Friedrich Hölderlin Empedokles Personen Empedokles Pausanias , sein Schüler Hermokrates , Oberpriester von Agrigent Kritias , Archon von Agrigent Panthea , dessen Tochter Delia , ihre Gefährtin Agrigentiner. Drei Sklaven des Empedokles. Ein Bauer. Ort: 1. Akt: Agrigent; 2. Akt: der Ätna Erster Akt 1. Panthea. Delia. Panthea . Dies ist sein Garten! Dort im geheimen Dunkel, wo die Quelle springt, dort stand er jüngst, als ich vorüberging – du hast ihn nie gesehn? Delia . O Panthea! Bin ich doch erst seit gestern mit dem Vater in Sizilien. Doch ehemals, da ich noch ein Kind war, sah ich ihn auf einem Kämpferwagen bei den Spielen in Olympia. Sie sprachen damals viel von ihm, und immer ist sein Name mir geblieben. Panthea . Du mußt ihn jetzt sehn, jetzt! Man sagt, die Pflanzen merkten auf ihn, wo er wandre, und die Wasser der Erde strebten herauf, da wo sein Stab den Boden berühre, und wenn er bei den Gewittern in den Himmel blicke, teile die Wolke sich, und hervor schimmre der heitre Tag. – Das all mag wahr sein! Doch was sagt's? Du mußt ihn selbst sehen! einen Augenblick! und dann hinweg! ich meid' ihn selbst, ein furchtbar, allverwandelnd Wesen ist er. Delia . Wie lebt er denn mit anderen? Ich begreife nichts von diesem Manne. Sage, hat er, wie wir, auch seine leeren Tage, wo man sich alt und unbedeutend dünkt? Und gibt es auch ein menschlich Leid für ihn? Panthea . Ach! da ich ihn zum letzten Male dort Im Schatten seiner Bäume sah, da hatt' er wohl Sein eigen tiefes Leid – der Göttliche. Mit wunderbarem Sehnen, traurigforschend, Wie wenn er viel verloren, blickt' er bald Zur Erd' hinab, bald durch die Dämmerung Des Hains hinauf, als wär' ins ferne Blau Das Leben ihm entflogen, und die Demut Des königlichen Angesichts ergriff Mein ringend Herz: – auch du mußt untergehn, Du schöner Stern – und lange währet's nicht mehr! Das ahnte mir. Delia . Hast Du mit ihm auch schon gesprochen, Panthea? Panthea . Oh, daß du daran mich erinnerst! Es ist nicht lange, daß ich todeskrank daniederlag. Schon dämmerte der Tag vor mir, und um die Sonne wankte, wie ein seellos Schattenbild, die Welt. Da rief mein Vater, wenn er schon ein arger Feind des hohen Mannes ist, am hoffnungslosen Tage den Vertrauten der Natur; und als der Herrliche den Heiltrank mir gereicht, da schmolz in zauberischer Versöhnung mir mein kämpfend Leben ineinander und wie zurückgekehrt in süße, sinnenfreie Kindheit schlief ich wachend viele Tage fort und kaum bedurft' ich eines Atemzugs. Wie nun in frischer Luft mein Wesen sich zum ersten Male wieder der lang entbehrten Welt entfaltete, mein Auge sich in jugendlicher Neugier dem Tag erschloß, da stand Empedokles! o wie göttlich und wie gegenwärtig mir! Am Lächeln seiner Augen blühte mir das Leben wieder auf! Ach, wie ein Morgenwölkchen floß mein Herz dem hohen süßen Licht entgegen, und ich war der zarte Widerschein von ihm. Delia . O Panthea! Panthea . Der Ton aus seiner Brust! in jeder Silbe klangen alle Melodien! und der Geist in seinem Wort! – Zu seinen Füßen möcht' ich sizen, stundenlang, als seine Schülerin, sein Kind, in seinen Äther schaun und auf zu ihm frohlocken, bis in seinen Himmelshöhen sich mein Sinn verlöre droben. Delia . Was würd' er sagen, Liebe, wenn er's wüßte! Panthea . Er weiß es nicht, der Unbedürft'ge wandelt In seiner eignen Welt; in leiser Götterruhe geht Er unter seinen Blumen, und es scheun Die Lüfte sich, den Glücklichen zu stören; Ihm schweigt die Welt, und aus sich selber wächst In steigendem Vergnügen die Begeisterung Ihm auf, bis aus der Nacht des schöpfrischen Entzückens wie ein Funke der Gedanke springt, Und heiter sich die Geister künft'ger Taten In seine Seele drängten, und die Welt, Der Menschen gärend Leben und die stillere Natur um ihn erscheint – hier fühlt er, wie ein Gott, In seinen Elementen sich, und seine Lust Ist himmlischer Gesang. Und dann tritt er Heraus ins Volk an Tagen, wo die Menge Sich überbraust, und eines Mächtigern Der unentschlossene Tumult bedarf Da herrscht er dann, der herrliche Pilot, Und hilft hinaus; und wenn sie dann erst recht Ihn sehn, des immer fremden Mannes sich Gewöhnen möchten, ehe sie's gewahren, Ist er hinweg – ihn zieht in ihre Schatten Die stille Pflanzenwelt, wo er sich schöner findet, Und ihr geheimnisvolles Leben, das vor ihm In seinen Kräften allen gegenwärtig ist. Delia . O Sprecherin! wie weißt du denn das alles? Panthea . Ich sinn ihm nach – wieviel ist über ihn Mir noch zu sinnen? ach! und hab' ich ihn Gefaßt, was ist's? Er selbst zu sein, das ist Das Leben, und wir andern sind der Traum davon. Sen Freund Pausanias hat auch von ihm Schon manches mir erzählt – der Jüngling sieht Ihn Tag vor Tag, und Jovis Adler ist Nicht stolzer denn Pausanias, ich glaub' es! Delia . Ich kann nicht tadeln, Liebe, was du sagst, Doch trauert meine Seele wunderbar Darüber, und ich möchte sein wie du, Und möcht' es wieder nicht. Seid ihr denn all Auf dieser Insel so? Wir haben auch An großen Männern unsre Lust, und einer Ist jetzt die Sonne der Athenerinnen, Sophokles! dem von allen Sterblichen Zuerst der Jungfrau herrlichste Natur Erschien und sich zu reinem Angedenken In seine Seele gab – Und jede wünscht sich, ein Gedanke Des Herrlichen zu sein und möchte gern Die immerschöne Jugend, eh' sie welkt, Hinüber in des Dichters Seele retten Und frägt und sinnet, welche von den Jungfrauen Der Stadt die zärtlichernste Heroide sei, Die seiner Seele vorgeschwebt, die er Antigone genannt; und helle wird's Um unsere Stirne, wenn der Götterfreund Am heitern Festtag ins Theater tritt, Doch kummerlos ist unser Wohlgefallen, Und nie verliert das liebe Herz sich so In schmerzlich fortgerißner Huldigung. – Du opferst dich – ich glaub' es wohl, er ist Zu übergroß, um ruhig dich zu lassen, Den Unbegrenzten liebst Du unbegrenzt, Was hilft es ihm? Dir selbst, dir ahndete Sein Untergang, du gutes Kind, und du Sollst untergehn mit ihm? Panthea . O mache mich Nicht stolz, und fürchte, wie für ihn, für mich nicht! Ich bin nicht er, und wenn er untergeht, So kann sein Untergang der meinige Nicht sein, denn groß ist auch der Tod der Großen. – Und will der Waffenträger mit dem Helden Durch eine Schicksalsflamme gehn, so muß Der eine wie der andere dazu Berufen sein; – was diesem Manne widerfährt Das glaube mir, das widerfährt nur ihm, Und hätt' er gegen alle Götter sich Versündiget und ihren Zorn auf sich Geladen, und ich wollte sündigen, Wie er, um gleiches Los mit ihm zu leiden, So wär's, wie wenn ein Fremder in den Streit Der Liebenden sich mischt. – "Was willst du?" sprächen Die Götter mir, "du Törin, kannst uns nicht Beleidigen wie er –" Delia . Du bist vielleicht Ihm gleicher, als du denkst, wie fändest du sonst An ihm ein Wohlgefallen. Panthea . Liebes Herz! Ich weiß es selber nicht, warum ich ihm Gehöre; sähst du ihn! – Ich dacht', er käme Vielleicht heraus, um diese Stunde geht Der Ewigjugendliche gern im Haine, Wenn einen Augenblick der frische Tag Ihm gleicht; du hättest dann im Weggehn ihn Gesehn; es war ein Wunsch! nicht wahr? ich sollte Der Wünsche mich entwöhnen, denn es scheint, Als liebten unser ungeduldiges Gebet die Götter nicht; sie haben recht! Ich will auch nimmer – aber hoffen muß Ich doch, ihr guten Götter, und ich weiß Nicht anderes denn ihn – ich wollte gern, Ich bäte, gleich den übrigen, von euch Nur Sonnenlicht und Regen, könnt' ich nur! O ewiges Geheimnis! was wir sind Und suchen, können wir nicht finden, was Wir finden, sind wir nicht. – Wieviel ist wohl Die Stunde? – Delia . Dort kommt dein Vater, Ich weiß nicht, bleiben oder gehen wir? Panthea . Wie sagtest du? Mein Vater? Komm! hinweg! 2. Chor der Agrigentiner in der Ferne Kritias. Hermokrates Kritias . Hörst du das trunkne Volk? Hermokrates . Sie suchen ihn. Kritias . Der Geist des Manns Ist mächtig unter ihnen. Hermokrates . Ich weiß, wie dürres Gras Entzünden sich die Menschen. Kritias . Das einer so die Menge bewegt, mir ist's Als wie wenn Jovis Blitz den Wald Ergreift und furchtbarer. Hermokrates . Darum binden wir den Menschen auch Das Band ums Auge, daß sie nicht Zu kräftig sich am Lichte nähren. Nicht gegenwärtig werden Darf Göttliches vor ihnen, Es darf ihr Herz Lebendiges nicht finden. Kennst du die Alten nicht, Die Lieblinge des Himmels man nennt! Sie nährten die Brust An Kräften der Welt, Und den Hellaufblickenden war Unsterbliches nahe, Drum beugten die Stolzen Das Haupt auch nicht, Und vor den Gewaltigen konnt' Ein anderes nicht bestehn, Es ward verwandelt vor ihnen. Kritias . Und er? Hermokrates . Das hat zu mächtig ihn Gemacht, daß er vertraut Mit Göttern worden ist. Es tönt sein Wort dem Volk, Als käm' es vom Olymp; Sie danken's ihm, Daß er vom Himmel raubt' Die Lebensflamm' und sie Verrät den Sterblichen. Kritias . Sie wissen nichts denn ihn, Er soll ihr Gott, Er soll ihr König sein. Sie sagen, es hab' Apoll Die Stadt gebaut den Trojern, Doch besser sei, es helf' Ein hoher Mann durchs Leben. Noch sprechen sie viel Unverständiges Von ihm und achten kein Gesetz Und keine Not und keine Sitte. Ein Irrgestirn ist unser Volk Geworden, und ich fürcht', Es deute dieses Zeichen Zukünft'ges noch, das er Im stillen Sinne brütet. Hermokrates . Sei ruhig, Kritias! Er wird nicht. Kritias . Bist du denn nicht mächtiger? Hermokrates . Der sie versteht, Ist stärker denn die Starken, Und wohlbekannt ist dieser Seltne mir. Zu glücklich wuchs er auf; Ihm ist von Anbeginn Der eigne Sinn verwöhnt, daß ihn Geringes irrt! er wird es büßen, Daß er zu sehr geliebt die Sterblichen. Kritias . Mir ahndet selbst, Es wird mit ihm nicht lange dauern, Doch ist es lang genug, So er est fällt, wenn's ihm gelungen ist. Hermokrates . Und schon ist er gefallen. Kritias . Was sagst du? Hermokrates . Siehst du denn nicht? es haben Den hohen Geist die Geistesarmen Geirrt, die Blinden den Verführer. Die Seele warf er vor das Volk, verriet Der Götter Gunst gutmütig den Gemeinen, Doch rächend äffte leeren Widerhalls Genug denn auch aus toter Brust den Toren. Und eine Zeit ertrug er's, grämte sich Geduldig, wußte nicht, Wo es gebrach; indessen wuchs Die Trunkenheit dem Volke; schaudernd Vernahmen sie's, wenn ihm vom eignen Wort Der Busen bebt', und sprachen: So hören wir nicht die Götter! Und Namen, so ich die nicht nenne, gaben Die Knechte dann dem stolzen Trauernden. Und endlich nimmt der Durstige das Gift, Der Arme, der mit seinem Sinne nicht Zu bleiben weiß und ähnliches nicht findet, Er tröstet mit der rasenden Anbetung sich, verblindet, wird wie sie, Die seelenlosen Abergläubigen; Die Kraft ist ihm entwichen, Er geht in einer Nacht, und weiß sich nicht Herauszuhelfen, und wir helfen ihm. Kritias . Des bist du so gewiß? Hermokrates . Ich kenn' ihn. Kritias . Ein übermütiges Gerede fällt Mir bei, das er gemacht, da er zuletzt Auf der Agore war. Ich weiß es nicht, Was ihm das Volk zuvor gesagt; ich kam Nur eben, stand von fern. "Ihr ehret mich," Antwortet' er, "und tuet recht daran; Denn stumm ist die Natur, Es leben Sonn' und Luft und Erd' und ihre Kinder Fremd umeinander, Die Einsamen, als gehörten sie sich nicht. Wohl wandeln immerkräftig Im Göttergeiste die freien Unsterblichen Mächte der Welt Rings um der andern Vergänglich Leben, Doch wilde Pflanzen Auf wilden Grund Sind in den Schoß der Götter Die Sterblichen alle gesäet, Die Kärglichgenährten, und tot Erschiene der Boden, wenn einer nicht Des wartete, lebenerweckend – Und mein ist das Feld. Mir tauschen Die Kraft und Seele zu einem Die Sterblichen und die Götter. Und wärmer umfangen die ewigen Mächte Das strebende Herz, und kräft'ger gedeihn Vom Geiste der Freien die fühlenden Menschen, Und wach ist's! denn ich Geselle das Fremde, Das Unbekannte nennet mein Wort, Und die Liebe der Lebenden trag' Ich auf und nieder; was einem gebricht, Ich bring' es vom andern, und binde Beseelend und wandle Verjüngend die zögernde Welt Und gleiche keinem und allen", So sprach der Übermütige. Hermokrates . Das ist noch wenig. Ärgers schläft in ihm. Ich kenn' ihn, kenne sie, die überglücklichen, Verwöhnten Söhne des Himmels Die anders nicht, denn ihre Seele, fühlen. Stört einmal sie der Augenblick heraus – Und leicht zerstörbar sind die Zärtlichen – Dann stillet nichts sie