Arno Holz Sozialaristokraten Personen: Oskar Fiebig , Gelegenheitsdichter, Fünfziger. Seine Frau , Vierzigerin. Anna , Tochter, Neunzehn. Herr Hahn , Einundzwanzig. Dr. B. Gehrke , Schriftsteller, Anfang Dreißig. Meischen , seine Frau, Ende Dreißig. Wilhelm Werner , Buchdrucker, gen. Elefantenwilhelm, Ende Vierzig. T. v. Styczinski , Redakteur, Ende Zwanzig. Frederick S. Bellermann , deutsch dichtender Amerikaner, Anfang dreißig. Sprödowski , Schneidergeselle, Anarchist, Mitte Zwanzig. Der Amtsvorsteher von Friedrichshagen, Sechziger. Schwabe , Amtsdiener, Fünfziger. Dr. Moritz Naphtali , Ende Dreißig. Fritz , Druckerlehrling. Dienstmann . Waschfrau . Gendarm . Die drei Herren aus Arnswalde .   Zeit Winter des Gewerbeausstellungsjahres 1896   Ort Erster Akt Berlin im Arbeitszimmer des Herrn Fiebig, zweiter und vierter Akt Friedrichshagen in der Druckerei von Werner, dritter Akt Friedrichshagen in der guten Stube des Amtsvorstehers, fünfter Akt Friedrichshagen im Wohn- und Arbeitszimmer Dr. Gehrkes. Fiebig Schwarzes, straffes, langgeschnittenes Haar. Kurzer, starker Schnurrbart, Fliege. Im ersten Akt unrasiert. Lebhafte schwarze Augen, weiche Gesichtszüge, gutmütiger, kluger, humoristischer Ausdruck. Rosiger Teint wie gepudert. Sanguiniker. Beim Sprechen schneller Tonfall. Endet seine Sätze mit Vorliebe in einer Art halb sich beschwerender, halb fragender Akzentuierung. Stattliche Figur, durch das Alter etwas knickebeinig. Kleidung im ersten Akt ein rotplüschener Schlafrock; Schlips und Kragen nicht vorhanden. Da Herr Fiebig während der ganzen Dauer dieses Aktes seinen Platz vor dem Schreibtisch, sogenannter Lutherstuhl, nicht verläßt, wird weiteres nicht sichtbar. In den übrigen Akten ist er frisch rasiert und trägt, bevor er ablegt, einen Zylinder, dessen Fasson bereits ein wenig veraltet scheint, und einen sehr langen, dunkelbraunen, mit schwarzen Borten eingefaßten Taillenpaletot mit schmalem Krimmerkragen und einem außergewöhnlich hoch ansetzenden Schlitz versehen. Ebenholzstock mit Elfenbeinkrücke. Seine Frau Gesundes, breites Gesicht. Korpulent. Phlegmatisch. Tonfall verdrossen-brummig. Anna Backfischallüren, Ammibändchen. Hahn Naives, hübsches, frisches Gesicht. Erste Schnurrbartspuren. Modern kurzgeschorenes Haar. Blond. Dunkler Jackettanzug mit viel Manschette, die ab und zu unbewußt zur Geltung gebracht wird. An der Uhrkette viel Bammelagen. Vom zweiten Akt ab hellgrauer Havelock, Seidenzylinder und genau so einen Stock wie Herr Fiebig. Dr. Gehrke Große, massige, prononziert männliche Figur. Blondes, langes, lockeres, zurückgekämmtes Haar, von welchem ihm von Zeit zu Zeit eine Strähne über die Augen fällt, die er energisch zurückwirft. Kneifer ohne Band. Blaue Augen. Sogenannt urgermanischer Typus. Schwankend zwischen Waldmensch und Oberlehrer. Gesichtsausdruck Langweiligkeit gepaart mit Trivialität. Eine gewisse Offenheit. Selbstbewußt. Zu Meischen nachsichtig-zärtlich. Kleidung Jägerscher Schnitt, dazu Leinwandkragen und flatternder, auf blauem Grunde weißgetupfter Akademikerschlips. Hosen etwas zu kurz und in den Knien ausgearbeitet. Nie ein Paletot, großer schwarzer Schlapphut. Rede klangvoll-pedantisch. Jackett zweireihig und stets bis oben zugeknöpft. Eine häufige Geste, daß er die drei ersten Finger der linken Hand leicht in die äußere linke Brusttasche steckt, aus welcher das Taschentuch hervorsieht; doziert er dabei, so spitzt er Daumen und Zeigefinger der Rechten und sticht damit gerade vor sich hin; häufig mit Bleistift. Als Vorsitzender gewandt. Meischen Klein. Nicht mager. Verwischtes Blond. Ponyfrisur. Blasses, rundliches Gesicht. Lebhaft-sentimental. Sächsischer Dialekt. Glücklich. Ihren Mann ständig bemutternd. Auffallend Jugendlich gekleidet. Passée. Werner Stark. Untersetzt. Blonder, kräftiger, krauser Vollbart. Gesichtsfarbe kerngesund. Dichte Brauen. Augen knallblau. Ausdruck verschmitzt-biedermännisch. Ungeheure Hände, dröhnender Baß. Plumpe Gangart, woher sein Spitzname. Unverwüstlich. Kleidung gewöhnlich. v. Styczinski Schmächtig. Gelbliches Gesicht, tiefliegende, schwarze Augen. Das Haar kurz und spitz in die niedrige Stirn. Rotblonde, dürftiges Spitzbärtchen. Übernächtig. Kleidung schmutzig-elegant. Kein Paletot, dagegen rotbraune Glacés. Kleine Pelzkappe. Ausländischer Akzent. Bellermann Beginnender Fettansatz. Ganz kleine Koteletts, Glatze. Das übrige blond. In jeder Beziehung durchaus korrekt! Beim Sprechen sich überstürzend. Stößt ein klein wenig mit der T-zunge an. Kleidung letzte englische Mode, aber nicht übertrieben. Anschließender Mantel, Schulterkragen. Sprödowski Dünn, mittelgroß. Pockennarbig. In den Mundwinkeln einige schwarze Barthärchen. Am Kinn, vereinzelt, Stoppeln. Sehr schmutzig. Defekte Fußbekleidung und stets sorgfältig zugeknöpfter, heller Sommerpaletot. Wahrscheinlich wenig darunter. Schwarzes, zerknülltes Hütchen. Amtsvorsteher Behäbiger, rüstiger Alter mit grauem Haar und schneeweißem, rundem Vollbart. Freundliches, rotes Gesicht. Jägerjoppe. Sprache bedächtig-wohlwollend. Schwabe Amtsdiener. Der bekannte Typus. Naphtali Langer, ausgezogener, schwarzer Schnurrbart. Blauer Kneifer an breitem, schwarzem Bande. Behende. Schäbiger, zugeknöpfter Gehrock mit Tuberose im Knopfloch. Helle Tuchhose, Chapeau claque, gelbe Glacés. Etwas jüdelnd. Druckerlehrling Berliner Junge. Langer, blauer Setzerkittel. Stimmwechselbaß. Kurz angebunden. Dienstmann Rotes, bartloses Gesicht, weißes Haar, Berliner Kehlton. Riesiger Umfang. Waschfrau Dürr. Gendarm Wie alle. Die drei Herren Spießer. Weiße Westen, dicke, goldne Uhrketten, alle drei militärische Ehrenzeichen. Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt Erster Akt (Arbeitszimmer des Herrn Fiebig. Behaglich ausgestatteter Raum. An den Wänden eine Lithographie Virchows und verschiedene Öldruckbilder: eine badende Nymphe, Schweizerlandschaften und ähnliches. Rings Glasschränke und Regale mit Büchern. Auf den Stühlen sogenannte Prachtwerke. Ein riesiger Globus und eine Büste von Schiller aus ganz gelb gewordener Elfenbeinmasse. Dicker, nicht zu teurer Teppich. An der Seitenwand links ein buntes Paneelsofa, auf dessen Etagere allerhand Nippes: die Torwaldsenschen drei Grazien aus Biskuit, ein imitierter Talerkrug, ein Straußenei, Dürers Geburtshaus aus Pappe, ein Wachsapfel auf einem Glasschälchen, mehrere zum Teil irisierende Spitzgläser und ein chinesisches Kaffeetäßchen. Davor ein großer viereckiger, schöngeschnitzter Eichentisch, der etwas von dem kleinbürgerlichen Stil des übrigen absticht. Zwei Türen, von denen eine im Hintergrund. Herr Fiebig ganz vorn rechts in seinem Lutherstuhl vor dem Schreibtisch, der in der üblichen degenerierten Renaissance gehalten ist. Links vor ihm auf einem kleinen Hockern Herr Hahn. Überzieher, kleiner steifer Hut auf den Knien.) Fiebig: Ja, wissn Se, det stimmt. Se ham an de richtje Quelle jekloppt. Beziehungn zu de Presse hab'k ne janze Menge. Fümvunzwanzich Jahre sitz ick hier nu schon in Sattl. Det Erste, verstehn Se, wah mein jroßet Epos »Frankreichs Maul un Deutschlands Faust«. Sind bloß de erstn zwee Jesänge rausjekommn. Verschiednes draus is je populär gewordn. Wissn Se, aus de Belagrung for Paris. Se feiern je jrad det Jubeläum jetz. Die Soldatn schwelchn in den Sanftfotelchen. Na! Und denn is doch auch der erste Reim uf Mensch drin, verstehn Se. Ick laß n Turko jejn ne Mauer stelln. Mittn aus de Wüste Sahara! Son recht drifjet Luder, det mit die Zähne bleckt! Füsiliert noch rief er: Wenn schon, denn sch... Puff! bei letzter Silbe starb der Mensch! Kaiser Friedrich hat mer dreißich Daler jeschickt. Bismarck jab nischt. Bloß, Ha Hahn, (nimmt das Manuskript, das vor ihm auf dem Schreibtische liegt, und wirft es wieder auf die Platte zurück) offn jestandn, ick würde Ihn janich ratn, det schon jetz druckn zu lassn. Ihn kennt ja noch Keener. Gleich son Band Jedichte von son unbekanntn Menschn, wer kooft dn det? Sehn Se Doktor Jehrkn an. Se kenn doch Doktor Jehrkn? Hahn: Ach, Herr Fiebig, das ist der, der da immer in den Volksversammlungen und wohl auch neulich auf dem sozialistischen Parteitag .  . .? Fiebig: Nu, sehn Se, den kennt jeder. Dets der Führer von die jungen Kommenden! Wenn der Bebln vorjn Sommer jejn de Wand jedrückt hätte, hättn wir heute schon die neue Jesellschaftsordnung! Nu habn se ihn rausjeschmissen. Hahn: Das muß doch ein fabelhaft interessanter Mensch sein. Fiebig: Det hab'k ihn schon selber jesaacht. Passn Se uf, Dokter, hab'k ihn jesaacht. Sie reitn doch noch mal durcht Brandnburjer Dor! An de Spitze von de Arbeiterbattaljone! Als der neue Lasalle! No, un wie is den jejangn? Det kann'k Ihn sagn: Ihre Sachn sind ja janz jut. Wissn Se, »Lieder eines Schmetterlings« dets n Titl. Schmetterling is ne poetische Fijur, un Lieder eenes Schmetterlings dets ohrjenell. Könn Se sagn, wat Se wolln. Bloß Lieder eenes Ibermenschn  . . .? De janze Welt redt jetz von Ibermenschn! Nitschkn ham Se doch jelesn? Hahn: (schweigende Zustimmung) . Fiebig: Nu ja, sehn Se. Un jekooft is Jehrke ooch nich! Mein Freund Werner hat n jedruckt. De janze Uflage hatter noch ufn Halse. Abber ick wer Ihn wat sagn. Wer macht dn heit alles. De Zeitungn! Der Lokalanzeijer! Versuchn Se doch mal. Schickn Se doch in. Se könn sich ja uf mir berufn. Scherln hab'k mal bei Aschingern jesehn. Jehrke hats ooch so jemacht. Der hat iberall drin jestandn. In Vorwärts, int Quellwasser fors deutsche Haus, in Pahn, wat weeß ick. Abber den hat det natierlich nischt jeholfn. Der Mann hat zu ville Jejner, verstehn Se. Ick wer doch nich von mein Jejner n Buch koofn? Jehn Se doch mal ran zum Pahn. Wer in Pahn drin steht und in Lokalanzeijer, hat allns. Der hat det Volk un der hat de obern Zehndausnd. Hahn: Ja, fortgeschickt hab ich schon viel, Herr Fiebig. Auch ans Deutsche Dichterheim. Da muß man abonniert sein, wenn man aufgenommen wird. Aber die wolltens erst im nächsten Quartal bringen. Fiebig: So . . . Na, wat ham Se dn injeschickt? Hahn: (aufgestanden und halb über das Manuskript gebeugt, indem er nachblättert) Hier das letzte, Herr Fiebig. Schmetterlings Tod. Fiebig: Schmetterlings Tod. Det hat mir jefalln. Wissn Se: wie Se so iber det Wasser fliehn und so in Ihrn eijnen Spiejelbild die wiederjefundne Jeliebte zu sehn jlauben und denn so mit die nassn Fliejl int Wellnjrab sinkn . . . det soll Ihn mal erst eener nachmachn! Wissn Se, dets Trajik. So is dat Leben! Nu . . . na . . . unne . . . ham set dn nu jedruckt? Hahn: Nein. Sie hatten immer son Raummangel. Aber ich glaube, das war bloß Ausrede. Fiebig: Die Brieder! Na, un det Abbonnemang ham Se doch nu ufjesteckt? Hahn: Nein. Ich dachte, vielleicht bringen sie denn mal was andres. Fiebig: Nu ja, sehn Se, denn sind Se ja schon ufn rechtn Weje. Jloobn Se (mit dem Daumen nach dem Bild hin) Firrchohn is mit een Dage jroß jewordn? Den hattn se ooch zuerst nach Schlesjen geschickt. Da hatter n Hungertypus entdeckt! Wie alt sind Se dn nu eijentlich? Hahn: (verschämt) Einundzwanzig. Fiebig: (sich zurücklehnend) Eenunzwanzich! (klappt die Dose auf) Ach Jott, ja! Da steht een noch die janze Welt offn! (Priese) Ick wah ooch mal jung! Wissn Se: In Friehling, wenn so die Nachtijalln schlagn und so de Jliehwirrmer un Freind Luna . . . Liebe kennt keene Sprache! Aus die Zeit stammn meine scheenstn Jedichte: Ins Idyll versunkn, quaken Frösch' und Unkn, leid- und liebestrunken, durch die Nacht! Hab'k mal for die Sorauer Sänger jemacht! Det heeßt, Sonntachs, verstehn Se. De Woche stand'k an Setzerkastn. Na un heite? Kieken sich mal um! Rechen sich man bloß mal die Biecher zusammn. Allns von Kampmeiern. So ville hat meine Frau ooch nich jehappt. Det hab ick allns meine Dichterei zu verdankn. Sie arbeetn je nu so mehr fier de Unsterblichkeit, verstehn Se! Wat ick hier habe, det is ja man bloß sone poetische Blechschmiede. Ick mach in poetschen Duft und in drastschen Humor. Abber't brinkt wat in, wissn Se. Ick hab de feinste Kundschaft in Bellin, der Hof bestellt bei mir. Wenn Se jestern um die Zeit jekomm währn, uf den Platz da, wo Se jetz sitzn, hat de Frau Commerzjenrat Oppenheim jesessn. Se kenn'n doch Oppenheim? Hier jleich n paar Heiser weiter in de Potzdamer. Ick kann Ihn sagn: schönnste Frau von Bellin! Jetz mach'k vor Lohse n Blumenmärchn. No . . . (bückt sich und holt unterm Schreibtisch eine Gilkaflasche vor. Trinkt und reicht Herrn Hahn, ihn starr ansehend, die Flasche) Na, nehmen Se doch. Brauchn sich nich zu scheniehrn. Die hab'k hier immer zu stehn. Reicht die janze Woche. Hahn: Danke, oh, danke schön, Herr Fiebig. (trinkt und verschlückert sich) Fiebig: (jovial lachend) Sehn Se? Det will ooch jelernt sind, det aus die Pulle trinkn. Det hab'k allns noch aus de Setzerzeit. Jloobn Se, ick trinke Bier ausn Jlas? Hahn: Ist denn das aber nicht unbequem? Fiebig: I, wer sacht Ihn dn det? (ist halb aufgestanden und kramt auf dem Schreibtisch) Wissn Se, ick mecht Ihn noch jern n Ziehjahn anbietn. Se roochn doch? Hahn: (geschmeichelt) O, danke schöne, Herr Fiebig. Fiebig: Sonst, Se wissn ja, dets hier mein Jeheimtresor. Ick jeb Ihn jern. Ufn Ziejahn kann mir det doch nich ankommn? Bloß ick seh hier, Spredowskn is dajewesn! Ick bin total ausjemist. (hat sich wieder gesetzt) Abber wissn Se, um uf die Sache zurückzukommen . . . wieviel wah't dn? Hahn: Viertausend Mark, Herr Fiebig. Fiebig: Fierdausend Mark, dets n janzer Klumpatsch. Soh . . . no . . . un hat Ihn denn der Vormund det Jeld schon ufn Disch jeleecht? Hahn: Ja . . . nuhe . . . Herr Weiß hat mir Papiere gegeben. (sucht in der Tasche) Fiebig: (erstaunt) Ja, jehn Se dn immer mit die Dinger spaziern? Hahn: Entschuldigen Sie, Herr Fiebig . . . komme eben von Herrn Weiß. Fiebig: So, nu . . . no! Denn is det war anders. Na, denn zeijn Se mal her dn Krempl. (nimmt seine Stahlbrille vom Tisch, hält sie verkehrt vor und streckt die Papiere weit von sich. Anerkennend) Det sin ja Konsols. Keene Arjentienjer. Sicher sind se ja. Und det is schon immer wat wert bei die Zeitn. Aber se bringen nischt. Von de Zinsn, Ha Hahn, könn Se nich lebn. (legt die Brille vorsichtig zur Seite, breitet die Papiere vor sich hin und schlägt zurückgelehnt mit der flachen Hand auf sie) Nu, horchn Se mal! (kleine Pause) Wie alt is die alte Dame in de Lienjenstraße? Hoch in de Sipptzjer. De Influenza kommt alle Jahr her. Lange macht se't nicht mehr. Wat is son Haus in die Jejend wert ohne Schuldn? Achtzichdausnd jibt alleene de Feierkasse. Ihr Zukunft ham Se in de Tasche. Nu, wissn Se, nu nehm Se mal die fierdausend Mark und lassen Se mal Ihre Jedichte fors erste noch nich druckn. Allns, verstehn Se, in Leben kommt uf den richtjn Moment an. Un jetz , Ha Hahn, is det der Moment, det Se sich eene Existenz jrindn mit de fierdausnd Mark, auch ohne ihre Zukunftsmusik. Jetzt zeijn Se die Leute, wat Se forn Kerl sind. Sehn se, aus Ihre Jedichte hier (schlägt auf das Manuskript) jeht doch vor, det Se sich wat zutraun. Traun sich doch wat zu! Machn Se ne Zeitung uf! Ne Wochenschrift! Beste Kaptalanlage heut. Wat meen Se, so alleene der Bahnhofsverkauf. Jehrke hält wat von mir, Wilhelm Werner kenn Se, dets seine rechte Hand, dets n oller Duzbruder von mir, na, un wat an mir liecht, uf mir könn Se ooch zehln. Wat sagen Se nu? Hahn: (selig) Ach, Herr Fiebig! Fiebig: Nu ja: fischen Se doch mal de siebnte Jroßmacht int Handwerk! Hahn: Ja, ich weiß nicht, Herr Fiebig, ich . . . Fiebig: Ja, nu, wenn Se nich wolln? Hahn: Oh, ich möchte ja gerne, Herr Fiebig, aber . . . Fiebig: Abber, Ha Hahn, ick bitt Ihn! Det is ja allns janz natierlich un selbstverständlich. Alleene machn Se't nich. Det weeß ick. Ick würde Ihn ja det ooch janich ratn ohne mir. Für de erste Nummer ham Se jleich wat. Verstehn Se: mein Weltunterjank! Ick ham noch nich fertich. Se wissn ja, bei mir is det immer so: watt bestellt witt, witt gemacht! Bestelln Se'n doch bei mir! Bezahlt will'k janich hamn. Brauchn Se jarnich zu jloobn. Ick will man bloß mal wieder vort jroße Publikum treten. Hahn: Aber, Herr Fiebig, das würde doch niemand verlangen können; das ginge doch gar nicht. Fiebig: Verlangt je ooch keener. Wissn Se, stelln sich de letzte Szene vor. Wat det vor ne Wirkung macht! Letzter Jesang: Det uf diese Erde hab ick satt jekricht. Ick sitze ufn Sonnenstrahl un reite nach der Wenus. Wissn Se, janz realistisch. Wie ick so hier bin. Verstehn Se, un wie ick obn ankomm . . . bums, kriej ick n Kuß. Könn sich det vorstelln? Hahn: (verlegen) O, gewiß, Herr Fiebig! Fiebig: (lehnt sich zurück und sieht Herrn Hahn groß an. Schwermütig) Und wissn Se ooch, Ha Hahn, wat det denn forn Kuß wah? (Pause. Hahn vor sich hin; Fiebig langsam, jedes Wort betonend) Det wah der Kuß der Erkenntnis. (nimmt ein außerordentlich großes, rotgewürfeltes Schnupftuch, das neben ihm, sauber zusammengefaltet, oben im Papierkorb gelegen hat, und legt es halb auseinandergefaltet auf den Schreibtisch) Machen Se det mal! Hahn: (dem der Hut runtergefallen. Ihn wieder aufhebend) Oh! Fiebig: Ja, Ihrn Hut brauchn Se dabei nich zu verliern! (hat aus seiner Schlafrocktasche eine silberne Schnupftabaksdose gezogen) Nehm Se doch, Ha Hahn. Hahn: Oh, danke, danke sehr, Herr Fiebig, (nimmt) aber bloß n ganz kleines bißchen. Fiebig: (nimmt selber) Wissn Se? Nach die Priese hab'k zehn Jahre jesucht. Det is Kownoer mit Meijlöckchn. Hahn: (niest mehrmals fürchterlich) . Fiebig: (lacht) Na, Ha Hahn, Ihn merkt man ooch an, det Se keen Schnupfer sind. Ick niese überhaupt nich mehr. Ick kann ne janze Fuhre voll rinnstoppn. Wissn Se, und denn hab'k ja ooch Beziehungn zu Richard Schmidt Cabannißn? Sehn Se, da obn in de erste Reihe: »Veilchen und Merrettig«. Scheener Titl! Hatter von mir. Wat jloobn Se, ick habe ooch meine Infälle. Hahn: Ja, ich wollte Ihnen das schon sagen, Herr Fiebig: das mit dem Geld von der Tante. Ich glaube . . . sie is ja immer so komisch, sie glaubt, ich bin so leichtsinnig, sie sagt, (immer kleinlauter) sie vermachts dem Hundeasyl. Fiebig: Na, da heert doch verschiednes uf! Un det lassn sich bietn? Ick würd nischt sagn: wennt wenichstns fer de Urahnja wär. Dets wat Wissenschaftlichet. Da 's 't Embrio von Huhn zu sehn. Man wenn ick ne olle Dame bin, enterb ick doch nich mein Neffn? Ne! Nu zeijn Se't jrade. Mit ne Zeitung is schon mancher Milljonär jewordn. Strußberch ooch. Jloobn Se, der hat sein Jeld alleene mitn Viehhof jemacht? So lange, verstehn Se, wah't man Spaß. (tippt mit dem Finger auf den Schreibtisch) Nu is't Ehrensache! Hahn: Ja, Herr Fiebig, wenn das gemacht werden soll . . . dafür bin ich ja . . . dann muß doch auch'n Redakteur sein für die Zeitung. Ich kann doch sowas noch nich machen. Fiebig: Och . . . det lassn Se man meine Sorje sind. Natierlich ist det jetz alles noch in embriojenischen Zustand. Abber, wissn Se, Se sind n Jlicksvogl. Doktor Jehrke un mein Freund Werner kommen heute zufällich alle beede her. Hahn: (ganz erfreut-überrascht) Ach! Fiebig: Ja. Ick habe Ihn det noch nich so sagn wolln, det wah mir peinlich, abber heut is meine Frau ihr Jeburtstach. Hahn: Oh, Herr Fiebig, wenn ich das jewußt hätte! Fiebig: Nu, versteht sich, gewiß doch. Sone Frau freut sich ja immer iber wat. Is't, wat is. Braucht ja bloß n Veilchenbukett zu sin. Jetz in Winter? Hahn: Ach, wenn ich da doch bloß dran gedacht hätte, Herr Fiebig, das tut mir furchtbar leid. Fiebig: Ha Hahn! Ick wer Ihn wat sagn. Nehmn Sie mir det nich übl. Se wissen ja, wie so de Fraunsleute sind. (langt unterm Schlafrock in die Hosentasche) Hier is ne Mark. Tun Se mern Jefalln un holn Se so kleenet Bukettkn. Wissn Se, jleich hier an de Ecke. Se machn mer ne Freude. Hahn: Aber, Herr Fiebig. (steht auf) Selbstverständlich. Sehr gern. (geht zur Tür, ohne die Mark zu nehmen) Nicht wahr, gleich hier an der Ecke, wo das Gitter is? Fiebig: Abber, Ha Hahn! Sie wern mir doch hier nich die Mark liejn lassn? Det is ja man bloß son Mumpitz. Ick will ja man bloß von wejen meine Frau, wissn Se. (vertraulich) Ick mach mir doch nischt draus? Hahn: Nein, nein, Herr Fiebig, wirklich, das geht nicht. Ich bin gleich wieder zurück. Fiebig: (winkt ihm vom Stuhl zu sich) Wissn Se, hier is noch ne Mark. Bringn Se ooch gleich drüben von Martinzn n paa Ziejahn mit. So, un nu nehm Se schon den janzn Kitt, und denn jehn Se. Wissn Se, unter uns Männern. Hahn: (nimmt das Geld und steht noch) Na ja, Herr Fiebig, ich weiß nicht, aber, wenn Sie durchaus wollen, ich . . . Fiebig: Ach wat, machn Se doch keene Jeschichtn. Atchee! Hahn: Adjöh, Herr Fiebig. (gibt ihm die Hand) Also fünf Minuten. (zur Tür) Fiebig: (ihm nachrufend) Sieben n halb det Stick! Hahn: Jaja, gleich. Ich wer nicht vergessn. (ab) Fiebig: (allein, im Stuhl. Breitet voll das Taschentuch aus und schnaubt sich umständlich) Frau Fiebig: (aus der Tür im Hintergrund; hinter ihr Anna) Wer wah dn det? Fiebig: (legt das Taschentuch sauber zusammengefaltet wieder oben auf den Papierkorb) Ach Jott, wer sollt jroß jewesn sind? Wieder son junger Mensch mit Jedichte. Anna: Ach Papa, das wah wohl Herr Hahn? Herr Fiebig: Ach Quack! Hahn wär doch jrattulirn jekommn. Frau Fiebig: Ick sag ja: Dir loofn se alle ibern Hals. Du bist ja man immer der Dumme. Wenn du dir bloß for andre Leute opfern kannst. Anjepumpt hatter dir natierlich ooch wieder? Fiebig: Kümmer du dir doch lieber um dine Kochteppe, ja? Ick pump iberhaupt keen wat. Frau Fiebig: So. Na, un Spredowskn? Fiebig: Was is hier mit Spredowskn? Frau Fiebig: Dets doch keen jebillter Mann? Wenn ick n jebillter Mann bin, bin ick keen Schneiderjeselle. Fiebig: Haste nu bald jenuch jeredt? Frau Fiebig: Ick red ieberhaupt nich. Ick möcht wissn, wat det bei dir nitzen soll? Alle Dage hat det nu hier mit seine Pockennarben uft Soffa jesessn. Sowat is for dir jakeen Umjank. Spuckt uft Pahkett und trampelt een n janzen Teppich voll. Det hab'k Annan schon jesaacht: Den witt nich widder uffjemacht! Fiebig: Jawoll doch, und wenn nachher de soziale Revolutzjohn kommt, denn solln se dir wohl det Haus ibern Kopp ansteckn? Lehr du mich, wat Politik is! Anna: (die die Konsols entdeckt hat) Was is dn das, Papa? Frau Fiebig: Wo dn? Fiebig: (die Konsols zwischen das Manuskript schiebend) Och, det is wieder so wat Lausjes von die olle Vermejenssteier. Bis in Magen sehn se een! Frau Fiebig: (die sich unterdessen aufs Sofa gesetzt hat. Die Hände gefaltet) Heut is an Bestn, eener hat janischt. Het eener wat, denn nehm se't een, un hat eener nischt, denn könn se't een wenichstns nich nehmn. Wat jetz alleene widder son Jeburtstach kost? Bolln hab'k ooch noch nicht bezahlt. (es klingelt) Frau Fiebig: Jeh mal ufmachn, Anna. Un seh dn ooch jleich nachn Kaffe. (Anna ab, durch die Tür, durch die Herr Hahn gegangen ist) Fiebig: Hast ja heute son scheenet Kleed an. Hab'k ja noch janich jesehn. Frau Fiebig: Jott nu, den olln Lappn trag'k doch immer? Fiebig: Steht dir sehr jut. Haste diesmal ooch orntlich Aeppl in den Jans un nich zu wenich Meiran? Frau Fiebig: Stille doch! Horch doch mal. (vom Korridor Geräusch: »Gun Tag, gun Tag, Fräulein.