Ödön von Horváth Geschichten aus dem Wiener Wald Volksstück in drei Teilen Erstveröffentlichung und -aufführung 1931 Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit. Personen: Alfred Die Mutter Die Großmutter Der Hierlinger Ferdinand Valerie Oskar Ida Havlitschek Rittmeister Eine gnädige Frau Marianne Zauberkönig Zwei Tanten Erich Emma Helene Der Dienstbot Baronin Beichtvater Der Mister Der Conferencier. Das Stück spielt in unseren Tagen, und zwar in Wien, im Wiener Wald und draußen in der Wachau. Erster Teil Draußen in der Wachau Vor einem Häuschen am Fuße einer Burgruine. Alfred sitzt im Freien und verzehrt mit gesegnetem Appetit Brot, Butter und sauere Milch – seine Mutter bringt ihm gerade ein schärferes Messer. In der Luft ist ein Klingen und Singen – als verklänge irgendwo immer wieder der Walzer »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Und in der Nähe fließt die schöne blaue Donau. Die Mutter   sieht Alfred zu – plötzlich ergreift sie seine Hand, in der er das Messer hält und schaut ihm tief in die Augen. Alfred   stockt und starrt sie mit vollem Munde mißtrauisch an. Stille. Die Mutter   streicht ihm langsam über das Haar:  Das ist schön von dir, mein lieber Alfred – daß du nämlich deine liebe Mutter nicht total vergessen hast, lieber Alfred – Alfred  Aber wieso denn total vergessen? Ich war ja schon längst immer wieder herausgekommen, wenn ich nur dazu gekommen wär – aber heutzutag kommt doch schon keiner mehr dazu, vor lauter Krise und Wirbel! Wenn mich jetzt mein Freund, der Hierlinger Ferdinand, nicht mitgenommen hätt mit seinem Kabriolett, wer weiß, wann wir uns wiedergesehen hätten! Die Mutter  Das ist sehr aufmerksam von deinem Freund, dem Herrn von Hierlinger. Alfred  Er ist überhaupt ein reizender Mensch. In einer guten halben Stund holt er mich wieder ab. Die Mutter  Schon? Alfred  Leider! Die Mutter  Dann iß bitte nicht die ganze sauere Milch zusammen, ich hab sonst nichts da zum Antragen – Alfred  Der Hierlinger Ferdinand darf ja gar keine sauere Milch essen, weil er eine chronische Nikotinvergiftung hat. Er ist ein hochanständiger Kaufmann. Ich hab öfters mit ihm zu tun. Die Mutter  Geschäftlich? Alfred  Auch das. Stille. Die Mutter  Bist du noch bei der Bank? Alfred  Nein. Die Mutter  Sondern? Stille. Alfred  Ich taug nicht zum Beamten, das bietet nämlich keine Entfaltungsmöglichkeiten. Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr. Wer heutzutag vorwärtskommen will, muß mit der Arbeit der anderen arbeiten. Ich hab mich selbständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so – Er verschluckt sich und hustet stark. Die Mutter   klopft ihm auf den Rücken:  Schmeckts? Alfred  Jetzt wär ich aber fast erstickt. Die Mutter  Ich freu mich nur, daß es dir schmeckt. Stille. Alfred  Apropos ersticken: wo steckt denn die liebe Großmutter? Die Mutter  Mir scheint, sie sitzt in der Küch und betet. Alfred  Betet? Die Mutter  Sie leidet halt an Angst. Alfred  Angst? Stille.   Die Mutter  Vergiß ihr nur ja nicht zu gratulieren – nächsten Monat wird sie achtzig, und wenn du ihr nicht gratulierst, dann haben wir hier wieder die Höll auf Erden. Du bist doch ihr Liebling. Alfred  Ich werds mir notieren. Er notiert es sich.  Großmutter gratulieren. Achtzig. Er erhebt sich, da er nun satt ist.  Das ist ein biblisches Alter. Er sieht auf seine Armbanduhr.  Ich glaub, es wird Zeit. Der Hierlinger muß jeden Moment erscheinen. Es ist auch noch eine Dame dabei. Die Mutter  Was ist das für eine Dame? Alfred  Eine ältere Dame. Stille. Die Mutter  Wie alt? Alfred  So mittel. Die Mutter  Hat sie Geld? Alfred  Ich hab nichts mit ihr zu tun. Stille. Die Mutter  Eine reiche Partie ist nicht das letzte. Du hast halt die Richtige noch nicht gefunden. Alfred  Möglich! Manchmal möcht ich ja schon so Kinder um mich herum haben, aber dann denk ich mir immer wieder: nein, es soll halt nicht sein – Die Großmutter   tritt mit ihrer Schale sauerer Milch aus dem Häuschen:  Frieda! Frieda! Die Mutter  Na, wo brennts denn? Die Großmutter  Wer hat mir denn da was von meiner saueren Milch gestohlen? Die Mutter  Ich. Weil der liebe Alfred noch so einen starken Gusto gehabt hat. Stille. Die Großmutter  Hat er gehabt? Hat er gehabt? – Und da werd ich gar nicht gefragt? Als ob ich schon gar nicht mehr da war – Zur Mutter.  Tät dir so passen! Alfred  Bäääh! Er streckt ihr die Zunge heraus. Stille. Die Großmutter   Bäääh! Sie streckt ihm die Zunge heraus. Stille. Die Großmutter   kreischt:  Jetzt möcht ich überhaupt keine Milch mehr haben! Da! Sie schüttet die Schale aus.   Der Hierlinger Ferdinand   kommt mit Valerie, einer hergerichteten Fünfzigerin im Autodreß. Alfred  Darf ich bekanntmachen: das ist meine Mutter und das ist mein Freund Ferdinand Hierlinger – und Frau Valerie – und das dort ist meine liebe Großmutter – Die Mutter  Das ist sehr schön von Ihnen, Herr von Hierlinger, daß Sie mir den Alfred herausgebracht haben – ich danke Ihnen, danke – Der Hierlinger Ferdinand  Aber ich bitte, meine Herrschaften! Das ist doch alles nur selbstverständlich! Ich hätt Ihnen ja den Alfred schon öfters herausgebracht – der liebe Alfred hätte ja nur ein Wörterl verlauten dürfen. Die Mutter  Nur ein Wörterl? Der Hierlinger Ferdinand  Wie gesagt – Er stockt, da er merkt, daß er sich irgendwie verplappert hat. Peinliche Stille. Valerie  Aber schön haben Sies hier heraußen – Die Mutter  Wollen die Herrschaften vielleicht mal auf den Turm? Der Hierlinger Ferdinand  Auf was für einen Turm? Die Mutter  Auf unseren Turm da – Der Hierlinger Ferdinand  Ich bitte, gehört denn da diese hochromantische Ruine den Herrschaften? Die Mutter  Nein, die gehört dem Staat. Wir verwalten sie nur. Wenn die Herrschaften wollen, führ ich die Herrschaften hinauf – nämlich dem Besteiger bietet sich droben eine prächtige Fernsicht und eine instruktive Rundsicht. Der Hierlinger Ferdinand  Aber gern, sehr gern! Zu charmant, gnädige Frau! Die Mutter   lächelt verlegen:  Aber oh bitte! Zu Valerie.  Die Dame kommen doch auch mit? Valerie  Danke, danke – es tut mir schrecklich leid, aber ich kann nicht so hoch hinauf, weil ich dann keine Luft krieg – Die Mutter  Also dann auf Wiedersehen! Ab mit dem Hierlinger Ferdinand. Valerie   zu Alfred:  Dürft ich mal den Herrn um eine kleine Information bitten? Alfred  Was gibts denn? Die Großmutter   setzt sich an das Tischchen und horcht, hört aber nichts. Valerie  Du hast mich wieder mal betrogen. Alfred  Sonst noch was gefällig? Valerie  Der Hierlinger erzählt mir grad, daß beim letzten Rennen in Saint-Cloud nicht die Quote hundertachtundsechzig, sondern zweihundertzweiundzwanzig herausgelaufen worden ist – Alfred  Der Hierlinger lügt. Valerie  Und das Gedruckte da lügt auch? Sie hält ihm eine Rennzeitung unter die Nase. Stille. Valerie   triumphierend:  Na? Alfred  Nein, du bist halt keine richtige Frau. Du stößt mich ja direkt von dir – mit derartigen Methoden – Valerie  Du wirst mir jetzt das geben, was mir gebührt. Siebenundzwanzig Schilling. S'il vous plaît! Alfred   gibt ihr das Geld:  Voilà! Valerie  Merci! Sie zählt nach. Alfred  Kleinliche Person. Valerie  Ich bin keine Person! Und von heut ab bitte ich es mir aus, daß du mir immer eine schriftliche Quittung – Alfred   unterbricht sie:  Bild dir nur ja nichts ein, bitte! Stille. Valerie  Alfred, du sollst mich doch nicht immer betrügen – Alfred  Und du sollst nicht immer so mißtrauisch zu mir sein – das untergräbt doch nur unser Verhältnis. Du darfst es doch nicht übersehen, daß ein junger Mensch Licht- und Schattenseiten hat, das ist normal. Und ich kann dir nur flüstern: eine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was voneinander hat. Alles andere ist Larifari. Und in diesem Sinne bin ich auch dafür, daß wir jetzt unsere freundschaftlich-geschäftlichen Beziehungen nicht deshalb abbrechen, weil die anderen für uns etwa ungesund sind – Valerie   unterbricht ihn:  Nein, pfui! Pfui – Alfred  Na siehst du! Jetzt hast du schon wieder einen anderen Kopf auf! Es war doch auch zu leichtsinnig von dir, um nicht zu sagen übermütig! Was mach ich denn aus deinem Ruhegehalt, Frau Kanzleiobersekretärswitwe? Dadurch, daß ich eine Rennplatzkapazität bin, wie? Durch meine glückliche Hand beziehen Frau Kanzleiobersekretärswitwe das Gehalt eines aktiven Ministerialdirigenten erster Klass! – Was ist denn schon wieder los? Valerie  Ich hab jetzt nur an das Grab gedacht. Alfred  An was für ein Grab? Valerie  An sein Grab. Immer, wenn ich das hör: Frau Kanzleiobersekretär – dann muß ich an sein Grab denken. Stille.   Valerie  Ich kümmer mich zu wenig um das Grab. Meiner Seel, ich glaub, es ist ganz verwildert – Alfred  Valerie, wenn ich morgen in Maisons-Laffitte gewinn, dann lassen wir sein Grab mal gründlich herrichten. Halb und halb. Valerie   küßt plötzlich seine Hand. Alfred  Nein, nicht so – Die Stimme des Hierlinger Ferdinand   vom Turm:  Alfred! Alfred! Es ist wunderschön heroben, und ich komm gleich runter! Alfred   ruft hinauf:  Ich bin bereit! Er fixiert Valerie.  Was? Du weinst? Valerie   weinerlich:  Aber keine Idee – Sie betrachtet sich in ihrem Taschenspiegel.   Gott, bin ich wieder derangiert – höchste Zeit, daß ich mich wieder mal rasier – Sie schminkt sich mit dem Lippenstift und summt dazu den Trauermarsch von Chopin. Die Großmutter  Alfred! Alfred   nähert sich ihr. Die Großmutter  Wann kommst du denn wieder? Bald? Alfred  Sicher. Die Großmutter  Ich hab so Abschiede nicht gern, weißt du. – Daß dir nur nichts passiert, ich hab oft so Angst – Alfred  Was soll mir denn schon passieren? Stille. Die Großmutter  Wann gibst du mir denn das Geld zurück? Alfred  Sowie ich es hab. Die Großmutter  Ich brauch es nämlich. Alfred  Zu was brauchst du denn dein Geld? Die Großmutter  Nächsten Monat werd ich achtzig – und ich möcht um mein eigenes Geld begraben werden, ich möcht keine milden Gaben, du kennst mich ja – Alfred  Mach dir nur keine Sorgen, Großmama! II Stille Straße im achten Bezirk Von links nach rechts: Oskars gediegene Fleischhauerei mit halben Rindern und Kälbern, Würsten, Schinken und Schweinsköpfen in der Auslage. Daneben eine Puppenklinik mit Firmenschild »Zum Zauberkönig« – mit Scherzartikeln, Totenköpfen, Puppen, Spielwaren, Raketen, Zinnsoldaten und einem Skelett im Fenster. Endlich: eine kleine Tabak-Trafik mit Zeitungen, Zeitschriften und Ansichtspostkarten vor der Tür. Über der Puppenklinik befindet sich ein Balkon mit Blumen, der zur Privatwohnung des Zauberkönigs gehört. Oskar   mit weißer Schürze; er steht in der Tür seiner Fleischhauerei und manikürt sich mit seinem Taschenmesser; ab und zu lauscht er, denn im zweiten Stock spielt jemand auf einem ausgeleierten Klavier die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Ida   ein elfjähriges, herziges, mageres, kurzsichtiges Mäderl, verläßt mit ihrer Markttasche die Fleischhauerei und will nach rechts ab, hält aber vor der Puppenklinik und betrachtet die Auslage. Havlitschek   der Gehilfe Oskars, ein Riese mit blutigen Händen und ebensolcher Schürze, erscheint in der Tür der Fleischhauerei; er frißt eine kleine Wurst und ist wütend:  Dummes Luder, dummes – Oskar  Wer? Havlitschek   deutet mit seinem langen Messer auf lda:  Das dort! Sagt das dumme Luder nicht, daß meine Blutwurst nachgelassen hat – meiner Seel, am liebsten tät ich so was abstechen, und wenn es dann auch mit dem Messer in der Gurgel herumrennen müßt, wie die gestrige Sau, dann tät mich das nur freuen! Oskar   lächelt:  Wirklich? Ida   fühlt Oskars Blick, es wird ihr unheimlich; plötzlich rennt sie nach rechts ab.   Havlitschek   lacht. Rittmeister   kommt von links; er ist bereits seit dem Zusammenbruch pensioniert und daher in Zivil; jetzt grüßt er Oskar. Oskar und Havlitschek   verbeugen sich – und der Walzer ist aus. Rittmeister  Also das muß ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class! Oskar  Zart, nicht? Rittmeister  Ein Gedicht! Oskar  Hast du gehört, Havlitschek? Rittmeister  Ist er derjenige, welcher? Havlitschek  Melde gehorsamst ja, Herr Rittmeister! Rittmeister  Alle Achtung! Havlitschek  Herr Rittmeister sind halt ein Kenner. Ein Gourmand. Ein Weltmann. Rittmeister   zu Oskar:  Ich bin seinerzeit viel in unserer alten Monarchie herumtransferiert worden, aber ich muß schon sagen: Niveau. Niveau! Oskar  Ist alles nur Tradition, Herr Rittmeister! Rittmeister  Wenn Ihr armes Mutterl selig noch unter uns weilen würde, die hätt eine Freude an ihrem Sohn. Oskar   lächelt geschmeichelt:  Es hat halt nicht sollen sein, Herr Rittmeister. Rittmeister  Wir müssen alle mal fort. Oskar  Heut vor einem Jahr ist sie fort. Rittmeister  Wer? Oskar  Meine Mama, Herr Rittmeister. Nach dem Essen um halb drei – da hatte sie unser Herrgott erlöst. Stille. Rittmeister  Ist denn das schon ein Jahr her? Stille. Oskar  Entschuldigens mich bitte, Herr Rittmeister, aber ich muß mich jetzt noch in Gala werfen – für die Totenmess. Ab. Rittmeister   reagiert nicht; ist anderswo. Stille. Rittmeister  Wieder ein Jahr – bis zwanzig gehts im Schritt, bis vierzig im Trab, und nach vierzig im Galopp – Stille. Havlitschek   frißt nun wieder:  Das ist ein schönes Erdbegräbnis gewesen von der alten gnädigen Frau. Rittmeister  Ja, es war sehr gelungen – Er läßt ihn stehen und nähert sich der Tabak-Trafik, hält einen Augenblick vor dem Skelett in der Puppenklinik; jetzt spielt wieder jemand im zweiten Stock, und zwar den Walzer »Über den Wellen«. Havlitschek   sieht dem Rittmeister nach, spuckt die Wursthaut aus und zieht sich zurück in die Fleischhauerei. Valerie   erscheint in der Tür ihrer Tabak-Trafik. Rittmeister   grüßt. Valerie   dankt.   Rittmeister  Dürft ich mal die Ziehungsliste? Valerie   reicht sie ihm aus dem Ständer von der Tür. Rittmeister  Küß die Hand! Er vertieft sich in die Ziehungsliste; plötzlich bricht der Walzer ab, mitten im Takt. Valerie   schadenfroh:  Was haben wir denn gewonnen, Herr Rittmeister? Das große Los? Rittmeister   reicht ihr die Ziehungsliste wieder zurück:  Ich hab überhaupt noch nie was gewonnen, liebe Frau Valerie. Weiß der Teufel, warum ich spiel! Höchstens, daß ich meinen Einsatz herausbekommen hab. Valerie  Das ist halt das Glück in der Liebe. Rittmeister  Gewesen, gewesen! Valerie  Aber Herr Rittmeister! Mit dem Profil! Rittmeister  Das hat nicht viel zu sagen – wenn man nämlich ein wählerischer Mensch ist. Und eine solche Veranlagung ist eine kostspielige Charaktereigenschaft. Wenn der Krieg nur vierzehn Tage länger gedauert hätt, dann hätt ich heut meine Majorspension. Valerie  Wenn der Krieg vierzehn Tag länger gedauert hätt, dann hätten wir gesiegt. Rittmeister  Menschlichem Ermessen nach – Valerie  Sicher. Ab in ihre Tabak-Trafik. Marianne   begleitet eine gnädige Frau aus der Puppenklinik – jedesmal, wenn diese Ladentür geöffnet wird, ertönt statt eines Klingelzeichens ein Glockenspiel. Rittmeister   blättert nun in einer Zeitung und horcht. Die gnädige Frau  Also ich kann mich auf Sie verlassen? Marianne  Ganz und gar, gnädige Frau! Wir haben doch hier das erste und älteste Spezialgeschäft im ganzen Bezirk – gnädige Frau bekommen die gewünschten Zinnsoldaten, garantiert und pünktlich! Die gnädige Frau  Also nochmals, nur damit keine Verwechslungen entstehen: drei Schachteln Schwerverwundete und zwei Schachteln Fallende – auch Kavallerie bitte, nicht nur Infanterie – und daß ich sie nur übermorgen früh im Haus hab, sonst weint der Bubi. Er hat nämlich am Freitag Geburtstag, und er möcht doch schon so lang Sanitäter spielen – Marianne  Garantiert und pünktlich, gnädige Frau! Vielen Dank, gnädige Frau! Die gnädige Frau  Also Adieu! Ab nach links. Der Zauberkönig   erscheint auf seinem Balkon, in Schlafrock und mit Schnurrbartbinde:  Marianne! Bist du da? Marianne  Papa? Zauberkönig  Wo stecken denn meine Sockenhalter? Marianne  Die rosa oder die beige? Zauberkönig  Ich hab doch nur mehr die rosa! Marianne  Im Schrank links oben, rechts hinten. Zauberkönig  Links oben, rechts hinten. Difficile est, satiram non scribere. Ab.   