Heinrich Hoffmann Handbüchlein für Wühler oder kurzgefaßte Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden Von Peter Struwwel Demagog An das deutsche Volk Da! Hier nimm es! Ich habe dies kleine Büchlein geschrieben in dem bescheidenen Bewußtsein, dir damit einen ungeheuren Dienst zu leisten, und zwar einen doppelten; denn erstens können die, so dir gefallen wollen, daraus lernen, wie sie es zu machen haben. Gibt es doch allerlei Komplimentierbücher, und darunter auch welche für Hofschranzen, warum sollte es nicht an der Zeit sein, nun ein solches für Volksschranzen zu versuchen? Zweitens aber magst du selbst daraus erkennen, ob die, welche dir dienen wollen, es auch redlich meinen, und ob sie ihr Geschäft gründlich verstehen. Ich, der Verfasser, werde dir wohl schon bekannt sein. Vor ein paar Jahren trat ich als ein ungekämmter Junge unter deine kleinen Souveräne. Die Zeit fliegt mit Sturmeseile. Die organische Entwicklung ist ein Märchen. So grüße ich dich heute als dein Lehrer und Meister Peter Struwwel , genannt Struwwelpeter, Professor der Wühlerei und Demagog Wer heutzutage sein täglich Brot verdient hat und meint, er habe genug verdient, der ist in einem sehr dichten Irrtume befangen. Er muß noch etwas anderes verdienen, nämlich die Volksgunst. Und das ist mitunter ein hart Stück Arbeit. Wenn einer einen hohen Berg besteigen will, so kommt er wohl am Ende auch hinauf, wenn er nur lustig zuklettert; aber sicherer, schneller, mit ganzen Sohlen und Kleidern und wohlbehaltenen Leibes freut sich derjenige des Gipfels, der klug genug eine genaue Situationskarte oder noch besser einen kundigen Wegweiser mitnahm. Die Volksgunst von heutzutage ist aber auch ein Berg, und der Weg hinauf nicht immer leicht. Da geht es durch das Dickicht der Volksversammlungen, über die Felsen der Rednerbühne, durch den Nebel der Fackelzüge und den Sumpf der Zweckessen. Und das Schlimmste ist, daß, wer einmal den rechten Weg verfehlt hat, oft seines Lebtags sich nicht wieder zurechtfinden wird. Als eine solche Situationskarte sollen nun diese Blätter dienen, einen kundigen Wegweiser sollen sie abgeben für den Argonauten, der nach dem goldenen Vließe der Popularität ausgehen will. Vor allem aber muß in wissenschaftliche Klarheit gestellt werden, für wen eigentlich dieses irdische Vergötterungs-Handbuch bestimmt ist. Das Geschlecht der Patrioten, Volksmänner, Volksfreunde (homo popularis) kann man in zwei große Klassen teilen. Die erste begreift die Urpatrioten, Naturpatrioten in sich (patriota naturalis). Für diese sind die hier gegebenen Vorschriften gar nicht bestimmt. Es sind diese Männer mit den Interessen des Volkes und des Vaterlandes so innig verwachsen, als ob ein Herzschlag beide belebe. Wie der Baum in der Erde, so wurzelt ein solcher Vaterlandsfreund im Volke. Es sind geborne Patrioten. Für diese bedarf es keines Lehrbuchs. Sie haben auch gar kein Verdienst ob ihres Patriotismus, sie können ja gar nicht anders, die Natur hat sie einmal so konstruiert. Viele von ihnen gelten auch nicht mehr viel, sie sind verbraucht und abgenutzt. Ein sehr kluger Kunstgriff der Patrioten von gestern ist es, jene alten greisen Freiheitskämpen zu verdächtigen, zu schmähen und herabzuziehen. Man springt wie der Blitz an ihre Stelle, gebärdet sich möglichst ungestüm und schreit: Viktoria! Was hier gedruckt zu lesen ist, gilt vornehmlich zum Frommen der zweiten Klasse. Es sind dies die Kunstpatrioten (patriota arteficialis). Der Kunstpatriot wächst nicht wie der Naturpatriot im freien Felde, sondern gewissermaßen im Treibhaus, im Mistbeete der Kultur. Was bei diesem Instinkt ist, ist bei jenem Überlegung. Dieser kann nicht anders, jener will nicht anders. Jener treibt den Patriotismus wie eine Art Mathematik, dieser wie eine Art Naturpoesie. Nun frage ich, wem soll man mehr trauen, einem Rechenexempel oder einer lyrischen Phantasmagorie? Den Volksmännern vom neuesten Gepräge muß nun aber natürlich, da sie sich erst spät auf den Weg gemacht haben, daran gelegen sein, denselben möglichst rasch zurückzulegen. Für sie also ist dieser guide de voyageur bestimmt. Es würde zu weit führen, mit der allgemeinen Beschreibung der Kunstpatrioten in noch genaueres Detail zu gehen; nur folgendes mag noch gemerkt werden. Man hat bis jetzt fünf Genera entdeckt: der eitle Kunstpatriot (patriota arteficialis vanus) der redelustige Kunstpatriot (patriota arteficialis loquax) der narrige Kunstpatriot (patriota arteficialis confusus sive scurra) der verschuldete Kunstpatriot (patriota arteficialis obaeratus sive lumbacivagabundus patrioticus) der rachelustige oder gekränkte Kunstpatriot (patriota arteficialis furiosus). Genus l und 2 sind meist mehr oder weniger unschuldige Geschöpfe. Auch das dritte Genus bedarf keines Wegweisers; der verrückte, unklare Kunstpatriot steuert, wie es ihm einfällt, nach allen Richtungen der Windrose herum. Er ist aber deshalb wichtig, weil die Zahl groß ist, und er in Masse meistens von den andern benutzt wird. Den wahren Kern der ganzen Abteilung bildet Genus 4, welches meistens Kommunismus, Teilung, Ausgleichung des Kapitals und der Faulheit usw. predigt, und das Genus 5, welches als patriotischen Apparat den Terrorismus mit guillotierenden, strangulierenden und laternisierenden Reformationsvorschlägen zur Hand hat. Jedem Kunstpatrioten, mag er der einen oder der andern Richtung angehören, wird es leicht sein, die in diesem Buche enthaltenen Vorschriften nach seinen besondren Zwecken zu benutzen. An einzelnen praktischen Winken soll es nicht fehlen. Erstes Kapitel Die Retraite Hänge den Mantel nach dem Winde! ist gut sagen und auch leicht ausführen, wenn die Passatwinde gleichförmig aus einer Himmelsgegend herwehen, schwer aber, wenn in sturmbewegter Zeit kein Mensch dir sagen kann, woher es eigentlich pfeift. Die Windfahnen sind dann in der alten gewohnten Richtung eingerostet oder kreischen haltlos hierhin und dorthin. Dann ist Vorsicht und kaltblütige Überlegung vor allem nötig. Wenn z. B. 33 Jahre lang der Hof- und Fürstenwind geweht hat und nun mit einem Male in Volkssturm umsetzt, wie soll man da das Steuer führen, um gehörig zu lavieren und oben zu bleiben? – Grün allein ist der Praxis goldner Baum! Also ein Beispiel! Der Amtmann X. in Ypsilonstadt war bis zu den Märztagen ein submissester Fürstenlecker und konsequenter Polizeimandarin. Da bricht das Völkerleben und Thronewanken los. Alsbald erscheint in einer benachbarten Zeitung nachfolgender Artikel, vom Herrn Amtmann entweder selbst oder durch einen sehr vertrauten Freund verfaßt und besorgt. »Ypsilonstadt. Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Auch bei uns regt sich mächtig das Volksbewußtsein usw. Freiheitsfrühling usw., Volkssouveränität usw., Proletarier usw., Tyrannei usw., Nieder! usw., Hoch! usw. – Daß die Bewegung auch bei uns mit Kraft und Nachdruck auftreten muß, dafür bürgt der Name des Amtmanns X., eines Mannes, dessen Verdienste, lange verkannt, jetzt im reinsten Lichte glänzen werden, eines Mannes, der jetzt um so ungehemmter für des Volkes heilige Interessen tätig sein kann, als die schändliche Kamarilla gestürzt ist, die dem Edlen überall hemmend in den Weg trat und als deren Opfer er betrachtet werden muß usw.« Einen Tag später wird der ganze Artikel in dem Ypsilonstädter Anzeiger abgedruckt, etwa mit folgenden einleitenden Worten: »Wir lesen in der X'schen Zeitung mit Freuden nachstehenden Aufsatz über die hiesigen Zustände.« – Nun hat der Herr Amtmann folgende Entwicklungsstadien durchzumachen: Dritter Tag. Er tritt an die Spitze folgender Geldsammlungs-Komitees: für Schleswig-Holstein für die deutsche Flotte für die Opfer in Berlin und Wien. Vierter Tag. Er schenkt der rasch herzurichtenden Bürgerwehr aus eigenen Mitteln oder klüger aus der Amtskasse eine schwarz-rot-goldene Fahne. Aus Dankbarkeit wird er zum »Oberleitmann« erwählt. Fünfter Tag. Er veranstaltet irgendeine Petition Eine kleine Bemerkung über Petitionen dürfte wohl hier am rechten Orte sein. Man hüte sich bei Abfassung derselben vor dem Worte: Wir wünschen, oder: wir bitten; statt derselben heißt es jetzt: Wir wollen, wir verlangen. Was den Inhalt angeht, so ist dieser ziemlich gleichgültig; es muß nun einmal petitioniert, adressiert, geanspracht, geaufruft usw. werden; ein guter Wühler unterzeichnet alles, selbst wenn die Nachtwächter verlangen sollten, daß sie fortan ihr Amt nur während des Tages, als der naturgemäß zur Arbeit bestimmten Zeit, ausüben, und daß sie des Nachts grundrechtlich schlafen wollten. oder eine Adresse und hält eine donnernde Rede. Sechster Tag. Er sammelt für die flüchtigen Patrioten und stiftet einen demokratischen Verein mit einer noch donnernderen Rede. Siebenter Tag. Tag der Ruhe nach göttlichem Gesetz. Der Kunstpatriot ist fertig und handelt weiter nach Umständen. Dies ist so der Weg, den mutatis mutandis ein jeder einschlagen kann, dies die Schablone, durch die sich ein jeder volkstümlich mit den Farben des Tages anstreichen lassen muß. Ein Grundsatz vor allem darf nie außer Augen gelassen werden: Rasch, aber doch allmählich! Keine Sprünge, sonst brichst du das Bein! – Zweites Kapitel Diät und Lebensweise Bei den alten Römern und Griechen (und in mancher Hinsicht heute noch bei den Engländern) wurden die Knaben schon von früher Jugend an für das Volks- und Staatsleben erzogen. Bei uns ist dies leider nicht so gewesen, und da nun der verehrte Leser zu alt sein dürfte, um sich noch einmal aufs neue von vorn erziehen zu lassen, so muß er es nachholen, und zwar recht geschwind. Besser werden unsere Kinder daran sein, wenn wir anders die Forderungen der Gegenwart systematisch aufzufassen imstande sein werden. Hierzu ist es aber noch nicht an der Zeit. In aller Eile mag hier nur dreierlei empfohlen werden. Die Freiheit muß anerzogen, angewöhnt sein. Laß deinem Kinde schon früh allen Willen. Ein Volksfreund muß körperlich abgehärtet und auf Enttäuschungen gefaßt sein. Gieße deinem Kinde zuweilen einen Kübel kalten Brunnenwassers über den Kopf. Ein Volksfreund muß eine gute Lunge haben. Laß dein Kind schreien, so viel es will; ja, tut es dies nicht von selbst, so kneife es zuweilen. Es sind dies wenigstens drei einfache Grundprinzipien, die für liebende Eltern einstweilen genügen werden. Hoffentlich wird die Kunst der Volksschmeichelei baldigst in die höheren Schulen als ordentlicher Lehrgegenstand aufgenommen. Dieselbe in allen Schulen zu lehren, ist deshalb wohl ganz untunlich, weil alsdann ja jeder Mann ein Volksfreund werden würde, und weil es alsdann in Deutschland vor gegenseitiger Beleckung und Bewedelung gar nicht mehr auszuhalten wäre. Unvernünftig und ekelhaft wäre das. Die Kunstpatrioten bilden eine privilegierte Kaste, eine aristokratische Volksschranzengilde. Was nun die Diät eines echten Volksfreundes angeht, so gilt allgemein der Satz: Essen kann er mancherlei; trinken aber mag er so viel, als er vertragen kann und noch mehr, notabene: wenn er alsdann nicht aus der Rolle fällt. Er soll einige Lieblingsgerichte haben, z. B. Wildbret, weil dessen Vertilgung eine Wohltat für den Landmann ist. Um seinen terroristischen Republikanismus, seine Sehnsucht nach der Republique rouge, um seinen Mut zu bewahrheiten, soll er sein Beefsteak »recht blutig« verlangen, rote Rüben, Blutwurst und Rotkraut verzehren und Rotwein trinken. Auch Trüffeln sind sehr gut, weil sie herausgewühlt werden. Er mag ferner bei Tische kleine Männchen aus Brot kneten, denselben kleine papierne Krönchen aufsetzen und alsdann die Unglücklichen mit dem Tischmesser enthaupten; notabene: Ein solches Figürchen kann öfters zu der Exekution benutzt werden, und braucht er nicht jedes Mal ein neues zu kneten. Auf ähnliche Weise, vorläufig zu bemerken, hantiert er im Felde und in Gärten mit dem Spazierstocke gegen die Mohnköpfe und namentlich gegen die Kaiserkronen, als ein umgedrehter Tarquinius Superbus. Wein- und Bierhäuser sind nun überhaupt die wahren Freiheitsbörsen; da werden die besten Spekulationen in Volksgunst gemacht; da werden wie bei dem Papierschacher falsche Depeschen erfunden, telegraphische Nachrichten erlogen, abschläglich im voraus Revolutionen gemacht, Throne zertrümmert und Republiken gezaubert, da fallen und steigen die demokratischen Aktien trotz Metalliques und Konsorten; Differenzen werden nie, das Bier und der Wein öfters auch nicht bezahlt. Das Leben z. B. eines