Heinrich Hoffmann Die Mondzügler Eine Komödie der Gegenwart         »Hier hat der Poet euch Deutschland selbst,     euch deutsche Gebrechen geschildert. Doch hat er den Spott durch freundlichen Scherz,     durch hüpfende Verse gemildert.« Platen Personen     Der Amtmann von Traumstadt Michel , der Amtsschreiber Flunkerton , ein Reisender Peter , sein Diener Faustida , des Amtmanns Tochter Zwei Jesuiten Ein Herold , als Chorführer Chor der gräulichen Begriffsritter Chor der bläulichen Begriffsritter Verschiedene andere Chöre Ein Diener Bürger . Mohren . Straßenjungen Prologus Der Kirchhof zu Mölln im Lauenburgischen. Till Eulenspiegels Grab. Merkur (an Tills Grabe)                 Hervor! Du Siebenschläfer, du! Wach auf aus deiner langen Ruh! – Da steh ich fast schon eine Stund Und schreie mir die Kehle wund; Der Schalksknecht aber liegt und schnarcht. Das heiß ich mir bequem gesargt! Fünfhundert Jahre, sollt ich meinen, Sind Ruh genug den faulsten Beinen. Zu Lauenburg gilt zwar der Spruch: Ein braver Mann schläft nie genug. – He Holla! Hörst du gar nicht, Till, Daß jemand mit dir sprechen will? Till (schaut aus dem Grabe) Herr Jemand, schon die ganze Zeit Vernehm' ich, wie ihr lärmt und schreit. Merkur Ei schön! Du schweigst und hörst mich an! Freund Till, du bist ein Grobian! Till Herr Jemand, seid mir doch nur klug! Auf euch wart ich schon lang genug; Nun ließ auch ich euch warten oben. Wer hätt am meisten Grund zu toben? Merkur Ich seh, du hast den Witz, den alten, Im Grab dir leidlich frisch erhalten. Till (vollends hervorsteigend) Ha ha! Herr Jemand, wird's euch klar, Warum ich so harthörig war? Daß dieser Leib und dieser Kopf Und Fuß und Hand und Bart und Schopf Till Eulenspiegel angehören, Jetzt könnt ihr's vor Gericht beschwören. Ihr habt den Till vor euch, den rechten, Den alten unverfälschten echten. Nun aber sagt mir, wer ihr seid! Merkur Was, kennst du mich nicht an dem Kleid! Till An Kleidern tragt ihr nicht zu schwer; Jedoch die Moden ändern sehr. Ein luft'ger Vogel schreitet ihr Einher mit eurer Flügelzier; Doch jedenfalls hat diese Tracht Ein Schuldenmacher ausgedacht; Denn, wer euch borgt, der ist geprellt. Man sieht, ihr zahlt mit Fersengeld. Merkur Ich bin Merkur, der Götterbot'. Till Der Diebsbeschützer in der Not? Merkur Davon ist nicht die Rede hier. Till Nun sprecht, was führt euch her zu mir? Merkur Sieh dort versammelt rings herum Viel Volks! Man nennt es Publikum. Das ist zusammen hier gelaufen, Sich im Theater auszuschnaufen Von all dem Rennen, all der Hast, Von Tages Müh und Sorgenlast. Nun will es Sitte und gute Zucht, Daß, wer ein fremdes Haus besucht, Bevor er eintritt, mit Manier Erst klopfet an die Stubentür. Bei solchem alten guten Brauch Will bleiben heut der Dichter auch; Und da er selbst nicht kommen kann, So glaubt er, daß in dir den Mann, Den rechten, er gefunden hat Zu klopfen hier an seiner statt. Um kurz und bündig mich zu fassen, Er will durch mich dich bitten lassen: Zu seinem Spiel sollst ohne Zagen Einleitend den Prolog du sagen! Till Was? Wie? Meint ihr, ich sei verschroben? Ich soll euch einen Garten loben, Und weiß nicht, was darinnen wächst; Ich soll euch predigen ohne Text, Soll machen ohne Wild den Jäger Und ohne Trupp den Trommelschläger! Der Herr Poet laß mich in Ruh! Ich spiel nicht gerne blinde Kuh. Merkur Mein Gott, was für Bedenklichkeiten! Wie fremd bist du den neuen Zeiten! Als ob die guten Rezensenten, Was sie bekritteln, stets verständen! Doch um dir's recht bequem zu machen, Nimm diese Maske, die zum Lachen Einst das Athenervolk erregte, Daß Beifallssturm die Luft bewegte! Von diesen kalten Lippen quollen Die Rhythmen einst, die schönen, vollen, In der entzückten Menge Ohr, Wenn ernsten Spruchs eintrat der Chor. Des Witzes reicher Strom entsprang Lebendig schäumend hier, es drang Hervor in ungedämmter Flut Der Laune stolzer Übermut. Nimm! dieser weitgeschlitzte Mund, Er macht des Dichters Willen kund. Was er erstrebte und vermied, Das meldet ein daktylisch Lied. Till Nun gut! Es komme, was da will! Merkur (reicht ihm eine antike komische Maske) Leb wohl, Improvisator Till! Till (allein; er tritt in das Proszenium) Mein hochverehrtes Publikum, Ich grüße dich! Du weißt, warum Mit frischem Wort ich mich erkühne Hier aufzutreten auf der Bühne. Zwar scheint mir schlecht gewählt die Zeit Zu Mummenschanz und Lustbarkeit. Wenn grün der Wald, der Himmel heiter, Dann wird das Herz uns froh und weiter, Und was in rauhen Wintertagen Wir gern gesehn mit Wohlbehagen, Wir lassen's ruhn im engen Haus; In's Freie strebt der Sinn hinaus. Für mich jedoch und für mein Wort Ist diese Maske sehr am Ort. Ich will mich herzlich gern bequemen, Dies fremde Antlitz anzunehmen; Denn wenn mein Spruch euch nicht beleidigt, So ist die Maske schnell beseitigt; Doch werd ich keines Beifalls froh, Dann bleib ich fein inkognito; Und hätt's der Dichter gut bedacht, So hätt' er's ebenso gemacht. (durch die Maske sprechend)                   Nicht um Possen zu reißen und nicht zu flüchtiger Kurzweil     Gibt der Dichter sein Werk. Ernsteres hatt' er im Sinn. Und was euch tändelnd erscheint, er erfand's mit gefalteter Stirne;     Lächelnd verkündet sein Mund, was ihn im Herzen gegrämt. Schaut ihr aus leuchtendem Golde geformt die glänzende Schale,     Nimmer gedenkt ihr der Müh, die es im Schachte gewann, Denket der Hände nicht mehr, die emsig aus tiefer Umnachtung     Lichtwärts sandten den Schatz, dessen das Aug sich erfreut. – Wertlos scheinet der Witz, wenn tieferen Sinns er ermangelt,     Und nur, ein eiteler Geck, selbst sich im Spiegel begafft. Gern auf ländlichem Pfad begegnet der eilende Wandrer     Blumen des Feldes, und pflückt auch sich zum Schmucke den Strauß; Aber mit sinnendem Blicke verweilt er, sobald er erkannt hat,     Daß in dem duftenden Kelch heilende Kraft sich verbirgt. So auch möge der Scherz als kräftige Blüte gedeihen,     Und um der Wahrheit Kern schling er ein zierliches Blatt! (Die Maske abnehmend) Die Narrheit und die Weisheit sind Von Urbeginn Geschwisterkind. Wer ist's, der mir die Grenze nennt, Die Törichtes von Klugem trennt? Wir alle tragen Schellenkappen. Minerva führt dasselbe Wappen In ihrem Staats- und Kammersiegel, Die Eule, wie Till Eulenspiegel. Unnötig war's für solche Sachen, Mit Distichen sich breit zu machen. Doch eins räumt ihr gewißlich ein: Der Dichter muß ein Doktor sein, Weil er die Pillen, die er reicht, Mit Honig sorgsam erst bestreicht. (Er nimmt die Maske wieder vor)         Nimmer mit höhnendem Spott in der Wissenschaft Tempel zu treten     Hat er gewagt, und mit Scheu ehrt er das Priestergeschlecht, Welches in heiligem Ernst das Palladium deutscher Gesinnung     Sorgend bewahrt; doch gern gibt dem Gelächter er preis Jene Afterpropheten, die mißverstehend den Meister     Frech in bombastischem Klang bergen den nüchternen Sinn. (Ohne Maske)             Ein klein Geschichtchen will ich hier Erzählen. Ihr erlaubt es mir! Ein Mann, ein Freund vom Sonderbaren, Hat ohnlängst folgendes erfahren. Ihm kam die Lust, sich einen Affen Als Stubenburschen anzuschaffen. Jüngst ging der Mann nun einmal aus, Und ließ das Tier allein zu Haus; Der Affe aber dachte: »Gut! Hier liegen Stiefel, Rock und Hut! Ich hätte längst schon einmal gern Gespielt, wie er, im Haus den Herrn!« Nun eilt er sich und zwängt und reißt Und zerrt und zieht und drückt und beißt, Bis endlich völlig angekleidet Im Spiegel er Gesichter schneidet. Doch kläglich sah er aus, der Tropf! Den Stiefel trug er auf dem Kopf, Die Arme in den Hosen d'rein; Im Ärmel stak gezwängt das Bein. Er selber zwar gefiel sich sehr Und meinte, wunders, wer er war; Doch als er nun Versuche machte, Umherzugehn, o weh! da krachte Bald hier die Naht, bald wieder dort. Er stolpert, fällt in einem fort, Stößt sich an Tisch und Stuhl und Bank, Schlägt Spiegel ein, zerbricht den Schrank, Bis endlich blutend und zerschunden Sein Herr am Boden ihn gefunden. So ging's und geht's zu allen Tagen, Wenn Affen fremde Kleider tragen. (Mit der Maske)       Fern auch lag es dem Dichter, den einzelnen hart zu verletzen;     Aber der Gattung erklärt gern er den plänkelnden Krieg. Derberen Witzes bedarf das aristophanische Lustspiel;     Nur der verleumdende Spott schleicht auf den Zehen einher, Und auf geglättetem Boden, sie nennen's, der guten Gesellschaft,     Reicht er mit lächelndem Mund stechende Rosen dem Freund! (Wie früher)                   Hätt ich dies früher nur gewußt, Ich hätte recht mit voller Lust Den gröbsten Helden in dem Stück Gespielt und, wie ich glaub, mit Glück; Denn all das Bücken, Schmeicheln, Schwänzeln, Das Tellerlecken und Scharwenzeln, Ich könnt es nie zu Dank besorgen. Nun komm ich heut nicht, komm ich morgen! (Mit der Maske)       Ja, wie hofften wir fromm, das glücklichste Völkchen der Erde,     Als wir den Fortschrittsweg glaubten geebnet vor uns! Alles wurde da reiflich erwogen, demütig erbettelt,     Und dann aufs neue bedacht, wieder erbettelt aufs neu'. Das war alles gar schön! doch ist mittlerweilen die Freiheit     Theoretisch ergraut, praktisch ein lallendes Kind. Endlos wurde gewälzt sisypheischer Stein der Erörterung. Und was habt ihr erlangt? – (Die Maske abreißend)         Wozu die Maske? Sie erschwert Es nur, dem Herzen Luft zu machen. Dies Versmaß ist mir zu gelehrt. Ein deutsches Maß für deutsche Sachen! Ein deutsches Maß, den klaren Wein Der Wahrheit recht hinein zu gießen! Und mag der Trank auch bitter sein, Gesunden Sinn darf's nicht verdrießen. Ihr seid ein Volk von Wiederkäuern, Geduldig wie die Lämmerchen, Gewohnt das alte Lied zu leiern In Kammern und in Kämmerchen! Gut dreißig Jahre sind vergangen, Seit ihr um Freiheit suppliziert; Und neu wird morgen anfangen, Was heute euch zu nichts geführt. Der Beifallssturm wird wieder wehen; Adressenflut von Süd und West, Und will's zuletzt denn gar nicht gehen, Ein höflichst schriftlicher Protest! Dann liegt das Recht verbrieft, besiegelt, Und füllt im Aktenschrank die Bände; Die Kammertür wird zugeriegelt, Und die Komödie hat ein Ende. Entwicklung! Du bequemes Wort, Wenn's nur nicht so verwickelt wäre! Das geht so still und langsam fort, Wie das Lavieren auf dem Meere. O Theorie, du harte Nuß! Du bist unendlich schwer zu fassen; Der goldnen Freiheit Praxis muß Weit leichter sich begreifen lassen. Eins aber habt ihr jüngst erkannt: Wurst wider Wurst! die alte Sitte. Man gibt euch nichts; fest zu die Hand! Nichts geben ist die beste Bitte. Und läßt man euch nach Hause gehen, Kann mir nichts, dir nichts es geschehen. (Mit der Maske)         Dennoch ist groß die Zeit und bedeutsam! Der Engel der Menschheit     Schwingt sich auf leuchtender Bahn mächtigen Fluges empor. Schlummernde Kräfte erwachen; sie ringen nach voller Entfaltung,     Und durch die Wolken des Sturms dringt der belebende Tag. Aber der Schwindel erfaßt auch die Kämpfenden; arge Verblendung     Hüllt sie in tiefere Macht; eines vor allem zumeist, Jene Begierde nach Gold und die Sucht nach Genuß, die im Taumel     Selbst das Gemeinste ergreift, weil sie den Himmel vergaß. Solches erkannte der Dichter, als muntere Rhythmen sich fügten,     Und durch das scherzende Lied klingt ihm der ernstere Ton. (Die Maske abnehmend)         Jetzt ist's genug; denn mir wird bang: Zuletzt wird der Prolog zu lang. Dieweil euch nun, so gut es geht, Allhier erlustigt der Poet, Will ich die lieben deutschen Gauen Nach langer Frist einmal beschauen. Wenn gleich dies Spiel damit begann Herauszurufen einen Mann, Ich hoff nicht, daß es damit endet, Daß ihr euch pfeifend heimwärts wendet. (ab) Erster Auftritt Marktplatz in Traumstadt Peter (als Jockey, tritt auf mit einem leichten Felleisen, sich neugierig umschauend)         Da komm ich endlich denn einmal nach langer Fahrt Hierher in dies mein altes Heimatnest zurück! S'ist wahrlich ganz dasselbe noch wie ehedem. Es liegt, wie sonst, in allen Straßen noch der Mist. Es gackern d'rauf die Hühner, und der Schweinhirt bläst, Und seine Pflegbefohl'nen haben immerdar Gedeckt den Tisch und reichlich rings