Henrik Ibsen Frau Inger auf Oestrot Schauspiel in fünf Akten Personen Frau Inger, Otto Römers Tochter und Witwe des Reichshofmeisters Nils Gyldenlöve Eline Gyldenlöve , ihre Tochter Reichsrat Nils Lykke , ein dänischer Ritter Olaf Skaktavl , ein geächteter norwegischer Edelmann Nils Stenssön Herr Jens Bjleke , schwedischer Oberst Björn , Kammerdiener auf Oestrot Finn , Schloßdiener Ejnar Huk , Schloßvogt Hausgesinde, Bauern und schwedische Kriegsknechte Das Stück spielt auf dem Herrensitz Oestrot am Drontheimfjord im Jahre 1528. Erster Akt Eine Stube auf Oestrot. Durch die offene Tür im Hintergrunde sieht man den Rittersaal in schwachem Mondlicht, das dann und wann durch ein tiefes Bogenfenster fällt und die entgegengesetzte Wand streift. Rechts die Ausgangstür; davor ein Fenster mit einem Vorhang. Links eine Tür, die in die inneren Gemächer führt; weiter im Vordergrunde ein großer offener Herd, der in der Stube Helle verbreitet. Es ist ein stürmischer Abend. Björn und Finn sitzen am Feuer. Finn ist damit beschäftigt, einen Helm blank zu putzen. Verschiedene Waffenstücke, ein Schwert und ein Schild liegen neben ihnen. Finn nach einer Pause. Wer war Knut Alfsön? Björn . Die Herrschaft sagt, er war Norwegens letzter Rittersmann. Finn . Die Dänen erschlugen ihn ja beim Osloer Fjord? Björn . Frag' einen Buben von fünf Jahren, wenn Du's nicht weißt. Finn . So? Knut Alfsön war also unser letzter Ritter? Und nun ist er tot und begraben! Indem er den Helm in die Höhe hält: Ja, dann kannst du lange im Rittersaal hängen, und blank geputzt! Denn jetzt bist du nichts weiter als eine leere Nußschale. Den Kern – den haben die Würmer schon vor manchem Winter gefressen – – Höre, Björn, – könnte man nicht sagen, Norwegen ist auch solch eine leere Nußschale wie dieser Helm: blank außen, wurmstichig innen? Björn . Halt's Maul und tu Deine Arbeit! – Ist der Helm fertig? Finn . Er glänzt wie Silber im Mondschein. Björn . So leg' ihn weg! – Hier, schab' den Rost vom Schwerte! Finn dreht und wendet es hin und her. Wird das sich auch verlohnen? Björn . Wieso? Finn . Die Schneide ist stumpf. Björn . Was kümmert's Dich! Gib mir das Schwert. – Hier ist der Schild. Finn wie zuvor. Dem fehlt der Handgriff. Björn murmelt. Könnt' ich nur Dich mit einem Handgriff packen und – Finn trällert ein Weilchen vor sich hin. Björn . Was soll das wieder? Finn . Ein leerer Helm, ein Schwert ohne Schneide, ein Schild ohne Handgriff – sieh, das ist die ganze Herrlichkeit. Ich glaube, niemand wird Frau Inger schmälen, daß sie solche Waffen putzen und im Saal aufhängen läßt, statt sie rosten zu lassen in Dänenblut. Björn . Ach, Geschwätz! Wir haben ja doch Frieden im Lande. Finn . Frieden? Ja, wenn der Bauer seinen letzten Pfeil verschossen, und wenn der Wolf dem Bauer das letzte Lamm aus dem Stall gestohlen hat, dann halten auch die zwei Frieden miteinander. Aber das ist mir eine wunderliche Freundschaft. Na, na, laß sein! – Wie gesagt, es ist recht und billig, daß die Rüstung blank im Saale hängt; denn Du kennst ja den alten Spruch: »Nur der Rittersmann ist ein Mann.« Und da es jetzt keinen Rittersmann mehr im Lande gibt, so haben wir auch keinen Mann mehr; und wo kein Mann ist, da beschließen die Weiber; und darum – Björn . Darum – darum ist mein Beschluß, daß Du Dein faules Gerede beschließest. Er erhebt sich. Es will Nacht werden. So, nun kannst Du Helm und Schild wieder in den Saal hängen. Finn mit gedämpfter Stimme. Nein, ich warte lieber bis morgen. Björn . Du hast doch wohl nicht Angst im Dunkeln ? Finn . Bei Tage nicht; aber bei Nacht bin ich nicht der einzige, dem es so ergeht. Du siehst mich an! Aber Du mußt wissen, unten in der Burgstube –, da spricht man allerlei. Leiser. Da gibt es manche, die glauben, daß dort drinnen jedwede Nacht ein großes, schwarzgekleidetes Gespenst umgeht. Björn . Altweibergeschwätz! Finn . Ja, aber alle schwören darauf, es sei wahr. Björn . Das glaub' ich wohl. Finn . Das seltsamste aber ist: Frau Inger hat dieselbe Meinung. Björn stutzt. Frau Inger? Und was meint sie? Finn . Was Frau Inger meint? Ja freilich, das weiß nicht jeder. Aber gewiß ist, daß sie keine Ruhe in sich hat. Merkst Du nicht, wie sie Tag für Tag bleicher und hagerer wird? Mit einem forschenden Blick. Die Leute sagen, sie schläft nie, und zwar wegen des Gespenstes. Während der letzten Worte ist Eline unter die halboffene Tür zur Linken getreten. Sie bleibt lauschend stehen, ohne bemerkt zu werden. Björn . Und solchen Unsinn glaubst Du? Finn . Je nun, so halb und halb. Es gibt übrigens auch Leute, die die Sache anders auslegen. Aber das geschieht nur aus Bosheit. Du, Björn, kennst Du die Weise, die im Land die Runde macht? Björn . Eine Weise? Finn . Ja, sie ist im Volksmunde. Es ist ein garstiges Schmählied natürlich. Es geht aber sonst recht artig. Hör' nur mal. Er singt mit gedämpfter Stimme: Frau Inger sitzt in Oestrots Saal, Wohl geht sie in Seide einher. Sie geht wohl in Seide und Pelz zumal, Sie flicht sich die Perlen ins Haar ohne Zahl, Und doch ist ihr Herze so schwer. Frau Inger hat sich den Dänen verkauft. Sie schickt ihr Gesind in des Fremden Gewalt Dafür zum Entgelt – Björn faßt ihn unwirsch bei der Brust. Eline zieht sich unbemerkt zurück. Björn . Und ich werde Dich in des Teufels Gewalt schicken, und zwar ohne Entgelt, wofern Du noch ein unziemliches Wort über Frau Inger redest. Finn indem er sich losreißt. Na, na! Hab' ich denn die Weise gemacht? Hörnerschall rechts hinter der Szene. Björn . Horch! – Was ist das? Finn . Ein Hornruf. – So bekommen wir noch spät abends Gäste. Björn am Fenster. Sie öffnen das Tor. Ich höre Hufschlag im Schloßhof. Es muß ein Rittersmann sein. Finn . Ein Rittersmann? Das ist wohl kaum möglich! Björn . Warum? Finn . Hast ja selbst gesagt: unser letzter Rittersmann ist tot und begraben. Er geht rechts ab. Björn . Der verdammte Schelm, – hat seine Augen überall. So hat mir's wenig gefrommt, daß ich alles zu verdecken und verstecken suchte. Sie ist in aller Munde. Nicht lange wird es dauern, und ein jeder ruft – Eline kommt wieder durch die Tür links. Sie sieht sich um und fragt, indem sie ihre Erregung unterdrückt: Bist Du allein, Björn? Björn . Seid Ihr es, Jungfer Eline? Eline . Björn, erzähl' mir wieder eins von Deinen Märchen! Ich weiß, Du kennst mehr als – Björn . Erzählen? Und jetzt? So spät am Abend? Eline . Wenn Du von der Zeit an rechnest, da es finster wurde hier auf Oestrot, dann ist es freilich spät. Björn . Was fehlt Euch? Ist Euch etwas widerfahren? Ihr seid so unruhig. Eline . Wohl möglich. Björn . Etwas ist los. Seit einem halben Jahre kenn' ich Euch kaum wieder. Eline . Vergiß nicht, daß seit einem halben Jahre Lucia, meine Lieblingsschwester, in der Leichengruft liegt. Björn . Jungfer Eline! Das ist gewiß nicht der Grund, oder doch nicht der einzige Grund, weshalb Ihr bald gedankenvoll und bleich und still, bald ungestüm und fassungslos einhergeht, wie jetzt. Eline . Meinst Du? Und warum nicht? War Lucia nicht sanft und fromm und hold wie eine Sommernacht? Björn, – ich sage Dir, Lucia war mir lieb wie mein eignes Leben. Hast Du vergessen, wie so manches liebe Mal wir als Kinder auf Deinen Knien saßen an den Winterabenden? Da sangst Du uns Weisen, und Du erzähltest – – Björn . Ja, damals wart Ihr froh und heiter. Eline . Ja, damals, Björn! Da lebt' ich freilich ein herrliches Leben in Märchen und in meinen eigenen Gedanken! Sollte man glauben, daß damals der Strand so kahl war wie jetzt? Und wenn er es war, so merkt' ich es nicht. Da unten erging ich mich ja am liebsten und dichtete alle die schönen Fabeln. Meine Helden kamen aus weiter Ferne her und fuhren wieder übers Meer; und ich lebte mitten unter ihnen und folgte ihnen, wenn sie von dannen zogen. Sie sinkt auf einen Stuhl nieder. Nun fühl' ich mich so matt und müde; meine Märchen können mir nicht mehr helfen; sie sind nur – Märchen. Sie steht mit einem Ruck auf. Björn! – Weißt Du, was mich krank gemacht hat? Eine Wahrheit. Eine häßliche, häßliche Wahrheit, die Tag und Nacht an mir nagt. Björn . Was meint Ihr? Eline . Denkst Du noch daran, wie Du uns zuweilen Lebensregeln gabst und gute Ratschläge? Schwester Lucia befolgte sie; aber ich – Gott sei mir gnädig! Björn tröstend. Na, na! Eline . Ich weiß – ich war stolz, hochmütig. Wenn wir miteinander spielten, wollt' ich immer die Königin sein, weil ich die Größere, die Schönere, die Klügere war. Ich weiß, ich weiß! Björn . Das ist wahr. Eline . Einmal nahmst Du mich bei der Hand, blicktest mich ernsthaft an und sagtest: Sei nicht stolz auf Deine Schönheit und Deine Klugheit; aber sei stolz wie der Adler auf dem Felsen, so oft Du gedenkst, daß Du Inger Gyldenlöves Tochter bist. Björn . Ihr hattet guten Grund, stolz darauf zu sein. Eline . Ja, das sagtest Du mir gar oft, Björn. O, Du erzähltest mir damals so viele Märchen! Sie drückt ihm die Hand. Hab' Dank dafür! – Erzähl' mir eins wie ehedem; vielleicht wird mir wieder leicht ums Herz wie früher. Björn . Ihr seid ja kein Kind mehr. Eline . Wohl wahr! Aber laß mich wähnen, daß ich es noch bin. – Jetzt erzähle! Sie wirft sich in einen Stuhl. Björn setzt sich auf den Rand des Herdes. Björn . Es war einmal ein edler Rittersmann – Eline , die unruhig nach dem Rittersaal hingelauscht hat, faßt Björn am Arm und flüstert in heftiger Erregung: Still! Schrei doch nicht so! Ich bin ja nicht schwerhörig. Björn leiser. Es war einmal ein edler Rittersmann, von dem die seltsame Kunde ging – Eline erhebt sich halb und lauscht mit ängstlicher Spannung nach dem Saal zu. Björn . Jungfer Eline – was fehlt Euch? Eline setzt sich wieder. Mir? Nichts. Erzähl' nur weiter! Björn . Na, wie gesagt, – wenn er einer Maid tief ins Auge sah, so vergaß sie das nun und nimmermehr, sondern folgte ihm in Gedanken, wo er ging und stand, und welkte hin vor Gram. Eline . Davon hab' ich gehört – –. Das ist übrigens kein Märchen, was Du erzählst. Denn der Rittersmann, von dem Du berichtest, ist Nils Lykke, der noch heutigen Tages im dänischen Reichsrat sitzt – Björn . Kann wohl sein. Eline . Nun ja, gleichviel! – Fahr nur fort! Björn . Und so begab es sich einmal – Eline erhebt sich plötzlich. Pst! Still! Björn . Was gibt's? Was ist Euch! Eline lauschend. Hörst Du? Björn . Was? Eline . Da – beim heiligen Christ, – da! Björn erhebt sich. Was ist denn? Wo? Eline . Sie selbst – im Rittersaale – Sie eilt nach dem Hintergrunde. Björn folgt ihr. Wie könnt Ihr glauben –? Jungfer Eline, geht auf Eure Kammer! Eline . Pst! Steh still! Rühr' Dich nicht! Laß Dich nicht sehen! Halt! Da kommt der Mond hervor –. Kannst Du die schwarze Gestalt erkennen –? Björn . Bei allen Heiligen –! Eline . Sieh, – da hat sie Knut Alfsons Bild gegen die Wand umgedreht. Haha! Er blickt ihr wohl zu stier ins Auge. Björn . Jungfer Eline, hört mich! Eline , indem sie zum Herde geht. Nun weiß ich, was ich weiß. Björn für sich. So ist es doch wahr! Eline . Wer war es, Björn? Wer war es? Björn . Das habt Ihr ebenso genau gesehen wie ich. Eline . Wohlan! Wen hab' ich gesehen? Björn . Ihr habt Eure Mutter gesehen. Eline halb zu sich. Nacht für Nacht vernahm ich ihren Schritt im Saal. Ich hörte sie flüstern und stöhnen, gleich einer unerlösten Seele. Und in dem Liede heißt es ja – Ah, nun weiß ich's! Nun weiß ich, daß – Björn . Still! Inger kommt rasch aus dem Saale, ohne die andern zu beachten, geht direkt aufs Fenster zu, zieht den Vorhang zurück und starrt eine Weile hinaus, als ob sie auf der Landstraße nach jemand spähe; dann wendet sie sich ab und kehrt langsam wieder in den Saal zurück. Eline leise, indem sie ihr mit den Augen folgt. So fahl und bleich wie der Tod – Man hört Lärm und Stimmen hinter der Tür zur Rechten. Björn . Was ist das wieder? Eline . Geh und sieh nach, was es gibt! Ejnar Huk, gefolgt von einem Troß Bauern und Hausgesinde, wird in der Vorstube sichtbar. Ejner Huk in der Türe. Nur herein zu ihr! Und unverzagt! Björn . Was sucht Ihr? Ejner . Frau Inger. Björn . Frau Inger? Und so spät am Abend? Ejner . Spät, doch immer noch zeitig genug, denk' ich. Die Bauern . Ja, ja – jetzt muß sie uns hören! Die ganze Schar dringt in die Stube ein. Im selben Augenblicke zeigt sich Inger in der Türe des Rittersaales. Alle schweigen plötzlich. Inger . Was wollt Ihr von mir? Ejner . Wir suchten Euch, edle Frau, um zu – Inger . Nun denn, – so sprecht! Ejner . Ei, es ist ja eine ehrliche Sache. Kurz und gut, wir kommen, Euch um Urlaub und Waffen zu bitten – Inger . Urlaub und Waffen? Wozu? Ejner . Es ist das Gerücht von Schweden herübergedrungen, daß das Volk in Dalekarlien sich erhoben hat und wider König Gustav zieht – Inger . Das Volk in Dalekarlien? Ejner . Ja, so geht das Gerücht, und es soll ganz verbürgt sein. Inger . Nun, und wenn dem so wäre, – was habt Ihr mit dem Aufstand in Dalekarlien zu schaffen? Die Bauern . Wir wollen mit! Wir wollen auch dabei sein! Frei wollen wir werden! Inger leise. Ah, wäre die Zeit gekommen! Ejner . Aus allen nordischen Grenzorten strömen die Bauern nach Dalekarlien hin. Selbst geächtete Männer, die Jahr um Jahr heimatlos in den Bergen umhergeirrt sind, selbst sie wagen sich wieder hervor zu den Höfen, sammeln Volk und schleifen die Schneide ihrer verrosteten Waffen. Inger nach einer Pause. Hört, – habt Ihr auch alles wohl überlegt? Habt Ihr auch nachgerechnet, was es Euch kosten würde, wenn König Gustavs Mannen siegen sollten ? Björn leise und flehentlich zu Inger. Rechnet nach, was es den Dänen kosten wird, wenn König Gustavs Mannen unterliegen sollten! Inger abweisend. Dies Rechenexempel ist nicht meine Sache. Sie wendet sich zu der Menge. Ihr wißt, König Gustav kann sicher auf den Beistand Dänemarks hoffen. König Friedrich ist sein Freund und wird ihn gewiß nicht im Stiche lassen – Ejner . Aber wenn sich nun die Bauern im ganzen norwegischen Land erhöben? Wenn wir uns alle erhöben, Herrschaften und Gemeine? Ja, Frau Inger, nun, glaub' ich fast, ist die Gelegenheit gekommen, auf die wir so lange gewartet haben! Bricht es jetzt los, so muß der Fremdling aus dem Lande! Die Bauern . Ja, fort mit den dänischen Vögten! Fort mit den fremden Herrenleuten! Fort mit den Trabanten des Reichsrats! Inger leise. O, es ist Mark in ihnen; und doch, doch – Björn für sich. Sie ist unschlüssig. Zu Eline. Was gilt's, Jungfer Eline – Ihr habt Euch mit Euerm Urteil über die Mutter versündigt. Eline . Björn, – ich wollte mir diese Augen aus dem Kopfe herausreißen, wenn sie mir gelogen hätten! Ejner . Seht, vieledle Frau – erst gilt es König Gustav; ist er bezwungen, so werden sich die Dänen nicht lange hier im Lande halten können. Inger . Und dann? Ejner . Dann sind wir frei; dann haben wir keinen fremden Herrn mehr über uns und können uns selbst einen König wählen, wie es die Schweden vor uns getan haben. Inger lebhaft. Selbst einen König –! Denkst Du an das Geschlecht der Sture? Ejner . König Christian und andere nach ihm haben reinen Tisch gemacht mit dem Grund- und Erbbesitz ringsum. Unsre edelsten Erbsassen irren vogelfrei zwischen Felsenklüften umher, wenn sie überhaupt noch leben. Gleichwohl aber könnte sich dieser oder jener Sproß aus den alten Geschlechtern finden – Inger rasch. Genug, Ejnar Huk! Genug –. Für sich. O meine teuerste Hoffnung! Sie wendet sich zu den Bauern und dem Gesinde. Ich hab' Euch nun vermahnt, so gut ich konnte Ich hab' Euch gesagt, in wie große Gefahr Ihr Euch hineinwagt. Aber da Ihr so fest auf Eurem Vorsatz besteht, so wär' es töricht von mir, Euch zu verbieten, was Ihr auf eigne Faust durchsetzen könntet. Ejner . Wir haben also Eure Zustimmung –? Inger . Ihr habt Euern eignen festen Willen; fragt den um Rat. Werdet Ihr wirklich jeden lieben Tag geplagt und geknechtet, wie Ihr sagt – –. Ich weiß so wenig von diesen Dingen; ich will nicht mehr wissen! Was vermag ich, ein lediges Weib –? Selbst wenn Ihr den Rittersaal plündern wolltet – und es findet sich manch brauchbare Waffe darin –; Ihr habt heut abend die Macht auf Oestrot; Ihr könnt tun, was Euch gelüstet. Gute Nacht! Die Menge bricht in einen lauten Ruf der Freude aus. Die Knechte machen Licht und holen allerhand Waffenstücke aus dem Rittersaal. Björn ergreift die Hand Ingers, die sich zum Gehen wendet. Dank, meine edle und großmütige Herrin! Ich, der ich Euch seit Euren Kinderjahren kenne, ich habe nie an Euch gezweifelt. Inger . Still, Björn! Es ist ein gefährliches Spiel, das ich an diesem Abend gewagt habe. – Für die andern gilt es nur das Leben, aber für mich – das glaube mir – gilt es tausendmal mehr! Björn . Wie? Bangt Euch um Eure Macht oder um das gute Einvernehmen mit – Inger . Meine Macht! O Gott im Himmel! Ein Knecht kommt aus dem Saal mit einem großen Schwert. Seht, hier ist ein richtiger Wolfszahn! Damit will ich die Knechte des Blutsaugers zerfetzen. Ejner zu einem andern Knecht. Was hast Du aufgetrieben? Der Knecht . Den Brustpanzer, der Herlof Hyttefad gehört haben soll. Ejner . Der ist zu gut für Dich; – sieh, hier hab' ich die Lanzenstange Sten Stures! Steck' den Panzer darauf, so haben wir das prächtigste Heerzeichen, das man verlangen kann. Der Schlossdiener Finn mit einem Brief in der Hand kommt durch die Tür links und geht auf Inger zu. Ich hab' Euch in allen Stuben gesucht – Inger . Was soll's? Finn reicht ihr den Brief. Ein Knappe aus Drontheim hat Brief und Botschaft für Euch gebracht. Inger . Laß sehen! Indem sie den Brief öffnet: Aus Drontheim? Was kann das sein? Sie durchfliegt den Brief. Barmherziger! Von ihm! Er hier im Lande – Sie liest in heftiger Bewegung weiter, während die Mannen fortfahren, sich Waffen aus dem Saale zu holen. Inger für sich. Er kommt also hierher – und noch in dieser Nacht. – Ja, dann gilt es, mit der Klugheit und nicht mit dem Schwerte zu kämpfen! Ejner . Genug, genug, Ihr guten Bauern! Nun, mein' ich, sind wir wohlgerüstet. Nun können wir uns auf den Weg machen. Inger mit einer raschen Wendung. Kein Mann verläßt diese Nacht den Hof! Ejner . Aber edle Frau, jetzt ist der Wind uns günstig; wir gehen über den Fjord und – Inger . Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Ejner . Sollen wir denn bis morgen warten? Inger . Bis morgen und noch länger. Kein bewaffneter Mann darf Oestrot verlassen – für den Augenblick! Man vernimmt aus der Menge Äußerungen des Unwillens. Einige Bauern . Wir gehen trotzdem, Frau Inger! Viele Andere . Ja, ja, wir gehen trotzdem. Inger einen Schritt näher. Wer wagt es? Alle schweigen; nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: Ich habe für Euch gedacht. Was wißt Ihr geringen Leute aus dem Volke von den Sachen des Landes? Wie könnt Ihr Euch vermessen, über dergleichen zu urteilen? Ihr werdet Druck und Mühsal noch eine Weile ertragen müssen! Das darf Euch nicht zu nahe gehen, wenn Ihr bedenkt, daß auch uns, den Herrengeschlechtern, heutzutage kein bessres Los beschert ist! – Tragt die Waffen alle wieder in den Saal! Später sollt Ihr meinen Willen erfahren! Geht! Das Gesinde bringt die Waffen zurück; dann entfernt sich die ganze Schar durch die Tür rechts. Eline leise zu Björn. Meinst Du noch immer, ich hätte mich mit meinem Urteil versündigt an – der Herrin von Oestrot? Inger Björn herbeiwinkend. Halt eine Gastkammer bereit – Björn . Gut, Frau Inger. Inger . Und die Pforte offen für jeden, der etwa anpocht. Björn . Aber – ? Inger . Die Pforte offen. Björn . Die Pforte offen. Er geht rechts ab. Inger zu Eline, die schon in der Tür links steht. Bleib – Eline – mein Kind. Ich habe mit Dir allein zu reden. Eline . Ich höre Euch. Inger . Eline, – – – Du denkst schlecht von Deiner Mutter. Eline . Ich denke nur die Gedanken, zu denen mich Euer Benehmen so schmerzlich zwingt. Inger . Und Du antwortest mir, wie Dein harter Sinn Dir gebeut. Eline . Wer hat meinen Sinn verhärtet? Seit frühester Kindheit war ich gewohnt, zu Euch emporzublicken wie zu einem großen, hochgesinnten Weibe. Euch müßten, dacht' ich, jene Frauen gleichen, von denen in den Chroniken und im Heldenbuche steht. Es war mir, als ob Gott selbst sein Zeichen auf Eure Stirn gedrückt und Euch als die bestimmt hätte, die die Zagen und Unschlüssigen lenken sollte. Im Hochsaale sangen Ritter und Herrenleute zu Eurem Preis; ja selbst der gemeine Mann, nah und fern, nannte Euch die Hoffnung und Stütze des Landes, und alle meinten sie, daß durch Euch die guten Zeiten wieder kommen würden. Alle meinten sie, daß mit Euch ein neuer Tag uns anbräche. Noch ist es Nacht; und ich weiß nicht, ob ich länger glauben darf, daß mit Euch ein Morgen kommt. Inger . Es läßt sich leicht erraten, woher Dir so giftige Worte stammen. Dir ist zu Ohren gekommen, was der gedankenlose Haufe über Dinge flüstert und murmelt, die er kaum beurteilen kann. Eline . Im Volksmund ist Wahrheit, sagtet Ihr damals, als Euer Ruhm in Wort und Lied erscholl. Inger . Mag sein. Aber wenn ich nun auch vorgezogen hätte, untätig hier zu sitzen, obgleich es bei mir stünde, zu handeln, – glaubst Du nicht, daß dieses mein Los mir eine Bürde ist? Und auf diese schwere Bürde willst Du noch Steine häufen? Eline . Die Steine, die ich auf Eure Bürde häufe, drücken mich ebenso sehr wie Euch. Leicht und frei sog ich des Lebens Odem ein, solang' ich an Euch glaubte. Denn soll ich leben, muß ich Stolz empfinden; und stolz würde ich mit Recht gewesen sein, wofern Ihr geblieben wäret, was Ihr einstens wart! Inger . Und was bürgt Dir dafür, daß ich es nicht bin? Eline – woher weißt Du so genau, daß Du Deiner Mutter nicht unrecht tust ? Eline leidenschaftlich. O, daß ich es täte! Inger . Still! Es kommt Dir nicht zu, Rechenschaft von Deiner Mutter zu fordern. – Mit einem einzigen Worte könnt' ich –; doch es zu hören wäre nicht gut für Dich. Du mußt abwarten, was die Zeit bringt; vielleicht – Eline , indem sie gehen will. Schlaft wohl, Mutter! Inger zögernd . Nein – bleib bei mir! Ich habe noch etwas – komm näher! – Du mußt mich hören, Eline! Sie setzt sich an den Tisch beim Fenster. Eline . Ich höre Euch. Inger . So verschlossen Du auch bist, ich weiß doch, daß Du Dich mehr als einmal von hier weggesehnt hast. Es ist Dir zu einsam und zu öde auf Oestrot. Eline . Wie kann Euch das wundern, Mutter?! Inger . Es steht bei Dir, ob es künftig anders werden soll. Eline . Wieso? Inger . Höre mich. In dieser Nacht erwart' ich einen Gast auf dem Schloß. Eline nähert sich. Einen Gast? Inger . Einen Gast, der fremd und unerkannt bleiben muß. Niemand darf wissen, woher er kommt, noch wohin er geht. Eline stürzt mit einem Freudenschrei ihrer Mutter zu Füßen und ergreift ihre Hände. Meine Mutter! Meine Mutter! Vergebt mir all das Unrecht, das ich Euch zugefügt habe, – wenn Ihr könnt! Inger . Was meinst Du ? Eline, ich versteh' Dich nicht. Eline . So haben sich denn alle getäuscht! Ihr seid noch im Herzen treu! Inger . Aber so steh doch auf, – und sag' mir – Eline . Und glaubt Ihr, daß ich nicht weiß, wer der Gast ist? Inger . Du weißt es? Und doch – Eline . Denkt Ihr denn, Oestrots Pforten sind so dicht verschlossen, daß nicht zuweilen ein Gerücht des Jammers hereindringen kann? Meint Ihr, ich weiß nicht, daß mancher Sprößling aus altem Geschlecht als Geächteter umherirrt, ohne Obdach und Lager, während die dänischen Herren auf seiner Väter Hof schalten und walten ? Inger . Und was weiter? Eline . Ich weiß wohl, daß mancher edle Ritter wie ein hungriger Wolf im Walde gehetzt wird. Er hat keinen Herd, wo er raste, keinen Bissen Brot – Inger kalt. Genug! Jetzt versteh' ich Dich. Eline fortfahrend. Und darum öffnet Ihr Oestrots Tore zu nächtlicher Zeit! Darum muß er fremd und unerkannt bleiben, jener Gast, von dem niemand wissen darf, woher er kommt oder wohin er geht. Ihr trotzt dem strengen Herrengebot, das verbietet, die Verfolgten zu behausen und ihnen beizustehen mit Obdach und Pflege – Inger . Genug, sag' ich! Sie schweigt eine Weile und fügt dann mit Überwindung hinzu: Du irrst, Eline; – nicht ein Geächteter ist's, den ich erwarte. Eline erhebt sich. So hab' ich Euch wahrlich falsch verstanden. Inger . Hör' mich an, mein Kind! Aber hör' mich mit Überlegung an, wofern Du Deinen wilden Sinn zu zähmen vermagst. Eline . Ich werd' ihn zähmen, bis Ihr zu Ende gesprochen habt. Inger . So gib wohl acht auf das, was ich Dir sage. – Ich suchte, soweit es in meiner Macht stand, vor Dir all die Not und Bedrängnis, die uns umgibt, zu verbergen. Denn was konnte es nützen, wenn ich Sorge und Gram in Deine junge Seele senkte? Tränen und Weiberseufzer können uns nicht aus den Drangsalen befreien. Wir brauchen Mut und Manneskraft. Eline . Und wer sagt Euch, daß ich nicht Mut und Manneskraft habe, wenn es gilt? Inger . Still, Kind! Ich könnte Dich beim Wort nehmen. Eline . Wie das, meine Mutter? Inger . Ich könnte beides von Dir fordern, ich könnte – doch laß mich erst zu Ende sprechen. – Wisse denn, daß die Zeit sich zu nahen scheint, auf die der dänische Reichsrat schon seit vielen Jahren hingearbeitet hat, – die Zeit, mein' ich, da man unsern Rechten und unsrer Freiheit den letzten Stoß geben wird. Sieh, darum gilt es – Eline lebhaft. Offne Fehde, meine Mutter? Inger . Nein, es gilt, Spielraum zu gewinnen. In Kopenhagen ist jetzt der Rat versammelt, um zu überlegen, wie man am geschicktesten die Sache anfaßt. Die Mehrheit soll der Ansicht sein, daß die Zwistigkeiten nicht beigelegt werden können, solange Norweger und Dänen uneins sind. Denn behalten wir unsre Rechte als freies Reich, – wenn einmal die Königswahl vor sich geht, so ist es wahrscheinlich, daß es zu offener Fehde kommt. Sieh, das wollen die dänischen Herren verhindern – Eline . Ja, das wollen sie verhindern, ja –! Aber sollen wir dergleichen dulden? Sollen wir ruhig zusehen, daß –? Inger . Nein, wir sollen es nicht dulden! Aber von der Waffe Gebrauch machen – wohin würde das führen, solange wir nicht alle einig sind? Und stand es jemals schlechter um die Einigkeit im Lande als gerade jetzt? – Nein, wenn wir etwas ausrichten wollen, so muß es heimlich und in der Stille geschehen. Wir müssen, wie ich Dir sagte, Spielraum gewinnen. Im südlichen Norwegen ist ein großer Teil des Adels für die Dänen; aber hier nördlich vom Dovrefjeld, ist die Stimmung noch zweifelhaft. Darum hat König Friedrich einen seiner höchsten Vertrauensmänner heraufgeschickt, der sich mit eignen Augen von unserer Gesinnung überzeugen soll. Eline gespannt. Nun – und? Inger . Und dieser Ritter kommt heut nacht hierher. Eline . Hierher? Und heut nacht? Inger . Ein Kauffahrer brachte ihn gestern nach Drontheim. Eben erhielt ich die Botschaft, daß er hier einkehren wird. Binnen einer Stunde kann man ihn erwarten. Eline . Und Ihr bedenkt nicht, Mutter, wie Ihr Euern Ruf aufs Spiel setzt, wenn Ihr dem dänischen Abgesandten eine solche Zusammenkunft gewährt? Ist nicht das Volk ringsumher schon mißtrauisch genug gegen Euch. Wie könnt Ihr hoffen, daß es sich dereinst von Euch lenken und leiten läßt, wenn ruchbar wird – Inger . Sei unbekümmert. All das hab' ich zur Genüge bedacht; aber es hat keine Not. Sein Geschäft hier im Land ist ein Geheimnis; deshalb ist er als Fremder nach Drontheim gekommen, und fremd und unerkannt wird er auch auf Oestrot weilen. Eline . Und der Name dieses dänischen Herrn –? Inger . Er klingt gut, Eline! Dänemarks Adel hat kaum einen besseren zu nennen. Eline . Und was habt Ihr im Sinne? Noch hab' ich Eure Absicht nicht erfaßt. Inger . Du wirst bald verstehen. – Da wir die Schlange nicht zertreten können, so müssen wir sie binden. Eline . Hütet Euch wohl – die Schnur möchte reißen! Inger . Es kommt auf Dich an, wie fest sie geknüpft werden soll. Eline . Auf mich? Inger . Längst hab' ich gemerkt, daß Oestrot Dir ein Kerker ist. Für einen jungen Falken taugt es nicht, zwischen Eisenstäben zu sitzen. Eline . Meine Schwingen sind gelähmt. Gäbt Ihr mich auch frei, es würde mir wenig frommen. Inger . Deine Schwingen sind nicht länger gelähmt, als Du selbst es willst. Eline . Ich es will? Mein Wille ist in Euern Händen. Werdet wieder, was Ihr gewesen seid, so will auch ich – Inger . Genug davon! Höre weiter! – Oestrot zu verlassen, wird Dir gewiß nicht unlieb sein. Eline . Wohl möglich, Mutter! Inger . Du hast mir einmal gesagt, daß Du Deine glücklichste Zeit in Deinen Märchen und Sagen verlebt hättest! Dieses Leben könnte Dir wiederkehren. Eline . Was meint Ihr? Inger . Eline, – wenn nun ein mächtiger Rittersmann käme und Dich nach seiner Burg führte, wo Du Knechte und Mägde, Seidenkleider und hohe Säle fändest? Eline . Ein Ritter, sagt Ihr? Inger . Ein Ritter. Eline leiser. Und der dänische Gesandte kommt heut nacht? Inger . Heut nacht. Eline . Wenn dem so ist, dann schaudert es mich, Eure Worte zu deuten. Inger . Es braucht Dich nicht zu schaudern, wenn Du sie nicht mißdeuten willst. Es ist gewißlich nicht meine Absicht, Dich zu zwingen. Nach eignem Gutdünken sollst Du wählen und selbst beschließen in dieser Sache. Eline einen Schritt näher. Habt Ihr von jener Mutter gehört, die zur Nachtzeit mit ihren kleinen Kindern im Schlitten übers Gebirge fuhr? Ein Rudel Wölfe folgte ihren Spuren; es ging um Tod und Leben – und sie warf ihre Kleinen hinter sich hinaus, eins nach dem andern, um Zeit zu gewinnen für die eigene Rettung! Inger . Märchen! Eine Mutter risse sich das Herz aus der Brust, ehe sie ihre Kinder vor die Wölfe würfe. Eline . Wär' ich nicht meiner Mutter Tochter, dann würd' ich Euch recht geben. Aber Ihr seid wie jene Mutter: Ihr habt Eure Töchter den Wölfen vorgeworfen, eine nach der andern. Zuerst habt Ihr ihnen die älteste vorgeworfen. Vor fünf Jahren zog Merete von Oestrot. Nun sitzt sie in Bergen als Vincenz Lunges Hausfrau. Aber glaubt Ihr, sie ist glücklich als des Dänenritters Weib? Vincenz Lunge ist fast wie ein König mächtig; Merete hat Knechte und Mägde, Seidenkleider und hohe Säle; aber der Tag hat keine Sonne für sie und die Nacht keine Ruhe; denn sie ist ihrem Mann nie gut gewesen. Er kam her, er freite um sie, weil sie Norwegens reichste Erbin war, und weil er damals festen Fuß im Lande fassen wollte. Ich weiß das; ich weiß es nur zu gut! Merete war Euch gehorsam; sie folgte dem fremden Herrn! Aber was hat es sie gekostet? Mehr Tränen, als eine Mutter sich wünschen wird am Tage des Gerichts verantworten zu müssen! Inger . Ich kenne meine Verantwortung, und sie schreckt mich nicht. Eline . Eure Verantwortung ist damit nicht zu Ende. Wo ist Lucia, Euer zweites Kind? Inger . Frage Gott, der sie zu sich nahm. Eline . Euch frage ich, denn Ihr habt's auf dem Gewissen, daß sie ihr junges Leben lassen mußte. Fröhlich war sie wie ein Vogel im Lenz, als sie von Oestrot zog, um Merete in Bergen zu besuchen. Ein Jahr danach stand sie wieder hier in der Stube; aber da waren ihre Wangen weiß, und der Tod hatte sich ihr in die Brust gefressen. Ja, Ihr wundert Euch, Mutter! Ihr glaubtet wohl, daß dies Geheimnis mit ihr begraben ist. Aber sie hat mir alles gesagt. Ein höfischer Ritter hatte ihr Herz gewonnen. Er wollte sie zu seinem Weibe machen. Ihr wußtet, daß es ihre Ehre galt. Doch Ihr bliebt unbeugsam, – und Euer Kind mußte sterben. Ihr seht, ich weiß alles. Inger . Alles? So hat sie Dir auch seinen Namen gesagt? Eline . Seinen Namen? Nein, seinen Namen hat sie mir nicht gesagt. Sie schien etwas wie eine beklemmende Scheu vor seinem Namen zu haben; – sie nannte ihn nie. Inger erleichtert, für sich. Ah! So weißt Du doch nicht alles! – – Eline, die Sache, an die Du gerührt hast, war mir völlig kund. Aber es ist etwas an der Sache, worauf Du vielleicht nicht acht gegeben hast: jener Edelmann, dem Lucia in Bergen begegnete, war ein Däne – Eline . Auch das weiß ich. Inger . Und seine Liebe war eine Lüge. Mit List und glatten Worten hatte er Lucia umstrickt. Eline . Ich weiß es. Aber sie hatte ihn dennoch lieb. Und hättet Ihr das Herz einer Mutter gehabt, so wäre Euch die Ehre Eures Kindes über alles gegangen. Inger . Nicht über ihr Glück. Glaubst Du, daß ich, Meretens Los vor Augen, mein zweites Kind an einen Mann hängen würde, der ihr nicht gut wäre? Eline . Kluge Worte betören gar manchen Sinn, mich aber betören sie nicht. – Glaubt nicht, daß ich so ganz fremd bin in dem, was rings im Lande vorgeht. Vollkommen durchschau' ich Euer Verhalten. Ich weiß wohl, daß der dänische Adel keine treu ergebene Freundin an Euch hat. Vielleicht haßt Ihr ihn, aber Ihr fürchtet ihn zu gleicher Zeit. Damals, als Ihr Merete dem Vincenz Lunge gabt, hatten die dänischen Herren allerorten die Übermacht im Lande. Drei Jahre danach, als Ihr Lucien verbotet, den zu ehelichen, an den sie ihr Leben geknüpft hatte, obgleich er sie verführt hatte, – da standen die Dinge ganz anders. Die dänischen Vögte des Königs hatten schändliche Greueltaten am Volke verübt, und Ihr fandet es nicht rätlich, Euch fester, als schon geschehen war, an die dänischen Gewalthaber anzuschließen. – Und was habt Ihr denn getan, um sie, die so jung sterben mußte, zu rächen? Ihr habt nichts getan! Wohlan! Ich werde für Euch handeln und die Schmach rächen, die unser Volk und unser Geschlecht betroffen hat. Inger . Du? Was hast Du im Sinn? Eline . Ich gehe meinen Weg, wie Ihr den Euern geht. Was ich im Sinn habe, weiß ich selbst nicht; aber ich fühle Kraft in mir, alles für unsere gerechte Sache zu wagen. Inger . Du wirst einen harten Kampf zu kämpfen haben. Ich habe einst dasselbe gelobt wie Du; und mein Haar ist ergraut unter der Bürde meines Gelübdes. Eline . Gute Nacht! Euer Gast könnte eintreffen, und bei dieser Begegnung bin ich überflüssig. – Vielleicht ist es noch Zeit für Euch –; nun, Gott stärke Euch und leite Euer Tun! Vergeßt nicht, daß viel tausend Augen auf Euch gerichtet sind! Denkt an Merete, die früh und spät um ihr verspieltes Leben weint; denkt an Lucia, die im schwarzen Sarge schläft, – Und noch eins! Vergeßt nicht, daß Ihr in dieser Nacht Schach zieht um Euer letztes Kind! Sie geht links ab. Inger blickt ihr eine Weile nach. Mein letztes Kind? – Du sprachst wahrer, als Du selbst wußtest. – – Aber es gilt nicht mein Kind allein. Gott helfe mir! In dieser Nacht wird Schach gezogen um das ganze norwegische Reich. – Ah! Reitet da nicht wer durch das Burgtor? Sie lauscht am Fenster. Nein, noch nicht. Es war nur der Wind. Grabeskalt weht er. – – Hat Gott der Herr recht gehandelt? Mich zum Weibe zu bilden und eine Mannestat auf meine Schultern zu laden!? Denn des Landes Wohlfahrt liegt in meiner Hand. In meiner Macht steht es, daß sich alle wie ein Mann erheben. Von mir erwarten sie das Zeichen; und geb' ich es jetzt nicht, so geschieht es – vielleicht nie. – Zögern? Die Vielen um des Einen willen opfern? – Wär' es nicht besser, wenn ich – –? Nein, nein, nein! Ich will nicht! Ich kann nicht! Sie wirft einen verstohlenen Blick nach dem Rittersaale, wendet sich, wie in Angst, ab und sagt flüsternd: Nun sind sie wieder da drin! Bleiche Schatten; tote Ahnen, gefallene Blutsfreunde! – – Pfui! diese bohrenden Augen in allen Ecken! Sie schlägt mit der Hand hinter sich und ruft: Sten Sture! Knut Alfsön! Olaf Skaktavl! Weicht, weicht! Ich kann es nicht! Ein fremder, kräftig gebauter Mann mit angegrautem Haar und Bart, mit einem zerrissenen Wams aus Schaffell bekleidet und mit rostigen Waffen, ist durch den Rittersaal eingetreten. Der Fremde bleibt bei der Tür stehen und sagt mit gedämpfter Stimme: Heil Euch, Frau Inger Gyldenlöve! Inger wendet sich mit einem Schrei um. Ha! – Jesus Christus, steh mir bei! Sie fällt in den Stuhl zurück. Der Fremde blickt sie starr an, unbeweglich, auf sein Schwert gelehnt. Zweiter Akt Stube auf Oestrot, wie im ersten Akt. Inger sitzt am Tisch rechts vor dem Fenster. Olaf Skaktavl steht ein wenig von ihr entfernt. Beider Mienen verraten, daß ein sehr aufgeregtes Gespräch vorangegangen ist. Olaf . Zum letzten Mal, Inger Gyldenlöve, – Ihr seid also unbeugsam in Euerm Entschluß? Inger . Ich kann nicht anders. Und mein Rat ist: geht auch Ihr meinen Weg. Ist es des Himmels Wille, daß Norwegen untergehen soll, so geht es unter, ob wir es nun stützen oder nicht. Olaf . Und mit diesem Glauben, meint Ihr, soll ich mich in Geduld fassen? Ich sollte ruhig dasitzen und zuschauen, nun die Zeit gekommen ist? Habt Ihr vergessen, was ich zu rächen habe? Mein liegendes Gut haben sie geraubt und unter sich geteilt. Meinen Sohn, mein einziges Kind, den letzten Sproß unseres Geschlechtes, erschlugen sie vor meinen Augen wie einen Hund, und mich selbst haben sie zwanzig Jahre lang friedlos durch Wald und Gebirge gehetzt. Das Gerücht hat mich mehr als ein liebes Mal tot gesagt; aber nun hab' ich die Zuversicht, daß man mich nicht in die Erde legen wird, eh' ich Rache genommen habe. Inger . Dann habt Ihr auf ein langes Leben zu hoffen. Und jetzt – was wollt Ihr tun? Olaf . Tun? Was weiß ich, was ich tun werde? Ich habe mich niemals darauf verstanden, Pläne zu schmieden. Das ist etwas, wozu ich Eurer Hilfe bedarf. Ihr seid gar klug dazu; ich habe nur meine zwei Arme und meine Wehr. Inger . Eure Wehr ist verrostet, Olaf Skaktavl! Jede Wehr in Norwegen ist verrostet. Olaf . Also deshalb streiten gewisse Leute nur mit der Zunge? – Inger Gyldenlöve, Ihr habt Euch sehr verändert. Es war eine Zeit, da schlug ein Mannesherz in Eurer Brust. Inger . Mahnt mich nicht an das, was war . Olaf . Und doch bin ich darum zu Euch gekommen. Ihr sollt mich hören, wenn auch – Inger . Nun wohl! Aber macht es kurz; denn – ich muß es Euch wohl sagen – Ihr seid hier auf dem Schlosse nicht sicher. Olaf . Auf Schloß Oestrot ist nicht Sicherheit für den Friedlosen? Das wußt' ich längst. Aber Ihr vergeßt, daß ein Friedloser nirgends sicher ist, wo er auch weile. Inger . So sprecht. Ich kann es Euch nicht verwehren. Olaf . Es ist nun bald dreißig Jahre her, daß ich Euch zum ersten Male sah. Es war zu Akershus bei Knut Alfsön und seinem Weibe. Ihr wart damals fast noch ein Kind, und gleichwohl wart Ihr kühn wie ein Falke auf der Jagd und dabei zuweilen wild und unzähmbar. Viele warben um Euch. Auch mir wart Ihr teuer – teuer wie kein Weib mir früher oder später gewesen ist. Aber Ihr hattet nur ein Ziel und einen Gedanken. Das war der Gedanke an das Unglück und die große Not des Reiches. Inger . Ich war fünfzehn Sommer alt – vergeßt das nicht! Und war es nicht, als hätt' in jenen Tagen uns insgesamt ein wilder Trotz erfaßt? Olaf . Nennt es, wie Ihr mögt. Aber das weiß ich: die Alten und Erfahrenen unter uns meinten, es stünde dort oben in den Sternen geschrieben, daß Ihr es wärt, die das Sklavenjoch brechen und uns alle unsre Rechte zurückgeben sollte; und ich weiß auch, Ihr dachtet damals ebenso. Inger . Das war ein sündiger Gedanke, Olaf Skaktavl! Hochmut war es und nicht der Ruf des Herrn, was aus mir sprach. Olaf . Ihr konntet die Auserkorene sein, wenn Ihr gewollt hättet. Ihr stammtet aus Norwegens edelsten Geschlechtern; Ihr hattet Macht und Reichtum zu erwarten und Ihr hattet ein Ohr für den Klageruf – damals. – – Denkt Ihr jenes Nachmittags noch, da Hendrik Krummedike mit der dänischen Flotte vor Akershus erschien? Die Schiffsherren boten gütlichen Vergleich; und in Vertrauen auf den Geleitbrief ließ Knut Alfsön sich vom Lande rudern. Drei Stunden später trugen wir ihn wieder durchs Schloßtor – Inger . Als Leiche, als Leiche! Olaf . Als Krummedikes Spießgesellen ihn erschlugen, da brach Norwegens bestes Herz. Noch mein' ich den langen Zug zu sehen, der kummerschwer und Paar für Paar in den Rittersaal wallte. Da lag Knut Alfsön auf der Bahre, mit dem Axthieb über der Stirn, weiß wie eine Frühlingswolke. Ich darf wohl sagen, daß Norwegens beste Männer in jener Nacht versammelt waren, Frau Margrete stand zu Häupten ihres toten Mannes, und alle, alle schwuren wir, Gut und Blut daran zu setzen, um diese letzte Greueltat und all das Übrige zu rächen. – Inger Gyldenlöve, wer war es, der sich da Bahn brach durch den Kreis der Männer? Eine Jungfrau, – fast noch ein Kind, – mit Feuer im Auge und mit tränenerstickter Stimme. – Was schwur sie? Soll ich Eure Worte wiederholen? Inger . Ich schwur, was Ihr alle schwurt, – nicht mehr, nicht weniger. Olaf . Ihr entsinnt Euch Eures Eides – und habt ihn doch vergessen. Inger . Und wie hielten die andern, was sie gelobt? Ich spreche nicht von Euch, Olaf Skaktavl, aber von Euren Freunden, vom ganzen norwegischen Adel. Nicht ein einziger ist darunter, der in all dieser Zeit den Mut gehabt hätte, ein Mann zu sein; und doch legen sie mir zur Last, daß ich ein Weib bin. Olaf . Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Warum haben sie sich unterworfen, statt der Gewalt Trotz zu bieten bis aufs Äußerste? Wohl wahr; es ist ein erbärmlich Mark heutzutage in unsern Geschlechtern. Aber hätten sie zusammengehalten – wer weiß, was geschehen wäre! Und Ihr konntet sie zusammenhalten, denn vor Euch hätten sie sich alle gebeugt. Inger . Ich könnte leicht Euch darauf antworten, aber Ihr würdet die Antwort kaum gelten lassen. Sprechen wir deshalb nicht weiter von Dingen, die nicht zu ändern sind. Sagt mir lieber, was Euch eigentlich nach Oestrot führt. Bedürft Ihr des Schutzes? Wohlan! Ich will Euch zu verbergen suchen. Habt Ihr noch andere Wünsche – sagt es frei! Ihr sollt mich bereit finden – Olaf . Zwanzig Jahre bin ich heimatlos gewesen. Zwischen den Felswänden von Jämteland ist mein Haar ergraut. Ich habe mit Wölfen und Bären gehaust. Ihr seht, Frau Inger, – ich bedarf Eurer nicht; wohl aber der Adel und das gemeine Volk. Inger . Das alte Lied! Olaf . Ja, ich weiß wohl, es klingt häßlich Euren Ohren, aber Ihr sollt es dennoch hören. Kurz und gut: ich komme von Schweden. Da gärt es. In Dalekarlien soll es losgehen. Inger . Ich weiß es. Olaf . Der Kanzler Peter ist im Bunde, doch – Ihr versteht – nur heimlich. Inger stutzt. Wie? Olaf . Er war's, der mich nach Oestrot gesandt hat. Inger steht auf. Der Kanzler Peter, sagt Ihr? Olaf . Er selbst; – oder kennt Ihr ihn vielleicht nicht mehr? Inger halb für sich. Nur allzugut. – – Doch sagt mir, ich bitte Euch, – welche Botschaft bringt Ihr? Olaf . Als das Gerücht vom Unfrieden bis ins Grenzgebirge drang, wo ich mich verborgen hielt, brach ich unverweilt nach Schweden auf. Ich konnte mir denken, daß der Kanzler seine Hand im Spiele hat. Ich suchte ihn auf und bot ihm meinen Beistand an, – er hat mich in frühern Zeiten gekannt, wie Ihr wißt. Er wußte, daß man auf mich bauen kann – und so sandte er mich hierher. Inger ungeduldig. Gewiß, gewiß – er sandte Euch her, um –? Olaf geheimnisvoll. Frau Inger, – ein Fremder kommt diese Nacht nach Oestrot. Inger überrascht. Wie? Ihr wißt, daß – Olaf . Und warum nicht? Ich weiß alles. Ich wurde ja vom Kanzler hergesandt; um ihm zu begegnen. Inger . Ihm? Unmöglich, Olaf Skaktavl, – unmöglich! Olaf . Wie ich Euch sage. Wenn er nicht schon da ist, so wird es doch nicht mehr lange währen – Inger . Allerdings. Doch – Olaf . Ihr wart also auf seine Ankunft vorbereitet? Inger . Ja, gewiß. Er hat mir Kunde gesandt. Deshalb auch wurde Euch auf Euer Pochen sogleich aufgetan. Olaf lauschend. Horch! Es reitet einer den Weg daher. Er geht zum Fenster. Die Pforte wird aufgetan. Inger zum Fenster hinausblickend. Ein Ritter und sein Knappe. Sie steigen im Hof ab. Olaf . Das also ist er. Sein Name? Inger . Ihr wißt seinen Namen nicht? Olaf . Der Kanzler weigerte sich, ihn zu nennen. Er sagte nur, daß ich den Abgesandten am dritten Abend nach Martini auf Oestrot treffen werde – Inger . Richtig – also just heut Abend. Olaf . Er brächte Briefschaften mit. Aus ihnen und aus seinem eigenen Munde würde ich erfahren, wer er sei. Inger . So laßt mich Euch nach Eurer Kammer geleiten. Ihr bedürft der Labung und Pflege. Bald sollt Ihr den Fremden sprechen. Olaf . Nun, wie Ihr wünscht. Sie gehen links ab. Nach einer kleinen Weile kommt der Schloßdiener Finn vorsichtig durch die Tür rechts, sieht sich im Zimmer um, guckt in den Rittersaal und geht dann wieder nach der Tür zurück, indem er jemand draußen ein Zeichen gibt. Darauf treten Nils Lykke und Jens Bjelke von rechts ein. Nils Lykke mit gedämpfter Stimme. Niemand? Finn ebenso. Nein, Herr! Nils Lykke . Und wir können uns fest auf Dich verlassen in allem und jedem? Finn . Der Statthalter von Drontheim hat mir stets das Zeugnis gegeben, daß ich zuverlässig bin. Nils Lykke . Gut, gut; auch mir hat er das gesagt. Nun denn, vor allen Dingen, – ist ein Fremder heut abend nach Oestrot gekommen? Finn . Ja, vor einer Stunde ist ein Fremder hier angekommen. Nils Lykke leise zu Jens Bjelke. Er ist hier. Er wendet sich wieder zu Finn. Würdest Du ihn wiedererkennen? Hast Du ihn gesehen? Finn . Nein. Niemand außer dem Pförtner hat ihn gesehen, soviel ich weiß. Er wurde sogleich zu Frau Inger geführt, und sie – Nils Lykke . Und sie? Nun? Er ist doch nicht schon wieder fort? Finn . Nein, – sie wird ihn wohl versteckt halten in einer ihrer eigenen Stuben – Nils Lykke . Es ist gut. Jens Bjleke flüstert . Also vor allen Dingen das Tor bewachen; dann haben wir ihn sicher. Nils Lykke mit einem Lächeln. Hm! Zu Finn: Du, sag' mir, gibt es hier auf dem Schloß noch einen ändern Ausgang als durch das Tor? Sieh mich nicht so dumm an! Ich meine, – kann einer ungesehen von Oestrot entkommen, wenn das Burgtor verschlossen ist? Finn . Ja, das weiß ich nicht. Man spricht zwar von geheimen Gängen unten in den Kellern; aber niemand kennt sie außer Frau Inger selbst – und vielleicht Jungfer Eline. Jens Bjleke . Verwünscht! Nils Lykke . Es ist gut. Du kannst gehen. Finn . Wohl. Solltet Ihr später meiner bedürfen, so braucht Ihr nur an die zweite Tür rechts im Rittersaal zu pochen. Ich werde dann gleich bei der Hand sein. Nils Lykke . Gut. Er deutet auf die Tür des Vorflurs; Finn geht hinaus. Jens Bjleke . Wißt Ihr was, – lieber Freund und Bruder, – das wird ein elender Feldzug für uns zweibeide. Nils Lykke lächelnd. Ih, nicht für mich, will ich hoffen. Jens Bjleke . So? Fürs erste bringt's nur wenig Ehre, auf einen so grünen Jungen, wie diesen Nils Sture, Jagd zu machen. – Soll ich ihn nach seinem Vorgehen für klug oder für verrückt halten? Erst stachelt er die Bauern auf, verspricht ihnen seinen Beistand und goldne Berge – und wenn es zum Handeln kommt, läuft er davon und verkriecht sich hinter eine Weiberschürze! – Und dann bereu' ich's überhaupt, offen gestanden, Eurem Rate gefolgt zu sein und nicht meinem eigenen Kopfe. Nils Lykke leise. Die Reue kommt etwas spät, Herr Bruder! Jens Bjleke . Denn seht, den Dachs zu graben, das hat mir nie Spaß gemacht. Ich erwartete mir etwas ganz anderes. Ich bin nun mit meinen Reitern von Jämteland aufgebrochen und habe den Brief des Statthalters von Drontheim, daß ich auf den Unruhstifter überall fahnden kann, wo's mir paßt. Alle Spuren deuten darauf hin, daß er sich nach Oestrot schlängelte. Nils Lykke . Er ist hier! Er ist hier, sag' ich. Jens Bjleke . Ja, aber was wäre dann natürlicher gewesen, als daß wir das Tor verschlossen und scharf bewacht gefunden hätten? War' dem nur so gewesen, dann hätt' ich doch für meine Kriegsknechte Verwendung gehabt – Nils Lykke . Doch statt dessen öffnet man uns das Tor gar höflich. Paßt auf! Ist Frau Inger wie ihr Ruf, so wird sie es ihren Gästen weder an Speis' noch an Trank mangeln lassen. Jens Bjleke . Um uns das Mißtrauen zu benehmen, nicht wahr ? – Wie konntet Ihr auch den Ein- fall haben, daß ich meine Leute eine Viertelmeile Weges zurücklassen sollte! Wären wir mit Kriegsmannschaft hergekommen, so – Nils Lykke . Frau Inger hätte uns deshalb nicht weniger willkommen geheißen. Aber bedenkt, daß unser Besuch in diesem Falle Aufsehen gemacht hätte. Die Bauern ringsum würden darin eine Gewalttat gegen Frau Inger erblickt haben. Sie wäre wieder in der Gunst der Menge gestiegen; – und, seht Ihr, das ist nicht ratsam. Jens Bjleke . Mag sein. Aber was mach' ich nun –? Graf Sture ist auf Oestrot, sagt Ihr. Ja, was hilft mir das ? Frau Inger hat, gleich dem Fuchse, wohl manch geheimen Schlupfwinkel und mehr als einen Ausgang. Hier können wir zwei einzelne Gesellen lange spähen und suchen. Hol' der Teufel die ganze Geschichte! Nils Lykke . Nun wohl, lieber Herr, – seid Ihr mit der Wendung, die Eure Mission genommen hat, unzufrieden, so überlaßt das Schlachtfeld mir. Jens Bjleke . Euch? Und was wollt Ihr tun? Nils Lykke . Klugheit und List bringen hier vielleicht zu stände, was Waffengewalt nicht vermag. – Ehrlich gesprochen, Herr Jens, ich hatte ähnliche Gedanken schon gestern, als wir uns in Drontheim trafen. Jens Bjleke . Und deshalb habt Ihr mich wohl dazu überredet, mich von meinen Kriegsknechten zu trennen? Nils Lykke . Sowohl Euer wie mein Geschäft auf Oestrot konnte besser erledigt werden ohne sie; darum – Jens Bjleke . Hol' Euch dieser und jener – hätt' ich fast gesagt – und mich dazu! Ich konnte ja wissen, daß Euch der Schalk im Nacken sitzt. Nils Lykke . Ja seht Ihr, der Schalk ist hier sehr am Platze, wenn auf beiden Seiten die Waffen gleich sein sollen. Und ich will Euch nur gestehen, es ist mir von der höchsten Wichtigkeit, mich gut und in aller Stille meines Auftrags zu entledigen. Denn wißt: mein Herr, der König, war mir bei meinem Aufbruch nicht sehr gewogen. Er glaubte seine guten Gründe dafür zu haben, obgleich ich der Ansicht bin, daß ich ihm mehr als einmal nützliche Dienste geleistet habe. Jens Bjleke . Dies Zeugnis dürft Ihr Euch kecklich ausstellen. Gott und alle Welt weiß, daß Ihr der verschlagenste Teufel in allen drei Reichen seid. Nils Lykke . Schönen Dank! Aber das will nun gerade nicht viel sagen. Doch was ich hier zu verrichten habe, das halt' ich allerdings für eine Meisterprobe. Denn hier gilt es ein Weib zu überlisten – Jens Bjleke . Hahaha! In dem Handwerk habt Ihr schon längst Eure Meisterprobe abgelegt, lieber Bruder! Meint Ihr, wir kennen nicht auch in Schweden die Weise: »Da seufzt jede Jungfrau in Herzensglut: O wäre Nils Lykke mir hold und gut.« Nils Lykke . Bah! Die Weise gilt nur den Mädchen von zwanzig Jahren und da herum. Aber Frau Inger Gyldenlöve ist bald an die fünfzig und dabei schlau wie keine sonst. Es wird nicht leicht sein, sie klein zu kriegen. Doch es muß geschehen – um jeden Preis! Glückt es mir, dem König gewisse Vorteile über sie zu verschaffen, nach denen er schon lange trachtet, so kann ich darauf rechnen, nächstes Frühjahr mit der Sendung nach Frankreich betraut zu werden. Ihr wißt doch, daß ich volle drei Jahre auf der Hochschule zu Paris gewesen bin? Mein ganzes Sinnen steht danach, wieder einmal dorthin zu kommen, vornehmlich wenn ich in der höchst ansehnlichen Eigenschaft eines königlichen Gesandten auftreten könnte. Also – nicht wahr, – Ihr überlaßt Frau Inger mir? Wißt Ihr noch, wie ich Euch bei Eurem letzten Besuch am Hof zu Kopenhagen mehr als eine junge Schöne willig abtrat– ? Jens Bjleke . Meiner Treu, – der Edelmut war nun gerade nicht so groß. Ihr hattet sie ja doch alle im Sack – aber einerlei! Da ich nun einmal verkehrt zu Werke gegangen bin, so mögt Ihr auch das Weitere auf Euch nehmen. Jedoch, Euer Wort darauf – wird der junge Graf Sture auf Oestrot betroffen, so liefert Ihr ihn aus – tot oder lebendig. Nils Lykke . Lebendig und leibhaftig sollt Ihr ihn haben. Jedenfalls ist es nicht meine Absicht, ihn ums Leben zu bringen. Aber nun müßt Ihr zu Euren Leuten zurück! Haltet die Landstraße besetzt! Wenn ich irgend etwas Verdächtiges merke, so sollt Ihr unverzüglich Kunde haben. Jens Bjleke . Gut, gut. Aber wie komm' ich hinaus –? Nils Lykke . Der Kerl von vorhin wird Euch schon zurechtweisen. Aber in aller Stille – Jens Bjleke . Versteht sich!–Also– gut Glück! Nils Lykke . Das Glück hat mich noch nie im Stich gelassen, wenn ich mit Frauen angebunden habe» – Nun beeilt Euch! Jens Bjelke rechts ab. Nils Lykke bleibt einen Augenblick stehen, geht ein paar Schritte in der Stube auf und ab, sieht sich um und sagt mit gedämpfter Stimme: So bin ich denn endlich auf Oestrot. Auf diesem alten Herrensitz, von dem ein Kind mir vor zwei Jahren so viel erzählte. – Lucia! Ja, vor zwei Jahren war sie noch ein Kind. Und jetzt – jetzt ist sie tot. Er summt mit einem halben Lächeln: »Blumen bleichen, Blumen welken.« Sieht sich wieder um. Oestrot. Mir ist, als hätte ich dies alles schon früher gesehen, als war' ich hier zuhause. – Da ist der Rittersaal, und unter mir ist – das Grabgewölbe. Dort liegt wohl auch Lucia. Leiser, halb in ernsthaftem, halb in gezwungen spöttischem Ton: Wär' ich ein furchtsamer Mann, so könnt' ich mir einbilden, sie hätte sich im Sarge umgedreht, als ich meinen Fuß auf Oestrots Schwelle setzte. Als ich über den Burghof schritt, hob sie den Deckel des Schreines, und nun ich ihren Namen nenne, dringt es wie eine beschwörende Stimme in ihre Gruft. – Vielleicht tappt sie jetzt die Treppe herauf. Das Leichentuch hemmt ihren Schritt, aber dennoch tappt sie vorwärts. – Nun ist sie oben im Rittersaale. Nun lehnt sie an der Tür und starrt mich an. Er wirft das Haupt über die Schulter zurück, winkt und ruft laut: Komm näher, Lucia! Plaudre ein wenig mit mir! Deine Mutter läßt mich warten, und Du hast mir so manche langweilige Stunde vertrieben – Er fährt mit der Hand über die Stirn und geht einige Male auf und ab. Sieh! Richtig, da ist das tiefe Bogenfenster mit dem Vorhang. Hier pflegte ja Inger Gyldenlöve zu stehen und auf die Landstraße hinauszustarren, als ob sie auf einen wartete, der niemals kommt. Dadrin – er blickt nach der Tür zur Linken – da liegt Schwester Elines Stube. Eline? Ja, Eline ist ihr Name. – Ist es wohl wahr, daß sie so merkwürdig – so klug, so kühn ist, wie mir Lucia sagte? Schön soll sie auch sein. Aber zur Ehefrau – Ich hätte das nicht so ohne weiteres schreiben sollen – – – Er setzt sich, in Gedanken verloren, an den Tisch, steht aber sogleich wieder auf. Wie Frau Inger mich wohl aufnehmen wird? – Sie wird das Haus nicht über uns in Brand stecken, wird mich nicht auf eine Falltür locken, noch wird sie mir meuchlings den Dolch – – – Er lauscht, dem Saal zugewandt. Aha! Inger kommt durch die Saaltür und sagt kalt: Ich entbiet' Euch meinen Gruß, Herr Reichsrat, – Nils Lykke verbeugt sich tief. Ah, – die Frau von Oestrot! Inger . – und meinen Dank, daß Ihr mich Eure Ankunft wissen ließet. Nils Lykke . Nicht mehr als meine Schuldigkeit. Ich hatte Grund zu vermuten, daß mein Kommen Euch überraschen würde – Inger . Fürwahr, Herr Reichsrat, darin habt Ihr Euch nicht geirrt. Nils Lykke als Gast auf Oestrot zu sehen, das hab' ich gewiß am allerwenigsten erwartet. Nils Lykke . Und wohl noch weniger habt Ihr erwartet, daß er als Freund kommen werde. Inger . Als Freund? Ihr fügt noch Spott zu all dem Schmerz und Schimpf, den Ihr über meinem Hause aufgetürmt habt? Nachdem Ihr mein Kind mir unter die Erde gebracht habt, wagt Ihr noch – Nils Lykke . Erlaubt, Frau Inger Gyldenlöve, in diesem Punkte werden wir uns nie einigen; denn Ihr zieht nicht in Betracht, was ich selbst bei diesem unglücklichen Ereignis verloren habe. Meine Absichten waren ehrlich. Ich war meines zügellosen Lebens satt; – zudem war ich ja damals über dreißig Jahre; ich sehnte mich danach, ein gutes und frommes Weib zu finden. Dazu die Aussicht auf das Glück, Euer Schwiegersohn zu werden – Inger . Hütet Euch, Herr Reichsrat! Was meinem Kinde widerfahren ist, hab' ich, so gut ich's vermochte, zu vertuschen gesucht. Doch glaubt nicht, daß das Verborgne nun auch vergessen sei. Es könnte wohl eine Gelegenheit kommen – Nils Lykke . Ihr droht mir, Frau Inger? Ich hab' Euch die Hand zur Versöhnung gereicht. Ihr weigert Euch, sie zu ergreifen? Von nun an ist also offene Fehde zwischen uns? Inger . Ich wüßte nicht, daß es je anders gewesen ist. Nils Lykke . Von Eurer Seite vielleicht. Ich war niemals Euer Widersacher, – obgleich ich als Untertan des Königs von Dänemark triftigen Grund dazu hätte. Inger . Ich versteh' Euch. Ich bin nicht fügsam genug gewesen; es ist nicht so glatt gegangen, wie man wünschte, da man mich ins andere Lager hinüberzuziehen suchte. – Und doch scheint mir, Ihr hättet Euch nicht zu beklagen. Der Gatte meiner Tochter Merete ist Euer Landsmann. Weiter kann ich nicht gehen. Meine Stellung ist schwierig, Nils Lykke! Nils Lykke . Das begreife ich vollkommen. Der Adel und das gemeine Volk in Norwegen glauben ja einen alten Anspruch auf Euch zu haben – einen Anspruch, den Ihr, wie man sagt, nur halb und halb erfüllt habt. Inger . Verzeiht, Herr Reichsrat, – für meine Taten steh' ich keinem Rede als Gott und mir selbst. Und drum, wenn es Euch beliebt, so laßt mich wissen, was Euch herführt. Nils Lykke . Sofort, Frau Inger. Der Zweck meiner Sendung kann Euch wohl nicht unbekannt sein –? Inger . Ich kenne die Aufträge, mit denen man Euch gewöhnlich bedenkt. Unserm König ist es von Wichtigkeit zu erfahren, wessen er sich vom nordischen Adel zu versehen hat. Nils Lykke . Allerdings. Inger . Also deshalb seid Ihr nach Oestrot gekommen? Nils Lykke . Zum Teil deshalb. Doch komme ich keineswegs, um irgend eine mündliche Versicherung von Euch zu begehren – Inger . Was denn? Nils Lykke . Hört mich, Frau Inger: Ihr sagtet eben selbst, daß Eure Stellung schwierig ist. Ihr steht zwischen zwei feindlichen Lagern, die beide sich nur halb auf Euch zu verlassen wagen. Euer eigener Vorteil muß Euch notwendigerweise an uns knüpfen; an die Mißvergnügten dagegen bindet Euch die Landsmannschaft und – wer weiß – vielleicht noch eine andere geheime Fessel. Inger leise. Geheime Fessel? Barmherziger! Sollte er – Nils Lykke gewahrt ihre Erregung, läßt es sich aber nicht merken und fügt ungezwungen hinzu: Ihr seht gewiß selbst ein, daß Ihr Eure Stellung auf die Dauer nicht behaupten werdet. – Gesetzt nun, es stünde in meiner Macht, Euch aus dieser Lage zu befreien –? Inger . In Eurer Macht, sagt Ihr? Nils Lykke . Vor allen Dingen muß ich Euch bitten, Frau Inger, kein Gewicht auf die leichtfertigen Worte zu legen, womit ich vorhin das berührt haben könnte, was zwischen uns liegt. Glaubt nicht, daß ich einen Augenblick aus dem Gedächtnis verloren hätte, in welcher Schuld ich bei Euch stehe. Doch, wenn es nun längst meine Absicht gewesen wäre, nach Möglichkeit wieder gut zu machen, was ich verbrochen habe? Wenn ich zu diesem Zweck mir die Sendung nach Oestrot übertragen ließ? Inger . Erklärt Euch deutlicher, Herr Reichsrat! Jetzt versteh' ich Euch nicht. Nils Lykke . Ich irre vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Ihr, so gut wie ich, von den Unruhen unterrichtet seid, die in Schweden loszubrechen drohen. Ihr wißt oder Ihr ahnt wenigstens, daß diese Unruhen eine größere Bedeutung haben, als man ihnen allgemein beilegt. Und Ihr werdet daher begreifen, daß unser König nicht ruhig zusehen kann, wie die Dinge ihren Lauf nehmen. Nicht wahr? Inger . Fahrt fort. Nils Lykke forschend, nach einer kleinen Pause. Ein Fall ist denkbar, der Gustav Wasas Thron gefährden könnte – Inger leise. Worauf will er hinaus? Nils Lykke . – der Fall nämlich, daß sich in Schweden ein Mann fände, der auf Grund seiner Geburt Anspruch darauf hätte, zum Lenker des Volks erkoren zu werden. Inger ausweichend. Der Adel in Schweden ward ebenso blutig zusammengemäht wie der unsere, Herr Reichsrat! Wo wolltet Ihr wohl suchen –? Nils Lykke lächelnd. Suchen? Der Mann ist schon gefunden – Inger fährt zusammen. Ah! Er ist gefunden? Nils Lykke . – und steht Euch zu nah, edle Frau, als daß Eure Gedanken nicht auf ihn fallen sollten. Blickt sie scharf an. Der verstorbene Graf Sture hinterließ einen Sohn – Inger mit einem Schrei. Barmherziger Himmel! Woher wißt Ihr –? Nils Lykke stutzt. Faßt Euch, edle Frau, und laßt mich zu Ende reden. – Dieser junge Mann lebte bis jetzt ruhig bei seiner Mutter, der Witwe Sten Stures. Inger atmet wieder freier. Bei –? Ach ja, – ja gewiß! Nils Lykke . Jetzt dagegen ist er offen hervorgetreten. Er ist erschienen als der Führer der Bauern in Dalekarlien. Ihre Zahl wächst von Tag zu Tage; und, – wie Ihr vielleicht wißt, finden sie auch diesseits der Berge Freunde unter der Menge. Inger , die sich inzwischen gefaßt hat. Herr Reichsrat! Ihr tut aller dieser Begebenheiten Erwähnung in der festen Zuversicht, daß sie mir bekannt sind. Welchen Grund habe ich Euch gegeben, dergleichen zu vermuten? Ich weiß von nichts und will von nichts wissen. Mein Wunsch ist, ruhig zu leben auf meiner eigenen Scholle. Ich leihe den Unruhstiftern nicht meinen Beistand; aber zählt auch nicht auf mich, wenn Ihr im Sinne habt, sie niederzuhalten. Nils Lykke mit gedämpfter Stimme . Würdet Ihr auch untätig bleiben, wenn ich die Absicht hätte, ihnen beizustehen? Inger . Wie soll ich Euch verstehen? Nils Lykke . Ihr habt also nicht begriffen, auf was ich die ganze Zeit hingezielt habe? – Nun wohl, – so will ich Euch alles frei und ehrlich sagen. Wisset denn, daß der König und seine Räte vollkommen eingesehen haben, wie sie auf die Dauer nicht festen Fuß in Norwegen fassen können, wenn Edle und Gemeine fortfahren, sich für benachteiligt und unterdrückt zu halten. Wir begreifen sehr wohl, daß willige Bundesgenossen besser sind als gezwungene Untertanen, und wünschen daher nichts sehnlicher, als die Bande zu lösen, die uns ja im Grunde ebenso lästig sind wie Euch. Aber Ihr seht auch gewiß ein, daß der Norweger Gesinnung gegen uns einen solchen Schritt recht bedenklich macht – solange wir nicht eine sichere Stütze im Rücken haben. Inger . Und diese Stütze – ? Nils Lykke . Diese Stütze ist zunächst in Schweden zu suchen. Aber, wohlbedacht, nicht, solange Gustav Wasa am Ruder ist; denn seine Rechnung mit Dänemark ist noch nicht beglichen und wird es auch nie werden. Ein neuer schwedischer König dagegen, der das Volk auf seiner Seite hätte, und der seine Krone dem Beistand Dänemarks verdankte – – Na, fangt Ihr an, mich zu begreifen? – Dann könnten wir unbesorgt zu Euch Norwegern sagen: »Nehmt Eure alten, vererbten Rechte wieder; wählt Euch einen Führer nach Eurem Sinne; seid unsre Freunde in der Not, wie wir die Euren sind.