Peter Hille Aus dem Heiligtum der Schönheit Aphorismen und Gedichte Einleitung von Fritz Droop Peter Hille. Wie ein Prophet aus vergangenen Tagen sah er aus, ein Germane mit wallendem Haar und flammendem Barte: Peter Hille, der Philosoph des Schönen, der Bekenner zu ewiger Jugend und beseligender Kindlichkeit. Ein ruhiges, weltüberhobenes Auge gab den bleichen Zügen etwas Feierliches, Hohes. Freimütig wie das klare Antlitz des Himmels war sein Blick; es war Gesundheit darin und ferne Weite, ein stilles Jubeln wie ein schöner Maientag. Am 11. September 1854 hatte Peter Hille zu Erwitzen i. W. das Licht der Welt erblickt. Hier verlebte er seine Kindheit, und der Wald war sein liebster Aufenthalt. Dorthin schlich er manche Stunde, und selbst das Gebot der Schule konnte nicht seiner Sehnsucht wehren, wenn des Waldes Rauschen oder der Vögel Lied ihn rief. In einer Selbstbiographie sagt er: »Ich verlebte eine einzige Kindheit auf dem Lande, machte in eigenwillig verlängerten Ferien und flunkerweis ausgefallenen Stunden viel Gänge in den Wald und war stolz, wenn ich nach Anweisung meines Vaters, des Rentmeisters Friedrich Hille, mit Rötel Nummern an die Braken und Klafter schreiben durfte oder eben mal hinlief, um zu sehen, welche Nummer drüben an dem Holzhaufen stand. Auch die vornehme Freiheit des adligen Landlebens lernte ich im Umgange mit den Schloßkindern schätzen. Geschäftsreisen meines Vaters in der Kutsche oder im Ponywagen brachten mich in die Weserstadt Höxter, mit der alten mächtigen Kastanienallee und der noch älteren Benediktinerabtei Corvey. Hier vor der Bibliothek sah ich auch Hoffmann von Fallersleben, und in großer Ehrfurcht grüßte der dreizehnjährige Knabe, der wohl in sich schon den Dichter spürte und in diesem was ganz Hehres und Wunderbares empfand, den hohen Mann mit dem sinnend geneigten Haupt und dem ehrwürdigen Haar, das weiß bis auf den Kragen des schwarzen Rockes fiel. Wie war ich stolz, da er dankte, es war wie geheimes Einverständnis. Detmold mit seinem Marstall; der damals noch leer – ohne Standbild – wie eine Granate im Teutoburger Walde stehende »Hermann« und die Urvagabunden versunkener Zeitschichten, die erratischen Externsteine, prägten Märchen in den jungen Sinn. Aber auch die Furcht meines jedenfalls zart und locker gefügten Hirnes vor dem Knall oder Pfiff, der mir noch heute Dramen oder Opern ängstlich und um die Katastrophen herum peinlich macht, empfand ich schon da: machte sich mein Vater schußbereit, dann blieb ich zurück und hielt mir die Ohren zu. Beim Schweineschlachten versteckte ich mich im fernsten Winkel des Hauses. So eine Neujahrsnacht war mir entsetzlich, und mit dem Schützenfest söhnte mich nur die schöne rote Fahne aus, die vor den Honoratioren, vor dem Pastorat und auch wohl unserm Hause so kunstvoll umgewirbelt wurde. Die Eisenbahn mit ihrem Pfeifen und Rasseln traf mich mit jener Schärfe, die alle jungen Wonnen haben. In dieser Zeit, in diesen jungen Stunden, habe ich lange geweilt, weil ich in mich leben konnte und das Eigentliche, das wohl in mir ist, bildete. Kamen die Folteranstalten, die Gymnasien von Marburg und Münster, die mich mit Ausnahme eines, auch in mir den unfertigen Dichter erkennenden, schonenden Oberlehrers, Dr.. Joseph Buschmann in Münster, quälten und demütigten, weil sie mich nicht verhunzen konnten. Später brachte ich in Höxter an der Weser den Oberstaatsanwalt durch meine genialen Protokolle in ärgerliche Verlegenheit, auf die er sich mit schwunghafter Vehemenz wie auf ein forensisches Opfer stürzte, um alsbald schmählich stecken zu bleiben, wie ich früher in der Mathematik, wenn ich am schönen Frühlingsmorgen um vier Uhr mit zerlesenem Reclam-Faust in der Tasche ausgegangen war und nun zu spät in die Logarithmenstunde und gleich an die Tafel kam; die Logarithmenstunde, die wie zur Ironie gegen die schöne Morgenfrühe auf die Zeit von sechs bis sieben verlegt war. Dann so um 1877 schindete ich schändlich in faustischer Art tausend und ein Kollegien, nippte von dem wie Kindheit unersetzlichen deutschen Studentenleben und begann in eine erwerbsmäßige Schriftstellerei in Leipzig, die mir bald so viel einbrachte, daß ich in der Talstraße bei der Weltfirma Hildebrand und Hadubrand wutentbrannt Korrektor wurde, wo ich bei zehn Mark Wochenlohn gefragt wurde, ob ich auch Portugiesisch verstände. Wir freuten uns alle, daß der neunzehnjährige Buchhalter herablassend mit uns und trotz des großen Gehaltsabstandes kein Unmensch war, und fühlten uns geehrt durchs Geschäftsgeheimnis, wenn wir, Chefs vorauf, vor einem Wechselboten in den Hinterraum verschwanden. Dann genoß ich auf Raub und unter Widerwärtigkeiten London, Amsterdam, die Schweiz, und von Italien Mailand, Florenz, Rom und Pisa. Seit 1885 bin ich meistens um und in Berlin. Seit Neujahr führte ich meine und anderer dichterische Untaten von abends neun bis zwölf im Restaurant »Zum Vesuv« von Carlo Dalbelli, Königin Augustastraße 19, bei der Potsdamer Brücke, einem geneigten Publikum zu Gemüte. Quad Deus bene vertat !« Das »Ristorante Vesuvio« und spätere Kabarett »Zum Peter Hille« war bis zu seinem Tode am 7. Mai 1904 sein Standquartier, soweit sich bei diesem ruhelosen Pilger überhaupt von einem festen Wohnsitz sprechen läßt. »Der blauen Blume fromm geweiht, und nicht Plebejerlustbarkeit« – so lautete der Spruch, mit dem Hille die beiden prunklosen Räume geweiht hatte, wo er sich mit Erich Mühsam, Margarete Beutler, Else Lasker-Schüler und anderen fast allabendlich – eine Zeitlang auch mit Richard Dehmel – zusammenfand. Hier gab er sein Eigenstes, sein Bestes: Aphorismen und Lieder, Prosaskizzen und Gedichte, einzelne Kapitel aus seinen Romanen, Kindergeschichten und Novellen. In bunter Reihe las er vor, was er in den letzten Tagen auf unscheinbaren Blättern, Speisekarten oder Papierschnitzeln niedergeschrieben hatte. Wie die Manuskripte oft aussahen, hat Otto Julius Bierbaum in seinem köstlichen Stilperoman, dessen Peripatetiker Hilles deutliche Züge trägt, folgendermaßen geschildert: »Ein Konzeptbogen in Quartformat, der außer den ersten Szenen zu einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen, sechs Gedichte in Prosa, drei in Versen und außerdem: etwa fünf Dutzend Aphorismen und verschiedene Essay-Brouillons enthielt, alles durcheinander geschrieben, erst wagerecht, dann in senkrechten, dann in diagonalen Zeilen.