Lassen Sie sich das gesagt sein, Herr, Herr ... Ach so, Sie meinen wegen dem! Das hat lange genug gedauert. Und wenn er mich umbringt. Gefallen lassen tu ich mir nichts mehr von ihm! Das hat aufgehört!« Und schnell wie es gekommen, verlor sich das stolze harte Aufleuchten seiner in der Regel mattblauen wesenlosen Augen, die wie ein bleichsüchtiger Himmel in unentschiedener Jahreszeit waren. So nach der Ernte – so vor dem Säen – nun lag ein weiches, ängstliches Flehen darin, Seine Seele hielt sich fest an mir: »– Und nicht wahr? Sie helfen mir? Gegen den! Sie lassen mich nicht im Stich. Auf Sie kann ich bauen, auf Sie mich verlassen. Sie sind der erste Mensch in dieser Gegend. Der erste Mensch, den ich je gesehen. Und nun, da ich weiß, woran ich schon lange verzweifelt hatte, daß es doch Menschen gibt« – neu lohte Feuer in ihm auf – diesmal kein Hassesdrang, diesmal Freudenfeuer – »und nun lohnt es sich auch zu leben. Nun mag ich wieder Mensch sein. Nun will ich das Trinken aufstecken. Der Teufel soll mich holen, wenn – Aber wozu Mensch sein? Wovon? Er hat mich ganz in den Klauen.« So trieb diese verrostete Wetterfahne auf einem verfallenen Schlosse um. Ich sah ihm wärmend ins Auge: »Wollen Sie Mensch werden, wollen Sie es wirklich im Ernst, so will, so kann ich Ihnen die Hand dazu bieten. Erst müssen Sie fest in sich selbst sein. Das ist Ihre Sache. Das kann kein Mensch für den andern tun. So wie Sie dann Geld brauchen, Geld verwenden können, Geld richtig verwerten, so werd ich das Notwendige für Sie wohl haben.« Er reichte mir die Hand hin: »Dank!« Das war alles. Sein Blick aber sagte mehr. Viel mehr. Eine ganze Geschichte. Eine Werdegeschichte heraus aus der Geschichte der Vergangenheit, der Geschichte des Zerfalls. So, da hatte ich ja das, was ich wollte. Das Eine. Das von der großen Liebe. Dahinter tritt die kleine zum Mädchen zurück. Die wird schon kommen. Oder nicht kommen. Egal! Hier aber habe ich vor mir das schönste Werk, die erlesenste Aufgabe, die nur irgend jemand haben kann. Denn das Eine, das Allergrößte, das ist immer in seiner schwindelnden Höhe wie unmöglich. Nämlich ein Kind zu bilden. Wie sich's gehört. Mit all seiner fröhlichen Wildheit, mit all dem munteren Tau darauf so einen jungen Menschen aus sich steigen zu lassen, wie eine Wurzel zur Blüte steigt. Und nichts vom Eigenen, mithin dem Kinde Fremden dazu zu tun. Es nicht zu überschwemmen mit seiner Seele Feindlichem. Auch das meinte Jesus, als er von denen sprach, die das Kind ärgern. Nein, das Kind sollen wir in uns empfinden, und nur da, wo das Kind von seinem eigenen Sinne abirren will, die Hand legen gegen den schlanken Schaft seines seelischen Wachstums, um es in seinem Sinne steigen zu lassen zur Blüte. Doch auch dieses zweite, einem Verwüsteten beizuspringen, war Glück. Wieviel Vergangenheit lernt man, wieviel Heimat, lebendige Heimat, wenn man Zerstörung und Verfall zurückergründend zu heben hat. Ich sah den Baron prüfend an. Es drängte mich zu etwas Herzlichem. Und der Wein ist so etwas herzlich Feierliches. Dieses glutenklare Blut, dies Himmelslicht! Nur darf man das Himmelslicht nicht mit dem Brennglas auffangen wollen: dann versengt es. Würde es hier versengen? Ich glaube: Nein. Viel Seele ernüchtert den Körper, von dem aus doch nur etwas Trunkenheit in die Seele hinüber steht. Und hier waren starke Seelengüsse gewesen. Und dann das banale: Wein auf Bier rat ich dir. So beorderte ich also den Wirt, einen rotblonden Hünen mit jenen Lapislazuli-Augen, die den Römern in der Nähe verhängnisvoll genug in ihre letzte Stunde mögen geschienen haben, da sein Vorfahre sie entzündet vor Wut in die ihren bohrte. Nun sahen sie fast träumerisch drein. Wein? Ja, den hatte er. Roten oder Champagner? Ja das war eine Gewissensfrage. Bordeaux in dieser Abgelegenheit? Abgelagert mochte er ja sein, aber wer weiß, ob er nicht diesem selben Keller, worin er lagerte, seine Geburt verdankte? So entschied ich mich denn für Champagner. Obwohl mir dieser mit dem feierlich weihevollen Tone der Stunde, dem Zeichen höherer Menschlichkeit, das er vorstellen sollte, in Widerspruch zu stehen schien. Also wir tranken und stießen an. »Also morgen schicke ich den Jungen!« Willebasen Mit wahrer innerlicher Angst kämpfte ich mit einem unwiderstehlichen Triebe, an dem meine Seele feststak wie an einem Messer. Es war der Trieb der Brandstiftung. Ich hatte eine Schachtel deutsche Schweden in der Hand. »August Kolbe aus Zanow, Pommern« stand darauf. Das wußte ich, wie man im Traum das immer so weiß, ohne darauf hinzusehen. In meiner Seele glühte phosphorisch der Gedanke: Es muß aufgeräumt werden mit dem Gerumpel, weg mit dem verrotteten Mittelalter! Ein neues Haus, eine Villa nach meinem eigenen Sinne muß hier stehen als Sinnbild meiner Weltanschauung. Weg mit dem Menschengerümpel! Ich bin nicht für Konzession zu haben. Und so stark empfand ich die scharfe schneidende Gewalt eines Triebes, wie er den Menschen in sein Schicksal reißt, daß gerade aus dieser Stärke heraus der Umschlag erfolgte, der Zweifel, und ich mir sagte: »Das kann ich ja nicht sein, das ist unmöglich!« und mit aller Gewalt zum Erwachen rang. Nur das Erwachen gibt eine Grenze ab für das schreckliche Meer, das wir Traum nennen. Mit dieser Bezeichnung »Traum« heben wir das furchtbare Befinden unseres Ungeheuers auf und atmen befreit und erleichtert. Wir sind gesittete Menschen. Hätten wir diese Grenze nicht, gäbe es kein Erwachen, wären wir mit uns allein: diese Verdammnis! Noch können wir uns nicht ertragen, nicht vertragen. Mir fiel das Wort ein, immer noch im Traume, das meinem Empfinden nach ein unendlich weiser und unendlich rätselhafter Mensch vor Jahrtausenden gesagt haben mußte. Und war doch nur der von der Hassenburg gewesen: »Glauben Sie mir, nur zum Vergnügen verkommt niemand: es muß schon etwas Schweres darin sein Spiel haben.« So kam denn ein Klopfen, ein mehrfaches Klopfen meinen Anstrengungen, ins Erwachen zurückzufinden, entgegen. Es war der Junge und draußen fröhlich spielender Morgen: Man fühlte förmlich seine lichten trommelnden Finger draußen an den Scheiben: »Schläfer heraus!« In zehn Minuten waren wir draußen. Es ging der Grävenburg zu. Gleich hinter der langgestreckten, mit graublauem Sandstein gedeckten Scheune stieg ein tiefer Hohlweg in das Gelände hinab. Nirgends eine Abnahme der Böschungen, in denen sogar Ansätze zu Steinbrüchen steckten, nirgends ein Ausblick ins Freie, alles verschlossen, bis wir vor dem Schling, der den Eingang zum Gute versperrte, anlangten. Das war Grävenburg! Ein finsteres, gleichsam in die Erde gesunkenes Gebäude, nur Erdgeschoß. Fast ganz nur Dach, Satteldach, abgestumpftes Satteldach. Tief eingebettet in düstere Kraft finsteren Gesträuches. Feindseliges Gebüsch: Eiben und Lebensbaum. Lebensbaum, der eigentlich nur Baum des Todes ist. Kaum näherten wir uns dem Schling, als ein großer Hund mit bösartiger Langsamkeit sich mir näherte. Doch der Jung schreckte mit jener Macht der Gewohnheit, die ja auch beim Menschen die Bösartigkeit der Anlage niederhält, die feindseligen Instinkte des Hundes zu gezwungener Duldung des Fremden. Um das kräftig hervorgestoßene »kusch dich« schlich er wie ein Feind, der die Blößen einer Festung erspähen will. Vor der niedern Tür des so unansehnlichen Herrenhauses hielt ein Jagdwagen. Die beiden saßen schon darin. Der Schwarze auf dem Vorderbrett, die Peitsche in der Hand, sah mich auf meinen Gruß nur finster und drohend an. Um so mehr freute sich der Kleine. Er winkte mit der Hand und lehnte sich über die Leiter, um mir beim Übersteigen behilflich zu sein. Sorgsam stopfte er die zerschlissene Pferdedecke, die er über seinen Knien liegen hatte, mir um die Beine: »Es ist noch höllisch frisch des Morgens.« Ich sah mich um: »Aber schön!« Schüchtern unbeholfen hoben sich Blöcke und Lehnen. Der Düstere sagte »hot«, und fort ging's. Der leichte Wagen ward auf den ungleichen Feldwegen hin- und hergeschleudert, wie der Mensch ein Spielball des Schicksals ist, sobald er's nicht zu zähmen weiß. Aber die Höhe, die Erde, wie tauig, wie rein! Das ist der Heimathimmel, wie er die Heimaterde so eigen anzulächeln weiß und emporzuziehen. So will auch ich meine Heimat erziehen, so erzieh ich auch die Menschheit. Nicht lange, und wir tauchten ein in den mächtigen Wald, dessen Schatten einen niedergebrochenen Eroberungskrieg und eine wiedergewonnene wilde Freiheit umfingen. Der Fußpfad zur Linken, früher taumelnd wie ein Kirmespfad, lief sittsam wie ein kleiner Hund uns zur Seite. Die ragenden Eichen streckten ihre knorrigen Wurzeln aus, ergriffen sich gleichsam bei den Händen, einer Versammlung gleich, die unter den einigend begeisterten Worten ihres Redners steht. Aus diesem Walde sieht man, was ein Volk ist, wie ein Volk sein kann. Der kleine Baron neben mir sprach vom Waldbestand hier, wie dies aufgepflanzt, das durchforstet werden müßte, wieviel die Jagdpacht kostete: alles Sachen, die seinem Stand am nächsten lagen. Von dem Mann vor mir aber, von seinem tiefgegrabenen unbewegten Nacken ging es aus wie dunkle Feindschaft. Sein Rücken strahlte Feindschaft aus wie der Höhenzug vor uns. Hier gesucht, da gemieden, kam ich mir vor wie ein Nordpolreisender: auf der einen Seite vereist, auf der andren Seite angeglüht durch ein ofenrötendes Feuer. Bald erreichten wir das Städtchen, in dessen Nähe die geisterhafte Ortschaft, der Name ohne Häuser lag. Hier im Gasthof stellten wir die Pferde ein, frühstückten und gingen dann hinaus gen Willebasen. Eine richtige Jahrmarktswiese. Wurstbuden, Bierzelte, Musikanten. Auch die Harfe fehlte nicht; eine ältere Frau, deren Zügen und Kleidung die gleiche Verschlissenheit zuteil geworden war wie den Saiten ihres Harfenungeheuers und ihrer Seele, spielte sie. Ein dünnes halbwüchsiges Ding mit einer Stimme, scharf wie eine Schusterpfrieme, sang dazu: »Lieber Vogel, komm doch wieder, doch der Vogel kam nicht mehr.« Pferde wurden vor Bauern und Händlern vorbeigezogen, die sachverständig auf die kurze Pfeife bissen und mächtig pafften. Einen Hals unterschied man an ihnen kaum, da sie mit ländlicher Vorsicht dieses empfindliche Organ durch große, wollene, braune Schals schirmten. Bisweilen kam ein Kauf zustande. Das heißt, wenn nach langem Hin- und Herzerren des Preises dieser endlich stehenblieb wie der lange schwankende Zeiger eines Gewichtsautomaten. Dann spuckten beide Parteien in die Hände, und der Käufer schlug mit kraftfreudiger Wucht mit seiner Rechten in die des Kaufgenossen. Nun gingen beide ins Bierzelt, um nach Gebühr den Kauf zu begießen. Auch Zigeuner waren da. Der eine, ein recht zornwütiger Geselle, bedrohte seine zerzauste Gesponsin mit einem mächtigen Scheit: er wolle sie »bimsen«, daß ihr Hören und Sehen verginge. Eifersucht schien dabei im Spiele zu sein, denn kurz darauf griff er mit demselben Scheit einen jungen Burschen an, während das Weib mit kräftigen Gebärden und lauten Worten die beiden auseinanderzubringen suchte. Dieser Vermittlungsversuch aber brachte den Herrn Gemahl nur um so mehr auf, und er schlug dem andern mit dem Scheit über den schwarzen Kopf, daß das Blut einen sprühenden Streifen zog und dann die Wange entlang niederfloß. Hiermit war der Streit zu Ende. Die Aufregung des Angreifers hatte sich gelegt, die Frau durfte unangefochten die Wunde mit Wasser kühlen. Dann begaben sich beide ebenfalls ins Bierzelt, um hier ihren Frieden zu begießen. Das Weib, der Zankapfel, folgte. Die Kinder allein blieben am Feuer zurück, das von wenigen dürftigen Knobben genährt wurde. Darüber stand auf einem Dreifuß ein rußiger Kessel, worin etwas brodelte. Die Kinder bliesen mit aller Macht in das Feuer hinein, das dem halbfaulen Holze recht wenig Geschmack abzugewinnen schien. Ungeheuer wichtig sah sich diese nichtige Angelegenheit an: so ruchlos lohten die pechschwarzen Augen, so laut und heftig waren Wort und Gebärde. Weder die Leute noch die Polizei, die in Gestalt eines grünrockigen Gendarmen die grüne Wiese zierte, hatten sich um den Streit der Zigeuner bekümmert. Die mochten sich totschlagen, wenn sie anders Lust dazu hatten. Das waren ja keine Menschen, das waren Tatern. Der unheimliche Wagenlenker hatte sich gleich von uns getrennt. Im Bierzelt fanden wir ihn wieder, wie er mit den Zigeunern zusammensaß und mit Inbrunst sozusagen mit ihnen sich unterhielt. Nie hatte ich eine solche Begeisterung an ihm wahrgenommen. So laut sprach er, so laut sprach aus ihm die Freude, seine wilde Zunge und die wandersüchtigen Genosssen seines leidenschaftfahrigen Stammes wiedergefunden zu haben, daß die fremdartigen Laute unsern fernen Tisch erreichten. Vor mir, auf mit schon recht bierfleckigem Laken bedeckten Tische, stand in einer blauen Vase ein Strauß von Bauernblumen: blau und rot herrschte vor, gelb war eingesprenkelt. Mit sachkundiger Beflissenheit tauchten einige Wespen ihre umschnürten Köpfe auf kürzere oder längere Zeit in die derben, mehr oder weniger süßen Kelche. Da mußte ich an einen Damenkaffee denken, oder auch an den Tisch nebenan, wo Bauernfrauen dem starkgezuckerten braunen Getränke und den Begebnissen ihrer Heimat lebhaft zusprachen, dabei mit feindseliger Befremdung zu dem Separattischlein hinübersahen, an dem die Frau des Oberförsters mit ihren jungen Damen, die bei ihr Landluft genießen und sich im Haushalt ausbilden sollten, Platz genommen hatte. Diese Wespen, sind sie nicht die Damenwelt der Natur: mit ihrer Freude am Schnüren - wie schön ist ein in zwei Teile geschnittenes Menschenkind! - am Süßen, am Stechen. An den Zigeunertisch waren jetzt noch zwei weitere Zigeuner getreten. Es waren Mann und Frau; die Frau hatte ein Kind auf dem linken Arme und eine Haselgerte in der Rechten. Mit dieser schlug sie scherzhaft ihren Rom, ihren Mann, über die feinen flügelartigen Schulterblätter. Dabei lächelte sie ihn so sinnlich gütig, so voll schelmischen Einverständnisses, voll Heimlichkeit unerschöpflicher Liebe an, daß man diesem Menschenpaare, diesem Adam und Eva, wirklich von Herzen gut sein mußte und ihnen den Preis der Menschlichkeit zuerkannte. So wie sie da waren, diese gemiedenen, überall ausgestoßenen, kindlich schlichten, träumerisch unbefangenen Naturen: sicher war auf dieser ganzen großen, menschenbesäeten Wiese keine Gruppe da, die die Süßigkeit und den Adel des Menschhaften und der Liebe so ungebrochen ausstrahlte. Der Rom hinwieder mit seiner Jünglingsschlankheit, die was träumerisch Zartes hatte, mit seinen weißen lachenden Zähnen hinter den vollen leisroten Lippen, seinen goldbraunen Augen, seinen bräunlichen, ins Blonde spielenden Locken, auch er war ein vorbildlicher Ehemann – eher Ehe-Jüngling, wie er in angenehmer Lässigkeit seiner jungen Säfte fast aufgelöst neben ihr stand, ihr Liebe suchend ins Auge blickte und Liebe wie ein süßes Joch mit umfassender Hand auf ihre Schulter legte, dann seinem kleinen Kinde die Händchen küßte. Dieser unscheinbare Mensch hat, ohne es zu wissen, das ganze Königtum der Liebe, das Königtum, über das kein Reich der Erde geht. Der johanneshafte Rom und seine blumigmüde Gattin setzten sich zu den übrigen an den von allen andern gemiedenen und mit ärgerlichen Blicken beworfenen, mit dem Unrat der Abneigung beworfenen Tisch. Die Empörung, das Murren stieg und stieg. Besonders entsetzte und ereiferte sich der Tisch, um den die wohlhabenden Bauern unter Vorsitz des zuständigen Vorstehers saßen. Bald machte sich der Vorsteher auf und kehrte nach einer kleinen Weile mit dem Wachtmeister zurück. Der, ganz Wucht, Streu und Würde, klafterte mit seinen mächtigen tranriechenden Stulpstiefeln sich Bahn durch die ehrerbietig zurückweichende Menge. Vor dem Zigeunertisch blieb er stehen, strich sich mit seinen großen roten Fingern durch den mächtigen braunschwarzen Schnauzbart, gab noch einen Schuß Zornesglut in seine braunroten Wangen und ließ seine graublauen Augen rollen wie ein paar Feuerräder. Endlich brach er das Schweigen: »Sie fallen lästig hier, verlassen Sie sofort das Lokal. Und Sie, Herr Rentmeister, wenn Sie mit den Leuten etwas zu sprechen haben, so können Sie das draußen tun.« Der Rentmeister, dieser Zigeuner a.D., ging mit seinen ehemaligen Wandergenossen, gehorsam dem Befehle, dem Ausgang des Zeltes zu. Hinter ihm der Gewalttätige, sein Weib und Freund. Nur der Johannes blieb sitzen und suchte mit einem weichen Lächeln und mit milde bittender Stimme den bärbeißigen Herrn Wachtmeister zu erweichen: sie täten ja keinem Menschen etwas, Geld genug hätten sie auch – hierbei langte er mit seine Hand in die Hosentasche und holte eine Anzahl Talerstücke daraus hervor – warum man sie nicht ruhig ihren Wein trinken ließe? Der Törichte: als ob's nicht gerade der Wein gewesen, den sie, die Geächteten, Ausgestoßenen, Landfahrenden hier tranken, während dort die Schulzen sich mit Bier begnügten in ihrer Sparsamkeit! Nur auf Schützenfesten ist es erlaubt, sich mit teuerem Krätzer ein Loch in den Magen zu brennen. Also das alles half nichts. Es half auch nichts, als der Baron aufstand und erklärte: »Die Leute bleiben hier, es sind meine Gäste.« Mir gefiel das schöne Feuer der Gerechtigkeit in den bestimmten Worten des Barons, auch wenn ich die Kosten dieser Gastlichkeit zu tragen hätte. Menschlichkeit ist guter Baugrund. Auf diesem Boden läßt sich alles wieder anpflanzen. Mittlerweile war es Mittag geworden, der Markt verlief sich, und auch wir brachen auf. Daß wir den Rentmeister bei den Zigeunern stehen fanden, als wir an denen vorbeigingen und sahen, wie er Zehnpfennigstücke hinwarf, um die sich die Kinder balgten, im Staube wälzten, kratzten und bissen, war uns durchaus nicht unangenehm. Seine Gesellschaft vermißten wir nicht im mindesten. Als wir in den Gasthof zurückkamen, war in einem der engen Straßen und der gegenüber aufragenden Kirche wegen recht dunkeln Saale die Table d'hôte schön angerichtet. Drollig erschien mir die patriarchalische Würde, mit der unser Hotelier präsidierte, aufstand und feierlich »Gesegnete Mahlzeit« wünschte. Noch immer kam der Rentmeister nicht zurück. »Fällt uns nicht ein, auf ihn zu warten. Wir sind doch keine Kinder! Wenn er in einer Viertelstunde nicht da ist, dann kutschiere ich, dann fahren wir ohne ihn.« Die Viertelstunde verstrich, der Rentmeister kam nicht, wir fuhren ab. Ich sah an der Munterkeit, an der Lebhaftigkeit, mit der der Baron schnalzte, die Zügel ruckte und bisweilen leise mit der Peitsche schmitzte, daß er in seinem Elemente, daß er glücklich war und sich von einer Last befreit fühlte. Die Wutausbrüche seines Wärters, die er wohl noch heute über sich würde ergehen lassen müssen, schienen ihn wenig zu kümmern. Die Sonne neigte sich schon dem Walde zu, ihr feiner Schein strich leise über den welken Himmel; wie ein Schleier der klösterlichen Einsamkeit schimmerten die Herbstfäden, Fäden zum Sterbekleid der Natur.   Andere Leute Himmighausen war nicht weit ab. In meinem Gasthauszimmer langweilte ich mich. Denn der Baron war krank und konnte mich auf vierzehn Tage nicht, wie es sonst seine Gewohnheit gewesen, täglich aufsuchen. Und der Besuch bei ihm war mit soviel Abneigung seitens des Rentmeisters umgeben, wurde so umknurrt – nicht nur vom Hunde –, daß ich mich trotz der großen Freude, die ich dem armen Kerl damit machte, immer zwingen mußte, ihn auf seinem Krankenlager aufzusuchen. Das Zimmer, worin er lag, machte nicht gerade einen freiherrlichen Eindruck. Es war geweißt. Die Tünche aber war seit langem nicht erneuert, in den Ecken hingen Spinngewebe, wie Segel so groß. Der Tisch war ohne Anstrich, voll von Rissen und Einschnitten, wie ein runzelvolles Altersgesicht. Sonst standen unten noch zwei Holzstühle und ein eiserner Gartenstuhl. Nach oben führte eine Treppe auf einen Raum, der über einem Kellerhalse lag. Hier stand das Bett des Barons. Sah aus wie ein Knechtebett, die rot angestrichene Lade war ineinandergehakt, Oberbett und Kissen blau und weiß kariert. Verrostete eiserne Fallen lagen umher. Es roch säuerlich nach Wichse: denn der alte Puljohann, der schwerhörige Hausdiener, stellte hierher das gereinigte und nicht gerade gebrauchte Schuhwerk. Er hatte seine achtzig Jahre auf dem gebeugten Rücken und brummte und murmelte fortwährend in sich hinein. Der Abend nach unserer Heimfahrt war schrecklich genug gewesen für den armen Baron. Wortlos war der von seinem langen Wege spät zu Fuß Zurückkehrende auf das Zimmer gekommen, worin sich der Baron schon zu Bette begeben hatte, hatte den Baron bei der Kehle gefaßt und gewürgt, dann ihn wiederholt mit dem Kopfe gegen die Wand gestoßen und ihn darauf verlassen. Gehirnerschütterung war die Folge davon gewesen. Aber es widerstrebte dem Baron, eine Anzeige zu machen. Das wäre seiner Ehre zu nahe gewesen. Er wollte seine Hilflosigkeit nicht in alle Welt hinaus geschrien haben. Für den Arzt hatte ich gesorgt. Ebenso für das, was ihm in seiner Krankheit dienlich sein konnte: Fruchtsäfte, kühlende Gelees und derlei. Gern hätte ich ihn eingemietet in ein Zimmer meines Gasthofs, aber der Baron weigerte sich: er könne nicht weg von da. Er habe seine Gründe. Heute war so ein leiser, feiner, erinnerungsseliger Tag. Da wär's mir unmöglich gewesen, scheele Blicke zu sehen und brummige Worte zuhören. Da konnte ich mir so recht vorstellen, wie der Schwiegermutter meines Wirtes zumute war, die bei ihm im Hause wohnte, schwere Arbeit tun mußte und von Tochter und Schwiegersohn hart angefahren wurde. Das hatte sie sich in den Kopf gesetzt. Dreimal war sie schon in der Irrenanstalt gewesen. Von dort aber war sie nach kurzer Abwesenheit als vollständig geheilt entlassen. Kaum indes kehrte sie in das rohe häßliche Leben ihrer Umgebung zurück, so begann sie wieder des Nachts geistliche Lieder zu singen, so versuchte sie, sich aus dem Hause zu schleichen und sich weiter weg irgendwo ins Wasser zu stürzen. Einmal schon hatte ein Nachtwächter sie aus dem Stadtbach, in den hinein er etwas hatte plumpsen hören, gezogen. Wenn man die Alte sah, mit den wirren weißen Strähnen ihres spärlichen Haares, das faltiggraue Gesicht halt- und ausdruckslose Ergebenheit, die auch zur Trauer und zum Schmerze nicht mehr die Kraft hatte, da mußte man sich sagen: es gibt noch etwas, das härter ist als Stein; etwas, das tiefer ist als Weh, und etwas, das mehr dulden kann als alle Märtyrer der Welt zusammen. Nun sollte die Alte zum vierten Male fortgebracht werden. Nachts, wenn ich im besten Schlafe lag, wurde ich geweckt durch eine kläglich irrende, in Klagen vergehende Stimme: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!