Ludwig Holberg Der politische Kannengießer. Komödie in fünf Akten. Aus dem Dänischen von Robert Prutz.     Leipzig und Wien Bibliographisches Institut [1872]   »Der politische Kanngießer« war das erste Stück, mit welchem Holberg seine Laufbahn als Lustspieldichter eröffnete (Herbst 1722); es ist auch sein Meisterwerk geblieben, das an Ruhm und Verbreitung von keinem zweiten erreicht, geschweige denn übertroffen ward. Das eigentliche Motiv zu demselben gab dem Dichter die Liebhaberei für politische Klatschereien und Luftschlösser, die eben damals bei seinen Landsleuten in Blüte stand. Als äußere Anknüpfung dienten ihm dabei die bürgerlichen Unruhen und Zwistigkeiten, deren Schauplatz Hamburg das ganze 17. Jahrhundert hindurch gewesen war und die namentlich in den ersten Jahren des 18. ihren Gipfel erreichten. In Folge derselben ward 1708 eine kaiserliche Commission nach Hamburg geschickt, durch deren Bemühungen der berühmte Hauptreceß von 1712 zu Stande kam, der bekanntlich bis auf die jüngsten Reformen die Grundlage der Hamburgischen Verfassung gebildet hat. In diese Zeit, und zwar, wie sich aus einzelnen Anspielungen ergiebt, zunächst nach dem Jahre 1712, hat der Dichter die Handlung seines Stücks verlegt, also unmittelbar nach Abschluß jenes berühmten Hauptrecesses, durch den die Ordnung zwar äußerlich wiederhergestellt war, der aber die aufgeregten Gemüther noch keineswegs zu beruhigen vermocht hatte. – In der Hauptsache gehört die Erfindung Holberg eigenthümlich, nur Einzelnes ist fremden Quellen, namentlich dem Théâtre Italien entlehnt. Das Stück war bei den Zeitgenossen außerordentlich beliebt und hat sich diese Beliebtheit bis auf die Gegenwart erhalten; noch von 1750 bis 1843, also in einer Zeit, wo der Reiz der Neuheit längst abgestreift war, ist es nicht weniger als 99mal über die Kopenhagener Bühne gegangen. Auch in Deutschland gehörte es lange Zeit zu den am häufigsten gegebenen Stücken, Hermann von Bremen und Heinrich waren Glanzrollen eines Eckhof, Borchers, Schröder, Unzelmann, noch zu Anfang des Jahrhunderts wurde es (in Treitschke'scher Verballhornung) in Berlin und Weimar gegeben, ja selbst in allerneuester Zeit sind noch vereinzelte Versuche damit angestellt worden. Personen:         Hermann von Bremen . Geske , seine Frau. Engelke , seine Tochter. Antonius , Stellmacher, ihr Liebhaber. Heinrich , Lehrbursche beim Kannengießer Annecke , Magd. Ein Mädchen . Mitglieder des Collegium politicum :     Geert , Kürschner,     Franz , Messerschmied,     Siebert , Thorschreiber,     Jens , Bierzapfer,     Richard , Bürstenbinder. Angebliche Rathsherren:     Sanderus ,     Abrahams . Ihre Diener:     Christoph ,     Johann . Verstellte Personen:     Zwei Lakaien .     Madame Abrahams ,     Madame Sanderus ,     Drei Rathsherrnfrauen. Arianke , Grobschmiedin. Verstellte Personen:     Zwei Advokaten ,     Ein Mann ,     Ein altes Weib . Peter , Kanngießerlehrling. Altmeister der Hutmacher. Des Altmeisters Gegner. Ein Lakai .     Erster Akt. Erste Scene. Antonius . Antonius . Da haben wir's, da sitzt mir das Herz schon wieder in den Hosen! Nämlich, ich will mit Meister Hermann sprechen und um seine Tochter anhalten, mit der ich schon lange verlobt bin, aber heimlich. Das ist nun das dritte Mal, daß ich auf dem Wege bin, aber jedesmal bin ich wieder umgekehrt. Schämt' ich mich nicht vor dem Spectakel, den meine Mutter mir macht, es ginge diesmal wieder so. Es ist ein Naturfehler, diese Blödigkeit, den ich nicht überwinden kann: jedesmal, daß ich an die Thür klopfen will, ist mir's, als hielte mir Einer die Hand zurück. Aber frisch gewagt, Antonius, ist halb gewonnen, da hilft nun nichts, du mußt daran. – Aber erst muß ich mich ein bischen niedlich machen; Meister Hermann ist, wie ich höre, seit einiger Zeit gar curiöslich geworden. (Er nimmt sein Halstuch ab und bindet es von Frischem um, zieht einen Kamm aus der Tasche und kämmt sich das Haar, bürstet sich die Schuhe.) Na nu, denk' ich ja, kann ich so weit passiren; nun muß ich anklopfen. Sieh, so wahr ich ehrlich bin, ist's nicht, als ob mir Einer die Hand hielte! Ei, Courage, Antonius! Du hast ja, weiß ich, nichts Böses gethan; das Schlimmste, was ich kriegen kann, ist ja doch nur ein Nein. (Klopft an.) 20 Zweite Scene. Heinrich . Antonius . Heinrich (ein Butterbrod essend) . Serviteur, Meister Antonius, wen wollt Ihr sprechen? Antonius . Ich möchte gern Meister Hermann sprechen, falls er allein ist. Heinrich . Ei ja, allein ist er wol, aber er sitzt und liest. Antonius . Da ist er gottesfürchtiger als ich. Heinrich . Käme einmal eine Verordnung heraus, daß Hercules eine Postille wäre Gemeint ist der berühmte Staatsroman von A. H. Buchholz, Professor in Rinteln, gestorben als Superintendent in Braunschweig 1671, der, zuerst 1659 zu Braunschweig unter dem Titel »Des christlichen deutschen Großfürsten Hercules und des böhmischen königlichen Fräulein Valiska Wundergeschichte \&c.« in einem dicken Quartanten erschienen, als ein Lieblingsbuch der Zeit, noch 1744 eine neue Auflage, die siebente oder achte, erlebte. A.d.Ü. , er könnte, glaub' ich, predigen, wenn es sein müßte. Antonius . Aber läßt seine Arbeit ihm denn so viel Zeit, solche Bücher zu lesen? Heinrich . Der Meister, müßt Ihr bedenken, hat zwei Verrichtungen, er ist erstlich Kanngießer und zweitens ist er Politikus. Antonius . Das reimt sich nur schlecht zusammen. Heinrich . Die Bemerkung haben wir auch gemacht; denn wenn er mal was arbeitet, was selten genug geschieht, so sieht das so politisch aus, daß wir es wieder umgießen müssen. Uebrigens, wenn Ihr was mit ihm zu sprechen habt, könnt Ihr nur gleich in die Wohnstube gehen. Antonius . Ich habe ein wichtiges Anliegen, Heinrich. Unter uns gesagt: ich will um seine Tochter anhalten, mit der ich seit Langem heimlich versprochen bin. Heinrich . Allerdings, das ist ein wichtiges Anliegen, meiner Treu. Aber hört, Meister Antonius, wenn Ihr es nicht übelnehmt, so möchte ich Euch in einem Punkt einen Rath ertheilen: wenn es Euer Wunsch ist, daß Euer Anliegen glücken soll, so müßt Ihr Eure Worte auf Schrauben setzen und recht zierlich sprechen. Denn er ist verflucht curiöslich geworden seit einiger Zeit. Antonius . Nein wahrhaftig, das thue ich nicht, Heinrich. Ich bin ein guter ehrlicher Handwerksmann, der keine Complimente gelernt hat; ich sage ihm blos schlecht und recht, daß ich seine Tochter liebe, und sie zur Frau haben will. Heinrich . Nichts weiter? Na da will ich mir den Hals 21 abschneiden lassen, wenn Ihr sie kriegt. Das Mindeste, wie Ihr Eure Rede beginnen müßt, ist mit Sintemalen und Alldieweilen. Ihr müßt bedenken, Meister Antonius, daß Ihr mit einem studirten Manne zu thun habt, der Tag und Nacht politische Bücher liest zum Verrücktwerden. Was er seit einiger Zeit an den Leuten im Hause am meisten zu tadeln hat, das ist, daß wir alle solch gemeines Wesen an uns haben, besonders ich, den er deshalb auch nie anders ruft als: du liederlicher gemeiner Schlingel! Vorige Woche verlangte er auf einmal mit Teufelsgewalt, die Frau Meisterin sollte eine Adrienne Ein damals sehr beliebtes Stück der Damengarderobe; aus Frankreich, der Heimat der Moden, stammend, führte es seinen Namen nach den Einen von der berühmten Adrienne Lecourreur, nach Andern von einem Kleidungsstück, das die nicht minder berühmte Dancourt im Jahre 1703 bei Aufführung von Barons L'Adrienne, einer Nachahmung der Andria des Terenz, zum ersten Mal getragen haben soll. Die gleich darauf vorkommende Schoßjacke (dänisch »Flasketröe«), eine Jacke mit langen ansgezackten, herniederhängenden Flügeln oder Schößen, galt, wie auch der Zusammenhang lehrt, schon zu Holbergs Zeiten als eine veraltete Tracht. A.d.Ü. tragen. Damit aber kam er nicht weit; die Frau Meisterin ist eine gute altfränkische Frau, die lieber ihr Leben ließe, ehe sie ihre Schoßjacke ablegte. Er geht mit etwas schwanger, was zum Henker es auch sei; darum wenn Eure Bewerbung glücken soll, müßt Ihr meinem Rathe folgen. Antonius . Ich gebe nichts auf solch Laviren, meiner Treu, sondern ich gehe geradezu. (Ab.) Dritte Scene. Heinrich allein. Heinrich . Die größte Schwierigkeit beim Heirathen ist, wie man seinen Antrag anfangen soll; ich bin selbst einmal auf die Freite gegangen, konnte aber in vierzehn Tagen nicht 'rauskriegen, was ich sagen sollte. Das wußte ich allerdings, daß man seinen Antrag anfangen muß mit den Worten Sintemalen oder Alldieweilen, das Unglück war nur, daß mir nichts einfiel, was diesem Sintemal nachfolgen sollte. Ich beschloß daher, mich nicht länger damit zu plagen, sondern ging hin und kaufte mir ein Formular bei Jacob Schulmeister für acht Schillinge; denn so verkauft er sie, Stück für Stück. Allein das lief für mich verteufelt schlecht ab: denn wie ich mitten in meiner Rede war, hatte ich den Rest vergessen, und das Papier aus der Tasche zu langen, schämte ich mich. Ich habe die Rede ganz perfect gekonnt, vorher und nachher, wie mein Vaterunser: aber wie es Ernst war, und ich wollte sie brauchen, da kam ich ganz ins 22 Hintertreffen damit. Sie lautete folgendermaßen: Mit dienstergebenstem Salutems-Gruß zuvor, bin ich Heinrich Andersen aus wohlüberlegtem Willen, Trieb und Neigung hiehergekommen, um Euch wissen zu lassen, daß ich aus Fleisch und Bein bin so gut wie Andere, und sintemal nun Alles in der Welt Liebe empfindet, sogar auch die unvernünftigen Bestien, also bin auch ich mit Gott und Ehren hiehergekommen, Euch zu meiner Herzallerliebsten, wiewol unwürdig, zu begehren. – Will mir Einer acht Schillinge dafür wiedergeben, so kann er die Rede kriegen, sie ist das Geld ehrlich werth. Denn das seh' ich ein: wer solche Rede hält, der kann jedes ehrlichen Mannes Tochter kriegen, welche er will. Aber da kommt der Meister, ich muß laufen. (Ab.) Vierte Scene. Hermann von Bremen . Antonius . Hermann . Er soll Dank haben, Monsieur Antonius, für Seinen guten Willen. Er ist ein hübscher anständiger Kerl, ich glaube Ihm schon, daß meine Tochter sich bei Ihm ganz gut befinden würde. Aber ich wollte gern einen Schwiegersohn haben, der seine Politika studirt hätte. Antonius . Aber, mein theurer Monsieur Hermann von Bremen, damit kann man doch nicht Frau und Kinder ernähren? Hermann . Warum nicht? Meint Ihr, ich denke als Kanngießer zu sterben? Gebt Acht, das dauert kein halbes Jahr mehr. Ich hoffe, wenn ich den Europäischen Herold War der Titel eines berühmten Werkes, das Friedrich Leuthoff von Frankenberg (oder, wie er eigentlich hieß, Bernhard von Zach, geboren 1649 zu Weimar, gestorben zu Dresden 1720) im Jahre 1688 herausgab. Der gleich darauf erwähnte » Politische Nachtisch « erschien 1695 in zweiter Auflage unter dem Titel »Neuvermehrter politischer Nachtisch, zugleich vorstellend alle florirende Reiche und Republiken dieser Zeit \&c.« » Herculiscus « ist ebenfalls ein politischer Roman, und zwar von demselben Buchholz, der den »Hercules« verfaßte; er erschien zuerst 1659. A.d.Ü. noch einmal durchgelesen habe, so soll man mich einladen, einen Platz im Rathe anzunehmen. Den Politischen Nachtisch kann ich schon an den Fingern, aber der ist nicht so gut. Es ist eine wahre Schande, daß der Verfasser ihn nicht etwas weitläufiger gemacht hat; Ihr kennt doch das Buch? Antonius . Nein, ich nicht. Hermann . Da will ich es Euch leihen: denn dafür, daß es 23 so klein ist, ist es gut genug. Meine ganze Politika habe ich aus dem Buche und dem Hercules und Herculiscus. Antonius . Aber letzteres ist ja nur ein Roman? Hermann . Freilich wol, aber wenn die Welt nur voll wäre von solchen Romanen! Ich war gestern an einem gewissen Orte, wo ein vornehmer Mann mir ins Ohr flüsterte: Wer das Buch mit Verstand gelesen hat, der kann der größten Bedienung vorstehen, ja ein ganzes Land regieren. Antonius . Ja, Meister, wenn ich mich aufs Lesen lege, so versäume ich ja aber mein Handwerk. Hermann . Ich sage Euch, Monsieur, ich denke auch nicht bei der Kanngießerei zu bleiben, ja ich hätte sie schon längst aufgeben sollen. Schon hundert brave Männer in der Stadt haben mir gesagt: Hermann von Bremen, Ihr solltet auch etwas Anderes sein. Ja, das ist erst gestern gewesen, daß ein Bürgermeister vor versammeltem Rath hat diese Worte fallen lassen: Hermann von Bremen könnte auch noch zu andern Dingen taugen als zum Kanngießer; das ist ein Mann, der geht sogar manchem von uns Rathsherren vor. Daraus könnt Ihr nun schließen, daß ich nicht als Kanngießer sterben werde. Möchte darum gern Einen zum Schwiegersohn haben, der sich auf Staatssachen legt, sintemal ich hoffe, daß wir mit der Zeit alle Beide in den Rath kommen, er sowol wie ich. Wollt Ihr nun mit dem Politischen Nachtisch anfangen, so will ich Euch jeden Samstag Abend examiniren, wie weit Ihr avancirt seid. Antonius . Nein wahrhaftig, das thue ich nicht; ich bin zu alt, um noch einmal in die Schule zu gehen. Hermann . Ja so seid Ihr auch nicht geschaffen, mein Schwiegersohn zu sein. Adieu. (Ab.) Fünfte Scene. Geske . Antonius . Nachher zwei Knaben . Geske . Das ist was Schreckliches mit meinem Manne, daß er nie mehr in der Werkstatt ist und sich um seine Arbeit 24 bekümmert; ich wollte noch etwas zugeben, wenn ich nur wüßte, was er eigentlich treibt. Aber sieh da, Monsieur Antonius, geht Er hier allein? Will Er nicht hereinkommen? Antonius . Nein, ich danke, Frau Meisterin, dazu bin ich zu gering. Geske . Ei, was sind denn das für Redensarten? Antonius . Euer Mann hat politische Einfälle gekriegt und wird nächstens mit einem Burgemeister niederkommen. Handwerksleute, wie ich und meinesgleichen, verachtet er, er dünkt sich klüger als ein Notarius Politikus. Geske . Der Narr, der Thor! Wollt Ihr Euch an den kehren? Ich glaube eher, er wird noch einmal ein Lump und muß sich sein Brod noch zusammen betteln, als daß er Burgemeister wird. Werthester Antonius, Ihr müßt Euch nicht um ihn kümmern und müßt die Liebe nicht aufgeben, die Ihr für meine Tochter hegt. Antonius . Von Bremen schwört darauf, daß Niemand sie haben soll, der nicht ein Politikus ist. Geske . Und ich drehe ihr lieber den Hals um, als daß sie einen Politikus kriegt. In alten guten Zeiten war das ja ein Spitzbube, ein Politikus. Antonius . Ich für meinen Theil werde auf keinen Fall einer, ich werde mich redlich nähren von meiner Stellmacherei. Bei der hat mein seliger Vater sein Brod gehabt, und mich