gewürzt das Mahl. Wo eine Pfütz zu meiner Zeit gestanden hat, Ist sicherlich dieselbe noch. Von Tor zu Tor Wollt ich die Stadt durchwandern mit geschloss'nem Aug, Ohn meinen Fuß zu netzen in dem argen Kot; So ganz beim Alten blieb es unverändert hier. Ja, daß sich was im lieben Deutschland bessern soll, Da braucht es anderer Dinge noch, als Zeit allein, Und legitim wird uns das Schlechte, wenn's nur alt Und angestammt ist. – Pfui, wie stinkt es hier so arg! – Da lob ich mir das schöne Ausland, mein Paris, Das Gewühl der reichen Themsestadt und jeden Ort, Der außerhalb der Grenzen liegt. Das hat doch Art! Hier aber ist es bleiern, unbeholfen plump. Dort hat man, traun! zum Denken nicht die Zeit einmal; Doch hier erfaßt mich selber schon die schnöde Lust Der philosophischen Formel. – Weh, der bösen Luft! Sie wirkt wie ein geheimes Gift. – O hätt' ich doch Mir nur zum Atmen mitgebracht französischen Wind! Ein Mann des Begriffs werd wider Willen hier ich noch. Zweiter Auftritt Der Vorige . Michel (ein Paar ungeputzte Stiefel unter dem Arm tragend.) Michel (Peter erblickend, beiseite)                 Ei was des Kuckucks! Seh ich recht? Gewiß, er ist's! Das ist der Peter! Gänse-Peter hieß er sonst; Sein Vater war der Gänsehirt im Städtchen hier. Leibhaftig ist er's. – (zu Peter)               Guten Tag, mein Peterchen! Du kennst mich doch! Peter                                    Goddam! Wenn du der Michel bist, Warum denn nicht? Wie mager bist geworden du! Michel Und Peter, du wie glänzend reich und schön geschmückt! Peter Vor allem laß den Peter; denn er klingt wie Schimpf! Und nenn mich Piter, Pedro und am liebsten Pierre! Michel Nun Piter, warum bist du also aufgeputzt? Peter So reich belohnt der Brite treues Dienverdienst. Michel Wie herrlich ist's, zu tragen Ausgezeichnetes! Anhängen sich zu lassen etwas, welch ein Glück! Und sei's nur hinten oder vorn ein Schleifchen Band! Peter Des Jockey-Ordens Ritter tragen dieses Kleid, Und unter Dienern bin ich eine Art Baron. – Doch sprich, in Traumstadt hier, wie geht's? Wie lebt ihr denn? Michel Erträglich und geduldig! Meine Studienzeit Verbracht ich mit dem schmalen Erbteil, welches mir Mein Vater hinterlassen hatte, kümmerlich. Dann kam ich heim, und sieben Jahre dient ich nun Als Akzessist, wie Jakob um die Rahel einst. Amtsschreiber wurd ich endlich, und das bin ich noch. Ein kläglich Amt mit kargem Brot! Kaum nährt es mich! Sonst blieb im Städtchen alles im gewohnten Gleis Wir tragen unsre alten Kittel nach wie vor, Und treiben rüstig immer noch Philosophie. Peter Die hab ich euren Pfützen eben angemerkt. Michel Stets forschen wir nach jeden Dinges Urbegriff. Peter Dies liegt, so scheint es, wahrlich in der deutschen Luft, Und etwas philosophischen Kitzel spür ich selber schon. Michel Was hilft uns alles Wissen, fehlt der feste Grund? Peter Dann pflastert eure Straßen! Grundlos sind sie ja! Michel Auch dies hat Sinn: Es bieten Alltagswege selbst Zu tiefer Forschung reichlich uns Gelegenheit. Peter Ersaufen können eure Kinder unterwegs, Wenn sie zur Schul auf diesen Weisheitspfaden gehn. Michel Viel ließe sich erörtern hier, und Sinniges! Doch sei verspart auf bess're Zeit das Wort des Streits! Schwer fällt's, hinabzuschlucken solches; doch es sei! Und jetzo Piter, Pedro und am liebsten Pierre, Erzähl' mir, wie du in der Welt herum dich triebst, Und was du Wunderbares all erfahren hast! Denn daß dir viel begegnet, sieht man gleich dir an. Peter Wohl viel ist mir begegnet! Wie du weißt, so zog, Ich mit dem Junker in die Fremde nach Paris. Das war ein Leben, wie man sich's gefallen läßt! Diners, Theater, Bälle und Grisettenvolk Und Freunde mehr als nötig, neue jeden Tag! Doch eines Abends ward am Spiel mein armer Herr So kahl gerupft, daß außer seiner eignen Haut Fast nichts ihm blieb. Da warfen sie den Herrn und Knecht Zur Tür hinaus. Der Junker ging nach Afrika, Und balgt sich jetzt mit Abdelkadher dort herum. Michel Pfui Teufel, Pierre! Peter                                 Ei was! Mein Frankreich lästre nicht! Michel Gut! Gut! Doch wie dir's weiter ging, erzähle flugs! Peter Das sollst du gleich erfahren. Doch bevor ich dies Dir melde, muß ich wenden mich an jene dort. (Zu den Zuschauern)               Mancher hier wohl könnte meinen, daß es längst veraltet sei, Fremde Sitte noch zu preisen, blind in Lobeshudelei; Aber nein, ihr Toren, täuscht euch! Ärger ist als sonst die Not; Darum will ich euch verkünden, was der Dichter mir gebot. Viel umher ist er gewandert, hat das deutsche Land geschaut, An des Guten reicher Fülle hat sich oft sein Herz erbaut; Aber auch Verderbtes sah er und Verkehrtes mehr als recht. Wenn er einen Freien suchte, fand er oftmals nur den Knecht; Wenn sie ihm mit fetten Worten, redeprunkend laut geprahlt, Und von Einheit und von Fortschritt Gleißnerbilder ihm gemalt, Eitel Schwätzen ist's gewesen, Fastnachtsschwänke, trugesvoll. Aber mehr als alles dieses füllt ihm eins das Herz mit Groll. Seht! Er war zum Rhein gepilgert, und er sah des Stromes Pracht, Dem man jüngst von Amtes wegen manch gespreiztes Lied erdacht; Und in andachtsvollem Geiste bückt er nieder sich am Strand, Wie zur Freiheitstaufe netzt er in der Flut sich Stirn und Hand. Weiter zog er fort des Weges. Heil'ger Stätte naht sein Schritt, Jenen Tälern, wo der Erde heißes Blut zu Tage tritt, Jenen Quellen, die die Gottheit durch ein Segenswort geweiht, Wo zu freud'ger Auferstehung frisch die sieche Kraft gedeiht, Wo der leidensmüde Pilger sich zu neuem Mut belebt, Und beim Scheiden ein Genes'ner seine Hand zum Himmel hebt. Ragen sollte dort ein Tempel, Vaterland, zu deinem Ruhm, Deinen Söhnen und den Fremden als ein würdig Heiligtum! Ja fürwahr! es tragen Säulen dort ein kühn gewölbtes Dach! Ist's der Einigkeit ein Denkmal? Liegt des Zwiespalts alter Drach Eingekettet im Gestein dort in der Erde heißem Schoß? Ist's der jungen Freiheit Tempel? Zieh'n sie dort die schwache groß? – Nein! die Habgier und das Laster halten dort ihr Festgelag, Und in sich'rer Höhle bergen sie des schnöden Raubs Ertrag. Jener Buhlin, die selbst Frankreichs Hauptstadt aus den Toren trieb, Haben sie die Goldpaläste aufgebaut in schnöder Lieb. Eine Bank ist's! – Goldsirenen locken nach der schmucken Bank, Bis die lebensfrohe Barke strandend in die Tiefe sank. Diese Säulen triefen blutig; Tränen sind des Mörtels Naß! Und ihr wagt's, ein Spiel zu nennen? Spiel nur sei es, nur ein Spaß? Ha! dann mag euch Gott bewahren vor dem Ernste, wenn er naht! Gift'ge Früchte muß sie tragen, solche giftgetränkte Saat. Traun! Wie üppig lacht der grüne Teppich in der grünen Welt, Und wie witzig ist dem Heile das Verderben hier gesellt! Habt ihr darum eure Grenzen mit der Zöllner Schar bewehrt, Daß ihr welschen Frevel aufnehmt und den eignen Kindern lehrt? Kaum daß sich im Schmuggelhandel Freiheit in das Land getraut; Doch dem fremden Laster habt ihr Ehrenpforten aufgebaut! Michel             Hinlänglich hast gepredigt du. Jetzt halte ein, Eh gänzlich dir in festem Schlaf die Gemeinde liegt! Peter Nun wohl! – Nach England frischen Mutes zog ich fort, Und trat in Dienste bei 'nem Lord. Das war ein Kerl, Ein Teufelskerl und reicher als das Meer und toll! Doch auf der Fuchsjagd brach der Edle bald den Hals, Er war ein Lord; verstehst du, was das sagt: ein Lord? Der ritt und trank und fluchte dir den ganzen Tag, Und hielt sich Hunde für die Jagd zu Hunderten. Ich mußt als Hundsknecht pflegen sie wie Kinderchen; Die Bestien hatten's besser als ich selber, traun! Michel Pfui Teufel, Piter! Peter                               Lästre mir mein England nicht! Mein nächster Herr durchzog mit mir Italien. Es war ein grundgelehrter Mann, so vollgepfropft Mit Griechisch und Lateinisch, daß die Brocken ihm Beständig aus dem Munde fielen. Er wußte dir, Was Cicero gegessen Tag für Tag und auch Genau die Stelle, wo er sich der Leibesnot Sodann entledigt. Diese teuren Reste nun Zu finden und zu sammeln, zog er durch das Land, Und grub und wühlte wie ein Maulwurf rings umher, So daß er bald Schatzgräber nur im Lande hieß. Doch einst, als bei Frascati frisch er schaufelte, Dort wo des Redners Tuskulum gelegen war, Erschlugen freche Räuber ihn bei solchem Werk, Da seinen Fund er kühnen Muts verteidigte. Michel Pfui Teufel, Pietro! Peter                                 Lästre nicht Italien mir! Mein vierter war ein seltner Kauz. Er sagte selbst, Er sei ein Dichter und ein echt romantischer. Ich will's ihm glauben. Aber wenn er in den Bart Zu murmeln anfing allerlei verrücktes Zeug, Und gar bei Sturm und Regen schrie in die Nacht ein Lied, Der Henker soll mich holen, wenn ich was verstand! Durch Spanien machten beide wir die Sängerfahrt; Denn dort sei Minne, Mohrenschlacht, Guitarrenklang Und Kettenrasseln, Burgverließ und Meuchelmord, Kurz alles fix und fertig für die Poesie Und gleich zu haben, also dachte sich's mein Herr. So war es auch. Erst plündern uns Carlisten aus. Wir retten glücklich unsrer Habe kleinern Rest; Da kommen flugs am andern Tag Christinos her, Nachlese gründlich haltend, bis nichts übrigblieb. Zu Ende war nun Poesie und Sängerfahrt. Michel Pfui Teufel, Pedro! Peter                                 Lästre mir mein Spanien nicht! Da ich mit jenen Vieren so schlecht gefahren war, So wollt ich's jetzt versuchen mit der Industrie, Und nahm bei einem Peitschenmacher neuen Dienst. So etwas Höflich-Untertäniges gibt es kaum; Sein Leben war ein einz'ger Bückling; selbst bei Nacht Im Bette schlief er nach gewohnter Weise krumm. Darum nach Rußland zogen wir, allwo mein Herr Auf viele Kunden zählte. Anfangs ging es gut; Doch als er mit devotem Bückling eines Tags Sich samt den Knuten einem Großen anempfahl, Da sprach das Unglückswörtchen er: Ich bin so frei, Und – – Michel               Und? Peter                         Ja! Und verschwunden war mein Herr fortan; Und frug ich wen, ob seiner Rede wegen man Ihn nach Sibirien fortgeschafft, so hieß es: St! Michel Pfui Teufel, Pieter! Peter                                 Lästre mir mein Rußland nicht! Michel Was aber führt nach Hause dich, wenn gar so gut Die Fremde dir gefallen hat? Peter                                               Ja, Michel, sieh, Jetzt reis' ich mit dem sechsten Herrn im Land umher! Michel Du warst in Frankreich, wie man merkt. Wie unsereins Den Rock, so mit der Herrschaft wechselst du im Nu. Peter Ja der ist auch der wahre, ein Allerweltsgenie! Leichtsinnig trotz dem Junker und Luftschlösser baut Er trotz dem Dichter, gold'ne glänzende, rein aus nichts, Und höflich wie der Peitschenmacher kann er sein. Versprochen hat er reichen Lohn. Michel                                                       Du Glücklicher! Doch sag, woher gebürtig ist denn dieser Mann? Peter Er nennt sich selbst Weltbürger nur, und dort hinaus In Nirgendheim besitzt er große Güter. Michel                                                               Potz! Doch etwas treibt ein jeder stets als Broterwerb. Peter Mir scheint, daß jener alles kann, und, wie er sagt, So wirkt er für des Volkes Wohlfahrt spät und früh. Michel Schulmeister ist er sicher! Peter                                           Oder Diplomat! Michel Jedoch nach Traumstadt, welcher Zufall bringt ihn her? Peter Erzählt Von eurem Treiben hab ich vieles ihm, Und wie ihr ins Abstrakte euch so ganz versenkt, Da rief er laut: »Ha, solche Leute g'rad wie euch Hab lange schon ich aufgesucht. Wir reisen hin! Und meine Ankunft segnen wird die Stadt sofort, Denn Glück nur, ungemeines, künd ich ihr und Heil. Ich streu des Reichtums Fülle über alle aus, Daß selbst des Bettlers Börse hochauf strotzt von Gold.