« Ein Bohémien im landläufigen Sinne war Peter Hille nicht, viel eher der einzige echte Vertreter dieses modernen Zigeunerordens der Intellektuellen während seiner letzten Glanzperiode. Ein zweites Heim fand Hille im Hause Peter Baums und später in der von den beiden Harts begründeten »Neuen Gemeinschaft« am Schlachtensee. Im Herzen aber ist er Westfale geblieben bis ans Ende. Aus dem Boden der Heimat, aus grünen Wäldern und rieselnden Wiesenbächen sproßte seine Poesie hervor, all das Schlichte, Treuherzige und Gläubige Niedersachsens in sich aufnehmend. Treffend sagt Heinrich Hart in der Einleitung zu Hilles gesammelten Schriften: »Das eigentlich Besondere an Hilles Poesie ist das urwestfälische Blut, das in ihr pulst und klopft. Seine Dichtung mutet an die Waldberge seiner Heimat an. Nichts Glattes, Poliertes, Ebenes ist an ihr, immer auf und ab geht der Weg, an rieselnden Brunnen vorbei, durch rauschenden Wald, über moosige Steine und Wurzelknollen, die beinahe ins Stolpern bringen, dann und wann auch an einem schattenlosen, dürren Sandhang empor, bis zur sonnigen, windumwehten Höhe mit unendlicher Aussicht ringsum.« Ja, er ist Westfale geblieben. Immer wieder zog es ihn in die Heimat zurück, wo er dann plötzlich bei seinem Bruder, bei dem als Schriftsteller bekannten Lehrer Ludwig Schröder in Iserlohn oder einem andern seiner Freunde auftauchte und blieb, bis ihn die Weltsehnsucht eines Tages von neuem ergriff. Es schien, als sei er plötzlich vom Erdboden verschwunden, und eine Karte aus irgendeinem Wetterwinkel war für Monate das einzige Lebenszeichen, das in die Heimat gelangte. So wurde er zu einem unruhigen Vaganten, einem ewig ziellosen Pilger. »Wie ein ewiger Kranich,« sagt er in »Des Platonikers Sohn«, »ziehen wir umher, eine Mahnung an die Eitelkeit alles Irdischen; viel Wehmut ist unser Gemüt, viel Wehmut, die schon sehr toll, sehr ausgelassen sein, die schreien muß, wenn sie ihre Unrast einmal will zur Ruhe singen, wie die Mutter ihr Kind. Unsere Heimat ist zurückgesunken ins Vergangenheitsreich wie das Paradies, und darum gewinnt das Heimweh über uns eine klagende Gewalt, wie kaum bei einem andern Stande auf dieser sehnsüchtigen Erde ... Wir wissen unser Schicksal, unser Wesen durchschauen wir, und so haben wir selbst uns verdammt zu rastlosem Schweifen. Ein schönes Wort von den Lilien: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und versammeln nicht in die Scheuern. Wohl mögen wir's auf uns beziehen und stolz uns rühmen: Unser Wams, wie's auch verschlissen – läge Salomons Thronkleid daneben und zur Freite ein Prinzeßlein, dennoch nähmen wir unser Röcklein und zögen fürbaß. Wie's kommt, ob Heil, ob Unsegen dieser Drang und Zug; ich vermag's euch nicht zu künden. Aber ein starkes treues Herz schlägt in uns, frei in aller Unbill, und wo sollten wir bleiben, wo verkümmern und verbauern, ohn' unser eigen Königtum, den freien erdwarmen Sinn in uns selbst?« Und den Archibacchanten Walter, einen begeisterten Rheinländer, läßt er die Worte sprechen: »Im Lande der westlichen Falen sollen sie zähe sein und hart und fest. Und was sie mal angefangen haben, das setzen sie durch, und ob auch der Geier ihnen die Leber zerhackt, sie geben nicht nach. So ein Westfale muß auch der Prometheus gewesen sein.« Den freien Sinn, sein stolzes Recht, hat Peter Hille sich nicht nehmen lassen; lieber schnallte er sein Bündel und zog seine Straße. Die Welt war ja so weit, so schön, und ein wenig Liebe würde er schon finden. Der unbeschränkte Besitz der Natur, die innige Fühlung mit Himmel und Erde machten ihn zum glücklichsten Menschen, vorausgesetzt, daß auch sein unergründlicher Reisesack mit Büchern und Manuskripten in der Nähe war. Ein interessantes Stück Hilleschen Wesens lernen wir aus »Des Platonikers Sohn« kennen. Hille selbst ist Giovanni, der Sohn Petrarkas. Auch in ihm verkörpert sich »der Gegensatz stürmender, drängender Jugend zur konventionell gewordenen Klassik, der Gegensatz des Wesensmenschen zum bloßen Formenmenschen, dem die Form nicht um der Schönheit willen, sondern das Schöne um der Form willen existiert«. Eine Siegernatur ist Giovanni nicht; in ihm schreitet die Jugend nicht trutzig über das zu Boden gestürzte Alte hinweg – einen solchen Sieger zu schaffen, war Hille zu weich. Sorglos und hilflos stand er dem Leben gegenüber, ein Ewig-Hoffender, der auszog, Schönheit und Glauben zu suchen. »Ich muß die Welt schön haben, sonst lasse ich sie fallen!« Sein Weggenosse Erich Mühsam sagt einmal: »Muß ich dich denn nicht lieben, Peter Hille, wenn du mir in unerschütterlichem Glauben an Welt und Menschheit auseinandersetzt, daß das Leben gar nicht so gallig und krötig ist, wie ich es sehe? – Es kann wohl nicht anders sein, ich muß schon selbst die gallige Kröte sein, um die Welt so elend zu empfinden, die dich geboren hat. – Du bist ein Mensch, Peter Hille, ein ganzer Mensch! Und dabei ein Kind, das mit der Sonne spielt und den Blumen und dem Himmel und seinen Spielkameraden, den garstigen Mitmenschen. Du durftest sagen: ›Ich bin – also ist Schönheit!‹ Du bist Welt und Gott und All und Menschheit und bist du! Und darum, Peter Hille, liebe ich dich!