Rittmeister   zu Marianne:  Immer fleißig, Fräulein Marianne! Immer fleißig! Marianne  Arbeit schändet nicht, Herr Rittmeister. Rittmeister  Im Gegenteil. Apropos: wann darf man denn gratulieren? Marianne  Zu was denn? Rittmeister  Na zur Verlobung. Zauberkönig   erscheint wieder auf dem Balkon:  Marianne! Rittmeister  Habe die Ehre, Herr Zauberkönig! Zauberkönig  Habe die Ehre, Herr Rittmeister! Marianne. Zum letztenmal: wo stecken meine Sockenhalter? Marianne  Wo sie immer stecken. Zauberkönig  Was ist das für eine Antwort, bitt ich mir aus! Einen Ton hat dieses Ding an sich! Herzig! Zum leiblichen Vater! Wo meine Sockenhalter immer stecken, dort stecken sie nicht. Marianne  Dann stecken sie in der Kommod. Zauberkönig  Nein. Marianne  Dann im Nachtkastl. Zauberkönig  Nein. Marianne  Dann bei deinen Unterhosen. Zauberkönig  Nein. Marianne  Dann weiß ich es nicht. Zauberkönig  Jetzt frag ich aber zum allerletzenmal: wo stecken meine Sockenhalter! Marianne  Ich kann doch nicht zaubern! Zauberkönig   brüllt sie an:  Und ich kann doch nicht mit rutschende Strumpf in die Totenmess! Weil du meine Garderob verschlampst! Jetzt komm aber nur rauf und such du! Aber avanti, avanti! Marianne   ab in die Puppenklinik – und jetzt wird der Walzer »Über den Wellen« wieder weitergespielt . Zauberkönig   lauscht. Rittmeister  Wer spielt denn da? Zauberkönig  Das ist eine Realschülerin im zweiten Stock – ein talentiertes Kind ist das. Rittmeister  Ein musikalisches. Zauberkönig  Ein frühentwickeltes – Er summt mit, riecht an den Blumen und genießt ihren Duft. Rittmeister  Es wird Frühling, Herr Zauberkönig. Zauberkönig  Endlich! Selbst das Wetter ist verrückt geworden! Rittmeister  Das sind wir alle. Zauberkönig  Ich nicht. Pause. Zauberkönig  Elend sind wir dran, Herr Rittmeister, elend. Nicht einmal einen Dienstbot kann man sich halten. Wenn ich meine Tochter nicht hätt – Oskar   kommt aus seiner Fleischhauerei, in Schwarz und mit Zylinder; er zieht sich soeben schwarze Glacéhandschuhe an. Zauberkönig  Ich bin gleich fertig, Oskar! Die liebe Mariann hat nur wieder mal meine Sockenhalter verhext! Rittmeister  Herr Zauberkönig! Dürft ich mir erlauben, Ihnen meine Sockenhalter anzubieten? Ich trag nämlich auch Strumpfbänder, neuerdings – Zauberkönig  Zu gütig! Küß die Hand! Aber Ordnung muß sein! Die liebe Mariann wird sie schon wieder herhexen! Rittmeister  Der Herr Bräutigam in spe können sich gratulieren. Oskar   lüftet den Zylinder und verbeugt sich leicht. Zauberkönig  Wenns Gott mir vergönnt, ja. Rittmeister  Mein Kompliment, die Herren! Ab – und nun ist der Walzer aus. Marianne   erscheint auf dem Balkon mit den rosa Sockenhaltern:   Hier hab ich jetzt deine Sockenhalter. Zauberkönig  Na also! Marianne  Du hast sie aus Versehen in die Schmutzwäsch geworfen – und ich hab jetzt das ganze schmutzige Zeug durchwühlen müssen. Zauberkönig  Na so was! Er lächelt väterlich und kneift sie in die Wange . Brav, brav. Unten steht der Oskar. Ab.   Oskar  Marianne! Marianne! Marianne  Ja? Oskar  Willst du denn nicht herunterkommen? Marianne  Das muß ich sowieso. Ab. Havlitschek   erscheint in der Tür der Fleischhauerei; wieder fressend:  Herr Oskar. Was ich noch hab sagen wollen – geh, bittschön, betens auch in meinem Namen ein Vaterunser für die arme gnädige Frau Mutter selig. Oskar  Gern, Havlitschek. Havlitschek  Ich sage dankschön, Herr Oskar. Ab. Marianne   tritt aus der Puppenklinik. Oskar  Ich bin so glücklich, Mariann. Bald ist das Jahr der Trauer ganz vorbei, und morgen leg ich meinen Flor ab. Und am Sonntag ist offizielle Verlobung und Weihnachten Hochzeit. – Ein Bussi, Mariann, ein Vormittagsbussi – Marianne   gibt ihm einen Kuß, fährt aber plötzlich zurück:   Au! Du sollst nicht immer beißen! Oskar  Hab ich denn jetzt? Marianne  Weißt du denn das nicht? Oskar  Also ich hätt jetzt geschworen – Marianne  Daß du mir immer weh tun mußt. Stille. Oskar  Böse? Stille. Oskar  Na? Marianne  Manchmal glaub ich schon, daß du es dir herbeisehnst, daß ich ein böser Mensch sein soll – Oskar  Marianne! Du weißt, daß ich ein religiöser Mensch bin und daß ich es ernst nehme mit den christlichen Grundsätzen! Marianne  Glaubst du vielleicht, ich glaub nicht an Gott? Ph! Oskar  Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich weiß, daß du mich verachtest. Marianne  Was fällt dir ein, du Idiot! Stille. Oskar  Du liebst mich also nicht? Marianne  Was ist Liebe? Stille. Oskar  Was denkst du jetzt? Marianne  Oskar, wenn uns etwas auseinanderbringen kann, dann bist du es. Du sollst nicht so herumbohren in mir, bitte – Oskar  Jetzt möcht ich in deinen Kopf hineinsehen können, ich möcht dir mal die Hirnschale herunter und nachkontrollieren, was du da drinnen denkst – Marianne  Aber das kannst du nicht. Oskar  Man ist und bleibt allein. Stille. Oskar   holt aus seiner Tasche eine Bonbonniere hervor:  Darf ich dir diese Bonbons, ich hab sie jetzt ganz vergessen, die im Goldpapier sind mit Likör – Marianne   steckt sich mechanisch ein großes Bonbon in den Mund. Zauberkönig   tritt rasch aus der Puppenklinik, auch in Schwarz und mit Zylinder:  Also da sind wir. Was hast du da? Schon wieder Bonbons? Aufmerksam, sehr aufmerksam! Er kostet.   Ananas! Prima! Na was sagst du zu deinem Bräutigam? Zufrieden? Marianne   rasch ab in die Puppenklinik. Zauberkönig   verdutzt:  Was hat sie denn? Oskar  Launen. Zauberkönig  Übermut! Es geht ihr zu gut! Oskar  Komm, wir haben keine Zeit, Papa – die Messe – Zauberkönig  Aber eine solche Benehmität! Ich glaub gar, daß du sie mir verwöhnst – also nur das nicht, lieber Oskar! Das rächt sich bitter! Was glaubst du, was ich auszustehen gehabt hab in meiner Ehe? Und warum? Nicht weil meine gnädige Frau Gemahlin ein bissiges Mistvieh war, sondern weil ich zu vornehm war, Gott hab sie selig! Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat! Kopf hoch! Daumen runter! Ave Caesar, morituri te salutant! Ab mit Oskar. Jetzt spielt die Realschülerin im zweiten Stock den Walzer »In lauschiger Nacht« von Ziehrer. Marianne   erscheint nun in der Auslage und arrangiert sie bemüht sich besonders um das Skelett. Alfred   kommt von links, erblickt Marianne von hinten, hält und betrachtet sie. Marianne   dreht sich um – erblickt Alfred und ist fast fasziniert. Alfred   lächelt. Marianne   lächelt auch. Alfred   grüßt charmant. Marianne   dankt.   Alfred   nähert sich der Auslage. Valerie   steht nun in der Tür ihrer Tabak-Trafik und betrachtet Alfred. Alfred   trommelt an die Fensterscheibe. Marianne   sieht ihn plötzlich erschrocken an, läßt rasch den Sonnenvorhang hinter der Fensterscheibe herab – und der Walzer bricht wieder ab, mitten im Takt. Alfred   erblickt Valerie. Stille. Valerie  Wohin? Alfred  Zu dir, Liebling. Valerie  Was hat man denn in der Puppenklinik verloren? Alfred  Ich wollte dir ein Pupperl kaufen. Valerie  Und an so was hängt man sein Leben. Alfred  Pardon! Stille. Alfred   krault Valerie am Kinn. Valerie   schlägt ihn auf die Hand. Stille. Alfred  Wer ist denn das Fräulein da drinnen? Valerie  Das geht dich einen Dreck an. Alfred  Das ist sogar ein sehr hübsches Fräulein. Valerie  Haha! Alfred  Ein schöngewachsenes Fräulein. Daß ich dieses Fräulein noch nie gesehen habe – das ist halt die Tücke des Objekts. Valerie  Na und? Alfred  Also ein für allemal: lang halt ich jetzt aber deine hysterischen Eifersüchteleien nicht mehr aus! Ich laß mich nicht tyrannisieren! Das hab ich doch schon gar nicht nötig! Valerie  Wirklich? Alfred  Glaub nur ja nicht, daß ich auf dein Geld angewiesen bin! Stille. Valerie  Ja, das wird wohl das beste sein – Alfred  Was? Valerie  Das wird das beste sein für uns beide, daß wir uns trennen. Alfred  Aber dann endlich! Und im guten! Und konsequent, wenn man bitten darf! – Da. Das bin ich dir noch schuldig. Mit Quittung. Wir haben in Saint-Cloud nichts verloren und in Le Tremblay gewonnen. Außenseiter. Zähls nach, bitte! Ab. Valerie   allein; zählt mechanisch das Geld nach – dann sieht sie Alfred langsam nach; leise:  Luder. Mistvieh. Zuhälter. Bestie – III Am nächsten Sonntag im Wiener Wald Auf einer Lichtung am Ufer der schönen blauen Donau. Der Zauberkönig und Marianne, Oskar, Valerie, Alfred, einige entfernte Verwandte, unter ihnen Erich aus Kassel in Preußen, und kleine weißgekleidete häßliche Kinder machen einen gemeinsamen Ausflug. Jetzt bilden sie gerade eine malerische Gruppe, denn sie wollen von Oskar fotografiert werden, der sich noch mit seinem Stativ beschäftigt – dann stellt er sich selbst in Positur neben Marianne, maßen er ja mit einem Selbstauslöser arbeitet. Und nachdem dieser tadellos funktionierte, gerät die Gruppe in Bewegung. Zauberkönig  Halt! Da capo! Ich glaub, ich hab gewackelt! Oskar  Aber Papa! Zauberkönig  Sicher ist sicher! Erste Tante  Ach ja! Zweite Tante  Das war doch ewig schad! Zauberkönig  Also da capo, da capo! Oskar  Also gut! Er beschäftigt sich wieder mit seinem Apparat – und wieder funktioniert der Selbstauslöser tadellos. Zauberkönig  Ich danke! Die Gruppe   löst sich allmählich auf. Erste Tante  Lieber Herr Oskar, ich hätt ein großes Verlangen – geh, möchtens nicht mal die Kinderl allein abfotografieren, die sind doch heut so herzig – Oskar  Aber mit Vergnügen! Er gruppiert die Kinder und küßt die Kleinste. Zweite Tante   zu Marianne:  Nein, mit welcher Liebe er das arrangiert. – Na wenn das kein braver Familienvater wird! Ein Kindernarr, ein Kindernarr! Unberufen! Sie umarmt Marianne und gibt ihr einen Kuß. Valerie   zu Alfred:  Also das ist der Chimborasso. Alfred  Was für ein Chimborasso? Valerie  Daß du dich nämlich diesen Herrschaften hier anschließt, wo du doch weißt, daß ich dabei bin – nach all dem, was zwischen uns passiert ist. Alfred  Was ist denn passiert? Wir sind auseinander. Und noch dazu als gute Kameraden. Valerie  Nein, du bist halt keine Frau – sonst würdest du meine Gefühle anders respektieren. Alfred  Was für Gefühle? Noch immer? Valerie  Als Frau vergißt man nicht so leicht. Es bleibt immer etwas in einem drinnen. Wenn du auch ein großer Gauner bist. Alfred  Ich bitte dich, werde vernünftig. Valerie   plötzlich gehässig:  Das würde dir so passen! Stille. Alfred  Darf sich der Gauner jetzt empfehlen? Valerie  Wer hat ihn denn hier eingeladen? Alfred  Sag ich nicht. Valerie  Man kann sichs ja lebhaft vorstellen, nicht? Alfred   zündet sich eine Zigarette an. Valerie  Wo hat man sich denn kennengelernt? In der Puppenklinik? Alfred  Halts Maul. Zauberkönig   nähert sich Alfred mit Erich:  Was höre ich? Die Herrschaften kennen sich noch nicht? Also darf ich bekannt machen: Das ist mein Neffe Erich, der Sohn meines Schwippschwagers aus zweiter Ehe – und das ist Herr Zentner. Stimmts? Alfred  Gewiß. Zauberkönig  Herr von Zentner! Erich   mit Brotbeutel und Feldflasche am Gürtel:  Sehr erfreut! Zauberkönig  Erich ist ein Student. Aus Dessau. Erich  Aus Kassel, Onkel. Zauberkönig  Kassel oder Dessau – das verwechsel ich immer! Er zieht sich zurück. Alfred   zu Valerie:  Ihr kennt euch schon? Valerie  Oh schon seit Ewigkeiten! Erich  Ich hatte erst unlängst das Vergnügen. Wir hatten uns über das Burgtheater unterhalten und über den vermeintlichen Siegeszug des Tonfilms. Alfred  Interessant! Er verbeugt sich korrekt und zieht sich zurück; jetzt läßt eine Tante ihr Reisegrammophon singen: »Wie eiskalt ist dies Händchen«. Erich  lauscht: Bohème. Göttlicher Puccini! Marianne   nun neben Alfred; sie lauscht:  Wie eiskalt ist dies Händchen – Alfred  Das ist Bohème. Marianne  Puccini. Valerie   zu Erich:  Was kennen Sie denn für Operetten? Erich  Aber das hat doch mit Kunst nichts zu tun! Valerie  Geh, wie könnens denn nur so was sagen! Erich  Kennen Sie die Brüder Karamasow? Valerie  Nein. Erich  Das ist Kunst. Marianne   zu Alfred:  Ich wollte mal rhythmische Gymnastik studieren, und dann hab ich von einem eigenen Institut geträumt, aber meine Verwandtschaft hat keinen Sinn für so was. Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus. Alfred  Ich bin kein Politiker, aber glauben Sie mir: auch die finanzielle Abhängigkeit des Mannes von der Frau führt zu nichts Gutem. Das sind halt so Naturgesetze. Marianne  Das glaub ich nicht. Oskar   fotografiert nun den Zauberkönig allein, und zwar in verschiedenen Posen; das Reisegrammopbon bat ausgesungen. Alfred  Fotografiert er gern, der Herr Bräutigam? Marianne  Das tut er leidenschaftlich. Wir kennen uns schon seit acht Jahren. Alfred  Wie alt waren Sie denn damals? Pardon, das war jetzt nur eine automatische Reaktion! Marianne  Ich war damals vierzehn. Alfred  Das ist nicht viel. Marianne  Er ist nämlich ein Jugendfreund von mir. Weil wir Nachbarskinder sind. Alfred  Und wenn Sie jetzt keine Nachbarskinder gewesen wären? Marianne  Wie meinen Sie das? Alfred  Ich meine, daß das halt alles Naturgesetze sind. Und Schicksal. Stille. Marianne  Schicksal, ja. Eigentlich ist das nämlich gar nicht das, was man halt so Liebe nennt, vielleicht von seiner Seite aus, aber ansonsten – Sie starrt Alfred plötzlich an.  Nein, was sag ich da, jetzt kenn ich Sie ja noch kaum – mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen – Alfred  Ich will gar nichts aus Ihnen herausziehen. Im Gegenteil. Stille. Marianne  Können Sie hypnotisieren? Oskar   zu Alfred:  Pardon! Zu Marianne.  Darf ich bitten? Er reicht ihr den Arm und geleitet sie unter eine schöne alte Baumgruppe, wo sich die ganze Gesellschaft bereits zum Picknick gelagert hat. Alfred   folgt Oskar und Marianne und läßt sich ebenfalls nieder. Zauberkönig  Über was haben wir denn gerade geplauscht? Erste Tante  Über die Seelenwanderung. Zweite Tante  Was ist denn das für eine Geschicht, das mit der Seelenwanderung? Erich  Das ist buddhistische Religionsphilosophie. Die Buddhisten behaupten, daß die Seele eines verstorbenen Menschen in ein Tier hineinfährt – zum Beispiel in einen Elefanten. Zauberkönig   Verrückt! Erich  Oder in eine Schlange. Erste Tante  Pfui! Erich  Wieso pfui? Das sind doch nur unsere kleinlichen menschlichen Vorurteile! So laßt uns doch mal die geheime Schönheit der Spinnen, Käfer und Tausendfüßler – Zweite Tante   unterbricht ihn:  Also nur nicht unappetitlich, bittschön! Erste Tante  Mir ist schon übel – Zauberkönig  Mir kann heut nichts den Appetit verderben! Solche Würmer gibts gar nicht! Valerie  Jetzt aber Schluß! Zauberkönig   erhebt sich und klopft mit dem Messer an sein Glas:  Meine lieben Freunde! Zu guter Letzt war es ja schon ein öffentliches Geheimnis, daß meine liebe Tochter Mariann einen Blick auf meinen lieben Oskar geworfen hat – Valerie  Bravo! Zauberkönig  Silentium, gleich bin ich fertig, und nun haben wir uns hier versammelt, das heißt: ich hab euch alle eingeladen, um einen wichtigen Abschnitt im Leben zweier blühender Menschenkinder einfach, aber würdig, in einem kleinen, aber auserwählten Kreise zu feiern. Es tut mir nur heut in der Seele weh, daß Gott der Allmächtige es meiner unvergeßlichen Gemahlin, der Mariann ihrem lieben Mutterl selig, nicht vergönnt hat, diesen Freudentag ihres einzigen Kindes mitzuerleben. Ich weiß es aber ganz genau, sie steht jetzt sicher hinter einem Stern droben in der Ewigkeit und schaut hier auf uns herab. Und erhebt ihr Glas – er erhebt sein Glas  – um ein aus dem Herzen kommendes Hoch auf das glückliche, nunmehr und hiermit offiziell verlobte Paar – das junge Paar, Oskar und Marianne, es lebe hoch! Hoch! Hoch! Alle Hoch! Hoch! Hoch! Ida   jenes magere, herzige Mäderl, das seinerzeit Havlitscheks Blutwurst beanstandet hatte, tritt nun weißgekleidet mit einem Blumenstrauß vor das verlobte Paar und rezitiert mit einem Sprachfehler: Die Liebe ist ein Edelstein, Sie brennt jahraus, sie brennt jahrein Und kann sich nicht verzehren, Sie brennt, solang noch Himmelslicht In eines Menschen Aug sich bricht, Um drin sich zu verklären. Alle  Bravo! Hoch! Gott, wie herzig! Ida   überreicht Marianne den Blumenstrauß mit einem Knicks. Alle   streicheln nun Ida und gratulieren dem verlobten Paar in aufgeräumtester Stimmung; das Reisegrammophon spielt nun den Hochzeitsmarsch, und der Zauberkönig küßt Marianne auf die Stirn und Oskar auf den Mund, dann wischt er sich die Tränen aus den Augen, und dann legt er sich in seine Hängematte. Erich   hat eben mit seiner Feldflasche Bruderschaft mit Oskar getrunken:  Mal herhören, Leute! Oskar und Marianne! Ich gestatte mir nun aus dieser Feldflasche auf euer ganz Spezielles zu trinken! Glück und Gesundheit und viele brave deutsche Kinder! Heil! Valerie   angeheitert:  Nur keine Neger! Heil! Erich  Verzeihen, gnädige Frau, aber über diesen Punkt vertrag ich keine frivolen Späße! Dieser Punkt ist mir heilig, Sie kennen meine Stellung zu unserem Rassenproblem. Valerie  Ein problematischer Mensch. – Halt! So bleibens doch da, Sie komplizierter Mann, Sie – Erich  Kompliziert. Wie meinen Sie das? Valerie  Interessant – Erich  Wieso? Valerie  Ja glaubens denn, daß ich die Juden mag? Sie großes Kind – Sie hängt sich ein in das große Kind und schleift es weg; man lagert sich nun im Wald und die kleinen Kindlein spielen und stören. Oskar   singt zur Laute: Sei gepriesen, du lauschige Nacht, Hast zwei Herzen so glücklich gemacht. Und die Rosen im folgenden Jahr Sahn ein Paar am Altar! Auch der Klapperstorch blieb nicht lang aus, Brachte klappernd den Segen ins Haus. Und entschwand auch der liebliche Mai, In der Jugend erblüht er neu! Er spielt das Lied nochmal, singt aber nicht mehr, sondern summt nur; auch alle anderen summen mit, außer Alfred und Marianne. Alfred   nähert sich nämlich Marianne:  Darf man noch einmal gratulieren? Marianne   schließt die Augen. Alfred   küßt lange ihre Hand. Oskar   hatte den Vorgang beobachtet, übergab seine Laute der zweiten Tante, schlich sich heran und steht nun neben Marianne. Alfred   korrekt:  Ich gratuliere! Oskar  Danke. Alfred   verbeugt sich korrekt und will ab. Oskar   sieht ihm nach:  Er beneidet mich um dich – ein geschmackloser Mensch. Wer ist denn das überhaupt? Marianne  Ein Kunde. Oskar  Schon lang? Marianne  Gestern war er da und wir sind ins Gespräch gekommen – nicht lang, und dann hab ich ihn gerufen. Er hat sich ein Gesellschaftsspiel gekauft. Valerie   schrill:  Was soll das Pfand in meiner Hand? Erich  Das soll dreimal Muh schreien! Valerie  Das ist die Tante Henriett, die Tante Henriett! Erste Tante   stellt sich in Positur und schreit: Muh! Muh! Muh! Großes Gelächter.   