Heinrich Hoffmann Eine Kartoffelkomödie Ein gar arg Trauerstück in drei Akten für das Polichinel-Theater Aus dem Amerikanischen des Solanus Tuberosus ins Europäische übersetzt durch Franz Drake »Gebt acht! kommen euch Tränen in die Augen.« (Das Jahrmarktfest zu Plundersweilern) Die einfachste Art, solche Scherze darzustellen, indem eine Kartoffel als Kopf der Polichinel-Figur schnell und leicht hergerichtet wird, ist uns zuerst durch lebensfrohe Düsseldorfer Künstler bekannt geworden. Auf diese Weise wurde nachstehendes Spiel öfters nicht ganz ohne Erfolg ins Werk gesetzt; eine geöffnete Türe bildete die Bühne, und geringe Vorbereitungen für Kostüme und Szenerie genügten. Die in der Aktion vorkommenden Exekutionen lassen sich mit aller Gemütlichkeit ausführen. Personen         Wuwatz der Sechzigste , Kaiser von China Herr Potatoe Lala , seine Tochter Fräulein Kartoffel Kopf-ab-tsching , sein Minister und Scharfrichter Herr Erdapfel Lulu , dessen Frau Donna Potata Adrian Männecken , ein Berliner Friseur Mr. Pomme de terre Knot-jang , ein chinesischer Handwerksbursch Herr Kartoffel Ein Zollwächter Sigr. Poma di terra Ein Mohr des Kaisers Herr Grundbirn Chinesische Soldaten, Räuber, der Finanzminister, ein Spitzbube, des Kaisers Hunde, mehrere Hofbeamte etc. kommen heute nicht vor.               Handlung im ersten Akt: an der chinesischen Grenze; im zweiten Akt: in Peking Zeit: später Musik von Kapellmeister van Aardappel "\> Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt Erster Auftritt An der chinesischen Grenze. Links der chinesische Grenzpfahl mit einem gespießten Kopfe darauf. Männecken (in einem schwarzen Domino, kommt atemlos gelaufen) Puah! Puah! uff! uff! – Was für eine Hitze! Was für ein Staub! Was für ein Weg! – So direkt in einem Schuß von Berlin hierher zu laufen ins Chinesische, keine Kleinigkeit! – Und nirgends hier eine Erquickungsanstalt! dürre Heide ohne Weißbier, wüste Fläche ohne Pfannkuchen! O Vaterland! – Zeit war es aber, daß ich lief; die Kanonen krachten mir dicht vor den Ohren, die Russen waren mir ganz nahe auf dem Leibe. Ich bin zwar Friseur von Profession, und Kunst geht über alles; aber so einem Kosaken in die Haare zu geraten, hatte ich doch keine Lust. Die Burschen sind mir zu pikant. Ich schmiß die Muskete ins Weite, rettete mich zu einem Maskenhändler, sprang ins erste beste Kleid, und lief querfeldein, fort bis hier. Mit etwas Philosophie und viel Russophobie kommt der Mensch heutzutage überall fort. – Weit von China kann es nicht mehr sein; es riecht schon alles nach Tee und Brezeln. – Wahrhaftig, da steht der Grenzpfahl! (Er betrachtet ihn von allen Seiten.) Und ein Kopf darauf! Nicht gerade einladend! – Aber Courage! Sei mir gegrüßt, du Vaterland der Tusche, hier in China will ich wieder frisieren und pudern und Locken brennen. Juchhe! Nur nicht den Kopf verloren, wie der da oben! (Will weitergehen.) Zweiter Auftritt Voriger . Chinesischer Zollwächter (hält ihm eine Picke vor) Zollwächter . Halt! Wer do? Männecken (prallt zurück) . Ha! Zollwächter . Wer do? Antworten's oder i geb Feuer! Männecken . Ach, verehrtester Herr chinesischer Kosak, ein reisender Künstler, ein Entwirrer von Verwirrungen, jetzt selbst höchst verwirrt. Zollwächter . Was wollen's mit'n Kosak? i froag, hoaben's was Zollbares im Sack, und roate Ihnen, lassen's das Sticheln. Männecken . Ich sticheln? Ach du lieber Gott! Sticheln Sie nur nicht und tun Sie Ihre Stange da weg, höchst ehrwürdiger Herr Lançier! Ob ich etwas Zollbares bei mir führe? Weder Zollbares noch sonst was Bares ist bei mir zu finden, mein lieber, bester Herr Räuber! Zollwächter . Halten's still und's Maul! Jetzt müssen'»visitiert werden. Männecken . Ach ja doch! – (Zollwächter befühlt ihn von allen Seiten.) – der wird wenig finden. Zollwächter . Führen's vielleicht Opium bei sich? Männecken . Nötig hätt' ich's, denn in drei Tagen habe ich kein Auge zugetan. Zollwächter . Lassen's mich einmal sehn, ob's keine hohlen Zähne hoben und Opiumpillen drin. (Er sieht ihm in den Mund.) Männecken . Ich habe ja ganz gesunde Zähne, aber nichts zu beißen. Zollwächter . Stehn's goar etwa im deutsch-katholischen Geruch? Männecken . Von Stehn ist gar die Rede nicht mehr bei mir, ich falle beinahe um. Zollwächter . Oder sein's so ein Kommunist? Oder gehören's der Kasselisch protestantischen Chinesenvertilgungssozietät an? Oder dem Frankfurter Montagskränzchen? Oder was anderem? Oder hoben's verbotene Schriften bei sich? Männecken . Mir schwindelt! Die einzigen Schriften, Herr chinesischer Kosak, die ich bei mir führe, sind einige unbezahlte Wirtsrechnungen. Zollwächter (ärgerlich) . Also gar nix kann er deklarieren? Männecken . Ach ja! Herr Kosak! – Gleich. Zollwächter . Nun! Männecken . Was soll ich dem Menschenfresser nur gleich deklamieren? – So! – ja! Sie sollen sie nicht haben, Die Konstitution; Das war ein haltbar Möbel, So ein papierner Thron! Zollwächter . Er ist ein Esel. Männecken . Bitte sehr! – Aber, Herr Kosak, erlauben Sie mir eine Frage! Sind Sie vielleicht auch Haarkräusler, lockender Künstler? Zollwächter . Wie kommt er zu der Frage? Männecken . Nun! weil Sie da oben einen Kopf ausgestellt haben, wie bei uns zu Lande die Peruquiers. Zollwächter . Dummes Zeug! Der Kerl dort oben war ein pensionierter baierischer Opiumraucher. Männecken . Puah! (schüttelt) Das Mittel hat stark gewirkt! Der arme Teufel hat wirklich den Kopf darüber verloren. Zollwächter . Perückenmacher und Friseurs gibt's hier im Lande gar nit, weil alle Welt kahlköpfig ist. Männecken . O! – Weh! – Ach! – Meine Aussichten, meine Absichten! Mein Einkommen, mein Auskommen! Also eine universale Polizei-Tonsur! Weh! Weh! Zollwächter . Das ist ein toller G'sell. – Ja, wir sind ein zivilisiertes Volk, wir stehen an der Spitze der gesamten asiatischen Intelligenz, wir leben in einem Polizeistaate, und do loßt die Polizei niemanden ungeschoren. – Nun mach er's aber kurz; ich muß ihn jetzt noch zeichnen! Männecken . Ach, warum nicht gar! Zeichnen! So einen geschlagenen, verhungerten Menschen, wie mich! Was tun Sie mit meinem Bildnis? Bitte ergebenst. Zollwächter . Ich muß ihn zeichnen, damit er im Lande als visitiert und plombiert passieren kann. Eine Art von Paß muß er sich mitgeben, d. h. er muß sich in die Waden stechen lassen. Zeigt er diese dann vor, so darf er ungehindert weiterziehen. Männecken . Ach, Herr Kosak, ich bin schon ganz passabel. Ich will gar nicht gezeichnet sein, am wenigsten mit dem Bleistift da. Ich will gar nicht nach China hinein. Zollwächter . Tut nichts. Er wird doch gezeichnet. (Er sticht ihm in die Beine) Männecken . I! – Oh! – Weh! – Weh! – (Zollwächter ab) Dritter Auftritt Männecken (allein, aus seiner Ohnmacht erwachend) Herr Kosak! – Er ist fort. – Ich bin wahrhaftig ganz mutterseelenallein. Welch ein greulicher Unstern hat mich Kräusler ins Land der Kahlköpfe