Washington Irving Gottfried Crayon's Skizzenbuch Inhalt.         Des Verfassers Auskunft über sich Die Seereise Roscoe Das Weib Rip van Winkle Englische Schriftsteller über Amerika Landleben in England Das gebrochene Herz Die Kunst des Büchermachens Ein königlicher Dichter Die Dorfkirche Die Wittwe und ihr Sohn Die Schenke zum Eberkopfe in Eastcheap. Die Wandelbarkeit der Literatur Begräbnisse auf dem Lande Die Gasthofsküche Die Geisterbraut Die Westminster-Abtei Weihnachten Die Landkutsche Weihnachtsheiligabend Der Weihnachtsfeiertag Das Weihnachtstags-Mittagessen Klein-Britanien Stratford am Avon Züge indianischen Charakters Philipp von Pokanoket John Bull Der Stolz des Dorfes Der Angler Die Sage von der schläfrigen Schlucht Des Verfassers Auskunft über sich. Ich theile ganz und gar diese Ansicht Homer's: wie die Schnecke, welche aus ihrer Muschel kroch, baldiglich in eine Kröte verwandelt und somit genöthigt ward, sich einen Stuhl zu machen, auf dem sie sitzen konnte; so wird auch der Reisende, der aus seiner Väter Heimath gezogen, in ganz kurzer Zeit in eine so ungeheure Form umgestaltet, daß er williglich seine Wohnung mit seinen Sitten ändert und gern da lebt, wo er kann, nicht, wo er möchte. Lily's Euphues . Es machte mir stets Vergnügen, neue Landschaften aufzusuchen und eigenthümliche Charaktere und Sitten zu beobachten. Schon in meinen Kindesjahren begann ich meine Reisefahrten und machte manchen Entdeckungs-Ausflug in fremde Theile und unbekannte Gebiete meiner Vaterstadt, wodurch ich meine Eltern öfter in Angst versetzte und die Einkünfte des Stadt-Ausrufers steigerte. Mit meinem Eintritt in das Knabenalter erweiterte ich den Kreis meiner Beobachtungen. Meine freien Nachmittage brachte ich mit Streifereien in der Umgegend hin und machte mich mit all ihren, in Geschichte und Sagen berühmten Stellen bekannt. Ich wußte alle Punkte, wo ein Mord oder Raub begangen, oder ein Geist gesehen worden. Ich besuchte die benachbarten Dörfer, achtete auf ihre Sitten und Gewohnheiten, unterhielt mich mit ihren Weisen und großen Männern und vermehrte so den Vorrath meiner Kenntnisse bedeutend. Eines langen Sommertages machte ich sogar eine Reise auf den Gipfel des entlegensten Berges, wo sich meinem Auge manche Meile unbekannten Landes erschloß und ich mit Erstaunen gewahr ward, welch einen ausgedehnten Erdball wir bewohnen. Diese umstreifende Neigung wuchs mit den Jahren. Reisebeschreibungen zu See und zu Land wurden meine Leidenschaft, und indem ich ihren Inhalt verschlang, vernachlässigte ich die regelmäßigen Schulübungen. Mit welchem Genusse wanderte ich oft auf den Hoofden In die See gehende Dämme vor den Höfen, wodurch die Wellen gebrochen werden. – Anmerk. des Uebers. und achtete der nach fernen Gegenden abgehenden Schiffe; mit welch sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihren sich senkenden Segeln nach und sah mich in Gedanken den Enden der Erde zugeführt! Fortgesetztes Lesen und Nachdenken brachten diese unbestimmte Neigung zwar in vernünftigere Schranken, halfen sie aber nur noch entschiedener machen. Ich besuchte verschiedene Theile meines Vaterlandes, und wäre ich bloß von der Liebe zu schönen Landschaften geleitet worden, so würde ich kaum den Wunsch gefühlt haben, sie anderswo befriedigen zu wollen; denn in keinem andern Lande ist die Natur so verschwenderisch mit Reizen ausgestattet. Seine mächtigen Seen, Meeren von flüssigem Silber ähnlich; seine Berge mit ihren prächtigen, duftigen Tinten; seine von wilder Fruchtbarkeit strotzenden Thäler; seine furchtbaren Wasserstürze, die in ihrer Einsamkeit donnern; seine unbegrenzten, in üppigem Grün wogenden Ebenen; seine breiten, tiefen Ströme, welche sich in feierlichem Schweigen dem Meere entgegen wälzen; seine bahnlosen Wälder, wo sich die Vegetation in ihrer ganzen Pracht entfaltet; sein Himmel, der in dem Zauber der Sommerwolken und des glorreichen Sonnenscheins funkelt: – nein, der Amerikaner, welcher erhabene und schöne Landschaftsgemälde sucht, braucht nie außer Landes zu gehen. Aber Europa zeigte lockend all die Reize geschichtlicher und poetischer Erinnerungen. Die Meisterwerke der Kunst waren dort zu sehen, die Verfeinerungen einer hochgebildeten Gesellschaft, die anziehenden Eigenthümlichkeiten alter, örtlicher Sitten. Mein Geburtsland war jugendlicher Versprechungen voll; Europa war reich an Schätzen, welche Jahrhunderte angehäuft hatten. Selbst seine Ruinen erzählten die Geschichten vergangener Zeiten und jeder zerbröckelnde Stein war eine Chronik. Ich sehnte mich, auf der Schaubühne berühmter Thaten zu wandeln, – in die Fußtapfen des Alterthums, wenn ich so sagen darf, zu treten, – um die zerfallene Burg zu streifen, – über den einbrechenden Thurm mich in Nachdenken zu versenken, – mit einem Worte, der verbrauchten Wirklichkeit der Gegenwart zu entfliehen und mich in der schattigen Größe der Vergangenheit zu verlieren. Ich hegte überdieß den ernstlichen Wunsch, die großen Männer der Erde zu sehen. Wir haben allerdings unsere großen Männer in Amerika; es gibt keine Stadt bei uns, welche nicht eine beträchtliche Menge derselben aufzuweisen hätte. Ich habe mich zu meiner Zeit zu ihnen gesellt und fühlte mich durch den Schatten, in welchen sie mich stellten, fast verschrumpft; denn es gibt für einen kleinen Mann nichts schrecklicheres, als der Schatten eines großen, besonders des großen Mannes einer Stadt. Es trieb mich aber, die großen Männer Europa's zu sehen; denn ich hatte in den Werken verschiedener Philosophen gelesen, alle Thiere arteten in Amerika aus, und somit auch der Mensch. Ich dachte daher, ein großer Mann Europa's müsse über einen großen Mann Amerika's wegragen, wie ein Alpengipfel über das Hochland des Hudson; und in diesem Gedanken mußte ich auch durch den Anblick verhältnißmäßiger Wichtigkeit und stolzer Erhabenheit vieler Engländer, die uns besuchten und welche, wie man mich versicherte, in ihrem eigenen Lande sehr kleine Leute waren, mich sehr bestärkt finden. Ich will dieses Land der Wunder heimsuchen, dachte ich, und das Riesengeschlecht sehen, das in mir ausgeartet ist. Mein Glücks- oder mein Unglücksstern wollte, daß meiner Reisesucht Genüge geschah. Ich habe verschiedene Länder durchwandert und viele der wechselnden Scenen des Lebens mit angesehen. Ich könnte nicht sagen, daß ich sie mit dem Auge eines Philosophen durchdrungen hätte; ich verweilte eher mit dem müßigen Blicke bei ihnen, mit welchem unbemittelte Freunde des Malerischen von dem Fenster eines Kupferstichhändlers zu dem eines andern schlendern und bisweilen durch das Abbild der Schönheit, bisweilen durch die Verrenkungen der Karrikatur, und bisweilen durch die Lieblichkeit der Landschaft gefesselt werden. Da es bei den Touristen der Neuzeit Mode geworden ist, mit dem Bleistift in der Hand zu reisen und ihre Mappen mit Skizzen angefüllt nach Hause zu bringen, so fühle ich mich geneigt, zur Unterhaltung meiner Freunde einige derselben auszustellen. Doch sinkt mir bei dem Durchblättern der Bemerkungen und Andeutungen, welche ich zu diesem Zwecke niederschrieb, fast der Muth, wenn ich sehe, wie weit mich meine müßige Laune von den großen Zwecken, welche jeder ordentliche Reisende, der ein Buch schreiben will, zu studiren pflegt, hinweg geführt hat. Ich besorge, ich muß das Loos eines unglücklichen Landschaftmalers theilen, welcher das Festland bereiste und, indem er seiner Schlenderlaune den Willen ließ, nur Ecken, Winkel und abgelegene Orte zeichnete. Demzufolge war sein Skizzenbuch mit einer Menge von Hütten, Landschaften und unbekannten Ruinen angefüllt; aber er hatte versäumt, die St. Peterskirche und das Coliseum, den Wasserfall von Terni und den Meerbusen von Neapel zu malen, und in seiner ganzen Sammlung war nicht ein einziger Gletscher oder feuerspeiender Berg zu finden. Die Seereise.                     Ihr Schiffe, ich erspäh' euch,               Auf der Flut –               Und ich komm' und seh' euch;               Sagt, was ihr beschützet,               Und was ihr nützet,               Wohin ihr geht, was ihr thut. Eins segelt fort, in Handel und Verkehr, Ein andres bleibt, des Landes sichre Wehr, Ein drittes kömmt nach Haus, an Schätzen schwer.       Halt ein, mein Geist, wohin enteilest du? Altes Gedicht . Für einen Amerikaner, der Europa besucht, ist die lange Seereise, die er zu machen hat, ein treffliches Vorbereitungsmittel. Der einstweilige Mangel aller weltlichen Auftritte und Beschäftigungen bringt einen Gemüthszustand hervor, welcher besonders geeignet ist, neue und lebhafte Eindrücke aufzunehmen. Der weite Wasserraum, welcher die Halbkugeln trennt, ist wie ein weißes Blatt im Leben. Hier ist kein allmähliger Uebergang, durch welchen, wie in Europa, das Aussehen und die Bevölkerung eines Landes fast unmerklich mit denen eines andern sich verschmelzen. Von dem Augenblicke, wo ihr das Land, das ihr verlaßt, aus dem Gesicht verliert, ist Alles ein leerer Raum, bis ihr am entgegengesetzten Strande aussteigt, und plötzlich in das Geräusch und die Neuheit einer andern Welt geschleudert werdet. Wenn man zu Lande reist, führt das Ununterbrochene der Gegenden und eine dauernde Folge von Personen und Vorfällen die Geschichte des Lebens fort, und vermindert die Wirkung von Abwesenheit und Trennung. Wir schleppen allerdings »eine sich verlängernde Kette« bei jedem Vorschreiten auf unsrer Pilgerschaft weiter; allein diese Kette ist ununterbrochen: wir können sie Glied um Glied zurückverfolgen und wir fühlen, daß das letzte uns stets an die Heimath fest bindet. Aber eine weite Seereise trennt uns auf einmal. Sie macht uns bewußt, daß wir des sichern Ankergrundes des geregelten Lebens verlustig geworden, und blind in eine ungewisse Welt hinausgeschickt sind. Sie legt eine, nicht bloß eingebildete, sondern wirkliche Kluft zwischen uns und unsere Heimath – eine, Stürmen, Furcht und Ungewißheit preisgegebene Kluft, welche die Entfernung fühlbar, die Rückkehr unsicher macht. Das war wenigstens der Fall bei mir. Als ich den letzten blauen Streif meines Geburtslandes wie eine Wolke am Horizonte verbleichen sah, glaubte ich Ein Buch der Welt und dessen, was sie enthält, zugeschlagen, und nun Zeit zum Nachdenken zu haben, ehe ich das andere öffnete. Nebst diesem – welche Veränderungen konnten sich in dem Lande ereignen, das vor meinen Blicken verschwand und welches Alles, was es im Leben Theures für mich gab, in sich schloß, – welche Umwandlungen konnten in mir selbst stattfinden, ehe ich es wieder besuchte! Wer kann, wenn er auf die Wanderschaft auszieht, sagen, wohin er von den ungewissen Fluthen des Daseins getrieben, wann er zurückkehren, oder ob es ihm je beschieden werden möchte, den Schauplatz seiner Kindheit wieder zu besuchen? Ich habe gesagt, auf der See sei Alles eine große Leere; ich muß diesen Ausdruck verbessern. Für Einen, der den Träumen am lichten Tage ergeben ist, und sich gern in sich selbst verliert, bietet eine Seereise eine Menge Gegenstände des Nachdenkens dar; aber dann sind es die Wunderwerke des Meeres und der Luft, und das Gemüth wird von den Gegenständen des Weltlebens fast ganz abgezogen. Ich freute mich, über das Geländer des Verdecks mich zu lehnen, oder an einem stillen Tage auf die große Stange zu klettern und stundenlang auf den ruhigen Busen eines Sommer-Meeres hinabzuschauen, die Massen goldener Wolken zu betrachten, die so eben über den Horizont emporstiegen, sie mir als ein Feenreich zu denken und mit Geschöpfen meiner Einbildungskraft zu bevölkern; oder die sanft sich hebenden Wellen zu beobachten, welche ihre Silberkreise dahin rollten, als ob sie an jenen glücklichen Gestaden sich verlieren sollten. Es war ein angenehmes, mit Sicherheit und Furcht gemischtes Gefühl, mit welchem ich von meiner schwindelnden Höhe auf die Ungeheuer des Meeres und ihre seltsamen Sprünge niederblickte. Schaaren von Meerschweinen, sich um das Hintertheil des Schiffes tummelnd, der Nordcaper seine gewaltige Masse langsam über die Oberfläche erhebend, oder der raubgierige Hay, wie ein Gespenst durch die blauen Gewässer schießend. Meine Einbildungskraft beschwor Alles herauf, was ich von dem Wasserreiche unter mir gehört oder gelesen hatte: – die beschuppten Heerden, welche seine bodenlosen Tiefen bewohnen; die gestaltlosen Ungeheuer, welche in dem Grunde der Erde hausen, und alle die wilden Gespenster, welche in den Erzählungen der Fischer und Matrosen so vieles Grausen erregen. Zuweilen ward auch ein entferntes Segel, am Saume des Meeres dahingleitend, ein Gegenstand müßiger Vermuthungen. Wie anziehend ist dieß Bruchstück einer Welt, das sich an die große Masse des Daseins anzuschließen eilt! Welch ein ruhmvolles Denkmal der menschlichen Erfindung, welche so über Wind und Wellen triumphirt; welche die Enden der Erde mit einander in Verbindung gebracht, und einen Austausch aller Segnungen des Lebens bewirkt hat; welche in die unfruchtbaren Regionen des Nordens alle Ueppigkeit des Südens ausgießt; welche das Licht der Erkenntniß, die Annehmlichkeiten des gebildeten Lebens verbreitet, und so diese zerstreuten Theile des Menschengeschlechts, zwischen welche die Natur eine unübersteigliche Grenze gesetzt zu haben schien, miteinander vereinigt hat. Wir entdeckten eines Tages einen gestaltlosen Gegenstand, der in einiger Entfernung dahintrieb. Auf dem Meere erregt Alles, was die Einförmigkeit der Wasserfläche umher unterbricht, unsere Aufmerksamkeit. Es fand sich, daß es der Mast eines Schiffes war, das gänzlichen Schiffbruch erlitten haben mußte; denn man sah da die Ueberbleibsel von Taschentüchern, womit einige von der Schiffsmannschaft sich an dieß Holz festgebunden hatten, um nicht von den Wellen hinweggerissen zu werden. Keine Spur war zu finden, durch welche man den Namen des Schiffes hätte entdecken können. Das Wrack hatte offenbar manchen Monat umhergetrieben; Haufen von Muscheln hatten sich um dasselbe gehängt und langes Seegras flatterte daran herab. Aber wo, dachte ich, ist die Mannschaft? Ihr Kampf ist längst vorüber – sie gingen im Brüllen des Sturmes unter, – ihre Gebeine liegen bleichend in den Höhlen der Tiefe. Stillschweigen, Vergessenheit haben sie verhüllt, wie die Wellen, und Niemand kann die Geschichte ihres Unterganges erzählen! Welche Seufzer sind diesem Schiffe gefolgt, welche Gebete wurden an dem verlassenen Herde zu Haus für dasselbe zum Himmel empor gesendet! Wie oft hat die Geliebte, das Weib, die Mutter, die Zeitungen durchsucht, um irgend eine gelegentliche Nachricht von den Wanderern auf dem Meere zu finden! Wie verdunkelte die Erwartung in Besorgniß – die Besorgniß in Angst – die Angst in Verzweiflung! Ach! kein Andenken wird je zum Vorschein kommen, die Liebe zu erfreuen. Alles, was man je erfahren wird, ist: »das Schiff segelte aus dem Hafen, und man hat nie wieder von ihm gehört!« Der Anblick dieses Wracks gab, wie gewöhnlich, Veranlassung zur Erzählung mancher traurigen Geschichten. Besonders war dieß am Abend der Fall, wo das Wetter, das bisher schön gewesen, sich auf einmal wild und drohend zu gestalten begann und einen der plötzlichen Stürme verkündigte, welche zuweilen in die Heiterkeit einer Sommerreise hereinbrechen. Während wir bei dem trüben Licht der Lampe in der Kajüte umher saßen, wußte Jeder eine Geschichte von Schiffbruch und Unglück. Besonders ergriff mich eine kurze Erzählung des Capitäns. »Als ich einst,« sagte er, »auf einem schönen, starken Schiffe über die Bucht von Neufundland segelte, machte es einer der starken Nebel, welche in jenen Gegenden gewöhnlich sind, unmöglich, selbst am Tage weit vor uns zu sehen; in der Nacht ward aber die Luft so dicht, daß wir auf das Doppelte der Schiffslänge durchaus keinen Gegenstand unterscheiden konnten. Ich ließ Lichter an den Mastbaum hängen und stellte stets eine Wache aus, um nach den Fischerbooten auszuschauen, die gewöhnlich an dem Strande vor Anker liegen. Der Wind blies fühlbar scharf und wir segelten sehr schnell. Plötzlich machte die Wache Lärm mit: »ein Segel vor uns!« – Dieses Wort war kaum ausgesprochen, so fuhren wir schon darüber hin. Es war ein kleiner Zweimaster, der, mit der Seite nach uns hin, vor Anker trieb. Die ganze Mannschaft schlief und hatte versäumt ein Licht auszustecken. Wir stießen gerade auf die Mitte des Fahrzeuges. Die Stärke, Größe und das Gewicht unseres Schiffes drückte jenes unter die Wellen; wir segelten darüber hin und wurden auf unserer Bahn weiter getrieben. Als das krachende Wrack unter uns sank, sah ich zwei oder drei halbnackte Unglückliche aus der Kajüte stürzen; sie kamen gerade aus ihren Betten, um aufschreiend von den Wellen verschlungen zu werden. Ich hörte ihr halb ersticktes Geschrei, das sich mit dem Winde vermischte. Der Windstoß, der es zu unseren Ohren trug, trieb uns zugleich so weit, daß wir es ferner nicht mehr hören konnten. Ich werde dieß Geschrei nie vergessen! Es währte einige Zeit, ehe wir das Schiff wenden konnten, so rasch ging es vorwärts. Wir kehrten so nahe, als wir uns erinnern konnten, an die Stelle zurück, wo die Schmacke vor Anker gelegen hatte. Wir kreuzten mehrere Stunden lang in dem dicken Nebel umher. Wir thaten Signalschüsse und horchten, ob wir nicht das Halloh irgend eines Ueberlebenden vernähmen; aber Alles war still – wir sahen und hörten nichts mehr von ihnen.« Ich gestehe, diese Erzählungen machten auf einige Zeit allen meinen schönen Phantasien ein Ende. Der Sturm stieg mit der Nacht. Das Meer war in fürchterlichem Aufruhr. Der Klang der tobenden Wogen, der brechenden Brandungen kam ungestüm, furchtbar. Die Tiefen des Meeres gähnten. Zuweilen schienen die schwarzen Wolkendecken über uns zu zerreißen vor den Blitzen, welche auf den schäumenden Wellen dahinzuckten und die darauf folgende Dunkelheit doppelt schrecklich machten. Der Donner brüllte über der wilden Wasseröde; er hallte dumpf wider und wurde verlängert in den Wellen-Bergen. Als ich das Schiff zwischen diesen brüllenden Höhlen dahinwanken und darin versinken sah, schien es mir wunderbar, daß es sein Gleichgewicht wieder gewann, oder sich auf dem Wasser erhielt. Seine Raaen gingen im Wasser, sein Bug war fast in den Wellen begraben. Zuweilen schien eine hereinstürzende Woge es verschlingen zu wollen, und nur eine geschickte Wendung des Steuerruders rettete es vor dem Sturze. Als ich mich in die Kajüte begab, verfolgte mich die furchtbare Scene noch immer. Das Pfeifen des Windes durch das Takelwerk klang wie Grabesklage: das Krachen der Maste, das Dröhnen und Aechzen der Querwände bei dem Kampfe des Schiffes mit der anwälzenden See war furchtbar. Während ich die Wellen an der Seite des Schiffes hinströmen und in mein Ohr brüllen hörte, schien es, als ob der Tod um dieses schwimmende Gefängniß wüthe und seine Beute suche; nur ein Nagel durfte nachgeben, eine Fuge aufreißen, und er konnte eindringen. Ein schöner Tag jedoch, bei ruhiger See und günstigem Winde, verscheuchte bald alle diese traurigen Betrachtungen. Es ist unmöglich, dem erheiternden Einflusse des schönen Wetters und des guten Windes zur See zu widerstehen. Wenn das Schiff sich mit allen seinen Segeln geschmückt hat, jedes derselben geschwellt ist und fröhlich über die kräuselnden Wellen dahin gleitet, wie erhaben, wie prachtvoll erscheint es – wie scheint es das Meer zu beherrschen! Ich möchte ein Buch mit den Träumen einer Seereise anfüllen, denn bei mir ist sie beinahe ein fortwährendes Träumen – doch es ist Zeit, an das Gestade zu gelangen. Es war ein schöner sonniger Morgen, als der durchdringende Ruf »Land« vom Mastkorbe erscholl. Nur wer es selbst erfahren hat, kann sich eine Vorstellung von dem Uebermaß entzückender Gefühle machen, welche eines Amerikaners Brust durchströmen, wenn er zuerst Europa erblickt. Eine Masse von Ideen knüpfen sich schon an den Namen. Es ist ihm das Land der Verheißung, Alles das in Ueberfluß bietend, wovon er in seiner Kindheit gehört oder worüber er in seinen Studienjahren gebrütet hat. Von dieser Zeit bis zum Augenblick der Ankunft war Alles eine fieberhafte Aufregung. Die Kriegsschiffe, die wie bewachende Riesen an der Küste entlang kreuzten; die Landspitzen von Irland, welche in den Canal hinaus ragten; die walisischen Berge, die sich in die Wolken erhoben; – Alles waren Gegenstände des größten Interesses. Während wir den Mersey hinaufsegelten, betrachtete ich die Küsten durch ein Fernrohr. Mein Auge verweilte mit Vergnügen auf netten Häuschen mit zierlichem Strauchwerk und grünen Grasplätzen umher. Ich sah die verfallenden Trümmer einer mit Epheu überwachsenen Abtei und die schlanke Thurmspitze einer Dorfkirche, welche sich auf dem Kamm eines benachbarten Hügels erhob – Alles verkündigte England. Fluth und Wind waren so günstig, daß das Schiff im Stande war, sogleich in den Hafen zu kommen. Er war mit Menschen bedeckt; Einige, müßige Zuschauer, Andere, ungeduldig ihrer Freunde oder Verwandten harrend. Ich konnte den Kaufmann erkennen, an den das Schiff gerichtet war. Ich erkannte ihn an seiner berechnenden Stirne und dem ruhelosen Wesen. Er hatte die Hände in den Taschen; er pfiff gedankenvoll und ging auf und ab, da ihm ein kleiner Raum von der Menge, in Rücksicht auf seine einstweilige Bedeutsamkeit, zugestanden war. Wiederholte Grüße wurden zwischen dem Strand und dem Schiffe gewechselt, so wie Freunde sich erkannten. Ich bemerkte besonders eine junge Frau von schlichtem Anzug, von anziehendem Wesen. Sie beugte sich aus der Menge hervor; ihr Auge streifte über das Schiff, wie es sich dem Strande näherte, um irgend ein ersehntes Gesicht zu erblicken. Sie schien niedergeschlagen und bewegt; auf einmal hörte ich eine schwache Stimme ihren Namen nennen. – Es war die Stimme eines armen Matrosen, der die ganze Reise über krank gewesen war und das Mitleid Aller an Bord erregt hatte. Wenn das Wetter schön war, breiteten seine Cameraden eine Matratze für ihn auf dem Verdeck im Schatten auf; aber seine Krankheit hatte in der letzten Zeit so zugenommen, daß er in seiner Hängematte bleiben mußte, und nur den Wunsch äußerte, sein Weib noch einmal zu sehen, ehe er sterbe. Man hatte ihn, als wir den Fluß herauf kamen, auf das Verdeck gebracht, und er lehnte sich nun gegen die Querwände mit einem so abgezehrten, so bleichen, so geisterähnlichen Gesicht, daß es kein Wunder war, wenn selbst das Auge der Liebe ihn nicht erkannte. Aber bei dem Klang seiner Stimme traf ihr Auge seine Züge; es las mit einem Blick eine ganze Welt des Kummers: sie schlug ihre Hände zusammen, stieß einen schwachen Schrei aus und stand, sie ringend, in stiller Todesangst. Alles war nun Lärm und Getümmel – das Zusammentreffen von Bekannten – das Grüßen von Freunden – die Berathschlagungen von Geschäftsleuten. Ich allein war einsam und müßig. Ich hatte keinen Freund, der mich empfing, kein Willkommen, das mir geboten wurde. Ich betrat das Land meiner Vorväter – allein ich fühlte, daß ich ein Fremdling in dem Lande war. Roscoe.     Hienieden in der Menschheit Dienst ein Schutzgott Zu sein; all' unsres Geistes Kräfte stets Zu heldenmäß'gem Streben zu verwenden, Das über niedern Pöbel uns erhebet Und uns unsterblich macht – nur das heißt leben. Thomson . Einer der ersten Orte, wohin man den Fremden in Liverpool führt, ist das Athenäum. Es ist nach einem freisinnigen und verständigen Plan eingerichtet; es enthält eine gute Bibliothek, ein geräumiges Lesezimmer, und ist der allgemeine literarische Vereinigungspunkt der Stadt. Gehet dahin, zu welcher Stunde ihr wollt, ihr seid gewiß, es mit ernstblickenden Leuten angefüllt zu finden, welche tief in das Studium der Zeitungen versenkt sind. Als ich einst diesen Versammlungsort der Gelehrten besuchte, ward meine Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt, der so eben in das Zimmer trat. Er war schon vorgerückt an Jahren, groß und von einer Gestalt, die einst gebieterisch gewesen sein mochte, jetzt aber von der Zeit, vielleicht von Sorgen, etwas gebeugt war. Er hatte ein edles, Römer-artiges Gesicht; einen Kopf, der einem Maler gefallen hätte; und obgleich einige leichte Furchen auf seiner Stirn zeigten, daß zerstörendes Denken hier geschäftig gewesen, so glänzte doch sein Auge noch von dem Feuer einer dichterischen Seele. Es war etwas in seiner ganzen Erscheinung, das ein von der geschäftigen Menge um ihn her ganz verschiedenes Wesen verkündigte. Ich fragte nach seinem Namen, und erfuhr, daß er Roscoe heiße. Ich trat mit einem unwillkührlichen Gefühl der Verehrung zurück. Das war also ein Schriftsteller von Ruf, das war einer der Männer, deren Stimme bis an das Ende der Welt gedrungen war, mit dessen Geiste ich selbst in den Einöden von Amerika verkehrt hatte. Gewöhnt, wie das bei uns zu Lande der Fall ist, europäische Schriftsteller nur aus ihren Werken zu kennen, mögen wir sie uns nicht, wie andere Leute, mit gemeinen oder schmutzigen Beschäftigungen vertraut, und unter Alltags-Menschen auf den staubigen Pfaden des Lebens sich herumtummelnd, denken. Sie gehen an unserer Seele wie höhere Wesen vorüber, in den Ergüssen ihres Geistes strahlend, und mit dem Heiligenschein eines literarischen Ruhmes umgeben. Daß ich daher den zierlichen Geschichtschreiber der Medici unter den geschäftigen Söhnen des Handels fand, war anfangs meinen dichterischen Ideen zuwider; aber gerade die Umstände und die Lage, in welcher Herr Roscoe sich befindet, müssen ihm die höchsten Ansprüche auf unsere Bewunderung sichern. Es ist anziehend, zu beobachten, wie manche Geister sich beinahe selbst zu schaffen scheinen, indem sie unter jedem Mißgeschick sich erheben, und ihren einsamen aber unwiderstehlichen Weg unter tausend Hindernissen durch suchen. Die Natur scheint ein Vergnügen daran zu finden, die Regsamkeit der Kunst zu vereiteln, womit diese gern die rechtburtige Unbedeutsamkeit zur Reife bringen möchte, und auf die Kraft und die Ueppigkeit ihrer zufälligen Hervorbringungen stolz zu sein. Sie streut die Saatkörner des Genies in den Wind aus, und obgleich manches davon in den steinigen Gegenden der Welt umkommen, und unter den Dornen und dem Gestripp früher Widerwärtigkeiten ersticken mag, so schlagen andere doch in den Ritzen der Felsen Wurzel, arbeiten sich tüchtig in den Sonnenschein empor, und verbreiten über ihren unfruchtbaren Geburtsort alle Schönheiten der Vegetation. Das ist der Fall bei Herrn Roscoe gewesen. An einem, dem Wachsthume literarischen Talents anscheinend sehr ungünstigen Orte geboren, auf dem wahren Marktplatze des Handels, ohne Vermögen, Familienverbindungen, oder Gönner, durch sich selbst getrieben, durch sich selbst aufrecht erhalten, und fast ohne andere Lehrer als sich selbst, hat er jedes Hinderniß überwunden, seinen Weg zur Vollendung zurückgelegt, und nachdem er eine der Zierden des Volks geworden, die ganze Größe seiner Talente und seines Einflusses auf die Erhebung und Verschönerung seiner Vaterstadt angewandt. In der That, dieser letzte Zug in seinem Charakter hat ihm in meinen Augen den größten Werth gegeben, und mich vorzüglich bestimmt, meine Landsleute auf ihn aufmerksam zu machen. So hervorragend seine schriftstellerischen Verdienste sind, ist er doch nur einer der vielen ausgezeichneten Schriftsteller dieses talentreichen Volkes. Sie leben jedoch im Allgemeinen, nur für ihren eigenen Ruf, oder für ihr Vergnügen. Ihre häusliche Geschichte bietet keine Beispiele für die Welt dar, oder vielleicht nur ein demüthigendes von menschlicher Gebrechlichkeit und Unbeständigkeit. Im besten Falle sind sie froh, wenn sie sich nur aus dem Getümmel und der Gemeinheit des Geschäftslebens herausziehen, sich einer selbstischen literarischen Muse hingeben, und einem geistigen, jedoch ausschließlichen, Genusse leben können. Herr Roscoe dagegen hat keines der erlaubten Vorrechte des Talents für sich in Anspruch genommen. Er hat sich in keinen Garten der Gedanken, in kein Elysium der Einbildungskraft abgeschlossen, vielmehr sich auf die Heerstraßen und breiten Wege des Lebens hinausbegeben; er hat an den Pfad, zur Erfrischung des Pilgrims und des Ausruhenden, Lauben gepflanzt, und klare Quellen geöffnet, zu denen der Arbeiter von dem Staub und der Hitze des Tages sich abseits wenden, und aus dem lebendigen Strome des Wissens trinken kann. Es gibt »eine tägliche Schönheit in dem Leben,« Shakspeare's Othello. über welche der Mensch nachdenken und dadurch besser werden kann. Sie bietet kein erhabenes, und weil es unnachahmlich ist, fast unnützes Beispiel der Trefflichkeit dar, sondern sie zeigt ein Bild thätiger, doch einfacher und nachahmbarer Tugenden, welche Jedermann sich aneignen kann, welche aber unglücklicher Weise nicht von Vielen geübt werden, denn sonst würde diese Welt ein Paradies sein. Aber sein Privatleben ist besonders der Aufmerksamkeit der Bürger unseres jungen, geschäftsvollen Landes würdig, wo die Literatur und die schönen Künste neben den gröberen Pflanzen der täglichen Nothwendigkeit emporwachsen müssen; wo ihre Pflege nicht von der ausschließlichen Sorgfalt, welche Muße, und Reichthum ihnen weihen können, noch von den belebenden Strahlen vornehmer Beschützer, sondern von den Stunden und Zeiten abhängt, welche einzelne aufgeklärte und gemeinnützig denkende Männer dem Betriebe der zeitlichen Interessen entziehen. Er hat gezeigt, wie viel ein hervorragender Geist in seinen Mußestunden für einen Ort thun, und wie er allen ihn umgebenden Gegenständen seinen eigenen Stempel aufdrücken kann. Gleich seinem Lorenzo de Medici, auf welchen er sein Auge, als auf ein reines Musterbild aus dem Alterthume wendete, hat er die Geschichte seines Lebens mit der Geschichte seiner Vaterstadt verwoben, und die Grundlagen ihres Ruhmes zu Denkmälern seiner Tugenden gemacht. Wohin ihr in Liverpool gehet, findet ihr Spuren von ihm in Allem, was zierlich und großartig ist. Er sah, daß der Strom des Reichthums allein in den Canälen des Handels floß; er hat aus ihnen kräftige Bäche abgeleitet, um die Gärten der Literatur damit zu erfrischen. Durch sein eigenes Beispiel und durch seine fortdauernden Bemühungen hat er diese Vereinigung des Handels und der geistigen Beschäftigungen zu Stande gebracht, welche er in einer seiner neuesten Schriften mit so großer Beredsamkeit empfiehlt. Anrede bei der Eröffnung der Liverpool institution . und er hat durch die That bewiesen, auf welche schöne Weise sie in Einklang gebracht werden und wohlthätig auf einander wirken können. Die herrlichen Einrichtungen für literarische und wissenschaftliche Zwecke, welche aus Liverpool so vielen Ruhm zurückstrahlen und dem Gemeingeist einen so hohen Schwung geben, sind größtentheils durch Herrn Roscoe entstanden, und ohne Ausnahme von ihm thätig gefördert worden; und wenn wir den schleunig wachsenden Reichthum und die Größe dieser Stadt betrachten, welche an Handelswichtigkeit mit der Hauptstadt zu wetteifern verspricht, so wird es uns nicht entgehen, daß er durch die Erregung eines Wetteifers nach geistiger Bildung unter ihren Einwohnern, der Sache der englischen Literatur eine wesentliche Wohlthat erwiesen hat. In Amerika kennen wir Herrn Roscoe nur als Schriftsteller, – in Liverpool spricht man von ihm als von einem Banquier, und man sagte mir, er sei unglücklich in seinen Geschäften gewesen. Ich konnte ihn nicht bedauern, wie ich dieß mehrere reiche Leute thun hörte. Ich betrachtete ihn als weit erhaben über mein Bedauern. Diejenigen, welche nur für die Welt und in der Welt leben, mögen von dem Groll des Mißgeschicks niedergebeugt werden; aber ein Mann wie Roscoe, kann durch die Widerwärtigkeiten des Schicksals nicht gebeugt werden. Diese werden ihn nur auf die Hülfsquellen seines eigenen Geistes zurückweisen, welche die besten Menschen oft im Stande sind zu vernachlässigen, und herumzustreifen, um sich weniger würdige Genossen zu suchen. Er ist von der Welt um ihn her unabhängig. Er lebt im Alterthume und in der Nachwelt; in dem Alterthume durch die angenehme Gemeinschaft, welche eine geistig thätige Zurückgezogenheit gewährt, und in der Nachwelt, durch das großherzige Streben nach künftigem Ruhme. Die Einsamkeit eines solchen Gemüths ist der Zustand höchsten Genusses: es verkehrt dann mit jenen erhabenen Betrachtungen, welche die wahre Nahrung edler Seelen sind, und die, wie Manna, vom Himmel gesendet, in der Wüste dieser Welt erscheinen. Während meine Gefühle noch durch diesen Gegenstand erregt waren, hatte ich das Glück, auf fernere Spuren von Herrn Roscoe zu treffen. Ich war mit einem Herrn hinausgeritten, die Umgebungen von Liverpool zu besehen, als dieser auf einmal durch ein Thor, in einen künstlich angelegten Garten ablenkte. Nachdem wir eine kleine Strecke geritten waren, kamen wir an ein geräumiges Wohnhaus von Sandstein, in griechischem Style erbaut. Der Geschmack war nicht der reinste; allein es hatte ein Ansehen von Zierlichkeit und die Lage war lieblich. Ein schöner Rasen senkte sich abwärts, mit Baumgruppen bepflanzt, die so angeordnet waren, daß sie eine angenehme, fruchtbare Gegend in viele abwechselnde Landschaftsgemälde theilten. Man sah den Mersey, seine breite ruhige Wasserfläche durch einen großen Wiesengrund winden, während die Walisischen Berge, ihre Häupter in den Wolken bergend und sich in der Entfernung verlierend, den Horizont begrenzten. Dies war Roscoe's Lieblingsaufenthalt in den Tagen seines Glücks. Es war der Sitz verfeinerter Gastfreiheit und literarischer Zurückgezogenheit gewesen. Das Haus war jetzt öde und verlassen. Ich sah die Fenster des Studirzimmers, welche auf die angenehme eben erwähnte Landschaft hinausgingen. Die Fenster waren geschlossen, die Bibliothek war verschwunden. Zwei oder drei unglückliche Geschöpfe schlenderten um die Gegend, meine Einbildungskraft stellte sie mir als Gerichtsdiener vor. Es war, wie der Besuch einer klassischen Quelle, welche einst ihr reines Wasser in heiligem Schatten dahingoß, die aber jetzt trocken und versandet war, und wo die Eidechse und die Kröte auf den zerstreuten Marmorblöcken umherkrochen. Ich erkundigte mich nach dem Schicksale der Bibliothek des Herrn Roscoe, welche aus seltenen und fremden Büchern bestanden hatte, aus denen er vielfach die Materialien zu seinen italienischen Geschichtsbüchern gezogen. Sie war unter den Hammer des Auctionators gekommen, und im Lande umher zerstreut. Die guten Leute aus der Umgegend waren wie die Strandbewohner zusammengeströmt, um irgend etwas von dem herrlichen Schiff zu bekommen, das auf den Strand getrieben worden war. Wenn solch eine Scene scherzhafte Ideenverbindungen zuließe, so möchten wir in diesem seltsamen Einbruch in die Gebiete der Gelehrsamkeit etwas Spaßhaftes finden. Man möchte sich Zwerge denken, welche die Rüstung eines Riesen umherschleppen, und um den Besitz von Waffen streiten, welche sie doch nicht handhaben können. Wir können uns einen Haufen von Spekulanten denken, welche mit tiefberechnender Miene sich über den eigenthümlichen Band und die illuminirten Ränder der Ausgabe irgend eines veralteten Schriftstellers berathschlagen, – wo sich der angestrengte, aber getäuschte Scharfsinn zeigt, mit welchem irgend ein glücklicher Käufer sich in das mit gothischen Lettern gedruckte Buch vertieft, das er sich so eben zugeeignet hat. Es ist ein schöner Theil in der Geschichte der Unfälle des Herrn Roscoe, der ein sinniges Gemüth theilnehmend ansprechen muß, daß die Trennung von seinen Büchern seine zartesten Gefühle ergriffen zu haben, und der einzige Umstand gewesen zu sein scheint, welcher seine Muse begeistern konnte. Der Gelehrte allein weiß, wie theuer diese stummen und doch beredten Gefährten reiner Gedanken und unschuldiger Stunden in der Zeit des Mißgeschicks werden. Wenn alles Weltliche um uns her sich in Tand verwandelt, so behalten diese allein ihren unveränderlichen Werth. Wenn Bekannte kalt werden, der Umgang vertrauter Freunde sich zu schaler Höflichkeit und in Gemeinplätze verflacht, so behalten diese allein das unwandelbare Aussehen glücklicherer Tage, und erheitern uns durch die wahre Freundschaft, welche nie die Hoffnung betrog, und nie den Kummer verließ. Ich will den Tadler nicht spielen; – allein wenn die Bewohner von Liverpool eigentlich gefühlt hätten, was sie Herrn Roscoe und sich selbst schuldig sind, so würde seine Bibliothek nie verkauft worden sein. Triftige, äußerliche Grunde mögen zweifelsohne für diesen Umstand angegeben werden können, welche durch andere, allein auf der Einbildungskraft geschöpfte, zu bekämpfen schwer werden möchte; allein dieß scheint mir eine Gelegenheit gewesen zu sein, wie sie sich selten findet, ein edles, mit Ungemach kämpfendes Gemüth, durch eines der zartesten, aber bedeutsamsten Zeichen öffentlicher Theilnahme zu erheitern. Es ist indessen schwer, einen Mann von Genie, den man täglich vor Augen hat, gehörig zu würdigen. Er wird mit andern Leuten vermischt und gleich ihnen beurtheilt. Seine großen Eigenschaften verlieren ihre Neuheit, und wir werden zu vertraut mit den gewöhnlichen Bestandtheilen, welche die Grundlage selbst des erhabensten Charakters bilden. Einige von Herrn Roscoe's Landsleuten mögen ihn als einen bloßen Geschäftsmann betrachten, andere als einen Politiker; alle sehen ihn, wie sich selbst, in ganz gewöhnliche Beschäftigungen verwickelt, und dünken sich selbst vielleicht in mancher Rücksicht an weltlicher Klugheit ihm überlegen. Sogar die liebenswürdige und anmaßungslose Einfachheit des Charakters, welche der wahren Vorzüglichkeit eine so unbeschreibliche Anmuth verleiht, mag die Ursache sein, daß er von gemeinen Seelen, welche nicht wissen, daß wirkliches Verdienst stets ohne Schimmer und Ansprüche ist, nicht hinlänglich geschätzt wird. Aber der wissenschaftliche Mann, welcher von Liverpool redet, redet davon, als von dem Aufenthaltsorte Roscoe's. – Der unterrichtete Reisende, der den Ort besucht, fragt, wo er Roscoe sehen kann. Er ist das wissenschaftliche Wahrzeichen des Orts, dessen Dasein er dem entfernten Gelehrten ankündigt. – Er erhebt sich, wie die Säule des Pompejus in Alexandrien, allein in klassischer Würde. Wir unterschreiben, was bei dieser Stelle Herr Spieker sagt: »Man wird mir erlauben, auf mein eigenes Werk über England zu verweisen, um darzuthun, daß auch ich dem Manne, der eine Zierde Englands ist, den Tribut der Achtung und Bewunderung gezollt habe, die ganz Europa dem Geschichtschreiber der Medici schuldig ist.« Des folgenden Sonnettes, welches Herr Roscoe an seine Bücher richtete, als er sich von ihnen trennen mußte, wurde in dem vorstehenden Abschnitte gedacht. Wenn irgend etwas dem reinen Gefühle und den erhabenen Gedanken, welche darin ausgesprochen sind, eine größere Eindringlichkeit geben kann, so ist es die Ueberzeugung, daß das Ganze kein leerer Erguß der Phantasie, sondern der wahre Ausdruck der Gefühle des Verfassers ist.   Sonnett .         Wie Einer, der sich von den Freunden trennt, Den herben Abschied durch den Trost versüßt, Daß bald er seine Lieben wieder grüßt, Den Schmerz so mildernd, der im Herzen brennt: Geliebte Freunde, so werd' ich getrennt Von euch, die Weisheit ihr und Kunst umschließt, Und Trost in unsere trüben Stunden gießt – Wohl dem, der da noch schön'res Hoffen kennt: Wenn wenig kurze Jahre, Tage schwanden Dann werden bess're Zeiten sich gestalten, Und unser Aller Bund blüht neu und hehr. Dann werden, frei von allen Erdenbanden, Verwandte Geister sich umfangen halten Und nichts trennt dann ihr ew'ges Bündniß mehr. Das Weib. Des Meeres Schätze sind so köstlich nicht, Als die verborgnen Freuden eines Mannes, Die eines Weibes Lieb' umschließt. Ich fühle Den Segen schon, wenn ich dem Hause nahe. Welch' einen Zauber haucht die Ehe aus – Ein Veilchenbett ist süßer nicht. Middleton . Ich habe oft Gelegenheit gehabt, die Stärke zu beobachten, mit welcher Frauen die größten Schläge des Schicksals ertragen. Die Unglücksfälle, welche eines Mannes Geist niederschmettern und ihn in den Staub dahinstrecken, scheinen alle die Kräfte des schwächeren Geschlechts hervorzurufen, und ihrem Charakter eine solche Unerschrockenheit und einen Schwung zu geben, welche sich zuweilen dem Erhabenen nähern. Nichts kann rührender sein, als ein sanftes, zartes weibliches Wesen zu sehen, welches, ganz Schwäche und Abhängigkeit, sich gegen jede gewöhnliche Härte empfindlich zeigte, als es noch auf der Bahn des Glücks wandelte, und das sich nun plötzlich in geistiger Kraft erhebt, um im Unglück der Trost und die Stütze des Gatten zu werden, und mit ungebeugter Festigkeit die bittersten Stürme des Mißgeschicks erträgt. Wie die Rebe, welche lange ihr zierliches Laub um die Eiche gerankt hat und mit ihr zur Sonne emporgewachsen ist, sich, wenn der mächtige Baum vom Blitzstrahle getroffen wird, mit ihren liebkosenden Ranken um ihn klammert und seine zersplitterten Aeste zusammenzuhalten versucht: so wurde es von der weisen Vorsehung schön angeordnet, daß das Weib, nur abhängig und die Zierde des Mannes in seinen glücklicheren Stunden, seine Stütze und sein Trost wird, wenn er durch ein plötzliches Unglück gebeugt, sich in die schroffen Tiefen seines innersten Wesens hineinwindet, das sinkende Haupt zärtlich emporhaltend und das gebrochene Herz aufrichtend. Ich wünschte einst einem Freunde Glück, der eine blühende, durch die liebevollste Neigung engverbundene Familie um sich hatte. »Ich kann Euch kein besseres Loos wünschen,« sagte er mit Wärme, »als Weib und Kinder zu haben, – wenn Ihr glücklich seid, theilen sie die Gaben desselben mit Euch, im Unglücke sind sie zu Eurem Troste da.« Auch habe ich in der That bemerkt, daß verheirathete Männer, wenn das Unglück sie heimsucht, weit leichter ihren vorigen Standpunkt in der Welt wieder einnehmen, als unverheirathete; theils, weil sie durch die Noth der hülflosen und geliebten Wesen, deren Erhaltung allein auf ihnen beruht, mehr zur Thätigkeit angespornt werden; besonders aber, weil ihr Muth durch häusliche Freuden erheitert und gestärkt, und ihre Achtung vor sich selbst immer lebendig erhalten wird, indem sie finden, daß, obgleich in der Außenwelt Alles Nacht und Demüthigung ist, es doch noch eine kleine Welt der Liebe zu Haus gibt, in der sie Alleinherrscher sind. Ein einzelner Mann verliert sich dagegen sehr leicht in Verschwendung und vernachlässigt sich selbst; er hält sich für einsam und verlassen, und sein Herz zerfällt in Trümmer, wie ein verlassenes Haus, weil ihm ein Bewohner abgeht. Diese Bemerkungen erinnern mich an eine kleine Familiengeschichte, von welcher ich einst Zeuge war. Mein vertrauter Freund, Leslie, hatte ein schönes und gebildetes Mädchen geheirathet, die inmitten der großen Welt auferzogen war. Es ist wahr, sie hatte kein Vermögen; aber das meines Freundes war bedeutend, und er freute sich schon im Voraus darauf, sie allen zierlichen Beschäftigungen nachhängen zu lassen, und alle die zarten Neigungen und Launen zu befriedigen, welche eine Art von Zauber um das weibliche Geschlecht verbreiten. »Ihr Leben,« sagte er, »soll einem Feenmährchen gleichen.« Selbst die Verschiedenheit ihrer Charaktere brachte ein harmonisches Ganze hervor: er hatte eine romantische und etwas ernste Stimmung; sie war ganz Leben und Fröhlichkeit. Ich habe oft das stumme Entzücken bemerkt, mit welchem er in der Gesellschaft, deren Wonne sie durch ihre glänzenden Gaben war, auf sie blickte; und wie, mitten unter dem Beifall, ihr Auge sich nach ihm wandte, als suche sie nur bei ihm Gunst und Zufriedenheit. Wenn sie sich auf seinen Arm lehnte, bildete ihr zarter Wuchs einen schönen Gegensatz mit seiner hohen, männlichen Gestalt. Das liebevoll vertrauende Wesen, mit dem sie zu ihm hinauf sah, schien eine Glut triumphirenden Stolzes und reger Zärtlichkeit anzufachen, als ob er seine schöne Bürde gerade ihrer Hülflosigkeit willen liebte. Nie betrat ein Paar den blumigen Pfad einer frühen und wohlzusammenstimmenden Ehe mit einer schöneren Aussicht auf Glück. Mein Freund hatte indeß das Unglück gehabt, sein Vermögen in großen Speculationen anzulegen, und kaum war er einige Monate verheirathet gewesen, als es ihm durch eine Reihe unerwarteter Unfälle entrissen ward, und er sich beinahe in Dürftigkeit versetzt fand. Eine Zeitlang hielt er seine Lage geheim, und ging mit bleichem Gesicht und brechendem Herzen umher. Sein Leben war eine fortdauernde Todesqual, und was es noch unerträglicher machte, war die Nothwendigkeit, in Gegenwart seines Weibes eine lächelnde Miene anzunehmen; denn er konnte es nicht über sich vermögen, sie mit der Nachricht von dem Vorgefallenen niederzuschmettern. Sie sah jedoch mit dem durchdringenden Blick der Liebe, daß nicht Alles war, wie es sein sollte. Sie bemerkte sein verändertes Aussehen und seine unterdrückten Seufzer, und seine krankhaften und nichtigen Versuche, Fröhlichkeit zu heucheln, konnten sie nicht täuschen. Sie bot ihre ganze Munterkeit, alle ihre zärtlichen Schmeicheleien auf, ihn dem Glücke wieder zu gewinnen; allein sie drückte dadurch den Pfeil nur desto tiefer in seine Seele. Je mehr er Ursache sah, sie zu lieben, desto quälender ward ihm der Gedanke, sie unglücklich zu machen. Nur noch wenige Zeit, dachte er, und das Lächeln wird von dieser Wange verschwinden – der Gesang wird von diesen Lippen wegsterben – der Glanz dieser Augen vom Gram verlöscht werden – und das fröhliche Herz, welches jetzt in diesem Busen leicht schlägt, wird von den Sorgen und dem Elende der Welt, wie das meinige, niedergedrückt werden. Endlich kam er eines Tages zu mir, und erzählte mir seine ganze Lage im Tone der tiefsten Verzweiflung. Als ich ihn angehört hatte, fragte ich ihn: »Weiß Eure Gattin um alles dieses?« – Bei dieser Frage brach er in einen Thränenstrom aus. »Ums Himmelswillen,« rief er, »wenn Ihr nur einiges Mitleid mit mir habt, so erwähnet meines Weibes nicht; der Gedanke an sie bringt mich beinahe zum Wahnsinn!« »Und warum?« erwiederte ich. »Sie muß es früher oder später erfahren, und diese Nachricht kann sie auf eine schrecklichere Weise treffen, als wenn Ihr selbst ihr dieselbe mittheilt; denn die Töne Derer, die wir lieben, mildern die unangenehmsten Botschaften. Außerdem beraubt Ihr Euch des Trostes ihrer Theilnahme; und nicht allein das, Ihr könnt so das einzige Band zerreißen, das Herzen an einander fesseln kann – eine rückhaltslose Gemeinschaft von Gedanken und Gefühlen. Sie wird es bald bemerken, daß etwas insgeheim an Euerm Herzen nagt; und wahre Liebe duldet keine Zurückhaltung; sie fühlt sich zurückgesetzt und gekränkt, selbst wenn der Kummer Derjenigen, die sie liebt, ihr verhehlt wird.« »Ach, mein Freund! bedenkt, welch ein Schlag alle ihre künftigen Aussichten dadurch trifft – wie ich ihre Seele zu Boden schmettern muß, wenn ich ihr sage, daß ihr Gatte ein Bettler ist! daß sie alle feineren Genüsse des Lebens – alle Freuden der Gesellschaft verlieren – mit mir in Dürftigkeit und Dunkel sich zurückziehen muß. Ihr sagen zu müssen, daß ich sie aus der Sphäre herabgezogen habe, in der sie sich hätte in beständigem Glanze fortbewegen können – das Licht jedes Auges – die Bewunderung eines jeden Herzens! – Wie kann sie die Armuth ertragen? sie ist in allen Bequemlichkeiten des Reichthums aufgewachsen. Wie kann sie Zurücksetzung ertragen? sie war der Abgott der Gesellschaft. O! es wird ihr Herz brechen – es wird ihr Herz brechen!« Ich sah, daß sein Schmerz beredt ward, und ließ ihn sich aussprechen; denn der Kummer erleichtert sich durch Worte. Als sein Paroxysmus sich gelegt hatte, und er in düsteres Schweigen zurückgefallen war, nahm ich die Unterhaltung unvermerkt wieder auf, und drang in ihn, seinem Weibe auf einmal seine Lage zu eröffnen. Er schüttelte traurig, aber entschieden den Kopf. »Aber, wie wollt Ihr es vor ihr verbergen? Es ist nothwendig, daß sie es erfahre, damit Ihr die gehörigen Schritte thun könnet, Eure Verhältnisse zu ändern. Ihr müsset eine andere Lebensart beginnen – nein,« – ich sah, daß ein Zug der Trauer über sein Gesicht streifte – »laßt Euch das nicht betrüben. Ich bin überzeugt, Ihr habt nie Euer Glück in den äußeren Schein gesetzt. – Ihr habt noch Freunde, welche deswegen nicht schlimmer von Euch denken werden, weil Ihr eine weniger glänzende Wohnung habt: und in der That es bedarf keines Palastes, um mit Maria glücklich zu sein.« »Ich könnte mit ihr,« rief er krampfhaft aus, »in einer Hütte glücklich sein! – Ich könnte mit ihr mich zur Armuth und in den Staub erniedrigen! – Ich könnte – ich könnte – der Himmel segne sie! der Himmel segne sie!« – rief er, sich dem Ausbruche des Schmerzes und der Zärtlichkeit überlassend. »Und glaubt mir, mein Freund,« sagte ich, indem ich aufstand und ihn herzlich bei der Hand nahm: »glaubt mir, sie wird eben so mit Euch leben können. Ja, noch mehr: es wird dieß für sie eine Quelle des Stolzes und des Triumphs sein – es wird alle die verborgenen Kräfte und das glühende Mitgefühl ihres Wesens aufregen; denn sie wird sich freuen, durch die That beweisen zu können, daß sie Euch um Eurer selbst willen liebt. In jedem ächten Frauenherzen ist ein Funken himmlischen Feuers, der im hellen Tageslichte des Glückes erstorben schläft; der aber in der düstern Stunde des Mißgeschicks aufglimmt, und glänzt und in helle Flammen aufschlägt. Kein Mann weiß, was ihm das Weib seines Herzens ist – kein Mann weiß, was er für einen Schutzengel an ihr hat – bis er mit ihr durch die Feuerprobe dieser Welt gegangen.« Es lag etwas in dem Ernste meines Wesens und in dem Bildlichen meiner Sprache, das die aufgeregte Einbildungskraft Leslie's in Anspruch nahm. Ich kannte den Hörer, mit dem ich zu thun hatte, und indem ich den Eindruck verfolgte, den ich auf ihn gemacht hatte, schloß ich damit, daß ich ihn überredete, nach Hause zu gehen und sein betrübtes Herz vor seinem Weibe auszuschütten. Ich muß gestehen, daß ich, alles dessen ungeachtet, was ich gesagt habe, eine kleine Besorgniß wegen des Ausgangs der Sache fühlte. Wer kann auf die Seelenstärke einer Frau bauen, deren ganzes Leben ein Kreis von Vergnügungen gewesen ist? Ihr fröhlicher Geist konnte sich vor dem finstern, abwärts führenden Pfade niedriger Demüthigung entsetzen, der ihm plötzlich gezeigt wurde, und an die sonnigen Gegenden sich anschließen wollen, in denen er bisher geschwelgt hatte. Ueberdieß ist im Modeleben das Verarmen mit so vielen bittern Kränkungen verbunden, wovon man bei den andern Ständen nichts weiß. – Kurz, ich konnte einer Zusammenkunft mit Leslie am nächsten Morgen nicht ohne Aengstlichkeit entgegen sehen. Er hatte ihr Alles erzählt. »Und wie benahm sie sich dabei?« »Wie ein Engel! Es schien fast eine Erleichterung für ihr Gemüth zu sein, denn sie schlang ihre Arme um meinen Nacken, und fragte mich, ob das Alles sei, was mich in der letzten Zeit so unglücklich gemacht habe? Aber das arme Kind,« setzte er hinzu, »kann die wirkliche Veränderung, die jetzt eintreten muß, nicht ertragen. Sie hat nur einen ganz allgemeinen Begriff von Armuth; sie hat nur davon in Dichtungen gelesen, wo jene stets mit der Liebe Hand in Hand geht. Sie fühlt bis jetzt noch keine Entbehrung, sie vermißt noch nicht die gewohnten Bequemlichkeiten oder feineren Genüsse. Wenn wir wirklich dahin kommen werden, die gemeinen Sorgen, die kleinen Entbehrungen, die einzelnen Erniedrigungen der Armuth zu erfahren – erst dann wird die wahre Prüfung eintreten.« »Aber,« sagte ich, »wenn Ihr das Schwerste überstanden habt, ihr das Geheimniß zu eröffnen, so laßt die Welt dasselbe auch, je eher, desto besser kennen. Die Eröffnung mag demüthigend sein; allein es ist dann eine einmalige Qual und bald vorüber, während Ihr sie, im entgegengesetzten Falle, in jeder Stunde des Tags zum Voraus erduldet. Nicht die Armuth sowohl, als der Schein ist es, der einen zu Grunde gerichteten Mann quält – der Kampf zwischen einem stolzen Sinn und einem leeren Beutel – das Bemühen, einen nichtigen Schein zu erhalten, der bald vorüber gehen muß. Habt nur den Muth, Euch arm zu zeigen, und Ihr nehmt der Armuth ihren schärfsten Stachel.« In dieser Hinsicht fand ich Leslie vollkommen vorbereitet. Er selbst hatte keinen falschen Stolz, und was seine Gattin betrifft, so besaß sie keine andere Sorge, als sich ihrem veränderten Schicksal anzupassen. Nach einigen Tagen kam er Abends zu mir. Er hatte sein Wohnhaus geräumt und ein kleines Bauernhaus, wenige Meilen von der Stadt, eingenommen. Den ganzen Tag war er beschäftigt gewesen, Möbel hinauszusenden. Die neue Einrichtung bedurfte nur sehr wenige Gegenstände, und diese von der einfachsten Art. Das ganze glänzende Geräthe in seiner vorigen Wohnung war verkauft worden, die Harfe seiner Gattin ausgenommen. Diese, sagte er, sei mit dem ganzen Wesen ihrer selbst zu innig verschwistert, sie gehöre zu der Geschichte ihrer gegenseitigen Liebe; denn einige der süßesten Augenblicke ihres zärtlichen Verhältnisses wären die gewesen, wo er sich über das Instrument hingelehnt, und den schmelzenden Tönen ihrer Stimme gelauscht hätte. Ich konnte nicht umhin, über diesen Zug der romantischen Galanterie eines liebenden Gatten zu lächeln. Er war jetzt im Begriff, nach der ländlichen Wohnung hinauszugehen, wo seine Gattin bereits den ganzen Tag über die Einrichtung derselben geleitet hatte. Meine Gefühle waren in dem Verlauf dieser Familiengeschichte stärker erregt worden, und da es ein schöner Abend war, erbot ich mich, ihn zu begleiten. Er war ermüdet durch die Anstrengungen des Tages, und versank, als wir hinausgingen, in eine Art düstern Nachdenkens. »Arme Marie!« entschlüpfte endlich, mit einem tiefen Seufzer, seinen Lippen. »Was ist mit ihr?« fragte ich, »ist ihr etwas begegnet?« »Wie,« sagte er, indem er mir einen ungeduldigen Blick zuwarf, »ist es Nichts für sie, in einer so ärmlichen Lage zu leben – in ein elendes Bauernhaus eingesperrt zu sein – sich genöthigt zu sehen, beinahe die geringsten Dienste in ihrer armseligen Wohnung zu verrichten?« »Hat sie sich denn über die Veränderung betrübt?« »Betrübt? sie war die Sanftmuth und gute Laune selbst. In der That, sie erscheint heiterer, als ich sie je gekannt habe; sie ist gegen mich ganz Liebe, Zärtlichkeit und Trost gewesen!« »Bewundernswerthes Kind!« rief ich aus. »Ihr nennet Euch arm, mein Freund; Ihr wart nie so reich – Ihr kanntet nie die unermeßlichen Schätze der Trefflichkeit, welche Ihr an diesem Weibe besaßt.« »O, mein Freund, wenn nur diese erste Zusammenkunft in der Hütte vorüber wäre, ich würde mich dann, glaube ich, ganz getröstet fühlen können. Allein dieß ist ihr erster Tag, wo die wirkliche Erfahrung sie trifft; sie hat eine schlechte Wohnung beziehen müssen – sie hat den ganzen Tag mit der Anordnung der elenden Ausstattung derselben zu thun gehabt – sie hat, zum ersten Male, die Beschwerden häuslicher Beschäftigungen kennen lernen – sie hat, zum ersten Male, eine Häuslichkeit um sich gesehen, der es an allem Zierlichen, beinahe an aller Bequemlichkeit, gebricht; und sie sitzt vielleicht jetzt erschöpft und muthlos nieder, über dem Anblick der künftigen Armuth brütend.« Es war ein gewisser Grad von Wahrscheinlichkeit in diesem Gemälde, welcher ich nicht widersprechen konnte, und so schritten wir schweigend weiter. Nachdem wir, von der Hauptstraße uns wendend, einen schmalen Pfad eingeschlagen hatten, welcher von wilden Bäumen so dicht beschattet war, daß er ihm den Charakter gänzlicher Abgeschlossenheit gab, sahen wir die Hütte vor uns liegen. Dem Aeußern nach war sie bescheiden genug für den schäferlichsten Dichter; und doch hatte sie dabei ein gefällig ländliches Ansehen. Das eine Ende hatte ein wilder Weinstock mit seinem reichen Laube umrankt; einige Bäume neigten ihre Zweige anmuthvoll darüber hin; und ich bemerkte mehrere Blumentöpfe, die mit Geschmack an der Thür und auf dem Rasenplatze vor dem Hause, aufgestellt waren. Eine kleine Gartenthüre öffnete einen Fußweg, der sich durch Gesträuche nach der Thür hinwand. In dem Augenblicke, wo wir näher traten, hörten wir den Klang von Musik – Leslie ergriff meinen Arm; wir blieben stehen und horchten. Es war Mariens Stimme, die, mit der rührendsten Einfachheit, ein kleines Lied sang, das ihr Gatte vorzüglich gern hatte. Ich fühlte Leslie's Hand auf meinem Arme zittern. Er trat näher, um besser zu hören. Sein Tritt verursachte ein Geräusch auf dem Kiespfad. Ein heiteres, schönes Gesicht schaute einen Augenblick aus dem Fenster und verschwand, – ein leichter Tritt ließ sich hören – und Marie hüpfte uns entgegen. Sie trug einen netten, weißen, ländlichen Anzug; einige wenige Feldblumen waren in ihr schönes Haar geflochten; frische Röthe lag auf ihren Wangen; ihr ganzes Gesicht strahlte von Heiterkeit – ich hatte sie nie so schön gesehen. »Mein lieber Georg,« rief sie aus, »ich bin so froh, daß Du endlich kommst! Ich habe geharrt und gewartet auf Dich; ich bin den Fußweg hinuntergelaufen und habe nach dir ausgesehen. Ich habe einen Tisch unter einen schönen Baum hinter dein Häuschen gesetzt, und habe einige der köstlichsten Erdbeeren gesucht, denn ich weiß, Du liebst sie – und wir haben so herrlichen Rahm – und Alles ist so angenehm und ruhig hier – O!« sagte sie, indem sie ihren Arm in den seinigen legte, und ihm heiter ins Gesicht blickte – »O, wir werden so glücklich sein!« Der arme Leslie war überwältigt. Er nahm sie an seine Brust, – er schlang seinen Arm um sie, – er küßte sie wieder und wieder – er konnte nicht reden, aber Thränen strömten in seine Augen; und er hat mich oft versichert, daß, ob es ihm gleich in der Welt seitdem wieder gut ergangen, und sein Leben in der That ein sehr glückliches gewesen ist, er doch nie einen Augenblick so seltenen Glückes gehabt hat. Rip van Winkle. Die folgende Erzählung fand sich unter den Papieren des verstorbenen Dietrich Knickerbocker, eines alten Herr aus Neu-York, welcher sich sehr angelegentlich mit der holländischen Geschichte der Provinz, und den Sitten der Abkömmlinge von den ersten Ansiedlern in derselben, beschäftigte. Seine historischen Untersuchungen erstreckten sich jedoch nicht sowohl auf Bücher, als auf Menschen; denn die ersteren sind kläglich arm in Betreff seiner Lieblingsgegenstände; während er die alten Bürger, und mehr noch deren Frauen, reich an jenen alten Sagen fand, welche für die wahre Geschichte so unschätzbar sind. Wo immer er daher auf eine ächte holländische Familie stieß, welche engbegrenzt in ihrem Wohnhause mit dem niedrigen Dache unter einem ausgedehnten Sykamor-Baume abgeschlossen lebte, betrachtete er diese wie ein kleines, mit Clausuren versehenes und mit gothischer Schrift gedrucktes Buch, und studirte sie mit dem Eifer eines wahren Bücherwurms. Das Ergebniß all dieser Untersuchungen war eine Geschichte der Provinz unter der Regierung holländischer Gouverneure, welche er vor einigen Jahren herausgegeben hat. Man äußerte über den literarischen Charakter dieses Werks verschiedene Meinungen, und es ist, die Wahrheit zu gestehen, nicht um einen Deut besser, als es sein soll. Sein Hauptverdienst ist seine gewissenhafte Treue, die man in der That bei seinem ersten Erscheinen etwas bezweifeln wollte, die aber seitdem vollständig hergestellt worden ist; man hat es gegenwärtig in allen historischen Sammlungen als ein Werk von unverdächtiger Glaubwürdigkeit aufgenommen. Der alte Herr starb kurz nach der Herausgabe seines Werks, und jetzt, da er gestorben und dahin ist, kann es wohl seinem Andenken nicht viel Schaden bringen, wenn man sagt, daß seine Zeit auf bedeutendere Arbeiten hätte verwendet werden können. Er war indessen der Mann, der sein Steckenpferd auf seine eigene Weise reiten konnte, und ob es gleich hie und da den Staub ein wenig in die Augen seiner Nachbarn jagte, und dem Stolze einiger Freunde wehe that, für welche er die wahrhafteste Verehrung und Liebe fühlte: so gedenkt man seiner Irrthümer und Thorheiten doch »mehr mit Bedauern als mit Unwillen,« und fängt an, zu vermuthen, daß er nie die Absicht hatte, Jemanden zu nahe zu treten oder zu beleidigen. Wie indessen auch sein Gedächtniß von den Kritikern gewürdigt werden mag, so bleibt es doch noch manchen Leuten theuer, deren gute Meinung nicht ganz zu verachten ist, vorzüglich gewissen Kuchen-Bäckern, die so weit gegangen sind, daß sie sein Bild auf ihren Neujahrs-Kuchen gebracht haben, und ihn vielleicht eben so unsterblich machen, als ob es auf eine Waterloo-Medaille oder auf einen Heller der Königin Anna geprägt wäre. Rip van Winkle. Eine nachgelassene Schrift des Dietrich Knickerbocker. Bei Wodan, Gott der Sachsen, Von welchem Wensday , Wodanstag noch stammt, Die Wahrheit ist ein Ding, an dem ich halte, Bis zu dem Tag, wo in mein Grab hinunter Ich krieche. Cartwright . Wer eine Reise am Hudson hinauf gemacht hat, muß sich der Kaatskill-Berge erinnern. Sie sind ein abgerissener Zweig des großen Stammes der Appalachen, und man kann sie nach der westlichen Seite des Flusses hin sehen, wie sie sich zu einer stattlichen Höhe erheben und das umherliegende Land beherrschen. Jeder Wechsel der Jahreszeit, jede Veränderung des Wetters, ja, man kann sagen, jede Stunde des Tages, bringt eine Veränderung in den zauberischen Farben und Gestalten dieser Berge hervor, und alle Hausfrauen, weit und breit, sehen sie als vollkommene Barometer an. Ist das Wetter gut und beständig, so sind sie in Blau und Purpur gekleidet, und drücken ihre kühnen Umrisse an dem klaren Abendhimmel ab; oft aber, wenn keine Wolke die ganze übrige Landschaft verdüstert, sammeln sie um ihre Gipfel einen Kranz grauer Dünste, welcher in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie eine Strahlenkrone glüht und glänzt. Vielleicht hat der Reisende an dem Fuße dieser Feenberge den sanft sich kräuselnden Rauch auf den Schornsteinen eines Dorfes bemerkt, dessen Schindeldächer gerade da, wo die blauen Tinten der Anhöhen in das frische Grün der näheren Landschaft verfließen, aus den Bäumen hervorglänzen. Es ist ein kleines Dorf von hohem Alter, das von einigen der Holländischen Colonisten in den frühesten Zeiten der Provinz , gerade um den Anfang der Regierung des guten Peter Stuyvesant (der in Frieden ruhen möge!) gegründet wurde, und noch vor wenigen Jahren standen einige Häuser der ursprünglichen Anbauer da, welche aus kleinen gelben aus Holland noch mit herüber gebrachten Backsteinen erbaut waren, mit Jalousieen und Vordergiebeln, auf denen Wetterhähne thronten. In diesem Dorfe, und in einem der so eben genannten Häuser (das, geradezu gesagt, sehr verfallen und verwittert war) wohnte vor manchen Jahren, während das Land noch eine Provinz von England war, ein einfältiger, gutmüthiger Mensch, Rip van Winkle genannt. Er war ein Abkömmling der van Winkle, welche in den ritterlichen Tagen Peter Stuyvesant's sich so hochherzig bewiesen, und ihn zu der Belagerung von Fort Christian begleitet hatten. Von dem kriegerischen Charakter seiner Ahnen hatte er jedoch nur wenig geerbt. Ich habe bemerkt, daß er ein einfältiger gutmüthiger Mensch war; überdieß hatte er aber auch die Eigenschaft eines guten Nachbars und eines gehorsamen, dem Pantoffel unterworfenen Ehemannes. In der That, dem letzteren Umstande dürfte auch wohl die Sanftmuth des Geistes, welche ihn so allgemein beliebt gemacht hatte, am meisten beizumessen gewesen sein; denn diejenigen Männer, welche zu Hause unter der Zucht des Pantoffels stehen, sind außer demselben immer sehr nachgiebig und friedlich. Ohne Zweifel wird ihr Charakter in dem feurigen Ofen häuslicher Plage geschmeidig und biegsam gemacht, und eine Gardinenpredigt wiegt alle Predigten in der Welt auf, wenn es darauf ankommt, die Tugenden der Geduld und eines langen Leidens zu lehren. Eine böse Sieben kann daher, in gewisser Hinsicht, als ein erträglicher Segen angesehen werden, und wenn das ist, so war Rip van Winkle dreifach gesegnet. Soviel ist gewiß, daß er ein großer Liebling der Hausfrauen im Dorfe war, die, wie es bei dem schönen Geschlechte gewöhnlich der Fall ist, bei den Familienzänkereien jedesmal seine Partei nahmen, und niemals, wenn sie bei ihren Abendunterhaltungen diese Dinge besprachen, zu verfehlen pflegten, alle Schuld auf die Frau van Winkle zu schieben. Auch die Kinder im Dorfe jauchzten vor Freuden, sobald er sich näherte. Er stand ihnen bei ihren Spielen bei, machte ihnen Spielsachen, lehrte sie Drachen steigen und Murmel spielen, und erzählte ihnen lange Geschichten von Geistern, Hexen und Indianern. Wo er nur im Dorfe umherschlenderte, war er auch von einem Haufen derselben umgeben, die an seinen Rockschößen hingen, ihm auf dem Rücken saßen, und ihm, ungestraft, tausend kleine Streiche spielten; und nicht ein Hund in der ganzen Gegend hätte ihn angebellt. Der große Fehler in Rip's Charakter war eine unüberwindliche Abneigung gegen alle Arten von erklecklicher Arbeit. Nicht, daß es ihm an Fleiß oder Beharrlichkeit gefehlt hätte; denn er konnte auf einem feuchten Felsen mit einer Angelruthe, so lang und schwer als eine Tatarlanze, sitzen und den ganzen Tag ohne Murren angeln, selbst, wenn ihm auch nicht ein einziger Gründling neuen Muth gab. Er konnte Stunden lang eine Vogelflinte auf der Schulter tragen, durch Wälder und Moräste, Berg auf und Thal ab trollen, um einige Eichhörnchen oder Waldtauben zu schießen. Er schlug es nie einem Nachbar ab, ihm bei den schwersten Arbeiten zu helfen, und war immer voran bei allen ländlichen Ergötzlichkeiten, wenn es Welschkorn auszuhülsen oder steinerne Friedigungen aufzubauen gab; auch pflegten ihn die Frauen im Dorfe dazu zu gebrauchen, ihre Gänge zu machen und allerhand kleine Dienste zu verrichten, zu welchen ihre weniger gefälligen Ehemänner nicht geneigt waren. Mit einem Wort, Rip war bereit zu aller Leute Geschäften, nur nicht zu seinen eigenen; denn seine häusliche Pflicht zu thun und seine Besitzung in Ordnung zu halten, das fand er unmöglich. Er erklärte in der That, es sei unnöthig, wenn er auf seinem Hofe arbeite: es sei das schändlichste kleine Stück Grund in dem ganzen Lande; alles darauf gehe verkehrt und würde verkehrt gehen, was er auch thun möge. Seine Zäune fielen beständig zusammen; seine Kuh verlief sich entweder oder gerieth in den Kohl; auf seinen Feldern wüchse das Unkraut gewiß schneller als irgendwo anders; der Regen mache sich ein Geschäft daraus immer dann zu kommen, wenn er irgend etwas außer dem Hause zu thun habe; so daß, obgleich sein väterliches Erbgut, Morgen für Morgen, unter seinen Händen hinweg geschmolzen war, bis wenig mehr als ein bloßer Fleck für Welschkorn und Kartoffeln übriggeblieben, selbst dieser als die schlechteste Besitzung in der ganzen Gegend angesehen werden konnte. Auch seine Kinder waren so zerlumpt und wild, als ob sie Niemandem angehörten. Sein Sohn Rip, ihm sehr ähnlich, versprach, mit den alten Kleidern des Vaters, auch seine Gewohnheiten zu erben. Man sah ihn gewöhnlich, wie ein Füllen, seiner Mutter auf der Ferse nachtraben, ausstaffirt mit einem Paar alter abgelegter Pluderhosen seines Vaters, die er, wie eine zierliche Dame bei schlechtem Wetter ihre Schleppe trägt, mit einer Hand empor zu halten, die größte Noth hatte. Rip van Winkle war indeß einer von jenen glücklichen Sterblichen, von den thörichten, gutgeölten Charakteren, welche die Welt auf die leichte Achsel nehmen, weißes oder schwarzes Brod essen, je nachdem sie eines oder das andere mit wenigerem Kopfbrechen oder Mühe bekommen können, und lieber bei einem Pfennig verhungern, als um einige Thaler die Hand rühren. Wäre er sich selbst überlassen gewesen, so würde er in vollkommener Zufriedenheit das Leben durchgepfiffen haben; aber seine Frau lag ihm beständig wegen seiner Trägheit, seiner Sorglosigkeit und des Verderbens, das er über seine Familie brachte, in den Ohren. Morgens, Nachmittags und Abends war ihre Zunge stets in Bewegung, und Alles, was er sagte oder that, verursachte ihm gewiß einen Strom häuslicher Beredsamkeit. Rip hatte nur eine Art, auf all dergleichen Predigten zu antworten, und diese war ihm, durch den häufigen Gebrauch, zur Gewohnheit geworden. Er zuckte die Achseln, schüttelte seinen Kopf, schlug seine Augen gen Himmel, aber er sagte nichts. Dieß zog ihm jedoch jedesmal eine frische Ladung von seinem Weibe zu, so daß er froh war, seine Truppen zusammen zu ziehen und das Freie zu gewinnen – der einzige Ort, auf dem ein unter dem Pantoffel stehender Ehemann sein eigner Herr ist. Rip's einziger Anhänger im Hause war sein Hund Wolf, der eben so sehr als sein Herr unter dem Pantoffel stand; denn Frau van Winkle sah Beide als Genossen im Nichtsthun an, und schaute selbst auf Wolf mit bösen Augen, weil sie ihn für die Ursache der häufigen Abwege seines Herrn hielt. Wahr ist es, in Allem, was man einem rechtlichen Hunde zumuthen kann. zeigte er sich als ein so beherztes Thier, wie je ein's die Wälder durchstrichen – allein welcher Muth kann dem immerwährenden und Alles überwältigenden Schrecken, den eine Weiberzunge einflößt, sich entgegenstellen? Sobald Wolf in das Haus trat, fiel sein Muth, er ließ den Schwanz sinken, oder nahm ihn zwischen die Läufe, schlich mit einem Galgengesicht umher, warf manchen Seitenblick auf Frau van Winkle, und bei dem kleinsten Geräusch eines Besenstiels oder einer Kochkelle flog er mit belfernder Eile nach der Thüre. Es wurde schlimmer und schlimmer mit Rip van Winkle, so wie die Jahre seines ehelichen Lebens sich mehrten; ein herbes Gemüth wird mit der Zeit nicht milder, und eine scharfe Zunge ist das einzige schneidende Werkzeug, welches durch beständigen Gebrauch schärfer wird. Lange Zeit pflegte er sich damit zu trösten, daß er, aus dem Hause getrieben, eine Art von ständigen Club der Weisen, Philosophen und anderer Müßiggänger des Dorfes besuchte, der seine Sitzungen auf einer Bank vor der Thür einer kleinen Schenke hielt, welche ein hochrothes Bildniß Seiner Majestät Georg's des Dritten zum Schilde hatte. Hier pflegten sie in den langen faulen Sommertagen im Schatten zu sitzen, von Dorfgeklatsche durcheinander zu schwatzen, oder endlose schläfrige Geschichten über gar nichts zu erzählen. Indessen wurde doch mancher Staatsmann Geld darum gegeben haben, hätte er die tiefsinnigen Erörterungen mit anhören können, die zuweilen auf die Bahn kamen, wenn ihnen zufällig eine alte Zeitung von einem durchkommenden Reisenden in die Hand fiel. Wie feierlich hörten sie dann auf den Inhalt, wie ihn Derrick van Bummel, der Schulmeister, herausstotterte, ein flinker, gelehrter, kleiner Bursche, der auch durch das riesenhafteste Wort in dem Wörterbuche nicht zu zähmen war; und wie weise berathschlagten sie dann über öffentliche Ereignisse, einige Monate nachdem sie stattgefunden hatten. Die Aussprüche dieser Junta standen durchaus unter der Leitung des Nicolas Vedder, eines Patriarchen des Dorfes und Besitzers der Schenke, an deren Thür er vom Morgen bis Abend seinen Sitz nahm, dabei sich nur gerade so viel bewegend, als nöthig war, die Sonne zu vermeiden und den Schatten eines großen Baumes zu erreichen, so daß die Nachbarn nach seinen Bewegungen die Zeit so genau wissen konnten, wie nach einer Sonnenuhr. Es ist wahr, man hörte ihn selten sprechen, sondern er rauchte unaufhörlich. Seine Anhänger (denn jeder große Mann hat seine Anhänger) verstanden ihn indeß vollkommen, und wußten, wie sie sich seiner Meinung zu vergewissern hatten. Wenn etwas, das ihm vorgelesen oder erzählt wurde, ihm mißfiel, so sah man, wie er seine Pfeife heftig rauchte, und kurze, häufige, zornige Dampfwolken daraus fortblies: wenn es ihm aber gefiel, so zog er den Rauch langsam und ruhig ein, und blies ihn in leichten und friedlichen Wolken von sich; zuweilen nahm er wohl auch die Pfeife aus dem Munde, ließ den wohlriechenden Duft sich um seine Nase kräuseln, und nickte gravitätisch mit dem Kopfe, zum Zeichen seiner vollkommenen Billigung. Selbst aus diesem Bollwerk ward der unglückliche Rip am Ende von seinem zanksüchtigen Weibe vertrieben, die plötzlich in die Ruhe der Versammlung einstürmte und den Mitgliedern derselben förmlich Hohn sprach; selbst die erhabene Person des Nicolas Vedder war vor der kühnen Zunge dieses gewaltigen Mannweibes nicht heilig genug, und sie beschuldigte ihn geradezu, ihren Mann in seinem Hange zur Trägheit zu bestärken. Der arme Rip war endlich fast zur Verzweiflung gebracht, und die einzige Ausflucht, welche ihm blieb, um der Arbeit auf seinem Hofe und den Scheltworten seines Weibes zu entgehen, war, daß er seine Flinte zur Hand nahm und in den Wald hinausschlenderte. Hier setzte er sich zuweilen am Fuße eines Baumes nieder, und theilte den Inhalt seines Quersacks mit Wolf, mit dem er, als einem Leidensgenossen in der Verfolgung, gleiche Empfindungen hegte. »Armer Wolf,« sagte er dann: »deine Gebieterin läßt dich ein wahres Hundeleben führen; aber laß es gut sein, mein Junge, so lange ich lebe, soll es dir nicht an einem Freunde fehlen, der dir beisteht!« Wolf wedelte dann mit dem Schwanze, sah seinen Herrn gedankenvoll an, und wenn anders Hunde Mitleid fühlen können, so glaube ich wahrhaft, daß er von ganzem Herzen seine Gefühle erwiederte. Auf einem langen Spaziergange der Art an einem schönen Herbsttage, hatte Rip unbewußt einen der höchsten Theile der Kaatskill-Berge erklettert. Er ging seinem Lieblingsvergnügen, der Eichhornjagd, nach, und die stille Einsamkeit hallte und hallte von dem Krachen seiner Schüsse wider. Keuchend und ermüdet warf er sich spät am Nachmittag auf einen grünen, mit Bergkräutern bedeckten Vorsprung, welcher die Spitze eines Abhanges krönte. Von einer Oeffnung zwischen den Bäumen hindurch konnte er die ganze untere Gegend, mehrere Meilen fruchtbaren Holzlandes, übersehen. Er erblickte in der Entfernung den mächtigen Hudson, weit, weit unter ihm, still, aber majestätisch dahin strömen, und von Zeit zu Zeit eine Purpurwolke oder das Segel einer langsam dahin gleitenden Barke, welche hier und da auf der hellen Fläche zu schlafen schien, sich in ihm spiegeln; zuletzt entschwand sie in den blauen Hochlanden seinen Blicken. Auf der andern Seite sah er nieder in eine tiefe Bergschlucht, wild, einsam und rauh, die Tiefe mit Bruchstücken der überhangenden Klippen angefüllt, und nur spärlich von dem Widerschein der Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet. Einige Zeit lag Rip, über den Anblick in Nachdenken versunken da; der Abend brach allmählig herein; die Berge begannen ihre langen blauen Schatten über die Thäler zu werfen; er sah, daß es lange dunkel werden würde, ehe er das Dorf erreichen könnte, und ein tiefer Seufzer entschlüpfte ihm, als er daran dachte, den Zorn der Frau van Winkle über sich ausbrechen zu sehen. Indem er im Begriff war, herabzusteigen, hörte er eine Stimme in der Entfernung, welche ihm zurief: »Rip van Winkle! Rip van Winkle!« Er sah sich um, konnte aber nichts sehen, als eine Krähe, welche ihren einsamen Flug über die Berge hinnahm. Er glaubte, seine Phantasie habe ihn getäuscht, und drehte sich um, um hinab zu steigen, als er denselben Ruf durch die noch abendliche Luft erschallen hörte: »Rip van Winkle! Rip van Winkle!« Zu gleicher Zeit sträubte sich aber Wolf's Haar; er stieß ein dumpfes Gebrumm aus, schmiegte sich an seines Herrn Seite, und blickte furchtsam in die Schlucht. Rip fühlte sich jetzt von einem bangen Grauen erfaßt; er blickte ängstlich nach derselben Richtung hin, und sah eine seltsame Gestalt langsam die Felsen heraufklimmen, gebückt unter einer Last, die sie auf dem Rücken trug. Er war erstaunt, ein menschliches Wesen an diesem einsamen, unbesuchten Orte zu sehen; da er aber glaubte, daß es Jemand aus der Nachbarschaft sei, der seines Beistandes von Nöthen habe, so eilte er nieder, um ihm beizuspringen. Als er näher kam, wuchs sein Staunen über das sonderbare Aussehen des Fremden noch mehr. Es war ein kleiner, vierschrötiger alter Bursche, mit dickem buschigen Haar und grauem Barte. Seine Kleidung war nach dem alten holländischen Schnitte – eine Tuchjacke, um die Hüften gegürtet, – mehrere Paar Beinkleider, die äußeren sehr weit, mit Reihen von Knöpfen an den Seiten verziert und mit Schleifen an den Knieen. Auf seiner Schulter trug er ein schweres Fäßchen, das voll von geistigem Getränk zu sein schien, und gab Rip ein Zeichen, sich ihm zu nähern und ihm bei seiner Last behülflich zu sein. Obgleich Rip den neuen Bekannten gewissermaßen scheu und mißtrauisch betrachtete, so willfahrte er doch mit seiner gewöhnlichen Dienstbeflissenheit, und einander gegenseitig unterstützend, kletterten sie einen engen Hohlweg hinan, welcher dem Anscheine nach das trockne Bett eines Bergstromes war. Während sie hinanstiegen, hörte Rip von Zeit zu Zeit ein lang dahinrollendes Geräusch, gleich entferntem Donner, welcher auf einer tiefen Schlucht, oder vielmehr Spalte, zwischen hohen Felsen herzukommen schien, dem ihr rauher Pfad sie entgegen führte. – Er stand einen Augenblick still; glaubte jedoch das Dröhnen eines der vorübergehenden Gewitter vernommen zu haben, welche in höheren Berggegenden öfter umherziehen, und ging weiter. Nachdem sie die Schlucht passirt, kamen sie an eine Vertiefung, die einem kleinen Amphitheater glich, und von senkrechten Abhängen umgeben war, über deren Rand hinüberhangende Bäume ihre Zweige schlossen, so daß man nur hie und da einige glänzende Streifen des blauen Himmels und der hellen Abendwolken gewahren konnte. Während der ganzen Zeit klommen Rip und sein Gefährte in tiefem Stillschweigen bergan, der Erstere in nicht geringer Verwunderung, zu welchem Behuf ein Faß mit geistigem Getränke diese wilden Berge hinaufgeschafft würde, aber durch das sonderbare und geheimnißvolle Wesen des Unbekannten eingeschüchtert und zurückgehalten seiner Neugierde durch Fragen Raum zu geben. Beim Eintreten in das Amphitheater stellten sich neue Gegenstände der Verwunderung dar. In der Mitte einer Ebene war eine Gesellschaft von sonderbar aussehenden Leuten versammelt, welche Kegel schoben. Sie waren in eine ungewöhnliche ausländische Tracht gekleidet. Einige trugen kurze Wämse, andere Jacken, mit langen Messern in den Gürteln, und die Meisten waren mit ungeheuern Hosen angethan, von demselben Schnitt wie die des Führers. Auch ihre Gesichter waren ganz eigenthümlich: hier zeigte sich ein großer Kopf mit breitem Gesicht und kleinen Schweinsaugen; dort machte eine ungeheure Nase die übrigen Organe des Vorderkopfes fast unsichtbar, und ein weißer, pyramidenförmiger Hut mit rothem Hahnenschwanz ein unheimliches dämonisches Aussehen. Alle hatten Bärte von verschiedener Gestalt und Farbe. Einer unter ihnen, ein ansehnlicher alter Herr mit einem verhagelten Gesicht, schien der Anführer zu sein. Er trug ein mit Tressen besetztes Wamms, einen breiten Gurt und Hängriemen, einen hohen spitzen Hut mit einer Feder daran, rothe Strümpfe und Schuhe mit hohen Hacken und Rosen darauf. Die ganze Gruppe erinnerte Rip an die Gestalten auf einem alten flamändischen Gemälde, welches in der Wohnstube des würdigen Herrn van Schaick, des Dorfpredigers, hing, und das zur Zeit der Ansiedelung mit aus Holland herüber gebracht worden war. Was Rip besonders auffiel, war, daß diese Leute, obgleich sie augenscheinlich sich zu belustigen da waren, dabei doch die ernsthaftesten Gesichter machten und das geheimnißvollste Schweigen behaupteten, so, daß dies eine der melancholischsten Gesellschaften war, die er jemals gesehen hatte. Nichts unterbrach die Stille des Ganzen, als das Rollen der Kugeln, welche, wenn sie geworfen waren, wie dumpf dahintönender Donner längs den Bergen widerhallten. Als Rip und sein Gefährte sich ihnen näherte, ließen sie auf einmal von ihrem Spiele ab, und stierten ihn mit so starren, bildsäulenähnlichen Blicken und so sonderbaren, rohen, glanzlosen Gesichtern an, daß ihm das Herz im Busen sich umwandte und seine Kniee zusammenschlugen. Sein Gefährte leerte jetzt den Inhalt des Fäßchens in große Flaschen aus, und gab ihm Zeichen, die Gesellschaft zu bedienen. Er gehorchte mit Furcht und Zittern: sie schlürften reichlich und in tiefem Stillschweigen das Getränke und kehrten dann zu ihrem Spiele zurück. Nach und nach verlor sich Rip's Scheue und Aengstlichkeit. Er wagte sogar, wenn Niemand nach ihm sah, das Getränk zu kosten, dessen Geschmack, wie er fand, sich sehr dem von gutem Wachholder-Branntwein näherte. Er war von Natur eine durstige Seele, und bald versucht, wieder zur Flasche zurückzukehren. Ein Zug veranlaßte den andern; und er wiederholte die Besuche bei der Flasche so oft, daß seine Sinne endlich überwältigt wurden, seine Augen im Kopfe schwammen, sein Haupt sich allmählig neigte, und er in einen tiefen Schlaf verfiel. Beim Erwachen fand er sich auf dem grünen Vorsprunge, von welchem aus er zuerst den alten Mann aus der Schlucht gesehen hatte. Er rieb sich die Augen – es war ein klarer, sonniger Morgen. Die Vögel hüpften und zwitscherten um die Gebüsche und der Adler schwebte hoch in die Luft empor und wiegte sich auf dem reinen Morgenwinde. »Gewiß,« dachte Rip, »habe ich nicht die ganze Nacht hier geschlafen!« Er rief sich die Vorfälle, ehe er eingeschlafen war, in das Gedächtniß zurück. Der fremde Mann mit seinem Fäßchen geistigen Getränkes – die Bergschlucht – der wilde, einsame Schlupfwinkel in den Felsen – die traurige Kegelgesellschaft – die Flasche – »o! diese Flasche! diese böse Flasche,« dachte Rip: »wie soll ich mich bei der Frau van Winkle entschuldigen?« Er sah sich nach seinem Gewehr um, aber statt der reinen, wohleingeölten Vogelflinte, fand er neben sich liegend ein altes Gewehr, dessen Lauf mit Rost bedeckt, dessen Schloß abgegangen, und dessen Schaft von Würmern zerfressen war. Er vermuthete nun, die ernsten Spaßvögel des Berges hätten ihm einen Streich gespielt, und, nachdem sie ihn berauscht, ihm seine Flinte genommen. Auch Wolf war verschwunden; aber er konnte ja, ein Eichhörnchen oder ein Rebhuhn verfolgend, weggelaufen sein. Er pfiff nach ihm und rief seinen Namen, aber alles vergebens; das Echo wiederholte sein Pfeifen und Rufen, aber kein Hund war zu sehen. Er beschloß, den Schauplatz der letzten Abendvergnügung wieder aufzusuchen, und, wenn er Jemandem von der Gesellschaft begegnete, seine Flinte und seinen Hund zu fordern. Als er aufstand, um weiter zu gehen, fühlte er seine Glieder steif und es fehlte ihm die gewöhnliche Beweglichkeit. »Diese Berglager wollen zu mir nicht passen,« dachte Rip: »und wenn mir diese Belustigung einen Rheumatismus zugezogen haben sollte, so werde ich mit der Frau van Winkle meine liebe Noth bekommen!« Mit einiger Schwierigkeit gelangte er in die Schlucht hinab; er fand die Spalte, in welcher er und sein Gefährte am vorigen Abend hinangeklommen waren; aber zu seinem Erstaunen floß nun ein Bergstrom schäumend darin hinab, von Fels zu Fels springend, und die Schlucht mit geschwätzigem Geräusche füllend. Er bemühte sich indeß, an der Seite desselben hinanzuklettern, bahnte sich mühsam einen Weg durch Birken-, Sassafras- und Haselnußgebüsche, und fand sich zuweilen durch die Ranken des wilden Weinstocks aufgehalten, die ihre Winden und jungen Schösse von Baum zu Baum schlangen und eine Art Netzwerk über seinen Pfad hinzogen. Endlich gelangte er dahin, wo sich die Schlucht durch die Klippen gegen das Amphitheater hin geöffnet hatte; aber es waren keine Spuren einer solchen Oeffnung mehr vorhanden. Die Felsen boten eine hohe, undurchdringliche Mauer dar, über welche der Bergstrom in einer flockenartigen Schaummasse daher kam, und in ein breites, tiefes Becken fiel, welches düster war von den Schatten des Waldes. Hier konnte der arme Rip nicht weiter kommen. Er rief und pfiff seinem Hunde wieder; nur das Krächzen eines Schwarmes unnützer Krähen antwortete ihm, welche hoch in der Luft einen dürren Baum, der über einen sonnigen Abhang sich hinbog, umflatterten, und, sicher in ihrer Höhe, von dort aus die Bedrängniß des armen Mannes herabzuschauen und darüber zu spotten schienen. Was war zu thun? Der Morgen ging allmählig vorüber, und Rip fühlte, da er sein Frühstück entbehrte, beträchtlichen Hunger. Es betrübte ihn, seinen Hund und seine Flinte aufgeben zu müssen; er fürchtete, seinem Weibe in den Weg zu kommen; aber es ging doch auch nicht an, daß er in den Bergen verhungerte. Er schüttelte den Kopf, nahm sein rostiges Gewehr auf die Schulter und lenkte, mit einem Herzen voll Bangigkeit und Kummer, seine Schritte nach Hause. Als er sich dem Dorfe näherte, begegnete er vielen Leuten, aber Niemandem, den er kannte, was ihn einigermaßen in Erstaunen setzte, denn er hatte jeden Menschen in der ganzen Gegend zu kennen geglaubt. Auch ihre Kleidung war von einem Schnitte, ganz verschieden von dem, welchen er sonst zu sehen gewohnt gewesen war. Alle starrten ihn mit ähnlichen Zeichen des Erstaunens an, und sobald sie ihre Blicke auf ihn warfen, fühlten sie jedesmal an ihr Kinn. Die beständige Wiederholung dieser Geberde veranlaßte Rip, unwillkührlich dasselbe zu thun, wo er zu seinem Erstaunen fand, daß sein Bart einen Fuß lang gewachsen war. Er war jetzt in die Umgebung des Dorfes gekommen. Ein Haufe fremder Kinder lief ihm auf den Fersen nach, schrie und wies auf seinen grauen Bart. Auch die Hunde, unter denen er keinen seiner alten Bekannten wieder erkannte, bellten ihn an, als er vorüber ging. Das Dorf selbst war verändert; es war größer und volkreicher. Da standen Reihen von Häusern, welche er nie zuvor gesehen, und diejenigen, welche er gewöhnlich besucht hatte, waren verschwunden. Fremde Namen waren über den Thüren – fremde Gesichter an den Fenstern – Alles war fremd. Jetzt kreiste ihm der Kopf; er begann zu zweifeln, ob er und die Welt um ihn her nicht behext sei. Gewiß war dies doch sein heimathliches Dorf, das er erst den Tag zuvor verlassen hatte. Dort lagen die Kaatskill-Berge – dort floß in einiger Entfernung der silberglänzende Hudson – da war jeder Hügel und jedes Thal gerade noch so, wie früher – Rip wurde ganz verwirrt. »Die Flasche von gestern Abend,« dachte er, »hat mein armes Hirn völlig ausgesaugt.« Mit einiger Mühe fand er den Weg zu seinem eigenen Hause wieder, dem er sich mit stillschweigender Scheu näherte, da er jeden Augenblick die gellende Stimme der Frau van Winkle zu vernehmen erwartete. Er fand das Haus ganz im Verfall – das Dach eingesunken, die Fenster zerbrochen und die Thüren aus den Angeln. Ein halb verhungerter Hund, welcher wie Wolf aussah, schlich um dasselbe. Rip rief ihn bei Namen, allein der Hund knurrte, zeigte seine Zähne und lief weg. Das war in der That ein unfreundlicher Empfang. »Selbst mein Hund,« seufzte der arme Rip, »hat mich vergessen!« Er trat in das Haus, das, um die Wahrheit zu sagen, Frau van Winkle immer in schöner Ordnung gehalten hatte. Es war leer, verfallen und augenscheinlich verlassen. Diese Oede überwältigte alle Furcht vor Ehestandsscenen – er rief laut nach seiner Frau und seinen Kindern – die einsamen Zimmer hallten einen Augenblick von seiner Stimme wieder, und dann war Alles wieder stumm. Er machte sich nun hastig davon und eilte nach seinem alten Zufluchtsorte, der Dorfschenke; – allein auch diese war nicht mehr zu finden. Ein großes, schiefes, hölzernes Gebäude stand an dessen Stelle, mit großen weiten Fenstern, von denen einige zerbrochen und mit alten Hüten und Unterröcken verstopft waren, und über der Thür war die Ueberschrift gemalt: »das Union Hotel, Jonathan Doolittle.« Statt des großen Baumes, welcher die ehemalige ruhige, kleine holländische Schenke zu beschatten pflegte, war jetzt eine große kahle Stange aufgestellt, auf deren Spitze etwas hing, das einer rothen Nachtmütze ähnlich sah, und an derselben herab wehte eine Flagge, auf welcher eine sonderbare Zusammenstellung von Sternen und Streifen zu sehen war. – Alles dieß war seltsam und unbegreiflich. Er erkannte jedoch auf dem Schilde das hochrothe Gesicht von König Georg, unter welchem er so manche friedliche Pfeife geraucht hatte; aber selbst dieß war sonderbar umgestaltet. Der rothe Rock war in einen blauen mit Aufschlägen verwandelt; ein Degen war statt des Scepters in der Hand zu sehen, der Kopf war mit einem dreieckigen Hute geziert und unten stand mit großen Buchstaben geschrieben: General Washington . Es waren, wie gewöhnlich, eine Menge Menschen vor der Thür versammelt, unter denen jedoch Rip Niemanden erkannte. Selbst der Charakter des Volkes schien verändert. Es war da umher ein geschäftiges, unruhiges, streitsüchtiges Wesen, statt des gewohnten Phlegmas und der schläfrigen Friedseligkeit. Er sah sich vergebens nach dem weisen Nicolaus Vedder um, mit seinem breiten Gesicht, dem Doppelkinn und der schönen langen Pfeife, aus der er Wolken von Tabaksdampf, statt eitler Reden von sich gab, oder nach van Bummel, dem Schulmeister, der den Inhalt einer alten Zeitung ihnen mitzutheilen pflegte. Statt diesem stand ein magerer, gallsüchtig aussehender Bursche da, welcher die Taschen voll von Zetteln hatte, und sehr heftig über Rechte des Bürgers – über Wahlen – Mitglieder des Congresses – Freiheit – Bunkershill Die Schlacht am Bunkers-Hügel in der Nähe von Boston am 16. Juni 1775, wo das englische Heer, trotz seiner Ueberlegenheit, eine Niederlage erlitt. – die Helden von sechs und siebenzig – und noch andere Wörter sprach, welche dem verwirrten van Winkle vollkommen wie babylonisches Kauderwelsch vorkamen. Rip's Erscheinung mit seinem langen grauen Barte seiner verrosteten Vogelflinte, seinem sonderbaren Anzuge und der Herde von Weibern und Kindern, die sich ihm auf den Fersen sammelten, zog bald die Aufmerksamkeit der Schenkenpolitiker auf sich. Sie drängten sich um ihn und betrachteten ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit großer Neugierde. Der Redner arbeitete sich hindurch bis zu ihm, zog ihn auf die Seite und fragte: »für wen er stimme?« Rip starrte ihn mit nichtssagender Albernheit an. Ein anderer kniffiger, aber geschäftiger kleiner Kerl nahm ihn bei dem Arm, stellte sich auf die Zehen und fragte ihn in das Ohr: »ob er ein Föderalist oder ein Demokrat sei?« Rip fand sich eben so unfähig, diese Frage zu beantworten, als ein zuversichtlicher, sich wichtig machender alter Herr mit einem spitz gekrämpten Hut, sich einen Weg durch die Menge bahnte, die er rechts und links mit dem Ellbogen zurückstieß wie er an ihnen vorbei kam, worauf er, den einen Arm in die Seite gestemmt, und mit dem andern auf den Stock sich stützend, sich vor van Winkle hinstellte, und, als wolle er mit seinem scharfen Auge und seinem spitzen Hute ihn bis auf den Grund seiner Seele durchdringen, mit strengem Ton fragte: »was ihn mit seiner Flinte auf der Schulter und einem Haufen Volks an seinen Fersen, zur Wahl bringe, und ob er einen Tumult im Dorfe anzustiften im Sinne habe?« – »Ach, Ihr Herren,« rief Rip etwas beklommen aus, »ich bin ein armer friedliebender Mann, in diesem Orte daheim, und ein treuer Unterthan des Königs, Gott segne ihn!« Hier brachen die Umstehenden in ein allgemeines Geschrei aus: »Ein Tory! ein Tory! ein Spion! ein Ueberläufer! schafft ihn fort! weg mit ihm!« Mit großer Mühe vermochte der gewichtige Mann mit seinem gekrämpten Hute die Ordnung wieder herzustellen, und nachdem er eine zehnmal strengere Miene angenommen, fragte er noch einmal den unbekannten Verbrecher, weßwegen er hierher käme und wen er suche? Der arme Mann versicherte ihn demüthig, daß er nichts Arges im Sinne habe, sondern nur hergekommen sei, um einige seiner Nachbarn aufzusuchen, die sich in der Schenke aufzuhalten pflegten.« »Gut – wer sind sie? nennt sie!« Rip bedachte sich einen Augenblick und fragte: »Wo ist Nicolaus Vedder?« Eine kleine Weile herrschte allgemeines Stillschweigen; dann aber antwortete ein alter Mann, mit einer dünnen pfeifenden Stimme. »Nicolaus Vedder? Nun, der ist schon vor achtzehn Jahren gestorben und dahin. Es war ein hölzerner Grabstein auf dem Kirchhofe, welcher Alles erzählte, wie es mit ihm im Leben gewesen war; aber der ist auch längst verfault.« »Wo ist Brom Dutcher?« »Oh, der ging im Anfang des Krieges mit dem Heere; Einige sagen, er wäre bei der Erstürmung von Stoney-Point umgekommen – Andere meinen, er sei in einem Sturme bei Antonius Nase ertrunken. Genug – er ist nicht wieder zurückgekommen.« »Wo ist van Bummel, der Schulmeister?« »Er ging auch mit in den Krieg, ward ein großer Miliz-General und sitzt im Congreß.« Rip's Herz sank, wie er von diesen Veränderungen in seiner Heimath und bei seinen Freunden hörte, und sich nun so allein in der Welt fand. – Jede Antwort die er erhielt, vermehrte sein Erstaunen, da hier von so ungeheuren Zeiträumen und von Dingen die Rede war, die er durchaus nicht begreifen konnte. Krieg – Congreß – Stoney-Point; – er hatte nicht den Muth, noch nach andern Freunden zu fragen, sondern rief in Verzweiflung aus: »Kennt Niemand hier Rip van Winkle?« »Oh Rip van Winkle!« riefen Zwei oder Drei aus, »Oh allerdings! der ist Rip van Winkle, der dort, der sich an den Baum lehnt.« Rip sahe hin und erblickte genau sein Ebenbild von damals, als er den Berg hinangestiegen war, wie es schien, eben so träge, und gewiß eben so zerlumpt. Der arme Mann war jetzt ganz von Sinnen. Er zweifelte an seinem eigenen Dasein und ob er Er selbst, oder ein Anderer sei. Mitten in seiner Verwirrung fragte ihn der Mann mit dem gekrämpten Hute, wer er sei und wie er heiße? »Gott weiß es!« rief er, denn mit seinem Verstande war es aus; »Ich bin nicht Ich selbst, – ich bin Jemand anderes, – das dort bin Ich – nein – das ist Jemand anders, der sich in meine Schuhe gesteckt hat. – Ich war gestern Abend Ich selbst, aber ich schlief auf dem Berge ein, und sie haben mir meine Flinte vertauscht und Alles ist verändert, und Ich bin verändert, und weiß nicht mehr wie ich heiße, oder wer ich bin!« Die Umstehenden fingen jetzt an, einander anzusehen, zu nicken, sich ausdrucksvolle Winke zu geben, und mit dem Finger auf die Stirn zu zeigen. Auch ging ein Flüstern wegen des Wegnehmens der Flinte, damit man so den alten Mann verhindere, Unheil anzurichten, bei welcher bloßen Andeutung der gewichtige Mann mit dem gekrämpten Hute, sich mit einiger Hast davon gemacht hatte. In diesem bedenklichen Augenblicke drängte sich eine frische, nette Frau durch die Menge, um des graubärtigen Mannes ansichtig zu werden. Sie hatte ein pausbackiges Kind auf dem Arme, das, von den Blicken des Alten erschreckt, zu weinen anfing. »Still, Rip,« rief die Mutter ihm zu, »still du kleiner Narr, der alte Mann wird dir nichts zu Leide thun.« Der Name des Kindes, das Aeußere der Mutter, der Ton ihrer Stimme, Alles dies erweckte eine Reihe von Erinnerungen in seinem Gemüthe. »Wie heißt ihr, meine gute Frau?« fragte er. »Judith Gardenier.« »Und euers Vaters Name?« »Ach, der arme Mann, sein Name war Rip van Winkle; es ist nun zwanzig Jahr her, daß er mit seiner Flinte von Hause wegging, und man hat seitdem nie wieder etwas von ihm gehört – sein Hund kam ohne ihn nach Hause; ob er sich aber erschossen hat, oder ob er von den Indianern weggeschleppt worden ist, kann Niemand sagen. Ich war damals noch ein kleines Mädchen.« Rip blieb jetzt nur noch eine Frage zu thun; die brachte er aber mit stockender Stimme vor: »Wo ist eure Mutter?« »Oh, die ist auch, aber erst vor Kurzem, gestorben; sie zersprengte sich ein Blutgefäß, bei einem Anfall von Zorn über einen Hausirer aus Neu-England.« Es war wenigstens ein Tropfen Trostes in dieser Kunde. Der ehrliche Mann konnte sich nicht länger halten. Er schloß seine Tochter und ihr Kind in seine Arme. »Ich bin dein Vater!« rief er aus, »einst der junge Rip van Winkle – jetzt der alte Rip van Winkle! – Kennt denn Niemand den armen Rip van Winkle?« Alle standen erstaunt, bis eine alte Frau, die aus der Menge hervorschwankte, ihre Hand an die Augen hielt, und darunter hervorblickend, ihm einen Augenblick in's Gesicht sah und nun ausrief: »Allerdings! das ist Rip van Winkle – er ist es selbst! Willkommen zu Hause, alter Nachbar – nun, wo seid Ihr denn die zwanzig Jahre über gewesen?« Rip war bald mit seiner Erzählung fertig, denn die ganzen zwanzig Jahre waren ihm nur wie eine Nacht gewesen. Die Nachbarn machten große Augen, als sie sie hörten: Einige winkten einander zu und steckten die Zunge in die Backen, Ein auch in England gewöhnliches Zeichen des Unglaubens und Spottes. und der gewichtige Mann mit dem gekrämpten Hute, der, als der Schreck vorüber, auf den Kampfplatz zurückgekehrt war, zog seine Mundwinkel nieder und schüttelte den Kopf – worauf bei der Versammlung ein allgemeines Kopfschütteln entstand. Man entschied sich indeß dahin, den alten Peter Vanderdonk zu befragen, den man langsam die Straße herauf kommen sah. Er war ein Abkömmling des Geschichtschreibers dieses Namens, welcher eine der frühesten Beschreibungen dieser Provinz herausgegeben hat. Peter war der älteste Bewohner des Dorfes, und in allen wunderbaren Begebenheiten und Ueberlieferungen der Nachbarschaft wohl bewandert. Er erkannte Rip sogleich, und bekräftigte dessen Erzählung auf die genügendste Weise. Er versicherte die Gesellschaft, daß es eine Thatsache sei, welche schon von seinem Ahnherrn, dem Geschichtschreiber her, überliefert worden, daß die Kaatskill-Berge immer von seltsamen Erscheinungen heimgesucht worden seien; daß behauptet worden sei, der große Hendrick Hudson, der erste Entdecker des Flusses und des Landes, halte dort alle zwanzig Jahre mit seiner Schiffsmannschaft vom Halben-Monde eine Art Sabbath; indem es ihm vergönnt sei, auf diese Art den Schauplatz seiner Unternehmungen wieder zu besuchen und ein wachsames Auge auf den Fluß und die nach seinem Namen genannte große Stadt zu haben; daß sein Vater sie einst in ihrer alten holländischen Tracht in einer Höhlung des Berges Kegelschieben gesehen, und er selbst eines Sommernachmittags den Klang ihrer Kugeln, wie entferntes Donner-Rollen, gehört habe. Eine lange Geschichte kurz zu schließen, die Gesellschaft brach auf und kehrte zu den wichtigeren Geschäften der Wahl zurück. Rip's Tochter nahm den Vater mit nach Hause, damit er bei ihr lebe. Sie hatte eine nette, wohl eingerichtete Wohnung, und einen starken, fröhlichen Landmann zum Gatten, in welchem Rip einen der Kleinen erkannte, die ihm auf den Rücken zu klettern pflegten. Rip's Sohn und Erben betreffend, der das ditto von ihm selbst war und den er sich gegen den Baum hatte lehnen sehen, so arbeitete er mit auf dem Hofe, bewies aber eine angeerbte Neigung, Alles, nur nicht sein eigenes Geschäft, zu treiben. Rip ging nun wieder seine alten Gänge, und nahm seine alten Gewohnheiten wieder an; er fand bald mehrere von seinen früheren Gefährten, jedoch alle von den Launen der Zeit eben nicht zum besten behandelt: weßwegen er es auch vorzog, sich Freunde unter dem aufblühenden Geschlechte zu erwerben, bei dem er bald in große Gunst kam. Da er zu Hause nichts zu thun, und das glückliche Alter erreicht hatte, wo ein Mensch ungestraft Nichts thun darf, so nahm er seinen alten Platz wieder auf der Bank vor der Thüre der Schenke ein, und wurde zugleich als einer der Patriarchen des Dorfes und als eine Chronik aus den alten Zeiten »vor dem Kriege« verehrt. Es dauerte einige Zeit, ehe er sich in die gangbare Redeweise finden, oder die sonderbaren Ereignisse begreifen konnte, welche während seiner Erstarrung Statt gefunden hatten. Daß es z. B. einen Revolutionskrieg da gegeben – daß das Land das Joch von Alt-England abgeschüttelt und daß er aus einem Unterthanen Seiner Majestät Georg des Dritten, jetzt ein freier Bürger der vereinigten Staaten geworden sei. Rip war im Grunde kein Politiker; die Veränderungen der Staaten und Reiche machten nur wenig Eindruck auf ihn: allein es gab eine Art Despotismus, unter dem er lange geschmachtet hatte, und das war – die Pantoffelherrschaft. Diese war glücklicherweise zu Ende, er hatte seinen Hals aus dem Ehestandsjoche und konnte ein- und ausgehen, wann er wollte, ohne die Tyrannei der Frau van Winkle fürchten zu dürfen. Sobald indeß ihr Name genannt wurde, schüttelte er den Kopf, zuckte die Achseln und schlug die Augen gen Himmel, was entweder für eine Ergebung in sein Schicksal, oder für Freude über seine Befreiung gelten konnte. Er pflegte seine Geschichte jedem Fremden zu erzählen, der in Herrn Doolittle's Hotel ankam. Anfangs bemerkte man, daß er jedesmal, wenn er sie erzählte, manche Dinge anders vortrug, was aber ohne Zweifel davon herrührte, daß er erst so kürzlich erwacht war. Nach und nach indeß gestaltete sich Alles in der Darstellung genau so, wie ich es hier berichtet habe, und es gab keinen Mann, Frau oder Kind in der Nachbarschaft, die nicht die Geschichte auswendig gewußt hätten. Einige wollten indeß immer an der Wahrheit der Sache zweifeln, und behaupteten, Rip sei nicht bei Sinnen gewesen, und daß dies eine Sache sei, in welcher man nie viel Vertrauen auf ihn habe setzen können. Die alten holländischen Einwohner maßen jedoch der Erzählung fast vollen Glauben bei. Selbst bis auf diesen Tag hören sie nie ein Donnerwetter an einem Sommernachmittag um den Kaatskill, ohne zu sagen, Hendrik Hudson und seine Gefährten seien wieder bei ihrem Kegelspiel; und es ist ein allgemeiner Wunsch bei allen Ehemännern in der Nachbarschaft, die unter dem Pantoffel stehen, wenn ihnen das Leben etwas sauer wird, einen Schlaftrunk aus Rip van Winkle's Flasche thun zu können. Anmerkung . Man könnte glauben, die Veranlassung zu der vorhergehenden Erzählung sei Herrn Knickerbocker durch ein kleines deutsches Mährchen von Kaiser Friedrich dem Rothbart und dem KiffhäuserBerge gegeben worden; allein die folgende Bemerkung, welche er der Erzählung beigefügt hat, zeigt, daß dies eine ausgemachte Thatsache sei, die er mit seiner gewöhnlichen Treue erzählt hat. »Die Geschichte von Rip van Winkle mag Manchem unglaublich scheinen, allein demungeachtet schenke ich ihr vollkommenen Glauben, denn ich weiß, daß die Nähe unserer alten holländischen Niederlassungen die Scene gar mancher wunderbaren Begebenheiten und Erscheinungen gewesen ist. Ja, ich habe in den Dörfern, den Hudson entlang, noch sonderbarere Geschichten erzählen gehört, als diese, und die zu wohl beglaubigt waren, als daß man irgend einen Zweifel dagegen hätte hegen können. Ich habe sogar mit Rip van Winkle selbst gesprochen, der, als ich ihn zuletzt sah, ein sehr ehrwürdiger alter Mann und so vollkommen vernünftig und besonnen bei jeder andern Sache war, daß kein gewissenhafter Mensch anstehen konnte, diese mit in den Kauf zu nehmen: ja, ich habe sogar eine Beglaubigungsschrift über den Gegenstand gesehen, die von einem Dorfrichter aufgenommen und mit einem Kreuz, in des Richters eigener Handschrift, unterzeichnet war. Die Geschichte ist also über jeden möglichen Zweifel erhaben.