Valerie  Und was soll das Pfand in meiner Hand? Zauberkönig  Das soll dreimal Mäh schreien! Valerie  Das bist du selber! Zauberkönig  Mäh! Mäh! Mäh! Brüllendes Gelächter. Valerie  Und was soll das Pfand in meiner Hand? Zweite Tante  Der soll etwas demonstrieren! Erich  Was denn? Zweite Tante  Was er kann! Valerie  Oskar! Hast du gehört, Oskar? Du sollst uns etwas demonstrieren! Erich  Was du willst! Zauberkönig  Was du kannst! Stille. Oskar  Meine Damen und Herren, ich werde Ihnen etwas sehr Nützliches demonstrieren, nämlich ich hab mich mit der japanischen Selbstverteidigungsmethode beschäftigt. Mit dem sogenannten Jiu-Jitsu. Und nun passens bitte auf, wie man seinen Gegner spielend kampfunfähig machen kann – Er stürzt sich plötzlich auf Marianne und demonstriert an ihr seine Griffe. Marianne   stürzt zu Boden:  Au! Au! Au! – Erste Tante  Nein, dieser Rohling! Zauberkönig  Bravo! Bravissimo! Oskar   zur ersten Tante:  Aber ich hab doch den Griff nur markiert, sonst hätt ich ihr doch das Rückgrat verletzt! Erste Tante  Das auch noch! Zauberkönig   klopft Oskar auf die Schulter:  Sehr geschickt! Sehr einleuchtend! Zweite Tante   hilft Marianne beim Aufstehen:  Ein so zartes Frauerl. – Haben wir denn doch ein Pfand? Valerie  Leider! Schluß. Aus! Zauberkönig  Dann hätt ich ein Projekt! Jetzt gehen wir alle baden! Hinein in die kühle Flut! Ich schwitz eh schon wie ein gselchter Aff! Erich  Eine ausgezeichnete Idee! Valerie  Aber wo sollen sich denn die Damen entkleiden? Zauberkönig  Nichts leichter als das! Die Damen rechts, die Herren links! Also auf Wiedersehen in unserer schönen blauen Donau! Jetzt spielt das Reisegrammophon den Walzer »An der schönen blauen Donau«, und die Damen verschwinden rechts, die Herren links – Valerie und Alfred sind die letzten.   Valerie  Alfred! Alfred  Bitte? Valerie   trällert die Walzermelodie nach und zieht ihre Bluse aus. Alfred  Nun? Valerie   wirft ihm eine Kußhand zu. Alfred  Adieu! Valerie  Moment! Gefällt dem Herrn Baron das Fräulein Braut? Alfred   fixiert sie – geht dann rasch auf sie zu und hält knapp vor ihr:  Hauch mich an! Valerie  Wie komm ich dazu! Alfred  Hauch mich an! Valerie  haucht ihn an. Alfred  Du Alkoholistin. Valerie  Das ist doch nur ein Schwips, den ich da hab, du Vegetarianer! Der Mensch denkt und Gott lenkt. Man feiert doch nicht alle Tage Verlobung – und Entlobung, du Schweinehund – Alfred  Einen anderen Ton, wenn ich bitten darf! Valerie  Daß du mich nicht anrührst, daß du mich nicht anrührst – Alfred  Toll! Als hätt ich dich schon jemals angerührt. Valerie  Und am siebzehnten März? Stille. Alfred  Wie du dir alles merkst – Valerie  Alles. Das Gute und das Böse – Sie hält sich plötzlich die Bluse vor.  Geh! Ich möcht mich jetzt ausziehen! Alfred  Als hätt ich dich nicht schon so gesehen – Valerie   kreischt:  Schau mich nicht so an! Geh! Geh! Alfred  Hysterische Kuh – Ab nach links. Valerie   allein; sieht ihm nach:  Luder. Mistvieh. Drecksau. Bestie. Sie zieht sich aus. Zauberkönig   taucht im Schwimmanzug hinter dem Busch auf und sieht zu.   Valerie   hat nun nur mehr das Hemd, Schlüpfer und Strümpfe an, sie entdeckt den Zauberkönig:  Jesus Maria Josef! Oh du Hallodri! Mir scheint gar, du bist ein Voyeur – Zauberkönig  Ich bin doch nicht pervers. Zieh dich nur ruhig weiter aus. Valerie  Nein, ich hab doch noch mein Schamgefühl. Zauberkönig  Geh, in der heutigen Zeit! Valerie  Aber ich hab halt so eine verflixte Phantasie – Sie trippelt hinter einen Busch. Zauberkönig   läßt sich vor dem Busch nieder, entdeckt Valeries Korsett, nimmt es an sich und riecht daran:  Mit oder ohne Phantasie – diese heutige Zeit ist eine verkehrte Welt! Ohne Treu, ohne Glauben, ohne sittliche Grundsatz. Alles wackelt, nichts steht mehr fest. Reif für die Sintflut – Er legt das Korsett wieder beiseite, denn es duftet nicht gerade überwältigend.  Ich bin nur froh, daß ich die Mariann angebracht hab, eine Fleischhauerei ist immer noch solid – Valeries Stimme  Na und die Trafikantinnen? Zauberkönig  Auch! Rauchen und Fressen werden die Leut immer – aber zaubern? Wenn ich mich so mit der Zukunft beschäftig, da wirds mir manchmal ganz pessimistisch. Ich habs ja überhaupt nicht leicht gehabt in meinem Leben, ich muß ja nur an meine Frau selig denken – diese ewige Schererei mit den Spezialärzten – Valerie   erscheint nun im Badetrikot; sie beschäftigt sich mit dem Schulterknöpfchen:  An was ist sie denn eigentlich gestorben? Zauberkönig   stiert auf ihren Busen:  An der Brust. Valerie  Doch nicht Krebs? Zauberkönig  Doch. Krebs. Valerie  Ach, die Ärmste. Zauberkönig  Ich war auch nicht zu beneiden. Man hat ihr die linke Brust wegoperiert – sie ist überhaupt nie gesund gewesen, aber ihre Eltern haben mir das verheimlicht. – Wenn ich dich daneben anschau: stattlich, also direkt königlich. – Eine königliche Person. Valerie   macht nun Rumpfbeugen:  Was wißt ihr Mannsbilder schon von der Tragödie des Weibes? Wenn wir uns nicht so herrichten und pflegen täten – Zauberkönig   unterbricht sie:  Glaubst du, ich muß mich nicht pflegen? Valerie  Das schon. Aber bei einem Herrn sieht man doch in erster Linie auf das Innere – Sie macht nun in rhythmischer Gymnastik. Zauberkönig   sieht ihr zu und macht dann Kniebeugen. Valerie  Hach, jetzt bin ich aber müd! Sie wirft sich neben ihn hin. Zauberkönig  Der sterbende Schwan. Er nimmt neben ihr Platz. Stille. Valerie  Darf ich meinen Kopf in deinen Schoß legen? Zauberkönig  Auf der Alm gibts keine Sünd! Valerie   tut es:  Die Erd ist nämlich noch hart – heuer war der Winter lang. Stille. Valerie   leise:  Du. Gehts dir auch so? Wenn die Sonn so auf meine Haut scheint, wirds mir immer so weißnichtwie – Zauberkönig  Wie? Sags mir. Stille. Valerie  Du hast doch zuvor mit meinem Korsett gespielt? Stille. Zauberkönig  Na und? Valerie  Na und? Zauberkönig   wirft sich plötzlich über sie und küßt sie. Valerie  Gott, was für ein Temperament – das hätt ich dir gar nicht zugetraut – du schlimmer Mensch, du – Zauberkönig  Bin ich sehr schlimm? Valerie  Ja – nein, du! Halt, da kommt wer! Sie kugeln auseinander. Erich   kommt in Badehose mit einem Luftdruckgewehr:  Verzeihung, Onkel! Du wirst es doch gestatten, wenn ich es mir jetzt gestatte, hier zu schießen? Zauberkönig  Was willst du? Erich  Schießen. Zauberkönig  Du willst hier schießen? Erich  Nach der Scheibe auf jener Buche dort. Übermorgen steigt nämlich das monatliche Preisschießen unseres akademischen Wehrverbandes und da möchte ich es mir nur gestatten, mich etwas einzuschießen. Also darf ich? Valerie  Natürlich. Zauberkönig  Natürlich? Zu Valerie.  Natürlich! Er erbebt sich. Wehrverband! Sehr natürlich! Nur das Schießen nicht verlernen. – Ich geh mich jetzt abkühlen! In unsere schöne blaue Donau! Für sich.  Hängts euch auf! Ab. Erich   ladet, zielt und schießt. Valerie   sieht ihm zu; nach dem dritten Schuß:  Pardon, wenn ich Sie molestiere – was studieren der junge Herr eigentlich? Erich  Jus. Drittes Semester. Er zielt.  Arbeitsrecht. Schuß. Valerie  Arbeitsrecht. Ist denn das nicht recht langweilig? Erich   ladet:  Ich habe Aussicht, dereinst als Syndikus mein Unterkommen zu finden. Er zielt.  In der Industrie. Schuß. Valerie  Und wie gefällt Ihnen unsere Wiener Stadt? Erich  Herrliches Barock. Valerie  Und die süßen Wiener Maderln? Erich  Offen gesagt: Ich kann mit jungen Mädchen nichts anfangen. Ich war nämlich schon mal verlobt und hatte nur bittere Enttäuschungen, weil Käthe eben zu jung war, um meinem Ich Verständnis entgegenbringen zu können. Bei jungen Mädchen verschwendet man seine Gefühle an die falsche Adresse. Dann schon lieber eine reifere Frau, die einem auch etwas geben kann. Schuß. Valerie  Wo wohnen Sie denn? Erich  Ich möchte gerne ausziehen. Valerie  Ich hätt ein möbliertes Zimmer. Erich  Preiswert? Valerie  Geschenkt. Erich  Das träfe sich ja famos. Schuß. Valerie  Herr Syndikus – geh, lassens mich auch mal schießen – Erich  Mit Vergnügen! Valerie  Ganz meinerseits. Sie nimmt ihm das Gewehr ab.  Waren Sie noch Soldat? Erich  Leider nein – ich bin doch Jahrgang 1911. Valerie  1911 – Sie zielt lange. Erich   kommandiert:  Stillgestanden! Achtung! Feuer! Valerie   schießt nicht – langsam läßt sie das Gewehr sinken und sieht ihn ernst an. Erich  Was ist denn los? Valerie  Au! Sie krümmt sich plötzlich und wimmert.  Ich hab so Stechen. – Meine arme Niere – Stille. Erich  Kann ich Ihnen behilflich sein? Valerie  Danke. – Jetzt ist es schon wieder vorbei. Das ist nämlich oft so, wenn ich mich freudig aufreg – ich muß halt immer gleich büßen. Jetzt kann ich das Ziel nicht mehr sehen – Erich   verwirrt:  Was für ein Ziel? Valerie  Weil es halt schon dämmert – Sie umarmt ihn und er läßt sich umarmen; ein Kuß.  Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes. Ein Mensch ohne Ziel ist kein Mensch. – Du – du – Neunzehnhundertelfer – – IV An der schönen blauen Donau Nun ist die Sonne untergegangen, es dämmert bereits, und in der Ferne spielt der lieben Tante ihr Reisegrammophon den »Frühlingsstimmen-Walzer« von Johann Strauß. Alfred   in Bademantel und Strohhut – er blickt verträumt auf das andere Ufer. Marianne   steigt aus der schönen blauen Donau und erkennt Alfred. Stille. Alfred   lüftet den Strohhut:  Ich wußte es, daß Sie hier landen werden. Marianne  Woher wußten Sie das? Alfred  Ich wußt es. Stille. Marianne  Die Donau ist weich wie Samt – Alfred  Wie Samt. Marianne  Heut möcht ich weit fort – heut könnt man im Freien übernachten. Alfred  Leicht. Marianne  Ach, wir armen Kulturmenschen! Was haben wir von unserer Natur! Alfred  Was haben wir aus unserer Natur gemacht? Eine Zwangsjacke. Keiner darf, wie er will. Marianne  Und keiner will, wie er darf. Stille. Alfred  Und keiner darf, wie er kann. Marianne  Und keiner kann, wie er soll – Alfred   umarmt sie mit großer Gebärde, und sie wehrt sich mit keiner Faser – ein langer Kuß. Marianne   haucht:  Ich habs gewußt, ich habs gewußt – Alfred  Ich auch. Marianne  Liebst du mich, wie du solltest –? Alfred  Das hab ich im Gefühl. Komm, setzen wir uns. Sie setzen sich. Stille. Marianne  Ich bin nur froh, daß du nicht dumm bist – ich bin nämlich von lauter dummen Menschen umgeben. Auch Papa ist kein Kirchenlicht – und manchmal glaub ich sogar, er will sich durch mich an meinem armen Mutterl selig rächen. Die war nämlich sehr eigensinnig. Alfred  Du denkst zuviel. Marianne  Jetzt gehts mir gut. Jetzt möcht ich singen. Immer, wenn ich traurig bin, möcht ich singen – Sie summt und verstummt wieder.  Warum sagst du kein Wort? Stille. Alfred  Liebst du mich? Marianne  Sehr. Alfred  So wie du solltest? Ich meine, ob du mich vernünftig liebst? Marianne  Vernünftig? Alfred  Ich meine, ob du keine Unüberlegtheiten machen wirst – denn dafür könnt ich keine Verantwortung übernehmen. Marianne  Oh Mann, grübl doch nicht – grübl nicht, schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen – Alfred  Ich laß mich verbrennen. Marianne  Ich auch – du, o du – du – Stille. Marianne  Du – wie der Blitz hast du in mich eingeschlagen und hat mich gespalten – jetzt weiß ich es aber ganz genau. Alfred  Was? Marianne  Daß ich ihn nicht heiraten werde – Alfred  Mariann! Marianne  Was hast du denn? Stille. Alfred  Ich hab kein Geld. Marianne  Oh warum sprichst du jetzt davon?! Alfred  Weil das meine primitivste Pflicht ist! Noch nie in meinem Leben hab ich eine Verlobung zerstört, und zwar prinzipiell! Lieben ja, aber dadurch zwei Menschen auseinanderbringen – nein! Dazu fehlt mir das moralische Recht! Prinzipiell! Stille. Marianne  Ich hab mich nicht getäuscht, du bist ein feiner Mensch. Jetzt fühl ich mich doppelt zu dir gehörig – ich paß nicht zu Oskar und basta! Es ist inzwischen finster geworden und nun steigen in der Nähe Raketen. Alfred  Raketen. Deine Verlobungsraketen. Marianne  Unsere Verlobungsraketen. Alfred  Und bengalisches Licht. Marianne  Blau, grün, gelb, rot – Alfred  Sie werden dich suchen. Marianne  Sie sollen uns finden – bleib mir, du, dich hat mir der Himmel gesandt, mein Schutzengel – Jetzt gibt es bengalisches Licht – blau, grün, gelb, rot – und beleuchtet Alfred und Marianne; und den Zauberkönig, der knapp vor ihnen steht mit der Hand auf dem Herzen.   Marianne   schreit unterdrückt auf. Stille. Alfred   geht auf den Zauberkönig zu:  Herr Zauberkönig – Zauberkönig   unterbricht ihn:  Schweigen Sie! Mir brauchen Sie nichts zu erklären, ich hab ja alles gehört – na, das ist ja ein gediegener Skandal! Am Verlobungstag –! Nacket herumliegen! Küß die Hand! Mariann! Zieh dich an! Daß nur der Oskar nicht kommt – Jesus Maria und ein Stückerl Josef! Alfred  Ich trag natürlich sämtliche Konsequenzen, wenn es sein muß. Zauberkönig  Sie haben da gar nichts zu tragen! Sie haben sich aus dem Staube zu machen, Sie Herr! Diese Verlobung darf nicht platzen, auch aus moralischen Gründen nicht! Daß mir keine Seele was erfährt, Sie Halunk – Ehrenwort! Alfred  Ehrenwort! Marianne  Nein!! Zauberkönig   unterdrückt:  Brüll nicht! Bist du daneben? Zieh dich an, aber marsch-marsch! Du Badhur! Oskar   erscheint und überblickt die Situation:   Marianne! Marianne! Zauberkönig  Krach in die Melon! Stille. Alfred  Das Fräulein Braut haben bis jetzt geschwommen. Marianne  Lüg nicht! So lüg doch nicht! Nein, ich bin nicht geschwommen, ich mag nicht mehr schwimmen! Ich laß mich von euch nicht mehr tyrannisieren. Jetzt bricht der Sklave seine Fessel – da! Sie wirft Oskar den Verlobungsring ins Gesicht.  Ich laß mir mein Leben nicht verhunzen, das ist mein Leben! Gott hat mir im letzten Moment diesen Mann da zugeführt. – Nein, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht!! Meinetwegen soll unsere Puppenklinik verrecken, eher heut als morgen! Zauberkönig  Das einzige Kind! Das werd ich mir merken! Stille. Während zuvor Marianne geschrien hat, sind auch die übrigen Ausflügler erschienen und horchen interessiert und schadenfroh zu. Oskar   tritt zu Marianne:  Mariann, ich wünsch dir nie, daß du das durchmachen sollst, was jetzt in mir vorgeht – und ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht – und ich danke dir für alles. Ab. Stille. Zauberkönig   zu Alfred:  Was sind Sie denn überhaupt? Alfred  Ich? Valerie  Nichts. Nichts ist er. Zauberkönig  Ein Nichts. Das auch noch. Ich habe keine Tochter mehr! Ab mit den Ausflüglern – Alfred und Marianne bleiben allein zurück; jetzt scheint der Mond. Alfred  Ich bitte dich um Verzeihung. Marianne   reicht ihm die Hand. Alfred  Daß ich dich nämlich nicht hab haben wollen – dafür trägt aber nur mein Verantwortungsgefühl die Verantwortung. Ich bin deiner Liebe nicht wert, ich kann dir keine Existenz bieten, ich bin überhaupt kein Mensch – Marianne  Mich kann nichts erschüttern. Laß mich aus dir einen Menschen machen – du machst mich so groß und weit – Alfred  Und du erhöhst mich. Ich werd ganz klein vor dir in seelischer Hinsicht. Marianne  Und ich geh direkt aus mir heraus und schau mir nach – jetzt, siehst du, jetzt bin ich schon ganz weit fort von mir – ganz dort hinten, ich kann mich kaum mehr sehen. – Von dir möcht ich ein Kind haben – Ende des ersten Teiles Zweiter Teil I Wieder in der stillen Straße im achten Bezirk, vor Oskars Fleischhauerei, der Puppenklinik und Frau Valeries Tabak-Trafik. Die Sonne scheint wie dazumal und auch die Realschülerin im zweiten Stock spielt noch immer die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Havlitschek   steht in der Tür der Fleischhauerei und frißt Wurst. Das Fräulein Emma   ein Mädchen für alles, steht mit einer Markttasche neben ihm; sie lauscht der Musik:  Herr Havlitschek – Havlitschek  Ich bitte schön? Emma  Musik ist doch etwas Schönes, nicht? Havlitschek  Ich könnt mir schon noch etwas Schöneres vorstellen, Fräulein Emma. Emma   summt leise den Walzer mit. Havlitschek  Das tat nämlich auch von Ihnen abhängen, Fräulein Emma. Emma  Mir scheint gar, Sie sind ein Casanova, Herr Havlitschek. Havlitschek  Sagens nur ruhig Ladislaus zu mir. Pause. Emma  Gestern hab ich von Ihrem Herrn Oskar geträumt. Havlitschek  Haben Sie sich nix Gescheiteres träumen können? Emma  Der Herr Oskar hat immer so große melancholische Augen – es tut einem direkt weh, wenn er einen anschaut – Havlitschek  Das macht die Liebe. Emma  Wie meinen Sie das jetzt? Havlitschek  Ich meine das jetzt so, daß er in ein nichtsnutziges Frauenzimmer verliebt ist – die hat ihn nämlich sitzen lassen, schon vor einem Jahr, und ist sich mit einem andern Nichtsnutzigen auf und davon. Emma  Und er liebt sie noch immer? Das find ich aber