Frankfurter Demokraten ist ein sehr angestrengtes: nach Tisch im Weinhaus bei Jacobi, von da in das Essighaus, wo aber kein Essig, sondern Bier hinabgespült wird, von da auf den Felsenkeller, von da wieder in das Essighaus, und zum Schluß in später Nacht in das Bierhaus Zum Taunus. Dies sind die Stationen der frommen Pilgerschar, die Seehäfen, wo frischer Proviant an Bord genommen wird. Dulce est pro patria bibere! Und wie wird dort gearbeitet und gestritten und verhandelt! Sind doch ohnlängst an einem jener Orte an einem einzigen Abende 60 zinnerne Gläserdeckel rein wegdiskutiert worden. (Es wird jedoch behauptet, der Bundestag sel. habe die Deckel stehlen lassen, um die Leute um ihren Kredit zu bringen. Warte, du Leiche!) Nahrungslos ist die Zeit, aber tranklos wahrhaftig nicht. Da soll mir einer kommen und sagen, an unsern Volkssouveränen sei Hopfen und Malz verloren. Nein! Für une pièce de cinq francs erhält man gerade 56 Schoppen, und dem Herrn Ledru-Rollin kam es auf ein paar Maß nicht an. Geht einmal hin, ihr Aristokraten, und fragt bei den Schenkwirten nach, ob bei dieser politischen Bierkannengießerei, bei diesem unlöschbaren Freiheitsdurst etwa nichts herauskommt. Da kommt das Bier aus dem Fasse und das Geld aus dem Beutel heraus, nur der Gast kommt nicht aus der Wirtsstube und der Schenkjunge nicht aus dem Laufen heraus. Du nahrungslose Zeit! Noch endlich hier ein kurzes Wort über das Verhältnis der Turnerei zur Demagogie. Früher hat man die verkehrte Ansicht gehabt, das Turnen bestehe in Leibesübung behufs der Kräftigung des Muskelfleisches und der Schmeidigung der Gelenkbänder; das ist aber ein veralteter philisterhafter Irrtum. Turnerei ist Staatskunst. Das Reck ist eine Maschine, um Staatsökonomie zu studieren, die Barren eine bequeme Anstalt, um das Internationalrecht einzupauken; auf dem Schwingel mag sich der Historiker erlustigen. Es ist dies alles der erste Anfang, die Maschinen-Industrie auch in das Gebiet der Geistesfabrik einzuführen. Wer den besten Purzelbaum schlägt, kann Anspruch erheben, einmal in das Reichsministerium zu kommen. Wenn umstürzen und verbessern gleiche Begriffe sind, dann muß der vorangehen, der sich selbst auf den Kopf stellen kann, ein lebendes Beispiel, wie man die Dinge gehörig unterst zu oberst wende. Ultraradikale Freiheitsbäume und Purzelbäume! Wie süß mag dereinst das Volk in eurem Schatten ruhen, süß wie in einem Hain der Glückseligen! Drittes Kapitel Von der Kleidung Kleider machen Leute. Kleider machen aber noch mehr, sie machen auch Kunstpatrioten. Da nun aber die Kleider bekanntermaßen von den Schneidern gefertigt werden, so ist es wiederum sehr erklärlich, warum die Schneidergesellen den Hauptbestandteil der demokratischen Arbeitervereine ausmachen. Jene Schneider sind gewissermaßen die Großväter aller gemachten Kunstpatrioten und ein französisches Lied singt: Où peut on être mieux, qu'au sein de sa famille? Wenn man ferner Recht hat zu behaupten, daß die Barrikaden von den Pflasterern, die Katzenmusiken mit Zubehör von den Glasern erfunden und betrieben sind, warum sollen die Schneider nicht besonders darauf aus sein, die Röcke zerscheuernden Volksversammlungen zu befördern und zu beleben? Leider muß ich es nun bedauern, daß meine Vorschriften über Kleidung nicht im finanziellen Interesse der genannten Herren sein können. Volksversammlungen, kleine Straßenkrawalle, Katzenmusiken, Aufzüge und sonstige friedliche »Kraftäußerungen« fanden bei uns bis jetzt nur sommers statt, indem wir noch nicht so weit in der Kultur fortgeschritten sind, so etwas auch, wie die Franzosen, winters fertigzubringen. Daher ist wollen Tuch kein Material für den Kunstpatrioten. Leinen! Steifleinen! Wams! Bluse! Heroisches Steifleinen hat die Kraft, selbst tapfere Gegner einzuschüchtern, wie es denn sogar den männlichen Falstaff mit einer Gänsehaut überzog. Das Leinenzeug kann nun auf doppelte Weise verarbeitet werden, entweder zum grauen Turnwams oder zur farbigen Bluse. Im ersteren Falle eignet sich der Träger mehr zum Mitglied der künftigen provisorischen Regierung, im letzteren tritt er mehr als kommunistischer Apostel auf. Und diese Blusen kleiden recht artig. Ich habe Blusenmänner gesehen, mit zierlichen Manschetten und Falten und Fältchen, so nett und kokett, daß eine reiche Erbin sich sogleich in den Kern der schmucken Hülse hätte verlieben und anbeißen können und müssen. Kurzum, nur der steifleinene Wühler kann etwas leisten. Eins muß der Volksführer vor allem meiden. Ein echter Freund des eiligen Fortschritts trägt keine Hosenträger, sondern einen Riemen um den Leib; grobes Rindsleder mit derber Schnalle. Mit gegürteten Lenden muß er dastehen, ein rüstiger Kämpe. Frei muß die Brust sein, unbeengt, selbst ohne Elastik. Elastisch soll überhaupt nichts am Volksfreund sein, sondern alles spröd, starr, unnachgiebig. Pfui, Hosenträger! Er trage ferner den breitrandigen, aufgekrempten Hut, schwarz oder grau; beides ziemlich gleich; doch dürfte der alte graue, vom Regen verwaschene vielleicht der etwas geeignetere sein. Wichtiger als das, was unter den Hut kommt, ist das, was auf demselben getragen wird. Hier gilt im allgemeinen die Regel: Etwas Rotes muß darauf! Die Straußenfeder ist schon zu aristokratisch; am schönsten steht doch die grimme Hahnenfeder. Ein Kokärdchen, ein Stückchen Band oder auch nur Papier tun es auch; am besten alles miteinander zu gleicher Zeit, nur recht grimmig! Schwarz-rot-gold ist die Farbe der Bourgeoisie, der Philisterei. Gamaschen sind sehr zu empfehlen, sie haben etwas Energisches. Schwere Schuhe, aber nicht gewichst, sondern mit Tran geschmiert. Nun aber haben wir die wichtigste Toilettenfrage des Wühlers vor uns, den Bart. Ein echter Kunstpatriot muß möglichst Haare auf oder doch um die Zähne haben. Der Mund ist die Schießscharte, aus welcher das Kartätschenfeuer der Volksberedsamkeit hervordonnert. Diese Schießscharte sei angebracht in einer starken Haarbarrikade, darüber als rote Blutfahne eine wein- oder wutglühende Nase, zwei funkelnde Augen als Musketenfeuer und ein struppiges dunkles Haupthaar wie ein schwerer Wetterwolkenhimmel hoch darüber. So ist das Revolutionsgemälde fertig. Fliehe, feiger Bourgeois, und