« »Bitte, legen Sie ab.« »Ach, du lieber Kott, nu sehen Se bloß, Freilein, das Mallehr. Nee so was!«) Frau Fiebig: (die vom Sofa her nach der Tür gehorcht hat) Det sin Jehrkns. Die komm widder for naß. Fiebig: (Handbewegung) Die heeren ja alles! (Frau Gehrke und Dr. Gehrke treten ein. Frau Gehrke mit langen Handschuhen, die sie beim Eintritt aufknöpft. Später steckt sie sie in ihren Pompadour und legt diesen neben sich auf das Sofa. Herr Fiebig bleibt sitzen. Seine Frau ebenfalls) Frau Gehrke: Achkottnee, meine liebe Frau Fiebchen, mir is noch ganz bliemerant vor de Oochen, so is mer der Schreck in de Beene gefahrn . . . Denken Se sich, ähm is mer mei Benno hinden von de Färdebahn runder gefallen midden in 'n Schneemadsch nein . . . so ä großer, schdarker Mann . . . Wie e gleenes Kind biste awer ooch! Fiebig: Um Jotts Willn, Dokter, lassen Se doch mal sehn. Is doch nischt Schlimmet? Kommn Se doch mal her. Frau Fiebig: Hat sich doch nischt kaput jerißn? Gehrke: (sich das Knie säubernd. Überlegen) Oh, keineswegs, lieber Herr Fiebig. Kleiner, unbedeutender Unfall. (geht auf ihn zu und gibt ihm die Hand) Meischen: Gucke, du Schwein, wie de widder aussiehst! 'S Salz wird der noch de ghanze Hose entzwee fressn. (Zu Frau Fiebig) Eene hat'r bloß! Fiebig: Ach wat, Frau Dokter. Maria Stuart hat ooch keene Hose jehappt, und ne jroße Könjin wah't doch! Frau Fiebig: Nu quaddl doch man, ja? Gehrke: (lacht. Ist unterdessen zu Frau Fiebig getreten) Meine herzlichsten Glückwünsche, Frau Fiebig. Sie entschuldigen, daß ich sie erst so verspätet bringe. Meischen: Da soll eins auch noch wissen, wo eim der Ghopf schdeht. Bei sowas is reine gharnischt los mit mei Benno! Na, bis ibersch Jahr, meine ghute Frau Fiebchen, denn simmer widder hier! (hat sich neben sie gesetzt, nimmt das Strickzeug aus dem Pompadour und beginnt zu stricken) Fiebig: No, un mir jebn Se woll nich de Hand, Frau Dokter! Meischen: Ach, lassen Se mich in Ruhe, ich bin dick'sch. Fiebig: Ja, von mein Thron bemieh'k mer nich! Ick eß un drink hier vor mein Schreibtisch. Frau Fiebig: Der steht bloß noch zun Schlafen uf. Dr. Gehrke: Ja, Frau Fiebig, ich beabsichtigte ja eigentlich, Ihnen ein kleines Blümchen mitzubringen. Aber Sie sehen ja: höhere Gewalten. Frau Fiebig: Jott, Herr Dokter, ick habe ja ooch uf nischt jerechent. (glättet ihre Schürze. Es klingelt) Fiebig: Elephantenwilhelm! Frau Fiebig: Ja, den kennt man schon immer ant Klingeln. (zu Meischen) n Scheene Wolle. Zehfer? Meischen: Ach ja, in een weg muß mersche' n anschtricken: ä frißt sei Zeig reene uf. Die Strimpe hat'r nu erscht vor ä Verteljahr gekricht! (von draußen hört man ein weibliches Quietschen) Fiebig: Wilhelm kenn'k doch? Gehrke: (der sich unterdessen an einem Bücherregal zu schaffen gemacht, hat eine Broschüre herausgelangt in knallrotem Umschlag und liest jetzt, auf Fiebig sehend, den Titel) »Der Einbrecher.« Das ist ja in London gedruckt. Das ist wohl eine anarchistische Broschüre? Wo haben Sie denn das her? Fiebig: Nu, von Spredowskn. Verbotn! Gehrke: Das Schriftchen scheint nicht uninteressant zu sein. (es klopft) Fiebig: Immer rin, Wilhelm! Werner: (eintretend. Sich zuerst noch halb umsehend. Bewegung mit den Achseln. Hände auswärts. In der einen ein eingewickeltes kleines Buch) Ick weeß nich, nach mir sind de Meechns immer janz verrickt. Jratulier ooch! (auf Fiebig zu) Moin ollt Federvieh. (schüttelt ihm derb die Hand) Orntliche Eisbeene hab ick. Scheen wahm hier. (zu Frau Fiebig) Na, ick will man nich so sind. Da nehm Se schon. Det is ja wat for sone Dichtersjattin. (gibt Meischen die Hand und sieht auf den Strumpf) Von die Sorte könnt'k ooch mal n halbet Dutzend brauchn. Meischen: I, heiraten Se doch! Werner: (grinsend) Ick wer ma hietn. (unterdessen zu Gehrke, dem er die Hand wuchtig und vertraut drückt. Gehrke lächelt freundlich-verlegen) Fiebig: (zu seiner Frau) Dets doch wieder wat von Wertheim? Frau Fiebig: (die unterdessen das Paket aufgewickelt hat. Enttäuscht) Jott, wat soll'k dn damit? Immer die olln Biecher. Liedes eines Ibermenschen! Det is doch nischt vor mir? Dets doch man bloß wieder, det sich der Dreck druf sammelt. Fiebig: Nanu? Du wirst Dir doch hier nich blamiern woln? Det is doch von unsern Dokter? Frau Fiebig: (hat das Buch verächtlich in die Sofaecke geworfen) Och, Jott! Gehrke: O, ich lege jetzt keinen Wert mehr auf die kleinen Sachen. Stammen noch aus meiner früheren Periode. Haben eigentlich nur noch literarhistorische Bedeutung. Werner: (hat sich unterdessen großpratschig auf einen Stuhl gesetzt, die Hosenbeine in die Höhe gezogen und dreht die Daumen) Meischen: Das is je mei Jammer! Mei Benno is ähm zu bescheiden! Daß 'r der Eerschte is, ham se damals alle geschriem. Im »Klein Schournal« hats auch geschdanden. Werner: Jo, de Dichter habn dn Ruhm un den Drucker habn de Kostn. Gehrke: (zieht ein saures Gesicht, bringt aber nur kurz ein gequetschtes »Nja« hervor) Fiebig: Davon verstehste nischt, Wilhelm. Dets bei uns Unsterblichkeit auf Vorschuß. (zu seiner Frau) Laß det doch da nich so in de Ecke rumtrödeln? Jib doch her. Een Exemplar hab'k schon. Tausch'k mer mal jelejntlich bei Kampmeiern mit um. Anna: (halb durch die Tür) Mama? Werner: (von seinem Stuhl er) Kiehks! Frau Fiebig: Was is dn schon wieder? Anna: Soll ich bloß von den Zuntzkaffe nehmn, oder auch noch von den andern? Frau Fiebig: (aufstehend) Hinter alles muß man ooch her sein. Meischen: Nu warten Se doch! Nähm Se mich doch mit! Was soll ich'n daher under die Mannsleite? (beide ab) Fiebig: (sich die Hände reibend) Na, da ham mer ja wieder unser Konfiefjum. Gehrke: (hat sich, die Broschüre in der Hand, aufs Sofa gesetzt) Eine merkwürdige Anschauung. Werner: (seinen Stuhl ranrückend) Du saa mal, Oska, wie is dn det? Mir roochert. Hastn jakeen Ziehjahn? Fiebig: laß doch man. Ha Hahn kommt ja jleich! Weeßte, watter machn will? Ne Wochenschrift! Du sollst se druckn. Werner: Nanu? Is dn die Olle schon dot? Gehrke: (der sofort die Broschüre zur Seite gelegt hat. Interessiert) Ah, der junge Mann mit der reichen Tante? Fiebig: Nöh! Soweit isser noch nich. Dets man erst son Vorkosthäppkn. Vierdausend Emm! (hat die Papiere genommen und schlägt drauf) Werner: (faßt sie mit Daumen und Zeigefinger) Wie sich det anfäßt! Gehrke: (nachdenklich) Damit ließe sich schon etwas beginnen. Fiebig: Sie solln der Redaktöhr sind, Dokter! Gehrke: Ja, wenn ich ungehemmt meiner Individualität leben kann? Werner: Det jloob'k! Ick schlage denn ooch uf mit die Prozente: Dhun dhun wir je alle beede nich jern wat. Gehrke: (nachdem er seinen alten Feindfreund, über dessen Unverschämtheit paff, einen kurzen Augenblick gemessen) Meine mir momentan allerdings aufgezwungne Untätigkeit, Herr Werner, ist doch schließlich wesentlich Ihr Werk. Hätten Sie uns in unserm gerechten Kampf der Jungen gegen die fossil gewordnen Alten vor drei Monaten durch Ihre unqualifizierbaren äußeren Formen nicht beide so kompromittiert, wir säßen heute noch in der Partei! Werner: Ach wat! Acht Zoll Schnauze! Dets die Hauptsache. Die könn'n mir diddeln mit die Fischblase! Gehrke: Jedenfalls sind Sie jetzt Ihre Druckaufträge los und ich kann zusehn, wo ich meine Artikel unterbringe. Werner: (zu Fiebig rüber) Jott nu, ick denke, dazu is jetz Hahn da. Gehrke: Sie fassen die Situation hier wieder in einer Weise auf . . . Fiebig: (dem dieses ganze Intermezzo höchst unangenehm gewesen) Ick weeß nich, Wilhem, watte immer jejn Hahn hat? Steckt wat in ihn. Den jeht 't wie mir. Er kannt bloß nich immer so von sich jebn. Werner: Nu ja, e frißt keene Stieblwickse! Talent zum Schwiejersohn. Fiebig: (drüber weg hörend) E redt bloß nich ville. Ma muß allns ausn rausziehn, wie mitn Proppnzieher. Dets det eenzje. Mir sieht ooch keener an, wat'k bin. (es klingelt) Nu ja nischt sagn! Anna: (hinter der Szene) Ach, Ha Hahn, son schöner Strauß! Fiebig: (absichtlich andrer Tonfall) Ja, det mitte Ferdebahn! Det hab'k schon immer jesaacht! Det mißte man bloß zehn Fennje kostn von Jesundbrunn bis nachn Kreizberch! Passn Se uf, Dokter! Kommt ooch noch so. Werner: Ooch schlecht. Fiebig: Zuletzt wird alles elektrisch! Anna: (macht Herrn Hahn die Tür auf) Bitte, gehn Sie nur rein, Herr Hahn, ich rufe gleich Mama. Hahn: (ohne Hut und Paletot, mit einem großen prächtigen Rosenstrauß) Ache . . . danke sehr, danke! (Anna schließt hinter ihm die Tür) Fiebig: Ach, Ha Hahn! . . . Verehrer von Ihn, Dokter. Gehrke: (steht auf und gibt Hahn die Hand) Es freut mich, Herr Hahn, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich glaube Ihren Namen kürzlich in einer Zeitschrift gefunden zu haben. Hahn: (entzückt) Oh, Herr Doktor! . . . Gun Tag, Herr Fiebig. Fiebig: (zu Gehrke) Ach, Se meen, wat ick Ihn da in de »Freie Biehne« anjestrichn habe? Ne, det wahn andrer Hahn. (zu Hahn) Wissn Se, der Mann hat dn Dokter mit Sokratesn, Confutzjusn und Tolstoin verjlichn. Da: Sehn sich mal an! Hahn: (beschämt, gibt Werner die Hand) Gun Tag, Herr Werner. Werner: (wie Fiebig sitzen geblieben) Tach, Ha Hahn. Gehrke: Eine gewisse Übereinstimmung in unsern Hauptideen ist allerdings merkwürdig. Ich leugne das nicht. Indessen berücksichtigt der Verfasser wohl kaum genügend die Verschiedenheit unsrer Methoden. Fiebig: Ja, wissn Se, det hab'k mer ooch jesaacht. Dets immer verschiedn. Dets nie jleich bei de Künstler. Rossini leechte sich ins Bett und besoff sich. Jluck stand uf freiem Felde. Ick kann hier ohne mein Schlafrock nischt machn. Frau Fiebig: (tritt ein, hinter ihr Meischen, eine Küchenschürze im, in der offnen Tür. Dahinter Anna mit langem Hals. Frau Fiebig, sich die Hände an den Hüften abwischend) Jun Tach, Ha Hahn. Hahn: (schüchtern auf sie zu) Entschuldigen Sie, Frau Fiebig. Ich gratuliere schön. (reicht ihr das Bouquet) Werner: (zu Gehrke, der neben ihm steht, stichelnd) Scheenet Sträuskn, Dokter. Frau Fiebig: Is der abber dheier. Det sin ja Rosen. Dafor hättet ja schon wat Nützlichet jejebn? Fiebig: No, Ha Hahn kann dir doch keene Nachtjacke schenkn? Frau Fiebig: Nu, worum dn nich? Fiebig: Nischt verstehste! Det ick mir bei jede Jelejenheit uf den jeborn Humoristn rausspiele, könnste doch nachjrade schon jemerkt ham. Sowat schenkt doch nicht das Portmaneh, sowat schenkt det Herz! Frau Fiebig: Der jat jut seine vier, fünf Mark gekost! Fiebig: Ja, so eener wa Unsinn. Hahn: Ach, Herr Fiebig. Fiebig: (kramt ärgerlich zwischen seinen Papieren) Frau Fiebig: Wat macht man dn nu mit ihn? Anna: Steck n doch in meine Schusterkugel, Mama! Frau Fiebig: Ja, dets eijentlich wah. Werner: (hat sich unterdessen an den Ofen gestellt. Wärmt sich) Meischen: (während Frau Fiebig vorübergeht, an dem Strauß riechend) Awer die sehn scheene! Ei, das rich 'ch gerne! Frau Fiebig: (schon im andern Zimmer) Ich koch Ihn ooch n scheen Kaffe für, Ha Hahn. (ab mit Anna) Hahn: (Verlegenheitsdiener) Gehrke: Gestatten Sie, Herr Hahn, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle. Meine Frau, Herr Hahn. (hat, bevor er zu ihnen getreten ist, die rote Broschüre auf den großen Sofatisch geworfen, wo sie auffällig liegen geblieben) Hahn: (stumme Verbeugung) Meischen: (noch immer in der offnen Tür, reicht ihm die Hand. Leutselig) Besuchen Se uns doch emal. Se fahrn mit der Stadtbahn. Mir wohn in Friedrichshachen. Hahn: Oh, wenn Sie gestatten . . . Meischen: Mei Benno freit sich immer, wenn einer uns besucht. Bei mei Benno gomm se alle. Mei Bild auf der Ghunstausschdellung ham Se doch auch schon gesehn? Midden under die Ferschtlichkeiten ham se mer gehängt. Härre, wie ich bloß aussehe? Mer muß sich je schämen! Mer muß sich je schämen! Auf Wiedersehen, Herr Hahn! (ab) Hahn: (dienert ihr nach) Fiebig: Komm Se, Ha Hahn. Setzn sich. Hahn: (setzt sich auf den Stuhl, auf dem Werner gesessen) Ach, sehr freundlich Herr Fiebig. (schnellt auf; verwirrt) Entschuldigen Sie, Herr Werner, das war wohl Ihr Platz? Werner: Ach, bleib'n Se ruh'ch sitzn. Hier is ooch scheen wahm. Hahn: (reicht Fiebig stumm die Zigarrentüte) Fiebig: (präsentierend) Wolln Se eene, Dokter? Gehrke: Danke sehr, Herr Fiebig. Sie wissen, daß ich die Narkotika nicht als reine Mittel werte. Fiebig: Sehn Se, Ha Hahn? Heern Se jleich wat. Ick mach ooch nich vorn Kaffee. Werner: (näher gekommen) Mir scheniert det nich. (nimmt eine Zigarre, beißt die Spitze ab und spuckt sie vor sich auf den Teppich. Hahn greift schnell in die Tasche, streicht ein Zündholz an und reicht es ihm) Merßi. Hahn: O, bitte schön. Werner: (große Züge paffend, nach dem Ofen zurück) Gehrke: (ausholend. Kleiner Husten) Wie ich höre, lieber Herr Hahn, beabsichtigen Sie eine Wochenschrift zu gründen. Haben Sie sich bereits auch ein Programm gesetzt? Hahn: Nein . . . ja . . . e . . . ich dachte, wir bringen denn auch ab und zu son kleines Gedicht. Fiebig: Sonst . . . e . . . det is der richtje Oogenblick jetz f'ene Zeitung. Dets doch jrade so scheen mulmrich in de Welt? Nu jeht doch de jroße Deilung von Afrika los? Wißmann hat schon n Aluminjumboot. Gehrke: Ja, nun, das wäre wohl mehr auswärtige Politik. Indessen ich dächte doch, das Hauptgewicht legen wir besser auf die philosophische Seite der Ereignisse. Werner: (vom Ofen her. Ironisch) Dets ibrijens n janz juter Fünffennichziehjahn forn Seckser. Marke: Lerne leiden ohne zu klagen! Fiebig: Nu laß doch, Wilhelm. Stör doch hier nich det Kleeblatt. Gehrke: Ja, Herr Hahn, Sie spielten vorhin, wenn ich Sie recht verstanden habe, auf meine Gedichte an. Wie ich indessen schon bemerkte, sind dieselben aber durch meine spätere Entwicklung für mich . . . ich weiß ja allerdings nicht, ob auch für andre . . . längst überholt. Ich stand damals noch mit einem Fuße innerhalb der falschen, humanitären Bestrebungen der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie proklamiert das Faustrecht. Ich proklamiere das Kopfrecht. Unser Freund Werner ist ja inzwischen gleichfalls geistig über sie hinausgewachsen. Werner: (geschmeichelt. Biedere Handbewegung) Dets allns eene reaktsjonäre Masse. Gehrke: Für die sozialdemokratische Bewegung ist das Bestimmende der Herdeninstinkt der Menge, welche kritiklos den Führern folgt. Werner: Ja. Die wohn in de Bellwühstraße. Ufjank nur für Herrschaftn. Un unsereens muß froh sind, wenn se'n nich aus Rixdorf schmeißn! Fiebig: No . . . ick weeß nich? Die Leute wolln doch ooch lebn? Werner: Ja, von unsre Arbeeterjroschns! Gehrke: Nun, das ist bei den betreffenden Herren aus ihrem sozialen Milieu zu erklären. Es zeigt sich eben auch hier einmal wieder der korrumpierende Einfluß des Parlamentarismus. Mein Ziel ist der freie Vernunftmensch. Werner: Nee, ohne Spaß, Oska, der Ziajahn is wirklich janz jut. Fiebig: Nu sehste. (setzt befriedigt die Dose auf den Tisch) Gehrke: Sie haben durchaus Recht, Herr Fiebig. Grade jetzt ist der Zeitpunkt, wo sich die Masse von dem suggerierenden Einfluß der Politiker zu befreien beginnt. Wo der Weg für Männer wie uns, deren Blick aus umwölkter Gegenwart sieges- und sonnensicher in eine vielleicht schon ganz nahe Zukunft gerichtet ist, wieder in die Höhe führt! Wo nicht bloß der Publizist , der einem faulen, gradezu volksverräterisch gewordenen Kompromißlertum selbstlos die Stirn zu bieten gewagt, sein Brot wieder in Frieden genießen und die wohlverdiente allgemeine Anerkennung erringen wird, sondern auch (halb nach Werner rüber) ja, ich scheue mich nicht, das Wort hier auszusprechen, sein berufenster Helfer, der Drucker! Werner: Nu schwitzt mir abber bald hier wie son Bratappl. Gehrke: Das letzte Ziel für uns bliebe also gewissermaßen, nicht wie bisher eine politische Politik, sondern um mich so auszudrücken, eine un politische Politik. Aus sich selbst kann das Volk nichts. Wer erzieht es? Wir Individualitäten. Werner: Dets n Wort! Fiebig: Nich wah, Ha Hahn? Dets ooch unser Standpunkt! Bei die olle Sozialdemokratie is det man bloß immer son Jeschimpfe uf die paa Kreetn, die eener noch hat! Sie ham je ooch wat, Ha Hahn! Un denn weeß'k nich, wat se heit immer von de Judn habn wolln? De Hälfte von meine Kundschaft sin Judn. Anständjer wie de Kristn! Werner: (ist unterdessen faul am Tisch vorbeigegangen und hat in die Broschüre gesehn. Steht jetzt mitten auf der Bühne. Liest) Der wahre Sozialaristokrat ist der Einbrecher! Fiebig: Nu, Wilhelm, det paßt uf dir. Det schreib dir man uf! (plötzlich. Wie aus einer Eingebung) Kinder! da ham mer ja ooch jleich unsern Titl: Der Sozialaristokrat!! (die Tür geht auf, Meischen kommt mit Tischtuch und Kaffeeservietten herein. Anna mit dem Strauß in der Schusterkugel hinter ihr) Meischen: Da sin Se wohl widder scheene iber uns Frauen hergezoochen? Mir missen fer alles herhaltn! Blatz fern Sechser! (schiebt Werner mit seiner Broschüre weg und legt das Tischtuch über) Nu woll mer emal vergniecht sein! Hahn: (ist aufgesprungen und zupft das Tischtuch mit zurecht. Meischen legt die Servietten auf) Werner: Ach, Frau Doktor, wenn der Mensch nischt ze dun brauch, isser immer verjniecht! Anna: (stellt die Kugel auf den Tisch. Zu Herrn Hahn) Nicht wah? Den stelln wir wohl am bestn in de Mitte. Hahn: Das Glas wird doch nicht umfallen? (beide bemühen sich, Anna kichert) Fiebig: Na, wie is't, Ha Hahn? Jehn Se mal mit Annan in Winterjartn. Zu de Barrisons! Anna: (klatscht in die Hände) Ach ja, Papa! Fiebig: (der unterdessen vor sich Platz für die Tasse gemacht hat) Biljetts kann'k kriejn. Det is ja wat fer sone jungn Leute. Mir deckn Sie man jleich hier. (sieht Meischen, die ihm eine besonders große, goldgeränderte Tasse vorsetzt, verliebt an, indem er dabei die Hand aufs Herz legt) Nä? Meischen: (haut ihn leicht mit der Serviette) Sie alder Bärlatsch! Se sin woll ä bischen hä? Fiebig: (die Hand schützend über die Tasse) Ja keen Polterahmd! Die hab'k mal von Annan zu ihre Konfirmatzjohn jekricht! Werner: Ach, for mir ham Se da ooch son Lappn hingeleecht? Dets janich nötich. Wat soll'k den mit det olle Jeplempers? Nö, mir