« D. K. Englische Schriftsteller über Amerika. Mich dünkt, ich seh in meinem Geiste ein edles und mächtiges Volk, das sich wie ein starker Mann nach dem Schlafe erhebt und seine unbesiegbaren Locken schüttelt: mich dünkt, ich sehe es, wie einen Adler, der sein mächtiges Jugendgefieder wechselt, und seine geblendeten Augen an dem vollen Mittags-Sonnenstrahle wieder anzündet. Milton , über die Preßfreiheit. Mit dem Gefühle tiefen Kummers sehe ich, daß die schriftstellerische Erbitterung zwischen England und Amerika täglich zunimmt. Die vereinigten Staaten haben in der letzten Zeit große Neugier erregt, und die Londner Pressen haben eine Menge Beschreibungen von Reisen durch die Republik zu Tage gefördert; allein diese scheinen eher Irrthümer, als eine wahre Kenntniß des Landes verbreiten zu wollen; und dieß ist ihnen so gut geglückt, daß, des beständigen Verkehrs zwischen den beiden Völkern ungeachtet, es kein Volk gibt, in dessen Betreff die große Masse des englischen Publikums weniger genau unterrichtet wäre, oder mehr Vorurtheile hegte. Die englischen Reisenden sind die besten und die schlechtesten in der Welt. Wo keine Rücksichten des Stolzes oder des Vortheils dazwischen kommen, kann es ihnen Niemand an tiefen, philosophischen Ansichten von der bürgerlichen Gesellschaft, oder an treuen und anschaulichen Beschreibungen äußerer Gegenstände gleichthun – sobald aber entweder der Vortheil oder der Ruf ihres Vaterlandes mit dem eines andern Staates in Streit kommt, gehen sie zu dem Entgegengesetzten über, und verläugnen ihre gewohnte Rechtlichkeit und Billigkeit, indem sie sich grillenhaften Bemerkungen, einem unfreundlichen Hange zum Lächerlichmachen, überlassen. Daher sind ihre Reisebeschreibungen um so treuer und genauer, je entlegener das beschriebene Land ist. Ich würde der Beschreibung eines Engländers von den Ländern jenseit der Wasserfälle des Nil, von unbekannten Inseln im gelben Meer, vom Innern Indiens, oder von jeder andern Gegend, die andere Reisende mit dem Blendwerke ihrer Einbildungskraft ausschmücken würden, unbedingten Glauben beimessen; aber ich würde seine Nachrichten über seine nächsten Nachbarn und die Nationen, mit denen er am häufigsten in Berührung steht, mit Vorsicht aufnehmen; wie geneigt ich auch sein möchte, seiner Rechtlichkeit zu vertrauen, so mißtraue ich seinen Vorurtheilen. Es ist auch das besondere Schicksal unseres Landes gewesen, von der schlechtesten Gattung englischer Reisenden besucht zu werden. Während Leute von philosophischem Geiste und Bildung von England ausgeschickt wurden, bis zu den Polen hinaufzugehen, in die Wüste einzudringen, und die Sitten und Gebräuche wilder Völker kennen zu lernen, mit denen es keinen dauernden Verkehr für seine Vergnügungen oder für seinen Gewinn haben kann; sind der banqueroute Kaufmann, der planmachende Abenteurer, der wandernde Handwerker, der Reisende von Manchester und Birmingham, seine Orakel über Amerika gewesen. Aus solchen Quellen begnügt es sich, seine Kunde über ein Land zu ziehen, das sich in einem eigenthümlichen Zustande geistiger und physischer Entwickelung befindet; ein Land, in welchem einer der größten politischen Versuche in der Geschichte der Welt jetzt angestellt wird, und welches für den Staatsmann und den Philosophen einen Gegenstand des tiefsten und wichtigsten Studiums darbietet. Daß solche Leute befangene Nachrichten von Amerika geben, darüber darf man sich nicht wundern. Die Gegenstände, welche es der Erwägung darbietet, sind zu ausgedehnt und zu erhaben für ihre Fassungskräfte. Der Nationalcharakter befindet sich noch in einem Zustande der Gährung; er mag seinen Schaum und Bodensatz haben, allein seine Bestandtheile sind rein und gesund; er hat schon Beweise von kräftigen und tüchtigen Eigenschaften gegeben, und das Ganze verspricht, wenn es sich gesetzt haben wird, etwas wesentlich Treffliches zu werden. Aber die Ursachen, welche dazu beitragen, ihm Stärke zu geben und es zu veredlen, und die täglichen Anzeichen von seinen bewunderungswürdigen Eigenthümlichkeiten, sind bei diesen stockblinden Beobachtern verloren, welche nur die kleinen Schroffheiten bemerken, die bei seiner jetzigen Lage natürlich sind. Sie sind nicht im Stande, anders als oberflächlich von den Gegenständen zu urtheilen, welche mit ihrem Privatvortheil und ihrer Persönlichkeit in Berührung kommen. Sie vermissen einige von den Bequemlichkeiten und kleinlichen Behaglichkeiten, welche man in einem alten, hoch gebildeten, übervolkreichen Gesellschaftszustande findet, wo die Stände der nützlichen Arbeiter über[be]setzt sind, und Viele ein mühseliges und sclavisches Leben nur dadurch fristen, daß sie auf die Launen des Luxus und der Verwöhnung sinnen. Diese kleineren Behaglichkeiten sind indeß allgewichtig in den Augen beschränkter Geister, welche entweder nicht einsehen, oder es nicht eingestehen wollen, daß sie bei uns durch große und allgemein verbreitete Segnungen mehr denn aufgewogen werden. Vielleicht haben sie sich auch in ihren unüberlegten Erwartungen eines plötzlichen Gewinns getäuscht. Sie haben sich Amerika als ein Eldorado gedacht, wo Gold und Silber in Ueberfluß vorhanden sind, wo die Eingebornen nicht viel Verstand haben, und wo sie auf eine unvermuthete, aber leichte Weise gewaltig und plötzlich reich werden zu können glaubten. Eben diese Geistesschwäche, welche alberne Erwartungen nährt, bringt, wenn sie sich getäuscht sieht, Verdruß hervor. Solche Leute werden erbittert gegen das Land, wenn sie finden, daß, hier wie sonst überall, der Mensch säen muß, ehe er ernten kann; daß er, durch Thätigkeit und Talent, Reichthum erwerben muß, und daß er mit den gewöhnlichen Hindernissen der Natur und dem Scharfsinn eines gescheuten und unternehmenden Volks zu kämpfen hat. Vielleicht sind diese Leute, aus einer irrigen oder übel angebrachten Gastfreiheit, oder vermöge der, meinen Landsleuten eigenthümlichen Bereitwilligkeit, Fremde zu ermuntern und zu unterstützen, mit ungewohnter Achtung in Amerika behandelt worden; und ihr ganzes Leben lang nur gewohnt, sich als auf einer niedern Stufe der Gesellschaft stehend zu betrachten, und in dem knechtischen Gefühle der Untergeordnetheit erzogen, werden sie unverschämt, sobald die gewöhnliche Höflichkeit gegen sie beobachtet wird: sie messen der Demuth Anderer ihre eigene Erhebung zu, und schätzen eine Gesellschaft gering, worin es keine künstliche Unterscheidungen gibt, und wo durch keinen Zufall Leute, wie sie sind, Wichtigkeit erhalten können. Man sollte indessen annehmen, daß Nachrichten, welche aus solchen Quellen über einen Gegenstand fließen, über den man so gern die Wahrheit erfahren möchte, von den Beurtheilern schriftstellerischer Erzeugnisse mit Vorsicht aufgenommen werden müßten; daß man die Beweggründe dieser Leute, ihre Wahrhaftigkeit, die Gelegenheiten, welche sich ihnen darboten, Untersuchungen anzustellen und Beobachtungen zu machen, und ihre Befähigung zu einem richtigen Urtheile, streng untersuchen würde, ehe man ihre Aussagen gegen ein verwandtes Volk, in einem so ausgedehnten Umfange, als gültig zuließ. Gerade das Entgegengesetzte ist indessen der Fall, und dieß bietet einen sprechenden Beweis menschlichen Widerspruchs. Nichts kann die Wachsamkeit übertreffen, womit englische Kritiker die Glaubwürdigkeit eines Reisenden prüfen, welcher eine Beschreibung irgend eines etwas entfernten und verhältnißmäßig unwichtigen Landes herausgibt. Wie mühsam vergleichen sie nicht die Messungen einer Pyramide, oder die Beschreibungen einer Trümmer, und wie streng tadeln sie nicht jede Ungenauigkeit in diesen Beiträgen zur Kenntniß bloß merkwürdiger Dinge, während sie mit Begierde und blindem Glauben die handgreiflichen Entstellungen ungebildeter und unbekannter Schriftsteller in Betreff eines Landes hinnehmen, zu welchem ihr eigenes in den wichtigsten und zartesten Beziehungen steht. Ja, sie machen diese apocryphischen Blätter zu authentischen Büchern, und besprechen sie mit einem Eifer und einer Geschicklichkeit, welche einer bessern Sache würdig wären. Ich will jedoch bei diesem widrigen und abgedroschenen Gegenstande nicht länger verweilen: auch würde ich ihn gar nicht berührt haben, wäre es nicht wegen meiner Landsleute geschehen, die dem Anscheine nach über Gebühr Antheil daran genommen, und wegen gewisser nachtheiligen Wirkungen, welche sie, wie ich fürchtete, auf das National-Gefühl hervorbringen könnten. Sie können uns keinen wesentlichen Schaden bringen. Wir legen einen zu großen Werth auf diese Angriffe. Das Gewebe von Entstellungen, mit welchem man uns zu umstricken trachtet, gleicht den Spinnweben, mit welchen die Glieder eines jungen Riesen umstrickt werden. Unser Vaterland wächst immer über sie hinaus. Eine Unwahrheit nach der andern fällt von selbst zusammen. Wir brauchen nur weiter fort zu leben, und jeder Tag unsers Lebens erzeugt einen ganzen Band von Widerlegungen. Alle Schriftsteller von England vereinigt, wenn wir nur einen Augenblick annehmen könnten, daß ihr erhabener Sinn sich zu einer so unwürdigen Vereinigung erniedrigen dürfte, würden unsre schnell emporwachsende Bedeutsamkeit und das beispiellose Gedeihen nicht verhüllen können. Sie könnten es nicht verhehlen, daß diese Erscheinungen nicht allein physischen und örtlichen, sondern auch moralischen Ursachen zugeschrieben werden müssen – namentlich der politischen Freiheit, der allgemeinen Verbreitung von Kenntnissen, dem Uebergewichte gesunder moralischer und religiöser Grundsätze, welche dem Charakter eines Volks Kraft und anhaltenden Nachdruck geben, und welche, in der That, die anerkannten und wunderbaren Stützen ihrer eigenen National-Macht und ihres Ruhmes gewesen sind. Warum sind wir aber so ungemein empfindlich gegen alle Verläumdungen Englands? Warum lassen wir uns die Schmach so sehr zu Herzen gehen, welche es sich bestrebt hat auf uns zu häufen? In der Meinung von England allein ist nicht alle Ehre begründet, hat nicht aller Ruhm seinen Sitz. Die weite Welt ist die Schiedsrichterin über den Ruhm eines Volkes; mit ihren tausend Augen beobachten sie die Thaten eines Volkes, und auf ihrem Gesammt-Zeugniß beruhet National-Ruhm oder National-Schande. Für uns ist es daher verhältnißmäßig von nur geringer Wichtigkeit, ob England uns Gerechtigkeit widerfahren läßt, oder nicht; weit bedeutsamer ist es vielleicht für dieses Land selbst. Es gießt in die Brust eines jugendlichen Volkes Zorn und Erbitterung, die mit seinem Wachsthum wachsen, und mit seiner Stärke stärker werden. Wenn es in Amerika, wie einige seiner Schriftsteller es zu überzeugen bemüht sind, später einen eifersüchtigen Nebenbuhler und einen riesenhaften Feind finden sollte, so mag es denselben Schriftstellern danken, daß sie diese Nebenbuhlerschaft geweckt und die Feindseligkeit gereizt haben. Jedermann kennt den allumgreifenden Einfluß der Literatur in der jetzigen Zeit und wie sehr die Meinungen und Leidenschaften der Menschen von ihr geleitet werden. Die bloßen Kämpfe mit dem Schwerte sind vorübergehend; die Wunden, welche es schlägt, sind nur in dem Fleisch, und es ist der Stolz des Edeln, sie zu vergeben und zu vergessen; allein die Verläumdungen der Feder dringen in das Herz; sie eitern am längsten in den edelsten Geistern; sie bleiben dem Gemüthe immer gegenwärtig, und machen es krankhaft empfindlich gegen die leiseste unangenehme Berührung. Nur selten bringt eine öffentliche Handlung Feindseligkeiten zwischen zwei Völkern hervor; am gewöhnlichsten ist eine frühere Eifersucht und böser Wille vorhanden; eine vorgängige Neigung, Anstoß zu nehmen. Verfolgt dies Alles bis zu seiner Quelle, und wie oft werdet ihr finden, daß es in den unseligen Ergießungen besoldeter Schriftsteller gegründet ist, die, sicher in ihren Cabinetten und um schmachvollen Brodes willen, das Gift bereiten und verbreiten, welches in den Großmüthigen und Wackern wirken soll. Ich lege nicht zu viel Gewicht auf diesen Punkt; denn er bezieht sich ausdrücklich auf unsern besondern Fall. Auf keine Nation wirkt die Presse so unbeschränkt, wie auf das amerikanische Volk, denn die allgemeine Erziehung der ärmsten Klassen macht jeden Einzelnen zum Leser. Es wird in England nichts in Bezug auf unser Land herausgegeben, das nicht in jedem Theile desselben in Umlauf käme. Jede Verläumdung, die aus einer englischen Feder fließt, jede unwürdige Spottrede, die einem englischen Staatsmann entschlüpfte, hilft das Wohlwollen dämpfen und die Masse heimlichen Grolls vermehren. Da nun England wirklich die Haupt-Quelle besitzt, aus welcher die Literatur der Sprache fließt, wie ganz steht es in seiner Macht, und wie gewiß ist es seine Pflicht, sie zu der Dolmetscherin freundlicher und großartiger Gefühle zu machen – zu einem Strome, auf welchem beide Völker einander begegnen, und aus dem sie in Frieden und Freundschaft schöpfen! Sollte es indessen darauf bestehen, ihn in bitteres Wasser zu verwandeln, so dürfte wohl eine Zeit kommen, wo es seine Thorheit bereuen möchte. Die gegenwärtige Freundschaft Amerika's mag ihm vielleicht von geringer Bedeutsamkeit sein; allein das spätere Schicksal dieses Landes ist wohl nicht zweifelhaft; über dem von England hängen manche Wolken der Ungewißheit. Sollten also die trüben Tage eintreten, sollte das Unglück hereinbrechen, von dem selbst die stolzesten Reiche nicht verschont geblieben sind, so mag es mit Bedauern auf seine Verblendung zurückblicken, die es verleitete, ein Volk so von seiner Seite zu stoßen, das es an seinen Busen hätte drücken sollen, und so die einzige Aussicht auf wahre Freundschaft zu zerstören, welche es über die Grenzen seiner eigenen Besitzungen hinaus finden konnte. Es ist die allgemeine Ansicht in England, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten gegen das Mutterland feindselig gesinnt seien. Es ist dies einer von den Irrthümern, welche von hinterlistigen Schriftstellern absichtlich verbreitet worden sind. Es herrscht ohne Zweifel eine bedeutende politische Feindseligkeit, und eine allgemeine Empfindlichkeit über die Unfreisinnigkeit, welche sich die englische Presse gegen Amerika zu Schulden kommen läßt; aber im Ganzen genommen, ist doch das Volk sehr für England eingenommen. In der That, diese Vorliebe stieg während einer Zeit in einigen Gegenden der vereinten Staaten zu einem thörigen Grade von Vergötterung. Der bloße Name »Engländer« war ein Freibrief auf das Vertrauen und die Gastfreundschaft jeder Familie, und lieh nur zu oft Werthlosen und Undankbaren eine vorübergehende Beliebtheit. In dem ganzen Lande war eine Art von Begeisterung mit dem Gedanken an England verknüpft. Wir blickten dahin mit einem geheiligten Gefühle der Zärtlichkeit und Verehrung, als zu dem Lande unsrer Voreltern – dem erhabenen Aufbewahrungsorte der Denkmäler und Alterthümer unseres Geschlechts – dem Geburtsorte und Grabdenkmale der Weisen und Helden unserer väterlichen Geschichte. Nach unserem eigenen Lande gab es keines, in dessen Ruhme wir uns mehr erfreuten – keines, dessen gute Meinung wir sehnlicher für uns zu haben wünschten – keines, gegen das unsere Herzen mit solchem Pulsschlage warmer Verwandtschaft sich ausdehnten. Selbst während des letzten Krieges war es, so oft nur die geringste Gelegenheit sich darbot, wo freundliche Gefühle sich zeigen konnten, für die großartigen Gemüther unseres Landes ein Hochgenuß, zu zeigen, daß sie, mitten unter Feindseligkeiten, doch die Funken künftiger Freundschaft noch glimmend zu erhalten suchten. Soll dieß Alles nun zu Ende sein? Soll dieses goldene Band verwandter Gefühle, unter Völkern so selten, auf ewig zerrissen sein? – Vielleicht ist es noch das beste – es mag ein Blendwerk zerstören, welches uns in einer geistigen Sclaverei erhalten haben dürfte, das gelegentlich mit unserem wahren Vortheil in Berührung gekommen sein, und die Ausbildung des wahren Nationalstolzes verhindert haben möchte. Allein es ist hart, das Band der Verwandtschaft aufgeben zu müssen – und es gibt Gefühle, welche uns theurer sind, als unser Vortheil – welche unserm Herzen näher liegen, als der Stolz – welche uns noch einen Blick des Bedauerns zurückwerfen lassen, wenn wir weiter und weiter von dem väterlichen Dache wandern, und welche die Härte des Vaters beklagen werden, der die Liebe des Kindes zurückstieß. Kurzsichtig und unüberlegt jedoch, wie das Benehmen Englands bei diesem System der Verläumdung sein mag, würde eine Vergeltung von unserer Seite doch gleich übel angebracht sein. Ich spreche nicht von einer entschlossenen und durchgreifenden Ehrenrettung unseres Vaterlandes, noch von der schärfsten Züchtigung der Verläumder desselben, – sondern ich beziehe mich auf eine Neigung, mit gleichem Maaße zurück zu messen; Spott mit Spott zu vergelten, und ebenfalls Abneigung zu erregen; was unter unseren Schriftstellern weit um sich zu greifen scheint. Laßt uns gegen eine solche Stimmung vorzüglich auf unserer Hut sein, denn sie würde das Uebel verschlimmern, statt dem Unrecht abzuhelfen. Nichts ist so leicht und einladend, als Beleidigung und Spott zurückzugeben; allein es ist ein gemeiner und unnützer Streit. Es ist die Zuflucht eines krankhaften Gemüths, das eher zur Erbitterung geneigt, als von einem lebendigen Unwillen entflammt ist. Wenn England willens ist zuzugeben, daß kleinliche Handelseifersucht, oder die rachsüchtige Erboßtheit der Politik, die Reinheit ihrer Presse beflecken, oder die Quelle der öffentlichen Meinung vergiften, so wollen wir uns wenigstens hüten, diesem Beispiele zu folgen. England mag es seinem Vortheil angemessen halten, Irrthümer zu verbreiten und Abneigung zu erzeugen, in der Absicht, die Auswanderung zu verhindern; wir haben keiner Absicht der Art zu fröhnen. Auch haben wir keinen Geist der Volks-Eifersucht, den wir befriedigen müßten, denn bis jetzt sind wir, bei allen Streitigkeiten mit England, immer der überlegene und gewinnende Theil gewesen. Es kann also bei uns kein Ziel zu erreichen geben, als die Befriedigung der Rache – ein bloßer Geist der Wiedervergeltung; und selbst dieser ist ohnmächtig. Was wir entgegnen, wird in England niemals wieder bekannt; es erreicht daher seinen Zweck nicht; es nährt dagegen nur den zänkischen und mürrischen Geist unter unseren Schriftstellern; verbittert den lieblichen Erguß unserer jugendlichen Literatur, und säet Dornen und Disteln zwischen ihre Blüthen. Was noch schlimmer ist, diese Erwiderungen kommen in unserem eigenen Lande in Umlauf, und erregen, in so fern sie Eindruck machen, starke Nationalvorurtheile. Dies letzte ist das Uebel, das wir besonders entfernen müssen. Da wir gänzlich von der öffentlichen Meinung geleitet werden, so muß auch die äußerste Sorgfalt angewendet werden, die Reinheit der öffentlichen Stimmung zu erhalten. Kenntniß ist Macht, und Wahrheit ist Kenntniß; wer immer daher wissentlich ein Vorurtheil verbreitet, der untergräbt muthwillig die Grundlage der Stärke seines Vaterlandes. Die Glieder eines Freistaats sollen, vor allen andern, gerade und leidenschaftslos sein. Sie sind, einzeln, Theile des selbstherrschenden Geistes und höchsten Willens, und sollen deßwegen im Stande sein, alle Streitfragen, welche das Wohl des Volks betreffen, mit ruhigem und unbefangenem Urtheile ins Auge zu fassen. Nach der eigenthümlichen Beschaffenheit unserer Verhältnisse mit England, müssen wir mit dieser Macht öftere Erörterungen schwieriger und zarterer Art haben, als mit irgend einem andern Volke; Fragen, welche die schärfsten und reizbarsten Gefühle angreifen; und da, bei Ausgleichung derselben, die Maßregeln, welche wir zu nehmen haben, am Ende durch das Gefühl des Volks bestimmt werden müssen, so können wir nicht zu ängstlich aufmerksam sein, diese von allen verborgenen Leidenschaften oder vorgefaßten Meinungen zu reinigen. Da wir einmal Fremden aus allen Theilen der Erde einen Zufluchtsort eröffnen, so sollen wir auch Alle mit Unpartheilichkeit aufnehmen. Es sollte unser Stolz sein, das Beispiel eines Volks wenigstens zu geben, das keinen Volks-Widerwillen hat, und nicht allein die öffentlichen Handlungen der Gastfreiheit, sondern auch jene seltenere und edlere Höflichkeit ausübt, welche aus der Freisinnigkeit der Meinung entspringt. Was haben wir mit National-Vorurtheilen zu schaffen? Sie sind die eingefleischten Krankheiten alter Staaten, in rohen und unwissenden Zeiten eingesogen, als die Nationen noch wenig von einander wußten, und mit Mißtrauen und Feindseligkeit über ihre Grenzen hinausblickten. Unsere National-Existenz dagegen begann in einem erleuchteten und philosophischen Zeitalter, als die verschiedenen Theile der bewohnbaren Welt und die verschiedenen Zweige der Menschenfamilie unermüdet studirt und mit einander bekannt gemacht wurden; und wir verlieren die Rechte unserer Geburt, wenn wir die National-Vorurtheile nicht abschütteln, wie wir dieß mit den örtlichen abergläubischen Meinungen der alten Welt thun. Aber vor allen Dingen wollen wir uns nicht von den Gefühlen des Grolles so weit irre führen lassen, daß wir unsere Augen gegen das Gewahren dessen verschließen, was in dem englischen Charakter wahrhaft treffliches und liebenswürdiges ist. Wir sind ein junges Volk, nothwendigerweise also ein nachahmendes, und müssen unsere Beispiele und Muster größtentheils von den bestehenden Völkern in Europa nehmen. Es ist kein Land unseres Studiums würdiger, als England. Der Geist seiner Verfassung hat mit dem der unsrigen die meiste Uebereinstimmung. Die Sitten des Volks – seine geistige Thätigkeit – seine Meinungsfreiheit – seine Art, über diejenigen Gegenstände zu denken, welche die theuersten Interessen und die heiligsten Freuden des Privatlebens betreffen, sind innigst mit dem amerikanischen Charakter verwandt; und in der That, sie sind an sich selbst vortrefflich, denn es ist das sittliche Gefühl des Volkes, auf welches die festen Grundlagen der Wohlfahrt Englands gebaut sind, und wie sehr auch der Oberbau abgenutzt, oder von Mißbräuchen überwachsen sein mag, es muß etwas solides in der Grundlage, etwas bewunderungswürdiges in den Bestandtheilen, und haltbares in der ganzen Zusammensetzung eines Gebäudes liegen, das so lange in den Stürmen der Welt unerschüttert da gestanden hat. Es mag daher der Stolz unserer Schriftsteller sein, alle Gefühle der Erbitterung zu unterdrücken, und es zu verschmähen, die Unfreundlichkeit der britischen Schriftsteller auf ähnliche Weise zu vergelten, und von dem englischen Volke ohne Vorurtheil und mit entschiedener Unpartheilichkeit zu reden. Während sie die rücksichtslose Abgötterei rügen, womit einige von unseren Landsleuten Alles, was Englisch ist, bewundern und nachahmen, bloß weil es Englisch ist, mögen sie freimüthig das herausheben, was wirklich des Lobes werth ist. Wir können auf diese Weise England als ein beständiges Hülfsbuch vor uns haben, worin gesunde Schlußfolgen aus Jahrhunderten von Erfahrungen verzeichnet stehen; und während wir die Irrthümer und Thorheiten vermeiden, welche sich vielleicht in die Blätter eingeschlichen haben, können wir goldene Lehren praktischer Weisheit daraus schöpfen, um durch diese unsern National-Charakter zu stärken und zu verschönern. Landleben in England. O, Freundin du des besten Thuns der Menschen, Nachdenken, Tugend, Frieden fröhlich fördernd, O häuslich Sein in ländlich froher Ruhe! Cowper . Der Fremde, welcher sich einen richtigen Begriff von dem englischen Charakter machen will, muß seine Beobachtungen nicht auf die Hauptstadt beschränken. Er muß hinaus auf das Land gehen; er muß in Dörfern und Weilern bleiben; er muß Schlösser, Villen, Meierhöfe, Bauernhäuser besuchen; er muß durch Parke und Gärten, an Hecken entlang und in Alleen wandern; er muß um Dorfkirchen umherschlendern, Kirmessen und Märkte und andere ländliche Feste besuchen; und sich nach dem Volke, in allen seinen Verhältnissen, seinen Gewohnheiten und Launen bequemen. In manchen Ländern enthalten die großen Städte den Reichthum und das Modeleben der Nation; sie sind die einzigen festen Aufenthaltsorte der zierlichen und gebildeten Gesellschaft, und das Land wird beinahe nur von dem bäurischen Landvolke bewohnt. In England dagegen ist die Hauptstadt ein bloßer Versammlungsort oder ein allgemeines Rendezvous für die gebildeteren Klassen, wo sie einen kleinen Theil des Jahres einem Gewirre der Fröhlichkeit und Zerstreuung widmen, und, nachdem sie diese Art von Karneval durchlebt, zu den, ihnen anscheinend mehr zusagenden, Gewohnheiten des Landlebens zurückkehren. Die verschiedenen Classen der Gesellschaft sind mithin über die ganze Fläche des Königreichs zerstreut, und selbst die entferntesten Gegenden bieten in einem kleinen Umkreise ein Gemisch der verschiedenen Stände dar. Die Engländer haben in der That ein sehr lebendiges Gefühl für das Landleben. Sie besitzen eine große Empfänglichkeit für die Schönheiten der Natur, und einen entschiedenen Geschmack an ländlichen Vergnügungen und Beschäftigungen. Diese Leidenschaft scheint ihnen angeboren zu sein. Selbst die Bewohner der Städte, zwischen Mauern und in geräuschvollen Straßen geboren und erzogen, gehen mit Leichtigkeit in ländliche Sitten ein, und zeigen angebornen Sinn für ländliche Beschäftigungen. Der Kaufmann hat seinen behaglichen Landsitz in der Nähe der Hauptstadt, wo er oft eben so viel Stolz und Eifer bei der Pflege seines Blumengartens und der Zucht seiner Früchte an den Tag legt, als bei der Führung seines Geschäfts und dem Gelingen einer Handelsunternehmung. Selbst jene weniger glücklichen Individuen, welche ihr Leben mitten unter Geräusch und Verkehr hinzubringen bestimmt sind, bemühen sich Etwas zu erlangen, das sie an das Grün der Natur erinnern kann. In den dunkelsten und zusammengebautesten Vierteln der Altstadt, gleicht das Fenster des Wohnzimmers oft einem Blumenbeet: jeder Fleck, der nur im Stande ist, Pflanzen hervorzubringen, hat seinen Rasenplatz und sein Blumenstück, und jeder öffentliche Platz seinen kleinen Park, der mit malerischem Geschmack angelegt ist, und von erfrischendem Grüne glänzt. Die, welche den Engländer nur in der Stadt sehen, können leicht eine unvortheilhafte Meinung von seinem geselligen Charakter bekommen. Er ist entweder in seine Geschäfte versunken, oder durch tausend Anforderungen zerstreut, welche in dieser gewaltigen Hauptstadt Zeit, Gedanken und Gefühle zersplittern. Er hat deßwegen auch allzu gewöhnlich ein Ansehen von Eile und Zerstreutheit. Wo er auch zufällig sein mag, ist er immer im Begriff, irgend wo anders hin zu gehen; in dem Augenblicke, wo er von einem Gegenstande spricht, geht sein Geist auch schon auf einen andern über; und während er einen Besuch bei einem Freunde abstattet, berechnet er zugleich, wie er seine Zeit sparsam genug eintheile, um die übrigen nothwendigen Morgenbesuche zu machen. Eine ungeheure Stadt, wie London, ist ganz geeignet, die Menschen selbstisch und unanziehend zu machen. Bei ihren zufälligen und vorübergehenden Begegnungen können sie nur kurz in Gemeinplätzen mit einander reden. Sie zeigen nur die kalte Oberfläche des Charakters – seine reichen, geistigen Eigenschaften haben nicht Zeit genug, sich zum Erguß gehörig zu erwärmen. Auf dem Lande gibt der Engländer seinem natürlichen Gefühle Raum. Er macht sich von den kalten Förmlichkeiten und den negativen Höflichkeiten der Stadt los; legt seine gewöhnte scheue Zurückhaltung ab, und wird fröhlich und munter. Er sucht um sich her alle Bequemlichkeiten und Zierlichkeiten des verfeinerten Lebens zu versammeln, und dessen Zwang zu verbannen. Sein Landsitz ist im Ueberflusse mit Allem versehen, was entweder zur gelehrten Zurückgezogenheit, zur Befriedigung des Geschmacks, oder zu ländlichen Arbeiten nothwendig ist. Bücher, Gemälde, Musik, Pferde, Hunde und Jagdgeräth aller Art, sind zur Hand. Er thut weder seinen Gästen, noch sich selbst Zwang an, sondern sorgt, im wahren Geiste der Gastfreiheit, für die Mittel zum Lebensgenuß, und überläßt einem Jeglichen nach seiner Neigung daran Theil zu nehmen. Der Geschmack der Engländer in dem Anbau des Landes und in der sogenannten landschaftlichen Gärtnerei übertrifft Alles. Sie haben die Natur gründlich studirt, und legen einen ausgezeichneten Sinn für ihre schönen Formen und ihre harmonischen Zusammenstellungen an den Tag. Jene Reize, welche sie in andern Ländern in wilden Einöden verschwendet, sind hier um die Wohnplätze des häuslichen Lebens versammelt. Die Engländer scheinen ihre schüchterne und verstohlene Lieblichkeit gefesselt, und sie, wie durch Zauberei, um ihre ländlichen Wohnsitze her verbreitet zu haben. Nichts kann mächtiger erscheinen, als die Pracht einer englischen Park-Scenerie, weite Rasenplätze, welche wie Streifen lebendigen Grüns sich ausbreiten, da und dort mit Gruppen riesenhafter Bäume begrenzt, die ihre reich belaubten Scheitel empor heben. Die feierliche Pracht der Gebüsche und Waldplätze, mit den Damhirschen, welche in schweigenden Herden darauf hinwandeln, dem Hasen, der vorüber in sein Lager springt, oder dem Fasan, der plötzlich sich aufschwingt; – der Bach, der sich in natürlichen Krümmungen dahin schlängeln muß, oder sich in einen spiegelhellen See ausdehnt; – der einsame Teich, der die bewegten Laubmassen zurückspiegelt, auf dessen Busen das gelbe Blatt schlummert, und in dessen klarem Wasser die Forelle furchtlos umherstreift, während ein ländlicher Tempel oder die Bildsäule eines Waldgottes, vom Alter bemoost und grau geworden, der Einsamkeit ein Ansehen klassischer Heiligkeit gibt. Dieß sind nur einige wenige Züge auf den Park-Landschaften; was mir aber das meiste Vergnügen gewährt, ist das schöpferische Talent, womit die Engländer die anspruchslosen Wohnsitze der mittlern Classe schmücken. Die gemeinste Wohnung, das unansehnlichste Stück Land, wird unter den Händen eines Engländers von Geschmack zu einem kleinen Paradiese. Mit einem fein unterscheidenden Auge findet er sogleich das heraus, was davon tauglich ist, und malt sich im Geiste die künftige Landschaft. Der unfruchtbare Fleck wird lieblich unter seiner Hand, und dennoch sind die Bemühungen der Kunst, welche diese Wirkung hervorbringen, kaum bemerkbar. Das Pflegen und Aufziehen einiger Bäume, das vorsichtige Beschneiden anderer, die geschickte Vertheilung der Blumen und Pflanzen, welche zarte und schöne Blätter haben, das Anbringen eines grünen Abhangs von sammtnem Rasen, das theilweise Eröffnen einer Aussicht in die blaue Ferne, oder auf den Silberschein eines Wassers: alles dies wird mit einem feinen Gefühl, mit einer anhaltenden, doch ruhigen Thätigkeit, gleich den magischen Farbentönen, mit welchen der Maler einem Lieblingsbilde seine Vollendung gibt, zu Stande gebracht. Der Aufenthalt vermögender und gebildeter Leute auf dem Lande hat einen Grad von Geschmack und eine Zierlichkeit in das ländliche Leben gebracht, welche bis auf die niedrigste Classe hinabgeht. Selbst der Taglöhner, mit seiner Hütte mit Stroh gedeckt, und dem schmalen Streifen Landes, sucht sie zu verschönern. Die wohlgestutzte Hecke, der Rasenplatz vor der Thüre, das kleine, mit nettem Buchsbaum eingefaßte Blumenbeet, die Waldrebe, welche sich an der Mauer hinabwinden und ihre Blüthen um die Fensterladen hängt, die Blumentöpfe am Fenster, die Stechpalme, welche vorsichtig um das Haus gepflanzt ist, dem Winter seine Oede zu benehmen, und den Anschein von grünem Sommer hervorzubringen; alles dieß verräth den Einfluß des Geschmacks, der von den Höhen herabströmt, und sich bis in die niedrigsten Kreise des Volkslebens verbreitet. Wenn ja die Liebe, wie der Dichter singt, gern eine Hütte besucht, so muß es die Hütte eines englischen Landmanns sein. Die Freude an dem Landleben unter der höheren Classe der Engländer hat eine große und heilsame Wirkung auf den Volkscharakter gehabt. Ich kenne keinen schönern Menschenschlag, als die Engländer von Stand. Statt der Zartheit und Verweichlichung, welche vornehme Leute in den meisten andern Ländern zur Schau tragen, stellt sich hier eine Verbindung von Zierlichkeit und Stärke, ein gesunder Körper und eine frische Gesichtsfarbe dar, welche ich geneigt bin, dem Umstande beizumessen, daß sie so viel in der frischen Luft leben, und den stärkenden Ergötzlichkeiten auf dem Lande so begierig nachhängen. Diese starken körperlichen Bewegungen bringen auch eine gesunde Stimmung des Gemüths und des Geistes und eine Männlichkeit und Einfachheit der Sitten hervor, welche selbst die Thorheiten und Zerstreuungen der Hauptstadt nicht leicht verderben, und nie ganz zerstören können. Auch scheinen auf dem Lande die verschiedenen Stände sich einander freier zu nähern, und mehr dazu geneigt zu sein, sich zu mischen und vortheilhaft auf einander einzuwirken. Die Unterschiede zwischen ihnen scheinen nicht so bemerkbar und unübersteiglich hervorgetreten, als in den Städten. Die Art, nach welcher das Eigenthum in kleine Güter und Pachterhöfe vertheilt worden ist, hat eine regelmäßige Abstufung von dem Edelmann an, durch die Classen des Mittelstandes, der kleinen Grundeigenthümer und wohlhabenden Pächter, bis zu dem arbeitenden Bauernstande herab, zur Folge gehabt, und indem sie so die äußersten Stufen der Gesellschaft mit einander verband, hat sie einem jeden Zwischenrange den Geist der Unabhängigkeit eingeflößt. Leider ist dies, wie man eingestehen muß, jetzt nicht mehr so allgemein der Fall, als früher, da die größeren Güter, in den letztverflossenen Jahren der Noth, die kleineren verschlungen, und in einigen Theilen des Landes das kräftige Geschlecht der geringeren Pächter beinahe ganz vernichtet haben. Dieß sind nach meinem Dafürhalten jedoch nur zufällige Eingriffe in das allgemeine System, dessen oben gedacht wurde. In ländlicher Beschäftigung ist nichts Gemeines und Erniedrigendes. Sie führt den Menschen unter Scenen natürlicher Größe und Schönheit dahin; sie überläßt ihn den Regungen seiner Seele, auf welche die reinsten und erhebensten äußern Veranlassungen einwirken. Solch ein Mensch kann einfach und rauh, aber er kann nicht gemein sein. Der gebildete Mann findet daher nichts Auffallendes in der Berührung mit den geringeren Classen der Landbewohner, wie dies der Fall ist, wenn er zufällig unter die geringeren Classen in den Städten sich mischt. Er legt seinen Rang und seine Scheu ab, und freut sich, die Unterscheidung der Stände vergessen und an den biedern, herzlichen Genüssen des gewöhnlichen Lebens Theil nehmen zu können.. In der That, die ländlichen Vergnügungen selbst bringen die Menschen einander näher und näher, und wo man Hunde und Hörner hört, schmelzen alle Gefühle harmonisch zusammen. Ich glaube, dies ist ein Hauptgrund, daß die Adeligen und die mittlere Classe unter den geringeren Ständen in England beliebter sind, als dies in irgend einem andern Lande der Fall ist; und daß die Letztern so manche große Lasten und Bedrängnisse ertragen haben, ohne eine allgemeinere Klage über die ungleiche Vertheilung der Glücksgüter und der Vorrechte Einzelner hören zu lassen. Dieser Mischung von gebildeter und ländlicher Gesellschaft mag auch das ländliche Gefühl zugeschrieben werden müssen, das sich durch die englische Literatur verbreitet; der häufige Gebrauch von Erläuterungen, aus dem Landleben entnommen; jene unvergleichlichen Beschreibungen von Naturgegenständen, welche bei den englischen Dichtern sich in Ueberfluß finden, die von »der Blume und dem Blatt« bei Chaucer, sich bis in unsere Zeit fortgepflanzt und in unsere Zimmer alle die Frische und den Duft einer thauigen Landschaft gebracht haben. Die Schriftsteller anderer Völker, welche ländliche Gegenstände schildern, scheinen der Natur nur einen gelegentlichen Besuch abgestattet zu haben, und mit ihren allgemeinen Reizen bekannt geworden zu sein; aber die englischen Dichter haben in ihr gelebt und geschwelgt, – haben sie in ihren geheimsten Schlupfwinkeln belauscht, – sie haben ihre kleinsten Launen aufgefaßt. Kein Staubregen konnte im Winde zittern, kein Blatt konnte zur Erde niederrauschen, – kein Perltropfen in den Strom plätschern, – kein Duft dem bescheidenen Veilchen entströmen, noch ein Maaßliebchen seine Purpurfarbe im Morgen entfalten – die nicht von jenen begeisterten und feinen Beobachtern wahrgenommen, und in irgend eine schöne sittliche Betrachtung umgewandelt worden wären. Die Wirkung dieser Hinneigung gebildeter Gemüther zu ländlichen Beschäftigungen auf die äußere Gestalt des Landes war wunderbar. Ein großer Theil der Insel ist ziemlich flach, und würde, wenn der Reiz des Anbaues nicht wäre, einförmig sein; allein er ist gleichsam besetzt und geschmückt mit Schlössern und Palästen, und mit Parks und Gärten wie überdeckt. Er ist nicht überreich an großartigen und erhabenen Aussichten, viel eher jedoch an kleinen, häuslichen Gemälden ländlicher, umschirmter Stille. Jedes altväterische Meierhaus und jede mit Moos bewachsene Bauerhütte, ist ein Gemälde; und da die Wege sich fortdauernd schlängeln, und die Aussicht von Gebüsch und Hecken beschränkt ist, so wird das Auge durch eine fortgesetzte Folge kleiner Landschaften von entzückender Lieblichkeit ergötzt. Der größte Reiz englischer Landschafterei ist indeß das sittliche Gefühl, welches sie zu durchdringen scheint, Dies knüpft sich im Geiste an den Begriff der Ordnung, der Ruhe, nüchterner, wohlbefestigter Grundsätze, alter Sitte und ehrwürdigen Herkommens. Alles scheint die Frucht von Jahrhunderten eines regelmäßigen und friedlichen Daseins zu sein. Die alte Kirche von fremder Bauart, mit ihrem niedrigen, massiven Portal, ihrem gothischen Thurme, ihren Fenstern, reich an Steinverzierungen und Glasmalereien, welche ängstlich sorgfältig erhalten sind, – mit ihren stattlichen Denkmälern von Kriegern und würdigen Männern aus der alten Zeit, den Vorfahren der gegenwärtigen Grundherrn, – ihren Grabsteinen, welche die auf einander folgenden Geschlechter wackerer Landleute verewigen, deren Nachkommenschaft noch dieselben Felder pflügt, und an demselben Altare kniet, – das Pfarrhaus, ein sonderbares, unregelmäßiges Gebäude, das zum Theil noch alterthümlich, zum Theil ausgebessert und in dem Geschmacke der verschiedenen Zeiten und Besitzer verändert ist, – der Steg und der Fußpfad, welche über liebliche Fluren und schattige Hecken entlang aus dem Kirchhofe führen, nach einem seit undenklichen Zeiten bestehenden Weg-Rechte – das nahe Dorf mit seinen ehrwürdigen Bauerhütten, seiner Gemeindewiese, von Bäumen beschattet, unter denen die Vorfahren des jetzigen Geschlechts schon gespielt haben; – das alte Herrenhaus, das abgesondert auf einem kleinen ländlichen Bezirke steht, aber mit schützender Miene auf die Landschaft umher herabblickt; – alle diese gemeinschaftliche Züge einer englischen Landschaft zeugen von einer ruhigen, feststehenden Sicherheit, einem erblichen Ueberkommen häuslicher Tugenden und örtlicher Anhänglichkeit, welche eindringend und rührend für den sittlichen Charakter der Nation sprechen. Es ist ein angenehmer Anblick, wenn am Sonntag Morgen, sobald die Kirchenglocke ihre ernsten Klänge über die stillen Felder hin sendet, die Landleute in ihrem besten Putze, mit frischen Gesichtern und bescheidener Fröhlichkeit ruhig die grünen Gänge entlang nach der Kirche wandern; noch angenehmer ist es aber, sie des Abends an ihren Hütten-Thüren sich sammeln zu sehen, wie sie sich in behaglicher Gemüthsruhe an den Verschönerungen zu ergötzen scheinen, die ihre eigenen Hände um sie her verbreitet haben. Dieses wohlthuende Gefühl der Heimathlichkeit, dieses stille Wohlgefallen an der häuslichen Scene, gebiert schon allein die erhabensten Tugenden und die reinsten Genüsse, und ich kann diese flüchtigen Bemerkungen nicht besser schließen, als indem ich die Worte eines neueren englischen Dichters anführe, der sie besonders glücklich geschildert hat: Auf jeder Stufe – von der hohen Burg, Vom städt'schen Dom, der Villa, reich umschattet, Vor Allem, von dem still bescheidnen Haus, In Stadt und Dorf, vom Mittelstand bewohnt, Bis zu der strohbedeckten Hütt' im Thal – Ward diese Insel lang' gerühmt, daß hier Die Häuslichkeit ihr stilles Plätzchen finde; Die Häuslichkeit, die harmlos wie die Taube (Bewacht von Ehr' und süßem Liebes-Glücke) In einem kleinen ruh'gen Nest' umschließt, Wonach Verlangen wohl die Erd' durchfliegt, Die, ihre Welt, die übrige verschmäht, Die keine Zeugen braucht, als die ihr Glück Froh theilen und den Himmel über ihr: Die, wie die Blum' im Felsenspalt geborgen, Sanft lächelt, blickt sie gleich zum Himmel nur. Aus einem Gedicht auf den Tod der Prinzessin Charlotte, von Rann Kennedy. Das gebrochene Herz.                                 Noch hört' ich nie Von treuer Liebe, die der Gram verschont, Der Gram, der gleich der Raup' die Blätter nagt, Des schönsten Frühlings-Buchs, der Rose. Middleton . Es ist etwas sehr gewöhnliches, daß die, welche über die Jahre der Empfänglichkeit für Gefühlseindrücke hinaus sind oder in dem herzlosen Genuß eines zerstreuten Lebens erzogen wurden, über alle Liebesgeschichten lachen, und die Erzählungen von romantischer Leidenschaft als bloße Erfindungen der Romanenschreiber und Dichter behandeln. Meine Beobachtungen über die menschliche Natur haben mich anders denken gelehrt. Sie haben mich überzeugt, daß, obgleich die Oberfläche des Charakters durch die Sorgen der Welt erkaltet, erstarrt sein mag, oder durch die Künste der Gesellschaft zu einem bloßen Lächeln sich ausgebildet hat, dennoch in den Tiefen des kältesten Busens ein schlummerndes Feuer glimme, welches, einmal angeschürt, ungestüm wird, und zuweilen die furchtbarste Wirkung hervorbringt. In der That, ich bin einer von denjenigen, welche wahrhaft an den blinden Gott glauben und seinen Lehren in ihrem ganzen Umfange anhangen. Soll ich es gestehen? – ich glaube an gebrochene Herzen und an die Möglichkeit, an unglücklicher Liebe zu sterben. Ich betrachte dieß zwar nicht als eine Krankheit, die meinem Geschlechte oft gefährlich wird: allein ich glaube fest, daß manches liebenswürdige weibliche Wesen dadurch einem frühen Grabe zuwelkt. Der Mann ist ein Geschöpf des Eigennutzes und des Ehrgeizes. Seine Natur führt ihn hinaus in den Kampf und in das Getümmel der Welt. Die Liebe ist nur der Schmuck seines frühern Lebens, oder ein Lied, das in den Zwischenakten gesungen wird. Er strebt nach Ruhm, nach Glück, nach einem Platz im Andenken der Welt und nach Herrschaft über seine Mitmenschen. Aber eines Weibes ganzes Leben ist eine Geschichte der Liebe. Das Herz ist ihre Welt; hier sucht ihr Ehrgeiz zu herrschen; hier sucht ihre Habsucht nach verborgenen Schätzen. Sie schickt ihre Gefühle auf Abenteuer aus. Sie schifft ihre ganze Seele ein, um mit der Liebe zu wuchern, und wenn sie Schiffbruch leidet, so ist ihr Fall hoffnungslos; denn dies ist ein Banquerout des Herzens. Einem Manne mag fehlgeschlagene Liebe manches bittere Wehe verursachen: sie verwundet vielleicht das Gefühl der Zärtlichkeit – sie vernichtet einige Aussichten auf Glück; allein er ist ein thätiges Wesen – er kann seine Gedanken in dem Gewirr mannichfaltiger Beschäftigungen zerstreuen, oder sich in die Fluth des Vergnügens stürzen; oder, wenn der Schauplatz seiner getäuschten Hoffnungen zu voll von peinlichen Erinnerungen ist, seinen Wohnsitz nach Willkühr wechseln und, gleichsam auf den Flügeln des Morgens, »den äußersten Grenzen der Erde zufliegen und dort ausruhen.« Allein das Leben des Weibes ist verhältnißmäßig ein unbewegliches, ein abgeschiedenes und sinnendes Leben. Sie ist mehr die Gefährtin ihrer eigenen Gedanken und Gefühle, und wohin soll sie sich wenden um Trost zu finden, wenn die zu Boten des Kummers werden? Ihr Loos ist, gesucht und gewonnen zu werden: und wenn sie unglücklich in ihrer Liebe ist, so gleicht ihr Herz einer Festung, die erobert und geplündert und dann preisgegeben und verödet gelassen wird. Wie manches helle Auge wird trübe – wie manche rosige Wange wird bleich – wie manche liebliche Gestalt sinkt in das Grab, und Niemand kann die Ursache angeben, wodurch ihr Liebreiz verwelkte! So wie die Taube ihre Flügel an die Seite anschließt, und den Pfeil, welcher ihr die Todeswunde gegeben hat, verdeckt und verbirgt, so ist es die Natur des Weibes, vor der Welt das Wehe verwundeter Liebe zu verbergen. Die Liebe einer zartfühlenden Frau ist immer schüchtern und still. Selbst glücklich, gesteht sie es kaum sich selbst; ist dies aber nicht der Fall, so begräbt sie sie im Innersten ihres Busens, und läßt sie dort unter den Trümmern ihres Friedens sich zusammenschmiegen und brüten. Mit ihr haben alle ihre Herzenswünsche aufgehört. Der große Reiz ihres Daseins ist dahin. Sie vernachlässigt alle die fröhlichen Beschäftigungen, welche den Geist erheitern, die Pulse beleben und die Fluth des Lebens in kräftigen Strömen durch die Adern treiben. Ihre Ruhe ist dahin – die süße Erquickung des Schlafes ist durch finstre Träume vergiftet – und »die trockne Sorge trinkt ihr Blut,« bis ihr abgematteter Körper unter dem geringsten äußern Leiden erliegt. Blickt in kurzer Zeit auf sie, und ihr werdet die Freundschaft auf ihrem frühen Grabe weinen sehen und sich wundern hören, wie ein Wesen, das noch vor Kurzem in all dem Glanze der Gesundheit und Schönheit blühte, so schnell »dem Grab und dem Wurme« zur Beute geworden ist. Man wird euch von einer winterlichen Luft, einer zufälligen Unpäßlichkeit erzählen, welche sie dahingerafft; – allein Niemand kennt die tödtliche Krankheit, die vorher ihre Kräfte aufsaugte, und sie zu einer so leichten Beute für den Verderber machte. Sie ist wie ein zarter Baum, der Stolz und die Schönheit des Waldes; lieblich seine Gestalt, glänzend sein Laubwerk, allein der Wurm nagt an seinem Herzen. Wir sehen ihn plötzlich verwelkt, wenn er am frischesten und üppigsten dastehen sollte. Wir sehen ihn seine Zweige zur Erde herabsenken, Blatt um Blatt abfallen, bis er, hingeschwunden und verzehrt, in der Stille des Waldes fällt; und wie wir über der schönen Trümmer sinnen, bemühen wir uns vergebens, uns des Sturmes oder des Blitzes zu erinnern, der sie verderbend zusammenschmetterte. Ich habe mehrere Beispiele von Frauen gesehen, die zu Grunde gegangen sind und sich vernachlässigt haben, und allmählig von der Erde verschwunden sind, als ob sie ihr Leben zum Himmel ausgehaucht hätten; und ich habe mir wiederholt gedacht, daß ich ihren Tod durch die verschiedenen Abstufungen der Auszehrung: Erkältung, Schwäche, Dahinschwinden, und Trübsinn verfolgen könnte, bis ich auf die ersten Kennzeichen verschmähter Liebe käme. Ein Beispiel der Art ist mir jedoch erst neulich erzählt worden: die Umstände sind in dem Lande, wo sie sich zutrugen, wohl bekannt, und ich werde sie gerade so wiedergeben, wie man sie mir erzählt hat. Man wird sich noch der tragischen Geschichte des jungen E**, des irischen Patrioten, erinnern; sie war zu rührend, um bald vergessen zu werden. Während der Unruhen in Irland ward er wegen Hochverraths angeklagt, verurtheilt und hingerichtet. Sein Schicksal machte einen tiefen Eindruck aus das Gefühl des Volks. Er war so jung – so verständig – so edel – so brav – Alles, was wir an einem jungen Manne gern bewundern. Auch sein Benehmen während seines Prozesses war so großartig und unerschrocken. Der edle Unwille, womit er die Anschuldigung des Verraths gegen sein Vaterland zurückwies – die beredte Ehrenrettung seines Namens – und sein pathetischer Aufruf an die Nachwelt, in der hoffnungslosen Stunde der Verurtheilung – alles dies machte einen tiefen Eindruck auf jedes fühlende Herz, und selbst seine Feinde beklagten die unerbittliche Politik, welche seine Hinrichtung nothwendig machte. Aber es gab ein Herz, dessen Verzweiflung sich nicht beschreiben ließ. In glücklicheren Zeiten hatte er die Liebe eines schönen anziehenden Mädchens, der Tochter eines jetzt verstorbenen berühmten irischen Advocaten, gewonnen. Sie liebte ihn mit der uneigennützigen Gluth der ersten und frühen Liebe eines Weibes. Als jeder Grundsatz des gewöhnlichen Menschenlebens sich gegen ihn erklärte, als sein Glücksstern unterging und Schmach und Gefahr seinen Namen umdunkelten, liebte sie ihn um seiner Leiden willen nur glühender. Als sein Schicksal dann selbst das Mitgefühl seiner Feinde rege machte, wie groß mußte ihre Angst sein, sie, deren ganze Seele von seinem Bilde erfüllt war! Laßt die sprechen, welche durch die Thore des Grabes sich plötzlich von dem abgeschlossen sehen, was sie auf Erden am meisten geliebt, welche an der Schwelle desselben gesessen haben, – wie Jemand, der allein in einer kalten und einsamen Welt zurückbleibt, aus der Alles, was ihm das lieblichste und liebevollste war, geschieden ist. Aber dann die Schrecken eines solchen Grabes! so furchtbar, so ehrlos! Dem Andenken blieb hier nichts, wobei es verweilen und das die Bitterkeit der Trennung mildern konnte – keiner jener zärtlichen, wenn gleich traurigen Umstände, welche die Scene des Scheidens so unvergeßlich machen; – nichts, was den Schmerz in jene seligen Thränen hätte auflösen können, welche wie der Thau des Himmels gesendet werden, um das Herz in der qualvollen Scheidestunde wieder zu beleben. Um ihre verwaisete Lage noch trauriger zu machen, mußte ihre unglückliche Liebe das Mißfallen ihres Vaters erregen, und sie zwingen, das väterliche Haus zu meiden. Hätte jedoch der Antheil und die hülfreichen Dienste von Freunden auf ein Gemüth Eindruck machen können, das der Schrecken so betäubt und in sich geschlossen hatte, so würd' es ihr nicht an Trost gefehlt haben; denn die Irländer sind ein Volk von lebendigem, großartigem Gefühle. Die zarteste und liebevollste Aufmerksamkeit wurde ihr von reichen und angesehenen Familien erwiesen. Man brachte sie in Gesellschaft und suchte durch alle mögliche Arten von Unterhaltungen und Vergnügungen ihren Kummer zu zerstreuen und sie von der traurigen Geschichte ihrer Liebe abzuziehen. Aber es war Alles vergebens. Es gibt Unglücksfälle, welche die Seele ganz niederschmettern und zernichten – welche das Glück in seinem innersten Wesen ergreifen – und es verletzen, daß es nimmer wieder Knospen oder Blüthen treiben kann. Sie weigerte sich nie, Vergnügungsörter zu besuchen, aber sie war dort eben so allein, als in der tiefsten Einsamkeit. Sie ging in trübem Nachdenken umher, anscheinend der Welt um sie her ganz unbewußt. Sie trug ein inneres Wehe, welches aller Schmeicheleien der Freundschaft spottete, und »achtete nicht des Sanges des Zauberers, zauberte er auch noch so kunstreich.« Der, welcher mir ihre Geschichte erzählte, hatte sie auf einer Maskerade gesehen. Es kann wohl weitgediehenes Unglück sich nicht auffallender und betrübender darstellen, als wenn man ihm an einem solchen Orte begegnet. Es gleich einem Gespenst, einsam und freudenlos, umherwandeln zu sehen, wo Alles froh ist – es in die Gewänder der Freude gekleidet zu sehen, und so bleich und wehevoll aussehend, als ob es umsonst versucht hätte, das arme Herz auf einen Augenblick seinen Kummer vergessen zu lassen. Nachdem sie durch die glänzenden Säle und durch das bunte Gewühl mit einer Miene gänzlicher Abwesenheit gewandelt war, setzte sie sich auf die unterste Stufe eines der Orchester, blickte eine Zeitlang mit leerem Blicke umher, welcher ihre Theilnahmlosigkeit an dem muntern Gewühle zeigte, und begann mit der Launenhaftigkeit eines kranken Herzens, ein kleines klagendes Lied zu singen. Sie hatte eine vortreffliche Stimme; aber bei dieser Gelegenheit war sie so einfach, so rührend, sie athmete eine so kummererfüllte Seele, daß sie einen Kreis stummer und schweigender Zuhörer um sich versammelte, und jeden bis zu Thränen rührte. Die Geschichte einer so treu und so zärtlich Liebenden mußte in einem Lande, das sich durch seine Begeisterung auszeichnet, große Theilnahme erregen. Sie gewann das Herz eines wackern Offiziers, der sich um das Mädchen bewarb, in der Ueberzeugung, daß, wer dem Todten so treu sei, auch dem Lebenden nur mit Liebe anhangen werde. Sie lehnte seine Aufmerksamkeiten ab, denn alle ihre Gedanken vereinigten sich unwiderbringlich in dem Andenken an ihren früheren Geliebten. Jener beharrte indessen bei seiner Bewerbung. Er forderte nicht ihre Zärtlichkeit, nur ihre Achtung. Er sah sich unterstützt durch ihre Ueberzeugung von seinem Werth, und durch das Gefühl ihrer bedürftigen, abhängigen Lage, denn sie lebte von der Güte ihrer Freunde. Mit einem Wort, er war am Ende so glücklich ihre Hand zu erhalten, obgleich mit der feierlichsten Versicherung, daß ihr Herz unwandelbar einem Andern gehöre. Er nahm sie mit sich nach Sicilien, in der Hoffnung, daß eine Veränderung der Umgebungen das Andenken an die früheren Leiden verwischen würde. Sie war eine liebenswürdige und musterhafte Gattin, und gab sich Mühe, auch eine glückliche zu werden; nichts konnte aber den stillen und verzehrenden Trübsinn heilen, welcher bis in das Innerste ihrer Seele gedrungen war. Sie verging in einem langsamen, aber hoffnungslosem Hinschwinden, und sank endlich, das Opfer eines gebrochenen Herzens, ins Grab. Sie war es, zu deren Andenken Moore , der ausgezeichnete irische Dichter, folgende Zeilen dichtete:                   Sie ist fern dem Land, wo ihr junger Held ruht,     Und Liebende sich nach ihr sehnen. Doch wendet sie kalt sich von ihrer Herzen Glut;     Des Helden Grab birgt das Herz der Schönen. Sie singt der theuern Heimath wilden Gesang,     Seine Lieblingslieder in bessern Tagen – Ach, ihr wißt nicht, wie ihr Herz schmerzlich bang     Bei den Tönen schlägt, die euch so behagen. Er lebte für sein' Liebe – er starb für sein Land,     Beide waren sein einziges Glück im Leben! Lang fließen die Thränen des Landes, das ihn verkannt –     Bald wird seiner Geliebten Geist ihn umschweben. O, grabt ihr ein Grab, da wo die Sonne erwacht,     Wenn sie verkündet den glorreichen Morgen: Er umglänzt ihren Schlaf, wie Lächeln auf des Westen Pracht,     Aus ihrer theuern Insel voll Schmerz und Sorgen. Die Kunst des Büchermachens. Wenn der strenge Ausspruch des Synesius wahr ist: »es sei ein größeres Verbrechen, todter Leute Werke zu stehlen, als ihre Kleider,« was wird dann aus den meisten Schriftstellern werden? Burton' s Anatomie der Melancholie. Ich habe mich oft über die übergroße Fruchtbarkeit der Presse gewundert, und wie es zugeht, daß so manche Köpfe, über welche die Natur den Fluch der Unfruchtbarkeit verhängt zu haben scheint, bändereiche Erzeugnisse unter das Publikum senden. Wie jedoch ein Mensch auf der Reise des Lebens vorschreitet, vermindern sich die Gegenstände, die seine Bewunderung erregen, und er findet fortdauernd sehr einfache Ursachen für große erstaunenswürdige Begebenheiten. So stieß ich auf meinen Wanderungen in dieser großen Hauptstadt zufällig auf eine große Scene, auf eine Scene, welche mir einige von den Geheimnissen der Buchmacherzunft enthüllt, und meinem Erstaunen auf einmal ein Ende gemacht hat. Ich schlenderte eines Sommertages durch die großen Säle des britischen Museums, mich mit einer Theilnahmlosigkeit, wie sie bei warmem Wetter wohl verziehen werden mag, zuweilen über einen Glaskasten mit Mineralien lehnend, zuweilen die Hieroglyphen auf einer ägyptischen Mumie studirend, und von Zeit zu Zeit beinahe mit gleichem Erfolge bemüht, die allegorischen Gemälde an den hohen Decken zu enträthseln. Während ich so müßig umherschaute, ward meine Aufmerksamkeit auf eine entfernte Thüre am Ende einer Reihe von Zimmern gelenkt. Sie war geschlossen, öffnete sich aber von Zeit zu Zeit, und irgend ein sonderbar aussehendes Wesen, gewöhnlich schwarz gekleidet, stahl sich heraus, und glitt durch die Zimmer, ohne irgend einen der umher aufgestellten Gegenstände zu beachten. Es war in diesen eine Art von Geheimniß, das meine erregte Neugier reizte, und ich beschloß, den Durchgang durch jene Meerenge zu wagen, und die unbekannten Regionen zu erforschen, welche jenseits lagen. Die Thür wich meiner Hand mit Leichtigkeit, wie einem irrenden Ritter die Thore bezauberter Schlösser. Ich fand mich in einem geräumigen Zimmer, in welchem rund umher große Schränke mit ehrwürdigen Büchern standen. Ueber diesen Schränken und gerade unter dem Gesims, waren eine Menge schwarz aussehender Portraits von alten Schriftstellern aufgehängt. Im Zimmer standen lange Tische, mit Pulten zum Lesen und Schreiben, an welchen mehrere bleiche, fleißige Leute aufmerksam in staubigen Büchern lasen, modernde Handschriften durchstöberten, und aus deren Inhalte Auszüge machten. Die größte Stille herrschte in diesem geheimnißvollen Zimmer, und nur durch das Kratzen der Federn auf den Papierschichten, oder gelegentlich durch einen tiefen Seufzer eines jener Weisen wurde sie unterbrochen, wenn er seine Stellung veränderte, um in einem alten Folianten das Blatt umzudrehen, was wahrscheinlich von der Hohlheit und Aufgedunsenheit herrührte, die sich zuweilen bei gelehrten Untersuchungen einfindet. Von Zeit zu Zeit schrieb einer dieser Leute etwas auf einen schmalen Streifen Papier, und zog eine Glocke, worauf ein Dienender erschien, das Papier in tiefem Schweigen nahm, aus dem Zimmer glitt, und kurz darauf mit gewichtigen Bänden erschien, über welche der Andere mit ungestümer Wißbegier herfiel. Ich hatte keinen Zweifel mehr, daß ich unter einen Haufen von Zauberern, welche in das Studium geheimer Wissenschaften tief versunken wären, gerathen sei. Die Scene erinnerte mich an ein altes arabisches Mährchen von einem Philosophen, der in einer bezauberten Bibliothek im Schooße eines Berges eingeschlossen war, welche nur einmal im Jahre geöffnet wurde; und wo die Geister des Ortes seinen Befehlen gehorchen, und ihm Bücher aller Arten verborgenen Wissens bringen mußten, so daß er, am Ende des Jahres, als das Zauberthor sich wieder aus seinen Angeln bewegte, so erfahren in den verbotenen Künsten herauskam, daß er über die Häupter der Menge hinwegflog, und über die Kräfte der Natur gebieten konnte. Da meine Neugierde nun im höchsten Grade gespannt war, flüsterte ich einem der Dienenden, als er im Begriff war, aus dem Zimmer zu gehen, die Bitte zu, er möge mir doch eine Erklärung des sonderbaren Anblicks geben. Einige wenige Worte waren hinreichend. Ich fand, daß diese geheimnißvollen Leute, die ich für Zauberer gehalten, meistentheils Schriftsteller, und eben im Begriffe waren, ihren Honigstoff aus den Blumen zu saugen. Ich war nämlich in dem Lesezimmer der großen britischen Bibliothek – einer unermeßlichen Sammlung von Büchern aller Zeitalter und Sprachen, von denen viele schon ganz vergessen sind, und die meisten selten gelesen werden. Zu diesen einsamen Teichen verschollener Literatur nehmen daher manche neuere Schriftsteller ihre Zuflucht, und schöpfen Eimer voll klassischer Gelehrsamkeit, oder »reines, unverdorbenes Englisch,« womit sie ihre eigenen, spärlichen Gedankenbäche anschwellen. Da ich jetzt im Besitze des Geheimnisses war, setzte ich mich in eine Ecke nieder und beobachtete das Verfahren in dieser Buch-Manufactur. Ich bemerkte einen magern, gelbsüchtig aussehenden Wicht, der nur die wurmstichigsten, mit gothischen Lettern gedruckten Bände zur Hand nahm. Er trug augenscheinlich irgend ein Werk von tiefer Gelehrsamkeit zusammen, das Jedermann, der für einen Gelehrten gelten wollte, sich anschaffen und auf ein in die Augen fallendes Bücherbret in seiner Bibliothek stellen, oder aufgeschlagen auf dem Tische haben mußte, – übrigens aber nie zu lesen brauchte. Ich sah, wie er von Zeit zu Zeit ein großes Stück Zwieback aus der Tasche nahm, und daran nagte; ob dieß aber sein Mittagsessen war, oder ob er dadurch nur der Erschöpfung des Magens begegnen wollte, welche durch das viele Brüten über trockenen Werken herbeigeführt ward, überlasse ich eifrigeren Studirenden, als ich es bin, zu bestimmen. Dort saß ein behender kleiner Mann in hellfarbigem Kleide, mit einem zimperigen klätschigen Ausdruck des Gesichts, welcher ganz das Ansehen eines Schriftstellers hatte, der auf gutem Fuße mit seinem Buchhändler steht. Nachdem ich ihn aufmerksam betrachtet, erkannte ich einen fleißigen Sammler von vermischten Werken, welche im Handel ihr Glück machten. Ich war neugierig, zu sehen, wie er seine Waare verfertige. Er machte mehr Geräusch und zeigte sich geschäftiger, als alle Andern, guckte in verschiedene Bücher, durchflog die Blätter der Handschriften, und nahm bald ein Stück aus diesem, bald ein Stück aus jenem, »Zeile vor Zeile, Kunde auf Kunde, hier ein wenig und da ein wenig.« Der Inhalt seines Buches schien so mannichfaltig, als der des Hexen-Kessels in Macbeth. Es war ein Finger hier. dort ein Daum, Froscheszeh und Blindschleich-Stachel, nebst seinem eigenen Geschwätz, das war wie »Affenblut,« um die Brühe zu machen, »dick und gut.« Ist nicht genau genommen, dachte ich bei mir selbst, diese Neigung zum Stehlen am Ende den Schriftstellern weiser Zwecke wegen eingepflanzt? Mag sie nicht der Weg sein, den die Vorsicht wählte, um die Saaten der Erkenntniß und der Weisheit von Jahrhundert zu Jahrhunderten, trotz dem unabwendbaren Untergange der Werke, in welchen er zuerst aufkeimte, zu verbreiten? Wir sehen, daß die Natur weise, obgleich sonderbar, für die Verbreitung des Samens von Klima zu Klima, mittelst der Schnäbel gewisser Vögel, gesorgt hat; so daß Thiere, welche an und für sich nicht viel besser als Aas, und dem Anscheine nach als geächtete Diebe im Garten und dem Kornfelde zu betrachten sind, in der That zu Boten der Natur werden, um deren Segnungen zu verbreiten und dauernd zu machen. Auf ähnliche Art werden die Schönheiten und guten Gedanken alter und verschollener Schriftsteller von diesen Zügen von Raubschriftstellern aufgelesen und wieder ausgestreut, um nach langer, später Zeit wieder zu blühen und Früchte zu tragen. Viele von ihren Werken machen auch eine Art von Seelenwanderung, und gehen in neuen Gestalten hervor. Was früher eine schwerfällige Geschichte war, lebt in der Gestalt eines Romans wieder auf– eine alte Legende verwandelt sich in ein neues Schauspiel – und eine nüchterne philosophische Abhandlung liefert den Stoff für eine ganze Reihe von hochtrabenden und sprudelnden »Versuchen.« So geht es auch mit dem Aushauen unserer Waldstrecken in Amerika, wo wir einen Forst von stattlichen Fichten abbrennen, nimmt ihre Stelle ein Geschlecht von Zwergeichen ein, und wir sehen nie den hingestreckten Stamm eines zu Staub vermodernden Baumes, der nicht ein ganzes Geschlecht von Schwämmen erzeugt. Laßt uns daher über den Verfall und die Vergessenheit, in welche alte Schriftsteller versinken, nicht klagen; sie gehorchen nur dem großen Gesetze der Natur, nach welchem alle unter dem Monde befindliche Gestalten ihrer Form nach in der Dauer beschränkt seien, ihren materiellen oder geistigen Bestandtheilen nach nie untergehen sollen. Geschlecht auf Geschlecht, sowohl im thierischen, als im Pflanzenleben, geht vorüber, allein das Lebensprincip dauert bis auf die Nachwelt, und die Gattung fährt fort, zu blühen. So erzeugen auch Schriftsteller andere Schriftsteller, und gehen, nachdem sie eine zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen haben, in einem gesetzten Alter heim zu ihren Vätern, an deren Geistesprodukten sie sich früher eines Plagiats schuldig gemacht. Während ich mich diesen Träumereien überließ, hatte ich mich mit dem Kopfe an einen Haufen ehrwürdiger Folianten gelehnt. Sei es nun, daß die aus diesen Werken entströmenden Dünste, oder die tiefe Stille im Zimmer, oder die von dem vielen Umherwandern herrührende Müdigkeit, oder eine unglückliche mir leider eigene Gewohnheit, Alles zu ungebührlichen Zeiten und an ungebührlichen Orten zu thun, so betäubend auf mich wirkten – kurz, ich schlief ein. Meine Einbildungskraft aber fuhr fort, geschäftig zu sein, und derselbe Schauplatz blieb, mit einiger Veränderung in den Einzelnheiten, vor den Augen meines Geistes. Ich träumte, daß das Zimmer noch mit den Bildern alter Schriftsteller behängt sei, daß aber die Anzahl sich vermehrt habe. Die langen Tische waren verschwunden, und statt der weisen Magier, sah ich einen zerlumpten, abgerissenen Haufen, wie man ihn in der Nähe des großen Magazins alter abgelegten Kleider, in Monmouth-Street, sich herumtreiben sieht. Sobald sie ein Buch in die Hand nahmen, so schien es mir, nach einem der Widersprüche, welche häufig Träume zu begleiten pflegen, daß es sich in ein Kleid von fremdem oder altväterischem Schnitte verwandelte, welches sie sogleich anlegten. Ich bemerkte jedoch, daß keiner sich in einen ganzen Anzug kleiden wollte, sondern von dem einen einen Aermel, von dem andern einen Kragen, von dem dritten einen Schooß nahm, sich so mit lauter Stückwerk schmückend, wobei einige von seinen ursprünglichen Lumpen unter seinem erborgten Putze hervorblickten. Es war da ein stattlicher, rosiger, wohlgenährter Pfarrer, den ich mehrere verschimmelte polemische Schriftsteller durch ein Augenglas betrachten sah. Er bemächtigte sich bald des faltenreichen Mantels eines der alten Kirchenväter, und, nachdem er einem andern seinen grauen Bart wegstipizt hatte, bemühte er sich überaus weise auszusehen; allein der grinsende Gemeinplatz in seinem Gesichte strafte alle den geborgten Schmuck der Weisheit Lügen. Ein kränklich aussehender Herr war beschäftigt, ein dünnes Gewand mit Goldfäden zu besetzen, die er aus mehreren alten Hofkleidern, von den Zeiten der Königin Elisabeth her, ausgezogen hatte. Ein Anderer hatte sich prächtig aus einer illuminirten Handschrift ausgeputzt, einen Blumenstrauß an seine Brust gesteckt, den er aus dem »Paradiese schöner Sinnsprüche« gepflückt, und schritt, nachdem er Sir Philipp Sidney's Hut auf die eine Seite aufgesetzt, mit einer ausgesuchten Art von gemeiner Zierlichkeit umher. Ein Dritter, von nur winzigem Umfange, hatte sich mit seiner Beute aus mehreren dunkeln philosophischen Abhandlungen wacker ausgestopft, so daß er sich von vorn sehr stattlich ausnahm; aber von hinten war er jämmerlich zerlumpt, und ich bemerkte, daß er seine Beinkleider mit Pergamentfetzen aus einem lateinischen Schriftsteller geflickt hatte. Es waren einige wohlgekleidete Herren da, die sich nur zu einem einzelnen Edelstein oder dergleichen verhalfen, der unter ihrem eigenen Schmuck glänzte, ohne diesen zu verdunkeln. Einige schienen auch die Trachten der alten Schriftsteller nur deßwegen zu betrachten, um sich ihre Geschmacksgrundsätze anzueignen, und die Art und den Geist derselben anzunehmen; aber ich muß leider sagen, daß es nur zu Viele gab, die sich vom Kopfe bis zu den Füßen, auf die eben beschriebene Art Flickwerk-Weiße schmückten. Ich muß hier eines Genies, in gelblichbraunen Beinkleidern und Gamaschen, mit einem arkadischen Hute, erwähnen, das eine gewaltige Neigung zum Schäferlichen hegte, dessen ländliche Wanderungen sich aber auf die klassischen Orte von Primrose-Hill und die Einsamkeit des Regenten-Parks Primrose-Hill, der Primelen-Hügel ist der höchste Punkt nordwestlich von London, und der Regenten-Park ( Regent's Park ), eine große parkartige Anlage, am nordwestlichen Ende der Stadt, welche durch die prächtige Portland-Street mit der Stadt in unmittelbarer Verbindung steht. beschränkten. Es hatte sich mit Kränzen und Bändern aus allen alten Schäferdichtern geschmückt, ließ den Kopf auf eine Seite hängen, und ging mit einer phantastischen Maienblumen-Miene umher, »von grünen Feldern schwatzend.« Die Person aber, welche meine Aufmerksamkeit am meisten erregte, war ein geschäftiger, alter Herr, in geistlicher Tracht, mit einem auffallend großen und viereckigen, aber kahlen Kopfe. Er trat schnaufend und keuchend in das Zimmer, suchte seinen Weg mit den Ellbogen durch die Menge, mit einem Gesicht voll trotziger Selbstgenügsamkeit, und nachdem er sich eines dicken griechischen Quartanten bemächtigt hatte, setzte er ihn auf seinen Kopf, und ging nun majestätisch mit einer furchtbar gekräuselten Perücke hinweg. Mitten in dieser literarischen Maskerade erscholl plötzlich von allen Seiten das Geschrei: »Diebe, Diebe!« Ich sah auf, und siehe, die Portraits an den Wänden bekamen Leben! Die alten Schriftsteller reckten zuerst einen Kopf, dann eine Schulter aus der Leinwand hervor, blickten einen Augenblick neugierig nieder auf die bunte Menge, und stiegen dann, mit Wuth in ihren Augen, herab, ihr geplündertes Eigenthum in Anspruch zu nehmen. Die Scene des Gewirrs und Getümmels, welche folgte, übersteigt alle Beschreibung. Die unglücklichen Verbrecher suchten vergebens, mit ihrem Raube zu entschlüpfen. Auf der einen Seite sah man ein halbes Dutzend alter Mönche einen neueren Professor entkleiden, auf der andern erging eine gewaltige Verheerung über die Reihen neuerer dramatischer Schriftsteller. Beaumont und Fletcher stürmten, einander zur Seite, wie Castor und Pollux, auf dem Kampfplatze daher, und der gewaltige Ben Jonson that noch mehr Wunder, als damals, wo er als Freiwilliger bei dem Heere in Flandern diente. Was den flinken kleinen Zusammenträger von literarischem Gemengsel betraf, dessen ich vorhin erwähnt habe, so hatte er sich, wie Harlekin, in die mannichfaltigsten Flicken und Farben gekleidet, und es entspann sich um ihn ein ebenso heftiger Streit, wie einst um die Leiche des Patroklus. Es betrübte mich ungemein, mehrere Leute, die ich mit ehrerbietiger Scheu und Achtung zu betrachten gewöhnt war, sich hinwegstehlen zu sehen, ohne kaum einen Lumpen zu haben ihre Blöße zu bedecken. Gerade da fiel mein Blick auf den geschäftigen alten Herrn in der griechischen grauen Perücke, der sich höchst erschrocken davon machte, in Gefolge eines halben Dutzends von Schriftstellern, welche laut hinter ihm her schrieen. Sie waren ihm dicht auf der Ferse; in einem Nu war seine Perücke fort; wie er sich wandte, schälten sie ihm einen Streifen seiner Kleidung ab; bis er nach wenigen Minuten aus seinem herrischen Prunke zu einer kleinen, winzigen »abgeschnittenen kahlen Bluese« zusammenschrumpfte, und nur mit wenigen Lumpen und Lappen, die um seinen Rücken flogen, abzog. Es lag etwas so belustigendes in dem Unfalle dieses gelehrten Thebaners, daß ich in ein unmäßiges Gelächter ausbrach, welches die ganze Täuschung zerstörte. Das Getümmel und Gezause war zu Ende. Das Zimmer nahm sein gewöhnliches Ansehen wieder an. Die alten Schriftsteller traten in ihre Rahmen zurück, und hingen in düsterer Feierlichkeit an den Wänden. Kurz, ich fand mich wachend in meinem Winkel, vor der ganzen Versammlung von Bücherwürmern, die mich mit Verwunderung anstarrten. Nichts an dem Traume war wirklich gewesen, als mein Gelächter, ein Ton, der nie zuvor in diesem ernsten Heiligthum vernommen worden, und den Ohren der Weisheit so verhaßt war, daß er die ganze Brüderschaft elektrisirte. Der Bibliothekar kam jetzt auf mich zu und fragte, ob ich eine Eintrittskarte habe. Anfangs verstand ich ihn nicht; allein ich fand bald, daß die Bibliothek eine Art von literarischem »Gehege« sei, das unter dem Schutze der Forstgesetze steht, und daß Niemand, ohne besondere Ermächtigung und Erlaubniß, sich unterfangen würde, darin zu jagen. Mit Einem Wort, ich stand als ein überwiesener Wilddieb da, und war froh, mich eilig zurückziehen zu können, sonst wäre eine ganze Meute von Schriftstellern auf mich losgelassen worden. Ein königlicher Dichter. Ist dein Körper gleich gefesselt,     Und die sanfte Lieb' gebunden: Deines Geistes Schönheit hat     Band und Fessel nie empfunden. Darum blickst du ohne Schande,     Blickest stolz auf deine Bande. Fletcher . An einem lieblichen, sonnigen Morgen, in dem fröhlichen Maimonat, machte ich einen Ausflug nach dem Schlosse Windsor. Dieß ist ein Ort voll von geschichtlichen und dichterischen Ideenverbindungen. Schon der äußere Anblick des mächtigen alten Gebäudes Der Verf. spricht von dem Schlosse. – Anm. des Uebers. reicht hin, erhabene Gedanken zu wecken. Es erhebt seine unregelmäßigen Mauern und massenhaften Thürme, wie eine Mauerkrone, um den Kamm eines hohen Bergrückens, läßt sein königliches Banner in den Wolken flattern, und sieht, mit einem Herrscherblicke, auf die es umgebende Welt nieder. An diesem Morgen hauchte die Erde, jene milde, erquickende Frühlingsluft, welche in der Phantasie des Menschen alles verborgene Romantische hervorruft, sein Herz mit Musik erfüllt, und ihn stimmt, dichterischer Stellen zu gedenken, und von Schönheit zu träumen. Während ich durch die prachtvollen Säle und die mächtigen Hallen des Schlosses wandelte, ging ich gleichgültig bei ganzen Reihen Portraits von Staatsmännern und Kriegern vorüber, verweilte aber in dem Zimmer, wo die Bildnisse der Schönheiten hangen, welche den muntern Hof Karl des Zweiten verherrlichten; und indem ich sie beschaute, wie sie mit üppigen, halbaufgelösten Haarflechten und dem schmachtenden Auge der Liebe gemalt sind, segnete ich Sir Peter Lely's Pinsel, der mich so in den Stand setzte, im Widerscheine der Schönheit mich zu sonnen. Auch während ich über die »großen, grünen Höfe« ging, mit dem Sonnenschein an den grauen Mauern, und über den Sammetrasen dahinstreifte, erfüllte das Bild des zärtlichen, des ritterlichen, aber unglücklichen Surrey meine Seele, und ich dachte an die Schilderung seiner Wanderungen auf denselben in seinen Jugendtagen, als er in Lady Geraldine verliebt war. – Das Auge zu der Jungfrau Thurm erhoben Und still, nach der Verliebten Weise, seufzend. In dieser Stimmung vollkommen dichterischer Empfänglichkeit besuchte ich das alte Verließ des Schlosses, wo Jakob der Erste von Schottland, der Stolz und Lieblings-Gegenstand schottischer Dichter und Geschichtschreiber, mehrere von seinen Jugendjahren als Staatsgefangener bewacht wurde. Es ist ein großer, grauer Thurm, welcher den Stürmen von Jahrhunderten getrotzt hat, und noch gut erhalten ist. Er steht auf einem Walle, welcher über die anderen Theile des Schlosses emporragt, und eine große Menge von Stufen führen in das Innere. In der Rüstkammer, einer gothischen, mit Waffen verschiedener Arten und Zeiten angefüllten Halle, zeigte man mir einen an der Wand hängenden Waffenrock, welcher, wie man mir sagte, einst Jakob gehört hatte. Von hier auf führte man mich eine Treppe höher, in eine Reihe Zimmer von verblichener Pracht, welche mit geschichtliche Scenen darstellenden Tapeten behangen waren, und sein Gefängniß und den Schauplatz jener leidenschaftlichen und phantastischen Liebe ausmachten, welche in das Gewebe seiner Geschichte die magischen Farben der Poesie und Dichtung eingewoben hat. Die ganze Geschichte dieses liebenswürdigen, aber unglücklichen Fürsten ist höchst romantisch. In dem zarten Alter von eilf Jahren wurde er von seinem Vater, Robert III., vom Hause hinweggeschickt und an den französischen Hof gesendet, um unter den Augen des französischen Monarchen, vor dem Verrath und der Gefahr sicher, welche das königliche Haus von Schottland umgaben, erzogen zu werden. Sein Mißgeschick wollte, daß er während seiner Reise den Engländern in die Hände fiel und von Heinrich dem Vierten zum Gefangenen gemacht wurde, ungeachtet ein Waffenstillstand zwischen den beiden Ländern bestand. Die Nachricht von seiner Gefangennehmung, welche im Gefolge mehrerer Bekümmernisse und Unglücksfälle eintraf, war schrecklich für seinen unglücklichen Vater. »Die Kunde,« heißt es, »kam, während er bei dem Abendessen saß, und überwältigte ihn so mit Schmerz, daß er beinahe unter den Händen der Diener, die ihm aufwarteten, seinen Geist aufgegeben hätte. Als er aber in sein Schlafzimmer gebracht war, enthielt er sich aller Speise, und nach drei Tagen starb er vor Hunger und Gram, in Rothesay. Buchanans Geschichte von Schottland. – Verf. – Rothesay liegt auf der Insel Bute, ungefähr 70 englische Meilen von Edinburgh. Die Trümmer des königlichen Schlosses sind noch jetzt zu sehen. Jakob blieb über achtzehn Jahre in Gefangenschaft; aber, obgleich seiner persönlichen Freiheit beraubt, wurde er doch mit der Ehrerbietung behandelt, welche seinem Range gebührte. Man trug Sorge, ihn in allen Zweigen nützlichen Wissens unterrichten zu lassen, welche man damals betrieb, und ihn geistig und körperlich so auszubilden, wie es sich für einen Fürsten geziemt. Vielleicht war in dieser Hinsicht seine Gefangenschaft ein Vortheil, da sie ihn in den Stand setzte, sich desto ausschließlicher mit seiner Bildung zu beschäftigen, ruhig den reichen Schatz des Wissens einzusammeln, und die geschmackvollen Beschäftigungen lieb zu gewinnen, welche seinem Andenken einen solchen Glanz gegeben haben. Das Bild, welches die schottischen Geschichtschreiber in seinem frühern Leben von ihm entworfen haben, ist höchst anziehend, und scheint eher die Darstellung eines Romanhelden, als eines Charakters aus der wirklichen Geschichte zu sein. Er verstand sehr gut, hören wir, »mit dem Schwerdte zu fechten, zu ringen, zu turniren, zu rennen, zu singen und zu tanzen; er war ein erfahrener Arzneikundiger, war sehr geschickt, die Laute, Harfe und mehrere andere musikalische Instrumente zu spielen, und erfahren in Grammatik, Rhetorik und Poesie.« Bellendens Uebersetzung des Hector Boyce . Bei dieser Vereinigung von mannhaften und feinen Geschicklichkeiten, welche ihn in den Stand setzten, in der thätig bewegten, wie in der zierlichen Gesellschaft zu glänzen, und welche berechnet waren, ihm viel Geschmack für ein heiteres Dasein zu geben, muß es, in einem Zeitalter der Regsamkeit und Ritterlichkeit, eine schwere Prüfung für ihn gewesen sein, den Frühling seines Lebens in einförmiger Gefangenschaft hinzubringen. Jakob hatte indessen das Glück, mit einer mächtigen dichterischen Einbildungskraft begabt zu sein, und so gewährten ihm die himmlischen Eingebungen der Muse in seinem Gefängniß Trost und Linderung der Seelenleiden. Manche Gemüther verschrumpfen und werden unthätig bei dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit; andere werden krankhaft und reizbar; es liegt jedoch in der Natur des Dichters, in der Einsamkeit des Gefängnisses zärtlich und erfinderisch zu werden. Er schwelgt im Honig seiner eigenen Gedanken und strömt, wie der gefangene Vogel, seine Seele in Melodieen aus: O, saht ihr nicht die Nachtigall? Ein Käfig schließt die Pilgrin ein. Wie süß sind ihre Lieder all', Die sie dort singt, einsam, allein. Ihr hört, wenn sie der Töne Strom ergießt, Daß überall sie Laub und Wald umschließt. Roger l'Estrange. – Verf. In der That, die göttliche Quelle dichterischer Phantasie ist unversiegbar und erquickend; wenn die wirkliche Welt ihr verschlossen ist, kann sie sich selbst eine Welt erschaffen, und mit ihrer Zauberkraft herrliche Gestalten und Formen und glänzende Gebilde herauf beschwören, die Einsamkeit zu bevölkern und die Dunkelheit des Kerkers zu umstrahlen. So war es eine Welt voll Pracht und Prunk, welche Tasso in seiner traurigen Zelle zu Ferrara umgab, als er die erhabenen Gestalten seines Jerusalems erfand, und wir können das » Königs-Buch ,« das Jakob während seiner Gefangenschaft in Windsor dichtete, auch als einen solchen schönen Ausflug der Seele aus dem Zwange und der Düsterheit des Gefängnisses ansehen. Der Gegenstand des Gedichts ist seine Liebe zu Lady Jane Beaufort, der Tochter des Grafen von Somerset und einer Prinzessin aus dem königlichen Geblüte von England, in die er sich während seiner Gefangenschaft verliebte. Was ihm einen besondern Werth gibt, ist, daß es als eine Schilderung der wahren Gefühle des königlichen Barden, und als eine Geschichte seiner wirklichen Liebe und seines Schicksals angesehen werden kann. Es geschieht nicht oft, daß Fürsten dichten, oder Dichter fühlen, was sie singen. Es thut dem Stolze eines gemeinen Mannes wohl, einen Monarchen zu sehen, der so gleichsam um den Zutritt zu seiner Klause buhlt, und seine Gunst dadurch zu gewinnen sucht, daß er sein Vergnügen fördert. Es ist ein Beweis der rechtlichen Gleichheit geistiger Bewerbung, welche allen Flitter künstlicher Würde abstreift, den Bewerber auf eine Stufe mit seinem Nebenbuhler herab bringt, und ihn nöthigt, sich auf seine eigenen, angebornen Kräfte zu verlassen, wenn er sich Auszeichnung verschaffen will. Es ist auch merkwürdig, die Herzensgeschichte eines Monarchen zu erfahren, die einfachen Empfindungen der menschlichen Natur auch unter dem Hermelin rege zu finden. Jakob war indessen Dichter gewesen, ehe er König geworden; er war in der Schule des Unglücks erzogen, und in der Gesellschaft seiner eigenen Gedanken aufgewachsen. Monarchen haben selten Zeit, mit ihrem Herzen Rücksprache zu halten, oder ihr Gemüth für Poesie zu stimmen; und wäre Jakob unter den Schmeicheleien und im Glanze eines Hofes aufgewachsen, so würden wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, nie solch ein Gedicht erhalten haben, wie das »Königs-Buch.« Ganz besonders haben mich die Theile des Gedichts angezogen, welche seine unmittelbaren Gedanken über seine Lage aussprechen, oder die mit dem Zimmer im Thurme in Verbindung stehen. Sie haben einen solchen persönlichen und örtlichen Reiz, und sind mit so umständlicher Treue gegeben, daß sie den Leser zu dem Gefangenen in seinen Kerker versetzen, und ihn zum Theilnehmer an seinen Betrachtungen machen. Folgendes ist die Schilderung, welche er von der Oede seines Geistes macht, und von dem Vorfall, welcher ihn zuerst auf den Gedanken brachte, das Gedicht zu schreiben. Es war die stille Mitternachtsstunde einer heitern Mondscheinnacht; die Sterne, sagt er, blinkten wie Feuer an dem hohen Gewölbe des Himmels, »und Cynthia netzte ihre goldenen Locken im Wassermann.« Er lag im Bette, wachend und ruhelos, und nahm ein Buch, die trägen Stunden zu vertreiben. Das Buch, welches er wählte, waren des Boethius philosophische Trostgründe, ein Werk, welches bei den Schriftstellern jener Zeit sehr beliebt, und von seinem großen Vorbilde, Chaucer, übersetzt worden war. Aus dem hohen Lobe, welches er dem Buche spendete, sieht man deutlich, daß dieß eines seiner Lieblingswerke gewesen ist, so lange er im Gefängnisse war, und, in der That, es bietet bewundernswerthen Stoff zum Nachdenken im Unglück. Es ist das Vermächtniß eines edlen und duldenden Geistes, geläutert durch Sorgen und Leiden, seinen Nachfolgern im Elende die Lehren einer angenehmen Moral und die ganze Reihe beredter aber einfacher Gründe hinterlassend, wodurch er selbst im Stande war, sich den verschiedenen Uebeln des Lebens entgegen zu stemmen. Es ist ein Talisman, den der Unglückliche in seinem Busen aufbewahren, oder, wie der gute König Jakob, auf seinen nächtlichen Pfühl legen mag. Nachdem er das Buch zugemacht, überdenkt er dessen Inhalt in seinem Geiste, und verfällt allmählig in ein Sinnen über die Unbeständigkeit des Glücks, die Wechsel seines eigenen Lebens und die Uebel, die ihn schon in seiner zarten Jugend befallen haben. Plötzlich hört er die Glocke zum Morgengebet läuten; aber ihr Klang, mit seinen eigenen trüben Gedanken verschmelzend, scheint ihm eine Stimme zu sein, die ihn auffordert, seine Geschichte zu schreiben. In dem Geiste dichterischer Ritterlichkeit entschließt er sich, diesem Rufe zu folgen; er nimmt daher die Feder zur Hand, macht mit derselben ein Zeichen des Kreuzes, um den Segen des Himmels zu erflehen, und eilt in das Feenland der Dichtkunst fort. Es liegt etwas ungemein Phantastisches in allem diesem, und es ist anziehend, weil es ein merkwürdiges und schönes Beispiel von der einfachen Weise darbietet, nach welcher ganze Folgereihen dichterischer Gedanken zuweilen geweckt und literarische Versuche dem Geiste dargeboten werden. In dem Laufe seines Gedichts beklagt er mehr denn einmal die besondere Härte seines Geschicks; so zu einem einsamen und unthätigen Leben verdammt und von der Freiheit und dem Vergnügen der Welt abgeschlossen zu sein, die doch das geringste Thier ungebunden genießt. Es liegt indessen selbst in seinen Klagen etwas Angenehmes; es sind die Klagen eines liebenswürdigen und geselligen Geistes, dem versagt ist, seinen freundlichen, wohlwollenden Neigungen nachzuhängen; es ist nichts Herbes oder Uebertriebenes in ihnen; sie sind mit einer natürlichen und rührenden Empfindung geschrieben, und werden vielleicht noch rührender durch ihre einfache Kürze. Sie bilden einen schönen Gegensatz zu jenen gezwungenen und wiederholten Schmerzergüssen, welche wir zuweilen in Gedichten finden; – mit den Ergießungen krankhafter Gemüther, welche unter selbstgeschaffenem Jammer dahinkränkeln und ihre Bitterkeit an einer schuldlosen Welt auslassen. Jakob spricht von seinen Entbehrungen mit tiefer Empfindung, geht aber, wenn er ihrer erwähnt hat, weiter, als ob sein männliches Gemüth es verachte, über unabwendbarem Unglück zu brüten. Wenn ein solcher Geist Klagen ausstößt, so kurz sie auch sein mögen, so gewahren wir, wie groß die Leiden sein müssen, welche ein Murren erpressen. Wir theilen die Gefühle Jakob's, eines romantischen, thätigen und gebildeten Fürsten, der in der Blüthe der Jugend von allen Unternehmungen, den edlen Beschäftigungen und kräftigen Vergnügungen des Lebens ausgeschlossen ist, wie wir Milton beklagen, der eine lebendige Empfänglichkeit für alle Schönheiten der Natur und alle Herrlichkeiten der Kunst hat, wenn er kurze, aber tief wiedertönende Klagen über seine ewige Blindheit ausathmet. Hätte Jakob nicht bewiesen, daß es ihm an poetischer Künstelei fehlt, so möchten wir beinahe glauben, daß diese, in trüben Betrachtungen verbrachte Nacht dazu dienen sollte, den glänzendsten Abschnitt seiner Geschichte einzuleiten und einen Gegensatz zu jenem Glanze von Licht und Liebenswürdigkeit zu bilden, zu jenem erheiternden Gefolge von Vogel und Gesang, und Laub und Blume und allen den Freuden des Jahres, womit er die Dame seines Herzens einführt. Dieser Abschnitt ist es namentlich, welcher das alte Verließ des Schlosses mit dem ganzen Zauber des Romantischen umwebt. Er sei, sagt er, der Gewohnheit nach, mit Tagesanbruch aufgestanden, um den trüben Gedanken eines schlaflosen Pfühls zu entfliehen. »Indem er in seiner Kammer so allein geklagt,« an aller Freude und Hülfe verzweifelnd, »des Denkens müde und wehevoll,« sei er ans Fenster getreten, um den traurigen Trost des Gefangenen zu genießen, gedankenvoll in eine Welt hinauszublicken, von der er ausgeschlossen sei. Das Fenster ging nach einem kleinen Garten hinaus, welcher am Fuße des Thurmes lag. Es war ein ruhiger, abgeschlossener Fleck, mit Lauben und grünen Baumgängen verziert und gegen die Blicke der Vorbeigehenden durch Bäume und Hagedornhecken geschützt. Den Thurmes Mauern nah, war hier zu sehn     Ein Garten hold, und in den Ecken stand Die grüne Laube mit den Stäben schön     Besetzt, und dichtes Blätterwerk umwand Den ganzen Platz, und eine Hagdornwand,     So daß, wer auch vorüber mochte geh'n,     Im Innern nirgend etwas konnt' erspäh'n. So standen dicht Gezweig und Blätter grün     Und schlossen alle Gänge schattig ein, Und um die Bogen sah man üppig ziehn     Wachholder, scharf und grün die Zweige sein. Der thät so süße Nacht dem Ganzen leih'n,     Daß, wie von außen Jemand mochte glauben,     Die Aeste ganz umschlossen Gäng' und Lauben. Und auf den grünen Zweiglein wiegte sich     Die kleine, süße Nachtigall und sang Ihr heilig Liebeslied so freudiglich,     Bald sanft, bald laut, nun jubelnd und nun bang', Daß rings der Garten und die Mauer klang     Von ihrem Sang – Es war der Maimonat, wo Alles in Blüthe war, und er legt den Gesang der Nachtigall als die Sprache seiner liebenden Gefühle auf: Verehrt, ihr Alle, die ihr liebt, den Mai,     Er ist das Anfangsfest von eurer Wonne, Und singt mit uns, fort, Winter! laß uns frei!     Komm', Sommer, Jahrszeit süß, und du, o Sonne. Während er hinausblickt und dem Gesange der Vögel lauscht, verfällt er allmählig in eine jener zärtlichen unerklärlichen Träumereien, welche in dieser köstlichen Jahreszeit den jugendlichen Busen erfüllen. Er wundert sich, was diese Liebe wohl sein könne, von der er so oft gelesen hat, welche mit dem belebenden Hauche des Mai's zugleich auszuströmen und die ganze Natur in Entzücken und Gesang aufzulösen scheint. Wenn sie in der That eine so große Glückseligkeit und eine Segnung sei, welche so allgemein dem unbedeutendsten Wesen zu Theil würde, warum werde er allein von ihren Freuden ausgeschlossen? Oft dacht' ich wohl, o Gott, was mag dieß sein, Daß Lieb' so Edles, Hohes kann entzünden, Daß sie die Ihren liebt, daß sie ihr Glück allein So bildet, wie wir's in den Büchern finden, Und ihre Herzen lösen kann und binden; Beherrscht sie unser Herz mit solcher Kraft? Wie, oder täuscht uns eitle Leidenschaft? Denn, ist sie wirklich von so großer Trefflichkeit, Daß Alle ihres Schirmes sich erfreuen, Was ist mein Fehl, was that ich ihr zu Leid, Daß ich im Kerker bin, die Vöglein all' im Freien. Mitten in seinen Träumereien erblickt er, als er seine Augen niederschlägt, »die schönste und frischeste junge Blume,« die er je gesehen hat. Es ist die liebliche Lady Jane, welche im Garten spazieren geht, um die Schönheit dieses »frischen Maimorgens« zu genießen. Indem sie ihm, in dem Augenblick der Einsamkeit und der erhöhten Empfänglichkeit, so plötzlich zu Gesicht kommt, bemächtigt sie sich sogleich der Einbildungskraft des romantischen Prinzen, und wird der Gegenstand seiner umherschweifenden Wünsche, die Beherrscherin seiner Gedankenwelt. In diesem reizenden Abschnitte herrscht eine augenscheinliche Aehnlichkeit mit dem Anfange von Chaucer's Erzählung des Ritters, wo Palaemon und Arcites sich in Emilia verlieben, die sie im Garten ihres Gefängnisses umherwandeln sehen. Vielleicht veranlaßte die Aehnlichkeit der wirklichen Thatsache mit dem, was er im Chaucer gelesen hatte, Jakob dazu, in seinem Gedichte dabei zu verweilen. Seine Schilderung der Lady Jane ist nach der malerischen und genau beschreibenden Art seines Meisters entworfen, und, da sie ohne Zweifel nach dem Leben gemacht ist, das getreue Bild einer Schönheit jener Zeit. Er verweilt, mit der Innigkeit eines Liebhabers, bei jedem einzelnen Theile ihres Anzugs, von dem Perlennetze, glänzend von Smaragden und Saphiren, welches ihre goldenen Locken umfängt, bis zu der »schönen Kette von feiner Goldarbeit« um ihren Hals, und an welcher vorn ein Rubin, in Gestalt eines Herzens hing, der, wie er sagt, ein Feuerfunken zu sein schien, der auf ihrem weißen Busen glühte. Ihr Kleid, von weißem Gewebe, war aufgesteckt, damit sie bequemer gehen konnte. Zwei Begleiterinnen folgten ihr, und um sie spielte ein Hündchen mit einem Glockenhalsbande, wahrscheinlich einer der kleinen italienischen Hunde von so ebenmäßigem Gliederbau, welche die Zimmergefährten und Lieblinge der Modedamen in alten Zeiten waren. Jakob schließt seine Schilderung mit einem Ausbruche allgemeinen Lobes. In ihr war Jugend, Reiz, sittig Betragen, War Güte, Milde, sanfte Weiblichkeit; Gott weiß es besser, als mein Mund kann sagen: Die Weisheit, Huld und die Beredsamkeit, Sie waren überall so ihr Geleit, In Wort, in That, in Aeußerem, in Mienen, Daß sie mir das Vollendet'ste geschienen. Die Entfernung der Lady Jane aus dem Garten macht dieser vorübergehenden Unruhe des Herzens ein Ende. Mit ihr verschwindet auch der Schein der Liebe, welcher einen vorübergehenden Zauber auf den Schauplatz seiner Gefangenschaft verbreitet hatte, und er sinkt in die Verlassenheit zurück, die ihm jetzt, durch diesen schnellverschwindenden Strahl unerreichbarer Schönheit, noch zehnmal unerträglicher geworden ist. Den langen und öden Tag hindurch trauert er über sein unglückliches Loos, und als der Abend herannaht, und Phöbus, wie er es schön ausdrückt, »jedem Blatt und jeder Blume Lebewohl gesagt hat,« verweilt er noch immer am Fenster und gibt, sein Haupt auf den kalten Stein legend, einem vermischten Gefühl von Liebe und Schmerz nach, bis er, allmählig durch die stumme Schwermuth der Dämmerstunde eingeschläfert, »halb schlafend, halb verzückt,« sich einem Traumbilde hingibt; welches den übrigen Theil des Gedichts umfaßt, und worin er allegorisch die Geschichte seiner Leidenschaft ausmalt. Wie er aus seiner Verzückung erwacht, erhebt er sich von seinem steinernen Pfühl und befragt, voll von trüben Betrachtungen in seinem Gemach auf- und niederschreitend, seinen Geist, wohin er gewandert sei; ob in der That Alles, was vor seiner träumenden Einbildungskraft vorübergegangen, durch vorhergegangene Ereignisse hervorgerufen worden; oder ob es nur ein Gesicht gewesen sei, bestimmt, ihn in seiner Verzweiflung zu trösten und zu beruhigen. Wenn dieß letztere der Fall sei, so bäte er, daß ihm ein Pfand gesendet werden möge, das Versprechen glücklicher Tage, das ihm in seinem Schlummer geworden, zu bestätigen. Alsbald kam eine Turteltaube von glänzendem Weiß in das Zimmer geflogen und setzte sich auf seine Hand, in ihrem Schnabel den Zweig einer rothen Nelke tragend, auf deren Blätter mit goldenen Buchstaben folgender Spruch geschrieben war: Erwach'. erwach'! Sieh', Liebender, ich bringe Dir frohe Kunde, und die süßen Frieden Dir wiedergibt; jetzt lach', und spiel', und singe; Denn Heilung ist vom Himmel dir beschieden. Er empfängt den Zweig mit einer Mischung von Furcht und Hoffnung; liest die Verse mit Entzücken; und sie, sagt er, seien das erste Zeichen seines wiederkehrenden Glücks gewesen. Ob dieß eine bloße dichterische Erfindung ist, oder ob Lady Jane ihm wirklich auf diesem romantischen Wege ein Zeichen ihrer Gunst zusandte, bleibt des Lesers Glauben oder Phantasie zur Entscheidung überlassen. Er schließt sein Gedicht damit, daß er andeutet, die Verheißung, welche ihm durch das Gesicht und die Blume geworden, sei erfüllt, indem er seine Freiheit wieder erlangt und in dem Besitz der Beherrscherin seines Herzens sein Glück gefunden habe. Der Art ist die dichterische Erzählung, welche Jakob von seinen Liebesabenteuern im Schlosse von Windsor gibt. Wieviel davon wirklich Thatsache sei, und wie viel Verschönerung der Einbildungskraft, sucht man umsonst durch Vermuthung herauszufinden; laßt uns indessen nicht Alles, was romantisch ist, als unverträglich mit dem wirklichen Leben ansehen, sondern zuweilen einem Dichter auf sein Wort glauben. Ich habe solche Theile des Gedichts berührt, welche sich unmittelbar auf den Thurm beziehen, und einen großen Theil desselben, von allegorischer Art, die man damals so sehr liebte, übergangen. Die Sprache ist natürlich seltsam und veraltet, so daß heutiges Tages die Schönheiten mancher der goldenen Redensarten daraus kaum mehr gefühlt werden; allein es ist unmöglich, durch das wahre Gefühl, die ungekünstelte Einfachheit und die gute Sitte, welche überall darin vorherrscht, nicht entzückt zu werden. Auch die Beschreibungen von Naturgegenständen, womit das Gedicht ausgeschmückt ist, sind mit einer Wahrheit, einem richtigen Takt und einer Frische gegeben, welche der gebildetesten Zeiten der Kunst würdig sind. Es ist sehr erbaulich zu sehen, wie es, als ein Liebesgedicht und aus einer Zeit, wo man seine Gedanken roher äußerte, doch überall Natürlichkeit, Bildung und edle Zartheit bewahrt; wie jeder unzarte Gedanke, jeder unziemliche Ausdruck vermieden ist, und die weibliche Liebenswürdigkeit mit all ihrer ritterlichen Ausstattung von beinahe übernatürlicher Reinheit und Anmuth geschmückt, dargestellt wird. Jakob blühte ungefähr um die Zeit Chaucer's und Gower's John Gower , der kurz vor Chaucer, zur Zeit Richard des Zweiten lebte, ist besonders durch seine Confessio Amantis (Bekenntniß des Liebenden), ein zur Hälfte englisches, zur Hälfte lateinisches, moralisches Liebes-Gedicht, berühmt. , und war augenscheinlich ein Bewunderer und eifriger Leser ihrer Schriften. Er erkennt sie in der That in einer seiner Strophen als seine Lehrer an, und wir bemerken in einigen Stellen seines Gedichts, Spuren der Aehnlichkeit mit ihren Werken, am meisten mit denen Chaucer's. Es finden sich indessen in den Werken gleichzeitiger Schriftsteller immer allgemeine, sich gleichende Züge, die sie nicht sowohl voneinander, als von der Zeit selbst entlehnen. Schriftsteller sammeln, wie die Bienen ihren Honig auf der ganzen Welt ein; sie verweben mit ihren eigenen Erfindungen die Anecdoten und Gedanken, welche in der Gesellschaft geltend sind; und so hat jedes Geschlecht einige gemeinschaftliche Züge, welche das Zeitalter bezeichnen, worin es lebte. Jakob gehört in der That einer der glänzendsten Zeiten unserer Literaturgeschichte an, und begründet die Ansprüche seines Vaterlandes auf die Theilnahme an den ersten Verdiensten derselben. Während ein kleiner Haufe englischer Schriftsteller beständig als die Väter unserer Dichtkunst angeführt werden, wird der Name ihres großen schottischen Mitbewerbers mit Stillschweigen übergangen; aber er ist augenscheinlich der Ehre würdig, in das kleine Sternbild jener entfernten, aber nie erlöschenden Gestirne aufgenommen zu werden, welche an dem höchsten Firmamente der Literatur glänzen, und welche, wie die Morgensterne, zur Zeit der lichten Dämmerung der englischen Poesie, mit einander sangen. Diejenigen unter meinen Lesern, welche mit der schottischen Geschichte nicht vertraut sind (obgleich die Art, wie man sie in der neuern Zeit mit anziehender Dichtung durchwoben, das allgemeine Studium derselben veranlaßt hat), mögen neugierig sein, etwas von der spätern Geschichte Jakob's und dem Schicksale seiner Liebe zu erfahren. Wie seine Leidenschaft für Lady Jane, der Trost seiner Gefangenschaft war, so beförderte sie auch seine Befreiung aus derselben, da der Hof glaubte, daß eine Verbindung mit einem Abkömmlinge aus dem königlichen Blute von England, ihn auch an dessen Interesse knüpfen würde. Er erhielt endlich seine Freiheit und seine Krone wieder, nachdem er vorher Lady Jane geheirathet, die ihn nach Schottland begleitete, und sein zärtliches treuergebenes Weib wurde. Er fand sein Reich in bedeutender Verwirrung, da die großen Lehnträger die Unruhen und Unordnungen einer langen Zwischenregierung benutzt hatten, um sich in ihren Besitzthümern zu befestigen und sich über den Bereich der Gesetze zu stellen. Jakob suchte seine Macht auf die Liebe seines Volks zu gründen. Er gewann sich die niederen Stände durch die Abschaffung von Mißbräuchen, durch eine milde und gerechte Handhabung der Gesetze, durch Ermunterung der Künste des Friedens und durch Beförderung alles dessen, was Behaglichkeit, Wohlstand und unschuldige Genüsse unter den geringsten Classen der Gesellschaft verbreiten konnte. Er mischte sich zuweilen verkleidet unter das Volk, besuchte die Leute in ihren Wohnungen, ging in ihre Sorgen, ihre Beschäftigungen, ihre Vergnügungen ein, unterrichtete sich über die mechanischen Künste und darüber, wie man sie am besten beschützen und verbessern könne, und war ein so alldurchdringender Geist, der mit wohlwollendem Auge über den geringsten seiner Unterthanen wachte. Nachdem er sich auf diese edle Art der Herzen des gemeinen Mannes versichert, unternahm er es, die Macht des aufrührerischen Adels zu beschränken; ihm jene gefährlichen Freiheiten zu nehmen, die er sich angemaßt hatte; die zu strafen, welche sich schreiender Vergehungen schuldig gemacht hatten, und alle zu gehörigem Gehorsam gegen die Krone zu bringen. Eine Zeit lang ertrug der Adel dieß mit äußerer Unterwerfung, aber mit geheimer Ungeduld und gährendem Unwillen. Es entspann sich zuletzt eine Verschwörung gegen sein Leben, an deren Spitze sein eigener Oheim, Robert Stewart, Graf von Athol, stand, der selbst zu alt, um die blutige That zu vollführen, seinen Enkel, Sir Robert Stewart, so wie Sir Robert Graham und mehrere andere weniger bekannte Männer, anreizte, die That zu begehen. Sie brachen in sein Schlafgemach in dem Dominicanerkloster zu Perth, wo er sich aufhielt, und ermordeten ihn mit vielen Stichen. Seine getreue Gemahlin, welche herbeistürzte, um ihn mit ihrem zarten Körper gegen das Schwert zu decken, ward bei dem fruchtlosen Versuche, ihn vor dem Morde zu schützen, zweimal verwundet, und erst, nachdem man sie mit Gewalt von ihm weggerissen, ward der Mord vollbracht. Die Erinnerung an diese romantischen Begebenheiten aus alter Zeit und an das goldene kleine Gedicht, dessen Geburtsort dieser Thurm war, machte, daß ich das alte Gebäude mit mehr als gewöhnlichem Antheil besuchte. Die Rüstung, welche in dem Saale hängt, reich vergoldet und verziert, als sollte sie bei dem Turnier glänzen, brachte das Bild des tapfern und romantischen Fürsten lebendig vor meine Seele. Ich durchschritt die verlassenen Gemächer, wo er sein Gedicht geschrieben hatte; ich lehnte mich auf das Fenster, und suchte mich zu überreden, daß es dasselbe sei, wo das Gesicht ihm erschienen war; ich sah hinaus auf den Fleck, wo er zuerst Lady Jane erblickt hatte. Es war derselbe belebende, fröhliche Monat; die Vögel wetteiferten wiederum mit einander in schmelzendem Gesange; alles sproßte frisch ins Leben auf und entknospte die zarten Hoffnungen des Jahres. Die Zeit, welche gern die stolzen Denkmale des menschlichen Hochmuths in Vergessenheit begraben mag, scheint leise über diesen kleinen Schauplatz der Poesie und Liebe hinweggegangen zu sein, und ihn mit schonender Hand gedeckt zu haben. Mehrere Jahrhunderte sind verflossen, und noch blüht der Garten am Fuße des Thurmes. Er nimmt den Platz ein, wo einst der Graben des Verließes war; und obgleich einige Theile desselben durch Scheidewände davon getrennt sind, so sind in den anderen doch noch die Lauben und schattigen Gänge, wie in Jakob's Zeiten, vorhanden, und das Ganze ist abgeschlossen, blühend und traulich. Es liegt ein Zauber auf dem Orte, der durch die Fußtritte der entschwundenen Schönheit ihm aufgedrückt ward, den die Eingebungen des Dichters geheiligt haben, welcher durch den Verlauf von Jahrhunderten eher verstärkt als geschwächt wird. Es ist in der That die Gabe der Dichtkunst, jeden Ort zu heiligen, an welchem sie sich bewegt; um die Natur einen Duft zu verbreiten, welcher ausgesuchter ist als der Wohlgeruch der Rose, und eine zauberischere Tinte über sie auszugießen, als die Röthe des Morgens. Andere mögen bei Jakob's glänzenden Thaten als Krieger und Gesetzgeber verweilen; mich ergötzte es, ihn nur als den Gefährten seiner Mitmenschen, als den Wohlthäter des menschlichen Herzens zu betrachten, der von seinem hohen Standpunkte herabsteigt, um die lieblichen Blüthen der Dichtkunst und des Gesanges auf den Pfad des gewöhnlichen Lebens zu streuen. Er war der Erste, welcher den kräftigen und gesunden Sproß des schottischen Genies pflegte, der seitdem so verschwenderisch die gesundesten und geschmackhaftesten Früchte geliefert hat. Er verpflanzte in die strengeren Gegenden des Nordens alle die befruchtenden Künste der südlichen Verfeinerung; er that alles Mögliche, seine Landsleute für die lebendigen, zierlichen und edlen Künste zu gewinnen, welche die Gemüthsart eines Volkes mildern und verfeinern, und Anmuth um die Erhabenheit eines stolzen und kriegerischen Geistes winden. Er schrieb viele Gedichte, welche, zum großen Nachtheil der Ausbreitung seines Ruhms, für die Welt verloren gegangen sind; eines, welches noch erhalten ist, »Christi Kirche im Grünen« genannt, zeigt, wie genau er sich mit den ländlichen Spielen und Vergnügungen bekannt gemacht hat, die bei dem schottischen Bauernstand eine so reiche Quelle freundlicher und geselliger Gesinnungen bekunden, und mit welcher einfachen und glücklichen Laune er in ihre Freuden eingehen konnte. Er trug viel dazu bei, die Volksmusik zu verbessern, und man soll noch jetzt die Spuren seines zarten Gefühls und seines seinen Geschmacks in jenen bezaubernden Liedern finden, welche man in den wilden Bergen und den einsamen Schluchten von Schottland ertönen hört. So hat er sein Bild in alles das verwebt, was in dem Volkscharakter so höchst Angenehmes und Anziehendes liegt; er hat sein Gedächtniß in den Liedern verewigt, und sein Name fließt auf den reichen Strömen der schottischen Melodieen noch bis zu den späten Jahrhunderten dahin. Das Andenken an alles dieß erglühte in meinem Herzen, als ich auf dem einsamen Schauplatze seiner Gefangenschaft einherging. Ich habe Vaucluse mit eben so großer Begeisterung besucht, als ein Pilger den Schrein in Loretto besuchen würde; aber ich habe nie mehr dichterische Andacht empfunden, als bei Betrachtung des alten Thurms und des kleinen Gartens zu Windsor, und bei dem Gedanken an die romantische Liebe zwischen Lady Jane und dem königlichen Dichter von Schottland. Die Dorfkirche.                                           