verkrieche dich! Es wäre interessant, alle Weltverbesserer einmal geschoren zu sehen. Wie manches Löwenhaupt würde zum Lammesantlitz! Man würde sie gar nicht wiedererkennen, sie selbst sich am wenigsten. Es ist ein neues Geschlecht der Simsone aufgestanden. Hütet euch vor der Delila! Zu verwundern ist deshalb, daß in die Grundrechte des deutschen Volkes nicht das Recht des freien Haarwuchses aufgenommen worden ist. Ich will die Theorie des Bartes in einige wenige Sätze zusammendrängen. Kein Bart. Philister, Epicier, Bourgeois. Ist der Mensch sehr elegant gekleidet, trägt er gar Glacéhandschuhe, so gehört er unter die diplomatischen Reaktionäre. Sehr gefährlich; kann aber grob behandelt werden. Kleiner, sorgfältig gewichster Schnurrbart. Kinn glatt. Aristokratischer Reaktionär. Schießt zuweilen gern mit Pistolen; deshalb mit Vorsicht zu behandeln. Schnurrbart mit kleinem Zwickelbart an der Unterlippe. Dürfte mitunter der Polizei angehören, deshalb gleichfalls mit der nötigen Vorsicht zu behandeln, es sei denn, daß man viele gute Freunde bei sich hat. Schnurr- und starker Knebelbart ohne Backenbart. Gehört dem linken Zentrum an. Keine entschiedene politische Farbe. Durch etwas Rasieren: Übergang zur Reaktion; durch etwas mehr Wachsenlassen: Übergang zum Kunstpatriotismus. Muß womöglich gewonnen werden, man darf ihm aber nicht zu viel trauen. Gar nicht rasiert. Bart von einem Ohre zum andern. Mit der Schere gleichmäßig und kürzer abgeschnitten. Steife Haare, mehr ins Borstenreich spielend. Entschiedener Volksfreund. Mehr in der Praxis als in der Theorie zu verwenden. Charakterisiert die 5te Klasse der Kunstpatrioten. Naturwuchs. Unberührter Haarurwald. Nie naht ihm ein schneidendes Werkzeug. Herabwallend; meist mehrfarbig. Paßt für die 6te Klasse der Kunstpatrioten. Edler Volksfreund. Kommunistischer Träumer. Radikaler Verbesserer ohne allen historischen Boden, aber zuweilen doch mit praktischer Selbstbestimmung. Messias des vierten Standes; verspricht Wunder zu tun – nächstens. Aus den aufgestellten Sätzen erhellt zur Genüge, daß Volksdienst und Rasiermesser zwei unverträgliche Dinge sind, und daher erklärt sich die alle Männerkinne plötzlich umwuchernde Bartzucht. Neun Zehntel datieren vom Februar 1848. Viertes Kapitel Von der Rede Ich bin nun an dem wichtigsten Teile des Büchleins angelangt. Das Wort ist recht eigentlich das Samenkorn der Tat, nicht allein, daß aus den gesäten Worten Taten reifen, sondern auch diese Taten wiederum bringen eine reiche Worternte, nämlich unendlichen Redesegen, ganze Scheunen voll, grobkernige Früchte, mitunter recht flegelhaft ausgedroschen. Wer nicht reden oder wenigstens schwatzen und schwadronieren kann, wird sein Lebtag kein Kunstpatriot. Erstes Bedürfnis ist ein Paar recht starke Lungen. Ohne sie ist jeder Versuch ein verzweifelter. In der Kraft des Schreiens stimmen die Helden der Ilias und die des Tages überein, und von göttlicher Grobheit waren jene auch. Was nun Gehalt und Ausdruck angeht, so muß ich mich wiederum auf allgemeine Sätze beschränken, die aber wohl angewendet von großem und entschieden praktischem Nutzen sein können. Sprich über alles! Keiner Frage weiche aus! Das wäre ja feige. Ein Volksredner muß es machen wie General Wrangel bei Danevirke. Die Zunge ist sein Bajonett, und damit: drauf und drauf! Ein großer Fehler ist ein jedes zweifelhafte Urteil, namentlich wenn er tadelt. Tadeln soll überhaupt ein Kunstpatriot nie, sondern nur schimpfen. Die Rede sei durchweg derb! Alle Aussprüche seien vierschrötig, grobknochig! Gedrungene Sätze, so daß den Zuhörern ein Gefühl von Pflastersteinen, Sensen, Dreschflegeln und von anderem Freiheitsprügelmaterial anwandelt, und zwar aktiv oder passiv, je nachdem. Frech geradezu zu lügen, ist Unrecht, denn es ist unklug. Nur im äußersten Falle, als letzte Notwehr kann es erlaubt sein. Hingegen so ein bißchen neben herumlügen ist durchaus nicht zu verwerfen. Überhaupt, was ist Wahrheit? Subjektive Ansicht. Was ist eine Tatsache? Objektive Erscheinung. Da nun aber letztere immer durch die erstere bedingt wird, so liegt es in der Idee der Tatsache, daß sie in eine Stellung geschoben werden muß, wo man sie vom individuellen Standpunkte aus eben von der geeignetsten Seite erblicken kann. Jede Tatsache steht wie manche Bildsäulen auf einem beweglichen Fußgestell; nun ist es doch wahrhaftig einerlei, ob ich mit dem Licht um die Bildsäule herumgehe, oder ob ich dieselbe selbst um sich selbst herumdrehe. Es kommt alles auf den Standpunkt an, und es steht mir gewiß das souveräne Urrecht zu, dabei zu verfahren, wie mir gut dünkt. Das rechte Maß zu halten, ist schwer, und es bedarf eines feinen Tastsinnes. Wichtiger und sicherer ist hierbei immer das Verschweigen, gefährlicher das Erfinden. Das ist so unsere Weltanschauung! Wo etwa Begeisterung nötig ist, suche der Redner in Wut zu geraten. Der Wein der Begeisterung tut es nicht mehr, man muß zum Schnaps des Fanatismus greifen. Der Kunstpatriot ist ein echter Bürgersoldat, er hat wahre Kriegsstrapazen durchzumachen, und da sind trotz aller Mäßigkeitsvereine die starken geistigen Fluida nicht zu entbehren. Eigentliche Titulaturen fallen ganz weg. Dies versteht sich eigentlich von selbst, als mit dem Begriff der Grobheit unvereinbar. Man muß aber konsequent dabei sein; so ist die Anrede: »meine Herrn« ganz zensurwidrig und mit der Brüderlichkeit und Gleichheit unverträglich. Man sagt: »Freunde« oder »Mitbürger« oder »deutsche Männer« oder noch besser gar nichts; die Leute wissen doch, was sie sind. Das Wörtchen »Ihr« ist besser als »Sie«. Jenes ist mehr proletarisches Eichenholz, dieses aristokratisch poliertes Mahagoni. – Ferner sage man z. B. nicht: »Herr Torschreiber Eppelmeier«, sondern nach Vorgang der Franzosen »Citoyen Eppelmeier«, zu deutsch »Bürger Eppelmeier«. Herren werden nun ein für allemal nirgends mehr geduldet. Ich mache hier aufmerksam, daß sich das verpönte Wort irgendwo noch immer erhalten hat und vielleicht noch lange erhalten könnte. In den Wirtshäusern, auf den Eisenbahnhöfen gibt es gewisse Gemächer, auf deren Türen sich die aristokratische Inschrift findet: »Für Herren«. Also selbst auch hier noch Standesunterschiede! Das muß geändert werden. Ich schlage zu dem Ende vor, einen großen Verein durch ganz Deutschland zu bilden, etwa unter dem Namen: Allgemeiner Deutscher S. V.