« Hart nennt ihn ein Gotteskind, dem das Leid niemals einen Finger netzen konnte. In allem sah er das Göttliche; darum war ihm auch die Welt mit all ihren Genüssen und Freuden ein rechter Gottestisch, an dem er sich's nach Kräften wohl sein ließ. Ein Gotteskind und ein Weltkind zugleich, ein Erzpriester, ein Erzpoet und ein Erzzecher. Ein Optimist reinsten Wassers, maß er die Welt, wie sie war, mit kindlichem Glauben. Er war die überlegene Toleranz, die jede Meinung sozialer und politischer, religiöser und ästhetischer Art in liebevoller Weise achtete, ein Feind alles Gewaltsamen in der Welt, besonders in der Entwicklung geistiger Potenzen. Als das schönste Werk, die erlesenste Aufgabe bezeichnete er es, ein Kind zu bilden. Nicht wie die Pädagogik es wollte, sondern wie sich's gehört: mit all seiner fröhlichen Wildheit, mit all dem munteren Tau darauf, einen jungen Menschen aus sich steigen zu lassen, wie eine Wurzel zur Blüte steigt. Und nichts vom Eigenen, das dem Kinde fremd ist, dazu tun. Nur da, wo das Kind von seinem Sinne abirren will, die Hand anzulegen gegen den schlanken Schaft seines seelischen Wachstums, um es in seinem Sinne steigen zu lassen zur Blüte. »Und so ein Kind will eigene Wege haben. Ich bin so ein Kind. Vielleicht am allermeisten Kind auf Erden. Ich bin's geblieben. Zugeworden. Das Kind ist am allermeisten in mir gewachsen und Glut unbändigen Saftes und feinfarbige Begehrlichkeit nach aller Welt.« – »Sich frei machen erst, dann sich in Bewegung setzen. Hat man mir aber einmal alles genommen, was mein Eigenes war, und dafür Fremdes eingesetzt, was anderen beliebte, was nie bei mir anwachsen wird, was soll ich damit, was soll ich das in Bewegung setzen? Mögen die es tun, die es in mich hineingestopft haben, als seien sie der Jäger und ich der Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Und nun – was rumpumpelt in meinem Bauch? Und nun die Wackelsteine eingeladen kriegt.« – »Die Kindheit soll aus eigenem Rechte da sein. Nicht bloß geduldet. Sie soll nicht von den Begriffen vergewaltigt werden, den greisen Begriffen. Neid macht Vorschriften. Schwäche, die nicht mehr genießen kann, verbietet.« – »Alle Kinder des Lebens zusammen: das ist Schönheit.« Deshalb liebte Peter Hille die Kinder und hörte wie kein anderer den Pulsschlag ihres Herzens. Seine Kinder-Lieder, -Geschichten und -Skizzen beweisen es. Man lese nur das Märchen: »Wie die kleinen Engel fliegen und singen lernen«, die Novelle »Kinderliebe« oder die Skizze »Schlummernde Kinder«. Nur seelisch Starke sollen sich dem Innenleben zuwenden, »Seelenkrüppel bilden müde Kirchen«. Hille selbst war stark genug, seinen Weg zu finden. In dem Roman »Die Hassenburg« hat er sein Wachsen folgendermaßen geschildert: »Früher Gerümpel, vom schlendernden Tag Gebotenes wahllos aufnehmend – will ich nun anfangen zu wachsen, wie ich angelegt bin – ganz genau so – meine Erde, der mir zuständige Boden soll mich speisen: er soll mich züchten – und ich will zusehen. Zusehen so aus Neugier, was aus mir wird. Bin ich doch mein nächster Zuschauer! Was für ein Schauspiel ginge darüber! Und dann kann man zu gleicher Zeit ein bißchen zum Rechten sehen und mal eingreifen, wenn der gute Boden mal einschlummern sollte. Bin ja doch kein Bauer, daß ich alles roh nehmen müßte, wie's mir eben zugeschanzt wird. Nein, ich kann's machen wie der Weber, der seelenrichtig jede Verhedderung ausgleicht. Das hab' ich dem Schicksal zu danken, das mich frei gestellt hat: frei so über meine Wahlen, wie auch über mein Urteil. Sein Herr, nicht sein Sklave – und doch fest gegründet. Noch ein wenig untätig aus Überfülle: Entscheidung ist Beschränkung. Doch zur Probe: was will ich? Mich ausleben natürlich. Ein Ich sein, ein eigenständiger Mensch! Aus all dem dumpfen Boden, meiner Liebe für ihn, und mit klarer, weiter Überschau. Wie dieser Himmel droben zu dieser Heimat. So will ich sein. Dieser Himmel, der auch seine Heimat hat; der eben festlich angezogen ist, wie etwa eine vornehme Gegend: so um eine Hauptstadt herum oder wo viel Glück und Freude wohnt. Heimat: wie kommt sie zustande? Ich finde so: das tauscht sich aus, geht herüber und hinüber, von der Erde lagert sich was in uns und von uns in die Erde hinüber. So will ich heimatlich mich regen!« Wenn schon die gegebenen autobiographischen und rein prosaischen Stilproben Peter Hille als den wortgewaltigen Meister der Sprache zeigen, so noch mehr seine Aphorismen. Eine reichhaltige Sammlung der Aphorismen enthält die bei Schuster \& Loeffler erschienene vierbändige Gesamtausgabe der Werke Peter Hilles. Sie haben die reine kernige Art unserer Prosameister, von Jakob Boehme bis zu Luther hin. Sie haben auch mit jenem Mystiker die anmutende Dunkelheit gemein, die nicht aus Unklarheit, sondern aus der unaussprechbaren Tiefe irdisch nicht zu fassender Gedanken oder aus der atemlosen Fülle sich allzu heftig drängender Ideen entspringt. Kerndeutsch, nicht im Sinne jener engen Deutschtümelei von heute, die dein rastlosen Weltwanderer innerlich fremd war, sondern im Sinne jener besonderen Wesenheit des Menschengeistes, die wir in ihrer Verbindung von hoher Anschaulichkeit mit tiefster Kontemplation insbesondere als deutsch ansprechen dürfen. Der Aphorismus ist Hilles Stärke, hier ist er alles, hier ist er König. Selten hat jemand für das Wesen einer Person oder Sache so treffenden Ausdruck geprägt wie er. Die Anschaulichkeit des Wortes war ihn: höchstes Gesetz; er schwelgte geradezu in der Freude über neue Wortbildungen: er war ein Orgiastiker des Wortes. Mit hohem Genusse wird sich der Leser davon überzeugen, wenn er in den Aphorismen dieses Buches blättert. Hilles Gedanken kamen blitzartig, oft zusammenhanglos; dabei wurde es ihm schwer, eine umfangreichere Arbeit folgerichtig aufzubauen. Ein abgerundetes Kunstwerk größeren Stils zu schaffen, war nicht seine Sache; weder das Drama »Des Platonikers Sohn« noch die Romane »Kleopatra«, »Semiramis«, »Die Sozialisten« und »Die Hassenburg« vermitteln uns einen ungetrübten Genuß. Bei der Fülle von Ideen, die sein rastloses bebendes Hirn bewegten, war es ihm nicht möglich, die Gedankenreihen lückenlos zu ordnen. So blieb manches Bruchstück oder ist zum wenigsten sprunghaft und deshalb nicht immer gleich verständlich. Gern verlor er sich auf Seitenpfade, die ihn dann oft in das Reich der Mystik und Symbolik führten. Tausend Bilder drängten sich vor seiner Seele, bis lodernd, flammend plötzlich ein Gedanke alles andere vergessen ließ, als sollten die Worte, die Hebbel einst vor einem Rembrandt sprach, neue Gewalt gewinnen: »Wilde zerrissene Züge, jäh aus der Finsternis brechend, als bekäme die Nacht hier plötzlich selber ein Gesicht.