« Michel Was, echtes Gold? Gemünztes Gold? Peter                                                             Vollwichtig rein! Michel (seinen Geldbeutel ziehend) Den Beutel hier ganz schwer und voll? Peter                                                               So dir, wie mir! Michel Juchheisa, Juchhe! Längst hab ich genug Ja den Ochsen gemacht, und am Joche den Pflug       In der Knechtschaft Acker gezogen. Schon steigt mir vom täglichen Braten der Duft, Wie Märchenerzählung zur Nase; die Luft       Kommt backwerkverheißend geflogen. Und die Schwielen sind fort, schon fühl ich die Hand Mir wie Seide so zart, und ich hab elegant       Sie umhüllt mit dem glänzenden Bocksfell. Ich rauch in Gedanken schon seinen Tabak, Und trage den modischen köstlichen Frack       An des schmutzigen zwill'chenen Rockes Stell'. Ich gehe gespreizt in den Gassen umher, Und kenne die alten Bekannten nicht mehr;       Mein Hut sitzt tiefer und schiefer. Sonst fielen die Bissen nur kärglich und schmal, Da war ich natürlich verdammt liberal;       Jetzt werd ich ein Konservativer. Peter Halt, halt mein Freund! Bocksprünge macht gewaltige Die Phantasie. Noch immer scheint nicht schulgerecht Gezäumt und zugeritten mir dein Geist zu sein. Du mußt die philosophische Reitbahn eifriger Besuchen noch! Das glaube mir! Michel                                                     Viel Streiche spielt Einbildung uns, und alle leiden wir daran. (Man hört in der Ferne einen Marsch spielen.) Peter Horch Michel! – Was bedeutet dies Gedudel dort? Ist heute Kirchweih oder sonst ein Fest bei euch? Michel Das ist der Zug der philosophischen Ritterschaft! Die feiert heute, als am Sonntag Judika, Ihr Stiftungsfest und hält ein groß Begriffsturnier. Peter Was? Ritterschaft? Begriffsturnier? Du meldest da Ganz unerhörte Neuigkeit. Michel                                           Du wirst sogleich Festprangend hier der Bürger großen Feierzug Erscheinen seh'n, und Kampfesrichter sind ernannt. Es wird auf offnem Markte dann um hohen Preis Entspinnen sich das philosoph'sche Wettgespräch. Peter Ergötzlich scheint mir solche Wortkatzbalgerei! (Die Musik näher) Michel Doch wehe mir! ich schwatze da. Peter                                                       Was fehlt dir, Freund? Ich glaube gar, du fühlst im voraus jetzo schon Des Kampfes Beulen und der Logik plumpe Faust; Blau unterlaufen wimmert dir der Geist bereits. Michel Vergessen hab' ich schmählich mein Geschäft! Peter                                                                           Und was? Michel Dem Herrn zu putzen jenes schmutz'ge Stiefelpaar. Peter Wie! Kümmert sich die Weisheit auch um solchen Dreck? Michel Es ist der Amtmann ohnedem mir bös gesinnt, Da feindlich ihm mein Denksystem entgegentritt. Peter Nun gut! So tritt ihn wieder systematisch derb! Michel Mein Amt verlier ich und mein Brot! (Die Spitze des Zugs zeigt sich)         Weh! Schon zu spät! Dritter Auftritt Die Vorigen . Der Zug Musik eröffnet denselben. Vor der ersten Abteilung, den Schellingianern, wird eine Fahne getragen, die an sich blau und schlechthin leer ist; die blaue Farbe ist aber vor Alter hie und da verblichen und weiß und an andern Stellen durch Mißbrauch schwarz geworden, so daß das Ganze sehr konfus aussieht. Auf dem Bande steht das Motto: Transzendentes Spekulieren Muß sich in das Blau verlieren. Es folgt die erste Abteilung der Begriffsritter. Ein Herold trägt auf seidenem Kissen: einen Nußknacker. Eine andere Fahne eröffnet den zweiten Teil des Zugs. Da dieselbe in den Winkel gestellt war, so haben sich die Farben verwischt, und das Weiß des sichtbaren Lichts und das Schwarz der sichtbaren Finsternis sind in ein gemeinschaftliches an und für sich unverständliches Grau zusammengeflossen. Sie führt die Inschrift: Grau, wie ihr wißt, ist alle Theorie; Nur was sich selbst verneint, das ist Philosophie. Begriffsritter, die Hegelianer, schließen den Zug. Die graue Fahne nimmt mit ihren Rittern die linke, die blaue die rechte Seite ein. Während der Zug sich so ordnet, wird vorn rechts und links ein geschmücktes Katheder aufgestellt. Der gesamte Chor                   Wie so selig vor allen zu preisen     Ist, o Menschengeschlecht, dein Los! Denn im Drange nach Wahrheit, im heißen     Und gewaltigen, fühlst du dich groß. Nimmer rastet zum Lichte dein Streben, Und es bürgt für dein göttliches Leben,             Daß du denkend lebst,             Nach Erkenntnis strebst, Und aufglänzendem Fittich zum Himmel schwebst. Wie am Morgen im grüßenden Strahle     Sich die duftende Blume erschließt, Wie es rauscht durch die Wipfel im Tale,     Wenn des Frührots Glut sie umfließt; So erzittert die Seele in Wonnen, Wenn die dumpfigen Nebel zerronnen,             Und der Wahrheit Licht             Durch die Schatten bricht, Und den leuchtenden Kranz um das Haupt ihr flicht. Doch Euch, die ihr schreitet in Klarheit     Als ein Heldengeschlecht uns voran, Die als flammende Säulen der Wahrheit     Durch die Wüste gelehrt uns die Bahn, Euch ein Lied, ein begeistertes, töne! Mit der Wahrheit wandelt das Schöne,             Und die Dichtung reicht             Einen Kranz, dem leicht Nicht ein anderer Preis auf der Erde gleicht. Vierter Auftritt Die Vorigen . Der Amtmann (kommt zornig aus seinem Hause, in Schlafrock und Pantoffeln, ohne den Chor zu bemerken) Amtmann             Schon nah dem Hause höre ich des Zuges Lärm, Und immer bringt der Michel noch die Stiefel nicht, Und meine Philosophenstiefel sind es just, Das einzige Paar zum Denken mir bequem genug; Denn nicht bei jedem Satze will empfinden ich, Wo mich der Schuh gewöhnlich drückt. Wie helf ich mir? Verdammter Kerl! Verlassen steh' ich und blamiert! Mir kocht das Blut! – (den Michel erblickend und anpackend)                                     Halunke, halt! Was stehst du da, Maulaffend? Sprich! Die Stiefel such' ich überall. Michel Mein gnädiger Herr, hier bring' ich sie! Amtmann                                                                 Was, ungeputzt? Michel Ich lauschte dort dem Chorgesang, und dachte nach. Amtmann (den Chor erblickend) Was diese hier? In solchem Aufzug misch ich mich In jenen Aufzug! Deinetwegen duld ich dies, Du fauler Knecht! Geh, suche einen andern Dienst! Amtsschreiber bist gewesen du! Bist abgesetzt! Michel O weh! das heiß' ich wirklich doch sich selbst gesetzt! Peter (zu Michel) So trag' du als gesetzter Mann dein Mißgeschick! Michel Wenn je ein Los entsetzlich war, das meine ist's! Amtmann Hier steh' ich nun im allertiefsten Negligé! Herold (als Chorführer) Schlechthin den Philosophen seh' ich so in dir. Amtmann Als Mensch an sich zu wandeln, scheint mir abgeschmackt. Herold Zerzauste Kleidung, gilt sie nicht für genial? Amtmann So war es sonst; doch anders jetzt, wo aufgeputzt, Ein ganz vollendet Modebild, langhaarig zwar, Doch glatt gekämmt sich nur das Genie bewundern läßt, Es duftet jetzt von Wohlgerüchen. Jeder merkt, Der riechen kann, hier müsse was Berühmtes sein. Herold Der faltige Schlafrock ist des Denkers Kriegsgewand; Pantoffeln fördern auf der Forschung Wegen uns So schnell wie Siebenmeilenstiefel. Tröste dich! Peter (zu Michel) Und du gedenke meines Herrn, und was ich sprach! Goldklumpen wird er sicherlich verschaffen dir. Dann reisen wir zusammen. Darum tröste dich! Michel Ich Tor vergaß die frohe Aussicht ganz, so sehr Hat mich erbost des Bürokraten Tyrannei. Peter (zu dem Chor) Wenn ihr, o Herrn, dem Fremden mir erlaubt ein Wort, So glaub ich, daß kein beßres Ziel für euren Witz Ihr finden werdet, als den Urbegriff des Drecks. Amtmann Mir dünket wohl gesprochen dieses Wort und klug, Und vieles denk ich über Urbegriff des Drecks. Michel Doch ich, Herr Amtmann, denke, daß ihr gar nicht wißt Und nie erfaßt habt diesen Urbegriff des Drecks. Amtmann (springt auf das Katheder der rechten Seite) Ich bin des Kampfs gewärtig! Nun, wer will heran? Michel (auf dem andern Katheder) Ich nehm den Handschuh freudig auf und stelle mich. Herold Nun wohl, so hört: Des Tages Losung sei der Dreck! Chor             Die Wissenschaft, wie ziert sie deutsches Land! Stolz seh ich ihres Tempels Mauern ragen; Es glänzt der hohen Zinnen prächtig Band; Von Riesensäulen wird ihr Dach getragen. Die Freiheit hat mit mächtig starker Hand Der Pforten goldne Flügel aufgeschlagen. Der Lehre Freiheit ist das Unterpfand Für unsre Kraft in gut und bösen Tagen. Peter Mit eurer Freiheit seid ihr bald am Ziel; Die Herrn im Lande leiden sehr am Magen. Das heißt's diät gelebt; denn etwas Viel Erregt ein gar gewaltig Mißbehagen. Man läßt euch euer metaphysisch Spiel, Den dürren Knochen dürft ihr schon benagen; Doch wenn dem Herrn der Knecht nicht mehr gefiel, So gibt's den Grund, den Burschen wegzujagen. Herold (zu dem Chor)         Jetzt Ruhe gebiet ich den Redenden euch; zum Kampf steh'n jene gerüstet. Peter Ich aber, ich mache geschwind mich davon, weil gar nicht mich weiter gelüstet, Zu vernehmen das Gallimathiasgeschwätz. Doch dem Herrn will alles ich melden. Herold Ihr zwei nunmehr jetzt zeigt, was ihr könnt, und gebart euch wie männliche Helden! In der Wissenschaft prangende Rüstung gehüllt und mit logischen Schienen bekleidet, Auf! laßt uns sehn, wie ihr kämpfet den Kampf, wie das Pferd Dialektik ihr reitet! Wohl ist sie ein Pferd, da sie Hegel genannt: Das Prinzip des Begriffs in Bewegung. Bleibt sattelgerecht, und gebrauchet den Witz als spitziger Spornen Erregung! Wohl decket die Brust mit dem Schild des Systems, dem bemalten mit Greuelgestalten, Und den Scharfsinn schwinget als Lanze behend, um den Feind euch vom Leibe zu halten! Dann stecht und pariert, macht Finten und haut und beweist uns eure Gewandtheit, Wie geschmeidig der Geist, durch Turnen geübt, wie den Meistern im Fach ihr verwandt seid! Nicht klein ist der Preis, und es werde der Held ruhmwürdig vollendeter Tat froh. Seht, dort ist der Lohn, philosophisch Gerät, uralt: Nußknacker des Plato! – Wie das Recht es verlangt, ist die Sonne geteilt; um jeden geschart sind die Gleichen, Die Bläulichen hier und die Gräulichen dort. Wohlan, so geb' ich das Zeichen! (Trompetenstoß. Der Amtmann und Michel schauen sich längere Zeit scharf, aber schweigend an) Amtmann         Nun frisch und hau! Ich bin bereit. Michel                                                         Längst lieg' ich in Parade. Amtmann Hau zu! Michel               Hau du! Amtmann                             Ich hab Geduld. Michel                                                         Das klingt wie Retirade. Amtmann Du negativer Philosoph! Du schiltst mich einen Feigen! Wie flach dein Sinn, wie leer dein Kopf, ich will's alsbald dir zeigen. Ich will beweisen, daß du nie erkannt den Sinn des Dreckes, Daß wortvergeudend du damit gespielt ein Spiel, ein keckes. Ein jeder, der nur spricht vom Dreck als männlich, und ihn der nennt, Bezeugt des Sinnes Blödigkeit, und wie er kreuz und quer rennt. Jetzt aber Achtung! Aufgepaßt! Und hör' auf jedes Wörtchen! Durch kleine Gäßchen führ' ich dich und log'sche Hinterpförtchen. »Subjekt und Objekt«, absolut identisch sind die beiden; Es ist das »A egal dem B« und nicht zu unterscheiden. Das B, das Objekt, ist der Dreck. Dies ist doch reine Wahrheit? Daß ich das A, das Subjekt, bin, ist evidente Klarheit; Und mithin bin ich selbst der Dreck, ich selbst, identisch bin ich! Es ist bewies'ne Wahrheit dies und wenn auch widersinnig! Wenn einer nun gesetzten Falls den Dreck euch produziert hat, So folgt daraus, daß dieser Mann sich eben selbst kreiert hat. Nun nenn' ich solche Zeugung doch wahrhaftig ungeschlechtlich, Und sag ich: der, und sag' ich: die, so ist es widerrechtlich. Vielmehr um diesen ganzen Schluß in einem Wort zu fassen, So kann fortan als richtig nur: das Dreck ich gelten lassen. Chor der Bläulichen     Das Dreck! Das Dreck! Ja das, das, das! O feine Philosophennas'! O Spürkraft sondergleichen, Was kannst du nicht erreichen!       