soll sie, hoffe ich, ebenfalls ernähren. Da kommt ein Junge, der will gewiß mit Euch sprechen. (Ein Knabe kommt.) Geske . Was wollt Ihr, mein Kind? Der Knabe . Ich wollte gern mit Meister Hermann sprechen. Geske . Er ist nicht zu Hause; könnt Ihr's nicht mir sagen? Der Knabe . Meine Madame läßt fragen, ob die Schüssel noch nicht fertig wäre, die sie vor drei Wochen bestellt hat; wir haben schon zwanzigmal darum geschickt, werden aber immer mit leeren Redensarten hingehalten. Geske . Bittet Eure Madame, mein Sohn, sie soll nicht böse sein, die Schüssel wird gewiß morgen fertig. (Der Knabe geht.) 25 Ein zweiter Knabe . Ich soll ein für allemal fragen, ob die Teller noch nicht fertig sind; die könnten gemacht und wieder verbraucht sein, so lange sind sie bestellt. Meine Madame schwört darauf, daß Ihr sobald keine Arbeit wieder von uns kriegen sollt. Geske . Hör', mein Herzenskind, wenn Ihr mal wieder was bestellt, so bestellt es bei mir; mein Mann hat seit einiger Zeit Raupen im Kopf, es hilft nichts, wenn man dem auch von Geschäften spricht. Glaubt meinem Wort, die Teller sollen zum Sonnabend fertig sein; adieu. (Der Knabe geht.) Da seht Ihr nun, mein guter Antonius, wie das bei uns zugeht; wir verlieren durch meines Mannes Versäumniß eine Arbeit nach der andern. Antonius . Ist er denn gar nicht mehr zu Hause? Geske . Selten, und wenn er zu Hause ist, baut er Schlösser in die Luft und hat keine Gedanken zur Arbeit. Ich verlange ja nichts weiter von ihm, als daß er ein bischen Acht auf die Leute gibt; denn was er selber macht, das müssen die Gesellen doch wieder umarbeiten. Sieh, da ist Heinrich, der kann bezeugen, was ich sage. Sechste Scene. Heinrich . Geske . Antonius . Heinrich . Draußen ist ein Mann, Frau Meisterin, der will Geld haben für acht Tonnen Kohlen, die wir gestern gekriegt haben. Geske . Ja, wo soll ich Geld herkriegen? Er muß warten, bis mein Mann nach Hause kommt. Kannst Du mir nicht sagen, was mein Mann nur so Tag für Tag vorhat? Heinrich . Wenn die Frau Meisterin reinen Mund halten will, kann ich ihr das schon sagen. Geske . Auf mein Wort, Heinrich, ich verrathe Dich nicht. Heinrich . Da wird alle Tage ein Collegium gehalten, das nennen sie Collegium politicum ; da kommen sie über zwölf Mann hoch zusammen und schwatzen von Staatssachen. 26 Geske . Wo wird die Versammlung gehalten? Heinrich . Die Frau Meisterin muß nicht sagen die Versammlung, es heißt Collegium. Geske . Wo wird also das Collegium gehalten? Heinrich . Das wird abwechselnd gehalten, bald beim Einen, bald beim Andern, und heut (aber kein Wort nachsagen!) soll es hier bei uns gehalten werden. Geske . Haha, nun begreife ich, warum er mir heut so sehr zuredete, ich möchte doch Schmidts Annecke besuchen. Heinrich . Die Frau Meisterin kann ja immer gehen, aber rasch wiederkommen und sie überrumpeln. Gestern wurde selbiges Collegium bei Jens Bierzapfer gehalten, da sah ich sie alle um einen Tisch sitzen und unser Meister saß obenan. Geske . Kanntest Du einige von ihnen? Heinrich . Ja, freilich, ich kenne sie allzusammen, laß mal sehen: unser Meister und der Wirth vom Hause waren zwei, Franz Perrückenmacher drei, Christopher Maler vier, Gilbert Tapetenwirker fünf, Christian Färber sechs, Geert Kürschner sieben, Henning Brauer acht, Siebert Thorschreiber neun, Niels Schreibemeister zehn, David Schulmeister eilf und Richard Bürstenbinder zwölf. Antonius . Das sind mir alle just die richtigen Kerle, um von Staatssachen zu sprechen. Hörtet Ihr nicht, was sie sprachen? Heinrich . Hören that ich es schon, aber ich verstand nur nicht viel davon. Da hörte ich, daß sie Kaiser, Könige und Kurfürsten ab- und Andere an ihre Stelle setzten. Nun sprachen sie von Zoll, nun von Accise und Consumtion, jetzt von untauglichen Leuten, die im Rathe wären, jetzt von Hamburgs Aufnahme und Verbesserung des Handels; nun schlugen sie Bücher nach, nun guckten sie in die Landkarte. Richard Bürstenbinder saß mit einem Zahnstocher in der Hand, ich denke mir, er wird wol Sekretär in diesem Rath gewesen sein. Antonius . Ha, ha, ha, das erste Mal, das ich ihm begegne, grüß' ich ihn meiner Treu: guten Tag, Herr Sekretär. Heinrich . Ja, aber nur nichts nachsagen! Der Henker lasse 27 sich mit solchem Volk ein, das Könige und Fürsten absetzen kann, ja selbst Bürgermeister und Rath. Geske . Sprach mein Mann auch mit? Heinrich . Nicht viel, er sitzt blos und grübelt nach und schnupft Tabak, während die Andern sprechen, und wenn sie ausgesprochen haben, gibt er die Entscheidung. Geske . Kannte er Dich denn nicht? Heinrich . Er sah mich nicht, ich war in einer andern Stube. Aber wenn er mich auch gesehen hätte, so hätte ihm seine Erhabenheit nicht erlaubt, mich zu kennen; er machte ein Gesicht wie ein Kreisoberst, wie der oberste Bürgermeister, wenn er einem Minister Audienz gibt. Sowie das Volk ins Collegium kommt, so kriegt das wie einen Nebel vor die Augen, so daß sie nichts mehr sehen, selbst nicht ihre besten Freunde. Geske . Ach ich armes Weib! Der Mann stürzt uns noch gewiß ins Unglück, wenn Bürgermeister und Rath das erfahren, daß der sitzt und die Stadt reformirt; die guten Leute hier in Hamburg wollen keine Reformen haben. Gib nur Acht, ob wir nicht Wache vor's Haus kriegen, eh' wir noch ein Wort davon wissen, und mein guter Hermann von Bremen wird abgeschleppt ins Gefängniß. Heinrich . Das kann leicht geschehen, der Rath war nie so mächtig als jetzt, seit die Kreistruppen aus Hamburg verlegt sind; die ganze Bürgerschaft würde nicht im Stande sein, ihn zu schützen. Antonius . Dummes Zeug, solche Kerle sind ja nur zum Lachen; was weiß ein Kanngießer, ein Maler oder Bürstenbinder von Staatssachen? Statt sich davor zu ängstigen, wird der Rath sich blos darüber amüsiren. Geske . Ich will doch sehen, ob ich ihn nicht überrumpeln kann. Laßt uns so lange hineingehen. 28 Zweiter Act. Erste Scene. Hermann . Heinrich . Später das Collegium politicum . Hermann . Nu mach' alles fertig, Heinrich! Kannen und Pfeifen auf den Tisch! Gleich werden sie da sein! (Heinrich macht alles fertig. Einer kommt nach dem Andern; sie setzen sich um den Tisch und Hermann von Bremen setzt sich obenan.) Hermann . Guten Tag allerseits, Ihr wackern Männer! Wo blieben wir das letzte Mal stehen? Richard der Bürstenbinder . Bei der deutschen Frage. Geert der Kürschner . Richtig, jetzt erinnere ich mich. Auf dem nächsten Reichstag wird sich das schon alles geben. Wenn es nur erst so weit wäre! Dem Kurfürsten von Mainz wollte ich schon was ins Ohr sagen, wofür er mir Dank wissen sollte. Die guten Leute wissen nur nicht, worin Deutschlands wahres Interesse besteht. Wo hat man je von einer kaiserlichen Residenzstadt gehört, wie Wien, ohne Flotte oder doch wenigstens ohne Galeeren? Eine Kriegsflotte zur Vertheidigung des Reichs könnten sie ja wol halten, es gibt ja doch Kriegssteuern genug und Römermonate dazu. Da seh' mal einer den Türken an, ob der nicht klüger ist! Wir können nie besser Krieg führen lernen als von ihm. Da sind ja Wälder die Menge in Oestreich und Prag, wenn man sie nur benutzen wollte, zu Schiffen und Masten. Hätten wir eine Flotte in Oestreich oder Prag, da würde wol weder Türke noch Franzmann mehr dran denken, Wien zu belagern, und wir könnten direkt auf Konstantinopel gehen. Aber an so was denkt Keiner. 29 Siebert der Thorschreiber . Nein, keine Menschenseele weit und breit. Unsere Vorfahren verstanden die Sache besser. Es kommt alles auf die Einrichtung an. Deutschland ist jetzt nicht größer, als es vor diesem war, da wir uns nicht allein rühmlich gegen alle unsere Nachbarn vertheidigten, sondern auch ganze Stücke von Frankreich abrissen und Paris belagerten, sowohl zu Lande als zu Wasser. Franz der Messerschmied . Aber Paris ist ja keine Seestadt. Siebert . Dann muß ich meine Landkarte schlecht verstehen. Ich weiß ganz wohl, wo Paris liegt; hier liegt ja England, genau hier, wo ich meinen Finger halte. Hier läuft die Canalie, hier liegt Bordeus und hier Paris. Franz . Nein Bruder, hier liegt ja Deutschland, und hier gleich daneben ist Frankreich, das mit Deutschland zusammenhängt, ergo kann ja Paris keine Seestadt sein. Siebert . Ist denn da kein Meer bei Frankreich? Franz . Keine Spur; ein Franzose, der nicht außer Landes gereist ist, weiß nicht, weder was ein Schiff, noch was ein Boot ist. Fragt nur Meister Hermann; ist das nicht, wie ich sage, Meister Hermann? Hermann . Ich werde den Streit gleich entscheiden. Heinrich, reich' mal die Landkarte von Europa her! Dankwarths Landkarte Eine Landkarte dieses Namens hat es nie gegeben, wol aber ein sehr bekanntes und verbreitetes geographisches Buch von Caspar Dankwerth (nicht Dankwarth), eine »Landesbeschreibung der Herzogthümer Schleswig und Holstein«, mit einer für ihre Zeit vortrefflichen Karte von Joh. Mayer, zuerst erschienen 1652. A.d.Ü. . Der Wirth . Hier ist eine, aber sie ist etwas zerrissen. Hermann . Das hat nichts zu sagen, ich weiß recht gut, wo Paris liegt, ich will die Landkarte blos haben, um die Andern zu überführen. Seht Ihr nun, Siebert, hier liegt Deutschland – Siebert . Das ist schon recht, ich sehe es am Donaustrom, der hier fließt. (Indem er auf die Donau weist, stößt er mit dem Ellbogen den Krug um, so daß das Bier über die Karte fließt.) Der Wirth . Der Donaustrom fließt etwas zu stark! (Alle lachen: Ha, ha, ha.) Hermann . Hört, liebe Männer, wir sprechen so viel von fremden Angelegenheiten, laßt uns auch etwas von Hamburg 30 reden. Das ist eine Materie, die kann uns noch genug zu schaffen machen. Ich habe darüber nachgedacht, woher das wol kommt, daß wir keine Niederlassungen in Indien besitzen, sondern die Waare aus zweiter Hand kaufen. Das ist eine Sache, die Bürgermeister und Rath wohl erwägen sollten. Richard . Sprich nicht von Bürgermeister und Rath; wenn wir warten wollen, bis die das erwägen, können wir lange warten. Hier in Hamburg macht sich ein Bürgermeister allein damit berühmt, daß er eine löbliche Bürgerschaft tyrannisirt. Hermann . Ich meine, Ihr guten Männer, es wäre noch nicht zu spät. Denn warum sollte der König von Indien nicht uns so gut den Handel gönnen wie den Holländern, die doch nichts weiter auszuführen haben, als Käse und Butter, was noch dazu gewöhnlich unterwegs verdirbt? Wir thäten, mein' ich, wohl, wenn wir dem Rath eine Vorstellung darüber eingäben; wie viel sind wir hier bei einander? Der Wirth . Wir sind nur sechs, die andern Sechs, glaub' ich, kommen nicht mehr. Hermann . Das ist auch genug; was ist Eure Meinung, Herr Wirth? Laßt uns zur Abstimmung schreiten. Der Wirth . Ich bin nicht ganz für den Vorschlag; solche Reisen entfernen viel brave Leute aus der Stadt, an denen ich täglich meinen Schilling verdiene. Siebert . Ich halte dafür, man muß mehr auf das allgemeine Beste sehen, als auf sein eigenes Interesse, und darum scheint mir Meister Hermanns Vorschlag der vorzüglichste, der seit Langem gemacht ist. Je mehr Handel wir treiben, je mehr florirt ja die Stadt; je mehr Schiffe ankommen, je besser ist es ja für uns kleine Beamte. Doch das Letztere ist nicht der eigentliche Grund, weshalb ich dem Vorschlage beistimme, sondern allein der Nutzen und die Wohlfahrt der Stadt treibt mich dazu, ihn zu recommandiren. Geert . Ich kann diesem Vorschlage durchaus nicht zustimmen, vielmehr rathe ich zur Errichtung einer Compagnie in Grönland und der Davidsstraße, das ist ein Handel, der der Stadt viel nützlicher und besser ist. 31 Franz . Geert scheint mir mit seinem Votum mehr auf seinen eigenen Nutzen zu sehen als aufs Beste der Republik. Denn wer nach Indien reisen will, braucht den Kürschner freilich nicht so nöthig, als zu einer Reise nach dem Norden. Ich für meine Person halte dafür, daß der Handel mit Indien allen andern an Wichtigkeit vorgeht. Denn in Indien kann man nicht selten für ein Messer, eine Gabel oder Scheere von den Wilden einen Klumpen Gold kriegen von demselben Gewicht. Wir müssen es nur so einrichten, daß die Vorstellung, die wir beim Rath einreichen, nicht nach Eigennutz riecht; denn sonst kommen wir damit nicht durch. Richard . Ich bin derselben Meinung wie Niels der Schreiber. Hermann . Du votirst wie ein Bürstenbinder: Niels der Schreiber ist ja gar nicht hier. Aber was will das Weibsstück hier? Das ist wahrhaftig meine Frau! Zweite Scene. Geske . Das Collegium politicum . Geske . Seid Ihr hier, Ihr Herumtreiber? Es wäre wahrhaftig besser, Ihr arbeitetet oder zum wenigsten Ihr gäbt Acht auf die Leute; durch Eure Versäumniß verlieren wir eine Arbeit nach der andern. Hermann . Nur stille, Frau, Du wirst Burgemeisterin, eh' Du ein Wort davon weißt. Denkst Du, ich gehe blos zum Zeitvertreib aus? Ja richtig, ich habe zehnmal mehr Arbeit als alle Uebrigen im Hause: Ihr Andern arbeitet blos mit den Händen, aber ich mit dem Kopfe. Geske . Das thun die Verrückten alle, die bauen wie Ihr Schlösser in die Luft und füllen sich den Kopf an mit Thorheiten und Narrenspossen und denken Wunder, was sie thun, während es doch in Wahrheit nichts ist. Geert der Kürschner . Wär' das meine Frau, die sollte das nicht zum zweiten Mal sagen. 32 Hermann . Ei Geert, auf so was muß ein Politikus nicht achten. Ein oder zwei Jahre früher hätte ich meiner Frau für solche Redensarten den Buckel durchgeschmiert; seit ich aber angefangen habe, mich in politischen Büchern umzuthun, habe ich gelernt, so was zu verachten. Qui nescit simulare, nescit regnare Wahlspruch König Jacobs I. von England; auch Ludwig XI. von Frankreich und Friedrich II. von Dänemark (1559–1588) sollen ihn häufig im Munde geführt haben. – Der gleich darauf erwähnte Agrippa ist natürlich kein anderer als Cornelius Heinrich Agrippa von Nettesheim, der berühmte Polyhistor, Arzt und Schwarzkünstler, geboren 1486 zu Köln, gestorben zu Grenoble 1535. Albertus Magnus ist der berühmte Philosoph und Naturforscher, der Vater der mittelalterlichen Botanik, auch als Schwarzkünstler der Held zahlreicher Sagen und Wundergeschichten, geboren 1205 (oder 1193?), gestorben 1280. A.d.