« Der Mangel an Konzentration war bei Hille eine pathologische Erscheinung; er selbst zitierte gern die Äußerung eines Phrenologen, es sei eine Lücke in seinem Gehirn, die ein zusammenhängendes Auffassen verhindere. Dies Urteil ist nicht nur sachlich interessant. Daß er es mitteilt, das kennzeichnet wieder den ganzen Hille – freimütig, ohne Selbstverwahrung, wie die Sonne, die ein Stück Natur darum so schonungslos beschaut, weil es im Grunde doch nicht Minderwertiges an den Geschöpfen des Weltalls gibt. Eine Natur wie Hille mußte sich notgedrungen auch zu Nietzsche hingezogen fühlen, und manche Worte, die Hille geschrieben, könnten auch der Feder des Weisen von Sils-Maria entstammen. »Selig sind die Rücksichtslosen, denn sie werden das Erdreich besitzen.« – »Wovon hat die Freiheit diesen Duft, diese köstliche Frische? – Vom Mannesodem.« – »Der wahre Mann ist doch etwas Schönes. Habt ihr schon so einen recht innig freundlichen Morgen in seiner blauen Kraft gesehen, wenn vorher Gewitter gewesen?« – »Kultur muß Natur haben. Noch einmal werden wir Wilde. Wann wir ganz reif sind.« Trotz dieser interessanten Ähnlichkeit im Weltdenken der beiden Mystiker wollen wir durchaus nicht ihre gegensätzliche Naturverfassung ableugnen. Während Nietzsches krankhaft angegriffener Gehirnorganismus zeitlebens stark die destruktive Tendenz des schöpferischen Genies offenbarte, die den Einsamen von Sils-Maria mit dem Hammer philosophieren ließ, besaß Humanus Hille bei seinem unabweisbaren Hirndefekt doch apriorisch eine stete Bewußtseinsrichtung, die ihn befähigte, mehr das fruchtbare und aufbauende Element im Weltrhythmus zu schauen und zu gestalten, das heißt jeder Erscheinung, selbst der sprödesten, mit seinen wohlgeformten Händen den Schmelz der Daseinsgüte beizumischen. In diesem Sinne ist auch die Seligpreisung der Rücksichtslosen zu verstehen, die Hille lediglich als Tatsache hinstellen, nicht aber als Ideal bezeichnen wollte. Sich selbst hat Hille in folgender Weise charakterisiert: »Peter Hille, Feuer hinter Schloß und Riegel. Inneres Schicksal verdunkelt, äußeres sperrt's ein, und so zappelt sich ab dies Meerwunder der Erfolglosigkeit bis an sein kühles Grab. Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht nicht ward.« Vier Jahre sind seit dem Tode Peter Hilles dahingerauscht, und schon senkt die Vergessenheit ihren grauen Fittich nieder auf sein Grab. Der dankenswerte Versuch des Verlages Schuster \& Loeffler, den Dichter durch eine Ausgabe seiner gesammelten Werke weiteren Kreisen zu vermitteln, ist nicht von dem erwarteten Erfolge gekrönt gewesen. Die Ausgabe umfaßt die »Blätter vom fünfzigjährigen Baum« (Gedichte), »Gestalten und Aphorismen«, »Dramatische Dichtungen« (»Des Platonikers Sohn«, »Myrrdhin und Vivyan«) und den Roman »Die Hassenburg«. – »Die Sozialisten«, »Kleopatra«, »Semiramis« und die dramatischen Fragmente »Walter von der Vogelweide«, »François Villon« und »Williams Abendröte« sind in den gesammelten Werken nicht enthalten. Die Zeit ist eine unerbittliche Richterin, sie wird auch Peter Hille nicht verschonen. Aber seine Aphorismen – »Aus dem Heiligtum der Schönheit«, damit glaubt der Unterfertigte diese Schöpfungen zutreffend gekennzeichnet zu haben – wird sie eines Tages auf die Wage legen und finden, daß es Diamanten sind. Und solange in der Welt die Sehnsucht nach dem Guten und Schönen nicht ausgestorben ist, wird man auch von jenem Menschen erzählen, der selbst in den Tagen der Not und Anfechtung die Ehrlichkeit seines Wesens zu bewahren wußte. Vor allem sollte Westfalen seinen Dichter nicht vergessen. Weil er seine Landsleute so sehr liebte und schätzte, daß er selbst Prometheus zu den ihrigen zählte, müssen wir ihn ehren, müssen wir ihn lieben. Essen, Ruhr , 1909. Fritz Droop . Aphorismen und Sprüche. Wege zur Kultur. Ein Kind will eigene Wege haben. Es ist ein Unfug, die Kinder zu erziehen, will sagen, ihnen zu befehlen, dafür aber den Erwachsenen zu gehorchen. Es ist schon deshalb Unfug, weil die Kindheit Stil hat und eine freimütige Vornehmheit, die man wohl zerstören, aber durch nichts ersetzen kann. Sich freimachen erst, dann sich in Bewegung setzen. Hat man mir aber einmal alles genommen, was mein Eigentum war, und dafür Fremdes eingesetzt, was andern beliebte, was nie in mir anwachsen wird, was soll ich damit, was soll ich das in Bewegung setzen? Mögen die es tun, die es in mich hineingestopft haben, als seien sie der Jäger und ich der Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Und nun – was rumpumpelt in meinem Bauch? Und nun die Wackelsteine eingeladen kriegt. Die Kindheit soll aus eigenem Rechte da sein. Nicht bloß geduldet. Sie soll nicht von den Begriffen vergewaltigt werden, den greisen Begriffen. Neid macht Vorschriften. Schwäche, die nicht mehr genießen kann, verbietet. Die Kindheit ist ein Kundschafter, den die rastlose Menschheit voraussendet, um einen sicheren Lebensgrund zu erspähen. So müssen wir sie sich selbst überlassen, ihrem Lebensinstinkt, der von Verrohung und haltungsloser Alberei wohl zu unterscheiden ist. Wie die Brieftauben müssen wir die Kinder aufstiegen lassen. Entdecken wir das Kind! Die größte Entdeckung, die noch aussteht, ist ein echtes Kinderspiel. Sie erfordert keine unerhörte Kühnheit, nicht den heroischen Vorsatz, mit allen Gefahren und Entbehrungen es aufzunehmen: sie ist keine Nordpolfahrt. Ich bewundere das erste Kind, das ein Spiel fertig brachte, mehr wie einen Erfinder. Es ist wünschenswert, daß Mutter und Kind eines Sinnes sind. Läßt sich dieser Einklang nicht erzielen, so liegt die Entscheidung auf seiten des Kindes. Katheder ist mehr als ein Ehrensessel: es ist ein Thron, und der nur darf ihn besteigen, der beim Lehren lernt. Aus einigen Äußerungen des Lebens, die hier und da einmal vorgekommen sind und Hinz und Kunz so ausbündig gefallen haben, eine Gepflogenheit machen, sie Moral nennen und als allgemein verbindlich zu verehren, ist ein Verbrechen am Leben. Der Mensch weist gar viele Fähigkeiten