stelln Se man ne Flasche Bier hin. Anna: Helles oder dunkles, Herr Werner? Werner: Och, mit die Zuckerkulöhr! Ick drink bloß hellet. (unterdessen hat man Geräusch an der Tür gehört. Anna springt zu und macht auf) Frau Fiebig: (pustend, mit einem großen Tablett voll Kaffee und Kuchen. Noch von der Tür eingerahmt) Jott sei Dank! Werner: (in die Hände schlagend) No, nu kannt losjehn! Zweiter Akt (Druckerei von Werner. Kleines, durch ein Tapetenwand vom Maschinenraum abgetrenntes Kontor. Durch die Glastür im Hintergrund rechts sieht man zwischen Setzerstände. An der Hinterwand ein altes, abgerissenes Ledersofa, über dem, eingefaßt von einer schmalen Goldleiste, ein schlechtes Porträt Bismarcks hängt. Außerdem noch eine Konsole, auf welcher eine Bibelattrappe steht. Davor ein Tisch, der mit Wachsleinwand überzogen ist. Zwei Stühle. In der Ecke links ein kleiner, eiserner Ofen, in dem ein Feuer brennt. Nicht weit davon ein Regal mit verschiedenen, offenbar nur zufällig zusammengekommenen Büchern, Zeitungsstößen, Packpapieren und dergleichen. An der Seitenwand rechts ein hoher Stoß von Gehrkes »Lieder eines Übermenschen«. Mehrere Ballen in Latten und Blechstreifen, sowie eine leere Kiste. Auf dem Boden unordentlich Papier verstreut. Das Ganze sehr schmutzig. Werner: (liegt lang auf dem Sofa. Aus der Druckerei gedämpftes Geräusch. Auf dem Tisch eine Weiße und die Reste einer Käsestulle. Außerdem Zigarren. Hebt sich halb auf und nimmt eine von diesen) Ach ja! (steckt sie an und legt sich wieder zurück. Ungeheurer Gähner) Uaah! Setzerlehrling: (steht in der Tür) Werner: Na, wat is dn nu schon widder? Keen Oogenblick hat man Ruhe. Nischt jenn'n se een. Nich mal det biskn Fressn lassen se een runterwirjn. Junge: Is keen Manuskript mehr. Werner: All widder nich? Na, da wah doch noch son Stuß von Ibermenschn? Junge: Steht schon in de Kolumne. Werner: Wieviel fehlt dn noch? Junge: Annerthalb Spalten Korpus. Werner: Na, denn laß Müllern so lange ablejn. De Meesters komm gleich. Junge: (dreht sich um und stößt in der Tür auf Fiebig, hinter dem Herr Hahn auftaucht) Fiebig: Moin! (packt den Jungen bei den Schultern) Na, Junge? Junge: Wat'n? Fiebig: Biste Familjenvater? Junge: (offenes Maul) Fiebig: No, neulich hab'k dir doch mit son Vollbaht jesehn? Junge: (schnell gefaßt) Och, den? Den hab'k ma jestern abrasiern lassn. Fiebig: Junge, dafor krichst n Jroschn! (langt in seine Billettasche) Da, koof dir n Ritterjut vor. Junge: (militärisch grüßend) M. W., Herr Dokter, wird jemacht! Fiebig: (zu Werner und Hahn zugleich) N juter Schlach. Hat Ehnlichkeit mit dn Fürstn Reuß. Kleen, aber (erstes o lang, zweites kurz) oho! Junge: (fidel ab) Hohohoho! Werner: (vom Sofa her. Anerkennend) Ja . . . Den hab'k schon lange rausschmeißn wolln. Fiebig: Na, Wilhelm, wat saachste nu zu Han Hahn? Ick finde, bloß n bißkn ne rote Neese hatter noch von die Kälte. Hahn: (in seinem Kostüm, unglaublich verlegen) Werner: (noch immer lang, auch während des Folgenden) Jott, wat soll son Proletarjer wie ick zu son Kapitalistn sagn? Ick wah schon zwee Jahre nich mehr bei Weltmann. Fiebig: Wenn du man mit dein olln Judenjankl uft Sofa liejn kannst. Werner: Oska! Du hast jut redn. Wenn du mal Schwieln an de Fingern krichst, denn is't doch man bloß von Kuponabschneiden. Ick kann ma schindn. Fiebig: So. Un wat ick an de Arjentienjer verloren habe? Werner: Na, laß man Oska. Ick leide ja jern Not, wenn du man wat hast. Hahn: (Hat unterdessen abgelegt. Hilft jetzt Fiebig) Bitte, Herr Fiebig. Fiebig: Sehn Se, Ha Hahn? Man witt immer schahthafter . . . Werner: (zu Fiebig, der seinen Zylinder noch immer auf dem Kopfe trägt) Du immer mit dein dreistöckigen Düpplerschanzenstürmer! Fiebig: (während er das Prachtstück ausliefert) Nehm Se'n in acht, Ha Hahn! Der hat mal seine dreizehn Mark jekost! N paar Krampfadern hatter ja schon. (da Hahn mit der Unterbringung jetzt fertig ist) Na, wat sagn Se nu zu Ihr neiet Unternehmn? (zu Werner) Von janzn Bahnhof her! Immer unter de rotn Plakate sind mer jejangn! Wie unter Palmn! Kooft dn Sozialaristokrat! Kooft dn Sozialaristokrat! Schack Raphaeli! Werner: Jaa, die Reklame, jloob ick, ham mer janz jut jemacht. Ant Schulhaus hat der Amtsdiener de Zettl man immer so mitn Seebl runterjepolkt. Fiebig: (setzt sich) Setzn sich, Ha Hahn! Werner: Na, wat for Papiere koofn sich dn nu? Vierdausendachthundert sin abjesetzt. Fünfdausend ham mer jedruckt. (zeigt mit der Zigarre auf einen Pack Nummern, das auf einem Ballen liegt) Da, dets de janze Uflage. Hahn: Ja, meine Tante hat sich ja auch sehr drüber gefreut. Zuerst war sie ja furchtbar dagegen. Fiebig: (hat inzwischen sein Taschentuch aus der Tasche genommen, sich umständlich geschnaubt und legt das Tuch nun vor sich auf den Tisch) Och, dets ja ne vernünftje olle Frau. Die hat jetz n scheenen Lebensahmd vor sich. Hahn: Ja, sie hat gesagt, wenn wir noch was brauchen, wird sie vielleicht auch noch was geben. Fiebig: Sehn Se? Hab'k Ihn jleich jesaacht! Aus den Asyl witt det nu nischt. Kriejn Se dn janzn Rumml. Habn Se mir ze verdankn! Mir soll eener de Weiber kenn'n lern'n! Machn sich dn wat aus Annan? Hahn: Oh, Herr Fiebig . . . Fiebig: Sonst, ick will Ihn da jarnischt in Weech lejn. Die hat mal wat. So pohwer bin'k nich. Jloobn Se nich, det det mal wenjer is, wie von Ihre Tante. Hahn: (verlegen) O, gewiß nicht, Herr Fiebig. Fiebig: In de blaue Stube bei uns hat ja mal son Dokter jewohnt. Der is man erst zu Ostern wechjezogen. Den hätt'k se unbesehn jejebn. Is n jutet Meechen. De Fliejen fischt se aus de Milch. Keen'n Vogl kann se an'n Hut dragn. Könn je ooch bei uns wohn'n! Überlehn sich doch mal die Sache. Een'n bei mir könnt'k noch janz jut jebrauchn. Poetsche Ader ham Se ja, machn mer mein Weltunterjank fertich. Hahn: (vollständig fassungslos) Werner: Ja, Ha Hahn, um denn bei die Jelejenheit ooch jleich uf den Umstand zu kommn: ick habe mir det berechent. Et is ja für de Sache. De Fraktsjohn hat keen kleen'n Bammel. Bloß, wennt jeht, ick seh nich in, warum solln andre Leute det schluckn? Fiebig: (der zuerst selbst geschnupft hat und nun seine Dose stumm Hahn rüberhält, der wortlos dankend gleichfalls eine Prise nimmt, worauf Fiebig die Dose vor sich hinlegt) Nu, Ha Hahn will doch von dir nischt jeschenkt habn? Werner: Ick bin ja hier man Unternehmer sozusagn. Det is nu nich anders in die heutje Jesellschaftsorjanisatsjohn. Ick jebe ja ooch de jekrehnten Heipter raus. So Katterine de Zweete, verstehn Se. Det wirkt ufklärend. Da sieht det Volk, wattet for Monarchn hat. Se jlobn ja janich, wie zurückjebliebn de jroße Masse noch is! Oskan sein Herzblättken druck ick ja ooch. Na, un wenn der Sonnahmd nachher rankommt, wolln se alle von mir ihr Jeld ham. Die Kerls könn je dn Hals nich voll jenuch kriejn. Ick bin in Dilemma. Hahn: (niest einmal und heftig) Fiebig: (zu Hahn. Erklärend) Wissn Se, Ha Hahn, wie man det so uffaßt. Zuletzt spielt sich allns ufn Dilemma raus! Hahn: O bitte, Herr Fiebig! Natürlich. Sehr gern. das ist ja selbstverständlich. Fiebig: (ihm vermittelnd auf die Schulter klopfend) Jloobn Se nich, Ha Hahn, det mein Freind Werner Ihn da wat ufbrummn will. Det soll man allns bloß so de jewönnlichste Taxe sind. Wilhem is ja janich so. Wilhem is jenau so wie ick. Wenn mir eener n Jroschn jiebt, kricht er ne Mark for. Sie sin ooch so. Wir verstehn uns doch? (andrer Tonfall) Na, Wilhem, wie wär't dn nu jetz mit't Wort Jottes? Werner: (langt nach der Attrappe) Ja, feifn ma een! Langn wir de Kummerpulle her! (holt die Flasche raus und trinkt halb aufgerichtet einen langen Schluck) Fiebig: (der, während Werner noch trinkt, auf die Attrappe geklopft hat) No, wie jefällt Ihn dn det, Ha Hahn? Mosis und de Profehtn! Hahn: O, sehr schön! Fiebig: Hab ick 'n geschenkt. (zu Werner) Na, du bist wol ooch schon beit zweete Buch Samaelis? Werner: (hat abgesetzt und streicht mit der flachen Hand über die Öffnung. Dumpf deklamierend, während er mit der Flasche den Rhythmus markiert) Denn auch Niobe, dem schweren Zorn der Göttlichen ein Ziel, Kostete die Frucht der Ähren Und bezwang det Schmerzjefiehl! Fiebig: (schlicht) Wilhem, uf Schillern laß'k nischt kommn. Von den Mann is der Jang nachn Eisenhammer. (hebt die Flasche ebenfalls und zitiert seinerseits) Sziehr! Jebn Sie Jedanknfreiheit! (setzt die Flasche ab, streicht auch über die Öffnung und gibt sie Hahn weiter) Werner: (der sich unterdessen wieder in seine alte bequeme Lage gebracht hat, nachdem er sich kräftig mit dem Handrücken zweimal über den Bart gefahren ist) Det wahn Kuhschluck. Fiebig: (zu Hahn) Prohst, Ha Hahn! Na? Wat meen Se? Uf Annan? Se wissn ja: fer Ihn opfer ick allns! Hahn: Prosit, Herr Fiebig. (trinkt) Danke schön, Herr Werner. (reicht ihm die Flasche zurück) Werner: Jott, wah kenn Jejenstand. (steckt die Flasche wieder in ihre Attrappe zurück und stellt diese an ihren Ort; beides im Liegen) Fiebig: (zu Hahn) Wilhem tut Sozialaristokrat man so, Ha Hahn. Abber det kann'k Ihn sagn: Dets ne Seele von Mensch! In de Jrinderjahre ham mer in de Stallschreiberstraße zusammn Romane jeschriebn. In de Blaue Jardine. Bei Knackstädtn. Jraf Iriebenow de Paderna, oder der Sektonkel in de Weißbierkneipe. T Urbild von den Ballhausanna! Mit den ham mer dn sozialn Roman bejrindt. Zola un Kretzer kam erst später. Det heeßt, wie Wilhem so is: ick habe se geschriebn, un Wilhelm laach uft Soffa. E wah je ooch bei de Reichsjlocke. Uf den hat Bismarck damals n Ooge jehappt! Abber so isser: meine silberne Uhr, die ick ihn damals versetzt habe, soll'k heute noch ham! (scherzend) Schenk ick Ihn, Ha Hahn! (Hahn verlegen lächelnd) Nu ja! Zu Ihre Verlobung! Hahn: (vollständig perplex) Fiebig: Wilhelm! Mein Humor und Bleichrödern sein Jeld! . . . (sich umblickend) Na, wo bleibt dn heut der Dokter? Wir komm hier aus Bellin, und von die Jesellschaft is noch nischt zu sehn! Un Styczinski is ooch noch nich da. Wozu ham mer dn n zweetn Redaktöhr! (zu Werner) Wat is dn det iberhaupt fern Kerl? Werner: Ach, det Luder is je noch fauler wie der Dokter. Gehrke: (durch die Glastür. Hinter ihm Styczinski) Moin, die Herren. Styczinski: Guten Tack. Hahn: (aufgesprungen) Guten Tag, Herr Doktor. Fiebig: (sitzen geblieben, halb umgedreht) Na, det hat abber lange jedauert! Werner: (faul vom Sofa aufstehend) Na, denn will ick man hier die Jelehrtn rufflassn. Ick bin ja man son eenfacher Ahbeeter. Nu is't aus mit die Friehstickspause. (streift die Zigarre ab und legt sie in den Aschbechere. Dann schleift er die leere Kiste an den Tisch und setzt sich drauf, Fiebig gegenüber) Gehrke: (setzt sich, nachdem er Fiebig und Hahn die Hand gegeben, aufs Sofa, das knackt) Hier Herr von Styczinski. Werner: (während er sich setzt) No, denn man zu! Styczinski: (setzt sich, die Handschuhe ausziehend, stumm aufs Sofa, links von Gehrke) Gehrke: (geschäftsmäßig) Die Sitzung ist also eröffnet. Den großen Erfolg unserer ersten Nummer, Herr Hahn, haben Sie wohl bereits durch Herrn Werner erfahren? Hahn: Ja, Herr Werner war so liebenswürdig . . . Fiebig: (schnell) In de Friedrichstraße hamse sich je drum jerissen! Gehrke: Nun ja. Derartiges war ja wohl auch nur vorauszusehn. Also, was ich Ihnen noch zuerst mitteilen möchte. Sie kennen alle Herrn Frederick S. Bellermann, den Verfasser der Anarchisten. Fiebig: Nu, versteht sich? Der hat doch Stirnern entdeckt! Gehrke: Ganz richtig. Gewiß. Er hat an dessen Hause eine Gedenktafel anbringen lassen. Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß Herr Frederick S. Bellermann uns heute die Ehre seiner Anwesenheit schenken wird. Es ist Hoffnung, ihn dauernd in unsern engeren Freundschaftskreis zu ziehn. Fiebig: Den haltn sich wahm, Ha Hahn. Neechst Ihn'n is det der Scheenjahlste! (zu Gehrke) Ihn, Dokter, natierlich ausjenommn! Gehrke: (etwas ungeduldig) Er stellt den Antrag, fürs erste seine grundlegende Untersuchung über die Autonomie des Individuums abzudrucken. Natürlich in Fortsetzungen. Die Arbeit ist freilich schon vor Jahren bei Schabelitz erschienen, aber darüber wird sich ja noch Beschluß fassen lassen. Fiebig: Ja, nu, no, wie . . . wie steht det nu mit mein Weltunterjank? Von den is ja nich mehr de Rede. Gehrke: Ja, wie Sie schon gelesen haben werden, Herr Fiebig, die erste Nummer brachte bereits den Anfang meiner Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel. Und Sie werden mir zugeben, daß man nicht recht zwei umfangreiche Werke gleichzeitig bringen kann. Fiebig: Ja, ick seh janich in, wozu det mit det reine Mittel iberhaupt neetich wah? Det Publikum macht sich janischt aus die olle Filosofie. In sowat bin'k nu komisch: in mein Kopp is't ooch nich jejangn! Gehrke: Ich verstehe. Sie machen mir den Vorwurf der Phrasenhaftigkeit. Nun, man hat ihn mir schon öfters gemacht. Ich denke indessen Gott sei Dank objektiv. Ich fühle mich nicht durch ihn getroffen. Unser Intellekt differiert eben. Fiebig: Natierlich! Un Han Hahn seine Jedichte bringen Se ooch nich! Schmetterlings Tod! Scheenste Jedicht von de junge Jeneratzjohn jetz! Gehrke: Ja, lieber Herr Fiebig, redigieren Sie die Zeitung, oder ich? Fiebig: No, erloobn Se mal! Druckerjunge: (in der Tür) Een Herr is da. Gehrke: Ah, Herr Bellermann. Es dürfte wohl niemand dagegen sein? Wir lassen den Herrn bitten. Werner: Na, Ha Hahn, denn könn Se sich ja man jleich hier mit uf de Kiste setzn. Hahn: Oh, mit Vergnügen, Herr Werner! Herr Bellermann muß doch n Platz haben. (steht auf und stellt sich erwartungsvoll neben die Kiste) Gehrke: Bitte, Herr von Styczinski. (Gehrke und Styczinski sind aufgestanden. Gehrke vor ihm nach der Tür) Bellermann: (eingetreten; in der Hand den Zylinder. Zeremonielles Kopfnicken) Gehrke: (ihm entgegen, seine Hand mit beiden Händen fassend) Es ist uns eine lebhafte Genugtuung, Herr Bellermann, den Verfasser der Anarchisten in unsrer Mitte begrüßen zu dürfen. Darf ich Sie den Herren vorstellen? Herr Schriftsteller Taddäus von Styczinski, unser Redakteur, Herr Fiebig . . . Fiebig: (unterbrechend) Herr Schriftsteller Fiebig, Herr Doktor. Ooch Schriftsteller! (Setzt sich wieder) Bellermann: (Verbeugung. Spitz) S . . . sehr wohl! Gehrke: (fortfahrend) Herr Hahn, Herr Wilhelm Werner. Bellermann: I . . . ich muß bemerken . . . ich habe mir erlaubt . . . Ihnen noch einen w . . . weitern Gast mitzubringen: H . . . Herrn Sprödowski! I . . . ich darf den Herrn wohl bitten, näher zu treten? Fiebig: Spredowskn? Wat will dn der hier? (zu Hahn, geheimnisvoll) Det is der Herr Hahn. (allgemein) Jott, ick habe nischt jejen! Bellermann: V . . . verzeihn Sie, mein Herr! E . . . es käme wohl darauf an . . . ob auch die . . . andern Herrn nichts dagegen haben. Fiebig: (sich umsehend) Nu, se wern doch nich? Gehrke: Nicht im mindesten, Herr Bellermann. Es wäre sogar höchst interessant, auch eine abweichende Meinung zu hören. Bellermann: A . . . also, ich führe den Herrn rein. (ab) Fiebig: (zu Hahn) Spredowski is man Schneiderjeselle. Abber vor den nehmn sich in acht, Herr Hahn. Bebel un Liebknecht, det is bloß auswendich. Der Mann, wissn Se, tut jahnischt. Det is der Jefährlichste von alle. Der erwart allns von de Entwicklung. Na, un Bellermann, offn jestandn, hab'k mer ooch janz anders vorjestellt! Werner: (ausspuckend) Rewolutzjonähr in Jummischleicher! Gehrke: Sie dürfen von einem gewissen bourgeoisen Äußern nicht immer gleich auf ein kongruentes Innre schließen. Werner: Ach, wat, dets n janz jewöhniglicher, nachjemachter Mensch! Fiebig: Ick weeß nich, Wilhelm, watte von den Mann wist? Ick habe jeheert, der hat sechsdausnd Mark Zinsn! Styczinski: (erstaunt. Fragend) Sechs . . .? Bellermann: (mit Sprödowski) B . . . bitte schön, Herr Sprödowski. Herr D . . . Doktor Gehrke, Herr R . . . Redakteur von Styczinski, Herr Hahn. Fiebig: Mir kennt e schon. Wilhelm ooch. Bellermann: (wie vorhin) V . . . verzeihn Sie! (legt ab. Gehrke ist ihm behilflich. Alle setzen sich, außer Sprödowski) Gehrke: Bitte, Herr Bellermann. (Bellermann setzt sich auf Hahns Stuhl) Sprödowski: (langsames Umsehn im Raum. Konzentriert sich allmählich nach dem Ofen hin, wo er sich die Hände wärmt. Rücken gegen die Zuschauer, das Hütchen unter den rechten Arm geklemmt) Werner: (nimmt seine Zigarre) No, mein Ziehjahn kann ick mir ja denn wohl widder ansteckn? (steckt sie an) Gehrke: Ja, Herr Werner, ich weiß nicht, aber vielleicht rauchen auch die andern Herren? Fiebig: Ja, na, ick prise ja man bloß. Roochn Se doch, Ha Hahn! Hahn: Oh, danke schön, Herr Fiebig. Ich habe wirklich keinen Appetit momentan. Styczinski: (sucht auffällig in allen Taschen) Ich weiß nicht . . . Bellermann: (reicht ihm höflich ein silbernes Etui mit Zigaretten rüber) D . . . darf ich bitten, Herr von Styczinski? Styczinski: Ja, ich suche, ich suche, ich weiß nicht, ich . . . hatte doch noch die Zigaretten? Bellermann: B . . . Bostanjoglo, Herr von Styczinski. Styczinski: Ich bin so frei, Herr Bellermann. Hahn: (seine Zigarrentasche zu Sprödowski) Dürfte ich mir vielleicht erlauben, Herr . . . von Sprödowski? Sprödowski: (zuckt die Achseln, dreht ihm verächtlich den Rücken, tritt ans Regal, liest Büchertitel, greift einen Band heraus und wirft ihn nach flüchtigem Ansehen wieder hin. Lehnt sich dann irgendwo passend an die Wand. Starrt, die Hände hinterm Rücken, nachdenklich an die Decke und drückt dabei ab und zu die Knie durch. Niemand achtet auf ihn) Fiebig: Ja, Herr Dokter, wat ick sagen wollte. Det hat mir ja in Ihre Filosofie mit det reine Mittel jefalln. Roochn dun Se nich, un aus det ville Drinkn mach'k mir ooch nischt. Bloß mir wundert, det Se nich ooch wat ibern Hiptonismus jejebn habn? Gehrke: Ja, Herr Fiebig, der (betont) Hypnotismus ist eigentlich gar kein Mittel. Meine Philosophie begreift ihn lediglich als Erscheinung. Sie werden mir zugeben, daß er also nicht recht unter mein System gebracht werden konnte. Ich betrachte ausschließlich die Phänomene der Politik, der Religion, der Medizin, der Hautpflege und der Pädagogik. Fiebig: Ja, un denn, denk ick, sin wir doch ooch für de Naturheilkunde! Mir hat mal ne olle Frau n Häring untert linke Been jebundn. Wissn Se, ick bin ja n jebillter Mann. Wenn'k ooch uf keene Unniversitätn wah. Ick jloobe an sowat nich. Abber, wat wolln Se? T Fieber hat nachjelassn! Gehrke: Nun, Herr Fiebig, daran wird wohl Ihr Herr Hausarzt auch nicht ohne alle Mitschuld gewesen sein. Fiebig: Hausarzt, ick? Ick, Hausarzt? Styczinski: Oh, Herr Doktor, lesen Sie du Prel! Fiebig: Nu versteht sich. »Unter Tannen und Pinien« meen Se? Hab'k zu Hause. Hab'k mal mit in Ramsch jekooft. Bellermann: I . . . ich möchte mir die B . . . Bemerkung erlauben, dergleichen dürfte doch heute unter W . . . Wissenschaft doch wohl kaum mehr verstanden werden! Fiebig: Ach wat, verstehn Se, ick jloobe an de Wissenschaft un ick jloobe an du Prel. Ick jloobe an bedet. Bellermann: U . . . und überdies, g . . . gestatten Sie, ziert die sogenannte Naturheilkunde . . . schon längst das Raritätenkabinett unsres Jahrhunderts. Fiebig: Na, det witt mir doch keener weismachn, det Schwenninger Bismarckn mit Bromkali jeheilt hat?! Den konnt er wat jebn! Werner: (in die Höhe nach dem Bilde) Da, kiek'n dir mal an, Oska, dn Vater vont Sozialistnjesetz. Feinet Kunstblat. Hat mer mein Personal zu de letzte Maifeier jeschenkt. Gehrke: Meine Herren, wir verlieren uns in Einzelheiten. Es gab eine Zeit, wo wir alle Sozialisten waren. Ich dächte, heute sind wir darüber einig, daß dieser Mann, wenn nichts anderes, so doch zum mindesten die historisch erste, wenn freilich auch noch unvollkommene Inkarnation der modernen Herrenmoral war. Fiebig: In Börsenkourier hab'k jelesn, det wah schon Napoljong der Erste! Styczinski: (vor dem Bellermann das silberne Etui liegen gelassen, hat unterdessen ausgeraucht und steckt sich ohne weiteres eine neue Zigarette an. Im Anzünden) Napoleon derr Errste: guttes, abber dummes Ludder. Nurr Gehirnmensch! Fiebig: Nu, Ha Hahn! Sie sagen ja janischt? Hahn: Ach, Herr Fiebig . . . Fiebig: Mit dn Dokter ham mer ooch n kleenet Hiehnkn zu flickn! Det mit unsre Dichtungen hier is noch lange nich int klare. (zu Gehrke) Ick hab Ihn den Mann zujefiehrt, un mein Weltunterjank nehmn Se nich. Jott, sagn Se't doch, wen Se'n nich wolln! Denn jeb'k n Jeseljussn, der verkooft'n mir. Gehrke: Ja, aber ich bitte Sie, lieber Herr Fiebig! Bellermann: E . . . entschuldigen Sie, meine Herren. D . . . darf ich mir die Anfrage erlauben, w . . . was das für ein Werk ist, dieser