« Das ging doch nicht, es ließ sich nicht mit dem Geschäft vereinbaren, das verjagte die Gäste. Mir gegenüber hatte sich schon der Wirt entschuldigt: ich möchte doch nicht ausziehen, in einigen Tagen würde seine Schwiegermutter wieder abgeholt nach Marsberg. Ist doch die Seele des Menschen eine Blume, die nicht aufkommen kann, wenn das Glück ihr nicht ein wenig den Boden lockert und das Auge der Liebe, die Sonne, sie erwärmt. So machte ich mich denn auf den Weg, an Grävenburg vorbei nach Himmighausen. Eine leise flatternde Regung, doch hineinzugehen, wies ich scharf und schneidend ab. Ich wollte einmal egoistisch sein, mir selbst gehören. Ja, dieser Tag! Es gibt Tage, an denen die Bäume ihre Illusionen verloren haben. Äußerlich ist nichts wahrzunehmen, die Sonne scheint mild und weich. Nur ein wenig abgespannt scheint sie; im Himmel ist kein Wölkchen, wohl aber leiser Dunst, ein gewisses Wehsein zu merken. Eher zu wittern, als daß man was Bestimmtes wahrzunehmen, zu unterscheiden vermöchte. Es können noch heitere Tage kommen. Tage, die heiter aussehen, denen aber sozusagen die Seele, die innere Heiterkeit fehlt. Es ist, als hätte eine Geisterhand Erde und Himmel berührt, sie gezeichnet. Und nun kann die Natur nicht mehr sich freuen, nicht mehr aus voller Brust aufatmen. Jede Empfindung ist in ihr zunichte gegangen. Himmighausen liegt eingebettet in einem schmalen Tale zwischen Teutoburger Wald und Egge. Mein Freund betreibt dort eine Kalkbrennerei und wohnt in einem etwas verwahrlost aussehenden Schlosse, für das die zusammengestorbene Familie des gräflichen Geschlechts von Rheder sich keine Verwendung weiß und darum für ein Billiges wegvermietet hat. Ein Garten, zum größten Teil Park mit mächtigen Linden, umfaßt es von drei Seiten. Als ich eintraf, war mein Freund abwesend bei seinen Kalkbrennern. Seine Frau, die von meinem Vorhandensein und demnächstigen Besuch schon unterrichtet sein mußte, wie ihre entgegenkommende Freundlichkeit vermuten ließ, wollte mich durchaus nicht fortlassen, ehe ich nicht Kaffee getrunken und mich etwas erholt hätte. Auch würde Karl wahrscheinlich bald nach Hause kommen. Gedeckt wurde unter der großen Linde, die dem Hause zunächst stand und ihre gemütlich gewaltigen Äste wie segnend auf das rötlichgraue Sandsteindach des Schlosses legte. Der Wipfel aber ragte hoch hinauf und trank Bläue mit allen seinen nervigen Blättern. Die Kiemen hatten bald Bekanntschaft gemacht mit mir und jedes ein Bein besetzt wie ein verbrieftes Eigentum. Dann kam auch die Frau mit dem Geschirr und setzte sich zu mir. Schon nach den ersten fünf Minuten ward ich inne, daß mein Freund an ein Weib geraten war, wie es sich wärmer, menschlich inniger, mehr Liebe gebend und Liebe bedürfend kaum finden ließ. So recht eine vollsaftige Frucht der Seele. Es war sehr still. Bisweilen fing der Wind mal an zu sprechen. Aber dann vergaß er wieder, was er sagen wollte, und hörte mitten im Wehen, im Satze auf. Weiße, freundlich deutliche Wolken schienen sich immer weiter hinein in den Himmel und uns ihnen nachziehen zu wollen, wenn unsere Augen ihnen folgten. Von Zeit zu Zeit donnerte es heran, ein Eisenbahnzug rasselte über unsere Köpfe und verlor sich in der Ferne. Eine schwarze Eisenbrücke trat einmal auf in diesem Garten, dann eilte sie weiter im unaufhaltsamen Sprunge des Lebens. Geruhig sprachen wir über dies und das, wie sich's so bei einer Einleitung einer neuen Bekanntschaft ergibt. Dann ward Stille. Und da ich hinaufschaute, fand ich ihre Augen perlen. Ich fragte nicht, ich staunte nicht: ich wußte, das ist kein Schmerz, kein Wehe. Das ist die Träne der Ewigkeit, die große Stille der Reife. Wenn man will: des Glückes. Die Ahnung der Mitte. Ich glaube: auch das Getreide ist traurig derart kurz vor der Ernte. Dann ließ ich mir den Weg beschreiben, nahm Urlaub und ging, meinen Freund auf dem Gebiete seiner Tätigkeit aufzusuchen. Etwa zehn Minuten aus dem Dorfe gen Westen fingen die weißgelblichen Kalksteine an, die dünne Grasnarbe zu durchbrechen. Trotz der schon ziemlich geneigten Sonne zitterte die Luft über dieser gelblichen Öde. Das machten die hier brennenden Kalköfen, aus denen bisweilen eine schleichende, schattenhafte Flamme emporschlug. Als Silhouette sah ich da oben meinen Freund bei einem Arbeiter stehen. Er freute sich sichtlich über mein Kommen, daß ich so bald Wort gehalten, gab noch einige Anordnungen und ging dann mit. Ich mußte die Nacht über dort bleiben. Auch am andern Tag noch war an kein Fortlassen zu denken. Mein Freund war geschäftig und schien umsichtig. Aber war er nicht etwa zu geschäftig? Das Geschäftige kann eine Gefahr für die Liebe sein: es führt zur Vernachlässigung und fordert eine gewisse Roheit. Arbeit und Geschäft, wenn man sich ihnen einmal zuwenden muß, schwellen zu leicht ins Unermessene, nehmen den ganzen Menschen in Beschlag und bringen seine feinsten Stellen zur Verkümmerung. Daher auch so manche Kluft in der Ehe: der Mann ist nicht schlecht, es ist nur Geschäft.   Mein Schloß Ich hatte einen stillen Winter verbracht. Immer noch in Schwalenberg. Aber nicht mehr in meinem Gasthauszimmer. Als ich die Kaufangelegenheit ins Reine gebracht: sechzehntausend Mark sollte der Steinhaufen kosten – da hatte ich mich in einem Kaufmannshause am Fuße meiner Burg eingemietet. Sofern es die Schneeverhältnisse erlaubten, verkehrten der Baron und ich fast täglich. Diese täglichen Spaziergänge, mit einer gewissen Anstrengung und Überwindung der Kälte auszuführen, hatten seiner etwas verdumpften und entzündeten Art gut getan. Er sah frisch und stramm aus, verkehrte gar nicht mehr im Wirtshause und ließ es sich bei mir munden, sei es, daß wir dem nicht unebenen Rotspohn meines Hauswirts zusprachen, sei es, daß wir Tee tranken – mit einem ordentlichen Schuß Rum hinein – oder uns einen gediegenen Grog brauten: Temperenzler wollten wir nicht sein, nur nicht verdumpfen und versumpfen im Wirtschaftsbrodem. Jedesmal, wenn der Baron kam und ging, so war's mit Büchern, die er mitnahm oder wiederbrachte. Er war nun ein eifriger Leser geworden. Besonders gefiel ihm sein Standesgenosse Detlev von Liliencron. Das war sein Fall! Besonders die Kriegsnovellen. »Teufel, das hat Hand und Fuß!« »Und wie das alles stimmt!« »Ja, so geht's da zu!« »Und ein Goldkerl muß es sein, den müßt' ich hier haben!« Das alte Soldatenblut in ihm fing wieder an zu sieden: aber künstlerischer, vaterländischer. Warf nicht so viel Blasen. So beobachtete ich. So verging der Winter. Die Höhen sahen mit ihrer durchscheinenden braunen Grundfarbe und dem weißen, immer mehr zusammenmürbenden Schnee, in Schlucht und Furche rege, lebendig aus wie ein unterhaltendes Buch. Des Mittags sandte die nähere Sonne schon etwas wie Wärme nieder aus ihrer wärmefarbigen Schale. Die meiste Wärme aber schien von innen zu kommen, aus der Erde heraus. Die ahnungsfrohe Amsel schlug ihr hoffnungsfestliches Lied. Der munter behende Distelfink, der schon den winterfleißigen Germanenmägden und den einem jungen Krieger verlobten Herzogstöchtern sein »Spinndicke, Spinndicke« mahnend zugerufen, da der Winter und damit die Arbeit dieser Art, die Rüstung der Mitgift zu Ende ginge, belebte die noch kahlen Zweige des alten Apfelbaumes, der etwas Ehrwürdig-Germanisches vorzustellen wußte trotz seiner Vermorschtheit – vorzustellen durch die weichgrüne, mit klebrigen Beeren bedeckte Mispelwucherung innerhalb der rötlichen Fäulnis seines halb abgestorbenen Stammes. Wie Kätzchen hingen die Knospen der Weiden herab, wie wollige Schäfchen erschienen die frühzeitigen Blüten des Haselstrauches. Frisch und verdutzt guckte das Schneeglöckchen über den kaum weißgescheckten Boden. Der Himmelschlüssel sprach mit sanften Blütensternen, mit seelisch weichem Munde von dem Reiche der Liebe, das nun da droben anbrechen werde. Die bräunlich purpurnen Veilchen waren wie die duft- und gestaltgewordene Blume des sprossenden Bodens. Die Tauzeit war vorüber, das Schneegewässer in die Erde gezogen. So, nun kann das Bauen losgehen! Der Baumeister hatte mir seinen Plan vorgelegt, ich ihn genehmigt. Umgebaut wurde gar nicht, nur ausgebaut, ergänzt. Alles im Sinne des Bestehenden. Und nun konnte ich, wenn sonst nichts vorlag, mich stundenlang ans Fenster stellen und zusehen, wie sich da droben auf Gerüsten kleine Gestalten abmühten, es da oben für mich wohnlich zu machen. Als weitere vierzehn Tage vergangen waren, sah schon die Spitze des Bergfrieds, der an passender Stelle in der Weise des ausgehenden Mittelalters wieder sich erhob, steigend und wachsend auf mich hernieder. Und wieder vierzehn Tage, da setzte sich der Bergfried schon kriegsgewappnet seinen Dachhelm auf. Nun hielt es mich nicht mehr, nun mußt' ich dabei sein, mit Händen und Füßen antreiben, gleichsam als seien die Steine lebende Wesen, die sich tummeln können nach meinem Befehle. Der Baron war meist den ganzen Tag bei mir. Jeden Tag mußte er sehen, wie die Sache gewachsen. Wenn ich ihm aber davon sprach, wie ich zwei oder drei Zimmer für ihn einrichten lassen würde, so schüttelte er den Kopf: davon wollte er nichts wissen. »Nein, nein, auf keinen Fall, das nicht!« Ich fragte nicht nach dem Warum. Ich verstand: wo man als Herr gehaust, da will man nicht geduldet sein, nicht aus Gnade wohnen. Und sei's auch beim besten Freunde. Das wäre zu beschämend! Die Ehre über alles! War das ein fideles Leben, als das Richtfest kam. Oben auf der äußersten Spitze des Gerüstes am Dachfirst war eine Blumenkrone angebracht. Bunte Bänder wehten im Winde. Der Zimmermann sprach seinen althergebrachten Spruch, trank seinen hergebrachten Schnaps und schleuderte das leere Glas in weitem Bogen, daß es in viele Stücke zerspringe. Das bedeutet Glück! Als ich den Baron am Abend dieses denkwürdigen Tages nach Hause geleitete, schwärmend, schwankend wie ein Mulus: was für ein merkwürdiges fröhliches Fieber, was für ein Wallen und Heben in ihm war! Es war, als ob ein Neues, ein Wiederschönes, ein unendlich Frohwerden in ihm keime. Er wußte es selbst nicht, aber es brach heraus aus ihm. Auch ich wußte nicht, was da war, was geschehen, was bevorstehe – nur das wußte ich: dieser Mensch ist wieder er geworden und muß nun das Seinige, das Richtige finden. Es muß ihm begegnen, er muß es antreffen auf seinem Wege. Wir waren angelangt. Dicht über seinem Hause, fast schon hineintauchend in den düstern Wipfel des schauernden Eichenbaumes, von dem eine unheimliche Kälte ausging, stand in zartem Schein die Venus. »Nun hinein ins Hundeloch – adieu, mein Freund!« Da kam er noch einmal zurück, beugte sich flüsternd zu mir und meinte: »Mit dem muß ich doch fertig werden können! Das macht mir Spaß! Jetzt, er muckt auch nicht mehr –« »Aber mein Recht krieg ich in alle Ewigkeit nicht mehr. Dafür sorgen schon die Gerichte und Advokaten.« »Adieu, alter Kerl, bis morgen!«   Wieder in Willebasen Zwei Tage später jährte sich der Pferdemarkt in Willebasen und unser Ausflug. Diesmal fuhren wir allein: der Baron und ich; er kam zu mir, und wir benutzten den Wagen meines Wirtes. Das Wetter war etwas säuerlicher als das vorige Mal. Bisweilen trafen ganz kräftige Stöße anprallenden Windes unsere Köpfe, so daß wir wie auf Verabredung nach unsern Hüten griffen, um sie festzuhalten. Das machte nichts. Dieser starke wohllautend volle, gleichmäßig abgesetzte Wind hatte etwas Warmes, etwas jener männlichen Stärke, die Kälte in Wärme verwandelt. Ein Hase lief uns über den Weg. »Nun müssen wir eigentlich umkehren«, meinte der Baron in vollem Ernst. »Es wird uns entschieden etwas Unangenehmes begegnen dort.« »Im Gegenteil! Nun erst recht! Bei mir und wer sich in meiner Gesellschaft befindet, selbstverständlich für den auch, bedeutet das Glück. Gerade wieder Freitag. Das ist immer mein Glückstag gewesen.« Der Baron schwieg, sah vor sich und ließ mit sich machen. Auf dem Marktplatz die alte Geschichte. Ja ich glaubte sogar die alten Gesichter wiederzuerkennen. Auch der Bürgermeister mit dem himbeerroten Male im Gesichte, dessen ich mich vom vorigen Male genau erinnerte, war wieder da. Nur der liebe Vogel fehlte. Lieber Vogel, komm doch wieder, doch der Vogel kam nicht mehr. Ob die alte Harfe ihre letzte Seite verloren? Ob der dünne Vogel irgendwo in einen Arbeitskäfig gesetzt war? Aber die Würste waren da, dufteten und zischten und lockten alle Nasen, besonders die roten, in ihren Bereich: »Die Unterlage nicht vergessen! Eine gute Unterlage, da kann man was draufsetzen!« Auch Zigeuner waren da. Wohl andere als das vorige Mal. Diesmal viel Weiber, die wahrsagen wollten. Allen dicken behäbigen Schulzen soundsoviel Kinder wünschend – Glück in der Liebe – alle Sachen, an denen gerade Leuten ihres Schlages das denkbar Wenigste gelegen sein mußte. Ja, wenn es noch harte Taler gewesen wären! Oder ein paar Morgen Land! Einige Kunden indes fanden sich bereit zu solchen Zukunftsgeschäften. Das waren solche, die in Prozessen lagen. Die wollten wissen, wie ihr Prozeß auslaufe. Und es war drollig zu sehen, wie die schwarzäugigen Hexen sich ein Geldstück geben ließen, wie sie das auf die Handfläche der in der Zukunft forschenden Person legten, wie sie Gras ausrupften und heftig ausspuckten. Forderten dann die Bauern, die gerade nur ein größeres Geldstück zur Hand gehabt und solches hingegeben hatten, dieses zurück, so entstand darob großer Unwille: das gehe nicht, das hebe den ganzen Zauber auf, das zöge das größte Unglück herbei. Als der größte Drang der Geschäfte abgewickelt war, begann in einem großen Bierzelte der Tanz. Bauernsöhne und Töchter, Knechte und Mägde opferten der Musik ihren Groschen und traten zum Tanze an. Auch ehrenfeste Schulzen und gewichtige Bäuerinnen ließen es sich nicht nehmen und schwenkten pustend, sich den Schweiß abwischend, einander einmal herum. Immer wieder trug der zu diesem Tag gedungene ländliche Kellner in kurzer schwarzer Jacke, ein Handtuch als Serviette überm Arm, den schwitzend darauflos fiedelnden und blasenden Musikanten je ein Seidel Bier hin, immer häufiger erscholl das: »Lustig, Musikanten!« Der Tanzordner stand in der Mitte, drehte sich bald nach dieser, bald nach jener Seite, wo etwas im Rückstande oder außer Takt war, und klatschte taktierend in die Hände. Ein auffallend hübsches, ja bei näherem Hinsehen vollendet schönes Mädchen stach vor allen andern hervor. Es sei eine Magd aus der Umgegend, hieß es. Aber da es nur eine Magd und der Sinn für Schönheit in diesem Kreis nicht eben ausgebildet ist, so war der Zudrang zu dem Vorzug, mit ihr tanzen zu dürfen, nicht eben außergewöhnlich stark. Nur daß sie keinen Tanz, wenn anders sie nicht vorzog zu pausieren, auszulassen brauchte oder wie die weniger gesuchten Tänzerinnen oder noch halbwüchsigen Dinger sich der Erde gleich um ihre eigene Achse zu drehen brauchte oder ein Mädchen zum Partner erkiesen mußte. Sie tanzte schön. Das heißt: ihre Bewegungen waren sicher, ihre Wendungen rund. Sie tanzte nicht leidenschaftlich und auch nicht lässig. Ernst sah sie vor sich aus, alles war warme, anmutige Gelassenheit. Olympische Ruhe auf der Erde: hier tanzte Venus. Nicht das Thronerschrockene, das Verwahrloste mancher Prinzessin – nun, dafür war sie auch Göttin – nicht bloß simple Prinzessin. Was ging mit meinem Baron vor? Schon zwei-, dreimal hintereinander hatte er mit ihr getanzt, ohne indessen mit seiner Beharrlichkeit Unwillen zu erregen. Denn sofort hatten sich ihre früheren Tänzer, sobald ihre Dienste nicht mehr in Anspruch genommen wurden, anderen Mädchen zugewandt. Mädchen, die jedenfalls Bauerntöchter, keine Mägde waren. Das sah man an den hochmütig steifen Bewegungen, hochroten Gesichtern und den schreienden blauen und roten Kleidern. Der Baron sprach auf das Mädchen ein – sogar während des Tanzes. Und nun – ist es möglich? – lief, huschte da nicht ein Lächeln über ihre göttlichen Züge? Bedächtig, halb überlegen, halb zustimmend wiegte sie ihren Kopf mit dem Takte der Musik. Wahrscheinlich hatte sie die erste rechte Schmeichelei in ihrem Leben gehört, war der erste Weckruf an sie ergangen. Noch einmal sprach der Baron auf sie ein, da überzog sich ihr Gesicht blutrot, und sie ward still in sich. Bei genauerem Hinsehen kam es mir vor, als wenn sie von nun an sich fester gegen ihren Tänzer schmiege. Eine längere Pause ward angesagt, wohl damit sich die Musikanten etwas verpusten konnten. Da kam der Baron mit seiner Dame auf mich zu: »Ist sie nicht herrlich? Eine wahre Göttin unter all diesen Trampeln! So was hier – an den Hof gehörte das! Übrigens, Sie hatten recht vorhin. Das mit dem Hasen. Er hat doch Glück gebracht!« »Wollen wir uns nicht etwas zusammen setzen?« »Und dann schenkt Ihnen das wunderbare Geschöpf sicher auch ein Tänzchen.« »Nicht wahr?« Das schöne Mädchen sah auf die weißbestrumpfte Spanne ihres ebenmäßigen Fußes, der in einem mattschwarzen Halbschuh stak. Dabei nickte sie, während ein weißer Zahn sich in ihre siegesrote Unterlippe grub. »Ja, Sie verdienen es, Sie Bester Sie!« »Außer Ihnen aber keiner. Keinem gönn ich sie.« »Nun aber wollen wir uns setzen.« »Bitte, meine Gnädigste!« Dabei wies er einladend auf einen Stuhl. »Ja, aber was, was kann es denn hier Vernünftiges geben? Auf Damenwein werden sie wohl hier nicht eingerichtet sein.« »Champagner vielleicht. Das wäre das einzig Menschenmögliche«, überlegte ich. »Ich will mal hingehen und fragen.« Der Baron entfernte sich in der Richtung des Büffets. Leuchtenden Auges kam er zurück: »Ja, es gibt wirklich Champagner! Und zwar Clicquot, die glorreiche Witwe von Reims.« »Und dann – raten Sie mal – Sie Glücklicher! Kaviar! Kaviar fürs Volk! Ausgerechnet Kaviar! Wie hier unsere Tischdame!« Würdig schüchtern, freudig aufleuchtend, bald zu dem einen, bald zu dem andern, sah die Schöne uns an. Neu die Speise, neu das Getränk, neu die Gesellschaft: man sah, sie war im Himmel. Im »Olymp«, wollt ich sagen. Gewiß, das Mädchen gefiel auch mir. Auch ich wäre jeder Dummheit fähig gewesen, wie es denn manchmal eine Weisheit ist, eine Dummheit an rechter Stelle zu begehen. Und fürwahr: der verliert sehr viel von diesem schönen Leben, der nicht bisweilen eine glückliche Dummheit wagt. Das Leben ist sehr traurig, wenn es nur vernünftig ist. Doch ich sagte mir: Der Baron hat sie nötiger. Viel nötiger als du. Voraussichtlich wird sie seine einzige Lebensbedingung sein. Ist die verpaßt, kommt keine wieder. Da muß ich denn zurücktreten. Sie mag dann vollenden, was ich angefangen habe bei ihm. Das fordert die Freundschaft, das die Menschenliebe.   