Ein Gentleman? Was, von dem Wollsack? von der Zuckerkiste? Vom Sammetband? Was ist's, Pfund oder Elle, Nach dem Ihr Eure Vornehmheit verkauft? Beaumont und Fletcher' s Bettlerbusch. Es gibt wenige Orte, welche zu dem Studium des menschlichen Charakters eine bessere Gelegenheit darbieten, als eine englische Dorfkirche. Eine solche befand sich unfern von dem Landsitze eines Freundes, bei welchem ich einst mehrere Wochen verweilte, und gab mir nicht selten Stoff zu den mannigfachsten Betrachtungen. Es war eines jener schönen Ueberbleibsel zierlichen Alterthums, welche einer englischen Landschaft einen so eigenthümlichen Reiz geben. Sie lag mitten in einer Grafschaft, in welcher viele alte Familien wohnten, und in ihren kalten und stillen Hallen ruhte der Staub mehrerer edeln Geschlechter. Die innern Mauern waren mit Denkmälern aus jedem Zeitalter und von jedem Styl bedeckt; das Licht strömte durch hohe Fenster und wurde durch die Wappen, womit das Glas reich ausgemalt war, geschwächt. An manchen Stellen der Kirche sah man Grabmäler alter Ritter und edler Frauen von prächtiger Arbeit, mit ihren Ebenbildern in farbigem Marmor. Von allen Seiten traf das Auge auf Beweise vergänglicher Eitelkeit, auf irgend ein stolzes Denkmal, welches menschlicher Hochmuth, in diesem Tempel der demüthigsten aller Religionen, über dem verwandten Staube errichtet hatte. Die Gemeinde bestand aus den benachbarten Familien von Stande, welche in prächtig ausgeschlagenen und gepolsterten Kirchstühlen saßen, in denen reich vergoldete Gebetbücher lagen, und an deren Thüren ihre Wappen prangten; auf den Dorfbewohnern und Bauern, welche die hinteren Sitze und eine kleine Gallerie neben der Orgel einnahmen, – und den Armen des Kirchspiels, welche auf Bänken in den Seitengängen saßen. Der Gottesdienst wurde von einem näselnden, wohlgenährten Geistlichen gehalten, der eine artige Wohnung neben der Kirche hatte. Er war ein privilegirter Gast an all den Tafeln in der Nachbarschaft, und hatte als der größte Fuchsjäger in der Grafschaft gegolten, bis Alter und Wohlleben ihn unfähig machten, an einer Jagd weiteren Antheil zu nehmen, als mitzureiten, um die Hunde los lassen zu sehen, und nachher einen Platz bei dem Waidmahle einzunehmen. Einem solchen Geistlichen gegenüber fand ich es unmöglich, mich in den Gedankengang zu versetzen, welcher sich zu Zeit und Ort schickte; da ich mich wohl, wie andere arme Christen zu thun pflegen, mit meinem Gewissen dadurch abgefunden hatte, daß ich die Bürde meiner eigenen Sünden an des Nächsten Schwelle niederlegte, beschäftigte ich mich damit, Betrachtungen über meine Nachbarn zu machen. Ich war noch fremd in England, und wünschte daher, die Sitten der vornehmen Stände genauer kennen zu lernen. Ich fand bald, daß, wie gewöhnlich, der geringste Anspruch sich da blicken ließ, wo er noch am ersten hätte gerechtfertigt werden können. Meine Aufmerksamkeit war, zum Beispiel, vorzüglich durch die Familie eines Edelmannes von hohem Range, welche aus mehreren Söhnen und Töchtern bestand, erregt. Nichts konnte einfacher und anspruchsloser sein, als die Art, wie sie sich bei dem Eintritte benahmen. Sie kamen gewöhnlich in der einfachsten Equipage, und oft zu Fuß nach der Kirche. Die jungen Damen pflegten stehen zu bleiben, und auf das leutseligste mit den Bauern zu sprechen, die Kinder zu liebkosen und die Erzählungen der armen Dorfbewohner anzuhören. Ihre Züge waren offen und lieblich-schön und hatten einen Ausdruck von hoher Bildung, aber zu gleicher Zeit von unbefangener Heiterkeit und höchst anziehender Freundlichkeit. Ihre Brüder waren groß und zierlich gewachsen. Sie waren nach der Mode, aber einfach gekleidet, mit großer Nettigkeit und Anstand, aber ohne Stutzerei und Uebertreibung. Ihr ganzes Benehmen war ungezwungen und natürlich, von erhabener Anmuth und edler Gewandtheit, welche die freigebornen Seelen bezeichnet, die in ihrer Entwickelung nie von dem Gefühl der Unterordnung beschränkt worden sind. Es liegt in der wahren Würde eine gesunde Unverzagtheit, welche sich nie scheut, mit Anderen in Berührung und Gemeinschaft zu kommen, so geringen Standes sie auch sein mögen. Nur der falsche Stolz hat etwas Krankhaftes und Empfindliches, und schreckt vor jeder Berührung zurück. Es gewährte mir Vergnügen, die Art zu sehen, auf welche sie sich mit den Landleuten über die ländlichen Geschäfte und Vergnügungen unterhielten, an denen die gebildete Classe dieses Landes so viel Geschmack findet. Bei diesen Unterhaltungen zeigte sich weder Hochmuth auf der einen, noch Kriecherei auf der andern Seite; und nur die gewohnte ehrfurchtsvolle Zurückhaltung, den die Landleute beobachteten, erinnerte an die Verschiedenheit des Standes. Den Gegensatz mit dieser Familie bildete die eines reichen Bürgers, der ein großes Vermögen angehäuft, und, nachdem er das Gut und das Haus eines zu Grunde gerichteten Edelmannes in der Nachbarschaft gekauft hatte, die ganze Lebensweise und die Würde eines Erbgrundherrn anzunehmen suchte. Die Familie kam jedesmal »en Prince« nach der Kirche. Sie wurde majestätisch in einem, mit dem Wappen prangenden Wagen daher gefahren. Die Helmzierde glänzte in Silberschimmer auf allen Theilen des Geschirres, wo eine Helmzierde nur anzubringen war. Ein dicker Kutscher mit dreieckigem Hut und reicher Tresse darum, und mit einer flachsenen Perücke, welche sich um sein rosiges Gesicht kräuselte, saß auf dem Bocke, ein glatter dänischer Hund neben ihm. Zwei Bediente in glänzender Livree, mit ungeheueren Sträußen und Röhren mit goldenem Knopf, standen hinten auf der Kutsche. Der Wagen wiegte sich auf den langen Federn gar stattlich ab und auf. Selbst die Pferde nagten die Gebisse, schüttelten die Hälse und rollten die Augen stolzer als andere Pferde; entweder weil sie etwas von dem Familienstolze mit erhalten hatten, oder schärfer als gewöhnlich gezäumt waren. Ich mußte die Art und Weise bewundern, womit diese glänzende Erscheinung sich an der Thür des Kirchhofes präsentirte. Schon das Umkehren um die Ecke war von großem Effect; – ein starker Knall der Peitsche, das Ausgreifen und Anstrengen der Pferde, das Blitzen des Geschirres und das Dahinrollen der Räder durch den Kies. Dieß war der Augenblick des Triumphs und eitlen Ruhms für den Kutscher. Die Pferde wurden abwechselnd angetrieben und zurückgehalten, bis sie schäumten. Nun warfen sie die Beine in hohem Trabe aus, bei jedem Tritte die Kiesel hinwegstiebend. Der Haufe von Landleute, welcher friedlich zur Kirche schlenderte, fuhr schnell zur Rechten und Linken auseinander, in stummer Bewunderung hingaffend. Vor der Thür riß der Kutscher die Pferde so schnell zurück, daß sie auf einmal still standen und beinahe auf die Hinterfüße zurück fielen. Nun sprangen die Bedienten mit außerordentlicher Eile herab, rissen den Schlag auf, klappten die Tritte herab und bereiteten Alles zum Herabsteigen der erhabnen Familie auf die Erde, vor. Zuerst streckte der alte Städter sein rothes rundes Antlitz zur Thür hinaus, sich mit der stolzen Miene eines Mannes umschauend, der gewohnt ist, auf der Börse zu gebieten und den Stock-Markt mit einem Winke in Bewegung zu setzen. Seine Gattin, eine wohlaussehende, fleischige, behagliche Dame, folgte ihm. Aus ihr sprach, die Wahrheit zu gestehen, wenig Stolz. Sie war ein lebendes Bild des behaglichen, ehrlichen, gewöhnlichen Genießens. Es ging ihr gut in der Welt, und sie hatte die Welt gern. Sie hatte schöne Kleider, ein schönes Haus, einen schönen Wagen, schöne Kinder; Alles um sie her war schön, sie hatte weiter nichts zu thun, als umherzufahren, Besuche abzustatten und Ergötzlichkeiten zu genießen. Das Leben war ein ununterbrochenes Fest für sie, es war ein langer Lord-Mayors-Tag. Zwei Töchter folgten diesem stattlichen Ehepaare. Sie waren schön zu nennen, hatten aber in ihrem Wesen etwas Anmaßendes, das die Bewunderung abkühlte und den Beschauer zu strengerer Prüfung veranlaßte. Sie waren übermodisch gekleidet, und obgleich ihnen Niemand Reichthum des Putzes abstreiten konnte, so war es doch die Frage, ob er für die Einfachheit einer Dorfkirche geeignet sei. Sie stiegen stolz aus dem Wagen, und gingen zwischen den Reihen der Landleute mit Schritten hindurch, welche kaum den Boden berühren zu wollen schienen, den sie betraten. Sie warfen einen flüchtigen Blick umher, der kalt über die plumpen Gesichter der Bauern hinwegstreifte, bis sie die Familie des Edelmannes erblickten, wo ihre Gesichter sich plötzlich in ein Lächeln verklärten, und sie die tiefsten und zierlichsten Verbeugungen machten, die auf eine Art erwiedert wurden, welche bewies, daß sie nur oberflächliche Bekannte waren. Ich muß nicht vergessen, der zwei Söhne dieses aufstrebenden Bürgers zu erwähnen, die in einem glänzenden Cabriolet mit Vorreitern nach der Kirche kamen. Sie waren nach den neuesten Vorschriften der Mode gekleidet, mit aller der Kleinlichkeit des Anzuges, welche den Mann bezeichnet, der Ansprüche auf genaue Beobachtung der Mode macht. Sie hielten sich ganz abgesondert, und sahen Jeden, der sich ihnen näherte, von der Seite an, als ob sie seine Ansprüche auf Betrachtung abmäßen; sie sprachen aber selbst nicht miteinander, ausgenommen, wenn sie etwa gelegentlich eine gewöhnliche Modephrase wechselten. Sie bewegten sich sogar künstlich, denn ihr Körper hatte, der Laune des Tages angemessen, schon alle Ungezwungenheit und Freiheit abgelegt. Die Kunst hatte Alles gethan, sie als Modeleute vollkommen zu machen, die Natur ihnen aber ihre namenlose Anmuth versagt. Sie hatten ein gemeines Ansehen, wie Leute, welche zu den gewöhnlichen Beschäftigungen des Lebens erzogen sind, und dabei jene Miene hochmüthiger Anmaßung, welche man nie an dem Mann von gutem Ton sieht. Ich bin bei dem Ausmalen der Bilder dieser zwei Familien etwas in das Einzelne gegangen, weil ich sie für Proben desjenigen ansah, was man oft in diesem Lande antrifft – anspruchsloser Größe und anmaßender Kleinheit. Ich hege keine Achtung vor betiteltem Rang, wenn er nicht mit wahrem Seelenadel verknüpft ist; aber ich habe in den Ländern, wo die künstlichen Unterscheidungen bestehen, bemerkt, daß die höchsten Classen allemal die höflichsten und anspruchlosesten sind. Die, welche ihres eigenen Standpunktes gewiß sind, suchen selten dem anderer zu nahe zu treten; dagegen ist aber nichts so unangenehm, als die Anmaßungen der Gemeinheit, welche sich selbst dadurch zu heben denkt, daß sie ihre Nachbarn demüthigt. Da ich diese Familien einmal einander gegenüber gestellt habe, so muß ich auch ihres Betragens in der Kirche gedenken. Das der Familie des Edelmannes war ruhig, ernst und aufmerksam. Nicht, als ob die Glieder derselben eine inbrünstige Andacht gezeigt hätten; es war eher eine Achtung vor heiligen Gegenständen und dem heiligen Orte, welche von guter Erziehung unzertrennlich ist. Die Anderen dagegen waren in einer beständigen Unruhe und flüsterten fortwährend; sie verriethen ein stetes Beachten ihres Putzes und einen ängstlichen Ehrgeiz, der Gegenstand der Bewunderung einer Dorfgemeinde zu sein. Der alte Herr war der einzige, der wirklich aufmerksam auf den Gottesdienst war. Er nahm die ganze Last der Familien-Andacht auf sich, stand kerzengerade da, und sagte die Responsen mit einer so lauten Stimme her, daß man sie in der ganzen Kirche hören konnte. Es war klar, daß er durchaus ein Mann des Königs und der Kirche war, welcher, wie alle Leute dieser Art, die Idee der Frömmigkeit und Anhänglichkeit an den König in eines verschmolz, die Gottheit gewissermaßen als zur ministeriellen Parthei gehörig ansehend, und die Religion »für eine treffliche Sache haltend, die man schützen und aufrecht erhalten müsse.« Daß er so laut in die Andacht einstimmte, schien vorzüglich deswegen zu geschehen, um den gemeineren Leuten ein Beispiel zu geben und ihnen zu zeigen, daß er, obgleich so groß und reich, doch nicht über die Religion hinaus sei; so wie ich einst einen von Schildkrötensuppe gemästeten Aldermann, öffentlich einen Teller mit Armensuppe verschlingen sah, bei jedem Mundvoll schmatzend und dabei erklärend: »das sei vortreffliches Essen für die Armen.« Als der Gottesdienst zu Ende war, eilte ich, meine Gruppen herausgehen zu sehen. Die jungen Edelleute und ihre Schwestern gingen, da der Tag schön war, über das Feld nach Hause, und plauderten auf dem Wege mit den Landleuten. Die Anderen entfernten sich, wie sie gekommen waren, in großem Staate. Die Equipagen rollten abermals an dem Thore vor. Die Peitschen knallten wieder, die Hufe klapperten und das Geschirr blitzte. Die Pferde flogen davon, die Landleute stoben wieder zur Rechten und Linken auseinander, die Räder wühlten eine Staubwolke auf, und die stolze Familie war in einem Wirbelwind dem Auge entzogen. Die Wittwe und ihr Sohn. Habt Mitleid mit dem Alter, das in Zucht Und Ehren stets die Silberhaare trug. Marlowe's Tamerlan. Während meines Aufenthalts auf dem Lande pflegte ich häufig die alte Dorfkirche zu besuchen. Ihre düsteren Seitengänge, ihre modernden Denkmale, ihre dunkele eichene Vertäfelung, welche durch die Düsterkeit vergangener Jahre noch ehrwürdiger geworden war, schienen sie zu einem Sitze für ernstes Nachdenken zu machen. Ueberdies ist ein Sonntag auf dem Lande so heilig durch seine Ruhe; eine so nachdenkliche Stille waltet über der Natur, daß jede ruhelose Leidenschaft hinweg gezaubert wird, und wir die ganze natürliche Religion der Seele allmählig in uns aufkeimen fühlen. »O süßer Tag, so rein, so still, so hell, Des Himmels und der Erde Hochzeitfest.« Ich kann das Verdienst nicht ansprechen, ein frommer Mann zu sein; allein es gibt Gefühle, die sich meiner, in einer Dorfkirche, mitten in der schönen Heiterkeit der Natur bemächtigen, welche ich anderswo nicht empfinde, und wenn ich am Sonntage kein religiöserer Mensch bin, als an einem der übrigen Wochentage, so bin ich doch ein besserer. In dieser Kirche fühlte ich mich indessen durch die Kälte und den Prunk der armen Würmer um mich her, beständig in die Welt zurückgeworfen. Das einzige Wesen, welches die demüthige hingegebene Frömmigkeit eines ächten Christen innigst zu fühlen schien, war eine arme, gebrechliche, alte Frau, welche unter der Last der Jahre und der Krankheit gebeugt war. Ihre Erscheinung verrieth etwas Besseres, als gänzliche Armuth. Die Spuren eines anständigen Stolzes waren in ihrem Aeußeren sichtbar. Ihre Kleidung, obgleich unendlich einfach, zeugte von einer ängstlichen Reinlichkeit. Auch eine gewisse Art von Achtung ward ihr erwiesen, denn sie saß nicht unter den übrigen Dorfarmen, sondern allein auf den Stufen des Altars. Sie schien alle Liebe, alle Freundschaft, alle Geselligkeit überlebt, und nichts übrig behalten zu haben, als die Hoffnung auf den Himmel. Als ich sie mit Mühe aufstehen und ihren gealterten Körper sich zum Gebete beugen sah, wie sie mechanisch aus ihrem Gebetbuch, das ihre gelähmte Hand nicht zu halten und ihre schwachen Augen ihr nicht mehr zu lesen erlaubten, welches sie aber augenscheinlich auswendig wußte, ihr Gebet hersagte; da fühlte ich die Ueberzeugung, daß die gebrochene Stimme der armen Frau, weit vor den Responsen des Kirchendieners The clerk . Der oft erwähnte Schreiber und Gehülfe des Pfarrers, der bei dem Gottesdienste auch die Antworten auf die in der Liturgie vorkommenden Sätze abliest. , den Tönen der Orgel oder dem Gesange des Chors, zum Himmel aufsteigen würde. Ich schlendere gern um Dorfkirchen umher, und diese lag so herrlich, daß sie mich häufig zu sich hinzog. Sie stand auf einem Hügel, um welchen ein kleiner Fluß eine schöne Krümmung bildete, und sodann durch einen weit hingestreckten sanften Wiesengrund sich dahin schlängelte. Die Kirche war mit Eibischbäumen umgeben, welche beinahe so alt zu sein schienen, als sie selbst. Ihr hoher, gothischer Thurm stieg leicht aus diesen empor, und Raben und Krähen umkreiseten ihn gewöhnlich. Ich saß dort an einem stillen, sonnigen Morgen und sah zwei Todtengräbern zu, die ein Grab gruben. Sie hatten einen der entferntesten und verlassensten Winkel des Kirche gewählt, wo nach der Anzahl namenloser Gräber umher, die Dürftigen und Freundlosen in die Erde gescharrt worden zu sein schienen. Man sagte mir, das frische Grab sei für den einzigen Sohn einer armen Wittwe bestimmt. Während ich über die Unterschiede nachdachte, welche der Rang hienieden macht, und welche sich so herab bis auf den Staub sogar erstrecken, kündigte der Klang der Glocke die Annäherung des Leichenzuges an. Es war die Bestattung der Armuth, mit welcher der Stolz nichts zu thun hatte. Ein Sarg von den einfachsten Materialien, ohne Leichentuch oder andere Bedeckung, ward von einigen der Dorfbewohner getragen. Der Küster ging mit einer Miene kalter Gleichgültigkeit voran. Es folgten keine possenhaften Leidtragenden in den Gewändern eines erheuchelten Schmerzes; allein man sah da eine wahre Leidtragende, welche schwach der Leiche nachwankte. Dies war die bejahrte Mutter des Verstorbenen – die arme alte Frau, welche ich auf den Stufen des Altars hatte sitzen sehen. Eine arme Freundin unterstützte sie und suchte sie zu trösten. Einige wenige Nothleidende aus der Nachbarschaft hatten sich dem Zuge angeschlossen, und einige Kinder aus dem Dorfe liefen, Hand in Hand, dahinter her und jauchzten bald mit sorgloser Fröhlichkeit, bald blieben sie stehen, um mit kindischer Neugier den Schmerz der Trauernden zu betrachten. Als der Leichenzug sich dem Grabe näherte, trat der Pfarrer aus der Kirchenthür, mit dem Chorrocke angethan, das Gebetbuch in der Hand, und von dem Kirchendiener begleitet. Die Todtenfeier war indessen eine bloße Handlung der Barmherzigkeit. Der Verstorbene war unbemittelt gewesen, und die Ueberlebende war ganz arm. Es wurde daher der Form, aber kalt und gefühllos, in aller Eile Genüge gethan. Der wohlgenährte Geistliche bewegte sich nur einige Schritte von der Kirchenthür; man konnte seine Stimme kaum am Grabe vernehmen, und nie habe ich die Leichenfeier, diese erhabene und rührende Ceremonie, in ein so kaltes Wortgepränge verwandeln hören. Ich näherte mich dem Grabe. Der Sarg stand auf dem Boden. Auf demselben war der Name und das Alter des Verstorbenen geschrieben – »Georg Somers, 26 Jahr alt.« Die arme Mutter kniete, mit Hülfe Anderer, zu den Häupten desselben nieder. Ihre welken Hände waren wie zum Gebete gefaltet; allein ich konnte an dem schwachen Wiegen des Körpers und an einer krampfhaften Bewegung der Lippen sehen, daß sie mit dem zerrissenen Herzen einer Mutter auf die letzten Ueberreste ihres Sohnes hinblickte. Man traf jetzt Anstalten, den Sarg zur Erde zu bestatten. Es entstand jene geschäftige Bewegung, welche in die Gefühle des Schmerzes und der Liebe so rauh eingreift; Befehle wurden in dem kalten Geschäftstone gegeben, die Spaten in den Sand und Kies gestoßen, was, an dem Grabe derer, die wir lieben, von allen Tönen der erschütterndste ist. Das Geräusch umher schien die Mutter aus einem traurigen Nachdenken zu wecken. Sie erhob ihre gläsernen Augen und blickte mit einer kraftlosen Wildheit umher. Als die Männer mit Stricken herbeikamen, um den Sarg in das Grab hinunterzulassen, rang sie die Hände und überließ sich dem äußersten Schmerze. Die arme Frau, welche bei ihr war, nahm sie bei dem Arm, suchte sie von der Erde aufzuheben, und ihr einige tröstende Worte zuzuflüstern. – »Nicht doch – nicht doch – nehmt es euch doch nicht so sehr zu Herzen.« Sie konnte indessen nur den Kopf schütteln und die Hände ringen, wie Jemand, der nicht zu trösten ist. Als man die Leiche in die Erde senkte, schien das Knarren der Seile die Unglückliche zur krampfhaften Verzweiflung zu bringen; als aber, bei einem zufälligen Hinderniß, der Sarg schwankte, äußerte sich die ganze mütterliche Zärtlichkeit; als ob den, der weit hinaus über alle irdische Leiden war, noch irgend ein Leid treffen könnte. Ich konnte es nicht länger mit ansehen – mein Herz schwoll empor – meine Augen füllten sich mit Thränen – mir war, als ob ich eine grausame Rolle spielte, daß ich bei diesem Schauspiele mütterlichen Kummers stände und müßig darauf hinblickte. Ich ging nach einer andern Gegend des Kirchhofs hin, wo ich so lange blieb, bis das Leichengefolge sich zerstreut hatte. Als ich die Mutter langsam und mühselig sich von dem Grabe entfernen sah, wo sie die Ueberreste alles dessen zurückließ, was ihr auf Erden theuer war, und in das Schweigen und die Dürftigkeit zurückkehrte, bangte mein Herz um sie. Was sind, dachte ich, die Unglücksfälle der Reichen! sie haben Freunde, die sie trösten – Vergnügungen, die sie zerstreuen – eine Welt, die sie belustigt und sie ihre Leiden vergessen macht. Was ist der Kummer der jungen Leute! ihr emporstrebendes Gemüth schließt bald die Wunde – ihr aufstrebender Geist erhebt sich bald von dem Drucke wieder – ihre frischen und geschmeidigen Neigungen umranken bald neue Gegenstände. Aber der Kummer der Armuth, die keine äußere Trostmittel besitzt – der Kummer des Alters, für welches das Leben aufs höchste nur ein Wintertag ist, und das keinen Nachwuchs von Freude zu erwarten hat – der Kummer einer Wittwe, alt, einsam, dürftig, einen einzigen Sohn, den letzten Trost ihres Alters, betrauernd; dies ist in der That ein Kummer, der in uns das Gefühl erweckt, daß kein Trost mehr möglich ist. Es verging einige Zeit, ehe ich den Kirchhof verließ. Auf dem Heimwege begegnete ich der Frau, welche sich als tröstende Freundin benommen hatte; sie kam so eben von der einsamen Wohnung zurück, wohin sie die Mutter begleitete, und ich hörte von ihr einiges Nähere über den rührenden Auftritt, von dem ich Zeuge gewesen war. Die Eltern des Verstorbenen wohnten von Kindheit an in dem Dorfe. Sie hatten eins der nettesten Bauerhäuser innegehabt, sich durch verschiedene ländliche Beschäftigung und mit Hülfe eines kleinen Gartens, anständig und bequem ernährt, und ein glückliches, tadelloses Leben geführt. Sie hatten einen Sohn, der aufgewachsen war, um die Stütze und der Stolz ihres Alters zu werden. »O Herr!« sagte die gute Frau: »es war ein so artiger Bursch, so sanft, so freundlich gegen Jeden, der ihn kannte, so gehorsam gegen seine Eltern! Es that Einem im Herzen wohl, ihn am Sonntag in seinen besten Kleidern, so schlank, so gerade, so munter daher kommen zu sehen, wie er seine alte Mutter zur Kirche führte – denn sie lehnte sich immer lieber auf Georg's Arm als auf den ihres Eheherrn, und die arme Frau konnte wohl stolz auf ihn sein, denn es gab keinen hübschern Burschen in der Gegend rund umher.« Unglücklicherweise ließ sich ihr Sohn, während eines schlechten und für den Landmann sehr mühseligen Jahres, dazu bewegen, sich auf eines der kleinen Fahrzeuge zu vermiethen, das einen benachbarten Fluß befuhr. Er war noch nicht lange bei dieser Beschäftigung gewesen, als er von einem Preß-Commando in die Falle gelockt und auf die See weggeführt wurde. Seine Aeltern erhielten Nachricht von seiner Ergreifung, erfuhren dann aber nichts weiter von ihm. Ihre Hauptstütze war dahin. Der Vater, der schon kränklich war, ward muthlos und tiefsinnig, und sank in sein Grab. Die Wittwe, welche in ihrem Alter und ihrer Schwäche allein zurückblieb, konnte sich nicht länger selbst erhalten, und kam auf die Liste der Armen des Kirchspiels. Stets zeigte sich indessen in dem ganzen Dorfe ein wohlwollendes Gefühl und eine gewisse Ehrfurcht gegen sie, als gegen eine der ältesten Bewohnerinnen. Da Niemand sich zu dem Hause meldete, worin sie so manchen glücklichen Tag zugebracht hatte, so durfte sie darin bleiben, und bewohnte es nun allein und beinahe hülflos. Die wenigen nothwendigsten Bedürfnisse gewann sie größtentheils aus den spärlichen Erzeugnissen ihres kleinen Gartens, welchen die Nachbarn dann und wann für sie bearbeiteten. Nur wenige Tage, ehe mir diese Einzelnheiten erzählt worden, sammelte sie einige Küchengewächse zu ihrer Mahlzeit daraus, als sie die Thür, welche aus der Hütte zum Garten führte, plötzlich öffnen hörte. Ein Fremder kam heraus und schien zerstört und wild umherzublicken. Er trug Matrosenkleider, war abgemagert und geisterbleich, und hatte ganz das Ansehen eines Menschen, der durch Krankheiten und Mühseligkeiten zu Grunde gerichtet ist. Er sah sie und eilte auf sie zu, aber seine Schritte waren schwach und unsicher; er sank auf seine Kniee vor ihr nieder und schluchzte wie ein Kind. Die arme Frau blickte mit einem nichtssagenden, umherirrenden Auge auf ihn. »O meine liebe, liebe Mutter! erkennt Ihr denn euren Sohn, euer armes Kind Georg nicht?« Es war in der That ein Trümmer des einst so edeln Burschen, der, mit Wunden bedeckt, von Krankheit und Gefangenschaft in der Fremde halb aufgerieben, seine schwachen Glieder endlich nach Hause geschleppt hatte, um auf dem Schauplatze seiner Kindheit auszuruhen. Ich will eine Zusammenkunft nicht weiter auszumalen versuchen, bei welcher Freude und Schmerz sich so innig mischten; er war noch am Leben! er war in seine Heimath zurückgekehrt! er konnte doch in ihrem hohen Alter ihr Trost sein und sie pflegen! Seine Kräfte waren indessen erschöpft, und wenn noch etwas gefehlt hätte, um das Werk des Schicksals zu vollenden, so reichte der Anblick des traurigen Zustandes, in welchem er seine heimathliche Hütte fand, dazu hin. Er streckte sich auf die Strohmatte, auf welcher seine verlassene Mutter so manche schlaflose Nacht zugebracht, und stand nie wieder davon auf. Die Dorfbewohner eilten, als sie hörten, daß Georg Somers zurückgekommen sei, ihn zu sehen, und boten ihm jeden Trost und Beistand an, die ihre geringen Mittel nur aufzubringen vermochten. Er war indessen zu schwach, um zu sprechen – er konnte seinen Dank nur durch Blicke bezeugen! Seine Mutter war beständig um ihn, und er schien sich von niemand Anders bedienen lassen zu wollen. Es liegt etwas in dem Zustande des Krankseins, was den Stolz des Mannes bricht, sein Herz erweicht und die Gefühle der Kindheit wieder in ihm erweckt. Wer, selbst in vorgerückten Jahren, an Krankheit und Abspannung darniedergelegen, auf einem Schmerzenlager in einem fremden Lande verlassen und einsam dahingesiecht ist, hat nicht der Mutter gedacht, »welche für seine Kinderjahre gesorgt,« sein Kissen glatt gestrichen, und seine Hülflosigkeit gepflegt hat. Ach, es liegt eine duldsame Zärtlichkeit in der Liebe einer Mutter zu ihrem Sohne, welche vor allen übrigen Regungen des Herzens den Vorrang behauptet. Sie kann weder durch Selbstliebe erkalten, noch durch Gefahr geschreckt, noch durch Werthlosigkeit geschwächt, noch durch Undank erstickt werden. Sie opfert jede Bequemlichkeit der seinigen auf, entsagt jedem Vergnügen, seines Genusses willen, ist stolz auf seinen Ruhm, freut sich seines Glücks – und wenn das Unglück ihn überwältigt, wird er ihr durch das Unglück nur um so theurer; wenn die Schande sich an seinen Namen heftet, sie liebt und hegt ihn, der Schande zum Trotz; und wenn ihn die ganze übrige Welt von sich stößt, so wird sie ihm die ganze Welt ersetzen. Der arme Georg Somers hatte es erfahren, was es heißt, krank zu sein und Niemand zu haben, der uns pflege; – einsam, im Gefängniß zu sein, ohne daß Jemand uns besuche. Er konnte keinen Augenblick ohne seine Mutter sein; entfernte sie sich, so verfolgte er sie mit den Augen. Sie saß Stundenlang an seinem Bett und wachte bei ihm, wenn er schlief. Zuweilen fuhr er aus einem Fiebertraume auf, und blickte ängstlich umher, bis er sie sah, wie sie sich über ihn hinbog; dann nahm er ihre Hand, legte sie auf seine Brust, und schlief mit der Ruhe eines Kindes ein. So starb er. Das Erste, wozu ich mich, nach Anhörung dieser einfachen Trauergeschichte getrieben fühlte, war, mich nach der Hütte der Leidtragenden zu begeben, um ihr eine Unterstützung zu reichen, und sie, wo möglich, zu trösten. Bei genauerer Nachfrage fand ich indessen, daß die Gutmüthigkeit der Dorfbewohner schon Alles gethan hatte, was die Lage der Unglücklichen im Augenblick erheischte, und da die Armen einander am besten in ihren Leiden zu trösten wissen, so wollte ich mich nicht zudrängen. Am nächsten Sonntag war ich in der Dorfkirche; da sah ich, zu meinem Erstaunen, die arme alte Frau, den Seitengang hinunter, ihrem gewohnten Sitze auf den Stufen des Altars zuwanken. Sie hatte eine Art von Trauer für ihren Sohn angelegt, und nichts konnte rührender sein, als dieser Kampf zwischen frommer Liebe und gänzlicher Armuth. Ein schwarzes Band oder dergleichen – ein verschossenes schwarzes Halstuch, und noch ein oder zwei ärmliche Zeichen der Art deuteten den Schmerz an, welchen kein äußerer Beweis an den Tag legen kann. Als ich auf die geschichtlichen Denkmale umherblickte, die stattlichen Wappenschilder, den kalten Marmorprunk, womit die Größe den hingeschiedenen Stolz prachtvoll betrauert, betrachtete, und mich zu dieser armen Wittwe wandte, wie sie am Altare ihres Gottes, von Alter und Kummer gebeugt, verweilte, und das Gebet und den Preis eines frommen, obgleich gebrochenen Herzens darbrachte, fühlte ich, daß dies lebende Denkmal wirklichen Schmerzes jene alle zusammen aufwiege. Ich erzählte ihre Geschichte einigen reichen Mitgliedern der Gemeinde, und sie wurden dadurch gerührt. Sie bemühten sich, ihre Lage behaglicher zu machen, und ihre Trauer zu mildern. Sie konnten indeß nur die Bahn für ihre wenigen Schritte zum Grabe ebenen. Nach einem oder zwei Sonntagen sah ich sie nicht mehr auf ihrem gewöhnlichen Sitze in der Kirche, und ehe ich die Gegend verließ, erfuhr ich mit einem Gefühl von Freude, daß sie ruhig ihren letzten Athemzug ausgehaucht habe und hinübergegangen sei zu denen, die sie liebte, in eine Welt, wo man keinen Kummer mehr kennt, und Freunde nimmer getrennt werden. Die Schenke zum Eberkopfe in Eastcheap. Eine Shakspeare'sche Untersuchung. Eine Schenke ist der Zusammenkunftsort, die Börse, der Stapelplatz guter Gesellen. Ich habe meinen Urgroßvater erzählen hören, wie sein Ururgroßvater zu sagen pflegte: es habe, als sein Urgroßvater ein Kind gewesen sei, ein altes Sprichwort gegeben, »daß es immer ein guter Wind sei, der einen Menschen zum Weine hinweht.« Mutter Bombie . Es ist, in einigen katholischen Ländern, ein frommer Gebrauch, das Andenken der Heiligen durch geweihte Lichter zu ehren, welche man vor ihren Bildern anzündet. Die Beliebtheit eines Heiligen kann demnach an der Zahl dieser Opfer erkannt werden. Der eine vermodert vielleicht in der Dunkelheit seiner kleinen Capelle; ein anderer hat eine einzelne Lampe, welche ihre schwachen Strahlen schräg auf sein Bild wirft, während der volle Glanz der Anbetung an dem Schrein irgend eines berühmten heiliggesprochenen Vaters strahlt. Der reiche Fromme bringt seine gewaltige Wachskerze dar; der eifrige Gottesfürchtige seinen siebenarmigen Leuchter, und selbst der bettelnde Pilger glaubt nicht, daß der Verstorbene von hinreichendem Licht umgeben sei, wenn er nicht ebenfalls seine kleine dampfende Oellampe davor aufgehängt hat. Die Folge ist, daß sie in dem Eifer, zu beleuchten, den Gegenstand ihrer Verehrung oft verfinstern, und ich habe gelegentlich gesehen, wie ein solcher unglücklicher Heiliger bei der Dienstbeflissenheit seiner Anhänger beinahe im Rauch umgekommen ist. Eben so ist es dem unsterblichen Shakspeare ergangen. Jeder Schriftsteller hält es für seine heilige Pflicht, einen Theil seines Charakters oder seiner Werke zu beleuchten, und irgend eines seiner Verdienste der Vergessenheit zu entreißen. Der Erklärer, an Worten reich, bringt dicke Bände von Erläuterungen ans Licht; die gewöhnliche Schaar der Herausgeber läßt eine Dunstwolke von Dunkelheiten aus ihren Anmerkungen unten auf jeder Seite aufsteigen, und jeder Gelegenheitsschmierer bringt sein Pfenningsdochtlicht des Lobes oder der Untersuchung dar, um die Weihrauchs- oder Dampfwolke noch zu vergrößern. Da ich alle hergebrachten Gewohnheiten meiner Brüder von der Feder ehre, so hielt ich es nur für meine Schuldigkeit, auch mein Scherflein der Verehrung vor dem Altare des unsterblichen Barden niederzulegen. Eine Zeit lang war ich indessen in großer Verlegenheit, auf welche Weise ich mich dieser Obliegenheit entledigen sollte. Bei jedem Versuche, eine neue Lesart vorzuschlagen, war man mir schon längst zuvorgekommen; jede zweifelhafte Zeile war bereits auf ein Dutzend verschiedene Arten erklärt, und so verdunkelt, daß jede Aufhellung unmöglich war; und was die schönen Stellen betraf, so waren sie von früheren Bewunderern bereits hinlänglich gepriesen; ja der Barde war vor Kurzem von einem großen deutschen Kritiker mit Lob so übergossen worden, daß es jetzt schwer wird, selbst einen Fehler zu finden, aus dem man nicht eine Schönheit herausbewiesen hätte. In dieser Verlegenheit blätterte ich eines Morgens in seinen Werken, als ich zufällig die komischen Auftritte aus Heinrich dem Vierten aufschlug, und Augenblicks ganz in die tollen Streiche in der Schenke zum Eberkopfe verloren war. So lebendig und natürlich sind diese lustigen Scenen geschildert, und die Charaktere mit einer solchen Kraft und Consequenz durchgeführt, daß man sie im Geiste mit den Thatsachen und Personen aus dem wirklichen Leben vermischt. Wenigen Lesern fällt dabei ein, daß dies sämmtlich ideelle Schöpfungen eines Dichtergehirns sind, und daß in der nüchternen Wirklichkeit nie ein solcher Haufen lustiger Gesellen die einförmige Nachbarschaft von Eastcheap belebt hat. Ich, meines Theils, überlasse mich gern den Täuschungen der Dichtkunst. Ein Held der Einbildungskraft, welcher nie gelebt hat, ist mir eben so viel werth, als ein Held der Geschichte, der vor tausend Jahren auf der Welt gewesen ist, und wenn man mir diese Unempfänglichkeit für die gewöhnlichen Bande der menschlichen Natur nicht übel nehmen will, so möchte ich den feisten Jack nicht für die Hälfte der großen Leute aus den alten Geschichtsbüchern hingeben. Was haben die Helden aus dem Alterthume für mich oder meines Gleichen gethan? Sie haben Länder erobert, von denen mir nicht ein Morgen gehört; oder sie haben Lorbeeren eingeerntet, von denen ich nicht ein Blatt ererbte; oder sie haben Beispiele von halsbrechender Tapferkeit gegeben, denen zu folgen ich weder Gelegenheit, noch Lust habe. Aber der alte Jack Falstaff! – der gute Jack Falstaff! – der liebe Jack Falstaff! – hat die Grenze des menschlichen Genusses erweitert; er hat große Räume von Witz und Lustigkeit neu hinzugefügt, auf welchen auch der Aermste sich fröhlich ergehen kann; er hat uns ein unerschöpfliches Erbtheil von herzlichem Lachen hinterlassen, um die Menschen, bis auf die späteste Nachwelt hin, fröhlicher und besser zu machen. Plötzlich kam mir ein Gedanke ein. »Ich will eine Pilgerfahrt nach Eastcheap machen,« sagte ich, indem ich das Buch zuschlug: »und sehen, ob die alte Schenke zum Eberkopfe noch vorhanden ist. Wer weiß, ob ich nicht noch einige sagenhafte Spuren von der Frau Quickly und ihren Gästen auffinde; auf jeden Fall werde ich, wenn ich so die Gemächer betrete, welche einst von ihrer Fröhlichkeit widerhallten, ein eben so großes Vergnügen empfinden, wie der Zecher, wenn er an dem leeren Fasse riecht, das einst mit edelm Weine gefüllt war.« Kaum hatte ich diesen Entschluß gefaßt, als ich ihn auch ausführte. Ich will der verschiedenen Abenteuer und Wunder, die mir auf meiner Reise begegneten, gar nicht gedenken; nicht der spukhaften Gegenden vor Cocklane; nicht des dahingeschwundenen Ruhms vor Little-Britain und seiner Umgebungen; nicht der Gefahren, die ich in Cateatonstreet und der Old-Jewry lief; nicht der berühmten Guildhall und ihrer zwei verkrüppelten Riesen, des Stolzes und des Wunders der Altstadt, und des Schreckens aller heillosen Jungen; und wie ich den Stein von London besuchte, und, wie jener Erz-Rebell, Jack Cade, mit meinem Stabe darauf schlug. Dieß sind sämmtlich Gegenden und Denkmale, welche in dem Bezirk der Altstadt London liegen. Cock-lane, die Hahnengasse, wo es im Jahre 1762 eine berühmte Spukgeschichte gab. Little-Britain, Klein-Britannien, ist eine der Nebenstraßen der großen, nach dem nördlichen Theile von London führenden Hauptstraße, Aldersgate-street; Cateaton-street und die Old-Jewry, das alte Judenthum, sind Nebenstraßen von Cheapside, der belebtesten Straße der City. Die beiden Riesen sind die Statüen des Gog und Magog; und der Stein von London, the London Stone, steht an der südlichen Mauer der St.-Swithin's-Kirche in Canon-street. Jack Cade, der irische Rebell, welcher unter Heinrich dem Sechsten (1450) eine Empörung in London anzettelte und durch die Vorstadt Southwark nach der Altstadt vordrang, nahm durch einen feierlichen Schlag mit seinem Schwerdte auf diesen Stein von der Stadt Besitz. Genug, ich langte am Ende in dem fröhlichen Eastcheap an, jenem alten Schauplatze des Witzes und der Schwelgerei, wo selbst die Namen der Straßen von dem Wohlleben zeugen, wie die Pudding-Gasse noch heutiges Tages als Beweis dienen kann. »Denn Eastcheap,« sagt der alte Stowe, »war seiner Geselligkeit wegen immer berühmt. Die Garköche riefen heiße geröstete Rinderrippen, wohlgebackene Pasteten und andere Lebensmittel aus; da war ein Getöse von zinnernen Kannen, Harfen, Pfeifen und Zithern.« Ach! wie traurig hat sich seit Falstaff's und des alten Stowe's lustigen Tagen die Scene geändert! Der tolle Wüstling hat dem betriebsamen Kaufmann Platz gemacht; das Geklapper der Kannen und der Ton der »Harfe und Zither« dem Geräusch der Karren und dem verwünschten Ton der Glocke des Kehrichtmannes In London wird der Kehricht durch Leute abgeholt, welche neben einem mit einem Pferde bespannten Karren in der Stadt umhergehen, und durch eine Glocke auffordern, den Unrath aus den Häusern zu bringen. , und man hört keinen Gesang weiter, als vielleicht die Töne einer Sirene von Billingsgate , welche das Lob ihrer todten Makrelen verkündigt. Ich sah mich vergebens nach der alten Wohnung der Frau Quickly um. Das einzige Ueberbleibsel ist ein Eberkopf, welcher in Stein ausgehauen ist, und der früher zum Schilde diente, jetzt aber in die Scheidewand der beiden Häuser eingemauert ist, welche auf der Stelle der berühmten alten Schenke stehen. Was die Geschichte dieses kleinen Reichs der lustigen Brüderschaft betraf, so verwies man mich an die gegenüber wohnende Wittwe eines Lichterziehers, welche an dem Orte geboren und erzogen war, und als die untrüglichste Geschichtsquelle der ganzen Nachbarschaft angesehen wurde. Ich fand sie in einem kleinen Hinterstübchen sitzen, dessen Fenster auf einen, etwa acht Fuß im Gevierte haltenden, und wie ein Blumengarten eingerichteten Hof gingen, während eine Glasthür gegenüber einen entfernten Blick auf die Straße, zwischen einem Vorgrunde von Seife und Talglichtern hindurch, zuließ; die zwei Aussichten, welche, höchst wahrscheinlich, die ganzen Fernblicke ihres Lebens und die kleine Welt bildeten, in welcher sie, die größere Hälfte eines Jahrhunderts hindurch, gelebt, sich bewegt und ihr Dasein genossen hatte. In der Geschichte von Groß- und Klein-Eastcheap, von dem Londoner-Steine bis zum Monument Dem zum Gedächtniß des großen Brandes in London, im Jahre 1666, errichteten Denkmal, unweit der Londoner Brücke. , bewandert zu sein, hieß, ihrer Meinung nach, ohne Zweifel, die Geschichte des Weltalls kennen. Bei allem diesen hatte sie jedoch die Einfalt, welche der wahren Weisheit eigen ist, und jene freisinnige, mittheilende Gemüthsart, die ich allgemein bei verständigen alten Frauen bemerkt habe, welche mit den Begebnissen in ihrer Nachbarschaft bekannt sind. Ihre Kenntniß erstreckte sich jedoch nicht weit in die alte Zeit zurück. Sie konnte keinen Aufschluß über die Geschichte des Eberkopfes, von der Zeit an, wo Frau Quickly den tapfern Pistol heirathete, bis zu dem großen Feuer in London, wo er unglücklicherweise niederbrannte, ertheilen. Er war bald wieder aufgebaut worden, und fuhr fort, unter dem alten Namen und Zeichen zu blühen, bis ein Gastwirth – dem seine Gewissensbisse wegen doppelter Zechen, schlechten Maßes und anderer Uebelthaten, welche dem sündigen Geschlecht der Gastwirthe ankleben, keine Ruhe ließen – sich auf seinem Todtenbette dadurch mit dem Himmel auszusöhnen suchte, daß er die Schenke der Kirche von St. Michael in Crooked-Lane vermachte, um von dem Ertrage derselben einen Caplan zu halten. Eine Zeit lang wurden die Kirchencollegiums-Versammlungen regelmäßig hier gehalten; allein man wollte bemerken, daß der alte Eber sein Haupt unter der geistlichen Regierung nie recht erhob. Er verfiel allmählig, und hauchte endlich, ungefähr vor dreißig Jahren, seinen letzten Odem aus. Die Schenke ward nun zu Läden eingerichtet; die Frau sagte mir jedoch, daß ein Bild derselben noch in der St. Michaeliskirche vorhanden sei, welche gerade hinter der Schenke stehe. Die Neugierde, dieses Bild zu sehen, trieb mich bald weiter zu kommen, und nachdem ich mich über die Wohnung des Küsters belehrt hatte, nahm ich Abschied von der ehrwürdigen Geschichtsquelle von Eastcheap, deren eigene Meinung von ihrer Sagenkunde durch meinen Besuch gewiß um ein Bedeutendes größer geworden war, so wie dieser ein wichtiges Ereigniß in ihrer Lebensgeschichte bildete. Es kostete mir einige Mühe und viele Nachfrage, den demüthigen Angehörigen der Kirche aufzustöbern. Ich mußte Crooked-Lane und mehrere kleine Gäßchen, Kniee und finstere Durchgänge durchforschen, womit diese alte Stadt, wie ein alter Käse oder ein wurmstichiger Schrank durchlöchert ist. Endlich fand ich ihn in einem Winkel eines schmalen Hofes, der von hohen Häusern eingeschlossen war, und wo die Bewohner eben soviel von dem Himmelslicht genießen, als ein Haufe von Fröschen auf dem Grunde eines Brunnens. Der Küster war ein ruhiger, friedlicher kleiner Mann, sehr demüthig und ergeben; in seinen Augen lag indessen ein gewisses schalkhaftes Blinzeln, und er mochte, wenn man ihn dazu ermunterte, wohl auch dann und wann es wagen, einen kleinen Spaß zu machen, wie ein Mann seines geringen Standes in der Gesellschaft vornehmer Kirchenvorsteher, oder anderer mächtigen Leute der Erde, ihn sich allenfalls erlaubt. Ich fand ihn in Gesellschaft mit dem Substituten des Organisten abseits sitzend, wie Miltons Engel, ohne Zweifel über wichtige Glaubensartikel sprechend, und die Angelegenheiten der Kirche bei einem geselligen Kruge Ale schlichtend; – denn die niedrigen Classen unter den Engländern berathschlagen sich selten über irgend einen wichtigen Gegenstand, ohne Beihülfe eines kühlen Trunkes, um ihren Geist zu erhalten. Ich kam gerade in dem Augenblicke dazu, wo sie mit ihrem Ale und ihrer Erörterung zu Ende waren, und sich anschickten, nach der Kirche zu begeben, um diese in Ordnung zu bringen, und so erhielt ich, als ich ihnen meine Wünsche kund gethan, die gütige Erlaubniß, sie begleiten zu dürfen. Die St. Michaelskirche, in Crooked-Lane, nicht weit von Billingsgate entfernt, wird durch die Gräber mancher berühmten Fischhändler verherrlicht; und da jedes Gewerbe seine Milchstraße des Ruhms und seine Constellation von großen Leuten hat, so glaube ich, daß das Grabdenkmal eines mächtigen Fischhändlers aus alten Zeiten von den nachfolgenden Geschlechtern des Handwerks mit einer eben so großen Ehrfurcht betrachtet wird, wie sie die Dichter bei dem Anschauen von Virgil's Grab, oder die Soldaten bei dem des Denkmals von Marlborough oder Turenne empfinden. Ich kann, während ich so von berühmten Männern rede, nicht umhin, zu bemerken, daß St. Michael, in Crooked-Lane auch die Asche des tapfern Kämpen, des Ritters Wilhelm Walworth, enthält, der den trotzigen Gesellen, Wat Tyler, in Smithfield so mannhaft niederschlug; eines Helden, der, als beinahe der einzige Lord-Mayor, welcher sich in der Geschichte durch seine Waffenthaten berühmt gemacht hat, eines ehrenvollen Wappens werth ist, da die Beherrscher von Cockney gewöhnlich als die friedlichsten aller Potentaten bekannt sind. Folgendes war die Inschrift auf dem Denkmale dieses Braven, das bei dem großen Brande unglücklicherweise mit unterging. Hierunten liegt, der Jedem bekannt, William Walworth mit Namen genannt; Fischhändler war er hier in seinen Lebenstagen Und zweimal Lord-Major, wie's Bücher besagen; Todt fiel durch seine Mannskraft kühn Jack Straw vor König Richard hin. Weil er das that und sich so treu bewährte, Der König ihn alsbald als Ritter ehrte Und gab ihm ein Wappen, wodurch er seine That So wie seine Ritterwürde kund gethan hat. Er ist von dem Leben hienieden Im Jahr dreizehnhundert drei und achtzig geschieden. An der Kirche auf einem kleinen Kirchhofe, unmittelbar unter dem Hinterfenster des ehemaligen Gasthofes zum Eberkopfe, steht der Grabstein des Robert Preston, ehemaligen Kellners in der Schenke. Es ist nun fast ein Jahrhundert, seit dieser ehrliche Kellner guten Getränks seine geräuschvolle Laufbahn beschlossen hat, und dort, innerhalb des Bereichs seiner Kunden, ruhig eingesenkt worden ist. Indem ich seine Grabschrift vom Unkraut befreite, zog mich der kleine Küster mit einer geheimnißvollen Miene zur Seite, und belehrte mich mit leiser Stimme, daß einstmalen, in einer finstern Winternacht, als der Wind tobte, heulte und pfiff, an den Thüren und Fenstern rasselte, die Wetterhähne drehte, so daß die Lebenden auf ihren Betten herausgeschreckt wurden und selbst die Todten nicht ruhig in ihren Gräbern schlafen konnten, der Geist des ehrlichen Preston, der zufällig auf dem Kirchhofe etwas frische Luft schöpfte, durch den wohlbekannten Ruf: »Kellner!« von dem Eberkopfe her, herbeigezogen ward, und plötzlich mitten unter einer lärmenden Gesellschaft, gerade in dem Augenblick erschien, wo der Kirchenschreiber eine Strophe aus dem »lustigen Liede vom Hauptmann Tod« sang, zur Bestürzung mehrerer Miliz-Hauptleute und zur Bekehrung eines ungläubigen Advocaten, der auf der Stelle ein eifriger Christ ward, und nachher, ausgenommen in Geschäften, nie wieder die Wahrheit verdrehte. Ich bitte zu bemerken, daß ich die Wahrheit dieser Anecdote nicht verbürge, obgleich es wohl bekannt ist, daß die Kirchhöfe und abgelegenen Winkel dieser alten Hauptstadt sehr häufig von unruhigen Geistern heimgesucht werden, und Jedermann die Geschichte von dem Geist in Cock-Lane und von der Erscheinung, welche die königlichen Kleinodien im Tower bewacht, und die so manche herzhafte Schildwachen fast zum Wahnsinn erschreckt hat, gehört haben muß. Das Alles mag sein wie es will, so scheint dieser Robert Preston ein würdiger Nachfolger des glattzüngigen Franz, welcher den Prinzen Heinz bei seinen Schwelgereien bediente, gewesen zu sein; eben so schnell mit seinem »gleich, gleich, Herr!« sich bereit gefunden, und dabei seinen Vorgänger an Rechtlichkeit weit übertroffen zu haben; denn Falstaff, dessen geprüften Geschmack gewiß Niemand in Zweifel zu ziehen sich unterfangen wird, beschuldigt Franz geradezu, Kalk in seinen Sekt zu thun, während des ehrlichen Preston's Grabschrift ihn seiner Mäßigkeit, der Reinheit des Weines und der Richtigkeit seines Maaßes wegen belobt. Da diese Inschrift reich an trefflichen Lehren ist, so gebe ich sie hier zur Ermahnung für gottlose Kellner. Sie ist offenbar ein Erzeugniß irgend eines feinen Geistes, der einst den Eberskopf besuchte. Bacchus (mit Recht, ihr Zecher, staunet ihr!) Zeugt' einen mäß'gen Sohn und der liegt hier. Obgleich er unter Fässern stets gelebt, Hat er doch jedem Schwelgen widerstrebt. O Leser, neigst du dich zum Rechten hin, Denk' Ehren-Prestons stets in deinem Sinn. Er schenkte guten Wein, gab voll das Glas, Sein Gutes überbot des Schlimmen Maas; Ihr, die ihr Bacchus Dienst, wie er, ergeben, Müßt nach Bob's Ruhm in Maaß und Eifer streben. Die achtbaren Würdenträger der Kirche schienen indessen von den nüchternen Tugenden des Kellners nicht sonderlich eingenommen zu sein; der Substitut des Organisten, der einen gewissen feuchten Blick hatte, machte einige boshafte Bemerkungen über die Enthaltsamkeit eines Mannes, der unter Fässern aufgewachsen sei, und der kleine Küster bestärkte seine Meinung durch einen bedeutsamen Blick und ein ungläubiges Kopfschütteln. Bisher hatten meine Untersuchungen, obgleich sie viel Licht über die Geschichte von Kellnern, Fischhändlern und Lord-Mayors verbreiteten, mich über den großen Gegenstand meiner Nachforschungen, das Gemälde der Schenke zum Eberkopfe, getäuscht. Kein solches Gemälde war in der St. Michaelskirche zu finden. »Gott mit euch und Amen,« sagte ich: »hier endet meine Untersuchung!« So war ich im Begriff, mit der Miene eines getäuschten Alterthumsforschers, die ganze Sache aufzugeben, als mein Freund, der Küster, welcher bemerkt hatte, daß Alles, was die alte Schenke betreffe, meine Neugier reize, sich erbot, mir die besseren Gefäße aus der Sakristey zu zeigen, welche seit undenklichen Zeiten, als noch die Kirchspielsversammlungen in dem Eberkopfe gehalten worden, dageblieben wären. Diese würden in dem Clubzimmer des Kirchspiels aufbewahrt, das, als die alte Wirthschaft verfiel, in eine andere Schenke in der Nachbarschaft verlegt worden war. Nach einigen Schritten standen wir vor dem Hause Nr. 12, Miles Lane, welches zum »Maurerwappen« heißt, und das Meister Eduard Honeyball, der »Eisenfresser« der Anstalt, inne hat. Shakspeare's lustige Weiber von Windsor. Es ist nicht recht zu begreifen, warum der Verfasser hier den W i rth Eisenfresser nennt, da bei Shakspeare , von dem die Benennung entlehnt ist, der Wirth den Falstaff mit diesem Namen anredet. Es ist eine jener kleinen Schenken, deren es im Herzen der Altstadt in Ueberfluß gibt, und welche den Mittelpunkt aller Klatschereien und Neuigkeitskrämerei der Gegend ausmachen. Wir traten in das Schenkzimmer, das klein und dämmerig war; denn in diesen engen Gäßchen vermögen nur wenige Strahlen zurückgeworfenen Lichts zu den Bewohnern hinunter zu dringen, deren heller Tag auf's Höchste ein erträgliches Zwielicht ist. Das Zimmer war in einzelne Räume getheilt, von denen jeder einen Tisch enthielt, der mit einem reinen weißen Tischtuche, zum Mittagsessen, bedeckt war. Dieß zeigte an, daß die Gäste noch von gutem alten Schrot und Korn waren, und ihren Tag gleichmäßig eintheilten; denn es war erst eben ein Uhr. Am untern Ende des Zimmers brannte ein helles Kohlenfeuer, an dem eine Lammesbrust gebraten wurde. Eine Reihe hellglänzender messingener Leuchter und zinnerner Bierkrüge schimmerte den Kaminvorsprung entlang, und eine altmodische Uhr tickte in einem Winkel. Es lag etwas Patriarchalisches in diesem Gemische von Küche, Wohnzimmer und Saal, das mich in frühere Zeiten versetzte und mir sehr wohl gefiel. Das Haus selbst war gewöhnlich, aber Alles hatte jenes Ansehen von Ordnung und Nettigkeit, das von der Oberaufsicht einer wackern englischen Hausfrau zeugte. Eine Gruppe amphibienartig aussehender Wesen, welche Fischer oder Matrosen sein mochten, that sich in einem der Verschläge gütlich. Da ich ein Besuch war, der etwas größere Ansprüche zu machen schien, so wies man mich in ein kleines unansehnliches Hinterzimmer, das wenigstens neun Ecken hatte. Es erhielt sein Licht durch ein Gewölbefenster, war mit altväterischen ledernen Stühlen möblirt, und mit dem Bilde eines fetten Schweins verziert. Es war augenscheinlich nur für besondere Kunden bestimmt, und ich fand hier einen schäbigen Herrn mit rother Nase und einem mit Wachsleinwand überzogenen Hut, in einer Ecke sitzend, und über einem zur Hälfte ausgeleerten Kruge Porter meditirend. Der alte Küster hatte die Wirthin bei Seite genommen und ihr, mit einer höchst wichtigen Miene, mein Anliegen mitgetheilt. Frau Honeyball war eine ansehnliche, fette, geschäftige, kleine Frau, und keine schlechte Stellvertreterin des Musters aller Wirthinnen, der Frau Quickly. Es schien ihr Vergnügen zu machen, gefällig sein zu können; sie eilte daher die Treppe hinauf in die Archive ihres Hauses, wo die kostbaren Gefäße des Kirchspielsclubs aufbewahrt werden, und kehrte lächelnd und knixend wieder zurück, das Geschirr in den Händen. Das erste, was sie mir darreichte, war eine lackirte eiserne Tabaksdose, von riesenhafter Größe, aus der, wie sie mir sagte, die Kirchenversammlung bei ihren bestimmten Zusammenkünften seit undenklichen Zeiten geraucht hätte, und die nie von gemeinen Händen entweiht, oder bei gewöhnlichen Gelegenheiten gebraucht werden dürfe. Ich empfing sie mit gehöriger Ehrfurcht; aber wie groß war mein Entzücken, als ich auf dem Deckel derselben eben das Bild erblickte, dem ich nachforschte! Hier war das Aeußere der Schenke zum Eberkopfe dargestellt, und vor der Thür der ganze lustige Haufe bei Tische, in voller Schwelgerei zu sehen, mit jener wunderbaren Treue und Kraft gemalt, womit die Bildnisse berühmter Generale und Commodore auf Tabaksdosen, zum Besten der Nachkommen, dargestellt sind; um jedoch allem Irrthum zu begegnen, hatte der kluge Maler die Namen von Prinz Heinz und Falstaff an die Sitze der Stühle geschrieben. Innen am Deckel befand sich eine fast verwischte Inschrift, meldend, diese Dose sei ein Geschenk des Sir Richard Gore, für den Gebrauch der Kirchspielsversammlungen in der Schenke zum Eberkopfe, und daß sie von seinem Nachfolger, Herrn Johann Pinckard, im Jahr 1767 ausgebessert und aufgeputzt worden sei. Dieß ist eine getreue Beschreibung dieses erhabenen und ehrwürdigen Ueberbleibsels; und ich frage, ob der gelehrte Scriblerius seinen römischen Schild, oder die Ritter von der Tafelrunde den langgesuchten heiligen Graal, mit mehr Entzücken betrachtet haben. Während ich mit begeisterten Blicken darüber sann, gab mir Frau Honeyball, welcher der Antheil, den ich daran nahm, sehr wohl gefiel, eine Trinkschale oder einen Becher, ebenfalls der Kirchspielsversammlung zugehörend, und von dem alten Eberkopfe herstammend. Der Inschrift daran zufolge, war er ein Geschenk des Ritters Franz Wythers, und wurde, wie sie mir sagte, sehr werth gehalten, da man ihn für sehr »antik« ansähe. Dieses letzte Urtheil wurde von dem schäbigen Herr mit der rothen Nase und dem mit Wachstuch überzogenen Hute bestätigt, den ich stark im Verdacht hatte ein Abkömmling in gerader Linie von dem tapfern Bardolph zu sein. Er fuhr auf einmal aus seinen Betrachtungen über den Krug Porter empor, und rief, einen Kennerblick auf den Becher werfend, aus: »Ja, ja! dem thut der Kopf auch nicht mehr wehe, der diesen da machte!« Das große Gewicht, welches neuere Kirchenvorsteher auf dieses Denkmal der alten Schwelgerei legten, machte mich Anfangs verlegen; aber nichts schärft den Blick so sehr, als antiquarische Untersuchungen; denn ich sah augenblicklich, daß dieser Becher nichts anderes sein konnte, als eben der »halb liebevolle aber vergoldete Becher,« auf welchen Falstaff seinen treulosen Schwur abgelegt hatte, und welcher, natürlich unter ihren Kleinodien, als ein Beweis dieser feierlichen Verpflichtung aufbewahrt worden war. »Du schwurst mir auf einen halb vergoldeten Becher, als du in meiner Delphinstube, an dem runden Tische, bei einem Steinkohlenfeuer saßest, am Mittwoch in der Pfingstwoche, als der Prinz dir den Kopf blutig geschlagen, weil du seinen Vater mit einem Chorsänger in Windsor verglichen hattest; da schwurst du mir, als ich dir deine Wunde auswusch, du wolltest mich heirathen und mich zu einer Mylady, deiner Gemahlin, machen. Kannst du es leugnen?« Heinrich der Vierte. Thl. 2. Die Wirthin erzählte mir jetzt eine lange Geschichte, wie der Becher von Geschlecht zu Geschlecht gegangen sei. So unterhielt sie mich auch von mehreren Einzelheiten über die würdigen Kirchenvorsteher, welche sich so ruhig auf die Stühle der alten lustigen Gesellen von Eastcheap gesetzt haben, und, wie die Erklärer Shakspeare's, ganze Rauchwolken zu seiner Ehre aufsteigen lassen. Diese will ich übergehen, weil meine Leser nicht so neugierig über dergleichen Gegenstände sein werden, als ich. Genug, die Leute die in der Gegend von Eastcheap wohnen, glauben, ohne Ausnahme, daß Falstaff und sein lustiger Haufe dort wirklich gelebt und geschwelgt habe. Ja, es gibt mehrere angebliche Anecdoten in Betreff seiner, noch unter den ältesten Besuchern des Maurer-Wappens, welche diese, als von ihren Voreltern auf sie vererbt, ausgeben; und Herr M'Kash, ein irischer Haarkräusler, dessen Laden auf eben der Straßenseite liegt, wie der Eberkopf, erzählt noch mehrere trockene Witze von dem feisten Jack, welche nicht in den Büchern stehen und worüber er seine Kunden fast vor Lachen platzen macht, Ich wandte mich jetzt zu meinem Freunde, dem Küster, um noch einige weitere Nachforschungen anzustellen, fand ihn aber ganz in Nachdenken vertieft. Sein Kopf war ein wenig auf eine Seite gesunken; ein schwerer Seufzer erhob sich aus der Tiefe seiner Brust, und ob ich gleich keine Thräne in seinem Auge zittern sah, so bemerkte ich doch deutlich, daß einer seiner Mundwinkel feucht geworden war. Ich folgte der Richtung seines Auges durch die offenstehende Thür, und fand, daß es nachdenklich auf der süßduftenden Lammesbrust ruhte, welche in träufelnder Fettigkeit vor dem Feuer briet. Jetzt dachte ich erst daran, daß ich, in dem Eifer meiner tiefgehenden Untersuchung, den armen Mann von seinem Mittagsessen abhielt. Mein Magen bellte aus Mitgefühl; ich drückte ihm einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit und Anerkennung in die Hand, und entfernte mich mit herzlichen Segenswünschen für ihn, für Frau Honeyball und den Kirchspielsclub in Crooked Lane, wobei ich meinen schäbigen, aber spruchreichen Freund mit dem wachstuchenen Hut und der rothen Nase nicht vergaß. So habe ich denn eine »langweilig-kurze« Erzählung von dieser anziehenden Untersuchung gegeben, zu deren Entschuldigung ich, wenn sie zu kurz und unbefriedigend ausgefallen sein sollte, nur meine Unerfahrenheit in diesem Zweige der Literatur anführen kann, welcher in der gegenwärtigen Zeit mit Recht so beliebt ist. Ich weiß wohl, daß ein gewandterer Erläuterer des unsterblichen Barden die Materialien, die ich hier nur berührt habe, zu einem ansehnlichen, wohl verkäuflichen Werke ausgesponnen haben würde, das die Lebensbeschreibungen des Wilhelm Walworth, Jack Straw und Robert Preston, einige Nachrichten von ausgezeichneten Fischhändlern in St. Michael, die Geschichte von Groß- und Klein-Eastcheap, geheime Anecdoten von der Frau Honeyball und ihrer hübschen Tochter, deren ich nicht einmal erwähnt habe, eines Frauenzimmers nicht zu gedenken, das die Lammesbrust besorgte (und das, wie ich bemerkte, ein schmuckes Mädchen, mit einem hübschen Fuße und Knöchel war) – in sich begriffen haben würde, wobei das Ganze durch den Aufruhr Wat Tyler's, Lebendigkeit erhalten hätte, und durch das große Feuer in London beleuchtet worden wäre. Alles dieß lasse ich als eine reiche Fundgrube hinter mir, welche spätere Erläuterer bearbeiten mögen; auch zweifele ich nicht, daß die Tabaksdose und der »halbvergoldete Becher,« welche ich jetzt an das Tageslicht gebracht habe, später Gegenstände zu Kupferstichen hergeben, und beinahe eben so viele bändereiche Abhandlungen und Streitschriften erzeugen werden, als der Schild des Achilles, oder die weitberühmte Portland-Vase. Die Wandelbarkeit der Literatur. Ein Gespräch in der Westminster-Abtei.       Ich weiß es, eitel ist des Menschen Drang, Was immer mag durch Sterbliche entsteh'n, Muß mit dem Zeitenlauf in Nichts vergeh'n.       Ich weiß es, all der Musen Himmelssang, Durch Müh'n erkauft und bittre Herzenswehn, Scheint eitler Schall, den wenige versteh'n,       Und bloßes Lob ist leichter, eitler Klang. Drummond von Hawthornden. Es gibt gewisse halbträumende Geistesstimmungen, in denen wir uns unwillkührlich aus Geräusch und Glanz hinwegstehlen, und irgend ein ruhiges Plätzchen aufsuchen, wo wir unsern Träumereien nachhängen, und unsere Luftschlösser ungestört bauen können. In einer solchen Stimmung schlenderte ich in den alten grauen Kreuzgängen der Westminster-Abtei umher, mich jener Wonne gegenstandlosen Sinnens erfreuend, welches man gern mit dem Namen Nachdenken belegt; als auf einmal ein Schwarm toller Jungen aus der Westminster-Schule, welche Fußball spielten, in die mönchische Stille des Ortes hereinbrach, und die gewölbten Gänge und die modernden Gräber von ihrer Fröhlichkeit widertönen ließ. Ich suchte mich dadurch vor ihrer lauten Fröhlichkeit zu schützen, daß ich noch tiefer in die Einsamkeit des Gebäudes eindrang, und mich an einen der Kirchendiener wandte, um Zutritt zu der Bibliothek zu erhalten. Er führte mich durch ein Portal, welches an bröckelnder Bildhauerarbeit früherer Jahrhunderte reich war und von dem ein düsterer Gang zu dem Kapitelhause und dem Zimmer führte, wo das Doomsday-Book sich befindet. Das Original des, erst im Jahr 1788 vom Parlament herausgegebenen, Landbuches Wilhelm des Eroberers. Auf diesem Gange erblickte man links eine kleine doppelt verschlossene Thüre, deren Riegel der Kirchendiener mit einiger Anstrengung zurückschob, als würde sie nur selten geöffnet. Wir stiegen nun eine dunkle, schmale Treppe hinan und traten, durch eine zweite Thüre gehend, in die Bibliothek. Ich sah mich in einem hohen, altväterischen Saale, dessen Decke durch starke Stützen von altem englischen Eichenholze getragen wurde. Er ward spärlich durch eine Reihe gothischer, in bedeutender Entfernung von dem Boden befindlicher Fenster erleuchtet, welche, dem Anscheine nach, auf das Dach der Kreuzgänge hinausgingen. Ein altes Bild, irgend einen ehrenwerthen Würdenträger der Kirche in seinem Amtskleide darstellend, hing über dem Kamin. Um den Saal und in einer kleinen Gallerie standen die Bücher in eichenen, mit Schnitzwerk verzierten Schränken aufgestellt. Sie bestanden hauptsächlich aus alten polemischen Schriftstellern, und hatten weit mehr durch die Zeit, als durch den Gebrauch gelitten. Mitten in der Bibliothek stand ein einzelner Tisch, mit zwei oder drei Büchern darauf, einem Tintenfaß ohne Tinte, und einigen wenigen, wegen langen Nicht-Gebrauchs, vertrockneten Federn. Der Ort schien für ruhiges Studium und tiefes Nachdenken geeignet. Er lag mitten zwischen den massiven Mauern der Abtei und von dem Geräusch der Welt abgeschlossen. Ich konnte nur dann und wann das Geschrei der Schulknaben vernehmen, das schwach aus den Kreuzgängen sich verbreitete, und den Klang der Abendglocke, die zum Gebete läutete und bescheiden über die Dächer der Abtei hintönte. Nach und nach ward der fröhliche Lärm immer schwächer und schwächer, und verstummte zuletzt. Die Glocke hörte auf zu läuten und tiefes Schweigen herrschte in den düstern Hallen. Ich hatte einen kleinen, dicken, seltsam in Pergament gebundenen Quartband mit messingenen Klappen, herabgenommen, und setzte mich an den Tisch in einen ehrwürdigen Lehnstuhl. Statt indessen zu lesen, versetzte mich das feierliche, mönchische Ansehen und die leblose Ruhe des Ortes in ein anhaltendes Nachdenken. Indem ich auf die alten Bände in ihren modernden Deckeln, wie sie auf den Bücherbrettern neben einander standen, und dem Anscheine nach nie in ihrer Ruhe gestört wurden, umherblickte, konnte ich nicht umhin, die Bibliothek mit einer Art literarischer Katakombe zu vergleichen, wo die Schriftsteller, gleich Mumien, andächtig beigesetzt werden, um sich allmählig zu schwärzen und in der Vergessenheit des Staubes dahinzumodern. Was mag nicht, dachte ich bei mir selbst, ein jeder von diesen, jetzt mit solcher Gleichgültigkeit an die Seite gelegten Bände, für Kopfzerbrechen gekostet haben! wie viele mühevolle Tage! wie manche schlaflose Nächte! Wie mögen sich die Verfasser derselben in die Einsamkeit ihrer Zellen und Kreuzgänge begraben, sich vor aller Menschen Antlitz und dem noch segensreicheren Antlitz der Natur verborgen, und sich mühevollen Untersuchungen und angestrengtem Nachdenken hingegeben haben! Und wozu dieß Alles? um einen Zollbreit eines staubigen Bücherbretts einzunehmen – oder damit der Titel ihrer Werke dann und wann in einem künftigen Jahrhundert von irgend einem schläfrigen Geistlichen oder zufälligen Besucher, wie ich es bin, gelesen werde, und in dem nächsten Jahrhunderte, selbst für die Erinnerung, ganz untergehe. So verhält es sich mit dieser gepriesenen Unsterblichkeit. Ein bloßes einstweiliges Aufsehn, ein örtliches Lautwerden, gleich dem Klange der Glocke, welcher so eben zwischen diesen Thürmen erschollen ist, der das Ohr auf einen Augenblick erfüllt – noch einige Secunden in Widerhall fortdauert – und dann verhallt, wie etwas, das nicht da gewesen ist! Während ich so, halb in mich hineinmurmelnd, halb in diese unfruchtbaren Grübeleien versunken, den Kopf in die Hand gestützt, da saß, trommelte ich mit der andern Hand auf den Quartband, bis ich, von ungefähr, die Klappen losgemacht hatte, als auf einmal, zu meinem großen Erstaunen, das kleine Buch zwei- oder dreimal zu gähnen anfing, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlafe erwacht, hierauf ein trockenes Räuspern vernehmen ließ, und endlich zu sprechen begann. Anfangs klang seine Stimme sehr heiser und gebrochen, da eine Spinnewebe, welche eine gelehrte Spinne quer über dasselbe gespannt hatte, ihm im Wege war, so wie auch deßwegen, weil es sich wahrscheinlich durch den langen Aufenthalt in der Kälte und Dumpfheit der Abtei eine Erkältung zugezogen hatte. Nach kurzer Zeit ward indessen seine Stimme vernehmlicher, und ich fand bald, daß es ein ungemein fließend sich ausdrückendes kleines Buch war. Seine Sprache war allerdings ungewöhnlich und veraltet, und seine Aussprache würde man heut zu Tage für barbarisch gehalten haben; allein ich werde mich bemühen, Alles in neuerer Mundart wieder zu geben. Er begann mit Strafworten über die Vernachlässigung der Welt – darüber, daß man das Verdienst in der Dunkelheit dahin schmachten lasse, und andern solchen Gemeinplätzen schriftstellerischer Unzufriedenheit, und beklagte sich bitter darüber, daß man ihn seit länger als zwei Jahrhunderten nicht geöffnet habe. Nur der Dechant blicke dann und wann in die Bibliothek, nehme zuweilen ein oder zwei Bücher heraus, beschäftige sich einige Augenblicke mit ihnen, und stelle sie dann wieder auf das Bücherbrett. »Was, zum Henker, meinen sie denn,« sagte der kleine Quartband, der, wie ich bemerkte, etwas cholerischer Art war; »was, zum Henker, meint man denn, daß man mehrere tausend Bände unserer Art hier aufspeichern, und von einigen alten Kirchendienern bewachen läßt, wie Schönheiten in einem Harem, bloß damit uns der Dechant dann und wann betrachten kann? Die Bücher sind dazu geschrieben, um Vergnügen zu gewähren und damit man sich an ihnen erfreue; und ich wünschte, daß eine Verordnung erlassen würde, wonach der Dechant Jedem von uns, wenigstens alljährlich, einen Besuch abstatten müßte, oder, wenn er das nicht leisten kann, so mag man von Zeit zu Zeit die ganze Westminster-Schule unter uns loslassen, daß wir auf jeden Fall doch dann und wann einmal in Bewegung kommen.« »Gemach, mein würdiger Freund,« erwiederte ich: »Ihr wißt nicht, daß Ihr bei weitem besser daran seid, als die meisten Bücher eurer Zeit. Dadurch, daß Ihr hier in dieser alten Bibliothek aufgestapelt worden, seid Ihr wie die wohlaufbewahrten Ueberbleibsel jener Heiligen und Monarchen, welche in den benachbarten Capellen ruhen, während die Ueberbleibsel anderer gleichzeitiger Sterblichen, welche dem gewöhnlichen Gang der Natur überlassen werden, schon längst wieder in den Staub zurückgekehrt sind.« »Nein, Herr,« sagte der kleine Band, indem er seine Blätter aufblies und eine stolze Miene annahm: »ich bin für die ganze Welt geschrieben worden, nicht aber für die Bücherwürmer einer Abtei. Ich war bestimmt, aus einer Hand in die andere zu gehen, wie andere gleichzeitige große Werke; hier aber habe ich länger als zwei Jahrhunderte fest zugeschlossen gestanden, und wäre schweigend eine Beute der Würmer geworden, die an meinen Eingeweiden nagen, hättet Ihr mir nicht zufällig Gelegenheit gegeben, ein paar Worte zu sagen, ehe ich in Stücke zerfalle.« »Mein guter Freund,« erwiederte ich: »wäret Ihr in den Umlauf gekommen, dessen Ihr erwähnt, so wäret Ihr schon lange nicht mehr. Nach Eurer Miene zu urtheilen, seid Ihr jetzt sehr vorgerückt an Jahren; sehr Wenige von Euren Zeitgenossen können jetzt noch vorhanden sein; diese Wenigen haben ihr hohes Alter dem Umstande zu verdanken, daß sie, wie Ihr selbst, in alte Bibliotheken eingeschlossen gewesen sind, welche Ihr, – erlaubt mir, das noch hinzuzufügen, – statt sie mit Harems zu vergleichen, weit besser und dankbarer mit den Krankenanstalten hättet zusammenstellen können, welche zum Besten alter und gebrechlicher Leute, mit den religiösen Stiftungen verbunden worden sind, wo sie durch ruhige Pflege, und weil sie ohne Beschäftigung sind, oft ein ungemein hohes, unnützes Alter erreichen. Ihr sprecht von Euren Zeitgenossen, als ob diese in Umlauf wären – wo findet man denn noch etwas von ihren Werken? Was hört man noch von Robert Groteste aus Lincoln? Niemand kann sich mehr abgemüht haben, um zur Unsterblichkeit zu gelangen, als er. Er soll beinahe zweihundert Bände geschrieben haben. Er baute gleichsam eine Pyramide von Büchern auf, seinen Namen zu verewigen; aber ach! die Pyramide ist längst zerfallen, und nur wenige Bruchstücke davon sind noch in den verschiedenen Bibliotheken zerstreut, wo sie selbst von dem Alterthumsforscher kaum in Bewegung gesetzt werden. Wieviel hören wir noch von dem Giraldus Cambrensis, dem Geschichtschreiber, Alterthumsforscher, Weltweisen, Gottesgelehrten und Dichter? Er schlug zwei Bischofthümer aus, um sich zurückziehen und für die Nachwelt schreiben zu können; doch die Nachwelt fragte nie nach seinen Arbeiten. Was hört man von Heinrich von Huntingdon, der, außer einer gelehrten Geschichte von England, noch eine Abhandlung über die Betrachtung der Welt geschrieben, für welche sich die Welt dadurch gerächt, daß sie ihn vergessen hat? Was führt man noch von Joseph von Exeter an, den man das Wunder seiner Zeit in der classischen Schreibart nannte? Von seinen drei großen Heldengedichten ist eins, bis auf ein bloßes Bruchstück, auf immer verloren; die übrigen nur einigen Wenigen bekannt, die nach Seltenheiten in der Literatur suchen, und was seine Liebesgedichte und Epigramme betrifft, so sind sie gänzlich verschwunden. Was weiß man wohl noch von Johann von Wallis, dem Franziskaner, der sich den Namen des Baums des Lebens erworben hatte; von Wilhelm von Malmesbury; – von Simeon von Durham; – von Benedict von Peterborough; – von Johann Hanvill von St. Albans? – von –« »Aber, mein Freund,« rief der Quartband in einem mürrischen Tone: »für wie alt haltet Ihr mich denn? Ihr sprecht von Schriftstellern, die lange vor meiner Zeit gelebt haben, und entweder Lateinisch oder Französisch schrieben, so daß sie sich gewissermaßen selbst aus ihrem Vaterlande verbannt, und deßwegen verdient haben, vergessen zu werden; ich aber, mein Herr, bin aus der Presse des berühmten Wynkyn de Worde hervorgegangen. Ich ward in meiner vaterländischen Sprache geschrieben, zu einer Zeit, als sich diese zu begründen angefangen hatte, und in der That, ich ward für ein Muster von reinem und zierlichen Englisch angesehen.« (Ich muß bemerken, daß diese Aeußerungen in so unerträglich altväterischen Ausdrücken vorgetragen wurden, daß ich unendliche Mühe gehabt habe, sie in neuerer Redeweise wieder zu geben). »Ich bitt' Euch um Entschuldigung,« sagte ich, »wenn ich mich in Euerem Alter geirrt habe, allein das thut wenig, beinahe alle Schriftsteller Eurer Zeit sind ebenfalls in Vergessenheit gekommen, und de Worde's Drucke sind bloße literarische Seltenheiten bei den Büchersammlern geworden. Auch die Reinheit und Festigkeit der Sprache, worauf Ihr Eure Ansprüche auf Unsterblichkeit gründet, sind der trügerische Rückhalt der Schriftsteller aller Zeitalter, bis auf die Zeiten des ehrenwerthen Robert von Gloucester herab gewesen, der seine Geschichte in halbsächsischen Reimen schrieb.« Holingshed bemerkt in seiner Chronik: »Späterhin ward auch durch die Sorgfalt Geffry Chaucer's und John Gowe's, zur Zeit Richard des Zweiten, und nach ihnen durch John Scogan und John Lydgate, den Mönch von Berie (Bury), besagte unsere Sprache zu einer großen Vortrefflichkeit gebracht; obgleich sie ihre eigentliche Vollkommenheit erst zur Zeit der Königin Elisabeth erreichte, wo John Jewell, Bischof von Sarum, John Fox und mehrere gelehrte und treffliche Schriftsteller, die Zierde derselben, zu ihrem großen Lobe und unsterblichen Ruhme, sie auf das Höchste gebracht haben.« – Anm. des Verf. Selbst jetzt noch sprechen manche von Spenser's: »Brunnen von reinem unverderbten Englisch,« als ob die Sprache je aus einem Brunnen oder Quell entsprungen, und nicht vielmehr ein bloßer Zusammenfluß mehrerer Zungen wäre, welcher beständigen Veränderungen und Vermischungen unterworfen ist. Dieß hat die englische Literatur so sehr veränderlich und den darauf gebauten Ruf so wankend gemacht. So lange man die Gedanken keinem dauernderen und unveränderlicheren Mittel, als diesem anvertrauen kann, muß selbst der Gedanke das Schicksal aller andern Dinge theilen und untergehen. Dieß sollte als Warnung gegen die Eitelkeit und den Uebermuth selbst des beliebtesten Schriftstellers dienen. Er findet, daß die Sprache, auf welche er seinen Ruhm gebaut hat, allmählig eine andere Gestalt annimmt und den Zerstörungen der Zeit und den Launen der Mode unterworfen ist. Er blickt zurück und sieht die früheren Schriftsteller seines Vaterlandes, einst die Lieblinge ihrer Zeit, von neueren Schriftstellern verdrängt. Einige wenige Jahrhunderte haben sie in Dunkelheit gehüllt, und nur der eigenthümliche Geschmack des Bücherwurms vermag noch ihre Verdienste zu würdigen. Und so kann er voraussehen, was das Schicksal seines eigenen Werkes sein wird, das, obgleich zu seiner Zeit bewundert und als Muster von Reinheit dargestellt, im Laufe der Jahre veralten und einst ganz ungebräuchlich sein wird, bis es in seinem eigenen Vaterlande beinahe so unverständlich wird, wie ein ägyptischer Obelisk oder eine der Runenschriften, welche in den Wüsten der Tartarei noch vorhanden sein sollen. »Ich muß gestehen,« fügte ich mit einiger Bewegung hinzu, »daß, wenn ich eine jetzige Bibliothek betrachte, welche mit neuen Werken in der ganzen Pracht der Vergoldung und des Einbandes angefüllt ist, ich mich niedersetzen und weinen möchte, wie der gute Xerxes, der, als er über sein Heer Schau hielt, welches in dem ganzen Prunk kriegerischer Zurüstung dastand, bei sich bedachte, daß in hundert Jahren nicht Ein Mann mehr davon am Leben sein würde!« »Ach,« sagte der kleine Quartband mit einem tiefen Seufzer: »ich sehe wohl, wie die Sache ist; diese neueren Schmierer haben alle gute alten Schriftsteller verdrängt. Ich glaube, daß man heutiges Tages nichts weiter liest, als Sir Philipp Sydney's Arkadia, Sackville's stattliche Schauspiele und seinen Spiegel für Magistratspersonen, oder die schöngesponnenen Euphüismen des »unvergleichlichen John Lyly.« »Da seid Ihr auch wiederum sehr im Irrthum,« sagte ich: »die Schriftsteller, von denen Ihr glaubt, daß sie beliebt wären, weil dies der Fall war, als Ihr noch Mode waret, sind längst verschollen. Sir Philipp Sydney's Arkadia, deren Unsterblichkeit seine Bewunderer mit solcher Gewißheit voraussagten Lebe auf immer, süßes Buch! das einfache Bild seines angenehmen Geistes und der goldene Pfeiler seines edlen Muthes, und verkünde ewig der Welt, daß, der dich geschrieben, der Schreiber der Beredsamkeit, der Hauch der Musen, die Honigbiene der schönsten Blumen des Geistes und der Kunst, der Verein aller sittlichen und geistigen Tugenden, der Arm der Bellona im Kriege, die Zunge der Suada im Zimmer, der Geist der That in der Wirklichkeit und das höchste Bild der Vortrefflichkeit in Büchern war. Harvey, Pierce's Uebergebühr. , und welche in der That voll von edlen Gedanken, schönen Bildern und zierlichen Sprachwendungen ist, wird jetzt kaum mehr erwähnt. Sackville ist in die Dunkelheit eingegangen; und selbst Lyly, obgleich seine Schriften einst das Entzücken eines Hofes und wahrscheinlich durch ein Sprichwort für die Ewigkeit aufbehalten waren, ist kaum mehr dem Namen nach bekannt. Ein ganzer Haufen von Schriftstellern, welche damals schrieben und haderten, sind, sammt ihren Schriften und Streitigkeiten, in Vergessenheit begraben. Welle um Welle hat die nachfolgende Literatur sie bedeckt, und sie so tief in den Grund hinabgespült, daß nur dann und wann ein wißbegieriger Taucher, welcher Bruchstücke des Alterthums sucht, eine Probe davon zur Befriedigung der Neugierigen heraufbringt.« »Was mich betrifft,« fuhr ich fort, »so seh' ich diese Veränderlichkeit der Sprache als eine weise Einrichtung der Vorsehung an, welche zum Vortheil der Welt im Allgemeinen, und der Schriftsteller im Besondern, es so gewollt hat. Wenn wir nach ähnlichen Erscheinungen schließen wollen, so sehen wir täglich die verschiedenen schönen Geschlechter der Gewächse entstehen, blühen, die Felder auf eine kurze Zeit schmücken, und dann in Staub zerfallen, um ihren Nachfolgern Platz zu machen. Wäre dieß nicht der Fall, so würde die Fruchtbarkeit der Natur, statt eines Segens, ein Fluch sein. Die Erde würde unter der Last eines üppigen und wuchernden Pflanzenlebens erseufzen, und ihre Oberfläche eine verworrene Wildniß werden. Auf ähnliche Weise sinken die Werke des Genie's und der Gelehrsamkeit und machen den nachfolgenden Erzeugnissen Platz. Die Sprache wechselt allmählig, und mit ihr verwelken die Erzeugnisse der Schriftsteller, welche die ihnen gesetzte Zeit geblüht haben; denn, wäre dieß nicht der Fall, so würde die Schöpferkraft des Genie's in Kurzem die Welt überschwemmen und der Verstand in den endlosen Irrgärten der Literatur ganz verwirrt werden. Früherhin gab es einige Schranken für diese übermäßige Vermehrung. Die Werke mußten abgeschrieben werden, was eine langwierige und mühsame Arbeit war; man schrieb sie entweder auf Pergament, was sehr kostbar, so daß oft ein Werk verwischt werden mußte, um einem andern Platz zu machen, oder auf Papyrus, der leicht zerstörbar und sehr vergänglich war. Die Schriftstellerei war ein begrenztes und uneinträgliches Gewerbe, das vorzüglich von Mönchen in der Muße und Einsamkeit ihrer Zellen betrieben wurde. Die Ansammlung von Handschriften ging langsam vor sich, war kostbar und beinahe ganz auf die Klöster beschränkt. Diesen Umständen ist es wohl einigermaßen beizumessen, daß wir mit dem Verstande des Alterthums nicht überschüttet worden sind; daß die Quellen des Denkens nicht gesprengt worden sind und das Genie der Neueren nicht ertränkt wurde in dieser Sündfluth. Die Erfindung des Papiers und der Druckerpresse hat indessen allem diesem Zwange ein Ende gemacht. Sie hat einen Jeden zu einem Schriftsteller geschaffen, und jedes Gemüth in den Stand gesetzt, sich in den Druck zu ergießen und sich über die ganze geistige Welt zu verbreiten. Die Folgen davon sind beunruhigend. Der Fluß der Literatur ist zu einem Gießbach angeschwollen – zu einem Strom geworden – hat sich zu einem Meer ausgedehnt. Vor einigen Jahrhunderten bildeten fünf- oder sechshundert Handschriften eine große Bibliothek; was würdet Ihr aber sagen, wenn Ihr Bibliotheken sähet, wie es deren heut zu Tage gibt, welche drei- bis viermalhunderttausend Bände enthalten; Legionen von Schriftstellern, die alle zu gleicher Zeit beschäftigt sind, und die Presse, welche mit furchtbar zunehmender Thätigkeit dahin arbeitet jene Anzahl zu verdoppeln, ja bis zum Vierfachen zu vermehren? Wenn nicht eine unvorhergesehene Sterblichkeit unter den Abkömmlingen der Muse einreißt, zittere ich, da diese jetzt so ungemein fruchtbar geworden ist, für die Nachwelt. Ich fürchte, das bloße Schwanken der Sprache wird hinreichend sein. Die Kritik kann viel thun. Sie wächst mit dem Zuwachse der Literatur und gleicht einem der heilsamen Hindernisse der Uebervölkerung, von welchem die Staatswirthe zu reden pflegen. Man sollte deßhalb der Vermehrung der Kritiker, guter oder schlechter, alle mögliche Förderung geben. Aber ich fürchte, daß alles dieß vergebens sein wird; was auch die Kritik thun mag, so werden die Schriftsteller schreiben, die Drucker drucken und die Welt unausbleiblich mit guten Büchern überladen werden. Es wird bald eine Beschäftigung für eine Lebenszeit werden, nur ihre Titel zu wissen. Viele Leute von ganz leidlicher Bildung lesen gegenwärtig kaum etwas anderes als Recensionen; und es wird nicht lange dauern, so wird ein Gelehrter nichts weiter sein, als ein wanderndes Bücherverzeichniß.« »Mein guter Herr,« sagte der kleine Quartband, indem er mir mißmuthig in das Gesicht gähnte, »entschuldigt mich, wenn ich Euch unterbreche, aber ich merke, Ihr habt etwas Hang, breit zu werden. Ich möchte gern etwas von dem Schicksale eines Schriftstellers wissen, der einiges Aufsehen zu machen anfing, als ich auf der Welt trat. Man hielt indessen seinen Ruf nur für vorübergehend. Die Gelehrten schüttelten die Köpfe über ihn; denn er war ein armer halberzogener Wicht, der wenig Latein und gar kein Griechisch wußte, und wegen Wilddiebstahls genöthigt war, sich im Lande flüchtig umherzutreiben. Ich meine, er habe Shakspeare geheißen. Wahrscheinlich ist er bald vergessen worden.« »Im Gegentheil,« sagte ich; »gerade diesem Manne verdankt man es, daß die Literatur seiner Zeit über die gewöhnliche Dauer der englischen Literatur hinaus im Andenken geblieben ist. Es treten dann und wann Schriftsteller auf, welche der Veränderlichkeit der Sprache Trotz zu bieten scheinen, weil sie in den unveränderlichen Grundsätzen der menschlichen Natur Wurzel geschlagen haben. Sie sind wie riesenhafte Bäume, welche wir zuweilen an den Ufern eines Stromes sehen, die, vermittelst ihrer gewaltigen, tiefgehenden Wurzeln, welche durch die Oberfläche hindurch sich einen Weg bahnen und in die Grundvesten der Erde einzudringen scheinen, es verhindern, daß der Boden um sie her von dem überfließenden Strome hinweggespült werde und manche benachbarte Pflanze und, vielleicht werthloses, Unkraut vor dem Untergange bewahren. Dieß ist der Fall bei Shakspeare, den wir die Schranken der Zeit verachten und bewirken sehen, daß die Sprache der Literatur seiner Zeit in neuerm Gebrauche bleibt und daß mancher unbedeutende Schriftsteller, bloß deßwegen, weil er in seiner Nähe geblüht hat, noch bekannt ist. Aber auch er nimmt, wie ich leider sagen muß, allmählig die Färbung des Alters an, und sein ganzes Aeußere ist mit einer Menge von Erläuterern bewachsen, die, wie umschlingende Ranken und Schmarotzerpflanzen, den edlen Baum, der sie trägt, beinahe ersticken.« Hier fing der kleine Quartband an, die Seiten zu bewegen und zu kichern, bis er einen plethorischen Lachkrampf bekam, an dem er, seiner ungemeinen Wohlbeleibtheit wegen, beinahe erstickt wäre. »Vortrefflich!« rief er, sobald er wieder zu Athem kommen konnte, – »vortrefflich! und so wollt Ihr mich denn wirklich überreden, daß die Literatur eines Zeitalters durch einen umstreifenden Wilddieb, durch einen Menschen ohne Gelehrsamkeit, durch einen Dichter, ja – einen Dichter! – bleibend gemacht werden könnte!« – und damit keichte er abermals ein krampfhaftes Gelächter hervor. Ich muß gestehen, daß mich seine Derbheit etwas verdroß, die ich ihm jedoch verzieh, weil er in einem weniger gebildeten Zeitalter geblüht hatte. Ich war indessen entschlossen, meine Sache nicht aufzugeben. »Ja,« erwiederte ich sehr bestimmt, »durch einen Dichter; denn von allen Schriftstellern hat er die wahrscheinlichste Aussicht auf Unsterblichkeit. Andere mögen aus dem Kopfe schreiben, er aber schreibt aus dem Herzen, und das Herz wird ihn jederzeit verstehen. Er ist der getreue Nachbildner der Natur, deren Züge immer dieselben und immer anziehend sind. Schriftsteller in Prosa sind bändereich und unbehülflich; ihre Blätter wimmeln von Gemeinplätzen, und sie spinnen ihre Gedanken immer bis zum Ekel aus. Bei dem wahren Dichter ist dagegen Alles gedrängt, rührend oder glänzend. Er gibt die ausgesuchtesten Gedanken in der ausgesuchtesten Sprache. Er macht sie durch Alles, was er nur Bedeutsames in der Natur und der Kunst findet, anschaulich. Er bereichert sie durch Bilder aus dem menschlichen Leben, so wie es an ihm vorübergeht. Seine Schriften enthalten mithin den Geist und, wenn ich mich des Wortes bedienen darf, das Arom des Zeitalters, worin er lebt. Sie sind Behältnisse, welche in einem kleinen Raume den Reichthum der Sprache verschließen – ihre Familienjuwelen, welche auf diese Weise in einer bequemen Gestalt der Nachwelt überliefert werden. Die Fassung mag zuweilen veraltet sein und dann und wann geändert werden müssen, wie dieß bei Chaucer der Fall ist, allein das Feuer und der innere Werth der Steine bleiben unverändert. Werft einen Blick auf die lange Reihenfolge der Geschichte der Literatur! Welche gewaltige Thalgründe voll Einförmigkeit, mit mönchischen Legenden und akademischen Streitigkeiten angefüllt! welche Moräste von theologischen Spekulationen! welche furchtbare Einöden von Metaphysik! Nur hie und da sehen wir die vom Himmel erleuchteten Barden, welche wie Feuerthürme auf ihren weit von einander entfernten Höhen stehen, um das reine Licht der dichterischen Weisheit von Zeitalter zu Zeitalter zu befördern.« Durch Erd' und Wasser dringet     Die Feder mit Geschicke, Enthüllt die ird'sche Täuschung     Und zeiget unserm Blicke In einem Spiegel Tugend     Und Frevelthat im Leben; So süß ist nicht der Honig,     Den fleiß'ge Bienen geben, Als all' die goldnen Blätter,     Die Dichterhäupter reichen, – Und die, wie Blei den Schlacken,           Der Alltags-Sprache gleichen. Churchyard (1594). Ich war so eben im Begriff, eine Lobrede auf die Dichter der jetzigen Zeit zu halten, als das plötzliche Oeffnen der Thüre mich veranlaßte umzublicken. Es war der Kirchendiener, der eintrat, um mir anzuzeigen, daß es Zeit sei, die Bibliothek zu schließen. Ich wollte dem Quartbande ein Wort des Scheidens sagen, aber das ehrenwerthe kleine Buch war still; seine Klappen hatten sich geschlossen, und es sah aus, als ob es von allem Vorgegangenen durchaus nichts mehr wisse. Ich bin seitdem zwei- oder dreimal in der Bibliothek gewesen, und habe mich bemüht, es abermals zum Sprechen zu bringen, aber vergebens; und ob dieses abgebrochene Gespräch wirklich Statt gefunden habe, oder ob dieß nicht abermals einer von den seltsamen Tagesträumen ist, mit denen ich behaftet bin, habe ich bis auf diesen Augenblick nicht recht herausbringen können. Begräbnisse auf dem Lande. Hier ein'ge Blumen! mehr um Mitternacht: Die Kräuter, die der Thau des Nachts benetzt, Sind bester Schmuck für Gräber – Ihr war't wie jetzt gewelkte Blumen; so sei'n Die Kräuter auch, womit wir auch bestreu'n. Cymbeline . Zu den schönen und einfach-herzlichen Gebräuchen des Landlebens, welche in einigen Theilen von England noch fortdauern, gehören die, – Blumen vor den Leichenzügen dahingeschiedener Freunde herzustreuen und auf ihre Gräber zu pflanzen. Sie sollen ein Ueberbleibsel der Gebräuche der ersten Kirche sein; allein sie sind von weit höherem Alter, indem sie schon von den Griechen und Römern beobachtet und häufig von den alten Schriftstellern erwähnt worden sind, und ohne Zweifel stets der freiwillige Zoll der einfachen Liebe waren, der lange bestand, ehe die Kunst versucht hatte, den Schmerz in Gesängen ertönen zu lassen oder ihn auf Denkmale zu graben. Man findet sie jetzt nur in den entferntesten, abgelegensten Gegenden des Königreichs, wo Mode und Neuerungssucht sich noch nicht haben eindrängen und alle merkwürdigen, anziehenden Spuren der alten Zeit auslöschen können. In Glamorganshire, sagt man, bedecke man das Bett, worauf der Leichnam liege, mit Blumen, ein Gebrauch, auf den in einem der wilden, klagenden Liedern Ophelia's angespielt wird: Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu seh'n, Ganz bedeckt mit Blumensegen; Und zu dem Grab bethaut sie geh'n Von Liebesregen. So gibt es auch einen sehr zarten und schönen Gebrauch in einigen entlegenen Dörfern des Südens bei dem Begräbniß junger unverheiratheter Frauenzimmer. Ein junges Mädchen, die der Verstorbenen an Alter, Gestalt und Gesichtszügen am ähnlichsten ist, trägt einen Kranz von weißen Blumen vor der Leiche her, der nachher in der Kirche über dem gewöhnlichen Sitze der Verstorbenen aufgehängt wird. Diese Kränze werden zuweilen von weißem Papier gemacht, um Blumen nachzuahmen, und in denselben befinden sich gewöhnlich ein Paar weiße Handschuhe. Sie sollen als Sinnbilder der Reinheit der Verstorbenen und als Krone der Verklärung dienen, die ihr im Himmel geworden. In einigen Gegenden des Landes werden die Todten auch unter Gesang von Psalmen und Hymnen zu Grabe getragen, eine Art Triumph, »um,« wie Bourne sagt, »anzudeuten, daß sie ihre Laufbahn mit Freuden zurückgelegt haben, und Sieger geworden sind.« Dieß beobachtet man, wie ich höre, in einigen der nördlichen Grafschaften, besonders in Northumberland, und es macht einen angenehmen, obgleich schwermüthigen Eindruck, an einem ruhigen Abende, in einer einsamen Landschaft, die klagende Weise eines Grabgesanges in der Entfernung anstimmen zu hören, und zu sehen, wie der Zug auf der Flur langsam daherwallt. So stehn, so stehen wir jetzt rund Um deinen stillen Grabesgrund; Dein Grablied singend, legen wir Narcissen dir Und andre Blumen auf den Stein, Der unsere Liebe schließet ein. Herrick. Auch die Reisenden beweisen diesen vorüberkommenden Leichenzügen in diesen abgelegenen Gegenden eine feierliche Ehrfurcht; denn Auftritte dieser Art, welche sich in den ruhigen Wohnsitzen der Natur begeben, senken sich tief in die Seele. Wenn der Leichenzug sich nähert, bleibt der Reisende mit entblößtem Haupte stehen, um ihn vorübergehen zu lassen; er folgt ihm dann stillschweigend, zuweilen bis an das Grab, zuweilen einige hundert Schritte; nachdem er dem Verstorbenen diesen Zoll der Ehrerbietung dargebracht hat, setzt er seine Reise fort. Die reiche Ader der Schwermuth, welche durch den englischen Charakter geht, und ihm einige seiner rührendsten und edelsten Züge verleiht, spricht sich sehr schön in diesen erhabenen Gebräuchen und in der Angelegentlichkeit aus, womit die gemeinen Leute für ein ehrenvolles ruhiges Grab sorgen. Der geringste Landmann, welcher Art auch sein niedriges Loos im Leben gewesen sein mag, wünscht doch, daß seinen Ueberbleibseln wenigstens einige Achtung zu Theil werden möge. Sir Thomas Overbury bemerkt, das »schöne glückliche Milchmädchen« schildernd: »So lebt sie, und all' ihre Sorge ist, daß sie in der Frühlingszeit sterben möge, damit man ihr Leichentuch mit recht vielen Blumen zieren könne.« Auch die Dichter, welche immer das Gefühl eines Volkes aussprechen, spielen fortdauernd auf diese angelegentliche Besorgnis um das Grab an. In dem »Trauerspiele von der Jungfrau,« von Beaumont und Fletcher, ist ein schönes Beispiel der Art, wo die eigensinnige Schwermuth eines gemüthskranken Mädchens beschrieben wird:                                     Wenn sie ein Ufer sieht Mit Blumen reich bedeckt, so sagt sie seufzend Den Mägden, welch' ein schöner Ort das sei, Zum Grab für Liebende, und läßt die Mädchen Sie pflücken und auf sich als Leiche streu'n. Die Gewohnheit, Gräber zu zieren, herrschte einst allgemein; man bog Weidenruthen über sie hin, um den Rasen vor allen Beschädigungen zu bewahren, und pflanzte immergrünende Gesträuche und Blumen um sie her. »Wir schmücken,« sagt Evelyn in seiner Sylva, »ihre Gräber mit Blumen und wohlriechenden Pflanzen, den passenden Sinnbildern des menschlichen Lebens, das in der heiligen Schrift mit jenen verwelkenden Schönheit verglichen wird, deren Wurzeln in Unehren begraben worden sind und wieder rühmlich auferstehen.« Dieser Gebrauch ist nun in England sehr selten geworden; man findet ihn indessen noch auf den Kirchhöfen entfernter Dörfer, in den Bergen von Wales; und ich erinnere mich eines Beispiels desselben in der kleinen Stadt Ruthen, welche an dem Eingange des schönen Thales von Clewyd liegt. Auch hat mir ein Freund erzählt, der bei dem Begräbniß eines jungen Mädchens in Glamorganshire gegenwärtig war, daß das weibliche Geleite Schürzen voll Blumen gehabt, welche sie, sobald die Leiche beerdigt gewesen, auf das Grab gesteckt hätten. Er erwähnte mehrere Gräber, welche auf ähnliche Weise geschmückt worden waren. Da man die Blumen nur in die Erde gesteckt, nicht aber gepflanzt hatte, so waren sie bald verwelkt! und man sah sie in allen Gestalten des Dahinwelkens; einige sich neigend, andere schon ganz abgestorben. Man pflanzte nachher Stechpalmen, Rosmarin und andere immergrünende Sträucher an der Stelle, welche auf einigen Gräbern sehr üppig emporwuchsen und die Grabsteine ganz überschatteten. Es war sonst eine schwermüthige Zierlichkeit in der Anordnung dieser ländlichen Opfer, welche etwas wahrhaft Dichterisches in sich hatte. Die Rose war zuweilen mit der Lilie gepaart, um ein allgemeines Sinnbild der gebrechlichen Sterblichkeit zu geben. »Diese süße Blume,« sagt Evelyn, »von einem mit Dornen besetzten Stengel getragen und von der Lilie begleitet, sind natürliche Hieroglyphen, von unserm flüchtigen, bewölkten, angstvollen und vorübergehenden Leben, das, so schön auch eine Zeit lang sein Aeußeres erscheint, dennoch nicht ohne seine Dornen und Widerwärtigkeiten ist.« Die Beschaffenheit und Farbe der Blumen und der Bänder, mit denen sie zusammengebunden waren, hatte oft eine besondere Beziehung auf die Eigenschaften oder die Geschichte des Verstorbenen, oder sprach die Gefühle des Trauernden aus. In einem alten Gedicht: »Corydon's Trauertöne« genannt, zählt ein Liebhaber die Zierrathen auf, die er zu wählen beabsichtigt. Ein Kranz, der wird gebunden,     Ihn flicht kunstreiche Hand, Von buntgefärbten Blumen,     Als treuer Liebe Pfand. Und buntgefärbte Bänder     Soll man von mir d'ran sehn; Doch Schwarz und Gelb vor allen     Mit ihr zum Grab soll gehn. Ich deck' ihr Grab mit Blumen,     Den schönsten, die da blühn; Ich halte sie mit Thränen     Statt Regens frisch und grün. Die weiße Rose, sagt man, wurde auf das Grab einer Jungfrau gepflanzt, ihr Kranz ward zum Zeichen ihrer fleckenlosen Unschuld mit weißen Bändern gebunden, obgleich zuweilen auch schwarze Bänder mit eingeflochten wurden, den Schmerz der Ueberlebenden auszudrücken. Die rothe Rose ward zuweilen gebraucht, um an solche zu erinnern, die sich durch Wohlwollen ausgezeichnet hatten; aber im Allgemeinen brauchte man die Rosen bei Gräbern von Liebenden. Evelyn erzählt uns, daß in der Nähe seines Wohnsitzes, in der Grafschaft Surry, der Gebrauch damals noch nicht ganz abgekommen sei, »wo Mädchen die Gräber ihrer verstorbenen Geliebten mit Rosenbüschen zierten.« – Und Camden bemerkt gleichfalls in seiner Britannia: »Hier herrscht auch der Gebrauch, welcher seit undenklichen Zeiten beobachtet wird, Rosenbäume auf die Gräber zu pflanzen; vorzüglich thun dieß Jünglinge und Mädchen, die ihre Geliebten verloren haben, so daß dieser Kirchhof nun voll davon ist.« Wenn die Verstorbene unglücklich in ihrer Liebe war, so bediente man sich der Sinnbilder von einem düsterern Charakter, wie Eiben und Cypressen, und wenn man Blumen streute, so waren sie von den traurigsten Farben. So kommt in den Gedichten von Thomas Stanley, welche im Jahre 1651 erschienen, folgende Strophe vor:                     Doch neige Sich auf mein traurig Grab Was Ihr mir weiht, herab, –     Verlassene Cypressen, Eibenzweige; Denn holdr'e Blüthen welken hin, Wenn sie die Unglücksstell' umzieh'n. In dem »Trauerspiel von der Jungfrau« kommt ein rührendes kleines Lied vor, welches diese Sitte, die Gräber der Frauenzimmer, welche eine unglückliche Liebe gehabt hatten, dergestalt zu schmücken, anschaulich macht. Legt den Trauerkranz von Eiben     Wohl auf meine Bahr', Mädchen, traget Weidenzweige,     Sagt, daß treu ich war. Mein' Lieb war falsch, doch ich war fest,     Von der ersten Stund'; Lieg' leicht auf meiner Hülle,     Trauter Grabesgrund. Die natürliche Wirkung des Kummers über die Todten ist, daß der Geist dadurch geläutert und erhoben wird, und wir haben einen Beweis davon in der Reinheit des Gefühls und der ungezwungenen Zierlichkeit der Gedanken, welche in allen diesen Begräbnißgebräuchen vorherrscht. So wurde besonders Vorsorge getragen, daß man nur angenehm riechende immergrünende Sträucher und Blumen brauchen sollte. Die Absicht scheint dabei gewesen zu sein, die Schrecken des Grabes zu mildern, das Gemüth vom Brüten über dem Furchtbaren der hinfälligen Sterblichkeit abzuhalten und das Andenken an die Verstorbenen mit den zartesten und schönsten Gegenständen der Natur in Verbindung zu bringen. Es geht in dem Grabe, ehe der Staub zu dem verwandten Staube zurückkehren kann, ein schrecklicher Uebergang vor, vor dessen Betrachtung die Einbildungskraft zurückschaudert, und wir suchen uns die Gestalt, die wir geliebt haben, noch immer unter den angenehmen Gedankenverbindungen zu denken, welche sie erweckte, als sie vor uns in Jugend und Schönheit blühte. »Legt sie in den Grund,« sagt Laertes von seiner jungfräulichen Schwester: Shakspeare's Hamlet. Fünfter Aufzug. Und ihrer schönen, unbefleckten Hülle Entspriesten Veilchen! Auch Herrick strömt in seinem »Grablied des Jephtha« einen duftenden Strom dichterischer Gedanken und Bilder aus, welcher gewissermaßen die Todten im Andenken der Lebenden mit Wohlgeruch umgibt. In Frieden schlaf' auf Spezerei'n, Es soll das Paradies hier sein; Es mögen Wohlgerüche wachsen, düften                                                 In den Lüften. Laß Balsam, Kassia Düfte spenden, Empor aus deinem Denkmal senden. Die Mädchen finden all sich ein Um Blumen auf dein Grab zu streun, Die Jungfrau soll, kömmt sie, zu klagen,                                         Weihrauch tragen Auf deinen Altar, dann geschieden Dich lassen in des Sarges Frieden. Ich könnte meine Blätter mit vielen Stellen aus den älteren englischen Dichtern anfüllen, welche schrieben, als diese Gebräuche noch galten, und gern häufig darauf anspielten; allein ich habe schon mehr als nöthig ist angeführt. Ich kann jedoch nicht umhin, noch eine Stelle aus Shakspeare zu geben, sollte sie auch schon ganz verbraucht scheinen, da sie die sinnbildliche Deutung, welche oft in diesen Blumengaben liegt, erläutert und zu gleicher Zeit den Zauber der Sprache und das Passende der Bilder hat, wodurch er sich so sehr auszeichnet.                             