W . . . Weltuntergang? Fiebig: Jott . . . no . . . wat sollt jroß sind? De Jesuitn bring'k ja ooch rin! Von de letzte Naturforscherversammlung hab'k noch janze Stöße uf mein Bodn. Det vermauer ick noch. Det is't ja ebn: alle Dage passiert wat neiet! Bellermann: (von jetzt ab gegen Fiebig liebenswürdiger Tonfall) V . . . verzeihen Sie, Herr Fiebig! A . . . aber ich glaube, s . . . selbst die Jesuiten dürften bereits v . . . veraltetes Sujet sein. Fiebig: So? Na, un der Jotthardtunnl? Mit den fill'k dn achtn Jesang! Gehrke: (klopft mit seinem Bleistift auf den Tisch) Aber, meine Herren! Wir entfernen uns wieder von unserer Aufgabe. Es handelt sich um den Inhalt der dritten Nummer. Unser Freund von Styczinski wünscht uns einen eingehenden Artikel über »Chopin als das Urbild des Zentrifugalen« zu schreiben. Die Theorie des Herrn von Styczinski kennen Sie. Die Psychologie des Individuums resultiert aus einer Aufeinanderfolge von Sensationen und Vibrationen. Als naturgemäße Konsequenz daraus ergibt sich das Übergewicht des Gangliensystems über das Gehirn. Fiebig: (Prise) Ja, det looft allns in eenander. Gehrke: Ich selbst, wie Sie wissen, stehe ja allerdings auf anderem Boden. Indessen unsere Anschauungen, so verschieden sie auch sind, repräsentieren nur die Ausstrahlungen der entgegengesetzten Pole desselben Elements, das mit logischer Notwendigkeit in diesem gegebenen Moment Realität werden mußte. Das Vereinigende, wie in unserm ganzen Kreise, ist das Anarchische. Herr von Styczinski hat das Wort. Styczinski: (leiernd) Wir sind alle kranke Sumpfblumen am Jahrhundertsende. (Fiebig nickt beifällig, Gehrke spielt mit dem Bleistift, Herr Hahn sieht verlegen vor sich hin, Werner juckt sich am Bein und bläst dann wieder große Wolken, Bellermann fährt sich um die Tonsur, Sprödowski, an die Wand gelehnt, die Augen gegen die Decke mit dem Ausdruck: Wat können die mir noch sagen! Der mit dem Eindruck des ersten Anfangs seiner Rede Zufriedene monoton-schwermütig fortfahrend) In unsrer Seele singt das Lied von der siegenden Bakterie. Unserm Blut fehlen die Leukozyten. Auf der Leierkastenwalze unsres Bewußtseins tönt allein die schauerliche Symphonie des Fleisches. Sie objektiviert sich in Chopin. Er allein, der neue Urmensch, schickt unser Gehirn auf die grüne Wiese, er allein denkt in übereuropäischen Dimensionen, er allein baut uns wieder das zertrümmerte Jerusalem unserer Seele. (kleine Pause) Dies alles, bitte ich Sie, wollen Sie mich niederlegen lassen, verdichtet zu einem Deprofundis. (wieder kleine Pause) Fiebig: Na . . . icke . . . ick muß sagn, ick bin dafor. Mir könnte sowat janz jut jefalln. Kunst un Wissenschaft in eens. Det zertrümmerte Jerusalem, wissn Se, is wat for mein Weltunterjank. So wat ehnlichet hab'k ooch machn wolln. Gehrke: Aber, Herr Fiebig, Sie werden Ihr anscheinend mehr humoristisch gedachtes Epos doch wohl unmöglich in Parallele mit diesen kosmogenischen Rhapsodieen des Herrn von Styczinski bringen wollen? Fiebig: (verletzt) Ja, no, worum dn nich? Sein Hiehnerooge hat jeder. Mein Hiehnerooge ist mein Weltunterjank. Ick will ooch mal wat für de Unsterblichkeit dun! Wat Se wolln, weeß'k nachjrade. Se wolln n iberhaupt nich bringn! Jloobn Se, ick wer mehr Ihn ufdrängn? Gehrke: Aber, vereherter Herr Fiebig, wer dürfte Ihnen solche Suppositionen machen. Fiebig: No, ick bin keen Spielverderber. Denn wer'k Ihn wenichtns mein Trinkspruch uf de deutschn Frauen iberlaßn! Sprödowski: (spuckt verächtlich vor sich hin) Werner: (halb nach ihm zurückgedreht) Schade um den schönen Happenpappen. Fiebig: (eifrig) Ick will mir nich rühmen, aber . . . ne Freundin von de Pauline Lucca hat jesaacht, damit is de Poesie erschöpft! Gehrke: Ja . . . wenn die Dichtung nicht zu lang ist? Fiebig: Jut, denn soll't mir ooch dadruff nicht ankommn. Denn jeb'k Ihn meine Apperßiehs. Det Mitleid is de Liebe in Negligee. Und de Krankheit, sag ick, is n Duell, watter Arzt de Jesundheit liefert. In den Genre hab ick fünfhundert! Als Titl denk'k mer wat Lateinschet. Wat meen Se: Mors vita! Gehrke: Nach dem Vorgehen Friedrich Nietzsches läßt sich eine gewisse Modernität dieser Form ja allerdings nicht absprechen. Indessen, ich dächte, wir müßten unseren Lesern doch wohl in der Hauptsache mehr wissenschaftliche Speise bieten. So sind wir doch zum Beispiel auch Gegner des Impfzwanges. So lange Germaniens Eichen rauschen, ist es Sitte gewesen und Brauch, daß der Herd geheiligt, daß vor allem aber die Haut, die den Körper umschließt, eine Grenze setzte dem Recht der Gemeinde. Diese engste Grenze, die sich der Mensch zu setzen vermag, hat man überschritten. Man hat uns die Verwaltung unserer ureigensten, körperlichen Angelegenheiten entrissen durch die autoritäre Vergiftung unseres Zellengewebes durch Kuhlymphe. Ich frage, wie kommt der Staat dazu? Werner: Der »Staat«! Der »Staat«! Der Staat bin ick! Der Staat is der steuerzahlende Mann! Fiebig: Janz meine Meinung! Nich wah, Ha Hahn? So denk'k ooch! Wenn ick mir heute verheirate, laß'k mir doch nich mehr in de Kirche trauen? Wat Etnojrafisches ham mer ooch noch nich jebracht! Ick habe jelesn, t jiept janze Velkerschaftn, die könn'n nich mal bis drei zehln. Dets ärzlich festjestellt! Ooch iber de Seelenwandrung und iber de Jraffologie denk ick, müßtn wir uns doch mal verbreitn. Aus meine Handschrift hab'k mir mal wahsagn lassn. (zu Bellermann) Wissn Se, for wat mir die Dame jehaltn hat? Forn Musiker! Na, und det stimmt ja ooch. In meine Jugend hätt'k for mein Lebn jern Fleete jelernt. Mein Tenor hab'k noch heite. Du wahst je mehr Baß, Wilhem. Bellermann: (unterdessen seine Stirn in beide Hände gestützt, sitzt da, wie vernichtet) Werner: Apropoh, wissenschaftliche Speise. Da hab ick noch wat Natzjonalökonomischet. Mein Vortrag, verstehn Se. Den Tit'l hab'k ja immer jeändert. Eenmal: Lassalls Wirkn und Ende, un denn: Ewolutzjohn un Rewolutzjohn. Det Volk will immer detselbe hörn. Jedruckt isser noch nich. Gehrke: Aber, lieber Herr Werner, auch Ihre Proposition kann ich wohl nur als Scherz nehmen. Sie werden uns geistigen Proletariern doch keine unlautere Konkurrenz machen wollen? Werner: Seh'k janich in! Wenn Fiebig aus seine Blechschmiede Kaptal schlächt, kann'k ooch wat verdien. Schriftsteller sin mer alle. Bellermann: (aufspringend) I . . . ich möchte b . . . bemerken, daß ich auf eine derartige P . . . Parallele gern verzichte. Die A . . . Aristokratie, deren Herrschaft ich will, ist kein geadeltes Plebejertum! Werner: (aufgestanden. Hände in den Hosentaschen. Zigarre im Mundwinkel) Aach! Sieh eener an! Un mit sowat, jloobn Se, imponiern Se mir? Fiebig: (beschwichtigend, vorwurfsvoll. Handbewegung) Wilhem! Werner: Ih, un det allns wolln Se mit Ihre Jlatze durchsetzn? (vertraulich) Wohl n bißkn runterjeschubbert? Zu kurzet Bette jehappt? Gehrke: (stößt energisch mit dem Bleistift auf) Herr Werner! Bellermann: (hohle Stimme) V . . . von Leuten . . . Ihres Schlages, verehrter Herr, ließ sich ein andrer Ton nicht erwarten. (zu den andern) I . . . im übrigen, meine Herren, s . . . so wenig angenehm Ihnen eine solche Polemik sein kann, . . . und so lächerlich es erscheinen möchte . . . auf derartige, große Anspielungen überhaupt zu antworten, so möchte ich Ihnen denn d . . . doch bemerken: mein L . . . Leben ist ein durchaus sittliches! Ich pflege nicht bloß auf reine Wäsche zu halten. S . . . Sie gestatten wohl, d . . . daß ich den Raum verlasse? Werner: (in Positur) Wejen mir? Gehrke: (aufgestanden, majestätisch) Herr Werner! Ihnen hat niemand das Wort erteilt! Styczinski: (über den Tisch mit beiden Händen) Oh, Herr Bellermann. Gehrke: Herr Bellermann! Unter keinen Umständen dürfen Sie uns eine derartige Beschämung antun. Ich bitte Sie dringend, sich unserer Verhandlung nicht entziehen zu wollen. Daß Sie erregt sind, ist ja begreiflich. Bellermann: I . . . ich bin nicht erregt! Ich w . . . werde nur erregt, w . . . wenn ich meine Weltanschauung vertrete. (setzt sich wieder) Gehrke: Herr Werner! Ich muß Ihnen meine tiefste Mißbilligung als Vorsitzender ausdrücken. (setzt sich ebenfalls) Werner: (längst wieder auf seinem Ballen) Pö! Junge: (in der Tür) Herr Müller schickt mir nach Manuskript, Meester. Werner: Da sind ja de Herrn! Gehrke: Ja nun, ich denke, die zweite Nummer ist bereits im Satz fertig? Was fehlt denn noch, mein Sohn? Junge: Annerthalb Spaltn Korpus. Gehrke: (kramt in seinen Papieren, liest) Die Produktivgenossenschaft als Hebel zu . . . zu lang! Ja, von der Kürze hätte ich hier kaum etwas. Styczinski: Ich habbe etwas hier, Herr Doktor. Das bluttende Lied vom wissenden Gehirrn. Gehrke: Sie würden mir aus einer außerordentlichen Verlegenheit helfen, Herr von Styczinski. Styczinski: (greift in die Tasche) Ja, meine Wirtin, ich weiß nicht, ob ich das schon erzählt habbe . . . Herr Hahn wollte mir noch etwas bewilligen . . . einen kleinen Vorschuß. Hahn: (der sofort sein Portemonnaie gezogen) Was darf ich mir erlauben, Ihnen a Konto zu zahlen? Styczinski: Geben Sie mir zwei Taller. Hahn: O, das tut mir leid, Herr von Styczinski. Ich habe hier nur ein kleines Zehnmarkstück. Aber, wenn Sie vielleicht so liebenswürdig sein wollten? (reicht es ihm) Styczinski: (nimmt es und steckt es in die Westentasche) Danke. (sucht in seinen Taschen) Das Manuskript . . . das Manuskript . . . ich weiß nicht . . . meine Wirtin? . . . Wo ihst das Manuskript? Gehrke: (achselzuckend. Bedenklich) Ja . . . Fiebig: Det is jut! Nö wirklich, det is wirklich jut! Vielleicht durcht Futter jefalln? Sehn Se doch mal nach. Mir hat eener mal n silbernen Löffl jeschenkt! Werner: (klopft ihm auf den Schenkel) Nu, Ha Hahn, det ham Se billich jekooft. Styczinski: (noch immer suchend) Das Manuskript . . . Bellermann: (der in die Rocktasche gegriffen) U . . . Unter diesen Umständen g . . . gestatten Sie mir, Herr Doktor, I . . . Ihnen eine Dichtung von mir h . . . honorarfrei anzubieten. Der T . . . Trinker! Obgleich es sonst gegen mein Prinzip ist, für meine Arbeiten kein . . . Äquivalent zu beanspruchen. Hahn: (unruhig) Gehrke: Ja, lieber Herr Bellermann, Sie setzen mich dadurch wirklich in die peinlichste Lage. Bellermann: (ihm das Manuskript überreichend) Ich . . . bestehe darauf! (nimmt seine Zigaretten, die solange vor Styczinski lagen, wieder an sich) S . . . Sie gestatten. Styczinski: (geduckt) O bitte. Gehrke: Nun, dann Herr Bellermann, danke ich Ihnen herzlichst im Nahem von uns allen. (steht auf und gibt das Manuskript Fiebig, dieser reicht es dem Jungen, Styczinski ist übergangen und hat sich vergeblich darum bemüht) Fiebig: Da, mein Sohn. Junge: (verliert ein Blatt, hebt es wieder auf und geht mit dem Manuskript nach der Tür) Hahn: (aufgestanden und Bellermann die Hand reichend) Bellermann: (abwehrend) B . . . Bitte! (Hahn setzt sich wieder) Fiebig: (zu Bellermann) Neulich hab'k wat iber Ihn in Belliner Tageblatt jelesn. Det wah sehr anerkennend. Bellermann: (nickt) Njä! Junge: (der in der Tür auf den Gendarm geplatzt ist) Meester! (bleibt neugierig stehn) Gendarm: (eingetreten) Sprödowski: (hat sich sofort derartig gestellt, daß ihn der Gendarm unmöglich bemerken kann) Gendarm: Tach, die Herren. (Brieftasche) Entschuljen Se, Herr Dokter, ich habe hier ne Verfügung für Sie vom Landrat. Ich war schon drüben in Ihre Wohnung. Ihre Frau hat mir rüberjeschickt. Gehrke: (aufgestanden und vor ihm stehend. Bricht die Verfügung auf und liest sie) Fiebig: Hat dn keener von die Herrn n Ziehahn for det Ooge des Gesetzes? Werner: Meine Ziehjahn roch'k alleene! (der Gendarm unterschreibt unterdessen das Auslieferungsdokument) Hahn: (reicht Fiebig eine Zigarrentasche) Bitte schön, Herr Fiebig. Fiebig: (nimmt sie und stellt sich damit ebenfalls vor den Gendarm) Da, steckn sich eene int Jesichte. Gendarm: (nimmt schwerfällig eine Zigarre) Nu! Fiebig: No, det jeht wol nich so leichte? Gendarm: O, Herr Dokter, hat ihm schon! Fiebig: Wolln Se Feier? Gendarm: Nee, Herr Dokter, (besieht sie sich) sowat witt Sonntachs jeroocht. Fiebig: (zum Jungen) No, Junge, willst wol dein Jroschn wieder loswern? Junge: (grinst und verschwindet) Gendarm: (steckt die Zigarre in die Brusttasche) Empfehle mich die Herren. (zu Fiebig) Atchee, Herr Dokter! Danke scheen! (ab) Fiebig: Atchöh, Meester! (Hahn halb aufgestanden und eine Verbeugung nach) Gehrke: (reicht das Papier Werner hin) Bitte! Das habe ich wieder Ihnen zu verdanken. Werner: (nimmt das Papier) Bellermann: H . . . Herr Hahn! I . . . ich achte in Ihnen den E . . . Ehrenmann. A . . . aber, verzeihn Sie, es war unrecht von Ihnen, . . . einem Polizisten ein G . . . Genußmittel zu verabreichen. Hahn: (ratlos zu Fiebig) Fiebig: Na watn? (zu Bellermann) Ick finde, det wahn janz vernünftjer Mann? Sprödowski: (wieder sichtbar. Spiel wie vorhin) Werner: (platzt los) Dets jut! Dreißich Mark oder drei Dage Haft for die lausijen Dinger! Gehrke: Ich habe Ihnen gleich erklärt, daß mit der Abfassung des Plakats meine Verantwortung aufhörte. Ich verstehe nicht, wie Sie ohne jegliche Autorisation von mir, meinen Namen darunter setzen konnten. Werner: No, wozu kriejn Se denn Ihrn Jehalt als Redaktöhr? Wenn wat is, missn Se't ehm absitzn! Gehrke: Sie vergessen, Herr Werner, daß die Strafe einzig des unbefugten Anbringens der Plakate wegen verfügt worden ist. Werner: Ick habe keene anjeklebt! Fiebig: Jott doch, in Jiete, meine Herren! In Jiete! Ick denke, det handelt sich hier doch nicht darum, det man sich jejnseitich de Keppe abreißt. Det Jeld bezahlt der Verlach. Sowat sin Jeschäftsunkostn. Nich wah, Ha Hahn? Hahn: Ja, entschuldigen Sie, Herr Fiebig, ich wollte das schon gleich sagen, aber ich mochte den Herren nicht ins Wort fallen. Bellermann: G . . . gestatten die Herren auch m . . . mir eine Bemerkung zu dieser Angelegenheit? Gehrke: (eifrig) Herr Bellermann hat das Wort. Bellermann: E . . . es dürfte, w . . . was ich Ihnen in Vorschlag bringe, a . . . auf den ersten Augenblick . . . kleinlich scheinen. Ich m . . . meine, es handelt sich heute bei ernsthaften Leuten . . . um einen prinzipiellen Widerstand! Und es ist nur logisch, diesen jederzeit bis aufs äußerste zu betätigen. Wie Sie wissen, ist uns ein aktiver Widerstand . . . zurzeit unmöglich. D . . . dafür biete sich uns aber stets die Gelegenheit zum p . . . passiven! Wie ich der Meinung bin, d . . . daß der überzeugte Anarchist . . . dem Staat die Steuern nie freiwillig entrichten darf, s . . . sondern sich einfach der Pfändung unterzieht, s . . . so darf er sich auch einen derartigen Tribut nie erpressen lassen. E . . . es ist ihm Ehrenpflicht, seiner . . . Überzeugung treu zu bleiben. Wenn es sein muß, s . . . selbst hinter Schloß und Riegel! Fiebig: Sehn Se, Ha Hahn, det hab'k jleich jesaacht! For Widerstand bin'k ooch! Ick zahle finverlei Artn von Steier! Unsereens nehm se allns! Man braucht bloß n bißkn wat zu ham! Dn Staat keen Fennich! Se ham janz recht, Herr Bellermann! (zu Gehrke) Det eenzje is heut 's Martirjum! Gehrke: (steht auf; erwartungsvolle Pause; räuspert sich) Zunächst, Herr Bellermann, danke ich Ihnen dafür, daß Sie die Angelegenheit unter den allerdings einzig richtigen Gesichtspunkt gerückt haben. Herr Fiebig gebrauchte das Wort Martyrium. Vielleicht meinte er dasselbe nur humoristisch. Indessen Sie alle, meine Herren, werden mir nachfühlen, daß es sich in gewissem Sinne bei mir um ein wirkliches Martyrium handelt. Fiebig: Uf alle Fälle! Sowat steht schon in de Weltjeschichte! An jede Unsterblichkeit hänkt n Schweißtroppn so jroß wie'n Luftballon! Gehrke: Es sind allerdings nur drei kurze Tage. Aber unser Leben zählt ja nicht nach Tagen und Stunden, sondern nach dem Inhalt, welchen wir diesen geben. Das ist mir ja bewußt, daß diese Zeit eine schmerzliche Schmälerung meines unter schweren Kämpfen errungenen individuellen Denkens und Fühlens bedeuten wird, welches die Luft der Freiheit braucht. Allein, welche Bedeutung für unsre Sache! Die Presse wird nicht zögern, den Vorfall dem großen Publikum bekanntzumachen. Fiebig: Versteht sich. Beste Reklame! Passn Se uf, denn jehn ooch Ihre Jedichte! Werner: Bravo! Gehrke: Es handelt sich hier nicht, meine Herren, wie eben . . . vielleicht etwas zu einseitig, hervorgehoben, respektive behauptet wurde, um meine Gedichte. Das sind Nebenerscheinungen. Die werden sich nicht hindern lassen. Bleiben wir auf dem nüchternen Boden der Tatsachen! Was steht hier für uns in Gefahr? Was sehn wir bedroht? Was will man uns nehmen? Wie unser allverehrter Freund, Gönner und Mitkämpfer Herr Frederick S. Bellermann sich ausdrücken würde: Die Autonomie des Individuums! Bellermann: (nickt) Gehrke: (fortfahrend, stark) Die Grundlage unsrer Kultur! Styczinski: (der sich wieder rehabilitieren will) Hörrt, hörrt! Werner: Sowat seggt schon Schampelbumsbeen! Fiebig: Mach dir nich verhaßt, Wilhelm! Gehrke: (weiter; ohne sich durch die unliebsamen Zwischenbemerkungen stören zu lassen; noch immer wachsend) Dieses große, köstliche Gut unsres deutschen Volkes wollen wir uns erhalten und wollen es vor weiterer Unterwühlung schützen und bewahren! Werner: (sich recht unzeitgemäß höchst laut schneuzend) Fiebig: (entrüstet) Hörst du nu uf, Wilhelm, oder nich? Gehrke: (im Stehn Fiebig zuplinkernd; in Parenthese; wohlwollend) Wir kennen doch unsern Freund. (»unentwegt« weiter) Sei es nun, daß dieser schmachvolle Versuch ausgeht von alten, überlebten, sich volksfreundlich titulierenden Parteibonzen, die ihre usurpierte Machtstellung nur noch dadurch scheinbar zu stützen wissen, daß sie den Pöbelinstinkten einer übel beratenen Menge schmeicheln, sei es, daß, wie hier, ein gleich verwerfliches Unterdrückungssystem von einer cäsaristisch mißgeleiteten Regierung beliebt wird! (zum letzten Stoß seine ganze Kraft sammelnd) Um mich in diesem gewissermaßen nicht unhistorischen Augenblick sozusagen symbolisch und bildlich auszudrücken: Die Birne hat nur einen Moment der Reife von zehn Minuten. Da muß man sie essen. (sich noch höher reckend) Nun. Wohlan! Per aspera ad astra! Ich werde sie essen! Werner: (noch mit seinem Taschentuch beschäftigt) Det dun Se for uns alle! Gehrke: Ich bin kein Mann der großen Worte. Nur Taten sind die Marksteine auf dem leidvollen Wege der Menschheitsentwicklung! Die drei Tage Kerker sollen mich nicht schrecken! Ich werde sie antreten! Ich bin bereit! Bellermann: S . . . sehr gut! Fiebig: (halb aufgestanden, Gehrke über den Tisch weg die Hand drückend) Ick jrattuliere! Styczinski: (aufgestanden und Gehrke ebenfalls die Hand drückend) Herr Doktorr . . . Meischen: (atemlos durch die Glastür) Achkottnee, Achkottnee . . . ich hab mer nur was ibergeworfen . . . was hat'n der Schandarm gewollt, was is n widder los mit mei Benno? Fiebig: (alle mit Ausnahme von Werner, der sitzen geblieben laut niest, aufgestanden; Fiebig ganz im Vordergrund rechts; Gehrke in Positur; im Hintergrund drängeln sich neugierig der Druckerjunge und einige Setzer) Uf den könn Se stolz sind! Noch acht Dage, Frau Dokter, un uf den Mann sieht Europa! Dritter Akt (Gute Stube des Amtsvorstehers von Friedrichshagen. Ganz kleinbürgerlich eingerichtet. Sehr gemütlich. Jagdbilder und Geweihe, Gewehrschrank, Pianino, Fenster mit Blumenstöcken. Im Hintergrund Tür) Amtsvorsteher: (lange Pfeife. Im Lehnstuhl vor dem runden Kaffeetisch. Langsam paffend) Ja, Herr Doktor, das muß ich ja sagen, (paff) da ist ja das erste Mal in meinem Leben, (paff) daß ich Gefangenwärter gespielt habe. (paff, paff) Wir sind ja auch hier eigentlich gar nicht auf sowas eingerichtet. (paff) Im Winter können wir doch keinen ins Spritzenhaus sperren. Ich habe ja immer schon berichtet. No, (Handbewegung) aber wenn's Ihnen nicht langweilig gewesen is, (behaglich einen Schluck Kaffee) mir ist es sehr angenehm gewesen. Wann kann sich unsereins mal mit 'nem gebildeten Mann aussprechen. (paff) Na, un das müssen Se doch nu auch sagen, so schlimm sind wir nicht, wie Se uns machen. Gehrke: (der auf dem Sofa sitzt. Streicht die Zigarre ab) Ja, Herr Amtsvorsteher, ich kämpfe ja auch durchaus nicht gegen Personen. Sie mißverstehen mich. Mein Wirken gilt lediglich den gesellschaftlichen Einrichtungen als solchen. Amtsvorsteher: Ja, ich bin ja n alter Mann, (paff) das geb' ich ja zu, müßte manches anders sein. (paff) Was ich schon mit den Herren Geistlichen durchgemacht habe, (paff, paff, paff) darin haben Sie ja nicht so unrecht. (zeigt auf eine Zeitung, die auf dem Tisch liegt) No, (paff) das habn Se