Die Grävenburg Den Zigeuner-Rentmeister sah ich wenig mehr. Nur hier und da auf dem Felde, in der nahen Kreisstadt Höxter begegnete ich ihm. Immer nahm ich sein böses Gesicht mit wie einen Schatten: einen Schatten, den ich bedauerte. Von Herzen bedauerte. Fast achtete in seiner Verworfenheit. Achtete als meinen Gegensatz. Echte Menschen haben den Himmel in sich und sehen so die Welt als Himmel. Dann gibt es andere, die haben die Hölle in sich und sehen nun die ganze Welt als Hölle. Und so eine recht tiefe finstere Hölle, quälend wie gequält, war Rotnacht, der Zigeuner-Rentmeister. Und er konnte nicht anders sein: Bei seinem Wesen, bei seinem Schicksal. Dem Schicksal, wie sein Wesen es gerufen. Denn das gleiche wird vom gleichen angezogen. Ja, dieser Mann des Hasses, dieses Geschöpf der Feindseligkeit, hatte eine Liebe genährt, gehegt, aber in diesem Giftboden war sie zu Wahnwitzigem geworden, das giftiger war denn Haß. Und er litt, er quälte sich hinein in seine abgebrochene Leidenschaft: eine Leidenschaft, die nur Leidenschaft war, ohne Grenze, ohne Erfüllung. Er stand vor mir. Wachsend. Verwachsend. Ich sah vor mir, wie alles so kam und ihn unter sich nahm. Weihnachtsabend: Weiße weite Schneegebreite, darüber geronnen tiefschwarze, vor Schwärze fast glänzende Nacht. Und da sucht einer Wärme draußen, in der Schenke, die er daheim – am Herde, am leeren Herde nicht findet. So liest sich ein Vögelein von Dornen die Wolle zusammen zum Neste, die eine dicht vorbeistreifende Herde dort gelassen. Und allmählich wirkte es: besonders die Cognac schmauchen, schmauchen wie kleine trübe Feuer auf und lagern über Hirn und Blut so einen süßlich wohligen Rauch. Auch das gibt Wohlwollen, Mitgefühl, doch ein künstliches, gleichsam entartetes. Das ist die Stimmung, die zum Traktieren bringt, da will man die ganze Gaststube bewirten. Aber immer nur in dem Stoffe, den man selbst genossen hat: in geistigen Getränken. Würde jemand, ein armer Teufel zum Beispiel, statt dessen ein Butterbrot verlangen: welch eine Empörung, welch ein Unwille! Trinken aber kann er, trinken, bis er unterm Tische liegt, alles auf Kosten des Animierten, der seinerseits weiter animiert. Des alten Barons von Hassenburg Drang war damals in anderer Richtung gegangen. Er fand in dieser Stimmung den verstoßenen Zigeuner: da lohte auf einmal alles in ihm. Undeutlich, aber gewaltig. Er fühlte sich in der weiten Weltstimmung des trunkenen Königs. Ein Wohltäter wollte er sein. Nicht so ein Wohltäter mit einem Zehnpfennigstück, nein, etwas ganz Außerordentliches, etwas geradezu Unerhörtes. Da war dieser Knabe, jeder würde ihn von sich stoßen wie ein widerliches Tier, wie eine Kröte. Überall würde er umhergeworfen werden, würde stehlen müssen, meistens im Gefängnis sein und dann irgendwo am Wege hinter der Hecke eingehen. So gerade nahm er ihn. Nahm ihn, wie er da war: verlumpt und verwildert, mit sich nach Grävenburg. Wer wollte ihm was? Er war sein eigener Herr. Und die Kinder? Pah, die hatten den Schnabel zu halten! Und das Vermögen? Nun, viel war es gerade nicht, aber es würde schon reichen! Wer hätte je gehört, daß jemand vom Wohltun arm geworden wäre? Und er war ungefähr so alt wie sein Junge. Höchstens ein oder zwei Jahre jünger. Das gab gute Gespielen. Und sein Junge war so'n störrischer, so'n Windhund. Da mußte dann der kleine Zigeuner vorteilhaft auf ihn einwirken: der hatte schon viel mitgemacht, war in seinem Wesen älter und verständiger. Das sah man, wie er gleich still und folgsam wie ein Hündchen sich erhoben hatte und mitgegangen war. Wie er immer sich bemühte, gleichen Schritt zu halten, trotzdem er sehr erschöpft sein mußte! Wie er erst auf Zureden, da Hassenburg die Mattigkeit des Knaben wahrnahm, es wagte, die Hand auf den Arm seines Pflegevaters zu legen. Dann aber innig und leise sich anschmiegte. Es kam anders. Zwar das Mädchen, die Ludmilla, die etwa ein Jahr jünger sein mochte als der Kleine, zündete gleich in ihren mehr scharfen als lebhaften schwarzen Augen zwei Freudenfeuer an, da ihren verwundert verschlafenen Blicken der zerfetzte, aber schlanke und schöne Knabe, der so was seltsam, märchenhaft Scheues und Wildes hatte, als Spielkamerad vorgestellt und ihrer geschwisterlichen Freundlichkeit und Verträglichkeit mit hier unnötigem Nachdruck anempfohlen wurde. Anders der Knabe Walter, mein Baron. Dessen Seele war schon zu erwachsen, er hatte schon Verständnis und Empfindung für die kümmerlichen, immer mehr niedergehenden Vermögensverhältnisse der Familie. Er sah in dem Zigeunerbuben nicht den Gespielen, sondern den drohenden Miterben. Und es brach von Stund an ein tödlicher, unerbittlicher Streit, eine den jungen Baron immerfort zu neuen Gewalttätigkeiten gegen den Eindringling anstiftende Feindschaft zwischen ihnen aus. Diese wurde durch die geradezu unsinnige Anhänglichkeit der Schwester nicht gerade gemindert. Im Gegenteil: nun trat auch noch zwischen den Geschwistern eine Abneigung ein, die tieferen Grund hatte als die gewöhnlichen Streitigkeiten, wie sie bei Kindern meistens die Regel sind; eine Abneigung, die schlimmer war als das Naturgesetz des Hauses, der geschwisterlichen Zänkereien, das fast etwas Gesundes hat. So war denn in dieser Kinderwelt eine Spannung, die durchaus nichts Kindliches mehr an sich hatte und die zu verhängnisvollen Äußerungen führen mußte. Von alledem merkte der, der alles dieses angerichtet hatte, der Vater, nicht das mindeste. Ward er hin und wieder Zeuge, zufällig Zeuge, weil sein Sohn den jüngeren Pflegebruder schlug oder trat, da machte sich sein Ärger in einer derben Züchtigung des »gefühlsrohen Burschen« Luft. Und alle diese Züchtigungen sparte der Rachegeist des immer mehr erbitterten Walter nur dazu auf, um die Summe in neuen, ausgesuchteren und versteckteren Mißhandlungen und Kränkungen des »Taternbengels« gewinnbringend anzulegen. Der schnell alternde Mann hatte geglaubt, mit diesem wilden Sohn ferner Ebenen ein Leben und Jubel ins Haus zu bringen, das seit dem Tode seiner Frau so grämlich dalag – und nun hatte er tobenden Zorn und verhaltene Feindseligkeiten mit heimgebracht. Nun fühlte er sich noch einsamer, noch verbitterter als früher. Seine Kinder waren ihm entfremdet. Denn auch das Mädchen vergaß jetzt die gelegentlichen Zärtlichkeiten und innigen Gefühlsfeuer, deren das häusliche Leben so sehr bedarf, und wandte alles, ihren ganzen, jeden herrisch zu Füßen haltenden Sinn, dabei aber auch die gelegentlichen unwiderstehlich auftretenden Anwandlungen, lieb zu sein, opferwillig und hingebend, ihrem Gespielen zu. Nur beim Zigeunerknaben blieb die letzte Wärme seines ersterbenden väterlichen Sinnes zugewandt. Denn dieser war immer um ihn, sah ihm jeden Wink von den Augen ab, ließ sich ruhig von Walter quälen, ohne sich zu wehren, obgleich er sich stark herausgemacht hatte und mit seiner Sehnenkraft leicht den altern Genossen hätte bewältigen können. Hassenburg hielt das für Sanftmut: konnte er doch nicht ahnen, daß es Rache war, berechnend seine Rache; daß der Beleidigte es vorzog, statt selber zu vergelten, eine stärkere Gewalt vergelten zu lassen und dadurch die Sünde zu verstärken. Im übrigen war der Knabe wirklich dankbar und liebevoll. Dankbar und anhänglich an seinen Retter, liebevoll und willfährig gegenüber seiner kleinen launischen Göttin. Und da man den alten Hassenburg eines Morgens tot im Bette gefunden, die geleerte Kognakflasche neben sich, nachdem der vom alten Diener, vom Puljohann schnell gerufene Arzt einen Herzschlag und den schon vor Stunden eingetretenen Tod festgestellt hatte, da war alles, was menschlich zart in dem hassend aufgewachsenen Zigeunerknaben geblieben war, war diese Wärme, die ihn unter den Menschen fühlend erhielt, erloschen. Das Begräbnis war klein und dürftig. Reiche Familienglieder waren nicht da. Der Adel der Umgegend hatte sich von dem herabgekommenen Manne entfernt gehalten und beteiligte sich nicht. Beteiligte sich nicht, trotzdem dieses Geschlecht das aller-, allerälteste war auf weite Strecken hin und wahrscheinlich von den alten Sachsenherzögen abstammte. So besorgten also die Dienstboten das Leichenbegräbnis dieses in Staub gesunkenen Herzoggeschlechtes. Nicht in die Kirche, die vor reichlich siebenhundert Jahren ein Schwalenberger gestiftet und reich beschenkt hatte, kam dieser späte Sprosse eines wie ihre Burgen, ihr Mauerwerk verwitternden Geschlechtes, zu ruhen; sein großer Stein mit Gestalt und Wappen und streitartigen Randbuchstaben bezeichnete seine Stelle. Nein, er kam zu ruhen mitten unter die Tagelöhner und polnischen Arbeiter, die hier eine Tagelöhnerin geheiratet hatten und von den vielen Kindern, die ihnen der Herr schenkte, die meisten wieder verloren, weil es den Kleinen an Pflege fehlte. Indessen ruhen kann man überall, und ein schöner Flecken war dieser kleine Kirchhof, der um die ziemlich neue Gotik der katholischen Kirche wie ein Garten sich breitete. Und es war auch ein Garten: der Pfarrgarten. Auf runden Rabatten die farbige Wehmut der Aster: sie nehmen das Leben, wie es ist, und machen daraus, was daraus zu machen ist – duftlos, aber bunt. Bunt ist das Leben angelegt, und der Mensch strebt aus allen Kräften, es eintönig zu machen, Charakter hineinzubringen: ausgebleichte Astern! Auf den meisten kleinen Gräbern, den Kindergräbern, lagen Äpfel und Birnen, reife und unreife: Früchte oben und Früchte unten. Der recht bewußt in die Brust sich werfende Gockelhahn auf der Spitze des Turmkreuzes sah, wenn er beständiges Wetter anzeigte, gerade hinein in den steilansteigenden Semiramis- Garten des über die Straße hinliegenden Kaufhauses und spiegelte sich in den klaren Scheiben des kleinen Treibhauses. Und wenn er darin die dicken Kürbisse und die wie ein Ball gestickten Melonen erblickte und sich darüber, wie er noch blank – war blank, wie an jenem Tage, da man ihn heraufgebracht vom Kupferschmied, wie dieser unangenehme nässende Wind ihm noch keinen Rost hatte anhängen können –, dann freute er sich und fühlte das Bedürfnis, ein lautes Kikeriki auszustoßen. Aber auch nach Westen hin hatte der Hahn Beschäftigung, da suchte er über die erst grünen, dann blauen und immer feiner blau sich hinziehenden Wälderhöhen den Hermann zu entdecken, der ihm von der Grotenburg aus als Erkennungszeichen sein Schwert entgegenstreckte. Und glaubte er ihn gefunden zu haben, da mußte er sich wieder drehen, und alles war weg. Man sollte es gar nicht für möglich halten, daß jemand dieser kleinen freundlichen, bescheiden tiefgelagerten Kirche etwas zuleide tun konnte. Und doch geschah es: alle paar Jahre wurde mal eingebrochen bei ihr. Eingebrochen um ein paar Groschen Büchsengeld! Warum lag sie aber auch so ohne Aufsicht, so allein auf der Seite der Straße, wo sonst keine Häuser mehr standen? Hier sieht der alte Hassenburg mit seinem verlorenen Gesichte, das auf der vergilbten Photographie, die der Baron zum Glück erst dann wieder fand, in diesen Tagen erst, als sein angesammelter Ingrimm gegen den Vater verdunstet war, das auf dieser verschollenen Darstellung vor Gutmüdigkeit fast ingrimmig erschien, hier sieht er seiner Urständ entgegen, während sein Sohn, sein verlorener Sohn, hier brav mit sich nach oben ringt. Er hatte einen schweren Kampf, aber schon wieder Zuversicht: so muß es ihm gelingen! Das war eine wilde zuversichtslose Zeit, als der alte Herr gestorben. Zwar hatte der alte Puljohann, der im Laufe der Zeit immer mehr nach vorn sich krümmte und von seiner kleinen Gestalt so immer mehr verlor, seinen Dienst nach wie vor versehen – den Lohn Heß er stehen, wie er sagte –, auch hatte die alte Karoline, die schon seit mehreren Jahren das goldene Kreuz der Kaiserin für fünfzig Jahre treuen Dienstes seltsam genug auf ihrem verschossenen, aus Schwarz vor Alter ins Bräunliche vergilbten Gewände stolz in die Kirche trug, ihren Dienst als Mädchen für alles fortgeführt: aber das war nur Gewohnheit, keine Pflege. Walter hatte der Vormund auf einige Zeit auf eine landwirtschaftliche Schule geschickt. Das Mädchen blieb im Hause. Für ein Pensionat reichte es nicht. Genug, daß der Junge soviel kostete. Doch das mußte sein. Um das Gut imstande zu halten, mußten landwirtschaftliche Kenntnisse gewonnen werden. Und so wuchsen denn der Zigeunerknabe und das Mädchen auf wie die Wilden. Höchstens, daß sie des Mittags da waren zum Essen, dann des Abends, so daß das Haus zur rechten Zeit zugemacht werden konnte – eine andere Hausordnung gab es nicht. Der Knabe war schon der Schule entlassen, das Mädchen hatte sich dieser Fessel noch ein Jahr lang zu fügen; und sie tat das widerwillig genug! Sonst aber waren sie frei. Frei wie der junge Morgen, der juchzend seinen Hut in die blaue Luft wirft. Es war eine schöne Zeit: dieses wilde Jahr. Diese Tage der Hagerose. Sie wurden sinnig und still voneinander, lernten von ihrer Wildheit mehr, als sie je in Schulen hätten lernen können. Lernten das Leben. Nur daß sie's nicht deuten, nicht halten konnten. Daß sie zu wild waren, aus ihrer Wildheit das Gesetz zu machen: die Schönheit. Diese Schicht der Besonnenheit fehlte ihnen. Und weil sie soviel auszukundschaften, Wald und Umgebung zu durchleben hatten, weil ihre Lebensgeister sich recht austobten und nicht zur Ruhe kamen, deshalb wurden sie sich über das Widerstreiten in ihnen niemals klar. Was sich in Ruhe bei ihnen gegeneinander gewandt hätte, da draußen ward es ihnen zu Mut und Unternehmungslust. So ein Tag Die alte Karoline war je mehr, je länger zu einer Eule geworden. Wenn man sie ansah, glaubte man, sie müsse krächzen. Das ganze Gesicht wie ein Herd mit Löchern für viele Töpfe. Alles welk und seit Jahrzehnten abgeblichen, auch die Treue, die tägliche Gewohnheit kaum ein Verdienst, ein freies Wollen mehr ein Zeichen verkalkter Seele. Alles Leben aber, alle Helligkeit und Schärfe hatten sich in diese klar ausdruckslosen Augen, diese Raubtieraugen ohne Beute zurückgezogen. Puljohann war schon längst schlafen gegangen. Er hatte gemeint: sie mögen sehen, wie sie reinkommen. Das tut ihnen gut, den Herumtreibern. Die alte Karoline aber war zu ordnungsliebend, so etwas zuzulassen. So spähte sie nun mit ihren Eulenaugen scharf in die Gegend des Waldes: von dort, von Norden her mußten sie ja kommen. Der Wald war sowieso der Deckmantel ihrer Nichtsnutzigkeiten, »ihrer Unduchten«, wie Karoline sich ausließ. Es wurde später und später. Die Schule ihrer Ungezogenheit: der Wald schien sie heute mächtig lange festzuhalten. Ob sie nachsitzen mußten darin? Stockfinster: nur in der Ferne, als ob Streichhölzer angerieben wären. Allmählich stach wie eine feine Spitze auch in der verknöcherten Seele Karolinens etwas wie Unsicherheit: ob sie sich verlaufen hatten? Ob ihnen was passiert war? Sie mußte sich fester auf den Knüppel stützen, mit dem sie den beiden einen warmen Empfang zugedacht hatte. So alte Diener sind eine ganz besondere Sorte: die Umrisse und Obliegenheiten ihrer Stellungen haben sich bei ihnen verwischt. Sie verrichten alles, sind Gebieter und besorgen, stellen Erzieher vor und kehren die Stuben. Ob sie hineinginge, den Puljohann weckte, und beide sich auf die Suche machten? Doch sie hörte schon den Puljohann knurren, weil sie ihn belästigte und im Schlafe störte – zögerte darum. Nun horchte sie schärfer auf und legte den Kopf mit dem Ohr auf die Seite, von wannen das Geräusch noch sehr ferner Tritte kommen mußte. Ja, es kam näher. Aber nur einer. Wie sich bald nach Gangart und Umrissen herausstellte; der Knabe. Karoline vergaß ganz, über ihn herzufallen, vor Schrecken entfiel der Stecken ihrer knotigen Hand: »Wo ist die Mille?« Mit verächtlichem Tone rief der Junge: »Wo sollte sie sein? Auf Thienhausen natürlich! Bei Doktor Weber. Kaum waren wir heraus aus dem Dinge, zogen wir Schuhe und Strümpfe aus und liefen barfuß. Wie wir das immer machen, wenn wir draußen sind und keiner uns zusieht. Und da sind wir gelaufen, sagich dir, gelaufen bis weit hinter Kargensiek. Von da in den Wald. Da haben wir Vogelnester gesehen, auch ein wildes Schwein, ein paar Hasen, ja, auf einer großen Wiese mitten im Holze einen Rehbock mit einer ganzen Masse Ricken und zwei kleine Kitzchen. Und einem Eichhörnchen sind wir nachgeklettert bis obenhin auf die Spitze der Tanne. Die Milla auch, ich sage dir: die kann klettern wie eine Katze, und da oben schrie sie auf einmal ›au!‹ Da hat sie sich was Spitzes in den Fuß getreten von so einem abgebrochenen Teigen. Na, ich half ihr runter und stützte sie, aber es wurde immer schlimmer. Dann trug ich sie mal ein bißchen; aber das dauerte nicht lange. Dazu ist sie zu schwer. Wir kamen nicht weiter, und mit dem Stützen, das half auch nicht viel. Sie mußte doch auftreten, und tat sie es auch so ganz leise: es mußte ihr doch furchtbar weh tun. Schuh und Strümpfe hatte ich ihr natürlich gleich wieder angezogen, auch ihr ein paar Wegerichblätter unter die Sohlen gebunden. Aber das ging immer wieder los. – Da blieb denn nichts anderes übrig, als ich mußte sie nach Thienhausen bringen, daß Doktor Weber ihr den Fuß wieder heil machte. Er war schon ganz geschwollen zuletzt. Doktor Weber ließ mir ein tüchtiges Butterbrot geben und was zu trinken. Dann sagte er: ›Junge, es ist schon neun Uhr; mach, daß du nach Haus kommst, und sage deinen Eltern, daß deine Schwester hier bleiben muß. In drei bis vier Tagen kann sie, falls nichts passiert, wieder bei euch sein.‹ Ich sagte: ›Ich habe keine Eltern, und das ist auch nicht meine Schwester.‹ Da hat der Doktor gelacht und mir die Hand auf den Kopf gelegt. ›Ganz gleich, mein Junge! Dann gehst du eben zu ihren Leuten und sagst es denen. Daß sie sich um das Mädchen nicht ängstigen. Und nun mach dich auf die Strümpfe: eins – zwei – drei –.‹ Bin ich aber gerannt! Verlaufen hab ich mich. Es ist gewiß gar nicht mehr so früh!« Karoline stand mit offenem Munde da: »Kiners, nee so wat!« Sie ging mit ihm ins Haus. »Nun hast du wohl tüchtigen Hunger«, meinte sie in der Küche. »Na ja, es macht sich: wir haben da im Holze ordentlich Brombeeren gegessen und an den Hecken Johannisbrot gepflückt – aber, wenn man so eine Tour gemacht hat, dann will man doch noch was Richtiges haben.« Karoline, die in ihrer Aufregung ihren Zorn vergessen hatte, trug nun auf, was sie für die beiden hingestellt hatte, ohne etwas zu sagen. Nur daß sie von Zeit zu Zeit ihr »nee so wat« wiederholte. Der Junge aber aß für zwei.   Als das Mädchen nach einigen Tagen wiederkehrte, war sie nicht mehr zu erkennen. Sie hatte einen Einblick getan und erzählte nur immer, wie fein es bei Doktors gewesen sei. Sie weigerte sich, mit ihrem Gespielen weiter umherzustreifen, weil sich das nicht passe, erklärte ihm auch, sie könne nicht eher mit ihm umgehen, als bis er selbst anständig geworden sei. Das Wildlingsleben hatte einen Riß bekommen. Und der war nimmermehr zu heilen. Eigentlich schade darum: es wäre der beste Weg gewesen, der der natürlichen Entwicklung. Den sollte man immer gehen, gehen bis zu Ende: nicht abbrechen auf einmal, und dann mit Kultur beginnen! Wie das mit unserem Heidentum war, mit Brauch und Sprache: man hätte das wachsen lassen sollen, nicht abschneiden. Wahrscheinlich wären wir religiöser als heute alsdann. Es ist sonderbar: wo etwas schön ist, fällt man gleich darüber her, es zu Ende zu bringen, zu zerstören, zu fälschen. Es wäre nicht so vieles häßlich, wenn wir nicht so manches verdorben und häßlich machten. Und törichterweise sind gerade die Glückskinder, denen nun alles zugute kommt, am meisten darüber aus, den Zauber, den sie haben könnten, zu brechen: die Kinder wollen erwachsen sein, das Volk schämt sich seiner tiefschönen Bräuche und daseinstärkenden Gepflogenheiten.   Der Weg voneinander Diese kleine Verwundung hatte bei Ludmilla gewirkt, wie eine Stigmatisation, eine äußere Stigmatisation. Dieses Wundmal, das sie oben auf dem Baume erhalten hatte, verwandelte die kleine Ludmilla nicht, schattierte sie aber so nachdrücklich, daß sie und andere diese Schattierung für eine Verwandlung nahmen und als solche respektierten. Manierlicher mochte die Kleine geworden sein, wenn sie nun auf sauberes Gewand und gesträhltes Äußere hielt – besser, eigentlicher, mehr sie selbst ward sie dadurch nicht. Im Gegenteil enger, leerer. Dieses naturgemute Tummeln da draußen, diese fröhlich wilde Kameradschaftlichkeit, diese Weißglut seelischer Zuneigung, die sie nun als überwundene Schwäche, als läppische Spielerei mit Freuden von sich abgelegt fand, war etwas Unersetzliches, Unwiederbringliches. Mochte sie nun auch mehr über Büchern hocken – nein: manierlich dahintersitzen, mehr mit ihnen sich spreizen, als daraus das andere Buch, das Buch ohne Seiten und Buchstaben, das Buch der beiden Leben – in ihnen und außen – die sie vereinen wollten, das wäre für sie viel wirksamer gewesen. Nun aber ging sie gespreizt auf der Höhe ihrer Eitelkeit, einer nichtigen Einbildung, und er grollte die letzte Gesellschaft des Lebens hinab in seine aufzischende Seele. Und auch da wuchs sie noch, diese seine unselige niedergefallene Liebe. Je mehr sie wuchs, um so mehr zerriß sie; je mehr sie sich ausbreitete, um so mehr quälte sie ihn und andere. Und um nicht gequält zu werden, um nicht zu fühlen, wie er gequält wurde, deshalb verletzte er andere, wo er nur konnte. Um nicht selbst verachtet zu werden – vielmehr um die Verachtung, die nun von allen Seiten auf ihn, den Schutzlosen, fiel, nicht zu empfinden, mußte er hassen. Nein: nicht hassen, nicht diese jämmerliche Auskunft verächtlich machen, alle verächtlich machen ihm gegenüber, mit denen er zu tun hatte: nur das konnte helfen. Selbst Ansehen gewinnen und die Speise des Ansehens: das Geld, das kalte Metall der Verachtung. Und hierzu hatte sein verstorbener Pflegevater ihm noch das Mittel an die Hand gegeben, da er bestimmte, sein Pflegesohn Hans Weihnacht – diesen Namen hatte er ihm geben lassen solle womöglich auf einer Rentei im Verwaltungswesen sich ausbilden und alsdann seinem Sohne als Rentmeister geregelte Bewirtschaftung seines leider verschuldeten Gutes ermöglichen. Versäume Hans Weihnacht diese Ausbildung, so habe er keinen Anspruch mehr auf Gut und Lebensunterhalt. Weigert sich Walter, den gehörig vorgebildeten Hans Weihnacht anzustellen, so entfalle das Erbe auf Ludmilla. Hans Weihnacht, der sich später im Grimm über seinen feierlich frommen Namen, als er seiner Feindseligkeit überallhin Zügel schießen lassen konnte, Rotnacht nannte, kannte diese Bestimmung. Indes sie war nicht allzu leicht zu verwirklichen. Wie sollte er mit seiner dunklen Vergangenheit und Abstammung, so ganz ohne Vorkenntisse, ohne Fürsprache und Bekanntschaft, eine Stelle als Schreiberlehrling auf einem Rentei-Bureau finden: eine Stellung, die immerhin schon als Vertrauensposten behandelt wurde. In seinen schlaflos wilden Nächten eröffnete sich ihm endlich eine Aussicht: aber diese Aussicht ging wie mitten durch ihn, durch sein eigenes Herz hindurch. Seine Verbitterung mußte er allen und jedem gegenüber in geschmeidige Freundlichkeit, seine knurrige Zurückgezogenheit in höflich auftretende Beflissenheit verwandeln. Den Unterricht, den er früher geflohen, nun mußte er ihn demütig und bittend aufsuchen. Aufsuchen bei dem Lehrer, den er, seitdem er der Schule entlassen war, nicht mehr gegrüßt. Und dann seine Kleidung! Die Mittel, die dafür vormundschaftlich zugebilligt wurden, waren sehr karg bemessen. Der vorhandene Bestand war so verwahrlost, daß sich in diesem Anzüge kein empfehlender Weg machen ließ. Erst wenn im nächsten halben Jahr sein nächster Anzug fällig würde, erst dann konnte er Schritte tun für seine Zukunft, Schritte für seine Rache. Bis dahin aber – das Hundeleben, wie er es bisher geführt: wie er es nun haßte! Dann aber – dann aber sollten sie sehen! Sein Peiniger und das hochmütige Ding da! Nicht umsonst stammt man aus dem wandernden Volke! Alle seine Instinkte, alle seine Witterungen sind noch vorhanden. Sie sind nicht erstorben in dieser langen Abwesenheit, sie schlafen nur, brauchen nur angeregt werden, um zu erwachen mit unhemmbarer Glut, die durch lange Verhaltenheit nur neue Nahrung gefunden.   