gebracht! Mein Kopf ist wüst und meine Beine sind zerstochen. Aber Mut, Männecken, Mut! Vielleicht kannst du doch dein Glück machen unter den Glatzigen. Was fang' ich an? Soll ich auch Kosak werden? – Hu! Nein! – Oder Hessen-Kasselischer Missionär? – Hu! Hu! Nein! Nein! – Oder Korrespondent der Allgemeinen Zeitung? Hu, hu, hu! Nein, nein, nein! – Halt! Licht! Land! – Prophezeiung, Du gehst zum zweiten Male in Erfüllung! – (tiefsinnend) Als ich noch ein kleiner Bube war, prügelte ich mich oft und wacker mit meinen Gespielen herum; ich aber hatte meine Vorteile, und schlug ihnen immer auf die Köpfe. Da sprach meine Amme, die alte Hexe: Adrian wird es weit bringen, er wird über Köpfe herrschen. – Wenn meine Mutter Spargeln kochte, war ich flugs bei der Hand und biß die Köpfe ab. Da sprach meine Amme, die alte Hexe: Adrian wird es weit bringen, er wird über Köpfe herrschen. – Ich wurde Friseur; da riefen die Muhmen und Basen: Die Prophezeiung geht in Erfüllung: Adrian wird über Köpfe herrschen. – Nichts da! Mit dem Frisieren geht es nicht mehr. – Nun, kann ich die Köpfe nicht von außen zurechtsetzen, so will ich's von innen versuchen. Ich will Professor der schönen Künste und Wissenschaften werden. Herrlich! Göttlich! Ich werde einen chinesischen Prinzen auf die Universität begleiten und in dulci jubilo leben. – Von nun an also: Baron von Männecken. – Vierter Auftritt Voriger . Knot-jang (mit Ränzel und Stock, kommt singend) Knot-jang                 Durch die Welt;     Ohne Geld     Reist es sich am besten.     Viel Gepäck,     Volle Säck,     Machen viel Molesten. Handwerksbursche reiset gut, Hat er stets nur leichtes Blut.     Schmeißt man hier     Zu die Tür, Er behält den Mut. Männecken . Das scheint ein lustiger Zeisig! Knot-jang (Beiseite) . Was ist das für eine traurige Krähe! (Laut) Ein armer reisender chinesischer Handwerksbursch bittet um einen Zehrpfennig. Männecken     Durch die Welt Ohne Geld Reist es sich am besten. Knot-jang . Aha! Ist der Herr vielleicht ein reisender Schornsteinfeger? Männecken . Pfui! Ich bin Adrian, Baron von Männecken, Professeur des beaux arts. Knot-jang . Nun, mein verehrtester bösartiger Herr Professor, schenken Sie mir was! – Männecken . Im Augenblick unmöglich, Freund. Als ich durch die Mongolei schiffte, wurden wir um Mittag von einem Schwarm Kalmücken überfallen; die ganze Mannschaft, alle meine Leute erlagen den giftigen Stacheln dieser Tiere. Ich sprang über Bord und suchte mich durch Schwimmen zu retten. Nach acht Tagen fand ich Grund, und kam ans Ufer. Ich zog vier Wochen landeinwärts. Da hatte ich das Unglück, daß dort unten im Tale meine Pferde vor der großen Chinesischen Mauer scheuten; sie gingen durch, d. h. nicht durch die Mauer, sondern bergab, einen tausend Fuß tiefen Abgrund hinunter. Der Wagen wurde leicht beschädigt; zwanzig meiner Bedienten blieben auf dem Platze, und ich laufe umher, um Leute zu suchen, die mir helfen. Knot-jang . Ei, die sollen bald gefunden sein. (Beiseite) Das scheint mir ein Hauptwindbeutel! Männecken . Bleibe nur; so sehr eilt es nicht. Kannst du mir den Weg nach der Hauptstadt Peking zeigen? Knot-jang . Das will ich meinen! Ich gehe ja selbst hin. Aber was wollen Sie denn dort? Männecken . Das sollst du erfahren. Ich will in der Hauptstadt eine Kleinkinderschule für höhere gesellige Bildung errichten, eine Säuglings-Emanzipations-Anstalt. Ich werde den zarten Wesen die Grundsätze des Tanzens, Reitens, des guten Tones beibringen. Pharao, Landsknecht, Bouillotte, Rouge et Noir, alles soll dort gelehrt werden. Philosophie und Laufen, Geschichte und Reden, Musik und anständig Essen soll schon im Keime begründet, so recht eigentlich in den Kindesbrei hineingerührt werden. Knot-jang . Herr Professor, Halbpart! Die Eßstunden übernehme ich. Männecken . Wollen sehen. Kann sich machen. Du singst erträglich? Knot-jang . Und mache Verse. Männecken . Gut! Du könntest Musik und Poesie lehren. Knot-jang . Und die Eßstunden nebenbei! – Aber da fällt mir etwas Herrliches, Treffliches bei. Seine himmlische Majestät, Kaiser Wuwatz, sucht einen Hofmeister für seine Tochter Lala. Sie könnten sich um die Stelle bewerben. Männecken . Ein guter Vorschlag! – Ja, bei Gott, ein köstlicher! – Komm an mein Herz, mein Associé! Du Schatz von der Landstraße, wie heißest du? Knot-jang . Baron von Knot-jang. Männecken und Knot-jang (sich umarmend) Mein Knot-jang! Mein Männecken! Knot-jang (will fort) . Soll ich nach Euer Exzellenz Wagen sehen? Männecken . Halt, Ihro Gnaden! Es ist durchaus nicht nötig. Meine Leute kommen nach. Sie wissen den Weg. Sehen Sie, ich gehöre der romantischen Schule an; das Reisen zu Fuß, das noble Vagabundieren gefällt mir. Reisen wir zusammen! Jedem die Hälfte der Kosten! Knot-jang . Einverstanden, Herr Patron! Vorwärts! Beide (Arm in Arm ab, singend:)                 Sonder Harm     Arm in Arm     Mit dem Freund, dem rechten,     Weiß er sich     Ritterlich     Durch die Welt zu fechten. Fährt vom Schuh die Sohle los, Gehn' wir auf dem Strumpfe blos;     Ochs und Kuh     Trägt kein Schuh, Und die Welt ist groß. (Ende des ersten Aktes) Zweiter Akt Erster Auftritt Garten des kaiserlichen Palastes; links ein chinesisches Haus. Wuwatz (mit Zepter und Krone) Lala Lala . Ach, harter Herr Vater, lassen Sie sich doch erflehen! Schon zwanzigmal habe ich bereits den goldenen Lenz die Erde schmücken sehen, und ich brauche keinen Hofmeister mehr. Wuwatz . Baberlabbab! Du kriegst aber einen, und damit Punktum, streu Sand drum! Lala . Ach! soll die schmähliche Zeit der Windeln gar nicht enden! Wuwatz . Liebes Kind, du bist eine Gans, und ich bin viel zu bequem, dir meine Gründe auseinanderzusetzen. Dazu ist es viel zu heiß, ich bin es auch gar nicht gewohnt. Kurzum, Punktum, streu Sand drum, du kriegst einen Hofmeister, und zwar je eher je lieber. Lala . Ihr rauhen Männer! Ehrt ihr so das zartere Geschlecht! – (beiseite) Meinen geliebten Knot-jang habe ich doch noch nicht vergessen. – (laut) Ich werde in das Wasser springen. Wuwatz . Dann lasse ich dich herausfischen, und du kriegst zwei Hofmeister, und so bei jeder andern Gelegenheit derart einen mehr. Wenn aber der Lump von Handwerksbursch sich noch einmal blicken läßt, so wird er geköpft. Lala . Ha! Entsetzlicher! Zersprengen Sie nicht die Bande der Natur! Wuwatz . Lala, du bringst mich außer mir mit deinem Gewäsch. Das Staatsoberhaupt wird eine Indigestion davontragen. – (Hinter die Szene) Ein viertelhundert Austern mehr zum Frühstück als gestern! – Nun, so höre denn, du starriges Kind, warum du durchaus einen Hofmeister haben mußt! Deine selige Erzieherin, die Schwester meines Ministers, war ein weichherziges, butteriges Wesen, das dich und deine Erziehung total verpfuscht hat. Die Tochter des Kaisers Wuwatz des Sechzigsten darf kein schwärmendes tränenträufelndes Geschöpf sein, wie du geworden bist. Die Gouvernante