Ü. , sagt ein alter Politikus, und der war nicht auf den Kopf gefallen, ich glaube, er hieß Agrippa oder Albertus Magnus. Denn das ist die Grundlage aller Politik in der Welt; wer nicht im Stande ist, ein böses Wort von einem hitzigen und thörichten Weibe zu hören, der taugt zu keiner höheren Verrichtung. Kaltblütigkeit ist die allergrößte Tugend, der Edelstein, der Regenten und Obrigkeiten am meisten schmückt. Darum halte ich dafür, daß keiner hier in der Stadt in den Rath kommen sollte, bevor er nicht Proben abgelegt hat von seiner Kaltblütigkeit und hat sehen lassen, wie er Scheltworte, Püffe und Ohrfeigen vertragen kann. Von Natur bin ich hitzig, aber ich studire darauf, meine Natur zu überwinden. Ich habe eine Geschichte gelesen in einem Buche, betitelt »Der politische Stockfisch« Erschien zu Merseburg 1681 und war nicht sowol ein politisches Buch, als vielmehr ein galanter Roman im Geschmack der Weise Menantes \&c.; als Verfasser wird ein Johann Riemer genannt, der 1714 als Prediger in Hamburg starb. A.d.Ü. , daß, wenn einer vom Zorn bewältigt wird, so soll er nur bis zehn zählen, unterdessen geht der Zorn vorüber. Geert . Das könnte mir nicht helfen, und wenn ich bis hundert zählte. Hermann . Ja so taugt Ihr auch blos zum Subalternen. Heinrich, gib meiner Frau einen Krug Bier von dem kleinen Tisch. Geske . Ei, Du Schlingel, denkst Du, ich bin hierher gekommen, zu trinken? Hermann . Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn. Nun ist es schon vorüber. Höre, Mutter, Du mußt Deinen Mann nicht so grob anfahren, das klingt ja, als wäre es böse gemeint. Geske . Ist's etwa weniger böse, zu betteln? Soll eine Frau nicht zanken, wenn sie solchen Herumtreiber zum Manne hat, der so seine Wirthschaft versäumt und Frau und Kinder Noth leiden läßt? 33 Hermann . Heinrich, gieb ihr ein Glas Branntwein, sie hat sich ereifert. Geske . Heinrich, gieb meinem Mann, dem Schlingel, ein paar Ohrfeigen. Heinrich . Das thut Ihr nur selber, für solche Commission bedanke ich mich. Geske . Na, dann thu' ich es selbst. (Giebt ihm Ohrfeigen.) Hermann Eins, zwei, drei, vier, fünf (bis zwanzig). (Er thut, als ob er wieder schlagen will, fängt aber aufs neue an, bis zwanzig zu zählen.) Wär' ich nicht ein Politikus, so sollte Dich das Donnerwetter regieren! Geert . Wollt Ihr Eure Frau nicht im Zaum halten, so thue ich es. Marsch, fort! Hinaus! (Geske wird herausgebracht und schilt draußen weiter.) Dritte Scene. Das Collegium politicum . Heinrich . Geert . Ich werde sie lehren, sich ein andermal hübsch zu Hause zu halten. Das bekenne ich: wenn das politisch ist, sich von seiner Frau an den Haaren ziehen zu lassen, so werde ich mein Lebtag kein Politikus. Hermann . Ach, ach! Qui nescit simulare, nescit regnare ; das ist leicht gesagt, aber schwer gethan. Ich gebe zu, es war eine große Schmach, die mir meine Frau gethan hat, ja ich glaube, ich laufe ihr nach und prügle sie noch auf der Straße durch . . . . Doch – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, funfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn. Nun ist das gut, nun laßt uns von was Anderem sprechen. Franz . Das Weibsvolk hat hier in Hamburg zu viel zu sagen. Geert . Ja. das ist gewiß; ich habe schon oft daran gedacht, in der Beziehung einen Vorschlag zu machen. Es hat nur seine 34 Schwierigkeiten, sich mit den Weibern in Streit einzulassen. Uebrigens ist der Vorschlag selbst ganz gut. Hermann . Worin besteht der Vorschlag? Geert . Es sind nur wenige Artikel. Erstens wollt' ich, daß die Ehecontracte nicht auf ewig gemacht würden, sondern blos auf gewisse Jahre, so daß, wenn ein Mann mit seiner Frau nicht zufrieden ist, er mit einer andern contrahiren kann; doch müßte er verpflichtet sein, ihr ein Vierteljahr vor dem Ziehtag aufzusagen, und der Ziehtag müßte Ostern oder Michaelis sein. Ist er jedoch mit ihr zufrieden, so kann der Contract verlängert werden. Würde solch ein Gesetz gemacht, so fände sich, glaubt mir, in ganz Hamburg nicht Ein böses Weib, sondern jede würde sich die größte Mühe geben und würde dem Mann um den Bart gehen, um den Contract verlängert zu kriegen. Was meint Ihr, lieben Leute, zu dem Artikel? Franz, Du schmunzelst so schalkhaft, Du hast gewiß etwas einzuwenden, laß uns hören. Franz . Aber könnte eine Frau nicht mitunter ihre Rechnung dabei finden, von ihrem Manne geschieden zu werden, wenn der sie nun schlecht behandelt oder ein Herumtreiber ist, der blos ißt und trinkt und nicht arbeiten will, Frau und Kinder zu ernähren? Oder sie kriegte Lust zu einem Andern und machte es dem Manne so bunt, daß er sie gegen seinen Willen müßte laufen lassen? Nach meinem Dafürhalten könnten daraus große Ungelegenheiten entstehen; man hat ja noch Mittel, eine Frau zu zwingen. Wollte Jeder, wie Ihr, Meister Hermann, wenn er eine Ohrfeige kriegt, sich damit zufrieden geben, daß er bis zwanzig zählt, so würden wir einen Haufen schöner Weiber zusammenkriegen. Nach meinem unvorgreiflichen Dafürhalten ist das beste Mittel, wenn eine Frau kopfdämlich wird, daß der Mann ihr droht, allein zu schlafen und nicht ins Bett zu ihr zu kommen, bis sie sich bessert. Geert . Das könnte ich nicht halten; den meisten Männern würde das ebenso schwer fallen, als den Frauen. Franz . So kann der Mann ja extra gehen. Geert . So kann die Frau ja auch extra gehen. Franz . Aber, Geert, laß uns die übrigen Artikel hören. 35 Geert . Ja, da seht zu, ob ich das thue! Du willst doch vermuthlich blos Deinen Spott treiben; kein Ding ist so gut, daß sich nicht etwas dagegen einwenden läßt. Hermann Laßt uns denn von was Anderem sprechen; wer uns hörte, müßte denken, wir hielten Consistorium oder Ehegericht Ein geistliches Gericht, das in allen Ehestreitigkeiten entschied und bis 1771 bestand; im Dänischen hieß es »Tamperret«, von den sogenannten Quatembern, indem es den letzten Mittwoch jeden Vierteljahrs gehalten ward. A.d.Ü. . Letzte Nacht, als ich nicht schlafen konnte, dachte ich darüber nach, wie wol die Regierung von Hamburg am besten eingerichtet würde, so daß gewisse Familien, die heutzutage gleichsam als Bürgermeister und Rathsherren zur Welt kommen, von den höchsten Aemtern ausgeschlossen und eine vollkommene Freiheit hergestellt würde. Ich dächte, man sollte die Bürgermeister abwechselnd jetzt aus dem einen Gewerk nehmen und jetzt aus dem andern, so nähme die sämmtliche Bürgerschaft an der Regierung Theil, und alle Stände kämen in Flor. Denn zum Exempel, wenn ein Goldschmied Bürgermeister würde, so sähe er auf das Interesse der Goldschmiede, ein Schneider auf das Aufblühen der Schneider, ein Kanngießer auf das der Kanngießer, und keiner sollte länger Bürgermeister sein, als einen Monat, damit nicht ein Gewerk mehr in Flor käme als das andere. Erst wenn die Regierung so eingerichtet würde, würden wir mit Recht ein freies Volk heißen. Alle . Der Vorschlag ist herrlich, Meister Hermann, Ihr sprecht wie ein Salomo. Franz . Der Vorschlag ist wohl gut. Nur . . . Geert . Du kommst immer mit Deinem Nur, ich glaube, Du bist ein geborener Nurenberger. Hermann Laß ihn nur seine Meinung sagen. Was willst Du sagen, was meinst Du mit Deinem Nur? Franz . Ich denke, ob das nicht sehr schwierig sein sollte, in jedem Gewerk einen guten Bürgermeister zu finden. An Meister Hermann ist nichts auszusetzen, der hat seine Studien gemacht; aber wenn er todt ist, wo finden wir gleich einen andern Kanngießer, der zu solchem Amte tauglich ist? Denn wenn die Republik einmal einen Knacks weg hat, so ist das nicht so leicht, sie wieder auszubessern, als wenn man einen Teller oder eine Kanne umgießt, wenn sie verdorben sind. 36 Geert . Ach Bagatell, tüchtige Männer finden sich genug, auch unter den Handwerksleuten. Hermann . Höre, Franz, Du bist noch ein junger Mann und darum kannst Du noch nicht so tief in die Sachen eindringen wie die Andern, obschon ich merke, Du hast einen guten Kopf und mit der Zeit kann was aus Dir werden. Ich will Dir nur in Kürze beweisen, daß diese Instanz keinen Grund hat, blos an unsern eigenen Personen. Wir sind in diesem Verein über zwölf Personen, lauter Handwerksleute, und doch kann Jeder von uns hundert Fehler bemerken, welche im Rath begangen werden. Stelle Dir nun vor, daß Einer von uns Bürgermeister würde und änderte die Fehler, die wir so oft besprochen haben und die der Rath nicht sehen kann, meinst Du wol wirklich, daß die Stadt Hamburg bei solchem Bürgermeister Schaden hätte? Wenn es Euch denn also gut dünkt, Ihr lieben Herren, will ich den Vorschlag eingeben. Alle . Ja gewiß. Hermann . Aber nun genug von der Materie; die Zeit geht hin und wir haben noch keine Zeitungen gelesen. Heinrich, reich mal die neueste Zeitung her! Heinrich . Hier ist die neueste Zeitung. Hermann . Gieb sie an Richard den Bürstenbinder, der pflegt zu lesen. Richard . Man schreibt aus dem Hauptquartier am Rhein, daß man Recruten erwartet. Hermann . Ei, das hat man schon zwölfmal hintereinander geschrieben; setz' über den Rhein! Ich muß mich jedesmal ärgern, so oft ich von der Sache höre. Was schreibt man aus Italien? Richard . Aus Italien schreibt man, daß Prinz Eugenius mit seinem Lager aufgebrochen ist, den Fluß Padus passirt und alle Festungen vorbeigegangen ist, um die feindliche Armee zu überrumpeln, die infolge dessen in größter Eile sich vier Meilen rückwärts retirirt hat; Duc de Vendôme Er meint den Herzog Ludwig Joseph von Vendôme, geboren 1654, gestorben 1712, den Sieger in der Schlacht bei Villa Viciosa (December 1710), durch welche ganz Spanien für Philipp V. erobert ward. Dagegen hatte er einige Jahre früher (1708) die berühmte Schlacht von Oudenarde gegen Marlborough verloren. A.d.Ü. sengt und brennt auf der Retirade überall im eigenen Lande. 37 Hermann . Ach, ach, seine Durchlauchtigkeit sind mit Blindheit geschlagen, das kostet uns den Hals. Nicht mehr vier Schillinge gebe ich für die ganze Armee in Italien. Geert . Im Gegentheil, ich halte dafür, daß der Prinz Recht gethan hat. Das ist von jeher mein Vorschlag gewesen; habe ich nicht erst neulich gesagt, Franz Messerschmied, daß man es so machen müßte? Franz . Nein, ich weiß nichts davon. Geert . Ja wahrhaftig, ich hab's hundertmal gesagt, wozu soll die Armee da liegen und lungern? Der Prinz hat meiner Treu Recht gethan, das will ich verantworten gegen wen es sei. Hermann . Heinrich, gieb mir ein Glas Branntwein. Ich kann darauf schwören, Ihr Herren, es ist mir ganz schwarz vor den Augen geworden, wie ich diese Nachricht hörte. Eure Gesundheit, Messieurs! Nun das bekenn' ich, das ist ein Hauptversehen, die Festungen vorbeizugehen. Siebert . Hätte ich die Armee zu commandiren gehabt, ich hätt' es meiner Treu ebenso gemacht.. Franz . Ja richtig, dahin wird's auch noch kommen, daß man Thorschreiber zu Generalen macht. Siebert . Du brauchst nicht zu spotten, ich würde meine Sache so gut machen wie ein Anderer. Geert . Darin hat Siebert Recht, meiner Treu, daß der Prinz wohlgethan hat, geradewegs auf den Feind loszugehen. Hermann . Ei mein guter Geert, Ihr seid gar zu altklug, Ihr habt noch Manches zu lernen. Geert . Aber von Franz Messerschmied lern' ich das nicht. (Sie gerathen in einen heftigen Zank, nehmen einander das Wort vorm Munde weg, stehen von den Stühlen auf, drohen und lärmen.) Hermann (schlägt auf den Tisch, laut rufend) . Stille, stille, Ihr Herren! Laßt uns nicht mehr davon reden, Jeder kann seine Meinung behalten. Hört, Ihr Herren, gebt doch Friede! Meint Ihr wirklich, daß Duc de Vendôme aus Furcht retirirt und das Land verwüstet hat? Nein, der Kerl hat Alexander 38 Magnusen seine Chronik gelesen, der machte es ebenso, als Darius ihn verfolgte, und hat dadurch einen Sieg davon getragen, so groß wie der, den wir bei Hochstädt gewonnen. Heinrich . Eben hat die Uhr auf dem Posthof Zwölf geschlagen. Hermann . So müssen wir denn gehen. (Gehen ab. Unterwegs zanken und streiten sie sich noch über das Frühere.) 39 Dritter Act. Erste Scene. Abrahams . Sanderus . Christoph . Johann . Abrahams . Nun will ich Euch ein Abenteuer erzählen, das wird die ganze Stadt amüsiren. Wißt Ihr, was ich mir mit vier, fünf vornehmen Leuten ausgedacht habe? Sanderus . Nein, das weiß ich nicht. Abrahams . Kennt Ihr nicht Hermann von Bremen? Sanderus . Das ist ja der Kanngießer, der solch ein großer Politikus ist, er wohnt in diesem Hause. Abrahams . Eben der. Neulich war ich in Gesellschaft mit Einigen vom Rathe, die sich sehr über den Kerl ereiferten, daß er im Wirthshaus so dreiste Reden gegen die Regierung führt und Alles reformiren will. Sie hielten für zweckmäßig, Spione auszuschicken, damit man Zeugen für seine Reden habe und ihn bestrafen könne, Andern zum Exempel. Sanderus . Das wäre allerdings zu wünschen, daß solche Kerle einmal bestraft würden. Die sitzen hinterm Bierkrug und kritisiren dabei Könige, Fürsten, Obrigkeiten und Generale, daß es wahrhaft schrecklich ist zu hören. Auch ist es nicht ohne Gefahr; denn der gemeine Mann hat nicht den Verstand und sieht nicht ein, wie ungereimt das ist, daß ein Kanngießer, Hutmacher oder Bürstenbinder mit dem geringsten Grund soll von solchen Sachen sprechen und Dinge sehen können, die der ganze Rath nicht sehen kann. Abrahams . Das ist gewiß. Ein solcher Kanngießer 40 reformirt Euch das ganze römische Reich, während er einen Teller gießt; er ist beides auf einmal, Landflicker und Kannenflicker. Aber das Vorhaben der Rathsherren behagt mir doch nicht; solche Leute bestrafen oder arretiren, erregt nur Unzufriedenheit im Publikum und verhilft solchen Narren nur zu größerem Ansehen. Meine Meinung war daher, wir sollten lieber eine Komödie mit ihm spielen, die würde wol größere Wirkung haben. Sanderus . Worin soll sie bestehen? Abrahams . Darin, daß wir ihm Deputirte schicken, als kämen sie vom Rath, um ihm Glück zu wünschen zum Bürgermeister, und ihm dabei noch andere närrische Dinge aufzureden; da wird sich zeigen, in welche Noth er geräth, und er selbst wird dahinter kommen, welch ein großer Uuterschied das ist, über einen Gegenstand raisonniren und ihn verstehen. Sanderus . Aber was wird daraus folgen? Abrahams . Daraus wird folgen entweder, daß er aus Desperation aus der Stadt läuft, oder daß er demüthigst um seinen Abschied bittet und seine Untüchtigkeit zugesteht. Ich bin blos deshalb zu Monsieur Sanderus gekommen, um mir seine Hülfe bei Ausführung dieser Intrigue zu erbitten, da ich ja weiß, daß er für so etwas paßt. Sanderus . Die Sache läßt sich hören; wir wollen selbst die Deputirten machen und gleich zu ihm gehen. Abrahams . Hier ist ja sein Haus. Johann oder Christoph klopft mal an und sagt, es wären zwei Rathsherren draußen, die wollten mit Hermann von Bremen sprechen. (Sie klopfen an.) Zweite Scene. Hermann . Abrahams . Sanderus . Christoph . Johann . Hermann . Mit wem wollt Ihr sprechen? Johann . Hier sind zwei Rathsherren, die wollten gern die Ehre haben Ihm aufzuwarten. Hermann . Element, was ist das? Ich seh' ja so dreckig aus wie ein Schwein. 