schön. Havlitschek  Das find ich blöd. Emma  Aber eine große Leidenschaft ist doch was Romantisches – Havlitschek  Nein, das ist etwas Ungesundes! Schauns doch nur, wie er ausschaut, er quält sich ja direkt selbst – es fallt ihm schon gar keine andere Frau mehr auf, und derweil hat er Geld wie Heu und ist soweit auch ein Charakter, der könnt doch für jeden Finger eine gute Partie haben – aber nein! Akkurat auf die läufige Bestie hat er sich versetzt – weiß der Teufel, was er treibt! Emma  Wie meinen Sie das jetzt wieder, Herr Havlitschek? Havlitschek  Ich meine das so, daß man es nicht weiß, wo er es hinausschwitzt. Emma  O Sie garstiger Mann! Pause. Havlitschek  Fräulein Emma. Morgen ist Freitag und ich bin an der Endhaltestelle von der Linie achtundsechzig. Emma  Ich kann aber nicht vor drei. Havlitschek  Das soll kein Hindernis sein. Pause. Emma  Also um halb vier – und vergessens aber nur ja nicht, was Sie mir versprochen haben – daß Sie nämlich nicht schlimm sein werden, lieber Ladislaus – Ab. Havlitschek   sieht ihr nach und spuckt die Wursthaut aus : Dummes Luder, dummes – Oskar   tritt aus seiner Fleischhauerei:  Daß du es nur ja nicht vergißt: wir müssen heut noch die Sau abstechen. – Stichs du, ich hab heut keinen Spaß daran. Pause. Havlitschek  Darf ich einmal ein offenes Wörterl reden, Herr Oskar? Oskar  Dreht sichs um die Sau? Havlitschek  Es dreht sich schon um eine Sau, aber nicht um dieselbe Sau. – Herr Oskar, bittschön, nehmens Ihnen das nicht so zu Herzen, das mit Ihrer gewesenen Fräulein Braut, schauns, Weiber gibts wie Mist! Ein jeder Krüppel findt ein Weib und sogar die Geschlechtskranken auch! Und die Weiber sehen sich ja in den entscheidenden Punkten alle ähnlich, glaubens mir, ich meine es ehrlich mit Ihnen! Die Weiber haben keine Seele, das ist nur äußerliches Fleisch! Und man soll so ein Weib auch nicht schonend behandeln, das ist ein Versäumnis, sondern man soll ihr nur gleich das Maul zerreißen oder so! Pause. Oskar  Das Weib ist ein Rätsel, Havlitschek. Eine Sphinx. Ich hab mal der Mariann ihre Schrift zu verschiedenen Graphologen getragen – und der erste hat gesagt, also das ist die Schrift eines Vampirs, und der zweite hat gesagt, das ist eine gute Kameradin, und der dritte hat gesagt, das ist die ideale Hausfrau in persona. Ein Engel. II Möbliertes Zimmer im achtzehnten Bezirk. Äußerst preiswert. Um sieben Uhr morgens. Alfred liegt noch im Bett und raucht Zigaretten. Marianne putzt sich bereits die Zähne. In der Ecke ein alter Kinderwagen – auf einer Schnur hängen Windeln. Der Tag ist grau und das Licht trüb. Marianne   gurgelt:  Du hast mal gesagt, ich sei ein Engel. Ich habe gleich gesagt, daß ich kein Engel bin – daß ich nur ein gewöhnliches Menschenkind bin, ohne Ambitionen. Aber du bist halt ein kalter Verstandesmensch. Alfred  Du weißt, daß ich kein Verstandesmensch bin. Marianne  Doch! Sie frisiert sich nun.  Ich müßt mir mal die Haar schneiden lassen. Alfred  Ich auch. Stille. Mariannderl. Warum stehst denn schon so früh auf? Marianne  Weil ich nicht schlafen kann. Stille. Alfred  Fühlst dich nicht gut in deiner Haut? Marianne  Du vielleicht? Sie fixieren sich. Alfred  Wer hat mir denn die Rennplatz verleidet? Seit einem geschlagenen Jahr hab ich keinen Buchmacher mehr gesprochen, geschweige denn einen Fachmann – jetzt darf ich mich natürlich aufhängen! Neue Saisons, neue Favoriten! Zweijährige, dreijährige – ich hab keinen Kontakt mehr zur neuen Generation. Und warum nicht? Weil ich ausgerechnet eine Hautcreme verschleiß, die keiner kauft, weil sie miserabel ist! Marianne  Die Leut haben halt kein Geld. Alfred  Nimm nur die Leut in Schutz! Marianne  Ich mach dir doch keine Vorwurf, du kannst doch nichts dafür. Alfred  Das wäre ja noch schöner! Marianne  Als ob ich was für die wirtschaftliche Krise könnt! Alfred  Oh du egozentrische Person. – Wer hat mir denn den irrsinnigen Rat gegeben, als Kosmetik-Agent herumzurennen? Du! Er steht auf.  Wo stecken denn meine Sockenhalter? Marianne   deutet auf einen Stuhl:  Dort. Alfred  Nein. Marianne  Dann auf dem Nachtkastl. Alfred  Nein. Marianne  Dann weiß ich es nicht. Alfred  Du hast es aber zu wissen! Marianne  Nein, genau wie Papa – Alfred  Vergleich mich nicht immer mit dem alten Trottel! Marianne  Nicht so laut! Wenn das Kind aufwacht, dann kenn ich mich wieder nicht aus vor lauter Geschrei! Stille. Alfred  Also das mit dem Kind muß auch anders werden. Wir können doch nicht drei Seelen hoch in diesem Loch vegetieren! Das Kind muß weg! Marianne  Das Kind bleibt da. Alfred  Das Kind kommt weg. Marianne  Nein. Nie! Stille. Alfred  Wo stecken meine Sockenhalter? Marianne   sieht ihn groß an:  Weißt du, was das heut für ein Datum ist? Alfred  Nein. Marianne  Heut ist der Zwölfte. Stille. Alfred  Was willst du damit sagen? Marianne  Daß das heut ein Gedenktag ist. Heut vor einem Jahr hab ich dich zum erstenmal gesehen. In unserer Auslag. Alfred  Ich bitt dich, red nicht immer in Hieroglyphen! Wir sind doch keine Ägypter! In was für einer Auslag? Marianne  Ich hab grad das Skelett arrangiert und da hast du an die Auslag geklopft. Und da hab ich die Rouleaus heruntergelassen, weil es mir plötzlich unheimlich geworden ist. Alfred  Stimmt. Marianne  Ich war viel allein – Sie weint leise. Alfred  So flenn doch nicht schon wieder. – Schau, Marianderl, ich versteh dich ja hundertperzentig mit deinem mütterlichen Egoismus, aber es ist doch nur im Interesse unseres Kindes, daß es aus diesem feuchten Loch herauskommt – hier ist es grau und trüb, und draußen bei meiner Mutter in der Wachau scheint die Sonne Marianne  Das schon – Alfred  Na also! Stille. Marianne  Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben – Sie fixiert plötzlich Alfred.  Was hast du jetzt gesagt? Alfred  Wieso? Marianne  Du hast gesagt: dummes Kalb. Alfred  Aber was! Marianne  Lüg nicht! Alfred   putzt sich die Zähne und gurgelt. Marianne  Du sollst mich nicht immer beschimpfen. Stille. Alfred   seift sich nun ein, um sich zu rasieren:  Liebes Kind, es gibt eben etwas, was ich aus tiefster Seel heraus haß – und das ist die Dummheit. Und du stellst dich schon manchmal penetrant dumm. Ich versteh das gar nicht, warum du so dumm bist! Du hast es doch schon gar nicht nötig, daß du so dumm bist! Stille. Marianne  Du hast mal gesagt, daß ich dich erhöh – in seelischer Hinsicht – Alfred  Das hab ich nie gesagt. Das kann ich gar nicht gesagt haben. Und wenn, dann hab ich mich getäuscht. Marianne  Alfred! Alfred  Nicht so laut! So denk doch an das Kind! Marianne  Ich hab so Angst, Alfred – Alfred  Du siehst Gespenster. Marianne  Du, wenn du jetzt nämlich alles vergessen hast – Alfred  Quatsch! III Kleines Café im zweiten Bezirk Der Hierlinger Ferdinand   spielt gegen sich selbst Billard. Alfred   kommt.   Der Hierlinger Ferdinand  Servus Alfred! Na das ist aber hübsch, daß ich dich wieder mal seh – was machst denn für ein fades Gesicht? Alfred  Ich bin halt sehr nervös. Der Hierlinger Ferdinand   Nervosität ist nie gut. Komm sei so gut und spiel mit mir, damit du auf andere Gedanken kommst – Er reicht ihm ein Queue.  Bis fünfzig und du fängst an! Alfred  Bon. Er patzt.  Aus ist! Der Hierlinger Ferdinand   kommt dran:  Ist das jetzt wahr, daß du wieder ein Bankbeamter geworden bist? Alfred  Ist ja alles überfüllt! Der Hierlinger Ferdinand  Cherchez la femme! Wenn die Lieb erwacht, sitzt der Verstand im Hintern! Alfred  Mein lieber Ferdinand – hier dreht es sich nicht um den kühlen Kopf, sondern um ein ganz anderes Organ – Er legt seine Hand aufs Herz.  Es gibt ein Märchen von Andersen, wo der unartige Knabe dem guten alten Dichter mitten ins Herz schießt – Amor, lieber Ferdinand, Gott Amor! Der Hierlinger Ferdinand   ist in seine Serie vertieft:  Da hätt man buserieren solln – Alfred  Ich bin halt ein weicher Mensch, und sie hat an meine Jugendideale appelliert. Zuerst war ja eine gewisse normale Leidenschaftlichkeit dabei – und dann, wie der ursprüngliche Reiz weg war, kam das Mitleid bei mir. Sie ist halt so ein Typ, bei dem der richtige Mann mütterlich wird, obwohl sie manchmal schon ein boshaftes Luder ist. Meiner Seel, ich glaub, ich bin ihr hörig! Der Hierlinger Ferdinand   Hörigkeit ist eine Blutfrage. Eine Temperaturfrage des Blutes. Alfred  Glaubst du? Der Hierlinger Ferdinand Bestimmt. Stille . Der Hierlinger Ferdinand  Du bist dran: Elf! Alfred   spielt nun . Der Hierlinger Ferdinand  Alfred! Weißt du aber auch, was meine Grenzen total übersteigt? Sich in der heutigen Krise auch noch ein Kind anzuschaffen – Alfred  Gott ist mein Zeuge, daß ich nie ein Kind hab haben wollen, das hat nur sie haben wollen – und dann ist es halt so von allein gekommen. Ich wollte es ja gleich stante pede wegmachen lassen, aber sie hat sich schon direkt fanatisch dagegen gesträubt, und ich hab schon sehr energische Seiten aufziehen müssen, bis ich sie endlich so weit gehabt hab, daß sie sich der Prozedur unterzieht – kannst dir das Affentheater vorstellen! Eine kostspielige Prozedur war das, meiner Seel – und dann wars doch nur für die Katz! Pech muß der Mensch haben, und das genügt! Marianne   erscheint . Alfred   erblickt sie und ruft ihr zu : Setz dich nur dorthin – ich spiel hier nur meine Partie zu End! Marianne   setzt sich an einen Tisch und blättert in Modejournalen . Stille . Der Hierlinger Ferdinand  Ist das deine Donna? Alfred  Yes. Stille . Der Hierlinger Ferdinand  Also das war deine Donna. Komisch. Jetzt lebt mein lieber guter Freund Alfred schon über ein Jahr mit so einem Frauerl zusammen und ich seh sie erst heut zum erstenmal. – Eigentlich machen das ja sonst nur die eifersüchtigen Bosniaken, daß sie ihre Lieblingsweiber vor ihren besten Freunden wegsperren. Alfred  Hier ist aber das Gegenteil der Fall. Nicht ich hab sie, sondern sie hat mich von meinen besten Freunden abgeriegelt – Der Hierlinger Ferdinand   unterbricht ihn:  Wie heißt sie denn eigentlich? Alfred  Marianne. Stille. Gefällts dir? Der Hierlinger Ferdinand  Ich hab mir sie eigentlich anders vorgestellt. Alfred  Wieso? Der Hierlinger Ferdinand  Etwas molliger. Alfred  Noch molliger? Der Hierlinger Ferdinand  Ich weiß nicht, warum. Man macht sich ja unwillkürlich so Vorstellungen. Stille. Alfred  Sie ist ganz schön mollig. Molliger als wie du denkst. Stille. Der Hierlinger Ferdinand   Scheißlich, scheißlich! Also das war schon ein grandioser Blödsinn, daß du mit der verrückten Trafikantin gebrochen hast! Du wärst heute versorgt und ohne Sorgen! Alfred  Über die Vergangenheit zu plauschen hat keinen Sinn! Hilf mir lieber, daß ich möglichst schmerzlos für alle Teile aus dieser unglückseligen Bindung herauskomm! Der Hierlinger Ferdinand  Das ist nicht so einfach. Ihr seid natürlich wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet. Alfred  Auf Dornen, lieber Ferdinand! Auf Dornen und Brennesseln, wie der alte selige Hiob. Stille. Der Hierlinger Ferdinand  Wo steckt denn das Kind? Alfred  Bei meiner Mutter. Draußen in der Wachau. Endlich! Der Hierlinger Ferdinand  Das erleichtert natürlich die Lage. Ich würd halt jetzt danach trachten, daß sich deine liebe Mariann ad eins finanziell selbständig sichert – daß sie sich nämlich irgendwie in das Berufsleben einschaltet: Eine Geliebte mit Beruf unterhöhlt auf die Dauer bekanntlich jede Liebesverbindung, sogar die Ehe! Das ist doch auch ein Hauptargument unserer Kirche in ihrem Kampfe gegen die berufstätige Frau, weil eine solche halt familienzerstörend wirkt und glaubst denn du, daß die Kardinäl dumm sind? Das sind die Besten der Besten, unsere fähigsten Köpf! Alfred  Das schon. Aber die Mariann hat doch nichts gelernt in puncto Berufsleben. Das einzige, wofür sie Interesse hat, ist die rhythmische Gymnastik. Der Hierlinger Ferdinand   Rhythmische Gymnastik ist immer gut! Alfred  Glaubst du? Der Hierlinger Ferdinand   Bestimmt! Alfred  Ich glaub, ich kann schon gar nicht mehr glauben. Der Hierlinger Ferdinand   Rhythmische Gymnastik ist zu guter Letzt nur eine Abart der Tanzerei – und da winkt uns vielleicht ein Stern. Ich kenne nämlich auf dem Gebiete der Tanzerei eine Baronin mit internationalen Verbindungen und die stellt so Ballette zusammen für elegante Etablissements – das wären doch eventuell Entfaltungsmöglichkeiten! Abgesehen davon, daß mir diese Baronin sehr verpflichtet ist. Alfred  Ich wär dir ja ewig dankbar – Der Hierlinger Ferdinand  Ich bin dein Freund und das genügt mir! Weißt was, wenn ich jetzt gleich geh, dann erwisch ich die Baronin noch beim Bridge – also Servus, lieber Alfred! Sei so gut und leg den Schwarzen für mich aus! Und Kopf hoch, du hörst von mir, und es wird schon alles wieder gut! Ab. Alfred   nähert sich mit seinem Queue langsam Marianne und setzt sich an ihren Tisch.   Marianne  Wer hat denn gewonnen? Alfred  Ich habe verloren, weil ich halt Glück in der Liebe hab – Er lächelt, starrt aber plötzlich auf ihren Hals.  Was hast denn dort? Marianne  Da? Das ist ein Amulett. Alfred  Was für ein Amulett? Marianne  Der heilige Antonius. Alfred  Der heilige Antonius – seit wann denn? Stille. Marianne  Als ich noch klein gewesen bin, und wenn ich etwas verloren hab, dann hab ich nur gesagt: Heiliger Antonius, hilf mir doch! – Und schon hab ich es wieder gefunden. Stille. Alfred  War das jetzt symbolisch? Marianne  Es war nur so überhaupt – Stille. Alfred  Ich für meine Person glaub ja nicht an ein Fortleben nach dem Tode, aber natürlich glaub ich an ein höheres Wesen, das gibt es nämlich sicher, sonst gäbs uns ja nicht. – Hör mal her, du heiliger Antonius, ich hätt dir was eventuell Wichtiges zu erzählen. – IV Bei der Baronin mit den internationalen Verbindungen Helene, die blinde Schwester der Baronin, sitzt im Salon am Spinett und phantasiert. Jetzt erscheint der Hierlinger Ferdinand mit Marianne, geleitet von dem Dienstbot. Helene   unterbricht ihre Phantasien : Anna! Wer ist denn da? Der Dienstbot  Der gnädige Herr von Hierlinger und ein Fräulein. Ab . Der Hierlinger Ferdinand   Küß die Hand, Komteß! Helene   erhebt sich und tappt auf ihn zu : Ach guten Tag, Herr von Hierlinger! Das freut mich aber, daß wir uns wiedermal sehen – Der Hierlinger Ferdinand  Ganz meinerseits, Komteß! Ist die Baronin da? Helene  Ja, meine Schwester ist zu Haus, sie hat aber grad mit dem Installateur zu tun – ich hab nämlich neulich etwas Unrechtes in den Ausguß geworfen, und jetzt ist alles verstopft – wen habens denn da mitgebracht, Herr von Hierlinger? Der Hierlinger Ferdinand  Das ist eine junge Dame, die ein starkes Interesse an der rhythmischen Gymnastik hat – ich hab sie der Baronin bereits avisiert. Darf ich bekannt machen – Helene   unterbricht ihn : Oh, sehr angenehm! Ich kann Sie ja leider nicht sehen, aber Sie haben eine sympathische Hand. – So lassens mir doch Ihre Hand, Sie Fräulein mit der Hand – Der Hierlinger Ferdinand  Die Komteß Helen kann nämlich ganz exorbitant handlesen. Stille . Marianne  Was hab ich denn für eine Hand? Helene   hält noch immer ihre Hand fest:  Das ist nicht so einfach, liebes Kind, wir Blinden müssen uns nämlich nach dem Tastgefühl orientieren. – Sie haben noch nicht viel hinter sich, mehr vor sich – Marianne  Was denn? Baronin   mit kosmetischer Gesichtsmaske tritt unbemerkt ein und lauscht. Helene  Ich möcht fast sagen, das ist eine genießerische Hand. – Sie haben doch auch ein Kind, nicht? Marianne  Ja. Der Hierlinger Ferdinand   Fabelhaft! Fabelhaft! Helene  Bub oder Mädel? Marianne  Bub. Stille. Helene  Ja, Sie werden noch viel Freud haben mit dem Buben – der wird schon noch was Richtiges – Marianne   lächelt:  Wirklich? Baronin  Helen! Was treibst denn da schon wieder für einen Unsinn! Bist doch keine Zigeunerin! Schau lieber, daß du nicht wieder das Klosett verstopfst, mein Gott, ist das da draußen eine Schweinerei! Du und Handlesen! Ist ja paradox! Sie nimmt die Gesichtsmaske ab. Helene  O, ich hab meine Ahnungen! Baronin  Hättest du lieber eine Ahnung gehabt in puncto Klosett! Die Schweinerei kostet mich wieder fünf Schilling! Wer lebt denn da, wer lebt denn da?! Ich von dir oder du von mir?! Stille. Baronin  Also lieber Hierlinger, das wäre also das Fräulein, über das wir vorgestern telephoniert haben. Der Hierlinger Ferdinand  Das wäre es. Leise.  Und bittschön: Gefälligkeit gegen Gefälligkeit. Baronin   droht ihm neckisch mit dem Zeigefinger:  Kleine Erpressung gefällig? Der Hierlinger Ferdinand  Der Zeigefinger hat mir nicht gefallen, der Zeigefinger – Baronin  Ein Ehrenmann – Sie läßt ihn giftig stehen und geht nun um Marianne herum – betrachtet sie von allen Seiten.  