wurde geköpft, ihr eigener Bruder hat sie hingerichtet. Du aber mußt kuriert werden, und zwar durch einen Hofmeister mit streng absolutistischen Ansichten. Jeder, der die Stelle will, muß sich examinieren lassen; fällt er im Examen durch, so verliert er die Stelle und auf der Stelle den Kopf, wie gewöhnlich. Bereits 249 Kandidaten sind auf diese Art schon abgewiesen worden, und ihre Köpfe liegen bei den Akten. Dies Mittelchen hilft auch in etwas dem unvernünftigen Andrang zu öffentlichen Ämtern ab und schreckt die jungen Leute vom Studieren ab. Ich will einen Hofmeister, der dieselben praktischen Grundsätze hat wie ich; und damit Punktum, streu Sand drum! – Lala . O ungeheueres, lastendes Schicksal! Ich soll also zur Hyäne werden? – Greuel von einem Vater, unglücklich werden Sie mich machen, aber niemals anders denkend und fühlend! – (Geht weinend ab.) Wuwatz (allein) . Flausen! Nichts als Flausen! – 59 Wuwatze vor mir haben Wütriche zu Kindern gehabt, und ich sollte keine Wütrichin besitzen? Bei der Glatze des Konfuzius, ja! und abermals ja! – Ich will sie etwas aufzuheitern suchen. Vor ihrem Fenster sollen 300 Mohren gespießt werden. Das wird sie schon zerstreuen. (ab) Zweiter Auftritt Kopf-ab-tsching Erscheint während des ganzen Stückes nie ohne ein Tischmesser, als Zeichen und Werkzeug seines Amtes. Ein Mohr (eine Pfeife tragend) Kopf-ab-tsching (Zum Mohren) . Hier warte! Seine himmlische Majestät wollen hier dero Morgenpfeife rauchen. – (Für sich) Mit meinem Weibe ist es nicht mehr auszuhalten. Mein Haus ist meine Hölle. Seit achtzehn Jahren, seit dem Tage, wo unser einzig Söhnchen verschwand, ist sie ein feuerspeiender Satan. – Doch ruhig; dort kommt der Kaiser. Dritter Auftritt Vorige . Wuwatz Wuwatz . Die Spießung ist angeordnet. – Ah, guten Morgen, mein lieber Kopf-ab-tsching! Wie geht es? Warum so traurig? (Zu dem Mohren) Pfeife und Feuer! (Dieser gibt ihm die Pfeife und hält ihm einen brennenden Fidibus hin.) Kopf-ab-tsching . Ach, himmlische Majestät! Meine Frau – Wuwatz . Seid ihr euch wieder einmal an die Köpfe geraten? Kopf-ab-tsching . Ach, alle Tage, Herr! Fände ich mein geraubtes Söhnchen wieder, dann hätte ich wohl Ruhe. Wuwatz . Habt ihr denn gar keine Spur entdecken können? Kopf-ab-tsching . Nicht die Spur von einer Spur! Vor 18 Jahren spielte das Kind, es war damals zwei Jahre alt, am Fenster, es entglitt meinen Händen, fiel hinaus, aber glücklicherweise auf einen Kehrichthaufen. Als ich unten ankam, um es zu holen, war das Kind verschwunden; im Kote war noch der Eindruck, wo es gelegen hatte. Ach, in meinem Herzen war ein tieferer! Das Kind war gestohlen, und alle Bemühungen, es wiederzuerlangen, fruchtlos. Wuwatz . Warum aber nahmt Ihr kein fremdes, und brachtet es Eurer Frau als das ihrige? Kopf-ab-tsching . Ach, Herr, alles schon versucht und umsonst. Der Knabe hat ein Mal am Halse, woran die Mutter ihn sicher unterscheiden kann. Wuwatz . Eine traurige Geschichte! Nun so prügelt Euch in Gottes Namen weiter, und damit Punktum, streu Sand drum! – (Will rauchen.) Erbärmlicher Mohr! die Pfeife ist ausgegangen. Kopf-ab-tsching, köpfe den Staatsverräter! Kopf-ab-tsching . Ganz wohl, Ihre Majestät! (Zum Mohren) Mach dich fertig! (Zu Wuwatz) Wollen wir nicht einmal den ersten Versuch machen mit der von Ihrer Majestät erfundenen neuen und verbesserten Methode zu skalpieren? Wuwatz . Schön! Ich hoffe, in meinem Lande hat niemand über schleppendes Rechtsverfahren zu klagen, und damit Punktum, streu Sand drum! Kopf-ab-tsching (zum Mohren) . Komm her! Mohr . Gleich! Ich will nur noch einmal die Nase putzen. (Kopf-ab-tsching skalpiert und köpft ihn. Wuwatz gibt dann dem Mohren die Pfeife, die dieser fortträgt. Alle ab.) Vierter Auftritt Männecken . Knot-jang Männecken . Da wären wir denn endlich an dem kaiserlich Wuwatzlichen Palaste. Das war eine billige, aber mehr als billig beschwerliche Reise. Knot-jang . Will's wohl glauben, Herr Professor; ich habe alles bezahlen müssen und Ihr Bündelchen dazu tragen. Solche Art, bequem zu reisen, Ja bei Gott, die leuchtet ein! Immer vorne an beim Beißen, Hinten beim Bezahlen sein. Männecken . Trösten Sie sich, mein verehrter Baron, sobald mein Wagen kommt, oder ich die Stelle bekomme, sollen Sie fürstlich bezahlt, königlich remuneriert und kaiserlich belohnt werden. Knot-jang . Mein bester Monsieur des beaux arts, selig sind die Gläubigen; ich aber glaube, ich bleibe Ihr Gläubiger, bis ich selig bin. Schnickschnack mit Ihrem Wagen! Der kommt sein Lebtag nicht. Und ob Sie die Hofmeisterstelle bekommen, ist noch sehr die Frage. Männecken . Mein lieber Junker von der Landstraße, das ist wohl gar keine Frage. Knot-jang . Haben Sie am Eingang der Burg die 249 Totenköpfe gesehen? Männecken Ja! nun, das werden die Vorfahren des Kaisers sein. Knot-jang . Prosit! Das sind Ihre eigenen Vorfahren, Herr Schulmeister! Es sind 20¾ Dutzend durchgefallene Hofmeister. Männecken . Wa – Wa – Wa – Was? Knot-jang . Wie ich sage: durchgefallene Hofmeister. S'ist die beste Art zu sorgen         Für Erleuchtung in der Welt, Weil die Sonn' vom frühen Morgen         Bis zum Abend auf sie fällt. Männecken . Wirklich? – Adio, Knot-jang, ich gehe wieder nach Hause. Knot-jang . Halt, Professor! Wer wird gleich den Mut verlieren? Tausend Wege stehen ja offen, zu unserem Ziele zu gelangen. Männecken . Zu den 249? Knot-jang . Nein! Zur Hofmeisterstelle bei der Prinzessin Lala. (Melodie: »Sa donk, Sa donk«)                   Pfui, schäm er sich! Pfui, schäm er sich! Wo steckt denn die Courage? Ist ihm in die Hosen gefallen denn sein Herz? Er meint in diesen Staaten, Da regnete es Wein; Da flögen auch gebraten Die Tauben hinterdrein! Versuchen wir es! Seit ich am Hofe bin, fühle ich mich erst wohl. Diese Luft behagt mir. Mut und Schlauheit! Es wird sich schon ein Mittel finden lassen, dem allerdings unangenehmen Köpfen zu entgehen. Männecken . Richtig, nobler Freund! Ich schöpfe Vertrauen in dem Brunnen Ihrer Rede. An Höfen ist es wie in Italien, nur die großen Landstraßen, die sogenannten geraden Wege sind unsicher; auf den krummen, den Seitenpfaden, hat es keine Gefahr. Knot-jang . Bravo! Und einen solchen Seitenpfad, einen Vizinalweg schlagen Sie ein! Machen Sie den Weibern den Hof, und der ganze Hof muß in Sie verliebt werden.       Wollt' ich bauen eine Leiter Bis in alle Himmel hoch, Wollt' ich graben noch viel weiter Als zur Erdenmitt' ein Loch. Ei, dann hielt ich's mit den Frauen Und ich brächt es schon zustand. Drum beim Graben und beim Bauen, Lieb Barönchen, sei galant! Männecken . Vortrefflich, mein Vortrefflichster! Ja, Köpfe zu verrücken, ist mein Element. Ich werde schmachten, zürnen, seufzen, wüten, weinen, rasen, rosenfarbene Billette schreiben, immer Bonbons in der Tasche führen, Serenaden bringen, Verse machen, blaß werden wie Hamlet, öffentlich hungern und heimlich essen; ich werde der chinesische Don Juan, ich werde Kommandeure erstechen, ich werde ein Wüterich von Liebenswürdigkeit. Und du, mein edler Knot-jang, wirst mein getreuer Leporello. Knot-jang . So! So! Männecken . Aber Freund, was willst du denn eigentlich am Hofe? Wer bist du? Und woher? Knot-jang . Wohlan, Sie sollen es jetzt erfahren, Herr Professor! Woher ich bin? Das weiß ich nicht; ich wurde als kleiner Bube meinen Eltern gestohlen. Am Hofe aber will ich mein Glück und nebenbei meinen Vater suchen.         