doch gelesen, was de »Post« über Sie bringt? Gehrke: Nun ja, daß meine Sache in der Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregen würde, Herr Amtsvorsteher, war ja wohl nur vorauszusehen. Ich fürchte, der Herr Landrat hat gegen seinen Willen die beste Propaganda für meine Ideen gemacht. Amtsvorsteher: (ablenkend) Hm . . . No, warum haben Sie denn eigentlich noch nicht die Lampe angesteckt? (paff) Mehr Licht, sagen die Gelehrten. Gehrke: O, Herr Amtsvorsteher, ich wollte Ihnen Ihr trautes Dämmerstündchen nicht zerreißen. Aber, wenn Sie gestatten, es ist allerdings heute bereits merkwürdig früh dunkel. (steckt die Lampe an. Lampenschirm mit transparenten Schweizerhäuschen) Amtsvorsteher: Nun ja, wir haben ja auch bald den kürzesten Tag im Jahr. (beginnt die Pfeife sehr langsam auszuklopfen. Stochert mit einem Draht im Pfeifenkopf) No . . . das Feifchen wär ja denn auch leer. Aber das müssen Sie meiner Alten doch lassen, der Hase war doch ein Prachtkerl heute mittag. Gehrke: In der Tat, Herr Amtsvorsteher, um mich so auszudrücken, dieses edle Tier war kein übles Surrogat für Wasser und Brot. Amtsvorsteher: Und, nich wahr, Herr Dokter, die schöne Sauce, die sie immer macht . . . (Gehrke beifällig lächelnd) Ach ja! (mit der Pfeife ziemlich fertig. Pustet durch) Das bischen Weidwerk hält mich frisch und jung. Sie sind wohl kein Jäger? Gehrke: (Räuspern) Bei meiner anstrengenden Geistesarbeit, Herr Amtsvorsteher, fühle ich leider die Verpflichtung, mir derartige starknervige Vergnügungen zu versagen. Amtsvorsteher: Ach, da sind Sie recht zu bedauern, Herr Doktor. Sowie heute der Mond da ist, stehe ich wieder auf dem Anstand. (stellt die Pfeife auf ein Regal) Gehrke: Ja, Herr Amtsvorsteher, ich hatte eigentlich gehofft . . . Sie waren so entgegenkommend, mich diesen letzten Abend einige Freunde laden zu lassen . . . und da hatte ich eigentlich angenommen, Sie würden es nicht verschmähen, bei der kleinen Feier, wenn ich mich so ausdrücken darf, uns ein lieber Gast zu sein. Amtsvorsteher: (sich die Joppe zuknöpfend) Das würde mir ja eine große Freude sein, Herr Doktor, wenn ich den gelehrten Herren zuhören dürfte. Aber Sie wissen ja, wie ich hier stehe. Dann schreibt der Herr Pastor morgen gleich einen langen Bericht an den Herrn Landrat. Man muß sich ja zu sehr in acht nehmen. Gehrke: Meine Freunde würden sich gewiß sehr gefreut haben. (Verbeugung) Sie schätzen auch bereits meinen freundlichen Kerkermeister. Amtsvorsteher: Na, Herr Doktor, dann wird mir ja wohl nichts anderes übrig bleiben. Auf ein Augenblickchen werde ich denn schon reinkommen müssen. (es klopft) Amtsvorsteher: (macht die Tür auf. Draußen Schwabe) No, was bringen Se denn, Schwabe? Schwabe: Is'n Herr draußen. Möcht jern Herrn Dokter sprechen. (hat die Tür geschlossen und bleibt vorschriftsmäßig an ihr stehn, nachdem er eine Visitenkarte abgegeben hat) Amtsvorsteher: (geht mit der Karte zur Lampe und versucht zu lesen) Wenn se doch bloß nich immer son Augenpulver drucken wollten. Das müssen Sie schon emal lesen, Herr Doktor. Gehrke: Doktor Moritz Naphtali, Mitarbeiter am Berliner Lokal-Anzeiger. Amtsvorsteher: Ja, lieber Schwabe, hat denn der Herr nicht gesagt, was er will? Schwabe: E saacht, e will über ihn was schreibn. Amtsvorsteher: Na, sehn Se, Herr Doktor! Was son alter Knasterbart auf seine alten Tage noch fürn berühmten Mann in sein Haus gekriegt hat. (zu Schwabe) No, ich habe nichts gegen. Lassen Sie den Herrn nur eintreten. Das Kaffeegeschirr können Se gleich mitnehmen. (zu Gehrke) Ich will nicht stören, Herr Doktor. Gehrke: Meinen herzlichsten Dank, Herr Amtsvorsteher! Also nicht wahr, Sie machen uns dann die Freude? Schwabe: (hat unterdessen abgeräumt. Ab) Amtsvorsteher: (im Hinausgehen) Na, weils denn schon der letzte Abend ist . . . Vor Neun kommt der Mond ja doch nicht. Gehrke: Meine Freunde werden ja auch selbstverständlich nicht länger bleiben. Amtsvorsteher: Ach ja! Und so viel Ehre schon in so jungen Jahren. Wenn man das so sieht. Ja, ja, Bildung macht frei. (ab) Gehrke: (allein. Spuckt sich in die Hände, reibt die Ärmel ab, knöpft das Jackett nochmal nach, tritt vor den Spiegel, zieht die Hosen runter, stellt den Rohrstuhl schräg vor die Mitte des Tisches, rückt den Lehnstuhl zurecht, setzt sich auf ihn, langt ein Buch, das er aufschlägt, und tut, als ob er eifrig läse. Blei in der Hand. Hustet) Naphtali: (Chapeau claque zugeklappt, tiefer Bückling) Doktor Naphtali. Gehrke: (ist wie überrascht aufgestanden, geht ihm entgegen) Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor? Naphtali: (setzt sich auf den Rohrstuhl, Gehrke Lehnstuhl) Wenn Se jestatten, Herr Doktor, zunächst mal in medias res . Aus meiner Karte werden Sie bereits mit Recht vermutet haben, daß ich Sie um ein Interview bitten möchte. Nicht allein die Blätter am Platz, sondern auch die größeren auswärtigen Journale . . . ich nenne nur die Frankfurter Zeitung . . . haben sich bereits Ihrer Angelegenheit bemächtigt. In einer so sensationellen Sache darf ich unmöglich mein Blatt unbedient lassen. Gehrke: Ja, Herr Doktor, eigentlich bin ich ja gegen Interviews. Naphtali: (schreibend) Ausgezeichnet! Bringen wir. Und, verzeihn Se, Herr Doktor, in diesem behaglichen Raum hier interniert Friedrichshagen seine Herren Verbrecher? Gehrke: Ja, wie Sie sehn. In unserm idyllischen Örtchen geht es noch einigermaßen patriarchalisch her. Der Raum, in welchem Sie weilen, ist ein geweihter. Sie befinden sich in der guten Stube des Herrn Amtsvorstehers. Naphtali: O, ausgezeichnet! Selbstverständlich! Bringen wir! Gehrke: Ja, um aber auf den Zweck Ihrer Anwesenheit zurückzukommen. Ich muß gestehn, ich stehe ja nicht auf dem Boden Ihrer Zeitung. Naphtali: (nachdem er sich nach allen Seiten mißtrauisch umgesehn; etwas näher rückend) Wenn Sie mir n Wort . . . hier unter uns erlauben . . . (die gespreizte Rechte vertrauensvoll vorm Mund) ich auch nicht! Gehrke: (nachdem er sich von seiner ersten Überraschung erholt; hoheitsvoll; unnahbar) Ich stehe, wie Sie wissen, überhaupt nicht auf dem Boden irgendeines Parteigezänks. Naphtali: Oh! Gehrke: Aber ich gebe gern zu, daß die Aufklärung, die Sie in die Massen streuen, mir sehr sympathisch ist. Wirklich, aufrichtig sympathisch. Sie können das Ihren Lesern ruhig mitteilen. Naphtali: Vorzüglich. Ja, die Macht der Presse. Ausgezeichnet! Bringen wir. Gehrke: Den Hauptwert, Herr Doktor, werden Sie vermutlich auf die Darstellung meiner Ideen legen. Mein individuelles Schicksal, so typisch es für das des modernen Freiheitskämpfers auch ist, kann doch kaum das allgemeine Interesse so beanspruchen. Sie wissen von der brutalen Vergewaltigung, die ich gerade dieser meiner Ideen wegen unlängst von unserer sogenannt freiheitlichsten Partei zu erdulden hatte, die die Ideale ihrer Jugend, wie es leider immer mehr und mehr scheint, längst vergessen hat. Naphtali: Gewiß, Herr Doktor. Das Blatt hat ja damals von Ihren Einsendungen fast alles sorgfältig gebracht. Gehrke: (darüber hinweggleitend) Ja, ganz recht. Ich entsinne mich. Nun, jedenfalls der Versuch, mich als Politiker mundtot zu machen, dürfte jetzt wohl als endgültig gescheitert zu betrachten sein. Naphtali: Hand aufs Herz, Herr Doktor, säß ich sonst hier? Meine Zeit wäre mir zu kostbar! . . . Wenn Se gestatten, ich hätte n Anliegen. Gehrke: Nun ja, davon vielleicht später. Um aber, wie gesagt, nun endlich auf das für mich Eigentliche zu kommen. Ich gehöre nicht zu den verworrenen Jüngern eines Nietzsche. Leutchen, die ihre zufällige Individualität in Gänsefüßchen mit einer gewissen Naivität heute in den Vordergrund zu stellen belieben. Mein Ideal ist nicht, wie das jener Pseudogröße einer überwundenen Epoche, der bloße sogenannte Übermensch , sondern, wohlgemerkt, die Übermenschheit! Ein Ideal, dessen erstmalige Schöpfung mein geistiges Eigentum ist. Die gegenwärtige Gesellschaft bietet nicht das nötige Material für diesen Zweck. Es sind neue Menschen, welche die Zukunft braucht. Diese aber können nur durch die Erziehung geliefert werden. Daher die ausschlaggebende Stellung der Pädagogik in meinem System. Naphtali: Sehr wohl, Herr Doktor. Ein Augenblick. Effektuierung des neuen Menschen . . . durch die Zukunft. Erledigung der Rassenfrage. Ausgezaichnet! Gehrke: (der so lange innegehalten hat) Ich bin mir bewußt, daß ich, wie jeder Reformator, zunächst auf den Fluch der Lächerlichkeit gefaßt sein muß. Dieser wird natürlich auch meine grundlegende Differenzierung der Pädagogik treffen. Ich teile dieselbe, wie Sie wissen, ein in die Pädagogik vor der Zeugung und nach der Zeugung. Das Hauptgewicht lege ich selbstverständlich auf die erste. (es klopft) Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Doktor. Herein! Schwabe: (tritt ein mit Briefen) Hier, Herr Doktor. Der Briefträger is dajewesen. Gehrke: Danke Ihnen, Herr Schwabe. Schwabe: Det Bier wärm wir wohl erst n bißkn an? Gehrke: Nun, das darf ich Ihnen wohl ganz überlassen, lieber Schwabe. Sie werden ja darin die beste Praxis haben. Schwabe: No ja, ick denk ooch. Wollent schon machn, Herr Dokter. (ab) Naphtali: (erstaunt) Gehrke: Sie gestatten, Herr Doktor. (sieht die Post durch) Es ist wohl nichts Dringliches. (hat einen Brief geöffnet) Naphtali: O bitte, bitte. Ich komplettiere unterdessen meine Notizen. Gehrke: Ja, sehn Sie, Herr Doktor. Um meine Ideen hat sich niemand gekümmert. Jetzt aber, wo es sich nur um meine, Fernstehenden doch immerhin relativ gleichgültige Persönlichkeit handelt, drängt sich alles an mich. Da, hier die Wiener Neue Freie Presse. Gleichgültig was. Einzige Bedingung: umgehend! Fünfundsiebzig Mark pro Spalte. Sie werden zugeben, Herr Doktor, daß ein solcher Umschlag eines gewissen schmerzlichen Humors für mich kaum entbehren kann. Naphtali: O gewiß, Herr Doktor! Als ich noch in der Branche war, hab ich auch nicht gedacht, daß ich mal in der Literatur Karriere machen würde. Gehrke: (der drüber weggehört hat) Ja, und dann, Herr Doktor, möchte ich Sie noch bitten, doch zum Schluß die Analyse des Wortes nicht zu vergessen, welches meine Freunde und ich als Symbol unserer in gewissem Sinne doch vorbildlichen Tätigkeit gewählt haben. Wir fühlen uns als Sozialaristokraten. Sie finden die letzte Definition in unserer zweiten Nummer hier. (gibt sie ihm) »Der Instinkt des Einzelnen als Wille zur Elite.« Ein Bekenntnis, das ich Sie bitte, als mein allerpersönlichstes zu betrachten. Naphtali: (das Blatt einsteckend) Herr Doktor. Vertrauen gegen Vertrauen. (ihm eine zweite Visitenkarte überreichend) Wollen Se mer das Vergnügen machen? Gehrke: (lesend; etwas erstaunt) Dr. Moritz Wahrmann, Begründer der Antisemitischen Zentralkorrespondenz. (ihn zweifelnd anblickend) Naphtali: (die Hand wieder auf dem Herzen; verbindlich) Mein zukünftges Pseudonym, mein zukünftges . . . Organ! Gehrke: Ja, ich . . . begreife nicht. Naphtali: Herr Doktor, ein Mann wie Sie, ein öffentlicher Charakter? . . . Gehrke: Allerdings. Nur . . . Naphtali: Also kommen mer ßur Sache. Wenn Sie die Chance, die ich Ihnen biete, ergreifen wollen: das Kapital ist geßaichnet, uns fehlt nur noch der leuchtende Name! Gehrke: Ich kann Ihnen eine gewisse, erste Überraschung nicht verhehlen. So sehr mein Empfinden, soweit ich mich kontrollieren kann, bisher stets ein ausgeprägt arisches gewesen ist, so kann ich mich doch nicht entsinnen, meine israelitischen Mitbürger je auch nur im geringsten mit meiner Antipathie behelligt zu haben. Naphtali: (aalglatt) Herr Doktor, Se kennen se nich! Gehrke: Sie erschrecken mich! Naphtali: Erschrecken? Wie haißts? . . . Und wenn wir Ihn nu offerierten n goldsichren Wahlkreis? (beide blicken sich einen Moment lang in die Augen) Gehrke: Sind Sie Ihrer Sache . . . so sicher? . . . Glauben Sie wirklich, . . . daß man mich . . . aufstellen würde? Naphtali: Wenn ich Sie männädschre? Mit apodiktischer Gewißheit, Herr Doktor! . . . Mit apodiktischer Gewißheit! (es bummert gegen die Tür. Naphtali springt auf. Es bummert nochmal) Gehrke: (ist zur Tür gegangen und reißt diese groß auf) Ich verstehe nicht? Ah, Herr Fiebig. Fiebig: (im Arm eine in buntgestreiftes Seidenpapier gewickelte Flasche. In der Hand schwenkt er seinen Stock, auf den er seinen Zylinder gestülpt hat. Ungeheuer vergnügt. Hinter ihm Herr Hahn mit einem Paket) Könn ruh'ch rinkommn, Ha Hahn! Der Enthauptete lebt noch. (beide treten ein) Hoch lebe die allgemeine internationale Sozialaristokratie! Nanu? Ick dacht, dets hier allns mit Jirlandn? Un keene Lampinjongs seh'k ooch nich. (entdeckt plötzlich Naphtali. Entzückt) Herr Löbndhal! Wo komm Sie dn hierher? Naphtali: Verzaihn Sie! Doktor Naphtali. Fiebig: Nanu? Se wern mir doch nich vormachn, det Sie uf eenmal Ihr eijner Milchbruder geworn sind? Naphtali: (Augenbrauen hoch, Achselzucken, etwa wie: Bedaure, ham wer nich auf Lager) Fiebig: Na, wohn Se denn nich in den Jollnostraße? Naphtali: Verzaihn Se, Holzmarktstraße Zwaiundzwanzig. Fiebig: Na, oder denn ham Se mal in de Jollnostraße jewohnt! Naphtali: Bedaure unendlich. Fiebig: Nee, nee! Verlassn sich druff. Se sehn so aus, als ob Se in de Jollnostraße jewohnt ham. Gehrke: Herr Fiebig, Sie befinden sich augenscheinlich in einem Irrtum. Die Herren gestatten. Herr Schriftsteller Fiebig, Chefredakteur des »Herzblättchens«, Herr Doktor Moritz Wahr . . . Pardon! Herr Doktor Moritz Naphtali, Mitarbeiter am Lokal-Anzeiger, Herr Hahn. Fiebig: Nu, denn ham Se n Doppeljänger. Mir hat mal eener in de Stadtbahn anjesprochn. Na, un nachher wah ick't ooch nich. Naphtali: (verbeugt sich. Schlau) Na vielleicht, Herr Doktor, wenn Se sich würdn besonnen habn? Fiebig: Nee, nee! So wat ähnlichet hat ja schon mal in Ihre Beilage jestandn. Der Mann mitte eiserne Maske. Wah Ludwich der Firrzehnte. Naphtali: Ah so! Vermutlich mein Kollege, Herr Doktor Adolf Kohut? Fiebig: Ja, det kann schon stimmn. Von Kohutn lißt man ja öfter war. Gehrke: (hat unterdessen Fiebig Hut, Stock und Flasche abgenommen. Herr Hahn hat gleichzeitig seinen Paletot hingelegt und seinen Zylinder in Sicherheit gebracht, beim Ausziehen hilft er Fiebig. Dann in gespannt-würdevoller Neugier zur Lampe, bei deren Schein er nicht ohne ein gewisses Schmunzeln das Etikett liest) Ah, Allasch, Herr Fiebig. Ihr Lieblingsgetränk. Nun, dann sind wir ja geborgen. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Hahn? Hahn: Oh, danke sehr, Herr Doktor. Naphtali: (der sich verabschieden will; diskret zu Gehrke) Herr Doktor, wir besprechen das also noch. Gehrke: (verbindlich) Gewiß, gewiß. Ich rechne darauf. Es wird mir ein außerordentliches Vergnügen sein. Fiebig: (erstaunt von einem zum andern blickend) Verjnüjen? . . . (zu Gehrke) Wat?! Gehrke: (vollständig Herr der Situation) Oh, nichts, Herr Fiebig. Oder doch wenigstens nichts, was im Moment für Sie von Belang, Bedeutung oder Interesse wäre. Naphtali: Empfehle mich. Fiebig: (zu Naphtali) Nee, nee, bleibn Se doch noch n biskn. (kriegt ihn am Rockkragen) Wissn Se, Se sind doch bein Lokal-Anzeijer? Son Allasch hab'k mal ne jute Idee zu verdankn. Könn Se wat draus machn. Die Ochsen von de Jewerbeausstellung habent mir ja zurückjeschickt. Verstehn Se: stelln sich n Jlobus vor. So jroß wie der Eiffelturm! Innen looft ne Wendeltreppe. Na, un auswendich steht uf jedet Land n Pawiljong. Un in jedn sitzt n scheenet Meechn in Natzjonalkostüm un verkooft n andern Schnaps. In Pariser Pawiljong Benediktiner, in Petersburjer Wuttki, in Schweizer Alpenkräuter, in Belliner Jilka, na, un det so, verstehn Se, so um n janzn Erdball rum. Sein Natzjonalschnaps hat jedet Volk. Obn ufn Nordpol steht ne Sternwarte. De Welt will heute Wissenschaft. Un in de Mitte is de Hölle. Da komm se alle widder zusammn. An de Wände steht Meyers Konversatsjonslexikon, neuste Uflage, un de Kellners sind alle als rote Deibels verkleidt. Na un an Ausjank, wenn se denn so alle scheen dhune sind, denn jippts mein Weltunterjank jratis. Naphtali: (voll herausplatzend) Ausgeßaichnet! Gehrke: Sie sehn Herr Doktor, über welch prächtigen Humor unser lieber Freund verfügt. Fiebig: Nee, nee, Doktor! Sowat meen ick janich humoristisch. Jloobn Se, der Eiffelturm wah humoristisch? (zu Naphtali) Nu, wolln Se't nu, oder nich? Dadruff is noch keener jekommn! (schnupft) Naphtali: Ja, ich waiß nicht, Herr Doktor. Ich müßte man erst mal mit Herrn Scherl sprechen. Fiebig: Könn Se. Mit Scherln bin ick mal ne Zeitlang alle Dage zusammnjewesn. (hält ihm die Dose hin) Wolln Se eene? Naphtali: (ihn ignorierend, tut als ob er seine Uhr sucht. Zu Gehrke) Herr Doktor verßaihn, ich möchte Sie bitten, was wir haben ferre Zeit? Gehrke: Ach, Herr Hahn, wolln Sie so liebenswürdig sein? Hahn: O sehr gern. (sieht nach der Uhr) In sieben Minuten dreiviertel Sechs. Naphtali: Mein herzlichsten Dank! De Herren werden verßaihn? Um Sechse geht der Zuch. (verbeugt sich, klappt dabei den Chapeau claque auf, zur Tür. Gehrke hat sich gleichfalls verbeugt, und gibt ihm die Hand. Hahn ist aufgeschnellt, findet aber keine Gelegenheit zur Verbeugung) Morgen früh, Herr Doktor, wern Se's zun Kaffe lesen. Gehrke: Meinen verbindlichsten Dank, Herr Doktor. Also es bleibt dabei. Naphtali: Mit apodiktischer Gewißheit! Gehrke: (mit Naphtali bereits in der Tür) Es war mir eine Ehre. (Naphtali ab) Fiebig: (der sein Taschentuch gezogen hat, mißbilligend nach der Tür) Wat wah dn det forn Kerl? Wat wolltn deer? Det wah doch keen Spitzl? Ick muß sagn, der Mann hat mir janich jefalln. Der Lokal-Anzeijer is ja n janz jutet Blatt. Bloß det wundert mir doch, detter keene andern Leite hat? Den klebn doch ooch de fünf Finger von Nitschkn noch deutlich in de Jehirnschale? Gehrke: (geht an den Tisch, setzt noch einen Stuhl an ihn) O, ich meine, Sie könnten dem Herrn im Interesse unserer Sache eigentlich nur dankbar sein. Er hat mich für sein Blatt interviewt. Hahn: O, Herr Doktor, interviewt? Fiebig: (aufgeregt, beide Arme mit aufgespreizten Fingern hoch vor sich in die Luft) Dokter! Dets ja jroßahtich! Sehn Se, Ha Hahn? Hab ick't Ihn nich immer jesaacht? An den Mann wern Se noch mal zum deutschn Edison! Nu sind Se ja schon der deutsche Edison! (Hände über die Brust) Ick weeß nich, wenn mir det doch mal passierte! Gehrke: Oh, meine Herren, wer wie ich im öffentlichen Leben steht . . . Fiebig: (noch immer in Ekstase) Wissn Se, Doktor? Mit son Lorbeerkranz ufn Kopp könn Se jetz allns machn! Ahlwart is'n Amerika! Den lassn se nich mehr zurück. Jehn Se ufn neien Ahlwart los. T Zeuch zu ham Se! Gehrke: (überlegen lächelnd) Nun . . . (Geste) Meischen: (mit Schwabe, welcher ihr einen großen Waschkorb mit Geschirr und Eßwaren tragen hilft) Dä, Herr Schwabe, wenn Se so ghud sein wollen. (setzt den Korb auf einen Stuhl) Schwabe: Nu, dabei wern wer je nich verhungern. Hahn: (hilfsbereit aufgesprungen) Meischen: Danke scheen . . . so . . . das war emal ä Schdicke Arweit bis hierher! (zu Hahn) Nechah! Mir Fraun ham de Last und Ihr Männer habts Vergniejn. Hahn: Diener, Frau Doktor. Schwabe: (nimmt das Tuch vom Korb, faltet es sehr sorgfältig zusammen und hängt es über die Stuhllehne) Ja, det stimmt. Sechstet Buch Mosis. Gehrke: (strahlend) Guten Abend, mein Kind. (sich sofort liebreich, wenn auch noch diskret, ihrer diversen Vorzüge vergewissernd) Nun, du sorgsames Hausfrauchen? Meischen: Mei Benno! Na morjen biste widder bei die Meischen. (gibt ihm auf Spitzzehen einen Kuß. Er hält sie während des Folgenden um die Taille) Fiebig: (noch immer in größter Aufregung) Nee, wissn Se, det muß jefeiert wern! Ha Hahn, wo ham Se de Lichter? Meischen: Lichter? (Hahn versucht das Paket aufzumachen) Gehrke: Nun, Herr Fiebig, Sie gedenken wohl diesen Abend mir zu einem ganz besonders festlichen zu gestalten? Fiebig: Ach wat, n Dhaler kann doch bei mir keene Rolle spieln? Sie! Herr Wachtmeester! Dhun Se mir n eenzjen Jefalln und bringen Se mir n paar Ärme voll leere Bierpulln! Schwabe: Voll leere? Fiebig: Voll leere, ausjetrunkne Bierpulln! Vor jede Minute, die Se schneller kommn, jippts n Jroschn. Schwabe: (Finger hoch) Aha! Zu de Lichter. (ab) Fiebig: (rezitierend. Zu Gehrke und Meischen, die sich noch immer umschlungen halten) Selbst die stolze Putzmamsell Therese Tritt zu Bimmel-Bollens Fritzen ran; Erst besieht se sich den alten Käse, Dann besieht se sich den jungen Mann! Meischen: I, Sie ham woll ä gleenen Grach? Nu gommen Se schon widder mit Ihre alte Goldne Hundertzehn! (zu Gehrke, sich losmachend) Du nimm doch emal ä bischen deine