wieder, brennend Treibt eine Wunde sie, unheilbar gärt Die Brust. Auch er! so still er scheint, So glüht im doch, seit ihm das Volk mißfällt, Im Busen die tyrannische Begierde. Er oder wir! Und Schaden ist es nicht, So wir ihn opfern. Untergehen muß Er doch! Kritias . O reiz' ihn nicht! und laß Sie sich ersticken, die verschloß'ne Flamme. Laß ihn, gib ihm nicht Anstoß, findet den Zu frecher Tat der Übermüt'ge nicht, Und kann er nur im Worte sündigen, So stirbt er als ein Tor und schadet uns Nicht viel. Das macht ihn furchtbar, Ein kräft'ger Gegner; glaub' es mir, dann erst, Dann fühlt er seine Macht. Hermokrates . Du fürchtest ihn und alles, armer Mann! Kritias . Die Reue nur mag ich mir gerne sparen – Mag gerne schonen, was zu schonen ist. Die Nemesis zu ehren, lehrte mich Mein Leben und mein Sinn; das braucht Der Priester nicht, der alles weiß, Der Heil'ge, der sich alles heiliget. Hermokrates . Begreife mich, Unmündiger! eh' du Mich lästerst. Fallen muß der Mann; ich sag' Es dir, und glaube mir, wär' er zu schonen, Ich würd' es mehr wie du. Denn näher bin Ich ihm, wie du. Doch lerne das: Verderblicher, denn Schwert und Feuer ist Der Menschengeist, der götterähnliche, Wenn er nicht schweigen kann und sein Geheimnis Unaufgedeckt bewahren. Bleibt er still In seiner Tiefe ruhn und gibt, was not ist, Wohltätig ist er dann; ein fressend Feuer, Wenn er aus seiner Fessel bricht. Hinweg mit ihm, der seine Seele bloß Und ihre Götter gibt, verwegen Aussprechen will Unauszusprechendes, Und sein gefährlich Gut, als wär' es Wasser, Verschüttet und vergeudet; schlimmer ist's Wie Mord, und du, du redst für diesen? Beschwätzen möchtest du Notwendiges? Sein Schicksal ist's. Er hat es sich Gemacht, und leben soll, Wie er, und vergehn, wie er, in Weh Und Torheit jeder, der wie er Das Göttliche verrät und allverkehrend Verborgenherrschendes In Menschenhände liefert! Er muß hinab! Kritias . So teuer büßen muß er's, der sein Bestes Aus voller Seele Sterblichen vertraut? Hermokrates . Er mag es, doch es bleibt die Nemesis Nicht aus, mag große Worte sagen, mag Entwürdigen das keusch verschwiegne Leben, Aus Tageslicht das Gold der Tiefe ziehn, Er mag es brauchen, was zum Brauche nicht Den Sterblichen gegeben ist, ihn wird's Zuerst zugrunde richten, Hat's ihm den Sinn nicht schon verwirrt? Ist Bei seinem Volke denn die volle Seele, Die zärtliche, nicht schon genug verwildert? Wie ist er nun ein Eigenmächtiger Geworden, dieser Allmitteilende! Der güg'ge Mann, wie ist er so verwandelt Zum Frechen, der wie seiner Hände Spiel Die Götter und die Menschen achtet! Kritias . Du redest schrecklich, Priester, und es dünkt Dein dunkel Wort mir wahr. Es sei! Du hast zum Werke mich, nur weiß ich nicht, Wo er zu fassen ist; es sei der Mann So groß er will, zu richten ist nicht schwer; Doch mächtig sein des Übermächtigen, Der, wie ein Zauberer, die Menge leitet, Es dünkt ein andres mir, Hermokrates. Hermokrates . Gebrechlich ist sein Zauber, Kind, und leichter Denn nötig ist, hat er es uns bereitet, Es wandte zur gelegnen Stunde sich Sein Unmut um, der still empörte Sinn Befeindet nun sich selber, hätt' er auch Die Macht, er achtet's nicht, er trauert nur Und siehet seinen Fall, er sucht Rückkehrend das verlorne Leben, Den Gott, den er aus sich hinweggeschwätzt. Versammle mir das Volk, ich klag' ihn an, Ruf' über ihn den Fluch, erschrecken sollen sie Vor ihrem Abgott, sollen ihn Hinaus verstoßen in die Wildnis, Und nimmer wiederkehrend soll er dort Mir's büßen, daß er mehr, wie sich gebührt, Den Sterblichen verkündiget. Kritias . Doch wes beschuldigest du ihn? Hermokrates . Die Worte, so du mir genannt, Sie sind genug. Kritias . Mit dieser schwachen Klage Willst du das Volk ihm von der Seele ziehen? Hermokrates . Zu rechter Zeit hat jede Klage Kraft, Und nicht gering ist diese. Kritias . Und klagtest du des Mords ihn an vor ihnen, Es rührte nichts die Abergläubigen. Hermokrates . Dies eben ist's, die offenbare Tat Vergeben sie, die Abergläubigen, Unsichtbar muß es sein, ins Auge muß es Sie treffen, das bewegt die Blöden. Kritias . Es hängt ihr Herz an ihm, das bändigest, Das lenkst du nicht so leicht; sie lieben ihn. Hermokrates . Sie lieben ihn? jawohl, solang er blüht' Und glänzt' – – – – – – naschen sie; Was sollen sie mit ihm, nun er Verdüstert ist, verödet? Da ist nichts, Was nützen könnt' und ihre lange Zeit Verkürzen, abgeerntet ist das Feld, Verlassen liegt's, und nach Gefallen gehn Der Sturm und unsre Pfade drüber hin! Kritias . Empör' ihn nur! empör' ihn! siehe zu! Hermokrates . Ich hoff', er ist geduldig. Kritias . So wird sie der Geduldige gewinnen! Hermokrates . Nichts weniger! Kritias . Du achtest nichts, du wirst dich Und mich und ihn und alles noch verderben. Hermokrates . Das Träumen und das Schäumen Der Sterblichen, ich acht' es wahrlich nicht! Sie möchten Götter sein und huldigen Wie Göttern sich, und eine Weile dauert's! Sorgst du, es möchte sie der Leidende Gewinnen, der Geduldige? Empören wird er gegen sich die Toren, An seinem Leide werden sie den teuern Betrug erkennen, werden unbarmherzig Ihm's danken, daß der Angebetete Doch auch ein Schwacher ist, und ihm Geschiehet recht, warum bemengt er sich Mit ihnen. Kritias . Ich wollt' ich wär' aus dieser Sache, Priester! Hermokrates . Vertraue mir und scheue nicht, was not ist. Kritias . Dort kömmt er. Suche nur dich selbst, Du irrer Geist, indes verlierst du alles. Hermokrates . Laß ihn! hinweg! 3. Empedokles In meine Stille kamst du leisewandelnd Fandst drinnen in der Halle Dunkel mich aus, Du Freundlicher, du kamst nicht unverhofft, Und fernher wirkend über der Erde vernahm Ich wohl dein Wiederkehren, schöner Tag! Und meine Vertrauten, euch, ihr schnellgeschäft'gen Kräfte der Höh'! und nahe seid auch ihr Mir wieder, seid wie sonst, ihr Glücklichen, Ihr irrelosen Bäume meines Hains! Ihr ruhetet und wuchst und täglich tränkte Des Himmels Quelle die bescheidenen Mit Licht; und Lebensfunken sätest du Befruchtend auf die blühenden aus, du Äther! O innige Natur! ich habe dich Vor Augen, kennest du den Freund noch, Den Hochgeliebten, kennest du mich nimmer? Den Priester, der lebendigen Gesang Wie frohvergoßnes Opferblut dir brachte. O bei den heiligen Bäumen, Wo Wasser aus den Adern der Erde Sich sammeln und am heißen Tage Die Dürstenden erfrischen, Auch mir, ihr Quellen des Lebens, strömtet Aus Tiefen der Welt ihr einst Zusammen, und es kamen Die Dürstenden zu mir; – wie ist's denn nun Verträumt? bin ich ganz allein? Und ist es Nacht hier außen auch am Tage? Der höher, denn ein sterblich Auge, sah, Der Blindgeschlagne tastet nun umher – Wo seid ihr, meine Götter? Weh! laßt ihr nun Wie einen Bettler mich? Und diese Brust, die liebend euch geahndet, Was stoßt ihr sie hinab Und schloßt sie mir in schmählich enge Bande Die freigeborne? Und leben soll Er nun so fort, der Langverwöhnte, Der selig oft mit allen Lebenden Ihr Leben, – ach! in heilig schöner Zeit Sich wie das Herz gefühlt von einer Welt Und ihren Götterkräften, – Verdammt in seiner Seele soll er so Dahingehn, ausgestoßen, freundlos, er Der Götterfreund, an seinem Nichts Und seiner Nacht sich weiden immerdar, Unduldbares duldend, gleich den Schwächlingen, die Ans Tagewerk im scheuen Tartarus Geschmiedet sind? Was, daherab bin ich Gekommen? Um nichts? ha! Eines, Eins mußtet ihr mir lassen! Tor bist Du Derselbe doch und träumst, als wärest du Ein Schwacher. Einmal noch! noch einmal Soll mir's lebendig werden und ich will's! Fluch oder Segen! Täusche nur die Kraft, Demütiger, dir nimmer aus dem Busen! Weit will ich's um mich machen, tagen soll's Von eigner Flamme mir, du sollst Zufrieden werden, armer Geist, Gefangener, frei, groß und reich In eigner Welt dich fühlen – – Weh! einsam! einsam! einsam! Und nimmer find' ich Euch, meine Götter Und nimmer kehr' ich Zu deinem Leben, Natur! Dein Geächteter! weh! Hab' ich doch auch Dein nicht geachtet, dein Mich überhoben, hast du nicht Umfangend mit den warmen Fittichen, Du Zärtliche, mich vom Schlafe gerettet? Den Törichten schmeichelnd zu deinem Nektar Gelockt, damit er trank und wuchs Und blüht' und mächtig geworden und trunken Deiner ungestraft höhnt? O Geist, Geist, der mich groß gemacht, du hast Dir einen Helden, hast, alter Saturn, Dir einen neuen Jupiter Gezogen, einen schwächern nur und frechern. Denn schmähen kann die böse Zunge dich nur. Es ist vorbei! Verbirg dir's nicht! du hast Es selbst verschuldet, armer Tantalus, Das Heiligtum hast du geschändet, hast Mit frechem Stolz den schönen Bund entzweit. Elender! als die Genien der Welt Voll Liebe sich in dir vergaßen, dachtest du An dich, und wähntest, karger Tor, an dich Die Gütigen verkauft, daß sie dir, Die Himmlischen, wie blöde Knechte dienten. Ist nirgends ein Rächer, und muß ich denn allein Den Hohn und Fluch in meine Seele sagen? Muß einsam sein? auch so? Und es reißt Die delphische Krone mir kein Besserer, Denn ich, vom Haupt und nimmt die Locken hinweg, Wie es dem kahlen Seher gebührt, – o Götter! 4. Empedokles. Pausanias. Pausanias . O all Ihr himmlischen Mächte, was ist das? Empedokles . Wer hat dich hergesandt? willst du das Werk Verrichten an mir? Ich will dir alles sagen, Wenn du's nicht weißt; dann richte, was du tust, Danach. – Pausanias! o suche nicht Den Mann, an dem dein Herz gehangen, denn Er ist nicht mehr, und gehe, guter Jüngling! Dein Angesicht entzündet mir den Sinn, Und sei es Segen oder Fluch, von dir Ist beides mir zu viel. Doch wie du willst! Pausanias . Was ist geschehn? Ich habe lange dein Geharrt und dankte, da ich jetzt von ferne Dich sah, dem Tageslicht, da find' ich so, Du hoher Mann, ach, wie den Blitzgetroffnen, Vom Haupte bis zur Sohle dich zerschmettert. Warst du allein? Die Worte hört' ich nicht Doch schallt mir noch der fremde Todeston. Empedokles . Es war des Mannes Stimme, der sich mehr, Denn Sterbliche, gerühmt, weil ihn zu viel Beglückt die gütige Natur. Pausanias . Vetraut zu sein mit allen Göttlichen Der Welt ist nie zu viel. Empedokles . So sagt' ich auch, Du Guter, da der heil'ge Zauber noch Aus meinem Geiste nicht gewichen war, Und da sie mich, den Innigliebenden, Noch liebten, sie, die Genien der Welt. O jene Zeit! Ihr Liebeswonnen, da die Seele mir Von Göttern, wie Endymion, geweckt, Die kindlich schlummernde, sich öffnete, Lebendig sie, die Immerjugendlichen, Des Lebens große Genien, empfand. Schöne Sonne! Menschen hatten mich Es nicht gelehrt, mich trieb unsterblich liebend Mein heilig Herz Unsterblichen entgegen. Entgegen dir! – ich konnte Göttlicheres Nicht finden – stilles Licht! und so wie du Das Leben nicht an deinem Tage sparst Und sorgenfrei und froh der goldnen Fülle dich Entledigst, so gönnt' auch ich, der Deine, Den Sterblichen die beste Seele gern, Und furchtlos offen gab Mein Herz, wie du, der ernsten Erde sich, Der schicksalvollen, auch ihr treu, Ein Jüngling ihr zu bleiben bis zuletzt; Ich sagt' ihr's oft in trauter Stunde zu, Band so den teuern Todesbund mit ihr. Dann rauscht' es anders, denn zuvor, im Hain, Und zärtlich tönten ihrer Berge Quellen – Und ihrer Liebe Blume gab sie mir; Mit ihren Zweigen Umschlang sie mir das Haupt. Pausanias . Ach solche Jugend! Vom Gedenken glänzt Das Auge dem Trauernden noch auf. Empedokles . All deine Freuden Erde! wahr wie sie, Und warm und voll, aus Müh' und Liebe reifend, Sie alle gabst du mir. Und wenn ich oft Auf stiller Bergeshöhe saß und staunend Der Menschen wechselnd Irrsal übersann, Zu tief von deinen Wandlungen ergriffen, Und nah mein eignes Welken ahndete, Dann atmete der Äther, so wie dir, Mir heilend um die liebeswunde Brust Und, wie Gewölk der Flamme lösten Gereiniget die Sorgen mir sich auf, Im hohen Blau. Pausanias . O Sohn des Himmels! Empedokles . Ich war es, ja! und möcht' es nun erzählen, Ich Armer! möcht es einmal noch Mir in die Seele rufen, Das Wirken deiner Geniuskräfte, Der herrlichen, deren Genoß ich war, o Natur! Daß mir die stumme, todesöde Brust Von deinen Tönen allen widerklänge! Bin ich es noch? o Leben! und rauschten sie All deine geflügelten Melodien und hört' Ich deinen alten Einklang, große Natur? Ach! ich, der Einsame, lebt' ich nicht Mit dieser heil'gen Erd' und diesem Licht Und dir, von dem