41 Abrahams . Unterthänigster Diener, wohlgeborner Herr Burgemeister! Wir sind vom Rath hieher geschickt, um Ihm zu gratuliren zur Burgemeisterschaft hier in der Stadt. Denn der Rath hat mehr auf Seine Meriten als auf Seinen Stand und äußere Lage gesehen und hat Ihn zum Burgemeister gewählt. Sanderus . Der Rath kann das nicht zugeben, daß solch ein weiser Mann von solchen niedrigen Verrichtungen occupirt ist und sein großes Pfund so in die Erde vergräbt. Hermann . Ihr Herren Collegä, vermeldet Einem Löblichen Rath meinen Gruß und Dank und versichert ihn meiner Protection. Es ist mir lieb, daß man auf diesen Gedanken gekommen ist, lediglich um der Stadt, nicht um meinetwillen. Denn hätte mich nach Hoheit verlangt, hätte ich längst zur Genüge davon haben können. Abrahams . Wohlgeborner Herr Burgemeister, unter solcher hochweisen Obrigkeit können Rath und Bürgerschaft nichts Anderes erwarten als die Wohlfahrt der Stadt . . . . Sanderus . Und darum sind so viele andere reiche und vornehme Männer übergangen worden, die sich um den hohen Posten beworben haben. Hermann . Ja, ja. Na, ich hoffe, sie sollen ihre Wahl auch nicht bereuen. Abrahams und Sanderus . Wir recommandiren uns sammt und sonders in des Herrn Burgemeisters Gewogenheit. Hermann . Es wird mir ein Vergnügen sein, Wohldenselben einen Dienst zu erweisen. Entschuldigen Dieselben, daß ich sie nicht weiter begleite. Sanderus . Ei, das würde sich auch für den Herrn Burgemeister nicht schicken, weiter mitzugehen. Hermann (ruft einen von den Bedienten) . Ihr da, Kamerad, da habt Ihr was zu einer Kanne Bier. Die Bedienten . Ach wir können das nicht annehmen, Euer Wohlgeboren. (Sanderus, Abrahams und die Bedienten ab.) 42 Dritte Scene. Hermann . Geske . Hermann . Geske! Geske! Geske (drinnen) . Ich habe keine Zeit. Hermann . Komm heraus, ich habe Dir was zu sagen, was Du Dir Zeit Deines Lebens nicht hast träumen lassen! Geske (kommt heraus) . Nu, was ist denn das? Hermann . Hast Du Kaffe im Hause? Geske . Ach Schnack, wann brauch' ich denn Kaffe? Hermann . Aber Du wirst ihn von jetzt an brauchen; in einer halben Stunde kriegst Du Visite von sämmtlichen Rathsfrauen. Geske . Ich glaube, der Mann träumt. Hermann . Ja, ich träume so, daß ich uns eine Burgemeisterei an den Hals geträumt habe! Geske . Hör' Mann, mach' mich nicht böse! Du weißt, wie es Dir neulich ging. Hermann . Hast Du nicht zwei Herren mit ihren Bedienten gesehen, die hier vorbeigingen? Geske . Ja, die habe ich gesehen. Hermann . Die waren hier und verkündigten mir im Namen des Raths, daß ich Burgemeister geworden bin. Geske . I den Teufel auch! Hermann . Zeige nun, theure Frau, daß Du Dich von jetzt ab eines vornehmen Wesens befleißigst und daß keine von den alten Kanngießernicken in Dir stecken geblieben ist. Geske . Ach ist es denn wahr, mein Herzensmann?! Hermann . So wahr ich hier stehe. Gleich werden wir das ganze Haus voll Gratulationen haben und gehorsamste Diener und Dienerinnen. Geske (auf den Knieen) . Ach mein Herzensmann, vergieb mir, wenn ich Dir früher Unrecht gethan habe. Hermann . Alles vergeben! Gieb Dir nur von jetzt ab Mühe, ein wenig vornehm zu werden, so soll Dir meine Gnade erhalten bleiben. Aber wo kriegen wir nur schnell einen Bedienten her? 43 Geske . Wir nehmen schnell etwas von Euern Kleidungsstücken und ziehen es dem Heinrich an, bis wir ihm eine Livree kaufen können. Aber hört, mein Herz, da Ihr nun doch Burgemeister geworden seid, so will ich bitten: bestraft doch Geert den Kürschner für den Tort, den er mir gestern angethan hat. Hermann . Ei meine Herzensfrau, die Frau des Burgemeisters muß an das Unrecht nicht mehr denken, das der Frau des Kanngießers widerfahren ist. Und nun ruf' einmal den Heinrich her. Vierte Scene. Geske . Hermann . Heinrich . Geske . Heinrich! Heinrich . He? Geske . Heinrich, so darfst Du von jetzt ab nicht mehr antworten; weißt Du nicht, was uns widerfahren ist? Heinrich . Nein, ich weiß nichts. Geske . Mein Mann ist Burgemeister geworden. Heinrich . Wovon? Geske . Wovon? Von Hamburg! Heinrich . I was den Henker, das ist ja ein teufelsmäßiger Sprung für einen Kanngießer. Hermann . Heinrich, Du mußt Dich anständiger ausdrücken; bedenke, daß Du jetzt Bedienter bei einem großen Manne bist. Heinrich . Bedienter? Na das Avancement ist so groß nicht. Hermann . Du wirst schon noch avanciren, Du kannst mit der Zeit Rentendiener So hießen die bekannten Hamburgischen Magistratsdiener, die mit ihren langen schwarzen Mänteln und ihren runden gesteiften Kragen bis vor ganz Kurzem noch das Vergnügen der Hamburger Gassenjugend, sowie das Erstaunen der Fremden bildeten. A.d.Ü. werden, warte nur! Auch sollst Du blos auf ein paar Tage Bedienter sein, bis ich einen andern kriege. Er muß meinen braunen Rock anziehen, mein Herzchen, bis die Livree fertig ist. Geske . Aber der wird ihm zu lang sein, fürcht' ich. Hermann . Ja gewiß, er ist ihm zu lang; aber in der Eile muß man sich helfen, wie man kann. Heinrich . Ach Herr je, der reicht mir bis an die Hacken, da seh' ich aus wie ein Judenpriester. 44 Hermann . Höre, Heinrich – Heinrich . Ja, Meister. Hermann . Du Schlingel, daß Du mir nicht mehr mit solchen Titeln kommst! Von jetzt ab, wenn ich Dich rufe, sagst Du: Herr! und wenn Jemand kommt und mich sprechen will, sagst Du: Burgemeister von Bremen ist zu Hause. Heinrich . Soll ich das sagen, einerlei ob der Herr zu Hause ist oder nicht? Hermann . Welch ein Gewäsche! Wenn ich nicht zu Hause bin, sollst Du sagen: Herr Burgemeister von Bremenfeld ist nicht zu Hause, und wenn ich nicht zu Hause sein will, sollst Du sagen: Herr Burgemeister von Bremenfeld giebt heute keine Audienz. Hör', mein Herz, Du mußt gleich etwas Kaffe machen; Du mußt doch etwas haben, die Rathsfrauen zu tractiren, wenn sie kommen. Denn davon hängt in Zukunft unsere Reputation ab, daß man sagen kann: Burgemeister von Bremenfeld giebt guten Rath und seine Frau giebt guten Kaffe. Ich bin so in Sorge, mein Herz, daß Ihr nichts verfehlt, bevor Ihr Euch an den Stand, in den Ihr nun kommt, gewöhnt habt. Heinrich, spring' Du mal hin nach einem Theebrett und einigen Tassen, das Mädchen soll mal für vier Schillinge Kaffe holen, man kann ja immer mehr kriegen. Bis auf Weiteres, mein Herz, laßt Euch das zur Regel dienen, nicht viel zu sprechen, bis Ihr gelernt habt einen honetten Discurs zu führen. Aber Ihr müßt auch nicht zu demüthig sein, sondern haltet auf Euren Respect und arbeitet vor Allem dahin, das alte Kanngießerwesen aus dem Kopf zu kriegen; Ihr müßt Euch einbilden, als ob Ihr schon lange Jahre Frau Burgemeisterin gewesen wärt. Für die Fremden, die des Morgens kommen, muß ein Theetisch gedeckt stehen, Nachmittags ein Kaffetisch und dabei wird dann Karten gespielt. Da giebt es ein gewisses Spiel, das heißt à l'hombre , hundert Thaler wollt' ich geben, wenn Ihr und unsere Tochter Fräulein Engelke das verständet. Ihr müßt nur fleißig Acht geben, wenn Ihr Andere spielen seht, um es zu lernen. Des Morgens müßt Ihr bis neun oder halb zehn im Bette bleiben; denn das sind blos gemeine Leute, die des Sommers mit der Sonne 45 aufstehen. Sonntags jedoch müßt Ihr etwas eher aufstehen, denn an diesem Tage beabsichtige ich zu mediciniren. Auch müßt Ihr Euch eine hübsche Schnupftabaksdose anschaffen, die müßt Ihr neben Euch auf den Tisch legen, wenn Ihr Karten spielt. Wenn Einer Eure Gesundheit trinkt, müßt Ihr sagen: mon très humble serviteur , ich danke, und wenn Ihr gähnt, müßt Ihr Euch ja nicht den Mund zuhalten, das ist bei vornehmen Leuten nicht mehr Mode. Endlich wenn Ihr in Mannsgesellschaft seid, müßt Ihr nicht zu prüde sein, sondern den Anstand ein bischen bei Seite setzen . . . . Hört, ich habe noch was vergessen: Ihr müßt Euch auch einen Schoßhund zulegen, der Euch so lieb sein muß wie Eure eigne Tochter; das ist ebenfalls vornehm. Unsere Nachbarin Arianke hat einen hübschen Hund, den kann sie Euch leihen, bis wir selbst einen kaufen. Dem Hunde müßt Ihr einen französischen Namen geben, es wird mir schon noch einer einfallen, wenn ich nur erst Zeit habe, darüber nachzudenken. Der muß beständig auf Eurem Schoße liegen, und wenn Fremde dabei sind, müßt Ihr ihn wenigstens ein halb Mandel mal küssen. Geske . Nein, mein Herzensmann, das kann ich unmöglich thun, man kann ja nie wissen, wo so ein Hund sich herumgewälzt hat, davon könnte man ja den Mund voll Läuse und Flöhe kriegen. Hermann . Ei was, kein Geschwätz! Wollt Ihr eine Dame sein, müßt Ihr auch Damenmanieren haben Ein dänisches Sprüchwort, das vollständig lautet: »Damen müssen Damenmanieren haben, sagte Annemarie, und damit schleppte sie ihr Kleid in den Rinnstein.« A.d.Ü. . Ueberdies kann solch ein Hund Euch zur Einfädelung eines Discurses dienen; denn wenn Ihr nicht wißt, von was Ihr sprechen sollt, so könnt Ihr von den Qualitäten und Tugenden Eures Hundes erzählen. Thut nur was ich sage, mein Herz, ich verstehe mich auf die vornehme Welt besser als Ihr; spiegelt Euch nur an mir! Ihr sollt sehen, daß auch nicht die geringste von den alten Gewohnheiten bei mir zurückbleiben soll. Mir soll es nicht gehen, wie einem gewissen Fleischer, der, als er Rathsmann geworden war, wenn er eine Seite geschrieben hatte, und das Blatt umwenden wollte, die Feder quer in den Mund nahm, wie er ehemals mit seinem Fleischermesser gewohnt gewesen war. Geht jetzt nur hinein 46 und trefft Eure Anstalten, ich habe noch etwas mit Heinrich allein zu sprechen. (Geske geht ab.) Fünfte Scene. Hermann . Heinrich . Hermann . Hör, Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Hermann . Meinst Du nicht, daß meine Erhöhung mir viel Neider machen wird? Heinrich . Ei was, an Neider muß der Herr sich nicht kehren! Ich wollte nur, man hätte mich auf diese Weise zum Burgemeister gemacht, meine Neider sollte gewiß die Schwerenoth – Hermann . Das Einzige, wovor mir bange ist, sind einige kleine Ceremonien; denn auf solche Lappalien sehen die Leute mehr als auf solide Dinge. Hätte ich nur den ersten Tag überstanden, wo ich meinen Einzug aufs Rathhaus halten muß, da wollt' ich schon zufrieden sein. Denn was die einzelnen soliden Geschäfte betrifft, die sind ein Butterbrod für mich. Aber darauf muß ich mich vorbereiten, wie ich das erste Mal meine Collegusser empfangen soll, um keinen Verstoß gegen die herkömmlichen Ceremonien zu machen. Heinrich . Ei Narrenspossen, Herr Burgemeister! Das ist kein braver Mann, der sich an Ceremonien kehrt. Ich für meine Person, wenn ich solchen Einzug halten müßte, thäte weiter nichts, als ich reichte den Rathsherren meine Hand zum Küssen hin und zöge die Stirne tüchtig in Falten, und damit wollte ich ihnen denn schon schweigend zu erkennen geben, daß ein Burgemeister kein Krammetsvogel oder Pfannkuchen ist. Hermann . Allein bedenke, daß ich gleich den ersten Tag, wo ich octroducirt werde, auch eine Oration halten muß. Nun kann ich allerdings eine Oration halten, so gut wie Einer in der Stadt, ja ich wollte mich obligiren, eine Predigt zu halten, und wenn das morgen sein sollte. Aber sintemal ich einem solchen 47 Act noch nie beigewohnt habe, so weiß ich nicht so recht, welche Formularien man dabei zu gebrauchen pflegt. Heinrich . Ei Herr, das sind blos die Schulmeister, die sich an Formularien binden. Ich für meine Person, wenn ich Burgemeister wäre, begnügte mich, ihnen kurz und bündig einige Worte zu sagen, wie zum Exempel: Es scheint wol einigermaßen wunderlich, edle und wohlweise Herren vom Rath, daß ein miserabler Kanngießer so in einem Augenblick zum Burgemeister umgegossen ist . . . . Hermann . Pfui, pfui, das wäre ein lumpiger Anfang. Heinrich . Nein, das sollte auch der Anfang gar nicht sein, vielmehr würd' ich meine Rede so beginnen: Ich danke Euch, edle und hochweise Herren, für die Ehre, die Ihr mir angethan, indem Ihr einen armseligen Kanngießer, wie ich bin, zum Burgemeister gemacht habt . . . . . Hermann . Kommst Du schon wieder mit Deinem verfluchten Kanngießer! Auf dem Rathhaus von so etwas zu sprechen, wäre unanständig; da muß ich thun, als wär' ich als Burgemeister zur Welt gekommen. Wollte ich solche Rede halten, würde ich blos verachtet und ausgespottet werden. Nein, nein, Heinrich, Du würdest einen schlechten Orator abgeben. Ein Schelm, der da sagt, ich wäre jemals Kanngießer gewesen! Nur zum Zeitvertreib habe ich mich ein bischen mit dem Gießen abgegeben, wenn ich vom Studiren ermüdet war. Heinrich . Und wer mir sagt, daß ich ehemals Kanngießerjunge gewesen, ist ebenfalls ein Schelm. Hermann . Warum willst Du denn, daß ich solche Rede halten soll? Heinrich . Ei nur ein bischen Geduld, der Herr ist gar zu hitzig. Nebenbei würd' ich ihnen auf eine höfliche Manier bemerkbar machen, daß, wenn Einer sich darüber moquirte, daß ich früher Kanngießer gewesen, so sollte den das Donnerwetter regieren. Und wenn ich bei Einem die geringste moquante Miene bemerkte, so würde ich sagen: Edle und wohlweise Herren, bildet Ihr Phantasten Euch ein, daß Ihr mich zum Burgemeister gemacht habt, um mich zum Narren zu halten? 48 Und dabei würd' ich mitten in der Oration tüchtig aufs Katheder schlagen, so daß sie gleich an meiner Introductionsrede merken sollten, daß ich nicht mit mir spaßen lasse und daß sie einen Burgemeister gekriegt haben, der Haare auf den Zähnen hat. Denn wenn der Herr Burgemeister sich im Anfang unterkriegen läßt, so wird der Rath ihn allezeit für einen Schlingel halten. Hermann . Du sprichst selbst wie ein Schlingel. Es wird mir schon noch einfallen, was für eine Rede ich halten will. Laß uns hineingehen. (Beide ab.) 49 Vierter Act. Erste Scene. Pcc Heinrich allein, er trägt einen Rock mit Litzen, der ihm bis auf die Hacken geht und mit weißem Papier besetzt ist. Heinrich . Ein Hundsfott will ich sein, wenn ich begreifen kann, wie der Rath auf den Einfall gekommen ist, meinen Meister zum Burgemeister zu machen. Ich sehe da keine Uebereinstimmung zwischen einem Kanngießer und solcher hohen Obrigkeit, sie müßte denn darin bestehen, daß, wie ein Kanngießer alte Teller und Schüsseln umgießt und reparirt, so auch ein guter Burgemeister durch gute Gesetze die Republik repariren kann, wenn sie in Verfall ist. Aber die guten Leute haben dabei nur außer Acht gelassen, daß mein Meister der schlechteste Kanngießer war in ganz Hamburg, und darum, wenn sie ihn aus dem Grunde gewählt haben, wird er auch der schlechteste Burgemeister sein, den wir gehabt haben. Das einzige Gute bei der Wahl ist, daß ich Rentendiener werde; das ist ein Amt, dazu hab' ich nicht bloß Neigung, sondern auch natürliche Bestimmung. Denn schon wie ich ein Kind war, freute ich mich jedesmal, wenn ich Einen in Arrest schmeißen sah. Auch ist das für Einen, der sich darein zu schicken weiß, ein ganz einträglicher Posten. Denn erstlich muß ich mir nun den Anschein geben, als ob ich recht viel bei unserm Burgemeister zu sagen habe. Haben sich die Leute den Glaubensartikel nur erst in den Kopf gesetzt, so gewinnt Heinrich dabei zum wenigsten seine hundert bis zweihundert Thaler jährlich. Die will ich aber nicht aus Habsucht nehmen, sondern blos um zu zeigen, daß ich mein Amt als Rentendiener verstehe. 