Wandlungen Der alte Puljohann sprach viel zu sich selber um diese Zeit, mehr denn je. Fast jeden Abend, wenn er um das Haus die Runde gemacht, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei, war etwas nicht richtig. Alles war dunkel; dann flog auf einmal ein bleicher Schein über den Himmel, als hätt' es geblitzt, ganz leise geblitzt. Das bedeutet immer, daß einer umgebracht ist oder wird. Und das wiederholte sich jeden Abend. Doch noch immer wollte nichts derart eintreffen. Und doch: es kam. Kam ganz unerwartet, von einer anderen Seite, als Puljohann erwartet hatte, und war auch gar nicht furchtbar. Aber sehr, sehr unangenehm. Für beide unangenehm: für ihn und für die alte Karoline. Beide alte Hausmöbel, die so lange an ihrer Stelle gestanden und ihren Platz wohl ausgefüllt hatten, sollten nun in die Ecke gestellt werden. Der junge Herr war zurückgekommen; er hatte seine Kurse hinter sich, sein Diplom Nr. 2 in der Tasche. Er hatte ein forsches Auftreten, wie es seine neunzehn Jahre weit überragte. Kurz angebunden gab er seine Befehle, Widerspruch duldete er nicht, laut und lärmend war sein Lachen, wo irgend etwas seinen Spott erregte. Und den erregte vieles. Die altfränkische, umständliche, eintönige Wirtschaftsführung seines Urknechtes, die irrationale Viehfütterung der alten Karoline, die vom Hergebrachten nicht abgehen wollte und deren Kündigung er doch auch nicht annehmen durfte. Es ist eine fatale Sache mit so alten Dienern. Gerade wie mit alten Zigarren. Sie sind nicht mehr zu brauchen. Die Zigarren kann man wegwerfen, wenn sie einem nicht mehr schmecken. Alte Diener aber verlangen große Rücksicht, denn wenn ihnen mal etwas nicht paßt und sie mucksen, so räsoniert die ganze Gegend mit. Am meisten amüsierte er sich, am vernichtendsten klang seine Lache, wo er des armen Weihnacht ansichtig war: »So ein verdrehter Geselle! Wo andere den Bücherkram beiseite werfen, da fängt er damit an! Rechnungen schreibt er! Als wenn er was zu fordern hätte! Ah, nun merk ich's erst: er will sich wohl üben, den Dienst bei mir anzutreten. Das kann ich dem jungen Herrn aber im voraus sagen, einen ungeprüften, einen nicht gut empfohlenen Rentmeister nehm ich nicht in meine Dienste. Dazu kann mich mein Vater nicht zwingen. Und scharf auf die Finger sehen werd ich dem Patron auch. Spitzbuben kann ich nicht brauchen, ebensowenig wie Pfuscher.« Weihnacht sandte ihm nur einen Blick zu, der, falls er eine Kugel gewesen wäre, sicher gesessen hätte, und las, schrieb oder rechnete weiter. Jung Walter aber im Bewußtsein seines funkelnagelneuen Herrentums pfiff seinem Karo, diesem grinsenden Ungetüm, das noch jetzt doch die Grävenburg bewacht und trotz seiner weißen Haare einen aus den falschen, blutdurchschossenen Winkeln seiner Augen so verdächtig ansehen kann. Beide schlenderten nun dahin, der junge Mann pfeifend und seinen schweren Landwirtstock schwingend, der Hund trottend und die Schnauze mürrisch suchend am Boden. Beide stiegen nebeneinander die vier Stufen zum Kruge hinauf. Der Wirt erhob sich von der grünen Bank unter der halbwüchsigen Linde, nahm die lange Pfeife aus dem Munde, den grauen Petzel vom Kopf und dienerte: »Guten Tag auch, Herr Baron! Wollen Sie mir mal wieder die Ehre geben?« Dann folgte er seinen Gästen in die Haustür. Denn auch Karo bekam hier zu fressen. Zwanzig Pfennige wurden für die Abfälle und Knochen bezahlt, an denen er sich in der Küche gütlich tat. Dann kam er wieder hinein, schritt durch das erste Gastzimmer, die offenstehende Tür in die Honoratiorenstube. Dort legte er schwer und schnaubend sich zu den Füßen seines Herrn nieder, der stolz wie ein Pascha auf dem schwarzledernen Honoratiorensofa thronte und mit mächtigen Zügen ein Glas auf das andere leerte. War Gesellschaft da, so hörte er sich gerne sprechen, erzählte von dem vielen Champagner, den sie auf der landwirtschaftlichen Schule getrunken, daß da einem erst das Leben aufgehe. Und was die Klage über die schlechte Lage der Landwirtschaft betreffe: das sei pure Dummheit. Machen ließe sich auch daraus etwas, nur müsse man es verstehen. Dabei strich er dem erst ein paarmal aufseufzenden, dann kräftig durchschnarchenden Karo gern mit der Sohle über sein struppiges Fell. Karo war sein Liebling. Am besten vertrug sich Walter nun mit seiner Schwester. Daß sie sich nett trug und hielt, das Damenhafte an ihr gefiel ihm, und er machte gern Staat mit ihr nun, ging mit ihr aus, machte Besuche mit ihr bei den Honoratioren, den wenigen Honoratioren, die seine Standeshoheit anerkannten. Die Standesgenossen schnitten ihn. Wenn sie so mitsammen gingen oder fuhren, sah er seine Schwester des öfteren mit unverhohlenem Wohlgefallen an. Sie wurde von Tag zu Tag hübscher; wie leicht konnte da nicht eines Tages ein wohlsituierter Bürgerlicher: ein Apotheker, ein Gutsbesitzer kommen und um sie anhalten. Das wird auch ihm mit zu höherem Ansehen verhelfen. Weihnacht hatte indes mit rastloser Zähigkeit seine Schulkenntnisse aufgefrischt und erweitert, hatte in wohlgesetzten Worten den Lehrer um Verzeihung gebeten über sein rüpelhaftes Benehmen, sein Bedauern ausgedrückt über die gute Gelegenheit seiner Ausbildung, die er versäumt, und den Lehrer gebeten, ihm weiterzuhelfen. Auch ihm zu raten, wie er es anzustellen habe, auf einer Gutsrentei beschäftigt zu werden. So wie er könne, würde er ihm erkenntlich sein. Der Lehrer, der den Ernst des jungen Mannes sah, ward dadurch gewonnen und bildete ihn vorläuflig unentgeltlich fort. Die Sache machte ihm selbst Freude, da er wahrnahm, wie der Eifer und das Auffassungsvermögen des jungen Mannes sich die Waage hielten. So schliff der eine seine Werkzeuge still und unscheinbar, während der andere sie bramarbasierend schwang, dann in die Ecke stellte und verrosten ließ. Wie's kam Nicht lange, und das bestimmte, durch keinen Mißton verstimmte Wohlverhalten des jungen Weihnacht machte sich in der Gegend wohltuend bemerkbar. Man kam dem Freundlichen freundlich, dem Bescheidenen hilfebereit, dem Bittenden gewährend entgegen. Eine Stelle auf einem Gute an der Weser ward frei, der junge Weihnacht gut dahin empfohlen und angenommen. Adrett angezogen, höflichst zurückhaltende Bestimmtheit in seiner düster sehnig-schlanken Haltung, nahm der junge Zigeuner Abschied von seinen Pflegegeschwistern. »'nen Kognak gefällig, Rentmeisterchen?« lallte spritselig der schon recht aufgedunsene junge Gutsherr mit übergehenden Augen, schwerfällig sich erhebend, dem aufgerichtet Stehenden zu. »Ich danke, Walter, du weißt, ich trinke keine geistigen Getränke. Das paßt sich nicht für mich.« Es war, als ob ein leiser, grausamer Spott wie eine bitterböse, schneidende Uhrfeder um die Mundwinkel dieser korrekten Rede lauere. »Ei, Rentmeisterchen, nicht gar so stolz! Wir werden später doch noch manchmal einen schmettern – überhaupt, die alten Geschichten, der Teufel hole mich – hier hast du meine Hand!« Mit sichtlichem Widerstreben, jedenfalls ohne innere Anteilnahme langte der so kordial Aufgeforderte nach der derben geröteten Rechten des versöhnlich Getrunkenen und berührte sie leicht, wie man etwas sehr Zartes, sehr Gefährliches berührt oder etwas sehr Unbegehrtes. »Adieu, Ludmilla!« Beide sahen sich eine Weile prüfend an, als ob eine Bewegung aus ihren Augsternen heraustreten wolle, aber wieder zurückging. »Laß es dir gut gehen, Hans! Schreib bald mal! Hörst du?« Hans wollte die drei Stunden zu Fuß gehen. Es war ihm wie Abschiednehmen von seinem Zigeunertum, von der freien, großen Natur. Ging es doch in die Dressur jetzt! So abgefallen kam er sich vor, so erniedrigt! So was in ihm schrie, verleugnend. Wie anders nun: alle, die ihm begegneten, blieben bei ihm stehen, reichten ihm die Hand und wünschten ihm viel Glück. Und wie war's zu Anfang gewesen? Ein Vater – heimatloses Ding, das eine Sprache geführt hat, die keine Sprache war, von der keiner wußte, was es war, die niemand verstand, auf die niemand Antwort geben konnte. Etwas, das man nicht anfassen konnte, nirgends berühren, dem man nicht kommen konnte von so oder so! Eine Stunde war der junge Mann gegangen. Die alte Wanderlust war wieder über ihn gekommen. Da vor dem nächsten Dorfe ein Wanderlager – seines Stammes. Nicht feige vorbei: hinein! Was für ein Staunen, was für eine Freude, als dieser feine, junge Herr in ihrer Sprache mit ihnen redete, ihnen erklärte: er selbst sei einer der Ihrigen. Es war eine Aufregung, wie wenn ein Bienenstock eine neue Königin bekommt. Eine Hochzeit sollte gefeiert werden, nur fehlte es an einem würdigen Becher. Einem geweihten Becher, wie ihn die barbarische Feierlichkeit dieses frei versonnenen, wandernd in Ahnungen versenkten, in Königsflittern vagabundierenden Volkes verlangt. Da riet der angehende Rentmeister den jungen Burschen an, nächtlich nach Schwalenberg zu gehen und da aus der ganz und gar unbeaufsichtigt stehenden Kirche das heilige Gerät zu entwenden. Am nächsten Morgen fand man die Kirche erbrochen und den Kelch gestohlen.   Der Kurdirektor Eines Tages bekamen die Dohlen, diese trauerbewußten Küster unter den Vögeln, die sich mit Vorliebe mit alten Kirchen und vergangener Herrlichkeit beschäftigen, gar einen gewaltigen Schreck. Während sie sich noch mit ihren feierlichen, gleichsam verbrieft und versiegelten Stimmen um ihre respektiven, hergestammten Rechte an diesem oder jenem Mauerloch, an dieser oder jener Spalte stritten, da wimmelte es frohfarben und durcheinanderschnatternd, schlimmer als Gänse, den gewundenen Weg hinan, der von der Rückseite, die leichter zugänglich war, her auf den Berg führte. Sofort war es still unter den Dohlen: die Abneigung gegen das leichtfertige Gesindel, das kam, um den ernsten Frieden, die gesammelte, erinnerungsreiche Weihe dieses Ortes zu stören, war stärker als ihre gegenseitigen Streitigkeiten. Denn die Burg war ihr Gemeinsames, ihr Streit betraf nur das Einzelne daran. So zogen sie sich denn in ihre Gemächer zurück, bis die Gesellschaft da oben wieder abgezogen sein würde. Die alte Burg aber schmunzelte: lebte doch die alte Zeit, die Jugend, wieder in ihr auf, als sie diese kavaliermäßigen Verbeugungen sah, als die Herren an dunklen Stellen der mit ihrem Geländer tief in den Stein der Mauer eingehauenen Wendeltreppe die Damen erwarteten und ihnen heraufziehende Hände entgegenstreckten. Ganz aber in frühere Tage zurückversetzt glaubte sie sich, als die Herrschaften oben im Saale angelangt waren, als die Herren die Fensterläden aufstießen und das langabgesperrte Licht seine ewigen Weltpläne auf den Boden zeichnete. Und sie lachte mit dem Gesichte, als sich die Paare graziös voreinander verneigten und in zierlichen Spiralen, lebenden Blumen gleich, gar behend über den eichenbraunen Estrich hinzogen. Nur der Lautenäre fehlte, der ritterliche Spielmann. Erleichtert atmeten die Dohlen auf, als die bunte Gesellschaft wieder aus dem rundbogigen Portal, woraus sich die Zeit bereits hier und da ein besonders schmackhaftes und mürbes Stück Stein herausgenommen hatte, hervorquoll. Verfrühte Freude! Man breitete Tücher über das Gras, stellte Büchsen, Pasteten und kurmäßig erlaubten Rotwein darauf. »Das kann nett werden!« knurrten die Dohlen und kehrten der Gesellschaft verachtungsvoll ihren Rücken zu, um auf unbestimmte Zeit wieder in ihre Löcher hineinzumarschieren. Hätten sie nur was gehabt, sich damit die Ohren zuzuhalten! So aber mußten sie alles über sich ergehen lassen. Und die unten konnten gar kein Ende finden. Wenn man meinte: So, nun ist es vorbei - auf einmal war dann wieder so eine quengelige Stimme da. So weibisch, so sinnlos, so albern! Eine widerliche Gesellschaft! Wenn die häufiger kommen, dann können wir ruhig ausziehen! Der einzig Vernünftige in diesem durcheinanderschwatzenden Haufen schien ein älterer Herr zu sein, mit rotem, ebenso strengen wie lebenslustigen, also militärischen Gesichte, ein Wappen gleichsam zwischen zwei weißen Parlamentärfahnen, von zwei weißen, langherniederhängenden Ergebungszeichen von Backenbart. Der suchte die so abscheulich zwitschernden Vögel mit roten und blauen Federn durch Händeklatschen zu verscheuchen; aber das half alles nichts: sie lachten ihn aus, blieben sitzen und piepten ruhig weiter. Da konnten sich die Dohlen nicht mehr halten. Aus allen Löchern kamen sie hervor und flogen in wilden Kreisen um ihren unten bedrohten Turm und suchten mit aller Stimmengewalt das Gequiek da unten zu übertönen. Besonders, wenn sie über der Gesellschaft schwebten, die ihnen Bauchgrimmen verursachte, dann ließen sie ihren Gefühlen freien Lauf und veranlaßten so die erstaunt und vorwurfsvoll aufblickende Gesellschaft zu baldigem Aufbruch, den sie mit begeistertem Triumphgesang bis weit den Berg hinunter begleiteten: Ein Tedeum aus befreitem Vogelherzen. Ein Herr aber meinte zu seiner Nachbarin: »Einfach scheußlich! Die reinen Harpyien!« Er war nämlich Dr. phil. und, wie sich von selbst versteht, Reserveoffizier. Die Dame verstand nicht: »Wie meinen?« Die Gesellschaft vertiefte sich in den Hohlweg, kam auf Grävenburg und bat um Gastlichkeit und Milch. Als Ludmilla erschien, die Honneurs zu machen, da leuchtete ein seit langem nicht gewohnter Schein auf in den jedenfalls nicht vom Wasser so wasserblauen Augen des alten Herrn, wie die Sonne widerleuchtet in einem blauen Weiher, daran alte Weiden stehen. War er als Kurdirektor schon von Beruf aus der geborene Kavalier: wie ganz anders packte er nun seine Liebenswürdigkeiten aus. Er bat, seinen Besuch zu einer gelegeneren Zeit wiederholen zu dürfen, um auch den Herrn Bruder kennenzulernen, und lud die Herrschaften auf den bevorstehenden goldenen Sonntag nach Pyrmont ein: es sei das wirklich sehenswert. Überall Lampions und in der berühmten, vielhundertjährigen Kastanienallee lauter Pyramiden mit Flammen. Sie würden ihm ein angenehmer Besuch sein. Er sei zwar nicht verheiratet, aber eine ältere Verwandte würde die Honneurs des Hauses machen. Auch Ludmilla war nie so freundlich, so liebenswürdig gewesen wie heute. Und als der Bruder zurückkam, rot und feucht vom Atem des Gambrinus, und diese Kunde vernahm: wer dagewesen, was besprochen sei, da ging ein ahnungsvolles Leuchten über sein Gesicht, und er schmetterte noch einen Kognak und noch einen und noch einen. Und als Puljohann kam, um nach den Aufträgen des Herrn zu fragen, bekam er nur ein kindliches Lallen und eine sinnlose Bewegung des an der Sofalehne niederhängenden Armes zur Antwort. Als Puljohann noch einmal fragte, war die Geduld des Herrn erschöpft: »Laß mich zufrieden!« schrie er ihn an. Puljohann ging, das Heu blieb uneingefahren, und ein Landregen stellte sich ein, der vier Tage anhielt. So gedieh die Wirtschaft auf Grävenburg. Doch was kommt auf ein Fuder Heu an? Das ist ja alles so egal, wenn man solche Aussichten hat! Graf von Hersdorf – so stand auf der abgegebenen Visitenkarte – hatte eine kleine Abkühlung erfahren, als er durch seine Auskunftei die finanzielle Lage auf Grävenburg des Näheren kennenlernte. Er war sein Leben lang ein flotter Kavalier gewesen, auch legte ihm seine Stellung in der Gesellschaft Repräsentationspflichten auf, so wäre ihm eine kleine Vergoldung seines gräflichen Wappens durchaus nicht unerwünscht gewesen. Das war nun nichts! Aber der alte Herr hatte seinen Johannistrieb. Er beschloß, dem zu folgen. So schritt er auf dem einmal betretenen Wege weiter. Die Verlobung kam, die Visiten wurden geschnitten, die Hochzeit fand statt, die Gesellschaft war von diesem erfreulichen Ereignis benachrichtigt, Graf und Gräfin beehrten sich ... einzuladen. U. A. w. g. Grävenburg hatte einen Esser weniger; sonst aber durch die Veränderung keinerlei Vorteil erfahren, noch zu erhoffen. Graf von Hersdorf war keine Kreditzugabe. Er stand in dem Bewertungsregister der Geldleute genauso niedrig eingeschätzt wie Hassenburg: = 0.   Nun kann's losgehen Um diese Zeit kam Weihnacht mit vorzüglichem Zeugnis aus der Rentei zurück, worin er seine Ausbildung gesucht hatte. Als er ins Haus kam, war nur Puljohann und die alte Karoline da, die ihn mit ihren verwitterten Mienen froh, wie einen Erlöser fast, zitterig und hustend willkommen hießen. Das war alles so große Bestimmtheit an ihm: was der wollte, das geschah, nun konnte nichts mehr schiefgehen. Als Hassenburg vom Felde kam, wo er sich über die halbverfaulten Hafergarben geärgert hatte, fand er seinen Jugendgenossen auf- und abgehen. Dieser faßte in seine Brusttasche, holte ein Papier heraus und überreichte es: »Mein Attest!« Walter hatte den Stock über den linken Arm gehängt und las das Schriftstück bedächtig durch. Dann meinte er: »Das stimmt. Dann kann's ja losgehen. Aber wieviel willst du eigentlich Gehalt haben? Und wenn du so gut sein wolltest, mir zu sagen, woher ich's nehmen soll. Und zu verwalten gibt es vorläufig nichts als Schulden. Meine Schulden nämlich beim Wirt: hundert Mark. Mehr pumpt er nicht, hat er heute gesagt. Also, wie ist's? Willst du auf Kredit deine Stelle antreten? Essen kannst du, solange was da ist, und von Stuben hast du die Wahl. Du kannst auch Ludmillas haben. Die steht nun leer. Du mochtest sie ja gerne leiden. Das war eine angenehme Erinnerung. Wär's nicht? Welche willst du? Du hast die Wahl.« Weihnacht mußte die Stuhllehne erfassen, um sich zu halten; ihm schwindelte. Feurige Räder kreisten vor seinen Augen. »Ludmilla fort? – Wohin denn?« Tonlos, in langen Pausen kamen diese Fragen von blassen Lippen. »Mensch, was ist dir: Du zitterst ja! Setz dich doch. Soll ich dir einen Kognak geben?« Schwach wehrte der Sitzende ab. »Ja, weißt du es nicht? Ludmilla ist seit einem Vierteljahre verheiratet mit dem Kurdirektor von Pyrmont, dem Grafen von Hersdorf. Hast du denn keine Karte bekommen? Da muß es übersehen sein bei dem Trubel. Übrigens hättest du auch mal herüberkommen können all die Zeit!« Wie abwesend starrte Weihnacht vor sich aus. Die Linke hatte er auf seinen Schenkel gestützt. Die geballte Faust zog sich zusammen wie bei einem Raubvogel, der in der Falle gesessen hat, die Klaue, die Nägel drangen ihm ins Fleisch, er aber merkte nichts davon. »Also Ludmilla ... verheiratet!« Dann bestimmter: »Nun gut: ich nehme an. Auf alle Fälle nehme ich an. Und will dir helfen, wie ich nur kann. Vielleicht geht's, daß ich hin und wieder auch etwas Geld beschaffe. Ich habe so meine Verbindungen.« In ungestümer Dankbarkeit sprang Walter auf ihn zu, berührte mit seinen gesundroten die weißen kalten Hände des Hoffnungsmachers: »Mensch, Mensch! Geld sagst du, Geld? Du willst welches beschaffen? O dann ist uns ja geholfen! Dann sind wir über den Berg; und wieviel wohl?« »Sachte!« meinte der andere. »Ich habe gesagt: Ich will sehen, daß ich etwas beschaffe. Sicher ist noch gar nichts. Überhaupt ist es eine sehr schwierige Geschichte. Aber ich will sehen: ich will tun, was ich tun kann. Ja, das will ich. Aber ... Eine Sicherheit muß ich haben. Du mußt mir eine Quittung geben. Die muß ich dem Gelddarleiher – das heißt, wenn ich einen bekomme – vorzeigen. Und meinen Namen muß die Quittung tragen, deshalb, weil der etwaige Darleiher das Geld mir gibt: nicht dir. Ich verbürge mich, ich stehe für alles. Auch habe ich in der letzten Zeit die Schwankungen bei der Börse genauer studiert und meine da ein Gesetz entdeckt zu haben, dem vorsichtig nachgehend man sich vor Verlusten hütet. Da denke ich denn mit Kleinigkeiten mich und, falls du es wünschest, auch dich zu beteiligen. Es würde mich sehr freuen, wenn es uns auf diese Weise gelingen sollte, Grävenburg wieder flottzumachen.« Und wieder brach das Freudenungestüm Walters aus: »Aber natürlich! Natürlich, ich unterschreibe alles, was du willst. Wie du willst. Nur Geld, Geld, schnell Geld sonst verkaufen sie uns das Haus über dem Kopfe. All mein Saatkorn hab ich schon verkaufen müssen. Ich stehe blank da. Und wenn wir uns manchmal gekabbelt haben, na – wie so Jungens sind. Es waren Jungenstreiche. Nun sind wir Männer.« Der andere sah seinen schwachen Genossen, der nicht einmal die Kraft, die Ausdauer, das Gedächtnis des Hassens hatte, eigen an. »Ja, wir sind Männer!« wiederholte er mit eigener Betonung. Bei sich aber dachte er: ich bin ein Mann, du aber – nun ist die Zeit da. Nun rechnen wir ab. Plötzlich fiel ihm Ludmilla ein –: ein Stich war das. Ein Schnitt vielmehr, ein ganz langsamer Schnitt. Und um diesen Schnitt zu verwinden, zu verbinden, ein langes schmerzliches Lächeln. »Wie siehst du wieder aus, Mensch! Jetzt trinkst du aber einen Kognak! Ich trinke immer einen Kognak, wenn mir nicht recht ist.« Weihnacht nickte langsam mit dem Kopfe: »Ja, gib mir einen!« In freudiger Bereitwilligkeit schenkte Walter ein. Weihnacht trank. »Siehst du wohl, das bekommt. Das frischt die Lebensgeister auf. Noch einen?« Weihnacht verneinte. »Ja, dann können wir auch die Hassenburg wieder aufkaufen und herrichten lassen!« meinte mit immer fröhlicher, höher lodernder Hoffnung Walter. »Was sollen wir mit so einem alten Kasten? Da haben wir das Geld nötiger! Praktisch muß man sein!« Walter aber meinte: »Du weißt nicht, was unsereinem ein Stammschloß ist. Dafür würden wir, gerade wie unsere Väter, das Letzte hingeben. Und nächsten Sonntag ist goldener Sonntag in Pyrmont. Da wollen wir hin und Ludmilla besuchen. Es ist freilich nicht viel los mit ihr nun. Du weißt –« Weihnacht konnte nur nicken: er hatte etwas zu zerbeißen: den bittersten Schluck seines Lebens. Das war ein anderes Kauen, als wie es die Weinkenner mit ihren Auslesen machen, um auf den Geschmack zu kommen. Doch meinte er zögernd nach einer längeren Pause: »Wie du meinst... wenn wir nicht stören.« Walter fühlte das Bedürfnis, vertraulich zu werden: »Eine alberne Geschichte, das mit dem Hersdorf. Da sind wir gründlich reingefallen. Wir dachten, so'n Mensch in der Stellung muß doch ein gutes Einkommen haben. Aber nein ... Schulden mehr wie Haar auf dem Kopfe und übrigens keinen roten Heller. Aber die Sache war schon zu weit, abschnappen konnten wir nicht mehr gut. Meine Schwester hatte sich's mal in den Kopf gesetzt, Frau Gräfin zu werden, also hü! So schlimm allerdings hätten wir uns die Sache denn doch nicht vorgestellt. Hätten wir das gewußt, damals ... ich hätte sie ebenso gerne dir geben können.