die Seele nimmer läßt, O Vater Äther, und mit allen Lebenden, Der Götterfreund, im gegenwärtigen Olymp? Ich bin hinausgeworfen, bin Ganz einsam, und das Weh ist nun Mein Tagesgefährt' und Schlafgenosse mir. Bei mir ist nicht der Segen, – geh! Geh! frage nicht! denkst du, ich träum'? O sieh mich an, und wundre des dich nicht, Du Guter, daß ich daherab Gekommen bin; des Himmels Söhnen ist, Wenn überglücklich sie geworden sind, Ein eigner Fluch beschieden. Pausanias . Ich duld' es nicht Weh! solche Reden! Du? ich duld' es nicht, Du solltest so die Seele dir und mir Nicht ängstigen. Ein böses Zeichen ist's, Wenn so der Geist, der immerfrohe, sich Der Mächtigen umwölket. Empedokles . Fühlst du's? Es deutet, daß er bald Zur Erd' hinab im Ungewitter muß. Pausanias . O laß den Unmut, Lieber! Was tat er Euch, o dieser Reine, Daß ihm die Seele so verfinstert ist, Ihr Todesgötter! haben die Sterblichen denn Kein Eignes nirgendswo, und reicht das Furchtbare Denn ihnen bis ans Herz, und herrscht Es in der Brust der Stärkeren denn auch, Das ewige Schicksal? Bändige den Gram, Und übe deine Macht; bist du es doch, Der mehr vermag, denn andere, o sieh An meiner Liebe, wer du bist, Und denke dein und lebe! Empedokles . Du kennest mich ind dich und Tod und Leben nicht. Pausanias . Den Tod, ich kenn' ihn wenig nur, Denn wenig dacht' ich seiner. Empedokles . Allein zu sein und ohne Götter, dies, Dies ist er! ist der Tod! Pausanias . Laß ihn, ich kenne dich; an deinen Taten Erkannt' ich dich, in seiner Macht Erfuhr ich deinen Geist und seine Welt; Wenn oft ein Wort von dir Im heil'gen Augenblick Das Leben vieler Jahre mir erschuf, Daß eine neue große Zeit von da Dem Jünglinge begann. Wie zahmen Hirschen, Wenn ferne rauscht der Wald, und sie Der Heimat denken, schlug das Herz mir oft, Wenn du vom Glück der alten Urwelt sprachst, Der reinen Tage kundig, und dir lag Das ganze Schicksal offen; zeichnetest Du nicht der Zukunft große Linien Mir vor das Auge, sichern Blicks, wie Künstler Ein fehlend Glied zum ganzen Bilde reihn? Und kennst Du nicht die Kräfte der Natur, Daß du vertraulich, wie kein Sterblicher, Sie, wie du willst, in stiller Herrschaft lenkst? Empedokles . Recht! Alles weiß ich, alles kann ich meistern; Wie meiner Hände Werk, erkenn' ich es Durchaus und lenke, wie ich will, Ein Herr der Geister, das Lebendige. Mein ist die Welt und untertan und dienstbar Sind alle Kräfte mir, – – – – – – – zur Magd ist mir Die herrnbedürftige Natur geworden, Und hat sie Ehre noch, so ist's von mir. Was wäre denn der Himmel und das Meer Und Inseln und Gestirn, und was vor Augen Den Menschen alles liegt, was wär' es noch, Dies tote Saitenspiel, gäb' ich ihm Ton Und Sprach' und Seele nicht? was sind Die Götter und ihr Geist, wenn ich sie nicht Verkündige? Ha! wer bin ich? Pausanias . Verhöhne nur im Unmut dich und alles, Was Menschen herrlich macht, ihr Wirken und Ihr Wort, verleide mir Den Mut im Busen, schrecke mich zum Kinde, O sprich es nur heraus! Du hassest dich, Und was dich liebt, und was dir gleichen möcht'; Ein andres willst du, denn du bist, genügst dir In deiner Ehre nicht, du willst nicht bleiben. Willst zugrunde gehen! Empedokles . Unschuldiger! Pausanias . Und dich verklagst du? Was ist es denn? o mache mir dein Leiden Zum Rätsel länger nicht, mich peiniget's. Empedokles . O ehre, was du nicht verstehst! Pausanias . Warum Verbirgst du mir's und machst dein Leiden mir Zum Rätsel? Glaube, schmerzlicher ist nichts! Empedokles . Und nichts ist schmerzlicher, Pausanias, Denn Leiden zu enträtseln. Siehest du, Pausanias, denn nicht? Ach, lieber wäre mir's, du wüßtest nicht Von mir und aller meiner Trauer. Ich sollt' es nicht aussprechen! heil'ge Natur, Jungfräuliche, die dem rohen Sinn entflieht! Verachtet hab' ich dich – und mich allein Zum Herrn gesetzt, ein übermütiger Barbar! ich kannt' es ja, Das Leben der Natur, die Götter waren Mir dienstbar nun geworden, ich allein War Gott und sprach's im frechen Stolz heraus – O glaub' es mir, ich wäre lieber nicht Geboren! Nun geh und tröste nimmer – Was ist's? Was siehest du? Pausanias . Was? um eines Wortes willen? Wie kannst du so verzagen, kühner Mann? Empedokles . Um eines Wortes willen? ja. Und mögen Die Götter mich zernichten, wie sie mich Geliebt. Pausanias . So sprachen andere nicht, wie du. Empedokles . Die andern! wie vermöchten sie's? Pausanias . Jawohl, Du wunderbarer Mann, so innig liebt' Und sah kein anderer die ew'ge Welt Und ihre Genien und Kräfte nie, Wie du; und darum sprachst das kühne Wort Auch du allein, und darum fühlst du auch So sehr, wie du mit einer stolzen Silbe Vom Herzen aller Götter dich gerissen, Und opferst liebend ihnen dich dahin. O Empedokles. Empedokles . Siehe, was ist das? Hermokrates, der Priester, und mit ihm Ein Haufe Volks und Kritias, der Archon, Was suchen sie bei mir? Pausanias . Sie haben lang Geforschet, wo du wärst. 5. Empedokles. Pausanias. Hermokrates. Kritias. Agrigentiner. Hermokrates . Hier ist der Mann, von dem ihr sagt, er sei Lebendig zum Olymp emporgegangen. Kritias . Und traurig sieht er, gleich den Sterblichen. Empedokles . Ihr armen Spötter! Ist's erfreulich euch, Wenn einer leidet, der euch groß geschienen? Und achtet ihr, wie leicht verwehten Staub Den Starken, wenn er schwach geworden ist? Euch reizt die Frucht, die reif zur Erde fällt, Doch glaubt es mir, nicht alles reift für Euch. Ein Agrigentiner . Was hat er da gesagt? Empedokles . Ich bitt' euch, geht, Besorgt, was euer ist, und menget euch Ins Meinige nicht ein. Hermokrates . Doch hat ein Wort Der Priester dir dabei zu sagen? Empedokles . Weh! Ihr reinen Götter, ihr lebendigen! Muß dieser Heuchler meine Trauer mir Vergiften? geh! ich schonte ja dich oft, So ist es billig, daß du meiner schonst, Du weißt es ja, ich hab' es dir bedeutet, Ich kenne dich und deine schlimme Zunft, Und lange war's ein Rätsel mir , wie euch In ihrem Runde duldet die Natur. Und als ich noch ein Knabe war, da mied Euch Allverderber schon mein frommes Herz, Das unbestechbar innig liebend hing An Sonn' und Äther und den Boten allen Der großen ferngeahndeten Natur; Denn wohl hab ich's gefühlt in meiner Furcht, Daß ihr des Herzens freie Götterliebe Bereden möchtet zu gemeinem Dienst, Und daß ich's treiben sollte, so wie ihr. Hinweg! ich kann vor mir den Mann nicht sehn, Der Göttliches wie ein Gewerbe treibt, Sein Angesicht ist falsch und kalt und tot, Wie seine Götter sind. Was stehet ihr Betroffen? Gehet nun! Kritias . Nicht eher, bis Der heil'ge Fluch die Stirne dir gezeichnet, Schamloser Lästerer! Hermokrates . Sei ruhig, Freund! Ich hab' es dir gesagt, es würde wohl Der Unmut ihn ergreifen. – Mich verschmäht Der Mann, das hörtet ihr wohl, ihr Bürger Von Agrigent, und harte Worte mag Ich nicht mit ihm in wildem Zanke wechseln, Es ziemt dem Greise nicht, ihr möget nur Ihn selber fragen, wer er sei? Empedokles . O Laßt! Ihr seht es ja, es frommet keinem, Ein blutend Herz zu reizen. Gönnet mir's, Den Pfad, worauf ich wandle, still zu gehn. Ihr spannt das Opfertier vom Pfluge los, Und nimmer trifft's der Stachel seines Treibers, So schonet meiner auch: entwürdiget Mein Leiden mir mit böser Rede nicht, Denn heilig ist's; und laßt die Brust mir frei Von eurer Not! ihr Schmerz gehört den Göttern. Erster Agrigentiner . Was ist es denn, Hermokrates, warum Der Mann die wunderlichen Worte spricht? Zweiter Agrigentiner . Er heißt uns gehn, als scheut' er sich vor uns. Hermokrates . Was dünket euch? der Sinn ist ihm verfinstert, Weil er zum Gott sich selbst vor euch gemacht. Doch weil ihr nimmer meiner Rede glaubt, So fragt nur ihn darum, er soll es sagen. Dritter Agrigentiner . Wir glauben es dir wohl. Pausanias . Ihr glaubt es wohl, Ihr Unverschämten! – Euer Jupiter Gefällt euch heute nicht, er siehet trüb, Der Abgott ist euch unbequem geworden, Und darum glaubt ihr's wohl? Da stehet er Und trauert und verschweigt den Geist, wonach In heldenarmer Zeit die Jünglinge Sich sehnen werden, wenn er nimmer ist, Und ihr, ihr kriecht und zischet um ihn her? Ihr dürft es? und ihr seid so sinnenlos, Daß euch das Auge dieses Manns nicht warnt? Und weil er sanft ist, wagen sich an ihn Die Feigen – heilige Natur, wie duldest Du auch in deinem Runde dies Gewürm? Nun sehet ihr mich an und wisset nicht, Was zu beginnen ist mit mir, ihr müßt Den Priester fragen, ihn, der alles weiß. Hermokrates . Ihr hört, wie euch und mich ins Angesicht Der freche Knabe schilt. Er darf's, solang Sein Meister euretwegen alles kann. Wer sich das Volk gewonnen, redet, was Er will; das weiß ich wohl und strebe nicht Aus eignem Sinn entgegen, weil es noch Die Götter dulden. Vieles dulden sie Und schweigen, bis ans Äußerste gerät Der wilde Mut, dann aber muß der Frevler Rücklings hinab ins bodenlose Dunkel. Dritter Agrigentiner Erster Agrigentiner . Sagt, Wie kam es denn, daß dieser uns betörte? Zweiter Agrigentiner . Sie müssen fort, der Jünger und der Meister. Hermokrates . So ist es Zeit! – Euch fleh' ich an, ihr Furchtbarn! Ihr Rachegötter! – Wolken lenket Zeus Und Wasserwogen zähmt Poseidaon, Doch euch, ihr Leisewandelnden, euch ist Zur Herrschaft das Verborgene gegeben, Und wo ein Eigenmächtiger der Wieg' Entsprossen ist, da seid irr auch und geht, Indes er unbesorgt zum Frevel wächst, Stillsinnend fort mit ihm und lauscht hinab In seine Brust, wo euch den Götterfeind Die unbesorgt geschwätzige verrät. Auch den, ihr kanntet ihn! den heimlichen Verführer, der die Sinne nahm dem Volk Und mit dem Vaterlandsgesetze spielt' Und sie, die alten Götter Agrigents, Und ihre Priester niemals achtete. Und nicht verborgen war vor euch, solang Er schwieg, der ungeheure Sinn. Er hat's vollbracht! Verruchter, wähntest du, Sie müßten's nachfrohlocken, da du jüngst Vor ihnen einen Gott dich selbst genannt? Dann hättest du geherrscht in Agrigent, Ein einziger allmächtiger Tyrann, Und dein gewesen wäre, dein allein Das gute Volk und dieses schöne Land. Sie schwiegen nur; erschrocken standen sie; Und du erblaßtest, und es lähmte dich Der böse Grimm in deiner dunkeln Halle, Wo du hinab dem Tageslicht entflohst. Und kömmst du nun und gießest über mich Den Unmut aus und lästerst unsre Götter? Erster Agrigentiner . Nun ist es klar; er muß gerichtet werden. Kritias . Ich hab' es euch gesagt, ich traute nie Dem Träumer. Empedokles . O ihr Rasenden! Hermokrates . Und sprichst Du noch und ahndest nicht, du hast mit uns Nichts mehr gemein, ein Fremdling bist du worden Und unerkannt bei allen Lebenden; Die Quelle, die uns tränkt, gebührt dir nicht Und nicht die Feuerflamme, die uns frommt, Und was den Sterblichen das Herz erfreut, das nehmen die heil'gen Rachegötter von dir, Für dich ist nicht das heitre Licht hier oben. Nicht dieser Erde Grün und ihre Frucht, Und ihren Segen gibt die Luft dir nicht, Wenn deine Brust nach Kühlung seufzt und dürstet. Es ist umsonst, du kehrest nicht zurück Zu dem, was unser ist. Denn du gehörst Den Rächenden, den heil'gen Todesgöttern. Und wehe dem von nun an, wer ein Wort Von dir in seine Seele freundlich nimmt, Wer dich begrüßt und seine Hand dir beut, Wer einen Trunk am Mittag dir gewährt, Und wer an seinem Tische dich erduldet, Und, wenn du nachts an seine Türe kömmst, Dir Schlummer unter seinem Dache schenkt Und, wenn du stirbst, die Grabesflamme dir Bereitet, wehe dem, wie dir! – Hinaus! Es dulden die Vaterlandsgötter länger nicht, Wo ihre Tempel sind, den Gottverächter. Pausanias . O komm, du gehest nicht allein, es ehrt Noch einer dich, wenn's schon verboten ist, Du Lieber! und du weißt, des Freundes Segen Ist kräftiger, denn dieses Priesters Fluch. O komm in fernes Land! wir finden dort Das Licht des Himmels auch, und bitten will ich, Daß freundlich dir's in deine Seele scheine Im heiterfreien Griechenlande drüben; Da grünen Hügel auch, und Schatten gönnt Der Ahorn dir, und milde Lüfte kühlen Den Wanderern die Brust; und wenn du müd Vom heißen Tag an fernem Pfade sitzest, Mit diesen Händen schöpf' ich dann den Trunk Aus frischer Quelle dir und sammle Speise, Und Zweige wölb' ich über deinem Haupt, Und Moos und Blätter breit' ich dir zum Lager, Und wenn du schlummerst, so bewach' ich dich, Und muß es sein, bereit' ich dir auch