50 Will Einer mit dem Burgemeister sprechen, so sag' ich, er ist nicht zu Hause; sagt er, er hat ihn am Fenster gesehen, so schwör' ich, es ist nicht wahr, er ist doch nicht zu Hause. Die Leute in Hamburg wissen auf dem Fleck, was solch ein Schwur bedeutet; sie drücken Heinrich einen Thaler in die Hand, und da kommt der Herr gleich nach Hause; ist er unpaß, so wird er gleich wieder gesund; sind Fremde bei ihm, so gehen sie gleich wieder fort; liegt er zu Bett, steht er Augenblicks auf. Ich habe ab und zu mit vornehmen Lakaien verkehrt, ich weiß schon, wie das in solchen Häusern zugeht. Vor diesem, da die Leute noch dummer waren als Pferde und Esel, da nannte man das Nefas, jetzt aber heißt es Extra, Trinkgeld oder zufällige Einnahme. Aber sieh, da kommt Annecke, sie weiß noch nichts von dieser Veränderung, sie hat noch ihren gemeinen Kanngießergang und Miene. Zweite Scene. Annecke . Heinrich . Annecke . Ha, ha, ha! Nein, sieht das Ungethüm aus! Du hast Dir wohl eine Adrienne umgebunden? Heinrich . Hör' Du Kanngießer-Carnallie, hast Du noch niemals einen Lakaien in Livree gesehen? Solch gemeines Volk ist doch meiner Treu wie das Vieh! da stehen sie und gaffen Einen an, wie die Kuh das neue Thor, wenn der Mensch sich einmal einen andern Rock angezogen hat, als gestern. Annecke . Nein, Spaß apart; weißt Du nicht, daß ich heut wahrsagen gelernt habe? Hier war heut ein altes Weib, das den Leuten aus der Hand las, der hab' ich ein Stück Brod gegeben, und dafür hat sie mich die Kunst gelehrt, den Leuten aus der Hand zu lesen, was ihnen widerfahren wird. Könnt' ich nur Deine Hand sehen, ich wollte Dir Dein Schicksal gleich prophezeien. Heinrich . Ja, ja, Annecke, Heinrich ist nicht so dumm, wie Du denkst; ich rieche schon Lunte, Du hast einen Wink gekriegt von der Beförderung, die mir heute versprochen ward. 51 Annecke . Nein, wahrlich, davon weiß ich nichts. Heinrich . Nun seh' Einer nur, was für ein ehrbares Gesicht die machen kann! Ja gewiß, Du hast es gehört, und darum hast Du auch gut prophezeien. Nein, Heinrich ist trocken hinter den Ohren, der läßt sich nicht so leicht an der Nase führen! Annecke . Ich kann den höchsten Eid darauf schwören, daß ich nicht das Mindeste von dem gehört habe, wovon Du sprichst. Heinrich . Hast Du nicht eben mit der Frau Burgemeisterin gesprochen? Annecke . Ich glaube, der Bursch ist verrückt geworden; kenne ich die Frau Burgemeisterin? Heinrich . So hat es Dir, meiner Six, das Fräulein gesagt. Annecke . Ei, nun hör' einmal mit den Narrheiten auf! Heinrich . Sieh da, Annecke, da hast Du meine Hand, nun prophezeie so viel Du willst. Ich merke recht gut, daß Du einen Wink von der Sache gekriegt hast, so fremd Du Dich auch stellst. Aber das kann nichts schaden, wenn Du auch polisch bis; unser ganzes Haus muß jetzt so werden. Nun, was liest Du in meiner Hand? Annecke . Ich lese, Heinrich, daß des Meisters Calfacter, der hinter dem Ofen hängt, heut noch auf Deinem Rücken einen lustigen Galopp tanzen wird. Ist das nicht eine Unverschämtheit, so umherzugehen und sich auszuputzen, während es im Hause so viel zu thun giebt, und dem Meister seinen Rock so zuzurichten? Heinrich . Hör, Annecke, ich kann auch prophezeien, und zwar ohne die Hände zu sehen; ich prophezeie Dir, daß Du eine Carnallie bist, und daß Du für Dein unverschämtes Maul ein bis zwei Ohrfeigen kriegen wirst, wie es gerade kommt. Sieh, da ist die Prophezeiung gleich erfüllt! (Giebt ihr ein paar Ohrfeigen.) Annecke . Au, au, au, das sollen Dir theure Ohrfeigen werden! Heinrich . Lerne Du ein andermal mehr Respect haben vor eines großen Herrn Bedienten . . . . Annecke . Na wart' nur, nun kommt gleich die Frau Meisterin! 52 Heinrich . Vor dem ersten Bedienten des Burgemeisters . . . Annecke . Sie wird es Dir auf Deinen Rücken bezahlen! Heinrich . Vor einem Rentendiener . . . . Annecke . Ja, ja, ich sag' es noch einmal, das sollen Dir theure Ohrfeigen werden. Heinrich . Vor einer Person, die großen Einfluß beim Burgemeister hat . . . . Annecke . Ach, ach, mich hat noch Niemand hier im Hause geschlagen! Heinrich . Dem die ganze Bürgerschaft noch viel Caressen und Baselemengs machen wird . . . . Annecke . Der Bursche, glaub' ich, ist ganz und gar verrückt. He, Frau Meisterin, Frau Meisterin, kommt heraus! Heinrich . St! st! st! Du wirst schön ankommen mit Deiner Frau Meisterin! Jetzt merk' ich freilich, daß Du nicht weißt, was hier passirt ist; darum will ich Dir Dein Unrecht vergeben als ein Christ. Der Rath hat mit Stimmenmehrheit unsern Meister zum Burgemeister gewählt und die Frau Meisterin zur Burgemeisterin. Engelke hat ihre Jungferschaft verloren und ist mit dem Fräuleinstitel begnadigt worden Der Titel Fräulein gehörte bis auf Christian IV. ausschließlich den dänischen Königstöchtern; erst unter Friedrich III., nach 1660, nach Erlaß des Königsgesetzes, wurde er auch den Töchtern der Adeligen beigelegt, die bis dahin einfach »Jungfern« oder »adelige Jungfern« geheißen hatten. Daß aber auch Töchter des höheren Beamtenstandes, auch wenn sie bürgerlicher Abkunft waren, sich denselben Titel beilegten, das kam erst zu Holbergs Zeiten auf und wird als eine thörichte Neuerung von ihm vielfach verspottet. A.d.Ü. . Na, nun wirst Du doch einsehen, daß ich mich nicht mehr hinstellen kann und arbeiten? Darum geh' ich auch, wie Du siehst, in Livree. Annecke . Ei, willst Du mich noch obendrein zum Narren halten? Heinrich . Es ist wie ich sage, Annecke; sieh, da kommt das Fräulein, sie wird meine Worte bestätigen. Dritte Scene. Engelke . Annecke . Heinrich . Engelke . Ach, Gott helfe mir armem Mädchen, nun, sehe ich, ist alle Hoffnung zu Ende. Heinrich . Ei, Fräulein, ist das jetzt Zeit zu weinen, da Euren Eltern solches Glück widerfahren ist? Engelke . Halt' Deinen Mund, Heinrich, ich will kein Fräulein sein. 53 Heinrich . Na, was wollt Ihr denn sein? Jungfer seid Ihr nicht mehr, da müßt Ihr doch Fräulein sein, das ist ja die nächste Stufe, auf die Eine kommt, wenn sie ihre Jungferschaft losgeworden ist. Engelke . Ich wollte lieber, ich wäre eines Bauern Tochter, so wär' ich doch gewiß, den kriegen zu können, an den ich einmal mein Herz verschenkt habe. Heinrich . Ei so, also blos darum weint das Fräulein, weil es gern heirathen will? Nun kann Sie ja vom Flecke weg heirathen, nun kriegt Sie Jeden, auf den Sie nur mit dem Finger weist, die halbe Stadt wird ja das Haus stürmen, um des Burgemeisters Schwiegersohn zu werden. Engelke . Ich will keinen haben als Antonius, dem ich einmal die Ehe versprochen habe. Heinrich . Ei pfui, Jungfer, einen Stellmacher wollt Ihr nehmen? Mit dem könnt' ich ja nicht einmal umgehen, der ich nur Rentendiener bin. Engelke . Halt' Du Deinen Mund, Du Tölpel! Lieber lass' ich das Leben, als daß ich mir einen Andern aufzwingen lasse. Heinrich . Nun, gebt Euch zufrieden, wohlgebornes Fräulein: wir wollen sehen, ich und der Burgemeister, ob wir dem Antonius nicht zu einem Amt verhelfen können, und dann kann Sie ihn ja meinetwegen kriegen. (Annecke weint.) Worüber weinst Du, Annecke? Annecke . Ich weine über das Glück, das unserm Hause widerfahren ist. Heinrich . Das ist gewiß, Annecke, daß Du auch alle Ursache hast Dich zu freuen. Wer Henker hätte wol gedacht, daß so Eine, wie Du bist, noch einmal eine Mamsell werden sollte? Annecke . Und wer Henker hätte wol gedacht, daß solch ein Schwein, wie Du bist, noch einmal Rentendiener werden sollte? Heinrich . Hört Kinderchen, für diesmal hab' ich keine Zeit mit Euch weiter davon zu sprechen, die Frau Burgemeisterin erwartet Fremde, ich muß den Kaffe zurichten. Sieh, da ist sie, nun laßt uns gehen, ich muß laufen und den Kaffetisch holen. (Gehen ab.) 54 Vierte Scene. Geske (mit einem Hunde auf dem Arm). Heinrich (kommt zurück mit einem Kaffetisch und stellt sich sehr geschäftig). Geske . Hör' Heinrich, ist schon Syrup im Kaffe? Heinrich . Nein, Frau Meisterin. Geske . Nichts von Herrn oder Frau Meisterin mehr, Heinrich, das sag' ich Dir ein- für allemal. Lauf, hol' den Syrup und thu ihn in den Topf. (Heinrich geht.) Von all diesen Umständen wußt' ich früher nichts; ich denke indessen, wenn ich es nur erst gewohnt bin, wird es mir wol leichter werden. Heinrich . Hier ist der Syrup. Geske . Thu ihn in den Topf. Element, da pochts; nun erleb' ich, daß die Rathsfrauen kommen. Heinrich (an der Thür) . Mit wem wollt Ihr sprechen? Ein Mädchen (draußen) . Sag' Deinem Meister, daß er ärger lügen kann, als zehn Kanngießer, ich habe ein Paar Schuhe zerrissen, blos damit, daß ich so oft nach der Menage habe laufen müssen. Heinrich . Ich frage, mit wem Ihr sprechen wollt? Das Mädchen . Ich will mit Meister Hermann sprechen. Heinrich . Na, da bist Du auf dem Holzweg; hier wohnt Burgemeister von Bremenfeld. Das Mädchen . Das ist doch schrecklich, erst kann man seine Sachen nicht fertig kriegen, und dann soll man sich noch obenein von solchem lumpigen Kanngießer zum Narren halten lassen. Heinrich . Hast Du Dich über den Kanngießer zu beklagen, so geh' aufs Rathhaus; wenn ich anders den Burgemeister von Bremenfeld kenne, wirst Du schon Recht kriegen. Zwei Lakaien (draußen) . Unsere wohledlen Frauen lassen fragen, wann es der Frau Burgemeisterin genehm ist, so möchten sie gern die Ehre haben, ihr aufzuwarten. Heinrich (zum Mädchen) . Hörst Du nun, Du Carnallie, daß hier kein Kanngießer wohnt? (Zu den Bedienten) Ich werde fragen, ob die Frau Burgemeisterin zu Hause ist. (Das Mädchen geht.) 55 Heinrich (zu Geske) . Da sind zwei Rathsfrauen draußen, die wollen mit der Frau Meisterin sprechen. Geske . Laß sie hereinkommen. Fünfte Scene. Madame Abrahams . Madame Sanderus . Geske . Heinrich . (Beide küssen Gesken das Kleid.) Madame Abrahams . Wir sind heut hiehergekommen, um unsere unterthänigste Gratulation abzustatten und die herzliche Freude und das Vergnügen zu temoigniren, so Dero Avancement uns bereitet, ingleichen uns in Dero Affection und Gewogenheit zu recommandiren. Geske . Très humble serviteur . Ich weiß nicht, ob Sie vielleicht ein Schälchen Kaffe trinken? Madame Abrahams . Wir danken der Frau Burgemeisterin, wir sind für diesmal blos gekommen, um zu gratuliren. Geske . Très humble serviteur . Aber ich weiß schon, Kaffe trinken Sie gern, Sie wollen sich blos nöthigen lassen. Haben Sie doch die Güte und nehmen Sie Platz, der Kaffe ist gleich fertig. Heinrich? Heinrich . Wohlgeborne Frau. Geske . Hast Du den Syrup in den Kaffe gethan? Heinrich . Ja wohl. Geske . Seid denn so gut, Ihr lieben Madamen, und nehmt vorlieb. Madame Sanderus . Frau Burgemeisterin will die Güte haben, uns zu excusiren, wir trinken niemals Kaffe. Geske . Ei dummes Zeug, das weiß ich besser, haben Sie die Güte und nehmen Sie Platz. Madame Abrahams (bei Seite) . Ach Masoeur, ich bin im Stande, mich zu übergeben, wenn ich blos an den Syrup denke. Geske . Heinrich, komm mal 'rein, schenk' die Tassen ein. Madame Sanderus . Es ist schon genug, Kamerad; ich kann blos eine halbe Tasse trinken. 56 Heinrich . Ich soll die Frau Burgemeisterin bitten, doch einen Augenblick zum Herrn Burgemeister zu kommen. Geske . Entschuldigt mich, Ihr guten Frauen, ich muß einen Augenblick fort; Sie werden aber gleich die Ehre haben, mich wiederzusehen. (Ab.) Sechste Scene. Die beiden Rathsherrenfrauen allein. Erste Rathsherrenfrau . Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha! Wer ist nun am meisten angeführt, Schwester, sie, daß wir hier sitzen und sie heimlich auslachen, oder wir, daß wir Kaffe mit Syrup trinken müssen? Zweite Rathsherrenfrau . Sprich mir um Gottes willen nicht mehr von dem Syrup, Schwester; es sitzt mir schon bis hieher, wenn ich blos daran denke. Erste Rathsherrenfrau . Hast du Acht gegeben, welche Miene sie machte, als wir ihr die Schürze küßten? Ha, ha, ha, ha, ha! Das vergesse ich nicht, so lange ich lebe, das très-humble-serviteur , ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha! Zweite Rathsherrenfrau . Lach' nicht so laut, Schwester; ich bin bange, daß sie es hören kann. Erste Rathsherrenfrau . Ach Schwester, das ist 'ne Kunst sich hier das Lachen zu verhalten. War das nicht auch ein allerliebster Hund, den sie auf dem Arme hatte? Der schönste Kettenhund, den man sich nur wünschen kann; ich wette, sie nennt ihn noch obendrein Joli. Ach Himmel, wie wahr ist es doch, was das Sprüchwort sagt, daß Niemand so hochmüthig ist, als der Bauer, wenn er zum Edelmann wird! Darum ist auch nichts gefährlicher als solch rascher Glückswechsel. Wer von vornehmer Familie stammt, und eine anständige Erziehung genossen hat, der verändert sich nicht so leicht, ja im Gegentheil, er wird wol gar demüthiger, je höher er steigt. Die Menschen aber, die so rasch in die Höhe schießen, wie die Pilze, in denen ist die Hoffart so recht zu Hause. 