Mit den schönsten Blumen, Weil Sommer währt und ich hier leb', Fidele, Schmück ich dein traurig Grab; nicht fehle dir Die blasse Primel, deinem Antlitz gleich; noch Die Hyacinthe blau wie deine Adern; Noch wilde Rosen, die wahrhaft nicht süßer Geduftet, als dein Athem. Shakspeare's Cymbeline. Vierter Aufzug. Es ist gewiß etwas Rührenderes in diesen frühen, freiwilligen Gaben der Natur, als in den kostbarsten Denkmalen der Kunst; die Hand streut die Blumen, während das Herz warm ist, und die Thräne fällt auf das Grab, während die Liebe die Weidenruthe um den Rasen flicht; aber die Rührung erstirbt unter der langsamen Arbeit des Meißels und erkaltet bei den frostigen Gedanken des bearbeiteten Marmors. Es ist sehr zu bedauern, daß eine so wahrhaft zarte und rührende Sitte aus dem allgemeinen Gebrauche gekommen ist, und nur noch in den entferntesten unbedeutendsten Dörfern besteht. Allein es scheint, als ob die poetischen Gewohnheiten immer vor den Orten Scheu hätten, welche die gebildete Gesellschaft zu betreten pflegt. Je gebildeter die Leute werden, desto mehr hören sie auf, poetisch zu sein. Sie reden von Poesie, aber sie haben gelernt ihre freien Ergüsse zurückzuweisen, ihren aufstrebenden Bewegungen zu mißtrauen, und an die Stelle ihrer rührendsten und malerischsten Gewohnheiten nur studirte Form und prunkvolle Feierlichkeit zu setzen. Kein Schauspiel kann steifer und frostiger sein, als ein englisches Begräbniß in einer Stadt. Es besteht aus Pracht und düsterem Prunk; Trauerkutschen, Trauerpferde, Trauerfederbüsche und gemiethete Leidtragende, welche aus dem Gram einen Scherz machen. »Es wird,« sagt Jeremias Taylor, »ein Grab gegraben, feierliche Trauer und viel Geschwätz in der Nachbarschaft, und wenn die Tage der Trauer vorüber sind, so sind sie es, und man denkt ihrer nicht mehr.« Der Mitbewohner der fröhlichen und überfüllten Stadt ist bald vergessen; die rasche Folge neuer Freunde und neuer Freuden verwischt ihn aus unseren Gemüthern, und selbst die Scenen und Kreise, worin er sich bewegte, verändern sich ohne Aufhören. Aber Leichenbegängnisse auf dem Lande machen einen ungemein feierlichen Eindruck. Der Streich des Todes verursacht eine größere Lücke in dem Dorfkreise und ist in der ruhigen Einförmigkeit des ländlichen Lebens ein furchtbares Ereigniß. Die hallende Todtenglocke tönt ihren Klang in jedes Ohr; die Schwermuth, die sie einflößt, verbreitet ihre Schwermuth über Hügel und Thal und verdüstert die ganze Landschaft. Die bleibenden und unbeweglichen Züge der Landschaft erhalten gleichfalls das Andenken des Freundes, mit dem wir uns einst ihrer freuten, und der uns auf unseren einsamsten Spaziergängen Gesellschaft leistete und jede einsame Gegend beleben half. Der Gedanke an ihn verknüpft sich mit jedem Reiz der Natur; wir hörten seine Stimme in dem Widerhall, den er einst gern erweckte; sein Geist weilt in den Lauben, die er sonst besuchte; wir denken an ihn in der wilden bergigen Einsamkeit, oder unter den sinnigen Reizen des Thales. Bei der Frische des heitern Morgens gedenken wir seines leuchtenden Lächelns und seiner ausgelassenen Fröhlichkeit; und wenn der nüchterne Abend mit seinen verhüllenden Schatten und seiner stillen Ruhe wiederkehrt, so rufen wir uns manche Dämmerungsstunde, unter angenehmem Gespräch und in süßgemüthlicher Schwermuth verbracht, zurück. Jed einsam Plätzchen zaubert mir ihn her, Nie sei die schuldige Thräne ihm versagt; Geliebt, bis Leben nicht erfreuet mehr, Beweint, so lang' die Trauer lebt und klagt. Eine zweite Ursache, welche das Andenken an die Verstorbenen auf dem Lande erhält, ist, daß das Grab sich unmittelbarer vor den Blicken der Ueberlebenden befindet. Sie gehen auf ihrem Wege zum Gebet bei demselben vorüber; es begegnet ihren Augen, wenn ihre Herzen von den Uebungen der Andacht noch bewegt sind; sie verweilen dabei am Sabbath, wenn das Gemüth von den weltlichen Sorgen sich frei gemacht hat, sich am liebsten von den gegenwärtigen Vergnügungen und Neigungen abwendet und unter den feierlichen Denkzeichen der Vergangenheit sich niederlassen mag In Nord-Wales knieen und beten die Landleute mehrere Sonntage nach der Beerdigung auf den Gräbern ihrer dahingeschiedenen Freunde; und wo der zarte Gebrauch, Blumen zu streuen und zu pflanzen, noch herrscht, wird er immer um Ostern, Pfingsten und an andern Festen wiederholt, wenn die Jahreszeit den Gefährten früherer Feste lebendiger in den Sinn zurückruft. Er wird auch unabänderlich von den nächsten Freunden und Verwandten selbst beobachtet und nicht durch bestellte oder bezahlte Leute besorgt, und wenn ein Nachbar seinen Beistand leiht, so würde es für eine Beleidigung angesehen werden, ihm eine Entschädigung dafür anbieten zu wollen. Ich habe bei dieser schönen ländlichen Sitte verweilt, weil sie einer der letzten, so wie der heiligsten Liebesdienste ist. Das Grab ist die Feuerprobe der wahren Liebe. Hier legt die göttliche Leidenschaft der Seele ihr Uebergewicht über die instinctmäßige Hinneigung einer bloß thierischen Anhänglichkeit an den Tag. Die letztere muß durch die Gegenwart ihres Gegenstandes beständig aufgefrischt und lebendig erhalten werden; aber die Liebe, welche in der Seele ihren Sitz hat, kann sich von langer Erinnerung nähren. Die bloß sinnlichen Neigungen ermatten und sterben mit den Reizen, welche sie erregten, und wenden sich mit schauderndem Ekel von dem furchtbaren Rande des Grabes ab; daraus aber erhebt sich die wahrhaft geistige Liebe, von jedem sinnlichen Gefühl geläutert, und kehrt wie eine heilige Flamme zurück, um das Herz des Ueberlebenden zu erleuchten und zu heiligen. Der Kummer um die Verstorbenen ist der einzige Kummer, von welchem wir uns zu scheiden weigern. Jede andere Wunde suchen wir zu heilen – jede andere Betrübniß zu vergessen; aber diese Wunde offen zu halten, betrachten wir als unsere Pflicht – diese Betrübniß nähren wir und brüten in der Einsamkeit darüber. Wo ist die Mutter, welche das Kind gern vergessen würde, das wie eine Blüthe aus ihren Armen schied, obgleich jede Erinnerung daran ein Schmerzgefühl ist? Wo ist das Kind, das die zärtlichen Eltern vergessen würde, obgleich die Erinnerung an sie nur seine Klage erweckt? Wer würde, selbst in der Stunde des Todeskampfes, den Freund vergessen, den er betrauert? Wer würde, selbst wenn das Grab sich über der irdischen Hülle Derer schließt, die er am innigsten liebte, wenn er sein Herz gleichsam zerschmettert fühlt durch die Pforten, welche sich schließen, wer würde einen Trost annehmen, der nur durch Vergessen erkauft werden kann? – Nein, die Liebe, welche über das Grab hinauslebt, ist eine der edelsten Eigenschaften der Seele. Wenn sie ihre Schmerzen hat, so hat sie auch ihre Freuden; und wenn der überwältigende Ausbruch des Kummers sich erst zur sanften Thräne der Erinnerung gemäßigt hat, wenn die plötzliche Angst, die krampfhafte Verzweiflung bei den sichtbaren Trümmern alles dessen, was wir am meisten liebten, sich gesänftigt hat zu sinnigem Nachdenken über das, was der Hingeschwundene in den Tagen seiner Lieblichkeit war – wer würde einen solchen Schmerz aus dem Herzen reißen wollen? Obgleich er zuweilen die heitere Stunde der Freude mit einer vorübergehenden Wolke überzieht, oder eine tiefere Trauer über die Stunde der Betrübniß verbreitet; – wer würde ihn, selbst gegen das Lied der Fröhlichkeit oder den Ausbruch der lauten Lust vertauschen? Nein, es tönt eine Stimme aus dem Grabe, welche angenehmer ist als Gesang. Es gibt ein Andenken an die Todten, zu welchem wir selbst von den Reizen der Lebenden uns hinwenden. O, das Grab! – das Grab! – Es deckt jeden Irrthum – verhüllt jeden Fehler – löscht jeden Groll aus! Aus seinem friedlichen Schooße sprossen nur inniges Bedauern und angenehme Erinnerungen. Wer kann selbst auf das Grab eines Feindes niederblicken und nicht eine reuige Bewegung fühlen, daß er je mit der armen Handvoll Erde, die modernd vor ihm liegt, gestritten habe! Aber das Grab Derer, die wir geliebt haben – welch ein Ort zum Nachdenken! Da rufen wir in langem Rückblick die ganze Geschichte der Tugend und Milde und die tausend Reize zurück, welche beinahe unbeachtet in dem täglichen vertraulichen Beisammensein an uns verschwendet wurden – hier verweilen wir bei der Zärtlichkeit, der feierlichen, ernsten Zärtlichkeit des Augenblicks der Trennungsscene. Das Todtenbett, mit all seinem unterdrückten Kummer – seine geräuschlose Pflege – seine stumme, sorgsame Aufmerksamkeiten! – Die letzten Beweise der scheidenden Liebe! – Der schwache, flüchtige, durchschauernde – ach, wie durchschauernde – Druck der Hand! – Der letzte liebevolle Blick des starren Auges, welcher noch von dem Rande des Daseins her auf uns fällt! Die schwachen, versagenden Laute, welche noch im Tode uns eine Versicherung der Liebe geben wollen! Ja, geh' an das Grab der dort eingesenkten Liebe und denke nach! Dort rechne ab mit deinem Gewissen für jede vergangene, unvergoltene Wohlthat – jeden unbeachtet gelassenen Vorzug des dahingeschiedenen Wesens, das nimmer – nimmer – nimmer zurückkehren kann, um durch deine Reue sich versöhnen zu lassen! Bist du ein Kind und hast je ein Leiden über die Seele, oder eine Furche mehr auf die von Silberhaaren umgebene Stirn eines liebenden Vaters gebracht – bist du ein Gatte und hast je dem liebevollen Wesen, das seine ganze Glückseligkeit in deinen Armen suchte, Gelegenheit gegeben, einen Augenblick an deiner Liebe oder deiner Treue zu zweifeln – bist du ein Freund und hast je in Gedanken, Worten oder Thaten das Gemüth gekränkt, das großmüthig dir vertraute – bist du ein Liebender und hast je dem treuen Herzen, das nun kalt und still zu deinen Füßen liegt, ein unverdientes Weh bereitet; – so sei sicher, daß jeder unfreundliche Blick, jedes unsanfte Wort, jede lieblose Handlung vor dein Gedächtniß treten und peinlich an dein Herz klopfen wird – so sei sicher, daß du dich traurig und reuevoll in das Grab niederlegen und den nicht gehörten Seufzer ausstoßen und die vergebliche Thräne vergießen wirst, desto tiefer, desto bitterer, weil sie ungehört und vergeblich sind. Dann winde deinen Kranz von Blumen und streue die Schönheiten der Natur um das Grab her; richte dein gebrochenes Herz, wenn du kannst, durch diese zarten, doch vergeblichen Gaben der Liebe auf; aber laß dich warnen durch die Bitterkeit dieser deiner Zerknirschung bei dem Todten, und sei fortan treuer und liebevoller in der Erfüllung deiner Pflichten gegen die Lebenden. Beim Schreiben des vorstehenden Aufsatzes war es nicht die Absicht, eine ganz ins Einzelne gehende Beschreibung der Begräbnißgebräuche der englischen Landleute zu liefern, sondern nur wenige Winke und Stellen zu geben, welche besondere Gebräuche erläutern; es sollte damit nur eine Anmerkung zu einem andern Aufsatze gegeben werden, der nicht erschienen ist. Der Aufsatz wuchs aber allmählig zu seiner jetzigen Gestalt an, und dieß mag als Entschuldigung für eine so kurze und abgebrochene Erwähnung dieser Gebräuche dienen, nachdem sie umfassend und gelehrt in anderen Werken erforscht worden sind. Ich muß auch bemerken, wie ich sehr wohl weiß, daß es in anderen Ländern, außer England, auch Sitte ist, die Gräber mit Blumen zu schmücken. In einigen ist sie sogar allgemeiner und wird selbst von den Reichen und den Modeleuten beobachtet; allein sie mag dann wohl ihre Einfachheit verlieren und in etwas Geziertes ausarten. Bright erzählt in seinen Reisen in Nieder-Ungarn von marmornen Denkmalen mit Nischen, um einsam darin zu verweilen, und mit Sitzen in Lauben von Treibhauspflanzen, und daß man die Gräber gewöhnlich mit den schönsten Blumen der Jahreszeit schmücke. Er erzählt beiläufig einen Zug kindlicher Liebe, den ich nicht umhin kann, wieder mitzutheilen; denn es ist eben so lehrreich als erfreulich, durch ihn die liebenswürdigen Tugenden des Geschlechts verherrlicht zu sehen. »Als ich in Berlin war,« sagte er, »geleitete ich den berühmten Iffland zu Grabe. Bei einigem Prunk bemerkte man auch Spuren wahren Gefühls. Während der Feierlichkeit des Einsenkens wurde meine Aufmerksamkeit durch ein junges Frauenzimmer angezogen, welches auf einem kürzlich erst mit Rasen bedeckten Grabhügel stand, den sie ängstlich vor den Tritten der vorübergehenden Menge zu bewahren suchte. Es war das Grab ihres Vaters, und die Gestalt dieser liebevollen Tochter gab ein schöneres Denkmal ab, als es das kostbarste Werk der Kunst sein konnte.« Ich will nur noch ein Beispiel von einer Grabesverzierung anführen, die ich einst in den Bergen der Schweiz bemerkt habe. Dieß war in dem Dorfe Gersau, welches an den Ufern des Luzernersee's, am Fuße des Rigi, liegt. Es war einst die Hauptstadt einer kleinen Republik, zwischen den Alpen und dem See eingeschlossen, und auf der Landseite nur auf Fußsteigen zugänglich. Die ganze bewaffnete Macht der Republik betrug nicht über sechshundert streitbare Männer, und wenige Quadratmeilen, gleichsam aus den Bergen ausgehöhlt, bildeten ihr Gebiet. Das Dorf Gersau schien von der ganzen übrigen Welt getrennt zu sein, und hat noch die goldene Einfalt einer reineren Zeit behalten. Es hat eine kleine Kirche mit einem daranstoßenden Kirchhofe. An den Kopfenden der Gräber standen hölzerne oder eiserne Kreuze. An einigen derselben waren roh ausgeführte Gemälde befindlich, offenbar Bildnisse der Verstorbenen. An den Kreuzen hingen Blumenkränze, von denen einige verwelkt, andere aber frisch waren, als wären sie gelegentlich erneuert worden. Ich blieb theilnehmend vor dieser Scene stehen, ich fühlte, daß ich an der Quelle der dichterischen Schilderungen stand; denn alles dieß waren die schönen, anspruchlosen Gaben des Herzens, deren Dichter so gern gedenken. An einem lebendigeren und bevölkerteren Orte würde ich geglaubt haben, sie rührten von einer aus Büchern geschöpften Empfindsamkeit her; aber die guten Leute von Gersau wissen wenig von Büchern, es war nicht ein Roman oder ein Liebesgedicht im ganzen Dorfe zu finden, und ich frage, ob je ein Landmann des Orts, während er einen frischen Kranz für das Grab seiner Geliebten wand, träumte, daß er einer der phantasiereichsten Gebräuche dichterischer Frömmigkeit beobachte und im praktischen Sinne ein Dichter sei? Die Gasthofsküche. Soll ich nicht meine Bequemlichkeit in meinem Gasthofe haben? Falstaff . Auf einer Reise, welche ich einst durch die Niederlande machte, war ich eines Abends in der Pomme d'or, dem vornehmsten Gasthof eines kleinen flammändischen Dorfes, angelangt. Die Stunde der table d'hôte war vorüber, so daß ich mich genöthigt sah, ein einsames, aus den Ueberbleibseln des reichlichern Mahles bestehendes Abendessen einzunehmen. Das Wetter war kalt; ich saß allein an dem Ende eines großen, düstern Eßzimmers, und als mein Mahl verzehrt war, hatte ich die Aussicht auf einen langen, einförmigen Abend vor mir, ohne irgend sichtbare Mittel, ihn zu beleben. Ich ließ den Wirth kommen und forderte Etwas zu lesen; er brachte mir den ganzen literärischen Vorrath seines Haushaltes, eine holländische Familienbibel, einen Kalender in derselben Sprache und eine Anzahl alter Pariser Zeitungen. Während ich über einer von den letzteren saß und nickte, alte Neuigkeiten und verschollene Kritiken lesend, schlug von Zeit zu Zeit ein lautes Gelächter, das aus der Küche herzukommen schien, an mein Ohr. Jeder, der auf dem festen Lande gereiset hat, wird wissen, welch eine Lieblingszuflucht die Küche eines Wirthshauses auf dem Lande für die mittlere und unterste Classe der Reisenden ist; vorzüglich bei der zweideutigen Art von Wetter, wo ein Kaminfeuer gegen Abend angenehm wird. Ich warf die Zeitung bei Seite und suchte den Weg nach der Küche, um die Gruppe in Augenschein zu nehmen, die so lustig zu sein schien. Sie bestand zum Theil aus Reisenden, welche einige Stunden vorher in einem Postwagen angekommen waren, und zum Theil aus den gewöhnlichen Besuchern und Zugaben von Wirthshäusern. Sie saßen rund um einen großen glasirten Ofen, den man für einen Altar hätte halten können, an welchem sie opferten. Er war mit allerhand Küchengeräthe von glänzender Helle bedeckt, unter welchem ein gewaltiger kupferner Theekessel dampfte und zischte. Eine große Lampe warf eine starke Lichtmasse auf die Gruppe und ließ manche seltsame Gesichtszüge stark hervortreten. Ihre gelben Strahlen erleuchteten zum Theil die geräumige Küche und erstarben im Dunkel der entfernten Winkel; ausgenommen da, wo sie in sanfterem Glanze auf der breiten Seite eines Schinkenstückes sich sammelten, oder von wohlgescheuertem Küchengeräth zurückgeworfen wurden, das mitten aus der Dunkelheit hervorstrahlte. Ein starkgebautes flammändisches Mädchen mit langen, goldenen Gehängen in den Ohren und einem Halsbande, an welchem ein goldenes Herz hing, war die vorsitzende Priesterin des Tempels. Mehrere aus der Gesellschaft waren mit Pfeifen versehen, und die Meisten von ihnen mit einer Art von Abendtrank. Ich fand, daß ihre Lustigkeit von den Anecdoten herrührte, welche ein kleiner schwärzlicher Franzose, mit einem trockenen, spitzen Gesichte und breitem Backenbart, aus seinen Liebesabenteuern erzählte; am Ende einer jeden erhob sich ein so ehrliches, ungezwungenes Gelächter, wie man es sich nur in diesem Tempel wahrer Freiheit, einem Wirthshause, gestatten kann. Da ich nicht wußte, wie ich einen langweiligen, stürmischen Abend besser hinbringen sollte, nahm ich meinen Sitz am Ofen und hörte eine Menge von Reisegeschichten mit an, von denen einige sehr übertrieben, die meisten sehr langweilig waren. Sie sind jedoch alle meinem treulosen Gedächtnisse entfallen, bis auf eine, die ich wiederzuerzählen mich bestreben will. Ich fürchte jedoch, daß sie ihren Hauptreiz durch die Art erhielt, wie sie erzählt wurde, und durch die ganz besondere Miene und das Aeußere des Erzählers. Er war ein wohlbeleibter alter Schweizer, der das Ansehen eines ergrauten Reisenden hatte. Er trug eine verschossene grüne Reisejacke, einen breiten Gurt um den Leib und ein Paar Ueberhosen, mit Knöpfen von der Hüfte bis auf die Fußknöchel. Er hatte ein volles rothes Gesicht, ein Doppelkinn, eine Habichtsnase und freundlich blinzelnde Augen. Sein Haar war blond und drängte sich in krausen Locken unter einer alten grünsammetnen Reisemütze hervor, die er auf die eine Seite gesetzt hatte. Er ward mehr als einmal durch die Ankunft von Reisenden, oder durch die Bemerkungen seiner Zuhörer unterbrochen, und hielt dann und wann ein, seine Pfeife wieder zu füllen; wo er dann immer für das flinke Küchenmädchen einen schelmischen Blick, oder einen schlauen Einfall hatte. Ich wünsche, meine Leser könnten sich den alten Burschen denken, in den gewaltigen Armstuhl gelehnt, einen Arm in die Seite gestemmt, in der Hand des andern einen sonderbar gearbeiteten Pfeifenkopf haltend, der von ächtem Meerschaum und mit einer silbernen Kette und seidenen Troddeln verziert war – den Kopf auf die eine Seite gelegt und zuweilen einen launigen Blick aus der Ecke des Auges hervorschießend, während er die folgende Geschichte erzählte. Die Geisterbraut. Erzählung eines Reisenden. Der unterrichtete Leser, in unnützer Gelehrsamkeit wohl bewandert, wird gewahren, daß der Schweizer seine Erzählung auf eine kleine französische Anecdote gegründet hat, welche sich auf eine in Paris vorgefallene Begebenheit bezieht. – Anmerk. des Verf. Er, für den der Tisch gedeckt, Liegt, traun, die Nacht kalt hingestreckt! Ich führt' zur Stub' ihn gestern Nacht, Heut' Nacht hat Gray-steel ihm das Bett gemacht. Sir Eger, Sir Grahame und Sir Gray-steel. Auf dem Gipfel einer der Höhen des Odenwaldes, einer wilden und romantischen Gegend des obern Deutschlands, nicht weit von dem Zusammenflusse des Mains und des Rheins gelegen, stand vor vielen, vielen Jahren das Schloß des Baron von Landshort. Es ist nun ganz zerfallen, und beinahe unter Buchen und dunkeln Fichten begraben, aus denen jedoch noch der alte Wachtthurm hervorblickt, der, wie einst sein Besitzer, sein Haupt hoch empor zu tragen strebt und auf die benachbarte Gegend hinabblickt. Der Baron war ein trockener Zweig der großen Familie von Katzenellenbogen, Der Name einer ehemals sehr mächtigen Familie dieses Landes. Die Benennung soll eine erlauchte Dame der Familie, ihres schönen Armes wegen berühmt, veranlaßt haben. – Anmerk. des Verf. und erbte mit den Besitzungen seiner Ahnen auch zugleich ihren ganzen Stolz. Obgleich der kriegerische Sinn seiner Vorfahren den Gütern der Familie sehr geschadet hatte, so suchte der Baron den äußeren Glanz seines Standes doch immer noch zu behaupten. Die Zeiten waren friedlich und die deutschen Edelleute hatten fast allgemein ihre unbequemen, alten, wie Adlersneste an den Bergen hangenden Burgen verlassen und bequemere Wohnungen in den Thälern erbaut; der Baron blieb indeß noch immer in seiner kleinen Veste stolz abgeschlossen, und nährte, mit angeerbter Hartnäckigkeit, den ganzen alten Familiengroll, so daß er mit einigen seiner nächsten Nachbarn um Streitigkeiten willen gespannt war, die noch von ihren Ururgroßvätern herrührten. Der Baron hatte nur ein Kind, eine Tochter, aber die Natur wägt, wenn sie nur Ein Kind gewährt, dieß immer dadurch auf, daß sie es zu einem Wunder macht; und so war es mit der Tochter des Barons. Alle Ammen, Gevatterinnen und Muhmen vom Lande versicherten ihren Vater, daß es ihres Gleichen nicht in Deutschland gäbe, und wer hätte das besser wissen sollen als diese? Sie war überdieß mit großer Sorgfalt unter der Oberaufsicht zweier unverheiratheten Basen erzogen worden, die einige Jahre ihres frühern Lebens an einem der kleinen deutschen Höfe zugebracht hatten, und in allen zur Erziehung einer Frau von Stande nöthigen Zweigen des Wissens erfahren waren. Unter ihrer Anleitung ward sie ein Wunder der Vollkommenheit. In ihrem achtzehnten Jahre konnte sie bewunderungswürdig sticken und hatte ganze Heiligengeschichten in Tapetenarbeit genäht, und in die Gesichter eine solche Kraft des Ausdrucks gebracht, daß sie aussahen, wie arme Seelen im Fegefeuer. Sie konnte ohne große Schwierigkeit lesen, und hatte sich durch mehrere Kirchen-Legenden, und beinahe alle ritterlichen Wunder im Heldenbuche glücklich hindurchbuchstabirt. Sie hatte selbst bedeutende Fortschritte im Schreiben gemacht; war im Stande, ihren Namen, ohne einen Buchstaben auszulassen und so leserlich zu schreiben, daß ihre Basen ihn ohne Brille entziffern konnten. Sie besaß eine große Fertigkeit, kleine artige unnütze Spielwerke, wie bei den Frauen herkömmlich, zu machen, verstand die künstlichsten Tänze der damaligen Zeit, spielte mehrere Weisen auf der Harfe und Zither und wußte alle zärtliche Balladen aus den Minnesängern auswendig. Ihre Basen, die in ihren jüngeren Jahren flatterhaft und große Coquetten gewesen waren, schickten sich auch vortrefflich dazu, über die Aufführung der Nichte zu wachen; denn es gibt keine so streng kluge und unerbittlich ehrsame Duenna, wie eine überalterte Coquette. Sie durfte nie das Gebiet des Schlosses überschreiten, ohne wohl begleitet oder vielmehr wohl bewacht zu sein, mußte beständig Lehren über Anstand und strengen Gehorsam anhören, und was die Männer betraf – ha! – da hatte man ihr eingeprägt, sie so fern von sich zu halten und ihnen so wenig zu trauen, daß sie, wenn sie nicht ausdrücklich dazu Erlaubniß erhalten, auf den schönsten Cavalier von der Welt auch nicht einen Blick geworfen haben würde – nein, nicht, wenn er zu ihren Füßen gestorben wäre. Die guten Wirkungen dieses Systems zeigten sich auf eine wunderbare Art; das Fräulein war ein Muster von Folgsamkeit und Anständigkeit. Während Andere ihre Lieblichkeit in dem frohen Glanze der Welt vergeudeten, und leicht von jeder Hand gepflückt und an die Seite geworfen werden konnten, erblühte sie keusch zu einer frischen und lieblichen Weiblichkeit unter dem Schutze dieser unbefleckten Jungfrauen, wie eine Rosenknospe unter schützenden Dornen sich entfaltet. Ihre Basen betrachteten sie mit Stolz und Entzücken, und behaupteten, daß, wenn auch alle junge Damen in der Welt sich verirren könnten, der Erbin von Katzenellenbogen, dem Himmel sei gedankt, nie so etwas begegnen würde. Aber, obgleich der Baron von Landshort nicht mit vielen Kindern gesegnet war, so war doch seine Haushaltung nicht klein, denn die Vorsehung hatte ihn mit einer Menge armer Anverwandten bereichert. Diese besaßen, ohne Ausnahme, die liebevolle Zuneigung, welche allen untergeordneten Verwandten eigen ist, hingen sehr an dem Baron, und benutzten jede mögliche Gelegenheit, in Haufen nach dem Schlosse zu kommen und dieß zu beleben. Alle Familienfeste wurden von diesen guten Leuten auf Kosten des Barons begangen, und wenn sie sich gehörig gesättigt, so erklärten sie laut, daß nichts auf Erden so herrlich sei, als diese Familienzusammenkünfte, diese Jubelfeste des Herzens. Der Baron hatte, obgleich ein kleiner Mann, eine große Seele, die vor Freuden bei dem Gefühle anschwoll, der größte Mann in der kleinen Welt um ihn her zu sein. Er erzählte gern lange Geschichten von den gewaltigen alten Kriegern, deren Bilder finster von den Wänden herabblickten, und Niemand hörte ihm dabei ruhiger zu, als die, welche er auf seine Kosten ernährte. Er neigte sich sehr zum Wunderbaren bin, und glaubte steif und fest an alle die Erzählungen von übernatürlichen Begebenheiten, deren in Deutschland jeder Berg und jedes Thal voll ist. Die Gläubigkeit seiner Gäste übertraf seine eigene; sie hörten jede wunderbare Erzählung mit offenen Augen und offenem Munde an, und verfehlten nie, erstaunt zu sein, wenn sie ihnen auch schon zum hundertsten Mal wiederholt wurde. So lebte der Baron von Landshort, das Orakel seines Tisches, der unumschränkte Beherrscher seines kleinen Gebiets, und glücklich vor Allem in der Ueberzeugung, daß er der weiseste Mann seines Zeitalters sei. Zu der Zeit, von welcher meine Geschichte handelt, war auf dem Schlosse eine große Familienversammlung; sie galt einer Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit; – man erwartete nämlich den bestimmten Bräutigam der Tochter des Barons. Eine Verhandlung war zwischen dem Vater und einem alten Edelmanne in Bayern zu Stande gebracht worden, die Würde ihrer Häuser durch die Heirath ihrer Kinder zu vereinigen. Die Einleitung dazu war mit der gehörigen Pünktlichkeit getroffen worden. Die jungen Leute waren mit einander verlobt, ohne sich je gesehen zu haben, und der Tag zur Vermählung war angesetzt. Der junge Graf von Altenburg war zu dem Ende von dem Heere abberufen worden, und bereits auf dem Wege zu dem Baron, um dort seine Braut in Empfang zu nehmen. Man hatte selbst schon aus Würzburg, wo er durch einige Umstände aufgehalten wurde, Briefe von ihm, in welchen der Tag und die Stunde bestimmt war, zu welcher er eintreffen würde. Das Schloß war im Aufruhr, um die Anstalten zu treffen, den Bräutigam gehörig zu empfangen. Die schöne Braut war mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschmückt worden. Die beiden Basen hatten bei ihrer Toilette den Vorsitz gehabt, den ganzen Morgen sich über jedes Stück ihres Anzuges gestritten. Die junge Dame hatte diesen Zwist benutzt, ihrem eigenen Geschmack zu folgen, und glücklicherweise war dieser ein guter. Sie sah so lieblich aus, als ein jugendlicher Bräutigam nur wünschen kann, und die Bewegung, welche die Erwartung ihr mittheilte, erhöhte ihre Reize um so mehr. Die Röthe, welche ihre Wangen und ihren Nacken übergoß, das leise Wogen des Busens, das Auge, welches dann und wann in Sinnen verloren schien; Alles verrieth die sanfte Erregung, die in ihrem Herzen vorging. Die Basen waren fortwährend um sie her beschäftigt; denn unverheirathete Basen pflegen immer großen Antheil an Angelegenheiten dieser Art zu nehmen. Sie gaben ihr eine unendliche Anzahl von klugen Rathschlägen, wie sie sich benehmen, was sie sagen, und in welcher Weise sie den erwarteten Geliebten empfangen solle. Der Baron war nicht weniger mit Vorbereitungen beschäftigt. Er hatte, die Wahrheit zu sagen, eigentlich nichts zu thun; allein er war von Natur ein feuriger, unruhiger, kleiner Mann, und konnte durchaus nicht müßig bleiben, wenn Alles in Bewegung war. Er lief, mit der Miene unendlicher Bedrängtheit, im Schlosse Trepp auf und ab; er rief beständig die Leute von ihrer Arbeit, um sie zu ermahnen, fleißig zu sein; und tummelte sich mit einer so unnützen Ruhelosigkeit, und so belästigend, wie eine große blaubauchige Fliege an einem Sommertage, in jedem Saale und jedem Zimmer umher. Mittlerweile war das gemästete Kalb geschlachtet worden; die Wälder hatten von dem Geschrei der Jäger wiedergehallt; die Küche war voll von Leckerbissen; der Keller hatte ganze Oceane von Rhein- und Firnewein hergeben müssen, und selbst das große Heidelberger Faß war in Contribution gesetzt worden. Alles war in Bereitschaft, den ausgezeichneten Gast mit Saus und Braus, in dem wahren Geiste deutscher Gastfreiheit zu empfangen – aber der Gast erschien noch immer nicht. Stunde auf Stunde verfloß. Die Sonne, welche ihre sinkenden Strahlen auf die reichen Forste des Odenwaldes geworfen hatte, glänzte jetzt gerade an den Gipfeln der Berge. Der Baron erstieg den höchsten Thurm, und strengte seine Augen an, in der Hoffnung, den Grafen und seine Begleiter in der Entfernung zu entdecken. Einmal glaubte er schon, sie zu sehen; Hörnerklang scholl aus dem Thale, von dem Widerhall in den Bergen verlängert. Eine Anzahl Reiter ward weit unten sichtbar, welche langsam den Weg entlang zogen; als sie aber beinahe den Fuß des Berges erreicht hatten, lenkten sie plötzlich in eine andere Straße ein. Der letzte Strahl der Sonne schied – die Fledermäuse begannen im Zwielicht zu schwirren – die Straße ward dunkler und dunkler, und man sah nichts sich darauf bewegen, als zuweilen einen Landmann, der sich von seiner Arbeit nach Hause schleppte. Während das alte Schloß von Landshort sich in einer so tödtlichen Unruhe befand, trug sich in einem andern Theil des Odenwaldes eine sehr bedeutende Begebenheit zu. Der junge Graf von Altenburg setzte seine Reise ruhig und in der nüchternen, schlendernden Weise fort, wie ein Mann seiner Vermählung entgegenreist, wenn seine Freunde ihn aller Mühe und Ungewißheit einer langen Bewerbung überhoben haben, und der so gewiß ist, eine Braut zu finden, als ein Mittagsessen am Ende seiner Reise. Er hatte in Würzburg einen jungen Waffengefährten getroffen, mit welchem er zusammen an der Grenze gedient hatte, Hermann von Starkenfaust, einen jungen Mann von dem kräftigsten Arme und dem bravsten Herzen unter der deutschen Ritterschaft, der nun von dem Heere zurückkehrte. Seines Vaters Schloß lag nicht weit von der alten Burg Landshort, allein eine alte Fehde hatte die beiden Familien entzweit, und sie einander fremd gemacht. In der ersten Wärme des Augenblicks der Erkennung, hatten die jungen Freunde einander alle ihre unterdessen bestandenen Abenteuer und Glücksfälle erzählt, und der Graf gab die ganze Geschichte seiner bevorstehenden Vermählung, mit einer jungen Dame, die er nie gesehen, von deren Reizen er aber die hinreißendsten Beschreibungen gehört. Da der Weg der Freunde nach derselben Gegend hinführte, so wurden sie einig, den übrigen Theil ihrer Reise zusammen zu machen; damit sie dieß aber mit um so größerer Bequemlichkeit thun könnten, waren sie frühzeitig von Würzburg aufgebrochen, und der Graf hatte seinem Gefolge den Befehl gegeben, ihm nachzukommen. Sie verkürzten sich die Zeit mit Erinnerungen auf ihren im Kriege bestandenen Fährlichkeiten und Abenteuern; aber der Graf war mitunter ein wenig langweilig, wegen der gepriesnen Reize seiner Braut und des Glückes, das ihn erwartete. Auf diese Weise waren sie in die Berge des Odenwaldes gekommen, und ritten durch einen seiner einsamsten und dickbelaubtesten Pässe. Man weiß, daß die Wälder von Deutschland jederzeit eben so sehr von Räubern, als seine Burgen von Gespenstern heimgesucht worden sind; und gerade um diese Zeit waren die ersteren besonders zahlreich, da Schaaren von entlassenen Soldaten im Lande umherstreiften. Es wird daher nicht ungewöhnlich scheinen, daß auch die Ritter von einer Bande dieser Herumstreifer, mitten im Walde, angefallen wurden. Die Angegriffenen vertheidigten sich sehr tapfer, waren aber fast übermannt, als des Grafen Gefolge zu ihrem Beistande herzukam. Bei ihrem Anblick nahmen die Räuber die Flucht; der Graf hatte indessen bereits eine tödtliche Wunde erhalten. Man brachte ihn langsam und vorsichtig nach Würzburg zurück, und rief, aus einem benachbarten Kloster, einen Mönch zu Hülfe, der seiner Heilkunde für Leib und Seele wegen in gleich großem Rufe stand; allein die Hälfte seines Wissens war unnütz; die Augenblicke des unglücklichen Grafen waren gezählt. Mit seinem letzten Athemzug bat er seinen Freund sich sogleich nach dem Schlosse von Landshort zu begeben, um dorthin die Nachricht von dem Vorfalle zu bringen, der ihn an der Erfüllung seines Versprechens hinderte. Obgleich nicht der leidenschaftlichste Liebhaber, war er doch einer der pünktlichsten Menschen, und es schien ihm äußerst viel daran zu liegen, daß diese Sendung schnell und gehörig ausgerichtet werde. »Geschieht dieß nicht,« sagte er: »so werde ich nicht ruhig in meinem Grabe schlafen!« Er wiederholte diese letzteren Worte mit besonderer Feierlichkeit. Eine, in einem so bedeutsamen Augenblicke gethane Bitte ließ kein Zaudern zu. Starkenfaust suchte den Grafen zu beruhigen, versprach, seinen Wünschen getreulich nachzukommen, und gab ihm seine Hand zum feierlichen Pfande. Der Sterbende drückte sie, in dankbarer Anerkennung, verfiel aber bald in Geistesabwesenheit – sprach von seiner Braut – seiner Verbindung – seinem gegebenen Worte; befahl, daß man ihm sein Pferd bringen solle, damit er nach dem Schlosse von Landshort reiten könne, und gab in dem Augenblick seinen Geist auf, wo er sich in den Sattel zu schwingen glaubte. Starkenfaust weihte dem frühzeitigen Tode seines Waffengefährten einen Seufzer und eines Kriegers Thräne, und dachte dann über den bedenklichen Auftrag nach, den er auszurichten übernommen hatte. Sein Herz war schwer, und sein Kopf ungewiß; denn er sollte, ein ungebetener Gast, sich feindlich gesinnten Leuten vorstellen und mit einer Nachricht, welche ihre Hoffnungen vereiteln mußte, ihre Freude stören. Indeß regte sich bei ihm doch ein Gefühl von Neugierde, die weitberühmte Schönheit von Katzenellenbogen zu sehen, die den Augen der Welt so sorgsam entzogen wurde; denn er war ein leidenschaftlicher Bewunderer des schönen Geschlechts, und es lag in seinem Charakter eine Hinneigung zum Außerordentlichen und ein Unternehmungsgeist, die ihm ein großen Gefallen an jedem Abenteuer einflößten. Vor seiner Abreise nahm er mit der heiligen Brüderschaft des Klosters die nöthige Abrede wegen des Begräbnisses seines Freundes, der in der Cathedrale zu Würzburg neben einigen seiner erlauchten Verwandten beigesetzt werden sollte. Das trauernde Gefolge des Grafen übernahm die Aufsicht über seine irdischen Ueberbleibsel. Es ist jetzt hohe Zeit, zu der alten Familie von Katzenellenbogen, welche mit Ungeduld auf den Gast, und mit noch größerem Verlangen, auf das Mittagsessen wartete, und zu dem würdigen kleinen Baron zurückzukehren, den wir auf dem Wartthurm, frische Luft schöpfend, verließen. Die Nacht brach an, aber immer noch erschien kein Gast. In Verzweiflung stieg der Baron vom Thurme herab. Das Gastmahl, welches von Stunde zu Stunde verzögert worden war, konnte nicht länger verschoben werden. Die Speisen waren bereits verdorben; der Koch in Todesangst; und die ganze Hausgenossenschaft sah aus, wie eine durch Hunger zur Uebergabe gebrachte Besatzung. Der Baron sah sich gezwungen, das Fest ohne die Gegenwart des Gastes beginnen zu lassen. Alle setzten sich an den Tisch und waren eben im Begriff anzufangen, als der Klang eines Hornes von Außen die Ankunft eines Fremden meldete. Ein zweiter langgezogener Ton erfüllte die alten Burghöfe, und der Widerhall wurde von dem Thurmwart beantwortet. Der Baron eilte, seinen künftigen Schwiegersohn zu empfangen. Die Zugbrücke war herabgelassen worden und der Fremde hielt vor dem Thore. Es war ein schlanker, stattlicher Ritter auf einem schwarzen Rosse. Sein Gesicht war bleich, aber er hatte ein glänzendes, schwärmerisches Auge und den Ausdruck edler Schwermuth. Der Baron fühlte sich etwas beleidigt, daß er so einfach und allein daher gekommen sei. Seine Würde war einen Augenblick gekränkt, und er fühlte sich geneigt, dieß als einen Mangel an gehöriger Ehrfurcht bei dieser wichtigen Gelegenheit und gegen die bedeutende Familie anzusehen, mit welcher der Bräutigam sich verbinden sollte. Er beruhigte sich indessen mit der Betrachtung, daß es jugendliche Ungeduld gewesen sei, welche ihn vermocht habe, seinem Gefolge voraus zu eilen. »Es thut mir leid,« sagte der Fremde, »hier zu so ungelegener Zeit zu überraschen« – Hier unterbrach ihn der Baron mit einer Fluth von Complimenten und Begrüßungsworten, denn, die Wahrheit zu sagen, er bildete sich auf seine Höflichkeit und Beredsamkeit etwas ein. Der Fremde versuchte ein oder zweimal, den Strom seiner Rede zu hemmen, allein vergebens; er neigte also den Kopf, und ließ ihn dahin rauschen. In dem Augenblicke, wo der Baron zu einer kleinen Pause gekommen war, hatten sie den innern Schloßhof erreicht und der Fremde wollte so eben wieder anfangen zu reden, als er abermals durch die Erscheinung der weiblichen Mitglieder der Familie unterbrochen wurde, welche die zaudernde und erröthende Braut herbeiführten. Er blickte diese einen Augenblick wie ein Verzückter an; es schien, als ob seine ganze Seele sich in einem einzigen Blick ergösse und auf der lieblichen Form verweile. Eine von den Basen flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie machte einen Versuch zu sprechen; ihr feuchtes, blaues Auge erhob sich schüchtern; sie warf einen scheuen, forschenden Blick auf den Fremden, und schlug es wieder nieder. Die Worte erstarrten ihr auf den Lippen; allein ein sanftes Lächeln umschwebte diese, und die Grübchen auf ihren Wangen zeigten, daß ihr Blick nicht unbefriedigt geblieben sei. Es war unmöglich, daß einem Mädchen von achtzehn Jahren, für Liebe und Heirath bereits gestimmt, ein solcher Cavalier nicht gefallen hätte. Der Gast war spät angekommen, und alles weitere Reden wurde dadurch aufgehoben. Der Baron entschied, und verschob alle weiteren Unterredungen auf Morgen, und ging voran zu dem noch unberührten Gastmahl. Dieß ward in dem großen Rittersaal der Burg aufgetragen. An den Wänden umher hingen die Bilder der Helden aus dem Hause Katzenellenbogen, und die Siegeszeichen, welche sie in Schlachten und auf der Jagd davon getragen. Zerhackte Panzerhemden, gesplitterte Turnierlanzen und zerrissene Banner waren mit der Beute der Jagd vermischt; die Wolfsrachen und Eberhauer blinkten gräßlich zwischen Armbrüsten und Streitäxten hindurch, und ein gewaltiges Hirschgeweih zweigte sich unmittelbar über dem Haupte des jugendlichen Bräutigams auseinander. Der Cavalier gab auf die Gesellschaft oder das Mahl selbst nur sehr wenig Acht. Er genoß fast nichts, sondern schien in Bewunderung seiner Braut versunken. Er sprach so leise mit ihr, daß man nichts von dem, was er sagte, verstehen konnte – denn die Sprache der Liebe ist nie laut; aber wo gibt es ein so stumpfes weibliches Ohr, das nicht das leiseste Flüstern derselben auffaßte? Es lag ein Gemisch von Zärtlichkeit und Ernst in seiner Art und Weise, das auf die junge Dame einen mächtigen Einfluß zu haben schien. Während sie mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, kam und wich ihre Gesichtsfarbe. Zuweilen antwortete sie erröthend, und wenn sich sein Auge von ihr abwandte, warf sie einen verstohlenen Blick auf sein romantisches Gesicht, und ein leichter Seufzer zärtlicher Glückseligkeit hob ihre Brust. Es war klar, daß das junge Paar ganz in einander verliebt war. Die Basen, tief in die Geheimnisse des Herzens eingeweiht, erklärten, daß Beide bei dem ersten Blicke sich geliebt hätten. Das Fest wurde sehr fröhlich, oder doch wenigstens mit großem Geräusche fortgesetzt, denn die Gäste waren sämmtlich mit jener derben Eßlust gesegnet, welche von leichten Börsen und Bergluft unzertrennlich ist. Der Baron erzählte seine besten und längsten Geschichten, und nie hatte er sie so gut oder mit so großer Wirkung erzählt. War irgend etwas Wunderbares darin, so waren seine Zuhörer ganz voll Erstaunen, und war irgend etwas scherzhaftes darin, so lachten sie gewiß zur rechten Zeit. Der Baron stand freilich wie die meisten großen Männer zu hoch, um andere als sehr schale Scherze zu machen; allein jeder derselben war mit einem vollen Glase vortrefflichen Hochheimers gewürzt, und selbst ein schwerfälliger Scherz wirkt, mit gutem alten Wein vorgesetzt, unwiderstehlich. Aermere und schlauere Witzlinge sagten Manches, das sich nur etwa bei ähnlichen Gelegenheiten wiederholen lassen dürfte; den Frauen ward mancher kecke Scherz in die Ohren geflüstert, worüber sie, bei unterdrücktem Lachen, beinahe ersticken wollten; und ein armer, aber lustiger, dickköpfiger Vetter des Barons sang ein paar Lieder, bei denen sich die Basen durchaus die Fächer vorhalten mußten. Bei all diesem lustigen Treiben behauptete der fremde Gast einen höchst sonderbaren und unzeitigen Ernst. Je tiefer es in die Nacht ging, desto düsterer ward seine Miene, und so seltsam es auch scheinen mag, selbst die Scherze des Barons schienen ihn nur noch schwermüthiger zu machen. Zuweilen war er in Gedanken verloren, zuweilen deutete das verstörte, rastlose Umherirren seines Auges auf ein unruhig bewegtes Gemüth. Seine Unterhaltungen mit der Braut wurden immer ernster und geheimnißvoller. Dichte Wolken umhüllten die schöne Heiterkeit ihrer Stirne und ein leises Zittern begann ihre zarten Glieder zu durchzucken. Alles dieß konnte der Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht entgehen. Ihre Fröhlichkeit ward durch die unerklärliche Düsterkeit des Bräutigams erstickt; diese steckte an; man flüsterte mit einander und warf sich Blicke zu, die von Achselzucken und zweifelhaftem Kopfschütteln begleitet waren. Gesang und Lachen wurden seltner und seltner, und es entstanden öde Pausen in der Unterhaltung, welchen endlich phantastische Erzählungen und Legenden von übernatürlichen Dingen folgten. Eine traurige Geschichte veranlaßte die andere noch traurigere, und der Baron brachte die Damen beinahe zu Krämpfen durch die Geschichte von dem gespenstischen Reiter, der die schöne Leonore entführte; eine schreckliche, aber wahre Geschichte, welche seitdem in vortreffliche Verse gebracht worden ist, und an die alle Welt glaubt. Der Bräutigam hörte diese Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit an. Er hielt seine Augen fest auf den Baron geheftet, begann, als die Geschichte zu Ende ging, allgemach von seinem Sitze aufzustehen, und ward immer größer und größer, bis er, in des Barons verzücktem Auge, beinahe Riesengröße zu erreichen schien. In dem Augenblicke, wo die Erzählung geendigt war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, und nahm von der Gesellschaft feierlich Abschied. Alles war erstaunt. Der Baron war vollkommen wie vom Donner gerührt. »Wie! um Mitternacht das Schloß verlassen? Wie, da Alles zu seinem Hierbleiben eingerichtet, und ein Gemach für ihn bereit ist, wenn er sich zurückzuziehen wünscht?« Der Fremde schüttelte düster und geheimnißvoll den Kopf: »ich muß mich diese Nacht in einem andern Gemache betten!« Es lag etwas in dieser Antwort und in dem Tone, womit sie gegeben wurde, was des Barons Herz erbeben machte, allein er faßte sich und wiederholte seine gastfreundliche Einladung. Der Fremde schüttelte bei diesem Antrage schweigend, aber entschieden, den Kopf, und der Gesellschaft ein Lebewohl zuwinkend, schritt er langsam aus der Halle. Die Basen waren durchaus versteinert, – die Braut ließ den Kopf hängen und eine Thräne schlich sich in ihr Auge. Der Baron folgte dem Fremden in den großen Hof des Schlosses, wo das schwarze Streitroß stand, mit dem Fuße scharrend und voll Ungeduld schnaubend. – Als sie das Portal erreicht hatten, dessen tiefer Bogen durch ein Feuerbecken nur schwach erhellt wurde, blieb der Fremde stehen und redete den Baron mit einer hohlen Stimme an, welche in dem Gewölbe nur noch grabähnlicher klang. »Nun, da wir allein sind,« sagte er, »will ich Euch die Ursache meines Weggehens mittheilen. Ich habe eine feierliche, eine unauflösliche Verpflichtung –« »Nun, könnt Ihr nicht,« sagte der Baron, »irgend Jemanden an Eurer Stelle senden?« »Sie läßt keinen Stellvertreter zu – ich muß in eigner Person erscheinen – ich muß fort, in die Cathedrale von Würzburg« – »Ja,« sagte der Baron, indem er sich ein Herz faßte, »aber nicht eher als morgen – morgen sollt Ihr Eure Braut dahin führen.« »Nein! nein!« erwiederte der Fremde, mit zehnfacher Feierlichkeit: »ich bin keiner Braut verpflichtet – die Würmer! die Würmer erwarten mich! ich bin todt – Räuber haben mich erschlagen – mein Körper liegt in Würzburg– um Mitternacht soll ich zur Erde bestattet werden – das Grab erwartet mich – ich muß mich einstellen!« Er schwang sich auf sein schwarzes Streitroß, sprengte über die Zugbrücke, und der Klang der Hufe verlor sich im Pfeifen des Nachtwindes. Der Baron kehrte, in der äußersten Bestürzung, in den Saal zurück, und erzählte, was vorgefallen war. Zwei Damen fielen sogleich in Ohnmacht, und andern ward wehe bei dem Gedanken, mit einem Gespenst geschmaust zu haben. Einige meinten, es sei der in den deutschen Sagen berühmte wilde Jäger gewesen, Andere sprachen von Berg- oder Waldgeistern und anderen überirdischen Wesen, mit welchen die guten Deutschen seit undenklichen Zeiten so sehr geplagt sind. Einer von den armen Verwandten wagte es zu äußern, das Ganze sei wohl ein scherzhafter Ausweg des jungen Cavaliers gewesen, und selbst das düstere dieses Einfalls passe zu dem finstern Wesen des Mannes. Allein diese Aeußerung machte den Unwillen der ganzen Gesellschaft, und besonders den des Barons rege, der ihn geradezu wie einen Ungläubigen behandelte, so daß er gern so schnell als möglich seine Ketzerei abschwor und sich an die wahren Gläubigen anschloß. Welche Zweifel man aber auch gehabt haben mochte, so wurden sie am folgenden Tage durch die, auf regelmäßigem Wege anlangenden Nachrichten, welche die Ermordung des jungen Grafen und seine Beisetzung in der Cathedrale von Würzburg bestätigten, vollkommen widerlegt. Man kann sich leicht die Angst in dem Schlosse denken. Der Baron verschloß sich in sein Zimmer. Die Gäste, welche hergekommen waren, sich mit ihm zu freuen, konnten ihn doch nicht wohl in den Stunden seiner Trauer verlassen. Sie wandelten auf den Höfen umher, oder sammelten sich in Gruppen, im Saale, schüttelten die Köpfe oder zuckten die Achseln über das Unglück eines so guten Mannes, und saßen länger zu Tische und aßen und tranken wackerer als je, um sich bei gutem Muthe zu erhalten. Am bedauerungswürdigsten war aber die Lage der verlassenen Braut. Einen Gatten verloren zu haben, ehe sie ihn nur einmal umarmt – und solch einen Gatten! War das Gespenst schon so edel und angenehm, wie mußte der lebende Mann gewesen sein? Sie erfüllte das Haus mit Klagen. In der zweiten Nacht ihres Wittwenthums hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, begleitet von einer ihrer Basen, welche darauf bestand, mit ihr in einem Gemache zu schlafen. Die Base, eine der besten Geistergeschichten-Erzählerinnen in Deutschland, hatte grade eine ihrer längsten aufgetischt, und war mitten in derselben eingeschlafen. Das Zimmer war abgelegen, und hatte die Aussicht aus einen kleinen Garten. Die Nichte lag gedankenvoll und blickte auf die Strahlen des aufgehenden Mondes hin, wie sie auf den Blättern einer Espe zitterten, die vor dem Fenster stand. Die Schloßuhr hatte so eben die Stunde der Mitternacht verkündigt, als eine sanfte Musik aus dem Garten herauf ertönte. Sie sprang eilig aus dem Bett und trat leise an das Fenster. Eine schlanke Gestalt stand im Schatten der Bäume. Als sie den Kopf erhob, fiel ein Strahl des Mondlichts auf ihr Gesicht. Himmel und Erde! sie sah den Geister-Bräutigam! In diesem Augenblick hörte sie einen lauten Schrei hinter sich, und ihre Base, die von der Musik erwacht, und ihr stillschweigend nach dem Fenster gefolgt war, fiel ihr in die Arme. Als sie wieder hinblickte, war das Gespenst verschwunden. Von den beiden Frauenzimmern bedurfte die Base jetzt denn am meisten Ermuthigung, sie war vor Schreck ganz außer sich. Was die junge Dame betraf, so war selbst mit dem Geiste ihres Geliebten noch etwas verknüpft, das ihr erfreulich schien. Der Anschein männlicher Schönheit war stets noch da; und obgleich der Schatten eines Mannes wenig gemacht ist, die Gefühle eines liebekranken Mädchens zu beschwichtigen, so ist doch selbst dieß, wenn der wirkliche Geliebte fern ist, noch tröstend genug. Die Base erklärte, daß sie nie wieder in diesem Zimmer schlafen, die Nichte, dießmal widerspenstig, erklärte fest, daß sie in keinem andern des Schlosses schlafen würde. Natürlich mußte sie nun allein bleiben; vorher ließ sie sich aber von der Base das feierliche Versprechen geben, die Geschichte von dem Geiste Niemand zu erzählen, damit ihr nicht der einzige, traurige, auf Erden noch gebliebene Trost geraubt würde – den, das Zimmer zu bewohnen, in dessen Nähe der schützende Schatten ihres Geliebten wache. Es ist ungewiß, wie lange die gute alte Dame dieß Geheimniß bewahrt haben würde, denn sie sprach gern von wunderbaren Begebenheiten, und es liegt immer ein stiller Triumph darin, der Erste zu sein, der eine schauderhafte Geschichte vorträgt; man führt es indessen in der Gegend noch immer als ein merkwürdiges Beispiel weiblicher Verschwiegenheit an, daß sie das Geheimniß eine ganze Woche bewahrte, nach deren Verlauf sie alles weiteren Zwanges durch die Nachricht überhoben wurde, welche des Morgens beim Frühstück gebracht ward, daß die junge Dame nirgends zu finden sei. Ihr Zimmer war leer – ihr Bett unberührt – das Fenster war offen und der Vogel davongeflogen. Das Erstaunen und den Schrecken, welche diese Nachricht erregte, können sich nur Diejenigen denken, welche den Eindruck beachtet haben, den das Unglück eines großen Mannes unter seinen Freunden hervorbringt. Selbst die armen Verwandten ließen Messer und Gabel einen Augenblick von der unermüdlichen Arbeit des Zerlegens ruhen; auf einmal aber rang die Base, die bis dahin starr dagestanden hatte, die Hände und kreischte: »das Gespenst! das Gespenst! sie ist von dem Gespenst entführt worden.« Mit wenigen Worten erzählte sie nun den furchtbaren Auftritt im Garten, und schloß mit der Behauptung, daß das Gespenst seine Braut hinweggeführt haben müsse. Zwei von den Bedienten bestätigten diese Aussage, denn sie hatten um Mitternacht das Geklapper von Pferdehufen den Berg hinab gehört, und zweifelten nicht, daß es das Gespenst auf seinem schwarzen Rosse gewesen, das seine Braut zum Grabe hinweggeschleppt habe. Alle Anwesenden fühlten das gräßlich Wahrscheinliche dieser Aussage; denn Begebenheiten dieser Art sind in Deutschland überaus gewöhnlich, wie dieß manche sehr echte Geschichten beweisen. Welche traurige Lage für den armen Baron! welche herzzerreißende Betrachtungen mußten sich nicht einem liebenden Vater und einem Gliede der großen Familie von Katzenellenbogen aufdringen! Seine einzige Tochter verschloß entweder das Grab, oder er bekam irgend einen Waldgeist zum Schwiegersohn, und vielleicht dereinst einen ganzen Haufen von Geisterenkeln. Wie gewöhnlich, machte ihn dieß alles vollständig verwirrt, und das ganze Schloß gerieth darüber in Aufruhr und Bewegung. Alle männliche Bedienten mußten aufsitzen und jeden Weg und Steg im Odenwalde durchstreifen; der Baron selbst hatte so eben seine Reisestiefeln angezogen, sein Schwerdt umgegürtet, und war im Begriff, sein Roß zu besteigen, um ebenfalls auf Nachforschung auszugehen, als eine neue Erscheinung der Sache eine andere Wendung gab. Man sah eine Dame sich dem Schlosse nähern, die auf einem Zelter ritt, und von einem Cavalier zu Pferde begleitet wurde. Sie galoppirte zum Thore hinauf, sprang vom Pferde, warf sich zu den Füßen des Barons und umfaßte seine Kniee. Es war seine verlorene Tochter, und ihr Gefährte – der Geister-Bräutigam. Der Baron konnte vor Erstaunen nicht zu sich kommen. Er blickte auf seine Tochter, dann auf den Geist, und konnte beinahe seinen Sinnen nicht trauen. Der Letztere hatte sich indeß wunderbar zu seinem Vortheil verändert, seit er seinen Besuch in der Geisterwelt abgestattet. Sein Anzug war glänzend, und seine Gestalt erschien darin im schönsten Ebenmaße. Er war nicht mehr bleich und schwermüthig. Auf seinem schönen Gesichte strahlte der Glanz der Jugend, und die Freude lachte in seinem großen dunkeln Auge. Das Geheimniß war bald aufgeklärt. Der Cavalier (denn, wahrlich, Ihr müßt doch alle schon längst gemerkt haben, daß es kein Geist war) kündigte sich als den Freiherrn Hermann von Starkenfaust an. Er erzählte sein Abenteuer mit dem jungen Grafen. Er sagte, wie er nach dem Schlosse geeilt sei, um die schlimme Botschaft zu überbringen, wie aber die Beredsamkeit des Barons jeden seiner Versuche, seine Geschichte zu erzählen, vereitelt habe. Wie der Anblick der Braut ihn so ganz bezaubert, daß, um einige Stunden in ihrer Nähe zuzubringen, er stillschweigend den Irrthum habe fortdauern lassen. Er habe jedoch nicht gewußt, wie er sich auf eine anständige Art zurückziehen solle, bis des Barons Geistergeschichten ihn auf den Gedanken seines ungewöhnlichen Abzugs gebracht habe. Die angeerbte Feindschaft der Familien erwägend, habe er seine Besuche heimlich wiederholt – den Garten unter dem Fenster der jungen Dame durchstreift – geworben – gewonnen – sie im Triumph davon geführt – und mit einem Wort, die Schöne geehelicht. Unter anderen Umständen würde der Baron unerbittlich gewesen sein, denn er hielt sehr auf väterliches Ansehen, und verfocht Familienfehden mit gehöriger Hartnäckigkeit; allein er liebte seine Tochter; er hatte sie für verloren gehalten; er freute sich, sie wieder lebend zu finden, und ihr Gatte war, wenn gleich aus einem feindlichen Hause, doch, dem Himmel sei's gedankt, kein Gespenst. Es lag allerdings in dem Scherz, den der Ritter mit ihm getrieben, sich gegen ihn für einen Todten auszugeben, etwas, das mit seinen Begriffen von strenger Wahrheitsliebe nicht so recht zusammenpassen wollte; allein mehrere alte anwesende Freunde, welche mit im Kriege gewesen waren, versicherten ihn, daß in der Liebe sich jede Kriegslist entschuldigen lasse, und daß der Cavalier um so mehr dazu berechtigt gewesen sei, diese zu brauchen, da er kürzlich als Anführer eines Reiterhaufens gedient habe. Es ward daher Alles auf das Beste ausgeglichen. Der Baron verzieh dem jungen Paare auf der Stelle. Die Festlichkeiten auf dem Schlosse begannen aufs Neue, die armen Verwandten überhäuften das neue Familienglied mit liebender Zärtlichkeit; es war ja so wacker, so großmüthig und – so reich. Die Basen ärgerten sich allerdings ein wenig, daß ihr System der strengen Abgeschiedenheit und des Gehorsams sich so schlecht bewährt habe, schrieben aber Alles ihrer Nachlässigkeit zu, daß sie die Fenster nicht vergittern lassen. Eine von ihnen fühlte sich besonders gekränkt, daß ihre wunderbare Geschichte so ganz verdorben, und das einzige Gespenst, das sie in ihrem Leben gesehen, ein unechtes gewesen sei; aber die Nichte schien vollkommen zufrieden zu sein, daß sie das Gespenst aus wirklichem Fleisch und Blut bestehend gefunden – und so endigte die Geschichte. Die Westminster-Abtei. Wenn, tief erstaunt, mein Auge sich erhebt, Im hehren Westminster, wo der Verein Der Könige und all der Edeln lebt In ihren Denkmälern von Erz und Stein; Seh' ich da nicht den Adel umgestaltet, Entblößt des Stolzes und der eiteln Pracht? Die Majestät, die da gutmüthig waltet, Des Pompes baar und ihrer ird'schen Macht? Und wie ein Spielwerk, ein bemalter Stein Nun ihrem stillen Geiste wohlgefällt, Dem einst der Raum zu unbedeutend klein Erschien, wie hoch ihn auch das Glück gestellt?           Sein ist das Eis kalter Glückseligkeit,     Sterben das Aufthau'n aller Eitelkeit. Christolero's Epigramme, von T. B. 1598. An einem jener ruhigen und fast schwermüthigen Tag, in der späteren Zeit des Herbstes, wo die Morgen- und Abendschatten sich beinahe vermischen und eine gewisse Düsterkeit über das hinscheidende Jahr werfen, brachte ich mehrere Stunden mit einer Wanderung um die Westminster Abtei zu. Es lag in der Jahreszeit etwas, mit der trüben Pracht des alten Gebäudes Uebereinstimmendes, und als ich über die Schwelle desselben schritt, schien ich in das Gebiet des Alterthums zurückzuschreiten, und mich unter den Schatten früherer Jahrhunderte zu verlieren. Ich trat von dem einen Hofe der Westminster Schule durch einen langen, niedrigen, gewölbten Gang ein, der beinahe wie ein unterirdischer aussah, und nur an einer Stelle durch kreisrunde, in die dicken Mauern gebrochene Oeffnungen schwach erleuchtet wird. Aus diesem finstern Gang hatte ich eine entfernte Aussicht auf die Kreuzgänge, und sah die Gestalt eines alten Kirchendieners, in seinem schwarzen Mantel, der unter den düsteren Gewölben, wie ein Gespenst aus einem der benachbarten Gräber, sich dahinbewegte. Der Zugang zur Abtei durch diese dunkelen mönchischen Ueberbleibsel, bereitete das Gemüth auf die feierliche Betrachtung derselben vor. Die Kreuzgänge haben noch immer etwas von der Ruhe und Abgeschlossenheit früherer Tage. Die grauen Mauern sind durch die Feuchtigkeit farblos geworden, und verfallen vor Alter; über den Inschriften der Grabmale hat sich eine Decke von weißlichem Moose gebildet, und die Todtenköpfe und andere Sinnbilder des Grabes gedunkelt. Die scharfen Spuren des Meißels sind an den reichen Bogenverzierungen verschwunden; die Rosen, welche die Schlußsteine verzierten, haben ihre blattreiche Schönheit verloren; Alles trägt die Spuren der allmähligen Zerstörung der Zeit, welche dennoch, selbst in ihrem Verfall, etwas Rührendes und Angenehmes hat. Die Sonne warf einen gelben, herbstlichen Strahl in die breiten Kreuzgänge, beleuchtete einen dürftigen Rasenfleck in der Mitte, und erhellte einen Winkel des gewölbten Ganges. Zwischen den Bogengängen hindurch erblickte das Auge zuweilen eine kleine Stelle vom blauen Himmel, oder eine vorüberziehende Wolke, und sah die von der Sonne vergoldeten Zinnen der Abtei sich zu dem blassen Aether erheben. Während ich die Kreuzgänge durchschritt, zuweilen dieses gemischte Gemälde von Herrlichkeit und Verfall betrachtend, und zuweilen die Inschriften auf den Grabsteinen zu entziffern suchend, welche das Pflaster unter meinem Fuße bildeten, ward mein Auge durch drei, roh in Stein ausgehauene, aber durch die Tritte mancher Geschlechter beinahe verwischte Gestalten angezogen. Es waren die Bildnisse von drei früheren Aebten; die Grabschriften waren gänzlich verwischt; nur die Namen, die man wahrscheinlich in späteren Zeiten aufgefrischt hatte, waren geblieben. ( Vitalis Abbas 1082, Gislebertus Crispinus Abbas 1114 und Laurentius Abbas 1176 ) Ich blieb eine Weile stehen und dachte über diese zufällig erhaltenen Ueberbleibsel des Alterthums nach, welche so, wie Wracke auf dieser entfernten Küste der Zeit erhalten, nichts verkünden, als daß solche Wesen vorhanden waren und dahingegangen sind, und keine Moral lehren, als die Nichtigkeit des Stolzes, der noch in seiner Asche Ehrenbezeigungen fordern zu können und in einer Inschrift fortzuleben hofft. Ein wenig länger, und selbst diese schwache Erinnerung wird verschwunden sein, und das Denkmal selbst aufhören, als ein Andenken zu dienen. Während ich so auf die Grabsteine herabblickte, wurde ich durch den Ton der Abteiglocke aufgeschreckt, welche von Pfeiler zu Pfeiler zurückhallte, und in den Kreuzgängen widertönte. Es ist beinahe erschreckend, dieses Mahnen der dahingeschwundenen Zeit unter den Gräbern ertönen und das Verflossensein einer Stunde ankündigen zu hören, welche, wie eine Welle, uns vorwärts gegen das Grab gerollt hat. Ich setzte meinen Spaziergang nach einer Bogenthüre fort, welche in das Innere der Abtei ging. Wenn man hier eintritt, dringt die Größe des Gebäudes, im Contrast mit den Gewölben des Kreuzgangs, gewaltig auf das Gemüth ein. Das Auge blickt mit Erstaunen auf die gekoppelten Säulen von riesenhaften Verhältnissen, mit Bogen, welche von ihnen bis zu einer so erstaunlichen Höhe emporsteigen, und den Menschen, der an ihren Fußgestellen umhergeht, und, im Vergleich mit dem Werk seiner Hände, selbst zur Unbedeutsamkeit herabgesunken ist. Der weite Raum und die Düsterkeit des Gebäudes erzeugen eine tiefe und geheimnißvolle Ehrfurcht. Wir wandeln bedachtsam und leise umher, als ob wir fürchteten, das heilige Schweigen des Grabes zu unterbrechen; während jeder Fußtritt an den Wänden entlang widertönt, unter den Gräbern rauscht, und uns die Stille noch fühlbarer macht, welche wir unterbrochen haben. Es scheint, als ob das Ergreifende des Ortes die Seele niederdrücke, und den Beschauer zu einer geräuschlosen Ehrfurcht zwinge. Wir fühlen, daß wir von den vereinten Gebeinen der großen Männer früherer Zeit umgeben sind, welche die Geschichte mit ihren Thaten und die Erde mit ihrem Ruhme erfüllt haben. Und doch erregt es beinahe ein Lächeln über die Eitelkeit des menschlichen Ehrgeizes, wenn man sieht, wie Alle im Staube zusammengedrängt und gepreßt sind; welche Kargheit beobachtet worden ist, einen kleinen Winkel, eine finstere Ecke, einen kleinen Fleck Erde, denen zuzutheilen, die im Leben kaum Königreiche befriedigen konnten; und wie manche Gestalten, Formen und Künste angewandt werden, die zufällige Aufmerksamkeit des Vorübergehenden auf sich zu ziehen, und auf wenige kurze Jahre, einen Namen der Vergessenheit zu entreißen, der einst die Gedanken und die Bewunderung der Welt zu fesseln gedachte. Ich brachte eine Zeitlang in dem »Dichter-Winkel« zu, welcher das Ende eines der Kreuzflügel der Abtei bildet. Die Denkmale sind überhaupt einfach, denn das Leben der Gelehrten bietet für den Bildhauer kein weites Feld dar. Shakspeare und Addison hat man Bildsäulen zu ihrem Andenken errichtet; der größere Theil der Verstorbenen aber hat Büsten, Medaillons, und zuweilen bloße Inschriften. Der Einfachheit dieser Andenken ungeachtet, habe ich immer bemerkt, daß die Besucher der Abtei am längsten bei ihnen verweilen. Ein freundlicheres und angenehmeres Gefühl tritt an die Stelle der kalten Neugier oder der vagen Bewunderung, womit sie die glänzenden Denkmale der Großen und der Helden betrachten. Sie bleiben bei diesen wie bei den Gräbern von Freunden und Genossen stehen; denn, in der That, es besteht zwischen dem Schriftsteller und dem Leser eine Art von Gemeinschaft. Andere Leute werden der Nachwelt nur durch die Geschichte bekannt, welche immer schwächer und dunkler wird: aber die Verbindung zwischen dem Schriftsteller und seinen Zeitgenossen ist immer neu, lebendig und unmittelbar. Er hat mehr für sie, als für sich selbst gelebt: er hat die ihn umgebenden Genüsse aufgeopfert, und sich von den Vergnügungen des geselligen Lebens ausgeschlossen, um desto genauer sich mit entfernten Gemüthern und entfernten Zeiten zu befreunden. Wohl mag die Welt sich seinen Ruhm angelegen sein lassen; denn er hat ihn nicht durch Gewaltsamkeiten und Blutvergießen, sondern durch die ihr emsig bereiteten Genüsse erworben. Wohl mag die Nachwelt dankbar gegen sein Andenken sein; denn er hat ihr eine Erbschaft hinterlassen, die nicht in leeren Namen und hochtönenden Thaten, sondern in ganzen Schätzen von Weisheit, den hellfunkelnden Edelsteinen der Gedanken und den goldenen Adern der Sprache, besteht. Aus dem Dichter-Winkel setzte ich meine Streiferei nach dem Theile der Abtei fort, welcher die Gräber der Könige enthält. Ich wanderte zwischen dem umher, was einst Capellen waren, nun aber von den Gräbern und Denkmalen der Großen eingenommen ist. Bei jeder Wendung begegnete ich irgend einem ausgezeichneten Namen, oder der Erinnerung an irgend ein in der Geschichte berühmtes Haus. Wenn das Auge in diese finsteren Kammern des Todes blickt, sieht es sonderbare Bildnisse; Einige knieend, wie zum Gebete, in Nischen; Andere auf den Gräbern mit fromm gefalteten Händen ausgestreckt; Krieger in ihrer Rüstung, als ruhten sie von der Schlacht aus; Prälaten mit Krummstäben und Bischofsmützen, und Edelleute in Staatsgewändern und mit Wappenkronen, als ob sie auf dem Paradebett lägen. Beim Betrachten dieser so seltsam bevölkerten Räume, die doch so still und öde sind, scheint es beinahe, als ob wir ein Haus in jener fabelhaften Stadt beträten, wo Alles plötzlich in Stein verwandelt worden war. Ich blieb stehen, um ein Grab zu betrachten, worauf ein Ritter in voller Rüstung lag. An dem einen Arme hatte er einen großen Schild; die Hände waren betend auf der Brust gefaltet; das Gesicht war beinahe ganz von der Sturmhaube bedeckt; die Beine waren gekreuzt, zum Zeichen, daß der Krieger die heiligen Kriege mitgemacht habe. Es war das Grabmal eines Kreuzfahrers; eines der kriegerischen Schwärmer, welche so seltsam Religion und Romantik vermischten, und deren Thaten das Verbindungsglied zwischen Thatsache und Dichtung, zwischen Geschichte und Feenmährchen bilden. Es liegt etwas ungemein Malerisches in den Gräbern dieser Abenteurer, welche so mit den rohen Wappenschilden und der gothischen Bildhauerarbeit verziert sind. Sie passen zu den alterthümlichen Capellen, in denen man sie gewöhnlich findet, und wenn man sie betrachtet, entzündet sich die Einbildungskraft wohl bei dem Gedanken an Sagengeschichte, Romanendichtungen, und den ritterlichen Prunk und Glanz, welchen die Dichtkunst über die Kriege für das Grab Christi verbreitet hat. Sie sind die Ueberbleibsel von durchaus vergangenen Zeiten; – von Wesen, die ganz aus dem Gedächtniß entschwunden sind; – von Sitten und Gewohnheiten, mit denen die unsrigen keine Verwandtschaft haben. Sie sind wie Gegenstände aus einem fremden, weitentfernten Lande, von welchem wir keine gewisse Kenntniß haben, und über das alle unsere Begriffe unbestimmt und verschwebend sind. Es liegt etwas ungemein Feierliches und Ehrfurchtgebietendes in diesen Bildern auf den gothischen Grabmälern, die wie im Todesschlafe oder im Gebete der Todesstunde ausgestreckt daliegen. Sie machen einen unendlich tieferen Eindruck auf mein Gefühl, als die phantastischen Stellungen, die gesuchten Gedanken und die allegorischen Gruppen, welche man auf den neueren Denkmalen in Ueberfluß findet. Auch die Trefflichkeit mancher alten Grabschriften hat auf mich einen ungemein großen Eindruck gemacht. Man hatte in alten Zeiten eine schöne Art, Dinge ganz einfach zu sagen, und sie doch mit großem Stolz zu sagen, und ich kenne keine Grabschrift, aus welcher ein stolzeres Bewußtsein von Familienwerth und edler Abkunft spräche, als eine, worin von einem adeligen Hause gesagt wird, »daß alle Brüder tapfer und alle Schwestern tugendhaft gewesen wären.« In dem Kreuzflügel, dem Dichter-Winkel gegenüber, steht ein Denkmal, welches zu den berühmtesten Werken der neuern Kunst gehört, was mir aber eher gräßlich als erhaben zu sein scheint. Es ist das Grabmal der Mrs. Nightingale, von Roubillac. Der Untersatz des Denkmals ist so dargestellt, als öffneten sich seine marmornen Thüren, und ein bekleidetes Geripp tritt heraus. Das Gewand fällt von seinen fleischlosen Knochen, wie es seinen Pfeil nach seinem Opfer schleudert. Sie sinkt in ihres erschreckten Gatten Arme, welcher mit vergeblicher und fieberhafter Anstrengung den Streich abwenden zu wollen scheint. Das Ganze ist mit furchtbarer Wahrheit und Lebendigkeit ausgeführt; wir glauben beinahe das kreischende Triumphgeschrei auf den geöffneten Kinnbacken des Gespenstes zu hören. – Warum sollen wir aber den Tod mit unnützen Schrecken zu umgeben, und Gräßlichkeiten um das Grab Derer, die wir lieben, zu verbreiten suchen? Das Grab sollte mit allem umgeben werden, was Zärtlichkeit und Verehrung für die Todten einflößen kann; oder was die Ueberlebenden für die Tugend gewinnen mag. Es ist ein Ort, nicht des Elends und Abscheus, sondern des Schmerzes und des Nachdenkens. Während man in diesen düsteren Gewölben und schweigenden Kreuzgängen umherwandert, und die Andenken der Todten genauer betrachtet, erreicht zuweilen der Ton des geschäftigen Lebens von Außen das Ohr; das Rollen eines vorüberfahrenden Wagens; das Gemurmel der Menge; oder vielleicht das leichtsinnige Lachen des Vergnügens. Der Gegensatz ist, mit der todtengleichen Stille umher zusammengehalten, auffallend, und es macht einen eigenthümlichen Eindruck auf das Gefühl, wenn man die Wogen des thätigen Lebens in den Mauern des Grabes dahinströmen und daran anschlagen hört. Ich fuhr fort auf diese Weise von Grab zu Grabe, und von Capelle zu Capelle zu gehen. Der Tag nahm allmählig ab; die fernen Tritte der um die Abtei Wandernden wurden weniger und weniger häufig; die sanft tönende Glocke rief zum Abendgebet, und ich sah in der Entfernung die Chorknaben in ihren weißen Chorhemden, durch den Kreuzgang ziehen und den Chor betreten. Ich stand vor dem Eingange zu Heinrich des Siebenten Capelle. Eine Treppe führte, unter einem tiefen und düstern, aber prächtigen Bogen, hinauf. Große metallene Thore, reich verziert und schön gearbeitet, drehen sich schwerfällig auf ihren Angeln, als ob sie stolz es wehren wollten, daß die Füße gewöhnlicher Sterblichen dieses prunkvollste aller Gräber beträten. Beim Eintritt wird das Auge von der Pracht der Architektur und der kunstvollen Schönheit der ins Einzelne gehenden Bildhauerarbeit geblendet. Selbst die Mauern sind zu fortlaufenden Zierrathen geworden, mit Bildhauerarbeit ausgelegt, und Nischen darin ausgehauen, in welchen Bildsäulen von Heiligen und Märtyrern stehen. Der Stein scheint, durch die geschickte Arbeit des Meißels, seiner ganzen Schwere und Dichtigkeit beraubt zu sein, wie durch Zauberkraft frei da zu hangen, und die reich verzierte Decke mit der wunderbaren Regelmäßigkeit und luftigen Sicherheit eines Spinngewebes ausgeführt zu sein. Die Seiten der Capelle entlang sind die hohen Stühle der Ritter vom Bathorden, reich auf Eichenholz, obgleich mit den grotesken Verzierungen der gothischen Architektur, geschnitzt. Oben auf den Stühlen sind die Helme und Helmzierden der Ritter, mit ihren Schärpen und Schwertern befestigt, und über diesen hängen ihre Banner mit den Wappen in Farben darin, wobei Gold, Purpur und Hochroth gegen die kalte graue Bildhauerarbeit der Decke sonderbar absticht. Mitten in diesem großen Mausoleum steht das Grab seines Stifters, sein Bild mit dem seiner Gemahlin, auf einem prachtvollen Grabe ausgestreckt und das Ganze von einem herrlich gearbeiteten metallenen Gitter umgeben. Es ist eine traurige Starrheit in dieser Pracht; dieser seltsamen Mischung von Gräbern und Siegeszeichen, diesen Sinnbildern des lebenden und aufstrebenden Ehrgeizes, dicht neben Denkmalen, welche den Staub und die Vergessenheit andeuten, worin Alles früher oder später sich auflösen muß. Nichts flößt dem Geist ein tieferes Gefühl der Verlassenheit ein, als wenn man den schweigenden und verlassenen Schauplatz früheren Lebens und Prunkes betritt. Indem ich rundum die leeren Stühle der Ritter und ihrer Waffenträger, und die Reihen der bestaubten, doch prächtigen Banner betrachtete, welche einst vor ihnen hergetragen wurden, beschwor meine Einbildungskraft das Schauspiel herauf, als diese Halle einst von der Tapferkeit und Schönheit des Landes erglänzte; leuchtend von dem Prunk der Juwelen der Vornehmen und von kriegerischem Pomp; belebt von so manchen Fußtritten und dem Gesumme einer bewundernden Menge. Alles dieß war vorüber; das Schweigen des Todes hatte sich wieder des Ortes bemeistert, und wurde nur zuweilen von dem Zirpen der Vögel unterbrochen, die ihren Weg in die Capelle gefunden und ihre Nester in den Friesen und Fahnen gebaut hatten – sichere Anzeichen der Einsamkeit und Verlassenheit. Als ich die Namen las, welche auf den Bannern standen, fand ich, daß sie Leuten angehörten, welche weit und breit in der Welt zerstreut sind. Einige davon wogten auf entfernten Meeren umher; Andere standen in entfernten Ländern unter den Waffen; Andere nahmen an den geschäftigen Intriguen an Höfen und in Cabinetten Antheil; und Alle waren bemüht noch eine Auszeichnung mehr in diesem Wohnsitze der Schattenehren zu verdienen, den trübseligen Lohn eines Grabdenkmals. Zwei kleine Gänge an jeder Seite dieser Capelle geben ein rührendes Beispiel von der Gleichheit, welche das Grab hervorbringt; welches den Unterdrücker auf eine Stufe mit dem Unterdrückten stellt, und den Staub der bittersten Feinde vermischt. In einem ist das Grabmal der stolzen Elisabeth, in dem andern das ihres Opfers, der liebenswürdigen, unglücklichen Maria. Es vergeht keine Stunde des Tages, wo nicht irgend ein Ausruf des Mitleids über das Schicksal der Letztern, mit dem des Unwillens über ihre Unterdrückerin gemischt, hier gehört wird. Die Mauern von Elisabeth's Grab hallen fortdauernd von den Seufzern der Theilnahme wieder, welche am Grabe ihrer Nebenbuhlerin erschallen. Eine ganz eigenthümliche Schwermuth ruht auf dem Seitengange, wo Maria begraben ist. Das Licht fällt spärlich durch die von Staub verfinsterten Fenster herein. Der größere Theil des Platzes liegt in tiefem Schatten, und die Mauern sind von der Zeit und dem Wetter beschmutzt und gefärbt. Eine marmorne Bildsäule der Maria liegt auf dem Grabe, das rundum mit einem eisernen, sehr zerfressenen Gitter umgeben ist, auf welchem ihr Landes-Sinnbild, – die Distel, angebracht ist. Ich war vom Umhergehen ermüdet und setzte mich neben dem Denkmal nieder, über das bewegte und verhangnißvolle Leben der armen Maria nachdenkend. Der Ton der einzelnen Fußtritte in der Gegend der Abtei war verhallt. Nur dann und wann konnte ich in der Entfernung die Stimme des Priesters hören, der das Abendgebet herlas, und die schwachen Responsen des Chors. Diese hörten eine Zeitlang auf, und Alles ward schweigend. Die Stille, die Einsamkeit und Dunkelheit, welche allmählig rund umher sich zu verbreiten anfingen, gaben dem Orte einen großartigern und feierlichern Anstrich: Denn in dem stillen Grab wird kein Gespräch, Kein froher Freundestritt, der Liebe Stimme, Des Vaters treuer Rathschlag nicht gehört, Denn nichts ist hier als gänzliches Vergessen, Staub und ein endlos Dunkel. Plötzlich schlugen die tiefen Töne der Orgel an mein Ohr, die mit doppelter und abermals doppelter Kraft erschollen, und sich gleichsam in großen Wogen des Klanges daherwälzten. Wie gut stimmt ihre Kraft und Größe mit diesem mächtigen Gebäude zusammen! Mit welchem Prunk schwellen sie in seinen gewaltigen Gewölben an, verbreiten ihre erhabenen Harmonien durch diese Höhlen des Todes, und machen das stille Grab klangreich. – Und nun steigen diese Töne in triumphirendem Rufe, heben ihre wohlzusammenstimmenden Laute höher und höher, und thürmen Ton auf Ton. – Und nun hören sie auf, und die sanften Stimmen der Chorsänger vereinigen sich zu lieblichen Wellen der Melodie; sie steigen empor und schwirren an der Decke entlang und scheinen in diesen hohen Gewölben wie die reinen Lüfte des Himmels umherzuspielen. Wieder erhebt die Orgel ihren alles durchdringenden Donner, drängt die Luft zum Klange zusammen, und wälzt ihn fort auf die Seele. – Welche langgezogenen Halte! welche feierlich sich dehnenden Laute! Sie wird kräftiger und mächtiger – sie erfüllt das gewaltige Gebäude und scheint die Mauern zerreißen zu wollen – das Ohr ist betäubt – die Sinne sind überwältigt. Und nun schwingt sie sich in vollem Jubelton empor – erhebt sich von der Erde zum Himmel – die Seele selbst scheint, davongetragen auf dieser reißenden Fluth des Wohllauts, himmelan zu eilen! Ich saß eine Zeit lang da, in die Art von Nachdenken verloren, in welche uns die Musik sehr oft versetzt; die Abendschatten verdunkelten sich allmählig um mich her; die Denkmale überzogen sich mit einer dunkelern und dunkelern Färbung, und der entfernte abermalige Ton der Glocke deutete den schwindenden Tag an. Ich stand auf und schickte mich an, die Abtei zu verlassen. Als ich die Stufen hinabstieg, welche in den Haupttheil des Gebäudes führen, fielen meine Augen auf den Schrein Eduard's des Bekenners, und ich stieg die kleine Treppe hinan, welche zu demselben führt, um von dort aus eines allgemeinen Ueberblicks über diese Wildniß von Gräbern zu genießen. Der Schrein erhebt sich auf einer Art Platform, und dicht darum her sind die Gräber mehrerer Könige und Königinnen. Von dieser Höhe blickt das Auge, zwischen Pfeilern und Grabtrophäen hindurch, auf die Capellen und die Räume hinunter, die mit Gräbern angefüllt sind, wo Krieger, Prälaten, Hofleute und Staatsmänner in ihren »Betten der Dunkelheit« ruhig schlummern. Dicht neben mir stand der große Krönungsstuhl, der in dem barbarischen Geschmack eines entfernten, gothischen Zeitalters, roh aus Eichenholz geschnitzt ist. Die Scene scheint beinahe wie mit theatralischer Kunst so eingerichtet, einen tiefen Eindruck auf den Beschauer hervorzubringen. Hier war der Anfang und das Ende menschlichen Prunkes und menschlicher Macht deutlich zu sehen; hier war, buchstäblich, nur ein Schritt vom Throne bis zum Grabe. Ist es nicht, als ob diese unzusammenhängenden Denkmale bloß deßwegen zusammengestellt wären, um der noch lebenden Größe eine Lehre zu geben? – um ihr, selbst in dem Augenblicke ihrer stolzesten Ueberhebung, zu zeigen, wie bald die Nichtachtung und Geringschätzung ihr zu Theil werde; wie bald sie die Krone, welche ihre Stirn umgibt, zurücklassen, sich in den Staub und die Erniedrigung des Grabes hinlegen, und von den Gemeinsten aus der Menge mit Füßen treten lassen muß. Denn es ist seltsam zu sagen, selbst das Grab ist hier kein Heiligthum mehr. Es liegt ein empörender leichter Sinn in einigen Gemüthern, welcher sie mit erhabenen und heiligen Dingen ihr Spiel treiben läßt; und es gibt niedrige Seelen, welche sich für die verächtliche Huldigung und die kriechende Unterwürfigkeit, die sie den Lebenden bezeigen, an den erlauchten Todten zu rächen suchen. Der Sarg Eduard's des Bekenners ist erbrochen worden und man hat seinen Ueberbleibseln ihre Leichenzierrathen abgenommen; das Scepter ist aus der Hand der gebietenden Elisabeth gestohlen worden, und das Bild Heinrich's des Fünften liegt kopflos da. Es ist nicht ein Denkmal der Könige, das nicht Beweise lieferte, wie heuchlerisch und vorübergehend die Huldigung der Menschen ist. Einige sind beraubt; andere verstümmelt; andere mit Unzüchtigkeiten und Spottworten bedeckt – alle mehr oder weniger gemißhandelt und entehrt! Die letzten Strahlen des Tages fielen jetzt schwach durch die bemalten Glasfenster in die hohen Gewölbe über mir; der untere Theil der Abtei war schon in die Dunkelheit des Zwielichts gehüllt. Die Capellen und Seitengänge wurden dunkler und dunkler. Die Bilder der Könige verschwanden in Schatten; die Marmorgebilde auf den Denkmalen nahmen in dem ungewissen Licht sonderbare Gestalten an; der Abendwind wehte durch die kalten Seitengänge wie Grabeshauch; und selbst der entfernte Fußtritt eines Küsters, der durch den Dichter-Winkel ging, hatte etwas Sonderbares und Unheimliches in seinem Schall. Ich trat langsam meinen Rückweg an, und als ich aus dem Thore des Kreuzganges trat, schloß sich die Thür mit einem knarrenden Geräusch hinter mir, von welchem das Gebäude widerhallte. Ich bemühte mich, die Gegenstände, die ich gesehen, in meinem Gemüthe etwas zu ordnen, fand aber, daß sie schon undeutlich und verworren geworden waren. Namen, Inschriften, Siegeszeichen, Alles hatte sich in meinem Gedächtniß untereinander gemischt, obgleich ich kaum meinen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. Was anders, dachte ich, ist diese große Masse von Grabmälern, als eine Schatzkammer der Demüthigung; ein großer Haufe wiederholter Erbauungsreden über die Nichtigkeiten des Ruhms und die Gewißheit der Vergessenheit! Hier ist in der That das Reich des Todes; sein großer Schattenpallast, wo er auf dem Throne sitzt, der Ueberbleibsel menschlicher Größe spottet, und Staub und Vergessen auf die Grabmäler der Fürsten streut. Welch ein leerer Prunk ist am Ende die Unsterblichkeit eines Namens! Die Zeit wendet, unaufhörlich, schweigend ihre Blätter um; die Geschichte der Gegenwart beschäftigt unsere Aufmerksamkeit zu sehr, als daß wir an die Charaktere und Anecdoten denken sollten, welche der Vergangenheit etwas Anziehendes geben; und jedes Jahrhundert ist ein Band, welcher auf die Seite geworfen wird, um stillschweigend vergessen zu werden. Der Götze des heutigen Tages verdrängt den Helden von gestern aus unserm Gedächtniß, und wird dagegen von seinem morgenden Nachfolger verdrängt. »Unsere Vorväter,« sagte Sir Thomas Brown, »finden ihr Grab in unserm kurzen Gedächtniß, und lehren uns die traurige Wahrheit, wie wir wiederum in dem der Ueberlebenden werden begraben werden.« Die Geschichte verbleicht zur Fabel; Thatsachen werden durch Zweifel und Bestreitung verdunkelt; die Inschrift verlöscht von der Tafel; die Bildsäule fällt vom Fußgestelle. Säulen, Bogen, Pyramiden, was sind sie anders, als Sandhaufen, und was sind ihre Inschriften anders, als Züge, die in den Sand geschrieben sind? Was ist die Sicherheit eines Grabes, oder die Dauer der Einbalsamirung? Die Ueberbleibsel Alexander's des Großen sind in den Wind zerstreut, und sein leerer Sarkophag ist jetzt die bloße Merkwürdigkeit eines Museums. »Die ägyptischen Mumien, welche Cambyses oder die Zeit verschont hatte, verzehrt jetzt die Habsucht; Mirazim muß Wunder heilen und Pharao wird als Balsam verkauft.« Was soll nun dieß Gebäude, das sich jetzt hoch über meinem Haupte erhebt, davor sichern, daß es das Schicksal mächtigerer Mausoleen theile? Die Zeit muß kommen, wo die vergoldeten Gewölbe, welche sich jetzt so kühn erheben, in Trümmern unter den Füßen der Wandelnden liegen; wo, statt der Töne des Wohllauts und des Preises, der Wind durch die zertrümmerten Bogen pfeifen und die Eule von dem verfallenen Thurme schreien wird – wo der freundliche Sonnenstrahl in diese düsteren Wohnungen des Todes brechen, der Epheu sich um die gefallene Säule ranken, und der Fuchsschwanz seine Blüthen um die namenlose Todtenurne hängen wird, als ob er des Todten spotte. So geht der Mensch dahin; sein Name verliert sich aus der Erinnerung und aus dem Gedächtniß; seine Geschichte ist wie ein Mährchen, das erzählt wird, und sein Denkmal selbst wird zur Ruine. Weihnachten. Aber ist die alte, alte, gute alte Weihnachtszeit dahin? Nichts als das Haar ihres guten, grauen, alten Kopfes und Bartes ist geblieben. Gut, so will ich das haben, da ich sehe, daß ich doch nicht mehr von ihr bekommen kann. Lärm und Schreien nach Weihnachten. Es war zur Weihnachtszeit     Für Groß und Klein im Saal Ein gutes Feu'r bereit,     Und jeder fand ein Mahl. Die Nachbarn lud man ins Haus,     Bewillkommt jeden treu, Und stieß den Armen nicht aus,     Als diese alte Mütze noch neu.       Altes Lied . Nichts übt in England einen angenehmern Zauber über meine Einbildung aus, als die Ueberbleibsel der Festtagsgebräuche und der ländlichen Spiele früherer Zeiten. Sie rufen die Bilder zurück, welche sich meine Phantasie an dem Maimorgen des Lebens zu schaffen pflegte, als ich die Welt nur aus Büchern kannte und sie ganz für so hielt, wie die Dichter sie schilderten; und in ihrem Geleite ist all das Liebliche jener ehemaligen rechtlichen Zeit, wo ich mir, vielleicht eben so unrichtig, die Welt weit häuslicher, geselliger und vergnügter denke, als jetzt. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß sie alle Tage schwächer und schwächer werden, indem die Zeit sie allmählig wegspült, noch mehr aber durch die neueren Moden verdrängt. Sie gleichen jenen malerischen Bruchstücken der gothischen Baukunst, welche wir an verschiedenen Orten im Lande, theils von der verzehrenden Zeit angegriffen, theils, in den Zusätzen und Veränderungen späterer Tage verloren, untergehen sehen. Die Dichtkunst hängt indessen mit liebevoller Zärtlichkeit an den ländlichen Spielen und den Festtags-Lustbarkeiten, von denen sie so manche ihrer Gegenstände entlehnt hat – wie der Epheu sein reiches Laub um den gothischen Bogen und den verfallenden Thurm windet, indem er ihre wankenden Ueberbleibsel zusammenhält und sie gleichsam in sein Grün einhüllt. Unter allen alten Festen jedoch erweckt das Weihnachtsfest die eindringlichsten und innigsten Gedankenverbindungen. Es ist ein Anklang von feierlichem, heiligen Gefühle darin, welches sich in unsere gesellschaftliche Fröhlichkeit mischt, und den Geist in einen Zustand geheiligten erhöhten Genusses empor trägt. Die Kirchentexte sind um diese Zeit ungemein zart und begeisternd. Sie beziehen sich auf die schönen Erzählungen von der Entstehung unseres Glaubens und den Hirtenauftritten, welche die Ankündigung desselben begleiteten. Sie nehmen während des Adventsmonats allmählig an Gluth und Pathos zu, bis sie an dem Morgen, welcher den Menschen Friede und Freude brachte, in vollen Jubel ausbrechen. Ich kenne keine großartigere Wirkung der Musik auf das Gefühl, als wenn ich das volle Chor und die tönende Orgel einer Weihnachtsmusik in einer Cathedrale aufführen höre, welche jeden Winkel des gewaltigen Gebäudes mit siegender Harmonie erfüllt. Es ist auch eine schöne aus jenen Zeiten herstammende Einrichtung, daß dieses Fest, welches die Verkündigung der Religion des Friedens und der Liebe feiert, Veranlassung geworden ist, die Familienkreise zu vereinigen und die Bande verwandter Herzen, welche die Angelegenheiten und Vergnügungen und Bekümmernisse der Welt beständig zu lösen streben, wieder enger aneinander zu knüpfen; die Kinder der Familie, welche in das Leben hinaus verschlagen worden und weit auseinander gewandert sind, zurückzurufen, sie wieder um den väterlichen Herd, wie an einen Sammelplatz süßer Neigungen zu versammeln, um da, unter dem liebevollen Andenken der Kindheit, wieder jung zu werden und sich wieder zu lieben. Es liegt in der Jahreszeit selbst etwas, das dem Weihnachtsfeste einen Reiz verleiht. Zu anderen Zeiten bereiten die bloßen Schönheiten der Natur uns schon einen großen Theil unserer Vergnügungen. Unsere Gefühle streifen hinaus und verbreiten sich auf der sonnigen Landschaft, und wir »leben draußen und überall.« Der Gesang des Vogels, das Murmeln des Baches, der wehende Duft des Frühlings, die sanfte Wollust des Sommers, der goldene Prunk des Herbstes; die Erde mit ihrem Gewande von erfrischendem Grün, der Himmel mit seinem dunkeln, herrlichen Blau und seiner Wolkenpracht; alles dieß erfüllt uns mit stummem und doch lebendigem Entzücken, und wir schwelgen in der Wollust der bloßen Sinnlichkeit. Aber in der Tiefe des Winters, wo die Natur aller ihrer Reize beraubt liegt und in ihr Leichentuch von gehäuftem Schnee gehüllt ist, wenden wir uns zu geistigen Quellen, um daraus Vergnügen zu schöpfen. Während das Wüste und Oede der Landschaft, die kurzen düstern Tage und die dunkeln Nächte unsere Wanderungen beschränken, halten sie unsern Geist auch ab, umherzustreifen, und machen, daß wir die Vergnügungen eines gesellschaftlichen Kreises desto mehr schätzen lernen. Unsere Gedanken drängen sich mehr zusammen; unser freundliches Mitgefühl wird um so stärker angeregt. Wir fühlen den Reiz unserer gegenseitigen Gesellschaft desto mehr, und werden dadurch, daß wir in unserm Genuß auf einander angewiesen sind, um so mehr zu einander hingezogen. Das Herz spricht zu dem Herzen; und wir schöpfen unser Vergnügen aus dem tiefen Borne des lebendigen Wohlwollens, welcher in den stillen Behältern unsers Herzens verborgen liegt; und der, wenn man aus ihm schöpft, den reinsten Stoff häuslicher Glückseligkeit gewährt. Die tiefe Dunkelheit draußen macht; daß das Herz sich erweitert, wenn man das Zimmer betritt, das mit der Gluth und Wärme des abendlichen Feuers erfüllt ist. Der röthliche Feuerschein verbreitet einen künstlichen Sommer und Sonnenglanz in dem Zimmer, und erhellt jedes Gesicht zu einem freundlichen Willkommen. Wo gestaltet sich das biedere Antlitz der Gastfreundlichkeit zu einem gemüthlichern, herzlichern Lächeln? – wo ist der schüchterne Blick der Liebe lieblicher beredt als bei dem Winterkamin? und wenn das hohle Sausen des winterlichen Windes durch den Saal tönt, an der entfernten Thüre rasselt, um die Fenster pfeift, und den Schornstein herabbrauset, was kann angenehmer sein, als das Gefühl der ruhigen, unbesorgten Sicherheit, womit wir in dem behaglichen Zimmer umher und auf die Scene häuslicher Fröhlichkeit hinblicken? Die Engländer haben, vermöge der bei ihnen in allen Ständen vorherrschenden Anhänglichkeit an ländliche Sitte, jene Lustbarkeiten an festlichen Tagen, welche die Stille des Landlebens auf eine angenehme Art unterbrechen, stets geliebt; sie beobachteten, in früherer Zeit, mit besonderer Strenge alle religiösen und gesellschaftlichen Weihnachtsgebräuche. Es ist begeisternd, selbst die trockenen Einzelnheiten zu lesen, welche einige Alterthumsforscher von der sonderbaren Fröhlichkeit, den abenteuerlichen Aufzügen und der gänzlichen Hingebung zu Lust und ungebundener Geselligkeit gegeben haben, womit diese Feier begangen wurde. Es war, als ob jede Thüre dabei sich öffnete, jedes Herz sich aufschlösse. Es brachte den Bauern und den Pair einander näher und vermischte alle Stände in einen warmen, edeln Erguß der Freude und Gemüthlichkeit. Die alten Hallen der Burgen und Herrenhäuser ertönten von der Harfe und dem Weihnachtsliede, und ihre gewaltigen Tafeln erseufzten unter der Last der Gastfreiheit. Selbst die gemeinste Bauerhütte bewillkommte die festliche Jahreszeit mit grünem Schmuck von Lorbeern und Stechpalmen – der Schein des erfreulichen Feuers schimmerte durch die Fensterladen, und lud den Fremden ein, die Thürklinken aufzuheben, und sich dem schwatzenden Haufen anzuschließen, der um den Herd saß und den langen Abend durch sagenhafte Schwänke und oft erzählte Weihnachtsgeschichten verkürzte. Eine der am wenigsten angenehmen Wirkungen der Verfeinerung der neuern Zeit ist die Zerstörung, welche sie unter den herzlichen alten Festtagsgebräuchen angerichtet hat. Sie hat die scharfen Umrisse und lebendigen Formen dieser Verschönerungen des Lebens gänzlich verwischt, und die Geselligkeit zu einem glatteren, glänzenderen, aber gewiß weniger charakteristischen Verkehr herabgebracht. Viele von den Weihnachtsspielen und Festlichkeiten sind gänzlich verschwunden, und, wie des alten Falstaff's Xeres-Sekt, zu Gegenständen des Nachdenkens und des Streits unter den Erläuterern geworden. Sie blühten in Zeiten voller Geist und Fröhlichkeit, als die Leute das Leben auf eine rohe, aber herzliche und kräftige Weise genossen; in wilden, malerischen Zeiten, welche der Dichtkunst ihren reichsten Stoff und dem Drama die anziehendste Mannichfaltigkeit von Charakteren und Sitten geliefert haben. Die Welt ist weltlicher geworden. Es gibt mehr Zerstreuung und weniger Vergnügen. Die Freude hat sich zu einem breitern, aber auch seichtern Strome ausgedehnt; es hat manche jener tiefen ruhigen Bette verlassen, worin es sonst durch den stillen Busen des häuslichen Lebens lieblich dahinfloß. Die Gesellschaft hat einen aufgeklärtern und gebildetern Ton angenommen, dagegen aber mehrere von ihren stark hervortretenden, örtlichen Eigenthümlichkeiten, ihren häuslichen Gesinnungen, ihren ehrlichen Vergnügungen am Herde eingebüßt. Die sagenhaften Gebräuche des goldherzigen Alterthums, seine lehnshafte Gastfreiheit und gutsherrlichen Schwelgereien sind mit den Ritterburgen und den stattlichen Herrenhäusern verschwunden, in denen sie gefeiert wurden. Sie paßten sich zu der düstern Halle, der großen eichengetäfelten Gallerie und dem mit Tapeten behängten Gastzimmer, schicken sich aber nicht mehr für die hellen, prachtvollen Säle und die bunten Putzgemächer der neueren Villa. So sehr jedoch die Weihnachten um ihre alten und festlichen Ehren verkürzt sind, so bleibt diese Zeit in England doch noch immer voll der herrlichsten Aufregungen. Es ist erfreulich, zu sehen, wie das Gefühl der Häuslichkeit, welches in dem Herzen eines jeden Engländers einen so ausgezeichneten Platz behauptet, ganz in Bewegung geräth. Die Anstalten, welche überall getroffen werden, um die gesellige Tafel in Stand zu setzen, welche Freunde und Verwandte abermals vereinigen soll; die Geschenke von Leckerbissen, welche weggesandt werden und ankommen, diese Zeichen der Achtung, die alle wohlwollenden Gefühle neu beleben; die immergrünen Sträucher, welche in den Häusern und Kirchen befestigt werden, – Sinnbilder des Friedens und der Freude; alles dieses hat die wohlthuendste Einwirkung auf das Hervorrufen angenehmer Gedankenverbindungen, und auf die Erregung wohlwollender Gefühle. Selbst der Gesang der Weihnachtssänger nimmt sich, so roh auch diese Art Meistersängerei sein mag, im Ohre des Spätwachenden in einer Winternacht wie eine vollkommene Harmonie aus. Wenn ich durch sie in der stillen feierlichen Stunde geweckt worden bin, »wo der tiefe Schlaf den Menschen befällt,« habe ich mit stillem Vergnügen ihnen zugehört, und wenn ich zugleich an die heilige, fröhliche Veranlassung dachte, habe ich beinahe den himmlischen Chorgesang zu hören geglaubt, welcher der Menschheit Frieden und Freude verkündete. Wie herrlich verwandelt doch die Einbildungskraft, wenn diese geistigen Einwirkungen sie beschäftigen, Alles in Melodie und Schönheit. Sogar das Krähen des Hahnes, wenn man diesen zuweilen in der tiefen Ruhe des Landes hört, »wie er seinen befiederten Gattinnen die Stunde der Nacht verkündigt,« schien den gemeinen Leuten die Annäherung dieses heiligen Festes zu verkünden: Man sagt, daß immer, wenn die Zeit sich naht, Wo die Geburt des Heilands wird gefeiert, Der Morgen-Vogel singt die ganze Nacht; Dann darf kein Geist umhergehn, sagen sie, Die Nächte sind gesund – kein Stern kann schaden, Kein Elfe faht, noch mögen Hexen zaubern, So heilig ist und gnadenvoll die Zeit. Shakspeare. Welches Herz könnte bei der allgemeinen, sich in dieser Zeit rührenden Aufforderung zur Fröhlichkeit, dem raschen Treiben aller Geister, der Regung aller wohlwollenden Triebe unempfindlich bleiben? Es ist in der That die Zeit aller erwachenden Gefühle – die Zeit, wo nicht allein das Feuer der Gastfreiheit in dem Saal, sondern auch die gemüthliche Flamme des Wohlwollens im Herzen auflodern soll. Die Auftritte früher Liebe steigen lebendig empor über die unfruchtbare Oede der Jahre, und der Gedanke an die Heimath, mit dem Dufte häuslicher Freude vermischt, belebt den ermattenden Geist, wie der arabische Lufthauch zuweilen die Frische der entfernten Felder zu dem müden Pilger in der Wüste hinüberträgt. Obgleich für mich, den Fremden und Gast in diesem Lande – kein geselliger Herd glüht, keine gastfreie Hütte mir ihre Thüre öffnet, noch der warme Druck der Freundschaft mich an der Schwelle bewillkommt – so fühle ich doch den Einfluß dieser Zeit aus den glücklichen Blicken Derer, die um mich sind, auch in meine Seele strahlen. Gewiß, die Glückseligkeit spiegelt sich zurück, wie das Licht des Himmels; und jedes vom Lächeln verklärte, von unschuldiger Fröhlichkeit glühende Antlitz ist ein Spiegel, welcher Anderen die Strahlen eines erhabenen, immer frischen Wohlwollens zusendet. Wer sich finster von dem Anblicke der Glückseligkeit seiner Mitmenschen abwenden, und düster und in sich gekehrt in seiner Einsamkeit dasitzen kann, wenn Alles um ihn her fröhlich ist, mag wohl Augenblicke großer Erregung und selbstischer Zufriedenheit haben; er entbehrt aber ganz der geistigen und geselligen Mitgefühle, welche den Reiz der fröhlichen Weihnachten ausmachen. Die Landkutsche.     Omne bene,     Sine poena, Tempus est ludendi.     Venit hora     Absque mora Libros deponendi. Altes Schulferien-Lied . In den vorhergehenden Blättern habe ich einige allgemeine Bemerkungen über die Weihnachtsfeierlichkeiten in England gemacht, und bin versucht, sie durch einige Anecdoten von einer Weihnachtszeit, die ich einmal auf dem Lande zugebracht, zu erläutern; bei dem Durchlesen derselben lade ich jedoch die Leser sehr höflich ein, den Ernst der Weisheit bei Seite zu legen und den echten Feiertagsgeist anzunehmen, der mit der Thorheit Nachsicht hat und nur Unterhaltung sucht. Während einer Decemberreise in Yorkshire, fuhr ich, an dem Tage vor Weihnachten, eine lange Strecke in einem der öffentlichen Wagen. Die Kutsche war, sowohl innen als außen, ganz mit Reisenden besetzt, die, nach ihren Reden, meistens auf dem Wege nach den Wohnungen ihrer Verwandten oder Freunde begriffen waren, um das Weihnachts-Mittagsessen zu verzehren. Auch war die Kutsche mit Körben voll Wild und mit Schachteln und Körbchen voll Leckerbissen beladen; und Hasen hingen mit ihren langen Ohren am Kutschersitze umher, Geschenke von entfernten Freunden zum bevorstehenden Feste. Ich hatte drei hübsche, rothwangige Schulknaben zu Mitgefährten im Wagen, Bursche, ganz von der körnigen Gesundheit und dem männlichen Geiste, welche ich an den Kindern in diesem Lande bemerkt habe. Sie kehrten in voller Lust für die Feiertage nach Hause zurück, und versprachen sich eine Welt von Freuden. Es war ergötzlich, den riesenhaften Vergnügungsplänen der kleinen Schelme zuzuhören, und den unglaublichen Thaten, welche sie während der sechswöchentlichen Befreiung von der verhaßten Sclaverei der Bücher, der Ruthe und des Schulmeisters, verrichten wollten. Sie freuten sich schon im Voraus auf das Zusammentreffen mit der Familie und den Hausbewohnern, selbst bis auf die Katze und den Hund hinab; und auf das Vergnügen, das sie ihren kleinen Schwestern durch die Geschenke machen würden, womit sie sich die Taschen vollgestopft hatten; was sie aber mit der meisten Ungeduld zu erwarten schienen, war das Wiedersehen Bantams, der, wie ich fand, ein Klepper im väterlichen Hause war, und ihren Reden nach, mehr Tugenden besaß, als irgend ein Roß seit den Tagen des Bucephalus. Wie der traben, wie der laufen und was er springen konnte – es gab keine Hecke in der ganzen Gegend, über die er nicht setzte. Sie standen unter der besondern Aufsicht des Kutschers, an den sie, sobald sich irgend eine Gelegenheit fand, ein Heer von Fragen richteten, und ihn für einen der besten Bursche in der Welt ausgaben. Auch konnte ich nicht umhin, das mehr als gewöhnlich geschäftige Ansehen und die wichtige Miene des Kutschers zu bemerken, der seinen Hut etwas auf einer Seite trug, und einen großen Strauß von Weihnachtsgrün in dem Knopfloche seines Rocks stecken hatte. Er ist immer eine Person, die ihre vielen Sorgen und Geschäfte hat; ganz besonders aber ist er dieß in dieser Zeit, wo er, des großen Austausches der Geschenke wegen, eine Menge von Aufträgen auszurichten hat. Und hier wird es meinen ungereisten Lesern vielleicht nicht unangenehm sein, eine Skizze zu finden, die als eine allgemeine Schilderung dieser sehr zahlreichen und wichtigen Classe von Geschäftsleuten dienen kann, welche eine ihnen eigenthümliche Kleidung, Art und Weise, Sprache und Aussehen haben, und die die ganze Brüderschaft bezeichnen, so daß, wo man nur einen englischen Landkutschen-Fuhrmann sieht, man ihn nicht wohl als zu einem anderen Gewerbe gehörig betrachten kann. Er hat gewöhnlich ein breites volles Gesicht, sonderbar roth gesprenkelt, als ob das Blut durch grobe Nahrungsstoffe in jedes Gefäß der Haut getrieben worden wäre; er ist, durch häufigen Genuß von Malzgebräu, zu einem hübschen Umfang gediehen, und seine Dicke wird durch eine Menge von Röcken, in die er wie ein Kehlkopf begraben ist, und wovon der obere ihm bis an die Fersen geht, noch vergrößert. Er trägt einen Hut mit breiter Krämpe und niedrigem Kopfe; ein dickes farbiges Halstuch, das künstlich geknotet und in den Busen eingezogen ist, und hat zur Sommerzeit einen großen Blumenstrauß im Knopfloche, sehr wahrscheinlich das Geschenk eines verliebten Landmädchens. Seine Weste ist gewöhnlich von irgend einer hellen Farbe, gestreift, und seine Beinkleider gehen weit über die Kniee hinab, wo sie an ein Paar Klappstiefeln stoßen, die ihm ungefähr bis auf die Hälfte des Beines reichen. Diese ganze Tracht wird stets in großer Ordnung erhalten; er ist stolz darauf, seine Kleider immer von trefflichen Stoffen zu haben; und man bemerkt an ihm, trotz der äußerlichen Rohheit seiner Erscheinung, stets eine gewisse Nettigkeit und Sauberkeit, welche einem Engländer beinahe angeboren sind. Er erfreut sich auf der Landstraße einer großen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit; hat häufige Berathungen mit den Hausfrauen in den Dörfern, welche ihn wie einen äußerst zuverlässigen und besonnenen Mann betrachten; und er scheint mit jedem helläugigen Landmädchen in einem guten Verständniß zu sein. Sobald er an dem Orte ankommt, wo die Pferde gewechselt werden, wirft er die Zügel mit einer gewissen Art von sich, und überläßt dem Hausknecht die Sorge für die Thiere, da es sein Amt nur ist, von einer Station nach der andern zu fahren. Wenn er vom Bocke gestiegen ist, steckt er die Hände in die Taschen seines Ueberrocks, und wiegt sich auf dem Hofe mit einer wahren Herrschermiene umher. Hier umgibt ihn gewöhnlich ein bewundernder Haufe von Hausknechten, Stalljungen, Schuhputzern und jenen namenlosen Anhängseln, welche Gasthöfe und Schenken belagern, Gänge machen, und alle Arten von Diensten verrichten für das Vorrecht, sich von dem Abfall in der Küche und dem, was in dem Schenkzimmer daneben fließt, zu ernähren. Diese betrachten ihn alle wie ein Orakel; speichern sich sorgfältig seine Kunstausdrücke auf; wiederholen seine Aussprüche über Pferde und ähnliche Gegenstände der Reitknechts-Kunde; und bemühen sich vor allem, sein Aeußeres und seine Haltung nachzuahmen. Jeder Lump, der nur einen Rock auf dem Leibe hat, steckt seine Hände in die Taschen, wiegt sich bei seinem Gange, spricht in Kunstausdrücken, und ist ein Kutscher im Embryo. Vielleicht war es eine Wirkung der angenehmen Heiterkeit, die in meinem Gemüthe herrschte, daß ich auf der ganzen Reise in jedem Gesichte Fröhlichkeit zu lesen glaubte. Eine Landkutsche bringt indessen immer Leben mit sich, und setzt, während sie dahinrollt, die ganze Welt in Bewegung. Wenn das Horn am Eingange des Dorfes erklingt, so entsteht eine allgemeine Erregung. Einige eilen fort, ihre Freunde zu bewillkommen; Andere, mit Bündeln und Pappschachteln beladen, um Plätze in der Kutsche zu erhalten, wobei sie in der Eile des Augenblicks kaum Zeit genug haben, um Abschied von dem Haufen zu nehmen, der sie begleitet. Unterdessen hat der Kutscher eine Welt von kleinen Aufträgen auszurichten. Hier liefert er einen Hasen oder Fasanen ab; dort wirft er ein kleines Packet oder eine Zeitung an die Thür eines Wirthshauses hin; dort reicht er, mit einem bedeutsamen Seitenblick und einigen schlauen Worten, einem halb erröthenden, halb lächelnden Hausmädchen ein sonderbar gestaltetes Liebesbriefchen von irgend einem Bewunderer vom Lande. Indem die Kutsche durch das Dorf rasselt, läuft Alles ans Fenster, und man sieht auf allen Seiten frische Landgesichter und blühende, kichernde Mädchen. An den Ecken stehen Versammlungen von Dorf-Müßiggängern und weisen Leuten, welche hier ihren Standpunkt wählen, um die Leute vorbeigehen zu sehen; die allerweiseste Versammlung ist aber die vor der Thür des Schmieds, für die das Vorüberfahren der Kutsche ein an mancher Spekulation fruchtbares Ereigniß ist. Der Schmied hält, den Pferdehuf in der Hand, mit der Arbeit ein, während das Fuhrwerk vorbeirollt; die um den Amboß versammelten Cyklopen lassen ihre tönenden Hämmer ruhen und das Eisen kalt werden, und das rusige Gespenst mit seiner Mütze von braunem Papier, das an dem Blasebalg arbeitet, lehnt sich einen Augenblick auf den Handgriff und läßt das keuchende Werkzeug einen langgezogenen Seufzer thun, während er durch den schwarzen Rauch und die Schwefelhelle der Schmiede dahinstarrt. Vielleicht hatten die bevorstehenden Feiertage der Gegend eine mehr als gewöhnliche Lebendigkeit gegeben, denn es schien mir, als ob Jedermann munter aussähe und guter Laune wäre. Wild, Geflügel und andere Leckerbissen der Tafel, waren in lebhafter Bewegung von einem Dorfe zum andern, und die Läden der Gewürzkrämer, Schlächter und Fruchthändler dicht mit Kunden gefüllt. Die Hausfrauen bewegten sich flink umher, und brachten ihre Wohnungen in Ordnung, und die glänzenden Zweige der Stechpalme, mit ihren hochrothen Beeren, begannen an den Fenstern sichtbar zu werden. Dieser Auftritt erinnerte mich an die Nachricht eines alten Schriftstellers über die Zurüstungen zu Weihnachten: »Jetzt müssen Kapaunen und Hühner, nebst Truthähnen, Gänsen und Enten, Ochsen und Hämmeln – alles muß sterben – denn in zwölf Tagen läßt sich eine Menge von Leuten nicht mit Wenigem ernähren. Jetzt füllen Rosinen und Gewürz, Zucker und Honig die Lücken zwischen Pasteten und Brühen auf. Jetzt oder nie muß die Musik wohl stimmen, denn die Jugend muß tanzen und singen, um sich warm zu machen, während die Alten bei dem Feuer sitzen. Das Landmädchen läßt seinen halben Einkauf zurück, und muß noch einmal ausgeschickt werden, wenn sie am Weihnachtsabend ein Spiel Karten mitzubringen vergißt. Groß ist der Streit zwischen Stechpalme und Epheu, und ob der Herr oder die Frau die Hosen trägt. Würfel und Karten bringen dem Kellermeister etwas ein, und wenn es dem Koch nicht an Verstand fehlt, so leckt er gewiß seine Finger hübsch ab.