auf. Darin aber hat er's am weitesten gebracht: in der Kunst, möglichst wenig Mensch zu sein. Schulen und Universitäten sind dafür da, daß das Hirn sich gesellschaftlich benehmen lernt, Manieren annimmt. Kultur muß Natur haben. Noch einmal werden wir Wilde, wenn wir ganz reif sind. Der Mensch ist ein atmendes Gesetz. Wir sind zweimal vorhanden: das eine Mal im Persönlichen, das andre Mal im Weltplan. Gott will nicht die Verstümmelung, sondern die Vollendung unseres Wesens. Ich habe vor dem Schlechten so lange Ehrfurcht, bis es erklärt wird, und um deutlich zu machen, wie es sich hätte unterscheiden müssen, verlangen wir genau zu sehen, wie, wann und warum es emporzitterte. Freiheit ist eine Summe mikroskopischer Unfreiheiten. Die Menschen stapeln gern in die Höhe, was nebeneinander stehen muß. Man kann auch hinauffallen. Und solche Fälle sind die tiefsten. So ein kleines goldenes Kreuz auf der Brust. Das geht viel schwerer zu schleppen, als das große hölzerne, das auf dem Rücken getragen wird. Denn unter ihm fällt der Charakter zusammen. Was ein Streber werden will, krümmt sich beizeiten. Kritik: Wir finden vieles schlecht, weil wir schlechte Kritiker sind. Sind schlechte Kritiker, weil wir schlechte Freunde sind. Freundschaft macht Kritik, oft auch Kritik Freundschaft. Macht sie Freundschaft, dann taugt entweder die Kritik oder der Kritisierte nicht. Nur Starke dürfen sich dem Innenleben zuwenden, Seelenkrüppel bilden müde Kirchen. Leidenschaften: je ausgelassener sie sind, desto besser sind sie zum Bewältigen da, nicht zum Üben. – So machst du's ja auch mit den Hengsten, Tscherkasse. Wie wirfst du sie! Es muß Übertretungen geben, weil Richter da sind, und um Übertretungen zu schaffen, müssen wir Gesetze haben. – Ähnliches gilt vom Krieger und den stehenden Heeren. Übertretungen kommen nur von Geboten, Hühneraugen von engen Schuhen. Besser ein freier Teufel als ein gebundener Engel. Eine Seele ohne Zwang ist auch ohne Laster. Gedanken sind nicht zollfrei; Gedanke ist schon Tat, und ein Unglück der Seele, ein Unheil des Willens ist mehr zu befürchten als ein Unfall des Erdenlebens. Du willst Freude? Dann steige in die Qual. – Du willst Qual? Steige in die Freude. Die eigenen Früchte machen uns stark. Jeder Lichtstrahl wird zurückgeworfen, und nun sollte eine Handlung draußen liegenbleiben? Torheit! Sie kommt wieder bei uns an. Schrecklich sind die Anspruchslosen; die nicht fordern, gewähren auch nicht. Der Schüler der Mystik ist ein Afrikareisender der Seele: er betritt einen Urwald, der ihn erst nach Jahren als Geförderten entläßt. Und all diese Zeit muß er an sich arbeiten, dem hohen, stillen, unsensuellen Geist – Ich. Alles hat seine Chemie. Der Pöbel bestellt Champagner, es knallt der Kork, und der Pöbel säuft – Schnaps. Mann, Weib und Liebe. Das Weib ist ein vernünftiges Märchen. Das Weib ist der Vater der Sorge. Braut – nichts kann schöner klingen, nichts natürlicher; Bräutigam – wie komisch das holpert, wie steif! Es gibt nur ein Frauenrecht, und das heißt Liebe. Auch das korrekteste Weib treibt Fetischismus, den Fetischismus mit sich selbst, die Mode. Das Weib ist Sonntag, der Mann Alltag. Auch das Weib ist dichtbar, nur muß man mehr geben als schwärmerisches Fleisch. Der wahre Mann ist doch etwas Schönes. Habt ihr schon einen recht innig freundlichen Morgen in seiner blauen Kraft gesehen, wenn vorher Gewitter gewesen? Auch schwarze Augen sind dann blau. Wer hat nicht wie eine Schoßkatze gepurrt vor Vergnügen an einem runden Tisch unter stiller, mildkochender Lampe. Und Liebchen sittig zur Seite. Diese Abende, dieses blendend gare Glück muß man seiner Schwiegermutter nicht vergessen. Die Ehe kann niemals eine Republik sein. Nur Selbstherrschertum auf der einen oder auf der andern Seite. Kraft auf seiten des Mannes oder auf seiten des Weibes. Manche Ehe ist ein Zellengefängnis der Sorge. Wie Mann und Weib, so suchen die lebenskräftigen Meinungen einander – und fliehen sich suchend. Sonst sind sie tote Begriffe. Schicksal und Triebe, auch den Mann können sie werfen und heben und anders gestalten; aber so mit einem Schlage durchschmutzt durch einen versengenden Hauch wird das Weib allein mit seiner tauigen Schönheit der jungen, leidenschaftflimmernden Seele. Liebe: zwei im Fliegen zu neuem Leben Geeinte. Mignon, Mignon, o mach' eine Brustwehr aus dir selbst, aus der Liebe verlangenden Seele des Weibes. Wann deine Stunde gekommen, gib dich hin mit geschlossenem Auge. Aber verkaufe dich nicht, du hast die Liebe, die hat keinen Preis und wurzelt im göttlichen Herzen. Natur und Gottheit. Das will mir gar nicht in den Sinn, daß Gott so ein Weltschulmeister sein soll. Gott ist die Speise der Geister. Gott ist der ewige Geisterfrühling. Gott ist das lebende Märchen. Gott ist die Liebe, starke Liebe, aber nicht gutmütig. Er ist elementar, nicht sentimental. Er ist das Weltgemüt und liebt den Mut, ist aber nicht gemütlich. Gott will nicht die Verstümmlung, sondern die Vollendung unseres Wesens. Gott will ich haben, wie ich ihn nur haben kann, und mit ihm die jubelnden Wunder seiner Welt. Gott sucht Welt, Gespielen. Was für eine starke Natur muß Gott haben, daß er die Geister aller Welten ertragen kann, die von ihm zehren. Gottesfurcht ist Gotteslästerung. Das Gesetz keimt durch die Gebote. Katechismus! Eine gelehrte Religion ist an sich verdächtig. Der Himmel ist kein Lokal. Welt: Eine Dichtung in Taten. Gewitter: Ein zürnender Pharisäer, der sein Gewand zerreißt. Himmel, bist du abgeschmackt! Regen: Ist das hienieden ein Jammertal! Auch der Himmel weint, wenn er auf die Erde kommt. Sterne sind Gottestänzer. Die Schwalbe ist die Soubrette der Natur. Die Blume ist das Lächeln der Pflanze. Schönheit. Ich bin, also ist Schönheit. Ich komme von den Sternen und bringe den Weiheduft der Unendlichkeit mit. Schönheit: Was sich aus der Welt in uns verliebt, das wird Schönheit. Ich muß die Welt schön haben, sonst lasse ich sie fallen. Schönheit ist Stillsein, tief und einmal alles fassen. Alle Kinder des Lebens zusammen: das ist Schönheit. Frage deine Rosen, was mehr erquickt: Tau oder blitzend rasselnde Schauer? Ihr leuchtend übergehendes Auge sagt Bescheid. Mädchen: lieblich wilde Frische. Weltanfühlende Blume, sinkend holde Heimlichkeit. Kelche des Lebens. Wovon hat die Freiheit diesen Duft, diese köstliche Frische? Vom Mannesodem. Was ist Sittlichkeit? Verinnerte Sinnlichkeit. Wollt ihr, daß das Gute über das Böse herrsche, so stellt es üppiger dar. Sprache ist mir Empfindungsmelodie, ganz genau sich anpassend. Es ist nicht alles Talmi, was glänzt. Kunst und Künstler. Es fällt kein Meister vom Himmel, wohl aber ein Himmel vom Meister. Was ist der Dichter? Ein immer sprechendes, fruchtbares, rastlos bebendes Hirn. Ein neues eigenes Herz fühlen die Dinge in sich pochen, da stoßen sie sich einander an: »Du, wir haben wieder einen Dichter.