57 Zweite Rathsherrenfrau . Woher mag das nur kommen? Solche Leute, dünkt mich, müßten ja erst recht demüthig sein, wenn sie ihres früheren Standes gedenken. Erste Rathsherrenfrau . Das liegt wol daran: wer wirklich vornehm ist, denkt gar nicht daran, man könnte ihm die schuldige Ehre verweigern, und bekümmert sich daher auch nicht darum, wie man sich gegen ihn benimmt. Gemeine Leute dagegen sind gegen Jedermann voll Mißtrauen; jedes Wort, jede Miene, denken sie, soll ihnen ihre Herkunft vorrücken, und darum suchen sie ihre Würde durch Stolz und Tyrannei aufrecht zu erhalten. Glaub' mir, Herzensschwester, es ist doch was dran, von guter Herkunft zu sein. Aber da kommt der Bursche zurück, jetzt müssen wir still sein. Siebente Scene. Heinrich . Die Rathsherrenfrauen . Heinrich . Lassen sich die guten Madamen nur nicht die Zeit lang werden, Ihro Wohlgeboren werden gleich wieder da sein. Der Herr Burgemeister hat ihr ein neues Halsband für ihren Hund verehrt, aber es war ein wenig zu weit, und nun ist der Schneider drin, um das Maß zu nehmen von dem Hunde seinem Hals; sobald das besorgt ist, kommt sie wieder. Aber, Ihr guten Madamen, Ihr müßt nicht böse sein, wenn ich Sie um etwas bitte: wollen Sie wol so gut sein und an mich denken, so mit einer kleinen Discretion? Ich habe schwere Arbeit hier im Hause und muß schleppen wie ein Vieh. Erste Rathsherrenfrau . Mit Vergnügen, Kamerad, hier ist ein Gulden, wenn er den nicht verschmähen will. Heinrich . Ach, mich gehorsamst zu bedanken, ich wollte nur, ich könnte Ihnen wieder dienen. Nun sollen Sie aber auch tüchtig trinken, während die Madame draußen ist, sie nimmt's wahrhaftig nicht übel, und wenn auch, so will ich sie schon wieder gut machen. Erste Rathsherrenfrau . Ach, Kamerad, der größte Dienst, den Ihr uns erweisen könnt, ist, uns nicht zu nöthigen. 58 Heinrich . Wie gesagt, wohlgeborne Madamen, die Frau Burgemeisterin nimmt das nicht übel, Sie müssen nur tüchtig trinken. Aber vielleicht ist er nicht süß genug? Wir können gleich noch Syrup kriegen. Aber da kommt die Frau Burgemeisterin selbst. Geske . Bitte um Entschuldigung, daß ich so lange geblieben bin. Aber die Damen haben ja nicht getrunken, die Kanne müssen wir leer kriegen, auf mein Wort, und hernach, wenn wir Kaffe getrunken haben, müssen Sie unser Bier kosten, das ist, ohne Ruhm zu melden, so gut, wie irgendwo in der Stadt. Madame Sanderus . Ach, mir wird auf einmal so übel, die Frau Burgemeisterin muß mich excusiren, ich muß fort, meine Schwester wird wol bleiben und es mit Dank annehmen. Madame Abrahams . Nein, das wäre ja Sünde, wenn ich meine Schwester verließe. Wir recommandiren uns der Frau Burgemeisterin zu Gnaden. Geske . Ja da müßt Ihr wahrhaftig ein Glas Branntwein nehmen, davon werdet Ihr gleich wieder gesund, das vertreibt die Winde. Heinrich, spring' einmal hinaus, hol' ein Glas Genever, Madam ist nicht wohl. Madame Sanderus . Nein Excuse, Frau Burgemeisterin, ich muß gehen. (Beide ab.) Neunte Scene. Eine andere Rathsherrenfrau . Geske . Heinrich . Die Rathsherrenfrau . Unterthänige Dienerin, wohlgeborne Frau. Ich komme, schuldigermaßen meinen Glückwunsch abzustatten. (Geske reicht ihr die Hand zum Küssen hin und sie küßt sie ihr.) 59 Geske . Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn ich oder der Burgemeister Ihr dienen können. Will Sie sich nicht setzen, sei Sie doch so gut; Sie muß keine Complimente machen, sondern thun, als ob Sie bei Ihres Gleichen wäre. Die Rathsherrenfrau . Ich danke gehorsamst, wohlgeborne Frau. (Setzt sich.) Geske . Da waren eben ein Paar von Ihren Mitcolleginnen und tranken Kaffe mit mir, ich glaube wol, es sind noch ein paar Tassen übrig; wenn Ihnen gefällig ist, der Grund ist das Beste. Ich kann meiner Treu nicht mehr trinken, ich habe schon so viel in den Leib gekriegt, mir steht der Magen, wie 'ne Trommel. Die Rathsherrenfrau . Ich danke unterthänigst, ich habe so eben Kaffe getrunken. Geske . Nach Belieben. Wir vornehmen Leute nöthigen Niemand. Aber hört, meine gute Madam, kann Sie mir keine Französin recommandiren für mein Fräulein Tochter? Ich möchte gern, daß sie französisch lernte. Die Rathsherrenfrau . Ja, wohlgeborne Frau, ich kenne Eine, die ist recht geschickt. Geske . Gut, aber das muß sie sich zum Voraus merken, daß sie mich nicht Madam nennt, wie diese Franzosen wol zu thun pflegen, das leide ich nicht. Nicht als ob ich hochmüthig wäre; aber ich habe so mein Bedenken dabei. Die Rathsherrenfrau . Nein, das muß auch nicht sein. Aber könnt' ich nicht die Ehre haben, dem Fräulein Tochter ebenfalls die Hände zu küssen? Geske . Herzlich gern. Heinrich, ruf' mal das Fräulein; sag' ihr, hier wär eine Rathsherrenfrau, die wollte ihr die Hände küssen. Heinrich . Ich glaube nicht, daß sie kommen kann; sie sitzt eben und versohlt ihre Strümpfe. Geske . Nun hör' ein Mensch, wie der Tölpel da steht, und ins Blaue schwatzt! Ha, ha, ha! er wollte sagen, sie baldyrt. ( Arianke Goldschmiedin , was eine verkleidete Mannsperson ist, tritt ein.) Arianke . Ach, meine liebe Schwester Geske, ist das wahr, daß Dein Mann Burgemeister geworden ist?! Das ist mir doch 60 so lieb, als ob mir Einer zwei Mark geschenkt hätte. Nun zeig' einmal, daß Du nicht stolz geworden bist, sondern Deine Dutzschwester noch kennst. (Geske bleibt stumm.) Seit wann ist Dein Mann Burgemeister, Schwester? (Geske bleibt noch immer stumm.) Du sitzest in Gedanken, Schwester, ich frage, seit wann Dein Mann Burgemeister ist? Die Rathsherrenfrau . Ihr müßt mehr Respect zeigen, gutes Madamchen, für die Frau Burgemeisterin. Arianke . Nein, wahrhaftig, mit meiner Schwester Geske mach' ich keine Complimente, wir sind ja immer ein Herz und eine Seele gewesen. Aber wie steht's, Schwester? Mir scheint doch, Du bist etwas hochmüthig geworden? Geske . Gutes Mutterchen, ich kenne Sie nicht. Arianke . Na, so kennt mich doch Gott. Wenn Du Geld gebraucht hast, hast Du mich wohl gekannt; Du kannst nicht wissen, mein Mann kann noch dasselbe werden, wie Deiner, bevor er stirbt. (Geske wird unwohl, sie holt ein Riechfläschchen heraus und riecht daran.) Heinrich . Hinaus mit Dir, Du altes grobes Stück! Denkst Du, Du stehst hier in Deiner Schmiede, daß Du so sprichst? (Faßt sie bei der Hand und führt sie hinaus.) Geske . Ach, Madam, das ist eine Pein, mit diesen gemeinen Leuten umzugehen! Heinrich, Du sollst die Schwerenoth kriegen, wenn Du noch einmal solch ein Bürgerweib hereinläßt. Heinrich . Die Sau war besoffen, der Branntwein stank ihr zum Halse heraus. Die Rathsherrenfrau . Der Vorfall thut mir herzlich leid; ich fürchte, die Frau Burgemeisterin haben sich geärgert. Vornehme Leute ertragen nicht viel; je höher der Mensch steigt, je schwächer werden die Nerven. Geske . Ja, ich kann der Frau zuschwören, daß ich bei weitem nicht die Gesundheit mehr habe, wie in meinem früheren Stande. Die Rathsherrenfrau . Das glaub' ich gern, Ihro Wohlgeboren werden noch dahin kommen, daß Sie jeden Tag 61 Medicin nehmen, so haben es die früheren Burgemeisterfrauen auch gemacht. Heinrich (zu den Zuschauern) . Es ist mir, meiner Six, auch so, als hätt' ich, seit ich Rentendiener geworden bin, nicht mehr die Gesundheit, wie früher; ich habe so ein Stechen gekriegt, an, an, just hier in meiner linken Seite. Ihr lacht darüber? Aber es ist wahrhaftig Ernst, ich fürchte ma foi , ehe ich selbst noch ein Wort davon weiß, hab' ich das Podagra am Halse. Die Rathsherrenfrau . Die Frau Burgemeisterin muß sich auch einen Doctor nehmen, gleich jahrweise für das ganze Haus: der kann ihr dann so einige Tropfen geben, die sie zum weuigsten immer in einer Flasche parat haben muß, ob sie gebraucht werden oder nicht. Geske . Ja, wahrhaftig, den Rath will ich befolgen. Heinrich, spring mal nachher hin zum Doctor Hermelin und bitte ihn, wenn er Zeit hat, soll er einmal seine Aufwartung bei mir machen. Die Rathsherrenfrau . Ich muß nun Abschied nehmen, wohlgeborne Frau, und recommandire mich zu Gnaden. Geske . Ist schon recommandirt, meine liebe Frau Rathsherrin. Wenn Sie was mit mir oder Meister Hermann – wollt' ich sagen, Burgemeister von Bremenfeld zu sprechen hat, nur ohne Umstände; wo wir Ihr oder Ihrem Liebsten zu Diensten sein können, werden wir nicht manquiren. Die Rathsherrenfrau (küßt ihr die Schürze und sagt) : Unterthänigste Dienerin. Geske . Nun komm herein, mein Mann will hier Audienz geben. (Alle ab.) 62 Fünfter Act. Erste Scene. Heinrich . Zwei Advocaten . Nachher ein Mann . Heinrich . Element, nun geht meine Ernte an, nun ist Audienzstunde. Nun sollt Ihr sehen, Ihr guten Leute, ob Einer, der zehn Jahre im Dienst gewesen, sich besser dazu anstellen kann, als ich. Da hör' ich schon pochen. Mit wem wollen die guten Herren sprechen? Advocat . Wir wollten gern die Ehre haben, mit dem Herrn Bürgermeister zu sprechen. Heinrich . Er ist noch nicht aufgestanden. Advocat . Noch nicht aufgestanden um vier Uhr Nachmittags?! Heinrich . Ja, aufgestanden ist er wol, aber er ist ausgegangen. Advocat . Aber wir sind ja eben erst in der Thür Jemand begegnet, der mit ihm gesprochen hat? Heinrich . Ja, zu Hause ist er am Ende wol, aber er befindet sich nicht wohl. (Leise) Die Kerle sind so dumm wie's Vieh, die können nicht begreifen, was ich meine. Advocat (leise) . Ich merke schon, mon frère , der Kerl will sich schmieren lassen; wir müssen ihm einen Gulden in die Hand drücken, dann werden wir schon zum Bürgermeister kommen. Hört, Kamerad, wollt Ihr ein paar Gulden nicht verschmähen, auf unsere Gesundheit zu trinken? Heinrich . Nein, Ihr guten Herren, Geschenke nehm' ich nie. 63 Advocat . Ja, was sollen wir da machen, mon frère ? Da müssen wir wol ein ander Mal wiederkommen. Heinrich (winkt ihnen) . Holla, Messieurs, seid doch nicht so eilig! Weil Sie es sind, will ich die zwei Gulden nehmen, Sie könnten sonst denken, ich wäre hochmüthig, und das könnte dem Ruf unseres Hauses schaden. Advocat . Sieh hier, Kamerad, da sind zwei Gulden, wenn Ihr die nicht verschmähen wollt; nun aber seid auch so gut und verschafft uns Audienz. Heinrich . Gehorsamster Diener. Ihretwegen will ich Alles thun, was ich kann. Der Burgemeister ist zwar gesund wie ein Pferd, aber doch nicht wohl genug, um mit Jedem zu sprechen. Aber da Sie es sind, Messieurs, so ist das eine andere Sache, wollen Sie nur so gut sein und einen Augenblick warten, ich werde Sie sogleich anmelden. Aber da pocht es schon wieder; mit wem wollt Ihr sprechen, guter Freund? Ein Mann (greift in die Hosentasche) . Ich möchte gern die Ehre haben, mit dem Herrn Burgemeister zu sprechen. Heinrich (leise) . Der Mann weiß zu leben, der greift gleich in die Tasche. (Laut) Ja, mein Herr, er ist zu Hause und Ihr sollt ihn sogleich zu sprechen kriegen. (Heinrich hält die Hand hin, der Andere aber, statt des Geldbeutels, holt blos seine Uhr heraus und sagt:) Der Mann . Es ist schon vier Uhr, sehe ich. Heinrich . Wer war es doch, mit dem Monsieur sprechen wollte? Der Mann . Mit dem Herrn Burgemeister. Heinrich . Der ist nicht zu Hause, Monsieur. Der Mann . Aber Ihr sagtet ja eben, er wäre zu Hause? Heinrich . Kann wol sein, Monsieur: aber dann hab' ich mich versprochen. (Der Mann geht ab.) Heinrich (leise) . Seh mal Einer den Gauner! Du denkst wol auch, der Burgemeister steht für dich immer parat? (Zu den Advocaten) Nun werd' ich Sie gleich melden. (Ab.) Advocat . Sieh nur den Burschen, wie der sich schon in sein 64 Amt zu finden weiß. Verstell' Dich nur gut, mon frère , wir sind die Ersten, die diesem guten Kanngießer das Leben sauer machen, unsere Kameraden werden die Komödie zu Ende bringen. Aber sieh, da kommt er. Zweite Scene. Die Vorigen . Bremenfeld . Nachher ein altes Weib . Erster Advocat . Aus tiefstem Herzensgrunde wünschen wir dem wohlgebornen Herrn Bürgermeister Glück zur hohen Würde, die ihm in dieser Stadt zu Theil geworden, und verhoffen, daß Er, was Milde, Weisheit und Wachsamkeit anbetrifft, keinem seiner Vorgänger nachstehen wird, sintemal Ihro Wohlgeboren sich den Weg zu diesem hohen Amte gebahnt haben nicht durch Reichthum, Verwandtschaft und Freunde, sondern allein durch Dero bekannte große Tugenden, Gelehrsamkeit und Erfahrenheit in Staatssachen. Bremenfeld . Très humble serviteur . Zweiter Advocat . Vornehmlich freuen wir uns darüber, daß wir einen Mann zur Obrigkeit bekommen haben, der nicht allein mit einem fast göttlichen Verstande begabt ist . . . . Bremenfeld . Gott sei gedankt. Zweiter Advocat . Sondern der auch dafür bekannt ist, daß er freundlich ist gegen Jedermann und es als sein größtes Vergnügen betrachtet, die Klagen des Publikums zu hören und ihnen abzuhelfen. Ja, ich kann sagen, daß ich vor Freude beinahe in Ohnmacht gefallen bin, da ich zuerst hörte, daß die Wahl den Herrn Bürgermeister von Bremen getroffen – Bremenfeld . Ihr müßt sagen von Bremenfeld, Messieurs. Zweiter Advocat . Ich bitte unterthänigst um Verzeihung, ich wollte sagen Bürgermeister von Bremenfeld. Heute nun sind wir gekommen, erstlich unsern unterthänigen Glückwunsch abzustatten, demnächst um Ihro Wohlgeboren um Rath zu fragen in einer Streitigkeit, welche sich zwischen unsern Clienten erhoben hat. Besagte Zwistigkeit hatten wir Anfangs 65 beschlossen, vom Gericht entscheiden zu lassen; später jedoch haben wir uns anders besonnen und wollen zur Vermeidung des Zeitverlustes und der Unkosten, die ein regelrechter Prozeß doch immer macht, uns dem Ausspruch des Herrn Bürgermeisters unterwerfen; bei dem wollen wir es dann bewenden lassen. (Bremenfeld setzt sich, indem er die Andern stehen läßt.) Erster Advocat . Unsere beiden Clienten sind Nachbarn, aber da ist ein fließendes Wasser, das ihre Besitzungen von einander trennt. Nun hat es sich vor drei Jahren zugetragen, daß das Wasser ein großes Stück Erde von meines Clienten Grund und Boden abgelöst und auf meines Gegners Acker geführt hat. Soll er das nun behalten? Heißt es nicht: Nemo ulterius damno debet locupletari ? Hier will sich ja sein Client bereichern auf meines Clienten Kosten, was doch aparte streitet wider aequitatem naturalem ; ist's nicht so, Herr Bürgermeister? Bremenfeld . Ja, das ist unbillig, das muß Niemand verlangen, Ihr habt Recht, Monsieur. Zweiter Advocat . Aber Justinianus sagt ja ausdrücklich libro secundo Institutionum, titulo primo, de alluvione... Bremenfeld . Was Henker schert das mich, was Justinianus oder Alexander Magnus sagt? Die haben vielleicht ein paar tausend Jahre früher gelebt, bevor Hamburg gebaut ist, wie können die über Dinge urtheilen, die zu ihrer Zeit noch gar nicht vorhanden waren?! Zweiter Advocat . Ich will doch nicht hoffen, daß Euer Wohlgeboren die Gesetze verwerfen, die in ganz Deutschland anerkannt sind? Bremenfeld . Nein, so meint' ich das nicht, Ihr habt mich nicht recht verstanden, ich wollte nur sagen . . . . . . (Er hustet dazwischen) . Seid so gut und fahrt in Eurer Sache fort. Zweiter Advocat . Justinian schreibt wörtlich: Quod per alluvionem agro tuo flumen adjecit, jure gentium tibi adquiritur . Bremenfeld . Herr Advocat, Ihr sprecht so verwünscht schnell. Sagt mir das deutlicher. (Der Advocat sagt dasselbe noch einmal, aber langsam.) 