-Türen-Republikanisierungs-Verein. Die Gestikulationen seien rasch, wild, eckig. Selten nur werde die Hand so ausgestreckt, daß die Hohlhand nach oben sieht. Dies ist eine Bettelbubenbewegung und nur als Zeichen wegwerfender Verachtung zu benutzen. Die Theorie der Gestikulationen ist folgende: Vorzugsweise sei der Rücken der ausgestreckten Hand nach oben gerichtet. Befehlende Bewegung; kategorischer Imperativ. Mit allein ausgestrecktem Zeigefinger stellt sich der Redner als revolutionärer Wegweiser dar. Hauptbewegung ist die geballte Faust oder beide. Sie bedeutet Drohung, Kraft, Entschlossenheit, Verschlossenheit, Komplott, Verschwörung und noch vieles andere. Auf der Brust gekreuzte Arme. Beweis unerschütterlicher Grundsätze und selbst passiver Widerstandsfähigkeit. Sie tun oft gute Wirkung, und ich erinnere mich, daß diese Stellung einem 17jährigen Studenten, der in einer der Abendversammlungen zur Zeit des Vorparlaments von der Erbärmlichkeit des Alters und von der Alleinberechtigung der Jungen sprach, recht allerliebst zu Gesichte stand. Im Stadium der Begeisterung und der Wut hört jede Regel auf. Der Redner kann stampfen, springen, tanzen, hauen, boxen, kurz, treiben, was er will. Die Reihenfolge der Redner sei so eingerichtet, daß die Jungen das erste und wiederum auch das letzte Wort haben. Hierdurch unterscheidet sich die Freiheit der Gegenwart von der des Altertums. Die Neuzeit geht von unwiderlegbaren Prinzipien, von Fundamentalsätzen der Natur aus. Ein alter dürrer Apfelbaum wird ausgerottet und ein neuer hingepflanzt. Die Ehrfurcht gegen das Alter ist gar kein Naturgesetz (vgl. die ganze Tierwelt), sondern ein Artefakt, eine Konvenienz, eine Unnatur, ein Zwang, eine Sklaverei, mit einem Wort, Reaktion. Weiße Haare sind Mangel an Färbestoff in den Haarzylindern, und weiter nichts. Das Reaktionsgeruchsorgan muß bis zur feinsten Empfindlichkeit ausgebildet werden. Am sichersten fährt man, wenn man eben Reaktion in allem und allem findet. Wird z. B. das Brot teurer, so ist dies Reaktion; die volksfeindliche Wucherregierung will das unglückliche Proletariat aushungern, sie will den letzten Blutstropfen aus den leeren Adern herauspressen. – Schlagen die Brotpreise ab, dann schreit der Volksredner: »Männer, eßt dies Brot nicht! Es ist vergiftet! Ich will euch sagen, womit. In diesem wohlfeilen Brot steckt das Gift der Reaktion. Man will euch mit leiblichem Wohlbehagen kirren; in sinnlichen Genüssen sollt ihr gefangen werden, damit man euch später desto ärger schinden könne. Eßt in Gottes Namen lieber Backsteine, aber verschmäht dieses wohlfeile, reaktionsgiftige Brot!« – Wenn es regnet, so ist dies Reaktion; »denn«, spricht der Volksredner, »seht ihr nicht, dieser Regen ist das Werk einer heimlichen Reaktion. Ja Männer, die Aristokratie mit ihren seidenen Regenschirmen will euch eure Dürftigkeit fühlen lassen! Sie lächelt, befindet sich behaglich und läßt die armen Tröpfe in den Tropfen.« – Wenn die Sonne scheint, so ist dies Reaktion; »denn«, spricht der Volksredner, »sie freuen sich ob der Glühhitze, wo ihr unter der Bürde der Arbeit doppelt schwitzt und seufzet, wo euch am dürren Gaumen die vertrocknete Zunge klebt«. (Herrliche Floskel, besonders im Bierhause von praktischem Erfolge.) Namentlich hüte man sich, irgend etwas von dem, was bis jetzt durch die politische Bewegung errungen worden ist, anzuerkennen. Am besten wird das alles ganz und gar mit Stumpf und Stiel weggeleugnet. Es existiert kein freies Assoziationsrecht, weil irgendeine Spitzbubenbande oder ein geheimer Spielklub gesprengt worden ist. Pressefreiheit existiert nicht, weil der Prinz von Preußen nicht mehr per »Kartätschenprinz« traktiert werden darf. Die Mehrheit der Nationalversammlung in der Paulskirche ist nun gar nichts anderes als ein großes Reaktionsbrauhaus, als eine Assekuranzgesellschaft für den Polizeistaat. Alles, was irgend mit einer Regierung zusammenhängt, muß verdächtigt werden. Heute ehrlicher Patriot, morgen Minister, übermorgen schlechter Volksverräter. Das ist ein Axiom, ein Grundrecht. Da beißt, wie die Leute sagen, keine Maus einen Faden ab. Merke es, mein Schüler, die Aufregung darf nicht aufhören! Hört sie auf, so höre ich und du, wir alle hören auch auf, und dann ist der ganze Spaß vorbei. So muß der kluge Volksführer die Reaktion überall aufzufinden wissen. Es ist dies Wort das Gold der Rede, es verlockt und besticht; und der Kunstpatriot muß der Adept sein, der dieses Gold aus allem bereiten kann, aus allem, aus jeder Krone, aus jedem Dreck. Diese Reaktion ist der rote Faden, der durch das ganze Takelwerk der Rede durchgehen muß. Endlich glaube ich dem lernbegierigen Schüler noch eine Einrichtung empfehlen zu müssen, die bei wichtigen Gelegenheiten, z. B. in Volksversammlungen, von entscheidendem Einflüsse sein wird. Es ist dies eine geübte, schlagfertige Claque. Diese wird ohne übergroße Geldopfer zu beschaffen sein, und in jeder nur mittelmäßigen Stadt sind hierzu schon die genügenden Einrichtungen vorhanden; Dilettanten tun es umsonst, Virtuosen werden billig (12 Kreuzer) besoldet. Eine solche Prätorianergarde muß sowohl zur Defension, d. h. zum Beifall für den Entrepreneur, als auch zur Offensive, d. h. zum Zerzischen und Zerstampfen gegnerischer Ansichten einexerziert sein. Wahrlich, man kann wohl sagen, da liegt die Wahrheit auf der flachen Hand! Vor allem bedarf die ganze Herde eines mit der gehörigen Intelligenz versehenen Leithammels. Dieser klatscht oder pfeift voran; die andern Hammel folgen blindlings. Auf jeden Fall ist es rascher zu einem sicheren Ziel führend, wenn man eine Meinung niedertrommelt, als wenn man sie mühsam widerlegt. Das Jahrhundert braucht Männer der Tat. Also, in Germanias Namen, losgeklatscht, gescharrt, gepfiffen und getrommelt! Auf der Galerie der Paulskirche in Frankfurt ist die Hochschule aller Claqueurs.   