Hm. Sagen Sie, Fräulein, Sie haben also starkes Interesse an der rhythmischen Gymnastik? Marianne  Ja. Baronin  Und Sie möchten dieses Ihr vorhandenes Interesse praktisch auswerten? Marianne  Ja. Baronin  Können Sie singen? Marianne  Singen? Baronin  Ich geh von dem Grundsatz aus, daß es ein Nichtkönnen nicht gibt. Man kann alles, wenn man nur will! Die Tanzgruppen, die ich zusammenstell, sind internationale Attraktionen für erstklassige Vergnügungsetablissements. Sie können also nicht singen? Marianne  Leider – Baronin  Habens denn in der Schul nicht singen gelernt? Marianne  Das schon. Baronin  Na also! Ich möcht doch nur Ihre Stimm hören! Kennens denn kein Wienerlied, Sie sind doch Wienerin – irgendein Heimatlied – Marianne  Vielleicht das Lied von der Wachau? Baronin  Also schön! Los! Das Lied von der Wachau! Marianne   singt – am Spinett: Helene: Es kam einst gezogen ein Bursch ganz allein Und wanderte froh in den Abend hinein. Da flog ein Lächeln ihm zu und ein Blick. Er dachte noch lange daran zurück. Ein rosiges Antlitz, ein goldener Schopf, Zwei leuchtende Augen, ein Mädchenkopf. Das Mädel, das ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, Und oft sang er vor sich hin: Da draußen in der Wachau Die Donau fließt so blau, Steht einsam ein Winzerhaus, Da schaut ein Mädel heraus. Hat Lippen rot wie Blut, Und küssen kanns so gut, Die Augen sind veilchenblau Vom Mädel in der Wachau. V Draußen in der Wachau Auch hier scheint die Sonne wie dazumal – nur daß nun vor dem Häuschen ein alter Kinderwagen steht. Die Mutter   zu Alfred : Er sieht dir sehr ähnlich, der kleine Leopold – und schreit auch nicht viel. Auch du warst so ein sanftes Kind. Alfred  Ich freu mich nur, daß ich ihn nicht in Wien hab. Hier heraußen in der guten Luft wird er besser gedeihen, als wie drinnen in unserer Kasern. Die Mutter  Tritt die Mariann jetzt schon auf beim Ballett? Alfred  Nein, erst ab nächsten Samstag. Stille. Die Mutter   besorgt : Du hast mal gesagt, wenn du ein Kind hast, dann würdest du heiraten. Ist das noch so? Alfred  Du hast mal gesagt, ich könnt eine gute Partie machen. Stille. Die Mutter  Natürlich ist das kein Glück, diese Verbindung. Alfred  Könnt ich jetzt mal die liebe Großmutter sprechen? Die Mutter  Ich werds ihr gleich sagen – ich muß jetzt sowieso noch in den Keller. Ab in das Häuschen. Alfred   allein; er beugt sich über den Kinderwagen und betrachtet sein Kind. Die Großmutter   tritt aus dem Häuschen:  Der Herr wünschen? Alfred  Hast es dir nun überlegt? Die Großmutter  Ich hab kein Geld. Solang du mit der Person zusammenlebst, hab ich kein Geld! Lebt sich da in wilder Ehe zusammen, wie in einem Hundestall, setzt Bankerten in die Welt, die nur anderen zur Last fallen, und schämt sich nicht, von seiner alten Großmutter noch Geld zu verlangen! Keinen Kreuzer! Keinen Kreuzer! Alfred  Letztes Wort? Die Großmutter  Hundestall! Hundestall! Alfred  Du alte Hex. Stille. Die Großmutter  Was hast du gesagt? Alfred   schweigt. Die Großmutter  Traust es dir noch einmal zu sagen? Alfred  Warum nicht? Die Großmutter  So sags doch! Alfred  Hex. Alte Hex. Die Großmutter   nähert sich ihm langsam und kneift ihn in den Arm.   Alfred   lächelt:  Wie bitte? Die Großmutter   kneift ihn:  Na wart, du wirst es schon noch spüren! Da und da und da! Alfred   schüttelt sie ab, da er nun tatsächlich was spürt:  Um mir weh zu tun, dazu gehören Leut, aber keine Frösch! Die Großmutter   weint vor Wut:  Gib mir mein Geld zurück, du Schuft! Mein Geld möcht ich haben, Haderlump, Verbrecher! Alfred   lacht.   Die Großmutter   kreischt:  Lach nicht! Sie versetzt ihm einen Hieb mit ihrem Krückstock. Alfred  Au! Stille. Die Großmutter   grinst befriedigt:  Hast mich gespürt? Hast mich jetzt gespürt? Alfred  Du Hex. Du alte Hex. Die Großmutter   hebt triumphierend den Krückstock. Alfred  Untersteh dich! Die Großmutter  Hab nur keine Angst – du dummer Bub. Oh, ich krieg dich schon noch runter – ich krieg meine Leut schon noch runter. – Eieiei, da hängt dir ja schon wieder ein Knopf – wie kann man sich nur mit so einer schlamperten Weibsperson – Alfred   unterbricht sie:  Also schlampert ist sie nicht! Stille.   Die Großmutter  Sie hat einen viel zu großen Mund. Alfred  Geschmacksach! Die Großmutter  Wart, ich näh dir jetzt nur den Knopf an – Sie näht ihn an.  Was brauchst du überhaupt eine Frau, so wie deine alte Großmutter wird dir keine den Knopf annähen – bist es ja gar nicht wert, daß man sich um dich sorgt – schafft sich mit dem Bettelweib auch noch ein Kind an, ein Kind! Alfred  Aber das kann doch vorkommen. Die Großmutter  So ein Leichtsinn, so ein Leichtsinn! Alfred Du weißt doch, daß ich alle Hebel in Bewegung gesetzt hab – aber es sollte halt nicht sein. Stille. Die Großmutter  Bist ein armer Teufel, lieber Alfred – Alfred  Warum? Die Großmutter  Daß du immer solchen Weibern in die Hand fallen mußt – Stille. Die Großmutter  Du, Alfred, Wenn du dich jetzt von deinem Marianderl trennst, dann tät ich dir was leihen – Stille. Alfred  Wieso? Die Großmutter  Hast mich denn nicht verstanden? Stille. Alfred  Wieviel? Die Großmutter  Bist doch noch jung und schön Alfred   deutet auf den Kinderwagen:  Und das dort? Die Großmutter  An das denk jetzt nicht. Fahr nur mal fort – Stille. Alfred  Wohin? Die Großmutter  Nach Frankreich. Dort gehts jetzt noch am besten, hab ich in der Zeitung gelesen. – Wenn ich jung wär, ich tät sofort nach Frankreich – VI Und wieder in der stillen Straße im achten Bezirk Es ist bereits am späten Nachmittag und die Realschülerin im zweiten Stock spielt den »Frühlingsstimmen-Walzer« von Johann Strauß. Oskar   steht in der Tür seiner Fleischhauerei und manikürt sich mit seinem Taschenmesser. Rittmeister   kommt von links und grüßt Oskar . Oskar   verbeugt sich. Rittmeister  Also das muß ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class! Oskar  Zart, nicht? Rittmeister  Ein Gedicht. Er nähert sich der Tabak-Trafik. Valerie   erscheint in der Tür ihrer Tabak-Trafik. Rittmeister   grüßt. Valerie   dankt.   Rittmeister  Dürft ich mal die Ziehungsliste? Valerie   reicht sie ihm aus dem Ständer vor der Tür. Rittmeister  Küß die Hand! Er vertieft sich in die Ziehungsliste und nun ist der Walzer aus. Zauberkönig   begleitet die gnädige Frau aus der Puppenklinik. Die gnädige Frau  Ich hatte hier schon mal Zinnsoldaten gekauft, voriges Jahr – aber damals ist das ein sehr höfliches Fräulein gewesen. Zauberkönig   mürrisch:  Möglich. Die gnädige Frau  Das Fräulein Tochter? Zauberkönig  Ich habe keine Tochter! Ich hab noch nie eine Tochter gehabt! Die gnädige Frau  Schad. Also Sie wollen mir die Schachtel Zinnsoldaten nicht nachbestellen? Zauberkönig  Ich hab das Ihnen doch schon drinnen gesagt, daß mir diese Nachbestellerei viel zu viel Schreiberei macht – wegen einer einzigen Schachtel! Kaufens doch dem herzigen Bams was ähnliches! Vielleicht eine gediegene Trompeten! Die Gnädige Frau  Nein! Adieu! Sie läßt ihn verärgert stehen und ab. Zauberkönig  Küß die Hand! Krepier! Ab in seine Puppenklinik. Valerie   boshaft:  Was haben wir denn wieder gewonnen, Herr Rittmeister? Erich   tritt aus der Tabak-Trafik und will rasch ab. Valerie  Halt! Was hast du da? Erich  Fünf Memphis. Valerie  Schon wieder? Raucht wie ein Erwachsener! Rittmeister und Oskar   horchen. Erich   gedämpft:  Wenn ich nicht rauche, kann ich nicht arbeiten. Wenn ich nicht arbeite, werde ich niemals Referendar – und wenn ich das nicht werde, dann werde ich wohl kaum jemals in die Lage kommen, meine Schulden rückerstatten zu können. Valerie  Was für Schulden? Erich  Das weißt du! Ich bin korrekt, Madame. Valerie  Korrekt? Du willst mir schon wieder weh tun? Erich  Weh tun? Ehrensache! Ich zahle meine Schulden bis auf den letzten Pfennig – und wenn ich hundert Jahr zahlen müßte! Wir lassen uns nichts nachsagen, Ehrensache! Ich muß jetzt ins Kolleg! Ab. Valerie   starrt ihm nach:  Ehrensache. Bestie – Rittmeister und Oskar   grinsen, jeder für sich. Rittmeister   revanchiert sich boshaft:  Und wie gehts ansonsten, liebe Frau Valerie? Erich   erscheint plötzlich wieder; zum Rittmeister:   Sie haben zuvor gegrinst? Herr! Valerie   ängstlich:  Kennen sich die Herren schon? Rittmeister  Vom Sehen aus – Erich  Sie sind Österreicher? Fesch, aber feig! Valerie  Erich! Rittmeister  Was hat er gesagt? Erich  Ich habe gesagt, daß die Österreicher im Krieg schlappe Kerle waren und wenn wir Preußen nicht gewesen wären – Rittmeister   fällt ihm ins Wort:  Dann hätten wir überhaupt keinen Krieg gehabt! Erich  Und Sarajevo? Und Bosnien-Herzegowina? Rittmeister  Was wissen denn Sie schon vom Weltkrieg, Sie Grünschnabel?! Was Sie in der Schul gelernt haben und sonst nichts! Erich  Ist immer noch besser, als alten Jüdinnen das Bridgespiel beizubringen! Valerie  Erich! Rittmeister  Ist immer noch besser, als sich von alten Trafikantinnen aushalten zu lassen! Valerie  Herr Rittmeister! Rittmeister  Pardon! Das war jetzt ein Fauxpas! Ein Lapsus linguae – Er küßt ihre Hand.  Bedauerlich, sehr bedauerlich. Aber dieser grüne Mensch da hat in seinem ganzen Leben noch keine fünf Groschen selbständig verdient! Erich  Herr! Valerie  Nur kein Duell, um Gottes willen! Erich  Satisfaktionsfähig wären Sie ja. Rittmeister  Wollen Sie vors Ehrengericht? Valerie  Jesus Maria Josef! Erich  Ich laß mich doch nicht beleidigen! Rittmeister  Mich kann man gar nicht beleidigen! Sie nicht! Valerie  Aber ich bitt euch! Nein, dieser Skandal – Schluchzend ab in ihre Tabak-Trafik. Rittmeister  Ich laß mir doch von diesem Preußen keine solchen Sachen sagen. Wo waren denn Ihre Hohenzollern, als unsere Habsburger schon römisch-deutsche Kaiser waren?! Draußen im Wald! Erich  Jetzt ist es ganz aus. Ab. Rittmeister   ruft ihm nach:  Da habens zwanzig Groschen und lassen Sie sich mal den Schopf abschneiden, Sie Kakadu! Er kehrt um und will leger nach links ab – hält aber nochmals vor der Fleischhauerei; zu Oskar.  Apropos, was ich noch hab sagen wollen: Sie schlachten doch heut noch die Sau? Oskar  Ich habs vor, Herr Rittmeister. Rittmeister  Geh, reservierens für mich ein schönes Stückerl Nieren – Oskar  Aber gern, Herr Rittmeister! Rittmeister  Küß die Hand! Ab nach links – und nun spielt die Realschülerin im zweiten Stock wieder, und zwar den Walzer »Über den Wellen«. Alfred   kommt langsam von links. Oskar   wollte zurück in seine Fleischhauerei, erblickt nun aber Alfred, der ihn nicht bemerkt, und beobachtet ihn heimlich. Alfred   hält vor der Puppenklinik und macht in Erinnerung – dann stellt er sich vor die offene Tür der Tabak-Trafik und starrt hinein. Pause. Alfred   grüßt . Pause . Valerie   erscheint langsam in der Tür – und der Walzer bricht wieder ab, wieder mitten im Takt . Stille . Alfred  Könnt ich fünf Memphis haben? Valerie  Nein. Stille. Alfred  Das ist aber doch hier eine Tabak-Trafik – oder? Valerie  Nein. Stille. Alfred  Ich komm jetzt hier nur so vorbei, per Zufall – Valerie  Ach! Alfred  Ja. Stille. Valerie  Und wie geht es dem Herrn Baron? Alfred  So lala. Valerie  Und dem Fräulein Braut? Alfred  Auch lala. Valerie  Ach! Stille. Alfred  Und dir gehts unberufen? Valerie  Man hat, was man braucht. Alfred  Alles? Valerie  Alles. Er ist Jurist. Alfred  Und so was wird mal Advokat. Valerie  Bitte? Alfred  Ich gratulier. Stille. Valerie  Wo steckt denn die arme Mariann? Alfred  Ich werd sie wohl aus den Augen verlieren – Stille. Valerie  Also du bist schon ein grandioser Schuft, das muß dir dein größter Feind lassen. Alfred  Valerie. Wer unter euch ohne Sünden ist, der werfe den ersten Stein auf mich. Valerie  Bist du krank? Alfred  Nein. Nur müd. Und gehetzt. Man ist ja nicht mehr der Jüngste. Valerie  Seit wann denn? Alfred  Ich fahr noch heut abend nach Frankreich. Nach Nancy. Ich denk nämlich, daß ich dort vielleicht was Passenderes für mich bekommen werd, in der Speditionsbranche – hier müßt ich heut nämlich zu sehr unter mein Niveau herunter. Valerie  Und was machen denn die Pferdchen? Alfred  Keine Ahnung! Und dann fehlt mir auch das Kapital – Stille. Valerie  Wenn ich Zeit hab, werd ich dich bedauern. Alfred  Möchst, daß es mir schlecht geht? Valerie  Gehts dir denn rosig? Alfred  Möchst das hören? Stille. Valerie  Ich bin jetzt hier nur so vorbeigegangen, per Zufall – so aus einer wehmütigen Melancholie heraus – an die Stätten der Vergangenheit – Ab – und nun wird der Walzer »Über den Wellen« wieder weitergespielt. Valerie   erblickt Oskar:  Herr Oskar! Jetzt ratens doch mal, mit wem ich grad dischkuriert hab? Oskar  Ich hab ihn gesehen. Valerie  So? Es geht ihnen schlecht. Oskar  Ich hab alles gehört. Pause. Valerie  Noch ist er stolz wie ein Spanier – Oskar  Hochmut kommt vor dem Fall. – Arme Mariann – Valerie  Mir scheint gar, Sie sind imstand und heiraten noch die Mariann, jetzt nachdem sie wieder frei ist – Oskar  Wenn sie das Kind nicht hätt – Valerie  Wenn mir jemand das angetan hätt – Oskar  Ich hab sie noch immer lieb – vielleicht stirbt das Kind – Valerie  Herr Oskar! Oskar  Wer weiß! Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber furchtbar klein. Ich werd an meine Mariann denken – ich nehme jedes Leid auf mich, wen Gott liebt, den prüft er. – Den straft er. Den züchtigt er. Auf glühendem Rost, in kochendem Blei – Valerie   schreit ihn an:  Hörens auf, seiens so gut! Oskar   lächelt . Havlitschek   kommt aus der Fleischhauerei:  Also was ist jetzt? Soll ich jetzt die Sau abstechen oder nicht? Oskar  Nein, Havlitschek. Ich werd sie jetzt schon selber abstechen, die Sau – Jetzt läuten die Glocken.   VII Im Stephansdom Vor dem Seitenaltar des heiligen Antonius. Marianne beichtet. Die Glocken verstummen und es ist sehr still auf der Welt.   Beichtvater  Also rekapitulieren wir: Du hast deinem armen alten Vater, der dich über alles liebt und der doch immer nur dein Bestes wollte, schmerzlichstes Leid zugefügt, Kummer und Sorgen, warst ungehorsam und undankbar – hast deinen braven Bräutigam verlassen und hast dich an ein verkommenes Subjekt geklammert, getrieben von deiner Fleischeslust – still! Das kennen wir schon! Und so lebst du mit jenem erbärmlichen Individuum ohne das heilige Sakrament der Ehe schon über das Jahr, und in diesem grauenhaften Zustand der Todsünde hast du dein Kind empfangen und geboren – wann? Marianne  Vor acht Wochen. Beichtvater  Und du hast dieses Kind der Schande und der Sünde nicht einmal taufen lassen. – Sag selbst: kann denn bei all dem etwas Gutes herauskommen? Nie und nimmer! Doch nicht genug! Du bist nicht zurückgeschreckt und hast es sogar in deinem Mutterleib töten wollen – Marianne  Nein, das war er! Nur ihm zulieb hab ich mich dieser Prozedur unterzogen! Beichtvater  Nur ihm zulieb? Marianne  Er wollte doch keine Nachkommen haben, weil die Zeiten immer schlechter werden und zwar voraussichtlich unabsehbar – aber ich – nein, das brennt mir in der Seele, daß ich es hab abtreiben wollen, ein jedesmal, wenn es mich anschaut – Stille. Beichtvater  Ist das Kind bei euch? Marianne  Nein. Beichtvater  Sondern? Marianne  Bei Verwandten. Draußen in der Wachau. Beichtvater  Sind das gottesfürchtige Leut? Marianne  Gewiß. Stille. Beichtvater  Du bereust es also, daß du es hast töten wollen? Marianne  Ja. Beichtvater  Und auch, daß du mit jenem entmenschten Subjekt in wilder Ehe zusammenlebst? Stille. Marianne  Ich dachte mal, ich hätte den Mann gefunden, der mich ganz und gar ausfüllt. – Beichtvater  Bereust du es? Stille. Marianne  Ja. Beichtvater  Und daß du dein Kind im Zustand der Todsünde empfangen und geboren hast – bereust du das? Stille. Marianne  Nein. Das kann man doch nicht – Beichtvater  Was sprichst du da? Marianne  Es ist doch immerhin mein Kind – Beichtvater  Aber du – Marianne   unterbricht ihn : Nein, das tu ich nicht. – Nein, davor hab ich direkt Angst, daß ich es bereuen könnt. – Nein, ich bin sogar glücklich, daß ich es hab, sehr glücklich – Stille. Beichtvater  Wenn du nicht bereuen kannst, was willst du dann von deinem Herrgott? Marianne  Ich dachte, mein Herrgott wird mir vielleicht etwas sagen – Beichtvater  Du kommst also nur dann zu Ihm, wenn es dir schlecht geht? Marianne  Wenn es mir gut geht, dann ist Er ja bei mir – aber nein, das kann Er doch nicht von mir verlangen, daß ich das bereu – das wär ja wider jede Natur – Beichtvater  So geh! Und komme erst mit dir ins reine, ehe du vor unseren Herrgott trittst. – Er schlägt das Zeichen des Kreuzes. Marianne  Dann verzeihen Sie. – Sie erhebt sich aus dem Beichtstuhl, der sich nun auch in der Finsternis auflöst – und nun hört man das Gemurmel einer Litanei; allmählich kann man die Stimme des Vorbeters von den Stimmen der Gemeinde unterscheiden; Marianne lauscht – die Litanei endet mit einem Vaterunser; Marianne bewegt die Lippen. Stille. Marianne  Amen. Stille. Marianne  Wenn es einen lieben Gott gibt – was hast du mit mir vor, lieber Gott? – Lieber Gott, ich bin im achten Bezirk geboren und hab die Bürgerschul besucht, ich bin kein schlechter Mensch – hörst du mich? – Was hast du mit mir vor, lieber Gott? – Stille. Ende des zweiten Teiles Dritter Teil I Beim Heurigen Mit Schrammelmusik und Blütenregen. Große weinselige Stimmung – und mittendrunterdrin der Zauberkönig, Valerie und Erich. Alles   singt:   Da draußen in der Wachau Die Donau fließt so blau, Steht einsam ein Winzerhaus, Da schaut ein Mädel heraus. Hat Lippen rot wie Blut, Und küssen kanns so gut, Die Augen sind veilchenblau Vom Mädel in der Wachau. Es wird ein Wein sein, Und wir werden nimmer sein. Es wird schöne Mädeln geben, Und wir werden nimmer leben – Jetzt wirds einen Augenblick totenstill beim Heurigen aber dann singt wieder alles mit verdreifachter Kraft. Drum gehn wir gern nach Nußdorf naus, Da gibts a Hetz, a Gstanz, Da hörn wir ferne Tanz, Da laß ma fesche Jodler naus Und gengan in der Fruah Mitn Schwomma zhaus, mitn Schwomma zhaus! Begeisterung; Applaus; zwischen den Tischen wird getanzt, und zwar auf den Radetzkymarsch. – Alles ist nun schon ziemlich benebelt. Zauberkönig  Bravo, bravissimo! Heut bin ich wieder der alte! Da capo, da capo! Er greift einem vorübertanzenden Mädchen auf die Brüste. Der Kavalier des Mädchens   schlägt ihm auf die Hand:  Hand von der Putten! Das Mädchen  Das sind doch meine Putten! Zauberkönig  Putten her, Putten hin! Ein jeder Erwachsene hat seine Sorgen, und heut möcht ich alles vergessen! Heut kann mich die ganze Welt! Erich  Mal herhören, Leute! Ich gestatte mir hiermit auf den famosen Wiener Heurigen ein ganz exorbitantes Heil – Er verschüttet seinen Wein. Valerie  Nicht so stürmisch, junger Mann! Meiner Seel, jetzt hat er mich ganz bespritzt! Erich  Aber das kann doch vorkommen! Ehrensache! Zauberkönig  Hat er dich naßgemacht? Armes Waserl! Valerie  Durch und durch – bis auf die Haut. Zauberkönig  Bis auf deine Haut – Valerie  Bist du a schon narrisch? Erich  Stillgestanden! Er knallt die Hacken zusammen und steht still. Zauberkönig  Was hat er denn? Valerie  Das bin ich schon gewöhnt. Wenn er sich besoffen hat, dann kommandiert er sich immer selber. Zauberkönig  Wie lang daß der so still stehen kann. – Stramm! Sehr stramm! Respekt! Es geht wieder aufwärts mit uns! Er fällt unter den Tisch. Valerie  Jesus Maria! Zauberkönig  Der Stuhl ist zerbrochen – einen anderen Stuhl, Herr Ober! He, einen anderen Stuhl!! Er singt mit der Musik.  Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküßt – und schon hab ich den Patsch verspürt mit dem Fächer ins Gesicht – Der Ober   bringt nun eine Riesenportion Salami. Valerie  Salami, Erich! Salami! Erich  Division! Rührt euch! Er langt mit der Hand in die Schüssel und frißt exorbitant. Zauberkönig  Wie der frißt! Valerie  Gesegnete Mahlzeit! Zauberkönig  Friß nicht so gierig! Valerie  Er zahlts ja nicht! Zauberkönig  Und singen kann er auch nicht! Pause. Valerie   zu Erich:  Warum singst du eigentlich nicht? Erich   mit vollem Munde:  Weil ich doch an meinem chronischen Rachenkatarrh leide! Valerie  Das kommt vom vielen Rauchen! Erich   brüllt sie an:  Schon wieder?! Rittmeister   taucht auf; mit einem Papierbütchen und in gehobener Stimmung:  Küß die Hand, schöne Frau Valerie! A, das ist aber ein angenehmer Zufall! Habe die Ehre, Herr Zauberkönig! Zauberkönig  Prost, Herr Rittmeister! Prost, lieber Herr von Rittmeister. – Er leert sein Glas und verfällt in wehmütigen Stumpfsinn. Valerie  Darf ich Ihnen etwas von meiner Salami, Herr Rittmeister? Erich   bleibt der Brocken im Munde stecken; er fixiert gehässig den Rittmeister. Rittmeister  Zu gütig, küß die Hand! Danke nein, ich kann unmöglich mehr – Er steckt sich zwei dicke Scheiben in den Mund.  Ich hab heut nämlich schon zweimal genachtmahlt, weil ich Besuch hab – ich sitz dort hinten in der Gesellschaft. Ein Jugendfreund meines in Sibirien vermißten Bruders – ein Amerikaner. Valerie  Also ein Mister! Rittmeister  Aber ein geborener Wiener! Zwanzig Jahr war der jetzt drüben in den Staaten, nun ist er zum erstenmal wieder auf unserem Kontinent. Wie wir heut vormittag durch die Hofburg gefahren sind, da sind ihm die Tränen in den Augen gestanden. – Er ist ein Selfmademan. Selbst ist der Mann! Valerie  Oh, Sie Schlimmer! Rittmeister  Ja. Und jetzt zeig ich ihm sein Wien – schon den zweiten Tag – wir kommen aus dem Schwips schon gar nicht mehr raus – Valerie  Stille Wasser sind tief. Rittmeister  Nicht nur in Amerika. Erich   scharf:  Tatsächlich? Pause. Valerie   nähert sich Erich : Daß du parierst – und halts Maul, sonst schmier ich dir eine. – Wenn du schon meine Salami frißt, dann kannst du mir auch entgegenkommen – Erich  Diese Randbemerkung ehrt Ihre niedrige Gesinnung, Gnädigste! Valerie  Bleib! Erich  Stillgestanden! Division – Valerie  Halt! Erich  Division – marsch! Ab. Valerie   ruft ihm nach : Herstellt euch! Herstellt euch! Totenstille. Rittmeister  Wer ist denn das überhaupt? Valerie   tonlos : Das ist eine ganze Division. Ich werd ihn wohl bald ganz lassen – ich sehs schon direkt wieder kommen – und dann ist er mit dem dort – sie deutet auf den Zauberkönig – entfernt verwandt – Jetzt gibts wieder Musik. Rittmeister  Apropos verwandt. – Sagens mal, Frau Valerie, finden Sie das für in Ordnung, wie Seine Majestät der Herr Zauberkönig das Fräulein Mariann behandelt – ich versteh so was nicht. Wenn ich Großpapa wär – und abgesehen davon, man kann doch leicht straucheln. Aber dann direkt verkommen lassen – Valerie  Wissen Sie was Näheres, Herr Rittmeister? Rittmeister  Ich hab mal eine Frau Oberst gehabt, das heißt: das ganze Regiment hat sie gehabt – was sag ich da?! Sie war die Frau unseres Obersten – und der Oberst hatte ein uneheliches Kind mit einer vom Varieté, aber die Frau Oberst hat es in ihr Haus genommen, als wärs ihr eigen Fleisch und Blut, weil sie halt unfruchtbar war. – Aber wenn man daneben dieses zauberkönigliche Verhalten dort drüben betrachtet – na Servus! Valerie  Ich versteh Sie nicht, Herr Rittmeister. Was hat denn die Frau Oberst mit der Mariann zu tun? Rittmeister  Wir verstehen uns alle nicht mehr, liebe Frau Valerie! Oft verstehen wir uns schon selber nicht mehr. Valerie  Wo steckt denn die Mariann? Rittmeister   lächelt geheimnisvoll : Das wird man schon noch mal offiziell bekanntgeben – im geeigneten Moment. Der Mister erscheint; er ist besoffen : Oh lieber guter Freund – was seh ich da? Gesellschaft? Freunde? Stell mich vor, bitte. – Du lieber guter Freund. – Er umarmt den Rittmeister . Zauberkönig   erwacht aus seinem Stumpfsinn : Wer ist denn das? Rittmeister  Das ist mein lieber Mister aus Amerika! Der Mister Amerika! New York! Chicago und Sing-Sing! – Äußerlich ja, aber da drinnen klopft noch das alte biedere treue goldene Wiener Herz, das ewige Wien – und die Wachau – und die Burgen an der blauen Donau. – Er summt mit der Musik. Donau so blau, so blau, so blau – Alle   summen mit und wiegen sich auf den Sitzgelegenheiten . Der Mister Meine Herrschaften, es hat sich vieles verändert in der letzten Zeit, Stürme und Windhosen sind über die Erde gebraust, Erdbeben und Tornados, und ich hab ganz von unten anfangen müssen, aber hier bin ich zhaus, hier kenn ich mich aus, hier gefällt es mir, hier möcht ich sterben! Oh du mein lieber altösterreichischer Herrgott aus Mariazell! Er singt. Mein Muatterl war a Wienerin, Drum hab ich Wien so gern. Sie wars, die mit dem Leben mir Die Liebe hat gegeben Zu meinem anzigen goldenen Wean! Alles   singt : Wien, Wien, nur du allein Sollst stets die Stadt meiner Träume sein, Dort, wo ich glücklich und selig bin, Ist Wien, ist Wien, mein Wien! Der Mister Wien soll leben! Die Heimat! Und die schönen Wiener Frauen! Und der Heimatgedanke! Und wir Wiener sollen leben – alle, alle! Alle  Hoch! Hoch! Hoch! Allgemeines Saufen. Zauberkönig   zu Valerie : Und die schönen Wiener Frauen, du stattliche Person – dich hätt ich heiraten sollen, mit dir hätt ich ein ganz ein anderes Kind gekriegt – Valerie  Red nicht immer von Irene! Ich hab sie nie ausstehen können! Der Mister  Wer ist Irene? Zauberkönig  Irene war meine Frau. Der Mister  Oh, Pardon! Zauberkönig  Oh, bitte – und warum soll ich denn nicht auf die Iren schimpfen? Bloß weil sie schon tot ist? Mir hat sie das ganze Leben verpatzt! Valerie  Du bist ein dämonischer Mensch! Zauberkönig   singt : Mir ist mei Alte gstorbn, Drum ist mirs Herz so schwer. A so a gute Seel Krieg ich not mehr, Muß so viel wana, Das glaubt mir kana, Daß ich mich kränk, Wenn ich an mei Alte denk! Hallo! Der Mister   schnellt empor : Hallo! Hallo! Wenn mich nicht alles täuscht, so fängt es jetzt an zu regnen! Aber wir lassen uns vom Wetter nichts dreinreden! Heut wird noch gebummelt und wenns Schusterbuben regnen sollte! Wir lassen und lassen uns das nicht gefallen! Er droht mit dem Zeigefinger nach dem Himmel . Oh du regnerischer Himmelvater du! Darf ich euch alle einladen? Alle, alle!! Alle  Bravo, bravo! Der Mister  Also auf! Vorwärts! Mir nach! Valerie  Wohin? Der Mister  Irgendwohin! Wo wir einen Plafond über uns haben! Wo wir nicht so direkt unterm Himmel sitzen! Ins Moulin-bleu! Starker Applaus . Rittmeister  Halt! Nicht ins Moulin-bleu, liebe Leutl! Dann schon eher ins Maxim! Und wieder wird es einen Augenblick totenstill . Zauberkönig  Warum denn ins Maxim? Rittmeister  Weil es dort ganz besondere Überraschungen geben wird. Zauberkönig  Was für Überraschungen? Rittmeister  Pikante. Sehr pikante – Stille . Zauberkönig  Also auf ins Maxim! Alle  Ins Maxim! Sie marschieren mit aufgespannten Regenschirmen und singen . Vindobona, du herrliche Stadt, Die so reizende Anlagen hat, Dir gehört stets nur unser Sinn. Ja zu dir, da ziagts uns hin, San ma a von dir oft fern, Denkn ma do ans liebe Wean, Denn du bleibst die Perle von Österreich, Dir ist gar ka Stadt net gleich! Die Mizzi und der Jean Gehn miteinander drahn, Wir sind ja nicht aus Stroh, Sind jung und lebensfroh, Net immer Schokoladi, Heut gehen wir zum »Brady« Oder zum »Maxim« Heut sind wir einmal schlimm! Jetzt trink ma noch a Flascherl Wein, Hollodero! Es muß ja not das letzte sein Hollodero! Und ist das gar, gibts ka Geniern, Hollodero! So tun wir noch mal repetiern, aber noch mal repetiern! Gong. – Die Bühne verwandelt sich nun ins »Maxim« – mit einer Bar und Sepárees; im Hintergrunde eine Kabarettbühne mit breiter Rampe. – Alles schließt die Regenschirme und nimmt nun Platz an den Tischen, und zwar in aufgeräumtester Stimmung. Der Conferencier   tritt vor den Vorhang : Meine Sehrverehrten! Meine Herrschaften! Entzückende Damen und noch entzückendere Herren! Valerie  Oho! Gelächter . Der Conferencier  Ich begrüße Sie auf das allerherzlichste im Namen meiner Direktion! Schon Johann Wolfgang von Goethe, der Dichterfürst, sagt in seinem Meisterwerk, unserem unsterblichen Faust: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen! In diesem Sinne, meine Sehrverehrten: Nummer auf Nummer! Das ist Tradition, meine Sehrverehrten! Und nun bitte, treten Sie ein mit uns in den Himmel der Erinnerung! – Und nun erklingt der Walzer »Wiener Blut« von Johann Strauß, der Vorhang hebt sich, und einige Mädchen in Alt-Wienertracht tanzen den Walzer – dann fällt wieder der Vorhang; rasende Begeisterung im Publikum, und die Musik spielt nun den Hoch- und Deutschmeistermarsch. Zauberkönig   zum Rittmeister : Aber was redens denn da, Herr? Also das steht doch schon felsenfest, daß wir Menschen mit der Tierwelt verwandt sind! Rittmeister  Das ist Auffassungssache! Zauberkönig  Oder glaubens denn gar noch an Adam und Eva? Rittmeister  Wer weiß! Der Mister   zu Valerie : Du Wildkatz! Zauberkönig  Wildkatz! Oder gar ein Leopard! Valerie  Prost Zauberkönig! Zauberkönig  Der Herr Rittmeister sind ein Fabelwesen, und du hast was von einem Känguruh an dir, und der Mister ist ein japanischer Affenpintscher! Der Mister   lacht keineswegs : Fabelhafter Witz, fabelhafter Witz! Zauberkönig  Na und ich?! Valerie  Ein Hirsch! Ein alter Hirsch! Prost, alter Hirsch! Brüllendes Gelächter – nun klingelt das Tischtelephon. Stille. Zauberkönig   am Apparat:  Ja hallo! – Wie? Wer spricht? Mausi? – Mausi kenn ich nicht, wie? – Ach so! Jaja, das bin ich schon, ich bin schon dein Onkel. – Was soll ich? A du Schweinderl, du herziges! – Wo? An der Bar? Im grünen Kleid? – Was? Du bist noch eine Jungfrau? Und das soll dir dein Onkel glauben? Na ich werd das mal nachkontrollieren. – Bussi, Bussi! – Er hängt ein und leert sein Glas Schampus, den der Mister hat auffahren lassen. Valerie  Trink nicht so viel, Leopold! Zauberkönig  Du kannst mir jetzt auf den Hut steigen! Er erhebt  sich. Für uns alte Leut ist ja der Alkohol noch die einzige Lebensfreud! Wo ist die Bar? Valerie  Was für eine Bar? Zauberkönig  Wo ist die Bar, Kruzitürken?! Rittmeister  Ich werd Sie hinführen – Zauberkönig  Ich find schon selber hin – ich brauch keinen Kerzenhalter! Kommens, führens mich! Er läßt sich vom Rittmeister an die Bar führen, wo ihn bereits zwei Mädchen erwarten – die eine im grünen Kleid nimmt ihn gleich herzlichst in Empfang; auch der Rittmeister bleibt an der Bar. Der Mister   zu Valerie:  Was ist der Herr eigentlich? Valerie  Ein Zauberkönig. Der Mister  Ach! Valerie  Ja. Sonst ist er ja ein seltener Mensch, bescheiden und anständig, der echte Bürger vom alten Schlag. – Diese Sorte stirbt nämlich aus. Der Mister  Leider! Valerie  Heut ist er ja leider besoffen – Der Mister  Wie Sie das wieder sagen! Was für ein Charme! Bei uns in Amerika ist halt alles brutaler. Valerie  Was wiegen Sie? Der Mister  Zweihundertachtzehn Pfund. Valerie  Oh Gott! Der Mister  Darf ich ganz offen sein? Valerie  Man bittet darum. Der Mister  Ich bin kompliziert. Valerie  Wieso? Der Mister  Ich bin nämlich innerlich tot. Ich kann halt nur mehr mit den Prostituierten was anfangen – das kommt von den vielen Enttäuschungen, die ich schon hinter mir hab. Valerie  Jetzt so was. Eine so zarte Seele in so einem mächtigen Körper – Der Mister  Ich habe den Saturn als Planeten. Valerie  Ja, diese Planeten! Da hängt man damit zusammen und kann gar nichts dafür! Gong. Der Conferencier   tritt vor den Vorhang:  Meine Sehrverehrten! Und abermals gibts eine herrliche Nummer! Was soll ich viele Worte machen, urteilen Sie selbst über unsere sensationellen, von ersten Künstlern entworfenen, hochkünstlerischen lebendigen Aktplastiken. Als erstes: Donaunixen! Darf ich bitten, Herr Kapellmeister! Die Kapelle spielt nun den Walzer »An der schönen blauen Donau«, und es wird stockfinster im Zuschauerraum; dann teilt sich der Vorhang, und man sieht drei halbnackte Mädchen, deren Beine in Schwanzflossen stecken. – Eine hält eine Leier in der Hand – alle sind malerisch gruppiert vor einem schwarzen Vorhang im grünen Scheinwerferlicht; von der Bar her hört man des Zauberkönigs Stimme: »Nackete Weiber, sehr richtig!« – Der Vorhang schließt sich, starker Applaus . Gong . Der Conferencier   erscheint wieder vor dem Vorhang : Das zweite Bild: unser Zeppelin! Bravorufe . Der Conferencier  Darf ich bitten, Herr Kapellmeister! Und nun ertönt der »Fridericus rex« – und auf der Bühne stehen drei nackte Mädchen – die erste hält einen Propeller in den Händen, die zweite einen Globus und die dritte einen kleinen Zeppelin – das Publikum rast vor Beifall, schnellt von den Sitzen in die Höhe und singt die erste Strophe des Deutschlandliedes, worauf es sich wieder beruhigt . Gong . Der Conferencier   wieder vor dem Vorhang : Und nun, meine Sehrverehrten, das dritte Bild: »Die Jagd nach dem Glück.« Totenstille . Der Conferencier  Darf ich bitten, Herr Kapellmeister – Die »Träumerei« von Schumann erklingt und der Vorhang teilt sich zum dritten Male – eine Gruppe nackter Mädchen, die sich gegenseitig niedertreten, versucht einer goldenen Kugel nachzurennen, auf welcher das Glück auf einem Bein steht – das Glück ist ebenfalls unbekleidet und heißt Marianne . Valerie   schreit gellend auf im finsteren Zuschauerraum : Marianne! Jesus Maria Josef! Marianne!! Marianne   erschrickt auf ihrer Kugel, zittert, kann das Gleichgewicht nicht mehr halten, muß herab und starrt, geblendet vom Scheinwerfer, in den dunklen Zuschauerraum . Der Mister  Was denn los?! Valerie   außer sich : Marianne, Marianne, Marianne!! Der Mister   wird wütend  Brüll nicht! Bist denn plemplem?! Valerie  Marianne! Der Mister  Kusch! Da hast du deine Marianne! Er boxt ihr in die Brust . Valerie   schreit. Große Unruhe im Publikum; Rufe: »Licht! Licht!« Der Conferencier   stürzt auf die Bühne : Vorhang! Was ist denn los?! Licht! Vorhang! Licht! Der Vorhang fällt vor der starr in den Zuschauerraum glotzenden Marianne, die übrigen Mädchen sind bereits unruhig ab – und nun wird es Licht im Zuschauerraum und wieder für einen Augenblick totenstill. Alles starrt auf Valerie, die mit dem Gesicht auf dem Tisch liegt, hysterisch und besoffen, weint und schluchzt. Zauberkönig   steht an der Bar und hält die Hand auf sein Herz . Valerie   wimmert : Die Mariann – die Mariann – die liebe kleine Mariann – oh, oh, oh – ich hab sie ja schon gekannt, wie sie noch fünf Jahre alt war, meine Herren! Der Conferencier  Von wem redet sie da? Der Mister  Keine Ahnung! Der Conferencier  Hysterisch? Der Mister  Epileptisch! Eine gemütliche Stimme  So werfts es doch naus, die besoffene Bestie! Valerie  Ich bin nicht besoffen, meine Herren! Ich bin das nicht – nein, nein, nein! Sie schnellt empor und will hinauslaufen, stolpert aber über ihre eigenen Füße, stürzt und reißt einen Tisch um – jetzt hat sie sich blutig geschlagen.  