Hugo von Hofmannsthal Cristinas Heimreise Komödie   1909   Personen Don Blasius , der Pfarrer von Capodiponte Cristina , seine Nichte Pasca , deren Magd Florindo Tomaso , ein SchiffsKapitän, aus Hinterindien zurückgekehrt Pedro , ein Mischling, dessen Diener Antonia , eine leichtfertige Person Teresa , ihre junge Schwester Der Wirtssohn Der Hausknecht Ein Küchenmädchen     im Gasthof zu Cenedabr Ein Bediente r Eine Bürgersfrau Romeo , ein altes Faktotum Ein fremder alter Herr Eine junge Dame , seine Begleiterin Ein Pferdeknecht in Cristinas Dienst Mehrere alte Weiber , mehrere halbwüchsige Buben , Musikanten, ein Barkenführer und dessen Gehilfe, Reisende Erster Akt Ein offener Platz in Venedig, der rückwärts an die Lagune stößt. Seitengäßchen links und rechts. Eines der kleinen Häuser rechts hat einen Balkon. Gegen Abend, es dämmert. An einigen Fenstern ist Licht. Pedro kauert nach Art der Orientalen vor dem Hause rechts unter dem Balkon und kaut an Nüssen, die er aus seiner Tasche holt. Er ist europäisch gekleidet, in eine Art Livree. Aber seine Gesichtsfarbe und namentlich sein Haar wirken sehr fremdartig. In der Ecke links steht ein kleiner Bub, der aufpaßt. Von rechts kommt ein altes Weib auf einen Stock gestützt über den Platz geschlürft. Sie schiebt sich mißtrauisch vorwärts mit Seitenblicken auf Pedro. Der kleine Bub winkt ihr: alles in Ordnung. Teresa, ein Geschöpf von 15 Jahren, lehnt sich aus dem Fenster neben dem Balkon des kleinen Hauses und betrachtet, aus einem Teller essend, Pedro.   Die Alte zu dem kleinen Buben Für wen wartest du hier? Bub Für den Herrn Florindo doch. Die Alte schlägt ihn mit dem Stock Du sollst keinen Namen in den Mund nehmen. Bub Aber zu dir, Großmutter! Die Alte Lern den Mund zu halten. Für wen wartest du hier? Hebt den Stock. Bub Für niemanden, ich steh nur so da. Die Alte Marsch jetzt, klopf ans Fenster, gibs Zeichen! Sie verschwinden beide links um die Ecke. Don Blasius tritt aus dem Gäßchen rechts auf und spricht zurück nach der Richtung, von wo er gekommen ist Hier? Dieses Haus? Über dem Platz? Die andere Ecke? Diese Ecke? Danke! Wie? Das erste Haus, wenn ich mich links umdrehe. Ist dieses da gemeint? Eine sehr umständliche Bauweise herrscht in dieser Stadt. Das erste Haus, wenn ich mich links umdrehe. Das mag dieses sein, oder dieses, oder das dort. Da ist jemand. Pedro ist aufgestanden, hat den Rest der Nüsse aus dem Hut in seine Rocktasche gebracht, sich abgeputzt, den Hut etwas in den Nacken aufgesetzt und steht jetzt da, jeder Zoll ein Europäer, verbindlich und bereit, sich in ein Gespräch einzulassen. Don Blasius Könnte der Herr mir vielleicht sagen – Der Schein der Laterne fällt auf Pedros seltsames Gesicht, der mit Schwung den Hut abgenommen hat. Don Blasius fährt zurück Was ist denn das? Pedro Das ist Signor Don Pedro, ein junger ausländischer Europäer, in Erwartung auf seinen großen Freund, den großen Kapitän Tomaso, da innen. Zeigt nach rückwärts. Nur herein, hohe Würde. Sie sind sichergewiß oben erwartet. Ihre Sprüche sind sichergewiß benötigt, damit alles gut vonstatten geht. Mein Kapitän wird Sie mit brüllender Freude begrüßen. Don Blasius Dein Kapitän? Mein Sohn, ich habe in meinem ganzen Leben nichts mit einem Kapitän zu schaffen gehabt. Pedro Ich werde Sie geehrt, nicht Du, hohe Würde! Er lacht zufrieden. Nicht Diener, europäischer Begleiter, Sekretär, Freund. Er nimmt ein Lorgnon an die Augen. Schon lange keinen katholischen Vater in zutraulicher Weise gesprochen. Meine heiligen Erzieher waren Väter, heilige Gesellschafter Jesu. Drüben. Zuhause. Java. Sie haben gehört? Don Blasius Schön, schön, mein lieber Sohn. Aber ich suche hier ein Haus – Pedro verbindlich Häuser in Menge. Ein Stück Haus, zwei Stück Haus, drei Stück Haus! Don Blasius Ich suche ein bestimmtes Haus, in welchem ehrbare Leute wohnen, bei denen meine Nichte zu Gaste ist. Ein junges Mädchen vom Lande, das ich abzuholen komme. Pedro Schönes junges Mädchen! Weiß, ganz weiß! Hier zur Stelle. Zeigt auf das Haus mit dem Balkon. Don Blasius zweifelnd Meine Nichte Cristina, die Tochter meiner verstorbenen Schwester. Pedro Hier ist es, sichergewiß. Eine Wenigkeit von Minuten und sie wird liebevollen Gruß mit Ihnen tauschen. Don Blasius Weiß, ob sie weiß ist? Natürlich hat sie keine bunten Wangen, ist ja kein Vogel. Pedro Hier! Ich eile zu melden. Ruft nach oben. Hoh, hoh. Nichte von Ehrwürdigkeit! Sieht nochmals den Pfarrer erfreut und blinzelnd an. Schön für meinen Kapitän, ich laufe, ich melde. Bleibt stehen, reibt sich die Hände. Don Blasius Wie? Was? Nochmals, mein lieber Sohn, was habe ich mit Ihrem Kapitän zu schaffen? Was ist schön für Ihren Kapitän? Pedro Geistliche Verwandtschaft. Gut. Gesund ist das für meinen Kapitän. Don Blasius für sich Ich werde gut tun, mich diesem Fremden aus dem Weg zu halten. Kein Mensch, der mir Auskunft geben könnte. Und doch hat man mir gesagt, es wäre auf diesem Platz. Ruft aufs Geratewohl. Cristina! Cristina! Pedro an seiner Seite, wichtig Mein Rat: eine Wenigkeit von Minuten abwarten. Vielleicht besser. Er lacht bedeutungsvoll. Don Blasius Mir scheint, ich höre jemand. Pedro immer an seiner Seite, während der Pfarrer immer ängstlich seinen Platz wechselt Sie kennen den Herrn Florindo? Wie? Nicht den Herrn Florindo hier? Schönen großen Herrn Florindo? Er ist es, der uns bekannt geführt hat mit der achtenswerten Nichte. Aufeinander geführt. Er ist ein großer Freund von meinem Kapitän. Oft zusammen gespielt, zusammen getrunken. Auch mein großer Freund. Ich habe ihn vor kurzem dort in ein Haus gehen sehen. Nicht allein. Vertraulich. Florindo und ein Stück Frau jede Nacht, das ist eine Wenigkeit. Vielleicht zwei Stück Frau jede Nacht. Lacht vergnügt. Don Blasius ängstlich nach oben lauschend Mir ist, als hätte ich ihre Stimme gehört. Pedro Sichergewiß. Don Blasius Wäre es doch richtig? Mein Gott, sie ist ja hierher gekommen, um sich zu verheiraten. Warum sollte es nicht ein Kapitän sein? Wenn er nur sonst ein braver rechtlicher Mann ist. Pedro Heute sind wir zum erstenmal bei ihr. Don Blasius sieht ihn an. Pedro mit den Augen zwinkernd Auf Besuch. Don Blasius Wie denn? Wie denn? Pedro Wie denn? Freut sich. Don Blasius Ich kann mir nicht denken, daß meine Nichte zu so später Stunde – Auf das Haus zu. Pedro hält ihn ab Besser warten. Don Blasius Mein Sohn! In Kürze: Was hat Ihr Herr dort oben zu schaffen? Pedro beruhigend, wichtig Mein Kapitän weiß, wie es zu tun ist. Mein Kapitän ist ein reicher Kapitän und ein guter Kapitän. Er weiß so gut hier in Europa wie in einem anderen Lande. In einem anderen Lande ist es schneller. Auf den Inseln drüben ist es oft sehr schnell. Bei Häuptlingsfrauen kann es sehr schnell sein. Aber hier in Europa ist es mit vielen Vorschriften. Man muß wissen, die achtungsvollen Komplimente, die vorgeschriebenen Geschenke, die Ehrenbezeugungen, zuerst die kleinen Küsse – so und so Er küßt affektiert seine Hand. Don Blasius sehr erschrocken Was macht Ihr Herr dort oben? Pedro Mit der schönen, jungen Dame, Nichte von Ihrer Würden, meinen großen Freund, Nachtmahl verzehren und dann in hochachtender Weise anbeginnen die sehr gute Sache. Don Blasius Ich verstehe Sie nicht. Ich verstehe Sie nicht. Da sei Gott vor, daß ich Sie verstünde. Pedro Sichergewiß. Don Blasius Da sind höllische Künste im Spiel, ich muß hinauf. Pedro ärgerlich, heftig, hält ihn auf Später die Segenssprüche! Mein Kapitän wird brüllende Freude empfinden über Ihre Segenssprüche, aber nachher. Don Blasius Lassen Sie mich. Ich schreie um Hilfe! Mein Gott, es muß doch hier im Ort einen Nachtwächter geben. Pedro Was könnte der helfen? Warum so aufgeregt? Wirft seinen Mantel auf die Stufen vor dem Haus und drückt den Pfarrer mit sanfter Gewalt auf diesen Sitz nieder. Es ist Weisheit, seinen achtenswerten Sitz zu gebrauchen in der Stunde der Überraschung. Don Blasius ohnmächtig, sich seiner zu erwehren Ich unbrauchbarer alter Mann. Ringt die Hände. Teresa erscheint wieder am Fenster, neugierig Pedro erblickt sie, erfreut, eifrig Da! Hoh! Ein Stück Onkel sind angekommen. Schnell kommen Sie herunter, kleines Fräulein, einen Salaam zu machen dem hochehrwürdigen Onkel. Eilig! Eilig! Er klatscht in die Hände. Teresa oben vom Fenster weg Don Blasius der mit verdrehtem Kopf, da Pedro ihn nicht aufstehen läßt, hinaufgesehen hat Ganz und gar ist dieses junge Mädchen nicht meine Nichte Cristina. Ist es diese, von der Sie gesprochen haben? Ist es diese, bei der Ihr Kapitän zu Besuch ist? Sagen Sie mir das, werter Herr, und ich will Sie dankbar in mein Gebet einschließen. Pedro hält ihn Schwester Ihrer Nichte, sichergewiß. Oben zwei Stück schöne weiße Mädchen. Don Blasius Meine Nichte Cristina hat keine Schwester. Entspringt ihm. Pedro Schade! Oh, mein Kapitän wäre munter wie ein Floh über achtenswerte Verwandtschaft. Hält ihn am Rock. Don Blasius Lassen Sie mich meines Weges gehen. Reißt sich los. Pedro läßt ihn Oh, vielmals schade. Sie dürfen achtenswerten Irrtum nicht übelnehmen. Ich wünsche Ihnen zudringlich alles Gute. Verbeugt sich hinter dem abgehenden Pfarrer her. Pfarrer verschwindet links um die Ecke Teresa aus der Haustüre Pedro sich brüstend, sein Lorgnon am Auge Mein Freund! Nummer eins heiliger Mann, Nummer eins starker Zauberer für Segenssprüche. Nicht von Ihrer Verwandtschaft? Vielmals schade! Ich war im Irrtum! Teresa amüsiert sich über ihn. Pedro mit gekrümmtem Zeigefinger auf sich zeigend Signor Don Pedro, der junge, ausländische Europäer von gestern Abend. Des Kapitäns dort oben sein treuer Freund. Teresa platzt heraus. Pedro für sich Sie ist für meinetwillen herunter gekommen, sichergewiß. Sie hat zugehorcht und meine Gestalt und meine freundliche vorlaute Art, als ich mit dem heiligen Vater sprach, hat sie gewärmt. Sie lacht auf mich, sie macht einladende Blicke auf mich! Sich ihr nähernd wie ein Pfau, den Hut im Nacken, das Lorgnon vor der Nase, mit umständlicher Beredsamkeit. Ein Stück Haus, ein Stück Haus, ein Stück Haus. Eine Wenigkeit sind davon zu dieser Stunde, wo nicht ein Stück Mann mit ein Stück Frau hochachtungsvoll beisammen. Er nähert sich ihr mit Grazie und Entschiedenheit. Teresa schüttelt ihn ab Pedro für sich Nicht leicht der europäische Anfang. Oh! Mit einem neuen Anlauf zur Beredsamkeit Mein großer Freund, der sehr reiche Kapitän, ist zu dieser Stunde achtenswert verheiratet. Da hier bei. Zeigt aufs Haus. Mein Freund, der Herr Florindo, ist zu dieser Stunde achtenswert verheiratet. Da hier bei. Zeigt nach dem Gäßchen links. Teresa schnell Was ist? Wie? Pedro Nur bloß armer ausländischer Signor Don Pedro bis zur Stunde ungeheiratet. Teresa neugierig Wie ist das mit dem Herrn Florindo? Was ist mit ihm? Pedro zeigt hinter sich. Teresa Dort? Pedro Zwei Stück Haus hinter der Ecke. Ich kann zeigen, ich will gerne zeigen. Teresa Da ist die hübsche Schneidersfrau. Du hast ihn zu ihr hineingehen sehen? Pedro nickt lebhaft Sie hat ihn gewartet am Fenster, versteckt, versteckt. Er ist gekommen, Nummer eins leise, leise, brüllend froh, daß ihn niemand sieht. Ich bin sogleich vorgegangen und habe ihn zudringlich gegrüßt als sein großer Freund. Er hat gesagt, er kann sich mit mir nicht aufhalten zu seinem brüllenden Leidwesen. Der Grund ist ein hochachtungsvolles Geheimnis. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, daß ich weiß, was das Geheimnis ist. Er hat gesagt, ich bin Nummer eins gescheiter, vornehmer junger Mann und er gibt mir silbernes Geld, damit nicht über meine Zunge springt, daß ich ihn dort gesehen. Ich habe das Geld genommen, ich habe noch gesagt, ich bin ein europäischer Gentleman, er muß sich mit mir die Hand schütteln, niemals daß es werde über meine Zunge springen. So hat er sich mit mir geschüttelt, wie zwei europäische Herren es sich immer machen, und ist sehr erleichtert von mir mit seiner schönen weißen Freundin ins Haus gegangen, anzubeginnen das gleiche, Er grinst was ich mir wie ein verdursteter Affe wünsche mit meiner jungen, weißen, mager-fetten Schwester hochachtungsvoll anzubeginnen hier zur Stunde. Verbeugt sich. Teresa Du wärst mir der rechte! Halb für sich. Geht er jetzt richtig mit der Schneidersfrau? Das muß meine Schwester erfahren. Es gibt nichts, was sie so ärgern könnte. Will gehen. Pedro der durchaus nicht gewillt ist sie fortzulassen Jetzt nichts von achtenswerter Schwester! Teresa macht sich frei Freilich, gleich komme ich wieder. Pedro Sichergewiß? Teresa Ganz bestimmt! Will hinein. Pedro Ich gehe mit! Teresa Wo denkst du hin? Wo dein Herr oben ist! Du wartest schön hier. Läuft ins Haus. Pedro Und du kommst gleich? Ich bin vielmals in Erwartung. Er bereitet aus seinem Mantel eine Lagerstätte an der Mauer. Befriedigt. Vielmals schwer der europäische Anfang. Aber nur im Anfang. Dann ist alles wie bei uns. Sie wird bringen Süßigkeiten und hochachtendes Fußbad, anzubeginnen die Zärtlichkeiten mit ihren süßen Freund Don Pedro. Ich will bereit sein. Er zieht seine Schuhe aus. Hier kommen ihre achtenswerten Füße die Treppe herunter. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Mantel und wiegt sich vor Vergnügen und Erwartung. Der Kapitän, dessen breitbeinige schwere Tritte die hölzerne Wendeltreppe erdröhnen ließen, tritt wuchtig aus der Tür und stolpert über den Dasitzenden. Pedro springt in großer Enttäuschung auf Hoh! Kapitän, der ohne Hut und Mantel ist, stampft mit zomdunklem Gesicht auf und nieder. Sein Fuß verwickelt sich in Pedros Mantel, er schleudert ihn mit Wut zur Seite. Pedro sieht sich ängstlich nach der Treppe um Hoh! schlecht gewählte Zeit für mich. Eine Wenigkeit von Minuten früher wäre besser gewesen. Er geht dem Kapitän nach, grinst verbindlich. Wer genossen hat, worauf sein Herz hochachtungsvoll war gerichtet, dem ist Glück zu wünschen und seine ergebenen Freunde müssen zudringlich erfreut sein, bis in die Tiefe ihrer Eingeweide. Kapitän , der nicht bei Laune ist, gibt ihm kurzweg einen Tritt. Pedro zurückspringend Hoh! Mein Glückwunsch war zu früh. Indem er mit Bedauern seine Schuhe wieder anzieht, zum Kapitän, wissend und wichtig. Der europäische Anfang ist vielmals schwere Kunst, ich weiß, wie werde ich es nicht wissen! Ich sitze hier vor einer Wenigkeit von Minuten im Gespräch mit meinen großen Freund, eine geistliche hohe Würde, und werde zudringlich geehrt von schöne, junge weiße Schwester-Mädchen. Ich nehme ihre Anträge mit Sanftmütigkeit entgegen, wodurch sie fällt in ein Außersich von Stolz hinein. Und in ihren Stolz – was soll bedeuten? – muß sie sich weglaufen und alles zuerst von sich geben in die Ohren von achtenswerter Schwester, bevor sie sich mit mir heiratet? Schüttelt vielmals bedauernd den Kopf. Nummer eins umständliche Geräusche. Sichergewiß auch bei meine Kapitän ein ähnliches Hindernis angekommen. Kapitän horcht auf Was? Das steckt hinter dem Getuschel? Das Kind hat sich über dich zu beschweren gehabt! So beträgst du dich in meinem Vaterlande! Dazu habe ich diesen gelben Unflat mit mir über's Meer geschleppt? Ein Fußtritt, der sein Ziel nicht ganz erreicht. Wo dem Fräulein oben das Kind wie ein Heiligtum ist! Da möchte sich das mißratene, schlecht getaufte Schwein daran vergreifen! Ja wer hält mich denn ab – Pedro Ich schwöre meinen heiligen Schutzpatron – Er hat sich auf den Prellstein gesetzt. Ich schwöre, sie hat den Anfang gemacht. Sie ist für meinetwillen herunter gekommen. Sie hat auf mich gelacht. Sie hat ihre Arme so um Pedros Hals gemacht. – Pedro war brüllend in Verlegenheit von ihrer affenmäßigen Liebesanzeigung. Kapitän Verdamm mich Gott, verdamm mich Gott, verdamm mich Gott! Stampft auf. Teresa aus dem Haus Pedro schleicht sich an sie Jetzt nicht, jetzt keine Zeit für uns! Teresa Wer will was von dir, häßlicher Teufel? Schmeichelnd. Herr Kapitän , ich weiß mir ja gar nicht zu helfen. Pedro zieht sich gekränkt zurück, frißt Nüsse. Kapitän mit zornigem Gesicht kehrt ihm den Rücken. Teresa schleicht sich an ihn wie ein Kätzchen Herr Kapitän, das ist nicht schön von Ihnen, daß sie Ihren Ärger an mir auslassen wollen. Ich dächte, es ist eine andere Person, die sich schandbar gegen Sie benimmt. Kapitän brummt etwas Unverständliches. Teresa tückisch Mitten unterm Essen, wie Sie gerade recht gemütlich werden wollten – Ihnen so zu begegnen! Nur, daß sie Ihnen nicht geradezu die Türe gewiesen hat. Wo Sie das schöne Nachtmahl und alles im voraus bezahlt haben! Und das um eines Menschen willen, der sich nicht so viel aus ihr macht, nicht so viel, das kann ich Ihnen sagen. Kapitän Verdamm' mich Gott, wenn ich weiß, was in Ihr liebenswürdiges Fräulein Schwester gefahren ist. Verdamm mich Gott! verdamm mich Gott! verdamm mich Gott! Teresa Sie wissen es nicht? Daß mir das hat passieren müssen! Denk' ich denn an so was? Ich komme hinauf um eine Krachmandel, und wie ich hineinkomme, merke ich an Antoniens Gesicht, daß ich doch gestört habe, und in der Verlegenheit, wie man nur so was sspricht, erzähl' ich, daß der Herr Florindo, Ihr Bekannter, der Sie bei meiner Schwester eingeführt hat, heut da drüben dem Schneidermeister, na kurz und gut, Sie verstehen mich. Ist da so was Schlechtes dabei? Mein Gott, hätt' sie mich nur nicht hereingelassen. Kapitän Verdamm' mich Gott, das hätte sie mögen. So war es nicht wegen des Burschen da? Nun verdamm' mich Gott, Geschichten müssen Sie erzählen und gerade im rechten Augenblick. Teresa Wo sie einen Freund hat wie Sie, Herr Kapitän, braucht sie da der Schneidersfrau neidisch zu sein! Aber wenn man bloß des Menschen Namen nennt, das fährt ihr in die Glieder wie Rattengift. Hören Sie sie da droben herumrumoren? Und er – was meinen Sie? Luft ist sie für ihn. So treibt sie's jedesmal, wenn sie hört, daß er gewechselt hat. Das ist so ungefähr alle zwei Monate. Und das um eines Menschen willen, der sich nicht so viel aus ihr macht. Leise. Der schon, wie er ihr Liebhaber war, jedesmal wenn's dunkel auf der Treppe war, mir nachgeschlichen ist. Antonia am Fenster oben, verstohlen horchend. Wenn ich dächte, daß sie gehört hätte, was ich gesprochen habe, brächten mich nicht zehn Pferde ins Zimmer hinauf. Ich weiß nicht, was ich hab', daß ich gerade zu Ihnen so aufrichtig sein muß, Herr Kapitän. Kapitän glotzt sie an. Antonia abermals ans Fenster tretend Komm hinauf, du, ich brauch' dich. Teresa Wenn sie mir was tut, werden Sie mir zu Hilfe kommen, Herr Kapitän? Kapitän Schon gut. Die Neuigkeit, die den Herrn Florindo betrifft, geht mich nichts an. Aber sie hätte zu einer passenderen Stunde dem Fräulein Schwester ins Ohr gesagt werden mögen, sage ich. Antonia oben scharf Kommst du? Teresa läuft ins Haus Herr Kapitän! Gleich darauf hört man im Haus Lärm. Man hört einzelne Worte von Antonias Stimme sehr scharf Meine Sache... in den Mund nehmen, was? Du hast es nicht getan, was? Dazwischen Teresas Stimme Laß meine Haare, laß mich aus! Kapitän eilt ins Haus. Pedro Horcht zu, amüsiert sich. Tanzt einen Tanz, der die Vision des unkultivierten Wilden hervorruft. Um die Ecke links kommt die Alte, spähend, sehr rasch. Verschwindet vorne links. Darauf kommt Florindo mit der Schneidersfrau, die an seinem Arm hängt und sich ein schwarzes Tuch übers Gesicht zieht. Pedro hält inne, nimmt eine sehr unbefangene Miene an, als hätte er keinen Augenblick die Haltung eines wohlerzogenen Europäers verlassen, lehnt an der Haustüre. Oben wird es stiller. Die Schneidersfrau flüstert Noch ein Stück begleit' ich dich, Schatz. Florindo Ich sollte dir's nicht erlauben, du weißt, wie die Nachbarn böswillig sind. Pedro tritt grüßend aus dem Dunkel Guten Abend, Herr Florindo! Die Schneidersfrau schreit auf, klammert sich an Florindo. Schon abgeendigt Ihre angenehme Stunde mit der schönen Freundin? Pardon! Es ist Ihr ergebener zudringlicher Freund Don Pedro, der sich die Ehre gibt, Sie zu begrüßen. Florindo Zum Teufel mit dir! Zu der Frau. Sei doch ruhig. Zu Pedro. Verzieh' dich, olivenfarbiges Scheusal! Pedro Ich werde Sie geehrt, Herr Florindo. Ich bin traurig, daß Sie sich vergessen gegen einen Gentleman Ihrer eigenen Farbe. Schneidersfrau Fühl', wie mein Herz klopft. Bis in den Hals hinauf. Pedro ist bereit, sich davon zu überzeugen. Florindo stößt ihn weg Vieh! Hast du nicht Geld bekommen, damit du verduftest, damit man deine Visage nicht mehr sieht? Pedro geht lebhaft gekränkt zurück Hoh! Ich will mir aufmerken in mein Notizbuch: Nummer eins böser Laune sind europäische Herren nachher so wie vorher. Wieso? Oben anschwellender Zank, auch die Stimme des Kapitäns, der Frieden stiften will. Die Schneidersfrau, nach einem Kuß, läuft ab. Florindo sieht ihr nach, zieht dann seinen Mantel fest um sich, will quer über die Bühne. Pedro tut, als sähe er ihn nicht, schaut angelegentlich mit dem Lorgnon nach der anderen Seite. Teresa fährt wie eine aus dem Rohr geschossene Kugel aus der Haustür und wirft sich an Florindos Brust Ah! wer immer Sie sind, mein Herr, nehmen Sie sich einer armen Waise an, die von ihrer leiblichen Schwester grausam behandelt wird – ah! Sie sind es, Herr Florindo? Knixt. Oh, mein Gott, hätte ich geahnt, daß Sie es sind. Nein, was für ein Zufall! Da muß ich mich ja zu Tode schämen. Lieber hätte ich alles stillschweigend ertragen, als gerade Ihnen – Sie weint. Antonia aus dem Hause, hinter ihr der Kapitän, der jetzt seinen Hut auf dem Kopfe und seinen Mantel um hat. Er hält eine Kerze in der Hand, die er nach einer Weile an Pedro gibt. Antonia indem sie die Hand auf Teresas Schulter legt Du gehst ins Haus. Florindo Was ist mit dem Kind? Antonia stößt Teresa fort, finster Was immer es ist, dich wird's nichts angehen, denk' ich. Florindo Muß sie sich vor dir auf die Gasse flüchten? Antonia etwas näher zu ihm tretend Verliebt in dich ist der Balf, bis über beide Ohren. Deswegen hat sie die ganze Komödie aufgeführt. Hinter der ihre Schliche komm' ich noch. Florindo Die Kleine? In mich? Wirft einen langen Blick auf Teresa, die sich kokett an der Haustür herumdrückt. Sie ist größer und voller geworden. Sie sieht gut aus. Antonia Meinst du vielleicht, ich kümmere mich, was du anstellst und mit Gott weiß welchem Weibsbild du dich herumziehst, und wenn's auch im nächsten Hause um die Ecke ist? das kümmert mich nicht so viel. Bist du fertig mit mir, so bin ich noch früher fertig mit dir. Dreht sich um, jagt Teresa ins Haus. Florindo Häßlich bist du, ganz häßlich, wenn du so zornig bist. Schade um dich. Ich beneide deinen jetzigen Liebhaber nicht. Ist es der dort hinten? Antonia Was hast du mit meinem Liebhaber zu schaffen? Wer heißt denn dich da in meine Sache die Nase zu stecken? Meinst du, ich wäre ein Fressen für jeden solchen säbelbeinigen, hinterindischen Branntweinsäufer, den du mir präsentieren tätest? Florindo Was, der Herr Kapitän, der fünfunddreißig Jahre nicht