Schreiberei wech. Mache! Gannst auch emal was dhun. Gehrke: (packt die Bücher usw. vom Tisch auf eine Etagere; noch immer strahlend) Gern, mein Kind. (Meischen reicht ihm während des Folgenden aus dem Korb die Sachen rüber, die er auf den Tisch stellt) Fiebig: (zu Hahn, der vergeblich versucht hat, das Paket aufzuknüpfen. Sein Messer ziehend) Zeijn Se mal her, Ha Hahn! (den Bindfaden durchschneidend) An die Strippe soll sich keener mehr dran ufhängn! Schwabe: (mit den leeren Flaschen) Na, det witt wol langn? Fiebig: Stelln Se man hier jleich uft Soffa. Ihre fünf Jroschn ham sich verdient. So, un nu machn Se noch scheen de Fensterladn zu. Kost, wat kost! Schwabe: Ick . . . mach . . . allns. (ab. Später werden von außen die Fensterläden zugemacht) Fiebig: Un jetz, Kinder, wolln ma mal det fidele Zellenjefänknis n bißkn illuminieren. Musik hammer! Nu noch Blumn. (zu Gehrke) Jott, vielleicht schickt Ihn eener welche? Mir is janz so. (steckt während dieses und des Folgenden mit Hahn die Lichter auf die Flaschen. Gehrke und Meischen leeren noch den Korb) Gehrke: Das wird ja in der Tat heute hier eine Festlichkeit, Herr Fiebig, wie ich sie selbst in meinen kühnsten Träumen nie erhofft hätte. Fiebig: Ach wat, Dokter. Sie sin man immer ville zu bescheiden. Wennt nach Ihn jinge, denn käm jetz unser Wachtmeester mit ne Kiepe voll Handschelln rin. Se wissn iberhaupt noch janich, wat Se jetzt forn Mann sind. Mit jedn von die drei Dage sind Se unsterblicher jeworn. Wenn det so weiter jeht, stehn Se in acht Dage ufn Dönhoffsplatz. Da jehn noch ne janze Masse ruff. Meischen: Nu, gammersch wissn, weeß mersch denn? Gehrke: Mein bester Herr Fiebig! Ihre lebhafte Phantasie, im Verein mit Ihrem guten Herzen, dürfte hier denn doch wohl ein wenig vorläufig zu meinen Gunsten übertreiben. Fiebig: Nee nee, Dokter, det kann'k Ihn sagen: Se wern sich janz jut machn in de Mitte. Jloobn Se, ick würde mir ekeln, wenn Se mir bei die Jelejenheit jleich ooch mit aushautn? (unterdessen ist aus dem Korb eine kalte Gans zum Vorschein gekommen) Gehrke: (seinem »geliebten Frauchen« überrascht-dankbar usw. usw.) Oh, mein liebes Kind! Das hast Du ja mal wieder sehr schön gemacht. Fiebig: Wat? Ne kalte Jans ham Se ooch? Anjenehmer Leuchnahm! Wissn Se, bei son Selijen bin'k nich vor de Verbrennung. Meischen: Ja, awer de Äppel kricht mei Benno! Gehrke: (zärtlichst) Goldchen! Fiebig: (gegen sein Gewissen) Ach, aus die olln Äppel mach ick mir ooch janischt! Ick halte mir lieber an die korpulente Schattenseite von den Vogl. Na, wat machn Sie denn forn dummet Jesichte, Ha Hahn? Hahn: (vom Klavier her) Ich? Fiebig: Nu, ick doch nich! An watt Se widder gedacht ham, weeß ick! An Annan! Brauchn Se janich rot zu werden. Nu sagn Se't man die olle Dame! Det mit Löbndhaln müssn Se ausnutzn. Hochzeitskladdradatsch mach'k Ihn jratis. Jott, n Schwiejersohn kann'k jeden Dach kriejn. An jeden Finger eenen. Abber der eene sauft, der andre is hinter de Meechns her, wie det so is. Bei Ihn bin'k ja sicher. So wah'k ooch mal . . . Se habn doch noch keene Dummheitn jemacht? (Hahn erschrocken) Sonst, det verplempert sich bald! Uf det Klavier könn Se ruh'ch zweee ruffsetzn. Klappn Se man ooch jleich dn Deckel uf. Niemann singt Joldstangn. Sie ham Lerchenkehlen in de Fingerspitzn. Spieln Se nachher n bißken wat Vierhändjet. Sowat hör ick an liebstn. Meischen: (zu Gehrke) Mähre doch nich so. Wie de widder bist. Jeden Auchenblick missen se gommen. Awer so isser allemal, mei Benno. Frieh gann er auch immer nich rausfinden. Siehste, wärschte vorgestern aufgeschtanden, wie ich geweckt habe, dann ghämste morchen schon um Achte heeme, und so lassen se dich erscht um Elfe widder naus! Awer de heerscht je nich. Gehrke: Aber liebes Kind, das muß sich doch wohl nach meinen Bedürfnissen richten. Fiebig: (ablenkend) Sonst, na . . . Bellermann kommt erst mit dn nächstn Zuch. Wissn Se, ick habe den Kerl orntlich lieb jewonn. Der Mann hat doch wenichstns n bißkn wat. De Annarchistn sin schon ins Französche ibersetzt. In de Königliche Bibliothek hier, hab'k jeheert, wern se nich ausjeliehn. Da stehn se in Jiftschrank! Aus den olln Kasimir, offn jestandn, kann'k mir nich ville machn. Mir hatter ooch anjeschnorrt. Gehrke: Immerhin, lieber Herr Fiebig, Sie vergessen vollständig die, wenn vielleicht auch etwas einseitig literarische, so doch unleugbar geniale Persönlichkeit unsres Freundes. Fiebig: Ach wat, schenjale Persönlichkeit! Ick bin ooch schenjale Persönlichkeit. Ick möcht wissn, wat jeht dn den meine Privatschatulle an? Pinke muß eener ham! Sehn Se Hahn an. Hahn hat beedet! Hahn: (der gerade eine Flasche mit einem Licht in der Hand hat, läßt diese fallen; das Licht rollt heraus. Hebt es verlegen wieder auf) Oh! Fiebig: Sehn Se, der is ooch man zu bescheiden. Abber der pellt sich doch wenichstns so sachte aus't Ei. Schnuppn dut e schon, wie n Oller. Hahn: (schnaubt sich still die Nase und stellt weiter auf) Fiebig: Jaja, ja! In Ihn irr ick mir nich. Aus Ihn witt noch mal wat. Ick wer Ihn sagen: machn Se n Stick aus Annan! Amor an Scheideweje. Der Naturalismus hat doch jetz abjewirtschaft. Erst de Stimper, denn wir Olimper! Machn Se Wildenbruchen dot. Leichner hat sich mit sein Fettpuder n Namen jemacht! Meischen: Und daß der Herr Werner ooch noch nich da is! Der gennte ein doch wenigstens ä bißchn was helfn. Fiebig: Ach, da kenn Se Wilhelmn schlecht. Der kommt erst, wenn se alle schon umn Disch sitzn. Der hat't ja man am neechstn! Meischen: (nachdem jetzt auf dem Tisch alles aufgebaut ist) Gucken Se mal, Hummermajonaise! Chaa! (alle gruppieren sich um den Tisch) Fiebig: Nee Kinder, wie een dabei zu Mut wird? Und det allns for die lausjn dreißich Mark? Ne kalte Jans, Pumpernickl, Hummermajonaise, Lachs, Rockfor, Uffschnitt von de feinste Sortn, n halbet Viertl Cavjar, Mixpickl, Selleriesalat un Appelsinen! Det sag'k ooch: sowat kann der ärmste Mensch essn. (zu Gehrke) Sehn Se wohl? Wah det nich ne jute Idee von mir? Det ham Se nu allns zusammjehungert mit Ihr Martirjum. Uf den Standpunkt steh ick ooch: Essen is't scheenste Verjniejen. So, Ha Hahn, un nu steckn Se de Lichter an! (Hahn steckt an, Fiebig beaufsichtigt das Ganze und schnuppert ab und zu nach dem Speisen- und Lichtergeruch) Schwabe: (der während der Rede von Fiebig das Bier gebracht hat) No, un hier det Reellste. (wieder ab) Meischen: Ja, das saacht mei Benno auch immer. An Essen und Drinkn därf mersch n nich abgehn lassen. So ä großer schdarker Ghärper verlangt auch was. Gehrke: Lassen Sie sich nichts weismachen, Herr Fiebig. Meine kleine Frau weiß sehr gut, daß ich im Grunde genommen für eine mehr vegetarische Lebensweise sein würde. (zu Meischen; sie wieder verdächtig tätschelnd) Nur in einem starken Körper, liebes Kind, wohnt der Wille zur Macht. Meischen: (ihn verschämt-selig auf die Hand schlagend) Ach, du! Fiebig: (warnend den Finger hebend) Dokter? Gehrke: Nun, nun. Meischen: (verliebt zu ihm rüber) Ja, so isser! (zu Fiebig) Ohne mich kann der garnich mehr ausgommen! Fiebig: (während Hahn die letzten Kerzen ansteckt) Nee, Kinder, nu sehn Se doch bloß, Ha Hahn: der reene Kristallpalast! Da, hier ham Se ooch noch eens verjessn. Wenn ick nich bin! (hat sich, die Hände vorm Bauch, vor den Lehnstuhl gestellt. Humoristisch-elegisch) Jetz wißt ick hier so een, der uns noch fehlte. Wieviel Daler isser mir doch noch schuldig? (nickt mit dem Kopf) Der stille Mann von Friedrichsruh . . . Die olle Raketenkiste in Sachsenwald. Na, un uft Soffa Firrchohn. Da wirdn wir wat erlebn! (es hat eine Zeit lang geklopft, ohne daß jemand darauf geachtet hätte) Dienstmann: (tritt ein mit einem Riesenbukett auf einer Stange, die er auf den Fußboden stellt. Das Bukett besteht aus: Weintrauben, Rosinen, Mohrrüben, Meerrettich, Sellerie, roten Rüben usw. Zwischen diesen eine Menge Blumen, darunter Rosen und andere farbig hervorstechende. In der Mitte, oben aufgespießt, ein mächtiger roter Hummer. Außerdem ist eine Büchse Stangenspargel, eine Tüte Bonbons, Äpfel und Tomaten zu unterscheiden. Das Ganze zunächst noch umhüllt von einem weißen Seidenpapier, das unten mit ein paar Stecknadeln zusammengesteckt ist. Alle stehen um den Dienstmann. Fiebig abseits, aber gleichfalls heftig teilnehmend) Nahmd die Herrschaftn! Ick hab hier schon ne janze Weile jekloppt. Bin ick hier recht bei Dokter Jehrkn? Gehrke: (zögernd, verwundert) Ja . . . Was ist denn das wieder? . . . Was wünschen Sie von mir? Dienstmann: Ick bring hier n kleenet Bukettkn. Meischen: Wo denn, von wem denn? Dienstmann: (aufklopfend) Nu, hier! Fiebig: Um Jottswilln, Mann! Kloppn Se nich noch mal mit uf! Det witt doch nicht explodiern? Dienstmann: Nöh! Dets janz wat Friedlichet. Damit bin'ck schon bis aus Bellin jefahrn. Gehrke: Da scheint sich jemand einen merkwürdigen Scherz erlaubt zu haben. Fiebig: (beleidigt) Jott, nu wickeln Se't doch erst mal uf. Wissn ja noch janich, wat drin is! Meischen: (zieht die Stecknadeln raus und wickelt das Papier ab) Nee, was das bloß widder sein wird? . . . Nee, Benno, gucke doch, is das awer mal hibsch! Hahn: Ach! Gehrke: Ja aber, wer hat Sie denn damit hergeschickt? Dienstmann: (immer noch den Strauß haltend, schnaubt sich die Nase, indem er das Taschentuch halb in der Tasche behält und sich danach bückt, wodurch er der Antwort überhoben ist) Meischen: Gucke, mei Benno, gucke, enne Bixe Schbargel is ooch derbei! Fiebig: No, Ha Hahn, leuchtn Se doch mal n bißkn zu die Bescheerung! Meischen: Un Riebn un Weindraum un Domadn, un der scheene, große Hummer obn druff, un die vielen, scheenen Blumen! Gehrke: Ja, aber, das ist alles ganz schön. Bloß wer hat Sie denn eigentlich geschickt? Fiebig: Nu, sehn Se doch mal nach! Vielleicht steckt n kleenet Biljeduh drinne? Meischen: (hat die Karte sofort entdeckt, gefaßt, und das Kuvert abgerissen) Da schdeckt was derhinder. So was hat mer doch gleich geahnt? Gehrke: Aber, liebes Kind, ich bitte dich. Schließlich ist doch wohl die Karte an mich. Meischen: Ja, eich Mannsleite soll eender dhraun! Gehrke: Ich wünsche , daß du mir die Karte gibst! Diese lächerliche Eifersucht immer! Ich begreife dich nicht! Meischen: Dann soll se wenigstens der Herr Hahn vorläsen! Hahn: (hält die Karte unschlüssig in der Hand) Fiebig: Ach wat, schmeißn Se dn schon lieber det olle Dings in dn Papierkorb! Son Sums! Gehrke: Meinetwegen, schön, Herr Hahn. Lesen Sie, was auf dem Wisch steht. Hahn: (mit schüchterner Stimme. Liest) Von (Pause) Von zarter Hand. Meischen: Meine Ahnung! So ä verfluchtes Weibssticke! Ich saache ja, mei Benno . . .! Gehrke: Es ist doch aber unerhört, solche Scherze! Fiebig: Jott no, Frau Dokter! Vielleicht is det ooch blooß n juter Freund jewesn! Mir schickn Se ooch immer sowat. Da rej ick mir doch nicht weiter bei uf? Meischen: Die ghuden Freinde! Die ghuden Freinde . . . die genn mer, (schnell) die mit die lange Zeppe! Fiebig: (langsam näher gekommen) Ja, nu, wenn Se't dn durchaus wissn wolln, ick habe gedacht, ick mach Ihm hier ne kleene Iberraschung, un nu verderbn Se mir't janze Verjniejn. Gehrke: Nun, siehst du, mein Kind. Eine Aufmerksamkeit von unserm lieben Freunde! (zu Fiebig. Ihm die Hand schüttelnd) Meinen herzlichsten Dank, Herr Fiebig. Fiebig: Jott nu, det hat mir doch selber Spaß jemacht? Dienstmann: Ja, dadruff kann'k n Meineid schwörn. Der Herr is't jewesen. Ick bin der dickste Dienstmann. Ick stehe an de Wilhelm- und Kochstraßen-Ecke. Ick hatte man bloß nich de Traute, mir mank de Ölichkeiten zu mischn. Ick bin ja ooch Familjenvater. Fiebig: Da ham wer't. Der Mann ooch! Wissn Se, denn ham Se schwer zu leiden. Familjenvater sin mer alle. Jebn Se mir de Hand! Det is die jroße Krankheit des Jahrhunderts. (Dienstmann drückt ihm die Hand) Meischen: Nee, Herr Fieb'ch, was Sie auch egal fer Gaksch machen! Denn war das awer wirklich sehr scheen von Sie. Da ham Se uns auch eene recht große Freide gemacht. Fiebig: No, hab'k 't nich jleich jesaacht? Nu so fünvunzwanzich Jahre jinger! Det kann'k Ihn sagn: Ihrn Dokter jink't jetz schlecht. Wissn Se, wir beede? Mir unterschätzen se man alle! Meischen: Nu, mei Benno, de bist mer doch nich mehr beese? Gehrke: Behüte mein Kund. Der neuen Seelenkunde ist das antithetische Fühlen des Weibes längst bekannt, und ich müßte ja ein Tor sein, wenn ich gegen ein Naturgesetz revoltieren wollte. Zumal heute! Wo mir das Herz . . . so voll ist. Meischen: (an seiner Brust) Mei Benno! Haste mich lieb, mei Schätzchen, biste glicklich? Gehrke: (sie küssend und an sich drückend) Wenn du wüßtest! Fiebig: Sehn Se, so is recht! Da nehm sich n Beispiel, Ha Hahn! Un jetz will'k Ihn ooch sagn, wat det Dingrichs hier iberhaupt zu bedeutn hat. De janze Welt, wissn Se, is mir ne eenzje Blumensprache. Det is det jroße Banner der Sozialaristokratie! Ha Hahn, nehm Se Ihre Neese wech! E beißt Ihn! (Herr Hahn, der sich nahe an den Strauß gebückt hat, schreckt zurück; schnelles, hastiges Anklopfen, die Tür geht sofort auf) Nanu? Bellermann: (der die Tür aufgerissen hat und jetzt diese noch, weit offen, am Drücker hält) E . . . entschuldigen Sie, meine Herrschaften! E . . . eine kleine w . . . wohlverdiente Ovation! Styczinski: (der jetzt ebenfalls in der Tür aufgetaucht ist und sich zur andern Seite plaziert) Bitte, Herr Werner! Werner: (mit einem großen, roten Kranz auf einer Stange, die er schwer vor den Bauch gestemmt trägt. Inmitten des Kranzes, auf weißem Karton, deutlich die Inschrift. Werner sie rezitierend. Pathetisch) »Dem Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht! Die vereinichtn Schuhmacherjeselln von Friedrichshagen und Umjejend!« Nu bin ick ooch Sozialaristokrat! Fiebig: Sehste Wilhelm? Det haste sauber jemacht. Sozialaristokraten sind mer alle. Der Kaiser is ooch Sozialaristokrat. Völker des Ostens wahrt eire heilichsten Jieter! Los, Ha Hahn! Ran! Hahn: (setzt sich und spielt) Fiebig: (der schnell eine Bierflasche vom Tisch genommen, öffnet den Patentverschluß und schwingt sie. Singend) Hoch . . . soll . . . er . . . le . . . ben! Alle: (singend) Hoch . . . soll . . . er . . . le . . . ben! (dreimal mit Musik) Amtsvorsteher: (während des zweiten Hochs in der Tür auftauchend. Mit verzweifelter Gebärde, die Hände im Bogen durch die Luft gerungen und vor den Bauch zurück, während die übrigen noch singen) Aber meine Herren! Meine Herren! Vierter Akt (Szene wie im zweiten. Der »Sozialaristokrat« in hohen Stößen. Im Nebenraum wieder gedämpft die Maschine.) Druckerjunge: (auf den Knien vor dem Ofen, schaufelt Kohlen ein.) Werner: (wieder auf dem Sofa) Man immer ruff! Det will heut widder janich wahm wern in die olle Bude. Junge: (ist fertig und hat den Ofen zugeklappt) Is jleich Pause. Soll'k Ihn wat mitbringn? Werner: Na wat läßt sich dn det hungernde Proletarjaht da drinne holn? Junge: No, for Herrn Müller soll'k n Silberpapiernen bringn. Werner: Nu, denn kann ick , als eier Prinzipal, mir doch man bloß n olln Mann leistn. Ick wer mer doch nich son Friehstück jenn, wie mein Mettöhr? Wat stehst dn noch, olle Dromlade? Wat wist dn noch? Junge: No, Jeld! Werner: Ach wat, Jeld! Allns will Jeld ham von een. Holst jleich noch wat und saachst, ick laß n scheen jrießen. E sollt uffschreiben! Bringst ne Weiße mit. No, ick soll dir wohl erst noch Beene machen, Rotzneese? Det sin so die Frichte von de moderne Erziehung. Tut ooch, als ob sein Vater Paster wah! Junge: (im Abgehen, für sich) Oller Ochse. Werner: Uah! . . . U! . . . Dets n Lebn! Fiebig: (schon von außen durch die Glastür sichtbar, klopft mit dem Finger an die Scheibe und sieht durch) Werner: No? Fiebig: (eintretend) Noch keener da? Werner: Nanu? Wo hast dn dein Han Hahn? Fiebig: Jott, wo soll ick uf eenmal immer Hahn ham? Ick weeß janich, wat Hahn mir anjeht? Ick bin doch nich sein Schwiejermutter? Werner: No, wat nich is, kann ja vielleicht noch wern. Fiebig: Ja woll doch! Se een könnt'k for meine Anna jrade noch brauchn. Nich wah? Detter mir det bißkn nachher ooch so uf diesen nunmehr schon nich mehr unjewehnlichen Weje verpohst? Iberhaupt! Offn jestandn, ick versteh janich, wie wir zu die janze Verricktheit eijntlich jekommn sind? Da hat uns doch eener n Floh in Kopp jesetzt? Zuerst wah keener wat, und uf eenmal wah alles Sozialaristokrat! Wat der alleene fer Bahnjeld jekost hat! (ist unterdessen ans Sofa zu Werner getreten, dieser hilft ihm im Liegen den Rock ausziehn, nicht ohne einige Zwischenstöhner) Werner: Jott, Oska! Wat kann der Mensch for seine Dummheit. Fiebig: Ach wat, bei die Erfindung von die Röntjenstrahlen brauch eener nich immer jleich beijewesn zu sind. Det nehm ick weiter keen ibel. Abber det is doch wahaftich nich zu ville verlangt, wenn eener n paa Fennje hat, detter se zusammnhält. Werner: Sehste Oska? So muß't kommn. Nu schimpfste uf den kristlichen Jinglink. Fiebig: Ach wat! Watte sagn wist, weeß ick. Det wäscht uns keen Rejen mehr ab. Die Dage iber sind mir moveh Szischehs jewesn! Der hat sich da mit uns in Sachen injelassn, die son jungen Menschen von Rechtswejn noch janischt anjehn! Ick habe schon manchn in de Literatur injeführt. Holzn und Schlafn je ooch! Die kam'n ooch zuerst zu mir mit ihre Familje Selicke. Is mir zu jrau, hab'k jesaacht. Ick will uf die Biehne Jold un Purpur sehn! Werner: (hat sich vom Sofa aufgehoben und sitzt jetzt, den Kopf in beide Hände gestützt) Jott, hab ick heut n Brummschädel! Fiebig: (der, den Zylinder, unter welchem ihm die schwarzen, struppigen Haare vorstehen, auf dem Kopf, noch immer nach einem Nagel sucht) Nagel natürlich ooch wieder nich! Da ham mers ja: moin! De janzn Uflagn! Scheene Bogn forn spekulativn Tapßier. T Kilo n Sekser! (Hat den Mantel auf den »Sozialaristokrat« geworfen) Werner: (nach einer kleinen Pause, dumpf) N Mensch ohne Jeld is wie n Affe. Fiebig: Mit wieviel hängt e dn nu schon bei dir? Werner: Det kannste Dir ja an de eejnen Finger abklawiern. De vierte Nummer hab'k nich mehr bezahlt jekricht. Fiebig: (hat unterdessen auch den Zylinder abgenommen und setzt sich. Legt Schnupftuch und Dose vor sich) Kurz un jut, de erste Rate is also jlicklich durch de Lappn. Dets nu de Quintessenz. Un de zweete kricht er nich mehr. Nach die Olle kann er nu pfeifn. Uf mir hat je abber natierlich keener jeheert. Ick habe ja det den jungn Mann jleich jesaacht: Jehrke is for Ihn nischt. Der Mann hat zu viele Jejner. Abber natierlich, noch nich jrien hinter de Ohrn, un denn abber man immer jleich: Ach wat verstehst du von mein Inchehnjum! Nu ham se n natierlich jlicklich uft Pollezeipräsidium! Werner: Nanu? Wat wolln se denn mit den uft Präsidium? Fiebig: Jott, wat solln se jroß mit det Kükn wolln? Aushorchn wolln se n. Bei mir aust Fenster hab'k de letztn Dage ooch schon immer een jesehn. Uf uns Schriftsteller hat je de Pollezei jleich n Ooge. (kurz nach dem Eintritt Fiebigs hat das Masschinengeräusch aufgehört) Junge: (kommt zurück mit einer großen Weiße und einem Teller, auf dem ein Knust Brot, Butter, Käse und ein Messer liegen) Hier, Meester! (steht noch und sieht Fiebig erwartungsvoll an) Fiebig: Nee, nee, mach man, dette rauskommst! Alle Dage rejents keene Jroschns. Nächstet Mal! Junge: (im Abgehen) Det nächste Mal kenn wer! (ab) Werner: (sich über den Käse hermachend) 'K wer dir sagn, Oska, is mein Fehler: 'k bin zu jutmietich. Zuerst hab'k jejloobt, 't jippt ne birrjerliche Wissnschaft un 't jippt ne sozialdemokratische Wissnschaft. Un wie ickt Spredowskn kenn jelernt habe, hab ick jejloobt, 't jippt ooch ne anarchistische Wissnschaft. Jetz jloob ick iberhaubt nich mehr an den Wissnschaft. Jetz jeh'k uf dn Kaptalistn los! Fiebig: Na, Wilhelm? (schnüffelt dreimal) Zu Weihnachtn, jloob ick, (schnüffelt zweimal) schenk ick dir doch wol man ne Jlocke for dein Liebling. Werner: (langt nach der Bibel, setzt sie ihm vor und ißt weiter) Da lakier dir mal erst n biskn deine Lebensjeister uf! Fiebig: (trinkt) Ja, abber uf die Art, Wilhem, kommt ja det heute jradezu zu die jroße Aussprache? Ick muß sagn, det paßt mir janich . Ick bin janich for sone Sachn! Werner: Wat ick von jehappt habe, Oska, det weeßte. Untern Tarif hab'k natürlich nischt berechent. Det Hauptkonto hat Jehrke. No, un den Polackn sein geschenktet Jeld hat je jleich seine Schlafmutter abjeholt. T wah ja man ooch for son kleenet Quartal! Fiebig: (Prise. Schnupftuch) Ja nu, det mit Jehrkn, offn jestandn, wundert mir je nu weiter nich. Sowat hat mir jleich jeahnt. Bloß ick weeß janich, wie wir iberhaupt zu den Bruder Kasimir jekommn