« Ans diesem Fluge üppigen Denkens ward ich durch einen lauten Schrei meiner kleinen Reisegefährten erweckt. Sie hatten die letzten wenigen Meilen beständig aus den Kutschenfenstern gesehen, jeden Baum und jede Hütte begrüßt, während wir vorüberfuhren, und nun gab es ein allgemeines Freudengeschrei. – »Da ist Johann! und da ist der alte Carlo! und da ist Bantam!« riefen die glücklichen kleinen Schelme, in die Hände klatschend. Am Ende eines Weges stand ein alter, nüchtern aussehender Bedienter in Livree, der sie erwartete; er hatte einen ausgedienten alten Hühnerhund und den furchtbaren Bantam bei sich, eine alte, kleine Ratte von Klepper, mit einer buschigen Mähne und langem, rostigen Schweif, der ruhig nickend an der Landstraße stand, und sich die stürmischen Zeiten, die seiner jetzt warteten, wenig träumen ließ. Es machte mir viel Vergnügen, zu bemerken, mit welcher Liebe die kleinen Leute um den alten Bedienten hersprangen, und den alten Hühnerhund herzten, der vor Freude am ganzen Leibe zitterte. Aber Bantam war der große Gegenstand des Interesses; alle wollten ihn zu gleicher Zeit besteigen, und es hielt schwer, ehe der alte Johann es einrichten konnte, daß sie einer nach dem andern reiten, und daß der Aelteste zuerst aufsitzen sollte. Endlich ging es fort; Einer auf dem Klepper, mit dem Hund vor ihm herspringend und bellend, und die beiden Anderen den Johann an beiden Händen haltend; beide zu gleicher Zeit sprechend, und ihn mit Fragen über »zu Hause« und mit Schulanecdoten bestürmend. Ich sah ihnen mit einem Gefühl nach, von dem ich nicht weiß, ob Vergnügen oder Traurigkeit darin vorherrschte; denn ich gedachte der Tage, wo ich, wie sie, weder Sorgen noch Schmerz kannte, und ein freier Tag der Gipfel irdischer Glückseligkeit für mich war. Wir hielten einige Augenblicke nachher an, um die Pferde zu tränken, und als wir unsere Reise fortsetzten, ließ uns eine Krümmung der Straße ein nettes Landhaus erblicken. Ich konnte deutlich die Gestalten einer Dame und zweier jungen Mädchen unter der Säulenhalle entdecken, und sah meine kleinen Cameraden mit Bantam, Carlo und dem alten Johann den Fahrweg entlang ziehen. Ich lehnte mich zu dem Kutschenfenster hinaus, und hoffte die glückliche Bewillkommung mit ansehen zu können, aber ein Gebüsch entzog sie meinem Blicke. Am Abend erreichten wir ein Dorf, wo ich zu übernachten beschlossen hatte. Als wir in den großen Thorweg des Gasthofes fuhren, sah ich auf der einen Seite das Licht eines hellen Küchenfeuers durch das Fenster strahlen. Ich trat hinein und bewunderte zum hundertsten Male dieses Gemälde der Bequemlichkeit, Nettigkeit und gerader, ehrlicher Freude, – die Küche eines englischen Gasthofes. Sie war von geräumiger Ausdehnung, rundum mit hellglänzendem Kupfer und Zinngeschirr behängt, und hier und da mit Weihnachtsgrün verziert. Schinken, Zungen und Speckseiten hingen von der Decke herab; ein Bratenwender rasselte unaufhörlich neben dem Herde, und eine Uhr tickte in einem Winkel. Ein wohlgescheuerter tannener Tisch nahm die eine Seite der Küche ein, mit einem kalten Stück Rindfleisch und anderer derber Kost darauf, über welche zwei schäumende Krüge Ale Wache zu halten schienen. Reisende aus der niedern Classe schickten sich an, auf diese kräftige Speise einen Angriff zu machen, während Andere, rauchend und schwatzend bei ihrem Ale, auf zwei eichenen Schemeln mit hohen Lehnen, neben dem Feuer saßen. Flinke Hausmädchen liefen ab und zu, nach den Anweisungen einer frischen thätigen Hausfrau; wobei sie jedoch dann und wann einen Augenblick wahrnahmen, um ein flüchtiges Wort mit der Gruppe, die um das Feuer saß, zu wechseln, oder mit ihr recht herzlich zu lachen. Der Auftritt verwirklichte vollständig des armen Robin's bescheidenen Begriff von der Behaglichkeit eines Winterabendes: Jetzt ist der Baum des Laubhut's baar, Und grüßt des Winters Silberhaar; Ein lust'ger Wirth, 'ne Wirthin schöne, Ein Krug mit Ale, der Trinksprüch Töne, Tabak und gutes Feuer bringen Uns Freude jetzt vor allen Dingen. Des armen Robin's Kalender 1684. Ich war noch nicht lange in dem Wirthshause, als eine Postchaise an der Thüre vorfuhr. Ein junger Herr stieg aus, und bei dem Schein der Lampen erblickte ich ein Gesicht, das mir bekannt vorkam. Ich trat vor, um es näher zu sehen, als er mich ebenfalls bemerkte. Ich hatte mich nicht geirrt; es war Frank Bracebridge , ein munterer, wohlgemuther junger Mann, mit dem ich einst auf dem Festlande gereist war. Unser Willkomm war überaus herzlich, denn das Gesicht eines alten Reisegefährten erinnert immer an tausend angenehme Auftritte, sonderbare Abenteuer und vortreffliche Späße. Alle diese bei einer flüchtigen Zusammenkunft in einem Gasthofe zu erörtern, war unmöglich; und da er hörte, daß meine Zeit nicht drängte und daß ich bloß eine Beobachtungsreise machen wollte, so bestand er darauf, daß ich einen oder zwei Tage auf dem Landsitze seines Vaters, nur wenige Meilen weiter, zubringen sollte, wohin er eben zu gehen im Begriff war, um dort während der Feiertage zu verweilen. »Es ist besser, als in einem Wirthshause ein einsames Weihnachts-Mittagsessen zu verzehren,« sagte er: »und ich kann Euch eine herzliche Aufnahme, vielleicht ein wenig im alten Style, versprechen.« Seine Gründe waren einladend, und ich muß gestehen, daß die Zurüstungen, welche ich zur allgemeinen Festlichkeit und zum geselligen Genusse machen sah, mir meine Einsamkeit ziemlich fühlbar machten. So nahm ich denn ohne Weiteres seine Einladung an; die Chaise fuhr am Thore vor, und nach wenigen Augenblicken war ich auf dem Wege nach dem Stammhause der Bracebridge. Weihnachtsheiligabend. Sankt Franz, und du, Sankt Benedik, Bewahrt dieß Haus vor Mißgeschick; Vor'm Alp und vor dem Poltergeist, Den man den guten Robin heißt; Schirmt es vor böser Geister Tücken, Fe'n, Wieseln, Ratten, Fretten-Spücken,         Vom Nachtgeläut         Bis Morgenzeit. Cartwright . Es war eine glänzende Mondscheinnacht, aber überaus kalt; unsere Chaise flog pfeilschnell über den gefrorenen Boden dahin; der Postillon knallte unaufhörlich mit der Peitsche, und seine Pferde gingen einen Theil des Weges im Galopp. »Er weiß, wohin es geht,« sagte mein Gefährte, lachend: »und ist begierig, bei Zeit anzukommen, um an den Freuden und dem Wohlleben in der Bedientenstube Theil zu nehmen. Mein Vater, müßt Ihr wissen, ist ein eifriger Anhänger der alten Schule, und bildet sich etwas darauf ein, die alte englische Gastfreiheit noch einigermaßen aufrecht zu erhalten. Er ist ein ganz erträgliches Beispiel von etwas, was man heut zu Tage sehr selten in seiner ganzen Reinheit antrifft, von einem alten englischen Gutsherrn; denn unsere Reichen bringen einen so großen Theil ihrer Zeit in der Stadt zu, und das Modeleben verbreitet sich so sehr auf dem Lande, daß die kräftigen, erhabenen Eigenthümlichkeiten des alten Landlebens beinahe ganz weggeschliffen sind. Mein Vater wählte indessen, von seinen frühesten Jahren, den ehrlichen Peacham statt des Chesterfield zu seinem Musterbuch; er ward bei sich selbst darüber einig, daß es keinen wahrhaft ehrenvolleren und beneidenswertheren Stand gäbe, als den eines Gutsherrn auf seinen väterlichen Landen, und der demnach seine ganze Zeit auf seinem Gute zubrächte. Er ist ein eifriger Vertheidiger der Wiedereinführung der alten ländlichen Spiele und Festtagsgebräuche, und in den alten und neuen Schriftstellern, welche diesen Gegenstand verhandelt haben, sehr belesen. In der That, seine Lieblingsbücher sind die Schriftsteller, welche vor wenigstens zweihundert Jahren blühten, und welche, wie er fest behauptet, weit mehr wie wahre Engländer geschrieben und gedacht haben, als irgend einer ihrer Nachfolger. Er bedauert es selbst zuweilen, daß er nicht einige Jahrhunderte früher geboren worden ist, als England noch es selbst war und seine besonderen Sitten und Gebräuche hatte. Da er etwas entfernt von der Landstraße, in einem ziemlich abgelegenen Theile des Landes wohnt, und keine Nachbarn seines Standes in der Nähe hat, so genießt er der beneidenswerthesten aller Segnungen für einen Engländer, seinen Launen unbelästigt nachgehen zu können. Da er der Repräsentant der ältesten Familie in der Gegend ist, und ein großer Theil der Bauern zu seinen Pachtleuten gehören, so steht er in großem Ansehen, und ist gewöhnlich unter der allgemeinen Benennung, »der Squire,« bekannt, ein Titel, der dem Haupte der Familie seit undenklichen Zeiten zugestanden. Ich denke, es ist am besten, wenn ich Euch diese Winke über meinen würdigen alten Vater gebe, um Euch auf die kleinen Sonderbarkeiten vorzubereiten, die sonst aberwitzig erscheinen möchten.« Wir waren eine Zeit lang an der Mauer eines Parks hingefahren, und die Chaise hielt endlich an dem Thore still. Dieses war in einem schwerfällig prachtvollen alten Style, von Eisenstäben, oben phantastisch in Zierrathen und Blumen ausgearbeitet. Auf den gewaltigen viereckten Pfeilern, welche die Thorflügel trugen, war oben die Helmzierde des Familienwappens zu sehen. Dicht daneben stand das Pförtnerhäuschen, von dunklen Fichten geschützt und beinahe in Gesträuch begraben. Der Postillon zog eine große Pförtnerglocke an, deren Klang weit durch die stille, frostige Luft klang, und von dem entfernten Bellen der Hunde beantwortet wurde, welche dem Herrenhause zur Besatzung zu dienen schienen. Eine alte Frau erschien sogleich am Thore. Da das Mondenlicht stark auf sie fiel, sah ich deutlich, daß es eine kleine sehr altfränkisch gekleidete Frau, mit einem netten Halstuch und Brustlatze war, deren Silberhaar unter einer schneeweißen Haube hervorsah. Sie kam knixend, mit manchem Worte einfacher Freude, herbei, ihren jungen Herrn wieder zu sehen. Ihr Mann war, wie es schien, im Herrenhause, und feierte dort die Weihnachten in der Bedientenstube mit; er konnte da nicht entbehrt werden, da er in der ganzen Haushaltung der beste Sänger und Geschichtserzähler war. Mein Freund that den Vorschlag, auszusteigen, und durch den Park nach dem Hause zu gehen, das nicht weit entfernt war; wobei uns die Chaise nachfolgen sollte. Unser Weg wand sich durch einen stattlichen Gang von Bäumen, zwischen deren nackten Zweigen der Mond hindurchschien, wie er am hohen Gewölbe des wolkenlosen Himmels dahin wandelte. Der Rasenplatz weiterhin war mit einer leichten Decke von Schnee überzogen, welcher hie und da blitzte, wenn das Mondlicht auf die Eiskrystalle fiel; und in der Entfernung konnte man einen dünnen, durchsichtigen Dunst wahrnehmen, der aus der Niederung aufstieg und allmählig die Landschaft zu verhüllen drohte. Mein Gefährte blickte mit Entzücken um sich: – »Wie oft,« sagte er, »bin ich diesen Weg hinaufgesprungen, wenn ich in den Schulferien nach Hause zurückkehrte. Wie oft habe ich unter diesen Bäumen gespielt, als ich noch ein Knabe war! Ich empfinde gegen sie eine Art kindlicher Ehrfurcht, womit wir auf diejenigen blicken, welche uns in unserer Kindheit gepflegt haben. Mein Vater war immer ängstlich darauf bedacht, daß wir unsere Feiertage hielten und bei Familienfesten um ihn waren. Mit der Sorgsamkeit, womit andere Eltern die Studien ihrer Kinder bewachen, pflegte er unsere Spiele zu leiten und die Aufsicht darüber zu führen. Er war sehr eigen, daß wir die alten englischen Spiele nach ihrer ursprünglichen Form spielten, und zog alte Bücher als Quellen und Gewährsleute für jede »fröhliche Ergötzlichkeit« zu Rath; und doch kann ich Euch versichern, daß es keine angenehmere Pedanterie gegeben hat. Es war die Politik des guten alten Herrn, seine Kinder fühlen zu lassen, daß die Heimath der glücklichste Ort in der Welt sei, und ich sehe dieß herrliche Heimathsgefühl als eine der glücklichsten Gaben an, welche ein Vater seinen Kindern verleihen kann.« Wir wurden hier durch das Gebell einer Schaar von Hunden von allen Gattungen und Größen empfangen, »Blendlingen, jungen Hunden, kleiner Brut und großen Hunden, nebst Kläffern geringer Art,« die von dem Klang der Thorglocke und dem Gerassel der Chaise aufgestört, mit aufgesperrten Rachen über den Rasen dahergesprungen kamen.                                   »Die kleinen Hund' und alle, Tray, Blanch und Schweetheart bellen da mich an!« rief Bracebridge lachend. Bei dem Klang seiner Stimme verwandelte sich ihr Gebell in ein Freudengeheul, und in einem Augenblick war er umringt und von den Liebkosungen der treuen Thiere beinahe überwältigt. Wir hatten nun den vollen Anblick des alten Herrenhauses, das theils in tiefem Schatten begraben, theils von dem kalten Lichte des Mondes beleuchtet, da lag. Es war ein unregelmäßiges Gebäude, von ziemlicher Größe, dessen Bauart aus mehreren Zeitabschnitten zu sein schien. Ein Flügel war augenscheinlich sehr alt, mit schweren, in Quadersteinen ausgesetzten, weithinausragenden Erkerfenstern, und mit Epheuranken überwachsen, unter deren Blätter hervor die kleinen rautenförmigen Glasscheiben im Mondlichte glänzten. Der übrige Theil des Hauses war in dem französischen Geschmacke, aus Carl's des Zweiten Zeiten, erbaut, und wie mein Freund mir erzählte, von einem seiner Vorfahren, welcher mit diesem Monarchen nach der Wiederherstellung des Königthums zurückgekehrt war, ausgebessert und verändert worden. Die Gründe um das Haus waren nach der alten, steifen Weise in künstliche Blumenbeete, geschnittene Hecken mit erhöheten Terrassen und schweren steinernen Balustraden, die mit Urnen geschmückt waren, einer oder zwei bleiernen Bildsäulen und einem Springbrunnen, umgewandelt worden. Der alte Herr hielt, wie man mir sagte, sehr darauf, daß dieser veraltete Prunk ganz in seinem ursprünglichen Zustande bleibe. Er bewunderte diesen Geschmack in der Gartenkunst, indem er bemerkte, er habe ein Ansehen von Pracht, sei vornehm und edel, und passe zu der guten alten Familienweise. Die gepriesene Nachahmung der Natur in den neuen Gärten sei zugleich mit den neueren republikanischen Ansichten entsprungen, schicke sich aber nicht für eine monarchische Regierung; sie schmecke nach dem System der Freiheit und Gleichheit. – Ich konnte nicht umhin, über diese Einführung der Politik in die Gartenkunst zu lächeln, wobei ich zugleich die Besorgniß merken ließ, daß der alte Herr etwas zu unduldsam in seinem Glauben sein möchte. – Frank versicherte mich indessen, dieß sei vielleicht das einzige Beispiel, wo er seinen Vater von Politik habe reden hören; diese Ansicht sei ihm, wie er glaubte, von einem Parlamentsmitgliede überkommen, das einst einige Wochen bei ihm gewohnt habe. Der Squire sei eines jeden Grundes froh, um seine geschnittenen Hecken und steifen Terrassen zu vertheidigen, die von Zeit zu Zeit von den neueren Landschaftsgärtnern angegriffen worden wären. Als wir uns dem Hause näherten, hörten wir den Klang von Musik, und dann und wann ein lautes Gelächter aus dem einen Ende des Gebäudes erschallen. »Dieß,« sagte Bracebridge: »müsse aus der Bedientenstube kommen, wo ein großer Theil des Lärms von dem Squire, während der zwölf Weihnachtstage, nicht nur erlaubt, sondern sogar dazu ermuntert werde, vorausgesetzt, daß nur Alles vollkommen nach altem Brauch zugehe.« Hier wurden die alten Spiele: Blindekuh, das wilde Pferd beschlagen, heiße Muscheln, das weiße Brot stehlen, Apfel hängen und Greifdrachen gespielt; der Jul-Block und das Weihnachtslicht regelmäßig verbrannt, und die Mistel mit ihren weißen Beeren aufgehängt, zur drohenden Gefahr für alle hübsche Hausmädchen. Die Mistel wird in den Pachterwohnungen und Küchen noch zur Weihnachten aufgehängt, und die jungen Leute haben das Recht, die Mädchen unter derselben zu küssen, wobei sie jedesmal eine Beere abpflücken. Wenn die Beeren abgepflückt sind, hört das Recht auf. – Anm. des Verf. Die Dienerschaft war mit ihren Spielen so eifrig beschäftigt, daß wir mehrere Male klingeln mußten, ehe man uns hörte. Als unsere Ankunft angekündigt ward, kam der Squire heraus, um uns zu empfangen, von seinen zwei anderen Söhnen begleitet; der eine derselben, ein junger Offizier, der sich auf Urlaub hier befand, der andere, ein Oxforder Student, der so eben von der Universität gekommen war. Der Squire war ein schöner, gesund aussehender alter Herr, mit Silberhaar, das sich leicht um ein offenes und blühendes Gesicht kräuselte, worin ein Physiognomist, besonders wenn er, wie ich, vorher ein paar Winke erhalten hatte, eine besondere Mischung von Laune und Wohlwollen entdecken konnte. Die Bewillkommung der Familie war warm und liebevoll; da der Abend schon weit vorgerückt war, so erlaubte der Squire uns nicht, unsere Reisekleider zu wechseln, sondern führte uns ohne Weiteres bei der Gesellschaft ein, welche in einer großen, altmodischen Halle versammelt war. Sie bestand aus verschiedenen Zweigen eines zahlreichen Familienvereins, worin sich die gewöhnliche Zahl von alten Oheimen und Basen, behaglichen verheiratheten Frauen, verjährten alten Jungfern, blühenden Landvettern, halbflüggen Burschen und helläugigen jungen Mädchen aus der Pensionsschule befand. Diese waren auf verschiedene Weise beschäftigt; Einige spielten Karten; Andere unterhielten sich um den Kamin: an dem einen Ende des Saales war ein Haufen junger Leute, von denen einige beinahe erwachsen, andere noch mehr im zarten und knospenden Alter waren, bei einem fröhlichen Spiele mit ganzer Seele beschäftigt; und eine Menge von Steckenpferden, hölzernen Trompeten und zerrissenen Puppen, die auf dem Boden umher lagen, verriethen die frühere Anwesenheit eines Haufens kleiner Feenwesen, welche, nachdem sie einen glücklichen Tag hindurch sich ergötzt, hinweggetragen worden waren, um eine ruhige Nacht hindurch zu schlummern. Während der junge Bracebridge und seine Verwandten sich gegenseitig begrüßten, hatte ich Zeit, das Zimmer genauer zu betrachten. Ich habe es eine Halle genannt, denn das war es gewiß in alten Zeiten gewesen, und der Squire hatte augenscheinlich sich alle Mühe gegeben, ihm einigermaßen wieder zu seiner früheren Gestalt zu verhelfen. Ueber dem schweren, weithervortretenden Kamin hing das Bild eines Kriegers in voller Rüstung, der neben einem weißen Rosse stand, und an der Wand gegenüber ein Schwerdt, ein Schild und eine Lanze. An dem einen Ende war ein ungeheures Hirschgeweih in die Wand gepaßt, dessen Enden als Hacken dienten, Hüte, Peitschen und Sporn daran zu hängen, und in den Ecken des Zimmers standen Jagdflinten, Fischernetze und andere Werkzeuge zur Jagd und zum Fischfang. Die Möbel waren nach der schwerfälligen Arbeit früherer Zeiten, obgleich einige zur neueren Behaglichkeit dienliche Gegenstände hinzugefügt waren, und der eichene Fußboden mit einem Teppich belegt, so daß das Ganze eine sonderbare Mischung von Alt und Neu darbot. Der Rost war aus dem großen, gewaltigen Kamin herausgenommen, um einem Holzfeuer Platz zu machen, in dessen Mitte ein ungeheurer Block glühte und flammte und eine gewaltige Masse Licht und Wärme verbreitete; dieß war, wie ich hörte, der Jul-Block, den der Squire jedesmal am Weihnachtsheiligabend hereinbringen und anzünden ließ, nach alter Sitte. Der Jul-Block ist ein großer Holzblock, zuweilen die Wurzel eines Baumes, welche mit großer Feierlichkeit am Weinachtsheiligabend in das Haus gebracht, in den Kamin gelegt, und mit einem Brande von dem Blocke des vergangenen Jahres angezündet wurde. So lange er brannte, trank man, sang und erzählte Geschichten. Zuweilen zündete man auch Weihnachtslichter dabei an; in den Bauerhütten bildete aber das röthliche Licht des großen Holzfeuers die einzige Beleuchtung. Der Jul-Block mußte die ganze Nacht brennen. ging er aus, so wurde dieß als ein Zeichen von Unglück angesehen. Herrick erwähnt dieß in einem seiner Lieder:     Kommt, bringet mit Jubel,         Ihr lust'gen, lust'gen Buben, Den Weihnachtsblock an den Herd;         Indeß mein Weibsen sagt,         Nun thut, was euch behagt, Und trinkt, wie's das Herz begehrt. Der Jul-Block wird noch jetzt in manchen Pachterhäusern und Küchen in England, besonders im Norden, verbrannt, und die Landleute haben mehrere abergläubische Begriffe, welche damit in Verbindung stehen. Wenn ein Schielender oder ein Barfüßiger in das Haus tritt, während er brennt, so hält man dieß für eine üble Vorbedeutung. Was von dem Jul-Block übrig bleibt, wird sorgfältig weggelegt, um damit am nächsten Weihnachtsabend das Feuer anzuzünden. Es war in der That ergötzlich, den alten Squire in seinem verblichenen Lehnstuhl neben dem gastfreien Kamine seiner Vorfahren zu sehen, wie er sich, der Sonne eines Planetensystems gleich, umblickte, Wärme und Frohsinn in jedes Herz strahlend. Selbst der Hund, welcher ausgestreckt zu seinen Füßen lag, sah, wenn er träge seine Lage änderte und gähnte, freundlich hinauf in seines Herrn Gesicht, wedelte mit dem Schwanze am Boden, und legte sich dann wieder zum Schlaf nieder, der guten Behandlung und des Schutzes sicher. Es geht aus dem Herzen eine ächte Gastfreiheit aus, welche sich nicht beschreiben läßt, die man aber sogleich fühlt, und die den Fremden augenblicklich in Behaglichkeit versetzt. Ich hatte kaum einige Minuten an dem behaglichen Herde des würdigen alten Cavaliers gesessen, als ich mich schon eben so sehr zu Hause fühlte, als ob ich ein Glied der Familie gewesen wäre. Bald nach unserer Ankunft ward gemeldet, daß das Abendessen aufgetragen sei. Es war in einem geräumigen, eichenen Zimmer angerichtet, dessen Getäfel von Wachs glänzte, und an dessen Wänden mehrere mit Stechpalmen und Epheu verzierte Familienbilder hingen. Außer den gewöhnlichen Lichtern standen zwei große Wachskerzen, Weihnachtslichter genannt, auf einem hochpolirten Speisetisch unter dem Familiensilber. Die Tafel war reichlich mit wohlnährenden Speisen besetzt; der Squire aß aber weiter nichts als Frumenty, ein Gericht, das aus Weizenkuchen bereitet wird, die mit vielem Gewürz in Milch gekocht werden, und das in alten Zeiten ein hergebrachtes Essen am Weihnachtsabend war. Ich freute mich sehr, mein altes Lieblingsgericht, gehacktes Pastetenfleisch, bei dem Mahle zu sehen, und begrüßte es, da ich es vollkommen rechtgläubig fand, und ich mich meiner Vorliebe nicht zu schämen brauchte, mit all der Wärme, womit wir gewöhnlich einen alten und sehr anständigen Bekannten begrüßen. Die Fröhlichkeit der Gesellschaft ward durch die Laune einer excentrischen Person höchst gesteigert, den Herr Bracebridge immer mit dem sonderbaren Namen Meister Simon anredete. Es war ein untersetzter, flinker, kleiner Mann, der ganz das Aussehen eines schlimmen alten Junggesellen hatte. Seine Nase war wie der Schnabel eines Papagay's gestaltet; sein Gesicht war leicht mit Pockennarben betupft, und beständig mit einer trockenen Röthe überzogen, wie ein erfrorenes Blatt im Herbst. Er hatte ein Auge von ungemeiner Schärfe und Lebendigkeit, und es lag etwas Komisches und Schelmisches darin, das unwiderstehlich anzog. Er war offenbar der Witzbold der Familie, verstand sich bei den Damen sehr auf schelmische Späße und Beziehungen, und erregte unendliches Ergötzen durch seine Anspielungen auf alte Zeiten, an denen ich mich unglücklicherweise, wegen meiner Unbekanntschaft mit der Familienchronik, nicht erfreuen konnte. Es schien ihm großes Vergnügen zu machen, ein junges Mädchen, das neben ihm saß, während des Abendessens in einem beständigen unterdrückten Lachkrampf zu erhalten, ungeachtet ihrer Furcht vor den verweisenden Blicken ihrer Mutter, welche ihr gegenüber saß. Er war in der That der Abgott des jüngern Theiles der Gesellschaft, welche über Alles, was er sagte oder that, und bei jeder Wendung seines Gesichts, lachten. Dieß befremdete mich nicht, denn er mußte in ihren Augen ein Wunder der Vollkommenheit sein. Er konnte den Hanswurst und die Judith nachahmen; mit der Hülfe eines gebrannten Korks und eines Taschentuchs seiner Hand das Aussehen jedes alten Weibergesichtes geben und schnitt aus einer Apfelsine eine so lächerliche Gestalt heraus, daß die jungen Leute beinahe vor Lachen starben. Frank Bracebridge weihte mich kurz in seine Geschichte ein. Er war ein alter Hagestolz mit einem kleinen, freien Einkommen, das indessen, bei sorgsamer Verwaltung, für alle seine Bedürfnisse ausreichte. Er rollte durch das Familiensystem wie ein herumfahrender Komet auf seiner Bahn; besuchte bald einen Zweig derselben, bald einen andern ganz entferntern, wie dieß oft in England von Herren bei ausgebreiteten Bekanntschaften und wenig Vermögen geschieht. Er hatte ein fröhliches, aufgewecktes Gemüth, das des gegenwärtigen Augenblicks jederzeit genoß, und der häufige Wechsel von Ort und Gesellschaft machte, daß er nicht jene rostigen ungefügigen Gewohnheiten annahm, die man den alten Junggesellen so mitleidlos zur Last legt. Er war eine vollständige Familienchronik, da er die Genealogie, Geschichte und die Wechselheirathen des ganzen Hauses Bracebridge auf das Genaueste kannte, was ihn zu einem großen Lieblinge der alten Leute machte; er war der Anbeter aller ältlichen Damen und veralteten Jungfrauen, unter denen er noch immer ziemlich für einen jungen Burschen galt, und der Vergnügungsrath der Kinder, so daß es in der Sphäre, worin er sich bewegte, keinen beliebtern Mann gab, als Herrn Simon Bracebridge. In späteren Jahren hatte er sich beinahe ausschließlich bei dem Squire aufgehalten, dessen Factotum er geworden, und dem er vorzüglich lieb war, weil er in seine Laune in Rücksicht auf die alten Zeiten einging, und jederzeit ein Lied bereit hatte, welches sich zu der Gelegenheit paßte. Eine Probe dieses eben erwähnten Talents erhielten wir alsbald, denn kaum war das Abendessen abgetragen, und gewürzter Wein und andere, besonders für diese Jahreszeit sich passende Getränke aufgetragen worden, als Meister Simon zu einem guten alten Weihnachtslied aufgefordert ward. Er bedachte sich einen Augenblick, und trillerte dann, mit funkelnden Augen und einer Stimme, die keineswegs schlecht war, nur daß sie zuweilen in das Falsett überging, Tönen eines gespaltenen Rohrs gleich, ein altes närrisches Lied. Wir sind in den Weihnachtstagen, Laßt uns die Trommeln schlagen, Und alle Nachbarn rufet herbei, Und sind sie dann hier, So bewirthet sie mir, Daß Wetter und Wind vergessen sei, u. s. w. Das Abendessen hatte einen Jeglichen zur Fröhlichkeit gestimmt, und man rief einen alten Harfner aus der Bedientenstube herbei, wo er den ganzen Abend über geklimpert, und sich dem Anscheine nach an des Squire's eigengebrautem Bier gütlich gethan hatte. Er war, wie man mir sagte, eine Art von Anhängsel des Haushalts, und obgleich dem Aeußern nach ein Bewohner des Dorfes, doch weit öfter in der Küche des Squire, als in seinem eigenen Hause zu finden, da der alte Herr ein Freund des Klangs »der Harfe in der Halle« war. Der Tanz war, wie die meisten Tänze nach Tische, sehr lustig; einige von den älteren Leuten nahmen daran Theil, und der Squire selbst tanzte mehrere Touren mit einer Tänzerin, mit der er versicherte, beinahe ein halbes Jahrhundert lang alle Weihnachten getanzt zu haben. – Meister Simon, der eine Art von Verbindungsglied zwischen der alten und neuen Zeit, und dabei etwas veraltet in der Art seiner Talente zu sein schien, that sich augenscheinlich etwas auf seinen Tanz zu Gute, und suchte sich durch Balance, Rigodon und andere Zierlichkeiten der alten Schule in Credit zu setzen. Unglücklicherweise hatte er aber ein kleines munteres Mädchen aus der Pension zur Tänzerin, die ihn durch ihre wilde Lebendigkeit beständig in Athem erhielt, und alle seine besonnenen Bestrebungen nach Zierlichkeit im Tanz vereitelte; – so sind die ungleichen Verbindungen, zu denen alte Herrn unglücklicherweise geneigt sind! Der junge Oxforder hatte dagegen eine seiner unverheiratheten Basen aufgefordert, welcher der Schelm ungestraft tausend kleine Streiche spielte. Er war voll von practischen Scherzen, und sein größtes Vergnügen bestand darin, seine Basen und Muhmen zu necken; und dennoch war er, wie alle jungen Tollköpfe, der allgemeine Liebling der Frauen. Das anziehendste Paar im Tanze war aber der junge Offizier und ein Mündel des Squire, ein schönes, erröthendes Mädchen von siebenzehn Jahren. Aus mehreren scheuen Blicken, welche ich im Laufe des Abends bemerkt hatte, schloß ich, daß zwischen ihnen ein kleines Verhältniß im Entstehen sei, und in der That war der junge Krieger gerade ein Held, ein romantisches Mädchen einzunehmen. Er war groß, schlank und hübsch, und hatte, wie die meisten jungen englischen Offiziere, in den letzten Jahren sich auf dem Festlande allerhand kleine Talente angeeignet – er sprach Französisch und Italienisch – zeichnete Landschaften – sang ganz erträglich – tanzte göttlich; vor Allem aber war er bei Waterloo verwundet worden; und welch siebenzehnjähriges Mädchen, die in Gedichten und Romanen wohl belesen ist, könnte einem solchen Spiegel der Ritterlichkeit und Vollkommenheit widerstehen? Als der Tanz vorüber war, nahm er eine Guitarre zur Hand, lehnte sich, in einer Stellung, von der ich halb glauben möchte, daß sie vorher studirt war, an den alten marmornen Kamin, und fing das kleine französische Lied vom Troubadour zu singen an. Der Squire erklärte indeß, daß er am Weihnachtsabend nichts als gutes altes Englisch hören wolle, worauf der junge Sänger, nachdem er einen Augenblick die Augen gen Himmel gerichtet, als ob er sein Gedächtniß in Anspruch nehme, in eine andere Melodie überging, und, mit einer reizenden Art von Galanterie, Herrick's»Nachtstück an Julie« gab. Der Glühwurm leih' sein Licht Dir, Die Sterne glänzen licht Dir,     Und auch die Elfen klein,     Mit ihrer Aeuglein Schein Hellfunkelnd, zeigen freundlich sich Dir. Kein Irrlicht Dich befange; Dich beiß' nicht Wurm noch Schlange;     Mußt weiter nur geh'n,     Bleib nimmer nur steh'n, Dann sei vor Geistern Dir nicht bange. Kein Dunkel laß Dich schrecken; Will sich der Mond verstecken –     Die Sterne der Nacht     Erglühen in Pracht, Den Weg mit Glanz Dir zu bedecken. So, Julia, laß mich frei'n Dich, O so, so finde ein Dich,     Und wenn Dein Silberfuß     Mir naht, Dein süßer Gruß – Dann nenn' ich selig mein Dich. Das Lied mochte an die schöne Julie, denn so fand ich, hieß seine Tänzerin, gerichtet sein oder nicht; sie war dieser Anwendung sich gewiß unbewußt, denn sie sah den Sänger keinen Augenblick an, sondern hielt die Augen beständig auf den Boden geheftet. Wahr ist es, ihr Gesicht war mit einer reizenden Röthe überzogen, und ihr Busen hob sich sanft; aber alles dieß war ohne Zweifel eine Wirkung der Bewegung beim Tanze; ja, ihre Gleichgültigkeit war so groß, daß sie sich damit belustigte, einen ausgesuchten Strauß von Treibhauspflanzen zu zerpflücken, so daß, als das Lied geendet war, der Kranz in bunten Flocken auf dem Boden lag. Die Gesellschaft brach jetzt mit dem herzlichen alten Gebrauche des Händeschüttelns auf. Als ich durch die Halle nach meinem Zimmer ging, gab die flimmernde Asche des Jul-Blocks noch ein dämmerndes Licht von sich, und wäre dieß nicht gerade die Zeit gewesen, »wo kein Geist umgehen darf,« so würde ich mich beinahe versucht gefühlt haben, um Mitternacht aus meinem Zimmer zu schleichen, damit ich sähe, ob die Elfen nicht ihre Tänze um den Herd hielten. Mein Zimmer war in dem alten Theile des Hauses, dessen gewichtige Möbel in der Zeit der Riesen verfertigt worden zu sein schienen. Das Zimmer war getäfelt, mit Kranzleisten von schwerem Schnitzwerk, worin Blumen und abenteuerliche Gesichter auf eine sonderbare Art gemischt waren; und eine Reihe schwarz aussehender Bilder starrte trübselig von den Wänden auf mich herab. Das Bett war von schwerem, wiewohl verschossenen Damast, mit einem hohen Himmel, und stand in einer Nische dem Erkerfenster gegenüber. Ich war kaum im Bette, als eine Musik, gerade unter dem Fenster, die Luft zu erfüllen schien. Ich horchte, und fand, daß es ein Chor Musiker war, vermuthlich die Weihnachtsmusikanten aus einem benachbarten Dorfe. Sie gingen rund um das Haus und spielten unter den Fenstern auf. Ich zog die Vorhänge zurück, um sie deutlicher zu hören. Das Licht des Mondes fiel durch den obern Theil des Fensters, und erhellte schwach das altfränkische Zimmer. Die Töne wurden, wie sie sich entfernten, sanfter und ätherischer, und schienen mit der Ruhe und dem Mondlicht übereinzustimmen. Ich horchte und horchte – sie wurden immer zarter und ferner, und als sie allmählig erstarben, sank mein Haupt auf das Kissen, und ich schlief ein. Der Weihnachtsfeiertag. Trüb dunkle Nacht, flieh weg von hier, Und weich' dem Tag, an welchem wir Im Winter seh'n des Maien Zier. *           * * Was lacht, wie Feld von Korn besä't, Die Winterflur so kalt umweht? Der Duft von Wiesen neugemäht, Woher so schnell? – Kommt, schauet hier, Woher der Dinge Glanz und Zier. Herrick . Als ich am nächsten Morgen erwachte, schien es, als ob alle die Ereignisse des vergangenen Abends ein Traum gewesen wären, und nur der Anblick des alten Gemaches überzeugte mich von ihrer Wirklichkeit. Während ich nachsinnend auf meinem Kissen lag, hörte ich den Tritt kleiner Füße, welche vor der Thür trippelten, und ein flüsterndes Berathen. Alsbald sang ein Chor jugendlicher Stimmen einen alten Weihnachtsgesang, dessen Refrain war – Freut euch, unser Heiland ward geboren, Am Weihnachtstag' an dem Morgen. Ich stand leise auf, schlüpfte in meine Kleider, öffnete plötzlich die Thüre, und sah eine der schönsten kleinen Feen-Gruppen, die sich ein Maler nur denken kann. Sie bestand aus einem Knaben und zwei Mädchen, das älteste nicht über sechs Jahr alt, und alle lieblich wie Seraphim. Sie machten die Runde im Hause umher, und sangen an jeder Stubenthüre, aber meine plötzliche Erscheinung erschreckte sie so, daß sie verstummt errötheten. Sie blieben noch einen Augenblick stehen, spielten mit den Fingern an ihren Lippen, und warfen dann und wann einen schüchternen Blick unter den Augenbraunen hervor, bis sie, wie durch eine plötzliche Anregung, davonsprangen, und als sie sich um eine Ecke des Ganges wandten, hörte ich sie, voll Freude über ihr glückliches Entweichen, laut lachen. Alles vereinigte sich, um in diesem gediegenen Sitze altmodischer Gastfreiheit angenehme und freudige Gefühle zu erregen. Das Fenster meines Zimmers ging auf eine Gegend hinaus, die im Sommer eine schöne Landschaft sein mußte. Da war ein sich senkender Rasenplatz, ein schöner Bach, der sich am Fuße desselben hinschlängelte, und ein großer Park dahinter, mit edeln Baumgruppen und Herden von Damhirschen. In einiger Entfernung war ein nettes Dörfchen, über welchem der Rauch aus den Schornsteinen seiner Hütten hing, und eine Kirche mit ihrem dunkeln Kirchthurme, welche gegen den klaren kalten Himmel stark hervortrat. Das Haus war, nach englischer Sitte, mit immergrünenden Sträuchern umgeben, welche ihm beinahe ein sommerliches Ansehen gaben; allein der Morgen war sehr kalt; der leichte Dunst des vorigen Abends war von der Kälte herabgedrückt worden, und bedeckte alle Bäume und jeden Grashalm mit seinen schönen Krystallen. Die Strahlen der hellen Morgensonne auf den blitzenden Blättern wirkten blendend. Ein Rothkehlchen, sich auf der Spitze einer Bergesche wiegend, deren rothe Beeren in Trauben dicht vor meinem Fenster hingen, sonnte sich und zwitscherte einige Klagetöne dazu; und ein Pfau entfaltete den ganzen Glanz seines Schweifes und schritt mit dem Stolze und der Würde eines spanischen Grande's auf dem Terrassen-Wege unten einher. Ich hatte mich kaum angekleidet, als ein Bedienter erschien, mich zum Hausgebete zu rufen. Er zeigte mir den Weg zu einer kleinen Capelle, im alten Flügel des Hauses, wo ich den größern Theil der Familie bereits in einer Art von Gallerie versammelt sah, die mit Polstern, Kissen und großen Gebetbüchern versehen war; die Dienerschaft saß unten auf Bänken. Der alte Herr las an einem Betpulte im Vorgrund der Gallerie die Gebete, und Meister Simon machte den Kirchendiener und sagte die Responsen, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er dieß mit großer Würde und Anstand that. Auf den Gottesdienst folgte ein Weihnachtslied, das Herr Bracebridge selbst aus einem Gedichte von seinem Lieblingsschriftsteller, Herrick, entlehnt, und welchem Meister Simon eine alte Kirchenmusik angepaßt hatte. Da unter der Familie mehrere gute Stimmen waren, so war die Wirkung äußerst gefällig; ganz besonders erbaute mich aber die Herzens-Erhebung und der plötzliche Ausbruch des dankbaren Gefühls, womit der würdige Squire eine Strophe hersang; sein Auge glänzte, und seine Stimme überschritt alle Schranken des Takts und Tones: Du bist's, der reines Glück bescheert     Auf meinem Heerd, Und mir den reichen Becher beut     Voll Würz' und Freud'; Herr, deine reiche Segenshand     Beglückt mein Land Und läßt die Saaten, die wir sä'n,     Zehnfach ersteh'n. Ich hörte späterhin, daß ein Frühgottesdienst an jedem Sonn- und Feiertage im Jahre, entweder von Herrn Bracebridge oder irgend einem Mitgliede der Familie gehalten würde. Dieß war sonst auf den Landsitzen der Adeligen und Vornehmen in England allgemein der Fall, und es ist sehr zu bedauern, daß dieser Gebrauch in Abnahme kommt; denn dem stumpfsinnigsten Beobachter muß die Ordnung und Heiterkeit fühlbar werden, welche in den Haushaltungen herrschen, wo die gelegentliche Feier eines schönen äußern Gottesdienstes am Morgen, gleichsam den Ton für die ganze Stimmung des Tages gibt, und jedes Gemüth zum Wohlklange stimmt. Unser Frühstück bestand auf dem, was der Squire ächte alte englische Kost nannte. Er erlaubte sich einige bittere Bemerkungen über neuere Frühstücke von Thee und geröstetem Brod, welche er zu den Ursachen der neuern Verweichlichung und schwacher Nerven, und des Verfalls der alten englischen Herzlichkeit rechnete; und obgleich er sie auf seinen Tisch kommen ließ, um dem Gaumen seiner Gäste zu schmeicheln, so war doch ein tüchtiger Vorrath von kaltem Fleisch, Wein und Ale auf dem Nebentisch aufgestellt. Nach dem Frühstück machte ich mit Frank Bracebridge und Meister Simon, oder Herrn Simon, wie er von Allen, den Squire ausgenommen, genannt wurde, einen Spaziergang durch die Besitzung. Wir wurden von einer Anzahl vornehmer Hunde, welche zu dem Gute zu gehören schienen, begleitet; von dem hüpfenden Wachtelhunde bis zu dem steifen alten Hühnerhunde; der letztere gehörte zu einer Race, die seit undenklichen Zeiten in der Familie gewesen war; alle gehorchten einer Hundepfeife, welche an Meister Simon's Knopfloche hing, und mitten in ihren Sprüngen warfen sie dann und wann einen scheuen Blick nach einer kleinen Gerte, die er in der Hand trug. Das alte Herrenhaus sah in dem gelben Sonnenscheine noch viel ehrwürdiger aus, als bei dem blassen Mondlicht, und ich konnte nicht umhin, die Wahrheit des Gedankens des Squire anzuerkennen, daß die steifen Terrassen, die schweren Balustraden und die gestutzten Eibenbäume auf stolze Aristokratie hindeuteten. Es schien eine ungewöhnliche Anzahl von Pfauen an diesem Orte zu sein, und ich machte einige Bemerkungen über eine Herde derselben, wie ich es nannte, welche sich im Schutze einer sonnigen Mauer wärmten, als mich Meister Simon freundlich zurechtwies, indem er mir sagte, daß ich, dem ältesten und allgemein angenommenen Jagdbuche zufolge, eine Totte Pfauen sagen müßte. »Auf dieselbe Weise,« fügte er mit einem leicht pedantischen Wesen hinzu, »sagt man eine Flucht Tauben oder Schwalben, ein Volk Lerchen, eine Herde Damhirsche, Zaunkönige oder Kraniche, ein Schwarm Füchse und ein Bau von Raben.« Er fuhr nun fort mir auseinander zu setzen, daß man, Sir Anton Fitzherbert zufolge, diesem Thiere sowohl Verstand als Ruhmsucht zuschreiben müsse; denn, wenn es gelobt würde, breite es sogleich seinen Schweif aus, besonders wenn die Sonne scheine, damit man dessen Schönheit besser sehen könne. Wenn aber bei dem Fall der Blätter sein Schweif ausfalle, trauere es und verberge sich in Winkeln, bis sein Schweif wieder wachse, wie er gewesen sei.« Ich konnte nicht umhin, über dieses Auskramen leichter Gelehrsamkeit bei einer so unbedeutenden Sache zu lächeln; aber ich fand, daß die Pfauen auf der Halle als Vögel von einiger Bedeutsamkeit angesehen wurden; denn Frank Bracebridge belehrte mich, daß sie große Lieblinge seines Vaters wären, der sehr darauf halte, die Art fortzupflanzen; theils weil sie zur Ritterlichkeit gehörten, und bei den feierlichen Banketten in alten Zeiten sehr gesucht wurden, und theils weil sie einen Pomp und eine Pracht an sich hätten, die sich zu einem alten Herrenhause sehr passe. Nichts, pflegte er zu sagen, nehme sich stattlicher und würdevoller aus, als ein Pfau, der auf einem altfränkischen steinernen Geländer sitze. Meister Simon mußte nun davoneilen, da er die Dorfsänger nach der Kirche bestellt hatte, wo einige Musikstücke von seiner Wahl aufgeführt werden sollten. Es lag etwas ungemein Angenehmes in der lebendigen Fröhlichkeit des kleinen Mannes; und ich gestehe, daß ich einigermaßen überrascht war, ihn Stellen aus Schriftstellern anführen zu hören, die nicht in die Reihe der Alltagslectüre gehörten. Ich erwähnte dieses letztern Umstandes gegen Frank Bracebridge, der mir mit einem Lächeln erzählte, Meister Simon's ganze Gelehrsamkeit beschränke sich auf ein halbes Dutzend alter Schriftsteller, welche der Squire in seine Hände gegeben und die er immer wieder durchlese, so oft er einen Anfall von Studirsucht bekomme, wie er diesen zuweilen an einem regnerischen Tage oder an einem langen Winterabende habe. Sir Anton Fitzherbert's Buch über die Landwirthschaft, Markham's Landvergnügungen, die Abhandlung über die Jagd von dem Ritter Sir Thomas Cockayne, Isaak Walton's Angler, und zwei oder drei ähnliche alte Herren von der Feder seien seine stehenden Gewährsmänner, und er betrachte sie, wie alle Leute, die nur wenige Bücher kennten, mit einer Art von Abgötterei, und führe sie bei allen Gelegenheiten an. Was seine Lieder beträfe, so habe er sie meistens auf alten Büchern in der Bibliothek des Squire herausgesucht, und ihnen Melodien angepaßt, welche bei den ausgewählten Geistern des vergangenen Jahrhunderts beliebt gewesen wären. Seine praktische Anwendung von Literaturbrocken habe indessen verursacht, daß alle Stallknechte, Jäger und die geringern Jagdfreunde in der Nachbarschaft ihn für ein Wunder von Bücherkenner ansähen. Während wir mit einander sprachen, hörten wir in der Entfernung den Ton der Dorfglocke, und man sagte mir, der Squire sei ein wenig eigen darin, daß sein ganzer Hausstand am Morgen des Weihnachtsfeiertags sich in der Kirche einfinde, da er diesen als einen Tag der Danksagung und der Freude betrachte; denn wie der alte Tusser In seinem five hundred points of good husbandry . bemerkt hat: Zu Weihnachten sei fröhlich und dankbar vor allen, Und bewirthe die Armen, Groß und Klein, in deinen Hallen. »Wenn Ihr Lust habt, nach der Kirche zu gehen,« sagte Frank Bracebridge;»so kann ich Euch ein Probestück von meines Vetters Simon musikalischen Leistungen versprechen. Da die Kirche keine Orgel besitzt, so hat er sich aus den Musikliebhabern im Dorfe ein Orchester gebildet, und zu dessen Vervollkommnung einen musikalischen Club gestiftet; er hat sich auch einen Chor ausgesucht, wie er meines Vaters Jagdhunde nach Gervasius Markham's Anweisung, in dessen Landvergnügungen, ausgesucht hat; für den Baß hat er alle die »tiefen, feierlichen Kehlen,« und für den Tenor die »laut klingenden Kehlen« aus den Dorflümmeln ausgewählt, und für »sanfte Kehlen« mit eigenthümlichem Geschmack unter den artigsten Mädchen in der Gegend Schau gehalten; obgleich, wie er versichert, diese letztern am schwersten im Ton zu erhalten sind, da solche hübsche Sängerinnen überaus störrisch und launisch, und von kleinen Unfällen sehr abhängig seien.« Da der Morgen, obgleich kalt, doch sehr schön und hell war, so gingen die meisten Mitglieder der Familie zu Fuß nach der Kirche, welche ein sehr altes Gebäude von grauem Stein war, und nahe bei einem Dorfe, ungefähr eine halbe Meile von dem Park-Thore, stand. Daneben war ein niedriges, behagliches Pfarrhaus, das aus gleicher Zeit mit der Kirche zu stammen schien. Die Vorderseite desselben war ganz mit dem Laube eines Eibenbaumes bedeckt, den man gegen die Mauer derselben gezogen hatte, und durch dessen dichtes Laub Oeffnungen gemacht worden waren, um das Licht zu den kleinen, altfränkischen Ladenfenstern gelangen zu lassen. Als wir bei diesem geschirmten Neste vorübergingen, trat der Pfarrer heraus und ging vor uns her. Ich hatte erwartet, einen glatten, wohlgenährten Geistlichen zu erblicken, wie man sie oft auf den behaglichen Pfarren, in der Nähe der Tafel eines reichen Patrons, antrifft; aber ich hatte mich getäuscht. Der fromme Herr war ein kleiner, magerer, schwarz aussehender Mann, mit einer grauen Perücke, die zu weit war und von beiden Ohren abstand, so daß sein Haupt darin zusammengeschrumpft zu sein schien, wie ein trockener Haselnußkern in der Schale. Er trug einen verschabten Rock mit langen Schößen, und mit Taschen, welche die Kirchenbibel und das Gebetbuch hätten fassen können, und seine dünnen Beine erschienen noch dünner, da sie in große Schuhe mit ungeheueren Schnallen verziert, gestellt waren. Frank Bracebridge sagte mir, der Geistliche sei ein Stubenbursche seines Vaters in Oxford gewesen, und habe diese Pfarre, kurz nachdem der Letztere sein Gut angetreten, bekommen. Er jagte leidenschaftlich allen, mit gothischen Buchstaben gedruckten Büchern nach, und pflegte selten deren zu lesen, die mit lateinischer Schrift gedruckt waren. Carton's und Wynkin de Worde's Ausgaben waren sein Ergötzen, und er war unermüdlich in seinen Nachforschungen nach solchen alten englischen Schriftstellern, die, ihrer Werthlosigkeit wegen, in Vergessenheit gerathen sind. Aus Ehrfurcht vielleicht vor Herr Bracebridge's Ansichten, hatte er sorgfältige Untersuchungen über die Festgebräuche und Feierlichkeitssitten früherer Zeiten angestellt; und er war eben so eifrig in dieser Untersuchung, als ob er ein Lebemann gewesen wäre; er that es indessen bloß mit jenem brütenden Geiste, womit Leute von lebendiger Gemüthsart jede Spur von Studium verfolgen. nur deßwegen, weil man dieß Gelehrsamkeit heißt; gleichgültig gegen die innere Beschaffenheit, ob 's sich um Erläuterung der Weisheit oder der Ruchlosigkeit und Unanständigkeit des Alterthums handle. Er hatte über diesen alten Bänden so emsig gebrütet, daß sie sich auf seinem Gesicht wieder abzuspiegeln schienen, welches, wenn anders das Antlitz ein Spiegel der Seele ist, füglich mit einem Titelblatte in gothischen Lettern verglichen werden konnte. Als wir die Kirchenthüre erreichten, hörten wir, daß der Pfarrer den grauköpfigen Küster deßwegen ausschalt, weil er unter dem Laubwerk, womit er die Kirche ausgeschmückt, die Mistel angebracht habe. Dieß, bemerkte er, sei ein unheiliger Strauch, der dadurch entweiht worden, daß die Druiden sich seiner bei ihren geheimnißvollen Feierlichkeiten bedienten, und ob man ihn gleich ganz unschuldig bei der festlichen Ausschmückung von Hallen und Küchen gebrauchen könne, so hätten die Kirchenväter ihn doch für unheilig und durchaus unanwendbar zu heiligen Zwecken gehalten. So hartnäckig war er in diesem Punkt, daß der arme Küster sich genöthigt sah, einen großen Theil der bescheidenen Siegeszeichen seines Geschmacks herabzureißen, ehe der Pfarrer den Gottesdienst anfangen wollte. Das Innere der Kirche war ehrwürdig, doch einfach; an den Mauern waren mehrere Denkmäler der Bracebridge's, und dicht neben dem Altar war ein Grabstein von alter Arbeit, auf welchem das Bild eines Kriegers in voller Rüstung lag, mit übereinandergeschlagenen Beinen, ein Zeichen, daß er ein Kreuzfahrer gewesen. Man sagte mir, es stelle einen aus der Familie dar, der sich in dem heiligen Lande ausgezeichnet habe, und zwar denselben, dessen Bild über dem Kamin im Saale hing. Während des Gottesdienstes stand Meister Simon in dem Kirchenstuhle auf und wiederholte die Responsen mit hörbarer Stimme, wobei er die Art feierlicher Andacht an den Tag legte, welche die Leute aus der alten Schule und aus guten Familien pünktlich zu beobachten pflegen. Ich bemerkte, daß er die Blätter des Folio-Gebetbuches mit einer Art Schwung umwandte, wahrscheinlich um bei der Gelegenheit einen ungeheuren Siegelring zu zeigen, welcher an einem seiner Finger prangte, und der das Ansehen eines Familienüberbleibsels hatte. Aber er war augenscheinlich am meisten um den musikalischen Theil des Gottesdienstes bemüht, hielt die Augen unverwandt auf das Chor geheftet, und schlug mit vielem Geberdenspiel und Nachdruck den Takt. Das Orchester war auf einer kleinen Gallerie angebracht und bot eine sehr drollige Zusammenstellung von Köpfen dar, welche übereinander gethürmt waren, und worunter ich besonders den des Dorfschneiders, eines blassen Burschen mit zurücktretender Stirn und eingezogenem Kinn bemerkte, welcher das Clarinett blies und sein Gesicht schon ganz spitz geblasen zu haben schien; es war noch ein Anderer da, ein kurzer engbrüstiger Mann, der sich bei einer Baßviole tief bückte und zerarbeitete, so daß man nur den obern Theil seines runden, kahlen Kopfes sehen konnte, der wie ein Straußenei aussah. Unter den Sängerinnen waren zwei oder drei artige Gesichter, denen die scharfe Luft des kalten Morgens eine hohe Rosenfarbe gegeben hatte; aber die Herrn Choristen waren augenscheinlich, wie die alten Cremoneser Geigen, mehr ihres Tones, als ihres Aeußern wegen gewählt worden, und da mehrere von ihnen aus Einem Buche singen mußten, so entstand dadurch ein Zusammenfließen seltsamer Physiognomien, den Gruppen von Cherubim nicht unähnlich, wie wir sie zuweilen auf Leichensteinen auf dem Lande finden. Der gewöhnliche Gottesdienst des Chores ging leidlich gut von statten; die Stimmen hinkten immer etwas hinter den Instrumenten drein, und ein langsamer Geiger suchte die verlorene Zeit dann und wann dadurch einzubringen, daß er mit wunderbarer Schnelligkeit über einen Gang hinfuhr, und über mehr Takte wegsetzte, als der schnellste Fuchsjäger über Pfähle, wenn er bei dem Verenden eintreffen will. Aber der große Prüfstein war eine Kirchenmusik, welche Meister Simon vorbereitet und angeordnet hatte, und auf welche er große Erwartungen gründete. Unglücklicherweise fiel gleich zu Anfange ein Fehler vor; die Musiker geriethen in Unordnung; Meister Simon war in Fieberhitze; alles ging lahm und unregelmäßig, bis sie an einen Chor kamen, welcher begann: »nun laßt uns singen Alle vereint,« welches das Zeichen zu sein schien, daß Jeder seinen Weg gehen sollte; alles ward Mißklang und Verwirrung; Jeder suchte sich zu helfen so gut er konnte, um so gut oder vielmehr so schnell als möglich zu Ende zu kommen, einen alten Chorsänger mit einer Hornbrille ausgenommen, welche auf einer langen, tönenden Nase thronte und sie zwängte. Da er zufällig ein wenig entfernt von den Andern stand, und in seine eigene Melodie versunken war, trillerte er noch immer fort, drehte dabei den Kopf, auf sein Buch schielend, und beschloß das Ganze mit einem näselnden Solo, das wenigstens drei Takte dauerte. Der Geistliche gab uns eine sehr gelehrte Predigt über die Weihnachtsgebräuche und Festlichkeiten, und wie man das Weihnachtsfest nicht bloß als ein Fest der Dankbarkeit, sondern auch der Freude betrachten müsse, wobei er die Wahrheit seiner Ansicht durch die frühesten Kirchengebräuche zu unterstützen, und sie durch die Autoritäten eines Theophilus von Cäsarea, des heiligen Cyprianus, Chrysostomus, Augustinus und eine Menge anderer Heiligen und Kirchenvätern zu erhärten suchte, aus denen er viele Stellen anführte. Ich war nicht ganz im Stande, die Nothwendigkeit eines so mächtigen Aufgebots von Hülfsquellen einzusehen, um etwas zu behaupten, das Niemand bestreiten zu wollen schien; ich fand indessen bald, daß der gute Mann eine Legion eingebildeter Gegner hatte; denn, im Verfolge seiner Untersuchungen über die Weihnachten, hatte er sich ganz und gar in die Sectenstreitigkeiten der Revolutionszeit verloren, wo die Puritaner einen so heftigen Angriff auf die Kirchenfeierlichkeiten machten, und die armen alten Weihnachten durch eine öffentliche Bekanntmachung des Parlaments Landes verwiesen wurden. Aus dem »fliegenden Adler,« einer kleinen Zeitung, vom 24. December 1652: »das Haus brachte an diesem Tage lange Zeit mit den Marinesachen und dem Kriege zur See zu, und ehe es auseinander ging, ward ihm noch eine gewaltige Vorstellung gegen den Weihnachtsfeiertag eingereicht, welche auf die heilige Schrift gegründet war, namentlich auf 2. Kor. V. 16. 1. Kor. XV. 14. 17. und zur Ehre des Tages des Herrn, ebenfalls auf die heilige Schrift gegründet, Evang. Joh. XX. 1. Offenb. I. 10. Psalm CXVIII. 24. 3. Buch Mos. XXIII. 7. 11. Evangel. Marc. XV. 8. Psalm LXXXIV. 10., wo Weihnachten des Antichrist's Messe genannt ward, und Diejenigen, welche es feiern, Meßkrämer und Papisten u  s. w. Demzufolge berathschlagte das Parlament noch eine Zeitlang über die Abschaffung des Weihnachtsfeiertags, erließ einen Befehl deßwegen, und beschloß, am folgenden Tage, der gewöhnlich der Weihnachtsfeiertag genannt wurde, Sitzung zu halten. – Anm. des Verfassers . Der würdige Pfarrer lebte nur in den vergangenen Zeiten, und wußte gar wenig von der Gegenwart. Abgeschlossen unter den wurmstichigen Bänden, in der Stille seines kleinen altfränkischen Studirzimmers, erschienen ihm die Blätter der alten Zeit wie die Zeitungen des Tages; während er die Zeit der Revolution als neuere Geschichte ansah. Er vergaß, daß fast zwei Jahrhunderte verflossen waren, seit die grausame Verfolgung der armen Fleischpastete im ganzen Lande Statt gefunden hatte und die Rosinensuppe als »reine Päbstelei,« und Roastbeef als unchristlich angesehen worden war, und daß das Weihnachtsfest mit dem munteren Hofe König Karl's bei der Wiederherstellung des Königthums im Triumph zurückgekehrt war. Er wurde warm bei seinem hitzigen Streit und dem Schwarme eingebildeter Feinde, mit denen er zu kämpfen hatte; er führte einen hartnäckigen Kampf mit dem alten Prynne und zwei oder drei anderen Kämpen der Rundköpfe über die Weihnachtsfeierlichkeiten, und schloß damit, daß er seinen Zuhörern auf die feierlichste und rührendste Weise einschärfte, an den Ueberlieferungsgebräuchen ihrer Voreltern fest zu halten, und an diesem fröhlichen Jahresfeste der Kirche, lustig und guter Dinge zu sein. Ich habe selten eine Predigt gehört, die anscheinend eine unmittelbarere Wirkung gehabt hätte; denn, als ich die Kirche verließ, schien die Gemeinde, ohne Ausnahme, von dem Geiste der Fröhlichkeit durchdrungen zu sein, den ihr Geistlicher ihr so angelegentlich zur Pflicht gemacht hatte. Die älteren Leute versammelten sich in Haufen auf dem Kirchhofe, grüßten sich und schüttelten einander die Hände; und die Kinder liefen umher, schrien Jul! Jul! und wiederholten einige rohe Reime, von denen der Geistliche, der sich zu uns gesellt hatte, uns versicherte, daß sie aus uralter Zeit herrührten. Die Dorfbewohner zogen die Hüte ab, als der Squire vorüber ging, wünschten ihm, mit jedem Zeichen von Herzlichkeit und Aufrichtigkeit, Glück zum Feste, und wurden von ihm nach der Halle eingeladen, dort etwas zu genießen, um sich gegen die Kälte zu schützen; und ich hörte mehrere Arme Segenswünsche über ihn aussprechen, welche mich überzeugten, daß der würdige alte Herr, bei allen seinen Vergnügungen, die wahre Weihnachtstugend der Mildthätigkeit nicht vergessen habe. Auf unserm Heimwege schien sein Herz von wohlwollenden, freudigen Gefühlen überzufließen. Während wir auf einer Erhöhung gingen, von der man eine Art Aussicht hatte, gelangten die Töne ländlicher Fröhlichkeit dann und wann zu unseren Ohren; der Squire blieb einige Augenblicke stehen, und blickte mit einer Miene voll unaussprechlicher Güte umher. Die Schönheit des Tages war an sich schon hinreichend, Menschenliebe einzuflößen. Ungeachtet der Kälte des Morgens hatte die Sonne auf ihrer wolkenlosen Reise Kraft genug erlangt, die dünnen Schneedecken von allen südlichen Abhängen hinwegzuschmelzen, und das lebendige Grün zu enthüllen, welches, selbst mitten im Winter, eine englische Landschaft schmückt. Große Strecken lachenden Grüns stachen gegen die blendende Weiße der beschatteten Abhänge und Vertiefungen grell ab. Jeder geschützte Fleck, auf welchem die vollen Sonnenstrahlen verweilten, spendete einen silbernen Bach kalten und klaren Wassers, welcher durch das tropfende Gras schimmerte und leichte Dünste aufsteigen ließ, um den dünnen Nebel zu vermehren, der dicht über der Oberfläche der Erde hing. Es lag etwas wahrhaft Erheiterndes in diesem Triumph der Wärme und des Grüns über die frostige Herrschaft des Winters; es war, wie der Squire bemerkte, ein Sinnbild der weihnachtlichen Gastfreiheit, welche durch die Kälte der Förmlichkeit und Selbstsucht bricht, und alle Herzen erhebend aufthaut. Er deutete mit Vergnügen auf die Anzeichen eines guten Mahles, die der Rauch aus den Schornsteinen der behaglichen Pachterhäuser und der niedrigen, strohbedeckten Hütten sehen ließ. »Ich sehe es gern,« sagte er: »daß dieser Tag von Reichen und Armen gefeiert wird; es ist schon viel, wenigstens Einen Tag im Jahre zu haben, wo man sicher ist, willkommen zu sein, wohin man kommt, und die Welt gleichsam überall offen zu finden, und ich möchte beinahe mit dem armen Robin gleicher Meinung sein, wenn er jeden sauertöpfigen Feind dieses schönen Festes verwünscht: Die gern das Weihnachtsfest vergessen, Und lieber fort geschafft es seh'n, Mögen bei Herzog Humphry essen, Oder zum Freunde Ketch auch geh'n. Mit Herzog Humphry essen, ist so viel als hungern. – Zum Freunde Ketch, d. h. zum Henker gehen. – Anm. des Uebers. Der Squire fuhr fort, über den bedauernswerthen Verfall der Spiele und Vergnügungen zu klagen, welche sonst zu dieser Jahreszeit bei den niederen Ständen vorzugsweise geliebt, und von den höheren aufrecht erhalten worden, damals, als noch die alten Hallen, Schlösser und Herrenhäuser bei Tagesanbruch geöffnet wurden; als die Tische mit gepökeltem wilden Schweinfleisch und Rindfleisch und schäumenden Ale bedeckt waren; als die Harfe und das Lied den ganzen Tag ertönten, und Arme und Reiche gleich willkommen waren, und in das Haus kommen und sich lustig machen konnten. »Ein englischer Edelmann ließ bei Anbruch des großen Tages. d. h. am Weihnachtsfeiertage Morgens, seine sämmtlichen Pächter und Nachbarn in seine Halle treten. Das starke Bier ward angezapft, und die Krüge gingen fleißig umher, mit geröstetem Brode, Zucker und Muskatennuß und gutem Cheshire-Käse. Der Hacking (große Wurst) muß bei Tagesanbruch gekocht sein; sonst müssen zwei junge Männer das Mädchen (d. h. die Köchin) bei den Armen nehmen, und mit ihr rund um den Markt und unser Steinkohlenfeuer laufen, bis sie sich ihrer Trägheit schämt.« – Anm. des Verf. »Unsere alten Spiele und örtlichen Gebräuche,« sagte er, »trugen sehr dazu bei, dem Landmann Liebe zu seiner Heimath einzuflößen, und da der Adel ihm behülflich ward, sich zu einem behaglichern Dasein heraufzuarbeiten, gewann er mehr Anhänglichkeit an seinen Gutsherrn. Sie machten die Zeiten fröhlicher und wohlwollender und besser, und ich kann in Wahrheit mit einem unserer alten Dichter sagen: Ich liebe sie – die strenge Pünktlichkeit, Und anspruchsvolle Würde derer, Die so harmlose Spiele gern verbannten, Hat auch viel alte Rechtlichkeit verscheucht. »Die Nation,« fuhr er fort: »ist verändert; wir haben unsern einfachen. treuherzigen Bauernstand beinahe verloren. Er hat sich von den höheren Classen losgerissen, und scheint zu glauben, sein Interesse sei davon getrennt. Er ist zu klug geworden, fängt an, Zeitungen zu lesen, lauscht den Bierhaus-Politikern, und spricht von Reform. Ich denke, ein Mittel, ihn in diesen harten Zeiten bei guter Laune zu erhalten, würde sein, wenn der Adel und die höheren Stände mehr Zeit auf ihren Gütern zubrächten, sich mehr unter das Landvolk mischten, und die lustigen alten englischen Spiele wieder in den Gang brächten.« Dieß war des guten Squire's Plan, die öffentliche Unzufriedenheit zu stillen, und, in der That, er hatte einst versucht, seine Lehre in Ausübung zu bringen, und vor wenigen Jahren, während der Feiertage, nach altem Style offenes Haus gehalten. Die Landleute verstanden indessen nicht, bei dieser öffentlichen Ausübung der Gastfreiheit ihre Rollen zu spielen, und es ereigneten sich mehrere sonderbare Vorfälle; der Landsitz ward von allen Landstreichern der Gegend überlaufen; und es kamen in einer Woche mehr Bettler in die Nachbarschaft, als die Kirchspiel-Polizeibeamten in einem Jahre wegschaffen konnten. Seitdem hat er sich damit begnügt, den anständigen Theil der benachbarten Landleute am Weihnachtstage in die Halle einzuladen, und Fleisch, Brod und Ale unter die Armen zu vertheilen, damit diese sich in ihren eigenen Wohnungen einen frohen Tag machen könnten. Wir waren noch nicht lange wieder zurück, als aus der Entfernung der Klang der Musik gehört wurde. Ein Haufe Bauernbursche, ohne Röcke, die Hemdsärmel abenteuerlich mit Band gebunden, die Hüte mit grünem Laube geschmückt und mit Knitteln in der Hand, kamen den Baumgang herauf, und eine Menge Dorfbewohner und Landleute folgten ihnen. Sie blieben vor der Thüre der Halle stehen, wo die Musik eine eigenthümliche Weise aufspielte, und die Bursche einen sonderbaren und verwickelten Tanz aufführten, vorschreitend, wieder zurücktretend, und ihre Knittel zusammenschlagend, genau den Takt der Musik einhaltend, während Einer, der auf eine närrische Weise einen Fuchsbalg auf dem Kopfe hatte, dessen Schwanz ihm über den Rücken hinabhing, um den Kreis der Tänzer herumsprang und unter manchen hanswurstenartigen Geberden eine Weihnachtssparbüchse schüttelte. Der Squire betrachtete dieses phantastische Schauspiel mit großer Theilnahme und Freude, und gab mir eine ausreichende Nachricht über den Ursprung desselben, den er in die Zeiten verfolgte, wo die Römer die Insel besaßen, und mir bündig bewies, daß dieß ein Abkömmling in gerader Linie von dem Schwerdttanze der Alten sei. »Er sei nun,« sagte er, »beinahe ganz außer Gebrauch; er habe indessen zufällig Spuren davon in der Gegend gefunden, und dazu ermuntert, daß er wieder gäng und gebe würde, ob ihm gleich, die Wahrheit zu sagen, gar zu leicht am Abend eine rohe Prügelei und gespaltete Köpfe folgten.« Als der Tanz geendet war, ward der ganze Haufe mit gepökeltem wilden Schwein und Rindfleisch und starkem Hausbier bewirthet. Der Squire selbst mischte sich unter die Landleute, und ward mit unbeholfenen Beweisen von Ehrfurcht und Achtung empfangen. Es ist wahr, ich bemerkte zwei oder drei von den jüngeren Bauern, wie sie, mit den Krügen vor dem Munde, sobald der Squire den Rücken wandte, eine Art von Gesicht schnitten und sich einander zuwinkten; aber in dem Augenblick, wo sie mich bemerkten, machten sie eine ernste Miene, und waren ungemein gesetzt. Gegen Meister Simon schienen sie dagegen alle unbefangener zu sein. Seine mannichfaltigen Beschäftigungen und Vergnügungen hatten ihn in der ganzen Nachbarschaft sehr bekannt gemacht. Er kam in jedes Pachterhaus und in jede Hütte, schwatzte mit den Pachtern und ihren Frauen, schäkerte mit ihren Töchtern, und sammelte, wie das Urbild eines umherschweifenden Junggesellen, die demüthige Biene, die Süßigkeiten von allen rosigen Lippen der Gegend umher ein. Die Zurückhaltung der Gäste wich bald dem Wohlleben und der Gesprächigkeit. Es liegt etwas Gerades und Herzliches in der Fröhlichkeit der niederen Stände, wenn sie durch das Wohlwollen und die Vertraulichkeit der höheren erweckt wird; das warme Gefühl der Dankbarkeit gesellt sich zu ihrer Freude, und ein freundliches Wort oder ein kleiner Scherz, den ein Gönner macht, erheitert das Herz des Untergeordneten mehr als Oel und Wein. Als der Squire sich entfernt hatte, wuchs die Fröhlichkeit – und es wurde viel gescherzt und gelacht, besonders zwischen Meister Simon und einem kräftigen, frisch aussehenden, weißköpfigen Pachter, der der Witzling des Dorfes zu sein schien; denn ich bemerkte, daß alle seine Gefährten mit offenem Munde seine Antworten erwarteten, und, ehe sie sie recht verstehen konnten, in ein lautes Gelächter ausbrachen. In der That schien das ganze Haus sich der Fröhlichkeit überlassen zu haben; als ich in mein Zimmer ging, um mich zum Mittagsessen anzukleiden, hörte ich den Ton der Musik auf einem kleinen Hofe; ich blickte durch ein Fenster, von wo aus ich denselben überschauen konnte und sah dort eine Bande wandernder Musiker mit Papagenoflöten und Tambourinen stehen; ein hübsches kokettes Hausmädchen tanzte mit einem drallen Bauernburschen eine Gigue, während einige andere Dienstboten zusahen. Mitten in dieser Lustbarkeit erblickte das Mädchen mein Gesicht am Fenster, und lief hocherröthend mit einer schelmisch verlegenen Miene davon. Das Weihnachtstags-Mittagessen. Ha, unser größtes Fest ist da,     Laßt jeden fröhlich sein, Mit Epheu schmückt die Zimmer ja,     Die Thür mit Reisern fein. Der Rauch aus jedem Schornstein quillt,     Die Weihnachtsblöcke glüh'n; Oefen sind mit Gebäck erfüllt,     Bratspieß' geh'n her und hin.         Den Gram laßt vor die Thür uns führen,         Und sollt' er dort vielleicht erfrieren,         Scharrt in die Christ-Pastet ihn ein         Und laßt uns immer lustig sein. Wither's Juvenilia . Ich hatte meine Toilette beendigt und schlenderte mit Frank Bracebridge in der Bibliothek umher, als wir ein entferntes Pochen hörten, welches, wie er mir sagte, ein Zeichen war, daß man das Mittagessen auftrage. Der Squire hielt, sowohl in der Küche, als in der Halle, alte Gebräuche aufrecht, und das Aufschlagen des Kochs mit dem Mangelholz auf den Anrichte-Tisch, forderte die Bedienten auf, die Speisen aufzutragen. Der Koch klopft eben dreimal, hört, Im Nu die Dienerschaar jetzt kehrt     Jeder an seinen Ort; Und Jeder, sein Gericht zur Hand, Schreitet kühn vor, wie ein Trabant,     Trägt auf und eilet fort. Das Mittagsessen wurde in der großen Halle aufgetragen, wo der Squire immer sein Weihnachtsmahl hielt. Ein helles, prasselndes Feuer von Blöcken war hoch aufgehäuft, das geräumige Zimmer zu erwärmen, und die Flamme stieg funkelnd und glänzend den weitgeöffneten Schornstein empor. Das große Bild des Kreuzfahrers mit seinem weißen Rosse war zu diesem Feste mit grünen Reisern reich ausgeschmückt worden. An der Mauer gegenüber waren um Helm und Rüstung, einst die Waffen des Kriegers, wie ich hörte, Stechpalme und Epheu gewunden. Ich muß beiläufig gestehen, daß ich einige bedeutende Zweifel über die Echtheit des Bildes und der Waffen hatte, insofern sie dem Kreuzfahrer angehören sollten, da sie den Stempel von neuerer Zeit trugen; man sagte mir indessen, daß man das Bild seit undenklichen Zeiten so geschätzt habe, und daß, was die Rüstung beträfe, diese in einer Polterkammer gefunden, und ihr der gegenwärtige Platz von dem Squire angewiesen worden sei, der sogleich entschieden habe, daß dieß die Rüstung des Familienhelden sein müsse; und da er über alle solche Gegenstände in seinem Hause die entscheidende Autorität hatte, so ward auch die Sache allgemein angenommen. Unter diesen ritterlichen Siegeszeichen stand der Schenktisch, auf welchem ein Reichthum von Silberzeug prangte, der (wenigstens in Hinsicht der Mannigfaltigkeit) mit Belhazar's prächtigem Tempelgeräth hätte wetteifern können; »Krüge, Kannen, Becher, Schalen, Becken und Gießkannen;« das prunkvolle Geräth des Wohllebens, das sich allmählig, seit mehreren Geschlechtern lebenslustiger Hausherren, angehäuft hatte. Vor diesem standen die zwei Weihnachtskerzen, welche wie zwei Sterne erster Größe glänzten; andere Lichter waren auf Armen vertheilt, und das Ganze glänzte wie ein Firmament von Silber. Bardentöne mußten uns zu diesem Festmahle geleiten; denn der alte Harfner saß auf einem Stuhle neben dem Kamin, und bearbeitete sein Instrument mit ungleich größerer Kraft als Wohllaut. Niemals bot wohl eine Weihnachtstafel eine gemüthigere und erfreulichere Zusammenstellung von Gesichtern dar; diejenigen, welche nicht schön waren, waren wenigstens glücklich, und die Glückseligkeit verschönert solche nicht sehr begünstigten Gesichter ungemein. Ich halte eine alte englische Familie für eben so würdig, studirt zu werden, wie eine Sammlung von Holbeinischen Bildern oder Albrecht Dürerschen Kupferstichen. Man kann daraus viel für das Alterthum, viel für die Kenntniß der Gesichtszüge früherer Zeiten lernen. Vielleicht rührt dieß daher, weil die Leute beständig die Reihen alter Familienbilder vor sich haben, mit denen die Landsitze dieser Insel angefüllt sind; gewiß ist es, daß die sonderbaren alterthümlichen Züge in diesen alten Linien oft treulich fortgepflanzt werden, und ich habe eine alte Familiennase durch eine ganze Bildergallerie verfolgt, die legitim von einem Geschlecht auf das andere, fast von der Zeit der Eroberung Englands durch die Normannen, fortgepflanzt worden ist. Etwas derselben Art ließ sich auch in der würdigen Gesellschaft beobachten, welche ich um mich hatte. Mehrere ihrer Gesichter stammten augenscheinlich aus einer uralten Zeit her, und waren von den nachfolgenden Geschlechtern nur nachgeahmt worden; es war namentlich ein kleines Mädchen darunter, von gesetztem Wesen, mit einer gebogenen römischen Nase und einem altfränkischen Essig-Gesicht, – ein großer Liebling des Squire, da sie, wie er sagte, durch und durch eine Bracebridge, und das wahre Ebenbild eines seiner Ahnen sei, der am Hofe Heinrich's des Achten eine Rolle gespielt hatte. Der Pfarrer hielt das Tischgebet, das aber kein kurzes, wie man es gemeinlich an diesen Tagen der Ungezwungenheit an die Gottheit richtet, sondern ein langes, verbindliches, wohlgesetztes, aus der alten Schule war. Nun entstand eine Pause, als ob man irgend etwas erwarte; als plötzlich der Haushofmeister mit einer Art von Geräusch in die Halle trat; ihm folgte auf jeder Seite ein Bedienter – mit einer großen Wachskerze, er selbst aber trug eine silberne Schüssel, auf welcher ein ungeheurer Schweinskopf, mit Rosmarin verziert und mit einer Citrone im Rachen lag, und die mit großer Förmlichkeit an das obere Ende der Tafel gesetzt wurde. In dem Augenblicke, wo dieser Aufzug erschien, schlug der Harfner einen Tusch an, worauf der junge Oxforder Student, auf einen von dem Squire erhaltenen Wink, mit einer Miene von höchst komischem Ernste, ein altes Lied absang, das folgendermaßen lautete:     Caput apri defero     Reddens laudes Domino. Den Eberkopf, ich bringe ihn, Mit Kränzen bunt, mit Rosmarin, Und bitt' euch, singt mit frohem Sinn Qui estis in convivio. Es soll der Kopf vom wilden Schwein Das seltenste im Lande sein. Bedeckt kömmt er mit Laubwerk fein, Wird aufgetragen Cantico.     Caput apri defero u. s. w. Der Küchenmeister sorgte schön, Daß wir dem Herrn zu Ehre sehn Dieß Mahl heut auf dem Tische stehn In Reginensi atrio     Caput apri defero u. s. w. Obgleich ich vorbereitet war, von mancher dieser kleinen Sonderbarkeiten Zeuge zu sein, da ich das seltsame Steckenpferd des Wirths kannte; so setzte mich doch, ich muß es gestehen, der Pomp, womit ein so ungewöhnliches Gericht aufgetragen wurde, in nicht geringe Verwunderung, bis ich aus einer Unterhaltung mit dem Squire und dem Pfarrer erfuhr, daß dieß das Auftragen des Eberkopfes vorstellen solle; eines Gerichts, das in früheren Zeiten mit großer Feierlichkeit und mit Sang und Klang auf den Tafeln der Großen am Weihnachtsfeiertage aufgesetzt wurde. »Ich liebe die alte Sitte,« sagte der Squire, »nicht bloß, weil sie an und für sich feierlich und angenehm ist, sondern weil man sie in dem College zu Oxford beobachtete, in welchem ich erzogen wurde. Wenn ich das alte Lied singen höre, erinnere ich mich wieder der Zeit, wo ich noch jung und lebensfroh war – der stattlichen alten Collegiumshalle – und meiner Mitstudenten, die in ihren schwarzen Mänteln umherstrichen, und von denen manche schon – arme Bursche! – in ihren Gräbern ruhen.« Der Geistliche jedoch, in dessen Gedächtniß die Erinnerungen nicht mehr so lebendig waren, und der es überhaupt immer mehr mit den Worten, als mit dem Sinn zu thun hatte, focht die Leseart des Oxforder Studenten bei seinem Liede an, welche, wie er versicherte, ganz von der verschieden sei, wie man sie im College sänge. Mit der trockenen Beharrlichkeit eines Erläuterers, begann er, die Leseart des College, mit Anmerkungen begleitet, zu geben; wobei er sich zuerst an die ganze Gesellschaft wandte, sodann, da er fand, daß deren Aufmerksamkeit auf andere Gespräche und andere Gegenstände gerichtet war, seinen Ton nach der verminderten Anzahl seiner Zuhörer dämpfte, bis er seine Bemerkungen mit halber Stimme gegen einen dickköpfigen alten Herrn, neben ihm schloß, der stillschweigend einen großen Teller mit Truthahnsbraten verarbeitete. Die alte Feierlichkeit, den Eberkopf am Weihnachtsfeiertage aufzutragen, wird noch in dem Speisesaale von Queen's College in Oxford beobachtet. Die Tafel war, im buchstäblichen Sinne des Worts, mit Speisen belastet, und bot in dieser Zeit, wo alle Speisekammern bis zum Uebermaß gefüllt sind, einen Inbegriff ländlichen Ueberflusses dar. Eine ausgezeichnete Stelle war dem altfränkischen Rinderbraten angewiesen, wie mein Wirth ihn nannte, indem er hinzufügte, dieser sei das Wahrzeichen der alten englischen Gastfreiheit, nehme sich gut aus und gebe zu Erwartungen Anlaß. Mehrere Gerichte waren auf eine eigenthümliche Art verziert, und in ihren Verzierungen lag augenscheinlich etwas, das sich auf alte Sagen gründete; da ich aber nicht gern für sehr neugierig angesehen sein mochte, so that ich keine weiteren Fragen. Ich konnte indessen nicht umhin, eine Pastete zu bemerken, prachtvoll mit Pfauenfedern verziert, die den Schweif des Thiers nachahmten, und einen großen Theil des Tisches überschatteten. Dieß, gestand der Squire, mit einigem Zögern, sei eine Fasanenpastete, obgleich eine Pfauenpastete allerdings das Echte wäre; es sei indessen in diesem Jahre unter den Pfauen eine solche Sterblichkeit eingerissen, daß er es unmöglich über sich habe bringen können, einen davon schlachten zu lassen. Der Pfau war in alten Zeiten bei festlichen Bewirthungen unentbehrlich. Zuweilen ward er in eine Pastete gethan, an deren einem Ende der Kopf mit seinem Gefieder und mit reich vergoldetem Schnabel hervorragte; am andern aber der Schweif sich in seiner ganzen Pracht zeigte. Solche Pasteten wurden bei den feierlichen Mahlen in den Ritterzeiten aufgetragen, wo die irrenden Ritter sich anheischig machten, irgend ein gefahrvolles Abenteuer zu bestehen; daher der alte Schwur, dessen sich auch der Ritter Shallow bediente, »bei Pfau und Pastete!« Der Pfau war auch ein wichtiges Gericht für ein Weihnachts-Mittagsessen und Massinger gibt uns in seiner Stadtdame einen Begriff von der Verschwendung, womit diese sowohl als andere Speisen zu den schwelgerischen Gastmahlen aller Zeiten zubereitet wurden. Es würde für meine weiseren Leser, welche wohl diese närrische Vorliebe für seltsame und verschollene Dinge, wozu ich mich etwas hinneige, nicht haben, vielleicht langweilig sein, wenn ich die übrigen Auskunftsmittel dieses würdigen alten Charakters herzählen wollte, wodurch er, wenn gleich nur ganz entfernt, die eigenthümlichen Gebräuche des Alterthums nachzuahmen suchen wollte. Es machte mir indessen großes Vergnügen, zu bemerken, mit welcher Schonung seine Kinder und Verwandten seine Eigenthümlichkeiten behandelten, da sie doch, ohne Zweifel, schon bei manchen Proben derselben gegenwärtig gewesen waren. Ungemein belustigte mich auch die ernste Würde, womit der Hausverwalter und die übrigen Bedienten die ihnen aufgetragenen Geschäfte, so ungewöhnlich sie auch waren, verrichteten. Sie hatten ein altfränkisches Aussehen; denn der größere Theil derselben war im Schlosse aufgewachsen, und hatte sich nach dem veralteten Hause und den Launen seines Herrn gestaltet, und sahen seine sonderbaren Anordnungen höchst wahrscheinlich als die hergebrachten Gesetze eines anständigen Haushalts an. Als das Tischtuch hinweggenommen war, brachte der Kellermeister ein gewaltiges silbernes Trinkgeschirr, von künstlicher und seltsamer Arbeit, herein, welches er vor den Squire setzte. Die Erscheinung desselben ward mit Jubel begrüßt, denn es war der bei den Weihnachtsfeierlichkeiten so berühmte Humpen. Der Inhalt desselben war von dem Squire selbst bereitet worden; es war ein Getränk, auf dessen geschickte Mischung er sich besonders viel zu Gute that; anführend, daß es zu gelehrt und verwickelt für den Verstand eines gewöhnlichen Bedienten sei. In der That hätte das Getränk einem Zecher das Herz im Leibe hüpfen machen können, denn es war aus den stärksten und ausgesuchtesten Weinen zusammengesetzt, stark gewürzt und gesüßt, und geröstete Aepfel tanzten auf der Oberfläche desselben umher. Der Humpen war zuweilen mit Ale statt mit Wein gefüllt, wozu Muskatennuß, Zucker, geröstetes Brod, Pfeffer und geröstete Aepfel kamen, auf welche Weise dieß dunkelbraune Getränk noch jetzt in einigen alten Familien und an dem Herde wohlhabender Pächter zur Weihnachtszeit bereitet wird. Es hat auch den Namen Lammwolle, und Herrick besingt es in seiner zwölften Nacht: Dann krönt den Becher voll, Mit sanfter Lammeswoll, Thut Zucker, Ingwer, Muskatnuß hinein     Viel Ale auch nun;     So müßt ihr thun, Soll der Humpen ein tüchtiger sein. Des alten Herrn ganzes Gesicht leuchtete von innerem Vergnügen, als er diese mächtige Schale umrührte. Nachdem er sie zu seinen Lippen erhoben, mit einem herzlichen Wunsche auf fröhliche Weihnachten für alle Anwesenden, schickte er sie, bis an den Rand voll, herum, damit Jeder, nach alter Sitte, seinem Beispiel folgen möchte, sie »den alten Born wohlwollender Gefühle, in dem sich alle Herzen begegneten,« nennend. »Die Sitte, aus einem Becher zu trinken, hat der Platz gemacht, daß Jeder seinen eigenen Becher hat. Wenn der Haushofmeister mit dem Humpen an die Thür kam, mußte er drei Mal Humpen, Humpen, Humpen , rufen, und dann der Caplan ihm mit einem Liede antworten.« Archäologia. – Anm. des Verf. Es entstand viel Gelächter und Scherz, während das treuherzige Sinnbild des Weihnachtfestes in der Runde umherging und von den Frauen ziemlich züchtig geküßt wurde. Als es an Meister Simon kam, erhob er es mit beiden Händen, und stimmte, mit der Miene eines lustigen Gesellen, ein altes Trinklied an: Der braune Humpen, Der lust'ge braune Humpen, Wie rund er kreist am Tisch.     Wein,     'Nein; Wie auch die Welt mag schrei'n, Leert eure Gläser frisch. Die tiefe Kanne, Die lust'ge tiefe Kanne, Setzt man sich tüchtig an!     Sing,     Kling, Gibt's wohl ein lust'ger Ding? Gelächter schalle dann. Die Unterhaltung drehte sich bei dem Mittagsessen größtentheils um Familienangelegenheiten, die mir fremd waren. Meister Simon ward indessen sehr mit einer lustigen Wittwe geneckt, mit welcher er eine Art Verbindung haben sollte. Dieser Angriff ging von den Damen aus, wurde aber das ganze Mittagsessen hindurch von dem dickköpfigen alten Herrn neben dem Geistlichen mit der unermüdlichen Ausdauer eines langsamen Jagdhundes fortgesetzt, denn er war einer der langathmigen Spaßmacher, die, wenn sie gleich nicht leicht ein Wild aufjagen, dennoch ihres Gleichen suchen, es zu Schande zu jagen. Bei jeder Pause in der allgemeinen Unterhaltung fing er seine Spötteleien beinahe mit denselben Worten wieder an; er blinzte mir mit beiden Augen zu, wenn er Meister Simon, wie er glaubte, einen tüchtigen Streich versetzt hatte. Dieser schien in der That es nicht ganz ungern zu sehen, daß er mit diesem Gegenstand geneckt wurde, wie dieß bei alten Junggesellen gewöhnlich der Fall ist; auch nahm er die Gelegenheit wahr, mir leise zu versichern, daß die bewußte Dame eine sehr hübsche Frau sei, und ihren einrädrigen Wagen selbst fahre. Die Mittagsessenszeit ging in dieser unschuldigen Fröhlichkeit vorüber, und obgleich die alte Halle zu ihrer Zeit oft von manchem lautern Fest und Gelag ertönt haben mag, so zweifele ich doch, daß sie je eine treuherzigere und aufrichtigere Freude in ihren Mauern gesehen hat. Wie leicht wird es einem wohlwollenden Wesen, Freude um sich her zu verbreiten; und wie wahr ist es, daß ein gutes Herz eine Quelle der Fröhlichkeit ist, die Alles um sich her zum Lächeln erquickt! Die fröhliche Stimmung des würdigen Squire war vollkommen ansteckend; er selbst war glücklich und geneigt die ganze Welt glücklich zu machen, und die kleinen Ausschweifungen seiner Launen milderten gewissermaßen seine Menschenliebe allein. Als die Damen sich entfernt hatten, ward die Unterhaltung, wie gewöhnlich, noch belebter; es wurden viele gute Dinge zu Tage gebracht, an die man während des Essens gedacht hatte, die sich aber nicht gerade für Frauenohren schickten, und obgleich ich nicht bestimmt behaupten kann, daß sehr viele Witze zum Vorschein kamen, so habe ich doch gewiß manchen Wettstreit ausgezeichneten Witzes viel weniger Lachen erregen hören. Der Witz ist am Ende eine sehr scharfe, beißende Zuthat, und für manche Magen viel zu sauer; treuherzige gute Laune dagegen ist das Oel und der Wein einer fröhlichen Gesellschaft, und es gibt keinen angenehmen Verein, der dem gleicht, wo ein mäßiger Spaß gemacht und viel gelacht wird. Der Squire erzählte mehrere lange Geschichten von frühern College-Streichen und Abenteuern, an deren manchen der Geistliche Antheil gehabt hatte, ob es gleich, wenn man den Letztern betrachtete, einiger Anstrengung der Einbildungskraft bedurfte, um sich zu denken, daß ein solches kleines schwarzes Gerippe von einem Mann einmal einen tollen Streich verübt habe. In der That, die beiden Universitätscameraden boten ein Bild von dem dar, wozu Menschen durch ihre verschiedene Bestimmung im Leben werden können; der Squire hatte die Universität verlassen, um auf seinen väterlichen Gütern sorgenlos in dem ungestörten Genusse des Glücks und Sonnenscheins zu leben, und hatte ein kräftiges, gesundes Alter erreicht; während der arme Pfarrer dagegen zwischen bestaubten Bänden in dem Schweigen und dem Schatten seines Studirzimmers vertrocknet und verwelkt war. Indessen schien auf dem Boden seiner Seele doch noch immer ein Funken eines beinahe verloschenen Feuers schwach zu glimmen; und als der Squire auf eine schalkhafte Geschichte zwischen dem frommen Mann und einem hübschen Milchmädchen anspielte, die sie einst an den Ufern der Isis angetroffen, machte der alte Herr ein »Alphabet von Gesichtern,« das ich, so viel ich seine Physiognomie enträthseln konnte, wahrhaftig für einen Versuch zum Lachen hielt; in der That habe ich selten einen alten Herrn gesehen, der über die ihm zugeschriebenen Galanterien in seiner Jugend, geradezu böse geworden wäre. Ich fand, daß die Fluth des Weines und Würzhumpens das trockene Land des nüchternen Urtheils fast zu überschwemmen anfing. Die Gesellschaft ward in dem Grade lustiger und lauter, als ihre Scherze schaaler wurden. Meister Simon war bei so aufgeweckter Laune, wie ein mit Thau angefüllter Grashüpfer; seine alten Lieder nahmen eine wärmere Färbung an, und er fing an, leichtfertig von der Wittwe zu reden. Er gab sogar ein langes Lied über die Bewerbung um eine Wittwe zum Besten, das er, wie er mir sagte, aus einem trefflichen, mit gothischer Schrift gedruckten Buche, »Cupido's Liebesbewerber,« entnommen hatte. Es enthielt eine Menge guter Rathschläge für Junggesellen und er versprach es mir zu leihen. Der erste Vers begann in diesem Tone: Wer eine Wittwe freit, der spiele nicht,     Er mache Heu noch bei dem Sonnenschein; Weh', wenn er steht und soll ich, soll ich – spricht,     Keck sag' er, Wittwe, hör', mein mußt Du sein. Dieser Gesang begeisterte den dickköpfigen alten Herrn, der mehrere Versuche machte, eine etwas derbe Geschichte aus Joe Miller zu erzählen, die sich gerade dahin schickte; aber er blieb immer in der Mitte stecken, während Alle, ihn selbst ausgenommen, das Ende auswendig wußten. Auch an dem Geistlichen begann die Wirkung der Speisen und des Tranks sich zu zeigen, denn er war allmählig in Schlummer gesunken, und seine Perücke saß sehr verdächtig auf der einen Seite. Gerade in diesem kritischen Momente wurden wir in das Gesellschaftszimmer gerufen, wie ich vermuthe, auf geheime Veranlassung unseres Wirthes, dessen Fröhlichkeit immer mit einer gehörigen Rücksicht auf die Schicklichkeit Hand in Hand zu gehen schien. Nachdem der Eßtisch weggenommen worden war, ward die Halle den jüngeren Mitgliedern der Familie überlassen, die, von dem Oxforder Studenten und Meister Simon zu allen Arten von lärmender Lustigkeit getrieben, die alten Mauern des Saales von ihrer Lust wiederhallen machten, als sie ihre lärmenden Spiele anstellten. Ich finde großes Vergnügen daran, den Spielen der Kinder zuzusehen, und vorzüglich in dieser glücklichen Festtagszeit, und konnte nicht umhin, mich, als ich sie abermals ein helles Gelächter aufschlagen hörte, auf dem Gesellschaftszimmer wegzuschleichen. Ich fand sie beim Blindekuhspiel. Meister Simon, der der Leiter ihrer Feste war, und bei allen Gelegenheiten das Amt jenes alten Machthabers, des Fürsten der Ungebühr »Zu Weihnachten war in dem Hause des Königs, wo er auch wohnen mochte, ein Fürst der Ungebühr, oder der Meister der lustigen Spiele und einen gleichen hattet ihr in dem Hause eines jeden Edelmannes von Ehre oder Ansehen, geistlich und weltlich.« , zu verwalten schien, stand mit verbundenen Augen in der Mitte der Halle. Die kleinen Wesen waren so geschäftig um ihn her, wie die falschen Feen um Falstaff; ihn kneipend, bei den Schößen seines Rocks zupfend und mit Strohhalmen kitzelnd. Ein blauäugiges Mädchen von ungefähr dreizehn Jahren, deren Flachshaar in lieblicher Verwirrung um den Kopf hing, deren fröhliches Gesicht glühte, und deren Kleid halb von den Schultern herabhing, war die Hauptquälerin; und, nach der Schalkheit zu schließen, womit Meister Simon das kleinere Wild vermied, und diese kecke kleine Nymphe in die Winkel drängte, und sie zwang, schreiend über die Stühle hinwegzuspringen, hatte ich den Bösewicht in Verdacht, daß er nicht um ein Haar blinder war, als er sein wollte. Als ich in das Gesellschaftszimmer zurückkehrte, fand ich Alle um das Feuer sitzen und dem Geistlichen zuhören, welcher tief in einem hochlehnigen eichenen Stuhle steckte, eine Arbeit irgend eines kunstvollen Meisters der alten Zeit, und ganz besonders zu seiner Bequemlichkeit aus der Bibliothek herbeigebracht. Aus diesem ehrwürdigen Stück Möbel, zu welchem seine Schattenfigur und sein dunkles verschrumpftes Gesicht so vortrefflich paßten, erzählte er sonderbare Geschichten von dem Volksaberglauben und den Legenden der Gegend umher, mit welcher er im Laufe seiner antiquarischen Untersuchungen bekannt worden war. Ich bin halb geneigt, zu glauben, daß der alte Herr selbst ein wenig mit Aberglauben gesättigt war, wie dieß den Leuten wohl begegnet, die in einer entlegenen Gegend des Landes ein abgeschiedenes, gelehrtes Leben führen, und über den mit Mönchsschrift gedruckten Werken brüten, die so oft mit wunderbaren und übernatürlichen Dingen angefüllt sind. Er theilte uns mehrere Mährchen der benachbarten Bauern in Betreff des Bildes des Kreuzfahrers mit, welches auf dem Grabmal bei dem Altar in der Kirche lag. Da dieß das einzige Denkmal der Art in diesem Theile des Landes war, so wurde es von den guten Frauen des Dorfes immer mit einer Art abergläubischer Regung betrachtet. Man sagte, es stehe in stürmischen Nächten, namentlich wenn es donnere, aus dem Grabe auf und mache die Runde auf dem Kirchhofe; und eine alte Frau, deren Hütte an den Kirchhof stieß, hatte es durch die Kirchenfenster, als der Mond schien, langsam in den Seitengängen auf und ab gehen sehen. Es herrschte der Glaube, daß der Verstorbene irgend ein Unrecht nicht wieder gut gemacht, oder irgend einen Schatz vergraben habe, der seinen Geist quäle und nicht ruhen lasse. Einige sprachen von Gold und Juwelen, welche in dem Grabe verscharrt wären, und die das Gespenst bewache; auch erzählte man eine Geschichte aus alten Zeiten von einem Küster, der in der Nacht das Grab erbrechen wollte, aber in dem Augenblicke, wo er daran kam, einen heftigen Schlag von der Marmorhand des Bildes bekam, der ihn besinnungslos auf das Pflaster streckte. Einige der Beherzteren unter den Landleuten lachten oft über diese Erzählungen; aber wenn die Nacht herankam, wollten doch viele von den Hauptzweiflern sich nicht allein auf den Fußsteig, der über den Kirchhof führte, wagen. Nach diesen und mehreren anderen Anecdoten, die ebenfalls erzählt wurden, schien der Kreuzfahrer der Lieblingsheld der Geistergeschichten in der Nachbarschaft zu sein. Sein Bild im Saale, hatte, dem Glauben der Dienerschaft nach, etwas Uebernatürliches an sich; denn sie hatten bemerkt, daß, wohin man auch in dem Saale ging, die Augen des Kriegers einen immer anblickten. Auch versicherte die Frau des alten Pförtners im Pförtnerhäuschen, welche in der Familie geboren und erzogen war und gern mit den Mädchen des Haushaltes zu plaudern pflegte, sie habe in ihren jungen Tagen es oft erzählen gehört, wie am Vorabend des St. Johannistages, wo, wie allbekannt, die Geister, Kobolde und Feen aller Arten sichtbar würden und umgingen, der Kreuzfahrer sein Roß zu besteigen, aus dem Bilde hervorzukommen, um das Haus, dann die Allee hinunter und so nach der Kirche zu reiten pflege, um sein Grab zu besuchen, wo alsdann die Kirchenthüre sehr höflich von selbst sich öffne; nicht als ob er das gerade nöthig habe; denn er reite durch verschlossene Thüren und selbst durch steinerne Mauern, und eines von den Milchmädchen habe es deutlich gesehen, wie er zwischen zwei Stangen des Parkthores hindurch geritten sei, und sich so dünn wie ein Blatt Papier gemacht habe. All dieser Aberglaube wurde, wie ich fand, von dem Squire sehr unterstützt, der, obgleich selbst nicht abergläubisch, es doch gern bei andern sah. Er hörte jede Gespenstergeschichte der benachbarten Klatschschwestern mit unendlichem Ernst an, und war der Frau des Pförtners, ihres Talents für das Wunderbare wegen, ganz vorzüglich gewogen. Er war selbst ein fleißiger Leser alter Legenden und Romane, und beklagte es oft, daß er nicht daran glauben könne; denn ein abergläubischer Mensch, meinte er, müsse in einer Art Feenland leben. Während wir Alle mit großer Aufmerksamkeit auf die Erzählungen des Pfarrers hörten, drangen auf einmal verschiedenartige Töne aus dem Saale in unsere Ohren, in welchen etwas wie der Ton roher Bardenmusik, der Lärm mehrerer jungen Stimmen und Mädchengelächter gemischt, zu hören war. Plötzlich öffnete sich die Thür, und es kam ein Aufzug herein, den man beinahe für eine Versammlung des ganzen Feenhofes hätte halten können. Der unermüdliche Geist, Meister Simon, war in gewissenhafter Erfüllung seiner Pflicht, als Fürst der Ungebühr, auf den Gedanken gekommen, eine Weihnachts-Vermummung oder Maskerade anzuordnen; und, nachdem er den Oxforder Studenten und den jungen Offizier, die eben so bereit zu Allem waren, was Lustigkeit und Fröhlichkeit erregen konnte, zu seinem Beistand herbeigerufen, ihn alsbald ins Werk gesetzt. Man hatte die alte Haushälterin zu Rathe gezogen; die alten Kleidungsstücke und Garderoben durchgemustert, und die Ueberbleibsel der Kleiderpracht, welche seit mehreren Geschlechtern das Licht nicht gesehen hatten, daraus hervorgezogen; der jüngere Theil der Gesellschaft war auf dem Versammlungszimmer und dem Saale herbeigerufen, und das Ganze zu einer komischen Nachbildung einer alten Maskerade ausstaffirt worden. Maskeraden oder Vermummungen waren in alten Zeiten Lieblingsvergnügungen zu Weihnachten, und die Garderoben in Hallen und Herrenhäusern wurden oft in Bewegung gesetzt, um Anzüge und abenteuerliche Verkleidungen zu liefern. Ich möchte beinahe glauben, daß Meister Simon den Gedanken zu der seinigen aus Ben Jonson's Weihnachts-Maske entlehnt habe. – Anm. des Verf. Meister Simon führte, als »alte Weihnachten,« den Zug, seltsam geschmückt mit einer Halskrause, einem kurzen Mantel, der große Aehnlichkeit mit einem Unterrocke der alten Haushälterin hatte, und einem Hut, der zum Dorfkirchthum gedient haben könnte, und ohne Zweifel zur Zeit der Covenanters eine Rolle gespielt hatte. Unter diesem ragte seine krumme Nase keck hervor, mit einer von der Kälte herrührenden Röthe überzogen, die den Sieg eines Decembersturmes zu verkündigen schien. Er war von dem blauäugigen wilden Mädchen begleitet, welches als »Dame Fleischpastete« mit der ehrwürdigen Pracht verschossenen Brokats, einem langen Brustlatze, spitzem Hut und Schuhen mit hohen Absätzen ausgestattet war. Der junge Offizier erschien als Robin Hood in einem Jagdanzuge von Kendal-grünem Zeuge und einer Feldmütze mit goldener Troddel. Dieser Anzug zeugte gewiß nicht von tiefer Untersuchung, und es war augenscheinlich, daß es dabei mehr auf das Malerische abgesehen war, etwas, das bei einem jungen Manne, in Gegenwart seiner Geliebten, ganz natürlich ist. Die schöne Julie hing in einem niedlichen Bäuerinnenanzuge als »Jungfrau Mariana« an seinem Arme. Die übrigen Personen des Zuges waren auf verschiedene Art umgestaltet; die Mädchen aufgestutzt in dem Putzstat der alten Schönheiten aus dem Bracebridge'schen Geschlecht, und die Knaben ausstaffirt mit Schnurbärten von gebranntem Kork, breitschößigen Röcken, aufgeschlagenen Aermeln und großen Alongeperücken, die Charaktere Roastbeef, Plump-Pudding und andere bei den alten Maskeraden Ausgezeichnete, darstellend. Das Ganze stand unter der Aufsicht des Oxforder Studenten, in der geeigneten Rolle des Ungebühr, und ich bemerkte, daß er seinen Stab über die kleinen Personen des Zuges ziemlich wild und herrisch walten ließ. Das Einbrechen dieses bunten Haufens, der, nach der alten Sitte, mit Trommelschlag hereintrat, bildete den höchsten Grad des Lärms und der Freude. Meister Simon bedeckte sich durch das stattliche Wesen, womit er als »alte Weihnachten« mit der unvergleichlichen, obgleich kichernden Dame-Pastete einen Menuet tanzte mit Ruhm und Ehren. Diesem folgte ein Tanz sämmtlicher Charaktere, welche durch das Gemisch ihrer Anzüge das Ansehen erhielten, als ob die alten Familienbilder auf ihren Rahmen hervorgetreten wären, um sich der Lust anzuschließen. Mehrere Jahrhunderte machten rechts und links Kreuz mit einander; das Mittelalter gab Pirouetten und Rigodons zum besten, und die Tage der Königin Elisabeth hüpften munter durch die Mitte nachfolgender Geschlechter hinunter. Der würdige Squire betrachtete diese abenteuerlichen Belustigungen und diese Auferstehung seiner alten Garderobe mit der einfachen Gutmüthigkeit kindischen Entzückens. Er stand da, lachte und rieb sich die Hände, und hörte kaum auf ein Wort, das der Pfarrer sagte, ungeachtet dieser sehr gründlich sich über den alterthümlichen und stattlichen Tanz des Paon oder Pfaus ausließ, von welchem, seiner Meinung nach, der Menuet abstammte. Sir John Hawking sagt, bei der Erwähnung des Tanzes Pavon, von pavo, einem Pfau, »es ist ein ernster und majestätischer Tanz; die Art, wie man ihn in alten Zeiten tanzte, war, daß die Herren vom Stande ihn mit Hut und Degen, die Rechtsgelehrten in ihren Mänteln, die Pairs in ihren Gewändern, und die Damen in Kleidern mit langen Schleppen tanzten, deren Bewegung beim Tanze der eines Pfaus glich.« – Anm. des Verf. Ich, meines Theils, blieb in einer beständigen Aufregung, welche die abwechselnden Auftritte der Laune und der unschuldigen Fröhlichkeit, die vor meinen Augen vorübergingen, bei mir hervorbrachten. Es war begeisternd, wie die mildblickende Lustigkeit und die warmfühlende Gastfreiheit zwischen der Kälte und Finsterniß des Winters durchbrachen, wie das Alter seinen Unmuth ablegte und die Frische des jugendlichen Genusses wieder annahm. Auch die Betrachtung, daß diese flüchtigen Gebräuche schnell der Vergessenheit zueilten, und daß dieß vielleicht die einzige Familie in England war, in welcher sie noch in ihrem ganzen Umfange pünktlich beobachtet wurden, flößte mir Antheil an dem Auftritte ein. Auch gesellte sich zu all diesem Getümmel eine gewisse Sonderbarkeit, die ihm einen eigenthümlichen Reiz gab; sie war Zeit und Ort angepaßt, und wie das alte Herrenhaus vor Fröhlichkeit und Wohlleben beinahe taumelte, schien die Lustigkeit lange dahingeschwundener Jahre widerzutönen. Doch genug von Weihnachten und seiner Kurzweile; es ist Zeit, dieser Geschwätzigkeit Einhalt zu thun. Ich höre meine ernsthafteren Leser fragen, »wozu nützt alles dieß – wie soll die Welt durch dieß Geschwätz weiser werden?