Anmerkung . Eine gut geübte Klatsch-Rotte kann außerdem noch eine wesentliche Unterstützung sein. Steckenbleiben ist menschlich; auch der Kunstpatriot ist, wenn auch in der höchsten Potenz, eine Art Abgott, denn doch am Ende ein Mensch; mithin kann der Kunstpatriot auch steckenbleiben. In F. lebte früher ein alter Schwimmlehrer, der jährlich eine große nautisch-deklamatorische-piratologische Vorstellung gab, d. h. zum Besten seiner Kasse eine Rede hielt, Feuerwerk abbrannte und zuletzt ins Wasser sprang. Diesem guten Manne geschah es regelmäßig, daß er bei der Festrede steckenblieb. Da schrie er: Bursche, he! ein Pot à feu! Sogleich sprühten und platzten die Schwärmer in der Luft umher, und der Zusammenhang war wieder da, und die Rede ging weiter. Gerade so hilft sich der Volksredner, wenn ihm das menschliche Steckenbleiben begegnet, mit seiner Klatschgarde; nur muß sie gut abgerichtet sein, daß sie Kunstpausen nicht etwa mit Steckenbleiben verwechselt. Einer ganz neu erfundenen Art der Literatur muß ich hier noch schließlich gedenken, nämlich eines Amphibiengeschlechtes, welches zwischen der wäßrigen Journalistik und der heißblütigen Rede mitten inne steht. Es sind die Predigten der Quadersteine, es ist die Literatur der Eckpfosten, die Literatur der Plakate. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in einem fort zu reden, das hält selbst das patriotischste Lungenpaar nicht aus (Cato, der es gekonnt haben soll, ist tot); solch ein Plakat aber wird nicht heiser. Das Publikum wechselt, der Redner spricht immerfort, auf öffentlichem Markte, zu aller Welt, nicht bloß zu den paar armseligen Abonnenten. Gegnerische Anschläge, reaktionär Gedrucktes muß mit Indignation und Konsequenz überall herabgerissen werden. – Anhang Kleines Wörterbuch volkstümlicher Schlagwörter Auf Vollständigkeit macht diese Blumenlese durchaus keinen Anspruch. Nur ein Strauß ist es, wie er auf dem Wege durch die vier Kapitel gelegentlich zusammengesucht worden ist, wilde Feldblumen, unverkünstelt, aber wahr und frisch. Nur zwei Bemerkungen glaubt der Verfasser voraussenden zu müssen. Ein Schlagwort ist ein solches, wo die vorhin erwähnte Claque losschlagen muß. Alle alten historischen Vorrechte müssen vernichtet werden. Es besteht aber ein solches noch von den Zeiten des Kekrops, des ABC-Erfinders, her, nämlich das Vorrecht des Buchstaben A, immer voranzustehen, und in Folge desselben das Unrecht, welches der Buchstabe Z schon so lange erdulden mußte, immer der letzte zu sein. Verfasser hat nun diese Ordnung umgedreht; er hat dadurch gewiß die überzeugendste Probe radikaler Gesinnung gegeben, und zugleich hat er es auf diese Weise endlich dahin gebracht, daß der Zopf einmal vorn hin kommt, und daß der Adel dahin gewiesen wird, wohin er gehört, nämlich ganz nach hinten. Für die Dauer wäre natürlich durch diese Umwälzung auch nichts gebessert, und ein geeigneter Vorschlag zur Vernichtung aller lexikalischen Aristokratie, des ganzen Buchstaben-Adels dürfte es sein, wenn die hohe Reichsversammlung alle vier Wochen, etwa mit ihren Abteilungen, auch die Reihenfolge des Alphabets verlosen wollte. Hierdurch wäre im ABC das Prinzip der Volkssouveränität auf der breitesten demokratischen Basis gewahrt. Möge irgendein Mitglied der radikalen Partei sich diesen Gedanken aneignen! Wühler . Definition: Wer den Vorschriften dieses Werkes gemäß handelt, ist einer; daher eine weitere Erklärung eigentlich unnötig. – Die Wühler sind die Erdengötter der Unterwelt im Gegensatz zu den hochgeborenen Obergöttern, das Unterhaus gegen das Oberhaus, die Volksmänner, die hinaufwollen, gegen die Volksherren, die herunter müssen. Das Ganze läuft also auf das bekannte Kinderspiel hinaus: Wo ist gut Bier feil? und: Verwechselt eure Plätze! Wühler ist ursprünglich ein Schimpfwort; es ist aber jetzt, wie seinerzeit das Brabantische Geusen, ein Ehrentitel geworden. So gut, als man den Staat früher von oben her, von Gottes Gnaden, beglückt hat, kann dies auch einmal von unten her versucht werden. Das Wort ist also mit Stolz auszusprechen. Volk . Ein schwer zu definierender Kollektivbegriff. Ich will es aber dennoch versuchen. Eigentlich wäre Volk eine durch Abstammung, Sitte, Geschichte und Sprache verbundene Zahl von menschlichen Erdenbewohnern. Die Unterschiede der Volksstämme sind seit der Zeit der Völkerwanderung nur noch Gegenstand der Spitzfindigkeit. Von den Sitten will ich schweigen. Mit der Geschichte haben wir gebrochen; namentlich die deutsche Rumpelkammer wollen wir gerne verschlossen halten. Es bleibt also nur noch die Sprache. Mit andern Worten, die, welche sich verstehen, sind das Volk. Seht ihr also, wie recht wir haben, wenn wir in einer noch so kleinen sog. Volksversammlung euch zurufen: Wir sind das Volk! Wir verstehen uns, ergo sind wir das Volk. Die andern sind nicht mit uns einverstanden, ergo sind sie nicht das Volk. Uns gehört die Volkssouveränität, uns die Volksrechte. Wir sind der Staat! Punktum! Verdummung . Volksredner sprechen viel von der Verdummung des Volkes zum Volke. Kein Mensch nimmt es übel, obgleich es doch eigentlich eine unsägliche Grobheit ist. Jeder denkt dabei vergnügt: Aha, Nachbar! Merkst du was? Thron . Definition: Ein sehr unbequemer Sitz heutzutage. – Man spreche nur vom zertrümmerten, oder wenigstens vom erschütterten und wankenden. Soldaten . Definition: Individuen, von der Regierung angestellt und besoldet, um vom Volke in seinem Zorn totgeschossen zu werden. Die Soldaten müssen verschieden beurteilt werden, je nachdem sie stehen. Stehen sie z. B. auf Seiten der Regierung, gegen irgend Unordnungen, Hausdemolierungen, Barrikadenversuche oder gegen ähnliche Volksbelustigungen, so nennt man sie »Soldateska«, »rohe Soldateska« oder in der höchsten Potenz »vertierte Söldlinge«. Auch die Worte »übermütig« und »Brutalität« finden hier Anwendung. Helfen sie dagegen bei dergleichen mit, so heißen sie »Söhne des Vaterlandes, edle Krieger«; den Akt der Vereinigung selbst bezeichnet man mit dem Kunstausdruck »fraternisieren«. So haben bei dem Heckerschen Feldzuge »zwei Söhne des Vaterlandes aus den brutalen Reihen der vertierten Söldlinge mit den Freiheitskämpfern fraternisiert«. Soziale Bewegung . Mit diesem Ausdruck läßt sich alles bezeichnen. So z. B. wenn man nachts aus fröhlichen Gelagen aufgeregt durch die Straßen zieht und Laternen einwirft, so