« Weihnacht war aufgesprungen, rief mit heftig abwehrender Gebärde: »Ach, laß die Sache! Geschehen ist geschehen.« Nach einer Weile fing Walter an, in leisem, erklärendem Tone: »Weißt du, das ist zum Teil auch deine eigene Schuld. Hättest du dich nur einmal sehen lassen! Wenn man einander mehr sieht, so denkt man schon eher an so was.« Weihnacht ging zur Tür: »Ich bin höllisch müde: ich will sehen, ob ich etwas schlafen kann.« Walter reichte ihm die Hand: »Wie du willst! Sag Karoline, daß sie das Bett bezieht.« »Schlaf wohl!«   Alarm Wie rasend bellte Karo mitten in der Nacht auf. Sein altes Ohr hatte durch den wütenden Sturm, der ein Gewitter davonjagte, wie man wohl einen zornmütigen Menschen aus dem Hause weist, Schritte gehört und Pochen. In einem Nu war der Traum von allen den Knochen, den guten Knochen, die er hier im Hause hin und wieder gehabt, von den noch bessern Abfällen in der Glanzzeit des Wirtshauslebens – aber auch von allen Püffen und Knüffen, die er erhalten –, dann angenehmer: von den kleinen Obstdieben, den Landstreichern und Hausierern, die er hatte beißen dürfen – in einem Nu war dieser Traum abgeschüttelt, gleich einer alten Decke, und Karo stand, wie man aus dem Bellen hörte, in atemlos geifernder Wut gegen die Tür und gierte nach den Waden, die er jenseits wußte. Fluchend und brummend erhob sich Puljohann: »Na ja, sachte an, ich komme ja schon!« gerade als ob der Hund es hätte hören und verstehen können. Auf dem Flur bewehrte er sich mit einem riesigen Besenstiel, den die alte Karoline da vergessen hatte, und öffnete die Tür. Zuvor hatte er angefragt: »Wer ist da? Was ist denn noch los? Zu so nachtschlafener Zeit weckt man doch keine Leute auf!« »Der Depeschenbote!« hatte es geantwortet. Nur widerstrebend, mißtrauisch und unsicher ließ sich der Schlüssel im Schlosse drehen. Der Wind warf sich mit einer Heftigkeit auf die eben geöffnete Tür, daß sie dem alten Knecht aus der Hand flog und der ganze Anprall durch das Haus ging, daß alle Türen heulten. Die Nacht warf ihr Unheimliches, ihre greifbare Finsternis, ihre langgezogenen Klagelaute hinein in die menschliche Behausung; ihre prasselnden Tropfen, in denen die Wolken des Schicksals niederkamen vom Himmel zur Erde, gleichsam als habe sie irgendwo in der Ferne etwas vernommen und das müsse sie hier wiederverkünden, und das würde auf die Wolken der Seele drücken und auch diese in Tropfen herniederziehen. Puljohann hatte den Hund beim Halsband genommen und hielt ihn daran mit der Linken fest, mit der Rechten nahm er ein bleiches Papier in Empfang, das ihm der Bote einhändigte: »Für den Herrn! Schreckliches Wetter!« Dann war er auch schon fortgetrabt. »Sofort kommen – Ludmilla auf den Tod.« Wie eine fast unverständliche betäubende Botschaft wiederholten sich vor ihm immer wieder diese Worte. Was ist da zu machen? Vor allen Dingen anspannen! Ob er Weihnacht benachrichtigt, mitnimmt? Aber was sollte er da? Er ist nur im Wege. Der Kurdirektor weiß nicht, was das soll. Aber vielleicht will Ludmilla ihn noch mal sehen! Vielleicht ist es gut für sie. Es ist am besten: man sagt ihm Bescheid. Dann kann er sich selbst entscheiden. –   Walter stand an ihrem Bette. Neben ihm der Kurdirektor. Ernst und wie streng, streng zu Schicksal und sich sah die Kranke vor sich hin. Und wenn von nebenan ein ganz leises, leises Wimmern ertönte, so richtete die Kranke ihre Blicke von der Seite dahin, schmerzlich und zornig gezogen. Ihr schwarzes Haar verlor sich unter ihr wie ein Mantel. Es schien gar kein Schein mehr darin zu sein, keine Welle: nur Angst und peinliche Spannung. Das Haar hat mehr teil an der Seele, als du denkst. Mit leiser Stimme wiederholte Walter seine Mitteilung: »Weihnacht ist da. Soll er hereinkommen?« Ihre Augen wanderten ratlos im Kreise, dann nickte sie. Nickte noch einmal. So ging denn Walter, ihn holen aus dem Amtszimmer des Kurdirektors, worin er so lange gesessen: Starrend auf die schwelende Küchenlampe, die man ihm in der Eile hierhergesetzt, eine qualvoll blutig schwadenpuffende Flamme, leidend und gequält vom schwarzen Rauch der Angst und dröhnender Wildheit eingezwängter Seele der Qual, das Eigene in Fremden suchen zu müssen. Nicht mit leisen Schritten, sondern fest auftretend in Eile und Bestimmtheit folgte Weihnacht seinem Herrn. Kaum aber betrat er das Gemach, worin er des Bettes seiner Jugendgeliebten ansichtig ward, als er mit einem Satz wie ein reißendes Tier darauflosstürzte, die ihn fest und bekümmert Ansehende aufriß von ihrem Lager und sie mit stürmenden Küssen würgte und immer wieder würgte. Als er von ihr ließ, lag sie wie tot da. Aber sie sah ihn dankbar an, mit Augen, in denen die Feuchtigkeit des Lebens gerann. Für immer gerann. Um nie wieder zu schillern im Spiel der Empfindung. Der Kurdirektor war hinausgegangen. Er hatte seine Frau verloren und erfahren, daß es nicht seine Frau war. Er hatte noch seinen Verlust verloren. Nicht, daß es ihn besonders gekränkt hätte. Nur dumpf machte es ihn. Dumpf, so dämlich vor sich selbst. Weihnacht aber lag vor dem Lager der Toten, seine Hände hatte er über die Laken gelegt, unter denen nun ein wahrscheinlich mehr und mehr erkaltendes Gebilde lag, das nunmehr keinen Sinn mehr aufwies. Es war wie ein Spiel – nein, nicht wie ein Spiel, ein Spiel hat immer noch Sinn und Schönheit, es ist Verstand darin und Einbildung. Hier aber, das ist wie 'ne Kritzelei. Eine Kritzelei, wie man sie wohl in müßigen Stunden auf das Papier wirft, wenn man lange zu warten hat. Wenn Sinn und Geist leer, ganz leer sind, nichts, gar nichts darin ist. Wenn man sich selbst um die Ohren schlagen möchte. Und diese blödsinnige Kritzelei kann einen so aufbringen, daß man immer und immer wieder die Messer wie zerfetzensfreudige Zacken gegen sich selber kehrt und in dem wühlt, was man übereingekommen ist, Seele zu nennen. Was das für ein Ding eigentlich ist, weiß keiner. Daß es aber sehr weh tun, sehr verheert werden kann und übel zugerichtet, daß es von Grand auf verwüstet werden kann bei uns und anderen, das weiß man leider Gottes nur zu wohl. Ja, wo die Seele erfunden ist, da zählt man den Menschen entweder ganz und gar nicht, oder man stellt ihn so hoch, daß wir ihn selber gar nicht mehr verstehen. Man findet dann irgendwo, wo es ist: man findet dann: dieses Ding, die Seele hat ja gar nicht so viel Wert. Für sich ist sie nichts, fast wie nichts. Sie ist nur da, mit ihr zu lernen. Der Mensch aber, das, worauf es ankommt, das ist so hoch, daß es ihm ganz gleich ist, ob dem Seelchen was weh tut oder nicht. Wird in die Seele eine Wunde gerissen, das ist, als ob man sich einen Riß in den Rock irgendwo holt. Man ärgert sich ja ein wenig, daß das Kleidungsstück ruiniert ist. Besonders, wenn die Mittel knapp sind, um ein neues anzuschaffen: aber zum Verzweifeln ist die Sache nicht. Vielleicht indes ist der Schaden an einer Seele dem Menschen nicht einmal so empfindlich wie uns der Schaden an einem Kleidungsstücke. – Alle verhielten sich still, keiner sprach ein Wort. So schrecklich war der Verzweifelte in der Verzerrung, im Todeskampfe seiner Leidenschaft anzuschauen. Keiner wagte hinzusehen, wie die Zähne knirschten und schnatterten, wie der Mund unregelmäßige, eckige Gestalt annahm, wie die Augen sich spannten und sich wanden. »Oh, du Bestie!« – sein Schmerz meinte nicht die Tote, meinte das Schicksal. Dann sprang er auf und eilte hinaus. Mehrere Tage hindurch sah man nichts von ihm. Dann kam er zurück: ganz verwüstet, peinlich gefestigt in seinen mit Zwang an den Schmerz gehefteten Zügen, dort wo sie bleiben sollten für und für: ein lebendes Denkmal der Toten, ein stöhnendes, ein schreiendes – ein hassendes. In ihrem Namen wollt' er hassen alle, die um sie gewesen, in ihrem Namen sie verderben. So wollte er ihr zeigen, was sie ihm gewesen. Wie vieles sie an ihm verlor! Welchen Schatz an Liebe, wo nun so ein Schatz von Haß war. Das wollte er ihr zeigen. In diesem Sinne ihr leben.   Niedergang Sonderbar: wenn früher allenthalben das Geld gefehlt hatte, nun war es auf den ersten Wink vorhanden. Nur ein kleiner beschriebener Zettel brauchte mit einem Namen versehen zu werden. Die reine Zauberformel! So ein Rentmeister war wohl nie dagewesen. Der Vater hatte es doch recht gut gemeint, als er bestimmte, daß sein Sohn Walter nur dann erben sollte, wenn Weihnacht Rentmeister bei ihm würde. Es war doch wohl nicht so, wie Walter in der ersten Zeit angenommen hatte, daß diese Klausel nur im Interesse Weihnachts, ihm selbst aber zum Schaden in das Testament aufgenommen sei. Das ging so drei Jahre. Dann trat, während Walter gerade beim Frühstück saß und einen Korn hinuntergießen wollte, um der fetten Leberwurst nachzuhelfen, Weihnacht mit einer Handvoll Zettel herein. »Die Ernte steht ausgezeichnet! Einen Hafer, wie dieses Jahr, so voll in den Ähren, so groß in den Körnern, haben wir lange nicht gehabt.« Weihnacht entgegnete nichts, nur bewegte er die Blätter, die er in der Hand hielt, daß sie leise raschelten. Das war seine Ernte, diese Papierchen, die er seit Jahr und Tag angesammelt hatte. Und diese Papierchen sollten reichere Frucht tragen, als alle Haferfelder des Gutes zusammen. »Du bist wohl so gut und begleichst diese Kleinigkeiten«, meinte Weihnacht sanftmütig. »Ich wollte mich selbst einrichten nun und brauche deshalb das Geld, das ich dir verschafft und vorgestreckt habe.« »Mensch, bist du toll? Woher soll ich die zehntausend Mark nehmen?« schrie der Überfallene Gutsherr. »Das ist deine Sache. Nur daß ich das Geld haben muß! Und das binnen drei Tagen.« Walter stürmte fort. Bald sah man ihn mit großer Eile auf dem Jagdwagen davonfahren. Er kutschierte selbst. Als er wiederkam, sah er sehr flügellahm aus. Er ging umher, als sei etwas in ihm gebrochen. »Mach die Geschichte nur kurz. Da ist weiter nichts zu machen. Du hast mir den Strick um den Hals gelegt, nun zieh zu! Zieh zu, du Halunke, sag ich dir!« Dabei war er seinem Peiniger an die Gurgel gesprungen. Der aber nahm mit seinen sehnigen Armen, ohne sich weiter aufzuregen, den Angreifer von sich fort, wie man behutsam eine Raupe sich vom Ärmel liest. Nun ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt. Weihnacht setzte die Staatsmaschine zu seinen Gunsten in Bewegung, und bald, ehe er sich's versehen, aß Hassenburg das Gnadenbrot bei seinem Rentmeister, der nun sein Wohltäter geworden war. »Ich glaube nicht, daß mein Vater das beabsichtigt hat«, sagte der Zugrundegerichtete, als ihm der Gerichtsdiener den Bescheid einhändigte, daß sein Gut auf Antrag des Gläubigers versteigert werden solle.   »Und so bin ich das geworden«, meinte der Baron, als er mir dies erzählt hatte. »Glauben Sie nur, was das für ein gemeines Gefühl ist! Sich nicht regen zu können, alles so über sich ergehen lassen zu müssen und dabei zu fühlen: das geschieht dir nun recht! Warum bist du auch so dumm, so eselhaft dumm gewesen! Und den einzigen Trost, den man dennoch hat, den gab er mir ja auch. Das Trinken hat er mir nicht verwehrt, die Schulden, die ich da machte, die hat er bezahlt. Bezahlt, ohne je auf Wiedererstattung zu rechnen. Herr, du meine Güte: war das ein Leben! Kein Umgang, keine Achtung, im Gegenteil: man fühlte immer die Verachtung, mit der alle auf einem lasteten. Einer nur saß mit mir zusammen, die sechs Jahre hindurch, bis er im vorigen Jahre starb. Das war ein Standesgenosse – nicht von Hof und Haus gejagt wie ich, nein, ganz im Gegenteil: er war recht vermögend - aber er hatte keine Ehre mehr. Ihm ging es wie mir. Wo wir uns anmelden ließen, da hieß es: ›Der Herr Baron läßt sagen, er sei für den Herrn Baron nicht zu sprechen.‹ Na, er hat es verdient. Wenn man die Sache auch mit Geld beglichen hat, wenn er auch nicht ins Zuchthaus brauchte, aus dem Offiziersstande ausgestoßen wurde er doch – und sogar ich kam mir vor, als stehe ich über ihm. Auch ich mußte mich manchmal zusammennehmen, um ihn meine Verachtung nicht fühlen zu lassen, um ihn zu dulden. Das war ein Sumpf, darin wir beide steckten, alle Tage steckten bis über die Ohren; um uns die Leute mit ihrem: ›Herr Baron!‹ vorn, ›Herr Baron!‹ hinten. Die freuten sich über unsere Leutseligkeit, daß sie uns unter sich hatten. Ja, in der Tat, wir standen beide unter ihnen. Ich zum mindesten, wenn ich diese Leute gewesen wäre, zu dem andern – doch von den Toten soll man nichts Übles sagen – ich meine, zu dem andern hätte ich nicht gesprochen, wenn ich die Leute gewesen wäre. Mit mir war das ja eigentlich nicht so ehrenrührig. So innerlich ehrenrührig mein ich. Ich war reingelegt, und das – ich habe Ihnen wohl gar noch nicht gesagt, daß ich auch verheiratet gewesen bin. Keine Edeldame, nein, nur die Köchin, die ich nahm, als die alte Karoline den Weg allen Fleisches gegangen war. Es war eine gute Frau, wir vertrugen uns ganz gut. Gut, daß sie das nicht mehr erlebte. Nur mein Junge – den hat er verdorben. Den hat er nach sich gezogen und auf mich gehetzt. Und dieser Junge hält mich fest in diesem Höllenkasten. Deshalb wollte ich auch Ihr Anerbieten, mir eine andere Wohnung zu geben, nicht annehmen. Ich kann mich mit dem Jungen nirgends sehen lassen, ich muß mich schämen für ihn, ich muß ihn da versteckt halten. In eine Zwangserziehungsanstalt haben sie ihn bringen wollen: aber das habe ich noch abgewendet. In die Schule konnte ich ihn nicht gehen lassen, dazu war er zu wild. Da hat denn er für den Lehrer gesorgt. Daß der jeden Tag hinkommt. Aber das tut er nur, damit er mich quälen und den Jungen, den er durch Trinken und Zuckersachen verwöhnt und anhänglich macht an sich, noch mehr zurichten kann, wie er will. Doch das geht nicht so weiter. Der Junge muß weg von da, mögen die Leute sagen, was sie wollen. Man muß sich über die Mäuler stellen. Und dann mein Herr, da ich einmal beim Bekennen bin, muß ich Ihnen auch noch sagen, daß ich Sie angelogen habe, recht gemein angelogen, als ich Sie zum ersten Mal kennenlernte. Ich stelle mich vor als Leutnant. Ich und Leutnant! Wie hätte ich Leutnant werden können? Bei unsern beschränkten Verhältnissen! Das liegt so in uns. Wir wollen immer noch was vorstellen. Und dann: Sie gefielen mir. So wollte ich einen mächtigen Eindruck auf Sie machen. Nicht vor Ihnen stehen wie ein ganz gemeiner Klutenhamper. Dem man den Grund unter den Füßen fortgezogen. Bin doch ein schrecklicher Kerl, nicht wahr?« Ich reichte ihm die Hand hin: »Kein schrecklicher, vielleicht ein schwacher, jedenfalls aber ein böse, böse zugerichteter Mann! Und darum müssen Sie Ihr Recht haben. Lieben Sie Ihre Venus? Wollen Sie sie heiraten?« Der Baron bitter: »Ich und heiraten!« »Nun, warum nicht? In Pyrmont ist, wie ich neulich sah, an der Schulstraße ein Haus zu vermieten oder zu verkaufen. Ich schieße Ihnen das Geld vor, das Sie zur Einrichtung nötig haben; Sie vermieten an Kurgäste und haben dadurch ein kleines Einkommen, wie's ja da mehrere Ihrer Standesgenossen gibt, die früher bessere Verhältnisse gesehen haben. Ganz gescheiterweise haben sie so viel aus dem Schiffbruch gerettet, daß sie dort sich einrichten konnten, und nun leben sie ganz glücklich, mindestens sorglos. Und Sie sollen sehen: das werden Sie auch tun. Sie heiraten Ihre Anna, schaffen sich etwas Landwirtschaft, einen Garten an, wenn's paßt, und es wird nicht lange dauern, und man wird Sie wieder als ebenbürtig betrachten. Um Ihre Frau könnte ich Sie beneiden.« Standhaft hielt ich den pressenden Händedruck aus, den der Aufwallende und diesmal vor Liebe Aufwallende mir versetzte. Wußte ich doch, daß es ein starkes Gefühl, daß es ein hervorbrechender Lebensstrom war, der sich in diesem Händedruck Bahn schaffen mußte. Dann stellte sich der Baron ans Fenster und sah angelegentlich hinaus. So wollte er verbergen, wie es ihm heiß und feucht in die Augen geschossen war. Ich ließ ihn eine Weile gewähren und kramte zwischen meinen Büchern. Dann, als ich annahm, nun könne er sich gesammelt haben, machte ich ihm den Vorschlag: »Es ist so schönes Wetter heute! Wie war's, wenn wir einen Wagen nähmen und nach Willebasen hinausführen und mit dem Mädchen und ihren Leuten, wenn diese in der Nähe sind, sprächen.« »Ja, können wir machen«, stimmte der Baron lebhaft in meinen Vorschlag ein. »Darf ich mir eine Zigarre nehmen?« Nun ging er mit Schritten, die zielbewußt waren wie die eines Wanderers, so lange auf und ab im Zimmer, bis ich meine Papiere zusammengelegt hatte. Tiefblaue Wölkchen umgaben seine erneute Gestalt, als seien sie die heitern Zukunftsträume, die voll und tief gefärbt aus seiner Seele, aus ihm emporwirbelten, als seien sie ein Herdfeuer, das aus einem glücklichen Hause aufsteigt, geradewegs in den Himmel. Wir fuhren. Wie so eine Venus innerlich leuchten kann, wie auch andere leuchten können, die so einer Venus nahe stehen, leuchten können von ein paar Worten, die man ihnen sagt, das zu erfahren sollten wir diesen Tag noch reichlich Gelegenheit haben.   Schöne Tage Der Baron hatte mir seinen Schatz anvertraut. So war sie zu mir gekommen auf mein Schloß, sah etwas nach dem Haushalt und ließ sich unterrichten, soweit Schwalenberg imstande war, höhere Bildung zu gewähren. Wir fuhren viel aus. Es war mir eine Freude, den Baron und sein Glück auszufahren. Das heißt: das Fahren mußte er besorgen. Das war ein Genuß, den er um keinen Preis missen mochte. Ja, da lernt man erst Gottes weite Welt kennen, wenn man hübsch in der Nähe bleibt, nicht weiter sich entfernt, als ein guter Brauner traben kann. Lupinenfelder flammen und qualmen fast vor heftigem, Kopfweh machendem Geruch, der Raps ergießt sein weiches Gold, wie große Stücke rötlichen Tuch, es sind Esparsette und Kleefelder hingespreitet. Die Leute auf den Feldern und in den Dörfern grüßen zu uns herauf, wie wir an ihnen vorüberfahren. Da alles macht so rüstig, so frei, wir fühlen unsere Seele fluten. Hüten in uns, fluten da draußen in der schönen, weiten Gotteswelt. »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld. Die Bächlein von den Bergen springen, Die Berge jubeln hoch vor Lust, Wie sollt' ich nicht mit ihnen singen, Aus voller Kehl und frischer Brust!« Die Venus, der die Schule noch zunächst lag, hatte angestimmt, der Baron war eingefallen; nur ich schwieg eigensinnig. Meine Stimme, ich kenne sie nur zu gut, ist allewege ein Mißton, ein schauerliches Krächzen. Ich würde nur den Unglücksraben vorstellen. Eine böse Vorbedeutung sein. Deshalb schwieg ich und machte ein strenges Gesicht. Es ging nach Externstein. Schon hatten wir hinter uns den Wald, vor uns das rotdachige Städtlein Horn mit seinem breiten altersgrauen Kirchturm. Links nach Westen hin sahen wir auch schon aus dem anmutigen Leopoldstal heraus mit seinen fröhlich jungen Buchenhängen, den reichlich eingestreuten Höfen und Bauernschaften, auf denen hochgewachsene Thusneldastöchter sinnig und ahnungsvoll über die zartrosigen Rücken molliger Ferkel, über die borstigen Hanken grunzender Säue strichen, dieser Wappentiere des Teutoburger Waldes – da erblickten wir schon auf heidebewachsenen Hügeln einige dieser großen Wanderblöcke. Das aber waren nur die kleineren. Der größeren wird man erst ansichtig, wenn man Hörn, das mit seinen inschriftbewimmelten Schnitzfirsten mehr ein hölzernes Buch als eine Stadt ist, hinter sich hat und nun die vier mächtigen Felsen mit den Bäumen der Anlagen und des Waldes wetteifern und sie überragen sieht. Und während wir rasselnd über das Kopfsteinpflaster des Städtchens fuhren, fing unsere Venus gleichsam herausfordernd an zu singen: »Die Trägen, die zu Hause liegen, Erquicket nicht das Morgenrot, Sie wissen nur von Kinderwiegen, Von Sorgen, Last und Not und Brot.« Jedenfalls das entsprechende Benehmen für eine angehende Baronin! Sonderbarer der Umstand, daß der Baron seiner unerzogenen Braut dies Benehmen nicht verwies, sondern kräftig miteinstimmte in den letzten Vers. Das Gerassel hatte aufgehört, der Wagen fuhr nun den immer mehr hervorwachsenden Steinen entgegen. Anna hatte ihre Hand in die des Barons gelegt und schloß, von ihm begleitet, ihren mutig anschwellenden Sopran: »Den lieben Gott laß ich nur walten; Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld Und Erd' und Himmel will erhalten, Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.« »Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt!« wiederholte sie. Dann jubelte Anna auf: so etwas Schönes hatte sie in ihrem Leben nie gesehen. Nur drei Stunden davon, und doch war sie nie hier gewesen: die Arbeit der unteren Stände hat keine Zeit zum Naturgenuß! Aufrecht stand sie im Wagen und schwenkte ihren malvenroten Sonnenschirm diesen altersgrauen Wanderburschen entgegen, die vielleicht die Sintflut noch gesehen. Wir fuhren vor, die Kellner wedelten heran. Kaum hatten wir Platz genommen und bestellt, da flog auch mein Notizbuch heraus. Die Liebe dieses jungen Menschenkindes war übergeglüht auf mich, und ich schrieb auf eine frische Seite:   Brautseele Darunter fing ich an: »Das Gewand meiner Seele erzittert im Sturm deiner Liebe Wie tief im Hain Das Herz des Frühlings zittert. Ja, mein heftiges Herz, Wir haben Frühling: Auf einmal ist dann alles Blühen da.« Die Sache ward immer glühender, immer sehnsüchtiger: »Was schön ist auf dieser Weltwiese, Ist nur aus Sehnen und Liebe schön, Und will dich holen mit Farbe und Duft. O komm, ich bin ja so schön nach dir! O komm, ich bin ja so süß nach dir! Ich, deine wartende Zier, deine lebendige Vergehe nach dir. Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!