« Ach! ist denn nicht schon Weisheit genug zum Unterricht der Welt vorhanden? Und wenn auch nicht, gibt es nicht tausend geschicktere Federn, welche für ihre Bildung arbeiten? – Es ist ja viel angenehmer, zu ergötzen als zu belehren – den Gesellschafter eher als den Lehrmeister zu spielen. Was ist am Ende das Scherflein Weisheit, das ich zu der Masse des Wissens hinzufügen könnte; oder wer bürgt mir dafür, daß meine weisesten Erörterungen sichere Leiter für die Meinungen Anderer werden? Wenn ich dagegen schreibe, um zu belustigen, und mir dieß mißlingt, so ist meine eigene vereitelte Erwartung das einzige Uebel. Wenn es jedoch, in diesen schlimmen Tagen, durch einen glücklichen Zufall mir gelingt, eine Runzel auf der sorgenvollen Stirn zu glätten, oder das schwere Herz einen Augenblick seines Kummers vergessen zu machen; wenn ich hie und da den sich sammelnden Nebel des Menschenhasses zerstreuen, einen freundlichen Blick auf die menschliche Natur eröffnen und meinen Lesern mit seinen Mitmenschen und sich selbst in bessere Laune versetzen kann, gewiß, gewiß, dann habe ich nicht umsonst geschrieben. Klein-Britanien. (Das folgende Stückchen Ortsgeschichte ward mir neulich von einem seltsam aussehenden alten Herrn in einer kleinen braunen Perücke und einem schnupftabaksfarbenem Rocke eingehändigt. Ich ward mit dem Manne auf einem meiner Beobachtungsgänge in dem Mittelpunkt dieses großen Irrgartens, der City, bekannt. Ich gestehe, daß ich Anfangs nicht recht wußte, ob dieß nicht eine von den apocryphischen Erzählungen sei, welche forschenden Reisenden, wie ich, oft aufgehängt werden, und die unsere Wahrhaftigkeit so unverdienter Weise verdächtig gemacht haben. Bei gehörigen Erkundigungen erhielt ich jedoch die befriedigendsten Nachrichten über des Verfassers Zuverlässigkeit; und, in der That, man hat mich versichert, er sei in diesem Augenblicke mit einer ausführlichen und genauen Beschreibung der sehr anziehenden Gegend, worin er wohnt, beschäftigt, und man kann das Folgende bloß als einen Vorschmack dessen ansehen, was er zu leisten gedenkt.) Was ich schreibe, ist ganz wahr. – Ich habe ein ganzes Buch voll Sachen neben mir, welche, wenn ich sie bekannt machte, einige ernsthafte alte Leute (innerhalb des Bereichs der Bow-Kirchglocke) gar sehr gegen mich aufbringen würden. Rashe . In dem Mittelpunkt der großen Stadt London befindet sich eine kleine Gegend, die aus einem Haufen enger Straßen und Höfe, und aus sehr ehrwürdigen und gebrechlichen Häusern bestehen, und den Namen Klein-Britanien führen. Die Schule von Christ-Church und das St. Bartholomäus-Hospital begrenzen sie gegen Westen, Smithfield und Long Lane gegen Norden, Aldersgate Street scheidet sie, wie ein Meeresarm, von dem östlichen Theile der City, während der gähnende Rachen von Bull- und Month-Street sie von Butcher Lane und den Gegenden von Newgate trennen. Auf dieses kleine so begrenzte und bezeichnete Gebiet blickt die große Kuppel der St. Paulskirche, die sich über die dazwischen liegenden Häuser in Paternoster Row, Amen Corner und Ave-Maria Lane erhebt, mit einer Art von mütterlichem Schutze herab. Die Gegend hat davon ihren Namen, daß sie in alten Zeiten der Wohnsitz der Herzoge von Bretagne war. Als sich jedoch London vergrößerte, zogen Rang und Mode sich nach dem Westen zurück, und das Gewerbe, welches ihnen auf dem Fuße nachkroch, nahm ihre verlassenen Wohnungen in Besitz. Einige Zeit ward Klein-Britanien der große Markt der Gelehrsamkeit, und mit dem geschäftigen und fruchtbaren Geschlecht der Buchhändler bevölkert; auch diese verließen es allgemach, und über die große Meerenge von Newgate Street auswandernd, ließen sie sich in Paternoster Row und auf St. Pauls Kirchhofe nieder, wo sie noch bis auf den gegenwärtigen Tag fortfahren, sich zu vermehren und zu vervielfältigen. Obgleich aber Klein-Britanien so verfallen ist, trägt es doch noch Spuren seines vorigen Glanzes an sich. Mehrere Häuser stehen dort, die im Begriff sind, zusammenzustürzen, deren Vorderseiten aber noch prachtvoll mit altem eichenen Schnitzwerk von scheußlichen Gesichtern, unbekannten Vögeln, Thieren und Fischen, Früchten und Blumen, die ein Naturforscher zu bestimmen gewiß Mühe haben würde, verziert sind. So gibt es auch in Alversgate Street einige Ueberbleibsel von ehemahligen geräumigen und stattlichen Häusern, welche indeß in neueren Zeiten in mehrere Behausungen getheilt worden sind. Hier findet man oft die Familie eines kleinen Krämers, mit ihren ärmlichen Möbeln, vergraben unter den Ueberbleibseln veralteter Pracht, in großen weitläufigen, von der Zeit geschwärzten Gemächern mit eingelegten Decken, vergoldeten Gesimsen und ungeheueren marmornen Kaminen. Auch enthalten die Seitengassen und Höfe mehrere kleinere Häuser, nicht auf einen so großen Fuß eingerichtet, aber, wie die weniger emporgekommenen unter den alten Geschlechtern, ihre Ansprüche auf ein eben so verjährtes Alterthum aufrecht erhaltend. Diese gehen mit der Giebelseite auf die Straße hinaus und haben große Fensterbogen, mit kleinen rautenförmigen, in Blei gefaßten Scheiben, abenteuerlichem Schnitzwerk und niedrigen gewölbten Thorwegen. Es ist augenscheinlich, daß der Verfasser dieser anziehenden Mittheilung unter dem allgemeinen Namen Klein-Britanien mehrere der kleinen Gassen und Höfe mitbegriffen hat, welche unmittelbar zu Cloth-Fair gehören. – Anm. des Herausg. In diesem sehr ehrwürdigen, abgelegenen kleinen Neste habe ich mehrere ruhige Jahre meines Lebens hingebracht, und mich behaglich im zweiten Stockwerke eines der kleinsten, aber ältesten Häuser eingewohnt. Mein Wohnzimmer ist ein altes, getäfeltes Gemach, mit kleinen Rauten, in welchem sich ein bunter Möbelvorrath befindet. Ich habe eine besondere Ehrfurcht vor drei oder vier hochrückigen. klauenfüßigen Stühlen, mit verschossenem Brokat überzogen, welche Spuren an sich tragen, daß sie bessere Tage gesehen und ohne Zweifel in irgend einem von den alten Palästen Klein-Britaniens eine Rolle gespielt haben. Es kommt mir immer vor, als ob sie sich zusammennähmen, und mit großer Verachtung auf ihre Nachbarn mit ledernen Sitzen hinabblickten – so wie ich heruntergekommene Leute von Adel unter der plebejischen Gesellschaft, mit welcher sie zusammen leben mußten, den Kopf hoch tragen sah. Die ganze Vorderseite meines Wohnzimmers besteht aus einem Erkerfenster, an dessen Scheiben die Namen früherer Bewohner seit mehreren Geschlechtern zu lesen sind, und zwischen welchen sich Bruchstücke sehr unbedeutender, stattlicher Poesie finden, die, in kaum zu enträthselnden Schriftzügen, die Reizen mancher Schönheit von Klein-Britanien verherrlichen, die seitdem lange, lange geblüht hat, verwelkt und dahingegangen ist. Da ich ein müßiger Mensch, und ohne äußerliche Beschäftigung bin und meine Rechnung pünktlich jede Woche bezahle, so werde ich als der einzige vornehme Mann in der Gegend angesehen; und, da ich neugierig gewesen bin, den innern Zustand einer Gemeinde kennen zu lernen, die so ganz in sich abgeschlossen ist, habe ich es so einzuleiten gewußt, daß ich hinter alle die Angelegenheiten und Geheimnisse des Orts gekommen bin. Klein-Britanien kann wahrhaft das Herzmark der City, das Bollwerk des wahren John-Bullismus genannt werden. Es ist ein Bruchstück von London, wie es in besseren Tagen mit seinen alterthümlichen Bewohnern und Moden war. Hier blühen, gut erhalten, viele von den Feiertagsspielen und den Sitten ehemaliger Zeit. Die Einwohner essen gewissenhaft ihren Pfannenkuchen am Fastendienstag, warme Kreuzkuchen am Charfreitag, braten eine Gans am St. Michaelistage, schicken sich Liebesbriefe am St. Valentinstage, verbrennen den Pabst am 5. November, und küssen zu Weihnachten alle Mädchen unter der Mistel. Roastbeef und Plump-Pudding werden auch noch in abergläubischer Verehrung gehalten, und Portwein und Sherry behaupten ihren Platz noch als die einzigen wahren englischen Weine; während alle andere für schlechte ausländische Getränke angesehen werden. Klein-Britanien hat sein langes Verzeichniß von City-Wunderwerken, welche seine Bewohner als die Wunderwerke der Welt ansehen; die große Glocke der St. Paulskirche, bei deren Läuten alles Bier sauer wird; die Figuren, welche die Stunden an der Uhr der St. Dunstan's Kirche schlagen; das Monument; die Löwen im Tower; und die hölzernen Riesen in Guildhall. Sie glauben noch an Träume und Wahrsagerei, und eine alte Frau, welche in der Bull- und Mouth Street wohnt, erwirbt sich einen leidlichen Unterhalt dadurch, daß sie angibt, wo sich gestohlene Sachen finden, und den Mädchen gute Männer verspricht. Sie sind im Stande, sich von Kometen und Finsternissen beunruhigen zu lassen, und wenn ein Hund in der Nacht kläglich heult, so wird dieß als ein sicheres Zeichen angesehen, daß Jemand in der Nachbarschaft sterben werde. Hier sind sogar manche Geistergeschichten im Umlauf, namentlich was die alten Herren-Häuser betrifft, von denen manche in dem Rufe stehen, daß zuweilen sonderbare Erscheinungen darin gesehen werden. Lords und Ladies, die Ersteren in Allonge-Perücken, herabhangenden Aermeln und Degen, die Letzteren in Flügelkleidern, Schnürleibern, Reifröcken und Brokat, wurden in den großen öden Zimmern in mondhellen Nächten auf- und abgehend gesehen, und sollen die Schatten der alten Bewohner in ihren Hofkleidern sein. Klein-Britanien hat gleicher Art seine Weisen und seine großen Leute. Einer der wichtigsten unter den ersteren ist ein großer, trockener, alter Herr, Namens Skryme, im Besitz eines kleinen Apothekerladens. Er hat ein leichenartiges Gesicht, voll Vertiefungen und Vorsprüngen, und braune Kreise um jedes seiner Augen, gleich einer Hornbrille. Er wird von den alten Frauen, die ihn als eine Art von Zauberer ansehen, weil er zwei oder drei ausgestopfte Alligator in seinem Laden hängen und mehrere Schlangen in Gläsern hat, sehr hoch gehalten. Er ist ein eifriger Leser von Kalendern und Zeitungen, und sehr erpicht, über entsetzlichen Erzählungen von Empörungen, Verschwörungen, Feuersbrünsten, Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen zu brüten, welche letztere Erscheinungen er als Zeichen der Zeit betrachtet. Er hat immer eine Unglückserzählung der Art bei der Hand, die er seinen Kunden als Zugabe zu ihrer Arzenei gibt, und so zu gleicher Zeit Seele und Leib in Aufruhr versetzt. Er glaubt fest an Vorzeichen und Weissagungen, und weiß Robert Niron's und Mutter Skipton's Prophezeihungen auswendig. Kein Mensch findet so viel in einer Sonnen- oder Monds-Finsterniß oder nur in einem ungewöhnlich dunklen Tage; auch schüttelte er den Schweif des letzten Kometen über den Häuptern seiner Kunden und Schüler, daß diese beinahe vor Schrecken von Verstand gekommen wären. Er hat neulich eine Volkssage oder Prophezeihung aufgejagt, über welche er ungewöhnlich beredt war. Es war nämlich unter den alten Sibyllen, welche dergleichen Sachen aufsammeln, eine Sage im Umlaufe, daß, wenn die Heuschrecke auf dem Thurme der Börse und der Drache oben auf der Spitze des Thurms der Bowkirche sich berührten, furchtbare Begebenheiten sich ereignen würden. Diese sonderbare Vereinigung ist, wie es scheint, eben so sonderbar zu Stande gekommen. Ein und derselbe Baumeister hat kürzlich die Ausbesserungen an der Kuppel der Börse und dem Thurm der Bowkirche übernommen, und, schrecklich zu erzählen, der Drache und die Heuschrecke liegen wirklich, Seite an Seite, auf dem Hofe seiner Werkstatt. »Andere,« wie Herr Skryme zu sagen pflegt, »mögen nach den Sternen schauen und nach den Conjunctionen am Himmel sehen, hier aber ist eine Conjunction auf der Erde nahe zur Hand, und vor unseren eigenen Augen, welche alle Zeichen und Berechnungen der Astrologen übertrifft.« Seitdem diese ahnungsvollen Wetterfahnen ihre Köpfe so zusammen legten, haben sich bereits wunderbare Ereignisse zugetragen. Der gute alte König hat, ob er gleich beinahe zwei und achtzig Jahre gelebt, plötzlich seinen Geist aufgegeben; ein anderer König hat den Thron bestiegen; einer der königlichen Prinzen ist plötzlich gestorben; – ein anderer Prinz, in Frankreich, ist ermordet worden; es sind Versammlungen von Radikalen in allen Theilen des Königsreichs gehalten worden; die blutigen Auftritte in Manchester; die große Verschwörung in der Cato Straße – und, was mehr ist, die Königin ist nach England zurückgekehrt! Aber diese trüben Ereignisse werden von Herrn Skryme mit geheimnißvollem Blicke und einem bedeutsamen Kopfschütteln berichtet, und sie haben, zusammengenommen mit seinen Arzeneimitteln und mit den ausgestopften Seeungeheuern, Schlangen in Gläsern und seinem eignen Gesicht, welches ein Titelblatt übler Vorbedeutungen ist, eine große Düsterkeit über die Gemüther der Leute in Klein-Britanien verbreitet. Sie schütteln die Köpfe, wenn sie bei der Bowkirche vorübergehen, und bemerken dabei, daß sie nie etwas Gutes von dem Abtragen dieses Thurms erwartet hätten, der in alten Zeiten nichts als frohe Nachrichten verkündigte, wie die Geschichte von Whittington und seiner Katze es bezeugt. Das mit diesem wetteifernde Orakel von Klein-Britanien ist ein solider Käsehändler, welcher in einem Bruchstück eines der alten Herrenhäuser lebt, und so prächtig wohnt, wie eine rundbäuchige Made in mitten eines seiner eigenen Cheshire-Käse. In der That, er ist ein Mann von nicht geringem Ansehn und Gewicht; und sein Ruf ist durch Huggin Lane und Lad Lane, und sogar bis nach Aldermanbury verbreitet. Seine Meinung wird bei Staatsangelegenheiten sehr angesprochen, da er seit beinahe einem halben Jahrhundert die Sonntagszeitungen, so wie das Gentleman's Magazine, Rapin's Geschichte von England und das Naval-Chronicle gelesen hat. Sein Kopf ist mit unschätzbaren Grundsätzen angefüllt, welche Jahrhunderte lang die Probe der Zeit und des Gebrauchs ausgehalten haben. Er ist der festen Meinung, daß es »moralisch unmöglich« sei, daß irgend etwas England, so lange es sich selbst treu bleibe, erschüttern könne; und er weiß viel über die Nationalschuld zu sagen, von der er auf irgend eine Art beweist, daß sie ein großes National-Bollwerk und ein mächtiger Segen sei. Er brachte den größern Theil seines Lebens in der Umgegend von Klein-Britanien zu, bis auf die letzten Jahre, wo er, nachdem er reich geworden und zu der Würde eines Sonntags-Rohres gelangt ist, sich ein Vergnügen zu machen und die Welt zu besehen anfängt. Er hat deßwegen mehrere Ausflüge nach Hampstead, Highgate und anderen benachbarten Städten gemacht, wo er ganze Nachmittage damit zubrachte, daß er durch ein Fernrohr auf die Hauptstadt zurück sah und sich bemühte, den Thurm von St. Bartholomäus zu erspähen. Kein Landkutschenfuhrmann aus der Bull- und Mouth-Street kömmt vorüber, der nicht an den Hut greift; denn er wird als eine Art von Beschützer des Landkutschenbureau's zur Gans und Rost, auf St. Paul's Kirchhofe, angesehen. Seine Familie hat sehr in ihn gedrungen, eine Fahrt nach Margate zu machen, allein er setzt große Zweifel in diese neue Spielwerke, die Dampfboote, und meint, er sei in der That in Jahren zu sehr vorgeschritten, um noch Seereisen zu machen. Klein-Britanien hat zuweilen auch seine Factionen und Spaltungen, und der Parteigeist zeigte sich einmal sehr lebendig, als zwei Begräbnißgesellschaften hier errichtet wurden. Die eine hielt ihre Versammlungen im Schwan und Hufeisen, und wurde von dem Käsehändler begünstigt; die andere im Hahn und der Krone, unter dem Schutze des Apothekers; es ist unnöthig, zu sagen, daß die letztere die blühendste war. Ich bin einen oder zwei Abende in beiden gewesen, habe sehr schätzbare Belehrungen über die beste Art, sich begraben zu lassen, den verhältnißmäßigen Werth der Kirchhöfe, so wie auch mehrere Nachweisungen über die eisernen Patentsärge erhalten. Ich habe die Frage über die Gesetzlichkeit des Verbots der letzteren, ihrer Dauer wegen, nach allen Seiten erörtern gehört. Glücklicherweise haben die Streitigkeiten, zu welchen diese Gesellschaften Anlaß gegeben, kürzlich aufgehört; aber sie waren lange Zeit Hauptgegenstände des Streites, da die Bewohner von Klein-Britanien sehr auf die den Leichen zu erweisenden Ehren, und auf ein behagliches Liegen in ihren Gräbern halten. Außer diesen zwei Sterbegesellschaften gibt es noch eine dritte von ganz verschiedener Art, welche dahin abzweckt, den Sonnenschein der guten Laune über die ganze Nachbarschaft zu verbreiten. Sie versammelt sich wöchentlich einmal in einem kleinen altfränkischen Hause, das ein lustiger Schenkwirth, Namens Wagstaff, hält, und welches einen glänzenden halben Mond, mit einer sehr verführerischen Weintraube darunter, zum Zeichen hat. Das ganze Gebäude ist mit Inschriften bedeckt, um das Auge des durstigen Wanderers anzuziehen, wie »Truman, Hanbury und Comp. Ganzbier,« – »Wein-, Rum- und Branntweinladen,« – »alter Tom, Rum und Liqueure« u. s. w. Dieß ist in der That seit undenklichen Zeiten ein Tempel des Bacchus und des Momus gewesen. Es ist immer in der Familie der Wagstaff's geblieben, so daß der jetzige Wirth dessen Geschichte ziemlich aufbewahrt hat. Es wurde von den vornehmen Herren und Cavalieren unter der Regierung der Königin Elisabeth häufig besucht, und die Witzlinge aus Karl's des Zweiten Tagen blickten dann und wann hinein. Worauf sich aber Wagstaff am meisten einbildet, ist, daß Heinrich der Achte, bei einer seiner nächtlichen Streifereien, einem seiner Vorfahren mit seinem berühmten Spazierstocke den Kopf zerschlagen hat. Dieß wird indeß als eine etwas zweifelhafte und eitele Prahlerei des Wirths angesehen. Der Club, welcher jetzt seine wöchentlichen Versammlungen hier hält, führt den Namen der »brüllenden Bursche von Klein-Britanien.« Sie wissen eine Menge alter Lieder und Sänge und treffliche Geschichten, welche an diesem Orte von einem Geschlecht auf das andere übergegangen sind, und die man in keinem andern Theile der Hauptstadt findet. Hier ist ein toller Leichencommissarius, der unnachahmlich in lustigen Liedern ist; aber die Seele des Clubs und, in der That, der erste Witzbold in Klein-Britanien ist der lustige Wagstaff selbst. Seine Vorfahren waren alle lose Schelme gewesen, und er hat mit dem Wirthshause eine Menge von Liedern und Späßen geerbt, welche als Erbstücke mit demselben von Geschlecht zu Geschlecht gehen. Er ist ein lebendiger kleiner Kerl mit krummen Beinen und einem runden Bauche, einem rothen Gesichte mit einem feuchten, listigen Auge, und einem kleinen Schopfe grauen Haares hinten. Bei der Eröffnung einer jeden Clubversammlung wird er hereingerufen, um sein »Glaubensbekenntniß« zu singen, oder das berühmte alte Trinklied auf Base Gurton's Nadel. Er singt es allerdings mit mancherlei Abänderungen, wie er es von seinem Vater gehört hat; denn es ist, seitdem es geschrieben worden, ein Lieblingslied im Halb-Mond und Trauben gewesen; ja er behauptet, daß seine Vorfahren oft die Ehre gehabt hätten es bei Weihnachts-Mummereien vor dem Adel und dem hohen Publikum zu singen, als Klein-Britanien noch in all seiner Glorie war. Da das Glaubensbekenntniß eines Wirthes vom Halbmonde dem größern Theile meiner Leser unbekannt sein mag und man es für eine Probe des ganzen Liederkreises von Klein-Britanien ansehen kann, so füge ich es hier bei. Ich muß bemerken, daß der ganze Club immer mit einem furchtbaren Klopfen auf den Tisch und dem Geklapper der zinnernen Kannen in den Chor einstimmt. Ein klein Gericht, sonst ess' ich nicht,     Mein Magen ist nicht gut, Doch gilt's Trinken, werd' ich nicht sinken,     Wie groß auch einer thut. Geh' ich gleich bloß, acht' ich's nicht groß,     Ich bin ja nimmer kalt, Ich stopf' den Bauch, wie einen Schlauch     Mit Ale, das gut und alt. Chorus. Ripp' und Rück, geht bloß, geht bloß,     Fuß und Hand seid kalt, Doch dir, Bauch, send' Gott Ale genug,     Sei's jung nun oder alt. Braten thut Noth, nicht geröstet Brod,     Und 'n Apfel in der Asche, Für alle Noth ist 'n Bissen Brod,     Viel hab' ich nie in der Tasche. Kein Frost. kein Schnee, kein Sturmwind je     Berührt mich mit Gewalt, Denn mich hüllt ein, mich wärmet sein     Das Ale, das gut und alt. Chorus. Ripp' und Rück, u. s. w. Das Weibchen mein, schenkt gern sich ein.     Läßt Ale sich nicht verdrießen, Zum Krug sie geht, bis ihr wohl seht     Vom Aug' ihr Thränen fließen. Mir beut sie dann den Krug auch an,     Wie ein ächter Trinker thut, Und sagt, mein Schatz, hier ist der Satz     Vom Ale, das alt und gut. Chorus. Ripp' und Rück, u. s. w. So laßt sie trinken, bis sie nicken und sinken,     Wie Bursche gut und froh, Sie missen nicht des Glückes Licht,     Gut Ale macht's den Leuten so. Die armen Seelen, die die Krüge nicht zählen,     Der Himmel wohl erhalt', Er schirm' ihr Leben, ihre Weiber daneben,     Sei'n sie nun jung oder alt. Chorus. Ripp' und Rück, u. s. w. Es würde dem Herzen wohlthun, an einem Clubabend das Freudengeschrei, die Bruchstücke von Liedern, und dann und wann den lauten Chor eines halben Dutzends mißtönender Stimmen zu hören, welche aus diesem lustigen Haufe erschallen. Zu solcher Zeit ist die Straße mit Zuhörern gefüllt, denen dieß eben so viel Vergnügen macht, als ob sie in einen Conditorladen guckten, oder die Dämpfe aus einer Garküche einathmeten. Es gibt zwei jährlich wiederkehrende Ereignisse, welche in Klein-Britanien große Bewegung und Aufsehen machen; dieß sind der St. Bartholomäus Markt und der Lord Mayor's Tag. Während der Dauer des Marktes, welcher in der benachbarten Gegend von Smithfield gehalten wird, ist nichts da als Geklatsch und Umherschlendern. Die früher ruhigen Straßen von Klein-Britanien sind nun mit einer Menge von fremden Gestalten und Gesichtern bedeckt; jedes Wirthshaus ist ein Schauplatz von Getümmel und Schwelgerei. Morgens, Abends und Nachts hört man Fiedeln und Gesang aus dem Schenkzimmer, und an allen Fenstern sieht man einige Gruppen lustiger Gesellen mit halbgeschlossenen Augen, den Hut auf der einen Seite, die Pfeife im Munde, den Krug in der Hand, tändelnd und plaudernd und leichtfertige Lieder bei ihrem Getränk singend. Selbst die besonnene Zucht und Sitte häuslicher Familien, welche, wie ich sagen muß, zu anderen Zeiten von meinen Nachbarn sehr strenge beobachtet wird, hält gegen diese Saturnalien nicht Stich. Da ist an kein Zuhaushalten der Dienstmädchen zu denken. Sie sind durchaus toll geworden von dem Harlekin und dem Puppenspiel, den fliegenden Pferden, Signor Polito, dem Feuerfresser, dem berühmten Herrn Paap und dem irischen Riesen. Auch die Kinder vergeuden all ihr Festtagsgeld für Spielzeug und vergoldeten Pfefferkuchen, und erfüllen das Haus mit dem Lilliputschen Lärm von Trommeln, Trompeten und Pfenningspfeifen. Der Lord Mayors Tag ist indessen das große Jahresfest. Der Lord Mayor wird von den Bewohnern von Klein-Britanien für den größten Machthaber auf Erden, seine vergoldete Kutsche mit sechs Pferden als der Gipfel alles menschlichen Glanzes, und sein Zug, mit allen Sheriffs und Aldermen in seinem Gefolge, als die größte aller irdischen Festlichkeiten angesehen. Wie frohlocken sie bei dem Gedanken, daß der König selbst nicht in die City kommen darf, ohne erst an das Thor von Temple-Bar zu klopfen, und den Lord-Mayor um Erlaubniß zu bitten; denn, wenn er es thäte, Himmel und Erde! wer weiß, was das für Folgen haben würde! Der Mann in voller Rüstung, welcher vor dem Lord-Mayor herreitet und der City-Kämpe ist, hat gemessenen Befehl, Jeden niederzuhauen, der sich gegen die Würde der City vergeht; und dann ist der kleine Mann da mit der sammetnen Suppenschüssel auf dem Kopfe, der an dem Fenster der Staatskutsche sitzt, und das City-Schwerdt hält, so lang wie eine Lanzenstange, – Gott's Blut! Wenn er einmal dieses Schwerdt zieht, so ist die Majestät selbst nicht mehr sicher! Unter dem Schutze dieses gewaltigen Machthabers schlafen demnach die guten Leute von Klein-Britanien in Frieden. Temple-Bar ist eine sichere Schutzwehr gegen alle Feinde im Lande; und was Einfälle von Außen betrifft, so braucht der Lord-Mayor sich nur in den Tower zu werfen, die Stadtmiliz zusammen zu rufen, und das stehende Heer der Beefeaters unter Waffen zu stellen, und er kann der Welt Trotz bieten! Klein-Britanien hat dergestalt, in seine eigenen Geschäfte, seine Gebräuche und Meinungen eingehüllt, lange als das gesunde Herz dieser großen schwammigen Hauptstadt geblüht. Ich selbst gefiel mir, es als einen auserkorenen Fleck zu betrachten, wo die Grundsätze eines mannhaften John-Bullismus, wie Saatkörner, aufgespeichert geblieben sind, um den Volkscharakter wieder zu verjüngen, wenn derselbe in Verderb und Entartung versunken wäre. So habe ich mich auch des allgemeinen Geistes der Eintracht gefreut, welcher überall herrschte; denn obgleich dann und wann einige wenige widersprechende Meinungen zwischen den Anhängern des Käsehändlers und denen des Apothekers zur Sprache gekommen sind, oder sich ein gelegentlicher Zwist zwischen den Sterbegesellschaften entspann, so waren dieß doch nur vorübergehende Wolken, welche bald verschwanden. Die Nachbarn kamen freundlich zusammen, schüttelten sich bei dem Abschiede die Hände, und sagten von ihren Freunden und Nachbarn immer nur hinter ihrem Rücken Böses. Ich könnte schöne Beschreibungen von hübschen Schmäusen liefern, wobei ich gegenwärtig gewesen bin, und wo wir »Alle-Bier,« »Päbstin Johanna,« »Tom komm und kitzle mich,« und andere herrliche alte Spiele spielten, und zuweilen einen guten englischen Contretanz, nach der Melodie von »Sir Roger de Coverley« tanzten. Einmal im Jahre pflegten auch die Nachbarn zusammen eine Landpartie nach dem Forst von Epping zu machen. Das Herz eines Jeden würde gelacht haben, hätte er gesehen, wie wir da auf dem Grase unter den Bäumen unser festliches Mahl einnahmen; wie wir den Wald von dem Gelächter über die Lieder wiederhallen machten, welche der kleine Wagstaff und der lustige Leichencommissarius saugen! Nach dem Essen pflegten die jungen Leute Blindekuh und Versteckens zu spielen, und es war höchst belustigend, zu sehen, wie sie sich in den wilden Rosengebüschen verwickelten, und zu hören, wie zuweilen ein hübsches, lustiges Mädchen aus dem Gebüsch hervorkreischte. Die älteren Leute pflegten sich um den Käsekrämer und den Apotheker zu versammeln, um diese von Politik reden zu hören; denn sie brachten gewöhnlich in ihren Taschen eine Zeitung mit heraus, um sich aus dem Lande die Zeit zu vertreiben. Dann und wann wurden sie etwas hitzig bei ihrem Streit; allein ihre Zwistigkeiten wurden immer durch einen schiedsrichterlichen Ausspruch eines würdigen alten Parasolmachers, mit doppeltem Kinn, geschlichtet, der selten genau begriff, wovon die Rede war, und deßwegen immer auf eine oder die andere Weise zu Gunsten Beider zu entscheiden suchte. Alle Reiche sind indessen, wie irgend ein Philosoph oder Geschichtschreiber sagt, Veränderungen und Umwälzungen unterworfen. Luxus und Neuerungssucht schleichen sich ein; Parteien entstehen; und Familien erheben sich dann und wann, deren Ehrgeiz und Ränke das ganze System in Verwirrung bringen. So ist in der letzten Zeit die Ruhe von Klein-Britanien gewaltig gestört, und seine goldene Sitteneinfachheit durch die hochstrebende Familie eines Schlächters, der sich zur Ruhe gesetzt hat, mit gänzlichem Verfall bedroht worden. Die Familie Lamm hatte seit langer Zeit zu den bedeutendsten und beliebtesten in der ganzen Gegend gehört; die Misses Lamm waren die Schönen von Klein-Britanien, und Jedermann war darüber erfreut, als der alte Lamm Geld genug erworben hatte, und seinen Laden schließen, und seinen Namen auf eine Messingplatte an seine Thür anschlagen konnte. Zu einer bösen Stunde hatte es sich indessen gefügt, daß eine von den Misses Lamm die Ehre hatte, als Ehrendame der Lady Mayores auf deren großem jährlichen Ball zu sein, bei welcher Gelegenheit sie drei hochwallende Straußfedern auf dem Kopfe getragen hatte. Das vergaß die Familie nie; die jungen Misses begannen sogleich Gefallen am vornehmen Leben zu finden, schaffte einen Einspänner an, setzte dem Laufjungen ein Stück goldene Tresse um den Hut, und war seitdem in der ganzen Nachbarschaft ein Gegenstand des Geredes und der Verachtung geworden. Man konnte sie nicht mehr dazu bewegen, Päbstin Johanna oder Blindekuh zu spielen; sie konnte keine Tänze, als Quadrillen, leiden, wovon kein Mensch in Klein-Britanien je etwas gehört hatte; fing an Romane zu lesen, schlecht Französisch zu reden, und das Pianoforte zu spielen. Auch ihr Bruder, der bei einem Advokaten in der Lehre war, wurde ein Stutzer und Recensent, Charaktere, die man hier zu Lande gar nicht gekannt hatte; er machte die ehrlichen Leute bald ganz verwirrt mit seinen Reden von Kean, der Oper und dem Edinburger Review. Was aber noch schlimmer war, die Lammes gaben einen großen Ball, zu welchem sie nicht einen einzigen von ihren alten Nachbarn einluden; sondern eine große Menge von Leuten von Ton aus Theobald's Road, Red Lion Square und anderen Gegenden gegen das Westende hin. Es waren mehrere junge Modemänner von ihres Bruders Bekanntschaft aus Gray's Inn Lane und Hatton Garden da, und nicht weniger als drei Aldermann's Frauen mit ihren Töchtern. Das konnte nicht vergessen noch vergeben werden. Ganz Klein-Britanien war in Aufruhr über das Knallen der Peitschen, das Schlagen der elenden Pferde, und das Rasseln und Klappern der Fiacker. Die Klatschschwestern aus der Nachbarschaft steckten ihre Nachtmützen aus allen Fenstern heraus und beobachteten die gebrechlichen Fuhrwerke, wie sie vorbeirumpelten; und ein Haufe zorniger alter Gevatterinnen guckte aus einem Hause, das dem des ehemaligen Schlächters gerade gegenüber lag, und bemäkelte und beurtheilte Jeden, der an die Thür pochte. Dieser Ball gab beinahe zu einem offenen Kriege Anlaß, und die ganze Nachbarschaft erklärte, daß sie nichts mehr mit den Lammen zu thun haben wolle. Es ist wahr, daß Mrs. Lamm, wenn sie keine Einladung bei ihren vornehmen Bekannten hatte, noch einigen ihrer alten Gevatterinnen kleine Hausthees gab, und zwar »ganz freundschaftlich,« wie sie zu sagen pflegte; auch ist es eben so wahr, daß ihre Einladungen immer angenommen wurden, obgleich man vorher sich zum Gegentheil verschworen hatte. Ja, die guten Damen saßen da, ergötzten sich an der Musik, welche die Misses Lamm machten, die sich dann wohl herabließen, ihnen ein irisches Lied aus dem Piano vorzutrommeln; und sie hörten mit bewunderungswürdiger Theilnahme Mrs. Lamm's Anecdoten von Alderman Plunket's Familie aus Portfokenward und von den Misses Timberlake, den reichen Erbinnen aus Crutched Friars an; erleichterten aber nachher ihr Gewissen, und wandten die Vorwürfe ihrer Verbündeten dadurch ab, daß sie bei der nächsten Klatschversammlung Alles erzählten, was vorgegangen war, und die Lammes und ihre Gesellschaft ganz zersetzten. Der Einzige aus der Familie, der nicht modisch gemacht werden konnte, war der ehemalige Schlächter selbst. Der ehrliche Lamm war, ungeachtet seines sanften Namens, ein rauher, derber, alter Bursche, mit einer Löwenstimme, einen Schopf schwarzen Haars wie eine Schuhbürste, und einem breiten Gesichte, das so gesprenkelt wie sein Rindsfleisch war. Vergebens sprachen die Töchter von ihm als »dem alten Herrn;« redeten ihn, mit unendlich sanftem Tone, als »Papa« an, und bemühten sich, ihn in Schlafrock und Pantoffeln und andere vornehme Sitten hineinzuzwängen. Sie mochten thun was sie wollten, der alte Schlächter war doch nicht auszutreiben. Seine kräftige Natur setzte sich über alle ihre Glossen hinweg. Er hatte einen derben gemeinen Humor, der unbesiegbar war. Seine Späße zwangen seinen empfindsamen Töchtern einen Schauder ab, und er bestand darauf, des Morgens seinen Rock von blauem Baumwollenzeuge zu tragen, um zwei Uhr zu Mittag zu essen, und »ein Stückchen Wurst zum Thee zu haben.« Dennoch war er verdammt, die allgemeine Ungnade seiner Familie zu theilen. Er fand, daß seine alten Cameraden allmählig kalt und abgemessen gegen ihn wurden, nicht mehr über seine Späße lachten, und dann und wann ein Wort über »dergleichen Leute,« und einen Wink über »Vornehmthun« fallen ließen. Dieß ärgerte und kränkte zugleich den ehrlichen Schlächter, und seine Frau und Töchter benutzten, der feinen Politik des listigen Geschlechts gemäß, diesen Umstand, und bewogen ihn am Ende, seine Nachmittagspfeife und seinen Krug bei Wagstaff aufzugeben, nach Tisch zu Hause zu sitzen, seine Pinte Portwein zu trinken – ein Getränk, das er verabscheut – und in seinem Armstuhl in einsamer und trauriger Vornehmheit zu nicken. Die Misses Lamm sah man nun in französischen Hauben mit unbekannten jungen Modemännern auf den Straßen umherflattern, und so laut sprechen und lachen, daß es den Nerven jeder ehrlichen Frau, die es hörte, weh that. Ja, sie gingen sogar so weit, Jemanden zu protegiren, und veranlaßten einen französischen Tanzmeister, sich in der Nachbarschaft niederzulassen; allein die würdigen Bewohner von Klein-Britanien fingen Feuer darüber, und verfolgten den armen Gallier so, daß er Fiedel und Tanzschuhe zusammenpacken mußte, und sich in solcher Hast davon machte, daß er schlechtweg vergaß, die Miethe für seine Wohnung zu bezahlen. Ich hatte mir im Anfang mit dem Gedanken geschmeichelt, daß all dieser feurige Unwille von Seiten des Gemeinwesens nur ein Uebermaß seines Eifers für die Aufrechthaltung guter alter englischer Sitte und seines Abscheues gegen alle Neuerungen sei; und ich gab der schweigenden Verachtung, welche sie so heftig gegen den Stolz von Emporkömmlingen, gegen französische Mode und gegen die Misses Lamm aussprachen, Beifall. Aber es thut mir leid, sagen zu müssen, daß die Krankheit sich festgesetzt hatte, und daß meine Nachbarn, nachdem sie jenes Beispiel geschmäht, es nachzuahmen anfingen. Ich belauschte meine Wirthin, wie sie ihren Mann bestürmte, die Töchter nur ein Vierteljahr lang Französisch und Musik lernen zu lassen, und ihnen zu erlauben, einige wenige Tanzstunden zu nehmen, um Quadrillen tanzen zu lernen. Ich sah sogar, einige Sonntage darauf, nicht weniger als fünf französische Hauben, genau wie die der Misses Lamm, in Klein-Britanien paradiren. Ich hatte noch Hoffnung, daß all diese Thorheiten sich nach und nach verlieren, daß die Lammes aus der Gegend wegziehen, sterben oder mit Advokatenschreibern durchgehen würden, und daß die Ruhe und Einfalt in das Gemeinwesen wieder zurückkehren würde. Aber unglücklicherweise entstand eine nebenbuhlerische Macht. Ein reicher Oelhändler starb, und hinterließ eine Wittwe mit einem großen Wittwenthum und eine Familie von mehreren wackern Töchtern. Die jungen Damen hatten schon lange sich insgeheim über die Sparsamkeit ihres klugen Vaters geärgert, welche ihr ganzes elegantes Aufstreben niederhielt. Ihr Ehrgeiz, der nun kein Hinderniß mehr hatte, brach in eine Flamme aus, und sie standen öffentlich gegen die Familie des Schlächters auf. Es ist wahr, die Lammes, da sie zuerst angefangen, hatten auch einen Vorsprung vor ihnen auf der Modelaufbahn. Sie konnten ein wenig schlechtes Französisch reden, das Piano spielen, Quadrillen tanzen und hatten vornehme Bekanntschaften; aber die Trotters ließen sich davon nicht abschrecken. Wenn die Lammes mit zwei Federn auf ihren Hüten erschienen, so steckten die Misses Trotter vier auf, und von doppelt so schöner Farbe. Wenn die Lammes einen Ball gaben, so blieben die Trotters nicht zurück; und wenn sie gleich nicht so ausgesuchte Gesellschaft hatten, so war sie doch doppelt so zahlreich und noch einmal so lustig. Das ganze Gemeinwesen hat sich endlich, unter den Fahnen dieser beiden Familien, in zwei Modeparteien getheilt. Die alten Spiele von der Päbstin Johanna, und Tom komm und kitzle mich, sind ganz abgekommen; an einen ehrlichen Contretanz ist gar nicht mehr zu denken; und als ich es wagte, am vergangenen Weihnachtsfeste eine junge Dame unter der Mistel zu küssen, ward ich mit Unwillen zurückgewiesen, da die Misses Lamm erklärt hatten, das sei »gräulich gemein.« So ist auch ein bitterer Streit ausgebrochen, welches der modernste Theil von Klein-Britanien sei. Die Lammes erhoben sich für Cross-Keys Square, und die Trotter für die Gegend von St. Bartholomäus. So wird dieses kleine Gebiet von Parteiungen und innerem Zwiespalt zerrissen, wie das große Reich, dessen Namen es trägt, und zu bestimmen, was das Ende davon sein wird, würde selbst den Apotheker, ungeachtet seines großen Talents für Voraussagungen, in Verlegenheit setzen. Ich fühle indessen, daß sich alles mit dem gänzlichen Untergange des ächten John-Bullismus schließen wird. Die unmittelbaren Wirkungen dieses Zwiespalts sind für mich überaus unangenehm. Da ich ein einzelner Mann, und, wie ich schon vorher bemerkt habe, ein etwas müßiger, zu-nichts-guter Mensch bin, so hat man mich immer für den einzigen Gentleman von Profession in der Gegend angesehen. Ich stehe daher bei beiden Parteien in großer Gunst, und muß ihren Cabinets-Berathungen und ihren gegenseitigen Rückenbissen zuhören. Da ich zu höflich bin, um nicht bei allen Gelegenheiten der Meinung der Damen zu sein, so habe ich mich dadurch, daß ich immer auf die Gegner schmähe, bei beiden Parteien ganz heillos compromittirt. Mit meinem Gewissen, das ein sehr gefügiges ist, könnte ich mich darüber wohl noch abfinden; aber meine Besorgniß läßt mir keine Ruhe – wenn die Lamme und Trotter zu einer Vereinigung und offenen Erklärung kommen, so bin ich zu Grunde gerichtet. Ich habe mich daher entschlossen, noch zu guter Zeit meinen Rückzug anzutreten, und sehe mich eben nach einem andern Neste in dieser großen Stadt um; nach einem Orte, wo die alten englischen Sitten noch beobachtet werden, wo man weder französisch ißt, trinkt, tanzt noch redet, und wo es keine Modefamilien von Handwerkern, die sich zur Ruhe gesetzt haben, gibt. Sobald ich ein solches gefunden habe, will ich, wie eine ergraute Ratte, wegeilen, ehe mir das alte Haus auf die Ohren fällt, meinem gegenwärtigen Wohnorte ein langes, obwohl wehmüthiges Lebewohl sagen, und es den beiden Parteien der Lamme und Trotter überlassen, sich in das zerrissene Reich von Klein-Britanien zu theilen. Stratford am Avon. Sanftströmender Avon, an deiner Silberwellen Saum Umschwebt den lieblichen Shakspeare manch himmlischer Traum; Beim Mondlicht umtanzen Feen sein Lager, grün belaubt, Denn heilig ist der Rasen, wo ruhte sein Haupt. Garrick . Für einen heimathlosen Menschen, der keinen Fleck auf dieser weiten Erde hat, welchen er wahrhaft sein nennen könnte, gibt es ein augenblickliches Gefühl von etwas, das der Unabhängigkeit und grundherrlichen Bedeutsamkeit gleicht, wenn er, nach einer mühseligen Tagesreise, seine Stiefeln von sich schleudert, die Füße in die Pantoffeln steckt, und nun vor dem Kamine eines Gasthauses Platz nimmt. Laßt die Welt draußen gehen wie sie will, laßt Königreiche entstehen oder untergehen: so lange er das Nöthige hat, um seine Rechnung zu bezahlen, ist er, für den Augenblick, der wahre Alleinherrscher alles dessen, was er um sich sieht. Der Armsessel ist sein Thron, das Schüreisen sein Scepter, und das kleine Zimmer, von etwa zwölf Fuß ins Gevierte, sein unbestrittenes Reich. Es ist ein Stück Zuverlässigkeit, aus der Mitte der Unzuverlässigkeiten des Lebens herausgerissen; es ist ein sonniger Blick, welcher an einem bewölkten Tage freundlich hervorleuchtet; und wer eine ziemliche Strecke auf dem Pilgerpfade des Lebens vorgeschritten, weiß, wie wichtig es ist, selbst mit Bruchstücken und Augenblicken des Genusses hauszuhalten. »Soll ich in meinem Gasthofe nicht thun, was mir beliebt?« dachte ich, als ich das Feuer aufschürte, mich in meinen Armsessel zurücklehnte, und einen wohlgefälligen Blick in dem kleinen Zimmer im rothen Rosse zu Stratford am Avon umher warf. Jene Worte unsers lieben Shakspeare kamen mir gerade in den Sinn, als die Glocke vom Thurm der Kirche, worin er begraben liegt, zwölf schlug. Es ward leise an meine Thüre geklopft, und ein hübsches Hausmädchen, die ihr lächelndes Gesicht herein steckte, fragte zögernd, ob ich geklingelt hätte. Ich verstand dieß als einen bescheidenen Wink, daß es Zeit sei, schlafen zu gehen. Mein Traum von absoluter Herrschaft war zu Ende, und wie ein kluger Machthaber, der seinem Throne entsagt, um nicht abgesetzt zu werden, nahm ich den Wegweiser durch Stratford unter den Arm, um mich seiner als Kopfkissen-Gesellschafter zu bedienen, ging zu Bett und träumte die ganze Nacht von Shakspeare, dem Jubiläum und David Garrick. Der nächste Morgen war einer von jenen belebenden, welche wir zuweilen in der ersten Zeit des Frühlings haben, denn es war um die Mitte des März. Die Kälte eines langen Winters war plötzlich gewichen; der Nordwind hatte seinen letzten Hauch von sich gegeben; und ein mildes Lüftchen stahl sich aus Westen, hauchte der Natur neuen Lebensathem ein, und lockte jede Knospe und Blüthe zu Duft und Schönheit hervor. Ich war zu einer poetischen Wallfahrt nach Stratford gekommen. Mein erster Besuch galt dem Hause, wo Shakspeare geboren, und wo er, der Sage nach, zu seines Vaters Gewerbe, dem Wollekämmen, erzogen wurde. Es ist ein kleines, unansehnliches Haus von Holz und Kalk, ein wahres Nest für den Genius, der seine Freude daran zu haben scheint, seine Abkömmlinge in Seiten-Winkeln auszubrüten. Die Mauern seiner schmutzigen Zimmer sind mit Namen und Inschriften in jeder Sprache, von Pilgrimen aller Nationen, Stände und Verhältnisse, vom Fürsten bis zum Bauern herab, bedeckt, und geben ein einfaches, aber auffallendes Beispiel von der freiwilligen, allgemeinen Huldigung der Menschheit gegen den großen Dichter der Natur. Das Haus wird von einer geschwätzigen alten Frau, mit einem frostigen rothen Gesicht, woraus ein kaltes, blaues, gieriges Auge glänzt, und das Locken von Flachshaar umgeben, welche sich unter einer ungemein schmutzigen Nachtmütze hervorkräuseln, gezeigt. Sie war besonders geschäftig, uns die Reliquien vorzuweisen, deren dieß Haus, wie alle berühmten Schreine, eine Menge besitzt. Da war der zersplitterte Schaft derselben Flinte zu sehen, womit Shakspeare, bei seinen Wilddiebereien, den Hirsch schoß. Da war auch seine Tabaksdose, welche beweist, daß er wie Sir Walter Raleigh rauchte; eben so der Degen, womit er den Hamlet spielte; und dieselbe Laterne, womit der Bruder Lorenz Romeo und Julie am Grabe fand. So war auch reicher Vorrath von Shakspeare's Maulbeerbaum vorhanden, der eine eben so außerordentliche Kraft der Vervielfältigung zu besitzen scheint, wie das Holz vom wahren Kreuze, von dem so viel vorhanden ist, daß man ein Linienschiff daraus bauen könnte. Der Lieblingsgegenstand der Neugierde ist indessen Shakspeare's Stuhl. Er steht in der Kamin-Ecke eines kleinen düstern Stübchens, dicht hinter dem, welches seines Vaters Laden war. Hier mag er manches Mal gesessen haben, wenn er als Knabe den sich langsam umdrehenden Bratspieß mit all der Sehnsucht eines Buben betrachtete; oder wenn er am Abend den Gevatterinnen und Klatschschwestern in Stratford zuhörte, die Kirchhofsgeschichten und Sagen von den unruhigen Zeiten in England berichteten. Es ist Gewohnheit, daß jeder, der das Haus besucht, sich in diesen Stuhl setzt; ob man dieß vielleicht in der Hoffnung thut, dadurch etwas von der Begeisterung des Barden in sich zu saugen, weiß ich nicht, ich erwähne nur die Thatsache; und meine Wirthin versicherte mich ins geheim, der glühende Eifer der Gläubigen wäre so groß, daß der Stuhl, obgleich von festem Eichenholze gebaut, doch wenigstens alle drei Jahre einen neuen Sitz bekommen müsse. Es lohnt der Mühe, bei der Geschichte dieses außerordentlichen Stuhles auch zu bemerken, daß er etwas von der flüchtigen Natur des heiligen Hauses von Loretto oder dem fliegenden Sessel des arabischen Zauberers an sich hat; denn ob er gleich erst vor einigen Jahren an eine nordische Fürstin verkauft wurde, so hat er doch, wunderbarer Weise, seinen Weg wieder in die alte Kamin-Ecke zurück gefunden. Ich bin bei allen solchen Dingen immer sehr leichtgläubig, und lasse mich leicht betrügen, wo der Betrug angenehm ist und nichts kostet. Deßwegen glaube ich leicht an Reliquien, Legenden und örtliche Anecdoten von Gespenstern und großen Männern, und würde Allen, die zu ihrem Vergnügen reisen, rathen, denselben Glauben anzunehmen. Was geht es uns an, ob diese Geschichten wahr oder falsch sind, so lange wir uns überreden können, daran zu glauben, und des ganzen Zaubers der Wirklichkeit genießen? Es gleicht nichts einer entschiedenen, gutmüthigen Gläubigkeit in diesen Dingen; und ich ging bei dieser Gelegenheit sogar so weit, daß ich den Ansprüchen der Wirthin auf eine gerade Abstammung von dem Dichter willigen Glauben beimaß, bis sie, unglücklicherweise für meinen Glauben, mir ein Schauspiel, das sie selbst verfertigt, übergab, welches allen Glauben an ihre angesprochene Verwandtschaft bei mir in Zweifel setzte. Von Shakspeare's Geburtshause brachten mich einige wenige Schritte zu seinem Grabe. Er liegt im Chore der Pfarrkirche, eines großen und ehrwürdigen Gebäudes, begraben, das vor Alter vermodert, aber reich verziert ist. Es steht an den Ufern des Avon, auf einem schattigen Punkte, und wird durch angrenzende Gärten von den Vorstädten des Ortes geschieden. Seine Lage ist ruhig und einsam, der Fluß fließt murmelnd am Fuße des Kirchhofs dahin, und die Ulmen, welche an seinen Ufern wachsen, tauchen ihre Zweige in seinen klaren Busen. Eine Allee von Linden, deren Zweige eigenthümlich in einander verstrickt sind, so daß sie im Sommer einen Bogengang von Laubwerk bilden, führt von dem Thore des Kirchhofes bis zur Kirchthüre herauf. Die Gräber sind mit Gras überwachsen; die grauen Grabsteine, von denen einige fast ganz in die Erde gesunken waren, sind halb mit Moos bedeckt, welches gleichermaßen das ehrwürdige alte Gebäude überzogen hat. Kleine Vögel haben ihre Nester zwischen den Kranzleisten und Ritzen der Mauer gebaut und flattern und zirpen beständig umher; und Raben segeln und krächzen um seinen hohen grauen Kirchthurm. Im Verfolge meiner Spaziergänge traf ich mit dem grauköpfigen Küster zusammen, und begleitete ihn in seine Wohnung wo er die Kirchenschlüssel holen wollte. Er hatte in Stratford als Knabe und als Mann achtzig Jahre gelebt, und schien sich noch immer für einen kräftigen Mann zu halten, mit der kleinen Ausnahme, daß er nun seit einigen wenigen Jahren beinahe des Gebrauchs seiner Beine beraubt war. Seine Wohnung war ein kleines Haus, welches die Aussicht auf den Avon und die ihn begrenzenden Wiesen hatte; es war ein Bild der Nettigkeit, Ordnung und Behaglichkeit, welche in den gemeinsten Wohnungen in diesem Lande herrschen. Ein niedriges, weißgetünchtes Zimmer mit einem steinernen, wohlgescheuerten Fußboden diente zugleich als Wohnzimmer, Küche und Saal. Reihen von zinnernen und irdenen Tellern glänzten den Küchenschrank entlang. Auf einem alten, eichenen, wohlabgeriebenen und polirten Tische lag die Familienbibel und das Gebetbuch, und der Schubkasten enthielt die Familienbibliothek, welche aus etwa zehn, die Spuren der Finger tragenden Bänden bestand. Eine alte Uhr, dieser bedeutende Theil des Ameublements einer ländlichen Wohnung, tickte an der entgegengesetzten Seite des Zimmers; eine glänzende Wärmpfanne hing auf der einen Seite derselben, und des alten Mannes Sonntagsrohr mit hörnernem Griff, auf der andern. Der Kamin war, wie gewöhnlich, breit und tief genug, uns zwischen seine Pfeiler aufzunehmen. In einer Ecke saß des alten Mannes Enkelin, ein hübsches, blauäugiges Mädchen, und nähte, und in der entgegengesetzten war ein verjährter Spießgesell, den der Küster als John Ange anredete, und der, wie ich fand, von Kindheit an sein Gesellschafter gewesen war. Sie hatten in ihrer Kindheit mit einander gespielt; sie hatten in ihrem männlichen Alter zusammen gearbeitet; und sie wankten nun mit einander umher und schwatzten den Abend des Lebens weg, und in kurzer Zeit werden sie wahrscheinlich neben einander auf dem benachbarten Kirchhofe beerdigt werden. Es geschieht nicht oft, daß wir zwei Lebensströme so gleichförmig und ruhig neben einander dahinfließen sehen, man kann sie nur in so ruhigen Schoßgegenden des Lebens finden. Ich hatte gehofft, von diesen alten Chroniken einige Ueberlieferungsanecdoten über den Barden einzusammeln, allein sie hatten mir nichts Neues mitzutheilen. Der lange Zwischenraum, während dessen Shakspeare's Schriften verhältnißmäßig vernachlässigt worden sind, hat seine Schatten über des Dichters Geschichte verbreitet; und sein gutes oder böses Geschick wollte, daß seinen Lebensbeschreibern kaum eine kleine Handvoll Vermuthungen übrig geblieben ist. Der Küster und sein Gehülfe waren als Zimmerleute bei den Zurüstungen zu dem berühmten Jubiläum in Stratford angestellt gewesen, und erinnerten sich noch Garrick's, des ersten Anstifters des Festes, der auch die Anstalten dazu leitete. Nach Aussage des Küsters, war er ein kurzer, dicker, sehr lebendiger und geschäftiger Mann. John Ange hatte auch bei dem Umhauen von Shakspeare's Maulbeerbaum geholfen, wovon er ein Stück zum Verkauf in der Tasche hatte, ohne Zweifel ein herrliches Belebungsmittel literarischer Gedanken. Es ging mir sehr nahe, diese beiden würdigen Bursche sehr zweifelhaft über die beredte Frau, welche das Haus Shakspeare's zeigt, reden zu hören. John Ange schüttelte den Kopf, als ich ihrer werthvollen unerschöpflichen Sammlung von Reliquien, und namentlich ihrer Ueberbleibsel des Maulbeerbaumes erwähnte; und der alte Küster drückte sogar einen Zweifel aus, ob Shakspeare in ihrem Hause geboren sei. Ich entdeckte bald, daß er auf ihr Haus mit einem scheelen Auge sah, als wetteifre es mit dem Grabe des Dichters, da das letztere verhältnißmäßig nur von Wenigen besucht werde. So weichen Geschichtschreiber gleich Anfangs von einander ab, und die bloßen Kiesel machen, daß schon an der Quelle der Strom der Wahrheit in verschiedenen Betten ausströmt. Wir näherten uns durch den Lindengang der Kirche, und traten durch ein gothisches, reich verziertes, und mit Thüren von massivem Eichenholze versehenes Portal ein. Das Innere ist geräumig, und Bauart und Verzierungen besser, als die der meisten Kirchen auf dem Lande. Es sind da mehrere alte Denkmale von Adeligen und Leuten von Stande, einige mit Wappenschildern und Fahnen darüber, welche zerfetzt von den Wänden herab hingen. Shakspeare's Grab befindet sich im Chore. Die Stelle ist feierlich und grabmäßig. Hohe Ulmen schwanken vor den spitzigen Fenstern, und der Avon, welcher in einer kleinen Entfernung von den Mauern dahinfließt, bewegt sich mit einem beständigen dumpfen Gemurmel. Ein einfacher Grabstein bezeichnet den Ort, wo der Barde begraben ist. Es stehen vier Zeilen darauf, die er selbst verfaßt haben soll, und die etwas ungemein Erschütterndes in sich haben. Wenn sie wirklich von ihm selbst sind, so zeigen sie jene Angelegenheit um die Ruhe im Grabe, welche allein feinfühlenden und denkenden Gemüthern eigen zu sein scheint. Um Jesu Willen, Freund, o wehre, Daß jemand diesen Staub entehre; Gesegnet sei, wer schont die Steine, Verflucht, wer anrührt mein' Gebeine. Gerade über dem Grabe, in einer Nische der Mauer, ist Shakspeare's Büste, welche kurz nach seinem Tode aufgestellt worden ist, und für sein Ebenbild gehalten wird. Das Gesicht ist angenehm und heiter, und die Stirn schön gewölbt, und ich dachte, ich könnte auf demselben sehr deutlich die Andeutungen jener fröhlichen, geselligen Gemüthsart lesen, wodurch er sich unter seinen Zeitgenossen eben so sehr auszeichnete, als durch die Ausdehnung seines Genies. Die Inschrift gedenkt seines Alters zur Zeit seines Todes – drei und fünfzig Jahre; ein zu früh für die Welt erfolgtes Dahinscheiden; denn welche Früchte hätten nicht von dem goldenen Herbste eines solchen Gemüths erwartet werden können, geschirmt, wie es war, gegen den stürmischen Wechsel des Lebens, und blühend im Sonnenschein der Gunst des Volks und der Könige. Die Inschrift auf dem Grabsteine war nicht ohne die beabsichtigte Wirkung. Sie hat es verhindert, daß seine Ueberbleibsel, wie man einst beabsichtigte, aus dem Schoße seines Geburtsortes nach der Westminster-Abtei gebracht wurden. Vor einigen Jahren stürzte auch, als einige Arbeitsleute neben dem Grabe den Grund ausgruben, wo ein Gewölbe gebaut werden sollte, die Erde nach, so daß ein leerer, bogenähnlicher Raum entstand, durch welchen man wohl zu dem Grabe hätte gelangen können. Niemand wagte es indessen, sich mit seinen Gebeinen, welche durch einen Fluch so furchtbar bewahrt waren, etwas zu schaffen zu machen; und damit nicht etwa ein Müßiggänger oder Neugieriger, oder irgend ein Reliquiensammler Versuchung fühlen möchte, einen Raub zu begehen, stand der alte Küster zwei Tage lang Wache bei dem Ort, bis das Gewölbe beendigt und die Oeffnung wieder geschlossen war. Er erzählte mir, daß er es gewagt habe, in das Loch hineinzublicken, aber weder Sarg noch Gebeine habe sehen können; Nichts als Staub. Es war Etwas, dachte ich, Shakspeare's Staub gesehen zu haben. Zunächst seinem Grabe sind die seiner Gattin, seiner Lieblingstochter Mrs. Hall, und anderer Glieder seiner Familie. Aus einem Grabe dicht dabei ist auch ein lebensgroßes Bild seines alten Freundes John Combe, wucherischen Andenkens, auf welchen er eine komische Grabschrift verfertigt haben soll. Es sind noch andere Denkmale umher, allein es widerstrebt dem Gemüthe, bei etwas zu verweilen, das nicht mit Shakspeare in Verbindung steht. Sein Bild beherrscht den Ort; das ganze Gebäude scheint sein Grabmal zu sein. Das Gefühl ergießt sich, nicht länger von Zweifeln befangen und gequält, hier in vollkommenem Vertrauen; andere Spuren von ihm mögen falsch oder zweifelhaft sein, hier ist aber augenscheinlicher Beweis und unumstößliche Gewißheit. Als ich den hallenden Fußboden beschritt, war etwas gewaltiges und durchbebendes in dem Gedanken, daß hier wirklich die Ueberbleibsel Shakspeare's unter meinen Füßen moderten. Es dauerte lange, ehe ich es über mich gewinnen konnte, den Ort zu verlassen; und als ich über den Kirchhof ging, brach ich einen Zweig von einem der Eibenbäume ab, die einzige Reliquie, welche ich von Stratford mitgebracht habe. Ich hatte nun die gewöhnlichen Gegenstände der Andacht eines Pilgers besucht, wünschte aber den alten Familiensitz der Lucy in Charlecot zu sehen und den Park zu durchstreifen, wo Shakspeare, gemeinschaftlich mit einigen von den lustigen Gesellen in Stratford, das Jugendvergehen der Wilddieberei begangen hatte. Bei diesem tollen Unternehmen ward er, wie man uns erzählt, ergriffen und nach dem Hause des Wildhüters gebracht, wo er die ganze Nacht in trauriger Gefangenschaft blieb. Als er vor Sir Thomas Lucy gebracht wurde, muß seine Behandlung empörend und demüthigend gewesen sein, denn sie machte einen so tiefen Eindruck auf seinen Geist, daß er dadurch zu einem rohen Pasquill veranlaßt wurde, welches an das Parkthor von Charlecot angeschlagen ward. Die einzige Strophe, welche von diesem Pasquill übrig ist, lautet so: Ein Parlamentsglied, ein Friedensrichter, Zu Hause eine Vogelscheuch', in London ein Esel, Wenn lausig ist Lucy, wie Manche es sprechen, So ist Lucy lausig, mag's beugen, mag's brechen,     Groß glaubt er zu sein;     Doch ein Esel gar fein, Darf er, seinen Ohren nach, bei Eseln nur sein. Wenn Lucy ist lausig, wie Manche es sprechen, Singt den lausigen Lucy, mag's beugen, mag's brechen. Dieser frevelhafte Angriff auf die Würde des Ritters entflammte ihn so, daß er sich an einen Rechtsgelehrten in Warwick wandte, um die Strenge der Gesetze gegen den reimenden Wilddieb in Anwendung zu bringen. Shakspeare blieb nicht, um der vereinten Macht eines Ritters der Grafschaft und eines Landadvocaten Trotz zu bieten. Er verließ sofort die lieblichen Ufer des Avon und sein väterliches Gewerbe; wanderte hinweg nach London, hängte sich hier an die Theater, ward dann Schauspieler, und schrieb endlich für die Bühne; und durch die Verfolgungen des Sir Thomas Lucy verlor Stratford einen unbedeutenden Wollkämmer, und die Welt gewann einen unsterblichen Dichter. Lange Zeit konnte er indeß die rauhe Behandlung des Erbherrn von Charlecot nicht vergessen, und rächte sich dafür in seinen Schriften; jedoch auf die scherzhafte Weise eines gutartigen Gemüthes. Sir Thomas soll nämlich das Urbild zum Richter Shallow sein, und die Satyre ist schalkhaft durch das Wappen des Richters angedeutet, welches, wie das des Ritters, weiße Hechte führt. Der Hecht ist in großer Menge im Avon bei Charlecot zu finden. – Anm. des Verf. Mannigfaltige Versuche sind von seinen Biographen gemacht worden, dieses frühe Vergehen des Dichters zu beschönigen und weg zu erklären; ich betrachte es indessen als eine jener gedankenlosen Handlungen, welche in seiner Lage und bei seiner Gemüthsart so natürlich waren. Shakspeare hatte, als er jung war, ohne Zweifel ganz das Wilde und Unregelmäßige eines feurigen, ungezügelten, sich selbst überlassenen Genie's. Die poetische Natur hat an und für sich etwas vom Landstreicherischen an sich. Wenn sie sich selbst überlassen bleibt, läuft sie frei und wild umher, und findet an Allem, was ausschweifend und zügellos ist, Vergnügen. Oft hängt es bei dem Hazardspiele von dem Auswerfen der Würfel ab, ob ein natürliches Genie ein großer Schurke, oder ob es ein großer Dichter werden soll; und hätte Shakspeare's Gemüth nicht glücklicherweise eine literarische Richtung genommen, so möchte er eben so keck alle bürgerlichen Gesetze mit Füßen getreten haben, wie er dieß mit den dramatischen gethan hat. Ich hege kaum einen Zweifel, daß er während seines früheren Lebens, wo er wie ein ungezähmtes Füllen in der Gegend von Stratford umherstürmte, in der Gesellschaft aller Arten von seltsamen, ungewöhnlichen Charakteren zu finden war; daß er sich mit allen Tollköpfen des Orts verband, und einer von den heillosen Buben war, bei deren Erwähnung die alten Leute die Köpfe schütteln, und es voraussagen, daß sie einmal an den Galgen kommen werden. Ihm erschien die Wilddieberei in Sir Thomas Lucy's Park ohne Zweifel wie einem schottischen Ritter ein Streifzug, und reizte seinen Eifer und seine noch ungezähmte Einbildungskraft, als etwas ergötzlich Abenteuerliches. Ein Beispiel von Shakspeare's wüster Lebensart und Gesellschaft in seinen jungen Tagen, findet sich in einer von Mund zu Mund fortgepflanzten Anecdote, welche der ältere Ireland in Stratford hörte, und die er in seinen »malerischen Ansichten am Avon« erwähnt. Ungefähr sieben Meilen von Stratford liegt der durstige kleine Marktflecken Bedford, seines Ale wegen berühmt. Zwei Gesellschaften der Dorfmiliz, welche den Namen der Zecher von Bedford führten, pflegten hier zusammen zu kommen, und die Liebhaber von gutem Ale aus den benachbarten Dörfern zu einem Wettstreit im Trinken herauszufordern. Unter andern wurden auch die Bewohner von Stratford entboten, von der Stärke ihrer Köpfe einen Beweis abzugeben; und unter der Zahl der Kämpen war Shakspeare, der dem Sprichwort zum Trotze, daß: »wer sich Bier schenkt, auch wie Bier denkt,« seinem Ale so treu war, wie Falstaff seinem Sekt. Die Ritterschaft von Stratford wankte indessen schon bei dem ersten Anlauf, und blies zum Rückzuge, da sie noch ihrer Beine mächtig war, um sie vom Kampfplatz zu tragen. Kaum waren sie indeß eine Meile marschirt, als ihre Beine ihnen den Dienst versagten, und sie gezwungen waren, sich unter einem wilden Aepfelbaume niederzulegen. wo sie die Nacht zubrachten. Er steht noch, und ist unter dem Namen Shakspeare's Baum bekannt. Am Morgen weckten die Gefährten des Dichters ihn auf, und schlugen ihm vor, nach Bedford zurückzukehren; er lehnte es aber ab, sagend, er habe genug, da er getrunken hätte mit Pfeifend Pebworth, tanzend Marston, Spukend Hillbro', hungrig Grafton, Finster Exhall, päbstisch Wicksford, Aermlich Broom und trunken Bedford. Das alte Herrenhaus von Charlecot und der Park umher sind noch im Besitz der Familie Lucy, und vorzüglich anziehend, weil sie mit diesem sonderbaren, aber erfolgreichen Umstande in der wenig bekannten Geschichte des Barden im Zusammenhang stehen. Da das Haus wenig mehr denn drei Meilen von Stratford entfernt war, beschloß ich, einen Spaziergang dahin zu machen, um mit Muße einige von den Gegenden zu durchstreifen, aus welchen Shakspeare seine frühesten Gedanken über die Darstellung ländlicher Bilder geschöpft haben muß. Die Gegend war noch nackt und blätterlos; aber die englischen Landschaften sind immer grün, und die plötzliche Veränderung der Temperatur hatte eine überraschend belebende Wirkung auf die Landschaft gehabt. Es war begeisternd und aufregend, dieses erste Erwachen des Frühlings zu beobachten; seinen warmen Hauch zu fühlen, wie er sanft die Sinne überschlich; zu sehen, wie die feuchte, lockere Erde anfing, den grünen Sproß und den zarten Halm hervorkeimen zu lassen, und wie die Bäume und Sträucher, in ihren Lebenstinten und mit ihren schwellenden Knospen die Rückkehr der Blätter und Blumen verkündeten. Das kalte Schneeglöckchen, dieser kleine Grenznachbar an dem Saume des Winters, war mit seinen keuschen weißen Blumen in den kleinen Gärten vor den Bauerhäusern zu sehen. Von den Feldern her hörte man schwach das Blöken der neugefallenen Lämmer. Der Sperling zwitscherte um die Strohdächer und die knospenden Hecken; das Rothkehlchen mischte eine lebendigere Weise in seinen früheren klagenden Wintergesang; und die Lerche, sich aus dem dampfenden Schooße der Wiese erhebend, schwang sich hinauf in die glänzende, flockige Wolke, Ströme von Wohllaut ergießend. Als ich die kleine Sängerin betrachtete, wie sie höher und höher stieg, bis ihr Körper ein bloßer Fleck auf dem weißen Busen der Wolke erschien, während ihr Gesang noch immer das Ohr füllte, da fiel mir Shakspeare's herrliches kleines Lied aus Cymbeline ein: Horch! Horch. Die Lerch' am Himmelsthor singt hell     Und Phöbus steigt empor, Seine Rosse zu tränken an diesem Quell     An dem Kelch der Blumenflor. Das holde Ringelblümchen nickt,     Sein goldnes Aug' schlägt's auf; Mit allem, was so schön sich schmückt,     Mein süßes Lieb, wach auf! In der That, die ganze Gegend umher ist dichterischer Boden, in Alles mischt sich der Gedanke an Shakspeare. Jede alte Bauerhütte, die ich sah, schien mir ein Aufenthaltsort seiner Knabenzeit zu sein, wo er seine genaue Kenntniß des Landlebens und der ländlichen Sitten erlangt, und jene Mährchen und die abergläubischen Träume gehört hatte, die er wie Zauberei in seine Schauspiele verwebt hat. Denn in seinen Tagen war es, wie man sagt, ein gewöhnlicher Zeitvertreib an Winterabenden, »um das Feuer her zu sitzen und sich lustige Geschichten von irrenden Rittern, Königen, Liebhabern, Herrn und Damen, Riesen, Zwergen, Dieben, Zauberern, Hexen, Feen, Kobolden und Mönchen zu erzählen.« Scott zählt in seiner »Entdeckung der Hexerei« ein Heer von diesen Kamindichtungen auf. Mein Weg führte eine Zeit lang Angesichts des Avon dahin, der eine Menge der abenteuerlichsten Krümmungen und Windungen durch ein breites und fruchtbares Thal macht; zuweilen zwischen den Weiden, welche seine Ufer begrenzten, hindurchschimmerte, zuweilen unter Bäumen oder hinter grünen Ufern verschwand; und zuweilen vollkommen sichtbar dahinfloß und einen blauen Streif um einen Abhang von Wiesenland zog. Dieser schöne Landbusen wird das Thal des rothen Rosses genannt. Eine entfernte Kette welliger blauer Hügel scheint die Grenze derselben zu sein, während die ganze dazwischenliegende liebliche Landschaft gleichsam in den silbernen Banden des Avon gefangen zu liegen scheint. Nachdem ich die Straße ungefähr drei Meilen lang verfolgt hatte, schlug ich einen Fußpfad ein, welcher die Grenzen der Felder entlang und an Hecken vorbei nach einem Seitenthore des Parks führte; es war indessen für den Fußgänger ein Pfad da, indem ein öffentlicher Weg durch die Besitzung ging. Ich freue mich immer dieser gastfreien Grundstücke, an welchen Jedermann eine Art von Antheil hat – wenigstens so weit es den Fußpfad betrifft. Es versöhnt gewissermaßen einen armen Mann mit seinem Schicksale, und, was mehr ist, mit dem bessern Loose seines Nächsten, daß er Parks und Gärten zu seiner Erholung offen sieht. Er athmet die reinen Lüfte eben so frei ein, und ruht eben so wohlgemuth im Schatten, als der Herr des Bodens; und wenn er auch nicht das Vorrecht hat, Alles, was er sieht, sein eigen zu nennen, so braucht er auch nicht dafür zu bezahlen und es in Ordnung zu halten. Ich fand mich nun zwischen prachtvollen Eichen- und Ulmen-Alleen, deren gewaltiger Umfang von dem Alter von Jahrhunderten zeugte. Der Wind klang feierlich in ihren Zweigen und die Raben krächzten aus ihren ererbten Horsten in den Baumwipfeln. Das Auge verlor sich in eine weite Ferne, wo nichts die Aussicht unterbrach als eine tief im Hintergrunde stehende Bildsäule und ein umherstreifender Damhirsch, der wie ein Schatten an der Oeffnung vorüberstrich. Es liegt in diesen stattlichen alten Baumgängen etwas, das fast wie die gothische Baukunst wird, nicht allein der angeblichen Aehnlichkeit des Aeußern wegen, sondern weil sie von einer langen Dauer, so wie davon zeugen, daß sie in einer Zeit entstanden sind, mit welcher wir Begriffe von romantischer Größe verbinden. Sie bekräftigen auch die lange bestehende Würde und stolz erhaltene Unabhängigkeit einer alten Familie; und ich habe einen sehr würdigen, aber aristokratisch gesinnten Freund, wenn er von den prachtvollen Palästen der neueren Vornehmen sprach, die Bemerkung machen hören, daß »das Geld viel über Stein und Mörtel vermöge, aber, Gott sei Dank, eine Eichenallee lasse sich nicht so schnell aufführen.« Wegen der Wanderungen, welche Shakspeare in seinem früheren Leben in dieser reich ausgestatteten Gegend und in der romantischen Einsamkeit des anstoßenden Parks von Fullbrooke, welcher damals zu dem Gute Lucy's gehörte, vorgenommen, glaubten einige seiner Erklärer, er habe die erhabenen Waldbetrachtungen des Jacques und die bezaubernden Forstgemälde in »Wie es euch gefällt« da geschöpft. Auf einsamen Wanderungen durch solche Gegenden trinkt das Gemüth stille, aber tiefe Züge der Begeisterung und wird für die Schönheit und Majestät der Natur wahrhaft empfänglich. Die Einbildungskraft verliert sich in Träumereien und Entzückungen; unbestimmte, aber schöne Bilder und Gedanken drängen sich herzu, und wir schwelgen in einer stummen und fast unmittheilbaren Ueppigkeit der Gedanken. In einer solchen Stimmung, und vielleicht unter einem dieser Bäume vor mir, welche ihre breiten Schatten über die begraseten Ufer und bewegten Gewässer des Avon warfen, ergoß sich wahrscheinlich des Dichters Phantasie in das kleine Lied, aus welchem die ganze Seele eines ländlich seligen Menschen spricht.     Unter des Laubdach's Hut     Wer gerne mit mir ruht,     Und stimmt der Kehle Klang     Zu lust'ger Vögel Sang, Komm geschwinde! geschwinde! geschwinde!         Kein andrer Feind         Ihm hier erscheint     Als Wetter, Regen und Winde. Das Haus lag jetzt vor meinen Blicken. Es ist ein großes Gebäude von Mauersteinen, mit Ecken von Quadern und in dem gothischen Style aus den Zeiten der Königin Elisabeth erbaut, in deren erstem Regierungsjahre es aufgeführt wurde. Das Aeußere ist beinahe ganz in seinem ursprünglichen Zustande geblieben, und kann als ein anschauliches Muster von dem Aufenthaltsorte eines reichen Landedelmannes jener Tage gelten. Ein großes Thor führt von dem Park nach einer Art Vorhof vor dem Hause, mit einem Rasenplatz, Sträuchern und Blumenbeeten verziert. Das Thor ist eine Nachahmung der alten Brückenköpfe, einer Art Außenwerk, und mit Thürmen zur Seite, obgleich augenscheinlich zur bloßen Verzierung, statt zur Vertheidigung. Die Vorderseite des Hauses ist ganz im alten Style; die Fenster mit steinernen Kreuzen, ein großes Erkerfenster von schwerem Quaderwerkstein und ein Portal mit dem Wappenschilde darüber, in Stein ausgehauen. An jeder Ecke des Gebäudes ist ein achteckter Thurm mit einem vergoldeten Knopfe und einem Wetterhahn auf dem Dache. Der Avon, welcher sich durch den Park windet, macht gerade an dem Fuße eines sanften Abhanges. welcher sich an der hintern Seite des Hauses hinabzieht, eine Krümmung. Große Herden von Damhirschen weideten oder ruheten an seinen Ufern; und Schwäne segelten majestätisch auf seinem Busen. Wie ich das ehrwürdige alte Haus betrachtete, rief ich mir Falstaff's Lobrede auf des Richters Shallow Wohnsitz in das Gedächtniß zurück, und die angenommene Gleichgültigkeit und wahre Eitelkeit des letztern: » Falstaff . Ihr habt hier eine artige, reiche Besitzung. » Shallow . Dürr, dürr, dürr; alles Bettelei, alles Bettelei, Sir John; – nun ja, gute Luft.« Wie groß auch die Fröhlichkeit in dem alten Hause zu Shakspeare's Zeiten gewesen sein mag, so sah es jetzt sehr still und einsam aus. Das große eiserne Thor, welches sich nach dem Hofe öffnete, war verschlossen; man sah keine Bedienten, welche geschäftig auf dem Platze umherliefen; die Hirsche sahen mich ruhig an, als ich vorüberging, da sie nicht mehr von den Buschkleppern in Stratford beunruhigt werden. Das einzige Zeichen von häuslichem Leben, das ich fand, war eine weiße Katze, die mit scheuem Blicke und verstohlenen Tritten sich nach dem Stalle schlich, als sei sie auf irgend einer verbotenen Unternehmung. Ich muß jedoch nicht zu erwähnen vergessen, daß ich das Gerippe einer diebischen Krähe an der Mauer der Scheune hangen sah, da dieß beweist, daß der gutsherrliche Abscheu gegen alle Wilddiebe bei den Lucy's stets erblich ist, und daß sie ihre grundherrlichen Rechte mit eben der Strenge aufrecht erhalten, welche sich in dem Falle des Barden so nachdrücklich offenbarte. Nachdem ich eine Zeit lang umhergewandert war, fand ich endlich einen Weg zu einer Seitenthüre, welche der Alltagseingang in das Haus war. Ich wurde artig von einer würdigen alten Haushälterin empfangen, die mir mit der Höflichkeit und Mittheilsamkeit, welche ihrem Stande eigen sind, das Innere des Hauses zeigte. Der größere Theil desselben hat Veränderungen erlitten und wurde dem neuern Geschmacke und der neuern Lebensart angepaßt; es ist da eine schöne, alte Treppe von Eichenholz, und der große Saal, dieser edle Anblick in einem alten Herrenhause, hat noch sehr viel von dem Ansehen, welches er zu Shakspeare's Zeit gehabt haben muß. Die Decke ist gewölbt und hoch, und an dem einen Ende desselben ist eine Gallerie, auf welcher eine Orgel steht. Die Waffen und Siegeszeichen der Jagd, welche früher den Saal eines Landedelmannes schmückten, haben Familienportraits Platz gemacht. Ein großer, geselliger Kamin, für ein großes altväterisches Holzfeuer berechnet, früher der Sammelplatz der Winterlustbarkeiten, ist noch vorhanden. An der entgegengesetzten Seite der Halle ist das große gothische Erkerfenster mit steinernen Kreuzen, welches nach dem Hofe geht. Hier sind in buntem Glase die Wappen der Familie der Lucy seit mehreren Geschlechtern, von denen einige die Jahreszahl 1588 haben, gemalt. Es machte mir großes Vergnügen in den Feldern die drei weißen Hechte zu finden, wodurch der Charakter des Sir Thomas zuerst mit dem des Richters Shallow identificirt wurde. Sie werden in dem ersten Auftritte der lustigen Weiber von Windsor erwähnt, wo der Richter in Wuth über Falstaff ist, weil er »seine Leute geschlagen, seine Hirsche erlegt hat; und in sein Wildhüterhaus eingebrochen ist.« Der Dichter hatte ohne Zweifel seine und seiner Cameraden Vergehungen damals im Sinne, und wir können annehmen, daß der Familienstolz und die rachsüchtigen Drohungen des mächtigen Shallow eine Karrikatur des pomphaften Unwillens des Sir Thomas seien. » Shallow . Sir Hugh, redet mir nicht zu; ich will die Sache vor die Sternkammer bringen. Wenn er zwanzig Mal Sir John Falstaff ist, so soll er doch Robert Shallow Esq. nicht beschimpfen. » Slender . In der Grafschaft Gloster, Friedensrichter und Coram . » Shallow . Ja, Vetter Slender, und Custalorum . » Slender . Ja, und Ratalorum auch, und ein geborener Gentleman, Herr Pfarrer; der sich Armigero unter allen Rechnungen, Verhaftsbefehlen, Empfangscheinen oder Verschreibungen schreibt: Armigero . » Shallow . Ja, das thue ich, und habe das zu jeder Zeit seit dreihundert Jahren gethan. » Slender . Alle seine Nachfolger, welche vor ihm hergingen, haben das gethan, und alle seine Vorgänger, welche nach ihm kommen, können das thun; sie können das Dutzend weiße Hechte in ihrem Wappen dafür geben . . . . . » Shallow . Es soll vor den Rath kommen; es ist ein Aufruhr. » Evans . Es schickt sich nicht, daß der Rath von einem Aufruhr höre; es ist keine Gottesfurcht in einem Aufruhr; der Rath, wißt ihr, muß immer nur gottesfürchtige Dinge und keinen Aufruhr vernehmen wollen, richtet Euch darnach. » Shallow . Ha, bei meinem Leben, wäre ich noch jung, das Schwerdt sollte die Sache entscheiden!« Nahe bei dem Fenster mit diesem Wappen hing ein Bild von Sir Peter Lely, das eine Dame aus der Familie der Lucy, eine große Schönheit aus der Zeit Karl's II., darstellte; die alte Haushälterin schüttelte den Kopf, indem sie auf das Bild zeigte, und sagte mir, daß diese Dame den Karten übermäßig ergeben gewesen und einen großen Theil des väterlichen Erbguts verspielt hätte, wozu auch der Theil des Parks gehörte, worin Shakspeare und seine Cameraden den Hirsch erlegt. Die Ländereien, welche auf diese Art verloren gegangen, wären bis auf den gegenwärtigen Tag noch nicht ganz wieder an die Familie zurückgekommen. Bloß um dieser gottlosen Dame Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich gestehen, daß ihre Hand und ihr Arm ungemein schön waren. Das Bild, welches meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war ein großes Gemälde über dem Kamin, das die Portraits des Sir Thomas Lucy und seiner Angehörigen darstellte, welche die Halle in dem letzten Abschnitte von Shakspeare's Leben bewohnten. Ich glaubte Anfangs, es sei das des rachsüchtigen Ritters selbst, allein die Haushälterin versicherte mich, es stelle seinen Sohn vor; da das einzige Bild des erstern, welches noch vorhanden, das aus seinem Grabe in der Kirche des benachbarten Weilers Charlecot sei. Dieses Bild gibt einen lebendigen Begriff von der Tracht und den Sitten der damaligen Zeit. Sir Thomas ist in eine Halskrause und ein Wamms gekleidet, in weiße Schuhe mit Bandrosen darauf, und hat einen spitzen gelben, oder wie Meister Slender sagen würde: »rohrfarbenen Bart.« Seine Gemahlin sitzt auf der andern Seite des Bildes mit einer breiten Halskrause und langem Brustlatz, und die Kleidung der Kinder hat eine höchst ehrwürdige Steifheit und Förmlichkeit. Große Jagd- und Wachtelhunde sind zu der Familiengruppe gesellt; ein Falk sitzt im Vordergrunde auf seiner Stange und eines von den Kindern hält eine Armbrust in der Hand; – Alles die Erfahrenheit des Ritters in der Treibjagd, Falkenbeize und dem Bogenschießen andeutend – so unentbehrlich für einen vollkommenen Edelmann in jenen Tagen. Der Bischof Earle bemerkt, indem er von dem Landedelmanne seiner Zeit spricht: »seine Art der Haushaltung kann man bald an den verschiedenen Arten von Hunden und den Dienern, welche er in seinen Ställen verpflegt, erkennen, und die Tiefe seiner Kehle ist der Maßstab für die Tiefe seines Gesprächs. Einen Falken hält er für den wahren Refrain des Adels, und bildet sich sehr viel darauf ein, großes Vergnügen an dieser Jagd zu finden und die Fußriemen um die Faust geschlungen zu tragen.« Und Gilpin bemerkt in seiner Schilderung eines Herrn Hastings: er hielt alle Arten von Hunden, welche Rehe, Füchse, Hasen, Ottern und Dachse jagen, und hatte Falken von aller Art, sowohl lang- als kurzflügelige. Sein großer Saal war gewöhnlich mit Markknochen bedeckt, und voll von Falkenstangen, Hühner-, Wachtel- und Dachshunden. Auf einem breiten mit Ziegelsteinen belegten Herde lagen einige der vorzüglichsten Dachs-, Hühner- und Wachtelhunde. – Anm. des Verf. Ich sah mit Bedauern, daß die alten Möbel aus der Halle verschwunden waren; denn ich hatte gehofft, den stattlichen Armsessel von Eichenholz mit Schnitzarbeit zu sehen, in welchem der Landedelmann in früheren Zeiten den Scepter der Herrschaft über seine ländlichen Besitzungen zu schwingen pflegte, und in welchem wahrscheinlich der gestrenge Sir Thomas ebenfalls in furchtbarer Würde thronend, saß, als der Uebelthäter Shakspeare vor ihn gebracht wurde. Da ich mir gern Bilder zu meiner eigenen Unterhaltung ausmale, so gefiel ich mir in dem Gedanken, daß eben dieser Saal der Schauplatz des Verhörs des unglücklichen Barden am Morgen nach seiner Gefangenschaft im Wildhüterhause gewesen sei. Ich dachte mir den ländlichen Machthaber, von seiner Leibwache, von Haushofmeister, Pagen und Bedienten in blauen Röcken mit ihren Wappenschilden umgeben; während der unglückliche Verbrecher, verlassen und muthlos, von Wildhütern, Jägern und Hundepeitschern bewacht und von einem Schwarm Bauerlümmel begleitet, hereingebracht wurde. Ich dachte mir die frischen Gesichter neugieriger Hausmädchen durch die halbgeöffneten Thüren hereinblickend; während die schönen Töchter des Ritters sich anmuthig über die Gallerie lehnten, den jugendlichen Gefangenen mit dem Mitleide betrachtend, welches stets in Frauenherzen wohnt. – Wer würde geglaubt haben, daß dieser arme Wicht, so vor der beschränkten Macht eines Landedelmannes und dem Spotte der Bauern zitternd, bald das Entzücken der Prinzen, das Thema aller Zungen und Alter, der Alleinherrscher über das menschliche Gemüth werden, und seinen Unterdrückern durch eine Karrikatur und ein Pasquill die Unsterblichkeit verleihen würde! Ich wurde nun von dem Haushofmeister eingeladen, in den Garten zu gehen, und ich fühlte mich geneigt, den Obstgarten und die Laube zu sehen, wo der Richter den Sir John Falstaff und den Vetter Silence mit einem Apfel vom vergangenen Jahre, von seinem eigenen Pfropfreis, und mit einer Schüssel Feldkümmel bewirthete; allein meine Wanderungen hatten mir schon einen so großen Theil des Tages weggenommen, daß ich genöthigt war, alle weitere Nachforschungen aufzugeben. Als ich im Begriff war, mich zu beurlauben, ward ich sehr angenehm durch das freundliche Ersuchen der Haushälterin und des Haushofmeisters überrascht, daß ich doch einige Erfrischungen zu mir nehmen möchte; ein Zug guter alter Gastfreiheit, von dem wir Schlösser-Jäger leider nur selten Beispiele in neueren Zeiten finden. Ich zweifele nicht, daß dieß eine Tugend ist, welche der gegenwärtige Repräsentant der Lucy von seinen Vorfahren geerbt hat; denn Shakspeare stellt, selbst in seiner Karrikatur, den Richter Shallow als beflissen in dieser Rücksicht dar, wie seine angelegentlichen Aufforderungen an Falstaff beweisen. »Bei allen Teufeln, Herr, Ihr sollt heute Nacht nicht fort. Ich werde Euch nicht entschuldigen; Ihr werdet nicht entschuldigt; Ihr dürft nicht entschuldigt werden; Entschuldigungen werden nicht angenommen; Entschuldigungen sollen Euch nichts helfen; Ihr sollt Euch nicht entschuldigen können. . . . . . Einige Tauben, Davy, ein Paar kurzbeinige Hühner, ein Stückchen Hammelsbraten und einige niedliche kleine artige Leckerbissen soll Wilhelm, der Koch, zubereiten.« Mit großer Ueberwindung sagte ich nun der alten Halle Lebewohl. Mein Gemüth hatte sich in die eingebildeten Auftritte und Charaktere, welche damit in Verbindung standen, so hineinversetzt, daß ich wirklich unter ihnen zu leben schien. Alles brachte sie mir gleichsam vor die Augen, und als sich die Thür des Speisezimmers öffnete, glaubte ich beinahe die schwache Stimme Meister Silence's zu hören, wie er sein Lieblingslied hergurgelte. Heinrich IV. Thl. II. Fünfter Aufzug. Dritter Auftritt. Wo Männer allein, geht's drauf und drein, Und lustige Fastnacht willkommen. Bei der Rückkehr in mein Gasthaus konnte ich nicht umhin, die besonderen Gaben des Dichters zu bewundern, der es so sehr verstand, den Zauber seines Gemüths selbst über das Antlitz der Natur zu verbreiten, den Sachen und Orten einen Reiz und Charakter zu verleihen, der ihnen nicht eigen ist, und diese Werktags-Welt in ein vollkommenes Feenland zu verwandeln. Er ist in der That der wahre Zauberer, dessen Zauberspruch nicht allein auf die Sinne, sondern auf die Einbildungskraft und das Herz wirkt. Unter dem zauberischen Einflusse Shakspeare's war ich den ganzen Tag in einer vollständigen Verblendung umhergegangen. Ich hatte die Landschaft durch das Prisma der Dichtung betrachtet, welches jeden Gegenstand mit den Farben des Regenbogens überzieht. Ich war von Geschöpfen der Einbildungskraft, von reinen Luftgebilden, durch dichterische Kraft heraufbeschworen, welche aber doch für mich den ganzen Reiz der Wirklichkeit hatten, umgeben gewesen. Ich hatte Jacques unter seiner Eiche sein Selbstgespräch halten hören; hatte die schöne Rosalinde und ihren Begleiter sich durch den Wald wagen sehen; und war, vor allen Dingen, mehr als einmal im Geiste mit dem dicken Jack Falstaff und seinen Zeitgenossen, von dem erhabenen Richter Shallow bis zu dem artigen Meister Slender und der lieblichen Anne Page, in Gesellschaft gewesen. Zehntausend Mal Ehre und Segen über den Barden, der so die schalen Wirklichkeiten des Lebens durch unschuldige Blendwerke vergoldet; der ausgesuchte und unerkaufte Vergnügungen auf meinen Wechselpfad gesäet, und meinen Geist in mancher einsamen Stunde mit all den herzlichen und fröhlichen Mitgefühlen des geselligen Lebens erquickt hat! Als ich auf meinem Rückwege über die Avon-Brücke ging, stand ich still, die entfernt liegende Kirche zu betrachten, worin der Dichter begraben liegt, und konnte mich über den Fluch nur freuen, welcher seine Asche ungestört in ihrem ruhigen und geheiligten Gewölbe erhalten hat. Welche Ehre könnte seinem Namen dadurch gewachsen sein, daß er in die Gemeinschaft des Staubes mit den Grabdenkmälern und Wappenschildern und feilen Lobinschriften der betitelten Menge gekommen wäre? Was würde ein dichtgefüllter Winkel in der Westminster-Abtei gewesen sein, im Vergleich mit diesem ehrwürdigen Gebäude, das in schöner Einsamkeit als sein alleiniges Grabdenkmal dazustehen scheint. Die ängstliche Sorge über die Bewahrung des Grabes mag wohl nur die Folge einer überspannten Empfindlichkeit sein; allein die menschliche Natur ist aus Schwächen und Vorurtheilen zusammengesetzt, und ihre schönsten und zärtlichsten Regungen sind mit diesen erkünstelten Gefühlen gemischt. Der, welcher Ruhm in der Welt sucht, und eine reichliche Ernte weltlicher Gunst eingesammelt hat, wird nach Allem finden, daß es keine Liebe, keine Bewunderung, keinen Beifall gibt, welcher der Seele so wohl thäte, als der, welcher ihm aus seinem Geburtsorte ward. Hier will er in Frieden und Ehre neben seinen Verwandten und seinen Jugendfreunden ruhen. Und wenn das müde Herz und der schwache Kopf ihn zu erinnern beginnen, daß der Abend des Lebens herannaht, so wendet er sich so innig wie das Kind nach der Mutter Arm, um im Schooße des Schauplatzes seiner Kindheit in Schlaf zu sinken. Wie würde es den Geist des jugendlichen Barden erheitert haben, hätte er, als er von Leid bedrängt, in eine ungewisse Welt hinauswanderte, und einen letzten Blick in seine väterliche Heimath zurückwarf, voraussehen können, er würde nach manchen Jahren mit Ruhm bedeckt dahin zurückkehren; sein Name würde der Stolz und die Ehre seines Geburtsortes werden; seine Asche würde als der kostbarste Schatz desselben gewissenhaft bewahret, und der seinen Augen entschwindende Thurm desselben, auf welchen diese in thränenvoller Betrachtung sich hefteten, würde eines Tages das Wahrzeichen werden, welches inmitten der lieblichen Landschaft sich erhebend, die wissenschaftlichen Waller jeder Nation zu seinem Grabe leitete! Züge indianischen Charakters. Ich rufe jeden weißen Mann auf, ob er je Logan's Hütte betreten habe, und er ihm nicht zu essen gegeben hat, ob er je kalt und nackt kam, und er ihn nicht kleidete. Rede eines indianischen Häuptlings. In dem Charakter und den Sitten des nordamerikanischen Wilden ist etwas, das, wenn ich mir die Gegend, welche er zu durchstreifen gewohnt ist, deren ausgedehnte See'n, grenzenlose Wälder, majestätische Ströme und pfadlose Ebenen dazu denke, etwas wunderbar Anziehendes und Erhabenes für mich hat. Er ist für die Wildniß geschaffen, wie der Araber für die Wüste. Sein Wesen ist ernst, einfach, ausdauernd und ganz geeignet, mit Schwierigkeiten zu kämpfen und Entbehrungen zu erdulden. Es scheint nur wenig Erdreich in seinem Herzen zu sein für das Gedeihen sanfter Tugend; und doch würden wir, wenn wir uns die Mühe nehmen wollten, diesen stolzen Stoicismus und diese zur Gewohnheit gewordene Schweigsamkeit, welche seinen Charakter der zufälligen Beobachtung unzugänglich machen, näher zu ergründen, leicht finden, daß er durch mehr gleichartige Gefühle und Neigungen an seine Mitmenschen aus dem gebildeten Lebenskreise geknüpft ist, als man ihm gewöhnlich zutraut. Es ist das Loos der unglücklichen Ureinwohner von Amerika in den ersten Zeiten der Colonisirung gewesen, von den Weißen auf eine doppelte Art beeinträchtigt zu werden. Durch eigennützige und oft muthwillig begonnene Kriege sind sie ihrer rechtmäßigen Besitzungen beraubt worden, und ihr Charakter wurde durch verblendete selbstsüchtige Schriftsteller angeschwärzt. Die Colonisten haben sie oft wie Thiere des Waldes behandelt, und die Schriftsteller haben sich bemüht, diese Unbilden zu rechtfertigen. Die Ersteren fanden es leichter, auszurotten, als zu bilden; die Letzteren leichter, zu schmähen, als zu vertheidigen. Die Namen Wilde und Heiden wurden für hinlänglich gehalten, die Feindseligkeiten Beider zu rechtfertigen; und so wurden die armen Wanderer des Waldes verfolgt und verläumdet, nicht, weil sie schuldig, sondern weil sie unwissend waren. Die Rechte des Wilden wurden von den Weißen selten gehörig gewürdigt oder geachtet. Im Frieden ist er nur zu oft von verschmitzten Handelsleuten betrogen, und im Kriege als ein wildes Thier angesehen worden, nach dessen Leben oder Tod man nur aus Vorsicht oder wegen der Verhältnisse fragte. Der Mensch ist mit dem Leben grausam verschwenderisch, sobald seine eigene Sicherheit in Gefahr ist und er ungestraft handeln kann; und man darf nur wenig Gnade von ihm erwarten, wenn er den Stachel des Wurmes fühlt, und sich der Macht, zertreten zu können, bewußt ist. Dieselben Vorurtheile, welche man so früh hegte, sind heutigen Tages noch allgemein verbreitet. Gewisse gelehrte Gesellschaften haben allerdings mit lobenswerthem Eifer den wahren Charakter und die Sitten der indianischen Stämme genauer zu untersuchen und auf Licht zu stellen sich bemüht; auch die amerikanische Regierung hat mit Weisheit und Menschlichkeit dahin zu wirken gesucht, daß eine milde und nachgiebige Stimmung gegen sie sich offenbare, und sie gegen Betrug und Ungerechtigkeit geschützt seien. Die amerikanische Regierung ist in ihren Bemühungen, die Lage der Indianer zu verbessern, und unter ihnen die Künste des gebildeten Lebens und bürgerliche und religiöse Kenntnisse einzuführen, unermüdlich gewesen. Um sie gegen Uebervortheilung von Seiten der weißen Handelsleute zu schützen, darf kein Einzelner Land von ihnen erkaufen, noch irgend Jemand Ländereien von ihnen, ohne die ausdrückliche Genehmigung der Regierung, zum Geschenk annehmen. Diese Vorsichtsmaßregeln werden streng gehandhabt. – Anm. des Verf. Die gangbare Ansicht von dem Charakter der Indianer bildet sich aber zu sehr nach den elenden Horden, welche die Grenzen beunruhigen und an dem Saume der Niederlassungen sich festgesetzt haben. Diese sind allzu häufig aus ausgearteten Geschöpfen zusammengesetzt, welche durch die Laster der bürgerlichen Gesellschaft verderbt und geschwächt sind, ohne daß deren Civilisation ihnen Nutzen gebracht hätte. Jene stolze Unabhängigkeit, welche die Hauptstütze der Tugenden der Wilden war, ist zerstört worden, und der sittliche Bau liegt in Trümmern. Ihr Geist ist durch das Bewußtsein der Unterordnung gedemüthigt und erniedrigt, und ihr natürlicher Muth durch die überwiegende Kenntniß und Macht ihrer aufgeklärten Nachbarn eingeschüchtert und gelähmt. Die bürgerliche Gesellschaft hat sie angeweht, wie einer jener verzehrenden Luftströme, die zuweilen über eine ganze fruchtbare Gegend Zerstörung verbreiten. Sie hat ihre Stärke entnervt, ihre Krankheiten vermehrt, und zu ihrer natürlichen Barbarei die niedrigen Laster des künstlichen Lebens hinzugefügt. Sie hat ihnen tausend künstliche Bedürfnisse gegeben, während sie die Mittel, ihr Dasein nur zu fristen, verringert hat. Sie hat die Thiere der Jagd vor sich hergetrieben, welche vor den Streichen der Art und dem Rauch der Niederlassung fliehen, und in den Tiefen entfernterer Wälder und noch unbetretener Wildnisse eine Zuflucht suchen. So finden wir oft, daß die Indianer an unsern Grenzen bloße Trümmer und Ueberbleibsel einst mächtiger Stämme sind, welche in der Nachbarschaft der Niederlassungen gehaust haben, und in ein ungewisses, landstreicherisches Leben versunken sind. Armuth, quälende, hoffnungslose Armuth, ein Wurm des Gemüths, der im Leben der Wilden unbekannt ist, verzehrt ihren Geist und vernichtet jede freie und edle Eigenschaft ihrer Gemüther. Sie werden Trunkenbolde, träg, schwach, diebisch und kleinmüthig. Sie schleichen wie Landstreicher um die Niederlassungen, unter geräumigen, mit ausgesuchten Bequemlichkeiten versehenen Wohnungen umher, welche ihnen das verhältnißmäßige Elend ihrer eigenen Lage nur noch fühlbarer machen. Der Prunk deckt seine große Tafel vor ihren Augen, allein sie sind von dem Gelage ausgeschlossen. Der Ueberfluß lacht auf den Feldern; aber sie hungern mitten in seiner Fülle: die ganze Wildniß ist zu einem Garten erblüht, aber sie fühlen wie Ungeziefer, das ihn zerstört. Wie verschieden war ihre Lage, als sie noch die ungestörten Herrn des Bodens waren! Sie hatten nur wenige Bedürfnisse, und die Mittel zu deren Befriedigung waren in ihren Händen. Sie sahen Alles um sich her dasselbe Schicksal theilen, dieselben Mühseligkeiten erdulden, von denselben Nahrungsmitteln das Leben fristen, in dieselben rohen Kleider gekleidet. Kein Dach erhob sich damals, das nicht den heimathlosen Fremdling aufgenommen hätte; kein Rauch kräuselte sich unter den Bäumen, ohne daß der Fremde nicht an dessen Feuer hätte Platz nehmen und des Jägers Mahl theilen können. »Denn,« sagt ein alter Geschichtschreiber von Neu-England, »ihr Leben ist so frei von Sorgen, und sie sind auch so liebevoll, daß sie das, was sie brauchen, als Gemeingut betrachten, und dabei sind sie so mitleidig, daß, ehe sie Einen aus Mangel verhungern lassen sollten, lieber alle verhungern würden; so bringen sie ihr Leben fröhlich hin, unbekümmert um unsern Prunk, und mit dem ihrigen, von dem Manche so geringschätzend denken, vollkommen zufrieden.« So waren die Indianer, als sie noch in dem Stolze und der Kraft ihres Naturzustandes lebten, jenen wilden Pflanzen ähnlich, welche in dem Schatten des Waldes am besten gedeihen, aber unter der Hand der Kunst verschrumpfen, und unter dem Einfluß der Sonne zu Grunde gehen. Bei dem Besprechen des Charakters der Wilden, sind die Schriftsteller zu geneigt gewesen, den gemeinen Vorurtheilen und der leidenschaftlichen Uebertreibung, statt der ruhigen Stimme der wahren Philosophie ihr Ohr zu leihen. Sie haben die eigenthümlichen Verhältnisse, in welche die Indianer versetzt waren, und die eigenthümlichen Grundsätze, nach denen sie erzogen werden, nicht genugsam erwogen. Kein Wesen handelt strenger nach Grundsätzen, als der Indianer. Sein ganzes Benehmen ist nach einigen allgemeinen, seinem Gemüthe schon früh eingeprägten Vorschriften geregelt. Der moralischen Gesetze, denen er gehorcht, sind allerdings nur wenige, allein er befolgt sie auch alle; der Weiße hat eine Menge von Gesetzen über Religion, Moral und Sitten, aber wie viele verletzt er! Ein häufig gehörter Beschuldigungsgrund gegen die Indianer ist ihre Nichtachtung der Verträge, und die Treulosigkeit und Leichtigkeit, womit sie, in Zeiten anscheinenden Friedens, plötzlich zu Feindseligkeiten schreiten. Der Verkehr zwischen den Weißen und den Indianern wird indessen nur zu leicht kalt, mißtrauisch, drückend und beleidigend. Sie behandeln Letztere selten mit dem Zutrauen und der Offenheit, welche bei wahrer Freundschaft unerläßlich sind; eben so wenig wird die gehörige Behutsamkeit beobachtet gegen jene Gefühle des Stolzes oder des Aberglaubens, welche oft den Indianer schneller zu Feindseligkeiten veranlassen, als die bloßen Rücksichten des Eigennutzes. Der einsame Wilde fühlt schweigend, aber tief. Seine Gefühle sind nicht über eine so weite Oberfläche verbreitet, als die des Weißen; allein sie fließen in steterem, tieferem Geleise. Sein Stolz, seine Leidenschaften, sein Aberglaube, sind alle auf wenigere Gegenstände gerichtet; allein die Wunden, welche ihm geschlagen werden, sind verhältnißmäßig herb, und geben Veranlassungen zu Feindseligkeiten, die wir nicht gehörig beurtheilen können. Wo ein Gemeinwesen auch an Zahl beschränkt ist, und, wie bei einem indianischen Stamme, eine große patriarchalische Familie bildet, da wird die, dem Einzelnen zugefügte Beleidigung, zur Beleidigung für das Ganze, und das Gefühl der Rache verbreitet sich beinahe augenblicklich. Ein Berathungsfeuer ist hinlänglich zur Erörterung und Anordnung eines Plans zu Feindseligkeiten; hier versammeln sich die Krieger und die Weisen. Beredsamkeit und Aberglaube vereinigen sich, die Gemüther der Krieger zu entflammen. Der Redner erweckt ihren kriegerischen Muth, und die Gesichte des Propheten und des Träumers stimmen sie zu einer Art von religiöser Verzweiflung hinauf. Ein Beispiel von einer dieser plötzlichen Erregungen, welches von einem, dem Charakter der Indianer eigenthümlichen Beweggrunde ausgegangen, findet sich in einer alten Erzählung von der ersten Zeit der Ansiedelung von Massachusetts. Die Pflanzer von Plymouth hatten die Denkmäler der Todten in Passonagessit verstümmelt, und auf dem Grabe der Mutter des Sachem's (Häuptlings) einige Felle geraubt, womit es verziert gewesen war. Die Indianer sind wegen der Ehrfurcht, welche sie gegen die Gräber ihrer Verwandten haben, bemerkenswerth. Man kennt Stämme, welche seit Geschlechtern aus den Wohnsitzen ihrer Vorfahren vertrieben sind, und sich, wenn sie zufällig in der Nachbarschaft reisten, von der Straße abgewandt, und, von wunderbar genauer Ueberlieferung geleitet, meilenweit das Land durchzogen haben, um einen vielleicht in Wäldern verborgenen Grabhügel aufzusuchen, wo die Gebeine ihres Stammes ehemals beigesetzt waren; und dort haben sie Stunden lang in stillem Nachdenken zugebracht. Von diesem erhabenen und heiligen Gefühl beseelt, sammelte der Sachem, dessen Mutter in ihrem Grabe gestört worden war, seine Leute, und redete sie in folgender einfach schönen und erhabenen Rede an, einer merkwürdigen Probe indianischer Beredsamkeit, und ein rührendes Beispiel kindlicher Liebe von einem Wilden. »Als neulich das glorreiche Licht des weiten Himmels unter diesem Erdball war, und die Vögel stille wurden, fing ich, wie es mein Gebrauch ist, an, mich zur Ruhe zu bereiten. Ehe ich meine Augen fest schloß, glaubte ich ein Gesicht zu erblicken, das meinen Geist sehr beunruhigte; und als ich bei diesem schmerzlichen Anblicke erzitterte, rief ein Geist laut: »Sieh, mein Sohn, den ich geliebt habe, die Brust, die dich säugte, die Hände, die dich warm eingewickelt und dich oft genährt haben. Kannst du es vergessen, Rache zu nehmen an diesem wilden Volke, welches mein Grabdenkmal auf eine schimpfliche Weise verstümmelt, und unsere alten und ehrenwerthen Gebräuche entehrt hat? Sieh nun, des Sachem's Grab liegt, wie das der gemeinen Leute, von einem unwürdigen Geschlechte verunstaltet. Deine Mutter klagt und fleht deinen Beistand gegen dieses diebische Volk an, welches sich vor Kurzem in unser Land eingedrängt hat. Wenn dieß geduldet wird, werde ich in meiner ewigen Wohnstätte nicht ruhig sein.« Als der Geist dieß gesagt, verschwand er, und ich, ganz in Schweiß gebadet, kaum zu sprechen im Stande, erhielt erst nach und nach wieder Kräfte, sammelte meine entflohenen Lebensgeister, und beschloß, Euern Rath und Beistand zu fordern.« Ich habe diese Anecdote etwas ausführlich erzählt, da sie deutlich zeigen kann, wie diese plötzlichen Feindseligkeiten, die man der Laune und Treulosigkeit beigemessen hat, oft aus tiefen, edeln Beweggründen entstehen mochten, welche unsere Nichtbeachtung des Charakters und der Sitten der Indianer uns hindern, gehörig zu berücksichtigen. Eine andere Ursache zu heftigem Tadel gegen die Indianer, ist ihre Grausamkeit gegen die Besiegten. Diese hatte theils in der Politik, theils in dem Aberglauben ihren Grund. Die Stämme, ob man sie gleich zuweilen Völker genannt hat, waren nie so furchtbar durch ihre Anzahl, daß der Verlust einiger Krieger ihnen nicht sehr empfindlich gewesen wäre; dieß war besonders der Fall, wenn sie in häufige Kriege verwickelt wurden; und manches Beispiel findet sich in der Geschichte der Indianer, daß ein Stamm, der seinen Nachbarn lange Zeit furchtbar gewesen war, durch die Gefangennehmung und Niedermetzelung seiner vorzüglichsten Streiter aufgelöst und verjagt worden ist. Daher mußte der Sieger große Versuchung fühlen, erbarmungslos zu sein; nicht sowohl, um grausame Rache zu üben, als um seiner künftigen Sicherheit willen. So hatten die Indianer auch die abergläubische Ansicht, bei wilden Völkern so häufig, und auch bei den Alten herrschend, daß die Manen ihrer in der Schlacht gefallenen Freunde durch das Blut der Gefangenen versöhnt würden. Die Gefangenen jedoch, welche nicht so hingeopfert werden, nehmen sie an die Stelle der Erschlagenen in ihre Familien auf, und begegnen ihnen mit dem Zutrauen und der Zuneigung von Verwandten und Freunden; ja, sie werden mit einer so großen Gastfreiheit und Zärtlichkeit behandelt, daß, wenn man ihnen die Wahl läßt, sie oft lieber bei ihren angenommenen Brüdern bleiben, als in ihre Heimath und zu den Freunden ihrer Jugend zurückkehren. Die Grausamkeit der Indianer gegen ihre Gefangenen ist, seit den Ansiedelungen der Weißen, gestiegen. Was früher ein Anschmiegen an die Politik und den Aberglauben war, ist zu einer Befriedigung des Rachegefühls gesteigert worden. Sie können es nur tief fühlen, daß die Weißen die Eroberer ihrer alten Besitzungen, die Ursache ihrer Erniedrigung und die allmähligen Zerstörer ihres Stammes sind. Sie gehen, erbittert über die Beleidigungen und Unbilden, welche sie einzeln erlitten haben, in den Kampf, und sind zur Verzweiflung getrieben durch die weitverbreitete Verwüstung und den reißenden Ruin, den die europäische Kriegsführung erzeugt. Die Weißen haben ihnen zu oft das Beispiel der Gewaltthätigkeit gegeben, indem sie ihre Dörfer verbrannt und ihnen ihre geringen Unterhaltsmittel geraubt haben, und doch wundern sie sich, daß Wilde nicht Mäßigung und Großmuth gegen Diejenigen zeigen, die ihnen nichts gelassen haben, als das bloße Dasein und tiefes Elend. Wir brandmarken die Indianer auch als feig und verrätherisch, weil sie in den Kämpfen Kriegslist, statt der offenbaren Gewalt geltend machen; aber darin sind sie durch ihre rohen Gesetze der Ehre gerechtfertigt. Man lehrt sie schon früh, daß Kriegslisten rühmlich seien; der tapferste Krieger hält es für keine Schande, schweigend im Hinterhalt zu liegen und jeden Vortheil über seinen Feind zu benutzen; sein Herz hebt sich in der überwiegenden List und dem Scharfsinn, womit es ihm gelungen ist, einen Feind zu überfallen und zu vernichten. In der That, der Mensch ist von Natur mehr zur List als zur offenen Tapferkeit geneigt, da er, in Vergleich mit anderen Thieren, seine eigene körperliche Schwäche fühlt. Diese sind mit natürlichen Vertheidigungswaffen begabt: mit Hörnern, mit starkem Gebiß, mit Hufen, mit Krallen; aber der Mensch muß sich auf seinen überwiegenden Scharfsinn verlassen. In allen seinen Kämpfen mit jenen, seinen eigentlichen Feinden, nimmt er zur List seine Zuflucht; und wenn er thörichter Weise seine Angriffe gegen seine Mitmenschen richtet, so bedient er sich Anfangs eben dieser listigen Art, den Krieg zu führen. Der natürliche Grundsatz im Kriege ist, unsern Feinden so viel Schaden als möglich, mit so wenigem Schaden als möglich für uns selbst, zuzufügen; und dieß muß natürlich durch Kriegslist erreicht werden. Jener ritterliche Muth, welcher uns antreibt, die Eingebungen der Klugheit zu verachten, und uns in die gewisse Gefahr zu stürzen, ist die Frucht der bürgerlichen Gesellschaft und ein Ergebniß der Erziehung. Er ist ehrenvoll, weil er in der That der Triumph des erhabenen Gefühls über eine angeborne Furcht vor dem Schmerze, über dieses Hinneigen zu persönlicher Behaglichkeit und Sicherheit ist, welches beides die bürgerliche Gesellschaft als schimpflich verdammt hat. Er wird durch den Stolz und die Furcht vor der Schande aufrecht erhalten; und besteht fort, weil so die Besorgniß vor einem wirklichen Uebel, durch die mächtigere Furcht vor einem Uebel, welches nur in der Einbildungskraft vorhanden ist, überwunden wird. Man hat ihn durch verschiedene Mittel zu nähren und anzufeuern gesucht. Er ist der Gegenstand geisterregender Gesänge und ritterlicher Geschichten geworden. Der Dichter und Barde haben gewetteifert, ihn mit dem Glanze der Dichtung zu umgeben; und selbst der Geschichtschreiber hat die besonnene Würde der Darstellung vergessen, und sich in seinem Preise der Begeisterung und Aufwallung überlassen. Triumphe und prachtvolle Ehrenbezeugungen sind sein Lohn geworden; Denkmale, an denen die Kunst ihre Geschicklichkeit und der Reichthum seine Schätze erschöpft hat, sind errichtet worden, um die Dankbarkeit und Bewunderung eines Volkes zu verewigen. Auf diese Art künstlich erregt, hat sich der Muth zu einem außerordentlichen, gebildeten Heldenmuth erhoben, und in all den glanzvollen »Prunk und Zubehör des Krieges« gekleidet, ist es dieser unruhevollen Eigenschaft sogar gelungen, mehrere von jenen ruhigen, aber unschätzbaren Tugenden zu verdunkeln, welche stillschweigend den menschlichen Charakter veredeln und den Strom des menschlichen Glücks schwellen. Aber wenn der Muth wesentlich in Verachtung der Gefahr und des Schmerzes besteht, so ist das Leben des Indianers eine beständige Entfaltung desselben. Er lebt in einem Zustande immerwährender Feindseligkeit und Gefahr. Wagnisse und Abenteuer stimmen mit seiner Natur überein, oder scheinen vielmehr nothwendig, um seine Fähigkeiten aufzuregen und seinem Dasein ein Interesse zu geben. Von feindlichen Stämmen umgeben, deren Kriegsführung aus Hinterhalt und Ueberfall besteht, ist er immer zum Gefechte bereit, und lebt mit den Waffen in der Hand. Wie das Schiff in furchtbarer Einsamkeit durch die Einöden des Oceans dahinfährt, – wie der Vogel in den Wolken und Stürmen schwebt, und, als ein bloßer Punkt, seinen Weg durch die pfadlosen Gefilde der Luft verfolgt, – so verfolgt auch der Indianer schweigend, einsam, aber unerschrocken, seinen Weg durch die unermeßlichen Tiefen der Wildniß. Seine Unternehmungen mögen an Ausdehnung und Gefahr der Pilgerfahrt des Frommen oder dem Kreuzzug des irrenden Ritters gleich kommen. Er durchstreift große Wälder, den Gefahren einsam ihn befallender Krankheit, lauernder Feinde und quälenden Hungers ausgesetzt. Stürmische Seen, diese großen, im Innern des Landes befindlichen Meere, sind kein Hinderniß für seine Wanderungen; in seinem leichten Canoe schwimmt er, wie eine Feder, auf ihren Wellen dahin, und stürzt, mit der Schnelligkeit eines Pfeiles, die brausenden Fälle der Flüsse hinab. Seinen Unterhalt selbst muß er sich mitten unter Mühen und Gefahren erraffen. Er erlangt seine Nahrung nur durch die Anstrengungen und Gefahren der Jagd; er hüllt sich in die Häute des Bären, des Panthers und des Büffels, und schläft unter dem Donner des Wasserfalls. Kein Held älterer oder neuerer Zeit übertrifft den Indianer in seiner hochherzigen Verachtung des Todes, und in der Stärke, womit er dessen grausamste Pein erduldet. In der That, wir sehen hier, wie er sich, in Folge seiner eigenthümlichen Erziehung, über den Weißen erhebt. Der Letztere stürzt sich einem ruhmvollen Tode vor der Mündung der Kanone entgegen; der Erstere sieht ruhig seine Annäherung, und erduldet ihn triumphirend unter den verschiedenen Qualen der ihn umgebenden Feinde und der langsamen Pein des Feuers. Er findet sogar Stolz darin, seine Verfolger zu verhöhnen, und ihre Erfindungskraft bei ihren Qualen herauszufordern; und wie die verzehrenden Flammen an seinen Eingeweiden wüthen, und das Fleisch ihm von den Muskeln fällt, erhebt er seinen letzten Siegesgesang, worin er den Trotz eines unbesiegten Herzens ausspricht, und die Geister seiner Väter anruft, Zeuge zu sein, daß er ohne einen Seufzer sterbe. Ungeachtet der schwarzen Farben, womit die früheren Geschichtschreiber den Charakter der unglücklichen Eingebornen dargestellt haben, bricht doch von Zeit zu Zeit ein Lichtstrahl hindurch, welcher eine Art von trübem Glanz auf ihr Andenken wirft. Man stößt zuweilen in den rohen Jahrbüchern der östlichen Provinzen auf Thatsachen, welche, obgleich mit den Farben des Vorurtheils und der Frömmelei dargestellt, doch für sich selbst sprechen, und bei denen man mit Beifall und Antheil verweilen muß, wenn das Vorurtheil verschwunden ist. In einer jener rohen Erzählungen von den Kriegen in Neu-England findet sich eine rührende Schilderung des Elends, welches über den Stamm der Pequod-Indianer kam. Die Menschlichkeit schaudert vor diesen kaltblütigen Einzelnheiten einer rücksichtslosen Metzelei. An einer Stelle lesen wir die Geschichte des Ueberfalls eines indianischen Forts in der Nacht, wobei die Wigwams in Flammen aufgingen und die unglücklichen Einwohner, die zu entrinnen versuchten, niedergeschossen und erschlagen wurden, »so daß Alles binnen einer Stunde abgemacht und geendigt war.