ist dies soziale Bewegung. Den meisten Wirtshausprügeleien, namentlich wenn ein Reaktionär hinausgeworfen wird, liegt mehr oder weniger soziale Bewegung zugrunde. Wenn die Leute in schlechten Zeiten bei gesteigerten Bedürfnissen weniger Verdienst haben, so ist die Unzufriedenheit darüber soziale Bewegung, usw. Russen . Definition: wilde Menschen mit Pudelmützen und Spießen. – Ein durchaus unentbehrliches Ingredienz einer jeden Rede, die irgend wirken soll. Der östliche Wuwutz darf nie fehlen. Gewöhnlich werden sie mit etwas »Zar« und etwas »Knute« versetzt verabreicht. Revolution . Ein auf dem Markte der Welthändel sehr gesuchter, aber auch sehr teurer und kostspieliger Artikel. Republik . Eine unverständliche Zauberformel. – Neuerdings versteht man darunter denjenigen Zustand der Dinge, wo jeder befiehlt und keiner gehorcht. Demokratisch-sozial ist die Republik noch überdem, wenn jeder etwas nimmt und keiner etwas behält. Man könnte sie mithin philosophisch als die positive Negation, als den gelösten Widerspruch darstellen; das ist aber am Ende ganz gleichgültig. Die verwirrende Unklarheit des Begriffs bedingt gerade den Hauptreiz. Es liegt etwas Mythisches darin, ähnlich der Unsterblichkeitsahnung, so etwas vom politischen Paradies, vom Schlaraffenland, vom Pfannenkuchenberg des holländischen Märchens. Da fragt auch kein Mensch: wo liegt der? Genug er liegt. Diese Ahnungen haben sich des Volkes bemächtigt, und der Wühler von Profession benutzt sie. Recht . Das historische, d. h. selbst das von gestern, gilt gar nichts. Rechtsgrundsätze und Spargeln dürfen keine Nacht überlebt haben. Das Recht muß im Bewußtsein des Volkes wurzeln, da nun aber jeder Mensch sein eigenes Bewußtsein hat, so hat auch jeder sein eigenes Recht, id est Faustrecht. Hier ist die romantische Seite der Gegenwart. Wer das Recht zu erwähnen genötigt ist, tut am besten, wenn er herkömmlicherweise nur von einem »durchlöcherten Rechtsboden« spricht. Proletarier . Eigentlich ein ganz unanständiger Ausdruck, und bedeutet jeden, der zwar Erben produziert, aber sonst nichts. Die deutschen Dorfschulmeister gehörten von je in diese Klasse, jetzt rechnet aber auch ein Universitätsprofessor darunter. Hoffentlich ist dies nicht der einzige Vorteil, den das Proletariat in der Revolution errungen hat. Das wäre denn doch verzweifelt wenig! Polizeistaat . Auf die Polizei losstürmten zunächst alle Revolutionen, und das erste, was sogleich nach eingetretener Ebbe aus den Wogen auftauchte, war eine neue. So ging es über die Gardes du corps, die Schweizerregimenter, die Gardes municipaux und über das weit verbreitete Geschlecht der Gensdarmen her, und siehe da, es erscheinen die Schutzmänner, als »blaue Eckensteher«, und die Garde urbaine. Mit Taschenspielergeschwindigkeit geht dies; eins, zwei, drei! und die schwarze Katze ist eine weiße geworden. Das Volk hat an der Polizei schon tagelang in einem fort gewürgt, sie fällt, die Empörung braust darüber hin, und sie steht lächelnd wieder auf. Sie ist im konstitutionellen Staate die Verantwortlichkeit der Verantwortlichkeit, nur ist dieselbe gewöhnlich fühlbarer Natur. Die Polizei hat etwas Dämonisches, wie das Galgenmännlein, welches auch nicht von seinem Besitzer wich. Eine kluge Regierung würde immer drei bis vier Anzüge bereithalten zur möglichst schnellen Polizei-Metamorphose. Die ganze Maschinerie wird auch mit dem deutscheren Namen »Bürokratie« bezeichnet; denn Beamtenherrschaft verstände kein Mensch. Wie schön klingt z. B. »die Ausmistung des Augiasstalles des Bürokratentums«! Pflastersteine . Definition: ein von Regierungs wegen einzig und allein angeschafftes und eigens präpariertes Material, um Barrikaden davon bauen zu können. Omnibus, Fiakres, Kisten, Kasten: Material zu gleichem Zweck, von Privaten geliefert. Pfaffen und Juden . Sonderbare Zusammenstellung; noch sonderbarer ist ihr Zusammenhang in bezug auf deutsche Revolutionsversuche. Mit den ersten hat man vor ein paar Jahren begonnen, mit einer Judenhetze enden (schon nach Börne) die deutschen Emeuten. Gegen jene ziehen die revolutionären Flankier, gegen diese die Marodeurs. Auf beider Geld ist es abgesehen, sie sollen die Zeche bezahlen. Das ist der Anfang und das Ende. Das Volk betrachtet sie als eine Art Sparkasse, deren Einsätze man beliebig einziehen kann. Oder sollen es die Honigkuchen sein, die dem Cerberus »Volk« vorgeworfen werden? Es ist eine Wirtschaft, umgekehrt, wie einst zur Zeit weiland Saturns, der seine eigenen Kinder fraß. Die Pfaffen sind Kinder des Judentums und seiner Hohenpriesterschaft; dafür ließen die Pfaffen früher die Juden auf offenem Markte verbrennen. Die Freiheit der Gegenwart erblühte aus dem Christentum; dafür will die Freiheit nun Juden und Pfaffen, ihre Väter und Großväter, verzehren. – Über den Gebrauch in der Rede des Wühlers nur folgendes. Wenn die Fürsten und Regierungen gehörig verarbeitet sind, und noch Zeit übrig ist, so nehme man die Pfaffen und Klöster vor, und das tüchtig. Die Juden direkt rate ich zu schonen, da viele von ihnen sich als recht gute Wühler bewährt haben. Unter dem Titel »Geldsäcke« werden diejenigen, auf welche es hauptsächlich abgesehen ist, ja ohnedem schon berücksichtigt werden. Heuler . Gegensatz zum Wühler. Jeder, der nicht mitwühlt. Synonyme: Bourgeois, Geldsack, Sauerteigpartei, Zentralmichel. Deutsch . In diesem Artikel will ich mir nur erlauben, darauf aufmerksam zu machen, welche großen Errungenschaften die deutsche Sprache durch die letzten Bewegungen erworben hat. Den fremden Volksstämmen auf deutschem Boden hat man ihre Nationalität, ihre Sprache verbürgt. Das war meiner Ansicht nach ganz überflüssig. Wir hätten besser getan, uns unsere eigene zu verbürgen. Niemand wird leichter deutscher Staatsbürger als ein fremdes Wort. Was wollen die Polen, Tschechen und Italiener eine vollere Sicherheit verlangen? Solche Errungenschaften sind: Demokrat, Aristokrat, Bürokrat, sozial, radikal, liberal, servil, souverän, Ultra, Barrikade, Bourgeoisie, Proletarier, politisches Renegatentum, Emeute, Reaktion, Zentralgewalt und Hunderte von ähnlichen Einwanderern. Dachziegel und Flintenkugeln . Definition: Überzeugungsmittel für Reaktionäre. Civilliste . Gehört unter die unnötigen Ausgaben und muß deshalb zuerst vor allem mit einer Luxussteuer belegt werden. Als deutsche Bezeichnung dieser deutschen Sache schlage ich vor: die Fürstenmast. Bundestag . Bedeutung: bedeutet gar nichts mehr. – Im Interesse der Wühlkunst muß es allerdings beklagt werden, daß er heimgegangen ist. Er war der Sack, auf den gehauen werden konnte, wenn man den Esel gemeint hatte. Zur Zeit des Vorparlaments starb er; nichtsdestoweniger hieb man auf »die Leiche«. In den ersten Wochen der Nationalversammlung war er »die in Fäulnis übergegangene Leiche«, und es wurde von neuem auf ihn gehauen. Jetzt aber dürfte es schwer, wenigstens unappetitlich sein, weiter auf ihn loszuprügeln; es müßte dies unter dem Titel »des verscharrten Bundestages« oder »der von Würmern zernagten Leiche« oder »des vermoderten Skeletes« oder gar »des Gespenstes des Bundestags« geschehen; Ausdrücke, die hiermit empfohlen werden. Aber doch lassen sich mit diesem unselig Verblichenen noch schöne volksrednerische Experimente anstellen, wie eines der gesinnungstüchtigsten Blätter erst am 22. Juli dieses Jahres beweist, wo wir lesen: »Wenn sonst ein Mann, dessen Stirn sich gefurcht hatte im Gram über die Leiden des Volkes, den ganzen Zorn seines Herzens in den unbehorchten Mauern seines Hauses ausgoß, so sprach er in wilder Verwünschung den Namen ›Bundestag‹. – Wenn ein heimatloser, gehetzter Flüchtling auf fremder Erde, mit dem Bettelstab in der Hand, all sein Unglück in einen gräßlichen Fluch aus tiefstem Seelengrunde zusammenpressen wollte, so nannte er knirschend den Namen ›Bundestag‹. – Wenn im dumpfen Kerker ein bleicher gefolterter Demagog, den die Schauer des Wahnsinns schüttelten, an seinen Ketten zerrte und den irren Kopf durch die Gittereisen zwang, so kam von krampfhaft bebenden Lippen der Name: ›Bundestag,‹ – Wie wenn ein Würgengel dahinzieht, wie wenn die vermummten Diener einer geheimnisvollen Feme das Messer in die Türpfosten eines unglücklichen Opfers bei Nächten stoßen, so klingt der Name ›Bundestag‹!« Ist das nicht allerliebst? Und wie kühn! Ein gutmütiger Teufel ist der Bundestag, er folgt und erscheint auf das »Berlike, Berloke!«, wie sein Bruder dem Kasperle im Puppentheater. Arm . Jeder, der mehr haben will, nennt sich heutzutage so. Gebräuchlich ist der Ausdruck: »Schweiß der Armut«; ohne Rücksicht auf das Thermometer auch im Winter anzuwenden. Arbeiter . Definition: Solche Leute, die nichts arbeiten wollen, dagegen selbst bearbeitet werden müssen. – Der Wühler braucht ihnen nur Versprechungen zu machen, sie glauben alles. So haben die Schuhmachergesellen für die Ausschließung von Posen unterzeichnet, in der Voraussicht, daß sie dadurch bessere Schlafstätten ohne Wanzen und regelmäßiges Bier zu Tisch erhalten würden. Die Schreiner traten einer Eingabe für Heckers Einberufung bei, weil sie meinten, dadurch würde ihnen bei sechsstündiger Arbeit doppelter Lohn und freies Theater. Von der Arbeiterfrage ist gut reden, nur muß man der Gegenpartei die Antwort zuschieben. Die Organisation der Arbeit beginnt am zweckmäßigsten mit ihrer vollständigsten Desorganisation. Ausgleichung zwischen Kapital und Arbeit heißt man den Zustand, wo nur im Verhältnis der Arbeit bezahlt wird, wo mithin der, welcher gar nichts tut, auch gar nichts zu bezahlen hat. Es ist wahrhaftig nicht so schwer, mit dem Ding ins reine zu kommen, wie viele es sich vorstellen, wenn man es nur richtig anpackt! Adel . Definition: Er ist etwas Unbegreifliches, aber Historisches. – Seine Rechte und Privilegien hat ihm die Nationalversammlung jüngst genommen; der Stand, die Kaste ist geblieben. Den leeren Kasten hat man behalten; der Inhalt ist herausgeschmissen. Zu was eine solche halbe Exekution? Soll da gelegentlich wieder etwas Sauberes hineingepackt werden? Soll in das leere Nest irgendein reaktionärer Oberkuckuck sein Ei hineinlegen? Selbst vom biblischen, mithin vom Standpunkt des christlich-germanischen Staates, konnte man dem Adel die Existenz nicht erhalten. Da steht wohl geschrieben, daß unser Herrgott aus Lehm einen bürgerlichen Michel Adam gemacht hat; aber daß noch außerdem ein absonderlicher Herr von Adam etwa aus Porzellanerde geknetet worden sei, davon steht kein Wort da. In diesem Sinne muß von dem Adel gesprochen werden. Gebräuchliche Bezeichnungen sind: Unkraut, Possenspiel, Feudalschlamm, Krebsschäden des Gemeinwohls, Speichellecker der Fürsten, Blutsauger des Volkes, mittelalterliche Schnapphähne. Auf einen verwandten Ausdruck muß ich noch aufmerksam machen, der in keiner gesinnungstüchtigen Rede fehlen darf, nämlich die Kamarilla, das heißt: »die Verschwörung, wo das Gift des Volkstodes gekocht wird«. Eine Rede ohne Kamarilla ist eine Suppe ohne Salz. Das deutsche Volk tut seinen Fürsten nichts; aber möglichst nahe auf den gottesgnädigen Leib möchte es denn doch denselben rücken, und zu dem Ende ist die Kamarilla besser als ein verantwortliches Ministerium. Sie sitzt näher. Beide verhalten sich wie Mantel und Leibrock. Eilige Nachschrift Verzeihung, edler Kunstpatriot, angehender Wühler! Beinahe hätte ich, dein Lehrer und Meister, mich einer großen, verräterischen Nachlässigkeit schuldig gemacht. Du hast dir nun alle weisen Lehren wohl gemerkt, alle Kunstgriffe und -kniffe wohl einstudiert und alle Kern- und Kraftwörter wohl memoriert. Du bist aus einem eifrigen Lehrling ein tüchtiger Geselle geworden. Du schnürst nun dein Bündel und willst auf die Wanderschaft, ins Leben hinaus. Ich darf dich aber so nicht hinziehen lassen, ohne irgendeine Warnung, ohne irgendeine Lehre für den Wühler auf Reisen. Beherzige, was ich dir zurufe! Es ist einfach, aber sehr heilsam. Eins tut not. Vorsicht! Große Vorsicht! Außerordentlich große Vorsicht! Kommst du an einen Ort, wo sich ausschließlich oder überwiegend doch Heuler befinden, dann hurtig mit dem grauen Hute und seiner krakeligen Hahnenfeder, mit der Bluse, mit den Kniffen, mit den Kraftsprüchen, kurz mit dem ganzen Handwerkszeuge in den Koffer hinein! Mit den Wölfen muß man heulen; hat doch Petrus seinen Herrn und Heiland verleugnet und ist doch der erste Papst geworden. – Und hiermit fahre wohl, du geliebter Sohn, und wühle! (1848)