« Der Dichter ist das Erzeugnis und der Gegner seiner Zeit im Sinne der Zukunft. Der Dichter ist ein Merlin, verloren in die Natur, sie zu enträtseln. Da gibt's keine Weißdornhecke, die ihn schirmt. Der Himmel hat keinen Tau für ihn. Er ist auch ein Stück Christus. Der johlende Pöbel und das kollegiale Grinsen geleiten ihn und drücken die Dornen tiefer in die schmerzliche Einsamkeit seines edlen Hauptes, der das schwere Kreuz des Geistes auf seinen Schultern nach Calvaria trägt, dem Berge der Vergessenheit. Alle Lebenswecker, Dichter, sind keusch. Dichter sein heißt zu der Welt freundlich sein: wie sie ist – oder sein sollte. Tierseele, Pflanzenseele, Berufseele, unsere Kindheit: der Urgrund ist gemeinsam, schweigsames Schauen. Denn selbst wenn so ein Stand, der des Fischers etwa oder des Bauern, seine Stimmen fände, seinen Dichter, so würde diese Stimme immer einer Ausnahme angehören, einer Ausnahme, die eben dadurch, daß sie sich erhebt, nicht mehr Fischer ist noch Bauer, sondern Dichter. Auch diesen Stand kann er beobachten wie andere, hinzubeobachten zu dem Urgrund, der den Dichter macht, den Menschen. Weil Shakespeare so eine Weltseele war, wurde er eine Sammelseele, fast allem gerecht. Ein einsam schaffender Dichter geht bereits den Weg der Hebung. Großdichtung ist immer Gottesdienst. Kommt nun noch die willensstarke Selbsterkenntnis der Mystik hinzu, so – strahlt zeitenbegabend die Kunst. Die Redaktion des Weltgeistes: die Weltpräger, die Napoleons des Geistes, ja eigentlich noch mehr: Napoleon war nur ein Eroberer, und reicht ein Leben nicht dazu hin, so müssen es mehrere sein. Shakespeare ist noch einsam, zu ???Gotte findet sich Schiller. Auch beim Triumvirate wird's nicht bewenden. Goethe: das wache Selbst. Goethe: ist der Haushalter deutscher Bildung. Ein bewußter Hellene mit vorbildlicher Sorgfalt lebte er Menschentum, ein weltauffassendes Wesen. Schiller: Feuersbrunst der Kultur. Böcklin: Nicht Strohfeuer der Jugend, sondern der dauernd sprühende Rausch besonnener Bildkraft. Daß er vor einigen Jahren entschlief, tut nichts zur Sache... Gott wollte sich eine Freude verschaffen, so rief er den stark durchsonnenen Meister ehrwürdigen Jauchzens etwas näher zu sich. Wagner: Richard der Große: nicht fort von ihm, aber eine Gegenhygiene ist für uns notwendig, eine Ergänzung des Lebens: »Bach«. Bach: ist ein Symbol der ganzen deutschen zusammengesetzten Kultur: so ein Homer mit der jonischen Fügsamkeit der Sprache und des heroischen, in großen Gruppierungen bedeutungsvoll sich hinstellenden Zeitalters. Wieland: Magister der Venus. Jean Paul: Studierstübchen mit Feenpalästen oder die gelehrte Märchenwelt menschlicher Unendlichkeit. Novalis: Goethe der Seele. Wilhelm Raabe: Beschauliche Weltlust vom Harz. Sagen und Gnomenzüge in der deutschen Michelseele. Verkniffenheit vor lauter, lauter Seele. Maeterlinck: die lallende Beredsamkeit. Eduard Möricke: Vikar Katull. Gottfried Keller: ein besonnener, tüchtiger Bauer des Lebens. Gerhard Hauptmann: Rübezahl im Armenhause. Otto Ludwig: Tragödie des Humors. Hölderlin: ein hellenischer Mönch. Paul Heyse: Wieland der Psyche. Grabbe: Verwitterungsseligkeit. Max Halbe: dramatisch geheiztes Idyll. Paul Scheerbart: die greise Indianergeschichte. Strindberg: dämonischer Naturbursche. Ludwig Fulda: der parfümierte Sturm. Multatuli: der Überbeamte der Menschlichkeit. Emil Zola: ist die Ehrlichkeit der Sinne. Nicht gefälscht und nicht gezuckert. Detlev v. Liliencron: ein deutscher Muselmann mit treuen, tiefen Kornblumenaugen, eine Jugend über alle Jahreszeiten hinaus und eine Heimatseele, die in jeden holsteinischen Knick getreten ist. Otto Julius Bierbaum: ein Weinlaub, das Germanistik studiert hat, ein denkender Faun, rosige Reminiszenz, Liebe, die den Doktor gemacht hat. Hagestolzentum mit Hustru. Otto Erich Hartleben: Künstlerische Enge. Auf Goethespuren. Goethevorsicht, ererbtes Mißtrauen. Bruno Wille: der ethische Höhlenmensch. Franz Evers: der sinnige Durchempfinder der Übersinnlichkeit. Johannes Schlaf: kosmisches Kranken, erbitterte pflanzliche Sehnsucht. Gabriele D'Annunzio: Dekorateur der Schönheit. Else Lasker-Schüler: Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzweigegangen ist. Ihr Dichtgeist ist schwarzer Diamant, der in ihre Stirn schneidet und wehe tut. Sehr wehe. Philistermoral: Dichter am Morgen, Kummer und Sorgen. Dichter am Abend, erquickend und labend. Meer, laß dein Schäumen sein. Treib Mühlen, tu' was! Dichter, laß dein Träumen sein, Dein reimendes Fühlen, tu' was! Der Humor ist der Modelleur der Welt. Poetische Blätter sind Tattersalls für die Sonntagsreiter ihres Pegasus, des lammfrommen Mietsgauls der Lyrik verfertigenden Konfektionsbranche. Standbilder: kranken erst an ihrem Helden und dann am Künstler. Nur einen Schmerz haben die Verleger; es geht noch immer nicht ohne die Schriftsteller. Vom Überfluß. Was das Fest geschrieben, kann der Alltag nicht lesen. Moden sind Variationen über die Etüde »Das Leben«. Sinnlichkeit ist trauliche Vorhandenheit ohne Gespräche. Reue: Ich lasse mich fliehen, um mich zu haschen. So darf man sich spielen. Man gibt sich selbst was vor. Wenn Kronen närrisch werden, was wird daraus? Eine Jakobinermütze. Selig sind die