wohl Die Grabesflamme, die sie dir verwehren, Die Schändlichen! Empedokles . Du treues Herz! – Für mich, Ihr Bürger, bitt' ich nichts; es sei geschehn! Ich bitt' euch nur um dieses Jünglings willen. O wendet nicht das Angesicht von mir! Bin ich es nicht, um den ihr liebend sonst Euch sammeltet? ihr selber reichtet da Mir auch die Hände, nicht unziemlich dünkt' Es euch, zum Freund euch wild heranzudrängen, Und auf den Schultern brachtet ihr die Kleinen Und hubt mit euren Armen sie empor; Bin ich es nicht, und kennt ihr nicht den Mann, Dem ihr gesagt, ihr könntet, wenn er's wollte, Von Land zu Land mit ihm wie Bettler gehn, Und, wenn es möglich wäre, folgtet ihr Ihm auch hinunter in den Tartarus? Ihr Kinder! Alles wolltet ihr mir schenken Und zwangt mich töricht oft, von euch zu nehmen, Was euch das Leben heitert' und erhielt; Dann gab ich euch's vom meinigen zurück, Und mehr denn eures, achtetet ihr dies. Nun geh' ich fort von euch; versagt mir nicht Die eine Bitte: schonet dieses Jünglings! Er tat euch nichts zuleid'; er liebt mich nur, Wie ihr mich auch geliebt, und saget selbst, Ob er nicht edel ist und schön? und wohl Bedürft ihr künftig seiner, glaubt es mir! Oft sagt' ich euch's: es würde Nacht und kalt Auf Erden, und in Not verzehrte sich Die Seele, sendeten zuzeiten nicht Die guten Götter solche Jünglinge, Der Menschen welkend Leben zu erfrischen; Und heilig halten, sagt' ich, solltet ihr Die heitern Genien – o schonet sein, Und rufet nicht das Weh! versprecht es mir! Dritter Agrigentiner . Hinweg! wir hören nichts von allem, was Du sagst. Hermokrates . Dem Knaben muß geschehn, wie er's Gewollt. Er mag den frechen Mutwill büßen, Er geht mit dir, und dein Fluch ist der seine. Empedokles . Du schweigest, Kritias! verbirg es nicht, Dich trifft es auch; du kanntest ihn, nicht wahr, Die Sünde löschten Ströme nicht von Blut? Ich bitte Tiere; sag' es ihnen, Lieber! Sie sind wie trunken, sprich ein ruhig Wort, Damit der Sinn den Armen wiederkehre! Zweiter Agrigentiner . Noch schilt er uns? Gedenke deines Fluchs Und rede nicht, geh du! wir möchten sonst An dich die Hände legen. Kritias . Wohl gesagt, Ihr Bürger! Empedokles . So! – und möchtet ihr an mich Die Hände legen? was? gelüstet schon Bei meinem Leben euch, ihr hungernden Harpyien, und könnt ihr's nicht erwarten, wenn erst Der Geist entflohn ist mir, die Leiche zu schänden? Heran! zerfleischt und teilet die Beut', und es segne Der Priester euch den Genuß, und seine Vertrauten, Die Rachegötter, lad' er zum Mahl! – Dir bangt, Heilloser? Was? Der schlaue Jäger traf Ja doch sein Wild, warum frohlockt er nicht? Und zittert? kennst Du mich? und soll ich dir Den bösen Scherz verderben, den du treibst? Bei deinem grauen Haare, Mann! du solltest Zu Erde werden, denn du bist sogar Zum Knecht der Furien zu schlecht. O sieh! So schändlich stehst du da und durftest doch An mir zum Meister werden? Freilich ist's Ein ärmlich Werk, ein blutend Wild zu jagen! Ich trauerte, daß wußt' er wohl, da wuchs Der Mut dem Feigen; da erhascht' er mich Und hetzt des Pöbels Zähne mir aufs Herz. O, wer, wer heilt den Geschändeten nun? wer nimmt Ihn auf, der heimatlos der Fremden Häuser Mit Narben seiner Schmach umirrt, die Götter Des Hains fleht, ihn zu bergen? – komme, Sohn! Sie haben wehe mir getan, doch hätt' Ich's wohl vergessen, aber dich? – Ha geht Nun immerhin zugrund', ihr Namenlosen! Sterbt langsamen Tods, und euch geleite Des Priesters Rabengesang! und weil sich Wölfe Versammeln da, wo Leichname sind, so finde sich Dann einer auch für euch; der sättige Von eurem Blute sich; der reinige Sizilien von euch! Es stehet dürr Das Land, wo sonst die Purpurtraube gern Dem bessern Volke wuchs und goldne Frucht Im dunkeln Hain und edles Korn, und fragen Wird einst der Fremde, wenn er auf den Schutt Von euern Tempeln tritt, ob da die Stadt Gestanden. Gehet nun! Ihr findet mich In einer Stunde nimmer. (Indem sie abgehen) Pausanias (nachdem Kritias zurück ist) Laß Indessen mich zum alten Vater gehn Und Abschied nehmen. Empedokles . O warum? was tat Der Jüngling euch, ihr Götter! gehe denn, Du Armer! draußen wart' ich auf dem Wege Nach Syrakus, dann wandern wir zusammen. (Pausanias geht auf der anderen Seite ab) 6. Empedokles. Kritias. Kritias . Was ist's? Was hast du mir zu sagen? Empedokles . Auch du verfolgtest mich? Kritias . Was soll Mir das? Empedokles . Ich weiß es wohl, du möchtest gern Mich hassen, dennoch hassest du mich nicht: Du fürchtest nur; du hattest nichts zu fürchten Kritias . Es ist vorbei. Was willst du noch? Empedokles . Du hättest Es selber nie gedacht, der Priester zog In seinen Willen dich; du klage dich Darum nicht an, o hättst du nur ein treues Wort Für ihn gesprochen, doch du scheutest Das Volk. Kritias . Sonst hattest du mir nichts Zu sagen? Überflüssiges Geschwätz Hast du von je geliebt. Empedokles . O rede sanft, Ich habe deine Tochter dir gerettet. Kritias . Das hast du wohl. Empedokles . Du sträubst und schämest dich Mit dem zu reden, dem das Vaterland Geflucht; ach! unverdienter Fluch, ich will Es gerne glauben, schändet auch, wenn ihn Die Unsrigen gesprochen. – Denke dir, Es rede nun mein Schatte, der versöhnt Vom heitern Friedenslande wiederkehre. Kritias . Ich wäre nicht gekommen, da du riefst, Wenn nicht das Volk zu wissen wünschte, was Du noch zu sagen hättest. Empedokles . Was ich dir Zu sagen habe, geht das Volk nichts an. Kritias . Was ist es denn? Empedokles . Du mußt hinweg aus diesem Land'; ich sag' Es dir um deiner Tochter willen, denk an dich Und sorge nicht für anders! kennest du Sie nicht und ist dir's unbewußt, wieviel Es ist besser, daß eine Stadt voll Toren Versinkt, denn ein Vortreffliches? Kritias . Was kann In diesem Land ihr fehlen? denkest du Weil du nicht mehr im Land, So könne Gutes nicht darin bestehn? Empedokles . Kennest du sie nicht? Und tastest wie ein Blinder an, was dir Die Götter gaben? und es leuchtet dir In deinem Haus umsonst das holde Licht? Ich sag' es dir, in diesem Lande findet Das fromme Leben seine Ruhe nicht, Und einsam bleibt es dir, so schön es ist, Und stirbt dir freudelos, denn nie begibt Die zärtlichernste Göttertochter sich, Barbaren an das Herz zu nehmen, glaub' Es mir! Es reden wahr die Scheidenden. Und wundere des Rats dich nicht! Kritias . Was soll Ich nun dir sagen? Empedokles . Gehe hin mit ihr In heil'ges Land, nach Elis oder Delos, Wo jene wohnen, die sie liebend sucht, Wo stillvereint die Bilder der Heroen Im Lorbeerwalde stehn. Dort wird sie ruhn, Dort bei den schweigenden Idolen wird Der schöne Sinn, der zartgenügsame, Sich stillen, bei den edeln Schatten wird Das Leid entschlummern, das geheim sie hegt In frommer Brust. wenn dann am heitern Festtag Sich Hellas' schöne Jugend dort versammelt, Und um sie her die Fremdlinge sich grüßen, Und hoffnungsfrohes Leben überall, Wie goldenes Gewölk, das stille Herz Umglänzt, dann weckt dies Morgenrot Zur Lust wohl auch die fromme Träumerin, Und von den Besten einen, die Gesang Und Kranz in edlem Kampf gewonnen, wählt Sie sich, daß er den Schatten sie entführe, Zu denen sie zu frühe sich gesellt. Kritias . Hast du der goldnen Worte noch so viel In deinem Elend übrig? Empedokles . Spotte nicht! Die Scheidenden verjüngen alle sich Noch einmal gern. Der Sterbeblick ist's nur Des Lichts, das freudig einst in seiner Kraft Geleuchtet unter euch. Es lösche freundlich, Und hab' ich euch geflucht. so mag dein Kind Den Segen haben, wenn ich segnen kann. Kritias . O laß! und mache mich zum Knaben nicht. Empedokles . Versprich es mir und tue, was ich riet, Und geh aus diesem Land; verweigerst du's, So mag die Einsame den Adler bitten, Daß er hinweg von diesen Knechten sie Zum Äther rette! Bessers weiß ich nicht. Kritias . O sage, haben wir nicht recht an dir Getan? Empedokles . Was fragst du nun? Ich habe dir Vergeben. Aber folgst du mir? Kritias . Ich kann So schnell nicht wählen. Empedokles . Wähle gut, Sie soll nicht bleiben, wo sie untergeht, Und sag' es ihr, sie soll des Mannes denken, Den einst die Götter liebten. Willst du das? Kritias . Wie bittest du? Ich will es tun. Und geh Du deines Weges nun, du Armer! (Geht ab.) Empedokles . Ja! Ich gehe meines Weges, Kritias, Und weiß wohin, und schämen muß ich mich, Daß ich gezögert bis zum Äußersten. Wie oft, wie oft hat dich's gemahnt! da wär' Es schön gewesen. Aber nun ist's not! O stille! gute Götter! immer eilt Den Sterblichen das ungeduld'ge Wort Voraus und läßt die Stunde des Gelingens Nicht unbetastet reifen. Manches ist Vorbei; und leichter wird es schon. Es hängt An allem fest, der alte Tor! und da Er einst gedankenlos ein stiller Knab' Auf seiner grünen Erde spielt, war Er freier, denn er ist; o scheiden! – selbst Die Hütte, die mich hegte, lassen sie Mir nicht, was mußt' ich auch so lange warten, Bis Glück und Geist und Jugend ferne war, Und nichts wie Torheit überblieb und Elend. 7. Drei Sklaven des Empedokles. Erster Sklave . Du gehest, Herr? Empedokles . Ich gehe freilich, Guter, Und hole mir das Reis'gerät, soviel Ich selber tragen kann, und bring' es noch Mir auf die Straße dort hinaus – es ist Dein letzter Dienst! Zweiter Sklave . O Götter! Empedokles . Immer seid Ihr gern um mich gewesen, denn ihr wart's Gewohnt von lieber Jugend her, wo wir Zusammen auf in diesem Hause wuchsen, Das meinem Vater war und mir, und fremd Ist meiner Brust das herrisch kalte Wort. Ihr habt der Knechtschaft Schicksal nie gefühlt. Ich glaub' es euch, ihr folgtet gerne mir, Wohin ich muß. Doch kann ich es nicht dulden, Daß euch der Fluch des Priesters ängstige, Der jedem, so sich irgend mir gesellt, Verkündet ist. Ihr wißt ihn schon: Die Welt ist aufgetan für euch und mich, Ihr Lieben, und es sucht nun jeder sich Sein eigen Glück! Dritter Sklave . Wir lassen nicht von dir, wir können's nicht. Zweiter Sklave . Was weiß der Priester, wie du lieb uns bist. Verbiet' er's andern! uns verbeut er's nicht. Erster Sklave . Gehören wir zu dir, so laß uns auch Bei dir! Ist's doch von gestern nicht, daß wir Mit dir zusammen sind, du sagst es selber. Empedokles . O Götter! bin ich kinderlos und leb' Allein mit diesen drein, und dennoch häng' Ich hingebannt an diese Ruhestätte Gleich Schlafenden und ringe, wie im Traum, Hinweg? Es kann nicht anders sein, ihr Guten! O sagt nichts mehr davon, ich bitt' euch das, Und laßt uns tun, als wären wir es nimmer. Ich gönn's dem frommen Manne nicht, daß er Mir alles noch verfluche, was mich liebt – Ihr gehet nicht mit mir, ich sag' es euch. Hinein und nehmt das Beste, was ihr findet Und zaudert nicht und flieht; es möchten sonst Die neuen Herrn des Hauses euch erhaschen, Und eines Feigen Knechte würdet ihr. Zweiter Sklave . Mit harter Rede schickst du uns weg? Empedokles . Ich tu' es dir und mir – ihr Freigelaßnen Ergreift mit Manneskraft das Leben, laßt Die Götter euch mit Ehre trösten, ihr Beginnt nun erst. Es gehen Menschen auf Und nieder. Weilet nun nicht länger. Tut, Was ich gesagt. Erster Sklave . Herr meines Herzens! leb', Und geh nicht unter! Dritter Sklave . Sage, werden wir Dich nimmer sehn? Empedokles . O fraget nicht, es ist Umsonst. Zweiter Sklave (im Abgehen) Er bleibt es doch! Ach! wie ein Bettler soll er nun das Land Durchirren und des Lebens nirgend sicher sein? Empedokles (sieht ihnen schweigend nach) Lebt wohl, ich hab' Euch schnöd' hinweggeschickt, lebt wohl, ihr Treuen, Und du, mein väterliches Haus, wo ich erwuchs Und blüht'! – ihr lieben Bäume! vom Freudengesang Des Götterfreunds geheiligt, ruhige Vertraute meiner Ruh'! o sterbt und gebt Den Lüften zurück das Leben, denn es scherzt Das rohe Volk in eurem Schatten nun, Und wo ich selig ging, da spotten sie meiner. Weh! ausgestoßen ihr Götter? und ahmte, Was ihr mir tut, ihr Himmlischen, der Priester, Der Unberufene, seellos nach? ihr ließt Mich einsam, mich, der, euch geschmäht, ihr Lieben! Und dieser wirft zur Heimat mich hinaus, Und der Fluch hallt, den ich selber mir gesprochen, Mir ärmlich aus des Pöbels Munde wider? Ach! der innig mit euch, ihr Seligen, einst Gelebt und sein die Welt genannt aus Freude, Hat nun nicht, wo er seinen Schlummer find', Und in sich selber kann er auch nicht ruhn. Wohin denn nun, ihr Pfade der Sterblichen? viel