« Die Externsteine: geheimnisvoll wie die Tage ihrer Herkunft ist auch ihr Name. Soll es heißen Eggesteine? Oder heißen sie so von den Elstern, diesen schwatzhaft unheimlichen Vögeln? (Exter gleich Elster in der Mundart dieser Gegend.) Einer von ihnen hat, wahrscheinlich weil er früher heidnischer Opferstein gewesen, wie das immer dann geschah, zur christlichen Kapelle herhalten müssen. Zu Anfang des elften Jahrhunderts wurde hier das Opfer dargebracht; nicht wie früher gefangene Feinde oder Pferde – in reinen Händen hielt der Christenpriester den Kelch des Heils dem Vater empor und brachte ihn dar an des Heilands Statt der Welt zur Entsühnung. Wie es schien, hatte Wuotan diese Beschlagnahme seines Eigentums übel vermerkt; denn Regen und Sturm, die Boten seines Unwillens, hatten die Darstellungen fast verwischt, die der Christenglaube hier in den Felsen gemeißelt hatte: den Baum des Unheils mit der Schlange, den Baum des Heiles, von dem Jünger und Mutter und Joseph von Arimathia behutsam die Frucht der Erlösung herabnahmen. Wie ein hineingetriebener Keil, gleichsam um eine Benutzung zu kirchlichen Zwecken unmöglich zu machen, trieben die zähen knolligen Wurzeln von allerlei Gesträuch, wo's eben nur anging, die Felsen auseinander. Wie eine wilde Flamme ungezügelten Lebens: wie das Heidentum sahen sie aus, die schon vor der Zeit vergilbten, mit Wind und Fels kämpfenden Büsche. Und er selbst, dieser Fels, war wie rasende, hassende Flamme: Haß gegen Liebe. Als nämlich Satan sah, wie die welterlösende Liebe Besitz ergriffen hatte von seinem Hause des Hasses und der Wildheit, da ergriff er einen Stein und zielte damit nach dem Priester, der in diesem Augenblick die Hostie, den Leib des Sohnes, emporhob zum rächend verzeihenden Vater. Der Stein verfehlte sein Ziel, ward abgelenkt durch die fromme Hand eines gottsinnigen Engels und fiel auf einen der beiden Felsen, die als Wächter zu beiden Seiten der Straße stehen, die in den Teutoburger Wald gen Detmold führt. Da liegt er nun so lose, daß jeder starke Wind ihn bewegt wie ein Schicksal, das deine Schritte bedroht. Es geht die Sage, dieser Stein werde die letzte Fürstin von Lippe-Detmold erschlagen. Und die so bedrohte Fürstin wird den Namen Pauline führen. Den Grimm über das verfehlte Ziel hauchte der Böse in züngelnd wirbelnden Flammen gegen die Rückseite des Felsens, auf dessen Höhe unter göttlichem Schutz der Priester seine Messe fortsetzte, ohne eine Ahnung von der Gefahr zu haben, die von ihm abgelenkt worden durch höhere Kräfte. Ich kannte einen, der auch so gegen diesen Stein hauchen würde, so in Haß und Kälte die versengende Glut seines Lebens hinauswerfen würde gegen diesen Felsen, auf dem in Glück und aufleuchtender Zukunft, unter meinem im Namen Gottes waltenden Schutz der Feind stand, der nun der Macht seiner Bosheit entrückt war. Der Feind, wie er stolz sorgend und freudig seinen Arm um die Knie seiner Geliebten legte, die wagehalsig draußen auf einem Felsen jenseits der Brüstung der Zinne stand und hinausrief, hinausjauchzte vor unbändiger, aus Niedrigkeit emporgestiegener Lebenslust. Und wenn sie den Blick hinabwagte in das grüne, mahnrufend durcheinanderschlagende Gesträuch, das unter ihr halbwegs aus dem Felsen hervorquoll, und sich in prüfender Wagnis weiter vorbeugte, dann durfte er nur den Arm fester um sie legen, sie innig sicherer zu umfangen. Wagnis der Liebe! Stolzer und freier mögen die Götter nicht schreiten, die Einheriar, wenn sie über Bifrost die Reifbrücke herniedersteigen aus Walhalla, um auf der Erde nach dem Rechten zu sehen und einen besonders in Gunst stehenden Helden ehrend zu besuchen, wie wir nun die kühn geschwungene Holzbrücke betraten, die den höchsten, den Opferfelsen der Liebe mit dem zweiten mehr niedrigen verbindet. Wir hatten Eile: wollten wir doch noch zum Hermann. Und das waren gut anderthalb Stunden, mitten durch den tiefsten Wald, durch grüne Versunkenheit, die fast böse, krank und beängstigend sich fühlbar macht, vorbei an der klar rieselnden Berlebecke. Das war wirklich Wildnis, das war Urwald. Immer neue Buchenhänge wurden erstiegen, immer neue Abgründe gewonnen, indem wir uns mit eiligen Händen von Stamm zu Stamm hinabfallen ließen: alles unter der Leitung des Barons, der hier Weg und Steg kannte, hier die Honneurs seiner Heimat machte. »Das hier ist das Winfeld!« Und in der Tat: das war so eine Art Heldendichtung der Natur, diese fast stundenweite (wie Heldenstirn), von einem Fichtenkranze eingefaßte Waldwiese. In der Tat: eine Gedenktafel. Geschichtliche Gesichtszüge hat dieser Boden. Und weiter: Großrören. Winfeld: die eine Seite der Medaille: die heiterstarke, das Siegesfeld steht auf Seiten der Deutschen. Das andre: Großweheklagen gedenkt auch des Feindes: es ist Stolz darin und Mitleid, sonderbar gemengt. Wie das Leben mengt und der Sinn des Menschen; der vielgestaltige. Die Gegend ist Großrören: nicht bloß der Name. Gepensterhaft und fast Mummenschanz der Trauer so die zottigen Zwergweiden mit ihren sonderbaren Köpfen und langen Framen. Die alten Germanen, ins Gnomische verwandelt, und dahinter dicht aneinander wie immer neue Framensaat die alles verdüsternd jungen Buchenstämme. Noch einmal treten wir heraus aus Wald und Schlucht, da steht er vor uns auf seinem kuppelartigen Berggewölbe, der Hermann, und weist uns nach oben, vollends nach oben. Wir folgen seinem Winke, aber langsam und erleichtert. Schon etwas uns erholend. Vorerholend. Denn hier beginnt die Kunststraße: der sorgsam aufgeschüttete, langsam die Bergeskuppe umwandelnde, in mehrfachen Schleifen sich dem Hermann zu Füßen legende, gar zierlich wie ein Band am Kranz zu Füßen des Denkmals niederlegende Wendelweg. Während wir, noch mächtig uns zusammenatmend, stumm vor ihm standen und dem Meisterwerke Bandels, diesem so tapferen und gewaltigen Lebenswerke, wie auch dem deutschen Sinne in ehrerbietiger Stille unsere vaterländische Huldigung brachten, war ein Direx mit seiner weißbemützten Prima schon in vollem Gange. In wohlgesetzter Rede und einwandfreien Perioden trug er ihnen einen begeisternden Aufsatz vor, der späteren Jahrgängen für die Klausurarbeit von großem Nutzen sein dürfte. Nur schade, daß er hier so in die Winde verweht. Auch eine Gruppe von Offizieren stand auf dem Platze. Jedem, der Freude hat am ausgebildeten Manne und seiner Haltung, wird nach der Gestalt hin dieser Anblick erfreulich sein: einerlei wie seine staatliche Auffassung ist von der Notwendigkeit dieser schönen Männlichkeit. Bewundernd sah der Baron hin. Dann meinte er: »Sonderbar, wie man sich so etwas einbilden kann. Ich habe mich so als Militär gefühlt, daß ich manchmal wirklich glaubte, ich sei es gewesen. Doch seit ich Anna kenne, ist mir das gleichgültig.« »Änneken!« lachte seine Seele sie zärtlich an, die in ihrer Seele rot war vor Freude. Vor Freude des Weibes: daß sie einem etwas bedeuten kann. Diese Wissenschaft ist überall gleich: sei's Gänsehirtin oder Prinzessin.   Andere Schützlinge Ich hatte eine Welt- und Walddichtung im Kopfe. Es sproßte dramatisch und nannte sich »Merlin«. So ging ich denn damit fleißig in den Wald, es unter seinen rauschenden Wipfeln auszutragen und die Waldesstimmen hineintönen zu lassen, in seine urbrünstigen Tiefen. Mein Lieblingsplatz waren die Farnkräuter. Diese standen palmenhoch hereinhängend über meine Dichterstirn und hatten so etwas Eigenes, eine feinnervige Eigenart in ihren krausen, rostbraunen Wedeln. Da sah ich unter zwei gewaltigen von unten aufgegabelten Lärchen, Bäumen, wie sie mir in dieser Größe nie mehr vorgekommen sind, zwei Gestalten, die sahen aus, als seien sie aus einem Volksliede gekommen. Geradewegs etwa aus: »Es steht ein Baum im Odenwald, Der hat viel grüne Äst', Da bin ich wohl vieltausendmal Mit meinem Schatz gewest.« Als die beiden meiner ansichtig wurden, verrieten sie kein Erschrecken: im Gegenteil, sie sahen sich an, als hätten sie schon von mir gesprochen, als hätten sie sich zu etwas ermuntert. Der Forstmann faßte kurzen Entschluß und trat auf mich zu: »Verzeihen der Herr: Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Daß Sie so anders sind.« »Mein Herr!« fuhr ich auf. Der Forstmann ließ sich nicht einschüchtern: »Ich will Sie nicht beleidigen. Ganz im Gegenteil: Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie – daß Sie ein Mensch sind, von dem man etwas haben kann, das man bei andern nicht findet. Womit man sich nur lächerlich machte –bei denen. Sie aber müssen Verständnis dafür haben. Sie sind doch ein Dichter!« Das behagte mir nicht: »Ein Dichter bin ich nicht. Dann schon eher, wenn Sie wollen, ein Stück Mensch. Hoffentlich bin ich kein Stümper, denn ich bin der Ansicht: gerade die Pfuscher, die Dilettanten lassen sich mit Vorliebe Dichter nennen. Wer aber wirklich Dichter ist, der fühlt mit Schmerzen, wie weit er noch zurück ist auf dem Wege zur Menschheit. Wie er nur Werkzeug. Und um doch etwas hinter sich, etwas erreicht zu haben, sich dieses zu sagen, so nennt er sich: ein Stück Mensch. So war doch nicht alles Täuschung, nicht alles vergebens!« Der junge Forstmann lächelte: »Ich sehe schon, ich muß ganz kurz sein, sonst verhaspele ich mich wieder. Also die Dichter schreiben immer so viel von der Liebe. So müssen sie doch auch was davon verstehen, so müssen sie wissen, wie einem zumute ist. Sie müssen das zu würdigen wissen. Sonst wären sie ja doch keine Dichter. Sie müssen etwas davon halten, etwas dafür übrig haben, unter Umständen auch etwas dafür tun, sich dafür ins Zeug legen – sonst wär's ihnen kein Ernst damit, sie wären Wortemacher, Lügner. Es müßte ihnen eine Freude sein, wenn nun einmal so etwas, wie sie's in ihren Gedichten schreiben, wirklich ist, wenn sie dazu beitragen könnten! Das müßten sie doch nicht mehr als gerne tun.« Ich begriff. »Ach so!« lachte ich, »Schutzpatron soll ich spielen! Selbstverständlich! Aber mit größtem Vergnügen! Wollen Sie nur die Güte haben, mir des näheren auseinanderzusetzen, womit ich Ihnen dienlich sein kann!« Nun trat die Dame vor, verneigte sich ein wenig und sah mich fest mit ihren feinen grauen Augen an. Dann öffnete sie die Lippen, die wie sehnende Blumen waren, wie vornehm-sehnende Blumen, die von sich wußten und von ihrem Rechte. Die für sich einstanden. Sie sahen aus wie die feinroten leidenschaftszarten Korallen ihrer Nadel. »Mein Name ist Komteß Breitenhaupt. Der Herr hier ist Förster bei meinem Papa. Wir heben uns. Sie begreifen: das kann, das darf nicht in die Öffentlichkeit. Würden Sie nun die große Freundlichkeit haben, uns vielleicht die Benutzung Ihrer Bibliothek zu gestatten? Die meines Vaters hört mit Gustav Freytags ›Ingo und Ingraban‹ auf. Ich möchte gern auch die neue Richtung, zu der ja auch Sie gehören, kennenlernen. Vielleicht zu einer Zeit, wo Sie dieselbe nicht benutzen? Einen Spaziergang machen vielleicht? Lange würden wir diese Liebenswürdigkeit nicht in Anspruch nehmen, da wir in einigen Wochen zu verreisen gedenken.« Die Sache machte mir Spaß: so mal Pandaros zu spielen, es war mal was Neues. Vermittler zu sein, zu allerlei Begütigungen herangezogen zu werden, das war mir schon mehr passiert. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Kam da mal bei Pyrmont bei Tal ein Zigarrenarbeiter, der nach Tabak, mehr aber noch nach Schnaps roch, dem das Blut wie ein losgegangener Schal von der Schläfe herunterhing, und beschwor mich, beim Vorsteher dafür einzutreten, daß sein Hauswirt seinen Hausrat wieder hineinnehmen müßte, den er mit seiner Familie und ihm an die Luft gesetzt. »Sehen Sie nur her, wie er mich zugerichtet hat: der Saukerl, der Unmensch der!« Der Mensch mußte ein Pole sein, denn er hatte es sehr pathetisch, inszenierte seitens seiner Frau und Kinder einen Fußfall, Handküsse und dergleichen Scherze mehr. Hundeblut! Das ist das Schlimmste an dem armen Volke, das nimmt ihm jede Aussicht auf Hebung seiner Lage. Diese seine feierliche Lüge, seine einfältige Gewundenheit! – Der Vorsteher sah mich merkwürdig an: »Was geben Sie sich mit so einem Manne ab!« Damit war die Sache erledigt. Also antwortete ich: »Wollen die Herrschaften einen Besuch machen, Sie werden mir sehr angenehm sein. Bitte mein Haus als das Ihrige zu betrachten, auch im Falle meiner Abwesenheit. Besucht mich jemand, so ist es mir äußerst willkommen. Besuchen mich zwei, so ist die Freude doppelt.« So ließ ich die beiden denn Romane lesen in meiner Bibliothek, wo so viele Romane ungelesen standen. Ich grüßte sie, wenn ich ihnen begegnete, weiter bekümmerte ich mich nicht um sie. Das ging so einige Wochen. Dann wetzte sich das Gerücht seine Zunge – es bekam nun so viel zu tun: »Komteß Breitenhaupt ist mit ihrem Förster durchgegangen!« Hier und da vernahm ich, wie auch mein Name in der Affäre genannt wurde, wie meine Beteiligung darin verlautbarte. Nun erwartete ich das Strafgericht, das mit dem alten Herrn über mich hereinbrechen würde, demnächst hereinbrechen müßte. Und es kam! Der alte Herr sah gar nicht so sehr alt und erst recht nicht wie ein Strafgericht aus. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie sind ein Feiner. Begünstigen Stelledicheins! Stecken mit dem jungen Volk unter einer Decke! So ein dummes Lud: reißen beide aus, ohne erst mal mit mir gesprochen zu haben. Sehr mutig, in der Tat, von dem Herrn Waidmann! Solche Manschetten vor mir zu haben! Als wenn ich der Tor wäre, gegen Liebe und Dummheit streiten zu wollen! Meinen Segen hat sie. Da werde ich schon ein Übriges tun müssen und ihnen die Mitgift nachschicken. Daß sich der Herr Schwiegersohn ein Gut kaufen kann. Und meinen Verwalter. Daß er auch mit dem Gute was anfangen kann. Keine Dummheiten macht und das Geld in einem Jahre verposamentiert. Sogar zur Hochzeit will ich kommen. Sie doch auch? Haben sich ja so verdient gemacht: es wäre Undank, wenn die jungen Leutchen sich Ihrer nicht erinnern würden. Schwärzester Undank. Mehr kann man doch nicht von mir verlangen; was meinen Sie?« »Daß Sie ein vernünftiger Vater sind!« ergänzte ich dahinter. »Na ja, also. Übrigens Strafe muß sein! Haben Sie nicht einen vernünftigen Tropfen, den man auf das Wohl der Ausreißer trinken könnte?« Ich schellte und gab Auftrag. Graf Breitenhaupt hatte sich endlich wiedergefunden: er saß noch ganz erschöpft im Sofa und wischte sich die Augen aus, so hatte ihn die Lachböe mitgenommen: »Wenn ich daran denk, wie es denen wohl zumut sein mag! Und was sie denken mögen, was ich anstelle nun! Wie ich tobe, rase, fluche, enterbe! In diese Unkosten wollen wir uns schon nicht stürzen, diesen Gefallen wollen wir ihnen schon nicht tun. Nil admirari! sagt Horaz. Und warum auch! Ich kann's dem Mädchen gar nicht verdenken. Sie verkümmern lassen – wo man frisches Leben haben kann – ich tät's auch nicht. Ein ganzer Kerl, das Mädchen. Das gefällt mir. Das Leben geht vor. Wir Adligen von heute sind schlimm daran.Wir sind ein verwilderter Garten und haben einen sehr scharfen Gärtner, der ordentlich aufräumt mit Ranken und Schoß. Und zeitgemäß ausrichtet. Das Mädchen hat den Gärtner verstanden. In ihrer Weise.« Der Wein war gekommen. »Prosit!«   Die Kinder Einem Hause sind sie nötig, und der Garten verlangt danach. Wo nur Erwachsene weilen, da fehlt das Leben, sein draller Mutwillen, seine heftige, schöpferisch schöne Unbändigkeit: das Kind fragt, nur weil es keine Frage kennt, weil es ganz nur Antwort ist, gerade wie das Weib spricht, weil seine Seele Schweigen ist. Nur Fremdes, das man gar nicht kennt, das kann man so herbeizerren, herbeiziehen wollen, wie's das Kind mit der Frage tut. Das sollte man wissen: sollte das Kind genießen, sich austoben lassen. So ein anmutiges Austoben, das durch keine Kunst der Welt nachgebildet, durch keine Erziehung ersetzt werden kann. Sind wir so neidisch: daß wir die Frische, die wir selbst nicht mehr haben, diese wilde Frische, wie sie einem jungen Gießbach eigen ist, auch andern nicht gönnen mögen? Häßlich, sehr häßlich wäre das! Nicht aber so ein junges Geschöpf für ein Füllen ansehen und ihm, während es seine muntern Sprünge auf der Weide macht, schon mit etwas Fremdem, Ledernem kommen: dem Sattel! Dem Gehorsam! Dem Unterbinden des eigenen, dem Bepacken mit fremdem Leben! Zum Teufel mit dem Gehorsam! Man behandelt ja die Kinder schlimmer als die Füllen. Kaum daß man ihnen das Leben gegeben hat, will man ihnen das Leben wieder nehmen. Schon mit vier, sechs Jahren fängt es an. Und bei den Füllen wartet man doch erst, bis sie Pferde geworden sind, ehe man ihnen den Sattel auflegt. Warum habt ihr es so eilig mit den Kindern? Wollt ihr sie noch mehr ausnützen als selbst die Pferde? Das wollt ihr doch wohl vor euch selbst nicht eingestehen! Denn gerade die, die am meisten aus ihren Kindern machen, die deren Heranbildung sich am meisten kosten lassen, diese fangen am ersten damit an, die zarten Geschöpfe mit Arbeit und Obliegenheiten zu beladen, als seien sie Kamele, Lasttiere der Wüste. Nun, Kamel werden sie dann allerdings. Das erreicht man damit. Immer, immer diese Furcht, Mensch zu sein, Mensch sein zu lassen! Mir ist, so ein Palast muß förmlich gähnen, wo der Zeremonienmeister mit seinem protzenhaften Stab und Beinen, die zwei andere Stäbe sind, einherschreitet, die Eintretenden ansagt und die sich Empfehlenden mit einem Bückling entläßt. Ganz anders ein munteres Haus, worin Kinder sind! Gärten ohne Blumen sehen nach nichts aus. Wird auch hier und da ein Stück Tapete abgerissen, daß die Fetzen fliegen: es macht sich nichts daraus. Eine Scheibe entzwei: dann kriegt es eine neue, das Haus. Gerade wie das Kind ein neues Kleidchen bekommt, wenn das alte brav zerrissen ist. Und die Türen bleiben in der Übung, wenn das kleine Volk sie ein paar Minuten hintereinander auf und zu macht. Ganz ohne Not: aus reiner künstlerischer Freude am schnappenden Klang. So sah das Haus Grävenburg nicht aus. Das hatte solche Kinder nicht. Es war versteckt, und die Kinder waren versteckt. Wer nicht sehr häufig vorbeikam, wußte gar nicht, daß es dort welche gab. Und doch waren zwei da: ein Knabe und ein Mädchen, der Knabe einige Jahre jünger. Rotnacht, der dem Hause die Macht gab, war wie ein wortkarges Raubtier, das leicht gereizt werden konnte und dann fletschte. So waren auch die Kinder kleine Raubtiere, die gern fletschten, gerne sich und andere anfauchten. Zu dem Knaben ging ein hassender Blick und häßlich schmeichlerisches Wort. Das war der Sohn des Barons, der dem Vater entfremdet werden sollte, von ihm abdressiert. Sonderbar war das mit dem Mädchen gewesen. Als der Kurdirektor starb, zählte das kleine Ding kaum drei Jahre. Vermögen war nicht da, nur Schulden. Auch die Familie hatte wenig Interesse an dem kleinen Spätling. So ward es denn dem zu Wohlstand gekommenen Gutseigentümer Weihnacht, genannt Rotnacht, leicht, die Kleine in Pflegschaft zu übernehmen. Was er an dem Kinde hebte, war die Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Um das Wesen, um die Art kümmerte er sich nicht; er wußte nicht, wie sie war: wußte nicht, ob sie ihm zuwider oder angenehm. Nur ihr Aussehen zog ihn an, und so konnte er, während das Kind heranwuchs, oft stundenlang davorsitzen und es anstarren, und es war ihm gleichgültig, wenn die Kleine, davon entsetzt, auf einmal zu schreien anfing und nach ihm trat, schlug und biß. Er ließ sie toben, starrte weiter, bis er endlich genug hatte, seufzte und fortging. Ich war wieder einmal in Grävenburg. Das erste Mal seit langer Zeit. Ich sprach mit dem Baron über die Wahl seines künftigen Aufenthalts. Wir hatten uns mehrere Häuser in Pyrmont angesehen. Sie waren nicht ganz so billig, wie wir uns das vorgestellt hatten, und es kam nun darauf an zu berechnen, ob mit einem durchschnittlichen Fremdenverkehr auf ein Einkommen zu rechnen sei, das die Miete oder – bei Kauf, denn auch dieser war nicht ausgeschlossen – den Preis übersteige. Das einzige Zimmer des »Hundelochs«, worin der Baron die längste Zeit gehaust hatte, ging auf den Garten. Blumen waren nicht darin, wohl aber Kinder, die ich heute zum ersten Mal hier sah, und Unkraut. Und die Kinder sahen auch nicht anders aus als Unkraut. Vorwaltete die impertinent frische Säure des Kohls: die Farbe ein Mittelding zwischen Grün und Blau. In Fabelzeiten gab man den Drachen diese Färbung: den Ungeheuern der Sümpfe und der Bosheit. Ich stellte mich ans Fenster und sah mir die Kinder etwas an. Sie hatten so eine seelenlose Jähigkeit und Schärfe des Spieles und der Bewegung, die bei dem Knaben mehr Natur, mehr Gewächs schien, bei dem Mädchen aber aus Herrschsinn, aus überlegter Überlegenheit zu kommen schien. Die bläulichen Augen des Jungen waren wie Wasser, das mit dem Lande nichts zu tun hat, in seinem Gesichte. Wurde er wütend, so flatterte eine ganze Anzahl Blitze über das dumpfe Rund, darauf es vielleicht noch dumpfer ward. Das Mädchen konnte über die Schärfe der Lichtbrechung in seinem schwarzen Auge manchmal sonderbar weiche Schleier tun: das war allemal, wenn sie am meisten boshaft oder grausam war. Die beiden schienen den Auftrag erhalten zu haben, von den Kohlblättern die Raupen zu lesen. Sie waren ziemlich fleißig dabei; allmählich mußte ihnen indes die Sache zu langweilig werden, darum ward ein Spiel mit der Arbeit vereinigt. Ein entsprechendes Spiel. Und dies Spiel war sinnig genug. Das Mädchen hatte auf den Jungen eingesprochen, dieser genickt: dann fingen sie plötzlich zu gleicher Zeit an, die gefangenen grünlich üppigen Raupen, bisweilen darunter eine katzenartig bräunlich-schwarze Bärenraupe, Boas für Nixenschönheiten, zu zerreißen: es schien ein Wettstreit zu sein, wer am meisten von diesen sich krümmend und schlagend in zwei Teilen fortgeschleuderten Tierchen verarbeite. Denn sie entwickelten eine immer größere Hurtigkeit, sahen einander auf die Finger und lachten und zählten: »einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.