Ihr verlangt jetzt mein Schicksal zu hören; Diese Bitte, sie sei Euch gewährt. Ich will Ihnen meinen Lebenslauf erzählen.         Hätt' ich vom Vater was gewußt, Dann hätt' ich nicht in Not gemußt. Ich läg' wohl jetzt im weichen Bett, Und wär' von Braten dick und fett; Doch als ich noch ein Bübchen war, Stahl man mich meinen Eltern gar. Als kleiner Knabe trieb ich viel Halsbrechend lustig Gaukelspiel, Ich zog umher durch Stadt und Land Als Kind mit der Zigeunerband; Auch stahl ich nebenbei, wenn's ging, Bis endlich man mich dabei fing. Glücklicherweise brauchte der Amtmann, der mich verhörte, einen Küchenjungen; deshalb kam ich mit heiler Haut davon. Er nahm mich in seinen Dienst. Wer war anfangs froher als ich; bald aber merkte ich, daß ich besser gefahren wäre, hätte er mich ins Zuchthaus gesteckt. Zu essen gab's täglich weniger und Prügel täglich mehr, und des Amtmanns alte Köchin quälte mich grimmig. Müde, nichts als Knochen zu bekommen, in den Magen und auf den Rücken, lief ich fort. Seit zwölf Jahren nun beschaue ich mir die Welt. Ich bin alles geworden und gewesen: Advokat und Dreher, Doktor und Totengräber, Pfarrer und Komödiant, Schuster und Hutmacher, Färber und Bleicher; alles, alles: Kaltwasserdoktor, Börsenspekulant, selbst Friseur war ich, Herr Baron, und immer ein Windbeutel; kurz, Sie sehen in mir eine personifizierte Industrieausstellung, eine ganze polytechnische Gesellschaft. Zu einem aber konnt' ich es nicht bringen, zum reichen Manne. Da beschloß ich, meine Eltern aufzusuchen, um zu sehen, ob nichts durch Erbschaft zu erlangen sei. Aber leider weder Vater und Mutter, und noch leiderer auch keine Erbschaft will sich zeigen. (Melodie: God save the king)     Ach, welche Lust so rein, Als so recht faul zu sein,         Faul und recht reich! Selbst um zu schneuzen mich Brauch 'nen Bedienten ich;         Gar auf der Welt nichts mehr                 Tät ich dann selbst. Verzeihen Sie mir diesen kommunistischen Ausbruch; der liegt eben jetzt in der Zeit. – Aber, Herr Professor, wenn Sie nun die Stelle als Hofmeister bekommen, was wollen Sie dann mit mir anfangen? Männecken . Nun, ich werde Sie dann zuweilen als gutes Beispiel zitieren. Knot-jang . Was man so einen Tugendspiegel nennt? Männecken . Nun will ich einmal mein Jagdrevier durchstöbern. Auf Wiedersehen! (Ab) Fünfter Auftritt Knot-jang . Sachte! Sachte, Herr Haarkräusler! – Richtig, dieser Türe hat mich die Majestät hinauswerfen lassen, weil ich, ein Handwerksbursche, die Augen nach der göttlichen Lala aufzuheben wagte, und weil dieser Engel mich hold anlächelte. Nur als Diener dieses Berliner Windbeutels darf ich es wagen, wieder bei Hofe aufzutreten. Aber wo weilt jetzt wohl die Herrliche? – Doch ich höre Leute. Geschwinde fort! (Ab) Sechster Auftritt Lulu , die mit einem Besen auf Kopf-ab-tsching losschlägt Kopf-ab-tsching . Um Gottes willen! So laß doch! Au! Au! Lulu . Warte nur, ich will dich Ordnung lehren, du Bruder Lüdrian. Bis 11 Uhr im Weinhaus zu sitzen, ist das erlaubt? (Schlägt ihn) Kopf-ab-tsching . Au! Au! Lulu . Alles schmeißt der Lump zum Fenster hinaus, sein Geld und sein Kind. (Schlägt) Kopf-ab-tsching . He! Hilfe! Au! (Läuft fort, sie wirft ihm den Besen nach.) Lulu . Dich will ich doch noch zurechtbringen, du Hasenfuß! – Was so eine kleine Erzürnung einem wohltut! – Ich will mich hier noch ein wenig ergehen, um mich auszuschnaufen. Siebenter Auftritt Vorige . Männecken Männecken . Ha! Da ist gleich eine, der ich das Netz der Schmeichelei um Kopf und Herz werfen will. Aber wahrlich, ich bin im Zweifel, ob ich sie bitten soll, mein Schatz oder meine Mutter zu sein. Ist aber am Ende egal. – (Laut) Mein Fräulein! Lulu (Für sich) . Er hält mich für ein Mädchen. – (Laut) Mein Herr, ich bin Lulu, die Gemahlin Seiner Exzellenz des Herrn von Kopf-ab-tsching, Ministers seiner himmlischen Majestät, und zwar eine Geborne aus dem alten Geschlechte derer von Zornzung. Männecken . Wenn dieses reine Antlitz nicht zugleich der Spiegel der Wahrheit wäre, so würde ich behaupten, dem kann unmöglich sein. Über diesen jugendlichen Reiz sollten die Stürme des ehelichen Lebens gegangen sein? Lulu . Und doch! Und was für Stürme! Aber wer sind Sie, Fremdling, Keckredender? Männecken . Ich bin Adrian, Baron von Männecken, Professor der schönen Künste, Erfinder der Europäischen Zivilisation und Veredler des weiblichen Geschlechts. Lulu . Aber edler Veredler, was wollen sie bei uns? Männecken . Was ich wollte, ist erfüllt! Ich zog aus, zu suchen das Vollkommenste, was die Erde trägt. Ich habe es gesucht lange unter den Steinen und Blumen, unter Kriechendem und Fliegendem, bis ich es gefunden, wo ich es am wenigsten glaubte, unter den Weibern, in dir, meine Heilige, in der göttlichen Lulu. (Vor ihr kniend) Lulu . Stehen Sie auf, Tollkühner! Wenn mein Mann Sie erblickt, ist's um Ihren Kopf geschehen. Männecken (Erschrocken aufspringend) . Ach, ja so! – (sich umblickend) Doch was liegt am Kopf, wenn man das Herz verloren! Lulu . Ei! Für ein verloren Herz können Sie ein anderes eintauschen; aber wenn der Kopf hin ist, dann ist es aus, auf ewig! Männecken . Ja, leider auf ewig! Und hierzulande scheint es etwas sehr Gewöhnliches zu sein, seine Nebenmenschen also zu verkürzen. Und doch habe ich eine Unternehmung auf dem Herzen, wobei ich gar sehr den kürzeren ziehen kann. Lulu . Und welche, mein Bester? Männecken . Ja, wenn die Allmacht in Lulus lieblicher Gestalt mit Rat und Tat mich unterstützen wollte! Lulu . Nun reden Sie! Heraus mit der Sprache! Männecken . So hören Sie, Meteor meines Himmels! Ich will mich melden hier am Hofe zur Stelle eines Hofmeisters bei Ihrer Hoheit der Prinzessin Lala. Als ich herkam, erzählte man mir von den greulichen Gefahren, da wollte ich davon abstehen. Aber jetzt, da ich gesehen, daß diese Stelle mich in die Nähe des schönsten Sternes bringt und mir das glücklichste Los des Sterblichen verspricht, jetzt, ha! trotze ich allen Schrecken des Spießens, Hängens, Köpfens und Verbrennens. Jetzt, ja, Frau Ministerin, ick melde mir! Lulu . Dieses mutige Erglühen liebe ich, Herr Baron; aber Sie können Ihre Tollkühnheit nur ruhig wieder in die Tasche stecken, sie wird unnötig sein. Ich will Ihnen mitteilen, welche Bewandtnis es mit dieser Hofmeisterstelle hat. Männecken . Ja, herrlich! – Sehen Sie, Göttliche, alles will ich wagen für Sie; ich will mich mit einer