Sind eurer, wo ist der meine? der kürzeste wo? Der schnellste? denn zu zögern ist Schmach. (Geht ab.) 8. Panthea. Delia. Delia . Stille, liebes Kind! Und halt' den Jammer, daß uns niemend höre. Ich will hinein ins Haus. Vielleicht er ist Noch drinnen, und du siehst noch einmal ihn. Nur bleibe still indessen – kann ich wohl Hinein? Panthea . O tu es, liebe Delia! Ich bitt' indes um Ruhe, daß mir nicht Das Herz vergeht, wenn ich den hohen Mann In dieser bittern Schicksalsstunde sehe. Delia . O Panthea! Panthea (allein nach einigem Stillschweigen) Ich kann nicht – ach, es wär' Auch Sünde, da gelassener zu sein! Verflucht? ich fass' es nicht; und wirst auch wohl Die Sinne mir zerreißen, schwarzes Rätsel! Wie wird es sein? (Pause. Erschrocken zu Delia, die wieder zurückkommt.) . . . . . Delia . Ach! alles tot! Und öde! Panthea . Fort? Delia . Ich fürcht' es. Offen sind Die Türen; aber niemend ist zu sehn. Ich rief, da hört' ich nur den Widerhall Im Hause; länger bleiben mocht' ich nicht – Ach! stumm und blaß ist sie und siehet fremd Mich an, die Arme. Kennest du mich nimmer? Ich will es mit dir dulden, liebes Herz! Panthea . Nun! komme nur! Delia . Wohin? Panthea . Wohin? ach das, Das weiß ich freilich nicht, ihr guten Götter! Weh! keine Hoffnung! und du leuchtest mir Umsonst, du Tageslicht dort oben, fort Ist er, wie soll die Einsame denn wissen, Warum ihr noch die Augen helle sind. Es ist nicht möglich, nein! zu frech Ist diese Tat, zu ungeheuer, und ihr habt Es doch getan, und leben muß ich noch Und stille sein bei diesen? weh und weinen, Nur weinen kann ich über alles das! Delia . O weine nur! du Liebe, besser ist's, Denn schweigen oder reden. Panthea . Delia! Da ging er sonst, und dieser Garten war Um seinetwillen mir so wert. Ach oft Wenn mir das Leben nicht genügt', und ich, Die Ungesellige, betrübt mit andern Um unsre Hügel irrte, sah ich her Nach dieser Bäume Gipfeln, dachte, dort Ist einer doch! Und meine Seele richtet' An ihm sich auf. Ach! grausam haben sie's Zerschlagen, auf die Straße ausgeworfen, Mein Heldenbild, ich hätt' es nie gedacht, So schmählich! o verblühet nun, ihr Blumen Des Himmels, schöne Sterne. Glänzte doch Auch er vom Äther, doch es muß hinab, Was sterblich ist. Delia . Es ist ein großer Mann gefallen. Panthea . Ach! hundertjähr'gen Frühling wünscht ich oft, Ich Törichte, für ihn und seine Gärten! Delia . O konntet ihr die zarte Freude nicht Ihr lassen, gute Götter! Panthea . Klage nicht Um mich, du Gute! Blüten fallen viel, Wie meine sind. Gedenk' an ihn! der Mann, Wie eine neue Sonne kam er uns Und strahlt' und zog das ungereifte Leben An goldnen Seilen freundlich zu sich auf; Und lange hatt' auf ihn Sizilien Gewartet. Niemals herrscht' auf dieser Insel Ein Sterblicher, wie er, sie fühlten's wohl, Er lebe mit den Genien der Welt Im Bunde. Seelenvoller! und du nahmst Sie all ans Herz, vertrautest ihnen dich! Großmütiger, weh! mußt du nun dafür Geschändet fort von Land zu Lande ziehn, Das Gift im Busen, das sie mitgegeben. O ihr Blumen Des Himmels! schöne Sterne, werdet ihr Denn auch verblühn? und wird es Nacht alsdann In deiner Seele werden, Vater Äther, Wenn deine Jünglinge, die glänzenden, Erloschen sind vor dir? Ich weiß, es muß, Was göttlich ist hinab. Zur Seherin Bin ich geworden über seinen Fall, Und wo mir noch ein schöner Genius Begegnet, nenn' er Mensch sich oder Gott, Ich weiß die Stunde, die ihm nicht gefällt! Das habt ihr getan. O laßt nicht mich, Ihr weisen Richter, ungestraft entkommen, Ich ehr' ihn ja, und wenn ihr es nicht wißt, So will ich es ins Angesicht euch sagen. Dann stoßt auch mich zu eurer Stadt hinaus. Und hat er ihm geflucht, der Rasende, Mein Vater, ha! so fluch' er nun auch mir! Delia . O Panthea, mich schreckt es, wenn du so Dich deiner Klagen überhebst. Ist er Denn auch wie du, daß er den stolzen Geist Am Schmerze nährt und heft'ger wird im Leiden, Ich mag's nicht glauben, denn ich fürchte das. Was müßt er auch beschließen? Panthea . Ängstigest Du mich? was hab' ich denn gesagt? Ich will Auch nimmer – ja geduldig will ich sein, Ihr Götter! will vergebens nun nicht mehr Erstreben, was ihr ferne mir gerückt, Und was ihr geben mögt, das will ich nehmen. Und find' ich nirgends dich, du Heiliger, So kann ich doch mich freuen, daß du da Gewesen. Ruhig will ich sein, es möcht' Aus wildem Sinne mir das edle Bild Entfliehen, und daß mir nur der Tageslärm Den brüderlichen Schatten nicht verscheuche, Der, wenn ich leise wandle, mich geleitet. Delia . Du liebe Träumerin! er lebt ja noch. Panthea . Er lebt? ja, wohl! er lebt! er geht Im weiten Felde Nacht und Tag. Sein Dach Sind Wetterwolken, und der harte Boden ist Sein Lager, Winde krausen ihm das Haar – Und Regen träuft mit seinen Tränen ihm Vom Angesicht, und seine Kleider trocknet Am heißen Mittag ihm die Sonne wieder, Wenn er mitten im schattenlosen Sande geht; Gewohnte Pfade sucht er nicht: im Fels Bei denen, die von Beute sich ernähren, Die fremd, wie er, und allverdächtig sind, Da kehrt er ein, die wissen nichts vom Fluch, Die reichen ihm von ihrer rohen Speise, Daß er zur Wanderung die Glieder stärkt, So lebt er! weh! und das ist nicht gewiß. Delia . Ja, es ist schrecklich, Panthea! Panthea . Ist's schrecklich? Du arme Trösterin! und sieh, es währt Nicht lange mehr, so kommen sie und sagen Einander sich's, wenn es die Rede gibt, Daß er erschlagen auf dem Wege liege. Es dulden's wohl die Götter, haben sie Doch auch geschwiegen, da man ihn mit Schmach Ins Elend fort aus seiner Heimat warf. O du! – wie wirst du enden? müde ringst Du schon am Boden fort, du stolzer Adler! Und zeichnest deinen Pfad mit Blut und bald Erhascht der feigen Jäger einer dich, Zerschlägt am Felsen dir dein sterbend Haupt. Und Jovis Liebling nanntet ihr ihn doch? Delia . Ach! lieber, schöner Geist! nur so nicht! Panthea . Nur solche Worte nicht! Wenn du es wüßtest, Wie mich die Sorg' um dich ergreift! Ich will Auf meinen Knien dich bitten, wenn es hilft. Besänftige dich nur. Wir wollen fort. Es kann noch viel sich ändern, Panthea. Vielleicht bereut es bald das Volk, du weißt Es ja, wie sie ihn liebten. Komm! ich wend' An deinen Vater mich, und helfen sollst Du mir. Wir können ihn vielleicht gewinnen. Panthea . O wir, wir sollten das, ihr Götter! Zweiter Akt (Gegend am Ätna. Bauernhütte.) 1. Empedokles. Pausanias. Empedokles . Wie ist's mit dir? Pausanias . O das ist gut, Daß du ein Wort doch wieder redest, Lieber Denkst du es auch? hier oben waltet wohl Der Fluch nicht mehr, und unser Land ist ferne; Mir atmet frei die Brust auf diesen Höhen, Und auf zum Tage darf das Auge doch Nun wieder blicken, und die Sorge wehrt Den Schlaf uns nicht, es reichen Gewohnte Kost uns Menschenhände wieder. Du brauchst der Pflege, Lieber! und es nimmt Der heil'ge Berg, der väterliche, wohl In seine Ruh' die umgetriebnen Gäste. Willst du, so bleiben wir auf eine Zeit In dieser Hütte – darf ich rufen, ob Sie uns vielleicht den Aufenthalt vergönnen? Empedokles . Versuch' es nur, sie kommen schon heraus. 2. Bauer . Was wollt ihr? dort hinunter geht Die Straße. Pausanias . Gönn' uns Aufenthalt bei dir Und scheue nicht das Aussehn, guter Mann. Denn schwer ist unser Weg und öfters scheint Der Leidende verdächtig, doch mögen dir's Die Götter sagen, welcher Art wir sind. Bauer . Es stand wohl besser einst mit euch denn jetzt. Ich will es gerne glauben, doch es liegt Die Stadt nicht fern; ihr solltet doch daselbst Auch einen Gastfreund haben.Besser wär's, Zu dem zu kommen, denn zu Fremden. Pausanias . Es schämte leicht der Gastfreund unser sich, Wenn wir zu ihm in unserm Unglück kämen. Und gibt uns doch der Fremde nicht umsonst Das wenige, warum wir ihn gebeten. Bauer . Wo kommt ihr her? Pausanias . Was nützt es, das zu wissen? Wir geben Gold, und du bewirtest uns. Bauer . Ich habe keinen Raum für euch In meinem Hause. Pausanias . Was ist das? so reich' Uns Brot und Wein und fordre, was du willst. Bauer . Das findet ihr an anderm Orte besser. Pausanias . O, das ist hart! doch gibst du mir vielleicht Ein wenig Leinen, daß ich's diesem Mann Um seine Füße winde, die ihm noch Vom Felsenpfade blutig sind – sieh nur Ihn an! Der gute Geist Siziliens ist's Und mehr, denn eure Fürsten! und er steht Vor deiner Türe kummerbleich und bettelt Um deiner Hütte Schatten und um Brot, Und du versagst es ihm, und todesmüd Und dürstend lässest du ihn draußen stehn An diesem Tage, wo das harte Wild Zur Höhle sich vorm Sonnenbrande flüchtet? Bauer . Ich kenn' euch. Wehe! das ist der Verfluchte Von Agrigent. Es ahndete mir gleich. Hinweg! Pausanias . Beim Donner! nicht hinweg! – er soll Für dich mir bürgen. lieber Heiliger! Indes ich geh' und Nahrung suche. Ruh' An diesem Baum und höre! wenn ihm Ein Leid geschieht, es sei, von wem es wolle, So komm' ich über Nacht und brenne dir, Eh' du es denkst, dein strohern Haus zusammen! Erwäge das! (Bauer geht ab.) 3. Empedokles. Pausanias. Empedokles . Sei ohne Sorge! Sohn! Pausanias . Wie sprichst du so? Ist doch dein Leben mir Der lieben Sorge wert, und diese meinen, Es wäre nichts am Manne zu verderben, Dem solch ein Wort gesprochen ward wie dir, Und leicht gelüstet sie's, und wär' es nur Um seines Mantels wegen, ihn zu töten; Denn ungereimt ist's ihnen, daß er noch Gleich Lebenden umhergeht; weißt du es Denn nicht? Empedokles . O ja, ich weiß es. Pausanias . Lächelnd sagst Du das, o Empedokles? Empedokles . Treues Herz, Ich habe wehe dir getan, ich wollt' Es nicht. Pausanias . Ach! ungeduldig bin ich nur. Empedokles . Sei ruhig meinetwegen, Lieber, bald Ist dies vorbei. Pausanias . Wie sagst du das? Empedokles . Du wirst Es sehn. Pausanias . Wie ist dir? soll ich nun ins Feld Nach Speise gehn? wenn du es nicht bedarfst, So bleib' ich lieber, oder besser ist's, Wir gehn und suchen einen Ort zuvor Für uns im Berge. Empedokles . Siehe! nahe blinkt Ein Wiesenquell; der ist auch unser. Nimm Dein Trinkgefäß, die hohle Kürbis, daß der Trank Die Seele mir erfrische. Pausanias (an der Quelle) Klar und kühl Und rege sproßt's aus dunkler Erde, Vater! Empedokles . Erst trinke du. Dann schöpf' und bring' es mir. Pausanias (indem er ihm es reicht) Die Götter segnen dir's. Empedokles . Ich trink' es euch, Ihr alten Freundlichen! ihr meine Götter! Und meiner Wiederkehr, Natur! schon ist Es anders, o ihr Gütigen, ihr geht Voraus, und eh' ich komme, seid ihr da. Und blühen soll Es, eh' es reift! – sei ruhig, Sohn! und höre, Wir sprechen vom Geschehenen nicht mehr. Pausanias . Du bist verwandelt und dein Auge glänzt Wie eines Siegenden; ich fass' es nicht. Empedokles . Wir wollen noch, wie Jünglinge, den Tag Zusammen sein und vieles reden. Findet Doch leicht ein heimatlicher Schatte sich, Wo unbesorgt die treuen Langvertrauten Beisammen sind in liebendem Gespräch. Mein Liebling! haben wir, wie gute Knaben An einer Traub', am schönen Augenblick Das liebe Herz so oft gesättigt, Und mußtest du bis hier mich hergeleiten, Daß unsrer Feierstunden keine sich verlör', Wohl kauftest du um schwere Mühe sie; Doch geben was umsonst die Götter? Pausanias . O mache mir es klar, daß ich wie du Mich freue! Empedokles . Siehest du denn nicht! Es kehrt Die schöne Zeit von meinem Leben heute Noch einmal wieder; und das Größre steht Bevor. Hinauf, o Sohn, zum Gipfel Des alten heil'gen Ätna! Denn gegenwärt'ger sind auf Höhn die Götter, Da will ich heute noch mit diesen Augen Die Ströme sehn und Inseln und das Meer. Da, zögernd über goldenen Gewässern, Auch das Sonnenlicht beim Scheiden, Das jugendliche, das ich einst Zuerst geliebt. Dann glänzt um uns Das ewige Gestirn, indes herauf Der Erde Glut aus Bergestiefen quillt, Und zärtlich rührt der Allbewegende, Der Geist, uns an! o dann – Pausanias . Du schreckst Mich nur, denn unbegreiflich bist du mir. Du siehest heiter aus und redest herrlich, Doch lieber wär' es mir, du trauertest. Ach, brennt dir doch die Schmach im Busen, die Du littest, und achtest selber dich für nichts, So viel du bist. Empedokles . O Götter, läßt auch der Zuletzt die Ruh' mir nicht und regt den Sinn Mir auf mit roher Rede; willst du das, So geh! Bei Tod und Leben! Nicht ist dies Die Stunde mehr, viel Worte noch davon Zu machen, was ich leid' und bin. Besorgt