66 Bremenfeld . Ei, Monsieur, Ihr habt eine verflucht schlechte Aussprache im Lateinischen; bedient Euch Eurer Muttersprache, das wird Euch leichter werden. Ich sage das nicht deshalb, als ob ich mit dem Latein etwa auf gespanntem Fuße lebte, ich spreche mitunter ganze Stunden lang Latein mit meinem Bedienten. Ist das nicht so, Heinrich? Heinrich . Das ist was Einziges, meinen Herrn Lateinisch sprechen zu hören; die Thränen, schwör' ich Euch, stehen mir in den Augen, sowie ich daran denke. Das ist gleichsam, als wenn Erbsen in einem Kessel kochen, so heftig laufen ihm die Worte vom Munde. Weiß der Teufel, wie ein Mensch sich beim Sprechen so expediren kann. Aber was thut nicht die lange Uebung! Zweiter Advocat . Justinian, wohlgeborner Herr Bürgermeister, sagt Folgendes: Was durch einen Fluß von eines Andern Acker abgerissen und dir zugeführt wird, das gehört dir. Bremenfeld . Ja, soweit hat Justinianus Recht, das war ein braver Mann; ich habe zu viel Respect vor ihm, als daß ich sein Urtheil umstoßen sollte. Erster Advocat . Aber, Herr Bürgermeister, mein Gegenpart liest das Gesetz, wie der Teufel die Bibel; er vergißt, was gleich darauf folgt: Per alluvionem autem videtur id adjici, quod ita paulatim adjicitur, ut intelligi non possit, quantum quoquo temporis momento adkicitur. Bremenfeld . Messieurs, um Entschuldigung! Ich muß aufs Rathhaus, es schlägt gleich halb Fünf – Heinrich, sieh zu, daß Du die Sache mit ihnen auf der Treppe in Ordnung bringst. Erster Advocat . Ach Herr Bürgermeister, sagt uns doch nur mit Einem Worte Dero Meinung! Bremenfeld . Messieurs, Ihr habt alle Beide Recht, Jeder in seiner Art. Zweiter Advocat . Aber wie ist das möglich, daß wir alle Beide Recht haben?! Wenn ich Recht hätte, dächt' ich, so hat mein Gegenpart Unrecht; Justinians Ausspruch ist ausdrücklich für mich. Bremenfeld . Entschuldigt mich, ich muß stehenden Fußes aufs Rathhaus. 67 Erster Advocat (hält den Bürgermeister fest). Ich habe ja aber bewiesen, daß Justinians Ausspruch für mich ist. Bremenfeld . Ja, allerdings, Justinian spricht für Euch und für Euch auch; warum zum Teufel vergleicht Ihr die Sache da nicht? Ihr kennt Justinian nicht so gut als ich; wenn er den Mantel auf zwei Seiten trägt, so ist das so viel, als wenn er sagen wollte: Packt Euch, Ihr Schubiake, und vergleicht die Sache. Zweiter Advocat . Herr Bürgermeister, um die Meinung des Gesetzgebers recht zu erfassen, muß man doch einen Artikel mit dem andern conferiren; steht denn nicht im gleichfolgenden Paragraph: Quod si vis fluminis de tuo praedio  – Bremenfeld . Ei laßt mich in Frieden, Ihr Rechtsverdreher, Ihr hört ja, ich muß aufs Rathhaus! Erster Advocat . Einen Augenblick, Herr Bürgermeister! Laßt uns nur erst hören, was Hugo Grotius Der allbekannte holländische Gelehrte und Staatsmann, geboren 1583, gestorben 1645, einer der berühmtesten Männer seiner Zeit, der Mitbegründer des modernen Staatsrechts. Bei Gelegenheit des Oldenbarneveldtschen Prozesses sollte er als Arminianer und Staatsverräther enthauptet werden (1619), wurde auch wirklich zu ewigem Gefängniß abgeführt, jedoch durch den aufopfernden Muth seiner Gattin glücklich befreit; daher die »Armenier« (statt Arminianer) Hermanns von Bremen. A.d.Ü. sagt. Bremenfeld . Ich wollte, der Satan holte Euch alle Beide, Euch sammt Eurem Hugo Grotius; was schert mich Hugo Grotius? Das war ein Armenianer; was kümmern uns die Gesetze, die man der Teufel weiß wo in Armenien macht. Heinrich, jage sie gleich zur Thüre 'naus! (Sie gehen ab. Heinrich zankt sich draußen mit Jemand; er kommt kopfüber wieder hereingestürzt, gefolgt von einem alten Weibe , das eine verkleidete Mannsperson sein muß.) Das Weib (packt den Bürgermeister bei der Brust und ruft) . Was ist das für eine Obrigkeit, die solche verfluchte Gesetze gibt, daß ein Mann zwei Weiber nehmen darf?! Denkt Ihr denn, es sei kein Gott mehr im Himmel?! Bremenfeld . Bist Du verrückt, Weib? Wer Henker denkt denn an so was? Das Weib . Hei, hei, hei, ich gehe nicht fort, bis ich Dein Herzblut gesehen habe! ( Peter kommt und wirft das Weib hinaus. Heinrich , der sich versteckt hatte, hilft ihm am Ende dabei.) 68 Dritte Scene. Bremenfeld . Heinrich . Nachher zwei Bürger und ein Lakai . Bremenfeld . Heinrich, Du sollst die Schwerenoth kriegen, wenn Du wieder alte Weiber oder Advocaten hereinläßt, die machen mich todt, jeder auf seine Weise. Aber auch wenn andere Leute kommen, mußt Du ihnen sagen, daß sie sich in Acht nehmen sollen, kein Latein zu sprechen, ich hätte das gewisser Ursachen willen verschworen. Heinrich . Ich habe es auch verschworen aus denselben gewissen Ursachen. Bremenfeld . Du kannst sagen, daß ich nichts spreche als Griechisch. (Es klopft wieder; Heinrich geht an die Thüre und kommt mit einem großen Stoß Acten zurück.) Heinrich . Hier ist ein Stoß Acten vom Syndikus; der Herr Burgemeister möchte so gut sein und seine Bedenken darüber abgeben. (Der Bürgermeister setzt sich an den Tisch und stöbert in den Acten.) Bremenfeld . Es ist doch nicht so leicht, Burgemeister zu sein, wie ich dachte, Heinrich; hier habe ich einige Sachen zur Durchsicht gekriegt, da kann sich der Teufel selbst nicht drin zurecht finden. (Fängt an zu schreiben, steht aufs und trocknet sich den Schweiß ab, setzt sich wieder und streicht aus, was er vorhin geschrieben hat.) Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister. Bremenfeld . Was machst Du da für Spectakel, kannst Du nicht stille sein? Heinrich . Ich rühre mich ja nicht von der Stelle, Herr Burgemeister. Bremenfeld (steht wieder auf, trocknet sich den Schweiß ab wie vorhin und wirft seine Perücke an die Erde, um mit bloßem Kopf besser meditiren zu können; er tritt beim Auf- und Abgehen auf die Perücke und stößt sie zur Seite. Dann setzt er sich wieder hin und schreibt aufs Neue.) Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Dich soll das Donnerwetter, wenn Du nicht 69 ruhig bist; das ist nun schon das zweite Mal, daß Du mich aus dem Concept bringst. Heinrich . Ich habe doch wahrhaftig nichts weiter gethan, als daß ich mir den Rock aufnahm und an meinen Beinen maß, wie viel mir die Livree zu lang ist. Bremenfeld (springt wieder auf, schlägt sich mit der Hand vor den Kopf, um Gedanken zu kriegen) . Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Geh mal 'raus und sage den Weibern, die auf der Straße die Austern ausrufen, sie sollen nicht in der Straße rufen, wo ich wohne; sie stören mich in meinen politischen Verrichtungen. Heinrich (ruft zur Thür hinaus, dreimal) . Hört, Ihr Austernweiber! Ihr Carnallien! Ihr Bestien! Ihr unverschämten Metzen! Ihr Allerwelts-Huren! Habt Ihr denn gar keine Scham mehr, daß Ihr Euch untersteht, in dem Herrn Burgemeister seiner Straße zu rufen und ihn zu stören in seinen politischen Verrichtungen?! Bremenfeld . Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Nun so hör' doch endlich auf, Du Vieh! Heinrich . Es nutzt auch nichts, wenn ich weiter rufe, die ganze Straße wimmelt von solchem Pack; wie eine vorbei ist, kommt gleich eine andere wieder. Daher . . . . Bremenfeld . Kein Geschwätz weiter, sei still und halt Dein Maul! (Setzt sich hin und streicht wieder aus, was er geschrieben hat; schreibt aufs Neue, springt auf und stampft vor Zorn mit den Füssen; ruft:) Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Ich wollte, der Teufel holte die ganze Burgemeisterei; willst Du Burgemeister sein statt meiner? Heinrich . Pfui über den, der das thäte! (Leise) Und ebenso über den, der danach verlangt. Bremenfeld (will sich hinsetzen, um aufs Neue zu schreiben, setzt sich aber in Gedanken fehl und fällt auf die Erde; ruft) : Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Ich liege an der Erde. 70 Heinrich . Das seh' ich wol. Bremenfeld . Nun so komm doch und hilf mir! Heinrich . Der Herr Burgemeister hat gesagt, ich soll mich nicht von der Stelle rühren. Bremenfeld . Das ist ein verwünschter Bursche! (Hilft sich selbst wieder auf.) Klopft es da nicht an der Thüre? Heinrich . Ja. – Mit wem will Er sprechen. Ein Bürger (an der Thüre) . Ich bin der Altmeister vom Hutmachergewerk ich habe eine Klage beim Herrn Burgemeister. Heinrich . Hier ist der Altmeister vom Hutmachergewerk mit einigen Beschwerden. Bremenfeld . Na, ich kann doch nicht mehr als eine Sache auf einmal im Kopfe haben; frag' ihn, was es ist. Der Bürger . Das ist eine weitläufige Geschichte, ich muß den Herrn Burgemeister selbst sprechen; in einer Stunde kann die Sache abgemacht sein, meine Klage besteht blos aus zwanzig Punkten. Heinrich . Er sagt, er müßte den Herrn Burgemeister selbst sprechen, seine Punkte beständen blos aus zwanzig Klagen. Bremenfeld . Ach, Gott schütze mich armen Mann, ich bin schon ganz dämlich im Kopfe. So laß ihn hereinkommen. Der Bürger . Ach Herr Burgemeister, mir armem Manne ist großes Unrecht geschehen, der Herr Burgemeister wird das selbst einsehen, sowie er es zu hören kriegt. Bremenfeld . Ihr müßt das schriftlich aufsetzen. Der Bürger . Ich habe es aufgesetzt auf vier Bogen – Bremenfeld . Heinrich, es klopft schon wieder. Heinrich (an der Thüre) . Mit wem wollt Ihr sprechen? Ein zweiter Bürger (tritt ein) . Ich habe eine Klage beim Herrn Burgemeister gegen den Altmeister vom Hutmachergewerk. Bremenfeld . Wer war das, Heinrich? Heinrich . Das ist diesem Mann sein Gegenpart. Bremenfeld . Er soll Dir seine Eingabe geben; bleibt nur Beide so lange auf dem Vorsaal, Ihr guten Männer. (Die Männer ab.) Heinrich! Heinrich . Ja, Herr. 71 Bremenfeld . Kannst Du mir nicht ein bischen zurecht helfen, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Lies mir mal den Hutmachern ihre Klage vor. Heinrich (liest wie folgt) : »Wohlgeborner, hochgelehrter, gestrenger, fester Herr Bürgermeister! Von dieser guten Stadt löblicher Bürgerschaft achtbaren Gewerken, erscheine ich Endesunterschriebener N. N., unwürdiger Aeltester des achtbaren Hutmachergewerks, als dem der Vortritt gebührt, und nach zuvor abgelegter so ehrerbietiger als herzlicher Gratulation von wegen eines so würdigen und höchst erleuchteten Mannes Erhöhung zu solcher hohen Hoheit, beantrage ich in tiefster Demuth einen von den größten, gefährlichsten und abscheulichsten Mißbräuchen, welche nichtsnutzige Zeiten und noch nichtsnutzigere Menschen hier in der Stadt in Gebrauch gebracht haben, verhoffend, daß Euer Herrlichkeit dem abhelfen werde. Die Sache ist die, daß die Kramer hiesiger Stadt ohne einige Furcht noch Scham öffentlich allerhand Arten von Kleidungsstücken verkaufen und feilbieten, die von Kastor gewebt sind; ja daß sie ihre abscheuliche Dummdreistigkeit so weit treiben, daß sie Strümpfe davon weben lassen, da es doch bekannt ist, daß Bieberhaare allein unserer Profession zugehören; derowegen wir armen Hutmacher die zur Fortsetzung unseres Gewerbes nöthigen Haare nicht mehr mit Geld aufwiegen können, so daß das Publikum von seiner guten Gewohnheit abkommt und nicht mehr zehn bis zwanzig Thaler für einen Hut geben will, unserem Handwerk zu unersetzlichem Schaden an Reputation und Einkommen. Beliebe es nun meinem Herrn Bürgermeister, nachfolgende vierundzwanzig wichtige Urkunden und Gründe in Erwägung zu ziehen, wonach wir Hutmacher unmaßgeblich vermeinen, daß wir allein berechtigt sind, in Kastor zu arbeiten. Nämlich erstens: daß es von alten Zeiten her ein allgemeiner Brauch und Usus gewesen ist, nicht allein hier, sondern in der ganzen Welt, Kastorhüte zu tragen, was mit vielfachen Citaten aus der Historie wie auch durch gerichtlich bescheinigte Zeugenaussagen bewiesen werden kann. Erstens, was die Historie betrifft –« Bremenfeld . Laß die Historie nur weg! 72 Heinrich . Zweitens, was die Zeugenaussagen betrifft: daß Adrian Nielsen, neunundsiebenzig Jahre alt, sich erinnern kann, daß seines Vaters Aeltervater gesagt hat – Bremenfeld . Laß nur ebenfalls weg, was er gesagt hat. Heinrich . Drittens, daß es eine unmäßige Ueppigkeit ist, solche kostbare Haare zu Strümpfen und Kleidern zu verbrauchen, was wider alle gute Ordnung und Sitte streitet, absonderlich seit aus England, Frankreich und Holland so viele kostbare Kleider eingeführt werden, daß man sich daran genügen lassen könnte, ohne einem ehrlichen Manne die Nahrung zu nehmen . . . . Bremenfeld . Genug, Heinrich, ich sehe schon, der Altmeister hat Recht. Heinrich . Aber ich habe doch gehört, daß die Obrigkeit stets beide Parteien hören muß, bevor sie ihr Urtheil fällt; soll ich daher nicht auch die Antwort des Gegenparts lesen? Bremenfeld . Nur zu. (Er giebt ihm nachfolgende Beschwerde des Gegenparts.) Heinrich (liest) : »Hochgeborne Excellenz, hoch erleuchteter und sehr politischer Herr Bürgermeister! So hoch als Dero Verstand über alle Anderen hervorragt, so hoch ragt auch meine Freude über die aller Anderen, seitdem ich gehört habe, daß Ihr Bürgermeister geworden seid. Aber weshalb ich jetzt erscheine, das ist, weil die Hutmacher mir Aergerniß bereiten und nicht wollen, daß ich Stoffe und Strümpfe von Kastor feil halten soll. Ich merke recht gut, was sie wollen: sie wollen den Handel mit Kastor allein haben und daß man den Kastor blos zu Hüten verwenden soll. Aber das verstehen sie nicht. Es ist thöricht, einen Kastorhut zu tragen, den trägt man unter dem Arm, wo er weder wärmt noch nützt, und ein Strohhut leistet denselben Dienst. Kastorstrümpfe und Kleider dagegen sind ebenso warm wie weich, und wenn der Herr Bürgermeister es nur erst einmal probirt hat, was ja mit der Zeit wol geschehen kann, so wird er selbst bekennen –« Bremenfeld . Halt auf, es ist genug, der hat ja ebenfalls Recht. 