« Nach einer Reihe ähnlicher Vorgänge »entschlossen sich,« wie unser Geschichtschreiber frommer Weise bemerkt, »unsere Soldaten, mit dem Beistand Gottes, sie gänzlich auszurotten,« und nachdem die unglücklichen Wilden aus ihren Wohnungen und Festungen vertrieben und mit Feuer und Schwerdt verfolgt waren, rettete sich ein kleiner aber tapferer Haufe, das traurige Ueberbleibsel der Krieger des Pequod-Stammes, mit Weib und Kindern in einen Morast. Von Unwillen glühend und durch Verzweiflung störrisch geworden, mit Herzen, die vor Kummer über den Untergang ihres Stammes brachen, und mit Gemüthern, die von der eingebildeten Schimpflichkeit ihrer Niederlage gereizt und verwundet waren, verschmähten sie es, einen sie verhöhnenden Feind um ihr Leben zu bitten, und zogen den Tod der Unterwerfung vor. Als die Nacht herannahte, wurden sie in ihrem traurigen Schlupfwinkel umzingelt, so daß das Entweichen unmöglich ward. In dieser Lage »beschoß sie der Feind die ganze Zeit über, so daß Manche getödtet und in dem Moraste begraben wurden.« In der Dunkelheit und dem Nebel, der dem Tagesanbruch vorherging, brachen einige Wenige durch die Belagerer und entschlüpften in die Wälder; »die Uebrigen blieben den Siegern, und von ihnen wurden viele in dem Moraste getödtet, die in ihrem Eigensinn und ihrer Tollheit, wie störrische Hunde, still saßen und sich niederschießen oder niederhauen lassen wollten, ehe sie um Gnade baten.« Als der Tag über dieser Handvoll einzelner, aber muthvoller Menschen anbrach, sahen die Soldaten, die in den Morast eindrangen, wie uns erzählt wird, »mehrere Haufen derselben dicht neben einander sitzen, auf diese schossen sie ihre mit zehn oder zwölf Pistolenkugeln geladene Musketen ab, die Läufe der Gewehre auf die Zweige der Bäume, einige Schritte von den Wilden, legend, so daß, außer denen, die schon todt waren, noch viel mehr blieben und in den Morast versanken, wo sich weder Feind noch Freund mehr um sie bekümmerte.« Kann irgend Jemand diese einfache, ungeschmückte Erzählung lesen, ohne die starre Entschlossenheit, den unbeugsamen Stolz, die Geisteserhebung zu bewundern, welche die Herzen dieser Naturhelden zu stärken und sie über die angeborenen Gefühle der menschlichen Natur zu erheben schien? Als die Gallier die Stadt Rom zerstörten, fanden sie die Senatoren in ihre Gewänder gekleidet und in starrer Ruhe auf den curilischen Stühlen sitzend; und so erduldeten sie den Tod ohne Widerstand oder selbst ohne Fürbitte. Ein solches Betragen ward bei ihnen als edel und großsinnig bewundert; bei den unglücklichen Indianern ward es als störrisch und verstockt verrufen. Wie wahr ist es, daß wir uns von dem Aeußern und den Umständen täuschen lassen! Wie verschieden ist die Tugend, welche in Purpur gekleidet ist und im Prunke thront, von der Tugend, welche nackt und bloß ist und unbekannt in einer Wildniß untergeht! Doch ich enthalte mich, bei diesen düsteren Bildern zu verweilen. Die östlichen Stämme sind seit langer Zeit verschwunden; die Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, sind niedergehauen worden, und kaum sind noch einige Spuren von ihnen in den dicht bevölkerten Staaten von Neu-England vorhanden, ausgenommen, daß hier und da ein Dorf oder ein Strom noch einen indianischen Namen führt. Und dieß muß früher oder später auch das Schicksal der übrigen Stämme sein, welche an den Grenzen hausen, und dann und wann aus ihren Wäldern hervorgelockt worden sind, um an den Kriegen der Weißen Theil zu nehmen. Nach einer kurzen Zeit werden auch sie den Weg gehen, den ihre Brüder vor ihnen gegangen sind. Die wenigen Horden, welche noch an den Ufern des Huronen- und Superior-See's und der Nebenflüsse des Mississippi wohnen, werden das Schicksal der Stämme theilen, welche einst über Massachusetts und Connecticut verbreitet waren und an den stolzen Ufern des Hudson geboten; jenes riesenhaften Geschlechts, welches an den Ufern des Susquehannah gewohnt haben soll, und jener verschiedenen Völkerschaften, welche in der Gegend des Patowmac und des Rappahanoc blühten und die Wälder in dem großen Thale von Shenandoah bevölkerten. Sie werden wie ein Nebel von der Fläche der Erde verschwinden; selbst ihre Geschichte wird sich in Vergessenheit verlieren, und »die Orte, welche sie jetzt kennen, werden sie nimmer wieder kennen.« Wenn vielleicht noch irgend ein unbestimmtes Andenken von ihnen fortleben sollte, so wird dieß in den romantischen Träumen des Dichters sein, um in seiner Einbildungskraft Schluchten und Gebüsche, wie mit den Faunen und Satyrn und Waldgottheiten des Alterthums, zu bevölkern. Aber sollte er versuchen, die dunkele Geschichte ihrer Unbilden und ihres Elends zu enthüllen; sollte er erzählen, wie sie angegriffen, mißhandelt, vernichtet, aus ihren angestammten Wohnsitzen und von den Gräbern ihrer Väter vertrieben, gleich wilden Thieren auf der Erde gejagt und mit Gewalt und unter Gemetzel in das Grab gesandt worden; so wird die Nachwelt sich entweder voll Schauder und Unglauben von seiner Erzählung abwenden, oder vor Unwillen über die Unmenschlichkeit ihrer Voreltern erröthen. – »Wir werden zurückgetrieben,« sagte ein alter Krieger: »bis wir uns nicht weiter zurückziehen können, – unsere Streitäxte sind zerbrochen, unsere Bogen sind zerschnitten, unsere Feuer sind beinahe verlöscht, – noch eine kleine Weile, und die Weißen werden aufhören, uns zu verfolgen, – denn wir werden aufhören zu sein!« Philipp von Pokanoket. Ein indianischer Geschichtsbeitrag. Wie Grabmal-Erz unwandelbar sein Blick: Die Seele weich, doch stark im Mißgeschick: Gewöhnt von seiner Baum-Wieg' bis zur Bahr', Sich bloß zu stellen launenvollem Glück, Und dessen Furcht die Schmach der Furcht nur war – Ein Stoiker der Wälder – thränenbar. Campbell . Man kann nur bedauern, daß jene früheren Schriftsteller, welche die Entdeckung und Bevölkerung von Amerika abgehandelt, uns keine ausführlichere, treuere Nachrichten von den ausgezeichneten Charakteren gegeben haben, welche in dem wilden Leben sich hervor thaten. Die spärlichen Anecdoten, welche uns erreicht haben, sind voller Eigenthümlichkeit und Interesse; sie lassen uns nähere Blicke in die menschliche Natur thun, und zeigen, was der Mensch in seinem verhältnißmäßig ursprünglichen Zustande ist, und was er der Civilisation zu danken hat. Es liegt etwas von dem Reiz einer Entdeckung darin, wenn man auf diese wilden, unbetretenen Spuren der menschlichen Natur stößt; wenn man gleichsam das Entstehen des moralischen Gefühls mit anschaut, und die großsinnigen, romantischen Eigenschaften, welche durch die Gesellschaft künstlich ausgebildet worden sind, in ursprünglicher Kraft und roher Pracht emporwachsen sieht. Im gebildeten Leben, wo das Glück, und, in der That, beinahe das Dasein des Menschen selbst so sehr von der Meinung seiner Mitmenschen abhängt, spielt er beständig eine eingelernte Rolle. Die kecken, eigenthümlichen Züge des angeborenen Charakters sind weggeschliffen, oder durch den gleichmachenden Einfluß der sogenannten guten Lebensart gemildert; und er übt so manche kleine Täuschungen, und nimmt, um sich beliebt zu machen, den Anschein so mancher edeln Gefühle an, daß es schwer wird, seinen künstlichen Charakter von seinem wahren zu unterscheiden. Der Indianer dagegen, frei von dem Zwange und der Verfeinerung des gebildeten Lebens, und in hohem Grade ein einsames, unabhängiges Wesen, gehorcht dem Antriebe seiner Neigung oder den Eingebungen seiner Urtheilskraft; und so werden die Eigenschaften seiner Natur, da er ihnen freien Lauf läßt, ungewöhnlich groß und auffallend. Die bürgerliche Gesellschaft ist wie ein Rasen, auf welchem jede Erhöhung gleich gemacht, jeder Dornbusch ausgerottet ist, und wo das Auge durch das lachende Grün einer sammtnen Fläche erfreut wird; wer aber die Natur in ihrer Wildheit und Mannigfaltigkeit studiren will, muß sich in den Wald verlieren, die Schlucht erforschen, den Gießbach dämmen und an den Abgrund wagen. Diese Betrachtungen entstanden bei dem zufälligen Durchsehen eines Werkes über die frühere Geschichte der Colonie, worin mit großer Bitterkeit die Gewaltthätigkeiten der Indianer und ihre Kriege mit den Ansiedlern in Neu-England erzählt werden. Es ist betrübend, selbst aus diesen einzelnen Berichten zu sehen, wie die Fußstapfen der Civilisation in dem Blute der Eingebornen gesucht werden müssen; wie leicht die Colonisten durch die Eroberungssucht zur Feindseligkeit bewegt wurden; wie schonungslos und mörderisch ihre Kriegsführung war. Die Einbildungskraft schaudert bei dem Gedanken, wie viele vernunftbegabte Wesen von der Erde vertilgt wurden, wie manche brave und edle Herzen, vom ächten Gepräge der Natur, gebrochen und in den Staub getreten wurden! Dieß war das Schicksal Philipp's von Pokanoket , eines indianischen Kriegers, dessen Name einst der Schrecken von ganz Massachusetts und Connecticut war. Er war der ausgezeichnetste mehrerer gleichzeitiger Sachem's, welche über die Pequod's, die Narrhaganset's, die Wampanoag's und die übrigen östlichen Stämme, zur Zeit der ersten Ansiedelungen in Neu-England, herrschten, ein Haufen eingeborner roher Helden, die den edelsten Kampf kämpften dessen die menschliche Natur fähig ist, – und bis zu dem letzten Athemzuge, ohne die geringste Hoffnung auf Sieg oder einen Gedanken an Ruhm, für die Sache ihres Vaterlandes fochten. Werth eines dichterischen Zeitalters, und würdige Gegenstände für Ortsgeschichte und romantische Dichtung, haben sie kaum eine glaubwürdige Spur in dem Buche der Geschichte hinterlassen, sondern schleichen, wie riesenhafte Schatten, in dem trüben Dämmerlicht der Sage umher. Als die Pilger, wie die Ansiedler von Plymonth von ihren Abkömmlingen genannt werden, zuerst vor den religiösen Verfolgungen der alten Welt eine Zuflucht an den Küsten der neuen suchten, war ihre Lage im äußersten Grade traurig und entmuthigend. An Zahl gering, und diese durch Krankheit und Mühseligkeiten schnell schmelzend; von einer öden Wüste und wilden Stämmen umgeben; der Strenge eines beinahe nordpolartigen Winters und dem Wechsel eines beständig veränderlichen Klima's ausgesetzt, waren ihre Gemüther mit trüben Ahnungen erfüllt, und nichts konnte sie vor Verzweiflung bewahren, als die gewaltige Erregung ihres religiösen Enthusiasmus. In dieser hülflosen Lage besuchte sie Massasoit, der Haupt-Sagamore der Wampanoag's, ein mächtiger Häuptling, welcher einen großen Strich Landes beherrschte. Statt aus der geringen Anzahl der Fremden einen Vortheil zu ziehen, und sie aus seinem Gebiet, in das sie eingedrungen waren, zu vertreiben, schien er plötzlich eine großsinnige Freundschaft für sie zu fassen, und übte die Sitte der Gastfreundschaft der ersten Zeiten gegen sie aus. Er kam zeitig im Frühjahr in ihre Niederlassung von Neu-Plymouth, nur von einer Handvoll seiner Leute begleitet; ging ein feierliches Friedens- und Freundschaftsbündniß mit ihnen ein; verkaufte ihnen einen Theil des Bodens, und versprach ihnen, seine wilden Bundesgenossen für sie zu gewinnen. Was man auch von der Treulosigkeit der Indianer sagen mag, so ist es gewiß, daß Massasoit's Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit nie in Zweifel gezogen worden sind. Er blieb ein treuer, großmüthiger Freund der Weißen; duldete es, daß sie ihre Besitzungen ausdehnten und sich im Lande verstärkten, und ließ durchaus keine Eifersucht über ihre wachsende Macht und ihr Gedeihen blicken. Kurz vor seinem Tode kam er noch einmal mit seinem Sohne Alexander nach Neu-Plymouth, in der Absicht, den Friedensvertrag zu erneuern und ihn auch für seine Nachkommen zu sichern. Bei dieser Berathung bestrebte er sich, die Religion seiner Vorväter gegen den um sich greifenden Eifer der Missionarien zu schützen, und machte es zur Bedingung, daß keine weitern Versuche gemacht werden sollten, sein Volk von seinem alten Glauben abzubringen; als er aber fand, daß die Engländer sich dieser Bedingung eigensinnig widersetzten, gab er mild sein Begehren auf. Fast die letzte Handlung seines Lebens war die, daß er seine beiden Söhne, Alexander und Philipp (wie die Engländer sie genannt hatten) nach dem Aufenthaltsorte eines der vornehmsten Ansiedler brachte, ihnen gegenseitiges Wohlwollen und Vertrauen empfahl, und bat, daß dieselbe Liebe und das freundliche Verhältniß, welches zwischen den Weißen und ihm bestanden hätte, auch auf seine Kinder übergehen möge. Der gute alte Sachem starb in Frieden, und war selig zu seinen Vätern versammelt, ehe das Unglück über seinen Stamm kam; seine Kinder blieben zurück, die Undankbarkeit der Weißen zu erfahren. Sein ältester Sohn, Alexander, folgte ihm. Er war von einer lebendigen, heftigen Gemüthsart, und hielt stolz auf seine ererbten Rechte und Würden. Die anmaßende Politik und das dictatorische Betragen der Fremden erregte seinen Unwillen, und er sah mit Behagen ihren Ausrottungskriegen gegen die benachbarten Stämme zu. Er war bestimmt, bald Feindseligkeiten von ihnen zu erfahren, da er beschuldigt wurde, mit den Narrhaganset's sich verbunden zu haben, um gegen die Engländer aufzustehen, und sie aus dem Lande zu vertreiben. Man kann nicht sagen, ob diese Anklage auf Thatsachen beruhte, oder ob sie sich auf bloßen Verdacht gründete. Es ist indessen aus den gewaltsamen, ungestümen Maßregeln der Ansiedler klar, daß sie sich zu dieser Zeit des schnellen Wachsthums ihrer Macht bewußt, und in ihrer Behandlung der Eingebornen rauh und unüberlegt zu werden anfingen. Sie ordneten eine bewaffnete Macht ab, welche sich Alexander's bemächtigen, und ihn vor ihren Gerichtshof bringen sollte. Man verfolgte ihn in seine Waldschlupfwinkel, und überfiel ihn in einem Jagdhause, wo er mit einem Haufen seiner Begleiter, unbewaffnet, nach der Beschwerde der Jagd ausruhte. Das plötzliche dieser Verhaftung und die an seiner Herrscherwürde verübte Beleidigung erregten den Jähzorn dieses stolzen Wilden so sehr, daß er in ein heftiges Fieber verfiel; man erlaubte ihm, nach Hause zurückzukehren, unter der Bedingung, daß er seinen Sohn als Geißel für sein Wiederkommen schicken wolle; allein der Streich, den er empfangen hatte, war tödtlich, und ehe er noch seine Heimath erreichte, fiel er als Opfer der Todes-Qualen seines verwundeten Gemüths. Alexander's Nachfolger war Metamocet, oder König Philipp, wie die Ansiedler ihn seines hochfahrenden Geistes und seiner ehrgeizigen Gemüthsart wegen nannten. Dieß hatte ihn, in Verbindung mit seiner bekannten Kraft und seinem Unternehmungsgeist, zu einem Gegenstande großer Eifersucht und Besorgniß gemacht, und er wurde beschuldigt, stets eine geheime, unversöhnliche Feindschaft gegen die Weißen genährt zu haben. Das ist sehr wahrscheinlich und sehr natürlich der Fall gewesen. Er betrachtete sie als ursprünglich bloße Eindringlinge in das Land, welche die Nachsicht der Eingebornen benutzt, und einen Einfluß erlangt hatten, welcher den Wilden nachtheilig war. Er sah das ganze Geschlecht seiner Landsleute vor ihnen von der Oberfläche der Erde verschwinden; ihr Gebiet aus ihren Händen gerissen, und ihre Stämme schwach, zersplittert und abhängig werden. Man kann sagen, der Boden sei ursprünglich von den Ansiedlern erkauft worden; allein wer kennt nicht die Art des indianischen Kaufes in den frühesten Perioden der Ansiedelung? Die Europäer machten, vermöge ihrer überlegenen Gewandtheit im Verkehr, immer sehr vortheilhafte Käufe und gewannen bedeutende Ländervermehrungen durch leicht erregte Feindseligkeiten. Ein ungebildeter Wilder bekümmert sich nie sehr genau um die Feinheiten des Gesetzes, durch welche man allmählig und gesetzlicher Weise Jemanden Nachtheil zufügen kann. Hervorstechende Thatsachen sind es allein, nach denen er urtheilt; und es war für Philipp genug, zu wissen, daß, vor dem Eindringen der Europäer, seine Landsleute Beherrscher des Bodens, und nun Landstreicher in den Gebieten ihrer Väter waren. Welcher Art aber auch seine Gefühle allgemeiner Feindseligkeit, und sein besonderer Unwille über die Behandlung seines Bruders gewesen sein mochten, – er unterdrückte sie für jetzt; erneuerte den Vertrag mit den Ansiedlern, und wohnte mehrere Jahre friedlich in Pokanoket, oder, wie die Engländer es nannten, Mount-Hope Jetzt Bristol in der Provinz Rhode-Island. – Anm. des Verf. , dem alten Herrschersitze seines Stammes. Der Verdacht jedoch, der Anfangs nur flüchtig und unbestimmt war, fing an Gestalt und Grund zu gewinnen; und er wurde zuletzt beschuldigt, daß er versucht habe, die verschiedenen östlichen Stämme zu verleiten, sich auf einmal zu empören, und durch eine zu gleicher Zeit gemachte Anstrengung das Joch ihrer Unterdrücker abzuwerfen. Es ist schwer, in dieser entfernten Periode die eigentliche Glaubwürdigkeit zu bestimmen, welche man diesen Anschuldigungen gegen die Indianer aus frühen Zeiten schuldig ist. Die Hinneigung zum Argwohn, und die Bereitwilligkeit zu jeder Gewaltthat auf Seiten der Weißen, gab jedem eiteln Geschwätz Gewicht und Bedeutsamkeit. Es fanden sich Angeber in Menge da, wo Zuträgereien Schutz und Lohn fanden; und das Schwerdt flog leicht aus der Scheide, wo sein glücklicher Erfolg gewiß war, und wo es zur Macht verhalf. Der einzige bestimmte Beweis gegen Philipp, den man kennt, ist die Anklage eines gewissen Sausaman, eines abtrünnig gewordenen Indianers, dessen natürliche Verschmitztheit durch seine Erziehung erhöht worden war, die er zum Theil unter den Ansiedlern erhalten hatte. Er änderte seinen Glauben und seine Herren zwei- oder dreimal mit einer Leichtigkeit, welche von der Wandelbarkeit seiner Grundsätze zeugte. Er war eine Zeit lang als Philipp's vertrauter Schreiber und Rathgeber thätig gewesen, und hatte sich seines Wohlwollens und Schutzes erfreut. Als er jedoch fand, daß die Wolken des Mißgeschicks sich über seinen Beschützer zusammenzogen, verließ er dessen Dienste und ging zu den Weißen über; und, um deren Gunst zu gewinnen, beschuldigte er seinen ehemaligen Wohlthäter, daß er Pläne gegen ihre Sicherheit geschmiedet habe. Eine strenge Untersuchung fand Statt. Philipp und mehrere seiner Unterthanen unterzogen sich dem Verhör; aber es wurde nichts gegen sie bewiesen. Die Ansiedler waren indeß nun zu weit gegangen, um wieder zurücktreten zu können; sie waren schon vorher mit sich darüber eins gewesen, daß Philipp ein gefährlicher Nachbar sei, sie hatten ihr Mißtrauen öffentlich an den Tag gelegt; sie hatten genug gethan, seine feindseligen Gesinnungen sicher zu stellen, und so war, nach der gewöhnlichen Folgerungsweise in diesen Fällen, sein Untergang zu ihrer Sicherheit nothwendig geworden. Sausaman, der verrätherische Angeber, ward kurz darauf in einem Teiche todt gefunden; er war als Opfer der Rache seines Stammes gefallen. Drei Indianer, von denen einer ein Freund und Rathgeber Philipp's war, wurden ergriffen, vor Gericht gestellt, und auf die Aussage eines sehr verdächtigen Zeugen, als Mörder verurtheilt und hingerichtet. Diese Behandlung seiner Unterthanen, und die schimpfliche Bestrafung seines Freundes kränkten Philipp's Stolz und erregten seine Leidenschaften. Der Donnerkeil, welcher so zu seinen Füßen niedergefallen war, machte ihn auf den herannahenden Sturm aufmerksam, und er entschloß sich, länger nicht der Macht der Weißen zu vertrauen. Das Schicksal seines beschimpften und gemißhandelten Bruders wurmte ihm noch in dem Herzen; und er hatte eine abermalige Warnung in der traurigen Geschichte des Miantonimo, eines großen Sachem's der Narrhaganset's, der, nachdem er sich seinen Anklägern vor einem Gerichtshofe der Colonisten kühn entgegengestellt, sich von der Anschuldigung einer Verschwörung gereinigt und Versicherungen der Freundschaft erhalten hatte, auf ihre Veranlassung treulos aus dem Wege geschafft worden war. Philipp versammelte demnach seine Krieger um sich; überredete so viele Freunde, als er nur konnte, gemeinschaftliche Sache mit ihm zu machen, schickte Frauen und Kinder der Sicherheit wegen zu den Narrhaganset's, und war, wo er nur erschien, immer von bewaffneten Kriegern umgeben. Da beide Parteien sich in einem solchen Zustande des Argwohns und der Aufreizung gegenüberstanden, reichte der kleinste Funke hin, die Flamme zu entzünden. Die Indianer, welche Waffen in ihren Händen hatten, wurden gewaltthätig, und begingen mehrere kleine Räubereien. Auf einem ihrer Streifzüge feuerte ein Ansiedler auf einen Krieger, und tödtete ihn. Dieß war das Signal zu offenen Feindseligkeiten; die Indianer eilten, den Tod ihres Cameraden zu rächen, und der Ruf zum Kriege erscholl in der ganzen Plymouth-Colonie. In den ersten Chroniken dieser dunkelen, trüben Zeiten stoßen wir auf manche Andeutungen des krankhaften Zustandes der öffentlichen Stimmung. Das Düstere der religiösen Denk- und Anschauungsweise, und die Verlassenheit ihrer Lage, zwischen spurlosen Wäldern und inmitten von wilden Stämmen, hatten die Colonisten zu abergläubischen Begriffen hingeführt, und ihre Einbildungskraft mit den furchtbaren Schreckensbildern der Hexerei und Geisterseherei erfüllt. Sie waren auch dem Glauben an Vorbedeutungen sehr ergeben. Den Händeln mit Philipp und seinen Indianern ging, wie man berichtet, eine Menge jener furchtbaren Anzeichen voraus, welche die Vorläufer großer, öffentlicher Unglücksfälle sind. Die vollkommene Gestalt eines indianischen Bogens ließ sich ganz deutlich in Neu-Plymouth in der Luft sehen, was die Einwohner als eine wunderbare Erscheinung betrachteten. In Hadley, in Northampton und anderen Städten in der Gegend, hörte man den Knall einer großen Kanone, wobei die Erde bebte und die ganze Gegend wiederhallte. Siehe des ehrwürdigen Increase Mather's Geschichte. – Anm. des Verf. Andere wurden an einem stillen, sonnigen Morgen durch Flinten- und Musketenschüsse erschreckt; Kugeln schienen bei ihnen vorüberzupfeifen und der Lärm von Trommeln in der Luft zu ertönen und sich nach Westen zu ziehen; Andere glaubten das Galoppiren von Pferden über ihren Köpfen zu hören; und einige Mißgeburten, welche um diese Zeit zur Welt kamen, erfüllten die abergläubischen Leute in einigen Städten mit traurigen Ahnungen. Viele von diesen wunderbaren Gesichtern und Tönen mögen natürlichen Erscheinungen beigemessen werden: zum Beispiel dem Nordlichte, welches unter dieser Breite sehr hell ist, den Meteoren, welche in der Luft zerplatzen, dem zufälligen Rauschen des Sturmwindes in den Wipfeln der Waldbäume, dem Krachen gefallener Bäume oder abgerissener Felsstücke und anderen ungewöhnlichen Tönen und Widerklängen, welche zuweilen in der tiefen Stille einsamer Waldgegenden so sonderbar an das Ohr schlagen. Diese mögen einige Leute von trüber Einbildungskraft aufgeregt haben, mögen durch die Liebe zum Wunderbaren vergrößert und mit der Begierde aufgefaßt worden sein, womit wir Alles verschlingen, was immer furchtbar und geheimnißvoll ist. Die allgemeine Verbreitung dieser abergläubischen Ideen und der ernste Bericht, den einer von den gelehrten Leuten der damaligen Zeit davon gab, bezeichnen den Geist der Zeit sehr charakteristisch. Die Art des Kampfes, welcher folgte, war so, wie sie nur zu oft die Kriegsführung zwischen gebildeten Leuten und Wilden bezeichnet. Von Seiten der Weißen ward er mit überlegener Erfahrung und Glück geführt; aber mit Vergießung vieles Blutes und mit Verachtung der natürlichen Rechte ihrer Gegner; von Seiten der Indianer ward er mit der Verzweiflung von Leuten geführt, welche den Tod nicht scheuen, und von dem Frieden nichts als Demüthigung, Abhängigkeit und Untergang zu erwarten haben. Die Begebenheiten des Krieges wurden uns durch einen würdigen Geistlichen jener Zeit überliefert, der mit Schauder und Unwillen jede Feindseligkeit der Indianer, wie sehr sie auch zu rechtfertigen sein mag, erzählt, während er die blutigsten Greuelthaten der Weißen mit Beifall erwähnt. Philipp wird als ein Mörder und Verräther erniedrigend dargestellt, ohne zu erwägen, daß er ein geborner Fürst war, welcher an der Spitze seiner Unterthanen tapfer focht, um die seiner Familie angethanen Unbilden zu rächen, die wankende Macht seines Stammes zu befestigen, und sein Geburtsland von der Unterdrückung eingedrungener Fremdlinge zu befreien. Der Plan zu einem ausgedehnten und gleichzeitigen Aufstande war, wenn ein solcher wirklich entworfen worden, eines großen Gemüthes würdig, und dürfte, wenn man ihn nicht frühzeitig entdeckt hätte, in seinen Folgen überwältigend gewesen sein. Der Krieg, welcher jetzt ausbrach, war nur ein vereinzelter Kampf, eine bloße Reihe von Waffenthaten und unzusammenhängenden Unternehmungen. Dennoch geht das kriegerische Genie und die unternehmende Verwegenheit Philipp's daraus hervor; und wo immer wir, in den vorurtheilsvollen und leidenschaftlichen Berichten, welche davon gegeben worden sind, auf einzelne Thatsachen stoßen, finden wir, daß er ein kräftiges Gemüth, einen großen Reichthum von Hülfsmitteln, eine Verachtung gegen Leiden und Beschwerden, und eine unbesiegbare Entschlossenheit entwickelte, welche unser Mitgefühl und unsern Beifall ansprechen. Vertrieben von seinen Besitzungen in Mount-Hope, warf er sich in die Tiefen jener großen, spurlosen Waldungen, welche an die Niederlassungen grenzten und beinahe allen Wesen, ausgenommen den wilden Thieren, oder einem Indianer, unzugänglich waren. Hier zog er seine Streitkräfte zusammen, wie der Sturm, der die ganze Masse seines Unheils in den Schooß der Gewitterwolke zusammenhäuft, und pflegte nun plötzlich zu einer Zeit und an einer Stelle, wo man es am wenigsten erwartete, hervorzubrechen und Verwüstung und Schrecken über die Dörfer zu verbreiten. Es ließen sich hier und da Anzeichen dieser bevorstehenden Verheerungen vernehmen, welche die Gemüther der Colonisten mit Furcht und Besorgniß erfüllten. Der Knall einer Flinte ward vielleicht auf der einsamen Holzgegend gehört, wo, wie man wußte, kein Weißer zu finden war; das Vieh, welches in der Waldung umhergewandert war, kam zuweilen verwundet zurück, oder man sah einen oder zwei Indianer an dem Rande des Waldes lauschen, und plötzlich verschwinden; wie man zuweilen den Blitz still an dem Saume der Wolken zucken sieht, welche das Gewitter nährt. Obgleich Philipp zuweilen von den Ansiedlern verfolgt und sogar umzingelt wurde, so entwischte er doch immer, wie durch ein Wunder, aus ihren Netzen, stürzte sich in die Wildniß und war weder zu erfragen, noch aufzufinden, bis er wieder an einem ganz entfernten Punkte zum Vorschein kam, und die Gegend verwüstete. Unter seinen sichern Bollwerken waren die großen Lachen oder Moräste, welche sich in einigen Theilen von Neu-England ausbreiten, aus einzelnen Schollen von tiefem, schwarzem Moder bestehend, zwischen Gebüsch, Dornsträuchen, wucherndem Unkraut, zersplitterten und modernden Stämmen niedergefallener Bäume, die von traurigem Schierling beschattet sind, zerstreut. Der unsichere Boden und die verwickelten Pfade dieser rauhen Wildnisse machten sie für Weiße beinahe unzugänglich, obgleich der Indianer, mit der Behendigkeit eines Hirsches, durch diese Labyrinthe schlüpfen konnte. In eine derselben, den großen Morast von Pocasset Neck, ward Philipp einst, mit einem Haufen seiner Begleiter, getrieben. Die Engländer wagten es nicht, ihn zu verfolgen, indem sie sich fürchteten, in diese dunkelen, schauerlichen Gegenden einzudringen, wo sie in den Sümpfen und morastigen Gruben umkommen, oder von den lauernden Feinden niedergeschossen werden konnten. Sie besetzten also den Eingang des Sumpfes, und fingen an, ein Fort aufzuführen, in der Absicht, den Feind auszuhungern; allein Philipp und seine Krieger setzten mitten in der Nacht auf einem Flosse über den Meeresarm, ließen die Weiber und Kinder zurück, entwischten nach Westen, zündeten die Flamme des Krieges unter den Stämmen von Massachusetts und in den Bezirken von Nipmuck an, und bedrohten die Colonie von Connecticut. Auf diese Weise wurde Philipp ein Gegenstand des allgemeinen Schreckens. Das Geheimniß, in welches er sich einhüllte, vergrößerte seine wahre Furchtbarkeit. Er war ein Uebel, das im Finstern schlich, dessen Kommen Niemand voraussehen und gegen das Niemand auf seiner Hut sein konnte. Die ganze Gegend war voll von Gerüchten und Besorgnissen. Philipp schien beinahe die Gabe des Ueberallseins zu besitzen; denn wo auf der weit ausgedehnten Grenze ein Einfall aus dem Walde her geschah, da sollte Philipp auch der Führer gewesen sein. So waren auch manche abergläubische Begriffe über ihn im Umlauf. Er sollte schwarze Künste treiben, und eine alte indianische Hexe oder Prophetin bei sich haben, die er befragte, und die ihm mit ihren Zaubermitteln und Beschwörungen beistände. Aehnliches war in der That häufig der Fall bei den indianischen Häuptlingen; entweder wegen ihrer eigenen Leichtgläubigkeit, oder um auf ihre Begleiter zu wirken; und der Einfluß des Propheten und des Träumers auf den Aberglauben der Indianer hat sich in neueren Beispielen in den Kriegen mit den Indianern vollkommen bewährt. Der Verfasser spielt hier auf den großen Einfluß an, den der sogenannte Prophet Francis, ein Shawanee-Indianer von Ohio, in dem letzten Kriege zwischen England und Amerika hatte. Er war bei den Wilden-Stämmen, welche die Partei der Engländer ergriffen hatten, und that den Amerikanern vielen Schaden dadurch, daß er seine Landsleute fortwährend gegen sie aufreizte, bis er in einem Gefecht bei Greenville getödtet wurde, – Anm. des Verf. Zu der Zeit, wo es Philipp gelang, aus Pocasset zu entwischen, war seine Lage sehr bedenklich. Seine Streitkräfte waren durch häufige Gefechte sehr geschmolzen, und er hatte beinahe alle Hülfsquellen verloren. In dieser Zeit der Noth fand er einen treuen Freund an Canonchet, dem Haupt-Sachem aller Narrhagansett's. Er war der Sohn und Erbe von Miantonimo, des großen Sachem's, der, wie bereits erwähnt, nach einer ehrenvollen Freisprechung von der Anschuldigung, eine Verschwörung angezettelt zu haben, auf die treulosen Eingebungen der Ansiedler, heimlich umgebracht worden war. »Er hatte,« sagt der alte Erzähler: »all den Stolz und die Unverschämtheit seines Vaters, so wie dessen Bosheit gegen die Engländer, geerbt.« Er war allerdings der Erbe der an ihm verübten Beleidigungen und Ungerechtigkeiten, und der gesetzmäßige Rächer seines Mordes. Obgleich er sich enthalten hatte, einen thätigen Antheil an diesem hoffnungslosen Kriege zu nehmen, empfing er doch Philipp und die Trümmer seiner Streitkräfte mit offenen Armen, und gewährte ihnen den großmüthigsten Schutz und Beistand. Dies zog ihm plötzlich den Haß der Engländer zu; und man beschloß, einen entscheidenden Schlag zu thun, welcher beiden Sachem's den gemeinschaftlichen Untergang bereiten sollte. Man zog zu diesem Ende bedeutende Streitkräfte aus Massachusetts, Plymouth und Connecticut zusammen, und schickte diese in der Tiefe des Winters in das Gebiet der Narrhagansett's, wo man über die zugefrorenen und von Laub entblößten Sümpfe leicht hinwegkommen konnte, und wo diese den Indianern nicht mehr finstere, undurchdringliche Schlupfwinkel darboten. Canonchet, welcher den Angriff voraussah, hatte den größten Theil seiner Vorräthe, so wie die Alten, Kranken, Weiber und Kinder aus seinem Stamme, nach einem starken Fort geschickt, wo er und Philipp gleicherweise den Kern ihrer Streitkräfte zusammengezogen hatten. Diese Festung, welche die Indianer für unüberwindlich hielten, lag auf einem Hügel oder einer Art von Insel von fünf bis sechs Morgen Flächeninhalt, mitten in einem Moraste; sie war mit einer Umsicht und Geschicklichkeit angelegt, welche Alles weit übertraf, was man gewöhnlich bei indianischen Festungswerken sieht, und von dem kriegerischen Genie dieser zwei Häuptlinge einen Beweis gab. Von einem übergegangenen Indianer geführt, drangen die Engländer durch den Decemberschnee bis zu diesem Bollwerk vor, und fielen über die überraschte Besatzung her. Das Gefecht war wild und ohne Ordnung. Die Angreifer wurden bei dem ersten Anlauf zurückgeschlagen und mehrere ihrer bravsten Offiziere, als sie, mit dem Degen in der Faust, die Festung stürmten, niedergeschossen. Der Angriff wurde mit besserm Erfolge wiederholt. Man gewann festen Fuß. Die Indianer wurden von einem Posten zum andern getrieben. Sie machten jeden Zollbreit des Bodens streitig, indem sie mit der Kraft der Verzweiflung fochten. Die meisten ihrer ältern Krieger wurden in Stücke gehauen; und Philipp und Canonchet zogen sich, nach einem langen, blutigen Kampfe, mit einer Handvoll übriggebliebener Krieger aus dem Fort, und flüchteten in das Dickicht der umliegenden Wälder. Die Sieger steckten die Wigwams und das Fort in Brand; das Ganze war bald Eine Flamme, und viele von den alten Männern, den Frauen und Kindern kamen bei dem Brande um. Diese letzte grausame Handlung erschütterte selbst den Stoicismus des Wilden. Die benachbarten Wälder ertönten vom wilden Schreien der Wuth und Verzweiflung, welches die flüchtigen Krieger ausstießen, als sie die Zerstörung ihrer Wohnungen sahen, und das herzzerreißende Geschrei ihrer Weiber und Kinder hörten. »Das Verbrennen der Wigwams,« sagt ein gleichzeitiger Geschichtschreiber, »das Gekreisch und Geschrei der Weiber und Kinder, und das Geheul der Krieger, bildeten einen höchst furchtbaren, erschütternden Auftritt, so daß einige von den Soldaten dadurch sehr gerührt wurden.« Derselbe Schriftsteller fügt behutsam hinzu: »man habe damals große Zweifel darüber gehabt, und sich nachher ernstlich erkundigt, ob das Lebendig-Verbrennen der Feinde auch mit der Menschlichkeit und den wohlwollenden Lehren des Evangeliums verträglich sei.« Siehe Handschrift des ehrw. Herrn W. Ruggles. – Anm. des Verf. Das Schicksal des wackern und großmüthigen Canonchet ist einer besondern Erwähnung werth; der letzte Auftritt seines Lebens ist eines der edelsten Beispiele indianischer Großsinnigkeit, die man kennt. Durch diese entscheidende Niederlage seiner Macht und seiner Hülfsquellen beraubt, seinem Bundesgenossen aber und der unglücklichen Sache treu, der er sich angenommen hatte, verwarf er alle Friedensanerbietungen, welche man ihm unter der Bedingung machte, daß er Philipp und dessen Begleiter verrathe, und erklärte fest: »daß er die Sache bis auf den letzten Mann ausfechten wolle, ehe er ein Knecht der Engländer würde.« Da seine Wohnung zerstört, sein Land durch die Einfälle der Eroberer verheert und verwüstet lag, so sah er sich genöthigt, nach den Ufern des Connecticut zu wandern, wo er einen Sammelplatz für die ganze Masse der westlichen Indianer bildete, und mehrere englische Niederlassungen verwüstete. Zeitig im Frühling ging er, nur mit dreizehn auserwählten Leuten, auf eine gewagte Unternehmung aus, um nach Seaconck, in der Nähe von Mount-Hope, vorzudringen und sich Saatkorn zum Unterhalt seiner Truppen zu verschaffen. Dieser kleine Haufe von Abenteurern war sicher durch das Land der Pequod's gekommen, und erreichte den Mittelpunkt von Narrhaganset, wo er in einigen Wigwams an dem Flusse Pautucket ausruhte, als man auf einmal meldete, der Feind sei in der Nähe. – Da Canonchet zu dieser Zeit nur sieben Mann bei sich hatte, sandte er zwei derselben nach dem Gipfel eines benachbarten Hügels, um Kunde von dem Feinde zu bringen. Durch die Erscheinung eines Haufens von Engländern und Indianern, die reißend vordrangen, in Schrecken versetzt, flohen sie in athemloser Angst an ihrem Häuptling vorüber, ohne sich aufzuhalten, und ihm von der Gefahr Kunde zu geben. Canonchet schickte abermals einen Kundschafter aus, der dasselbe that. Er sandte darauf noch zwei ab, von denen einer, voll Verwirrung und Schrecken zurückeilend, ihm sagte, daß das ganze britische Heer da sei. Canonchet sah, daß ihm keine Wahl übrig blieb, als augenblickliche Flucht. Er suchte um den Hügel herum zu entkommen, ward aber bemerkt, und von den feindlichen Indianern und einigen der behendesten unter den Engländern heiß verfolgt. Als er fand, daß der schnellfüßigste von seinen Verfolgern ihm dicht auf dem Fuße war, warf er erst seinen Mantel, dann sein mit silbernen Tressen besetztes Gewand und seinen Gürtel von Peag ab, woran seine Feinde erkannten, daß er Canonchet sei, und den Eifer verdoppelten, womit sie ihn verfolgten. Endlich, als er sich durch den Fluß arbeitete, glitt sein Fuß auf einem Steine ab, und er fiel so tief, daß das Wasser seine Flinte benetzte. Dieser Unglücksfall erfüllte ihn mit einer solchen Verzweiflung, daß, wie er nachher gestand: »sein Herz und seine Eingeweide sich in ihm umwandten, und er, wie ein dürrer Zweig, aller seiner Kraft beraubt wurde.« In so hohem Grade war er entkräftet, daß er, als ein Pequod-Indianer ihn in einer kleinen Entfernung von dem Flusse ergriff, keinen Widerstand leistete, obgleich er ein Mann von großer körperlicher Kraft und Kühnheit des Herzens war. Als er sich aber gefangen sah, erwachte der ganze Stolz seines Geistes in ihm, und wir finden von diesem Augenblicke an in den Anecdoten, welche seine Feinde von ihm erzählen, nichts als wiederholte Blitze von erhabenem, fürstlichen Heldenmuth. Wie ihn einer von den Engländern, der sich ihm zuerst näherte, und der noch nicht sein zweiundzwanzigstes Jahr erreicht hatte, befragen wollte, erwiederte der stolzherzige Krieger, indem er mit tiefer Verachtung auf sein Jugendantlitz blickte: »Ihr seid ein Kind – Ihr könnet noch nichts von Kriegsangelegenheiten verstehen – laßt Euren Bruder oder Euren Häuptling kommen – ihm werde ich antworten.« Obgleich man ihm wiederholt das Leben unter der Bedingung anbot, daß er sich mit seiner Nation den Engländern unterwerfe, wies er doch diese Anerbietungen mit Verachtung zurück, und weigerte sich, Vorschläge dieser Art dem großen Haufen seiner Unterthanen melden zu lassen, indem er sagte, er wisse im Voraus, daß keiner von ihnen sich dazu bequemen würde. Als man ihm seinen Treubruch gegen die Weißen, seine Aeußerung, daß er nicht einen Wampanoag, nicht einmal ein Stückchen von dem abgeschnittenen Nagel eines Wampanoag ausliefern würde, und seine Drohung vorhielt, daß er die Engländer in ihren Häusern verbrennen wolle, verschmähte er es, sich zu rechtfertigen, und antwortete stolz, daß andere eben so sehr, als er, zum Kriege geneigt gewesen wären, und daß er davon nichts mehr zu hören wünsche. Ein so edler, unerschütterlicher Geist, eine so echte Treue für seine Sache und seinen Freund, würde das Gefühl eines jeden edelmüthigen braven Mannes gerührt haben; aber Canonchet war ein Indianer; ein Wesen, gegen welches der Krieg keine Schonung, die Menschlichkeit kein Gesetz, die Religion kein Mitleid kannte – er ward verurtheilt, zu sterben. Die letzten Worte, welche man von ihm aufbewahrt hat, waren seiner Seelengröße würdig. Als das Todesurtheil über ihn ausgesprochen wurde, bemerkte er, »daß er damit ganz zufrieden sei, denn er würde sterben, bevor sein Herz weich geworden, oder er irgend etwas gesagt habe, das seiner unwürdig sei.« – Seine Feinde gewährten ihm den Tod eines Soldaten, denn er wurde in Stoningham von drei jungen Sachem's seines Ranges erschossen. Die Niederlage in der Festung der Narrhaganset's und der Tod Canonchet's gaben dem Schicksale des Königs Philipp den Todesstreich. Er machte einen vergeblichen Versuch, eine Kriegsmacht zusammenzubringen, indem er die Mohawk's aufreizte, zu den Waffen zu greifen; allein ob er gleich die natürlichen Talente eines Staatsmannes besaß, so wurden seine Künste doch durch die überwiegenden Kunstgriffe seiner aufgeklärten Feinde vereitelt, und die Furcht vor ihrer kriegerischen Geschicklichkeit fing an, die Entschlossenheit der benachbarten Stämme niederzudrücken. Der unglückliche Häuptling sah seine Streitkräfte täglich sich vermindern, und seine Reihen um sich her schnell schmelzen. Einige wurden von den Weißen abwendig gemacht; Andere fielen als Opfer des Hungers, der Anstrengungen und der häufigen Angriffe, welche sie unaufhörlich beunruhigten. Der ganze Vorrath seiner Lebensmittel wurde ihm genommen; seine erwähltesten Freunde wurden vor seinen Augen weggerafft; sein Oheim wurde neben ihm erschossen; seine Schwester in die Gefangenschaft geführt; und auf einer seiner schnellen Fluchten war er genöthigt, sein geliebtes Weib und seinen einzigen Sohn der Gnade des Feindes zu überlassen. »Obgleich sein Untergang,« sagt der Geschichtschreiber, »dergestalt allmählich herbeigeführt war, so ward sein Elend dadurch nicht abgekürzt, sondern vergrößert; denn er wußte aus Erfahrung und fühlte, was es heiße, seine Kinder in der Gefangenschaft zu wissen, seine Freunde verloren zu haben, seine Unterthanen gemordet, alle seine verwandtschaftlichen Bande zerrissen, und sich alles äußern Trostes beraubt zu sehen, ehe ihm sein eigenes Leben genommen ward.« Das Maß seines Unglücks recht voll zu machen, fingen seine eigenen Begleiter an, Verschwörungen gegen sein Leben anzuzetteln, um dadurch, daß sie ihn aufopferten, sich eine entehrende Sicherheit zu erkaufen. Durch Verrätherei wurde ein Theil seiner treuen Anhänger, die Unterthanen der Wetamoe, einer indianischen Fürstin aus Pocasset, und einer nahen Verwandten und Bundesgenossin Philipp's, in die Hände des Feindes geliefert. Wetamoe befand sich zu dieser Zeit unter ihnen, und suchte ihre Flucht dadurch zu bewerkstelligen, daß sie durch einen benachbarten Fluß setzte; sei es aber, daß das Schwimmen ihre Kräfte erschöpfte, oder Kälte und Hunger sie aufgerieben hatten, man fand sie todt und nackt nahe am Ufer liegen. Die Verfolgung erreichte indessen nicht einmal an ihrem Grabe ihr Ziel. Selbst der Tod, diese Zuflucht der Unglücklichen, wo der Schlechte gewöhnlich seine Bedrückungen endet, war kein Schutz für diese verfolgte Frau, deren großes Verbrechen die innige Treue gegen ihren Verwandten und ihren Freund war. Ihre Leiche war der Gegenstand unmännlicher, feiger Rache; der Kopf ward von dem Rumpfe getrennt, auf eine Stange gesteckt, und so in Taunton vor den Augen ihrer gefangenen Unterthanen ausgestellt. Diese erkannten sogleich die Züge ihrer unglücklichen Königin, und wurden von diesem barbarischen Schauspiel so ergriffen, daß sie, wie uns berichtet wird, »in das furchtbarste und teuflischste Klagegeschrei« ausbrachen. Obgleich Philipp das Zusammentreffen der Bedrängnisse und Unglücksfälle, welche ihm von allen Seiten bestürmten, mit Festigkeit ertragen hatte; schien doch die Verrätherei seiner Begleiter sein Herz zu verwunden, und ihn zur Verzweiflung zu bringen. Man sagt, daß er seitdem nie wieder fröhlich geworden, noch habe er in einem seiner Pläne je wieder Glück gehabt. Die Quelle seiner Hoffnungen war versiegt – die Gluth seines unternehmenden Geistes war erloschen – er blickte rund um sich und überall war Gefahr und Dunkelheit; es gab kein Auge, das ihn bemitleidet, keinen Arm, der ihm Hülfe gebracht hätte. Mit einem kleinen Haufen von Begleitern, welche ihm in seiner verzweiflungsvollen Lage noch treu blieben, wanderte der unglückliche Philipp zurück in die Umgebungen von Mount-Hope, dem alten Wohnort seiner Väter. Hier schlich er, wie ein Gespenst, auf dem Schauplatze seiner früheren Macht und seines Glücks umher, der Heimath, der Familie und der Freunde nun beraubt. Man kann kein treueres Gemälde seiner hülflosen, erbarmungswürdigen Lage sehen, als das, welches die einfache Feder des Geschichtschreibers uns liefert, der, ohne es zu wollen, die Gefühle des Lesers für den unglücklichen Krieger, den er herabsetzt, in Anspruch nimmt. »Philipp,« sagt er, »wurde wie ein wildes Thier, nachdem er von den Engländern in den Wäldern mehr als hundert Meilen rückwärts und vorwärts gejagt worden war, endlich in seine eigene Höhle auf Mount-Hope zurückgetrieben, wo er sich mit einigen wenigen seiner besten Freunde, in einen Morast verbarg, der zum Gefängniß für ihn wurde, worin er eingeschlossen blieb, bis die Todesboten kamen, um nach göttlichem Rathe die Rache gegen ihn zu vollziehen.« Selbst in diesem letzten Zufluchtsorte des Unglücks und der Verzweiflung sammelt sich um sein Andenken noch eine düstere Größe. Wir sehen ihn vor uns, wie er still über sein Unglück brütend, unter seinen von Sorgen verzehrten Begleitern sitzt, und durch das Wilde und Furchtbare seines Schlupfwinkels eine gewisse wilde Größe erreicht. Geschlagen, aber nicht entmuthigt – zu Boden getreten, aber nicht gedemüthigt – schien er, unter dem Druck des Unglücks, nur noch stolzer zu werden, und eine wilde Freude darin zu fühlen, die letzten Hefen des Verderbens zu leeren. Kleine Gemüther werden durch das Mißgeschick gezähmt und gedemüthigt; große Geister erheben sich über dasselbe. Schon der Gedanke der Unterwerfung erregte Philipp's Wuth, und er schlug einen seiner Begleiter, der einen Friedensvorschlag machte, auf der Stelle todt. Der Bruder des Getödteten entfloh, und verrieth aus Rache den Zufluchtsort seines Häuptlings. Ein Haufen weißer Männer und Indianer wurde augenblicklich nach dem Morast abgeschickt, wo Philipp, von Wuth und Verzweiflung verzehrt, verborgen lag. Ehe er noch ihre Ankunft gewahren konnte, hatten sie begonnen, ihn zu umgeben. In kurzer Zeit sah er fünf seiner treuesten Begleiter todt zu seinen Füßen hingestreckt; aller Widerstand war vergeblich; er stürzte aus seinem Lager hervor und machte einen tollkühnen Versuch, zu entfliehen, ward aber von einem übergegangenen Indianer seines eigenen Stammes durch das Herz geschossen. Dieß ist die einfache Geschichte des wackern, aber unglücklichen Königs Philipp; der, so lange er lebte, verfolgt, nach seinem Tode verläumdet und beschimpft wurde. Wenn wir indessen selbst die vorurtheilsvollen Erzählungen, welche seine Feinde uns geliefert haben, betrachten, so finden wir darin hinreichende Spuren eines liebenswürdigen, erhabenen Charakters, um das Mitgefühl für sein Schicksal und Ehrfurcht für sein Andenken zu erwecken. Wir finden, daß er inmitten bedrängender Sorgen und wilder Leidenschaften, welche der Krieg erzeugt, gegen die sanfteren Gefühle der Gattenliebe und der väterlichen Zärtlichkeit, so wie gegen die edeln Empfindungen der Freundschaft, nicht gleichgültig war. Der Gefangenschaft seines geliebten Weibes und seines einzigen Sohnes wird mit Freuden als etwas gedacht, das ihm brennenden Schmerz verursacht habe; der Tod eines jeden nähern Freundes wird triumphirend als eine neue Wunde für sein zartes Gefühl erwähnt; aber der Verrath und Abfall mancher seiner Begleiter, auf deren Anhänglichkeit er sein Vertrauen gesetzt hatte, soll sein Herz zerrissen und ihn aller ferneren Seelenruhe beraubt haben. Er war ein Patriot, der an seinem vaterländischen Boden hing – ein Fürst, der gegen seine Unterthanen treu, und über die ihnen zugefügten Unbilden erbittert war – ein Krieger, kühn in der Schlacht, standhaft im Unglück, abgehärtet gegen Mühseligkeiten, Hunger und jede Art körperlicher Leiden, und bereit, für die Sache, welche er verfocht, sein Leben hinzugeben. Stolzen Herzens, und mit einer unbezwinglichen Liebe zur natürlichen Freiheit, zog er es vor, diese unter den Thieren des Waldes, oder in den elenden, öden Schlupfwinkeln von Lachen und Morästen zu genießen, ehe er seinen stolzen Geist unter das Joch beugte, und abhängig und verachtet in der Behaglichkeit und dem Wohlleben der Niederlassungen lebte. Mit heldenmüthigen Eigenschaften und kühner Tapferkeit begabt, welche einem Krieger aus der gebildeten Welt Ehre, und ihn zum Gegenstand der Dichtung und Geschichte gemacht haben würden, lebte er als ein Wanderer und Flüchtling in seinem Geburtslande, und ging, wie eine einsame Barke, in der Dunkelheit und im Sturme unter – ohne ein bemitleidendes Auge, das seinen Fall beweint, oder eine Freundeshand, welche seinen letzten Kampf aufgezeichnet hätte. John Bull. Ein alt Lied, von einem alten Burschen erdacht Von einem alten würd'gen Herrn, der 'n Gut hatt' und Macht, Der 'n gut alt Haus hielt, wie man's vor Alters gemacht, Und 'n alten Pförtner, der den Armen Nahrung gebracht; 'n alt Zimmer, mit gelehrten alten Büchern darin, 'n alten würd'gen Caplan, am Blick schon kennt ihr ihn, 'ne alte Speiskammer, – die Thür wackelt her und hin, – Und 'ne alte Küche – ein halb Dutzend alter Köche dienten d'rin. Wie 'n alter Höfling u. s. w. Altes Lied . Es gibt keine Art von Laune, in welcher die Engländer sich mehr auszeichnen, als im Verfertigen von Carrikaturen und in der Erfindung lächerlicher Benennungen oder Beinamen. Auf diese Art haben sie nicht allein Einzelne, sondern ganze Völker launig bezeichnet; und bei ihrer Vorliebe einen Scherz recht weit zu treiben, haben sie ihrer selbst nicht geschont. Man sollte denken, daß eine Nation, wenn sie sich personificirt, sich gern als etwas Großes, Heroisches und Imposantes darstellen würde; aber es ist ein charakteristisches Zeichen der besondern Laune der Engländer, und ihrer Vorliebe für alles, was derb, komisch und vertraulich ist, daß sie ihre nationellen Seltsamkeiten in dem Bilde eines stämmigen, wohlbeleibten alten Mannes, mit einem dreieckigen Hute, rother Weste, ledernen Beinkleidern und einem starken eichenen Prügel, verkörpert haben. So haben sie ein besonderes Vergnügen darin gefunden, ihre geheimsten Schwachheiten in ein lächerliches Licht zu stellen, und sind in ihren Bildern so glücklich gewesen, daß kein wirklich vorhandenes Wesen vor dem Geiste des Publikums lebendiger dastände, als jener sonderbare Charakter, John Bull. Vielleicht hat die fortwährende Anschauung des so von ihnen gegebenen Bildes dazu beigetragen, das Volk selbst demselben ähnlich zu machen, und auf diese Weise dem Wirklichkeit zu geben, was anfänglich größtentheils aus der Einbildungskraft mag geschöpft worden sein. Die Menschen nehmen leicht Eigenthümlichkeiten, die man ihnen fortdauernd zuschreibt, wirklich an. Die niedrige Classe der Engländer scheint von dem Ideal, das sie sich von John Bull gemacht hat, wunderbar eingenommen, und bestrebte sich, der stark gezeichneten Carricatur, welche sie beständig vor Augen hat, gleich zu kommen. Unglücklicherweise macht sie aber zuweilen diesen gepriesenen Bullismus zu einem Entschuldigungsgrund für ihre Vorurtheile oder Derbheiten; und dieß habe ich besonders bei den ächten Eingebornen und wahren Kindern des Landes bemerkt, welche nie aus dem Bereich des Geläutes der Bow-Kirche gekommen sind. Wenn einer von diesen etwas plump in seiner Rede ist, oder unangenehme Wahrheiten sagt, erklärt er sogleich, daß er ein wahrer John Bull sei, und seine Meinung immer frei heraussage. Geräth er dann und wann in eine ungebührliche Hitze über Kleinigkeiten, so sagt er, John Bull sei ein jähzorniger alter Degen, aber seine Aufwallung gehe im Augenblick vorüber, und er hege keine Bosheit. Gibt er Beweise von wenig feinem Geschmack und von Unempfänglichkeit für fremde Verfeinerungen, so dankt er dem Himmel für seine Unwissenheit – er sei der einfache John Bull, und finde kein Vergnügen an Flitter und Spielwerk. Selbst die Leichtigkeit, womit er sich von Fremden betrügen läßt und für Thorheiten übertrieben bezahlt, muß unter dem Vorwande der Freigebigkeit hingehen, – denn John Bull ist immer großmüthiger, als er klug ist. So will er es dahin bringen, daß unter dem Namen John Bull, jeden Fehler zu einem Verdienste umgewandelt wird und möchte sich fest davon überzeugen, daß er der ehrlichste Bursche von der Welt sei. Wie wenig nun auch der Charakter anfangs ähnlich gewesen sein mag, so hat er sich nach und nach der Nation angepaßt, oder vielmehr sie haben sich ihm gegenseitig angepaßt; und ein Fremder, der die Eigenthümlichkeiten der Engländer zu studiren wünscht, wird solche schätzenswerthe Belehrungen am besten an den unzähligen Bildern von John Bull sammeln, wie sie an den Fenstern der Carricaturläden ausgehängt sind. Noch immer ist er einer der fruchtbaren Humoristen, der beständig neue Portraits zu Tage fördert, und, von verschiedenen Gesichtspunkten gesehen, auch verschiedene Ansichten gibt, und ich kann, so oft er auch geschildert worden ist, der Versuchung nicht widerstehen, eine leichte Skizze von ihm zu geben, so wie er mir gerade erschienen ist. John Bull ist, allem Anscheine nach, ein gerader, schlichter, auf die Sache losgehender Bursche, mit bei weitem mehr gediegener Prosa als Poesie in sich. In seiner Natur liegt wenig Romantisches, aber ein guter Theil kräftigen, natürlichen Gefühls. Er zeichnet sich mehr durch Laune als durch Witz aus, ist eher lustig als fröhlich, eher trübsinnig als mürrisch; er kann leicht zu einer schnell in sein Auge tretenden Thräne bewegt, oder zu einem lauten Lachen plötzlich gereizt werden; aber er haßt alle Sentimentalität und hat keine Anlage für leichten Scherz. Er ist ein guter Gesellschafter, wenn ihr ihn seinen Gang gehen und von sich sprechen laßt; und er wird einem Freunde, wenn es zum Streit kommt, mit Leben und Börse beistehen, sollte auch eine derbe Tracht Schläge mit auf ihn fallen. In dieser letztern Rücksicht hat er, aufrichtig gestanden, Anlage etwas zu voreilig zu sein. Er ist ein geschäftig umgreifendes Wesen, das nicht bloß an das, was ihn selbst und seine Familie, sondern auch was die ganze Gegend umher betrifft, denkt und sehr edelmüthig geneigt ist, Jedermanns Verfechter zu werden. Er ist immer unaufgefordert bereit, den Schiedsrichter in den Angelegenheiten seiner Nachbarn zu machen, und nimmt es sehr übel, wenn sie irgend etwas von Bedeutung unternehmen, ohne ihn um Rath zu fragen, obgleich seine Dienstleistungen gewöhnlich damit belohnt werden, daß er am Ende mit allen Parteien in Händel geräth und nun sich bitter über ihre Undankbarkeit beschwert. Unglücklicherweise nahm er in seiner Jugend Unterricht in der edlen Fechtkunst, und da er sich im Gebrauche seiner Glieder und seiner Waffen ausgebildet hat, und ein Muster im Boxen und in der Führung des Knüttels geworden ist, hat er seitdem stets ein beunruhigtes Leben gehabt. Sobald er von einem Streite zwischen seinen entferntesten Nachbarn hört, beginnt er, fortwährend mit dem obern Theil seines Knüttels Bewegungen zu machen, und zu überlegen, ob sein Interesse und seine Ehre es nicht fordern, sich in den Streit zu mischen. In der That hat er seine verwandtschaftlichen Beziehungen in Hinsicht auf Stolz und Politik, so über die ganze Gegend auf gedehnt, daß durchaus nichts vorgehen kann, ohne daß es einige seiner feinausgesponnenen Rechte und Würden beeinträchtiget. In seinem eigenen kleinen Besitzthum hockend, gleicht er, mit diesen nach allen Richtungen ausgehenden Fäden, einer cholerischen, dickleibigen alten Spinne, die ihr Gewebe über eine ganze Kammer ausgedehnt hat, so daß keine Fliege summen, kein Lüftchen sich regen kann, ohne sie aus ihrer Ruhe aufzustören und sie zornig aus ihrem Schlupfwinkel herauszufordern. Ob er gleich wirklich ein gutartiger, wohlmeinender Mann ist, so liebt er doch ganz sonderlich immer da zu sein, wo es Streit gibt. Es ist indeß eine seiner Eigenthümlichkeiten, daß er nur an dem Anfange eines Handgemenges Vergnügen findet; er geht immer mit Freudigkeit in das Gefecht, kommt aber, selbst wenn er Sieger geblieben ist, mürrisch daraus zurück; und wenn gleich Niemanden mit größerer Beharrlichkeit ficht, um einen streitigen Punkt zu schlichten, so ist er doch, wenn das Gefecht vorüber ist, und es zur Versöhnung kommt, durch das bloße Händeschütteln schon so gewonnen, daß er seinen Gegner gern alle die Vortheile ernten läßt, um welche sie sich gestritten haben. Er muß sich also nicht sowohl vor dem Schlagen, als vor der Versöhnung hüten. Es ist schwer, ihm mit dem Knüttel einen Pfennig abzupressen; aber versetzt ihn nur in gute Laune, und ihr könnt ihm alles Geld ablocken, das er in seiner Tasche hat. Er ist wie ein tüchtiges Schiff, das, nachdem es unbeschädigt dem schrecklichsten Sturme entgangen ist, seine Masten in der darauf folgenden Windstille verliert. Er liebt es ein wenig, außer dem Hause den Magnifico zu spielen, eine lange Börse herauszuziehen, sein Geld bei Faustkämpfen, Pferderennen und Hahnengefechten wacker zu verschleudern, und unter den Herrn vom Fache den Kopf zu erheben. Unmittelbar aber nach einem Anfalle dieser Ausschweifungen bekommt er einen heftigen Anfall von Sparsamkeit; er bebt vor der kleinsten Ausgabe zurück; spricht verzweifelt von »zu Grunde gerichtet sein,« und »dem Kirchspiel zur Last fallen müssen,« und bezahlt in einer solchen Stimmung nicht die kleinste Rechnung ohne heftigen Aerger. Er ist in der That der pünktlichste und unangenehmste Zahler in der Welt; denn er zieht sein Geld mit äußerstem Widerwillen aus seinen Hosentaschen, bezahlt bis auf den letzten Heller, aber nicht ohne jede Guinee mit einem dumpfen Murren zu begleiten. Bei all seinem Reden von Sparsamkeit sorgt er jedoch für Alles reichlich, und ist ein gastfreier Hauswirth. Seine Sparsamkeit ist von einer sonderbaren Art, indem es dabei seine Hauptrücksicht ist, wie er sich die Mittel verschaffen könne, recht viel Geld auszugeben; denn er wird sich an einem Tage kaum ein Beefsteak und eine Pinte Portwein zugestehen, um an einem andern einen ganzen Ochsen zu braten, ein Oxhoft Ale Preis zu geben, und alle seine Nachbarn zu bewirthen. Seine Haushaltung ist unglaublich kostbar; nicht sowohl wegen äußern Glanzes, als weil bei ihm so viel tüchtiges Rindfleisch und Pudding verzehrt wird; weil er eine Menge Leute ernährt und kleidet; und eine ganz eigenthümliche Neigung hat, kleine Dienste übermäßig zu belohnen. Er ist ein sehr freundlicher, nachsichtiger Herr, und vorausgesetzt, daß seine Diener sich in seine Eigenthümlichkeiten zu schicken, seiner Eitelkeit von Zeit zu Zeit etwas zu schmeicheln wissen, und ihn nicht zu offen vor seinen Augen betrügen, so können sie mit ihm machen, was sie wollen. Alles, was von ihm lebt, scheint zu gedeihen und fett zu werden. Seine Hausbedienten werden gut bezahlt, reichlich gefüttert, und haben wenig zu thun. Seine Pferde sind verwöhnt und faul, und traben langsam vor seinem Staatswagen her; und sein Haushund schläft ruhig vor der Thüre und wird kaum einen Dieb anbellen. Seine Familienwohnung ist ein altes castellartiges Herrenhaus, altergrau, und von einem höchst ehrwürdigen, obgleich verwitterten Ansehen. Es ist nach keinem regelmäßigen Plan gebaut worden, sondern ein Gemisch einzelner Theile, in verschiedener Zeit und nach verschiedenem Geschmack aufgeführt. Der mittlere Theil trägt unläugbare Spuren sächsischer Baukunst, und ist so fest, als schwerer Stein und alt englisches Eichenholz ihn machen können. Wie alle Ueberbleibsel aus diesem Styl, ist er voll von dunklen Gängen, labyrinthartigen Verbindungen und düstern Zimmern; und obgleich diese in neueren Zeiten zum Theil gelichtet worden sind, so gibt es doch noch mehrere Orte, wo ihr beinahe im Finstern tappen müßt. Anbauten sind von Zeit zu Zeit gemacht worden und große Veränderungen wurden vorgenommen; während der Kriegszeiten und der Aufstände sind Thürme und Zinnen errichtet, im Frieden neue Flügel angebaut worden, und Nebenhäuser, Meiereien und Wirthschaftsgebäude haben sich nach der Laune oder dem Bedürfniß der verschiedenen Geschlechter gehäuft, so daß es jetzt eine der weitläuftigsten und ausgedehntesten Besitzungen geworden ist, die man sich denken kann. Einen ganzen Flügel nimmt die Familiencapelle ein, ein ehrwürdiges Gebäude, das sehr prächtig gewesen sein muß, und das in der That selbst jetzt noch, trotz allem dem, was zu verschiedenen Zeiten daran geändert und einfacher gemacht wurde, das Ansehen ehrwürdiger, religiöser Pracht hat. Ihre Mauern im Innern prangen mit den Denkmälern von John's Vorfahren, und sie ist mit weichen Kissen und wohlgepolsterten Stühlen nett ausgeputzt, worin die Mitglieder der Familie, welche fleißige Kirchgänger sind, in der Erfüllung ihrer Pflichten sanft ausruhen können. Diese Capelle in Stand zu erhalten, hat John viel Geld gekostet; aber er hängt an seiner Religion und thut sich etwas auf seinen Eifer zu gut, weil in seiner Nähe mehrere Capellen für abweichende Religionsparteien errichtet worden, und mehrere seiner Nachbarn, mit denen er argen Streit gehabt hat, eifrige Papisten sind. Den Dienst der Capelle zu versehen, hält er, mit großen Kosten, einen frommen, stattlichen Familiencaplan. Er ist eine sehr gelehrte, würdevolle Person, und ein wahrhaft wohlerzogener Christ, der immer dem alten Herrn bei seinen Behauptungen Recht gibt, mit seinen kleinen Sünden bescheidene Nachsicht hat, die Kinder schilt, wenn sie wiederspenstig sind, und von großem Nutzen ist, da er die Bauern ermahnt, die Bibel zu lesen, ihre Gebete herzusagen, und, vor allem, ihre Abgaben pünktlich und ohne Murren zu bezahlen. Die Familienzimmer sind in sehr veraltetem Geschmacke, etwas schwer und oft unbequem, aber voll der feierlichen Pracht alter Zeiten; mit reichen, obgleich verschossenen Tapeten, mit unbehülfichen Möbeln und Massen von altem, schwerem Silber ausgestattet. Die großen Kamine, die ungeheueren Küchen, die weitläuftigen Keller, und ausgedehnten Schmaußsäle, – alles spricht von der geräuschvollen Gastfreiheit ehemaliger Zeiten, wovon das jetzige Leben im Schlosse nur ein Schatten ist. Lange Reihen von Zimmern sind indessen offenbar ganz verlassen, und von der Zeit zerstört, und Thürme und Thürmchen sind so verfallen, daß man bei starkem Winde besorgen muß, sie möchten über der Hausbewohnerschaft zusammenstürzen. Man hat John häufig gerathen, das alte Gebäude einmal durchgängig ausbessern, einige der unnützen Theile desselben niederreißen, und den übrigen mit den aus diesen erhaltenen Materialien mehr Festigkeit geben zu lassen; aber der alte Herr wird immer unwillig, wenn man mit ihm über diesen Gegenstand spricht. Er schwört, das Haus sei ein ganz vortreffliches Haus – es sei dicht und wetterfest, und Stürme könnten es nicht erschüttern – es habe schon mehrere Jahrhunderte gestanden, und werde deßwegen jetzt wahrscheinlich nicht gleich zusammenstürzen – in Bezug auf das Unbequeme, sei seine Familie an die Unbequemlichkeiten gewöhnt, und fühle ohne diese sich nicht wohl – seine unbehülfiche Form und unregelmäßige Bauart rühre davon her, daß sie das Erzeugniß von Jahrhunderten und durch die Weisheit eines jeden Geschlechts verbessert worden sei – eine alte Familie, wie die seinige, müsse ein großes Haus haben, darin zu wohnen; neue, eben erst aufgekommene Familien möchten immerhin in modernen Meiereien und hübschen Landhäusern wohnen; aber eine alte englische Familie müsse ein alt englisches Herrenhaus bewohnen. Wenn ihr ihn auf irgend einen Theil des Gebäudes, als überflüssig, aufmerksam macht, so behauptet er, daß er zu der Stärke oder der Zierde des Uebrigen und der Harmonie des Ganzen wesentlich gehöre, und schwört, die Theile seien so in einander gebaut, daß ihr, wenn ihr den einen herunterreißet, Gefahr lauft, das Ganze über dem Kopfe zusammenstürzen zu sehen. Das Geheimniß bei der Sache ist, daß John eine große Vorliebe hat, zu beschützen und sich das Ansehn eines Patrons zu geben. Er hält es für unzertrennlich von der Würde einer alten ehrenwerthen Familie, in dem, was sie gibt, freigebig zu sein, und sich von ihren Anhängern aufzehren zu lassen; und so macht er es sich, theils aus Stolz, theils aus Gutmüthigkeit, zu einer Regel, seinen überalterten Dienern immer Unterhalt und Wohnung zu geben. Die Folge davon ist, daß, wie manche andere ehrwürdige Familienanstalten, seine Wohnung mit alten Untergebenen, die er nicht wegjagen und mit einem alterthümlichen Style, dessen er sich nicht erledigen kann, belastet ist. Seine Wohnung ist wie ein großes Invalidenhospital, und bei aller ihrer Größe nicht um ein Fleckchen zu groß für die Bewohner. Es gibt keinen Winkel, keine Ecke im Hause, welche nicht irgend einer unnützen Person zum Wohnsitze diente. Haufen von alten Trabanten, podagrischen Pensionären und in Ruhestand versetzten Helden der Küche und des Kellers, schlendern um seine Mauern her, kriechen auf seinen Grasplätzen entlang, schlafen unter seinen Bäumen, oder sonnen sich auf den Bänken an seinen Thüren. Jedes Diensthaus und Wirthschaftsgebäude ist mit diesen Ueberzähligen und ihren Familien besetzt; denn sie sind außerordentlich fruchtbar und hinterlassen John, wenn sie sterben, gewiß ein Vermächtniß von hungrigen Mäulern, welche versorgt sein wollen. Man kann mit keiner Hacke gegen den ältesten, verfallensten Thurm schlagen, ohne daß nicht aus irgend einer Spalte oder Schießscharte der graue Kopf irgend eines ausgedienten Untergebenen heraus guckt, der sein ganzes Leben auf John's Kosten verbracht hat, und nun den gräßlichsten Lärm aufschlägt, daß man einem alten Diener der Familie das Dach über dem Kopfe wegbreche. Dieß ist ein Vorwurf gegen den John's ehrliches Herz niemals Probe hält; so daß ein Mensch, der sein Leben hindurch treu sein Rindfleisch und seinen Pudding gegessen hat, sicher sein kann, in seinen alten Tagen mit seiner Pfeife und seinem Bierkrug belohnt zu werden. Auch ein großer Theil des Parks besteht aus Gehegen, in welchen seine abgelebten Reitpferde frei herumlaufen, um ungestört den übrigen Theil ihres Daseins zu grasen – ein würdiges Beispiel dankbarer Erinnerung, welches nachzuahmen einigen seiner Nachbarn keine Schande bringen würde. In der That, es gehört zu seinem großen Vergnügen, diese alten Rosse denen zu zeigen, die ihn besuchen, bei ihren guten Eigenschaften sich aufzuhalten, ihre früheren Dienste zu erheben, und mit einiger Eitelkeit von den gefährlichen Abenteuern und kühnen Unternehmungen zu reden, bei denen sie ihn getragen haben. Er treibt jedoch gern seine Verehrung vor alten Familien-Gebräuchen und Familien-Lasten zu einer seltsamen Ausdehnung. Auf seinem Gute hausen Zigeunerbanden; aber er leidet nicht, daß man sie wegtreibt, weil sie seit undenklichen Zeiten sich hier aufgehalten, und unter jedem Geschlechte ihre regelmäßigen Wilddiebstähle getrieben haben. Nur selten läßt er einen trockenen Ast von den Bäumen abhauen, welche das Haus umgeben, da die Raben, welche hier seit Jahrhunderten genistet haben, gestört werden könnten. Den Taubenschlag haben die Eulen in Besitz genommen; aber sie sind angeerbte Eulen und dürfen deßwegen nicht beunruhigt werden. Die Hausschwalben haben, mit ihren Nestern, beinahe alle Schornsteine im Hause angefüllt; Mauerschwalben in alle Friese und Karnieße gebaut; Krähen flattern und krächzen um die Thürme her und sitzen auf jeder Wetterfahne; und in jedem Theile des Hauses kann man alte, grauköpfige Ratten sehen, welche am hellen Tage ungescheut ihre Löcher hinein und herauslaufen. Kurz, John hat eine solche Ehrfurcht vor Allem, was lange in der Familie gewesen ist, daß er selbst nicht einmal von Mißbräuchen welche abzustellen sind, hören will – weil sie gute alte Familien-Mißbräuche sind. Alle diese Eigenheiten und Gewohnheiten haben natürlich sehr dazu beigetragen, die Börse des alten Herrn leicht zu machen, und da er auf Pünktlichkeit in Geldsachen stolz ist, und seinen Credit in der Nachbarschaft nicht gern verlieren will, so ist er oft in große Verlegenheit gerathen, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen. Die Zwistigkeiten und Verdrüßlichkeiten, welche er fortwährend in seiner Familie hat, haben bedeutend dazu beigetragen, seine Lage noch unangenehmer zu machen. Seine Kinder sind zu verschiedenen Bestimmungen erzogen worden, und haben eine verschiedene Denkweise; und da ihnen immer ihre Meinung frei herauszusagen erlaubt war, so ermangeln sie nicht, sich, bei der gegenwärtigen Lage seiner Angelegenheiten, dieses Vorrechts sehr laut zu bedienen. Einige erhoben sich für die Ehre des Stammes und behaupten, daß die alte Haushaltung in dieser ganzen Ausdehnung erhalten werden müsse, was es auch kosten möge; andere, die klüger und bedächtiger sind, bitten den alten Herrn, seine Ausgaben einzuschränken, und sein ganzes Haushaltungssystem auf einen mäßigern Fuß zu setzen. Zuweilen hat es in der That geschienen, als ob er sich nach der Meinung der Letzteren bequemen wolle; aber ihr heilsamer Rath hat, bei dem unziemlichen Betragen eines seiner Söhne, keinen Eingang finden können. Dieß ist ein lärmender, hitzköpfiger Mensch, von verhältnißmäßig wenig Sitten, der sein Geschäft vernachlässigt, um in die Bierhäuser zu gehen, – der in den politischen Dorfgesellschaften den Redner spielt und unter den ärmsten Unterthanen seines Vaters für ein Orakel gilt. Kaum hört er irgend einen seiner Brüder von Reform oder Einschränkung sprechen, so springt er auf, nimmt ihm das Wort aus dem Munde, und verlangt brüllend eine Umwälzung der Dinge. Ist seine Zunge einmal im Gange, so kann nichts ihr Einhalt thun. Er tobt in der Stube umher; hält dem alten Mann über sein verschwenderisches Wesen eine Strafpredigt; macht seinen Geschmack und seine Gewohnheiten lächerlich; besteht darauf, daß er die alten Diener zum Hause hinausjagen, die abgelebten Pferde den Hunden vorwerfen, den alten Caplan fortschicken, und einen herumziehenden Prediger nehmen – ja das ganze Herrenhaus niederreißen und ein einfaches, aus Mauersteinen und Mörtel gebautes, an dessen Stelle setzen solle. Er schilt über jede gesellschaftliche Vereinigung und jedes Familienfest, und schleicht brummend nach dem Bierhause, sobald eine Equipage zu dem Thor herauf fährt. Obgleich er sich fortwährend darüber beklagt, daß seine Börse leer sei, ermangelt er doch nicht, all sein Geld bei den Zusammenkünften in der Schenke wegzuwerfen, und läßt sehr oft die Zeche für das Getränke anschreiben, bei dem er über seines Vaters Verschwendung predigt. Man kann sich leicht denken, wie wenig ein solches Betragen sich mit des alten Ritters hitzigem Temperamente verträgt. Er ist durch häufigen Widerspruch so reizbar geworden, daß die bloße Erwähnung von Einschränkung oder Reform das Zeichen zu einem Zanke zwischen ihm und dem Schenken-Orakel abgibt. Da der Letztere zu hartnäckig und widerspenstig ist, sich der väterlichen Zucht zu fügen, und vor dem Prügel keine Furcht mehr hat, so kommt es sehr oft zu Wortkriegen, welche so arg werden, daß John am Ende seinen Sohn Thom zu Hülfe ruft, einen Offizier, der im Auslande gedient hat, aber jetzt auf halbem Solde zu Hause ist. Dieser Letztere steht dem alten Herrn, er mag nun Recht oder Unrecht haben, gewiß bei; er liebt nichts mehr als ein lärmendes und zänkisches Leben; und ist auf einen einzigen Wink bereit, mit dem Säbel herauszufahren, und ihn über dem Haupte des Redners zu schwingen, sobald dieser sich gegen das väterliche Ansehen aufzulehnen wagt. Diese Familienzwistigkeiten sind, wie gewöhnlich, außer dem Hause bekannt geworden – und geben John's Nachbarschaft seltenen Stoff zu Glossen. Die Leute machen ernsthafte Gesichter und schütteln die Köpfe, sobald von seinen Angelegenheiten die Rede ist. Sie sagen, sie alle hofften, es würde nicht so schlecht mit ihm stehen, als man behaupte; wenn aber die Kinder über des Vaters Verschwendung zu klagen anfingen, müsse es doch nicht so ganz gut stehen. Er solle dem Gerüchte nach bis über die Ohren in Schulden stecken, und beständig mit Wucherern sein Wesen treiben. Er sei ohne Frage ein großmüthiger alter Herr, aber man fürchte, er habe etwas zu schnell gelebt; in der That brächte eine solche Neigung zur Jagd, zu Pferderennen, Schwelgen und Bor[g]en nie etwas Gutes. Kurz, Herrn Bull's Gut sei sehr schön, und die Familie habe es seit alten Zeiten besessen; aber man hätte manche noch schönere Güter gekannt, welche öffentlich ausgeboten worden seien. Das schlimmste von allem ist die Wirkung, welche alle diese Geldangelegenheiten und dieser häusliche Verdruß auf den armen Mann selbst gehabt haben. Statt seines stattlichen runden Bauches und seines frischen rosigen Gesichts ist er in der letzten Zeit zusammengeschrumpft und welk geworden, wie ein erfrorner Apfel. Seine scharlachne mit Gold besetzte Weste, welche ihm in jenen glücklichen Tagen, wo er mit dem Winde segelte, so straff saß, hängt nun wie ein Segel bei Windstille, lose um ihn. Seine ledernen Beinkleider sind voll Falten und Runzeln und scheinen mit Mühe nur die Stiefeln herauf zu halten, welche auf beiden Seiten um seine einst so derben Beine schlottern. Statt, wie früher umherzuwandeln, den Hut auf die eine Seite gesetzt; seinen Stock schwingend und alle Augenblicke auf die Steine stoßend; Jedem gerade in das Gesicht sehend und eine Strophe aus einem Canon oder einem Trinkliede herbrummend; schleicht er nun umher, pfeift gedankenvoll vor sich hin, läßt den Kopf hängen, hält den Stock unter dem Arm und steckt die Hände bis auf den Boden seiner Hosentaschen, die augenscheinlich leer sind. So sieht der ehrliche John Bull gegenwärtig aus; bei all dem ist aber der Geist des alten Herrn noch so stolz und muthig wie jemals. Sobald ihr euch nur den geringsten Ausdruck entschlüpfen laßt, der Mitleid oder Besorgniß verräth, fängt er Feuer, betheuert, daß er der reichste und solideste Mann im Lande sei, spricht von großen Summen, die er anwenden wolle, um sein Haus zu verschönern oder ein anderes Grundstück zu kaufen, und mit einer drohenden Stellung und einer Bewegung mit seinem Prügel scheint er gern noch einmal anbinden zu wollen. Obgleich in allem diesen vielleicht etwas sehr Sonderbares liegt, so muß ich doch gestehen, daß ich John's Lage nicht ohne ein besonderes Gefühl von Antheil betrachten kann. Bei all seinen seltsamen Launen und seinen eingewurzelten Vorurtheilen, ist er doch ein gerader, tüchtiger alter Degen. Er mag vielleicht nicht ganz der außerordentliche Mensch sein, für den er sich hält, aber er ist wenigstens zweimal besser, als ihn seine Nachbarn machen. Seine Tugenden sind ihm alle eigenthümlich, ganz einfach, vaterländisch und natürlich. Selbst seine Fehler zeugen von der Kräftigkeit seiner guten Eigenschaften. Seine Verschwendung ist ein Beweis seiner Großmuth, seine Zanksucht von seinem Muth, seine Leichtgläubigkeit von seiner Treuherzigkeit, seine Eitelkeit von seinem Stolz, und seine Derbheit von seiner Aufrichtigkeit. Alle sind die Ergebnisse eines kräftigen und freisinnigen Charakters. Er ist wie sein Eichenholz, rauh von Außen, aber gesund und fest von Innen; die Rinde stößt so viel Zweige aus, als die Stärke und Größe des Baumes mit sich bringt; und die Aeste dröhnen und ächzen auf das furchtbarste bei dem leisesten Winde, gerade ihrer Größe und des üppigen Wachsthums willen. Auch liegt etwas in dem Aeußern seines verfallenden alten Hauses, das ungemein poetisch und malerisch ist; und so lang es mit Behaglichkeit bewohnt werden kann, zittere ich beinahe bei dem Gedanken, wenn man bei dem jetzigen Kampfe des Geschmacks und der Meinungen daran rühren sollte. Einige von seinen Rathgebern sind allerdings gute Baumeister, welche ersprießliche Dienste leisten könnten; ich fürchte indessen, daß mehrere davon bloße Gleichmacher sind, die, wenn sie erst mit ihren Hacken an dieß ehrwürdige Gebäude kommen, nicht eher ruhen werden, als bis sie es niedergerissen, und sich vielleicht selbst unter den Trümmern begraben haben. Alles was ich wünsche, ist, daß John's gegenwärtige Lage ihn für die Zukunft mehr Klugheit lehren möge. Er muß aufhören, sich um anderer Leute Angelegenheiten zu bekümmern; er muß von dem fruchtlosen Bemühen abstehen, die Wohlfahrt seiner Nachbarn und den Frieden und das Glück der Welt mit dem Prügel befördern zu wollen; er muß ruhig zu Hause bleiben; sein Haus allmählig ausbessern; sein fruchtbares Gut nach seiner Laune bebauen; mit seinem Einkommen haushalten – wenn er das für geeignet hält; seine ungehorsamen Kinder in Ordnung halten – wenn er kann; die fröhlichen Scenen des alten Glückes erneuern, und sich auf seinem vaterländischen Boden noch lange eines frischen, ehrenvollen und heitern Alters erfreuen. Der Stolz des Dorfes. Kein Wolf heul', über deinem Hügel Schwing' keine Eule ihre Flügel! Kein Wind, kein Sturm soll zieh'n, des Rasens Grün Verdörrend; sondern, wie der Mai Blüh' er durch Liebe ewig neu. Herrick . Während eines Ausfluges durch eine der entlegeneren Grafschaften von England, war ich auf eine der Nebenstraßen gekommen, welche durch die abgeschiedeneren Theile des Landes führen, und hielt eines Nachmittags in einem Dorfe an, dessen Lage ländlich-schön und einsam war. Die Einwohner hatten ein gewisses Ansehn patriarchalischer Einfachheit, das man in den Dörfern, welche an den großen Heerstraßen liegen, nicht findet. Ich beschloß, die Nacht hier zuzubringen, und schlenderte, nachdem ich früh zu Mittag gegessen, hinaus, um mich an der umliegenden Gegend zu ergötzen. Mein Weg führte mich zunächst, wie dieß gewöhnlich bei Reisenden der Fall ist, nach der Kirche, welche in einer kleinen Entfernung von dem Dorfe lag. Dieß war ein Gegenstand von einiger Bedeutung, indem der alte Thurm derselben ganz mit Epheu überwachsen war, so daß nur hie und da ein hervorstehender Strebepfeiler, die Ecke einer grauen Mauer, oder eine abenteuerliche Verzierung von Bildhauerarbeit aus der grünenden Bedeckung hervorblickte. Es war ein lieblicher Abend. Die frühere Hälfte des Tages war trübe und von Regenschauern begleitet gewesen; am Nachmittage hatte sich jedoch das Wetter aufgeklärt; und obgleich noch immer dunkle Wolken über dem Haupte hingen, zog sich doch ein breiter goldener Himmels-Streifen im Westen dahin, aus welchem die untergehende Sonne auf die tropfenden Blätter schien, und der ganzen Natur ein schwermüthiges Lächeln lieh. Es war wie die Scheidestunde eines guten Christen, welcher auf die Sünden und Sorgen der Welt niederlächelt, und durch die Heiterkeit seines Erlöschens es beurkundet, daß er in Herrlichkeit wiedererstehen werde. Ich hatte mich auf einen halbeingesunkenen Grabstein gesetzt, und dachte, wie man es in dieser ernstsinnigen Stunde wohl zu thun pflegt, an vergangene Ereignisse und Jugendfreunde – an die, welche entfernt, und die, welche todt waren – und überließ mich der Art von schwermüthigem Träumen, in welchem vielleicht etwas noch lieblicheres liegt, als ein Vergnügen selbst. Dann und wann tönte der Schlag einer Glocke von dem benachbarten Thurme in mein Ohr; ihre Töne stimmten zu der ganzen Umgebung, und waren im Einklang mit meinen Gefühlen, statt einen Mißlaut damit zu bilden; und es währte eine Zeit lang, ehe ich daran dachte, daß dieß der Glockenton für einen neuen Bewohner des Grabes sein müsse. Bald darauf sah ich einen Leichenzug sich über den Rasenplatz des Dorfes bewegen; er wand sich langsam einen Baumgang herunter; verschwand und kam wieder durch die Oeffnungen in dem Gebüsche zum Vorschein, bis er bei dem Orte vorüberzog, wo ich saß. Junge Mädchen, weiß gekleidet, trugen die Zipfel des Leichentuchs, und ein anderes, von ungefähr siebzehn Jahren, ging voraus und hatte einen Kranz von weißen Blumen in der Hand; ein Zeichen, daß die Verstorbene jung und unverheirathet gewesen war. Die Eltern folgten der Leiche. Es war ein ehrwürdiges Paar aus der bessern Classe der Landleute. Der Vater schien seinen Gefühlen Gewalt anzuthun; aber sein starres Auge, seine zusammengezogenen Augenbraunen und sein tiefgefurchtes Gesicht, zeigten den Kampf, welcher in seinem Innern vorging. Seine Gattin hing an seinem Arme und weinte laut bei dem krampfhaften Ausbruche des Schmerzes einer Mutter. Ich folgte dem Leichenzuge in die Kirche. Die Bahre ward in dem mittlern Schiffe niedergesetzt, und der Kranz von weißen Blumen, mit einem Paar weißen Handschuhe, über dem Kirchstuhle, wo die Verstorbene gewöhnlich gesessen hatte, aufgehängt. Jeder kennt das herzergreifende Gefühl, das eine Leichenfeier erweckt; denn wer ist so glücklich, nie Jemanden, den er liebte, zum Grabe geleitet zu haben? Wenn aber die Ueberreste der Unschuld und Schönheit, die in der Blüthe ihres Daseins dahinsanken, zur Ruhe bestattet werden, – was kann wohl rührender sein? Bei der einfachen, aber höchst feierlichen Stelle, wo der Körper der Erde übergeben ward – »Erde zu Erde – Asche zu Asche – Staub zu Staub!« – flossen die Thränen der jugendlichen Gefährtinnen der Verstorbenen unaufhaltsam. Der Vater schien noch mit seinen Gefühlen zu kämpfen, und sich mit der Versicherung zu trösten, daß die selig sind, die im Herrn sterben; die Mutter aber dachte ihres Kindes nur als einer Blume des Feldes, welche mitten in ihrer Blüthe gemäht und verwelkt war, und »trauerte wie Rachel über ihre Kinder, und wollte keinen Trost annehmen.« Als ich nach dem Gasthofe zurückkehrte, erfuhr ich die ganze Geschichte der Verstorbenen. Sie war sehr einfach, wie man deren oft erzählt hat. Das Mädchen war die Zierde des Dorfes gewesen. Ihr Vater war einst ein reicher Pachter, jetzt aber zurückgekommen. Sie war das einzige Kind, und, in der Einfachheit des ländlichen Lebens, ganz im väterlichen Hause erzogen worden. Sie war die Schülerin des Dorfpfarrers, das Lieblingslamm in seiner kleinen Herde gewesen. Der gute Mann wachte mit väterlicher Sorgfalt über ihre Erziehung. Diese war beschränkt, und der Sphäre, in welcher sie sich bewegen sollte, angemessen; denn er strebte nur, sie zu einer Zierde für ihren Standpunkt im Leben zu machen, nicht sie darüber zu erheben. Die Zärtlichkeit und Nachsicht ihrer Eltern, und das Unterlassen rauherer Beschäftigungen hatten die natürliche Anmuth und Zartheit ihres Charakters, welche mit der behenden Lieblichkeit ihrer Gestalt übereinstimmten, noch genährt. Sie erschien wie eine zarte Gartenpflanze, welche durch Zufall unter den rauheren Eingebornen des Feldes aufgesproßt ist. Ihre Gefährtinnen fühlten die Ueberlegenheit ihrer Reize und erkannten sie an, aber ohne Neid; denn die anspruchslose Anmuth und die gewinnende Güte ihres Benehmens übertrafen jene noch bei weitem. Man konnte mit Wahrheit von ihr sagen: Das ist die schönste Bauernmaid, die je Auf einem Rasen lief; nichts thut und scheint sie, Das nicht nach etwas Höher'm schmeckt, als sie; Zu vornehm für den Ort. Das Dorf war einer der abgelegenen Orte, in welchen sich noch einige Spuren der alten englischen Sitten erhalten haben. Es hatte seine ländlichen Feste und Feiertagsvergnügungen, und es wurde hier noch ein schwacher Schein der einst so beliebten Maiengebräuche beobachtet. Diese waren von dem gegenwärtigen Pfarrer des Dorfes sehr in Aufnahme gebracht worden; er war ein Liebhaber alter Gebräuche, und einer von den einfachen Christen, welche ihre Sendung erfüllt zu haben glauben, wenn sie Freude auf Erden und guten Willen unter den Menschen verbreiten. Unter seiner Begünstigung stand der Maienbaum von einem Jahr zum andern mitten auf dem Rasenplatze des Dorfes; er wurde am Maientage mit Kränzen und Wimpeln verziert; auch wie in alten Zeiten, eine Maienkönigin ernannt, welche bei den Spielen den Vorsitz führen und die Preise und Belohnungen austheilen mußte. Die malerische Lage des Dorfes und das Phantastische seiner ländlichen Feste zog oft die Aufmerksamkeit zufälliger Besucher auf sich. Unter diesen befand sich auch, an einem Maientage, ein junger Offizier, dessen Regiment vor kurzer Zeit in der Nachbarschaft einquartirt worden war. Der natürliche Geschmack, welcher in dieser Dorffeierlichkeit herrschte, zog ihn an; vor Allem aber die aufdämmernde Liebenswürdigkeit der Maienkönigin. Sie war der Liebling des Dorfes, die, mit Blumen bekränzt, in all der schönen Verwirrung mädchenhafter Schüchternheit und Freude erröthete und lächelte. Die Unbefangenheit der ländlichen Sitte machte es dem Fremden leicht, ihre Bekanntschaft zu machen; er fand nach und nach den Weg zu ihrem Vertrauen, und machte ihr auf die leichtsinnige Weise den Hof, womit junge Offiziere nur zu gern mit der ländlichen Einfalt ihr Spiel treiben. Es lag in seinen Annäherungen Nichts, das Verdacht erwecken, oder beunruhigen konnte. Er sprach sogar nie von Liebe; allein es gibt eine Art, sie zu erklären, welche beredter als die Sprache ist, und welche sie dem Herzen leise und unwiderstehlich einflößt. Der Glanz des Auges, der Ton der Stimme, die tausend Zärtlichkeiten, welche aus jedem Worte und Blicke, aus jeder Bewegung sprechen – diese bilden die wahre Beredsamkeit der Liebe, und können immer gefühlt und verstanden, aber nie beschrieben werden. Können wir uns wundern, daß sie ein junges, schuldloses und empfängliches Herz leicht gewannen? Das Mädchen liebte, beinahe ohne sich dessen bewußt zu sein; sie fragte sich kaum, was die wachsende Leidenschaft sei, welche sich jedes Gedankens und jedes Gefühls bemeisterte, oder was die Folgen derselben sein würden. Sie blickte in der That nicht in die Zukunft hinaus. Wenn er da war, so beschäftigten seine Blicke und Worte ihre ganze Aufmerksamkeit; war er nicht da, so dachte sie nur an das, was bei ihrer letzten Zusammenkunft vorgegangen war. Sie wandelte mit ihm durch die grünen Baumgänge und in den ländlichen Gegenden der Nachbarschaft umher. Er lehrte sie, neue Schönheiten in der Natur sehen; er redete in der Sprache des feinen, gebildeten Lebens, und hauchte die Zaubereien der Romantik und Dichtkunst in ihr Ohr. Es konnte vielleicht keine reinere Leidenschaft zwischen beiden Geschlechtern geben, als die des unschuldigen Mädchens. Die stattliche Gestalt ihres jugendlichen Bewunderers und der Glanz seiner kriegerischen Tracht, hatten wohl Anfangs des Mädchens Auge angezogen; aber dieses war es nicht, was ihr Herz gewonnen hatte. Ihre Anhänglichkeit hatte etwas von Vergötterung an sich. Sie blickte zu ihm, als zu einem Wesen höherer Art hinauf. Sie fühlte in seiner Gesellschaft die Begeisterung eines von Natur zarten, poetischen Gemüths, in welchem jetzt zuerst der Sinn für das Schöne und Große erwachte. An die gemeinen Abstände des Ranges und Vermögens dachte sie nicht; die Verschiedenheit der geistigen Ausbildung, des Benehmens, der Sitten, welche gegen die ländliche Gesellschaft, an die sie gewöhnt war, so sehr abstach, erhob ihn in ihrem Geiste. Sie hörte ihm mit bezaubertem Ohr und niedergeschlagenem Blicke, in welchem sich ein stummes Entzücken aussprach, zu, und ihre Wange röthete sich vor Begeisterung; oder wenn sie je einen scheuen Blick furchtsamer Bewunderung auf ihn zu werfen wagte, so wandte sie diesen schnell wieder ab, und seufzte und erröthete bei dem Gedanken an ihren eignen verhältnißmäßigen Unwerth. Ihr Geliebter war eben so sehr von Leidenschaft erfüllt; diese aber bei ihm mit Gefühlen von einer rauheren Art gemischt. Er hatte in Leichtsinn das Verhältniß angeknüpft: er hatte seine Cameraden oft mit ihren Dorferoberungen prahlen gehört, und einen Sieg der Art als nothwendig zu seinem Ruf, als Mann von Geist, angesehen. Er war indeß zu voll von jugendlicher Wärme. Sein Herz war noch nicht kalt und selbstsüchtig genug durch ein unstätes und zerstreuungsvolles Leben geworden; es fing Feuer an derselben Flamme, die es anfachen wollte, und ehe er noch der Art seiner Lage sich bewußt war, hatte er sich wirklich verliebt. Was sollte er thun? Hier traten die gewöhnlichen Hindernisse in den Weg, welche so unausbleiblich bei allen leichtsinnigen Verbindungen sich entgegenstellen. Sein Rang in der Gesellschaft – die Vorurtheile vornehmer Verbindungen – seine Abhängigkeit von einem stolzen und unnachgiebigen Vater – Alles verbot ihm, an eine Heirath zu denken: – wenn er aber auf das unschuldige, so zärtliche, vertrauensvolle Wesen nieder blickte, lag eine Reinheit in ihren Sitten, eine Tadellosigkeit in ihrem Leben, und eine gewinnende Bescheidenheit in ihren Blicken, welche jedes frevelhafte Gefühl niederdrückte. Vergebens suchte er sich durch den Gedanken an tausend herzlose Beispiele von Modeleuten zu erstarken und die Aufwallung des edeln Gefühls durch den kalten, spottenden Leichtsinn zu dämpfen, womit er diese von weiblicher Tugend hatte reden hören; sobald er in ihre Nähe kam, fühlte er sich von jenem geheimen, aber von Leidenschaft ungetrübten Reize jungfräulicher Reinheit umgeben, in deren geheiligter Sphäre kein schuldiger Gedanke leben kann. Das plötzliche Eintreffen eines Befehls an das Regiment, nach dem festen Lande aufzubrechen, machte die Verwirrung seines Gemüths vollständig. Eine kurze Zeit befand er sich in einem Zustande der peinlichsten Unentschlossenheit; er zauderte, die Nachricht mitzutheilen, bis der Tag zum Abmarsche da war, wo er ihr die Kunde auf einem Abendspaziergange mittheilte. Der Gedanke an die Trennung war ihr früher nie in den Sinn gekommen. Er brach auf einmal in ihren Traum von Glückseligkeit herein; sie betrachtete ihn als ein plötzliches und unbesiegbares Uebel, und weinte mit der schuldlosen Einfalt eines Kindes. Er zog sie an seine Brust, und küßte die Thränen von ihrer zarten Wange; und er wurde nicht zurückgewiesen; denn es gibt Augenblicke, in denen sich Schmerz und Schwachheit mischen, und welche die Liebkosungen der Zärtlichkeit heiligen. Er war von Natur ungestüm; und der Anblick der Schönheit, welche, wie es schien, hingebungsvoll in seinen Armen lag – das Bewußtsein seiner Gewalt über sie – und die Furcht, sie zu verlieren; Alles vereinigte sich, sein besseres Gefühl zu überwältigen – er wagte es, ihr den Vorschlag zu machen, daß sie ihr väterliches Haus verlassen, und die Gefährtin seines Schicksals werden solle. Er war noch ein völliger Neuling in den Künsten der Verführung, und erröthete und stockte bei seiner eigenen Niederträchtigkeit; aber sein Opfer war so schuldlosen Gemüthes, daß sie anfangs den Sinn seiner Rede gar nicht verstehen, und nicht begreifen konnte, warum sie ihr heimathliches Dorf und das bescheidene Dach ihrer Eltern verlassen solle. Als zuletzt der eigentliche Sinn seines Vorschlages wie durch einen Blitzstrahl ihrem reinen Sinne klar wurde, war die Wirkung vernichtend. Sie weinte nicht – sie ergoß sich nicht in Vorwürfe – sie sagte nicht ein Wort – aber sie schrack zurück, wie vor einer Schlange; warf einen Blick der Angst auf ihn, der ihm bis in das Innerste der Seele drang, und voll Todesqual die Hände zusammenschlagend, floh sie, als ob sie einen Zufluchtsort suchen wollte, nach ihres Vaters Hütte. Der Offizier entfernte sich, verwirrt, gedehmüthigt, reuevoll. Es ist nicht zu bestimmen, was das Ergebniß des Kampfes seiner Gefühle gewesen sein würde, hätten die Vorkehrungen zur Abreise seinen Gedanken nicht eine andere Richtung gegeben. Neue Auftritte, neue Vergnügungen und neue Gefährten ließen ihn bald die Vorwürfe vergessen, die er sich selbst machte, und erstickten seine Zärtlichkeit, und doch, selbst in der Unruhe des Lagers, in den Schwelgereien des Garnisonlebens, den Zurüstungen der Heere, und sogar im Gewühl des Kampfes, stahlen sich seine Gedanken zuweilen zu den Bildern ländlicher Ruhe und der Einsamkeit des Dorfes – dem weißen Bauernhause – dem Fußpfade am Silberbache und an der Hagedornhecke, und dem kleinen Landmädchen zurück, wie sie an denselben hinwandelte, auf seinen Arm gelehnt, und wie sie mit Augen, von unbewußter Zärtlichkeit strahlend, auf seine Worte horchte. Der Schlag, welchen das arme Landmädchen, dessen ganze Traumwelt zerstört war, erlitt, war in der That grausam gewesen. Ohnmachten und Krämpfe hatten zuerst ihren zarten Körperbau erschüttert, und ihnen folgte dann eine bleibende, zerstörende Schwermuth. Aus ihrem Fenster hatte sie den Marsch der abziehenden Truppen gesehen. Sie hatte ihren treulosen Liebhaber wie im Triumph bei dem Lärm der Trommel, dem Klange der Trompete und dem Prunk der Waffen sich entfernen sehen. Sie warf ihm einen letzten schmerzensvollen Blick nach, als die Morgensonne seine Gestalt beleuchtete, und seine Hutfeder im Winde flatterte; er entschwand wie ein glänzendes Gesicht ihren Blicken, und ließ sie ganz in Dunkelheit zurück. Es wäre unnöthig, bei den Einzelnheiten ihrer spätern Geschichte zu verweilen. Sie war, wie andere Liebesgeschichten, unglücklich. Sie vermied die Gesellschaften und wandelte allein auf den Spaziergängen einher, welche sie am häufigsten mit ihrem Geliebten besucht hatte. Sie suchte, wie der verwundete Hirsch, in Schweigen und Einsamkeit zu weinen, und brütete über dem tiefen Schmerz, der ihre Seele verzehrte. Zuweilen sah man sie spät am Abend in dem Thürgewölbe der Dorfkirche sitzen, und die Milchmädchen hörten, wenn sie von dem Felde kamen, sie zuweilen ein klagendes Lied in dem Hagedorngange singen. Sie verrichtete mit Inbrunst ihre Andacht in der Kirche; und wenn die alten Leute sie herankommen sahen, so abgezehrt und doch mit einer hektischen Röthe auf den Wangen und jenem geheiligten Wesen, welches die Schwermuth um die Körpergestalt verbreitet, machten sie ihr Platz, wie etwas Geisterartigem, und ihr nachblickend, schüttelten sie, in düsterer Ahnung, die Köpfe. Sie fühlte die Ueberzeugung, daß sie ihrem Grabe zueile, aber sie blickte diesem wie einem Ruheort entgegen. Der silberne Faden, der sie an ihr Dasein geknüpft hatte, war zerrissen, und es schien kein Vergnügen unter der Sonne mehr zu geben. Wenn ihr sanftes Herz jemals ein Gefühl des Unwillens gegen den Geliebten gehegt hatte, so war es verschwunden. Sie war einer zürnenden Erregung unfähig; und, in einem Augenblick trüber Zärtlichkeit, schrieb sie ihm einen Abschiedsbrief. Er war in der einfachsten Sprache geschrieben, aber gerade seiner Einfachheit wegen rührend. Sie sagte ihm, daß sie dem Tode entgegengehe, und verhehlte ihm nicht, daß sein Betragen sie dahin gebracht habe. Sie schilderte ihm sogar die Leiden, welche sie überstanden hatte; aber sie schloß damit, daß sie sagte, wie sie nicht ruhig sterben könne, wenn sie ihm nicht vorher ihre Verzeihung und ihren Segen gesendet habe. Nach und nach nahmen ihre Kräfte ab, so daß sie die Hütte nicht mehr verlassen konnte. Sie war nur noch im Stande an das Fenster zu wanken, wo sie, in ihrem Stuhl aufgestützt, ihre Freude darin fand, den ganzen Tag zu sitzen und auf die Landschaft hinauszublicken. Dennoch stieß sie keine Klagen aus, oder theilte irgend Jemanden die Krankheit mit, welche an ihrem Herzen nagte. Sie nannte sogar nie den Namen ihres Geliebten, sondern lehnte nur ihr Haupt an den Busen ihrer Mutter und weinte still. Ihre armen Eltern schwebten bald in stummer Angst über dieser welkenden Blüthe ihrer Hoffnungen, bald schmeichelten sie sich, sie wieder frisch belebt zu sehen, und glauben zu dürfen, die glänzende unirdische Farbe, welche zuweilen ihre Wangen röthete, werde die Vorläuferin der zurückkehrenden Gesundheit sein. So saß sie auch an einem Sonntage Nachmittag zwischen ihnen; sie hielt ihre Hände in die ihrigen geschlagen; das Fenster war offen, und die milde Luft, welche hereinwehte, trug die Wohlgerüche des üppigtreibenden Geißblatts herein, welche ihre eignen Hände an das Fenster gezogen hatten. Ihr Vater hatte so eben ein Kapitel aus der Bibel vorgelesen. Es war darin von der Eitelkeit aller weltlichen Dinge und von den Freuden des Himmels die Rede; es schien Trost und Heiterkeit in ihre Brust ergossen zu haben. Ihr Auge war auf die entfernte Dorfkirche gerichtet; die Glocke hatte zum Gottesdienst eingeläutet; der letzte Dorfbewohner stand noch in der Kirchthür; und Alles war in die geheiligte Stille versunken, welche dem Tage der Ruhe eigenthümlich ist. Ihre Eltern betrachteten sie mit zerissenem Herzen. Krankheit und Schmerz, welche über manche Züge so grausam verheerend hingehen, hatten den ihrigen den Ausdruck eines Seraphs gegeben. Eine Thräne zitterte in ihrem sanften blauen Auge. – Dachte sie an ihren treulosen Geliebten? – oder irrten ihre Gedanken auf dem fernen Kirchhofe umher, in dessen Schooße sie bald ruhen konnte? Plötzlich hörte man Hufschlag, – ein Reiter sprengte auf die Hütte zu – er stieg vor dem Fenster ab – das arme Mädchen that einen schwachen Schrei und sank in den Stuhl zurück: Es war ihr reuiger Geliebter! Er stürzte in das Haus, und flog auf sie zu, sie an seine Brust zu drücken; allein ihre abgezehrte Gestalt – ihr todtenhaftes Gesicht – so bleich und doch so lieblich in seiner Zerstörung, schnitten ihm in die Seele, und er warf sich in Todespein zu ihren Füßen. Sie war zu schwach um aufzustehen – sie versuchte, ihre zitternde Hand auszustrecken – ihre Lippen bewegten sich, als ob sie spräche, aber kein Wort war zu vernehmen – sie blickte mit einem Lächeln voll unaussprechlicher Zärtlichkeit auf ihn herab, – und schloß ihre Augen auf immer! Das sind die Einzelnheiten, welche ich über diese Dorfgeschichte erfuhr. Sie sind nur dürftig, und haben, wie ich wohl weiß, nur in geringem Grade den Reiz der Neuheit, der sie anziehend machen könnte. Bei der gegenwärtigen Wuth nach sonderbaren Ereignissen und starkgewürzten Erzählungen mögen sie auch gewöhnlich und unbedeutend erscheinen, allein sie zogen mich damals ungemein an, und ließen, verbunden mit der rührenden Feierlichkeit, von welcher ich so eben Zeuge gewesen war, einen tiefern Eindruck auf mein Gemüth zurück, als manche Begebenheit bedeutenderer Art. Ich bin seit der Zeit wieder durch den Ort gekommen, und habe aus einem bessern Beweggrunde, als dem bloßer Neugier, die Kirche wieder besucht. Es war ein winterlicher Abend; die Bäume waren ihres Laubes beraubt; der Kirchhof sah nackt und traurig aus, und der Wind rauschte kalt durch das dürre Gras. Man hatte indessen um das Grab des Lieblings des Dorfes immergrünende Sträucher gepflanzt, und Weidenruthen waren darüber gebogen, damit der Rasengrund nicht zertreten werden möchte. Die Thüre der Kirche war offen, und ich trat hinein. Dort hing der Blumenkranz und das Paar Handschuhe, wie an dem Tage des Leichenbegängnisses. Die Blumen waren allerdings verwelkt, man schien aber sorgfältig darauf zu sehen, daß kein Staub ihre Weiße entstellen möchte. Ich habe viele Denkmale gesehen, wo die Kunst sich erschöpft hat, um das Mitgefühl des Beschauers zu erregen, allein ich habe keines gefunden, das rührender zu meinem Herzen gesprochen hätte, als dieß einfache, aber zarte Gedenkzeichen der dahingeschiedenen Unschuld. Der Angler. Lieb' schien heut' Frau Natur zu spüren, Baumsaft begann sich stolz zu rühren; Aus Reben frische Tropfen flossen, Und Vöglein wählten sich Genossen. Dem Fliegenköder naht sich schnell Die tiefgeborgene Forell'; Da stand mein Freund, geduldig, lange, Der Angelruthe achtend bange. Sir H. Wotton . Man sagt, daß schon manch ein nichtsnutziger Bube durch das Lesen der Geschichte Robinson Crusoe's dazu verleitet worden sei, seiner Familie zu entlaufen und sich dem Seefahrer-Leben zu ergeben; und auf gleiche Weise vermuthe ich auch, daß manche von den würdigen Herren, welche so gerne an den Ufern der ländlichen Ströme, mit den Angelruthen in der Hand verweilen, die Entstehung ihrer Leidenschaft dem verführerischen Buche des ehrlichen Isaak Walton zu verdanken haben. Ich erinnere mich, daß ich vor mehreren Jahren in Gesellschaft mit einer Anzahl Freunde in Amerika, seinen »vollkommenen Angler« studirt habe, und, was mehr ist, daß wir Alle vollkommen von der Angelwuth angesteckt wurden. Es war früh im Jahre; sobald aber das Wetter günstig ward, und der Frühling in den ersten Sommer zu verschmelzen begann, nahmen wir die Angelruthe zur Hand und wanderten auf das Land hinaus, so rein toll, als es nur immer Don Quixote vom Lesen der Ritterromane gewesen sein konnte. Einer aus unserer Gesellschaft hatte den Don in der Vollständigkeit seiner Ausrüstung nachgeahmt; denn er war vom Kopf bis zu den Füßen zu der Unternehmung ausgerüstet. Er trug einen breitschößigen Rock von Barchent, in welchem ein halbes hundert Taschen befindlich war; ein Paar starke Schuhe und lederne Gamaschen; ein Korb hing an der einen Seite, die Fische hinein zu thun; eine Patentangelruthe; ein Handnetz, und ein halbes Schock von andern unbequemen Dingen, welche man nur in der Rüstkammer des Anglers findet. So zu dem Feldzug ausgerüstet, ward er von den Landleuten eben so sehr angestarrt und angestaunt, als der in Stahl und Eisen eingehüllte Held von der Mancha von den Ziegenhirten in der Sierra Morena. Unser erster Versuch ward an einem Bergstrome, in den Hochlanden des Hudson, angestellt, einem höchst unglücklichen Orte zur Ausführung jener Fischertaktik, welche an den Sammetufern der ruhigen englischen Bäche erfunden worden ist. Es war einer von den wilden Strömen, welche, in unsern romantischen Einöden, so viele unbeachtete Schönheiten entfalten, hinreichend das Skizzenbuch eines Liebhabers des Malerischen damit anzufüllen. Zuweilen stürzte er an felsigen Abhängen herab, bildete kleine Wasserfälle, über welche die Bäume ihre breiten wiegenden Aeste hinbreiteten, und lange namenlose Kräuter, mit Demanttropfen bedeckt, in Franzen von den überragenden Ufern herabhingen. Zuweilen tobte und schäumte er, in dem begrünten Schatten eines Waldes, den er mit seinem Gemurmel anfüllte, eine Schlucht hinunter; und dann, nach diesem stürmischen Laufe, kam er wieder mit Nachlässigkeit dem ruhigsten Aeußern dahinfließend, im Freien zum Vorschein; wie ich oft eine Xantippe von Frau, nachdem sie ihr Haus mit Lärm und Zank erfüllt, mit angenehmem Gesicht, sich drehend und Knixe machend, und alle Welt anlächelnd, aus der Thüre habe kommen sehen. Wie reizend floß, zu solchen Zeiten, dieser irrende Bach durch den Busen irgend eines grünen Wiesenthales zwischen den Bergen dahin; wo die Ruhe nur von Zeit zu Zeit durch das Getön einer Glocke von der lässigen Viehherde im Klee, oder durch den Klang der Art eines Holzhauers in der benachbarten Waldung unterbrochen wurde. Was mich betrifft, so bin ich immer ein Stümper in allen Arten von Vergnügungen gewesen, welche entweder Geduld oder Gewandtheit erforderten, und hatte noch nicht über eine halbe Stunde geangelt, als ich meine Lust vollkommen befriedigt, und mich von der Wahrheit des Ausspruchs Isaak Walton's überzeugt hatte, daß es mit dem Angeln gewissermaßen wie mit der Dichtkunst ist – der Mensch müsse dazu geboren sein. Ich selbst blieb statt des Fisches am Angelhaken hängen; verwickelte mich mit der Angelschnur an jedem Baume; verlor meinen Köder; zerbrach meine Angelruthe; bis ich voll Verzweiflung mein Bestreben aufgab, den Tag unter den Bäumen zubrachte, den alten Isaak lesend; überzeugt, daß es der Alles gewinnende Anstrich von rechtlicher Einfachheit und ländlichem Gefühl, welcher sich bei ihm findet, sei, der mich bezaubert habe, und nicht die Leidenschaft für das Angeln. Meine Gefährten jedoch waren ausdauernder in ihrer Verblendung. Ich habe sie in diesem Augenblicke vor meinen Augen, wie sie am Ufer des Baches hinschlichen, da, wo es frei lag, oder nur mit Gesträuch und Gebüsch bedeckt war. Ich sehe die Rohrdommel mit hohlem Geschrei aufsteigen, in dem Augenblick, wo sie in ihre selten aufgesuchten Schlupfwinkel eindrangen; den Eisvogel sie mißtrauisch von seinem dürren Baume beobachten, welcher über den schwarzen Mühlteich in der Tiefe herüberragt; die Schildkröte seitwärts von dem Steine oder dem Holzblock, auf welchen sie, sich sonnend, lag, herabgleiten; und den erschrockenen Frosch kopfüber bei ihrer Annäherung in den Bach stürzen und Schrecken ringsumher in der Wasserwelt verbreiten. So erinnere ich mich auch, daß, nachdem wir uns den größten Theil des Tages über geplagt und gelauscht hatten, umhergekrochen waren, und, unserer trefflichen Geschäftigkeit zum Trotz, wenig oder nichts gefangen hatten, ein plumper Dorfbursche, mit einer Angelruthe, die er von einem Baumzweige sich gemacht, einer kurzen Schnur von Zwirn, und so wahr mir der Himmel helfe! wie ich glaube, mit einer krummgebogenen Stecknadel statt Angelhaken, und einem gemeinen Regenwurm als Köder daran, die Hügel herab kam, und in einer halben Stunde mehr Fische fing, als den ganzen Tag über bei uns angebissen hatten! Vor allen Dingen aber erinnere ich mich des »guten, einfachen, gesunden, hungrigen« Mahles, welches wir unter einer Buche, dicht bei einer Quelle reinen, süßen Wassers, das sich auf dem Abhange eines Hügels hervorstahl, hielten; und wie, als dieß vorüber war, einer von der Gesellschaft des alten Isaak Walton's Auftritt mit dem Milchmädchen vorlas, während ich in dem Grase lag, und auf einer hellen Wolkenschichte Luftschlösser baute, bis ich einschlief. Alles dieß mag wie bloßer Egoismus erscheinen; allein ich kann mich nicht enthalten, diesen Erinnerungen, welche wie eine liebliche Musik vor meinen Sinnen vorübergehen, Worte zu leihen, und welche durch einen angenehmen Auftritt in mir erweckt worden sind, von dem ich vor nicht langer Zeit Zeuge gewesen bin. Auf einem Morgenspaziergange die Ufer des Alun entlang, eines schönen kleinen Flusses, welcher von den Hügeln von Wales herabkommt und sich in den Dee ergießt, zog eine Gruppe, die an dem Uferrande saß, meine Aufmerksamkeit auf sich. Als ich näher kam, fand ich, daß sie aus einem bejahrten Angler und zweien seiner ländlichen Schüler bestand. Der erste war ein alter Bursche mit einem hölzernen Bein, mit Kleidern, die sehr vielfach, aber sehr sorgfältig, geflickt, und wenn sie auch auf Armuth deuteten, doch rechtlich erworben und anständig erhalten waren. Sein Gesicht trug die Spuren früherer Stürme, aber des gegenwärtigen guten Wetters; seine Furchen hatten sich zu einem immerwährenden Lächeln zusammengezogen; seine eisengrauen Locken hingen ihm um die Ohren, und er hatte, im Ganzen genommen, das gutmüthige Ansehn eines gebornen Philosophen, der geneigt war, die Welt so zu nehmen, wie sie einmal ist. Einer von seinen Begleitern war ein zerlumpter Wicht, mit dem scheuen Blick eines landstreicherischen Diebes, und ich will es verbürgen, daß er gewiß jeden herrschaftlichen Fischteich auch in der finstersten Nacht finden konnte. Der andere war ein langer, ungeschlachter Bauernjunge, mit linkischem Gange, und dem Anscheine nach eine Art Landstutzer. Der alte Mann war beschäftigt, den Magen einer Forelle zu untersuchen, die er so eben aufgerissen hatte, um aus dem Inhalte desselben zu erkennen, welche Würmer sich besonders zum Köder für den Fisch eigneten, und hielt seinen Gefährten, die ihm mit unsäglicher Ehrerbietung zuzuhören schienen, eine Vorlesung darüber. Ich hege eine große Zuneigung zu allen »Brüdern von der Angel,« seitdem ich Isaak Walton gelesen habe. Es sind Leute, wie er behauptet, von»milder, sanfter und friedlicher Gemüthsart,« und meine Hochachtung gegen sie ist noch gestiegen, seitdem ich auch eine alte »Abhandlung über das Fischen mit der Angel« aufgefunden habe, worin viele von den Grundsätzen ihrer harmlosen Brüderschaft auseinandergesetzt sind. »Gebt wohl Acht,« heißt es in diesem ehrlichen, kleinen Tractat, »daß Ihr, wenn Ihr Euren Vergnügungen nachgeht, nie Jemandes Thür öffnet, ohne sie auch wieder zuzumachen. Auch sollt Ihr Euch diesem obengenannten künstlichen Zeitvertreibe nicht um des Geizes willen hingeben, um Euer Geld dadurch nur zu vermehren oder zu sparen, sondern hauptsächlich zu Eurer Erholung und zu der Beförderung der Gesundheit Eures Körpers und namentlich Eurer Seele.