« – Beachtet wohl, Frau Inger, daß dieser Edelmut eigentlich nicht so groß ist, wie es vielleicht scheinen mag. Denn Ihr werdet selbst einsehen, daß wir dadurch nicht nur nicht geschwächt werden, sondern im Gegenteil dabei gewinnen. – Und da ich nun offenherzig mit Euch gesprochen habe, so laßt auch Ihr jedes Mißtrauen fahren. Also – Bestimmt: Der Rittersmann aus Schweden, der eine Stunde vor mir hier eingetroffen ist – Inger . Ihr wißt es also schon? Nils Lykke . Allerdings –. Ihn such' ich ja. Inger für sich. Seltsam! Also doch, wie Olaf Skaktavl sagte! Zu Nils Lykke: Ich bitt' Euch, hier zu warten, Herr Reichsrat! Ich gehe, ihn Euch zuzuführen. Ab durch den Rittersaal. Nils Lykke blickt ihr eine Weile mit höhnischem Erstaunen nach. Sie holt ihn! Ja, wahrhaftig – sie holt ihn! Der Kampf ist halb gewonnen. Daß es so leicht gehen würde, hätt' ich mir nicht gedacht. – Sie ist im Einverständnis mit den Unruhstiftern – durchaus. Sie fuhr zusammen vor Schreck, als ich den Sohn Sten Stures nannte. – Was nun? – Hm! Ist Frau Inger leichtgläubig in die Falle gegangen, so wird Nils Sture nicht viel Schwierigkeiten machen. Ein junges Blut ohne alle Besonnenheit und Überlegung– –. Mit meinem Versprechen, ihm beizustehen, zieht er von dannen. Unglücklicherweise fängt ihn Jens Bjelke am Wege ab, – und der ganze Anschlag ist vereitelt. – Und dann? – Noch einen Schritt weiter, uns selbst zum Frommen. Man sprengt aus, daß der junge Graf Sture auf Oestrot gewesen ist, daß ein dänischer Gesandter eine Zusammenkunft mit Frau Inger gehabt hat, daß infolge hiervon Junker Nils keine hundert Schritte vom Schlosse durch König Gustavs Kriegsknechte abgefangen wurde. – – Frau Gyldenlöves Ansehen beim Volke mag noch so groß sein, – gegen einen solchen Stoß wird es sich schwer behaupten können. – Fährt plötzlich unruhig auf. Alle Wetter –! Wenn Frau Inger Unrat gewittert hätte! Vielleicht entschlüpft er uns in diesem Augenblick unter den Händen. Beruhigt, indem er nach dem Saal hin lauscht. Ach, es hat keine Not. Da kommen sie. Inger kommt aus dem Saal, von Olaf Skaktavl begleitet. Inger zu Nils Lykke. Hier bring' ich, den Ihr erwartet. Nils Lykke leise. Tod und Teufel. – Was soll das heißen? Inger . Ich habe diesem Rittersmann Euren Namen gesagt und was Ihr mir mitgeteilt habt – Nils Lykke unschlüssig. So? Ja so? Nun, ja – Inger . – und ich will Euch nicht verhehlen, daß sein Vertrauen auf Euern Beistand nicht gerade groß ist. Nils Lykke . Nicht? Inger . Kann Euch das wundern? Ihr kennt ja doch seine Gesinnung und sein schweres Schicksal. Nils Lykke . Dieses Mannes –? – Nun ja, – gewiß – Olaf zu Nils Lykke. Nachdem aber der Kanzler Peter selbst uns zu dieser Zusammenkunft geladen hat – Nils Lykke . Der Kanzler – ? Er faßt sich schnell. Ja, freilich! Ich habe eine Botschaft vom Kanzler – Olaf . Und er muß ja am besten wissen, wem er trauen darf. Ich will mir deshalb nicht den Kopf zerbrechen mit Grübeleien, wieso – Nils Lykke . Nein, so ist's recht, lieber Herr; nur das nicht! Olaf . Lieber gleich zur Sache – Nils Lykke . Gleich zur Sache, ohne Umschweife; – das ist stets meine Art. Olaf . Und wollt Ihr mir jetzt Euern Auftrag nennen ? Nils Lykke . Meinen Auftrag könnt Ihr so ungefähr erraten – Olaf . Der Kanzler sprach von Papieren, die – Nils Lykke . Von Papieren? Ganz recht, von Papieren! Olaf . Ihr habt sie wohl bei Euch? Nils Lykke . Natürlich; gut verwahrt, fast zu gut, um sie so schnell – Er greift in sein Wams, als ob er etwas suche, und sagt leise: Wer zum Teufel mag das sein? Was beginn' ich nur ? Hier sind vielleicht große Entdeckungen zu machen – Er bemerkt, daß die Diener den Tisch im Rittersaale decken und die Lampen anzünden, und sagt zu Olaf: Ah, ich sehe, Frau Inger läßt das Nachtmahl anrichten. Bei Tische könnten wir wohl besser von unseren Angelegenheiten sprechen. Olaf . Gut, – wie es Euch gefällt. Nils Lykke leise: Zeit gewonnen, – Spiel gewonnen. Mit großer Liebenswürdigkeit zu Inger: Und mittlerweile werden wir erfahren, auf welche Weise sich Frau Inger an dieser Sache zu beteiligen gedenkt. Inger . Ich? – Gar nicht. Olaf und Nils Lykke . Gar nicht? Inger . Ihr wundert Euch, edle Herren, daß ich mich von einem Spiele fern halte, bei dem alles zu verlieren ist? Um so mehr, als nicht einmal meine Bundesgenossen mir ganz zu trauen wagen. Nils Lykke . Dieser Vorwurf trifft mich nicht. Ich vertrau' Euch blindlings, des seid bitte versichert. Olaf . Wer dürfte auf Euch bauen, wenn nicht Eure Landsleute? Inger . Wahrhaftig – dieses Vertrauen freut mich. Sie geht nach einem Schrank im Hintergrund und füllt zwei Becher mit Wein. Nils Lykke leise. Verdammt! Wenn sie sich aus der Schlinge zöge! Inger reicht jedem einen Becher. Und weil dem so ist, so biet' ich mit einem Becher Euch Willkomm auf Oestrot. Trinkt, edle Ritter, bis auf die Neige! Sie betrachtet sie abwechselnd und sagt, nachdem sie getrunken haben, ernst: Und nun sollt Ihr wissen: der eine Becher enthielt den Willkommgruß für meinen Freund, der andre – den Tod für meinen Feind! Nils Lykke schleudert den Becher fort. Weh mir! Ich bin vergiftet! Olaf zu gleicher Zeit, indem er nach dem Schwert greift. Tod und Teufel! Habt Ihr mich gemordet? Inger lachend zu Olaf, indem sie auf Nils Lykke zeigt. Das ist das Vertrauen der Dänen zu Inger Gyldenlöve – zu Nils Lykke, indem sie auf Olaf deutet: und so bauen meine Landsleute auf mich! Zu beiden: Und dabei sollte ich mich in Eure Gewalt begeben! – Sachte, edle Herren, – sachte! Die Frau von Oestrot hat noch ihren vollen Verstand. Eline kommt durch die Tür links. Welch lauter Lärm –. Was ist los? Inger zu Nils Lykke. Meine Tochter Eline. Nils Lykke leise. Eline! So hatt' ich sie mir nicht vorgestellt. Eline bemerkt Nils Lykke und bleibt überrascht stehen, während sie ihn betrachtet. Inger berührt Elinens Arm. Mein Kind, – dieser Ritter ist – Eline macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand, indem sie ihn unverwandt betrachtet, und sagt: Bemüht Euch nicht! Ich sehe, wie er heißt. Es ist Nils Lykke. Nils Lykke leise zu Inger. Wie? Sie kennt mich? Sollte Lucia –? Sollte sie wissen –? Inger . Still! Sie weiß nichts! Eline für sich. Ich wußt' es; – so mußte Nils Lykke aussehen. Nils Lykke nähert sich. Nun wohl, Eline Gyldenlöve, – Ihr habt richtig geraten. Und da ich Euch denn hiemit bekannt und überdies der Gast Eurer Mutter bin, – so werdet Ihr mir die Blumen nicht versagen, die Ihr an Eurem Busen tragt. Solange sie frisch sind und duften, will ich in ihnen ein Abbild Eurer selbst verehren. Eline stolz, doch noch immer unverwandt den Blick auf ihn heftend. Mit Verlaub, Herr Ritter, – sie sind in meiner eignen Kammer gepflückt; und da wachsen keine Blumen für Euch. Nils Lykke , indem er einen Strauß nimmt, den er selbst am Wams stecken hat. Ah, – so werdet Ihr aber doch diese geringe Gabe nicht verschmähen. Eine Frau vom Hofe reichte sie mir zum Abschied, als ich heut morgen von Drontheim zog. – Bedenket, edles Fräulein; wollt' ich Euch eine Gabe bieten, die Eurer ganz würdig wäre, so müßt' es eine Fürstenkrone sein. Eline , die willenlos die Blumen genommen hat. Und wär' es selbst Dänemarks Königskrone, die Ihr mir reichtet, – eh' ich sie mit Euch teilte – eh' zertrümmert' ich sie mit diesen Händen und würfe sie Euch in Stücken vor die Füße! Sie wirft die Blumen ihm vor die Füße und geht ab in den Rittersaal. Olaf murmelt vor sich hin. Keck, – wie Otto Römers Tochter an Knut Alfsons Bahre. Inger leise, nachdem sie abwechselnd Eline und Nils Lykke betrachtet hat. Der Wolf kann gezähmt werden. Nun gilt's die Kette fertig zu schmieden. Nils Lykke , der die Blumen aufnimmt und Eline entzückt nachsieht. Bei Christi Blut, – wie ist sie stolz und schön! Dritter Akt Der Rittersaal. Im Hintergrund ein hohes Bogenfenster; ein kleineres Fenster links im Vordergrund. Zu beiden Seiten mehrere Türen. Die Decke ruht auf starken freistehenden Holzpfeilern, die, gleich den Seitenwänden, mit Waffen aller Art behängt sind. Bilder von Heiligen, Rittern und Frauen hängen in langen Reihen. Unter der Decke ein großer vielarmiger Kronleuchter, der angezündet ist. Rechts im Vordergrund ein geschnitzter Hochsitz aus alter Zeit. Mitten im Saale steht ein gedeckter Tisch mit Resten von der Nachtmahlzeit. Eline kommt langsam und gedankenvoll von links. Der Ausdruck ihres Gesichts verrät, daß sie in der Erinnerung die Szene mit Nils Lykke nochmals durchlebt. Zuletzt macht sie dieselbe Armbewegung wie in jenem Augenblicke, da sie den Strauß zu Boden warf; dann spricht sie mit lauter Stimme: – und so sammelte er die Stümpfe von Dänemarks Königskrone – Blumen waren's – und – »bei Christi Blut! Wie ist sie stolz und schön!« Hätte er diese Worte geflüstert, geflüstert im heimlichsten Winkel, meilenweit von Oestrot – ich hätte sie dennoch vernommen! – Wie ich ihn hasse! Wie ich ihn immer gehaßt habe – diesen Nils Lykke! – Kein andrer Mann ist ihm gleich, sagen sie. Er spielt mit Frauen und – tritt sie mit Füßen. – – Und ihm wollte meine Mutter mich ausliefern! – Wie ich ihn hasse! – – Man sagt, Nils Lykke sei anders wie sonst die Männer. Das ist nicht wahr! Es ist nichts Besonderes an ihm; es gibt viele, viele wie er. Wenn Björn mir Märchen erzählte, da sahen alle Prinzen aus wie Nils Lykke. Wenn ich einsam hier im Saale saß und meine Sagen träumte, und wenn meine Ritter kamen und gingen – alle, alle sahen sie aus wie Nils Lykke. – – Wie wundersam und wie gut ist es, zu hassen! Noch nie hab' ich gewußt, wie köstlich es ist – bis zu dieser Stunde. Nein, nicht für tausend Lebensjahre würde ich die Augenblicke verkaufen, die ich gelebt habe, seit ich ihn sah! – – »Bei Christi Blut! Wie ist sie – –« Sie geht langsam nach dem Hintergrund, öffnet das Fenster und sieht hinaus. Nils Lykke kommt herein durch die erste Tür rechts. Nils Lykke für sich. »Schlaft wohl auf Oestrot, Herr Ritter«, sagte Inger Gyldenlöve, als sie ging. Schlaft wohl! Ja, das ist leicht gesagt, aber – –; da draußen Himmel und Meer in Aufruhr; tief unten in der Totengruft das junge Blut auf der Bahre; das Schicksal zweier Reiche in meiner Hand – und an meiner Brust ein verwelkter Blumenstrauß, den ein Weib mir vor die Füße geschleudert hat! Wahrlich, ich fürchte sehr, der Schlaf wird sich erst spät melden. Er bemerkt Eline, die das Fenster verläßt und nach links abgehen will. Da ist sie. Das stolze Auge scheint gedankenvoll. Ah, wenn ich es wagte – – Laut: Jungfer Eline! Eline bleibt an der Tür stehen. Was wollt Ihr? Was verfolgt Ihr mich? Nils Lykke . Ihr irrt. Ich verfolge Euch nicht. Ich werde selbst verfolgt. Eline . Ihr? Nils Lykke . Von mancherlei Gedanken. Und darum macht's der Schlaf wie Ihr; – er flieht mich. Eline . Geht ans Fenster, da findet Ihr Zeitvertreib –. Ein Meer im Sturm – Nils Lykke lächelnd. Ein Meer im Sturm? – Das finde ich auch wohl bei Euch. Eline . Bei mir? Nils Lykke . Unsere erste Begegnung hat mich dessen gewiß gemacht. Eline . Und Ihr beschwert Euch darüber? Nils Lykke . Keineswegs; aber ich wünschte doch, Euch milder gestimmt zu sehen. Eline stolz. Glaubt Ihr, es wird Euch glücken? Nils Lykke . Ich bin dessen sicher; denn ich bring' Euch willkommene Botschaft. Eline . Und welche? Nils Lykke . Mein Lebewohl. Eline einen Schritt näher. Euer Lebewohl? Ihr verlaßt Oestrot – so bald? Nils Lykke . Noch in dieser Nacht. Eline scheint einen Augenblick uneinig mit sich selbst zu sein; dann sagt sie kalt: So nehmt meinen Gruß, Herr Ritter! Sie verbeugt sich und will gehen. Nils Lykke . Eline Gyldenlöve, – ich habe kein Recht, Euch zurückzuhalten; aber es ist unedel, wenn Ihr Euch weigert zu hören, was ich zu sagen habe. Eline . Ich höre Euch, Herr Ritter. Nils Lykke . Ich weiß, Ihr haßt mich. Eline . Euer Scharfblick hat nicht gelitten, wie ich merke. Nils Lykke . Aber ich weiß auch, daß ich diesen Haß vollauf verdient habe. Unziemlich und kränkend waren die Worte, womit ich in meinem Briefe an Frau Inger Eurer Erwähnung getan habe. Eline . Wohl möglich; ich habe sie nicht gelesen. Nils Lykke . Aber der Inhalt ist Euch doch wenigstens nicht unbekannt? Ich weiß, Eure Mutter hat Euch nicht in Unklarheit darüber gelassen; sie hat Euch jedenfalls gesagt, daß ich den Mann glücklich pries, der –; ja, Ihr wißt, welche Hoffnung ich genährt habe – Eline . Herr Ritter, – wünschtet Ihr mich deshalb zu sprechen, so – Nils Lykke . Nur, um mein Unterfangen zu entschuldigen, wünschte ich Euch zu sprechen. Aus keinem anderen Grunde; das schwör' ich Euch. Ist, wie ich leider vermuten muß, mein Ruf zu Euch gedrungen, bevor ich mich selbst auf Oestrot vorgestellt habe, so müßt Ihr auch mein Leben hinreichend kennen, um Euch nicht darüber zu wundern, daß ich in solchen Dingen etwas dreist zu Werke ging. Ich bin vielen Frauen begegnet, Eline Gyldenlöve! Unbeugsam habe ich noch keine gefunden. Unter solchen Umständen, seht Ihr, wird man etwas bequem. Man kommt aus der Gewohnheit, Umschweife zu machen – Eline . Möglich. Ich weiß nicht, aus welchem Stoff jene Frauen waren. – Übrigens täuscht Ihr Euch, wenn Ihr glaubt, jener Brief an meine Mutter habe mein Herz mit Haß und Bitterkeit gegen Euch erfüllt. Ich hatte ältere Gründe. Nils Lykke unruhig. Ältere Gründe? Was wollt Ihr damit sagen? Eline . Es ist, wie Ihr vermutet: Euer Ruf ist vor Euch her gegangen nach Oestrot, wie durchs ganze Land. Wird der Name Nils Lykke genannt, so geschieht es immer in Verbindung mit einem Weibe, das er betört und verstoßen hat. Einige nennen diesen Namen mit Gram, andre mit Hohngelächter und frechem Spott über jene schwachsinnigen Geschöpfe. Aber durch den Gram und das Hohngelächter und den Spott klingt die Weise von Euch, die dröhnende und empörende Weise gleich eines Feindes Siegessang. – Das alles zusammen hat meinen Haß gegen Euch erzeugt. Unaufhörlich standet Ihr vor meinen Gedanken, und ich wurde die Sehnsucht nicht los, Euch Aug' in Auge gegenüberzustehen, damit Ihr erfahret, daß es auch Frauen gibt, bei denen Eure glatten Reden verloren sind – wofern Ihr sie anzuwenden die Absicht habt. Nils Lykke . Ihr richtet mich ungerecht, wenn Ihr mich nach dem richtet, was das Gerücht Euch gesagt hat. Möglich, daß Wahrheit in allem ist, was Ihr hörtet; – aber die Ursachen kennt Ihr nicht. – Als siebzehnjähriger Junker begann ich meine lustige Laufbahn. Volle fünfzehn Jahre sind seitdem vergangen. Leichte Weiber gewährten mir, was ich wünschte – oft eh' mein Wunsch noch Bitte ward; und was ich ihnen darbot, das ergriffen sie mit frohen Händen. Ihr seid das erste Weib, das ein Geschenk mir verächtlich vor die Füße warf. – Denkt nicht, daß ich mich beklage. Nein, im Gegenteil, – ich ehre Euch eben darum so hoch, wie ich noch nie ein Weib geehrt habe. Aber was ich beklage, und was in mir nagt wie ein großes Herzeleid, ist, daß das Schicksal mich nicht schon früher zu Euch geführt hat. – Eline Gyldenlöve! Eure Mutter hat mir von Euch erzählt. Während die Welt fern von hier ihren unruhigen Lauf nahm, wandeltet Ihr in diesem einsamen Oestrot, still, allein mit Eurem Dichten und Euren Träumen. Und darum werdet Ihr auch verstehen, was ich Euch zu sagen habe. – Wisset denn, daß auch ich einstmals ein Leben gelebt habe wie Ihr. Ich dachte, wenn ich hinausträte in die große, weite Welt, dann käme mir ein edles und herrliches Weib entgegen, die mir zuwinkte, die mir den Weg zu einem ruhmreichen Ziele zeigte. Aber nein, Eline Gyldenlöve, – Frauen begegneten mir; doch sie war nicht unter ihnen. Noch eh' ich ganz Mann geworden war, hatte ich sie insgesamt verachten gelernt. – Ist das meine Schuld? Warum waren die andern nicht wie Ihr? – Mir ist bekannt, das Schicksal Eures Vaterlandes bedrückt schwer Euer Herz. Ihr wißt, welchen Anteil ich an diesen Verhältnissen habe – –. Man sagt, ich sei falsch wie der Schaum der Wellen. Wohl möglich. Aber bin ich es, so haben die Weiber mich es zu sein gelehrt. Hätte ich früher gefunden, was ich suchte, – wäre ich einem Weibe begegnet, stolz, edel und hochgesinnt wie Ihr, – mein Weg wäre gewißlich ein ganz andrer geworden. Vielleicht stünde ich dann in diesem Augenblick an Eurer Seite als Verteidiger aller Unterdrückten im norwegischen Reiche. Denn das glaub' ich fest: ein Weib ist das Mächtigste auf Erden, und in seiner Hand liegt es, einen Mann dahin zu leiten, wo Gott der Herr ihn haben will. Eline für sich. Sollt' er die Wahrheit sprechen? – Nein, nein! Lug ist in seinem Auge und Trug auf seinen Lippen. Und doch – kein Sang ist so lieblich wie sein Wort. Nils Lykke näher, leiser und vertraulicher. Wie oft habt Ihr wohl hier gesessen, einsam mit Euren wechselnden Gedanken! Da ward es Euch so schwer ums Herz; Decke und Wände schienen enger und enger zu werden und Eure Seele zu erdrücken. Ihr sehntet Euch hinaus, – es lüstete Euch weit, weit wegzufliegen, – Ihr wußtet selbst nicht wohin. – Wie oft seid Ihr wohl einsam am Fjord gewandelt, während ein geschmücktes Schiff, mit Rittern und Damen an Bord, unter Gesang und Saitenspiel weit draußen vorübersegelte. Eine dunkle Kunde von großen Begebenheiten ist zu Euch gedrungen, da habt Ihr ein Sehnen in Eurer Brust gefühlt, ein unbezwingliches Verlangen nach dem, was Ihr jenseits des Meeres vermutet. Aber Ihr habt nicht begriffen, was Euch fehlte. Ihr glaubtet zuweilen, es wäre das Geschick Eures Vaterlandes, was Euch mit so unruhigen Gedanken erfüllte. Ihr betrogt Euch selbst – eine Jungfrau in Euren Jahren hat über andre Dinge nachzusinnen. – – Eline Gyldenlöve! Habt Ihr nie an geheime Kräfte geglaubt, – an eine starke und rätselhafte Macht, die der Menschen Schicksale aneinander knüpft? Wenn Ihr von dem bunten Leben draußen in der weiten Welt träumtet, – wenn Ihr träumtet von Waffenspiel und frohen Festen, – saht Ihr dann nie in Euren Träumen einen Ritter, der mit Lächeln auf den Lippen und mit Gram im Herzen mitten im lärmenden Treiben stand, – einen Ritter, der einst so süß wie Ihr geträumt von einem hohen, herrlichen Weibe, so er vergebens suchte unter all denen, die ihn umgaben? Eline . Wer seid Ihr, der meine geheimsten Gedanken in Worte zu kleiden vermag? Wie seid Ihr imstande zu nennen, was ich im tiefsten Innern barg, mir selber unbewußt? Woher wißt Ihr –? Nils Lykke . Was ich Euch gesagt habe, das habe ich in Euren Augen gelesen. Eline . Niemals noch hat ein Mann so zu mir gesprochen. Nur dunkel hab' ich Euch verstanden; und doch – – wie scheint mir alles, alles seitdem verwandelt – – Für sich. Nun begreif ich, warum es heißt, Nils Lykke sei anders als alle andern. Nils Lykke . Es gibt etwas in der Welt, das eines Menschen Gedanken verwirren könnte, wenn man darüber grübeln wollte, und das ist der Gedanke, wie es gekommen wäre, wenn alles sich so oder so gefügt hätte. Wäret Ihr auf meinem Wege mir entgegengetreten, solange mein Lebensbaum noch grünte und blühte, so säßet Ihr vielleicht in dieser Stunde als – – Doch verzeiht mir, edle Jungfrau. Unser kurzes Zwiegespräch ließ mich unsre gegenseitige Stellung vergessen. Mir war, als hätte eine geheime Stimme mir gesagt, ich könnte mit Euch offen reden, ohne Schmeichelei und ohne Verstellung. Eline . Das könnt Ihr. Nils Lykke . Nun wohl, – und diese Offenherzigkeit hat uns vielleicht halb und halb miteinander ausgesöhnt. Ja, ich bin noch kühner in meiner Hoffnung – vielleicht kommt noch die Zeit, da Ihr des fremden Ritters ohne Haß und Harm in der Seele gedenkt. Nun, mißversteht mich nicht! Ich meine nicht jetzt gleich , – aber einmal , späterhin. Und um Euch den Gedanken minder schwer zu machen, und weil ich einmal begann, freimütig und offen mit Euch zu reden, so laßt mich Euch sagen – Eline . Herr Ritter –! Nils Lykke lächelnd. Ah, ich merke, daß mein Brief Euch noch immer schreckt. Doch Ihr könnt ganz ruhig sein. Ich gäbe Tausende hin, wenn er ungeschrieben wäre; denn – nun ich weiß, daß Ihr es ohne sonderlichen Schmerz vernehmen werdet, kann ich es ja gleich frei heraussagen: – ich liebe Euch nicht und werde Euch niemals lieben lernen. Seid also deswegen ganz unbesorgt. Ich werde nie den Versuch machen – – Aber was ist Euch? Eline . Mir? Nichts, nichts! – – Sagt mir nur eins: warum tragt Ihr noch diese Blumen? Was wollt Ihr damit? Nils Lykke . Diese Blumen? Ist das nicht der Fehdehandschuh, den Ihr im Namen aller Frauen dem bösen Nils Lykke hingeworfen habt? Mußte ich sie darum nicht aufheben? – Ihr fragt, was ich damit will? Mit gedämpfter Stimme: Wenn ich wieder im Kreise schöner Dänenfrauen sitze, wenn das Saitenspiel schweigt und im Saale Stille herrscht – dann will ich diese Blumen hervornehmen und ein Märchen von einer Jungfrau erzählen, die fern in Norwegen einsam in dunkler Balkenhalle sitzt – Abbrechend, indem er sich ehrerbietig verneigt. Aber ich fürchte, schon allzulange hielt ich des Hauses edle Tochter auf. Wir sehen uns nicht wieder. Denn noch vor Tagesanbruch bin ich fort. Ich biete Euch also mein Lebewohl! Eline . Und ich Euch das meinige, Herr Ritter! Kurze Pause. Nils Lykke . Ihr seid wieder so gedankenvoll, Eline Gyldenlöve! Ist's wieder das Geschick Eures Vaterlandes, was Euch bedrückt? Eline schüttelt den Kopf, indem sie zerstreut vor sich hin blickt. Mein Vaterland ? – Ich denke nicht an mein Vaterland. Nils Lykke . So ängstigt Euch die Zeit mit ihrem Kampf und ihrer Not ? Eline . Die Zeit? Die vergess' ich jetzt. – – Ihr geht nach Dänemark? Sagtet Ihr nicht so? Nils Lykke . Ich gehe nach Dänemark. Eline . Kann ich gen Dänemark von diesem Saale sehen? Nils Lykke auf das Fenster links deutend. Ja, von diesem Fenster. Dort, gen Süden, liegt Dänemark. Eline . Und ist es weit von hier? Mehr als hundert Meilen? Nils Lykke . Viel weiter. Das Meer liegt zwischen Dänemark und Euch. Eline vor sich hin. Das Meer? – Der Gedanke hat Mövenschwingen. Das Meer hemmt ihn nicht. Sie geht links ab. Nils Lykke blickt ihr eine Weile nach; dann spricht er: Könnte ich zwei Tage daran wenden – oder nur einen  –, sie wäre in meiner Gewalt so gut wie alle andern. – Und doch – aus seltnem Stoff ist dieses Mädchen geschaffen. Sie ist stolz. Sollte ich mich wirklich entschließen –? Nein, lieber sie demütigen. – – Er geht im Saal auf und ab. Wahrhaftig, – ist mir nicht, als hätte sie mein Blut in Brand gesetzt?! Wer würde das noch gestern für möglich gehalten haben ? – – Weg damit! Ich muß heraus aus diesem Wirrsal, in das ich mich verstrickt habe! – Er setzt sich auf einen Stuhl rechts. Wie soll ich mir das erklären? Olaf Skaktavl und Inger Gyldenlöve scheinen beide blind zu sein gegen das Mißtrauen, dem sie sich aussetzen, sobald es ruchbar wird, daß ich mit ihnen im Bunde stehe. – Oder sollte Frau Inger wirklich meinen Plan durchschauen? Sollte sie erraten, daß alle Zusagen nur darauf berechnet sind, Nils Sture aus seinem Versteck zu locken? Er springt auf. Verdammt! Wäre ich wirklich selbst der Gefoppte? Es ist höchst wahrscheinlich, daß Graf Sture gar nicht auf Oestrot ist. Vielleicht ist auch das Gerücht von seiner Flucht nur eine Kriegslist gewesen. Er sitzt möglicherweise zu dieser Stunde wohlbehalten bei seinen Freunden in Schweden, während ich – Er geht unruhig auf und ab. Daß ich auch meiner Sache so sicher sein mußte! Wenn ich nun nichts ausrichte? Wenn Frau Inger hinter meine Absichten kommt – und mein Unternehmen aufdeckt? – Daß Du Dich zum Kinderspott machst hier und in Dänemark! Frau Inger in die Falle locken zu wollen – und dadurch ihre Sache erst recht zu fördern, ihr Ansehen im Volke erst recht zu stärken! – – Ach, ich könnte mich dem Bösen selbst verschreiben, wenn er den Grafen Sture in meine Hand geben wollte – Das Fenster im Hintergrund wird aufgestoßen. Nils Stenssön wird draußen sichtbar. Nils Lykke greift nach dem Schwert. Was gibt's? Nils Stenssön springt herunter auf den Fußboden. Na, endlich bin ich da! Nils Lykke leise. Was soll das heißen? Nils Stenssön . Gottes Frieden, Herr! Nils Lykke . Dank, Herr! Übrigens habt Ihr Euch einen eigenartigen Eingang ausgesucht. Nils Stenssön . Teufel auch, was sollt' ich anders tun? Das Tor war ja verschlossen. Hier im Hofe müssen die Leute einen Schlaf haben wie der Bär zu Weihnachten. Nils Lykke . Gott sei Dank! Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen, wißt Ihr ja. Nils Stenssön . Das muß wohl so sein; denn wie ich auch hämmerte und donnerte – Nils Lykke . – es ward Euch doch nicht aufgetan! Nils Stenssön . Aufs Haar getroffen. Ich sagte also zu mir selbst: da du nun einmal heut abend auf Oestrot sein mußt, und ging's durch Wasser und Feuer, – so kannst du auch wohl durchs Fenster hereinkriechen. Nils Lykke leise. Sollt' er vielleicht – Einen Schritt näher. Es war Euch also sehr daran gelegen, heute noch hier einzutreffen? Nils Stenssön . Ob mir daran gelegen war! Das sollt' ich meinen! Ich lasse nicht auf mich warten, meiner Treu! Nils Lykke . Aha – Frau Inger Gyldenlöve erwartet Euch also? Nils Stenssön . Frau Inger Gyldenlöve? Darauf kann ich nicht so bestimmt antworten. Mit listigem Lächeln. Aber ich sollt' einen andern – Nils Lykke lächelt auch. Also, hier sollte ein anderer – Nils Stenssön . Sagt mal – gehört Ihr zum Hause? Nils Lykke . Ich? Ja, insofern ich seit diesem Abend Frau Ingers Gast bin. Nils Stenssön . So? – Ich glaube wir haben heute den dritten Abend nach Martini. Nils Lykke . Den dritten Abend nach –? Richtig, ja. – Wünscht Ihr vielleicht die Frau des Hauses gleich zu sprechen? So viel ich weiß, ist sie noch nicht zu Bett gegangen. Doch wollt Ihr Euch nicht zuerst setzen und ausruhen, lieber junger Herr? Seht, hier ist noch eine Kanne Wein. Etwas Speise werdet Ihr auch finden. Na, so langt zu! Ihr werdet der Stärkung bedürfen. Nils Stenssön . Ihr habt recht, Herr. Gar nicht so übel das! Er setzt sich an den Tisch; während er ißt und trinkt: Braten und süßer Kuchen! Ihr führt ja hier ein Herrenleben! Wenn man wie ich vier, fünf Tage auf nacktem Boden geschlafen und nur von Wasser und Brot gelebt hat – Nils Lykke betrachtet ihn lächelnd. Ja, das mag schwer genug für einen sein, der gewohnt war, im gräflichen Saal obenan zu sitzen. Nils Stenssön . Im gräflichen Saale –? Nils Lykke . Doch nun könnt Ihr Euch ja auf Oestrot ausruhen, solange es Euch gefällt. Nils Stenssön froh. So? Kann ich das wirklich? Muß ich denn nicht gleich wieder fort? Nils Lykke . Ja, ich weiß nicht. Die Frage könnt Ihr Euch wohl selbst am besten beantworten. Nils Stenssön leise. Au, verflucht! Laut. Ja, seht Ihr, die Sache hat noch ihren Haken. Ich für mein Teil hätte freilich nichts dagegen, mir für's erste es hier bequem zu machen; aber – Nils Lykke . – aber Ihr seid nicht in allen Stücken Euer eigener Herr? Da gibt's andere Geschäfte und andere Aufträge –? Nils Stenssön . Ja, da sitzt der Knoten. Wenn es bei mir stünde, so blieb' ich wenigstens den Winter über hier; ich habe mein halbes Leben im Felde gestanden, und da – Er bricht plötzlich ab, schenkt ein und trinkt. Euer Wohl, Herr! Nils Lykke . Im Felde? Hm. Nils Stenssön . Nein, das war's, was ich sagen wollte: ich habe mich lange danach gesehnt, Frau Inger Gyldenlöve zu sehen, von der man so viel Rühmens macht. Das muß eine herrliche Frau sein! Nicht wahr? – Das Einzige, was mich ärgert, ist, daß sie so verflucht ungern losschlagen will. Nils Lykke . Nicht losschlagen will –? Nils Stenssön . Na ja, Ihr versteht mich schon. Ich meine, daß sie so gar nicht mit Hand anlegen will, die fremden Herrenleute aus dem Lande zu jagen. Nils Lykke . Da habt Ihr freilich recht. Wenn Ihr nun aber tut, was Ihr könnt, dann geht's schon. Nils Stenssön . Ich? Gott bewahre! Das würde viel helfen, wenn ich – Nils Lykke . Es ist doch seltsam, daß Ihr sie aufsucht, wenn Ihr nichts Besseres zu hoffen habt. Nils Stenssön . Was meint Ihr damit? – Sagt, kennt Ihr Frau Inger? Nils Lykke . Versteht sich. Da ich ihr Gast bin, so – Nils Stenssön . Damit ist noch nicht gesagt, daß Ihr sie kennt. Auch ich bin ihr Gast und habe doch noch nicht einmal so viel wie ihren Schatten gesehen. Nils Lykke . Aber Ihr wißt doch zu erzählen – Nils Stenssön . – wovon jedermann schnackt! Ja freilich. Außerdem habe ich vom Kanzler Peter oft genug gehört – Er hält verlegen inne und beginnt eifrig zu essen. Nils Lykke . Ihr wolltet noch etwas sagen. Nils Stenssön essend. Ich? Nicht daß ich wüßte. Nils Lykke lacht. Nils Stenssön . Worüber lacht Ihr, Herr? Nils Lykke . Über nichts, Herr! Nils Stenssön trinkt. Das ist ein lieblicher Wein, den Ihr hier auf dem Schlosse habt. Nils Lykke nähert sich vertraulich. Sagt mal, – wär' es jetzt nicht an der Zeit, die Maske fallen zu lassen? Nils Stenssön lächelnd. Die Maske? O ja, das könnt Ihr tun, wenn's Euch gefällt. Nils Lykke . So laßt doch alle Verstellung fahren! Ihr seid erkannt, Graf Sture! Nils Stenssön mit Lachen. Graf Sture? Glaubt Ihr auch, ich bin Graf Sture? Er steht vom Tisch auf. Ihr irrt Euch, Herr. Ich bin nicht Graf Sture. Nils Lykke . Wirklich nicht? Wer seid Ihr denn? Nils Stenssön . Mein Name ist Nils Stenssön. Nils Lykke betrachtet ihn lächelnd. Hm? Nils Stenssön? Und Ihr seid nicht Sten Stures Sohn Nils? Der Name stimmt doch so ziemlich. Nils Stenssön . Sehr wahr; aber Gott weiß, mit welchem Recht ich ihn trage. Meinen Vater hab' ich nie gekannt; meine Mutter war eine arme Bauersfrau, die in den früheren Kriegsläuften um Gut und Leben kam. Der Kanzler Peter war damals gerade nicht weit. Er nahm sich meiner an, erzog mich und lehrte mich das Waffenhandwerk. Wie Ihr wißt, ist er viele Jahre hindurch von König Gustav verfolgt worden, und ich hab' ihn auf seinen Fahrten getreulich begleitet. Nils Lykke . Der Kanzler, scheint's, hat Euch noch mehr gelehrt als das Waffenhandwerk. – – Nun gut, Ihr seid also nicht Nils Sture. Jedoch Ihr kommt aus Schweden. Der Kanzler schickt Euch her, um hier einen Fremden zu finden, der – Nils Stenssön nickt listig. – der schon gefunden ist. Nils Lykke etwas unsicher. Und den Ihr nicht kennt? Nils Stenssön . Ebensowenig wie Ihr mich kennt – denn ich schwöre bei Gott dem Vater: ich bin nicht Graf Sture! Nils Lykke . Im Ernste, Herr? Nils Stenssön . So wahr ich lebe! Warum sollt' ich es leugnen, wenn ich's wäre? Nils Lykke . Aber wo ist denn Graf Sture? Nils Stenssön mit gedämpfter Stimme. Ja, das ist eben das Geheimnis. Nils Lykke flüsternd. Das Euch bekannt ist? Nicht wahr? Nils Stenssön nickt. Und das ich Euch mitzuteilen habe. Nils Lykke . Mir? Nun denn, wo ist er? Nils Stenssön zeigt nach oben. Nils Lykke . Da oben? Frau Inger hält ihn auf dem Boden verborgen? Nils Stenssön . Was fällt Euch ein! Ihr mißversteht mich. Er sieht sich vorsichtig um. Nils Sture ist im Himmel. Nils Lykke . Gestorben! – Wo? Nils Stenssön . Auf seiner Mutter Schloß, – schon vor drei Wochen. Nils Lykke . Ah, Ihr belügt mich. Vor fünf oder sechs Tagen zog er über die Grenze nach Norwegen. Nils Stenssön . O, das bin ich gewesen! Nils Lykke . Aber wenige Tage zuvor hatte der Graf sich in Dalekarlien gezeigt. Das Volk, das schon längst unruhig war, brach in offne Empörung aus und wollte ihn zum König machen. Nils Stenssön . Hahaha! Das war ja ich ! Nils Lykke . Ihr? Nils Stenssön . Ihr sollt jetzt hören, wie das zuging. Eines Tages rief der Kanzler mich zu sich und ließ verlauten, daß große Begebenheiten sich vorbereiteten. Er hieß mich ins norwegische Land nach Oestrot gehen, wo ich zu einer bestimmten Zeit eintreffen sollte – Nils Lykke nickt. Den dritten Abend nach Martini. Nils Stenssön . Da würd' ich einen Fremden finden – Nils Lykke . Richtig; das bin ich . Nils Stenssön . Von ihm würd' ich erfahren, was ich weiter zu tun hätte. Ich sollte ferner ihm melden, daß Graf Sture plötzlich gestorben ist, daß aber außer seiner Mutter, der Gräfin, dem Kanzler und einigen alten Hausleuten der Stures noch keiner darum wisse. Nils Lykke . Ich verstehe. Graf Sture war das Haupt der Bauern. Würde sein Tod ruchbar, so gingen sie auseinander – und aus der ganzen Sache würde nichts. Nils Stenssön . Kann wohl sein. Ich bin in diese Dinge nicht so eingeweiht. Nils Lykke . Aber wie konntet Ihr darauf verfallen, Euch für den Grafen auszugeben? Nils Stenssön . Wie ich darauf verfallen konnte? Ja, weiß ich es selbst? Ich bin in meinem Leben schon auf mehr Dummheiten verfallen. Es war übrigens gar nicht meine Erfindung; denn wohin ich auch kam in Dalekarlien, da rotteten sich die Leute zusammen und grüßten mich als den Grafen Sture. Da half keine Widerrede. Der Graf wäre erst vor zwei Jahren dagewesen, erzählten sie, und das kleinste Kind erkennte mich wieder. Na, in Gottes Namen! dachte ich. Ein Graf wirst du doch in deinem Leben nie wieder; du kannst ja mal versuchen, wie das tut. Nils Lykke . Nun – und was tatet Ihr dann weiter? Nils Stenssön . Ich? Ich aß und trank und ließ mir's wohl sein. Es war nur schade, daß ich so bald wieder fort mußte. Und als ich über die Grenze zog, – hahaha! – da gelobte ich ihnen, daß ich mit drei- oder viertausend Mann – oder wie viel es nun wären – wiederkommen würde, – und dann sollt' es gehörig losgehen. Nils Lykke . Und es ist Euch gar nicht eingefallen, wie unbesonnen Ihr handeltet? Nils Stenssön . Ja, nachher ist es mir eingefallen; aber da war's schon zu spät. Nils Lykke . Es tut mir leid um Euch, mein junger Freund; aber Ihr werdet bald die Folgen Eurer Torheit spüren. Ich kann Euch sagen, daß Ihr verfolgt werdet. Ein Troß schwedischer Reiter setzt Euch nach. Nils Stenssön . Mir nach? Hahaha! Nein, das ist herrlich! Und wenn sie kommen und glauben, Graf Sture endlich erwischt zu haben – hahaha! Nils Lykke ernst. – dann ist es um Euer Leben geschehen. Nils Stenssön . Um mein –? Ich bin doch nicht Graf Sture. Nils Lykke . Aber Ihr habt das Volk zu den Waffen gerufen. Ihr habt den Rebellen Zusagen gemacht und Unfrieden im Lande gestiftet. Nils Stenssön . Das war ja nur im Scherz. Nils Lykke . König Gustav wird die Sache in einem anderen Lichte sehen. Nils Stenssön . Ja, es ist wirklich etwas an dem, was Ihr da sagt. – Daß ich auch so dumm sein konnte! – – Je nun, wir werden uns schon wieder herauswinden! Ihr werdet Euch ja meiner annehmen und – die Reiter sind mir wohl auch noch nicht auf den Fersen. Nils Lykke . Aber was habt Ihr mir weiter zu sagen? Nils Stenssön . Ich? – Nichts; nur das Paket hab' ich Euch noch zu geben – Nils Lykke unbedacht. Das Paket? Nils Stenssön . Ja, freilich. Ihr wißt doch – Nils Lykke . Ach ja, richtig! Die Papiere vom Kanzler – Nils Stenssön . Seht, hier sind sie samt und sonders. Er überreicht Nils Lykke ein Paket, das er aus seinem Wams hervorgezogen hat. Nils Lykke leise. Briefe und Pergamente für Herrn Olaf Skaktavl. Zu Nils Stenssön: Ich sehe, das Paket ist offen. Ihr kennt also wohl den Inhalt? Nils Stenssön . Nein, Herr! Ich lese nicht gern Geschriebenes; das hat so seine Gründe. Nils Lykke . Verstehe. Ihr habt Euch zumeist aufs Waffenhandwerk gelegt. Er setzt sich an den Tisch und durchfliegt die Briefe. Aha, Aufklärungen, mehr als genug, um hinter das zu kommen, was vorgeht. – Dieser kleine Brief mit der Seidenschnur – Er untersucht die Aufschrift. Auch an Herrn Olaf Skaktavl. Öffnet den Brief und prüft flüchtig den Inhalt. Vom Kanzler. Ich konnte es mir denken. Liest murmelnd: »Ich bin hart bedrängt; denn –« ja, ganz richtig, hier steht es – »der junge Junker Sture ist zu seinen Vätern heimgegangen, gerade als der Aufruhr losbrechen wollte – aber noch ist nicht alles verloren« – – Was nun? Er stutzt und liest weiter: »Denn Ihr müßt wissen, Herr Olaf Skaktavl, der junge Mann, der Euch diesen Brief überbringt, ist ein Sohn von –« Himmel und Hölle! – steht das da? – Ja, bei Christi Blut, es steht da! Mit einem Blick auf Nils Stenssön. Er wäre – wäre wirklich – Er liest weiter: »Ich habe ihn von seinem ersten Jahr an erzogen; aber bis heute habe ich mich beharrlich geweigert, ihn zurückzugeben, weil ich glaubte, in ihm ein sicheres Unterpfand für Frau Ingers Treue gegen uns und unsre Freunde zu haben. Doch hat er uns in dieser Hinsicht nur wenig genützt. Ihr seid wohl erstaunt, daß ich Euch dies Geheimnis nie anvertraut habe, nicht einmal als Ihr letzthin bei mir wart. Ich will Euch ehrlich gestehen, ich fürchtete, Ihr würdet ihn für denselben Zweck wie ich in Anspruch nehmen. Nun aber, da Ihr mit Frau Inger zusammengetroffen seid und Euch wahrscheinlich überzeugt habt, wie ungern sie unsrer Sache beitritt, werdet auch Ihr es für das Klügste halten, ihr so schnell wie möglich zurückzugeben, was ihr gehört. Es wäre wohl möglich, daß Freude, Sicherheit und Dankbarkeit –« – »das ist unsre letzte Hoffnung.« Er sitzt eine Weile starr vor Erstaunen und sagt dann ungestüm vor sich hin: Ah, dieser Brief! Er ist Goldes wert! Nils Stenssön . Ich habe Euch wichtige Botschaft gebracht, wie es scheint. Ja, ja, – der Kanzler, heißt es, hat viele Eisen im Feuer. Nils Lykke für sich. Was fang' ich nun mit alledem an? Hundert Wege lassen sich einschlagen. Wenn ich –. Nein, das wäre zu unsicher. Aber wofern – hm, wofern ich –? Ja, das sei gewagt! Er reißt den Brief quer durch, ballt die Stücke zusammen und verbirgt sie in seinem Wams. Die übrigen Papiere legt er wieder in das Paket, steckt es in seinen Gürtel, erhebt sich und sagt: Ein Wort, mein junger Freund! Nils Stenssön nähert sich. Na, – das klingt fast, als stünde das Spiel gut. Nils Lykke . Ja, das will ich meinen! Ihr habt mir lauter gute Karten in die Hand gegeben, – Damen und Buben und – Nils Stenssön . Und ich, der Euch all diese guten Zeitungen gebracht hat, ich bin nun überflüssig? Nils Lykke . Ihr? Bewahre! Ihr gehört mit zum Spiele. Ihr seid König – und Trumpf obendrein. Nils Stenssön . Ich? Ach, ich begreife! Ihr denkt wohl an die Erhöhung – Nils Lykke . Erhöhung? Nils Stenssön . Ja, im Fall König Gustav mich zu fassen kriegt, prophezeitet Ihr, so – Er macht das Zeichen des Hängens. Nils Lykke . Ach ja, so – doch laßt Euch das nicht weiter anfechten! Jetzt steht es bei Euch, ob Ihr binnen eines Monats den Strick oder eine goldne Kette um den Hals tragen wollt. Nils Stenssön . Eine goldne Kette? Und bei mir stünde das? Nils Lykke nickt. Da mag der Teufel sich lange bedenken! – Doch sagt mir nur, wie ich mich zu verhalten habe. Nils Lykke . Das werd' ich. Aber zuvor schwört mir einen heiligen Eid, daß keine lebende Seele auf der weiten Welt erfahren soll, was ich Euch anvertraue. Nils Stenssön . Weiter nichts? Ich schwör' Euch zehn Eide, wenn Ihr's verlangt. Nils Lykke . Ernsthaft, Herr! Ich spaße nicht mit Euch. Nils Stenssön . Na ja, ja; ich bin ernsthaft. Nils Lykke . In Dalekarlien nanntet Ihr Euch einen Grafensohn; – nicht so? Nils Stenssön . Ei, fangt Ihr schon wieder damit an? Ich hab' Euch ja ehrlich gebeichtet – Nils Lykke . Ihr versteht mich nicht. Was Ihr damals sagtet, war die Wahrheit. Nils Stenssön . Die Wahrheit? Wo wollt Ihr nun hinaus? Aber so sagt mir doch – Nils Lykke . Erst den Eid, den heiligsten, unverbrüchlichsten, den Ihr kennt! Nils Stenssön . Ich will ihn schwören. Da an der Wand hängt das Bild der Jungfrau Maria – Nils Lykke . Die Jungfrau Maria ist heut eine gefallene Größe. Habt Ihr nicht gehört, was der Mönch von Wittenberg behauptet? Nils Stenssön . Pfui! Was geht Euch der Mönch von Wittenberg an? Der ist ja ein Ketzer, sagt der Kanzler. Nils Lykke . Ja, wir wollen darüber nicht streiten. Aber hier will ich Euch einen einwandfreien Heiligen zeigen, bei dem Ihr mir schwören sollt. Er deutet auf ein Ahnenbild, das an einem der Wandpfosten hängt. Kommt her und gelobt mir unverbrüchliches Schweigen, bis ich selbst Eure Zunge löse, – unverbrüchliches Schweigen, so wahr Ihr auf des Himmels Seligkeit hofft für Euch und für ihn, dessen Abbild hier hängt. Nils Stenssön , indem er sich dem Bilde nähert. Das schwör' ich – so wahr mir Gott helfe! Entsetzt zurückweichend. Jesus Christus, mein Erlöser! Nils Lykke . Was ist denn? Nils Stenssön . Das Bild da –! Das bin ich ja selbst! Nils Lykke . Das ist der alte Sten Sture, wie er in seinen jungen Jahren leibte und lebte. Nils Stenssön . Sten Sture! – Und die Ähnlichkeit –? Und – Ihr sagtet, ich hätte die Wahrheit gesprochen, als ich mich einen Grafensohn nannte? War es nicht so? Nils Lykke . So war es. Nils Stenssön . Ach, ich hab' es, ich hab' es. Ich bin – Nils Lykke . Ihr seid Sten Stures Sohn, Herr. Nils Stenssön erfaßt von stillem Erstaunen. Ich Sten Stures Sohn! Nils Lykke . Auch von mütterlicher Seite seid Ihr edler Abkunft. Der Kanzler hat nicht die Wahrheit gesprochen, wenn er sagte, eine arme Bauersfrau wäre Eure Mutter. Nils Stenssön . Seltsam, wunderlich! – Aber kann ich denn auch glauben –? Nils Lykke . Alles, was ich Euch sage, könnt Ihr glauben. Aber bedenkt wohl, daß all dies zu Eurem eignen Verderben ausschlagen kann, wofern Ihr vergeßt, was Ihr mir bei Eures Vaters Seligkeit zugeschworen habt. Nils Stenssön . Ich das vergessen? O nein, seid versichert, das werd' ich nicht. – Aber Ihr, dem ich mein Wort gegeben habe, sagt an – wer seid Ihr? Nils Lykke . Mein Name ist Nils Lykke. Nils Stenssön überrascht. Nils Lykke! Doch nicht der dänische Reichsrat? Nils Lykke . Derselbe. Nils Stenssön . Und Ihr solltet –? Das wäre seltsam. Wie kamt Ihr –? Nils Lykke . – um die Botschaft des Kanzlers zu empfangen. Das wundert Euch wohl? Nils Stenssön . Ja, ich will es nicht leugnen. Er hat Euch stets seinen erbittertsten Gegner genannt – Nils Lykke . Und deshalb mißtraut Ihr mir? Nils Stenssön . Nein, das gerade nicht; aber – – Na, der Teufel möge grübeln! Nils Lykke . Recht habt Ihr! Folgt Ihr Eurem eignen Kopfe, so ist die Hanfschnur Euch ebenso gewiß wie der Grafenname und die goldne Kette, wenn Ihr Euch auf mich verlaßt. Nils Stenssön . In allem und jedem! Hier meine Hand darauf, lieber Herr! Helft mir mit gutem Rat, solange er vonnöten ist. Gilt es loszuschlagen, dann werd' ich mich schon selber wehren. Nils Lykke . Das ist gut. Folgt mir auf meine Kammer; da sollt Ihr hören, wie das alles zusammenhängt, und was Ihr ferner zu tun habt. Geht rechts ab. Nils Stenssön mit einem Blick auf das Bild. Ich Sten Stures Sohn! O wunderlich – wie ein Traum – –! Er folgt Nils Lykke. Vierter Akt Der Rittersaal wie zuvor, nur der Eßtisch ist weggetragen. Björn, der Kammerdiener, geht Inger und Olaf Skaktavl durch die zweite Tür links mit brennendem Armleuchter voran. Inger hat einige Papiere in der Hand. Inger zu Björn. Und Du bist gewiß, daß meine Tochter den Ritter hier im Saale gesprochen hat? Björn indem er den Leuchter auf den Tisch links stellt. Ganz gewiß. Ich bin ihr begegnet, just als sie in den Gang hinaus trat. Inger . Und da schien sie Dir aufgeregten Gemüts zu sein? Nicht wahr? Björn . Sie sah bleich und verstört aus. Ich fragte, ob sie krank sei; aber statt meine Frage zu beantworten, sagte sie: »Geh zu meiner Mutter und melde ihr, daß der Ritter noch vor Tagesanbruch von hinnen zieht; bitte sie, falls sie Briefe oder Botschaft für ihn haben sollte, ihm keinen unnötigen Aufenthalt zu verursachen.« Und dann fügte sie noch etwas hinzu, das ich nicht genau verstehen konnte. Inger . Hast Du gar nichts verstanden? Björn . Es war mir, als sagte sie: »Fast glaub' ich, daß er schon zu lange auf Oestrot gewesen ist.