Rücksichtslosen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Das Schicksal, das erst so blödsinnig sich anstellte, beginnt nach unserer Flöte zu tanzen. Zuversicht und Kraft halten sich die Wage. Es hat schon lange gebrannt, ehe man hinsieht, wo der Rauch wirbelt. Die Sozialdemokraten sind Barbaren des Mitleids. Bettler sind schlechte Leiter des revolutionären Funkens. ???Dreist dürfte die Polizei diese ihre besten Freunde etwas besser behandeln. Es gibt Stürme, die eine Schlafmütze aufhaben. Was ist die französische Revolution gegenüber einer Münzanstalt, aus der Millionen über Millionen gekrönter Häupter rollen? Alles einmal in der Welt sehen: Rausch, voll Arbeit. Vorurteil: Das Wort ist nicht übel. Wollte nur das Urteil nachkommen. Es gibt Brunnen, in die nie ein Sonnenstrahl, Stirnen, in die nie ein Gedanke gefallen ist, und auch Glückliche, die nie den Geist aufzugeben brauchen. Der Schweiß ist die Träne der Arbeit. Der Hof ist die Puppenstube der Zeitungen. Entsagen: Wollust des Demanten. Klavier: ein klingend Veilchen. Othello: ein weinend einschlagendes Gewitter. Der Dampfwagen: ein verbissen vorbeirasselnder Kampfknäuel feindlicher Elemente. Die Siegesallee: Exerzierplatz der brandenburgischen Geschichte. Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten. Gedichte. Brautseele. Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe, wie tief im Hain das Herz des Frühlings zittert. Ja, du mein heftiges Herz: wir haben Frühling! Auf einmal ist nun alles Blühen da! Meine freudigen Wangen sind aufgegangen fromm nach deinen Küssen. Gefährlich bist du, o Frühling, und verwirrt; wie von heftiger Süße prangenden Weines pocht meine Seele. Wie er so sinnend mich streichelt mit seinen Strahlen allen, und schlafen möchte ich immerzu. So träume ich vom eigenen Blute und bin so wach von mir, so erschrocken, wie man wohl aufhorcht im flüsternden Herzen der Nacht. Wie Sterne, die nicht schlafen können, so stehen meine Augen! Und bin doch so müde, so sonderbar müde. Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde um diese Zeit? Das macht, du bist um uns, du bist ein Zauberer: in Bäume und Menschen zauberst du ein Sehnen und Dehnen, ein müdes, verlangendes Gähnen. Ja, ja, ihr Mädchenherzen, der kennt euch! Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen, er ist ja Weib, Weib wie wir, und eine heimliche, schelmische Stärke. Frühling, sag, was machst du mit uns, daß wir alle so sprossend müde sind? Wir fühlen dich ganz in uns. Du durchtönst uns, tust mit uns ganz das Leben! Ja, wir beben Leben! Fromm atmet in uns eine Andacht, und wohlig will es werden rings auf der sprossenden Erden. Wie wir uns regen, da ist immer ein heimliches Bewegen. Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, der uns erquickt und uns darreicht, da ist der Spiegel eine bleibende Quelle, und immer wird uns leise süß von uns. So sind wir wartend, so zeigt es uns, verrät es uns, wie süß wir sind für den einen, andern. O komm! Komm zu nur, ich bin ja so süß nach dir! O komm! Ich bin ja so schön nach dir! Ich, deine lebendige, deine wartende Zier vergehe nach dir! Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken – o komm! Komm du dem Alter, dem Welken zuvor! Ein Sehnen geht in allen Blumen und will dich holen mit Farben und Duft, und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese, ist nur aus Sehnen und Liebe schön. Lieblich schlau üben wir Schönheit so lange vor euch, bis daß ihr kommt! Schüchtern, schelmisch spielt sich unsere arme, lodernde Seele hin vor euch! Dann, dann! Dann kommen zwei lodernde Sonnen in meinen Tag, du mein doppelter Tag mit deinen beiden Sonnen! Du! du! Und deine Hand! Meines Mundes duftende Blüte vergeht vor deiner Güte, und meine Wangen sind aufgegangen, wie meine Flechten vor deiner Rechten! Ja, du hast recht, glätte sie nur, du meine wirrglühende Sonne! Rufe, locke alles heraus aus deiner Erde, du mein Lenz! Du hast ja gleich zwei Sonnen, und eine brauchen wir nur am Himmel. Und diese beiden Sonnen erzählen sich mir, wie du aufgewachsen und wo gewachsen für mich! Wie der heilige Wein Palästinas in seinem heißen schmelzenden Purpur den Heiland mir ansagt, sein Seelenfrühlicht, sein wärmendes Wandeln. O, wie da alles aufsteht! feierlich, rauschend, vorbereitend! O komm! Ich bin ja so schön nach dir! O laß mich weinen Tränen der Braut, Tränen, du Böser, daß ich so lange warten mußte auf dich! Das tut so wohl: Meine Seele badet. Dann kommt sie zu dir! Ja? Abbild. Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du. Zwei flinke Fittiche weißer Möwen Deine beiden Füße. Und dir im lieben Blute auf Steigt ein blauer Hauch, Und sind die Dinge darin Alle ein Wunder. Kind. Süßer Schwindel schlägt hinüber, Heiße Blicke gehen über, Und ein neues Leben rinnt. Unserer Liebe starke Wonnen Sammelt ein als starke Sonnen In die Himmel seiner Augen Unser Kind. Die bleichen Veilchen. Ich sende dir die bleichen Veilchen: Ihr Duft und ihre Farbe schwanden. Sie blühten nur ein kleines Weilchen. Nur sind Gestalt und Namen noch vorhanden! So ragt dir recht in Herzensmitten gespenstisch nur und trübe die Liebe auf, die ausgelitten: Kein Kuß, kein Lächeln, und noch immer Liebe . Maienwind. Mutwillige Mädchenwünsche Haben den Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen. Wie Tauben sind sie weitergeflogen, Mit Wangen, wilden und heißen. Hoch in den warmen, schelmischen Händen Haschender Sonne Geschwungene Strahlen. Hellbehende Wonne Weißer Kleider weht. Mutwillige Mädchenwünsche Haben sich Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen – Sind weitergezogen... Maienfrühe. Das Manuskript dieses Gedichts befindet sich im Besitz von Ludwig Schröder in Iserlohn. (Bei Goslar.) Die Schieferdächer zottig und breit, Noch wacht kein einzig Haus, Zartgoldene Gegend und Einsamkeit, Da jubelt ein Vöglein sich aus. Die Sonne zu suchen, so steigt es hinan In reiner und reineres Blau, Bis man es nicht mehr sehen kann, Dann jubelt die Himmelsau. Die Schieferdächer zottig und lang, Schroff ragt der Berg daher, Der Mondrand zart und morgenbang, Da