Armee schlagen, will durch einen feurigen See schwimmen, will mich köpfen lassen, will – Lulu . Alles unnötig! Hören Sie! Mein Mann, der, beiläufig bemerkt, ein Esel und ein Hasenfuß ist, steht in großer Gunst bei dem Kaiser. Diese Zuneigung hat einen zweifachen Grund. Erstens versteht mein Mann auf das Trefflichste, den Leuten die Köpfe abzuschlagen. Männecken . Glaub's! Übung hat er genug. Lulu . Zweitens hat er des Kaisers Vater, der ein sehr zähes Leben hatte, in Auftrag des Herrn Sohnes umgebracht. Männecken . Ich sehe, Ihr Herr Gemahl hat volle Ansprüche auf sein Ministertum. Lulu . Und diese sucht er sich auch, auf alle Weise zu erhalten. Der Kaiser hat nun ein Töchterlein, Ihre künftige Schülerin; die ist gar weichherzig und schwärmerisch. Das ärgert aber den Herrn Papa sehr, zumal da sie nach ihm das Regiment führen soll; er erkennt in ihr nicht mehr den alten Stamm der Wuwatze. Der Kaiser sucht nun einen Lehrer für sie, der ihr andere Grundsätze und mehr Liebhaberei am Köpfen und Hängen beibringen soll. Mein Mann, der Esel, fürchtet für seinen Einfluß durch solch einen Pädagogen, und er hat jedem, der sich meldete, bis jetzt geraten, in dem Examen, das der Kaiser mit ihm anstellen würde, mit recht zarten und weichmütigen Ansichten herauszurücken. Ein Gleiches wird er auch Ihnen zu verstehen geben, und der Kaiser, ergrimmt darob, würde Sie wie die andern 249 hinrichten lassen. Männecken . Ha! schändliche Tücke! Lulu . Tun Sie aber das Gegenteil von allem, was mein Mann will, gerade wie ich; sagen Sie der Majestät, Sie wollten aus seiner Tochter eine echte Wuwatzliche Wütrichin bilden, dann ist die Stelle Ihnen; und ich habe Gelegenheit gehabt, meinem Manne, dem Esel, einen derben Possen zu spielen. Männecken . Herrlich, du meine Gnadensonne, mein Idol! Ich will dir dein ganzes Leben umsonst die Haare – ich wollte sagen, die Kur machen. (Fällt ihr um den Hals.) Lulu . Halt, so weit sind wir noch nicht! – Aber kommen Sie mit, ich will Ihnen noch weitere Ratschläge geben. Männecken . Das sind die besten Schläge, die ich je gekriegt habe. (Beide Arm in Arm ab) Achter Auftritt Lala . Nachher Knot-jang Lala (in einem Buche lesend)                   Wenn der Glühwurm leuchtet, Und am Halme taubefeuchtet Blasser Mondschein zittert; Wenn es fern gewittert In der Berge dunkler Kette, Und in ihrem tiefen Bette Schaurig dumpf die Welle rauscht, Dann ist wach mein Herz und lauscht. Und im Busen glüht ein Sehnen; Unbewußt mit heißen Tränen Füllet sich mein Aug; Und des Abendwindes Hauch Trägt den Seufzer zu der Sterne Heil'ger Höhe, in die Ferne. Könnte doch dem schwärmerischen Ach Liebedürstend meine Seele nach! Knot-jang (tritt auf; beiseite) . Ha! Seh ich recht, so wandelt Lala dort? Lala (weiter lesend)       Finden würde ich den Ort, Wo, Geliebter, du vertrieben Denkst in Tränen deiner Lieben. Ach! wo bist du?– Knot-jang (hervorspringend) Hier zur Stell'! Lala . Ha! (Wirft ihr Buch weg und wird ohnmächtig) Knot-jang                  Farina! – Hilfe! – Schnell! Lala! Engel! Ha, Verderben! Kann man denn vor Freude sterben? Bleich die Lippen, kalt die Wangen, Feueraug' von Nacht umfangen! Liefr' ich aus mich dem Tyrann? Soll' ich laufen, was ich kann? Nein! Ich hol Ein Pistol, Und zerschmettre durch die Stirn' Auf der Stell mir das Gehirn. – Diesen letzten Kuß nur noch! – (Küßt sie und will fort) Lala Knot-jang! He, so warte doch! Knot-jang Tausend! Was, du lebest frisch! Lala Munter bin ich wie ein Fisch. Knot-jang Wer verzweifelt, ist ein Tor. Lala Wie ein Wunder kommt mir's vor. Knot-jang Ist es nicht ein Traum gewesen? Lala Sieh! vertieft war ich im Lesen Des Chinesischen Novalis; Plötzlich wie mit Blitzesstrahles Überraschung warst du hier. Alle Sinne schwanden mir, Und ich stürzte leblos nieder. Knot-jang Alles gleich! Ich hab dich wieder. Lala Ach, du kamst so plump und hart. Knot-jang So ist's Handwerksburschenart. Lala Aber jetzt vor allen Dingen Mußt du mir zur Kenntnis bringen, Was du in der langen Frist Hast getrieben; Ob geblieben Treu du immer mir auch bist. Knot-jang Niemand hat noch gut erzählt, Während ihn der Hunger quält. Lala Ach, zu Ende wär' die Not, Wär' mein lieber Vater tot! Knot-jang Hol' mir doch ein Butterbrot! Lala Hast du treulos mich verraten? Knot-jang Etwas Wein und Brot und Braten! Lala Erst die Beichte, dann die Mahlzeit! Knot-jang Nun so hör von meiner Qualzeit! – Als dein Vater, der Tyrann, Mir die Schande angetan, Mich zu werfen aus dem Haus, Überfiel mich Angst und Graus; Und ich lief durch Wald und Feld Beinah' bis ans End der Welt. Ach! Die Not war arg und groß; Auf den Füßen lief ich bloß. Schlaflos hab ich manche Nacht Frei im Walde zugebracht, Und das Ärgste kam zum Schlimmen: Es brach aus die Hungersnot. Lala Wehe! meine Augen schwimmen Wie auf salziger Flut ein Boot! Knot-jang Als ich endlich sicher war Vor des Wuwatz Mörderschar, Wagt' ich wieder mich ans Licht, Und das Glück verließ mich nicht. Fechtend zog ich durch das Land; Da bei einer Witwe fand – Alles war mir damals recht – Eine Stelle ich als Knecht. Viel zu essen, wenig Sorgen, Gleich war gestern, heut und morgen! Recht wie im Schlaraffenlande Lebt' ich. Himmel! Da entbrannte Meine Herrin, liebeglühend. Jeder Blick ward funkensprühend, Jedes Wort ein Feuerzeichen; Doch ich hört's mit bittrem Schweigen, Eisig blieb mein Herz und kalt. – Häßlich war die Frau und alt. – Unerträglich war's zuletzt, Wie das Weib mir zugesetzt; Und ich sagte still bei mir: Wie der Joseph mach ich's hier! Ich entlief. Jedoch im Stich Ließ nicht meinen Mantel ich; Ja, ich lud Manches auf von ihrem Gut, Und mit meinem Liebesraub Macht' ich nachts mich aus dem Staub! Lala Wie getreu zugleich und schlau! Knot-jang Kurzum, ich bestahl die Frau. Bald auch traf die Kund' mein Ohr Von dem großen Räuber Mohr, Der sich gerade eben jetzt In den Ruhestand versetzt. Ich, der Bande längst bekannt Wurd' zum Hauptmann nun ernannt. Leider wurd' ich bald gefangen, Und dein lieber Knote-jang Sollte an dem Galgen prangen. Lala Mann! Du machst mir angst und bang. Knot-jang Mich ergriff ein heiß Verlangen Jetzt nach dir, – und ich entsprang. Lala Doch wie kamst du her? O sprich! Knot-jang Hunger plagt mich fürchterlich. Lala Wie gelang ein solches Wagen? Knot-jang Öd und wüste ist mein Magen. Lala In die Laube von Jasmin Bring ich dir das Essen hin. Knot-jang Hat erquickt mich Trank und Speise, So erzähl ich dir die Reise. Lala Alle Leiden sind vergessen! Knot-jang Geh! Ich freu mich auf das Essen. (Beide ab) Dritter Akt Erster Auftritt Männecken . Kopf-ab-tsching Kopf-ab-tsching . Sie haben es also begriffen, Herr Baron? Männecken . Vollkommen, Exzellenz! Und ich werde mich danach zu richten wissen. – (Beiseite) Tät ich's, so würde ich wahrhaftig der 250ste. Kopf-ab-tsching . Wenn also seine Majestät fragt: Was ist der Mensch? Männecken . – So antworte ich: Der Mensch