Und wenn in das Meer       Versunken sie wär', Die köstliche Perle der Wahrheit,       Solch Tauchertalent,       Es fischt sie behend, Zu des Tags hell leuchtender Klarheit. Michel           Du transzendenter Zahlenmann! Durch solcherlei Exempel, Durch A und B erschleichst du nie der Wahrheit heil'gen Tempel. Subjekt-Objektivierung! Hu! Mir flimmert's! Mir wird wehe! Welch arg Begriffsgemengsel dies! Zentaurenhafte Ehe! »Nur wenn Idee sich selbst verneint, läßt sich das Ding erkennen, Und die Idee im Anders-Sein nur kann Natur ich nennen«. Doch jetzo gilt es! Schürzt das Kleid des Geistes, um zu steigen Zu philosoph'schen Nebelhöh'n! Jetzt heißt es, Kräfte zeigen! Der Logik Alpstock nehmet mit! Fest müßt den Schuh ihr binden! In tiefen Abgrund klettern wir, die Wahrheit dort zu finden. Mein erster Satz, er lautet so: Der Dreck ist Erd' und Wasser; Denn wenn es regnet, liegt er rings, ein unergründlich nasser. Nun sprech ich aus den nächsten Satz; ein wicht'ger ist's, mein zweiter. Das »Wasser ist passives Sein für and'res« und nichts weiter Als einfach nur das »Element selbstlosen Gegensatzes«. Bewahrt euch sorglich dieses Wort, und freut euch solchen Schatzes! Der dritte aber heißt, wie folgt: »Das Element der Erden Ist nur entwickelter Gegensatz und sein persönlich Werden.« Nun kommt der Schluß: Es ist mithin der Dreck für nichts zu halten, Als daß sich hier Selbstlosigkeit persönlich will gestalten. Dies ist der Dreck! – Ihr gafft und staunt! – Ich bin noch nicht zu Ende, Und hören sollt ihr nun sogleich, wie fein ich alles wende. Die Erde, die befruchtet wird, sieht man als Weib mit Recht an, Und wird der Dreck von ihr bestimmt, so nimmt er ihr Geschlecht an. Es kann der Dreck mithin kein Mann, noch kann er auch ein Ding sein; Und sag ich: der, und sag ich: das, muß mein Verstand gering sein. Vielmehr um diesen ganzen Schluß in einem Wort zu fassen, So kann fortan als richtig nur: die Dreck ich gelten lassen. Chor der Gräulichen     Die Dreck! Die Dreck! Ja die, die, die! Du leuchtend Licht, Philosophie! Du Falke sondergleichen, Was kannst du nicht erreichen?       Und läg' der Demant       Der Weisheit gebannt In des Dhawalagiris Geklüfte,       Dich trüge sofort       Dein Fittich zum Ort Übers Meer, durch Wolken und Lüfte. Amtmann                 O Schwätzer, der kein Ende macht! Du Phrasenteigzerkneter! Du bringst ein Backwerk mir zu Tisch, so zäh wie Sohlenleder! Bei solcher Sudelkocherei ergreift ein Schüttelfrost mich. Wer klug ist und gesunden Leibs, bewahrt vor solcher Kost sich. Doch weiter will ich melden jetzt, was ich im Dreck ergründet. Ich bin das A, der Dreck ist B, wie ich bereits verkündet; Und wenn ich als Beschmutzer nun durch Dreckvermählung dasteh, So gibt die Formel sich von selbst, ich bin dann nichts als AB. Nun ist das A egal dem B, begrifflich nicht zu trennen, Und darum kann mit Fug und Recht den Dreck AA ich nennen. »A auf der Zweiten gilt als Licht«. Jetzt kann ich weiter schließen: Der Dreck ist Licht und Licht der Dreck. Das hab' ich klar bewiesen; Und bin ich Dreck, so bin ich Licht, und leuchtend bin ich Klarheit, Und mein System ist Strahlenglanz und, was ich lehr', ist Wahrheit; Doch was als Weisheit mancher sonst zu Kaufe trägt im Land um, Ist Pfuscherarbeit, ohne Wert. Quod erat demonstrandum. Michel Da hast du etwas Kluges und gar pfiffig aufgefunden! Amtmann         Nicht wahr? Ich hab' dir Sinn und Wort geknebelt und gebunden? Michel         Die Sonne ist mithin für dich ein Haufen alten Mistes? Amtmann         Der Schluß ist richtig. Ohne Scheu gesteh' ich! also ist es! Michel         Der Fackelträger ist dir auch ganz gleich dem Kehrichtwagen. Amtmann         Ich wüßte keinen Unterschied an beiden dir zu sagen. Michel         Das Riechen ist dem Sehen gleich. Das sieht ein kleines Kind ein. Amtmann         Wer blind ist, hat den Schnupfen auch, ein Schnupf'ger muß auch blind sein. Michel (springt von seinem Katheder)         O Grashalmwuchsbelauscher du! Was lehrst du Albernheiten. Amtmann (gleichfalls)         O philosoph'scher Don Quixote, mit dir ist nicht zu streiten! Michel         Im Dreck nur liegt des Drecks Begriff. Wer will mir das verneinen? Amtmann         Jetzt weiß ich, wo ich suchen soll: Bei dir und bei den Schweinen! Michel         Potenzenmacher! Formelheld! Besteht dein Witz im Schelten? Amtmann         Es ist der Dreck »ein Ding an sich.« Nichts andres laß ich gelten. Michel         Es ist der Dreck ein Ding an dir. Beschau dich nur beim Licht recht! Amtmann         Ha, Floskeldrechsler, pack' ich dich, dann geht's dir, armer Wicht, schlecht! Chor der Gräulichen (zu Michel)       Sprich du von Hegel Nur zu Verständigen! Chor der Bläulichen Ist denn der Flegel Nimmer zu bändigen? Chor der Gräulichen Hätt' ich den Stecken Hier nur, den tüchtigen, Wollt' ich dich, Kecken, Weidlich abzüchtigen! Chor der Bläulichen Wenn du getraust dich Den zu beleidigen, Mußt mit der Faust dich Hier du verteidigen. Michel           Macht's kurz! Den Siegespreis mir her! Ich hielt mich kühn und wacker. Amtmann Ich rase und bin außer mir! Für mich den Preis, den Knacker! Michel (den Amtmann mit Kot werfend) Da nimm', was dir gebührt! Das Dreck! Ich setz ins rechte Licht dich. Amtmann (ebenso) Die Dreck für dich! So schaff ich dich; bis jetzo warst du nichtig. Chor der Bläulichen       Auf ihr Getreuen! Helfen ist ritterlich. Chor der Gräulichen Wahrlich bereuen Sollt ihr es bitterlich! Einzelne (durcheinander, bei allgemeiner Prügelei)         Nußknacker! – Au! – An sich! – O weh! – Schlechthin! – Mein Kopf! – Ihr Flegel! – Identität – Borniertes Volk! – Idee! – O Schelling! – Hegel! – Ihr Nebulisten! – Ideal! – Das A gleich B! – Ich blute! – Totalität! Begreifst du jetzt! – Barbar! – Das Absolute! – Fünfter Auftritt Die Vorigen Während des Tumults ist Flunkerton aufgetreten, gefolgt von Bürgern, Weibern und Kindern. Er ist reich und bunt gekleidet. Vor ihm her gehen zwei Mohren, die nach den letzten Worten ein kurzes Trompetenstück blasen. Die Begriffsritter fahren erschrocken auseinander und hinken auf ihre früheren Plätze. Herold           Was soll das Blasen? – Fremdling, rede! Warum störst Die philosophische Unterhaltung du mit Lärm? Flunkerton Verzeihet mir, hochedle Bürger dieser Stadt! Nicht wußt' ich, daß Ideenaustausch dieses sei, Was ich soeben eifrig euch betreiben sah. Herold Nicht wundern darf dich dieses, denn es kann der Geist; Nur dann sich aufwärts schwingen ungehindert frei, Wenn ihm als Sklav' der Körper völlig untertan. Flunkerton Ha! ich versteh'! Ihr prügelt darum euren Leib, Daß euch der Geist verschlagen und geschmeidig wird. Amtmann So ungefähr! – Doch eine Frage muß ich tun Als Obrigkeit. Wie heißest du? Wo kommst du her? Weshalb bei uns verweilest du? Wohin gedenkst Du dann zu gehn? Dein Alter sage, deinen Stand! Ob auch Gepäck, ob Dienerschaft du bei dir hast? Ob Zeichen du, besondre, an dem Leibe trägst? Kurz, alles sage, was du weißt! Gib mir den Paß, Den Tauf- und Impf-, Geburts- und Heimatschein heraus, Und andres, was ein jeder haben muß, der reist! Auch untersuchen lasse dich, ob nicht die Pest Ins Land du schmuggelst, oder gar ob im Geruch Politischer Verdächtigkeit du etwa stehst? Geschwind; denn all dies wissen muß die Obrigkeit! Michel Mit Lebehoch begrüßen müßt ihr diesen Mann; Denn reiches Glück verschaffen wird er allen uns! Er räuspert sich! – Amtmann                               Schweig, abgedankter Philosoph! Flunkerton Nicht eigner Vorteil führet mich zu euch hierher, Hochedle Bürger dieser Stadt, gepriesene! Es lauert nicht des eignen Vorteils schlauer Plan In meinem Wort, der Schlange unter Rosen gleich. O nimmermehr! Nur euretwegen bin ich hier, Um euer Glück zu gründen, eurer Kinder Glück, Das Glück des ganzen Stammes bis in späte Zeit; Und da ich nun versammelt sah die Klügsten hier, So glaubt' ich, dieses sei der rechte Augenblick Zu künden euch das neue Evangelium. Und welches Volk, ihr Söhne Teuts, kann messen sich Mit euch an Ruhm und aller Tugend Überfluß? Wohl ist zu nennen euer Land Europas Herz, Und wie durchs Herz die reinste Lebenswelle fließt, So seid auch ihr von altem Volk das edelste; Treuherzig und vertrauend, wenn auch oft getäuscht. Ihr nehmt das Wort, bescheidnen Anspruchs, für die Tat. An schmale Kost von früher Jugend auf gewöhnt Erquickt ein leer Versprechen euch für lange Frist, Und magre Redensarten gelten für ein Mahl. Der Araber lebt mit wen'gen Datteln lange Zeit, Dem Kamel genügt ein einziger Trunk für weite Fahrt; Doch ihr behutsam wisset hauszuhalten noch Mit weniger; denn Jahrhunderte lang zur Zehrung reicht Euch eine einzige große Tat, und macht euch satt. Heil euch! Hat Hermann, euer Urahn, nicht die Macht Des Römers in Hercynischer Waldesschlucht erdrückt? Ruhmwürdiger Held! Doch Größeres noch als dieses habt Ihr selbst vor wenigen Monden unter euch geschaut. Wie einst ein unbekannter Hirtenknabe kam Und aus dem Bach den schlechten Kiesel griff, und schlug Den weiland groben Goliath aufs harte Haupt, So kam ein unbekannter Sänger, nahm ein Lied, Ein schlechtes aus dem breiten wasserreichen Bach Der Lyrik, und, o Wunder! durch fünf Strophen nur An hunderttausend Franken schlug er in die Flucht. Chor         Und hätten sich alle die Völker vereint, Und die Welt, die gesamte, sie wär uns feind,     Wir haben noch zu Schirm und Wehr     Der Verse viel, gleich Sand am Meer.             Mit Schreiben             Vertreiben             Wir alle die Scharen!             Wir stropheln             Die schofel'n             Gesellen zu Paaren! Flunkerton         Und noch durch anderes einzig steht ihr da, und groß; Denn ausgerüstet mit des Scharfsinns Grubenlicht Befuhren eure Meister, tief hinab, den Schacht Ins Unergründliche. Sonderbares brachten sie Zu Tag', groteske Stalaktytenbildnerei Und Petrefakten, metaphysisch rätselhaft. Den Dom der Weisheit bauten sie mit diesem Schatz, Den labyrinthischen Wunderbau, System genannt. Noch kann der Sterblichen keiner rühmen sich, daß je Aus dieser Gänge Knäulgewind' den Weg er fand. Ein unentweihtes Heiligtum ist dieser Bau, Ein Wunder, wie kein andres Volk es zeigen kann. Ihr seid genügsam, tapfer und in Weisheit groß! Sagt, gibts ein Volk des Glückes würdiger wohl als ihr? Chor         Ja, wenn ich's bedenke, so geht es uns schlecht! Zum Teufel, ich glaube der Fremde hat recht!     Wie Honigseim so süß und mild     Das Wort ihm von der Lippe quillt.             Wir dürfen             Es schlürfen             Mit vollem Behagen.             Was hast du,             O Gast du,             Noch weiter zu sagen? Flunkerton       Es spricht die wahre Größe mit bescheidnem Wort. Vertrauen zu erwecken, red ich von mir selbst. Ihr wißt, es herrscht auf Erden rings ein Leben jetzt, Wie nie vordem; da regt sich alles ohne Rast, Und jeder will der Erste sein; das eilt und stürmt Und glüht! Erfindung jagt Erfindung; wirbelnd faßt In brausend hohen Fluten uns des Lebens Strom; Ein einzig Rettungsufer winkt, es heißt: Besitz. Ein einzig Rettungsmittel gilt, es heißt: Gewinn. Das Geld ist Gott, und Industrie der Glauben jetzt. Und diesen Gott zu künden, komm ich als Prophet, Und lehre als Apostel diesen Glauben euch. Schaut rings! Wie hab des Großen ich soviel getan! Es eilt der Ruhm auf goldnen Schwingen vor mir her. Ich hab den Dampf geknechtet und ins Joch gespannt; Ich leg den Eisengürtel um den Erdenball, Und bald gemächlich schmauchend geht der Pescheräh Am Themseufer mit dem Dandyvolk einher, Und schmutzbedeckte Samojeden kommen dann Als neue Nachbarn täglich nach Berlin, um dort Die jung verstorbne Karikaturfreiheit zu schaun, Das alles werd' ausführen ich und vieles mehr. Ich warf den goldenen Segen in den leeren Schoß: Mit lautrem Wein, wie euer Heiland einst getan, Hab ich den Wasserkrug der Armut reich gefüllt. Ein gleiches soll geschehen jetzt auch hier im Land! Ja, hört nur staunend! Lieblich klingt wie Flötenton Die Rede. Des Überflusses Schleusen öffn' ich weit. Das hehre Wort der Bitte sollt vergessen ihr; Es ströme Reichtums Fülle auf die Darbenden! Amtmann                                 Heil! Ja, Heil! Wer in goldener Wiege die Stunde     Einer glücklichen Kindheit verträumt, Wem in goldener Schale am Munde     Eine freudige Jugend verschäumt, Wem der Reichtum in Fülle entgegen     Seine Gaben, die goldenen, beut, Wem die Götter den goldenen Segen     Auf geebnete Pfade gestreut! Michel                       Aber Weh! Wer in mageren Händen kein Geld hat     Und den Zahn sich an Krusten zerbricht, Wem die