in Europa war? Pedro beleuchtet eifrig den Kapitän. Kapitän vortretend Ja wohl, ich bin es. Guten Abend, Herr Florindo! Florindo Was, und mit einem solchen Herrn, mit meinem Freund, dem Kapitän Tomaso, getraust du dich so umzuspringen? Das ist ja – Kapitän Herr Florindo, wenn ich Sie eines bitten darf, nur keine harten Worte um meinetwillen. Ich konnte allerdings nicht früher als bis vor einer Viertelstunde ahnen, daß ich dem Fräulein mißliebig wäre. Florindo Was? Bis vor einer Viertelstunde katzenfreundlich zu ihm und mit einem Male so? Das sieht dir gleich. Kapitän Ich konnte bis dahin das Beste hoffen. Pedro Sichergewiß! Wir waren in der Hoffnung. Kapitän stößt ihn weg. Florindo Weißt du, daß ich mich dem Herrn Kapitän verantwortlich fühle? Und wäre ich nicht auf dem Nachhauseweg und dazu hungrig, daß mir blau vor den Augen ist, so hätte ich gute Lust, dir meine Meinung zu sagen. Antonia Gegen mich kommt keiner auf, auch du nicht. Ich kann ja so zornig werden, so zornig, daß es mich schmeißt nach links und rechts, wenn es über mich kommt. Florindo gedämpft Weibsbild, das du bist! Mit einem schönen, engelhaften Leib, wie du ihn hast, geschaffen, einen ordentlichen Kerl um den anderen glücklich zu machen! Wenn ich denke – Antonia Wenn du sonst nichts für mich übrig hast als deine Gedanken, so laß mich in Frieden. Florindo zornig Ja! Ja! Ja! Scheusälige Harmonien greifen auf einem gottgegebenen Instrument fort und fort, daß einen das Grausen angeht. Teresa erscheint auf dem Balkon. Pedro macht ihr viele Zeichen, die sie nicht beachtet. Antonia kehrt sich verstockt weg. Florindo sieht auf Teresa, halb für sich Wie dafür das Geschöpf dort aufgeblüht ist. Von weitem noch hager und in der Nähe schon üppig wie eine junge Ente. Jetzt erst tritt mir's vor die Seele. Sie muß jetzt das sein, was die damalige war. Ewige entzückende Überraschungen. Antonia Was willst du? Hat mich vielleicht ein anderer zu dem gemacht, was ich bin? Bringt ihr Taschentuch an die Augen, das sie lange gesucht hat. Tritt näher an ihn. Der Balg da droben hat kein Herz! Die wird die Männer um den kleinen Finger wickeln. Florindo Himmel Herrgott – was du bist? Das ist eine Infamie! Meine Geliebte warst du, dafür bitt' ich mir Respekt aus – Antonia War ich! War ich! Brauchst mir's nicht ins Gesicht zu schrei'n, daß es vorbei ist damit. Florindo – Respekt aus, so als wenn's die Gegenwart wäre. Antonia O Gott, o Gott! Zu Teresa. Daß du mir verschwindest! Teresa verschwindet. Bringt abermals ihr Taschentuch an die Augen. Kapitän benützt diesen Moment, um näher zu treten Herr Florindo, ich werde mich nun, nach alledem auf den Heimweg machen. Ich empfehle mich Ihnen. Florindo Was? Das Feld räumen wollen Sie jetzt, wo ich auf dem besten Weg bin, Ihnen für eine Furie ein gutes, liebes Mädchen in die Hand zu spielen? Wo ich mich abmühe, hungrig wie ich bin – Kapitän Sie nehmen um meinetwillen mehr auf sich, Herr, als gebührlich ist. Florindo Das mag sein, aber das bekümmert Sie nicht. Sie haben sich mir anvertraut. Ich bin es Ihnen schuldig, daß Sie einiges Vergnügen finden, wie Sie es nach meinem Reden zu erwarten berechtigt waren. Kapitän Unsere Bekanntschaft ist jung, Herr. Ich glaube, Herr, Sie irren sich in mir. Es kommt nicht so sehr auf das an, was  Sie meinen. Florindo Was denn, Kapitän? Sie mögen das Mädchen nicht? Zum Teufel mit Ihnen, Kapitän, wenn Sie nicht wissen, was Sie wollen. Kapitän Ich will sie wohl Herr, aber ich will sie nicht gegen ihren Willen. Es kommt mir, verdamm mich Gott, beiläufig mehr auf ihre gute Laune an, als auf alles andere. Florindo Lassen Sie das meine Sache sein. Kapitän Ich bin Ihnen dankbar für Ihren guten Willen. Aber Sie müssen wissen, alle Gewalt geht mir wider den Strich. Überredung ist auch Gewalt. Sehen Sie, Herr, seit meinem vierzehnten Lebensjahr bis auf den heutigen Tag habe ich mich unter halben und ganzen Bestien herumgetrieben. Ich habe Gewalt gelitten und Gewalt geübt. Bei Tag und Nacht, funfunddreißig geschlagene Jahre, Herr! Aber ich bin darüber nicht zum Vieh geworden, verstehen Sie mich, Herr? Ich hatte, verdamm mich Gott, auf das Mädchen in einer anderen Weise ein Aug' geworfen. Antonia Verhandel du mit dem, was du willst. Ihr habt die Rechnung ohne den Wirt gemacht Will gehen. Florindo dreht sich um Du bleibst da, wenn ich bitten darf. Kapitän Ich möchte Sie bitten, Herr, lassen Sie das Mädchen. Das Mädchen ist im Grunde ein gutes Mädchen, das ist mir wohl bewußt. Wenn sie lacht und freundlich ist, geht einem das Herz auf. Es verdrießt mich, daß ich nicht mit ihr umzugehen verstehe. Aber ich nehme es ihr nicht für übel. Sie hätte das früher sagen mögen, daß ich ihr nicht passe. Florindo zu Antonia Da! Da! Eine Seele von einem Menschen! Bewahre mich Gott vor engherzigen Halunken. Er schlägt dem Kapitän auf die Schulter. Zu Antonia Wirst du niemals lernen, Qualität in einem Mann zu spüren? Kapitän Herr, mir ist bewußt, daß was dahinter ist hinter einem Menschen. Der ist ein Vieh, der nur bis an die Haut sieht und nicht weiter. Vor dem spucke ich aus. Unter solchem Viehzeug war ich fünfunddreißig Jahre lang, verdamm mich Gott, aber ich habe mir eine Sorte von Seele im Leibe bewahrt. Meinen Sie, es geschieht um nichts und wieder nichts, Herr, wenn einer nun solch ein Geschöpf da mit sich herumschleppt? Wenn ich Ihnen sage, daß sich mir in diesem gelben Schlingel in der bösesten Stunde meines Lebens der lebendige Herrgott leibhaftig geoffenbart und mir mit den Pfoten dieses Affen da ein Messer zugeworfen hat, welches mir sehr nottat, da an jeder meiner Gliedmaßen ein malayischer Seeräuber hing und sich bemühte, mich ins Jenseits zu befördern – verdamm mich Gott! Florindo noch während der Kapitän spricht, zu Antonia, indem er sie etwas nach links genommen hat, halblaut Mißfällt er dir? Ohne die Antwort abzuwarten. Ist nicht wahr! Red'st dir ein. Ein Kerl wie Gold: Fünfunddreißig Jahre hat er mit Geschöpfen vorlieb nehmen müssen, wo's ihm das Herz zusammenkrampfte, so oft er der Natur den Tribut darbrachte. Könntest ihn selig machen und mit ihm glücklich sein. Schmelzen an selbstentzündetem Feuer: lern's von den Ehefrauen. Über was fauchst du? Daß ich's nicht bin? Wär' ich noch der von damals? Pah! Bist du's vielleicht noch? Ist nicht heute die Kleine dort oben mehr als du selber? Aber in dir hast du heute zehnmal mehr wie damals. Weil eins nach vorwärts lebt und nicht nach rückwärts, das weiß ich aus mir. Halsstarrig, boshaft dich verkrampfen in dich selber. Eine Gemeinheit ist es. Ein Wüten gegen die eigene Seele, mir das aufzuspielen! Wo ich weiß, wie du sein kannst – Sanfter, er streichelt mit den Fingerspitzen ihre Wange. Sie weint. Oder weiß ich's vielleicht nicht? Weil es aufgehört hat – darüber weinen! Ein schöner Grund. Daß es da war, daß es uns gewürdigt hat, einander zum Werkzeug der namenlosen Bezauberung zu werden. Mich für dich, dich für mich. Darüber sollst du mir staunen – Antonia leise Sei still. Die dich erhört, die ist schon betrogen. Aber die dich hat, der ist wohl. Seufzt . Florindo Betrogen? Heißt mich dein Gedächtnis einen Betrüger? Antonia mit getrockneten Tränen, verändert Bist hungrig, armer Kerl. Hat dir die Person nicht einmal ein Nachtmahl gegeben. Ich hab' ein schönes Essen droben. Wein, Kerzen. Komm' hinauf. Florindo Wenn ich's tu, so geschiehts dem Herrn zuliebe. Wird er dich lachen sehen? Antonia Du machst einen taumelig mit Reden. Florindo bereit hinaufzugehen Wir wären unser vier, wir könnten lustig sein. Antonia Das nicht! Die soll nicht dabei sein! Florindo Wir werden sehen. Antonia heftig Ich will nicht, daß du kommst, wenn es um des Mädels willen ist. Sie zieht ihn mit sich. Florindo Wärst erst recht nur du, was ich bei ihr suchte. Kommen Sie nur mit, Herr Kapitän. Ins Haus mit Antonia, die Tür fällt zu. Pedro eilt an die Tür Die Klinke geht nicht. Es ist ein künstlicher Verschluß. In Europa alles sehr künstlich. Oh! Klopft und rüttelt. Kapitän Rüttel nicht an der Tür. Klopf nicht. Pedro Mein Kapitän muß hinein. Der Herr Florindo hat hochachtend eingeladen. Kapitän Laß ihn machen. Zeit muß er haben, der gute, muntere Bursch. Er ruft mich schon, wenn die rechte Zeit ist. Pedro Er hat gesprochen: kommen Sie mit, Herr Kapitän, sichergewiß. Kapitän Kommen Sie nach, war der Sinn davon, und das nicht zu schnell. Lassen Sie mir Zeit, Kapitän, Ihnen das Mädchen vollends gut zu machen, und Sie sollen Ihre Freude erleben. Pedro Das hab' ich nicht gehört. Kapitän Das will ich dir glauben, daß du's nicht gehört hast. Meinst du, wir Europäer brauchen einander alles wörtlich in die Zähne zu schleudern wie ihr in eurer gottverdammten Affen– und Tigersprache? Hier bei uns liegt das Feinste und Schönste zwischen den Wörtern. Armes Vieh! Wie soll das in deinen Schädel? Wie zu einem Kind. Er ist mein Freund, der da droben. Dafür hab' ich ihm nichts gegeben. Das kauft sich nicht um Geld oder Tauschware. Sympathie heißt das Wort. Merk dir's. Und er will daß wir es gut haben, verstehst du? Daß die Mädchen freundlich auf uns lachen, verstehst du? Pedro grinst. Kapitän Warum will er das? Weil ihm wohl wird, wenn er sieht, wie andern wohl wird. Weil er ein guter Mann ist. Weil er kein enges, neidisches Herz hat. Verdamm mich Gott, hab' ich den muntern Burschen liebgewonnen. Geht auf und ab. Pedro nach oben, freudig hüpfend Oh, es ist noch nicht aus für uns heute. Ist noch nicht jeden Tag sein Abend heute Abend! Kapitän auf und ab Europa! Es möchte einer die alten Steine küssen, mit denen dein Boden bepflastert ist. Du bist das Wunderland, nicht die gottverdammten giftigen Sümpfe da drüben. Pedro zu ihm, dicht bei ihm, leise, angelegentlich Ich sage: werden wir abermals lange zu warten haben auf sehr gute Sache? Kapitän aufgeräumt Je länger, je besser wird's. Meinst du, es sei eine Kleinigkeit, ein Weibsbild vom Weinen wiederum zum Lachen bringen? Was für ein Vieh ist unsereins gegen einen solchen leichten, geschickten, liebenswürdigen Burschen. Aber dann! Gesellig soll es zugehen da oben, und ich will alles bezahlen. Verdamm mich Gott, wenn ich dem braven generösen Burschen nur eine Flasche Wein mir halbieren lasse. Singt vergnügt. Im Dunkeln geht das Vieh auf seinen Fraß Und seine Lust, Trübselig, finster und allein, Wir aber sollen bei der Kerzen Schein Mit munterm Sinn und froher Brust Die unsrige mit unsern Freunden teilen; Auf daß Gott Bacchus und der Grazien Schar Mit Anstand unter uns verweilen. Es soll immer besser werden, je weiter wir landeinwärts kommen. Da, sperr die Nüstern auf, zieh die Luft ein: die kommt von drüben. Da sind Wiesen, Berge, Dörfer. Da sind wir zuhaus. Geschöpf, ich will nicht vergessen, daß wir aneinandergedrückt wie zwei zitternde Büffelkälber, gerüttelt von Fieber und Todesangst ihrer fünfzig greuliche Nächte miteinander verbracht haben. Ich will gut sein zu dir im Lande meiner Väter. Pedro sieht ihn zwinkernd an. Tut das Warten dir an? Sind deine Augen zu leer? Ist dein Hirn zu arm, um sich mit Gedanken wach zu halten? Geh' nachhaus' oder leg' dich indessen. Da leg' dich. Pedro  wickelt sich in den Mantel, legt sich auf den Boden, schläft sofort ein. Kapitän geht behaglich auf und ab, halblaut singend Auf, auf, du Bootsmann, und auf, du Jung, Auf nach Bilbao! Kathrinchen hat von uns genung, Auf nach Bilbao! Sie mag nicht den Gestank von Teer, Auf nach Bilbao! Sie nimmt sich einen Schneider her, Auf nach Bilbao! Pedro stöhnt aus dem Schlaf. Florindo öffnet oben das Fenster, sieht heraus. Kapitän stellt sich ins Licht, vergnügt Hier zur Stelle, hier zur Stelle! Florindo Sie hätten mitkommen müssen, Kapitän! Verschwindet . Es wird oben finster, man hört das Lachen einer Frauenstimme und das Zuschlagen einer Tür. Kapitän erwartungsvoll, dann verdutzt Nichts mehr? Stille. Sie hätten mitkommen müssen. Das soll wohl heißen: jetzt ! ist es zu spät, Sie brauchen sich nicht mehr herauf zu bemühen. Ich will nicht hoffen, lieber Herr! Ich will nicht hoffen! Er rüttelt, pocht gemäßigt. Das wäre wider die Abrede. Teresa an dem anderen Fenster, aus dem Dunkeln den Kopf vorsteckend Alter Seeräuber, pack' dich nach Hause. Da hättest du früher aufstehen müssen. Wirft das Fenster zu. Kapitän zornig Was? Pocht stärker. Still, da kommen Leute. Cristina und Pasca kommen von rechts. Vor ihnen ein halbwüchsiger Bursche mit einer Laterne. Cristina trägt die Tracht eines reichen Bauemmädchens mit goldenen Ohrringen und vielen silbernen Nadeln im starken Haar. Pasca ist bäurisch, aber einfach gekleidet. Pasca im Auftreten Gehen wir nur schnell. Gewiß ist der hochwürdige Herr noch wach und wartet auf uns. Cristina bleibt stehen Siehst du, ich hab' dir's gesagt. Der eine liegt auf der Erde und der andere will da ins Haus. Gewiß um einen Arzt Frag' doch. Pedro stöhnt. Cristina halblaut Hörst du? Wenn du nicht fragst, frage ich. Sie haben ein Unglück da, Herr? Schließt man Ihnen denn nicht auf? Können wir Ihnen helfen? Kapitän Hier ist nichts, was Sie bekümmern dürfte, Fräulein. Er nimmt den Hut ab. Pasca Siehst du, jetzt komm schnell, es wird ein Betrunkener sein. Zum Kapitän Entschuldigen Sie unseren Irrtum, mein Herr. Will weg mit Cristina. Kapitän den Hut in der Hand Sie sind nicht aus dieser Stadt, Fräulein? Cristina Freilich nicht. Wir sind vom Land. Aus dem Gebirge sind wir her. Mein Onkel, der Herr Pfarrer, ist eben heute angekommen, uns nach Hause zu holen. Pasca Komm! Komm! Pedro stöhnt abermals. Cristina erschrickt Was hat er denn? Kapitän Nichts. So wenig als ein Jagdhund, wenn er hinterm Ofen liegt. Seien Sie ruhig. Stößt Pedro mit dem Fuß. Auf, zeig dich, rühr' dich! Pedro hebt sich auf mit dem Mantel, der ihm noch über den Kopf hängen bleibt. Stöhnt stärker. Kapitän Er hat lebhafte Träume, weiter nichts. Auf mit dir, wach, wach. Zieht ihm den Mantel ab. Man sieht Pedros recht befremdliches Gesicht. Pasca stößt einen Schrei aus und flüchtet mit hochgehobenen Röcken nach links. Der Bursche mit der Laterne springt, Cristina tritt schnell nach rechts hinüber. Cristina Mein Gott und Herr! Kapitän Nichts, nichts. Der beste Bursche der Welt. Ein harmloser Malaie! Sein Vater war ein Europäer wie Sie und ich. Pedro auf Pasca zu, noch halb im Traum Nicht laufen, soll Pedro dich fangen? Oh! Pasca schreit abermals. Kapitän faßt Pedro beim Halskragen wie einen Hund. Pedro will trotzdem Pasca nachlaufen. Mir geschenkt, für mich gekommen! Mein schönes, weißes Mädchen! Cristina ruhig näherkommend Siehst du denn nicht? Es ist ein ausländischer Mann, weiter gar nichts. Pasca Der leibhaftige Teufel ist es. Pedro betrachtet Cristina Meinen Kapitän sein bekommenes Geschenk. Oh! Oh! Bewundernd. Cristina neugierig Was sagt er? Pasca Zu mir jetzt, oder ich laß dich allein. Cristina gleichmütig Komm' ja schon. Kapitän Oh, mein Fräulein – Cristina bei Pasca links Wenn man einmal eine Merkwürdigkeit zu sehen bekommt – Pasca Ist nicht die anständigste Gelegenheit. Daß du das nicht selber fühlst. Cristina Geh du, geh du, der gutmütige alte Herr. Sie wenden sich zum Gehen. Pedro ihnen nachsehend, äußerst enttäuscht Wohin die beiden? Kapitän ihnen nachsehend, die um die Ecke verschwunden sind Ja, wohin? Pedro Ich muß zurückholen! Eilig! eilig! Hallo! Unsere Mädchen. Kapitän weist ihn derb zurück Vieh, was ist in dich gefahren? Soll ich dir Wasser über den Schädel gießen? Stößt ihn nach hinten. Vor sich. Aus dem Gebirge! Das will ich glauben, das ist nicht gelogen.So trug sich meine selige Mutter, mit solchen silbernen Nadeln im Haar. Das Mädchen vergesse ich nicht, und wenn ich sie bis an mein Totenbett nicht wiedersehe. Pedro Mein Traum war vielmals schön. Herr Florindo ist gekommen auf uns gegangen und bringt an jede Hand eine Frau für uns beide. Das habe ich geglaubt anzubeginnen mit die zwei Damen vorüber. Ich war hochachtungsvoll in Erwartung. Vielmals schade. Kapitän ohne auf ihn zu hören Eine Jungfrau ist sie, das steht ihr im Gesicht geschrieben. Was geht das mich an? Aber, verdamm mich Gott, wenn ich woanders sterben will als in einem der sechs oder sieben Dörfer dort droben, wo die Frauen ihr Haar mit genau solchen silbernen Nadeln an ihren Kopf stecken. Pedro schleicht sich um ihn herum, sucht ihm ins Gesicht zu sehen Oh! Mein Kapitän Nummer eins traurig. Kapitän, da hinauf! Herr Florindo ist in Erwartung. Rüttelt an der Tür. Kapitän vor sich Ich will heim und ein niedriges, unbescholtenes Frauenzimmer ehelichen. Verdamm mich Gott! Und wäre es keine bessere als die Figur da, die als Begleiterin hinter dem schönen jungen Geschöpf daher kreuzte. Und wenn ich mit der einen Buben gemacht habe, der soll ein anderer Kerl werden wie ich und einmal ein solches Geschöpf zur Frau kriegen. Verdamm mich Gott, das soll er, wenn ich längst im Grabe liege. Pedro zupft ihn Wir müssen rufen. Wir müssen unsere Gegenwart zudringlich in Erinnerung bringen. Kapitän Nichts da, wir gehen heim. Pedro traut seinen Ohren nicht Heim? Kapitän Schlafen, hab' nichts zu suchen da droben. Ich wünsch' dem muntern Burschen einen vergnügten Abend und ein fröhliches Erwachen. Wir reisen morgen. Ich will mich nach der Gelegenheit erkundigen, dort hinein, landein, bergauf. Dort wollen wir begraben sein, mein alter Affe. Singt. Auf auf, du Bootsmann, und auf, du Jung', Auf nach Bilbao! Geht breitbeinig ab nach rechts. Pedro nimmt seinen Mantel auf, seufzt Ich sage: Es hat vielmals schwer, in Europa richtig anzubeginnen die sehr gute Sache.   Zwischen-Vorhang fällt vor, hebt sich gleich wieder, es ist heller Tag, früher Morgen. Cristina und Pasca, sowie ein halbwüchsiger Bursche kommen aus dem Gäßchen links und bringen nach und nach ihr Reisegepäck, das sie aufschichten: es sind Reisesäcke, Körbe, Taschen und Packe in bunten Tüchern, zu oberst ein Vogelbauer mit einem lebendigen Vogel.   Cristina So ziehe ich in Gottes Namen ab, ledig wie ich gekommen bin. Lacht. Pasca Ist deine Schuld. Cristina Schuld? Und wenn! Ist denn vielleicht Heiraten gar so etwas Schönes? Pasca zieht ein Gesicht. Die mich hätten haben wollen, die haben mir nicht gepaßt, und die mir gepaßt hätten – Pasca Nun? Cristina Das ist mir nur so aus dem Mund gegangen. Kein einziger hätte mir gepaßt. Pasca Erbsenprinzessin. Der hübsche Lelio, wie er hinter dir her war! Cristina Wird schon eine andere finden. Der nimmt jeden Docht, wo ein Öl dran ist. Einen Zaunstock so gut wie mich. In Gottes Namen, das Vogelfutter vergessen! In der Gewürzlade droben. Holst du's? Pasca Ich hol's schon. Verschnudel dir das schöne Kleid nicht, sonst wär's noch besser im Koffer gewesen. Die werden lachen zu Hause, wenn du ankommst im Staatsgewande und ohne Bräutigam! Geht ab. Cristina Sollen –! Wären jeder zu Tod froh, wenn ich ihrer einen näme, die groben Klötz'. Kniet nieder, macht sich um das Gepäck zu schaffen. Florindo ohne Rock, mit offenem Haar, stößt ein Fenster auf und sieht hinaus Was ist das für eine Stimme? Das ist die Stimme eines Engels. Sie wühlt mich um und um, diese Stimme. Cristina  dreht sich um, bemerkt ihn, setzt sich auf den Koffer, streift ihr Kleid zurecht. Da Florindo den Blick nicht von ihr abwendet, dreht sie sich um, macht sich mit dem Vogel zu tun, dem sie den Finger hinhält, und schießlich drückt sie die Lippen an das Gitter des Käfigs. Florindo springt vom Fenster weg und kommt sogleich unten zur Tür herausgelaufen, mit unordentlichem Haar, seinen Mantel übergeschlagen, den er mit beiden Händen zusammenhalten muß. Er bleibt vor Cristina stehen, verzehrt sie mit den Blicken. Florindo Der Vogel hat zu viel! Das unvernünftige Tier verdient nicht dieses Übermaß von Glück. Ich will nicht, daß Sie ihn vor meinen Augen küssen. Läuft ins Haus zurück. Cristina errötet bis über die Ohren. Pasca kommt. Pasca Was stehst du denn so da? Ist was passiert? Cristina schnell Ach, gar nichts. Nein, was das Schiff lange ausbleibt. Du, wer wohnt denn eigentlich in dem Haus da? Pasca Wie soll ich das wissen? Cristina Spaßiges Leben in der Stadt. Da hat man drei Wochen gewohnt und weiß nicht einmal, wer um die Ecke der Nachbar war. Pasca Was kümmert's dich? Siehst wahrscheinlich die Stadt nie wieder, geschweige das Haus da. Cristina Freilich. Es hat halt einer herausgesehen – und weißt du, was ich glaube? Daß er mit dem gleichen Schiff fährt wie wir. Wie käme denn sonst so ein Herr dazu, so früh aufzustehen. Wart', ich muß – Pasca Was, Teufel? Cristina – schaun, ob ich die Haare ordentlich hab'. War stockfinster, wie ich mich frisiert hab'. Läuft ab nach links. Florindo mit Teresa am Fenster. Florindo Die, die! Jetzt ist sie dort ins Haus! Teresa Er hat schon wieder eine ausspioniert! Antonia unsichtbar hinter ihnen Die ist nicht für dich. Florindo Was sagt sie? Ich habe nicht lange Zeit. Teresa Das ist die Pfarrersnichte aus dem Gebirge. Pasca sieht hinauf. Florindo leiser Was sucht die hier? Teresa Einen Mann. Florindo Und hat keinen gefunden? Die? Teresa Weiß nicht! Sie soll eine Waise sein und viertausend silberne Dukaten Mitgift haben. Dazu auch noch ein Wirtshaus, das Jahr aus Jahr ein ein Hundert Dukaten trägt. Florindo Wäre sie bettelarm und die Nichte des Schinders – Antonia erscheint hinter ihm Da laß du deine Hand davon. Das sind anständige Leute. Geht weg. Florindo indem er sich jäh zu ihr umdreht Und was bin ich? Teresa Wenn du nur den Mund aufmachst – Florindo Meinst du, ich kann nicht so gut den Ehrenmann spielen, als einer von den braven, soliden Schmierfinken, die alle vierzehn Tage ihr Hemd wechseln? Meinen Rock, meinen Mantel, ich hab' jetzt Eile! Teresa schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Beide weg vom Fenster. Cristina kommt langsam zurück zu Pasca Da kommts Schiff, und der Onkel noch nicht da. Die Barke legt rückwärts an. Pasca Er kommt noch zehnmal. Cristina Und der junge Herr auch, willst dn wetten? Pasca Ja, der wird gerade auf dich warten! Cristina zornig Mußt du mir Kleie in mein Mehl mischen? Mußt? Mußt? Ist er nicht da, so kann er noch kommen. Singt halblaut. Ist er nicht da, er kommt schon noch, Hab' ihn doch eingeladen! Und will er nicht kommen, so denk' ich an ihn, Dass wird ihn schon zu mir herzieh'n, Als wie an einem Faden. Verschiedene Reisende kommen mit Gepäck, das von einer alten Frau und einem Burschen geschleppt wird. Das Gepäck wird neben dem Gepäck der anderen abgeladen. Cristina bringt ihren Vogel in Sicherheit. Florindo an dem zweiten Fenster, wird von Teresa frisiert Schnell, Kleine, mach' schnell, kriegst was dafür. Teresa Sei ruhig, sonst dauert's noch länger. Cristina hält sich abseits der Leute, geht auf und ab. Trällert ihr Liedchen. Barkenführer kommt nach vorn Wer sind die drei Personen, die ihre Plätze vorausbezahlt haben? Ein geistlicher Herr und zwei Frauenzimmer. Cristina eifrig Das sind wir! Der