ist der Herr der Erde. Zu dieser Herrschaft haben alle ein gleiches Recht. Gleiches Recht aber ist Freiheit etc. etc. Kopf-ab-tsching . Gut! Trefflich! Etwas schwärmerischer, wenn ich bitten darf. – (Beiseite) Ehe eine halbe Stunde vorüber ist, wird der der 250ste. – (Laut) Doch da kommt der Kaiser! Halten Sie sich wacker, mein Bester! Zweiter Auftritt Vorige . Wuwatz Kopf-ab-tsching (niederfallend) . Heil mir! Mich beglücket der Strahlenglanz Eurer Majestät. Männecken (ebenso) . Heil mir! Ich atme die Lebenslust Eurer Gegenwart. Wuwatz . Kopf-ab-tsching! Was ist das da? Kopf-ab-tsching . Himmlische Majestät! Hier ist der Professor Männecken, ein ausgezeichneter Berliner Baron und Gelehrter, der von weither kommt, um den Schatz seines Wissens Eurer Majestät zu Füßen zu legen, und zugleich, um sich um die Stelle eines Hofmeisters bei Dero Tochter zu bewerben. Wuwatz . So! – Ei! – Hm! – 's ist lange keiner da gewesen. – (Ihn von allen Seiten betrachtend.) Äußeres zwar nicht empfehlend. Das könnte nun schon durch Hungern und Schläge nachgeholt werden. Männecken . Erlauben mir Eure Majestät den ersten Grad des gelinden Versuches eines leisen Widerspruches. Der Mangel an imponierendem Aussehen bei mir rührt ganz allein von schlechter Kost her. Wer was vorstellen will, muß satt sein; und deshalb ist auch ein gutes Diner so etwas höchst Wichtiges für die Diplomaten, die Pfarrer und die Schulmeister. Wuwatz . Mag wahr sein! Und da ich am Besten esse in meinem ganzen Reiche, so muß ich notwendigerweise auch das imponierendste Aussehen haben. – Aber Professor, weiß er auch, daß er examiniert wird, und wenn er durchfällt, daß er dann ohne Aufschub den Kopf verliert, und damit Punktum, streu Sand drum! Männecken . Das weiß ich sehr gut. Allein da ich bis jetzt noch nie, bei keiner Gelegenheit den Kopf verloren habe, so hoffe ich denselben auch diesmal so leidlich davonzubringen. Wuwatz . Der Kerl hat eine Art von Unverschämtheit, die mir ordentlich gefällt. – Aber weiß er denn auch, daß bereits 249 vor ihm bei dieser Gelegenheit den Kopf verloren haben? Männecken . Gerade dies macht mich zuversichtlich. Sehen, Ihre Majestät, ich bin ein Schüler von Gall, ein eingefleischter Phrenologe. Bevor ich hierher kam, untersuchte ich die 249 Schädel der seligen Herrn Kandidaten, und da fand ich allerlei Organe ausgebildet, z. B. unter den Suchten: Herrschsucht, Habsucht, Schelsucht, Ruhmsucht, – unter den Gieren: Preßgier, Geldgier; aber nirgends eine Spur von dem Organ der Mordsucht und der Blutgier; und beide sind doch, wie Ihre Majestät mir zugeben werden, höchst unumgänglich notwendige Eigenschaften für den Erzieher einer Prinzessin. Da dieselben jenen nun abgingen, ich aber an einem unersättlichen Blutdurst leide, so schloß ich einfach, die Stelle ist für mich und ich bin für die Stelle geschaffen. Wuwatz . Mann, seine Ansichten gefallen mir! Kopf-ab-tsching (beiseite) . Schurke, der mich überlistet hat! Wuwatz . Sag er, habe ich wohl auch das noble Organ des Blutdurstes? Männecken . Nichts ist leichter auszumitteln. Wollen nur Ihre Majestät mir Ihren heiligen Schädel zur Betastung erlauben! Wuwatz . Warum das nicht? Kopf-ab-tsching . Aber bedenken Ihre Majestät – Wuwatz . Das Maul gehalten! Da ist er. (Er reicht ihm seinen Kopf.) Männecken (nachdem er denselben aufmerksam untersucht hat) . Phänomen von einem Regentenschädel! Blüte des Absolutismus! – Wohin ich nur fühle, nichts als Mord und Totschlag! – Nach der Lehre der Pythagoräer müßten Ihre Majestät notwendig früher ein Blutegel gewesen sein. Nur ein paar winzige europäische Regentenschädel sind entfernt dem Ihrer Majestät zu vergleichen. Aber dort ist bei weitem noch nicht diese Vollendung, dieses Ensemble. Hier ist der Urtypus, das Nonplusultra, ein wahres Engroslager von Mord- und Blutgier. Alle die andern sind nur erbärmliche Detailleurs, Krämer. Pfui! (Er setzt ihm den Kopf wieder auf.) Wuwatz . Professor, Sie entzücken mich! Sie sind mein Mann. Sie sollen die Stelle haben. Kopf-ab-tsching . Aber das Examen! Wer weiß? – Wuwatz . Ja freilich, das Examen! Er wird es bestehen, lieber Kopf-ab-tsching, sicherlich glänzend. – Nun denn pro forma beantworten Sie mir ein paar Fragen, und damit Punktum, streu Sand drum! Männecken . Bin ganz zu Befehl Ihrer Majestät. Wuwatz . Es sind kameralistisch-politische Fragen; ich will damit Ihr politisches Glaubensbekenntnis. Was halten Sie von Staat und Fürst? Männecken . Verzeihen Ihre Majestät, wenn ich hier durch ein Gleichnis antworte. Der Staat gleicht einem gedeckten und wohlbestellten Tische. Es steht ein appetitlicher Hammelsbraten darauf. Das ist das Volk. Die Regierung im allgemeinen sitzt behaglich an diesem Tische und verzehrt den Braten. Die Hände, die das Fleisch zurechtschneiden und in den Mund bringen, das sind die Gerichte und die Provinzialbeamten. Von den Zähnen wird nun alles fein zurechtgekaut und genießbar gemacht, – und das wären etwa die Minister. Das Ganze aber kommt in den Magen, und ist der Hauptheld, der Zweck, der Fürst. Sie, Majestät, sind ein solcher Magen. Hier hinkt aber mein Gleichnis; denn ein gewöhnlicher Menschenmagen wird leicht verdorben, wenn ihm zuviel zugemutet wird; aber solch ein Regierungsmagen wird um so hungriger, je mehr er bekommt. Wuwatz . Herrlich! Trefflich! – Hammelsbraten ist ja mein Leibessen! – Das ist doch eine appetitliche Erklärung; zwar nicht so ganz neu, denn ein alter römischer Diplomat soll einmal was Ähnliches behauptet haben, aber so ganz nach meinem Geschmack. Nun, lieber Baron, was sind alsdann die Gesetze? Männecken . Ihre Majestät, das sind die Kochbücher der Regierung! Je schmackhafter sie den Hammelsbraten zuzubereiten lehren, um so besser sind diese Gesetze. Wuwatz . Genug! Sie, Juwel von einem Professor! Die Stelle ist Ihnen. Sie sind Hofmeister meiner Tochter. Ich ernenne Sie zum Mandarin des blauen Knopfes ohne Taxe, zu meinem wirklichen geheimen Kammerrat ohne Sitz und Stimme. Gehen Sie hin, suchen Sie sich unter meinem Ordens-Federvieh aus, was Ihnen ansteht! – Sie werden eine gediegene Wütrichin aus meiner Tochter machen, und damit Punktum, streu Sand drum! Männecken . Das Übermaß Ihrer Gnade steigt mir wie köstlicher Wein zu Kopf, und die Worte des Dankes taumeln wie trunkene Gäste von der Treppe meiner Lippen. Der Rausch macht tollkühn, und deshalb wage ich noch eine Bitte an Ihre himmlische Majestät. – Wuwatz               Wer denkt, wie Ihr, was hat zu wagen der Mit einer Bitte? Männecken                           Alle Könige Von Asien huld'gen dem chines'schen Namen. Gehn Sie denn Asiens Königen voran! Ein Federzug von dieser Hand und neu Erschaffen wird die Erde. (Sich ihm zu Füßen werfend) Geben Sie Uns ständische Verfassung! Wuwatz                                             Frevler! Ha! Du wagst's! Kaum kann ich meinen Ohren trauen. Kopf-ab-tsching (mit dem Messer