Wolkenfleisch blühend und schwer. Die Lerche hat die Sonne gesehn Und sinkt nun wieder zu Tal, Das sehen die Morgenwinde und wehn, Froh glühen die Wölklein zumal. Die Kirschbäume stehn und richten sich aus. Und sehen stumm sich um, Wie Kinder stehn mit Spruch und Strauß, So köstlich blöd und dumm. Siehe, da blitzt es freudig erhellt, Da hebt es sich und steigt, Das liebeleuchtende Antlitz der Welt... Und unsere Seele schweigt. Das Mädchen. Gestern noch ein dürftig Ding, Das so grau und albern ging, Nichts an ihm zu sehen. Und muß heut behutsam sein, Wie wenn im Mai die Blüten schnein, Daß nicht all verwehen. Wie wenn ich Blüten an mir habe. Als sei ich eine Gottesgabe, Ein reines Wunder steh' ich da, Wie nie ich eins mit Augen sah, Und muß mich sehr zusammennehmen Und schämen. Warum? Weil ich gar so blühend bin Und weil der Wind treibt Blüten hin, Die nicht am Baum erröten Und voller Vorsicht sind Und Unschuld und Erblöden... Der dumme Wind! Arnold Böcklin. Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen. Er ging dahin, wo seine Werke wohnen... Mit angetürmtem Nacken ihm zur Seiten trabt der Eroberer. Aus tiefem Sande grinsen fremde Zeichen: Gebeine sind es, die so leuchtend bleichen. Vor rohen Hufen knirscht die heiße Wüste; grün steigt ein Hügel auf und ruht in Blumenkühle aus vom heißen Gleißen. In träger Schräge ruht ein alter Faun und glotzt in Weiten, die wie bald verloren ihm, mit schwerem Auge, fremdbekümmert. Ein Fäunlein, goldnes Stroh im roten Nacken, reckt tief zum Quell die drallen Bäcklein nieder. Genug gesehn! Ich will mir selber lauschen; da kommt ein Wald, der soll mir rauschen! Wie klopft des Mittags Angst! – Gespannt und horchend, eine Harfe, die starren, steilen Stämme. Hoch und tückisch, das seltsam bösgedrehte Horn voraus: Das Einhorn... Sinnig-wild aufblickt des Märchens üppig-fremdes Auge. Da von der Rechten schwellend atmet's Raum, hebt grüne Gipfel hoch noch über die blauen – brausendes überstürzendes Bauen! – und bietet der Erde, bietet dem Himmel Sträuße Schaum und schlägt lustkreischend einen Purzelbaum: und blickt wie Angst, wie Trauer der Unendlichkeit, wie Irrsinn, wie wehlachend Spotten: das wilde Element! – Und Abend wird's; das Meer ging ferne schlafen. Ein braunes Glöckelhäuslein. Da steht, geneigt das weiße, stille Haupt, der braune Mönch und geigt und streut wie Blumen nieder zu Füßen der Maria späte Glut. Auf Zehen, seine Wangen voll und fromm, ein Büblein lugt; leis zittert seiner Schwinge blaugrüner Reif... Er ging dahin, wo seine Werke wohnen; sie leuchten heißer auf in ihrer Seele Saft, die Urgeburten dieses großen Lebens! Ein frohes Tosen wiehert der Stromsturz nieder; die Wälder öffnen atmend befreite Brust. Und all die großen stummen Seelen der ungeheuren Dinge und der wilden Welt: »Du löstest unsere Lippen; unser Träumen, unser Brausen war dir: das Leben! Wie du den Wein in heitrer Andacht trankest, so leicht bei hohem Lächeln neigt dein Manneshaupt sich, da Freund Hein auf seiner Fiedel dir so Wundersames geigt...« In bleicher Stille ein zypressendichter Schlaf... Waldesstimme. Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, Wald, du moosiger Träumer! Wie deine Gedanken dunkeln, Einsiedel, schwer vom Leben, ???saftseufzender Tagesversäumer! Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben wie's Atem holt und voller wogt und braust und weiter zieht – und stille wird – und saust. Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben hoch droben steht ein ernster Ton, dem lauschten tausend Jahre schon und werden tausend Jahre lauschen... Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen. Wintermeer. Meer, du rasender Greis, Heldenlied, das über stürmende Harfe zieht, wie Bardenbärte wild und weiß. Vagantenweihe. Zugvögel ziehn in grauem Ernst, Da stehst du Walter nun und lernst, O vanitatum vanitas. Die Jahre welken 's greise Haupt. Fast steht der Hain schon blattberaubt – Wie kalt des Regens dünnes Naß! Und doch Kopf oben! unverzagt, Der Jugend Rosen unbenagt, Trotz vanitatum vanitas. Sie regen sich voll dunklem Duft In ewig blauer Freierluft: Der tiefe rote Kuß macht das. Ich hab' viel Marterbilder hier, Sind gar geringe Kirchenzier! Und voll von Pein und vanitas. So mager, leer und tintenvoll Der Saal, darin Latein erscholl, Ein Männlein da, das Leder ganz. Die Sonne leuchtet treu und warm, Da leuchtet Lieb' mir schon im Arm, O iuventutis sanitas. Die wieder weichen Lippen los, Wie Elfenbein, die Hand im Schoß; Von blauem Glanz die Augen naß. Und dann ein Blick aus warmem Lid, Der wieder tief ins Traumland flieht, Der vanitatum vanitas . Des Odems Duft durchgraust mein Mark, Das weiht den Mann, das macht ihn stark, Ja bis zum Gotte hebt ihn das. Und meidet mich die Klerisei, Weil meinen Wirbel floh die Weih' – Nur vanitatum vanitas. Das ist ja nur der pure Neid, Der hüllt sich dann in Kreuz und Leid Und donnert los im Lügenbaß. Das Altarbild gar lieb und hold, Erhellt von zartem Lichtergold, Das, Himmel, ist nicht vanitas. Das ist ein Tag, der ewig steht, Mir niemals aus dem Sinne geht, Ein Tag im Wald im weichen Gras. Das alles war so ernst, so tief, Wie sie so himmlisch lag und schlief, Trotz vanitatum vanitas. Und Blumen frisch und Amselschlag, Der weichen Ruh' ich denken mag, Des weichen Golds im grünen Gras. Ein Ruf, von wo, der sich verlor, Da fährt sie scheu vom Grund empor: Dein Schrecken, Kind, ist vanitas. Die Locken fahren wild herum, O Gott im Himmel, war das dumm – Ich nenne meine Weihe das. Prometheus. Entgegengeschmiedet Auf schroffem Fels Den Pfeilen der Sonne, Dem Hagelgeprassel, Trotz' ich, Olympier, dir. Der wiederwachsenden Leber Zuckende Fibern Hackt mir des Geiers Biß Aus klaffender Wunde. Ein Wimmern, glaubtest, Olympier, du, Würden die rauschenden Winde Ins hochaufhorchende Ohr dir tragen? Nicht reut mich der Mensch, Der Leben und Feuer mir dankt, Nicht fleh' ich Entfess'lung von dir; Jahrhunderte will ich Felsentrotzig durchdauern, Jahrtausende, Wenn dir die Lust nicht schwindet, Wenn der Trotzende nicht Zu glücklich dir scheint.