73 Heinrich . Aber ich weiß doch, daß sie nicht Beide Recht haben können. Bremenfeld . Na, wer hat denn Recht? Heinrich . Das muß unser Herr Burgemeister wissen. Bremenfeld (steht auf und spaziert hin und her) . Das ist ja eine verfluchte Geschichte! Heinrich, kannst Du mir denn nicht sagen, Du dummes Vieh, wer Recht hat? Wozu geb' ich Dir Hund denn Kost und Lohn? (Draußen erhebt sich ein Lärm, er fragt:) Was ist das für ein Lärm auf dem Gange? Heinrich . Die beiden Bürger haben sich bei den Haaren. Bremenfeld . Geh hinaus, sie sollen Respect vor des Burgemeisters Haus haben! Heinrich . Es ist das Beste, Herr, sie prügeln sich, vielleicht werden sie desto eher gute Freunde. Element, ich glaube, sie wollen einbrechen; horch, wie sie an die Thüre trommeln! (Hermann von Bremenfeld kriecht unter den Tisch und versteckt sich.) Heinrich (ruft) . Wer klopft? Ein Lakai (tritt ein) . Ich komme von einem fremden Residenten, mein Herr hat etwas mit dem Bürgermeister zu sprechen, was von Wichtigkeit ist. (Ab.) Heinrich . Wo Henker ist der Burgemeister geblieben? Hat denn der Teufel den Burgemeister geholt? Bremenfeld (unterm Tisch, ganz leise) . Heinrich, wer war da? Heinrich . Ein fremder Präsident will den Herrn sprechen. Bremenfeld . Bitt' ihn, er soll in einer halben Stunde wiederkommen, und sage, es wären zwei Hutmacher bei mir, die ich expediren müßte. Heinrich, bitte doch auch die Bürger, sie sollen fortgehen bis morgen. Ach, Gott schütze mich armen Mann, ich bin so dämlich im Kopfe, daß ich selbst nicht mehr weiß, was ich thue. Kannst Du mir nicht zurechthelfen, Heinrich? Heinrich . Ich weiß keinen bessern Rath für den Herrn Burgemeister, als daß er sich aufhängt. Bremenfeld . Geh hinaus, hol' mir den Politischen Stockfisch, er liegt auf dem Tisch in der Wohnstube, es ist ein deutsches Buch in weißem Einband; vielleicht kann ich darin 74 finden, wie ich mich gegen fremde Präsidenten zu benehmen habe. Heinrich . Will der Herr Burgemeister auch Senf und Butter dazu haben? Bremenfeld . Nein, es ist ein Buch in weißem Einband. (Während Heinrich draußen ist, geht der Bürgermeister in Gedanken und reißt des Hutmachers Document in Stücke.) Heinrich . Hier ist das Buch – aber was reißt der Herr denn da entzwei? Das ist meiner Treu dem Altmeister seine Klageschrift! Bremenfeld . Ach, das hab' ich in Gedanken gethan. (Er nimmt das Buch und wirft es auf die Erde.) Ich glaube, Heinrich, Dein Rath ist der beste, ich hänge mich auf. (Es klopft.) Heinrich . Holla, nun klopft es schon wieder. (Geht hinaus und kommt weinend zurück.) Ach Herr Burgemeister! zu Hülfe, Herr Burgemeister! Bremenfeld . Was ist denn los? Heinrich . Da ist ein ganzes Regiment Matrosen vor der Thüre, die schreien: Wenn wir nicht Recht kriegen, schlagen wir dem Burgemeister alle Fenster ein. Einer von ihnen hat mich mit einem Stein in den Rücken geworfen, au, au! (Der Bürgermeister kriecht wieder unter den Tisch.) Bremenfeld . Heinrich, bitte die Frau Burgemeisterin, daß sie hinausgeht und sie zur Ruhe bringt, vielleicht haben sie Respect vor dem Frauenzimmer. Heinrich . Ja, richtig! Da seht zu, was Bootsleute für Respect vor den Frauenzimmern haben; geht sie hinaus, so wird sie genothzüchtigt, und dann ist das Ende schlimmer als der Anfang. Bremenfeld . Ei was, sie ist eine alte Frau. Heinrich . Matrosen sind nicht so delikat, an so etwas wagte ich meine Frau nicht. Da pocht es schon wieder; soll ich aufmachen? Bremenfeld . Nein, ich fürchte, es sind die Matrosen. Heinrich, spring' an die Thüre und hör', wer es ist. Heinrich . Sieh da, sie kommen meiner Treu geradeswegs herein; es sind zwei Rathsherren. 75 Vierte Scene. Abrahams . Sanderus . Hermann . Heinrich . Abrahams . Ist der Bürgermeister nicht zu Hause? Heinrich . Ja, gewiß, er sitzt unterm Tisch. Abrahams . Was? Unterm Tisch sitzt der Herr Bürgermeister!? Bremenfeld . Ach, Ihr guten Herren, ich habe ja niemals Burgemeister werden wollen, warum habt Ihr mich in das Unglück gebracht? Abrahams . Ja, das hat Er nun einmal angenommen, nun komm' Er nur vor, Herr Bürgermeister. Wir sind hieher gekommen, um Ihm den großen Verstoß vorzustellen, den Er sich hat gegen den fremden Minister zu Schulden kommen lassen, den Er so höhnisch abgewiesen. Darüber kann ja die Stadt in Ungelegenheiten kommen; wir dachten, der Herr Bürgermeister verständen sich besser aufs jus publicum und Ceremonialien. Bremenfeld . Ach, Ihr guten Herren, Ihr könnt mich ja absetzen, so bin ich erlöst von dieser Bürde, die ich zu schwach zu tragen bin, und der fremde Minister hat seine Satisfaction. Sanderus . Das sei ferne, Herr Bürgermeister, daß wir Ihn absetzen sollten; Er muß uns sofort aufs Rathhaus folgen, um mit dem Syndico zu überlegen, wie das Versehen wieder gut gemacht werden soll. Bremenfeld . Ich gehe nicht aufs Rathhaus und wenn man mich bei den Haaren dahin schleppt! Ich will nicht mehr Burgemeister sein, ich hab' es auch nie sein wollen, eher könnt' ich mir das Leben nehmen! Ich bin Kanngießer mit Gott und Ehren und als Kanngießer will ich sterben! Sanderus . Wollt Ihr denn den ganzen Rath zum Narren halten? Höre, mon frère , hat er die Bürgermeisterstelle nicht angenommen? Abrahams . Ja gewiß, wir haben ja den Rapport schon erstattet. 76 Sanderus . Da wollen wir schon Rath schaffen; auf solche Art läßt sich der ganze Senat nicht protistuiren. (Sie gehen ab.) Fünfte Scene. Hermann . Heinrich . Bremenfeld . Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Was meinst Du wol, was diese Rathsherren mit mir anfangen werden? Heinrich . Ich weiß nicht, Herr, aber sehr aufgebracht waren sie, das hab' ich wol gesehen. Mich wundert, daß sie sich in des Burgemeisters Stube unterstanden, den Mund so vorneweg zu haben. Wär' ich Burgemeister gewesen, ich hätt' ihnen meiner Treu auf höfliche Manier gesagt: Haltet Eure Schnauzen, Ihr Schubiake! steckt die Finger in die Dielen und seht zu, in was für einem Hause Ihr seid. Das dänische Sprüchwort, das Heinrich hier auf spaßhafte Weise verdreht, lautet: »Den Finger in die Erde stecken, um zu sehen, in was für einem Lande man ist.« A.d.Ü. Bremenfeld . Wenn Du nur Burgemeister wärst, wenn Du nur Burgemeister wärst. Ach! ach! ach!! Heinrich . Wenn ich mich in des Herrn Geschäfte mischen dürfte, so wollte ich doch unterthänigst um Eins gebeten haben, nämlich daß ich mich inskünftige von Heinrich nennen dürfte. Bremenfeld . Ei Du unverschämter Bube, ist das jetzt Zeit, mit solchen Narrenspossen zu kommen? nun Du siehst, daß ich rings umgeben bin von Unglück und verdrießlichen Geschäften? Heinrich . Ich thue das auf Parol nicht aus Ehrgeiz, sondern blos um mehr Respect bei meinen Mitbedienten im Hause zu haben, besonders bei Annecke, welche . . . . Bremenfeld . Wenn Du nicht Dein Maul hältst, tret' ich Dir den Schädel in Stücke. Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! Bremenfeld . Kannst Du mir denn nicht ein bischen zurechthelfen, Du dummer Hund? Sieh her, bring' die Sache in Ordnung, oder Dich soll das Donnerwetter! 77 Heinrich . Das ist doch wunderlich, daß der Herr das von mir verlangt: er, der solch kluger Mann ist und allein um seiner Weisheit willen zu solchem hohen Amte berufen ward? Bremenfeld . Willst Du mich obenein noch zum Narren halten? (Nimmt einen Stuhl und will ihn schlagen. Heinrich ab.) Sechste Scene. Hermann von Bremenfeld allein. Setzt sich, die Hände unterm Kinn, und denkt lange nach, springt vor Alteration auf und sagt: Klopfte das nicht? (Er geht sachte an die Thür, sieht aber Niemand, setzt sich wieder nieder, um nachzudenken, bricht in Thränen aus und trocknet sich die Augen mit den Acten; springt vor Alteration wieder auf, gleichsam in Raserei und ruft:) Ein ganzes Bündel Acten vom Syndikus! Altmeister der Hutmacher! Des Altmeisters Gegenpart! Klageschrift in zwanzig Punkten! Aufruhr der Matrosen! Fremder Präsident! Zurechtweisung vom Magistrat! Drohungen! . . . . Ist denn da aber kein Strick zur Hand?! Ich weiß doch, da ist einer hinterm Ofen – (Nimmt den Strick und macht ihn zurecht.) Das war mir prophezeit, daß meine politischen Studien mich erhöhen sollten; die Prophezeiung wird bald erfüllt sein, wenn anders der Strick nicht reißt. Nun laßt den Rath kommen, mit allen seinen Drohungen; nun blase ich ihnen was, wenn ich todt bin. Aber Einen Wunsch hätte ich doch noch: nämlich daß ich den Autor von dem Politischen Stockfisch neben mir hängen sähe, mit seinen sechzehn Staatscabinetten Unter dem Titel von »Staatscabinetten«, »Eröffnetes Staatscabinet«, »Neueröffnetes Staatscabinet« und dergleichen mehr erschienen damals zahlreiche politische Flug- und Streitschriften, in denen besonders die wirklichen und angeblichen Geheimnisse der Diplomatie enthüllt werden sollten. A.d.Ü. und politischen Nachtischen um den Hals. (Nimmt das Buch vom Tisch und reißt es in Stücke.) Du Canaille sollst keinen ehrlichen Kanngießer mehr verführen! So, das ist doch ein kleiner Trost, bevor ich sterbe. Nun muß ich mich nach einem Nagel umsehen, wo ich mich dran aufhänge. Das wird eine merkwürdige Geschichte sein, wenn sie nach meinem Tode sagen: Welcher Burgemeister von Hamburg war wol so wachsam, wie Hermann von Bremenfeld, der, so lange er Burgemeister war, nicht einen Augenblick geschlafen hat?! Ein bekanntes Witzwort Cicero's aus C. Caninius Rutilus, der am letzten Tage des Jahres 46 v. Chr. zu Mittag Consul wurde und also, da das Consulat stets zu Neujahr wechselte, am Abend desselben Tages wieder aufhörte es zu sein. A.d.Ü. 78 Siebente Scene. Antonius . Hermann . Antonius . He, holla, was Henker schafft Ihr da? Hermann . Ich will eben gar nichts mehr zu schaffen haben, und um allen Geschäften zu entgehen, will ich mich aufhängen. Wollt Ihr Compagnie machen, soll es mir ein Vergnügen sein. Antonius . Nein, das will ich nicht; aber was bringt Euch zu solchem verzweifelten Entschluß? Hermann . Hör', Antonius, es nutzt nichts mehr, davon zu reden. Ich hänge mich, ist es nicht heut, so ist es morgen; ich bitte blos noch, bevor ich sterbe, daß Ihr der Frau Burgemeisterin und dem Fräulein Tochter meinen Respect vermeldet, und sie sollen mir folgende Grabschrift setzen: Steh still, Wandersmann! Hier hängt Burgemeister von Bremenfeld, Der in der ganzen Zeit, daß er Burgemeister war, Nicht eine Minute schlief. Geh Du hin und thue desgleichen. Aber Ihr wißt vielleicht noch gar nicht, lieber Antonius, daß ich Burgemeister geworden bin und ein Amt gekriegt habe, wo ich nicht mehr weiß, was schwarz oder was weiß ist, und zu dem ich mich ganz untüchtig fühle? Denn an den zahlreichen Widerwärtigkeiten, so mir begegnet sind, hab' ich es gemerkt, daß es ein großer Unterschied ist, Obrigkeit zu sein und über die Obrigkeit zu raisonniren. Antonius . Ha ha ha ha ha ha! Hermann . Lacht mich nicht aus, Antonius, Ihr thut eine Sünde damit. Antonius . Ha ha ha. Nun merke ich, wie das zusammenhängt. Ich war eben im Wirthshaus, da wollten die Leute bersten vor Lachen über eine Komödie, welche man mit Hermann von Bremen gespielt hat: nämlich daß einige junge Leute ihm eingebildet haben, er wäre Burgemeister geworden, blos um zu 79 sehen, wie er sich wol dabei benehmen würde. Es ärgerte mich in der Seele, wie ich davon hörte, kam deshalb sofort hieher, um Euch zu warnen. Hermann . Was? Da bin ich nicht Burgemeister? Antonius . Nein, das ist pures erdichtetes Zeug, blos um Euch Eure Narrheit abzugewöhnen, daß Ihr über hohe Dinge raisonnirt, die Ihr nicht versteht. Hermann . Ach, und das mit dem fremden Residenten ist auch nicht wahr? Antonius . Nein, gewiß nicht. Hermann . Und das mit dem Altmeister der Hutmacher auch nicht? Antonius . Es ist erdichtet, Alles zusammen. Hermann . Und mit den Matrosen auch nicht? Antonius . Nein, nein! Hermann . Na, da häng' sich der Teufel – Geske! Engelke! Peter! Heinrich! Heraus, alle zusammen! Achte Scene. Hermann . Antonius . Geske . Engelke . Peter . Heinrich . Hermann . Mein Herzensweib, geh wieder an die Arbeit; mit unserer Burgemeisterei ist es zu Ende! Geske . Zu Ende? Hermann . Ja ja, es ist zu Ende; einige Spottvögel haben sich zusammengethan, uns zu vexiren – Geske . Uns vexiren? . . . Na, da sollen sie die Schwerenoth kriegen und Du dazu. (Sie giebt ihm Ohrfeigen; Hermann prügelt sie tüchtig.) Ach, mein Herzensmann, schlag' mich nicht mehr! Ach, mein Herzensmann, hör' auf! Hermann . Du sollst wissen, Weib, daß ich nicht mehr Politikus bin und daher auch nicht mehr bis zwanzig zähle, wenn ich Ohrfeigen kriege. Von jetzt an will ich ein anderes Leben führen, meine Bücher ins Feuer werfen und allein meines Handwerks wahrnehmen. Auch warne ich Euch hiemit sämmtlich 80 ein für allemal, daß ich Keinen von Euch sehe, daß er mir in einem politischen Buche liest oder mir eins ins Haus bringt, das soll ihm übel bekommen. Heinrich . Für meine Person, Herr Burgemeister, sag' ich gut: ich kann weder lesen noch schreiben. Hermann . Laß nur die beiden ersten Sylben weg und nenne mich schlechtweg Meister! Denn Kanngießer bin ich und will als Kanngießer sterben. Hört, Monsieur Antonius, ich weiß, daß Ihr meiner Tochter gut seid; meine früheren Capricen haben Eurer Liebe im Wege gestanden. Hiemit habt Ihr nun die Einwilligung von Vater und Mutter, so daß, wenn Ihr noch desselben Sinnes seid, alle Hindernisse gehoben sind. Antonius . Ja, ich bleibe fest bei meinem Vorsatz und bitte, daß Ihr sie mir zur Frau gebt. Hermann . Bist Du ebenfalls einverstanden, Geske? Heinrich . Ach, das ist nicht Noth zu fragen, die Frau Burgemeisterin war von jeher für die Partie – Geske . Halt den Mund, Du Narr, ich kann noch selbst antworten. Meine Zustimmung, mein Herzensmann, hab' ich schon vor drei Jahren gegeben. Hermann . Dich, Engelke, will ich nicht erst fragen, ich weiß, Du bist in ihn verliebt wie eine Ratte in den Käse; ist's nicht so? Heinrich . Antwortet doch, Fräulein – Hermann . Wüßt' ich, daß Du diese Titel aus Bosheit giebst, sollt' es Dir schlecht bekommen. Heinrich . Nein, wahrhaftig, Meister, das thu' ich nicht; man kann blos nicht so rasch wieder aus der Gewohnheit kommen. Hermann . Gebt Euch denn die Hände, Ihr Zwei . . . So, nun ist das gut, morgen wollen wir Hochzeit halten. Heinrich! Heinrich . Herr Burgemeister! . . . . Um Vergebung – Ja, Meister! Hermann . Du verbrennst mir sogleich alle meine 81 politischen Bücher, ich will das nicht mehr vor Augen sehen, was mich auf solche thörichten Gedanken gebracht hat. Wer die Regierung schimpft und schmäht, Kann drum noch nicht regieren; 's ist Eins, die Karte zu verstehn, Ein Andres, Steuer führen. Zwar aus politischen Büchern lernt Gar leicht man, Lärm zu schlagen; Doch Land und Leuten vorzustehn, Das will noch mehr besagen. Drum lerne jeder Handwerksmann Aus dem, was mir passiret: Wer die Regierung tadelt, ist Der Mann nicht, der regieret. Und wagt ein Kannegießer sich An Burgemeisters Sachen, Das ist, als wollte Kannen uns Ein Burgemeister machen.