Armut die Tafel bestellt hat,     Wem der Hunger das letzte Gericht, Wen die Not, ein gestrenger Gebieter,     Mit den eisernen Fäusten ergreift, Wem der Wind um die schaudernden Glieder     Durch das schäbige Kittelchen pfeift! Chor     Wie herrliche Rede, Wie köstliches Wort! Er hat es gesprochen, Der Fremdling dort! Es singt mir im Ohre So lieblich und hold Wie klingende Münze, Wie lauteres Gold. Herold             Nun sprich, was du verheißen hast, wie führst du's aus? Flunkerton Ihr wißt, was jenes großen Herschels größ'rer Sohn Im Mond vor wenigen Jahren eine Wunderwelt Entdeckt hat. Welch ein herrlich Land, gesegnet reich! Auf dicht belaubten Bäumen reift die süße Frucht, Es brüllt durch schattige Wälder wohlgemut der Stier, Gazellen springen freudig auf dem Blumenrain, Und an des Stromes Ufer geht das Einhorn stolz. Was keine Kraft der Phantasie ersinnen kann Und mehr als alle Märchenpracht des Orients Hat jenes Astronomen trunkenes Aug gesehn. Es bricht aus dunklen Tälern dort ein seltsam Licht; Turmhoch erglänzen Amethystenfelsen dort, Abwechselnd mit Rubinen und Smaragdgestein; Der Boden ist gediegnes Gold; aus jedem Spalt Vorquellend drängt zu Tage sich das gelbe Erz. Schlanksäulige Palmen wiegen sich im Abendwind, Und leise rauschend in des Ufers weißem Sand Zerschmilzt des Meeres Woge; freundlich spült sie her Zum leckeren Abendschmause frischer Austern viel. Vor seinem Bau, ausruhend von dem Tageswerk, Gemütlich sitzt der Biber; doch nicht solcher ist's, Wie hier bei uns, ein dummes Tier mit plumpem Schwanz. Nein! Jener weiß sich Feuer anzumachen selbst Und kocht zum Abendessen sorglich erst den Fisch. So sitzt er, schlürft behaglich der Zigarre Pfropf, Versunken ganz in philosophische Grübelei. Chor                 Was! Im Monde treibt der Biber                 Absolutes! Er, ein Tier! Flunkerton                 Überrascht dich dies, mein Lieber?                 Mancher Esel treibt es hier. Vom größten Wunder aber meld' ich später euch, Von jenen Seleniten, die als Menschen dort Und Eingeborne leben, seltsam an Gestalt. Michel So glaubst du also, jenes sei ein Wirkliches, Was mit dem Riesenteleskop der Mann gesehn? Ich hielt es für Buchhändlerwitz und Possen nur. Flunkerton Ob ich es glaube? Welche Frage dies, o Freund! Ich selber war im Monde, sah mit eignem Aug, Und hört', und schmeckte alles, was ich euch erzählt! Chor                 Wie im Mond gewesen seist du?                 Was du sagst, ich glaub' es kaum. Flunkerton                 Höher noch erhebt, das weißt du,                 Sich der Geist im ew'gen Raum. Ich fand der Luftschiffahrt Geheimnis; mir gelang's. Was ich gesagt, beweisen will ich's euch hernach. Zwei Monde wohl verweilt' ich dort in jenem Land, Genau mir alles prüfend und mit Vorbedacht Durchreisend jene Gegend, die die reichste schien. Ja, im Vergleich mit jenem ist der Boden hier Nur Wüstenei und unbebautes Steppenland! Ich bin zu euch gekommen nun und biet euch an: Ich führ ins Reich des Mondes euch, so viel ihr wollt; Auswandern ist ja ohnedem allhier Gebrauch. Verkauft, was ihr verkaufen könnt, und folgt mir nach! Wir siedeln uns dort oben an, und gründen so Die Mondskolonisationssozietät. Amtmann Ha schön! Doch gleich zum Präsidenten wähl ich mich. Wie aber willst du schaffen all uns dort hinauf? Flunkerton Auf Steckenpferden reitet ihr bequem dahin. Elektromagnetismus macht dies alles leicht. Chor Erzähle mehr uns, Neues von dem Wunderland! Flunkerton         Nun, wenn ihr es wollt, will gern ich euch mitteilen, was dort ich gefunden. Doch meld' ich auch Dinge, die nie ihr gehört, ja wunderlich klingende Kunden, Nicht schüttelt mir dann ungläubig das Haupt mich verdammend als Lügenerfinder, Als sei, was ich sage, Poetengeschwätz, Wahrhaftiges wenig dahinter! Ihr seid ja doch sonst an den Glauben gewöhnt und an allerlei Freiheitsverheißung; So setzet euch heute mit mir an den Tisch zu erquicklicher Redeverspeisung! Was einst ihr vom Land der Schlaraffen gehört und als müßige Träume verlachtet, Das hab' ich alles im Monde geseh'n und staunenden Auges betrachtet. Dort lächelt um euch ein beständiger Lenz, und im Froste erzittert ihr nimmer; Dort brennt kein Feuer im schlechten Kamin, nie euch qualmt der Rauch durch das Zimmer. Voll Lust durchstreift ihr die herrliche Flur, euch göttlicher Faulheit ergebend; Denn Arbeit gilt ein Verbrechen alldort, und es scheut sie alles, was lebend. Ja selbst des Verstands könnt füglich ihr euch entäußern; denn nicht ist erlogen, Was uns der Poet Ariosto erzählt, daß dort man auf Flaschen gezogen Gar trefflich ihn findet, und während bei uns Vieltrinken dem Kopfe verderblich, So nehmt ihr dort ein Schnäpschen und seid gar bald ein Genie und unsterblich. Weit liegt wie ein Garten die blühende Au zum Genuß philosophischer Prasser, Und der Tau, der am Morgen die Blumen benetzt, ist das echteste Kölnische Wasser. Was sonst ihr vulkanische Krater genannt, sind treffliche Trüffelpasteten Von gigantischem Maß, aufs feinste gemacht und ein leckeres Essen für jeden. Und andere Gruben sind reichlich gefüllt mit rötlichem Käse von Chester; Dicht lehnen sich schwellende Hügel daran, von Butter gebildet, von bester. Brotfelsen erheben ihr duftendes Haupt; Kaviar sind die sumpfigen Stellen; Aus kühlem Gestein strömt bairischer Bock in berauschenden schaumigen Wellen. Dort glüht ein Vulkan seit Urzeit schon; doch glaubt nicht, ein wäßriger Geiser! Nein! diesem entsprudelt ein köstlicher Punsch, ein betäubender, dampfiger, heißer. Ja, denk ich des herrlichen Lebens im Mond, kaum kann hier länger ich bleiben! Dort sah ich gespickt und gebraten umher in dem Felde die Hasen sich treiben; Dort fliegen Kapaunen mit Trüffeln gefüllt in der Luft und die Lerchen an Spießen, Auch Schnepfen und Hahnen und andres Getier, wie wir sonntags kaum es genießen. Es erwartet euch aber noch größeres Glück als üppige Leibesernährung; Was all ihr erstrebt und selten erlangt, ich verschaff es in voller Gewährung. Ihr behängt euch mit glänzenden Orden die Brust, als echt philosophischer Hofstaat, Und ein jeder erhält taxfrei ein Diplom als geheimer selenischer Hofrat. Die Gesellschaft auch ist die trefflichste dort; ihr findet die Herrn Professoren, Die Weisheit einst den Hellenen gelehrt, und die Jugend gezaust an den Ohren, Und manchen der Neueren. Wahrlich ihr glaubt, es sei, was ich sag, Übertreibung! So nehmt doch die Karte von Mädler zur Hand! Nehmt jegliche Mondesbeschreibung! Michel   Was! Wirklich also träfen wir die Männer dort, Die längst gestorbenen? Flunkerton                                             Allgesamt dort leben sie. Ja, sie sitzen all dort oben,     Die man Philosophen nennt! Alle Schleier sind gehoben;     Plato ist der Präsident. Um die Zeit sich zu vertreiben,     Waren lange sie in Not, Bis zuletzt das Zeitungsschreiben     Sich als Rettungsmittel bot. Auf der Publizisten Bühne     Spielt nun Plato mit Geschick, Kämpft im Namen der jeune lune     Für die beste Republik; Doch mit altem Hasse treibt er     Alle Dichter in die Flucht, Und im Feuilleton beschreibt er     Psycholog'sche Pferdezucht. Aristoteles dagegen     Seht ihr durch die Felder ziehn, Und er zeichnet allerwegen     Für das Pfennigmagazin. Und Pythagoras ist Meister     Aller Mondsfreimaurerei, Pred'gend durch die Städte reist er     Gegen Tieres Quälerei; Gründet Mäßigkeitsvereine     Überall zu jeder Frist; Schreibt Artikel über reine     Tonkunst, und ist Kommunist. Es bespricht die Zubereitung     Feiner Schüsseln Epikur, Gibt heraus die Gasthofszeitung     Und veredelt die Natur. Demokrit, der alte Lacher,     War ein Spötter, wie ihr wißt, Redigiert als Witzemacher     Jetzt im Mond den Humorist. Baco, Wolff, die Spinozisten,     Descartes, Leibniz, Fichte, Kant Leben nun als Journalisten     In dem schönen Feenland. Alle treiben sie ihr Wesen     Dort in Blättchen oder Blatt, Und wer Lust verspürt zu lesen,     Der wird ganz gewißlich satt. Aber hier bei euch auf Erden     Welches Toben, welch Geschrei Hu! Mit wütigen Gebärden     Packen sie die Hegelei. Freie Presse? Laßt den Zeter!     Seht, sie ist ja vogelfrei! Denn erdrücken kann sie jeder,     Wann und wie und wo es sei. Chor Uns berauscht die Wunderkunde     Von des Mondes Herrlichkeit. Ja, in einer halben Stunde     Sind zur Reise wir bereit! Ein Begriffsritter                   Hochragend auf den Bergen wächst die Tanne dort. Schon hör den Klang der scharfen Axt ich an dem Stamm! Dann wird erfüllt dein schönster Traum, du deutsches Volk, Wenn deine Flotte prangend durch die Wogen zieht! Ein Andrer Bedenke du: im Monde kann kein Wasser sein! Ein Dritter Ei was! Gelehrt hat Schelling, alles Wasser sei Gleichgültig uns, den Philosophen, als Substanz. Amtmann Und das mit Recht! Unnötig scheint es ganz und gar, Wer keinen Wein zu trinken hat, der leide Durst! Das Wasser habt ihr ohne Schiffe hier. Warum Sollt Schiffe ihr nicht bauen ohne Wasser dort? Sechster Auftritt Die Vorigen , hernach Peter Flunkerton (gibt zuvor den beiden Mohren ein Zeichen, worauf diese sich entfernen, und eine geschlossene Portechaise auf die Bühne bringen)     Den Beweis, daß ich Wahres gesprochen zu euch, seht dort! Es verbirgt ihn der Kasten. Gleich zeig ich ihn euch, daß er stärk den Entschluß, den mit kühnem Vertrauen gefaßten. Wie ihr jüngst aus dem Schriftchen von Herschel vernahmt, wo der Wunder so viel ihr gelesen, So bewohnen den Mond in Familien gesellt fast menschengestaltete Wesen. Kurzhaarig und braun ist das glänzende Fell, das die zierlichen Leiber umkleidet; Reich wuchert ein Bart um das gelbe Gesicht, daß der Dandy sie wahrlich beneidet; Doch ganz zu vollenden die Engelsgestalt, so bedenkt, daß sie Fittiche tragen Von der Schulter herab zu der Ferse gespannt, und sie fliegen mit größtem Behagen. Nun staunet! Ich hab in den Kasten gesperrt dort solch ein selenisches Wunder; Ich fing es mit größter Beschwerde im Garn, und bracht' es vom Monde herunter. (Er öffnet die Portechaise. Peter , der Beschreibung gemäß als Selenit gekleidet, springt heraus, und begrüßt die Versammlung.) Chor         Seht! O Seht! Dorten steht Homo vespertilio! Wie ein großer brauner Floh, Wie ein lebend Meteor, Halb auch wie ein alter Mohr, Halb wie eine Fledermaus Sieht der Bursch leibhaftig aus. Peter Kongo, Pongo, Bake, Krake! Molo, Polo, Hoangho, Fandango!         Quagga's,         Dschaggas! Chor         Seht! O Seht!         Wer versteht,         Was die Fledermaus da spricht?         War es etwa ein Gedicht?         Ja, es klang wie Poesie!         Sicher ist sie ein Genie.         Taschenbücher groß und klein         Werden ab sie konterfein. Michel         Mir klang's, als hört ich rappelnd rumpeln einen Vers Aus Freiligraths zoologischer Dichtergärtnerei Und seinem Tropennaturalienkabinett. Flunkerton Mondsprache war's, Makamen nach dem neusten Klang. Er grüßt in euch die neuen Freunde herzlich schon; Dann sprach vom Heimweh nach den Mondesbergen er, Und wie er ganz mondsüchtig sei, gleichwie auch ihr. Herold Wir sind von deiner Rede Wahrheit überzeugt, Und alle stehn zu folgen wir sogleich bereit. Doch was zuvor geschehen muß, dies melde uns! Flunkerton Zu Gelde müßt ihr machen alles, was ihr habt, Und wohl verpackt dann überliefern dieses mir. Herold Es soll geschehen! – Im Monde droben angelangt, Da kaufen wir in reichster Gegend Grundbesitz Und bauen eine neue Stadt. So meinst du wohl? Flunkerton Am Rand des Bierquells, ziemlich nah dem Punschvesuv! Chor         Heil! Wir sind zu der Tat erwacht!     Mut, das Werk zu beginnen! Lichter Tag nach so langer Nacht!     