ist das; ich will es nimmer wissen. Ich hab's verdient. Ich kann dir's wohl verzeihn, Daß du zur Unzeit mich gemahnt. Es ist Der Priester dir vor Augen und es gellt Im Ohre dir des Pöbels Hohngeschrei, Die brüderliche Nänie, die uns Zur lieben Stadt hinausgeleitet. Ha! mir! bei allen Göttern, die mich schufen, Sie hätten's nicht getan, wär ich Der Alte noch gewesen. Was? schändlich Verriet ein Tag von meinen Tagen mich An diese Feigen – still! hinunter soll's! Begraben will ich es, so tief, wie noch Kein Grab für Sterbliches gegraben ist. Pausanias . Ach! häßlich stört' ich ihm die hohe Seele, Die herrliche, und bänger denn zuvor Ist jetzt die Sorge. Empedokles . Getrost! es ist geholfen. Laß die Klage! Und störe mich nicht wieder. Mit der Zeit Ist alles gut. Mit Sterblichen und Göttern Bin ich nun bald versöhnt, ich bin es schon. Pausanias . Ist's möglich? und geheilt Ist dir der furchtbar trübe Sinn, und wähnest du Dich nun nicht mehr allein, und ruhig kehrt Dein Herz wie sonst ans Herz der Erde wieder? Und freundlich ahndend sieht dein Auge Zum väterlichen Äther wieder auf? Du Lieber! und es dünkt der Menschen Tun Unschuldig wie die Herdesflamme dir? So sprachst du sonst; ist's wieder wahr geworden? O sieh! dann segn' ich den klaren Quell, An dem das neue Leben dir begann. Und fröhlich wandern morgen wir hinab Ans Meer, das uns an sichres Ufer bringt. Was achten wir der Reise Not und Mühe! Ist heiter doch der Geist! Empedokles . O Kind! Pausanias, hast du dies vergessen: Umsonst wird nichts den Steblichen gewährt. Und eines hilft. – Nein, heldenmüt'ger Jüngling, Erblasse nicht! Sieh! was mein altes Glück Mir wieder bringt, und leise kaum gedacht, Das Unersinnbare mir wieder gibt, Mit Götterjugend mir, dem Welkenden, Die Wange rötet, kann nicht übel sein. Geh Sohn! Ich möchte meinen Sinn Und meine Lust nicht gerne ganz verraten. Für dich ist's nicht. Und höre, liebes Herz, Wenn du's erfährst, so mache dir's nicht eigen, Und lasse mir's, ich lasse deines dir. Was ist's? Pausanias . Ein Haufe Volks, dort kommen sie Herauf. Empedokles . Erkennst du sie? Pausanias . Ich traue nicht Den Augen. Empedokles . Was? soll ich zum Rasenden Noch werden, was? in sinnenlosem Weh Und Grimm hinab, wohin ich friedlich wollte? Agrigentiner sind's! Pausanias . Unmöglich! Empedokles . Träum' Ich denn? Mein edler Gegner ist's, der Priester Und sein Gefolge – pfui! so heillos ist, In dem ich Wunden sammelte, der Kampf, Und würdigere Kräfte gab es nicht Zum Streite gegen mich? o schrecklich ist's, Zu hadern mit Verächtlichen! und weh! In dieser heil'gen Stunde noch, wo schon Zum Tone sich der allverzeihenden Natur die Seele vorbereitend stimmt', Da fällt die Rotte mich noch einmal an Und mischt ihr wütend sinnenlos Geschrei In meinen Schwanensang. Heran! es sei, Ich will es euch verleiden! schont' ich doch Von je zu viel des schlechten Volks und nahm An Kindesstatt der falschen Bettler g'nug. Habt ihr es mir noch immer nicht vergeben, Daß ich euch wohlgetan? Ich will es nun Auch nicht. O kommt, Elende! muß es sein, So kann ich auch im Zorne zu den Göttern. Pausanias . Wie wird das endigen? 4. Die Vorigen. Hermokrates. Kritias. Volk. Hermokrates . Befürchte nichts! Und laß der Männer Stimme dich nicht schrecken, Die dich vertrieben. Sie verzeihen dir. Empedokles . Ihr Unverschämten! Anders wißt ihr's nicht? O tut die Augen auf und seht, wie schlecht Ihr seid, daß euch das Weh die närrische, Verruchte Zunge lähme; könnt ihr nicht Erröten? o ihr Armen! schamlos läßt Den schlechten Mann mitleidig die Natur, Daß ihn das Größre nicht zu Tode schrecke. Wie könnt' er sonst vor Größerem bestehn? Hermokrates . Was du verbrochen, büßest du, genug Von Elend ist dein Angesicht gezeichnet. Genes' und kehre nun zurück; dich nimmt Das gute Volk in seine Heimat wieder. Empedokles . Wahrhaftig, großes Glück verkündet mir Der Fromme Friedensbote: Tag für Tag Den schauerlichen Tanz mit anzusehen, Wo ihr euch jagt und äfft, wo ruhelos Und irr' und bang, wie unbegrabne Schatten, Ihr umeinander rennt, ein ärmliches Gemeng', In eurer Not ihr Gottverlaßnen! Und eure lächerlichen Bettlerkünste, Die nah zu haben, ist der Ehre wert! Ha! wüßt' ich Bessres nicht, ich lebte lieber Sprachlos und fremde mit des Berges Wild In Regen und in Sonnenbrand und teilte Die Nahrung mit dem Tier, als daß ich noch In euer blindes Elend wiederkehrte. Hermokrates . So dankst du uns? Empedokles . O sprich es einmal noch Und siehe, wenn du kannst, zu diesem Licht, Dem allesschauenden empor! doch freilich Sind Helios' Strahlen immer Blitze dem Heuchler! . . . . . . . . . . warum bliebst Du auch nicht fern und kamst mir frech vors Auge, Und nötigst das letzte Wort mir ab, Damit es dich zum Acheron geleite? Weißt du, was du getan? Was tat ich dir? Es warnte dich! und lange fesselte Die Furcht die Hände dir, und lange grämt' In seinen Banden sich dein Grimm; ihn hielt Mein Geist gefangen; freilich mehr Wie Durst und Hunger quält das Edlere Den Schlechten; konntest du nicht ruhn und mußtest Dich an mich wagen, Ungestalt, und wähntest, Ich würde dir gleich, wenn mit deiner Schmach du Das Angesicht mir übertünchtest? Das war ein alberner Gedanke, Mann! Und könntest du dein eigen Gift im Tranke Mir reichen, dennoch paarte sich mit dir Mein lieber Genius nicht und schüttete Mit diesem Blut, das du entweiht, dich aus. Es ist umsonst; wir gehn verschiedne Wege, Stirb du gemeinen Tods, wie sich's gebührt, Am seelenlosen Knechtgefühl! Mir ist Ein ander Los beschieden, andern Weg Weissagtet einst, da ich geboren ward, Ihr Götter, mir, die gegenwärtig waren. Was wundert sich der allerfahrne Mann? Sein Werk ist aus, und seine Ränke reichen An meine Freude nicht. Begreifest du das auch? Hermokrates . Den Rasenden begreif' ich freilich nicht. Kritias . Genug ist's nun, Hermokrates! du reizest Zum Zorne nur den Schwerbeleidigten. Pausanias . Was nehmt ihr auch den kalten Priester mit, Ihr Toren, wenn um Gutes euch zu tun ist, Und wählet zum Versöhner Den Gottverlaßnen, der nicht lieben kann! Zu Zwist und Tod ist der und seinesgleichen Ins Leben ausgesät, zum Frieden nicht! Jetzt seht ihr's ein, o hättet ihr's vor Jahren! Es wäre manches nicht in Agrigent Geschehen. Viel hast du getan, Hermokrates, Solang du lebst, hast manche liebe Lust Den Sterblichen hinweggeängstigt, Hast manches Heldenkind in seiner Wieg' Erstickt; und gleich der Blumenwiese fiel Und starb die jugendkräftige Natur Vor deiner Sense. Manches sah ich selbst, Und manches hört' ich. – Soll ein Volk vergehn, So schicken nur die Furien einen, Der, täuschend überall, der Missetat Die lebensreichen Menschen überführe! Zuletzt, der Kunst erfahren, machte sich An einen Mann der heiligschlaue Würger, Und herzempörend glückt es ihm, damit Das Göttergleiche durchs Gemeinste falle. Mein Empedokles! – gehe du des Wegs, Den du erwählt, ich kann's nicht hindern, brennt Das Blut in meinen Adern gleich, Doch diesen, der das Leben dir genommen, Den Allverderber, such' ich auf, wenn ich Allein gelassen bin von dir, und flöhe Er zum Altar, es hilft ihm nichts, ich nehm' ihn Mit mir, ich weiß sein elend Element, Zum toten Sumpfe schlepp' ich ihn, und wenn Er flehend wimmert, so erbarm' ich mich Des grauen Haars, wie er der andern sich Erbarmt; hinab! hörst du? ich halte Wort. Erster . Es braucht des Wartens nicht, Pausanias! Hermokrates . Ihr Bürger! Zweiter . Regst du noch die Zunge? Du, Du hast uns schlecht gemacht, hast den Sinn Uns weggeschwatzt; hast uns des Halbgotts Liebe Gestohlen, du! er ist's nicht mehr. Er kennt Uns nicht; ach! ehmals sah mit sanften Augen Auf uns der königliche Mann; nun kehrt Sein Blick das Herz mir um. Dritter . Weh! waren wir Doch gleich den Alten zu Saturnus' Zeit, Da freundlich unter uns der Hohe lebt', Und jeder hatt' in seinem Hause Freude, Und alles war genug. Was ludest du Den Fluch auf uns, den unvergeßlichen, Den er gesprochen? Ach! er mußte wohl, Und sagen werden unsre Söhne, wenn Sie groß geworden sind, ihr habt den Mann, Den uns die Götter sandten, uns gemordet. Zweiter . Er weint! – O größer noch und lieber, Denn vormals, dünkt er mir. Und sträubst Du noch dich gegen ihn und stehest da, Als sähst du nicht, und brechen dir vor ihm Die Kniee nicht? Zu Boden, Mensch! Erster . Und spielst Du noch den Götzen? Was? Und möchtest gern So fort es treiben? Nieder mußt du mir! Und auf den Nacken setz' ich dir den Fuß, Bis du mir sagst, du habest endlich dich Bis in den Tartarus hinabgelogen. Dritter . Weißt du, was du getan? Dir wär' es besser, Du hättest Tempelraub gegangen, ha! Wir beteten ihn an, und billig war's; Wir wären götterfrei mit ihm geworden, Da wandelt unverhofft, wie eine Pest, Dein böser Geist uns an, und uns verging Das Herz und Wort und alle Freude, die Er uns geschenkt, in widerwärt'gem Taumel. O Schande! Schande! Wie die Rasenden Frohlockten wir, da du zum Tode schmähtest Den hochgeliebten Mann. Unheilbar ist's, Und stürbst du siebenmal, du könntest doch Was du an ihm und uns getan, nicht ändern. Empedokles . Die Sonne neigt zum Untergange sich Und weiter muß ich diese Nacht, ihr Kinder. Laßt ab von ihm! Es ist zu lange schon, Daß wir gestritten. Was geschehen ist, Vergehet all, und künftig lassen wir In Ruh' einander. – Pausanias . Gilt denn alles gleich? Dritter . O lieb uns wieder! Zweiter . Komm und leb' In Agrigent; es hat's ein Römer mir Gesagt, durch ihren Numa wären sie So groß geworden. Komme, Göttlicher! Sei unser Numa! Lange dachten wir's Du solltest König sein. O sei es! sei es! Ich grüße dich zuerst, und alle wollen's. Empedokles . Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr. Die Bürger (erschrocken) Wer bist du, Mann? Pausanias . So lehnt man Kronen ab, Ihr Bürger. Erster . Unbegreiflich ist das Wort, So du gesprochen, Empedokles. Empedokles . Hegt Im Neste denn die Jungen immerdar Der Adler? Für die blinden sorgt er wohl, Und unter seinen Flügeln schlummern süß Die ungefiederten ihr dämmernd Leben. Doch haben sie das Sonnenlicht erblickt Und sind die Schwingen ihnen reif geworden, So wirft er aus der Wiege sie, damit Sie eignen Flug beginnen. Schämet euch, Daß ihr noch einen König wollt; ihr seid Zu alt; zu eurer Väter Zeiten wär's Ein anderes gewesen. Euch ist nicht Zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft. Kritias . Vergib! bei allen Himmlischen! du bist Ein großer Mann, Verratener! Empedokles . Es war Ein böser Tag, der uns geschieden, Archon. Zweiter . Vergib und komm mit uns! Dir scheinet doch Die heimatliche Sonne freundlicher, Denn anderswo, und willst du schon die Macht, Die dir gebührte, nicht, so haben wir Der Ehrengaben manche noch für dich, Für Kränze grünes Laub, und schöne Namen, Und für die Säule nimmer alternd Erz. O komm! Es sollen unsre Jünglinge, Die reinen, die dich nie beleidigten, Dir dienen – wohnst du nahe nur, so ist's Genug, und dulden müssen wir's, wenn du Uns meid'st und einsam bleibst in deinen Gärten, Bis du vergessen hast, was dir geschehn. Empedokles . O einmal noch! Du heimatliches Licht, Das mich erzog, ihr Gärten meiner Jugend Und meines Glücks, noch soll ich eurer denken, Ihr Tage meiner Ehre, wo ich rein Und ungekränkt mit diesem Volke war. Wir sind versöhnt, ihr Guten! – Laßt mich nun, O schonet mein! vergebens ist es! still! Und besser ist's, ihr seht das Angesicht, Das ihr geschmäht, nicht mehr; so denkt ihr lieber Des Manns, den ihr geliebt, und irre wird Dann nicht an ihm der leichtgetrübte Sinn; In ew'ger Jugend lebt mit euch mein Bild, Und schöner tönen, wenn ich ferne bin, Die Freudensänge, so ihr mir versprochen. O laßt uns scheiden, ehe Torheit uns Und Alter scheidet, sind wir doch gewarnt; Und eines bleiben, die zu rechter Zeit Aus eigner Kraft die Trennungsstunde wählten. Dritter . So ratlos lässest du uns stehn? Empedokles . Ihr botet Mir eine Kron', ihr Männer, nehmt von mir Dafür mein Heiligtum. Ich spart' es lang. In heitern Nächten oft, wenn über mir Die Welt sich öffnet', und die heil'ge Luft Mit ihren Sternen allen als ein Geist Voll freudiger Gedanken mich umfing, Da wurd' es oft lebendiger in mir; Und freudig ungeduldig rief ich schon Vom Orient die goldne Morgenwolke Zum neuen Fest, an dem mein