Nein, das halt ich nicht aus, ich bin doch nicht aus Holz, ich bin doch noch lebensfroh, meine Herren – das halt ich nicht aus, das halt ich nicht aus! Sie rast brüllend nach Haus. Alle   außer dem Zauberkönig, sehen ihr perplex nach. Stille, dann: Gong. Der Conferencier   springt auf einen Stuhl:  Meine Sehrverehrten! Damen und Herren! Das war nun der Schluß unseres offiziellen Programms – und nun beginnt in der Bar der inoffizielle Teil! Man hört aus der Bar die Tanzmusik.  Im Namen meiner Direktion danke ich Ihnen für den zahlreichen Besuch und wünsche Ihnen eine recht gute Nacht! Auf Wiedersehen, meine Herrschaften! Die Herrschaften   räumen allmählich das Lokal. Zauberkönig  Herr Rittmeister – Rittmeister  Bitte? Zauberkönig  Also deshalb wollten Sie nicht ins Moulinbleu, sondern hier. – Das waren also Ihre bewußten pikanten Überraschungen, ich hab gleich so eine komische Aversion gehabt – so eine Ahnung, daß mir nichts Gutes bevorsteht – Rittmeister  Ich wußte es, daß das Fräulein Mariann hier auftritt – ich war nämlich schon öfters da – erst gestern wieder – und ich kann es halt nicht mehr länger mitansehen! Ihr steinernes Herz – Zauberkönig  Mischen Sie sich nicht in wildfremde Familienangelegenheiten, Sie Soldat!! Rittmeister  Meine menschliche Pflicht – Zauberkönig   unterbricht ihn:  Was ist das? Rittmeister  Sie sind kein Mensch! Zauberkönig  Also das hör ich gern! Schon sehr gern! Was soll ich denn schon sein, wenn ich kein Mensch bin, Sie?! Vielleicht ein Vieh?! Das tät Ihnen so passen! Aber ich bin kein Vieh und hab auch keine Tochter, bitt ich mir aus!! Rittmeister  Jetzt hab ich hier nichts mehr verloren. Er verbeugt sich steif und ab . Zauberkönig  Und ich werd mir vielleicht noch was holen? Ich bin in einer Untergangsstimmung, Herr Mister! Jetzt möcht ich Ansichtskarten schreiben, damit die Leut vor Neid zerplatzen, wenn sie durch mich selbst erfahren, wie gut daß es mir geht! Der Mister  Ansichtskarten! Glänzende Idee! Das ist eine Idee! Ansichtskarten, Ansichtskarten! Er kauft einer Verkäuferin gleich einen ganzen Stoß ab, setzt sich dann abseits an einen Tisch und schreibt – nun ist er allein mit dem Zauberkönig; aus der Bar tönt Tanzmusik. Marianne   kommt langsam in einem Bademantel und bleibt vor dem Zauberkönig stehen. Zauberkönig   starrt sie an, betrachtet sie von oben bis unten – dreht ihr den Rücken zu. Pause . Marianne  Warum hast du meine Briefe nicht gelesen? Ich hab dir drei Briefe geschrieben. Aber du hast sie nicht aufgemacht und hast sie zurückgehen lassen. Pause . Marianne  Ich hab dir geschrieben, daß er mich verlassen hat – Zauberkönig   wendet sich langsam ihr zu und fixiert sie gehässig : Das weiß ich. Er dreht ihr wieder den Rücken zu. Pause . Marianne  Weißt du auch, daß ich ein Kind hab –? Zauberkönig  Natürlich! Pause . Marianne  Es geht uns sehr schlecht, mir und dem kleinen Leopold – Zauberkönig  Was?! Leopold?! Der Leopold, das bin doch ich! Na, das ist aber der Gipfel! Nennt ihre Schand nach mir! Das auch noch! Schluß jetzt! Wer nicht hören will, muß fühlen! Schluß! Er erhebt sich, muß sich aber gleich wieder setzen . Marianne  Du bist ja betrunken, Papa – Zauberkönig  Also werd nur nicht ordinär! Ich bin nicht dein Papa, ein für allemal! Und nur nicht ordinär, sonst – Er macht die Geste des Ohrfeigens . Denk lieber an dein Mutterl selig! Die Toten hören alles! Marianne  Wenn mein Mutterl noch leben würde – Zauberkönig  Laß dein Mutterl aus dem Spiel, bitt ich mir aus! Wenn sie dich so gesehen hätt, so nacket auf dem Podium herumstehen – dich den Blicken der Allgemeinheit preisgeben. – Ja schämst dich denn gar nicht mehr? Pfui Teufel! Marianne  Nein, das kann ich mir nicht leisten, daß ich mich schäm. Stille. Die Musik in der Bar ist nun verstummt . Marianne  Ich verdien hier zwei Schilling pro Tag. Das ist nicht viel, inklusive dem kleinen Leopold. – Was kann ich denn aber auch anderes unternehmen? Du hast mich ja nichts lernen lassen, nicht einmal meine rhythmische Gymnastik, du hast mich ja nur für die Ehe erzogen – Zauberkönig  Oh du miserables Geschöpf! Jetzt bin ich noch schuld! Marianne  Hör mal, Papa – Zauberkönig   unterbricht sie : Ich bin kein Papa! Marianne   schlägt mit der Faust auf den Tisch : Aber so hör auf, ja. Du bist doch mein Papa, wer denn sonst!? Und hör jetzt mal – wenn das so weitergeht, ich kann nichts verdienen – und auf den Strich gehen kann ich nicht, ich kann das nicht, ich habs ja schon versucht, aber ich kann mich nur einem Manne geben, den ich aus ganzer Seele mag – ich hab ja als ungelernte Frau sonst nichts zu geben – dann bleibt mir nur der Zug. Zauberkönig  Was für ein Zug? Marianne  Der Zug. Mit dem man wegfahren kann. Ich wirf mich noch vor den Zug – Zauberkönig  So! Das auch noch. Das willst du mir also auch noch antun – Er weint plötzlich . Oh du gemeines Schwein, was machst du denn mit mir auf meine alten Tag? Eine Schande nach der anderen – oh ich armer alter Mensch, mit was hab ich denn das verdient?! Marianne   scharf : Denk nicht immer an dich! Zauberkönig   hört auf zu weinen, starrt sie an, wird wütend : So wirf dich doch vor den Zug! Wirf dich doch, wirf dich doch! Samt deiner Brut!! – Oh, mir ist übel übel – wenn ich nur brechen könnt – Er beugt sich über den Tisch, schnellt aber plötzlich empor . – Denk lieber an deinen Himmelvater! An unseren lieben Herrgott da droben – Er wankt fort . Marianne   sieht ihm nach und schaut dann empor, dorthin, wo der Himmel liegt; leise : Da droben – Aus der Bar ertönt nun wieder Tanzmusik . Der Mister   ist nun fertig mit seiner Ansichtskartenschreiberei und entdeckt Marianne, die noch immer in den Himmel schaut : Ah, eine Primadonna – Er betrachtet sie lächelnd . Sagen Sie – haben Sie nicht zufällig einige Briefmarken bei sich? Marianne  Nein. Der Mister   langsam : Nämlich, ich brauche zehn Zwanziggroschenmarken und zahle dafür fünfzig Schilling. Pause . Der Mister  Sechzig Schilling. Pause . Der Mister   nimmt seine Brieftasche heraus:  Da sind die Schillinge und da sind die Dollars – Marianne  Zeigen Sie. Der Mister   reicht ihr die Brieftasche. Pause . Marianne  Sechzig? Der Mister   Fünfundsechzig. Marianne  Das ist viel Geld. Der Mister  Das will verdient sein. Stille. Mit der Tanzmusik ist es nun wieder vorbei . Marianne  Nein. Danke. Sie gibt ihm die Brieftasche zurück . Der Mister  Was heißt das? Marianne  Ich kann nicht. Sie haben sich in mir geirrt, Herr – Der Mister   packt sie plötzlich am Handgelenk und brüllt : Halt! Halt, du hast mich jetzt bestohlen, du Dirne, Diebin, Verbrecherin, Hand aufmachen – auf!! Marianne  Au! Der Mister  Da! Hundert Schilling! Meinst, ich merk das nicht, du blöde Hur!? Er gibt ihr eine Ohrfeige . Polizei! Polizei! Alles   erscheint aus der Bar . Der Conferencier  Was ist denn los, um Gottes Christi willen?! Der Mister  Diese Hur da hat mich bestohlen! Hundert Schilling, hundert Schilling! Polizei! Marianne   reißt sich vom Mister los : Ihr sollt mich nicht mehr schlagen! Ich will nicht mehr geschlagen werden! Baronin   erscheint . Marianne   schreit entsetzt . II Draußen in der Wachau Alfred   sitzt mit seiner Großmutter vor dem Häuschen in der Abendsonne – und unweit steht der Kinderwagen. Die Großmutter  Ich hab dich ja schon immer für einen Lügner gehalten, aber daß du ein solcher Scheißkerl bist, war mir nie im Traum eingefallen! Borgt sich da von mir dreihundert Schilling für Frankreich zu einer Speditionsfirma – und kommt jetzt nach drei Wochen an und beichtet, daß er gar nicht in Frankreich war, sondern daß er alles verspielt hat am Trabrennplatz! Wirst dort enden, wo deine saubere Mariann sitzt! Im Zuchthaus! Alfred  Vorerst sitzt sie ja noch gar nicht im Zuchthaus, sondern nur im Untersuchungsgefängnis, und morgen wird ihr doch erst der Prozeß gemacht – und dann ist es ja nur ein Diebstahlsversuch, Schaden ist keiner entstanden, also hat sie mildernde Umstand und wird sicher nur bedingt verurteilt werden, weil sie noch nicht vorbestraft ist – Die Großmutter  Nimm sie nur in Schutz, nimm sie nur in Schutz. – Schön hab ich mich in dir getäuscht, ich habs ja schon immer gewußt, daß du ein Verbrecher bist! Alfred  Willst mir also nicht verzeihen? Die Großmutter  Häng dich auf! Alfred  Bäääh! Er streckt die Zunge heraus . Die Großmutter   Bäääh! Sie streckt ihm die Zunge heraus. Stille . Alfred   erhebt sich : Also mich siehst du jetzt nicht so bald wieder. Die Großmutter  Und die dreihundert Schilling? Und die hundertfünfzig vom vorigen Jahr?! Alfred  Und wenn du jetzt zerspringst, es ist doch so, daß ich es genau fühl, daß auch ich in einer gewissen Hinsicht mitschuldig bin an der Mariann ihrem Schicksal – Die Großmutter   schnappt nach Luft . Alfred   lüftet seinen Strohhut : Küß die Hand, Großmama! Ab . Die Großmutter   außer sich vor Wut : Schau, daß du verschwandst! Luder, dreckiges! Mir sowas ins Gesicht zu sagen! Weg! Marsch! Scheißkerl! Sie setzt sich an das Tischchen, auf dem ihre Zither liegt, und stimmt sie . Die Mutter   tritt aus dem Häuschen : Ist der Alfred schon fort? Die Großmutter  Gott sei Dank! Die Mutter  Er hat sich von mir gar nicht verabschiedet – Die Großmutter  Einen feinen Sohn hast du da – frech und faul! Ganz der Herr Papa! Die Mutter  So laß doch den Mann in Ruh! Jetzt liegt er schon zehn Jahr unter der Erden, und gibst ihm noch immer keine Ruh! Die Großmutter  Wer hat ihn denn so früh unter die Erden gebracht? Ich vielleicht? Oder der liebe Alkohol? – Deine ganze Mitgift hat er versoffen! Die Mutter  Jetzt will ich aber nichts mehr hören, ich will nicht! Die Großmutter  Halts Maul! Sie spielt auf ihrer Zither den Doppeladlermarsch . Die Mutter   beugt sich besorgt über den Kinderwagen, und die Großmutter beendet ihren Marsch : Er macht mir Sorgen, der kleine Leopold – er hat so stark gehustet, und jetzt hat er rote Backerln und so einen ganz anderen Blick – damals beim armen kleinen Ludwig hats genau so begonnen – Die Großmutter  Gott gibt und Gott nimmt. Die Mutter  Mama! Die Großmutter  Mutterl im Zuchthaus und Vaterl ein Hallodri! Für manche wärs schon besser, wenns hin wären! Die Mutter  Möchst denn du schon hin sein? Die Großmutter   kreischt : Vergleich mich nicht mit dem dort! Sie deutet auf den Kinderwagen . Meine Eltern waren ehrliche Leut! Sie spielt wütend ein Menuett . Die Mutter  So spiel doch nicht! Die Großmutter   unterbricht ihr Spiel : Was schreist denn so?! Bist narrisch?! Sie fixieren sich. Stille . Die Mutter   bange : Mama – ich hab es gesehn – Die Großmutter  Was? Die Mutter  Was du heut nacht gemacht hast – Stille . Die Großmutter   lauernd : Was hab ich denn gemacht? Die Mutter  Du hast die beiden Fenster aufgemacht und hast das Betterl mit dem kleinen Leopold in den Zug gestellt – Die Großmutter   kreischt : Das hast du geträumt! Das hast du geträumt! Die Mutter  Nein, das hab ich nicht geträumt. Und wenn du zerspringst! III Und abermals in der stillen Straße im achten Bezirk Der Rittmeister   liest noch immer die Ziehungsliste, und Valerie steht in der Tür ihrer Tabak-Trafik – Es scheint überhaupt alles beim alten geblieben zu sein, nur auf der Puppenklinikauslage klebt ein Zettel: »Ausverkauf«. Valerie   boshaft:  Was haben wir denn gewonnen, Herr Rittmeister? Rittmeister   reicht ihr die Ziehungsliste zurück:  Es ist Samstag, Frau Valerie. Und morgen ist Sonntag. Valerie  Das ist halt unser irdisches Dasein, Herr Rittmeister. Rittmeister  Ausverkauf! Mein Gewissen ist rein und trotzdem. Ich war doch damals im Maxim nur von den altruistischesten Absichten beseelt – versöhnend hab ich wirken wollen, versöhnend – und derweil hat sich eine Tragödie nach der anderen abgerollt. Die arme Mariann wird eingekastelt und verurteilt – Valerie   unterbricht ihn:  Bedingt, Herr Rittmeister! Bedingt! Stille. Rittmeister  Ist er eigentlich noch geärgert auf mich, der Herr Zauberkönig? Valerie  Wegen was denn? Rittmeister  Na, ich denk, wegen der fatalen Situation im Maxim, die wo ich ihm inszeniert hab. Valerie  Aber Herr Rittmeister! Nach all dem, was der Mann durchgemacht hat, hat er keine Lust mehr, sich über Sie zu ärgern – er ist überhaupt viel versöhnlicher geworden, er ist halt gebrochen. Als er seinerzeit gehört hat, daß die liebe Mariann gestohlen hat, da hat ihn ja fast der Schlag getroffen! Rittmeister  So ein Schlaganfall ist kein Witz. Valerie  Er hat ja schon direkt die Sphärenmusik gehört. Rittmeister  Was verstehen Sie unter Sphärenmusik? Valerie  Wenn einer knapp vor dem Tode ist, dann fängt die arme Seel bereits an, den Körper zu verlassen – aber nur die halbe Seel – und die fliegt dann schon hoch hinauf und immer höher und dort droben gibts eine sonderbare Melodie, das ist die Musik der Sphären – Stille . Rittmeister  Möglich. An und für sich – Jetzt spielt die Realschülerin im zweiten Stock einen Walzer von Johann Strauß . Valerie  Können Sie schweigen, Herr Rittmeister? Rittmeister  Natürlich! Valerie  Ehrenwort? Rittmeister  Na wenn ich als alter Offizier nicht schweigen könnt! Denkens doch nur mal an all die militärischen Geheimnisse, die ich weiß! Pause . Valerie  Herr Rittmeister. Sie war bei mir. Rittmeister  Wer? Valerie  Die Mariann. Ja, die Mariann. Sie hat mich aufgesucht. Vier Wochen ist sie jetzt gesessen in ihrer Untersuchungshaft, und jetzt hat sie nichts zum Beißen – nur ihren Stolz, den hat sie noch gehabt! Aber den hab ich ihr gründlich ausgetrieben, kann ich nur sagen! Gründlich! Verlassen Sie sich nur auf mich, Herr Rittmeister, ich werd sie schon mit ihrem Papa aussöhnen, wir Frauen verstehen das besser als wie die Herren der Schöpfung! Sie haben ja das im Maxim viel zu direkt versucht – mein Gott, hab ich mich damals erschrocken! Rittmeister  Ende gut, alles gut! Erich   kommt rasch von rechts – er will in die Puppenklinik, erblickt aber den Rittmeister und fixiert ihn – und die Realschülerin bricht den Walzer ab, mitten im Takt . Rittmeister   betrachtet Erich geringschätzig – grüßt dann höflich Valerie und ab, knapp an Erich vorbei . Erich   sieht ihm finster nach und betrachtet dann Valerie . Valerie   will ab in ihre Tabak-Trafik . Erich  Halt! Verzeihen, Gnädigste! Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß wir uns jetzt wahrscheinlich das letztemal sehen – Valerie  Hoffentlich! Erich  Ich fahre nämlich morgen früh – für immer. Valerie  Glückliche Reise! Erich  Danke! Er grüßt wieder korrekt und will ab in die Puppenklinik . Valerie   plötzlich : Halt! Erich  Zu Befehl! Stille . Valerie  Wir wollen uns nicht so Adieu sagen – Komm, geben wir uns die Hand – trennen wir uns als gute Kameraden – Erich  Gut. Er gibt ihr die Hand; zieht dann ein Notizbuch aus der Tasche und blättert darin . Hier steht es genau notiert: Soll und Haben – jede Zigarette. Valerie   freundlich : Ich brauch deine Zigaretten nicht – Erich  Ehrensache! Valerie   nimmt seine Hand, in der er das Notizbuch hält, und streichelt sie : Du bist halt kein Psychologe, Erich – Sie nickt ihm freundlich zu und langsam ab in die Tabak-Trafik – und jetzt spielt die Realschülerin wieder . Erich   sieht ihr nach; ist nun allein : Altes fünfzigjähriges Stück Scheiße – Ab in die Puppenklinik . Oskar   kommt mit Alfred aus seiner Fleischhauerei : Also auf alle Fäll dank ich Ihnen herzlichst, daß Sie mich besucht haben – und daß wir uns so gut vertragen in puncto Mariann. Alfred  Es bleibt dabei: Ich laß ab von ihr – für ewig. Er erblickt den Zettel auf der Puppenklinikauslage . Was? »Ausverkauf«? Oskar   lächelt : Auch das, lieber Herr – Es wird sich hier bald ausgezaubert haben, das heißt: falls er sich nicht wieder mit unserer Mariann versöhnt, denn so solo schaffts der Alte nicht mehr – Alfred  Wie traurig das alles ist! Glaubens mir nur, ich bin an dieser ganzen Geschicht eigentlich unschuldig heut begreif ich mich gar nicht, ich hab es doch so gut gehabt früher, ohne Kummer und ohne Sorgen – und dann laßt man sich in so ein unüberlegtes Abenteuer hineintreiben – es geschieht mir schon ganz recht, weiß der Teufel, was in mich gefahren ist! Oskar  Das ist halt die große Liebe gewesen. Alfred  Oh nein! Dazu hab ich schon gar kein Talent. – Ich war nur zu weich. Ich kann halt nicht nein sagen, und dann wird so eine Liaison automatisch immer ärger. Ich wollt nämlich seinerzeit Ihre Verlobung wirklich nicht auseinanderbringen – aber die liebe Mariann bestand auf dem Alles-oder-Nichts-Standpunkt. Verstehens mich? Oskar  Leicht. Der Mann ist ja nur der scheinbar aktive Teil und das Weib nur der scheinbar passive – wenn man da näher hineinleuchtet – Alfred  Abgründe tun sich auf. Oskar  Und sehens, deshalb war ich Ihnen persönlich eigentlich nie so recht bös – Ihnen hab ich nie etwas Böses gewünscht – während die Mariann – Er lächelt . Ja, die hat bitter büßen müssen, das arme Hascherl – für die große Leidenschaft ihres Lebens – Alfred  Nein, soviel Leut ins Unglück zu stürzen! Wirklich: wir Männer müßten mehr zusammenhalten. Oskar  Wir sind halt zu naiv. Alfred  Allerdings. Jetzt bricht die Realschülerin wieder ab . Alfred  Herr Oskar. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, daß Sie es übernommen haben, mich mit der Frau Valerie wieder auszusöhnen – Oskar   unterbricht ihn : Pst! Zauberkönig   begleitet Erich aus der Puppenklinik – beide bemerken weder Alfred noch Oskar, die sich in die Tür der Fleischhauerei zurückgezogen haben : Also nochmals, gute Reise, Erich! Bleib gesund und komm gut nach Dessau! Erich  Nach Kassel, Onkel! Zauberkönig  Kassel und Dessau – das werd ich nimmer lernen! Und vergiß unsere Wienerstadt nicht und deinen armen alten Onkel! Erich   schlägt nochmals die Hacken zusammen, verbeugt sich straff und ab, ohne sich umzusehen . Zauberkönig   sieht ihm gerührt nach – erblickt dann Valerie, die, als sie Erichs Stimme gehört hatte, wieder in ihrer Tür erschien und horchte : Ein Prachtkerl, was? Nun spielt die Realschülerin wieder. Valerie   nickt langsam ja . Zauberkönig   holt sich aus dem Ständer vor der Tabak-Trafik eine Zeitung und durchblättert sie : Ja ja, Europa muß sich schon einigen, denn beim nächsten Krieg gehen wir alle zugrund – aber kann man sich denn alles bieten lassen?! Was sich da nur die Tschechen wieder herausnehmen! Ich sag dir heut: morgen gibts wieder einen Krieg! Und den muß es auch geben! Krieg wirds immer geben! Valerie   ist immer noch anderswo:  Das schon. Aber das wär halt das Ende unserer Kultur. Zauberkönig  Kultur oder nicht Kultur – Krieg ist ein Naturgesetz! Akkurat wie die liebe Konkurrenz im geschäftlichen Leben! Ich für meine Person bin ja konkurrenzlos, weil ich ein Spezialgeschäft bin. Trotzdem geh ich zugrund. Ich kanns halt allein nicht mehr schaffen, mich macht schon jeder Käufer nervös – Früher, da hab ich eine Frau gehabt, und wie die angefangen hat zu kränkeln, da ist die Mariann schon so groß gewesen – Valerie  Wie groß? Zauberkönig  So groß! Pause . Valerie  Wenn ich Großpapa war – Zauberkönig   unterbricht sie : Ich bin aber kein Großpapa, bitt ich mir aus! Er faßt sich ans Herz und der Walzer bricht ab . Reg mich doch nicht auf! Au, mein Herz – Stille . Valerie  Tuts weh? Zauberkönig  Bestialisch – Du weißt, was der Medizinalrat gesagt hat – mich könnt so ein Schlagerl treffen wie nix – Valerie  Ich kenn das von meinem Seligen her – Stichts? Zauberkönig  Es sticht – es sticht – Stille . Valerie  Leopold. Der liebe Gott hat dir einen Fingerzeig gegeben – daß du nämlich noch unter uns bist – Still! Reg dich nur nicht auf, reg dich nicht auf – sonst kommt der Schlaganfall, der Schlaganfall, und dann – und dann – versöhn dich doch lieber, du alter Trottel versöhn dich, und du wirst auch dein Geschäft wieder weiterführen können, es wird alles wieder besser, besser, besser! Stille . Zauberkönig  Meinst du? Valerie  Schau, die Mariann – das ist doch kein böser Mensch, das ist doch nur ein dummes Weiberl – ein ganz armes dummes Weiberl – Zauberkönig  Dumm ist sie schon. Saudumm! Valerie  Und die hat sich eingebildet, die Welt nach ihrem Bild umzuformen – aber die Welt folgt halt doch nur dem Verstand, gelt, Großpapa? Zauberkönig   Großpapa? Valerie  Ja. Stille. Dann spielt wieder die Realschülerin. Zauberkönig   läßt sie langsam stehen und wendet sich seiner Puppenklinik zu – hält vor der Auslage und betrachtet den Ausverkaufszettel; dann nickt er Valerie freundlich zu, reißt den Zettel ab und verschwindet in seiner Puppenklinik. Valerie   grinst befriedigt und steckt sich eine Zigarette an. Oskar  Frau Valerie! Jetzt hätt ich für Sie eine Überraschung! Valerie  Was für eine Überraschung? Oskar  Es möcht sich jemand mit Ihnen versöhnen. Valerie  Wer? Erich? Oskar  Nein. Valerie  Sondern? Oskar  Dort – Valerie   nähert sich der Fleischhauerei und erblickt Alfred. Alfred   grüßt. Pause . Valerie  Ach! Jetzt ist es wieder aus mit der Musik. Alfred  Du ahnst es ja nicht, was mich diese Reue für innere Kämpfe gekostet hat, dieser Gang nach Canossa – Ich hab ja schon vor mir selbst gar kein Schamgefühl mehr, weil ich weiß, daß ich dir Unrecht getan hab. Valerie  Mir? Alfred  Ja. Valerie  Wann denn? Alfred   ist perplex. Valerie  Mir hast du nichts Schlechtes getan. Alfred   ist noch perplexer; er lächelt verlegen:  Na, ich hab dich doch immerhin verlassen – Valerie  Du mich? Ich dich! Und außerdem war das auch nichts Schlechtes, sondern nur etwas sehr Gutes, merk dir das, du eitler Aff! Alfred  Wir sind als gute Kameraden auseinander, verstanden? Valerie  Wir zwei sind getrennte Leut, verstanden?! Weil ich mit einem ausgemachten Halunken in der Zukunft nichts mehr zu tun haben möcht! Stille. Alfred  Wieso denn ein ausgemachter? Du hast doch grad selber gesagt, daß ich dir nichts getan hab! Valerie  Mir nichts! Aber der Mariann! Und deinem Kind? Stille. Alfred  Die Mariann hat immer gesagt, ich könnt hypnotisieren – Er schreit sie an . Was kann ich denn dafür, daß ich auf die Frauen so stark wirk?! Valerie  Schrei mich nicht an! Oskar  Meiner Meinung nach war der Herr Alfred relativ gut zur Mariann – Valerie  Wenn ihr Mannsbilder nur wieder zusammenhelft! Oh, ich hab aber auch noch mein weibliches Solidaritätsgefühl! Zu Alfred.  So klein möcht ich dich sehen, so klein! Stille. Alfred  Ich bin eine geschlagene Armee. Das muß du mir nicht zweimal sagen, daß ich ein schlechter Mensch bin, das weiß ich, weil ich halt zu guter Letzt ein schwacher Mensch bin. Ich brauch immer jemand, für den ich sorgen kann und muß, sonst verkomm ich sofort. Für die Mariann könnt ich aber nicht sorgen, das war mein spezielles Pech – Ja, wenn ich noch einiges Kapital gehabt hätt, dann hätt ich ja wieder auf die Rennplatz hinauskönnen, trotzdem daß sie es nicht hat haben wollen – Valerie  Sie hat es nicht haben wollen? Alfred  Aus moralischen Gründen. Valerie  Das war aber dumm von ihr, wo das doch dein eigenstes Gebiet ist. Alfred  Siehst du! Und an diesem Lebensauffassungsunterschied zerschellte auch schließlich unser Verhältnis. Ganz von allein. Valerie  Lüg nicht. Stille. Alfred  Valerie. Ich hab eine Hautcreme vertreten, Füllfederhalter und orientalische Teppich – es ist mir alles danebengelungen und nun steck ich in einer direkt schweinischen Situation. Du hast doch früher auch für eine jede Schweinerei Verständnis gehabt – Valerie   unterbricht ihn:  Wie wars denn in Frankreich? Alfred  Relativ genau wie hier. Valerie  Und wie sind denn die Französinnen? Alfred  Wie sie alle sind. Undankbar. Valerie   lächelt:  Du Lump. Was würdest du denn tun, wenn ich dir jetzt fünfzig Schilling leihen würd? Stille. Alfred  Fünfzig? Valerie  Ja. Alfred  Ich würde natürlich sofort telegraphisch in Maisons-Laffitte Sieg und Platz – Valerie   unterbricht ihn:  Und? Und? Alfred  Wieso? Valerie  Und den Gewinn? Stille. Alfred  lächelt hinterlistig: Den voraussichtlichen Gewinn würde ich morgen persönlich meinem Söhnchen überreichen – Valerie  Werden sehen –! Werden sehen! Marianne   kommt rasch und erschrickt. Oskar  Mariann! Valerie  Na also! Marianne   starrt einen nach dem anderen an – will rasch wieder fort. Valerie  Halt! Dageblieben! Jetzt werden wir mal den Schmutz da zusammenräumen – jetzt kommt die große Stöberei! Jetzt wird versöhnt und basta! Stille. Oskar  Mariann. Ich verzeihe dir gern alles, was du mir angetan hast – denn lieben bereitet mehr Glück, als geliebt zu werden. – Wenn du nämlich nur noch einen Funken Gefühl in dir hast, so mußt du es jetzt spüren, daß ich dich trotz allem noch heut an den Altar führen tät, wenn du nämlich noch frei wärst – ich meine jetzt das Kind – Stille. Marianne  Was denkst du da? Oskar   lächelt:  Es tut mir leid. Marianne  Was? Oskar  Das Kind – Stille. Marianne  So laß doch das Kind in Ruh – Was hat dir denn das Kind getan? Schau mich doch nicht so dumm an! Valerie  Mariann! Hier wird jetzt versöhnt! Marianne   deutet auf Alfred:  Aber nicht mit dem! Valerie  Auch mit dem! Alles oder nichts! Auch das ist doch nur ein Mensch! Alfred  Ich danke dir. Marianne  Gestern hast du noch gesagt, daß er ein gemeines Tier ist. Valerie  Gestern war gestern, und heut ist heut, und außerdem kümmer dich um deine Privatangelegenheiten. Alfred  Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt. Oskar   zu Marianne: Denn so lang du dies nicht hast Dieses Stirb und Werde! Bist du noch ein trüber Gast Auf der dunklen Erde! Marianne   grinst:  Gott, seid ihr gebildet – Oskar  Das sind doch nur Kalendersprüch! Valerie  Spruch oder nicht Spruch! Auch das ist doch nur ein Mensch mit allen seinen angeborenen Fehlern und Lastern – Du hast ihm auch keinen genügend starken inneren Halt gegeben! Marianne  Ich hab getan, was ich tun konnte! Valerie  Du bist halt noch zu jung! Stille. Alfred  Zu guter Letzt war ich ja auch kein Engel. Valerie  Zu guter Letzt ist bei einer solchen Liaison überhaupt nie jemand schuld – das ist doch zu guter Letzt eine Frage der Planeten, wie man sich gegenseitig bestrahlt und so. Marianne  Mich hat man aber eingesperrt. Stille. Marianne  Sie haben mich sehr erniedrigt. Oskar  Die Polizei trägt allerdings keine Glacéhandschuhe. Valerie  Waren es wenigstens weibliche Kriminalbeamte? Marianne  Teils. Valerie  Na also! Stille. Valerie  Marianderl. Jetzt geh nur ruhig dort hinein – Sie deutet auf die Puppenklinik.   Marianne  Und? Valerie  Geh nur – Marianne  Aber auf deine Verantwortung – Valerie  Auf meine Verantwortung – Stille. Marianne   wendet sich langsam der Puppenklinik zu legt die Hand auf die Klinke und dreht sich dann nochmals Valerie, Alfred und Oskar zu:   Ich möcht jetzt nur noch was sagen. Es ist mir nämlich zu guter Letzt scheißwurscht – und das, was ich da tu, tu ich nur wegen dem kleinen Leopold, der doch nichts dafür kann. – Sie öffnet die Tür und das Glockenspiel erklingt, als wäre nichts geschehen.   IV Draußen in der Wachau Die Großmutter sitzt in der Sonne und die Mutter schält Erdäpfel. Und der Kinderwagen ist nirgends zu sehen. Die Großmutter  Frieda! Hast du ihr schon den Brief geschrieben? Die Mutter  Nein. Die Großmutter  Soll ich ihn vielleicht schreiben? Stille. Die Großmutter  Da wir die Adress des lieben Herrn Alfred nicht kennen, müssen wir es doch ihr schreiben – Die Mutter  Ich schreib schon, ich schreib schon. – Sie werden uns noch Vorwurf machen, daß wir nicht aufgepaßt haben – Die Großmutter  Wir? Du! Du, willst du wohl sagen! Die Mutter  Was kann denn ich dafür?! Die Großmutter  Wars vielleicht meine Idee, das Kind in Kost zu nehmen?! Nein, das war deine Idee – weil du etwas Kleines, Liebes um dich hast haben wollen, hast du gesagt! Hast du gesagt! Ich war immer dagegen. Mit so was hat man nur Scherereien! Die Mutter  Gut. Bin ich wieder schuld. Gut. Am End bin ich dann vielleicht auch daran schuld, daß sich der kleine Leopold erkältet hat – und daß er jetzt im Himmel ist?! Herrgott, ist das alles entsetzlich! Stille. Die Großmutter  Vielleicht ist es ihr gar nicht so entsetzlich – ich meine jetzt deine Fräulein Mariann. – Man kennt ja diese Sorte Fräuleins – vielleicht wird das Fräulein sogar zufrieden sein, daß sie es los hat – Die Mutter  Mama! Bist du daneben?! Die Großmutter  Was fällt dir ein, du Mistvieh?! Die Mutter  Was fällt dir ein, du Ungeheuer?! Das Fräulein ist doch auch nur eine Mutter, genau wie du!! Die Großmutter   kreischt:  Vergleich mich nicht mit ihr! Ich hab mein Kind in Ehren geboren, oder bist du ein unehelicher Schlampen?! Wo kein Segen von oben dabei ist, das endet nicht gut und soll es auch nicht! Wo kämen wir denn da hin?! Jetzt wird hier aber endlich geschrieben – und wenn du zu feig dazu bist, dann diktier ich dir! Sie erhebt sich.  Setz dich her! Hier hast du Papier und Bleistift – ich habs schon vorbereitet. Die Mutter  Ungeheuer – Die Großmutter  Kusch! Setz dich! Schreib! Freu dich, daß ich dir hilf! Die Mutter   Setzt sich. Die Großmutter   geht gebeugt auf und ab und diktiert:  Wertes Fräulein! – Jawohl: Fräulein! – Leider müssen wir Ihnen eine für Sie recht traurige Mitteilung machen. Gott der Allmächtige hat es mit seinem unerforschlichen Willen so gewollt, daß Sie, wertes Fräulein, kein Kind mehr haben sollen. Das Kind hat sich nur etwas erkältet, und dann ist es sehr schnell dahingegangen – Punkt. Aber trösten Sie sich, Gott der Allmächtige liebt die unschuldigen Kinder. Punkt. Neuer Absatz. Marianne   kommt mit Zauberkönig, Valerie, Oskar und Alfred, denen sie etwas vorausgeeilt ist:  Guten Tag, liebe Frau Zentner! Küß die Hand, Großmutter! Jetzt war ich aber lang nicht mehr da, ich bin ja nur froh, daß ich euch wiederseh – Das ist mein Vater! Zauberkönig   grüßt . Die Mutter   erblickt Alfred:  Alfred! Marianne   wird es plötzlich unheimlich:  Was habt ihr denn –? Die Großmutter   reicht ihr den Brief. Marianne   nimmt ihr mechanisch den Brief ab und sieht sich scheu um; bange:  Wo ist er denn – wo ist er denn –? Die Großmutter  Lesen, bitte. Lesen – Marianne   liest den Brief. Zauberkönig  Na, wo ist er denn, der kleine Leopold? Er hält ein Kinderspielzeug in der Hand, an dem Glöckchen befestigt sind, und läutet damit.  Der Opapa ist da. Der Opapa! Marianne   läßt den Brief fallen. Stille. Zauberkönig   plötzlich ängstlich:  Mariann! Ist denn was passiert? Valerie   hat den Brief aufgehoben und gelesen; jetzt schreit sie:  Maria! Tot ist er! Hin ist er, der kleine Leopold! Alfred  Tot?! Valerie  Tot! Sie schluchzt. Alfred   schließt sie automatisch in seine Arme. Zauberkönig   wankt – läßt das Kinder Spielzeug fallen und hält die Hand vors Gesicht. Stille. Die Großmutter   hebt neugierig das Kinderspielzeug auf und läutet damit. Marianne   beobachtet sie – stürzt sich plötzlich lautlos auf sie und will sie mit der Zither, die auf dem Tischchen liegt, erschlagen. Oskar   drückt ihr die Kehle zu. Marianne   röchelt und läßt die Zither fallen. Stille. Die Großmutter   hebt die Zither auf, leise:  Du Luder. Du Bestie Du Zuchthäuslerin. – Mich? Mich möchst du erschlagen, mich? Die Mutter   schreit die Großmutter plötzlich an:   Jetzt schau aber, daß du ins Haus kommst! Marsch! Marsch! Die Großmutter   geht langsam auf die Mutter zu:  Dir tät es ja schon lange passen, wenn ich schon unter der Erden war – nicht? Aber ich geh halt noch nicht, ich geh noch nicht – Da! Sie gibt der Mutter eine Ohrfeige.  Verfaulen sollt ihr alle, die ihr mir den Tod wünscht! Ab mit ihrer Zither in das Häuschen. Stille. Die Mutter   schluchzt:  Na, das sollst du mir büßen – Ihr nach. Zauberkönig   nimmt langsam die Hand vom Gesicht:  Der zweite Schlaganfall, der zweite Schlaganfall – nein, nein, nein, lieber Gott, laß mich noch da, lieber Gott – Er bekreuzigt sich . Vater unser, der du bist im Himmel – groß bist du und gerecht – nicht wahr, du bist gerecht? Laß mich noch, laß mich noch – Oh, du bist gerecht, oh, du bist gerecht! Er richtet sich seine Krawatte und geht langsam ab. Valerie   zu Alfred:  Wie groß war er denn schon, der kleine Leopold? Alfred  So groß – Valerie  Meine innigste Kondolation. Alfred  Danke. Er zieht Geldscheine aus seiner Hosentasche.  Da. Jetzt hab ich gestern noch telegraphisch gesetzt und hab in Maisons-Laffitte gewonnen – und heut wollt ich meinem Sohne vierundachtzig Schilling bringen – Valerie  Wir werden ihm einen schönen Grabstein setzen. Vielleicht ein betendes Englein. Alfred  Ich bin sehr traurig. Wirklich. Ich hab jetzt grad so gedacht – so ohne Kinder hört man eigentlich auf. Man setzt sich nicht fort und stirbt aus. Schad! Langsam ab mit Valerie. Marianne  Ich hab mal Gott gefragt, was er mit mir vorhat. – Er hat es mir aber nicht gesagt, sonst war ich nämlich nicht mehr da. – Er hat mir überhaupt nichts gesagt. – Er hat mich überraschen wollen. – Pfui! Oskar  Marianne! Hadere nie mit Gott! Marianne  Pfui! Pfui! Sie spuckt aus. Stille. Oskar  Mariann. Gott weiß, was er tut, glaub mir das, Marianne  Kind! Wo bist du denn jetzt? Wo? Oskar  Im Paradies. Marianne  So quäl mich doch nicht – Oskar  Ich bin doch kein Sadist! Ich möcht dich doch nur trösten. – Dein Leben liegt doch noch vor dir. Du stehst doch erst am Anfang. – Gott gibt und Gott nimmt. Marianne  Mir hat er nur genommen, nur genommen – Oskar  Gott ist die Liebe, Mariann – und wen er liebt, den schlägt er – Marianne  Mich prügelt er wie einen Hund! Oskar  Auch das! Wenn es nämlich sein muß. Nun spielt die Großmutter auf ihrer Zither drinnen im Häuschen die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Oskar  Mariann. Ich hab dir mal gesagt, daß ich es dir nie wünsch, daß du das durchmachen sollst, was du mir angetan hast – und trotzdem hat dir Gott Menschen gelassen – die dich trotzdem lieben – und jetzt, nachdem sich alles so eingerenkt hat. – Ich hab dir mal gesagt, Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn – Marianne  Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr – Oskar  Dann komm – Er stützt sie, gibt ihr einen Kuß auf den Mund und langsam ab mit ihr – und in der Luft ist ein Klingen und Singen, als spielte ein himmlisches Streichorchester die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß. Ende des dritten und letzten Teiles.