geistliche Herr ist mein Onkel. Er ist gegangen die Messe lesen. Er wird gleich zurück sein. Das hier sind unsere Sachen. Der Barkenführer nimmt einen Teil von Cristinas Gepäck, trägt es nach rückwärts. Die abreisende Familie ergreift ihre Gepäckstücke und eilt auf die Barke zu, sich Plätze zu sichern. Pasca desgleichen, einen großen Pack tragend. Man sieht, wie sie sich um die Plätze streiten. Florindo, ohne Hut und Mantel, aber frisiert und vollständig angekleidet, kommt rasch aus dem Haus heraus und läuft zu den Streitenden hin. Cristina hält sich abseits links vorne und summt ihr Liedchen vor sich hin ... als wie an einem Faden. Barkenführer geht auf Cristina zu, zieht die Mütze Ich soll sagen, daß die Barke für das Fräulein und ihre Begleitung reserviert bleibt. Der Herr dort hat alle übrigen Plätze bezahlt. Florindo vor dem Haus, ruft hinauf Teresa! Meinen Hut, meinen Mantel, sofort! Teresa am Fenster Sie läßt mich nicht. Antonia am Fenster Ich lasse sie nicht. Du kommst herauf. Das tust du mir nicht an. Florindo kehrt dem Haus ohne Antwort den Rücken. Cristina zu Pasca, die von rückwärts zu ihr kommt Nun, hab' ich recht? Florindo tritt schnell zu ihr Worin recht, schönes Fräulein? Pasca Daß Sie ein hübscherer junger Mann sind, als alle ihre Verehrer, die sie in Venedig gehabt hat. Cristina versucht ihr den Mund zuzuhalten Hat dich die Tarantel gestochen, du Hexe? Florindo Warum, schöne Cristina , sind Sie böse darüber, daß ich es erfahren soll, wenn ich Ihnen ein wenig gefallen habe, während ich vieles darum geben würde, Sie wissen zu lassen, wie reizend ich Sie finde? Cristina zu Florindo Erstens, woher wissen Sie meinen Namen, mein Herr? Wir haben einander doch nie gesehen, und zweitens – Florindo einen Schritt näher Zweitens? Cristina – zweitens ist von all dem gar nicht die Rede, sondern es kann nur davon die Rede sein, daß wir Ihnen sehr verbunden sein müssen, Knixt dafür, daß Sie uns die Reisegesellschaft vom Hals geschafft haben, und hauptsächlich wird Ihnen mein Onkel, der Herr Pfarrer von Capodiponte, sehr verbunden sein, denn er verträgt das Fahren auf dem Wasser schlecht. Aber es ist sicherlich eine große Unbescheidenheit, wenn wir es auf uns beziehen, denn natürlich sind Sie es gewöhnt, bequem zu reisen, und haben es um Ihrer selbst willen getan. Und Sie möchten uns wohl gerne auch los sein. Antonia und Teresa auf dem Balkon. Antonia angstvoll Ruf ihn um alles in der Welt, ruf ihn. Teresa nicht sehr laut Florindo! Geh, Florindo! Florindo ohne es zu beachten, erwidert auf Cristinas Rede Erstens glauben Sie selbst kein Wort von dem, was Sie da sagen, und zweitens – Pasca die vorkommt Herr, ich glaube, man ruft Sie. Florindo ohne sich umzudrehen Nicht im geringsten. Fortfahrend zu Christina Zweitens habe ich die Barke sicherlich nicht zu meiner Bequemlichkeit gemietet, denn ich fahre gar nicht mit. Cristina stampft zornig auf. Und dafür wollen Sie mir zürnen, wenn mir jedes Mittel recht war, das mir die Möglichkeit gab, mich Ihnen zu nähern? Ich stehe da oben und glaube zu träumen – und mich verzehrt das Verlangen, zu wissen: wer ist sie, wo kommt sie her, wo fährt sie hin? Cristina zu Pasca, die indessen einen Gang gemacht hat und nun wieder nach vom kommt Pasca, er fährt nicht mit. Kehrt sich ab, macht sich mit ihrem Vogel zu schaffen. Florindo zu Pasca Ich sehe, das Fräulein würdigt mich keiner Antwort. Aber Sie, gute Frau, werden umsoviel menschlicher sein, als Sie älter und erfahrener sind. Ich höre, das Fräulein ist vom Lande hereingekommen, um sich zu vermählen. Vielleicht hätte ich gnädige Frau sagen müssen? Nein? Aber verlobt? Wie? Und ihr Bräutigam nicht da, um sie zu begleiten? Er muß krank sein, auf den Tod krank, der arme Mensch – Cristina lacht. Florindo Spannen Sie mich nicht auf die Folter, liebe gute Frau, denn wenn ich annehmen dürfte, sie wäre frei – Cristina Was hat es für einen Zweck, wenn wir Ihnen noch so viele Fragen beantworten, da wir doch nach fünf Minuten Abschied nehmen und einander voraussichtlich nie im Leben wiedersehen werden? Und da kommt auch schon der Onkel. Läuft dem Onkel entgegen, in die Gasse links. Pasca bemerkt, daß der fremde Bursche im Begriff ist, eines ihrer Gepäckstücke fortzutragen, stürzt ihm nach Heda, Bursche! Das Stück da gehört zu unserem Gepäck. Paß auf, bevor du fremder Leute Sache auf deinen Karren lädst. Florindo sieht Cristina nach Ich habe fünf Minuten vor mir. Grenzenlos. Man könnte mir gerade so gut sagen, ich habe noch fünf Minuten zu leben. Ich fasse das eine ebensowenig wie das andere. Jetzt ist sie um die Ecke. Jetzt schiebt sich etwas dazwischen. Eine Mauer, ein Haus, der Tod, die Hölle, das blödsinnige Chaos. Ich kann nicht aushalten, sie nicht zu sehen. Deckt sich die Augen mit der Hand. Teresa tritt aus der Haustür mit Florindos Hut und Mantel. Hinter ihr Antonia, in unordentlichem Morgenanzug, das Haar in Papilloten. Antonia angstvoll Wie er der Kreatur nachsieht! Er wird doch nicht – er wird doch nicht! Teresa Er wird, da sei du sicher. Florindo reißt die Hand von den Augen Da ist sie wieder – wie sie alles anstrahlt – der alte Mann neben ihr sieht aus wie ein Heiliger – es könnten einem die Tränen in den Hals steigen über den letzten Straßenbettler, woferne er neben ihr ginge. Antonia flüsternd Jetzt ist er allein. Geh' doch hin. Fällt dir denn nichts ein, daß man ihn aufhalten kann? Eine Ausrede, ein rechter Streich? Tereserl, mein goldenes Tereserl, fällt dir denn gar nichts ein? Teresa Jetzt bin ich dein goldenes Tereserl. Sonst haust du mich fürs Gleiche. Pasca bei Florindo, leise Sie haben Bekanntschaft dort! Florindo Nicht der Rede wert. Es sind Verwandte, zwei Waisen. Pasca Man möchte mit Ihnen sprechen, scheint's. Florindo Ich war früher zu Besuch bei ihnen. Von Zeit zu Zeit such' ich sie auf. Christenpflicht! Im Vertrauen, liebe Frau, die eine ist davon krank. Pasca Krank? Florindo zeigt auf seinen Kopf Beachten Sie sie gar nicht. Pasca Ja, an ihrem Blick ist etwas nicht richtig. So was seh ich gleich. Florindo Sie hat viel Unglück mit Männern gehabt. Pasca Ah, sie ist Witwe? Florindo zerstreut Ja, fortwährend. Pasca Wie? Florindo Bitte sehen Sie gar nicht hin, das ist das Beste. Er geht rasch auf Teresa zu, und indem er den Hut und Mantel sehr schnell an sich nimmt, flüstert er ihr scharf und in einem Ton, der keinen Widerspruch verträgt, zu Und nun verschwindet ihr, schleunig, schleunig. Dann geht er Cristina und dem Pfarrer entgegen, die im gleichen Augenblick von links auftreten. Teresa drängt ihre Schwester ins Haus und schließt die Türe. Pfarrer kommt mit Cristina von links, nimmt vor Florindo den Hut ab Gnädiger Herr, ich habe Ihnen sehr zu danken. Florindo Hochwürdiger Herr, ich sehe, daß Sie mich für einen Edelmann halten. Aber ich bin einfach Schreiber bei einem Advokaten. Ein bescheidener, bürgerlicher Mensch. Cristina Ach, da bin ich aber sehr froh! Pfarrer Warum bist du darüber froh, mein Kind? Pasca Nun, sie meint wohl, daß der Unterschied zwischen einem Advokatenschreiber und der Tochter eines reichen Pächters kein gar großer sein wird. Cristina wird sehr rot Schweig doch! Ganz einfach: ich bin nicht gerne in Gesellschaft von Leuten, die sich für mehr halten als ich bin. Nur so beiläufig gesagt. Denn ich weiß wohl, daß man auf der Reise mit allen möglichen Menschen zusammen kommt. Pfarrer Ja, meine liebe Cristina, wie du siehst, hat ja auch dieser Herr sich freigebig und großmütig uns gegenüber benommen, ohne zu wissen, wer wir sind. Antonia und Teresa wieder am Fenster. Cristina ohne auf sie zu achten Nun weiß ich doch, für was ich ich nach Venedig gegangen bin. Pasca sieht sie an. Cristina Pass' nicht auf, was ich rede. Der Pfarrer und Florindo treten zu ihnen. Pfarrer zu Florindo Nein, wirklich, mein Herr, es geht nicht. Florindo Es geht nicht? Da es nur von einer Entscheidung abhängt, die Sie im Augenblick zu treffen die volle Freiheit haben? Pfarrer So kommt es Ihnen vor, junger Herr. Man ist niemals so frei, als es den Anschein hat. Auch in den unscheinbaren Dingen gibt es eine göttliche Ordnung, die man nicht ungestraft – Florindo Die Sie doch sicherlich nicht verletzen, wenn Sie Ihr Fräulein Nichte hier lassen. Im Gegenteil. Insofern Sie sich vorgesetzt hatten, durch den Aufenthalt des Fräuleins in der Stadt ein gewisses Ziel zu erreichen, so verletzen Sie ja selbst die von Ihnen selbst gesetzte Ordnung dieser Angelegenheit, wenn Sie diesen Aufenthalt so einrichten, daß er seinen Zweck unmöglich erfüllen kann. Pfarrer Sie haben durchaus recht, mein Herr – Florindo Nun also, Herr Pfarrer, nun also! Pfarrer Da wir aber nun einmal – Florindo Wie, Herr Pfarrer? Wo ich Sie in Gedanken so einsichtig, so weitherzig finde, sollte ich denken, daß Sie im Praktischen ein Starrkopf wären? Daß Sie diese übereilte Abreise nicht aufschieben werden, mir nicht die Ehre erweisen werden, in Gesellschaft der jungen Dame mit mir zu speisen? Pfarrer Mein Herr – Florindo Erlauben Sie mir, daß ich Leute rufe, die im Fluge Ihre Koffer in Ihr Logis zurücktragen. Heda! Pfarrer – mein lieber, junger Herr – Florindo Es wird sogleich geschehen. Eine alte Frau anrufend, die herumlungert. Du sollst Leute herschicken, bist du taub? Antonia am Fenster hinter Teresa Was tut er denn, was geschieht denn? Pfarrer sanft abwehrend Die kleinen Entscheidungen des Lebens, mein Herr, die kleinen, unscheinbaren Entscheidungen: da gilt's jedesmal den Rubikon zu überschreiten, da heißt es: Hier ist Rhodus, hier springe. Aber wer sollte sich anmaßen, immer das Rechte zu treffen? Florindo Sag' ich es nicht? Ihr Onkel ist ein Weiser, mein Fräulein! Ich hole selber Leute her! Dieser Koffer – Pfarrer Halt, halt, mein Herr. Da eben gilt es: da gilt's wie beim braven gehorsamen Pferd, den letzten Anzug des Zügels zu fühlen. Denn eine Hand am Zügel ist immer da. So lassen Sie uns nur gewähren, mein Herr, in unserer bescheidenen Ordnung oder Unordnung, und wenn es diesem guten Kinde bestimmt ist, auf der Heimreise den Gebieter ihres Lebens zu finden, so wird sie ihn auf der Heimreise finden, und vielleicht auch wird er eines schönen Tages aus dem Nachbardorfe auftauchen oder gar aus unserem eigenen Sprengel. Nicht wahr, Cristina? Cristina küßt ihm die Hand Du hast in allem recht, Onkel, was du tust! Pfarrer Geh' nur, mein Kind, unterhalte dich mit diesem Herrn. Ich will mich umsehen, ob alles in Ordnung ist. Im letzten Augenblick wollen wir dich rufen. Geht mit Pasca zu der Barke. Cristina Der Onkel hat ganz recht. Was würde denn auch anders werden, wenn wir gleich ein halbes Jahr hier blieben? Haben mir nicht meine Bekannten alle gesagt, daß sie entzückt von mir sind, und jetzt hat nicht einmal ein einziger um fünf Uhr früh aufstehen wollen, um mir Lebewohl zu sagen. Florindo Pfui über den Lumpen, der Wörter in den Mund nimmt, deren inneren Gehalt er nicht Manns genug ist, einmal im Leben durch und durch zu fühlen. Wenn ich entzückt bin – so wie ich mich Einen halben Schritt näher, ganz nahe an Ihnen entzücken könnte, einzig schönste Cristina – Er hält inne so fährt mir das Wort – das Wort allerdings nicht über die Zähne Er hält wieder inne. Antonia am Fenster hinter Teresa Schau hin, was tut er denn? Er redet in sie hinein. Teresa Kneif mich, kneif mich nicht! Antonia Erst sind's die Ohren. Rührt er ihre Hand an? – Teresa Au! Stößt Antonia weg. Florindo wirft einen wütenden Blick über die Schulter nach den Mädchen, dann hüllt sein Blick Cristina ganz ein – Aber die Essenz davon, das Ding selber, wovon das Wort nur die Aufschrift ist, die kocht und gärt in meinen Adern, die kann mich gelegentlich aus dem aufrechten Stehen hinwerfen, als wären mir die Bänder der Kniee gelähmt, die macht aber vielleicht dafür einen Menschen aus mir, der mit geschlossenen Augen, wie ein Verzückter, ins Feuer oder ins Wasser läuft; einen Menschen, Cristina, der über der Seligkeit eines Kusses weinen kann wie ein kleines Kind, und wenn er im Schoß der Geliebten einschläft, von seinem Herzen geweckt wird, das vor Seligkeit zu zerspringen droht; der wie ein Nachtwandler über die abscheulichsten Abgründe des Lebens hin springt und nicht eine Sekunde eher in den schlaffen, erbarmenswerten Zustand der Wirklichkeit sinkt, als bis – Er schließt die Augen. Cristina Als bis er sein Ziel erreicht hat, meinen Sie doch? Aber Sie haben es ja noch nie erreicht, dieses Ziel. Also müssen Sie noch nie von einer Frau so sehr entzückt gewesen sein. Florindo Wie? Wie meinen Sie das? Cristina Nun, wenn Sie vom Ziel reden, da meinen Sie doch wohl nicht nur so mit einer beisammen sein und ihr den Hof machen, sondern Sie meinen doch das letzte Ziel. Florindo Allerdings meine ich das letzte, süße Cristina. Cristina Jetzt bin ich irre. Was verstehen Sie dennn darunter? Florindo Muß ich Ihnen das sagen, Cristina? Ich denke, Sie verstehen mich sehr gut ohne Worte. Nicht wahr? Cristina Nun ja freilich, was könnten Sie auch anders meinen? Florindo Nicht wahr, zwischen dem Wesen, das entzückt, und dem Wesen, das fähig ist, Entzückung zu fühlen – Cristina Freilich, zwischen Mann und Frau, das ist doch ganz klar. Florindo Ich denke wohl, es ist klar. Wollten Sie ihm einen Namen geben? Cristina Nun, eine ordentliche Trauung in der Kirche, mit Zeugen und allem, wie es sich schickt. Florindo tritt zurück Allerdings. Er ist stumm. Cristina munter Sehen Sie, jetzt wird Ihnen die Zeit mit mir schon lang und die Bootsleute sind immer noch nicht fertig unten. Da dürfen Sie nichts über junge Herren sagen, die mir doch durch vierzehn Tage den Hof gemacht haben. Florindo Die Affen die, die Schmachtlappen! Cristina Sie schimpfen auf sie und kennen sie gar nicht. Wie würden denn Sie es machen? Florindo flüsternd Fragen Sie mich das? Sind Sie wirklich dieses Kind? Worte sind gut, aber es gibt was Besseres. Er faßt ihre Hand. Ich will das nicht reden. Cristina entzieht ihm die Hand wieder, ohne Heftigkeit Natürlich. Es hat keinen Zweck, daß Sie mir das erzählen. Das verstehe ich schon, daß es was anderes ist, ob man was tut oder davon redet. Ach ja! Der Pfarrer hinten ist beschäftigt, sich durch den Gehilfen des Barkenführers Geld wechseln zu lassen. Florindo vor sich Der erste, der einzige sein. Ungeheuer! Cristina Aber sehen Sie, mein guter Onkel ist noch immer beschäftigt. Sagen Sie es mir doch immerhin, wie Sie es machen würden. Ich habe dann etwas, woran zu denken mich unterhalten wird. Florindo Meinst du, es käme mir ein, dazu einen Plan zu fassen? Wo ich ersticke in Rauch und Flammen, da finde ich den Weg zur Dachluke, und müßte ich wie die Katze mit den Nägeln eine lotrechte Wand hinauf. Bei dir sein, an dir hängen von früh bis Abend, von Abend bis Morgen – warum? Weil mein Leben wäre in dieser Sklaverei, mein Leben in dieser Eifersucht, denn ich wäre eifersüchtig, verstehen Sie mich, Cristina, zu eifersüchtig, zu maßlos begehrlich wäre ich, um Ihnen einen Atemzug zu erlauben, dessen Zeuge ich nicht wäre! Pfarrer kommt zu Cristina vor Mein gutes Kind, hast du daran gedacht, dieser guten alten Frau, die dein Zimmer besorgt hat, ein kleines Geschenk zu machen? Ich sah sie dort stehen. Cristina Ich habe ihr gegeben, vielleicht gib du ihr noch etwas. Zu Florindo, schnell. Sprechen Sie nur weiter. Florindo Ich würde mich an Sie klammern. Verstehen Sie, was das heißt? Mit den Augen Ihre Augen suchen, bei Tag und Nacht. Pfarrer kommt abermals Meinst du, daß so viel genügen wird? Zeigt Cristina einige Münzen in der hohlen Hand. Cristina O ja, Onkel, sicherlich. Florindo Bei Tag und bei Nacht. Cristina O weh, Herr! Wenn Ihre Geliebte Sie so reden hören könnte. Florindo Ich rede doch und bin sicher, Sie haben einen Freund. Cristina heftig Nein! Florindo Vielleicht nicht hier, vielleicht zu Hause. Aber das schreckt mich nicht ab – ich könnte Sie in seinen Armen wissen und Gott danken, woferne ich nur wüßte, daß er Sie grenzenlos glücklich macht. Der Pfarrer und Pasca sind eingestiegen. Pasca ruft Cristina! Cristina Ich werde gerufen, ich muß gehen. Florindo Kann der Himmel so etwas zulassen? Sollen wir so aneinander vorbei? Cristina Was ist das für Sie! Aus den Augen, aus dem Sinn! Florindo Jedes Wort, jeder Blick bleibt da! Erpreßt seine Hand auf sein Herz. Cristina Ich weiß kein Wort von allem, was Sie geredet haben. Ich habe Sie immer nur angeschaut. Florindo nimmt ihre Hand Süßer Engel! Wirst du mir schreiben? Cristina schüttelt den Kopf Florindo Nein? Keine Zeile, kein liebes, zärtliches Wort? Hartherzige! Pfui! Jetzt erkenne ich Sie. Kokett und prüde! Alles nehmen, nichts geben! Pfarrer in der Barke Cristina, es ist die höchste Zeit! Cristina Geben? Ich möchte Ihnen alles geben, was ich habe. Ich komme schon lieber Onkel, ich komme. Florindo Alles? Ja? So schreibe nur, und ich schreibe wieder. Cristina Capodiponte, heißt das Dorf, über Ceneda kommt man hin. Florindo Du schreibst mir, Süße! Meine Adresse! Da! Will hastig ein Blatt aus seinem Notizbuch reißen. Cristina O weh! Florindo Du willst nicht, böses Herz? Cristina Mein Gott! Florindo Sag' ja! Preßt ihre Hand an die Lippen. Cristina Küssen Sie nicht die Hand, sie ist es nicht wert. Sie hat nicht gelernt zu schreiben. Ich werde fort sein und dann auch ganz fort. Wie wenn ich tot wäre. Florindo nagt die Lippen vor Zorn. Cristina Ein letztes gutes Wort! Nach rückwärts. Ich komme! Florindo Ich habe vor dieser Stunde nicht gewußt, was es heißt, ein Wesen lieb haben. Ich laß dich nicht. Cristina reißt sich los Und ich könnte Sie recht lieb haben. Reißt sich los, läuft zum Boot. Florindo ihr nach, bietet ihr die Hand zum Einsteigen. Antonia am Fenster, hinter Teresa Steigt er zu ihr ins Boot? O mein Gott, dann hat er sie auch. Ich weiß doch, wie wir sind. Beide gehen vom Fenster weg. Florindo behält Cristinas Hand, solange es möglich ist. Dann, wie das Schiff sich längs des Ufers hinschiebt, berührt er noch, auf dem Boden knieend, vorn übergebeugt, den Rand des Schiffes. Als ihm auch dieser entgleitet, kauert er noch eine halbe Sekunde wie betäubt. Dann rafft er seinen Mantel zusammen, drückt seinen Hut in die Stirn, und ohne sich nochmals umzuwenden, will er fort, nach rechts hin. Antonia und Teresa treten aus dem Hause. Antonias Blick ist unverwandt auf Florindo gerichtet. Florindo, wie er sie sieht, wirft ihr einen halb zerstreuten Blick zu und wechselt die Richtung, ihr auszuweichen. Dann kehrt sich sein Blick wieder ganz nach innen. Er wiederholt vor sich Ihnen alles, was ich habe, und drückt sich in Wut den Hut tief in die Stime. Ein Bube kommt gelaufen mit einem Brief von links her, geradewegs auf Florindo zu. Bube Da finde ich Sie endlich, Herr Florindo. In der ganzen Stadt laufe ich Ihnen nach. Von einem Spielsaal, einem Kaffeehaus in das andere. Florindo beachtet ihn gar nicht. Alle Leute habe ich nach Ihnen gefragt. Überall haben wir Vermutungen angestellt, wo Sie könnten übernachtet haben. So nehmen Sie doch meinen Brief. Er ist von der Dame, Sie wissen schon, von welcher. Florindo Ich weiß von keiner Dame. Er blickt sich zweimal jäh nach dem Meer und der Barke um. Bube Bei der Sie bis vor zwei Wochen fast jeden Vormittag verbracht haben, wenn unser Herr, der Advokat, bei Gericht zu tun hatte. Florindo Ich weiß von keiner Dame. Bube Das ist stark. Bin ich es nicht selber, der Ihnen immer die Türe aufmachte? Florindo höhnisch So? Er nimmt den Brief. Bube Nun also! Florindo schmeißt ihm den Brief vor die Füße. Soll ich das ausrichten? Florindo Du kannst ausrichten, daß ich mich empfehlen lasse und daß ich im Begriffe bin, abzureisen. Bube Gut! Schön! Sie sind im Begriffe, abzureisen! Meinetwegen! Aber Sie haben eine Zeit vor sich. Sie reisen nicht in dieser Stunde ab. Er hebt den Brief auf und präsentiert ihn aufs neue. Florindo will fort, der Bube hängt sich an ihn. Florindo packt ihn an der Schulter Wer sagt dir, daß ich nicht in dieser Minute abreise? Er wirft den Buben zu Boden, reißt sich den Hut vom Kopfe, winkt damit gegen die Barke hin und schreit. Achtung! Antonia Was macht er denn? Versteht seine Absicht und schreit auf. Florindo nimmt einen kurzen Anlauf und springt. Teresa zu Antonia Was schreist du? Du wirst es doch wissen, daß der einer hübschen Person nichts abschlagen kann. Antonia kehrt ihr Gesicht gegen das Meer. Aufschreie in der Barke. Teresa sieht hin Er ist drin! Was weiter! Der kommt wieder! Zweiter Akt Vorsaal im Gasthof zu Ceneda. Der Hintergrund offen auf die Treppe. Rechts zwei Zimmertüren. Links mündet ein Korridor, der zu anderen Gastzimmern führt. In der Mitte des Saales eine lange Wirtstafel, gedeckt für zehn oder zwölf Personen. Vorne links ein kleiner Tisch an der Wand, nicht gedeckt. Abendstunde, kurz vor dem Lichteranzünden. Der alte Romeo und ein Bursche tragen die aus dem ersten Akt bekannten Gepäckstücke nach links hin. Sie kommen später wieder zurück.   