sind? Der kam mir jleich so klebrich vor. Jedhan for det Blatt hatter doch nischt? Weeßt du, Wilhem, wer uns mit den anjeschmiert hat? Werner: Jott, Berlin is kleen, Inowrazlaw is jroß. Ick weeß ooch nich, aus welche Versenkung der uf eenmal ufjetaucht is. Ick jloobe, e hat mal sowat wie de Sphinx redijiert. Fiebig: Sonst, de Sphinx is n jutet Blatt. In de Sphinx stand mal wat von Dalai Lama! Man, jloobste, der schnorrt een bloß an? Biecher hatter mir ooch abjekneppt! Priaps Romane, 't beste Buch aus meine Bibliothek! Werner: Och det, Oska, det mit die Bilder? No, det muß man ja denn den jungn Mann lassn: schlechtn Jeschmack hatter nich! Fiebig: Nitschkn hab'k ja ooch janz gehappt. Den hat natierlich Spredowskn! Ick hab n selbst noch nich jelesn! Ick habe bloß mal erst n bißkn so in die »Fröhliche Wissenschaft« geschmökert. Der Titl hat mer so jefalln. Werner: Ach wat, immer mit dein olln Nitschkn! Wie 'k iber Hahn denke, weeßte. Hahn is je man son Klunkerschäfkn. Aber det muß man den kleen Kerl lassen: verbrauchn für sich dhuter ejentlich nischt. Detter dir for deine Anna . . . Fiebig: Ach Jott, Wilhem, nu laß doch det schon! Jloobste, mir intressiert det? Det du uf Hahn wat hältst, weeß ick. Wie er for dir is, weeßte iberhaupt noch janich. Ick halt ja ooch wat uf ihn! Man, det kann mir doch keener zumutn, det ik Annan son Luftikus jebe? Ick möcht wirklich wissn: wovon soll der Schornstein roochn? Det Jeld is nu futsch, un nu versteh'k wahaftich nich, wat mir hier Vorwürfe treffn! Ick weeß nich: wat soll'k hier iberhaupt? Ick jeh nach Hause! Werner: Ick habe ja ooch jedacht, ick habe den Druckuftrach, un nu bin'k obendruf noch der Rinjeschlidderte. Von Dein Herzblättkn alleene kann'k doch nich lebn. Abber ick wer dir sagn, wat det jroße Loch jerissn hat. Den Dokter seine Reklame! Fiebig: Ja, no, Wilhelm, n bißkn muß ick Jehrkn da doch in Schutz nehmn. De Reklame is heute der empfindsamste Thermometer von Weltmarkt. Jloobste, mir liefen se't Haus in, wenn ick nich immer hintn in Adreßkalender stände? Werner: Jaa . . . for de Zeitung! For sich hat der Windhund Reklame jemacht! Wat uns det alleene for Druck und Porto jekost hat, det det jroße kalte Jans- und Hummermajonaisen-Martirium von den Herrn Dokter jetz so sachte bis in de letzn Kreisblätter steht. In die Notizen warn da Andeutungen . . . na! Ick weeß , wat den in de Neese jestochen hat! Dein Löbndhal in Lokalanzeiger hat't ja janz deutlich zwischen de Zeilen geschrieben! Det mit unsre ehrliche Arbeet hier paßt den schon lang nich mehr. In Reichstach will det Luder sitzn! Fiebig: Nu, da hab ick n doch druff jebracht? In Ihn, hab'k jesaacht, steckt n Ersatz for Ahlwart! Werner: No, det Loch in de Hose zu hetter je schon. Der weeß , wie't jemacht witt! Jloobste, det de Schusters bei uns hier sone Dussels sind, det se den rotn Kranz von ihre Krankenjelder bezahlt ham? Bei mir ham se n inkassiert nächstn Morjn! Fiebig: Ja, Wilhelm, dets mir ja ooch fatal. Wat ick bestellt hatte, hab ick bezahlt . For so eenen hätt'k nu Jehrkn offnjestandn doch nich jehaltn. Gehrke: (in der Tür, die er brüsk aufgerissen hat) Bitte die Herren! (ist mit Bellermann und Styczinski eingetreten, wirft seinen Hut auf Fiebigs Sachen und setzt sich dann grußlos aufs Sofa neben Werner. Styczinski plaziert sich auf die Kiste, wobei ihn Werner höhnisch angrinst. Bellermann im Mantel, den Zylinder in der Hand, setzt sich auf den Stuhl, der dem Sofa gegenüber steht, nachdem er Fiebig durch eine leichte Verbeugung gegrüßt hat, die dieser im Sitzen erwidert) Werner: (sitzen geblieben) Moin die Herren! Gehrke: Herr Werner, ich habe Sie schon verschiedentlich darauf aufmerksam machen müssen, daß Sie unser Redaktionslokal nicht als Frühstücksstube benutzen. Wir befinden uns hier in keiner Destillation. Werner: (ruhig, unter allgemeinem Stillschweigen zur Tür, öffnet diese und ruft hinaus) Fritz! Junge: (von außen) Meester? Werner: (die Hand am Mund) Hol mal noch zwee Paa Wahme rum! For Herrn Fiebichn ooch! Gehrke: (hat ein Buch aufgenommen und wirft es heftig auf den Tisch) Fiebig: Jotte, ick eß ja jakeene! Ick will jakeene! (ist dabei mit dem Taschentuch Bellermanns Zylinder zu nahe gekommen) Bellermann: Pardon! Fiebig: Ick esse iberhaupt nie Friehstück! (zu Bellermann) Ick wer mir doch nicht Mittach verderbn? Werner: (hat sich wieder gesetzt. Hände in den Hosentaschen, die Beine weit weg, sieht er in die Luft) Gehrke: (zieht eine Zeitung aus der Tasche) Wir sind also in die Verhandlungen eingetreten. Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß ich auf meinen Artikel in der letzten Nummer hier (legt das Blatt auf den Tisch) eine Anklage erhalten habe. Sie erinnern sich: »Die freie Liebe im Lichte der Pädagogik.« Ich soll in demselben sogenannte Staatseinrichtungen verächtlich gemacht haben. Selbstverständlich habe ich mit unserm Rechtsbeistand bereits Rücksprache genommen. Herr Coßmann ist der Ansicht, es sei vollständig ausgeschlossen, daß ich diesmal mit weniger als den bekannten sechs Wochen davonkommen werde. Ich stelle daher den Antrag, daß für jede Eventualität die entsprechende Summe bereits heute sichergelegt wird. Ich habe keine Lust, noch einmal den Märtyrer für eine aussichtslos gewordene Sache zu machen. Werner: (noch immer dieselbe Stellung) So. No. Un ick stelle den Antrach, det mein Konto bejlichen witt. Ick bin ooch Märtyrer! Fiebig: Vor allen Dingen, Wilhem, stell ick den Antrach, det wir uns mal hier nich jleich mit Dynamitbomben beschmeißn. Ick habe ooch noch wat uf de Reichsbank. Wat wird dn der Krempl jroß machn, Dokter? Gehrke: Nun, wenn Sie das auslegen wollen, Herr Fiebig, ich kann im Prinzip nichts dagegen haben. Die bloße Strafe wird voraussichtlich sechshundert Mark betragen. Werner: Jrattuliere. Fiebig: (setzt die Dose auf den Tisch) n I, die Kerls sin wol verrickt? Die könn wol nischt vor? Ick denke, sowat is hier immer mit dreißich Mark abjemacht. Det muß n Redaktöhr doch wissen, watter schreibn derf un watter nich schreibt. Wofor isser denn Redaktöhr? Schließlich hab ick mein Jeld doch ooch nich bloß mits jroße Los jewonn! Iberhaupt! Wat jeht mir dn det an? Ick bin Familjenvater! Werner: (nach ihm von der Seite. Mit den gespreizten Fingern der rechten Hand) Dein Jlick, Oska! Fiebig: (in noch immer sich steigerndem Selbstbewußtsein) Un denn, da wir jrade mal so scheene bei sind, möcht ick mir doch auch mal bei die Jelejenheit jleich erkundijen: ick vermisse iberhaupt Spredowskn? Der scheint mer wol ooch mehr for Kneifn? Werner: Abber, Oska! Ick bitte dir! Der ist doch ooch nu schon widder längst in ne neuer Perjode. Det kannste dir doch denkn: uf de Entwicklung jippter nu nischt mehr. Der sitzt jetz uf seine Schlafstelle und lißt Nitschkn. Bellermann: (räuspert sich) U . . . unerhört! Gehrke: O, regen Sie sich nicht auf, Herr Bellermann. Sie sehn, auch ich bewahre meine Ruhe vollkommen. Ich bin längst auf alles gefaßt. Bei einem derartig ungleichen Niveau war eine solche Entwicklung der Dinge vorauszusehen. Bellermann: A . . . allerdings! Junge: (mit Teller, auf welchem die beiden »Warmen« und etwas Mostrich) Hier, Meester! Un ick soll Ihn ooch sagn, det det nu schon Sechse fuffzich macht. Werner: (der ihm den Teller abnimmt) Sehn Se, meine Herrn? Zahln beweisn! Nu, ne kleene Hippothek wer k wol bald ufnehmn müssen. (mit böser Anspielung auf Gehrke) For die »Lieder eines Übermenschen« weeß ick eenen, der mir noch nischt bekloppt hat. Fiebig: (ganz entsetzt) Mensch! Gehrke: (zu Werner) Ich verfüge leider über keine Schätze. Aber Sie dürfen beruhigt sein. So, oder so. Ich werde mich schon noch zu revanchieren wissen. Werner: Hoffen wir't. (schiebt den Teller Fiebig zu) Da, Oska, frisch von Faß! Bellermann: (steht auf) Fiebig: (faßt ihn am Mantel) Neenee, Herr Bellermann! Bleibn Se doch noch! Se tun mer n Jefalln! Ick mach mir ja janischt aus die olln Würschte. Bellermann: (setzt sich wieder) Es f . . . freut mich, Ihnen e . . . erwidern zu dürfen, daß es auch k . . . keineswegs . . . Ihre Persönlichkeit war, gegen die ich protestiert haben wollte. Fiebig: Wissn Se: ick habe ja ooch noch wat for Ihn. Steckt in den Tasche. Der Ulk hat wat iber Ihn jebracht. Bellermann: Oh! S . . . sehr verbunden, Herr Fiebig! Fiebig: Jaa, iber Ihn steht alle Oogenblick wat in de Blätter. Ick bin ja man immer mehr so in Annongznteil. Werner: Jut. Wenn de se nich willst, die kriej ick ooch noch alleene uf. Da jibt 't keene Hufneegel nach in Bauch! Bellermann: (zu Gehrke) Ein . . . Hauptgewicht, wie ich bemerke, wird hier auf eine . . . möglichst volkstümliche Diktion gelegt! Gehrke: Herr Werner! Ich bitte Sie wenigstens um Anstand! Werner: Hurrjott, Dokter, sehn Se denn nich, det ick det janze Maul voll ze dun habe? (zum Jungen, der solange an der Tür gestanden hat) Na, wat hast dn noch? Woll n biskn horch? Spioniern! Junge: Herr Müller freecht, wie det nu wird mit den Sozialaristokrat. Wenn t noch wat sin soll mit de nächste Nummer, missn wer Manuskript habn. Werner: (zu Styczinski) Na, wie is det, Herr von Baron? Vielleicht ham Se noch son kleenet Manuskriptkn, wat Se widder nich bei sich habn? Styczinski: Ich muß Sie bitten, Herr Werner. Mein Chef ist Herr Doktor Gehrke. Werner: Sonst, ick seh nich in! Wenn mir eener wat ufdrängt, ick sammel ooch abjeleechte Zehnmarkstücke. Gehrke: Geh an deine Arbeit, mein Kind. Wir können dich jetzt hier nicht brauchen. Junge: (mit einem Blick auf Werner ab. Man sieht, wie er hinter der Tür neben dem Kopf eine Handbewegung macht. Etwa wie: Au den Deuwel ja) Fiebig: Ick wer Ihn wat sagn, Dokter: wenn Not an Mann is, den Trinkspruch uf de deutschen Fraun habn Se nich jebracht. Meine Apperßiehs ooch nich. T is mir offnjestandn ooch lieber so. Nehm Se doch mein Weltunterjank! Ick jeb n Ihn! Werner: (stippt seine Wurst in den Mostrich und pfeift die ersten Töne von »Ach du lieber . . .« den Rest singend) Aujustiehn, Aujustiehn! Gehrke: (schlägt mit der Hand auf den Tisch und sieht ihn groß an) Werner: (noch einmal. Mit größerem Nachdruck) Aujustiehn! Bellermann: (aufgesprungen) M . . . mein Herr! Sie m . . . mißbrauchen entschieden die Situation! Werner: Ach wat, ick wer doch nich hier aus mir Wurscht machn lassn? Gehrke: (aufgestanden, durchaus gefaßt) Herr Bellermann. Wenn Sie vielleicht noch einen Augenblick aushalten wollen. Ich habe nur ein paar Worte zu sagen. Durch uns alle geht das starke Gefühl, daß die Katastrophe, welche die meisten von uns schon geahnt haben, hereingebrochen ist. Der Sozialaristokratismus war ja ein schönes Ideal. Allein, es hat sich jetzt herausgestellt, daß er ein verfrühtes Ideal war. Wir haben eben noch keine neuen Menschen. Wir müssen rechnen mit dem Bestehenden. Ein Tropf, wer sich auf Utopieen einläßt! Oder, wenn er sich auf solche einließ, wer dann nicht wenigstens noch rechtzeitig zur Besinnung kommt! Ich bedaure daher die mir in der Tat unerklärliche Abwesenheit des Herrn Hahn. Ich hätte sonst die Gelegenheit mit Freuden ergriffen, das mir so vertrauensvoll übertragene Amt dankend in seine Hand zurückzulegen. (setzt sich) Werner: (noch immer über seinem Wurstteller) Joa, de Fettposen sin ja det arme Hähnken nu jlicklich ausjezogen. Nu kanner je den gelehrtn Herrn Dokter nischt mehr nitzn. Durch Dreck zum Zweck. Durch de Lattenkammer in de Volkszertretung! Fiebig: Nee! Nu hörste abber ooch uf, Wilhem! Gehrke: Lassen Sie nur, Herr Fiebig! Ich glaube über derartige Insinuationen erhaben zu sein. Fiebig: Nu, versteht sich, Dokter, uf alle Fälle? (hält ihm seine Dose hin) Gehrke: Danke. Sie wissen: ich bin nicht Schnupfer. Ich warte nur noch auf das Eintreffen des Herrn Hahn. Fiebig: Ja, ick weeß ooch nich, wat der immer mit de Pollezei zu dun hat! E is uft Präsidjum. Gehrke: So, nun, das läßt ja noch schöne Dinge erwarten. Bellermann: N . . . nachdem die innere Haltlosigkeit dieses Unternehmens sich so a . . . angenehm herausgestellt hat, ist es gegen meinen Geschmack, eine eigne Angelegenheit hier erst noch zur Sprache zu bringen. Auch m . . . mir ist eine Anklage zugegangen. L . . . lächerlicherweise auf Grund des Unsittlichkeitsparagraphen. Die eventuelle Strafe trage nach diesen l . . . letzten, erfreulichen Vorgängen natürlich ich. B . . . bei der inkriminierten Stelle habe ich mir selbstverständlich gar nichts gedacht! Fiebig: (in seiner Tasche suchend) Ick jloobe doch, ick hab't mir ingesteckt? Hahn: (durch die Glastür sichtbar. Klopft) Gehrke: Herein! Fiebig: Sehn Se, Ha Hahn? Sie ham Jlick! Se kommn jrade mal wieder so an mittnmangstn. Na, wat saacht dn nu Windheim? Hahn: (hat sich vor den Anwesenden linkisch verbeugt) Gutn Tag! (zu Gehrke) Guten Tag, Herr Doktor! Gehrke: (der seine Anklage studiert) Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Fahren Sie nur fort. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, eilt nicht. Hahn: (nochmal Verbeugung. Zu Fiebig) Ja, eigentlich war wohl nur son Assessor da. Fiebig: Ja no, wozu lassn sich dn det jefalln? Wozu zahln Se dn Ihre Steiern? Ick würde jleich jesaacht ham, ick will zum Präsidentn! Bellermann: V . . . verzeihn Sie, Herr Fiebig! (zu Hahn) G . . . gestatten Sie, w . . . welches war also . . . schließlich der Grund . . . Ihrer sonderbaren Vorladung? D . . . diese deutschen R . . . Rechtszustände scheinen ja m . . . merkwürdig eigentümliche! Fiebig: Ach so, Herr Bellermann, ja: Se meen de Lynchjustiz? Iber die hab'k ooch wat! Ja, Ha Hahn, nu sagn Se't doch! Hahn: Ja, zuerst hat der Herr ja gefragt, wo wir das Geld herhaben. Fiebig: Nu, det ham Se doch den blauen Engel nich uf de Neese jehängt? Hahn: Ja, Herr Fiebig, ich habe gesagt, das sind die viertausend Mark gewesen. Fiebig: No, erlobn Se, Ha Hahn. Wenn'k det jewußt hätte, wer'k mit jekommn! Na, und wat hatter denn druf jesaacht? Hahn: Ja, gesagt hat er ja nichts, Herr Fiebig. Fiebig: Jesaacht hatter nischt! Det weeß'k ooch! So ville versteh'k ooch von de Verwaltung! Det hab'k von Dröschern. (zu Bellermann) Wissn Se: Der Mann is Jeheimrat. Is mein Schwager. Is Kanzleirat. Der hat Fühlung mit de Regierung. (zu Hahn) Nu, er muß doch abber wat jemacht ham? Hahn: Nein, er hat nichts gemacht, er hat bloß gelacht. Werner: Der Mann wah nich ufn Kopp jefalln! Fiebig: (empört) Nu, da beschwer'k mer doch? Wir lebn doch in keen Pollezeistaat? Bellermann: Ja, nun, und das . . . weitere, Herr Hahn? Hahn: Ja, und denn hab ich ihm auch sagen müssen, daß die Lieder eines Schmetterlings von mir sind. Aber die haben wir ja noch nicht gebracht. Werner: Na, un denn hat der Mann wieder jelacht! Fiebig: Ja, Wilhelm, offn jestandn: ick versteh dir janich mehr! Schon die janze Zeit iber. Du scheinst wohl Han Hahn forn Dussel zu haltn? Hahn: Ach, Herr Fiebig, ich bitte Sie, Herr Werner ist immer so liebenswürdig. Werner: Siehste Oska? Det saag 'k ooch. Mir muß man bloß eener zu nehmen verstehn. (mit Essen fertig, brennt die Zigarre an) Roochn dut wol wieder keener von die Herrn? Fiebig: No, un von mein Weltunterjank ham Se de Leute natierlich ooch alles erzehlt! (Tür auf, Kopf durch) Um Jottswilln? Waschfrau: (durch die Türspalte) Herr Dokter, Herr Dokter! Komm Se doch jleich zu Ihre Frau! 'S sind e paa janz fremde Herrn mit Zylinder da! (schleunigst ab) Fiebig: Sehn Se? Det hat bloß noch jefehlt! Nu ooch noch de Haussuchung! Bellermann: E . . . empörende Zustände! Gehrke: (aufgestanden) Meine Herren! Diese Lösung habe ich kommen sehn. Auf diesen Augenblick habe ich gewartet. Haussuchung oder nicht! Ich bin auf alles gewappnet! Nehmen wir an, Herr Bellermann hätte Recht! Dann könnte ich Ihnen nur sagen: Wieder wäre ein kulturelles Werk durch den Staatsanwalt vernichtet worden! Ich bedauerte dann herzlich die dadurch geschaffene mißliche Lage unseres armen Herrn Hahn. Und ich hätte angesichts solcher, wie Herr Bellermann dann allerdings ganz richtig bemerkt haben würde, empörenden Zustände nur die eine Bezeichnung: Sibirien in Preußen! Fiebig: (haut Bellermann aufgebracht auf die Schulter) Un det nennt nu det neunzehnte Jahrhundert Jedanknfreiheit! De Wissenschaft und ihre Lehre is frei. Ahtikl der preuschn Verfassung! Von mir hatter ooch noch n paa Postkartn! Gehrke: (Hahn die Hand reichend) Herr Hahn? Ich sehe Sie wieder. Herr Bellermann? Bellermann: A . . . also auf Wiedersehn! Fiebig: (streckt ihm die Hand hin und fühlt sich den Puls) Da, Dokter! Fühln Se mal! Nich n bißkn! Det Wort Angst muß janich in Ihrn Wörterbuch stehn! In mein steht ooch nich. Gehrke: (Hand bereits auf der Türklinke) Ich gehe. Wieder scheint administrative Willkür einer asiatischen Politik mich ohne Richterspruch verdammen zu wollen. Nicht genug, daß man mich, einen friedlichen Bürger, dem das Wohl seiner Mitmenschen über das eigene ging, ins Gefängnis geworfen und mich so an Freiheit, Erwerb und Gesundheit geschädigt, nein, die roten Emissäre der Gewalt bedrohen vielleicht schon, ich kann wohl sagen, selbst die schlichte Schwelle meines Heims. Nun, wer die betreffenden Herren auch sein mögen, ich werde sie zu empfangen wissen. (hat unterdessen nachgesehen, ob er auch alle Schlüssel bei sich hat) Es ist ein stolzes Wort, aber ich weiß, was ich ausspreche: Wir und die Zukunft! (Hut auf, ab) Werner: (große Züge paffend) Nu, der Hauptappl wär ja denn vont Roß jefalln. Bellermann: V . . . vielleicht verzeihn Sie, wenn ich mich . . . endlich empfehle. Die Debatte scheint immer . . . intimer zu werden! Werner: No, denn fällt je nu ooch schon der zweete (Räuspern) Sozialaristokrat. Bellermann: H . . . Herren Ihres Schlages gegenüber b . . . bin ich überhaupt Aristokrat. Werner: Det sieht man an Ihre englische Hosn! Bellermann: V . . . verzeihn Sie! Ich bin kaum dafür verantwortlich, daß Sie keinen . . . fashionablen Schneider haben. Werner: Wat? (indem er aufsteht und die Hände in die Hosentaschen steckt. In der einen Hand die Zigarre) Un Sie wolln aus det Land der Freiheit sind? Sie sin ja iberhaupt man n janz jemeener (die Faust aus der Tasche schleudernd) Rixdorfer! Bellermann: (schon halb in der Tür) G . . . gestatten Sie! Ich m . . . muß bemerken, und bin aus L . . . Lichterfelde! (ab) Styczinski: (ist aufgestanden, hat ihm unentschlossen nachgesehn und sich wieder gesetzt) Werner: (der sich gleichfalls setzt) So. No. Der scheint mir je denn ooch nich besonders jeliebt zu habn. Fiebig: Ja, ick weeß nich? Wat wah dn den? Der is ja immer jleich so ibelnehmrich? Sonst, det er n Amerikaner is, sieht man ihn an. Ick jloobe, er hat ooch mal wat zu mir uf Englisch jesaacht. Mir hält ja ooch jeder forn Belliner. No, un ick bin aus Mühlhausn! (zu Styczinski) Ihr Dokter hebt doch nich alles uf, watter kricht? Styczinski: Ja, Herr Hahn, Sie werden entschuldigen, auch nach mir ist recherchiert. Zum Glück war ich noch nicht zu Hause. Meine Wirtin . . . Sie wissen, ich bin russischer Untertan. Ich muß nach London. Ich habe nicht das Reisegeld. Hahn: Ja, natürlich. Selbstverständlich. Herr von Styczinski. Werner: Ach, wat! Hier mal erst Kies in de Molle. Zuerst kommt der Drucker. Se denkn wohl ooch, bei uns werdn de Seijlinge jleich mitn Zwanzigmarkstick int Portmanneh jeborn! Meldn sich doch! Forn nächsten Schupp! Styczinski: (zögernd aufgestanden) Fiebig: Ja, Jeld hab'k je ooch nich. Ick bin ja nich immer jleich uf sowat injericht. Werner: Nöh . . . wir ham hier alle keen Jeld. Hier riecht schon längst nach t letzte Ende von Monat! Styczinski: Ich empfehle mich. Fiebig: (unsicher) Ja, no, Se wern doch nich schon jehn? (von seinem Platz aus ihm nachrufend) Ick mache mir wat aus Ihre Jesellschaft! Werner: Halt doch det Maul, Oska! (ihm ebenfalls nachrufend) Sie! Sie habn doch nich Ihren Überzieher verjessn? Styczinski: (die Tür noch einmal halb auf) Ihr Schmutz trifft mich nicht mehr. Ich stehe zu hoch für Sie. Ich bin Europäer. Werner: Quatsch! Europäer! Mauseratzenfaller sind Se! Fiebig: (ist jetzt endlich auch aufgestanden, schlägt ärgerlich mit der Dose auf den Tisch) Nee, weeßte, Wilhem, nu is mir det abber doch zu ville! Det du dir det ooch noch mit den Europäer sagn lassn mußt? Ick hier bin wol nich aus Europa? Ick möcht wissn, wat ick unter solche Umstände hier iberhaupt noch zu dun habe. Die kram jetz womöglich schon zwischn meine Papiere! Der Dokter hat janz recht: De Rattn verlassn det Schiff. Kommn Se, Ha Hahn! (Geht zu seinen Sachen. Hahn hilft ihm während des Folgenden beim Anziehen) Werner: Ach wat! Mein Jeld will'k ham! Wie is dn det nu, Ha Hahn? Wenn