« Eben dieser Abhandlung zufolge sollte es beinahe scheinen, das Angeln sei ein wichtigeres Geschäft, als man gewöhnlich denkt; »denn, wenn Ihr Willens seid, auf den Fischfang zu gehen, müßt Ihr nicht viel Leute mitnehmen, denn das möchte Euch nur von eurem Geschäft abziehen. Und müßt Ihr Gott andächtiglich dienen, und euer gewöhnliches Gebet wohl hersagen. Und wenn Ihr dieß thut, so werdet Ihr manchen Lastern entgehen und sie vermeiden, namentlich der Trägheit, welche die Hauptursache ist, daß Jemand zu manchen andern Lastern verleitet wird, wie wohl bekannt ist.« – Anm. des Verf. Ich glaubte, in dem alten Angler vor mir ein wahres Beispiel dessen, was ich gelesen hatte, zu finden, und es lag eine gemüthliche Zufriedenheit in seinen Blicken, welche mich ganz zu ihm hinzog. Ich konnte nicht umhin, die rüstige Art zu bemerken, mit welcher er von einer Gegend des Baches zur andern hinkte; seine Angelruthe in der Luft schwingend, um die Angelschnur nicht auf den Boden schleppen zu lassen, oder damit sie sich nicht in den Sträuchen verwickele; und die Gewandtheit zu bewundern, mit welcher er seine Fliege nach irgend einem besondern Orte hinwarf, so daß er sie zuweilen ganz leicht einen kleinen Fall hinabschwimmen ließ, zuweilen sie aber auch in eine jener dunkeln Vertiefungen brachte, welche sich in den verwachsenen Wurzeln oder durch das überhangende Ufer bilden, und worin die großen Forellen gewöhnlich stehen. Während dieser Zeit ertheilte er seinen beiden Schülern Unterricht; er zeigte ihnen die Art und Weise, wie sie ihre Angelruthen handhaben, die Fliegen anstecken, und sie auf der Oberfläche des Flusses spielen lassen sollten. Das Ganze erinnerte mich an die Lehren, welche der weise Piscator seinen Schülern ertheilt. Die Gegend umher hatte das Ländlicheinfache, das Walton so gerne beschreibt. Es war ein Theil der großen Ebene von Cheshire, nahe bei dem schönen Thale von Gessford, und gerade da, wo die niedrigeren Hügel von Wales sich aus den frischduftenden Wiesen zu erheben anfangen. Auch der Tag war, wie der, welchen er in seinem Werke beschreibt, mild und sonnig, mit einem dann und wann fallenden sanften Regenschauer, welcher die ganze Gegend mit Diamanten besäete. Ich gerieth bald mit dem alten Angler in eine Unterhaltung, die mich so fesselte, daß ich, unter dem Vorwande, mich über seine Kunst belehren zu lassen, ihm beinahe den ganzen Tag Gesellschaft leistete, am Ufer des Stromes hinwandelnd und auf seine Rede horchend. Er war sehr mittheilsam, hatte ganz die leichte Geschwätzigkeit des muntern Alters, und fühlte sich, glaub ich, ein wenig geschmeichelt, eine Gelegenheit zu haben, seine ganze Fischfangsgelehrsamkeit zu entfalten; denn wer spielt nicht dann und wann gern den Weisen? Er war zu seiner Zeit viel herumgestrichen, und hatte einige von seinen Jugendjahren in Amerika, namentlich in Savannah zugebracht, wo er ein Handelsgeschäft angefangen hatte, und durch die Unvorsichtigkeit seines Compagnons zu Grunde gerichtet worden war. Er hatte späterhin manche gute und böse Schicksale gehabt, bis er in den Seedienst kam, wo sein Bein durch eine Kanonenkugel in der Schlacht bei Camperdown weggeschossen wurde. Dieß war der einzige wahre Glücksfall, der ihm jemals zu Theil geworden war, denn er erhielt dadurch eine Pension, welche ihm, zusammengenommen mit einem kleinen väterlichen Vermögen, eine Einnahme von ungefähr vierzig Pfund verschaffte. Mit dieser zog er sich nach seinem Geburtsdorfe zurück, wo er ruhig und unabhängig lebte; und den übrigen Theil seines Lebens der »edlen Kunst des Angelns« weihete. Ich fand, daß er den Isaak Walton mit Aufmerksamkeit gelesen hatte, und er schien dessen ganze einfache Offenheit und unzerstörbare gute Laune eingesogen zu haben. Obgleich er in der Welt arg umhergeworfen worden war, so glaubte er doch, daß die Welt an und für sich gut und schön sei. War er auch in verschiedenen Ländern so rauh behandelt worden, wie es einem armen Schafe ergeht, das an jeder Hecke und jedem Dickicht etwas von seiner Wolle lassen muß, so sprach er doch von jedem Volke mit Freisinn und Wohlwollen, und schien nur die gute Seite an allen Dingen zu beachten; und, vor allem, war er beinahe der einzige Mensch, den ich je gesehen habe, der in Amerika ein unglücklicher Abenteurer gewesen, und doch ehrlich und großsinnig genug war, sich selbst die Schuld beizumessen, und nicht das Land zu verwünschen. Der Bursche, welcher seines Unterrichts genoß, war, wie ich erfuhr, der Sohn und einzige Erbe einer feisten, alten Wittwe, welcher die Dorfschenke gehörte, und demnach ein junger Mann, der Einiges zu erwarten hatte, und dem die müßigen, herrnartigen Personen des Orts deßwegen sehr den Hof machten. Der alte Mann hoffte also wahrscheinlich, indem er ihn unter seine Aufsicht nahm, einen besondern Winkel im Schenkzimmer und von Zeit zu Zeit ein Glas heitermachendes Ale umsonst zu erhalten. Es liegt allerdings, wenn man, was Angler sehr leicht thun, sich über die Grausamkeiten und Qualen, welche den Würmern und Insecten zugefügt werden, hinwegsetzen kann, etwas in dem Angeln, was eine Milde des Geistes und eine ruhige Heiterkeit des Gemüths hervorbringt. Da die Engländer selbst bei ihren Vergnügungen methodisch und die wissenschaftlichsten Liebhaber von Jagd und Fischerei sind, so ist das Angeln bei ihnen auf vollkommene Regeln und in ein System gebracht worden. In der That, es ist ein ganz besonders zu den sanften, reich angebauten Gegenden in England, wo jede Rauheit aus der Landschaft hinweggewischt ist, sehr passendes Vergnügen. Es ist entzückend, an diesen klaren Flüssen hinzuziehen, welche, wie Silberadern, den Schooß dieses schönen Landes durchziehen; den Wanderer durch eine Menge kleiner, häuslicher Landschaftsgemälde führen, sich zuweilen durch reich geschmückte Besitzungen schlängeln, zuweilen am Rande fetter Wiesen hinfließen, wo das frische Grün mit angenehm duftenden Blumen gemischt ist; zuweilen im Angesicht von Dörfern frei dahinströmen und dann wieder eigensinnig sich in schattige Einsamkeiten verlieren. Die Lieblichkeit und Heiterkeit der Natur und die ruhige Achtsamkeit des Geschäftes geben allmählich zu erfreulichem Nachsinnen Anlaß, das dann und wann durch den Gesang eines Vogels, durch das entfernte Pfeifen eines Bauern, oder vielleicht durch den Muthwillen eines Fisches angenehm unterbrochen wird, der aus dem stillen Wasser emporspringt, und flüchtig über seine durchsichtige Fläche dahin schießt. »Wenn ich,« sagte Isaak Walton, »zufrieden werden, und mein Vertrauen auf die Macht, Weisheit und Vorsicht des Allmächtigen erhöhen will, so gehe ich auf den Wiesen längs eines sanft dahinfließenden Stromes, und betrachte hier die Lilien, die nicht für sich sorgen, und die vielen anderen kleinen lebenden Geschöpfe, welche nicht allein erschaffen sind, sondern auch (der Mensch weiß nicht, wie?) durch die Güte des Gottes der Natur ernährt werden, und deßwegen auf ihn vertrauen.« Ich kann nicht umhin, eine andere Stelle aus einem jener alten Kämpen des Angelns anzuführen, welche denselben unschuldigen und glücklichen Geist athmet: Laßt still mich leben und, dem Ufer nah'     Des Trent, des Avon, meine Hütte bau'n Vom Hecht, Unkley und Weißfisch kann ich da     Den Kiel, den Kork wohl nieder ziehend schau'n, An Welt und meinen Schöpfer denk' ich da,     Wenn Manche sündig und in Geiz ergrau'n, Und Anderen in niederm Thun die Zeit     Vergeht, in Wein, Krieg, oder Ueppigkeit. Laßt, wer da will, nach solchen Freuden zieh'n,     Und sich mit solchen eiteln Träumen bläh'n, Kann ich das Feld nur schau'n, die Wiesen grün,     An frischen Flüssen mich nach Lust ergeh'n, Wo Maßlieb und die blauen Veilchen blüh'n,     Hyazinthen roth, gelb die Narcissen steh'n. Als ich Abschied von dem alten Angler nahm, erkundigte ich mich nach seinem Wohnorte, und hatte, als ich einige Abende nachher mich zufällig in der Nähe des Dorfes befand, die Neugierde, ihn aufzusuchen. Ich fand ihn in einer kleinen Hütte, welche nur Eine Stube enthielt, die aber in ihrer Anordnung und Einrichtung eine wahre Merkwürdigkeit war. Sie stand am Saume des Dorfes, auf einer begrünten Erhöhung, in einiger Entfernung von der Landstraße, und vor derselben war ein kleiner Garten mit Küchenkräutern bepflanzt und mit einigen Blumen geschmückt. Die ganze Vorderseite der Hütte war mit Geißblatt bewachsen. Auf dem Giebel war ein Schiff, das als Wetterfahne diente. Das Innere des Hauses war nach wahrhaft seemännischer Art eingerichtet, da seine Ansichten von Behaglichkeit und Bequemlichkeit sich von dem Backdeck eines Kriegsschiffes herschrieben. Von der Decke herab hing eine Hangmatte, welche bei Tage so weit hinaufgezogen wurde, daß sie nur wenig Raum einnahm. Mitten in der Stube hing an dem Balken ein Schiffsmodell, von seiner eignen Arbeit. Zwei oder drei Stühle, ein Tisch und eine große Schiffskiste bildeten die Hauptmöbel. An den Wänden waren Seelieder angeklebt, wie, Admiral Hosier's Geist, Alle in den Dünen, und Tom Bowling, mit Bildern von Seeschlachten dazwischen, unter welchen das von der Schlacht von Camperdown eine ausgezeichnete Stelle einnahm. Der Kaminsims war mit Muscheln verziert; über demselben hing ein Quadrant, zwischen zwei Holzschnitten von sehr grimmig aussehenden Seebefehlshabern. Seine Angelgeräthschaften waren sorgfältig an Nägeln und Haken im Zimmer aufgehängt. Auf einem Bücherbrette stand seine Bibliothek, eine mit Leinwand überzogene Bibel, einen oder zwei einzelne Bände Reisen, einen Seekalender und ein Liederbuch enthaltend. Seine Familie bestand aus einer großen schwarzen Katze mit einem Auge, und einem Papagay, den er auf einer seiner Reisen selbst gefangen, gezähmt und aufgezogen hatte, und der eine Menge von Seeredensarten in dem heiseren belfernden Tone eines alten Bootsmannes stammelte. Die häusliche Einrichtung erinnerte mich an die des berühmten Robinson Crusoe; sie war in der größten Ordnung, da Alles, mit der Regelmäßigkeit auf einem Kriegsschiffe »weggestaut war,« und er sagte mir, daß er »jeden Morgen das Deck scheuere und zwischen den Mahlzeiten fege.« Ich fand ihn auf einer Bank vor der Thüre sitzen, wo er in dem milden Abendsonnenscheine seine Pfeife rauchte. Seine Katze schnurrte ruhig auf der Schwelle, und der Papagay beschrieb einige sonderbare Evolutionen in einem eisernen Ringe, welcher mitten in seinem Käfige hing. Er hatte den ganzen Tag geangelt, und erzählte mir die Geschichte seines Fanges mit eben der Ausführlichkeit, wie ein General einen Feldzug beschreiben würde; er wurde besonders bei der Schilderung der Art und Weise lebendig, wie er eine große Forelle gefangen habe, die seine ganze Erfahrung und Ausdauer in Anspruch genommen, und die er nun, als ein Siegeszeichen, der Wirthin der Schenke geschickt habe. Wie behaglich ist es, das Alter so fröhlich und zufrieden zu sehen, und einen armen Burschen, wie diesen, nachdem der Sturm ihn im Leben umhergeworfen, am Abende seiner Tage in einem behaglichen, ruhigen Hafen sicher vor Anker liegend zu betrachten! Sein Glück ging indessen aus ihm selbst hervor, und hing nicht von äußeren Umständen ab, denn er hatte jene unerschöpfliche Gutmüthigkeit, welche das kostbarste Geschenk des Himmels ist, sich wie Oel über das stürmische Meer der Gedanken verbreitet, und das Gemüth in dem rauhesten Wetter unbewegt und gleichförmig erhält. Als ich mich weiter über ihn erkundigte, erfuhr ich, daß er in dem Dorfe der allgemeine Liebling, und das Orakel des Schenkzimmers sei; wo er die Bauern durch seine Lieder ergötze, und, wie Sindbad, sie durch seine Erzählungen von fremden Ländern, von Schiffbrüchen und Seegefechten in Erstaunen setze. Auch die vornehmeren Freunde des Fischfangs in der Gegend hielten viel auf ihn; er lehrte mehrere von ihnen die Kunst des Angelns, und hatte freien Zutritt zu ihren Küchen. Der ganze Ton seines Lebens war ruhig und harmlos, da er es, wenn das Wetter und die Jahrszeit es zuließen, hauptsächlich an den benachbarten Flüssen hinbrachte, und zu anderen Zeiten sich zu Hause beschäftigte, um sein Fischergeräthe zu dem nächsten Feldzuge in Bereitschaft zu setzen, oder für seine Gönner und Schüler unter den höheren Ständen Angelruthen, Netze und Fliegen zurecht zu machen. Er besuchte regelmäßig des Sonntags die Kirche, ob er gleich während der Predigt einschlief. Er hatte es ausdrücklich gewünscht, daß man ihn, wenn er stürbe, an einem grünen Flecke begraben sollte, den er von seinem Sitze in der Kirche sehen konnte, und den er seit seinem Knabenalter immer gern gehabt, und an welchen er beständig gedacht hatte, wenn er weit von seiner Heimath auf dem ungestümen Meere war, und Gefahr lief, Futter für die Fische zu werden – es war die Stelle, wo sein Vater und seine Mutter begraben worden waren. Ich bin fertig, denn ich fürchte, mein Leser wird müde; aber ich konnte nicht umhin, das Bild dieses würdigen »Bruders von der Angel,« zu entwerfen, welcher Ursache ist, daß ich mehr als jemals die Theorie seiner Kunst liebgewonnen habe, obgleich ich fürchte, daß ich es in der Ausübung derselben nie sehr weit bringen werde: und so will ich diese flüchtige Skizze mit den Worten des ehrlichen Isaak Walton schließen, indem ich den Segen von St. Peter's Meister und Lehrer auf meine Leser herabrufe, »und auf Alle, die wahre Freunde der Tugend sind, und an seine Allmacht glauben, und ruhigen Sinnes sind, und angeln gehen.« Die Sage von der schläfrigen Schlucht. Unter den Papieren des verstorbenen Dietrich Knickerbocker gefunden. Für Schläfrige war es ein lieblich Land,     Für Träum', das halbgeschloßne Aug umgaukelnd, Mit stattlichen Schlössern an der Wolken Rand',     Am Sommerhimmel rings sich immer schaukelnd. Schloß der Trägheit. In dem Schooße einer der geräumigen Buchten, welche sich in das östliche Ufer des Hudson hineinziehen, an jener breiten Stelle des Flusses, welche die alten holländischen Seefahrer die Tappaan-Zee nennen, und wo sie jederzeit klüglich die Segel einrefften, und den heiligen Nikolaus um Schutz anriefen, während sie hinüber fuhren, liegt ein kleiner Marktflecken oder ländlicher Hafenplatz, den Manche Greensburgh nennen, der aber allgemeiner und besser unter dem Namen Tarry Town (Zauder-Stadt) bekannt ist. Dieser Name ward ihm, wie man uns erzählt, in früheren Zeiten von den guten Hausfrauen in der umliegenden Gegend gegeben, des eingewurzelten Hanges ihrer Männer wegen, sich an Markttagen in der Dorfschenke herumzutreiben. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich verbürge die Thatsache nicht, sondern erwähne ihrer nur, um genau zu sein, und bewährte Nachrichten zu geben. Nicht weit von diesem Dorfe, vielleicht gegen drei Meilen davon, ist ein kleines Thal, oder vielmehr eine Vertiefung, zwischen hohen Hügeln, einer der stillsten Orte in der ganzen Welt. Ein kleiner Bach gleitet durch denselben hin, und murmelt gerade nur laut genug, um Jemand dabei einzuschläfern; und der von Zeit zu Zeit ertönende Schlag einer Wachtel, der das Picken eines Holzhackers sind beinahe die einzigen Laute, welche diese einförmige Stille unterbrechen. Ich besinne mich, daß ich, noch ein junger Bursche, meine erste Eichhörnchenjagd in einer Gruppe hoher Wallnußbäume anstellte, welche die eine Seite dieses Thales beschattet. Ich war um die Mittagszeit, wo die Natur besonders ruhig ist, in dieselbe gewandert, und wurde durch den Knall meiner eigenen Flinte erschreckt, als er die Sabbathstille rundumher unterbrach, und von dem zürnenden Widerhall verlängert und vervielfältigt zurückgegeben ward. Wenn ich mir je einen Ort wünschen sollte, wohin ich mich von der Welt und ihren Zerstreuungen zurückziehen, und den übrigen Theil eines bewegten Lebens ruhig verträumen möchte, so kenne ich keinen anziehendern, als dieses kleine Thal. Wegen der lautlosen Ruhe des Ortes und des eigenthümlichen Charakters der Einwohner desselben, welche Abkömmlinge der ursprünglichen holländischen Ansiedler sind, war dieser abgeschiedene Fleck seit langer Zeit unter dem Namen der schläfrigen Schlucht bekannt, und die dortigen Bauernbursche wurden in der ganzen Gegend die Jungen aus der schläfrigen Schlucht genannt. Ein schläfriges, träumerisches Wesen scheint auf dem ganzen Lande zu liegen und selbst in der Atmosphäre vorzuherrschen. Einige behaupten, der Ort sei von einem hochdeutschen Doctor in den frühern Tagen der Niederlassung behext worden; nach Andern hat ein alter indianischer Häuptling, ein Prophet oder Zauberer seines Stammes, seinen Hexensabbath dort gehalten, ehe das Land von Meister Hendrick Hudson entdeckt worden war. Gewiß ist es, der Ort steht noch immerwährend in der Gewalt irgend einer Zaubermacht, welche über die Gemüther der guten Leute ihre Herrschaft ausübt und Ursache ist, daß sie in einem beständigen Traume umherwandeln. Sie sind allen Arten von Wunderglauben ergeben, Verzückungen und Gesichtern unterworfen, sehen häufig allerhand sonderbare Erscheinungen, und hören Musik und seltsame Stimmen in der Luft. Die ganze Gegend ist voll von Ortssagen, Plätzen, wo es umgeht und Zwielichtsaberglauben. Sterne schneutzen sich in diesem Thale öfter, Feuerkugeln lassen sich häufiger hier sehen, als in irgend einem Theile des Landes, und der Alp mit allen seinen neun Kindern scheint es zum Lieblingsplatz für seine Spiele erwählt zu haben. Der Hauptgeist aber, welcher diese bezauberte Gegend besucht, und der Oberbefehlshaber aller der Mächte in der Luft zu sein scheint, ist die Erscheinung eines Reiters ohne Kopf. Einige sagen, es sei der Geist eines hessischen Cavalleristen, dem eine Kanonenkugel, in irgend einer namenlosen Schlacht während des Revolutionskrieges, den Kopf weggenommen habe, und der von Zeit zu Zeit von den Landleuten, in der Dunkelheit, wie auf Windesflügeln dahin reitend, gesehen wird. Seine Besuche sind nicht allein auf das Thal beschränkt, sondern dehnen sich auch zu Zeiten auf die nahegelegenen Landstraßen, und namentlich bis in die Nähe einer Kirche aus, welche in einer nicht großen Entfernung liegt. In der That, einige der glaubwürdigsten Geschichtsschreiber jener Gegenden, welche die zerstreuten Angaben über dieses Gespenst sorgfältig gesammelt und mit einander verglichen haben, führen an, daß, nachdem der Körper des Reiters auf dem Kirchhofe beerdigt worden, der Geist Nachts auf das Schlachtfeld reite, um seinen Kopf zu suchen, und daß die gewaltige Eile, in welcher er zuweilen, wie ein mitternächtlicher Sturmwind, durch die Schlucht sauset, daher komme, daß er sich verspätet habe und in solcher Hast vor Tagesanbruch auf dem Kirchhofe zurücksein wolle. So lautet im Allgemeinen dieser sagenhafte Aberglaube, welcher Stoff zu mancher abenteuerlichen Geschichte in jenem Schattenbezirke geliefert hat; und das Gespenst ist an allen Kaminen im Lande, unter dem Namen des kopflosen Reiters aus der schläfrigen Schlucht bekannt. Es ist merkwürdig, daß die Neigung, Gesichte zu sehen, deren ich erwähnt habe, sich nicht auf die Eingebornen des Thales beschränkt, sondern daß ein Jeder, der dort eine Zeitlang sich aufhält, unbewußt davon ergriffen wird. So hellwachend und unbefangen er auch gewesen sein mag, ehe er diese schläfrige Gegend betrat, so kann er gewiß sein, in kurzer Zeit äußert sich der bezaubernde Einfluß der Luft bei ihm, und er fängt an, einbildungsreich zu werden – Träume zu haben und Erscheinungen zu sehen. Ich erwähne dieses friedlichen Flecks mit allem möglichen Lobe; denn in solchen kleinen einsamen holländischen Thälern, welche man hie und da in dem großen Staate von Neu-York antrifft, bleiben Bevölkerung, Sitten und Gewohnheiten unverändert; während der große Strom der Wanderung und Ausbildung, der in anderen Theilen dieses rastlosen Landes so unaufhörliche Veränderungen bewirkt, bei ihnen unbemerkt vorüberrauscht. Sie sind wie jene kleinen Winkel stillen Wassers, welche man an den Ufern eines reißenden Stromes findet; wo man das Stroh und die Wasserblasen ruhig liegen, oder in ihrem kleinen Hafen umhertreiben sieht, von der Gewalt der vorbeieilenden Strömung bewegt. Obgleich manche Jahre verflossen sind, seitdem ich die betäubenden Schatten der schläfrigen Schlucht betreten, so glaube ich dennoch, daß ich noch jetzt eben dieselbe Bäume und dieselben Familien in ihrem geschirmten Schooße fortleben finden würde. In diesem Schlupfwinkel der Natur wohnte, in einer früheren Periode der amerikanischen Geschichte, das heißt etwa vor dreißig Jahren, ein würdiger Mann, mit Namen Ichabod Crane, der sich in der schläfrigen Schlucht aufhielt, oder dort »zauderte,« wie man sich auszudrücken pflegt, in der Absicht, die Kinder in der Umgegend zu unterrichten. Er war in Connecticut geboren; einem Staate, welcher die vereinigten Provinzen mit Arbeitern für den Geist so wie für die Waldung versieht, und alljährlich ganze Legionen von Grenzholzfällern und Landschulmeistern herausschickt. Der Zunahme Crane (Kranich) paßte sich nicht schlecht zu seiner Gestalt. Er war groß, aber sehr dürr, hatte schmale Schultern, lange Arme und Beine, Hände, welche eine Meile weit aus seinen Aermeln hervorragten, Füße, die zu Schaufeln gedient haben könnten, und seine ganze Gestalt hing höchst locker zusammen. Sein Kopf war klein und oben platt, mit gewaltigen Ohren, großen grünen, glasartigen Augen und einer langen Schnepfennase, die wie ein Wetterhahn aussah, der auf seinem Spindelhalse steckte, um zu verkünden, woher der Wind wehe. Wenn man ihn, an einem windigen Tage, von dem Abhange eines Hügels herabsteigen sah, wie seine Kleider um ihn her beutelten und schwebten, hätte ihn Jedermann für den Genius der Hungersnoth, der sich auf die Erde herabließe, oder für eine, auf einem Kornfelde entlaufene Vogelscheuche nehmen mögen. Sein Schulhaus war ein niedriges Gebäude von einem Zimmer, roh aus Holzblöcken zusammengezimmert; die Fenster theils mit Glasscheiben versehen, theils mit Blättern aus alten Schreibbüchern verklebt. In den Feierstunden wurde es sehr künstlich dadurch verwahrt, daß eine Weidenruthe in die Thürklinke gebunden und Stangen von Außen gegen die Fensterladen gesetzt waren, so daß ein Dieb, wenn er gleich mit vollkommener Leichtigkeit in das Haus gelangen konnte, einige Schwierigkeiten gefunden haben würde, wieder herauszukommen: ein Gedanke, welchen der Baumeister Jost van Houten höchst wahrscheinlich von dem Geheimniß einer Aalreuse geborgt hatte. Das Schulhaus stand in einer etwas einsamen, aber angenehmen Gegend, gerade an dem Fuße eines waldigen Hügels, an dem ein Bach nahe vorbei floß, und an einer Ecke des Gebäudes erhob sich eine furchtbare Birke. Von hier aus konnte man an einem schläfrigen Sommertage das leise Gemurmel der Stimme seiner Schüler, die ihre Aufgaben hersagten, wie das Summen eines Bienenschwarms, vernehmen; dann und wann wurde dieses Geflüster durch die nachdrucksvolle Stimme des Lehrers, der einen Befehl oder eine Drohung laut werden ließ, oder wohl auch durch den entsetzlichen Schall der Ruthe unterbrochen, wenn er irgend einen auf dem blumigen Pfade des Wissens träge Dahinschlendernden ermunterte. Er war, die Wahrheit zu sagen, ein gewissenhafter Mann, der den goldenen Spruch stets im Sinne trug: »Spare die Ruthe und verziehe das Kind.« Ichabod Crane's Schüler wurden gewiß nicht verzogen. Ich will indessen Niemand zur Ansicht verleiten, er sei einer von den grausamen Schulmonarchen gewesen, welche sich der Leiden ihrer Unterthanen freuen; im Gegentheil, er verwaltete die Gerechtigkeit eher mit ruhiger Ueberlegung, als mit Strenge; denn er nahm von den Schultern der Schwachen die Last hinweg, und legte sie denen der Starken auf. Bei dem schwächlichen Knaben, der bei der geringsten Bewegung mit der Ruthe zuckte, ging sie mit Milde vorüber; aber den Forderungen der Gerechtigkeit ward volle Genüge dadurch, daß ein doppeltes Maaß irgend einem kleinen, zähen, starrköpfigen, breitschuldrigen holländischen Buben aufgezählt wurde, der unter der Ruthe aufbrauste, sich spreizte, heimtückisch wurde und sich verstockt zeigte. Alles dieß nannte er »an ihrer Eltern Statt seine Pflicht thun,« und er ertheilte nie eine Züchtigung, ohne ihr die für den geschlagenen Buben so tröstliche Versicherung folgen zu lassen, daß »er gewiß daran gedenken, und ihm den spätesten Tag, den er zu leben habe, noch dafür danken werde.« Nach dem Schlusse der Schulstunden ward er sogar der Gefährte und Spielgenosse der größeren Knaben; und an Feiertagsnachmittagen führte er auch wohl Manche von den Kleineren heim, die zufällig artige Schwestern hatten, oder deren Mütter gute Hausfrauen und ihrer reichlich versehenen Schenktische willen bekannt waren. In der That, er hatte es nöthig, mit seinen Schülern auf gutem Fuße zu bleiben. Die Einkünfte, welche ihm aus seiner Schule wurden, waren gering und würden kaum zu dem täglichen Brode hingereicht haben, denn er war ein gewaltiger Esser, und hatte, bei all seiner Magerkeit, doch die Ausdehnbarkeit einer Anakonda ; allein er erhielt, um sein Auskommen zu erleichtern, nach der in jenen Gegenden üblichen Sitte, in den Häusern der Gutsbesitzer, deren Kinder er unterrichtete, Kost und Wohnung. Bei diesen wohnte er abwechselnd eine Woche, und machte auf diese Weise, indem er alle seine weltlichen Habseligkeiten in ein baumwollenes Schnupftuch band, die Runde bei ihnen. Damit dieß jedoch die Beutel seiner ländlichen Gönner, welche die Kosten des Schulhaltens als eine beschwerliche Bürde und die Schulmeister als bloße Hummeln anzusehen pflegten, nicht zu sehr beschweren möchte, hatte er allerhand Auswege, sich sowohl nützlich als angenehm zu machen. Er stand den Landleuten bei den leichtern Feldarbeiten bei; half ihnen beim Heumachen; besserte die Zäune aus; ritt die Pferde in die Tränke; trieb die Kühe von der Weide; und spaltete Holz für das Winterfeuer. Er legte auch die gebietende Würde und das unumschränkte Herrscherwesen, womit er sein kleines Reich, die Schule, regierte, ab, und wurde wunderbar freundlich und einschmeichelnd. Er fand Gnade in den Augen der Mütter, indem er die Kinder, besonders die jüngern, liebkoste und pflegte, wie der Leue kühn, der so großsinnig weiland das Lamm umfing, mit einem Kinde auf einem Kniee dazusitzen und ganze Stunden mit dem Fuße eine Wiege zu schaukeln. Zu seinen andern Berufsgeschäften kam auch noch das eines Singlehrers der Gegend, und er gewann sich manchen blanken Schilling dadurch, daß er die jungen Bursche im Psalmsingen unterrichtete. Er war nicht wenig stolz darauf, am Sonntage, vorn auf dem Kirchenchor mit einer Anzahl auserlesener Sänger da zu stehen, wo er dann, nach seiner Meinung, dem Pfarrer die Palme abgewann. Gewiß ist es, daß seine Stimme alle übrigen in der Gemeine übertönte; und man hört noch jetzt in der Kirche ganz besondere Triller, die man wohl eine Meile weit. vielleicht bis an das entgegengesetzte Ufer des Mühlteiches, vernehmen kann, und welche rechtmäßig von Ichabod Crane's Nase herstammen sollen. So half sich, mit verschiedenen kleinen Auswegen, auf die erfinderische Weise, die man gewöhnlich »mit Recht oder Unrecht« nennt, der würdige Pädagog durch, und Alle, welche von der Kopfarbeit nichts verstanden, meinten, daß er ein wunderbar angenehmes Leben dabei führe. Der Schulmeister ist in dem Frauenkreise einer ländlichen Gegend gewöhnlich ein Mann von einiger Bedeutsamkeit; denn er wird als eine Art müßiger, anständiger Personen angesehen, die bei weitem mehr Geschmack und Bildung hat, als die rohen Bauernbursche. und in der That an Gelehrsamkeit bloß dem Pfarrer nachsteht. Seine Erscheinung verursacht daher gewöhnlich einige Bewegung an dem Theetische eines Meierhofes, und gibt wohl Anlaß, daß als Zugabe ein Teller mit Kuchen oder Zuckerwerk aufgetragen, vielleicht gar mit einer silbernen Theekanne geprunkt wird. Unser gelehrter Mann war daher in der Huld aller Landmädchen vorzüglich glücklich. Wie paradirte er unter ihnen auf dem Kirchhofe, vor und nach dem Gottesdienste an Sonntagen! Er brach für sie Trauben von den wilden Weinreben, welche die umherstehenden Bäume umrankten; las, zu ihrer Unterhaltung, alle die Grabschriften auf den Denkmälern ab; oder schlenderte, mit einem ganzen Schwarme derselben, an den Ufern des benachbarten Mühlteiches umher; während die schüchterneren Dorflümmel schaafsmäßig zurückblieben, und seine größere Zierlichkeit und Gewandtheit mit Neid ansahen. Durch sein halbreisendes Leben ward er zu einer Art von wandelnder Zeitung, welche die ganze Masse des Ortsgeklatsches von einem Hause zum andern trug, so daß man ihn allemal mit Vergnügen kommen sah. Er wurde überdieß von den Frauen für einen Mann von großer Gelehrsamkeit gehalten, denn er hatte mehrere Bücher ganz durchlesen, und wußte Cotton Mather's Geschichte der Zauberei in Neu-England, an die er beiläufig gesagt, steif und fest glaubte, fast auswendig. Der Mann war in der That ein sonderbares Gemisch von natürlichem Scharfsinn und einfältiger Leichtgläubigkeit. Seine Sucht nach allem Wunderbaren, und seine Kräfte, es zu verdauen, waren gleich außerordentlich; und beide waren durch seinen Aufenthalt in dieser bezauberten Gegend bedeutend vermehrt worden. Keine Sage war für seinen geräumigen Magen zu plump oder zu ungeheuer. Es war oft sein Ergötzen, sich, wenn am Nachmittage die Schule entlassen war, auf das üppige Kleebett an dem kleinen Bach, der an seinem Schulhause dahinmurmelte, hinzustrecken, und hier des alten Mather's schreckliche Geschichten zu durchlesen, bis die allmählig einbrechende Abend-Dämmerung den Druck vor seinen Augen in Nebel zusammenfließen ließ. Wenn er dann seinen Weg durch Moräste und Ströme und schauerliche Waldgegenden nach dem Pachterhause antrat, wo er gerade einquartiert ward, erregte jeder Ton der Natur, in dieser Zauberstunde, seine aufgeregte Einbildungskraft gewaltig: so der Klagelaut des Whip-poor-will von dem Abhange des Hügels; der ahnungsvolle Schrei des Brüllfrosches, dieses Verkündigers des Sturmes; das traurige Geächze der Nachteule; oder das plötzliche Rauschen aus ihrem Nest aufgeschreckter Vögel im Dickicht. Auch die Leuchtwürmer, welche an den dunkelsten Stellen sehr lebendig funkelten, erschreckten ihn dann und wann, wenn einer von ungewöhnlichem Glanze quer über seinen Pfad schwebte; und wenn, durch Zufall, ein großer Tölpel von Käfer die plumpen Flügel gegen seinen Kopf schlug, so war der arme Wicht nahe daran, seinen Geist über den Gedanken aufzugeben, daß er jetzt von einer Hexe bezeichnet worden sei. Seine einzige Zuflucht bei solchen Gelegenheiten, um entweder die Gedanken zu ersticken, oder die bösen Geister weg zu scheuchen, war, Psalmen zu singen; – und die ehrlichen Bewohner der schläfrigen Schlucht, wenn sie Abends vor der Thüre saßen, wurden oft mit Grauen erfüllt, wenn sie seine näselnde Melodie, »in verketteter Lieblichkeit lang hinausgezogen,« von dem entfernten Hügel oder die staubige Landstraße entlang daherschweben hörten. Eine andere Quelle seines schauerlichen Vergnügens war es, die langen Winterabende bei den alten holländischen Frauen zuzubringen, während diese mit ihren Spinnrädern bei dem Feuer saßen, und eine Reihe von Aepfeln auf dem Herde briet und zischte; und ihre wunderbaren Erzählungen von Gespenstern und Kobolden, von spukenden Feldern, Bächen, Brücken und Häusern und namentlich von dem kopflosen Reiter, oder von dem »galoppirenden Hessen aus der Schlucht,« wie er zuweilen genannt wurde, anzuhören. Dagegen ergötzte er sie wieder mit seinen Anecdoten von Hexereien, von den furchtbaren Anzeichen und erschrecklichen Gesichten und Tönen in der Luft, welche in frühern Zeiten in Connecticut gewöhnlich waren; und setzte sie in gewaltige Furcht mit Betrachtungen über Cometen und Sternschnuppen; und mit der entsetzlichen Thatsache, daß die Welt sich durchaus drehe, und daß sie die Hälfte ihrer Zeit auf dem Kopfe stünden. Wenn indessen alles dieß ganz angenehm war, während er sich behaglich in der Kaminecke eines Zimmers zusammendrücken konnte, welche das prasselnde Holzfeuer mit einem röthlichen Scheine ganz beleuchtete, und wo natürlich kein Gespenst sein Gesicht sehen lassen durfte, so ward es durch die Schrecken seines später folgenden Nachhauseganges theuer erkauft. Welche furchtbare Gestalten und Schatten belagerten seinen Weg in dem trüben, grausigen Glanze einer Schneenacht! – Mit welchem argwöhnischen Blicke betrachtete er jeden zitternden Lichtstrahl, der aus irgend einem entfernten Fenster über die öden Felder dahinstreifte! – Wie oft erschreckte ihn ein mit Schnee bedeckter Strauch, der wie ein in ein Leichentuch gehülltes Gespenst sich gerade in seinen Weg stellte! – Wie oft schrak er mit starrem Entsetzen vor dem Schall seiner eigenen Fußtritte auf der Frostrinde unter seinen Füßen zurück; und fürchtete sich, über seine eigene Schulter zurückzublicken, um nicht irgend eine seltsame Gestalt dicht hinter sich hertappen zu sehen! – Und wie oft wurde er, von irgend einem Windstoß, der in den Blättern heulte, in völlige Verzweiflung getrieben, da er nicht anders glaubte, als es sei der galoppirende Hesse auf einem seiner nächtlichen Züge! Alles dieß waren indessen bloße Schrecken der Nacht, Phantome des Geistes, welche in Finsterniß wandeln; und obgleich er zu seiner Zeit manche Gespenster gesehen hatte, und mehr als einmal auf seinen einsamen Spaziergängen von dem Satan in verschiedenen Gestalten heimgesucht worden war, so setzte doch das Taglicht allen diesen Uebeln ein Ziel; und er würde, dem Teufel und allen seinen Werken zum Trotz, ein ganz angenehmes Leben geführt haben, wäre sein Weg nicht von einem Wesen durchkreuzt worden, dergleichen den Sterblichen mehr Noth machen, als alle Gespenster, Kobolde und das ganze Geschlecht der Hexen zusammengenommen; und dieß war – ein Weib. Unter den Singschülern, welche sich an einem Abend in jeder Woche versammelten, um seinen Unterricht im Psalmensingen zu empfangen, war auch Katharina van Tassel, die Tochter und das einzige Kind eines wohlhabenden holländischen Landwirthes. Sie war ein blühendes Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren; rund wie ein Rebhuhn; reif und mürbe und rosenwangig wie eine von den Pfirsichen ihres Vaters; und überall nicht allein ihrer Schönheit, sondern auch ihrer ausgedehnten Aussichten wegen berühmt. Sie war dabei etwas coquett, wie man schon an ihrer Kleidung sehen konnte, welche ein Gemisch von alten und neuen Moden war, wie diese am meisten dazu dienten, ihre Reize hervorzuheben. Sie trug den Schmuck von purem gelben Golde, welchen ihre Ur-Ur-Großmutter von Saardam herübergebracht hatte; den verführerischen Brustlatz aus der alten Zeit; und dabei einen auffallend kurzen Rock, um den niedlichsten Fuß und Knöchel in der Gegend umher sehen zu lassen. Ichabod Crane hatte ein sanftes, mitleidiges Herz gegen das andere Geschlecht; und man darf sich nicht wundern, daß ein so verführerischer Bissen bald Gnade vor seinen Augen fand, besonders, nachdem er sie in ihrer väterlichen Wohnung heimgesucht hatte. Der alte Baltes van Tassel war das vollkommene Muster eines wohlhabenden, zufriedenen, gemüthlichen Landwirths. Wahr ist es, er ließ selten seine Augen oder seine Gedanken über die Grenzen seiner eigenen Besitzung hinausgehen; innerhalb dieser aber war Alles behaglich, glücklich und wohlbeschaffen. Er gefiel sich in seinem Reichthum, war aber nicht stolz darauf; und that sich eher auf seinen reichlichen Ueberfluß, als auf die Art, wie er lebte, etwas zu Gute. Sein festes Bollwerk war an den Ufern des Hudson belegen, in einem jener grünen, wohlbeschützten, fruchtbaren Winkel, worin die Holländer so gerne nisten. Eine große Ulme breitete ihre ausgedehnten Zweige darüber aus; an dem Fuße derselben sprudelte ein Quell des süßesten und angenehmsten Wassers in einen kleinen, aus einem Fasse gebildeten Brunnen; und stahl sich dann schäumend durch das Gras zu einem benachbarten Bache hin, der unter Erlen und Zwergweiden dahinmurmelte. Dicht neben dem Wohnhause war eine große Scheune, die zu einer Kirche gedient haben könnte; jedes Fenster und jede Spalte derselben schien von den Schätzen des Meierhofes zu bersten; der Dreschflegel tönte geschäftig vom Morgen bis zur Nacht darin; Haus und Mauerschwalben strichen zwitschernd um die Gesimse; und Flüge von Tauben, von denen einige mit einem Auge aufblickten, als ob sie das Wetter beobachteten, einige die Köpfe unter die Flügel oder in die Brust steckten, und andere sich aufbliesen, und girrten, und gegen ihre Weibchen sich neigten. genossen des Sonnenscheins auf dem Dache. Feiste unbehülfliche Schweine grunzten in Ruhe und Ueberfluß in ihren Ställen, aus denen dann und wann Haufen von Spanferkeln hervorstürzten, als ob sie die Luft wittern wollten. Ein stattliches Geschwader von schneeweißen Gänsen schwamm auf einem benachbarten Teiche umher, und beschützte ganze Flotten von Enten; Regimenter von Truthühnern kollerten auf dem Hofe umher, und Perlhühner gingen, wie verdrießliche Hausfrauen, mit ihrem grämlichen mißvergnügten Geschrei hin und her. Vor dem Scheunenthore stolzirte der tapfere Hahn, das Muster eines Ehemannes, eines Kriegers und eines feinen Herrn, seine schimmernden Flügel schlagend, und im Stolze und in der Freude seines Herzens laut krähend – zuweilen mit seinen Füßen die Erde scharrend, und dann, großmüthiger Weise, seine immer hungrige Familie herbeirufend, sich des fetten Bissens zu erfreuen, den er entdeckt hatte. Dem Pädagogen wässerte der Mund, als er auf diese prächtigen Verheißungen einer üppigen Winterkost blickte. In seinem verschlingenden Gemüths-Auge sah er schon jedes Spanferkel gebraten mit einem Pudding im Leibe und einem Apfel im Maule umherlaufen; die Tauben waren sanft in eine Pastete gebettet und unter einem Deckel von Kruste verborgen; die Gänse schwammen in ihrem eigenen Fette, und die Enten lagen traulich, wie neuvermählte Paare, zu Zweien in den Schüsseln, bei einem anständigen Vorrathe von Zwiebelbrühe. In den größeren Schweinen sah er schon die künftige fette Speckseite und den saftigen, schmackhaften Schinken abgeschnitten; es gab keinen Truthahn, den er nicht zierlich aufgestutzt, mit dem Magen unter dem Flügel und vielleicht einem Halsbande von schmackhaften Würsten, gesehen hätte; und selbst der stolze Singhahn lag auf seinem Rücken, in einer Nebenschüssel, mit aufwärts gekehrten Krallen, als ob er die Gnade erbitten wollte, die sein ritterlicher Geist, so lange er lebte, zu fordern verschmäht hatte. Indem der entzückte Ichabod sich alles dieß dachte, und seine großen, grünen Augen über die fetten Wiesen, die reichen Weizen-, Roggen-, Buchweizen- und Maisfelder, und die mit röthlichen Früchten beladenen Obstgärten, welche die warme Wohnung van Tassel's umgaben, dahinrollen ließ, sehnte sich sein Herz nach dem Mädchen, welches diese Besitzungen erben sollte, und seine Einbildungskraft dehnte sich bei dem Gedanken aus, wie leicht man sie in baares Geld verwandeln und dieß zum Ankauf ungeheurer Strecken wüsten Landes und zu Schindelpalästen verwenden könnte. Ja, seine geschäftige Einbildungskraft verwirklichte bereits seine Hoffnungen, und stellte ihm die blühende Katharina dar, wie sie, mit einer ganzen Familie von Kindern, oben auf einem mit allerhand Hausrath beladenen Wagen saß, während Töpfe und Kessel unter demselben baumelten; sich selbst sah er auf einer ruhigen Stute, mit einem Füllen auf ihren Fersen, auf dem Wege nach Kentucky, Tennessee, oder Gott weiß wohin. Als er in das Haus trat, war die Eroberung seines Herzens vollständig. Es war eines von jenen geräumigen Wohnhäusern, mit hohem Giebel, aber niedrigem Dach, in dem Style erbaut, welcher von den ersten holländischen Ansiedlern sich fortgepflanzt hatte; die niedrigen vorspringenden Gesimse bildeten vor dem Hause eine Art von Bogengang, der bei schlechtem Wetter geschlossen werden konnte. Unter diesem hingen Dreschflegel, Pferdegeschirre, mehrere Ackergeräthe und Netze zum Fischfange in dem benachbarten Flusse. Bänke waren an den Wänden zum Gebrauche im Sommer angebracht; und ein großes Spinnrad an dem einen Ende und ein Butterfaß am andern deuteten darauf hin, zu wie vielfachem Gebrauche diese wichtige Vorhalle benutzt werden könne. Aus diesem Bogengange trat der verwunderte Ichabod in den Saal, welcher den Mittelpunkt des Gebäudes und den gewöhnlichen Aufenthaltsort der Familie bildete. Hier blendeten Reihen von glänzendem Zinn, die auf dem langen Anrichtetisch ausgestellt waren, seine Augen. In einem Winkel stand ein großer Sack mit Wolle, der zum Verspinnen bereit war; in einem andern lag ein Pack Beiderwand, das so eben vom Webestuhl gekommen; Maisähren und Schnüre gedörrter Aepfel und Pfirsichen hingen in lustigen Bogengehängen die Wände entlang, mit der Pracht von rothen Pfefferkolben dazwischen; und eine halb offen gelassene Thüre ließ ihn einen Blick in das Gesellschaftszimmer thun, wo die Stühle mit Klauenfüßen und die dunkeln Mahogony-Tische wie Spiegel glänzten; Feuerböcke, mit den dazu gehörigen Schaufeln und Zangen, schienen aus ihrer Bedeckung von Spargelkraut hervor; künstliche Orangen und Muscheln schmückten das Kamingesims; Schnüre von vielfarbigen Vogeleiern waren darüber aufgehängt; von der Mitte des Zimmers herab hing ein großes Straußei, und ein Eckschrank, bedachtsamer Weise offengelassen, ließ einen ungeheuren Schatz von altem Silberzeuge und schön gemaltem Porzellan sehen. Von dem Augenblicke an, wo Ichabod seine Augen auf diese seligen Gefilde heftete, war es mit seinem Seelenfrieden ein Ende, und sein einziges Bemühen war dahin gerichtet, wie er die Neigung der unvergleichlichen Tochter van Tassel's gewinnen solle. Bei diesem Unternehmen hatte er jedoch mehr wirkliche Schwierigkeiten zu überwinden, als gewöhnlich einem irrenden Ritter in alten Zeiten zu Theil wurden, der selten etwas anders, als Riesen, Zauberer, feurige Drachen und dergleichen leicht zu besiegende Gegner zu bekämpfen hatte, und sich durch eiserne und metallene Thore und Mauern von Diamanten nach dem Burgverließ, wo die Dame seines Herzens gefangen saß, einen Weg bahnen mußte; welches Alles er so leicht verrichtete, wie Jemand jetzt sich mit dem Vorlegemesser einen Weg in eine Weihnachtspastete bahnen würde, worauf die Dame ihm, wie sich von selbst versteht, ihre Hand reichte. Ichabod dagegen mußte sich einen Weg zu dem Herzen einer Dorf-Coquette bahnen, von einer Menge Eigenheiten und Launen umlagert, die ihm alle Augenblicke neue Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legten; er hatte einen Schwarm furchtbarer Gegner von Fleisch und Blut, die zahlreichen ländlichen Bewunderer zu bekämpfen, welche jedes Thor zu ihrem Herzen besetzt hielten, wachsam und grollend einander beobachteten und bereit waren, für die gemeinschaftliche Sache gegen jeden neuen Bewerber in das Feld zu rücken. Unter diesen war der furchtbarste ein plumper, lärmender, tobender Bursche, Namens Abraham, oder, wie die Holländer den Namen abzukürzen pflegten, Brom van Brunt, der Held der Gegend umher, welche von seinen gewaltigen Thaten widerhallte. Er war breitschultrig und doppelsehnig, hatte kurzes, krauses, schwarzes Haar, und ein rohes, aber nicht unangenehmes Gesicht, in welchem sich eine Mischung von Lustigkeit und Anmaßung aussprach. Wegen seiner herkulischen Thaten und seiner großen Gliederstärke hatte er den Spottnamen Brom Bones (Brom-Knochen) erhalten, unter welchem er allgemein bekannt war. Er war seiner großen Kenntniß und Gewandtheit in der Reitkunst wegen berühmt, und so gut zu Pferde, als ein Tartar. Er war der Erste bei allen Wettrennen und Hahnengefechten; und bei der Ueberlegenheit, welche auf dem Lande körperliche Stärke immer zu verschaffen pflegt, war er in allen Streitigkeiten der Schiedsrichter, wo er seinen Hut auf die eine Seite setzte, und seine Aussprüche mit einer Art und einem Tone von sich gab, die keine Einrede und keine fernere Ansprache zuließen. Er war immer bereit zu Schlägereien oder zu einer Lustbarkeit; in seinem Wesen war mehr Neigung zum Unfug, als eigentliche Bosheit; und, bei aller seiner gewaltigen Rohheit, hatte er doch einen starken Zug leichtfertiger Gutmüthigkeit im Herzen. Er hatte drei oder vier lustige Gesellen seines Gelichters, welche ihn als ihr Muster betrachteten, und an deren Spitze er die Gegend durchstrich und jedem Handel, jeder Lustbarkeit viele Meilen in der Runde beiwohnte. Bei kaltem Wetter zeichnete er sich durch eine Pelzmütze aus, mit einem fliegenden Fuchsschwanze darüber; und wenn die Landleute bei irgend einer allgemeinen Versammlung diese wohlbekannte Helmzierde in einiger Entfernung aus einem Haufen gewaltiger Reiter hervorwinken sahen, so gingen sie immer aus dem Wege, denn sonst gab es Sturm. Zuweilen hörte man seine Mannschaft in der Mitternacht mit einem gewaltigen Geschrei und Halloh, wie einen Trupp donischer Kosacken an den Meierhöfen vorbeisprengen, und die alten Frauen, aus ihrem Schlafe aufgeschreckt, lauschten wohl einen Augenblick, bis das Braus und Saus vorbeigerasselt war, und riefen dann: »das ist Brom Bones mit seiner Bande!« Die Nachbarn betrachteten ihn mit einer Mischung von Furcht, Bewunderung und Zuneigung, und schüttelten, sobald irgend ein toller Streich oder eine Schlägerei in der Gegend vorfiel, jedesmal den Kopf, und glaubten zuverlässig, Brom Bones sei dabei besonders im Spiele gewesen. Dieser wüste Held hatte seit einiger Zeit die blühende Katharina zum Gegenstande seiner plumpen Galanterien ausersehen, und obgleich seine verliebten Zärtlichkeiten etwas von den zarten Liebkosungen und Schmeicheleien eines Bären an sich hatten, so flüsterte man doch, daß sie seine Hoffnungen nicht ganz wegweise. Gewiß ist es, sein Vortreten war die Losung für das Zurückziehen der übrigen Bewerber, die keine Lust fühlten, einem Löwen bei seiner Liebe im Wege zu stehen; wenn man also Sonntag Abends sein Pferd an van Tassel's Stacket angebunden sah, ein sicheres Zeichen, daß dessen Herr drinnen den Hof mache, oder, wie man es nennt, »den Angenehmen spiele,« so gingen alle übrigen Bewerber in Verzweiflung vorüber und spielten den Krieg in eine andere Gegend. Dieß war der furchtbare Nebenbuhler, gegen den Ichabod Crane zu kämpfen hatte, und, Alles genau betrachtet, würde ein Stärkerer als er, von der Mitbewerbung zurückgetreten sein, und ein Klügerer würde jede Hoffnung aufgegeben haben. In seinem Wesen lag aber eine glückliche Mischung von Biegsamkeit und Beharrlichkeit; er war der Gestalt und dem Geiste nach wie ein geschmeidiger Draht – nachgiebig, aber zähe; obgleich er sich bog, brach er doch nie; und obgleich er sich bei dem leichtesten Drucke krümmte, so war er doch im Augenblicke – wo dieser nicht mehr wirkte, husch! so grade und trug seine Nase so hoch als jemals. Gegen seinen Nebenbuhler offen zu Felde zu ziehen, würde eine Tollheit gewesen sein; denn dieser war kein Mann, der sich bei seinen Liebschaften in die Quere kommen ließ, eben so wenig, als jener stürmische Liebhaber, Achilles. Ichabod begann daher seine Bewerbungen auf eine ruhige, sanfteinschmeichelnde Weise. Unter dem Deckmantel seines Charakters als Singlehrer, machte er häufige Besuche im Hause; nicht, als wenn er von den unangenehmen Einmischungen der Eltern, welche so oft auf dem Pfade der Liebenden zum Steine des Anstoßes werden, etwas zu fürchten gehabt hätte. Balt van Tassel war eine leicht zu behandelnde, nachsichtige Seele; er liebte seine Tochter noch mehr, als seine Pfeife, und ließ ihr, wie ein vernünftiger Mann und trefflicher Vater, in allen Dingen ihren Willen. Seine ehrliche kleine Frau hatte ebenfalls genug mit ihrem Hauswesen und der Sorge für ihr Geflügel zu thun; denn, wie sie sehr weise bemerkte, Enten und Gänse sind alberne Dinger, nach denen man zu sehen hat; Mädchen aber können auf sich selbst Acht geben. Während also die geschäftige Frau sich im Hause umher tummelte, oder an dem einen Ende des Bogenganges ihr Spinnrad in Bewegung setzte, saß der ehrliche Balt, sein Abendpfeifchen rauchend, an dem andern, und beobachtete die Thaten eines kleinen hölzernen Soldaten, der, mit einem Säbel in jeder Hand, auf der Dachspitze der Scheune den Wind tapfer bekämpfte. Während der Zeit betrieb Ichabod seine Bewerbungen bei der Tochter, an dem Bache unter der großen Ulme, oder indem er mit ihr im Zwielicht, dieser der Beredsamkeit der Liebenden so günstigen Stunde, spazieren ging. Ich gestehe, daß ich nicht weiß, wie man um Frauenzimmer eigentlich werben und sie gewinnen kann. Für mich sind sie immer Gegenstände des Errathens und der Bewunderung gewesen. Einige scheinen nur Eine verwundbare Stelle oder Einen Zugangsort zu haben; während man zu Anderen auf tausend Wegen gelangen, und sie auf tausend verschiedene Arten gewinnen kann. Es ist ein großer Triumph der Gewandtheit, wenn man die erstern gewinnen kann; allein es zeugt von ungleich größerm Feldherrntalent, wenn man sich der letztern zu bemeistern weiß; denn ein Mann muß, um die Festung zu erobern, jede Thür und jedes Fenster bestürmen. Wer tausend gewöhnliche Herzen gewinnt, ist daher einiges Ruhmes werth; wer aber eine unbestrittene Macht über das Herz einer Coquette ausübt, ist in der That ein Held. Gewiß ist es, daß dieß bei dem furchtbaren Brom Bones nicht der Fall war; und von dem Augenblick an, wo Ichabod Crane seine Bewerbung anfing, neigte sich der Glücksstern des Ersteren auffallend; man sah sein Pferd nicht mehr an den Sonntagsabenden an das Stacket gebunden, und eine tödtliche Fehde entstand allmählig zwischen ihm und dem Schullehrer aus der schläfrigen Schlucht. Brom, der einen Grad roher Ritterlichkeit in seinem Wesen hatte, würde die Sache gern bis zum offenen Kriege getrieben, und die Ansprüche, welche Beide auf die Dame machten, nach Art jener kräftigen, einfachen Logiker, der irrenden Ritter alter Zeiten – durch einen Zweikampf ausgemacht haben; allein Ichabod war sich der Ueberlegenheit seines Gegners zu sehr bewußt, um gegen ihn in die Schranken zu treten; er hatte von der Drohung des Bones gehört: »daß er den Schulmeister zusammenlegen, und auf einen Schrank stellen wollte,« und er hütete sich zu sehr, ihm dazu Gelegenheit zu geben. Es lag etwas ungemein verdrießliches in diesem hartnäckigen feindlichen Systeme; es blieb Bones nichts Anderes übrig, als all' den rohen Muthwillen, welcher ihm zu Gebote stand, in Bewegung zu setzen, und seinem Nebenbuhler praktische bäuerische Streiche zu spielen. Ichabod wurde der Gegenstand der launenhaftesten Verfolgung von Seiten Bones und seiner Bande roher Reiter. Sie beunruhigten sein bisher friedliches Gebiet, räucherten seine Singschule ein, indem sie den Schornstein verstopften; brachen bei Nacht in das Schulhaus, der furchtbaren Befestigung von Weidenruthen und Fensterstangen ungeachtet, und kehrten das Unterste zu Oberst, so daß der arme Schullehrer zu glauben anfing, sämmtliche Hexen aus der Nachbarschaft hielten hier ihre Zusammenkünfte. Was aber bei weitem unangenehmer war, Brom benutzte jede Gelegenheit, ihn in Gegenwart seiner Geliebten lächerlich zu machen, und er hatte einen schändlichen Hund, den er so abrichtete, daß er auf die komischste Art winseln mußte, und diesen führte er als einen Nebenbuhler Ichabod's ein, um sie im Psalmensingen zu unterrichten. Auf diese Art gingen die Sachen eine Zeitlang fort, ohne daß die gegenseitige Lage der streitenden Mächte sich wesentlich verändert hätte. An einem schönen Herbstnachmittage saß Ichabod, in Gedanken versunken, auf dem hohen Stuhle, von welchem er das, was in seinem kleinen wissenschaftlichen Reiche vorging, zu beobachten pflegte. In seiner Hand schwang er einen Stecken, das Scepter der despotischen Macht; das Birkenreis der Gerechtigkeit ruhte auf drei Nägeln hinter seinem Throne, ein starkes Schreckbild für alle Uebelthäter; während auf dem Schreibpult vor ihm allerhand Contreband-Artikel und verbotene Waffen, welche bei den müßigen Buben gefunden worden, zu sehen waren; halb verzehrte Aepfel, Knallbüchsen, Brummkreisel, Fliegenkäfige, und ganze Legionen kleiner, springender, papierner Vögel. Allem Anscheine nach war erst ganz kürzlich eine sehr eindrucksvolle Handlung der Gerechtigkeit vorgenommen worden, denn seine Schüler waren alle sehr aufmerksam über ihren Büchern beschäftigt, oder flüsterten leise hinter denselben, mit einem Auge auf den Lehrer gerichtet; und eine Art summender Stille herrschte in der ganzen Schulstube. Sie ward plötzlich durch die Erscheinung eines Negers, in einer packleinwandnen Jacke und weiten Beinkleidern, mit dem Bruchstücke eines runden Hutes, einem Merkurshute ähnlich, auf dem Kopfe, und auf einem struppigen, wilden, halbzugerittenen Füllen sitzend, das er, in Ermangelung eines Zaumes, mit einem Stricke lenkte, unterbrochen. Er kam klappernd an die Thür des Schulhauses mit einer Einladung an Ichabod, an einer lustigen Gesellschaft oder einem »Lust-Essen,« welches an diesem Abend bei Mynheer van Tassel stattfinden sollte, Theil zu nehmen, und, als er seine Botschaft mit der wichtigen Miene und mit dem Wortgepränge, womit ein Neger kleine Sendungen dieser Art auszurichten pflegt, überliefert hatte, setzte er über den Bach, und sprengte dann die Schlucht hinauf, voll von der Wichtigkeit und Eile seiner Botschaft. In der eben noch so ruhigen Schulstube war jetzt Alles in Bewegung und Aufruhr. Die Schüler mußten ihre Lektion in der Eile durchmachen, ohne anzuhalten, oder bei Kleinigkeiten zu verweilen; die Behenderen unter ihnen überhüpften ungestraft die Hälfte, und die Langsameren erhielten dann und wann eine kräftige Ermunterung auf den Rücken, um sie zur Eile anzutreiben und ihnen über ein schwieriges Wort hinwegzuhelfen. Die Bücher wurden an die Seite geschleudert, ohne daß sie auf die Bretter gestellt wurden, Dintefässer umgeworfen, Bänke umgestürzt und die ganze Schule eine Stunde früher als gewöhnlich entlassen, so daß sie wie eine Legion junger Teufelchen herausstürzte, und vor Freude über ihre zeitige Freilassung auf dem Grün umher laut belferte und tobte. Der zierliche Ichabod brachte jetzt wenigstens eine halbe Stunde länger als sonst bei der Toilette zu, bürstete und putzte seinen besten, und in der That einzigen, verschossenen schwarzen Anzug heraus, und brachte sein Haar vor einem Stück zerbrochenen Spiegel, das im Schulhause hing, in Ordnung. Um vor seiner Gebieterin in dem echten Styl eines Cavaliers zu erscheinen, lieh er sich ein Pferd von dem Landmann, bei welchem er gerade wohnte, einem cholerischen alten Holländer, Namens Hans van Ripper, und zog nun, stattlich im Sattel sitzend, auf, wie ein irrender Ritter, der Abenteuer sucht. Ich muß indessen, in dem wahren Geiste der Romanschreibung, eine Art von Bericht über das Aussehen und die Ausstaffirung meines Helden und seines Rosses geben. Das Thier, welches ihn trug, war ein abgearbeitetes Ackerpferd, welches beinahe nichts mehr behalten hatte, als seine Fehler. Es war hager und rauh, mit einem Schafshals und einem Kopfe wie ein Hammer; seine rostige Mähne und der Schweif waren verwickelt und voller Kletten; ein Auge hatte die Sehkraft verloren und war starr und gespenstig; das andere hatte eine wahre Teufelsgluth in sich. In seiner Jugend mußte es indessen Feuer und Kraft gehabt haben, wenn man nach seinem Namen Gunpowder (Schießpulver) urtheilen durfte. Es war in der That das Lieblingspferd seines Herrn, des cholerischen van Ripper, gewesen, der ein wilder Reiter war, und höchst wahrscheinlich dem Thiere etwas von seinem eigenen Geiste mitgetheilt hatte; denn, alt und unbrauchbar, wie es aussah, hatte es doch mehr von dem Schaden-Teufel in sich, als irgend ein junges Füllen im Lande. Ichabod's Gestalt paßte zu einem solchen Rosse. Er ritt mit kurzen Steigbügeln, welches seine Kniee bis an den Sattelknopf brachte; seine spitzigen Elnbogen standen heraus wie die Beingelenke eines Grashüpfers; er führte seine Peitsche wie einen Scepter senkrecht in der Hand, und die Bewegung seiner Arme war, als sein Pferd dahinjuckelte, dem Schlagen eines Paares von Flügeln nicht unähnlich. Ein kleiner wollener Hut ruhte oben auf der Nasenwurzel, denn so konnte man den schmalen Streifen von Stirn wohl nennen, den er hatte, und die Schöße seines schwarzen Rocks flogen beinahe bis an den Schweif des Pferdes. So war das Aussehen von Ichabod und seinem Rosse, als sie aus dem Thore van Rippers herausstolperten, und das Ganze gewährte eine Erscheinung, wie man sie selten am hellen Tageslichte zu Gesichte bekommt. Es war, wie ich gesagt habe, ein schöner Herbsttag; der Himmel war klar und heiter, und die Natur trug das schöne, goldene Kleid, mit welchem wir immer in Gedanken den Begriff des Ueberflusses verbinden. Die Wälder hatten sich in ihr ernstes Braun und Gelb gekleidet, während einige Bäume von der zarteren Art durch den Frost schon glänzende Orangen-, Purpur- und Scharlachtinten erhalten hatten. Dahinziehende Reihen wilder Enten fingen an, sich hoch in der Luft sehen zu lassen; das Bellen des Eichhörnchens ließ sich aus den Gebüschen von Birken und Wallnußbäumen, und der nachdenkliche Schlag der Wachtel von Zeit zu Zeit von dem benachbarten Stoppelfelde, her vernehmen. Die kleineren Vögel hielten ihre Abschiedsgastmahle. In der Fülle ihrer Schwelgerei flatterten sie, zirpend und frohlockend, von Busch zu Busch, von Baum zu Baum, und der Ueberfluß und die Manichfaltigkeit um sie her schienen sie noch leckerhafter zu machen. Da war das ehrliche Rothkehlchen, das Lieblingswild angehender Jäger, mit seinem hellen klagenden Tone; und die zwitschernden Amseln, welche in den dunkelen Wolken umherflogen; und der goldgeflügelte Specht, mit seinem hochrothen Federbusche, seiner breiten schwarzen Halskrause und seinem glänzenden Gefieder; und der Cedervogel mit seinen Flügeln mit rothen Spitzen, seinem Schwanze mit gelber Spitze, und seiner kleinen Jägermütze von Federn; und der blaue Holzhäher, dieser lärmende Geselle, in seinem stattlichen hellblauen Rocke und weißen Unterkleidern, der schrie und schnatterte und nickte und wiegte sich und beugte sich, und that, als ob er mit jedem Sänger des Waldes auf gutem Fuße stehe. Wie Ichabod seines Weges langsam weiter zog, streifte sein Auge, immer für jedes Anzeichen von leiblichem Ueberfluß offen, mit Entzücken über die Schätze des fröhlichen Herbstes dahin. Auf allen Seiten sah er eine große Menge von Aepfeln; manche hingen in erdrückendem Ueberfluß an den Bäumen; andere waren in Körbe und Fässer gepackt, um zu Markte gebracht zu werden; andere in hohen Haufen aufgethürmt, um unter die Ciderpresse zu kommen. Weiterhin sah er große Felder mit Mais besetzt, deren goldene Kolben aus ihren laubigen Decken hervorblickten und Kuchen und weiche Puddings verhießen, und gelbe Kürbisse darunter liegend, welche ihre glatten runden Bäuche der Sonne zuwendeten und die schönsten Aussichten auf die prachtvollsten Pasteten eröffneten; dann kam er bei den duftenden Buchweizenfeldern vorüber, welche den Duft des Bienenkorbes aushauchten, und, als er sie betrachtete, bemächtigte sich seines Geistes eine süße Ahnung von den köstlichen, wohl mit Butter beschmierten, mit Honig oder Syrup überlegten Brodschnitten, welche ihm die zarte kleine, mit Grübchen gezierte Hand Katharina's van Tassel darreichen würde. So sein Gemüth mit manchen angenehmen und süßen Vermuthungen nährend, ritt er längs einer Reihe von Hügeln hin, von welchen man eine Aussicht auf einige der angenehmsten Gegenden an dem mächtigen Hudson hat. Die Sonne wälzte allmählich ihre breite Scheibe dem Westen zu. Der weite Schooß der Tappan-Zee lag unbeweglich und spiegelglatt da, ausgenommen, daß dann und wann ein sanftes Wogen den blauen Schatten der entfernten Berge hob und senkte und verlängerte. Einige wenige hochgelbe Wolken wogten am Himmel, ohne daß ein Lüftchen sie bewegt hätte. Der Horizont hatte eine schöne goldartige Färbung, welche sich allmählich in ein reines Apfelgrün, und darauf in das tiefe Blau des Aethers verwandelte. Ein schiefer Strahl verweilte noch auf den bewaldeten Spitzen der Anhöhen, welche über einige Theile des Flusses hinüberragten, und dem Dunkelgrau und Purpur ihrer Felsabhänge ein größeres Dunkel verliehen. In der Entfernung segelte langsam eine Schaluppe, welche gemach mit der Fluth fort trieb, während ihr Segel unnütz am Maste hing; und, wie der Widerschein des Himmels sich in dem stillen Wasser spiegelte, war es, als ob das Schiff in der Luft hinge. Der Abend war schon herangenaht, als Ichabod vor Mynheer van Tassel's Burg anlangte, die er mit dem Stolz und der Blüthe der umliegenden Gegend angefüllt fand. Alte Gutsbesitzer, ein mageres, lederngesichtiges Geschlecht, in Röcken und Beinkleidern von eigengemachtem Zeuge, blauen Strümpfen, großen Schuhen und prachtvollen zinnernen Schnallen. Ihre lebendigen verblühten kleinen Frauen, in eng anschließenden Hauben, kurzen Kleidern mit langen Taillen, selbstgesponnenen Röcken, mit Scheeren und Nadelkissen und herabhängenden bunten kattunenen Taschen. Flinke Mädchen, beinahe so altväterisch, wie ihre Mütter, ausgenommen da, wo ein Strohhut, ein schönes Band, oder vielleicht ein weißes Kleid auf eine Neuerung von der Stadt aus hindeuteten. Die Söhne, in kurzen Röcken mit viereckten Schößen und Reihen von ungeheuren metallenen Knöpfen, und ihr Haar in der Regel nach der Mode der Zeit eingeflochten, besonders wenn sie zu diesem Zweck eine Aalhaut erhalten konnten, da diese in der ganzen Gegend als besonders stärkend für das Haar, und dessen Wuchs befördernd, angesehen wurde. Brom Bones war indessen der Held des Schauplatzes, da er zu der Versammlung auf seinem Lieblingshengst Daredevil, einem Geschöpfe gekommen war, das, wie er selbst, voller Feuer und Unheil war, und das Niemand als er regieren konnte. Es war in der That bekannt, daß er immer böse Thiere vorzog, welche allen Arten von Tücken ergeben waren und den Reiter in steter Lebensgefahr erhielten, indem er ein zu behandelndes, wohlzugerittenes Pferd als eines Burschen von Muth durchaus unwürdig hielt. Gern würde ich einhalten, um bei der Welt von Reizen zu verweilen, welche sich dem entzückten Blicke meines Helden darstellte, als er in das Staatszimmer von van Tassel's Hause trat. Sie waren indeß nicht die eines Haufens schmucker Dirnen, mit ihrer üppigen Fülle von weiß und roth; sondern die mächtigen Reize eines echt holländischen Land-Theetisches in der reichlichen Herbstzeit. Welch aufgehäufte Teller mit verschiedenen, fast unbeschreiblichen Kuchenarten, nur den erfahrnen holländischen Hausfrauen bekannt! Da war die kräftige Teignuß, der zarte Oelkuchen und der krause, bröckelnde Krauskuchen; süße Kuchen und kurze Kuchen, Pfefferkuchen und Honigkuchen, und die ganze Familie von Kuchen. Und dann gab es noch Aepfelpasteten und Pfirsichpasteten und Kürbispasteten; außerdem köstliche Schüsseln mit eingemachten Pflaumen und Pfirsichen und Birnen und Quitten; nicht zu gedenken der gebratenen Alsen und der gebackenen Hühner, so wie der Schalen mit Milch und Sahne dazwischen, alles bunt untereinander gemischt, fast gerade so, wie ich es aufgezählt habe; dazwischen die hausmütterliche Theekanne, die ihre Dampfwolken mitten daraus emporsteigen ließ – Gott segne dieß Zeichen! Mir fehlt Athem und Zeit, diesen Schmaus zu erörtern, wie er es verdient, und ich bin zu begierig, an das Ende meiner Erzählung zu gelangen. Glücklicherweise hatte Ichabod Crane keine so große Eile, wie sein Geschichtsschreiber, sondern ließ jedem Leckerbissen volle Gerechtigkeit widerfahren. Er war ein gutmüthiges, dankbares Wesen, dessen Herz sich in dem Maaße ausdehnte, wie sein Leib sich mit leckerer Speise anfüllte; und dessen Geist bei dem Essen auflebte, wie dieß mit Anderen bei dem Trinken der Fall ist. Er konnte sich auch nicht enthalten, während des Essens seine großen Augen umhergehen zu lassen, und sich mit der Möglichkeit zu kitzeln, daß er dereinst der Herr und Eigenthümer dieses ganzen Schauplatzes von beinahe undenklicher Pracht und Herrlichkeit werden könnte. Dann dachte er, wie bald er dem alten Schulhause den Rücken wenden, Hans van Ripper und allen übrigen knausrigen Gönnern ein Schnippchen ins Gesicht schlagen, und jeden reisenden Schulmeister, der ihn College zu nennen sich erdreisten möchte, zur Thür hinausdrehen wollte! Der alte Baltes van Tassel bewegte sich unter seinen Gästen mit einem von Zufriedenheit und guter Laune verklärten, und gleich dem Erntemonde, runden und fröhlichen Gesichte umher. Seine gastfreien Aufmerksamkeiten waren kurz, aber ausdrucksvoll; sie beschränkten sich auf einen Händedruck, einen Schlag auf die Schulter, ein lautes Lachen, und eine gelegentliche Aufforderung: »zuzugreifen und sich selbst zu bedienen.« Nun aber lud der Ton der Musik aus dem gemeinschaftlichen Zimmer oder dem Saale zum Tanz ein. Der Musiker war ein alter, grauköpfiger Neger, der seit länger als einem halben Jahrhunderte das wandernde Orchester der Nachbarschaft gewesen war. Sein Instrument war so alt und gebrechlich, als er selbst. Den größten Theil der Zeit kratzte er auf zwei oder drei Saiten, wobei er jeden Strich des Bogens mit einer Bewegung des Kopfes begleitete; sich beinahe bis zur Erde beugend, und mit dem Fuße stampfend, sobald ein neues Paar anfangen sollte. Ichabod that sich auf seinen Tanz eben so viel zu gut, als auf seine Stimme. Kein Glied, keine Faser an seinem ganzen Körper war dabei müssig; und wenn Ihr seine locker zusammenhängenden Glieder in voller Bewegung gesehen und im Zimmer umherrasseln gehört hättet, würdet Ihr geglaubt haben, St. Veit selbst, der gebenedeite Patron des Tanzes, träte in eigner Person vor Euch auf. Er war der Gegenstand der Bewunderung aller Neger, die, von allen Altern und Gestalten, aus der Meierei und der Nachbarschaft herbeigekommen waren und an jeder Thür und jedem Fenster eine Pyramide glänzend schwarzer Gesichter bildend, umherstanden, das Schauspiel mit Entzücken betrachtend, wobei sie ihre weißen Augen hin und her rollten, und den Mund, mit Reihen von Zähnen wie Elfenbein besetzt, von einem Ohr zum andern aufrissen. Wie konnte auch der Bubenpeitscher anders, als lebendig und fröhlich sein? die Geliebte seines Herzens war seine Tänzerin, und lächelte holdselig zu allen seinen verliebten Blicken; während Brom Bones, gequält von Liebe und Eifersucht, in sich selbst hineinbrütend, in einem Winkel saß. Als der Tanz zu Ende war, fühlte sich Ichabod zu einem Haufen weiserer Leute hingezogen, welche mit dem alten van Tassel rauchend an dem einen Ende der Vorhalle saßen, von frühern Zeiten schwatzend und lange Geschichten aus dem Kriege erzählend. Zu der Zeit, von welcher es sich hier handelt, gehörte diese Gegend zu den hochbegünstigten und war an geschichtlichen Erinnerungen eben so reich, wie an berühmten Männern. Die englische und amerikanische Armee hatte, während des Krieges, nicht weit davon sich getummelt, und dieser Strich war mithin der Schauplatz aller Plänkeleien und voll von Flüchtlingen, Kühjungen und allen übrigen Gränzrittern gewesen. Auch hatte dieses Alles gerade vor so langer Zeit sich ereignet, daß jeder Erzähler seine Mähr mit kleinen nöthigen Zusätzen ausschmücken, und, bei der Unbestimmtheit seiner Erinnerungen, sich selbst zum Helden einer jeden That machen konnte. Da war die Geschichte von Doffue Martling, einem gewaltigen blaubärtigen Holländer, der mit einem alten Neunpfünder. welcher auf einer Lehmschanze stand, beinahe eine englische Fregatte weggenommen hätte, wenn nicht seine Kanone bei dem sechsten Schuß gesprungen wäre. Und da war ein alter Herr, den ich nicht nennen will, weil er ein zu reicher Mynherr ist, als daß man ihn so obenhin nur nennen könnte, und der in der Schlacht von Whiteplains, als ein guter Fechter, eine Musketenkugel mit dem kurzen Degen parirte, so daß er sie ganz deutlich um die Klinge sausen und an dem Gefäße abspringen gefühlt hatte; zum Beweise dessen war er jederzeit erbötig, den Degen mit dem etwas verbogenen Gefäß vorzuzeigen. Auch mehrere Andere rühmten sich, eben so groß im Felde gewesen zu sein, und es gab gewiß keinen, der nicht die vollkommene Ueberzeugung gehabt hätte, daß er wesentlich dazu beigetragen habe, den Krieg zu einem glücklichen Ende zu bringen. Alles dieß war indeß nichts gegen die Geister- und Erscheinungsgeschichten, welche folgten. Die Gegend ist reich an Sagenschätzen dieser Art. Ortssagen und abergläubische Meinungen gedeihen am besten in solchen abgelegenen, lange bewohnten Winkeln; aber sie gehen im Munde der ewig wandernden Menge, welche die Bevölkerung unserer meisten ländlichen Ortschaften bildet, allmählich verloren. Ueberdieß gibt es für die Geister gar keine Ermunterung in den meisten unserer Dörfer; denn kaum haben sie Zeit gehabt, ihren ersten Schlaf zu thun, und sich im Grabe umzuwenden, so sind ihre überlebenden Freunde schon aus der Gegend hinweggewandert; so daß, wenn sie sich in der Nacht aufmachen, ihre Runde zu halten, sie keinen Bekannten mehr finden, dem sie einen Besuch abstatten können. Dieß ist vielleicht die Ursache, warum wir, ausgenommen in unseren langbestehenden holländischen Gemeinden, so selten von Geistern hören. Die unmittelbare Ursache der vielen hier im Schwange gehenden übernatürlichen Geschichten war jedoch, ohne Zweifel, die Nähe der schläfrigen Schlucht. Es lag schon in der Luft, welche von dieser bezauberten Gegend her wehte, etwas Ansteckendes, und sie entwickelte eine Atmosphäre von Träumen und Einbildungen, welche das ganze Land ansteckten. Mehrere von den Bewohnern der schläfrigen Schlucht waren bei van Tassel ebenfalls gegenwärtig, und spendeten, wie gewöhnlich, ihre wilden, wundervollen Legenden in Fülle aus. Manche schauerliche Geschichten von Leichenzügen und Trauergeschrei und Klagen wurden erzählt, die man in der Gegend des großen nicht fern stehenden Baumes gesehen und gehört hatte, wo der unglückliche Major André gefangen genommen worden war. Man gedachte auch der weißen Frau, welche in der düstern Schlucht von Raven Rokk umging, und die man oft in Winternächten vor einem Sturme wehklagen hörte, da sie dort einst im Schnee umgekommen war. Der Haupt-Theil der Geschichte drehte sich indessen um das Lieblingsgespenst aus der schläfrigen Schlucht, den kopflosen Reiter, den man erst kürzlich mehrere Male durch die Gegend hatte ziehen gehört, und der, wie man sagte, nächtlich sein Pferd unter den Gräbern auf dem Kirchhofe anbände. Die einsame Lage dieser Kirche scheint sie immer zu einem Lieblingstummelplatze unruhiger Geister gemacht zu haben. Sie steht auf einem, von Acazien und hohen Ulmen umgebenen Hügel, zwischen welchen ihre züchtigen weißgetünchten Mauern bescheidentlich hindurchblicken, wie die christliche Reinheit, welche durch die Schatten der Einsamkeit glänzt. Ein sanfter Abhang führt von derselben zu einem silbernen Wasserspiegel nieder, der mit hohen Bäumen besetzt ist, zwischen welchen man einzelne Durchsichten auf die blauen Hügel des Hudson hat. Wenn man ihren mit Gras bewachsenen Kirchhof betrachtet, wo die Sonnenstrahlen so ruhig zu schlummern scheinen, sollte man glauben, daß hier wenigstens die Todten sanft ruhen könnten. Auf der einen Seite der Kirche zieht sich eine große waldige Schlucht dahin, durch welche ein starker Bach zwischen gebröckelten Felsen und umgestürzten Baumstämmen sich hinstürzt. Ueber eine tiefe schwarze Stelle des Stromes, nicht weit von der Kirche, war eine hölzerne Brücke geschlagen; der Weg, welcher zu derselben führte, und die Brücke selbst, waren durch überhangende Bäume dicht beschattet, welche selbst bei Tage eine gewisse Düsterkeit darüber verbreiteten, bei Nacht aber eine furchtbare Dunkelheit verursachten. Dieß war eine der Lieblingsgegenden des kopflosen Reiters, und der Ort, wo man ihm am häufigsten begegnete. – Man erzählte die Geschichte vom alten Brouwer, einem Manne, der zu den hartnäckigsten Geisterleugnern gehörte, wie er dem Reiter auf dessen Rückkehr von seinem Zuge nach der schläfrigen Schlucht begegnete, und genöthigt war, sich hinter ihm aufzusetzen; wie sie über Stock und Block, über Hügel und Morast galoppirten, bis sie an die Brücke kamen, wo sich der Reiter plötzlich in ein Todtengerippe verwandelte, den alten Brouwer in den Bach warf, und unter Donnerschall über die Baumwipfel dahinfuhr. Dieser Geschichte folgte unmittelbar ein noch dreimal wunderbareres Abenteuer von Brom Bones, der sich aus dem galoppirenden Hessen nicht viel machte. Er versicherte, daß, als er eines Abends aus dem benachbarten Dorfe Sing-Sing zurückgekehrt sei, der mitternächtliche Reiter ihn eingeholt und er sich erboten habe, mit ihm um eine Bowle Punsch um die Wette zu reiten, die er auch gewiß gewonnen haben würde, da Daredevil das Gespensterroß weit hinter sich gelassen; aber, gerade in dem Augenblicke, wo sie an die Kirchenbrücke kamen, habe der Hesse einen Satz gemacht, und sei in einer Feuerflamme verschwunden. Alle diese Erzählungen, welche in dem schläfrigen, halblauten Tone vorgetragen wurden, womit Leute im Dunkeln reden, und wobei die Gesichter der Zuhörer nur dann und wann durch das Aufflammen einer Pfeife beleuchtet wurden, machten auf Ichabod's Gemüth einen tiefen Eindruck. Er vergalt sie in gleicher Münze durch weitläuftige Anführungen aus seinem unschätzbaren Schriftsteller, Cotton Mather, und fügte manche wunderbare Vorfälle hinzu, welche in seinem Geburtsstaate Connecticut sich ereignet hatten, so wie Erzählungen von den furchtbaren Gesichten, welche er bei seinen nächtlichen Wanderungen um die schläfrige Schlucht erblickt hatte. Die Gesellschaft brach nun allmählich auf. Die alten Gutsbesitzer zogen ihre Familien in ihre Wagen zusammen, und man hörte sie eine Zeit lang in den Hohlwegen und über die entfernten Hügel dahinrollen. Einige von den Dämchen nahmen auf den Pferden ihrer Anbeter, hinter diesen, auf Kissen Platz, und ihr fröhliches Gelächter hallte, mit dem Geklapper der Hufe vermischt, in den stillen Waldgegenden wider, wurde immer schwächer und schwächer, bis es endlich ganz verhallte – und die noch vor Kurzem so geräuschvolle und fröhliche Scene war nun still und verlassen. Nur Ichabod zögerte noch, nach der Sitte ländlicher Liebhaber, um mit der Erbin unter vier Augen zu bleiben, vollkommen überzeugt, daß er nun auf der Heerstraße zu seinem Glücke sei. Was bei dieser Zusammenkunft vorgegangen, kann ich mir nicht heraus nehmen, sagen zu wollen, weil ich es nicht weiß. Etwas muß indessen, fürchte ich, nicht so ganz richtig gewesen sein, denn Ichabod kam nach einer nicht langen Zwischenzeit heraus, mit trostbedürftigem, muthlosem Wesen. – O, diese Weiber! diese Weiber! Hatte das Mädchen ihm vielleicht einen ihrer Coquettenstreiche gespielt?– Hatte sie den armen Pädagogen bloß zu begünstigen geschienen, um sich die Eroberung seines Nebenbuhlers zu sichern? – Der Himmel mag es wissen, ich nicht! – Es wird hinreichen, zu sagen, Ichabod stahl sich heraus, mit der Miene eines solchen, der eher auf einen Hühnerstall, aber nicht auf das Herz eines schönen Mädchens einen Angriff gemacht hat. Ohne sich zur Rechten oder zur Linken nach den ländlichen Reichthümern umzusehen, nach denen er früher so oft hingeschielt hatte, ging er geraden Weges nach dem Stalle, und brachte durch einige derbe Püffe und Stöße sein Roß sehr unfreundlich von dem behaglichen Lager empor, auf dem es ruhig schlief, von Bergen von Korn und Hafer und ganzen Wäldern von Timotheus-Gras und Klee träumend. Es war gerade die Hexenstunde der Nacht, als Ichabod, mit schwerem Herzen und gesunkenem Muthe an den hohen Hügeln hin, welche sich über Tarry Town erheben, seinen Weg nach Hause verfolgte, welchen er so fröhlich am Nachmittage zurückgelegt hatte. Die Stunde war so trübe, als er selbst. Weit unter ihm breitete die Trappan-Zee ihren finstern und nur undeutlich sichtbaren Wasserspiegel aus, auf dem sich hie und da der hohe Mast einer Schaluppe erhob, welche ruhig am Lande vor Anker lag. In der Todesstille der Mitternacht konnte er sogar das Gebell der Kettenhunde von dem gegenüberliegenden Ufer des Hudson hören; allein es klang so unbestimmt und schwach, daß es nur eine Idee geben konnte von seiner Entfernung von diesem treuen Gefährten des Menschen. Dann und wann ertönte auch weit her von irgend einem Meierhofe in den Hügeln, das langgezogene Krähen eines Hahns, der zufällig erwacht war, – aber es klang nur wie ein Ton des Traumes in sein Ohr. Kein Lebenszeichen war in seiner Nähe zu bemerken, als von Zeit zu Zeit das trübsinnige Zirpen einer Grille, oder vielleicht der Kehlton eines Brüllfrosches aus einem benachbarten Morast, als schliefe er unbehaglich, und habe sich plötzlich auf seinem Lager umgewendet. Alle die Geschichten von Geistern und Kobolden, welche er am Nachmittage gehört hatte, kamen ihm nun zu Schaaren wieder in den Sinn. Die Nacht wurde dunkler und dunkler; die Sterne schienen tiefer in den Himmel zu sinken, und dahintreibende Wolken entzogen sie von Zeit zu Zeit seinen Blicken. Er hatte sich nie so verlassen und unglücklich gefühlt. Ueberdieß näherte er sich dem Orte, wohin man mehrere der Scenen der Geistergeschichten verlegt hatte. Mitten auf dem Wege stand ein ungeheurer Tulpenbaum, welcher wie ein Riese über alle übrigen Bäume in der Nachbarschaft hinüberragte und eine Art von Wahrzeichen bildete. Seine Zweige waren knorrig und von abenteuerlicher Gestalt, groß genug, um Stämme für gewöhnliche Bäume zu bilden; sie bogen sich beinahe bis zur Erde hinab, und erhoben sich dann wiederum in die Luft. Er stand in Verbindung mit der tragischen Geschichte des unglücklichen André, der dicht dabei zum Gefangenen gemacht worden, und war allgemein unter dem Namen Major André's Baum bekannt. Die gemeinen Leute betrachteten ihn mit einer Mischung von Ehrfurcht und Aberglauben, theils aus Antheil an dem Schicksale des unglücklichen Mannes, und theils wegen Erzählungen von sonderbaren Erscheinungen, die man dort bemerkt, und der Klagetöne, die man dabei gehört haben wollte. Indem Ichabod sich diesem furchtbaren Baume näherte, fing er an zu pfeifen; er glaubte, daß sein Pfeifen beantwortet würde – allein es war nur ein Windstoß, der scharf durch die trockenen Zweige strich. Als er ein wenig näher kam, glaubte er, etwas Weißes zu erkennen, das in der Mitte des Baumes hing – er hielt an, und hörte auf zu pfeifen; als er aber genauer hinsah, bemerkte er, daß dieß ein Fleck war, wo der Baum vom Blitze getroffen worden und das weiße Holz sichtbar war. Plötzlich hörte er ein Stöhnen – seine Zähne klapperten und die Kniee schlotterten ihm gegen den Sattel: es war nur das Reiben eines der großen Aeste an einen andern, wie sie von dem Sturme bewegt worden. Er kam glücklich bei dem Baume vorüber; doch neue Gefahren lagen vor ihm. Ungefähr zwei hundert Ellen von dem Baume durchschnitt ein kleiner Bach den Weg, und floß in eine morastische, dicht beholzte Schlucht, welche unter dem Namen Wiley's Lache bekannt war. Einige rohe Holzblöcke, nebeneinander gelegt, dienten zur Brücke über dieses Wasser. An der Seite der Straße, wo sich der Bach in dem Walde verlor, verbreitete eine Gruppe von Eichen- und Kastanienbäumen, mit wilden Weinstöcken dicht durchflochten, eine höhlenartige Düsterheit darüber. Ueber diese Brücke hinwegzukommen, war die schwerste Prüfung. Gerade an dieser nämlichen Stelle war der unglückliche André gefangen genommen worden, und unter diesen Kastanienbäumen und Weinreben lagen die handfesten Milizen verborgen, welche ihn überfielen. Man hat dieß Wasser von der Zeit an immer als unheimlich angesehen, und schauernd sind die Gefühle des Schulknaben, welcher nach dem Eintritt der Dämmerung allein darüber gehen muß. Als er sich dem Wasser näherte, fing ihm das Herz mächtig an zu klopfen; er nahm indessen alle seine Entschlossenheit zusammen, gab seinem Pferde ein halbes Dutzend Rippenstöße, und suchte rasch über die Brücke zu kommen; statt aber vorwärts zu gehen, machte das eigensinnige alte Thier eine Seitenbewegung, und rannte gerade gegen die Umzäunung. Ichabod, dessen Furcht mit dem Verzuge wuchs, zog die Zügel nach der andern Seite an und stieß wacker mit dem entgegengesetzten Fuße; es war alles vergebens – sein Roß ging zwar vorwärts, aber nur, um auf die andere Seite des Weges, in ein Dickicht von Brombeeren und Erlengestrüppe hineinzulaufen. Der Schulmeister bearbeitete nun mit Peitsche und Sporn des alten Gunpowder's hervorstehende Rippen, welcher schnaubend und schnaufend vorwärts schoß, dicht bei der Brücke aber mit einer solchen Schnelle Halt machte, daß sein Reiter beinahe über seinen Kopf hinweggestürzt wäre. Gerade in diesem Augenblicke vernahmen Ichabod's feine Ohren ein Getrampel in dem Morast an der Brücke. In dem dunkeln Schatten des Gebüsches, am Ufer des Baches, sah er etwas Gewaltiges, Unförmliches, Schwarzes und Thurmhohes. Es rührte sich nicht, sondern schien in dem Dunkel zusammengezogen wie ein riesenhaftes Ungeheuer, und im Begriff, sich auf den Reisenden zu stürzen. Das Haar des erschrockenen Pädagogen sträubte sich vor Furcht auf seinem Kopfe. Was sollte er thun? Umzukehren und zu fliehen war jetzt zu spät; und überdieß, welche Möglichkeit gab es, einem Geiste oder Kobold, wenn dieß ein solcher war, zu entgehen, da diesem die Flügel des Windes zu Gebote stunden? Indem er also eine Art Muth zusammenraffte, fragte er stammelnd – »Wer seid Ihr?« Er erhielt keine Antwort. Er wiederholte seine Frage mit noch bewegterer Stimme. Noch immer gab es keine Antwort. Abermals zerprügelte er des unbeugsamen Gunpowder's Seiten, und stimmte, indem er die Augen schloß, mit unwillkührlicher Inbrunst eine Psalmmelodie an. In diesem Augenblick setzte sich der dunkele Gegenstand des Schreckens in Bewegung, und stand mit einem Ruck und einem Sprunge plötzlich mitten auf dem Wege. Obgleich die Nacht dunkel und schauerlich war, so ward doch nun die Gestalt des Unbekannten einigermaßen kenntlich. Er schien ein Reiter von gewaltiger Größe, der ein schwarzes Pferd von mächtigen Formen ritt. Er machte keine Bewegung, die auf Belästigung, noch eine solche, die auf Geselligkeit hingedeutet hätte, sondern blieb in einiger Entfernung auf der einen Seite der Straße, an der blinden Seite des alten Gunpowder's, der jetzt seine Furcht und Störrigkeit abgelegt hatte. Ichabod, der an diesem fremden mitternächtlichen Gesellschafter keine Freude hatte, und dem das Abenteuer des Brom Bones mit dem galoppirenden Hessen einfiel, trieb jetzt sein Roß an, in der Hoffnung, ihn hinter sich zu lassen. Der Fremde ließ jedoch sein Roß zu gleicher Schnelle an. Ichabod hielt an, ritt Schritt, und dachte nun, hinten zu bleiben – der Andere that dasselbe. Sein Herz fing an zu verzagen; er suchte seinen Psalmton wieder anzustimmen, allein seine trockene Zunge klebte ihm am Gaumen, und er konnte keine einzige Strophe herausbringen. Es lag etwas in dem mürrischen, finstern Stillschweigen seines beharrlichen Gefährten, das geheimnißvoll und niederschlagend war. Die Ursache davon erklärte sich bald auf eine furchtbare Weise. Als Ichabod eine Anhöhe hinaufritt, welche die Gestalt seines Reisegefährten frei zeigte, von riesenhafter Größe und in einen Mantel gehüllt, war er von Entsetzen zerschmettert, denn er sah, daß sie keinen Kopf hatte! – aber sein Entsetzen wuchs, als er bemerkte, daß er den Kopf, der auf den Schultern hätte stehen sollen, vor sich auf dem Sattelknopfe trug. Sein Schrecken stieg zur Verzweiflung; er ließ Püffe und Stöße auf Gunpowder regnen, und hoffte, durch eine plötzliche Bewegung seinem Gefährten den Rang abzugewinnen – aber das Gespenst sprengte so schnell dahin, wie er. Dahin sauseten sie denn, durch Dick und Dünn; die Steine stoben und die Funken flogen bei jedem Satze. Ichabod's leichte Gewänder flatterten in der Luft, indem er in dem Eifer seiner Flucht den langen dünnen Leib vorwärts über des Pferdes Kopf dahinstreckte. Sie hatten nun den Weg erreicht, welcher abwärts nach der schläfrigen Schlucht führt; aber Gunpowder, der von einem Dämon besessen zu sein schien, machte, statt die Straße zu verfolgen, eine entgegengesetzte Wendung, und stürzte links den Hügel hinab. Dieser Weg führt durch eine sandige Schlucht und ist eine Viertelmeile lang von Bäumen beschattet, bis da, wo er über die Geisterbrücke geht, und dann dicht jenseits derselben der grüne Hügel anschwillt, auf welchem die weißgetünchte Kirche steht. Bis jetzt hatte der Schrecken des Pferdes seinem unkundigen Reiter einen anscheinenden Vortheil bei dem Wettrennen gegeben; aber gerade, als er ungefähr die Mitte der Schlucht erreicht hatte, ließ der Gurt des Sattels nach, und er fühlte diesen unter sich entgleiten. Er ergriff ihn bei dem Knopfe und suchte ihn festzuhalten, aber vergebens; und er hatte gerade nur Zeit genug, den alten Gunpowder um den Hals zu fassen, als der Sattel auf die Erde fiel, und er seinen Verfolger darüber hintraben hörte. Auf einen Augenblick kam die Furcht vor Hans van Ripper's Zorn über seine Seele, – denn es war dessen Sonntagssattel; allein es war keine Zeit für kleinliche Besorgnisse; der Kobold war ihm hart auf den Fersen, und als ungeschickter Reiter hatte er viel Mühe, sich in dem Sitze zu erhalten; zuweilen glitt er auf der einen Seite, zuweilen auf der andern herab, und öfters prallte er auf den scharfen Rückgrat seines Pferdes mit einer solchen Gewalt, daß er in der That fürchtete, mitten von einander gespalten zu werden. Eine Oeffnung in den Bäumen erfreute ihn jetzt mit der Hoffnung, daß die Kirchenbrücke nicht mehr fern sei. Das zitternde Abbild eines silbernen Sternes in dem Schooße des Baches überzeugte ihn, daß er sich nicht geirrt habe. Er sah die Mauern der Kirche zwischen den Bäumen jenseits hindurch glänzen. Er erinnerte sich des Ortes, wo des Brom Bones geistiger Nebenbuhler verschwunden war. »Wenn ich nur diese Brücke erreichen kann,« dachte Ichabod, »bin ich in Sicherheit.« Gerade da hörte er das schwarze Roß dicht hinter sich keuchen und schnauben; er glaubte sogar seinen heißen Odem zu fühlen. Noch ein krampfhafter Rippenstoß und der alte Gunpowder sprang auf die Brücke; er donnerte über die tönenden Bretter; er erreichte das entgegengesetzte Ufer; und nun warf Ichabod einen Blick hinter sich, um zu sehen, ob sein Verfolger, der Regel nach, in einer Wolke von Feuer und Schwefel verschwinden würde. Gerade jetzt sah er den Kobold sich in den Steigbügeln erheben und eben im Begriffe, ihm seinen Kopf nachzuschleudern. Ichabod suchte der furchtbaren Wurfwaffe auszuweichen, aber umsonst. Sie begegnete mit einem gewaltigen Krache seinem Schädel – er stürzte kopfüber in den Staub, und Gunpowder, das schwarze Roß und der gespenstige Reiter sausten wie ein Wirbelwind vorüber. Am nächsten Morgen wurde das alte Pferd ohne Sattel, und mit dem Zaume unter den Füßen, ganz ruhig vor seines Herrn Thür im Grase weidend, gefunden. Ichabod erschien nicht beim Frühstück – die Mittagessensstunde kam, aber kein Ichabod. Die Knaben versammelten sich im Schulhause, und schlenderten müßig am Ufer des Baches umher, aber kein Schulmeister war zu sehen. Hans van Ripper begann nun über das Schicksal des armen Ichabod und seines Sattels besorgt zu werden. Man erkundigte sich und kam nach genauer Nachforschung auf seine Spur. An einer Stelle des Weges, welcher nach der Kirche führte, fand man den Sattel in den Koth getreten; die Spuren von Pferdehufen, tief in den Weg eingedrückt, und offenbar wilde Eile bezeichnend, konnte man bis an die Brücke verfolgen, jenseit welcher, am Uferende einer breiten Stelle des Baches, wo das Wasser tief und schwarz war, der Hut des unglücklichen Ichabods, und dicht dabei ein zertrümmerter Kürbis gefunden ward. Man durchsuchte den Bach, konnte aber den Körper des Schulmeisters nicht auffinden. Hans van Ripper untersuchte, als sein Testamentsvollstrecker, das Bündel, welches alle seine weltlichen Habseligkeiten enthielt. Diese bestanden aus zwei und einem halben Hemde; zwei Halsbinden; einem oder zwei Paar wollenen Strümpfen; einem alten Paar kurzer manchesterner Beinkleider; einem rostigen Rasirmesser; einem Buche mit Psalmmelodien, voll von Ohren; und einer zerbrochenen Thon-Pfeife. Was die Bücher und Möbel im Schulhause betraf, so gehörten sie der Gemeinde, mit Ausnahme von Cotton Mather's Geschichte der Zauberei, einem Kalender für Neu-England, und einem Buche über Träume und Weissagungen; in welchem letztern sich ein Bogen Schreibpapier befand, auf welchem mehrere verunglückte Versuche von Versen, zu Ehren der Erbin van Tassel's, zu lesen waren. Diese Zauberbücher und das poetische Gekritzel übergab Hans van Ripper ungesäumt den Flammen; und da er aus dem sogenannten Lesen und Schreiben nie etwas Gutes hatte entstehen sehen, beschloß er, seine Kinder nicht mehr in die Schule zu senden. Das Geld, welches der Schulmeister besaß, und er hatte seine vierteljährige Besoldung nur erst vor einem oder zwei Tagen empfangen, mußte er zur Zeit seines Verschwindens bei sich gehabt haben. Diese geheimnißvolle Begebenheit gab am folgenden Sonntage in der Kirche zu manchen Vermuthungen Anlaß. Haufen von müßigen Zuschauern und Klätschern versammelten sich auf dem Kirchhofe, an der Brücke, und an der Stelle, wo man den Hut und den Kürbis gefunden hatte. Die Geschichten von Brouwer, von Bones und einer Anzahl von andern wurden wieder in das Gedächtniß zurückgerufen, und nachdem man sie alle gehörig hin und her überlegt und mit allen Einzelnheiten des gegenwärtigen Falls verglichen hatte, schüttelten die Leute ihre Köpfe, und kamen endlich zu dem Schluß, daß Ichabod von dem galoppirenden Hessen hinweg geführt worden sei. Da er ein Junggesell und Niemand etwas schuldig war, so bekümmerte sich keiner mehr um ihn: die Schule wurde in eine andere Gegend der Schlucht verlegt, und ein anderer Pädagog herrschte an seiner Stelle. Es ist wahr, ein alter Landmann, der mehrere Jahre nachher nach New-York zum Besuche gereist war, und den man diese Geistergeschichte hatte erzählen hören, brachte die Nachricht nach Hause, Ichabod Crane sei noch am Leben, er habe, theils aus Furcht vor dem Gespenste und vor Hans van Ripper, theils aus Aerger darüber, daß er so plötzlich von der reichen Erbin abgewiesen worden, die Gegend verlassen, sich in einem entfernten Theile des Landes angesiedelt, Schule gehalten, und zu gleicher Zeit die Rechte studirt; sei Advokat, Politiker und Wähler geworden, habe für die Zeitungen geschrieben, und sei endlich zum Richter in dem Zehn-Pfund-Gericht ernannt worden. Auch Brom Bones, der kurz nach seines Nebenbuhlers Verschwinden die blühende Katharina im Triumphe zum Altare führte, sah man immer eine sehr schalkhafte Miene machen, wenn Ichabod's Geschichte erzählt wurde, und er brach, wenn der Kürbis erwähnt wurde, immer in ein herzliches Gelächter aus; woraus Einige schließen wollten, daß er von der Sache mehr wüßte, als er zu sagen für gut fände. Die alten Bauernweiber jedoch, welche in diesen Sachen die besten Richterinnen sind, behaupten bis auf diesen Tag, Ichabod sei durch übernatürliche Kräfte verschwunden; und es ist eine Lieblingsgeschichte, welche sehr oft in der Nachbarschaft bei dem Winterabendfeuer erzählt wird. Die Brücke wurde mehr als je zum Gegenstand der abergläubischen Furcht, und dieß mag der Grund sein, warum man in neueren Zeiten den Weg verlegt hat, so daß man sich jetzt bei dem Mühlbache vorbei der Kirche nähert. Da das Schulhaus nun verlassen war, zerfiel es bald, und man sagte, der Geist des unglücklichen Pädagogen gehe darin um, und der Pflügerknabe, der am stillen Sommerabende nach Hause schlendert, hat oft geglaubt seine Stimme in der Entfernung zu hören, wie er in der ruhigen Einsamkeit der schläfrigen Schlucht eine trübsinnige Psalmweise absingt. Nachschrift, in Herrn Knickerbocker's Handschrift gefunden . Die vorstehende Erzählung habe ich beinahe mit denselben Worten wiedergegeben, womit ich sie bei einer Zusammenkunft der Körperschaft der alten Stadt der Manhattoes, bei welcher mehrere von ihren weisesten und ausgezeichnetesten Bürgern zugegen waren, erzählen hörte. Der Erzähler war ein angenehmer, schäbiger, anständig aussehender alter Herr, in Pfeffer- und Salz-Kleidern und mit einem sehr launigen Gesicht; und ein Mann von dem ich stark vermuthe, daß er arm war, – weil er so gern unterhaltend sein wollte. Als seine Geschichte geendigt war, erscholl Gelächter und Beifall, besonders von zwei oder drei Abgeordneten von Aldermännern, welche den größern Theil der Zeit über geschlafen hatten. Es war indessen ein langer, trocken aussehender alter Herr mit buschigen Augenbraunen da, welcher die ganze Zeit über ein ernsthaftes, fast finsteres Gesicht machte, dann und wann die Arme in einander schlug, den Kopf neigte und auf den Boden niedersah, als ob er einige Zweifel in seinem Herzen hätte. Er gehörte zu jenen bedachtsamen Leuten, welche nie lachen, als wenn sie guten Grund dazu haben, und wann die Vernunft und das Recht auf ihrer Seite sind. Nachdem die übrige Gesellschaft von ihrer Fröhlichkeit wieder zu sich selbst gekommen, und die Stille wieder hergestellt war, stützte er sich mit einem Arm auf die Lehne seines Stuhls, stemmte den andern in die Seite, und fragte mit einer leichten aber ungemein weisen Kopfbewegung, indem er die Augenbraunen zusammenzog: was denn eigentlich die Nutzanwendung der Geschichte sei, und was dieselbe beweisen solle? Der Erzähler, welcher so eben als Erfrischung nach seiner Anstrengung, ein Glas Wein an die Lippen setzen wollte, hielt einen Augenblick inne, betrachtete den Fragenden mit einer sehr ergebenen Miene, und bemerkte, indem er das Glas langsam auf den Tisch setzte, daß die Geschichte bezwecke, streng logisch zu beweisen: »Daß es keine Lage im menschlichen Leben gebe, die nicht ihr Vortheilhaftes und Angenehmes hätte, – voraus gesehen, daß wir einen Scherz so nehmen, wie er ist; »Daß mithin, wer mit gespenstischen Reitern um die Wette reitet, wahrscheinlich einen schlimmen Ritt zu machen habe; »Daß es also, wenn ein Landschulmeister von einer holländischen Erbin abgewiesen wird, ein sicherer Schritt zu hoher Beförderung in dem Staate sei.« Der vorsichtige alte Herr zog nach dieser Erklärung seine Augenbraunen zehnmal dichter zusammen, als vorher, da diese Schlußfolge ihn sehr in Verlegenheit setzte; während, wie mich dünkte, der in dem Pfeffer- und Salzanzuge ihn mit einer Art von triumphirendem Lächeln betrachtete. Endlich äußerte er, das Alles sei ganz gut, die Geschichte komme ihm aber doch ein wenig unwahrscheinlich vor, – und es wären einer oder zwei Punkte darin, über welche er seine Zweifel habe. »Nun Herr,« erwiederte der Erzähler, »was das betrifft, so glaube ich selbst nicht die Hälfte davon.« D. K.