Florindo gefolgt von dem Hausknecht, tritt von rückwärts auf. Eilig Den Gartensalon mag ich nicht! Ihr hattet doch immer noch ein nettes Zimmer, wo ich immer mit meinen Gästen zu Abend aß. Hausknecht Wie soll ich wissen, wo Sie immer – Florindo sieht sich um Dort, richtig! öffnet die Tür weiter rückwärts rechts. Ausräuchern da! Die Fenster aufmachen! Einen ordentlichen Spiegel hinein! Wirtssohn ist unterdessen von rückwärts eilig gekommen Wenn Sie gehört hätten, Herr Florindo, wie der Vater sich gefreut hat – Florindo Eure besten Möbel. Euer bestes Tischzeug. Vier Gedecke! Kerzen, soviel Ihr Leuchter auftreiben könnt. Hausknecht zeigt auf die Wirtstafel, brummt etwas. Wirtssohn halblaut Wie der Herr Florindo befiehlt, so wird's gemacht. Hausknecht zuckt die Achseln. Florindo Dieses Zimmer daneben nehme ich für mich. Geht hinein, wirft seinen Mantel ab, kommt gleich wieder heraus. Der alte Romeo und der Bursche sind dazugekommen. Auch noch andere Hausburschen. Möbel werden aus dem rückwärtigen Zimmer heraus und andere in dasselbe hineingeschleppt, Spiegel, Stühle usw. Florindo Wasser, ich will mir die Hände waschen. Hausknecht übellaunig Wasser gibt's in jedem Zimmer. Florindo zum Wirtssohn Welches Zimmer habt Ihr dem Herrn Abbate gegeben? Wirtssohn Wie Sie befohlen haben, das Eckzimmer dort hinten im Korridor. Das schöne Fräulein, seine Nichte, hat das Zimmer gegenüber. Florindo tritt zurück, sieht hin, dann den Hausknecht packend Ein Waschbecken hierher. Hausknecht geht in das vordere Zimmer, bringt ein Waschbecken und ein Handtuch. Florindo läßt es ihn halten, wäscht sich die Hände. Wirtssohn indessen Wenn Sie gehört hätten, Herr Florindo, wie der Vater sich gefreut hat, daß Sie uns wieder einmal beehren. Wenn ihn etwas gesund machen könnte, hat er gesagt, so wären es solche Gäste. Und was denn diesmal für schöne Damen in Ihrer Begleitung wären, hat er gefragt. Und hat sich halbtot lachen wollen, wie ich ihm sagt habe, daß es ein Landgeistlicher und seine bäurische Verwandtschaft ist, für die Sie das Souper mit Champagner und Fasanen geben. Wenn Sie weiter keine Befehle hätten, so würde ich unterdessen den Wein aus dem Keller holen. Florindo trocknet sich die Hände Gut, oder vielmehr, warten Sie. Wie macht Ihr hier den Salat? Wirtssohn Sie werden nicht unzufrieden sein. Florindo Nichts, Sie sind mir zu jung. Das Küchenmädchen will ich sehen, die den Salat macht. Herauf mit ihr. Hausknecht trägt indessen das Waschzeug ab, kommt sogleich wieder. Wirtssohn Sofort! Läuft ab. Florindo zum Hausknecht Musik brauche ich. Ein Quartett, das sich hören lassen kann. Hausknecht steht stocksteif. Der alte Romeo, einen großen Spiegel auf dem Rücken, hat sich diensteifrig genähert, hört zu. Florindo zum Hausknecht Vier Musikanten brauche ich! Setze dich in Bewegung. Schüttelt ihn. Hausknecht Gibts hier nicht! Der Alte Romeo Lassen Sie mich die Musikanten besorgen. Lassen Sie mich die Ehre haben, Sie zu bedienen. Ich kenne Ihren Geschmack in jeder Beziehung. Sie haben hoffentlich die Güte, sich des alten Romeo zu erinnern? Florindo Was, du bist ja der Vater der drei hübschen Mädchen? Romeo Zu dienen. Lassen Sie mich die Ehre haben. Ich bringe Ihnen das Quartett zusammen. Lädt unversehens dem mürrisch dastehenden Hausknecht den Spiegel auf den Rücken. Der sonst die erste Violine spielt, ist allerdings krank. Aber meine älteste Tochter Lukretia steht unter der Protektion eines herrschaftlichen Kammerdieners, und dieser Herr hat einen Neffen, der ein ganz vorzüglicher Virtuose ist. Ich eile – nur die obligate Flöte, falls Sie diese befehlen, wird schwer zu finden sein. Florindo wirft ihm Geld zu Hoffentlich hat deine jüngste Tochter einen obligaten Liebhaber, der die Flöte spielt. Romeo Sie scherzen, Hochverehrter. Meine Tochter Annunziata ist im Augenblick nicht in der Lage. Sie hat vor acht Tagen reizenden Zwillingen das Leben geschenkt und befindet sich, den Umständen angemessen, wohl. Zum Hausknecht. Sogleich, mein Freund. Zu Florindo. Meine Töchter, Herr Florindo, wetteifern in der Verehrung für Sie. Da sie sich alle drei rühmen, Ihre nähere Bekanntschaft genossen zu haben, so geraten sie oft in Streit darüber, welche sich in dieser Beziehung einen Vorzug zuerkennen dürfte. Und meine Tochter Lukretia nennt Sie nie anders als ihren Doyen, und das mit vollem Recht. Denn Sie waren, Herr Florindo, der erste in der Reihe ihrer verehrungswürdigen Beschützer. Zum Hausknecht. Sogleich. Zu Florindo. Ich eile, Ihnen die Musik der Sphären zu Füßen zu legen. Eilt ab. Das Küchenmädchen ist aufgetreten. Hausknecht, den Spiegel auf dem Rücken, will ihn aufhalten. Florindo Halt, jetzt geht der. Hausknecht, sehr unwillig, entlädt sich des Spiegels, lehnt ihn gegen die Wand. Küchenmädchen knixt vor Florindo. Florindo Du bist es, die den Salat macht. Du bist ja die Agathe. Küchenmädchen Immer zu Ihrem Befehl. Florindo Du erinnerst dich meiner? Küchenmädchen Wie sollte denn das sein – Florindo Wie? nicht? Küchenmädchen Wie sollte denn das sein, daß ich mich nicht an Sie erinnern täte? Florindo Also Agathe, wie wird der Salat für mich gemacht? Küchenmädchen Für den Herrn Florindo der Salat, in den kommt das Weiße von acht Eiern, nicht zu fein geschnitten. Den Essig, bevor er auf die Eier kommt, gieße ich auf eine Aromate aus, die ist aus einem Lorbeerblatt, einem Zweiglein Thymian, einer Zehe zerdrückten Knoblauch, einigen zerdrückten Pfefferkörnern – Florindo Cayennepfeffer, keinen anderen. Küchenmädchen – und eine Prise Salz. Dann mache ich einen feinen Brei, da kommt hinein Pimpernellen, Kerbelkraut, Schnittlauch, Sardellen, spanische Zwiebel. Florindo Es ist gut. Du bist ein sehr braves Mädchen. Küchenmädchen Bei dem Salat haben Sie mir einmal geholfen, Herr Florindo! Florindo Ich hab' es nicht vergessen. Küchenmädchen Wie gut Sie sind, danke vielmals. Florindo Denke an damals und lasse alle, die davon essen, spüren, daß du ein gefühlvolles Mädchen bist. Küchenmädchen Danke vielmals! Läuft ab. Hausknecht Wünschen Sie vielleicht noch jemand vom Personal zu sprechen? Florindo Vorläufig nicht, auch du kannst verschwinden. Hausknecht zuckt die Achseln, geht. Pasca kommt die Treppe herauf, ohne Atem. Florindo Die liebe Pasca, und ohne ihr Fräulein! Pasca Zu der will ich eben. Und da muß ich einen solchen Schrecken erleben. An mir zittert jedes Glied. Florindo Herrgott – Cristina ist etwas zugestoßen? Pasca Der? Mir ist er nach, im stockdunkeln Hausflur. Hinter einer Ecke hervor. Die Hinfallende könnte eins bekommen von solchem Schreck. Florindo Wer denn? Wer ist Ihnen nach? Pasca Wer? Der leibhaftige Teufel! Der Gelbe, von dem wir Ihnen erzählt haben, der von heute Nacht. Florindo Pedro? Der aparte Diener des guten Kapitäns? Wie kämen die hierher? Sie müßten Extrapost genommen haben. Pasca Meinen Sie, so was braucht den Postwagen? Ich meine, so was fährt durch die Luft in einer Wolke von Stank und Schwefel. – Auf einmal spür' ich, es ist etwas hinter mir. Ich will laufen, ich will die Treppe hinauf, da nimmt's mich von rückwärts, tut seine Arme um mich und grinst mir über die Schulter. Jesus, Maria und Josef, wie ich nur losgekommen bin? Wie ich nur heraufgefunden habe? Florindo Die gute Pasca! Wie hat er's gemacht? So? Ich kanns begreifen. Pasca Herr Florindo, wenn das ein Christenmensch tut oder gar ein hübscher junger Herr wie Sie, aber so ein Tier! So ein gelber Teufel mit Wolfzähnen. Florindo Was das betrifft, der Pedro hat ganz hübsche Zähne und ist getauft wie Sie und ich. Fragen Sie den Kapitän. Pasca Da sei Gott vor! Mein Erlöser, was bringen denn die da geschleppt? Florindo Die richten das Zimmer her, in dem wir soupieren werden. Pasca Gar ein Extrazimmer. Nicht an der Wirtstafel? Geht's so hoch her? Sind wir denn wirklich Ihre Gäste? Leuchter werden vorbeigetragen, einige angezündet. Florindo ruft hin Ich will mehr Kerzen! Unter dem Spiegel, auf die Konsolen. Bursche Es kommen noch! Sie können noch zwei Armleuchter haben. Florindo Zwei Armleuchter! Ich will ihrer zwei Dutzend. Wenn Ihr sie nicht habt, so schafft sie. Die Stummeln da hier herein in mein Zimmer. Die sind gut für die Musikanten, nicht für meinen Tisch. Pasca Musikanten haben Sie auch bestellt? Ja, soll es denn werden wie auf einer Hochzeit, Herr Florindo? Starrt ihn an. Florindo Da hinein die Leuchter! Hier hinein setze ich das Quartett in mein Zimmer. Pasca Tafelmusik so mir nichts, dir nichts? Meinen Sie, das Mädel ist eine Gräfin? Florindo Ich kenne keine Gräfin, die wert wäre, ihr die Schuhriemen aufzulösen, und für was halten Sie mich, wenn ich eine Dame mit Wein bewirte ohne Musik dazu? Beide zusammen sind sie erst etwas. Beide zusammen freilich sind sie recht viel. – Denn es kommt ihnen nichts darin gleich, wie sie Gottes Geschöpfe einander nahebringen – und Gottes Geschöpfe Er geht ein paar Schritte auf sie zu, sieht ihr von ganz nahe in die Augen sind in wundervoller Weise geschaffen, einander nahe zu kommen. Es werden einige Armleuchter brennend durchgetragen. So recht. Aber ich will noch mehr. Ich will doppelt so viele. Taghell will ich das Zimmer. Er rührt Pasca leise an. Pasca, wenn ich denke, daß ich sie noch nie bei Kerzenlicht gesehen habe – ein Tag, Pasca – ein Tag, Pasca. Holen Sie sie mir, liebe Pasca – holen Sie sie doch. Wirtssohn erscheint draußen mit einem Korb Bouteillen. Florindo Nein, halten Sie sie noch auf. Da steht der Wirt mit den Bouteillen, ich habe noch was anzuordnen. Aber dann bringen Sie mir sie. Dann – Er hält ihre Hand. Sind das die Hände, mit denen Sie sie aufgezogen haben? Ich muß sie küssen. Er tut es leichthin, springt ab, kommt gleich wieder. Sagen Sie ihr nichts von der Musik. Es soll eine kleine Überraschung sein. Springt ab. Pasca Einen solchen Menschen habe ich freilich noch nicht gesehen. Gebe Gott, daß er es ehrlich mit uns meint. – So viel Zimmer und überall Nummern darauf. Ruft Cristina . Cristina kommt von links heraus Bin da! Wo ist er? Pasca Der Herr Pfarrer? Ist er nicht zu den Hochwürdigen ins Kloster hinüber? Cristina Ich frage nicht um den Onkel. Pasca sieht sie an Der Herr Florindo ist dort hinunter. Cristina will wie schlafwandelnd gegen die Treppe hin. Pasca ruft sie an, halb unwillkürlich, wie um sie zu wecken. Du! Du! Cristina sieht sie an, wie aus dem Traum, noch halb im Gehen Was? Pasca Fragst du? Wohin wollen deine Füße jetzt? Cristina Ja so! Pasca So hab' ich dich nie geseh'n! Cristina nickt Ja! Ja! Wie im voraus aller Einreden müde. Jetzt wirst du mir sagen, daß ich ihn erst seit heute Morgen kenne. Daß es ein wildfremder Mensch ist – es steckt gar kein Sinn hinter diesen Redensarten. Oder wenn einer dahinter steckt, so kann ich ihn jetzt nicht herausfinden. Pasca Mutter Maria, dich hat's. Wie hättest du dich lustig gemacht noch gestern Abend, noch heute in der Früh – Gebe Gott – Cristina Laß! Was hat er mit dir gesprochen? Pasca Er sagt ja freilich, daß er mit dem Gedanken umgehe zu heiraten. Daß er schon öfter gesucht hätte, schon öfter ganz nahe daran gewesen wäre. Cristina Nicht was er im Wagen gesprochen hat, davon steht jedes Wort vor mir, als wenn ich's gedruckt sähe. Was er jetzt mit dir gesprochen hat, will ich wissen. Pasca Allerlei Liebes und Gutes. Denk dir, er hat mir – Sie sieht auf ihre Hand. Cristina Wiederhol nichts. Ein anderer bringt's nicht so heraus wie er. Was war das letzte? Pasca Daß er dich noch nie bei Kerzenlicht gesehen hat. Cristina Beim Licht einer Kerze – Sie zittert ein wenig. Hat er so gesagt? Sie sieht mit großen Augen ins Licht der einen Kerze, die dasteht auf einem kleinen Gueridon an der Wand rechts. Dann löscht sie sie plötzlich aus, heftig, wie in Angst. Komm! Ich will fort. Die Leute sollen uns einen Wagen einspannen. Pasca Was hast du denn auf einmal? Cristina Fort, schnell! Ich will nach Haus. Pasca Kind Gottes, morgen früh fahren wir nach Haus, so Gott will. Jetzt übernachten wir hier. Was möchte der Herr Pfarrer denken? Cristina Ja, der alte Mann ist müde, der muß hier schlafen. Ein kleines Schweigen. Mir ist schwindlig. Pasca Das ist kein Wunder in dem Halbdunkel. Komm', wir wollen auf die Luft. Cristina Hinunter? Da begegnen wir ihm. Pasca Willst ihm denn nicht begegnen? Cristina Merk' nicht auf, was ich rede. Pasca Also komm' ins Zimmer. Wir machen uns Licht. Setzen uns hin, bis der Herr Pfarrer zurückkommt. Der Kapitän ist von rückwärts aufgetreten, erblickt Cristina, bleibt diskret an der Eingangstür stehen. Cristina Ins Zimmer? Dort ist er nicht. Dort kommt er auch nicht hin. Was soll ich denn dort? Pasca zieht sie fort Komm' nur. Er hat Wein bestellt, Champagner, ich weiß nicht was. Daß du mir nicht mehr als ein Glas trinkst. Cristina halb für sich Wein? Was soll mir noch Wein tun oder nicht tun? Sie gehen links ab. Kapitän ist links vorgekommen, steht ihnen im Weg, macht ehrerbietig Platz. Kapitän für sich Die sind da hier. Verdamm mich Gott, das macht mir Vergnügen. Florindo schnell von unten, gefolgt von dem Wirtssohn, der ein Licht in der Hand hat, und dem alten Romeo, der einen großen Marktkorb voll Blumen trägt Sind die Geiger noch nicht da? Romeo Sie kommen, sie kommen. Florindo geht nach rechts. Kapitän links vorne Was? Der ist auch da? Florindo, schon in der Tür des Zimmers rechts rückwärts, sieht hin, erkennt den Kapitän, geht aber ins Zimmer. Erkennt er mich nicht? Oder will er mich nicht erkennen? Den gleichen Gedanken mochte das junge Mädchen über mich gedacht haben. Wie hätte ich mich da schicklich betragen müssen? Die vier Musiker, geführt vom Hausknecht, kommen herein. Hausknecht macht ihnen die Türe des vorderen Zimmers rechts auf Da! Hinter ihnen ist Pedro eingetreten. Er scheint Pasca nachzuspüren. Sieht seinen Herrn. Pedro O, mein Kapitän ! Kapitän Ich möchte wetten, du weißt, was für Damen da hier sind. Pedro grinst Nummer eins, schöne mager-fette Witwenfrau, wo ich letzte Nacht hochachtungsvoll geträumt habe meine Verheiratung auf sie. Indessen kommt der Pfarrer von rückwärts herein, grüßt höflich die beiden Gestalten, die ihm den Rücken kehren, und geht links ab. Kapitän Daß es eine Witwe ist, hat er schon herausbekommen. Aber daß er mir was melden würde, daran denkt die Kreatur nicht. Die Kreatur versteht es nicht besser, sie muß belehrt werden. Sehr gütig. Die Damen sind unsere Bekannten seit der letzten Nacht, da sie uns mit ihrem Gespräch beehrt haben. Es ist unter Europäern Sitte, seine Bekannten jederzeit, wo er ihnen begegnet, in schicklicher Weise zu begrüßen. Als mein Diener hast du den Bekannten deiner Herrschaft Reverenz zu erweisen. Solltest du früher als ich ihnen begegnet sein oder sie von weitem wahrgenommen haben, so hast du mich von ihrer Anwesenheit zu verständigen. Pedro grinsend Ich habe verstanden. Florindo tritt mit dem Wirtssohne aus dem rückwärtigen Zimmer rechts, wirft einen flüchtigen Blick auf den Kapitän , geht, als bemerke er ihn nicht, mit dem Wirtssohn redend, rasch in sein Zimmer rechts vorne. Man hört drinnen die Musikanten stimmen. Kapitän steht links Es scheint, der junge Herr hat genug von mir. Er will mich partout nicht sehen. Pedro, sobald er Florindo wahrgenommen hat, winkt und zeigt seinem Herrn eifrig den Bekannten. Da der Kapitän stocksteif stehen bleibt, stößt Pedro vor Ungeduld ein knurrendes »Oh« aus, fast wie ein Hund, und zupft den Kapitän am Ärmel. Dann läuft er zu Florindo hinüber, erwischt diesen, der eben in die Türe treten will, und begrüßt ihn mit Verbeugungen, auf seinen Herrn deutend. Florindo mit großer Leichtigkeit Kapitän – So sind Sie es wirklich? Mir war fast so. Es ist dunkel hier. Hausknecht kommt von rückwärts, stellt zwei Leuchter auf den Tisch. Kapitän Guten Abend, Herr Florindo. – Ja. – Ich wollte Sie nicht stören, Herr. Tritt weg, gibt Pedro einen Tritt. So war es nicht gemeint. Pedro zieht sich verwundert und gekränkt zurück, interessiert sich aber sogleich für die Geräusche, die durch die geschlossene Tür herausdringen. Florindo einen Schritt dem Kapitän nach Sie sind mir böse, Kapitän. Kapitän Um welcher Sache willen sollte ich das sein, Herr? Florindo Ich dächte, das wissen wir beide recht gut. Um der Sache von gestern Abend. Aber ich muß eben sagen: als ich hineinging – Kapitän Herr, ich meine, Sie sind hineingegangen, um mir einen freundlichen Dienst zu erweisen. Dafür danke ich Ihnen, Herr. Florindo Meiner Seel', so war's und dann – Kapitän Dann sind Sie auf eigene Rechnung droben geblieben. Das Frauenzimmer ist verliebt in Sie. Sie sind ein junger Mann, Herr, was soll ich mich da wundern? Florindo Das würde mich freuen! Erinnern Sie sich auch nur. Ich rief Ihnen noch zu: Kommen Sie mit! Kapitän Erinnere mich. Und dann riefen Sie: Sie hätten mitkommen müssen. Sie hatten immer verdammt recht mit allem, was Sie riefen, Herr. Florindo Ja, aber als ich rief: kommen Sie mit, warum um alles in der Welt, Kapitän, sind Sie denn dann nicht mitgekommen? Kapitän Die Frage, Herr, kann ich Ihnen beantworten, wenn Sie mich verstehen wollen, Herr. Ich habe fünfunddreißig Jahre lang da drüben gelebt wie ein Vieh, lieber Herr. Aus der Hand in den Mund, wenn Sie begreifen wollen, was das heißt. Und da hatte ich mir vorgesetzt, das sollte ein Ende haben. Hier bin ich in Europa, mir sagt das etwas, Herr! Hier ist eine höfliche Andeutung ebensoviel wert wie drüben ein Messerstich in die Rippen. Florindo Aber es war wirklich mein Wunsch – Kapitän Immerhin, Herr. Ich habe es verfehlt. Ich werde es noch öfter verfehlen, ich wünsche mir, es lieber nach dieser Seite zu verfehlen als nach der entgegengesetzten, das ist alles, was ich mir wünsche. Er lacht gutmütig. Florindo Wirklich? Sind Sie mir nicht böse? Das freut mich von Herzen, Kapitän. Kapitän Herr, die Sache war danach, daß einer unter Umständen hätte ärgerlich sein mögen, und dann wäre er vielleicht versucht gewesen, auf Sie ärgerlich zu sein. Aber ich war ganz und gar nicht ärgerlich, Herr. Reicht ihm die Hand. Wollen Sie mit mir zu Nacht essen, Herr? Florindo verlegen Mein lieber Kapitän – Kapitän Sie haben keine Lust, gut, Herr! Florindo Ich habe selbst Gäste, das ist es. Aber – Kapitän Sie sollen sich nicht stören, Herr. Florindo Auf nachher, wenn ich Sie dann noch finde. Geht ab, nach links. Kapitän geht auf und nieder. Zieht seine kleine Pfeife heraus, raucht. Hausknecht stellt Flaschen auf den Tisch. Pedro horcht mit großem Interesse auf das Stimmen. Der Bediente der fremden Herrschaft tritt auf. Er hat ein feistes Gesicht, einem Kirchendiener nicht unähnlich. Bedienter Meine Herrschaft läßt fragen, wo für sie gedeckt wird. Hausknecht weist stumm auf die Wirtschaft. Wir wünschen nur eine einzige Fleischspeise und etwas Gemüse. Den Wein führen wir selbst mit uns. Hausknecht schweigt. Haben Sie mich verstanden? Hausknecht Ich bin nicht taub. Bedienter geht. Kapitän zum Hausknecht Was werde ich essen? Hausknecht Was kommen wird. Kapitän nickt gutmütig Wird es bald kommen? Hausknecht Sie werden schon sehen. Kapitän nickt Wer ist die Herrschaft, die noch zu Tisch kommen wird? Hausknecht Nummer dreizehn. Kapitän Was ist Nummer dreizehn? Hausknecht Das Zimmer mit zwei Betten über dem Hühnerstall. Der fremde alte Herr kommt, in das Mädchen eingehängt und von dem Bedienten unterstützt. Er sieht sonderbar und ärmlich, aber vornehm aus. Sie nehmen Platz am rechten Ende der Wirtstafel. Bedienter zieht aus der Tasche ein Fläschchen mit Wein und schenkt dem alten Herrn einen Finger hoch ein, desgleichen dem Mädchen. Der Wirtssohn tritt eilig auf, geht eilig links hinüber. Kapitän hat höflich seine Pfeife fortgetan, setzt sich ans linke Ende der Tafel. Pedro stellt sich hinter ihn, wie der andere Bediente hinter seinem Herrn steht. Er setzt Brillen auf, die er vorher geputzt hat. Hausknecht stellt eine große Suppenterrine, die er im Treppenhaus in Empfang genommen hat, auf die Anrichte. Pedro serviert seinem Herrn. Wirtssohn kommt eilig von links, läuft ins rückwärtige Zimmer rechts. Gleichzeitig fängt die Musik zu spielen an. Von links kommen Pasca und Cristina, hinter ihnen Florindo, der höflich auf den Pfarrer wartet, der einige Schritte hinter ihm zurück ist. Sie gehen vor der Wirtstafel über die Bühne. Als die Musik anfängt, bleibt Cristina freudig erschrocken stehen und schlägt wie ein Kind die Hände zusammen. Florindo springt vor, ergreift ihre Hand und führt sie aufs Zimmer zu, dessen Flügeltüren aufspringen. Strahlendes Licht fällt heraus. Man sieht den schön gedeckten Tisch, mit Lichtern und Blumen. Kapitän, als er Cristina erblickt, steht auf und verneigt sich. Pedro als er des Pfarrers ansichtig wird, hält im Servieren inne. Stellt den Teller, den er gerade in der Hand hatte, auf den Tisch und gibt lebhaft Zeichen von Freude. Da der Pfarrer ihn zuerst nicht bemerkt Oh, die hohe Würde. Ich bin Don Pedro – der junge, christliche Freund. Ergreift die Hand und schüttelt sie. Hier ist mein Kapitän. Mein Kapitän wird brüllende Freude empfinden. Pfarrer Es ist gut, mein Sohn, ich erkenne Sie wieder. Es ist gut, mein Freund, aber ich muß – Florindo, Pasca, Cristina in der Tür umgedreht, erstaunt. Pfarrer macht sich los, folgt den andern. Alle gehen hinein. Pedro will ihnen nach Die hohe Würde muß sich schütteln mit meinen Kapitän. Kapitän faßt ihn, zieht ihn zurück. Pedro gekränkt. Mein großer Freund! Nummer eins, heiliger Mann! Kapitän hat sich wieder gesetzt So war es nicht gemeint! Verdamm mich Gott, verdamm mich Gott! Pedro salviert sich Der Herr ist meine Bekanntschaft. Ich habe gegrüßt. Ich habe in europäischer Weise zudringliche Freude geäußert. Wirtssohn eilt aus dem Zimmer rechts heraus, geht an die Anrichte hin Es soll für hinein sehr schnell serviert werden, befiehlt der Herr Florindo. Kapitän an seinem Platze, seufzt Merk auf: wenn jemand verhindert ist, verstehst du mich, beschäftigt, verstehst du mich, in Gesellschaft, verstehst du mich? Kurz und gut – es gibt Mittel genug, in einer schweigenden Weise seine verdammte Hochachtung auszudrücken. Hast du nie etwas von einer stummen Verbeugung gehört? Kann man nicht in hübscher, respektvoller Weise beiseite treten, nicht in einer manierlichen Art andeuten, daß man sehr wohl die Ehre hat – aber nicht zu stören wünsche? Pedro nickt, hat aber nur den anderen Bedienten beobachtet, ruft Oh! Meinen Kapitän sein Bratenfleisch. Läuft dann hin, dem anderen Bedienten, der schon seiner Herrschaft servieren will, die Schüssel zu entreißen. Indessen servieren der Wirtssohn, hinter ihm ein junger Bursche, hinter diesem der Hausknecht, alle drei dicht hintereinander und sehr eilig ins Zimmer hinein. Pedro serviert seinem Herrn. Kapitän neugierig auf eine der Schüsseln, die vorüber eilt Was ist das? Wirtssohn ohne sich aufzuhalten Alles extra, alles persönliche Bestellung von Herrn Florindo! Kapitän Wenn sie es doch nur ansehen ließen! Hält ihn auf, entzückt. Kleine Kürbisse, gefüllt! Wirtssohn eilt ab. Die gute Sache! Die hübsche Musik! Der nette Bursche. Wie er an alles denkt, wie er alles einzufädeln weiß. Pedro und der Bediente raufen um die nächste Schüssel. Zugleich kommen die drei Servierenden aus dem Extrazimmer zurück, eilig. Der Wirtssohn bedient den Kapitän Der Herr Florindo lassen bitten, Sie möchten ihm die Ehre erweisen, sich zu bedienen. Der fremde alte Herr ist eingeschlafen. Die junge Unbekannte stützt den Kopf in die Hand, hat ihren Stuhl vom Tisch weggerückt und starrt traurig ins Leere. Kapitän bedient sich. Die drei Servierenden eilig an die Anrichte, und von dort nachher wieder hinter der Wirtstafel herum ins Extrazimmer. Drinnen sieht man, wie Florindo rasch aufspringt, sich aus dem Nebenzimmer eine Geige geben läßt – das erste Musikstück ist zu Ende – und sich ihrer wie einer Mandoline bedient, sein Liedchen hie und da mit einem Griff begleitend. Singt Ei, das Vöglein wär' wohl bei Troste, Daß es dem Käfig möcht' entflieh'n, Wenn Cristina es nicht koste, Wär' das Vöglein wohl bei Troste, Daß es dem Käfig möcht' entflieh'n! Kapitän zurückgelehnt Wie hübsch er singen kann. Was für ein Vieh ist unsereins gegen solch einen Burschen. Florindo singt Denn der Stunden sind nicht viele Für sein Leben ihm gewährt, Ach, für unsere schönsten Spiele Sind der Stunden uns nicht viele Ach, nicht viele uns beschert. Die drei Servierenden haben mit dem Eintreten an der Türe gewartet, bis er fertig ist, wollen jetzt hinein. Der alte Herr erwacht mit dem Aufhören des Gesanges. Berührt das junge Mädchen am Arm. Sie erhebt sich, führt ihn mit Unterstützung des Dieners ab. Der Hausknecht und der Bursche kommen aus dem Extrazimmer, gehen an die Anrichte. Wirtssohn eilig ihnen nach Es wird nichts mehr serviert. Sie stehen vom Tisch auf. Der Herr