drohend) Herr Kaiser, soll ich ihn in kleine Stücke hauen? Männecken Um Gottes willen, halt! Versteht mich recht! Ich will mich nur gehörig erklären. Wuwatz . Ich bin begierig. Männecken . Nicht im entferntesten habe ich daran gedacht, Ihrer Majestät eine jener Staatseinrichtungen vorzuschlagen, die wie Schnürleiber die Regierung umgeben und das absolute, angestammte, heilige Königtum nur kurzatmig, engbrüstig und unbeholfen machen. Gott bewahre mich! Im Gegenteil, mein Plan hat den Zweck, die Macht Ihrer Majestät in dem ungetrübtesten Lichte erscheinen zu lassen und im ganzen Lande jährlich Zeugnis zu geben von ihrer Unbeschränktheit. In die projektierte Kammer sind nur die allerreichsten Bürger wählbar. Nach einer groben Strafpredigt werden die Mitglieder einzeln durchgeprügelt, wie denn Prügel überhaupt in einem Intelligenzstaate unentbehrlich sind. Der Landtag wird geschlossen, und alles bleibt beim Alten. Jeder Abgeordnete zahlt tausend Dukaten für die Ehre und wird bei seiner Heimkehr nicht verfehlen, einen respektvollen Eindruck mitzubringen. – Dies ist doch etwas Neues, aus dem Bestehenden organisch entwickelt, und Ihrer Majestät wird der Ruhm dieser originellen Idee. Wuwatz . Baron, Sie sind ein Phänomen! Wie soll ich Sie würdig belohnen! – (Beiseite) Wie wäre es? Soll ich? – Ja! – Nein! – Hm? – Ja! – Nein! – Hm? – Ei! – Ja! – Nein! – Ja! – Einen Bessern finde ich nimmer. Also: Ja! Ja! Ja! (Laut) Kommen Sie an mein Herz, Mann! Sie sollen eine andere Stelle haben bei meiner Tochter; nicht Hofmeister, ihr Gatte sollen sie werden, mein Schwiegersohn und Mitregent, und damit Punktum, streu Sand drum! Männecken (ihn umarmend) . Majestät! – Vater! – Kolleg! – (für sich) Die Prophezeiung! Die Prophezeiung! Sie geht zum dritten Male in Erfüllung! (Wuwatz und Männecken ab) Kopf-ab-tsching (allein) . O Wunder! unerklärliches Wunder! Das Beste wird sein, wenn ich mich mit dem neugebacknen Kronprinzen, so gut wie möglich, aussöhne. – Doch dort sehe ich meinen Hausdrachen heranrauschen; ich muß ihr die Geschichte erzählen und ihren Rat hören. Dritter Auftritt Voriger . Lulu Lulu . Nun, was stehst du hier und blickst den Himmel an wie ein Astrolog, der blödsinnig geworden ist? Kopf-ab-tsching . Unerhörtes ist geschehen; ich kann nicht zu mir kommen. Lulu . Nun, zu mir brauchst du auch nicht zu kommen. Kopf-ab-tsching . Der Fremdling aus Berlin – Lulu . – ist Hofmeister geworden. Das ärgert dich: Nun, so freut es mich. Kopf-ab-tsching . Das ist noch nicht alles. Lulu . Nun, hat ihn der Kaiser vielleicht auch zum Minister gemacht? Das wäre ja herrlich! Kopf-ab-tsching . Mehr! Mehr! Der Kaiser gibt ihm seine Tochter zur Frau, und er ist Mitregent. Lulu . Wie? Was? Ha, unmöglich! Du faselst! Kopf-ab-tsching . Um mich wird es geschehen sein. Er merkte die Schlinge, die ich ihm legen wollte. Lulu . Der Kaiser gibt ihm seine Tochter? Und du Esel hast es nicht gehindert? Hast es angesehen mit ruhigen Mienen, hast ihm selbst noch dazu verholfen? Hast dir selbst deinen Galgen gebaut? Unbegreiflich riesenhafte Dummheit! Kopf-ab-tsching . Aber liebe Gute! Es läßt sich vielleicht dem Übel noch vorbauen, wir können vielleicht dem Ärgsten noch entgehen. Dein Rat war es, um den ich dich bitten wollte, von deinem Scharfsinn erwarte ich Hilfe. Lulu               Meinen Rat, du Unglücksgimpel, Willst du? Ruhig überlegten Hilferat suchst du bei mir. Narr, so geh' doch hin zum Meere, Wenn es mit dem Sturme kämpfet, Und die wilde Woge aufspringt Himmelhoch bald zornig schäumend, Und bald wieder abwärts raset Von des Sturmes Riesenarm gebändigt! Geh' dann hin zur Brandung, hübsch manierlich, Mache, wie sich's ziemt, ein Kompliment Und sprich: Liebes Meer, so glätte dich ein wenig, Daß ich mich als Spiegel dein bediene. Sieh', der Sturm hat mir zerzaust die Locken, Und ich möchte gern sie wieder ordnen! – Ungeheure, riesenhafte Dummheit! Rat willst du von mir, in deren Busen Jetzt die Stürme grauser toben, tiefer Als in dunklen Meergrund je sich wühlten. Ungeheurer, riesenhafter Esel! Kopf-ab-tsching Einen Pathos hat die wie Herr Racine, Und den Seehumor von Heinrich Heine. Unbegreiflich feuerspeiend Rätsel! Lulu Hast mein Kind dir stehlen lassen, Schwachkopf! Hast mein Leben mir vergiftet, Meuchler! Hast dein Amt dir nehmen lassen, Feigling! Hast zum Spotte mich gemacht des Buben! Ha, es raubt der Zorn mir die Besinnung! Vierter Auftritt Vorige . Männecken Lulu             Sieh', da kommt der Schurke wie gerufen! – Komm' heran, daß ich den Kopf dir wasche! Hast du darum Liebe vorgeschwatzt mir? Hab' ich darum dir mein Herz gegeben, Daß du mich für diese zuckersüße Mondanbet'rin schnöde sollst verlassen? Kopf-ab-tsching Weib! Dein Wahnsinn sagt mir Schreckenswahrheit. Männecken Frau! Bedenk' sie, daß sie spricht zum Prinzen! Lulu Prinz? Du bist ein schöner Bettelprinz mir! Wahnsinn! Ja, das ist das Wort, das rechte! Hier in meinem Hirne kocht das Blut mir. Es zerspringt das Herz von heißer Wut schier. Habt gereizt ihr wilder Löwin Blutgier, Schien ihr Zorngebrüll Euch zu gefallen, Nun, so wehrt Euch auch vor ihren Krallen! (Fährt auf die beiden los, die mit Geschrei fortlaufen.) Fünfter Auftritt Kopf-ab-tsching (kommt allein zurück) Das Maß ist voll. – Verräterischer Drachen! Mit dem Berliner zu liebeln, ihm meine Pläne zu verraten und hernach obendrein mir das Gesicht zu verkratzen. – Großer Othello, hilf mir! Sie muß sterben und das bald! – (Ab) Sechster Auftritt Männecken . Hernach Lala Männecken . Du allmächtiger Konfuzius! Was sind das für Weiber hierzuland! In den Hühnerstall habe ich flüchten müssen, um ihren Händen zu entgehen. Das wird eine schöne Ehe geben! Aber mein Lalachen, das ich übrigens noch nicht gesehen habe, soll sanft und mildiglich sein. (Lala tritt auf, mit einem Besen bewaffnet.) Lala . Du bist ohne Zweifel der Mensch, dem mein Vater meine Hand versprochen hat? Männecken . Ja, Holdseligste, die Rosenpfade unseres Lebens sollen fortan nebeneinanderlaufen. Lala . Was, Rosenpfade! Albernheiten! Ja, fort- und auseinanderlaufen, das laß ich mir gefallen. Was ich zu Euren Plänen sagen werde, ist Euch gleich. Wohlan, so hört!       