jehn Se dn nu zu Ihre Tante? Fiebig: Wat det nu uf eenmal die olle Dame anjeht, möcht'k wissn. Die hat dir wol noch nich jenuch Kummer? Hahn: (verschüchtert. Halb mit Tränen kämpfend) Ja, entschuldigen Sie, Herr Fiebig. Ich war ja auch schon bei meiner Tante. Aber die is ja so böse, die will ja nichts mehr von uns wissen, die denkt ja, der Artikel is von mir. Fiebig: Ahtikl? Watn forn Ahtikl? Hahn: Nun, der von der Pädagogik, das heißt eigentlich wohl so mehr von der freien Liebe. Fiebig: I, die is wol nich mehr recht in Kopp? Werner: Jroßarchtich! Hahn iber de freie Liebe! Fiebig: Ach wat, Ha Hahn! Komm Se! Wir wern uns doch nich merkn lassn, det wir uns ärjern? Werner: (aufgestanden, näher getreten) Ja, nu, weeßte, Oska! Det mit den Dokter laß'k mer ja nu noch jefalln. Seit Löbndhal is der schon lange reif for de Jummizelle. Man, det find ick, offn jestandn, denn doch n bißkn komisch. Erst führste mir Han Hahn zu mit sein Druckuftrach, un wie ick nu mein Jeld ham will: Komm Se, Ha Hahn! Fiebig: Ach wat! Bald is de Welle obn, bald is de Welle unten. Ha Hahn is mer sicher. Du bist mer je ooch sicher. Jejn Dokter hab'k nischt. Dets n studierter Mann. Der hat immer seine Quelln. Der jeht nich unter. Det liecht in sein Karakter! Sin Se fertich, Ha Hahn? Passn Se uf, meine Frau hat se natierlich wieder ufjemacht. In Bellin sind se je noch verrickter. Mein janzer Weltunterjank liecht in de Schupplade! Werner: Ja, ja, Oska, mach man! Abber n bißkn dalli! Uf dir wartn se schon. Denn kann dir je Anna t Essen jleich in Henkelpott nach t Jefänknis bringn. Kloppst dir n bißkn mit Hammerstein! Fiebig: (schon in der Tür. In allen Gefühlen schillernd) Ach wat, da is janich zu spaßn. Det ick keene Angst habe, weeßte. Soweit kennst mir doch. Wenn ick zu fürchten anjefangn, hab ick zu fürchten ufjehört! Wenn ick mir man bloß nich mit den janzn olln Schwindel injelassn hätte! Dets Bedrickunk! Ick stecke die janze Sache iberhaupt Firrchohn! Der bringt't in Reichstach! Der is je ooch jejn Bismarck. Ick möcht wirklich wissn: wat jeht mir iberhaupt die janze, olle, poplije Sozialaristokratie an? Ick bin deutsch-freisinnich. Komm Se, Ha Hahn. (beide ab) Werner: Da! Nu jeht e! Un ick kann zusehn, wie'k zu mein Jelde komme. (Hand an der Tür, in den anderen Raum hinein) Jrieß den Exkuter! . . . Nanu? Fiebig: (verstört zurück. Hinter ihm drein Herr Hahn) Wilhelm! (mitten auf der Bühne) Werner: Ja, nu . . . waatn? Fiebig: (höchstes Entsetzen) Se kommn! Ick hab se durcht Fenster jesehn. Alle mit Zylinder! Heerste? (von draußen Geräusche. Stimmen) Werner: Nanu wird 't Dach. Det wolln wir doch mal erst abwahtn? Gehrke: (die Tür aufmachend, man sieht die drei Herren aus Arnswalde) Bitte die Herren! (die Herren verbeugen sich höflich. Fiebig retiriert, die Augen grauenvoll auf ihre Bäuche, mehr und mehr bis vorn in die Ecke links) Nun, wenn die Herrschaften durchaus wollen, ich bin so frei. (tritt ein) Werner: (breitbeinig, die Fäuste in den Hüften) Wat wünschn die Herrn! Gehrke: (zu Werner geschäftig-schnell) Sie gestatten. Herr Buchdruckereibesitzer Werner, Herr Schriftsteller Fiebig, Herr Verlagsbuchhändler Hahn. Die Herren haben die Ehre, den Wahlverein der antisemitischen Volkspartei von Arnswalde zu vertreten. Sie waren so gütig, mir im Namen ihrer Parteigenossen die Kandidatur für die, wie Sie wissen, inzwischen notwendig gewordene Ersatzwahl ihres Kreises anzutragen. Ich habe diese Kandidatur angenommen. (alle drei Herren verbeugen sich wieder) Ich danke Ihnen. Für dringend notwendig erachte ich natürlich sofort die Schaffung eines neuen Zentralorgans und kann nun für dessen technische Ausführung selbstverständlich keinen Bewährteren empfehlen als Sie, lieber Herr Werner. (die drei Herren verbeugen sich abermals) Einen germanischeren Repräsentanten der edlen Kunst Gutenbergs werden wir nicht finden. Wenn es den Herren also recht ist . . . Fiebig: (der sich von seinem Schrecken noch immer nicht hat erholen können, ist gegen die Wand getaumelt, an der er gebrochen lehnt. Zylinder schief, kreidebleich, Arme schlaff, der Stock fällt ihm polternd auf die Erde. Alle auf ihn zu, mit Ausnahme Werners) Werner: (durch die Tür, die er aufreißt) Fritz? N Jlas Wasser! Fünfter Akt (Hochparterre gelegenes Wohn- und Arbeitszimmer Dr. Gehrkes. Helle, billige Tapete. Im Hintergrund ein Fenster mit weißen Zwirngardinen und eine Tür, die auf eine Loggia geht. Dazwischen ein kleines Bücherbrett mit wenigen Büchern, auf dem eine ausgestopfte Eule steht. Vorn links über einem aus Korb geflochtenen Blumentisch mit einem Aquarium in der Mitte die Ölporträts des Ehepaars. Die Rahmen sind aus bronzierten, unbehobelten Brettern zusammengeschlagen. Um das Porträt Gehrkes hängt der große rote Kranz, die Inschrift draus ist mit Reißpinnen unter das Bild befestigt. Über dem Konterfei Meischens Schleier und Brautkranz. Weiterhin die Schlafstubentür; darüber ein Plakat: Willkommen! Dann, nach der Ecke zu, ein kleines Büfett mit Kaffeegeschirr und einer Wasserkaraffe. Rechts, ganz vorn, eine Chaiselongue, vor der ein weißes, abgeschabtes Ziegenfell liegt. Über das Möbel ist eine alte Chenilledecke gebreitet. An der Wand eine Schmetterlingssammlung, um die kleine japanische Fächer genagelt sind. Weiterhin die Nähmaschine und die Tür zum Korridor. Vor der Chaiselongue ein Tisch, auf dem Groggläser, Tassen, Teller und ein Petroleumkocher. Morgenlicht. Man bemerkt auf der anderen Seite der Straße hinter einem Stacheldrahtzaun ein Stück Kiefernwald, dessen Stämme sich von den Wipfeln ab allmählich immer rötlicher färben. Die Lampe auf dem Tisch brennt noch. Werner, Fiebig und Hahn schnarchend. Werner, über die Beine eine gestrickte Decke, zusammengerollt auf der Chaiselongue, Fiebig, um die Schultern ein großes Wolltuch von Meischen, ganz im Vordergrund auf einem Lehnstuhl, die Beine auf einem andern Stuhl, Hahn auf der andern Seite des Tisches, den Kopf auf der Tischplatte. Hahn schnarcht am lautesten. Werner: (im Schnarchkonzert plötzlich steckengeblieben. Sich aufrichtend. Reibt sich die Augen. Gähnt) Da hat mer doch von son Lutschproppn jetreimt? (die Hand vor der Stirn) Den hab ick doch mit Salz ausjeriem? . . . Sie, Ha Hahn! (packt ihn an die Schulter) Is dn der Ast noch nich balde durch? Hahn: (noch im Schlaf) Komme nach. Werner: Prohst! (gutmütig) Wachn Se man uf, Hähneken. Sie verstänkern ja dn Doktor de janze Bude. Hahn: (auffahrend) Jajajajaja! Is dn der Herr Doktor schon da? (sieht sich wirr um, zieht seine Uhr, blickt nach dem Fenster) Das ist ja schon Morgen! Werner: (Weste auf, Hosenträger) Nu Jott sei Dank! Son Dussel bin'k nich noch mal! Uf den ham wir jut jelauert. Der klebt womejlich noch in sein Arnswalde! Der zerstreute Jelehrte verpaßt den Zuch und de Jrattulantn schlagn sich die Nacht um de Ohrn. Wenn er nu nich jewehlt is, witt je nu doch nischt aust neue Zentralorjan. Hahn: (der sich auf seine Weise ebenfalls etwas in Ordnung bringt. Sieht wieder nach der Uhr, hält sie ans Ohr und kuckt nochmal drauf) Ja, meine Uhr ist wirklich schon nach Sieben, Herr Werner. Werner: No, Fahrplan hab'k in Kopp. Denn könntn je der Herr Jraf nu bald widder da sind. Ufn neechsten Zuch will'k dn noch waahtn. Um Achte steht mein Personal vor de Diere. Hahn: Wenn der Herr Doktor wenigstens noch n Telegramm geschickt hätte! Dann wüßte man doch wenigstens! Werner: Nu ja. Jewehlt mit eene Stimme pluß. Oder: Verhaun un rausjeschmissen, Jehrke. Jejenjezeichnet Dokter Moritz Wahrmann-Löbndhal-Naphtali. . . . Nischt! Man bloß jut, det wir nich noch mit die übrige Aasbande ufn Bahnhof jebliem sind. Die ham doch de janze Nacht durchjesoffn! Hahn: Ach ja, der Herr Doktor ist doch nun richtig effektiv populär geworden. Werner. Späßeken. Wenn Löbndhal hinter ein steht. (hat vom Tisch ein Stück Zucker genommen und schiebt es nun Fiebig in den offenen Mund) Cchh? (Hahn lacht diskret) Fiebig: (Grimasse) Nu, da simmer doch injeschlafn? Werner: Ja, un ick habe derweil jesessn un hab auch die Fliejen von de Neese jefangn! Fiebig: (unterm Tuch noch Kragen hoch) Det is ja so kalt? Hahn: Guten Morgen, Papa. Fiebig: No? Wat saachste nu? Wie in de Abruzzn! De Freunde in wollne Tiecher, un von Jefeiertn is noch nischt zu sehn. Wenn se n nu nich jewehlt ham, kriej'k wat zu hörn. De Weiber verstehn doch von nischt. Werner: Jaja, Oska. Trau du dir man jetz nach Hause. In dein Schlafrock möcht'k denn nich steckn! Fiebig: (sich noch fester einwickelnd) Ach wat, det 'k meine Frau nich bedrieje, weeß se! In mein Alter jeh'k doch nich mehr in den Feensäle? (zu Hahn) Brauchste jarkeene Angst zu ham. For Annan komm'k uf. Jehrkn haste ausjenutzt! Hahn: Ach Gott, nun ja, nicht wahr, das Geld wäre ja vielleicht doch wohl verloren gegangen. Fiebig: Nu, uf alle Fälle? Werner: Jippt dn noch keen Kaffee? De Jattin liecht wol noch ins Bett? (mit dem Fuß gegen die Tür) Sie! Madamkn! Wachn Se uf! Dreimal Kaffe for de Jäste! Fiebig: (zu Hahn) Du Rudolf! Fühl doch mal da in de Tasche nach. Da hab'k doch noch son paa Fefferminzplätzkns? Hahn: (zum Paletot Fiebigs) Meischen: (Nachtjacke, »Papilloten«; sieht durch die Tür) Nu, is'n mei Benno schon da? Werner: Ach wat! Mandarinn secht der Chinese! (reißt die Tür auf, man sieht Meischen in einem sehr kurzen Unterrock und Pantoffeln; sie kreischt auf und verschwindet. Werner drückt die Tür wieder zu) No, ick will nich indiskret sein. (schüttelt sich) Brrr. Nee. Sowat ufn nüchtern Magn? Hat dn keener n Schnaps da uf die Reize? Fiebig: Wilhelm! De bist hier Jast. Werner: (hat an einer Stelle die Decke aufgehoben und zieht einen langen Zippel Werg aus der Chaiselongue) Drum ooch. Da sind doch schon de Sprungfedern kaputt? Hahn: Da, Papa. Fiebig: (die Schachtel aufdrehend) Det Weib is n Abjrund mit Blumn. (ißt) Det tut jut, wenn man noch nischt jejessn hat. (hält die Schachtel Hahn rüber) Da! Is jesund! Hahn: (nimmt) Ja, aber ich muß doch nun schon um Neune aufm Bureau sein. Fiebig: (lutschend) Ach wat, det mach'k schon mit Dröschern ab. Wenn sich dein zukinftjer Schwiejervater mit dein Kanzleirat steht, denn haste ooch n Stein int Brett bei de Rejierung. Werner: (mit dem Petroleumkocher schwappernd) Is je noch janz voll. (zu Hahn. Handbewegung nach der Karaffe) Machn sich verdient. N biskn Wasser! (nimmt ein Glas vom Tisch) Noch n Neeje Jrock drin. (gießt sie in den Topf) Schmeckt der Kaffe besser. Fiebig: Spuck doch noch rin! Werner: Jott, wah je mein Jlas. Hahn: (der seinen Auftrag erledigt hat, setzt den Topf auf den Petroleumkocher, holt Streichhölzer aus der Tasche und steckt an; die beiden andern haben einen Augenblick zugesehen) Werner: (klopft ihm auf die Schulter) Jaja, Ha Hahn! Wir Jungjeselln! Lange dauert det nu nicht mehr! Wie fühln sich dn nu so als Bräutjam? Hahn: (ganz entzückt) Oh! Fiebig: (ärgerlich zu Werner rüber) Ach, wat! Wenn n Mensch jlücklich is, brauch er sich nich leid zu dun. (allgemein) Schmetterlings Dodt. (zu Hahn) Verdient hast es nich. (sich vor den Leib fassend) Ick weeß nich, seit die jraulichn drei Kerls neulich hab'k doch n Knax wech? Meischen: (Hausrock, Pantoffeln, Nachtjacke, Tuch drüber) Nee, was sagn Se nu bloß zu mei Benno? Muß mer sich da nich widder emal reenweg zuschandn ärchern? Gestern Ahmd hatter nu schon da sein sollen! Und ob er iberhaupt gewählt is, weeß kee Mensch. Wie ä Dummer is mer. Fiebig: (Prise) Ja, nu, det is doch so in die Poletik? E muß doch mit die Leite noch n Jlas Bier trinkn? Firrchohn kann achtzehn Seidl verdragn. Meischen: I cha wohl! So dumm bin ich auch nich. Das wissen mer schon, was de Männer machn, wenn de Frauen nich derbei sin. Aber das will ich Sie bloß saachn: den ham Sie aufm Gewissn. Sie ham mir mei Benno bloß eechal ufjehetzt. Schämen sollter sich in n Hals nein, so ä verheirater Mann. Fiebig: (Beine vom Stuhl) Natierlich! Ick habe allns ufn Jewissn! Hahn je wol ooch! Den hab ick je wol ooch ufn Jewissn, (stark betont) det seine Tante ihn det Jeld nu schon jleich for die Kinder festjeleecht hat? Hab'k ooch! Der soll sich mal erst son zweetn Schwiejervater suchn! Wat, Rudolf? Det wahn Stick Zeitjeschichte mit dein Sozialaristokrat! Meischen: Nu, Sie heirat er doch nich? Fiebig: Nich? So. No! Wer hat dn zu Ihrn Doktor immer jesaacht, se sind der neue Ahlwart? Solln Se sehn, der jeht jetzt ufn Reichskanzler los! Meischen: Nu, mer soll nischt verschweern? Werner: Wenn Löbndhal ihn det nötje Jeld zu vorstreckt? Meischen: D'r Herr Wahrmann kann alles, wasser will. Er saacht doch, uns Frauen wähln se auch noch mal in de Gesetzgebung? Werner: Ja, der kricht fertich und macht noch mal aus de katholsche Kirche ne Aktienjesellschaft. Fiebig: (in sein Tuch gewickelt) Mit dir als Papst, Wilhelm. Hahn: (beifällig lächelnd) Sehr gut. Werner: (mit seinem dicken Zeigefinger drohend) Hähneken? Meischen: I gucke da, s Wasser ham Se wohl schon aufjesetzt? Na da! (nach dem Büfett hin, dem sie eine Kaffeemühle entnimmt) Da missen mer wohl heite mal ene Bohne mehr nein dun? Werner: Sollste sehn, Oska, der kann den wieder vor Schwäche nich aus de Kanne loofn. Fiebig: (vor Kälte zusammenschuddernd; betreffender Laut) Meischen: (in die Kaffeemühle die Bohnen schüttend) Schimpn, schimpn dut nich weh, er mich schimpt, hat Lais und Fleh! (die Kaffeemühle Werner reichend) Dä! Werner: (die Kaffeemühle in Gang setzend) Jaa, fein is det hier nich. Abber jemietlich! (Meischen die Tassen aufstellend) Fiebig: (der jetzt aufgestanden ist) Nu, sonst? Dets doch hier son wissenschaftlichet Stübkn? Jott, fühl'k mein Kadawer . . . Da! Der Vogel der Jelehrsamkeit, Herrscher der Lüfte! Son Aquarium hab'k mer schon lange jewünscht. (steckt den Finger hinein. Zu Hahn) Siehste, Rudolf? So sin mir ooch mal int Wasser rumjehuppt. Sin unsre Vorfahrn. »Kraft un Stoff« hab'k je ooch! (zu Meischen) No, abber meine Frau kenn Se doch? Die is nich for de Naturkunde. Meischen: Cha, mit die alde Schweinerei hab'ch auch immer mein Grach. Da studiert mei Benno immer die Natur dran. Wolln Se mersch glauben, Herr Werner? Neilich, wie ich aus dem Bett steiche, bin ich Sie auf son nackten Molch mitm Beene getretn? Werner: Heern Se uf! Hahn: (der Fiebig nachgegangen ist. Wieder nach der Uhr sehend) Na, der Zug muß eigentlich aber schon längst wieder da sein. Fiebig: Nu versteht sich? Do! Is ja schon t Morjenrot! (zu Meischen zurück) Aurora in Ehl! (hat die Tür zur Loggia aufgeklinkt) Siehste, is det nu nich jut, dette deine Jedichte nich hat druckn lassn? Hier haste alles! Hier haste Wald, hier haste Jarten, hier haste Jemiese, hier haste alles! Werner: (den gemahlnen Kaffee ohne weiteres in den Topf kippend) Diere zu! 'T zieht! Hahn: (macht hinter Fiebig und sich die Türe zu) Werner: (dreht die Lampe aus und pustet von oben in den Zylinder) Pppph! Nu setzn sich doch, Frau Dokter! Der Kaffe kocht ooch alleene. Se jrauln sich doch nich? Meischen: Ach nee, Herr Werner, ich gann doch nich hier so alleine mit Sie bleibn? Ich bin doch auch noch gharnich angezoochen. Das schickt sich je gharnich. Werner: Nu watn? Se sin doch ne verheirate Frau? Se denkn doch nich, det ick Ihn hier wat dun wer? Meischen: Ja, Ihr Männer! Das hat mei Benno auch immer gesaacht. Werner: (sie um die Taille fassend) Nu, sehn Se! Un der hat Ihn doch ooch nischt jedan? Hm? (nach dem Bild hin) Da! E macht orntlich nochmal son dummet Jesichte! Meischen: (verschämt) Gott, ich bin ja nur mei Benno sei Meischen. Aber ich mach n so glicklich! Werner: (hat ihre Hand genommen) Ach nee, die Fingerkns. (von der Straße her, aus der Ferne, Gesang und Biermusik. Man unterscheidet deutlich die Melodie von »Deutschland, Deutschland über alles«) Fiebig: (in höchster Ekstase. Tür auf) Kinder, se kommn! Werner: Dunnerwettstock! Fiebig: Saacht'k nich? Der hat uns bloß wieder iberraschen wolln! Da hatter je 't Mandat! Meischen: (mit einem Schrei auffahrend, Hand am Herzen) Ach, mei Benno! Hab ich n Schreck gekricht. Und (selig) wie scheene se singen? Hahn: Soll ich auflassen? Fiebig: (die Tür schnell schließend) Um Jottswilln! (zu den übrigen) Nu wat improvisiern! Werner: Riejeln wir doch de Diere zu. Meischen: Ach, gehn Se weg, Herr Werner! Sie misstn iberhaupt noch mal auf de Benähmige? Hahn: Ja, wenn wir jetzt son Kostüm hätten, denn könnte vielleicht so Frau Doktor als Germania n Kranz überreichen? Werner: Kranz ham mer. Det läßt sich machn. Feste! (steigt auf einen Stuhl und hakt ihn runter) Da, Ha Hahn. Fiebig: Dets ne Idee! Los, Wilhem! Un de Germania mit'n Brautschleier! Paßt! Is det anjetraute Volk! Werner: (jetzt auch Kranz und Schleier reichend) Do! Vorspiejlung falscher Tatsachn. Fiebig: (den Schleier Meischen aufgeregt um Tuch und Nachtjacke drapierend) Det Weib in Schmucke der Myrte! Die Jungfrau als Jattin und Mutter! Meischen: Ach nee, Herr Fieb'ch. Se reißen mer je alle Haare aus. Nu soll'ch mich auch noch zu sowas hergebn. Fiebig: E poltert je schon de Treppe hoch! Werner: (von seinem Stuhl wieder runtergeklettert) Der scheint jut jeladn . (nach dem Fenster hin, durch das man sieht; ihr Gesang hat aufgehört, man vernimmt ihr Gesumm) Jurrjott, die Menschen! Hahn: (den Kranz reichend) Bitte schön, Frau Doktor. Meischen: Was? Dän auch noch? Nee! Das tu'ch nich. Da gomm'ch mer zu komisch vor. Fiebig: Ach wat, schnell! Det mauer'k doch nu ooch noch in mein Weltunterjank? (hat selbst den Kranz genommen, und steht damit parat) Werner: (Taschentuch. Ungeheure Trompete) Da kann eener orntlich jeriehrt bei wern. Naphtali: (mit Gehrke hinter sich; hat weit die Tür aufgerissen, die Situation sofort überblickend, Verbeugung nach Meischen, schwenkt seinen Zylinder; Impresarioton) Meine Damen und Herren! Gehrke: (in der einen Hand einen kleinen Koffer, in der andern einen Regenschirm. Bleiche Züge, Hut in die Stirn, etwas schwere Zunge) Nun? das ist ja . . . (Fiebig hat ihm ohne weiteres den Kranz übergestülpt) Welche Überraschung! Meinen herzlichsten Dank! Fiebig: Jaja, Dokter! De Poesie, die de Wissenschaft krehnt! So kommn jrade mit de ufjehende Sonne. Werner: (sein Taschentuch schwenkend) Judn raus! Naphtali: (grüßende, anerkennende Handbewegung) Bravo! Gehrke: O, lieben Freunde! Mietzemeischen! Ja, wo soll ich denn nun eigentlich meinen Koffer hinstellen? Hahn: O, bitte Herr Doktor! (hat ihm den Koffer abgenommen und vors Fenster gestellt. Von draußen, wo der Gesang unterdessen aufgehört hat: »Gehrke! Gehrke! Reden! Reden! Hut ab! Gehrke!«) Naphtali: (energisch) Ein kurzes Wort, Herr Doktor! (die Tür zur Loggia schwungvoll aufreißend, Gehrke passieren lassend) Gehrke: Die guten Leute! Fiebig: (während die Menge draußen Hoch ruft, hinter Naphtali als dritter raus. Das Tuch noch immer um die Schultern. Ins Zimmer zurück) Sehste Wilhelm, dets jetz hier nich mehr Friedrichs hagen , dets jetz hier Friedrichs ruh! Werner: (den Zug mit Hahn schließend, die Tür hinter sich auflassend. Halb zu Meischen) Ja: Bismarck und Ahlwart in eens. Meischen: (zurückgeblieben, selig an der Tür. Gesicht ins Zimmer) Gehrke: (den Kranz schräg um die Schulter, den Hut ins Genick, in der Linken den Regenschirm, mit der Rechten pathetische Gebärde) Volksgenossen! Ich danke Euch! Harrt aus im Kampfe gegen Mammonismus und Überkultur für germanisches Volkstum und die antikratische, sozialitäre Gesellschaftsform der Zukunft! Für Freiheit, Treue, Glaube, Wahrheit und Recht! (von draußen: »Schirm uf!«) Die Saat, die wir gesät haben in Leiden, geht auf in Freuden. Der Schnitter naht! Bei Philippi sehen wir uns wieder! (draußen: »Bravo, bravo! Da capo !« Fiebig, der die Rede mit Gestikulationen begleitet hat, klatscht in die Hände, Naphtali, mit seinem Spazierstock taktierend, intoniert in durchdringenden markanten Gutturaltönen, sofort wieder von der Musik begleitet: Deutschland, Deutschland usw. und umarmt ihn. Die Sonne ist aufgegangen, ihr Schein füllt das Zimmer) Gehrke: (allein zurück. Noch immer Kranz, Hut und Regenschirm; halb lallend) Deutsch bis ins Mark! Die Religion, die Monarchie, das Eigentum und die Ehe! . . . Meischen: (sinkt ihm in die Arme, schluchzend, die Tränen laufen ihr über die Backen) Mei Benno! Liebste mich? Biste glicklich? Gehrke: Mäuschen! Mäuschen! (küßt sie) Mietze meiselchen! (Geste nach draußen hin) Siehst du, mein Kind? Wie Ibsen sagt: Die Sonne, die Sonne! Naphtali: (den Schluß der Strophe ins Zimmer taktierend, während Gehrke und Meischen selig-versunken eine »Gruppe« bilden) Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!