Pfarrer ist müde und will zu Bett. Eilt wieder hinein. Gleich darauf erheben sich drinnen im Extrazimmer alle, treten heraus. Wirtssohn leuchtet ihnen vorne mit einem mehrarmigen Leuchter. Hinter ihm geht der Pfarrer mit Cristina, die eine schöne Blume angesteckt hat. Pasca dicht dahinter. Florindo als letzter. Der Kapitän steht auf, verneigt sich. Die Musik spielt weiter. Florindo zum Hausknecht, der mit der Obstschüssel im Wege steht Die besten von den Früchten auf das Zimmer des Fräuleins, zu ihrer Erfrischung. Cristina läßt die andern voraus, bleibt zurück, Florindo nachkommen zu lassen: im Gehen zu Florindo über die Schulter Das ist zuviel. Meinen Sie, daß ich in meinem Zimmer zur nachtschlafenden Zeit Mahlzeiten halte? Florindo den Blick in ihre Augen Zu viel? Cristina senkt den Blick Haben Sie mir nicht schon die schönen Blumen geschenkt? Florindo Zu viel? Cristina sieht ihn an. Florindo dicht an ihr, flüstert ihr noch etwas zu. Kapitän setzt sich, trinkt sein Glas aus. Im Ausgang links bleibt Cristina etwas zurück und läßt ihre Hand in der Florindos, der die Hand zweimal küßt, im Rücken des Kapitäns. Dann verschwindet Cristina leise. Florindo steht einen Augenblick regungslos, wie betäubt von Glück. Die Musik hat aufgehört. Die vier Musiker treten hintereinander aus der Tür von Florindos Zimmer. Florindo auf sie zu, gibt ihnen Geld Es ist gut, es war schön, ich danke euch, jeder von euch ist wert, Professor zu heißen, es war schön, es war bezaubernd. Ich bin sehr in eurer Schuld. Die Musikanten verneigen sich. Kapitän ist aufgestanden Punsch daher. Weist auf den Tisch links vorne. Pedro zu dem Burschen, der rückwärts steht Punsch für meinen Kapitän! Sehr schnell! Sehr eilig! Laufen, laufen! Er geht langsam zu dem Tisch, rückt zwei Stühle für den Kapitän und Florindo. Kapitän Sie werden mir nicht abschlagen, ein Glas Punsch mit mir zu trinken. Setzt sich. Florindo Was Sie wollen, Kapitän. Setzt sich zum Kapitän. Da gehen sie hin! Vier arme Teufel. Erbärmliche Existenzen, Gott weiß – und haben mir diese Stunde geschenkt. Punsch wird gebracht. Kapitän gießt ein für zwei Trinken Sie, Herr! Florindo Das ist recht. Trinkt einen Schluck, geht auf und ab. Kapitän setzt sich. Florindo vor sich. Namenlos. Ich war so unermeßlich glücklich diese halbe Stunde, daß ich sie nicht einmal begehrt habe. Die Musik war genug – der Blick des Mädchens vor sich hin, wenn die Töne zärtlich wurden. Das Gefühl ihrer Gegenwart. Es gibt etwas, das mehr ist als Umarmungen. Setzt sich zum Kapitän. Kapitän Sie trinken nicht? Florindo Lassen Sie mich nur, mir ist unsagbar wohl zu Mute. Da lebt man so dahin, einer neben dem andern, wofür eigentlich? So scheintot immerfort, wo doch alles zum Leben will. Alles will sich verströmen in Liebe. Und dann ist man mit einem zusammen in dieser Stunde, in einem Gasthaus. Sie sind mir sympathisch, Kapitän. Sie sollen leben, Kapitän! Der aufwartende Bursche hat schon früher einen der Armleuchter aus dem Extra-Zimmer gebracht, ihn den beiden Herrn auf den Tisch gestellt. Pedro steht hinter seinem Herrn. Kapitän Ich danke Ihnen, Herr! Um Vergebung – darf der Mensch da mittrinken? Erlauben Sie das? Danke! Pedro holt sich ein Glas. Im Grunde ist er sozusagen schuld daran, daß ich hier sitze und das Vergnügen Ihrer Gesellschaft genießen kann – Eine Pause Florindo Ich hätte sie nicht dürfen fortgehen lassen. Sie hätten weiterspielen müssen, nicht wahr, Kapitän? Kapitän Das schuld ich allerdings ihm allein. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe: ich lag nämlich einmal gefangen, unter malaiischen Seeräubern, auf einer recht ekelhaften Dschunke, das dürfen Sie mir glauben, Herr. Zweiundvierzig Tage und Nächte, Herr, ließen sie mich drunten liegen im Gestank, Herr, zusammengeschnürt wie ein Bündel. Dann war ich soweit, da hatte ich mit meinem linken Eckzahn da den Strick durchgenagt und eine Hand freibekommen. Geduld hatte ich, Herr, denn es war immer von vierundzwanzig Stunden nur eine Stunde gegen Morgen, wo ich unbemerkt nagen durfte. Dann kam noch eine recht bewegliche kleine Stunde auf Deck. Da schaffte ich ihrer sechs ins Jenseits. Das war eine nicht gerade unappetitliche, aber harte Handarbeit, Herr. Da lernte ich erstens meine Sorte von Herrgott und zweitens diesen Burschen da kennen. Oder sozusagen beide auf einmal. Zu Pedro Da trink, mein Alter, trink, wenn's dir Freude macht. Zu Florindo Da wurde mir dieses ziemlich verunglückte Produkt eines überseeischen Europäers verdammt nützlich. Florindo Ihr Leben? Dem da? Leben! Wie das zusammengemischt ist aus Vergewaltigung, Unruhe, List, Betrug, Verblendung – was es alles enthält! Und wie dann auf einmal da alles zergeht, hinschmilzt. Was habe ich bei Weibern gesucht? Ich frage Sie! Sagen Sie mir um alles in der Welt, was habe ich gesucht? Ich schäme mich. Es kann natürlich sein, daß ich dieses eine ahnungslos gesucht habe. Die beiden anderen trinken schweigend. Daß es solche Wesen gibt! Von denen jeden Augenblick die ganze Fülle der Liebe ausströmt. Die ganz da sind. Ich spreche, als ob man es sagen könnte. Sie sollen sie kennen lernen, Kapitän. Aber nicht eher, als bis sie meine Frau sein wird. Heiraten Sie, Kapitän! Unsere Frauen sollen gute Freundinnen werden. Kapitän Darauf wollen wir anstoßen. Um von mir zu sprechen, Herr. Es ist eben das, was ich im Sinne habe. Wer hätte gedacht, daß gerade Sie mir zureden würden? Florindo Ja? Sie wollen, Kapitän ? Wie klug sind Sie! Was haben wir beide da vor uns! Es muß eine namenlose, endlose Seligkeit sein. Heiraten Sie ein braves Mädchen und bleiben Sie ihr treu. Kapitän Was das betrifft, es wird mir leicht fallen. Ich bin leicht doppelt so alt wie Sie, Herr. Florindo nimmt seine Hand über dem Tisch Was tut das! Kapitän, was für ein Narr ich war! Ich habe in meinem Leben dreißig oder fünfzig oder hundert Frauen näher gekannt, Kapitän. Alle Frauen sind gleich. Kapitän Nun, verdamm mich Gott, Herr – Florindo Nichts. Es ist nur unsere schamlose Neugierde, die uns vorspiegelt, sie wären verschieden. Es liegt etwas Bubenhaftes darin, etwas Niederträchtiges. Kapitän Nun, da dächte ich doch, Herr – Florindo Nichts. Äußerlich sind sie verschieden, natürlich. Aber ist es nicht der Gipfel des Widersinns, sich in den Genuß dieser Verschiedenheit setzen zu wollen, indem man eine nach der andern so schnell wie möglich auf den Punkt bringt, wo sie einander gleichen wie ein Ei dem andern? Zu dieser Einsicht müßte ein jeder Halunke zwischen seinem siebzehnten und dreiundzwanzigsten Jahre gekommen sein, wenn wir nicht größtenteils ausgemachte Dummköpfe wären. Aber nicht einer unter Tausenden, der ahnt, daß jenseits dieses Punktes erst das liegt, was das Leben lebenswert macht! Kapitän sieht ihn an. In der Ehe, guter Kapitän! In der Glückseligkeit unverbrüchlicher Treue! – Ahnt Ihnen nicht? – Sind Ihnen nie über die Fabel von Philemon und Baucis die Tränen in den Hals gestiegen? – Sie weiß es, Kapitän, daß ich sie zu meiner Frau machen werde. – Sie weiß es. Er hat Tränen in den Augen. Pasca kommt von links, geht nach rückwärts zur Treppe. Gute Nacht, liebe Pasca, gute Nacht! Er muß die Augen schließen, so sehr überwältigt ihn etwas in diesem Augenblick. Pedro ergreift hastig den Leuchter, will Pasca voranleuchten, wie er es früher den Wirtssohn hat tun sehen. Pasca, wie er ihr nach will, stößt einen Schrei aus, ergreift die Flucht. Florindo springt Pedro nach, fängt ihn ab Laß das sein, mein Freund. Sie fürchtet sich vor dir. Wieder am Tisch. Die gute Person fürchtet sich dermaßen vor dem Burschen da, daß sie durchaus die Nacht lieber im Zimmer ihrer Herrin auf dem Fußboden verbringen wollte Er gähnt als unten in ihrem Bett. Es hat Cristina Mühe gekostet, sie zu überreden. Er gähnt Ich bin sehr müde, die Wahrheit zu gestehen. Sie nicht? Kapitän Mir ist gemütlich, ich sitze gern in einem Wirtshaus. Florindo Ich glaube, ich sage Ihnen gute Nacht, Kapitän, mit Ihrer Erlaubnis. Kapitän Wann sind Sie abgereist diesen Morgen? – Pedro fängt an zu singen Was soll mit dem – Kapitän über die Schulter Halt's Maul! Florindo schon an der Tür zu seinem Zimmer Beinahe vor Tag. Gute Nacht! Geht in sein Zimmer. Hausknecht kommt mit einem alten Besen, fängt an auszukehren. Kapitän zu Pedro Schenk' dir ein, es ist dir gegönnt. Zu dem Hausknecht Komm her, du! Vor sich Ich sitze gern in einem Wirtshaus. Das ist eine schöne, freundliche Einrichtung. Zu dem Hausknecht, der mürrisch und heftig auskehrt Komm her, du. Gibt ihm Geld. Der Hausknecht nimmt es ohne Freundlichkeit, fährt fort zu kehren. Pedro singt Was soll mit dem betrunknen Matrosen gescheh'n? Florindo öffnet die Tür seines Zimmers Ich sehe Sie jedenfalls noch morgen früh. Gute Nacht. Schließt zu. Kapitän singt halblaut, behaglich Im Dunkeln geht das Vieh auf seinen Fraß Und seine Lust, Trübselig, finster und allein. Wir aber wollen bei der Kerzen Schein usf. Hausknecht hat einen kleinen Handleuchter geholt, stellt ihn vor den Kapitän hin, bläst die Kerze an dem Armleuchter aus Da ist Ihr Leuchter, Herr. Da ist Ihr Zimmerschlüssel. Es wird Zeit, daß Sie schlafen gehen. Es sind noch andere Leute als Sie im Haus. Kapitän Gut, gut, du hast recht, freundlicher Junge. Pedro singt Was soll mit dem betrunkenen Matrosen geschehn? Hausknecht legt ihm ohne Gutmütigkeit die Hand auf den Mund. Pedro macht sich frei. Was soll mit dem betrunkenen Matrosen geschehn? Dreimal. Mädchen, ihr Mädchen? Er soll, er soll sich Neu-Amsterdam beseh'n, Dreimal. Mädchen, ihr Mädchen! Hausknecht Daß man einem eingefangenen Vieh Menschenkleider anzieht und ihm Punsch zu saufen gibt, hab' ich noch nicht gehört. Kapitän Spaßvogel. An dir ist ein lustiger Unterbootsmann verdorben. Pedro im Abgehen, singt. Der Hausknecht leuchtet ihm voran und zieht ihn Was soll mit dem betrunkenen Matrosen gescheh'n? Kapitän im Abgehen sich selber leuchtend, singt halblaut Wir aber wollen bei der Kerzen Schein usf. Gehen ab. Nur ein schwaches Licht draußen im Treppenhaus. Florindo öffnet leise die Türe, späht, ob alles still ist. Er ist in seinen Mantel gehüllt, drückt sich in die Tür, horcht. Dann läuft er blitzschnell, aber leise nach links hinüber.   Zwischenvorhang fällt vor, geht gleich wieder auf   Der große Tisch ist abgedeckt. Die Leuchter sind fort. Nur draußen im Treppenhaus ist schwache Beleuchtung von einer Laterne, die irgendwo hängen mag, wovon ein matter Schein hereinfällt. Der Hausknecht putzt beim Licht eines Kerzenstummels Schuhe, deren er einige Paare um sich versammelt hat. Der Bediente der fremden Herrschaft tritt auf, von rückwärts her. Bedienter Sie haben mich um zwei Stunden zu früh geweckt. Hausknecht, stumm, betrachtet den zuletzt geputzten Schuh. Der Bediente Die Post geht heute um halb acht von hier ab und nicht um halb sechs. Hausknecht Ich weiß. Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich das nicht wüßte. Der Bediente Und Sie haben mich trotzdem um vier Uhr geweckt? Hausknecht Natürlich: denn es war auf dem Brett aufgeschrieben, Nummer 14 um 4 Uhr wecken. Bedienter Wer hat das aufgeschrieben? Hausknecht Ich, denn Sie haben mir gestern Abend gesagt: wecken Sie mich um vier Uhr, weil meine Herrschaft mit der Post nach Mestre fahren will. Bedienter Ich habe Ihnen gesagt, wecken Sie mich um vier Uhr, weil meine Herrschaft mit der Post nach Mestre fahren will. Hausknecht Eben, genau, wie ich sage. Bedienter Das heißt doch natürlich: weil ich der Meinung war, daß die Post vor sechs durchfährt. Hausknecht Das tut sie auch, Montag, Mittwoch und Freitag. Aber heute ist Donnerstag. Bedienter Immerhin. Es hätte Ihnen doch aufdämmern können, daß ich mich irre. Hausknecht Das war mir ganz klar. Ich bin kein Idiot. Bedienter Und da – Hausknecht Ich bin nicht Ihr Kurier. Nach einer kleinen Pause. Wünschen Sie noch etwas von mir? Bedienter gähnt mißmutig Es ist unleidlich, um vier Uhr geweckt zu werden, wenn man nicht abreisen kann. Hausknecht Ich weiß das. Ich stehe alle Tage um diese Zeit auf und reise niemals ab. Bedienter Übrigens: meine Herrschaft wünscht zu wissen, ob außer ihr noch jemand von den Passagieren hier diesen Morgen nach Mestre fährt. Wenn es etwa eine einzelne Person wäre und es wäre dieser Person genehm, mit meiner Herrschaft eine Chaise auf Halbpart zu nehmen, so würde meine Herrschaft diese Beförderung vorziehen. Ich weiß nicht, an wen ich mich da wenden könnte. Hausknecht Ich noch weniger. Bedienter Es muß Ihnen kurios vorkommen, daß wir heute wieder nach Venedig zurückfahren, wo wir gestern von Venedig hierher gekommen sind. Hausknecht Es interessiert mich nicht. Bedienter Ja, darüber, was meine Herrschaft für eine Herrschaft ist und welche Bewandtnis es mit dem Alten und mit der Jungen hat, darüber hat sich schon mancher den Kopf zerbrochen. Hausknecht putzt eifrig Ich nicht. Bedienter Manche halten sie für die Tochter, manche für sein Mündel, manche für die Mätresse ganz einfach. Und manche, die möchten wieder, daß ganz was Besonderes dahinter stecken sollte. Hausknecht Wenn schon! Bedienter Am meisten wundern sich die Leute darüber, daß einer wie ich bei einer so pauvren Herrschaft in Diensten steht. Hausknecht Mhm! Nimmt ein frisches Paar Schuhe. Bedienter Unangenehmer Mensch. Er möchte gehen, kann sich nicht entschließen. Hausknecht Bestie! stehst du noch immer da? Mit einem Fußtritt nach einem der Schuhe. Bedienter Wie? Hausknecht Der Schuh. Bedienter Sie wissen also nicht, ob jemand von euren Gästen – Hausknecht Von unseren Gästen? Meinen Sie wirklich, daß ich mich darum kümmere, was diese Leute tun? Sie kommen, man weist ihnen ein Zimmer an, sie machen Unreinlichkeit und gehen wieder. Es gibt nichts Dümmeres unter der Sonne als dieses ewige Ankommen und Wiederabfahren. Sie ekeln mich an, alle zusammen. Ich kann ihre Physiognomien nicht ertragen. Ich sehe ihnen niemals ins Gesicht. Aber mit ihren Schuhen muß ich mich, Gott sei's geklagt, abgeben – das genügt. Da habe ich sozusagen den Abdruck ihrer läppischen Existenzen in den Händen. Es ist so widerwärtig, wie wenn ich ihre Gesichter in die Hand nehmen müßte. Wie die Idioten laufen sie einer hinter dem andern her und vertreten dabei in idiotischer Weise ihr Schuhwerk. Als ob alle ihre Wichtigtuerei etwas anderes wäre als der bare Blödsinn. Das kann einem schwer etwas anderes als den tiefsten Ekel einflößen. Sie sehen mich an. Ich bin unrasiert. Allerdings. Es ist mein gutes Recht. Haben Sie noch nie von einem gehört, der sich aus Widerwillen über den gemeinen Anblick solchen Schuhwerks den Hals mitten durchrasiert hat? Meinen Sie nicht, daß der Mann besser getan hätte, unrasiert zu bleiben? Meinen Sie nicht, daß er dadurch ein wahres Zeichen seiner Überlegenheit über dieses Gesindel Er stößt grimmig mit dem Fuß in die Schuhe geoffenbart hätte? Ich entwickle Ihnen meine persönliche Religion. Das heißt wahrhaftig Perlen vor die Säue werfen. Bedienter Ein unangenehmer Mensch! Er geht hinunter. Der Pfarrer kommt aus dem Gange links, vollständig angekleidet, aber ohne Schuhe. Hausknecht Noch einer! Sie können sich wieder schlafen legen, Herr Abbate! Die Post geht in drei Stunden. Ich sage Ihnen das, bevor Sie mich fragen. Pfarrer Ich danke Ihnen. Aber Sie irren sich, ich bin nicht der Post wegen aufgestanden. Ich fahre in einem eigenen Wagen. Einem kleinen Bauernwagen, der mich abholen kommen wird, mich, meine Nichte und die Magd meiner Nichte. Es ist der eigene Wagen meiner Nichte. Meine Nichte besitzt nämlich eine Gastwirtschaft und eine Posthalterei dazu. Bitte, geben Sie mir meine Schuhe. Es sind diese, die Sie gerade in der Hand haben. Hausknecht gibt sie ihm. Pfarrer zieht sie an, indessen der Hausknecht weiterputzt. Hausknecht Sie können jetzt kein Frühstück bekommen, es ist niemand auf. Pfarrer Ich danke Ihnen, ich will kein Frühstück. Sie müssen nur so gut sein, mir zu sagen, wie ich aus dem Haus herauskomme. Ich muß ins Kloster hinüber. Ich lese dort in der Kapelle eine Messe. Nachher komme ich zurück und hole meine Nichte ab. Hausknecht Gut, gut. Ich werde Sie hinauslassen. Pfarrer Ich muß Sie aber noch um einen Dienst ersuchen, mein Lieber. Es wird später ein Bursch ankommen und nach mir fragen. Eben mit dem kleinen Wagen wird er ankommen aus dem Gebirg. Der Wagen ist gelb, und es ist ein alter Fliegenschimmel vorgespannt, ein tüchtiges, braves Pferd, nur blind auf dem rechten Auge. Ich sage Ihnen das alles, damit kein Mißverständnis unterläuft. Der Bursche soll nur ruhig warten. Er heißt Domenico. Sie brauchen meine Nichte wegen des Wagens nicht zu wecken, o nein, das Kind soll sich nur ausschlafen. Sie werden das ja gewiß alles recht ordentlich besorgen. Oder soll ich vielleicht noch sonst jemandem im Hause ein Wort darüber sagen? In einem Gasthof ist es immer besser, zu viel als zu wenig zu tun. Hausknecht Verlassen Sie sich! Pfarrer Gut, gut, ich verlasse mich. Hausknecht Warten Sie! Geht nach rückwärts, pfeift. Pfarrer Aber ich muß jetzt gehen. Hausknecht geht nach rückwärts Warten Sie! Pfarrer Domenico heißt der Bursche; ein kleiner gelber Wagen mit einem Schimmel. Und meine Nichte lassen Sie nur ruhig schlafen. Jemand kommt draußen die Treppe herauf. Hausknecht sieht hin Da ist er. Er sitzt schon seit einer halben Stunde auf der Treppe und wartet. Wenn Sie nicht so viel gesprochen hätten, hätte ich ihn gleich gerufen. Es ist überflüssig, mit mir soviel zu sprechen. Ich bin kein Schwachkopf. Leuchtet dem Pfarrer bis an die Treppe zurück. Florindo kommt lautlos und sehr schnell aus dem Gange links. Mit offenem Haar, in Schuhen und seinen Mantel übergehängt. Hausknecht kommt zurück. Florindo als ob die nächtliche Unruhe ihn aus seinem Zimmer getrieben hätte Wer ist das? Wer geht da? Hausknecht Der Pfarrer ist da. Florindo Der Pfarrer? Empfängt der jetzt Besuche? Schläft der nicht, jetzt mitten in der Nacht? Hausknecht Sie schlafen ja auch nicht. Florindo Ich schlafe nicht, weil man mich nicht schlafen läßt. Weil in diesem Gasthaus eine Unruhe ist – Hausknecht Jetzt ist der Pfarrer aus dem Haus – Florindo Aus dem Haus? Hausknecht Messe lesen, und der andere ist auch hinunter gegangen. Jetzt können Sie sich ruhig wieder niederlegen. Fängt wieder an zu putzen. Florindo Und Sie? Hausknecht Ich mache hier meine Arbeit. Florindo Vor meiner Tür? Dann kann ich kein Auge zumachen. Sie werden Ihre Schuhe wo anders putzen. Gibt ihm Geld. Hausknecht betrachtet das Geld beim Licht, zuckt die Achseln, packt sein Zeug zusammen in die Schürze. Wohin? Hausknecht Im Gang da. Florindo Dort werden Sie nicht Schuhe putzen. Hausknecht Sie wohnen doch hier ! Oder wohnen Sie vielleicht auch dort ? Sie sind ein sonderbarer Herr. Florindo leicht, aber drohend Sie werden sich weder hier noch dort noch überhaupt in diesem Stockwerk aufhalten. Ich habe Kopfschmerzen, ich will hier niemand gehen hören. Keine Fliege will ich hören. Haben Sie mich verstanden? Hausknecht geht achselzuckend durch die Mitte ab. Florindo Wohin? Hausknecht Ich gehe über die Hintertreppe in den Hühnerhof. Wird Ihnen das vielleicht genügen? Florindo Ja. Hausknecht ab. Florindo allein Ich habe mich nicht geirrt, als ich meinte, die Stimme des Onkels zu hören. Aber nun ist es um so besser. Wir sind dieser Stunde um so sicherer. Eine Stunde – sechzig Minuten. Sechzig Abgründe unsagbarer Seligkeit. Wiederum Schritte. Ich möchte das Vieh erwürgen, das mir eine von diesen sechzig Minuten stehlen kommt. Die junge Unbekannte, in einem sehr anständigen Morgenanzug, kommt von rückwärts her, ängstlich und als suchte sie jemand. Florindo drückt sich in die Tür zu seinem Zimmer und hält den Mantel vors Gesicht. Die Unbekannte bleibt ziemlich weit rückwärts stehen, ängstlich Wer ist dort? Mantovani, seid Ihr es? Warum bleibt Ihr dort stehen? Der Graf ist auf. Warum laßt Ihr mich um diese Zeit allein? Sie ringt die Hände. Mantovani, warum gebt Ihr mir keine Antwort? Sie tritt näher. Wo seid Ihr denn? Florindo öffnet mit der Hand nach rückwärts greifend seine Tür Was ist das? Was bedeutet das? Er verschwindet in sein Zimmer und drückt die Türe wieder zu. Unbekannte Niemand! Ganz allein in der Welt! Ringt die Hände. Der Bediente kommt von unten herauf, sieht sie, ruft sie leise an. Bedienter Pst! hier bin ich! Pst! Unbekannte dreht sich um Der Graf ist auf. So kommt zu ihm. Schnell! Sie verschwinden rückwärts. Florindo öffnet ganz leise, ganz vorsichtig die Tür, tritt dann heraus, horcht. Stille. Cristina kommt von links im Negligé, offenes Haar, ein schwarzes Tuch um Da bist du ja, Schatz! Florindo Um Gottes willen, was für eine Unvorsichtigkeit! Cristina Ich hätte es nicht ausgehalten, noch länger nicht zu wissen, wo du bist. Florindo Süßer Engel, wenn uns jemand hier sieht! Cristina Bin ich nicht deine Frau? Florindo Du Engel! Cristina Wie kannst du dich so fortstehlen von mir, Böser, Guter! Florindo Du warst eingeschlafen in meinen Armen unterm Sprechen, wie ein Kind! Du warst lieblich, wie kein Wort es sagen kann. Cristina Aber du hast so fortgehen können? Ich wachte auf mit einer Angst, einem Herzklopfen! Mein Herz hat gespürt, daß du nicht da warst. Florindo Ich hörte hier außen Stimmen. Ich glaubte die Stimme deines Onkels zu erkennen. Mir kam der Gedanke, er könnte an unserer Tür gehorcht haben. Cristina Wenn ich das dächte, sänke ich in den Boden. Glücklicherweise kann ich an nichts denken. Florindo Es ist alles gut! Er ist aus dem Haus gegangen. Wir sind ganz allein im Haus. Cristina So komm. Hab' ich das jetzt gesagt? Hat mein Mund das gesagt? Zu einem fremden Mann? Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Florindo Bereust du? Cristina schüttelt den Kopf Nur staunen, daß es möglich ist! Kannst du's denn begreifen? Florindo So nicht. Aber wenn ich ganz bei dir bin, dann ja. Cristina Schau noch einmal, ob niemand kommt. Schau! Läuft lautlos ab nach links. Florindo Niemand, niemand. Ihr nach. Eine ganz kurze Stille. Pasca und der Hausknecht kommen die Treppe herauf. Hausknecht Pst, pst. Hier geben Sie acht. Pasca erschrocken Mein Gott, was ist denn? Hausknecht Sie sollen hier acht geben, hier drinnen wohnt ein Herr, der Kopfschmerzen hat. Pasca Und wie finde ich zu meinem Fräulein? Es ist finster hier im Gang. Hausknecht Sie haben ein kurzes Gedächtnis, gute Frau. Gegenüber dem Zimmer des Pfarrers. Auf Nummer sieben, dort im Gang rechts. Pasca Wie kann ich die Nummer sehen, wenn es so finster ist? Hausknecht Da nehmen Sie mein Licht und gehen Sie leise hinein, wenn Sie durchaus wollen. Aber ich sage Ihnen, daß der Pfarrer befohlen hat, man solle sie schlafen lassen. Pasca Ich werde ihr lieber rufen. Hausknecht Das unterstehen Sie sich nicht, gute Frau. Der Herr da drinnen will nicht einmal eine Fliege gehen hören. Pasca nimmt das Licht zögernd. Hausknecht geht rückwärts ab. Pasca Und wenn es um nichts und wieder nichts ist, daß ich mich so ängstige? Ich will bloß an die Tür. In Gottesnamen! Besser bewahrt als beklagt. Sie geht links hinein. Es dämmert. Pasca kommt sogleich wieder verstört herausgestürzt, das Licht in der zitternden Hand O, mein Gott! Meine Ahnung! Was tu ich denn jetzt? Meine entsetzliche Ahnung! Schlägt das Kreuz. Das Mädel! Das Kind! Im Gasthaus! Mit dem fremden Menschen. Was tu ich denn? Was tu ich denn? Florindo ist gleich hinter ihr herausgetreten Liebe gute Frau, hören Sie mich an, Frau Pasca! Pasca In Wut auf ihn zu Du Schuft! Was hast du ihr eingegeben? Was hast du ihr denn ins Wasser geträufelt? Du erbärmlicher Verführer. Ich will nicht selig werden, wenn ihr je ein Mensch auf der Welt schon den Mund geküßt hat. Nicht von mir hätte sie sich auf den Mund küssen lassen, nicht von ihrem alten, leiblichen Onkel. Und du, wer bist du? Von welchem Galgen haben sie denn dich heruntergeschnitten? Florindo Sie wecken das Haus auf, liebe Frau. Wird Ihnen dann wohler sein? Pasca leise O, mein Gott. So sagen Sie mir doch, wenn Sie ein Mensch sind und kein höllischer Teufel – so reden Sie doch! Cristina die sich leise herangeschlichen hat, vortretend, zitternd und doch mutig So sag' ihr doch, daß ich deine Frau bin. Pasca Cristina , wenn dich deine Mutter, Gott hab sie selig, so müßte dastehen sehen! Sie weint. Cristina gleichfalls weinend Pasca! Auch meine selige Mutter, bevor sie hat meine Mutter werden können, hat müssen ihres Mannes Frau werden. Pasca Ihres Mannes! Und vergehst du wirklich nicht vor Scham, wenn du das aussprichst? Ich schäme mich vor euch beiden. Wer bist du denn? Cristina Jetzt bin ich halt seine Frau, Pasca. Und ich werde in Gottes Namen eine gute Frau werden. Ich war ja gar kein so schlechtes Mädchen. Aber es ist auch nicht sehr viel, ein gutes Mädchen zu sein. Ich hätte nicht im Mädchenstand sterben mögen. Man ist arm und dumm in dem Stand. Pasca Daß du dich nicht versündigst! Cristina Was ist man denn weiters, wenn man nichts als unschuldig und selbstsüchtig ist? Da bin ich mir lieber das, was du bist und was meine Mutter war. Pasca Unterstehst du dich – Cristina – Und gehöre mit Leib und Seele einem, den ich lieb habe, und weiß, wofür ich auf der Welt bin, in Gottes Namen. Pasca Und der ist es, den du dir ausgesucht hast? Cristina Ich habe ihn ausgesucht und er mich. Pasca Der hergelaufene Mensch! Cristina unter Tränen lächelnd Irgendwo hergelaufen kommt ein jeder. Uns hat schon der Richtige zusammenlaufen lassen. Pasca Der Einschmeichler! Der Erzheuchler, der verlogene! Wie er mir vorgelogen hat, er braucht nicht weniger als sechs Monate, um die Seinige kennen zu lernen. Cristina Und doch war ihm bei mir ein Tag genug. So viel Mut hat er. Pasca Sag, eine Nacht. Bei der Nacht sind alle Katzen grau. Cristina Meinetwegen eine Nacht. Auch die Nacht hat unser Herrgott gemacht. Hast du so viel Übermut? O, mein Gott und Herr! Was soll denn jetzt geschehen? Cristina Jetzt müssen wir halt noch für die anderen Hochzeit machen. Pasca Und bis dahin soll die Lotterwirtschaft so fortgehen? Das geschieht nicht, solange ich die Augen offen habe. Wir fahren nach Hause und der Herr fährt nach Venedig in dieser Stunde und ordnet seine Angelegenheit und präsentiert sich darauf als Bräutigam dem Herrn Pfarrer, oder er sieht dein Gesicht nicht wieder. Florindo verzweifelt Pasca! Pasca! Das ist ja unmöglich! Das geht ja nicht! Das kannst du nicht verlangen. Pasca Was? Sogar höchst nötig zu tun hat der Herr in Venedig. Wer täte sich denn um den erzbischöflichen Dispens bewerben? Ein solches Gesuch will vom Bräutigam persönlich betrieben sein. Florindo Dispens? Pasca Jawohl. Wüßte nicht, wie ohne einen solchen in der nächsten Zeit eine Hochzeit zu bewerkstelligen wäre, und der Herr sieht mir nicht aus, als ob er acht Wochen geduldig warten wollte. Florindo Mein Gott! Somit fährt der Herr Bräutigam nach Venedig, und du sagst ihm: Gott befohlen! und nimmst mit meiner und dem Onkel seiner Gesellschaft vorlieb. Florindo Pasca! Cristina ganz fest Laß sie. Sie hat recht. Florindo Cristina ! Von dir weg? In dieser Stunde? Cristina Laß. Das muß jetzt sein. So wie das andere hat sein müssen. Pasca zusammenschreckend Heiliger Josef, ich höre eine Tür gehen. Es wohnt hier ein Herr, der Kopfschmerzen hat. Die Schande! Ich überleb ja die Schande nicht. Will Cristina mit sich fortziehen. Florindo Beruhigen Sie sich, der Herr mit den Kopfschmerzen bin ich. Pasca Das sind Schritte! O Gott im Himmel, wenn es der Herr Pfarrer ist! Cristina hängt sich an Florindo Jetzt habe ich Angst! Florindo Da ist mein Zimmer, treten Sie ein. Will nach rechts. Pasca reißt sie von ihm Nicht um die Welt! In Ihr Zimmer, das wäre mir das Rechte! Pedro kommt von rückwärts, nähert sich. Florindo Also dort hinüber! In Cristinas Zimmer, in des Pfarrers Zimmer! Wo immer hin! Pasca Euch zwei lasse ich in kein Zimmer. Florindo Wenn Sie dabei sind? Will mit Cristina nach links. Pasca Du, hiergeblieben! Daraus wird nichts! Jesus Maria! Er hat uns schon gesehen! O mein Gott und Herr! Was wird er sich denken? Florindo Wir stehen eben hier. Der denkt sich überhaupt nichts. Pedro grüßt. Er wird sofort verschwinden, seien Sie ganz ruhig. Pedro betrachtet die Gruppe mit Wohlwollen, er grüßt abermals mit deutlicher Absicht, seine Diskretion anzudeuten, mit Lächeln und Händewinken. Pasca die sich nicht umzusehen getraut, leise zu Florindo Was macht er denn? Florindo ebenso Nur ruhig. Ich kenne ihn ja. Er wird gleich gehen. Pedro, immer seine Diskretion betonend, nähert sich Pasca mit Galanterie. Pasca retiriert angstvoll gegen Florindo zu Was will er denn? Was will er denn? Pedro Ich wünsche die sehr beliebte Witwenfrau hier in kleiner Kompanie zu früher Stunde achtungsvoll begrüßen. Florindo faßt Pedro energisch, zieht ihn von Pasca weg Es ist gut, Pedro. Du hast achtungsvoll begrüßt. Die Sache ist erledigt. Pedro lacht schlau Ich sage: Der Herr Florindo und ein Stück Frau jede Nacht, das ist eine Wenigkeit. Vielleicht zwei Stück Frau jede Nacht. Florindo packt ihn derb an der Kehle Du schweigst! Du verschwindest oder – Pedro Oh! Nachher sind Sie immer böse auf den armen guten Pedro. Die vorige Nacht war dieselbe Sache. Der arme Pedro macht Ihnen nur seine Glückwünsche. Florindo Es ist gut. Aber ich habe jetzt keine Zeit. Pedro Das kann ich verstehen. Aber ich frage: hat die schöne weiße Witwenfrau vielleicht Zeit? Das ist, was ich frage. Florindo Meine Geduld ist zu Ende! Hinaus mir dir! Pedro Sie wollen Ihren Freund nicht helfen? Gut. Ich verstehe. Jetzt könnte vielleicht nicht die geeignetste Stunde sein. Ich weiß: in Europa ist alles vielmals umständlich vorgeschrieben. Florindo Das ist es. Pedro zutraulich Deshalb muß mir mein Freund, Herr Florindo, helfen. Ich sehe, es ist mir ohne ihn nicht möglich, die schöne Witwenfrau achtungsvoll zu heiraten. Und das ist mein liebenswürdiger Wunsch. Sie haben mich verstanden. In ebensolcher Weise, genau wie Sie gestern und heute geheiratet haben ihre achtenswerten unterschiedlichen Freundinnen. Florindo Wir sprechen noch darüber. Drängt ihn fort. Pedro Sie müssen mich belernen. Ich bitte hochachtend. Florindo Morgen! Später! Pedro Ich verstehe. Ich mache Ihnen noch einmal alle meine Glückwünsche. Schüttelt ihm die Hand, geht ab. Pasca Was will er? Was haben Sie mit ihm verhandelt? Mir ist angst und bang. Jetzt sind wir in dem Kerl seiner Gewalt! Cristina Laß jetzt. Soll das sein, wie's will. Zwei Minuten hab ich noch, die will ich ihn für mich haben. Sie nimmt seine Hand. Florindo nachdem er sie zärtlich angesehen Du bist eine reiche Erbin, und ich komme mit nichts zu dir. Weiß du, was ich bin? Ein Tagedieb. Ein Lump. Ein Spieler. Cristina legt ihm schnell die Hand auf den Mund. Florindo zieht die Hand sanft fort. Ich habe zu ihr gesagt, ich hätte ein Amt. Es ist nicht wahr. Pasca schlägt die Hände zusammen. Florindo Ich wollte mir einen braven, bürgerlichen Anschein geben, daß Ihr solltet Zutrauen haben und meine Gesellschaft annehmen. Meinst du, ich hätte nicht noch viel ärgere Lügen vorgebracht, um mich bei dir einzunisten? Meinst du, es wäre mir darauf angekommen? Cristina Du hast ja jetzt ein Amt. Wo ich die Wirtin bin, bist du der Wirt und Postmeister dazu. Du bist der Herr, wo ich die Frau bin. Weil du mich aber zur Frau gemacht hast, so hast du dich selber zum Herrn gemacht und bist dein eigener Herr. Florindo umfängt sie, sie küssen sich. Pasca wischt sich die Augen Dazu hat man sie mit Sorgen großgezogen. Cristina an seinem Hals in Tränen Schreib mir, so oft die Post geht, und überhole den letzten Brief. Lesen kann ich ja! Mein Gott! Daß ich nicht schreiben kann! In wieviel Tagen kannst du zurück sein? sag! Pasca faßt sie an Bis er kommt, ist er da. Ihn muß es treiben. Cristina reißt sich los O Gott! Sie geht nach links ab mit Pasca. Florindo weinend Pasca, dir vertraue ich sie an! Gib mir acht auf meine Frau! Der Hausknecht kommt von rückwärts, Schuhe in der Hand. Florindo wendet ihm den Rücken zu, seine Tränen zu verbergen.   Zwischenvorhang fällt vor, hebt sich wieder.   Es ist heller Tag. Die Wirtstafel ist wiederum mit einem weißen Tischtuch gedeckt. Kapitän sitzt beim vorderen Tisch und frühstückt. Er hat den Hut auf dem Kopfe, neben sich seinen Mantel. Wirtssohn kommt eilfertig auf ihn zu Guten Morgen, mein Herr. Wünschen Sie Ihr Zimmer zu behalten, mein Herr, oder befehlen Sie eine Fahrgelegenheit? Kapitän freundlich Muß ich Ihnen das sogleich sagen? Wirtssohn Es wäre allerdings sehr erwünscht, mein Herr, wenn es Sie nicht inkommodiert. Wir haben sehr viele Anfragen. Kapitän Ich habe hier einen Bekannten, mit dem wünschte ich noch vorher zu sprechen. Wirtssohn Da müssen Sie sich beeilen, mein Herr, der Herr Florindo fahren in der nächsten halben Stunde nach Venedig zurück. Kapitän Wie? Wirtssohn Sehr wohl. Ich bitte momentan um Vergebung. Er eilt ab gegen die Treppe, woselbst mehrere, darunter auch der Hausknecht, Gepäck tragen und sonst auch die Unruhe eines Wirtshauses zur Abreisezeit herrscht. Er kreuzt sich rückwärts mit Pedro, der dem Kapitän ein Glas Wasser sowie seine Pfeife bringt. Kapitän zündet sich seine Pfeife an. Indem tritt der Hausknecht ein. Hausknecht zum Kapitän in seiner gewöhnlichen Art, nachdem er ihn eine Weile angesehen, daß heißt nicht sein Gesicht, sondern seine Schuhe ärgerlich fixiert Sie wissen also nicht, ob Sie abreisen oder ob Sie hier bleiben wollen? Schüttelt den Kopf. Und sonst wünschen Sie nichts? Es ist gut. Zieht ein Maul, geht wieder. Kapitän Ein tüchtiger Kerl, allstunds! Pst! Hausknecht über die Schulter Meinen Sie mich oder die Katze dort? Kapitän Da. Gibt ihm Geld. Hausknecht nimmt es achselzuckend, geht. Kapitän frühstückt weiter Die Pfeife brennt nicht, Pedro! Pedro ist ihm behilflich. Florindo erscheint von rechts im Rücken des Kapitäns. Pedro blinzelt ihm voll Wichtigkeit und Einverständnis zu. Agathe das Küchenmädchen, schlüpft von der Treppe herein Herr Florindo! Florindo wendet sich ihr zu im Rücken des Kapitäns. Agathe Nur ob Sie mit dem Salat zufrieden waren. Florindo küßt seine Finger. Und war die Dame, wenn ich fragen darf, ebenfalls zufrieden? Florindo Ich muß mich für die Dame und für mich erkenntlich zeigen. Will ihr Geld geben. Agathe Nein, nein, nein, so war's nicht gemeint! Läuft ab. Pedro ohne zu bemerken, daß die Pfeife noch nicht brennt, springt zu Florindo Ich bitte hochachtend, meine sehr wichtige Sache nicht zu vergessen. Kapitän mit der immer noch nicht brennenden Pfeife, zornig auf Verdamm mich Gott! Florindo auf ihn zu Ich muß mich von Ihnen verabschieden, Kapitän! Kapitän Was? Ich hatte gehofft, wir würden noch ein Stück Wegs miteinander machen. So gehen Sie nach Venedig zurück mit Ihrer schönen Freundin? Florindo Nein, wir trennen uns. Natürlich nur für den Augenblick. Kapitän Das muß Ihnen hart sein, Herr, und der jungen Dame auch. Florindo Wir haben diese Nacht – ich will sagen diesen Morgen, unsern Entschluß geändert. Es sind gewisse Familienangelegenheiten dazwischen getreten, gewisse Rücksichten. Meine Braut fährt jetzt mit dem Onkel in ihr Dorf zurück. In kurzer Zeit natürlich bin ich wieder bei ihr. Und Sie, Kapitän? Wohin führt Ihr Weg? Kapitän winkt mit der Hand die Richtung landeinwärts Ich möchte in meine Heimat, Herr. Das sind die Dörfer da droben, wo auch das schöne Fräulein, Ihre Braut, daheim ist. Florindo Sie haben gewiß Anverwandte und Freundschaft? Kapitän Keine Seele, Herr. Wenn ich mich morgen in den Mantel da wickle und mein Gesicht gegen die Wand kehre, so erben die Hochgebietenden in Venedig von ihrem unwürdigen Untertan Tomaso ihre acht- bis neuntausend holländische Dukaten, das tun sie, Herr! Florindo Das wäre beklagenswert. Sie müssen heiraten, Kapitän. Sie müssen Kinder haben. Kapitän Das bin ich willens, Herr, so hab' ich Ihnen gestern gesagt. Sie sehen mich sozusagen auf dem Wege dazu, Herr. Da ist nämlich zuvörderst ein gewisses herrschaftliches Fischwasser, das bin ich willens an mich zu bringen. Florindo sieht nach rückwärts, wo Leute über die Treppe gehen. In diesem Fischwasser habe ich als zwölfjähriger und dreizehnjähriger Bube Schleien gefangen, Herr, in großer Leibesnot vor dem herrschaftlichen Flurhüter, der ein roher, gewalttätiger Hund war, das war er, Herr, und hätte mich zuschanden geprügelt, wenn er mich gekriegt hätte. Diese Fischwasser an mich zu bringen und daselbst zu fischen aus eigenem Recht, sei es als Grundherr, sei es als Pächter, diesen Vorsatz habe ich vor fünfunddreißig Jahren gefaßt und trage ihn seitdem in mir. Und jedesmal, Herr, in diesen fünfunddreißig Jahren, wenn ich Löhnung in die Tasche kriegte oder Anteil einstrich, habe ich an dieses Fischwasser gedacht, Herr. Florindo Sie sind ein Mann von Ausdauer, Kapitän! Kapitän Das bin ich, Herr, wollen wir hoffen. Das gleiche gutmütige Lachen. Da ist ferner eine gewisse Person, Herr, die bin ich willens auszuforschen und bedingungsweise gleichfalls, wenn ich so sagen soll, an mich zu bringen. Die Person muss heute so ungefähr in meinem Alter stehen, Herr, aber ich habe den Gedanken, sie muß jünger aussehen. Sie war dazumal die Tochter des Schneiders. Keine Schönheit, aber ein gutes Mädchen, das war sie, Herr. Etliche Jahre nach meinem Abgang hat sie eine Heirat getan, das ist mir bewußt, aber es könnte sein, daß sie heute Witwe wäre. Florindo In Ihrem Alter, Herr? Das ist zu alt für Sie. Für Sie paßt eine Junge, Kapitän. Kapitän Immerhin, Herr, ich möchte mir die Frau ansehen. Es war ein gutes Mädchen. Immerhin, könnte auch sein, sie hätte eine Anverwandte, die ihr ähnlich wäre. Eine Nichte oder dergleichen. Wenn dem so wäre und die Anverwandte wäre möglicherweise willens, meine Frau zu werden – dann hätte ich meinen Stand daheim, Herr. Damit meine ich nicht die Versorgung oder Anstellung, wie man spricht, Herr. Sie verstehen mich, Herr, sondern meinen festen, sicheren Stand hätte ich eben in diesem Falle. Die Heimat, Herr, das ist nicht wie solch ein alter Mantel da: da liegt er, schmeiß dich drauf hin, wickel' dich ein, er hält dich warm, kommt's wie's kommt. Ein so kommodes, dienstwilliges Stück Tuch ist das nicht. Das hab' ich vordem nicht so gewußt. Das spür' ich, seit ich näher herbei bin, seitdem spür' ich das. Seither nimmt's mich sozusagen beim Hals, Herr. Florindo sieht sich nochmals nach dem Treppenhaus um. Sehen Sie, Herr, wenn es keine Zudringlichkeit ist, das zu sagen, ich war mir gestern verhoffend, daß Sie und das schöne Fräulein, Ihre Braut, alle zusammen da hinauf in die Dörfer würden gefahren sein, und daß ich da einen Anschluß würde gefunden haben. Es wäre für mich ein leichteres Einkommen gewesen, das wäre es gewesen, Herr. Nicht um eine Fahrgelegenheit meine ich es, Herr. Sie verstehen mich, Herr. Florindo verbindlich bedauernd, ohne Worte. Item, dem ist nicht so. Unter so veränderten Umständen denke ich zunächst einmal hier im Gasthause eine kleine Zeit abzuwarten. Hier wohne ich gut, hier sind Leute, die freundlich und dienstwillig zu mir sind. Es ist natürlich nicht für lange, nur so eine Station auf der vorübergehenden Reise, was weiter? Sollte Ihr Weg Sie in einiger Zeit hier vorbeiführen, so bitte ich, nach mir zu fragen. Es könnte immerhin sein, Sie fänden mich noch hier. Rückwärts ist der fremde alte Herr, unterstützt von der jungen Unbekannten und dem Bedienten, die Treppe heraufgegangen. Sie sind draußen stehengeblieben. Und der Bediente hat ihnen Florindo gezeigt. Florindo verneigt sich. Kapitän Ich sehe, Sie haben noch anderweitige Bekanntschaft. Florindo Es sind die sonderbarsten Leute von der Welt. Der alte Herr ist ein ausländischer Edelmann. Er spricht nur lateinisch und braucht den Bedienten als Dolmetsch. Er gibt die junge Person als seine Verwandte aus, ohne daß sie es ist, und auch was man sonst denken könnte, soll keineswegs der Fall sein. Das Mädchen ist sechzehn Jahre alt – haben Sie sie angesehen? Sie hat zuweilen einen Blick, man könnte glauben, sie wäre aus einer andern Welt. Kapitän Ich bewundere Sie, daß Sie in Ihrer Lage noch Augen für ein anderes Frauenzimmer haben. Florindo Wie denn, Kapitän? Ist ein volles Herz nicht darnach angetan, daß mir eine rührende Gestalt doppelt rührend sein muß? Weil ich liebe und geliebt werde, soll ich darüber stumpf werden? Kapitän Da haben Sie wieder recht, Herr! Florindo Die Leute haben mir anbieten lassen, die Postchaise mit ihnen zu teilen. Hätte ich ablehnen sollen? Soll ich allein hinunterfahren, wo mir auch in Gesellschaft öde genug ums Herz sein wird? Soll einer, der traurig ist, sich mit Gewalt noch trauriger machen? Das wäre sündhaft. Ich wollte, ich wüßte eine Gesellschaft für meine Braut, daß auch sie nicht allein fahren müßte. Kapitän Man will Sie sprechen, scheint mir, Herr! Florindo eilt hin zu der Gruppe, die ihn auf dem obersten Treppenabsatz zu erwarten scheint. Hausknecht von links herein, mit Gepäck, zuoberst der Vogelbauer. Kapitän Pst! Hausknecht den Blick auf des Kapitäns Schuhe gerichtet Ich habe wenig Zeit. Kapitän Soviel Zeit wirst du wohl haben, um dir hinters Ohr zu schreiben, daß ich fürs nächste hier zu bleiben gedenke und die Zimmer für mich und meinen Bedienten bis auf weiteres behalte. Hausknecht Es ist gut! Geht. Kapitän lacht Das ist ein so netter, ordentlicher Kerl, als mir je einer auf Reisen begegnet ist. Florindo kommt wieder Kapitän, es liegt mir auf dem Herzen wie Bleigewicht, daß das arme Wesen mutterseelenallein landeinwärts fahren soll. Kapitän Das Mädchen dort soll landeinwärts fahren? Florindo Nicht die Fremde. Ich spreche von Cristina. Sie ist eine von denen, die man nicht allein lassen darf mit ihrem Herzen. Kapitän, wie wäre es, wenn Sie mit meiner Braut ins Dorf hinaufführen? Kapitän rot Die mich nicht kennt? Florindo Ich habe ihr von Ihnen erzählt! Kapitän Das Fräulein wird sich bedanken. Überhaupt, Herr – Florindo Nicht überhaupt. Sie achtet Sie. Sie sagte: den Mann möchte ich kennen lernen. Kapitän rot und verlegen Herr! Herr! Ich weiß nicht, Herr – Florindo Das arme Mädchen hat einsame Tage vor sich. Gräßlich ist Einsamkeit. Ich falle in Verzweiflung, wenn ich einsam bin. Kapitän , tun Sie mir die Liebe, Kapitän. Sie haben Dinge erlebt, die der Rede wert sind. Es ist ein ernstes, gefühlvolles Mädchen. Kapitän Herr! Das will ich glauben, Herr! Florindo Wollen Sie ihr nicht von Ihrer Gefangenschaft erzählen? Von Ihrer Flucht? Von den siebzig Nächten im Walde? Sie werden keine undankbare Zuhörerin finden. Tun Sie mir die Liebe, Kapitän, und bringen Sie mir das Mädchen leidlich hinüber, bis ich wieder bei ihr bin. Kapitän Herr, ich weiß nicht, was Sie wollen, Herr! Ich weiß nicht, was Sie sich denken, Herr, verdamm mich Gott. Ich bin keine Gesellschaft, Herr. Stampft nach vorne zu, Florindo stehen lassend. Ein alter Kerl bin ich, ein alter Matros' bin ich, das ist, was ich bin, Herr! Florindo Oh, ganz wie Sie wollen, Kapitän. Es wäre mir ein Gefallen geschehen, das ist alles. Der alte Romeo steht schon seit einer Weile rückwärts, hat sich verneigt, so oft Florindos Blick auf ihn fiel. Tritt jetzt mit etlichen Verneigungen zu Florindo. Pedro blickt mit großer Unruhe auf seinen Herrn. Romeo Wenn ich imstande wäre, Ihnen zu schildern, wie meine Töchter die Nachricht von Ihrer Ankunft aufgenommen haben. Worte vermögen es nicht. Kapitän tritt ein paar Schritte näher zu Florindo Herr, was ich sagen wollte: ich bin Ihnen recht sehr dankbar, Herr. Sie haben mir mehrfach aus gutem Herzen Freude gemacht. Ich werde mich immer freuen, Ihnen wieder zu begegnen, aber was das betrifft: ich bin keine Gesellschaft für die Dame, Herr. Ich weiß meinen Platz, Herr. Florindo Es tut mir leid, Kapitän, daß Sie mir die Bitte abschlagen. Kapitän auf und nieder, aufgeregt, murmelt etwas vor sich hin. Romeo Diese Seligkeit! Wie, er ist da? riefen sie alle drei aus einem Munde. Dieser deliziöse Herr Florindo! Vater, bring' uns zu ihm, wir müssen ihm unsere Erkenntlichkeit bezeigen. Wir müssen ihn unserer immerwährenden Liebe versichern. Meine Tochter Annunziata, die vorige Woche den Zwillingen das Leben geschenkt hat, war kaum zu beruhigen. Florindo gibt ihm Geld. Pasca tritt auf von links. Pedro springt zu Florindo Ich bitte hochachtend, meine sehr wichtige Sache nicht zu vergessen. Pasca leise zu Florindo Sie wartet und wartet. Sie kränkt sich, daß Sie nicht kommen, ihr und dem Onkel Adieu zu sagen. Florindo Sie kränkt sich? Und ich stehe auf Kohlen und wage mich nicht hinein! Adieu sagen! Ist es denn möglich, Pasca, daß es sein muß? Der Bediente von rückwärts, Romeo introduziert ihn diensteifrig Es eilt, mein Herr! Meine Herrschaft läßt sehr bitten! Florindo Sogleich bin ich bei Ihnen. Im Augenblick. In wenigen Minuten, mein Lieber. Ich lasse Ihre Herrschaft um Nachsicht bitten. Bedienter geht. Florindo zu Pasca O Gott, wie ist ihr denn? Pasca Sie nimmt sich zusammen. Kapitän ist stehen geblieben, sieht auf die beiden hin. Florindo Sie kränkt sich, daß ich nicht komme. Pasca, gute Pasca! Das Härteste will ich ertragen ohne Murren und will nicht fragen, ob es hat sein müssen, aber dann auch jäh, wie ein Schnitt mit dem Messer. Das langsame Auseinanderreißen, Faser um Faser, die Hängerei, Aug' in Aug' mit halbzerdrücktem Herzen, die Marter für sie und mich! Die letzte, tödliche Sekunde zu einer Stunde auseinanderzuziehen! Nein, Pasca, Pasca, nein! Jetzt hinein und wieder heraus und in den Wagen. Gott! Gott! Preßt sich die Hand auf die Augen. Kapitän rasch auf Florindo zu Jawohl, ich danke Ihnen für alles, Herr. Und wenn es nicht zudringlich ist, so bitte ich, dem Fräulein meine Empfehlung unbekannterweise, jawohl, die bitte ich auszurichten. Wendet sich. Florindo Kapitän , soll ich ihr nicht lieber ankündigen, daß Sie gerne mit ihr hinauffahren werden? Pasca Es würde meinem Fräulein sicherlich recht willkommen sein. Wir haben ja schon früher eine Begegnung mit Ihnen gehabt. Kapitän Ja, das ist wahr, verdamm mich Gott. Lacht. Florindo Also? Kapitän Wie, dabei bleiben Sie, Herr? Florindo Das heißt, der Wagen ist klein, und man kann Ihnen drinnen keinen Platz anbieten. Aber Sie fahren hinterher. Auf den Stationen haben Sie doch Gesellschaft. Kapitän Ja, wenn ich denn wirklich, Herr – darf ich denn die Erlaubnis der Dame voraussetzen? Florindo Das dürfen Sie, das nehme ich auf mich. Pedro freut sich. Kapitän Dann will ich gern neben dem Wagen der Dame reiten, Herr. Das will ich, so wahr ich ein alter Seemann bin, Herr. Sie soll ein berittenes Gefolge haben, wie eine Standesperson. Florindo Gut! Schön! Schnell ab nach links mit Pasca. Kapitän sehr vergnügt zu Pedro Lauf, sie sollen auf der Stelle ein Reitpferd satteln für mich, für dich einen Maulesel. Wenn sie's nicht haben, sollen sie's schaffen, es wird bezahlt. Pedro sehr erfreut Mein Freund! Nummer eins geschickter Ansprecher. Kapitän Vorwärts! Pedro läuft ab. Kapitän vorne auf und nieder. Singt mit sehr vergnügtem Rhythmus. Auf, auf, du Bootsmann, und auf, du Jung, Auf nach Bilbao! Ruft. He! Pst! Den Hausknecht! Das brave, tüchtige Faktotum! Hierher! Romeo diensteifrig Ich werde den Mann sogleich zu Ihrer Verfügung stellen, mein Herr. Kapitän singt Auf, auf, du Bootsmann, und auf, du Jung usw. Hausknecht kommt von rückwärts, von Romeo präsentiert, zwei Taschen in der Hand Was wünschen Sie? Wollen Sie mir vielleicht noch einmal sagen, daß Sie bis auf weiteres hier bleiben und Ihr Zimmer behalten wollen? Das weiß ich bereits. Sie haben mir es vor fünf Minuten mitgeteilt. Florindo kommt eilig von links, geht rasch durch, läuft die Treppe hinunter. Kapitän Und jetzt teile ich dir mit, daß ich in fünf Minuten abreisen werde. Hausknecht stellt seine Taschen nieder. Lacht höhnisch Das muß man sagen, Sie sind immer entschlossen, Herr, Sie wissen nur nicht zu was. Cristina kommt von links, geht rasch durch, bleibt oben auf der Treppe stehen, sieht hinab übers Geländer gebeugt. Kapitän sieht hin, wird ganz still, vergißt den Hausknecht. Sie fahren also nach Venedig zurück? Es ist gut. Ich werde Ihr Gepäck auf die Chaise von Nummer zehn aufladen lassen. Kapitän Im Gegenteil! Ich fahre mit dem Herrn Abbate und der jungen Dame, die gestern in Gesellschaft des Herrn Florindo angekommen sind, hinauf ins Gebirge, während Herr Florindo mit dem fremden, alten Herrn hinunter nach Venedig fährt. Hausknecht Sie fahren mit Nummer sieben Zeigt nach links hinauf, während er Zeigt nach rechts mit Nummer dreizehn Zeigt nach rückwärts hinunterfährt. Grimmig. Eine Wirtschaft. Kapitän Was maulst du da? Hausknecht mit einem Laut zwischen Husten und Hohnlachen Hah! Eilt ab mit seinen Taschen. Kapitän sieht ihm gutgelaunt nach. Cristina steht noch immer übers Treppengeländer gebeugt, einem nachsehend, der längst fort ist.   