Weg das Träumen und Sinnen! Soll euch werden das Glück der Welt,     Müßt ihr keck es erringen. Wem das Glück sich nicht selbst gesellt,     Muß im Kampf es bezwingen. Selten reifet die süße Frucht     Tief an niederen Zweigen; Wer den Stamm zu erklimmen sucht,     Kann die goldne erreichen. Berge ragen im Sonnenschein,     Wenn im Tale es wettert; Sicher blickt in den Sturm hinein,     Wer den Gipfel erklettert. Wer dem Meere sein Los vertraut,     Trotze schäumender Brandung, Und der kühne Pilot erschaut     Selbst im Sturme die Landung. Soll euch werden das Glück der Welt,     Müßt ihr keck es erringen. Wem das Glück sich nicht selbst gesellt,     Muß im Kampf es bezwingen. (Alle ab bis auf den Amtmann) Siebenter Auftritt Amtmann allein, hernach Faustida Amtmann             Ein großer Mann! – Mit Jubel folgt ihm alles Volk. Er führt, ein zweiter Moses, sie nach Kanaan. – Ein schönes Ding ist Weisheit; aber ohne Geld Ist doch sie eine leere Schüssel nur von Gold! – Wie, wenn der Fremdling aber ein Betrüger wär? Und was er uns erzählte, klang wie Märchen fast. Hier gilt es List, Verschlagenheit und feinen Sinn! (Faustida tritt auf) Da kommt zum Glück die Tochter her, das Dichterweib! Faustida Kann um des greisen Vaters müde Stirn das Kind Den Zweig des Lorbeers winden? Hast du obgesiegt Im Wortgefecht, den Nußzermalmer heimgebracht? Amtmann Ei was! Wer denkt an solchen alten Firlefanz? Faustida So ist sie wahr, die Kunde, die wie Meeresflut Sich brausend mit dem Marktgewühl verbreitet hat, Ein Mondesfürst mit großer Leibtrabantenschar Sei eingezogen; eifrig rüste sich das Volk, Um in des Fremdlings wunderbares Land zu ziehn? Amtmann Du siehst den eignen Vater reisewillig schon. Faustida Geschnürt ist rasch mein Bündel! Ich begleite dich! Amtmann Viel besser wär's, du bliebest hier und wartetest. Faustida O nein! Im Geiste schreib ich dir zwei Bände schon Voll »Mondserinnerung«, höchst pikanten Stils. Gewiß die Reisekosten bringen wird das Werk. Amtmann Du bleibst und hütest unterdessen mir das Haus! Faustida Das Haus! Das Haus und immer wieder nur das Haus! Das ist der Bannspruch, welcher höhnend uns verfolgt, Und den ihr um des Weibes Geist als Fessel werft! Begrenzt sich mit der Schwelle denn für uns die Welt? Bedarf der Speisen und des Tranks nicht auch der Mann? Erwärmt er nicht die starren Glieder just wie wir Am trauten Ofen? Mägde wollen wir nicht sein! Zu gleichen Teilen, beiden gebt das Leben uns! Die Schnecke, die als angeborne Last ihr Haus Geduldig auf dem Rücken trägt, ist lieber euch Als jene Adlermutter, die in kühnem Flug Hinschwingend sich, das stolze Felsennest umkreist. Von Pol zu Pol, wie Donner schallend, geht der Ruf: Dem Weibe Freiheit, mehr als Küchenfreiheit nur! Amtmann Um Gottes Willen, hemme deiner Rede Strom, Und hilf zuerst mir ratend aus der großen Not! Es bringt dem fremden Manne jeder alles Geld; Ich aber möcht bewahren gerne mich vor Trug. Wie fang ich's an? Faustida                               Nichts leichter! Höre meinen Rat! Mit kleinen Kieseln füllest du zwei Säcke dir; Die gibst du ihm. Dein echtes Gold verbirg daheim! Es wird dir, wenn es nötig ist, dann nachgesandt. Amtmann Der Rat ist trefflich! – Weiber! Ja im Paradies Habt ihr von eurer Schlange Besseres noch gelernt Als Äpfelessen. – Bleibe du nur fein zu Haus, Um treu zu wahren mittlerweile mir das Geld! Faustida Ich füge mich; doch später folg ich mit dem Schatz. Amtmann So komm, und hilf im Garten Steine suchen jetzt! (Beide ab in das Haus) Achter Auftritt Peter (als Selenit, im Hintergrund über die Bühne laufend, ihm folgen schreiend) Gassenjungen             Speckmaus! Hu, hu! Speckmaus! Hu, hu! Speckmaus! Hu, hu! Peter (im Vordergrunde atemlos hereinspringend) Daß euch die Pest! – Dem Himmel Dank, ich bin entwischt! Was nur an Gassenjungen diese Stadt besitzt, Das spie sie aus, und hetzte mir es auf den Leib. Durch alle Winkel jagte mich die tolle Schar. Geheul, Geschrei und Pfeifen rings! Mir brennt das Haupt! Was zog ich auch das Teufelsfell um meinen Leib! Und red ich gar zu meinem Herrn von meinem Lohn, So deutet dieser schweigend nach dem Monde dort. Als ob er nicht die ganze Stadt zum Besten hätt'! Wenn ich's verrate, schlagen sie mich tot, gewiß! Nicht minder, wenn ich schweige! Ich geschlag'ner Mann! Was fang' ich an? – Pfui Peter! dich verläßt der Mut Zum erstenmal in deinem Leben! Schäme dich! Dich traf in Frankreich, Spanien, England Mißgeschick, Schlecht ging es bei den Welschen und den Russen dir; Doch unverwüstlich heiter blieb dein fester Sinn; Und nun ist deines Witzes Barschaft plötzlich all! Verwünscht ist zwar die Rolle, die ich spielen muß; Doch wer sein Glück will machen in dem Lande hier, Der fährt am besten wahrlich noch als Wundertier. Neunter Auftritt Der Vorige . Zwei Jesuiten Erster Jesuit (zum zweiten) '               Gefunden! Sieh, nachdenklich steht er dort, der Mann, Den überall vergeblich wir bist jetzt gesucht! Peter Zwei schwarze Raben kommen dort herangehüpft; Die kenn ich schon. Schlauköpfe sind's, duckmäusrige Und eingeübte Seelenfänger, gut dressiert. Ob hier sich was verdienen läßt? – Ich will doch sehn! Das Klügste ist, wenn jenen Lichtausputzern ich Im Glanz der allerneusten Aufklärung erschein Und als ein echt junghegelischer Teufelskerl. Erster (zu Peter) Gelobt sei Jesus Christus! Peter                                           Yemen, Schemen! Zweiter                                                                         Weh! Es spricht ein unverständlich Mondwelsch dieses Ding. Das beste ist, wir senden's wohlverwahrt nach Rom Zu Monsignore Mezzofanti. Der versteht's. Peter Ehrwürdige Väter! Finden will ich schon den Weg Nach Rom allein; denn jede Straße führt ja hin. So gebt mir nur ein reichliches Viaticum! Erster Was hör ich? Deutscher Sprache du ein Kundiger? Wie kamst du denn zu dieser Kenntnis so geschwind? Peter Just wie die heilige Hildegard Lateinisch einst, Ich lern es flugs aus simpler Inspiration. Erster So seid ihr also Gläubige, ihr im Monde dort? Peter Nein, bei der heiligen Kritik! das sind wir nicht! Als freie Seleniten glauben wir an nichts. Ich selber bin »ein Bauer«, der ins dürre Feld Der alten Vorurteile setzt den scharfen Pflug. Ich wühl des Aberglaubens Unkraut tüchtig um. Zweiter So bist du Heide? Oder gar ein Atheist? Peter Geht! Lernt »den Stolz, den kecken, der dem Menschen ziemt«, Und gründlich müßt verachten ihr Religion, Und all den Kirchenkehricht und den Märchenwust! Zu fürchten und zu hoffen scheint gleich lächerlich. Zweiter Bedenk, es ist geerbte Sünde dieses schon, Nur Mensch zu sein! Das Fegefeuer scheust du nicht? Peter »Unsterblich sein zu wollen, schwache Feigheit ist's.« Zweiter Ihr seid verdammt, verloren für die Ewigkeit! Peter Rechtschaffne Seleniten sind wir, brave Leut. Erster Das kann vor Strick und Galgen schützen; aber nie Bewahrt es vor der Hölle euch. Peter                                                   Was kümmerts uns? Wir leugnen Gott und Teufel, Höll' und Seligkeit. Zweiter Den Teufel auch? (zu dem ersten)   Gefährlich scheint mir dieser Mann; Der Satan ist ja unseres Herrgotts Polizei. Erster (zum zweiten) Die alles leugnen, schaden uns am wenigsten. (zu Peter) Was treibt ihr aber eigentlich im Mond? Peter                                                                 Kritik, Vernichtung mit negierender Berserkerwut. Erster Und unantastbar heilig blieb euch also nichts? Peter Wir selbst allein und außerdem etwa das Geld. Erster (zum zweiten) Gib Achtung! Bald gewonnen ist der Mann für uns. Ich treib den einen Teufel mit dem andern aus. (Er zieht eine Börse hervor: zu Peter) Sieh hier, mein Freund! Der eine deiner Götter glänzt In heller Offenbarung! Sprich, behagt er dir? Peter Mir wird zumut, wie Moses auf dem Sinai. Gib her! Erster               Gemach! Verleugne erst den andern Gott! Peter Von Herzen gern! Zweiter                               Den wahren Glauben nimmst du an? Peter Mir recht ist jeder, unbequem nur sei er nicht. Erster Du glaubst an uns, und jede Sünde wird verziehn, Wofern du nur in guter Absicht sie begingst. Peter Topp! Her das Geld! (Er nimmt die Börse) Zweiter                                     Wir senden diesen Mann sofort Als Missionar nach Leipzig in das Heidenland. Erster Bewahr! Als Mond-Antistes nützt er besser uns. Gassenjungen (im Hintergrunde) Speckmäuse, hu! Speckmäuse, hu! Speckmäuse, hu! (Alle ab. Peter läuft in das Haus des Amtmanns) Zehnter Auftritt Garten an dem Hause des Amtsmanns Peter (schleicht vorsichtig aus dem Hause)                   Hier bin ich sicher! – Zählen will ich nun geschwind, Wieviel die Bekehrung eingebracht mir hat an Lohn. Luzerner Geld! – Vier Gulden kaum! – So schmählich schlecht Bezahlt die Proselytenmacherei den Kopf? Da muß die Ware, scheint es, nicht so selten sein. Gedrückt ist aller Handel durch die Konkurrenz. – Ein Glück, daß jene Teufelsjungen uns verscheucht, Sonst hätten in ein Kloster sicher mich die zwei Alsbald gesteckt, abnehmend mir zu gleicher Zeit Das Gelübde der Armut samt dem bißchen Kuppelgeld. Nicht lange mehr ist meines Bleibens hier. Ich will Mich im Gebüsch verstecken bis zur Abendzeit. (Er steigt auf einen Baum) Elfter Auftritt Der Vorige . Faustida Faustida         Wie dem Vater ich geraten, haben wir's zustand gebracht, Und er hat sich steinbelastet eben auf den Weg gemacht; Doch die blanken Taler liegen noch daheim an sichrem Ort. Peter (beiseite) Ei! Von allerliebsten Dingen spricht die Zuckersüße dort. Faustida Müßt ich hier nur nicht als Wächter bei dem goldnen Horte stehn, Gerne ging ich selbst das Wunder jener Himmelfahrt zu sehn, Und vor allem jenen Prinzen mit dem selt'nen Flügelpaar. Peter (beiseite) Was! Zum Autokraten macht sie mich, zum Mondbeherrscher gar! Faustida Nach dem Unerhörten strebt ja immerdar des Weibes Geist, Bis er bricht die Erdenschranken, bis er jede Fessel reißt. Darum oft in stillen Nächten war empor mein Blick gewandt, Weil ich jetzt in Liebesgluten für den Mann im Mond entbrannt.         Hebe, Geflügelter, Mich in entzügelter Liebe zum klaren Mond! Sei du mein Heiliger, Der nach langweiliger Haft mich mit Freiheit lohnt! Peter Schnaken umfliegen mich, Raupen bekriechen mich Hier, wo das Eichhorn thront. Pfui, was ein lästiger Knorriger, ästiger Sitz für den Herrn im Mond! Faustida                         Neckt das Echo mich? – O Himmel! Was ich sehe, war's ein Wahn? Dichtend sitzt ein Ungeheuer auf dem Baum, ein Pavian. Peter O mein Herzchen, eben nanntest du mich noch ein Ideal; Doch die Laune sitzt den Weibern auf der Zunge allzumal! Faustida Also wirklich bist du jenes mondentsproßne Fürstenkind? Peter Schwerlich fänd' ich meine Güter, wenn sie nicht im Monde sind. Faustida So verzeih'! Ich störte sicher dich in einem schönen Traum. Peter Ganz verhaßt ist mir die Erde; darum stieg ich auf den Baum. Faustida (will zu ihm hinauf) O ich haß sie längst, die alte! Wenn dir's recht ist, steig ich auch. Peter Nein, ich will herunter kommen! So ist's bei Genies der Brauch. (Er steigt von dem Baume) Faustida Bist du wirklich auch ein Prinzchen und ein echt geadeltes? Peter In den Adern fließt mir Vollblut, reines, nie getadeltes. Faustida Ein »unfaßbar Großes, Hohes liegt im Adel«, ganz gewiß! Peter Ha! Für unser Nachtjahrhundert welch ein Lichtgedanke, dies! Faustida Darum spielt in meinen Werken diese Bourgeoisie nur dann, Wenn ich Kammerjungfern, Kutscher, Jäger nicht entbehren kann. Peter Ja, Faustida, sonder Ahnen ist kein Schurke intressant. Faustida Aber, Prinz, wie ist es möglich, daß mein Name dir bekannt? Peter Weiter als »jenseits der Berge« liest man alles, was du schriebst; Ist's ein Wunder, wenn im Monde selbst nicht unbekannt du bliebst? Da du nun auf jeder Seite von dir selber sprichst mit Lust, Sieh, so hab ich deinen Namen auf den ersten Blick gewußt. Unbeschreiblich liebenswürdig bist du! Gern gesteh ich's ein. Faustida »Liebenswürdigkeit, sie muß auch unbeschreiblich immer sein.