einsam Lied Mit euch zum Freudenchore würd', herauf. Mit Tagesanbruch dacht' ich euch das Wort, Das ernste, langverhaltene, zu sagen. Doch immer schloß mein Herz sich wieder, hofft' Auf seine Zeit und reifen sollte mir's. Heut ist mein Herbsttag, und es fällt die Frucht Von selbst. Pausanias . O hätt' er früher nur gesprochen, Vielleicht dies alles wär' ihm nicht geschehn. Empedokles . Nicht ratlos stehen lass' ich euch, Ihr Lieben! aber fürchtet nichts! Es scheun Die Erdenkinder meist das Neu' und Fremde. Daheim in sich zu bleiben, strebet nur Der Pflanze Leben und das frohe Tier. Beschränkt im Eigentume sorgen sie, Wie sie bestehn, und weiter reicht ihr Sinn Im Leben nicht; doch müssen sie zuletzt, Die Ängstlichen, hinaus, und sterbend kehret Ins Element ein jedes, daß es da Zu neuer Jugend, wie im Bade, sich Erfrische. Menschen ist die große Lust Gegeben, daß sie selber sich verjüngen; Und aus dem reinigenden Tode, den Sie selber sich zur rechten Zeit gewählt, Erstehn, wie aus dem Styx Achill, die Völker Unüberwindlich . . . O gebt euch der Natur, eh' sie euch nimmt! – Ihr dürstet längst nach Ungewöhnlichem, Und wie aus krankem Körper sehnt der Geist Von Agrigent sich aus dem alten Gleise. So wagt's! was ihr geerbt, was ihr erworben, Was euch der Vater Mund erzählt, gelehrt, Gesetz' und Bräuch', der alten Götter Namen, Vergeßt es kühn und hebt, wie Neugeborne, Die Augen auf zur göttlichen Natur! Wenn dann der Geist sich an des Himmels Licht Entzündet, süßer Lebensodem euch Den Busen, wie zum ersten Male tränkt, Und goldner Früchte voll die Wälder rauschen, Und Quellen aus dem Fels, wenn euch das Leben Der Welt ergreift, ihr Friedensgeist, und euch's Wie heil'ger Wiegensang die Seele stillet; Dann aus der Wonne schöner Dämmerung Der Erde Grün von neuem euch erglänzt, Und Berg und Meer und Wolken und Gestirn, Die edeln Kräfte, Heldenbrüdern gleich, Vor euer Auge kommen, daß die Brust, Wie Waffenträgern, euch nach Taten klopft Und eigner schöner Welt; dann reicht die Hände Euch wieder, gebt das Wort und teilt das Gut, O dann, ihr Lieben! teilet Tat und Ruhm, Wie treue Dioskuren; jeder sei, Wie alle, – wie auf schlanken Säulen ruh' Auf richt'gen Ordnungen das neue Leben Und euern Bund befest'ge das Gesetz. Dann, o ihr Genien der wandelnden Natur! dann ladet euch, ihr heiteren, Das freie Volk zu seinen Festen ein, Gastfreundlich! fromm! denn liebend gibt Der Sterbliche vom Besten, schließt und engt Den Busen ihm die Sorg' und Knechtschaft nicht. Von Herzen nennt man, Erde, dann dich wieder, Und, wie die Blum' aus deinem Dunkel sproßt, Blüht Wangenrot der Dankenden für dich Aus lebensreicher Brust und selig Lächeln. Beschenkt mit Liebeskränzen rauschet dann Der Quell hinab, wächst unter Segnungen Zum Strom, und mit dem Echo der Gestade Tönt deiner wert, o Vater Ozean, Der Lobgesang aus reicher Wonne wieder. Es fühlt sich neu in himmlischer Verwandtschaft, O Sonnengott, der Menschengenius Mit dir; und dein wie sein ist, was er bildet. Aus Lust und Mut und Lebensfülle gehen Die Taten leicht, wie deine Strahlen, ihm, Und Schönes stirbt in traurigstummer Brust Nicht mehr. Wie edles Samenkorn ist oft Das Herz der Sterblichen in toter Schale, Bis ihre Zeit gekommen ist; es atmet Der Äther liebend immerdar um sie, Und mit den Adlern trinkt Ihr Auge Morgenlicht; doch Seegen gibt Es nicht den Träumenden, und kärglich nährt Vom Nektar, den die Götter der Natur Alltäglich reichen, sich ihr schlummernd Wesen; Bis sie des engen Treibens müde sind, Und sich die Brust in ihrer kalten Fremde, Wie Niobe, gefangen, und der Geist Sich kräftiger denn seine Ruhe fühlt; Und, seines Ursprungs eingedenk, das Leben Lebend'ge Schöne sucht und gerne sich Entfaltet an der Gegenwart des Reinen. Dann glänzt ein neuer Tag herauf und staunend, Ungläubig, wie nach hoffnungsloser Zeit Beim heil'gen Wiedersehn Geliebtes hängt Am totgeglaubten Lieben, hängt das Herz An . . . . . Sie sind's! Die langentbehrten, die lebendigen, Die guten Götter! – Lebt wohl! es war das Wort des Sterblichen, Der diese Stunde liebend zwischen euch Und seinen Göttern zögert, die ihn rufen. Am Scheidetage weissagt unser Geist Und Wahres reden, die nicht wiederkehren. Kritias . Wohin? o beim lebendigen Olymp, Den du mir alten Manne noch zuletzt, Mir Blinden aufgeschlossen, scheide nicht. Nur wenn du nahe bist, gedeiht im Volk Und wächst in Zweig und Frucht die neue Seele. Empedokles . Es sprechen, wenn ich ferne bin, statt meiner Des Himmels Blumen, blühendes Gestirn, Und die der Erde tausendfach entkeimen. Die göttlichgegenwärtige Natur Bedarf der Rede nicht; und nimmer läßt Sie einsam euch, wenn einmal sie genaht, Denn unauslöschlich ist der Augenblick Von ihr, und siegend wirkt durch alle Zeiten Beseligend hinab sein himmlisch Feuer. Wenn dann die glücklichen Saturnustage, Die neuen männlichern gekommen sind, Dann denkt vergangner Zeit, dann leb', erwärmt Am Genius, der Väter Sage wieder! Zum Feste komme, wie vom Frühlingslicht Emporgesungen, die vergessene Heroenwelt vom Schattenreich herauf, Und mit der goldnen Trauerwolke lagre, Ihr Freudigen, Erinnrung sich um euch! Pausanias . Und du? und du? Ach! Nennen will ich's nicht Vor diesen Glücklichen, Daß sie nicht ahnden, was geschehen wird, Nein, o nein! Du kannst es nicht! Empedokles . O Wünsche! Kinder seid ihr, und doch wollt Ihr wissen, was begreiflich ist und recht; Du irrest! sprecht ihr Törichten zur Macht, Die mächt'ger ist, denn ihr; doch hilft es nicht, Und, wie die Sterne, geht unaufgehalten Das Leben im Vollendungsgange weiter. Kennt ihr der Götter Stimmen nicht? Noch eh' Als ich der Eltern Sprache lauschend lernt', Im ersten Odemzug, im ersten Blick Vernahm ich jene schon, und immer hab' Ich höher sie, denn Menschenwort geachtet. Hinauf! sie riefen mich und jedes Lüftchen Regt mächtiger die bange Sehnsucht auf, Und wollt' ich hier noch länger weilen, wär's, Wie wenn der Jüngling unbeholfen sich Am Spiele seiner Kinderjahre letzte. Ha! seellos, wie die Knechte, wandelt' ich In Nacht und Schmach vor euch und meinen Göttern. Gelebt hab' ich! wie aus der Bäume Wipfel Die Blüte regnet und die goldne Frucht, Und Blum' und Korn aus dunklem Boden quillt, So kam aus Müh' und Not die Freude mir, Und freundlich stiegen Himmelskräfte nieder; Es sammeln in der Tiefe sich, Natur, Die Quellen deiner Höh'n, und deine Freuden, Sie kamen all, in meiner Brust zu ruhn, Sie waren eine Wonne; wenn ich dann Das schöne Leben übersann, da bat Ich herzlich oft um eines nur die Götter: Sobald ich einst mein heilig Glück nicht mehr In Jugendstärke taumellos ertrüg', Und wie des Himmels alten Lieblingen Zur Torheit mir des Geistes Fülle würde, Dann mich zu nehmen, dann nur schnell ins Herz Ein unerwartet Schicksal mir zu senden, Zum Zeichen, daß die Zeit der Läuterung Gekommen sei, damit bei guter Stund' Ich fort zu neuer Jugend noch mich rettet', Und unter Menschen nicht der Götterfreund Zum Spiel und Spott und Ärgernisse würde. Sie haben mir's gehalten; mächtig warnt' Es mich zwar einmal nur, doch einmal ist's Dem freien Geiste g'nug! Und so ich's nicht verstände, wär' ich gleich Gemeinem Rosse, das den Sporn nicht ehrt Und noch der nötigenden Geißel wartet. Drum fordert nicht die Wiederkehr des Manns, Der euch geliebt, doch wie ein Fremder war Mit euch und nur für kurze Zeit geboren; O fordert nicht, daß er an Sterbliche Sein Heiliges und seine Seele wage! Ward doch ein schöner Abschied uns gewährt, Und konnt' ich noch mein Liebstes euch zuletzt, Mein Herz hinweg aus meinem Herzen geben. Drum vollends nicht! Was sollt' ich noch bei euch? Erster . Wir brauchen deines Rats. Empedokles . Fragt diesen Jüngling! schämet des euch nicht. Aus frischem Geiste kommt das Weiseste, Wenn ihr um Großes ihn im Ernste fraget. Aus junger Quelle nahm die Priesterin, Die alte Pythia, die Göttersprüche, Und Jünglinge sind selber eure Götter. – Mein Liebling! Gerne weich' ich, lebe du Nach mir; ich war die Morgenwolke nur, Geschäftslos und vergänglich! und es schlief, Indes ich einsam blühte, noch die Welt, Doch du, du bist zum klaren Tag geboren. Pausanias . O! schweigen muß ich. Kritias . Überrede dich Nicht, bester Mann! und uns mit dir. Mir selbst Ist's vor dem Auge dunkel, und ich kann Nicht sehn, was du beginnst, und kann nicht sagen: bleibe! Verschieb' es einen Tag. Der Augenblick Faßt wunderbar uns oft, so gehen wir, Die Flücht'gen mit den Flüchtigen, dahin. Oft dünkt das wohlgefallen einer Stund' Uns lange vorbedacht und doch ist's nur Die Stunde, die uns blendet, daß wir sie Nur sehen in Vergangenem. Vergib! Ich will den Geist des Mächtigern nicht schmähn, Nicht diesen Tag; ich seh' es wohl, ich muß Dich lassen, kann nur zusehn, wenn es schon Mich in der Seele kümmert – Dritter . Nein! o nein! Er gehet zu den Fremden nicht, nicht übers Meer, Nach Hellas' Ufern oder nach Ägyptos Zu seinen Brüdern, die ihn lange nicht Gesehn, den Hohen, Weisen – bittet ihn, O bittet, daß er bleib', es ahndet mir, Und Schauer gehn von diesem stillen Mann, Dem heiligfurchtbaren, mir durch das Leben, Und heller wird's in mir und finstrer auch, Denn in der vor'gen Zeit – (Sich an Empedokles wendend) . . . . . Empedokles . O lieber Undank! gab ich doch genug, Wovon ihr leben möget. Ihr dürft leben Solang ihr Odem habt; ich nicht. Es muß Beizeiten weg, durch wen der Geist geredet. Es offenbart die göttliche Natur Sich göttlich oft durch Menschen, so erkennt Das vielversuchende Geschlecht sie wieder, Doch hat der Sterbliche, dem sie das Herz Mit ihrer Wonne füllten, sie verkündet, O laßt sie dann zerbrechen das Gefäß, Damit es nicht zu anderm Brauche dien' Und Göttliches zum Menschenwerke werde. Laßt diese Glücklichen doch sterben, laßt, Eh' sie in Eigenmacht und Tand und Schmach Vergehn, die Freien, sich bei guter Zeit Den Göttern liebend opfern. Mein ist dies Und wohl bewußt ist mir mein Los; und längst Am jugendlichen Tage hab' ich mir's Geweissagt; ehret mir's! Und wenn ihr morgen Mich nimmer findet, sprecht: veralten sollt' Er nicht und Tage zählen, dienen nicht Der Sorge Krankheit, ungesehen ging Er weg, und keines Menschen Hand begrub ihn, Und keines Auge weiß von seiner Asche; Denn anders ziemt es nicht für ihn, vor dem In todesfroher Stund' am heil'gen Tage Das Göttliche den Schleier abgeworfen, Den Licht und Erde liebten, dem der Geist, Der Geist der Welt, den eignen Geist erweckte, In dem sie sind, zu dem ich sterbend kehre. Kritias . Weh! unerbittlich ist er, und es schämt vor ihm Das Herz sich selbst, ein Wort noch ihm zu sagen. Empedokles . Komm, reiche mir die Hände, Kritias! Und ihr, ihr all! – (Zu Pausanias) Du bleibest, Liebster, noch Beim Freunde bis zum Abend, Du immertreuer, guter Jüngling! – Trauert nicht! Denn heilig ist mein End' und schön, – o Luft, Luft, die den Neugeborenen umfängt, Wenn droben er die neuen Pfade wandelt, Dich ahnd' ich, wie der Schiffer, wenn er nah Dem Blütenwald der Mutterinsel kommt, Schon atmet liebender die Brust. Und sein Gealtert Angesicht verklärt Erinnerung Der ersten goldnen Jugendwonne wieder! Und o Vergessenheit! Versöhnerin! – Voll Segens ist die Seele mir, ihr Lieben! Geht nur und grüßt die heimatliche Stadt Und ihr Gefild! am schönen Tage, wenn, Den Göttern der Natur ein Fest zu bringen, Ihr einst heraus zum heil'gen Haine geht, Und wie mit freundlichen Gesängen euch's Empfängt aus heitern Höhn: dann wehet wohl Ein Ton von mir im Liede; Des Freundes Wort, verhüllt ins Liebeschor Der schönen Welt, vernehmt ihr liebend wieder, – Und herrlicher ist's so! Was ich gesagt, Dieweil ich hie noch weile, wenig ist's. Doch nimmt's der goldne Strom des Lichts vielleicht zu Der stillen Quelle, die euch sehnen möchte, Durch dämmerndes Gewölke mit hinab. Und ihr gedenket meiner! Kritias . Heiliger! Du hast mich überwunden, heil'ger Mann! Ich will es ehren, was mit dir geschieht, Und einen Namen will ich ihm nicht geben. O mußt' es sein? es ist so eilend all Geworden. Da du noch in Agrigent Stillherrschend lebtest, achteten wir's nicht, Nun bist du uns genommen, eh' wir's denken; Es kommt und geht die Freude, doch gehört Sie Sterblichen nicht eigen, und der Geist Geht ungefragt auf seinem Pfade weiter. Ach, können wir denn sagen, daß du da Gewesen? . . . . . . . . . . . . . . . 