« Inger . Und der Ritter? Wo ist er jetzt? Björn . Wahrscheinlich auf seiner Kammer im Torflügel. Inger . Es ist gut. Ich habe alles bereit, was ich ihm mitzugeben wünsche. Geh hinein und sag' ihm, daß ich ihn hier im Saal erwarte. Björn rechts ab. Olaf . Wißt Ihr was, Frau Inger, – ich bin freilich in solchen Sachen so blind wie ein Maulwurf; es scheint mir aber doch, als ob – – hm! Inger . Nun? Olaf . – als ob Nils Lykke Eurer Tochter gut wäre. Inger . Dann seid Ihr gerade nicht so blind – müßte ich mich doch sehr irren, wenn Ihr nicht recht hättet. Habt Ihr nicht bemerkt, wie begierig er beim Nachtmahl auf jedes Wörtchen lauschte, wenn ich von Eline erzählte? Olaf . Er vergaß Speise und Trank. Inger . Und unsere geheimen Geschäfte dazu. Olaf . Ja, und was noch mehr sagen will, – die Papiere vom Kanzler. Inger . Und aus alledem schließt Ihr wohl –? Olaf . Aus alledem schließ' ich zunächst, daß Ihr, die Ihr Nils Lykke kennt und wißt, welchen Ruf er genießt, zumal wenn es sich um schöne Frauen handelt – Inger . – ihn gern wieder draußen sähe? Olaf . Ja, und je eher, je lieber. Inger lächelnd. Nein, – im Gegenteil, Olaf Skaktavl! Olaf . Was heißt das? Inger . Wenn es sich verhält, wie wir beide glauben, so darf Nils Lykke um keinen Preis Oestrot so bald wieder verlassen. Olaf sieht sie mißbilligend an. Seid Ihr schon wieder auf krummen Wegen, Frau Inger? Was führt Ihr da im Schilde? Wollt Ihr Eure Macht zu unserm Schaden vergrößern –? Inger . O, über diese Kurzsichtigkeit, die Euch alle so unbillig macht gegen mich! Ihr glaubt doch wohl nicht, ich wollte Nils Lykke zu meinem Eidam wählen? Wenn das in meiner Absicht läge – würd' ich mich dann weigern, Teil zu nehmen an den Dingen, die sich jetzt in Schweden vorbereiten, und die Nils Lykke und der ganze dänische Anhang zu unterstützen bereit scheinen? Olaf . Aber wenn es nicht Euer Wunsch ist, Nils Lykke zu Euch herüber zu ziehen, – was habt Ihr dann mit ihm vor? Inger . Das will ich Euch mit wenig Worten erklären. In einem Brief an mich hat Nils Lykke es als ein Glück gepriesen, wenn er in unsere Sippe kommen könnte; und ich will so ehrlich sein, zu bekennen, daß ich wirklich einen Augenblick über diese Sache nachgedacht habe. Olaf . Nun, seht Ihr wohl! Inger . Nils Lykkes Verbindung mit meinem Hause wäre das wirksamste Mittel, viele Uneinige hier im Lande zu versöhnen. Olaf . Mich dünkt, die Verheiratung Eurer Tochter Merete mit dem Grafen Vincent Lunge hätte Euch bewiesen, wie solche Mittel wirken. Kaum hatte Herr Lunge festen Fuß gefaßt bei Euch, als er Güter und Gerechtsame an sich riß – Inger . Ach, ich weiß das, Olaf Skaktavl! Aber zuweilen durchkreuzen so mancherlei Gedanken meinen Kopf. Ich kann mich keinem völlig anvertrauen, nicht einmal Euch. Oft weiß ich nicht, was für mich das Rechte ist. Und doch – zum zweitenmal einen dänischen Ritter zu meinem Eidam zu machen, das ist ein Ausweg, den ich nur in der äußersten Not beschreiten würde, und – der Himmel sei gepriesen! – so weit ist es noch nicht gekommen! Olaf . Ich bin so klug wie zuvor, Frau Inger. – Warum wollt Ihr Nils Lykke auf Oestrot zurückhalten? Inger mit leiser Stimme. Weil ich einen tiefen, tiefen Groll gegen ihn habe. Nils Lykke hat mich blutiger gekränkt, als je ein Mensch mich kränkte. Ich kann Euch nicht sagen, was es ist; aber ich habe nicht Ruhe, bis ich Rache an ihm genommen habe. Versteht Ihr mich nicht? – Gesetzt, Nils Lykke wäre meiner Tochter gut; ich halte das nicht für so undenkbar. Ich werde ihn bestimmen, hier zu bleiben. Er wird Eline näher kennen lernen; sie ist klug und schön –. Ha, wenn er dann mit heißer Liebe im Herzen vor mich hinträte und um ihre Hand bäte – dann ihn fortzujagen wie einen Hund, fortzujagen mit Spott, mit Hohn, mit Verachtung und laut durchs ganze Land zu rufen, Nils Lykke hatte vergebens auf Oestrot zu werben versucht – ich sag' Euch, ich gäbe zehn Jahre meines Lebens, wenn ich diese Stunde erlebte! Olaf . Hand aufs Herz, Inger Gyldenlöve, – das also habt Ihr mit ihm vor? Inger . Das und nichts anderes – so wahr Gott lebt! Ihr dürft mir trauen, Olaf Skaktavl, ich mein' es ehrlich mit meinen Landsleuten. Aber ich bin zu wenig mein eigner Herr. Es gibt Dinge, die geheim bleiben müssen, wenn ich nicht zu Tode getroffen werden soll. Doch bin ich erst von dieser Seite sicher, dann sollt Ihr erfahren, ob ich vergessen habe, was ich an Knut Alfsöns Bahre geschworen habe. Olaf schüttelt ihre Hand. Dank für das, was Ihr mir da gesagt habt! Ich möchte so ungern schlecht von Euch denken. – Doch was Euer Vorhaben mit dem Ritter betrifft, so dünkt mich, Ihr wagt ein gefährliches Spiel. Wenn Ihr Euch nun verrechnet hättet? Wenn Eure Tochter –? Sagt man doch, daß kein Weib diesem geschmeidigen Teufel zu widerstehen vermag. Inger . Meine Tochter? Ihr glaubt, sie würde –? Nein, seid unbesorgt. Ich kenne Eline besser. Alles, was sie zu seinem Preis gehört, das hat sie mit Haß gegen ihn erfüllt. Ihr habt ja mit Euren eignen Ohren vernommen – Olaf . Allerdings – doch Weibersinn ist ein gar unsicherer Baugrund. Ihr solltet Euch doch vorsehen. Inger . Das will ich auch; ich werde auf beide ein wachsam Auge haben. Und sollt' es ihm dennoch gelingen, sie in seinem Garn zu fangen, so brauch' ich ihr nur ein Wort ins Ohr zu flüstern, und – Olaf . Und? Inger . – und sie wird ihn fliehen wie einen Sendung des höllischen Versuchers. – Still, Olaf Skaktavl! Da kommt er. Seid jetzt besonnen. Nils Lykke kommt aus der ersten Tür rechts. Nils Lykke geht höflich auf Inger zu. Meine edle Herrin hat mich rufen lassen. Inger . Durch meine Tochter hab' ich erfahren, daß Ihr uns noch in dieser Nacht verlassen wollt. Nils Lykke . Leider. Mein Geschäft auf Oestrot ist ja erledigt. Olaf . Nicht, bis ich meine Papiere bekommen habe. Nils Lykke . Ganz recht. Fast hätt' ich von meinem Geschäft das Wichtigste vergessen. Aber das ist auch die Schuld unsrer edlen Wirtin. Bei Tisch wußte sie ihre Gäste so klug und angenehm zu unterhalten – Inger . Daß Ihr vergessen habt, weshalb Ihr gekommen seid? Das freut mich; denn gerade dies war meine Absicht. Ich dachte, soll mein Gast, Nils Lykke, sich heimisch auf Oestrot fühlen, so muß er – Nils Lykke . Was, edle Frau? Inger . – vor allen Dingen seinen Auftrag vergessen und alles, was seiner Sendung voranging. Nils Lykke zu Olaf, indem er das Paket hervorzieht und es ihm reicht. Die Papiere vom Kanzler Peter. Ihr werdet darin vollständige Aufklärungen über unsre Anhänger in Schweden finden. Olaf . Das ist gut. Er setzt sich an den Tisch links, wo er das Paket öffnet und durchblättert. Nils Lykke . Und nun, Frau Inger – nun wüßt' ich nicht, was es hier noch für mich zu tun gäbe. Inger . Sofern uns einzig und allein Staatsgeschäfte zusammengeführt haben, habt Ihr freilich recht. Doch möcht' ich das kaum glauben. Nils Lykke . Ihr meint? Inger . Ich meine, nicht ausschließlich als dänischer Reichsrat oder als Verbündeter des Kanzlers kam Nils Lykke mich zu besuchen. – Sollt' ich irren, wenn ich mir einbildete, daß Ihr in Dänemark manches gehört haben könntet, was Euch neugierig machte, die Herrin von Oestrot näher kennen zu lernen? Nils Lykke . Es sei fern von mir zu leugnen – Olaf in den Papieren blätternd. Sonderbar! Kein Brief. Nils Lykke . – Inger Gyldenlöves Ruf ist zu weit verbreitet, als daß ich nicht schon längst begehrt haben sollte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Inger . Ich dacht' es. Aber reicht dann eine Stunde, beim Nachtmahl vertändelt, aus? – Durch das, was zwischen uns war, wollen wir einen Strich zu machen versuchen. Es möchte dem Nils Lykke, den ich kenne, gelingen, einen Schleier über das zu breiten, was ein Nils Lykke beging, den ich nicht gekannt habe. Verlängert doch Euren Aufenthalt um einige Tage, Herr Reichsrat! Olaf Skaktavl darf ich nicht zureden. Hat er doch seine geheimen Geschäfte in Schweden. Jedoch was Euch betrifft – Ihr habt gewiß alles so hübsch vorbereitet, daß Eure Anwesenheit kaum vonnöten sein wird. Glaubt mir, es wird Euch die Zeit bei uns nicht lang werden. Wenigstens wollen ich und meine Tochter alles aufbieten, Euch ein recht inniges Behagen zu verschaffen. Nils Lykke . Ich zweifle weder an Eurer, noch an Eurer Tochter freundlichen Gesinnung gegen mich. Davon hab' ich vollgültige Beweise empfangen. Aber Ihr werdet gewiß überzeugt sein, daß meine Gegenwart anderswo unumgänglich nötig ist, wenn ich trotz alledem erkläre, meinen Aufenthalt auf Oestrot unmöglich verlängern zu können. Inger . Wirklich nicht? – Ei, Herr Reichsrat, wenn ich boshaft wäre, könnt' ich fast glauben, daß Ihr nach Oestrot gekommen seid, um mit mir eine Lanze zu brechen, und daß es Euch, nachdem Ihr verloren habt, nicht angenehm ist, länger auf dem Kriegsschauplatz unter den Zeugen Eurer Niederlage zu verweilen. Nils Lykke . Eure Deutung möchte nicht ganz unbegründet sein; aber so viel ist gewiß, daß ich die Schlacht noch nicht für verloren gebe. Inger . Das mag nun sein, wie es will; wenn Ihr noch einige Tage bei uns bleibt, dann könnt Ihr die Scharte gewiß noch wieder auswetzen. Seht doch selbst, wie schwankend und unentschlossen ich am Scheidewege stehe – wie ich sogar meinen gefährlichen Angreifer zu überreden suche, das Feld nicht zu räumen. – Nun, offen gesagt, die Sache ist die: Eure Verbindung mit den Mißvergnügten in Schweden kommt mir ein wenig – ja, wie soll ich es nur nennen? – ein wenig wunderlich vor, Herr Reichsrat! Ich sag' Euch das ohne Umschweife, lieber Herr. Der Gedanke, der den Rat des Königs bei diesem heimlichen Schritt geleitet hat, dünkt mich zwar sehr gescheit, aber er widerspricht doch sehr dem Verhalten Eurer Landsleute während der vergangenen Jahre. Darum darf es Euch nicht kränken, wenn mein Vertrauen in Eure Zusagen noch nicht so fest ist, daß ich Gut und Leben in Eure Hände legen möchte. Nils Lykke . Zu diesem Endzweck würde ein längerer Aufenthalt auf Oestrot auch nicht von Nutzen sein; denn ich will keinen weitern Versuch machen, Euch in Eurem Entschluß zu erschüttern. Inger . Dann beklag' ich Euch von ganzem Herzen. Ja, Herr Reichsrat, – wohl steh' ich als unberatene Witwe hier; aber Ihr könnt mir aufs Wort glauben, und ich weissage Euch: es werden Euch Dornen erwachsen aus Eurer Fahrt nach Oestrot. Nils Lykke mit einem Lächeln. Weissagt Ihr das, Frau Inger? Inger . Gewiß! Was wird man wohl sagen, lieber Herr? Die Menschen sind ja heutzutage solche Lästerzungen. Mehr als ein Spottvogel wird Schmähweisen auf Euch dichten; ehe noch ein halbes Jahr vergangen ist, werdet Ihr in der Leute Munde sein; man wird auf der Landstraße stehen bleiben und Euch nachblicken. »Seht«, wird man sagen, »seht, da reitet Herr Nils Lykke, der hinauf nach Oestrot zog, um Inger Gyldenlöve zu fangen, und der in seiner eignen Schlinge hängen geblieben ist.« – Na, na, nicht so ungeduldig, Herr Ritter! Das ist ja nicht meine Ansicht; aber alle schlimmen und boshaften Menschen werden so urteilen – und deren gibt es leider mehr als genug. Schlimm ist das, aber wahr und gewiß: Spott wird Euer Lohn sein, Spott, daß ein Weib gescheiter war als Ihr. »Listig wie ein Fuchs schlich er nach Oestrot«, wird man sagen, »beschämt wie ein Hund kroch er wieder von dannen.« – Und noch eins: glaubt Ihr nicht, der Kanzler und seine Freunde werden Euern Beistand verschmähen, wenn es ruchbar wird, daß ich mich nicht unter Eurer Fahne zu kämpfen getraue? Nils Lykke . Ihr sprecht wohlbedacht, edle Frau. Und um mich nicht dem Spott auszusetzen, – ferner, um nicht die Unterstützung der lieben Freunde in Schweden zu verwirken, so bin ich genötigt, – Inger rasch. – Euren Aufenthalt auf Oestrot zu verlängern? Olaf , der gelauscht, leise. Jetzt geht er in die Falle! Nils Lykke . Nein, meine edle Frau – ich bin genötigt, mich noch in dieser Stunde mit Euch zu einigen. Inger . Und falls Euch das nun nicht glücken sollte? Nils Lykke . Es wird glücken. Inger . Ihr scheint Eurer Sache sicher zu sein. Nils Lykke . Was gilt die Wette, daß Ihr auf meinen und des Kanzlers Vorschlag eingeht? Inger . Hof Oestrot gegen Eure Schuhschnallen! Nils Lykke schlägt sich an die Brust und ruft: Olaf Skaktavl – hier seht Ihr den Herrn von Oestrot! Inger . Herr Reichsrat –! Olaf erhebt sich vom Tisch. Was nun? Nils Lykke zu Inger. Eure Wette nehm' ich nicht an; denn im nächsten Augenblick werdet Ihr mir gern Oestrot schenken und noch mehr dazu, um Euch aus der Schlinge zu ziehen, in der Ihr sitzt, nicht ich . Inger . Euer Spaß, Herr, fängt an recht lustig zu werden. Nils Lykke . Er wird noch lustiger – wenigstens für mich. – Ihr pocht darauf, mich überlistet zu haben, droht mir, Hohn und Spott der Welt auf mich zu laden. Ah, Ihr solltet Euch hüten, meine Rachelust zu nähren; denn mit zwei Worten kann ich Euch in die Knie, vor meine Füße niederzwingen. Inger . Haha! Hält plötzlich inne, wie von einer Ahnung ergriffen. Und diese zwei Worte, Nils Lykke? Diese zwei Worte – Nils Lykke . – sind das Geheimnis von Eurem und Sten Stures Sohn. Inger mit einem Schrei. Barmherziger Gott –! Olaf . Inger Gyldenlöves Sohn? Was sagt Ihr? Inger halb in den Knien vor Nils Lykke. Gnade! O, seid barmherzig –! Nils Lykke hebt sie auf. Kommt zu Euch und laßt uns besonnen miteinander reden. Inger mit leiser Stimme und halb wie geistesabwesend. Habt Ihr's gehört, Olaf Skaktavl? Oder war es nur ein Traum? Habt Ihr gehört, was er sagte? Nils Lykke . Es war kein Traum, Frau Inger. Inger ringt die Hände. Und Ihr wißt es! Ihr! – Ihr! Aber wo habt Ihr ihn denn? Wo habt Ihr ihn? Was wollt Ihr mit ihm machen? Schreit auf: Tötet ihn nicht, Nils Lykke! Gebt ihn mir wieder! Tötet ihn mir nicht! Olaf . Ah, jetzt fang' ich an, zu begreifen – Inger . Und diese Angst –; dieses lastende Entsetzen, – ich hab' es Jahr um Jahr mit mir herumgetragen! – Und nun soll alles, alles zusammenbrechen, und ich soll diese Not und Qual erdulden! Herr, mein Gott! Ist das recht von dir ? Hast du darum ihn mir gegeben? Sie ringt mit Anspannung aller Kräfte nach Fassung. Nils Lykke, sagt mir eins: wo habt Ihr ihn? Wo ist er? Nils Lykke . Bei seinem Pflegevater. Inger . Noch immer bei seinem Pflegevater! O dieser unbarmherzige Mann –! Immer hat er ihn mir vorenthalten! Aber es darf nicht länger so bleiben! Helft mir, Olaf Skaktavl! Olaf . Ich? Nils Lykke . Das wird nicht vonnöten sein, wofern Ihr nur – Inger . Hört mich, Herr Reichsrat! Was Ihr wißt – Ihr sollt es ganz und gar wissen, und Ihr auch, alter treuer Freund! – Nun wohl denn! Ihr habt mich an den unglückseligen Tag gemahnt, da Knut Alfsön bei Oslo erschlagen wurde; Ihr habt mich an das Gelübde gemahnt, das ich tat, als ich vor der Leiche stand unter Norwegens bravsten Männern. Ich war zu jener Zeit kaum erwachsen; aber ich fühlte Gottes Kraft in mir, und ich meinte, was später gar viele meinten, daß Gott der Herr selbst sein Zeichen auf meine Stirn gedrückt und mich erkoren hatte, allen voran für Land und Reich zu streiten. – War das Hochmut? Oder war es eine Offenbarung von oben? Ich hab' es nie ganz ergründen können. Aber wehe dem, auf den eine große Tat gelegt ist. – Ich darf sagen, ich habe sieben Jahre lang ehrlich gehalten, was ich gelobt hatte. In Not und Bedrängnis hab' ich treu zu meinen Landsleuten gestanden. Alle meine Gespielinnen saßen als Hausfrauen und Mütter ringsum im Lande. Ich allein durfte keinem Freier Gehör schenken – keinem . Ihr wißt es am besten, Olaf Skaktavl! – Da sah ich Sten Sture zum ersten Male. Einen schönern Mann hatt' ich nie gesehen bisher. Nils Lykke . Jetzt wird mir alles klar! Sten Sture kam um jene Zeit in geheimer Sendung nach Norwegen. Wir Dänen durften nicht wissen, daß er Euren Freunden gewogen war. Inger . Als schlichter Knecht verkleidet, lebte er einen Winter mit mir unter einem Dache. – In jenem Winter dacht' ich weniger und weniger an des Reiches Wohlfahrt. – – Einen so schönen Mann hatt' ich nie gesehen. Und ich war schon fünfundzwanzig Jahre alt geworden – –. Im nächsten Herbst kam Sten Sture wieder; und als er abermals von dannen zog, nahm er in aller Heimlichkeit einen Säugling mit sich fort. Ich fürchtete nicht die bösen Zungen der Menschen, aber es hätte unsrer Sache geschadet, wäre es ruchbar geworden, daß Sten Sture mir so nahe stand. – Das Kind wurde zu Kanzler Peter hingetan zur Auferziehung. Ich wartete auf bessre Zeiten, die bald kommen würden. Nie kamen sie. – Zwei Jahre später verheiratete sich Sten Sture in Schweden, und als er starb, hinterließ er eine Witwe – Olaf . – und mit ihr einen gesetzlichen Erben seines Namens und seiner Gerechtsame. Inger . Einen Brief um den andern schrieb ich dem Kanzler und flehte ihn an, mir mein Kind zurückzugeben! Aber er weigerte sich stetig. »Schließt Euch fest und unverbrüchlich uns an,« antwortete er, »so sende ich Euern Sohn nach Norwegen – eher nicht!« Wie konnt' ich das wagen? Wir Mißvergnügten waren damals von vielen ängstlichen Gemütern im Lande scheel angesehen. Hätten sie von der Sache Wind bekommen – o, ich weiß! – sie hätten dem Kind, um die Mutter lahm zu legen, dasselbe Schicksal bereitet, das König Christian erdulden sollte, und dem er nur durch die Flucht entging. – Aber auch abgesehen davon waren die Dänen nicht untätig. Sie ließen es nicht an Drohungen noch an Versprechungen fehlen, um mich auf ihre Seite hinüberzudrängen. Olaf . Begreiflicherweise. Aller Blicke waren auf Euch gerichtet, wie auf die Flagge, der sie nachsegeln sollten. Inger . Da kam Herluf Hydefads Aufstand. Gedenkt Ihr jener Zeit noch, Olaf Skaktavl? War es nicht, als sei ein sonniger Frühling über das Land gekommen? Mächtige Stimmen mahnten mich, hervorzutreten – aber ich wagte es nicht. Ich saß unschlüssig – fern vom Kampf – auf meinem einsamen Hof. Oft war mir, als ob Gott der Herr selbst mich riefe; aber dann kam wieder jene tödliche Angst und lähmte mir den Willen. »Wer wird siegen?« Seht, das war die Frage, die unaufhörlich vor meinen Ohren klang. – Nur ein kurzer Frühling war's, der damals über Norwegen anbrach. Herluf Hydefad und sehr viele mit ihm wurden in den Monaten, die folgten, aufs Rad geflochten. Mich konnte niemand zur Rechenschaft ziehen. Und doch blieben verblümte Drohungen von Dänemark nicht aus. Wie? wenn man um das Geheimnis wüßte? Ich konnte es mir zuletzt nicht anders denken, als daß man darum wüßte. – In dieser qualvollen Zeit kam Reichshofmeister Gyldenlöve herauf nach Oestrot und begehrte meine Hand. Laßt eine geängstigte Mutter sich an meine Stelle versetzen –! Einen Monat später war ich des Reichshofmeisters Ehefrau, – und heimatlos in den Herzen meiner Landsleute. – – Dann kamen stille Jahre. Keiner erhob sich mehr. Die Herren konnten uns bedrücken und bedrängen, so tief und schwer sie wollten. Zuzeiten faßte mich Ekel vor mir selbst. Denn was hatte ich zu schaffen? Nichts andres, als in Angst zu leben, verhöhnt zu werden und Töchter zur Welt zu bringen. Meine Töchter! Gott mag mir vergeben, wenn ich kein Mutterherz für sie hatte! Der Ehefrau Pflichten wurden mir zum Frondienst – wie könnt' ich also meine Töchter lieben? O, mit meinem Sohn war das etwas anderes! Er war das Kind meiner Seele, war das Einzige, was mich an jene Zeit erinnerte, da ich Weib und nichts als Weib gewesen. – Und ihn hatten sie mir genommen! Er wuchs unter Fremden auf, die vielleicht die Saat des Verderbens säten in sein Inneres! Olaf Skaktavl, – hätte ich, gleich Euch, in Winter und Wetter, verfolgt und geächtet, durchs Hochgebirg wandern müssen, und hätt' ich mein Kind in meinen Armen gehabt, – glaubt mir, ich hätte nicht getrauert und geweint so, wie ich um ihn weinte und klagte von seiner Geburt an bis zu dieser Stunde! Olaf . Hier meine Hand. Ich hab' Euch zu hart gerichtet, Frau Inger. Verfügt wieder über mich wie sonst. Ich will Euch gehorchen. – Ja, bei allen Heiligen! – ich weiß, was es heißt, um sein Kind leiden. Inger . Eures erschlugen die Gewalthaber. Aber was ist der Tod gegen jahrelange ruhelose Angst! Nils Lykke . Nun wohl – in Eurer Macht steht es, diese Angst zu enden. Versöhnt die streitenden Parteien, dann wird es keiner beifallen, sich Euer Kind als Pfand Eurer Treue anzueignen. Inger für sich. Das ist des Himmels Rache – – Blickt ihn an. Kurz und gut, was fordert Ihr? Nils Lykke . Erstens fordere ich, daß Ihr das Volk nördlich vom Dovrefjeld unter die Waffen ruft, um die Mißvergnügten in Schweden zu unterstützen. Inger . Und weiter –? Nils Lykke . – daß Ihr dahin wirkt, daß der junge Graf Sture in seines Stammes Rechte als Beherrscher Schwedens eingesetzt wird. Inger . Er? Ihr fordert, daß ich –? Olaf leise. Das ist der Wunsch vieler Schweden. Auch uns wäre damit gedient. Nils Lykke . Ihr bedenkt Euch, edle Frau? Ihr, die Ihr um die Sicherheit Eures Sohnes bebt – was könnt Ihr Bessres wünschen, als seinen Halbbruder auf dem Thron zu sehen? Inger gedankenvoll. Wohl wahr, – wohl wahr – Nils Lykke betrachtet sie scharf. Es müßte denn ein andrer Anschlag im Werke sein – Inger . Was meint Ihr? Nils Lykke . Daß Inger Gyldenlöve danach trachtet – Königsmutter zu werden. Inger . Nein, nein! Gebt mir mein Kind zurück, so könnt Ihr die Kronen geben, wem Ihr wollt. – Doch wißt Ihr auch, ob Graf Sture gewillt ist –? Nils Lykke . Davon kann er selbst Euch überzeugen. Inger . Er selbst? Und wann? Nils Lykke . In dieser Stunde. Olaf . Wieso? Inger . Was sagt Ihr? Nils Lykke . Mit einem Wort: Graf Sture ist auf Oestrot. Olaf . Hier? Nils Lykke zu Inger. Es ward Euch vielleicht hinterbracht, daß ich mit einem Gesellen durch das Burgtor geritten bin? Der Graf war mein Gefährte. Inger leise. Ich bin in seiner Macht. Hier bleibt keine Wahl. Sie sieht ihn an und sagt: Gut, Herr Reichsrat, – Ihr sollt die Versicherung meines Beistandes haben. Nils Lykke . Schriftlich? Inger . Wie Ihr begehrt. Sie geht zu dem Tische links hinüber, setzt sich und nimmt Schreibzeug aus der Schublade. Nils Lykke bei Seite, am Tische rechts. Endlich ist der Sieg mein! Inger bedenkt sich einen Augenblick, wendet sich dann plötzlich zu Olaf Skaktavl und flüstert: Olaf Skaktavl, – nun weiß ich gewiß – Nils Lykke ist ein Verräter! Olaf leise. Wie? Ihr glaubt –? Inger . Er sinnt auf Betrug. Sie legt das Papier zurecht und taucht die Feder ein. Olaf . Und doch wollt Ihr schriftlich eine Versicherung abgeben, die Euren Untergang herbeiführen kann? Inger . Still! Laßt mich gewähren! Nein, wartet und hört mal zuerst – – Sie spricht im Flüsterton mit ihm. Nils Lykke leise, indem er sie beobachtet. Ja, beratschlagt nur, soviel Ihr wollt! Jetzt ist alle Gefahr vorbei. Mit ihrer schriftlichen Zusage in der Tasche kann ich sie zu jeder Stunde verklagen. Noch in dieser Nacht soll heimlich ein Bote zu Jens Bjelke –. Ich sage keine Lüge, wenn ich ihm versichere, daß der junge Graf Sture nicht auf Oestrot ist. Und morgen, wenn der Weg frei ist – nach Drontheim mit dem Junker. Dann zu Schiff mit ihm als Gefangenen nach Kopenhagen. Sitzt er da erst im Turm, dann können wir Frau Inger jede Bedingung vorschreiben, die uns paßt. Und ich –? Ja, dann , denk' ich, wird der König die Sendung nach Frankreich in keines andern Hände legen als in die meinen. Inger flüstert fortwährend mit Olaf . Nun, Ihr habt mich also verstanden? Olaf . Vollkommen. So sei es denn gewagt nach Eurem Willen! Er geht rechts durch die zweite Tür ab. Nils Stenssön kommt durch die erste Tür rechts, ohne von Inger bemerkt zu werden, die schon zu schreiben begonnen hat. Nils Stenssön mit gedämpfter Stimme. Herr Ritter, – Herr Ritter! Nils Lykke zu ihm gewendet. Unvorsichtiger! Was wollt Ihr hier? Hab' ich Euch nicht gesagt, Ihr solltet da drinnen warten, bis ich Euch riefe? Nils Stenssön . Wie könnt' ich das? Nun, da Ihr mir anvertraut habt, daß Inger Gyldenlöve meine Mutter ist, nun dürst' ich mehr denn je danach, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen – – O, das ist sie! Wie stolz und edel! So hab' ich sie mir immer vorgestellt. Seid unbesorgt, lieber Herr, – ich werde mich nicht verraten. Seit ich um das Geheimnis weiß, fühl' ich mich gewissermaßen älter und besonnener. Ich will fürder nicht stürmisch und leichtfertig sein; ich will sein wie andre edle Junker. – Sagt mir doch – weiß sie, daß ich hier bin? Habt Ihr sie vorbereitet? Nils Lykke . Ja, freilich hab' ich das, aber – Nils Stenssön . Nun? Nils Lykke . – sie will Euch nicht als ihren Sohn anerkennen. Nils Stenssön . Sie will mich nicht anerkennen? Aber sie ist doch meine Mutter. – O, wenn nichts andres im Wege ist – er nimmt einen Ring, den er an einer Schnur um den Hals trägt – dann zeigt ihr diesen Ring. Ich hab' ihn von klein auf getragen. Darüber wird sie schon Bescheid wissen. Nils Lykke . Versteckt den Ring, Mensch! Versteckt ihn, sag' ich! – Ihr versteht mich nicht. Frau Inger zweifelt keineswegs, daß Ihr ihr Kind seid; aber – ja, seht Euch um – seht diesen Reichtum; seht die mächtigen Ahnen und Gesippen, deren Bilder prangend alle Wände bedecken von oben bis unten; seht endlich sie selbst, dieses stolze Weib, das gewohnt ist, als erste Edelfrau im Reiche zu gebieten. Meint Ihr, es könnte ihr lieb sein, einen armen, dummen Burschen den Leuten vor die Augen zu führen und zu sagen: »Seht her, das ist mein Sohn!