« Aber deinen Namen sag' mir, fremder Mann! Wie nennst du dich? Peter Jener Lelia Genossen, Trenmor, kennst du sicherlich, Der ein ruinierter Spieler seinen besten Freund bestahl. Faustida Trenmor bist du? Vor mir seh ich dieses hohe Ideal? Peter (mit Pathos) Ja, ich bin es! Bin's leibhaftig, wie die Sand mich jüngst beschrieb, Eine wahre Sündenblume, erst ein Spieler, dann ein Dieb! Doch dies sind nur Kleinigkeiten; andre Taten führt' ich aus. Meinen eignen Vater hab' ich einst verbrannt in seinem Haus, Meine Mutter dann vergiftet nebst Geschwistern, etwa drei; Hab erdrosselt eigenhändig sechs Maitressen, nach der Reih, Und noch manche Greuel übt ich in dem Neufranzosenstil; Doch ich hab sie meist vergessen, denn es waren gar zu viel. Endlich wegen jenes Diebstahls haben sie mich eingesteckt, Und im Bagno wurd ein neuer, hoher Sinn in mir erweckt. Bagno! Bagno! Aller wahren Dichtung Arsenal bist du! Pantheon der schönsten Taten! Großes Schurkenrendezvous! Sprich, zu was denn all die Schulen, wenn der Bagno Wunder tut? Hätt' ich Kinder, zur Galeere schickt' ich meine junge Brut. – Dort nun kam des Friedens Geist mir philosophisch angeweht, Und das Ideal der Tugend ward ich, wie es vor dir steht. Faustida Ich erkenne mehr in dir noch; denn du bist Romanenheld. Kein Verbrecher, nein! ein Opfer dieser tief verderbten Welt! Als ein Kind, ein frisches, liegst du an den Brüsten der Natur, Und von jener »Kunstverpuppung« seh bei dir ich keine Spur. Offen will ich's dir bekennen: Tu as captivé mon âme! Peter (vor ihr kniend) Hier zu deinen Füßen lieg ich angekettet, flügellahm! – Ja! der Frau verkannte Größe strahlet hell im schönsten Licht, Wenn sie schreibt und dann gedruckt wird. Weißt du, was der Dichter spricht? »Weiber werden dann Hyänen, treiben mit Entsetzen Scherz!« – Faustida Nun wohlan denn, Trenmor! Hast du zu entführen mich das Herz? Peter Wahrlich! – Doch schon hab ich droben ein mir angetrautes Weib. Faustida Ei! Wir reisen miteinander nur zu unserm Zeitvertreib! Jene ganze Firma »haß ich, die man hier Familie nennt«, Und die uns das Sklavenzeichen auf die blöde Stirne brennt. Eine Amazone bin ich mit der Lanze: Poesie; Diese bürgerliche Ordnung, den Zentauren, duld ich nie! Peter Herrlich! Doch wir nehmen mit uns jenes schlau vergrab'ne Geld. Faustida Was! ein Prinz und ohne Groschen ziehst du durch die weite Welt? Peter Gar zu niedrig an der Börse steht im Kurs das Mondspapier. Faustida Nun, ich hol des Vaters Taler. Peter                                                 Einen Wagen schaff auch mir! Faustida Pfui! Wie bürgerlich-prosaisch! Dacht ich doch, du seist der Aar, Der als seinen Ganymed mich auf dem mächt'gen Flügelpaar In der Liebe Himmel trüge. Peter                                             Ei der Tausend! Du vergißt, Daß in Deutschland hier wir leben, wo so was verboten ist, Wo ein Aufschwung gar gefährlich, und die Luft auch viel zu dick. Faustida Alles will ich rasch besorgen. Bleib nur einen Augenblick! Peter Lebe wohl, und kehre baldigst, künft'ge Mondbeherrscherin! Faustida Du begeh mir keine Greuel, während ich im Hause bin! (Ab in das Haus) Peter (allein)               Viele beklagen es jammernd und bitter,     Daß so prosaisch die Zeiten, so kalt. Wahr ist, es rasseln geharnischte Ritter     Nicht mehr nachts durch gespenstischen Wald. Hin sind die Zwerge, die Zaubrer, die Feen,     Lorelei singt kein girrendes Lied; Auch die Undinen sind nirgends zu sehen,     Seit uns der adlige Fouqué verschied. Nimmer bedarf man der Faustischen Lumpen,     Seit uns der Dampf in die Weite kutschiert; Selbst von dem Kneipen mit tonigen Humpen     Hat sich die Welt durch Vereine kuriert. Wikingerzüge und nächtliches Lauern,     Faustrecht, Feme, das all ist vorbei; Denn es bewacht in prosaischen Mauern     Uns ihr gewaltiger Feind: Polizei. Aber was schadet's? Es blieb beim Alten,     Wenn man es sonst auch im Großen betrieb. Heut statt Schädel sind Federn zu spalten;     Was sonst der Räuber, ist jetzo der Dieb. Zwar statt Hexen und Teufelsverwandten     Gibt's philosophische Mystik nur; Doch wo sie pomphaft sonst Ketzer verbrannten,     Wütet als Heuchlerin jetzt: die Zensur. Möge mir keiner die Alten beneiden! Ja wir durchleben poetische Zeiten,     Und mich reißt der Strudel mit!     Jockey oder Selenit,     Missionär?     Wer mir sagte, was ich wär?     Zur Galeere jüngst verdammt,     Dann von Fürsten abgestammt,     Fügt sich's, daß ich gar zum Schluß     Die femme libre lieben muß! (Ab) Zwölfter Auftritt Wiese vor der Stadt. Nacht. Mondschein. Im Hintergrunde schwebt an Seilen ein zur Auffahrt bereiteter Luftball, an dem die beiden Mohren beschäftigt sind. Flunkerton . Die beiden Mohren Flunkerton               Vortrefflich geht der Handel. Toller Schwindel faßt Die Guten all. Mit Feuerrossen wollen sie Zum Himmel, wie Elias einst, kutschieren stracks. – Die Menge zu betrügen ist doch gar bequem; Denn nicht der Feinheit, nur der Keckheit braucht's! Es muß Nur plump die List auftreten und volkstümlich derb. Nach groben Bissen schnappen sie am liebsten doch; Dick aufgetragne Farben schmeicheln ihrem Aug. – Was hilft nun euer philosophisch Grübeln euch? Erlegen seid ihr allesamt dem Geist der Zeit. Wie einstens Herr Münchhausen seine Ente fing Mit Zwirn und einem Stückchen Speck, so hab' ich heut Die Philosophen eingefädelt, klein und groß. Der Unterschied ist: Meine Enten bleiben hier Zu Haus, und durch die Lüfte flieg ich selbst allein, (Zu einem der Mohren) Du sag, wo bleibt der Peter, unser Selenit? Ein Mohr Das weiß ich nicht; doch eben ging er Arm in Arm Mit einem Frauenzimmer recht vertraulich dort! Flunkerton Hm, gut! Der Bursch entwickelt ziemlich viel Talent, Und gleicht dem Flügelgotte Amor bis aufs Haar. – Sind wir in Ordnung? Ist der Luftball angefüllt? Mohr Vollkommen reisefertig bläht er strotzend sich. Flunkerton Ihr habt die Steckenpferdchen allen ausgeteilt? Mohr Wir haben Euren ganzen Marstall ausgeleert. Sechstausend Stück, Nürnberger Vollblut, wiehern jetzt Voll Ungeduld und Reiselust. – Doch hört den Lärm! Schon quillt die wohlberittne Schar durchs Tor! O seht! Flunkerton O prächtger Anblick! Wundervolle Reiterei! Dreizehnter Auftritt Flunkerton steigt in das Schiffchen des Luftballs. Die Chöre erscheinen auf der Bühne. Alle reiten auf Steckenpferden. Sie wenden sich, sobald sie gesprochen haben, nach dem Hintergrunde, und händigen jenem ihre Barschaften ein, welche derselbe sorgfältig einpackt. Dann ordnen sie sich rechts und links zu beiden Seiten. Amtmann mit zwei Geldsäcken und Chor der Bürger Chor der Bürger         Du Wunderland, Schlaraffenland, Wir ziehen dir entgegen! Dort kann man sonder viel Verstand Des lieben Leibes pflegen. Amtmann Wenn uns der Mann nicht hat betört, So ernt' er großes Lob ein! Dort oben will ich ungestört Recht exemplarisch grob sein. Chor der Bürger Wir kümmern uns dort oben nur Um Braten, Wein und Trüffeln. Die Freiheit hoch! Dort darf Zensur Die Schüsseln nicht beschnüffeln. Amtmann Vertreibt euch, wie ihr wollt, die Zeit! Doch eins nicht zu vergessen: Ich bin als eure Obrigkeit Der Erste bei dem Essen. (Zu Flunkerton)         Heerführer, he! Dort jener Luftball, sprich, wozu? Flunkerton         Er dienet als Bagagewagen auf der Fahrt. Leicht müßt ihr sein, sonst tragen euch die Pferdchen nicht. Chor der Begriffsritter                     Endlich naht der große Tag, Wo es uns gelingen mag Unsrer Meister Lehren Glänzend zu bewähren! Die Gräulichen Gräßlich ist vom Durst geplagt Stets der Mond, wie Hegel sagt; Darum söff er täglich Aus dem Meer unsäglich. Dieses nun mit anzusehn, Wollen wir jetzt selber gehn, Und auf solche Weise Lohnt sich unsre Reise. Die Bläulichen Was der unsre uns vertraut, Daß der Mond massiv gebaut Sei aus Silbererzen, Nahmen wir zu Herzen. Jeder bringt ein tüchtig Stück Auf die Erde sich zurück, Und mit neuen Gulden Zahlet man alte Schulden. Chor der Romantiker (als Barden gekleidet mit goldenen Harfen) Von dem ungeheuren Zuge Kam die seltsamliche Kunde Auch auf unsre Sängerburgen. Uns verließ alsbald der Schlummer Und die schweigsam träge Ruhe. Abenteuer aufzusuchen, Ziemt dem echten Dichtermute. Um dem Selenitenbuben Und der Mondsbewohner Jugend Dort zu nah'n mit ernstem Gruße, Haben wir uns umgebunden Falsche Bärte, und es fluten Zu den Fersen uns herunter Ernsten weiten Faltenwurfes Die Gewänder, wie sie trugen Einst die Barden. So vermummet Wollen wir im Dichterschmucke Uns erholen von den Wunden, Die uns die Kritik hier unten Hat geschlagen, garstig blutend, Denn im Monde gibt es Schluchten, Tief an achtzehntausend Fuße, Steil gesenkte, nächtig dunkle. Um dem Abgrund alte Buchen Ächzen Mitternachts im Sturme. Zischend aus verschlungnen Wurzeln Fährt die Schlange. Wilde Ure Kämpfen brüllend an dem Ufer Dunkler Wasser, und hinunter Rasen sie in wildem Sturze In die Tiefe. Heisern Rufes Schreien Adler nach dem Blute. Auf dem schwarzen Felsengrunde Liegt der Drache; giftig funkeln Seine Augen; fest umschlungen Hält er eine Felsenkuppe Mit dem Schweife; gelbe Gluten Schnaubt er aus dem Riesenmunde. Dort nun, wenn das lästig bunte Tageslicht erlischt, zur Stunde, Wenn die Geister machen Runde, Wollen wir hinab zum Grunde! Ja, wir wollen all hinunter! Und wir schaffen graus'ge Wunder Echter Dichtung, kerngesunder, Nichts von dem Tendenzenplunder Euch herauf dann, frisch und munter; Namentlich, wenn hier auf Erden Die Kritik wir lassen werden. Chor der Dramatiker (mit türkischer Musik)         Ratatschin! bumm! bumm! Das Geschäft der Übersetzer     Ist gewaltig übersetzt; Darum wollen nach dem Monde     Auch wir übersetzen jetzt!         Ratatschin! bumm! bumm! Scribe nennt sich unser Vater,     Scribler unser ganz Geschlecht. Aufgewärmte alte Schüsseln     Machen wir aufs Neu' zurecht.         Ratatschin! bumm! bumm! Will man gar uns nun verachten     Das französische Ragout; Für den Mond ist's etwas Neues,     Und sie schnalzen dort dazu.         Ratatschin! bumm! bumm! Und die Seleniten fliegen!     Ei, wer weiß, das bringt uns Glück! Wir verfassen Lufttragödien,     Ein geflügelt Kassenstück.         Ratatschin! bumm! bumm! Unendlicher Chor flötender Lyriker Einer Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht! Der Chor Alles haben wir besungen: Sonne, Wonne, Triebe, Liebe. Wenn uns etwas übrig bliebe, Wäre bald der Reim gelungen; Aber ach! mit tausend Zungen, Wenn die frische Flur erwacht, Trällern wir von Frühlingspracht. Ganz verbraucht sind Busch und Quelle, Abgenutzt sogar die helle, Mondbeglänzte Zaubernacht . Kaum ist noch es zu ertragen, Dieses Feilschen, dies Geplapper! Räderschnurren und Geklapper! Kann die Nachtigall da klagen? Nur polit'sche Tagesfragen Sind's, womit man noch gefällt. Der nur ist der Mann der Welt, Der mit Toben keck beschuldigt, Und der neuen Mode huldigt, Die den Sinn gefangen hält . Um erbärmlich nicht zu enden In poet'schen Hungersnöten, Müssen wir mit Reim und Flöten Jetzt uns nach dem Monde wenden. Dort mit singbar neuen Spenden Ist die Zauberflur bestellt. Jeder, der sich uns gesellt, Und zu singen Lust hat, freue Sich einstweilen auf die neue Wundervolle Märchenwelt! Leb denn wohl, du Mondenschimmer, Abgelebter Musenfreier! Unser Lirum-larum-leier Tönt in deinem Strahle nimmer! Dort in das Poetenzimmer Blickt in stiller Sommernacht Dann die Erde, süß erwacht. Alter Reime frisches Schwirren, Veilchenduft und Taubengirren Steig auf in der alten Pracht! Michel         Wie das Volk da lärmt, als gehör ihm die Welt zu Lehn und in erblicher Pachtung, Daß des denkenden Mannes vernünftiges Wort kaum findet Gehör und Beachtung! – Ein gefährliches Ding ist der Hunger gewiß! Ja ein Untier, nagend und gierend, Das der Mann an der Spree einst trefflich erklärt: »als mich selbst in mir selber negierend«; Wie die Sättigung auch nichts anderes sei, als »die wiedergefundene Einheit Meiner selbst mit mir selbst«, wenn ich »opfernd das Ding«, sie erhalte zu früherer Reinheit. Da nun jeglicher will, daß Deutschland jetzt sei ein einiges, ganz ohne Spaltung, So erkennt man gewiß patriotisch Bemühn, wenn ich sorge für Leibeserhaltung. Chor der Touristen                 Sich in die Luft zu erheben,         Rasch durch die Länder zu schweben, Muß doch auf Erden ein Herrliches sein!         In die geheimsten Gemächer         Blickt durch die Luken der Dächer Man wie der hinkende Teufel hinein.         Was sie da schmoren und kochen,         Wird dann am Schornstein gerochen, Fettes und Saures und Schinken und Kraut.         