Vorhang fällt sehr schnell. Dritter Akt Der große Raum in Cristinas ländlichem Wirtshaus. Im Hintergrunde eine Tür und ein Fenster, beide ins Freie. Rechts rückwärts die Türe zu Cristinas Zimmer. Rechts vorne die Küchentür. Zwischen beiden Türen der Ofen, mit einer Ofenbank herum. Rings um den Ofen oben ein Viereck von Stangen, woran Mäntel, Kleider und Hüte des Kapitäns hängen. Links vorne die Tür zu einem Gastzimmer, das der Kapitän bewohnt. Links, ganz vome an der linken Wand, läuft eine Bank, an dieser steht ein mäßig großer Eßtisch. Hut und Mantel des Kapitäns hängen an der Wand. Pasca deckt den Tisch für eine Person, eilig. Sie legt kein Tischtuch auf, sondern nur Eßzeugfür einen Gast. Wie sie sich bückt, um aus einem Schrank das Salzfaß, Messer und Gabel zu nehmen, kommt Pedro von rechts aus der Küche gelaufen und umschlingt sie von rückwärts. Er hat nackte Arme und Beine, ein leinenes Hausgewand, worin er sehr wenig europäisch aussieht; das Haar in einen Schopf zusammengebunden, einen blauen hinaufgebundenen Schurz, aus dem Flaumfedern fliegen. Einen halbgerupften Vogel hält er in der Hand.   Pasca schüttelt ihn ärgerlich ab Das habe ich mir verbeten und einmal für allemal. Pedro Eine Wenigkeit von zudringlicher Liebe verdient nicht die kalte Hand und die häßliche Stimme. Pasca Jawohl! Und noch dazu, Mit gedämpfter Stimme wo die Cristina in ihrem Zimmer ist. Pedro läuft hin, sieht durchs Schlüsselloch, gibt zu erkennen, daß Cristina nicht in ihrem Zimmer ist. Und in dem Aufzug da? Das soll einem christgläubigen Mannsbild gleichsehen, das? Einen Besen hol! Pedro holt einen Besen aus der Küche, kehrt eifrig die Flaumfedern auf, maulend, wie ein Kind Auch Europäer machen so, hab' ich schon einmal gehört. Pasca Ah, du willst mir Lektionen erteilen? Du bist dazumal also der, der die feinen Unterschiede heraus hat? Da tätest du mir aber leid, du. Du bist einer, der hier zu Lande nicht einmal noch läuten hört, geschweige denn schlagen. Dafür wirst du heute Nachmittag nicht mit mir ausgehen, wirst dich aber trotzdem in ehrbare Tracht werfen und wirst strafweise allein zum Grabe meines seligen Mannes hinauswandern und für das Seelenheil des braven Mannes ein Vaterunser und drei Ave Maria beten. Das ist alles, was wir zwei vorläufig miteinander zu sprechen haben. Will in die Küche. Pedro Der Herr Pfarrer hat gesagt, ich bin ein sehr guter, sehr schöner Nachvertreter für den achtenswerten Verstorbenen. Pasca Da haben wir eine schöne, gehaltvolle Rede in einer recht gemeinen Auffassung abgespiegelt. Ganz anders hat der Herr Pfarrer gesprochen, mein lieber Pedro. An seinen Früchten sollst du ihn erkennen, das Wort hat er mir zur Richtschnur gegeben – Seufzt. Pedro Meine Früchte? Sieht hilflos umher. Pasca Will sagen: Dein Betragen, dein Eifer in allem Guten, deine Treue, deine Stetigkeit. Pedro Oh! Was hast du mir vorzuwerfen, in alle diese Stücke? Zwei Monate sind nichts? Sechzig und vier Tage sind nichts? Meine Früchte? Ich verstehe ganz gut. Es sind sehr schöne Früchte auf mir gewachsen: immer zur Stelle, immer keine anderen Gedanken als auf dich, an deine Augen aufgehängt wie ein gehöriger Hund, immer steh ich auf deiner Ferse, immer lach' ich auf dich, bei Tag und Nacht – mein Kapitän kann sagen. Mein Kapitän hat vielmals bemerkt. Hat im Anfang vielmals dafür meine Ohren geschlagen. Pasca streicht leicht über seinen Kopf Und ich hab's vielleicht nicht bemerkt? Ich hab' dir's vielleicht nicht merken lassen, daß ich's bemerke. Pedro Sechzig und vier Tage in dieses Haus! Mit dir unter ein und dasselbe Dach. Vielmals lange vergebliche Erwartung. Pasca Vergeblich? Das Wort will ich nicht hören. Es gibt eine Sorte von Ungeduld, von der zwischen uns nicht die Sprache ist. Pedro Vielmals viele Vorschriften in dieses Land. Ringt die Hände. Pasca Das ist ein Gefühl, auf das es vielleicht dort, wo du her bist, ankommen mag. Bei uns kommt es auf eine Gesinnung an – Pedro Ich habe eine Gesinnung! Pasca Auf einen christlichen Anstand kommt es an. Pedro Ich habe einen sehr großen Anstand. Pasca tritt zurück Ist es die Möglichkeit? Kann so etwas den Bräutigam einer honetten Witwe vorstellen? Heilige Mutter der Schmerzen! Ja, wenn ich mit ihm auf einer von seinen wüsten Inseln wäre. Pedro erfaßt den Gedanken vollkommen Dann wäre vielmals leicht, oh! Pasca Den Schlaf einer Nacht kann's mich kosten, wenn mir das Bild aufsteigt, wie er irgendwo bei der Verwandtschaft zum erstenmal in ein Zimmer hereintritt. Pedro Warum hab' ich meinen Fuß auf dieses Europa getreten? Pasca Da nimm du dir ein Beispiel an deinem Herrn Kapitän. Das ist ein würdiges Betragen. Wirft er auch nur einen Blick zu viel nach dem Fräulein? Er geht auf die Jagd, er nimmt seine Mahlzeiten, er wohnt hier wie jeder andere Gast, dann und wann spricht er vom Abreisen und bleibt weiter hier. Man merkt die Achtung, die Sympathie, aber nichts darüber. Pedro Mein Kapitän hat soviel Geduld wie eine sehr alte Schlange. So viel Geduld ist nicht mehr gesund. Pasca Sehr schön ist eine solche Geduld. Pedro Aber mein Kapitän hat einen Brief bekommen, der wird sein wie ein kleines Feuer, wenn man es anzündet für eine alte Schlange hinten. Pasca ihm näher, nicht ohne Unruhe Was soll das für ein Brief sein? Sollte der mein Fräulein angehen? Pedro Sehr gut ist der Brief. Ich bin brüllend dankbar dem Herrn Florindo für die Freundlichkeit. Pasca läßt fallen, was sie gerade in der Hand hält Wem? Pedro Ich weiß, du hast mich nicht gern, den Namen in den Mund zu nehmen, des Herrn Florindo. Der Name wird nicht mehr über meine Zunge springen. Ich schwöre meinen Schutzpatron! Pasca Mit der Kreatur, der venezianischen, steht ein honetter Mann, wofür ich deinen Herrn Kapitän bisher gehalten habe, in Korrespondenz? Das gibt mir ja einen Stich ins Herz. Pedro Wie steht? Wieso sagst du steht mit ihm? Mein Kapitän ist hier, Herr Florindo ist in Venedig. Ein Brief ist gekommen. Der Brief macht oben: Mein lieber Kapitän, und macht unten: Ihr großer Freund Florindo. In der Mitte macht er sehr gute Worte und Segenssprüche, sichergewiß. Pasca ringt die Hände Ein unerbetenes Lebenszeichen von der Kreatur ohne Ehr' und Gewissen. Mir läuft's heiß und kalt übern Rücken. Pedro Mach' du nicht Zeichen und Verwünschungen. Der Herr Pfarrer sind ein sehr guter Mann für Segenssprüche, und der Herr Florindo sind ein sehr guter Mann für Segenssprüche. Jeder in anderer Sorte. Pasca So lästerliche dumme Reden will ich nicht einmal hören. Vollendet eilig das Tischdecken. Pedro unerschütterlich Ich sage: der Herr Pfarrer kann sein Nummer eins gut für Segenssprüche auf zwei Leute, wenn sie schon sind bekannt aufeinander. Aber Herr Florindo ist Nummer eins gut für Aufeinanderführen, bevor sie sind bekannt zu einander. Kann der Herr Pfarrer einen Traum machen, der richtig anbedeutet die zukünftige Heirat? Triumphierend Der Herr Florindo hat mir in Venedig gemacht für mich und meinen Kapitän. Der Herr Florindo ist sehr jung. Ich sage: was wird er für ein großer Zueinanderbringer sein, wenn er einmal so alt ist wie der Herr Pfarrer. Pasca Da hab' ich Wachs in den Ohren. Eilig ab in die Küche. Man sieht den Kapitän , eine Mütze auf dem Kopf, mit Jagdtasche und Flinte, draußen kommen. Pedro sieht ihn, springt eilig hin, den Hut an seinen Platz zu legen. Kapitän tritt ein. Pedro nimmt ihm die Büchse und Jagdtasche ab. Kapitän setzt sich auf die Ofenbank, zieht einen Brief aus der Tasche. Pedro zieht ihm die Stiefel aus, läuft ins Zimmer links, kommt dann gleich wieder mit Schuhen. Kapitän geht in Strümpfen zum Tisch links vome, fängt an, den Brief zu lesen, indem er ihn ziemlich weit von sich weghält. Pedro kommt mit Schuhen, Kapitän setzt sich, läßt sich die Schuhe anziehen. Pedro an der Küchentür, wirft einen verstohlenen Blick auf den Kapitän, verschwindet wieder. Kapitän Zieh dich an! Pedro geht. Häng' die Büchse auf. Daß der Lauf mir anders geputzt wird als das letztemal! Pedro hängt die Büchse auf, geht dann ab, sieht von der Schwelle des Zimmers links verstohlen auf den Kapitän. Kapitän liest sich den Brief, den er so ziemlich auswendig weiß, abermals vor. Mein lieber Kapitän! Unerwartet bietet sich mir die Gelegenheit, Sie wieder zu sehen, und wäre es auch nur für kurz. Die Gräfin, mit der ich reise, besucht Verwandte auf ihren Gütern im Gebirge, und unser Weg führt uns über Capodiponte. Wie sehr freue ich mich, Ihnen die Hand zu schütteln und das einzig gute und schöne Mädchen wiederzusehen, dessen Herz dauernd zu besitzen ich so ganz und gar nicht würdig gewesen wäre. Auch die Gräfin wünscht sich sehr, Ihre und Cristinas Bekanntschaft zu machen. Sie werden beide in ihr eine reizende und in ihrer Art unvergleichliche Frau kennen lernen, wenngleich sie sich an Schönheit und Güte nicht mit Cristina messen kann. Nochmals in unbeholfener Weise überfliegend. Auch die Gräfin ... Ihre und Cristinas Bekanntschaft zu machen. Läßt den Brief sinken. Sie werden beide – Faßt heftig den Brief, liest. Sie werden beide – Läßt den Brief sinken, steht hastig auf, das Blut steigt ihm zu Kopfe. Auf einem Fetzen Papier sind das Mädchen und ich ein Paar. In dem Kopfe des jungen Burschen sind das Mädchen und ich ein Paar. In dem Kopfe des alten Pfarrers sind das Mädchen und ich das richtige Paar. O Welt! Heute! Heute vor Nacht bring' ich es vor! – wofern sie mir ungesucht und ungebeten ohne Zeugen begegnet, sei es hier in diesem Zimmer, sei es anderswo. Man sieht Cristina draußen kommen, gleich darauf öffnet sie die Türe. Kapitän sieht sie, erschrickt heftig. Sie kommt herein! Jetzt! Jetzt ist nicht die Stunde. Es verschlägt mir den Atem. Das ist ein Zeichen, daß es heute nicht sein soll. Geht links ab. Cristina herinnen, ruft Pedro! Pasca in der Küchentüre Was willst du von ihm? Cristina Ich hätte ihn gern hinübergeschickt – mit einer Schale von unserer Suppe zum Onkel. Pasca Will er wieder nichts essen? Cristina Die unsrige ißt er schon. Ist der Pedro nicht da? Pasca Drinn' mit seinem Herrn. Cristina So geh du mir hinüber mit der Suppe. Pasca Wär' not, ich ging wegen was anderm auch zum Herrn Pfarrer. Mit einer Kopfbewegung gegen des Kapitäns Zimmer. Der Mensch ist in einem Zustand, es ist nicht mehr zum Ertragen, wie er's treibt. Cristina Ach Gott, die Männer! Pasca Wenn ich ihn länger hinhalt', so verliert er den Verstand, meiner Seel'. Cristina Da verliert er nicht viel. Probier's halt! Pasca immer in der Türe Ich probier's auch. Sieht sie forschend an. Ich probier's auch! Cristina Geh nur mit der Suppe. Bemerkt den Blick. Was probierst? Pasca Na das eben, um was er mich bittet. Cristina sieht sie groß an. Was sagst du denn: probier's und schaust mich dann so an? Cristina So hab' ich's nicht gemeint! Pasca Wie denn? Cristina Probier's und laß ihn den Verstand verlieren. Pasca gekränkt Eine sehr christliche Rede. Cristina Ärgere dich nicht. Mach's, wie du's willst! Unser Herrgott hat ja allerlei Kostgänger. Der Onkel ist ja auch ein Mannsbild. Mag sein, je weniger sie gleichsehen, desto mehr ist sonst an ihnen. Geh' mir hinüber mit der Suppe, Pasca! Pasca in der Türe Kann ich fort vom Herd? Der Braten muß umgewendet werden. Zugegossen muß werden, in einer Minute kommt der Kapitän zu Tisch. Er soll ja einen Brief bekommen haben, der Kapitän! Weißt du was davon? Cristina So, vielleicht wegen dem Fischwasser? Pasca Ja, vielleicht wegen dem Fischwasser. Ich ruf die Barbara. Cristina Laß. Sie hat Arbeit. Ich seh' dir auf deinen Braten. Kommt der Kapitän, so richt' ich ihm an. Auftragen kann der Pedro allein, geh nur indessen. Geht in die Küche. Kapitän kommt von links heraus, setzt sich an den Tisch, munter Bin zur Stelle, Frau Pasca, und rechtschaffen hungrig. Cristina aus der Küche Gleich! Kapitän Wie? Sie sind auch da? Cristina kommt mit der Suppe Wie Sie sehen. Stellt ihm die Suppe auf den Tisch. Kapitän steht auf Das geht nicht an, daß Sie mich bedienen, das darf nicht sein! Cristina Ich habe Pasca fortschicken müssen, die Barbara hat was zu tun, und Ihr Diener ist nicht zur Hand. Also ist es in der Ordnung, daß ich Sie bediene. Kapitän Sehr beklommen, sich mit ihr allein zu sehen, ruft laut Pedro! Komm sofort heraus! Pedro öffnet ein wenig die Türe links Sofort! Sogleich! Eine Wenigkeit von Sekunden! Schließt die Türe wieder. Cristina ist indessen gegangen. Kapitän Heute! Jetzt! Ißt ein paar Löffel Suppe, kann nicht weiter, nestelt an seinem Halskragen. Cristina kommt wieder, geht bis an den Tisch Einem andern als Ihnen möchte ich nicht sein Essen auftragen, das sag' ich ganz frei, von meinem Onkel abgesehen natürlich. Sie sind mehr als ein Gast in meinem Wirtshaus. Sie sind ein Freund von uns. Darum lassen Sie sich nur ruhig von mir bedienen. Nimmt die Suppe auf. Was einem vom Herzen kommt, dabei vergibt man sich nichts. Trägt ab und geht. Kapitän Jetzt. Da war es. Jetzt hätte ich sprechen müssen. Daß es solche Bursche gibt, die immerfort einen Anfang finden, jeden Tag, jede Stunde, wenn sie nur wollen – Cristina kommt mit dem neuen Gang. Das war noch nie, daß Sie mir mein Essen aufgetragen haben. – Und es kann leicht sein, daß es ein zweites Mal nicht mehr kommen wird. Legt mit einer gewissen Feierlichkeit Messer und Gabel aus der Hand. Cristina Warum denn? Verschlägt's Ihnen den Appetit? Kapitän Schier. Es kann leicht sein, daß ich jetzt bald von hier fort muß. Cristina So auf einmal? Will man Ihnen das Fischwasser jetzt doch abgeben? So sind die Leute. Da ziehen sie einen herum, zwei Monate lang, dann geben sie klein bei. Kapitän Es ist um kein Fischwasser. Fort aus der Gegend, ganz und für immer, meine ich. Cristina O mein Gott, tun Sie mir das nicht, Kapitän, wo der Onkel sich jetzt so gewöhnt hat, die Stunde am Nachmittag mit Ihnen zu spielen, abends Ihre Gesellschaft zu haben. Ich hab' keinen Menschen, mit dem er so gern redet. Bleiben Sie mir im Ort, Kapitän, oder in der Nachbarschaft, in Gottes Namen. Kapitän Wissen Sie, was er zu mir redet, wenn Sie nicht dabei sind? Er sieht sie an. Cristina Essen Sie doch – allerlei, denk' ich. Kapitän schiebt seinen Teller weg Er redet, daß er sterben wird und daß ihm lieb wäre, wenn ich Sie nicht allein ließe. – Cristina Mich? Kapitän Ja, wenn er nicht mehr da ist. Cristina wird rot, dann mit einiger Härte Was versteht ein Heiliger von der Welt! Nicht so viel, als untern Fingernagel geht, mit allem Respekt gesagt. Es ist zum Lachen, wie auch gute Menschen manchmal etwas Überflüssiges daherreden. Wüßte ich nicht, daß Sie ein vernünftiger Mann sind, der eine Sache zu nehmen weiß, so wären wir jetzt so weit, daß ich mich kein freies, unbefangenes Wort mehr an Sie zu richten getraute. Wenn mancher nur manches ungesagt ließe, in Gottes Namen. Geht ab in die Küche Kapitän die Hand am Kinn Heut' nicht! Halblaut. Pedro! Pedro kommt, er hat nur Zeit gefunden, über das Leinengewand seinen langen Rock zu ziehen. Die Beine sind noch nackt und die Erscheinung keineswegs europäisch. Du bleibst! Bedien' mich. Soll das Fräulein Schüsseln schleppen? Pedro wartet ihm auf. Cristina kommt wieder Sie essen ja rein garnichts! Ist das Ihr großer Hunger? Gehen Sie mir. Bleibt stehen, schüttelt den Kopf. Kapitän steht halb auf, hat die Hand auf dem Tisch, sein Gesicht arbeitet Cristina! Cristina Was ist Ihnen denn? Kapitän schwer Es war nicht nur der Onkel – ich selber, Cristina, Gott ist mein Zeuge. Zuerst nicht. Allmählich – ich kann nicht sagen, wie – ich, Cristina! Ich! – Cristina Bleiben Sie doch sitzen. Es ist mir nicht unbekannt geblieben, in Gottes Namen. Meinen Sie, ein Frauenzimmer ist blind für so was? Kapitän gepreßt Cristina! Pedro verschwindet. Cristina Sie müssen Ruhe halten, Kapitän. Sie haben andere Dinge druntergekriegt. Was ist das weiter für einen Mann wie Sie? Es vergeht, Kapitän. Es vergeht wie nichts. Ein Mann wie Sie ist nicht gewöhnt, so still zu sitzen auf einem Fleck. Unterm Dasitzen ist es so gekommen, unterm Dasitzen wird's vergehn. Deshalb braucht der Onkel nicht seine einzige Gesellschaft zu entbehren. Kapitän Es ist nicht unterm Dasitzen gekommen. Wie ich das erste Mal Sie gesehen habe, Cristina! Cristina In dem Gasthof dort? O weh! Der war verhext! Kapitän Nicht in dem Gasthof, die Nacht vorher. Cristina Ach nein, nein, nein! Da haben Sie sich noch nicht viel gedacht. Kapitän dunkelrot Soll das an mir gestraft werden, daß ich eine schwere Zunge habe? Cristina Nein, an mir, wie es scheint. Kapitän Soll alles denen gehören, die mundfertig sind – verdamm mich Gott! Cristina Nein, nein, denen schon gar nicht! Seien Sie gut. Was liegt auch daran, ob damals oder später. Es ist halt so gekommen. Da waren Umstände, da waren Begegnungen, da kamen Ihnen Gedanken. Da fingen Sie an, sich Möglichkeiten vorzustellen. Tritt zutraulich nahe dem Tisch. Aber Sie sollen heiraten. Sie verdienen eine brave Frau.. Es gibt brave Frauen und Mädchen genug auf der Welt. Ich bin Ihre Freundin. Ich will Ihnen suchen helfen. – Kapitän nestelt an seinem Halskragen, nicht laut, gepreßt Es ist gut! Da sind wir gesessen, abends. Zehn-, zwanzigmal, was weiß ich, zu drei'n mit dem Onkel. Und Sie haben mich mein Garn spinnen machen, und wenn's dann kam, daß ich mich aus einer Gefahr herauszog und ein Mensch oder ein Fieber oder ein böser Sturm oder ein Korallenriff mich nicht konnte unterkriegen, da sah ich, daß Sie sich freuten. Ich sah etwas, ohne Sie anzusehen. Was brauch' ich Ihr Gesicht – konnte ich nicht an Ihrem Atem hören, daß Sie sich freuten? Er sieht sie auch jetzt nicht an. Er hat sein scharfes Matrosenmesser neben sich liegen und fängt an, ohne es zu wissen, an der Bankecke zwischen seinen Knien zu schnitzeln. Warum freuten Sie sich denn da? Was wurde denn weiter gerettet – ein Mann? Kein Mann für Sie, zumindest. Sieht sie zornig an. Was ist die Kreatur Sie angegangen? Sind Sie ein solches Frauenzimmer? Ist das alles, was Ihr Lachen wert ist? Cristina So sollen Sie nicht zu mir sprechen. Solche Blicke und eine solche Redeweise stehen Ihnen gar nicht. Diese ganzen zehn Wochen haben Sie mir kein Gesicht gezeigt, das ich so schnell über bekommen könnte wie dieses da. Dreht sich rasch, gegen die Küche. Kapitän auf Gehört und begriffen! Pedro! Pedro kommt, versteht, sucht Cristina mit dem Blick. Wir sind am längsten hier gesessen. Pack' zusammen! Schaff ein Fuhrwerk! Pedro sucht mit dem Blick Cristina. Kapitän zwischen den Zähnen, schlägt dabei mit dem Messer in den Tisch Auf, auf, du Bootsmann, und auf, du Jung! Kathrinchen hat von uns genung. Er bricht ab. Seine Lippen und sein Kinn zucken. Pedro ist an Cristinas Tür gelaufen, hat durchs Schlüsselloch gesehen, sieht, sie ist nicht drinnen, was ihn beruhigt. Läuft zu seinem Herrn, streichelt ihn, leise Sie wird wiederkommen. Die Frauen gehen hinaus, aber sie kommen wieder herein. Ich weiß! Cristina tritt ein, macht sich am Schrank zu tun. Pedro verzieht sich leise. Kapitän nickt trüb, ohne sie anzusehen Es ist etwas widerfahren Seufzt. Es hat sich etwas ereignet. Cristina hebt abwehrend die Hände Ja, ja, aber das ist vorbei und begraben. Ja, ja, aber das bereden wir nicht. Kapitän Sie können eben keinem Mann mehr trauen. Cristina Ich bilde mir nicht ein, die Mannsbilder zu kennen, weil ich einen kennen gelernt habe. So vermessen bin ich nicht. Ihnen täte ich vertrauen, wahrhaftig und ja. Einen Augenblick liegt ihre Hand auf seiner Schulter, sogleich ist sie aber wieder weg. Kapitän dreht sich leise gegen sie, ergreift sanft ihre Hand, die sie ihm gleich entzieht So ist es die Ehe, wovor Sie sich fürchten? Cristina tut einen Schritt zurück Gut ist die Ehe. In ihr ist alles geheiligt. Das ist kein leeres Wort. Das ist Wahrheit. Es führen's viele im Munde, aber wer's