« Immer mehr ereiferten sich seine plumpen roten Finger, denn drüben über den gelblich schmalen feinen Fingern mit stumpfen Kuppen, da zählte es schon siebenunddreißig, achtunddreißig, neununddreißig, und das bedeutend schneller als gegenüber. Das eine D-Zug, das andere Bummelzug. Auch der Baron war ans Fenster getreten: »Das ist mein Junge. Natürlich kann der Dämel nicht mit. Daran ist er sofort zu erkennen, an seiner Dummheit. So ganz böse wird er niemals werden können. Dazu fehlt es ihm an dem Aufschwung, den andere Leute haben. Daran hindert ihn seine Dummheit, mein Erbstück, das einzige. Zur Niedertracht aber reicht's, das seh ich; wenn er recht angestifet wird, dann kann er es weit bringen. Das wäre die richtige für ihn! Unter deren Leitung müßte er kommen: die würde ihn sich schon ziehen!« »Und Sie lassen Ihren Jungen gewähren?« rief ich entsetzt. Der Baron zuckte mit den Achseln: »Was wollen Sie? Natur, was ist da zu machen? Was wird es helfen? Wie wir den Rücken wenden, so fangen sie ja doch wieder an. Übrigens kann ich ja rufen.« Er lehnte sich aus dem offenen Fenster und rief: »Ihr Satansrangen, wollt ihr das auf der Stelle sein lassen! Oder soll ich rauskommen?« Der Junge guckte stumpf und höhnisch auf: »Nanu?« Das Mädchen aber machte ruhig weiter, ohne den Kopf zu erheben. »Da sehen Sie, was es hilft!« Wir achteten eine Weile nicht auf die Brut und sprachen, an dem ausrangierten Wichstische sitzend und die Ritzen darin mit Zigarrenasche auffüllend, der Asche eines bessern Salonkrautes, über unsere Angelegenheit. Die Kinder waren merkwürdig still gewesen. Auf einmal überzeugte uns ein Jubelgeschrei des Knaben, daß sie beide noch da waren im Garten und auf eine neue Art, eine ganz besondere Unterhaltung gestoßen sein mußten. Der Knabe schien den Vorschlag seiner Gespielin mit Entzücken aufzufassen. »Christus spielen, Christus spielen!« rief er das eine Mal über das andere. Wir traten ans Fenster: Das Mädchen beschäftigte sich an der Hecke. Der Junge hatte sich eine rote Badehose über die Schultern gehängt und einen der Rohrkolben in die Hand genommen, wie deren langabgeschnitten genug da herumlagen. Das Mädchen kam mit zwei Dornenzweigen zurück, die sie kunstreich genug ineinander verflochten und wie eine Weihnachtsrute mit einem roten Bändchen verziert hatte. Der Junge beugte sich etwas und senkte sein Haupt wie ein Ritter, der huldigend den Ehrenkranz entgegennimmt, wie ein Hütten, der vom Kaiser zum Dichter gekrönt wird: zum Kaiser des Geistes. Nun stand er da, seltsamlich genug anzuschauen. Trauer sollte es vorstellen, war auch rührend genug, aber dämlich rührend. »Lieblich, nicht?« meinte hinter mir der Baron. »Frucht des Religionsunterrichts«, setzte ich hinzu. »So, nun bin ich die Veronika und trockne dein Gesicht.« Sie nahm ihr Taschentuch, der Junge streckte sein Gesicht vor, fromm und sanft wie ein Schaf, und das Mädchen trocknete leise und behutsam daran herum. Bedächtig suchte sie mit dem Tuch wieder ihre Tasche auf, dann nahm sie eins der Rohre auf und meinte: »Nun bin ich der Soldat, der Christus eins auf den Kopf gibt.« Und ehe der Junge sich's versah, hatte er einen gehörigen Schlag weg, der ihm die Dornen in den Kopf trieb. Aha, nun kamen die Blitze über den Weiher: »Au!« rief er. »Du Hund! Du gemeines Aas! Paß auf, wenn wir erst verheiratet sind. Dann hab ich das Recht. Dann bind ich dich an den Bettpfosten und haue dich, daß du nicht weißt, wohin. Dann bin ich der Bärenführer, und du sollst tanzen. Einen Ring zieh ich dir mitten durch die Nase.« Wir lachten beide laut auf, und die Kinder rannten ins Haus, nicht eher indes, als bis das Mädchen dem Jungen die Zunge herausgestreckt und dieser in gleicher Weise geantwortet hatte, wie dies wohl die ausgesprochene Verständigungsweise aller artigen Kinder des Erdenrundes ist, deren Wurzel, wie manches andere Tiefe, für uns armselige Erdenwürmer wohl mit der Nacht ewigen Vergessens bedeckt sein wird. »Da erziehe nun einer!« lachte der Baron. »Ich möchte wissen, wo man da anfangen sollte! Man läßt sie am besten so! Wir sind ja auch so. Wir – nicht Sie.« »Na, wer weiß?« lachte ich. Wir gingen. »Du kennst mein Herz noch lange nicht. Noch lange nicht«, wiederholte der Baron. Auf dem Hofe stand Rotnacht. Zu meinem Befremden grüßte er mich. Er sah kläglich aus. Als sei das Grausen seiner Seele nach außen gebrochen, so die weißen Strähnen in seinem vor Entsetzen zusammengekauerten schwarzen Haar. »Ja, den können wir haben nun«, meinte der Baron. »Aber wir wollen ihn nicht mehr. Auch die Wirtschaft vernachlässigt er. Ob es überhaupt noch der Mühe wert ist, nach Pyrmont hinauszuziehen? Ob ich nicht Grävenburg bald wieder haben könnte?« »Ein neues Leben an neuer Stätte!« »Sie mögen recht haben: heraus aus dem Loch!« erwiderte der Baron.   Glücksfall Alles war beglichen. Wir hatten uns erkundigt, genau erkundigt, auf wieviel Kurgäste man in der Saison wohl rechnen könnte. Was für Preise genommen werden könnten. Wir wollten es wagen: der Baron mußte endlich einmal heraus aus seinem Hangen und Bangen! In drei Tagen sollte die Hochzeit sein. Eine Hochzeit: wie ich sie verstand. Nicht wie die Bauernhochzeiten, die Gebehochzeiten, wie sie in dieser Gegend manchmal ganze Völkerscharen versammeln. Das ist eine Begebenheit, von der man lange spricht, vorher und nachher. Spricht so lange, bis eine neue die alte ablöst und in den Schatten stellt. Und gerade dieser Ehrgeiz, dieser Wetteifer des Ansehens ist der Schwellkörper, der die an sich schon kolossale, ungeschlachte Genußlust bäuerischer Kreise zu so gewaltigen Leistungen bringt. Musikanten werden geworben und irgendwo auf dem Heuboden einkampiert. Da für die besonders Eingeladenen, näheren Angehörigen und Respektspersonen, die nicht im Orte selbst ansässig sind, unmöglich das Haus genug Raum und Betten aufzubringen vermag, man so angesehenen Leuten auch nicht gut ein Massenquartier auf Heu oder Stroh zumuten kann, da muß die Nachbarschaft aushelfen. Und sie tut das bereitwillig, wie man eben den Bräuchen der Sitte nachkommt. Es ist das so eine eigene Natur geworden; als gehöre es zu uns selbst. Am bestimmten Tage, schon vor der festgesetzten Zeit, füllt sich die festliche Halle. Zur selben Zeit, wie sich die Linnensäcklein mit harten Talerstücken füllen, schwellen und sich nach oben straffen. Dies Linnensäcklein ist das Bauernherz. Ohne baren Inhalt ein leerer Windbeutel. Nun geht es zur Kirche: voran wie ein Herold mit bebändertem Stabe der bewährte Witzbold der Umgegend: der Hochzeitsbitter – der Lustigkeitsmacher. Auch in Trauer macht er, dann heißt er Leichenbitter. In seinen Mußestunden hütet er Schweine. Von selbst kommt hier nichts, alles muß künstlich gemacht worden. Es ist schon genug, wenn die Gäste einen guten Magen mitbringen; daß sie noch besonders Geist entwickeln sollten, für die Unterhaltung sorgen: das kann man von ihnen nicht gut verlangen. Das paßt sich auch nicht für schwere Leute. Dafür hat man seine Handwerker, deren Fach das ist, die das besorgen und die man dafür entschädigt. Ordentlich entschädigt, wie es Brauch ist. Hinter dem Lustigmacher das Brautpaar. Nicht etwa zusammen; die beiden haben noch nichts miteinander zu tun: noch sind sie nicht Mann und Frau. Deshalb an ihrer Seite der Brautführer. Auch der Bräutigam hat seinen Wächter, damit er nicht etwa in letzter Stunde Angst bekommt und sich davonmacht. Und nun streng, nach Familien-, Standes- und Wertrang das Gefolge: eine Hofsitte kann nicht strenger geregelt sein. Dann Rührung und Opfergroschen, die sich rechts auf der Altarseite aufhäufen. Während die Leute in der Kirche sind, ist die Küche in vollster Aufregung, um dem ersten Ansturm des Hungers, dem Frühstück, zu genügen. Ein sonderbares Schauspiel, so eine von der Kirche zurückkehrende Hochzeitsgesellschaft. Wie der deftige, würdige Putz der feierlichen Handlung schon halb und halb von ihr herunterfiel, wie ihre Schritte schon eine gewisse Eile annahmen! So regt dein Pferd behende die Beine, je näher es die Gegend erkennt, die um seine Krippe sich breitet. Je mehr ihnen die heute weithin sich bemerkbar machende Küche als verheißungsvolle Boten ihre Gerüche entgegenschickte, um so angeregter fühlten sie sich, um so mehr gingen auch sie aus sich heraus; sie wurden witzig, mitteilsam, wie sie das unter gewöhnlichen Umständen niemals imstande waren. So kamen sie in hellem Gespräche, in einer Konversation, wie pausenloser kein Salon es verlangen konnte, über die gastliche Schwelle gezogen. Rot wie der Widerschein des Herdfeuers erglühten ihre Gesichter. So setzten sie sich nieder und begannen den guten Dingen zuzusprechen, die nun aufgetragen wurden. Weinend aber kam aus der Küche die Mutter auf die Tochter zu. Auch die weinte am Halse der Mutter. Das waren nicht Tränen, nicht besonders tiefe Empfindung. Das waren die Tränen der Sitte. Sie hörten auch auf wie ein Gewitterregen, mit einem Male war es vorbei. Das geht nun mehrere Tage so. Einer stärkt sich am Beispiel des andern. Wo's das Animieren nicht tut, das während der Mahlzeit die Hauptobliegenheit der Wirtin ist, da tut es der Gedanke: du willst doch für deinem Taler was haben. Deinen Taler! Ist doch der Taler so recht eigentlich der Bauer im Münzwesen: so gewichtig, so protzenhaft – und so gediegen! Ist das Mahl zu Ende, dann kommen die Bierfässer, die bräunlichen Kruken mit Branntwein an die Reihe. Für die ganz Feinen gibt es im kleinen Extrastüblein einen gewöhnlich sehr grün aussehenden Wein oder einen Bordeaux, den man nur in kleinen Dosen einnehmen kann, wie Medizin. Ja, die Honoratioren sind schlimm daran bei solchen Gelegenheiten: auf die hat man es abgesehen. Der Pastor ist schlau genug, sich zu empfehlen. Was aber die Kinder angeht, die Schulkinder, so freuen sie sich jedesmal auf so eine Hochzeit: denn erstens halten sie am Ausgange der Kirche so lange eine Schnur vor, bis der Bräutigam einen Groschen als Liebeszoll zahlt und nun frei passieren darf. Zweitens holt sich der Lehrer bei der Hochzeitsfeier jedesmal eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit, die ihnen für kürzere oder längere Zeit frei gibt. Das geht nun mehrere Tage so: man trennt sich des Abends nach ländlichen Begriffen spät: schon zwischen neun und zehn Uhr – um sich am nächsten Morgen ausgeschlafen, mit ungeschwächten Kräften wieder zusammenzufinden zu weiteren Taten. So knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an. Das junge Volk tanzt, die Alten spielen Karten. Das sind die Gebe-Hochzeiten, die den Lebenskeim umwuchern mit aller strotzenden Daseinsfülle, deren nur das Bauerntum fähig ist. Daß sie ihn damit gedunsen machen, ihm allerlei Säfte zuführen, die er in sich verarbeiten muß und nachher nicht mehr ausscheiden kann, daß sie ihn dumpf und stumpf machen, wie die Leute waren, die ihn feierten, daran denken sie nicht. Wir wollten das anders haben. Eine Girlande an die Tür, ein Glas Wein zusammen, und da mochten die Herrschaften über ihre zwei Ehrenzimmer im Schlosse verfügen, solange es ihnen behagte, um dann erst überzusiedeln nach Pyrmont. Um einen Tag indes mußte die Hochzeit verschoben werden. Und das war weiter auch nicht schlimm, denn da war nichts angerichtet, da brauchte kein großer Apparat abbestellt zu werden: es ging nur mich, die beiden und die Mutter des Mädchens an, und diese konnte ruhig einen Tag länger bei mir verweilen. Das kam so: Trotzdem die Schwelle des März bereits überschritten war, lag der Schnee noch recht fest. Als ich den Wendelweg, der über den Stadtbach hin von der Rückseite her auf mein Schloß führt, hinanstieg, sah ich auf einmal etwas Schwarzes mitten im Weißen vor mir liegen. Es war ziemlich dunkel, so konnte ich die Züge des unvorsichtigen Menschenkindes, das hier erfrieren, zum mindesten sich eine gründliche Erkältung holen konnte, nicht recht erkennen. Ich beugte mich vor, studierte die Gesichtszüge und glaubte zu erkennen: »Sind Sie es, Herr Baron?« »Ja, es ist der Baron«, klang es schwer und belastet herauf. Belastet von der eigenen Verachtung. »Aber, Sie können doch hier nicht liegen bleiben! Sie holen sich ja den Tod! Wissen Sie, was morgen für ein Tag ist?« Müde und geisterhaft kam die Antwort: »Morgen ist mein Hochzeitstag.« Ich lachte los: »Aber Mann, da liegen Sie hier? Sie halten hier wohl Ritterwacht? Aber kommen Sie, ermannen Sie sich, ich gebe Ihnen den Arm.« Gehorsam und still suchte er sich aufzukrabbeln, fiel ein paar Mal wieder zurück, endlich stand und wankte er. Schon drehte er sich wieder um sich selbst, wie ein gefällter Baum, der sich den Platz sucht, wohin er fallen will, da griff ich ihn noch: »Nur vorwärts!« Zwar gingen die Wogen in ihm bisweilen noch hoch und schleuderten ihn und mich mit ihm eine Strecke fort, hin und wieder; endlich aber konnte ich ihn in den Hafen eines Zimmers landen. Das war der Polterabend des Barons. Am andern Morgen sah er sehr beschämt und in sich finster aus. Ich aber faßte ihn um die Schulter und lachte: »Das ist nicht so schlimm, mein Freund. Das ist nichts anderes als – wenn man will – die Furcht vor dem Glücke. Der Rausch des Abschieds vom Alten.«   Beichtvater Wie ein Wegweiser stand an dem Hohlwege, der nach Hagedorn führte, der Zigeuner. Er stand da wie erstarrt, wie eine Salzsäule, wie Lots Weib. »Pour avoir regardé Sodome«, sagt Victor Hugo. Schon von weitem sah man der Gestalt an, wie die Augensterne erstarrt sein mußten. Ausgebrannte Welten. Die sich schon verkehrt drehten: einmal so, dann wieder so. Und in der Tat, so stand er da, als ich näher kam, und er lüpfte seinen eingebeulten, gleichsam zitternden und verfallenden Filz. Wo war sie geblieben, diese gleichsam wie eine Rüstung der Welt gegenüber angelegte Respektabilität. In der Tat, es mußte weit mit ihm gekommen sein: dies war schon nicht mehr das Vorwerk, dies war das Bollwerk selbst, das er preisgab. Von allen Seiten drangen die Feinde ein bei ihm, wie Wasser über einen in sich zusammenfallenden, wie ein Blatt sich biegenden Damm. Ein langer gelblichgrauer Überrock schlotterte um die hagere Gestalt: eine Farbe wie trübe, dumpfe, dichte, in sich verwobene und verkrochene Höllenglut: ein Papinscher Topf kochender Seele: kein Ausweg, alles siedend in sich selbst. Sunt lacrimae rerum. Zitternd, tastend, in Absätzen zuckte er mir seine bis auf die Knochen eingefallene Hand entgegen: seine Totenhand. Eine Stimme, die nicht von ihm kam, die schon in sich eine graue, ungestalte, mißschaffene Gestalt war, stieg auf, ergoß sich: »O Sie! sagen Sie mir, finden Sie mich ... ich habe mich verloren. Wo bin ich? Wo soll ich hin? Ich kann nicht mehr heraus aus mir: ich zerreibe mich an mir, das sind alles Foltergeräte nach innen, und da muß ich hindurch. Und wieder hindurch. Und noch mal. Hei, wird's bald!« Der Schrei, der Ruf gegen sich selbst, war schmitzende Peitsche. »Sagen Sie den Leuten, die da sagen: es gibt keine Hölle, sagen Sie ihnen: es gibt doch eine. Eine? Ja, so eine Hölle, die an einem Ort wäre, die um einen herum ist, wo man hineingekommen ist, das ist keine Hölle: das ist Spielerei. Aber daß man selbst Hölle ist, daß alles in einem ist und bleibt und nicht herauskann – so, so ist es! So ist es um mich bestellt! Brechen Sie mich auf, brechen Sie mich auf, sag ich Ihnen – Sie können nicht? Sie wollen nicht!« Feige suchte ich ihn abzuschütteln: »Waren Sie schon bei einem Geistlichen? Der müßte das doch besser verstehen als ich: Der ist doch eigentlich dafür da –« Der andere lachte auf: die Fröhlichkeit der Verzweiflung. »Also auch Sie? Auch Sie wollen mir entwischen. Auch Sie wollen bequem tun wie die andern. Aber Sie entkommen mir nicht! Sie mit Ihrem Geistlichen! Da glauben Sie wohl selbst nicht daran, an Ihren Geistlichen! Der ist dazu da: so sagten Sie ja wohl? Der ist dazu da? Der ist dazu da? Dazu angestellt! Dafür bezahlt: Ja, das ist er! Aber dazu da: das sind Sie! Und von Ihnen will ich es wissen.« Es war mir etwas Erhabenes: diese Grenze der Bosheit, etwas Rührendes, wie sie über sich selbst ins Reine zu kommen suchte – all meine Menschlichkeit wallte auf, ihm entgegen. Wozu? Und ich begann: »Oh, Sie sind auf dem Wege. Doch nicht bei mir, bei sich müssen Sie suchen, da finden Sie!« Eine Lache, wie nach der Sprengung Blöcke herniederprasseln: »Finden? Was finden? Asche? Wenn nichts mehr da ist, da suchen Sie mal!« Vor seiner Heftigkeit war ich rahig geworden: »Gelassen, lieber Freund, gelassen! Da ist immer noch etwas. Eine Bosheit, die sich erkennt, hebt sich auf. Ein Fegefeuer sind Sie, keine Hölle!« Wie verhallend, wie ein Widerhall eines Rufes sagte seine Seele nach: »Wer bin ich, wohin mit mir? Zu was? Eine Bosheit des Geistes, die sich erkennt, hebt sich auf. Ja: Das ist was. Das trägt. Ja, das trägt.« Und die tollen schneidenden Raubtieraugen erloschen nach innen. Sein Gang, seine weitausholenden Schritte waren weicher geworden, wie seine Worte. Ein Hüstern ging neben mir, wie in Krankenstuben ist: »Nicht wahr, Sie gehen etwas mit mir? Sie tun mir ja so gut. Sie wissen das auch. So was weiß man immer. Sie müssen mich noch etwas vorbereiten. Denn es ist soweit: bald werde ich mich erkennen. Ganz bald! So was man Sterbesakramente nennt, das geben Sie mir heute. Der Geistliche kann das nicht. Der meint es ja ganz gut, er ist soweit ein ganz netter Herr, und ich habe ja auch gar nichts gegen die Religion. Aber sie hat nichts für mich – die sind zu allgemein! Zu allgemein! Und in mir ist so ein Abgrund! Ein ganz besonderer Abgrund! Der Abgrund bin ich. Nur ich! Und den können die mir nicht deuten, mir nicht sagen, wie ich herauskomme, herauskomme aus mir. Da heißt es klimmen! Und ich bin so schwach! Früher haben sie mich gefürchtet. Das braucht nun keiner mehr. Sie verlassen mich nicht? Sie haben ja andere nicht verlassen. Die vielleicht nicht mal so. – Ich tue kein Böses mehr. Ich kann nicht mehr. Gutes auch nicht mehr. Leider hat das die Bosheit mitgegessen.« Wir gingen weiter und weiter. Zitternde Stunden. Erntearbeiter grüßten – was sonst war, was für Gegenden wir durchstrichen, ob es auf der Erde war, oder dort, wo Geistergrappen Urgesetz weilen und wallen, träumen und rasen – ich weiß es nicht. War es ein Wahnsinniger, der neben mir ging? Das gerade Gegenteil eines solchen. Wahnsinn heißt: das Gerüst, das zu deinem Geiste führt, ist eingefallen. Hier war es der Geist selbst, der brannte und sehen mußte, wie von der ihn verzehrenden Glut das Geräst, das ihm Qualen zutrug, nicht angetastet werden wollte. Er mußte es brennen wissen, brennen fühlen in sich. Wie ein trübes Kräusel, das nicht erlöschen will. Und immer wiederholte er sein: »Sie verstehen mich; Sie müssen mir helfen!« Ja, das war so eine Geschichte: verstehen, verstehen ist nicht Helfenkönnen. Ich konnte ihm wohl sagen: »Sie sind ein Lebensschicksal. Ein lebender Stein, wie dieser hier: ein Stein, der weiß, daß er verletzt und doch danach tun muß: nach seiner Natur, nach seiner Anlage. Hier der Adel, das ist ein Stein, auf Stein, der nicht aus den Fugen gehen kann und so sich verfallen lassen muß. Das sind Sie gar nicht. Dem Adel, wohin Sie hineingeraten sind, ist Beweglichkeit vonnöten. Ein paar Jahrhunderte hindurch hat er seine Aufgaben erfüllt. Nun hat er sie verloren. Und er kann sich schlecht bücken, sie wieder aufzunehmen. Und hat der Wind die Anweisung seines Lebens auf einen Baum entführt, so wird es ihm sehr schwer, in seiner Rüstung auf den Baum zu klettern und sie sich aus den Zweigen zu lösen. Ein Hirtenjunge kann das besser. Die haben zuviel Halt. Sie zuwenig. Sie hätten fluten bleiben müssen. Der Fehler, der an Ihnen begangen wurde: man hielt Sie an. Was flutet, darf nicht starr werden. Ich will Ihnen sagen, wie Ihnen ist: Da ist so etwas, man weiß nicht, ob Fluß, ob Flamme, und dieser Flammenfluß führt so nebeneinander mit: etwas, das Rauch ist und Haar sein könnte, lauter grelle, schreiend leidende Gesichter. Und dieser Gesichterschrei ist immer nur ein Antlitz: ist Ludmilla. Ihr Blut ist Geisterblut: erst im Tode werden Sie zu dem, was Sie nun noch nicht sein sollten, erlöst werden: zu sich selbst. Nur in einem können Sie sich helfen: tun Sie Gutes. Das Gute löst Ihren wildstarren Geisterfluß, nimmt einige Tröpfchen davon und tanzt mit ihnen in Regenbogen.« Der Zigeuner streckte mir wortlos seine Hand hin. Lautlos fügte er hinzu: »Das ist mein Weg, ich weiß. Und ich werde ihn gehen.