Du hast aus meinem Frieden mich heraus Geschreckt; in gärend Drachengift hast du Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt; Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt; – So nimm die Antwort hin, die ich dir gebe. (Schlägt ihn mit dem Besen.) Männecken . He, Hilfe! Mord und Hochverrat! (Läuft fort. Lala ihm nach) Siebenter Auftritt Knot-jang . Hernach Männecken Knot-jang . Was muß ich hören? Dieses vagabundierende Berliner Genie hätte mich überlistet! Der muß mit dem Satan ein Bündnis geschlossen haben. Aber warte, Geselle! So geschwinde tritt der Räuberhauptmann Knot-jang seine Braut nicht ab. Lala ist treu, und mit dir werde ich schon fertig. (Männecken tritt auf) Männecken . Gott sei Dank, eines Freundes Gesicht! Liebster einziger Kumpan! Ach, helft mir! Was führ' ich als Prinz ein erbärmliches Leben! Wo ich mich blicken lasse, setzt es Prügel. Verwünschtes Land! Vermaledeite Brautschaft! Knot-jang       Des Trostes Salbe suchst für deine Beulen Beim falschen Krämer du. Mit meinen Fäusten Will ich den Schurkenschädel dir zertrümmern; Zerstampfen will ich dich, du Ungetier! Männecken Ist alles toll? Baron, was tat ich dir? Knot-jang Hast du nicht frech mir meine Braut gestohlen? Männecken Kein Wort ist wahr, soll mich der Teufel holen! Knot-jang Das wird er schon. Jetzt mußt du mit mir boxen. Männecken Gemeiner Kampf, für Böcke gut und Ochsen! Knot-jang Pomadenheld. Männecken                         Landstreicher! Vagabund! Knot-jang Windbeutel! Männecken                     Dieb! Knot-jang                               Ich stopfe dir den Mund. (Er schleift Männecken hinaus.) Achter Auftritt Knot-jang (kommt allein zurück, mit einer Zither) Hernach Lala und später Wuwatz Knot-jang . Der hat vorderhand genug und wird nichts einwenden. Aber: jetzt gilt es rasche Tat. Ich will meiner Geliebten das Zeichen geben. (Er stimmt und präludiert auf der Zither das Ständchen aus Don Juan und singt:) Mit seufzerhaften Tönen         Umschweife ich dein Haus. Es bricht in wildem Stöhnen         Mein heißer Hunger aus. Die Liebe muß mich nähren.         Dein Blick ist mehr als Wein; Willst du ihn mir gewähren,         Ich werd' betrunken sein. Wie Roastbeef saftig, nahrhaftig         Dein Händedruck! O du! Dein Kuß ist mir wahrhaftig         Ein köstlich Trüffelragout! Schnell komm herab zu fliegen!         Mich quält mein Appetit. Laß alles stehn und liegen;         Bring was zu essen mit! Lala (oben am Fenster)                 Bist du's, mein Knot-jang, dessen Lied Wie kühner Efeu sich zu meiner Zelle rankt? Knot-jang Jawohl! Jawohl! Tu auf, mein Kind! Schläfst, Liebchen, oder wachst du? Wie bist du gegen mich gesinnt? Und weinst oder lachst du? Lala Ach, Knot-jang, du? – So spät bei Nacht? Geweinet hab ich und gewacht; Ach, großes Leid erlitten. Wo kommst du her geritten? Knot-jang Wir satteln nur um Mitternacht, Weit ritt ich her aus Böhmen. Ich habe spät mich aufgemacht, Und will dich mit mir nehmen. (Wuwatz zeigt sich und ist höchst erstaunt.) Doch jetzt ist genug deklamiert! Hurtig herab oder wir sind verloren! Lala . Gleich, du Kühner; ich will nur Galoschen anziehen (Sie geht vom Fenster weg.) Knot-jang . Ich führe sie wieder in die böhmischen Wälder, und sie soll Frau Räuberhauptmännin werden. Lala (kommt) . Geliebter, sieh, ich bin bereit! Knot-jang . So komm'. Wuwatz (hervortretend) . Halt! Hier hab' ich auch ein Wörtchen mitzureden! Lala . Oh! (wird ohnmächtig) Knot-jang . Uh! (läuft fort) Wuwatz (ihm nach) . Haltet den Dieb! Haltet den Dieb! (Lala springt auf und folgt ihnen) Neunter Auftritt Lulu erscheint als Ophelia und hält allerlei verwirrte Reden. Als Kopf-ab-tsching eintritt, wird sie gegen denselben sehr unhöflich. Kopf-ab-tsching . Wahnsinnig und doch noch grob! Das ist zu arg! (Er köpft sie.) Zehnter Auftritt Voriger . Wuwatz Wuwatz . Sie haben ihn! Sie haben ihn! – Was ist das für eine Zucht! Minister, wo steckt Ihr denn? Meine Tochter will durchgehen mit dem lumpigen Handwerksburschen. Mein Schwiegersohn, der Prinz, liegt halb totgeschlagen in einer Ecke und winselt. Helft mir! Kopf-ab-tsching, helft mir! Wo habt Ihr denn gesteckt? Kopf-ab-tsching . Herr Kaiser, ich habe soeben mein Weib erschlagen. Wuwatz . Und warum? Kopf-ab-tsching . Aus Irrtum. Wuwatz . Nun, was geht das mich an! Das sind Haushaltungsangelegenheiten. – Nun aber macht Euch fertig! Man wird den frechen Knot-jang herbringen, er wird sogleich geköpft und gleich darauf Lala mit dem Prinzen getraut. So krieg' ich endlich Ruhe ins Haus und damit Punktum, streu Sand drum! Kopf-ab-tsching . Ganz wohl, Herr Kaiser! Wuwatz . Ich fühle mich sehr angegriffen; meine Verdauung wird in Unordnung geraten. Soviel hab' ich sonst in zehn Jahren nicht regiert. – Doch dort kommt der Delinquent. Macht es kurz und gut! Elfter Auftritt Vorige . Lala . Knot-jang . Wache Lala . Gnade! Gnade! Wuwatz . Nichts da! Er wird geköpft. Kopf-ab-tsching (zu Knot-jang) . Mein Herr, dürfte ich Sie bitten, Ihren Hals etwas zu entblößen behufs der vorzunehmenden Enthauptung? Knot-jang (seinen Hals entblößend) . Mit dem größten Vergnügen bin ich zu Diensten Euer Wohlgeboren. Kopf-ab-tsching (ihn untersuchend) . Himmel! – Was ist das? Knot-jang . Was? Lala . Was? Kopf-ab-tsching . Woher haben Sie dieses rote Mal am Halse? Knot-jang . Das ist das einzige, was ich von meinen Eltern geerbt habe. Kopf-ab-tsching . Sprich, Mensch! Wer, wo sind deine Eltern? Knot-jang . Weiß nicht. Ich wurde meinen Eltern gestohlen. Kopf-ab-tsching (an seinem Halse) . Du bist mein Sohn! mein Kind! Knot-jang . Papa! Lala . Schwiegerpapa! Rette ihn! Knot-jang . Rette mich! Kopf-ab-tsching . Ja! aber wie? Lala . Schlage meinen Vater tot! Kopf-ab-tsching . Gut, es sei! Der Verlust ist nicht so groß. Den einen verliert Ihr, den andern habt Ihr gefunden. Wuwatz . Hölle und Teufel, Kopf-ab-tsching! Eile dich! Ich muß zum Essen. Kopf-ab-tsching . Sollen gleich serviert sein, Majestät! (Er haut auf den Kaiser los.) Wuwatz . He! Was ist das? Kopf-ab-tsching . Ein Irrtum. (Er köpft ihn vollends.) Der Kaiser ist tot! Es lebe der Kaiser! Zwölfter Auftritt Vorige . Männecken (mit verbundenem Gesichte) Männecken . He, Holla! Was ein Lärm! Wo ist meine Braut? Wo mein Herr Schwiegervater? Knot-jang . Der Papa ist tot, und die Braut ist mein. Männecken . O Weh! Warum habt Ihr das nicht gleich gesagt? (Er setzt Knot-jang die Krone auf.) Es lebe Kaiser Knot-jang der Erste! (Volksjubel hinter der Szene) Knot-jang . Meinem Volke gebe ich die versprochene Konstitution! (Neuer Volksjubel von hinten) (zu Kopf-ab-tsching) Ihr, Vater, könnt nicht mehr mein Scharfrichter bleiben! – (zu Männecken) Für Euch, Baron, sei fortan dies Amt! Auch müßt Ihr mir helfen, die Konstitution auszuarbeiten!! (Kopf-ab-tsching überreicht Männecken das Messer.) Männecken . Danke bestens. Mit etwas Übung soll es schon gehen. – So geht die Prophezeiung denn zum vierten Male in Erfüllung: Adrian wird über Köpfe herrschen. – Wuwatz (sich auf richtend) Zwar fehlt mir der Kopf, aber fort regieren könnt ich eigentlich doch, und damit Punktum, streu Sand drum! Knot-jang . Lala! Aber jetzt habe ich den allergewaltigsten Hunger, und damit Punktum, streu Sand drum! Alle           Ihr vergebt uns wohl, ihr Lieben, Machten wir's euch nicht zu Dank. Als dies Stücklein ward geschrieben, Waren wir, Kartoffeln, krank. Sind wir auch seitdem genesen, Fastnachtswitzen droht Verfall; Denn die Zeitung bringt zu lesen Nur von Markt- und Brotkrawall. Griesgrämliches Mißbehagen Liegt wie Alpdruck auf der Zeit; Und doch lehrt, den Ernst ertragen Euch nur lautre Fröhlichkeit.