einmal begriffen hat, der versteht's. Kapitän Gut ist die Ehe? Also bin ich's, wovor Sie sich fürchten? Cristina Sie sind brav und gut. Fürchte ich mich vor Ihnen? Es sieht nicht darnach aus. Kapitän So nicht. – Aber Sie hätten einen Abscheu, wenn es dazu käme? Cristina geht langsam von ihm Aber dazu kommt's eben nicht, mein' ich halt. Bleibt stehen, ohne sich umzuwenden. Kapitän gepreßt Nein. Schon nicht! Cristina geht langsam weg. Kapitän ihr schwerfällig nach. Cristina ! Das ist's, was ich sagen wollte: es lebt auf der Welt kein Mensch, vor dem sie sich schämen müßten. Cristina dreht sich jäh um Das hätten Sie mögen ungesagt sein lassen. Schämen? Ich? Vor wem? Vor den Leuten? Die Leute sind dort, und ich bin hier – es tut mit leid, Kapitän, daß Sie das Wort in den Mund genommen haben. Geht in ihr Zimmer. Kapitän stumpf vor sich hin, nimmt mechanisch das Messer, schnitzelt gewaltsam. Pedro kommt leise herein, sieht das verstörte Gesicht, setzt sich nahe dem Kapitän auf den Boden, wiegt sich traurig, seufzt Vielmals schwer der europäische Anfang. Sechzig und vier Tage und immer noch wie der erste Tag. In jedem anderen Lande war es schneller. Auf den Inseln war es oft sehr schnell. Oh! Bei achtenswerten Häuptlingsfrauen kann es sehr schnell sein, sichergewiß! Aber hier in Europa ist es mit vielen Vorschriften. Grinst schmerzlich leise, entmutigend. Aber es ist sehr haltbar. Nirgends ist es so haltbar. Hört, daß Cristina eintritt, dreht sich um, sieht sie, und um nicht zu stören, kriecht er in sitzender Stellung zur Türe hinaus, die er von außen lautlos schließt. Cristina geht leise auf den Kapitän zu. Kapitän legt das Messer hin, erschrickt. Cristina bleibt nahe vor ihm stehen Ich will nicht im Zorn von Ihnen gehen. Was haben Sie denn auch weiter gesagt? Es ist schon vergessen. In Gottes Namen. Wollen Sie mich nicht ansehen? Kapitän ohne sie anzusehen, halb gegen die Wand gekehrt, laut Der Mann ist dazwischen. Cristina Da könnte eins ja sagen oder da könnte eins auch schweigen, da wären Sie dann der Mann dazu: aus dem Schweigen sich ein Ja zu machen. Der wären Sie schon. Aber ich will den Mund auftun, Kapitän – Kapitän, der Mann ist nicht zwischen Ihnen und mir. Kapitän halb für sich Sie haben ihn noch lieb, trotz allem. Cristina Da, ich geb Ihnen meine Hand. Fühlen Sie, ob sie zittert. Er nimmt die Hand nicht. Kapitän ! Vor der Begegnung dort, da war nicht viel Gescheites an mir. Auch aus Ihnen hätte ich mir nichts gemacht vor dem. Jetzt weiß ich, was ein Mann ist und auch was eine Frau ist, in Gottes Namen. Es widerfährt einem halt allerlei, wenn eins auf Reisen geht. Mich soll keiner klagen hören. Kapitän Gut! Atmet hörbar. Wenn nun aber der Mann auf andere Weise im Wege wäre – Cristina Was gibt's noch, in Gottes Namen? Kapitän errötet Soll ich darum für nichts geachtet werden, weil mir die Redensarten nicht zufließen? Cristina Nein, darum sollen Sie nicht für nichts geachtet werden, in Gottes Namen. Kapitän Wenn des Mannes Angedenken oder des Mannes Essen, Schlafen, Gehen und Stehen im Wege wäre, so will ich hingehen und den Mann aufsuchen, und der Mann wird nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr gehen, nicht mehr stehen. Dies gesagt: nicht als ob ich einen Haß hegte gegen den Mann – ich hege einen Haß gegen das, was in meinem Wege ist. Cristina Dies ist ein christlicher Vorsatz. Aber, Kapitän, der Mann ist nicht im Wege. Kapitän Nun denn, ver – Nicht laut Um der Begegnung willen! Um eines jähen Trunkes willen! Um eines muntern Liedchens willen und einer Kammertür, an der kein Riegel war – Cristina mit etwas gesenktem Kopfe Der Mann und des Mannes Angedenken ist nicht im Wege. Kapitän Um dies nicht – um jenes nicht – um des Burschen willen nicht – um der Leute willen nicht – wo denn? Wo faß ich's denn? Wo krieg ich's denn unter die Finger? Pedro kommt leise herein ängstlich, ungeduldig. Cristina zuckt die Achseln. Kapitän sieht sie an und ist nicht imstande, in ihrem Gesicht zu lesen Es ist gut! Zu Pedro. Fort mit dem Zeug da. Reißt Mantel und Kleider von der Stange, wirft sie Pedro zu. Das Quartier ist vergeben! Rühr dich. Soll ich dir Beine machen? Mit mir ist man hier fertig. Gezählt, gewogen, zu leicht befunden. Immer weiter aufpackend. Wer hat dich auch geheißen mir vor elf Jahren das verfluchte Messer dort zuschmeißen? Wer hat dich geheißen, mich für dieses europäische Abenteuer dort und für Mamsell ihre zwei Monate dauernde schandbare Belästigung konservieren, wo sechs ehrliche Malaien fleißig daran waren, mich den Haifischen zum Aufheben zu geben? Der Teufel hat dich das geheißen! Für den Dienst soll ich dir noch heute deine freundliche, ölige Fratze zuschanden hauen, das ist, was ich soll. Cristina Kannst du ihn nicht aufhören machen, Pedro? Kannst du nicht dein europäisches Ansehen brauchen und deinen Herrn bedeuten, daß wir hier auf festem Lande sind. Pedro wendet sich nun auf einmal gegen Cristina als gegen die Urheberin all dieses Unheiles. Er hebt die zwei Finger jeder Hand gegen sie, wie man es tut, um den bösen Blick abzuwehren; er bläst gegen sie, er führt förmliche Tänze auf, um ihre Worte unschädlich zu machen Du machst alles Unglück! Du bist ein Gespenst, welches sich freut, zu essen das Herz von meinem guten Kapitän. Du hast ihn hochachtungsvoll genötigt abzumagern. Du bist ein böser Geist. Kapitän indem er weiteres Kleiderzeug zum Einpacken zurechtwirft und von der Stange herabreißt Da hab' ich gemeint, hier meinen Stand zu finden und meine Knochen in geweihter Erde begraben zu lassen, und, verdamm mich Gott, mir Kinder zu machen. Die sollen aufwachsen im Land ihrer Väter und es gut haben und fischen, die kleinen Burschen in ihres Vaters Fischwasser, wo kein Flurwächter ihnen die Knochen im Leibe zerschlägt! Pedro widerwillig dem Kapitän helfend, gleich wieder auf Cristina los Du hast auf ihn gemacht diese Traurigkeit; du hast geblasen auf meinen Kapitän seine Augen, du hast genommen die Körpergestalt von einen weißen Mädchen und hast innen das Herz von einen bösen Feind. Kapitän ist indessen mit starken Schritten in sein Zimmer gegangen, zieht von dort heraus einen mächtigen Lederkoffer hinter sich her, singt dazu mit gebrochener Stimme Sie mag nicht den Gestank von Teer, sie nimmt sich einen Schneider her! Cristina tritt nach hinten, kehrt ihr Gesicht gegens Fenster Wenn du tanzen willst und er singen, so muß ich auf dem Seil gehen lernen, dann können wir miteinander zur Kirchweih aufziehen. Kapitän eifrig einpackend, von Pedro unwillig bedient Ein richtiges Matrosenlied paßt auf alle Vorkommenheiten, verdamm mich Gott! Er lacht rauh auf, und es geht in ein Schluchzen über. Cristina bleibt an ihrer Stelle Das Handwerk, auf das Sie sich jetzt geworfen haben, bei dem will ich Sie nicht sehen! Mit deutlichen Worten gesagt: ich will Sie nicht weinen sehen, Herr! Stampft zornig auf. Kapitän packt mit finsterer Entschlossenheit weiter. Pedro entspringt ihm, urwaldhaft feindselig auf Cristina los Du hast gemacht seine Augen zu rinnen wie ein alter Brunnen! Du bist der wiedergekommene Geist von einem Malaien, den wir haben hochachtend den Hals abgeschnitten mit dieses Messer dort. Es wäre vielleicht gut, dieses Messer noch einmal in deinen Hals zu geben. Kapitän auf den Knien beim Koffer, reißt ihn nach vor n Da sollst du Hand anlegen; das ist es, was du sollst. Heute vor Abend wollen wir das Fräulein von unserem Anblick befreit haben. Cristina hinten am Fenster, dem Weinen nahe Ich will, daß Sie fröhlich von hier fortgehen und mich vergessen. Mit dem Versuch, kalt zu scheinen. Was ist da auch weiter? Es geht ja alles so natürlich zu auf der Welt. Da kommt eines, und da geht eines. Da laufen zwei zusammen und laufen wieder auseinander, kommt wieder ein neues dazu und so fort. Die Wahrheit zu sagen, ich möchte nicht wo sitzen, wo man viel davon zu sehen kriegt. Ich bin froh, daß ich hier mutterseelenallein in meinem Winkel sitzen werde. Sehr froh bin ich, sehr froh, und dabei soll es bleiben. Sie bricht in Tränen aus; das Gesicht gegen das Fenster gekehrt. Kapitän packend, vor sich Ich habe sie lieb, ich hätte lieber mögen mein Leben für sie hingeben als diesem Haus mit lebendigem Leib den Rücken kehren. Aber das soll für nichts gut sein. Das soll ganz weggeworfen werden, das soll es, und ich soll mich wieder dahin packen, von wo ich gekommen bin. Pedro hinspähend, hinhorchend Sie weint sehr viel. Sie schluchzt. Oh! Das ist gut! Kapitän vor sich, ohne umzukehren Ich möchte das Kind nicht weinen sehen! Sein Gesicht zuckt. Pedro halb aufgerichtet Vielmals gut ist das! Jetzt wird der böse malaiische Mann aus ihr herausgehen. Verzieht sich nach der Seite. Cristina hat sich umgewandt, sieht nach dem Kapitän, ihr Gesicht ist mit Tränen überströmt. Kapitän ohne sie zu sehen, vor sich Sie wird sich versperren in ihr Zimmer, und da werde ich meinen letzten Abschied von ihr nehmen. »Höre mich an, Mädchen«, werde ich sprechen, »mach die Tür auf und komm heraus.« Und sie wird keine Antwort geben darinnen in der Kammer. »Soll ich auch dein Gesicht nicht mehr sehen?« werde ich sprechen – »sollen Bretter und Balken das letzte Gesicht sein, das ich von dir sehe! Verdamm mich Gott!« Cristina allmählich vorkommend, endlich neben ihm Nein! Nein! Nein! Nein! So soll es nicht geschehen. Ich will deine Frau werden. Aber laß mich dich nie mehr weinen sehen. Kapitän auf dem Boden, wie betäubt, in sonderbarer Haltung, die Hände an die Brust gezogen Jetzt sprichst du so zu mir? Wie ist denn das geschehen? Cristina Das hast du auf eine recht geschickte und manierliche Weise zuwege gebracht und obendrein noch dem Schneider was zu verdienen gegeben. Kapitän O nein – o nein – wie ist denn das geschehen? Cristina Ich war verstockt, das war ich schon, in Gottes Namen. Ich hab' halt gemeint, es gibt kein Zeichen, das nicht lügen kann bei einem Mann, und damit aus und Amen. Aber wie du so dagestanden bist, mitten im Zimmer, grade nur ein bißchen hilfloser als ein vierjähriges Kind, das hat mir schon kleinweise das Herz umgedreht. Oder meinst du, war es vielleicht der Pedro, der das Stück Arbeit besorgt hat? Kapitän an der gleichen Stelle, hilflos Was soll – was darf ich denn jetzt tun? Cristina Jetzt darfst und sollst du mich hinübergehen lassen zum Onkel, denn der muß der erste sein, der weiß, daß wir zwei einig geworden sind miteinander. Nein, ist's dir recht, daß ich so tu? Kapitän Du fragst mich – Cristina Ich frage dich, denn du bist es hinfort, der mir soll zu befehlen haben, Kapitän Ich? Cristina Wenn es dir recht ist, so laß mich gehen, ich bin bald wieder bei dir. Kapitän Du sollst alles tun, wie es dir gut scheint. So sollst du es tun. Cristina will gehen. Kapitän an der Tür, macht einen unbeholfenen schüchternen Versuch, sie zu umarmen. Cristina wehrt ihn sanft ab und ist schon draußen. Kapitän kehrt an der Türe um. Sieht sein Messer liegen, hebt es auf, sucht die Scheide, steckt das Messer ein, lacht und weint vor maßloser Freude, weiß nicht recht, wo er mit sich hin soll. Ruft Pedro! Pedro! während er die Klinke zu seinem Zimmer rechts vorne in der Hand hat, und geht da hinein. Die Bühne bleibt für ganz kurze Zeit leer. Es dämmert allmählich. Von links durch die Küche kommt der Pferdeknecht herein, hinter ihm Florindo, reisemäßig gekleidet, mit Hut und Mantel. Knecht Frau! Frau! Ist die Frau nicht da? Florindo Wohin führst du mich denn da? Schaff mir den Wirt, ich hab keine Zeit. Knecht Hören Sie nicht, wie ich rufe: Frau? Florindo Den Wirt sollst du mir rufen, Pferde brauch ich. Ein Schreibzeug will ich. Einen Boten schaff mir her, der mir den Brief nach Capodiponte trägt. Knecht Die Pferde kriegt der Herr, die führt schon der lahme Josef aus dem Stall heraus. Schreibzeug ist allweil eins hier herum, und rufen tu ich ohne Sie, das hört der Herr wohl. Frau! Florindo findet das Schreibzeug, setzt sich an den Tisch, legt Hut und Mantel ab, schreibt. Unterm Schreiben Ist der Wirt eine Frau? Knecht Der Wirt ist keine Frau. Aber die Frau ist der Wirt. Florindo unterm Schreiben Eine Frau ist der Wirt? Ist's eine Witwe? Knecht lacht Wie wird denn die Frau eine Witwe sein? Florindo Nein? Steht auf. Da muß sie doch einen Mann haben, der sich um den Pferdestall bekümmert. Knecht Keinen Mann hat sie nicht, weil sie dazumal eine Jungfer ist, der Herr wird schon entschuldigen. Florindo Ist dir ein fremder Kapitän Tomaso bekannt in Capodiponte? Knecht lacht Kein fremder Kapitän ist mir nicht bekannt, aber unser Herr Kapitän ist mir wohl bekannt in Capodiponte, und auch anderswo ist er mir bekannt. Florindo Schaff mir einen Menschen, der den Brief da nach Capodiponte in des Kapitäns eigene Hände trägt. Eine Dame wartet unten im Wagen auf mich. Es wird finster, ich kann nicht, wie ich wollte, über Capodiponte fahren. Knecht Weil's finster wird, kann der Herr nicht über Capodiponte fahren? Das muß ich dem Josef erzählen. Geht ab, lacht sehr. Florindo schreibt. Kapitän kommt links heraus, bemerkt nicht gleich, daß jemand da ist, geht in die Mitte. Florindo sieht auf, springt auf Kapitän! Umarmt ihn. So findet man sich wieder. Kapitän Das ist – verdamm mich Gott. Das wäre nun also der Herr Florindo aus Venedig. Florindo So bin ich denn in Capodiponte, ohne es zu wissen! Hier schreibe ich Ihnen, nehme Abschied von Ihnen: für lange – vielleicht fürs Leben – Kapitän schweigt. Der Blick seiner runden Augen ist fest auf Florindo gerichtet und der Ausdruck ganz undurchdringlich. Florindo Mein Weg geht nach Tirol, vielleicht nach Wien, nach Dresden, Gott weiß wohin. Da unten an der Brücke wird uns das Sattelpferd am Reisewagen schulterlahm – Henriette – ich meine die Gräfin – ich habe Ihnen geschrieben, wie sehr sie sich wünschte, im Vorüberfahren Ihre Bekanntschaft zu machen, und nun, weil es finster wird, weil eine Fledermaus an den Wagenschlag flattert, was weiß ich – vorwärts, frische Pferde und vorwärts, und wenn der König von Frankreich hier säße und auf uns wartete. Ich muß sofort zu ihr zurück. Sie ist allein im Wagen. Ich darf sie niemals lange allein lassen. Ich bin ihr Eigentum. Es ist ein unerträglicher, entzückender Zustand, Kapitän! Welche unendliche Verschiedenheit in den Frauen! Und das auszukosten sind uns fünfzehn, wenn's hoch kommt zwanzig Jahre gegeben. Ein Augenblick! Mein guter Kapitän! Faßt freundschaftlich seine beiden Hände. Werd ich Sie noch einmal im Leben sehen? Weiß Gott, es gibt nichts, was uns Männer so miteinander verbindet und so voneinander trennt wie die Frauen. Hat ein Lachen in der Stimme, stutzt dann einen Augenblick. Kapitän, wir sind in Capodiponte, Kapitän, wie ich Sie da sehe – In wessen Haus bin ich, Kapitän? Kapitän Wem das Haus da gehört – das wissen Sie nicht? Das ist ist meiner – das ist Cristina ihr Haus. Florindo Das ist Cristinas Haus? Kapitän, Sie sind sehr glücklich! Kapitän, sie ist Ihre Frau? Kapitän von Freude überwältigt Sie wird meine Frau werden, Herr. Herr, das wird sie. So verrückt ist sie. So wenig hat sie ihre fünf Sinne beisammen! Ja, so ist dem, Herr! Wenn Sie darnach fragen, Herr! Florindo Sie wird – und da werden Sie immer leben. Mit Cristina! Immerfort! Beneidenswert! Hier ist der Tisch, wo Sie mittags mit ihr sitzen. Oder sie bringt selbst die Suppe aus der Küche, ja? und abends – Sie gehen auf die Jagd – Kapitän hebt etwas auf Da ist eine Unordnung, Sie müssen das entschuldigen, Herr! Florindo Ja, ich habe Wildenten streichen sehen, und wenn es dann dämmert, wenn es zwischen den Binsen nicht mehr schußlicht ist, dann kommen Sie heim, und dann steht Cristina da am Fenster und sieht hinaus und wartet auf Sie. – Namenlos. Ihnen sind nie über der Geschichte von Philemon und Baucis die Tränen in den Hals gestiegen. Ich weiß, Kapitän, denn Sie haben sie nicht gelesen. Aber Sie werden sie leben, beneidenswerter Kapitän. Kapitän Heute, Herr, wenn Sie darnach fragen, Herr – vor einer Stunde, Herr – Es wird ihm schwer, er schluckt, Herr, das ist keine Sache, die ich mit meinem Mundwerk nach der Ordnung zu erzählen verstünde. Florindo mit Überlegenheit Erzählen Sie mir nichts, Kapitän, ich bitte Sie. Auch gute Freunde müssen ihre Geheimnisse vor einander haben. Ohne ihn anzusehen. Alles, was erlebt zu werden der Mühe wert ist, ist unerzählbar. Damals, als ich hinunterfuhr nach Venedig, Kapitän – es geht jede Stunde des Tages von irgend einem Platz weg eine Barke nach Mestre – Kapitän, es war der schwerere Teil, nicht in eine dieser Barken zu springen, es war das Unmöglichste, nicht in eine dieser Barken zu springen – Sie haben natürlich recht, Kapitän. Man muß immerhin manchmal das Unmögliche tun. – Ich bin sehr zufrieden, hier mit Ihnen zu sitzen, Kapitän. Kapitän brummt mit blitzenden Augen etwas Unverständliches. Florindo drückt seine Hände halb abgewende t Danken Sie mir nicht, Kapitän! Pedro sieht zur Küchentür herein. Sehr befriedigt, seinen Herrn mit Florindo zusammen zu sehen. Florindo zum Kapitän Ein anderer würde fragen: hat sie mir vergeben? Hat sie mich vergessen? Aber es wäre nichts als bübische Eitelkeit in dieser Frage. Wir sind Mann gegen Mann: wir wissen, was das Leben lebenswert macht. Pedro nähert sich Florindo mit Anstand. Florindo Pedro! Mein großer europäischer Freund! Pedro Ich bin sehr glücklich, mich abermals die Hände zu schütteln mit einen Herrn, der so gut versteht die Heirat in europäischer Weise. Ich bin im Begriffe in den Ehestand hineinzutreten mit Hilfe der betreffenden Witwenfrau, und wir werden immer gedenken auf unseren Anstifter mit zudringlicher Dankbarkeit. Verneigt sich und tritt ab. Kapitän Zu Florindo Was ich fragen wollte, Herr: Wie konnten Sie es wissen, Herr – daß ich hier – daß mein – daß ich auf Cristinas – ich hatte meinen Mund nicht aufgetan, Herr. Florindo Kapitän , Sie sind eine Seele von einem Menschen. Sie werden glücklich sein mit ihr, wahrhaft glücklich. Lassen Sie mich Ihnen die Wahrheit sagen: es ist nicht um Ihretwillen, daß ich hierher gekommen bin, es ist um Cristinas willen. Unser Weg hätte uns so eigentlich nicht über Capodiponte geführt. Wie Sie da vor mir sitzen, Kapitän – Sie haben mehr Ähnlichkeit mit einem kleinen Kind als irgend jemand, der mir noch untergekommen ist, obwohl Sie ein starker, mutiger Mann sind und gelegentlich einmal sechs Malaien über Bord befördert haben. Aber eben dieser Umstand gibt mir eine ganz einfältlige Sicherheit, daß Cristina an dieser Brust geborgen ist wie sonst an keinem Fleck der Erde. Steht auf, umarmt den Kapitän, der gleichfalls aufgestanden ist. Ich muß fort, Kapitän. Sagen Sie ihr nicht, daß ich da war. Es ist der Erwähnung nicht wert. Oder auch. Wie Sie wollen, Kapitän – wie Sie wollen. Will gehen. Cristina tritt von links aus der Küche, sagt über die Schulter nach rückwärts hin Pasca, mit wem spricht er denn da? Wer ist denn der? Kapitän Cristina ! Besuch! Aber Besuch, der sich schon wieder verzieht. O he, o he! Don Florindo, da mögen Sie selbst Ihren Abschiedsgruß anbringen, ehe Sie weiterreisen. Hier zur Stelle. Cristina steht im Halbdunkel an der Mauer. Kapitän führt Florindo zurück Das ist jemand, der sich rühmen darf, gute Bekanntschaft vermittelt zu haben. Da ist jemand, den wir nicht so bald wiedersehen werden. Denn er ist so in Anspruch genommen. Das ist er, verdamm mich Gott, der kostbare Bursche. Immer sehr in Anspruch genommen. Es wartet auf der Brücke ein Reisewagen auf ihn und Gesellschaft darinnen. Florindo tritt näher, verneigt sich. Kapitän Das ist ein Tag, den streich ich rot im Kalender an, wo mir das Mundwerk flinker geht als einem solchen Herrn da. Ein solcher Tag kommt nicht wieder. Cristina schnell In Gottes Namen! Reisen Sie nur immer glücklich, Herr. Sie sind einer, scheint mir, der immer auf Reisen sein muß. Anders kann ich Sie mir gar nicht denken. Florindo Sie haben recht, schöne Cristina! Cristina Der meinige hier soll mir das Reisen gründlich verlernen. Bei ihm ist der Matros' nur der Engerling, in dem der Bauer dann steckt, und der soll sich nur ans Licht fressen, dann bleibt von dem andern nichts mehr übrig. Florindo an der Tür zum Kapitän, der ihn begleitet Wie schön sie ist, Kapitän! Wie schön sie ist! Gott befohlen, Kapitän! Er zögert. Kapitän Gott befohlen und viel Glück auf die Reise, Herr. Schiebt ihn gelassen zur Tür hinaus. Florindo geht. Cristina Da hast du einen Gast, der alleweil kann nur ein Sprüchel, wie der Ministrant das et cum spiritu tuo. Kapitän tritt zu ihr Was zitterst du so wie Espenlaub? Ist es des Menschen Anblick? Zitterst du um seinetwillen? Cristina Laß. Was tut der Mann mir Böses? Der hat mir nichts weggenommen. Ach keinem auf der Welt hat der was weggenommen. Nie hat dem nichts gehört! Wie gut, daß ich ihn gesehen habe. Das hat so sein müssen in Gottes Namen, dafür will ich dankbar sein bis an mein seliges Ende. Das war gut von dir, daß du mich hast ihn und dich nebeneinander sehen lassen, damit hast du mir Gutes getan. Liebster, das will ich dir danken. Sie schlingt ihre Arme um seinen Hals. Kapitän fast erschrocken vor Glück Wie benennst du mich? Sag das noch einmal! Cristina Das brauch ich jetzt nicht noch einmal zu sagen – denn ich werde dich noch viele, unzählige Male so benennen, in Gottes Namen. Kapitän fühlt, wie sie zittert, und läßt sie aus seinen Armen sanft auf einen Stuhl nieder Du sollst dich setzen. Cristina Laß. Dort kommt der Onkel, sich die alte Geschichte ansehen. Denn du mußt wissen, mein guter Kapitän, es gibt keine zweite so alte Geschichte in Capodiponte als die, daß wir zwei ein Paar werden. Du bist einer von denen, die man von weitem kommen sieht. Und ich habe dich in Gottes Namen heute kommen sehen. Da bist du noch ganz ruhig hinter deinem Suppenteller gesessen. Kapitän Der Onkel ist am Fenster. Wollen wir nicht hingehen und um seinen Segen bitten? Der Pfarrer steht am Fenster, sieht durch die Fensterscheiben. Cristina Laß. Stell dich vor mich hin, daß du mich ihm verdeckst. Es könnte sein, daß ich lache, denn mir ist sehr vergnügt zu Mut. Da möchte er dann glauben ich bin leichtfertig. Und es könnte sein, daß ich ein bißchen weinen werde, und das wäre nur vor Rührung über ihn. Wahrhaftig, nur über ihn, den alten Mann. Aber Gott weiß, wie er's weitschweifig auslegen täte. Sie legt ihr weinendes Gesicht auf seine breiten Hände, die auf der Stuhllehne ruhen. Sag mir nur schnell – da hab ich doch mein Leben in Einsamkeit beschließen wollen. Ganz fest war das in mir, verdamm mich Gott. Sag mir nur schnell, was ist an euch, daß wir euch doch wieder brauchen? Kapitän Daß wir euch brauchen, das ist an uns, in Gottes Namen. Er küßt ihre Stirne. Pedro mit Pasca in der Türe links, zeigt hin, flüstert Du wirst noch sagen etwas gegen den Herrn Florindo? Pasca faltet die Hände.   Vorhang