« Nils Stenssön . Ja, Ihr habt gewißlich recht. Ich bin arm und dumm; ich habe ihr nichts zu bieten im Vergleich zu dem, was ich begehre. O, niemals hab' ich mich von meiner Armut bedrückt gefühlt bis zu dieser Stunde! Aber, sagt mir! Was glaubt Ihr, muß ich tun, um ihr Herz zu gewinnen? Sagt es mir, lieber Herr; Ihr müßt es doch wissen! Nils Lykke . Ihr sollt Land und Krone erwerben. Aber ehe Euch dies geglückt ist, hütet Euch wohl, ihre Ohren durch die leiseste Hindeutung auf Eure Abkunft oder Ähnliches zu verletzen! Frau Inger wird tun, als hielte sie Euch für den wirklichen Grafen Sture, bis Ihr Euch einst würdig macht, ihr Sohn zu heißen. Nils Stenssön . O, so sagt mir aber –! Nils Lykke . Still! Still! Inger erhebt sich und reicht Nils Lykke das Papier. Hier, Herr Ritter, – habt Ihr meine Zusage. Nils Lykke . Ich danke Euch. Inger indem sie Nils Stenssön bemerkt. Ah, – dieser junge Mann ist – Nils Lykke . Ja, Frau Inger, das ist Graf Sture. Inger beiseite, indem sie Nils Stenssön verstohlen betrachtet. Zug für Zug – ja, bei Gott! Das ist Sten Stures Sohn! Sie tritt näher und sagt mit kalter Höflichkeit: Seid willkommen unter meinem Dach, Herr Graf! In Eurer Hand liegt es, ob wir in Jahresfrist diese Begegnung segnen sollen oder nicht. Nils Stenssön . In meiner Hand? O, gebietet mir, was ich tun soll! Glaubt mir, ich habe Mut und guten Willen – Nils Lykke horcht unruhig. Was ist das für ein wilder Lärm, Frau Inger? Da will wer herein. Was hat das zu bedeuten? Inger mit erhobener Stimme. Das sind die Geister, die erwachen. Olaf Skaktavl, Ejnar Huk, Björn, Finn mit vielen Bauern und Knechten durch den Hintergrund rechts. Bauern und Knechte . Heil Euch, Frau Inger Gyldenlöve! Inger zu Olaf Skaktavl. Habt Ihr ihnen gesagt, was im Werke ist? Olaf . Alles, was sie zu wissen brauchen, habe ich ihnen gesagt. Inger zu der Menge. Ja, meine treuen Knechte und Bauern, jetzt sollt Ihr Euch waffnen, so gut Ihr nur könnt! Was ich vorhin Euch versagt habe, das sei Euch jetzt in vollstem Maße gewährt. Und hier stelle ich Euch den jungen Grafen Sture vor, den künftigen Herrscher Schwedens, – und Norwegens, wenn Gott es haben will. Die Menge . Heil ihm! Heil Graf Sture! Allgemeine Bewegung. Bauern und Knechte suchen sich Waffen aus und rüsten sich mit Brustpanzern und Stahlhelmen, alles unter großem Lärm. Nils Lykke leise und unruhig. »Die Geister erwachen«, sagte sie? Zum Schein nur hab' ich den Dämon des Aufruhrs heraufbeschworen. Verdammt, wenn er mir über den Kopf wachsen sollte! Inger zu Nils Stenssön. Von mir empfangt Ihr die erste Hilfeleistung, – dreißig berittene Bauern, die Euch folgen und Euch beschirmen sollen. Glaubt mir, – noch ehe Ihr die Grenze erreicht, werden sich viele Hunderte unter mein und Euer Banner geschart haben. Und so zieht denn mit Gott! Nils Stenssön . Dank, – Inger Gyldenlöve! Dank! Und seid versichert, Ihr sollt Euch niemals – des Grafen Sture zu schämen haben. Wenn Ihr mich wiederseht, dann habe ich Land und Krone errungen. Nils Lykke für sich. Ja, wenn sie Dich wiedersieht! Olaf zu den Bauern. Die Pferde warten, ihr guten Bauern. Seid Ihr bereit –? Die Bauern . Ja, ja, ja! Nils Lykke unruhig zu Inger. Wie denn? Es ist doch nicht etwa Eure Absicht, schon in dieser Nacht –? Inger . Noch in dieser Stunde, Herr Ritter! Nils Lykke . Nein, nein, unmöglich! Inger . Es ist, wie ich sage! Nils Lykke leise zu Nils Stenssön. Gehorcht ihr nicht! Nils Stenssön . Wie kann ich anders ? Ich will ; ich muß ! Nils Lykke . Es ist aber Euer sicheres Verderben – Nils Stenssön . Gleichviel! Sie hat alle Macht über mich – Nils Lykke befehlend. Und ich ? Nils Stenssön . Mein Wort halt' ich; verlaßt Euch drauf! Das Geheimnis soll nicht über meine Lippen kommen, bis Ihr selbst mir die Zunge löst. Aber sie ist meine Mutter! Nils Lykke beiseite. Und Jens Bjelke, der an dem Wege lauert. Verdammt, er schnappt mir die Beute unter den Händen weg – Zu Inger. Wartet bis morgen! Inger zu Nils Stenssön. Graf Sture, – gehorcht Ihr mir oder nicht? Nils Stenssön . Zu Pferde! Er geht in den Hintergrund. Nils Lykke beiseite. Der Unglückliche! Er weiß nicht, was er tut. Zu Inger. Nun, wenn es denn sein soll – lebt wohl! Er verbeugt sich rasch und will gehen. Inger hält ihn zurück. Nein, halt! Nicht so, Herr Ritter, – nicht so! Nils Lykke . Was meint Ihr? Inger mit gedämpfter Stimme. Nils Lykke, – Ihr seid ein Verräter! Still! Laßt niemand merken, daß Unruhe im Lager der Häuptlinge herrscht. Mit einer teuflischen List, die zu durchschauen ich nicht imstande bin, habt Ihr das Vertrauen des Kanzlers Peter gewonnen, habt Ihr mich zu offener Empörung gezwungen – nicht um unsre Sache zu stützen, nein, um Eure eignen Pläne zu fördern, was für welche das nun auch sein mögen. Ich kann nicht mehr zurück. Aber glaubt deshalb nicht, Ihr hättet gesiegt! Ich werde Euch unschädlich zu machen wissen – Nils Lykke legt unwillkürlich die Hand ans Schwert. Frau Inger! Inger . Seid ruhig, Herr Reichsrat! Es geht Euch nicht ans Leben. Aber Ihr kommt nicht aus Oestrots Toren, ehe der Sieg unser ist. Nils Lykke . Tod und Verderben! Inger . Jeder Widerstand ist unnütz. Ihr entkommt nicht von hier. Verhaltet Euch darum ruhig; das ist das Klügste, was Ihr tun könnt. Nils Lykke für sich. Ah, – ich bin überlistet! Sie ist schlauer gewesen als ich. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf. Ob ich aber wohl –? Inger leise zu Olaf Skaktavl. Folgt Graf Stures Trupp bis zur Grenze. Dann begebt Euch unverweilt zum Kanzler Peter und bringt mir mein Kind. Jetzt hat er keinen Grund mehr, mir vorzuenthalten, was mein eigen ist. Da Olaf Skaktavl gehen will, fügt sie hinzu: Halt! Ein Erkennungszeichen –. Wer den Ring Sten Stures trägt, der ist der Rechte! Olaf . Bei allen Heiligen! Ihr sollt ihn haben! Inger . Dank, Dank, mein treuer Freund! Nils Lykke zu Finn, den er unbemerkt zu sich herangerufen, und mit dem er im Flüsterton gesprochen hat. Also, – versuche Dich hinauszuschleichen. Laß Dich von keinem erwischen. Eine Viertelmeile von hier liegen die Schweden im Hinterhalt. Melde ihrem Anführer, daß Graf Sture tot ist. Jener junge Mensch darf nicht angetastet werden. Sag' das dem Befehlshaber. Sag' ihm, daß das Leben des Junkers mir Tausende wert ist. Finn . Es soll geschehen. Inger , die Nils Lykke unterdessen beobachtet hat. Fahrt denn alle mit Gott! Auf Nils Lykke deutend. Dieser edle Ritter da kann sich nicht entschließen, seine Freunde auf Oestrot so rasch wieder zu verlassen. Er will hier bei mir warten, bis die Siegesbotschaft kommt. Nils Lykke beiseite. Teufel! Nils Stenssön ergreift seine Hand. Glaubt mir, – Ihr sollt nicht lange zu warten haben. Nils Lykke . Es ist gut; es ist gut. Beiseite. Noch ist nichts verloren, wenn meine Botschaft nur Jens Bjelke zeitig erreicht – Inger zu Ejnar Huk, indem sie auf Finn deutet. Und der da wird unter sicherer Bewachung ins Burgverließ gesteckt. Finn . Ich? Ejner und die Knechte . Finn?! Nils Lykke leise. Nun ist mein letzter Anker geborsten. Inger gebieterisch. Ins Burgverließ! Ejnar Huk, Björn und zwei Knechte führen Finn links ab. Alle Anderen , Nils Lykke ausgenommen, stürmen rechts hinaus. Auf, zu Pferd, – zu Pferd! Heil Inger Gyldenlöve! Inger tritt, indem sie den Hinauseilenden folgt, dicht an Nils Lykke heran. Wer ist der Sieger? Nils Lykke allein. Wer? Ja, wehe Dir! Der Sieg ist teuer erkauft. Ich wasche meine Hände. Nicht ich bin's, der ihn mordet. – Aber bei alledem entschlüpft mir meine Beute. Und der Aufruhr wächst und breitet sich aus! – Ah, es war ein verwegenes, ein wahnwitziges Spiel, auf das ich mich hier eingelassen habe! Er lauscht am Fenster. Da reiten sie rasselnd zum Tor hinaus. Nun wird es hinter ihnen zugemacht; – und ich stehe hier als Gefangener. – Keine Möglichkeit zu entkommen! In der nächsten halben Stunde fallen die Schweden über ihn her. Er hat dreißig gutbewaffnete Reiter mit sich. Es wird auf Tod und Leben gehen.– – Wenn er dennoch lebend in ihre Hände fiele? – Wäre ich nur frei, ich könnte die Schweden einholen, noch eh' sie die Grenze erreichen, und sie müßten ihn mir ausliefern. Er geht ans Fenster im Hintergrund und sieht hinaus. Verdammt. Wachen überall. Sollte es gar keinen Ausweg geben? – Er geht rasch auf und ab; plötzlich bleibt er stehen und lauscht. Was ist das? Gesang und Saitenspiel. Ja, sie ist's, die singt. Es scheint aus Jungfrau Elines Kammer zu kommen. Also noch auf – – Ein Gedanke durchzuckt ihn. Eline! Ach, wenn das ginge! Wenn das sich machen ließe –. Und warum sollte es sich nicht machen lassen? Bin ich nicht mehr ich selbst? Im Liede heißt es: »Da seufzt jede Jungfrau in Herzensglut: O wäre Nils Lykke mir hold und gut!« Und sie –? – – Eline Gyldenlöve soll mich retten! Er geht rasch, doch behutsam, durch die erste Tür links ab. Fünfter Akt Der Rittersaal. Es ist noch immer Nacht. Der Raum ist nur schwach durch einen Armleuchter erhellt, der auf einem Tische rechts im Vordergrund steht. Inger sitzt, in Gedanken vertieft, am Tisch. Inger nach einer Pause. Die Klügste im Lande nennen sie mich, und ich glaube, ich bin es auch. Die Klügste –. Aber niemand weiß, warum ich die Klügste bin. Mehr als zehn Jahre hab' ich gekämpft für meines Kindes Heil. Das ist der Schlüssel zum Rätsel, – das gibt dem Schädel Witz! – Witz ? – Wo ist heut meine Klugheit hin? Wo nur hab' ich meine Umsicht? Es klingt und rauscht mir vor den Ohren. Ich sehe Gestalten vor mir, so leibhaftig, daß ich sie greifen könnte. – Sie springt auf. – Mein Herr Jesus, – was ist das? Bin ich nicht mehr meiner Sinne Herr? Sollte es dahin kommen, daß ich – ? Sie preßt die Hände um das Haupt zusammen; dann setzt sie sich wieder und sagt ruhiger: O, es ist nichts. Es geht vorüber. Es hat keine Not, – es geht vorüber.– – Wie friedlich es im Saal ist diese Nacht! Ahnen und Gesippen sehen mich nicht drohend an; ich brauche ihre Bilder nicht mehr gegen die Wand zu hängen. Sie steht wieder auf. Ja, gut war es, daß ich mich endlich ermannt habe. Wir werden siegen, – und dann stehe ich am Ziel. Ich werde mein Kind wieder bekommen. Sie nimmt das Licht, um zu gehen, hält aber inne und sagt vor sich hin: Am Ziel? Am Ziel? Ihn wieder zu bekommen! Nur das , – und sonst nichts? – Sie stellt den Leuchter auf den Tisch zurück. – Jenes flüchtige Wort, das Nils Lykke so von ungefähr hingeworfen hat. – Wie konnte er meinen ungeborenen Gedanken erraten? – Leiser. – Königsmutter ... Königsmutter, sagte er. – Und warum nicht? Haben nicht meine Vorfahren als Könige gewaltet, wenn sie auch nicht den Königsnamen trugen? Hat nicht mein Sohn dieselben Ansprüche auf die Vorrechte der Sture wie jener andre? In Gottes Augen hat er sie, – wenn noch Gerechtigkeit im Himmel ist. – Und diese Rechte hab' ich in der Stunde der Not ihm verwirkt! Mit verschwenderischer Hand habe ich sie weggeschenkt als Lösegeld für meines Kindes Freiheit. – Ob man sie nicht jetzt zurückgewinnen könnte? – Würde der Himmel zürnen, wenn ich –? Werde ich neue Bedrängnis über mich heraufbeschwören, falls ich –? – Wer weiß, – wer weiß! Es ist wohl das Sicherste, zu verzichten. Sie ergreift den Leuchter wieder. Ich werde ja mein Kind wieder haben. Das muß mir genug sein. Jetzt will ich die Ruhe suchen. All die verwegenen Gedanken, – die will ich verschlafen, verschlafen. Sie geht nach dem Hintergrund, bleibt aber noch einmal stehen und sagt grübelnd: Königsmutter! Langsam ab links durch den Hintergrund. Nach einer kurzen Pause kommen Nils Lykke und Eline lautlos durch die erste Tür links. Nils Lykke hat eine kleine Laterne in der Hand. Nils Lykke leuchtet spähend umher und flüstert. Alles ist still. Ich muß fort. Eline . O, so laß mich noch ein einzig Mal Dir in die Augen sehen, ehe Du mich verläßt, Nils Lykke umarmt sie. Eline! Eline nach kurzer Pause. Kommst Du nie mehr nach Oestrot? Nils Lykke . Wie kannst Du daran zweifeln ? Bist Du nicht jetzt meine treulich Verlobte? – Doch wirst auch Du mir treu sein, Eline? Wirst Du mich nicht vergessen, bis wir uns wiedersehen? Eline . Ob ich Dir treu sein will ? Habe ich denn noch einen Willen? Könnte ich Dir untreu werden, selbst wenn ich wollte? – Du kamst zur Nachtzeit. Du pochtest an meine Tür – und ich ließ Dich ein. Du sprachst zu mir. Was hast Du gesprochen? Du blicktest mir fest ins Auge. Was für eine geheimnisvolle Macht war es, die mich betörte und einfing wie in einem Zaubernetz? Sie birgt rasch ihr Gesicht an seine Schulter. Sieh mich nicht an, Nils Lykke! Du darfst mich nicht ansehen nach – – Treu, sagst Du? Du hast mich ja. Ich bin ja Dein ; – muß es sein – in alle Ewigkeit. Nils Lykke . Nun, bei meiner Ritterehre, so sollst Du auch, eh' dies Jahr zu Ende geht, als Hausfrau schalten auf der Burg meiner Väter! Eline . Keine Gelübde, Nils Lykke! Schwör mir nichts. Nils Lykke . Was ist Dir? Weshalb schüttelst Du so wehmütig das Haupt? Eline . Weil ich weiß, daß Du die süßen Worte, die meinen Sinn betörten, vor mir schon gar vielen zugeflüstert hast. Nein, nein, sei nicht böse, Du Geliebter! Ich mache Dir nicht Vorwürfe, wie ich damals getan habe, als ich Dich noch nicht kannte. Nun weiß ich ja, wie hoch Du über allen andern stehst. Wie kann Liebe Dir anderes sein als ein Spiel, und das Weib anderes als ein Spielzeug? Nils Lykke . Eline – hör' mich an! Eline . Unter dem Klange Deines Namens bin ich aufgewachsen. Ich haßte diesen Namen, weil mich dünkte, alle Frauen würden gekränkt durch Dein Betragen. Und doch – wie wunderlich, – wenn ich im Traume mein eignes künftiges Leben mir aufbaute, da warst immer Du mein Held, ohne daß ich selbst es wußte. Jetzt versteh' ich, was ich damals nicht verstanden habe, – jenes ahnungssüße, geheimnisvolle Sehnen nach Dir, Du Einziger, – nach Dir, der einst kommen sollte, um mir des Lebens ganze Herrlichkeit zu deuten. Nils Lykke beiseite, indem er die Laterne auf den Tisch hinstellt. Was ist denn mit mir geschehen? Diese berückende, unwiderstehliche Macht –. Ist das Liebesgefühl, so habe ich es nicht gekannt vor dieser Stunde. – Vielleicht ist es noch nicht zu spät für mich. – Ah, mit Lucia – das Entsetzliche! Er sinkt auf einen Stuhl. Eline . Was ist das? Dieser schwere Seufzer – Nils Lykke . O, nichts, nichts! – – Eline, – jetzt will ich Dir ehrlich beichten. Ich habe oft mit Worten und Blicken betrogen und gar vielen schon gesagt, was ich in dieser Nacht Dir zugeflüstert habe. Aber glaube mir – Eline . Still! Nichts mehr davon! Meine Liebe ist ja kein Entgelt für das, was Du mir schenkst. O nein, ich liebe Dich, weil jeder Deiner Blicke ein Königsgebot ist, das mir so gebietet. – Sie legt sich zu seinen Füßen. – O laß mich dieses Königsgebot noch einmal tief in meine Seele prägen, weiß ich gleich, daß es für Zeit und Ewigkeit hier eingegraben steht! – – Du guter Gott, – wie bin ich blind gewesen gegen mich selbst! Noch heut abend sagte ich zu meiner Mutter: »Soll ich leben, dann muß ich meinen Stolz mir bewahren.« Was ist denn mein Stolz? Meine Landsleute frei, mein Haus geehrt zu wissen über die Lande und Reiche hin? O nein, nein! Meine Liebe ist mein Stolz. Das Hündlein ist stolz, wenn es zu seines Herrn Füßen liegen und Brosamen von seiner Hand haschen darf. So bin auch ich stolz, solange ich zu Deinen Füßen sitzen darf, während Deine Worte und Deine Blicke mich mit dem Brot des Lebens nähren. Sieh, deshalb sag' ich zu Dir, wie ich vorhin sagte zu meiner Mutter: »Soll ich leben, so muß ich mir meine Liebe bewahren«; denn darin liegt mein Stolz, jetzt und für alle Zeit. Nils Lykke zieht sie auf seinen Schoß. Nein, nein, – nicht zu meinen Füßen, an meiner Seite ist Dein Platz, – und da soll er bleiben, wie hoch das Schicksal mich auch stellen mag. Ja, Eline, – Du hast mich auf einen bessern Weg gebracht; und ist es mir einst gegönnt, durch eine große Tat zu sühnen, was ich in meiner wilden Jugend verbrochen habe, so gebühren Ruhm und Ehre Dir! Eline . O, Du sprichst, als wär' ich noch jene Eline, die gestern Abend den Blumenstrauß Dir vor die Füße schleuderte. – In meinen Büchern habe ich von dem bunten Leben in fernen Landen gelesen. Unter Hörnerklang zieht der Ritter, den Falken auf der Hand, hinaus in den grünen Wald. So ziehst auch Du durchs Leben; – Dein Name klingt Dir voran, wohin Du ziehst. – Alles, was ich von dieser Herrlichkeit begehre, ist, der Falke an Deinem Arm zu sein. Wie er war auch ich blind für Licht und Leben, bis Du die Binde von meinen Augen nahmst und mich emporfliegen ließest, hoch über die grünen Wipfel hin. Aber glaube mir, – wie keck ich auch meine Schwingen dehne, ich kehre doch stets wieder zurück zu meinem Käfig. Nils Lykke steht auf. So biet' auch ich der Vergangenheit Trotz! Sieh her; – nimm diesen Ring und sei mein vor Gott und den Menschen, – mein – ob auch die Toten unruhige Träume darüber haben sollten. Eline . Du machst mir angst. Was ist –? Nils Lykke . Es ist nichts. Komm, laß mich den Ring an Deinen Finger stecken – So! – Nun hab' ich Dich mir anverlobt. Eline . Ich Nils Lykkes Braut! Mir scheint's ein Traum, alles, was in dieser Nacht geschehen ist. Doch welch ein schöner Traum! Mir ist so leicht ums Herz; nicht Bitterkeit noch Haß sind mehr in meinem Sinn. Ich will all mein Unrecht wieder gut machen. Ich bin lieblos gegen meine Mutter gewesen. Morgen gehe ich zu ihr – sie muß mir verzeihn, was ich gefehlt habe. Nils Lykke . Und unserm Bunde ihre Zustimmung geben. Eline . Das wird sie. O, ich glaube es gewiß. Meine Mutter ist gut. Alle Menschen sind gut. Ich hege gegen keinen mehr Groll – nur gegen einen . Nils Lykke . Nur gegen einen ? Eline . Ach, das ist eine traurige Geschichte. Ich hatte eine Schwester – Nils Lykke . Lucia? Eline . Hast Du Lucia gekannt? Nils Lykke . Nein, nein, nur ihren Namen hab' ich gehört. Eline . Auch sie gab ihr Herz einem Ritter. Er betrog sie – nun ist sie im Himmel. Nils Lykke . Und Du – ? Eline . Ich hasse ihn. Nils Lykke . Hass' ihn nicht! Kennst Du Barmherzigkeit, so vergib ihm, was er gesündigt hat. Glaub' mir, er trägt die Strafe in seiner eigenen Brust. Eline . Ihm vergeb' ich niemals! Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. Zu heilig ist der Eid, den ich geschworen habe – – Sie lauscht. Still! Kannst Du hören? Nils Lykke . Was? Wo? Eline . Draußen, weit weg. Viele Männer reiten auf der Landstraße. Nils Lykke . Ha, das sind sie ! Und ich , ich vergaß –! Sie kommen herüber. Dann ist Gefahr im Verzuge. Ich muß fort! Eline . Aber wohin? O Nils Lykke, was verhehlst Du –? Nils Lykke . Morgen, Eline –. Denn, bei Gott! – dann komme ich wieder. Schnell, nur schnell – wo ist der geheime Weg, von dem Du gesprochen hast? Eline . Durch die Totengruft. – Sieh, – hier ist die Falltür – Nils Lykke . Die Totengruft! Für sich. Gleichviel! Gerettet muß er werden. Eline am Fenster. Die Reiter sind gleich vor dem Tor – Sie reicht ihm die Laterne. Nils Lykke . Nun wohlan! Er beginnt hinabzusteigen. Eline . Geh die Gruft entlang bis zu dem Sarge mit dem Totenkopf und dem schwarzen Kreuz. Das ist Lucias – Nils Lykke steigt rasch wieder herauf und schlägt die Falltür zu. Lucias? Pfui –! Eline . Was sagst Du? Nils Lykke . O nichts. Der Leichengeruch hat mich schwindlig gemacht. Eline . Horch! Jetzt klopfen sie ans Tor. Nils Lykke läßt die Laterne fallen. Ah, es ist zu spät –! Björn kommt eilig mit einem Licht in der Hand von rechts. Eline ihm entgegen. Was gibt's, Björn? Was gibt's? Björn . Ein Überfall! Graf Sture – Eline . Graf Sture? Was ist mit ihm? Nils Lykke . Haben sie ihn erschlagen? Björn zu Eline. Wo ist Eure Mutter? Zwei Knechte von rechts hereinstürzend. Frau Inger! Frau Inger! Inger kommt mit einem Armleuchter in der Hand aus der zweiten Tür links und sagt schnell: Ich weiß alles. Hinunter in den Burghof mit Euch! Haltet das Tor offen für unsre Freunde, aber verschlossen für jeden andern! Sie stellt den Leuchter auf den Tisch links. Björn und die zwei Knechte ab nach rechts. Inger zu Nils Lykke. Das also war die Schlinge, Herr Reichsrat? Nils Lykke . Inger Gyldenlöve, glaubt mir –! Inger . Ein Hinterhalt, – um ihn abzufangen, sobald Ihr jene Zusage hattet, die mich vernichten kann. Nils Lykke , indem er das Papier hervorzieht und in Stücke reißt. Da ist Eure Zusage. Ich behalte nichts, das gegen Euch zeugen könnte. Inger . Was tut Ihr? Nils Lykke . Ich beschirme Euch von dieser Stunde an. Habe ich mich an Euch versündigt, – nun, beim Himmel, so will ich versuchen, mein Vergehen wieder gut zu machen. Aber hinaus muß ich, und wenn ich mich durchs Tor hindurch hauen müßte! – Eline, – sag' Deiner Mutter alles! Und Ihr, Frau Inger, laßt unsre Abrechnung vergessen sein. Seid hochherzig und – verschwiegen! Glaubt mir, Ihr werdet mir Dank wissen, noch ehe der Tag graut. Er geht eilig durch die zweite Tür rechts ab. Inger sieht ihm triumphierend nach. Recht so! Ich verstehe ihn! Sie wendet sich zu Eline. Nils Lykke –? Nun – ? Eline . Er hat an meine Tür gepocht und diesen Ring an meinen Finger gesteckt. Inger . Und hat Dich lieb von Herzen? Eline . Das hat er gesagt, und ich glaube ihm. Inger . Klug gehandelt, Eline! Haha! Mein Herr Ritter, nun fang' ich an! Eline . Mutter, – Ihr seid so sonderbar. O ja, ich verstehe wohl, – meine lieblosen Worte haben Euch erzürnt. Inger . Gewiß nicht, liebe Eline! Du bist eine gehorsame Tochter. Du hast ihn hineingelassen; Du hast auf seine schönen Worte gehört. Ich verstehe vollauf, was es Dich gekostet hat – denn ich kenne ja Deinen Haß. Eline . Aber, meine Mutter –! Inger . Still! Wir sind uns in unsern Plänen begegnet. Wie hast Du es angefangen, mein kluges Kind? Ich sah ihn strahlen vor Liebe. Halt' ihn nun fest! Zieh' das Garn enger und enger um ihn, und dann –. Ah, Eline, wenn wir ihm sein teuflisches Herz in der Brust zerfleischen könnten! Eline . Weh' mir! Was sagt Ihr da? Inger . Laß den Mut nicht sinken. Hör' mich. Ich weiß das Wort, das Dich aufrecht erhalten wird. – So wisse denn – Lauschend. Jetzt kämpfen sie draußen vor dem Tor. Besonnenheit! Bald gilt es – Sie wendet sich wieder zu Eline. Wisse denn, Nils Lykke war's, der Deine Schwester unter die Erde gebracht hat. Eline aufschreiend. Lucia! Inger . Er war's, so gewiß ein Rächer über uns ist! Eline . Dann steh' mir der Himmel bei! Inger entsetzt. Eline –? Eline . Ich bin die Seine vor Gott. Inger . Unglückliches Kind, – was hast Du getan! Eline mit dumpfer Stimme. Verwirkt den Frieden meines Herzens. – Gute Nacht, Mutter! Sie geht links ab. Inger . Hahaha! – Es geht bergab mit Inger Gyldenlöves Geschlecht. Sie war die letzte von meinen Töchtern. – Warum könnt' ich nicht schweigen ? Hätte sie nichts gewußt, sie wäre vielleicht glücklich geworden – in einer Weise. – Es mußte so sein. In den Sternen dort oben steht es geschrieben, ich soll einen grünen Zweig nach dem andern brechen, bis der Stamm entlaubt dasteht. – Dahin denn! Dahin! Jetzt kehrt mir der Sohn zurück. An die andern, an meine Töchter will ich nicht denken. – Rechenschaft? Rechenschaft ablegen? – Ah, das kommt erst am großen Tage des Gerichts –. Es währt noch lange, bis der da ist. Nils Stenssön ruft draußen rechts. Hei, – schlag' das Tor zu! Inger . Graf Stures Stimme –! Nils Stenssön waffenlos, mit zerrissenen Kleidern, kommt aus der zweiten Tür rechts hereingestürzt und ruft mit verzweifeltem Lachen: Ein frohes Wiedersehen, das, Inger Gyldenlöve! Inger . Was habt Ihr verloren? Nils Stenssön . Mein Reich und mein Leben! Inger . Und die Bauern? Meine Knechte – wo habt Ihr sie? Nils Stenssön . Die Äser werdet Ihr längs der Landstraße finden. Wer das übrige genommen hat, das kann ich Euch nicht sagen. Olaf SKAKTAVL draußen rechts. Graf Sture! Wo seid Ihr? Nils Stenssön . Hier, hier! Olaf Skaktavl kommt, die rechte Hand verbunden. Inger . Ach, Olaf Skaktavl, auch Ihr –! Olaf . Es war unmöglich, durchzukommen. Inger . Ihr seid verwundet, wie ich sehe? Olaf . Ich hab' einen Finger weniger; das ist das ganze. Nils Stenssön . Wo sind die Schweden? Olaf . Uns auf den Fersen. Sie stürmen das Tor – Nils Stenssön . O Jesus! – Aber nein, nein! Ich kann nicht, – ich will nicht sterben! Olaf . Ein Versteck, Frau Inger! Ist kein Winkel hier, wo wir ihn verbergen können? Inger . Und wenn sie den Hof durchsuchen –? Nils Stenssön . Ja, ja, dann werden sie mich finden und fortschleppen in den Kerker oder zum Galgen –! O nein, Inger Gyldenlöve, – ich weiß gewiß, – das würdet Ihr nicht überstehen. Olaf lauschend. Nun ist das Schloß geborsten. Inger am Fenster. Viele Menschen stürmen in den Torweg! Nils Stenssön . Und jetzt mein Leben zu lassen, – jetzt, da es erst beginnen sollte, jetzt, da ich kaum erfahren habe, daß ich für etwas zu leben habe! Nein, nein, nein! Haltet mich nicht für feig, Inger Gyldenlöve! Wenn mir nur noch so viele Lebenstage vergönnt wären, daß ich – Inger . Ich höre sie schon unten in der Burgstube. Bestimmt zu Olaf Skaktavl. Er muß gerettet werden – was es auch koste! Nils Stenssön ergreift ihre Hand. O, das wußt' ich wohl; – Ihr seid edel und gut! Olaf . Aber wie? Wenn wir ihn nicht verbergen können – Nils Stenssön . Ah, ich hab's! Ich hab's! Das Geheimnis –! Inger . Das Geheimnis? Nils Stenssön . Ja gewiß; Eures und das meine! Inger . Gott im Himmel, – Ihr kennt es? Nils Stenssön . Von Anfang bis zu Ende. Und nun das Leben auf dem Spiele steht –. Wo ist Herr Nils Lykke? Inger . Geflohen. Nils Stenssön . Geflohen? Dann steh' Gott mir bei! Denn nur der Ritter kann meine Zunge lösen. – Aber das Leben ist mehr als ein Gelübde wert. Wenn der schwedische Anführer kommt – Inger . Was dann? Was wollt Ihr tun? Nils Stenssön . Leben und Freiheit erkaufen – ihm alles offenbaren. Inger . Nein, nein! – Seid barmherzig! Nils Stenssön . Es gibt ja keine andre Rettung. Wenn ich ihm erzählt habe, was ich jetzt weiß – Inger blickt ihn an, mit unterdrückter Bewegung. So seid Ihr gerettet? Nils Stenssön . Ja, ja! Nils Lykke wird mein Fürsprecher sein. Ihr seht, es ist das äußerste Mittel. Inger gefaßt und mit Nachdruck. Das äußerste Mittel? Ihr habt recht. – Das äußerste Mittel darf jeder versuchen. Sie deutet nach links. Seht, dadrin könnt Ihr Euch einstweilen verbergen. Nils Stenssön mit gedämpfter Stimme. Glaubt mir, – Ihr sollt diese Tat nie zu bereuen haben! Inger halb für sich. Gott gebe, Ihr sagtet die Wahrheit! Nils Stenssön geht rasch ab durch die zweite Tür links; Olaf Skaktavl will ihm folgen, wird aber von Inger zurückgehalten. Inger . Habt Ihr verstanden, was er meinte. Olaf . Der Bube! Er verrät Euer Geheimnis. Er will Euern Sohn opfern, um sich selbst zu retten. Inger . Wenn es das Leben gilt, sagte er, darf man das äußerste Mittel wagen. – Wohlan denn, Olaf Skaktavl – es geschehe, wie er gesagt hat! Olaf . Was meint Ihr? Inger . Leben gegen Leben! Einer von ihnen muß untergehen. Olaf . Ah, – Ihr wollt –? Inger . Wenn er dadrin nicht stumm gemacht wird, bevor er den schwedischen Hauptmann sprechen kann, so ist mein Sohn für mich verloren. Wird er dagegen beiseite geschafft, so will ich mit der Zeit alle seine Ansprüche für mein eignes Kind geltend machen. Da sollt Ihr sehen, daß noch Mark in Otto Römers Tochter ist! Verlaßt Euch drauf, – lange sollt Ihr nicht mehr auf die Rache zu warten haben, nach der Ihr zwanzig Jahre gedürstet habt. – Hört Ihr? Sie kommen die Treppe herauf! Olaf Skaktavl, – von Euch hängt es ab, ob ich morgen eine kinderlose Mutter sein soll oder – Olaf . Es geschehe! Mir ist noch eine rüstige Faust geblieben. Er reicht ihr die Hand. Inger Gyldenlöve, – durch mich soll Euer Name nicht aussterben. Er geht in das Zimmer zu Nils Stenssön. Inger bleich und bebend. Darf ich es auch wagen – ? Man vernimmt Lärm in dem Zimmer; sie eilt mit einem Schrei auf die Tür zu. – Nein, nein, – es soll nicht geschehen! Man hört drinnen einen dumpfen Fall; sie hält sich die Ohren mit beiden Händen zu und eilt mit Blicken der Verzweiflung wieder zurück. Nach einer Pause nimmt sie vorsichtig die Hände weg, lauscht wieder und spricht leise: Nun ist's vorbei. Alles ist still da drinnen. – Du hast es gesehen, o Gott, – ich bedachte mich! Aber Olaf Skaktavl war zu rasch bei der Hand. Olaf Skaktavl kehrt stumm in den Saal zurück. Inger nach einer kleinen Pause, ohne ihn anzublicken. Ist es getan? Olaf . Seinetwegen könnt Ihr ruhig sein; – er verrät keinen mehr. Inger wie oben. Er ist also stumm? Olaf . Den Stahl sechs Zoll tief in der Brust. Ich habe ihn mit meiner linken Hand gefällt. Inger . Ja, ja, – die Rechte war auch zu gut für so etwas. Olaf . Das müßt Ihr wissen; – der Gedanke war Euer. – Und nun nach Schweden! Friede mit Euch so lange! Wenn wir uns das nächste Mal sehen auf Oestrot, komm' ich zu zweit! Ab durch die zweite Tür rechts. Inger . Blut an meinen Händen. Dahin mußt' es also kommen! – Er kommt mir nachgerade teuer zu stehen. Björn kommt mit einigen schwedischen Kriegsknechten durch die erste Tür rechts. Einer der Kriegsknechte . Verzeiht, wenn Ihr die Herrin des Hauses seid – Inger . Sucht Ihr den Grafen Sture? Der Kriegsknecht . So ist es. Inger . Dann seid Ihr nicht auf der falschen Fährte. Der Graf hat Zuflucht bei mir gesucht. Der Kriegsknecht . Zuflucht? Erlaubt, hochedle Frau, – aber die vermögt Ihr ihm nicht zu gewähren, denn – Inger . Was Ihr da sagt, das hat wohl auch der Graf eingesehen, und darum hat er, – ja, seht nur selber nach! – darum hat er Hand an sich gelegt. Der Kriegsknecht . Hand an sich gelegt? Inger . Seht, wie gesagt, selber nach. Da drinnen werdet Ihr die Leiche finden. – Und da er nun schon vor einem andern Richter steht, so ist meine Bitte, er möge mit allen Ehren von hier überführt werden, die seiner edlen Abkunft gebühren. – Björn, Du weißt, in meiner Kammer steht mein eigner Sarg schon seit manchem Jahr bereit. Zu den Kriegsknechten. Ich bitt' Euch, darin Graf Stures Leichnam nach Schweden zu bringen. Der Kriegsknecht . Es soll geschehen, wie Ihr befehlt. Zu einem andern. Lauf Du mit dieser Botschaft zu Herrn Jens Bjelke. Er hält mit den übrigen Reitern auf der Landstraße draußen. Wir andern wollen da hinein und – Ein Kriegsknecht rechts ab; die übrigen mit Björn in das Zimmer links. Inger geht eine Weile stumm und unruhig im Zimmer auf und ab. Hätte Graf Sture nicht so eilig der Welt Valet gesagt, so würde er binnen eines Monats am Galgen hängen oder für seine Lebenszeit im Kerker sitzen. Wäre ihm mit solchem Los besser gedient gewesen? – Oder auch er hätte sich frei gekauft dadurch, daß er mein Kind in die Gewalt der Feinde brachte. Bin ich es also, die ihn getötet hat? Kämpft nicht selbst die Wölfin für ihr Junges? Wer darf mich verdammen, weil ich die Klaue schlug in den , der mir mein Fleisch und Blut rauben wollte? – Es mußte so sein. Jede Mutter hätte getan wie ich. – – Doch jetzt ist keine Zeit zu müßigen Gedanken. Handeln muß ich. Sie setzt sich an den Tisch links. Ich will an alle meine Freunde rings im Lande schreiben. Alle müssen sich jetzt erheben und die große Sache stützen. Ein neuer König; – erst Reichsverweser und dann König – – Sie beginnt zu schreiben, hält aber gedankenvoll inne und sagt leise: Wen werden sie an des Toten Statt wählen? – Königsmutter –? Das ist ein großes Wort. Aber ein Haken ist dabei; – daß es so häßlich anklingt an ein andres Wort. – Königs mutter und – Königs mörder . – Königsmörder heißt, wer einem König das Leben raubt –. Königsmutter heißt, wer einem König das Leben schenkt. – Sie erhebt sich. Nun wohl – ich will Ersatz schaffen für das, was ich geraubt habe. – Mein Sohn soll König werden! Sie setzt sich und nimmt die Arbeit wieder auf, legt dann die Feder abermals weg und lehnt sich in den Stuhl zurück. Es ist immer etwas Unheimliches, eine Leiche im Hause zu haben. Darum ist auch mir so seltsam zu Mute. – Sie wendet den Kopf heftig zur Seite, wie wenn sie mit jemand spräche. Nicht darum? Woher sollte es sonst kommen? Grübelnd. Ist es denn ein so großer Unterschied, ob man einen Feind fällt oder einen Mord an ihm begeht? Knut Alfsön hatte mit seinem Schwerte so manche Stirn gespalten, und doch lag auf seiner eigenen Stirn die Ruhe eines Kindes? Warum sehe nur ich unaufhörlich diesen – Sie macht eine Bewegung, als ob sie ein Messer schwinge. – diesen Stoß ins Herz – und dann den roten Blutstrom? – Sie schellt und fährt fort zu reden, indem sie unter den Papieren wühlt. Fortan will ich nichts mehr wissen von so häßlichen Gesichten. Ich will tätig sein Tag und Nacht. Und in einem Monat – in einem Monat kommt mein Sohn zu mir – – Björn tritt ein. Hat meine Herrin geschellt –? Inger schreibend. Du sollst mehr Lichter bringen. Von heut an will ich's hell, sehr hell in der Stube haben. Björn links ab. Inger nach einer Pause, erhebt sich heftig. Nein, nein, nein – ich kann die Feder nicht führen in dieser Stunde! Es brennt und schmerzt mir der Kopf. – Sie fährt zusammen und lauscht. – Was ist das? Ah! Sie schrauben drinnen den Deckel des Sarges zu. – – Als ich noch ein Kind war, hat man mir das Märchen vom Ritter Aage erzählt, der mit dem Sarg auf seinem Rücken daherkam. – Wenn es dem da drinnen eines Nachts auch einfallen sollte, mit dem Sarg auf dem Rücken zu kommen und sich für das Darlehn zu bedanken? Sie lacht leise. Hm, – was geht uns Erwachsene unser Kinderglaube an. Heftig. Aber solche Märchen sind gleichwohl zu nichts nütze! Sie schaffen wüste Träume. Wenn mein Sohn König ist, sollen sie verboten werden. – Sie geht unruhig auf und nieder, dann öffnet sie das Fenster. – Wie lange pflegt es gemeinlich zu dauern, bis eine Leiche zu verwesen anfängt?! Alle Stuben sollen gelüftet werden. Solange das nicht geschehen, ist es hier ungesund zu leben. Björn kommt mit zwei Armleuchtern, die er auf die Tische stellt. Inger wieder mit den Papieren beschäftigt. So ist's recht. Vergiß mir nie, was ich Dir gesagt habe. Viel Lichter auf den Tisch! – – Was schaffen sie jetzt da drinnen? Björn . Sie sind noch dabei, den Sargdeckel festzuschrauben. Inger schreibend. Schrauben sie ihn auch tüchtig fest? Björn . So fest, wie's nötig ist. Inger . Ja, ja – man kann nie wissen, wie sehr das nötig ist. Paß auf, daß es ordentlich geschieht. Sie geht auf ihn zu, mit einer Handvoll Papiere, und sagt geheimnisvoll: Björn, Du bist ein alter Mann, aber eins will ich Dir ans Herz legen: sei auf Deiner Hut vor allen Menschen, – vor denen, die gestorben sind, und vor denen, die noch sterben sollen. – Jetzt geh hinein – geh hinein und sieh, ob sie den Sargdeckel ordentlich fest schrauben. Björn leise, kopfschüttelnd. Ich kann nicht klug aus ihr werden. Ab in das Zimmer links. Inger will einen Brief zusiegeln, wirft ihn aber gleich wieder weg, geht eine Weile auf und ab und sagt dann mit Heftigkeit: Wenn ich feig wäre, so hätte ich das da in alle Ewigkeit nicht getan! Wenn ich feig wäre, hätt' ich mir selbst zugeschrien: halt ein, wenn Du Deiner Seele noch ein Stück Seligkeit bewahren willst! – Ihr Blick fällt auf Sten Stures Bild; sie wendet ihr Gesicht ab und sagt leise: – Da lacht er auf mich herunter, wie er leibt und lebt! Pfui! Sie dreht das Bild um – mit der Fläche gegen die Wand, ohne es anzusehen. Was lachtest Du? – Weil ich grausam an Deinem Sohn gehandelt habe? Aber der andre, – ist er nicht auch Dein Sohn? Und er ist zugleich der meine  –. Merk' Dir das! – – Sie blickt verstohlen über die Bilderreihe hin. So grimmig wie in dieser Nacht habe ich sie nie zuvor gesehen. Sie haben das Auge auf mich, wo ich gehe und stehe. Stampft mit dem Fuß auf. Aber ich will nichts davon wissen! Ich will Frieden haben in meinem Hause! – Macht sich daran, alle Bilder gegen die Wand umzudrehen. – Ja, und wenn es die heilige Jungfrau Maria selber wäre – –. Jetzt also hältst Du die Zeit für gekommen – –? Warum hast Du meine Bitten niemals erhört, wenn ich Dich so inbrünstig anflehte, mir mein Kind zurückzugeben? Warum? Weil der Mönch von Wittenberg recht hat: es ist kein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Sie atmet schwer auf und fährt in wachsender Leidenschaft fort: Es ist gut, sehr gut, daß ich das weiß – –. Keiner hat gesehen, was da drinnen geschehen ist. Es gibt keinen, der gegen mich zeugen könnte! Breitet plötzlich die Arme aus und flüstert: Mein Sohn! Mein geliebtes Kind! Komm zu mir! Hier bin ich! – Pst! Ich will Dir etwas sagen: ich bin verhaßt dort oben – über den Sternen –, weil ich Dich zur Welt gebracht habe. Ich war ja dazu bestimmt, Gottes des Herrn Wahrzeichen durch das Reich zu tragen. Aber ich bin meinen eigenen Weg gegangen; darum mußte ich so viel und so lange leiden. Björn kommt aus dem Zimmer links. Gnädige Frau, ich habe zu vermelden – –. Gott stehe mir bei, – was ist das? Inger , die die Stufen des Hochsitzes hinangestiegen ist, der an der Wand rechts steht. Still, still! Ich bin Königsmutter. Sie haben meinen Sohn zum König erkoren! Es hat schwer gehalten, bis das erreicht war – denn mit den höheren Mächten selbst hatte ich zu streiten. Nils Lykke kommt atemlos durch die zweite Tür rechts. Er ist frei! Ich habe Jens Bjelkes Zusage. Frau Inger, – so wisset denn – Inger . Still, sag' ich! Seht, wie es von Menschen wimmelt: Vom Zimmer her ertönt ein Leichenpsalm. Jetzt kommt der Krönungszug. Welche Scharen! Alle neigen sich vor der Königsmutter. Ja, ja, sie hat auch um ihren Sohn gekämpft – bis ihre Hände rot wurden davon. – Wo sind meine Töchter? Ich sehe sie nicht. Nils Lykke . Bei Christi Blut, – was ist hier geschehn ? Inger . Meine Töchter; – meine holden Töchter! Ich habe keine mehr. Eine war mir noch geblieben, und sie habe ich verloren, wie sie ins Brautbett steigen wollte. Flüsternd. Lucia lag als Leiche darin. Da war nicht Platz für zwei. Nils Lykke . Ah, – dahin ist es gekommen! – Die Rache des Herrn hat mich ereilt. Inger . Könnt Ihr ihn sehen? Seht, seht! Das ist der König! Das ist Inger Gyldenlöves Sohn! Ich kenn' ihn an der Krone und an Sten Stures Ring, den er um den Hals trägt. – Horch! Wie lustig das klingt! Er naht! Bald werden meine Arme ihn umfangen. – Haha, – wer siegt, Gott oder ich? Die Kriegsknechte kommen mit dem Sarg. Inger greift sich an die Stirn und ruft: Die Leiche! – Flüsternd. Pfui, das ist ein häßlicher Traum! Sie sinkt in den Hochsitz zurück. Jens Bjleke der von rechts eingetreten ist, bleibt stehen und ruft überrascht: Tot! Also doch – Ein Kriegsknecht . Er selbst hat – Jens Bjleke mit einem Blick auf Nils Lykke. Er selbst –? Nils Lykke . Still! Inger matt, kommt wieder zu sich. Ja, richtig, – jetzt besinn' ich mich auf alles. Jens Bjleke zu den Kriegsknechten. Setzt die Leiche nieder! Es ist nicht Graf Sture. Ein Kriegsknecht . Vergebt, Herr Ritter, – aber dieser Ring, den er um den Hals trug – Nils Lykke faßt ihn am Arm. Schweig, schweig! Inger fährt empor. Der Ring? Der Ring? Sie eilt hinzu und reißt den Ring an sich. Sten Stures Ring! Mit einem Aufschrei. Jesus Christus, – mein Sohn! Sie wirft sich über die Bahre. Die Kriegsknechte . Ihr Sohn? Jens Bjleke zu gleicher Zeit. Inger Gyldenlöves Sohn? Nils Lykke . So ist es. Jens Bjleke . Doch warum habt Ihr mir nicht gesagt – –? Björn versucht sie aufzuheben. Zu Hilfe, ZU Hilfe! – Herrin, – was fehlt Euch? Inger mit matter Stimme, indem sie sich halb aufrichtet. Was mir fehlt –? Noch ein Sarg. Ein Grab bei meinem Kinde – – Sie sinkt abermals kraftlos über die Bahre hin. Nils Lykke geht rasch rechts ab. Tiefe Bewegung unter den übrigen.