5. Empedokles. Pausanias. Pausanias . Es ist geschehen, schicke nun auch mich Hinweg! Dir wird es leicht! Empedokles . O raste! Pausanias . Ich weiß es wohl, ich sollte so nicht reden Zum heil'gen Fremdlinge. Doch will ich nicht Das Herz im Busen bändigen. Du hast's Verwöhnt, du hast es selber dir erzogen – Und meinesgleichen dünkte mir, da noch Ein roher Knab' ich war, der Herrliche, Wenn er mit Wohlgefallen sich zu mir Im freundlichen Gespräche neigt' und mir Wie längst bekannt des Mannes Worte waren. Das ist vorbei! vorbei! O Empedokles! Noch nenn' ich dich mit Namen, halte noch Bei seiner treuen Hand den Fliehenden, Und sieh! noch immer ist es mir Als könntest du mich nicht lassen, Liebender! Geist glücklicherer Jugend! hast du mich Umsonst umfangen, hab' ich dir umsonst Entfaltet dieses Herz in Wagelust Und großen Hoffnungen? Ich kenne dich Nicht mehr. Es ist ein Traum. Ich glaub' es nicht. Empedokles . Verstandest du es nicht? Pausanias . Mern Herz versteh' ich, Das treu und stolz für deines zürnt und schlägt. Empedokles . So gönn' ihm seine Ehre, doch dem meinen – Pausanias . Ist Ehre nur im Tod? Empedokles . Du hast's gehört, Und deine Seele zeugt es mir, für mich Gigt's andre nicht. Pausanias . Ach! ist's denn wahr? Empedokles (heimlich) Wofür Erkennst du mich? Pausanias (innig) O Sohn Uraniens! Wie kannst du fragen? Empedokles . Dennoch soll ich wie ein Knecht Den Tag der Unehr' überleben? Pausanias . Nein! Bei deinem Zaubergeiste, Mann, ich will nicht, Will nicht dich schmähn, geböt' es auch die Not Der Liebe mir, du Lieber! Stirb denn nur Und zeuge so von dir, wenn's sein muß. Empedokles . Hab' Ich's doch gewußt, daß du nicht ohne Freude Mich gehen ließest, Heldenmütiger! Pausanias . Wo ist das Leid? umwallt das Haupt Dir doch ein Morgenrot, und einmal schenkt Dein Auge noch mir seine kräft'gen Strahlen. Empedokles . Und ich, ich küsse dir Verheißungen Auf deine Lippen, größer wirst du sein Denn ich! Wirst leuchten, jugendliche Flamme, mächtig wirst Was sterblich ist, in Seel' und Flamme wandeln, Daß es mit dir zum heil'gen Äther steigt. Ja! Liebster! nicht umsonst hab' ich mit dir Gelebt und unter mildem Himmel Viel einzig Freudiges vom ersten goldnen Gelungnen Augenblick uns aufgegangen, Und oft wird dessen dich mein stiler Hain Und meine Halle mahnen, wenn du dort Vorüberkömmst des Frühlings, und der Geist, Der zwischen mir und dir gewesen, dich Umwaltet; dank' ihm dann und dank' ihm jetzt! O Sohn! Sohn meiner Seele! Pausanias . Vater! danken Will ich, wenn wieder erst das Bitterste Von mir genommen ist. Empedokles . Doch Lieber, schön Ist auch der Dank, solange noch die Freude, Die Scheidende, bei Scheidenden verzögert. Pausanias . O muß sie denn vergehn? ich fass' es nicht, Und du? was hülf' es dir? Empedokles . Bin ich durch Sterbliche doch nicht bezwungen Und geh' in meiner Kraft furchtlos hinab Den selbst erkornen Pfad; mein Glück ist dies, Mein Vorrecht ist's. Pausanias . Laß, o laß! und sprich nicht so Das Schreckliche mir aus! Noch atmest du, Noch hörst du Freundeswort und rege quillt Das teure Lebensblut von Herzen dir, Du stehst und blickst und hell ist rings die Welt, Und klar ist dir dein Auge vor den Göttern, Der Himmel ruht auf freier Stirne dir, Und freundlich überglänzt, Du Herrlicher! dein Genius die Erd' – Und alles soll vergehn! Empedokles . Vergehn? ist doch Das Bleiben gleich dem Strome, den der Frost Gefesselt. Töricht Wesen! schläft und hält Der heil'ge Lebensgeist denn irgendwo, Daß du ihn binden möchtest, du, den Reinen? Es ängstiget der Immerfreudige Dir niemals in Gefängnissen sich ab Und zaudert hoffnungslos auf seiner Stelle! Frägst du, wohin? die Wonnen einer Welt Muß er durchwandern und er endet nicht. – . . . . . . . . Gehe nun hinein, Bereit' ein Mahl, daß ich des Halmes Frucht Noch einmal koste und die Kraft der Rebe Und dankesfroh mein Abschied sei, und wir Den Musen auch, denHolden, die mich liebten, Den Lobgesang noch singen – tu es, Sohn! Pausanias . Mich meistert wunderbar dein Wort, ich muß Dir, muß gehorchen, will's und will Es nicht. (Er geht.) Empedokles . Ha! Jupiter, Befreier! näher tritt Und näher mein Stund' und vom Geklüfte Kommt schon der traute Bote meiner Nacht, Der Abendwind zu mir, der Liebesbote. Es wird! gereift ist's! o nun schlage, Herz, Und rege deine Wellen, ist der Geist Doch über dir, wie leuchtendes Gestirn, Indes des Himmels heimatlos Gewölk, Das immerflüchtige, vorüberwandelt. Wie ist mir? staunen muß ich noch, als fing' Ich erst zu leben an, denn all ist's anders, Und jetzt erst bin ich, bin – und darum war's, Daß in der frommen Ruhe dich so oft, Du Müßiger, ein Sehnen überfiel? O darum ward ein wirksam Leben dir Versagt, daß du des Überwinders Freuden all In einer vollen Tat am Ende fändest? Ich komme. Sterben? nur ins Dunkel ist's Ein Schritt und sehen möchtest du doch, mein Auge! Du hast nun ausgediehnt, dienstfertiges! Es muß die Nacht jetzt eine Weile mir Das Haupt umschatten. Aber freudig quillt Aus mut'ger Brust die Flamme. Schauderndes Verlangen! Was? am Tod entzündet mir Das Leben sich zuletzt, und reichest du Den Schreckensbecher mir, den gärenden, Natur! damit dein Priester noch aus ihm Die letzte der Begeisterungen trinke! Zufrieden bin ich, suche nun nichts mehr Denn meine Opferstätte. Wohl ist mir. O Iris Bogen! über stürzenden Gewässern, wenn die Wog' in Silberwolken Auffliegt, wie du bist, so ist meine Freude! – – – – – – – – – 6. Panthea. Delia. Panthea . Nein! mich wundert nicht, Daß er sich fort zu seinen Göttern sehnt. Was gaben ihm die Sterblichen! hat ihm Sein töricht Volk gereift den hohen Sinn? Ihr unbedeutend Leben, hat ihm dies Das Herz verwöhnt? Nimm ihn, du gabst ihm alles, gabst Ihn uns – O nimm ihn nur hinweg, Natur. Vergänglicher sind deine Lieblinge, Ich weiß es wohl! Sie kommen und werden groß, und keiner weiß, Wie sie's geworden; so entschwinden sie auch, Die Glücklichen wieder, es hält sie nichts – Ach! und laßt sie doch! Delia . Ist's denn nicht schön, Bei Menschen wohnen? sieh! es weiß Mein Herz von anderm nicht. Vor meinem Auge steht das Ende Des Unbegreiflichen, und du heißest ihn auch Hinweggehn, Panthea? Panthea . Ich muß. Wer will ihn binden? Ihm sagen, mein bist du, Ist doch sein Eigen der Lebendige Und nur sein Geist ihm Gesetz, Und soll er die Ehre der Sterblichen Zu retten, die ihn geschmäht, Verweilen, wenn Der Vater die Arme, Der Äther, öffnet? Delia . Sieh! herrlich auch Und freundlich ist die Erde. Panthea . Ja, herrlich und herrlicher jetzt. Es darf nicht unbeschenkt Von ihr ein Kühner scheiden. Noch weilt er wohl Auf deiner grünen Höhen einer, Du Wechselnde! Und sieht über die wogenden Hügel Hinab ins freie Meer! und nimmt Die letzte Freude sich. Vielleicht wir sehn Ihn nimmer. Gutes Kind! Mich trifft es freilich, und gerne möcht' Ich's anders, doch ich schäme dessen mich. Tut er es ja. Ist's so nicht heilig? Delia . Wer ist der Jüngling, der Vom Berge dort herabkömmt? Panthea . Pausanias. Ach! müssen wir so Uns wiederfinden, Vaterloser? Pausanias. Panthea. Delia. Pausanias . Wo ist er? o Panthea! Du ehrst ihn, suchst ihn auch, Willst einmal noch ihn sehn, Den ernsten Wanderer, ihn, dem allein Beschieden, den Pfade zu gehen mit Ruhm, Den ohne Fluch betritt kein anderer. Panthea . Ist's fromm von ihm und groß, Das Allgefürchtete? Wo ist er? Pausanias . Er sandte mich hinweg, indessen sah Ich ihn nicht wieder. Droben rief Ich im Gebirg' ihn, doch ich fand ihn nicht. Er kehrt gewiß. Bis in die Nacht Versprach er freundlich mir zu bleiben. O käm' er! Es flieht geschwinder wie Pfeile Die liebste Stunde vorüber , Denn freuen werden wir uns noch mit ihm, Du wirst es, Panthea, und sie, Die edle Fremdlingin, die ihn Nur einmal sieht, ein herrlich Meteor. Von seinem Tode habt ihr gehört, Ihr Trauernden? o sehet ihn In seiner Blüte, den Hohen, Ob Trauriges nicht, Und was den Sterblichen schrecklich düngt, Zerrinne vor seligem Auge. Delia . Wie liebst du ihn? und batest umsonst Den Ernsten? Mächtiger ist, denn er, Die Bitte, Jüngling! und ein schöner Sieg Wär's dir gewesen! Pausanias . Wie konnt' ich? trifft Er doch die Seele mir, wenn er Antwortet, was sein Will' ist. Denn Freude nur gibt sein Versagen, Und es tönt, je mehr auf Seinem Der Wunderbare besteht, Nur tiefer das Herz ihm wider. Es ist Nicht eitel Überredung, glaub' es mir, Wenn er des Lebens sich Bemächtiget. Oft wenn er stille war In seiner Welt, Der Hochgenügsame, sah ich ihn Nur dunkelahnend, rege war Und voll die Seele mir, doch konnt' ich nicht Sie fühlen, und es ängstigte mich fast Die Gegenwart des Unberührbaren. Doch kam entscheidend von seiner Lippe das Wort, Dann tönt' ein Freudenhimmel nach in ihm Und mir, und ohne Widerred' Ergriff es mich, doch fühlt' ich nur mich freier. Ach! könnt' er irren, inniger Erkennt' ich daran den unerschöpflich Wahren, Und stirbt er, so flammt aus seiner Asche nur heller Der Genius mir empor. Delia . Dich entzündet, große Seele! der Tod Des Großen, aber es sonnen Die Herzen der Sterblichen auch An mildem Lichte sich gern und heften Die Augen an Bleibendes. O sage, was soll Noch leben und dauern? Die Stillsten reißt Das Schicksal doch hinaus, und haben Sie ahnend sich gewagt, verstößt Sie bald die Mutter wieder, und es stirbt An ihren Hoffnungen die Jugend. In seiner Blüte bleibt Kein Lebendes – ach! und die Besten Noch treten zur Seite der tilgenden Todesgötter, auch sie, und gehen dahin Mit Lust und machen zur Schmach es uns, Bei Sterblichen zu weilen. Pausanias . O bei den Seligen! verdamme nicht Den Herrlichen, dem seine Ehre so Zum Unglück ward, der sterben muß, weil er Zu schön gelebt. Denn wird ein anderer, denn er, geschmäht, So ist's zu tilgen, aber er, Was kann der Göttersohn? Unendlich trifft es den Unendlichen. Ach! niemals ward ein edler Angesicht Empörender beleidigt! Ich mußt' Es sehn. Delia . O warum lässest du Zu sterben deinen Helden So leicht es werden, Natur? Zu gern nur, Empedokles, Zu gerne opferst du dich. Die Schwachen wirft das Schicksal um, die andern, Die Starken achten es gleich, zu fallen, zu stehn, Und werden wie die Gebrechlichen. Wohl bist du versucht, du Herrlicher! Und ärmer denn die andern Bettler, Durchwandertest du das Land. Ja! nicht die Verworfensten Sind elend, wie eure Lieben, wenn einmal Schmähung sie berührt! ihr Götter! Pausanias . So gönn' es ihnen, finden sie auch Sich leichter heraus denn andre. Panthea . O nicht wahr? Wie sollt er auch nicht? Muß immer und immer doch, Was übermächtig ist, Der Genius überleben – gedachtet ihr, Es halte der Stachel ihn auf? Es beschleunigten ihm Die Schmerzen den Flug, Und wie der Wagenlenker, Wenn ihm in der Bahn Das Rad zu rauchen beginnt, eilt Der Gefährdete nur schneller zum Kranze! Delia . So freudig bist du, Panthea? Panthea . Nicht in der Blüt' und Purpurtraub' Ist heilige Kraft allein, es nährt Das Leben vom Leide sich, Schwester! Und trinkt, wie mein Held, doch auch Am Todeskelche sich glücklich! Delia . Weh! mußt du so Dich trösten, Kind? Panthea . O nicht! es freuet mich nur, Daß heilig, wenn es geschehen muß, Das Gefürchtete, daß es herrlich geschieht. Sind nicht, wie er, auch Der Heroen einige zu den Göttern gegangen? Erschrocken kam, lautweinend Vom Berge das Volk, ich sah Nicht einen, der's ihm hätte gelästert, Denn nicht, wie die Verzweifelnden, Entfliehet er heimlich, sie hörten es all, Und ihnen glänzt' im Leide das Angesicht Vom Worte, das er gesprochen! Pausanias . So gehest du festlich hinab, Du, das Gestirn! und trunken Von deinem Lichte glänzen die Täler. Panthea . Wohl geht er festlich hinab – Warum denn traur' ich? leuchtet Dämmernde Seele! doch auch Der Untergehende dir, Der Ernste, dein Liebster, Natur! Dein Treuer, dein Opfer! O, die Todesfürchtigen lieben dich nicht, Täuschen fesselt ihnen die Sorge Das Aug'; an deinem Herzen Schlägt nicht mehr ihr Herz, sie veralten, Gerissen von dir – o heilig All! Lebendiges! inniges! Dir zum Dank Und daß er zeuge von dir, du Todesloses! Wirft lächelnd seine Perlen ins Meer, Aus dem sie kamen, der Kühne. So will es der Geist Und die reifende Zeit, Denn einmal bedurften Wir Blinden des Wunders.