« Wir hatten uns ausgesprochen, nun wunderten sich unsere Blicke – oder waren's meine allein? – in der Landschaft umher: wo wir denn eigentlich waren. So weit ab? Das ganze Mittelalter: da zwischen schlichtem einfältigen Wald und Sassenköpfen der nächsten Wälder das graugeräumige Benediktiner-Kloster Marienmünster mit seinen tüchtig überschauenden Abbasaugen von Galerie zwischen den beiden sinnbewußten Türmen. Und über den etwas einfältigen grünen Gassenköpfen von Hügeln und Waldgebreiten das Zwing Uri: Oldenburg. Und am Tor uns entgegen der Pfarrer. Da gab's kein Entweichen. Der Spaziergang wurde nicht gemacht, wir mußten mit hinauf in seine Wohnung, diese geräumige geistliche Burg des Mittelalters. Zu bauen wußten die geistlichen Herren: ausgiebig und tüchtig. Der Gang so breit wie ein Saal und so lang, daß die blankgebohnerten Dielen nicht mehr wußten, wohin sie sich zu wenden hatten. Und mitten im Gang ein Erker mit Eichentisch und Holzbänken, ähnlich wie die Chorstühle unten in der Kirche. An den Wänden große Heiligen- und Äbtebilder. Hier konnten die geistlichen Herren sitzen, der Erholung pflegen, einen guten Trunk tun aus dem Rheingau und doch den Hof, das Ganze im Auge behalten. Recht benediktinermäßig! Recht benediktinermäßig auch die Gastfreundschaft, die der hochwürdige Herr im Sinne seiner Vorbesitzer übte. Ein goldener Wein ward gebracht, golden auch die gescheite, humoristisch dingwarme Unterhaltung, der stilfrohe Schönheitssinn dieses prächtigen Menschen im Priesterrock. Allerlei heitere Schlaglichter fielen: bald auf einen Amtsbruder, der über eine Filialgemeinde – mittelalterlich, höchst mittelalterlich! – das große Interdikt auszusprechen hatte. Und das, weil dieser Gemeinde einer kaum beendeten Mission wegen nahegelegt wurde, das Schützenfest dieses Jahr zu verschieben. Zu verschieben – nicht etwa ausfallen zu lassen! Der aber kennt die dicken Sachsenschädel schlecht, der da glaubt, an diesem altgeweihten Brauch mit ungefüger Hand rühren zu können! So hatten ihm denn die jungen Leute, in ihren heiligsten Empfindungen gekränkt, des Nachts vor einem großen Kirchenfeste die Laubgezelte, die für die große Prozession zusammengefügt waren, in der Nacht vorher zerstört. So ein Frevel mußte entsprechend geahndet werden. Da um den gastlichen Tisch alsbald auch noch die vierte Seite menschlich verbrämt wurde – diesmal war' s ein Amtsbruder und Studiengenosse –, neckte das gutmütig spöttische Gespräch einen Konfrater, einen Johannes, einen Professor der Theologie, der ergötzlich wirkte wegen seines hemdärmeligen Naturburschentums und seines ungenierten Verkehrs mit jungen Damen, deren zarte Ohren er durch derbe Bemerkungen nicht selten verletzte, sie dafür aber auch, wenn er guter Laune war, hitzig verfolgen und ins Heu werfen konnte, in aller Unschuld seines Herzens natürlich. Er wurde nur mit seinem Vornamen genannt: Johannes oder so. Auch die Schliche und Ränke, mit denen der Mann Gottes den Regierungsräten zu kommen hatte, um seinem Gotteshause, dessen Patronatsherr der Staat war, zu Recht zu verhelfen, wie er zum Beispiel unter des Himmels Beistand so einen Herrn gerade dann über den Gewölben der Kirche unter dem schadhaften Dach umherführen konnte, als gerade ein tüchtiger Platzregen gefallen war und alles da oben zu überschwemmen drohte: alles das gab der sinnig neckischen deutschen Rheinweinseele ein Ansehen, wie der Wein selbst, den sie genoß, von dem sie sich nährte. Aber was konnte das alles meinem guten Zigeuner helfen, den das Fieber seines Wesens alle Augenblicke aufriß aus seinem Schlummer; und sah er nach der Uhr: es war erst eine Stunde vorüber! Nein, mein Freund, und der so leidet, ist mein Freund, er hatte recht, in diesem Frieden konnte er keinen Trost finden. Kaum einen Waffenstillstand! Der pflichttüchtige Pfarrherr, mochte er auf gut altsächsische Weise mit Pferd und Wagen sich seine fünfzehn Gemeinden, zwei Häuser, manche und zehn Seelen, mochte er so sich seine Schafe zusammenholen: dieses eine verirrte Schaf, diesen Widder würde er schwerlich finden. Damals waren die Seelen eben einfacher, totschlaglustiger vielleicht, aber einfacher. Kaum hatte uns der Erbe St. Benedikts an der Treppe verabschiedet, kaum hatten wir den Hof betreten, als uns ein neuer Besuch begegnete. Ganz fuchsig rotes Haar hatte der, wie ein Judas. Ein Pächter war es, ein als sehr streitsüchtig bekannter. Voll Bewunderung, die mit einem Schuß Grauen belebt war, sah man zu ihm auf und flüsterte von dem Spottgedichte, das er auf seinen Pachtherrn, einen Grafen von der Hünenburg, nicht nur gemacht, sondern auch hatte drucken lassen. Besonders erhalten geblieben im Gedächtnis und Mund des Volkes waren die ebenso beißenden wie meisterhaften Verse: »Und mit seiner Scheinheiligkeit Betrügt er selbst die Geistlichkeit!« So'n Racker! Wir gingen weiter. Das der Tag. Grimmig trug die Abendröte auf, racheglühend geohrfeigt die Himmelswange. Der Wolken Flucht vor der jauchzenden Brandfackel. Nur die dunklen Stürme der Sorgen fühlen so dringend. Nun erst die Nacht. Das gute Herdfeuer geht schlafen. Aber diese Gluten?   Trauriger Weg Ich ließ mir Zeit, ehe ich mich aufmachte, die beiden in ihrem Glück zu besuchen. Erst mußten sie sich gefunden haben. Ich traf sie nicht zu Hause. So ging ich etwas in den Park: die Querallee hindurch zum Goldfischteich. Und da traf ich sie, wie sie auf dem bläulichen Kieswege standen und auf das goldrote Treiben der wimmelnden Goldfischscharen schauten, die in dem üppig grundbewachsenen Teiche umherstrichen und schwänzelten. Es war wie ein Spiegelbild des unerschöpflichen Lebens selbst, mehr Symbol als Wirklichkeit. Wie kleine Tannen, wie Tannen einer Liliputwelt ragten Wasserpflanzen aus dem seichten Grande. Und die Fische: da waren ganz kleine, schier durchsichtige, die wie Schatten der Unterwelt, wie Seelen, die keine Ruhe finden konnten, in kleinen Zügen umherstrichen. Auch recht ausgewachsene Kerle waren da, in feierlich sanftem Rot wie Kardinäle erscheinend. Einige hatten weiße, andere schwarze Flecken. Und was für dumm-stutzende Augen sie machten und dabei mit ihren Mäulern schnappten, als ob sie vor lauter Welträtseln ständen und was sie mit den Augen nicht zu erfassen imstande waren, mit dem Munde schlucken wollten. Ich schüttelte den beiden kräftig die Hände und guckte sie mir an: wahrhaftig, schon ganz die Pyrmonter Patina, eine glückliche Vereinigung von Welt und Kleinbürgerlichen! Sie waren sehr zufrieden mit dem Beginn der Saison, hatten aber glücklicherweise noch ein Zimmer frei für mich. – Längst war die Kurmusik verklungen, noch immer aber konnten wir uns nicht trennen von dem weichen, dunklen Abend: wie ein schwarzer Diamant in feierlicher Sehnsucht, alles Licht aus der Dunkelheit in einen Punkt gesammelt das Försterhaus mußte es sein – lag der Königsberg da. Der Königsberg, da Friedrich der Große mit seinem einsamen Königsgeiste mit Vorliebe geweilt und sein adlerscharfes Auge, sein herrscherernstes Höhenauge in den anmutigen Umrissen des schoßartigen Emmertales gelindert hatte. Am andern Morgen verabschiedete ich mich. Hier hatte ich nichts mehr zu tun. Sie waren glücklich, fertig, und wie das immer so ist, dann wird das alles so ein bißchen langweilig, ist nichts besonderes mehr zu erwarten. Die Besuche gähnten schon. Dafür tat sich ein anderes Feld der Tätigkeit auf. Wie früher der Baron, so schloß sich jetzt sein Exfeind an mich an. Und dem konnte ich mich nicht entziehen. Seine Blicke stöhnten. Seine Verzweiflung tastete nach mir. Wie ein Blinder war er; fehlte ihm meine Hand, so fiel er. Ich war sein Halt. Sein Leben: ein Todeskampf, der kein Ende finden konnte. Ein Sterben, das keinen Tod bekam. Wehen in der Seele, und keine Geburt. Wo man mit ihm ging: auch die Natur fand Töne des Grauens. War er an meiner Seite, so sah ich überall unter den kräftigen, gelbgrünen Büschen und Gesträuchen, die aussahen wie besprengte Ruinen, ein forschend drohendes, kränklich gelbliches Haupt, ungeheuer, die Büsche zurückbiegend, überzüngelt von blauschwarzen, von eigenem Gifte geschwollenen Nattern. Manche fielen herab und suchten unter der Wand des Halses auf minder abschüssigem Grunde nach dem Herzen und verbissen sich, weil sie keins vorfanden, in den blauschwarz anlaufenden Busen ihrer Trägerin. Flammenschatten aber standen empor in der verschleierten, wie veraschten Ferne. Hat irgendwo jemand einen schweren Todeskampf, dauert es länger als vierundzwanzig Stunden, ehe sich so eine Seele entschieden hat, ob sie bleiben will oder gehen, so tuschelt schon davon das Grauen aller Nachbarschaft. Dehnt sich dieser zerrende Zwischenzustand länger aus, dann ist es anzusehen wie eine geistige Vierteilung. Hier aber hielt ein Zustand, bei weitem noch schlimmer, weil er nicht natürlich war, weil er aus dem verletzten Geiste kam, seit mehreren Jahren an. Ein Ringen, dem man nicht beispringen kann! Und alles das unter einer Luft, die nährend und rein ist wie eine Frucht: die welksüße Teutoburger Luft der letzten Sonnentage! »Ein Ende, ein Ende!« ächzte er. Wimmernd konnte er sich im Walde auf den Boden werfen, sein wie von ätzenden Bächen durchfurchtes Gesicht auf die Arme stützen und vorwurfsvoll zwischen dem Spitzenwerk der Zweige empor zum fast unsichtbaren Himmel schauen. Puttenlage, aber wie anders der Ausdruck! Gequält und verschnürt und verwickelt! Nicht vertrauend nach oben gewölbt wie bei den beiden Putten der Dresdener Madonna. »Zerreißen, zerreißen, könnt ich mich zerreißen!« Ob das die Tollkirschen, die Einbeeren auch denken, die mit ihrem violetten Safte vor ihm blankem, die mit giftigem Sträußel überpuderten Scharlachkuchen des Fliegenpilzes, die aus bösem Boden kommen wie dicht dabei Maikräuter und Erdbeeren aus dem guten gesunden Boden, hervor zwischen den ruhig wurzelnden, sehnig glatten Buchen? Da droben das ewige Gesetz weiß, was einer leidet, der falsch zusammengesetzt, verkehrt gestählt. Entherzt. Und wenn so einer, von innen heraus so verstört, immer wieder selbst sich in Entsetzen stürzend, hingeht und leben bleibt: das ist stark und groß und mächtige Sühne. Und die Hölle brannte ruhig, sie warf auf andere keine Kohlen mehr hinüber. Nicht mehr wie früher, da er geklagt: »Ich bin eine Hölle, wissen Sie: wie soll ich es da verhindern, daß auf die andern ein Funken überfliegt?« Der Unstete kam nicht zu mir: er suchte nicht auf, er mußte aufgesucht werden. Kam ich aber nach Grävenburg, so war das eine Weihe für ihn, eine Freude. Minder gut, störend wirkte ich auf die Kinder ein. Hatten sie früher in bissigem Einvernehmen gelebt, in streitender Gemeinschaft; so trat nun eine Scheidung ein. Das Mädchen strich in der Art ihrer fahrigen, von den Puppen auf die sprühende Welt sich umschwenkenden Jahre in meiner Nähe umher, was der Junge knurrend und mit großem Grimm auf den Störenfried, auf mich also vermerkte. Der arme Kerl: sein Vater wollte ein neues Leben anfangen und konnte sich gar nicht entschließen, ihn als eine störende Erinnerung aus früherem Elend, aus vergangener Häßlichkeit mit hinüberzunehmen in reinlichere Tage, überhaupt über ihn zu befinden.   Unter den Farnkräutern Also der Sohn meines Freundes, mein Todfeind! Jahr um Jahr ging vorbei: gebückt, unter einem langen, nachschleppenden Sacke. In diesem Sacke führt es für die Jüngeren, Heranwachsenden jedes Mal ein köstlicheres Geschenk. Ist aber ein gewisser Lebenssatz erreicht, dann bringt es keine Geschenke mehr: dann nimmt es von denen, die seine Freigebigkeit einst herbeigeschafft, erst unbemerkt, dann derb zufassend, die besten wieder zurück. Die Zeit ist Kapitalist: sie nimmt Zinsen und zwar ganz gehörige. Am bänglichsten, am kummervollsten sah wohl Rotnacht auf die langsam den faltigen Hals eines Sackes losnestelnden Hände eines jeden Boten des flutenden Reiches der Jahre: ob sie nicht endlich für ihn herausholten die ersehnte Marke mit den gekreuzten Gebeinen und dem ewigen Puttenkopf darüber: dem Totenkopf. Noch immer nicht! Dem Mädchen nimmt es den Taumel des Siegens, das Wälzen im Heu, einen Abhang hinunter, im wildduftenden Grase und gibt ihm dafür den Taumel des Fliegens: das Tanzen; gießt Schüchternheit in die Gebärden, dafür aber Öl in die doppelt flackernde Flamme des Auges. Die ungeschlachte Hilflosigkeit des unbeschäftigten Jungen geht in die heimliche Pfeife über, in Lust an greller Stimme, an Scherzen der derben Faust – wo alles dies verhalten: in böse Verschlossenheit. So Wittekind von Hassenburg! Schnell wie die ersten Tage des Frühlings, die ersten wirklich von Sonne bestrahlten, sind die Mädchentage da. Bei dem Jungen aber ist das Zögernde, grollend am Fleck verharrende Verziehen der letzten Wintertage. So bei den beiden. Das Mädchen ging gern mit hinaus, auf mein Schloß unter meine Bücher und eigene Dichtungen: hinaus in die grüne schirmende Daseinsfreude des Waldes. Des großen Schwalenberger Waldes, der über mehrere Höhen seine grünen Flügel legt. Den Jungen aber sah man nicht: der mochte wohl in irgendeinem Winkel, hinter irgendeiner Ritze lauern und Gesichter schneiden und die Faust ballen. Guten Appetit! Die Farnkräuter, die rostroten Palmen, wie sie über uns zitterten: auch sie mußten ein eigenes heißgerinnendes Leben in sich haben. Gerade hier mußte es gewesen sein, wo mit einbrechender Nacht ein Sumpf gezittert hatte unter unkundigen Schritten, wie ein Land zittert vor drohendem Eroberer, da ich vor fünfzehn Jahren zum ersten Male diesen Wald durchschritten. Sie hatte mich immer gelockt, diese große grüne Schwellung; da nahm ich einmal einen stundenstarken, weitausgedehnten Tag, nahm mir meine Erfüllung, wie die Jugend sich ihre Erfüllung nimmt. Als Mann befriedige ich eine Kindersehnsucht. Und glücklich der, dem noch solche zu befriedigen bleibt. Und nun ein zitterndes Netz von Sonne über ihrem Antlitz, ihren schmelzenden Augen! Erna! Wie sie da hing an meinen Arm, wie eine Gerettete im Arme eines Fischers, wie mir anheimgegeben, wie von mir lebend. Und so gelöst aus sich: eine duftendlose Seelenblume! Das braune starke, üppig scheue Haar, nun flutete es wirklich wie ein sich dehnender Bach mit eigen-flüchtigem Leben. Ein Jahr lang war ich fort gewesen und hatte mein Schloß der Obhut eines weniger begünstigten Freundes überlassen, dem es sicherlich auch einmal gut bekam, Schloßherr zu spielen und nicht vom Ersten zum Ersten mit der Frage sich abzuquälen: wie bezahl ich meine Miete? Ich hatte Tirol durchschweift und die Schweiz, Italien und Spanien und war nun wieder der Fremde satt, wo ich mir vorkam wie eine abgeschnittene Pflanze, eine Blume im Herbarium. Auch der Mensch hat Wurzeln, die er allerdings bisweilen aus dem Boden ziehen darf, worin er wurzelt. Nicht zu lange aber, sonst verdorren sie und damit das Beste an ihm. Und ich war wieder hergekommen, weiter zu wurzeln. Da sah ich nicht weit von meiner Burg, die ich von Schieder her wieder aufsuchte, eine Gestalt: leidend Wilde, fast wildfromme, etwas ins Weite gerichtete Wangen und die Haare so lose angelegt wie diese. Und doch so fest gehalten durch ein Band, ein schwarzes Band. Durch ein inneres vielleicht noch mehr. Sie drehte mir den Rücken zu und sah nach Süden. Da forderte ich sie – nicht durch Worte – auf, mir ihr Gesicht zuzuwenden, und sie war so nett, das sofort zu tun. Da fand ich denn – und sie auch, daß es Erna gewesen. Aber wie verwandelt: seit einem Jahr. »Gestern ein Kind, Mit Schleife und Band, Heute Jungfrau, Im Festgewand« sagt ich ihr lächelnd ins Gesicht, als ich die mir dargereichte, dargebrachte Hand, vom fernsten Süden her, da wo ich selbst geweilt, aus derselben Richtung her dargebrachte Hand ergriff und merkte, wie schon ein feines Feuer darin war. Als ich aufblickte hier im Walde und meine Lippen abtat von der sanftmüden Frucht und die hingegebene Gestalt wieder auf ihre Füße stellen wollte, da lief schnell jemand heran. Es war mein Nebenbuhler. Aber ich dachte in diesem Augenblicke nicht daran, daß er es war. Dachte auch, daß er was zu melden habe: so eilig war er. Eher noch als ich bemerkte Erna, daß er ein Messer in der Hand habe, das ebenso böse blitzte wie sein Auge, der Weiher, worüber nun wieder Blitze trieben, sie stellte sich vor mich hin und suchte dem Burschen das Messer zu entwinden. Die Blitze waren erloschen, das Messer fiel zu Boden. »Du entwickelst dich ja recht nett, mein Junge!« konnte ich im scherzhaften Tone bemerken; denn die Sache war mir in ihrer Schnelligkeit mehr komisch als gefährlich erschienen. Desto mehr ereiferte sich Erna: »Der ist ja geradezu gemeingefährlich!« Und sie schlug nach ihm mit ihrem Sonnenschirm, daß er in Stücke brach. Doch seitdem zog sie sich zurück. Was uns hätte nähern sollen, entfernte uns. Der Eifersuchtsausbruch des Burschen mußte ihr wohl schätzbar sein als stärkerer Beweis der Liebe denn alle Zärtlichkeiten und sinnige Hingewöhnung. Gut: man wußte Bescheid. Mochten sie sich zusammenfinden und passen! Auch das war ein Ausweg fürs Leben, war Erfüllung und Schönheit. Ob bei mir, ob bei ihnen – das war gleich. Ich würde auch für sie sorgen, ich würde feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln; dies würden meine letzten Schützlinge sein. Die letzten: die letzten, wer weiß? Nun, vorläufig. Vergnügen machte es mir, wenn ohne Erklärung, als müßt' es so sein, im gegenseitigen Einverständnis, die von mir Gegangene, bereits mehr als halb Erwählte, Bücher bei mir holte für ihren Richtigen. Sie wollte ihn mit aller Gewalt bilden und veredeln! In schöner Harmlosigkeit – alles auf meine Kosten.   Erlöst Über einen Grabhügel gebeugt, diesen bedeckend mit einem Mantel, wie um ihn zu wärmen, wie der Schnee die Erde wärmt, ein Mensch. Der sah aus wie die Erde selbst, wie traurig bittere Wintererde, die keinen Schnee hat. Und über ihm der Mond hatte so etwas wie ein Gitter. Und es drang ihm immer kälter, immer seliger in sein Herz. Und ein Fallen bereitete sich vor, langsam, tastend bis zu ihr. Mit blinden Händen. Der Zigeuner hatte Frieden.   Schluß Erde und Mensch sind eins. Auch die Erde arbeitet mit der treuen und geduldigen Kraft der Tiere und Bauern. Auch zwischen den Ländern will nicht Frieden werden: sie lehnen sich gegeneinander auf und kämpfen. Vielleicht sind die Länder noch viel feindseliger als der Mensch selbst. Deshalb lassen sie keine Versöhnung zu. Wenn es nun die Länder sind und nicht deren Bewohner: wie soll dann Frieden kommen? Frieden, ohne daß die Erde gefragt wird, Frieden, den die Erde selbst nicht will? Wenn sie von Natur feindselig ist: wie können wir uns erkühnen, über ihr kampfstarrendes Haupt hin Frieden zu verkünden, mit dünnen, säuselnden Worten! Ein Friede, der wirklich ist, muß von unten auf durch alle Schichten und Lagen der Erde hindurchgewachsen sein. So ungefähr wie die Sonne noch mit allen Wintern fertig geworden ist. Wenn es eine Meisterschaft gibt, die die Erde erreicht hat: so ist dies der Haß: so ist dieses die Feindseligkeit. Der harte, starre, schwellende Samen der Feindschaft. Wie schön das Salve der Alten, der Gruß, der den Eintretenden als Gast einer Schwelle empfängt: noch schöner aber die Neuzeit, die es verstanden hat, diesen Gruß so sinnig in Blei zu gießen und mit diesem bleiernen Gruße den herannahenden Fremdling gebührend zu empfangen! Ach du mein liebes Mittelalter, was für ein Stümper bist du noch gewesen: zwar das Pulver hast du erfunden, mit der einen Hand dem Krieger die ferntötende Waffe zugereicht, mit der andern aber hast du in törichter Verkennung der treibenden Kräfte einem unnützen Menschenkinde das unnützgefährlichste Geschenk gemacht, hast das erste gedruckte Buch in seine Hände gelegt. Als ob es der Entstellung noch nicht genug gewesen, als ob wir uns auch nicht so schon weit von der Heerstraße der Natur entfernt gehabt hätten! Mächtig wie auch die Woge des Wissens und Wähnens, schwankender Sicherheit und törichter Vermutung, wie sie auch immer anschwellen mag: der Haß steigt mit, ohne daß er dazu besonderer Veranstaltungen bedarf, der Haß steigt mit und verfeinert sich ohne Unterricht und ohne Buch. Er ist der rechte, der rüstige Sohn der kriegerischen Erde. Haß ist das, was aus dem Menschen sich gibt, Haß ist es, den seine Erfahrungen in ihm wuchern lassen müssen, sofern er anders nur einsichtig und bei Sinnen ist. Sollt' es aber Liebe sein: so müßte diese Liebe schon sehr groß sein! So müßte sie wie eine starke wurzelnde Flamme aus dem Herzen der Dinge kommen! Müßte nicht mit schüchternem Lächeln versuchen wollen, das mächtige Antlitz der ringenden Wutkraft zu entarten, das nur ein Bildner von innen heraus so groß und mächtig goß: der Haß. Der Haß, der auf seinem mächtigen Haupte eine ungeheuere Krone trägt: eine Krone von ungeheuerm blauen Stein. Was will sich in den Weg stellen dem Zorn des Urgebirges, der wuchtige Felsen von grünschwarzem Basalt bereithält in knorriger Faust, bereit, jeden Nahenden zu erschlagen. Mein Schloß hier indes, das die Hassenburg heißt, sie soll eine Burg der Liebe sein, der großen Liebe: ohne Minnesang. Denn das Nebenher, was ich mir vorgenommen, das ist die große Hauptsache geworden. Die kleine Liebe: nur zu einem hinüber, die hab ich hingegeben, an Naturen, die keine Allnatur waren und das nötiger hatten als ich es habe. Die hätten sich ohne das nicht heben können, die wären gesunken, hätte sie nicht was geleitet, das eigentlich selbst geleitet sein sollte. Was kommt darauf an, ob ich dies oder das einen andern habe aufsuchen lassen: es blüht ja immer weiter. Es gibt ein ganzes Geschlecht, dessen Sinn blühen ist, bewundert zu werden und zu erfreuen. Und will ich, und ist es mir so bestimmt, nun, so halte ich es mit Goethe: »Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümchen steh'n Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön. Ich wollt' es brechen, Da sagt es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein? Ich grub's mit allen Den Würzlein aus, Zum Garten trug ich's Am hübschen Haus. Und pflanzt es wieder, Am stillen Ort, Nun zweigt es immer Und blüht so fort.« Mein Schloß, die Hassenburg, es ist gerade kein Liebesschloß im Mädchensinn; es wartet nicht und geht nicht auf die Freite. Ich will mein Herz noch ruhig was fasten lassen. Wie's da um die Linde weht, sind es Blätter, sind es große Vögel, die da kreisen? Ich bin mir selber Gesetz: Raum aber hat es nicht nur für die Welt, so weit sie ist - vielleicht dabei für ein Tautröpfchen, ein schelmisch Tautröpfchen. Noch einmal: so wie es geworden ist, so ist es naturgemäß. Für mich naturgemäß. Das Weite erst, die klare Geistesarbeit überall hin, alle Räume des Lebens klar: dann erst kommt der Mensch zu seinem Recht. Mann sein heißt Geist sein. Gefühlsworte sollte seine Seele nicht haben, nur tätige Liebesworte. Und stark muß er schon sein, alle Himmel müssen sich an ihm halten können. Und Wärme müssen sie haben, die Sonnensöhne, als Zeichen ihrer Herkunft; und alles, Leben und Tod, den Starken ist es Spiel. Welt ist Mut. Ich bin, also ist Schönheit.   Inhalt Es fängt an Willebasen Andere Leute Mein Schloß 33 Wieder in Willebasen 37 Die Grävenburg 42 So ein Tag 49 Der Weg von einander 53 Wandlungen 56 Wie's kam 59 Der Kurdirektor 61 Nun kann's losgehen 65 Alarm 69 Niedergang 74 Schöne Tage 79 Brautseele 82 Andere Schützlinge 87 Die Kinder 92 Glücksfall 99 Beichtvater 104 Trauriger Weg 111 Unter den Farnkräutern 115 Erlöst 119 Schluß 120