Ob sie Perücken und Zöpfe         Tragen, ob glatzige Köpfe, Wird von da oben am besten erschaut.         Um uns nun Flügel zu kaufen,         Ziehen auch wir mit dem Haufen Fort in das Wunder verheißende Land;         Wenn wir das Reisebeschreiben         Dann erst im Fluge betreiben, Fällt wie vom Himmel manch luftiger Band. Chor der naiven Bettinen         Ich ziehe mit, Ich halte Schritt. Warum, ich weiß es selber nit! Weil's eben gar Zu sonderbar, Ist's auch poetisch, offenbar! Zum schwanken Zweig Der Tanne steig Ich dort im Mond empor sogleich. Mir ist's, ich wär Ein Vöglein sehr; Die Beinchen baumeln hin und her. Chor der Jesuiten               Man glaubte jüngst uns bei den Toten.         Seid ohne Sorg, wir leben zäh! Mit leisem Schritt, auf Katzenpfoten         Sind wir beständig in der Näh. Es schien uns immerdar das Beste:         Man nimmt den Finger, drauf die Hand Und drauf den Arm, und mit dem Reste         Dann hat man keinen schweren Stand. Im lieben deutschen Vaterlande         War alles schon im rechten Zug. Wir brachten wohl das Ding zustand;         Wir machten's wahrlich fein genug. Als Lehrer hier und dort als Tröster         (Man drückt sich durch, wie's gehen mag), Wir bauten erst die kleinen Klöster,         Die großen sollten später nach. Im Baiernland, uns jüngst so teuer,         Verloren scheint dort unser Spiel. In Rom selbst ist's nicht ganz geheuer;         Der neue Papst reformt zu viel. Ein kluger Vater sorgt beizeiten,         Und unsre Väter, kluge sind's; Drum ist's nicht übel, mitzureiten         Nach der lunarischen Provinz. Kann sich im Mond einmal erschleichen         Ein Viertel nur die Klerisei, Dann wird nicht lange Frist verstreichen,         So kriegt sie auch die andern Drei. Der chinesische Missionsverein zu Kassel         S'ist in Kassel desperat!         Hätten wir nur erst Chinesen! Doch die Kerle in der Tat         Sind noch nie so rar gewesen. Trifft man endlich einen an,         Dem wir lange auf schon paßten, Ist der Bursch von Porzellan         Oder gar gemalt auf Kasten. Der deutsche Michel         Nehmet mich, den deutschen Michel,         Mit in eure neue Stadt! Das Berliner Witzgestichel         Bin ich endlich müd und satt. Flunkerton         Ist alles nun geordnet? Jeder auch zu Pferd? Amtmann Im Bügel sitzen alle und im Sattel fest. Flunkerton Nun wohl, so seid gewärtig jetzt des raschen Flugs! Mit Staunen wird erfüllen euch, was nun geschieht. Der Gesamt-Chor         Leichter Sinn und frisches Hoffen     Legt den Stab in unsre Hand, Und vor unsern Blicken offen     Glänzt ein neues Vaterland.         Reicher Segen         Strahlt entgegen     Uns an diesem Freudentag. Endlich ist es eingetroffen,     Was in trüber Ferne lag. Aber doch, indem wir scheiden,     Füllt mit Tränen sich der Blick, Und die jüngst entschwundnen Leiden     Scheinen kaum noch Mißgeschick.         An der alten         Heimat halten     Zauberbande uns zurück. Wahrlich, der ist zu beneiden,     Dem zu bleiben gönnt das Glück! Nicht die Furcht, weil wir es wagen,     Regt sich in beklommner Brust. Nein! der Schmerz, den wir getragen,     Und die Zeit vergangner Lust         Ziehen leise         Nach dem Kreise,     Wo so vieles Teure blieb. Selbst das Leid aus fernen Tagen     Wird dem Herzen wert und lieb. Noch ein Lebewohl dem Herde,     Wo als Kinder wir gespielt, Wo die Mutter uns belehrte,     Kosend uns der Vater hielt!         Jenen Räumen,         Wo in Träumen     Sich das Leben uns erschloß, Und der Morgen das verklärte     Frührot auf die Pfade goß! (Während der letzten Strophe erhebt sich der Luftball mit Flunkerton allein langsam empor, bis zur halben Bühnenhöhe) Michel         Jü! Jü, mein Pferd! – Zum Teufel, Sir, ihr fliegt allein, Und angewurzelt stehen wir am Boden hier! Flunkerton (aus der Höhe)         Mir lacht das Herz im Leibe recht, wenn ich hinunterschaue. Wie ich an diesem meinem Werk mich freue, mich erbaue! Da stehen nun die Narren all, so albern, voll Erwarten, Und Kopf an Kopf so dicht gedrängt, wie Kohl in einem Garten! Jawohl, ein Garten ist's, ein Feld! Drin wuchert, wie in Ranken, Unnützes Unkraut überviel an Träumen und Gedanken. In Blüten steht der Torheit Baum, jahraus und -ein bewundert, Die Klugheit, wie die Aloe, kaum einmal im Jahrhundert. Ihr erntet jetzt die Früchte! Hört! Ich sag's, ihr seid betrogen, Und was vom Mond ich euch erzählt, das alles war erlogen! Es waren Ammenmärchen nur, recht alte, abgeschmackte! – Und dann, was wollen Leute dort, wie ihr, so ganz abstrakte? Ihr lebt an tausend Jahre schon in diesen deutschen Landen, Und habt zu Recht zu finden euch bis jetzt noch nicht verstanden. Wenn gar ich nun mit eurem Geld mich auf der Fahrt beschwere, So zieht das Philosophenvolk sich leicht daraus die Lehre: Das Gold ist eitel! Nimmer ziemt's, um eitlen Tand zu klagen! Den äußern Mangel kann mit Lust, wer innen reich, ertragen! Lebt klug! doch eh ich weiter flieg mit voller Segelschwellung, Hab ich vom Dichter noch ein Wort für jene zur Bestellung! (Zu den Zuschauern)             Wenn gefesselt zur Seite das Schwert auch ruht, Wenn die Trift nicht qualmt von der Feinde Blut,         Sind es ruhige, friedliche Zeiten? Und erdröhnt auch im Feld kein Rossegestampf, Und schwebt auch um brennende Hütten kein Dampf,         So ist rings doch ein Kämpfen und Streiten. Laut schallet nach Freiheit ein dürstender Schrei, Und es eilen die Freunde gerüstet herbei,         Sich um heilige Banner zu scharen; Und sie tragen als Waffen das schneidende Wort, Sie beschirmen der Wahrheit goldenen Hort         Und sie trotzen mit Mut den Gefahren. Doch hütet euch wohl! Denn ein Dämon der Nacht, Aus finsterer Tiefe verderblich erwacht         Die Begierde nach gleißendem Golde, Sie verlocket das Auge, verblendet den Sinn, Sie opfert das Höchste dem schnöden Gewinn,         Wie die Lorelei wirbt sie, die Holde. Da sinkt aus der zitternden Rechte das Schwert; Gleichmütig verlaßt ihr den heimischen Herd,         Nach goldenem Vließe zu jagen. Wohl prunkt ihr mit Liedern der Freiheit so gern, Und beachtet doch nicht, wie der schlimmste der Herrn         Euch in schmähliche Ketten geschlagen. (Er fliegt ab) Chor         Wehe! Wehe! In die Höhe Ist der Schurke fortgeflogen. Garstig hat er mich betrogen. Arge Bosheit! Satansstücke! Und die blanken Guldenstücke, Ob ich je sie wiedersehe? Wehe! Wehe! Amtmann         Was hilft das Jammern? Hättet ihr euch klug, wie ich, benommen, So dürfte jener Flunkerton, wohin er wollte, kommen. Mein liebes Geld liegt wohlverwahrt daheim, und bleibt das meine, Und was der andre mit sich schleppt, sind schlechte Kieselsteine. Ein Diener (tritt auf) Herr Amtmann, endlich find' ich euch! Ich bring euch schlimme Kunde. Faustida, euer Töchterlein, vor einer guten Stunde, Ist sie mit jenem Flügelmann gegangen in das Weite; Sie nahmen mit sich alles Gold und Silber und Geschmeide. Amtmann Daß Gott erbarm! Mein Geld! Mein Geld! Die Tochter könnt' ich missen. Zu plündern selbst die Obrigkeit! Der Mensch hat kein Gewissen! Chor         Wehe! Wehe! In der Höhe Als ein Pünktchen schwebt er oben. Wie ein Traumbild ist zerstoben Dieses Bierpastetenleben! Will kein Windstoß sich erheben, Daß er ihn herunter wehe? Wehe! Wehe! Michel         Des Amts entsetzt, des Gelds beraubt, es ist zum Desperat-Sein! Von nun an will ich aber auch ein Ultra-Demokrat sein! Amtmann Ich armer Mann! Was fang ich an, um zu Kredit zu kommen? Nichts ander's bleibt mir übrig mehr: ich gehe zu den Frommen! Michel (zu dem Gesamt-Chor)             Am Quell der Wahrheit, wo ihr oft in guten Tagen euch gelabt, Und zur Erholung manchen Trunk der reinsten Lust geschlürfet habt, Dort findet ihr in böser Zeit gewißlich Trost und guten Rat, Wenn euch, wie Philosophen ziemt, die Weisheit Freund ist in der Tat. Und Freunde, die erprobt man nur, wenn dräuend uns das Schicksal grollt; So wird's auch bald erweisen sich, wes Lehre Tombak, wessen Gold. Drum will ich euch verkünden nun, wie ich betrachte unser Weh Dem Denksystem gemäß, das jüngst noch einzig herrschte an der Spree. Er, sitzt der Ärger und der Zorn gemeinlich in der Leber tief, Wie jedermann bemerken kann, dem eine Laus darüber lief. Die Leber aber wissen wir, wie unser hoher Meister lehrt, Ist »das Prinzip, das vom Komet sich ins Lunare hat gekehrt«; Und da zum Monde allesamt wir gehen wollten eben jetzt, So folgt, daß eben alle wir uns großen Nöten ausgesetzt. Ja, glaubt es, oder glaubt es nicht! Wir waren eben in Gefahr In Lebern zu verwandeln uns, in Lebern wir, mit Haut und Haar. Ihr wisset wohl, wie Hegel auch die Leber noch »die Hitze nennt Des Seins für sich«, »den Zorn sodann, der gegen Anderssein entbrennt«; Es werde diese Glut »gelöscht am eh'sten durch die Lungen auch«. So singt zum Schluß, wie's ohnedem verlanget der Komödienbrauch! Ja, singt ein Lied, das stolz empor auf rasch beschwingtem Rhythmus eilt! Dann wird die Leber abgekühlt, die Brust befreit, das Herz geheilt. Der Gesamt-Chor         Du gepriesenes Land des germanischen Volks, wie bist du vor andern gesegnet, Daß der schwelgende Blick ringsum auf der Flur nur des Reichtums Fülle begegnet! Tief beuget die köstliche Ähre den Halm, und die Saaten, die goldenen, wogen, Und heimwärts schwankt die erfreuliche Last, von stampfenden Rossen gezogen. Da gedeihen erquickliche Früchte genug, frisch glänzend in dunkelem Laube, Und es träuft, auf sonnigen Hügeln geglüht, uns der Wein aus köstlicher Traube. Breit rauschen die herrlichen Ströme hinab, nach dem Meere in Eile gewendet, Von dem Kiele gefurcht, der Schätze uns bringt, von entferntester Zone gesendet. Ehrwürdig im Schmuck der vergangenen Zeit, sich erfreuend gemeinsamen Bandes, Viel blühende Stadt am Ufer entlang und zerstreut auf der Fläche des Landes! Und allorts lebet ein kräftig Geschlecht von Männern, geübt in den Waffen Und vertrauenden Sinns, voll edelen Muts und zu rühmlichen Taten geschaffen. Was beharrender Fleiß in Gewerben vermag, wird von kundigen Händen gestaltet; Wie kaum vordem hat frisch sich die Kunst zu der prächtigsten Blüte entfaltet; Um des Wissens Altar stehn Priester geschart, von heiligem Ernste durchdrungen; Manch herrliches Lied aus begeisterter Brust ist jüngst noch den Sängern gelungen. Du gepriesenes Land des germanischen Volks, wie bist du vor andern gesegnet, Daß der schwelgende Blick ringsum auf der Flur nur des Reichtums Fülle begegnet! Und dennoch sind wir Bettler! Es fehlt uns das Höchste, was Menschen erstreben. Uns fehlet die Freiheit! Es fehlt uns die Luft und das innerlich atmende Leben, Das den Busen erwärmt und den Pulsschlag hebt und zu tüchtigen Taten den Mut gibt. Hier lohnt sich der Kampf! Hier ring' um den Preis, wer der Menschheit heiligstes Gut liebt! Und die Freiheit des Worts und die Freiheit des Rechts und die Freiheit in Denken und Glauben, Wer fühlt sich da mächtig und herrschend genug, sie uns ewig und immer zu rauben? Wer fühlt nicht Kraft zu beharrlichem Kampf und Kraft, den Besitz zu bewahren? Drum haltet am heimischen Herde getreu, als ein einiges Volk in Gefahren! Was zieht ihr hinaus durchs brausende Meer, um des Urwalds Dunkel zu lichten, Und fällt am Missouri die Zeder, am Strand des Ohio die ragenden Fichten, Als lägen die Ufer der Elbe, des Rheins und die andern in geistiger Helle! Hier schwinget die Axt; denn es wächst das Gestrüpp und das Dickicht in wuchernder Schnelle! Amtmann         Gar schön ist, was ihr eben jetzt uns hergesagt; Doch haben and'res auszuführen wir vorerst. Nicht zur Entscheidung wurde das Begriffsturnier Gebracht am Morgen; unvergeben liegt der Preis. Michel Der Mann hat recht, und diesmal folg' ich seinem Rat. Ins Reine kommt ihr mit der Freiheit nimmermehr, Bevor ich richtig festgestellt des Drecks Begriff. Chor Wohlauf zum Streit! Zum Markte ziehet dicht geschart, Zu schauen, wer im Nüsseknacken Meister ist! Und wer im Kampf den Gegner tüchtig dort zermalmt, Der nehme Platons Nußzermalmer heim als Lohn! (Alle reiten auf ihren Steckenpferden ab) (1843, 1847)